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CAMILLE FLAMMARION

DAS ENDE DER WELT

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Ex Libris

Textquelle der RGL-Ausgabe:


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Ausgabe des Dieter von Reeken-Verlags, 2006

Nachdruck der 1895 erschienenen einzigen deutschen Ausgabe im Neusatz
mit den in der französischen Ausgabe von 1925 enthaltenen Illustrationen von
Jean-Paul Laurens, Rochegrosse, Bayard, Robida, A.-P. Laurens, Schwabe, Grasset,
Saunier, Merwart, Vogel, Bach, Guillonnet, Rudaux, Myrbach, Chovin und Méaulle

Herausgegeben von Dieter von Reeken, Brüder-Grimm-Straße 10, 21337 Lüneburg

Diesem Nachdruck liegt die folgende deutsche Erstausgabe zugrunde:

Das Ende der Welt von Camille Flammarion.

Mit Genehmigung des Verfassers ins Deutsche übertragen von
Karl Wenzel, Pforzheim. Ernst Haug
(Otto Rieckers Buchhandlung), o.J. [1895]

Französische Erstveröffentlichung:
Camille Flammarion: La Fin du Monde, in:
La Science Illustrée, 1893, Nrn. 182–189

Französische Buch-Erstausgabe:
Camille Flammarion: La Fin du Monde,
Paris: E. Flammarion, 1894

Die Innen-Illustrationen von Jean-Paul Laurens, Rochegrosse, Bayard,
Robida, A.-P. Laurens, Schwabe, Grasset, Saunier, Merwart, Vogel, Bach,
Guillonnet, Rudaux, Myrbach, Chovin und Méaulle sind entnommen aus:

Camille Flammarion: La Fin du Monde,
Paris: Ernest Flammarion, 22. Tsd., o.J. [1925].

Titelbild: Stich von Méaulle (S. 19 der o. g. Ausgabe)

Übersetzung der Bildunterschriften und der aus der Originalausgabe 1925
übernommenen (in der dt. Erstausg. fehlenden) Texte: Dieter von Reeken

Copyright © 2006 für Satz und Gestaltung by
Dieter von Reeken, Lüneburg

1. Auflage 2006

RGL-Ausgabe: 24.08.2026 mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers


Illustration

Frontispiz (von A.P. Laurens) aus der französischen Aus-
gabe 1925; Flammarion, Camille: "La Fin du Monde," Paris:
E. Flammarion, 22. Tsd., o.J. [1925], S. IV (unnummeriert).


INHALTSVERZEICHNIS

--*---


Illustration

Camille Flammarion (1842–1925)
(Zeichnung aus Flammarion, Camille: "Himmelskunde für das Volk,"
Neuenburg (Neuchâtel, Schweiz): F. Zahn, o.J. (1907/08)


Vorbemerkungen des Herausgebers

Camille Flammarion

Nic(h)olas Camille Flammarion wurde am 26. Februar 1842 in Montigny-le-Roi im französischen Department Haute Marne geboren.

Nach einer eher dürftigen Schulausbildung, u.a. an einem theologischen Seminar, begann Flammarion, der sich schon früh für die Astronomie interessierte, eine Ausbildung als Graveur, die er aber nicht abschloss. In seiner Freizeit, in Abendkursen, bildete er sich fort und konnte 1858, im Alter von 16 Jahren, Mitarbeiter in der Funktion eines Rechners am Pariser Observatorium werden, einem Institut, das damals unter der Leitung des Astronomen und Mathematikers Urbain Jean Joseph Le Verrier (1811–1877) stand, dessen Berechnungen 1846 zur Entdeckung des Planeten Neptun geführt hatten. Diese Stellung verlor Flammarion, offenbar wegen seines nicht spannungsfreien Verhältnisses zum Direktor, der wenig Verständnis für nichtmathematische Aktivitäten zeigte, nachdem er 1862, im Alter von 19 Jahren, im Pariser Verlag Mallet-Bachelier auf eigene Kosten die kleine Schrift [1] La pluralité des mondes habités, eine Abhandlung über die Möglichkeit außerirdischen Lebens, veröffentlicht hatte.

[1] Flammarion, Camille: La pluralité des mondes habités, étude où l'on expose les conditions d'habitabilité des terres célestes, discutées au point de vue de l'astronomie et de la physiologie. Paris: MalletBachelier, 1862.

Nach einer Tätigkeit von 1862–1866 als Angestellter im »Bureau des Longitudes«, einem astronomischen Recheninstitut (und parallel dazu) gelang es dem noch immer relativ jungen Flammarion, sich als gefragter populärwissenschaftlicher Schriftsteller zu etablieren. 1873 bot Le Verrier ihm die Rückkehr ans Observatorium an. Flammarion machte hiervon Gebrauch und konnte nun unter günstigeren Bedingungen arbeiten: Er befasste sich insbesondere mit der Beobachtung von Doppelsternen. Als Ergebnis dieser Arbeit konnte er 1878 einen Katalog von etwa 10 000 Doppelsternen präsentieren.

1882 wurde der inzwischen berühmte Astronom Vorsteher einer von Privatpersonen gegründeten und unterstützten Sternwarte in Juvisy-sur-Orge bei Paris, wo er seitdem arbeitete und bis zu seinem Lebensende auch wohnte. Hier widmete sich Flammarion der Beobachtung des Mondes und des Planeten Mars. Er vertrat u.a. hinsichtlich des Mars die Hypothese, dessen Farbe könne auf eine Vegetation zurückzuführen sein.

Im Lauf seines wissenschaftlichen und schriftstellerischen Wirkens erhielt Flammarion mehrere bedeutende Anerkennungen und Auszeichnungen: 1922 wurde er zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion ernannt, 1924 konnte er noch die Benennung eines Asteroiden (»Flammario«) nach seinem Namen erleben. Nach seinem Tode am 3. Juni 1925 in Juvisy, der Hauptstätte seines Wirkens, erhielten je ein Krater auf dem Mond (1935) und auf dem Mars (1973) den Namen »Flammarion«.

Flammarion war nicht nur ein erfolgreicher Wissenschaftler, sondern vor allem ein großartiger Kommunikator, der sich in seinen zahlreichen Werken nicht nur an die Fachwelt, sondern in populärwissenschaftlichen Schriften ganz bewusst an weite Kreise der Bevölkerung wandte und u.a. im Rahmen meteorologischer Untersuchungen selbst an Ballonfahrten teilnahm. Seit 1865 war Flammarion wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Redaktion der Zeitschrift Cosmos, dann des Magasin Pittoresque und des SIÈCLE. Durch seine äußerst fruchtbare literarische Tätigkeit, durch die Gründung der Société astronomique de France (1877) und durch die Herausgabe der Zeitschriften L'Astronomie und Annuaire Astronomique et Météorologique trug er viel zur Verbreitung des Interesses an der Astronomie, namentlich in Frankreich, bei.

Von den zahlreichen volkstümlichen Werken seien genannt: La pluralité des mondes habités (1. Aufl. 1862, 34. Aufl. 1890, deutsch 1. Ausg. 1864, erweit. autorisierte Neuausg. 1865, 2. Aufl. unter dem Titel Das bewohnte Welten-All, 1884), Les mondes imaginaires et les mondes réels (20. Aufl. 1887, deutsch 1902), Astronomie populaire (1880, deutsch [Schweiz] o.J., wahrscheinlich 1907 oder 1908). Letzteres Werk wurde in mehr als 100 000 Exemplaren allein in Frankreich verbreitet und war auch international erfolgreich, in deutscher Sprache unter dem Titel Himmelskunde für das Volk.

Außerdem schrieb er, um auch auf diese Weise Interesse an seinen Ideen zu wecken, mehrere belletristische Texte, darunter die Erzählungen und Romane Lumen und Histoire d'une comète (1872, Récits de l'infini), Uranie (1889), La Fin du Monde (1894) und Stella (1897), die bis auf Stella auch in deutscher Übersetzung erschienen sind.

Auch gegenüber dem Spiritismus, einer Modeerscheinung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, hatte Flammarion keine Berührungsängste, wie er überhaupt Zeit seines Lebens als sehr unkonventioneller Gelehrter in Erscheinung trat.

Weitere Angaben in deutscher Sprache zu Flammarions Leben und Werk sind in den Büchern und Aufsätzen von Helga Abret [2, 3, 4] und Lucian Boia [4, 5] und in den Vorbemerkungen des Herausgebers zum [6] UraniaNachdruck enthalten

[2] Abret, Helga: Camille Flammarion, in: Körber, Joachim (Hrsg.): Bibliographisches Lexikon der utopischphantastischen Literatur. Meitingen: Corian, 1984, S. 1–5

[3] Abret, Helga: Liebe, Astronomie und Metaphysik: Camille Flammarion als Romancier, in: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Polaris 8. Ein Sciencefiction-Almanach (Suhrkamptaschenbuch 1096, Phantastische Bibliothek, Bd. 143). Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985, S. 138–159

[4] Abret, Helga / Boia, Lucian: Das Jahrhundert der Marsianer. Der Planet Mars in der Science Fiction bis zur Landung der VikingSonden 1976 (Bibliothek Der Science Fiction Literatur, Heynebuch Nr. 06/32). München: Wilhelm Heyne, 1984

[5] Boia, Lucian: Zwischen Wissenschaft und Sciencefiction: Camille Flammarion, in: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Polaris 8. Ein SciencefictionAlmanach (Suhrkamptaschenbuch 1096, Phantastische Bibliothek, Bd. 143). Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985, S. 121–137

[6] Reeken, Dieter von: Vorbemerkungen des Herausgebers, in: Flammarion, Camille: Urania. Nachdruck der 1894 erschienenen einzigen deutschen Ausgabe im Neusatz. Lüneburg: Dieter von Reeken, 2006, S. 7–21

Das Ende der Welt

Flammarions Romane bzw. Kurzgeschichtensammlungen sind nur teilweise in deutscher Sprache erschienen und, abgesehen von Histoire d'une comète, auch nur in jeweils einer Ausgabe: Die Geschichte eines Kometen (fr. Histoire d'une comète, 1872 in Récits de l'infini, dt. in Die Romanwelt, 6. Jg. 1899, Bd. 2, und in Lumen, Berlin: Vita, 1900, ferner unter dem Titel Komet und Erde, Reclams Universalbibliothek Bd. 5183, Leipzig: Reclam, o.J. [1910]), Lumen (fr. Lumen, 1872 in Récits de l'infini, dt. Berlin: Vita, 1900), Urania (fr. Uranie, 1889; dt. Pforzheim: Haug, 1894 sowie Das Ende der Welt (fr. La Fin du Monde, 1894; dt. Pforzheim: Haug, o. J. [1895]).

Das Ende der Welt ist ein WeltuntergangsRoman der besonderen Art: Im ersten Teil wird eine kosmische Katastrophe, herbeigeführt durch den Zusammenstoß eines Kometen mit der Erde, geschildert. Bei dieser Gelegenheit geht der Verfasser auf die theoretischen Hintergründe ein und gibt einen Überblick über die Geschichte des WeltuntergangsGlaubens. Im zweiten Teil entwickelt Flammarion die Entwicklung der Welt (der Erde) nach der Katastrophe und schildert den Zustand einer zehn Millionen Jahre in der Zukunft bestehenden Welt. Hier vollzieht sich dann tatsächlich das Ende der Welt, soweit es das Ende des physischen Lebens auf der Erde betrifft. Ein Epilog gibt schließlich einen Ausblick auf die weitere Evolution der Menschheit im nichtphysischen, im seelischen Bereich.

Wie schon in Urania hat Flammarion auch im Ende der Welt versucht, seine astronomischen, vor allem aber auch seine philosophischen und parapsychologischen Vorstellungen zu popularisieren. Und ebenso wie schon in Urania scheint ihm dies hier weniger gut gelungen zu sein als in seinen zahlreichen, meist populärwissenschaftlich gehaltenen Sachbüchern. Eine Identifikation mit den auftretenden Figuren will nicht gelingen, denn sie bleiben, bis auf die Gestalten des letzten Menschenpaares Omegar und Eva am Ende des zweiten Teils durchweg anonym.

Parallelen zu Karl Mays von ihm so genannten »symbolischen« (wohl eher »allegorischen«) Spätwerken, insbesondere zu Ardistan und Dschinnistan[7], und zu den weit ausgreifenden Zukunftsentwürfen Olaf Stapledons [8] scheinen nahe zu liegen. Allerdings teilen diese Werke das Schicksal der Romane Flammarions: Sie waren und sind nicht populär, sondern sind vorwiegend Gegenstand literaturwissenschaftlicher Untersuchungen.

[7] May, Karl: Ardistan und Dschinnistan, Bde. 1 u. 2 (Karl Mays Reiseerzählungen, Bde. XXXI u. XXXII). Freiburg i. Br.: Friedrich Ernst Fehsenfeld, o. J. [1909]; reprografischer Nachdruck (Karl May, Freiburger Erstausgaben , Bde. 31 u. 32): Bamberg: Karl-May-Verlag, 1984

[8] Vgl. die Ausführungen in den Vorbemerkungen des Herausgebers zum UraniaNachdruck 2006 (Fn. 6), S. 19.

Warum denn, werden Kritiker fragen, ein Nachdruck dieses Weltuntergangs-Romans aus dem Jahr 1893/94, der nur einmal und zwar vor über 100 Jahren, nämlich 1895, in deutscher Sprache erschienen ist, für den es also drei Generationen lang keine Nachfrage gegeben hat?

Nun, wenn ein Werk seit drei oder mindestens zwei Generationen t a t s ä c h l i c h (physisch) so gut wie nicht erreichbar ist, kann man nicht wirklich wissen, ob eine große, kleine oder gar keine Nachfrage bei Vorliegen des Textes bestehen w ü r d e ; wie es hierum steht, das werde ich als Herausgeber in den nächsten Monaten und Jahren wohl erfahren.

Außerdem ist sich die Menschheit in jüngerer Zeit der Gefahren eines Kometen- oder AsteroidenEinschlags zunehmend bewusster geworden; entsprechende Erzählungen und KatastrophenSpielfilme [9] belegen dies. So ist dieses »alte« KatastrophenSzenario vielleicht doch wieder aktuell und lesenswert geworden.

[9] Der französische Regisseur Abel Gance drehte übrigens 1930 einen Spielfilm mit dem Titel La Fin du Monde, in dem er Motive aus Flammarions gleichnamigem Roman verwendete.

Editorische Hinweise

Das Ende der Welt ist heute selbst antiquarisch kaum noch erreichbar. Abgesehen von dieser altersbedingten Seltenheit der Originalausgabe erschweren inzwischen auch die für weite Kreise nicht oder nur mit Mühe lesbare Frakturschrift und die vor 1901 gebräuchliche Rechtschreibung den Zugang zum Werk. Durch den vorliegenden Nachdruck im Neusatz in heute üblicher Antiqua-Schrift soll diese Kluft überbrückt und das Werk wieder allgemein zugänglich gemacht werden.

Diesem Nachdruck liegen der Text der ersten (und seitdem einzigen) deutschen Ausgabe 1895 [10] in der Übersetzung von Karl Wenzel und die Illustrationen der französischen Ausgabe 1925 [11] zugrunde.

[10] Flammarion, Camille: Das Ende der Welt. Mit Genehmigung des Verfassers ins Deutsche übertragen von Karl Wenzel. Pforzheim: Ernst Haug (Otto Rieckers Buchhandlung), o. J. [1895]

[11] Flammarion, Camille: La Fin du Monde. Paris: Ernest Flammarion, 22. Tsd., o. J. [1925]

Die französische Buch-Erstausgabe, der ein Jahr zuvor ein Zeitschriftenabdruck [12, 13] vorausgegangen war, erschien 1894 (evtl. auch schon im Dezember 1893; vgl. die Fußnote auf S. 153 dieser Nachdruckausgabe) mit zahlreichen Illustrationen. Die deutsche Ausgabe 1895 enthielt als einzige Illustration nur eine Hieroglyphen-Botschaft vom Mars; die Seiten mit Kapitel-Anfängen waren allerdings mit Ornamenten versehen.

[12] Flammarion, Camille: La Fin du Monde, in: La Science Illustrée. Paris: La librairie illustrée, Jg. 1893, Nrn. 182–189

[13] Flammarion, Camille: La Fin du Monde. Paris: E. Flammarion, 1894

In die vorliegende Neuausgabe sind neben den Ornamenten der deutschen Ausgabe alle insgesamt 114 Illustrationen der französischen Ausgabe 1925 aufgenommen worden, wobei gewisse Qualitätseinbußen aufgrund der in einigen Fällen unbefriedigenden Druckqualität der ohnehin oft unscharfen Vorlagen auf vergilbtem Papier in Kauf genommen werden mussten.

Der Text selbst bleibt, auch hinsichtlich der bis 1901 geltenden Rechtschreibregeln einschließlich der Zeichensetzung und Zahlenschreibung und veralteter oder aus heutiger Sicht missverständlicher Schreibweisen bis auf die unten genannten Ausnahmen unangetastet. Es heißt daher z.B. »daß« statt »dass«, »Geisel« statt »Geißel«, »Litteratur« statt »Literatur«, »social« statt »sozial« und »thatkräftig« statt »tatkräftig«. Offensichtliche Drucksatzfehler im Original sind stillschweigend berichtigt worden. Aus technischen Gründen erfolgte die Silbentrennung allerdings nach den seit 1996 geltenden neuen Regeln. Anmerkungen des Herausgebers sind durch fortlaufend nummerierte Fußnoten erkennbar, während die Fußnoten des aus der deutschen Erstausgabe durch Sternchen (*) erkennbar sind.

Fremdsprachige Zitate sowie mathematische, chemische und physikalische Zeichen und Abkürzungen (c, v, m, km, kg), die in der deutschen Erstausgabe statt in Fraktur in Antiqua gesetzt sind, erscheinen hier zur Verdeutlichung in der Schriftart Franklin Gothic Book. Die im Original g e s p e r r t oder in stärkerer Schrift gesetzten Texte werden hier ebenfalls  g e s p e r r t— bzw. in der Schriftstärke »Medium« wiedergegeben.

Die deutsche Erstausgabe war, wie schon erwähnt, ohne die in den französischen Ausgaben erschienenen Abbildungen erschienen. Da der Originaltext an einigen Stellen auf Abbildungen Bezug nimmt (so z.B. bei der Erläuterung von Grafiken mit Darstellung von Umlaufbahnen), sind diese Textpassagen in die deutsche Erstausgabe nicht übernommen worden. Die vorliegende Ausgabe enthält neben den Abbildungen auch die Bildunterschriften und die ausgelassenen Textpassagen (z.B. auf S. 38 und 42) in deutscher Übersetzung (nach den damals üblichen Rechtschreibung). Dadurch wird der Nachdruck zur ersten  v o l l s t ä n d i g e n  deutschen Ausgabe.

Ich hoffe, dass dieser Nachdruck dazu beiträgt, Camille Flammarion und die Wirkung und Nachwirkung seines Werkes wenigstens vor dem Vergessen zu bewahren.

Lüneburg, im Dezember 2006, Dieter von Reeken

Reproduktionen


Illustration

Titelseite der französischen Ausgabe 1925;
Flammarion, Camille: La Fin du Monde, Paris:
E. Flammarion, 22. Tsd., o.J. [1925], S. V.


Illustration

Einbanddeckel (Leinen) der deutschen Ausgabe 1895
Flammarion, Camille: Das Ende der Welt, Pforzheim:
Ernst Haug (Otto Rieckers Buchhandlung), o.J. [1895].


Illustration

Titelseite der deutschen Ausgabe, 1895.


Illustration

Textbeginn der französischen Ausgabe von 1925.


Illustration

Textbeginn der deutschen Ausgabe, 1895.

--*--


Illustration

Erster Teil
IM FÜNFUNDZWANZIGSTEN JAHRHUNDERT
DIE THEORIEN

--*--

Erstes Kapitel
Die Drohung des Himmels

Ewige Nacht war stets ein Schrecken
der ruchlosen Zeiten.

V e r g i l , Georgika I., 468


Die prächtige marmorne Brücke, welche die Straße nach Rennes mit der Louvrestraße verbindet und mit ihren Bildsäulen berühmter Gelehrter und Philosophen eine nach der neuen Eingangshalle des Instituts führende monumentale Allee bildet, war ganz schwarz von Menschen. Eine wogende Menge schob sich mehr als sie ging längs der Ufer dahin, auf welche sie sich aus allen Straßen ergoß und nach dem schon lange von einer rauschenden Menschenwoge umfluteten Portikus drängte. Nie vor der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, in der Zeit der Umbildung, wo Gewalt vor Recht ging, wo die Militärherrschaft die Menschheit in ihrem Banne hielt und die Geisel des Kriegs die Menschen ohne Unterlaß zerfleischte; nie auch in den großen gewaltsamen Staatsumwälzungen, oder in den fieberhaften Zuständen, wie sie den Kriegserklärungen vorausgingen: hatten früher weder die Zugänge zu der Kammer der Abgeordneten, noch der Eintrachtsplatz ein ähnliches Schauspiel geboten. Es waren dies keine fanatisierten Haufen mehr, die, um ein Banner geschart, auf irgend eine kriegerische Eroberung ausgingen, und denen neugierige und arbeitslose Massen nachliefen, um zu sehen, »was es gäbe«. Nein, es war die gesamte unruhige, aufgeregte und erschreckte, unterschiedslos aus allen Klassen der Gesellschaft zusammengewürfelte Bevölkerung. Mit fieberhafter Spannung erwartete sie das Ergebnis einer Berechnung, welche ein berühmter Astronom an jenem Montag um drei Uhr in der Sitzung der Akademie der Wissenschaften bekannt geben sollte. Bei aller politischen und socialen Umgestaltung der Menschen und der Verhältnisse bestand das Institut von Frankreich immer noch fort und hielt die Palme der Wissenschaften und schönen Künste in Europa immer noch hoch. Der Brennpunkt der Bildung hatte sich aber dennoch verschoben, und alle Fäden des Fortschritts liefen damals in Nordamerika an den Ufern des Michigansees zusammen.


Illustration

Wir leben im 25. Jahrhundert.

Jenes neue Institutsgebäude, dessen Plattformen und Kuppeln in die Lüfte ragten, war am Ende des 20. Jahrhunderts auf den Trümmern errichtet worden, welche die große sociale Revolution der internationalen Anarchisten hatte stehen lassen, als diese im Jahre 1950 einen Teil der großen französischen Metropole in die Luft gesprengt hatten.

Tags vorher, den Sonntag, hätte man von dem Schiffchen eines Luftballons aus sehen können, wie ganz Paris langsam und verzweiflungsvoll dahinwandelte und für nichts in der Welt mehr Sinn hatte. Die beweglichen Luftschiffe durchfurchten nicht mehr den Raum mit gewohnter Schnelligkeit. Die mannigfaltigen Luftschiffapparate hatten ihre Arbeit fast eingestellt. Die auf den höchsten Teilen der Türme und der Gebäude errichteten Luftschiffstationen waren leer und vereinsamt. Das menschliche Leben schien in seinem Laufe unterbrochen zu sein. Auf allen Gesichtern las man die Unruhe. Man redete sich an, ohne sich zu kennen. Und stets kam nur eine Frage über die bleichen und zitternden Lippen: »Es ist also wahr?!« Die schrecklichste Epidemie hätte die Herzen nicht so mit Furcht erfüllt, als die so allgemein besprochene astronomische Prophezeiung; sie würde weniger Opfer gefordert haben; denn schon begann die Sterblichkeit aus unbekannter Ursache zuzunehmen. Jeden Augenblick fühlte man sich von einem elektrischen Schreckensschauer durchrieselt.

Einige zwar, welche thatkräftig und nicht so beunruhigt erscheinen wollten, warfen manchmal eine Aeußerung des Zweifels oder der Hoffnung hin, wie etwa: »Man kann sich täuschen,« oder auch: »Er wird seitwärts vorbeigehen,« oder »Es wird nichts sein, man wird mit dem Schrecken davonkommen,« und was dergleichen mehr war.

Allein die Spannung, die Ungewißheit ist oft schrecklicher als die Katastrophe selbst. Ein harter Schlag trifft uns einmal und wirft uns mehr oder weniger nieder. Man kommt wieder zu sich, man findet sich in die Lage der Dinge, man erholt sich wieder und lebt weiter. Hier war es das Unbekannte, das Herannahen eines unvermeidlichen, verhängnisvollen, außerirdischen, furchtbaren Ereignisses. Man mußte sterben, gewiß; aber wie? Durch einen Stoß, eine Zermalmung, eine alles versengende Hitze, ein Inflammenaufgehen des Erdballs, eine Vergiftung der Luft, eine Erstickung? Welche Todesart erwartete die Menschen? Die Bedrohung war noch haarsträubender als der Tod selbst. Unsere Seele kann nur bis zu einer gewissen Grenze leiden. Aber unaufhörlich zu fürchten, sich jeden Abend zu fragen, was unser am andern Morgen wartet, das heißt tausendmal sterben! Und die Furcht, welche das Blut in den Adern erstarren macht und die Seelen lähmt, die Furcht, jenes unsichtbare Gespenst, verfolgte alle Gedanken.


Illustration

Seit länger als einem Monat lagen die Handelsgeschäfte darnieder; seit vierzehn Tagen hatte der Verwaltungsrat, welcher die frühere Kammer und den Senat ersetzte, seine Sitzungen unterbrochen, da das unthätige Umherschweifen seinen Höhepunkt erreicht hatte. Seit acht Tagen war die Börse in Paris, London, NewYork, Chicago, Melbourne, Liberty und Peking geschlossen. Was nützt es noch, sich mit Alltagsangelegenheiten, mit innerer oder äußerer Politik, mit Budget- oder Reformfragen zu befassen, wenn die Welt untergehen soll? Ja, die Politik! Erinnerte man sich nur, je einmal solche gemacht zu haben? Die Gerichtshöfe selbst hatten keine Prozesse mehr in Aussicht; man bringt niemand um, wenn man den Untergang der Welt erwartet. Die Menschen machten sich aus nichts mehr etwas; das Herz beschleunigte sein Pochen, wie wenn es bereit wäre, stille zu stehen. Man sah überall nur verstörte Gesichter, eingefallene, durch schlaflose Nächte entstellte Züge. Bloß die weibliche Koketterie widerstand noch, aber nur mit Mühe, in oberflächlicher, hastiger Weise, ohne an den folgenden Tag zu denken.

Das kam eben daher, daß die Situation ernst war, beinahe verzweifelt, sogar in den Augen der Kaltblütigsten. Nie im ganzen Verlauf der Menschheitsgeschichte hatte sich das adamitische Geschlecht einer solchen Gefahr gegenübergesehen. Die Drohungen des Himmels legten ihm unbarmherzig eine Frage über Leben und Tod vor.

Doch gehen wir zum Anfang zurück.

Vor etwa einem Vierteljahr hatte der Direktor der Sternwarte auf dem Gaurisankar den bedeutendsten Schwesteranstalten auf dem Erdball und namentlich derjenigen in Paris* eine Depesche folgenden Inhalts telephoniert:

»Ein teleskopischer Komet ist heute Nacht bei 21° 16' 12" Rektascension und 49° 53' 15" nördlicher Abweichung entdeckt worden. Tägliche Bewegung sehr schwach. Der Komet ist grünlich.«

* Seit etwa dreihundert Jahren war die Pariser Sternwarte nicht mehr der Sitz der Centralleitung der Astronomie in Frankreich. Die astronomischen Beobachtungen ließen sich unter unvergleichlich günstigeren Bedingungen als in tiefgelegenen, volkreichen und staubigen Städten da anstellen, wo dies auf Bergen in reiner Luft und abgeschnitten von weltlichen Zerstreuungen geschehen konnte. Die Beobachter standen durch Telephondrähte in beständiger Verbindung mit der Centralstelle. Die Instrumente, welche man bei letzterer aufbewahrte, wurden kaum noch dazu verwendet, gewisse Entdeckungen zu bestätigen oder die Wißbegierde einiger Gelehrten zu befriedigen, die durch ihre am Studiertisch zu verrichtenden Funktionen an Paris gebunden waren.

Es verging kein Monat, ohne daß teleskopische Kometen entdeckt und den verschiedenen Sternwarten angezeigt wurden; besonders seit kühne Astronomen sich auf den höchsten Berggipfeln niedergelassen hatten, wie in Asien auf dem Gaurisankar, dem Dapfang und dem Kintschintschinga; in Südamerika auf dem Aconcagua, dem Ilhampu und dem Chimborasso; sowie in Afrika auf dem Kilimandscharo, und in Europa auf dem Elbrus und dem Montblanc. Daher hatte denn auch jene Meldung bei Astronomen nicht mehr Aufsehen erregt als alle jene gleichartigen, welche man gewöhnlich erhielt. Viele Beobachter hatten den Kometen in der angedeuteten Stellung aufgesucht und waren ihm sorgfältig gefolgt. Die »Neuastronomischen Nachrichten« hatten die desfalligen Beobachtungen veröffentlicht, und ein deutscher Mathematiker hatte seine wahrscheinliche Bahn nebst den Ephemeriden seiner Bewegung berechnet.

Kaum waren diese Bahn und Ephemeriden bekannt gemacht, so hatte ein japanischer Gelehrter eine höchst sonderbare Bemerkung darüber geäußert. Nach der Berechnung sollte der Komet aus der Tiefe der Unendlichkeit gegen die Sonne hin aufsteigen und gegen den 20. Juli hin die Ebene der Ekliptik durchschneiden, und zwar in einem von dem Standort der Erde zu jener Zeit nur wenig entfernten Punkte. »Es dürfte,« sagte er, »von höchstem Interesse sein, die Beobachtungen zu mehren und die Berechnung noch einmal vorzunehmen, um zu entscheiden, in welcher Entfernung der Komet an unserer Erde vorbeigehen und ob er nicht sogar die Erde oder den Mond berühren wird.«

Illustration

Eine junge Preisgekrönte des Instituts und Bewerberin um die Direktion der Sternwarte hatte die Mitteilung sofort aufgegriffen und auf dem telephonischen Centralbureau Posto gefaßt, um alle gemeldeten Beobachtungen unmittelbar beim Durchlauf auffangen zu können. In nicht ganz zehn Tagen hatte sie deren mehr als hundert dort gesammelt und ohne einen Augenblick zu verlieren drei Tage und drei lange Nächte damit zugebracht, die Berechnung auf Grund der ganzen Beobachtungsweise noch einmal vorzunehmen. Das Ergebnis war gewesen, daß der deutsche Berechner einen Fehler in der Entfernung des Perihels gemacht hatte, und daß die Schlußfolgerung des japanischen Astronomen in Bezug auf die Zeit des Durchgangs durch die Ebene der Ekliptik ungenau war; denn dieser war um fünf bis sechs Tage zu weit hinausgeschoben worden. Aber das Interesse für das Problem nahm noch zu; denn die Minimalentfernung des Kometen von der Erde erschien noch geringer, als sie der japanische Gelehrte angenommen hatte. Ohne für den Augenblick an die Möglichkeit eines Zusammenstoßes zu denken, hoffte man in der ungeheueren Störung, welche das umherschweifende Gestirn von seiten der Erde und des Mondes erfahren mußte, ein neues Mittel zu einer äußerst genauen Bestimmung der Masse des Mondes und der Erde, ja vielleicht sogar wertvolle Anhaltspunkte für die Verteilung der Dichtigkeiten im Innern unseres Erdkörpers zu finden. Daher überbot denn die junge Gelehrte noch die vorausgegangenen Anregungen, indem sie zeigte, wie wichtig es sei, zahlreiche und genaue Beobachtungsresultate zu besitzen. Am Abend vor der Sitzung hatte sie in dem akademischen Ausschuß über die Bahn des Kometen eine vollständige Erklärung gegeben.


Illustration

Sie hatte dem akademischen Ausschuß die Bahn des Kometen erläutert.


Auf der Sternwarte auf dem Gaurisankar liefen indessen alle Beobachtungen des Kometen zusammen. Da dieselbe auf dem höchsten Gipfel der Welt in einer Höhe von achttausend Metern inmitten des ewigen Schnees lag, welchen das neue elektrochemische Verfahren im Umkreis von mehreren Kilometern von dem Heiligtum entfernt hielt; da sie fast immer die höchsten Wolkenschichten um mehrere hundert Meter überragte und von reiner, dünner Luft umgeben war: so war dort das natürliche und das teleskopische Anschauungsfeld wahrhaft verhundertfacht. Man unterschied dort mit bloßem Auge die Ringgebirge des Mondes, die Trabanten des Jupiter und die Venusphasen. Schon durch neun oder zehn Generationen hindurch hatten mehrere Astronomenfamilien auf dem asiatischen Berge ihren Wohnsitz genommen und sich langsam und stufenweise fortschreitend an die Verdünnung der Atmosphäre gewöhnt. Die ersten waren dem Klima schnell unterlegen. Aber der Wissenschaft und der Industrie war es gelungen, die strenge Kälte durch Bindung der Sonnenwärme zu mildern, und die Akklimatisierung hatte sich ebenso allmählich vollzogen, als in früheren Zeiten in Quito und Bogota. Dort hatte man seit dem achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert eine glückliche Bevölkerung im Überflusse leben, und junge Frauen ohne zu ermüden ganze Nächte hindurch tanzen sehen, und zwar in einer Höhe, wo die Besteiger des Montblanc kaum einige Schritte hätten thun können, ohne den Atem zu verlieren. Eine kleine astronomische Kolonie hatte sich an den Abhängen des Himalaja in steter Zunahme angebaut, und die Sternwarte hatte sich durch ihre Arbeiten und Entdeckungen die Ehre erworben, als die erste in der Welt betrachtet zu werden. Ihr vorzüglichstes Instrument war das berühmte Äquatorial von 100 km Brennweite, mit dessen Hilfe es endlich gelungen ist, die hieroglyphischen Zeichen zu entziffern, welche die Marsbewohner seit mehreren Jahrtausenden der Erde vergeblich gegeben hatten.*

* Vergl. »Urania« S. 184. [= S. 189 der NachdruckAusgabe 2006; D.v.R.]. Die Sternwarte von Gaurisankar war auf dem höchsten Gipfel der Welt errichtet worden.

Während die europäischen Astronomen über die Bahn des neuen Kometen berieten und feststellten, daß dieselbe wirklich durch unsern Planeten gehen müßte und beide Weltkörper sich im Raume begegnen würden, hatte die HimalajaSternwarte ein neues Phonogramm geschickt:

»Der neue Komet wird dem bloßen Auge sichtbar. Immer grünlich. Er kommt auf die Erde zu.«


Illustration

Die vollständige Übereinstimmung der astronomischen Berechnungen, gleichviel woher sie kommen mochten, konnten nicht den geringsten Zweifel mehr an ihrer Genauigkeit lassen. Die Tagesblätter schleuderten die aufregenden Nachrichten unter das Publikum, welche sie mit tragisch klingenden Kommentaren und wiederholten Besprechungen begleiteten, in denen sie die Gelehrten die seltsamsten Reden halten ließen. Man überbot sich um die Wette in den genauen Angaben der Berechnungen, die man in mehr oder weniger humoristischen Abhandlungen noch wichtiger erscheinen ließ. Seit längerer Zeit waren jedoch die Weltblätter ohne Ausnahme eine Handelsspekulation geworden. Die Presse, welche früher der Befreiung des menschlichen Denkens, der politischen Freiheit und dem Fortschritte so viele Dienste geleistet hatte, stand jetzt im Dienste der Machthaber und der Großkapitalisten und war durch Finanzkompromisse jeder Art herabgewürdigt. Jede Zeitung war ein Handelsartikel. Für jede handelte es sich nur darum, täglich die größtmögliche Zahl von Blättern zu verkaufen und sich ihre Spalten durch Anzeigen bezahlt zu machen, die einen mehr oder weniger versteckten Sinn hatten: »Geschäfte machen«, darauf ging alles hinaus. Man erfand falsche Nachrichten, welche tags darauf ruhig widerrufen wurden, und untergrub bei jedem Lärm die Sicherheit des Staates; man entstellte die Wahrheit und legte den Gelehrten Äußerungen in den Mund, die sie nie gethan hatten; man verleumdete kühn und schnitt Männern und Frauen die Ehre ab; man setzte Skandalgeschichten in Umlauf und log in unverschämter Weise; man erklärte die Kniffe der Diebe und Mörder und vermehrte so die Verbrechen unter dem Scheine, als wüßte man dies nicht; man gab die Rezepte für die neuestens ersonnenen Explosivstoffe und setzte die eigenen Leser in Gefahr, und übte gleichmäßig an allen Klassen Verrat: alles in der einzigen Absicht, die allgemeine Neugierde bis zum Paroxismus zu überreizen und »Nummern abzusetzen«.

Alles war ihnen nur noch Geschäft und Reclame. Mit Wissenschaft, Kunst, Litteratur, Philosophie, Studien und Forschungen befaßten sich die Zeitungen nicht mehr. Ein Schauspieler zweiten Ranges, eine leichtsinnige Schauspielerin, ein Gymnastiker, ein Tenor, ein Schnellläufer oder Renner, ein Stelzengänger, ein Wasserradfahrer wurde in einem Tage berühmter als der ausgezeichnetste Gelehrte oder der geschickteste Erfinder. Das ganze Treiben war durch patriotische Floskeln verdeckt, welche noch ein wenig Eindruck machten. Kurz, das eigene Interesse der Zeitung stand bei allen Wertschätzungen über dem allgemeinen Wohl und über der Sorge für die wahre Förderung des bürgerlichen Lebens. Lange Zeit war das Volk dadurch getäuscht worden. Aber zu der Zeit, in welcher wir leben, waren ihm endlich die Augen aufgegangen, und es schenkte keinem Zeitungsartikel mehr Glauben; so daß es keine eigentlichen Zeitungen mehr gab, sondern nur noch Anzeigeblätter zum Gebrauch des Handelsstandes. Die erste durch alle Tagesblätter gebrachte Neuigkeit, daß ein Komet mit großer Geschwindigkeit auf die Erde zukäme und mit ihr an einem gewissen zum voraus bestimmten Tage zusammenstoßen würde, — die zweite, daß das umherschweifende Gestirn durch Vergiftung der Lebensluft ein allgemeines Unglück herbeiführen würde, — diese doppelte Prophezeiung war, wenn überhaupt, nur mit flüchtigem Blick und mit der vollständigsten Ungläubigkeit gelesen worden. Sie hatte keine größere Wirkung gehabt, als die gleichzeitig erschienene Anzeige von der Entdeckung der »Verjüngungsquelle«, die man in den Kellern des auf den Ruinen des Klosters zum »Heiligen Herzen« errichteten Palastes der Feen von Montmartre gemacht hatte.

Die Litteraten, die Dichter und Künstler hatten sogar daraus Veranlassung genommen, die Kometenfahrten durch den Himmel in Prosa und in Versen, in Zeichnungen und Gemälden aller Art zu verherrlichen. Man sah da den Kometen, wie er vor einem Schwarm erschreckter Sterne vorüberfährt oder auch wie er hoch aus dem Himmel herabkommt und sich auf die eingeschlafene Erde stürzt. Diese symbolischen Personifizierungen unterhielten zwar die öffentliche Neugierde, ohne indessen den ersten Schrecken zu steigern. Man gewöhnte sich beinahe schon an den Gedanken eines Zusammenstoßes, ohne ihn allzusehr zu fürchten. Die Flut der Volkseindrücke steigt und fällt wie das Barometer.

Übrigens hatten sich die Astronomen selbst über den Zusammenstoß hinsichtlich seiner Folgen für das Geschick der Menschen nicht beunruhigt, und die astronomischen Rundschauen (die allein noch einiges Ansehen bewahrt hatten) besprachen diese nur als Berechnungen, deren Richtigkeit noch zu beweisen wäre. Die Gelehrten hatten das Problem rein mathematisch behandelt und betrachteten es einfach als einen interessanten Fall aus der »Mechanik des Himmels«. Ihren Interviewern hatten sie sich begnügt zu erwidern, daß die Begegnung möglich, ja sogar wahrscheinlich, aber ohne Interesse für die Öffentlichkeit wäre.


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In allegorischen Zeichnungen sah man, wie
der Komet die eingeschlafene Erde bedroht.


Plötzlich machte ein neues Phonogramm, welches diesmal vom Hamilton in Kalifornien kam, die Chemiker und Physiologen stutzig:


»Die spektroskopischen Beobachtungen ergeben, daß der Komet eine ziemlich dichte, aus verschiedenen Gasen bestehende Masse ist, in denen das Kohlenoxyd vorherrscht.«


Jetzt wurde die Sache ernst. Das Zusammentreffen mit der Erde war unzweifelhaft geworden. Wenn auch die Astronomen sich nicht über die Maßen damit beschäftigten, da sie seit Jahrhunderten gewohnt waren, die Konjunkturen am Himmel als harmlos zu betrachten; wenn sogar die bedeutendsten unter ihnen den unzähligen Interviewern, die sie unablässig beunruhigten, endlich mit der Erklärung die Thüre gewiesen hatten, daß diese Prophezeiung die Masse des Volkes nicht interessierte und nur ein rein astronomischer Gegenstand sei, welcher sie nichts anginge: so waren doch die Ärzte unruhig geworden und besprachen lebhaft die Möglichkeiten einer Erstickung oder Vergiftung. Nicht so gleichgültig gegen die öffentliche Meinung hatten sie die Journalisten nicht abgewiesen, im Gegenteil, und in einigen Tagen zeigte die Sache auf einmal ein anderes Gesicht. Aus einer astronomischen war sie eine physiologische geworden, und die Namen aller berühmten oder berüchtigten Ärzte glänzten obenan auf der ersten Seite der Tagesblätter; ihr Bildnis prangte in den illustrierten Zeitungen, und eine besondere Abteilung kündigte fast überall »Konsultationen über den Kometen« an. Die Verschiedenheit, die Mannigfaltigkeit und der Gegensatz der Urteile hatten sogar schon mehrere feindliche Lager geschaffen, die sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf warfen und alle Ärzte als »reklamsüchtige Marktschreier« behandelten.

Der Direktor der Pariser Sternwarte, dem die Interessen der Wissenschaft am Herzen lagen, war indessen über ein solches Treiben ungehalten geworden, in welchem die astronomische Wahrheit mehr als einmal sonderbar verzerrt worden war. Es war ein ehrwürdiger Greis, dessen Haupt in dem Studium der großen Probleme in dem Bau des Weltalls weiß geworden war. Alle hörten auf seine Worte, und er hatte sich entschlossen, den Zeitungen eine Notiz zugehen zu lassen, worin er erklärte, daß alle Vermutungen voreilig wären, bis man die amtlichen technischen Beratungen gehört hätte, welche am Institut stattfinden sollten.

Wir haben, glaube ich, gesagt, daß die Pariser Sternwarte, welche durch die Arbeiten ihrer Mitglieder an der Spitze der wissenschaftlichen Bewegung stand, besonders durch die Änderung der Beobachtungsmethoden einerseits ein Sammelpunkt theoretischer Studien und anderseits ein telephonisches Centralbureau für die Sternwarten geworden war, die man fern von den Großstädten auf den durch eine vollkommen durchsichtige Luft begünstigten Höhen errichtet hatte. Sie war ein Hort des Friedens, wo die größte Eintracht herrschte. Die Astronomen widmeten ihr ganzes Leben in der uneigennützigsten Weise allein den Fortschritten in der Wissenschaft; sie waren sich einander herzlich zugethan, ohne je den Stachel des Neides zu empfinden; und jeder vergaß seine eigenen Verdienste, um nur darauf bedacht sein zu können, wie er diejenigen seiner Amtsgenossen hervorhebe. Der Direktor ging mit dem Beispiel voran, und wenn er sprach, so geschah es im Namen aller.


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Man sah da den Kometen, wie er vor einem
Schwarm erschreckter Sterne vorüberfährt.


Er veröffentlichte eine technische Abhandlung, und seine Stimme wurde — einen Augenblick beachtet. Aber es schien, als wäre die astronomische Frage schon erledigt. Niemand bestritt und besprach das Zusammentreffen des Kometen mit der Erde. Dies war eine durch die Zuverlässigkeit der Berechnung festgestellte Thatsache. Was jetzt die Gemüter beunruhigte, war die chemische Zusammensetzung des Kometen. Wenn sein Durchgang durch die Erde dieser den atmosphärischen Sauerstoff entziehen sollte, so hatte dies den sofortigen Tod durch Ersticken zur Folge; wenn sich der Stickstoff mit den Gasen des Kometen verbinden sollte, so bedeutete dies wieder den Tod, dem jedoch ein allgemeiner Freudentaumel, eine an Tollheit grenzende Sinnenerregung vorausging, welche die Folge des Aufsaugens des Stickstoffs und der dementsprechenden Zunahme des Sauerstoffs in den Atmungsorganen sein mußte. Die Spektralanalyse betonte besonders das Kohlenoxyd in der chemischen Zusammensetzung des Kometen. Was die wissenschaftlichen Zeitschriften besonders erörterten, war die Frage, ob die Vermengung dieses tödlichen Gases mit der Lebensluft die ganze Bevölkerung des Erdballs, Menschen und Tiere, vergiften würde, wie der Präsident der medizinischen Akademie behauptete.

Das Kohlenoxyd! Man sprach nur noch von ihm. Die Spektralanalyse konnte sich nicht geirrt haben; ihre Methoden waren zu sicher, ihr Verfahren zu genau. Jedermann wußte, daß die geringste Beimengung dieses Gases in der eingeatmeten Luft den Tod rasch herbeiführt. Nun hatte aber eine neue telephonische Botschaft der Sternwarte auf dem Gaurisankar diejenige vom Hamilton mit Verschärfung bestätigt. Sie besagte:


»Die Erde wird ganz in den Kern des Kometen eingehüllt werden, welcher schon jetzt dreißigmal größer ist als der Durchmesser des Erdballs, und von Tag zu Tag noch größer wird.«


Dreißigmal den Durchmesser des Erdballs. Selbst wenn der Komet zwischen der Erde und dem Mond hindurchginge, würde er sie also alle beide berühren, da eine Brücke von dreißig* Erden genügte, um unsere Welt mit dem Monde zu verbinden.

* Der Durchmesser der Erde = ca. 1700 Meilen, ihre Entfernung vom Monde beträgt etwa 51 000 Meilen = 30 · 1700. (A. d. Ü.)

Und dann war der Komet in den drei Monaten, deren Vorkommnise wir soeben kurz angeführt haben, aus den teleskopischen Tiefen aufgetaucht und dem unbewaffneten Auge sichtbar geworden; er war in Sicht der Erde gekommen und schwebte jetzt wie ein riesiger Mahner alle Nacht vor dem Heere der Sterne einher. Von einer Nacht zur andern wurde er immer größer. Wie der leibhaftige Schrecken hing er über allen Köpfen und drang langsam, Schritt für Schritt, unaufhaltsam, ein furchtbares Schwert, immer weiter vor. Ein letzter Versuch wurde angestrebt. Die Utopisten, welche nie an etwas zweifeln, hatten gewähnt, es könnte durch Batterien, die auf der dem Kometen zugewendeten Seite der Erdoberfläche aufgestellt wären, ein elektrischer Sturmwind erzeugt werden, welcher denselben von seiner Bahn ablenkte. In Wahrheit aber versuchte man, das große Rätsel nach allen Seiten hin wiederholt zu prüfen und vielleicht die Gemüter zu beruhigen, und durch Auffindung eines Formfehlers in den aufgestellten Sätzen, oder einem bei den Berechnungen oder Beobachtungen übersehenen Grunde die Hoffnung wieder zu erwecken, daß das Zusammentreffen vielleicht nicht so verhängnisvoll sein würde, wie die Pessimisten es dargestellt hatten. An jenem Montag, vier Tage vor dem für das auf Freitag den 13. Juli festgesetzte Zusammentreffen vorausgesehenen Augenblick, sollte eine allgemeine, alle Möglichkeiten erwägende Beratung im Institut stattfinden. Der berühmteste Astronom in Frankreich, damals Direktor der Pariser Sternwarte; der Präsident der medizinischen Akademie, ein hervorragender Physiologe und Chemiker; der Präsident der französischen astronomischen Gesellschaft, ein geschickter Mathematiker; auch noch andere Redner, unter denen sich auch eine durch ihre Entdeckungen in den physikalischen Wissenschaften berühmte Frau befand: sie sollten der Reihe nach das Wort ergreifen. Das letzte Wort war noch nicht gesprochen. Begeben wir uns nun unter die alte Kuppel aus dem zwanzigsten Jahrhundert, um der Verhandlung beizuwohnen.

Ehe wir jedoch hineingehen, wollen wir selbst diesen berüchtigten Kometen näher betrachten, welcher jetzt alle Gedanken verwirrt.

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Zweites Kapitel
Der Komet

Die Dämpfe, welche von den Schweifen der Kometen ausgehen, können in die Atmosphäre der Planeten geraten und hier verdichtet werden, und in Wasser, Salze, Schwefel, Schlamm, Lehm und Steine sich verwandeln, oder in andere irdische Stoffe übergehen.

N e w t o n , Elemente III. 671


Der sonderbare Besuch war langsam aus den unendlichen Höhen herabgestiegen. Das Sterndunstgebilde war anfangs in den teleskopischen Räumen geblieben und bloß von den Astronomen beobachtet worden, statt urplötzlich aufzutauchen, wie dies mehr als einmal bei den großen Kometen beobachtet worden war.


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Diese waren entweder nach ihrem Durchgang in der Sonnennähe sofort in Sicht der Erde gekommen, oder eine lange Reihe von dunkeln Regen- oder hellen Vollmondnächten hatte den Kometensuchern die Beobachtung des Himmels nicht erlaubt. In den ersten Tagen nach seiner Entdeckung war unser Gestirn nur erst den gewaltigen Äquatorealen der Sternwarten erreichbar. Aber das gebildete Publikum hatte sich sofort selbst auf die Suche begeben. Jedes Haus neuerer Bauart hatte eine Plattform, die überdies zur Einschiffung bei Luftreisen bestimmt war. Eine große Anzahl waren mit sich drehenden Kuppeln verziert. Man kannte fast keine wohlhabende Familie, die nicht über ein Fernrohr verfügte, und keine Wohnung war vollständig ohne eine mit allen wissenschaftlichen Werken versehene Bücherei. Im fünfundzwanzigsten Jahrhundert fingen die Erdbewohner an zu denken.

Der Komet war sozusagen von dem Augenblick an, wo er den besseren Instrumenten erreichbar geworden war, von jedermann beobachtet worden. Was die arbeitenden Klassen betrifft, deren Mußestunden immer gezählt sind: so waren die auf den öffentlichen Plätzen aufgestellten Fernrohre vom ersten Abend an, an dem man etwas sehen konnte, von einer ungeduldigen Menge umstanden gewesen, und jeden Abend hatten die Astronomen in der freien Luft riesige und nie vorher erzielte Einnahmen. Besonders auf dem Lande hatte eine große Anzahl von Arbeitern ihr Fernrohr immer bei sich, und um gerecht und wahr zu sein, müssen wir bekennen, daß der erste in Frankreich, welcher den Kometen (außerhalb der privilegierten Sternwarten) hatte entdecken können, weder ein Weltmann, noch ein Akademiker war, sondern ein bescheidener Schneidergeselle aus der Vorstadt Soissons. Dieser brachte den größten Teil seiner Nächte unter freiem Himmel zu, und es war ihm gelungen, von seinen mühsam erübrigten Ersparnissen sich ein ausgezeichnetes kleines Fernrohr zu kaufen, mit dessen Hilfe er die Wunder des Himmels unablässig studierte. Ein beachtenswerter Umstand ist, daß bis zum vierundzwanzigsten Jahrhundert fast alle Erdbewohner gelebt hatten, ohne zu wissen, wo sie waren, ja ohne auch nur es sich fragen zu wollen, fast wie Blinde, die einzig mit ihrem Magen beschäftigt sind; aber seit hundert Jahren etwa hatte das menschliche Geschlecht angefangen, das Weltall zu betrachten und nachzudenken.

* * * * * * * * *[14]

[14] Anm. d. Hrsg.: An dieser Stelle folgt im französischen Original (S. 27f. der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) eine Erläuterung der auf den beiden folgenden Seiten enthaltenen (in der deutschen Erstausgabe fehlenden) Abbildungen. Der Text wird hier erstmals in deutscher Übersetzung wiedergegeben:

»Wenn man sich eine vollständige Vorstellung von der von dem Kometen verfolgten Bahn verschaffen will, ist es erforderlich, die hier wiedergegebene Darstellung mit einiger Aufmerksamkeit zu betrachten. Sie zeigt die Umlaufbahn des Kometen und ihren Schnittpunkt mit der irdischen Umlaufbahn, wobei der Komet aus der Unendlichkeit auftaucht, sich auf gekrümmtem Weg auf die Erde zu bewegt und diese Bahn während seiner Annäherung an die Sonne beibehält, die ihn während seines PeriheliumDurchgangs nicht aufhält und nicht absorbiert. Man braucht die durch die Anziehungskraft der Erde beigesteuerte Störung nicht zu berücksichtigen: diese Beeinflussung wäre von Bedeutung bei der Wiederannäherung des Kometen an die Erdumlaufbahn nach einer Umdrehung um die Sonne und für die Umwandlung der parabolischen in eine elliptische Umlaufbahn.

Alle die Sonne umlaufenden Kometen beschreiben ähnliche, mehr oder weniger lang gestreckte elliptische Umlaufbahnen, wobei das leuchtende Gestirn einen der Brennpunkte bildet. Sie sind zahlreich. Die nächstfolgende Zeichnung gibt eine Vorstellung von den Schnittpunkten, die sich mit der Umlaufbahn der Erde und der übrigen Planeten um die Sonne anbieten. Wenn man die Schnittpunkte betrachtet, kann man sich vorstellen, daß ein Zusammentreffen weder unmöglich noch ungewöhnlich wäre.«


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Bahn des Kometen und das Zusammentreffen mit der Erde.


Der Komet war in Sicht der Erde gekommen. In einer Neumondnacht hatten ihn einige besonders Scharfsichtige bei wunderbar hellem Himmel mit bloßem Auge herausgefunden; er stand nicht weit vom Zenith, nach dem Rande der Milchstraße hin, südlich vom Sterne Omikron in der Andromeda, wie ein sehr leichtes, ganz kleines Rauchwölkchen, das nach einer der Sonne entgegengesetzten Richtung hin kaum verlängert, einen aus Gas bestehenden, noch unentwickelten Schweif zeigte. Unter dieser Gestalt erschien er übrigens schon seit seiner Entdeckung durch das Teleskop. Niemand hätte bei diesem harmlosen Anblick die tragische Rolle ahnen können, welche dieses neue Gestirn in der Geschichte der Menschheit spielen würde. Die Berechnung allein zeigte damals seine Bewegung gegen die Erde hin an.


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Wie Kometen mit der Erde und den anderen Planeten zusammentreffen können.


Aber das geheimnisvolle Gestirn kam schnell heran. Schon tags darauf bemerkten ihn die Hälfte der Suchenden, und nach noch einem Tage erwarteten ihn nur noch die Kurzsichtigen mit ungenügenden Opernguckern. In weniger als einer Woche hatten ihn alle Blicke erkannt. Auf allen öffentlichen Plätzen, in allen Städten und Dörfern sah man nur Gruppen, welche den Kometen suchten oder zeigten.


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Von Tag zu Tag wurde er größer. Die Instrumente ließen schon einen scharf begrenzten, ziemlich hellen Kern erkennen, welcher der Gegenstand komischer Unterhaltungen war. Darauf spaltete sich der Schweif langsam in Strahlen, die von demselben Kern aus divergierten, und nahm unmerklich die Fächerform an. Die Aufregung bemächtigte sich schon aller Gemüter, als der Komet nach dem ersten Viertel und während des Vollmonds stationär zu bleiben, und sogar von seinem Glanze etwas zu verlieren schien. Da man darauf gefaßt war, ihn schnell wachsen zu sehen, so hoffte man, daß sich irgend ein Fehler in die Rechnung eingeschlichen hätte; und es kam eine Zeit der Windstille und der Ruhe. Nach dem Vollmond fiel das Barometer plötzlich bedeutend. Das Depressionszentrum eines starken Sturmes kam vom Atlantischen Ocean her und zog sich im Norden der Britischen Inseln hin. Zwölf Tage lang blieb der Himmel über fast ganz Europa vollständig bedeckt. Dann schien die Sonne wieder in der gereinigten Atmosphäre, die Wolken zerstreuten sich, das Blau des Himmels zeigte sich rein und ungetrübt, und nicht ohne Aufregung erwartete man an jenem Tage den Sonnenuntergang. Und zwar um so mehr, als die Luftschiffer, denen es bei mehreren Luftreisen gelungen war, durch die Wolkenschichten zu dringen, versicherten, daß der Komet sich bedeutend entwickelt hätte. Die von den Bergen in Asien und Amerika eingelaufenen telephonischen Nachrichten meldeten anderseits seine rasche Annäherung. Aber — o Wunder, als nach Einbruch der Nacht alle Blicke nach dem Himmel gerichtet waren, um das flammende Gestirn zu suchen, hatten sie keinen Kometen, keinen klassischen Kometen, wie man sie gewöhnlich sieht, vor Augen; es war ein Nordlicht neuer Gattung, eine Art ungeheuren himmlischen Fächers mit sieben Stäben, welcher sieben grünliche Strahlen in den Raum entsandte, die von einem unter dem Horizont verborgenen Brennpunkt auszugehen schienen.


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Es war ein Nordlicht neuer Gattung.


Kein Mensch zweifelte um so weniger daran, daß dieses phantastische Nordlicht der Komet selbst wäre, als man den früheren Kometen an keinem Punkt des gestirnten Himmels wahrnehmen konnte. Die Erscheinung unterschied sich freilich eigentümlich von den bekannten Kometenformen, und das strahlende Bild des unheimlichen Besuchers war das unerwartetste von der Welt. Aber diese gasigen Bildungen sind so bizarr, so launenhaft, so vielfältig, daß alles möglich ist. Und dann war es durchaus nicht das erste Mal, daß ein Komet einen solchen Anblick bot. Die astronomischen Jahrbücher erwähnten unter andern einen ungeheuren Kometen mit sechs Schweifen, der im Jahre 1744 beobachtet worden und zu jener Zeit der Gegenstand zahlreicher Abhandlungen bewesen war. Eine sehr malerische Zeichnung nach der Natur von dem Astronomen Chéseaux in Lausannes hatte ihn damals sehr populär gemacht. Der Komet von 1861 mit seinem fächerförmigen Schweif lieferte noch ein Exemplar solcher himmlischer Gäste, und man berichtet auch, daß am 30. Juni jenes Jahres ein übrigens sehr harmloses Zusammentreffen der Erde mit dem äußersten Ende des Schweifes stattgefunden habe. —[15]

[15] Anm. d. Hrsg.: An dieser Stelle folgt im französischen Original (S. 34 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) der folgende (in der deutschen Erstausgabe fehlende) Satz, der hier erstmals in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird:

»Aber selbst wenn man so etwas noch nie vorher gesehen hätte, hätte man sich von den Tatsachen überzeugen lassen müssen.«


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Komet, 1744 in Lausanne von dem Astronomen Chéseaux gezeichnet.


Unterdessen nahmen die Diskussionen ihren Fortgang, und unter den wissenschaftlichen Rundschauen der ganzen Welt war ein wahrer astronomischer Kampf entbrannt. Seit man wußte, daß die direkte Annäherung des Kometen außer Zweifel stand, war die Entfernung, in welcher er sich täglich befand — eine Frage, die zu der nach seiner Schnelligkeit in Wechselbeziehung stand — der Hauptpunkt. Die junge Preisgekrönte des Instituts, welche erst kürzlich zur Vorsteherin des Rechnungsbureaus der Sternwarte ernannt worden war, ließ keinen Tag mehr vergehen, ohne an das »Amtliche Tagblatt der Vereinigten Staaten von Europa« eine Notiz darüber zu schicken.

Eine sehr einfache mathematische Formel macht die Schnelligkeit jedes Kometen von seiner Entfernung von der Sonne abhängig, und umgekehrt letztere von jener.* Kennt man die eine, so kann man die andere im Augenblick finden. Die Schnelligkeit eines Kometen ist ganz einfach gleich der Schnelligkeit eines Planeten, multipliziert mit der Quadratwurzel aus 2, d. h. mit der Zahl 1,4142. Nun ist aber die Schnelligkeit eines Planeten, gleichviel in welchem Abstand, durch das dritte Keplersche Gesetz bestimmt, demzufolge die Quadrate der Umlaufszeiten sich zu einander verhalten wie die Kuben der Entfernungen.

* D. h. aus seiner Entfernung von der Sonne kann man seine Schnelligkeit berechnen, und umgekehrt. [Anm. d. Ü]

So bewegt sich der prächtige Planet Jupiter mit einer Schnelligkeit von 13 000 m in der Sekunde um die Sonne. Ein Komet in demselben Abstand fährt also mit der genannten Schnelligkeit, multipliziert mit 1,4142, dahin. Diese Schnelligkeit beträgt folglich 18 380 m in der Sekunde.

Der Planet Mars läuft mit einer Schnelligkeit von sekundlich 24 000 m um die Sonne. In dieser Entfernung beträgt die Schnelligkeit des Kometen 34 000 m.

Hieran suchte die Preisgekrönte des Instituts das Publikum zu erinnern, das übrigens in die Elemente der BewegungsTheorie der Himmelskörper eingeweiht war.

Die mittlere Schnelligkeit der Erde auf ihrer Bahn beträgt 29 460 m in der Sekunde, ein wenig langsamer im Sommer, etwas schneller im Winter. In der Nähe der Erde beträgt also diejenige des Kometen 41 660 m, unabhängig von der Beschleunigung, welche die Anziehung der Erde außerdem bei ihm bewirken könnte.

Als das Gestirn in der Entfernung des Mars stand, steigerten sich die Befürchtungen der Menge, welche jetzt nicht mehr allgemein waren, sondern eine bestimmte Form annahmen, die sich auf eine genaue Schätzung dieser Schnelligkeit gründete: 34 000 m in der Sekunde macht 2040 km in der Minute, also 122 400 km in der Stunde!

Da die Entfernung der Marsbahn von der Erdbahn nur 76 Millionen Kilometer beträgt, so würde — bei Annahme von stündlich 122 400 km — die Entfernung in sechshunderteinundzwanzig Stunden oder in etwa sechsundzwanzig Tagen zurückgelegt werden. Aber in dem Maße, als der Komet sich der Sonne nähert, geht derselbe immer schneller, da ja in der Entfernung von der Erde seine Schnelligkeit 41 660 m in der Sekunde beträgt. Im Verhältnis zu dieser erhöhten Schnelligkeit würde die Entfernung zwischen diesen beiden Bahnen in fünfhundertachtundfünfzig Stunden oder in dreiundzwanzig Tagen und sechs Stunden zurückgelegt werden.

Weil aber die Erde im Augenblick des Zusammentreffens nicht gerade in dem Punkte ihrer Bahn sein mußte, der von einer von der Sonne aus zum Kometen gezogenen Linie geschnitten wird, da ja dieser sich nicht auf die Sonne stürzte; so mußte das Zusammentreffen etwa eine Woche später, also Freitag den 13. Juli gegen Mitternacht eintreten. Es braucht nicht betont zu werden, daß bei einem solchen Vorkommnis alle üblichen Vorbereitungen zum »Nationalfest« vom 14. Juli versäumt worden waren. Nationalfest! Man dachte kaum daran. Mußte nicht der 14. Juli die allgemeine Trauer um Menschen und Dinge bedeuten? Es war zwar schon länger als fünf Jahrhunderte, daß diese Feier einer berühmten Begebenheit — freilich mit Unterbrechungen — von den Franzosen gefeiert wurde; bei den Römern selbst hatten die in ihren »Spielen« festlich begangenen Erinnerungen nie so lange gedauert. Man hörte von allen Seiten sagen, daß der 14. Juli sich überlebt hätte. Er war schon 15mal gestorben, aber er sollte nicht wieder auferstehen.

In dem Augenblick, von dem wir reden, war es erst Montag den 9. Juli. Seit fünf Tagen war der Himmel vollkommen schön, und jede Nacht schwebte in der Unermeßlichkeit des Himmelsraums der Kometenfächer. Sein Kopf oder Kern war mit hellen Punkten übersät, welche feste Körper von mehreren Kilometern Durchmesser sein konnten, die zuerst auf die Erde herabstürzen mußten. Denn der Schweif war immer der Sonne abgewendet und stand im vorliegenden Falle in merklich schiefer Lage hinter dem sich bewegenden Körper. Das Gestirn strahlte in dem Sternbild der Fische. Die Beobachtung vom Tag vorher , dem 8. Juli, ergab für seine genaue Stellung: Rektascension = 23 10 32, nördliche Deklination = 7° 36' 4". Der Schweif zog sich durch das ganze Viereck des Pegasus. Der Komet ging um 9 49 auf und stand die ganze Nacht am Himmel.

Während der Tage des Stillstandes, von denen eben die Rede war, hatte sich eine Art Umschlag in der öffentlichen Meinung vollzogen. Ein Astronom hatte behauptet, daß die Erde schon mehrere Male mit Kometen zusammengetroffen, und daß dann jedesmal das Ereignis in einen harmlosen Sternschnuppenregen verlaufen sei. Einer seiner Kollegen hatte erwidert, daß der gegenwärtige Komet nicht im entferntesten mit einem Meteorenschwarm zu vergleichen sei, sondern sich in gasförmigem Zustande befände und einen aus festen Körpern bestehenden Kern habe. Dabei hatte er an die Beobachtungen erinnert, die man über den berühmten historischen Kometen von 1811 angestellt hatte.

Dieser Komet rechtfertigt aber doch immer die in gewisser Hinsicht keineswegs chimärischen Befürchtungen. Man suchte sich an seine Größenverhältnisse zu erinnern. Seine Länge erreichte 180 Millionen Kilometer, d. h. mehr als den Abstand der Erde von der Sonne, und an seinem äußersten Ende hatte sein Schweif 24 Millionen Kilometer Breite.


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Der Komet von 1811.


