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"Jenseits der Korilleren," Gustav Weise Verlag, ca. 1930
Es war im Sommer 1860. Hoch stand das Gras in den argentinischen Pampas, den unendlichen wellenförmigen, flachen Ebenen, die sich von dem Höhenzuge der Kordilleren bis an den Atlantischen Ozean hin erstrecken. Recht mühsam war der Ritt der kleinen Männerschar, die ihren Weg durch die Pampas auf die Felsenmauer der Anden zu genommen hatte. Seit Wochen schon waren sie von Buenos Aires aus unterwegs, hatten alle Unbilden der Witterung, übermäßige Hitze bei Tag, Kälte bei Nacht, Sturm und Regen, in unerschütterlichem Gleichmut ertragen. Nur einer der Berittenen, ein schwarzbärtiger Mann mit blitzenden, dunklen Augen, etwa in der Mitte der Dreißig stehend, dessen Kleidung von der seiner Genossen stark abstach und sofort den Fremden, den Europäer verriet, sah mit einer gewissen Erleichterung das endliche Auftauchen des Gebirgszuges aus diesem Ozean wogender grober Gräser.
Vor Monaten hatte Orélie de Tounens seine französische Heimat verlassen. Sein Ziel war das Land der Araukaner jenseits der Anden, sein Trieb Ehrgeiz, seine ganze Lebensfreude das Abenteuer. In Paris hatte Tounens die Rechte studiert. Sein Beruf als Anwalt befriedigte ihn nicht. Die Stickluft des modernen französischen Lebens, das er in seinen üblen Seiten oft genug in den Gerichtssälen kennenzulernen Gelegenheit gehabt, hatte ihn nach und nach angewidert. Ihn verlangte es mehr und mehr nach der frischen, reinen, wenn auch scharfen Luft natürlichen, ungebundenen Lebens; sein kraftstrotzender Körper brauchte Betätigung. Diese bot ihm Frankreich, Europa nicht. Drüben in Südamerika, in unberührter Natur, bei einem Volke, dessen bewundernswerte Tapferkeit ihm zu Ohren gekommen war, dessen gegen Spanier von einst wie Chilenen von heute noch aufrecht erhaltene Selbständigkeit ihm die größte Achtung eingeflößt hatte, dort unter dunkelfarbigen Indianern wollte er versuchen, seinem wilden Tatendrang Genüge zu leisten. So war er, mit hochfliegenden Gedanken und Plänen erfüllt, von Bordeaux abgesegelt. Nach wochenlanger Fahrt hatte Tounens endlich bei Buenos Aires wieder festen Boden betreten. Dank mancher einflußreichen Empfehlung gelang es ihm, in Argentinien eine kleine Zahl von Gauchos und Pampasindianern in seine Dienste zu nehmen. Mit diesen ortskundigen Männern durchzog er die weiten Pampas. Der Zug mit seinen aufregenden Jagden auf das Wild, das ihnen zur täglichen Nahrung zu dienen hatte, mit seinen Entbehrungen, den nächtlichen Lagerfeuern, dem Durchreiten und Durchschwimmen reißender Ströme, den einander rasch folgenden Abwechslungen zwischen Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe — dies alles war für Tounens eine Vorschule, eine Vorübung für sein künftiges Leben. Welchen Genuß empfand er anfänglich jeden Tag von neuem wieder, wenn er, im Sattel sitzend, sich als Anführer der kleinen, anspruchslosen, aber um so keckeren Schar fühlte, die sich seine geistige Überlegenheit ohne Widerspruch gefallen ließ im Bewußtsein ihres eigenen Wertes als Freiherren der Natur! Was waren diese Gauchos für Prachtburschen gegen seine Landsleute in bezug auf Gesundheit, Ausdauer und Leistungsfähigkeit, dabei immer unverdrossen, gefällig und höflich! Hätten sie nicht zeitweise gar zu gern getrunken und gespielt, wären sie in Tounens Augen die besten aller Menschen gewesen, die er bis jetzt kennengelernt hatte.
Schließlich aber sehnte sich der Franzose doch nach einer Veränderung. Das ewige Einerlei der Pampas wirkte ermüdend, und er begrüßte es daher mit stiller Freude, als er in der bläulich schimmernden Ferne eines Morgens die schneeigen Gipfel der Andenberge auftauchen sah. Nun war er seinem Ziele nahegerückt; aber noch bedurfte es tagelanger Ausdauer und Geduld, bis Tounens mit seiner Begleitung in die eigentliche Gebirgswelt eindrang.
Unter seinen Begleitern befand sich ein sehr aufgeweckter Gaucho. Er war eine Art Oberhaupt seiner Landsleute. Sein natürlicher Verstand, verbunden mit scharfer Beobachtungsgabe, ersetzte reichlich die ihm mangelnde Schulung. Der Franzose mit seinem heiteren Wesen, seinem Mut und festen Willen hatte dem wilden Sohne der Pampas gleich von Anfang an gut gefallen. Auch Tounens erwiderte die freundschaftlichen Gefühle Tapias für seine Person bald ebenso warm. Wenn abends auf dem Lagerplatze die beiden nahezu gleichaltrigen Männer, auf ihre Ponchos ausgestreckt, am Feuer lagen und nach einfachem Essen der wohlverdienten Ruhe pflegten, entspann sich zwischen den beiden oft noch eine lange Unterhaltung, in der Tounens hin und wieder vorsichtige Andeutungen über seine Herkunft und die Möglichkeit, sein Leben unter den Indianern Araukos zuzubringen, machte. Je mehr die Reise sich ihrem Ende näherte, um so freudiger gehoben fühlte sich Tounens im Gegensatz zu Tapia.
Der vorletzte Abend ihres Beisammenseins war gekommen. Der kleine Reitertrupp hatte im Laufe des Vormittags den Fuß des Vulkans Quetrupillan erreicht und ritt nun in dem Flußtale gleichen Namens aufwärts der Höhe zu, die stattliche, schneeumhüllte Pyramide des Berges dicht zur Linken. Nun lagerten die Männer nach dem langen und anstrengenden Ritte auf dem steilen Saumpfad, der sie oft genug über abschüssige Geröllhalden, vorbei an gefährlichen Absturzstellen geführt hatte, hoch oben auf einem Felsenvorsprung, der Raum genug für sie selbst und die Pferde bot und in dessen Nähe ein Bach talwärts strebte. Die Sonne war hinter dem Hochgebirge untergegangen, die Nacht breitete ihre Schwingen über die Landschaft. Die Gesellschaft hatte abgekocht und ihr Mahl verzehrt. Die Mehrzahl der Reiter hatte sich bereits in ihre Schaffelle, die zugleich als Pferde- wie Satteldecken dienten, eingewickelt, und da und dort verrieten tiefe, laute Atemzüge, daß der eine und andere der müden Reitersleute eingeschlafen war. Tounens und Tapia lagen noch schweigend auf ihren Decken, eingehüllt in den warmen Poncho. Langsam stieg der volle Mond aus den Pampas empor. Bei der Durchsichtigkeit der Luft in dieser Höhe war der Glanz des Mondes von doppelter Schönheit. Alle Gegenstände schienen nähergerückt. Das dunkle Grasmeer der tief unten sich ausbreitenden Pampas schien mit dem Lager auf gleicher Höhe, in eine Linie mit ihm verschmolzen. Auf des Franzosen Gemüt wirkte dieser ungewohnt schöne Anblick, das Zauberhafte dieser Mondnacht, die ganze Eigenart des Bildes außerordentlich tief ein. Es schien, als ob die im magischen Mondlichte glänzenden Berge der Kordilleren über dem Lagerplatze niederhingen wie über einer tiefen Schlucht, an der, gleich den Wellen eines Ozeans, die Pampas mit ihren im Abendwinde leicht wogenden hohen und gewaltigen Grasmassen anschlugen. In erhabener Ruhe offenbarte sich die Majestät des Hochgebirges. Eine weihevolle Stimmung war über Tounens gekommen. Er ahnte, daß mit diesem Abend sein bisheriges Leben einen gewissen Abschluß gefunden habe. Mit dem beendeten Ritte durch die mondbeschienenen, sich unermeßlich ausdehnenden Ebenen da draußen war der erste Teil seiner Aufgabe erfüllt. Nun kam mit dem Übergang über die Bergkette der zweite, schwierigere Teil. Ob er ihn bezwingen, ob er wirklich das erreichen würde, was er sich drüben über dem Weltmeer, in der Heimat, in phantasiereicher Unternehmungslust vorgenommen hatte? Diese Gedanken bewegten den Franzosen. Warum nicht? Wer ernstlich will, was er sich vorgesetzt hat, wer in sich selbst gefestigt ist, wird immer Erfolg haben, sagte er sich. Soll ich mich mit unnützen Zweifeln quälen? Dazu habe ich keine Ursache, um so mehr, als bis jetzt ja alles nach meinem Wunsche, meinem Willen ging. Die Würfel meines Schicksals sind gefallen. Ein Lächeln der Befriedigung huschte über das ausdrucksvolle Gesicht des Mannes. Er fühlte sich stolz und frei zugleich.
Tapia hatte seinen Gefährten lange von der Seite betrachtet. Er hatte beobachtet, daß Tounens innerlich bewegt war; auch das Lächeln von vorhin war ihm nicht entgangen. Das schien ihm ein Zeichen, daß freundliche Gedanken bei seinem Schutzbefohlenen eingezogen sein müßten, die beste Gelegenheit also, das lange Stillschweigen endlich einmal zu unterbrechen. »Unsere Reise geht dem Ende zu, Señor«, fing Ignacio Tapia an.
»Sie ist wohl schon beendet, denn eure Aufgabe ist mit der Erreichung des Quetrupillan-Tales erfüllt«, entgegnete Tounens.
»Das ist richtig; aber nichtsdestoweniger werde ich Euch morgen noch bis auf die Höhe des Passes bringen, damit Ihr den Weg nicht verfehlt.«
»Dafür danke ich Euch schon jetzt, Ignacio.«
»Nichts zu danken, Herr. Für mich und meine Burschen ist ein Tag wie der andere; uns liegt wenig daran, ob wir früher oder später wieder an den La Plata gelangen. Ich selbst weile gerne noch ein wenig länger als abgemacht in Eurer Gesellschaft.«
»Das ist sehr liebenswürdig von Euch, Ignacio, und zugleich auch schmeichelhaft für mich. Doch sagt, welche von Euren Indianern wollt Ihr mir mitgeben?«
»Da ist keine große Auswahl«, sagte Ignacio lachend. »Von den vieren die Hälfte, also zwei, Anibal und Cäsar; das sind die besten.«
»Zwei vielversprechende Namen!« rief Tounens.
»Nun, sie heißen einmal so; warum, weiß ich selbst nicht.«
»Ja, kennt Ihr nicht den Heerführer der Karthager und den großen Römer Cäsar?«
»Hab' nie etwas davon gehört. Woher und wozu auch? Mein Wissen ist lediglich die Handhabung des Lassos und der Bola, das tolle Reiten und das Jagen des Wildes da drunten in den Pampas; von Eurem Lande, von dem Ihr mir so manchmal schon spracht, habe ich erst durch Euch gehört. Daß Ihr aber so eine Art Gelehrter seid, wie wir solche auch in Buenos Aires besitzen, habe ich gleich von Anfang an gemerkt.«
»So, wie meint Ihr das?« fragte Tounens belustigt.
»Weil Ihr ganz anders seid als wir; Ihr sprecht anders, empfindet anders, beobachtet anders als wir. Auch wißt Ihr für alles etwas, wo unsereiner überhaupt nichts sagen könnte. Ich kann mich nicht richtig ausdrücken, ich empfinde das eben nur.«
»Ihr seid ein braver, ehrlicher Bursche, Ignacio. Gerne war ich mit Euch zusammen, und ich werde mich an dieses Leben und diese Reise in Eurer Gesellschaft stets mit Vergnügen erinnern.«
»Meine Indianer müßt Ihr mir in einigen Monaten wieder zurückschicken; sie finden den Weg leicht nach Hause.«
»Das wird geschehen, Ignacio.«
»Was wollt Ihr denn aber bei den Araukanern, Herr? Verzeiht die Frage! Sie lag mir schon oft im Munde, wenn Ihr von Eurer Reise in das Land da drüben jenseits der Berge spracht.«
»Das kann ich Euch noch nicht genau sagen, Ignacio; nur so viel ist sicher: entweder komme ich in Bälde, vielleicht in Begleitung von Anibal und Cäsar, zurück, oder aber Ihr hört später einmal von mir.«
Ignacio schüttelte den Kopf zu dieser Erklärung; sie behagte ihm offenbar nicht. »Sonderbar«, sprach er nach einer Weile, »wirklich sonderbar! Ihr seid der erste Fremde, den ich in diese Berge bringe und der allein, ohne jede Bedeckung, ja ohne die Sprache der Araukaner zu verstehen, in das Indianergebiet zieht. Dies ist für mich wirklich sonderbar.«
»Die Sprache läßt sich lernen, Ignacio; im übrigen habe ich als Dolmetscher ja die beiden Indios, die Araukanisch sprechen.«
»Das wohl; ich kenne ja selbst etwas die Araukaner, denn sie kamen früher öfters über die Kordilleren, um hier in den Pampas ihrem Jagdvergnügen obzuliegen. Trotzdem ...« Ignacio, etwas verlegen geworden, unterbrach sich.
»Nun, und trotzdem?« munterte Tounens den Gaucho auf.
»Trotzdem will mir Eure Reise nicht gefallen.«
»Weiter nichts?« Tounens lachte fröhlich. »Ich sagte Euch schon, daß ich bei den Araukanern bleibe, falls es mir in ihrem Lande gefällt; wenn nicht, drehe ich mein Pferd um und reite wieder nach Argentinien hinüber. Mich verlangt nach etwas Eigenartigem; ich will von mir durch Taten in der Welt reden machen, will überhaupt zeigen, was ein kühner, zielbewußter Wille vermag.«
Ohne ihn verstanden zu haben, aber doch mit einer gewissen Ehrfurcht schaute Ignacio Tapia auf den Franzosen, der erregt von seinem Lager aufgesprungen war und nun aufrecht dastand, den Blick in die Weite gerichtet, ein Bild männlicher Entschlossenheit. Scharf hob sich in der hellen Mondbeleuchtung die stattliche Erscheinung Tounens ab. »Ein Caballero vom Wirbel bis zur Sohle!« murmelte Ignacio vor sich hin. »Der weiß, was er will.«
Tounens hatte sich schnell wieder gefaßt und setzte sich wieder. »Gebt mir einmal meinen großen Tabaksbeutel da herüber, Ignacio, und die Kognakflasche aus der Proviantkiste!«
Der Gaucho gehorchte.
»So, nun laßt uns noch ein Pfeifchen rauchen und nachher einen Schluck des feurigen Wassers trinken, das aus der nächsten Nähe meines Heimatortes stammt!«
Die Männer stopften ihre Pfeifen mit dem duftenden Kraute, zündeten sie an und rauchten schweigend. Dann nahmen sie einen Schluck des scharfen Getränks.
»Morgen gibt es wieder einen anstrengenden Tag. Es ist Zeit, daß auch wir uns aufs Ohr legen. Also gute Nacht, Ignacio!«
»Gute Nacht, Herr!«
Strahlend ging am andern Morgen die Sonne auf. Sie beschien ein reges Leben auf der Felsenplatte. Tounens Eigentum war ausgeschieden worden. Zwei Maultiere wurden von den Gauchos unter Ignacios Leitung für Tounens sorgfältig mit Lebensmitteln, Gepäck, Waffen und der hierzu nötigen Munition beladen, nachdem der Trupp vorher den üblichen Morgenimbiß, Matetee mit Zwieback, eingenommen hatte.
Die Zeit drängte zum Aufbruch; rasch saßen die Reiter im Sattel. Auf Befehl Ignacios ließ man ein Maultier allein vorangehen. Es war eine alte, gesetzte Stute, mit einer kleinen Glocke am Halse, die beim Aufstieg als sicherste Führerin diente. Ihr nach zogen von selbst, ohne Antrieb, die andern Tiere, die trotz ihrer schmächtigen, muskelarmen Beine die große Last des Gepäcks wie auch die der Reiter mit wunderbarer Sicherheit und Leichtigkeit trugen. Heiß brannte die Sonne auf die langsam sich emporwindende Karawane.
Es war Mittag, als die Höhe des Passes erreicht war. Tounens und Ignacio verabredeten einen kurzen Aufenthalt. Schnell ging die Zeit des letzten Beisammenseins herum.
»Nehmt dieses Paar silberbeschlagene Pistolen als dankbares Zeichen meiner Anerkennung und zugleich als Erinnerung an mich mit Euch, Ignacio!« Mit diesen Worten überreichte der Franzose dem Gauchoführer die Waffen.
»Ihr habt reichlich genug schon für uns gesorgt, daß es keines weiteren Lohnes bedarf, Herr«, erwiderte Ignacio abwehrend; »wir taten nur, was wir versprachen und wofür wir ja entschädigt wurden.«
»Gleichwohl, nehmt es als Andenken! Und nun, Gott mit Euch und den andern! Habt Dank für alles! Kommt gut nach Hause!« Tounens drückte jedem der Männer die Hand, Ignacio aber umarmte er. Dann schwang er sich aufs Pferd und ritt, ohne sich nochmals umzusehen, mit den Maultieren als Vortrab und gefolgt von Anibal und Cäsar, abwärts dem geheimnisvollen Lande Araukanien zu. Oben aber stand Ignacio Tapia und schaute dem Freunde nach, bis er ihm hinter den Felsen eines Bergvorsprungs aus den Augen schwand. Dann erst trat der Gaucho mit den Seinen still, wortlos den Rückweg an. Der rauhe Sohn der Pampas hatte das dumpfe, unbestimmte Gefühl, etwas verloren zu haben.
Der Abend überraschte Tounens und seine indianischen Diener noch mitten in der Hochgebirgswelt der Kordilleren. An einem kleinen See, umrahmt von den gewaltigen, schneebedeckten Bergriesen, ließ Tounens die Zelte aufschlagen. Ein spärlicher Pflanzenwuchs war glücklicherweise um den See vorhanden und gewährte den genügsamen Tieren, die abgesattelt sich frei bewegen durften, das notwendige Futter. Hoch oben in der klaren Abendluft kreisten Kondore um ihre Felsennester. Sie waren die einzigen lebendigen Wesen in der sonst leblosen, stummen, aber großartigen Natur. Der Franzose, der die Alpen seines Vaterlandes genau kannte, wurde nicht müde, die Eigenart dieser ihm völlig neuen Gebirgsnatur zu bewundern. Die helle, besonders rote, oft ins Purpurne gehende Färbung der völlig nackten, abschüssigen Berge, die malerischen und wilden gen Himmel strebenden Felsspitzen lieferten ein so eigenartiges Bild, daß Tounens in seiner Erinnerung hierfür nirgends einen Vergleich finden konnte. Es schien ihm, als sei er mitten hineingestellt in eine geheimnisvolle andere Welt.
Diese ganze Umgebung voll Eigenart, kühnster merkwürdigster Bildung in den Formen paßte trefflich zu den Absichten des Reisenden. Diese waren ja auch eigenartig, geheimnisvoll und kühn genug. Tounens lächelte bei diesem vergleichenden Gedanken vor sich hin. Es macht sich alles vortrefflich; der Anfang meines Unternehmens ist vielversprechend, und die nächsten Tage schon werden mir unendlich viel des Fesselnden und Neuen bringen. Ich freue mich darauf. Der Franzose erinnerte sich, daß ihm Ignacio Tapia unterwegs oft von einem Kaziken, einem Stammeshäuptling der Araukaner, gesprochen hatte, der, gleich berühmt durch seine Tapferkeit wie seine Gastfreundschaft, am See Villarica wohne und großen Einfluß auf die übrigen Kaziken und die Indianer Araukos überhaupt ausübe. Sein Name sei Kalvukura; er verstehe ein wenig Spanisch.
Ignacio hatte empfohlen, zuerst zu ihm zu gehen. Nichts war Tounens erwünschter gewesen als eben dieser Bericht. Deshalb hatte er auch den schwierig zu begehenden Saumpfad durch die Hochkordilleren gewählt, um ohne Umweg zu Kalvukuras Sitz zu gelangen. In Tounens Charakter lag nicht der Hang zu langem Grübeln; sein heiteres Gemüt liebte das Düstere nicht. Er machte sich daher auch gar keine weiteren Sorgen über die Möglichkeit eines Mißlingens seiner Pläne. Das alles kommt noch früh genug, sagte er sich; wozu mich jetzt schon unnützerweise quälen? Ich nehme meine Sache ernst, aber durchaus nicht tragisch, selbst nicht, wenn sie scheitert. Ich stehe allein und kann über meine Person frei verfügen; folglich schulde ich auch niemand Rechenschaft, ereigne sich, was da wolle. Weg also mit allen Zweifeln und mutig vorwärts, dem Unbekannten, dem Reizvollen, Abenteuerlichen entgegen! Über diesen Selbstgesprächen schlief Tounens in seinem Zelte ein.
Auch der zweite Tag der Kletterei im Gebirge ging vorüber, ohne daß Tounens mit seiner Begleitung aus dem Felsengewirr herausgelangt wäre. Erst im Laufe des dritten Tages nach seinem Abschied von den Gauchos kam der Franzose nach wiederholtem Überschreiten von Paßhöhen endlich über die Wasserscheide, die Chile von Argentinien trennt. Jetzt hatte er die Grenze tatsächlich erreicht; die Wasser flossen von den Kordilleren nach Westen, dem Stillen Ozean zu.
Obgleich es noch Tag und der Eintritt der Dämmerung erst in einigen Stunden zu erwarten war, beschloß Tounens, in der luftigen Höhe das Nachtlager herzurichten. Während Cäsar und Anibal damit beschäftigt waren, kletterte Tounens auf einen nahen Berg, um von diesem aus einen umfassenderen Blick auf die Landschaft werfen zu können. Ein prachtvolles Rundbild breitete sich, als er auf der Felsenzinne angelangt war, vor ihm aus und belohnte ihn für die Mühe des Aufstiegs. Was Tounens sofort in die Augen sprang, war ein ins Land vorgeschobener hoher, kegelförmiger Berg, der allein in stolzer Einsamkeit sein schneebedecktes Gewand im Abendsonnenschein zu dem Beschauer herüberleuchten ließ. Leichte Rauchwolken stiegen aus der Spitze des Berges in die klare Abendluft auf und verrieten Tounens, daß das, was er hier vor sich sah, ein noch tätiger Vulkan sei. Kein Zweifel, der Berg mußte der Vulkan Villarica sein, an dessen Fuß der See gleichen Namens lag, das Ziel seiner Reise. Weithin schweifte Tounens Blick. Was er sah, entzückte ihn geradezu. Große dunkelgrüne Waldungen, die bis hoch hinauf in die Berge reichten, schlossen das Land gegen Osten hin ab. Unterbrochen waren diese Urwälder in der Ferne durch große grüne Flächen; da und dort konnte Tounens scharfes Auge auch deutlich Getreidefelder unterscheiden, deren sattes Gelb sich stimmungsvoll aus dem Grün ihrer Umgebung abhob. Im Süden zeigte sich, einem Silberbande gleich, ein breiter Strom, dessen Wasser das auf sie fallende Sonnenlicht, einem blitzenden Spiegel gleich, blendend zurückwarfen. Der Ausdruck eines tiefen Friedens lag über der ganzen schönen Landschaft. »Ich grüße dich, Arauco, Land meiner Träume!« rief Tounens, begeistert den Hut schwenkend, als er sich satt gesehen und zum Abstieg bereit machte. Zuvor aber zog er seinen Kompaß aus der Tasche und merkte sich genau Richtung und Lage des Villarica. In gehobener Stimmung, die ihn keine Ruhe finden ließ, verbrachte Tounens die letzte Nacht in den Kordilleren.
In aller Frühe trieb er seine Indianer an, zu satteln und den Abstieg in die Hochebene auszuführen. Zuerst war das Reiten noch ohne weiteres möglich. Der Weg führte über Alpenweiden mit reichem Blumenflor. Eine köstliche, würzige Luft wehte ihnen entgegen, als sie in die Nähe des subtropischen Hochwaldes kamen, damit auch in den ersehnten kühlen Schatten, den mächtige, edelgeformte Bäume aller Art spendeten, unter denen immergrüne Buchen und gewaltige Araukarien, die Andestannen, vorherrschten. Wo der Schatten dichter war, bedeckten hohe Farnkräuter den Boden.
Tounens und die beiden Indianer mußten absteigen; die überall von den Bäumen herabhängenden und zwischen den Stämmen sich hindurchschlingenden Lianen erlaubten kein Reiten mehr. Die Maultiere und Pferde liefen geduldig den Reitern nach, die sich langsam, Schritt für Schritt, durch das dichte Pflanzengewirr des Waldes den Weg bahnen mußten. Oft sank der Fuß der Männer in dicke Schichten morastigen Torfes ein, der sich aus einer Masse faulender Pflanzen gebildet hatte und dem Fuße nachgab. Umgestürzte Bäume versperrten vielfach den Weg und zwangen die Reisenden zu zeitraubenden Umwegen. Der Zug durch den Wald, der kein Ende zu nehmen schien, stellte Tounens Geduld auf eine harte Probe. In den Pampas wie in den Kordilleren hatte man doch noch Ausblick, sah, wohin die Richtung zu nehmen war; aber hier in diesem Walde, der in dem Maße undurchdringlicher zu werden schien, als Tounens in ihm vordrang, war kaum noch ein Zurechtfinden möglich. Am meisten hinderten die vielen Bambusen die kleine Karawane im Vorwärtskommen. Sie bildeten oft ein undurchdringliches Unterholz, durch das die beiden Indianer mit den Äxten erst einen Weg schlagen mußten.
»Wahrhaftig ein schwer zugängliches Land ist Arauko!« hatte im Laufe des Tages Tounens oft genug ärgerlich vor sich hin gebrummt. Rasch vergessen aber war aller Unmut, als er gegen Abend bemerkte, daß der Wald lichter wurde und mehr und mehr in eine Art von Parklandschaft überging. Die Ermüdung des Franzosen wie auch der Indianer infolge der übergroßen Anstrengung des Tages erlaubte keinen weiteren Marsch mehr. Mächtige Lorbeerbäume luden zur Ruhe ein. Tounens schoß einige wilde Tauben, deren es hier eine Menge gab und die die Indianer äußerst schmackhaft zu bereiten verstanden. Sie nahmen zu diesem Zwecke die Tiere aus, ohne deren Federn vorher zu rupfen, schlugen die Vögel in eine Schicht feuchter Erde ein und legten die so hergerichteten Tiere in die Glut des Feuers. Nach einer Stunde wurden diese aus dem Feuer genommen, die steinharte Form, an der nun alle Federn hafteten, wurde auseinandergeschlagen, und einladend duftend lag die gebratene Taube da. Erquickt durch das gute Mahl und froh gelaunt nach den glücklich überstandenen Mühsalen der Walddurchquerung, streckte sich Tounens auf seinem Lager aus und genoß, seine Pfeife rauchend, die Schönheit der grünenden und blühenden Natur in vollen Zügen. Die Vierbeiner ließen sich das reichlich vorhandene Gras schmecken und zeigten ihre wiedererwachte Lebensfreude durch munteres Springen und Spielen an. Grün gefiederte Papageien tummelten sich kreischend in den Bäumen, und in bunten Farben blitzende und glitzernde Kolibris huschten geschäftig von Blume zu Blume.
Welch ein Gegensatz hier im ganzen Leben und Weben der Natur gegenüber jenseits der Kordilleren! Frischer, saftiger dünkte Tounens das Gras, blumenreicher das Land, großartig geradezu der Wald, der eine natürliche Schutzmauer dieser reichen, gesegneten Gegend bildete. Er war gespannt, bis er die Bekanntschaft mit den Araukanern machte; es wunderte ihn, daß hier herum bis jetzt keiner anzutreffen war.
»Holla, Cäsar, Anibal«, wandte sich Tounens an die Indianer, die eben mit einer Menge Holz beladen zur Lagerstätte zurückkamen, »habt ihr keinen Araukaner angetroffen?«
»Nein, Herr«, entgegnete Anibal, der besser Spanisch sprach als Cäsar, »aber irr' ich mich nicht, so sind wir nicht mehr allzuweit von einer Niederlassung entfernt.«
»Woraus schließt du das?«
»Beim Holzsammeln fand ich frische Spuren von Pferdehufen im Grase, ein Zeichen, daß auch der Reiter nicht weit weg sein kann.«
»Das ist richtig«, bestätigte Tounens. »Wir wollen also auf unserer Hut sein. Macht besser kein Feuer mehr für die Nacht, die ja sowieso nicht kalt ist! Das hat morgen früh noch Zeit beim Teekochen.«
»Ihr braucht keine Sorge zu haben, Herr«, antwortete Anibal, »die Araukaner sind Vettern von uns und lassen uns wie Euch unbelästigt, solange wir selbst ihnen nichts tun. Im übrigen ist es nicht Indianerart, über freie Männer ohne weiteres herzufallen«, setzte Anibal mit einem Anflug von Stolz hinzu.
Tounens biß sich auf die Lippen; dieser leichte Vorwurf traf ihn um so mehr, als er nach allem, was er seit Wochen in Südamerika unter den Gauchos wie in den letzten Tagen unter seiner indianischen Begleitung beobachten konnte, vollkommen berechtigt war. »So zündet meinetwegen das Feuer an!« knurrte Tounens und schloß das Zelt.
Anibal hatte recht gehabt. Ruhig, ohne Störung ging die erste Nacht auf araukanischem Boden vorüber. Dem sonnigen Tage war ein regnerischer Morgen gefolgt; trübe, grau in grau, zeigte sich das Land, durch das Tounens ritt. Eine genaue Ortsbestimmung war des schlechten Wetters halber sehr schwer; der Franzose mußte sich ausschließlich auf seinen Kompaß verlassen, den er oft genug während des Vormittags zu Rate zog. Gegen Mittag zerriß der Wolkenschleier für einen Augenblick und ließ die Sonne durch. Zu seiner Genugtuung konnte Tounens feststellen, daß er den richtigen Weg eingeschlagen hatte, denn die Pyramide des Villarica schimmerte plötzlich durch eine Spalte des zurückgezogenen Wolkenvorhangs, um rasch wieder durch neue Wolkenmassen verdeckt zu werden. Von neuem setzte der Regen ein, diesmal stärker als vorher. Schweigend ritten die Männer durch die Gegend, die allmählich den Charakter einer Wiesenlandschaft angenommen hatte.
Stunden waren vergangen, ohne daß sich eine menschliche Behausung gezeigt hätte. Die frühe Dämmerung des Regentages machte sich bereits bemerkbar, und Tounens überlegte schon, wo und wie er am besten, geschützt gegen die Nässe, mit seinen Leuten die Nacht zubringen könnte, als plötzlich lautes Hundegebell aus der Nähe an sein Ohr schlug. Er hielt sein Pferd an, rief Anibal herbei und befahl ihm, den Ort aufzusuchen, von dem das Hundegebell ausgehe. »Wir warten so lange hier auf dich.«
»Gut, Herr.« Damit ritt der Indianer fort. Der natürliche Spürsinn ließ Anibal rasch die Niederlassung auffinden, aus der immer noch das laute Gekläff von Hunden tönte. Es war ein großes Blockhaus mitten in einer Art von Gemüsegarten, ringsherum durch dichtes Bambusgesträuch nach außen hin abgeschlossen. Durch das tolle Gebaren der Hunde aufmerksam gemacht, war der Bewohner vor den Eingang getreten. Anibal rief ihn über die Bambushecke hinweg an.
Der Araukaner war erstaunt, einen Pampasindianer vor sich zu sehen. »Woher kommst du zu so ungewohnter Zeit?« fragte Lemunau; so war der Name des Araukaners.
»Von jenseits der Berge.«
»Und was willst du hier?« forschte Lemunau etwas mißtrauisch.
»Ich und ein Genosse von mir begleiten einen Fremden, der dein Land kennenlernen will. Willst du uns nicht Unterkunft für die Nacht gewähren?«
»Wer ist der Fremde?«
»Er kommt von jenseits des Großen Wassers.«
»Ist er ein Spanier?«
»Nein, das weiß ich ganz bestimmt.«
»Wo ist er?«
»Ein paar Büchsenschüsse von hier wartet er auf deinen Bericht.«
Der Indianer besann sich.
»Ist dir sein Besuch nicht angenehm, so reiten wir eben trotz des Regens weiter«, erklärte Anibal.
»Sage ihm«, antwortete Lemunau, ohne die Bemerkung Anibals zu beachten, »daß mein Haus für diese Nacht das seine sei! Ich erwarte ihn, dich und deinen Bruder.«
Anibal galoppierte fort. Kurz nachher verriet Pferdegetrappel das Nahen des Fremden.
»Hier ist unser Herr«, stellte Anibal Lemunau den Franzosen vor. Tounens sprang aus dem Sattel und schritt auf den Araukaner zu, der ihn mit scharfem Blicke stumm musterte.
Des Franzosen stattliche Gestalt und sein offenes Wesen machten auf den Indianer Eindruck. »Tritt näher, Fremder!« sprach er, Tounens die Hand reichend, die dieser lebhaft schüttelte. »Verstehst du unsere Sprache?«
Anibal übersetzte die Anrede.
»Sag ihm, daß ich seine Sprache nur den Zeichen und Gebärden nach verstehe, daß ich ihm aber für seine Worte danke!«
»So komm in mein Haus!« bat Lemunau, freundlicher geworden. »Ihr könnt absatteln und eure Sachen ins Haus tragen; die Tiere selbst werde ich nachher mit euch auf die Weide führen.« Mit diesen Worten wandte sich Lemunau an die Begleiter Tounens.
Der Franzose trat in das Blockhaus, wo gleich beim Eingange von Frauenhand ein weiches Lager aus Schaffellen für ihn hergerichtet wurde. Lemunau lud seinen Gast mit einer Handbewegung ein, sich auf das Lager zu setzen. In einer Ecke des Raumes brannte ein helles Feuer, auf dem zwei Frauen ein schmackhaftes Mahl bereiteten, ohne dem Fremden die geringste Beachtung zu schenken. Mit Neugierde betrachtete Tounens das Innere des Hauses, das mehrere Abteilungen enthielt, die durch Bambusgeflecht voneinander geschieden waren. Eine auffallende Sauberkeit trat ihm wohltuend im ganzen mit Matten belegten Raume entgegen. Lemunau, der ernst und schweigsam vor seinem Gaste saß, erregte dessen besondere Teilnahme. Das tiefschwarze Haar des Indianers war durch ein langes Band um den Kopf zusammengehalten, die Gesichtszüge waren ausdrucksvoll, die dunklen Augen lebhaft, die Lippen schmal und die Farbe der Haut ins Weißliche spielend. Tounens sagte sich, daß sein Gastgeber kein gewöhnlicher Mensch sei. Die Vorstellung, die er sich von der äußern Erscheinung der Araukaner gemacht hatte, wurde durch das erste Zusammentreffen mit einem Vertreter dieses merkwürdigen Volkes in keiner Weise enttäuscht. Auch die Frauen, die still und bescheiden das Mahl auftrugen, machten keinen üblen Eindruck. Ihre schlanke Gestalt hatte entschieden europäischen Anklang. Das Lendentuch von dunkelblauer Farbe, um die Hüften durch einen Gürtel festgehalten und unter diesem bis zur linken Schulter aufgezogen, ließ den rechten Arm und die rechte Brust frei; ein zweites Tuch, das am Halse durch eine schwere silberne Nadel zusammengehalten war, hatten die Frauen um Nacken und Schulter geschlagen. Das glänzend schwarze Haar war geflochten. Die nackten Füße waren auffallend klein, ebenso die Hände.
Tounens ließ sich das saftige Hammelfleisch und die Bohnen mit Maisbrot wie auch die frische Milch schmecken und dankte in spanischer Sprache den Frauen herzlich für das gute Essen. Lächelnd über die fremde Laute, aber ohne selbst ein Wort zu sprechen, zogen sich die Frauen, Mutter und Tochter, wie Tounens bei näherer Prüfung der Gesichter feststellte, in ein Nebengemach zurück und erschienen für den Abend nicht mehr.
Unterdessen hatten Cäsar und Anibal sämtliches Gepäck in den großen Vorderraum geschafft, in dem sich ihr Gebieter befand. Lemunau, der mit Tounens zusammen gegessen hatte, stand auf, ließ mit einer Art von Entschuldigung den Franzosen allein und sorgte mit den beiden Indianern für die Unterkunft der Pferde und Maultiere. Erst nachdem dies geschehen war, erhielten Cäsar und Anibal ihr Abendbrot.
Mit Behagen streckte sich Tounens auf dem weichen Lager aus. Das gute Essen, die angenehme Wärme der Behausung im Gegensatz zu der feucht-kühlen Witterung des Reisetages, das Feuer in der Ecke, dessen Rauch kunstgerecht durch einen besonderen Abzug nach außen geleitet wurde, wirkten beruhigend und zugleich einschläfernd auf den ermüdeten Franzosen, der, zufrieden mit seinem Einzug ins Araukanerland, bald fest einschlief. Anibal und Cäsar unterhielten sich flüsternd noch lange am Feuer mit Lemunau. Sie erzählten ihm von ihrer langen Reise durch die Pampas, ihrem Übergange über die Kordilleren und konnten des Fremden Mut, Kühnheit und Ritterlichkeit nicht genug rühmen. Lemunau erfuhr im Laufe des Gesprächs, daß sein Gast zu Kalvukura reisen wolle, ein Umstand, der Tounens in der Wertschätzung des Araukaners sofort bedeutend steigen ließ.
