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Ausgabe des Dieter von Reeken-Verlags, 2007
Lumen, Ausgabe von 1900
Camille Flammarion (1842–s1925)
Stahlstich von A. Krauße, Leipzig, Frontispiz in:
Flammarion, Camille: Gott in der Natur.
Leipzig: J. J. Weber, 1870
Nic(h)olas Camille Flammarion wurde am 26. Februar 1842 in Montigny-le-Roi im französischen Department Haute-Marne geboren.
Nach einer eher dürftigen Schulausbildung, u. a. an einem theologischen Seminar, begann Flammarion, der sich schon früh für die Astronomie interessierte, eine Ausbildung als Graveur, die er aber nicht abschloss. In seiner Freizeit, in Abendkursen, bildete er sich fort und konnte 1858, im Alter von 16 Jahren, Mitarbeiter in der Funktion eines Rechners am Pariser Observatorium werden, einem Institut, das damals unter der Leitung des Astronomen und Mathematikers Urbain Jean Joseph Le Verrier (1811–1877) stand, dessen Berechnungen 1846 zur Entdeckung des Planeten Neptun geführt hatten. Diese Stellung verlor Flammarion, offenbar wegen seines nicht spannungsfreien Verhältnisses zum Direktor, der wenig Verständnis für nichtmathematische Aktivitäten zeigte, nachdem er 1862, im Alter von 19 Jahren, im Pariser Verlag Mallet-Bachelier auf eigene Kosten die kleine Schrift [1] La pluralité des mondes habités, eine Abhandlung über die Möglichkeit außerirdischen Lebens, veröffentlicht hatte.
[1] Flammarion, Camille: La pluralité des mondes habités, étude où l'on expose les conditions d'habitabilité des terres célestes, discutées au point de vue de l'astronomie et de la physiologie. Paris: Mallet-Bachelier, 1862
Nach einer Tätigkeit von 1862–1866 als Angestellter im »Bureau des Longitudes«, einem astronomischen Recheninstitut (und parallel dazu) gelang es dem noch immer relativ jungen Flammarion, sich als gefragter populärwissenschaftlicher Schriftsteller zu etablieren. 1873 bot Le Verrier ihm die Rückkehr ans Observatorium an. Flammarion machte hiervon Gebrauch und konnte nun unter günstigeren Bedingungen arbeiten: Er befasste sich insbesondere mit der Beobachtung von Doppelsternen. Als Ergebnis dieser Arbeit konnte er 1878 einen Katalog von etwa 10 000 Doppelsternen präsentieren.
1882 wurde der inzwischen berühmte Astronom Vorsteher einer von Privatpersonen gegründeten und unterstützten Sternwarte in Juvisy-sur-Orge bei Paris, wo er seitdem arbeitete und bis zu seinem Lebensende auch wohnte. Hier widmete sich Flammarion der Beobachtung des Mondes und des Planeten Mars. Er vertrat u. a. hinsichtlich des Mars die Hypothese, dessen Farbe könne auf eine Vegetation zurückzuführen sein.
Im Lauf seines wissenschaftlichen und schriftstellerischen Wirkens erhielt Flammarion mehrere bedeutende Anerkennungen und Auszeichnungen: 1922 wurde er zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion ernannt, 1924 konnte er noch die Benennung eines Asteroiden (»Flammario«) nach seinem Namen erleben. Nach seinem Tode am 3. Juni 1925 in Juvisy, der Hauptstätte seines Wirkens, erhielten je ein Krater auf dem Mond (1935) und auf dem Mars (1973) den Namen »Flammarion«.
Flammarion war nicht nur ein erfolgreicher Wissenschaftler, sondern vor allem ein großartiger Kommunikator, der sich in seinen zahlreichen Werken nicht nur an die Fachwelt, sondern in populärwissenschaftlichen Schriften ganz bewusst an weite Kreise der Bevölkerung wandte und u. a. im Rahmen meteorologischer Untersuchungen selbst an Ballonfahrten teilnahm. Seit 1865 war Flammarion wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Redaktion der Zeitschrift Cosmos, dann des Magasin Pittoresque und des Siècle. Durch seine äußerst fruchtbare literarische Tätigkeit, durch die Gründung der Société Astronomique de France (1877) und durch die Herausgabe der Zeitschriften L'Astronomie und Annuaire Astronomique Et Météorologique trug er viel zur Verbreitung des Interesses an der Astronomie, namentlich in Frankreich, bei.
Von den zahlreichen volkstümlichen Werken seien genannt: La pluralité des mondes habités (1. Aufl. 1862, 34. Aufl. 1890, deutsch 1. Ausg. 1864, erweit. autorisierte Neuausg. 1865, 2. Aufl. unter dem Titel Das bewohnte Welten-All, 1884), Les mondes imaginaires et les mondes réels (20. Aufl. 1887, deutsch 1902), Astronomie populaire (1880, deutsch [Schweiz] o. J., wahrscheinlich 1907 oder 1908). Letzteres Werk wurde in mehr als 100 000 Exemplaren allein in Frankreich verbreitet und war auch international erfolgreich, in deutscher Sprache unter dem Titel Himmelskunde für das Volk.
Außerdem schrieb er, um auch auf diese Weise Interesse an seinen Ideen zu wecken, mehrere belletristische Texte, darunter die Erzählungen und Romane Lumen (1865–1869), Histoire d'une comète (1865/66) und Dans l'infini (1872; alle drei Teile 1872 vereinigt in der Buchausgabe Récits de l'infini), Uranie (1889), La Fin du monde (1894) und Stella (1897), die bis auf Stella auch in deutscher Übersetzung erschienen sind.
Auch gegenüber dem Spiritismus, einer Modeerscheinung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, hatte Flammarion keine Berührungsängste, wie er überhaupt Zeit seines Lebens als sehr unkonventioneller Gelehrter in Erscheinung trat.
Weitere Angaben in deutscher Sprache zu Flammarions Leben und Werk sind in den Büchern und Aufsätzen von Helga Abret [2, 3, 4] und Lucian Boia [4, 5] und in den Vorbemerkungen des Herausgebers zum [6] UraniaNachdruck enthalten.
[2] Abret, Helga: Camille Flammarion, in: Körber, Joachim (Hrsg.): Bibliographisches Lexikon der utopischphantastischen Literatur. Meitingen: Corian, 1984, S. 1–5
[3] Abret, Helga: Liebe, Astronomie und Metaphysik: Camille Flammarion als Romancier, in: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Polaris 8. Ein SciencefictionAlmanach (Suhrkamptaschenbuch 1096, Phantastische Bibliothek, Bd. 143). Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985, S. 138–159
[4] Abret, Helga / Boia, Lucian: Das Jahrhundert der Marsianer. Der Planet Mars in der Science Fiction bis zur Landung der VikingSonden 1976 (Bibliothek der Science Fiction Literatur, Heynebuch Nr. 06/32). München: Wilhelm Heyne, 1984
[5] Boia, Lucian: Zwischen Wissenschaft und Sciencefiction: Camille Flammarion, in: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Polaris 8. Ein SciencefictionAlmanach (Suhrkamptaschenbuch 1096, Phantastische Bibliothek, Bd. 143). Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985, S. 121–137
[6] Reeken, Dieter von: Vorbemerkungen des Herausgebers, in: Flammarion, Camille: Urania. Nachdruck der 1894 erschienenen einzigen deutschen Ausgabe im Neusatz. Lüneburg: Dieter von Reeken, 2006, S. 7–21
Wie später in Uranie (Urania) und La Fin du monde (Das Ende der Welt) hat Flammarion auch in seiner Erzählungssammlung Récits de l'infini versucht, seine astronomischen, vor allem aber auch seine philosophischen und parapsychologischen Vorstellungen zu popularisieren. Und ebenso wie in den beiden genannten späteren Romanen scheint ihm dies hier weniger gut gelungen zu sein als in seinen zahlreichen, meist populärwissenschaftlich gehaltenen Sachbüchern.