Sein Kopf maß 1 800 000 km im Durchmesser, d. h. hundertvierzigmal der Durchmesser der Erde, und in diesem nebelhaften, elliptischen, merkwürdig regelmäßigen Kopfe bemerkte man einen sternengleich leuchtenden Kern, der für sich allein einen Durchmesser von 200 000 km zeigte. Dieser Kern schien äußerst dicht. Er wurde sechzehn Monate und zweiundzwanzig Tage lang beobachtet. Was aber vielleicht noch merkwürdiger an ihm war, ist, daß er seine ungeheure Entwickelung erreichte, ohne sich der Sonne zu nähern; denn er war wenigstens noch 150 Millionen Kilometer von ihr entfernt. Sein Abstand von der Erde betrug auch stets mehr als 170 Millionen Kilometer. Wenn er sich der Sonne mehr genähert hätte, so würde sein Anblick sicherlich noch wunderbarer und für alle Blicke schreckenerregender gewesen sein; denn die Ausdehnung der Kometen nimmt in eben dem Maße zu, als sie der Einwirkung der Sonne ausgesetzt sind. Und da seine Masse nichts weniger als unbedeutend war, so hätte, wenn er in das Herz der Sonne geflogen wäre, seine um sekundlich 5–600 000 m vermehrte Schnelligkeit im Augenblick seines Zusammentreffens mit dem Sonnenball allein durch die Umsetzung der Bewegung in Hitze die Ausstrahlung der Sonne auf einen solchen Grad zu erhöhen vermocht, daß alles Pflanzen- und Tierleben auf der Erde in einigen Tagen hätte vernichtet sein können.

Ein Physiker hatte sogar jene sonderbare Bemerkung gemacht, daß ein dem Kometen von 1811 gleicher oder überlegener so den Untergang der Welt herbeiführen könnte, ohne auch nur die Erde zu berühren, und zwar durch eine Art von Sonnenlicht- und WärmeExplosion, wie sie sich in den neuen Sternen gezeigt hat. Der Stoß würde eine sechsmillionenmal größere Hitzemenge erzeugen, als diejenige ist, welche die Verbrennung einer dem Kometen gleichen Steinkohlenmasse entwickeln würde.

Man hatte hervorgehoben, daß es das Ende der Welt durch Feuer bedeute, wenn ein solcher Komet, statt in die Sonne zu stürzen, mit unserm Planeten zusammenträfe. Wenn er mit Jupiter zusammenträfe, so würde die Temperatur dieses Weltkörpers auf eine Höhe gebracht, die ausreichte, ihm sein verlorenes Licht wiederzugeben und ihn für eine Zeitlang wieder in Sonnenzustand zu versetzen. Die Erde erschiene dann von zwei Sonnen erleuchtet, da Jupiter eine Art kleiner nächtlicher Sonne würde, die viel heller wäre, als der Mond, in ihrem eigenen, rubin- oder granatroten Lichte glänzen und in zwölf Jahren ihren Umlauf um uns vollenden würde. Eine Nachtsonne! Da gäbe es dann für den Erdball fast keine Nächte mehr.

Man hatte die mustergültigsten astronomischen Abhandlungen zu Rate gezogen; man hatte in den Werken von Newton, Halley, Maupertuis, Lalande, Laplace und Arago die von den Kometen handelnden Kapitel, sowie die wissenschaftlichen Denkschriften von Faye, Tisserand, Bouquet de la Grye, Cruls Holden [16] und ihren Nachfolgern wieder nachgelesen. Am meisten Eindruck hatte wieder die von Laplace ausgesprochene Ansicht gemacht, und man hatte sie wörtlich wieder veröffentlicht:


»Eine Veränderung der Erd-Axe und Rotation; ein Austreten der Meere aus ihrer früheren Lage, um sich nach dem neuen Äquator zu wälzen; der Wassertod einer großen Menge Menschen und Tiere in der allgemeinen Flut, oder deren Untergang durch die auf dem Erdball bewirkte heftige Erschütterung; die Vernichtung ganzer Gattungen, die Zerstörung aller Denkmäler des menschlichen Gewerbefleißes: das sind die Verheerungen, welche ein Kometenstoß anrichten könnte.«


[16] Anm. d. Hrsg.: An dieser Stelle wird im französischen Original (S. 42 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) statt »Cruls Holden« »H. Poincaré« genannt.


Die physische Beschaffenheit der Kometenkerne war besonders der Gegenstand der gelehrtesten Streitschriften. In den astronomischen Jahrbüchern hatte man die Zeichnungen aufgesucht, welche die Verschiedenheit dieser Kerne, ihre Lichtwirkung und die Bewegungen der Strahlenbüschel der Schweife am besten angaben. Man hatte unter andern an die leuchtenden hellen Punkte erinnert, die man 1868 an dem Brorsenschen Kometen beobachtet hatte, und an die bewegungsvollen Ausstrahlungen an dem so merkwürdigen Kopfe des großen 1861er Kometen; und man verglich damit die Hypothesen bezüglich der gasförmigen, pulverförmigen und sogar festen Verdichtungen, und der ungeheuren elektrischen Entladungen, welche den behaarten Köpfen dieser sonderbaren fahrenden Gesellen von einem Tag auf den andern eine andere Form gaben.

So dauerten die Besprechungen, die Berechnungen und das Konjekturieren immer noch an. Was aber schließlich alle Gemüter stutzig machen mußte, war die durch Beobachtung festgestellte zweifache Thatsache, daß der jetzige Komet einen Kern von bedeutender Dichtigkeit zeigte, und daß in seiner chemischen Zusammensetzung das Kohlenoxyd unstreitig vorherrschte. Die Befürchtungen, der Schrecken waren wieder da. Man dachte nur noch an den Kometen und sprach nur noch von ihm.

Schon hatten sinnreiche Köpfe praktische, mehr oder weniger ausführbare Pläne ausgesonnen, um sich seinem Einfluß zu entziehen. Die Chemiker gaben vor, einen Teil des atmosphärischen Sauerstoffs retten zu können. Man dachte Verfahren aus, wie man dieses Gas vom Stickstoff isolieren und in ungeheuren hermetisch verschlossenen Glasgefäßen sammeln könnte. Ein in der Reclame geübter Apotheker versicherte, es in Pastillen verdichtet zu haben und hatte in vierzehn Tagen acht Millionen für Annoncen ausgegeben. Die Großhändler wußten aus allem Nutzen zu ziehen, selbst aus dem allgemeinen Tod. Es hatten sich sogar plötzlich Versicherungsgesellschaften gebildet, welche sich verbindlich machten, alle Keller- und ähnliche Ausgänge luftdicht zu schließen und vier Tage und vier Nächte lang die zum Verbrauch einer bestimmten Anzahl von Lungen nötige Menge reinen (und sogar antiseptisch parfümierten) Sauerstoffs zu liefern. Noch war nicht alle Hoffnung verloren, besonders für die Reichen. Man sprach auch davon, Tunnels für das Volk herzustellen. Man besprach, man zitterte, man regte sich auf, man schauderte, ja man starb schon ... aber noch hoffte man

Endlich meldeten die neuesten Nachrichten, daß der Komet, welcher sich nach Maßgabe seiner Annäherung an die Sonnenhitze und Elektricität entwickelt hätte, im Augenblick des Zusammentreffens einen fünfundsechzigmal größeren Durchmesser als die Erde haben würde, nämlich 828 000 km.


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Der Komet kam heran, von Tag zu Tag größer werdend.


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Kopf des Kometen von 1861.


Gerade mitten in diesem Zustand allgemeiner Aufregung wurde die Sitzung des Instituts eröffnet, welche man als die letzte Entscheidung der Dinge erwartete.

Schon durch sein Amt dazu veranlaßt, hatte der Direktor der Pariser Sternwarte die Reihe der eingeschriebenen Redner in erster Stelle eröffnet. Was aber am meisten die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, war das Diagnostikon des Präsidenten der medizinischen Akademie über die wahrscheinlichen Wirkungen des Kohlenoxyds. Anderseits sollte der Präsident der Geologischen Gesellschaft von Frankreich auch das Wort ergreifen, und der Hauptzweck der Sitzung war, alle wissenschaftlichen Theorien über die verschiedenen Arten vorzuführen, auf welche unsere Welt ein schlimmes Ende nehmen könnte. Doch mußte dabei offenbar die Besprechung der Kometenbegegnung die erste Stelle einnehmen.

Überdies stand, wie wir sahen, das drohende Gestirn über allen Häuptern; jedermann sah es; es wurde von Tag zu Tag größer; es kam mit wachsender Schnelligkeit heran; man wußte, daß es nur noch 17 992 000 km weit weg war, und daß dieser Abstand in fünf Tagen durchlaufen sein würde. Jede Stunde brachte die zum Schlag erhobene himmlische Hand um 149 000 km näher. In fünf Tagen würde die leichenblasse Menschheit wieder ruhig, oder — gar nicht mehr atmen.

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Drittes Kapitel
Die Sitzung des Instituts

. . . . Stimmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erregten ein Getümmel hier, das immer
In diesen endlos schwarzen Lüften kreiset,
Dem Sande gleich, wenn Wirbelwinde wehen.*

D a n t e , die Hölle, III. 28–30

* Nach Philalethes


Nie seit Menschengedenken war das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts erbaute Amphitheater so gedrängt voll besetzt gewesen. Die Sitzreihen, Logen, Tribünen, Treppengänge, Thüröffnungen, alles bis auf die Stufen zum Präsidententische, alles war mit sitzenden oder stehenden Hörern bedeckt. Man bemerkte da den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa, Direktor der französischen Republik, die Direktoren der italienischen und der iberischen Republik, die Botschafterin von Indien, die Botschafter der britischen, der deutschen, der russischen und der ungarischen Republik, den König von Kongo, den Präsidenten des AdministratorenKomitees, alle Minister, den Präfekten der internationalen Börse, den KardinalErzbischof von Paris, die Generaldirektorin der Telephonoskopie, den Präsidenten des Verwaltungsrats der Luftschiffahrt und der elektrischen Bahnen, den Direktor des internationalen meteorologischen Bureaus, die hervorragendsten Astronomen, Chemiker, Physiologen und Ärzte, die aus verschiedenen Teilen Frankreichs herbeigeströmt waren, eine große Anzahl früherer sogenannter Deputierter oder Senatoren, mehrere Schriftsteller und berühmte Künstler, kurz eine seltene Versammlung von Vertretern der Wissenschaft, der Politik, des Handels, der Industrie, der Litteratur, aller Formen der menschlichen Thätigkeit. Das Bureau war vollzählig: Präsident, Vizepräsidenten, ständige Sekretäre, eingeschriebene Redner. Doch waren sie nicht mehr wie früher angethan mit einem papageigrünen Rock, noch mit Claquehüten und altmodischen Degen ausgestattet; sie trugen einfache bürgerliche Kleidung. Seit dritthalb Jahrhunderten waren auch alle europäischen Ehrenzeichen abgeschafft worden; diejenigen von Centralafrika gehörten dagegen zu den wertvollsten.


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Zu Haustieren gewordene Affen, welche schon seit einem halben Jahrhundert die menschlichen Dienstboten ersetzten, standen an den Eingängen mehr aus Gehorsam gegen die Vorschriften, als um die Eintrittskarten abzunehmen; denn schon vor der festgesetzten Stunde war der Zudrang unabweisbar gewesen.

Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung mit folgenden Worten:*

»Meine Damen! meine Herren!

* Die Sprache des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts ist hier in derjenigen des neunzehnten wiedergegeben.

»Sie alle kennen den erhabenen Zweck unserer Versammlung. Sicherlich nie hat die Menschheit eine Phase durchlebt, wie wir in diesen Tagen. Nie insbesondere hat dieser altertümliche Saal aus dem zwanzigsten Jahrhundert eine ähnliche Zuhörerschaft in sich aufgenommen. Die große Frage nach dem Ende der Welt ist, namentlich seit vierzehn Tagen, der einzige Gegenstand der Beratungen und des Studiums der Gelehrten. Über diese Beratungen und Studien soll hier berichtet werden. Ich erteile dem Herrn Direktor der Sternwarte sofort das Wort.«

Der Astronom erhob sich alsbald mit einigen Notizen in der Hand. Er sprach fließend und ruhig, hatte ein angenehmes Organ, das Antlitz eines Zeus und — einen sehr milden Blick. Seine Stirne war breit, und ein prächtiges weißes, ganz gelocktes Haar umrahmte sein Haupt. Es war ein Mann von ebenso feiner als tiefer Bildung, und seine ganze Persönlichkeit flößte Zuneigung und Ehrfurcht zugleich ein. Er war offenbar Optimist, sogar unter den schwierigsten Umständen. Kaum hatte er einige Worte gesprochen, so änderten sich die Physiognomien; finstere und aufgeregte wurden ruhig und erheiterten sich wieder.


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Meine Damen, an Sie wende ich mich zuerst ...


»Meine Damen,« sagte er gleich anfangs, »an Sie wende ich mich zuerst mit dem dringenden Ersuchen, nicht so vor einer Drohung zu zittern, welche nicht so schrecklich sein dürfte, als sie scheint. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß der Komet, dessen baldiges Erscheinen die ganze Menschheit erwartet, uns nicht den gänzlichen Untergang der Erdenschöpfung bringen wird. Freilich können, ja müssen wir uns auf ein gewaltiges Ereignis gefaßt machen; was aber den Untergang der Welt betrifft, so läßt uns wirklich alles annehmen, daß er s o nicht eintreten wird. Die Welten vergehen durch Alter und nicht durch ein Unglück.

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Meine Herren, ich erblicke hier Vertreter aller gesellschaftlichen Kreise, von den höchsten bis zu den untersten. Man begreift vollkommen, daß bei einer anscheinend so drohenden Zerstörung des Erdenlebens alle Geschäfte stille stehen. Indessen gestehe ich Ihnen, daß ich nicht zögern wür de, heute die so plötzlich auf ein Minimum gefallenen Rentenpapiere zu kaufen, wenn die Börse nicht geschlossen wäre, und ich so unglücklich wäre, dort Geschäfte zu machen.«

Dieser Satz war noch nicht ganz ausgesprochen, so bahnte sich, man weiß nicht wie, ein allgemein bekannter amerikanischer Israelit von der Hochfinanz, unter dessen Oberleitung das »XXV. Jahrhundert« erschien, von einer der oberen Bänke des Amphitheaters herunter seinen Weg durch die Sitzreihen und stürzte wie eine rollende Kugel auf den Gang zu einer kleinen Ausgangsthüre, durch welche er verschwand.

Durch diese unerwartete Wirkung einer rein wissenschaftlichen Erwägung auf einen Augenblick unterbrochen, nahm der Redner seinen Vortrag wieder auf.

»Unser Gegenstand,« sagte er, »läßt sich nach drei Seiten hin betrachten:

1. fragt es sich, ob der Komet sicher mit der Erde zusammenstoßen wird. Bejahendenfalls haben wir

2. zu prüfen, wie er beschaffen ist, und

3. welches die Wirkungen des Zusammenstoßes sein können.

Es ist überflüssig, zu bemerken, daß die seit einiger Zeit so oft gehörten, unglückweissagenden Worte ›das Ende der Welt‹ einzig ›das Ende der Erde‹ bezeichnen, welche ›Erde‹ übrigens die Welt ist, welche uns am meisten angeht.

Wenn wir den ersten Punkt verneinen könnten, so wäre es fast überflüssig, uns mit den beiden andern zu befassen.

Leider muß ich anerkennen, daß die astronomischen Berechnungen auch hier peinlich genau sind. Ja, der Komet muß der Erde begegnen und zwar mit bedeutender Geschwindigkeit, weil er auf unserer jährlichen Reise um die Sonne fast gerade auf uns zukommt. Die Schnelligkeit der Erde beträgt 29 460 m, diejenige des Kometen aber 41 660 m in der Sekunde, ungerechnet die Beschleunigung durch die Anziehung unseres Planeten. Der Stoß würde also bei einer Geschwindigkeit von 72 000 m in der ersten Sekunde erfolgen, wenn der Komet ganz gerade auf uns zukäme. Aber er kommt in etwas schiefer Richtung.

Der Stoß mit allen seinen Folgen ist unvermeidlich. Doch ich bitte, die Versammlung wolle sich nicht so beunruhigen! . . Dieser Stoß beweist an und für sich noch nichts. Wenn man z. B. berechnete, daß ein Eisenbahnzug einem Mückenschwarm begegnen müsse, so würde diese Prophezeiung die Reisenden nicht sonderlich beunruhigen. Bei der Begegnung unseres Erdballs mit jenem Gasgestirn könnte es ebenso sein. Gestatten Sie mir nun, die beiden andern Punkte ruhig zu untersuchen.

Also zuerst: wie ist der Komet beschaffen?

Jedermann hier weiß es schon: er ist gasförmig und besteht hauptsächlich aus Kohlenoxyd. Bei der Temperatur im Weltraume (273° unter Null) befindet sich dieses Gas, das unter irdischen Bedingungen unsichtbar ist, im Zustand des Nebels und sogar festen Staubes. Der Komet ist davon wie gesättigt. Auch hier stehe ich in keiner Hinsicht mit den Entdeckungen der Wissenschaft im Widerspruch.«

Diese Eröffnung rief eine neue schmerzliche Bewegung auf den meisten Gesichtern hervor, und man hörte hier und da tiefe Seufzer.

»Aber, meine Herren,« versetzte der Astronom, »solange einer unserer geehrten Kollegen von der physiologischen Abteilung, oder von der medizinischen Fakultät nicht so freundlich ist, uns zu beweisen, daß die Dichtigkeit des Kometen hinreicht, ihn in unsere Lebensluft eindringen zu lassen, glaube ich, daß die Begegnung mit ihm sich nur in einem hübschen Sternschnuppenregen zeigen und keinen folgenschweren Einfluß auf das menschliche Leben äußern wird. Man weiß hierüber nichts Gewisses; immerhin ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß; man könnte vielleicht eine Million gegen eins wetten. Höchstens würden die schwachen Lungen dabei unterliegen. Es wäre eine Art Influenza, welche die Zahl der täglichen Todesfälle verdrei- oder verfünffachen könnte. Eine einfache Epidemie!

Wenn indessen, wie die teleskopischen Forschungen und die Photographien es übereinstimmend zeigen, der Kern mineralische Massen enthält, — jedenfalls metallische Massen, Meteorsteine von mehreren Kilometern Durchmesser und Millionen Tonnen schwer — dann muß zugegeben werden, daß die Stellen, auf welche diese Massen mit der oben erwähnten Schnelligkeit stoßen, rettungslos werden zermalmt werden. Doch warum sollten diese Stellen gerade bewohnt sein? Drei Viertel des Erdballs sind mit Wasser bedeckt. Jene Massen können auch ins Meer fallen, vielleicht neue, außerirdische Inseln bilden, in allen Fällen die Wissenschaft mit neuen Elementen, vielleicht mit den Keimen unbekannter Daseinsformen bereichern. Die Feldmeßkunst, die Gestalt und die Rotationsbewegung der Erde können dabei in Frage kommen. Vergessen wir auch nicht, daß es auf der Erde nicht an Wüsten fehlt. Die Gefahr ist sicherlich da; aber sie ist nicht allzu groß.

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Außer diesen Massen und diesen Gasen könnten vielleicht auch die erwähnten Meteore in ihrem Innern Brandfackeln tragen, wel,che sie ein wenig überallhin über die Kontinente ausstreuen; Dynamit, Nitroglycerin, Panelastit, Royalit, Imperialit sogar sind nur Kinderspielwerk neben dem, was uns überraschen könnte; aber das wäre auch keine allgemeine Umwälzung: einige eingeäscherte Städte halten den Gang der Menschheitsgeschichte nicht auf.

Aus dieser methodischen Prüfung der drei vorliegenden Punkte ersehen Sie, meine Damen und meine Herrn, daß die Gefahr zweifelsohne besteht und sogar droht; aber nicht so aussichtslos auf Rettung, nicht so bedeutend, nicht so unausweichbar, wie man aussprengt. Ich will noch weiter gehen. Dieses sonderbare astronomische Vorkommnis, welches so viele Herzen und Köpfe bewegt, ändert in den Augen des Philosophen kaum das gewöhnliche Ansehen der Dinge. Jeder unter uns ist sicher, eines Tages zu sterben, und diese Gewißheit hindert uns kaum, ruhig weiter zu leben. Wie kommt es nun, daß die Bedrohung mit einem etwas rascheren Tode alle Gemüter beunruhigt? Dies sollte dem menschlichen Egoismus doch eher ein Trost sein. Nein, es kommt daher, daß man sein Leben, bei diesem um einige Tage, bei jenem um einige Jahre durch ein verblüffendes Phänomen verkürzt sieht. Das Leben ist kurz, und jedem liegt daran, es um kein Jota verkürzt zu sehen; es scheint sogar, als sähe jeder lieber die ganze Welt zusammenstürzen und sich allein lebendig, als sich allein sterben und die Übrigen am Leben bleiben. Das ist die reine Selbstsucht. Aber, meine Herrn, ich glaube fest, daß nur auf einem gewissen Teile der Erde eine Katastrophe eintreten wird, die vom höchsten wissenschaftlichen Interesse sein und Geschichtschreiber hinterlassen wird, die davon erzählen können. Es wird einen Stoß, eine ›Anrempelung‹ im großen Stil, ein lokales Unglück geben, aber auch weiter nichts. Es wird die Geschichte eines Erdbebens, eines vulkanischen Ausbruchs oder eines Cyclons sein.«

So sprach der berühmte Astronom. Seine philosophische Ruhe, die Schärfe seines Geistes, sein scheinbares Unberührtwerden von der Gefahr, alles trug dazu bei, die Zuhörerschaft zu beruhigen, ohne sie gleichwohl ganz zu überzeugen. Es handelte sich nicht mehr um das letzte Ende der Dinge, sondern um ein Verhängnis, dem man schließlich wahrscheinlich entrinnen könnte. Man fing an, sich seine Eindrücke mitzuteilen; Großhändler und Politiker selbst schienen die wissenschaftliche Begründung genau verstanden zu haben, als man den Präsidenten der medizinischen Akademie langsam auf die Tribüne zukommen sah.

Es war ein langer, hagerer Mann mit bleichem Gesicht, asketischem Aussehen, greisenhaften Zügen, kahlem Schädel und grauem, kurz geschnittenem Backenbart. Seine Stimme hatte etwas Hohles, und sein ganzes Aussehen erinnerte eher an einen Beamten der Leichenfeierlichkeit, als an einen Arzt, den die Hoffnung belebt, seine Kranken zu heilen. Seine Überzeugung war sehr verschieden von derjenigen des Astronomen, und man konnte das schon aus den ersten Worten entnehmen, die der aussprach.

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»Meine Herren,« sagte er, »ich werde mich ebenso kurz fassen, wie der Gelehrte, den wir soeben gehört haben, obgleich ich lange Nächte damit zugebracht habe, die Eigentümlichkeiten des Kohlenoxyds aufs genaueste zu studieren. Über dieses Gas möchte ich Sie unterhalten, da es wissenschaftlich festgestellt ist, daß es in dem Kometen vorherrscht, und daß der Zusammenstoß mit der Erde unvermeidlich ist.

Seine Eigenschaften sind unglückselige: wozu es nicht eingestehen? Es genügt eine unendlich kleine, der Lebensluft beigemischte Menge, um in drei Minuten die normale Funktion der Lungen aufzuheben und das Leben zu unterbrechen.

Jedermann weiß, daß das Kohlenoxyd (in der Chemie CO) ein geruch, farb- und geschmackloses Gas ist, das in Wasser fast unlöslich ist. Seine Dichtigkeit im Vergleich mit derjenigen der Luft ist 0,96. Es brennt an der Luft und erzeugt kohlensaures Anhydrit mit einer blauen, sehr schwach leuchtenden Flamme. Es ist wie ein Totenlicht.

Das Kohlenoxyd hat ein beständiges Streben, den Sauerstoff zu absorbieren. (Redner betonte letztere Worte sehr stark). In den Hochöfen z. B. setzt sich der Kohlenstoff bei der Berührung mit einer ungenügenden Luftmenge in Kohlenoxyd um, und das ist alsdann jenes Oxyd, welches das Eisen wieder in den metallischen Zustand zurückführt, indem es ihm den Sauerstoff wieder entzieht, mit dem es vorher verbunden war.

Der Sonne ausgesetzt verbindet sich der Kohlenstoff mit Chlor und bildet ein Oxychlorür (Cl O Cl²) von unangenehmem und erstickendem Geruch, und gasartiger Beschaffenheit.

Was aber hier die größte Beachtung verdient, ist, daß dies eines der giftigsten Gase ist, die es giebt. Es ist giftiger als die Kohlensäure. Wenn es sich in den Blutkügelchen festsetzt, vermindert es die Aufsaugungsfähigkeit des Blutes, und selbst sehr minimale Dosen, die sich in den Blutkügelchen sammeln, verhindern in einem mit den Ursachen scheinbar unverhältnismäßig hohen Grade die Fähigkeit des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen. Ein Blut also, das 23–25 cbcm Sauerstoff auf 100 Volum absorbiert, absorbiert davon nur die Hälfte in einer Luft, welche weniger als ein Tausendstel Kohlenoxyd enthält. Schon ein Zehntausendstel ist tödlich, und die Aufsaugungsfähigkeit des Blutes nimmt merklich ab. Es erfolgt augenblicklich, ich will nicht gerade sagen, der einfache Erstickungstod, wohl aber eine Blutvergiftung! Das Kohlenoxyd wirkt diekt auf die Blutkügelchen, verbindet sich mit ihnen und macht sie unfähig, das Leben zu unterhalten: die Blutbildung und Verwandlung des venösen Blutes in arterielles Blut ist aufgehoben. Drei Minuten genügen, um den Tod herbeizuführen. Der Blutumlauf hört auf; das venöse Blut erfüllt die Puls- wie die Blutadern; die Blutgefäße, besonders die des Gehirns, werden verstopft; die Gehirnsubstanz wird mit Blutpunkten durchsetzt; die Zungenwurzel, die Kehle, die Luftröhre, die Bronchien werden blutigrot; und bald zeigt der ganze Leichnam eine bläuliche Färbung, die von dieser Aufhebung der Blutbildung herrührt.

Aber, meine Herren, nicht bloß die tödlichen Eigenschaften des Kohlenoxyds sind zu fürchten: die einzige Tendenz dieses Gases, den Sauerstoff zu absorbieren, genügte schon, die schlimmsten Folgen herbeizuführen. Beseitigen Sie, — was sage ich? — vermindern Sie nur den Sauerstoff, und sie werden das Aussterben des Menschengeschlechts bewirken. Jedermann hier kennt eine der zahllosen Geschichten, welche die Epochen der Barbarei bezeichnen, wo die Menschen unter dem Vorwande des Ruhms und der Vaterlandsliebe sich einander mordeten; es ist eine einfache Episode aus einem der Kriege der Engländer in Indien. Gestatten Sie mir, Ihnen dieselbe zu erzählen.

Hundertsechsundvierzig Gefangene waren in einen Raum eingesperrt worden, welcher keine andere Öffnung hatte, als zwei kleine Fenster, die auf eine Galerie gingen. Die erste Wirkung, welche diese Unglücklichen empfanden, war ein reichlicher, anhaltender Schweiß, dem ein unerträglicher Durst und bald große Atmungsbeschwerden folgten. Sie versuchten verschiedene Mittel, um weniger beengt zu sein und sich Luft zu verschaffen; sie zogen ihre Kleider aus, bewegten die Luft mit ihren Kopfbedeckungen und faßten endlich den Entschluß, sich alle miteinander auf die Knie zu werfen und nach einigen Augenblicken gleichzeitig wieder aufzustehen; aber jedesmal fielen einige aus Kraftlosigkeit hin und wurden von ihren Kameraden unter die Füße getreten. Sie starben erstickt in schwerem Todeskampf. Vor Mitternacht, das heißt während der vierten Stunde ihrer Haft, waren alle, welche noch lebten und an den Fenstern noch keine reinere Luft geatmet hatten, in einen lethargischen Stumpfsinn oder in entsetzliche Raserei verfallen. Als nach einigen Stunden das Gefängnis geöffnet wurde, kamen nur dreiundzwanzig Mann lebend heraus; sie waren in einem wahrhaft erschrecklichen Zustand, wie wenn sie gerade eben dem Tode entgangen wären.


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Sie starben erstickt in gräßlichem Todeskampf.


Ich könnte diesem Beispiel noch tausend andere folgen lassen. Doch wäre es unnütz, da kein Zweifel bestehen kann. Ich erkläre daher, meine Herren, daß es mir scheint, als müsse einerseits die Absorption einer mehr oder weniger großen Menge atmosphärischen Sauerstoffs durch Kohlenoxyd und anderseits die so mächtig giftigen Eigenschaften desselben Gases auf die Blutkügelchen dem Zusammentreffen der ungeheuren Kometenmasse mit unserem Erdball — welcher mehrere Stunden lang von derselben umgeben bleiben muß — eine Bedeutung verleihen, deren Folgen unheilvoll sein können. Man wird sehen, wie diese unglücklichen Sterblichen vergebens nach atembarer Luft ringen und erstickt hinfallen. Ich für meinen Teil kann keinen rettenden Ausweg finden.


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Man wird sehen, wie diese unglücklichen Sterblichen ver-
gebens nach atembarer Luft ringen und erstickt hinfallen.


Und ich habe noch nicht von der Umsetzung der Bewegung in Wärme und von den mechanischen und chemischen Wirkungen des Stoßes gesprochen. Ich überlasse diese Seite der Frage der Beurteilung des ständigen Sekretärs der Akademie der Wissenschaften, sowie derjenigen des Herrn Präsidenten der astronomischen Gesellschaft von Frankreich, welche in dieser Hinsicht umfassende Berechnungen angestellt haben. Nach meiner Ansicht ist, ich wiederhole es, die Menschheit auf Erden in Todesgefahr, und ich sehe nicht nur eine, sondern zwei, drei, vier Todesursachen, die auf sie herabstürzen können. Es wäre ein Wunder, wenn sie ihnen entränne. Und seit vielen Jahrhunderten rechnet ja niemand mehr auf Wunder.«

Diese im Tone der Überzeugung mit kräftiger, ruhiger Stimme gehaltene Rede versetzte die ganze Zuhörerschaft wieder in denselben Zustand, aus welchem sie herauszuziehen die erste Ansprache so geeignet gewesen war. Die Gewißheit des hereinbrechenden Unglücks malte sich auf allen Gesichtern; die einen waren grüngelb geworden, die andern, plötzlich scharlachrot gefärbt, schienen vor einem Schlagfluß zu stehen; nur eine sehr kleine Anzahl Zuhörer schienen ihre Kaltblütigkeit bewahrt, an einem gewissen Skepticismus festgehalten und philosophisch ihren Entschluß gefaßt zu haben. Ein ungeheures Gemurmel erfüllte den Saal, da jeder seinem Nachbar seine Betrachtungen mitteilte, die meistens optimistischer waren, als aufrichtig; niemand erregt gern den Schein, als fürchte er sich.

Der Präsident der astronomischen Gesellschaft von Frankreich erhob sich nun und lenkte seine Schritte nach der Tribüne. Die Einzelgespräche verstummten alsbald. Es folgen hier die wesentlichen Teile seiner Rede: Einleitung, Kernpunkt und Schluß.

»Meine Damen, meine Herren, nach den soeben gehörten Ausführungen kann kein Zweifel mehr herrschen über die Gewißheit des Zusammentreffens des Kometen mit der Erde und über die Gefahren desselben. Wir müssen uns also den Samstag ...«

»Den Freitag,« unterbrach eine Stimme aus dem Bureau des Instituts selbst.

»Den Samstag,« fuhr der Redner, ohne sich zu unterbrechen, fort, »auf ein in der Geschichte der Menschheit unbedingt neues, außerordentliches Ereignis gefaßt machen.

Ich sagte Samstag, obgleich alle Zeitungen das Zusammentreffen für den Freitag ankündigen, weil dasselbe erst am 14. stattfinden wird. Wir, meine geehrte Kollegin und ich, haben die ganze letzte Nacht darauf verwendet, die Beobachtungen in Asien und Amerika zu vergleichen und dabei einen Fehler in der phonographischen Übermittelung gefunden.«

Diese Eröffnung bewirkte eine angenehme Erleichterung in den Gemütern der Zuhörer; es war wie ein schwacher Lichtstrahl in finsterer Nacht. Ein Tag Verzug ist für einen zum Tod Verurteilten etwas Ungeheures. Schon begannen sich Anwandlungen von Projekten in den Köpfen zu regen; die Katastrophe war verschoben; das war eine Art Begnadigung. Man bedachte nicht, daß diese rein kosmographische Abweichung nur auf das Datum ging und nicht auf den Eintritt des Zusammentreffens selbst. Doch die geringsten Nüancen spielen eine große Rolle in den Eindrücken auf das Publikum. Und dann — war es ja nicht mehr Freitag den 13.

»Hier ist übrigens,« sagte er beim Hintreten zur Wandtafel, »die nach allen Beobachtungen endgültig berechnete Bahn des Kometen.«

Und der Redner schrieb folgende Zahlen an:


Durchgang durch das Perihelium: August 11., 0 45 44.
Länge des Perhihels: 52° 43' 25".
Abstand im Perihel: 0,76017.
Neigung: 103° 18' 35".
Länge des aufsteigenden Knotens: 112° 54' 40".


»Der Komet,« fuhr er fort, »wird die Ekliptik beim Herankommen, im aufsteigenden Knoten, am 13. Juli nach Mitternacht, genau am 14. Juli um 0 18 23 im Meridian von Paris schneiden, gerade in dem Augenblick des Durchgangs der Erde durch denselben Punkt. Die Anziehung der Erde wird das Zusammentreffen nur um dreißig Sekunden beschleunigen.

Das Ereignis wird ein außerordentliches sein; aber ich glaube auch nicht, daß es den tragischen Charakter haben dürfte, der uns vorhin geschildert worden ist, und daß es wirklich Blutvergiftung, die Asphyxie aller menschlichen Lungen nach sich ziehen dürfte. Dieses Zusammentreffen wird vielmehr, wie mir scheint, den glänzenden Anblick eines Feuerwerks am Himmel bieten; denn das Eindringen dieser festen und gasigen Massen in unsere Atmosphäre kann sich nicht vollziehen, ohne daß sich die so gehemmte Bewegung in Wärme umsetzt: ein großartiges Erglühen in den Höhen des Firmaments wird sicherlich das erste Phänomen der Begegnung sein, und Millionen Sternschnuppen werden von einem und demselben strahlenden Punkt auszugehen scheinen.

Die Hitzemenge muß sehr bedeutend sein. Jede noch so winzige Sternschnuppe, die mit Kometengeschwindigkeit in die Höhen unseres Dunstkreises eintritt, wird in demselben sofort so heiß, daß sie in Flammen aufgeht und verbrennt. Bekanntlich erstreckt sich der Dunstkreis der Erde sehr weit in den Raum hinaus rund um unsern Planeten; er ist nicht unbegrenzt, wie mehrfach angenommen wird, da ja die Erde sich um sich selbst und um die Sonne dreht: seine mathematische Grenze entspricht der Höhe, in welcher die durch die tägliche Rotationsbewegung erzeugte Centrifugalkraft der Schwere gleich wird. Diese Höhe wird bezeichnet durch 6,64, wenn wir den Erdhalbmesser am Äquator von 6 378 310 m = 1 setzen. Die äußerste Höhe des Dunstkreises beträgt also 42 352 km.

Ich will hier keine Mathematik treiben. Aber die Zuhörerschaft ist zu gut unterrichtet, um nicht das mechanische Wärmeäquivalent zu kennen. Jeder in seiner Bewegung aufgehaltene Körper erzeugt eine Wärmemenge, welche in Wärmeeinheiten durch die Formel v·c/8338 ausgedrückt wird, in der v die Masse (das Volumen) des Körpers und c dessen Geschwindigkeit in Metern per Sekunde bezeichnet. So würde z. B. ein 8338 kg schwerer und in der Sekunde 1 m durchlaufender Körper durch sein plötzliches Stehenbleiben gerade e i n e Wärmeeinheit entwickeln, d. h. diejenige Wärmemenge, welche hinreicht, um die Temperatur eines Kilogramms Wasser um einen Grad zu erhöhen.

Wenn die Geschwindigkeit dieses Körpers sekundlich 500 m betrüge, so würde sein Stehenbleiben eine 250 000mal größere Wärme erzeugen, welche genügte, um die Temperatur einer ihm gleichen Wassermasse vom Gefrierpunkt auf 30° zu erhöhen.

Betrüge die Geschwindigkeit 5000 m, so würde die erzeugte Wärme 25 000 000mal größer sein.

Nun wissen Sie aber, meine Herren, daß der Zusammenstoß eines Kometen mit der Erde die Schnelligkeit von 72 000 m erreichen kann. Hiernach ergäbe sich eine Erhöhung auf 5 Milliarden Grade.

Es ist dies ein Maximum und, will ich hinzufügen, eine sozusagen undenkbare Zahl. Doch, meine Herrn, nehmen wir ein Minimum an; unterstellen wir, daß die Zusammenstöße nicht direkt, d. h. nicht von vorn, sondern mehr oder weniger von der Seite erfolgen, und daß die Schnelligkeit nur 30 000 m beträgt. Jedes Kilogramm einer Feuerkugel entwickelt in diesem Fall 107 946 Wärmeeinheiten, wenn die Schnelligkeit durch den Widerstand der Luft auf Null zurückgeführt worden ist. Mit anderen Worten: es hat eine Hitze entwickelt, welche 1079 kg Wasser von 0° auf 100°, d. h. vom Eispunkt bis auf den Siedepunkt erwärmen kann. Ein Meteorstein von 2000 kg, welcher mit einer durch jenen Luftwiderstand aufgehobenen Schnelligkeit auf der Erde ankommt, hätte genug Wärme entwickelt, um eine Luftsäule von 30 qm Schnittfläche und von der ganzen Höhe unserer Atmosphäre auf 3000 Grad, oder um eine Luftsäule von 30 000 qm vom Eispunkt auf 30 Grad zu erhitzen.

Diese Berechnungen waren nötig, um zu zeigen, daß die unmittelbare Folge eines Zusammenstoßes eine ungeheure Hitzemenge sein wird, die sich der Luft mitteilt. Dies geschieht übrigens auch im kleinen beim Fallen einzelner Feuerkugeln. Der Meteorstein ist geschmolzen, auf seiner ganzen Oberfläche verglast und mit einer Art Firnisschichte überzogen. Aber sein Fall ist so schnell vor sich gegangen, daß er sich nicht innerlich erhitzen konnte; wenn man ihn zerschlägt, findet man das Innere eisig kalt. Die durchschnittene Luft hat sich erhitzt.

Eines der merkwürdigsten Ergebnisse des soeben Vorgetragenen ist, daß die mehr oder weniger umfangreichen festen Massen, welche man mit dem Teleskop in dem Kern eines Kometen zu unterscheiden glaubt, beim Hindurchgang durch unsere Atmosphäre auf einen solchen Widerstand stoßen, daß sie mit wenigen Ausnahmen nicht mehr ganz, sondern in kleine Stücke zersprungen auf dem Boden ankommen. Vor dem Meteor entsteht eine Luftverdichtung, hinter demselben ein luftleerer Raum, auf der Außenseite tritt Erhitzung und Glühzustand ein, durch die in die entstandene Leere nachstürzende Luft wird ein starkes Geräusch erzeugt, welches Donnergetöse, Explosionen, Zersetzungen und das Herabfallen solcher metallischer Substanzen begleiten, die genügend widerstandsfähige Dichtigkeit hatten, und die andern verdunsten. Ein Schwefel, Phosphor, Zinn- oder ZinkMeteor würde in Flammen aufgehen und lange vor dem Eintritt in die unteren Schichten unseres Dunstkreises sich verflüchtigen.

Was die Sternschnuppen betrifft, so werden sie bei schwarmweisem Auftreten nur den Eindruck eines großartigen Feuerwerks machen.

Wenn wir also überhaupt etwas zu befürchten haben, so ist das in meinen Augen nicht das Eindringen der KohlenoxydGasmasse in unsere Atmosphäre, sondern die bedeutende Erhöhung der Temperatur, welche durch Umsetzung der Bewegung in Wärme unfehlbar erfolgen muß.

In diesem Falle läge die Rettung vielleicht darin, sich auf diejenige Halbkugel zu flüchten, welche der dem vollen Stoß des Kometen ausgesetzten diametral gegenüber liegt; denn die Luft ist ein sehr schlechter Wärmeleiter.«

Der ständige Sekretär der Akademie erhob sich nun seinerseits. Als würdiger Nachfolger von Männern wie Fontenelle und Arago verband er mit tiefer Gelahrtheit die Eigenschaften eines feinen Schriftstellers und eines angenehmen Redners, und entwickelte manchmal sogar einen hohen Schwung der Beredsamkeit.

»Der gelehrten Theorie, welche wir soeben gehört haben,« sagte er, »habe ich nichts hinzuzufügen, außer der Anwendung, welche man davon auf irgend einen schon bekannten Kometen machen könnte. Man hat in diesen Tagen an den Kometen von 1811 erinnert. Nun, nehmen wir an, ein Komet von den Dimensionen wie jener käme auf unserm Kreislauf um die Sonne gerade auf uns zu. Der Erdball würde in die Kometennebelhülle eindringen, sicherlich ohne einen sehr merklichen Widerstand zu erfahren. Selbst bei der Annahme eines sehr schwachen Widerstandes und einer nicht in Anschlag zu bringenden Dichtigkeit des Kometenkerns würde unsere Erde nicht weniger als 28 000 Sekunden, d. h. in runder Zahl etwa 7 Stunden brauchen, um durch diesen Kometenkopf von 18 000 000 km Durchmesser hindurchzukommen, und zwar mit jener Schnelligkeit, welche 120mal größer ist, als die einer Kanonenkugel, und bei fortgesetzter Drehung um sich selbst in ihrem täglichen Laufe. Das Zusammentreffen würde gegen 6 Uhr morgens beginnen.

Ein solches Untertauchen in den Kometenocean könnte, so luftförmig solcher auch sein möchte, nicht stattfinden, ohne als erste unmittelbare Folge, vermöge der oben erwähnten thermodynamischen Prinzipien, eine solche TemperaturSteigerung nach sich zu ziehen, daß wahrscheinlich unsere ganze Atmosphäre Feuer finge!

Aber für die Marsbewohner, oder noch mehr für diejenigen der Venus, wäre das ein sehr schönes Schauspiel. Ja, es wäre ein wahrhaft bewundernswürdiger Anblick am Himmel, welcher jenem merkwürdigen Verbrennen neuer Sterne ähnlich wäre, das wir schon beobachtet haben.

Der Wasserstoff der Luft würde leichtes Spiel haben, den Brand zu schüren. Aber es giebt noch ein anderes Gas, an welches die Physiker aus dem einfachen Grunde nur selten denken, weil sie es in ihren Untersuchungen nie gefunden haben: den Wasserstoff. Was ist aus den Mengen von Wasserstoff geworden, welche seit den Millionen Jahren der vorhistorischen Zeiten von dem Erdboden ausgeströmt sind? Da die Dichtigkeit dieses Gases zehnmal geringer ist, als diejenige der Luft, so ist es all da hinaufgestiegen und bildet zweifelsohne um unsern Luftkreis eine Hülle von sehr dünner wasserstoffhaltiger Luft. Vermöge des Gesetzes der Diffusion der Gase hat sich zwar ein großer Teil jenes Wasserstoffs innig mit der Luft vermengen müssen, aber die oberen dünneren Schichten müssen solchen darum in nicht weniger großem Maßstabe enthalten. Dort, mehr als 100 km hoch, entzünden sich die Sternschnuppen und jedenfalls auch die Nordlichter. Halten wir hierbei fest, daß der Sauerstoff der Luft, wenn er den Stoß des aus Kohlenstoff bestehenden Kometen auffängt, reichlich genügen würde, um das Feuer am Himmel zu unterhalten.

Das Ende der Welt würde also durch einen Luftbrand erfolgen. Fast sieben Stunden lang oder vielmehr noch länger — denn der Widerstand des Kometen kann nicht gleich Null sein — fände eine beständige Umsetzung der Bewegung in Wärme statt. Der Wasserstoff und der Sauerstoff würden in Verbindung mit dem Kohlenstoff des Kometen aufflammen. Die Lufttemperatur würde um mehrere Hunderte von Graden steigen. Wälder, Gärten, Pflanzen, menschliche Wohnungen in Städten und Dörfern, alles würde rasch verzehrt werden; das Meer, die Seen und die Flüsse würden anfangen zu sieden; Menschen und Tiere, von diesem glühenden Atem des Kometen überfallen, würden den Erstickungstod erleiden, ehe sie verbrannt wären, da die keuchenden Lungen nur noch Feuer einatmeten.

Fast ebenso schnell würden alle Leichname verkohlt und zu Asche verbrannt sein, und in dem ungeheuren Weltbrande könnte allein der unverletzliche Engel der Apokalypse in dem schneidenden Tone der Posaune den antiken Totengesang vernehmen lassen, der in den Worten:


Dies irae, dies illa!
Solvet saeclum in favilla!


feierlich wie das Geläute der Totenglocke aus der Höhe herabdränge.

So könnte es kommen, wenn ein Komet wie derjenige von 1811 mit der Erde zusammenträfe.«

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Bei diesen Worten hatte sich der KardinalErzbischof erhoben und um das Wort gebeten. Der ständige Sekretär hatte es bemerkt, und aus rein weltmännischer Höflichkeit hatte er ihn mit einer leichten Verneigung begrüßt und schien nun die Antwort der Eminenz zu erwarten.

»Ich will den gelehrten Redner nicht unterbrechen,« sagte er. »Wenn aber die Wissenschaft das Aufgehen der Welten in Flammen sogar nur als Vorspiel eines Dramas ankündigt, welches das Ende aller Dinge bezeichnet, so kann ich nicht umhin zu bemerken, daß der allgemeine Glaube der Kirche in diesem Punkte immer gerade folgender gewesen ist:

›Die Himmel werden vergehen,‹ sagt St. Petrus*, ›mit großem Krachen, die Elemente Solvet saeclum in favilla! aber werden vor Hitze zerschmelzen, und die Erde und die Werke, die darinnen sind, werden verbrennen.‹ St. Paulus verkündigt dieselbe Umgestaltung durch Feuer. Und in der TotenMesse rufen wir denjenigen an: qui venturus est judicare vivos et mortuos et saeclum per ignem ... Ja:  S o l v e t  s a e c l u m  i n   f a v i l l a! Gott wird das Weltall in Asche legen.«

* 2 Petr. 3. 10.

»Die Wissenschaft,« versetzte der ständige Sekretär, »hat mehr als einmal mit den Vorhersagungen unserer Vorfahren übereingestimmt. Das Feuer würde zuerst die von dem Kometen berührten Landstriche vernichten. Die ganze von der ungeheuren Kometenmasse getroffene Seite der Erde wäre schon verbrannt, ehe die Bewohner der andern Hälfte sich des Vorgangs bewußt geworden wären. Aber die Luft leitet die Wärme nur schlecht, und letztere würde sich nicht sofort auf die entgegengesetzte Stelle verpflanzen. Wenn unsere Seite gerade in den ersten Minuten der Begegnung dem Kometen zugewendet wäre, so würden die um den Wendekreis des Krebses herum liegenden Landstriche, also die Bewohner von Marokko, Algerien, Tunis, Italien, Griechenland, Ägypten im ersten Gliede der himmlischen Schlachtordnung stehen, während die Australier, die Neukaledonier, die weiter östlich wohnenden Insulaner und unsere Gegenfüßler in der günstigsten Lage wären. Durch den Glühofen in Europa würde jedoch eine sturmwindartige Luftströmung entstehen, die heftiger wäre, als die fürchterlichsten Orkane, welche je gewütet haben. Noch furchtbarer, als die beständig am Äquator des Jupiter herrschenden Strömungen von 400 km in der Stunde, würde sie anfangen, von den Antipoden nach Europa hin zu wehen und auf ihrem Wege alles umzustürzen.

Bei der Umdrehung der Erde um sich selbst würde letztere nacheinander die westlich von dem zuerst getroffenen Meridian gelegenen Länder in die Axe des Stoßes bringen. Eine Stunde nach Österreich und Deutschland käme Frankreich hinein; dann der Atlantische Ocean, dann Nordamerika, welches erst fünf bis sechs Stunden nach Frankreich, d. h. gegen das Ende des Durchgangs, in dieselbe Linie fiele, die infolge des Laufes des Kometen gegen seine Sonnennähe hin eine etwas schiefe Richtung nähme.

Trotz der unerhörten Geschwindigkeit des Kometen und der Erde würde der von ersterem ausgeübte Druck sicherlich nicht allzugroß sein, da ja die von der Erde durchschnittene Substanz eine äußerst feine ist. Aber diese Substanz, welche hauptsächlich Kohlenstoff enthält, ist brennbar, und bei der Steigerung ihrer Hitze am Perihelium beobachtet man oft, daß diese Gestirne neben dem von der Sonne empfangenen Lichte noch ein eigenes Licht zeigen: die Kometen werden weißglühend. Was geschähe nun bei dem Erdzusammenstoß! Das Inbrandgeraten der Sternschnuppen und der Feuerkugeln, das äußere Schmelzen der glühend auf der Erdoberfläche ankommenden Meteorsteine — alles dies bringt uns auf den Gedanken, daß die erste und Hauptwirkung der Begegnung die intensivste Hitze sein würde. Das würde aber offenbar nicht verhindern, daß die den Kern des Kometen bildenden festen Elemente die von ihrem Durchgang betroffenen Stellen zertrümmerten und vielleicht gar einen ganzen Erdteil auseinander rissen.

Wenn der Erdball etwa sieben Stunden lang ganz in die Kometenmasse eingehüllt wäre und sich in diesem weißglühenden Gase drehte; wenn der oben erwähnte Luftzug mit Macht gegen das Feuer hinführe, und die See anfinge, zu sieden und die Atmosphäre mit neuen Dämpfen zu erfüllen; wenn sich ein heißer Regen aus den himmlischen Wasserquellen herab ergösse und das gewitterschwangere Firmament überall drohte; wenn elektrische Entladungen nach allen Seiten hin ihre Blitze schleuderten, und sich das Rollen der Donner mit dem Geheul des Sturmes mischte; wenn das frühere heitere Tageslicht dem schauerlichen und fahlen Leuchten der Atmosphäre gewichen wäre: dann würde die ganze Erde auch bald von dem Geläute der Totenglocken umtönt und der Zusammensturz allgemein werden. Gleichwohl würde der Tod der Bewohner der Antipodenregion sicherlich von demjenigen der zuerst von ihm ereilten verschieden sein. Statt von dem himmlischen Feuer sofort verzehrt zu werden, würden sie — da sich der Sauerstoff reißend schnell vermindert hat — entweder den Erstickungstod durch den Dampf, oder durch den vorherrschenden Stickstoff, oder den Vergiftungstod durch das Kohlenoxyd erleiden. Die Glut würde dann nur ihre Leichname zu Asche verbrennen, während die Europäer und die Afrikaner lebendig verbrannt worden wären.

Ich habe den historischen Kometen von 1811 als Beispiel aufgestellt, füge jedoch schließlich noch hinzu, daß der jetzige unvergleichlich lockerer erscheint. Sie haben wahrnehmen können, daß ich die Frage in ganz selbstloser Weise behandelt habe, in der Überzeugung, daß wir nicht daran sterben werden, wenn wir das Opfer des Zusammenstoßes wären.«

»Ist man aber auch sicher,« rief eine bekannte Stimme, — es war die eines berühmten Mitgliedes der Akademie der Wundärzte — »daß der Komet wesentlich aus Kohlenoxyd besteht? Haben die spektroskopischen Beobachtungen nicht auch die Stickstofflinien darin gezeigt? Wenn es Stickstoffoxydul wäre, so könnte die Wirkung der Mischung der Kometenatmosphäre mit der unsrigen eine Anästhesie der Erdbewohner sein. Jedermann würde einschlafen, vielleicht um gar nicht mehr aufzuwachen, wenn die Unterbrechung der Lebensfunktionen nur ein wenig länger dauerte, als bei unseren Operationen. Ebenso würde es sein, wenn der Komet aus Chloroform oder aus Äther bestünde. Das wäre ein sehr ruhiges Ende.

Es würde dies weniger sein,« fügte er hinzu, »wenn der Komet den Stickstoff statt des Sauerstoffs in sich aufnähme; denn diese fortschreitende oder gänzliche Aufsaugung des Stickstoffs würde in einigen Stunden bei allen Bewohnern der Erde vom Kinde bis zum Greise eine an sich nicht unangenehme Stimmungsveränderung herbeiführen: zuerst eine anregende Heiterkeit, dann eine ansteckende Lustigkeit, darauf eine allgemeine Freude, eine lärmende Ausgelassenheit, eine fieberhafte Aufregung, endlich das Delirium, die Tollheit und aller Wahrscheinlichkeit nach einen phantastischen Tanz in einer beispiellosen Überreizung aller Sinne, der in einem alle lebenden Wesen treffenden Nervenschlag enden würde. Alles würde in ein Gelächter ausbrechen. Wäre dies wohl ein tragisches Ende?«

»Die Beratung bleibt noch offen,« versetzte der ständige Sekretär. »Was ich über die möglichen branderzeugenden Folgen des Zusammenstoßes gesagt habe, ließe sich auf einen dem 1811er Kometen ähnlichen anwenden. Derjenige aber, welcher uns bedroht, ist nicht so riesig, und sein Stoß wird nicht rechtwinkelig, sondern in schiefer Richtung erfolgen. Gleichwie die Astronomen, welche hier vor mir gesprochen haben, möchte auch ich im vorliegenden Falle eher an ein einfaches Feuerwerk glauben.

Ich will nur noch erwähnen, daß ganz unerwartete chemische Erscheinungen auftreten könnten. So weiß z. B. hier jeder sehr gut, daß Feuer und Wasser sich ähnlich sind: Wasserstoff, welcher durch seine Verbindung mit Sauerstoff brennt, oder mit Sauerstoff verbundener Wasserstoff sind sich sehr verwandt. Das Wasser der Meere, der Seen, der Flüsse besteht aus zwei Volumen Wasserstoff und einem Volumen Sauerstoff. Bei der Entstehung unseres Planeten war dieses Wasser Feuer. Es könnte in seinen früheren Zustand wieder zurückversetzt werden, wenn durch gewisse elektrolytische Erscheinungen die magneteisenhaltigen Bestandteile es etwa zersetzen sollten, indem sie seine WasserstoffMoleküle freimachten und in Flammen aufgehen ließen: alle Meere könnten dann sehr rasch Feuer fangen.«

Während der Redner noch sprach, war eine junge Gehilfin bei der Centraltelegraphenverwaltung eingetreten und nach dem Sitze des Präsidenten geeilt, um letzterem eine Zuschrift eigenhändig zuzustellen.


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Sie hatte dem Präsidenten einen großen Umschlag
mit einer internationalen Depesche ausgehändigt.


Diese war sofort geöffnet worden. Es war eine von der Sternwarte auf dem Gaurisankar geschickte Depesche, welche nur die Worte enthielt:


»Marsbewohner senden photophonische Botschaft. Wird in einigen Stunden entziffert werden.«


»Meine Herren,« sagte der Präsident, »ich habe soeben bemerkt, daß einige Zuhörer auf die Uhr sahen, und ich glaube mit denselben, daß es unmöglich ist, die auf der Tagesordnung stehende wichtige Beratung zu erschöpfen, da sich noch hervorragende Vertreter der Geologie, der Naturgeschichte und der Geonomie* daran beteiligen sollen. Außerdem wird die soeben verlesene Depesche sicherlich ein neues Moment in die Frage einführen.

* Die frühere physikalische Erdbeschreibung

»Es ist bald sechs Uhr. Ich schlage eine Ergänzungssitzung noch für heute abend um neun Uhr vor. Es ist wahrscheinlich, daß wir bis dahin die Übersetzung der Nachricht vom Mars aus Asien erhalten haben werden. Überdies möchte ich die Direktion der Sternwarte ersuchen, in ununterbrochener telephonoskopischer Verbindung mit dem Gaurisankar zu bleiben. Falls die Botschaft nicht um neun Uhr entziffert sein sollte, könnte der Herr Präsident der Französischen Geologischen Gesellschaft die Sitzung mit dem Bericht über die Studie beginnen, welche er gerade über: ›Das natürliche Ende der Erdenwelt‹ abgeschlossen hat. Jeder interessiert sich augenblicklich lebhaft für alles, was diese Kapitalfrage berührt; möge nun das Ende unserer Welt wirklich von der über unsern Häuptern schwebenden Gefahr abhängen, oder sein Eintritt aus andern berechenbaren Ursachen erfolgen müssen.«

--*--


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Viertes Kapitel
Wie die Welt untergehen wird

Die Stunde des Endes wird kommen, hierüber ist kein Zweifel, und dennoch glauben die meisten Menschen nicht daran.

M a h o m e t, Koran, XL. 61


Die an den Pforten des Instituts harrende Menge war auseinandergegangen, um den heraustretenden Zuhörern Platz zu machen, und jeder bemühte sich, das Ergebnis der Sitzung zu erfahren. Dieses Ergebnis war übrigens schon, man weiß nicht wie, nach der Rede des Direktors der Pariser Sternwarte ruchbar geworden, und das Gerückt ging, daß das Zusammentreffen mit dem Kometen wahrscheinlich nicht so verhängnisvoll sein würde, als man es angekündigt hatte. Ferner waren soeben in ganz Paris ungeheure Anschlagzettel angeklebt worden, welche die Wiedereröffnung der Börse in Chicago meldeten. Dies war eine unerwartete Ermunterung zur Wiederaufnahme der öffentlichen Geschäfte und der Thätigkeit des normalen Lebens. Folgendes war vorgegangen.

Nachdem der Börsenfürst, dessen plötzliches Verschwinden den Leser dieser Zeilen befremden konnte, wie eine Kugel von dem Amphitheater heruntergerollt war, war derselbe in seinem Luftwagen nach seinen Bureaux am Boulevard SaintCloud geeilt und hatte seinem Geschäftsteilhaber in Chicago telephoniert, daß dem Institut von Frankreich soeben neue Berechnungen vorgelegt worden seien, daß das Kometenereignis nicht die angekündigte Bedeutung haben würde, daß ferner die Wiederaufnahme der Geschäfte bevorstehe, und daß man um jeden Preis die amerikanische Centralbörse wiedereröffnen und alle Wertpapiere, die angeboten würden, kaufen sollte. Wenn es in Paris nachmittags vier Uhr ist, so ist es in Chicago zehn Uhr morgens. Der Börsenmann frühstückte gerade, als er das Phonogramm seines Vetters erhielt. Es machte ihm keine Mühe, die Wiedereröffnung der Börse vorzubereiten und für mehrere Hundert Millionen Papiere zu kaufen. Die Wiedereröffnung der Börse in Chicago war sofort durch Anschlag in Paris bekannt gemacht worden, wo es zu spät gewesen wäre, um denselben Coup auszuführen, wo man ihn aber für den folgenden Tag durch neue finanzielle Kombinationen vorbereiten konnte. Das Publikum hatte gutmütigerweise geglaubt, daß die Amerikaner von selbst ihre Geschäfte wieder aufgenommen hätten, und diese Wiederaufnahme, in Verbindung mit dem in der Versammlung der Akademiker gewonnenen befriedigenden Eindruck, hatte es wieder neue Hoffnung schöpfen lassen.

Der Zudrang zur Sitzung um neuen Uhr war indessen nicht weniger stark, als er es um drei Uhr gewesen war, und ohne den besonderen Dienst der Garde von Frankreich wäre es den bevorrechtigten Zuhörern unmöglich gewesen, an die Thore des Palastes zu gelangen. Die Nacht war hereingebrochen; flammend, glänzender, umfangreicher, drohender als je thronte der Komet in der Höhe, und wenn vielleicht die eine Hälfte der Menschenkinder mehr oder weniger beruhigt erschien, so blieb die andere nicht weniger interessante in bebender Erregung.


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Der Zuhörerkreis war merklich derselbe wie vorher; jedem war daran gelegen, die Ergebnisse dieser öffentlichen, allgemeinen Beratung zu erfahren, welche von den berufensten und hervorragendsten Gelehrten über das Geschick gepflogen wurde, das unserm Planeten durch die Vorgänge am Himmel oder in ruhiger Erwartung eines natürlichen Todes beschieden war.

Dennoch bemerkte man dabei die Abwesenheit des Kardinal Erzbischofs von Paris, der plötzlich von dem Papste zu einem ökumenischen Konzil nach Rom berufen worden war und noch denselben Abend mit der Rohrpost Paris–Rom– Palermo–Tunis abreiste.

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»Meine Herren,« sagte der Präsident, »wir haben die Übersetzung der von der Sternwarte auf dem Gaurisankar signalisierten Mars-Depesche noch nicht erhalten, aber wir können die Sitzung sofort eröffnen, um die wichtigen Mitteilungen zu hören, welche der Herr Präsident der Geologischen Gesellschaft und der Herr Generalsekretär der Meteorologischen Akademie in Aussicht gestellt haben. Ich erteile daher ersterem das Wort.«

Der Redner stand schon auf der Tribüne. Er drückte sich in folgenden Worten aus, welche von einer jungen Geologin der neuen Schule getreu stenographiert worden waren.

»Die so bedeutende Zuhörerschaft, welche sich in diesem Raume drängt; die Bewegung, welche sich auf allen Gesichtern malt; die Ungeduld, womit Sie die Verhandlungen erwarten, welche hier noch vor sich gehen sollen; alles das sollte mich bestimmen, meine Herren, mich vor Ihnen der Darlegung meiner Ansicht zu enthalten, zu welcher mich meine Studien betreffs der gegenwärtig auf unsrem ganzen Erdball behandelten Frage geführt haben: ich sollte erfinderischeren oder kühneren Geistern das Wort lassen. Denn, was mich angeht, so ist das Ende der Welt nicht nahe, und statt daß die Menschheit es diese Woche herannahen sieht, wird sie es sicherlich noch ... mehrere Millionen Jahre — ja, meine Herren, mehrere Millionen sagte ich —, und nicht mehrere tausend Jahre lang erwarten.

Sie sehen mich eben vollkommen ruhig, und ich habe nicht das Verdienst Archimeds, als er während des Einzeichnens seiner geometrischen Figuren in den Sand von dem römischen Soldaten niedergemacht wurde. Archimedes kannte die Gefahr und vergaß sie; ich, ich glaube an keine Gefahr.

Sie werden daher nicht überrascht sein, wenn Sie hören, wie ich vor Ihnen mit der größten Ruhe die Theorie darlege, nach welcher unsere Welt durch sehr langsame Ebnung der Kontinente und durch allmähliche Überschwemmung der Ländermassen unter dem Eindringen der Gewässer ein natürliches Ende nimmt. Doch vielleicht thäte ich besser, wenn ich diese Besprechung auf die nächste Woche verschöbe. Denn ich zweifle keinen Augenblick daran, daß wir alle — oder doch fast alle — noch hier sein und uns über die großen Epochen in der Natur noch unterhalten können.«


Hier hielt der Redner einen Augenblick inne.

Der Präsident hatte sich erhoben. »Mein lieber Herr Kollege, wir sind alle hier, um Sie zu hören. Zum Glück ist die Panik der letzten Tage teilweise geschwunden, und man hofft, daß der bevorstehende 14. Juli vorübergehen wird, wie die früheren. Nichtsdestoweniger interessiert man sich mehr als je für alles, was mit der großen Frage zusammenhängt, und kein Wort verdient mehr gehört zu werden, als das des berühmten Verfassers der klassischen ›Abhandlung über Geologie‹.«


»Nun, meine Herren,« versetzte der Präsident der Geologischen Gesellschaft von Frankreich, »wenn nichts den jetzigen Verlauf der Dinge stört, — was wahrscheinlich ist, da ja die Unfälle in der Weltordnung selten sind — so wird die Welt auf folgende Weise eines natürlichen Todes sterben. Die Natur macht keine Sprünge; die Geologen glauben nicht mehr an plötzliche Umwälzungen, an gewaltsame Umformungen des Erdballs; denn sie haben erkannt, daß alles nach und nach in langsamer Entwickelung fortschreitet. In der Geologie sind die wirkenden Ursachen immer dieselben.

Wenn es etwas Dramatisches hat, sich unsern Erdball zu denken, wie er bei einem allgemeinen Zusammensturz mitgerissen wird; so ist dem sicherlich nicht so, zu sehen, wie die alleinige Einwirkung der gegenwärtig thätigen Kräfte unsern Planeten in gleicher Weise mit sicherer Zerstörung bedroht. Scheinen unsere Kontinente nicht von unbegrenzter Unveränderlichkeit zu sein? Wie sollte man daran denken, die unbegrenzte Fortdauer dieser Erde in Zweifel zu ziehen, welche vor uns schon so viele Generationen getragen hat, und auf welcher die Denkmäler aus dem höchsten Altertum sehr gut erkennen lassen, daß, wenn wir sie heute nur als Ruinen erblicken, dies nicht daher kommt, daß der Boden sie nicht mehr tragen will, sondern besonders davon, daß der Zahn der Zeit und namentlich die Unbill des Menschen an ihnen gewütet hat? Tempus edax, homo edacior! Soweit auch unsere Traditionen hinaufreichen, sie zeigen uns, wie die Ströme in demselben Bett fließen und die Gebirge sich auf dieselbe Höhe erheben, wie heute. Und was einige versandende Mündungen und einige hier und da vorkommende Bergstürze betrifft, so ist deren Bedeutung im Verhältnis zu der ungeheuren Masse des Kontinents so gering, daß sie eine schließliche Zerstörung nicht zu prognostizieren scheint.

So kann derjenige schließen, der nur einen oberflächlichen und gleichgültigen Blick auf die äußere Welt wirft. Aber ganz anders wird der Schluß eines Beobachters lauten, der gewohnt ist, die sich um ihn her vollziehenden scheinbar bedeutungslosen Veränderungen genau zu untersuchen. Auf jedem Schritte wird er, wenn er nur zu sehen versteht, schon in ihrem Entstehen die Spuren eines unaufhörlichen Kampfes entdecken, der von den äußeren Naturgewalten gegen alles eröffnet wird, was sich über die unveränderliche Meeresfläche erhebt, unterhalb welcher die Stille und die Ruhe herrschen. Der Regen, der Frost, der Schnee, der Wind, die Quellen, die Flüsse, die Ströme — alle diese meteorologischen Einwirkungen tragen dazu bei, die Erdoberfläche beständig umzugestalten. Die Thäler werden durch die Wasserläufe ausgewaschen und später durch die mitgeführten Erdmassen wieder ausgefüllt. Alles ändert sich unaufhörlich. Hier peitscht das Meer wütend seine Gestade und bewirkt, daß sie von Jahrhundert zu Jahrhundert zurückweichen. Anderswo begraben abstürzende Gebirge in wenigen Minuten mehrere Dörfer unter ihren Trümmern und tragen die Verwüstung in die lachendsten Thäler; Lawinen und Bergströme zersetzen das Gebirge. Oder es sind auch wohl vulkanische Kegel, gegen welche sich die tropischen Regen entladen und tiefe Schluchten hineinreißen, deren Wände einstürzen und Ruinen an Stelle jener Riesen zurücklassen. Die Alpen und die Pyrenäen haben schon mehr als die Hälfte ihrer Höhe verloren.