Ein heller Sommermorgen war dem regnerischen Tage gefolgt. Tounens schlief noch immer. Die Pampasindianer hatten Lemunaus Frau verraten, was ihr Herr zum Frühstück genieße. So war dieses schon fertig, als der Franzose sich endlich auf seinem Lager reckte und streckte. Helles Sonnenlicht flutete durch die offene Tür in das Innere des Hauses. Tounens griff nach der Uhr, er rieb sich die Augen. War es möglich, daß er sich so verschlafen hatte? Und doch, kein Zweifel, die Uhr zeigte auf acht. Um diese Zeit war er sonst schon lange unterwegs.
Er sprang auf und wollte eben zur Türe eilen. Da trat der Araukaner in voller Ausrüstung ein, zum Ausreiten bereit und gefolgt von Anibal. Höflich grüßte er seinen Gast und ließ ihn durch Anibal bitten, zuerst das Frühstück einzunehmen, bevor er seine Reise fortsetze. Gestatte er es, so wolle Lemunau ihn zu Kalvukura begleiten, der ein entfernter Verwandter von ihm sei. Tounens nahm das Anerbieten mit großer Freude an; nichts konnte ihm erwünschter sein als diese Begleitung. Nachdem er gefrühstückt hatte, wollte er sich, ehe er sein Pferd bestieg, das gleich den Maultieren tadellos besorgt worden war, seinen Gastfreunden gegenüber erkenntlich zeigen. Er hatte schon in Frankreich gehört, daß die Araukaner das Gold verschmähten, da sie diesem Metalle die Ursache der so verderblich für sie ausgefallenen Kriege mit den Spaniern zuschrieben; deshalb hatte sich Tounens für alle Fälle mit hübschen, geschmackvollen Erzeugnissen der französischen Silberindustrie versehen. Tounens streifte zwei silberne Ringe vom kleinen Finger der Linken und überreichte diese Lemunau, diesem durch Worte und Zeichen zu verstehen gebend, daß das Geschenke für die Frauen seines Hauses seien, als Zeichen des Dankes für die freundliche Aufnahme und Bewirtung. Zuerst wollte der Araukaner nichts von einer Annahme der Ringe wissen; schließlich aber ließ er sich doch herbei, die Frauen zu rufen, und übergab diesen die Gabe des Fremden. Sie dankten ihm hierfür mit sichtbarer Freude.
Tounens schüttelte den Frauen die Hand, bestieg sein Pferd und trabte ab. Ihm zur Seite ritt Lemunau; Cäsar und Anibal folgten, die Maultiere am Zügel führend. Der Franzose bewunderte Lemunaus Sitz; der Mann schien mit seinem Pferde wie verwachsen, jede Bewegung des Tieres übertrug sich unwillkürlich auf seinen Reiter. Die ganze Ausstattung des Araukaners war eigenartig vornehm. Das Zügelzeug war in feinster Weise aus ungegerbten Häuten verfertigt und mit Silber verziert; an die bloßen Füße waren silberne Sporen geschnallt, die Bügel bestanden aus einem mit zierlichen Holzschnitzereien versehenen halben Holzschuh, und der hohe, mit Fellen belegte Bocksattel war ebenfalls mit Silber beschlagen.
In den folgenden Stunden kamen sie an vielen mit Stroh bedeckten Blockhäusern vorbei. Diese lagen, wie das Haus von Lemunau, einsam inmitten grüner Matten oder Gärten, umhegt von Bambus. Was Tounens außer dem Reichtum des Landes an Getreide, Rindvieh, Schafen und Pferden auffiel, war die überall herrschende Sauberkeit und der große Fleiß der weiblichen Indianerbevölkerung, die nie müßig herumlungerte, sondern alle Arbeit in Haus, Hof und Feld zu verrichten schien. Freundlich grüßten die Insassen der Niederlassungen die Vorüberziehenden; die Gegenwart Lemunaus war für den Franzosen offenkundig von Nutzen.
Näher und näher kamen die Reiter der Pyramide des Villarica. Dunkle Araukarienwaldungen nahmen sie schließlich in ihren kühlen Schatten auf. Der Weg war durch den Regen des vorhergegangenen Tages im Walde derartig sumpfig, daß ein Vorwärtskommen nur langsam vor sich ging und ohne Pferde überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Darüber wurde es Nachmittag. Endlich war auch die letzte Strecke in dem Walde zurückgelegt, und als die Reiter aus diesem herauskamen, lag, hell beschienen von der Sonne, der See Villarica vor ihnen. Im Hintergrunde, auf einer großen Lichtung, tauchten eine Reihe von Blockhäusern auf, jedes für sich in grüner, saftiger Umrahmung von Wiesen und Wald. Es war die Wohnstätte von Kalvukura, auf die nun die Reiter zuhielten.
Lemunau rief den beiden Begleitern Tounens einige Worte zu und setzte dann plötzlich sein Roß in kurzen Galopp. Etwas betroffen hielt Tounens sein Pferd an und fragte Anibal nach der Ursache von Lemunaus unerwartetem Wegreiten.
»Er will dem Kaziken Euren Besuch ankündigen, Herr«, antwortete Anibal; »sogleich kommt er wieder zurück.«
»So warten wir hier«, entschied Tounens, der sah, wie Lemunau mit seinem Pferde eben hinter der Umzäunung des vordersten Hauses verschwand. Des Franzosen Herz fing an, ein wenig zu klopfen. Das Kühne und Gewagte seines Unternehmens kam ihm angesichts der Kazikenresidenz zum vollsten Bewußtsein. Aber dann sprach er sich selbst Mut zu. »Bah, es wird schon gehen! Bis jetzt verlief alles tadellos; mein Glücksstern, an den ich fest glaube, wird mich sicher nicht verlassen.« Der leichte, fröhliche Sinn des Franzosen hatte rasch alle auftauchenden Bedenken verscheucht. »Sehen wir uns inzwischen die Gegend an! Mir ahnt, sie wird der Mittelpunkt meines künftigen Lebens werden. Ein reizender Sitz fürwahr«, fuhr Tounens im Selbstgespräch fort, als er seine Blicke über den vor ihm sich ausdehnenden stattlichen See mit seinem hellen, klaren Wasser gleiten ließ. Stolz erhob sich zur Linken der Vulkan Villarica. Zwischen ihn und den breiten See schoben sich dichte Urwälder, während auf dem rechten Ufer, auf dem sich Tounens befand, herrliche Wiesen und fruchtbare Felder sich ausbreiteten und dazwischen wilde Apfelbäume ganze Waldungen bildeten. Ein kleiner Fluß, der natürliche Abfluß des Sees, strömte in nächster Nähe Westen zu und erhöhte durch das Rauschen seiner raschfließenden Wasser den Reiz des landschaftlichen Bildes, über dem sich ein satter, tiefblauer Himmel spannte. Von wunderbarer Durchsichtigkeit war, wie jenseits der Kordilleren, auch hier die Luft und ließ entfernte Gegenstände viel näher erscheinen, als sie wirklich waren. Die grasbewachsenen eintönigen Pampas aber konnten keinen Vergleich mit dem üppigen Pflanzenwuchs Araukaniens aushalten.
Wo solch natürlicher Reichtum vorhanden ist wie hier, ein Menschenschlag von diesen Eigenschaften, wie sie mir gerühmt wurden, da lohnt es sich schon, für meinen Plan einen hohen Einsatz zu wagen, dachte Tounens. Aber kommt dort nicht wieder Lemunau?
Eben ritt der Araukaner aus der grünen Umwallung von Kalvukuras Sitz wieder heraus und machte Tounens schon von weitem Zeichen, daß er näherkommen solle. Der Franzose spornte sein Roß an und hatte Lemunau, der sein Pferd wieder gewendet hatte, rasch erreicht. Ernst, ohne ein Wort zu sprechen, geleitete Lemunau den Franzosen in den Hof vor Kalvukuras Haus, wo eine feierliche Stille herrschte. Der Araukaner bedeutete Tounens, abzusteigen, und befahl Cäsar und Anibal, bis auf weiteres hier zu warten.
Während Tounens mit Lemunau aufs Haus zuschritt, trat aus dessen Tür würdevoll der Kazike heraus, angetan mit dem Zeichen seiner Stellung, einem dunkelroten um die Stirn und die tiefschwarzen Haare geschlungenen Bande. Obgleich nur von mittlerer Gestalt, machte doch die ganze Erscheinung durch ihren stolzen Ernst auf Tounens gewaltigen Eindruck. Um den kräftigen Körper war das blaue Lendentuch geschlagen, die hochgewölbte Brust bedeckte ein buntfarbig gewobener Poncho; die Haut war nahezu weiß. Alles, vor allem aber die edle Gesichtsbildung, zeigten, daß europäisches Blut in dem Geschlecht des Kaziken floß.
»Ich heiße dich willkommen in meinem Lande, Fremder«, redete Kalvukura Tounens in spanischer Sprache an, ihm die Rechte entgegenstreckend, die der Franzose freundlich schüttelte. »Du bist, wie mir Lemunau sagte, kein Spanier?«
»Ich bin Franzose«, beeilte sich Tounens zu sagen.
»Also eine Art Verwandter von uns; stammen wir doch auch aus einem Lande jenseits des Großen Wassers, aus dem vor altersgrauer Zeit unsere Vorfahren herüberkamen.«
Tounens hatte von dieser Legende schon früher gehört. Er schwieg.
»Mit den Spaniern wollen wir nichts zu tun haben«, fuhr der Kazike fort. »Es gefällt mir daher, daß du keiner bist. Willst du mein Gast sein, so steht es dir frei, hier zu bleiben, solange du willst.«
»Ich danke dir, Kazike«, erwiderte Tounens, »und nehme deine Gastfreundschaft gerne an.«
»So tritt ein!«
Das Innere des Blockhauses war in derselben Weise abgeteilt, wie Tounens es schon bei Lemunau gesehen hatte; nur war hier alles größer, geräumiger.
Auf das Händeklatschen des Kaziken trat aus einem Nebenraum ein junges, auffallend hübsches Mädchen. »Meine Tochter Rupaillang«, stellte der Kazike vor, nicht ohne Stolz sein Auge auf dem eben erst zur Jungfrau erblühten Kinde ruhen lassend, das bescheiden nach den Wünschen des Vaters fragte.
Dieser erteilte der Tochter einen Auftrag, den sie rasch ausführte. Bald standen vor den Männern Krüge mit Apfelwein. Die beiden Araukaner tranken schweigend in langsamen Zügen das aromatische Getränk, Tounens folgte ihrem Beispiel Ihm kam in diesen Minuten plötzlich alles wie ein toller Traum vor. Ihn, den sonst nicht gleich etwas in Verwirrung bringen konnte, hatte das Erscheinen des Mädchens geradezu berauscht. Allerlei sonderbare Gedanken fuhren ihm durch den Kopf, zu einem klaren, ruhigen Denken konnte er sich jedoch nicht durchringen. So ließ er den Augenblick mit all seiner reizvollen, ans Märchenhafte grenzenden Eigenart ohne Widerstand in ganzer Stärke auf sich einwirken.
Dem scharfen Auge des Kaziken war der Eindruck nicht entgangen, den seine Tochter auf den Fremden gemacht hatte. Diese Beobachtung berührte den Araukanerhäuptling durchaus nicht unangenehm. Was er Gutes über Tounens von Lemunau gehört hatte, fand er durch die Person des Franzosen vollauf bestätigt. Kalvukura hatte früher oft genug schon mit Chilenen zu tun gehabt; aber noch nie war ihm ein Weißer begegnet, der sich gleich von Anfang an so vorteilhaft ihm gegenüber eingeführt hätte wie dieser stattliche Europäer. Die körperlichen Vorzüge Tounens wirkten auf den Kaziken bestechend. Daß ein Weißer allein in sein Land kam — das hatten bis jetzt nur wenige gewagt und dann nur zu kurzer Durchreise — zeigte großen persönlichen Mut und zugleich auch ein hohes Vertrauen in des Kaziken eigene Ehrenhaftigkeit. Dem Einflusse solch offenkundig betätigter Gesinnung konnte sich der tapfere und rechtschaffene Kalvukura nicht entziehen. Er erinnerte sich, daß seine Großmutter eine Weiße war, die mit dem Großvater eine glückliche Ehe führte, wie ihm oft genug der Vater erzählt hatte. Wenn sogar eine weiße Frau, obgleich nach Indianerbrauch geraubt, sich bei ihnen im Araukanerland wohlgefühlt hatte, warum sollte dies nicht der Fall sein mit einem weißen Manne? Es hieß also abwarten und beobachten.
Lemunau erhob sich zuerst. »Ich muß jetzt nach Hause reiten; der Weg ist lang und der Tag nur noch kurz«, erklärte er dem Kaziken, der nun ebenfalls aufstand. Auch Tounens folgte dem Beispiel.
Die Männer traten aus dem Hause. Tounens ließ Lemunau durch den Kaziken für seine Begleitung aufrichtigen Dank sagen. Dann ein kurzer Händedruck, und Lemunau schwang sich aufs Pferd und galoppierte fort.
»Komm mit mir, Fremder! Ich werde dir deine Wohnstätte anweisen. Deine Diener mögen dir folgen!« Mit diesen Worten wandte sich Kalvukura an den Franzosen und schritt auf eines der entfernteren Häuser zu, das zu seinem Besitz gehörte.
Tounens war sehr befriedigt, als ihm der Kazike sagte, daß die Behausung zur alleinigen Benützung für seine Person diene; die beiden Pampasindianer würden anderswo untergebracht. »Herr und Diener gehören nicht zusammen«, entschied Kalvukura.
»Ich muß Anibal und Cäsar wieder über die Anden zurücksenden; dauernd darf ich sie nicht behalten.«
»So tu es gleich morgen!« riet Kalvukura. »Meine eigenen Leute werden am besten für deine Bedürfnisse sorgen.«
»Ich nehme dein Anerbieten mit Dank an, Kazike.«
»Nichts zu danken«, erwiderte dieser kurz.
Die einfache, aber saubere Hütte gefiel Tounens. Mit Hilfe von Cäsar und Anibal hatte er seine Wohnung bis zum Abend ganz ansprechend hergerichtet. An Gegenständen der verschiedensten Art fehlte es ihm nicht; sein Gepäck enthielt allerlei, was zur Annehmlichkeit und Verschönerung des Lebens beitrug. Bilder seiner verstorbenen Eltern, Ansichten seiner Heimat befestigte er neben Waffen und mancherlei Zierat in bunter Reihenfolge an den kahlen Holzwänden. Seine beiden Koffer stellte er übereinander und auf diese Bücher, kleine Becher und Blumenvasen aus Silber. In einer Nebenabteilung, die wie der Hauptraum mit dichten Matten belegt war, richtete Tounens seine Schlafstätte her. Schaffelle waren zu diesem Zwecke bereits vorhanden. Er legte diese aufeinander, breitete zwei rote Flanellteppiche über die Felle und faltete einen dritten Teppich als Kopfkissen zusammen. Zur Unterbringung seiner Kleider diente ihm eine der Proviantkisten. Der Rest seines umfangreichen Gepäcks wurde in die dritte und letzte Abteilung seines Blockhauses gebracht. Da dieses in nächster Nähe des Sees lag, bot sich Tounens die beste Gelegenheit, seinen Bedürfnissen der Reinlichkeit und Körperpflege vollständig Genüge zu tun. Tounens war über sein behagliches Indianerheim in solch fröhliche Stimmung versetzt, daß er laut zu singen anfing.
Der Kazike, der gekommen war, seinen Gast zum Mahle zu holen, blieb staunend unter der Türe stehen, als er die Einrichtung des Hauptraumes sah; mit noch größerem Staunen aber hörte er den munteren Gesang des Franzosen. »Fremder, komm!« rief Kalvukura in die Hütte hinein.
Sofort verstummte der Gesang, und Tounens trat aus seinem Schlafgemach.
»Du bist heiter und scheinst dich bei uns wohlzufühlen?« fragte der Kazike.
»O ja, ich freue mich, hier und bei dir zu sein.«
»Sag mir, wie heißt du denn eigentlich? Ich weiß noch immer deinen Namen nicht.«
»Ich heiße Orélie Antoine de Tounens«, antwortete der Franzose lächelnd.
»Das ist für mich ein schwer auszusprechender, viel zu langer Name; ich nenne dich einfach Antonio, falls dir dies recht ist.«
»Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Wie darf ich dich anreden?«
»Kalvukura heiße ich für dich«, erwiderte der Kazike ernst. »Nun aber komm zum Essen! Die Frauen werden sonst ungeduldig.«
Tounens folgte dem Kaziken in das Hauptgebäude. Rupaillang mit zwei anderen Frauen war mit der Zubereitung des Essens beschäftigt. Sobald die Männer sich gesetzt hatten, trug die Tochter die Speisen auf. Sie selbst hielt sich mit den andern Frauen bescheiden im Hintergrunde des Raumes an der Feuerstelle. Schweigend verzehrten der Kazike und sein Gast das einfache Mahl. Darauf erzählte Kalvukura Antonio, daß seine Frauen gestorben und er Witwer sei; die beiden Frauen seien Verwandte von ihm und besorgten mit seiner Tochter zusammen den Haushalt.
»Ist dies deine einzige Tochter?« fragte Antonio den Kaziken.
»Ja«, erwiderte dieser. »Außer ihr habe ich noch drei ältere Söhne, die in meiner Nähe wohnen und verheiratet sind.«
Tounens genügte vorläufig diese Auskunft über des Häuptlings Familie. Er schwieg und beobachtete dafür um so schärfer das Mädchen, das ihm in seinem geschäftigen und doch stillen häuslichen Walten überaus gut gefiel. Er gestand sich, daß Kalvukura eine ganz eigenartig schöne und begehrenswerte Tochter sein eigen nenne.
»Ist es dir angenehm, so können deine Diener morgen schon zurück. In diesem Falle gebe ich ihnen einen wegkundigen Führer mit, der sie rascher über die Kordilleren hinüberbringt, als du herüberkamst«, hub nach längerer Pause der Kazike wieder zu sprechen an.
»Mir ist es recht, um so mehr, als ich, wie schon gesagt, die Leute doch längstens in einigen Wochen zurücksenden müßte und augenblicklich für sie ohnehin keine Beschäftigung mehr habe«, erwiderte Tounens.
»Gut, so will ich die Sache besorgen. Willst du später je einmal von uns fort, so stelle ich dir für die Reise ortskundige Männer zur Verfügung.«
»An die Abreise denke ich einstweilen noch nicht, bin ich doch eben erst angekommen«, sagte Tounens lachend.
Über des Kaziken ausdrucksvolles Gesicht huschte bei diesen Worten seines Gastes ein eigentümliches Lächeln.
»Dann rate ich dir, Antonio, unsere Sprache zu erlernen.«
»Das will ich mit Vergnügen tun. Wer aber soll mein Lehrmeister sein?«
Kaum war diese Frage gestellt, als ein leichter Schrei von der Feuerstelle her ertönte und eine der Frauen hastig aufsprang, die Hand vor das rechte Auge haltend. Der Kazike ging sofort auf die ängstlich gewordene Frauengruppe zu und wechselte mit ihr einige Worte. Sichtbar ärgerlich kam er zu seinem Gaste zurück.
»Was ist geschehen?«
»Tontia ist vom Feuer aus etwas ins Auge geflogen«, antwortete Kalvukura.
»Darf ich das Auge untersuchen?«
»Warum nicht, wenn du es verstehst«, erwiderte der Kazike.
»Ich glaube, daß ich ihr helfen kann.«
»Gut, so gehen wir zu Tontia!«
Der Franzose untersuchte vorsichtig das Auge der geduldigen Frau, während der Kazike wie auch dessen Tochter und Verwandte mit ehrfürchtiger Bewunderung dem Fremden zusahen, wie er das obere Augenlid über das untere zog, dann plötzlich zurückschnellen ließ und endlich mit einem feinen Instrumentchen, das er einem aus seiner Tasche gezogenen Behältnis entnahm, rasch und sicher einen Fremdkörper faßte, der infolge dieses Verfahrens im Auge Tontias zum Vorschein gekommen war. »Hier ist die Ursache des Schmerzes«, rief Tounens. »Sieh her!« Mit diesen Worten zeigte er das Holzkohlenstückchen dem Kaziken. »Jetzt ist alles vorüber. Tontia soll ein kleines Tuch, das sie vorher in kühles Wasser getaucht hat, auf das noch schmerzende Auge binden, und bis morgen wird es wieder völlig gesund sein.«
An Stelle Tontias dankte Rupaillang dem Fremden in warmen Worten für seine Hilfe. Verstand Tounens auch nicht, was das Mädchen sagte, so erriet er doch den Sinn und den herzlichen Ton der Worte, und der Blick der dunklen Augen packte ihn förmlich.
»Wenn deine Tochter meine Lehrerin in Eurer Sprache sein wollte, so würde ich diese jedenfalls schnell lernen, Kalvukura«, sprach der Franzose lächelnd.
Der Kazike übersetzte seiner Tochter Tounens Wunsch.
Eine Blutwelle schoß dem Mädchen plötzlich ins Gesicht, um ebenso rasch wieder zu verschwinden. »Sei es!« willigte Rupaillang rasch entschlossen ein. Dann aber verschwand sie so schnell im Nebengemach, als fürchte sie, ihre rasche Zusage wieder zurücknehmen zu müssen.
Tounens war durch seine bewiesene Kunst in des Kaziken Achtung gewaltig gestiegen, und auch Tontia wie ihre Schwester staunten den Franzosen wie ein höheres Wesen an. Die Männer setzten sich wieder.
»Du scheinst viel zu wissen und bist ein Medizinmann, Antonio.«
»Ich verstehe manches und studierte viele Jahre in der Hauptstadt meines Landes, auch etwas Medizin, wie man sie so braucht«, entgegnete Tounens leichthin.
»Da kannst du uns allen, ja unserm ganzen Volke von größtem Nutzen werden; denn einen solchen Mann wie du können wir gut gebrauchen«, antwortete nach einer Weile der Kazike nachdenklich, der Tounens Worte nur teilweise begriffen hatte. »Du wirst jetzt aber müde sein«, fuhr er fort; »der lange Ritt von heute verlangt Ruhe. Auf morgen denn!« Damit schüttelte Kalvukura die Hand seines Gastes.
Tounens zog gern seiner Hütte zu, trieb es ihn doch, den warmen Abend zu einem erquickenden Bad im See zu benützen. Bald darauf tummelte er sich schwimmend im Wasser. Nach dem Bade bewilligte sich der Franzose noch ein Pfeifchen Tabak, und als er den Rauch des duftenden Krautes vergnüglich vor sich hin blies, dankte er im stillen seinem guten Geschicke, das ihn hierher geführt hatte. In seinen Gedanken mit Rupaillang beschäftigt, schlief Tounens ein.
Seit Monden schon weilte Tounens bei Kalvukura. Rupaillang wie ihre Tanten hatten Verwandten wie Bekannten gegenüber die Geschicklichkeit ihres Gastes laut gepriesen. Bei Rupaillangs Lob mochte auch noch etwas anderes mitsprechen als die bloße Anerkennung der Fähigkeiten des Fremden, der ihr eifriger Schüler in der Erlernung der Araukanersprache geworden war. Eine ehrliche Neigung zu Antonio war in dem Mädchen in dem Maße gewachsen, als sie ihn näher kennenlernte und sah, wie sehr er das Vertrauen des Vaters besaß. Von allen Seiten wurde Tounens' Hilfe begehrt, und so kam es, daß er das Gebiet der Araukaner bald allein, bald in Begleitung von Kalvukura oder einem seiner Söhne zu Pferde durchstreifen mußte. Überall gewann sich der Franzose nach und nach die Zuneigung des Volkes, dessen Sprache er verstand und nachgerade fließend sprach. Wie mancher Araukanerfamilie hatte er schon, dank seiner bescheidenen Medizinkenntnisse, zu helfen verstanden! Da war einmal ein verrenkter Fuß einzurichten, ein gebrochener Arm zu schindeln, dort ein Dorn aus dem Fuße zu entfernen, eine Blutung zu stillen oder eine Wunde zu nähen. Es waren meist kleinere, leichte Eingriffe; sie verfehlten aber nicht, sein Ansehen bei dem Naturvolke außerordentlich zu heben und ihm überall Vertrauen entgegenzuführen. Als er gar Lemunaus Frau von einem schweren tückischen Fieber zu befreien und sie dem gewissen Tode zu entreißen verstanden hatte, da war sein Ruhm im Munde jedes Araukaners. Umgekehrt lernte Tounens auf diese Art des Verkehrs das Volk am besten kennen. Er bewunderte die gute Sittlichkeit, die unter diesen Indianern herrschte, den Fleiß der Frauen, das friedliche Zusammenleben der Familien, die große Sorgfalt, mit der Männer wie Frauen durch vieles Baden und Waschen ihren Körper sowohl wie ihre Kleidung pflegten und rein hielten.
Bevor der Winter mit seinen vielen Regentagen einsetzte, beschloß Tounens, einen entscheidenden Schritt zu wagen, der ihn der Erfüllung seiner Pläne näherbringen sollte: er wollte um die Tochter Kalvukuras anhalten, der Schwiegersohn des allgemein geachteten, einflußreichen und wohlhabenden Kaziken werden. In seiner Art hatte der Franzose das hübsche Indianermädchen aufrichtig lieb gewonnen, wennschon er sich manchmal gesagt hatte, daß dessen mangelhafte Bildung ein wirklich glückliches eheliches Leben, wie er es früher geträumt hatte, wohl schwerlich zulasse. Stellte er sich aber das fleißige, immer muntere und bescheidene Wesen Rupaillangs vor, ferner ihre körperlichen Vorzüge, über denen der Reiz reiner Keuschheit und schamhafter Demut lag, und verglich er dies alles in der Erinnerung mit der Hohlheit, dem moralischen Tiefstand, dem Müßiggange, dem äußeren Scheine so mancher Damen seiner heimatlichen Gesellschaft, so wurde ihm der Entschluß um so leichter, als die Folgen seiner Verbindung mit der Kazikentochter nur die denkbar günstigsten sein mußten. Wozu überhaupt ein langes Überlegen? Ein Zurück konnte es ja bei seinen Absichten doch nicht mehr geben; also mutig vorwärts, dem großen Ziele entgegen, zu dessen Erreichung die Verheiratung mit einer der vornehmsten Indianerinnen unumgänglich notwendig war!
»Tor, der ich bin!« schalt sich Tounens, als er eines Morgens, im März 1861, über seinen Plänen brütend, auf seinem weichen Bette lag. »Was zögere ich noch? Habe ich nicht alle Ursache, mein geradezu unerhörtes Glück zu preisen, das mir bis zur Stunde treu blieb, das mir alle Hemmnisse, die sich auf meinen Weg hätten einstellen können, wegräumte, bevor sie sich mir nur zeigten? Der Weg zu Macht und Ruhm, von dem ich in Frankreich geträumt habe, er liegt vor mir, so leicht zu beschreiten und so einladend, daß ich ein unheilbarer Narr wäre, würde ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen. Dann hätte ich, gleich andern, zu Hause bleiben können. Oder wollte ich eben auch nicht mehr sein als diese andern?« Tounens überlegte hin und her. Dann aber sprang er plötzlich vom Lager auf; der Kopf brannte ihm vor lauter Denken. Er griff nach seinem Mantel, hüllte sich in diesen und stürzte hinaus, um im See das heiße Blut abzukühlen. Ruhiger geworden, beschloß Tounens, diesen Morgen noch Kalvukura aufzusuchen, um mit ihm zu sprechen.
Der Kazike war gerade im Begriff auszureiten, als Tounens in sein Haus trat. »Komm mit, begleite mich, Antonio!« rief Kalvukura freundlich. »Ich besuche meinen Sohn Kalvun. Dein Pferd ist schnell gesattelt.«
»Sei es!« sagte Tounens zustimmend, dem eine Aussprache mit Kalvukura im Freien besser paßte als drinnen im Haus.
Bald darauf ritten die Männer am Flußlaufe entlang, Kalvuns Heim zu.
»Zu deinen Söhnen wird sich wahrscheinlich bald einmal ein weiterer gesellen, Kalvukura«, leitete Tounens die Unterhaltung ein.
»Wie meinst du das, Antonio?«
»Nun, deine Tochter wird sich auch verheiraten.«
»Gewiß.«
»Glücklich der, der sie einst sein eigen nennt!« hub nach einer Weile der Franzose wieder an. »Weißt du was, Kalvukura, nimm mich als Sohn an; gib mir deine Tochter zur Frau!«
Der Kazike hielt sein Pferd an und schaute Tounens scharf und lange an. »Du bist ein kühner Mann, Antonio. Es ist das erstemal, daß ein Fremder von deiner Bedeutung die Tochter eines Kaziken zum Weibe begehrt.«
»Aber du selbst hast mir ja schon gesagt, daß Kaziken weiße Frauen gehabt haben; warum soll es nicht einmal umgekehrt sein?«
»Die Frauen blieben, wo der Mann war; sie haben noch nie unser Land verlassen und zu den Weißen zurückzukehren gewünscht.«
Kalvukura ritt weiter, und Tounens wußte nicht recht, was der Kazike mit seiner letzten Bemerkung eigentlich sagen wollte.
»Ich begehre auch nicht mehr zurück in mein Vaterland; bei dir und den Deinen will ich bleiben; ich will versuchen, nicht nur ein guter Araukaner zu werden, sondern werde auch bestrebt sein, dein Volk zu Macht und Ansehen nach außen hin zu bringen.«
»Könntest du das, könntest du unsere bedingungslose Unabhängigkeit von dem Joche der Eroberer unseres einst so großen Landes durchsetzen, wir würden dir alles gewähren, was du wolltest«, rief Kalvukura bewegt.
»Darüber können wir später beraten«, antwortete Tounens vorsichtig; »einstweilen genügt es mir, dein Schwiegersohn zu sein.«
»Gut, so nimm mein Kind! Aber dann gehörst du unwiderruflich uns, dem ganzen Volke.«
»So will ich nach unserer Rückkehr auch Rupaillang fragen, ob sie mich nehmen will.«
»Das ist bei uns zwar nicht Sitte, doch gleichviel, tue es! Der Wille des Vaters ist für die Tochter bei der Wahl des Gatten allein maßgebend. Ich begrüße dich daher schon jetzt als Sohn und Mitglied unserer Familie, unseres Volkes.«
Tounens ergriff die Hand des Kaziken und drückte sie als Zeichen des Dankes. »Ich werde dir ein guter Sohn und deinem Volke in Freud und Leid treu ergeben sein«, versicherte er.
»Das hast du schon bewiesen, Antonio. Ich denke, daß du mit den Erfolgen deiner Arbeit unter uns zufrieden sein kannst.«
Der Franzose lächelte geschmeichelt. »Ja, das Volk hat mich überall gerne, das ist wahr, und ich selbst habe es auch liebgewonnen.«
»Du bist hoch angesehen und verdienst es auch, Antonio. — Doch wir sind am Ziele; dort ist Kalvuns Haus.«
Tounens kannte den Sohn sehr gut; er war sowohl allein als auch mit Kalvukura schon oft bei Kalvun gewesen, der seinem Vater von allen Söhnen äußerlich am meisten glich. Auf ihn, den Ältesten, sollte nach des Vaters Tode auch die Kazikenwürde übergehen.
Kalvun begrüßte den Vater und dessen Gast in der gewohnten herzlichen Weise. Nach der Bewirtung und der Erledigung einiger wirtschaftlichen Angelegenheiten, zu welchem Zwecke der Vater den Sohn besucht hatte, brachte Kalvukura die Werbung Antonios um Rupaillang zur Sprache. Kalvun hörte dem Vater ruhig zu; seine Mienen zeigten nicht die geringste Verwunderung. Als der Kazike seine Mitteilung beendet hatte, verharrte Kalvun eine Zeitlang schweigend, in tiefes Sinnen versunken. Der Gedanke, daß ein Weißer, ein bis vor kurzem ihnen allen noch vollkommen fremder Mensch, sein Schwager werden solle, schien den jungen Indianer stark zu beschäftigen.
Tounens verdroß dies auffallend lange Stillschweigen bereits ein wenig; da begann endlich Kalvun zu reden. »Da du deine Einwilligung zur Heirat gegeben hast, Vater, so steht es mir nicht an, gegen diese irgendein Wort zu sprechen. Ich werde Antonio als Bruder behandeln; er kann in allem auf mich zählen.«
»Eine andere Antwort habe ich von dir auf des Vaters Bericht auch nicht erwartet, Kalvun«, entgegnete Tounens, dessen leichter Mißmut bei den Worten seines künftigen Schwagers rasch wieder verflogen war.
»So ist die Sache abgemacht. Ich werde deinen Brüdern ebenfalls Anzeige machen«, sprach Kalvukura. »Und nun laß uns nach Hause reiten!«
Die Männer verabschiedeten sich von Kalvun und den Seinen, bestiegen die Pferde und ritten heimwärts. Schweigend wurde der Weg zurückgelegt. Klarere, deutlichere Gestalt nahm die Zukunft des Franzosen von heute ab an; langsam aber sicher kam er seinem Ziele näher. Stolze Freude beherrschte ihn, als er nach der Rückkehr in sein Haus trat; hatte ihm doch soeben Kalvukura noch gesagt, daß er ihn nachher mit Rupaillang besuchen werde. Es war das erstemal, daß des Kaziken Tochter die Schwelle seines Heims überschritt, und nun sollte sie es als die ihm vom Vater anverlobte Braut tun; das war gewissermaßen das Zeichen, daß sie mit der Wahl des Vaters einverstanden sei. Daß Rupaillang ihm wohlgesinnt sei, daß sie ihn nicht ungern habe, hatte Tounens schon öfters zu beobachten Gelegenheit gehabt. Es beruhigte ihn, daß er sich dies sagen konnte; denn die Art der Indianerheiraten, wo das Mädchen gewaltsam vom Manne entführt wird, nachdem es vorher den Angehörigen abverlangt und bezahlt worden ist, konnte und wollte der Franzose nicht nachahmen. Er war zu zivilisiert, um an diesem Brauche Gefallen zu finden. Diese Sitte war eine der wenigen, die ihm bei den Araukanern mißfielen; diese abzuschaffen, das von Natur so begabte Volk auf eine höhere Stufe des sittlichen Lebens zu heben, war eine Aufgabe, die zu erfüllen Tounens sich für spätere Zeit vorbehielt.
Vor der Hütte des Franzosen wuchsen eine Menge wilder Blumen, rote Geranien, Fuchsien in Strauchform, gelbblühende, starkduftende Akazien, weiße wohlriechende Myrten. In aller Eile hatte Tounens von den letzteren einen Strauß zusammengestellt. Ob Rupaillang wohl eine Ahnung von der sinnbildlichen Bedeutung der in ihrem Lande so massenhaft wachsenden Myrte hatte? Wohl schwerlich; aber das war gleichgültig. Die zarten weißen Blüten, die sich in den von Tounens mitgebrachten kleinen Vasen aus getriebenem Silber doppelt schön ausnahmen, sollten und mußten auf das empfängliche Gemüt der Araukanerin einwirken. Anders, eigenartiger, schöner, als es im Araukanerlande sonst üblich war, sollte des Fremden Wohnung sich Rupaillang zeigen. Nicht er wollte herabsteigen, geringer werden durch die Heirat; o nein, die schmucke Tochter des berühmten Araukanerhäuptlings wollte er zu sich emporheben, sie zu seiner Königin und zu der ihres Volkes machen! Das sollte ihr gewissermaßen der Empfang in seinem Hause, die Art seiner Werbung offenbaren. Tounens hatte sich in Staat geworfen. So erwartete er seine Besucher, die nicht allzu lange ausblieben.
Der Kazike, dem feierlichen Augenblick durch seine reiche Kleidung ebenfalls Rechnung tragend, trat in die Hütte, hinter ihm, ganz in Schwarz gekleidet, die Augen schamhaft zu Boden gesenkt, seine Tochter Rupaillang. Den festlichen Anzug des Franzosen mit raschem Blicke musternd, ergriff Kalvukura die Linke Rupaillangs und tat einige Schritte auf Tounens zu. »Du hast heute morgen meine Tochter zum Weibe begehrt, Antonio, und ich habe sie dir auch zugesagt. Rupaillang ehrt den Willen ihres Vaters und ist mit mir gekommen, dir in meiner Gegenwart ihr Jawort zu geben.«
»So willst du also wirklich die Meine werden, Rupaillang?« fragte Tounens freudig erregt.
Das Mädchen hob den Kopf. Aus ihren dunklen Augen, um die feingezogene blauschwarze Strahlen gemalt waren, die das ganze Aussehen des Gesichts vorteilhaft hoben, leuchtete dem Frager ein so inniger Blick entgegen, daß über die Gefühle, die des Kaziken Tochter für Tounens hegte, kein Zweifel bestehen konnte.