Im ersten Teil der Récits de l'infini, dem Novellen-Zyklus Lumen, versucht Flammarion in vier (später fünf) Zwiegesprächen zwischen dem »Lichtwesen« Lumen, einer Menschenseele, und einem nach Erkenntnis strebenden Erzähler, im Original »Quaerens« (= »der Fragende, der Untersuchende«), in der deutschen Übersetzung schlicht »Ich« genannt, seine Vorstellungen von der Stellung des Menschen im Universum zu vermitteln. (Vgl. auch das Vorwort auf S. 23ff.) Diese »Gespräche« haben über lange Strecken eher den Charakter weitschweifiger Monologe. Der zweite Teil, die Geschichte eines Kometen, schildert das Wesen und den Werdegang der Erde und des Sonnensystems aus der Sicht des »großen Kometen« von 1811 und des Halleyschen Kometen. In beiden Teilen und auch im dritten Teil, der weiteren Lumen-Erzählung Dans l'infini (vgl. hierzu Fn. 17 auf S. 13), hat Flammarion vieles von dem vorweggenommen, was er später, 1889 in Uranie (Urania, 1894), 1894 in La Fin du monde (Das Ende der Welt, 1895) und 1897 in Stella, verbreitern und vertiefen sollte.
Parallelen zu Antoine de SaintExupérys Der kleine Prinz und zu den weit ausgreifenden Zukunftsentwürfen Olaf Stapledons scheinen nahe zu liegen.[7] Allerdings teilt das Werk Stapledons das Schicksal der Romane und Erzählungen Flammarions: Sie waren und sind nicht populär, sondern vorwiegend Gegenstand literaturwissenschaftlicher Untersuchungen.
[7] Vgl. von Reeken (Fn. 6), S. 19
Warum denn, werden Kritiker mit einiger Berechtigung fragen, ein Nachdruck dieser Novellensammlung aus den Jahren von ca. 1865–1869, die nur einmal (nach einem teilweisen Zeitschriftenabdruck 1899), und zwar vor über 100 Jahren, nämlich 1900, als Buch in deutscher Sprache erschienen ist, für die es also drei Generationen lang keine Nachfrage gegeben hat?
Nun, wenn ein Werk seit drei oder mindestens zwei Generationen t a t s ä c h l i c h (physisch) so gut wie nicht erreichbar ist, kann man nicht wirklich wissen, ob eine große, kleine oder gar keine Nachfrage bei Vorliegen des Textes bestehen w ü r d e ; wie es hierum steht, das werde ich als Herausgeber in den nächsten Monaten und Jahren wohl erfahren. Außerdem sind wohl außer Stapledon auch viele spätere ScienceFictionAutoren von Flammarions Schriften, auch von seinen heute fast vergessenen belletristischen Werken (u. a. mit den Themen »Parallelwelten«, »Zeitverschiebungen«, »Zeitlupe« und »Zeitraffer«), zu eigenem Schaffen, wenn auch handlungsreicher und weniger belehrend und monologisierend, angeregt worden.[8]
[8] Vgl. Abret (Fn. 3), S. 157f.
Die französische Buch-Erstausgabe, der in den Jahren zuvor (zwischen ca. 1865 und 1869) Zeitschriftenabdrucke [9] vorausgegangen waren, erschien 1872 [10] ohne Illustrationen unter dem Titel Récits de l'infini, was in etwa mit »Erzählungen aus dem Unendlichen« übersetzt werden kann. Diese Ausgabe enthielt, mit einem vorangestellten Vorwort des Verfassers, als Teil 1 den aus vier (teilweise in Kapitel unterteilten) Erzählungen bestehenden Zyklus Lumen — Histoire d'une âme (= »Lumen — Geschichte einer Seele«), als Teil 2 die in eine Einleitung, sechs Kapitel und einen Epilog unterteilte Erzählung Histoire d'une comète (= »Geschichte eines Kometen«), als Teil 3 die Erzählung Dans l'infini (= »Im Unendlichen«) und schließlich die Anmerkung Note sur les dimensions mesurées dans l'univers (= »Anmerkung betreffend die im Universum gemessenen Entfernungen«).
[9] So z. B. (anonym) Histoire d'une comète in Le Magasin Pittoresque, 1865/66, und die erste Erzählung aus Lumen in der Revue du XIX Siècle vom 1. Februar 1867
[10] Flammarion, Camille: Récits de l'infini (Librairie Académique). Paris: Didier et Cie, 1872; 4. Aufl. 1873
[11] Flammarion, Camille: Lumen (Collection des Auteurs Célèbres). Paris: Ernest Flammarion, 70. Tsd., o. J. [ca. 1920]
Spätere Auflagen erschienen unter dem kurzen Titel Lumen und enthielten auch nur diesen Zyklus, der allerdings um eine fünfte Erzählung erweitert wurde; Histoire d'une comète und Dans l'infini sind, soweit ich ermitteln konnte, später auch separat nicht mehr erschienen. Einige dieser späteren Ausgaben brachten am Schluss auch noch einen Hinweis auf die 1875 erfolgte Benennung eines Asteroiden mit dem Namen »Lumen«.
Nachdem 1899 als ZeitschriftenAbdruck eine deutsche Übersetzung der Erzählung Histoire d'une comète unter dem Titel Die Geschichte eines Komete [12] erschienen war, folgte ein Jahr später unter dem Titel [13] Lumen. Wissenschaftliche Novellen die deutsche Buchausgabe in der von Flammarion autorisierten Übersetzung von Anna Rau. Diese deutsche Ausgabe 1900 enthielt, ebenso wie die französische Erstausgabe 1872, keine Illustrationen; die Seiten mit KapitelAnfängen waren allerdings mit Ornamenten versehen. Enthalten waren in dieser Ausgabe der inzwischen auf fünf Erzählungen erweiterte Zyklus Lumen und die Erzählung Die Geschichte eines Kometen. Nicht enthalten waren das Vorwort Flammarions zur französischen Ausgabe von 1873, die Einleitung und einige Fußnotentexte zu Die Geschichte eines Kometen, die Erzählung Dans l'infini (»Im Unendlichen«), die Note sur les dimensions mesurées dans l'univers (»Anmerkung betreffend die im Universum gemessenen Entfernungen«) und der Hinweis auf die Benennung des Asteroiden »Lumen«
[12] In: Die Romanwelt. Berlin: Vita / Deutsches Verlagshaus, 6. Jg. 1899, Bd. II
[13] Flammarion, Camille: Lumen. Wissenschaftliche Novellen. Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Anna Rau. Berlin: Vita / Deutsches Verlagshaus, o. J. [1900]
Im sogenannten »Kometenjahr« 1910 — der Halleysche Komet näherte sich seit 1835 erstmals wieder der Erde — erschien die Erzählung Histoire d'une comète nochmals separat, aber diesmal einschließlich der Einleitung und der vollständigen Fußnotentexte (allerdings auch unter Weglassung einiger kleinerer Textstellen), unter dem Titel Komet und Erde. Eine astronomische Erzählung in der autorisierten Übersetzung von J. Cassirer als Nr. 5183 der populären sogenannten »Reclam-Bändchen«. [14]
]14 Flammarion, Camille: Komet und Erde. Eine astronomische Erzählung (Philipp Reclams Universalbibliothek, Band 5183). Leipzig: Philipp Reclam jun., o. J. [1910]
Die deutsche Ausgabe von Lumen aus dem Jahr 1900 ist heute selbst antiquarisch kaum noch erreichbar. Abgesehen von dieser altersbedingten Seltenheit der Originalausgabe [15] erschwert inzwischen auch die für weite Kreise nicht oder nur mit Mühe lesbare Frakturschrift den Zugang zum Werk. Durch den vorliegenden Nachdruck im Neusatz in heute üblicher AntiquaSchrift soll diese Kluft überbrückt und das Werk wieder allgemein zugänglich gemacht werden.