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Die Bergströme zersetzen die Gebirge.


Geräuschloser, aber nicht weniger wirkungsvoll, ist die Arbeit jener großen Ströme, wie Ganges und Mississippi, deren Gewässer so starke Sedimente mit sich führen. Jedes Sandkorn, welches die Klarheit dieser Gewässer trübt, ist ein dem festen Lande entrissenes Bruchstück. Langsam, aber sicher führen die Wogen dem großen Wasserbehälter des Meeres alles zu, was die Oberfläche des Erdbodens verloren hat, und die Niederschläge, welche in den Deltas an die Oberfläche treten, sind nichts den Ablagerungen gegenüber, welche das Meer aufnimmt, um sie in seine Tiefen zu versenken. Wie könnte der Denker, als Zeuge eines solchen Werkes und wissend, daß dasselbe Jahrhunderte lang fortgesetzt wird, sich dem Gedanken entziehen, daß die Ströme wie die Wogen des Oceans in der That die permanenten Führer des Leichenzugs des festen Landes sind?

Diese Schlußfolgerung bestätigt die Geologie in ihrem vollen Umfang. Sie zeigt uns, wie auf der ganzen Ausdehnung der Festländer die Oberfläche des Erdbodens beständig angegriffen wird, sowohl durch die Temperaturveränderungen, als auch durch die Wechsel von Trockenheit und Feuchtigkeit, von Frost und Tauwetter, oder auch noch durch die unablässige Arbeit der Würmer oder der Vegetabilien. Daher entsteht ein Zersetzungsprozeß, welcher endlich selbst die härtesten Felsen beweglich macht. Die Trümmer rollen zuerst an den Abhängen und in dem Bette der Bergströme hinab, wo sie sich gegenseitig abschleifen und nach und nach in Kies, Sand- und Schlammmassen umformen; dann in den Flüssen, welche wenigstens während ihres Anschwellens noch eine hinreichende Gewalt besitzen, um sie bis zu den Mündungen mitzuführen.

Es ist leicht, das Endresultat vorauszusehen, welches ein solcher Vorgang haben muß. Die Schwerkraft, welche immer wirkt, kommt erst dann zur Ruhe, wenn alle ihrer Herrschaft unterworfenen Stoffe die unverrückbarste Lage eingenommen haben. Nun ist aber eine solche Lage erst dann gesichert, wenn diese Stoffe nicht mehr fallen können. Es müßten also schließlich alle Neigungsflächen bis zum Ocean, dem gemeinschaftlichen Reservoir, hin verschwinden, wo jede fortbewegende Kraft aufhört und alle dem festen Lande entrissenen Teilchen auf dem Meeresgrunde ausgestreut werden. Kurz, es ist dies das vollständige Ebenwerden des festen Landes und, besser gesagt, die Zerstörung jeder kontinentalen Höhenbildung.

Wir sehen sofort leicht ein, daß in der Nähe der Mündungen fast ganz wagrechte Ebenen die Abnahme des festen Landes werden bezeichnen müssen.

Das Ergebnis der durch die fließenden Gewässer bewirkten Auswaschung muß sein, daß auf den Wasserscheiden eines Landes scharfe Kämme entstehen, welche steil in fast durchaus flache Ebenen abfallen, zwischen denen keine Erhöhung von mehr als etwa 50 m bestehen bliebe.


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Hier peitscht das Meer wütend seine Gestade.


Nirgends jedoch würden die bei der Trennung der Flußgebiete entstanden gedachten scharfen Kämme sich lange behaupten können, weil die Schwerkraft, die Einwirkung des Windes und der Durchsickerungen, sowie der verschiedenen Temperaturveränderungen genügten, deren Einsturz herbeizuführen. Daher ist man auch berechtigt, zu sagen, daß das Ziel, auf welches die Auswaschung des Festlandes verhängnisvollerweise hinauslaufen muß, die vollständige Ebnung des festen Landes ist, welches so auf ein Nieveau gebracht wird, das kaum von dem der Flußmündungen verschieden ist.«

Der Koadjutor des Erzbischofs von Paris, welcher auf der Tribüne der hohen Würdenträger den Sitz der Eminenz einnahm, erhob sich und unterbrach den Redner:

»Hierdurch,« sagte er, »werden die Worte der Schrift erfüllt werden: › Jedes Thal wird ausgefüllt werden; jeder Berg und jeder Hügel wird geebnet werden.‹ «

»Die Bibel hat alles vorhergesagt,« versetzte der Geologe, »das Wasser wie das Feuer, und man findet darin alles, was man sucht. Was ich Sie versichern kann, ist, daß es den Höhenbildungen auf den Kontinenten bestimmt ist, zu verschwinden, wenn die gegenseitigen Bedingungen des festen Landes und des Oceans keine Veränderung erfahren.

Wieviel Zeit wird es dazu bedürfen?

Wenn man alle Gebirge gleichförmig ausbreitete, würde das feste Land wie ein Plateau aussehen, welches das Meer überall durch Felsen von etwa 700 m überragte.

Wenn wir annehmen, daß die Gesamtoberfläche der Festländer 145 Millionen Quadratkilometer betrage, so wird sich daraus ergeben, daß der körperliche Inhalt der aus dem Wasser hervorragenden Masse auf 145 000 000 · 0,7 oder 101 500 000, d. h. auf rund hundert Millionen Kubikkilometer angeschlagen werden kann. Das ist die sicherlich respektable, aber keineswegs unerschöpfliche Masse, an welcher das Spiel der äußeren zerstörenden Gewalten sich üben wird.

Von allen Strömen zusammengenommen kann man annehmen, daß sie jährlich dem Meer 23 000 cbkm, mit anderen Worten: 23 000mal eine Milliarde Kubikmeter Wasser zuführen. Eine solche Ansammlung gäbe nach dem Verhältnis von 38 : 100 000 ein Volumen fester Stoffe von 10,43 cbkm. Diese Zahl verhält sich zu derjenigen des gesamten körperlichen Inhalts der Kontinente wie 1 : 9 730 000. Wenn nun das feste Land eine gleichförmige Hochebene von 700 m Höhe wäre, so würde diese um eine Schichte von beinahe 0,07 mm jährlich, das ist um nahezu 1 mm in 14 Jahren oder 7 mm im Jahrhundert abnehmen.

Da haben wir nun eine positive Zahl, meine Herren, welche den wirklichen Wert der kontinentalen Auswaschung ausdrückt. Wenn man ihn auf den Gesamtkontinent anwendet, so findet man, daß diese Auswaschung, wenn nichts weiter dabei mitspielt, die ganze Masse der aus den Wassern hervorragenden Länder in weniger als zehn Millionen Jahren zerstören würde.

Aber der Regen und die Wasserläufe arbeiten nicht allein auf dem Erdball; es giebt noch andere Faktoren, welche zur allmählichen Zerstörung des festen Landes beitragen. Der erste ist die Wegspülung durch das Meer.

Es ist schwer, ein besseres Bild dieser Wegspülung zu wählen, als dasjenige der britischen Küsten; denn ihre Lage setzt sie dem Ansturm der Wogen des atlantischen Oceans aus, welche die vorherrschenden Südwestwinde herantreiben, und deren Gewalt während ihres Dahinrollens durch kein Hindernis gebrochen worden ist. Nun beträgt aber die mittlere Terrainverminderung der englischen Küsten zusammen nicht ganz 3 m im Jahrhundert. Dehnen wir diesen Maßstab auf alle Seeufer aus, und sehen wir, was dies ergiebt.

Man kann hierbei zwei Wege einschlagen. Der erste besteht darin, den Volumenverlust zu bestimmen, welchen ein jährliches Zurücktreten von 3 cm für die Gesamtheit der Küsten darstellt. Hierzu muß ihre Entwickelung und ihre mittlere Höhe bekannt sein. Erstere beträgt auf dem ganzen Erdball etwa 200 000 km; wollte man aber letztere im Mittel höher als 100 m annehmen, so wäre das zu hoch gegriffen. Ein Zurücktreten von 3 cm entspricht daher einem jährlichen Verlust von 3 cbm auf den laufenden Meter; das macht für 200 000 km Küstenlänge 600 Millionen Kubikmeter, was nur sechs Zehntel Kubikkilometer beträgt. Mit anderen Worten: die Wegspülung des Meeres würde nur den siebzehnten Teil der Arbeit der meteorologischen Niederschläge darstellen.

Man wird gegen dieses Verfahren vielleicht einwenden, daß ein gleiches Zurücktreten mit der Zeit einem größeren Bodenverlust entsprechen müßte, da ja die Höhe der Küsten in dem inneren Teile der Kontinente immermehr zunähme. Wäre dieser Einwurf wohl begründet? Nein; denn die Arbeit der Regenmengen und der Wasserläufe, welche, wie schon gesagt, von selbst schon auf die völlige Ebnung der Erdoberfläche hinausgeht, würde mit der Arbeit der Wogen immerfort gleichen Schritt halten.

Da anderseits die feste Oberfläche der Erde 145 Millionen Quadratkilometer beträgt, so müßte ein Kreis von gleichem Flächeninhalt 6800 km im Halbmesser haben. Aber der Umfang dieses Kreises betrüge nur 40 000 km, d. h. das Meer würde, dank den Buchten, welche die Länge der Küsten auf 200 000 km erhöhen, auf seiner Umfangslinie eine fünfmal kleinere Angriffslinie haben, als gegenwärtig. Man kann also annehmen, daß auf unserer Erde die Arbeit der Wegspülung durch das Meer fünfmal schneller vor sich geht, als auf einem Kreise von gleichem Umfang. Jedenfalls drückt diese Schätzung ein Maximum aus; denn wenn die schmalen Halbinseln einmal von dem Meere angefressen sind, würde das Verhältnis der Umfangslinie zur Oberfläche sich mehr und mehr verringern, was auch die Arbeit der Wogen minder wirksam machen würde. Auf jeden Fall würde — da ja im Verhältnis von jährlich 3 cm ein Durchmesser von 6800 km in 226 600 000 Jahren verschwinden muß — der fünfte Teil dieser Zahl, etwa 45 Millionen Jahre, das Minimum der Zeit ausdrücken, welches zur Zerstörung des festen Landes durch die Meereswogen nötig wäre; dies wäre kaum etwas mehr als der fünfte Teil der Arbeit auf dem Kontinent.

Die Gesamtwirkung der mechanischen Arbeiten scheint also dem festen Lande jedes Jahr eine Masse von 12 cbkm zu entziehen, was bei einem Gesamtvolum von 100 Millionen die gänzliche Zerstörung in etwas mehr als acht Millionen Jahren herbeiführen würde.

Nur fehlt noch viel, daß wir die Darlegung der bei den Festlandmassen auftretenden zerstörenden Erscheinungen erschöpft hätten. Vermöge des nicht geringen Teils von Kohlensäure, welche alle Gewässer enthalten, — mögen sie dieselbe nun der Luft entnehmen, oder mag die Zersetzung der organischen Stoffe des Erdbodens sich als deren Quelle erfinden — ist das Wasser nicht bloß ein mechanisches Agens; es ist auch ein Auflösungsmittel, ein viel wirksameres Mittel, als man gewöhnlich glaubt. Das Wasser, welches das ganze Erdreich durchsickert, nimmt die Stoffe in sich auf, die es den Mineralien der durchtränkten Felsen in einem wahren chemischen Sturmlauf entreißt.


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Die Erde wird nichts mehr sein als eine unermeßliche Fläche ohne Erhebungen.


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Das Meer wird die gesamte Oberfläche des Erdballs überschwemmt haben.


Das Flußwasser enthält per Kubikkilometer ungefähr 182 Tonnen aufgelöster Substanzen. Alle Flüsse zusammen tragen dem Meere jährlich beinahe fünf Kubikkilometer solcher Stoffe zu. Das wären also nicht mehr zwölf, sondern ganz gut 17 cbkm, welche das feste Land unter den verschiedenen, an seiner Zerstörung arbeitenden Einflüssen jährlich verlöre. Daher würde das Ganze von hundert Millionen nicht mehr in acht, sondern in etwas weniger als sechs Millionen Jahren verschwinden.

Dennoch, meine Herren, muß diese Zahl um ein Namhaftes vermindert werden. Man darf nicht übersehen, daß die dem Meer zugeführten Sedimente eine gewisse Wassermenge verdrängen, und daß so die Meeresfläche steigen und in eine Linie mit der sinkenden Fläche des festen Landes kommen muß, dessen schließliches Verschwinden nur um so mehr beschleunigt wird.

Das Maß dieser Bewegung ist leicht zu bestimmen. Für eine gegebene Schichte, welche das als geebnet betrachtete Plateau verliert, muß sich das Meer um soviel erheben, daß das Volum der Seewasserschichte demjenigen der zugeführten Sedimente, d. h. dem der zerstörten Schichte genau gleichkommt. Die Berechnung zeigt, daß der Volumverlust sich auf rund vierundzwanzig Kubikkilometer beläuft.

Wir können also schließen, daß, da ja diese 24 cbkm 4 166 666mal in jenen 100 Millionen enthalten sind, welche die Festlandmasse darstellen, die Arbeit der gegenwärtig wirkenden Kräfte allein schon hinreichen würde, in etwa vier Millionen Jahren von jetzt ab das völlige Verschwinden des festen Landes herbeizuführen. Das Meer wird dann die ganze Oberfläche des Erdballs überschwemmt haben.

Wenn nun auch dieses Verschwinden der kontinentalen Bodenerhöhung einen Geologen und einen Denker beschäftigen kann, so ist das doch keines jener Ereignisse, worüber sich unsere Geschlechter zu beunruhigen brauchen; weder unsere Kinder, noch unsere Urenkel werden es richtig zu würdigen wissen. Wenn Sie mir also erlauben wollen, meine Herren, diese Ausführungen mit einem etwas humoristischen Worte zu schließen, so lassen Sie mich Ihnen noch sagen, daß die menschenmöglichste Vorsicht sicherlich die wäre, gleich von heute an schon eine neue Arche zu bauen, um jener künftigen allgemeinen Flut zu entgehen.«


Das war die von dem Präsidenten der Geologischen Gesellschaft von Frankreich sehr gelehrt verteidigte These. Diese langsame und ruhige Darlegung der erst nach vielen Jahrhunderten bemerkbaren Wirkungen der Naturkräfte, welche den Hoffnungen des Erdenlebens eine Aussicht auf vier Millionen Jahre eröffnet hatte, stimmte die durch die Kometenfurcht allzu sehr erregten Nerven wieder herab. Die Zuhörerschaft war wunderbar beruhigt. Kaum hatte der Redner die Tribüne verlassen und das Lob seiner Kollegen geerntet, so fand ein lebhafter Gedankenaustausch unter den Gruppen statt. Ein Zug moralischer Beschwichtigung war durch alle Gemüter gegangen. Man plauderte über das Ende der Welt wie über den Sturz eines Ministeriums, oder über die Rückkehr der Schwalben, leidenschaftslos und mit völlig unbefangener Gleichgültigkeit. Ein sogar verhängnisvolles Ereignis, das auf vierzigtausend Jahrhunderte verschoben ist, berührt uns wahrlich nicht im geringsten mehr.

Aber der Generalsekretär der Meteorologischen Akademie hatte soeben die Tribüne bestiegen, und jedermann lieh ihm sofort das aufmerksame Ohr.


»Meine Damen und Herren!

Ich beabsichtige, vor Ihnen eine Theorie zu entwickeln, welche derjenigen meines verehrten Herrn Kollegen vom Institut diametral entgegengesetzt ist und sich auf nicht minder sichere Thatsachen und eine nicht weniger strenge Methode der Schlußfolgerung gründet.

Ja, meine Herren! direkt entgegengesetzt!«

Der Redner, der mit einem ausgezeichneten Auge begabt war, sah, wie alle Gesichter sich verfinsterten.

»O!« sagte er, »nicht entgegengesetzt hinsichtlich der Zeit, welche die Natur dem Leben des Menschengeschlechts vorbehalten hat, sondern hinsichtlich der Art, wie die Welt untergehen wird; denn auch ich glaube an eine Zukunft von mehreren Millionen Jahren

Nur sehe ich das Festland dazu bestimmt, an Trockenheit zu Grunde zu gehen, statt unter dem Eindringen der Gewässer allmählich zu verschwinden und endlich ganz überschwemmt zu werden.

Ich hätte den vorigen Studien die Thatsache entgegenhalten können, daß nicht das Meer die Oberhand über das Land gewinnt, sondern im Gegenteil der Boden in das Gebiet des flüssigen Elementes eingreift, hier durch Sandmassen, Dünen, Ufersandbänke, dort durch Deltas und Anschwemmungen und Ablagerungen der Flüsse. Doch ich wünsche keine Diskussion über eine Vergleichung des Kampfes von Land und Meer, welche uns zu weit führen könnte; ich möchte bloß die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft auf die interessante geologische Thatsache lenken, daß die auf dem Erdball befindliche Wassermenge von Jahrhundert zu Jahrhundert abnimmt. Einstens wird es keine Meere, keine Wolken, keine Regengüsse, keine Quellen, kein Wasser mehr geben, und das Pflanzen- wie das Tierleben wird nicht durch Ertränkung, sondern aus Mangel an Wasser ersterben.

In der That wird das Wasser auf der Erdoberfläche — Meere, Ströme, Regenmengen und Quellen — kleiner. Ohne meine Beispiele allzuweit herzuholen, will ich die Herren nur daran erinnern, daß im Anfang der Quaternärperiode die Stelle, wo sich jetzt Paris mit seinen neun Millionen Einwohnern von St. Germain bis zur Marnemündung ausdehnt, fast ganz vom Wasser bedeckt war, da der Höhenzug von Passy nach Montmartre und PèrelaChaise, das Plateau von Montrouge bis zum Pantheon und nach Villejuif, und die Felsenmasse des MontValérien allein aus der ungeheuren Wasserfläche herausragten. Die Höhen dieser Hochflächen haben nicht zugenommen, es haben keine vulkanischen Erhebungen stattgefunden, aber das Wasser hat abgenommen.

Eine verhältnismäßig zwar sehr geringe, aber nicht außer Rechnung zu lassende Wassermenge dringt durch die Tiefen des Erdbodens, sei es unterhalb des Meeresbeckens durch die Spalten, die Risse und die durch Verschiebungen und submarine Ausbrüche entstandenen Öffnungen, sei es in die offene feste Erde; denn nicht alles Regenwasser stößt beim Durchtränken des Bodens auf eine undurchdringliche Thonschichte. Im allgemeinen geht das Regenwasser durch Quellen, Bäche, Flüsse und Ströme wieder zum Meer zurück; aber um das zu können, muß es auf ein Bett von Thonerde stoßen und den Abdachungen folgend darin fließen. Wenn keine wasserdichte Schichte da ist, dringt es durch Einsickern immer wieder in die poröse Erdrinde ein und sättigt dann das tiefer liegende Gestein, wie man dies bei dem Abbau der Steinbrüche wahrnimmt.

Letzteres Wasser ist für den Kreislauf in der Natur verloren. Es verbindet sich chemisch und bildet Hydrate. Wenn das Wasser tief genug hinabgesickert ist, erreicht es eine Temperatur, bei welcher es sich in Dampf verwandelt, und hierdurch entstehen meistens die Vulkane und die Erdbeben. Die vulkanischen Rauchmassen bestehen fast ganz aus Wasserdampf. Aber im Innern des Erdbodens, wie in der freien Luft selbst verwandelt sich ein nicht außer Rechnung zu lassender Teil der im atmosphärischen Kreislauf sich bewegenden Gewässer in Hydrate und sogar in Oxyde; die zur Rostbildung erforderliche Feuchtigkeit kommt gar nicht in Betracht. Auf diese Weise gebunden, hören die Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, auf, im flüssigen Zustand verbunden zu sein. Bilden dann anderseits die Thermalwasser nicht einen ganzen inneren Kreislauf für sich, und kommen sie nicht aus der Oberfläche hervor? Sie fließen ebensowenig dahin zurück, als ins Meer.

Mag nun das Wasser sich irgendwo sammeln, oder sich verbinden, oder auch die tieferen Erdschichten durchdringen; auf der Erdoberfläche nimmt es ab. Es wird in demselben Maße immer tiefer dringen, als die innere Hitze abnimmt.


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Die Seine in vorgeschichtlichen Zeiten.


Die Wärmebehälter, welche man seit hundert Jahren in der Nähe der Weltstädte gegraben hat, und welche die zum häuslichen Gebrauch nötige Wärme unentgeltlich liefern, werden sich mit der Abnahme der inneren Temperatur erschöpfen. Es wird der Tag kommen, wo die Erde bis ins Innerste abgekühlt sein wird, und dieser Tag wird mit dem fast gänzlichen Verschwinden der Gewässer zusammenfallen.

Es scheint übrigens, meine Herren, als sei dies das Schicksal der verschiedenen Himmelskörper unseres Sonnensystems. Unser Nachbar Mond, der in Volum und Masse der Erde sehr nachsteht, hat sich rascher abgekühlt und hat die Phasen seines Sternlebens schneller durchlaufen: seine früheren Meere, an welchen man noch heute die unverkennbaren Spuren der Einwirkung der Gewässer wahrnimmt, sind ganz ausgetrocknet; man bemerkt dort nie irgend welche Art von Verdunstung, irgend welches Gewölk, gerade wie das Spektroskop dort nie eine Spur von Wasserdampf entdeckt. Dürre Ebenen, steile Felsen, öde Ringgebirge. Anderseits ist der ebenfalls viel kleinere Planet Mars ohne Frage in seiner Entwickelung auch weiter vorgeschritten, und man stellt fest, daß er keinen einzigen dieses Namens würdigen Ocean mehr besitzt, sondern nur noch Binnenmeere von mäßiger Ausdehnung und geringer Tiefe, die durch Kanäle unter sich verbunden sind.*

* Vergl. »Urania« S. 178 u. 179. [= S. 185 u. 186 der Nachdruck-Ausgabe 2006; D. v. R.]

Daß es auf dem Mars weniger Wasser giebt, als auf der Erde, ist eine durch Beobachtung festgestellte Thatsache; dort sind die Wolken gleichermaßen viel seltener und ist die Atmosphäre viel trockener, die Erscheinungen der Verdunstung und Verdichtung vollziehen sich dort schneller als hier; die Schneemassen an den Polen weisen je nach den Jahreszeiten eine viel ausgedehntere Abwechselung auf, als die Schneemassen auf der Erde. Und abermals anderseits ist der Planet Venus, der viel jünger ist als die Erde, von einer ungeheuren, beständig mit Wolken überladenen Dunsthülle umgeben. Was den ungeheuren Jupiter betrifft, so steht er noch im Anfang seines Lebens; dort sehen wir so zu sagen nur Dämpfe und Wolken. So bestätigen denn vier uns am besten bekannte Welten ihrerseits die auf der Erde gemachte Beobachtung der nur nach Jahrhunderten bemerkbaren Abnahme der Gewässer.

Es freut mich, bei diesem Anlaß bemerken zu können, daß der von meinem Herrn Kollegen aufgestellte Satz von der allgemeinen Ebnung eine große Stütze durch den gegenwärtigen Stand des Planeten Mars erhält. Der ausgezeichnete Geologe sagte uns soeben, daß infolge der jahrhundertelangen Arbeit der Ströme in Zukunft fast horizontale Ebenen charakteristisch für die schließliche Bodenformation des festen Landes werden müssen. Das ist schon auf dem Mars eingetreten.*

* Vergl. »Urania« S. 178 u. 179. [= S. 186 der Nachdruck-Ausgabe 2006; D. v. R.]

Die Meeresküsten sind so flach, daß sie, wie jedermann weiß, häufig und leicht überschwemmt werden. Von einer Jahreszeit zur andern sind Hunderttausende von Quadratkilometern abwechselnd trocken, oder stehen, wenn auch nicht tief, unter Wasser. Dieses beobachtet man namentlich an den östlichen Küsten des Meeres der ›Sandbüchse‹. Auf dem Mond jedoch hat sich die Ebnung n i c h t vollzogen. Die Zeit wird zu kurz gewesen sein, und vor seiner Ausgestaltung wird es dort weder Wasser noch Winde mehr gegeben haben. Überdies ist dort die Schwerkraft fast wirkungslos.

Es ist also gewiß, daß, wenn auch die Erde von Jahrhundert zu Jahrhundert eine verhängnisvolle Abflachung erfährt, wie es mein ausgezeichneter Herr Kollege so gründlich ausgeführt hat, sie doch zu gleicher Zeit einer allmählichen Abnahme ihrer Wassermenge unterworfen ist. Allem Anschein nach geht diese Abnahme neben der Abflachung einher. In dem Maße, als der Erdball seine innere Hitze verliert und sich abkühlt, wird ihn ohne Zweifel das Schicksal des Mondes treffen, und er wird Risse bekommen. Das gänzliche Schwinden der Erdwärme wird zur Folge haben, daß sich Schrumpfungen bilden, Höhlen im Innern entstehen, und das Wasser der Oceane wird sich in diese leeren Räume ergießen, ohne in Dampf verwandelt zu werden, und wird entweder aufgesogen werden oder sich im Zustand von Eisenoxydhydrat mit Eisenerzen verbinden. Die Wassermenge wird bis zu ihrem vielleicht gänzlichen Verschwinden in nicht näher zu bestimmender Weise abnehmen. Der Pflanzenwelt wird ihr Lebenselement fehlen, sie wird sich umbilden, aber endlich absterben. Die Tiergattungen werden sich gleicherweise umbilden; doch wird es immer Gras- sowie Fleischfresser geben, und jene werden zuerst nach und nach verschwinden und dadurch den unvermeidlichen Tod der andern nach sich ziehen, bis endlich das Menschengeschlecht selbst, trotz seiner Umgestaltungen auf der ausgetrockneten Erde, verhungert und verdurstet.

Folglich, meine Herren, können wir den Schluß ziehen, daß das Ende der Welt nicht durch eine neue Flut, sondern durch die Abnahme des Wassers erfolgen wird. Ohne Wasser ist das Erdenleben unmöglich. Das Wasser macht den wesentlichen Teil aller lebenden Körper aus. Der menschliche Körper selbst ist in dem ungeheuren Verhältnis von 70 : 100 daraus gebildet. Ohne Wasser können weder Pflanzen noch Tiere existieren. Im flüssigen, wie im Dampfzustande beherrscht es das ganze Leben auf der Erde. Seine Beseitigung kommt einem Todesurteil gleich. Und dieses Urteil wird uns die Natur — in etwa zehn Millionen Jahren sprechen. Vorher wird die Ausebnung nicht beendigt sein. Der Herr Präsident der Geologischen Gesellschaft in Frankreich hat vorsorglich bemerkt, seine vier Millionen Jahre gelten nur für die Unterstellung, daß die gegenwärtigen Zerstörungsursachen des festen Landes immer so wie heute wirkten, ohne daß je etwas dazu käme, um diese Wirkung zu unterbrechen; und anderseits lehrt er selbst, daß die Äußerungen der inneren Kraft nicht schon von heute an aufhören können. Die Bodenemporhebungen werden noch lange hier und da beobachtet werden, das Anwachsen der Festlandmassen durch die Deltas, durch die vulkanischen und SternkorallenInseln etc. wird noch lange andauern. Die angegebene Periode drückte also nur ein Minimum aus.«


Also sprach der Generalsekretär der Meteorologischen Akademie. Die Zuhörerschaft hatte diesen beiden Vorträgen mit gespanntester Aufmerksamkeit gelauscht und zeigte überdies durch ihre Haltung, daß sie über das gegenwärtige Schicksal der Erde vollkommen beruhigt war; sie schien sogar den Kometen ganz vergessen zu haben. —

»Fräulein Vorsteherin des Rechnungsbureaus der Sternwarte hat das Wort.«


Auf diese Aufforderung bewegte sich die schon im Anfang dieses Buches erwähnte junge Preisgekrönte des Instituts, die Doktorin der mathematischen, physikalischen und Naturwissenschaften, nach der Tribüne hin.

»Meine beiden gelehrten Kollegen,« sagte sie ohne weitschweifige Einleitung, »haben alle beide recht. Es ist einerseits unbestreitbar, daß die von der Schwerkraft gesteigerten meteorologischen Einflüsse die Erde, deren Rinde sich immer mehr verdichtet und festigt, unmerklich ebnen, anderseits aber, daß die Wassermenge von Jahrhundert zu Jahrhundert an der Oberfläche unseres Planeten abnimmt. Es sind die zwei Punkte, welche die Wissenschaft als ausgemacht betrachten kann. Aber, meine Herren, es scheint mir dennoch, daß das Ende der Welt weder die Überflutung der Kontinente, noch den Mangel des zum Lebensunterhalt der Pflanzen und der Tiere nötigen Wassers zur Ursache haben wird.«

Diese Aufstellung einer dritten Hypothese schien die Zuhörer mit einem an Bestürzung grenzenden Erstaunen zu erfüllen.

»Und ich glaube auch nicht,« fügte die gewandte Rednerin hinzu, »daß gerade der Komet die Schlußkatastrophe übernimmt; denn ich denke, wie meine beiden geehrten Vorredner, daß die Welten nicht an einem Unglücksfall, sondern am Alter sterben.

Ja, meine Herren,« fuhr sie fort, »das Wasser nimmt sicherlich ab, und vielleicht wird es endlich ganz verschwinden; aber nicht dieser Wassermangel an sich wird das Ende der Dinge herbeiführen; das wird seine klimatologische Folge thun. Die Verminderung des Wasserdampfes in der Atmosphäre wird eine allgemeine Abkühlung herbeiführen, und durch meine Studien bin ich zu dem Schluß gekommen, daß die Menschheit durch Kälte zu Grunde gegen wird.

Ich will hier nicht nachweisen, daß die zum Atmen geeignete Erdatmosphäre aus 79 Teilen Stickstoff und aus 20 Teilen Sauerstoff besteht, und daß das noch übrige Hundertel durch etwa ein Viertelhundertel Wasserdampf, durch drei Zehntausendstel Kohlensäure, aus Ozon, d. h. elektrisiertem Sauerstoff, aus Ammoniak, Wasserstoff und einigen anderen Gasen in unendlich kleinen Mengen besteht. Der Stickstoff und der Sauerstoff bilden also 99 Hundertel, und der Wasserdampf den vierten Teil des übrigbleibenden Hundertels.

Allein, meine Damen, vom Standpunkt des Pflanzen, Tier und Menschenlebens aus betrachtet, ist das erwähnte Viertelhundertel Wasserdampf von der höchsten Wichtigkeit, und ich stehe nicht an, zu behaupten, daß, was Temperatur und Klima betrifft, die kleine Menge Wasserdampf wesentlicher ist, als alle übrige Luft! Und zudem, meine Herren, — ich berufe mich dabei auf das Urteil der Historiker — sind es denn nicht die kleinsten Dinge, welche die Welt regieren?

Die WärmeWellen, welche von der Sonne zur Erde kommen, welche den Boden erwärmen und dann von demselben ausstrahlen, um sich beim Durchdringen der Atmosphäre in dem Raum zu verbreiten, stoßen auf ihrem Wege auf die Sauer- und Stickstoffatome und auf die in der Luft zerstreuten Wasserdampfmoleküle. Letztere sind aber so dünngesät, — da sie als Volum nicht einmal den hundertsten Teil des von den andern eingenommenen Raumes darstellen — daß man glauben könnte, wenn Wärme vorhanden sei, rühre dies mehr vom Stick- und Wasserstoff her, als vom Wasserdampf. Und wirklich, wenn wir die Atome einzeln betrachten, sehen wir, daß auf 200 Sauer- und Stickstoffatome kaum ein Wasserdampfatom kommt. Nun, dieses einzige Atom besitzt achtzigmal mehr Kraft, mehr wirklichen Wert, um strahlende Wärme zu binden, als jene 200 Sauer- und Stickstoffatome! Folglich ist ein Molekül Wasserdampf sechzehntausendmal wirksamer als ein Molekül trockener Luft, um die Wärme zu binden — wie auch um sie auszustrahlen — denn beide Kräfte sind reciprok und proportional. Man vermindere in starkem Verhältnis diese unsichtbaren WasserdampfMoleküle, und die Erde wird trotz des Sauerstoffs sofort unbewohnbar: alle Gegenden, sogar am Äquator und die Tropenländer, verlieren plötzlich die Wärme, welche sie bewohnbar macht, und sind zum Klima der Hochgebirge verurteilt, wo ewiger Schnee herrscht. Statt üppigen Pflanzenwuchses und einer Fülle von Blüten und Früchten, statt der Vögel und Nester, statt des auf der Erde und in den Wassern pulsierenden Lebens, statt der murmelnden Bäche und klaren Flüsse, statt der Seen und Meere haben wir nur noch unbewegliche Eismassen inmitten einer unermeßlichen Wüste um uns herum. Und wenn ich sage wir, meine Damen, so werden wir das nicht lange mit ansehen; denn unser Blut selbst würde in unseren Adern erstarren, und alle Menschenherzen würden bald aufgehört haben, zu schlagen. Das wären die Folgen der Beseitigung des wasserhaltigen Dampfes, welcher durch seine Verbreitung in unserer Atmosphäre wie ein Treibhaus schützend und wohlthätig auf das ganze Erdenleben wirkt.


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Einstmals entfalteten sich die tropischen Pflanzen an den Polen.


Die Thermodynamik lehrt, daß die Temperatur des Raumes 273 Grad unter Null ist. Das, meine Herren, bedeutet die eisigste Kälte, von welcher umgeben unser Planet einschlafen wird, wenn er des luftigen Schleiers beraubt sein wird, welcher ihn heute mit seinem schützenden Flaum warm hält.


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Das arme Menschengeschlecht wird durch Kälte untergehen.


Das ist das Schicksal, welches der Erde durch die allmähliche Verminderung des an ihrer Oberfläche vorhandenen Wassers bevorsteht. Dieser Tod durch Kälte ist unvermeidlich, wenn unser Verweilen allhier lange genug dauert, um ihn zu erwarten.

Ein solcher Tod ist um so gewisser, als nicht bloß der Wasserdampf abnimmt, sondern auch die andern Bestandteile der Luft, Sauerstoff und Stickstoff, kurz die ganze Atmosphäre. Der Sauerstoff wird unmerklich durch alle Oxyde gebunden, welche sich beständig an der Erdoberfläche bilden; der Stickstoff wird durch die Pflanzen und die Erdarten gebunden und kehrt nicht mehr ganz unverändert in seinen Gaszustand zurück; durch ihren Druck dringt die Luft in die Oceane und in die Kontinente ein, und sinkt so in die Tiefe hinab. Nach und nach, d. h. von Jahrhundert zu Jahrhundert, wird der Dunstkreis kleiner. Früher, während der Primärperiode z. B., war er ungeheuer; die Gewässer bedeckten den Erdball fast ganz, die ersten Bodenerhebungen aus Granit ragten allein aus dem allgemeinen Ocean hervor, und die Atmosphäre war von einer Wasserdampfmenge gesättigt, welche diejenige in der neueren Zeit unvergleichlich übertraf. Das erklärt die hohe Temperatur jener entschwundenen Zeiten, wo die tropischen Pflanzen unserer Tage, die Baumfarren, wie auch die Kalamiten (Schilfgewächse), die Äquisitaceen (die Schachtelhalme), die Sigillarien (Siegelbäume), die Lepidodendren (Schuppenbäume), in dichten Wäldern sowohl an den Polen wie am Äquator wuchsen. Heute haben die Atmosphäre und der Dampf bedeutend abgenommen; in Zukunft müssen sie verschwinden. Auf dem Jupiter, welcher noch in seiner Primärepoche steht, ist die Dunstkugel ungeheuer und voll von Dämpfen. Auf dem Monde scheint gar keine Atmosphäre mehr zu sein; daher ist seine Temperatur sogar bei hellem Sonnenschein beständig tiefer, als die des Eises. Auf dem Mars ist die Atmosphäre merklich dünner als die unsrige. Auf unserem Planeten wird in Zukunft das arme Menschengeschlecht durch Kälte untergehen.

Was die Zeit betrifft, welcher es zur Herbeiführung der Kälte bedarf, die durch die Verminderung des Wassergehalts der Erdatmosphäre verursacht wird, so möchte ich die von meinem Herrn Vorredner berechneten zehn Millionen Jahre auch annehmen.

Das sind die Etappen, meine Damen, welche die Natur dem Lebensgange der Welten, wenigstens unseres Planetensystems vorgezeichnet zu haben scheint. Ich ziehe also daraus den Schluß, daß die Erde das Schicksal des Mondes teilen und durch Kälte untergehen wird, nachdem sie ihres Luftkleides beraubt sein wird, welches sie jetzt gegen den beständigen Verlust der Wärme schützt, die sie von der Sonne empfängt.«

Der Kanzler der Kolumbischen Akademie, welcher gerade an jenem Tage im elektrischen Luftschiff von Bogota angekommen war, um diesen Beratungen beizuwohnen, bat ums Wort.

Man wußte, daß er genau unterm Äquator und in einer Höhe von 3000 m eine den ganzen Planeten beherrschende Sternwarte hatte errichten lassen, von welcher aus man gleichzeitig die beiden Himmelspole sah, und man erinnerte sich, daß er, um seine Sympathie für Frankreich zu beweisen, diesem Tempel Uranias den Namen eines französischen Astronomen gegeben hatte, welcher sein ganzes Leben damit zugebracht hatte, die andern Welten zu studieren, die erleuchteten Geister mit denselben bekannt zu machen und der Astronomie in jeder philosophischen und religiösen Lehre die Führerrolle zu sichern. Schon lange kannte man seinen Weltruf, und man hörte ihm mit ganz besonderer Aufmerksamkeit zu.

»Meine Herren,« sagte er, nachdem er kaum die Tribüne bestiegen hatte, »wir haben in diesen beiden Sitzungen in bewundernswerten Resumés die eigentümlichen Theorien vernommen, welche die moderne Wissenschaft berechtigt ist, dem menschlichen Geist über die verschiedenen Arten des Weltuntergangs vorzuführen, nämlich: die durch den Zusammenstoß mit dem sich rasch nähernden Kometen verursachte Entzündung der Atmosphäre, oder auch die Asphyxie unserer Lungen; dann, im Hinblick auf die Zukunft: die Überschwemmung der Kontinente, die Austrocknung der Erde und der Atmosphäre durch die allmähliche Abnahme des Wassers, oder endlich die Abkühlung unseres unglücklichen, gealterten Planeten im Zustand des eisigen Mondes. Es sind dies, wenn ich nicht irre, fünf mögliche Todesarten.

Der Herr Direktor der Sternwarte hat gesagt, daß er nicht an die beiden ersteren glaube, und daß ihm die Kometenbegegnung fast harmlos erscheine. Ich bin durchaus derselben Ansicht, und nachdem ich die drei höchst gelehrten Abhandlungen meiner geehrten Herrn Kollegen gehört habe, bekenne ich, daß ich auch nicht mehr an die drei andern glaube.

Meine Damen,« fuhr der Kolumbische Astronom fort, »Sie wissen, daß nichts ewig dauert. Alles ändert sich im Reich der unermeßlichen Natur. Die Knospen des Frühlings entfalten sich zu Blüten, die Blüten verwandeln sich in Früchte, die Geschlechter folgen aufeinander, und das Leben erfüllt seine Aufgabe. Die Welt, auf welcher wir leben, wird also geradeso enden, wie sie angefangen hat. Aber nach meiner Ansicht wenigstens werden weder der Komet, noch das Wasser, noch das Fehlen des Wassers ihr Absterben herbeiführen. Die Frage liegt, scheint mir, ganz in dem letzten Worte der so bemerkenswerten Ansprache, welche soeben unsere anmutige Kollegin, Fräulein Vorsteherin des Rechnungsbureaus, gehalten hat.

Ja, d i e S o n n e , darin liegt alles.

Das Leben auf der Erde ist von den Sonnenstrahlen abhängig. Was sage ich? Es ist nur eine Verwandlung der Sonnenhitze. Die Sonne erhält das Wasser im flüssigen Zustand und die Luft im gasförmigen; ohne sie wäre alles fest und tot; sie verwandelt das Wasser der Meere, der Seen, der Ströme, der sumpfigen Erdstriche in Dampf, sie bildet die Wolken, erzeugt die Winde, giebt denselben ihre Richtung und regelt den befruchtenden Umlauf der Gewässer. Dank dem Sonnenlicht und der Sonnenhitze assimilieren sich die Pflanzen der in der Kohlensäure der Luft enthaltenen Kohle; um den Sauerstoff vom Kohlenstoff zu trennen und letzteren festzuhalten, leistet die Pflanze eine ungeheure Arbeit. Die Frische des Waldes in Verbindung mit dem Schatten der mächtig belaubten Bäume hat diese Umsetzung der Sonnenhitze in Pflanzenarbeit zur Quelle; das Holz, welches uns im Hause erwärmt, giebt nur die in ihm aufgehäufte Sonnenhitze wieder zurück; und wenn wir Gas oder Steinkohle brennen, so setzen wir heute nur die Sonnenstrahlen wieder in Freiheit, welche seit Millionen Jahren in den Wäldern der Primärperiode festgehalten worden waren. Die Elektricität selbst ist nur die Umformung der Arbeit, deren erste Quelle die Sonne ist. Und so ist es also die Sonne, welche in der Quelle murmelt, in dem Winde weht, in dem Sturme ächzt, in der Rose blüht, in der Nachtigall flötet, in dem Blitze funkelt, in dem Gewitter donnert, in allen Symphonien der Erde singt und grollt.

Die Sonnenhitze verwandelt sich so in Luft- oder Wasserströmungen, in die Explosionskraft der Gase und der Dämpfe, in Elektricität, in Holz, in Blumen, in Früchte, in Muskel- und Nervenkraft; solange dieses glänzende Gestirn uns genügende Wärme giebt, ist die Dauer der Welt und das Leben gesichert.

Die Hitze der Sonne hat sehr wahrscheinlich die Verdichtung des Nebelflecks zur Ursache, aus welchem das Centralgestirn unseres Systems entstanden ist. Diese Umformung der Bewegung hat 28 Millionen Grad C. erzeugen müssen: wie bekannt, meine Herren, würde ein Kilogramm Steinkohle, das aus unendlicher Entfernung auf die Sonne fällt, durch seinen Stoß 6000mal mehr Hitze erzeugen, als seine Verbrennung gäbe. Nach dem Verhältnis der gegenwärtigen Ausstrahlung repräsentiert die vorrätige Sonnenhitze ein 22 Millionen Jahre andauerndes Strahlen des Gestirns, und es ist sehr wahrscheinlich, daß es seit viel längerer Zeit glüht. Denn nichts beweist, daß die Grundstoffe des Nebelflecks geradezu kalt gewesen sind; im Gegenteil, sie trugen schon in sich selbst einen wirklichen Vorrat an Wärme. Das Tagesgestirn scheint nichts von seiner hohen Temperatur verloren zu haben: es verdichtet sich immer noch, und diese Verdichtung kann durch Ausstrahlung die erlittenen Verluste wieder ersetzen.

Indessen, alles hat ein Ende. Wenn die Sonne bei fortgesetzter Verdichtung einstens so fest würde, wie die Erde; so bewirkte diese Verdichtung eine neue Hitzemenge, welche hinreichte, dieselbe Wärmeintensität, wie sie jetzt auf der Erde besteht, noch 17 Millionen Jahre lang fortdauern zu lassen. Dieser Zeitraum kann vielleicht noch weiter gegriffen werden, wenn man eine Abnahme des Ausstrahlungsverhältnisses, einen von dem flammenden Gestirn aufgenommenen Meteorenfall und eine über die Dichtigkeit der Erde hinausgehende Verdichtung annimmt. Soweit hinaus wir aber auch diesen Zeitpunkt verlegen mögen, er wird leider kommen. Die Sonnen, welche am Firmament erlöschen, sind ebensoviele vorausgegebene Beispiele für das Los derjenigen, welche uns leuchtet. Zudem bedeckt sie sich ja schon in gewissen Jahren mit ungeheuren Flecken.

Doch wer vermöchte zu sagen, ob die wunderbaren Fähigkeiten, sich anzupassen, welche die Physiologie und die Paläontologie in allen Tier- und Pflanzenarten entdeckt haben, das Menschengeschlecht nicht von Stufe zu Stufe in einen Zustand physischer und intellektueller Vollkommenheit führen werden, der ebensoweit unsern jetzigen Zustand übertrifft, als dieser denjenigen des Iguanodon (der Fischeidechse), des Stegosaurus oder des Kompsonoten der entschwundenen geologischen Epochen? Wer weiß, ob unseren Nachkommen unsere fossilen Skelette nicht ebenso ungeheuerlich erscheinen werden, wie diejenigen der Dinosaurier? Möglich, daß dann die Gleichmäßigkeit der Temperatur daran zweifeln läßt, daß eine wirklich intelligente Rasse in einer Epoche gelebt habe, die, wie die unsrige, den unsinnigen Sprüngen des Thermometers und den launischen Veränderungen des Zustandes des Himmels unterworfen war, welche unsere so wechselvollen Jahreszeiten charakterisieren. Und wer weiß, ob nicht bis dorthin irgend eine gewaltige Umwälzung auf dem Erdball, irgend eine allseitige Umgestaltung die Vergangenheit wiederholt unter neuen geologischen Schichten begraben wird, um eine neue Ära, um neue, quinquennäre, sexennäre Perioden zu bilden, die ganz verschieden von der Quaternär, Tertiär, Sekundär- und Primärepoche sind?

Was aber sicher ist, ist das, daß die Sonne zuletzt ihre Wärme verlieren wird; ihre Masse verdichtet sich, schrumpft ein, ihr flüssiger Zustand ändert sich. Es wird eine Zeit der Störung und der Verlangsamung jenes Kreislaufs kommen, welcher der Sonnenlichtsphäre neue Nahrung zuführt und ihre Ausstrahlung dadurch regelt, daß er fast die ganze ungeheure Masse daran teilnehmen läßt. Dann wird die Ausstrahlung des Lichtes und der Wärme sich vermindern, das Pflanzen- und Tierleben wird sich mehr und mehr nach dem Erdäquator hin zusammendrängen. Wenn dieser Kreislauf aufgehört haben wird, wird die glänzende Lichthülle durch eine undurchsichtige und dunkle Kruste ersetzt werden, welche jede Lichtstrahlung unmöglich machen wird. Die Sonne wird zu einer dunkelroten Kugel werden, dann zu einer schwarzen, und es wird ewige Nacht eintreten. Der Mond, welcher nicht mehr durch das reflektierte Sonnenlicht leuchtet, wird die stillen Nächte nicht mehr erhellen. Unser Planet wird nur noch das Sternenlicht empfangen. Da die Sonnenglut erloschen ist, so wird die Luft absolut ruhig bleiben, ohne daß ein Wind aus irgend einer Richtung wehen kann. Wenn die Meere noch vorhanden sind, so werden sie durch die Kälte fest zufrieren; keine Verdunstung wird mehr Wolken bilden, es wird kein Regen mehr fallen, keine Quelle mehr fließen. Möglich, daß das letzte Aufleuchten einer abgebrannten Fackel, wie man es bei den verlöschenden Sternen gewahrt; möglich, daß eine zufällige, dem stellenweisen Einsinken der Sonnenkruste beizumessende Hitzeentwickelung auf einen Augenblick die alte Sonne der früheren Tage noch einmal erstrahlen lassen wird: aber das wären dann nur noch die Vorboten des letzten Endes.

*

Und die Erde, eine schwarze Kugel, ein erstarrter Friedhof, wird sich immer noch um die schwarze Sonne drehen und in der endlosen Nacht dahinsegeln, fortgerissen mit dem ganzen Sonnensystem in den unermeßlichen Abgrund.  D a s  E r l ö s c h e n  d e r  S o n n e  w i r d  d a s  A b s t e r b e n  d e r  E r d e  h e r b e i g e f ü h r t  h a b e n . . .  i n  e t w a  z w a n z i g  M i l l i o n e n  J a h r e n , oder sogar noch später — vielleicht nach doppelt so langer Zeit.«

Der Redner hielt inne und schickte sich an, die Tribüne zu verlassen, als der Direktor der schönen Künste ums Wort bat:

»Meine Herren,« sagte er vom Platze aus, »wenn ich recht verstanden habe, so wird das Ende der Welt wahrscheinlich durch Kälte erfolgen und zwar erst in mehreren Millionen Jahren. Wenn also ein Künstler die letzte Scene darstellen sollte, so müßte er die Erde mit Eisbergen und Gerippen bedecken ...«

»Nicht gerade das,« versetzte der Kolumbische Kanzler. »Nicht die Kälte ist die erste Ursache der Eisberge, wohl aber die Hitze.

Wenn die Sonne das Wasser der Meere nicht in Dampf verwandelte, würde kein Gewölk mehr entstehen, und ohne das Tagesgestirn gäbe es gar keinen Wind mehr. Damit sich Gletscher bilden können, bedarf es zuerst einer Sonne, welche das Wasser in Dampf auflöst und in den Zustand der Wolke versetzt, und dann eines Verdichters. Wie bekannt, stellt jedes Kilogramm erzeugten Dampfes eine Menge von Sonnenhitze dar, welche genügt, um 5 kg Gußeisen auf seinen Schmelzpunkt, 1110°, zu bringen. Bei genügender Schwächung der Sonneneinwirkung machen wir die Quelle der Gletscher versiegen.

So werden also weder der Schnee noch die Gletscher die Erde begraben; aber was von dem Meere übrig bleibt, wird gefrieren. Es wird schon lange keine Ströme und Flüsse mehr geben, und jede atmosphärische Bewegung wird aufgehoben sein, wofern nicht auch bei der Sonne, vor dem Ausstoßen ihres letzten Seufzers, jenes soeben erst besprochene nochmalige Aufflackern stattgefunden und die starren Eismassen geschmolzen, neue Gewölke und Luftströmungen erzeugt, Quellen, Bäche und Flüsse wieder erschlossen hat, und wenn die Sonne nach dieser Periode eines tückischen Erwachens wieder in ihre Lethargie zurückverfallen ist. Das wäre dann ein Tag ohne darauf folgenden Morgen.«


Eine neue, von der Mitte des Amphitheaters ausgegangene Stimme ließ sich vernehmen. Es war die eines berühmten Elektrikers.

»Alle diese Todesursachen durch Kälte,« sagte er, »sind wahrscheinlich; doch wie ist es mit dem  W e l t u n t e r g a n g  d u r c h  F e u e r? Man hat davon nur gelegentlich des Kometenzusammenstoßes gesprochen. Aber er könnte auch anders eintreten.

Ohne von dem möglichen Einsinken der Festlandmassen in das Centralfeuer zu reden, welches durch ein allgemeines Erdbeben oder durch irgendwelche gewaltige Verschiebung der Lagerungen des festen Landes erfolgte, scheint es mir, daß ein höchster Wille genügen swürde, um unsern Planeten ohne Stoß in seinem Laufe zu hemmen und seine Bewegung in Hitze umzusetzen.«


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Man würde an Hitze und Trockenheit sterben.


»Ein Wille?« — unterbrach eine andere Stimme. »Aber die exakte Wissenschaft läßt in der Natur kein Wunder zu!«

»Ich auch nicht,« wiederholte der Elektriker. »Wenn ich das Wort ›Wille‹ gebrauche, so meine ich damit eine ideale und unsichtbare Kraft. Ich will mich des näheren aussprechen.

Der Erdball fliegt mit einer Geschwindigkeit von 106 000 km in der Stunde oder 29 460 m in der Sekunde im Raume dahin. Wenn irgend eine Sonne so aus dem Raume auftauchte, daß sie mit unserer Sonne eine Art elektrodynamischen Paares bildete und so wie ein Zügel auf unseren Planeten wirkte; wenn mit einem Worte durch irgendwelche Ursache die Erde plötzlich in ihrem Laufe aufgehalten würde: so würde sich ihre Massenbewegung in Molekularbewegung umsetzen, und unser Planet befände sich plötzlich zu einem solchen Grade erhitzt, daß er fast ganz in Dampf aufgelöst würde.«

»Es scheint mir,« fügte der Direktor der Sternwarte auf dem Montblanc vom Platze aus hinzu, »daß die Erde auch noch anders als durch Feuer enden könnte. Wir haben unlängst einen neuen Stern am Himmel beobachtet, welcher in einigen Wochen aus einem Stern 16. Größe zu einem 4. Größe geworden war. Diese ferne Sonne war plötzlich fünfzigtausendmal heller und heißer geworden! ja, fünfzigtausendmal! Wenn unserer Erde etwas Ähnliches widerführe, so bliebe auf unserem Planeten nichts am Leben. Alles wäre schnell eingeäschert, verzehrt, ausgetrocknet oder verdampft — die Pflanzen, die Tiere, das Menschengeschlecht mit seinen Werken.

Nach der Spektralanalyse des von jener Feuermasse ausgegangenen Lichtes ist es wahrscheinlich, daß jene plötzliche Erhitzung von dem Eindringen dieses Gestirnes und seines Systems in eine Art Nebelfleck herrührte. Unsere Sonne selbst fährt mit großer Schnelligkeit auf das Sternbild des Herkules zu und könnte auch uns sehr leicht eines Tages etwas Derartiges bereiten. Man könnte also auch an Hitze und Trockenheit sterben. Die Erde würde in wenigen Tagen eine brennende, dürre und ausgetrocknete Wüste sein, wo man nur noch die Luft eines Schmelzofens atmen könnte ....«

»Gestehen wir, meine Damen,« fügte der Präsident lächelnd hinzu, »daß uns die Natur entschieden recht viele Todesarten in Aussicht stellt!«

»Meine Herren,« sagte der Direktor der Pariser Sternwarte, indem er sich erhob, »wollen Sie mir gestatten, diese interessanten Abhandlungen in einige Worte zusammenzufassen?

Nach allem, was wir seither gehört haben, wird unserem Planeten nur die Wahl wehe thun, wie er sein Leben beschließen will. Ich glaube auch nicht mehr so viel an die durch den gegenwärtigen Kometen drohenden Gefahren. Doch muß zugestanden werden, daß vom astronomischen Standpunkt aus dieser arme umherirrende Erdball mehr als einer Schlinge ausgesetzt ist. Das Kind, welches hienieden geboren wird und die Bestimmung hat, Mann oder Weib zu werden, kann mit einem Individuum verglichen werden, welches am Eingang einer etwas engen Straße steht, die nach Art gewisser Straßen im Mittelalter von Häusern gebildet wird, in denen hinter jedem Fenster ein mit einer jener Büchsen aus dem letzten Jahrhundert* bewaffneter Schütze lauert.

* d. h. aus dem 24. Jahrhundert.

Für jenes Individuum kommt es darauf an, durch diese Straße ihrer ganzen Länge nach zu kommen und der ganz nahe auf es gerichteten Füsillade zu entgehen. Alle Krankheiten bedrohen uns da und lauern uns auf: das Zahnen, Krämpfe, Keuchhusten, Bräune, Genickstarre, Masern, Blattern, Influenza, typhöse Fieber, Scharlachfieber, Lungenentzündung, Darmentzündung, Hirnentzündung, Tuberkulose, Harnruhr, Krebs, Schlagfluß, Cholera, Tollwut etc.; ich übergehe viele, welche unsere Anwesenden leicht dieser Aufzählung hinzufügen können. Wird unser unglücklicher Wanderer wohlbehalten am Ende der Straße ankommen? Und wenn auch, so geschieht es, um dort doch zu sterben.

Unser Planet läuft so auf seiner Bahn, und die Sonne nimmt ihn samt seinen Brüdern mit nach dem Sternbild des Herkules. Dabei kann er einem Kometen begegnen, der zehn- oder zwanzigmal größer ist als er selbst und aus tödlichen Gasen besteht, die unsere Lebensluft vergiften würden. Er kann einem Schwarm von Meteorsteinen begegnen, welche auf ihn wirkten wie eine Schrotladung auf eine Lerche. Er kann unterwegs mit einer mehr oder weniger dichten unsichtbaren Kugel zusammenkommen, deren Stoß genügte, ihn in Dampf zu verwandeln. Er kann einer Sonne begegnen, die ihn sofort verzehrte wie eine Glut, in die man einen Apfel wirft. Er kann in ein System elektrischer Kräfte geraten, welches seine elf Bewegungen* aufhöbe und ihn schmölze und verstieben lassen würde, wie ein Platindraht in einem doppelten Strom. Er kann den Sauerstoff verlieren, durch den wir ja leben. Er kann bersten wie der Krater eines Vulkans. Er kann in einem ungeheuren Erdbeben in sich zusammenstürzen. Er kann seine Oberfläche unter den Wassern begraben und eine neue Sintflut erleben, die noch allgemeiner wäre als die frühere.

* Vergl. »Urania« S. 191–195. [= S. 195–197 der Nachdruck-Ausgabe 2006; D. v. R.]

Im Gegensatz dazu kann er auch alles Wasser verlieren, welches das wesentliche Element seiner Organisation ausmacht. Er kann durch einen vorbeifliegenden Himmelskörper angezogen werden, der ihn von der Sonne losrisse und ihn in die eisigen Tiefen des Raumes schleuderte. Er kann durch die Sonne selbst, nachdem sie der Trabant einer neuen sie anziehenden Sonne geworden ist, fortgerissen und in das Triebwerk eines Systems von Doppelsternen eingefügt werden. Er kann nicht nur die letzten Überbleibsel seiner inneren Wärme, die nicht mehr auf seine Oberfläche wirken können, sondern auch die schützende Hülle verlieren, welche ihm seine Lebenswärme erhält. Er kann eines schönen Tages durch die dunkelgewordene oder erkaltete Sonne nicht mehr erleuchtet, erwärmt, befruchtet werden. Durch eine plötzliche Verzehnfachung der Sonnenhitze, wie diese auf den neuen Sternen beobachtet worden ist, kann er hinwiederum auch geröstet werden. Er kann ..... Doch, meine Herren, wir wollen nicht alle Ursachen von Katastrophen, Unglücksfällen oder tödlichen Krankheiten aufzählen; überlassen wir dies den Geologen, Paläontologen, Meteorologen, Physikern, Chemikern, Biologen, Ärzten, Botanikern und sogar den Veterinären. Der unsichtbare Einfall einer neuen Armee krankheiterzeugender Mikroben könnte ja schon zur Zerstörung des Menschengeschlechts und der HauptTier- und Pflanzengattungen genügen, ohne deshalb dem eigentlichen Planeten den geringsten astronomischen Schaden zu bringen. Er hat also wirklich eine verwirrend reiche Auswahl. Fontenelle pflegte zu sagen: › Jeder ängstigt sich über seinen Tod, aber zuletzt zieht sich jeder aus der Verlegenheit.‹ — Geradeso wird es mit unserem Planeten auch gehen. Aber nicht der gegenwärtige Komet wird ihn umbringen. Ich teile die Ansicht unserer jungen gelehrten Vorsteherin des Rechnungsbureaus: Die Abnahme des Wasserdampfes in der Atmosphäre wird dem Erlöschen der Sonne vorausgehen, und das Leben auf der Erde wird durch den Mangel an Wasser und durch die Kälte erlöschen. Das wird das Ende sein.«


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Das wird das Ende sein.


Gerade in dem Augenblick, wo der Redner die letzten Worte gesprochen hatte, hörte man plötzlich von der Saaldecke herab eine fremde Stimme tönen, welche aus den Tiefen des Weltalls zu kommen schien ... Doch es ist vielleicht gut, einiges zur Erklärung vorauszuschicken.

Die auf den höchsten Gebirgen der Erde errichteten Sternwarten waren, wie wir schon sahen, mit der Pariser Sternwarte telephonisch verbunden, und die EmpfangsStationen sprachen, ohne daß man einen Schalltrichter ans Ohr zu halten brauchte. Der geneigte Leser wird sich gewiß erinnern, daß am Ende der vorigen Sitzung ein Phonogramm vom Gaurisankar eingelaufen war, welches eine photophonische Nachricht der Marsbewohner angemeldet hatte, die man sofort dechiffrieren wollte. Da dies bis zur Eröffnung der zweiten Sitzung noch nicht erfolgt war, so hatte die Verwaltung der elektrischen Mitteilungen das Institut mit der Sternwarte in Verbindung gesetzt und an der Kuppel des Amphitheaters war ein Telephonoskop angebracht worden.

Von oben herab sagte nun jene Stimme:

»Die Astronomen der Stadt unter dem MarsÄquator benachrichtigen die Erdbewohner, daß der Komet mit der fast doppelten Umlaufsgeschwindigkeit des Mars geradewegs auf sie zukommt. Bewegung in Wärme und Wärme in Elektricität umgesetzt. Starkes magnetisches Gewitter. Fort aus Italien!«

Die Stimme verstummte inmitten des Stillschweigens und der Bestürzung aller Gemüter, mit Ausnahme einiger Zweifler. Einer derselben, der Direktor der Zeitung »Die lustige Kritik«, hatte sich, mit einem Monokel auf dem rechten Auge, auf der ReporterTribüne erhoben und mit weithin hallender Stimme gerufen:

»Ich fürchte, meine Herren Gelehrten, daß das Institut das Opfer einer guten Posse ist. Man wird mich niemals glauben machen, daß die Marsbewohner — angenommen sie existieren und schicken uns wirklich Nachrichten — Italien dem Namen nach kennen. Ich für meinen Teil bezweifle um so mehr, daß einer unter ihnen die Kommentare Cäsars oder die Geschichte der Päpste gelesen hat, als ...«

Plötzlich wurde der Redner, welcher sich eben zu einem interessanten Dithyrambus aufschwingen wollte, durch das rasche Erlöschen des elektrischen Lichtes unterbrochen. Der Saal lag, mit Ausnahme eines großen hellen Bildes an der Decke, in tiefster Finsternis. Die Stimme sagte noch: »Hier ist die Mars-Depesche,« und sogleich sah man nebenstehende Zeichen auf der telephonoskopischen Platte zum Vorschein kommen.


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Da man diese Depesche nur in einer äußerst ermüdenden Kopfhaltung betrachten konnte, so läutete der Präsident, und ein Kanzleidiener erschien, der diese Hieroglyphen mit Hilfe eines Projektionsapparats und eines Spiegels auf eine Art Ofenschirm fallen ließ, der hinter dem Bureau der Versammlung aufgestellt war. So hatten aller Augen diese Himmelsnachricht vor sich und konnten sie nach Belieben deuten.


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Man projizierte die Mars-Depesche auf den Bildschirm.


Die Figur des Kometen erklärt sich aus sich selbst. Der Pfeil deutet seine Bewegung gegen einen Himmelskörper an, der vom Mars aus gesehen Phasen zeigt, der aber strahlt wie ein Stern. Es ist die Erde, und es ist ganz natürlich, daß die Marsbewohner sie so darstellen; denn ihre Augen, die sich in einem weniger hellen Medium gebildet

haben, als die unseren, sind etwas empfindlicher und unterscheiden die Erdphasen um so besser, als ihre Atmosphäre dünn und durchsichtig ist (die Venusphasen stehen für uns gerade auf der Grenze der Sichtbarkeit). Man sieht weiter den Marskörper, wie er auf der Seite des Sandmeeres, des charakteristischsten in der Geographie des Mars, aussieht, und der ihn durchdringende Pfeil deutet für die Geschwindigkeit des Kometen eine solche an, die um ein geringes der Umlaufsgeschwindigkeit des Mars gleichkommt. Die Flammen deuten die Umsetzung der Bewegung in Wärme an, das Nordlicht und die dasselbe begleitenden Blitze aber die Umsetzung in Elektricität und in magnetische Kraft. Endlich erkennt man den Stiefel Italiens, der übrigens vom Mars aus sichtbar ist, und das Bild bezeichnet den Punkt, der nach ihren Berechnungen durch eines der gefährlichsten Elemente des Kometenkerns bedroht ist, wie denn gleichzeitig die vier nach den vier Kardinalpunkten hinweisenden Pfeile den Rat zu geben scheinen, sich von dem bedrohten Punkt zu entfernen.

Die photophonische Botschaft der Marsbürger war länger und verwickelter. Schon hatten die Astronomen auf dem Gaurisankar mehrere erhalten und erfahren, daß sie von einer sehr wichtigen Centrale der Intelligenz und der Wissenschaft in der Äquatorialzone des Mars, unfern der MeridianBucht, ausgegangen waren. Diese neueste Botschaft war die inhaltschwerste und ließ sich in vorstehender Deutung zusammenfassen.


Der Präsident klingelte. Er mußte wirklich eine Schlußrede halten und allem, was man vernommen hatte, einen Abschluß geben.

»Meine Herren,« sagte er, »die letzte Gaurisankardepesche macht Sie mit Recht betroffen. Es scheint, als seien uns die Marsbewohner in den Wissenschaften bedeutend über, was nichts Überraschendes hätte, da sie ja viel älter sind als wir und seit unzähligen Jahrhunderten sich fortschreitend entwickeln. Außerdem können sie viel vollkommener organisiert sein als wir; sie können bessere Augen haben, weitertragende Instrumente und die unsrigen unendlich überragende geistige Fähigkeiten besitzen. Anderseits geben wir zu, daß ihre Berechnungen bezüglich des Zusammentreffens mit den unsrigen übereinstimmen, daß sie aber genauer sind, weil sie den Punkt auf der Erde bezeichnen, welcher am heftigsten getroffen werden wird. Den Rat, sich aus Italien zu entfernen, kann man also befolgen, und ich werde ihn sofort an den Papst telephonieren, der gerade jetzt alle Bischöfe der Christenheit in Rom um sich vereinigt.

Der Komet wird also der Erde begegnen, und es kann noch niemand voraussehen, was daraus entstehen wird. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Erschütterung eine partielle und das Ende der Welt wird nicht die Folge davon sein. Das Kohlenoxyd wird sicherlich nicht in die Schichten unserer Lebensluft eindringen, aber dennoch wird eine ungeheure Wärmeentwickelung stattfinden.