Dieser erfaßte die Hand Rupaillangs. »Rupaillang, liebe Rupaillang, du willst wirklich den Fremden zum Manne nehmen?«
»Ja«, entgegnete das Mädchen; »du bist mir, uns allen längst kein Fremder mehr, Antonio.«
»So verlobe ich mich feierlich mit dir«, rief Tounens und steckte an den Ringfinger der linken Hand des Mädchens einen schweren silbernen Reif, der in der Mitte einen großen Rubin trug. »Und hier nimm diese Blumen!« Mit diesen Worten übergab er ihr die Myrten. »In meinem Heimatlande schmücken sich die Bräute damit, und ich möchte diesen schönen Brauch auch hier nicht missen. Erlaube mir, daß ich dir die Blüten anhefte!« Mit einer silbernen Nadel befestigte der Franzose geschickt den Strauß an Rupaillangs Brusttuche; dann zog er das errötende Mädchen an sich und küßte es auf Stirn und Mund. »Betrachte dir meine Behausung, Rupaillang! Sie wird bald auch die deine sein.«
»Wie schön ist es bei dir!« rief das Mädchen, in neugieriger Verwunderung all die seltenen Dinge betrachtend, mit denen Tounens' Räume ausgestattet waren.
»Wir werden dir ein anderes, größeres Haus bauen, Antonio«, erklärte der Kazike; »doch einstweilen genügt das noch.«
»Laß mich den Platz wählen und das neue Haus nach meinen Angaben ausführen, Vater«, bat Tounens.
»Das soll geschehen«, antwortete Kalvukura lächelnd, »vorausgesetzt, daß wir all das haben, was du zu deiner Einrichtung brauchst.«
»Dann besorgen wir uns, was fehlt; ich bin reich genug, es von auswärts zu beziehen.«
»Darüber reden wir später, Antonio. Wann soll die Hochzeit sein?«
»Ich richte mich ganz nach Euch.«
»Gut, so will ich unsere Verwandten und Bekannten sofort einladen lassen, damit sie heute über drei Tage zu dem Feste erscheinen.«
Kalvukura und seine Tochter verließen Tounens' Hütte. Bis zur Verheiratung bekam dieser seine Braut nicht mehr zu sehen.
Aus allen Teilen Araukos strömten Leute herbei, um der Hochzeit des allgemein bekannten und beliebten Tounens mit der für die schönste Araukanerin geltenden Rupaillang beizuwohnen. Ein lebhaftes Treiben entwickelte sich auf dem Hofe des Kaziken wie auch am Ufer des Sees Villarica. Tounens begrüßte es lebhaft, daß dieses laute Leben am zweiten Tage nach der Hochzeit durch den einsetzenden schweren Winterregen zum Verstummen gebracht und die Gäste dadurch zur vorzeitigen Heimkehr gezwungen wurden. Jetzt erst konnte er sich ungestört seines Glückes, des Besitzes Rupaillangs, erfreuen.
Rupaillangs stete Sorge um das Wohl des Gatten, ihre an Ehrfurcht grenzende Bewunderung für ihn, ihre außerordentlich leichte Anpassungsfähigkeit an seine Eigenart, die täglich mehr und mehr zum Vorschein kommende geistige Begabung der Indianerin, ihr rasches Begriffsvermögen, ihr unermüdlicher Fleiß in allen Dingen ließen Tounens je länger, desto mehr begrüßen, sie zur Frau begehrt zu haben. Auch ihre körperlichen Reize wußte sie, unterstützt durch ihren Gatten, vorteilhaft zur Geltung zu bringen; sie erlernte mit seiner Hilfe die Kunst, ihrer Kleidung durch Gürtel, Nadeln und andere Dinge einen gewissen Anklang ans Europäische zu geben und die tiefschwarzen glänzenden Haare in Flechten um den Kopf zu legen. Die bisher nackten Füße ließ sie sich willig in kleine gefütterte Schuhe stecken.
Rupaillang kannte sich selbst kaum mehr, als sie sich, äußerlich derart verändert, in Tounens' Spiegel bewunderte. »Was werden aber unsere Frauen sagen, wenn sie mich auf einmal so ganz anders finden, als sie selbst sind?« fragte sie etwas ängstlich ihren Gatten.
Dieser lachte fröhlich, küßte seine Frau und antwortete: »Du sollst auch ganz anders sein als alle übrigen, meine und ihre Königin.«
»Wie du mein König, mein Herr und Gebieter bist, Antonio.«
»Ich will der deines Volkes sein, Rupaillang«, entgegnete Tounens, ernst geworden. »Araukos Unabhängigkeit wiederherzustellen, dein tapferes, von Natur so wackeres Volk zu Ruhm und Ansehen zu bringen, es gegen die zersetzenden Einflüsse von außen her zu schützen — das, Rupaillang, ist meine Aufgabe. Groß ist sie und schwer, aber an das Große, Schwierige wagt sich auch kein einfacher Mensch, sondern nur der, der selbst groß denkt und empfindet, dessen Willenskraft auch der Größe seiner Gedanken entspricht.«
Rupaillang begriff nur teilweise den Sinn dieser Rede. Was sie aber verstand, war, daß ihr Gatte sich dem Wohle ihres Volkes widmen, dessen Führer auf dem Wege zum Glück sein wolle. Dies genügte der Araukanerin, sich selbst dadurch hoch beglückt zu fühlen, stolz darauf zu sein, die Gefährtin eines Mannes zu heißen, der, in ihren Augen schon jetzt der Erste ihres Volkes, dies nun tatsächlich mit der Zeit auch werden sollte.
Schon oft im Laufe der seiner Hochzeit folgenden Monate hatte Tounens mit seinem Schwiegervater lange Aussprachen gehabt, in denen der Franzose dem Kaziken seine Pläne entwickelte.
Doch Kalvukura wollte anfänglich nichts davon wissen.
»Die langjährigen schweren Kriege mit den Spaniern haben unser Volk an Zahl außerordentlich geschwächt. Auch der stete Widerstand gegen das weitere Vordringen der Chilenen in unser Gebiet kostete uns viele Opfer an Menschenleben. Überdies können wir mit unseren Colihue-Lanzen gegen die Feuerwaffen der Weißen nicht viel ausrichten. Unser bester Schutz sind einzig und allein unsere Wälder; deren Undurchdringlichkeit sichert uns einstweilen unsere Unabhängigkeit«, sprach der Kazike eines Tages zu Tounens.
»Aber wie lange noch?« warf dieser ein.
Kalvukura zuckte die Achseln. »So sag du mir, was wir dann tun sollen!«
»Kämpfen gegen die Eindringlinge, und zwar mit denselben Waffen. Diese können wir nach und nach aus Europa beziehen. Wir nehmen unsern Freunden die Kisten mit Gewehren und Munition in den Kordilleren ab, die sie uns bis dorthin durch die Pampas liefern. Das ist der einzige Weg, der uns für diese Zwecke offen ist. Wir wollen keine Eroberungen machen, aber auch keinen Zoll breit unseres Bodens mehr abtreten; wir wollen uns einfach für alle Fälle kampfbereit halten, wenn andere es wagen sollten, Araukos Gebiet und Unabhängigkeit weiter anzutasten.«
Tounens feurige Worte zündeten bei dem alten Indianer, seine Augen blitzten. »Du hast am Ende recht, Antonio; geachtet ist nur, wer stark ist. Unsere waffenfähige Mannschaft zählt noch nach Tausenden und bildet im Ernstfalle keinen verachtungswerten Gegner.«
»Das will ich meinen, Vater. Man wird mit uns als Macht rechnen müssen, namentlich, wenn die Masse richtig waffengeübt, an Gehorsam gewöhnt und unter einheitliche Leitung gebracht ist.«
»So übernimm du diese, Antonio! Mir soll es nur recht sein, wenn unser sichtbarer Niedergang aufhört, wenn wir endlich wieder zu Ansehen und Macht nach außen hin gelangen.«
»Schlage mich in einer Kaziken Versammlung zum Oberhaupt von Arauko vor! Werde ich gewählt, so weiß ich meine Stellung zu Ehre und Ruhm des Volkes schon zu benutzen; glaube es mir, Vater! Und kann es dir nicht auch selbst die größte Befriedigung gewähren, deine Tochter als Königin von Araukanien, deine Enkel als die künftigen Herrscher deines Volkes zu wissen?«
»Du sprichst merkwürdig, Antonio; du ziehst mich durch deine Reden auf einen Weg, auf den ich selbst allein nie gekommen wäre.«
»Der aber ein stolzer ist, nicht nur für deine Tochter und für mich, nein, vor allem für Araukos Volk, dessen Größe ich mich weihen will!« rief Tounens begeistert.
»Ich werde eine Kazikenversammlung einberufen, Antonio. Damit erfülle ich zunächst deinen Hauptwunsch. Du wirst begreifen, daß ich allein nichts machen, sondern lediglich deine Pläne und Absichten, für die du auch persönlich noch einstehen wirst, meinen Brüdern in unterstützendem Sinn vorbringen kann.«
»Das genügt auch einstweilen, Vater. Nimm meinen Dank zum voraus!«
Sämtliche Kaziken und Stammesälteste des Araukanervolkes wurden zu einer großen Ratsversammlung auf Kalvukuras Besitztum eingeladen, und zwar auf den 1. September 1861. Vollzählig waren sie auf den genannten Tag erschienen. Als ob auch die Natur Tounens Plänen wohlgesinnt sei, so strahlend leuchtete die Sonne über das im Blütenschmuck des wiedererwachten Frühlings prangende Land, über den klaren, im Sonnenlichte glitzernden See. Ernst, erhaben schaute die schneebedeckte Pyramide des Vulkans Villarica auf das buntfarbige, lebhaft bewegte Bild am See herab. Die Häuptlinge hatten sich im Freien in einem großen Kreise gelagert. Eine feierliche Stille herrschte, als Kalvukura seinen Genossen die Absichten seines Schwiegersohnes vortrug. Mit keinem Worte wurde er unterbrochen.
Als er geendet, erhob sich der Älteste der Versammlung, ein stattlicher weißhaariger Greis, Namunkura mit Namen. »Laß Antonio selbst sprechen, Bruder!« entschied er unter dem Beifallsmurmeln der übrigen.
Tounens trat, von Kalvukura geführt, in den Kreis der Männer, die seinen stummen, achtungsvollen Gruß ebenso erwiderten.
Namunkura, immer noch stehend, richtete nun, auf seine lange Colihuelanze gelehnt, an Tounens das Wort: »Wir haben gehört, Antonio, was du deinem Schwiegervater auftrugst, uns zu sagen. Wir alle kennen und schätzen dich; bevor wir aber einen Entscheid in dieser so wichtigen, unser Volk so tief berührenden Sache treffen, wollen wir aus deinem Munde nochmals vernehmen, was uns Kalvukura schon sagte.«
Namunkura setzte sich, und Tounens begann nun zu sprechen. Er rühmte die kriegerischen Eigenschaften der Araukaner, ihre hohe Begabung, ihr Freiheits- und Unabhängigkeitsgefühl und bedauerte, daß ein solches Volk, das einst das ganze Land von den Flüssen Bio Bio bis zum Rio Bueno sein eigen nannte, nun in die Stellung des Geduldeten getrieben worden sei. »Ja, nur geduldet seid ihr, die Nachkommen jener stolzen todesmutigen Männer, die Spaniens ganze rohe Gewalt nicht zu beugen vermocht hat, geduldet auf eigenem Boden von einer handvoll frecher Bedrücker!« rief Tounens voll Zorn. »Und wie lange wird diese eurer, wie eurer ganzen ruhmreichen Geschichte unwürdige Duldung und Bevormundung noch geübt werden? So lange nur noch, bis die Chilenen in eurem Lande Befestigungen angelegt, Straßen gebaut und den Rest eurer kriegerischen Tugenden durch absichtlich genährten Parteihader erstickt haben werden. Dann seid ihr für immer verloren.«
»Das darf nicht sein!« schrie fast einstimmig, wild erregt, die Versammlung.
»So denkt bei Zeiten daran, dieser Gefahr zu begegnen! In dem Lande, woher ich kam, heißt es: Wer Frieden haben will, muß zum Krieg bereit sein. Schließt euch zusammen und bereitet euch durch Waffenübung im Frieden auf den Kampf für die Freiheit eures Landes vor! Stellt euch, ihr Söhne von Heldenvätern, unter den festen, zielbewußten Willen eines einzelnen! Nehmt mich zum König, mich, der die Dinge der Außenwelt kennt, der euch liebt und euch moderne Feuerwaffen verschaffen, euch in all dem unterrichten wird, was zur Ehre, zum Ruhm und Ansehen des von ihm freiwillig zum Vaterland gewählten schönen Araukanien dienen kann! Eure persönliche Unabhängigkeit bleibt bestehen. Der Rat der Alten und Kaziken soll mir bei der Lösung aller inneren Fragen zur Seite stehen, falls ihr mich würdig findet, euer König zu heißen.«
Als Tounens geendet hatte, folgte lauter Beifall der zündenden Rede. Namunkura erhob sich wieder. »Tritt ab, Antonio, und suche dein Haus auf! Wir werden dich dort unsern endgültigen Entschluß wissen lassen.«
Im Bewußtsein, durch seine Worte gewaltigen Eindruck auf die Rats Versammlung gemacht zu haben, kehrte Tounens in sein Heim zurück. Rupaillang, die zuerst etwas besorgt in das Gesicht ihres Gatten geblickt hatte, als dieser ins Wohngemach trat, brach in lauten Jubel aus, als sie dessen heitere Miene sah. »Sie haben dich gewählt, o Antonio! Welch ein Glück für dich, für uns!«
»Noch nicht, Kind«, antwortete Tounens fröhlich. »Ich glaube aber, daß ich dich bald als Königin Araukos betrachten darf; meine Königin bist du ja schon ohnedies.«
Unterdessen wurde in der Versammlung Tounens' Rede besprochen. Die Zeit verstrich und eine Einigung wollte nicht zustandekommen.
Da stand endlich der Kazike Külapang auf. »Es ist wirklich höchste Zeit, daß wir lernen, unsern eigenen Willen nicht immer als den allein maßgebenden anzusehen«, sprach er. »Die Uneinigkeit war von jeher unser größtes Übel; sie zu bannen, ist unsere Pflicht. Mich dünkt deshalb, daß Kalvukuras Schwiegersohn recht hat. Ich stimme für ihn, er ist ein Mann ohne Furcht und Tadel, dessen Führung wir uns getrost anvertrauen können«
»Und ich schlage als letztes Entscheidungsmittel die Chueca vor. Fällt das Spiel für Antonio günstig aus, so soll er unser König sein«, meinte ein dritter, der Kazike Lienkura.
»Sei es!« entschied Namunkura.
Die Chueca, eine Art Billardspiel, bei dem die Kugel durch Krummstäbe auf dem Boden fortgeschleudert wird, wurde von den Kaziken unter Aufsicht der Ältesten gespielt. Das Ergebnis fiel für Tounens günstig aus.
Die ganze Versammlung zog nun vor Antonions Haus, um ihm zur Wahl als König Glück zu wünschen. In bewegten Worten dankte Tounens für das ihn ehrende Vertrauen der Männer und die ihm von den Kaziken und den Ältesten namens des Araukanervolkes erteilte hohe Würde. Als Antonio I., König von Arauko, beschloß der Franzose den denkwürdigsten Tag seines bisherigen Lebens.
Nach seiner Verkündung zum König von Arauko, die das ganze Land freudig aufnahm, hatte Tounens in der ersten Zeit seiner Regierung außerordentlich viel zu tun. Entsprechend der Zahl der Kaziken und der durch diese vertretenen Stämme wurden Bezirke gebildet, denen eine gewisse selbständige, aber unter Tounens' Aufsicht stehende Verwaltung eingeräumt wurde. Es bedurfte des ganzen Taktes und organisatorischen Geschickes des neuen Königs, seine getreuen Kaziken, ohne sie persönlich zu verletzten, mit ihrer veränderten Stellung auszusöhnen und sie an eine bestimmte Ordnung im Verkehr mit ihrem Oberhaupt zu gewöhnen. Anfangs schwankte der Indianerkönig, ob er Chile und den andern Ländern seine Wahl anzeigen solle oder nicht. Er stand schließlich davon ab; denn er sagte sich ganz richtig, daß Chile niemals gutwillig seine königliche Würde anerkennen werde, daß dies aber eher der Fall sein dürfte, wenn ihm ein zwar kleines, aber gut geschultes und ausgezeichnet bewaffnetes Heer der allgemein als tapfer anerkannten Araukaner zur Seite stehe. Auf einen Vernichtungskrieg mit den Araukanern selbst aber würde es Chile nicht ankommen lassen auf Grund gemachter Erfahrungen und auch seiner augenblicklichen Streitigkeiten mit andern Mächten wegen. Ferner rechnete Tounens damit, daß im Notfalle die französische Regierung in Paris ein ernstes Wort mitsprechen würde, wenn die chilenische Republik gegen das Araukanervolk wegen der Wahl eines Franzosen zu ihrem König kriegerisch vorgehen sollte. In aller Eile hatte Tounens Bestellungen aller Art nach Frankreich aufgegeben. Seine indianischen Briefboten hatten den weiten Weg über die Kordilleren und durch die Pampas zu machen, da die Briefe der Sicherheit halber von Argentinien aus nach Europa gehen mußten. Dadurch ging viel wertvolle Zeit verloren. Tounens' Bankier in Paris, der sein nicht unbeträchtliches Vermögen verwaltete, erhielt von Sr. Majestät Antonio I. die notwendigen Anweisungen.
Bis die Gewehre, Säbel, Revolver, Munition sowie die Gegenstände für eine moderne Hauseinrichtung aus Frankreich eintrafen, fing Tounens an, mit Hilfe seiner Verwandten und der sich freiwillig als Arbeiter stellenden Indianer ein neues Haus zu bauen. War es auch nur ein Holzbau mitten auf einer von Wald umrahmten großen Wiese in der Nähe des Sees Villarica und der Residenz Kalvukuras, so sollte sich das Haus doch schon äußerlich durch seine europäische Form als Herrschersitz ausweisen. Die große, den Indianern ungewohnte Arbeit schritt langsam aber stetig vorwärts. Tounens und Rupaillang freuten sich auf die Zeit ihrer Übersiedlung in das »Königsschloß« und warteten mit einer gewissen ungeduldigen Sehnsucht auf all die in Paris bestellten Herrlichkeiten, die das Heim des Königspaares schmücken sollten.
So war es Frühling 1862 geworden. Ein Jahr war nahezu verflossen, seitdem Arauko unter dem Zepter des Königs Antonio I. stand. Die Waffen wie auch die übrigen in seiner alten Heimat bestellten Gegenstände befanden sich, in viele Kisten verpackt unterwegs. Dies waren die Nachrichten, die Tounens kürzlich durch seine Helfer jenseits der Kordilleren erhielt. Den Berichten war die Mitteilung beigefügt, daß sich augenblicklich eine auffallend starke und scharfe Bewachung der Grenze Araukos gegen Argentinien hin durch die Chilenen beobachten lasse. Tounens wollte sich selbst von der Richtigkeit dieser für ihn außerordentlich wichtigen Botschaft überzeugen und im Notfalle auch nicht vor Gewaltmaßregeln zurückschrecken, galt es doch, sich den Weg für seine Zufuhren freizuhalten und damit auch seine Stellung zu sichern. Es war Tounens klar, daß die Chilenen irgendwie und irgendwoher von den Absichten des Araukanerkönigs Wind bekommen hatten; sonst würden sie nicht die Grenzen seines Landes zu sperren suchen.
Daß die Araukaner den Franzosen zu ihrem König gewählt hatten, war übrigens längst bekannt geworden und das Tagesgespräch in der Hauptstadt Santiago. Die chilenische Regierung war in einer sehr mißlichen Lage. Ihre Erkundigungen hatten ergeben, daß das Gerücht, ein Königreich Arauko sei auf dem Gebiete der Republik errichtet worden, leider nur zu wahr sei. Die Regierung vermutete, daß hinter Tounens sich die mächtige Hand Napoleons III. verberge, und wagte daher kein unmittelbares Vorgehen. Abgesehen davon, daß ein solches einen harten Kampf von unabsehbaren Folgen nach sich ziehen würde, dessen Ergebnis in keinem Verhältnis zu den zu bringenden gewaltigen Opfern stünde, hielt auch die Furcht vor diplomatischen Verwicklungen die Machthaber in Santiago vor übereilten Schritten gegen die Indianer zurück. Das einzige, was von chilenischer Seite im Laufe des Jahres 1862 geschah, war eine bedeutende Vermehrung der Grenzwachen, deren Offizieren geheime Befehle mitgegeben wurden.
Tounens beriet sich mit seinem Schwiegervater über die zu ergreifenden Maßregeln, um den Verkehr mit Argentinien offen zu halten.
»Ich weiß noch manche Wege, die über die Bergkette führen«, sagte Kalvukura; »ich möchte bezweifeln, ob die Chilenen sie kennen.«
»Aber unsern Freunden in den Pampas drüben dürften sie unbekannt sein«, warf Tounens ein.
»Das ist sehr wahrscheinlich, Antonio. Es bleibt deshalb auch nichts anderes übrig, als einen Weg auszusuchen, der sicher ist und auf dem wir deine Sendungen über die Berge herüberbringen können.«
»Das ist es ja, was ich will, Vater. Gleichzeitig können wir auch untersuchen, inwieweit die Grenze tatsächlich abgesperrt ist. Erst wenn uns dies durch eigene Beobachtung bekannt ist, vermögen wir mit Erfolg Gegenmaßregeln zu ergreifen.«
»Du hast recht, Antonio. Übrigens siehst du«, fügte der Kazike nicht ohne Selbstbewußtsein hinzu, »daß die Chilenen uns immer noch fürchten. Sonst würden sie sich nicht mit der einfachen Wegabsperrung begnügen.«
»Im Notfalle wenden wir Gewalt an, wenn wir bei der Beförderung unserer Waffen überrascht werden sollten«, erklärte Tounens.
»Du hast nur zu befehlen, Antonio, und wir gehorchen dir«, antwortete Kalvukura. »Gut ist es immerhin, wenn du deine Reise an die Grenze nur unter starker Bedeckung antrittst.«
»Das werde ich auch, Vater.«
»Ich begleite dich selbst mit ausgesuchten Leuten. Lemunau, der von uns allen die Berge am genauesten kennt, wird sich uns unterwegs gern anschließen. Für Verpflegung und alles übrige werde ich heute noch sorgen, so daß wir gleich morgen früh aufbrechen können.
»Das ist gut, Vater; Eile tut in dieser wichtigen Sache not.«
Rupaillang nahm die Nachricht von der bevorstehenden Abreise ihres Gatten mit Schrecken auf. Hatte dieser auch schon öfters während seiner Regentschaft Reisen im Land herum gemacht, so waren diese doch stets nur von kurzer Dauer gewesen; jetzt aber drohte Rupaillang eine längere Trennung von dem Gemahl, der seine Abwesenheit auf Wochen berechnete. Die Frau kämpfte den sie bewegenden Trennungsschmerz mutig nieder. »Ich bin nur froh, daß der Vater dich begleitet, Antonio«, sprach sie beim Abschied in der Frühe des andern Morgens; »so bin ich beruhigt. Trotzdem aber werde ich aufatmen, wenn du erst glücklich wieder zurück bist.«
»Sei guten Muts, mein Kind!« tröstete sie Tounens, dem der Abschied selbst sehr schwer fiel. »Wir müssen diese Reise zum Besten unseres Landes notwendig ausführen. Sobald wir unsere Aufgabe gelöst haben, eile ich, so schnell wie möglich, zu dir zurück.«
Die Gatten umarmten sich. Mit väterlichem Wohlwollen betrachtete der Kazike diese zärtliche Szene. Er saß bereits im Sattel. Hinter ihm folgten auf ihren Pferden zwanzig kühne Araukaner, die bewährte Colihuelanze in der Rechten. Kalvukura grüßte seine Tochter noch durch ein Winken mit der Hand; dann setzte sich der Reiterzug in Bewegung und entschwand bald den Augen Rupaillangs.
Eine unerklärliche Angst befiel plötzlich die sonst so tapfere Araukanerin, als sie, allein im Hause, von Zimmer zu Zimmer irrte, ohne recht zu wissen, was sie tat. Weinend warf sie sich endlich auf ihr Lager. Die bei ihr seltenen Tränen erleichterten etwas ihre gepreßte Brust. Rupaillang schalt sich schließlich ihrer Stimmung wegen eine Törin und begab sich an die Erledigung ihrer Hausarbeiten. In der Tätigkeit suchte und fand sie Beruhigung, und als der erste Tag seit dem Weggang ihres Gatten verflossen war, warf der Gedanke an die Rückkehr des ihr so teuren Mannes bereits sein freundliches Licht auf die einsame Frau.
Nach mehrtägigem Ritte hatte Tounens mit seinen Begleitern die Grenze Araukos gegen die Kordilleren hin erreicht. Einige als Späher ausgesandte Leute berichteten bei ihrer Rückkehr ins Lager, daß sie keine Chilenen, überhaupt nichts Verdächtiges auf weite Strecken hin hätten entdecken können. Der alte Weg, den Tounens einst über das Gebirge gewählt hatte, war allem Anschein nach also noch offen und den chilenischen Grenzwachen unbekannt.
»Das trifft sich günstig«, äußerte der Franzose zu Kalvukura und Lemunau, »daß dieser gute Übergang frei ist. Er ist meinem Freunde Tapia genau bekannt, und unter dessen Leitung steht auch der Zug der Gauchos, die uns die Sendungen aus Europa abliefern.«
»Es wäre aber doch gut, wenn wir durch einzelne unserer Leute die Paßübergänge bewachen und dies Tapia wissen ließen«, warf Lemunau ein.
»Gewiß, wir müssen die Argentinier ja sowieso über den Weg benachrichtigen, den sie nehmen sollen«, entgegnete Tounens.
»So laß mich diesen Boten machen, während du mich hier mit den übrigen erwartest!« bat Lemunau den König.
»Einen Teil des Wegs begleite ich dich«, erklärte dieser; »ich muß mich selbst überzeugen, ob alles in Ordnung ist und ob ich auch wirklich beruhigt sein kann.«
Zufrieden damit, keinen Feind in unmittelbarer Nähe zu wissen, hielt es Tounens nicht für nötig, Wachen für die Nacht auszustellen. Er und seine Leute waren, wenngleich hart an der Grenze, doch auf eigenem Grund und Boden, und vor einer Grenzverletzung würden sich die Chilenen wohl hüten. Die Araukaner machten ein mächtiges Feuer, schlugen die Zelte auf und richteten den Abendimbiß her. Plaudernd saßen Tounens, Kalvukura und Lemunau noch einige Stunden am Feuer beisammen, dann suchten sie ihre Zelte auf. Auch die Mannschaften hatten sich zur Ruhe niedergelegt; ihre Pferde bewegten sich der Indianersitte gemäß in der Nähe des Lagers frei herum, Nahrung suchend. Tiefe Stille herrschte, nur hin und wieder unterbrochen durch das laute Wiehern eines der Pferde oder das Geräusch des langsam verglimmenden Holzfeuers. Der Mond war aufgegangen. Er beschien das friedliche Lagerbild mit seinem Licht. Auf dem grünen Grasplatze hoben sich die Zelte der Araukaner doppelt scharf im Mondlicht ab, und die Baumgruppen in der Nähe warfen gespenstische Schatten.
Die Nacht war schon weit vorgeschritten. Auf Händen und Füßen kriechend, bis an die Zähne bewaffnet, schlich sich eine Abteilung chilenischer Soldaten auf das Lager zu. Ihr Anführer war durch seine Späher gut unterrichtet. Ihn kümmerte die Verletzung des Friedens ebensowenig wie diejenige der Grenze; ihn lockte nur der goldene Preis, der ihm für seine Tat winkte. Am Zelte des Indianerkönigs steckte eine Lanze mit einer kleinen roten Flagge, das Zeichen von des Königs Anwesenheit. Auf dieses Zelt zu schlichen die Soldaten und brachen dann überraschend wie Raubtiere ein.
Tounens war aufgefahren. Bevor er jedoch von seinem Revolver Gebrauch machen konnte, sauste ihm ein Lasso über den Kopf und wickelte sich ihm um Brust und Arme. Er war gefangen, gefesselt, so schnell, daß er nicht wußte wie. Dann wurde er zu Boden gerissen und fortgeschleift. »Feige Hunde!« brüllte er, fast toll geworden vor ohnmächtiger Wut. »Ist das eure Art zu kämpfen? Überfall, Mißachtung der beschworenen Rechte?«
Kalvukura und Lemunau eilten Tounens zu Hilfe; auch die übrigen Araukaner stürzten sich mit ihren Lanzen in der Hand, schäumend vor Zorn, auf die Chilenen. Ein schwerer Kampf entspann sich. Schon schienen die Chilenen trotz ihren Feuerwaffen, von denen sie ausgiebigen Gebrauch machten, durch die tapferen Indianer überwältigt, als ein neuer Trupp Soldaten auf der Kampfstätte erschien. Die Übermacht entschied den Sieg. Wer von den Araukanern nicht tot auf dem Platze lag, war schwer verwundet kampfunfähig gemacht; keiner hatte seinen König verlassen. Die Chilenen verschwanden unter Mitnahme von Tounens sowie ihrer Toten und Verwundeten beim Grauen des Tages so schnell wie nur möglich, beim Rückzuge sich der herrenlosen Pferde ihrer Feinde bedienend.
Die aufgehende Sonne beschien das schreckliche Bild des nächtlichen Kampfes, ein kleines Leichenfeld. Kalvukura und Lemunau waren tot, ebenso die Mehrzahl des Gefolges. Nur zwei Mann waren trotz ihren Wunden noch imstande, sich langsam fortzuschleppen und die Trauerbotschaft in die nächstgelegene araukanische Niederlassung zu bringen.
Ein Schrei der Entrüstung über die unerhörte Freveltat der Chilenen hallte bald darauf durch ganz Arauko. Auch im Hause des Königs am See Villarica ertönte ein entsetzlicher Schrei, als Kalvun seiner Schwester die gewaltsame Entführung des Gatten und den Tod des Vaters mitteilte. Rupaillang wand sich in Krämpfen. Ein totes Knäblein an der Seite der toten Mutter — die erste Königin Araukos mit dem heißersehnten Erben — kalt und stumm lagen beide da.
Eine Kaziken- und Ältestenversammlung wurde zur Besprechung der Lage einberufen. Sie wurde auf demselben Platze abgehalten, auf dem letztes Jahr Antonio zum König gewählt worden war. Die einen wollten eine sofortige Kriegserklärung an Chile, Rache um jeden Preis für den angetanen Frevel, die andern wollten Land und Volk nicht durch einen höchst ungleichen Kampf dem sicheren Untergang aussetzen. So waren die Meinungen geteilt.
Da stand wieder der Greis Namunkura auf. »Vor einem Jahre glaubte ich noch an die Möglichkeit, unser Volk wieder zu alter Macht und altem Ruhm führen zu können«, sprach er. »Der richtige Mann hierzu war unstreitig unser Antonio. Nun er uns geraubt, für immer genommen ist, zweifle ich nicht länger mehr an der Tatsache unseres unabwendbaren Unterganges. Der Weiße zertritt uns, die er, wie Antonio richtig sagte, nur deshalb noch duldet, weil er sich seiner Überlegenheit über uns bewußt ist. Lassen wir das Geschick seinen Weg gehen und halten wir trotz aller Beleidigung Frieden! Das möchte ich euch raten.« Müde setzte sich der Greis nach dieser Rede.
Die Worte des Ältesten machten auf die Versammlung tiefen Eindruck. Trotzdem kam keine Einigung zustande. Erst das Chuecaspiel entschied zuungunsten der Kriegspartei. Kalvun, der die Kazikenwürde seines Vaters geerbt hatte, wie auch seine Brüder knirschten im stillen vor Wut, daß der Tod des Vaters und der Schwester, der Verlust des Schwagers ungerächt bleiben sollten; aber sie mußten sich fügen und das für sie ungünstige Ergebnis der Chueca anerkennen.
Als Tounens aus der seiner gewaltsamen Entführung folgenden schweren Betäubung endlich erwachte, bemerkte er, daß er in einem geschlossenen Wagen lag, der so schnell wie möglich nach Norden fuhr. Der Lasso war entfernt worden, an dessen Stelle aber befanden sich Handfesseln, auch seine Füße waren mit einem Riemen zusammengebunden. Mit grimmiger Wut sah Tounens beim Lichte des Tages seine Fesselung, die ihm jede freie Bewegung der schmerzenden Glieder unmöglich machte. »Wie einen gemeinen Banditen behandeln mich die Schufte!« knurrte er zornig vor sich hin. — »Heda!« rief er einen Offizier, der neben dem Wagen ritt, durch die zerbrochene Fensterscheibe an. »Ist dies vielleicht bei Ihnen die Art, wie man einen Edelmann behandelt?«
Der Offizier gab keine Antwort.
»Sind Sie stumm?« brüllte Tounens, sich in seinem Zorne der französischen Sprache bedienend. »Geben Sie Antwort!«
»Ich handle nur meinem Befehle gemäß«, erwiderte der Chilene in fließendem Französisch.
»Und der lautet natürlich auf Überfall, Mißhandlung, Knebelung und feigen Meuchelmord, nicht wahr?« höhnte Tounens. »Ihr seid alle elende Wichte!«
»Sparen Sie Ihre Worte! Sie nützen nichts.«
»Leider ja. Trotzdem sollen Sie hören, was ich von Ihnen und Ihrem Volk denke, und wäre ich nicht gebunden wie ein Verbrecher, so würde ich Ihnen mit ganz besonderem Vergnügen den Kragen umdrehen!« schrie Tounens, in neue Wut geraten.
»So ist es nur gut, daß Sie an dieser menschenfreundlichen Absicht gehindert sind«, erwiderte der Chilene lachend.
Tounens verfiel in dumpfes Brüten. Stunden vergingen so.
Vor einem größeren Hause, einer Fonda an der Straße, wurde Halt gemacht. Die Fußfesseln wurden dem Gefangenen abgenommen und ihm von dem führenden Offizier bedeutet, er könne aussteigen, würde aber beim geringsten Fluchtversuch sofort erschossen.
»So bleibe ich im Wagen.«
»Steigen Sie doch aus und genießen Sie etwas! Sie schaden sich nur selbst.«
»Sagen Sie mir zuerst, wohin ich gebracht werde und was aus meinem Gefolge in dieser Nacht geworden ist!« drängte Tounens den Offizier.
»Das sind zwei Fragen. Die eine beantworte ich damit, daß Sie nach Santiago geführt werden, die zweite lasse ich unbeantwortet.«
Eine entsetzliche Ahnung stieg in Tounens auf. »So habt Ihr meine Leute getötet, o großer Gott! Sprechen Sie, ich bitte darum!«
Der Offizier schwieg und sah verlegen zu Boden.
»Packen Sie sich!« rief der Franzose fast wahnsinnig vor Erregung, als er durch das stumme Benehmen des Chilenen die Bestätigung seiner Ahnung erhielt. »Packen Sie sich fort aus meinen Augen, Mörder und Räuber, der Sie sind! Aus Ihrer Hand nehme ich, der frei gewählte König von Arauko, nichts an; eher will ich sterben. Und nun kein Wort mehr!« herrschte er den Offizier an, als dieser etwas entgegnen wollte. »Fort mit Ihnen, mir aus den Augen!« Tounens legte sich in die Ecke des schlechtgepolsterten Wagens. Der Schmerz um das Verlorene, um Rupaillangs Vater, um die Gattin selbst drohte ihm die Besinnung zu rauben. Lautes Stöhnen drang aus seiner heftig arbeitenden Brust.
Der große Schmerz des Gefangenen verfehlte nicht, sogar auf die rohen Soldaten Eindruck zu machen. Sie enthielten sich aller boshaften Bemerkungen und verrichteten ihre Aufgabe der Bewachung in ruhiger Weise.
Die Reise wurde fortgesetzt; nur zeitweise wurde gehalten, um die Pferde zu wechseln und den Mannschaften eine kleine Ruhepause zu gönnen. So ging es Tag und Nacht fort. An die Stelle der Wutanfälle war bei Tounens nach und nach ein gleichgültiger Zustand getreten; die durchgemachten fürchterlichen Aufregungen, verbunden mit dem Mangel aller Nahrung, hatten seine Kraft vorübergehend gebrochen.
Mehr tot als lebendig wurde der Indianerkönig einige Tage später in Santiago eingeliefert. Hier wurde sofort alles getan, um dem Gefangenen seine Lage erträglich zu machen. Die veränderte rücksichtsvolle Behandlung, die ihm zugebilligte anständige Umgebung bewirkten schließlich, daß der unglückliche Mann wieder Nahrung zu sich nahm und sich wieder zu erholen begann. Aber alle seine Bitten um Auskunft über das Geschick seiner Araukaner und seiner Gattin wurden nicht erfüllt. Arauko mußte, wie es schien, für ihn ausgelöscht sein. Diese Ungewißheit schuf Tounens die schlimmsten Qualen. Eine düstere Schwermut, manchmal noch unterbrochen durch Rückfälle in Tobsucht, fing an, ihn mehr und mehr zu beherrschen, und gab den Machthabern der Republik den erwünschten Grund, den Franzosen für irrsinnig zu erklären. Mit diesem einfachen Auswege wurde nicht nur ein peinlicher öffentlicher Prozeß vermieden, sondern auch allen möglichen diplomatischen Verwicklungen am besten aus dem Wege gegangen. Tounens konnte also mit dieser Begründung des Landes verwiesen werden, ohne eine Strafe für die Gründung einer Monarchie auf chilenischem Gebiete zu erleiden. Er wurde auf ein Schiff gebracht und landete nach monatelanger Überfahrt 1863 in Bordeaux.