[15] Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich herzlich bei Herr Nessun Saprà bedanken, der mir für die Herstellung dieses Nachdrucks eine Kopie der deutschen Ausgabe zur Verfügung gestellt hat.
Diesem Nachdruck liegen im wesentlichen der Text der ersten deutschen LumenBuchausgabe 1900 in der Übersetzung von Anna Rau und die Illustrationen von Lucien Rudaux in einer gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen undatierten französischen Ausgabe von [16] Lumen zugrunde. In die vorliegende Neuausgabe sind neben den Ornamenten der deutschen BuchAusgabe alle insgesamt 25 Illustrationen von Lucien Rudaux zu Lumen aufgenommen worden, wobei gewisse Qualitätseinbußen aufgrund der in einigen Fällen unbefriedigenden Druckqualität der ohnehin oft unscharfen Vorlagen auf teilweise vergilbtem Papier in Kauf genommen werden mussten.
[16] Flammarion, Camille: Lumen. Paris: Ernest Flammarion, o. J. [um 1900]
Die in der deutschen Buchausgabe 1900 fehlenden Texte (mit Ausnahme der Erzählung [17] Dans l'infini und der Einleitung dazu) sind entweder aus der von J. Cassirer übersetzten Ausgabe Komet und Erde (die leider auch nicht vollständig ist) übernommen oder vom Herausgeber dieses Nachdrucks (soweit bekannt erstmals) übersetzt worden, wobei für Lumen die in Fn. 16 genannte (weil zur Übersetzung zeitnächste) überarbeitete SeparatAusgabe, für Histoire d'une comète die in Fn. 10 genannte Erstausgabe zum Textvergleich herangezogen wurde. Auf diese Ergänzungen des Textes der deutschen Buchausgabe 1900 wird jeweils in Fußnoten hingewiesen.
[17] Anm. d. Hrsg.: Die Einleitung zu Dans l'infini — die in späteren separaten LumenAusgaben (z. B. Paris: Marpon & Flammarion, o. J. [1887], S. 175–188) zumindest zeitweise unter dem Titel »Infinitum — Eternitas« als eigenständige sechste LumenErzählung (»Sixième récit«) geführt wurde — ist kaum übersetzbar, da in ihrem Mittelpunkt eine kryptische Botschaft aus verschiedenen Symbolen steht, die Buchstaben und schließlich Worten der französischen Sprache zugeordnet werden müssen. Möglicherweise ist für die deutsche LumenAusgabe auf diese Erzählung samt der Einleitung deshalb einfach verzichtet worden.
Der Text selbst bleibt, auch hinsichtlich der bis 1901 geltenden Rechtschreibregeln einschließlich der Zeichensetzung und Zahlenschreibung und veralteter oder aus heutiger Sicht missverständlicher Schreibweisen (»da ß « statt »da s s «, endg i ltig« statt »endg ü ltig«, »t h a tsächlich« statt »t a tsächlich«, »W a ge« statt »W a a ge« usw.) bis auf die unten genannten Ausnahmen unangetastet. Offensichtliche Drucksatzfehler im Original sind stillschweigend berichtigt worden. Aus technischen Gründen erfolgte die Silbentrennung allerdings nach den seit 1996 geltenden neuen Regeln. Anmerkungen des Herausgebers sind durch nummerierte Fußnoten erkennbar, während die Fußnoten aus der deutschen Buchausgabe 1900 und der Reclam-Ausgabe 1910 durch Sternchen (*) erkennbar sind. Fremdsprachige Zitate sowie mathematische, chemische und physikalische Zeichen und Abkürzungen (c, v, m, km, kg), die in den genannten Ausgaben statt in Fraktur in Antiqua gesetzt sind, erscheinen hier zur Verdeutlichung in der Schriftart Franklin Gothic Book. Die im Original gesperrt gesetzten Texte werden hier ebenfalls g e s p e r r t wiedergegeben.
Ich hoffe, dass dieser Nachdruck dazu beiträgt, Camille Flammarion und die Wirkung und Nachwirkung seines Werkes wenigstens vor dem Vergessen zu bewahren.
Lüneburg, im Januar 2007,
D i e t e r v o n R e e k e n
Titelseite der 4. Auflage 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872
Flammarion, Camille: Récits de l'infini (Librairie Académique), Paris:
Didier et Cie, 4. Aufl. 1873, S. 1 (unnummeriert)
Einbanddeckel einer broschierten französischen
Ausgabe von Lumen Flammarion, Camille: Lumen
(Collection des Auteurs Célèbres),
Paris: Ernest Flammarion, 70. Tsd., o. J. [ca. 1920]
Einbanddeckel der deutschen Buchausgabe von Lumen
Flammarion, Camille: Lumen, Berlin: Vita /
Deutsches Verlagshaus, o. J. [1900]
Titelseite der deutschen Buchausgabe von Lumen
Flammarion, Camille: Lumen, Berlin: Vita /
Deutsches Verlagshaus, o. J. [1900]
Beginn des Kapitels I der Erzählung Histoire d'une comète
in der 4. Auflage 1873 der französischen Buch-Erstausgabe 1873
Flammarion, Camille: Récits de l'infini (Librairie Académique),
Paris: Didier et Cie, 4. Aufl. 1873, S. 241 (unnummeriert)
Beginn des Kapitels I der Erzählung Histoire d'une comète
in der 4. Auflage 1873 der französischen Buch-Erstausgabe 1873
Flammarion, Camille: Récits de l'infini (Librairie Académique),
Paris: Didier et Cie, 4. Aufl. 1873, S. 241 (unnummeriert)
Beginn des Kapitels I der Erzählung Die Geschichte eines
Kometen in der deutschen Buchausgabe von Lumen
Flammarion, Camille: Lumen, Berlin: Vita /
Deutsches Verlagshaus, o. J. [1900], S. 215 (unnummeriert)
Umschlagseite 1 der Reclam-Ausgabe von Komet und Erde
Flammarion, Camille: Komet und Erde
(Philipp Reclams Universalbibliothek, Band 5183).