Was das wirkliche Ende der Welt betrifft, so ist unter den verschiedenen Hypothesen, welche eine Voraussage desselben gestatten, diejenige die wahrscheinlichste, zu welcher sich der Herr Direktor der Sternwarte bekannt hat. Einerseits hängt das Leben unseres Planeten von den Strahlen der Sonne ab, und solange diese scheint, ist das Menschengeschlecht so gut wie sicher, zu leben; anderseits aber wird vielleicht die Verminderung der Atmosphäre und des Wasserdampfes zuvor der Kälte das Übergewicht verleihen. Im ersteren Falle hätten wir etwa noch dreißig Millionen Jahre zu leben, in letzterem nur etwa zehn. Doch das Resultat ist dasselbe: durch Kälte wird die Welt untergehen.

Erwarten wir nun mit Ruhe das Ereignis vom 14. Juli. Ich würde jedoch denjenigen, welche es können, raten, diese kritischen Tage in Chicago oder auch noch etwas weiter, in San Francisko, in Honolulu, in Liberty oder in Numea zu verleben. Die elektrischen transatlantischen Luftschiffe sind zahlreich und hinreichend eingerichtet, um Millionen von Reisenden am Freitag abend von hier aus zu befördern.


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Schließlich will ich noch bemerken, daß man ganz recht hatte, einige Vorsichtsmaßregeln gegen den Kometenstoß zu ergreifen und Keller, unterirdische Räume und Durchstiche herzustellen. Wir werden jedenfalls einen fürchterlichen Anprall auszuhalten haben, welcher mehrere Stunden währen kann, und vielleicht haben wir dabei nur eine recht erstickende Luft zu atmen. Doch, meine Herren, die Opfer — und es wird deren nur zu viele geben — werden es besonders durch die Furcht sein. Haben wir also kaltes Blut und merken wir uns: der himmlische Besuch, welcher übrigens durchaus harmlos sein und nur einige Stunden dauern wird, er wird vorübergehen und das Menschengeschlecht leben lassen, wie vorher auch.«

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Fünftes Kapitel
Das vatikanische Konzil

Denn es wird alsdann eine Trübsal sein, als nicht gewesen ist, von Anfang der Welt bisher, und als auch nicht werden wird.

M a t t h. 24, 21


Während die vorhergehenden wissenschaftlichen Besprechungen in Paris stattgefunden hatten, waren in London, St. Petersburg, Yokohama, Chicago, Melbourne, NewYork, Liberty und in allen Hauptstädten der Welt ähnliche Versammlungen gehalten worden. Dieselben bemühten sich, die verschiedenen Lösungen der großen Frage ins Auge zu fassen, welche die Aufmerksamkeit der Menschheit so allgemein fesselte. In Oxford namentlich hielt die reformierte Kirche eine theologische Synode, auf welcher die Überlieferungen und die religiösen Interpretationen des langen und des breiten hin und her besprochen wurden. Wir müssen davon absehen, alle Verhandlungen dieser Kongresse hier auch nur kurz wiederzugeben. Indessen können wir denjenigen im Vatikan nicht unerwähnt lassen, da er vom religiösen Standpunkt aus geradeso der wichtigste ist, wie die Sitzungen des Instituts in Paris in wissenschaftlicher Hinsicht die wichtigsten waren.

Ein ökumenisches Konzil aller Bischöfe war seit lange von dem Pontifex Maximus Pius XVIII. berufen worden, um über die Annahme eines neuen Glaubensartikels abzustimmen. Derselbe war bestimmt, den im Jahr 1870 verkündigten von der päpstlichen Unfehlbarkeit, sowie auch die drei seitdem hinzugekommenen andern zu vervollständigen. Es handelte sich diesmal um die Göttlichkeit des Papstes. Es sollte ausgesprochen werden, daß die Seele des unter der unmittelbaren Eingebung des heiligen Geistes durch das Konklave erwählten römischen Bischofs der Attribute des Ewigen Wesens teilhaftig sei, daß sie vom Beginne ihres päpstlichen Priesteramtes an nicht bloß in den theologischen Entscheidungen ex cathedra, sondern auch in allen rein menschlichen Dingen nicht irren könne, und daß sie vollberechtigt an der paradiesischen Unsterblichkeit der Heiligen teilnehme, welche den Thron Gottes unmittelbar umgeben und den Ruhm des Allerhöchsten teilen. Eine gewisse Anzahl der modernen Prälaten betrachteten freilich die Religion nur vom Standpunkt der socialen Aufgabe, welche sie in dem Werke der Civilisation erfüllen kann. Aber die Bischöfe der alten Schule ließen noch die Offenbarung zu, und die letzten Päpste waren unter andern alle wahre Muster der Weisheit, der Tugend und der Heiligkeit gewesen.


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Das Konzil war wegen der Kometenbedrohung einen Monat früher zusammenberufen worden; man hoffte, daß die theologische Lösung der Frage ein helles Licht in die aufgeregten Seelen der Gläubigen werfen und den beruhigten Gewissen vielleicht einen vollkommenen Frieden bringen würde.

Wir haben uns hier nicht mit den Sitzungen des Konzils zu befassen, welche sich auf den neuen Glaubensartikel beziehen. Es sei bloß erwähnt, daß er mit einer großen Majorität (451 gegen 88) genehmigt worden war. Man hatte wohl die ablehnenden Stimmen der vier französischen Kardinäle und der fünfundzwanzig Erzbischöfe oder Bischöfe bemerkt; aber die Majorität hatte Gesetzeskraft, und als das Dogma der Göttlichkeit des Papstes feierlich verkündigt worden war, sah man, wie vierhunderteinundfünfzig Prälaten sich vor dem päpstlichen Throne auf den Boden warfen und den »Göttlichen Vater« anbeteten; ein Ausdruck, der schon lang die alte Bezeichnung »Heiliger Vater« ersetzte.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums hieß der dem Papst verliehene Ehrentitel »Euer Apostolat«; später hatte man diesen alten Titel durch »Eure Heiligkeit« ersetzt; von jetzt an mußte man sagen »Eure Göttlichkeit«.

Das Konzil hatte sich in eine Anzahl von Abteilungen oder Studienausschüssen getrennt, und die oft behandelte Frage von dem Untergang der Welt hatte den ausschließlichen Gegenstand eines derselben gebildet. Es liegt uns ob, die Physiognomie der Hauptsitzung, welche dieser Diskussion gewidmet war, hier möglichst genau wiederzugeben.


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Vierhunderteinundfünfzig Prälaten beteten den Göttlichen Vater an.


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Der Patriarch von Jerusalem hatte als Erster das Wort ergriffen.


Der Patriarch von Jerusalem, ein Mann von großer Frömmigkeit und tiefem Glauben, hatte zuerst das Wort ergriffen. Er hatte sich lateinisch ausgedrückt; doch folgt hier eine getreue Wiedergabe seiner Worte.

»Ehrwürdige Väter, ich kann nichts Vernünftigeres thun, als die heiligen Evangelien vor Ihnen aufzuschlagen. Gestatten Sie mir, die Worte des Textes zu lesen:

›Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwüstung, davon gesagt ist durch den Propheten Daniel, daß er steht an der heiligen Stätte (wer dies liest, der merke darauf!), alsdann fliehe auf die Berge, wer im jüdischen Lande ist. Und wer auf dem Dache ist, der steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu holen, und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seine Kleider zu holen (Matth. 24. 15– 18).

Wehe aber den Schwangeren und Säugenden zu der Zeit. Bittet aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter, oder am Sabbat. Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, als die nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher und als auch nicht werden wird (Matth. 24. 19–21).

Und wo diese Tage nicht würden verkürzet, so würde kein Mensch selig, aber um der Auserwählten willen werden die Tage verkürzet (Matth. 24. 22).

Gleichwie der Blitz aufgehet vom Aufgang und scheinet bis zum Niedergang, also wird auch sein die Zukunft des Menschensohnes (Matth. 24. 27).

Bald aber nach der Trübsal derselbigen Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden sich bewegen (Matth. 24. 29).

Und alsdann werden alle Geschlechter sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden von einem Ende des Himmels bis zum andern.‹ (Matth. 24. 30, 31.)

Das sind, meine ehrwürdigen Brüder, die Worte Jesu Christi.

Und der Herr hat nicht unterlassen, hinzuzufügen:

›Wahrlich, ich sage euch, es stehen etliche hier, welche nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich.‹ (Matth. 16. 28.)

Diese Worte sind buchstäblich den heiligen Evangelien entnommen.*

* S. auch Mark. 13 und Luk. 17 und 21.

Sie wissen auch, ehrwürdige Väter, daß die Offenbarung Johannis das Weltgericht in noch bedeutungsschwereren Ausdrücken schildert. Da aber die heiligen Schriften jedem von Ihnen wörtlich bekannt sind, so wäre es überflüssig, wenn nicht gar unpassend, vor so vieler Gelehrtheit hier noch Citate anzuführen, welche jedem von Ihnen geläufig sind.«


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Das »Jüngste Gericht« des Michel Angelo
dehnte sich wie ein apokalyptischer Himmel aus.


Dies war die Einleitung der Rede des Patriarchen von Jerusalem. Er teilte seine Ansprache in drei Teile: 1. Das Wort Jesu Christi; 2. die evangelische Tradition und 3. das Dogma von der Auferstehung der Leiber und vom jüngsten Gericht.


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Jesus prophezeit das Ende der Welt.


Die Rede, welche anfänglich eine Art geschichtliche Darlegung war, nahm bald den Charakter einer Predigt von ungeheurer Weitläufigkeit an, und nachdem der Redner von St. Paulus an auf Clemens von Alexandrien, Tertullian und Origines übergegangen war, kam er auf das Nicäische Konzil und auf das Dogma von der allgemeinen Auferstehung zu reden.

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Er ließ sich von seinem Gegenstand in einem erhabenen Gedankenflug fortreißen, welcher auf die ganze Versammlung der Bischöfe einen tiefen Eindruck machte. Mehrere, welche nicht mehr daran glaubten, fühlten sich wieder von dem apostolischen Glauben der ersten Jahrhunderte erfüllt; so groß ist die Macht der Beredsamkeit. Man muß sagen, daß der Ort der Versammlung ausgezeichnet zu dem Gegenstand der Verhandlung paßte. Es war die Sixtinische Kapelle. Das ungeheure und großartige Gemälde Michel Angelos dehnte sich wie ein neuer apokalyptischer Himmel vor aller Augen aus. Die entsetzliche Zusammenhäufung von Körpern, Armen, Beinen, mit gewaltsamen und eigentümlichen Verkürzungen, der zürnende, blitzschleudernde Christus, die von Teufeln mit bestialischen Gesichtern weggeschleppten Verdammten, die aus den Gräbern hervorkommenden Toten, die sich wieder mit Fleisch bedeckenden und lebendig werdenden Gerippe, der entsetzliche Schrecken der vor dem Zorn Gottes erzitternden Menschheit: alles dies schien den beredten, oratorischen Perioden des Patriarchen Leben und Wirklichkeit zu verleihen. Auf Augenblicke glaubte man bei gewissen Lichtwirkungen die Posaunen des Gerichts zum Vorschein kommen zu sehen, sogar die fernen Töne des Rufes aus dem Himmel zu hören und zu bemerken, wie sich alle diese wiederauferweckten Leiber zwischen Himmel und Erde bewegten und wieder belebten!

Kaum hatte der Patriarch von Jerusalem seine Rede beendigt, so stürzte einer der unabhängigen Bischöfe, einer der heißblütigsten Dissidenten des Konzils, der gelehrte Mayerstroß, auf die Tribüne und behauptete, daß man in den Evangelien, in den kirchlichen Überlieferungen und sogar in den Dogmen nicht alles wörtlich nehmen dürfe. Ausgehend von dem Worte der Heiligen Schrift: »Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig« behauptete er, alles ändere sich, alles unterliege dem Gesetze des Fortschritts. Die Welt gehe voran. Die aufgeklärten Christen könnten einige Sätze nicht mehr für möglich halten. Diese, setzte er hinzu, wären gut für die Kirche der Katakomben. Solche Ideen stünden im Widerspruch zur Wissenschaft, und die ehrwürdigsten Väter wüßten viel besser als er, daß man jetzt im Einklang mit der Wissenschaft stehen müsse, welche aufgehört habe, wie zu Galileis Zeiten die demütige Dienerin der Kirche (theologiae humilis ancilla) zu sein. Die Leiber könnten selbst durch ein Wunder nicht wiederhergestellt werden, da ja ihre Moleküle wieder zur Natur zurückkehrten und nacheinander einer Menge von Wesen, Pflanzen, Tieren und Menschen angehörten.


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Die Verdammten..


Wir seien aus dem Staube der Toten gebildet, und in Zukunft würden die Sauer, Wasser, Stick- und Kohlenstoff, die Phosphor, Schwefel- und EisenMoleküle, aus denen ihre (der Väter) Muskulatur und Knochen beständen, anderen menschlichen oder tierischen Organismen einverleibt werden. Es bestehe ein beständiger Stoffwechsel, sogar während des Lebens. Es stürbe in der Sekunde ein menschliches Wesen; das mache mehr als sechsundachtzigtausend täglich, mehr als dreißig Millionen jährlich, über drei Milliarden im Jahrhundert. Hundert Jahrhunderte — und das sei nichts Ungeheures im Leben eines Planeten — bloß hundert Jahrhunderte gäben dreihundert Milliarden Auferstandene. Wenn die Menschheit auf Erden nur hunderttausend Jahre lebte, — und jeder in der Versammlung wisse sehr gut, daß die geologischen und astronomischen Perioden sich nach Millionen Jahren beziffern — wie sollte sie so etwa dreitausend Milliarden Männer, Weiber und Kinder auf den Richtplatz stellen. Und seine Schätzung sei noch die möglichst bescheidene, da er die Zunahme der Erdenbevölkerung nach Jahrhunderten nicht berücksichtige. Man könnte ihm antworten, daß bloß die Christen wieder auferstehen würden! Nun, was sollte denn aus den andern werden? Sollte zweierlei Maß und Gewicht gelten? Sollte Tod und Leben, Tag und Nacht, Schwarz und Weiß nebeneinander bestehen, und göttliche Ungerechtigkeit und Willkür in der Schöpfung herrschen? Diese Lösung würden die ehrwürdigsten Väter gewiß nicht gutheißen; denn das ewige Gesetz sei für alle gleich. Wo wollten sie nun diese Tausende von Milliarden Auferstandener hinbringen? Sie möchten ihm doch das Thal Josaphat zeigen, welches geräumig genug sei, um jene aufzunehmen. Wolle man sie über den ganzen Erdball verbreiten? Wolle man die Oceane und die Eisfelder an den Polen beseitigen? Wolle man die Erde mit einem Wald menschlicher Körper umgeben? Gut! Wie sollten alsdann diejenigen bei den Antipoden den Gottmenschen sehen? »Er wird eine Reise um die Welt machen!« werde man ihm einwenden. Immerhin. Und nachher? Was sollte aus jener ungeheuren Bevölkerung werden? Wolle man die Auserwählten in den Himmel und die Verdammten in die Hölle verbringen? Wohin? ... So ergäben sich Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, Ungereimtheiten über Ungereimtheiten. Die ehrwürdigsten Väter möchten erkennen, daß gewisse Glaubenssatzungen nicht buchstäblich genommen werden dürften, ja, nicht könnten. Er möchte wünschen, es wären keine Theologen mit geschlossenen Augen da, welche in sich hineinsähen, sondern Astronomen mit offenen Augen, welche nach außen sähen!

Diese Worte waren nur unter einem unbeschreiblichen Tumult ausgesprochen worden; mehrmals hatte man dem kroatischen Bischof das Wort entziehen wollen, doch die Vorschriften des Konzils selbst standen dem entgegen, und der Beratung war die größte innere Freiheit gewährleistet. Ein irischer Kardinal wollte den Bannstrahl der Kirche auf ihn herabschleudern und sprach von Exkommunikation und Bannfluch; aber man sah, wie einer der höheren Prälaten der gallikanischen Kirche, der Erzbischof von Paris in selbsteigner Person, die Tribüne bestieg und erklärte, daß man das Dogma der Auferstehung der Toten diskutieren könnte, ohne sich einen kanonischen Tadel zuzuziehen, und daß es auf eine Vernunft und Glauben versöhnende Weise sich erklären lasse. Man könnte, ihm nach, das Dogma zulassen und die Auferstehung unserer eignen Leiber dennoch aus Vernunftgründen für unmöglich erkennen.

»Thomas von Aquino,« sagte er, »versicherte, daß die vollständige Auflösung aller menschlichen Körper vor der Auferstehung durch das Feuer bewirkt werden würde (Summa theologica III.) Ich füge nach Don Calmet (Abhandlung über die Auferstehung der Toten) gerne hinzu, daß es der Allmacht des Schöpfers nicht unmöglich ist, die zerstreuten Moleküle wieder derart zu vereinigen, daß in dem auferstandenen Körper keins ist, das ihm nicht zu irgend welcher Zeit seines sterblichen Lebens angehört hat. Ein solches Wunder ist jedoch nicht nötig. St. Thomas hat (l. c.) selbst gezeigt, daß diese völlige Identität der Materie keineswegs unerläßlich sei, um die vollkommene Identität des auferstandenen Körpers mit dem durch den Tod zerstörten Körper herzustellen. Ich teile sicherlich nicht die etwas umstürzlerischen Ideen unseres geehrten Kollegen, aber ich glaube wie er, daß der Buchstabe dem Geiste weichen muß.

Welches ist nun das Identitätsprinzip der lebenden Körper? Sicherlich besteht es nicht in der vollständigen und dauernden Identität des Stoffs dieser Körper. In der That würden in der das physiologische Leben ausmachenden beständigen Flut und unaufhörlichen Erneuerung der Stoffe, welche nacheinander einem und demselben Körper von seiner Kindheit bis zum Alter angehört haben, hinreichen, um ein kolossales Standbild daraus zu formen. In diesem Lebensstrom gehen und wechseln die Stoffe unablässig; aber der Organismus bleibt derselbe, obgleich Größe, Gestalt und der innere Bau sich ändern. Wird der keimende Stengel einer Eiche zwischen seinen beiden Samenlappen aufgehört haben, dieselbe Pflanze zu sein, wenn er ein majestätischer Baum geworden sein wird? Wird der noch in dem Ei enthaltene Embryo der Raupe nicht mehr dasselbe Insekt sein, wenn er Raupe, dann Puppe, dann Schmetterling geworden sein wird? Wird die menschliche Leibesfrucht aufhören, dasselbe Individuum zu sein, wenn sie Kind, Mann, Greis geworden sein wird? Gewiß nicht. Nun bleibt wohl in der Eiche, in dem Schmetterling, in dem Menschen ein einziges wägbares Molekül des keimenden Stammes der Eiche, des Embryos der Raupe, des menschlichen Fötus zurück? Welches ist also das Prinzip, das durch alle diese Veränderungen hindurch bestehen bleibt? Dieses Prinzip ist etwas Reelles, nichts Gedachtes. Es ist nicht die Seele; denn die Pflanzen leben und haben keine Seele in dem Sinne, welchen wir an das Wort knüpfen müssen. Es ist aber dennoch ein unwägbares Agens. Überlebt es den Körper? Es ist möglich. St. Gregor von Nyssa glaubte es. Wenn es mit der Seele verbunden bleibt, kann es dazu berufen sein, ihr selbst dann wieder einen neuen, mit dem durch den Tod aufgelösten identischen Körper zu geben, wenn dieser Körper auch keines der Moleküle besäße, die er in irgendwelchem Moment seines Erdenlebens besessen hatte. Und doch wird das ebensowohl unser Körper sein, als derjenige, den wir mit fünf, fünfzehn, dreißig oder sechzig Jahren gehabt haben.

Ein solcher Körper verträgt sich durchaus mit den Worten der Heiligen Schrift, nach welcher es gewiß ist, daß die Seelen, nachdem sie ein getrenntes Leben geführt haben, am Ende der Zeiten und für immer wieder von ihren Leibern Besitz ergreifen werden.

Gestatten Sie mir, ehrwürdigste Väter, dem heiligen Gregor von Nyssa auch noch einen Philosophen beizugesellen, nämlich Leibniz. Nach der Ansicht desselben ist das Prinzip des physiologischen Lebens unwägbar, aber nicht unkörperlich, und bleibt die Seele mit diesem Prinzip verbunden, wenn sie von dem wägbaren und sichtbaren Leibe getrennt ist. Ich will nicht sagen, daß ich diese Hypothese annehme, aber auch nicht, daß ich sie verwerfe. Ich bemerke bloß, daß sie zur Erklärung des Dogmas von der Auferstehung dienen kann, an welches jeder Christ unbedingt glauben muß.«

»Dieser lobenswerte Versuch, Vernunft und Glaube zu versöhnen,« unterbrach ihn der kroatische Bischof, »scheint mir sinnreicher als annehmbar. Werden jene Leiber den unsrigen gleichen? Wenn sie vollkommen sind, unzerstörbar, ihrer neuen Lebensbedingung angepaßt, so dürfen sie kein Organ besitzen, dessen sie sich nicht zu bedienen hätten. Weshalb einen Mund, da sie ja nicht mehr essen werden? Warum Beine, da sie ja nicht mehr gehen werden? Wozu Arme, da sie ja nicht mehr arbeiten werden? Wozu? ... Einer unserer alten Kirchenväter, Origines, dessen heldenmütiges, persönliches Opfer man nicht vergessen hat, hat sich gedacht, daß diese Leiber vollkommene Kugeln sein müßten. Dies wäre zwar folgerichtig; aber es wäre weder schön, noch sehr interessant.«

»Es empfiehlt sich, mit dem heiligen Gregor von Nyssa und dem heiligen Augustin anzunehmen,« versetzte der Erzbischof von Paris, »daß die auferstandenen Leiber die menschliche Form haben werden, als durchsichtigen Schleier der Schönheit der Seele.«

In diesen Worten wurde durch den französischen Kardinal die moderne Anschauung der Kirche über die Auferstehung der Leiber zusammengefaßt. Bezüglich der über den Ort der Auferstehung, die Zahl der Auferstandenen, die Kleinheit der Erdoberfläche, den dauernden Aufenthalt der Erwählten und der Verdammten erhobenen Einwürfe konnte man sich wegen unlöslicher Widersprüche nicht verständigen.

Wir müssen jedoch die sehr originelle Idee hervorheben, welche ein Prediger vom Orden des Bethauses,* ein Anwärter auf die Kardinalswürde, aussprach und also lautete: die dereinst zur Aufnahme der Auferstandenen bestimmte Welt wird eine ungeheure hohle Kugel sein, die in ihrem Mittelpunkt von einer nie verlöschenden Sonne erleuchtet und auf ihrer inneren Fläche bewohnt sein wird. »So wäre,« sagte er, »das Rätsel des ewigen Tages im Jenseits gelöst.«

* 1574 von Philipp von Neri in Rom gestiftet.

Der Eindruck, welcher sich in den Geistern erhielt, war trotz aller Vorschläge der, daß auch hier die Dinge bildlich genommen werden müßten; daß weder der Himmel, noch die Erde der Theologen gewisse Örter vorstellen sollen; daß dies Seelenzustände, des Glücks oder des Unglücks, seien, und daß das ewige Leben, welches auch seine Form sein möge, auf den unzähligen Welten, welche im unendlichen Raum schweben, werde zur Wahrheit werden können und müssen.

So schien es, als hätte sich der christliche Gedanke in den erleuchteten Geistern allmählich den Fortschritten in der Astronomie und in allen Wissenschaften gemäß umgestaltet.

Der Papst und die meisten Kardinäle hielten jedoch immer noch an dem strikten und absoluten Sinn der alten Glaubenslehren und an den von den alten Konzilen aufgestellten Dogmen fest.

Von dem Kometen war wenig die Rede. Dennoch ordnete der Papst telephonisch in allen mit ihm in beständiger Verbindung stehenden Diözesen öffentliche Gebete an, um den göttlichen Zorn zu mildern und die Hand des höchsten Richters von der Christenheit abzuwenden. In allen Kirchen ließen eigens dazu aufgestellte Phonographen sogar die Stimme des römischen Bischofs vernehmen.

Vorstehende Scene fand Dienstag abend statt, d. h. am Tage nach den weiter oben erwähnten beiden Sitzungen in Paris. Der Göttliche Vater hatte die Aufforderung des Präsidenten des Instituts, sich für den kritischen Tag aus Italien zu entfernen, zwar übergeben; allein man hatte keine Rücksicht darauf genommen: einmal, weil der Tod für alle Christen eine Befreiung ist, dann, weil die Mehrzahl der Theologen sogar die Existenz der Marsbewohner bestritt, und endlich, weil ein Konzil von Bischöfen unter dem Vorsitze des Göttlichen Vaters sich nicht den Anschein geben konnte, als empfände es Furcht, und weil es sich eine gewisse Zuversicht bewahren muß auf die Wirksamkeit des Gebets und auf die Erhebung der Seelen zu Gott, welcher die Himmelskörper allmächtig lenkt.

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Sechstes Kapitel
Der Glaube an den Untergang der
Welt durch alle Zeiten hindurch

In dem Gewölke erblickt' ich des Jüngsten
Gerichts Posaune;
Lautlos schien sie zu warten, am inneren
Thore des Himmels,
Auf den erschütternden Ruf des geflügelten
Boten Jehovas.

V i c t o r  H u g o, Die Posaune des Gerichts


Hier dürfte der Ort sein, um einen Augenblick zu verweilen und dieses erneuerte Warten auf den Untergang der Welt mit allen früheren Erwartungen zu vergleichen. Lassen wir daher die eigentümliche Geschichte der Jahrhunderte hindurch gehegten Vorstellung von dem Weltuntergang vor unserm Geiste vorüberziehen. Überdies kannte man auf dem ganzen Erdball, in allen Ländern und in allen Zungen keinen andern Gegenstand der Unterhaltung mehr.

Die Reden der Väter des Konzils in Rom wurden in der Sixtinischen Kapelle noch fortgesetzt und führten in ihrer Gesamtheit bezüglich des Dogmas: »Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches« zu der von dem KardinalErzbischof von Paris gedrängt dargestellten schließlichen Deutung. Der Schluß: »und an ein ewiges Leben« wurde stillschweigend den späteren Entdeckungen der Astronomen und der Psychologen überlassen. Jene Reden hatten gewissermaßen die geschichtliche Darstellung der seit Jahrhunderten herrschenden christlichen Lehre von dem Ende der Welt gebildet.

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Das Studium dieser Lehre ist merkwürdig; denn es zeigt zugleich, wie der Mensch zu verschiedenen Zeiten seiner eigenen letzten Bestimmung gegenüber dachte. Wir glauben dem Interesse unserer Leser zu entsprechen, wenn wir dieses Denken hier in einem besonderen Kapitel darlegen, und treten daher für einen Augenblick als Erzähler aus dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert ab, um auf die Gegenwart zurückzugreifen und über jenen Glauben entschwundener Zeiten uns in gedrängter Darstellung >auszusprechen.

Man hat Jahrhundertelang mit fester Überzeugung diesem Glauben angehangen.

Ein sehr beachtenswertes Moment ist, daß außerhalb der christlichen Lehre alle Religionen dieselbe Aussicht auf die uns verborgene äußerste Zukunft des irdischen Lebens eröffnet haben. Es ist die in der »Göttlichen Komödie« von Dante Alighieri eröffnete Aussicht auf das Paradies, auf die Hölle und das Fegefeuer, wenn auch nicht alle jene Aussicht geschildert haben.

Zoroaster und die ZendAvesta lehren, daß die Welt durch Feuer untergehen sollte. Dieselbe Idee findet man in der Epistel Petri. Es schien, daß die zweite Vernichtung des Menschengeschlechtes durch einen entgegengesetzten Vorgang stattfinden sollte, nachdem die Traditionen von Noah und Deukalion andeuten, daß eine erste durch eine große Flut bewirkt worden war.

Bei den Römern führen Lukrez, Cicero, Vergil, Ovid dieselbe Sprache und verkünden die nächste Zerstörung der Erde durch Feuer.

Im vorigen Kapitel wurde gezeigt, daß sogar in der Auffassung Jesu die Generation, zu welcher er sprach, nicht vor der von ihm angekündigten Katastrophe sterben sollte. St. Paulus, der eigentliche Begründer des Christentums, stellt jenen Glauben an die Wiederauferstehung und an das bevorstehende Ende der Welt als ein fundamentales Dogma der neuen Kirche dar. Er kommt im ersten Korintherbrief acht- bis neunmal darauf zurück.*

* 1. 7 und 8; 3. 13; 4. 5; 6. 2 und 3; 11. 26; 15 ganz.

Leider unterlagen die Jünger Jesu, denen er versichert hatte, daß sie vor seiner Wiederkunft nicht sterben würden, einer nach dem andern dem allgemeinen Gesetz. St. Paulus, welcher Jesus nicht persönlich gekannt hatte, der aber der streitbarste Apostel der entstehenden Kirche war, glaubte, daß er selbst die große Erscheinung erleben würde.* Aber alle starben, und das angekündigte Ende der Welt, die schließliche Ankunft des Messias, erfolgte nicht.

* Thessal. 4. 16–18: »Denn er selbst, der Herr, wird mit einem Feldgeschrei und Stimme des Erzengels, und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden auferstehen zuerst. Darnach wir, die wir leben und überbleiben, werden zugleich mit denselbigen hingerückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei dem Herrn sein allezeit. So tröstet euch nun mit diesen Worten untereinander.«

Der Glaube an dieselbe verschwand aber deshalb doch nicht. Man mußte also aufhören, die Vorhersagung des Meisters wörtlich zu nehmen, und in ihren Geist einzudringen suchen. Es war dies darum ein nicht weniger bedeutungsvoller Schritt für den evangelischen Glauben. Man begrub die Toten pietätvoll, man bettete sie ehrfurchtsvoll in den Sarg, statt sie von dem Feuer verzehren zu lassen, und man schrieb auf ihre Gräber, daß sie hier ruhten in der Erwartung der Auferstehung. Jesus mußte ja »bald« wiederkommen, um »die Lebendigen und die Toten« zu richten. Das Erkennungswort der Christen war: »Maran atha«, »der Herr wird bald kommen.«

Die Apostel Petrus und Paulus starben aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahr 64 in dem entsetzlichen Blutbade, das von Nero nach dem Brande von Rom befohlen worden war, den er hatte legen lassen, und dessen er die Christen beschuldigte, um das Vergnügen neuer Todesurteile kosten zu können. St. Johannes schrieb die Offenbarung im Jahr 69. Blut war die Signatur der Regierung Neros: der Märtyrertod erscheint als das natürlichste Los der Tugend. Die Apokalypse scheint unter dem Druck des allgemeinen Bannes der Geister geschrieben zu sein und zeigt den Antichrist Nero als den Vorläufer der endlichen Wiederkunft Christi. Von allen Seiten geschehen Wunder: Kometen, Sternschnuppen, Finsternisse, Blutregen, Erdbeben, Hungersnöte, Pesten und noch obendrein der Krieg der Juden und die Zerstörung Jerusalems. — Nie vielleicht drängten sich so viele Schrecken, so viele Grausamkeiten, so viele Thorheiten, so viele Katastrophen in einem so kurzen Zeitraum (64–69) zusammen. Die kleine Kirche Jesu schien gänzlich zerstreut; es war nicht mehr möglich, in Jerusalem zu bleiben. Die Schreckensregierung von 1793 und die Kommune von 1871 sind nichts gewesen im Vergleich mit den Greueln des Bürgerkriegs der Juden. Die Familie Jesu mußte die heilige Stadt verlassen und entfliehen. Jakobus, ein Bruder Jesu, war getötet worden. Falsche Propheten traten auf und erfüllten die Weissagung.

Der Vesuv bereitete seinen fürchterlichen Ausbruch von 79 vor, und schon war Pompeji im Jahr 63 durch ein Erdbeben zusammengestürzt.

Alle Anzeichen des Weltuntergangs waren also vorhanden, und nichts fehlte daran. Die Offenbarung Johannis verkündigt ihn. Jesus wird auf den Wolken herabkommen, die Märtyrer werden zuerst auferstehen. Der Engel des Gerichts erwartet nur noch den Befehl Gottes.

Aber nach dem Gewitter legt sich der Sturm; der schreckliche Krieg der Juden ist beendigt, der Tempel zu Jerusalem wird sich nicht wieder erheben, Nero fällt unter dem Aufstand Galbas, Vespasian und Titus führen den Frieden nach dem Kriege herbei (i. J. 71) und ... das Ende der Welt kommt nicht.

Von jener Zeit an bedurfte es einer neuen Deutung des Wortes des Evangeliums. Die Wiederkunft Christi wurde auf den Sturz der alten römischen Welt verschoben, was den Erklärern ein wenig Spielraum ließ. Die Schlußkatastrophe bleibt ja zu erwarten und sogar recht bald, in novissimo die; aber sie wird verhüllt durch unbestimmte Darstellungen, wodurch dem Worte der Prophezeiungen und sogar dem Geiste derselben jede Schärfe verloren geht. Gleichwohl erwartet man sie noch immer.

St. Augustin widmet das zwanzigste Buch seiner »Stadt Gottes« (i. J. 426) der Schilderung der Erneuerung der Welt, der Auferstehung, dem jüngsten Gericht und dem neuen Jerusalem; sein einundzwanzigstes Buch bringt die Beschreibung des ewigen höllischen Feuers. Der Bischof von Karthago glaubt vor dem Zusammenbruche Roms und des Kaisertums dem ersten Akte des Dramas anzuwohnen. Aber das Reich Gottes sollte tausend Jahre dauern, und Satan durfte erst nachher kommen.

St. Gregor, der Bischof von Tours (573), der erste Geschichtschreiber der Franken, beginnt seine »Geschichte« wie folgt:

»In dem Augenblick, wo ich die Kämpfe der Könige mit den feindlichen Völkern wieder vor Augen führen will, empfinde ich das Verlangen, meinen Glauben zu bekennen. Der durch die Erwartung des demnächstigen Endes der Welt hervorgerufene Schrecken bestimmt mich, aus den Chroniken die Summe der schon vergangenen Jahre zu ermitteln, damit man klar sehe, wieviel deren seit dem Beginn der Welt verflossen sind.«

Der Heiland war gekommen, um die Menschheit zu heiligen. Warum zögerte er, sie in den Himmel zu versetzen?

Die christliche Tradition pflanzte sich fort, von Jahr zu Jahr, von Jahrhunderten auf Jahrhunderte, trotz der Dementi der Natur. Jede Katastrophe: ein Erdbeben, eine Seuche, eine Hungersnot oder Überschwemmung — jede Naturerscheinung: eine Finsternis, ein Komet, Gewittersturm oder plötzliche Umnachtung, alles wurde als Vorboten des letzten Verhängnisses betrachtet. Die Christen zitterten, wie vom Wind bewegte Blätter, in der beständigen Erwartung des »Gerichts«, und erfolgreich unterhielten die Prediger diese mystische Furcht aller gewissensängstlichen Seelen.

Da Generationen dahingegangen waren und sich beständig erneuert hatten, so mußte man den Begriff der »Weltgeschichte« besser definieren. Nun klammerte sich der Geist der Erklärer an das Ende des Jahres 1000. Es gab mehrere Sekten Chiliasten, welche glaubten, daß Jesus Christus mit seinen Heiligen tausend Jahre v o r dem Tage des Gerichtes auf Erden herrschen würde. Der heilige Hieronymus, der heilige Papias, der heilige Sulpicius Severus teilten diesen Glauben. Mehrere übertrieben ihn sogar; durch die Verkündigung einer Art allgemeinen Hochzeit der Auserwählten verliehen sie ihm einen sinnlichen Charakter. Der heilige Hieronymus und der heilige Augustin trugen viel zur Diskreditierung dieser Theorien bei, ohne jedoch dadurch dem Glauben an das Dogma der Auferstehung zu nahe zu treten. Die Erklärungen der Offenbarung Johannis trieben inmitten der düsteren Zeiten des Mittelalters fortwährend neue Blüten, und die Meinung, daß das Jahr 1000 das Ende der Dinge und ihre Neugestaltung bezeichnete, entwickelte sich besonders während des zehnten Jahrhunderts.

Der Glaube an das demnächstige Reich der Welt wurde, wenn auch nicht herrschend, so doch wenigstens allgemein. Mehrere Urkunden jener Zeit beginnen mit den Worten: »Termino mundi appropinquante«, »Bei dem herannahenden Ende der Welt« oder »Da das Ende der Welt herannaht«. Trotz einiger Widersprüche scheint es uns schwierig, die Ansicht der Historiker, namentlich eines Michelet, Henri Martin, Guizot und Duruy, über die Allgemeinheit dieses Glaubens in der Christenheit nicht zu teilen. Sicherlich scheinen weder der französische Mönch Gerbert, der damalige Papst Sylvester II., noch der König Robert von Frankreich ihr Leben nach diesem Glauben geregelt zu haben; aber er war darum nicht weniger in die ängstlichen Gemüter eingedrungen, und die folgende Stelle der Offenbarung Johannis lag sehr vielen Predigten als Text zu Grunde:


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Das Meer gab seine Toten zurück.


»Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird Satanas los werden aus seinem Gefängnis und wird ausgehen zu verführen die Heiden in den vier Örtern der Erde ... und ein anderes Buch war aufgethan, welches ist des Lebens, und das Meer gab die Toten, die darinnen waren, und der Tod und die Hölle gaben die Toten; und sie wurden gerichtet ein jeglicher nach seinen Werken durch Denjenigen, welcher sitzt auf dem Thron ... und es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben.« *

* Kap. 20. 7ff.


Ein Einsiedler in Thüringen, Bernhard, hatte gerade diese rätselhaften Worte in der angedeuteten Weise benutzt; gegen das Jahr 960 hatte er den Untergang der Welt öffentlich verkündigt. Es war einer der thätigsten Verbreiter der Prophezeiung. Er setzte sogar den verhängnisvollen Tag auf das Datum fest, an welchem die Verkündigung Mariä mit dem Karfreitag zusammenfiele, was im Jahr 992 stattfand, ohne irgend welche Katastrophe im Gefolge zu haben.

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Ein Mönch aus Corbie, Namens Druthmare, kündigte wieder die Zerstörung des Erdballs auf den 25. März des Jahres 1000 an. Der Schrecken war so groß, daß sich das Volk an jenem Tag in vielen Städten in den Kirchen einschloß und bis Mitternacht darin blieb, um dort das Zei chen des jüngsten Gerichtes zu erwarten und am Fuße des Kreuzes zu sterben.

Aus jener Zeit datieren eine große Anzahl Schenkungen.

Man vermachte seine Ländereien, seine Güter den Klöstern, welche sie annahmen und dabei doch das nahebevorstehende Ende der Dinge hienieden predigten. Es ist eine glaubwürdige, sehr merkwürdige Chronik auf uns gekommen, die von dem Mönche Raoul Glaber im Jahr 1000 geschrieben wurde. Darin liest man gleich auf den ersten Seiten: »Satanas wird bald seiner Fesseln entledigt werden (nach der Prophezeiung Johannis), da die tausend Jahre um sind. Von diesen Jahren wollen wir nun reden.«

Das Ende des zehnten und der Anfang des elften Jahrhunderts bezeichnen eine wahrhaft seltsame und finstere Zeit. Von 980 bis 1040 scheint es, als ob das Gespenst des Todes seine Fittiche über die Welt ausbreite. Hungersnot und Pest herrschen über ganz Europa. Da ist zuerst »das heilige Feuer«,* welches die Glieder verzehrt und sie vom Körper ablöst: das Fleisch der Kranken schien vom Feuer berührt zu sein, fiel von den Knochen ab und ging in Fäulnis über. Diese Unglücklichen bedeckten die Straßen nach den Wallfahrtsorten, starben in der Nähe der Kirchen, häuften sich dort an, erfüllten sie mit Gestank und blieben tot auf den Reliquien der Heiligen liegen. Diese entsetzliche Pest mähte mehr als vierzigtausend Menschen in Aquitanien hin und verwüstete ganz Südfrankreich.

* Eine im 12. Jahrhundert in Frankreich epidemisch herrschende Blatterrose.

Die Hungersnot kam und wütete unter der Christenheit. Auf dreiundsiebenzig Jahre, von 987–1060, kamen achtundvierzig Hunger- und Seuchenjahre. Die Barbarei hatte wieder die Oberhand gewonnen. Die Wölfe hatten die Wälder verlassen, und die Menschen kämpften mit ihnen um ihr Leben.


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Sie verteidigten ihr Leben gegen die Wölfe.


Der Einfall der Ungarn, von 910–945, hatte die Schrecken Attilas erneuert. Darauf hatte man sich so herumgeschlagen, von Schloß zu Schloß, von Provinz zu Provinz; es war alles so verwüstet worden, daß man die Felder nicht mehr bebaute. Es regnete drei Jahre lang: man konnte weder säen, noch ernten. Der Boden brachte nichts mehr hervor: man gab ihn auf. »Der Scheffel Korn,« schreibt Glaber, »stieg auf sechzig Gold-Sols; die Reichen magerten ab und wurden bleich; die Armen nagten an den Wurzeln der Bäume; mehrere ließen sich dazu fortreißen, Menschenfleisch zu verzehren. Auf den Wegen ergriffen die Stärkeren die Schwachen, zerrissen sie, brieten und aßen sie. Einige reichten Kindern ein Ei oder eine Frucht und lockten sie abseits, um sie zu verschlingen. Dieses Delirium, diese Wut ging so weit, daß das Vieh sicherer war als der Mensch. Kinder töteten ihre Eltern, um sie zu verspeisen; Mütter verschlangen ihre Kinder. Wie wenn es von jetzt an Sitte gewesen wäre, Menschenfleisch zu essen, trat einer auf, welcher es wagte, solches auf dem Markte zu Tournus zum Verkauf auszulegen. Er leugnete es nicht und wurde verbrannt. Ein anderer ging hin und grub nachts dieses selbe Fleisch aus, aß es und wurde gleichfalls verbrannt.«

Bald spricht ein Zeitgenosse so, bald ein Augenzeuge. Die Völker verhungern überall, essen Gewürm, unreine Tiere, Menschenfleisch. In dem Wald bei Mâcon, in der Nähe einer dem heiligen Johannes gewidmeten, tief im Walde versteckten Kirche hatte ein Mörder eine Hütte errichtet, in welcher er den Vorübergehenden und den Pilgern den Hals abschnitt. Eines Tages traten ein Reisender und seine Frau in die Hütte, um sich darin auszuruhen. Sie gewahrten Menschenschädel, Totenköpfe, welche den Boden bedeckten. Da erheben sie sich, um zu fliehen; aber der Wirt giebt sich den Anschein, als wolle er sie schützen. Sie wehren sich dagegen, gewinnen das Weite und erzählen die Sache bei ihrer Ankunft in Mâcon. Man schickt Soldaten nach der blutigen Herberge, und zählt dort achtundvierzig Totenköpfe. Der Mörder wird nach der Stadt geschleppt, an einem Balken aufgehängt und lebendig verbrannt. Raoul Glaber hat den Ort und die Asche des Scheiterhaufens gesehen.

Es war ganz Sitte geworden, sich gegenseitig aneinander zu vergreifen, sich zu schlagen und auszuplündern. Die Geißeln des Himmels hatten aber das Gute, daß sie der Vernunft zum Durchbruch verhalfen. Die Bischöfe traten zusammen. Man versprach ihnen, sich drei Tage in der Woche nicht zu schlagen, vom Mittwoch abend bis Samstag morgen. Das nannte man den »Gottesfrieden«.

Der Untergang einer so erbärmlichen Welt war der Gegenstand der Hoffnung und zugleich des Schreckens in jener entsetzlichen Zeit.

Indessen ging das Jahr 1000 vorüber, wie die früheren, und die Welt stand noch immer. Hatten sich die Propheten wieder geirrt? Jesus war im Alter von dreiunddreißig Jahren gekreuzigt worden; dauerte da ein tausendjähriges Christentum nicht bis zum Jahre 1033? Man wartete und hoffte weiter. Aber gerade in jenem Jahre, am 29. Juni 1033, fand eine große Sonnenfinsternis statt. »Das Lichtgestirn,« erzählt man, »ward safranfarbig; wenn sich die Menschen einander ansahen, sahen sie bleich wie die Toten aus; alle Gegenstände nahmen eine aschfahle Färbung an, Beklommenheit ergriff alle Herzen, man war auf einen allgemeinen Zusammenbruch gefaßt ...« Das Ende der Welt kam wieder nicht.


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Sie gewahrten menschliche Gebeine, Totenköpfe.


Gerade jener kritischen Zeit verdankt man die Erbauung jener herrlichen Kathedralen, welche Jahrhunderte überdauert haben und noch heute ein Gegenstand der Bewunderung sind. Ungeheure Gaben ließ man dem Klerus zufließen, Schenkungen und Vermächtnisse bereicherten ihn immer noch mehr. Es war, wie wenn eine neue Morgenröte anbräche. »Nach dem Jahre 1000,« schreibt der genannte R. Glaber, »wurden die geweihten Basiliken fast in der ganzen Welt von Grund auf neu aufgebaut, besonders in Italien und in Gallien, obgleich die meisten noch widerstandsfähig genug waren, um keiner Ausbesserung zu bedürfen. Aber die christlichen Völker schienen miteinander in der Pracht zu wetteifern, um Kirchen zu erbauen, von denen die eine immer kunstreicher werden sollte als die andere. Man hätte sagen können, die ganze Welt habe auf einen Schlag die Lumpen ihres Altertums abgeschüttelt, um ein weißes Kleid anzulegen. Die Glaubenstreuen begnügten sich nicht damit, beinahe alle Episkopalkirchen wieder aufzubauen; sie verschönerten auch die verschiedenen Heiligen gewidmeten Klöster und selbst die Dorfkapellen.«

Das Sterbejahr 1000 war zu den dahingeschwundenen Jahrhunderten hinabgesunken. Aber welche Drangsale hatte nicht die Kirche durchgemacht? Die Päpste waren in bewaffnetem Rangstreit der Spielball der sächsischen Kaiser und der Fürsten Mittelitaliens.*/p>

* Im Jahre 1033, dem Jahre der großen Hungersnot, hatten die Grafen von Toskana ein Kind von zwölf Jahren zum Papste gemacht, Benedikt IX., der seinem Alter sehr vorausgeeilt, schon ein Wüstling, Dieb und Mörder war. Er war noch nicht 16 Jahre alt, als das Ärgernis seinen Höhepunkt erreicht hatte und die Heerführer in Rom schwuren, ihn am Altar in dem Augenblick zu erwürgen, wo er die Hostie in seinen unreinen Händen halten würde. Die oben erwähnte Sonnenfinsternis rettete ihn; die Verschworenen wagten in ihrem Entsetzen nicht, Hand an den Papst zu legen.** Dessenungeachtet mußte er entfliehen und zog sich nach Cremona zum Kaiser Konrad zurück. Heinrich III. setzte ihn 1038 wieder ein, und man sah ihn noch sechs Jahre wie ein Sultan in seinem Harem leben. Man glaubte, er würde abdanken, um die Tochter eines römischen Barons zu heiraten; aber er blieb Papst, und das Volk verjagte ihn 1044 aus Rom, um ihn durch einen würdigeren Papst, Sylvester III., zu ersetzen. Sieben Wochen nachher kam Benedikt an der Spitze einer Räuberbande zurück. Endlich dankte er im folgenden Jahre gegen die Rente des englischen St. Peterspfennigs ab, der ihm durch Vertrag mit seinem Nachfolger, Gregor VI., versprochen wurde. Im Jahre 1045 gab es drei Päpste: Benedikt IX., der von der Feudalgarde, die nicht entwaffnet hatte, anerkannt worden war; Sylvester III., der in einem festen Schlosse im Sabinischen Gebirge residierte, und Gregor VI., der Pfarrer von Rom, im Vatikan. Kaiser Heinrich III. ließ Gregor und Sylvester durch ein Konzil zugleich absetzen und in ein Kloster einsperren und ernannte einen vierten Papst, Clemens II., der in der heiligen Nacht zu Weihnachten 1046 gesalbt wurde. Aber Benedikt war nicht unthätig. Im nächsten Jahre stürzte er sich wie ein Geier auf Rom, ließ den deutschen Papst vergiften und regierte noch acht Monate auf dem Stuhl Petri. Das Heer des Grafen von Toskana rückte mit einem neuen Papst in Rom ein und ließ jenen für immer von der Bildfläche verschwinden. Er war damals sechsundzwanzig Jahre alt. So war einer der Päpste jener Epoche. Der Mönch R. Glaber wagt kaum davon zu sprechen; er begnügt sich damit, zu sagen: »Es wäre etwas zu Entsetzliches, über sein schändliches Leben sich auszusprechen.«

** Wäre diese Finsternis, welche die Ermordung eines 16jährigen Papstes im Augenblick der Erhebung der Monstranz verhindert, nicht ein schöner Vorwurf für einen Maler?

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Die ganze Christenheit befand sich in einer unsäglichen Unordnung. Die Plage ging vorüber; aber das Rätsel des Endes der Zeiten war darum nicht gelöst, und weil die Erwartung unbestimmt und unsicher war, verschwand sie um so weniger, als der Glaube an den Teufel und an Wunder noch auf viele Jahrhunderte sogar dem Volksaberglauben zu Grunde liegen sollte. Die letzte Scene des jüngsten Gerichts war an den Portalen aller Kathedralen in Stein ausgehauen, und niemand nahte sich den Stätten der christlichen Gottesverehrung, ohne unter der Wage des Engels hindurchzugehen, auf dessen linker Seite die Teufel und die Verdammten sich in dem Augenblick in sonderbaren und phantastischen Krümmungen wanden, wo sie in die Flammen des ewigen Feuers gestürzt werden sollten. Doch die Idee des Weltuntergangs drang weit über die Kirchen hinaus.

Im zwölften Jahrhundert erschreckten die Astrologen Europa durch die Ankündigung eines in dem Sternbild der Wage erfolgenden Zusammentreffens aller Planeten. Dasselbe fand wirklich statt; denn am 15. September 1186 fanden sich alle Planeten zwischen dem 180. und 190. Längegrad beisammen. Aber das Ende der Welt kam nicht.

Der berühmte Alchimist Arnold von Villeneuve kündigte es für das Jahr 1325 wieder an. Im Jahre 1406, unter Karl VI., verursachte eine am 16. Juni eingetretene Sonnenfinsternis eine allgemeine Panik, zu deren Schilderer sich Juvenal vom Orden der Ursiner gemacht hat. »Es war ein großer Jammer,« sagt er, »wenn man sah, wie sich das Volk in die Kirchen zurückzog; und man glaubte, daß die Welt untergehen müsse.« Der heilige Vincent Ferrier schrieb im Jahre 1491 eine Abhandlung: »Über den Untergang der Welt und der geistigen Wissenschaft«; er giebt der Christenheit noch so viel Jahre zu leben, als der Psalter Verse hat, nämlich 2537.


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Ein Komet aus dem Prodigiorum Chronikon (1557).


Ein deutscher Astrolog, Namens Stoffler, kündigte seinerseits auf den 20. Februar 1524 eine allgemeine Flut als Folge der Konjunktion der Planeten an. Die Panik war allgemein. Die in den Thälern, an den Flußufern oder in der Nähe des Meeres gelegenen Besitzungen wurden zu einem Spottpreise an weniger leichtgläubige Leute verkauft. Ein Doktor in Toulouse, Namens Auriol, ließ sich für sich, seine Familie und seine Freunde eine Arche bauen, und Bodin versichert, daß derselbe darin nicht der einzige war. Es gab wenig Zweifler. Der Großkanzler Karls V. hatte Peter Martyr um Rat gefragt, und dieser antwortete, daß das Unglück nicht so arg sein würde, als man glaube, daß aber diese Konjuktionen große Störungen mit sich bringen würden. Der verhängnisvolle Tag kam herbei — und nie sah man einen so trockenen Februar! Das verhinderte aber nicht, daß neue Prognostika gestellt wurden, und zwar für das Jahr 1532 von dem Astrologen des Kurfürsten von Brandenburg, Johann Carion, und dann für 1584 von dem Astrologen Cyprian Leowitz.


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Mittelalterliche Himmelserscheinungen.


Auch hier handelte es sich um eine Planetenkonjunktion und um eine Flut. »Der Schrecken unter dem Volke war ungeheuer,« schreibt ein Zeitgenosse, Louis Guyon; »die Kirchen konnten die Zufluchtsuchenden nicht fassen; eine große Anzahl machten ihr Testament, ohne zu bedenken, daß dies etwas Nutzloses wäre, wenn jedermann sterben müßte; andere gaben ihre Güter den Geistlichen in der Hoffnung, daß ihre Gebete den Tag des Gerichts verzögern würden.«

Im Jahre 1588 wurde eine neue astrologische Voraussage in folgendem apokalyptischem Stil bekannt:


»Nach eintausendfünfhundertachtzig Jahren von Mariä Entbindung an wird das achte Jahr darauf ein seltsames und schreckenvolles Jahr sein. Wenn in diesem fürchterlichen Jahr der Erdball nicht in Staub zerfällt, wenn Erde und Meere nicht vernichtet werden; so werden doch alle Reiche der Welt gestürzt werden, und große Trauer wird das Menschengeschlecht darniederbeugen.«


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Mittelalterliche Himmelserscheinungen.


Man findet in den Büchern jener Zeit, namentlich in der Chronik der Wunder — veröffentlicht 1557 von Konrad Lykosthenes — eine Menge wahrhaft phantastischer Beschreibungen und Gestalten, welche jene mittelalterlichen Schrecken sehr gut erkennen lassen.

Der berühmte Wahrsager Nostradamus gehörte natürlich auch zu der Gruppe astrologischer Propheten. Man schreibt ihm namentlich folgenden vielfach kommentierten Vierzeiler zu:


Wenn St. Georg aufs Kreuz ihn* legt.
Markus drauf ihn wieder weckt,
St. Johannes dann ihn trägt;
Letzte Stund' der Welt dann schlägt.

* Den Leichnam Christi


Das soll heißen, daß, wenn Ostern auf den 25. April (den St. Markustag) fällt, dann wird der Karfreitag auf den 23. (den St. Georgstag) und der Fronleichnamstag auf den 24. Juni (den Johannestag) fallen. Dieser Vierzeiler hat etwas versteckt Schalkhaftes; denn zur Zeit des Nostradamus — er starb 1566 — war der Kalender noch nicht verbessert (er wurde es erst 1582)*, und Ostern konnte nicht auf den 25. April fallen. Im sechzehnten Jahrhundert entsprach der 25. April dem 15. Seit der gregorianischen Verbesserung kann Ostern auf den 25. April fallen; das ist das äußerste Datum. Nur in den Jahren 1666 — 1734 — 1886 — 1943 — 2038 — 2190 u.s.w. traf es bereits oder trifft es später zu, ohne daß jenes Zusammenfallen das Ende der Welt zur Folge hat.

* Der Tag nach dem 4. November 1582 wurde der 15. genannt.


Die Planetenkonjunktionen, die Finsternisse und die Kometen schienen sich in diese unheilverkündenden Vorhersagungen zu teilen. Unter den für diesen Gesichtspunkt denkwürdigsten historischen Kometen sind zu bezeichnen: derjenige Wilhelms des Eroberers, welcher 1066 glänzte und den man auf den Gobelins der Königin Mathilde in Bayeux abgebildet sieht; der vom Jahr 1264, welcher, wie man sagte, am Todestag des Papstes Urban IV. erschien; der vom Jahr 1337, einer der schönsten und größten, die man gesehen hat und welcher den Tod Friedrichs, des Königs von Sicilien, »vorhersagte«; derjenige von 1399, den der obengenannte Ursiner Juvenal als die »Vorboten eines großen künftigen Übels« bezeichnete; der von 1402, den man mit dem Tode Johann Galeas Viskontis, des Herzogs von Mailand, in Verbindung brachte; derjenige von 1456, welcher unter Papst Calixtus III. während des Türkenkriegs die ganze Christenheit mit Schrecken erfüllte und mit der Geschichte des Angelus verknüpft ist; und endlich derjenige von 1472, welcher dem Tode des Bruders Ludwigs XI. vorausging. Andere folgten ihnen, die, wie die vorhergehenden, mit den Katastrophen, mit den Kriegen und besonders mit der Drohung des Weltuntergangs in Verbindung gebracht wurden. Derjenige von 1527 ist von Ambrosius Paré und von Simon Goulart so dargestellt, als würde er von abgehauenen Köpfen, von Dolchen und blutigen Wolken gebildet.[17]

[17] Anm. d. Hrsg.: An dieser Stelle folgt im französischen Original (S. 194 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) eine Fußnote mit der Erläuterung der auf der folgenden Seite wiedergegebenen (in der deutschen Erstausgabe fehlenden) Abbildung. Der Text wird hier erstmals in deutscher Übersetzung wiedergegeben:

»Die nebenstehende Darstellung ist ein durch Phototypie erstelltes Faksimile der Originalzeichnung, die in der 1633 erschienenen Werkausgabe von Ambroise Paré auf S. 810 im Kapitel über die »himmlischen Ungeheuer« veröffentlicht worden ist. Dies sonderbare Faksimile ist, ebenso wie die den drei vorhergehenden, frei von jeglicher Bearbeitung; sie versetzen uns in die Jahrhunderte unserer Vorfahren.«


Derjenige von 1531 schien den Tod der Louise von Savoyen, der Mutter Franz I., anzukündigen, und diese Fürstin teilte den allgemeinen Irrtum über diese Unglücksgestirne. »Das ist ja,« sagte sie, als sie zu Bette lag und ihn durch das Fenster erblickte, »das ist ja ein Zeichen, das nicht für eine Person von niederer Stellung erscheint. Gott läßt es geschehen, um Uns zu benachrichtigen.

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»Machen wir Uns zum Sterben bereit.« Drei Tage nachher war sie tot. Unter allen Kometen jedoch ist der von 1556, der berühmte Komet Kaiser Karls V., vielleicht der denkwürdigste. Ihn hatte man für denjenigen von 1264 erklärt und seine Rückkehr auf das Jahr 1848 in Aussicht gestellt. Er ist nicht wiedergekommen.

Die Kometen von 1577, 1607, 1652 und 1665 waren der Gegenstand endloser Streitschriften, deren Sammxlung ein ganzes Bibliothek- Fach ausfüllt. Nach dem zunach Ambroise Paré letzt genannten schoß Alfons VI. von Portugal im Zorn unter den lächerlichsten Drohungen seine Pistole ab. Auf Befehl Ludwigs XIV. veröffentlichte Pierre Petit eine Belehrung, welche gegen die eingebildeten — und politischen — Befürchtungen gerichtet war, die der Komet hervorgerufen hatte. Dem König lag daran, daß er einzig und ohne Nebenbuhler die alle überstrahlende Sonne bleibe, und daß man unterstellte, der dauernde Ruhm Frankreichs könnte nicht einmal durch eine Himmelserscheinung gefährdet werden.

Einer der größten Kometen, welche je die Blicke der Erdenkinder fesselten, war sicherlich der vielbesprochene Komet von 1680, welchen Newton zum Gegenstand seiner Berechnungen machte. »Er schwang sich,« sagt Lemonnier, »mit der größten Schnelligkeit aus der Höhe des Firmaments herab und schien senkrecht auf die Sonne zu fallen, von welcher aus man ihn wieder mit gleicher Schnelligkeit aufsteigen ah. Man beobachtete ihn vier Monate lang. Er kam der Erde sehr nahe, und s e i n e m erstmaligen Erscheinen schrieb Whiston die Sündflut zu.« Bayle gab seine merkwürdigen »Verschiedene Gedanken, geschrieben gelegentlich des Kometen an einen Doktor der Sorbonne« heraus und bewies die Ungereimtheit der früheren Anschauungen bezüglich der Zeichen am Himmel. Frau von Sévigné schrieb ihrem Vetter, dem Grafen von BussyRabutin: »Wir haben hier einen sich weit ausdehnenden Kometen; es ist der schönste Schweif, den man sehen kann. Alle bedeutenden Persönlichkeiten sind in Unruhe und glauben, daß der auf ihr Verderben sinnende Himmel ihnen durch diesen Kometen Warnungen zugehen lasse. Man erzählt, daß die Höflinge des Kardinals Mazarin, als dieser von seinen Ärzten aufgegeben war, glaubten, daß sein Todeskampf durch ein Wunder gefeiert werden und man ihm sagen müsse, es stehe ein großer Komet am Himmel, der ihnen Furcht einjage. Er besaß die Seelenstärke, sich über sie lustig zu machen und ihnen scherzend zu sagen, daß der Komet ihm zu viel Ehre erweise. Man sollte wirklich auch so reden, wie Mazarin; und der menschliche Hochmut thut sich auch zu viel Ehre an, wenn er glaubt, daß große Dinge in den Sternen vorgehen, wenn man sterben soll.«

Wie man sieht, verloren die Kometen unmerklich ihr Ansehn. Dennoch lesen wir in einer Abhandlung des Astronomen Bernouilli die sehr sonderbare Bemerkung: »Wenn der Kometenkörper kein sichtbares Zeichen des göttlichen Zornes ist, so könnte der Schweif wohl eines sein.«

Die Furcht vor dem Weltuntergang wurde auch noch mit der Erscheinung der Kometen im Jahre 1773 in Verbindung gebracht; ein panischer Schrecken befiel Europa und sogar Paris. In den geheimen Denkwürdigkeiten von Bachaumont kann man folgendes lesen:


»Den 6. Mai 1773. — In der letzten öffentlichen Sitzung der Akademie der Wissenschaften sollte Herr von Lalande eine Denkschrift vorlesen, welche viel interessanter ist, als diejenigen, die vorgelesen worden sind; wegen Mangel an Zeit konnte es nicht geschehen. Sie handelte von den Kometen, welche bei ihrer Annäherung an die Erde auf derselben gewaltsame Umwälzungen verursachen können, und besonders von dem allernächsten, dessen Rückkehr man in achtzehn Jahren erwartet. Aber obgleich er gesagt hat, daß derselbe nicht zu jenen gehöre, welche der Erde schaden können, und obschon er überdies noch hervorgehoben hat, daß sich die Reihenfolge jener Ereignisse nicht bestimmen lasse; so entstand doch eine allgemeine Besorgnis.

9. Mai. — Das Arbeitszimmer des Herrn von Lalande wird gar nicht leer von Neugierigen, welche ihn über erwähnte Denkschrift befragen, und er wird ihr jedenfalls die Verbreitung verschaffen, welcher sie bedarf, um die Gemüter wieder zu beruhigen, welche durch die zum besten gegebenen Fabeln aufgeregt worden sind. Die Gärung war der Art, daß unwissende Frömmler den Erzbischof dringend baten, vierzigstündige Gebete zu veranstalten, um die ungeheure Flut abzuwenden, von der man bedroht wäre. Und dieser Prälat wäre schon bereit gewesen, diese Gebete anzuordnen, wenn ihm nicht Akademiker das Lächerliche dieses Schrittes begreiflich gemacht hätten.

14. Mai. — Die Denkschrift des Herrn von Lalande erscheint. Darnach könnten von den sechzig bekannten Kometen, wenn sie der Erde ganz nahe kämen, acht einen solchen Druck auf das Meer ausüben, daß dasselbe aus seinen Ufern treten und einen Teil des Erdballs bedecken würde.«


Die Panik verlor sich mit der Zeit. Die Kometenfurcht nahm einen anderen Charakter an. Man erblickte keine Zeichen des göttlichen Zorns mehr in ihnen, sondern man erörterte wissenschaftlich die möglichen Fälle eines Zusammentreffens, und man fürchtete diese Zusammentreffen. Am Ende des vorigen Jahrhunderts formulierte Laplace seine Meinung darüber in den oben, Kapitel II,* angeführten Worten.

* Siehe S. 25. [= S. 47 der vorliegenden Nachdruckausgabe; D. v. R.].

In unserem Jahrhundert ist die Prophezeiung des Weltuntergangs mehrmals wieder mit Kometenerscheinungen in Verbindung gebracht worden. So sollte z. B. der Bielasche Komet am 29. Oktober 1832 die Erdbahn schneiden. Großer Lärm! Wieder war das Ende der Welt nahe. Das Menschengeschlecht war bedroht. Was würde aus uns werden?

Man hatte die  B a h n der Erde, d. h. den Weg derselben, m i t  d e r  E r d e  s e l b s t  v e r w e c h s e l t. Unser Planet sollte gar nicht diesen Punkt seiner Bahn gleichzeitig mit dem Kometen berühren, sondern etwa einen Monat später, am 30. November, und der Komet mußte immer mehr als 20 Millionen Meilen von uns entfernt bleiben. Man wieder mit der Angst davon gekommen.

Im Jahre 1857 war es ebenso. Irgend ein Unglücksprophet hatte auf den 13. Juni jenes Jahres die Wiederkunft des berühmten, zur Zeit Kaiser Karls V. erschienenen Kometen in Aussicht gestellt, bei dem man eine Umlaufszeit von drei Jahrhunderten angenommen hatte. Mehr als eine furchtsame Seele glaubte noch daran, und sogar in Paris erhielten die Beichtstühle mehr Bußfertige als gewöhnlich.

Eine neue Prophezeiung wurde im Jahre 1872 unter dem Namen eines Astronomen, des Herrn Plantamour, des Direktors der Genfer Sternwarte, in die Welt geschickt, von dem sie gar nicht ausgesprochen worden war.