Als halbgebrochener, vor der Zeit gealterter, tiefernster und wortkarger Mann langte Tounens in seiner alten Heimat an. Jahrelang lebte er ruhig, für sich allein, aus der Rente des ihm noch gebliebenen Vermögens, im geheimen sorgfältig bewacht von Agenten der französischen Regierung. Alle seine Versuche, aus Arauko irgendwelche Nachrichten zu erhalten, blieben ohne Erfolg. Die Zeit heilte langsam die Wunden des so schwer getroffenen Mannes; sein Mut und seine alte Willenskraft kehrten zum Teil zurück und nährten in ihm die stille Hoffnung, seine Gattin, die ihm in der Erinnerung nur noch teurer erschien, wieder besitzen zu dürfen, sein ehemaliges Königreich allen äußern Gewalten zum Trotz eines Tages wieder betreten und mit den treuen Araukanern Rache an Chile für die ihm zugefügte schwere Unbill nehmen zu können. Diese Hoffnung ließ Tounens alles ertragen und geduldig die Zeit der Rückkehr erwarten, die seiner festen Überzeugung nach eines Tages sicher kommen würde, kommen mußte.
Er sollte sich in dieser Hoffnung nicht täuschen. Der Sommer 1870 war gekommen. Am 4. September war das französische Kaiserreich durch die Siege der in Frankreich eindringenden Deutschen zusammengebrochen. Das ganze Land und die übrige Welt war des Krieges wegen in ungeheurer Aufregung. Kein Mensch dachte mehr an eine Beobachtung Tounens'. Die Agenten waren verschwunden, der Kriegswind hatte sie ebenso plötzlich weggefegt wie die sie bis jetzt bezahlende Regierung. Tounens' Stunde hatte geschlagen. Während die deutschen Truppen gegen Orleans marschierten, schwamm Tounens bereits auf hoher See, Südamerika zu.
Die Jahre, die der frühere Araukanerkönig in seiner alten Heimat zugebracht hatte, waren von den Chilenen gegenüber Arauko tüchtig ausgenützt worden. Um jedem Aufstand oder Auflehnungsversuch der Indianer von vornherein rasch und sicher begegnen zu können, wurden Straßen durch die Urwälder des Araukanerlandes angelegt, ebenso da und dort Forts, und der Telegraph verband alle wichtigeren Orte. Ihrer Ohnmacht und zahlenmäßigen Schwäche bewußt, hatten sich die Araukaner diese in ihren Augen unverzeihlichen Eingriffe der Chilenen in ihre alten Rechte gefallen lassen müssen. Hätten die zu dieser Zeit unter den tapferen Indianern wütenden, ihnen von den Chilenen gebrachten Pocken nicht eine erschreckende Anzahl von Menschenleben dahingerafft, hätte Chile, ohne schweren Widerstand zu finden, seine Sicherheitsmaßregeln nicht ausführen können.
So lagen die Dinge, als Tounens wieder auf argentinischem Boden landete und mit einigen Pampasindianern — seine alten Freunde wagte er aus Gründen der Vorsicht nicht aufzusuchen — und gekauften Pferden den Kordilleren zustrebte. Eine finstere Entschlossenheit spiegelten seine Gesichtszüge wider, als er sich bewußt wurde, die Grenze von Argentinien überschritten zu haben und wieder auf Chiles Boden zu sein. Nach tagelangem Umherirren in der gewaltigen Gebirgswelt gelang ihm endlich der Übergang über die Ausläufer der Anden in der Richtung auf den Vulkan Villarica. Keine Menschenseele hatte er auf dieser Suche nach einem beschreitbaren Pfade angetroffen. Er atmete erleichtert auf. Es war ihm erspart geblieben, Menschenblut zu vergießen, um sich den Weg in sein ehemaliges Königreich zurückzubahnen. Tounens betrachtete diesen Umstand als ein gutes Zeichen.
In stiller Majestät und im Glanze des sommerlichen Februartages erhob sich die schneeige Pyramide des Villarica. Mit welchen Gefühlen der Freude und Hoffnung hatte Tounens vor mehr als zehn Jahren diesen Berg aus der Ferne begrüßt! Und heute? Was lag nicht alles zwischen damals und eben diesem Heute! Keine freundlichen Gedanken wollten in des Mannes Geist einziehen, der da einsam, entfernt von seinen Dienern, auf dem Boden lag und unverwandt nach dem Berge hinüberstarrte, an dessen Fuß der See lag, wo er die schönsten Stunden seines Lebens verbracht hatte. Ein tiefer Seufzer hob Tounens' Brust und stahl sich über seine Lippen. Wie es jetzt wohl aussehen mag da, wo ich mit Rupaillang einst gewohnt? Ob sie meiner auch noch so gedenkt, wie ich ihrer, ob mein Kind, ein Knabe, ein Mädchen, mich mit der Mutter erwartet? Wie gerne will ich auf mein Königreich, auf alles verzichten, wenn mir nur die Gattin, die Mutter meines Kindes, dieses selbst erhalten geblieben sind! Großer Gott, sei nicht so grausam und raube mir nicht diese letzte Hoffnung! Eine heiße Träne rollte aus dem Auge des ernsten Mannes in den völlig ergrauten Bart.
Er stand auf. »Bald werde ich Gewißheit haben, ob ich noch an ein letztes Glück auf Erden glauben darf. Einstweilen habe ich keine Ursache, kleinmütig zu sein. Die verdammten Nerven spielen mir oft übel mit; aber daran sind diese Schurken schuld!« Zornig schüttelte Tounens die Faust gen Norden. »Oh, wenn ich es noch vermag — die Abrechnung mit euch Banditen soll nicht ausbleiben! — Vorwärts«, befahl er seinen Dienern, »hinein ins Araukanerland zu meinen Freunden!«
Zwei Tage später ritt Tounens auf die ehemalige Residenz seines Schwiegervaters zu. Wie traut, wie wohlbekannt erschien ihm hier noch alles! Kinder spielten vor dem Hause. Ob eines davon wohl sein eigenes war? Erschrocken über des Fremden Erscheinen, stob die Kinderschar schreiend auseinander und flüchtete sich in das Haus. Ein Indianer mit dem Kazikenabzeichen trat aus der Tür, um die Ursache des kindlichen Schreckens zu erforschen.
»Kalvun!« rief Tounens vom Pferde herab, als er den Araukaner sah. »Kalvun, ich bin es, Antonio!«
Der Kazike eilte auf Tounens zu und fing, sprachlos vor Überraschung und Freude, den vom Pferde Steigenden in seinen Armen auf.
»Kalvun, wo ist mein Weib, wo ist Rupaillang und unser Kind?« fragte Tounens hastig.
»Komm, Antonio, fasse dich, sei ein Mann!« antwortete Kalvun. »Ich habe dir viel zu erzählen.«
Tounens begann am ganzen Körper zu zittern; die Worte seines Schwagers erschreckten ihn furchtbar und erfüllten ihn mit schlimmen Ahnungen; er vermochte sich im ersten Augenblicke nicht von der Stelle zu bewegen.
Voll Mitgefühl betrachtete der Kazike die seelische Erschütterung Antonios. »Komm, Antonio, komm herein!« Damit führte er den nicht mehr Widerstrebenden ins Haus, den Dienern Tounens' Befehl zum Absatteln erteilend.
Neugierig umstanden die Frauen und Kinder den Fremden, der sich, teilnahmslos gegen seine Umgebung, auf eine Matte gelegt hatte. Kalvun wechselte einige leise Worte mit einer der Frauen, worauf die ganze Familie still und geräuschlos aus dem Hause verschwand.
»Ich dachte mir wohl, daß du noch einmal kommen würdest, Antonio«, begann Kalvun nach langer Pause. »Es hat sich viel, sehr viel geändert, seit du uns geraubt wurdest. Die Chilenen haben Straßen in unser Land hereingebaut, Festungen angelegt und ...«
»Das alles will ich nicht wissen«, unterbrach Tounens den Schwager fast heftig. »Sag mir zuerst, wo und was ist mit Rupaillang!«
Kalvun blickte Tounens traurig an; leise zögernd kamen die Worte aus seinem Munde: »Sie ist tot, tot dein Kind, ein Knabe, tot, alles, alles tot.«
Ein fürchterlicher Schrei war die Antwort Tounens' auf diese wie ein Blitzstrahl all sein Hoffen zerschmetternde Botschaft.
Der Kazike stand auf und ließ seinen Schwager allein. Angesichts dieses grenzenlosen Schmerzes konnten Worte nicht trösten; das fühlte auch der einfache Sohn der Natur. Tounens mußte mit sich selbst und seinem Unglück allein fertig werden.
Stundenlang lag der Unglückliche da. Hin und wieder sah Kalvun besorgt nach ihm. Erst gegen Abend hatte sich Tounens so weit gefaßt, daß er seines Schwagers Erzählung mit Ruhe anhören konnte.
»Die Chilenen werden sicherlich wieder auf dich Jagd machen, sobald sie von deiner Anwesenheit im Lande vernehmen, Antonio«, schloß Kalvun seinen inhaltsreichen Bericht.
»Ich will dich und die deinen, meine Araukaner überhaupt, nicht der Gefahr aussetzen, meinetwegen in schwere Bedrängnis zu kommen. Wohl träumte ich noch kürzlich von Rache, ja ich sehnte mich geradezu nach ihr. Nun aber, da ich alles, alles verloren habe, hätte sie für mich keinen Sinn, keine Befriedigung mehr; für euch aber würde sie nur vermehrtes Unglück bedeuten.«
»Wir stehen trotz alledem zu deiner Verfügung, Antonio, wenn du bleiben willst. Wir fürchten den Kampf nicht«, entgegnete der Kazike blitzenden Auges.
»Gleichviel, ich werde schon um euretwillen nicht bleiben. Laß mich ein paar Tage ruhig hier bei dir rasten! Dann reite ich wieder fort.«
»Mein Haus ist das deine, Antonio. Im übrigen ist dein Heim noch in demselben Zustande, wie du es verlassen hast.«
»So will ich dahin gehen, wo ich mit Rupaillang so glücklich war. Die Erinnerung daran wird Balsam für mein krankes Herz sein.«
Kalvun brachte seinen Schwager in den ehemaligen Herrschersitz.
Einige Tage waren still verflossen, als der Kazike eines Abends aufgeregt in Tounens' Haus trat. »Mach dich rasch fertig, Antonio!« rief er. »Die Hunde sind bereits auf deiner Spur.«
Tounens sprang kampfesmutig auf, den geladenen Revolver ergreifend. »Ah! Etwas Rache für die Schandtaten werde ich an den Schuften am Ende doch noch nehmen.«
»Gehen wir, Antonio!« drängte Kalvun den Wütenden. »Alles ist zur Abreise gerüstet. Ich bringe dich auf sicherem Pfade hinüber über die Berge. Meine Leute kommen ebenfalls mit zum Schutze deiner Person.«
»Laß mich noch einige Andenken an Rupaillang mitnehmen!« bat Tounens. »So viel Zeit wird mir wohl noch bleiben.«
Kalvun willfahrte der Bitte und half seinem Schwager beim Einpacken all der verschiedenen mitzunehmenden Dinge.
Darüber war es dunkel geworden. Im Schatten der Nacht brachen Tounens und seine Begleiter auf. Kein Mond leuchtete am Himmel; dafür aber funkelten an ihm ungezählte Sterne, als die Reiter Osten zu ritten. Die Nacht ging ohne Unfall vorüber. Am nächsten Morgen begann der langsame Anstieg gegen das Gebirge und die Grenze des Araukanerlandes. Da tauchten plötzlich zur Rechten des Weges, wie aus dem Boden gewachsen, chilenische Soldaten aus dem sie verborgen haltenden Waldesdunkel auf und schnitten den Reitern den Weg ab. Ein Vorwärtskommen war ebenso unmöglich wie ein Rückzug.
»Ergebt euch!« forderte der chilenische Befehlshaber die Schar auf.
Als Antwort sprengte Tounens auf den Offizier zu und schoß ihn vom Pferde.
Der Schuß war das Zeichen zum allgemeinen Kampfe. Die chilenische Abteilung war nach kurzem Gefechte vollständig vernichtet; nicht ein Soldat blieb übrig. Aber auch die Araukaner hatten Verluste. Zu Tode getroffen lag Kalvun auf der Erde; er vermochte nicht mehr zu sprechen und drückte Tounens nur noch einmal schwach die Hand zum Abschiede für immer. Ein plötzliches Zittern lief durch den Körper des Kaziken, dann brachen seine Augen.
Die den Kampf überlebenden Indianer nahmen die Leiche ihres Kaziken mit nach Hause, nachdem sie sich von ihrem einstigen König ehrerbietig verabschiedet hatten. Dieser aber zog wieder hinüber über das Weltmeer — diesmal als völlig gebrochener Mann.
Im Jahre 1878 starb bei Bordeaux Orélie Antoine de Tounens, der erste und letzte König von Arauko.
Ein warmer Sommertag ging zu Ende. Tief im Westen neigte sich die Sonne zum Untergang. Ihre letzten Strahlen ließen die Höhenzüge der Kordilleren in glühendem Purpurrot aufleuchten. Klar und scharf hob sich das Gebirge vom dunkelblauen Abendhimmel ab und lag so friedvoll da, als gäbe es keinen Menschenjammer in dieser sonnedurchleuchteten Landschaft. Schon senkten sich leise Schatten auf die Plaza der Stadt Santiago de Chile, die heute von einer außergewöhnlich großen Menschenmenge angefüllt war. Man schrieb den 10. November 1814. Etwas Unerhörtes, Schreckliches mußte geschehen sein; das bewies die ganze Haltung der Menge. Bloße Neugierde hatte die vielen Menschen nicht hierher geführt. Angst, Furcht drückte die Mehrzahl der Gesichter aus. Schmerz und Haß spiegelten andere wider; da und dort aber verrieten die Augen und die Gebärden einzelner auch grimmige Genugtuung und Freude über gesättigtes Rachegefühl.
Die Liga der chilenischen Vaterlandsfreunde war in der vergangenen Nacht durch einen Gewaltstreich des spanischen Satrapen Osorio gesprengt und ihre Mitglieder waren ins Gefängnis geworfen worden. Mit Blitzesschnelle hatte sich am Morgen diese Nachricht in der ganzen Stadt verbreitet. Viele Gerüchte gingen um. Wieviel Wahres, wieviel Unwahres an ihnen war, vermochte bloß der zu unterscheiden, der in die Verhältnisse eingeweiht war. Nur so viel war gewiß, daß die angesehensten Bürger Santiagos verhaftet und einstweilen in dem an die Plaza stoßenden Gefängnis untergebracht waren. Heute abend noch sollten die Männer, die für die Freiheit ihres Vaterlandes, für dessen Loslösung von dem unerträglich gewordenen spanischen Joche mutig eingetreten waren, von Santiago zunächst nach Valparaiso gebracht werden, um von da aus in die Verbannung zu ziehen.
Immer erregter wurde das Volk, das sich auf dem weiten Platze stieß und drängte. Laute Flüche und Verwünschungen schleuderte die unbewaffnete Menge der spanischen Soldateska entgegen, die den Platz gegen das Gefängnis hin absperrte. Mit Hohn und Spott erwiderten die Soldaten im Bewußtsein ihrer Macht. Höher und höher gingen die Wogen der Erregung.
Da erschallte plötzlich Trommelwirbel, Befehle wurden gegeben, und mit aufgepflanztem Bajonette drangen die Soldaten gegen die drohende Volksmenge vor, der nichts anderes übrig blieb, als in ohnmächtigem Zorne vor der Waffengewalt zurückzuweichen. Die Tore des Gefängnisses öffneten sich. Unter starker Bedeckung wurden die Opfer spanischer Willkür langsamen Schrittes herausgeführt. Es waren meist ältere Männer, deren stolze Haltung auch das Unglück, das über sie hereingebrochen war, nicht zu brechen vermocht hatte und deren feurige Blicke mit ihren weißen Haaren in seltsamem Gegensatz standen. Eine tiefe Stille, der Ausdruck ehrlichen Wehs, beherrschte die Menge, als sie diejenigen erblickte, die, gestern noch im Vollbesitz von Ehre, Ansehen und Vermögen, nun alles verloren hatten, um alles gebracht waren, was das Leben schön machte, und trotzdem mutig einem ungewissen Schicksal entgegengingen.
Plötzlich drängte sich ein junges Mädchen durch die Schar der Zuschauer. Aus ihren großen schwarzen Augen sprachen Verzweiflung, Schrecken, Entsetzen. Wirr hing ihr das dunkle Haar um das bleiche, schmerzentstellte Antlitz, und die kleinen Füße trugen kaum noch das schlanke, kaum zur Jungfrau entfaltete Menschenkind. Achtungsvoll und mitleidig machte man der Armen Platz.
»Es ist die Tochter von Don Juan Enrique Rosales«, flüsterten da und dort, als Antwort auf neugierige Blicke, solche, die das Mädchen kannten.
Aber Rosario Rosales hörte nichts. Vorwärts trieb es sie, vorwärts nach dem von den Soldaten abgesperrten Raum hin. Jetzt hatte sie die Posten erreicht.
»Zurück, Señorita!« fuhren die Vordersten das Mädchen an, als es versuchte, an ihnen vorbei zu den Gefangen zu gelangen. »Hier ist nichts für Euch zu suchen.«
»Ich will, ich muß zu meinem Vater!« schrie Rosario. »Dort, dort ist er! O laßt mich um Gottes Barmherzigkeit willen durch!«
»Ah, die Tochter eines Aufrührers!« Höhnisch lachte einer der Soldaten, ein Unteroffizier. »Macht's kurz! Schlagt das Ungeziefer tot!«
Aber der Reiz der jugendlichen Schönheit, erhöht durch den tiefen Schmerz des Kindes um den Vater, hatte mehr Gewalt über die rauhen Krieger als der Rat ihres Vorgesetzten; sie begnügten sich damit, allen Bitten, allem Flehen des Mädchens, allen Versuchen durchzudringen, stillen Widerstand entgegenzusetzen. »Es nützt alles nichts, geht nach Hause! Geht fort! Hier darf niemand von Euresgleichen durch.«
»Vater, o Vater, so hilf mir doch, daß ich zu dir kommen kann!« rief Rosario mit herzzerreißender Stimme. »Dein Kind will zu dir! Ohne dich kann es nicht mehr leben! Ohne dich muß es sterben!«
Doch in dem wüsten Lärm, der nun folgte, verhallten die Hilferufe des armen Kindes wirkungslos. Unter lautem Schreien der Soldaten mußten die Gefangenen, durch Püffe und Stöße getrieben, schlecht geschirrte Pferde besteigen. Pechfackeln wurden entzündet, die durch lange Stricke aneinandergefesselten Geächteten in die Mitte einer starken Bedeckungsmannschaft genommen, und nun setzte sich der traurige Zug unter Trommelwirbel in Bewegung. Ein donnerndes, tausendstimmiges Viva erschütterte die Luft und übertönte für einen Augenblick den Trommelklang; es war der Abschiedsgruß der Einwohner Santiagos an ihre unglücklichen Landsleute.
Rosales Vater hatte vom Pferde herab mit scharfen Augen die geliebte Tochter unter der wogenden Menschenmenge herausgefunden und erkannt. Ein Leuchten ging beim Anblick der holden Gestalt über des alten Mannes ernste Züge. Sprechen, rufen konnte er nicht: der Schmerz der Trennung schnürte ihm förmlich die Kehle zu; aber während der wenigen Augenblicke, da er die Tochter noch sehen konnte, winkte er, soweit es der gefesselte Arm erlaubte, und warf ihr Kußhände zu. Dann verschwand der Zug in der hereingebrochenen Nacht.
Nacht wurde es auch im Empfinden Rosarios. Ihre Hände griffen in die Luft, und mit einem gellenden Schrei stürzte sie zu Boden.
Als sie nach langer Ohnmacht endlich wieder die Augen aufschlug, erblickte sie im Scheine einer Laterne, über sich gebeugt, das besorgte Antlitz ihres Bruders Joaquin.
»Du lebst! Gott und der heiligen Jungfrau Dank!« rief der junge Mann, dem schwere Tränen über die Wangen rannen. »Kind, Kind, wie habe ich dich heute überall gesucht, und nun muß ich dich hier finden, hier, unter all den fremden Menschen! Schon glaubte ich dich tot«, fuhr Joaquin hastig fort, »aber die Leute erzählten mir, was sich zugetragen hatte; doch erst jetzt glaube ich wirklich, daß du lebst.«
»Joaquin«, unterbrach Rosario seufzend des Bruders Worte, »o Joaquin, der arme, arme Vater! Sie haben ihn fortgeschafft, sie werden ihn umbringen! O großer Gott!« Und wieder sank Rosarios Kopf zurück auf das Steinpflaster, wieder schlossen sich ihre Augen.
»Um aller Heiligen willen, Rosario, komm zu dir!« jammerte Joaquin. — »Helft mir doch, ihr Leute!« wandte er sich an die neugierig umherstehenden Menschen. »Unser Haus ist nicht weit von der Plaza. Helft mir meine arme Schwester dahin tragen!«
Zwei Männer traten auf diese Aufforderung hin aus der Gruppe und hoben, durch Joaquin unterstützt, die Ohnmächtige vom Boden auf.
Wenige Minuten später befand sich Rosario zu Hause auf ihrem Bette. Ein schwerer Weinkrampf löste endlich ihren starren Zustand; die gepreßte Brust wurde durch die Tränen wenigstens etwas erleichtert. »Laß mich allein!« bat sie den Bruder, der voll Sorge an ihrem Lager stand. »Ich brauche nur Ruhe, dann bin ich wieder deine tapfere Schwester.«
Joaquin verließ das Gemach. Er kannte Rosario genügend, um zu wissen, daß er gegen den Willen der kleinen Schwester nichts auszurichten vermochte. Wie öde, wie einsam kam dem jungen Mann, als er das Wohnzimmer betrat, das väterliche Haus vor! Was hatten die letzten vierundzwanzig Stunden für Veränderungen gebracht! Die Geschwister, schon seit Jahren ohne Mutter, hatten sich innig an den Vater angeschlossen, der bestrebt war, ihnen die früh Verstorbene durch doppelte Liebe zu ersetzen. Laut aufstöhnend warf sich Joaquin in des Vaters Lehnstuhl. Da hatte der alte Mann gestern abend noch gesessen, fröhlich mit seinen Kindern plaudernd, nichts ahnend von der ihm drohenden Gefahr. Und jetzt? Wo mochte er sein? Wie mochte es ihm, dem schon lange Kränkelnden, ergehen? Die Bilder der Schreckensnacht traten wieder vor des Sohnes Auge: Sie waren bereits zur Ruhe gegangen, Vater und Kinder. Da, gegen Mitternacht, wurde roh und heftig an die Haustür geschlagen, so daß sie alle erschreckt aus dem ersten Schlafe auffuhren. Als sie endlich der wiederholten Aufforderung zu öffnen nachkamen, drangen Soldaten in den Hausflur; andere hatten, wie Joaquin im Lichte der Fackeln rasch erkannte, das Haus umstellt. Aus dem Bette rissen die Söldner Osorios den alten Vater; nur auf inständige Bitten der Kinder ließen sie es endlich zu, daß er sich wenigstens notdürftig bekleiden durfte. Dann schleppten sie ihn gefesselt fort. Das alles war das Werk weniger Augenblicke gewesen. O dieser elende Osorio! Er hatte es nur zu gut verstanden, die Patrioten mit schönen Worten und Versprechungen in Sicherheit zu wiegen!
In seiner großen Bestürzung hatte Joaquin nicht bemerkt, daß mit dem Vater auch Rosario verschwunden war. Doppelt groß kam ihm nun sein Unglück vor. Da endlich, nach langem Suchen, hatte er die Schwester diesen Abend auf der Plaza entdeckt, aber in welchem Zustande! Der junge Mann schauderte bei der Erinnerung, pries aber im stillen den Himmel, daß er ihm wenigstens Rosario erhalten hatte. Der großen Aufregung folgte naturgemäß die Abspannung. Joaquin schlief im Stuhle ein.
In die Augen der armen Rosario wollte kein Schlaf kommen.
Als der Vater fortgeschleppt worden war, da hatte sie sich in ihre Mantille geworfen und war, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, was sie tat, den Räubern des höchsten Gutes, das sie hienieden besaß, gefolgt. Doch als sie an das Gefängnis kam, hörte sie nur noch, wie das eiserne Tor krachend zugeschlagen wurde. Zitternd und bebend vor Angst um des Vaters Leben hielt sie eich an dem eisernen Gitter fest; aber all ihr Rufen, ihr Flehen, das Los des Vaters teilen zu dürfen, verhallte ungehört in dem dunkeln Gefängnishofe. Da kam ihr der Gedanke, alle diejenigen aufzusuchen und ihre Hilfe anzuflehen, die in den vergangenen glücklichen Tagen die Freunde ihres Vaters, ihrer Familie gewesen waren. So irrte sie im Dunkel der Nacht in der ausgedehnten Stadt umher. Die Straßen, die ihr sonst so vertraut waren, vermochte sie in ihrer Aufregung nicht mehr zu unterscheiden. Erst beim Scheine des heraufdämmernden Morgens fand sie den Weg zu einer angesehenen befreundeten Familie. Aber auch da war dasselbe Ungemach eingekehrt, das Haupt der Familie verhaftet, entführt. Und so war es überall, wohin sie im Laufe des Tages noch kam. Schmerz, Leid, unglückliche Menschen, die nicht zu helfen, nicht zu raten vermochten. Was konnte Rosario von diesen für den Vater, für sich erwarten? Gab es denn keinen Gott, keine Hilfe mehr? Oh, warum ließ es der himmlische Vater zu, daß ihr irdischer Vater schuldlos leiden mußte? Das Gebet in der Kathedrale vor dem Bilde des Gekreuzigten brachte ihr keine Erleichterung. Wiederum irrte sie fast sinnlos vor Schmerz durch die Straßen, die sich mehr und mehr mit aufgeregten, heftig redenden und sich gebärdenden Menschen füllten. Hunger und Durst spürte Rosario nicht, sie dachte an keine Erfrischung. Da, gegen Abend, hörte sie, daß auf der Plaza Wichtiges vorgehen werde, daß die Patrioten von Santiago fortgebracht werden sollten. So war sie auf den Platz geeilt, um zu dem Vater zu gelangen; aber nur noch einmal, nur von ferne konnte sie ihn sehen, um ihn wohl für immer zu verlieren.
Aufstöhnend vor namenlosem Weh schlug Rosario bei dieser Erinnerung die Hände vor das Gesicht. Was sollte sie tun? Dieser einzige Gedanke beherrschte all ihr Empfinden. Doch alles Grübeln war umsonst; sie kam zu keinem Entschluß. Ihre Übermüdung ließ kein klares Denken mehr zu. Die Natur trat endlich in ihre Rechte, und der Schlaf, dieser Tröster der Armen und Gequälten, ließ sie wenigstens für einige Stunden allen Jammer vergessen.
Das Licht der Morgensonne spielte auf den Blättern der Bäume und Sträucher in dem kleinen Garten, der den Innenhof des Rosalesschen Hauses bildete. Leise plätscherte der Springbrunnen, seinen feinen Wasserstrahl in ungezählte Tropfen auflösend, die, einem Prisma gleich, das Licht als zarten Regenbogen widerspiegelten. Einige buntfarbige Papageien kreischten in großen Käfigen in dem gedeckten Säulengang, der rund um den mit Blattpflanzen und Blumen geschmückten Hof lief, auf den die Zimmer des in altspanischem Stile gebauten Hauses mündeten. Der Hauch wohltuenden Friedens lag über allem.
Rosario hatte sich von ihrem Lager erhoben und ließ durch die offene Tür die frische Morgenluft vom Hofe hereinströmen. Die brennenden Augen kühlte sie mit dem Wasser des Brunnens; dann kleidete sie sich sorgfältig an. In ihr war endlich ein Gedanke gereift, und je mehr sie diesem nachhing, desto mehr beglückte er sie; ja sie fühlte sich ordentlich erleichtert, als sie sich ausmalte, welche wohltätigen Folgen ihr Schritt für ihren armen Vater haben, wie rasch das Unglück, das sie betroffen, gewendet sein würde. »Wie merkwürdig, daß mir dieser erlösende Gedanke nicht schon gestern gekommen ist!« sagte Rosario leise vor sich hin. »Ich hatte ganz den Kopf verloren; aber nun wird und muß es gehen, wie ich mir die Sache vorstelle.«
Unterdessen hatte auch Joaquin sich von seinem etwas unbequemen Lager erhoben. Die Glieder schmerzten ihn. Maria, die alte Dienerin des Hauses, kam auf sein Rufen mit vom Weinen verschwollenen Augen herbei. Seufzend deckte sie den Frühstückstisch. Der einzige Trost dieser treuen, an ihre Herrschaft anhänglichen Seele war, daß wenigstens Rosario, die von ihr abgöttisch geliebte junge Herrin, wieder aufgefunden und heimgebracht worden war. Das unbegreiflich lange Verschwinden des jungen Mädchens war für sie unter all den schlimmen Ereignissen der letzten sechsunddreißig Stunden das Schlimmste gewesen. »Ach, mein Gott«, klagte die Alte, während sie das Geschirr auf den Tisch stellte, »unser armer Herr, was er jetzt wohl machen mag?«
»Sie haben ihn aus Santiago fortgeschafft«, antwortete Joaquin dumpf.
»Wohin?«
»Das ist eben das Traurige, daß ich es selbst nicht genau weiß. Zunächst nach Valparaiso, aber nachher? O dieser niederträchtige Osorio!«
»Ja, ein Räuber, ein Mörder ist er! Und unsere arme Kleine, wie die leiden muß! Ich starb fast vor Schrecken, als sie uns gestern nacht ins Haus gebracht wurde. Wie eine Wachsfigur so leblos und doch wieder so schön wie ein Engel lag sie da.« Die Alte strich bei dieser Erinnerung mit der welken Hand über die Augen.
»Was macht Rosario? Warst du schon bei ihr?«
»Ja, Herr, sie steht gerade auf. Aber entsetzlich ist der starre Blick ihrer sonst so fröhlichen Augen; ich kenne meine liebe Rosario nicht mehr. O heilige Jungfrau, was hat diese eine Schreckensnacht aus dem zarten Kinde gemacht!«
»Ja, wir müssen viel dulden«, erwiderte Joaquin leise. »Ich wollte, ich könnte und dürfte mich an den Tyrannen, die unser schönes Chile beherrschen, unsere besten Männer wie Verbrecher mißhandeln, rächen. So aber muß ich mich, schon aus Rücksicht für den armen Vater, in ohnmächtigem Grimm verzehren und zuwarten, was das Schicksal weiter mit uns vorhat.«
»Es ist wirklich fürchterlich!« Die Dienerin nickte zustimmend.
»Und unsere Familie«, fuhr Joaquin fort, »ist nicht die einzige, die ihres Oberhauptes beraubt worden ist. Denke dir, viele, die Cienfuegos, die Eganas, Blanco Encalada, Solar di Roja und andere traf dasselbe Los.«
»Ist das möglich?« jammerte die alte Dienerin. »O großer Gott, du wirst diese Unmenschen zur Rechenschaft ziehen!«
»Ja, das wird er«, entgegnete der junge Mann. »Hoffen und vertrauen wir auf ihn und die Heiligen! Sie werden uns rächen.«
»Amen!« fügte Maria bei, indem sie sich andächtig bekreuzte und mit gesenktem Kopfe leise das Zimmer verließ.
Kurz darauf erschien Rosario. Die Geschwister begrüßten sich herzlich. Joaquins Bitten, etwas zu genießen, um mit den frisch belebten Körperkräften auch den gesunkenen Mut wieder zu heben, leistete die Schwester Folge. Stillschweigend verzehrten die beiden das einfache Frühstück. Dann lehnte sich Rosario in ihrem Stuhle zurück, den Blick nachdenklich auf die Decke des Zimmers gerichtet. Mit zärtlicher Aufmerksamkeit betrachtete sie der Bruder. Welche Veränderungen hatten die letzten Tage im Äußern des Mädchens hervorgebracht! Das war kein Kind mehr, das da vor ihm saß, das war ein entschlossenes Weib geworden. Joaquin stellte dies unwillkürlich fest, als er die Gesichtszüge der Schwester beim hellen Lichte des Tages studierte. Die feinen Lippen Rosarios waren zusammengepreßt, ein herber Leidenszug lag um den Mund. Die Mienen drückten eine Willenskraft aus, die erst das Unglück geweckt hatte. Der natürliche Liebreiz Rosarios wurde durch den tiefen Ernst der dunkeln Augen noch gehoben. Joaquin gestand sich, daß er seine Schwester noch nie so schön gesehen habe wie in diesem Augenblick. Welche schweren Gedanken mochten sich hinter der hohen Stirne des Mädchens bewegen? Was mochte Rosario vorhaben? Denn daß ein Entschluß von ihr gefaßt worden war, offenbarte sich in ihrem stillen Sinnen.
»Höre Joaquin!« sagte das Mädchen nach langem Schweigen. »Ich habe mir vorgenommen, diese Stunde noch zu Osorio zu gehen.«
»Zu Osorio?« rief der Bruder erstaunt, kaum seinen Ohren trauend.
»Ja, zu Osorio.«
»Aber um aller Heiligen willen, was suchst du bei diesem Verbrecher?« erwiderte Joaquin erschrocken.
»Ich will ihn um die Freiheit unseres guten Vaters anflehen.«
»Das wird nichts nützen, liebe Schwester.«
»Oh, ich denke doch! Wie will ich bitten, wie will ich ihm alles vorstellen, ihm sagen, wie gut der Vater ist, wie er niemals auch nur den leisesten Gedanken daran gehabt hat, seinem Lande irgendwelchen Schaden zuzufügen, welch glühender Vaterlandsfreund er im Gegenteil ist. Und dann, ja, dann will ich Osorio vorstellen, wie kränklich der Vater ist, wie sehr er der Pflege durch seine Kinder bedarf, wie ihn diese wiederum nicht missen, nicht entbehren können. Meine Tränen werden, mit meinen Bitten vereint, das Herz des Gewalthabers erschüttern. Gott und die heilige Jungfrau habe ich in innigem Gebete um Erfolg angefleht, und gerade weil mich dieses Gebet so wunderbar beruhigte und stärkte, glaube ich an einen guten Ausgang meines Vorhabens.«
»Wollte Gott, du hättest recht! Aber Mädchen, bedenke doch nochmals, was du unternehmen willst! Es ist mir nicht möglich, zu glauben, daß von Osorio Gutes kommen kann, von ihm, der für mich der Gegenstand größten Abscheus, unversöhnlichsten Hasses geworden ist.«
»Ich hoffe und vertraue auf Gott, der die Herzen der Menschen oft in so wunderbarer, rätselhafter Weise lenkt. Er, der Allmächtige, wird mir helfen, Joaquin.«
»So gehe denn in seinem Namen, Schwester!« antwortete Joaquin ergriffen. »Aber mir, dem Bruder, steht es zu, dich zu begleiten.«
»Nur bis zur Türe von Osorios Haus«, entschied Rosario. Dann erhob sie sich, ergriff ihren Manto, den sie mit gewohnter Kunstfertigkeit über dem Kopf befestigte, und verließ, gefolgt von dem Bruder, das Haus.
Der Weg zum Palaste Osorios, dem Regierungsgebäude des chilenischen Vizekönigtums in Santiago, war nicht weit. Joaquin blieb an dem eisernen Tor des stattlichen Baues stehen, in dessen Innerem Rosario verschwand. Osorio war zu Hause. Das wurde dem Mädchen auf seine Frage nach dem Gewalthaber von der Wache berichtet. Ein Offizier, Osorios Adjutant, stand in dem Gange, auf den das Zimmer des Statthalters mündete. Mit frechem Blicke musterte der Spanier die schöne junge Chilenin, als diese auf ihn zutrat mit der höflichen Bitte um Einführung in Osorios Gemach. Doch bei dem hohen sittlichen Ernste des Mädchens, dessen ganzes Auftreten den Stempel der Vornehmheit trug, beschränkte sich der Offizier darauf, Rosario kurz zu fragen, wen er anzumelden habe.
»Die Tochter des Don Juan Enrique Rosales«, antwortete das Mädchen stolz.
Der Adjutant verschwand im Zimmer. Das Herz Rosarios begann zu klopfen, als bis zu ihr heraus eine kalte, rohe Stimme klang. »Doch Mut«, sagte sie sich, die Hand auf das pochende Herz pressend, »Mut! Gott ist mit mir. Seine Allgegenwart schützt mich.«
Die Türe öffnete sich, und mit einer Handbewegung lud der Adjutant Rosario zum Eintritt ein. Da stand sie nun dem gewalttätigen Manne gegenüber, der ihr so unbarmherzig den Vater geraubt hatte. Sie hatte ihn noch nie in unmittelbarer Nähe gesehen. Eine große Ruhe kam plötzlich über sie. Furchtlos blickte sie in das Gesicht Osorios, der, an seinen Schreibtisch gelehnt, das Mädchen von oben bis unten mit seinen schwarzen, stechenden Augen prüfend maß. Er war ein hagerer Mann, dieser spanische Statthalter, von gelber Gesichtsfarbe, die durch den tiefschwarzen Bart noch mehr hervorgehoben wurde. Roh, abstoßend war der ganze Mensch.