Leipzig: Philipp Reclam jun., o. J. [1910]
Beginn des Kapitels I der Erzählung Komet und Erde
Flammarion, Camille: Komet und Erde
(Philipp Reclams Universalbibliothek, Band 5183),
Leipzig: Philipp Reclam jun., o. J. [1910], S. 5 (unnummeriert)
Beginn des Kapitels I der ersten Erzählung
(Resurrectio Praeteriti) in der von
Lucien Rudaux
illustrierten französischen Buchausgabe von Lumen,
Flammarion, Camille: Lumen, Paris, Ernest
Flammarion, o. J. [um 1900], S. 1 (unnummeriert)
[18] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält auf S. III–VIII ein (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlendes) Vorwort Flammarions aus dem Jahr 1873. Das Vorwort wird hier (soweit bekannt erstmals) in deutscher Übersetzung durch den Herausgeber wiedergegeben.
Die Veröffentlichung dieses Werkes hat das Ziel, den Standort der Erde im Unendlichen und die Stellung des Menschen im universellen und ewigen Leben zu verdeutlichen. Es ist dies die Fortsetzung des in dem Buch Die Mehrheit bewohnter Welten und in den weiteren Arbeiten des gleichen Verfassers unternommenen Vorhabens. Die Astronomie, diese Königin der Wissenschaften, beschränkt sich heute nicht darauf, uns die Bewegung der leblosen Materie im leeren Raum zu zeigen: sie läßt uns das unermeßliche Leben erahnen, das auf den anderen Erdwelten des Weltraums verbreitet ist; sie enthüllt uns den wahren Himmel; sie legt den Grund für eine neue Philosophie, die uns schließlich lehrt wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen und welches Schicksal uns im System der materiellen und spirituellen Welt bewegt.
Man wird von der Form der nachfolgenden Erzählungen überrascht sein, und, trotz der behutsamen Ausdrucksweise, die gewählt wurde, um zuweilen die Abgründe zu verschleiern, an deren Rändern wir uns bewegen, ist es sicher, daß mehrere Leser an einigen Stellen von plötzlichem Staunen und Schwindel erfaßt, verharren werden. Die Natur des Gegenstands läßt nichts anderes erwarten; und nur oberflächlich denkende Geister könnten ohne innere Ergriffenheit das Unendliche schauen, das sich unter unseren Schritten auftut und das uns durch die unveränderlichen Gesetze enthüllt wird, denen die gesamte Schöpfung unterworfen ist.
Eines dieser Gesetze hat vor einigen Jahren einmal den Verfasser plötzlich betroffen, indem es ihm schlagartig Perspektiven aufzeigte, die er sich nie hatte träumen lassen und die all den Astronomen, Philosophen und Schriftstellern, die er bis dahin gekannt hatte, unbekannt geblieben waren. Diese Aussichten waren ihm bisher als illusorisch, ja unglaublich erschienen, geradeso wie die trügerischen Luftspiegelungen, die von Karawanen fälschlicherweise in den Tälern der afrikanischen Wüsten deutlich gesehen werden und die nach und nach verfliegen, wenn man ihnen folgt. Aber als er aufmerksam über diese Perspektiven nachdachte und sie mit der Strenge wissenschaftlicher Methoden analysierte, hat er ihre Realität festgestellt und eingesehen, daß die Kenntnis der physischen Welt uns dabei hilft, das Studium einer Welt zu beginnen, die bis zu diesem Jahrhundert in das krankhafte Gebiet des Übernatürlichen verbannt war.
Eine große und berühmte Zeitschrift hat diese Erzählungen nach und nach in der Reihenfolge veröffentlicht, wie sie vom Verfasser erdacht und formuliert worden sind. Die Zeitungsartikel, die diese Veröffentlichung und die ersten Auflagen dieses Werkes zum Gegenstand hatten, haben ihm gezeigt, daß viele in gleicher Weise unterrichtete Leser sich von dieser Form angesprochen fühlten und hierin keine verspielten Vorstellungen oder Phantasien einer unterhaltenden Astronomie sahen. Es ist ohne Zweifel sicher, daß es von großer Wirkung ist, die astronomische Bildung mit Hilfe einer ebenso bildhaften wie leidenschaftlichen Sprache allen Gehirnen nahe zu bringen; dem Verfasser ist dies in anderen Veröffentlichungen geglückt, denn er weiß und tritt für den Standpunkt ein, daß Grundkenntnisse über das Universum gleichermaßen die Grundlage für die Bildung aller legen.
*Aber bei der Verwirklichung dieses Programms unter Einschluß der Gedanken während einer Reise in abgelegene Fernen, durch die Teleskope erreicht oder durch Berechnung ermittelt, bei der Weiterentwicklung der neueren Entdeckungen der Astronomie der Fixsterne im Rahmen dieser Absicht, spannt sich der Gegenstand des vorliegenden Werkes über den Bereich klassischer Bildung hinaus. Das Werk wendet sich an die schon gehobenen Geister, die wieder f r e i geworden sind, die die Fähigkeit haben, die großen Wahrheiten der Natur wahrzunehmen, und die es lieben, sich gründlicher mit ihnen zu befassen. Es ist in der That eine notwendige wissenschaftliche S t u d i e ü b e r d i e p h y s i o l o g i s c h e n B e d i n g u n g e n d e s e w i g e n L e b e n s i m u n e n d l i c h e n U n i v e r s u m. So dient auf der einen Seite die grundlegende Aussage des Buches als Rahmen eines Gemäldes des Aufbaus des Universums, markiert durch die unermüdlichen Forschungen der erhabenen Himmelswissenschaft, die man gewissenhaft vorgenommen hat; auf der anderen Seite ist es das Unterfangen, die Aufklärung über die vorgestellten Fragen anhand der vorliegenden dokumentierten Ergebnisse der so wissensdurstigen und tiefdringenden Studien der zeitgenössischen Physiologie zu erbringen.
Nach dieser Erklärung muss sich der Verfasser darauf beschränken, den Leser das Studium dieses Buches ohne irgend eine vorgefaßte Meinung beginnen zu lassen. Ohne Zweifel, wenn wir auf diese Weise die Lösung für Probleme suchen, die bis jetzt im Ruf der Unlösbarkeit stehen, werden wir einige unserer überkommenen Anschauungen untergehen und verschwinden sehen. Aber so ist es in allen Dingen: Der Fortschritt kann nicht ohne den Wechsel erreicht werden. Die heidnischen Tempel des antiken Roms wurden durch die geweihten Altäre einer reineren Gottesverehrung ersetzt. Auf die steinernen Kirchen des Mittelalters folgt heute das strebende Denken, das sich über die materiellen Gewölbe ebenso wie über das Sternenzelt erstreckt und frei seinen Aufstieg quer durch die unendlichen Räume nimmt: Die große und göttliche Natur formt selbst den neuen Tempel, und der Schöpfungsgeist offenbart sich darin selbst in seiner unergründlichen Macht. Erheben wir uns nunmehr zu edlen Betrachtungen. Die Erschütterungen der Erde werden die Werke der Menschen zerstören; aber unsere Seelen werden die Ruinen der Körper und der Dinge überleben und werden lebendig bleiben in der unveränderlichen Ewigkeit.