Gerade so wie die Kometen, so sind auch die großen Erscheinungen am Himmel oder auf der Erde, wie totale Sonnenfinsternisse, geheimnisvolle Sterne, welche plötzlich am Himmel erschienen, die Sternschnuppenregen, die furchtbaren vulkanischen Ausbrüche, wel che alles um sich her in tiefe Nacht hüllen und die Welt unter einer Flut von Asche begraben zu sollen scheinen, die Erdbeben, welche die Städte in Trümmer legen und die menschlichen Wohnungen verschlingen: alle diese großartigen oder schrecklichen Ereignisse sind mit der Furcht vor dem unmittelbaren und allgemeinen Untergang der Lebewesen und der Dinge in Zusammenhang gebracht worden

Die Jahrbücher der Finsternisse genügten allein, einen nicht weniger bilderreichen Band zu bilden, als die Geschichte der Kometen. Um für einen Augenblick nur von den neueren zu reden, war eine der letzten totalen Sonnenfinsternisse, deren Zone durch Frankreich ging — derjenigen vom 12. August 1654 — von den Astronomen voraus verkündigt worden, und dieser Ankündigung folgte ein ungeheurer Schrecken. Für den einen bedeutete sie einen großen Zusammenbruch der Staaten und den Untergang Roms; für den andern: eine neue allgemeine Flut; für einen dritten: nichts Geringeres als ein Inflammenaufgehen des Erdballs; für den ruhiger Denkenden endlich: eine Verpestung der Luft. Der Glaube an diese tragischen Wirkungen war so verbreitet, daß sich auf ausdrückliche Anordnung der Ärzte eine Menge Erschreckter in wohl geschlossenen, geheizten und angenehm durchdufteten Kellern einschlossen, um gegen den verderblichen Einfluß geschützt zu sein. Dies kann man namentlich in den »Welten« von Fontenelle, im zweiten »Abend« lesen, wo es heißt: »Fürchteten wir uns nicht gewaltig bei dieser Finsternis, welche wirklich total war? Hielten sich nicht eine Unmasse von Leuten in den Kellern eingeschlossen? Und schrieben die Philosophen, welche uns durch ihre Schriften beruhigen wollten, nicht oder doch beinahe vergebens? Kamen diejenigen, welche sich in die Keller geflüchtet hatten, wieder daraus hervor?« Ein anderer Schriftsteller jener Zeit, der kaum erwähnte P. Petit, erzählt in seiner »Abhandlung über die Natur der Kometen«, daß die Bestürzung von Tag zu Tag zunahm, und daß ein Landgeistlicher, als es ihm nicht mehr möglich war, allen seinen Pfarrkindern, welche ihre letzte Stunde gekommen glaubten, die Beichte abzunehmen, sich genötigt sah, ihnen in der Predigt zu sagen, daß sie nicht so drängen sollten, weil die Finsternis auf vierzehn Tage verschoben sei ... Diese braven Pfarrkinder machten ebensowenig Schwierigkeiten, an die Zurückstellung der Finsternis zu glauben, als sie deren gemacht hatten, an den Einfluß derselben zu glauben.

Zur Zeit der letzten totalen Sonnenfinsternisse, welche in Frankreich sichtbar waren (vom 12. Mai 1706, 22. Mai 1724 und 8. Juli 1842) und sogar zur Zeit der partialen Finsternisse vom 9. Oktober 1847, 28. Juli 1851, 15. März 1858, 18. Juli 1860 und 22. Dezember 1870 machten sich in Frankreich bei einer Anzahl ängstlicher Gemüter mehr oder weniger tiefe Eindrücke bemerkbar. Wir wissen wenigstens aus sicherer Quelle, aus Berichten über jede dieser Finsternisse, daß die astronomischen Anzeigen dieser natürlichen Vorgänge von einer speciellen Klasse von Europäern so erklärt worden sind, als könnten sie mit Zeichen göttlichen Fluches im Zusammenhang stehen. Und beim Eintritt dieser Finsternisse sah man, daß in mehreren religiösen Erziehungsanstalten die Zöglinge aufgefordert wurden, zum Gebet niederzuknieen. Diese mystische Deutung strebt bei den gebildeten Nationen ganz zu verschwinden, und die am 29. Mai 1900 eintretende nächste totale Sonnenfinsternis, welche nahe an Frankreich vorbei, sich über Spanien verbreitet, wird diesseits der Pyrenäen keinesfalls mehr Furcht einflößen; aber vielleicht könnte man dieselbe Hoffnung nicht hinsichtlich ihrer spanischen Beobachter aussprechen.


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Sie gingen daran, sich in den Kellern einzuschließen.


Noch heute erregen diese Phänomene in den nicht civilisierten Ländern dieselben Schrecken, welche sie früher bei uns verursachten. Das haben Reisende, namentlich in Afrika, konstatiert. Zur Zeit der Finsternis vom 18. Juli 1860 sah man in Algerien, wie Männer und Frauen, die einen zu beten anfingen, die andern in ihre Wohnungen entflohen. Während der Finsternis vom 29. Juli 1878, welche in den Vereinigten Staaten total war, schnitt ein Neger plötzlich Frau und Kindern den Hals ab, da ihn der Schrecken übermannt hatte, und er vom Eintritt des Weltunterganges überzeugt war.

Man muß übrigens gestehen, daß solche Erscheinungen ganz geeignet sind, die Einbildungskraft zu erregen. Die Sonne, das Gestirn, an dessen Strahlen unser Leben geknüpft ist, verliert ihr Licht, das vor dem völligen Erlöschen von erschreckender und unheimlicher Blässe wird. Der veränderte Himmel nimmt eine fahle Färbung an, die Tiere finden sich nicht mehr zurecht, die Pferde wollen nicht mehr gehen, die Ochsen vor dem Pflug bleiben wie leblose Massen stehen, der Hund zieht sich vor seinem Herrn zurück, die Hennen gehen schleunigst wieder in das Hühnerhaus, nachdem sie ihre Küchlein beisammen haben, die Vögel hören auf, zu singen und man hat deren sogar tot herabfallen sehen. Zur Zeit der totalen Sonnenfinsternis, welche am 8. Juli 1842 in Perpignan beobachtet wurde, berichtet Arago, daß zwanzigtausend Zuschauer dort ein sehr ausdrucksvolles Bild darboten. »Als die bis auf einen schmalen Streifen geschwundene Sonne anfing,« erzählt er, »nur noch ein sehr schwaches Licht zu verbreiten, bemächtigte sich jedermanns eine Art Unruhe; jeder empfand das Bedürfnis, seine Eindrücke mitzuteilen. Daher kam ein dumpfes Stimmengewirr, das dem Geräusch eines fernen Meeres nach einem Sturme ähnlich ist. Der Lärm wurde immer stärker in dem Maß, als die Sonnensichel immer kleiner wurde. Die Sichel verschwand ganz. Die Dunkelheit folgte unmittelbar auf die Tageshelle, und eine Totenstille bezeichnete jene Phase der Verfinsterung ganz ebenso genau, als es das Pendel unserer astronomischen Uhr gethan hatte. Das Phänomen in seiner Pracht trug den Sieg davon über den Mutwillen der Jugend, über den Leichtsinn, den gewisse Menschen für ein Zeichen der Überlegenheit nehmen, über die lärmende Gleichgültigkeit, welche Soldaten gewöhnlich zur Schau tragen. Eine tiefe Ruhe herrschte auch in der Luft: die Vögel sangen nicht mehr. Nach einer feierlichen Pause von etwa zwei Minuten begrüßten Freudengeschrei und maßloses Beifallklatschen mit derselben Einstimmigkeit und Zwanglosigkeit das Wiedererscheinen der ersten Sonnenstrahlen. Auf die schwermütige Andacht, die durch undefinierbare Empfindungen hervorgerufen worden war, war ein lebhaftes und frisches Gefühl der Befriedigung gefolgt, dessen Ausbruch zurückzuhalten oder zu mäßigen niemanden einfiel.«

Jeder ging hinweg, ergriffen von einem der großartigsten Naturschauspiele, und bewahrte eine unauslöschliche Erinnerung daran.

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Landleute waren durch die Dunkelheit erschreckt worden, besonders weil sie erblindet zu sein glaubten.

Ein armes Kind hütete seine Herde. Da es durchaus keine Kenntnis von dem sich vorbereitenden Ereignis hatte, sah es mit Unruhe, wie sich die Sonne zunehmend an einem wolkenlosen Himmel verfinsterte. Als das Licht plötzlich verschwand, fing das arme Kind in seinem höchsten Schrecken an zu weinen und »Hilfe!« zu rufen. Seine Thränen rannen noch, als das Gestirn seinen ersten Strahl wieder entsandte. Beruhigt bei diesem Anblick, faltete das Kind die Hände und rief: »O, schöne Sonne!«

Ist der Schrei dieses Kindes nicht auch der der Menschheit?

Man kann sich also leicht erklären, wie die Finsternisse den lebhaftesten Eindruck machten und mit der Vorstellung vom Untergang der Welt so lange verknüpft waren, solange man nicht gewußt hat, daß sie die ganz natürliche Wirkung der Bewegung des Mondes um die Erde sind, und daß die Berechnung sie mit der unanfechtbarsten Genauigkeit vorhersagen kann. So ist es auch mit den großen Erscheinungen am Himmel und namentlich derjenigen unbekannter Sterne gewesen, welche übrigens viel seltener sind, als die Finsternisse. O, schöne Sonne!

Die berühmteste Erscheinung dieser Art ist die von 1572 gewesen. Am 11. November jenes Jahres, nicht lange nach dem Blutbad in der Bartholomäusnacht, erschien plötzlich ein leuchtender Stern erster Größe in dem Sternbild der Kassiopeia. Allgemeines Erstaunen ergriff nicht bloß das Publikum, das ihn alle Abend am Himmel flammen sah, sondern auch die Gelehrten, die sich diese Erscheinung nicht erklären konnten. Astrologen kamen auf die Idee, daß jenes Rätsel am Firmament der Stern der Magier wäre, welcher die Wiederkehr des Menschensohnes, das jüngste Gericht und die Auferstehung ankündigte. Daher große Bewegung unter allen Klassen der Gesellschaft. Der Stern verlor allmählich an Glanz und erlosch zuletzt nach anderthalb Jahren, ohne irgend eine andere Katastrophe herbeigeführt zu haben, als alle jene, welche die menschliche Unkenntnis mit einem recht schlecht geratenen Planeten in Verbindung bringt.

Die Geschichte der Wissenschaften erwähnt mehrere solcher Erscheinungen; aber diese war die denkwürdigste.

Alle gewaltigen Naturerscheinungen, besonders wenn sie unvorhergesehen waren, haben derartige Bewegungen hervorgerufen. In den Chroniken des Mittelalters und sogar in den neuesten Denkschriften kann man von der Aufregung lesen, welche Nordlichter, Sternschnuppenregen und Meteorfälle bei ihren Betrachtern bewirkt haben. Erst kürzlich noch, zur Zeit des großen Sternregens vom 27. November 1872, welcher mehr als 40 000 Meteore vom Himmel herunterwarf, die von der Auflösung des Bielaschen Kometen herrührten, hat man namentlich, ebenso in Nizza wie in Rom, Frauen aus dem Volk gesehen, die auf diejenigen zustürzten, welche sie für in der Lage hielten, ihnen Auskunft über die Ursache dieses himmlischen Feuerwerks geben zu können; sie hatten dasselbe sofort mit der Idee vom Weltuntergang und mit dem Fall der Sterne in Verbindung gebracht, welcher als der Vorläufer des Jüngsten Gerichts dargestellt wird.

Die Erdbeben und die vulkanischen Ausbrüche nehmen manchmal Verhältnisse an, daß der Schrecken vor dem Ende der Welt die ganz natürliche Folge davon ist. Man denke sich nur den Gemütszustand der Bewohner von Herculanum und Pompeji zur Zeit des Ausbruchs des Vesuvs, welcher sie unter einem Aschenregen begrub! War das für sie nicht das Ende der Welt? Und bekamen in unseren Tagen die Augenzeugen, welche dem Ausbruch des Krakatoa anwohnen konnten, ohne dessen Opfer zu werden, nicht ganz dieselbe Überzeugung?


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Der Ausbruch des Krakatoa (18. August 1883).


Eine undurchdringliche, achtzehnstündige Nacht; die Atmosphäre in einen Ofen voll Asche verwandelt, welche Augen, Nase und Ohren verstopfte; die dumpfe und ununterbrochene Kanonade des Vulkans; der aus dem schwarzen Himmel herabkommende Bimssteinfall; der nur mit Unterbrechungen durch fahle Blitze oder durch St. Elmsfeuer an Masten und Takelwerk beleuchtete Schauplatz der Zerstörung; der mit höllischem Krachen aus dem Himmel ins Meer fahrende Blitzstrahl; und dann der sich in einen Kotregen verwandelnde Aschenregen — alles das erlebten in jener achtzehnstündigen Nacht vom 26.–28. August 1883 die zahlreichen Reisenden eines Schiffes von Java. Während dessen flog ein Teil der Insel Krakatoa in die Luft und kehrte das Meer, das vorher vom Ufer zurückgewichen war, in einer Höhe von 35 m bis auf eine Strecke von 1–10 km landeinwärts und in einer Länge von 500 km wieder auf die Ländereien zurück. Beim Rücklauf rieß es vier Städte (Tjringin, Merak. TelokBetong, Anjer) mit in den Abgrund, die ganze Küstenbevölkerung, mehr als 40 000 Menschen! Die Reisenden eines Schiffes, welches Tags darauf in der Meerenge kreuzte, sahen mit Schrecken, wie ihr Fahrzeug durch Bündel von Leichnamen, die sich umschlungen hielten, in seinem Laufe gehindert wurde. Mehrere Wochen nachher fand man noch Finger mit den Nägeln und behaarte Kopfteile in den Fischen. Diejenigen, welche gerettet wurden, welche die Katastrophe auf einem Schiffe erlebt hatten und am andern Tag das Sonnenlicht wiedersehen konnten, das für immer erloschen schien, die erzählten mit Schrecken, daß sie mit Ergebung das Ende der Dinge in der Überzeugung erwarteten, daß ein allgemeiner Einsturz und der Zusammenbruch der Schöpfung im Anzuge sei. Ein Augenzeuge versicherte uns, daß er nicht für alles in der Welt je noch einmal solche Aufregungen durchleben möchte. Die Sonne war erloschen, Trauer hatte sich auf die Erde herabgesenkt, und der Tod schien als unumschränkter Herr einziehen zu wollen.

Dieser furchtbare Ausbruch war überdies von solcher Gewalt gewesen, daß man ihn durch die ganze Erde hindurch auf dem ihm entgegengesetzten Punkte gehört und die vulkanische Feuersäule eine Höhe von 20 000 m erreicht hat; daß die durch diese Feuersäule bewirkte atmosphärische Wellenbewegung über die ganze Erdoberfläche sich erstreckt hat, um welche sie ihren Lauf in 35 Stunden vollendete (in Paris selbst waren die Barometer um 4 mm gefallen), und daß die durch die Gewalt der Explosion in die hohen atmosphärischen Lagen geschleuderten und von der Sonne beleuchteten feinen Staubmassen länger als ein Jahr hindurch jene prächtigen Dämmerungserscheinungen bewirkt haben, welche allenthalben angestaunt worden sind.


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Das Fahrzeug wurde durch Bündel von
Leichnamen in seinem Laufe gehindert.


Es sind dies furchtbare Zerstörungen, stückweise Weltuntergänge. Gewisse Erdbeben verdienen wegen der tragischen Größe ihrer Folgen mit Vulkanausbrüchen verglichen zu werden. Zur Zeit des Erdbebens von Lissabon, am 1. November 1755, kamen 30 000 Menschen um; die Erschütterung erstreckte sich über eine viermal so große Fläche als der Flächengehalt Europas. Bei der Zerstörung von Lima, am 28. Oktober 1724, erhob sich das Meer 27 m über sein Niveau, stürzte sich auf die Stadt und schwemmte sie so gründlich weg, daß auch nicht ein einziges Haus stehen blieb.

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Man fand mehrere Kilometer weit vom Ufer Schiffe auf dem Felde liegen. Am 10. Dezember 1869 hatten sich die durch unterirdisches Getöse und durch eine erste sehr heftige Erschütterung erschreckten Bewohner von Onlah, einer Stadt in Kleinasien, auf einen benachbarten Hügel geflüchtet; staunenden Auges sahen sie, wie sich mehrere Spalten durch die Stadt hindurch aufthaten und ihre ganze Stadt in wenigen Minuten unter diesem wogenden Boden verschwand!

Von unmittelbaren Zeugen wissen wir, daß unter weit weniger tragischen Umständen, z. B. bei dem Erdbeben in Nizza am 23. Februar 1887, der Gedanke an den Weltuntergang der erste war, welcher sich jenen Personen aufdrängte.

Die Geschichte des Erdballs könnte uns eine bemerkenswerte Zahl von Dramen dieser Gattung bieten. Es schien angezeigt, hier einen Augenblick bei jenen großartigen Phänomenen zu verweilen, als den Erinnerungen an jenen Glauben an das Ende der Welt, der alle Zeiten durchlaufen hat, indem er sich mit dem Fortschreiten der menschlichen Kenntnisse modifizierte. Der Glaube ist zum Teil geschwunden; die mystische und legendenhafte Auffassung, welche die Einbildungskraft unserer Väter gefangen nahm, und von der wir noch so viele eigentümliche Darstellungen an den Portalen unserer schönen Dome, wie in den von der christlichen Tradition eingegebenen Skulpturen und Malereien besitzen — diese theologische Auffassung des »Jüngsten Tages« der Erde ist dem wissenschaftlichen Studium der Dauer des Sonnensystems gewichen, zu welchem unsere Mutter »Erde« gehört. Die Auffassung, welche die Erde und den Menschen zum Mittelpunkt des Weltalls machte, und welche den Erdenmenschen als den Mittelpunkt und den Zweck der Schöpfung betrachtete, hat sich Schritt für Schritt umgestaltet und ist endlich verschwunden. Wir wissen jetzt, daß unser bescheidener Planet nur eine Insel in dem Ocean der Unendlichkeit ist, daß die menschliche Geschichte bis daher aus reinen Selbsttäuschungen besteht, und daß die Würde des Menschen in seinem geistigen und sittlichen Werte beruht. Hat denn die Bestimmung des Menschengeistes nicht die genaue Kenntnis der Dinge, die Erforschung der Wahrheit zum höchsten Ziel?

Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts haben mehr oder weniger aufrichtige Unglückspropheten auf Grund kabbalistischer Berechnungen, die auf keinem richtigen Prinzipe beruhen, fünfundzwanzigmal das Ende der Welt verkündigt. Derartige Prophezeiungen werden sich wiederholen, solange die Menschheit dauern wird.*

* Kaum war die erste Auflage dieses Werkes erschienen (1. Dezember 1893), so kündigte ein neuer Prophet, ein Wiener Gelehrter, Professor Rudolf Falb, wieder den Weltuntergang an, dieses Mal auf den 13. Dezember 1899, durch das Zusammentreffen eines Kometen mit der Erde. Nun, wir erwarten zu jener Zeit keinen Kometen, sondern bloß einen harmlosen Sternschnuppenregen.[18]

[18] Anm. d. Hrsg.: Als Erscheinungsjahr der französischen Erstausgabe von La Fin du Monde wird durchweg 1894 angegeben; entweder ist die 1. Auflage unter der Angabe »1894« tatsächlich schon im Dezember 1893 erschienen oder Flammarion meinte den 1893 erschienenen ZeitschriftenVorabdruck; vgl. die Fußnoten 12 und 13 auf S. 11 der vorliegenden Neuausgabe.


Doch dieses historische Intermezzo hat uns trotz seiner Zeitgemäßheit einen Augenblick von unserer Erzählung aus dem 25. Jahrhundert abgeführt. Beeilen wir uns, wieder darauf zurückzukommen; denn wir stehen jetzt gerade vor der Lösung des Knotens.

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Siebentes Kapitel
Der Zusammenstoß

Wie Sterne mit feurigen Schweifen und blutigen Tautropfen.

S h a k e s p e a r e, Hamlet I.


Unerbittlich wie ein Gesetz des Verhängnisses, welches keine Macht beugen kann, wie eine aus dem Feuerschlund abgeschossene und auf die Scheibe zu fliegende Kanonenkugel, kam der Komet in der Verfolgung seiner Bahn immer näher und stürzte sich mit wachsender Schnelligkeit auf den Punkt im Raume hin, an welchen unser Planet in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli kommen mußte. Die Schlußrechnungen stimmten aufs genaueste. Die beiden Wanderer am Firmament, Erde und Komet, waren auf dem Wege, wie zwei aufeinander geschleuderte Züge im rasenden Galopp des Dampfes gegen einander zu fahren und in dem ungeheuerlichen Stoß zweier über einander herfallender Wütenden sich zu zermalmen, und zu Staub zu zerdrücken. Doch sollte hier die Schnelligkeit des Zusammentreffens achthundertfünfundsechzig mal größer sein, als die zweier zusammenstoßender Schnellzüge von 100 km in der Stunde!

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli dehnte sich der Komet über fast die ganze Fläche des Himmels aus, und mit bloßem Auge erkannte man Feuerwirbel, die sich um eine schiefe Axe nach dem Zenith hinauf drehten. Es schien, als sähe man ein Heer von Meteoren in regellosem Aufflammen, in dem sich Elektricität und Blitze phantastische Schlachten liefern sollten. Das flammende Gestirn schien sich um sich selbst zu drehen und innerlich zu winden, wie wenn es mit Eigenleben begabt wäre und von Schmerzen gequält würde. Riesige Feuersäulen brachen aus verschiedenen Lichtquellen hervor, die einen grünlich, andere blutrot; die glänzendsten blendeten alle Augen durch die Weiße ihres Lichtes. Es war klar, daß die Beleuchtung der Sonne auf den Dämpfewirbel einwirkte, indem sie gewisse Körper zersetzte, explodierende Gemenge bildete, die ihr zunächst ausgesetzten Teile elektrisierte und Rauchwolken von dem ungeheuern auf uns zueilenden Kometenkern hinwegtrieb. Das Gestirn selbst dagegen spie Feuermassen aus, die sich von dem dunstigen Widerschein des Sonnenlichtes sehr unterschieden, und schleuderte immer größer werdende Flammen, wie ein Drache, der sich auf die Erde stürzt, um sie durch Feuer zu zerstören. Was vielleicht noch am meisten befremdete, war, daß man nichts hörte: Paris mit allen seinen Menschenknäueln verhielt sich in jener Nacht instinktiv ruhig, wie wenn diese durch eine Spannung ohnegleichen gebannt wären und ein Echo des heranziehenden himmlischen Donners aufzufangen suchten — aber kein Lärm kam aus der Kometenhexenküche zu ihnen herab.

Der Vollmond schien zwar, aber grün in den roten Glühofen, ohne daß er glänzte oder Schatten warf. Die Nacht war keine Nacht mehr. Die Sterne waren verschwunden. Der Himmel leuchtete im Feuerschein.


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Der Komet näherte sich mit einer Geschwindigkeit von 147 000 km in der Stunde, und unser Planet selbst bewegte sich in der gleichen Zeit 104 000 km von Westen nach Osten in einer zur Bahn des Kometen schiefen Richtung; jener schwebte von irgend einem Meridian um Mitternacht aus gesehen, im Nordosten. Das Zusammenwirken der beiden Schnelligkeiten brachte die beiden Himmelskörper stündlich 173 000 km näher. Als die Beobachtung in Übereinstimmung mit der Berechnung ergab, daß die Umfangslinien des Kopfes des Gestirns nur noch auf Mondweite entfernt waren, wußte man, daß zwei Stunden später das Drama beginnen mußte.

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Aller Erwartung zuwider war es am Freitag den 13. Juli wunderschön, wie an den vor hergehenden Tagen: die Sonne schien an einem wolkenlosen Himmel; die Luft war ruhig; die Temperatur ziemlich hoch, aber angenehm erfrischt durch eine leichte Brise; die ganze Natur schien festlich gestimmt; die Felder prangten in ihrer Schönheit; die Bäche murmelten in den Thälern, die Vögel sangen in den Wäldern. Einzig in den menschlichen Wohnstätten boten sich herzzerreißende Bilder: bestürzt unterlag die Menschheit dem auf ihr lastenden Druck. Die ruhige Unempfindlichkeit der Natur stand im schmerzlichsten und empörendsten Gegensatz zu der peinigendsten Herzensangst.

Millionen Europäer hatten sich von Paris, London, Wien, Berlin, St. Petersburg, Rom, Madrid nach Australien oder bis zu den Antipoden geflüchtet. In eben dem Maße, als der gefürchtete Tag herannahte, hatte die Generalverwaltung der transatlantischen Luftschiffahrt die Züge der elektrischen Luftsegler, welche sich wie Vogelschwärme auf San Francisko, Honolulu, Numea und den australischen Hauptstädten Melbourne, Sydney, Liberty und Pax niederlassen sollten, verdrei, vervier, verzehnfachen müssen. Aber diese Millionen von Auswanderungen bedeuteten nur eine privilegierte Minderheit, und man bemerkte kaum die Fehlenden; so wimmelten Städte und Dörfer von umherirrenden, kopflosen Menschenkindern.

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Schon hatte man mehrere ganze Nächte hindurch schlaflos zugebracht; der Schrecken vor dem Unbekannten ließ die Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Niemand hatte es gewagt, zu Bette zu gehen, wie wenn man sich in den ewigen Schlaf hätte versenken und den Reiz des Erwachens nicht mehr kennen lernen sollen. Alle Gesichter zeigten eine fahle Blässe, hohle Augen, ungeordnetes Haar, starre Blicke, denen das Siegel der schreckichsten Angst aufgedrückt war, die je auf menschlichen Geschicken lastete.

Die Lebensluft wurde im mer trockener und heißer. Seit dem Tag vorher hatte niemand daran gedacht, die erschöpften Kräfte durch irgend welche Nahrung zu ersetzen, und der Magen, das nie sich selbst vergessende Organ, verlangte nichts. Aber ein brennender Durst war die erste physiologische Wirkung der Trockenheit der Luft, und die Mäßigsten konnten sich nicht dem Zwang entziehen, ihn durch alle möglichen Mittel zu stillen zu suchen, ohne daß ihnen dies gelungen wäre. Das körperliche Leiden begann sich fühlbar zu machen und sollte bald die Oberhand über die Seelenkämpfe gewinnen. Das Atmen wurde von Stunde zu Stunde schwieriger, ermüdender, qualvoller. Die kleinen Kinder weinten unter dem Druck eines unbekannten Übels und riefen nach ihren Müttern.

In allen Städten[19], in allen Dörfern irrte die Bevölkerung ruhelos umher, wie die Ameisen in ihrem zerstörten Bau. Alle Geschäfte des alltäglichen Lebens wurden vernachlässigt, aufgegeben, vergessen; der Unternehmungsgeist war gelähmt. Es lag einem an nichts mehr etwas, weder an seiner Familie, noch an seinen Verwandten, noch am eigenen Leben. Es herrschte eine absolute moralische Niedergeschlagenheit, die noch ärger war, als die bei der Seekrankheit.

[19] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 222 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) beginnt der Absatz mit folgender (hier ins Deutsche übersetzter) Aufzählung:

»In Paris, in London, in Rom, in Berlin, in Sankt Petersburg, in allen Hauptstädten, in allen Städten ...«


Die katholischen Kirchen, die Tempel der Reformierten, die Synagogen, die griechischen Kapellen, die Moscheen, die chinesischen buddhistischen Pagoden, die Sitzungsräume der Spiritisten, die Lokalitäten der theosophischen, okkultistischen, psychosophischen und anthroposophischen Gesellschaften, die Betsäle der neuen gallikanischen Religion, alle Versammlungsorte der so verschiedenen Kulte, auf welche sich die Menschheit noch verteilte, waren an jenem denkwürdigen Tage des 13. Juli von ihren Gläubigen erfüllt. Selbst in Paris machten die unter den Portalen sich drängenden Massen es jedermann unmöglich, Eintritt in die Kirchen zu erlangen, in deren Innerem man hätte sehen können, wie die Gläubigen den Boden mit dem Gesichte berührten. Mit leiser Stimme stammelte man Gebete; aber die Gesänge, die Orgeln, die Glocken, alles war verstummt. Die Beichtstühle waren von Bußfertigen umringt, welche warteten, bis die Reihe an sie kam, wie in jenen alten Zeiten aufrichtigen und kindlichen Glaubens, von dem uns die Geschichten des Mittelalters erzählen.

Auf den Straßen und Boulevards, überall dasselbe Schweigen, mit Ausnahme einer gewissen Anzahl Taumelnder, welche in der Trunkenheit die Gefahr zu vergessen gesucht hatten, und die sich seufzend weiterschleppten, aber mit unsinnigen Drohungen auf den Lippen gegen die Mauern stürzten. Es wurde nichts mehr ausgerufen, man verkaufte nichts mehr, man druckte keine Zeitung mehr. Die Luftschiffer mit ihren verschiedenen Fahrzeugen waren aus der Luft verschwunden. Die einzigen Wagen, die man vorbeifahren sah, waren die Leichenwagen, welche die ersten schon unzähligen Opfer des Kometen nach dem Krematorium verbrachten.

Der Tag verging ohne astronomischen Zwischenfall. Aber mit welcher Besorgnis erwartete man nicht die letzte Nacht!

Nie vielleicht war ein Sonnenuntergang so schön, der Himmel so rein! Das Tagesgestirn schien sich in einem Bett aus Gold und Purpur zu vergraben. Seine rote Scheibe sank unter den Horizont hinab; aber die Sterne kamen nicht zum Vorschein. Es ward nicht Nacht. Dem Sonnentag folgte ein Mond- und Kometentag, der von einem intensiven an dasjenige der Nordlichter erinnernden Lichte erleuchtet war, das aber merklich lebhafter war und von einem großen, weißglühenden Brennpunkte ausging, der bei Tage nicht geglänzt hatte, weil er unter dem Horizont lag, sicherlich aber im Glanze der Sonne den Rang streitig gemacht hätte.

Dieser leuchtende Kern ging im Osten fast gleichzeitig mit dem Monde auf, welcher sich wie eine Totenhostie über einem Traueraltar mit ihm in den Himmel zu erheben schien, und die unendliche Trauer der Natur überschaute.

Je höher der Mond stieg, desto bleicher wurde er; der Kometenkern aber nahm mit dem Hinabsinken der Sonne unter den westlichen Horizont an Glanz zu. Er überstrahlte jetzt zur Nachtzeit die Welt als scharlachrote Nebelsonne, welche gelbe und grüne Feuersäulen auswarf, die ihm eine ungeheure Flugweite zu bahnen schienen. Allen erschreckten Blicken erschien er wie ein übermäßig großer Riese, der als höchster Gebieter Besitz ergriff von Himmel und Erde.


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Die vor Entsetzen starren Augen sahen, wie sich der Horizont entzündete.


Schon ragten die Spitzen des Kometenhaares in die Mondbahn hinein, jeden Augenblick konnten sie die äußersten dünnen, gegen 200 km hohen Luftschichten der Erdatmosphäre berühren.

In diesem Augenblick wurden alle Augen starr vor Entsetzen, als sie kleine, veilchenblaue Flammen wie ein ungeheures, in den Himmel aufschlagendes Feuermeer sich um den Horizont herum erheben sahen. Fast unmittelbar nachher nahm der Glanz des Kometen ab, wahrscheinlich, weil er gerade vor der Berührung mit der Erde in den Schatten unseres Planeten eingetreten war und einen Teil des Sonnenlichtes verloren hatte. Dieses scheinbare Erlöschen war eine Kontrastwirkung; denn als die weniger geblendeten Augen sich an diese neue Helle gewöhnt hatten, erschien sie fast ebenso stark als die frühere, aber fahl, unheilverkündend, wie ein Totenlicht. Nie war die Erde von einem solchen Schein erhellt worden. — Die Trockenheit der Lebensluft ward unerträglich; die Hitze eines glühenden Ofens strömte von oben herab, und ein widerlicher Schwefelgeruch, der jedenfalls von übersättigtem Ozon herrührte, verpestete die Atmosphäre. Jeder glaubte, sein letztes Stündlein sei gekommen.

Ein lauter Schrei durchbrach die Stille und bannte alle Ängste: »Die Erde brennt! Die Erde brennt!« rief es überall in fürchterlicher Aufregung.

Der ganze Gesichtskreis erschien wirklich in einem Kranz von bläulichen Flammen aufgegangen zu sein. Es war dies wohl, wie man es vorhergesehen hatte, das Kohlenoxyd, welches an der Luft zu kohlensaurem Anhydrit verbrannte. Jedenfalls verband sich damit auch langsam ein Teil des Wasserstoffs im Kometen.[20]

[20] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 227 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) folgt an dieser Stelle der folgende (hier ins Deutsche übersetzte), in der deutschen Ausgabe fehlende Satz:

»Es sah aus, als sei es ein Bestattungsfeuer, das rings um einen Katafalk angezündet wurde.«

Unbeweglich und still, mit angehaltenem Atem, bis ins Mark erschüttert und starr vor Schreck sahen die Menschen die Vorgänge mit an. Da schien plötzlich das ganze Himmelsgewölbe von oben bis unten sich zu teilen, und durch die gähnende Öffnung glaubte man einen ungeheuren Rachen zu erblicken, welcher grüne leuchtende Flammengarben ausspie; Auge und Ohr wurden von einem so blendenden Lichte und von einem so erschütternden Donner getroffen, daß ohne Ausnahme alle, die sich noch nicht in die Keller eingeschlossen hatten, Männer, Frauen, Greise und Kinder, die Kräftigsten, wie die Verzagtesten, auf die erste beste Thüre zustürzten und lawinenartig in die schon fast alle angefüllten unterirdischen Räume hinabdrangen. Es gab viele Tote, erst durch Erdrückung, dann durch Schlagflüsse, Aneurysmen und plötzliche, in Gehirnfieber umgeschlagene Wahnsinnsanfälle. Die Vernunft schien den Leuten plötzlich abhanden gekommen und durch einen unbewußten, sich in alles fügenden, sprachlosen Stumpfsinn ersetzt worden zu sein.[21]

[21] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 228 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) folgt an dieser Stelle der folgende (hier ins Deutsche übersetzte), in der deutschen Ausgabe fehlende Absatz:

»Allein einige umschlungene Paare schienen sich, unbeeindruckt von der Katastrophe, vom allgemeinen Schrecken losgelöst und, nur für sich, im Hochgefühl ihrer innigen Liebe zu leben«


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Allein einige Paare schienen von der Katastrophe unbeeindruckt zu sein.


Auf den Sternwarten waren die Astronomen gleichwohl auf ihrem Posten geblieben, und mehrere nahmen beständig Photographien von den Veränderungen am Himmel auf. Dies waren damals, aber nur sehr kurze Zeit, die einzigen Zeugen des Kometenzusammenstoßes, abgesehen von einigen ausnahmsweise starken Geistern, welche das Ereignis hinter den Fenstern der hochgelegenen Wohnungen mit anzusehen wagten.

Die Berechnung zeigte, daß der Erdball in das Herz des Kometen eindringen mußte wie eine Kugel in eine Wolkenmasse, und daß, von der ersten Berührung der äußersten Zonen der Kometenatmosphäre mit derjenigen der Erde an gerechnet, der Durchgang vier und eine halbe Stunde dauern werde. Es ist dies leicht einzusehen, da ja der Komet, der einen etwa 65mal größeren Durchmesser als die Erde hatte, nicht nach dem Mittelpunkt hin durchbrochen werden sollte, sondern in einem Viertel des Abstandes von demselben mit einer Geschwindigkeit von 173 000 km in der Stunde. Die erste Berührung hatte vor etwa vierzig Minuten stattgefunden, als die Hitze der weißglühenden Masse und der entsetzliche Schwefelgeruch so erstickend wurden, daß einige Augenblicke länger alles Leben unrettbar stille stehen mußte. Die Astronomen selbst schleppten sich in das Innere der Beobachtungsräume, welche sie luftdicht zu verschließen suchten, und stiegen auch in die Kellerräume hinab. In Paris blieb allein die junge Rechnerin, mit welcher wir schon Bekanntschaft gemacht haben, einige Sekunden länger auf der Terrasse, um gerade noch den Fall einer fürchterlichen Feuerkugel mitanzusehen, die scheinbar fünfzehn- bis zwanzigmal größer war als der Mond und sich blitzschnell nach Süden hin bewegte.

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Doch um alles beobachten zu können, fehlten die Kräfte; man atmete nicht mehr. Zu der jede Lebensthätigkeit zerstörenden Hitze und Trockenheit kam noch die Vergiftung der Luft durch beginnende Beimischung des Kohlenoxyds.

Die Ohren klangen einem wie von einer Art volltönenden inneren Läutens, die Herzen beschleunigten ihr heftiges Pochen; und immer dieser erstickende Schwefelgeruch! Gleichzeitig fiel ein Feuerregen aus der Höhe herab, ein Regen von Sternschnuppen und Meteoren, deren ungeheure Mehrzahl zwar nicht bis auf den Boden gelangte, von denen aber doch ein großer Teil wie Bomben zersprangen und die Dächer durchschlugen; man bemerkte, daß allenthalben Feuersbrünste entstanden. Der Himmel stand in Flammen. Dem Feuer am Himmel entsprachen jetzt die Feuer auf der Erde, wie wenn ein Heer von Blitzen plötzlich die Welt entzündet hätte. Ohne Unterbrechung folgten betäubende Donnerschläge aufeinander, die einesteils von dem Zerplatzen der Feuerkugeln, anderseits von einem grausigen Gewitter herkamen, in welchem sich alle atmosphärische Wärme in Elektricität umgesetzt hatte. Ein beständiges Rollen, wie von entfernten Trommeln, erfüllte die Ohren mit einem langen dumpfen Getöse, das von haarsträubenden Stößen und von unheimlichem Schlangengezisch durchbrochen wurde. Dazwischen hörte man wildes Geschrei, das Gebrodel eines ungeheuren siedenden Kessels und donnernde Explosionen, wiederholte Kanonaden und Windesgeheul, Menschenseufzer und Bodenerschütterungen, wie wenn die Erde in sich zusammenstürzte. Der Sturm wurde in diesem Augenblick so entsetzlich, so sonderbar, so wild, so rasend, daß die Menschen starr und stumm, und vernichtet vor Schrecken, dann schließlich so ruhig waren, wie welke Blätter, die der Wind entführt. Diesmal nahm wohl alles ein Ende. Jeder ergab sich in sein Schicksal, unter den Trümmern des Weltbrandes begraben zu werden, ohne auch nur einen Augenblick sich nach Hilfe umzusehen. Eine letzte Umarmung verband die Körper derjenigen, welche einander nicht verlassen hatten und nur nach dem Troste verlangten, mit einander zu sterben.

Aber die Hauptmacht des himmlischen Heeres war vorbeigezogen, und, vielleicht infolge von Meteorexplosionen, war eine Art Verdünnung, eine Art Luftleere eingetreten; denn plötzlich zersprangen alle Fensterscheiben in den Häusern und wurden nach außen geschleudert, und die Thüren öffneten sich von selbst. Ein entsetzlicher Orkan wehte, der die Feuersbrunst beschleunigte und die Menschen wieder aufrüttelte, die gleichzeitig wieder zum Leben zurückkehrten und den Alp abschüttelten. Dann kam ein sintflutartiger Regen

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


»Kauft das XXV. Jahrhundert! Der Papst und alle Bischöfe umgekommen! Der Sturz des Kometen in Rom. Kauft die Zeitung!«


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Sie stürzten kopflos umher.


Das Unwetter war kaum eine halbe Stunde vorüber; man stieg schon wieder aus den Kellern herauf und fühlte sich wieder aufleben; man erwachte unmerklich aus dem Traum und gab sich noch nicht genaue Rechenschaft über die Brände, welche trotz des Wolkenbruchs ausbrachen: da erfüllte schon die kreischende Stimme der jungen Zeitungsverkäufer die Straßen von Paris, Lyon, Marseille, London, Wien und aller kaum erwachten Städte.[22] Es war immer derselbe Ausruf, dasselbe Geschrei, und ehe man daran dachte, den Bränden Einhalt zu thun, kaufte alle Welt die große Volkszeitung für einen Centime, das riesige Blatt von sechzehn illustrierten Seiten, das noch ganz feucht die Presse verlassen hatte.

[22} Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 234 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) werden hier auch die Städte Brüssel, Turin und Madrid genannt.

... »Kauft! Untergang des Papstes und der Kardinäle. Das Konklave durch den Kometen umgekommen! Ernennung eines neuen Papstes unmöglich. Kauft! Kauft!«

Ein Ausrufer nach dem andern trat auf; jedermann wünschte zu wissen, was Wahres an obiger Nachricht wäre, und jeder kaufte die Zeitung.

Folgendes hatte sich zugetragen:

Der Amerikaner, mit dem wir schon Bekanntschaft gemacht haben, und welcher ein Mittel gefunden hatte, am vorigen Dienstag durch die Wiedereröffnung der Börse zu Paris und Chicago einen Gewinn von mehreren Milliarden zu realisieren, hatte die der Geschäfte nicht eingestellt und gerade so, wie früher die Klöster die angesichts des Weltuntergangs errichteten Testamente angenommen hatten, so hatte auch unser unermüdlicher Spekulant es für angezeigt gehalten, sich an sein Telephon zu halten, das den Umständen entsprechend in einen großen unterirdischen, luftdicht verschlossenen Raum hinunter verlegt worden war. Als Eigentümer von Specialleitungen, welche Paris mit den Hauptplätzen der Welt verbanden, war er so in ununterbrochenem Verkehr mit letzteren geblieben.

Der Kern des Kometen enthielt eine gewisse in eine weißglühende Gasmasse eingeschlossene Anzahl fester Meteore, von denen einige mehrere Kilometer Durchmesser hatten. Eine dieser Massen hatte die Erde unweit Rom getroffen, und die Phonogramme des römischen Korrespondenten meldeten folgendes:

Alle Kardinäle, alle Prälaten des Konzils waren bei dem feierlichen Feste vereinigt, welches in der St. Peterskirche zur Einführung des Dogmas von der päpstlichen Göttlichkeit gegeben wurde. Man hatte die Ceremonie der Anbetung auf die weihevolle Mitternachtsstunde festgesetzt. Unter glänzender Beleuchtung des ersten Tempels der Christenheit und unter den frommen Anrufungen, die in den Gesängen der Ordensbrüderschaften sich in die Lüfte erhoben, während Weihrauchdüfte die Altäre umwallten und die Orgeln ihre ernsten Klänge bis zu den höchsten Räumen der ungeheuren Kirche ertönen ließen, sah der auf seinem goldenen Throne sitzende Papst die Schar seiner Gläubigen als Vertreter der gesamten Christenheit der fünf Erdteile sich zu Füßen liegen und erhob sich, um allen seinen höchsten Segen zu erteilen. Da hatte ein vom Himmel gefallener Block gediegenen Eisens von der halben Masse der Stadt Rom mit Blitzesschnelle Papst und Kirche erdrückt und das Ganze in einen Abgrund von unbekannter Tiefe mit sich hinabgerissen. Ganz Italien war erzittert, und das Rollen eines entsetzlichen Donners war bis Marseille gehört worden.


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Der aus dem Himmel herabstürzende Meteor hatte den Papst zermalmt.


Von allen Städten Italiens aus hatte man die Feuerkugel mitten in dem ungeheuren Sternenregen und dem allgemeinen Aufflammen der Atmosphäre gesehen. Sie hatte die Erde wie eine neue Sonne von glänzendem Rot erleuchtet, und etwas wie ein ungeheures Auseinanderreißen war ihrem Niederfallen gefolgt, wie wenn das Himmelsgewölbe von oben bis unten entzweigerissen wäre. (Es ist dies jene Feuerkugel, welche der Gegenstand der letzten Beobachtung des jungen weiblichen Mathematikers an der Pariser Sternwarte in dem Augenblick war, wo es ihm trotz allen Eifers unmöglich gewesen war, in der erstickenden Luft zu bleiben.)

Unser Spekulant erhielt die Depeschen, gab von seinem telephonischen Kabinett aus seine Weisungen und diktierte seine Sensationsnachrichten seinem in Paris und in den Hauptstädten der Welt gleichzeitig erscheinenden Blatte. Jede so von ihm lancierte Nachricht brachte eine Viertelstunde nachher »Das XXV. Jahrhundert« als Leitartikel in NewYork, St. Petersburg und Melbourne, sowie in den übrigen Hauptplätzen.

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Eine halbe Stunde nach der ersten Ausgabe wurde eine zweite angekündigt.

... »Kauft! Brand von Paris und fast aller europäischen Städte. Ende der katholischen Kirche. Bestrafung des Papstes für seine Vermessenheit. Rom in Asche ... Kauft das XXV. Jahrhundert!«

Und in dieser zweiten Ausgabe konnte man schon eine von einem kompetenten Korrespondenten geschriebene gedrängte Abhandlung über die Folgen der Vernichtung des heiligen Kardinalskollegiums lesen. Der Redakteur wies nach, daß nach den Bestimmungen des Lateranischen Konzils vom Jahre 1179, des Lyoner Konzils von 1274, des Wiener Konzils von 1312 und nach den Ordonnanzen Gregors X. und Gregors XIII. die Päpste nur durch das Kollegium der Kardinäle erwählt werden können. Jene Konzilien und Ordonnanzen hatten den Fall eines gleichzeitigen Todes aller Kardinäle nicht vorgesehen. Nach den Bestimmungen des Kirchenrechts konnte also kein Papst mehr ernannt werden. Die Kirche hatte kein Oberhaupt und St. Peter keinen Nachfolger mehr. Es war das Ende der katholischen Kirche, wie sie seit so vielen Jahrhunderten bestanden hatte.

... »Kauft ›das XXV. Jahrhundert‹, vierte Ausgabe. Das Erscheinen eines neuen Vulkans in Italien. Revolution in Neapel ... Kauft!«

Diese neue Ausgabe erzählte, daß eine Feuerkugel von hunderttausend Tonnen oder auch mehr Gewicht mit der weiter oben gemeldeten Schnelligkeit auf die Schwefelgrube von Puzzuoli herabgestürzt sei und den leichten Boden der einstigen Arena durchschlagen habe; die innere Glut sei hervorgebrochen und habe dem Vesuv einen neuen Vulkan hinzugefügt, und mit ihrem Glanze die Phlegräischen Felder erhellt. Die Revolution, welche unter den neapolitanischen Schreckensmännern gärte, hätte darin einen Wink des Himmels erblickt und durch fanatische Mönche geleitet den »Palazzo reale« zu plündern begonnen.

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... Kauft ›das XXV. Jahrhundert‹, sechste Ausgabe. Erscheinung einer neuen Insel im Mittelländischen Meere; Englands Eroberungen.«

Ein Bruchstück des Kome tenkerns war im Mittelländi schen Meere, westlich von Rom, zurückgeblieben und bildete eine unregelmäßige Insel, die sich 50 m hoch, 1500 m lang und 700 m breit über die Fläche des Wassers erhob.

Das Meer hatte rund herum zu sieden begonnen, und gewaltige Hochfluten hatten die Ufer überschwemmt. Dessenungeachtet hatte sich gerade dort ein Engländer befunden, der nichts Eiligeres zu thun gehabt hatte, als in einer versteckten Bucht der neuen Insel zu landen und den Felsen zu erklettern, um auf dessen höchstem Punkte die britische Flagge aufzupflanzen.

Auf alle Punkte der Welt hatte so das Blatt des berüchtigten Spekulanten während jener Nacht vom 13. auf den 14. Juli Millionen Exemplare geworfen, welche im Kabinett des Direktors telephonisch diktiert worden waren; er hatte es verstanden, sich das Monopol aller Nachrichten über die Krisis zu verschaffen. Überall war man gierig über diese Nachrichten hergefallen, sogar noch ehe man sich daran machte, mit vereinten Kräften die Brände zu löschen. Der Regen hatte wohl gleich anfangs eine unverhoffte Hilfe gebracht; aber die materiellen Schäden waren ungeheuer, obgleich fast alle Bauten aus Eisen hergestellt waren. Die Versicherungsgesellschaften machten den Fall der »höheren Gewalt« geltend und verweigerten die Zahlung. Anderseits hatten die Versicherungen gegen den Tod durch Kohlendampf innerhalb acht Tagen kolossales Vermögen erworben.

»Kauft ›das XXV. Jahrhundert‹, zehnte Ausgabe. Das Wunder von Rom. Kauft!«

Was für ein Wunder? O! das war sehr einfach »Das XXV. Jahrhundert« erklärte in dieser neuen Ausgabe, daß sein Korrespondent in Rom sich zum Echo eines schlecht begründeten Gerüchtes gemacht, und daß die Feuerkugel ... in Rom gar nichts vernichtet hätte, sondern ziemlich weit von der Stadt niedergefallen sei. Sankt Peter und der Vatikan seien wunderbar erhalten worden. Aber die Zeitung war in allen Ländern der Erde zu Hunderten von Millionen verkauft worden. Das war ein ausgezeichnetes Geschäft.


Die Krisis ging vorüber. Nach und nach kamen die Menschen wieder zu sich. Durch den eigentümlichen Schein des immer über den Köpfen schwebenden Kometen, durch den noch andauernden Meteorenfall und durch die allenthalben ausgebrochenen Brände blieb die Nacht erhellt. Als gegen ½4 Uhr der Tag anbrach, waren schon mehr als drei Stunden vergangen, seit der Kometenkern gegen den Erdball gestoßen und der Kopf des Gestirns im Südwesten vorübergegangen war; allein unser Planet war noch ganz in den Schweif eingehüllt. Der Zusammenstoß hatte in der Nacht vom 13. auf den 14. um 1218 Pariser Zeit stattgefunden, d. h. um 1258 in Rom, wie es der Präsident der Astronomischen Gesellschaft von Frankreich genau vorausbestimmt hatte.

Während der größte Teil der dem Kometen zugewendeten Halbkugel zur Zeit des Zusammentreffens unter der zusammenschnürenden Trockenheit, der erstickenden Hitze und dem abscheulichen Schwefelgeruch litt und von einem lethargischen Stumpfsinn befallen war, — als Folgen des Widerstandes, welchen die Atmosphäre dem Laufe des Gestirns entgegensetzte und der mit Ozon übersättigten Elektrisation, sowie der Vermengung des Stickstoffoxyduls mit der höheren Luftschichte — war die andere Erdhälfte, abgesehen von den unvermeidlichen, durch die Störung des Gleichgewichts bedingten atmosphärischen Bewegungen, fast unbeschädigt geblieben. Die selbstregistrierenden Barometer hatten phantastische Kurven mit Höhen und Tiefen eingezeichnet. Glücklicherweise hatte der Komet die Erde nur gestreift, und der Stoß war noch lange nicht central gewesen. Sicherlich hat sogar die Anziehung der Erde bei dem Meteorenfall auf Italien und ins Mittelländische Meer mächtig mitgewirkt. Auf alle Fälle wurde die Bahn des Kometen durch diese Störung gänzlich umgestaltet, während die Erde und der Mond ihren Lauf um die Sonne ruhig fortsetzten, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Aus der parabolischen Bahn des Kometen ward eine elliptische, deren Aphelium in der Nähe des Punktes der Ekliptik lag, wo er durch die Anziehung unseres Planeten »gefaßt« worden war.

Als man später eine Statistik der Opfer des Kometen aufstellte, fand es sich, daß die Zahl der Toten sich auf ein Vierzigstel der europäischen Bevölkerung belief. Nur in Paris, welches sich über einen Teil der früheren Departements der Seine und Seine und Oise ausdehnte und neun Millionen Einwohner zählte, hatte man in jenem unvergeßlichen Monat Juli mehr als zweihunderttausend Tote. Diese verteilten sich auf:

die mit dem 7. Juli schließende Woche mit ......7 750
Sonntag    den 8. ..".................." .......1 648
Montag      "  9. .."................. " .......1 975 
Dienstag    " 10. .."................. " .......1 917
Mittwoch    " 11. .."................. " .......2 465
Donnerstag  " 12. .." ................ " ......10 098
Freitag     " 13. .." ................." .....100 842
Samstag     " 14. .." ................." ......81 067
Sonntag     " 15. .." ................." ......11 425
Montag      " 16. .." ................." .......3 783
Dienstag    " 17. .." ................." .......1 893

die fünf nächsten Tage durchschnittlich ..........980
die Zeit nach dem 22.  normal ................... 369
Im ganzen vom 1. bis 31. Juli ............... 230 084

Die Sterblichkeit hatte sich schon vor Beginn der Unglückswoche verdreifacht und am 9. verfünffacht. Während der Institutssitzungen, welche die Gemüter beruhigt hatten, war keine weitere Steigerung eingetreten; am Dienstag hatte sich sogar eine merkliche Abnahme gezeigt. Leider war die Panik mit dem Herannahen des drohenden Gestirns tags darauf wieder stärker aufgetreten, und die Sterblichkeit hatte sich über das Sechsfache des Normaldurchschnitts erhoben; die meisten schwachen Konstitutionen waren dabei unterlegen. Am Donnerstag den 12., als der verhängnisvolle Tag mit allen seinen Entbehrungen herbeikam, hatte — bei dem Fehlen der Ernährung und des Schlafs, bei der Hautausdünstung und der fieberhaften Affizierung aller Organe, bei der übermäßigen Herzerregung und dem Blutandrang nach dem Gehirn — die Sterblichkeit allein in Paris die unverhältnismäßige Zahl von 10 000 erreicht. Was den allgemeinen Anfall in der Nacht vom 13. auf den 14. betrifft, — durch die Austrocknung der Luftröhre und die Lungenkongestionen, durch die Zusammendrängungen in den Kellern, die Schwäche der Atmungsorgane und die Blutstockung — so waren die Opfer zahlreicher gewesen als in den früheren Feldschlachten, und die Ziffer der Toten war über hunderttausend gestiegen. Das so sehr gefürchtete Kohlenoxyd hatte gar keine Opfer verlangt; durch die Umsetzung der Bewegung in Wärme war seine Verbrennung herbeigeführt worden, als es in den Bereich der Atmosphäre kam, und in Rücksicht auf diese Verbrennung und auf seine sehr geringe Dichtigkeit konnte es sich nicht in genügender Masse mit den unteren Luftschichten vermengen. Ein Teil der tödlich Getroffenen lebte bis zum andern Morgen, und eine nicht geringe Anzahl schleppte ein dem Tode verfallenes Leben noch einige Tage hin. Kaum erst vierzehn Tage nach der Katastrophe stellte sich die normale Durchschnittssterblichkeit wieder ein. Während dieses unheilvollen Monats waren in Paris 17 500 Kinder geboren worden; aber fast alle waren als Opfer des Schreckens ihrer Mütter tot und wie vergiftet mit ganz blauen Körperchen auf die Welt gekommen.

Die Medizinalstatistik, welche den nach dem Verhältnis von 15 Toten jährlich auf 1000 Einwohnern berechneten normalen Durchschnitt — also 135 000* jährlich oder 369 täglich — von der Gesamt

* Von neun Millionen Einwohnern summe abrechnete und von vorstehender Zahl die 11 439 Personen abzog, welche ohne den Kometen gestorben wären, setzte diesem natürlich den Unterschied der beiden Zahlen — ungefähr 218 000 — zur Last.


Diejenige Krankheit, auf welche von dieser Zahl die meisten Opfer kamen, war:

die Furcht, sie hatte 150 000

durch Ohnmachten, Zerspringen von Blutgefäßen oder Hirnschlagflüssen dahingerafft.

Allein diese Katastrophe führte nicht das Ende der Welt herbei. Die Lücken füllten sich, wie es früher manchmal nach den Kriegen geschah, durch eine Art von Überschuß an menschlicher Lebenskraft bald wieder aus. Auf der ganzen Erde kam jede Sekunde ein Kind zur Welt und während des ersten Jahres, welches auf die Panik folgte, sogar hundert in der Minute; die Welt war noch nicht am Untergehen; die Erde drehte sich immer noch in dem befruchtenden Sonnenlichte, und das Menschengeschlecht kam seiner höheren Bestimmung immer näher.

Der Komet war überhaupt nur der Vorwand gewesen zu allen möglichen Erörterungen jener großen Frage nach dem  E n d e  d e r  W e l t .

--*--

Zweiter Teil
IN ZEHN MILLIONEN JAHREN

--*--


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Erstes Kapitel
Die Entwickelungsstufen der Zukunft

Endlich ergreift sein Scepter der Mensch;
wegschleudert den Stab er,
Aufwärts schwingt sich gen Himmel der Geist
eines Denkers wie Newton
Gleich einer Pindarschen Ode.

V.  H u g o, Mitten im Himmel


Das Ereignis, das wir soeben miterlebt haben, und die Besprechungen, welche es hervorgerufen hatte, trugen sich im fünfundzwanzigsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung zu. Bei dem Kometenzusammenstoß, welcher das größte Phänomen in der Geschichte der Erdenmenschheit war, hatte letztere ihr Ende nicht gefunden. Die Erde hatte sich immer fortgedreht, die Sonne hatte immer fortgeschienen; die Kinder waren Greise geworden und unaufhörlich in der beständigen Flut der Geschlechter wieder ersetzt worden. Die Jahrhunderte waren sich gefolgt; der Fortschritt hatte, trotz der Zügel, Hemmschuhe und Hindernisse, welche die Menschen seinem Gang anzulegen und zu bereiten nicht aufhören, die Welt erobert. Durch tausend vorübergehende Schwankungen war die Menschheit langsam in Wissenschaft und Wohlfahrt herangereift, um auf ihrem Höhepunkt anzukommen und die Bahn der irdischen Geschicke zu durchlaufen.

Aber durch welche Reihen von physischen und geistigen Umgestaltungen!

Vom Jahre 1900 bis zum Jahre 3000 hatte sich erhöht:

die Bevölkerung Europas     von  375 000 000 auf  700 000 000 
 "      "       Asiens       "   875 000 000  "  1 000 000 000
 "      "       Amerikas     "   120 000 000  "  1 500 000 000
 "      "       Afrikas      "    75 000 000  "    200 000 000
 "      "       Australiens  "     5 000 000  "     60 000 000

was für den ganzen Erdball ein Wachsen der Bevölkerung von 1 450 000 000 auf 3 400 000 000 ergiebt.

Die Sprachen hatten sich verwandelt. Die beständigen Fortschritte in Wissenschaft und Industrie hatten eine große Anzahl neuer Wörter geschaffen, die gewöhnlich auf die altgriechischen Etymologien gebaut waren. Gleichzeitig hatte sich die englische Sprache über die ganze Oberfläche des Erdballs verbreitet. Vom fünfundzwanzigsten bis zum dreißigsten Jahrhundert war die in Europa herrschende Sprache ein Gemenge von Englisch und Französisch und von Ausdrücken griechischen Ursprungs, zu denen noch einige dem Deutschen und dem Italienischen entnommene Ausdrücke gekommen waren. Kein Versuch, ein Weltsprachsystem aufzustellen, war gelungen.

Schon vor dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert war der Krieg etwas Undenkbares geworden, und man verstand es nicht mehr, wie ein Geschlecht, das sich für gebildet und vernünftig hielt, sich so lange ein Joch hatte freiwillig auflegen können, das es tief unter das Tier herabwürdigte. Einige geschichtliche Episoden, welche durch die Malerei allgemein bekannt geworden waren, zeigten die frühere Barbarei in ihrem ganzen Schrecken. Hier war es Rhamses III. von Ägypten, welcher Körbe voll Hände vor seinem Wagen ausschütten sieht, die man den Besiegten abgehauen hatte, um deren Zählung desto leichter nach Hunderten und Tausenden vorzunehmen. Dort war es TiglathPileser, wie er in den Ebenen von Chaldäa den Gefangenen unter den versengenden Strahlen der Sonne bei lebendigem Leibe die Haut abziehen, oder Sardanapal in Assyrien, der den Babyloniern die Zunge herausreißen, oder die Susaner auf Pfähle spießen läßt. Ferner sah man die auf Befehl Hamilkars vor den Thoren Karthagos gekreuzigten Geiseln; an einer andern Stelle war es Cäsar, der den aufständischen Galliern die Hände mit dem Beil abhauen läßt. Andere Gemälde zeigten Nero als Zuschauer bei der Hinrichtung der des Brandes von Rom angeklagten und mit Pech bestrichenen Christen, welche lebendig verbrannt werden sollten. Diesem gegenüber sah man Philipp II. von Spanien mit seinem Hofe vor Scheiterhaufen, auf welchen im Namen Jesu die Ketzer verbrannt wurden. An einer andern Stelle sah man DschengisKhan, wie er seinen Siegeszug mit Pyramiden von abgehauenen Köpfen bezeichnet; Attila, wie er alle Dörfer anzündet, nachdem er sie geplündert hat; die Verurteilten der Inquisition, wie sie unter Folterqualen ihren Geist aufgeben; die Chinesen, wie sie die Verurteilten bis an den Hals begraben und die Köpfe mit Honig bestreichen, um sie den Fliegen zu überlassen, oder daneben auch, wie sie — ein rascherer Tod — Menschen zwischen zwei Brettern zersägen; man sah Johanna von Arc, wie sie in den Flammen umkommt, und Maria Stuart mit dem Haupt auf dem Richtblock, Lavoisier, Bailly, André Chénier auf dem RevolutionsSchafott und die Dragonaden in den Cevennen, die Heere Ludwig XIV., wie sie die Pfalz verwüsten und die auf den Schneefeldern Rußlands tot daliegenden Soldaten Napoleons, sowie die beschossenen Städte und die Seeschlachten, und die durch Explosivstoffe niedergeworfenen Haufen von Truppen; endlich die Kämpfe in der Luft, in denen ganze Bündel von Menschen in die Tiefe hinabgestürzt werden. Überall und immer die brutale Herrschaft des Stärkeren und die entsetzlichste Roheit. Man durchging die Reihe der internationalen, der politischen, der socialen und der Bürger-Kriege, und niemand wollte glauben, daß die tief zu beklagenden Verirrungen jener Mordgier wirklich so lange das arme, endlich zur Vernunft gekommene Menschengeschlecht hätten beherrschen können.


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Vergebens hatten die letzten Herrscher versucht, es nachdrücklichst zu verkündigen, daß der Krieg eine göttliche Einrichtung und das natürliche Ergebnis des Kampfes um das Leben sei; daß er die edelste Übung der Kräfte, und daß die Vaterlandsliebe die erste Tugend sei; vergebens waren die Schlachtfelder als Felder der Ehre bezeichnet worden und hatten die siegreichen Führer gesehen, wie die Denkmäler ihres Ruhmes die sie vergötternden Massen beherrschten. Man hatte endlich erkannt, daß, abgesehen von einigen Ameisenarten, keine Tiergattung mit einer so beispiellosen Thorheit vorangegangen war; daß der Krieg der Urzustand der menschlichen Gattung gewesen war, die ihr Leben den Tieren streitig machen mußte; daß dieser Naturtrieb sich gegen den Menschen selbst gewendet hatte; daß der Kampf ums Leben nicht darin bestünde, sich selbst zu erdolchen, sondern die Natur zu überwinden; daß alle Ersparnisse der Menschheit in den bodenlosen Schlund der stehenden Heere geworfen würden, und daß allein schon die in die Gesetzbücher aufgenommene Verpflichtung zum Kriegsdienst einen solchen Angriff auf die Freiheit bedeute, daß damit die Sklaverei unter dem Vorwande der Würde wieder hergestellt werde. Die von kriegliebenden oder priesterlich gesinnten Fürsten regierten Völker hatten sich erhoben, ihre Herrscher eingekerkert und sie bei deren Tod einbalsamiert als historische Typen, die man aufbewahren müsse: man hatte sie alle nach Aachen verbracht und wie Leibwächter aus einem früheren Zeitalter um das alte Grab Karls des Großen herum aufgestellt.

Die europäischen Staaten, die sich als Republiken und Verbündete konstituiert hatten, erkannten, daß der Militarismus in Friedenszeit eine gefräßige Schmarotzerpflanze, nämlich die Machtlosigkeit und Unfruchtbarkeit bedeute, in Kriegszeiten aber den gesetzlich erlaubten Mord und Diebstahl; und daß das Recht des Stärkeren eine unvernünftige Regierungsweise sei, die gestützt würde durch einen blinden Gehorsam gegen die Befehle von Diplomaten, welche einzig auf die menschliche Beschränktheit spekulierten. Früher, in den alten Zeiten, hatte man sich von Ort zu Ort für den Nutzen und Ruhm der Führer geschlagen; und diese Kriegsart bestand noch im neunzehnten Jahrhundert zwischen den Dörfern Centralafrikas fort, wo man sogar sah, daß sich junge Männer und Frauen, im Gefühle ihrer Sklavenstellung, zu gewissen Zeiten freiwillig nach den Ländern begaben, wo sie unter großer Feierlichkeit verspeist werden sollten. Nachdem die ursprüngliche Roheit ein wenig abgenommen hatte, vereinigte man sich dann zu Provinzen. Man schlug sich, Provinz gegen Provinz, zwischen Athen und Sparta, zwischen Rom und Karthago, zwischen Paris und Dijon, zwischen London und Edinburg; und die Geschichte hatte die an Wundern der Tapferkeit reichen Kämpfe des Herzogs von Burgund gegen den König von Frankreich, der Normannen gegen die Pariser, der Engländer gegen die Schotten, der Venetianer gegen die Genueser, der Sachsen gegen die Bayern u. s. w. gefeiert.


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Überall hatte die fürchterlichste Barbarei die arme Menschheit beherrscht.