»Nun, Señorita«, sagte er nach Beendigung seiner Prüfung in höhnendem Tone, »was verschafft mir die Ehre dieses seltsamen Besuches?«
Rosario kniete nieder, hob die gefalteten Hände bittend gegen Osorio empor. »Herr«, sprach sie, »gebt mir meinen guten armen Vater zurück! Nehmt alles, was wir besitzen, nur laßt ihn uns, denn er hat nichts Übles getan!«
»Darüber steht Euch kein Urteil zu«, entgegnete Osorio groben Tones. »Euer Vater ist ein Aufrührer und wird als solcher behandelt.«
Rosario stand auf. »Mein Vater ein Aufrührer? Nein, Herr, er ist Chilene, glühender Vaterlandsfreund. Ist Vaterlandsliebe ein Verbrechen?« rief sie entrüstet.
»Vaterlandsliebe?« Osorio lachte spöttisch. »Eine schöne Vaterlandsliebe bei euch Chilenen, die ihr vergeßt, daß ihr spanische Untertanen seid! Ich werde euch Gehorsam lehren! Unterwerfung unter die Krone oder Tod! — Doch was rede ich über solches mit Euch!«
»Herr, bedenkt doch, das Alter meines Vaters!«
»Der trotzdem noch eine ganz hübsche junge Tochter hat!« höhnte Osorio.
»Er ist krank, er wird sterben«, klagte das Mädchen, die Bemerkung des Spaniers überhörend.
»Um so besser für ihn!« warf Osorio roh ein.
»Herr, habt Ihr denn kein Herz in der Brust? Habt Ihr nicht selbst Familie? Glaubt Ihr nicht an den Allmächtigen, der einst von Euch schwere Rechenschaft für das an meinem Vater begangene Verbrechen fordern wird? O Herr, seid barmherzig! Der Himmel wird es Euch lohnen.« Tränen erstickten Rosarios Stimme.
»Rechenschaft bin ich nur meinem König schuldig«, erwiderte der Statthalter kalt. »Spart Eure Worte, Señorita!«
»Herr, ich kann es nicht fassen, nicht glauben, daß Ihr uns den Vater für immer rauben, daß Ihr die Stimme des Gewissens nicht hören, den Zorn Gottes nicht fürchten wollt. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie zärtlich er ist, wie abgöttisch mein Bruder und ich ihn verehren und lieben, Ihr würdet den alten, gebrechlichen, so sehr der Liebe und Pflege bedürftigen Mann seinen unglücklichen Kindern nicht länger vorenthalten!«
Ungeduldig stampfte Osorio mit dem Fuße. »Genug!« schrie er zornig. »Ich habe wahrhaftig Gescheiteres zu tun, als das Gewimmer eines Mädchens anzuhören.«
»So ist alles, alles umsonst?« schluchzte Rosario.
Als Antwort wies der Spanier mit der Hand nach der Türe, und laut aufweinend vor Schmerz verließ das Mädchen das Zimmer.
Aus den verstörten Mienen Rosarios konnte Joaquin sofort die Ergebnislosigkeit des Besuches der Schwester bei dem Tyrannen ersehen. Voll brüderlichen Mitgefühls legte er den Arm um die zarte Gestalt und führte sie langsamen Schrittes nach Hause. Kein Wort wechselten die Geschwister unterwegs miteinander. Joaquin wollte den ihm heiligen Schmerz der Schwester nicht durch nüchterne Worte stören, und Rosario selbst erschien in diesem Augenblicke ihr Leid noch so unfaßbar groß, daß sie ihm keinen Ausdruck hätte verleihen können.
Maria brach in lautes Klagen aus, als sie, die Haustüre öffnend, in die schmerzentstellten Züge ihres Lieblings sah. Doch wie ein Wunder wirkte das laute Jammern der alten Dienerin auf Rosario; das Mädchen machte sich sanft vom Arme des Bruders los und richtete sich plötzlich, zum Staunen Joaquins wie Marias, mit rascher Bewegung auf. »Wir haben jetzt keine Zeit zu weiteren Klagen«, sagte sie. »Beruhigt euch, so schwer es euch auch wird! Jetzt heißt es handeln, und zwar so rasch wie möglich.«
»Was aber können wir tun?« fragte Joaquin, als seine Schwester sich auf einen Stuhl im Hausgange niedergelassen hatte.
»Wir müssen dem Vater nacheilen.«
»O Kind, das ist ebenso nutzloses Unternehmen wie dein Besuch bei Osorio!«
»Das mag sein, aber wir müssen alles versuchen, was in unsern Kräften steht«, erklärte Rosario.
»In unseren Kräften? O liebste Rosario, ich will zwar das ausführen, was du eben gesagt hast, ich will dem Zug der Gefangenen nacheilen, ich will ...«
»Du nur, du allein?« unterbrach die Schwester den Bruder.
»Ja, ich allein. Deine Kräfte sind erschöpft, du bist ein Mädchen. Bedenke, daß wir zu Pferde reisen müßten!«
»Gott gibt mir die Kraft, alles zu ertragen, um mein Ziel zu erreichen, glaube es mir, Joaquin! Ich gehe mit dir! Kann ich denn nicht auch reiten?«
»Das wohl. Aber bedenke den langen Weg von hier bis Valparaiso!«
»Ich werde ihn überwinden. O Joaquin, der Wille, zum Vater zu gelangen, ihn womöglich zu befreien oder, wenn dies nicht gelingt, sein Los mit ihm zu teilen, dieser Wille wird mir Kräfte verleihen, wird mich alle Schwierigkeiten besiegen lassen!«
»Du traust dir zu viel zu, Rosario.«
»So machen wir wenigstens den Versuch! Besser noch, unterwegs zu sterben, als sich hier langsam in der Ungewißheit über das Schicksal unseres guten Vaters aufzuzehren.«
»Gegen deinen Willen ist schwer aufzukommen«, erwiderte Joaquin traurig. »Sei es also! Ich füge mich auch diesmal wieder deinem Wunsche.«
»Du guter Bruder! Ich wußte es ja, daß du mir alles zuliebe tun würdest.«
»Aber Maria bleibt während unserer Abwesenheit hier«, entschied Joaquin nach kurzem Nachdenken. »Sie muß das Haus hüten bis zu unserer Rückkehr.«
»Gewiß«, beeilte sich Rosario zu sagen, »die gute Alte könnte uns ja auf unserer Reise ins Ungewisse nichts nützen.«
»Nimm mit, was du benötigst, Rosario! Ich denke, wir müssen so rasch wie möglich aufbrechen. Inzwischen will ich für Pferde besorgt sein.«
Damit ging der Bruder, und Rosario, erregt durch die Aussicht, dem Vater bald nacheilen zu dürfen, hatte mit Maria, die, still weinend über die bevorstehende Trennung, alles herbeibrachte, was ihre junge Herrin verlangte, das Notwendigste rasch besorgt. Einige unentbehrliche Kleidungsstücke und Wäsche für den Vater vergaß die besorgte Tochter ebensowenig einzupacken wie Geld, soweit es im Hause vorhanden war.
Der Ungeduld des Mädchens erschien die Abwesenheit des Bruders doppelt lange. Wie oft war sie nun schon durch alle die trauten Räume des Hauses geeilt, um nachzusehen, ob sie nicht noch da und dort etwas mitnehmen könnte, das sie in ihrer Eile etwa übersehen hätte! Aber alles war geordnet. Maria hatte ihre Verhaltungsmaßregeln für die Dauer der Abwesenheit ihrer Herrschaft schon mehrmals vernommen.
Einige Stunden waren so verstrichen, der Mittag war bereits angebrochen, als Pferdegetrappel auf der Straße Rosario unter den Hauseingang eilen ließ. »Endlich, endlich!« rief sie, als sie Joaquin erblickte, der, hoch zu Roß, ein zweites Pferd am Halfter mit sich führte.
»Ja, es hat lange gedauert, bis ich passende kräftige Tiere auftrieb«, entgegnete der Bruder. »Unser alter Freund Alvarez draußen in der Providentia, zu dem ich schließlich auf meiner Suche kam, hat mir seine beiden besten Pferde mit allem Zubehör gegeben.«
»Nun aber fort, gleich fort!« drängte Rosario.
»Noch etwas Geduld, Kleine! Die paar Minuten machen nun auch nichts mehr aus; nach dem langen Suchen, Rennen und Laufen fühle ich etwas Hunger.«
»So iß geschwind etwas! Ich selbst brauche nichts.«
»Du erst recht bedarfst der Nahrung«, beharrte Joaquin, als er abgestiegen war und die Pferde an den großen Messingring der Türe angebunden hatte. »Komm nur, Kind! Wir müssen uns auf den bevorstehenden langen Ritt stärken.«
Rosario folgte ein wenig widerwillig dem Bruder ins Haus zurück. Maria hatte bereits für Speise gesorgt, und so vollzog sich das Mahl der Geschwister rasch.
Dann wurden die Pferde bepackt, und nach herzlichem Abschied von Maria stiegen Bruder und Schwester auf. Mit Tränen in den Augen stand die Dienerin auf der Straße und folgte den Reitern mit den Blicken, bis sie in der Richtung gegen die Plaza ihren Augen entschwanden. —
Gegen Abend erreichten die Reisenden den Höhenzug der Küstenkordilleren. Zwischen diesen und den Hochkordilleren liegt die Stadt Santiago auf einer weiten Ebene. Bei Montenegro machten sie Halt. Der stundenlange Ritt an dem heißen Tage erforderte für Menschen und Tiere eine kurze Ruhepause. Von ihrem Lagerplatze aus übersah Rosario das schöne Land. Dort in der Ferne grüßten die Türme ihrer Vaterstadt im Abendsonnenschein zu ihr herüber. Deutlich konnte sie in der klaren Luft das Wahrzeichen und den Stolz Santiagos erblicken: Santa Lucia, den gewaltigen, über dreihundert Fuß hohen Porphyrfelsen inmitten der Stadt. Ein leises Weh zog in des Mädchens Herz, als sie ihre Blicke auf dem Orte ruhen ließ, der ihr so teuer war und den sie verlassen hatte, um dem Ungewissen entgegenzuziehen. Ob sie Santiago wohl wiedersehen würde? Das wußte Gott allein. Aber lieber alles vermissen, alles dulden und ertragen — wenn sie nur dadurch zum Vater gelangen und dessen schweres Leben als Gefangener erleichtern konnte! Dieser Gedanke erhob sie und erleichterte ihr das Scheiden aus der engeren Heimat. Trotzdem aber konnte sie, während sie still neben dem Bruder lag, die Augen kaum von dem wundervollen Rundblick wenden, der sich ihr hier oben bot. Sie glaubte, ihr Land noch nie so schön gesehen zu haben. Grüne Matten wechselten mit Getreidefeldern und Rebenanlagen; machtvoll entwickelte Pappelbäume bildeten lange grüne Linien, die sich aus der Ebene stimmungsvoll abhoben. Da und dort erblickte man Haine von Fruchtbäumen aller Art, und dazwischen, einem silbernen Bande gleich, den aus den Kordilleren kommenden Fluß Mapocho. Ach, die Kordilleren! Gab es denn anderswo auch so schöne hohe, mit ewigem Schnee bedeckte Berge wie in der Gegend von Santiago? Wie hing Rosarios Herz an diesen in der Sonne rötlich strahlenden Felsenmassen! »O Heimat, liebe Heimat, wie schön bist du! Und dich mußte der arme Vater auf solch entsetzliche Weise verlassen!« seufzte das Mädchen leise vor sich hin. Doch rasch faßte sie sich wieder. Sie wollte ihrem Bruder auf der Reise auch nicht die geringste Schwäche zeigen.
Als ob Joaquin ihre Gedanken erraten hätte, begann er: »Ein schönes Land, unser Chile, besonders aber Santiago, nicht wahr, Rosario?«
»Sicherlich, Joaquin.«
»Sieh dort drüben die majestätische Kette der Berge! Wie trotzig die Kordilleren ihre Riesenhäupter gen Himmel streckten! Ungebeugt, voll Kraft stehen die Riesen da, trotzdem Wind und Wetter, Schnee und Eis schon seit undenklichen Zeiten an ihnen nagen.«
»Eine Mahnung für uns, Joaquin!«
»Wieso?«
»Daß auch wir uns nicht beugen sollen unter Menschenwillen, unter die Roheit eines hergelaufenen Spaniers. Trotzig, felsenhart wie unsere Berge müssen wir dastehen, voll Mut und Entschlossenheit; dann wird einst unserm Lande die Sonne der Freiheit aufgehen.«
»Wahr gesprochen, Rosario! Deine Worte passen zwar nicht gut in den Mund eines Mädchens, aber sie ehren dein Empfinden. In unserm Falle nützt nur offener allgemeiner Aufstand. Bis dahin aber hat es noch gute Weile, denn unserm Volke fehlt die Führung.«
»So werde du einer seiner Führer!« rief Rosario mit blitzenden Augen. »Du, der Sohn Rosales', bist durch das Schicksal schon dazu bestimmt.«
»Das will ich auch tun, bei Gott, sobald unsere Stunde schlägt! Aber noch bin ich zu jung; mir fehlt die notwendige Anleitung durch Ältere. Und dieser älteren, ehrwürdigen, erfahrenen Männer hat sich Osorio bemächtigt, wohl wissend, daß er damit der Sache der Freiheit einen tödlichen Stoß versetzte.«
»Gleichviel«, erwiderte Rosario; »noch lebt da und dort in der Stille in Santiago ein Vaterlandsfreund, von Osorio glücklicherweise nicht gekannt. Halte dich an solche, besonders an Alvarez, und räche mit ihrer Hilfe deinen Vater und mich — mich, die wohl schwerlich jemals wieder diese Fluren da unten, diese Stadt ihrer Väter dort drüben erblicken wird!«
»Sprich nicht so traurig, Rosario!« suchte Joaquin zu trösten. »Vertrauen wir auf Gott und seine Hilfe!«
»Ja, das wollen wir, mein Bruder.«
»So laß uns nun aufbrechen, damit wir noch vor Einbruch der Nacht ein schützendes Obdach erreichen!«
Rosario folgte Joaquins Aufforderung, und bald darauf ritten sie abwärts gegen Tiltil.
»Du kennst den Weg, Joaquin? Ist es nicht derselbe, den gestern abend unser armer Vater machen mußte?«
»Doch, Rosario. Hier sind die Häscher mit den Gefangenen vorübergezogen. Sieh nur die vielen Huftritte im Boden!«
»So wäre es möglich, den Zug noch zu erreichen, bevor er in Valparaiso ankommt?«
»Unmöglich ist es nicht«, entgegnete Joaquin. »Immerhin aber bedenke, daß ein Vorsprung von nahezu vierundzwanzig Stunden selbst für unsere starken Tiere in diesem Gelände schwierig einzuholen ist.«
»Du kennst Valparaiso, Joaquin?«
»Ja, aber nur oberflächlich. Ich war einmal mit dem Vater dort, als du noch ein ganz kleines Mädchen warst.«
»Wohin sie wohl den guten Vater in Valparaiso bringen?« fragte Rosario.
»Wo anders hin als ins schmutzige, finstere Gefängnis!« erwiderte Joaquin grimmig. »O diese verruchten Henker!«
»Und was soll nachher aus unserm Vater werden? Großer Gott, ich ertrüge den Gedanken nicht, den guten Vater, zwischen Kerkermauern schmachtend, dahinsiechen zu wissen, aller Hilfe bar! Das kann, das darf nicht sein!«
»Liebste Schwester, was kann, was darf nicht sein?« fragte Joaquin die erregte Rosario. »Fragen danach vielleicht die Bedrücker unseres Vaterlandes? Das ist es ja eben, was uns Chilenen die spanische Herrschaft so tief verhaßt gemacht hat, das rohe, unmenschliche System dieser Statthalter und ihrer Helfershelfer, diese Willkürherrschaft von Menschen, die nur auf die Sättigung ihrer Begierden und schlechten Neigungen, ihres persönlichen Hasses ausgehen.«
»Und weil unser Vater sich über diese rohe, entmenschte Regierung mißbilligend geäußert hat«, rief Rosario in edlem Zorne, »deshalb reißt man ihn wie einen Verbrecher nachts aus dem Bette, wirft ihn ins Gefängnis und sucht ihn zu töten! Ja, so verfährt Spanien mit den Besten seiner ehemaligen Söhne. Oh, wäre ich ein Mann und nicht nur ein schwaches Mädchen! Mit Freuden würde ich an dem kommenden Tage des Kampfes die Waffen ergreifen und an deiner Seite gegen diese Räuber fechten, Joaquin.«
»Wie glühend du dein Vaterland liebst, Rosario! Ich kenne dich in deinem Eifer kaum mehr«, entgegnete Joaquin voll Anerkennung.
»Vor allem bin ich die Tochter Rosales'; seines Namens will und werde ich stets würdig sein.«
Schon am nächsten Tage kamen die Geschwister spät abends in die Nähe von Valparaiso. Rosario, des langen Reitens ungewohnt und durch die glühende Hitze des Sommertags halb verschmachtet, konnte sich kaum noch im Sattel halten. Der Gedanke, mit jedem Hufschlag ihres starken, ausdauernden Pferdes dem Gefangenenzuge näher zu kommen, ihn womöglich noch unterwegs, noch vor Valparaiso, anzutreffen, ließ sie seit dem frühesten Morgen geduldig die beschwerliche Reise ertragen. Jetzt aber war sie am Ende ihrer Kraft.
Die letzte Nacht hatten die Geschwister in einem einfachen Bauernhause, einem Rancho, am Wege zugebracht. Von Schlaf war keine Rede gewesen. Auf einer Holzbank sitzend, hatten sie den Anbruch des Tages erwartet. Die Pferde hatte man in dem umzäunten Hofe frei laufen lassen. Ein wenig grünes Futter genügte den anspruchslosen Tieren, um wieder leistungsfähig zu sein. Dann hatte Joaquin sie wieder gesattelt, und die Geschwister waren in aller Stille fortgeritten. Still war auch dieser ganze Tag verlaufen. Die Landschaft, die sie durchritten, hatte einen wüstenartigen Charakter. Kein schattenspendender Baum, kein Strauch war weit und breit zu sehen. Mächtige Säulenkakteen wuchsen überall in Menge, und diese, in Verbindung mit dornigem Gestrüpp, bildeten stundenlang den ausschließlichen Pflanzenwuchs der Gegend.
Von dem wolkenlosen tiefblauen Himmel brannte die Sonne unbarmherzig auf die Reiter herab. Mit Schrecken malte sich Rosario die Leiden des Vaters aus, der dürstend, allen Schutzes bar, bei solcher Sonnenglut gestern durch diese Landschaft geschleppt worden war. Ob er derartige Anstrengungen und Entbehrungen bei seinem ohnehin schon sehr geschwächten Körper ausgehalten hatte? Vielleicht war er unterwegs noch schlimmer erkrankt, vielleicht hatten rohe Soldaten ihn gar mißhandelt. »Allmächtiger, laß mich ihn wiederfinden!« flehte Rosario in stillem Gebet. Doch mehr und mehr bemächtigte sich ihrer durch die Einwirkung der Hitze eine dumpfe Gleichgültigkeit. Stundenlang wechselten die Geschwister kein Wort mehr; denn auch Joaquin litt unter dem Sonnenbrande. Erst gegen Abend, als sich ein leichter Wind von den Bergen herab erhob, fühlte sich der junge Mann wieder etwas wohler, und auch die Pferde trabten munterer als bisher abwärts. Aber endlos schien der Weg, und ein Blick auf Rosario zeigte Joaquin, daß sich die Schwester nicht mehr allzu lange im Sattel zu halten vermochte. Seine Absicht, noch in dieser Nacht Valparaiso zu erreichen, mußte er daher aufgeben. Drüben, jenseits der Straße, tauchten Bäume, grüne Flächen auf. Ein Haus, in freundlichem Weiß gehalten, grüßte aus grüner Umrahmung herüber. Wie wohltuend, wie besänftigend wirkte dieses Bild auf Joaquin nach dem langen Ritt durch die Öde der Wüste! »Sieh dorthin, Rosario!« rief er der Schwester zu. »Dort winkt uns Unterkunft und Erfrischung.«
Doch Rosario war zu müde, um sich danach umzusehen. Sie hing nur noch im Sattel. »Laß uns absteigen und ruhen!« brachte sie endlich mühsam hervor.
»Gleich, Kind!« Mit diesen Worten nahm der Bruder die Zügel von Rosarios Pferd und ritt auf die Hazienda am Wege zu. Der Besitzer, ein noch junger Mann, der in der Abendkühle vor dem Hause sich gerade behaglich in einer zwischen zwei mächtigen Lorbeerbäumen ausgespannten Hängematte ausgestreckt hatte, erhob sich sofort beim Anblick der fremden Reiter und bewilligte ohne weiteres Joaquins Bitte, an diesem Orte einige Stunden rasten zu dürfen. Keine Frage nach Zweck und Ziel der Reise stellte der Mann. Höflichkeit und Gastfreundschaft sind in Chile zu selbstverständliche Dinge. Er half Joaquin die Schwester vom Pferde heben, dann übergab er das Mädchen der Obhut seiner inzwischen herbeigeeilten Gattin.
Rosario ließ sich ohne Widerrede von der besorgten Landsmännin entkleiden und zu Bette bringen. Etwas Palmenhonig, in Wasser gelöst und mit Zitronensaft gemischt, löschte ihren brennenden Durst. Nach dieser Erquickung sank sie rasch in tiefen Schlummer.
Unterdessen wurden die Pferde von den Knechten des Haziendado abgesattelt, getränkt und gefüttert, und Joaquin folgte der Einladung des Besitzers, auf der Veranda des Hauses Platz zu nehmen. Ein bescheidener Imbiß und kühler Trunk hoben seine gesunkenen Kräfte wieder. Joaquin erzählte seinem Gastgeber, daß er von Santiago komme und mit seiner Schwester nach Valparaiso wolle.
»Daß die Señorita Eure Schwester ist, habe ich trotz dem großen Altersunterschied zwischen euch beiden sofort an der auffallenden Ähnlichkeit gesehen«, sagte Don Felipe Echauren, der Besitzer der Hazienda. »Vor morgen früh könnt ihr nicht fort von hier, denn Eure Schwester bedarf dringend der Ruhe; sie kam ja mehr tot als lebendig hier an.«
»Diese Ruhe will ich ihr gerne gönnen; sie hat sie redlich verdient«, antwortete Joaquin.
»Und für Euch haben wir auch noch ein Plätzchen für die Nacht. Nehmt damit fürlieb und betrachtet mein Haus als das Eure!«
»Vielen Dank, Herr!«
Die Männer schüttelten sich die Hand. Damit war die Sache abgemacht. Don Felipe brachte Papierzigarren, sogenannte Zigarillos, herbei. Schweigend rauchten die Männer eine Weile. Eine Öllampe auf dem Tische verbreitete ein schwaches Licht. Joaquin spürte, daß ihn sein Gastgeber aufmerksam beobachtete.
»Ihr seid Chilene von Geburt?« fragte dieser Joaquin plötzlich, fast unvermittelt.
»Ja, ich stamme von Santiago. Meine Familie ist dort seit Geschlechtern schon ansässig.«
»Das freut mich zu hören«, erwiderte Don Felipe; »auch ich bin alteingesessener Chilene und«, fügte er leise, mit besonderer Betonung bei, »kein Spanier. Viva Chile!« Bei diesen Worten streckte er Joaquin die Hand entgegen, die dieser herzlich drückte.
»Heute zog hier ein Trupp spanischer Soldaten vorbei«, fuhr Don Felipe fort. »Sie hatten eine Menge von Gefangenen in ihrer Mitte. Einige davon erkannte ich von weitem als unsere besten Bürger. Carramba! Es muß in Santiago oben irgend etwas Schlimmes vorgekommen sein. Wißt Ihr darum?«
»Leider ja. Mein eigener Vater ist mit unter den Geächteten.« Joaquin teilte seinem aufhorchenden Wirte alles mit, was sich in den letzten Tagen in der Hauptstadt des Landes ereignet hatte.
»Dacht' ich es mir doch gleich«, fuhr Don Felipe in ehrlichem Zorne auf, »daß dieser Teufel von Osorio irgendeinen Gewaltstreich ausgeführt haben mußte, als ich den Zug hier vorübereilen sah, als könnten die Gefangenen nicht rasch genug nach Valparaiso gebracht werden. Nun aber freut es mich doppelt, Euch und Eurer tapfern Schwester, der Gott und die heilige Jungfrau zum Gelingen ihres Vorhabens beistehen mögen, Gastfreundschaft erweisen zu dürfen. Zählt auf mich, wenn die Stunde der Abrechnung mit den Bedrückern unseres Vaterlandes schlägt!« — »Frau, komm!« rief Don Felipe in das Haus hinein.
Die Gattin erschien. »Ich habe mit unsern Kindern zu tun gehabt; entschuldigt, daß ich erst jetzt erscheine«, sagte sie zu Joaquin, der höflich grüßend vom Stuhle aufgestanden war.
»Das bedarf keiner Entschuldigung, Señora«, erwiderte er.
»Denke dir, Ines, unsere Gäste sind die Kinder des ausgezeichneten Rosales von Santiago!« erklärte Don Felipe seiner Gattin. »Unter den Gefangenen, die wir heute hier vorüberziehen sahen, befand sich auch ihr Vater.«
»Mein Gott, ist das möglich?« fragte die Dame des Hauses schmerzlich betroffen. »Und Eure Reise steht damit im Zusammenhange?«
»Ja, Señora«, bestätigte Joaquin.
»Das arme, zarte Mädchen!« klagte Frau Ines. »Wie todmüde war sie, als sie ankam! Ich sah vorhin noch nach ihr. Jetzt schläft sie so fest und ruhig, als ob es kein Leid und Weh in der Welt gäbe.«
»Setz dich zu uns, liebe Ines«, bat der Gatte, »und laß mich dir an Stelle unseres müden Freundes und Landsmannes von dem schweren Unglück erzählen, das in Santiago vorgestern so viele unserer besten Familien betroffen hat!«
Als Don Felipe seinen Bericht geendet hatte, glänzten Tränen in den Augen der Gattin. »Seid unserer innigen Teilnahme versichert, Don Joaquin, und wenn ihr von Valparaiso zurückkehrt, vergeßt unser Haus nicht!«
Damit gab sie Joaquin die Hand, der, begleitet von seinen Gastgebern, das für ihn hergerichtete Zimmer aufsuchte. Mit herzlichem Gutenachtgruße trennten sich die Gatten von dem jungen Manne. Dieser schlief, im Bewußtsein, bei Gleichgesinnten geborgen zu sein, und mit Dank gegen das Geschick, das ihn gerade dieses Haus auffinden ließ, ruhig ein.
Nach herzlichem Abschiede von ihren Gastgebern brachen die Geschwister Rosales am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne über die Kordilleren gestiegen war, auf.
»Geht zu Manuel Garcia, Calle del Puerto!« riet Don Felipe. »Das ist ein Bekannter von mir, der dort ein gutes Gasthaus hält. Ich besuche ihn stets, wenn ich nach Valparaiso komme. Grüßt Garcia von mir und sagt ihm, daß ich euch gesandt hätte! Ihr werdet gut aufgenommen werden, um so mehr, als er im stillen auch ein Anhänger unserer Partei ist.«
Dann wandte er sich an Rosario. »Und Euch«, sagte er, »edle Tochter eines edlen Vaters, begleiten meine und meiner Gattin besondere Segenswünsche. Die Heiligen mögen Euch schützen und Euch in allem gnädig sein!«
Alle Dankesbezeugungen der Geschwister, die bereits im Sattel saßen, lehnte das wackere Ehepaar ab. »Wir haben euch gegenüber nur unsere Pflicht getan«, erklärte Don Felipe. »Lebt wohl und auf Wiedersehen!«
Dann trabten die Reiter weiter fort. Einige hundert Schritte vom Hause entfernt hielten sie die Pferde an und kehrten sich nochmals nach der Stätte um, wo sie so herzliche Aufnahme gefunden hatten. Da sahen sie Don Felipe und Frau Ines außerhalb des Gartens stehen. Ein gegenseitiges letztes Winken, dann verschwanden die Geschwister Rosales hinter dem nächsten Bergrücken.
»Das war die Hand Gottes, die uns hierher zu solch guten Menschen geführt hat«, sprach Rosario nach langem Sinnen zu ihrem Bruder. »Sieh, Joaquin, ich nehme das als ein Zeichen des Allmächtigen dankbar an und hoffe nun erst recht, mein Ziel zu erreichen.«
»Das walte Gott!« entgegnete Joaquin feierlich. »Wir haben mehr Freunde als ich gedacht, und wenn Männer wie Don Felipe unserer gerechten Sache anhängen, wird der endliche Erfolg doch auf unserer Seite sein.«
»Das wird er! Oh, ich ahne es, Joaquin, daß unserm Lande durch das Martyrium unseres Vaters und der andern ausgezeichneten Männer die Augen darüber geöffnet werden, was es von diesen Spaniern zu erwarten hat!«
»Die Augen sind uns allen mehr oder weniger schon lange geöffnet«, erwiderte Joaquin trübe; »aber noch sind wir machtlos, weil wir, wie ich dir schon sagte, der richtigen Führung beraubt sind und auch mangels Waffen gegen Osorios Soldateska einstweilen nichts ausrichten können.«
»Warum aber helfen uns unsere Brüder von jenseits der Kordilleren nicht?« fragte Rosario ungeduldig.
»O liebe Schwester, die haben augenblicklich genug mit sich selbst zu tun! Auch sie drückt des Spaniers Joch. — Doch sieh, dort unten in der Ferne zeigt sich das Meer!«
»Ach, das Meer! Nun sehe ich es endlich einmal mit eigenen Augen!« rief Rosario freudig erregt. »Wie schön sie ist, diese gewaltige Wassermenge, die sich schäumend am felsigen Ufer bricht! Wie die Wogen glitzern und funkeln im Lichte der Sonne!«
»Ja, es ist etwas Großartiges, Gewaltiges um das Meer«, bestätigte Joaquin. »Bald sind wir in Valparaiso; nur noch etwa eine Stunde Geduld, Rosario, dann ist die Reise zu Ende.«
Lebhafter wurde es auf der Straße. Mächtige Ochsenkarren fuhren der Stadt zu, Landleute zu Pferd ritten an den Geschwistern vorbei; mehr und mehr zeigte das Leben auf der Straße die Nähe einer großen Stadt an. Rechts und links vom Wege mehrten sich die Häuser; das Land war sorgfältig angebaut und verriet die Wohlhabenheit seiner Bewohner.
Eine eigenartige Stimmung bemächtigte sich Rosarios, als sie an der Seite des Bruders in die Stadt Valparaiso einritt. Hoffnung, Freude, Furcht und Sorge bewegten sie zugleich. Jetzt, in der Nähe des gefangenen Vaters, kam ihr die Schwierigkeit ihres Unternehmens doppelt klar zum Bewußtsein. Zweifel beschlichen ihr Herz; aber es gelang ihr, sie zu bannen, sich selbst und ihre Willenskraft nach kurzem Kampfe wiederzufinden.
In dem von Don Felipe genannten Gasthause wurden die Reisenden gut aufgenommen. Während Rosario in ihrem Zimmer mit Umkleiden beschäftigt war, erkundigte sich Joaquin beim Wirte in der Gaststube nach den von Santiago hieher gebrachten Gefangenen.
»Das war gestern abend eine gewaltige Aufregung hier in Valparaiso, als die vielen Santiaginer mit ihrer militärischen Begleitmannschaft durch die Stadt zogen«, erzählte Garcia in behaglicher Weitschweifigkeit. »Ja, ja, es sieht nachgerade schlimm in Chile aus, wenn man die ersten Bürger des Landes wie Spitzbuben behandelt, mit Stricken aneinander bindet, meilenweit durchs Land schleppt und zum Schlusse noch übers Meer schickt. — Vorerst sind sie zwar noch hier«, fuhr Garcia fort, als Joaquin, dem der Schreck über die zuletzt gehörten Worte im ersten Augenblick die Sprache geraubt hatte, nichts sagte; »sie sollen aber dieser Tage, sobald die Sebastiana segelfertig ist, nach Juan-Fernandez, draußen im Pazifik, gebracht werden. So hörte ich wenigstens.«
»Und wo befinden sich die Gefangenen hier?« fragte Joaquin.
»Wo anders als im Gefängnis? Ich wollte, ich könnte es öffnen lassen, um unsern armen Mitbürgern die Freiheit zurückzugeben! So aber — Carramba! Doch, Herr, entschuldigt, ich muß noch andere Gäste bedienen!«
Damit wollte Garcia aufstehen; doch Joaquin hielt ihn zurück. »Nur noch ein Wort!« bat er. »Wer ist der Statthalter vom hiesigen Platze?«
»Augenblicklich ist es Don José Villegas.«
»Kennt Ihr ihn?«
»O ja!« Garcia lachte. »Den kenne ich wohl; er war früher Kapitän, verkehrte viel bei mir und«, fügte er hinzu, »ist immer noch einer der besten Spanier, die hier herrschen.«
»Wie meint Ihr das?«
»Er gibt und zeigt sich äußerlich anders, als er innerlich tatsächlich ist. Er muß nach oben zu gehorchen und benimmt sich daher entsprechend; aber ich traue seiner Ergebenheit Osorio gegenüber nicht ganz, obgleich ich, wie gesagt, keine andern Beweise hiefür habe als meine eigenen Beobachtungen.«
»Das ist für mich von größter Bedeutung. Wir haben ein Anliegen an den Gouverneur, und da begreift Ihr wohl, daß ich und meine Schwester gerne wissen möchten, wie der Mann ist.«
»Er ist ein alter Seebär, rauh, ungeschliffen, grob, aber ehrlich. Ihr könnt es schon wagen, ihn zu besuchen. Nur laßt Euch nochmals gesagt sein, daß er grob ist wie eine Kratzbürste, und daß Ihr ihm ebenso grob kommen müßt, um Eindruck auf ihn zu machen. Übrigens wohnt er in der Intendantur hier in meiner Nähe.«
Garcia überließ Joaquin sich selbst, und dieser war froh, daß bald darauf Rosario ins Gastzimmer trat und sich zu ihm setzte. Sofort teilte er ihr mit, was er von dem Wirte gehört hatte. Die Geschwister kamen überein, daß Rosario noch am selben Mittag bei Villegas eine Audienz nachsuchen solle. Doch als sich das Mädchen nach Tisch auf den Weg machte, traf sie Villegas nicht an. Auch am folgenden Tage erging es ihr nicht besser; alle Versuche, zum Statthalter zu gelangen, scheiterten. Rosario war der Verzweiflung nahe, sollte doch das Schiff, das die Gefangenen fortzubringen hatte, in wenigen Tagen segeln. Ebenso vergeblich waren bisher ihre Versuche gewesen, den Vater im Gefängnis zu besuchen. »Ohne Erlaubnis des Statthalters nicht gestattet.« Mit diesen kurzen Worten wurden alle Bitten Rosarios von der Wache abgewiesen.
Der dritte Tag in Valparaiso brach an. Morgen sollte die Sebastiana den Hafen verlassen. Alle Trostsprüche Joaquins waren vergeblich. Rosario befand sich in einem solchen Zustande seelischer Störung, daß sie nicht einmal mehr auf die Worte des Bruders zu hören vermochte. »Ich lasse mich nicht mehr abweisen«, erklärte sie; »ich dringe zu Villegas vor, sollten mich auch seine Schergen töten. Lieber sterben, als in solch schrecklicher Ungewißheit weiterleben!« Ihre alte Entschlossenheit war plötzlich wieder erwacht, und fort eilte sie, noch bevor Joaquin ein Wort der Entgegnung gefunden hatte.
Allen Verboten der wachhaltenden Soldaten zum Trotze drang Rosario wirklich in das Zimmer Villegas' vor. Dieser saß an einem Tische, von mehreren Offizieren des Landheeres umgeben. Ärgerlich über die Störung wandte Villegas das Gesicht gegen Rosario, das Mädchen lange und scharf ansehend. Doch ohne ein Wort an sie zu richten, ließ er sie stehen, wo sie stand, und unterhielt sich ruhig weiter mit den Offizieren. Minute auf Minute verging; sie kamen Rosario, die in banger Erwartung dem Kommenden entgegensah, wie Ewigkeiten vor. Mehr und mehr drohte die Hoffnungslosigkeit ihre mühsam errungene Willensstärke wieder zu brechen, als sie nun eine volle Stunde dastand, ohne daß Villegas ihr auch nur die geringste Beachtung geschenkt hätte. Sie flehte im stillen zu Gott um Kraft und Mut. Dann trat sie festen Schrittes gegen den Statthalter vor und bat ihn um die Gnade, ihr für einige Augenblicke Gehör schenken zu wollen.