Pompeji, im Jahre 1873
Lumen, du hast mir versprochen, von jener Stunde zu sprechen, die deinem letzten Seufzer folgte, und mir zu erzählen, wie du, einem wunderbaren und doch natürlichen Gesetze zufolge, die Vergangenheit gegenwärtig sahst und in ein Geheimnis eindrangst, das bis auf den heutigen Tag verschleiert war.
L u m e n : Ja, mein alter Freund, ich will mein Versprechen halten, und ich hoffe, daß du dank der langjährigen Verbindung unserer Seelen den Vorgang verstehen wirst, den du als so wunderbar bezeichnest. Es giebt Erscheinungen, die das sterbliche Auge nur mit Mühe erträgt. Der Tod, der mich von den schwachen, schlaffen Sinnen des Körpers erlöste, hat nach dir seine befreiende Hand noch nicht ausgestreckt. Du gehörst noch in die körperliche Welt. Und trotzdem du in so abgeschlossener Zurückgezogenheit haust, zwischen den königlichen Türmen des Faubourg St. Jacques, wo die Kinder der Welt deine Gedanken nicht stören, bist du doch mit dem irdischen Leben und seinen oberflächlichen Beschäftigungen verwachsen. Wundere dich deshalb nicht, daß ich in dem Augenblick, da ich dich in meine geheime Kenntnis einweihen will, dich bitten muß, noch mehr als sonst dich zu isolieren und mir mit der allergespanntesten Aufmerksamkeit zu folgen, deren dein Geist fähig ist.
I c h : Nie war ich aufmerksamer, als heut, Lumen, nie hatte ich meine ganze Geisteskraft besser in der Gewalt, um dir zu folgen. Sprich, geh' gerad' aufs Ziel los und schildere mir die Empfindungen, die du nach dieses Lebens Ende hattest.
L u m e n : Aber womit soll ich anfangen?
I c h : Beginne, wenn du dich dessen erinnerst, mit dem Augenblick, als meine zitternde Hand dir die Augen zudrückte.
L u m e n : Oh, die Trennung zwischen der denkenden Kraft und dem Nervensystem läßt keine Spur von Erinnerungen in der Seele zurück. Es scheint, als ob die Eindrücke des Gehirns, die das harmonische Ganze des Gedächtnisses ausmachen, sich erst vollständig verwischen, um sich alsbald auf ganz andere Weise wieder herzustellen. Das erste Bewußtsein des eigenen Ich, das man nach dem Tode erlebt, gleicht dem Erwachen im Erdenleben, wenn das Bewußtsein des Morgens allmählich zurückkehrt, noch durchsetzt von den Träumen der Nacht. Von Zukunft und Vergangenheit gleichzeitig bestürmt, bemüht sich der Geist, wieder Herrschaft über sich selbst zu gewinnen und zugleich die flüchtigen Eindrücke des versunkenen Traumes, die sich noch in ihm jagen, in der Reihe ihrer Bilder und Ereignisse festzuhalten. Zuweilen verliert er sich in diesen Rückblick auf einen fesselnden Traum, und dann fühlt er im geschlossenen Auge die Kette der Erscheinungen sich wieder zusammenfügen und das Schauspiel sich erneuern. Er fällt zugleich in den Traum und in eine Art Halbschlaf zurück. So schwankt unsere Denkkraft beim Austritt aus diesem Leben zwischen einer Wirklichkeit, die sie noch nicht begreift, und einem Traum, der noch nicht ganz verflogen ist. Die widersprechendsten Empfindungen kreuzen sich, und wenn man dann unter dem Druck von Gefühlen, die dem Untergang geweiht sind, um die Erde klagt, von der man verbannt ist, so überkommt einen das Gefühl unbeschreiblicher Trauer, das unsre Gedanken belastet, uns in Finsternis taucht und die Hellseherschaft verzögert.
I c h : Hast du diese Empfindungen unmittelbar nach dem Tode gehabt?
L u m e n : Nach dem Tode? Es giebt keinen Tod. Das Ereignis, das du darunter verstehst, die Trennung der Seele vom Körper, vollzieht sich thatsächlich nicht in materieller Weise, etwa wie chemische Trennung nicht verwandter Körper, die man in der physischen Welt beobachtet. Man wird sich dieser endgiltigen Trennung, die dir so grausam erscheint, ebensowenig bewußt, wie das neugeborene Kind sich seiner Geburt bewußt wird. Wir werden in das überirdische Leben hineingeboren, wie wir's ins irdische wurden. Nur mit dem Unterschiede, daß die Seele dort schneller Kenntnis ihres Zustandes und ihrer Persönlichkeit erwirbt, als hier, wo die körperliche Hülle sie beschwert. Freilich ist diese Auffassungsfähigkeit bei den verschiedenen Seelen durchaus verschieden. Die einen erhoben sich während ihres körperlichen Lebens niemals zum Himmel und verlangten nie nach der Erkenntnis der Schöpfungsgesetze. Diese bleiben noch lange unter der Herrschaft ihrer körperlichen Begierden, die sie in Unruhe und Unbewußtheit festhalten. Andere strebten schon während dieses Lebens mit beflügelten Gedanken zu den Höhen ewiger Schönheit. Diese sehen dem Augenblick der Trennung mit ruhiger Heiterkeit entgegen. Sie wissen, daß der Fortschritt das Gesetz alles Lebendigen ist, und daß sie aus diesem Leben zu einem höheren eingehen werden. Sie verfolgen die Erstarrung, wie sie Zoll für Zoll nach ihrem Herzen kriecht, und schweben, wenn der letzte Herzschlag langsam und unmerklich ausklingt, schon über ihrem Körper, den sie in seinem Erstarren beobachteten. Sie befreien sich von den magnetischen Fesseln und fühlen, wie eine unbekannte Kraft sie in jene Region der Schöpfung fortträgt, nach der ihr Streben, ihre Gefühle, ihre Wünsche sie hinziehen.
I c h : Unser Gespräch erinnert mich, mein lieber Meister, an Platons Dialoge über die Unsterblichkeit der Seele. Und wie Phaedros seinen Meister Sokrates an jenem Tage befragte, an welchem dieser, dem ungerechten Richterspruch der Athener gehorsam, den Schierlingsbecher leerte, so frage ich dich, der die schicksalsschwere Schwelle überschritten hat, nach dem wesentlichen Unterschiede zwischen Seele und Körper, da dieser stirbt, während jene nicht stirbt.
L u m e n : Ich werde dir darauf keine metaphysische Antwort geben, wie Sokrates, noch eine dogmatische, wie die Theologen, sondern eine wissenschaftliche. Denn du und ich, wir beide, legen nur Wert auf Thatsachen, die positiv und methodisch erwiesen wurden.
Du mußt in der menschlichen Natur d r e i v e r s c h i e d e n e u n d d o c h v e r e i n t e Bestandteile unterscheiden: den Körper, die Lebenskraft und die Seele.