Später hatte man die Stämme vereinigt und dadurch die verschiedenen Banner und die Einteilungen in Provinzen abgeschafft; aber man hatte noch immerfort die Kinder den Völkerhaß gelehrt und die Bürger ausgerüstet bloß zu dem Zweck der gegenseitigen Vertilgung. Es hatte unaufhörlich wiedererneuerte, endlose Kriege zwischen Frankreich, England, Deutschland, Italien, Spanien, Rußland, der Türkei u. s. w. gegeben. Die Vervollkommnung der Vernichtungswerkzeuge hatte mit den Fortschritten in der Chemie, der Mechanik, der Luftschiffahrt und mit den meisten Wissenschaften gleichen Schritt gehalten, und man begegnete sogar Theoretikern, — besonders unter den Staatsmännern — welche behaupteten, daß der Krieg das notwendige Gesetz des Fortschritts wäre. Dabei vergaßen sie aber ganz, daß die meisten Erfinder in den Wissenschaften und der Industrie, in der Elektricität, Physik, Mechanik u. s. w. im Gegenteil die friedliebendsten und kriegsfeindlichsten Menschen auf der Welt waren. Die Statistik hatte festgestellt, daß der Krieg regelmäßig vierzig Millionen Menschen im Jahrhundert mordete — elfhundert täglich ohne Rast und Ruhe — und zwölfhundert Millionen Leichen in dreitausend Jahren geliefert hatte. Daß sich die Völker dadurch erschöpft und zu Grunde gerichtet hatten, darin lag nichts Befremdendes, da sie ja im neunzehnten Jahrhundert die Summe von siebenhundert Milliarden für dieses schöne Resultat verausgabt hatten. Man warf auch dagegen ein, daß es manchmal gut wäre, ein Blutbad anzurichten, um das allzu starke Anwachsen der Bevölkerung zu verhindern. Dabei bedachte man aber nicht, daß die Erde zehnmal mehr Bewohner ernähren könnte, als die Kriege wegrafften. Diese patriotischen Spaltungen, geschickt genährt durch die Politiker, welche davon lebten, hatten Europa lange verhindert, Amerika in der Abschaffung der Heere und in seiner Konstituierung als »Vereinigte Staaten von Europa« nachzuahmen. Denn jene verzehrten ihm alle seine Kräfte und entzogen den von den Arbeitern so mühsam erworbenen Ersparnissen jährlich mehr als zehn Milliarden, während es im andern Falle in nützlicher Arbeit und im Überfluß gelebt hätte. Das Schwert des Mars enthauptete immer noch die besten Bürger. Da jedoch die Männer sich nicht entschlossen, das Flitterwerk ihrer nationalen Eitelkeiten abzuschütteln, so rettete das weibliche Gefühl die Menschheit. Auf Anregung einer Frau von Herz verband sich die Mehrzahl der Mütter in ganz Europa, um ihre Kinder, besonders die Töchter, in der Verabscheuung der Barbarei des Kriegs aufzuerziehen. Die Thorheit der Männer, die Leichtfertigkeit in den Vorwänden, unter denen die Völker gegen einander getrieben wurden, die Gewissenlosigkeit mancher Diplomaten, welche alles aufboten, um den Patriotismus aufzustacheln und die Geister zu verblenden, die schließliche Nutzlosigkeit der Kriege in der Geschichte, das immer gestörte und nie hergestellte europäische Gleichgewicht, der Ruin der Völker, die mit Toten und vom Kartätschenfeuer zerfleischten Verwundeten bedeckten Schlachtfelder, endlich die Witwen und Waisen, und das vielgestaltige Elend. — alles wurde in den Unterhaltungen zwischen den Eltern, in Abendplaudereien, in Erzählungen und Schriften ins hellste Licht gesetzt. Eine einzige Generation mit dieser Erziehung hatte genügt, die Kinder von diesem Überbleibsel tierischen Mordsinnes zu befreien und sie in einem Gefühl der Verachtung und des Abscheus gegen alles zu erziehen, was an die frühere Barbarei erinnern konnte. Die Frauen waren Wählerinnen und wählbar. Sie setzten es zuerst durch, daß die erste Bedingung zur Wählbarkeit für öffentliche Ämter die Verpflichtung sei, das Kriegsbudget nicht mehr zu genehmigen. Aber nachdem die Abgeordneten einmal in Thätigkeit getreten waren, vergaßen mehr als die Hälfte derselben unter dem Vorwande der Staatsraison ihr Versprechen durchaus. Sie gaben zu, daß sie sich ihrer persönlichen Unabhängigkeit begeben hätten, und daß sie nur dem Losungswort der Führer der parlamentarischen Gruppen gehorchen könnten! In Wahrheit verweigerten die Machthaber die Entwaffnung, und das Kriegsbudget wurde nach wie vor jährlich genehmigt. Man kam dann auf den Gedanken, daß vielleicht die einfache Abschaffung der Uniformen zur Beseitigung der Heere genügen könnte, da ja die Militärpersonen der einzelnen Länder sich besonders durch jene Uniformen unterschieden. Aber ein solcher Vorschlag war zu einfach, um irgend welche Aussicht auf Erfolg zu haben. Nun schwuren sich die Mädchen gegenseitig, niemals einen Mann zu heiraten, welcher die Waffen getragen hätte; sie verzichteten auf die Ehe und — hielten ihren Schwur.

Die ersten Jahre dieses Bundes waren selbst für die jungen Mädchen recht hart, und wenn man nicht die allgemeine Mißbilligung gefürchtet hätte, so hätte sich mehr als ein Herz erobern lassen. Den jungen Männern fehlte es nicht an persönlichen Vorzügen, und die Uniform hatte die Vorteile einer gewissen Eleganz nicht verloren. Um die Wahrheit zu sagen, gab es einige Abtrünnige; aber da die so vereinigten Paare vom ersten Tag an von der Gesellschaft verachtet und wie Parias und Renegaten ausgestoßen wurden, so waren sie nicht zahlreich. Die öffentliche Meinung hatte gesprochen, und es wäre von nun an unmöglich gewesen, gegen den Strom zu schwimmen. Fast überall konnte man auf den öffentlichen Plätzen Inschriften und Aufrufe zu Gunsten des allgemeinen Friedens lesen.[23]

[23] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 260 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) steht an dieser Stelle der (in der deutschen Ausgabe, wohl angesichts des 1895 in PreußenDeutschland vorherrschende hohen Ansehens des Militärs und der Monarchie, fehlende) folgende Satz, der hier erstmals in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird: »Die Kriegerischen sind Mörder und Diebe: das war die Formulierung, die man am meisten las, vor allem in Berlin.«

Fast fünf Jahre lang fand sozusagen nicht eine einzige Vermählung, nicht eine einzige eheliche Verbindung statt. Alle Bürger in Frankreich, in Deutschland, in Italien waren Soldaten, sogar in England, wo die »Blutsteuer« im zwanzigsten Jahrhundert ebenfalls genehmigt worden war; und so war es auch bei allen Nationen Europas, welche bereit waren, sich als »Vereinigte Staaten« zu verbünden, aber wegen Beibehaltung ihrer Nationalfarben immer davor zurückschreckten. Die Frauen hielten an ihrem Vorsatz fest. Sie fühlten, daß die Wahrheit auf ihrer Seite war, daß sie durch ihre Entscheidung die Menschheit von ihrer drückenden Fessel befreien und so das Spiel unfehlbar gewinnen würden. Auf die leidenschaftlichen Tadel gewisser Männer antworteten sie einmütig: »Nein! wir wollen keine Schwachköpfe mehr.« Andere fügten bei: »Wir weigern uns, unsere Söhne zu Schlachtopfern großzuziehen.« Und wenn die Spaltung fortbestanden hätte, so waren sie entschlossen, ihren Eidschwur zu halten, oder nach Amerika auszuwandern, wo der Militärstaat seit so vielen Jahrhunderten nicht mehr bestand.

Bei dem Ausschuß der Verwaltungsräte der Staatsgeschäfte (was man früher Abgeordnete oder Senatoren nannte) drangen die beredtesten Bürgerinnen in jeder Sitzung auf Abrüstung. Endlich, im fünften Jahre, unternahmen die Abgeordneten aller Länder, wie von e i n e r Feder getrieben, vor der täglich stärker und unübersteigbar werdenden Mauer der Frauenopposition einen Redesturm, um alle von den Frauen vorgebrachten Gründe noch zu überbieten. Noch in derselben Woche wurde in Deutschland, in Frankreich, in Italien, in Österreich, in Spanien die Abrüstung ausgesprochen.[24]

[24] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 262 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) steht an dieser Stelle der (in der deutschen Ausgabe fehlende) folgende Satz, der hier erstmals in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird: »Die Republik Deutschland hatte die alten Vorurteile überwunden, unter denen sie selbst am meisten zu leiden gehabt hatte.«


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Die jungen Mädchen verzichteten auf die Ehe.


Es war im Frühling. Es erfolgten keine Revolutionen, wohl aber unzählige Eheschließungen. Rußland und England waren der Bewegung fremd geblieben, da die Abstimmung der Frauen dort nicht einstimmig gewesen war. Als aber im Jahre darauf alle als Republiken konstituierten Staaten Europas sich auf die Einladung der Regierung der Vereinigten Staaten von Europa zu einem einzigen Staat verbündeten, da beschlossen auch die beiden großen Nationen die allmähliche Abrüstung von Zehntel zu Zehntel. Lange schon gehörte Indien nicht mehr zu England, und dieses hatte republikanische Verfassung angenommen. Was Rußland betrifft, so bestand dort die monarchische Regierungsform noch fort. Die Ministerien des Kriegs wurden überall als eine gesellschaftliche Ungeheuerlichkeit abgeschafft, als ein schimpflicher Fleck aus dem Staatsorganismus ausgeschieden. Damals stand man im vierundzwanzigsten Jahrhundert. Von jener Zeit an war der enge Begriff »Vaterland« durch den umfassenden Begriff »Menschheit« ersetzt worden, und die internationale Verwilderung machte einer auf Bildung begründeten Verbindung Platz.

Von den militärischen Einrichtungen blieb nur die Musik übrig, die einzige angenehme Beigabe zum Militarismus, welche man sich wohl hütete verschwinden zu lassen, und um ihretwillen ließ man besondere Milizen bestehen. In späteren Zeiten hatte man ganz das Verständnis dafür verloren, wie diese Musik hatte erfunden werden können, um Herden zur Schlachtbank zu führen.

Nachdem Europa des Militärzwangs ledig geworden war, hatte es sich sofort von der Beamtenwillkür befreit, welche anderseits die Völker erschöpft hatte, die dazu verurteilt schienen, an Überfülle zu Grunde zu gehen; dazu hatte es aber einer gründlichen Umgestaltung bedurft. Die Parasiten des Budgets sahen sich unerbittlich beiseite geschoben. Von jener Zeit an hatte sich Europa in einem wunderbaren Aufschwung und Fortschritt auf socialem, wissenschaftlichem, künstlerischem und industriellem Gebiet erhoben.

Man atmete endlich frei; man lebte. Um es fertig zu bringen, an die aller produktiven Arbeit entzogenen Bürger siebenhundert Milliarden im Jahrhundert bezahlen und den Bedürfnissen des Beamtentums entsprechen zu können, hatten sich die Regierungen veranlaßt gesehen, die Steuern zu haarsträubenden Lasten hinaufzutreiben. Die im zwanzigsten Jahrhundert genehmigte Progressivsteuer hatte trotz der durch sie erhaltenen Millionen nicht genügt. Vom 31. Dezember 1950 bis dahin 1960 war der französische Staat in den Besitz aller Eisenbahnlinien des Landes getreten und trotz der Entschädigungen rasch um ein Kapital von zwanzig Milliarden bereichert worden. Der Ertrag dieses Kapitals war jedoch von der Budgetkommission schon zum voraus eskomptiert, und statt daß sich die Steuern vermindert hätten, waren sie im einundzwanzigsten Jahrhundert noch vermehrt worden. Man hatte zuletzt auf alles eine Steuer gelegt: auf die Luft, die man atmet; auf das Quell- und das Regenwasser, auf Sonnenlicht und Wärme, auf Brot, Wein und alle Verbrauchsgegenstände; auf die Kleidungsstücke bis aufs Hemd, die Wohnungen, die Straßen der Städte, die Wege durch die Felder; auf die Tiere: auf Pferde, Ochsen, Hunde, Katzen, Hennen, Kaninchen, Vögel in Käfigen; auf die Pflanzen und Blumen; auf die Musikinstrumente, Klaviere, Orgeln, Geigen, Zithern, Flöten, Waldhörner; auf die Handwerke, die Stände, die Hagestolze, die Verheirateten, die Kinder, die Ammen, die Mobilien, kurz auf alles, rein alles. Die Steuern waren bis zu dem Tage gestiegen, wo ihre Ziffer dem Reinertrag der Thätigkeit der Arbeiter, nach Abzug des »täglichen Brotes«, gleichgekommen war. Alsdann hatte jede Arbeit aufgehört. Es schien von jetzt an unmöglich, zu leben. Das hatten die große, im Anfang dieses Buches besprochene Staatsumwälzung und die auf sie folgenden herbeigeführt.

Alle Staaten hatten nach einander Bankerott gemacht.[25]

[25] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 265f. der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) hat der Autor folgende (in der deutschen Ausgabe fehlende) Fußnote eingefügt, die hier erstmals in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird:

»Schon seit dem Jahr 1893 waren die verschiedenen europäischen Staatshaushalte bereits mit hunderteinundzwanzig Milliarden verschuldet, die sich wie folgt verteilten. Staatsschuld: Frankreich 32 Milliarden; Rußland 20 Milliarden; England 18 Milliarden; Italien 11 Milliarden; ÖsterreichUngarn 10 Milliarden; Deutschland 9 Milliarden; die fünfzehn übrigen Haushalte 21 Milliarden. Alle Bürger waren dadurch proportional je mit folgenden Beträgen belastet: Franzosen 987 Francs; Engländer 505 Francs, Italiener 375 Francs; Österreicher 275 Francs; Russen 220 Francs, Deutsche 200 Francs. Auf die Bewohner der Vereinigten Staaten entfiel dagegen nur eine Schuldenlast von je 18 Dollar oder 90 Francs. Die Steuerlast pro Kopf erreichte folgende Beträge: Frankreich 104 Francs; England 57 Francs; Vereinigte Staaten 50 Francs; Belgien 46 Francs; Deutschland 44 Francs; Österreich 40 Francs; Rußland 36 Francs; Spanien 33 Francs. Der Anstieg der Staatsverschuldung betrug allein in Frankreich:

1869 . . . 13 414 972 937 Fr.
1880 . . . 25 925 189 094 Fr.
1871 . . . 19 297 205 447 " 
1885 . . . 29 216 648 501 "
1873 . . . 23 274 496 972 " 
1890 . . . 31 090 251 051 "
1875 . . . 24 579 854 314 "
1891 . . . 31 660 747 872 "

Frankreich geht derzeit allein jedes Jahr eine Neuverschuldung von 600 Millionen ein. Allerdings trifft es zu, daß bestimmte herausragende Verhaltensweisen in besonderer Weise zum Unterhalt des Haushalts beitragen: Der Tabak bringt allein ein tägliches Steueraufkommen von einer Million. Die soziale Organisation der Welt ist wirklich eine erstaunliche Angelegenheit!

Die Militärausgaben für sich genommen folgen in Europa folgender Progression:

1865 . . . 2715 Millionen
1880 . . . 3981 Millionen
1870 . . . 2748    " 
1893 . . . 4758    "

Europa hat gegenwärtig eine Armee von 3 300 000 Männern. Jeder dieser Militärangehörigen kostet durchschnittlich 1442 Francs. Jeder von ihnen könnte eine nützliche Arbeit im Wert von mindestens 1000 Francs jährlich leisten. Die europäische Barbarei repräsentiert daher gegenwärtig einen grob gerechneten Werteverlust von ca. 8 Milliarden jährlich, also 22 Millionen täglich! ... Dieser Zahl muß man noch das festgelegte und unproduktive Kapital in der Gestalt von Kriegsmaterial in Höhe von ca. 30 Milliarden hinzufügen.

(Anmerkung des Autors, 1893)«

Aber diesen Revolutionen war es nicht gelungen, Europa von der alten Barbarei zu befreien; die patriotischen Vorurteile führten schon wieder zur allgemeinen Verschuldung, und dem oben erwähnten Bunde der jungen Mädchen verdankte man die Befreiung von derselben.

Man erlebte etwas Unerhörtes, Unglaubliches, etwas, das in der Geschichte ohnegleichen ist: die Herabsetzung der Steuern! Um neun Zehntel entlastet, diente das Budget nur noch der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung, der Sicherheit der Bürger, den Schulen jeder Gattung, der Aufmunterung zu neuen Forschungen, den immer größer werdenden Fortschritten in den Wissenschaften, den Künsten, der Industrie und allen Äußerungen der intellektuellen Thätigkeit. Aber die persönliche Initiative hatte den Sieg über die frühere offizielle Centralisation davongetragen, welche so viele Jahrhunderte lang bei aller Vergeudung der öffentlichen Gelder* die eifrigsten Bestrebungen doch nur erstickt hatte; und die Beamtenherrschaft war eines schönen Todes verstorben.

* Die Regierung Frankreichs allein kostet den Beitragspflichtigen stündlich eine Summe, welche von Jahr zu Jahr in folgendem Verhältnis steigt:

1810 . . . 115 000 Fr.
1860 . . . 250 000 Fr.
1820 . . . 119 000 "
1880 . . . 395 000 "
1840 . . . 150 000 "
1890 . . . 404 000 "

Das jährliche Budget Frankreichs beläuft sich auf 3 538 000 000.

Die Thorheit des Duells war bald nach derjenigen des Krieges verschwunden. Man begriff nicht mehr, wie irgend welche Meinungsverschiedenheiten als durch einen Pistolenschuß oder Degenstoß vernünftigerweise beilegbar hatten betrachtet werden können, und ebenso bewunderte man gar nicht mehr die Höflichkeit der französischen Offiziere in der Schlacht bei Fontenoy, welche mit dem Hute in der Hand die Herren Engländer einluden »zuerst zu schießen«. Alles dies erschien sogar in den Augen der Kinder höchst veraltet und äußerst dumm.

Trotz der Inkonsequenzen, trotz des eitlen Skepticismus, trotz der wissenschaftlichen Unbedeutendheit, trotz der herkömmlichen Unfähigkeit und sogar trotz der Veruntreuungen im Amte von seiten gewisser Politiker hatte die republikanische Staatsform alle anderen Regierungsformen überwogen, nicht so aber die demokratische Herrschaft. Man hatte eingesehen, daß es unter den Menschen keine intellektuelle und sittliche Gleichheit giebt, und daß es besser ist, die Regierung einem Rat von einigen hervorragenden Geistern anzuvertrauen, als einer Menge von Ehrgeizigen, deren Hauptverdienst darin bestanden hatte, mit starken Lungen versehen und mit einer nie erlahmenden Zungenbeweglichkeit begabt zu sein, und die nur daran gedacht hatten, das ewige Spiel der Volksleidenschaften zu ihrem persönlichen Vorteil zu lenken. Es war auch erkannt worden, daß eine aus mehreren Hunderten von Abgeordneten bestehende Kammer viel weniger Geist und Urteil besitze, als ein einzelner Mann. Die groben Irrtümer und die rohen Ausschreitungen der Demagogie hatten die Republik mehr als einmal an den Rand des Grabes gebracht; da aber die erbliche Monarchie keine größere Garantie für die Pflichten einer rationalen Regierung gab, so hatte man endlich eine Verfassung angenommen, welche eine sehr kleine Anzahl von Bürgern handhabte, die unter dem Schutze einer einschränkenden und weisen Wahlordnung aus der Urne hervorgegangen waren.

Die Stellen wurden nicht mehr den Intriganten übertragen, welche sich um sie bewarben; man hörte nicht mehr auf diejenigen, welche aus Ehrgeiz darnach strebten; man suchte diejenigen mitten in ihren Studien auf, welche sie verdienten.

Die Vereinheitlichung der Völker, der Ideen, der Sprachen führte zu derjenigen in Maß und Gewicht. Keine Nation war ein Gegner der Annahme des metrischen Systems geblieben, das auf das Maß des Planeten selbst sich gründete. Eine einzige Münze wurde allgemein angenommen. Ein einziger Anfangsmeridian regelte die Erdkunde. Derselbe ging durch die Sternwarte zu Greenwich, und bei deren Antipoden änderte der Tag mittags seinen Namen. Der Meridian von Paris war gegen die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts außer Gebrauch gekommen. Der Erdball war mehrere Jahrhunderte lang übereingekommenermaßen in Segmente von 24 Stunden eingeteilt gewesen; da aber die Unterschiede gegen die wirkliche Zeit widersinnige und unnütze Unregelmäßigkeiten zur Folge hatten, so waren die bei den astronomischen Beobachtungen unerläßlichen Lokalzeiten als Trabanten der Weltzeit wieder aufgekommen. Man zählte hintereinander von 0 bis 24 und nicht mehr kindischerweise wie früher zwei mal zwölf Stunden.

Nicht weniger umfassende Umgestaltungen hatten in allen Wissenschaften, in den Künsten, in der Industrie überhaupt und in den Litteraturen sich vollzogen. Die Klassifizierung der menschlichen Kenntnisse hinsichtlich ihres inneren Wertes wechselte mit dem jeweiligen Fortschritt in jeder derselben. So wurde z. B. die Meteorologie eine exakte Wissenschaft und erlangte die Genauigkeit der Astronomie: gegen das dreißigste Jahrhundert gelang es, das Wetter vorauszusagen, wie wir heutzutage den Eintritt einer Finsternis oder die Wiederkunft eines Kometen vorhersagen. Die früheren Kalender wichen genauen Jahrbüchern, welche alle Naturerscheinungen lange voraus verkündigten. Die öffentlichen Feste, die Vergnügungsausflüge waren immer von einem klaren Himmel begünstigt, und auf den Meeren trieben die Schiffe nicht mehr den Stürmen entgegen.

Die Wälder waren ganz verschwunden, zerstört durch die Kultur — und für die Papierfabrikation.

Der gesetzliche Zinsfuß war auf ein halbes vom Hundert herabgesunken. Die feisten Rentner waren eine Altertümlichkeit geworden.

Die Elektricität hatte den Dampf ersetzt, die Eisenbahnen, die pneumatischen Röhren waren noch in Betrieb, aber besonders für die Materialtransporte. Man reiste vorzugsweise, und besonders am Tage, in lenkbaren Ballons, in elektrischen Luftschiffen, in Schraubenflüglern und andern ähnlichen Luftfahrzeugen, — die einen waren schwerer als die Luft, wie z. B. die Vögel, die anderen leichter, wie die Luftballons. Die alten, schmutzigen, rauchigen, staubigen, lärmenden und hin- und herschüttelnden Wagen mit dem seltsamen und ohrenzerreißenden Gepfiffe der Lokomotiven hatten den leichten, eleganten Luftbooten das Feld geräumt, welche in der reinen Atmosphäre der Höhen geräuschlos die Lüfte durchschnitten.

Durch die Thatsache der Luftschiffahrt allein würden die Grenzen — welche übrigens weder für die Wissenschaft noch für die Gelehrten in ihren gegenseitigen Beziehungen je vorhanden waren — gefallen sein, wenn sie es nicht schon durch die Fortschritte der Vernunft gewesen wären. Die beständigen Reisen auf der ganzen Erdoberfläche hatten den Internationalismus und den unbeschränkten gegenseitigen freien Austausch in Verkehr und Ideen herbeigeführt. Die Zollschranken waren aufgehoben worden. Überall Reichtum, nirgends Staatsschulden. Es gab weder ein Heer mehr, noch eine Seemacht; weder Zölle, noch städtische Steuern. Der ganze sociale Organismus war vereinfacht.

Die Industrie hatte glänzende Eroberungen gemacht. Seit dem dreißigsten Jahrhundert war das Meer durch einen breiten Kanal nach Paris geführt worden, und die elektrischen Schiffe kamen aus dem atlantischen Ocean — und durch die Landenge von Panama aus dem Stillen Ocean — nach dem Landungsplatz von St. Denis, jenseits dessen sich die große Hauptstadt sehr weit nach Norden hin erstreckte. Die Schiffe machten in einigen Stunden die Überfahrt von St. Denis nach dem Hafen von London und viele Reisende benutzten sie noch trotz der regelmäßigen Luftschiffzüge, trotz des KanalTunnels und Viadukts. Jenseits Paris herrschte dieselbe Thätigkeit; denn der Kanal von Narbonne nach Bordeaux, welcher das Mittelmeer mit dem Atlantischen verband, hatte den langen Umweg durch die Meerenge von Gibraltar beseitigt. Anderseits verband eine metallische Röhrenleitung, welche beständig von Zügen mit komprimierter Luft befahren wurde, die Iberische Republik (vormals Spanien und Portugal) mit Westalgerien (dem früheren Marokko). Paris und Chicago hatten damals neun Millionen Einwohner, London zehn, NewYork zwölf. Paris hatte seinen jahrhundertelangen Weg nach Westen fortgesetzt und erstreckte sich vom Einfluß der Marne bis über SaintGermain hinaus. Nur durch altertümliche, verfallene Denkmäler erinnerte es noch an das Paris des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Um nur einige Ansichten davon vorzuführen, war es nachts durch hundert künstliche Monde erhellt, durch elektrische Leuchtfeuer, die auf 1000 m hohen Türmen brannten; die Schornsteine und der Rauch waren verschwunden, da man die Wärme dem Erdboden oder den Elektricitätsquellen entnommen hatte; die Luftschiffahrt war an Stelle der primitiven Wagen der rohen Zeiten getreten; in den Straßen sah man keinen Regen und keinen Schmutz mehr; beim ersten Tropfen wurden sofort Schutzdächer aus gesponnenem Glas herabgelassen, und Millionen früherer Regenschirme fanden sich vorteilhaft durch einen einzigen ersetzt. Was wir heute Civilisation nennen, war im Vergleich mit den erreichten Fortschritten nur Unkultur.

Alle Großstädte waren zum Schaden des platten Landes vorangeschritten; der Ackerbau wurde durch Maschinen mit Elektricitätsbetrieb ausgebeutet; der Wasserstoff wurde aus dem Meerwasser gewonnen; die nutzbar gemachten Wasserfälle und Fluten gaben in der Ferne ihre in Licht umgesetzte Kraft ab; die im Sommer aufgespeicherten Sonnenstrahlen wurden während des Winters verteilt, und die Jahreszeiten waren beinahe verschwunden, besonders seitdem die unterirdischen Brunnen die scheinbar unerschöpfliche innere Temperatur des Erdbodens der Erdoberfläche zuführten.

Alle Bewohner der Erde konnten telephonisch miteinander verkehren.

Die Telephonoskopie machte die wichtigsten oder interessantesten Begebenheiten überall sofort bekannt. Ein in Chicago oder Paris gespieltes Theaterstück hörte und sah man in allen Städten der Welt. Durch den Druck auf einen elektrischen Knopf konnte man einer nach Gutdünken gewählten Bühnenvorstellung nach Gefallen beiwohnen. Eine Umschaltung versetzte sofort ins Innere von Asien und ließ die Bajaderen eines Festes auf Ceylon oder in Kalkutta erscheinen. Doch man hörte und sah nicht allein in die Entfernung; der menschliche Geist war sogar dahin gelangt, durch Einwirkungen auf das Gehirn die Empfindung des Gefühls wie auch diejenige des Geruchsnervs zu übertragen. Das erscheinende Bild konnte unter gewissen besonderen Bedingungen das entfernte Wesen vollständig vorführen.

Im fünfzigsten Jahrhundert wurden in Optik und Physik wunderbare Instrumente erfunden. Eine neue Substanz ersetzte das Glas und lieferte der Wissenschaft durchaus unerwartete Resultate.

Der Fortschritt im socialen Leben hatte mit dem wissenschaftlichen gleichen Schritt gehalten.

Die durch Elektricität bewegten Maschinen waren nach und nach an Stelle der Handarbeiten getreten. Für den täglichen Gebrauch hatte man auf menschliche Bedienten verzichten müssen, weil es keinen mehr gab, der seine Herren nicht gewissenlos ausbeutete und seinen fürstlichen Lohn durch regelrecht organisierten Diebstahl erhöhte. Ferner waren in allen wichtigen Städten die Märkte verschwunden, weil die Kunden wegen der Beleidigungen, die sie sich von seiten der Verkäufer gefallen lassen mußten, weggeblieben waren. Dies hatte ganz von selbst dazu geführt, alle Mittelspersonen beiseite zu lassen und mit Hilfe selbstthätiger Apparate, welche von Affen bedient wurden, möglichst unmittelbar aus den Quellen der Natur zu schöpfen. Es gab keine anderen Bedienten mehr als gezähmte Affen. Die dienende Klasse hätte ohnedies aus dem Gebrauchtum verschwinden müssen, wie früher im Altertum die Sklaverei.

Außerdem hatten sich gleichzeitig die Ernährungsweisen ganz geändert. Der chemischen Synthese war es gelungen, zucker, eiweiß, stärke- oder fetthaltige Körper durch solche aus Luft, Wasser und Pflanzen gewonnene zu ersetzen, die in sehr gelehrt berechneten Verhältnissen zusammengesetzt waren und aus Kohlen, Wasser, Sauer, StickStoff und anderen Verbindungen bestanden.


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Eine Umschaltung versetzte sofort ins Innere von Asien ...


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Die ausgesuchtesten Mahlzeiten fanden nicht mehr an Tafeln statt, auf denen die Überreste von geschlachteten, totgeschlagenen oder erstickten Tieren dampften, sondern in eleganten Sälen, die mit immer grünenden Pflanzen, mit immer frisch blühenden Blumen geschmückt waren, und inmitten einer leichten Atmosphäre, welche Wohlgerüche und Musik wohlthuend belebten. Die Männer und Frauen verschlangen nicht mehr mit tierischer Gefräßigkeit Stücke von unreinen Tieren, ohne nicht einmal das Nützliche von dem Nutzlosen zu trennen. Zuerst hatte man die Fleischsorten destilliert; dann, weil ja die Tiereselbst nur aus den Elementen des Pflanzen- und Mineralreichs gebildet sind, hatte man sich an diese Elemente gehalten. In köstlichen Getränken, in Früchten, Kuchen, Pillen verarbeitete der Mund die zur Wiederherstellung der organischen Gewebe nötigen Grundstoffe und war der widrigen Notwendigkeit überhoben, Fleischmassen zu kauen.* Elektricität und Licht bewirkten überdies beständig die Zersetzung und Bildung von Luft und Wasser.[26]


* Vergl. »Urania« S. 157. [= S. 165 der NachdruckAusgabe 2006; D.v.R.]

[26] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 272f. der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) steht an dieser Stelle der (in der deutschen Ausgabe fehlende) folgende Absatz, der hier erstmals in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird:

»Die Ärzte waren verschwunden und als nutzlos erkannt. Eine vernünftige Hygiene, dem Temperament, dem Alter und dem Geschlecht entsprechend, hatte seit dem dreißigsten Jahrhundert die alte verblendete und eigennützige Medizin ersetzt. Jedermann hatte durch eigene Erfahrung erkannt, daß es überflüssig und gefährlich war, seinen Körper den tastenden Versuchen der Schulmedizin und den pharmazeutischen Giften auszuliefern. Für die Erhaltung der normalen Gesundheit waren nur Hygieniker und für unfallbedingte Verletzungen des menschlichen Organismus Chirurgen erforderlich.«


Besonders vom sechzigsten Jahrhundert an hatte sich das Nervensystem in ungeahnter Weise verfeinert und entwickelt. Das weibliche Gehirn war immer ein wenig kleiner als das männliche geblieben und hatte immer ein wenig anders gedacht — da seine zarte Empfindlichkeit unmittelbar von den Wertbestimmungen des Gefühls getroffen wurde, ehe noch das reine Denken Zeit gehabt hatte, sich in den tiefer gelegenen Zellen zu bilden. — und der Frauenkopf war mit einer weniger breiten Stirn kleiner geblieben, wurde aber so zierlich auf einem Halse von anmutiger Geschmeidigkeit getragen, daß er mehr als je die

Bewunderung des Mannes gefangen nahm. Dafür, daß der Frauenkopf verhältnismäßig kleiner geblieben war als der des Mannes, war er nichtsdestoweniger mit der Übung der intellektuellen Fähigkeiten größer geworden. Aber besonders die Gehirnwindungen waren unter den weiblichen Schädeln zahlreicher und tiefgehender geworden als unter den männlichen. Kurz: der Kopf war größer, der Körper aber kleiner geworden; man begegnete keinen Riesen mehr.

Vier dauernde Ursachen hatten unmerklich zur Änderung der menschlichen Gestalt beigetragen: die Entwickelung der geistigen Fähigkeiten und des Gehirns, die Verminderung der Handarbeiten und der körperlichen Übungen, die Umgestaltung der Ernährung und die Wahl der Verlobten. Die erstere hatte bewirkt, daß der Schädel im Verhältnis zum übrigen Körper zunahm; die zweite hatte die Kraft der Arme und Beine vermindert; die dritte hatte den Leibesumfang gemäßigt und die Zähne klein, fein, perlengleich gemacht; die vierte aber hatte darauf hingewirkt, den klassischen Formen der menschlichen Schönheit, der männlichen Statur, dem Adel des gen Himmel erhobenen Antlitzes, den festen und anmutigen Linien des Weibes dauernden Charakter zu verleihen.

Gegen das hundertste Jahrhundert unserer Zeitrechnung gab es nur noch eine einzige, ziemlich kleine, weiße Rasse, in welcher die Anthropologen vielleicht einige Spuren der angelsächsischen und der chinesischen Rasse hätten entdecken können.

Keine andere Rasse ersetzte und beherrschte die unsrige. Als die Dichter verkündet hatten, der Mensch würde in dem wunderbaren Fortschritt auf allen Gebieten zuletzt noch Flügel bekommen und allein durch seine Muskelkraft durch die Lüfte fliegen, da hatten sie den Ursprung des Baues der menschlichen Gestalt nicht studiert; sie hatten sich nicht gesagt, daß der Mensch einer auf unserem Planeten nicht vorhandenen zoologischen Klasse von Sechsfüßlern hätte angehören müssen, um Arme und Flügel zugleich zu bekommen. Wenn aber auch der Mensch keine neuen natürlichen Organe bekam, so hatte er künstliche erworben. Er konnte sich bekanntlich mit Hilfe von leichten, durch Elektricität bewegten Apparaten in die Lüfte erheben, in den Himmelshöhen schweben, und die Atmosphäre war sein Reich geworden, wie das der Vögel. Es ist sehr wahrscheinlich, daß eine Rasse von großen Seglern auch bald die menschliche Rasse beherrscht und eine neue Rasse an ihre Stelle gesetzt haben würde, wenn sie durch die jahrhundertelange Entwickelung ihrer Beobachtungsgaben ein dem des Urmenschen analoges Gehirn hätte bekommen können. Da jedoch die intensive Anziehungskraft der Erde einer solchen Entwickelung der geflügelten Rassen entgegenstand, so war dem Menschengeschlecht nach seiner Vervollkommnung die Herrschaft über diese Welt erhalten geblieben.

Etwa gegen das zweihundertste Jahrhundert hatte das Menschengeschlecht keine physische Ähnlichkeit mehr mit den Affen und keine moralische mehr mit den Fleischfressern. Alle nationalen Unterschiede der Anfangsperioden waren nach fürchterlichen Hin- und Herschwankungen allmählich verschwunden. Nachdem Europa einmal zum Frieden gelangt war, war es der asiatischen Völkerflut unterlegen. Solange es rohe Völker gegeben hatte, waren die gebildeten Völker der Reihe nach von der rohen Gewalt unter die Füße getreten worden. Denn sind einmal die Völker zum Wohlstand, zur Sicherheit, zu Reichtum, zu Verstand, zu Kenntnissen gelangt, so haben sie keinen Sinn mehr für nationale Trennung; sie verlieren die Empfindung für das Vaterland und unterliegen bei dem Eindringen noch unkultivierter Nachbarn. Das war das Schicksal Ägyptens, Persiens, Griechenlands, Roms, Frankreichs und ganz Europas gewesen. Erst hatten die Slaven, dann die Chinesen die Vorherrschaft. Aber nach dem allgemeinen jahrhundertelangen Fortschritt waren die civilisierten Zustände in einem etwas höheren und stärkeren Grade wieder aufgelebt, und die ungebildeten Völker waren zuletzt ganz von der Bildfläche verschwunden. Von diesem Verschwinden der rohen Gewalt an hatte sich die Menschheit idealisiert und ein geistiges Leben begonnen.

--*--


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Zweites Kapitel
Die Verwandlungen

Heftig erbrausende Meere erblickt' ich an
Stelle des Festlands,
Weithin erstreckten sich Länder, wo einst
nur herrschte Neptunus;
Muscheln des Meers war'n tief in dem
Innern des Landes gelagert,
Hoch auf dem Gipfel des Bergs lag, ganz
verrostet, ein Anker.

O v i d i u s, Metam. XV. 262


Man kennt die Legende von Chidher, einem Reisenden aus dem dreizehnten Jahrhundert, der noch keine Vorstellung von der Länge der Zeiträume in der Natur hatte. Diesen läßt der Dichter erzählen:[27]

. . . . . . . . . . . . .
Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
»Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
Und wird so stehen ewig fort.«
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

[27] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 280 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) fehlt der letzte Satz dieses Absatzes. Außerdem wird der zitierte Reisende dort nicht »Chidher«, sondern »Kazwini« genannt. Anstelle einer Übersetzung des in der französischen Ausgabe angeführten Textes (S. 280–282 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) bringt die deutsche Ausgabe die Erzählung in Form der Ballade Chidher von Friedrich Rückert (1788–1866). Die erste Zeile, hier durch Punkte ersetzt, lautet: »Chidher, der ewig junge, sprach:«


Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt.
Ich fragte: »Wie lang ist die Stadt vorbei?«
Er sprach und blies auf dem Rohre fort:
»Das eine wächst, wenn das andere dorrt.
Das ist mein ew'ger Weideort.«
  Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei;
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt' ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach und lachte meinem Wort:
»So lang' als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port.«
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum.
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei.
Er sprach: »Der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn' ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäume hier fort.«
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: »Seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?«
Sie schrie'n und hörten nicht mein Wort:
»So ging' es ewig an diesem Ort,
Und wird so gehen ewig fort.«
   Und aber nach fundhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.

(Rückert)


Ist das nicht ein Bild der Kürze des menschlichen Gedächtnisses und der Beschränktheit unseres Gesichtskreises in der Zeit wie im Raum? Wir sind geneigt zu glauben, daß die Erde immer gewesen sei, wie sie ist; wir stellen uns die Jahrhunderte währenden Umgestaltungen, welche sie erfahren, nur schwer vor; die Größe jener Zeiten erdrückt uns, wie uns in der Astronomie die Größe des Raumes erdrückt.


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Indessen alles ändert sich, gestaltet sich um, verwandelt sich. Es kam der Tag, wo Paris, dieser anziehende Mittelpunkt aller Nationen, sein Licht erblassen sah und aufhörte, das »Gestirn« der Welt zu sein.

Nach der Verschmelzung der Vereinigten Staaten von Europa in einen einzigen Bund war die russische Republik von Petersburg bis Konstantinopel für die Ausbreitung der chinesischen Auswanderung, die schon volkreiche Städte an den Ufern des Kaspischen Meeres gegründet hatte, eine Art Schranke gewesen. Da aber die früheren Nationalitäten im Verlauf der Zeiten geschwunden waren; da ebenso die europäischen Banner — die französischen und die deutschen, die englischen, die italienischen und die iberischen — abgenutzt und zerrissen waren; da die Verbindungen des Ostens mit dem Westen zwischen Europa und Amerika immer leichter geworden waren und das Meer aufgehört hatte, zu verhindern, daß die Menschen wie die Sonne ihren Zug nach Westen hin fortsetze: so hatte die Gewerbthätigkeit die sich ihr bietenden neuen Landstriche des ungeheuren amerikanischen Kontinents den ausgesogenen Gebieten Westeuropas vorgezogen. Schon seit dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert glänzte der Brennpunkt der Civilisation an den Ufern des Michigansees in einem neuen Athen von neun Millionen Einwohnern, wie Paris. Dann aber war auch die elegante französische Kapitale bald dem Beispiel ihrer älteren Schwestern Rom, Athen, Memphis, Theben, Ninive, Babylon gefolgt. Der große Reichtum, die Hilfsmittel jeder Art, die mächtigen Anziehungspunkte lagen anderswo.

Iberien, Italien, Frankreich, die man allmählich sich selbst überließ, hatten es erlebt, wie die Einsamkeit ihre Fittiche über die Ruinen der alten Städte ausbreitete ... Lissabon lag zerstört unter den Wogen begraben; Madrid, Rom, Neapel, Florenz waren in Trümmer zusammengesunken; Paris, Lyon, Marseille hatte etwas später dasselbe Schicksal ereilt. Die menschlichen Typen und die Sprachen hatten eine solche Umformung erfahren, daß es dem Ethnologen oder dem Sprachforscher unmöglich gewesen wäre, irgend was aus der Vergangenheit wieder herauszufinden. Man sprach schon lange nicht mehr deutsch, englisch, französisch, italienisch, portugiesisch oder spanisch. Europa war jenseits des Atlantischen Oceans, und Asien nach Europa ausgewandert. Die Chinesen hatten in einer Anzahl von einer Milliarde unmerklich ganz Westeuropa überzogen. Mit der anglosächsischen Rasser vermischt hatten sie gewissermaßen eine neue Menschenart gebildet. Ihre vornehmste Hauptstadt hatte sich wie eine endlose Straße auf jeder Seite des Zweimeerekanals, von Bordeaux nach Toulouse und nach Narbonne erstreckt. Die Ursachen, welche Lutetia auf der Seineinsel gegründet und die Stadt der Pariser stufenweise auf ihren Glanzpunkt im fünfundzwanzigsten Jahrhundert erhoben hatten, existierten nicht mehr, und Paris war erloschen mit dem Wegfall der Ursachen, die es hatten aufleuchten und erglänzen lassen. Der Handel hatte von dem Mittelländischen Meere und den großen oceanischen Linien Besitz ergriffen, und der Zweimeerekanal war zum Weltstapelplatz geworden.

Die Völker, welche wir die modernen nennen, waren vergangen wie die alten. Nachdem Frankreich etwa zweitausend Jahre ein eignes Leben geführt hatte, war es im achtundzwanzigsten Jahrhundert im europäischen Staate aufgegangen; und so war es auch mit Deutschland im dreißigsten und mit Italien im neunundzwanzigsten gewesen. England hatte sich über die Fläche des Oceans verbreitet. Das alte Europa bot den Augen und dem Denken denselben Anblick, dieselben Scenen wie die Ebenen Assyriens, Chaldäas, Ägyptens und Griechenlands. Andere Zeiten, andere Menschen. Neue Wesen bevölkerten die alten Städte. So stehen zwar heutzutage Rom und Athen noch, die Römer und Griechen aber sind längst von der Weltbühne abgetreten.


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Im fünfzehnten Jahrhundert überflutete Dörfer in Seeland.


Die Süd- und Westgestade des ehemaligen Frankreichs waren durch Deiche gegen das Eindringen des Meeres geschützt gewesen. Da aber der Nordwesten und der Norden durch das Fluten der Bevölkerung nach Süden und Südwesten hin vernachlässigt worden war, so hatte die langsame und beständige, schon zu Cäsars Zeiten beobachtete Senkung der kontinentalen Ufer die früheren Tiefebenen unter die Meeresfläche hinabgezogen. Und da der Ocean, welcher das Ärmelmeer beständig verbreiterte und die Felsen von Hâvre bis an die Landspitze von Helder wegspülte, so waren die holländischen Deiche nicht mehr unterhalten worden, und das Meer hatte die Niederlande, Belgien und Nordfrankreich überflutet. Amsterdam, Utrecht, Rotterdam, Antwerpen, Brüssel, Lille, Amiens, Rouen hatten es mit angesehen, wie sie unter Wasser gesetzt wurden, und über ihre verschlungenen Ruinen waren die Schiffe hinweggesegelt.

Paris selbst, nachdem es lange Seehafen und SeeUferstadt gewesen war, hatte es erlebt, wie die Gewässer bis zu der früheren Höhe der Türme von NotreDame stiegen und mit ihren wogenden Fluten die ganze so erinnerungsreiche Ebene bedeckten, auf welcher sich so viele Jahre lang die glänzendsten Geschicke der Erde vollzogen. Für Frankreich war es gekommen wie früher mit Seeland, dessen durch das Hereindringen des Meeres verschlungene Dörfer noch lange ihre Trümmer durch die Wellen hindurch erkennen ließen.*

* Seit dem neunzehnten Jahrhundert hatten die naturgeschichtlichen Studien sekuläre Vertikalschwingungen der Erdkruste entdeckt, welche je nach den Gegenden variierten und das langsame Sinken des westlichen und nördlichen Bodens Frankreichs bewiesen, sowie das fortschreitende Vorrücken des Meeres landeinwärts von der ersten historischen Kunde an. Man hatte es nacheinander erlebt, wie das Meer die Inseln Jersey, Chausey, Cézembre, Mont-Sain-tMichel u. a. von dem Festland abgelöst, und die Städte Is, Helion, Tommen, Portzmeûr, Harbour, St. Louis, Monny, Bourgneuf, La Feillette, Paluel, Nazado verschlungen hatte, und wie die armorikanische Halbinsel langsam vor dem Eindringen der Wogen zurückgewichen war. Von Jahrhundert zu Jahrhundert hatte die Stunde des Untergangs durch die Meeresflut auch für Herbavilla, westlich von Nantes; für St.Denis-Chef-de-Caux, nördlich von Hâvre; für St.Etienne-de-Paluel und Gardoine, nördlich von Dol; für Tolante, westlich von Brest; für Porspican, in der Nähe von Cancale (s. oben), geschlagen; mehr als achtzig bewohnte Orte in Holland waren im fünfzehnten Jahrhundert verschlungen worden. In anderen Gegenden hatte sich die Bodenveränderung in entgegengesetztem Sinne vollzogen, und das Meer war zurückgewichen. Aber westlich und nördlich von Paris hatte der doppelte Vorgang der langsamen Senkung des Bodens und des Niedrigerwerdens der Ufer in achttausend Jahren den Ocean in der Fahrwassertiefe für die Schiffe vom stärksten Tonnengehalt bis vor Paris geführt.

Ja, Paris, das schöne Paris, die alte, ruhmreiche Stadt, war nur noch ein Trümmerhaufen. Der Boden Europas, besonders im Westen, Nordwesten und Norden, hatte sich unmerklich, etwa um 30 cm in einem Jahrhundert, gesenkt, und das Meer hatte die Felsen weggespült und war etwa 3 m im Jahrhundert an die Stelle der weggeschwemmten Landmassen vorgedrungen. Die Karte von Frankreich hatte sich langsam geändert. Die Senkung hatte in tausend Jahren 3 m, ich achttausend Jahren 24 m betragen, und da das Niveau der Seine bei Paris nur 25 m über der Meeresfläche liegt, so hatten die Wogen der Springfluten die Uferdämme des Seehafens Paris, am Fuße der Felsen von St. Germain, bespült.

Gleichzeitig hatte die Wegspülung des Festlandes durch das Meer allen Küsten einen 24 km breiten Landstrich entrissen.

Die Abbröckelung der Gebirge durch die Regenmassen, die Bäche, die Bergströme hatte in achttausend Jahren die kontinentale Höhenbildung etwa nur um 56 cm niedriger gemacht. Aber die Meeresfläche hatte sich hierdurch nicht gehoben, weil die Wassermasse sich in demselben Verhältnis vermindert hatte.


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Paris, das schöne Paris, die alte, ruhmreiche
Stadt, war nur noch ein Trümmerhaufen.


Nach Verlauf eines etwa doppelt so großen Zeitraums, in siebzehntausend Jahren, hatte die Senkung 50 m betragen. Nachdem Paris ganz allmählich verlassen worden war, stand es zuletzt fast ganz unter Wasser. Der Reisende, welcher in den auf den Hügeln zerstreuten Ruinen umherirrte, suchte die Stelle des Louvre, der Tuilerien, des Instituts und aller früheren Herrlichkeiten der untergegangenen Hauptstadt vergebens.


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Karte von Frankreich mit einer Höhenlage
von 50 Metern über dem heutigen Stand.


Es wäre merkwürdig zu sehen, welche geographische Verschiedenheit ein kleiner Unterschied im Niveau nach oben, oder unten bewirkt, wenn man zwei Skizzen von Frankreich entwürfe — eine mit der früheren, gegen ihren jetzigen Stand um 50 m höheren Bodenlage, und eine andere, mit einer gleichwertigen Senkung, wie sie dereinst eintreten zu müssen scheint — und dieselben gegenüberstellte.


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Karte von Frankreich mit einer Höhenlage
von 50 Metern unter dem heutigen Stand.


Alle Gestade des früheren Frankreichs hatten sich halbinselartig gespalten. Die Achse der Provinz der Vereinigten Staaten von Europa, welche an Stelle Frankreichs getreten war, ging geographisch von Köln bis zum ZweiMeereKanal. Seitdem war Paris, wie ganz Frankreich, gänzlich aus der Geschichte unseres Planeten herausgetreten. Holland, Belgien und ein Teil Nordfrankreichs waren gänzlich überschwemmt. Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und Lille standen unter Wasser. Das Meer reichte schon lange bis nach London. Die Bretagne war eine Insel.

Das geographische Bild Frankreichs, Europas und der ganzen Erde hatte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert verändert. Die Meere hatten die Stelle der Kontinente eingenommen, und neue Ablagerungen auf dem Grunde der Gewässer bedeckten die Spuren vergangener Zeiten und bildeten neue geologische Schichten. An anderen Orten waren Kontinente an die Stelle der Meere getreten: An den RhôneMündungen z. B. hatte sich das feste Land, welches dem Meere anfangs alle Striche, die sich von Arles bis zum Ufer erstreckten, abgerungen hatte, immer weiter nach Süden ausgedehnt; in Italien hatten sich die Anschwemmungen des Po immer weiter ins Adriatische Meer vorgeschoben, wie diejenigen des Nil, des Tiber und mehrerer neuer Flüsse in das Mittelländische Meer. Und wieder anderswo hatten Dünen und Ufersandwälle in wechselnden Verhältnissen das Gebiet des festen Landes erweitert. Die Gestalt der Kontinente und der Meere war dergestalt verändert worden, daß es unmöglich gewesen wäre, die früheren geographischhistorischen Karten wieder zu erkennen.

Nicht nach Zeiträumen von fünfhundert Jahren, wie der Araber des dreizehnten Jahrhunderts, dessen Legende wir eben anführten, darf der Geschichtsschreiber die Epochen in der Natur zählen: eine zehnmal längere Periode genügt kaum, um die Bodengestaltungen merklich zu ändern; denn fünftausend Jahre sind nur ein Fältchen in dem Antlitze des Oceans der Zeiten. Nach Zehntausenden von Jahren muß man rechnen, wenn man das Ganze der in den Gewässern versunkenen Kontinente und der infolge der jahrhundertelangen Veränderungen des Niveaus der Erdrinde ans Tageslicht getretenen neuen Erdstriche übersehen will. Die Dicke und die Dichtigkeit der Erdrinde aber sind je nach den Gegenden verschieden, und ihr Druck auf den noch umformungsfähigen und beweglichen Kern unseres Planeten läßt die weitesten Gebiete erbeben. Eine leichte Störung des Gleichgewichts, eine unbedeutende Schaukelbewegung, oft nicht einmal 100 m von den 12 000 km des Erddurchmessers, genügt, um der Welt ein anderes Aussehen zu geben.

Und wenn wir die Gesamtgeschichte der Erde nicht mehr nach Zeiträumen von zehn, zwanzig- oder dreißigtausend Jahren, sondern etwa nach hunderttausend ins Auge fassen; so müssen wir bekennen, daß in einem Zehnfachen dieser großen Zeiträume, sagen wir in einer Million Jahre, die Erdoberfläche vielmals verwandelt worden ist, besonders in gewissen Gegenden, in denen innere und äußere Kräfte darauf hinwirken.


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Ihre Hauptstadt erstreckte sich über die gesamte Länge
des Zwei-Meere-Kanals von Bordeaux bis Narbonne.


Gehen wir nun um eine oder zwei Millionen Jahre voraus, so sind wir Zeugen eines wunderbaren Hin- und Herwogens der Lebewesen und der Dinge. Wievielmal hat nicht in diesem Zeitraume von zehn- oder zwanzigtausend Jahren das Meer seine Wellen über die früheren Wohnstätten der Menschen dahingerollt? Wievielmal ist nicht das feste Land noch neuem, jungfräulich und wiedergeboren, den Tiefen des Oceans entstiegen! Diese Wechsel hatten einst durch plötzliche Umwälzungen, durch Bodensenkungen oder Niveauverschiebungen, durch Bruch der natürlichen Deiche, oder durch Erdbeben, durch Bodenerschütterungen, durch vulkanische Ausbrüche oder durch Erhebungen von Gebirgen in den Urzeiten stattgehabt, wo den noch heißen und flüssigen Planeten an der Außenseite nur ein dünnes Häutchen bedeckte, das über einem brennenden Ocean erstarrt war.

Später waren diese Umbildungen langsam vor sich gegangen, je nachdem jene Oberflächenkruste dicker und fester geworden war; die allmähliche Zusammenziehung des Erdballs hatte die Bildung leerer Räume unter der festen Hülle, dann den Hineinsturz verschiedener Teile dieser geborstenen Hülle auf den teigigen Kern und endlich Schaukelbewegungen bewirkt, welche das Höhenprofil des Bodens umgestaltet hatten. Noch später waren durch äußere Kräfte unmerkliche Veränderungen herbeigeführt worden. Einerseits hatten die Ströme dadurch, daß sie ihren Mündungen beständig die Trümmer der Gebirge zugeführt hatten, den Meeresgrund erhöht und langsam das Erdreich vermehrt, indem sie weit in die Meere hinaus vordrangen und so von Jahrhundert zu Jahrhundert die früheren Häfen in das Festland hinauf verlegten. Anderseits hatte die Arbeit der Wogen und der Stürme, welche beständig an den Felsenküsten nagten, das Gebiet der Kontinente zu Gunsten des Meeres vermindert. Unaufhörlich und ohne Rast hatte sich die geographische Gestaltung der Ufer verändert, das Meer war an Stelle des Landes getreten, und umgekehrt, und zwar mehr als einmal. Unser Planet war für den Historiker eine ganz andere Welt geworden. Alles hatte sich verändert, aber auch alles. Frankreich stand unter Wasser, der Grund des Atlantischen Meeres ragte über das Wasser hervor, ein Teil von Amerika war verschwunden, an die Stelle Oceaniens war ein Kontinent getreten, China war eine Beute des Meeres geworden; der Tod herrschte, wo früher das Leben blühte, und umgekehrt; was früher den Ruhm und die Größe der Nationen ausmachte, war einer ewigen Vergessenheit anheimgefallen! Wenn die jetzige Menschheit auf den Mars auswanderte, so sähe sie sich dort vielleicht nicht so ihrem Vaterland entrückt, als wenn einer von uns nach jenen noch so fernen Zeiten wieder auf die Erde käme.

Zu gleicher Zeit hatte sich auch die Tierwelt des Erdballs von Zeitraum zu Zeitraum schrittweise umgestaltet. Die wilden Arten: Löwen, Tiger, Hyänen, Panther, Giraffen, Känguruhe so gut wie Walfische, Cachelote und Robben verschwanden gänzlich. Gerade so war es auch mit den früheren Raubvögeln. Die Menschen hatten die Arten, welche sie verwenden konnten, eingefangen und zu Haustieren gemacht, die andern aber vernichtet. Der Naturzustand war vor der fortschreitenden Civilisation beständig zurückgewichen. Der ganze Planet war zuletzt ein Garten geworden, dessen Kultur fortan nach wissenschaftlichen Grundsätzen verständig und sachgemäß betrieben wurde. Man sah keine Obstbäume und keine Weinberge mehr vor den Frühlingsfrösten in Blüte stehen, noch den Hagel die Feldfrüchte verwüsten, noch die Stürme die Getreidefelder niederlegen, noch die Flüsse die Dörfer überschwemmen, noch den Regen oder den Wassermangel die Ernten verhindern, noch Hitze oder Frost das organische Leben ertöten. Während des Winters verwendete man die im Sommer sorgfältig aufgespeicherte Sonnenwärme. Die natürliche und die gesellschaftliche Ordnung war in ein System gebracht. Die Arbeitenden starben nicht mehr Hungers, und die Faulenzer starben nicht mehr am Schlagfluß, oder am Magenweh, weil sie zu viel gegessen hatten. Der Verstand herrschte.

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Drittes Kapitel
Der Höhepunkt

Flügel! Flügel!
. . . . . . . . . . . . . . . .
Flügel, Flügel übers Leben,
Über Grab und Tod!

R ü c k e r t, Liebesfrühling III. 66


Der Fortschritt ist das höchste Gesetz, dem alles Erschaffene vom Schöpfer unterworfen ist. Jedes Wesen strebt das Beste an. Wir wissen nicht, von wannen wir kommen, nach wohin wir gehen. Die Sonnensysteme führen die Welten durch den unendlichen Raum dahin. Wir sehen weder den Ursprung, noch das Ende, und das Ziel bleibt unbekannt. Aber in unserm so beschränkten, so begrenzten, so unvollständigen Wahrnehmungskreis erkennen wir trotz des Absterbens der Individuen, der Arten und der Welten, daß die Natur in ewigem Fortschreiten begriffen ist und daß jedes erschaffene Wesen nach einer höheren Stufe strebt. Jeder will höher hinauf. Keiner will hinabsteigen.

Während all der jahrhundertelangen Verwandlungen des Planeten war die Menschheit immer weiter vorgeschritten, und von den ersten Regungen des Lebens auf Erden an bis zu dem Tage, wo die Vorbedingungen der Bewohnbarkeit des Erdballs sich zu verschlechtern begannen, hatten sich alle lebenden Wesen in Schönheit, in Mannigfaltigkeit der Organe und in Vervollkommnungen entwickelt. Der Baum des Erdenlebens, der in der Zeit der unausgebildeten, kopflosen, blinden, tauben und stummen, fast jeden Empfindungslebens baren Urtierchen gepflanzt wurde, er war zum Lichte aufgestrebt, hatte allmählich wunderbare Sinnesorgane erlangt und seine Krone im Menschen erhalten. Und dieser selbst, von Jahrhunderten zu Jahrhunderten vervollkommnet, hatte sich langsam vom wilden Urmenschen, dem Sklaven der Natur, bis zum geistigen Beherrscher der Welt erhoben, und aus der Erde ein Paradies des Glücks, des ästhetischen Genusses und der Wissenschaft gemacht.

Die Wissenschaft hatte den Planeten umgewandelt. Die Bewohner dieses Weltkörpers lebten endlich im Himmel in dem Bewußtsein, daß sie dessen Bürger sind. Die Physik und die Chemie hatten ebenso viele Fortschritte gemacht als die Astronomie. Die Industrie hatte überall die Sklaverei der Handarbeit durch sich selbst bewegende Maschinen ersetzt. Die Künste hatten das Ideal der edelsten Auffassung der menschlichen Dinge erreicht.


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Die Empfindlichkeit der Nerven des Menschen war ins Wunderbare entwickelt. Die sechs früheren Sinne: das Gesicht, das Gehör, der Geruch, das Gefühl, der Geschmack, der Geschlechtssinn hatten sich nach und nach über die anfänglichen groben Empfindungen erhoben und eine auserlesene Feinheit erreicht. Durch die Erforschung der elektrischen Eigenschaften der lebenden Wesen hatte sich ein siebenter Sinn, der elektrische, herausgebildet, und jeder Mann und jede Frau hatte je nach den Temperamenten die mehr oder weniger wirkende, mehr oder weniger ausgesprochene Fähigkeit, eine Anziehung oder Abstoßung auf lebende wie leblose Körper auszuüben. Aber der alle andern beherrschende Sinn, der in den menschlichen Beziehungen die größte Rolle spielte, war jedenfalls der achte, der psychische Sinn, welcher es den Seelen ermöglichte, auf Entfernungen hin miteinander zu verkehren.*

* Vergl. »Urania« S. 134 alin. 2 bis S. 137. [= S. 148 Absatz 1 bis S. 149 der NachdruckAusgabe 2006; D. v. R.]

Noch zwei andere Sinne waren als vorhanden angenommen worden; aber sozusagen von ihrer ersten Äußerung an hatte ihre Entwickelung eine verhängnisvolle Stockung erfahren. Der erste hatte die Sichtbarkeit der ultravioletten Strahlen zum Gegenstand, welche bei chemischen Vorgängen so leicht zur Empfindung gelangen, aber für die menschliche Netzhaut vollständig dunkel sind. Die Augen, welche sich in dieser Richtung geübt hatten, hatten als Sitz neuer Fähigkeiten fast nichts gewonnen und als Sitz alter viel verloren. Der andere Sinn hatte die Orientierung zum Zweck, war aber sogar durch die Erforschungen nach der Anwendbarkeit des Erdmagnetismus auch nicht weiter entwickelt worden.

Man war auch nicht dahin gelangt, seine Ohren gegen widrige Reden zu verschließen, wie man seine Augen nach Belieben schließt; eine Fähigkeit, welche auf gewissen Welten vorhanden ist, die besser bedacht sind, als die unsrige.* Unsere unvollkommene Organisation hatte bedauerlicherweise manchem wünschenswerten Fortschritt im Wege gestanden.

* Vergl. »Urania« S. 24 S. [= S. 47 der NachdruckAusgabe 2006; D. v. R.]

Die Entdeckung der sexuellen Periodicität des weiblichen Eies hatte eine Zeitlang das Verhältnis der Geburten mit einer Störung bedroht; denn man konnte befürchten, daß nur noch Knaben zur Welt kämen. Das Gleichgewicht wurde erst durch eine wirkliche sociale Umwälzung wieder hergestellt. In mehreren Gegenden hörten die Weltfrauen beinahe auf, Mütter zu sein, und die Beschwerden der Mutterschaft, die sich mit einer anmutigen weiblichen Erscheinung nicht mehr vertrugen, überließ man den Töchtern des Volkes und des platten Landes.

Die Liebe war das oberste Gesetz geworden, denn sie trug ihren Zweck in sich selbst und ließ die frühere Pflicht der Fortpflanzung der Gattung in den Hintergrund und in Vergessenheit treten, indem sie das fühlende Wesen mit Liebkosungen und Vergnügungen umgab. Der Blüten Schönheit und Duft lassen manchmal die Früchte vergessen. Seit langer Zeit übrigens schon gingen aus den Reihen des Volks die gesunden Generationen hervor. Denn die entnervten aristokratischen Schichten hatten nur selten und dann schwächliche und gebrechliche Nachkommen, und in den Großstädten hat man gesehen, wie ein neues Frauengeschlecht den berückenden Reiz des orientalischen Lebens, das durch einen zunehmenden ausschweifenden Luxus noch verfeinert wurde, wieder über die Welt ausgoß.


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Die Sitten und die gesellschaftlichen Gebräuche hatten gründliche Umformungen erfahren. Die Kinder wurden auf Kosten des Staates erzogen. Die Erbschaften waren abgeschafft worden. Die Bande der gesetzlichen Ehe waren zwar gelöst worden, und kein Gesetz konnte mehr zwei Wesen aneinander ketten. Die wahlberechtigten und wählbaren Frauen, welche eine einflußreiche Stellung in der Gesetzgebung errungen hatten, hatten jedoch alles aufgeboten, um die frühere vorteilhafte Einrichtung der Ehe unverändert zu erhalten. Aber sie hatten nicht verhindern können, daß dieselbe allmählich außer Gebrauch kam, da die von dem Gefühl einer warmen und erwiderten Liebe getragenen Verbindungen an Stelle aller früheren Vernunft- oder Geldheiraten getreten waren. Die freie Wahl der Lebensgefährten, die Lehre von der Züchtung und Vererbung schufen eine neue Rasse wiedergeborener Menschen, wie wenn sie der durch eine neue Sintflut befruchteten Erde entstiegen wäre, und die das Aussehen der Welt wiederum änderte.

Neue Civilisationsperioden folgten aufeinander, eine Ebbe und Flut der ungeheuren Wogen der Menschheitsgeschichte. Die Materie beugte sich nach und nach unter die steigende Macht des Geistes.

Die geistig Arbeitenden, welchen ja die Tage so schnell vergehen, hatten es dahin gebracht, die Zeit, welche sie auf die der Menschheit nützlichen Forschungen verwendeten, dadurch um zwei Stunden zu verlängern, daß sie diese Stunden den geistig unbedeutenden Menschen wegnahmen, welche die Zeit »totschlagen« wollen. Nach getroffener Übereinkunft hatten jene sich sechsundzwanzigstündige Tage gemacht und diese zweiundzwanzigstündige in dem Sinne, daß erstere nur noch sechs Stunden schliefen statt acht, während letztere zehn Stunden schliefen. In diesen entzogen ihnen geschickte Praktiker durch eine unmerkliche Operation von einigen Minuten eine gewisse Dosis Lebenskraft, die sie in die Arterien jener einspritzten. Das ist gerade so, wie wenn sie alle acht Stunden geschlafen hätten; aber es waren in der That zwei Stunden zu Gunsten der nützlichen Glieder der Gesellschaft gewonnen.


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Besonders aber der achte Sinn, der psychische, spielte eine große Rolle in den menschlichen Beziehungen.

Die Entwickelung der geistigen Fähigkeiten des Menschen, die Pflege der psychischen Studien hatten unsere Rasse völlig umgewandelt. Man hatte in der Seele verborgene Kräfte entdeckt, welche in der ersten Periode der groben Instinkte länger als eine Million Jahre geschlummert hatten. In eben dem Maße, als die frühere tierische Ernährungsweise eine chemische Ordnung geworden war, hatten sich die seelischen Fähigkeiten in einem übernatürlichen Aufschwung gehoben, belebt und vergrößert. Von da an dachte man ganz anders, als die Menschen jetzt denken. Die Seelen verkehrten leicht auf eine Entfernung miteinander. Die Ätherschwingungen, welche aus Gehirnbewegungen entstehen, pflanzten sich vermöge eines transcendenten Magnetismus fort, dessen sogar die Kinder sich zu bedienen verstanden. Jeder Gedanke erregt in dem Gehirn eine schwingende Bewegung; diese Bewegung erzeugt Ätherwellen, und wenn diese Wellen an einem Gehirn anschlagen, das mit dem ersteren harmonisch gestimmt ist, so können sie demselben den Anfangsgedanken, welcher sie hervorgerufen hat, mitteilen, geradeso wie eine schwingende Saite die von einem fernen Tone ausgegangene Schwingung in der Entfernung wiedergiebt und wie die Telephonplatte die durch eine elektrische Bewegung stille übertragene Stimme wiederertönen läßt. Diese lange in dem menschlichen Organismus beschlossen gelegenen Kräfte waren erforscht, analysiert und entwickelt worden. Nicht selten sah man, daß ein Gedanke einen andern in der Entfernung wachrief und das herbeigewünschte Wesen vor ihm erscheinen ließ. Ein Wesen rief das andere hervor. Das Weib übte immer noch eine viel stärkere Anziehung auf den Mann aus, als umgekehrt. Der Mann blieb immer der Sklave der Liebe. In den Stunden der Trennung, der Einsamkeit, des Träumens genügte es ihm, — dem Weibe — wenn es dachte, wünschte, rief, um das liebe Bild des Geliebten erscheinen zu sehen. Ja, manchmal war der Verkehr sogar so vollständig, daß das Bild greifbar und hörbar wurde; so enge verbunden waren die Schwingungen der beiden Gehirne. Jede Empfindung liegt in dem Gehirn, und nirgends anderswo.


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Ein Wesen rief das andere über Entfernungen hinweg hervor.


Die Erdenwesen, welche so in der Sphäre des Geistes lebten, verkehrten sogar mit unsichtbaren, des materiellen Körpers beraubten Wesen, welche um uns herum existieren, und verkehrten auch von einer Welt aus mit einer andern. Der erste interastrale Verkehr war mit dem Planeten Mars hergestellt worden, der zweite mit dem Planeten Venus und er dauerte fort bis zum Untergang der Erde; derjenige aber mit dem Mars hörte mit dem Erlöschen des marsischen Menschengeschlechts auf, während die Verbindungen mit Jupiter erst gegen das Aussterben des irdischen Menschengeschlechts hin anfingen und zwar nur für einige sehr vereinzelt stehende Eingeweihte.