Dem Zauber des von Rosario ausgehenden Liebreizes konnte sich auch Villegas nicht entziehen. »Was will man? Man mache es kurz!« sagte er kalt.
Rosario erzählte ihm all das über sie und den Bruder durch die Gefangennahme und Fortführung des Vaters hereingebrochene Leid und bat flehentlich, ihr entweder den Vater wieder geben oder ihr doch wenigstens gestatten zu wollen, sein Los zu teilen. Während sie schmerzerfüllt mit den ergreifendsten Worten zu Villegas sprach, schien dieser sich in Gedanken mit etwas ganz anderm als mit dem Schicksal des Mädchens zu beschäftigen. Er schrieb etwas auf ein Stück Papier, strich wieder durch, um nochmals einige Schriftzüge auszuführen.
Als Rosario geendet hatte und nun mit Tränen in den Augen auf den Entschluß Villegas' harrte, blieb dieser einen Augenblick in Stillschweigen versunken sitzen. Dann stand er plötzlich auf und fuhr Rosario hart an: »Genug der Tränen, Señorita! Was nicht sein kann, kann nicht sein!«
Rosario stand bei dieser Erklärung wie versteinert. Sie vermochte sich nicht zu bewegen. Das Bild des geliebten Vaters, wie er krank und verlassen, ohne jede Hilfe, in der Verbannung sterben müsse, keines seiner Kinder zur Seite, niemand, der ihm die müden Augen schloß, wenn sie gebrochen vor Schmerz und Kummer, trat vor ihre Seele. Starr und still stand sie da. Der Statthalter wurde im höchsten Grade ungeduldig, als er sah, daß das arme Mädchen, anstatt zu gehen, wie eine Bildsäule dastand. Halb grob, halb höflich, nahm er Rosario am Arm und führte sie zum Ausgang. Wie im Traume sah sie, daß ein zusammengeknäueltes Stück Papier über sie hinweg in den Gang geworfen wurde, dann schloß sich die Türe.
Einen Augenblick stand Rosario noch betäubt vor dem Gemache des Gewaltigen, nicht wissend, was sie nun anfangen sollte. Wie von Gott gesandt, kam ihr plötzlich der Gedanke, den auf dem Boden liegenden Papierstreifen aufzuheben. Sie bückte sich, nahm und entrollte ihn und las nun mit freudigem Staunen immer und immer wieder die von Villegas niedergeschriebenen und unterzeichneten Worte: »Der Tochter Rosales' ist es gestattet, ihren Vater zu sehen und ihn, falls sie es noch wünscht, in die Verbannung zu begleiten. José Villegas.«
Rosario rollten Freudentränen über die Wangen, als sie so unverhofft ihren sehnsüchtig gehegten Wunsch erfüllt sah und sich endlich überzeugte, daß keine Täuschung ihrer Augen vorlag. Sie faltete die Hände, und ein heißes Dankgebet stieg aus tiefbewegtem Herzen gen Himmel.
Wie schnell Rosario in das Gasthaus zurückgekehrt war, wußte sie später selbst nicht mehr zu sagen. Voll Sorge um die Schwester und düster vor sich hinstarrend, hatte unterdessen Joaquin in einer Ecke des geräumigen Wirtszimmers gesessen. Er sah nicht auf, als hastig die Türe aufgerissen wurde und ein leichter Schritt sich seinem Platze näherte. Erst als eine zarte Hand ihm über Kopf und Stirne strich und die ihm so traut klingende Stimme Rosarios seinen Namen nannte, erwachte er aus seinem kummervollen Zustande und richtete sich seufzend auf. Kaum aber hatte er einen Blick auf das freudig leuchtende Gesicht der Schwester geworfen, da wußte er, daß sie endlich irgendeinen Erfolg bei Villegas gehabt haben müßte. »Du bringst Gutes, Rosario, das sehe ich dir an. Gott sei Dank, daß du wieder da bist! Aber sprich, erzähle!« drängte Joaquin.
Liebevoll drückte Rosario den Bruder auf den Sitz nieder; dann nahm sie neben ihm Platz und teilte dem gespannt Zuhörenden alles mit, was sich inzwischen bei Villegas zugetragen hatte. Auch gab sie ihm den wichtigen Papierstreifen zu lesen.
»O du Glückliche!« rief Joaquin bewegt. »Nun darfst du zu unserm Vater gehen, darfst ihn begleiten. Nun ist er nicht mehr allein. Aber ich? Ich muß von jetzt ab Vater und Schwester zugleich entbehren.«
»Joaquin, denke daran, wieviel dir zu tun bleibt, während wir dem Vaterlande fern sein müssen! Du mußt, unterstützt durch andere wackere Männer, uns den Weg zur einstigen Rückkehr ebnen. Es ist besser, wenn ich beim Vater bin, während du dich in Santiago zur Tat, zur Befreiung unseres Volkes von den spanischen Bedrückern vorbereitest.«
»Du hast recht, Rosario. Aber trotzdem, der Gedanke an die Trennung von dir lastet schwer auf mir.«
»Du warst doch immer mein tapferer Bruder; muß jetzt die kleine Schwester dem so viel älteren, klügeren Bruder Mut zusprechen, ihm sagen, wie unendlich viel größer seine Aufgabe ist als die ihre? O Joaquin, komm, raffe dich auf! Glaube mir, daß auch mir die Trennung von dir schwer wird! Aber deine Aufgabe liegt in Santiago, darüber besteht kein Zweifel, und die meine, durch Gottes Gnade mir gewordene, ruft mich als Schirmerin und Pflegerin an die Seite des kränklichen Vaters. Nun aber laß uns zum Vater eilen! Oh, wie unsagbar freue ich mich auf dieses Wiedersehen, dem nun keine Trennung mehr folgen wird!«
Die Geschwister machten sich auf den Weg nach dem Gefängnis, nachdem Rosario noch rasch vorsorglich ihre Habseligkeiten und die für den Vater mitgebrachten Dinge in ein großes Bündel zusammengepackt hatte, das ihr Garcias Bursche nachtrug. Das Vorzeigen von Villegas Verfügung öffnete Rosario die Türe des Gefängnisses; vorher jedoch wurde ihr Bündel durch die Soldaten einer genauen Prüfung auf Waffen unterworfen. Als nichts Verdächtiges darin gefunden wurde, gab die Wache den Weg frei. Joaquin jedoch wurde der Eintritt verwehrt. »Die Erlaubnis erstreckt sich nur auf die Señorita, nicht auf Euch, ob Ihr nun der Bruder seid oder nicht«, erklärte ihm der die Wache befehligende Offizier.
So blieb dem jungen Mann nichts anderes übrig, als sich mit Ruhe und Würde in das Unvermeidliche zu fügen. Auf Rosarios Bitten hin gestattete der Offizier wenigstens, daß der Bruder sich hier von ihr verabschieden durfte. Lange hielten sich die Geschwister umschlungen, endlich aber riß sich Joaquin gewaltsam los, um schmerzbewegt den Vorraum des Gefängnisses zu verlassen, während Rosario im Innern des großen, düstern Baues verschwand.
Der Offizier hatte die Szene aufmerksam beobachtet. »Bei Gott, sähen sich die beiden nicht so ähnlich, ich würde wetten, das seien keine Geschwister, sondern Verlobte«, brummte er vor sich hin. Als Joaquin mit stummem Gruße an ihm vorüber ins Freie treten wollte, hielt ihn der Offizier zurück. »Auf ein Wort, Señor!«
Joaquin blieb stehen.
»Diese Nacht um zwei Uhr werden die Gefangenen eingeschifft. Wollt Ihr Eure Schwester — natürlich nur von weitem — noch einmal sehen, so kommt um diese Zeit hierher! Adios, Señor!« Damit grüßte der Offizier und trat zurück, den Dank des jungen Mannes abschneidend.
Joaquin aber pries diese Mitteilung, die es ihm ermöglichte, den ehrwürdigen Vater und die mutige Schwester noch einmal, wenn auch nur von ferne, zu sehen und zu grüßen, als einen Wink des Himmels.
Von einem Gefängniswärter, der das Bündel mit ihren Habseligkeiten trug, wurde Rosario durch feuchte, dunkle, nur matt von Öllampen erleuchtete Gänge geleitet. An einer vergitterten, von außen mit einem großen eisernen Riegel verschlossenen Türe machte der Führer Halt. Rosarios Herz klopfte in ungestümer Ungeduld. Viel zu lange für ihre Sehnsucht erschien ihr das umständliche Öffnen der schweren Türe. Mit lautem Geräusche wurde endlich der eiserne Riegel zurückgeschoben, dann sprang die Türe auf, und das Mädchen blickte in einen großen Raum, der, wie der Gang, durch den sie eben gekommen, gewölbt und nur dürftig durch eine von der Mitte der Decke herabhängende qualmende Öllampe beleuchtet war. Trotzdem es draußen noch Tag war, drang kein Lichtstrahl an diesen Schauder erregenden Ort. Eine verbrauchte, übelriechende Luft schlug Rosario entgegen, als sie einige Steinstufen hinab in den kellerartigen Raum trat. Zuerst hatte ihr Auge große Mühe, sieh an das herrschende Halbdunkel zu gewöhnen. Erst nach und nach unterschied sie eine Reihe menschlicher Gestalten, die auf Strohlagern den Mauern entlang saßen oder lagen.
»Juan Enrique Rosales«, rief der Wärter, der unter der Türe stehen geblieben war, »hier bringe ich Euch jemand.«
Das Mädchen bemerkte, wie sich bei dem Anrufe in einer Ecke der großen Zelle langsam eine Gestalt erhob.
»O mein Vater, mein Vater!« Mit diesem Freudenschrei stürzte sich Rosario auf die Gestalt zu. Vater und Tochter hielten sich laut weinend vor Glück über das Wiederfinden in den Armen. Lange vermochten sie nicht zu sprechen. Rosario kniete vor dem Lager ihres Vaters, die Arme um sein teures Haupt geschlungen. Heftiges Schluchzen erschütterte ihren zarten Körper. Alles, was sie in den letzten Tagen durchgemacht und gelitten hatte, brach nun mit Gewalt hervor; erst die reichlich fließenden Tränen erleichterten nach und nach ihre gepreßte Brust.
Die Mitgefangenen hatten sich erhoben und standen nun achtungsvoll und ehrerbietig zugleich dieser rührenden Szene gegenüber.
»O mein Kind, meine geliebte Rosario«, brachte der alte Rosales endlich hervor, indem er mit der zitternden Rechten liebkosend über das reiche dunkle Haar des Mädchens strich, »wie um aller Heiligen willen war es dir möglich, hierher zu mir zu gelangen?«
Stoßweise, abgebrochen und mit einer oft durch Weinen erstickten Stimme erzählte Rosario dem Vater die ganze Geschichte. »Und nun bin ich bei dir, Vater, um dein Los zu teilen, um mich nie mehr von dir zu trennen.« So schloß sie ihren inhaltsreichen Bericht.
»Gott segne dich für alles, was du getan hast und noch tun willst, geliebtes Kind!« erwiderte der Vater, dessen Züge vor innerem Glück wie verklärt erschienen. Sanft löste er der Tochter Arme von seinem Halse und richtete sich auf seinem Lager empor, während Rosario noch immer davor kniete.
»Gefährten im Unglück, Brüder«, sprach Rosales, »ihr habt gehört, was mein Kind für mich getan hat, seid Zeugen gewesen der schönsten Kindesliebe. Ich bitte euch, die treue Gesinnung, die ihr mir bewiesen habt, in der Verbannung auch auf meine Tochter übertragen zu wollen.«
»Das werden wir!« riefen die Mitgefangenen wie aus einem Munde.
Ein stattlicher Greis, Don Manuel Salas, trat aus der Reihe der Gefangenen heraus in die Mitte des Raumes. Golden schimmerten die schneeweißen Haare des Alten im matten, rötlichen Lichte der Lampe. »Brüder«, sagte er langsam und feierlich, »Brüder, Gott der Allmächtige ist mit uns. Er hat uns diesen Engel in Gestalt eines bewundernswerten Mädchens voll erhabener Selbstverleugnung und kindlicher Liebe in die Nacht unseres dunkeln Lebens gesandt, um es zu erhellen. Wir alle werden dieses Kind, soweit es unsere Kräfte gestatten, schirmen und schützen. Das versprechen wir dir, Rosales. Mich aber«, rief der Greis, dessen Stimme vor innerer Erregung bebte, »erfüllen die Taten des edeln Mädchens mit Stolz und Zuversicht. Mit Stolz, weil es eine Chilenin ist, die die größten Hindernisse zu überwinden wußte, und mit Zuversicht, weil, wo es Frauen wie die Tochter unseres Rosales gibt, die Mütter von Helden vorhanden sein müssen. Der Morgen der Freiheit muß und wird unserm Lande über kurz oder lang aufgehen. Ein _Viva^ der Señorita Rosario Rosales!«
Aus einem Dutzend Männerkehlen erklang ein lautes _Viva^, das sich an dem hohen Gewölbe des Gefängnisses machtvoll brach.
Das kleine spanische Kriegsschiff »Sebastiana«, das dazu bestimmt war, die gefangenen Chilenen nach der fernen Robinsoninsel Juan-Fernandez zu bringen, lag segelfertig draußen in der weiten Bucht, dem natürlichen Hafen von Valparaiso. Mit der einsetzenden Flut und dem um diese Jahreszeit nachts vom Lande nach dem Meere hin wehenden Winde sollte das Schiff noch in der Nacht vom 15. auf 16. November 1814 die Anker lichten, um nach seinem Bestimmungsorte draußen im Pazifik abzusegeln.
Die nächtlichen Stunden waren weit vorgeschritten. Am sandigen Strande, an dem die Wogen der Flut in rhythmischem Spiele aufschlugen, um langsam mit knirschendem Geräusche wieder zurückzufließen, herrschte ein ungewohntes Leben und Treiben. Ein prächtiger Sternenhimmel spannte sich über Valparaiso. Drüben, hinter der Pyramide des Aconcagua, jenes gewaltigen, eisgepanzerten höchsten Berges der Kordilleren, war der Mond aufgegangen, das Meer mit rotgoldenem Farbenglanze übergießend. Frische Luft strich vom Lande her dem Meere zu. Es war, als wollte die Schönheit der Nacht den Gefangenen, die, durch rohe Gewalt gezwungen, ihr Land zu verlassen im Begriffe standen, noch einmal alle Reize der Heimat vor Augen führen. Am Strande lagen die kleinen Boote, die zur Beförderung der Reisenden vom Lande nach den weit draußen liegenden Schiffen dienten. Die Bootsleute standen in Gruppen herum, schwatzend und lachend, die Ankunft ihrer unfreiwilligen Fahrgäste erwartend. Militär sperrte den Zugang zu den Booten.
In seinen Poncho gehüllt, einen Mantel, durch dessen einzige Öffnung der Kopf des Trägers gesteckt wird, hatte sich Joaquin rechtzeitig an das Tor des Gefängnisses begeben, wo er geduldig auf den traurigen Zug wartete, der ihm mit dem Vater auch die Schwester, vielleicht für immer, entführen sollte. Finstere Gedanken der Rache gegen die Urheber der an seiner Familie wie an den besten Vertretern des Volkes begangenen Schändlichkeiten bewegten den jungen Mann. Wieder gelobte er sich im stillen, tatkräftig am Sturze und an der Vernichtung der spanischen Willkürherrschaft mitzuarbeiten, um die Verbannung seiner Lieben abzukürzen und deren Rückkehr ins Vaterland, in ihr Heim in Santiago, zu ermöglichen.
Spanische Reiterei sperrte den Platz vor dem Gefängnisse ab. Joaquin mußte zurückweichen. Da schlug es auf dem Turme der Kathedrale zwei Uhr. Die Tore des Kerkers öffneten sich, und heraus traten die Gefangenen unter starker Bedeckung. Im Scheine der Fackeln konnte Joaquin unter den vielen Gefangenen deutlich den Vater erkennen, der, gestützt auf Rosario, in dem düstern Zuge einherschritt. Joaquin vermochte sich seinen Angehörigen nicht bemerkbar zu machen, denn diese waren durch Soldaten zu Pferd und zu Fuß wie durch eine lebendige Mauer von der übrigen Welt abgesperrt. Langsam, in unheimlicher Stille, bewegte sich der Zug dem Hafen zu. Der junge Mann folgte ihm, hart neben der Bedeckung schreitend, immerfort des Augenblickes harrend, wo er mit seinen Angehörigen einen Blick oder womöglich ein letztes Wort der Liebe tauschen konnte.
Am Strande angekommen, blieb die Kavallerie zurück. Die Verbannten wurden nach vorherigem Namensaufruf truppweise zusammengestellt, in der Zahl, wie sie jeweils eines der Boote zur Überführung an Bord der Sebastiana fassen konnte. Während diese Sonderung und Aufstellung vor sich ging, hatte sich die um die Gefangenen gezogene militärische Absperrung da und dort etwas gelockert. Diesen Umstand benützte Joaquin sofort. Blitzschnell stürzte er sich durch eine Lücke zwischen den Soldaten auf Vater und Schwester zu, die mit einigen Genossen vor dem Boote standen, das sie als die zweite Gruppe aufnehmen sollte. Den Vater, die Schwester umarmen und küssen, war das Werk einiger Sekunden. Schon wurde Joaquin von zwei Spaniern gepackt und unter Flüchen und Verwünschungen von den Seinen weggerissen. Aber er hatte erreicht, was er gewollt. »Adios, Vater! Adios, Schwester! Auf Wiedersehen! Gott mit euch!« rief er laut seinen Lieben zu, die ihm von ferne winkten. Dann — ein Ruck mit kräftigen Armen, und rechts und links flogen die beiden spanischen Soldaten auf den sandigen Boden. Mit einigen gewaltigen Sätzen war Joaquin unter der Menge der Zuschauer verschwunden und außer Gefahr.
Langsam vollzog sich die Einschiffung. Über eine Stunde nahm sie in Anspruch. Ein Kanonenschuß, von der Sebastiana abgefeuert, zeigte endlich an, daß an Bord alles bereit sei. Die Soldaten zogen sich zurück, und der Verkehr am Strande war wieder freigegeben.
Ruhig, mit leicht geschwellten Segeln, glitt das Schiff über das Wasser dahin. Der heraufdämmernde Morgen fand es schon weit draußen im offenen Ozean.
Tief unten im Schiffsraume, den kein Lichtstrahl von außen her erhellte, waren die Gefangenen untergebracht. In dem Maße, als sich das Schiff vom Land entfernte und die wogende See das kleine Fahrzeug auf ihrem Rücken hin und her schleuderte, wurde auch die Lage der Gefangenen schlimmer. Die Mehrzahl litt unter der Seekrankheit. Das körperliche Unbehagen der Unglücklichen steigerte sich noch durch den sich täglich fühlbarer machenden Mangel an Luft. Eine dumpfe Gleichgültigkeit begann sich der Eingesperrten zu bemächtigen. Teilnahmslos gegen alles, sogar gegen die belästigenden Ratten, lagen die Armen auf ihrem harten Lager. Was kümmerte sie jetzt noch der Unrat, der Schmutz ihrer geradezu verpesteten Behausung? Die Schwere ihres Geschickes hatte bei dieser Meerfahrt scheinbar ihren Höhepunkt erreicht und den sonst so regen Geist der chilenischen Vaterlandsfreunde vollständig niedergedrückt.
Auch Rosario litt derart, daß sie zuweilen glaubte, das Ende der Überfahrt nach Juan-Fernandez nicht mehr erleben zu können. Aber auch die trübsten Nächte im menschlichen Leben müssen schließlich dem hellen Lichte des Tages weichen. Zum Glück hatte die Sebastiana guten Wind. Fünf Tage waren schon seit der Abfahrt von Valparaiso verflossen. Sie kamen den Gefangenen vor wie ebensoviele Jahre. Da, am sechsten Tage, erscholl vom Mastkorbe herab der Ruf: »Land! Land!«
Auch im Innern des Schiffes wurde er vernommen. Seine Wirkung war wunderbar. Plötzlich war alles Ungemach der letzten Tage vergessen; neues Leben zog in die Brust der Unglücklichen und damit auch neue Hoffnung und neue Freude. Viele falteten die Hände zum stillen Gebete. Blieben sie auch an dem sie erwartenden Orte der Verbannung Gefangene, eingeschränkt in der Freiheit der Bewegung, sie konnten doch Gottes schöne Sonne wieder sehen, hatten wieder den Himmel über sich und durften sich wenigstens ungeschmälert an frischer Luft erquicken.
Wenige Stunden, nachdem das Land gesichtet war, rasselte der Anker der Sebastiana in die Tiefe. Das Schiff lag still im kleinen Hafen von San Juan Bautista, der bescheidenen Ansiedelung auf der Robinsoninsel. Die Gefangenen wurden auf Deck gebracht. Der Glanz der Sonne, die sie nun schon über eine Woche nicht mehr erblickt hatten, blendete die Leute förmlich. Nur nach und nach konnten sie sich wieder an die Fülle des Lichts gewöhnen und ihre staunenden Blicke auf die hart vor ihnen liegende Insel richten, die ihnen nun, wer weiß wie lange, zum Aufenthaltsorte dienen sollte.
Da lag sie nun, die berühmte Insel. Welcher Chilene hätte sie nicht von Jugend auf dem Namen nach gekannt! Hatte doch auf ihr vor mehr als hundert Jahren ein schottischer Matrose jahrelang in völliger Einsamkeit gelebt, und ein Engländer hatte die Geschichte Robinsons der ganzen Welt erzählt.
»Das ist also die Robinson-Insel«, sagte sich Rosario, als sie, mit ihrem Vater an Steuerbord stehend, die stattlichen, grün überzogenen Berge betrachtete, die die Insel zierten. Überall duftiges Grün, das auf die schmerzenden Augen wohltätig wirkte; prächtige Bäume, hochstämmige Palmen mit mächtigen Wedeln hoben sich besonders stimmungsvoll aus dem landschaftlichen Bilde ab. Vom Schiffe aus sah der Ort ihrer Verbannung nicht abschreckend, sondern eher einladend aus.
»Hundertmal besser hier zu sein, hier das Vaterland, das eigene Heim vermissen zu müssen, als in dem engen Raume einer licht- und luftlosen Zelle zu schmachten«, sprach der Vater Rosales zu seiner Tochter, mit der Rechten auf das nahe Land deutend. »Vermag uns auch eine schöne Natur die geraubte Freiheit nicht zu ersetzen, so trägt sie doch wesentlich dazu bei, uns ihren Verlust eher ertragen zu lassen.«
»O geliebter Vater«, rief Rosario, sich an den Greis anschmiegend, »dein Kind wird alles aufbieten, um dir die Schwere des Daseins so weit wie möglich, zu erleichtern, dir einigermaßen durch treue Liebe zu vergelten, was es dir an Dankbarkeit schuldet!«
»Mein Kind, du hast diese Gesinnung bereits deutlich bewiesen. Bei allem äußeren Unglück preise ich mich glücklich; denn ein Vater, der so gute Kinder besitzt wie ich, ist beneidenswert und kann dem Allmächtigen nicht genug dafür danken.« Rosales drückte bewegt einen Kuß auf die Stirne seiner Tochter.
Boote kamen vom Lande herübergerudert. Dann wurden die Verbannten in ähnlicher Weise, wie sie in Valparaiso eingeschifft worden waren, truppweise nach und nach wieder ausgeschifft.
Nach dem Abschiede von den Seinen kehrte Joaquin in Begleitung Garcias, der sich ebenfalls unter den Zuschauern am Strande befunden hatte und dem jungen Manne nachgeeilt war, in das Gasthaus zurück.
»Euer Angriff auf die beiden Spanier war kühn, Don Joaquin«, sagte der Wirt. »Wollt Ihr Euch keinen unangenehmen Folgen aussetzen, so rate ich Euch, noch vor Tagesanbruch die Stadt zu verlassen und nach Hause zurückzureiten. Besser ist besser«, fügte er hinzu. »Ich hätte Euch ja gerne länger behalten, aber diesen Spaniern ist in der gegenwärtigen Zeit alles zuzutrauen, und Euern Namen haben sie nun einmal auf dem Strich.«
»Ihr habt recht«, entgegnete der junge Mann, »ich habe überdies hier nichts mehr zu suchen; meine Aufgabe ist erfüllt, und eine andere, wichtigere winkt mir.«
»Ihr geht unter die Vaterlandsfreunde, deren Liga in Santiago in aller Stille wieder neu gegründet werden soll, nicht wahr?« fragte Garcia leise, vorsichtig Umschau haltend, oh sie auch ohne Zuhörer in der Straße gingen. Aber niemand folgte den beiden.
»Woher wißt Ihr etwas von einer Neugründung der Patriotenliga? Mir ist nichts davon bekannt«, erwiderte Joaquin ausweichend.
»Hm, hm! Man hört eben als Wirt allerlei. Übrigens braucht Ihr vor mir nicht hinter dem Berge zu halten; ich bin ein ehrlicher Chilene, und um Euch das zu beweisen, will ich Euch offenbaren, daß ich mir in meinem Hause, den strengen Verfügungen der Behörde zum Trotz, eine kleine Waffensammlung angelegt habe. Carramba! Wenn das die Spanier wüßten!« Garcia lachte stillvergnügt in sich hinein.
»Dann wäret Ihr in vierundzwanzig Stunden erschossen«, erwiderte der junge Mann.
»Oh, die merken nichts, dazu bin ich zu gerieben! Unter der Hand und in größter Stille liefere ich diese Waffen weiter, die mir von guten, verschwiegenen Bekannten, die ich da und dort auf fremden Schiffen besitze, zugeschmuggelt werden. Und Euch will ich ein paar meiner besten Pistolen samt der dazu passenden Munition mitgeben, damit Ihr durch die Tat seht, wer ich bin.«
»Das Geschenk kann ich brauchen, und ich nehme es mit großem Dank an«, antwortete Joaquin herzlich. »Ich scheide von Euch und Eurem Hause in dem frohen Bewußtsein, in Euch einen treuen Sohn unseres Vaterlandes gefunden zu haben.«
»Ich tue an meiner Stelle, was ich eben zu tun vermag, Don Joaquin. Hat man, wie unsereiner, eine Frau und ein Häuflein Kinder, die ernährt sein wollen, so ist man gezwungen, in anderer Art für die Freiheit seiner Heimat zu arbeiten als Ihr, der Ihr allein steht und jung seid. Ihr könnt einst in Reih und Glied kämpfen, aber unsereiner, der noch dazu körperlich verunstaltet ist — Garcia deutete bei diesen Worten auf seinen Buckel — muß sich damit begnügen, für euch andern den Zwischenträger zu machen.«
»Die braucht man auch«, versicherte Joaquin.
Die beiden Männer hatten unterdessen das Gasthaus erreicht.
»Geht auf Euer Zimmer, Don Joaquin, und ruht Euch noch einige Stunden aus! Ich wecke Euch rechtzeitig, und das Versprochene packe ich Euch gut zusammen.«
Der junge Mann folgte Garcias Rate. Vor sechs Uhr schon saß er im Sattel. Seine bescheidene Rechnung war bezahlt. Mit einem Händedruck verabschiedete er sich von seinem biedern Wirte, dann ritt er ab. Die geschenkten Pistolen hatte er auf den Sattel geschnallt. Sein Poncho fiel darüber herab und verdeckte das verfängliche Paket. Das Pferd, auf dem Rosario mit Joaquin von Santiago hergeritten war, führte er am Zügel mit. Durch abwechselnde Benutzung der beiden Pferde hoffte er den Rückweg in entsprechend kürzerer Zeit zurücklegen zu können.
Bald hatte Joaquin die Stadt hinter sich und ritt langsam aufwärts, den Küstenkordilleren zu. In der Höhe gönnte er den beiden Pferden eine kurze Rast. Er selbst hielt Umschau. Unter ihm lag wieder das weite Meer ausgebreitet. Seine scharfen Augen spähten nach einem weißen Segel am Horizont. War es nur eine Wolke oder wirklich ein kleines Segel, das sich da weit draußen zeigte? Joaquin vermochte es nicht zu sagen. Aber unwillkürlich wurden seine Augen feucht, als er sich des Abschieds in der vergangenen Nacht erinnerte. Dann aber flammte wieder edler Zorn in ihm auf, und das heiße Blut begann zu kochen. Er gelobte sich von neuem, der Rächer seiner Familie zu werden. Den großen Sombrero nahm er vom Kopfe, winkte mit dem Hute seinen letzten Gruß dem Meere zu, auf dem jetzt Vater und Schwester schwammen. Langsam ritt er darauf in das Land hinein, das sich in den Strahlen der Morgensonne zu baden schien.
Noch vor Mittag erreichte er die Hazienda von Don Felipe Echauren. Der Besitzer war zu Hause und begrüßte den jungen Mann so herzlich wie einen Verwandten. »Das ist schön von Euch, daß Ihr uns nicht vergessen habt. Steigt ab und pfleget der Ruhe!«
»Lange kann und will ich mich nicht aufhalten.«
»Ach was, Ihr kommt immer noch früh genug nach Santiago! Daß Ihr aber ohne Eure Schwester hier anlangt, beweist mir, daß das tapfere Mädchen Erfolg gehabt hat. Da habt Ihr viel zu erzählen. Also nochmals: steigt ab und seid herzlich willkommen!«
Joaquin fügte sich gern, um so mehr als sich auch Frau Ines den Bitten ihres Gatten anschloß. Bald saß die Familie Echauren mit ihrem Gaste im luftigen Speisezimmer, dessen Fenster auf die das Haus umziehende Veranda gingen und einen herrlichen Blick in das dunkle Grün der Bäume und Sträucher des Gartens gewährten. Joaquin mußte während des Essens auf viele Fragen Antwort geben.
Die Art und Weise, wie Villegas den Bitten des Mädchens entsprochen, nahm ganz besonders Frau Ines' Teilnahme in Anspruch. »Der Mann ist nicht schlimm«, erklärte sie; »nur wundert mich, daß er überhaupt die Erlaubnis gab, oder besser: geben durfte.«
»Ja«, meinte Don Felipe, den langen Bart nachdenklich zwischen den Fingern der Rechten streichend, »dieser Villegas muß der Sache seiner eigenen Partei nicht völlig trauen, denn sonst hätte er ohne vorherige Anfrage bei Osorio die Begleitung des Vaters Rosales durch seine Tochter nicht gestatten dürfen. Das zeigt mir, wie gesagt, daß Villegas schon jetzt im geheimen mit der Zukunft rechnet und sich beizeiten durch gewisse Handlungen bei uns Chilenen Nachsicht und Erkenntlichkeit sichern will.«
»An eine solche Erklärung von Villegas' Handlungsweise habe ich wahrhaftig nicht gedacht«, rief Joaquin, den Scharfsinn Don Felipes aufrichtig bewundernd. »Ihr mögt recht haben; wurde mir doch auch in Valparaiso gesagt, daß er sich den von Santiago kommenden Befehlen oft mehr zum Scheine als in Wirklichkeit füge.«
»Da habt Ihr's ja!« entgegnete Don Felipe. »Aber sei dem nun, wie ihm wolle, die Hauptsache ist und bleibt, daß Eure edle Schwester ihr Vorhaben durchgesetzt hat und Eurem ehrwürdigen Vater als treue Stütze in die Verbannung folgen durfte. Was aber wollt Ihr tun, Don Joaquin?«
»Mich den Gegnern Osorios anschließen.«
»Das begreife ich; an geheimen Feinden fehlt es diesem Tyrann nicht. Schlimm ist nur, daß unsere besten Köpfe, Männer von größtem Einflusse in der Gewalt Osorios sind.«
»Das ist es ja, was auch ich so bitter empfinde«, entgegnete Joaquin. »Ich selbst bin noch zu jung und zu unerfahren, um eine wirkliche Rolle im Kampfe mit unsern Gegnern spielen zu können.«
»Nun älter werdet Ihr mit jedem Tage«, sagte Don Felipe lächelnd. »Die Erfahrung kommt allerdings nicht von selbst wie das Alter, die muß eben gemacht werden. Wißt Ihr, Don Joaquin, was mich wundert und was mir in den letzten Tagen öfters im Kopfe herumgegangen ist?«
»Nun?« fragte der junge Mann neugierig.
»Daß die Schergen Euch nicht mitsamt dem Vater aufgehoben haben.«
Erschrocken fuhr Joaquin von seinem Stuhle auf. »An diese Möglichkeit habe ich noch gar nicht gedacht«, rief er.
»So rechnet noch nachträglich mit ihr!« riet Don Felipe. »Es war ein Fehler Osorios, Euch an dem Orte zu lassen, dem er den Vater geraubt. Dadurch hat er sich einen Feind mehr geschaffen.«
»Aber mein Gott, was soll ich tun? Da wäre es ja am besten, ich ging gar nicht mehr nach Santiago zurück.«
»Geht einstweilen ruhig nach Hause! In allernächster Zeit habt Ihr jedenfalls noch nichts zu fürchten; der Schrecken über Osorios Gewalttaten dürfte noch zu sehr auf den Santiaginern lasten, als daß sie sich einstweilen nicht ruhig verhielten. Und damit ist Osorio, der bei aller Grausamkeit doch merkwürdig kurzsichtig ist, vorderhand gedient. Macht Euch aber auf alles gefaßt und traut dem Teufel nicht über den Weg! Im Notfalle flieht. Die Kordilleren sind glücklicherweise nahe und die Grenze von La Plata ist bald erreicht. Dort seid ihr in Sicherheit. Ich habe drüben manche Freunde. An die will ich Euch heute noch Briefe mitgeben. Besser vorsehen als nachsehen! Ihr bleibt bei uns bis morgen früh, dann ist alles besorgt.«
»Wie gut Ihr seid, Don Felipe!«
»Das ist kaum der Rede wert. Wir müssen uns gegenseitig stützen und helfen; das ist ebenso selbstverständlich wie natürlich. Und jetzt schaut Euch auf meiner Hazienda um, während ich an die Arbeit des Briefschreibens gehe. Meine Frau und die Kinder werden Euch Gesellschaft leisten und als Führer dienen.«
Unter anregenden Gesprächen wanderten Frau Ines und deren lebhafte Kinderschar mit Joaquin durch den ausgedehnten parkartigen Garten, besuchten die großen Rebenanlagen und sahen von einer Anhöhe aus über die wogenden Getreidefelder. Auf abgegrenzten Wiesenflächen trieben sich stattliche Viehherden frei herum, und der junge Mann gewann mehr und mehr den Eindruck, sein Gastfreund müsse ein recht vermöglicher Mann sein. In kleinen, aus Lehm gebauten und mit Ziegeln gedeckten Häusern, unweit des Hauptgebäudes, wohnten die zahlreichen, zur Hazienda Don Felipes gehörenden Leute, halbe Leibeigene, die sich aber bei der ihnen zuteil werdenden guten Behandlung wohlfühlten und sich überdies verhältnismäßig großer Freiheit erfreuten. Überall grüßten die Leute ihre Gebieterin achtungsvoll und höflich.
»Würde Osorio oder einer von dessen Spionen, die sich ja zahlreich genug in unserer Nähe, in Valparaiso herumtreiben, die wahre Gesinnung meines Gatten kennen«, sagte Frau Ines, während sie sich langsam wieder dem Hause zuwandten, »der Friede unseres Heimes wäre bald genug in ebenso grausamer Weise gestört wie der Eurige, Don Joaquin.«
»Da sei Gott vor! Möge er Euch vor solch schwerem Unglück bewahren!« entgegnete der junge Mann ehrlich erschrocken.
»Ich habe in diesem Zusammenhang eine Bitte an Euch«, fuhr Frau Ines fort, »durch deren Erfüllung Ihr viel zu meiner Beruhigung beitragen würdet.«
»Gerne erfülle ich, was Ihr verlangt, sofern das in meiner Macht steht, Señora.«
»So bitte ich Euch, erwähnt in Santiago bei keinem von Euren Bekannten das, was mein Mann über Politik zu Euch gesprochen hat! Ich ängstige mich furchtbar bei dem Gedanken, Don Felipe könnte seiner regierungsfeindlichen Gesinnung wegen verfolgt werden.«
»Solche Gesinnung hat jeder echte Chilene, das weiß der Diktator wohl«, antwortete Joaquin ruhig. »Ihr lebt glücklicherweise in keiner Stadt, sondern abseits des großen Weges und Verkehres. Darin liegt für Euch und die Euren meines Erachtens einstweilen der größte Schutz. Selbstverständlich aber werde ich gegen jedermann über meine mit Don Felipe ausgetauschten Gedanken schweigen. Das tat ich schon in Valparaiso. Vorsicht und Zurückhaltung sind ja jetzt für uns die dringendsten Gebote.«
»Dank, herzlichen Dank für Eure Worte!« rief Frau Ines, sichtlich erleichtert. »Mein Gatte würde mich zwar meiner an Euch gerichteten Bitte wegen auslachen, vielleicht sogar ausschelten, denn er kennt keine Furcht; aber ich finde, daß er die Gefahr nicht vorzeitig aufsuchen, sondern warten soll, bis sie wirklich au ihn herantritt, bis ihn das Vaterland ruft, bis die Stunde der Befreiung schlägt. Dann lasse ich ihn in Gottes Namen ziehen, mag kommen was da wolle. Jetzt aber möchte ich nicht, daß er die Zahl jener tief Bedauernswerten vermehrt, die, ferne der Heimat, in der Verbannung schmachten müssen. Er kann Chiles Sache hier in der Stille mehr nützen. Bisher war mein Gatte äußerst vorsichtig in all seinem Reden und Handeln. Erst der Zug der Unglücklichen, der hier vorbeikam, hat ihn so erregt, daß er aus seiner Zurückhaltung heraustrat.«
»Seid unbesorgt, Señora!« suchte Joaquin die ängstliche Dame zu beruhigen. »Soviel an mir liegt, sollen Euch und den Euren keinerlei unangenehme Folgen durch meinen Besuch in Don Felipes gastlichem Hause entstehen.«
»Das weiß ich wohl; meine Bitte war deshalb eigentlich auch unnötig; sie entsprang lediglich der schweren Sorge, die ich mir um den Gatten, den Vater meiner Kinder, mache. Ich konnte nicht anders, ich mußte dem gepreßten Herzen Luft machen und mich aussprechen. Verzeiht, Don Joaquin!«
»Ich habe Euch nichts zu vergeben, sondern ehre und begreife Eure Sorgen völlig«, wehrte Joaquin höflich ab. »Möge über Eurem Hause stets ein guter Stern leuchten und möge der Allmächtige Euch und die Euren in seinen besonderen Schutz nehmen!«
Still schritten Frau Ines und ihr Gast dem Hause zu. Dort übergab Don Felipe dem jungen Manne die versprochenen Briefe. Der Abend verfloß in angenehmer Unterhaltung. Frau Ines verabschiedete sich von Joaquin, bevor dieser sein Lager aufsuchte. Er wollte morgen in aller Frühe, lange vor Tagesanbruch, fortreiten, um noch am gleichen Tage Santiago zu erreichen.