Ich zähle sie in dieser Reihenfolge a posteriori auf. Der Körper ist eine Ansammlung von Molekülen, die ihrerseits wieder aus Gruppen von Atomen bestehen. Die Atome sind leblos, gasig, unveränderlich und unzerstörbar. Sie treten in den Organismus ein durch die Atmung und die Ernährung, erneuern unaufhörlich die Gewebe, werden durch neue ersetzt und treten, vom Lebensstrom getrieben, in andere Körper über. Der menschliche Körper erneuert sich in einigen Monaten vollständig, und weder das Blut, noch das Fleisch, noch das Gehirn, noch die Knochen enthalten dann mehr ein Atom von denen, die den Körper einige Monate früher gebildet haben. Vor allem vermittelt die Atmosphäre die Wanderung der Atome von einem Körper zum andern. Das Eisenmolekül bleibt sich gleich, ob es nun im Hirnblut eines berühmten Mannes pulst oder zu einem Stück verrosteten Eisens gehört. Das Sauerstoffmolekül bleibt dasselbe, gleichviel, ob es aus dem Blick der Geliebten leuchtet, ob es mit dem Wasserstoff vereint unter den Tausenden von Lichtern der Pariser Nacht sprüht, oder ob es glänzend von dem Busen der Dame in ihrem Boudoir herabperlt. Die heut lebendigen Körper sind aus der Asche der Toten gebildet, und wenn alle Toten wieder auflebten, so möchte es den Lebendigen gar bald an dem Material fehlen, das den Toten gehörte. Und während des Lebens selbst gehen fortwährend Änderungen vor sich, an Freund und Feind, an Mensch, Tier und Pflanze, Änderungen, die das forschende Auge in Erstaunen setzen würden. Das, was du einatmest, ißt und trinkst, ist schon tausendmal eingeatmet, gegessen und getrunken worden.
Das ist die Natur des Körpers: eine Anhäufung materieller Moleküle, die sich beständig neu zusammensetzen.
Die Lebenskraft, das Leben, ist das Prinzip, nach dem die Moleküle sich zu bestimmten Formen ordnen und einen Organismus bilden. Diese Kraft lenkt die passiven, leblosen, eigener Bewegung unfähigen Atome; sie gebietet ihnen, zieht sie an sich, stellt sie auf und ordnet sie nach festen Gesetzen; so bildet sie den wunderbar organisierten Körper, in dessen Anschauung sich der Anatom und der Physiologe vertiefen. Die Atome sind unzerstörbar, die Lebenskraft ist es nicht. Die Atome kennen kein Alter, die Lebenskraft entsteht, altert und vergeht. Ein Greis von achtzig Jahren ist älter als ein Jüngling von zwanzig. Warum? Die Atome seines Körpers sind doch erst seit wenigen Monaten in ihm und sind überdies weder alt noch jung. In ihre Bestandteile aufgelöst, haben die Elemente seines Körpers kein Alter. Was also ist in ihm gealtert? Seine Lebenskraft, das heißt, jener Teil der Weltallskräfte, der sich umgewandelt hat, um den Körper zu bilden und zu erfüllen. Die Lebenskraft pflanzt sich durch die Zeugung fort. Sie erhält den Körper instinktiv, ohne sich ihrer selbst bewußt zu werden. Sie hat einen Anfang und ein Ende. Sie ist eine unbewußte Naturkraft, die den Körper organisiert und erhält.
Die Seele ist ein intellektuelles, denkendes und stoffloses Wesen. Die Welt der Ideen, in der sie lebt, und die Welt des Stoffes sind zweierlei. Sie verändert sich nicht gleich dem Körper in wenigen Monaten. Denn nach Monaten, Jahren und Jahrzehnten fühlen wir, daß wir unsere Individualität behalten haben, daß unser ›Ich‹ uns geblieben ist. Wäre es anders, existierte die Seele nicht, wäre die Fähigkeit zu denken nur eine Eigenschaft des Gehirns, so dürften wir nicht mehr den Ausdruck gebrauchen: wir haben einen Körper. Vielmehr unser Körper, unser Gehirn hätte uns. Ferner müßte unser Bewußtsein von Zeit zu Zeit wechseln, wir könnten nicht mehr die Gewißheit, kaum mehr die Ahnung unserer Identität haben, und wir würden nicht mehr verantwortlich für die Entschlüsse sein, die den Molekülen angehörten, welche vor Monaten unser Gehirn bildeten. Die Seele hat auch nichts mit der Lebenskraft zu thun, denn diese ist meßbar, durch Zeugung übertragbar, und entsteht, wächst, schwindet und stirbt unbewußt, und alles das im Gegensatz zur Seele, die körperlos, unmeßbar, nicht übertragbar und ihrer selbst bewußt ist. Geometrisch ließe sich die Lebenskraft mit einem Kugelsegment vergleichen, das gegen die Mitte hin allmählich anschwillt, dann wieder allmählich abnimmt und in nichts endet. Die Seele dagegen nimmt, wenn ich im Bilde bleiben darf, gegen die Lebensmitte nicht ab, noch endet sie gleich dem Kugelsegment, sondern sie fährt fort, ihre Parabole zu erweitern, als wäre sie in den unendlichen Raum hinausgeschleudert. Ferner sind die Existenzbedingungen der Seele durchaus verschieden von denen der Lebenskraft. Sie sind die Bedingungen des Geistes. Das Gefühl des Gerechten und des Ungerechten, des Wahren und Falschen, des Guten und Bösen; das Studium, die Mathematik, die Analyse, die Synthese, die Betrachtung, die Bewunderung, die Liebe, Zuneigung und Haß, Achtung und Verachtung, kurz, die Thätigkeit der Seele bewegt sich im Reiche des Verstandes und des Gefühls (Moral), das den Atomen und den Naturkräften fremd ist und doch ebenso wirklich existiert, wie die Körperwelt. Auch die denkbar feinste Thätigkeit der Gehirnzellen könnte keinen logischen Schluß zur Folge haben, wie etwa die Erkenntnis, daß 2 x 2 = 4 ist, oder daß die drei Winkel eines Dreiecks zwei rechte Winkel ausmachen.
Diese drei Elemente der menschlichen Natur finden wir in dem ganzen Weltall wieder: 1. die Atome, die leblosen und passiven Weltkörper; 2. die Naturkräfte, deren Thätigkeit die Welten beherrscht, und die sich in einander umsetzen; 3. Gott, den ewigen und unendlichen Geist, den intellektuellen Urheber der mathematischen Gesetze, denen die Naturkräfte gehorchen, Gott, das große Unbekannte, in dem die letzten Grundgesetze des Wahren, Schönen und Guten ruhn.
Die Seele kann sich mit dem Körper nur durch Vermittlung der Lebenskraft verbinden. Wenn diese erlischt, so muß die Seele sich selbstverständlich vom Organismus trennen und jede unmittelbare Berührung mit Raum und Zeit verlieren. Sie hat keinen Aggregatzustand und kein Gewicht. Sie bleibt nach dem Tode an jener Stelle des Weltraums, wo sich die Erde im Augenblick der Trennung befand. Die Erde ist ein Planet, wie die Venus und wie Jupiter. Die Erde fliegt mit einer Geschwindigkeit von 12 700 Kilometer die Stunde auf ihrer Bahn weiter, so daß die Seele sich schon eine Stunde nach dem Tode in der gleichen Entfernung von ihrem Körper befindet, allein deshalb, weil sie den Gesetzen der Materie nicht mehr unterliegt und unbeweglich im Raume schwebt. So haften wir unmittelbar nach unserm Tode im Weltraum, in dem wir uns übrigens auch während unserer Lebenszeit befunden haben. Aber keine Schwerkraft fesselt uns mehr an den Planeten. Doch muß ich hinzufügen, daß die Seele gewöhnlich einige Zeit braucht, um sich vollständig von dem Nervensystem zu trennen, und daß sie manchmal mehrere Tage, ja Monate magnetisch mit dem Körper verbunden bleibt, von dem sich loszulösen sie sich nicht überwinden kann. Im übrigen vermag sie sich, dank besonderer Fähigkeiten, gedankenschnell von einem Punkt des Weltraums in den andern zu versetzen.