Diese überweltlichen (ultramondanen) Studien und weise getroffene Wahlen in den ehelichen Verbindungen hatten schließlich den Grund zu einem wirklich neuen, höchst nervösen Geschlechte gelegt, dessen organische Form ja sicher der unsrigen glich, dessen geistige Fähigkeiten jedoch ganz verschiedene waren. Die Kenntnis der Hypnose, die hypnotische, magnetische und psychische Einwirkung hatten die alten, so rohen und manchmal so verblendeten Verfahrungsweisen der Medizin, der Pharmazie und sogar der Chirurgie aufs vorteilhafteste ersetzt. Die Telepathie war eine umfassende und segensreiche Wissenschaft geworden.

Die Menschen hatten eine Entwickelungsstufe der Vernunft erreicht, die hinreichte, um ruhig und geistig angeregt zu leben. Geistige und physische Arbeit waren auf die Auffindung neuer Naturkräfte und auf stete Vervollkommnung der allgemeinen Bildung verwendet worden. Unmerklich, Schritt für Schritt war die menschliche Persönlichkeit umgebildet oder, um es besser zu sagen, verklärt worden.

Die Menschen waren fast alle gescheit. Lächelnd erinnerten sie sich der kindischen Streberei ihrer Vorfahren zu der Zeit, wo jeder, statt »einer« zu sein, »etwas« zu sein suchte: Abgeordneter, Senator, Akademiker, Präfekt, General, Minister, Bischof, Direktor von diesem oder jenem, Großkreuz eines nationalen Flitters u. s. w.. und sich fieberhaft abmühte, etwas zu scheinen. Sie hatten endlich begriffen, daß das Glück im Geiste seinen Sitz hat, daß das Forschen der Seele die höchste Befriedigung gewährt, daß die Liebe die Sonne ist, an deren Strahlen sich die Herzen erwärmen, daß das Leben kurz ist und nicht verdient, daß man an der Oberfläche hängen bleibt; und alle waren glücklich in der Unabhängigkeit des Denkens, unbekümmert um Glücksgüter, welche man nicht mitnimmt.

Die Frauen hatten eine vollendete Schönheit erlangt, mit ihrem veredelten Wuchse, der so sehr abstach gegen die hellenische Fülle, mit ihren Gliedern von durchsichtiger Weiße, mit ihren träumerisch leuchtenden Augen und mit ihrem langen Seidenhaar, in dem sich früheres braun und blond in ein kastanienbraun verschmolzen hatte, welches in dem Gold der untergehenden Sonne schimmerte. Die frühere tierische Kinnlade hatte sich in ein kleines Mündchen idealisiert, und vor jenem anmutigen Lächeln, bei dem Anblick jener glänzenden, in ein zartes Rosenrot gefaßten Perlen, begriff man nicht, wie man die Lippen der ersten Frauen mit Inbrunst hatte küssen können. In der Frauenseele hatte das Gefühl immer das Urteil bestimmt, hatten die Nerven stets ihre so merkwürdige Fähigkeit, sich selbst zu erregen, bewahrt; immer war die Denkweise des Weibes etwas verschieden von der des Mannes, welcher mit unüberwindlichem Starrsinn an seinen Eindrücken und Ideen festhielt. Aber das ganze Wesen war so auserlesen, die Vorzüge des Herzens umgaben den Mann mit einer so lieblichen und einschmeichelnden Atmosphäre, es lag so viel Entsagung, so viel Hingabe und so viel Güte darin, daß man sich nichts mehr weiter wünschte, und daß das Glück für alle Ewigkeit seinen Höhepunkt erreicht zu haben schien. Vielleicht war das junge Mädchen eine zu früh erschlossene Blüte; aber die Empfindungen waren so lebhaft, durch die Feinheiten der nach und nach erfolgten Umwandlung verzehnfacht, ja verhundertfacht, daß der »Tag« des Lebens weder Frührot noch Abenddämmerung hatte. Übrigens hatten der Geist, das Denken und das Träumen die Oberhand über die Materie. Die Schönheit führte das Scepter. Mehr als zu irgend einer anderen Epoche in der Geschichte fühlten sich in jener Zeit der Überempfindlichkeit aller Sinne die Männer durch »das Ewigweibliche« hinangezogen und wußten die Frauen, daß sie herrschen, wo sie erschienen. Diese Art von Gehirnüberreizung verhinderte indessen nicht, daß die größten Geisteswerke vollendet und die wunderbarsten wissenschaftlichen Entdeckungen gemacht wurden. Es schien wirklich, als gäbe es ein ganz anderes Menschengeschlecht, das von unerreichbarer Höhe auf dasjenige eines Aristoteles, eines Kepler, eines Hugo — einer Phryne, einer Diana von Poitiers, einer Pauline Borghese herabsähe. Die Umwandlung war so vollständig, daß man mit einem an Ungläubigkeit grenzenden Erstaunen in den geologischen Museen Exemplare fossiler Menschen aus dem zwanzigsten bis zum hundertsten Jahrhundert zeigte, mit ihren plumpen Gebeinen, ihrem starken Gebisse und ihren groben inneren Organen. Man machte sich nur ungern mit dem Gedanken vertraut, daß solche schwerfällige Organismen wirklich die Altvordern des zierlichen Geschlechtes der Glanzperiode seien.

So war die Menschheit auf einer Stufe physischen und moralischen Glückes, geistiger Größe, wissenschaftlicher, künstlerischer und industrieller Vollendung angelangt, die alles nur Denkbare unvergleichlich übertraf. Wir haben schon erzählt, daß die Hitze im Innern der Erde gebunden und in Städten, Dörfern, Hüttenwerken und verschiedenen Industrien mehrere Millionen Jahre lang zur allgemeinen Erwärmung der Erdoberfläche im Winter verwendet worden war. Als diese Wärme nach allmählicher Abnahme endlich ganz verschwunden war, hatte man die Sonnenstrahlen aufgefangen, gesammelt und ihnen beliebige Richtung gegeben; der Wasserstoff war dem Meerwasser entzogen worden; erst war die Kraft der Wasserfälle, dann die der Springfluten in Heiz- und Leuchtkraft umgesetzt worden; der ganze Erdenplanet war ein Gegenstand der Wissenschaft geworden, die über alle Elemente nach Belieben verfügte. Die früheren menschlichen Sinne hatten sich auf einen Grad der Verfeinerung entwickelt, den man jetzt als überirdisch bezeichnen würde. Die schon erwähnten neuen Sinne hatten sich von Geschlecht zu Geschlecht vervollkommnet, das Wesen des Menschen hatte sich mehr und mehr der herniederziehenden Materie entrungen; die Ernährungsweise war eine andere geworden; die Intelligenz beherrschte die Körper; die groben Gelüste der Urzeiten waren in Vergessenheit geraten; die Seelenkräfte waren in beständiger Übung, wirkten auf der ganzen Erdoberfläche in der Entfernung und standen sogar, wie schon erwähnt, mit den Bewohnern der nächsten Planeten in Verkehr.


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Es war ein Zeitalter der sinnenfrohen Ideale.


Uns unverständliche Apparate ersetzten die früheren optischen Instrumente, welche die Fortschritte in der physischen Astronomie begründet hatten, kurz, eine ganze Welt war völlig neu in Wahrnehmungen und Studien in einem aufgeklärten Gesellschaftsstaate, in dem man Neid und Eifersucht ebensowenig mehr kannte als den Diebstahl, das Elend und den Mord. Es war dies ein Menschengeschlecht von Fleisch und Bein zwar wie das unsrige, aber in Schärfe des Verstandes, in Zartheit der Empfindungen und in Feinheit des Geistes demjenigen unserer Zeit ebenso überlegen, als dieses selbst über den Affen der Tertiärperiode steht. Insbesondere hatte die käufliche Parteinahme aufgehört, das Denken und Handeln der Menschen durch ihren Gifthauch zu verderben. Das Gefühl leitete die Herzen, der Verstand lenkte die Geister.

Dank den Fortschritten in der Physiologie und in der allgemeinen Gesundheitslehre, dank den ängstlichen Bemühungen zur Verhütung der Fäulnis, dank der Assimilation der Extrakte aus Hoden und Rückenmark in den menschlichen Geweben, dank endlich der Erneuerung des Blutes in den Geweben, der Entwickelung des allgemeinen Wohlstandes und der Übung aller Geisteskräfte war die menschliche Lebensdauer sehr verlängert worden, und hundertfünfzigjährige Greise waren keine Seltenheit. Man hatte den Tod nicht aus der Welt verdrängen können, aber man hatte das Mittel gefunden, nicht zu altern, und die Jugendkräfte erhielten sich bis über das hundertste Jahr hinaus. Die meisten Krankheiten, von der Schwindsucht bis zum Zahnweh, waren durch die Wissenschaft überwunden worden. Und die Charaktere waren fast alle liebenswürdig, — abgesehen von gewissen unvermeidlichen Schattierungen — weil sie sehr von den Temperamenten und von der Gesundheit abhängen, und weil die Organismen fast alle harmonisch gebildet waren.

Die Menschheit hatte nach Einheit gestrebt: es gab nur noch eine einzige Rasse, eine einzige Sprache, eine einzige allumfassende Regierung, eine einzige Religion (die astronomische Philosophie); man hörte allein auf die Stimmen der erleuchteten Gewissen, — und in dieser Einheit waren zuletzt alle früheren anthropologischen Unterschiede aufgegangen. Man begegnete keinen Spitzköpfen und leichtgläubigen Fanatikern mehr, noch Plattköpfen und blinden Zweiflern. Die Religionen von früher waren den mythologischen Legenden beigezählt worden. Die Dreieinigkeit bewohnte den heidnischen Himmel.[28] Die so viele Jahrhunderte lang den Göttern in Menschengestalt dargebrachten Sühneopfer, die Kulte aller Art hatten aufgehört. Der Menschengeist hatte das Unerkennbare nicht erkennen können.

28 Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 316 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) lautet der vollständige Text dieses Absatzes ab hier in deutscher Übersetzung:

»Die so viele Jahrhunderte lang den Göttern in Menschengestalt und ihren Propheten wie Buddha, Oiris, Jehova, Baal, Jupiter, Jesus, Maria, Moses oder Mohammed dargebrachten Sühneopfer, die Kulte der vergangenen und der modernen Zeiten, alle Abstraktionen des frommen Denkens waren samt dem Weihrauch und den Gebeten in die wolkige Atmosphäre des irdischen Himmels entschwunden, ohne das unantastbare Wesen zu verletzen. Der Menschengeist hatte das Unerkennbare nicht erkennen können.«

Die Astronomie hatte ihren Zweck erreicht: die Kenntnis der Natur der andern Welten.

Wie die Sprachen, die Ideen, die Sitten und die Gesetze, so hatte sich auch die Art und Weise der Zeitbestimmung geändert.[29] Man rechnete immer noch nach Jahren und nach Jahrhunderten, aber die verschiedenen Zeitrechnungen waren außer Übung gekommen. Die alten Staatsreligionen hatten mit dem Kultusbudget aufgehört.

[29] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 316 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) lautet der vollständige Text dieses Absatzes ab hier in deutscher Übersetzung:

»Wie die Sprachen, die Ideen, die Sitten und die Gesetze, so hatte sich auch die Art und Weise der Zeitbestimmung geändert. Man rechnete immer noch nach Jahren und nach Jahrhunderten, aber die christliche Zeitrechnung war samt ihrer KalenderHeiligen verschwunden, ebenso wie die muselmanischen, die jüdischen, chinesischen, afrikanischen und sonstigen Zeitrechnungen. Die alten Staatsreligionen hatten mit dem Kulturbudget aufgehört und waren in den Herzen zunehmend durch die astronomische Philosophie ersetzt worden.«

Es gab nur noch einen einzigen Kalender für die gesamte Menschheit, der sich aus zwölf Monaten zusammensetzte, welche auf vier gleiche Trimester von drei Monaten mit 31, 30 und 30 Tagen verteilt waren, so daß jedes Vierteljahr genau dreizehn Wochen enthielt. Der »Neujahrstag« war ein Festtag und zählte nicht im Jahre. In den Schaltjahren gab es deren zwei. Die Woche war beibehalten worden. Alle Jahre fingen mit demselben Tage, dem Montag an, und dieselben Daten entsprachen denselben Tagen der Woche. Das Jahr fing auf der ganzen Erde mit dem früheren Datum, dem 20. März, an. Diese rein astronomische Zeitrechnung gründete sich auf das Zusammenfallen der Wintersonnenwende mit der Sonnennähe und erneuerte sich alle fünfundzwanzigtausendsiebenhundertfünfundsechzig Jahre. Die erste Ära, welche die ganze alte Geschichte umfaßte und die Rechnung von Christi Geburt an ausschloß, war vom Jahr 24 512 vor der christlichen Zeitrechnung an datiert worden. Mit diesem Jahr begann die Geschichte. Die zweite Ära war auf das Jahr 1248 unserer Zeitrechnung gelegt worden; die dritte hatte im Jahr 27 013 mit einem allgemeinen Feste begonnen und man war dann fortgefahren, indem man in der Folge die astronomischen sekulären Veränderungen in dem Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen und in der Schiefe der Ekliptik mit in Rechnung zog. Die rationellen Prinzipien hatten endlich mit den drolligen Sonderbarkeiten der ehemaligen Kalender aufgeräumt.

Die Wissenschaft hatte alle Naturkräfte sich dienstbar zu machen und alle physischen und seelischen Faktoren zum Besten der Menschheit zu benützen verstanden. Die einzigen Schranken, welche sich ihrem Siegeszug entgegengestellt hatten, waren die menschlichen Fähigkeiten, die ja besonders im Vergleich mit denjenigen gewisser außerirdischer Wesen gewiß keine umfassenden sind, die aber doch die uns heute bekannten ganz bedeutend überragen.

Indessen jede Welt hat ihr besonderes Gebiet geistiger Entfaltung, und auch unsere Erde ließ ein Maximum derselben zu, das nicht überschritten werden konnte.

Während der zehn Millionen Jahre der Menschheitsgeschichte hatte die alle Generationen überlebende Gattung »Mensch«, wie wenn sie ein reales Einzelwesen gewesen wäre, alle jene großen Umgestaltungen in physischer wie in moralischer Hinsicht durchgemacht. Sie war immer die Beherrscherin der Erde geblieben und durch keine neue Rasse entthront worden; denn kein Wesen kommt vollendet von der Höhe herab, oder aus der Tiefe herauf, keine Minerva wird ganz ausgerüstet geboren, keine Venus erwacht gleich im Alter der Reife in einer Perlmuttermuschel am Meeresufer: alles w i r d erst, und die aus ihren Vorfahren hervorgegangene menschliche Gattung war von ihren Anfängen an das natürliche Ergebnis der Entwickelung der dem Planeten innewohnenden Lebenskeime. Nach dem Gesetz des Fortschritts hatte sie einstens die Grenze des Tierlebens überschritten; dieses selbe Gesetz hatte auch noch ferner auf sie eingewirkt und hatte sie von Stufe zu Stufe vervollkommnet, umgestaltet, verfeinert.

Aber es kam die Zeit, wo die Menschheit selbst fortzuschreiten aufhören und die Bahn des Niedergangs betreten mußte, weil die Bedingungen des Erdenlebens ungünstiger zu werden begannen.


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Das Land wurde ebener, die Gewässer verringerten sich.


Die innere Wärme des Erdballs, die im neunzehnten Jahrhundert noch bedeutend war, aber schon gar keine Wirkung mehr auf dessen äußere Temperatur zeigte, welche einzig von der Sonne unterhalten wurde, hatte langsam abgenommen, und die Erde war zuletzt ganz abgekühlt. Diese Abkühlung hatte aber keinen unmittelbaren Einfluß auf die physikalischen Bedingungen des Lebens auf der Erde, welches von der Sonnenhitze und von der Atmosphäre abhängig geblieben war; die innere Abkühlung des Planeten kann das Ende der Welt nicht herbeiführen.

Unmerklich hatte sich der Erdball von Jahrhundert zu Jahrhundert abgeflacht. Regen, Schneemassen, Fröste, Sonnenhitze, Winde hatten an den Gebirgen gearbeitet, die Gewässer der Bergströme, der Bäche, der Flüsse, der Ströme hatten die Trümmer aller jener kontinentalen Bodenerhöhungen langsam dem Meere zugeführt; der Meeresgrund hatte sich erhöht und die Gebirge waren fast ganz verschwunden ..., d. h. in neun Millionen Jahren. In derselben Zeit war der Planet schneller gealtert als die Sonne; er hatte seine Lebensbedingungen schneller verloren, als das Tagesgestirn sein Licht und Wärme gebendes Ausstrahlungsvermögen.

Diese Planetarentwicklung steht im Einklang mit unserer jetzigen Kenntnis des Universums. Sicherlich ist ja unsere Schlußfolgerung leider lückenhaft, schülermäßig neben der großen allumfassenden und ewigen, rechten Wahrheit, und sie ist so viel wert, wie die zweier Ameisen, welche untereinander über die Geschichte Frankreichs plaudern. Aber trotz der unserer Empfindung durch die Unendlichkeit der erschaffenen Dinge auferlegten Bescheidenheit, trotz der Beschränktheit unseres Wesens und seiner Nichtigkeit vor dem Unendlichen können wir uns nicht der Notwendigkeit entziehen, vor uns selbst logisch zu erscheinen. Denn wir können nicht behaupten, daß es eine bessere Bürgschaft für ein richtiges Urteil sei, uns unserer Vernunft zu entäußern, als Gebrauch davon zu machen. Wir glauben an eine vernünftige Einrichtung des Weltalls, an eine Bestimmung der Welten und der Wesen; wir sind der Ansicht, daß die bedeutenden Welten des Sonnensystems länger bestehen müssen als die geringeren, und daß folglich das Leben der Planeten nicht ebenso von den Strahlen der Sonne abhängt und nicht bei jedem gleich lang zu währen braucht, als dieses Gestirn. Die direkte Beobachtung bestätigt übrigens selbst diese allgemeine Anschauung vom Weltall. Die Erde, selbst eine erloschene Sonne, hat sich schneller abgekühlt als unsere jetzige Sonne; der ungeheure Jupiter befindet sich noch in der ersten Epoche seiner Bildung; der Mond, welcher kleiner ist als Mars, ist in den Phasen seines Sternlebens vorgeschrittener als dieser, vielleicht sogar an dessen Ende angelangt; der Mars, welcher kleiner ist als die Erde, ist uns voraus, aber noch nicht so weit als der Mond. Unser Planet muß seinerseits dem Jupiter in seinem Ende vorausgehen und ebenso auch dem Erlöschen der Sonne.

Betrachten wir die Größe der Erde im Vergleich zu der der andern Planeten: Jupiter ist elfmal breiter im Durchmesser als unsere Erde, und die Sonne etwa zehnmal breiter als Jupiter. Der Durchmesser Saturns beträgt das Neunfache des Erddurchmessers. Es scheint uns naturgemäß, zu denken, daß Jupiter und Saturn länger bestehen werden als unser Planet, als Venus, Mars, Merkur, diese Pygmäen des Himmels!

Die Ereignisse bestätigten diese Schlüsse der menschlichen Wissenschaft. Im unermeßlichen Raum waren uns Schlingen gelegt; tausendfältiges Unglück konnte uns treffen: Kometen, dunkle oder entflammte Himmelskörper, Nebelflecke u. s. w. Aber unser Planet ging nicht durch ein Unglück zu Grunde. Das Alter erwartete auch ihn, wie alle andern Wesen. Und er alterte schneller als die Sonne; er verlor seine Lebensbedingungen schneller, als das Centralgestirn seine Hitze und sein Licht verlor.

Während der langen Perioden seiner Vollkraft, als er den Chor der Welten anführte, indem er auf seiner Oberfläche ein über die blinden Gewalten in der Natur siegreiches geistiges Menschengeschlecht trug, da umhüllte eine belebende Atmosphäre seine Gebiete mit einer schützenden Glorie, unter deren Schutz alle Äußerungen des Lebens und des Glücks sich abspielten. Ein wesentliches Element in der Natur, das Wasser, regelte das Erdenleben. Diese Substanz hatte von Anfang an bei der Bildung aller Körper mitgewirkt; es bildete die treibende Kraft in dem atmosphärischen Kreislauf; es bildete den wichtigsten Faktor der Klimate und der Jahreszeiten; es war der unbeschränkte Herrscher in dem Erdenstaate.

Von Jahrhundert zu Jahrhundert hatte die Wassermenge in den Meeren, in den Strömen und in der Atmosphäre abgenommen. Ein Teil des Regenwassers war anfangs im Innern des Erdbodens aufgesogen worden und nicht in den Ocean zurückgekehrt, weil es, statt über undurchdringliche Schichten hinweggleitend dahin abzufließen und entweder Quellen, oder unterirdische und unterseeische Wasserläufe zu bilden, tief eingesickert war und unmerklich alle leeren Räume, alle Risse ausgefüllt und die Felsen weit hinab durchtränkt hatte. So lange die innere Hitze des Erdballs stark genug war, um dem endlosen Hinabdringen dieser Gewässer Widerstand zu leisten und dieselben in Dampf zu verwandeln, war die Wassermenge auf der Erdoberfläche bedeutend geblieben. Aber es kamen Zeiträume, wo der Erdball seine Innenwärme ganz an den Raum abgegeben hatte; diese stand nun der Einsickerung der Wasser in jene poröse Masse nicht mehr entgegen. Sie nahmen daher an der Oberfläche ab und verbanden sich in der Form von Hydraten mit dem Gestein und blieben darin gebunden; sie verschwanden teilweise aus dem atmosphärischen Kreislauf.

Mag nun auch das Meerwasser jährlich nur um einige Zehntelmillimeter abnehmen: in 10 Millionen Jahren ist keines mehr da.

Das allmähliche Einsickern der Gewässer in das Erdinnere, je nachdem die anfängliche Hitze desselben in den Raum entwich, und die langsame Verdichtung der Oxyde und Hydrate führte nach Verlauf von etwa acht Millionen Jahren eine Verminderung von drei Vierteln der an der Erdoberfläche im Umlauf befindlichen Gewässer herbei. Infolge der Abflachung der Höhenbildungen auf den Kontinenten, welche der Arbeit der wässerigen Faktoren beizumessen ist, die in passivem Gehorsam gegen die Gesetze der Schwere alle Trümmer ins Meer nach sich zogen, näherte sich die Erdoberfläche der Ebene, und die Oceane hatten fast keine Tiefe mehr. Da aber bei der Verdunstung und der atmosphärischen Wasserdampfbildung diese bloß in der obersten Lage der Wasserflächen und nicht in der Tiefe vor sich geht, so war die Atmosphäre noch sehr wasserdampfhaltig geblieben. Auf unserem Planeten waren alsdann Bedingungen der Bewohnbarkeit gegeben, wie wir sie jetzt auf der Marswelt beobachten. Dort sehen wir, daß die großen Oceane verschwunden, die offenen Meere zu schmalen, gar nicht tiefen Binnenmeeren, die Kontinente Flachländer geworden sind. Die Verdunstung geht dort leicht von statten, der Wasserdampf ist noch in beträchtlicher Menge in der Atmosphäre vorhanden, die Regen sind selten, die Schneefälle dagegen in den Polargegenden reichlich und das Schmelzen derselben während der Sommer fast vollständig; es ist eine noch bewohnbare Welt für Wesen, welche den die Erde bevölkernden ähnlich sind.


Jene Zeit bezeichnete den Glanzpunkt der Erdenmenschheit. Von da an wurden die Bedingungen ungünstiger. Von Geschlecht zu Geschlecht erlitten die Wesen tiefgehende Umgestaltungen. Pflanzen- und Tierarten, die Menschenrasse, alles veränderte sich. Aber während die Verwandlungen der Lebewesen bis dahin sich verschönert und vervollkommnet hatten, kam der Tag, wo der Niedergang begann.

Der menschliche Geist hatte sich die Naturkräfte so vollständig unterthan gemacht, daß es schien, als könnte die so rühmlich erreichte Größe nie schwinden. Gleichwohl fing die Abnahme des Wassers an, auch die Vertrauensseligsten in Unruhe zu versetzen. Die Oceane waren geschwunden, die Pole vereist geblieben. Die Kontinente, in deren Gebieten Babylon, Ninive, Ekbatana, Theben, Memphis, Athen, Rom, Paris, London, NewYork, Chicago, Liberty, Pax und andere Brennpunkte der Bildung einen so hellen Glanz verbreitet hatten, waren nun unabsehbare Wüsten ohne Strom oder Meer. Unmerklich hatten sich die Menschen nach der noch durch Wasserläufe, Seen und Meere befruchteten heißen Zone hingezogen. Es gab keine Berge, keine Schneebildner mehr. Die Erde war beinahe platt, und die Binnenmeere gar nicht tief; Seen und einige Wasserlinien beschränkten die Vegetation und das Leben auf die enge Zone der Äquatorialgegenden.

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Viertes Kapitel
Alles ist eitel

Ewigkeit, Nichts und Vergangenheit, düstere
Abgründ', sagt, was
Macht ihr mit jenen verschlungenen Tagen?
Und jenes erhab'ne
Entzücken, das ihr uns raubet, o sagt, gebt
ihr's zurück uns?

L a m a r t i n e , Meditationen


All jener ungeheure Fortschritt der Menschheit, der nur langsam und allmählich durch eine Arbeit von mehreren Millionen Jahren erreicht wurde, er sollte, nach einem dem irdischen Menschenkind verborgenen und unbegreiflichen Gesetz, in den Scheitel einer Kurve, in einen Höhepunkt auslaufen und dann stille stehen.

Und die geometrische Kurve, welche für unsern Geist das Diagramm der Menschheitsgeschichte zeichnen könnte, wird fallen, wie sie gestiegen ist. Wie sie aus Nichts, aus dem Urweltnebel hervorgegangen, und durch die planetarischen und menschlichen Entwickelungsstufen hindurch zu ihrer Glanzperiode gelangt ist, steigt sie dann wieder von ihrer Höhe herab, um in ewige Nacht zu versinken.

Ja, all jener Fortschritt, all jene Wissenschaft, all jenes Glück, all jene Herrlichkeiten sollten eines Tags in einem letzten Schlaf, im Schweigen der Totenstille, in der Vernichtung der Geschichte selbst enden. Das Erdenleben war entstanden; es mußte ein Ende nehmen. Die Sonne der Menschheit war aufgegangen in den Hoffnungsstrahlen der Morgenröte; sie war ruhmgekrönt bis zu ihrem Meridian hinaufgestiegen: sie mußte auch wieder hinabsteigen, um in einer Nacht zu verlöschen, auf welche kein Tag mehr folgt.

Wozu hatten also all jener Ruhmesglanz, all jene Kämpfe, all jene Errungenschaften, all jene Schöpfungen der Eitelkeit gedient, da ja Licht und Leben erlöschen sollten?


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Alle Freiheitsmärtyrer und Apostel hatten ihr Blut vergossen, um diese selbst dem Tode geweihte Erde damit zu tränken.

Alles sollte verschwinden, und der Tod allein sollte der letzte unumschränkte Herrscher der Welt bleiben. Hat der sinnige Leser jemals bei Betrachtung eines Dorfkirchhofs bedacht, wie klein doch dieser Friedhof sei, um alle Generationen zu fassen, welche da von Jahrhunderten zu Jahrhunderten aufgeschichtet worden sind? Der Mensch existierte schon vor der letzten Eisperiode, welche unserer Zeit länger als zweitausend Jahrhunderte vorausging, und seine älteste Zeit scheint auf mehr als zweihundertfünfzigtausend Jahre zurückzureichen. Die geschriebene Geschichte datiert erst v o n g e s t e r n . In Paris hat man geschnittene und polierte gewöhnliche Kiesel gefunden, welche das Vorhandensein des Menschen an den Seineufern lange vor dem ersten historischen Auftreten der Gallier bezeugen. Die Pariser am Ende des neunzehnten Jahrhunderts schreiten auf einem Boden dahin, der durch mehr als zehntausendjährige Vorfahren geheiligt ist. Was ist noch übrig von allen jenen Wesen, welche auf diesem Forum der Welt durcheinanderwogten? Was ist noch von den Römern, den Griechen, den Ägyptern, den Asiaten übrig, welche Jahrhunderte hindurch geherrscht haben? Was ist noch von den Milliarden Menschen übrig, welche gelebt haben? Nicht einmal eine Handvoll Asche!

Auf die Gesamtzahl der Lebenden auf Erden kommt in der Sekunde ein Toter, das macht ungefähr sechsundachtzigtausend im Tag, und eine gleiche Anzahl, auch wohl etwas mehr, wird geboren. Diese im neunzehnten Jahrhundert aufgestellte Statistik paßt auf einen langen Zeitraum, wenn man die Zahl im Verhältnis zum Zeitraum vergrößert. Die Zahl der Erdbewohner ist von Periode zu Periode stets gewachsen. Zur Zeit Alexanders gab es vielleicht eine Milliarde Menschen auf der Erde. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren es etwa anderthalb Milliarden. Im zweiundzwanzigsten Jahrhundert waren es zwei Milliarden, und im neunundzwanzigsten drei Milliarden gewesen. Zur Zeit ihres Höhepunktes hatte die Erdbevölkerung zehn Milliarden erreicht. Dann hatte sie angefangen abzunehmen.

Von den unzähligen menschlichen Körpern, welche gelebt haben, ist nichts mehr da. Alles ist zu den Elementen zurückgekehrt, um wieder andere Wesen zu bilden. Der Himmel lacht, die Felder blühen: der Tod hält seine Ernte.

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In dem Maße, als die Tage dahingehen, fällt alles, was während dieser Tage bestanden hat, in das Nichts zurück. Die Zeit ist entflohen und der vergangene Tag ist dahin. Die einstigen Herrlich keiten haben Ruinen das Feld geräumt. Was war, ist in den Abgrund der Ewigkeit verschwunden. Die sichtbare Welt sinkt jeden Augenblick dahin. Das einzig Wirkliche, das einzig Dauernde ist das Unsichtbare.

Die Lebensbedingungen auf Erden hatten sich langsam verändert. Das Wasser hatte an der Oberfläche des Planeten abgenommen. Was das Leben und die Wärme unterhielt, war de in der Luft enthaltene Wasserdampf; sein Verschwinden war die Ursache der Abkühlung und des Absterbens. Wenn von jetzt ab der Wasserdampf aus der Atmosphäre verschwände, so wäre die Sonnenwärme nicht mehr imstande, das Pflanzen und Tierleben zu unterhalten,ein Leben, das überdies gar Wie klein dieser Friedhof doch ist! nicht andauern könnte, da ja Pflanzen und Tiere wesentlich aus Wasser bestehen.

Gerade der in der Luft verbreitete unsichtbare Wasserdampf übt den größten Einfluß auf die Temperatur aus. Die Menge dieses Dampfes erscheint ja sicher gering und fast als nicht in Rechnung zu ziehen, da ja Sauerstoff und Stickstoff für sich allein die 99½ Hundertel Luft bilden, die wir einatmen, und da in dem übrig bleibenden halben Hundertel außer Wasserdampf auch noch Kohlensäure, Ammoniak und andere Substanzen enthalten sind. Es ist kaum etwas mehr als ein Viertelhundertel Wasserdampf darin. In Ansehung der die Luft ausmachenden Atome bestätigt der Physiker, daß auf zweihundert Atome Sauerstoff und Stickstoff kaum ein Atom Wasserdampf kommt. Aber dieses Atom hat achtzigmal mehr aufsaugende Kraft als die zweihundert andern.

Nachdem die von der Sonne ausstrahlende Wärme die Atmosphäre durchlaufen hat, erhitzt sie die Erdoberfläche. Die Wärmewellen, welche von der erhitzten Erde ausgehen, gehen nicht im äußeren Raum verloren; sie brechen sich an den Wasserdampfatomen wie an einer Zimmerdecke, die sie aufhält und unserem Planeten erhält.

Es ist dies eine der glänzendsten und folgereichsten Entdeckungen der modernen Physik. Die Sauer- und Stickstoffmoleküle, d. h. die trockene Luft, verhalten sich nicht abweisend gegen die Aufsaugung der Wärme. Aber, wie eben gesagt, ein Molekül Wasserdampf hat achtzigmal größere Absorptionskraft als die zweihundert andern der trockenen Luft. Folglich hat ein solches Molekül sechzehntausendmal mehr Kraft, die Wärme zu erhalten, als ein Molekül trockener Luft. Das, was die Lebensbedingungen auf Erden reguliert, ist also nicht die eigentliche Luft, sondern der Wasserdampf.

Wenn man der die Erde umgebenden Luft den Wasserdampf entzöge, so würde sich an der Bodenfläche ein Wärmeverlust ergeben, der demjenigen in den oberen Höhelagen ähnlich wäre: die eigentliche Luft besitzt nicht mehr Vermögen, die Wärme zu binden, als der leere Raum. Dies wäre eine Kälte, wie sie auf dem Mond herrscht. Der Boden könnte zwar unter der Einwirkung der Sonne noch direkt warm werden; aber die Wärme würde sogar während des Tags nicht anhalten, und von Sonnenuntergang an wäre die Erde der mehr als eisigen Kälte ausgesetzt, welche 273° unter Null zu betragen scheint.

Das will sagen: das Pflanzen, Tier- und Menschenleben wäre unmöglich, wenn es dies nicht schon durch das Fehlen des Wassers wäre.


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Der Himmel lacht, die Felder blühen; der Tod hält seine Ernte.


Wir können, ja wir müssen als sicher annehmen, daß das Wasser nicht, wie auf der unsrigen, so auch auf allen Welten im Universum die wesentliche Lebensbedingung gewesen ist. Die Schaffenskraft der Natur hört nicht auch da auf, wo dem menschlichen Beobachtungsvermögen eine Schranke gesetzt ist. In den Gebieten der grenzenlosen Unermeßlichkeit müssen Myriaden, ja Millionen Sonnen existieren und existieren auch, die sich von der unsrigen unterscheiden; Millio nen Weltsysteme, wo andere Stoffe, andere chemische Verbindungen, andere physikalische oder mechanische Bedingungen, andere Medien Wesen erzeugt haben, die sich in keiner Hinsicht mit uns vergleichen lassen, die ein anderes Leben führen, mit andern Sinnen ausgestattet sind, die in ihrer Organisation unvergleichlich weiter von uns entfernt sind, als der Fisch oder die Molluske der Meerestiefen von dem Vogel oder dem Schmetterling. Doch wir studieren ja hier die Lebensbedingungen auf der Erde, und diese sind durch die Konstitution unseres Planeten gegeben.


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Bloß die Arten der niederen Kryptogamen bestanden noch.


In eben dem Maße, in welchem die Wassermenge abgenommen hatte, die Regen seltener geworden und die Quellen versiegt waren, und der Wasserdampf der Luft sich herabgesenkt hatte, in demselben Maße hatten auch die Pflanzen ein anderes Aussehen bekommen, hatte der Umfang ihrer Blätter sich vergrößert und die Länge ihrer Wurzeln zugenommen; sie hatten mit allen Mitteln gestrebt, die zu ihrem Fortbestehen nötige Feuchtigkeit aufzusaugen. Die Arten, welche sich dem neuen Regime nicht fügen konnten, waren ausgestorben. Die andern hatten sich umgebildet. Keine der uns bekannten Pflanzen oder Bäume hätte man wiedererkennen können: es gab keine Eichen und keine Eschen, keine Ulmen und keine Pappeln, keine Hagebuchen, keine Weiden und keine Linden mehr. Die Landschaften glichen in nichts mehr denjenigen unserer Zeit. Bloß die Arten der niederen Kryptogamen bestanden noch.

Gerade so war es auch im Tierreich gewesen. Die Formen hatten sich bedeutend verändert; die früheren reißenden Tiere waren ausgestorben oder zu Haustieren gemacht worden. Die Verminderung des Wassers hatte die Ernährungsweise der Grasfresser wie der Fleischfresser geändert. Die neuen Arten, eine Umformung der überlebenden, waren kleiner, nicht so muskulös, aber knochiger. Da die Zahl der Pflanzen merklich abgenommen hatte, so wurde der Luft nicht mehr so viel Kohlensäure entzogen, und das Mengenverhältnis der letzteren war etwas größer.

Die menschliche Bevölkerung war nach und nach von zehn Milliarden auf neun, acht, sieben gefallen, da sie sich nur noch über die Hälfte der Erdoberfläche ausbreiten konnte. Dann hatte sie sich mit der zunehmenden Beschränkung der bewohnbaren Zone auf die Äquatorialgegenden immer mehr vermindert, wie denn auch zugleich ihre mittlere Lebensdauer abgenommen hatte. Es kam die Zeit, wo sie auf einige hundert Millionen gesunken war, die längs des Äquators hin gruppenweise wohnten und nur von den Kunstfertigkeiten lebten, welche eine gehobene und rührige Industrie erforderte.


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Die früheren Bauwerke waren nur noch verlassene Ruinen.


In den menschlichen Wohnungen waren Eisen und Glas an die Stelle des Steins und des Holzes getreten; Städte und Dörfer schienen aus Krystall zu bestehen. Zu den Vorteilen dieser Bauart hatte gegen das Ende der Zeiten ein klimatologischer Zwang beigetragen. Denn nachdem der atmosphärische Wasserdampf mit der Abnahme der Meere sich auch merklich verringert hatte, war die Luft beträchtlich kühler geworden. Von da an war es das Wichtigste gewesen, die Sonnenstrahlen zu fassen und aufzubewahren ... Überall wurde in hohen Glashallen die Sonnenwärme aufgehäuft. Die früheren Bauwerke waren nur noch verlassene Ruinen.

Trotz der Millionen verstrichener Jahre goß die Sonne immer noch fast dieselbe Wärme- und Lichtmenge über die Erde aus; wenigstens hatte diese Menge um nicht mehr als ein Zehntel geschwankt. Das Gestirn war bloß etwas gelber und etwas kleiner.

Der Mond drehte sich immer noch um die Erde, aber langsamer. Er hatte sich nach und nach von unserem Erdball entfernt und seine scheinbare Ausdehnung war kleiner geworden. (Was aber die Sonne betrifft, so hatte sich ihre wirkliche Ausdehnung verändert.) Gleichzeitig hatte sich die Achsendrehung der Erde verlangsamt. Diese dreifache Wirkung — die Verlangsamung der Rotationsbewegung unserer Erde, die Entfernung des Mondes und die Verlängerung des Mondmonats — war durch die Reibung von Ebbe und Flut verursacht worden, welche etwa wie ein Zügel wirken. Wenn Erde und Mond, sowie auch die Oceane und ihr Hin- und Herfluten lange genug dauerten, so ließe sich auf Grund der Berechnung eine Zeit voraussehen, zu welcher sich die Rotation der Erde so verlangsamt hätte, daß sie zuletzt dem Mondmonat gleichkäme, der dann selbst so verlängert würde, daß das Jahr nur noch fünf Tage und sechs Stunden hätte: die Erde würde alsdann dem Monde immer dieselbe Seite zukehren. Eine solche Umgestaltung der Dinge würde jedoch nicht weniger als hundertfünfzig Millionen Jahre erfordern, um sich zu vollziehen. Die Periode, an welcher wir stehen (zehn Millionen Jahre), ist nur ein Fünfzehntel jener Dauer; statt daß die Umdrehung der Erde siebenzigmal länger dauerte, als heute, dauerte sie nur vierundeinhalbmal länger, d. h. etwa hundertundzehn Stunden lang.


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In hohen Glashallen wurde die Sonnenwärme aufgespeichert.


Diese langen Tage erlaubten es der Sonne, die Erdoberfläche lange zu erwärmen, aber diese Wärme war kaum nur noch in den Gegenden wirksam, welche sie senkrecht einfingen, d. h. in der heißen Zone, zwischen den Wendekreisen; die Schiefe der Ekliptik hatte sich nicht verändert, die Erdachse war immer gleichviel geneigt (etwa zwei Grade) und die Veränderungen der Excentricität der Erdbahn hatten keinen merklichen Einfluß auf Jahreszeiten und Klimate geäußert.


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Schweigsame und vereinsamte Ruinen ...


Die menschliche Kraft, die Ernährung und Atmung, die organischen Verrichtungen, das physische und geistige Leben, Ideen, Urteile, Religionen, Wissenschaften, Sprachen, alles hatte sich verändert. Von dem früheren Menschen war fast nichts mehr übrig, und sozusagen überall auf der Erdoberfläche traf der Wanderer nur schweigsame und vereinsamte Ruinen, welche von Jahr zu Jahr immer mehr einsanken und zusammenstürzten, um sich nie wieder zu erheben.

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Fünftes Kapitel
Omegar

Du weißt, mit welchem Leichentuch
Die Zeit bedeckt der Geister Flug;
Du weißt, daß frühe oder spat
Jahrhundert, Volk und Heldenthat
Im Schatten der Vergessenheit
Begraben schläft für alle Zeit

L a m a r t i n e, Harmonien


Die Kälte machte sich empfindlicher fühlbar. Trotz der Sonne war es wie ein ewiger Winter. Alle Tier- und Pflanzengattungen wurden trotz ihrer Neugestaltung hinfällig und ließen ab vom Kampfe für das Leben, wie wenn sie ihr Todesurteil vernommen hätten. Die wunderbaren Fähigkeiten des Menschen, sich den Verhältnissen anzupassen, und eine Art wilder und unermüdlicher Thatkraft hatten das physische und geistige Leben unseres Geschlechts weiter verlängert, als die höheren Tiergattungen. Dies gilt jedoch nur von einigen bevorzugten Centren der Civilisation; denn die zu einem unausrottbaren Siechtum verurteilte Gesamtheit der Menschheit war wieder langsam in Umbildung zurückverfallen und sollte sich derselben nicht wieder entringen.

Es waren nur noch zwei Gruppen von einigen hundert menschlichen Wesen übrig, welche die letzten bedeutendsten industriellen Plätze innehatten. Auf der ganzen übrigen Erde war das Menschengeschlecht nahezu ausgestorben; nach und nach, und unerbittlich von Jahrhundert zu Jahrhundert war es verdorrt, erschöpft, entartet, weil sowohl die assimilierbare Luft als auch die hinreichende Ernährung fehlte. Seine letzten Sprößlinge vegetierten wie Wilde, und alle starben langsam Hungers oder erfroren.


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Die letzten bewohnten Gegenden des Erdballs lagen an zwei Punkten, nicht weit vom Äquator, in zwei breiten, nicht sehr tiefen Thälern, auf dem Boden früherer, schon längst ausgetrockneter Meere; denn die allgemeine Abflachung war fast überall eingetreten. Man sah weder Bergspitzen mehr, noch Gebirge; weder Schluchten, noch Abgründe oder bewaldete Tiefen, alles war nur e i n e Ebene; Ströme und Meere waren unmerklich geschwunden. Da aber die meteorologischen Einwirkungen, die Regengüsse und Bergströme gleichermaßen wie die Gewässer an Intensität verloren hatten, so waren die letzten Meeresgründe nicht ganz durch Niederschläge ausgefüllt worden, und als Spuren des früheren Baues des Erdballs blieben flache Thäler zurück. Dort stießen noch einige wasser- und eisreiche Ländergebiete zusammen; aber der Kreislauf des Wassers durch die Luft hatte aufgehört, und die letzten Ströme flossen wie unsichtbare Adern in unterirdischen Betten.

Das gänzliche Fehlen des Wasserdampfes in der Luft verschaffte einen immer reinen, wolkenlosen Himmel ohne Regengüsse und Schneefälle. Nicht mehr so blendend und nicht mehr so heiß wie in früheren Tagen schien die Sonne in topasgelbem Lichte. Der Himmel war eher meergrün als blau. Der Dunstkreis hatte bedeutend an Ausdehnung abgenommen. Der Sauerstoff und der Stickstoff hatten sich zum Teil im Zustand von Oxyden und Nitraten mit den Mineralien verbunden, und die Kohlensäure hatte sich in dem Maße leicht vermehrt, als die Pflanzen, denen das Wasser fehlte, immer seltener geworden waren und immer weniger davon absorbiert hatten. Aber die Masse des Erdkörpers hatte Jahrhunderte hindurch durch das unaufhörliche Fallen von Sternschnuppen, Feuerkugeln und Meteorsteinen derart zugenommen, daß die Atmosphäre bei aller Verminderung doch dieselbe Dichtigkeit und fast denselben Druck behalten hatte.

Was man nicht denken sollte: die Schnee- und Eismassen hatten im Verhältnis zur Abkühlung des Erdballs a b genommen, weil der in der Atmosphäre fehlende Wasserdampf die Ursache dieser Abkühlung war, und weil diese Abnahme des Wasserdampfes mit derjenigen der Meeresfläche gleichen Schritt gehalten hatte. In dem Maße, als die Gewässer in das Innere des Erdkörpers eingedrungen waren und zuerst deren Tiefe und dann infolge der Abflachung auch ihre Oberfläche abgenommen hatte, hatte auch die das Leben beschützende Decke, die unsichtbare Wasserdampfschichte, nach und nach an Wert verloren. Der Tag war gekommen, wo sich die von der Sonne erhaltene Wärme geradeso wieder im Raume verlor, wie sie aufgenommen wurde, gerade wie wenn sie auf einen Spiegel gefallen wäre, der sich nicht erhitzen konnte.


Das war der Zustand des Erdballs. Die letzten Vertreter des Menschengeschlechts hatten diese physikalischen Wandlungen nur dank dem industriellen Geiste überlebt, welcher auch alles umzuwandeln verstanden hatte. Die letzten Anstrengungen hatten darauf abgezielt, aus der Luft, den unterirdischen Wassern und den Pflanzen immer noch weitere Nährsubstanzen zu gewinnen, und den verschwundenen, schützenden Dampf durch Dächer und Bauten aus Glas zu ersetzen.

Wie wir schon oben erwähnten, war es nötig geworden, die Sonnenstrahlen um jeden Preis zu fassen und ihre Entweichung in den Raum unmöglich zu machen. Es war leicht, einen großen Vorrat davon zu sammeln, da die Sonne den ganzen Tag über am unbewölkten Himmel schien; und der Tag war lang: nämlich fünfundfünfzig Stunden.

Die Bemühungen der Baumeister hatten seit langer Zeit kein anderes Ziel mehr gehabt, als die Sonnenstrahlen festzunehmen und sie zu verhindern, sich in den fünfundfünfzig Nachtstunden zu zerstreuen. Durch eine sinnreiche Öffnungs- und Verschlußvorrichtung von mehreren übereinandergelegten Glasdächern mit verschiebbaren Gittern war ihnen dies gelungen. Seit langer Zeit auch hatte man gar nichts mehr zum Verbrennen; denn sogar der Wasserstoff aus den Gewässern war der Industrie nur noch sehr schwer erhältlich.

Die mittlere Tagestemperatur in der freien Luft war nicht allzuniedrig; denn sie ging kaum unter 15° Kälte herunter.* Trotz ihrer jahrhundertelangen Umwandlungen hatten die Pflanzenarten nicht einmal mehr in dieser Äquatorialzone leben können.

* Mehr als einer unserer Leser wird dieses Klima als sehr erträglich betrachten, wenn man erwägt, daß man seit unserer Epoche auf der Erde Gegenden bezeichnen kann, deren mittlere Temperatur weit unter jener ist, und welche dessenungeachtet bewohnt sind. So Werchoiansk, dessen mittlere Jahrestemperatur –15° beträgt. Aber in jenen Gegenden hat man einen Sommer, in welchem das Eis schmilzt; und wenn sie im Januar 60 und mehr Grad Kälte haben, so haben sie im Juli warme Tage mit 15 und 20° über Null. Auf dem Punkt, an welchem wir in der Geschichte der Welt angelangt sind, war dagegen jene mittlere Temperatur der Äquatorialzone konstant, und das Eis konnte nie mehr schmelzen.

Was die anderen Breiten betrifft, so waren sie, trotz aller Versuche, sich darin zu behaupten, schon seit Jahrtausenden völlig unbewohnbar geworden. Da in den Breiten, unter welchen heute Paris, Nizza, Rom, Neapel, Algier, Tunis liegen, die Atmosphäre aufgehört hatte, als schützende Decke zu dienen; so konnten die schief einfallenden Sonnenstrahlen nichts mehr erwärmen, und die Erde blieb bis tief hinein erstarrt wie ein wahrer Eisberg.

Sogar zwischen den Wendekreisen und am Äquator überlebten die beiden letzten Menschengruppen unter tausend von Jahr zu Jahr wachsenden unüberwindlichen Schwierigkeiten die dahingeschwundene Menschheit nur, indem sie sozusagen auf deren letzten Überbleibseln dahinsiechten. In jenen beiden oceanischen Thälern, von denen das eine in der Richtung der gegenwärtigen tiefsten Stellen des Stillen Weltmeeres, das andere nach dem Süden der heutigen Insel Ceylon hin lag, hatten sich in den vorausgegangenen Jahrhunderten zwei ungeheure Glasstädte ausgedehnt. Das Eisen und das Glas waren nämlich schon lange die zu allen Bauten verwendeten wesentlichen Materialien. Diese Bauten sahen aus wie ungeheure einstöckige Wintergärten mit durchsichtigen hohen Plafonds. Einige Säle solcher Paläste waren noch übrig. Hier wuchsen die letzten Kulturpflanzen, außer denen, welche man in den zu den Flüssen führenden unterirdischen Gängen zog.

Überall sonst erblickte man auf der Oberfläche der ehemaligen Erdenwelt nichts als Ruinen, und auch hier fand man nur noch die letzten Spuren geschwundener Größe.


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Einige Säle der alten Paläste waren noch übrig.


In der ersten jener alten Krystallstädte waren zwei Greise und der Enkel eines derselben, Namens Omegar, die letzten Überlebenden. Der junge Mann irrte trostlos in den weiten, öden Räumen umher, welche seine Mutter und seine Schwestern nacheinander an Schwäche hatten sterben sehen. Von den beiden Greisen war der eine ein Philosoph, welcher sein langes Leben dem Studium der Geschichte der sterbenden Menschheit gewidmet hatte, der andere ein Arzt, der seine Jahre vergebens darauf verwendet hatte, die letzten Erdenbewohner von der schließlichen Entartung zu erretten. Ihre Körper schienen eher durch Blutarmut als durch das Alter abgemagert zu sein. Mit ihren langen weißen Bärten waren sie bleich wie Gespenster, und nur ihre sittliche Energie schien sie noch für kurze Zeit gegen das Endgeschick aufrecht zu erhalten.

Aber sie konnten nicht lange gegen dieses Geschick ankämpfen; auch über die letzten Überlebenden des Geschlechts war wie über ihre Vorfahren das Urteil gesprochen, und eines Tages fand sie Omegar leblos nebeneinander ausgestreckt. Jener hatte seinen kraftlosen Händen die letzte Geschichte entgleiten lassen, welche ein halbes Jahrhundert vorher über die letzten Umgestaltungen der menschlichen Rasse geschrieben worden war. Dieser war verblichen, als er in seinem Laboratorium die letzten LebensmittelTuben frisch zu füllen suchte, was sonst automatisch durch Maschinen geschah, welche die Kraft der Sonne in Bewegung erhielt.


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Sie waren verurteilt ...


Schon seit mehreren Jahren waren auch die meisten für den Dienst der Menschen gezähmten Tiergattungen eingegangen. Hunde, Pferde, Rentiere, Bären und gewisse große, auf den Lufttransport abgerichtete Vögel lebten zwar noch, waren aber so umgewandelt, daß sie ihren Voreltern durchaus nicht mehr glichen.

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Das Todesurteil war offenbar unwiderruflich über die menschliche Rasse ausgesprochen. Ohne daß man dessengewahrte, waren die Wissenschaften mit den Gelehrten, die Künste mit den Künstlern untergegangen, und die letzten Menschenwesen lebten nur >noch dem Andenken an die Vergangenheit. Die Herzen kannten die Hoffnung, die Köpfe den Ehrgeiz nicht mehr.

Das Licht lag hinter ihnen; die Zukunft versank in ewige Nacht. Nichts mehr weiter! Die Herrlichkeiten von ehemals waren für immer dahin. Wenn Der Tod beherrscht die Erde. in den vorausgehenden Zeiträumen irgend ein Wanderer in den tiefen Öden geglaubt hätte, die Stelle wiederzufinden, wo Paris, Rom oder ihre glänzenden Nachfolgerinnen gestanden hatten, so wäre dies nur ein Spiel seiner Einbildungskraft gewesen. Denn seit Millionen Jahren war selbst jene Stelle nicht mehr vorhanden, da sie von den Wassern des Meeres hinweggespült worden war. Dank der Fortdauer der Buchdruckerkunst und den Abschreibern der Geschichte in ihren Hauptzügen hatten sich durch die Zeiten hindurch unbestimmte Traditionen erhalten; aber diese Überlieferungen selbst waren schwankend und oft lügenhaft. Denn was unter anderem Paris betrifft, so hatten die Annalen der Völker nur auf ein Paris am Meer hingewiesen, und die vieltausendjährige Existenz der französischen Hauptstadt Paris hatte keine Spur zurückgelassen. Die uns für unauslöschlich geltenden Namen der größten Menschheitslehrer und Helden, und der Kulturländer waren in Vergessenheit geraten. Die Kunst hatte schöne Denkmäler aufbewahrt, aber diese Erinnerungen reichten bei weitem nicht bis zu den Anfängen der Menschheit zurück und datierten höchstens von einigen Millionen Jahren her. Man hätte glauben können, daß der Planet von mehreren aufeinander folgenden Rassen bewohnt gewesen wäre, die durch Fluten oder sogar durch neue Schöpfungen von einander getrennt waren.

Omegar war in der alten, aus früheren Jahrhunderten überkommenen Gemäldesammlung stehen geblieben und betrachtete die Bilder der großen untergegangenen Städte. Das einzige, was sich auf das alte Europa bezog, bot die Ansicht einer großen Hauptstadt, die auf einer ins Meer hinauslaufenden Landzunge lag, von einem astronomischen Tempel überragt und von SchraubenLuftseglern belebt war, welche in der Nähe der Plattformen der hohen Türme umherflogen. Riesige Schiffe fuhren auf dem Meere. Dieses klassische Paris war das des hundertsiebenzigsten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, welches dem hundertsiebenundfünfzigsten der ersten astronomischen Ära entspricht. Es war das Paris, welches unmittelbar vor dem letzten vernichtenden Eindringen des Oceans bestanden hatte; selbst sein Name war umgewandelt; denn die Wörter ändern sich wie die Wesen und die Dinge. Daneben stellten andere Gemälde die Großstädte jüngeren Ursprungs dar, welche in Amerika, Australien, Asien und später in den dem Ocean entstiegenen Ländern geblüht hatten. Und so erinnerte diese Art RückschauMuseum an die Aufeinanderfolge der Glanzperioden der Menschheit bis an ihr Ende.

Das Ende! Seine Stunde schlug auf der Uhr des Geschickes. Omegar wußte, daß von nun an das ganze Leben der Erde in ihrer Vergangenheit bestände, daß es keine Zukunft mehr für sie gäbe, und daß sogar die Gegenwart dahinschwinde wie der Traum eines Augenblicks. Der Erbe des Menschengeschlechts fühlte, wie in seinem Denken die tiefe Erkenntnis der grenzenlosen Nichtigkeit aller Dinge sich herausbildete. Sollte er warten, bis ein undenkbares Wunder ihn von dem offenen Verderben errettete? Sollte er seine Greise begraben und ihre Ruhestätte teilen? Sollte er suchen, wie er ein einsames, nutzloses und verzweiflungsvolles Dasein um einige Tage, einige Wochen, vielleicht auch um etliche Jahre fristen könnte? Er irrte den ganzen Tag in den weiten schweigenden Hallen umher, und am Abend überließ er sich dem ihn überfallenden Schlafe. Alles um ihn her war schwarz wie die Nacht des Grabes.

Ein süßer Traum belebte jedoch seinen schmerzerregenden Gedanken und erfüllte seine Seele mit himmlischer Klarheit. Der Traum versetzte ihn in das Leben zurück. Er war nicht mehr allein. Ein entzückendes Bild, welches er schon mehr als einmal gesehen hatte, zeigte sich ihm. Augen, leuchtend wie himmlisches Licht und unergründlich tief, ruhten auf ihm und fesselten ihn. Es war in einem mit duftenden Blumen erfüllten Garten. Unter dem Laubwerk sangen Vögel in den Nestern. Und im Hintergrund der Landschaft erschienen die Trümmer ausgestorbener Städte im Rahmen von Pflanzen und Blumen. Dann gewahrte er einen von Vögeln durchzogenen See, und zwei darüber hingleitende Schwäne brachten ihm eine Wiege, aus welcher ein Säugling seine Ärmchen nach ihm ausstreckte.


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Ein süßer Traum belebte seinen schmerzerregenden Gedanken.


Nie hatte ein solcher Lichtstrahl seine Seele erhellt. Die Erregung war so lebhaft, daß er plötzlich erwachte, die Augen aufschlug und sich nun der düsteren Wirklichkeit gegenübersah. Nun überkam eine noch schmerzlichere Traurigkeit als die der vergangenen Tage sein ganzes Wesen. Er konnte auch nicht einen Augenblick mehr zur Ruhe kommen. Er stand auf, legte sich wieder nieder und erwartete mit Schmerzen den Tag. Er erinnerte sich seines Traumes, aber er glaubte nicht daran. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß noch ein anderes menschliches Wesen existiere; doch sein entartetes Geschlecht hatte ja die Seelenkräfte zum Teil verloren, und vielleicht schien es dem Manne, als übe das Weib immer eine stärkere Anziehungskraft auf ihn aus als der Mann über das Weib. Als der Tag sein unabwendbares Licht brachte, als der letzte Mensch die Ruinen seines alten Wohnsitzes sich auf der hellen Morgenröte abheben sah, als er sich wieder allein bei den beiden letzten Toten fand; da fühlte er mehr als je sein Schicksal besiegelt, und sofort faßte er den Entschluß, ein durchaus elendes und hoffnungsloses Leben rasch zu beschließen.

Als er seine Schritte nach dem Laboratorium lenkte, suchte er ein Fläschchen, dessen Aufschrift ihm wohlbekannt war, entkorkte es und führte es an die Lippen, um es auf einen Zug zu leeren.

Aber gerade in dem Augenblick, wo das Gift seine Lippen berühren mußte, fühlte er, wie eine Hand ihn am Arme faßte. —

Rasch drehte er sich um; aber niemand war im Laboratorium. Und in der Galerie fand er nur die beiden Toten wieder.

--*--


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Sechstes Kapitel
Eva

Vergänglich alles ist, was uns der Anblick beut;
Doch was im Traum wir schau'n, entstammt der Ewigkeit

D a r m s t e t t e r


In den Ruinen der andern, unterm Äquator liegenden Stadt, welche die Sohle des früher unterseeischen im Süden von Ceylon sich hinziehenden Thales einnahm, blieb ein junges Mädchen allein am Leben, nachdem ihre ältere Schwester und ihre Mutter der Kälte und der Abmagerung zum Opfer gefallen waren. Es war die letzte Familie, welche das Erlöschen aller andern überdauert hatte.

Als letztes Überbleibsel aus dem allgemeinen Untergang nach dem schrittweisen Verfall der ganzen Menschheit behauptete sich noch das letzte aristokratische Geschlecht unter den Trümmern der altertümlichen Paläste, die dem Zahn der Zeit mit Mühe widerstanden. Jenes Geschlecht hatte sich seinen Fortbestand durch unerhörte Anstrengungen gesichert und beständig gegen das herrschende Elend in der eitlen Hoffnung angekämpft, daß es allein am Leben bleiben werde. Ein Wiederaufblühen des Geschlechtes, wie es sich durch die Gesetze der Vererbung erklären läßt, hatte dem letzten Sproß des menschlichen Lebensbaumes noch einen Strahl jener oben erwähnten Schönheit verliehen, welche in dem allgemeinen Niedergang längst verblichen war. Es war, wie wenn auf der Rinde eines abgestorbenen Baumes noch im Spätherbst eine Blume im letzten Strahl der Sonne erblüht. Seit lange schon hatten die gealterten, erschöpften, an Körper und Geist zurückgegangenen und wieder in den Zustand der Verwilderung zurückverfallenen menschlichen Wesen fast alle ihre abgemagerten Leichname den eisigen Einöden überlassen. Die Fackel des Lebens war erloschen.

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Unter den letzten Polarsträuchern, welche in dem hochgebauten Treibhaus einer nach dem andern abstarben, saß das junge Mädchen und hielt die kalten Hände ihrer am Abend vorher in der Blüte ihres Lebens dahingerafften Mutter in den ihrigen. Die Nacht war eisig kalt. Der Vollmond glänzte in des Himmels Höhen wie eine goldgelbe Flamme; aber seine goldnen Strahlen waren ebenso kalt, wie die silbernen der Selene des Altertums. In der weiten Halle, in der Einsamkeit des Todes, herrschte eine tiefe Stille, welche nur das ruhige Atmen jenes Kindes belebte.

Sie weinte nicht mehr. Mit ihren sechzehn Jahren besaß sie mehr Erfahrung und Weisheit als eine Sechzigerin aus der Blütezeit.*

* Der Leser wolle sich in die Zeit versetzen, welche in dem Kapitel »Der Höhepunkt« geschildert ist. Seite 194 bis 204 [= S. 208–218 der vorliegenden NachdruckAusgabe; D.v.R.]

Sie wußte, daß sie die letzte Überlebende der kaum erloschenen Menschenfamilie war, und daß jedes Glück, jede Freude, jede Hoffnung für immer dahin war. Für sie gab es weder eine Gegenwart, noch eine Zukunft; nur noch die Einsamkeit, das Schweigen, die physische und moralische Unmöglichkeit zu leben, und bald darauf den ewigen Schlaf. Sie gedachte der Frauen von ehemals, welche wirklich gelebt hatten, der Gattinnen, der Mütter, und ihre geröteten und thränenloses Augen erblickten rund um sie her nur Bilder des Todes und jenseits der Glasmauern nur die der Wüste, die letzten Eis- und Schneemassen. Manchmal pochte ihr Herz heftig in ihrer jugendlichen Brust, und ihre kleinen Hände vermochten nicht sein stürmisches Klopfen zu unterdrücken; manchmal auch schien ihr das Leben im Busen stille zu stehen, und sogar ihr Atem stockte.

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Als sie einen Augenblick einschlief, sah sie sich im Traum wieder bei ihren früheren Spielen, bei ihrer lachenden und sorglosen Schwester und bei ihrer Mutter, welche immer noch mit reiner und ergreifender Stimme die schönen Ergüsse der letzten Dichter sang; und in der Ferne glaubte sie die letzten Festlichkeiten einer glänzenden Gesellschaft mitanzusehen, wie wenn ein ferner Spiegel sie zurückgeworfen hätte. Bei ihrem Erwachen schwand dann der Zauber ihrer Erinnerungen, um einer traurigen Wirklichkeit Platz zu machen! Sie war allein! allein auf der ganzen Welt! Und morgen sollte sie den Tod sehen, ohne das Leben kennen gelernt zu haben. Ein unvermeidliches Ende stand ihr bevor; vergebens lehnte sich ihr Wesen dagegen auf; es war ein Schicksalsspruch. Ihm mußte man gehorchen; man mußte das Ende erwarten, das ja nicht mehr ferne war, weil weder Nahrung noch Atmung mehr die organischen Funktionen unterhielten; oder vielmehr es nicht erwarten und sich eines schmerzensreichen und unrettbar verwirkten Lebens sofort entäußern.

Sie richtete ihre Schritte nach den Bädern, wo das warme Wasser noch lief, obgleich die auf alle häuslichen Bedürfnisse berechneten Vorrichtungen schon lange nicht mehr im Stande gehalten worden waren, da auch die hiermit beauftragten letzten Diener dem zunehmenden Wassermangel zum Opfer gefallen waren. Sie stieg ins Bad, nahm eine Umschaltung vor, wodurch die elektrischen Kräfte zu wirken begannen, welche durch die Strömung der noch nicht erstarrten unterirdischen Wasser erregt wurden, und schien in dem Genuß einer neue Kräfte verleihenden Ruhe den Ausspruch des Geschickes einen Augenblick zu vergessen. Nachdem sie sich erfrischt hatte, hätten unberufene Zuschauer sehen können, wie ein Lächeln ihre Lippen streifte und zeigte, daß sie in diesem Augenblick nicht an ihr düsteres Geschick dachte. In einem andern Wohnraum ging sie nach den Quellen, welche ihr in den Tagen vorher die modernen Nahrungsstoffe geliefert hatten, die aus den Gewässern, aus der Luft und aus den in den Treibhäusern durch die Einwirkung der Sonne selbst ohne menschliche Pflege gezogenen Pflanzen und Früchten gewonnen wurden.

Alles dies ging noch seinen Gang wie eine aufgezogene Uhr. Seit mehreren Jahrtausenden war das Sinnen des Menschengeistes fast ausschließlich darauf gerichtet gewesen, Herr seiner Geschicke zu werden. Man hatte die letzten Gewässer in innere Kanäle gebannt, in welche man gleicherweise die Sonnenwärme herabgezogen hatte. Man hatte die noch übrigen Tiere eingefangen, um eine stumme Bedienung der Maschinen aus ihnen zu machen, und die noch vorkommenden Pflanzen analysiert, um deren nährende Eigenschaften bis aufs äußerste zu steigern. Man war endlich dazu gelangt, quantitativ von nichts zu leben, da jeder neubeschaffte Nährstoff völlig assimilierbar war. Die letzten menschlichen Städte glichen sonnigen Treibhäusern, wohin alle zur Ernährung nötigen wässerigen Substanzen kamen, welche an Stelle der früheren Naturprodukte getreten waren. Allein von Jahrhundert zu Jahrhundert war es immer schwieriger gewesen, die zum Leben unentbehrlichen Produkte zu bekommen; die Fundgrube war endlich erschöpft. Der Stoff war zwar durch den Geist überwunden worden; aber es war der Tag erschienen, wo auch der Geist selbst überwunden werden sollte: alle Arbeiter hatten sich nach und nach zu Tode gearbeitet, da die Erde nichts mehr liefern konnte. Es hatte ein Riesenkampf von furchtbarer Hartnäckigkeit seitens des Menschen stattgefunden, welcher sich vor dem Gesetz der Natur nicht beugen wollte. Aber die äußersten Anstrengungen hatten nicht zu verhindern vermocht, daß das Erdreich die Gewässer aufsog, und die letzten Vorräte, die eine Wissenschaft aufbewahrt hatte, welche stärker schien als die Natur selber, waren auf der Neige.