»Bangt Ihr nicht auch ein wenig um Euch selbst, Don Felipe?« fragte Joaquin, als er mit seinem Gastfreunde am andern Morgen dem Corral zuschritt, um die Pferde zu holen.
»Durchaus nicht, wenn auch bei der gegenwärtigen Schreckensherrschaft alles möglich ist«, entgegnete Don Felipe. »Meine Frau verzehrt sich oft in Angst. Sollte aber irgend etwas gegen mich unternommen werden, so bricht hier in der ganzen Gegend sofort ein Aufstand aus. Wir Haziendados haben — ich will Euch das als Zeichen meines großen Vertrauens in Eure Ehrenhaftigkeit offenbaren — einen Geheimbund geschlossen, kraft dessen einer dem andern im Falle eines Angriffes beisteht. Können wir auch einstweilen noch nicht gegen regelrechte Truppenmassen ankämpfen, so vermögen wir doch in den Küstenkordilleren den Kleinkrieg zu führen und die Verbindung Santiagos mit Valparaiso bedenklich zu unterbrechen. Erst die Aushebung der Patrioten in Santiago hat in den letzten Tagen diesen Zusammenschluß fertig gebracht. Wir warten nur auf ein Zeichen aus der Hauptstadt, auf das Erscheinen von Hilfstruppen von jenseits der Kordilleren — und das Ende der spanischen Herrschaft in Chile beginnt. Deshalb riet ich Euch schon gestern, im Falle irgendeiner Gefahr nach La Plata hinüberzueilen; denn nur von dort können wir die Hilfe erwarten, durch die wir stark genug werden, das spanische Joch abzuschütteln.«
»Ich danke Euch und werde Euren Rat, wenn nötig, befolgen.«
»Tut das, mein Freund!«
Inzwischen hatten die Männer die Pferde gesattelt und führten sie aus der Besitzung hinaus, der Straße zu. Voller Mondschein lag noch auf der Landschaft.
»Es ist erst vier Uhr. Ihr werdet heute abend zu Hause sein. Habt Ihr Waffen? Wer weiß, ob Ihr solche nicht bald brauchen könnt!«
Lächelnd zeigte Joaquin auf das Paket, das am Sattel seines Pferdes hing.
»Hier habe ich zwei Pistolen nebst Munition. Garcia hat sie mir geschenkt.«
»Das ist gut. Ja, ja«, meinte Don Felipe lachend, »dieser Garcia ist ein Teufelskerl von einem Schmuggler, übrigens ein zuverlässiger Vaterlandsfreund. Er hat uns allen in der hiesigen Gegend schon mancherlei geliefert, was die hohe Weisheit der Herren Machthaber einzuführen verbot. — Doch nun reist mit Gott!« Don Felipe umarmte Joaquin.
Dieser stieg auf, spornte sein Pferd und befand sich wenige Augenblicke später auf der Straße nach Santiago. Das zweite Pferd galoppierte ungeführt neben dem seinen. Don Felipe hatte auf den leeren Sattel ein kleines Bündel geschnürt, das Mundvorrat enthielt. Mit Rührung dachte der junge Mann an die ihm von der Familie erwiesene Freundschaft und Fürsorge. Dann aber flogen seine Gedanken hinaus in die Ferne. Da draußen, wo der Pazifik wogte, schwamm das Schiff, das ihm Vater und Schwester, die teuersten Menschen forttrug auf eine entlegene Insel im Ozean. Wie lange wohl diese Verbannung währen mochte? Ob der Vater, die Schwester die ungewohnten Entbehrungen jahrelang aushielten? Wann, ja wann endlich würde die Stunde der Befreiung schlagen? Wann würde er die Seinen wiedersehen und umarmen dürfen? Joaquin war es in diesen letzten Tagen klar geworden, daß die spanische Herrschaft bei der allgemein herrschenden Erbitterung sich nur noch eine kurz bemessene Frist halten könne. Diese Gewißheit ließ ihn den Heimweg leichteren Herzens antreten, als er zuerst selbst geglaubt. Er hatte Freunde gefunden, wo er sie gar nicht vermutet, Hilfe und Unterstützung, wie er sie in diesem Umfange nicht erwartet hatte. Das hob seinen gesunkenen Mut und ließ ihn hoffnungsvoller in die Zukunft blicken.
Es litt ihn nicht mehr auf seinem Pferde, er mußte absteigen und beten. Die Sonne war aufgegangen und goß ihr strahlendes Licht über das Land. Erhabene, feierliche Stille herrschte ringsum. Der junge Mann kniete nieder auf den sandigen Boden, dankte Gott in inbrünstigem Gebete für seine Güte und bat ihn und die heilige Jungfrau um weiteren Schutz für sich und die Seinen.
Gegen Abend erreichte er die Höhe von Montenegro. An demselben Platze, an dem er sechs Tage zuvor mit der nun fernen Schwester gerastet hatte, stieg er ab, um sich und den Pferden die nötige Ruhe zu gönnen. Mit Wehmut dachte er an den Abend, an dem er hier mit Rosario gesessen hatte. Wieder lag da drüben Santiago, vergoldet von den Strahlen der untergehenden Sonne. Scharf, trotzig und stolz begrenzten die Hochkordilleren das weite Tal. Wohin Joaquin sah, atmete alles Frieden und Ruhe. Und doch, wie viel Unruhe, wie viel gestörten Frieden bergen viele der Häuser in jener großen Stadt! dachte er. Wie trügerisch ist diese äußere Ruhe! Von ferne betrachtet, da nimmt sich wohl alles schön aus; in der Nähe erst sieht man die große Täuschung. Was mag inzwischen zu Hause vorgekommen sein? Bald werde ich es erfahren. Sicher aber ist das eine, daß ich als Sohn meines Vaters nicht lange untätig zu Hause sitzen darf. Rosario hat mir gezeigt, daß man kann, was man ernstlich will. Sie ist beim Vater — und ich? Auch ich muß etwas tun, aber was? Noch weiß ich es nicht, noch warte ich auf den erleuchtenden Gedanken.
Das einfache Mahl, bestehend aus den Resten der ihm von Don Felipe mitgegebenen Lebensmittel, hatte Joaquin herrlich gemundet. Frisch gestärkt erhob er sich, holte seine in nächster Nähe ruhig grasenden Pferde, bestieg das eine und trabte nun Santiago zu. Unterwegs beschloß er, lieber nicht unmittelbar nach Hause, sondern zunächst nach der Vorstadt Providencia zu reiten, dort bei Alvarez einzukehren, die ihm von diesem anvertrauten Pferde zurückzugeben und, falls bis dahin die Zeit schon zu weit vorgeschritten sein sollte, die Nacht bei dem bewährten Freunde seiner Familie zu verbringen und erst mit Anbruch des neuen Tages in das väterliche Haus zurückzukehren. Maria wußte sowieso nichts von seiner Rückkehr und würde sich zweifellos sehr ängstigen, wenn sie tief in der Nacht aus ihrer Ruhe aufgeschreckt würde.
Bei diesen Gedanken bog Joaquin vom Hauptwege ab, ließ Santiago zur Linken liegen und wandte sich in einem großen Bogen der Vorstadt Providencia zu. Der junge Mann fühlte die Ermüdung, die Folge des langen Rittes, je mehr er sich seinem Bestimmungsorte näherte. Volle sechzehn Stunden saß er schon im Sattel. Nur dadurch, daß er zwei gute Pferde hatte, die er abwechselnd benützen konnte, war es ihm möglich gewesen, die bedeutende Entfernung von Don Felipes Hazienda bis zur Hauptstadt, aufwärts durch gebirgiges Land, in einem Tage zurückzulegen. Die Glieder fingen an zu schmerzen, und Joaquin sehnte sich danach, aus dem Sattel zu kommen. Nur die Pferde trabten noch munter ihres Weges; es war, als ob sie die Nähe des Stalles und frisches, gutes Futter witterten.
Es dunkelte schon stark, als die ersten Häuser von Providencia auftauchten. Da und dort schimmerte Licht aus den Fenstern; Hunde schlugen an, wenn sich der Reiter einer menschlichen Behausung näherte. Leute, die vor ihren Hütten saßen, schauten verwundert auf den Mann, dem treulich, wie ein Hund, in unmittelbarer Nähe ein zweites Pferd folgte. In der Dunkelheit war Joaquin, der in dieser Gegend mancherlei Bekannte besaß, nicht zu erkennen. Endlich, gegen neun Uhr, ritt er in den großen Hof ein, der sich vor dem Hause seines väterlichen Freundes ausbreitete. Einige Burschen, die in den Stallungen seitlich vom Hofe noch tätig waren, eilten auf das Pferdegetrappel hin herbei. Im Scheine ihrer Laternen stieg Joaquin mit einem Seufzer der Erleichterung ab.
»Ist Don Ramon zu Hause, Diego?« fragte er einen der Diener, einen alten Mann, der sich schon seit vielen Jahren auf Alvarez' Gute befand.
»Ja, Herr.«
»Gut, so bring mir mein Gepäck ins Haus!« Damit wandte sich Joaquin der Türe zu.
Der nahezu achtzigjährige Greis war noch auf. Er saß in einem großen Lehnstuhle an einem Tische. Einige Kerzen in silbernen Leuchtern standen vor ihm und erhellten das einfache, aber geschmackvoll ausgestattete Gemach. Den Kopf auf die rechte Hand gestützt, las Don Ramon in einem Buche. Da klopfte es an der Türe, und nach der Aufforderung zum Eintritt erschien Don Joaquin in ihrem Rahmen.
»Ach, du bist es!« rief der Greis freudig bewegt, als er den Kopf wandte und den jungen Mann ehrerbietig auf der Türschwelle stehen sah. »Tritt näher, Joaquin, und sei herzlich willkommen!«
Der Jüngling eilte auf den ehrwürdigen Mann zu und küßte die Hände, die ihm dieser zum Gruße gereicht.
»Zunächst kein Wort der Erzählung, mein lieber Sohn!« sagte Don Ramon, als Joaquin sprechen wollte. »Ich sehe es dir und deiner Kleidung an, daß du einen schweren Ritt hinter dir hast; da mußt du dich erst stärken, erst essen und trinken.« Er läutete mit einer kleinen Handglocke, die sich neben dem Leuchter befand, und befahl dem herbeieilenden Diener, ein Abendbrot für Don Joaquin aufzutragen. Dieser kannte die Art Don Ramons zu gut, um irgendwelche Einsprache zu erheben. So saß er still da, bis das Essen gebracht wurde.
Während er den Speisen kräftig zusprach, ruhten des Alten Blicke mit Wohlgefallen auf seiner jugendschönen Gestalt. Wie er seinem Vater gleicht! dachte Don Ramon. Er ist das verjüngte Ebenbild meines guten Freundes. So hat Juan vor vierzig Jahren ausgesehen. Armer Mann und Vater! Wie es ihm gehen mag? Und wo Rosario weilt? Doch Joaquin wird mir alles erzählen. »Vergiß den Wein nicht, mein Sohn!« munterte er seinen jungen Gast auf. »Trink! Das spült den Staub hinunter und löst dir die Zunge. Ich denke, die hast du nachher gehörig zu brauchen, bis du mir alle Einzelheiten deiner Reise nach Valparaiso erzählt hast.«
Dann lauschte Don Ramon aufmerksam dem langen Berichte Joaquins, ihn mit keinem Worte unterbrechend. Als der junge Mann geendet hatte, stand der Greis auf und durchmaß erregt das Zimmer. »Du hast mir so viel gesagt, Joaquin, daß ich das Gehörte erst noch einmal ruhig an meinem Geiste vorüberziehen lassen muß. Eines steht fest: Rosario ist ein Heldenmädchen, und dein Vater ist um eine solche Tochter zu beneiden. Eure Reise hat also doch Erfolg gehabt. Und endlicher Erfolg wird auch deiner Familie wieder blühen. Nun aber, mein lieber Sohn, ruhe dich aus! Es geht auf Mitternacht. Unser Gastzimmer ist immer für einen Besuch bereit. Du weißt ja, wo es ist. Ziehe dich also zurück! Nimm hier einen Leuchter mit und schlafe gut im Bewußtsein, daß du deine Sohnes- und Bruderpflicht erfüllt hast!« Herzlich drückte der Greis des Jünglings Hand, und bald darauf herrschte tiefe Ruhe im Hause. —
Am folgenden Tage ging es schon gegen Mittag, ohne daß Joaquin sich gezeigt hätte. Schon mehrere male war der alte Herr im Zimmer seines Gastes gewesen; aber dieser schlief so fest und tief, daß ihn Don Ramon nicht wecken mochte. Nun mußte es aber doch geschehen. Er hatte von seinem Diener Diego, der soeben aus der Hauptstadt zurückgekehrt war, wo er einige Aufträge zu besorgen gehabt, erfahren, daß gestern in später Abendstunde eine Durchsuchung des Rosalesschen Hauses stattgefunden habe, zweifellos auf Befehl Osorios; zu welchem Zwecke, konnte Diego nicht in Erfahrung bringen. Da war der alte Diener, ein kluger Kopf, in das Rosalessche Haus gegangen, um zu hören, was an der Geschichte wahr sei.
Leider bestätigte ihm Maria das bedenkliche Vorkommnis in allen Punkten. Nachdem die alte Dienerin das heilige Versprechen gegeben hatte, nichts verraten zu wollen, berichtete ihr Diego, daß der junge Herr gestern in später Abendstunde allein, ohne die Schwester, in Providencia angelangt sei. Da beschwor sie Diego, Don Joaquin zu bitten, um aller Heiligen willen auf seiner Hut zu sein und sich einstweilen lieber bei Don Ramon verborgen zu halten, bis keine Gefahr mehr für ihn vorhanden sei.
»Glückliche Jugend, wie sorglos bist du!« sprach der Greis leise vor sich hin, während er seinen Gast zu wecken versuchte. »Da liegt er nun, der brave Mensch, so ruhig und friedlich, als ob es kein Leid in dieser Welt gäbe, ohne Ahnung, daß sich vielleicht schon die Hand des Henkers nach ihm ausstreckt.«
Joaquin dehnte und reckte sich, rieb die Augen und gähnte ein paarmal tief auf. Als er seinen väterlichen Freund und Gönner an seinem Bette stehend erblickte, richtete er sich rasch auf und reichte ihm die Hand zum Gruße.
»Das nenne ich lange schlafen«, sagte der Greis lächelnd; »es ist bald Zeit zum Mittagessen.«
»Ich beeile mich, aufzustehen.«
»Bleibe nur, Joaquin! Ich muß dir erst einiges mitteilen.« Don Ramon setzte sich auf den Rand des Bettes und berichtete dem erstaunt Lauschenden, was er soeben von Diego gehört hatte.
»Also doch!« erwiderte Joaquin. »Wie recht hat Don Felipe gehabt, und welch eine Fügung Gottes, daß ich gestern nicht, wie ich es zuerst beabsichtigte, unmittelbar nach Hause ritt!«
»Ja, Gottes Wege sind wunderbar«, bestätigte der Greis. »Es wird wohl das beste sein«, fügte er hinzu, »du bleibst hier bei mir, bis wir wissen, woran wir sind.«
»Nein, edler Freund«, lehnte Joaquin voll Eifer ab. »Nein, nie und nimmer soll meinetwegen Ungemach auf Euch und Euer Haus gebracht werden! Ich weiß nun, was ich tun muß. Diese neue Haussuchung hat mir plötzlich die Augen geöffnet und mir gezeigt, was ich von Osorio und seinen Anhängern zu gewärtigen habe, wenn ich im Lande bleibe. Hört, Don Ramon!« Und nun gab Joaquin dem alten Herrn die Unterredung bekannt, die er mit Don Felipe Echauren hatte, und erwähnte die ihm von diesem nach La Plata mitgegebenen Briefe. »So will ich über die Kordilleren, und zwar sofort«, schloß Joaquin.
»Mir scheint hier ein Wink des Schicksals vorzuliegen«, antwortete Don Ramon nach kurzer Pause. »Ich will dich nicht halten, dich nicht weiter beeinflussen. Drüben bei unsern Brüdern jenseits der Berge winkt dir ein tatenreiches Leben; von dort aus wird auch die Befreiung unseres Landes erfolgen, das ahnen wir alle. Hier läufst du zu sehr Gefahr, dein Leben nutz- und zwecklos hinter Kerkermauern verbringen zu müssen. Zieh also mit Gott, Joaquin! Mein bestes Pferd sollst du mitbekommen, und an Geld, was ich gerade noch im Hause habe. Damit kannst du dir überall beschaffen, was du benötigst. Auf euer Haus in Santiago werde ich während deiner Abwesenheit achten. Und nun, mein Sohn, spute dich!«
Don Roman verließ das Zimmer und traf sofort alle Anordnungen für Joaquins Abreise. Eine Stunde später ritt der junge Mann nach innigem Abschiede von seinem väterlichen Freunde auf der Straße nach Süden, dem Maipotale zu, um über den Portillopaß, der das Tal abschließt, nach La Plata zu gelangen.
Viele, viele Monate waren schon verflossen, seit Rosario mit ihrem Vater und den übrigen Verbannten auf der Insel Juan-Fernandez weilte. Von der Schönheit der sie umgebenden Natur hatten die armen Gefangenen wenig Genuß; auf verhältnismäßig engen Raum eingeschränkt, durften sie über die ihnen durch angelegte Befestigungen gezogenen Grenzen nie hinaus. Ihre ärmlichen Hütten mußten sie sich selbst bauen. Sie bestanden aus nur einem fensterlosen Raume, der aus Brettern gezimmert war und sich unmittelbar über dem Erdboden erhob. Licht fiel nur durch die Tür in diese elenden Behausungen. Gewöhnlich waren in einem solchen Bretterstalle vier Personen untergebracht; für Rosario und ihren Vater hingegen bauten die Freunde ein Unterkommen, das diesen beiden allein zur Benützung überlassen wurde. Die geringe Nahrung erhielten die Gefangenen täglich von der Soldatenküche aus zugewiesen.
Waren schon die Tage für die zum Nichtstun gezwungenen Verbannten öde und langweilig, so waren die Nächte in den Hütten geradezu entsetzlich. Die Insel litt an einer fürchterlichen Plage, an Ratten, die selbst die reichlich vorhandenen Katzen angriffen. Diese Tiere hatten sich durch den Boden hindurch Gänge in die Hütten gegraben und belästigten die Gefangenen nachts in einer Weise, daß von wirklichem Schlaf, von Ruhe überhaupt keine Rede sein konnte. Die Hoffnung des alten Rosales, hier auf diesem Eilande ein erträgliches Gefängnis zu finden, hatte sich als trügerisch erwiesen. Das Einzige noch, was Vater und Tochter die Lage, deren Gleichförmigkeit auf Geist und Gemüt erdrückend wirkte, aushalten, ertragen ließ, war die unmittelbare Nähe der Bucht, an der die befestigte Strafkolonie von San Juan Bautista angelegt war. Ein Entkommen zu Wasser war nicht möglich, deshalb ließ der Statthalter während der langen Zwischenräume, in denen kein Schiff die Insel anlief, die Gefangenen ruhig an den Meeresstrand ziehen. Wenn es die Witterung erlaubte, ging Rosales mit Rosario täglich dorthin. Dann saßen sie oft lange, in stilles Nachdenken versunken, am Meere, dem Spiele der Wellen zuschauend, oder der alte Mann schlief auf einem Teppich, den Rosario vorsorglich im Schatten des Felsens einer Klippe ausgebreitet hatte. Auf diese Weise konnte sich der Vater ungestört während einiger Stunden der ihm so notwendigen Ruhe hingeben und sich für die bevorstehende schlimme Nacht wenigstens etwas stärken. Die schlimmsten Tage der Verbannung waren die, wenn das aufgeregte Meer seine schäumenden, tobenden Wogen brüllend gegen die Insel warf — da war kein Aufenthalt am Ufer möglich — oder wenn, wie im Winter, schwere Regenmassen tagelang herniederströmten, so daß das Wasser oft nicht mehr rasch genug abfließen konnte und in den Hütten selbst fußhoch stand, den Boden in einen tiefen Sumpf verwandelnd. Für Rosario waren deshalb die Wintermonate die schlimmste Zeit. Es war ein Glück, daß der Winter hier nur ein Vierteljahr dauerte und bald dem langen Sommer mit seinen vielen schönen Tagen voll Licht, Sonne und Wärme weichen mußte.
Manchmal lief ein Schiff die Insel an. In diesem Falle mußten die Gefangenen auf ein gegebenes Signal hin sofort ihre Hütten aufsuchen; erst auf ein zweites Zeichen, das die Abfahrt des Schiffes anzeigte, durften sie wieder ins Freie hinaustreten. So waren die armen Gefangenen vollkommen von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen. Sie erfuhren nicht das geringste aus ihrer Heimat; es war, als seien sie lebendig begraben. Der spanische Statthalter betrachtete seinen Posten auch als eine Art von Strafe, ein Umstand, der ihn nicht gerade freundlicher gegen das an sich schon harte Los der Unglücklichen stimmte, die er zu bewachen hatte. Ähnlich verhielt es sich mit den Soldaten, die ihre rohe Gesinnung gegen die chilenischen Vaterlandsfreunde offen zutage treten ließen. Es war daher für letztere ein Glück und zugleich eine Art Schutz, daß die Soldaten in kurzen Zwischenräumen gegen andere vom Lande ausgewechselt wurden. Auch der Statthalter unterlag diesem Wechsel, wenn auch erst nach längerer Zeit.
Nun befand sich schon der dritte Statthalter auf der Insel. Das zweite Jahr der Haft war herumgegangen, und noch immer schien das Ende der Verbannung, ein Umschlag in den politischen Zuständen Chiles nicht kommen zu wollen. Rosarios Vater fing wieder mehr und mehr an zu kränkeln. Dank der aufopfernden, selbstlosen Pflege seiner Tochter hatte er sich bis jetzt leidlich wohl befunden. Was aber den alten Mann schwerer bedrückte als die mangelnde Freiheit und die oftmals ungenügende Nahrung, das war die völlige Unkenntnis über die Lage seines Vaterlandes und seiner Familie. Tiefer, schwermütiger Ernst, den alle Liebkosungen seines Kindes nicht zu bannen vermochten, verdüsterte immer mehr sein Gemüt und untergrub seine Gesundheit. Mit Schrecken sah Rosario, wie der Vater langsam, doch sichtbar hinwelkte. Wie ein Reif legte sich dieses Erkennen auf ihr Herz, wie ein Frost, der die Blütenknospen tötet, bevor sie zur Entfaltung gelangen. In langen bangen Stunden der Nacht flehte Rosario in heißem Gebete zum Himmel um baldige Rettung des Vaters und der bedrückten Heimat; die endliche Befreiung Chiles von spanischer Herrschaft war ja gleichbedeutend mit ihrer eigenen Befreiung, mit der möglichen Gesundung des Vaters und der Verwirklichung eines süßen Traumes. Wenn aber hier nicht bald eine Wendung eintrat, so war das Schlimmste zu befürchten. Dieser Gedanke machte Rosario ganz elend, und doch bedurfte sie gerade in dieser Zeit schwerster Sorgen erst recht des Mutes und der Hoffnungsfreudigkeit. Verließ auch sie noch die Hoffnung auf eine kommende bessere Zeit, die sie sich bisher allen schlimmen Ereignissen, allen Leiden zum Trotz zu wahren gewußt hatte, so war sie rettungslos verloren, das wußte sie. Nein, sie durfte nicht verzagen.
»Der Allmächtige, welcher sich mir immer so gnädig gezeigt, wird mich nicht verlassen«, sagte sich Rosario; »er wird uns erretten, uns aus der finstern Nacht des Zweifels, der Sorgen und Kümmernisse wieder zu dem hellen Lichte freundlicher, glücklicher Tage führen. Der gütige himmlische Vater kann sich unmöglich unsern Bitten verschließen; er wird sie erhören und erfüllen, wenn er die Stunde für gekommen hält, dieser herben Prüfungszeit ein Ende zu bereiten.«
An diesen Glauben klammerte sich Rosario. Er gab ihr noch den einzigen Halt in dem trostlosen Dasein der Gegenwart, und das Gebet wirkte, wenn auch nur vorübergehend, doch immer beruhigend auf die Seelenqualen des Mädchens.
Die meisten der Gefangenen auf Juan-Fernandez waren ältere Männer; nur ein junger Mann befand sich unter ihnen, Don Manuel Blanco Encalada war sein Name. Kurz bevor die Verbannten auf die Sebastiana gebracht wurden, war er in das Gefängnis von Valparaiso eingeliefert worden. Trotzdem er erst zweiundzwanzig Jahre zählte, hatte er doch eine größere Anzahl von Aufständischen soldatisch ausgebildet und mit diesen gegen die spanischen Truppen gekämpft. In einem solchen Treffen unterlag Encalada der Übermacht und wurde gefangen genommen. Osorio wagte nicht, wie er es zuerst beabsichtigt hatte, den jungen Mann erschießen zu lassen, da dessen Familie zu einer der angesehensten und verzweigtesten Chiles gehörte; so verurteilte er ihn zur sofortigen Verbannung. Der tiefe Ernst, der gar nicht zu seiner Jugend paßte, seine tadellose Vergangenheit, verbunden mit seiner glänzend bewiesenen Tapferkeit und militärischen Tüchtigkeit, bewirkten, daß Encalada in der Strafkolonie von allen gleich hoch geachtet wurde. Rosario hörte überall nur den Ruhm des jungen Mannes.
Zwei Jahre waren schon vorüber. Die jungen Leute hatten Gelegenheit genug gehabt, sich auf dem kleinen Raume, auf dem sich ihr Leben abspielte, kennenzulernen; die Sorge um den Vater aber ließ in Rosario lange Zeit keine andern Gefühle für Encalada aufkommen, als die des Bedauerns für sein Geschick. Rosario hatte sich inzwischen zur schönen vollerblühten Jungfrau entwickelt, und es entging ihr nicht, daß Encalada anfing, sie mit ganz andern Blicken zu betrachten als früher. Don Manuel Blanco schätzte, gleich den übrigen Mitgefangenen, die Tugenden des Mädchens, seine Selbstlosigkeit, die treue Hingabe an den Vater, die Geduld und die Kraft, mit der Rosario das schwere Leben auf der Insel ertrug, vor allem aber ihre sich stets gleichbleibende Heiterkeit des Geistes und den durch nichts zu erschütternden Glauben an den Sieg des Guten über das Böse, an die endliche Befreiung ihres Vaterlandes und an die Rückkehr in die Heimat. Don Blancos scharfem Auge aber war es auch nicht entgangen, wie sehr Rosario in letzter Zeit mit sich kämpfen und ringen mußte, um die nach außen hin zur Schau getragene Ruhe und Hoffnungsfreudigkeit behaupten zu können, und diese Beobachtung machte ihm das Mädchen nur noch achtungswerter, teurer. Wie manchesmal hatte er von ferne Rosario mit dem Vater am Strande sitzen sehen! Schlief dann der alte Mann und die Tochter glaubte sich unbeachtet, da konnte Don Blanco einen Blick in das Innenleben des Mädchens tun, was ihn stets tief erschütterte. Er hörte ihr Schluchzen, sah, wie der zarte Körper vor Weinen bebte und wie sie im Gebete Trost für ihr Weh suchte. Encalada kam sich nach solchen Entdeckungen wie ein Mensch vor, der etwas Unrechtes getan hat, und doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, immer wieder der stille Beobachter von Rosarios seelischen Kämpfen zu sein. Mehr und mehr stieg in dem jungen Manne der Wunsch auf, sie zu trösten, ihre Sorgen, wenn er sie ihr auch nicht abnehmen konnte, doch mit ihr zusammen tragen zu dürfen, ihr ein Freund, ein Bruder zu sein.
Rosales wurde, trotz dem augenblicklich noch herrschenden sommerlichen Wetter, durch seine zunehmende Unpäßlichkeit oft verhindert, die gewohnte tägliche Siesta am Strande zu halten. In stillem, traurigem Ernste lag der alte Mann in seiner Hütte; eine beginnende Schwermut machte ihn immer teilnahmloser gegen alles, was vorging. »Laß mich allein, mein Kind!« bat er, wenn Rosario ihn drängte, die ungastliche Hütte zu verlassen und mit ihr an den trauten Platz am Ufer zu gehen. »Geh ohne mich an das Meer und genieße die schönen Tage noch! Wer weiß, wie bald sie verschwunden sein werden! Der Winter steht ja vor der Tür.«
So ging Rosario eines Mittags allein ans Meer. Da saß sie, angelehnt an die felsige Klippe, in deren Schatten sonst der Vater von der Wiedergeburt seines Landes träumte, und sah tränenden Auges hinaus auf den wogenden Ozean, der sie und den Vater so erbarmungslos von der Heimat trennte. Sie dachte des Bruders. Was er wohl machte, wie es ihm erging, von dem sie seit ihrer Abfahrt von Valparaiso nie wieder etwas gehört hatte? Sie rechnete die Zeit aus, die seitdem verflossen war. Zwei Jahre und vier Monate. War es möglich, daß man schon März 1817 schrieb? Doch es war nicht daran zu zweifeln. Mit dem Bilde des fernen Bruders stieg vor dem Geiste des Mädchens unwillkürlich auch das von Encalada auf. Die beiden jungen Männer standen ungefähr im gleichen Alter; Joaquin mochte noch etwas jünger sein. Wieviel Ähnlichkeit aber im Charakter die beiden miteinander hatten! Rosario fuhr erschrocken auf, als plötzlich, unvermittelt, derjenige vor ihr stand, mit dem sie sich soeben in Gedanken beschäftigt hatte.
»Ich habe Euch wohl sehr erschreckt, Señorita?« redete Don Blanco das Mädchen an.
»Ja«, entgegnete Rosario, über deren bleiches Gesicht eine verdächtige Blutwelle zog; »die Einsamkeit und trübe Gedanken machen schreckhaft.«
»Wollt Ihr Euch nicht wieder setzen? Darf ich Euch ein wenig Gesellschaft leisten?« fragte Don Blanco. »Wir sind nun schon seit Jahr und Tag Unglücksgenossen, auf kleinem Raum beisammen und sind uns doch merkwürdigerweise bis zur Stunde nie nähergetreten.«
Rosario folgte der Aufforderung des jungen Mannes und setzte sich wieder. Etwas Unerklärliches zwang sie zum Bleiben, entgegen ihrer ersten Absicht, in die väterliche Hütte zurückzueilen.
»Ihr spracht vorhin von trüben Gedanken, die Euch bewegen, Señorita«, begann Don Blanco nach einer kleinen Pause. »Glaubt mir, daran leiden wir hier alle. Eine Aussprache hätte Euer Gemüt vielleicht oft erleichtert; aber Ihr waret stets zurückhaltend gegen uns, die wir doch alle Eure Freunde sind und Euch um Eurer hohen Tugenden willen, deren Zeugen wir nun so lange sind, aufrichtig bewundern.«
»Ich tue nur meine Pflicht, weiter nichts«, erwiderte Rosario einfach; doch machten die warmen Worte der Anerkennung gerade aus Encaladas Munde doppelten Eindruck auf sie.
»Nein, Señorita, Ihr tut mehr als Eure Pflicht, Ihr macht Euch verdient.«
»Wieso? Ich verstehe Euch nicht recht.«
»So hört!« entgegnete Don Blanco lächelnd. »Der Aufenthalt hier, das Stilleben, zu dem wir gezwungen sind, hat auch in mir, wie in Euch, allerlei Gedanken angeregt; ich bin aus einem ehemaligen Soldaten eine Art Philosoph geworden. Wie oft habe ich gerade Euretwegen philosophische Betrachtungen angestellt! Ja, Ihr tut mehr als Eure Pflicht, Doña Rosario. Die Pflicht, die schließlich von jedem erfüllt werden kann, hat ihre Grenze; da, wo Selbstverleugnung, Aufopferung im Dienste reinster Menschenliebe sich so herrlich offenbaren wie bei Euch, da ist wirkliches Verdienst oder, wenn Ihr wollt, die Krone der Pflicht, und diese Krone kann sich eben nicht jeder erwerben; hierzu gehören große seelische Fähigkeiten.«
»Ihr könntet mich eitel machen, Don Blanco«, antwortete Rosario. »Ich habe bis zur Stunde meine Aufgabe von einem andern Standpunkt aus betrachtet als Ihr und deren Erfüllung, die ich für ganz selbstverständlich hielt, wenig Bedeutung beigemessen.«
»Durch diese Bescheidenheit beweist Ihr mir nur wieder Eure edle Gesinnung. O Señorita«, rief Don Blanco in ausbrechender Gemütsbewegung, »wie danke ich dem Himmel, Euch kennengelernt zu haben! Wie stolz bin ich darauf, mit einer Chilenin Eurer Eigenschaften die Verbannung teilen zu dürfen! Unser jetziges Unglück kann sich einst noch in eitel Glück umwandeln.«
»Wie meint Ihr dies?« fragte Rosario leise, während ihr Herz zu klopfen begann.
»Wie ich das meine? Nun, so will ich es Euch offen und rückhaltlos sagen, daß ich der Hoffnung lebe, Euch einst meinen Namen geben zu dürfen, Señorita, Euch, die ich bewundere und — innig lieben gelernt habe«, entgegnete Don Blanco mit leicht bebender Stimme.
Rosario stand auf. Ein noch nie gekanntes Gefühl voll Licht und Wärme war in das Herz des Mädchens gezogen; wie eine süße Musik tönten noch die letzten Worte des jungen Mannes in ihr nach.
Auch Encalada war aufgestanden und ergriff die Hand Rosarios. »Darf ich mit Eurem Vater sprechen, Rosario?«
»Nur nicht so ungestüm, Don Blanco! Ihr habt ja noch nicht einmal meine Antwort.«
»So gebt sie mir!«
»Ich achte und ehre Euch, Don Blanco«, entgegnete Rosario; »Euer Antrag beglückt mich um so mehr, als ich Eure Gefühle erwidere. Doch halt!« wies sie den jungen Mann ab, als dieser sie voll Freude in seine Arme schließen wollte; »ich selbst will bei passender Gelegenheit dem Vater unsere Unterredung mitteilen, sein Entscheid ist maßgebend. Geduldet Euch noch so lange! Ich glaube nicht, daß der gute Vater mir seine Zustimmung zu einer späteren Verbindung mit Euch verweigert; aber solange wir hier noch als Gefangene schmachten, solange unser Vaterland unter dem Drucke des spanischen Joches seufzt, so lange bleibt unsere Verbindung ein schöner Traum.«
»Aus dem wir zur Wirklichkeit erwachen werden!« rief Don Blanco feurig.
»Das gebe Gott! Und nun einstweilen kein Wort mehr darüber, nicht wahr?« bat Rosario.
»Ihr habt nur zu bestimmen, Rosario, und ich gehorche; aber den bräutlichen Kuß darf ich Euch doch geben?«
Sie bot dem jungen Mann die Lippen; dann aber eilte sie, wie über einem Verbrechen ertappt, ihrer elenden Behausung zu.
Seit diesem bedeutungsvollen Ereignis waren schon Tage vergangen, ohne daß Rosario es gewagt hätte, den Vater bei seiner düstern Stimmung und seiner Kränklichkeit mit ihren eigenen Angelegenheiten zu belästigen. In der augenblicklichen Lage wäre es ihr wie eine Entweihung vorgekommen, von ihrer Liebe zu sprechen. Aber sie, die niemals ein Geheimnis vor ihrem Vater gehabt, fühlte sich immer mehr davon bedrückt, je länger sie schweigen mußte. Doch durfte sie jetzt nicht sprechen; der hinfällige Greis hätte sich zu sehr über die Herzensangelegenheit der Tochter aufgeregt, und jede Aufregung mußte von ihm fernegehalten werden. Traurig schlichen die Stunden der Tage wie der Nächte hin. Wollte der Allmächtige denn kein Erbarmen zeigen? Gab es wirklich keine Rettung mehr für den Vater?