I c h : Zum erstenmal erhalte ich so eine faßliche Erklärung für die keineswegs übernatürliche Erscheinung des Todes, und ich begreife die Existenz der Seele als Individuum, ihre Unabhängigkeit von der Materie und dem Leben, ihre persönliche Fortdauer und ihre so einfache Position im Raum. Diese synthetische Theorie bereitet mich hoffentlich vollends darauf vor, deinen Enthüllungen zu lauschen und sie zu würdigen.
Aber du sagtest, ein seltsames Ereignis habe dich bei deinem Eintritt ins ewige Leben überrascht. In welchem Augenblick war das?
L u m e n : Laß mich doch nur weiter erzählen, lieber Freund. Du weißt, meine alte Schreibtischuhr hatte mit ihrem klangvollen Glockentone Mitternacht geschlagen, und der Vollmond goß von der Mitte seiner Bahn sein fahles Licht auf mein Sterbebett hernieder, als meine Tochter, mein Enkel und die Freunde meines Gemüts sich zu kurzer Ruhe in ihre Zimmer zurückzogen. Nur du bliebst neben meinem Kopfkissen und versprachst meiner Tochter, mich bis zum Morgengrauen nicht zu verlassen. Ich würde dir jetzt für deine hingebende und warme Zärtlichkeit Dank sagen, wenn wir nicht wirklich Brüder gewesen wären. Wir mochten schon eine halbe Stunde allein mit einander gewesen sein, denn der Mond neigte sich schon rechts in seiner Bahn, als ich deine Hand ergriff und dir sagte, daß das Leben bereits aus meinen Gliedern zurückwiche. Du wolltest es mir ausreden, aber ich beobachtete mit Ruhe den Zustand meines Körpers und wußte, daß ich nur noch wenige Augenblicke zu atmen hatte. Da wolltest du sacht in das Zimmer meiner Kinder schleichen, aber durch eine unbegreifliche Willensanstrengung gelang es mir, dich zurückzurufen. Du kehrtest mit thränendem Auge um und sagtest: »Es ist wahr, deine letzten Verfügungen sind getroffen, und morgen früh ist es auch noch Zeit, deine Kinder zu rufen.« Ich fühlte den inneren Widerspruch zwischen diesen beiden Sätzen wohl, aber ich ließ es mich nicht merken. Und dann bat ich dich, wenn du dich recht entsinnst, das Fenster zu öffnen. Es war eine schöne Oktobernacht, wie Ossian keine schönere besungen hat. Nahe dem Horizont und bequem vor meinen Augen zeigten sich die Plejaden, von den niedrig flatternden Herbstnebeln schwach verhüllt. In geringer Entfernung davon strahlten Castor und Pollux in siegreichem Glanze. Höher hinauf und mit ihnen ein Dreieck formend, stand in dem Sternbild des Fuhrmanns, nahe dem Tierkreis, ein Stern, der in goldstrahlender Majestät leuchtete: Capella.
Du siehst, mein Gedächtnis läßt mich nicht im Stich. Als du das hohe Fenster geöffnet hattest, strömte der Duft der schlafenden Rosen auf den Flügeln der Nacht herein und vereinte sich mit den schweigenden Strahlen der Sterne. Ich kann es nicht beschreiben, mit welch einer Wonne meine Seele sich unter diesen Eindrücken erfüllte, diesen letzten Eindrücken, welche die Erde mir gewährte, und die meine noch nicht abgestorbenen Sinne genießen konnten. Nie, auch nicht während der Stunden höchster Glückstrunkenheit und zärtlichster Seelenverschmelzung, habe ich eine so unbegrenzte Freude, eine so durchleuchtete Heiterkeit, eine solche Vorfreude des Himmels erlebt, wie in diesen letzten Minuten unter dem Hauche der Blumen und dem milden Blick ferner Sternenwelten ...
Und als du wieder zu mir herantratst, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf diese Welt, faltete meine Hände über der Brust und vereinte Blick und Gedanken zum Gebet und zum Fluge in den Raum. Mein Gehör sollte bald für immer taub werden, und ich erinnere mich der letzten Worte, die von meinen Lippen kamen: »Leb‹ wohl, mein treuer Freund, ich fühle, wie der Tod mich fortträgt, fortträgt zu den unbekannten Regionen, in denen wir uns eines Tages wiederfinden werden. Wenn diese Sterne vor der Morgenröte erblassen, wird nur noch meine sterbliche Hülle hier liegen. Dann wirst du meiner Tochter sagen, daß es mein letzter Wunsch war, sie möge ihre Kinder in der Betrachtung des Ewigen erziehen.«
Du weintest und knietest an meinem Bett, da bat ich: »Sprich das herrliche Gebet Jesu Christi,‹ und ich hörte, wie du mit zitternder Stimme das Vaterunser sprachst ... ›und vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.«
Das war der letzte Eindruck, den meine Seele durch die Sinne aufnahm. Meine Auge trübte sich, in den Anblick der Capella versunken; und von dem, was gleich auf diesen Moment folgte, ist mir nichts mehr bewußt.
Die Jahre, Tage und Stunden werden von den Bewegungen der Erde bestimmt. Abgesehen von diesen Bewegungen existiert die irdische Zeit im Raume nicht. Es ist also absolut unmöglich, dort einen Begriff der Zeit zu haben; trotzdem vermute ich, daß das Ereignis, von dem ich dir erzählen will, an dem Tage meines Todes stattfand, denn mein Körper war, wie du dich gleich überzeugen wirst, noch nicht begraben, als meine Seele diese Erscheinungen erlebte.
... Ich fühle, wie der Tod mich fortträgt zu den unbekannten Regionen ...
Ich bin 1793 geboren, war in meinem 72. Lebensjahr und wunderte mich nicht wenig, mich von einem Feuer und einer Geistesfrische durchwärmt zu fühlen, als ob ich in den schönsten Tagen meiner Jugend wäre. Ich hatte keinen Körper, und doch war ich nicht körperlos, denn ich fühlte und sah, daß ich aus irgend einem Stoff bestand; aber dieser Stoff und die irdische Materie dulden keinen Vergleich. Ich weiß nicht, wie ich den Weltraum durchmaß und von welcher Kraft getragen ich mich bald einer großen, prachtvollen, goldstrahlenden Sonne näherte, deren Glanz mich jedoch nicht blendete und die, soweit ich es aus der Entfernung zu beurteilen vermochte, von einer großen Anzahl ringumgebener Weltkörper umkreist wurde. Von derselben mir unbewußten Kraft weitergetragen, befand ich mich plötzlich auf einem dieser Ringe und war Zeuge unbeschreiblicher Lichtschauspiele, denn der Sternenhimmel schien kreuz und quer von gewaltigen Regenbogen überspannt. Ich konnte die goldstrahlige Sonne nicht mehr sehen und befand mich in einer Art vielfarbig durchleuchteter Nacht.