Eva war zur Leiche ihrer Mutter zurückgekehrt. Wieder erfaßte sie deren eisige Hände. Die Seelenkräfte der Menschen in den letzten Zeiten hatten, wie schon gesagt, eine übernatürliche Macht erlangt. Eva dachte einen Augenblick daran, ihre Mutter aus dem Schattenlande zurückzurufen. Es schien ihr, als begehrte sie von ihr, wenn auch nicht ihre Billigung, so doch ihren Rat. Ein Gedanke hatte sie mit geheimnisvoller Macht erfaßt; und dieser Gedanke allein verhinderte sie jetzt, einen plötzlichen Tod zu wünschen.

Sie sah von weitem die einzige Seele, welche mit der ihrigen eins sein konnte. Seit ihrer Geburt hatte kein Mann in den Geschlechtern gelebt, deren letzter Sproß sie war. In ihnen hatten die Frauen das sonst als das starke bezeichnete Geschlecht überlebt. Die längs des großen Büchereisaales hängenden Gemälde zeigten ihr ihre Vorfahren und die einstigen Berühmtheiten der Stadt; Bücher, Stiche, Bildsäulen zeigten ihr den Mann; aber lebend gesehen hatte sie einen solchen noch nie.

Sie träumte so dahin, und unbekannte und beunruhigende Bilder zogen oft vor ihrem geschlossenen Auge vorüber. Ihre Seele schwebte manchmal über dem ihr noch unerschlossenen Mysterium; der Traum versetzte sie in ein neues Leben, und die Liebe schien ihr noch nicht gänzlich von der Erde verbannt. Seit der mehrjährigen alles erstarrenden Herrschaft der Kälte waren die elektrischen Verbindungen zwischen den noch vorhandenen menschlichen Wohnplätzen unterbrochen. Man sprach nicht mehr miteinander, man sah sich nicht mehr, man hatte auch keine Fernempfindung mehr. Aber sie kannte die oceanische Stadt, wie wenn sie dieselbe gesehen hätte, und als sie ihren Blick auf den großen Erdglobus heftete, welcher im Mittelpunkt der Bücherei stand; als sie dann ihre Augen schloß und ihr Denken dorthin richtete; als sie ihren psychischen Sinn auf den Gegenstand ihres Willens anwendete: da wirkte sie in die Entfernung mit einer Stärke, die zwar von jener der alten elektrischen Apparate verschieden, aber ebenso durchgreifend war. Sie rief an, und sie fühlte, daß ein anderes Denken sie hörte.

In der Nacht vorher war sie bis in jene altertümliche Stadt Omegars hingeflogen und war ihm auf einen Augenblick im Traum erschienen. Denselben Morgen hatte sie von ferne sein verzweifeltes Beginnen gesehen und mit äußerster Willenskraft seinen Arm aufgehalten.

Und nun sank sie plötzlich, träumend und wie eingeschläfert, ihrer tot hingestreckten Mutter gegenüber, in ihren Lehnstuhl. In Gedanken schwebte sie über jener Stadt hin und her, und ihre vereinsamte Seele suchte zur Schwester die einzige auf Erden noch lebende Seele. Omegar hörte sie dort. Langsam, wie traumwandelnd, stieg er hinauf zur Einsteighalle der Luftschiffe. Einem geheimnisvollen Zuge folgend, gehorchte er der fernen Stimme. Das elektrische Luftschiff nahm seinen Flug nach Westen, zog über die kalten Tropenländer, welche den Raum des früheren Stillen Oceans, Polynesiens, des Malayischen Archipels und der SundaInseln einnahmen, und ließ sich auf der Plattform jenes altertümlichen krystallenen Palastes nieder, in welchem das junge Mädchen durch den Niederfall des Luftschiffers, der ihr zu Füßen sank, aus ihrem Traum geweckt wurde.

Vom Schrecken erfaßt, entfloh sie bis in den Hintergrund des weiten Saales und hob das schwere Tierfell in die Höhe, welches diesen Wohnraum von der Bücherei trennte. Da blieb er ganz nahe bei ihr stehen, ließ sich auf ein Knie nieder, nahm eine ihrer Hände in die seinigen und sagte einfach zu ihr:

»Da hast mir[30] gerufen; ich bin gekommen.« Dann fuhr er fort: »Ich kenne dich seit lange; ich wußte, daß du lebtest; ich habe dich oft gesehen; zu zogst meine Seele beständig zu dir hin. Aber ich hatte nie zu kommen gewagt.«

[30] Anm. d. Hrsg.: Auch im Original steht »mir« statt »mich«; D. v. R.

Sie hatte ihn wieder aufgerichtet. »Mein Freund,« sagte sie, »ich weiß, daß wir allein auf der Welt sind, und daß wir sterben werden. Eine Stimme, welche stärker ist als ich selbst, hat mir geboten, dich zu rufen. Es hat mir geschienen, als wäre es der letzte über ihren Tod hinaus wirkende Gedanke meiner Mutter. Sieh! so schläft sie hier seit gestern. Wie lang ist doch diese Nacht!«

Der junge Mann war niedergekniet und hatte die Hand der Toten ergriffen. Wie im Gebet versunken ruhten sie hier beide vor dem Totenbett.

Sanft neigte er sich gegen das junge Mädchen. Ihre Häupter streiften sich. Er ließ die Hand der Toten los.

Eva bekam einen Schauder. »Nein!« sagte sie.

Aber plötzlich erhob sich Omegar erschreckt und starren Blickes. Die Tote war wieder erwacht. Sie hatte die Hand, welche er ergriffen hatte, zurückgezogen, und die Augen aufgeschlagen; sie machte eine Bewegung und betrachtete beide.

»Ich habe eben einen seltsamen Traum gehabt,« sagte sie, ohne über die Gegenwart Omegars überrascht zu sein; »da ist er.« — Dabei zeigte sie mit ausgestreckter Hand nach dem Planeten Jupiter am Himmel, welcher in glänzendem Lichte strahlte.

Und als sie das Gestirn betrachteten, sahen sie, wie es sich ihnen näherte, übermäßig groß wurde, die Stelle der Polarlandschaft einnahm und in seiner ganzen Ausdehnung sich ihrer staunenden Betrachtung darbot.


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»Da hast mir gerufen; ich bin gekommen.«/p>


Unabsehbare Meere waren mit Fahrzeugen bedeckt, kleine fliegende Flotten durchschnitten die Lüfte, an den Meeresgestaden und Mündungen der großen Ströme herrschte eine wunderbare Thätigkeit; mit wogenden Menschenmassen bevölkerte glänzende Städte wurden sichtbar. Man konnte zwar weder die einzelnen Teile jener Wohnstätten, noch die Gestalt dieser neuen Wesen unterscheiden; aber man erriet, daß es eine von der unsrigen ganz verschiedene Menschenwelt war, welche in einer ganz andern Natur lebte, über ganz andere Organe und Sinne verfügte; und man ahnte auch, daß dies da eine wunderbare, unvergleichlich höher als die Erde stehende Welt war.


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Sie sahen das Gestirn größer werden und sich ihnen nähern .../p>


»Dort werden wir morgen sein,« sagte die Tote, »und die ganze frühere Erdenmenschheit vervollkommnet und umgewandelt wiederfinden. Jupiter hat die Erbschaft der Erde angetreten. Unsere Welt hat ihre Aufgabe vollendet. Hienieden werden keine Menschengeschlechter mehr erstehen. Lebt wohl!«

Sie streckte die Arme nach ihnen aus. Sie neigten sich auf ihr bleiches Antlitz herab und drückten einen langen Kuß auf ihre Stirn. Aber sie gewahrten, daß diese Stirn, trotz dieses eigentümlichen Erwachens, marmorkalt geblieben war. Die Tote hatte die Augen geschlossen und schlug sie nicht mehr auf.

--*--


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Siebentes Kapitel
Der letzte Tag

O Liebe, du Wesen des Wesens!
O Liebe, du Seele der Seele!

L a m a r t i n e, Harmonien


Es ist süß, zu leben ... Die Liebe ersetzt alles, läßt alles vergessen. O, unaussprechliche Musik der Herzen, deine göttliche Melodie erhebt unser innerstes Wesen in den Himmel des höchsten Entzückens! Welche berühmte Geschichtschreiber haben nicht die Helden des Fortschritts, den Waffenruhm, die geistigen Errungenschaften und die Wissenschaften des Geistes gepriesen? Nach so vielen Jahrhunderten des Ringens und der Arbeit war auf der Erde nur noch das Pochen zweier Herzen, die Küsse zweier Wesen übrig geblieben; nur die Liebe hörte nicht auf. Und die Liebe blieb die erhabenste Empfindung, welche wie ein nie erlöschender Leuchtturm den Ocean der geschwundenen Zeiten überragte.

Sterben! Sie dachten kaum noch daran. Waren sie sich nicht selbst genug? Die hereinbrechende Kälte drang ihnen durch Mark und Bein; aber trugen sie denn nicht in ihrem Herzen eine Glut, welche heiß genug war, die äußere Natur zu überwinden? Schien denn die Sonne nicht immer noch im strahlendsten Glanze, und konnte die Urteilsvollstreckung an der Erde nicht noch auf lange verschoben werden? Omegar grübelte darüber nach, wie man das ganze wunderbare System aufrecht erhalten könnte, das schon lange für die sich von selbst vollziehende Gewinnung der auf chemischem Wege aus Luft, Wasser und Pflanzen gezogenen Nährstoffe bestand; und es schien ihm zu gelingen. So sah man auch früher nach dem Sturz des römischen Reiches, wie die uncivilisierten Völker Jahrhunderte hindurch die Wasserleitungen, die Bäder, die heißen Quellen und alle jene Schöpfungen aus der Zeit der Cäsaren nutzbar machten und aus untergegangenen Industriezweigen ihre Lebenselemente schöpften.

Eines Tags sahen sie eine Gruppe von erbarmungswürdigen, unglücklichen, halbwilden Wesen sich heranschleppen, welche fast nichts Menschliches mehr an sich hatten und auf die schon so lange untergegangenen niederen Gattungen wieder heruntergekommen zu sein schienen. Es war eine umherirrende Familie, ein Überrest einer entarteten Rasse, welche eine Zufluchtsstätte gegen den Tod suchte. Nachdem die Menschen die so lange erwartete Einheitlichkeit erreicht und von da an nur noch eine einzige Wesengattung gebildet hatten, in der alle früheren Verschiedenheiten verschmolzen waren, hatten sie, infolge jahrhundertelanger Verschlechterung der Lebensbedingungen auf dem Planeten, nach einer mehrere Millionen Jahre langen unbeschränkten Herrschaft über die Natur allmählich ihre Macht und ihre Bedeutung wieder verloren.


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Die örtlichen Einflüsse der Klimate und der Berufskreise hatten sich bald geltend gemacht und die gewonnene Einheit wieder gelockert; neue Arten, neue Geschlechter hatten sich herausgebildet. Mit großer Mühe hatten die beiden gesittetsten und thatkräftigsten derselben diesen Einflüssen widerstanden und sich, wie wir gesehen haben, auf der geistigen Höhe behauptet. Die ganze übrige Menschheit hatte den Druck der Jahre erfahren und war, indem sie sich unter der Einwirkung der überwiegenden Umstände veränderte, allmählich schwächer geworden. Das alte Gesetz des Fortschrittes hatte einer Art Niedergangsgesetz Platz gemacht. Die Materie hatte wieder ihre Rechte geltend gemacht, und der Mensch sank wieder zum Tier hinab. Alle diese Geschlechter aus der Zeit des Greisenalters der Erdenwelt waren in ihrer Hinfälligkeit und Auflösung nach und nach unterlegen. Einige gespenstige Gruppen irrten noch allein in den Trümmern einer vergangenen Welt umher.

Omegar versuchte jene neue Menschenklasse zur Bedienung der Apparate für die NahrungsmittelChemie zu verwenden, welche noch funktionierten, besonders aber zur Aufbewahrung und Nutzbarmachung der Sonnenwärme. Die Sonne der Hoffnung strahlte an dem Himmel des glücklichen Paares wie der Regenbogen nach strömendem Regen; sie vergaßen die Vergangenheit und, unbekümmert um die Zukunft, waren sie ganz beschäftigt mit dem Glück des Augenblicks.

So lebten sie mehrere Monate in süßem Taumel dahin. Man hat gesagt, die Liebe sei die Poesie der Sinne und der ewige Kuß zweier Seelen. Man hat auch gesagt, daß Ruhm, Wissen, Geist, Schönheit, Jugend, Vermögen, daß alles dies, ohne Liebe, nicht zu beglücken vermöge. Wir könnten noch ergänzen, daß an jenem letzten Erdentag jene Liebe allein noch glänzte wie ein Stern in finsterer Nacht. Die beiden Liebenden bemerkten es gar nicht, daß sie ihre Küsse in einem Sarge wechselten.


Manchmal, zur Zeit, wo die Sonne hinter den Ruinen hinabgesunken war, fühlte Eva sich im Gemüte gedrückt, wenn ihr Blick auf der sie umgebenden ungeheuren Wüste ruhte; und wenn sie auch ihren Vielgeliebten in die Arme schloß, konnte sie doch die Thränen nicht zurückhalten, welche ihre Augen trübten. Ja, sie hoffte auf die Zukunft. Doch, welche Einsamkeit und welche Stille! Welche eigentümliche Hinterlassenschaft eines einst so erleuchteten Menschengeschlechtes! Die Andenken daran standen da. Die Bände in der Bücherei erzählten von den vergangenen Herrlichkeiten, die Stahl- und Kupferstiche ließen dieselben vor den staunenden Augen wiederaufleben, die phonographischen Apparate ließen, wenn man wollte, die Worte der berühmten Toten wieder vernehmen, und sogar das Bild dieser Toten konnte nach Belieben auf dem durchsichtigen Schirm zum Auffangen der telephotischen Projektionen erscheinen. In den alten zimmergroßen, metallenen Koffern konnten die Hände hineintauchen durch Milliarden von Goldmünzen jeden Gewichts und jeder Präge, das tote Erbe nutzlos aufgehäufter Reichtümer. Die physikalischen und astronomischen Instrumente, welche die Welt umgestaltet hatten, lagen im Staube umher. Als Herren der Welt und aller beweglichen und unbeweglichen Güter derselben waren sie ärmer als die Ärmsten in den früheren Zeiten.


»Wozu hat denn alles dies gedient?« sagte sie, als sie ihre Blicke über alle die glänzenden Erinnerungen an die ins Grab gesunkene Menschheit schweifen ließ. »Ja, wozu haben alle Werke, alle Anstrengungen, alle Entdeckungen, alle Errungenschaften, alle Verbrechen und alle Tugenden gedient? Der Reihe nach ist jede Nation gestiegen und gesunken. Der Reihe nach hat jede Stadt in Herrlichkeit und Freude gestrahlt und ist in Staub zerfallen. Hier liegen sie, jene Trümmer; die Erde ist damit bedeckt. Die alten liegen unter den neuen begraben: Trümmer über Trümmern. Die letzteren werden dasselbe Los haben. Was bleibt von den Milliarden Menschen, welche hier gelebt haben, übrig? Nichts! Und warum denn, mein Angebeteter, der du alles weißt, warum hat denn Gott diese Erde geschaffen? Warum haben sich alle jene Milliarden Menschen auf dieser kleinen, kreisenden Kugel gedrängt und gestritten, wozu haben sie gedient, da doch nichts von ihnen übrig bleibt? Sieht das jetzt nicht gerade so aus, als ob gar nichts dagewesen wäre? Ich weiß wohl, daß die Bewohner des Mars dasselbe Los gehabt haben, und als diejenigen der Venus vor einigen Jahrhunderten noch mit uns verkehrten, bildeten sie sich auch ein, sie würden nie sterben. Und hier diejenigen des Jupiter, welche erst anfangen und noch nicht fähig sind, unsere Botschaften zu verstehen, auch sie wird dasselbe Geschick ereilen. Sage mir, ist diese Schöpfung da ein Lustspiel oder ein Trauerspiel?« ...

»Warum so fragen, meine Eva? O, daß doch deine schönen Augen sich nicht so verirren möchten! Komm, setze dich auf meine Kniee, laß dein liebes Haupt an meinem Herzen ruhen. Gott hat die Welt nur für die Liebe geschaffen. Das übrige vergiß!«

»Doch wie soll man es vergessen, wie soll man in diesen feierlichen Stunden die Augen verschließen, wie seine Vernunft und sein Herz schweigen heißen? Ja, unsere Liebe, die umfaßt alles, rein alles. Allein, liebe Seele, wie sollte man nicht auch noch bedenken, daß alle jene Paare, die uns auf dieser Erde seit dem Anfang der Welt vorangegangen sind, auch geschwunden, und daß alle Seligkeiten der Liebe in Dunst aufgegangen sind, ja, in Dunst, und daß auch von ihnen nichts übrig bleibt, gar nichts! O, Omegar, die Menschen haben zehn Millionen Jahre gelebt, um nichts zu wissen! Die erhabenste aller Wissenschaften, die Wissenschaft vom Weltall, die Astronomie hat uns alles gelehrt, sie hat uns die wahre Religion gegeben, und hat uns nicht gezeigt,...!« [31]

[31] Anm. d. Hrsg.: Im französischen Original (S. 379 der Ausg. 1925; vgl. Fn. 11) lautet das Ende des Satzes in deutscher Übersetzung wie folgt: » ... und hat uns die Logik Gottes nicht gezeigt!«

»Du willst zuviel darüber erfahren. Gleichwohl weißt du sehr gut, daß die Erdenmenschheit in dem Reich des Unerkennbaren dahintrieb. Wir vermögen das Unerkennbare nicht zu erkennen. Weiß das Räderwerk einer Uhr, warum es bereitet worden ist, und warum es geht? Wir müssen uns darein finden, nur Räderwerke gewesen zu sein! Wir sind endliche Wesen. Gott ist unendlich. Das Unendliche kann nicht mit dem Maßstab des Endlichen gemessen werden. Wir befinden uns in der Lage eines Uhrrades, das in seinem Gehäuse über den Geschäftsbetrieb der Uhrmacher klügeln möchte. Es könnte sicherlich auch zehn Millionen Jahre klügeln, ohne herauszufinden, daß der Apparat, von dem es einen Teil ausmacht, den Zweck hat, mit der täglichen Bewegung unseres Planeten gleichzugehen. Teure Geliebte, ein Uhrrad hat nur eine wirkliche Funktion zu erfüllen: es muß sich drehen. Auch die Erdenmenschheit hat nur sich drehen können. Alle philosophischen und religiösen Doktrinen sind in dem Forschen nach dem Absoluten dünkelhaft gewesen.

Indessen ist die Wissenschaft nicht ganz Täuschung. Wir wissen, daß die sichtbare, berührbare, für unsere Sinne wahrnehmbare Welt nicht unter den trügerischen Formen besteht, die uns auffallen, und nur der Schleier einer wirklichen, unsichtbaren Welt ist.*

* Vergl. »Urania« S. 69 al. 3, 70ff. [= S. 89 Absatz 3, 90ff. der NachdruckAusgabe 2006; D. v. R.] aus der unergründlichen Verborgenheit heraus ihre Fäden entsendet!«

Wir wissen, daß das körperbildende Atom des Stoffes sich der Berührung entzieht, daß Licht, Wärme, Schall ebensowenig vorhanden sind, als die scheinbare Festigkeit der Körper. Unsere Sinne, unser Wahrnehmungsmittel geben uns ein unrichtiges Bild von der Wirklichkeit. Dies zu wissen, will schon etwas heißen, und auch das, daß die Wirklichkeit in der unsichtbaren Welt beschlossen liegt, daß die Seele eine unzerstörbare psychische Kraft ist, welche individuell unsterblich ist, d. h. welche ein Bewußtsein von ihrer Unsterblichkeit hat von dem Tage an, wo sie geistig lebt, wo sie der materiellen Fesseln ledig ist. Auf die Milliarden menschlichen Wesen, welche die Erde bevölkert haben, kommen im Verhältnis nur wenige Seelen, welche sich ihrer Unsterblichkeit bewußt sind und die Erinnerung an ihr vergangenes Leben behalten, sogar auf dem Jupiter, wo sie jetzt leben. Doch der Fortschritt ist Naturgesetz, und einstens müssen alle sich dieses ihres Wertes bewußt werden. Die psychische Kraft bewegt die Welt. Das Weltall ist ein Dynamismus. Was dem leiblichen Auge sichtbar ist, besteht aus unsichtbaren Elementen. Was man sieht, ist aus Dingen geschaffen, die man nicht sieht. Die wissenschaftlichen Einteilungen, welche so viele Millionen Jahre lang die menschliche Wissenschaft ausmachten, sind auf oberflächliche Empfindungen gegründet gewesen. Aber die Menschen haben gerade durch das nähere Eindringen in das Wesen dieser Empfindungen, durch Beobachtung und Erfahrung gelernt, daß immaterielle Kräfte das Weltall regieren; daß die Seelen Wirklichkeiten, unzerstörbare Wesen sind, die sich auf Entfernungen hin Mitteilungen machen und sich kundgeben können; daß der Raum keine Kluft, sondern ein Band zwischen den Welten bildet; daß die Erde, welche in diesem Augenblick mit ihrer Geschichte abschließt, ein Gestirn des Himmels ist wie ihre Nachbarn; und daß die sie bewohnende Menschenwelt nur eine Abteilung in der unermeßlichen Schöpfung gewesen sein wird. Wie aber hat diese Menschheit so lange fortgedauert? Durch das oberste Gesetz der allmächtigen, alles verbindenden Liebe. Die Liebe hat die Seelen in den allgemeinen Schmelztiegel zusammengeworfen. Wie die Liebe in der Geschichte der Menschheit waltete, so muß sie auch über alle Zeiten hinaus walten. Sie ist der ewige Schöpfer, ein ergreifendes Bild der unsichtbaren und unverkennbaren Macht, welche in alle Ewigkeit


Also unterhielten sich in diesen letzten Tagen der Welt die beiden letzten Abkömmlinge der Menschheit noch über die großen Fragen, welche zu allen Zeiten die menschliche Wißbegierde erregt haben. Sie hatten sich wieder ans Leben angeklammert und an die uns von Gott in die Seele gepflanzte Hoffnung auf das Jenseits;* und in diesem feierlichen Augenblick strahlte diese Hoffnung in ihren Herzen wie ein helles, unauslöschbares Licht. Das war die wahre und wirkliche Sonne. Die Erdensonne glänzte und erwärmte noch immer. Sie sahen noch ein langes Leben vor sich. Die Wasserwerke und NährstoffgewinnungsVorrichtungen funktionierten noch, und die letzte Stunde im Kreislauf der Geschicke schien noch nicht anzubrechen.

* Vergl. »Urania« S. 149. [= S. 158 der NachdruckAusgabe 2006; D. v. R.]

Eines Tages aber stand das System still, so wunderbar es auch war. Selbst die unterirdischen Gewässer flossen nicht mehr. Der Boden war bis tief ins Innere gefroren. Die Sonnenstrahlen zwar erwärmten immer noch die Luft in den Wohnungen mit Glasdächern, aber es konnte keine Pflanze mehr leben: das Wasser fehlte.

Alle vereinigten Bemühungen der Wissenschaft und der Industrie hatten der Erdatmosphäre nicht die nährenden Eigenschaften verleihen können, wie die Atmosphäre gewisser Welten von Natur damit ausgestattet ist. Der menschliche Organismus aber verlangte immer jene Neubildner, welche, wie wir gesehen haben, aus dem Wasser, der Luft und den Pflanzen gewonnen worden waren. Von jetzt an waren die Quellen versiegt.


Das Urteil war gesprochen.

Nachdem das letzte Menschenpaar überall auf unübersteigliche Hindernisse gestoßen war und die Nutzlosigkeit des Kampfes erkannt hatte, fügte es sich nicht darein, den Tod zu erwarten. Früher, ehe sie sich kannten, hatten sie ihm, jedes für sich, furchtlos ins Auge geschaut. Doch jetzt wollte jedes von ihnen dem unerbittlichen Geschick das geliebte Wesen streitig machen. Schon der Gedanke, Omegar entseelt neben sich liegen zu sehen, erfüllte Eva mit einem solchen Schmerzgefühl, daß sie die Vorstellung davon nicht ertragen konnte.


Illustration

Überall Ruinen und Tod.


Und  e r  geriet in Verzweiflung darüber, seine geliebte Schicksalsgefährtin nicht dieser zur Vernichtung verurteilten Welt entrücken, nicht mit ihr nach jenem glänzenden Jupiter enteilen zu können, der sie erwartete.

Er dachte sich, daß es vielleicht noch irgend eine Gegend auf der Erde gäbe, die noch etwas von jenem wohlthätigen Wasser hätte, ohne welches das Leben erlösche. Obgleich sie beide schon kraftlos waren, faßte er den Entschluß, sich auf die Suche zu begeben. Das elektrische Luftschiff war noch leistungsfähig. Und so verließen die beiden letzten Sprossen des untergegangenen Geschlechtes die letzte Stätte der Menschen, die nur noch ein Grab war, dachten nicht mehr an den ungastlichen Boden und segelten dahin, um irgend eine unbekannte Oase aufzusuchen.

Die früheren Reiche der Welt zogen unter ihnen dahin. Sie erkannten die Spuren der letzten berühmten Bildungsstätten, deren Trümmer hier und da längs der Äquatorialzone zerstreut lagen. Alles war ausgestorben. Omegar sah die alte Stätte wieder, die er unlängst verlassen hatte; aber er wußte, daß auch da die Lebensquelle fehlte, und sie stiegen nicht hinab. Denn überall nur Ruinen und Tod, überall Schweigen, überall eisige Wüste. Es gab keine Wiesen und keine Pflanzen, nicht einmal mehr Polargewächse. Die letzten Wasserläufe zeichneten sich wie auf einer Landkarte ab, und man merkte, daß an ihnen entlang das Erdenleben etwas länger gedauert hatte. Aber jetzt waren sie für immer ausgetrocknet, und wenn man auch manchmal in den Niederungen irgend einen erstarrten See unterschied, so war es ein steinerner See; die Sonne schmolz selbst am Äquator das ewige Eis nicht mehr. Die Tiere, Bärenarten mit langen Haaren, welche man noch auf den Eisfeldern umherirren sah, fanden in den Vertiefungen mit Mühe eine magere Pflanzennahrung. Von Zeit zu Zeit gewahrte man auch Walroßarten und Pinguine auf der Eisfläche, und große graue Eisvögel, die ungeschickt umherflatterten und sich traurig niederließen.

An keinem Punkte fanden die Todeskandidaten die gesuchte Oase. Die Erde war ganz erstorben.

Die Nacht brach herein; kein Wölkchen stand am Himmel. Eine etwas gelindere, von Süden kommende Strömung hatte sie über das frühere Afrika geführt, das ein eisigkaltes Land geworden war. Der Mechanismus des Luftseglers hatte jetzt den Dienst versagt. Die Kälte mehr noch als der Hunger warf sie entkräftet auf den Boden ihres aus Eisbärfellen gebauten Schiffchens.

Sie glaubten eine Ruine zu erblicken und stiegen aus. Es war ein sehr großer viereckiger Unterbau, welcher die Spuren ungeheurer Steinschichten erkennen ließ. Man konnte noch die alte ägyptische Pyramide erkennen. Als ein für die Ewigkeit gegründeter Bau hatte sie zuerst mitten in der Wüste den Untergang der Civilisation geschaut, deren Repräsentant sie war; später war sie mit dem ganzen Gebiet von Ägypten, Nubien und Abessinien unter die Meeresfläche hinabgesunken, dann aber wieder ans Licht heraufgestiegen und wieder prächtig restauriert worden, mitten in einer neuen Centrale und einer neuen Kultur, die den Glanz Thebens und Memphis' noch übertraf. Ganz zuletzt war sie dann wieder tiefer Vereinsamung überlassen worden. Es war das einzige, aus den ersten Zeiten des Menschengeschlechtes noch stehende Denkmal, und das verdankte es der Dauerhaftigkeit seiner geometrischen Form.

»Wir wollen uns hier ausruhen, wollen hier bleiben,« sagte Eva lächelnd und im Ton der Klage, indem sie sich niederließ. »Da ja der Tod uns beschieden ist — und wem war er es nicht? —, so will ich ruhig in deinen Armen sterben.«

Sie suchten ein passendes Plätzchen in den Ruinen und setzten sich nebeneinander, den Blick auf die unendliche Öde gerichtet. Die junge Frau kauerte fiebernd nieder, schloß ihren Gatten in die Arme und versuchte, sich noch kräftig der Kälte zu erwehren, welche sie durchdrang. Er aber hatte sie an sein Herz gezogen und erwärmte sie mit seinen Küssen.

»Ich liebe dich, und ich sterbe,« sagte sie. »Doch nein, du hast es gesagt, wir werden nicht sterben. Siehst du den Stern, der uns ruft?«


In demselben Augenblick hörten sie hinter sich aus dem Grabe des Cheops heraus ein schwaches Geräusch, das an das Säuseln des Windes in den Blättern erinnerte. Mit Schaudern wandten sie sich nach der Seite hin, von welcher das Geräusch her kam. Eine weiße Gestalt, welche selbstleuchtend schien — denn die Nacht brach schon herein, und es war nicht mondhell —, schwebte mehr als sie ging auf sie zu und blieb vor ihren erschreckten Blicken stehen.

»Fürchtet nichts,« sagte sie, »ich komme, um euch aufzunehmen. Nein, ihr werdet nicht sterben. Niemals ist jemand gestorben. Die Zeit fällt der Ewigkeit anheim; die Ewigkeit bleibt. Ich war Cheops, der König von Ägypten, und ich habe hier vor alten Zeiten geherrscht. Seitdem habe ich meine Übelthaten in mehreren untergeordneten Daseinsformen gebüßt, und nachdem meine Seele der Unsterblichkeit würdig geworden war, habe ich auf dem Neptun, dem Ganymed, der Rhea, dem Titan, dem Saturn, dem Mars und andern euch unbekannten Welten gelebt. Zur Zeit halte ich mich auf dem Jupiter auf. In den Zeiten der Blüte der Erdenmenschheit war dieser Weltkörper für geistige Wesen unbewohnbar; er machte damals seine Vorbereitungsperioden durch. Diese ungeheure Welt übernimmt jetzt die Hinterlassenschaft der Fortschritte auf Erden. Die Welten folgen in der Zeit aufeinander wie im Raume. Alles ist ewig, alles geht im Göttlichen auf. Vertrauet euch mir an. Kommt!«

Und während der alte Pharao noch redete, fühlten sie, wie ein köstliches Fluidum ihr seelisches Wesen durchdrang, gerade wie manchmal das Ohr durch eine bezaubernde Melodie ganz gefesselt wird. Die Empfindung eines ruhigen, überirdischen Glückes durchströmte ihre Seelen. Nie hatte irgend ein Traum, irgend ein Entzücken die Seele in solche freudige Aufregung versetzt.


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Die Schattengestalt des Cheops erschien ihnen.


Eva schloß Omegar wieder in ihre kraftlosen Arme. »Ich liebe dich! ... Ich liebe dich!« wiederholte sie. Ihre Stimme war nur noch ein Hauch. Er preßte seine Lippen auf ihren schon erkalteten Mund und hörte sie noch, wie sie schaudernd flüsterte: »O, wie hätte ich ihn so lieb gehabt!«


Das Gestirn des Jupiter funkelte am Himmel.


Eva schlug die Augen wieder auf, richtete ihren Blick auf den ungeheuren Planeten und schien sich in sein Licht zu versenken, wie wenn sie von einer Erscheinung gebannt wäre. Plötzlich leuchtete ihr Antlitz in strahlendem Entzücken auf. Man sieht ja oft im Augenblick des letzten Atemzugs, wie sich ein Schein unbeschreiblicher Ruhe über die Gesichtszüge eines Sterbenden verbreitet, welcher nach der Befreiung von seinen Leiden in einem bezaubernden Traume zu entschlafen scheint. So, aber noch strahlender, wurde auch das Antlitz des letzten Weibes verklärt.* Sie wollte reden. Sie breitete die Arme gegen Jupiter aus. Von neuer Kraft wieder belebt, rief sie, von Bewunderung hingerissen, aus:

* Vergl. »Urania« S. 147 al. 2ff. [= S. 157 Abs. 2ff. der NachdruckAusgabe 2006; D. v. R.]

»Ja, es ist wahr. Da ist die Wahrheit, welche du mich hast ahnen lassen. Wie schön sie sind! Ihr unsterblichen Geister, ich bin bei euch! Ja, du hast es gesagt: nichts stirbt. Ich bin getrost, Omegar ist bei mir. Wir werden fortleben, wir leben, leben ewig!«

Und sie geriet wieder in Aufregung. Von Begeisterung leuchtend wandten sich ihre Augen nach Omegar. Aber sie sah ihn nicht. »Ja,« sagte sie, »er ist bei mir. Wir leben, wir fühlen, wir sehen. Das Glück liegt im Leben, in dem ... ewigen ... Leben.«

Von übernatürlicher Kraft getrieben, hatte sie sich erhoben, wie wenn sie in den unermeßlichen Himmel sich hätte aufschwingen wollen; aber, indem sie sich um sich selbst drehte, war sie in Omegars Arme zurückgesunken, welcher sich beeilt hatte, sie aufzufangen. Mit dem Aussprechen des Wortes »Leben« war ihr Geist entflohen.

Er heftete seine Lippen auf die ihrigen und von einem eisigen Schauder durchzuckt, fühlte er nun selbst, daß sein eigenes Leben dahinschwand. Sein Herz beschleunigte sein Pochen, und plötzlich stand es still.

Ihre Blicke waren zusammen erloschen, indem sie die Strahlen des Jupiter einsogen, und sanft schlossen sich ihre Augen.

Der Schatten Cheops' erhob sich in die Luft und verschwand. Wer ihn hätte sehen können, nicht mit seinen leiblichen Augen, welche nur die physikalischen Schwingungen wahrzunehmen vermögen, der würde gesehen haben, wie zwei Flämmchen, die von jenem Schatten davongetragen wurden, nebeneinander leuchteten und miteinander in die himmlischen Regionen sich erhoben.


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Es blieben nur noch einige Gruppen siecher Menschen zurück ...


Nun blieben auf Erden nur noch einige Gruppen siecher Menschen als eine Beute des Hungers und der Kälte zurück, eine Art wilder, in Tierfelle gekleideter Eskimos, die in den letzten Höhlen ihren letzten Schutz und ihre letzte Ruhestätte suchten. Die höhere Menschenrasse hatte aufgehört zu leben. Entartete Tiergattungen lebten noch einige Jahrtausende länger. Dann aber erlosch das ganze Erdenleben unmerklich, Schritt für Schritt.


Wie schon erwähnt, trugen sich diese Ereignisse zehn Millionen Jahre nach unserer Zeit zu. Die Sonne schien noch zwanzig Millionen Jahre lang, Jupiter und Saturn waren damals der Sitz blühender Geschlechter. Aber die Erde war ganz erstorben. Sie wälzte sich im Raume immer noch fort wie ein schweigsamer Friedhof, auf dem kein Vogel mehr singt. Ewiges Schweigen umgab die Trümmer der heimgegangenen Menschheit. Die ganze Geschichte der Menschenwelt war dahingegangen wie ein leichter Rauch.

Und in des Himmels Tiefen bezeichnete nicht ein einziger Leichenstein, nicht ein einziges Erinnerungszeichen die Stelle, wo unser armer Planet seinen Geist aufgegeben hatte.


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Epilog
NACH DEM ENDE DER ERDENWELT

Eine philosophische Schlußbetrachtung

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Das Leben auf der Erde war erstorben. Die andern Planeten waren es nacheinander auch. Die Sonne war erloschen. Aber die Sterne glänzten noch immer: es gab immer noch Sonnen und Welten.

In der unermeßbaren Ewigkeit wird die ihrem Wesen nach relative Zeit durch die Bewegung jeder einzelnen Welt bestimmt, und sogar auf jeder Welt wird sie je nach den persönlichen Empfindungen der sie bewohnenden Wesen verschieden bemessen. Jeder Weltkörper mißt seine eigene Dauer. Die Erdenjahre gleichen nicht den Jahren auf dem Neptun. Das Neptunsjahr kommt hundertvierundsechzig der unsrigen gleich und ist in der Unendlichkeit doch nicht länger. Zwischen Zeit und Ewigkeit giebt es kein gemeinschaftliches Maß. In dem leeren Raum giebt es keine Zeit; man steht da in keinem »Jahr«, in keinem »Jahrhundert«; aber dennoch giebt es die Möglichkeit eines Maßes, welches dort die Ankunft einer umlaufenden Welt bestimmen würde.

Ohne periodische Bewegung kann man keinen Begriff von irgend welcher Zeit haben.

Die Erde war nicht mehr da. Weder die Erde, noch ihre Nachbarin, die kleine Marsinsel, weder der schöne Venusball, noch auch die kolossale Welt des Jupiter oder das seltsame System des Saturn, das seinen Glorienschein verloren hatte; weder die langsamen Uranus- und Neptunskörper, noch auch die erhabene Sonne, deren Feuermassen so viele Zeiträume hindurch die in dem Lichte derselben dahinrollenden himmlischen Heimstätten befruchtet hatte. Die Sonne war eine schwarze Kugel, die Planeten waren auch solche, und dieses unsichtbare System bewegte sich immer noch fort im eisigen Schoße des dunkeln Raumes. Vom Gesichtspunkte des Lebens aus betrachtet, waren alle diese Welten abgestorben, existierten sie nicht mehr. Sie überlebten ihre uralte Geschichte, wie die Ruinen der ausgestorbenen assyrischen Städte, welche die Altertumsforscher in der öden Wüste entdeckt, und rollten lichtlos im Reich des Unsichtbaren und des Unbekannten fort. Alles war im Zustande höchster Erstarrung bei 273° unter Null.

Kein Genie, kein Zauberer hätte die dahingeschwundene Zeit wiederbringen, hätte die schönen Tage wieder zurückrufen können, wo die lichtumflossene Erde dahinflog mit ihren schönen gründenden Ebenen, die sich unter dem Strahl der Morgensonne belebten; mit ihren Flüssen, die ihre Wellen längs der grünen Wiesen schlangenartig dahinrollten; mit ihren von Vogelsang belebten Hainen; mit ihren dichten, geheimnisvoll schattigen Wäldern; mit ihren Meeren, die sich aufbäumten in der Flut und in den Stürmen brüllten; mit ihren Bergen, deren Abhängen Quellen entsprudelten und Wasserfälle entstürzten; mit ihren goldenen Getreidefeldern und blumendurchwirkten Gärten; mit ihren Vogelnestern und Kinderwiegen; mit ihrer arbeitsamen Bevölkerung, durch deren Thätigkeit sie umgeschaffen worden war, und die so vergnügt sich ihres Lebens freute. — Damals schien alles dieses Glück ewig dauern zu sollen. Was ist aber aus jenen Morgen und Abenden, aus jenen Sonnenstrahlen und Blumendüften, aus jenen Schönheiten und Träumen geworden? Alles ist dahin!

Die Erde — erstorben. Alle Planeten — erstorben. Die Sonne erloschen. Das ganze Sonnensystem vernichtet. Die Zeit selbst aufgehoben!

Die Zeit ergießt sich in die Ewigkeit. Aber die Ewigkeit bleibt — und die Zeit fängt von neuem an.

Vor dem Bestehen der Erde, eine Ewigkeit hindurch, hat es Sonnen und Welten gegeben, und Menschengeschlechter, welche lebten und webten wie unser heutiges. So lebten sie vor Millionen und Millionen Jahren in dem Himmel, und damals bestand unsere Erde nicht. Die frühere Welt war nicht weniger glänzend als unsere. Nach uns wird es sein wie vor uns; unsere Spanne Zeit ist dabei nicht von Belang.

Wenn wir die frühere Geschichte der Erde durchgehen, könnten wir zuerst auf die Urperiode zurückgehen, wo unser Planet als wirkliche Sonne im Raume glänzte; wir würden ihn dann in der Zeit sehen, wo er, ähnlich wie Jupiter und Saturn, in einen dichten, mit heißen Dämpfen gesättigten Dunstkreis eingehüllt war, und wir könnten ihn in seinen Umwandlungen bis auf die jetzige Periode verfolgen. Wir haben auch schon gesehen, daß unser Erdball, nach gänzlicher Verflüchtigung seiner Wärme, nach dem Verschwinden des Wasserdampfes aus seiner Atmosphäre und nach der Aufsaugung dieser Atmosphäre selbst durch den Planeten das Bild jener großen Wüsten bieten mußte, wie sie uns das Teleskop auf dem Monde enthüllt, natürlich mit den Abweichungen, wie sie die Individualität der Erdnatur bedingt vermöge der ihr eigentümlichen Elemente, mit ihren neuesten geographischen Ausgestaltungen, Uferbildungen und versiegten Wasserläufen. Ein PlanetenLeichnam! Ist die Erde aber auch erstorben und erstarrt, so birgt sie doch in ihrem Innern eine unverlorene Kraft, nämlich diejenige, sich um die Sonne bewegen zu können; und diese Kraft würde, wenn sich diese Bewegung durch ein Hindernis in Hitze umsetzte, genügen, um den ganzen Erdball zu schmelzen, einen Teil desselben in Dampf zu verwandeln und für unsern Planeten ein neues Leben heraufzuführen, das jedoch sehr kurz sein würde. Denn wenn diese Umlaufsbewegung einmal aufhören sollte, so würde die Erde in die Sonne stürzen und für sich zu bestehen aufhören. Plötzlich aufgehalten würde sie in gerader Linie in die Sonne fallen und zwar mit einer beschleunigten Schnelligkeit, die sie in fünfundsechzig Tagen auf dieselbe würfe; würde sie dagegen allmählich aufgehalten, so fiele sie in einer Spirale und ginge erst nach viel längerer Zeit im Centralgestirn unter.

Die Gesamtgeschichte des Erdballs liegt vor unseren Augen aufgeschlagen; sie hat ihren Anfang und ihr Ende. Ihrer Dauer geht, möge sie auch noch so viele Zeiträume umfassen, eine Ewigkeit voraus, und es folgt ihr eine solche, so daß sie schließlich nur einen in der Unendlichkeit verschwindenden Augenblick, nur eine unbemerkbare Welle auf dem unendlichen Ocean der Zeiten ausmacht.

Lange nachdem die Erde aufgehört hatte, der Wohnplatz lebender Wesen zu sein, herrschten dann Jupiter und Saturn, welche langsamer aus dem Sonnen- in den Planetenzustand eingetreten sind, in dem Sonnensystem und strahlten in einer Lebenskraft, welche die bei der ganzen Entwickelungsgeschichte unseres Erdkörpers entwickelte unvergleichlich übertraf. Doch auch für sie kamen die Tage des Absterbens, und auch sie versanken in die Nacht des Grabes.

—Χ—

Schiffer, geschleudert ins Meer, um nie zu erreichen den Hafen!

S u l l y  P r u d h o m m e , Das Zenith

Wenn die Erde ihre Lebenskraft lange genug behalten hätte, wie z. B. Jupiter, so wäre sie nur durch das Erlöschen der Sonne selbst abgestorben. Aber die Lebensdauer der Welten steht im steigenden Verhältnis zu ihrer Größe und ihrer Lebensfähigkeit.

Die Sonnenhitze entwickelt sich aus zwei Hauptquellen: aus der Verdichtung des Urnebels und aus dem Falle der Meteore. Erstere hat nach den genauesten Berechnungen der Thermodynamik eine Hitze erzeugt, welche die von der Sonne jährlich ausgestrahlte achtzehnmillionenmal übertrifft, wenn man annimmt, daß der Urnebel kalt gewesen sei, was jedoch nicht wahrscheinlich ist. Wenn die Sonne sich immer noch verdichtet, so kann sie noch Jahrhunderte und aber Jahrhunderte ihre Strahlen aussenden, ohne etwas zu verlieren.

Die in jeder Sekunde ausgestrahlte Hitze kommt derjenigen gleich, welche sich bei der gleichzeitigen Verbrennung von elftausendsechshundert Billionen Tonnen Steinkohle entwickeln würde! Die Erde fängt nur den halbmilliardsten Teil dieser Ausstrahlung auf, und dieses halbe Milliardstel genügt zur Unterhaltung des für das gesamte Erdenleben erforderlichen Feuers. Von siebenundsechzig Millionen Licht- und Wärmestrahlen, welche die Sonne in den Raum entsendet, wird nur ein einziger von den Planeten aufgenommen und verwertet.

Um nun diese Wärmequelle nicht versiegen zu lassen, würde es genügen, daß der Sonnenkörper sich so lange weiter verdichtete, daß sein Durchmesser jährlich nur um siebenundsechzig Meter, d. h. um einen Kilometer in dreizehn Jahren abnähme. Diese Zusammenziehung ist so langsam, daß sie gar nicht beobachtet werden könnte. Es wären neuntausendfünfhundert Jahre nötig, um den Durchmesser um eine halbe Bogensekunde zu verkürzen.

Selbst wenn die Sonne noch jetzt in gasförmigem Zustand wäre, würde ihre Wärme, weit entfernt, abzunehmen oder auch nur sich gleich zu bleiben, durch Verdichtung sich noch erhöhen. Denn wenn ein luftförmiger Körper sich einerseits durch Abkühlung verdichtet, so reicht anderseits die durch Zusammenziehung erzeugte Hitze hin, ein Sinken der Temperatur zu verhindern, und die Hitze nimmt bis zu dem Grade zu, wo die Verdichtung in der flüssigen Form beginnt. Die Sonne scheint auf diesem Punkte angekommen zu sein.

Die Verdichtung der Sonnenkugel, deren Dichtigkeit noch nicht einmal den vierten Teil derjenigen des Erdballs beträgt, kann also für sich allein die Hitze und die Leuchtkraft des strahlenden Gestirns Myriaden von Jahrtausenden hindurch, mindestens zehn Millionen Jahre, unterhalten. Doch wir haben auch von einer zweiten Quelle der Fortdauer dieser Temperatur gesprochen: von den Meteorenfällen. Es finden deren beständig auf die Erde statt: hundertsechsundvierzig Milliarden Sternschnuppen jährlich. Es fallen deren unvergleichlich mehr auf die Sonne, weil deren Anziehungskraft überwiegt. Nähme sie an solchen jährlich etwa den hundertsten Teil der Erdmasse auf, so würde dieses Herabfallen genügen, um ihre Ausstrahlung zu unterhalten, und zwar nicht durch die Verbrennung dieser Meteore, wohl aber durch die Umwandlung der plötzlich aufgehaltenen und in der letzten Sekunde des Falles sechshundertfünfzigtausend Meter betragenden Bewegung in Hitze — so stark ist die Anziehungskraft der Sonne.

Wenn die Erde auf die Sonne fiele, so würde hierdurch das jetzige Ausstrahlungsvermögen der letzteren 95 Jahre lang unterhalten werden; ähnlich würde es

bei Venus         84 Jahre lang
 "  Merkur         7   "    "
 "  Mars          13   "    "
 "  Jupiter   32 254   "    "
 "  Saturn     9 652   "    "
 "  Uranus     1 610   "    " und
bei Neptun     1 890 Jahre lang andauern.

Dies will sagen, daß der Sturz aller Planeten in die Sonne eine Hitze bewirken würde, welche ihre Thätigkeit etwa sechsundvierzigtausend Jahre lang unterhalten könnte

Es ist also gewiß, daß die Meteorenfälle die Fortdauer der Sonnenwärme um ein sehr Bedeutendes verlängern. Nähme das Volum der Sonne jedes Jahr nur um den dreiunddreißigmillionsten Teil ihrer Masse zu, so genügte dies, um den Verlust auszugleichen, und nur halb so viel, wenn man annähme, daß die Verdichtung den gleichen Anteil an der Unterhaltung der Sonnenwärme habe wie die Meteorenfälle; es bedürfte Jahrhunderte, wenn die Astronomen dieses durch die Beschleunigung der Planetenumläufe wahrnehmen sollten.

Durch diese beiden Ursachen allein können wir also bei der Sonne von jetzt an noch eine Minimaldauer von zwanzig Millionen Jahren annehmen. Und diese Dauer könnte noch durch unbekannte Ursachen verlängert werden, ohne auch nur an einen Meteorenschwarm zu denken.

Die Sonne blieb also der Längstlebende ihres Systems, der letzte vom Lebensfeuer Belebte.

Aber auch sie erlosch. Nachdem sie lange die belebenden Strahlen ihres Lichtes auf ihre Töchter ausgegossen hatte, sah sie, wie ihre Flecken an Zahl und Ausdehnung zunahmen, wie ihre glänzende Lichtsphäre sich trübte und ihre sonst so funkelnde Oberfläche sich verdunkelte und erstarrte. Eine ungeheure rote Kugel ersetzte im Raume den blendenden Brennpunkt verschwundener Welten.

Eine lange Zeit behielt das ungeheure Gestirn an seiner Oberfläche eine hohe Temperatur und eine Art phosphorescierenden Dunstkreises; sein jungfräulicher Boden brachte wunderbare Pflanzenwelten, unbekannte Tiergeschlechter und Wesen hervor, welche in der Organisation durchaus verschieden waren von allen nacheinander auf den Welten seines Systems aufgetretenen. Das Licht der Sterne und elektrische Ausflüsse, welch letztere eine Art Atmosphäre um den früheren Brennpunkt bildeten, beleuchteten jene neuen Pflanzen- und Tierwelten.

Auch für dieses Gestirn erschien das letzte Ende, und die Stunde schlug, wo das ganze Sonnensystem aus dem Buche des Lebens gestrichen wurde. Und so hatten nacheinander alle Sterne, von denen jeder eine Sonne ist, alle Sonnensysteme, alle Welten dasselbe Schicksal....


—Ψ—

Alles wird sein, alles scheint zu sein, und alles ist nur ein Nichts.

B u d d h a

Und dennoch bestand das Weltall fort, wie heute.

Die mathematische Wissenschaft sagt uns: Das Sonnensystem scheint jetzt nur noch den vierhundertvierundfünfzigsten Teil der umbildenden Kraft zu besitzen, die es hatte, als es sich noch im Zustand des Nebels befand. Obgleich dieser Rest immer noch einen Kraftvorrat darstellt, dessen ungeheuere Größe unser Begriffsvermögen undenkbar übersteigt, so wird auch er dereinstens aufgezehrt werden. Später wird sich diese Umwandlung im ganzen Weltall vollziehen, und es wird sich zuletzt ein allgemeines Gleichgewicht in Temperatur und Luftdruck einstellen.

Die Kraft wird sich alsdann nicht mehr umsetzen können. Es wird dies keine absolute Unbeweglichkeit sein, weil ja dieselbe Summe von Kraft immer noch in der Form von Atomenbewegung vorhanden sein wird; wohl aber bedeutet dies das Fehlen jeder sinnlich wahrnehmbaren Bewegung, jedes Unterschiedes, jedes Strebens, d.h. den Tod schlechthin.

Das sagt unsere heutige mathematische Wissenschaft.

Durch die Beobachtung ist es wirklich festgestellt, daß einerseits die Menge der Materie unverändert bleibt, daß anderseits sich auch die Menge der Kraft durch alle Umbildungen der Körper und der Stellungen hindurch nicht verändert; daß aber im Weltall das Streben nach einem Gleichgewichtszustand, nach einem Zustand gleichmäßiger Wärmeverteilung besteht.

Die Wärme der Sonne und aller Gestirne scheint von der Umsetzung der Anfangsbewegungen, von den Berührungen der Moleküle herzurühren, und die gegenwärtige Wärme, als Produkt jener Bewegungsumsetzung, strahlt beständig in den Raum aus. Dies wird so lange dauern, bis alle Gestirne auf die Temperatur des Raumes selbst erkaltet sein werden. Wenn wir unsere heutigen Wissenschaften — hier: Mechanik, Physik und Mathematik — als vollgültig betrachten, wenn wir die ununterbrochene Fortdauer der Gesetze zugeben, welche heute die Natur und unsere menschliche Urteilskraft beherrschen: so ist das dem Weltall vorbehaltene Geschick das soeben angedeutete.

Weit entfernt davon, ewig zu sein, hat die von uns bewohnte Erde einen Anfang gehabt. In der Ewigkeit sind hundert Millionen Jahre, eine Milliarde von Jahren oder Jahrhunderten wie ein Tag; vor uns und hinter uns liegt eine Ewigkeit, und die scheinbare Länge der Dauer zieht sich in einem Punkt zusammen. Das wissenschaftliche Studium der Natur und die Kenntnis ihrer Gesetze stellen uns wieder vor die Frage, welche die Theologen aufgeworfen haben, mögen sie nun Zoroaster, Plato, St. Augustin oder St. Thomas von Aquino heißen, oder mag es ein unschuldiger Seminarist sein, der kaum erst die Tonsur erhalten hat: vor d i e Frage: »Was that Gott vor der Schöpfung der Welt, und was wird er nach ihrem Untergang thun?« oder unter einer weniger menschengleichen Gestalt, da ja Gott unsichtbar ist: »Welches war der Zustand des Weltalls, ehe der gegenwärtige Stand der Dinge eintrat, und welches wird er nachher sein?«

Möge man einen persönlichen, vernünftig urteilenden und in gewisser Absicht wirkenden Gott annehmen, oder das Vorhandensein eines Geistes in der Natur nicht zugeben, sondern nur unzerstörbare Atome und Kräfte, die eine unveränderliche und gleich unzerstörbare Summe von Kraft darstellen: die Frage bleibt dieselbe. Warum sollte Gott als ewige, unerschaffene Macht anfangs unthätig geblieben sein, oder warum sollte er, nachdem er dieses war, befriedigt von seiner absoluten Unerreichbarkeit, welche durch nichts erhöht werden kann, jenen Zustand geändert und die Materie und die Kräfte geschaffen haben? Der Theologe kann darauf antworten: »Weil es ihm so gefallen hat!« Aber der Philosoph ist mit dieser Variation der GottesIdee nicht zufrieden. Bei der zweiten Schöpfung der Welt haben wir das Recht zu fragen: »Welches war der der Bildung des jetzigen Weltalls vorausgegangene Zustand?« Denn der Ursprung der gegenwärtigen Ordnung der Dinge geht nur bis auf einen gewissen Zeitpunkt zurück; und es giebt ja doch keine Wirkung ohne Ursache.

Es kann sicherlich nicht in Frage gestellt werden, daß ungeachtet der Unzerstörbarkeit der Kraft dennoch ein allgemeines Streben nach ihrer Spaltung besteht, welches einen Zustand der Ruhe und des Todes im All herbeiführen muß, und die mathematische Schlußfolgerung kann nicht irren.

Aber dennoch geben wir dieselbe nicht zu.

Warum?

Weil das Weltall keine begrenzte Masse ist.

—Ω—

Vor der Ewigkeit ist jedes Jahrhundert gleich alt.

L a m a r t i n e, Harmonien


Es ist unmöglich, zu denken, daß der Ausdehnung der Materie eine Grenze gesteckt sei. Durch einen endlosen Raum hindurch sehen wir die unversiegbare Quelle der Umsetzung der potenziellen Kraft in sinnlich wahrnehmbare Bewegung und aus dieser wieder in Wärme und in andere Kräfte vor uns, nicht aber etwa einen einfachen endlichen Mechanismus, der wie eine Uhr geht und dann für immer stille steht.

Die Zukunft des Weltalls ist seine Vergangenheit. Wenn dasselbe eines Tags ein Ende nehmen sollte, so wäre dieses schon längst da, und wir wären nicht mehr hier, um dieses Rätsel zu studieren.

Gerade weil unsere Vorstellungen endliche sind, sehen wir in den Dingen einen Anfang und ein Ende. Wir können es nicht fassen, daß eine geradezu endlose Reihe von Umbildungen in der Zukunft oder in der Vergangenheit bestehen könne, noch daß eine ebenso endlose Reihe von stofflichen Verbindungen von Planeten zu Sonnen, von Sonnen zu Sonnensystemen, von diesen wieder zu Milchstraßen, zu Sternenwelten u. s. w. aufeinander folgen könne. Der gegenwärtige Anblick des Himmels ist doch nur da, um uns die Unendlichkeit schauen zu lassen. Wir begreifen ebensowenig weder die Unendlichkeit des Raums, noch die der Zeit, und dennoch begreifen wir noch weniger irgend eine räumliche oder zeitliche Grenze; denn unser Gedanke überspringt dieselbe und sieht immer weiter. Man könnte in irgend einer Richtung des Raumes immer weiter dringen, ohne das Ende zu finden; und so läßt sich auch eine Aufeinanderfolge denken in den Dingen, die da kommen sollen.

Ganz allgemein gesprochen dürfen wir sicherlich weder von Zeit noch von Raum reden, sondern von Unendlichkeit und Ewigkeit, in deren Schoß jedes Maß, so lange es auch gedacht werden mag, doch nur ein Punkt ist. Wir begreifen und verstehen die Unendlichkeit im Raum oder in der Zeit nicht, weil wir dessen nicht fähig sind; allein diese Unfähigkeit beweist nichts gegen die Sache an sich. Auch wenn wir zugeben, daß wir nicht verstehen, fühlen wir, daß die Unendlichkeit uns umgiebt, und daß ein von einer Mauer oder sonstigen Schranke begrenzter Raum eine an sich undenkbare Idee ist. Ebenso müssen wir für irgend welchen Augenblick der Ewigkeit zugeben, daß ein System von Welten bestehen könne, deren Bewegungen die Zeit mäßen, ohne sie zu schaffen. Oder erschaffen unsere Uhren vielleicht die Zeit? — Nein. Sie messen dieselbe nur. Unsere Maße für Zeit und Raum vergehen in nichts, wenn wir diese Dinge an sich betrachten. Aber die Sache an sich bleibt.

Wir leben in der Unendlichkeit, ohne es zu ahnen. Die Hand, welche dieses Buch hält, besteht aus ewigen und unzerstörbaren Elementen, und die Atome, welche sie ausmachen, waren schon in jenem Sonnennebel vorhanden, aus welchem unser Planet hervorgegangen ist; und sie werden alle Zeiten überdauern. Unsere Brust atmet, unser Gehirn denkt mit den Stoffen und Kräften, welche schon vor Millionen Jahren wirkten und endlos wirken werden. Und das kleine Kügelchen, welches wir bewohnen, steht ebenso im unendlichen Raum — d. h. nicht inmitten eines Weltgebäudes für sich, nein, mitten in der Unendlichkeit schlechthin, — als dies der fernste Stern thut, den das Teleskop entdecken kann.

Die beste Begriffsbestimmung des Weltalls, welche gegeben wurde, ist immer noch diejenige Pascals, der man nichts hinzufügen konnte, noch kann: »Eine Kugel, deren Mitte überall, deren Peripherie aber nirgends ist.«

Das ist jenes Unendliche, welches die Ewigkeit des Weltalls außer allen Zweifel setzt.

Sterne folgen auf Sterne, Systeme auf Systeme, Myriaden auf Myriaden, Milliarden auf Milliarden, Weltalle auf Weltalle ohne Ende nach allen Richtungen. Wir wohnen nicht nach einem Mittelpunkt hin, den es nicht giebt, und geradeso wie der oben erwähnte fernste Stern liegt unsere Erde im Schoße der Unendlichkeit.

Es giebt des Raumes kein Ende! In welcher Himmelsrichtung wir auch in Gedanken dahinfliegen, und in irgend welcher Schnelligkeit, — Monate, Jahre, Jahrhunderte lang, immerfort und fort: nie werden wir durch eine Schranke aufgehalten werden, nie uns einer Grenze nähern; stets werden wir in der Vorhalle der vor uns aufgeschlossenen Unendlichkeit verbleiben....

Aber auch kein Ende in der Zeit! Leben wir in Gedanken über alle künftigen Zeiten hinaus, fügen wir Jahrhunderte zu Jahrhunderten, Reihen von Jahrhunderten zu ebensolchen: nie werden wir das Ende erreichen: immer werden wir an der Schwelle der vor uns liegenden Ewigkeit verharren ...

In unserem kleinen irdischen Beobachtungskreise nehmen wir durch alle Veränderungen in Stoff und Bewegung hindurch wahr, daß Stoff und Bewegung ihrer Quantität nach, aber nur unter andern Formen fortdauern. Materie und Kräfte bilden sich um, aber dieselbe Massenmenge besteht fort. Die lebenden Wesen geben uns ein dauerndes Beispiel davon: sie werden geboren, wachsen durch Aufnahme von Substanzen, die sie aus der äußeren Welt geschöpft haben, und wenn sie sterben, zersetzen sie sich wieder und geben der Natur alle Elemente wieder zurück, aus denen ihr Körper gebildet gewesen war. Ein unabänderliches Gesetz bildete immer wieder andere Körper aus denselben Elementen. Jedes Gestirn ist aber sogar hinsichtlich seiner inneren Wärme einem organischen Wesen vergleichbar. Ein Körper bleibt lebend, solange die verschiedenen Kräfte seiner Organe infolge der Bewegungen des Atmens und des Blutumlaufs in Thätigkeit bleiben. Sobald Gleichgewicht und Ruhe eintritt, ist der Tod die Folge davon; aber nach dem Tode bilden alle Bestandteile, aus denen der Körper gebildet war, sofort wieder andere Wesen. Die Auflösung ist das Vorspiel einer Erneuerung und der Bildung neuer Wesen. Die Analogie drängt uns dazu, zu glauben, daß es im Weltgebäude ebenso sei. Es kann nichts zerstört werden: »Das, was unveränderlich in der Menge fortbesteht, aber unter den im Universum sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen stets die Form wechselt, das ist eine unmeßbare Größe, welcher wir die Schrankenlosigkeit im Raume und die Anfangs- und Endlosigkeit in der Zeit zuerkennen müssen.«

Darum wird es immer Sonnen und Welten geben, welche weder wie unsere jetzigen Sonnen noch wie unsere Welten sein werden, welche andere sein, die aber immer in der unbestimmbaren Ewigkeit aufeinander folgen werden.

Und dieses sichtbare Weltall darf für unsern Geist nur der veränderliche und wechselvolle Schein sein, hinter welchem sich die durch das unsichtbare Weltall gebildete absolute und ewige Wirklichkeit verbirgt.

—Α—

Weit hinter alle Zeiten setzt' er die Ewigkeit;
Weit hinter alle Zeiten warf er das Weltall hin.

V . H u g o , Jehova


Kraft dieses transcendenten Gesetzes tauchte, lange nach dem Absterben der Erde, der Planetenriesen und des Centralgestirns selbst, eine andere erloschene Sonne aus den Tiefen der Unendlichkeit auf, stieß auf unsere alte schwarze Sonne, während diese noch immer in der grenzenlosen Unermeßlichkeit dahinraste und die abgestorbenen Welten mit sich fortriß, auf denen die Menschengeschlechter einstens in kleinlichen Kämpfen um das tägliche Brot gerungen hatten, und — hemmte ihren Flug.

Nun erzeugten diese beiden gewaltigen Kugeln durch jenen Zusammenstoß in der schwarzen Nacht des Weltenraums plötzlich ein mächtiges Feuermeer am Himmel, einen ungeheuren gasförmigen Nebelfleck, der in riesigen Flammen aufloderte und dann nach unbekannten Regionen entschwand. Seine Temperatur war auf mehrere Millionen Grade gestiegen. Alles was hienieden Erde, Wasser, Luft, Gestein, Pflanze, Mensch gewesen war; alles, was Fleisch und Blut hatte, was sah und fühlte; alle, die verführerische Schönheiten, denkende Köpfe, Sieger oder Besiegte, Henker oder Opfer gewesen waren; Atome und noch in den Banden der Materie liegende Seelen — alles war Feuer geworden. Und so war es auch mit den Welten des Mars, der Venus, des Jupiter, des Saturn und ihrer Brüder.


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Es war die Auferstehung der sichtbaren Natur, während die reineren Seelen, welche die Unsterblichkeit errungen hatten, in den Reichen der unsichtbaren Seelenwelt fortlebten. Das Bewußtsein aller Erdenmenschen hatte sich idealisiert, die Wesen waren durch ihre Wanderungen durch andere Welten fortgeschritten und lebten in Gott wieder auf; losgelöst von den Fesseln der Materie, schwebten sie im ewigen Lichte und vervollkommneten sich immermehr. Das scheinbare Weltall, die sichtbare Welt, ist der Schmelztiegel, in dem die psychische Welt sich unablässig ausgestaltet, welche das allein Wahrhafte und Endgültige ist.

Der furchtbare Zusammenstoß der beiden erloschenen Sonnen erzeugte einen ungeheuren Nebelfleck, welcher alle früheren in Dampf umgewandelte Welten aufsog und nun prächtig und riesenhaft in dem unendlichen Raum schwebte und sich um sich selbst zu drehen begann.

Und in den Verdichtungszonen dieses Urnebels begannen neue Weltkörper zu entstehen, wie einst beim Anfang der Erde.

Und es war dies ein Wiederanfang der Welt, eine Schöpfung, von welcher ein künftiger Moses und ein späterer Laplace erzählen werden.

Und die Schöpfung vollzog sich weiter, als eine ganz neue, verschiedene; nicht als Erden- und nicht als Mars, noch als Sonnenschöpfung, sondern als eine andere, außerirdische, übermenschliche, unvergängliche.

Und es gab andere Menschengeschlechter, andere Bildungszustände, andere Erscheinungsweisen der Eitelkeit; es erstand ein anderes Babylon und ein anderes Theben, ein anderes Athen und ein anderes Rom; andere Paläste und andere Tempel; der Ruhm, die Liebe, das Wissen waren anders. Aber alle diese Dinge hatten nichts mehr an sich, was an die Erde erinnerte, deren Bilder sich ganz verwischt hatten.

Und auch diese Welten vergingen ihrerseits.

Und andere folgten ihnen. In einer anderen Epoche, die sich in der kommenden Ewigkeit verliert, fielen alle Sterne der Milchstraße nach einem gemeinschaftlichen Schwerpunkt hin. Sie bildeten eine einzige Sonne, als Mittelpunkt eines Systems, dessen ungeheure Welten mit Wesen bevölkert waren, die in einer für uns als Weißglühhitze empfundenen Temperatur organisiert waren, und welche die Welt in Bildern schauten, die für unsere irdischen Augen durchaus unerkennbar wären, weil ihre Sinne unter anderen Ausstrahlungsverhältnissen und anderen chemischen und physischen Einflüssen in Schwingung versetzt wurden ...

Andere Schöpfungen, andere Wesen, anderes Denken!

Und immerwährend blieb der grenzenlose Raum mit Welten und Sternen, mit Seelen und Sonnen bevölkert; und immerwährend dauerte die Ewigkeit.


D e n n  e s  k a n n  w e d e r  e i n  E n d e  n o c h  e i n e n  A n f a n g  g e b e n.


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ENDE


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