Der 24. März 1817 war gekommen. Ein leichter Regen fiel über Juan-Fernandez, ein Vorbote des kommenden Winters mit seinen strömenden Regenmassen. Die Gefangenen waren in ihren Hütten, da das Wetter zum Spazierengehen wenig einladend war.
Auch Don Enrique Rosales befand sich mit seiner Tochter in seiner Behausung, die Rosario in ihrer Art zu verschönern gesucht hatte, soweit sie selbst es eben vermochte. An den Bretterwänden hatte sie einzelne Palmenwedel befestigt, aus deren Grün Bilder von Heiligen hervorlugten; die Kahlheit der Wände wurde auf diese Weise etwas gemildert. Sauberkeit herrschte in dem kleinen Raume, dessen frisch aufgewühlter Boden allerdings die nächtliche Tätigkeit der Ratten verriet. Rosario war, wie alle Tage, zuerst damit beschäftigt, diese Spuren zu verwischen, den Boden wieder einigermaßen festzutreten. Nachdem dies geschehen war, breitete sie einen alten Teppich, der ihr bei Nacht als Bettdecke diente, auf dem Boden gegen die offene Tür hin aus und begann darauf ihren sehr dürftigen Vorrat an Kleidern einer Untersuchung zu unterziehen. Seufzend betrachtete das Mädchen die Reste ehemaliger Schönheit, und mit stillem Kummer dachte sie an die nicht mehr ferne Zeit, wo die letzten noch anständigen Kleidungsstücke aufgebraucht sein würden. Der Vater schlief noch oder schien es zu tun. Still, wie tot, lag der Greis auf seinem Lager; nur sein leises Atmen verriet der Tochter, daß er wirklich noch lebe. Mit liebevollen Blicken betrachtete Rosario den Vater während einiger Augenblicke, dann aber machte sie sich mit Eifer an die Arbeit des Flickens.
So war eine Stunde vergangen. Draußen hatte der Regen nachgelassen, und die Sonne machte schüchterne Versuche, durch den trüben Wolkenschleier zu dringen. Über die nahe Bucht her rollte plötzlich der Donner eines Kanonenschusses. Was war geschehen?
Erschrocken fuhr Rosario zusammen, und auch der Vater erwachte aus seiner Teilnahmslosigkeit. »Sieh nach, was los ist, mein Kind!« bat er. »Dieser Schuß muß einen Grund haben, vielleicht ist ein Schiff in Gefahr.«
Rosario legte ihre Arbeit nieder und eilte hinaus nach dem Strande, an dem sich schon eine Anzahl ihrer Unglücksgenossen befand.
Don Blanco gesellte sich zu dem Mädchen. »Da draußen liegt, wie Ihr seht, ein Schiff. Seine Flagge kann ich nicht erkennen. Von diesem aus wurde der Schuß abgefeuert, der uns alle in Aufregung versetzte«, erklärte er. »Was mich aber am meisten wundert, ist, daß unsere Besatzung auf das Zeichen von außen nicht antwortet.«
»Das ist allerdings sehr sonderbar«, antwortete Rosario. »Aber hier kommt ein Boot! Was es wohl bringt?«
»Wahrhaftig, Ihr habt recht! Bald ist es oben auf den Wogenkämmen, bald unten in den Wellentälern; man wäre versucht, zu glauben, es sei nur ein kleines Stück Holz, das das Meer ans Land treibt.«
Eine große Aufregung bemächtigte sich der Zuschauer, als sie beim Näherkommen des Bootes bemerkten, daß in diesem ein Mann in der vollen Uniform eines spanischen Offiziers am Steuer saß, während zwei Matrosen die Ruder führten. Endlich hatte sich der Kahn glücklich durch die Brandung hindurchgearbeitet; eine kräftige Welle warf das Schiff weit hinauf auf das sandige Ufer. Der Offizier sprang heraus, und die beiden Matrosen zogen das Boot aus dem Bereiche der Wellen. Höflich grüßend trat er auf die Gruppe der Zuschauer zu. »Ich wünsche den Statthalter, Don Anjel de Cid, zu sprechen«, redete er die Leute an.
Einige herbeigeeilte Soldaten erfüllten den Wunsch des Offiziers und geleiteten ihn unter tiefer Ehrenbezeugung in das Haus des Statthalters. Die beiden Matrosen, die ihn ans Land gebracht hatten, nahm der Offizier mit sich.
Dies war ein schwerer Schlag für die Neugierde der Zuschauer, die gar zu gerne möglichst rasch das Woher und Warum des auffallenden Besuches erfahren hätten. Einige der Neugierigsten, die den kleinen Zug bis zum Hause des Statthalters begleitet hatten, wußten zu berichten, daß Don Anjel de Cid, der aus dem Hause getreten sei, als der Besuch angemeldet wurde, sich über diesen sichtbar erschrocken gezeigt habe. Der fremde Offizier müsse ein Bekannter des Statthalters sein, denn letzterer habe ihn sofort als »Oberst« angeredet. Daraufhin seien die Herren und die zwei Matrosen sofort ins Haus gegangen, dessen Türe hinter sich fest verschließend. Mit Staunen vernahmen die Zuhörer diesen Bericht. Das einstimmige Urteil war, daß in der Welt draußen etwas vorgegangen sein müsse, das mit diesem geheimnisvollen Besuche in Verbindung stehe.
Rosario hatte ihrem Vater alles erzählt, was sie selbst gehört und gesehen. Der Greis richtete sich auf. »Das geht uns an, mein Kind«, rief er mit plötzlich erwachter Lebhaftigkeit. »Die Stunde der Befreiung naht!«
»O Gott, wäre dies möglich?« entgegnete Rosario halb zweifelnd, halb gläubig.
Da stürzte Don Blanco in die Hütte. »Ich hab's, ich hab's entdeckt!« schrie er wie toll vor Freude.
»Was denn?« fragten Vater und Tochter zugleich.
»Ich hab's entdeckt! Das Schiff führt die argentinische Flagge. Das ist auch der Grund, warum sich unsere Wächter von Anfang an so auffallend ruhig verhielten. Wir werden befreit! Ich wollte es euch zuerst wissen lassen. Nun schnell zu den andern!«
Damit sprang Encalada zur Türe hinaus und eilte weiter. Rosario war auf ihren Vater zugestürzt; Vater und Kinder hielten sich weinend vor Glück und Freude lange umschlossen. Endlich löste sich Rosario aus den Armen des Vaters. »Und wenn sich Encalada getäuscht hat? Wenn es keine Befreiung gibt? Wenn der Statthalter sich gegen diese auflehnt? O Gott, ich ertrüge es nicht!«
»Sei ruhig, mein Kind! Wäre es ein feindliches, ein spanisches Schiff, das da draußen im Meere liegt, so wäre nicht ein einzelner Offizier ans Land gekommen. Nein, gerade dieser sonderbare und auffallende Besuch zeigt mir, daß es ein Unterhändler ist trotz seiner spanischen Uniform. Ich will mich nun erheben, denn ich ahne, daß uns diesen Morgen noch Wichtiges bevorsteht. Geh du inzwischen wieder an den Strand! Vielleicht kannst du dich dort durch eigene Beobachtung vom letzten Zweifel befreien.«
Eine mächtige Bewegung hatte alle Verbannten erfaßt; wer nicht ans Bett gefesselt war, war ins Freie geeilt. Bei einem zufälligen Blick auf den steilen, bislang unzugänglich gehaltenen hohen Felsen, der die kleine Kolonie gegen die Bucht hin begrenzte, sah Rosario einen Mann oben stehen; ihre scharfen Augen entdeckten sofort, daß es Encalada war, der da oben Ausschau hielt. Im ersten Augenblick war sie wie gelähmt vor Schrecken über diese Tollkühnheit des Jünglings; ihre Füße zitterten, und sie vermochte sich nicht mehr weiterzubewegen. Dann aber löste sich ein solch lauter Angstruf aus ihrer Kehle, daß dieser bis hinauf zu dem waghalsigen Kletterer drang.
Als Encalada den Schrei Rosarios vernahm, verließ er sofort seinen gefährlichen Platz, rutschte vorsichtig an dem Felsen herunter und eilte auf das Mädchen zu. »Habe ich Euch so erschreckt, Rosario, daß Ihr meinetwegen einen solchen Angstschrei ausgestoßen habt?« fragte Don Blanco besorgt.
»Wie konntet Ihr um Gottes und aller Heiligen willen auf diesen Felsen klettern und Euer Leben dem fast sichern Absturz aussetzen?« gab Rosario vorwurfsvoll zur Antwort.
»Ich war schon einmal oben und hatte mir genau die Stellen gemerkt, wo der Fuß beim Aufstieg Halt findet; nur dadurch war es mir auch möglich, die Flagge des Schiffes unzweideutig ohne Glas zu erkennen. Ihr seid mir doch nicht böse?«
»Nein, dem Himmel sei Dank, daß Ihr wieder glücklich unten seid! Aber versprecht mir, nicht mehr hinaufzusteigen!« bat Rosario, mit einem innigen Blick, der ihre tiefe Liebe verriet, zu Don Blanco aufsehend.
»Das verspreche ich«, entgegnete dieser, beglückt durch die Sorge des Mädchens um sein Wohl. »Übrigens habe ich die Besteigung nicht mehr nötig; es ist so, wie ich Euch schon mitteilte: es ist ein argentinisches Schiff. Wir werden befreit, und dann«, fügte der junge Mann leise, nur Rosario verständlich, hinzu, »dann kommt die Zeit des Glückes für uns, nicht wahr?«
Sie waren unterdessen zur Hauptgruppe ihrer Genossen gestoßen, die sich in Erwartung der Dinge auf dem Platze vor dem Hause des Statthalters versammelt hatten. Die spanischen Soldaten, die die geringe Garnison von Juan-Fernandez bildeten, standen faulenzend auf dem Platze herum. Auch diesen rohen Gesellen kam das unvermittelte Erscheinen eines hohen Vorgesetzten, ohne daß sie selbst deshalb irgendwie zu einer Dienstleistung befohlen wurden, höchst sonderbar und verdächtig vor; außerdem galt es auch, ihre eigene Neugierde zu befriedigen, die zu stillen auf der Insel sowieso wenig Gelegenheit geboten war.
Das Gewirr der Stimmen verstummte plötzlich, als die Tür des Hauses sich öffnete und der Statthalter mit seinem Besuche auf die Veranda heraustrat. »Es ist gut, daß Ihr schon versammelt seid, Leute«, rief der Statthalter mit lauter Stimme; »so bin ich der Mühe enthoben, euch erst hierher bestellen zu müssen. Hört, was ich euch zu verkünden habe! Das Schiff, das da draußen ankert, segelt unter Farben, die meine Regierung zwar noch nicht anerkannt, die aber ich selbst augenblicklich achten muß; es ist die Flagge der Argentiner. Diese im Bunde mit den chilenischen Aufständischen, haben bei Chacabuco letzten Monat das königlich spanische Heer besiegt.« »Viva, Chile, viva!« brauste es da in die Rede Don Anjels de Cid.
»Das könnt ihr später rufen; jetzt im Augenblick verlange ich ruhige Zuhörer«, verwies scharfen Tones der Statthalter die Freudenäußerung. »Noch steht ihr unter spanischem Gesetz. Dieser Offizier hier, Oberst Cacho« — Don Anjel deutete mit der Hand auf seinen Besucher — »hat mir die Nachricht des Mißgeschicks überbracht, das Spaniens Krone betroffen hat. Er selbst wurde in der Schlacht bei Chacabuco von den Aufständischen gefangen genommen und ist auf sein Ehrenwort hin, die Botschaft hierherzubringen und eure sofortige Freilassung zu veranlassen, als Abgesandter des Siegers gekommen. Ich weiche der Gewalt, da meinerseits ein Widerstand gegen die neue Lage der Dinge zwecklos wäre und meinem Lande doch keinen Nutzen brächte. Macht euch also bereit zur Rückbeförderung nach Valparaiso! Noch heute mittag werdet ihr eingeschifft.«
»Viva Chile! Vivan los Patriotas!« tönte es wieder, als Don Anjel geendet hatte und in sein Haus zurückgegangen war. Dann aber umarmten sich die nun so unerwartet wieder ins Glück versetzten Menschen, und diese Gelegenheit ließ sich auch Encalada nicht entgehen; er drückte Rosario ans Herz und küßte sie wiederholt. »Auf dem Schiffe halte ich beim Vater um deine Hand an, Geliebte«, flüsterte er dem erglühenden Mädchen ins Ohr. »Nun aber wollen wir uns sputen und alles zur Heimreise bereit machen.« —
Am Abend des ereignisreichen Tages verließ die Aquila mit den Befreiten an Bord die Insel Juan-Fernandez, um nach Valparaiso zu segeln, das am Nachmittag des 31. März in Sicht kam. Ein glückliches Brautpaar führte das Schiff mit sich: Don Manuel Blanco Encalada und Señorita Rosario Rosales. Mit Freuden hatte Don Juan Enrique Rosales die Einwilligung zur Verlobung seiner einzigen Tochter mit dem wackeren jungen Manne, dem eine vielversprechende Zukunft in der Heimat winkte, gegeben und nur die Bedingung daran geknüpft, daß die eheliche Verbindung erst nach der völligen Befreiung Chiles vom spanischen Joche stattfinde. Diese Bedingung zu erfüllen, versprach Blanco Encalada.
Während der Heimreise erfuhren die Chilenen vom Schiffskapitän Don Raimundo Morris noch wichtige Einzelheiten über die Schlacht bei Chacabuco und die Art und Weise ihrer so raschen Befreiung. Morris hatte als Offizier im Heere der Aufständischen, zu denen er im letzten Augenblicke noch mit Hilfstruppen gestoßen war, in der Schlacht mitgekämpft. Nachdem die Gegner geschlagen und viele von ihnen gefangen genommen waren, vernahmen die Sieger von einigen der vornehmen Gefangenen, daß von spanischer Seite ein Überfall auf Juan-Fernandez geplant sei, um sich der auf der Insel festgehaltenen chilenischen Vaterlandsfreunde, der eigentlichen Häupter der in Fluß gekommenen Bewegung, zu bemächtigen und sie alle erschießen zu lassen. Um diesem Schlage zuvorzukommen, wurde Morris als ehemaliger Marineoffizier sofort mit dem gefangenen Oberst Cacho nach Valparaiso gesandt, von wo aus er mit dem dort vor Anker liegenden argentinischen Kriegsschiffe Aquila umgehend nach Juan-Fernandez absegelte. Oberst Cacho selbst hatte lediglich als Parlamentär zu dienen.
Auf die von Rosales an Morris gestellten Fragen nach seinem Sohne Joaquin konnte der Kapitän nur ungenügende Auskunft geben. Soviel ihm bekannt, sei ein gewisser Rosales als Offizier im Heere der Argentiner gewesen und habe sich durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet; welchen Vornamen der Offizier aber trage, sei ihm unbekannt. Die Hauptberuhigung für Rosales und seine Tochter jedoch war, daß Morris ihnen versichern konnte, daß unter den vielen in der Schlacht bei Chacabuco gefallenen Offizieren keiner gewesen sei, der ihren Namen getragen habe.
Nach mehrtägigem anstrengendem Ritte hatte Joaquin das Hochgebirge der Kordilleren ohne weiteren Unfall glücklich hinter sich und befand sich in Argentinien. Sein Weg führte ihn zunächst nach Mendoza; dahin hatte er Empfehlungen von Echauren.
Roca, ein unversöhnlicher Gegner der Spanier, ein reicher Gutsbesitzer, empfing den jungen Rosales mit offenen Armen.
Nach kurzem Aufenthalte auf der Hazienda Rocas schloß sich Joaquin den aufständischen Argentiniern an. Ein bewegtes Leben begann nun für den jungen Mann. Die Taktik der Aufständischen bestand in einer fortgesetzten Belästigung des Gegners. Joaquin, der mehr und mehr mit den Führern des Aufstands persönlich bekannt und von diesen seiner Charaktereigenschaften sowohl als auch seines oft bewiesenen Mutes wegen geschätzt wurde, erhielt nach eineinhalbjährigem Felddienste den selbständigen Befehl über eine kleine Truppe von Gauchos. Mit diesen kühnen Reitern machte er Streifzüge bis vor die Tore von Buenos-Aires. Auf allen Seiten bedrängt, aus dem flachen Lande vertrieben, blieb den Spaniern nichts anderes mehr übrig, als sich in der Abwehr zu halten. Die Staaten von Rio de La Plata waren Ende Juli 1816 tatsächlich nicht mehr Spaniens Krone untertan. Im Heere der Argentinier kämpften viele Chilenen. Als die Hauptaufgabe der ersteren erreicht war, galt es, den letzteren zu helfen. Beide Brudervölker hatten gleiches Streben gemein. Das spanische Heer hatte sich, um Chile nicht preiszugeben, bei Chacabuco gesammelt. Die vereinigten Argentinier und Chilenen, die den Spaniern stets hart auf den Fersen waren, begannen am 12. Februar 1817 die Schlacht, die mit einer Niederlage der Spanier endigte. Joaquin hatte an dem Kampfe teilgenommen und eine Reihe von Gegnern zu Gefangenen gemacht. Bei ihrer Ablieferung an das Generalkommando am Tage nach der Schlacht vernahm er, daß spanischerseits ein Anschlag auf Juan-Fernandez geplant sei, um die daselbst gefangen gehaltenen chilenischen Vaterlandsfreunde vollkommen unschädlich zu machen. Die schwere Sorge um die Seinen, die den jungen Mann bei dieser Nachricht überfiel, wich rasch einer gewissen Beruhigung, als Joaquin mitgeteilt wurde, daß bereits ein Abgesandter der Sieger mit einem spanischen Zwischenhändler unterwegs sei, der, um allen finsteren Plänen der spanischen Generale von vornherein zu begegnen, sofort die nötigen Schritte zur Befreiung sämtlicher Gefangener einleiten sollte; an dem Erfolge sei nicht zu zweifeln.
Mit dem Siege bei Chacabuco war die Macht des Feindes noch nicht endgültig gebrochen. Die Spanier zogen sich südwärts. Beide Teile waren vorläufig durch die großen Verluste zu sehr geschwächt, um mit Erfolg zum letzten entscheidenden Schlage ausholen zu können. Der Bitte Joaquins um einen kurzen Urlaub konnte daher von der chilenischen Heeresleitung Ende März entsprochen werden. Er wollte die Zeit der Ruhe dazu benützen, die Seinen, die er nun seit Jahr und Tag nicht mehr gesehen hatte, zu ihrer endlichen Befreiung zu beglückwünschen, sie selbst in Valparaiso bei ihrer Landung zu begrüßen. So eilte Joaquin auf dem kürzesten Wege nach der Hafenstadt.
Trotz dem ungestümen Verlangen seines Herzens, so bald als nur möglich in Valparaiso zu sein und dort lieber noch einige Tage auf das Eintreffen des Schiffes von der Insel zu warten, als nur eine Minute zu spät zu kommen, konnte es sich Joaquin nicht versagen, nach seinem alten Gastfreunde Don Felipe Echauren zu sehen; sein Weg führte ja sowieso in der Nähe von dessen Gut vorbei. So ritt er auf seinem treuen Rosse, demselben noch, das ihm Don Ramon Alvarez einst geschenkt, der Hazienda seines Freundes zu. Schon von weitem sah er, daß äußerlich alles noch gleich war wie vor zwei und einem halben Jahr. Da lag noch wie früher das Haus friedlich in seiner grünen Umrahmung; schmuck und einladend wirkte es wieder auf den Reiter wie einst. Welch ein Unterschied aber heute in den Gefühlen Joaquins gegen diejenigen bei seiner früheren Reise nach Valparaiso! Heute galt der Ritt der Befreiung seines Vaters, seiner Schwester, und damals? Er mochte jetzt in seiner großen Freude die traurigen Gedanken von einst nicht wieder aufleben lassen; ein Gefühl unendlichen Dankes gegen das Geschick, das alles so wunderbar zum Guten geführt hatte, bewegte den jungen Mann.
In dieser Stimmung fiel ihm die eigenartige Stille nicht auf, die in dem Hause herrschte, als er, bei diesem angelangt, aus dem Sattel stieg. Ein Mann in mittleren Jahren trat aus der Türe, erstaunt auf den sonnverbrannten Fremden in der kriegerischen Tracht blickend.
»Ist Don Felipe zu Hause?« fragte Joaquin höflich.
»Nein!« war die kurze Antwort.
»Wie schade!« rief Joaquin mit aufrichtigem Bedauern. »Aber vielleicht Frau Ines und die Kinder?«
»Darf ich fragen, wer Ihr seid?« entgegnete der Angeredete. »Ihr scheint die Familie zu kennen.«
»Mein Name ist Joaquin Rosales«, stellte sich dieser vor, unangenehm berührt durch die Art des Empfangs.
»Joaquin Rosales!« wiederholte der Mann, wobei ein plötzliches Leuchten des Verständnisses über sein Gesicht flog. »Seid willkommen, Don Joaquin, tretet ein! Ich bin der Bruder Don Felipes; Felix ist mein Name.«
»Wo ist Euer Bruder?«
»Meinen Bruder hat Gott letzte Woche zu sich gerufen; er starb nach langer, schwerer Krankheit«, antwortete Don Felix traurig, Joaquin einen Stuhl zuschiebend und ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen einladend.
»O heilige Jungfrau, ist dies möglich?« rief der junge Mann erschrocken. Es befiel ihn bei dieser unerwarteten Botschaft ein leises Zittern, so wuchtig hatte sie ihn getroffen. »Und Frau Ines, die lieben Kinder? O Gott, wie traurig!« stammelte er nach einiger Zeit schmerzlichen Nachdenkens vor sich hin.
»Die ganze Familie ist in Quillota beim Vater; ich selbst verwalte einstweilen das Gut des Bruders. Doch, Don Joaquin, gestattet mir zuerst, die Pflichten des Gastgebers zu erfüllen! Nachher will ich Euch erzählen, wie all das Schwere uns traf.«
Damit ging Don Felix hinaus und kam bald mit einem Diener zurück, der einige Speisen und Wein auf den Tisch stellte.
»Zunächst greift zu, tapferer Freund! Ich habe schon so viel von Euch gehört«, sagte Don Felix, den Gast aufmunternd. »Ihr kommt wohl, wie ich vermute, von Chacabuco?«
»Ja, ich kämpfte dort mit.«
»Die Nachricht vom Siege unserer Landsleute war die letzte große Freude meines Bruders. In dem Bewußtsein, Chile nun frei zu wissen, ist er in Frieden gestorben.«
Während der junge Mann auf dringende Bitten Don Felix' endlich einige Erfrischungen zu sich nahm, erzählte ihm dieser von den inzwischen im Hause vorgegangenen Veränderungen. »Mein Bruder bekam vor einem Jahre plötzlich einen Blutsturz. An diesen schloß sich ein schweres Lungenleiden an, dem er dieser Tage endlich erlag. In der langen Zeit seines Leidens, in der ich für den Bruder die Führung des Gutes übernommen hatte, sprach er viel von Euch, Eurem Vater, Eurer Schwester, die die Verbannung des Vaters teile, von den Vaterlandsfreunden drüben auf Juan-Fernandez. Wie oft und gern gedachte er besonders Eurer! Wir hatten gehört, daß Ihr, in Santiago Eures Lebens nicht mehr sicher, über die Kordilleren gegangen und drüben in die Reihen der argentinischen Vaterlandsfreunde eingetreten seid. Dies war alles, was wir erfuhren. Aber wir wußten, daß Ihr wiederkommen würdet, um für des Vaterlands Befreiung auch hier zu kämpfen. Es kam die Nachricht von der Schlacht bei Chacabuco. Zuerst glaubten wir nicht recht an den Sieg; als aber die Spanier anfangs des Monats eiligst von Valparaiso abzogen, die Stadt einfach sich selbst überlassend, da wußten wir, daß die Bedrücker tatsächlich die Geschlagenen waren. Diese große Freude belebte noch einmal meines Bruders schwache Kräfte, aber nur vorübergehend, dann schloß er die Augen zum ewigen Schlummer.«
Als Don Felix geendet hatte, blieben die Männer noch lange in tiefes Schweigen versunken sitzen.
»Was nützen hier Worte des Trostes!« begann endlich Joaquin; »Euer Leid ist zu groß, und ich, der Don Felipes Edelsinn und Vaterlandsliebe kennenzulernen die Ehre hatte, empfinde Euren Verlust in vollem Umfange mit. Der Allmächtige tröste und segne Euch und die Hinterlassenen Eures Bruders! Wer weiß, ob auch ich meine Lieben wiedersehen darf! Seit Jahren bin ich ohne jede Nachricht. Nachdem ich sehe, wie schweres Unglück Euch betroffen hat, beginnen jetzt, da ich die Meinen in Valparaiso abholen möchte, schwere Sorgen mich zu quälen, ob der alte Vater wohl noch lebt und wie es mit der Schwester steht. Doch wir sind alle in Gottes Hand. Wie hatte ich mich auf ein Wiedersehen mit Eurem Bruder und seiner Familie gefreut! Nun muß ich schmerzgebeugt weiter ziehen. Lebt wohl, Don Felix!«
Joaquin war aufgestanden und gefolgt von Don Felix ins Freie getreten. Mit stummem Händedrucke verabschiedeten sie sich voneinander, dann ritt Joaquin Valparaiso zu, traurig bewegt durch das, was er vernommen hatte.
»Wenn Ihr mit den Euren nach Santiago zurückkehrt, so vergeßt nicht, bei mir hier wieder vorzusprechen!« hatte Don Felix dem Scheidenden noch nachgerufen.
Als Joaquin in Valparaiso einritt, bemerkte er, daß er der Gegenstand vielfacher Neugier war. Nach allen Seiten hin hatte der stattliche junge Reiter Grüße zu erwidern, zeigte doch seine Kleidung den Leuten seine Zugehörigkeit zum siegreichen Heere der Aufständischen. Eine hellblaue Bluse umschloß den Oberkörper Joaquins; er trug gelbe Lederhosen und eine breite, glänzend rote Schärpe. Den Kopf schützte ein mächtiger Filzhut, an dem eine Kokarde mit den chilenischen Farben blau-rot-weiß befestigt war. An seiner Linken hing ein blanker Säbel mit großem Korbe aus Messing; aus den Satteltaschen schauten die Griffe von Pistolen hervor. Gewaltige eiserne Sporen an den Füßen, die in den schuhförmigen hölzernen Steigbügeln steckten, vervollständigten das malerische Bild des jugendlichen Kriegers. Wie mit dem Pferde verwachsen erschien der Offizier, jede Bewegung desselben unwillkürlich auf den eigenen Körper übertragend. Kein Wunder, daß aller Blicke mit Stolz und Bewunderung auf ihm ruhten, als er langsam, in tiefes Sinnen verloren, Garcias gastlichem Hause zuritt. Ein kleiner Auflauf entstand, als Joaquin, am Ziele angelangt, vom Pferde stieg. Garcia eilte dienstbeflissen aus seinem Hause.
»Nun, kennt Ihr mich nicht mehr?« fragte der Offizier lächelnd den Wirt.
»Carramba! Ihr kommt mir allerdings bekannt vor; aber ich weiß augenblicklich nicht, wo ich Euch in meinem Gedächtnisse auffinden soll«, entgegnete Garcia.
»So will ich Eurer Erinnerung zu Hilfe kommen; ich bin Joaquin Rosales.«
»Gelobt sei Jesus Christus! Ja, ja, Ihr seid es!« rief der Wirt in ehrlicher Freude. »Daß ich Euch auch nicht sofort erkannte! Aber Euer Schnurrbart und Eure dunkle Hautfarbe, die Euch übrigens trefflich kleiden, führten mich irre. Und daß Ihr wieder mein Haus beehrt, freut mich ganz besonders. — Was wollt Ihr denn, Ihr Leute?« wandte sich Garcia an die Menschenmenge, die staunend der Begrüßung beigewohnt hatte. »Der Herr ist Offizier unserer tapferen, siegreichen Armee; das könntet Ihr doch gemerkt haben.«
»Viva Chile!« schrie die Menge als Antwort, und lachend zerstreuten sich die Leute, während Garcia mit seinem Gast ins Haus trat.
Der Wirt hatte Joaquin mancherlei Neuigkeiten mitzuteilen. Das Schiff von Juan-Fernandez werde täglich zurückerwartet; es seien bald vierzehn Tage vergangen, seit es von Valparaiso abgesegelt sei. Eine Reihe argentinischer Offiziere befänden sich schon hier, um die Verteidigung der Stadt gegen etwaige spanische Überfälle vorzubereiten. Villegas habe sofort den Wechsel der Dinge anerkannt, als die Nachricht von der Niederlage seiner Partei in Valparaiso bekannt geworden sei; auch andere hohe Würdenträger seien seinem Beispiele gefolgt, die übrigen aber geflohen, um zu der geschlagenen Armee zu eilen. So stünden die Sachen und die endgültige Vernichtung des Gegners dürfte nur noch eine kurze Zeitfrage sein, schloß Garcia seinen Bericht.
»Hoffen wir das!« fügte Joaquin hinzu. »Noch mancher von uns wird mit seinem Blute den Boden der Heimat färben müssen, bis wir die Spanier für immer aus dem Lande getrieben haben. Vergeßt nicht, Garcia, daß uns einstweilen nur ein Teil von Chile gehört!«
»Das andere kommt auch noch rasch, Don Joaquin.«
»So mögt Ihr sprechen, der Ihr kein Soldat seid«, antwortete der junge Mann; »ich sage Euch, daß wir, wie die Spanier, durch die großen Verluste in der letzten Schlacht augenblicklich auf Waffenruhe angewiesen sind. Und der letzte Waffengang entscheidet.«
»Ihr werdet wieder siegen!« rief Garcia voll Begeisterung.
»Das gebe der Allmächtige! In seiner Hand liegt unser Geschick.«
Für Joaquins Ungeduld verstrich die Zeit viel zu langsam. Schon war er den zweiten Tag in Valparaiso, und das Schiff traf immer noch nicht ein. Die Stunden wollten nicht herumgehen, eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich seiner. Wenn dem Schiff am Ende ein Unglück zugestoßen wäre, oder wenn Morris und der spanische Offizier ihre Aufgabe dem Gouverneur gegenüber nicht zu erfüllen in der Lage waren? Diese und andere trübe Gedanken bewegten den jungen Mann und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Immer und immer wieder lief er am Strande des Meeres auf und ab, oder er kletterte auf die nahen Hügel der Küstenkordilleren, um von dort Ausschau auf den Ozean zu halten. Endlich, endlich, am Nachmittage des dritten Tages sah er weit draußen am Horizont ein Segel auftauchen. Kein Zweifel, es mußte die Aquila sein, denn das Schiff nahm seinen Kurs auf die Stadt zu und näherte sich ihr langsam. Jetzt konnte er am Hauptmaste des Seglers auch die Flagge unterscheiden: es waren die ihm so bekannten Farben von La Plata. Aller Zweifel verschwand und machte einem tiefen Glücksgefühle Platz. Mit vor Freude klopfendem Herzen eilte er von seiner Warte hinunter in die Stadt und an das Ufer.
An diesem hatte sich schon ein regeres Leben entwickelt, als es sonst bei der Ankunft eines Schiffes üblich war. Von allen Seiten strömten frohbewegte Menschen herbei, galt es doch, die aus ihrer Gefangenschaft heimkehrenden Vaterlandsfreunde zu begrüßen. Joaquin selbst hatte weder Auge noch Ohr für die Menge, die mehr und mehr anschwoll. Er achtete nicht der am Ufer sich brechenden und aufspritzenden Wogen. Was kümmerte es ihn, daß sie ihn durchnäßten! Er konnte nicht nahe genug dem Wasser sein, über das nun in Bälde seine Lieben dem Lande, der Heimat wieder zugeführt werden sollten.
Eine Reihe von Booten war im Begriff, der Aquila entgegenzufahren, um die Befreiten abzuholen! Joaquin war es dank seiner Uniform gelungen, eines derselben für sich zu gewinnen. Mit dem Versprechen einer reichen Belohnung trieb er die Ruderer zu gewaltiger Kraftleistung an. Bald hatte sein Boot einen namhaften Vorsprung vor den übrigen; pfeilgeschwind schoß es durch das Wasser und legte wenige Minuten später an der Aquila an. Eine Strickleiter wurde herabgeworfen, und Joaquin kletterte hinauf an Deck. Da stand der Vater. Mit einem Jubelschrei warf sich der Sohn an die Brust des Greises, der vor Rührung über dieses unerwartete Wiedersehen zunächst nicht zu sprechen vermochte. Dann aber raffte sich der alte Rosales auf, hielt Joaquin etwas von sich und ließ mit Stolz seine Blicke über den schmucken, zum Manne gereiften Sohn gleiten. »Geliebter wackerer Sohn, in dir grüßt mich das Vaterland zuerst! Ich habe unterwegs gehört, daß du für Chile ehrenvoll gekämpft hast; auch bestätigt mir dein Äußeres diese Mitteilung. Dem Himmel sei Dank, daß er dich mir erhielt!«
Der Sohn war vor dem Vater niedergesunken. Segnend legte der Greis die Hände auf den Kopf des Jünglings, dann zog er ihn sanft zu sich empor und küßte ihn innig. Unter den vielen Zeugen des Wiedersehens zwischen Vater und Sohn blieb keiner trockenen Auges.
»Nun komme auch ich an die Reihe!« rief eine heitere Stimme, und ehe es sich Joaquin versah, hing ihm seine Schwester lachend und weinend vor Freude am Halse und küßte ihn. Dann riß sie sich plötzlich los, eilte weg, um gleich darauf wieder zu erscheinen. »Und hier habe ich dir auch einen Bruder mitgebracht.« Mit diesen Worten führte Rosario Blanco Encalada auf Joaquin zu.
Einen Augenblick sahen sich die jungen Männer gegenseitig stumm wie prüfend an, dann aber begriff Joaquin sofort die Lage, reichte Encalada die Hand und hieß ihn als Bräutigam der Schwester herzlich willkommen.
»Ich werde dir ein treuer brüderlicher Freund und Schwager sein«, versicherte Don Blanco seinem neuen Verwandten; »mit dir vereint, werde ich für unseres Vaterlandes vollkommene Befreiung kämpfen.«
»Du wirst mir ein lieber Kampfgenosse sein, Blanco«, antwortete Joaquin. »Läßt dich aber auch meine Schwester ohne Widerspruch ziehen?« setzte er lächelnd hinzu, die hocherrötende Rosario mit den Augen streifend.
»Zuerst die strenge Erfüllung der Pflichten gegen das Vaterland, dann erst die zarte Liebe des Gatten«, entgegnete für Rosario und Blanco der Vater feierlich; »so haben wir es bestimmt, und so wird es gehalten.«
Ein volles Jahr schon war seit der Rückkehr der auf Juan-Fernandez Verbannten in ihre Heimat verflossen. Drohend zogen sich von neuem wieder dunkle Kriegswolken über Chile zusammen. Die Spanier hatten im abgelaufenen Jahre die größten Anstrengungen gemacht, ihr Heer zu verstärken, das Vizekönigtum mit Waffengewalt wiederherzustellen, und bedrohten nun, vom Maipo aus, einem in der Nähe von Santiago befindlichen Flußtale, die Hauptstadt. Aber auch die Chilenen waren nicht müßig gewesen und hatten die lange Waffenruhe wohl ausgenützt. Aus allen Teilen des Landes waren opferfreudige Männer zu ihren Fahnen herbeigeströmt; die Zahl der Streiter hatte eine solche Höhe erreicht, daß einer Entscheidungsschlacht nicht länger ausgewichen zu werden brauchte. Am 5. April 1818 brach das chilenische Heer von Santiago nach dem Maipo auf. Blanco Encalada und Joaquin Rosales führten die ihrem Befehl unterstellten Abteilungen. Joaquins Reiterschar hatte die Aufgabe des Sicherungsdienstes für die vorwärtsstrebende Heeressäule. Sie kam daher auch zuerst ins Gefecht, das sie so lange glücklich hinzuziehen verstand, bis die ganze Streitmacht schlachtbereit aufmarschiert war. Ein fürchterliches blutiges Ringen entspann sich; die Spanier kämpften mit dem Mute der Verzweiflung, die Chilenen voll todesverachtender Begeisterung für ihre gute Sache. Gegen Abend war die Schlacht zugunsten der Chilenen entschieden, das Land für immer frei von Spanien. Was sich von dem Reste der überlebenden Spanier nicht durch Flucht über die nahen Kordilleren retten konnte, fiel in chilenische Gefangenschaft.
Joaquin war schwerverwundet vom Schlachtfelde weg nach Santiago gebracht worden; Rosarios Bräutigam dagegen kam mit einer leichten Verletzung aus dem Kampfe. Die aufopfernde Pflege, die Joaquin im väterlichen Hause von allen Seiten zuteil wurde, ließ ihn endlich ganz genesen. Dankbar priesen Vater und Schwester das Geschick, das ihnen den teuren Sohn und Bruder so gnädig erhalten hatte.
Im Juni 1818 fand die Vermählung Rosarios mit Don Blanco Encalada statt.
Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
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