Meine Seele verfügte über ein Sehvermögen, das das der Augen meines irdischen Körpers unendlich überragte, und was noch wunderbarer war, dieses Sehvermögen schien nur von meinem Willen abzuhängen. Diese Sehkraft der Seele ist so wundervoll, daß ich mich jetzt nicht in ihre Beschreibung verlieren will. Ich begnüge mich damit, dich ahnen zu lassen, daß ich nicht nur, wie von der Erde aus, Sterne am Himmel sah, sondern deutlich die Weltkörper erkannte, die um sie als ihren Mittelpunkt gravitierten, und noch seltsamer war es, daß ein Stern, wenn ich ihn nicht mehr zu sehen wünschte, um durch sein Licht in der Betrachtung anderer Weltkörper nicht gestört zu werden, aus meiner Beobachtung entschwand und ich unter den vortrefflichsten Vorbedingungen die Welten dahinter beobachten konnte.*
* Die transzendentale physiologische Anatomie hätte vielleicht eine Erklärung für diese Thatsache, indem sie annehmen könnte, daß eine Art von punctum caecum (Blindpunkt) eintritt, um den Gegenstand, den man nicht mehr sehen will, zu verdecken.
Ferner konnte ich, sobald sich mein Blick auf einen besonderen Stern konzentriert hatte, die Einzelheiten auf seiner Oberfläche erkennen, die Kontinente und die Meere, die Wolken und Flüsse, und es gelang mir, trotzdem er sich anscheinend nicht vergrößerte, wie es bei der Betrachtung durch das Teleskop geschieht, durch eine besondere Konzentration des Willens auf die Sehkraft meiner Seele jeden Gegenstand, auf den mein Blick fiel, zu erkennen, z. B. eine Stadt oder ein Getreidefeld.
Auf dieser Ringwelt angekommen, fand ich mich in derselben Gestalt, in der ihre Bewohner einherwandelten, gerade als ob meine Seele die Atome an sich gezogen hätte, die zur Bildung des neuen Körpers notwendig waren. Die Geschöpfe der Erde bestehen aus Molekülen, die sich untereinander nicht berühren und sich fortwährend durch die Atmung, Ernährung und chemische Umsetzung erneuern. Hier dagegen bildet sich die Hülle der Seele viel schneller. Ich fühlte, daß ich lebte, und fühlte es besser als die übernatürlichen Wesen, deren Leidenschaften und Kummer Dante besingt. Und eines der hervorragendsten Merkmale der Bewohner dieser neuen Welt ist sicher ihr ferntragendes Sehvermögen.
I c h : Aber, mein teurer Freund, — wenn du mir jetzt noch diese vielleicht naive Anrede gestattest, — verschwimmen denn auf eine so große Entfernung hin die Monde und die Planeten, die um ihre Zentrale kreisen, nicht gleichsam zu einem einzigen Stern? Z. B. die Planeten unseres Systems, schienen sie dir auf diese gewaltige Entfernung hin nicht zu einem Punkt mit unserer Sonne zu verschmelzen? Hattest du die Erde getrennt erkennen können?
L u m e n : Du hast sofort den einzigen Einwand getroffen, der sich auf Grund der geometrischen Gesetze meinen vorher geschilderten Beobachtungen entgegenstellt. Gewiß, in einer bestimmten Entfernung beginnen die Planeten in den Strahlen ihrer Zentralsonne zu verschwinden, und irdische Augen können sie nicht mehr erkennen. Du weißt, daß man schon vom Saturn aus die Erde nicht mehr sehen würde; doch du darfst nicht vergessen, daß diese Schwierigkeit weniger aus der geometrischen Verkürzung der sichtbaren Oberfläche, als aus anderen Unvollkommenheiten des Sehvermögens entsteht. Aber wie ich dir schon sagte, auf der Welt, in der ich gelandet war, gab es Wesen, die nicht in eine so plumpe körperliche Hülle wie die Menschen gekleidet, sondern frei und im Genusse unendlich höherer Sehkraft auch noch im Stande sind, die leuchtende Quelle von dem beleuchteten Gegenstande zu trennen und deutlich Einzelheiten zu erkennen, die auf diese Entfernung hin irdischen Augen absolut verborgen bleiben würden.
I c h : Haben denn diese Wesen Instrumente, die unseren Teleskopen unendlich überlegen sind?
L u m e n : Wird es dir leichter, dir diese merkwürdige Begabung vorzustellen, wenn sie Instrumente anwenden, so magst du es in der Theorie thun. Denke dir, sie hätten Fernrohre, die mit Hilfe zahlreicher Linsen und Diaphragmen allmählich die Weltkörper in die Nähe rücken und von der Lichtquelle isolieren, so daß nur der Körper, den man studieren will, für die Betrachtung zugänglich bleibt. Aber du mußt verstehen, daß diese Wesen mit einem besonderen und von unsern Augen abweichenden Sinn versehen sind und ihn durch bewundernswerte optische Maßnahmen zu entwickeln verstehen, und dabei ist dieses Sehvermögen und dieses Sehorgan für jene Welt natürlich. Denke nur an die Insekten, die die Fähigkeit besitzen, ihre Augen zu verkürzen oder zu verlängern wie die Glieder eines Fernrohrs, ihre Kristallkörper anschwellen oder sich abplatten zu lassen, um sie wie eine Lupe mit verstellbarer Vergrößerung zu verwenden, und daß sie außerdem eine Unzahl von Augen auf denselben Punkt zu richten vermögen, die sich wie eben so viele Mikroskope einstellen lassen, um das denkbar Kleinste zu bemerken, dann wirst du die Fähigkeit dieser außerirdischen Wesen leichter begreifen.
I c h : Ich kann es mir zwar trotzdem nicht vorstellen, denn es liegt nicht im Gebiet meiner Erfahrung, aber ich verstehe, daß die Möglichkeit vorhanden ist. Du konntest also die Erde erkennen und aus der weiten Ferne die Städte und Dörfer unserer Welt unterscheiden?
L u m e n : Angekommen auf dieser Ringwelt, die so mächtig ist, daß 200 Erdkugeln auf ihr Platz fänden, fand ich mich auf dem Gipfel eines Berges, der von natürlichen Pflanzenpalästen gekrönt war, wenigstens machte es mir den Eindruck, als wüchsen diese Feenschlösser aus dem Boden hervor, und als wären sie durch nichts anderes, als die natürlichen Verschlingungen von Blumenranken und bunten Blüten entstanden. Das war eine volkreiche Stadt, und auf dem Gipfel des Berges bemerkte ich eine Gruppe alter Männer, etwa dreißig an der Zahl, die mit gespanntester Aufmerksamkeit und sichtlicher Unruhe einen Stern aus der östlichen Gruppe des Altarus betrachteten, der nahe dem Rande der Milchstraße erglänzte. Sie wurden mein Kommen gar nicht einmal gewahr, so außerordentlich nahm die Betrachtung dieses Sternes oder eines seiner Planeten sie gefangen.
Ich näherte mich ihnen und war nicht wenig verwundert, sie von der Erde sprechen zu hören. Ja, von der Erde, in jener Weltallsprache des Geistes, die alle Wesen verstehn, vom Seraph herab bis zu den Bäumen des Waldes. Und sie unterhielten sich nicht nur über die Erde, sondern sogar über Frankreich. »Warum,« fragten sie sich, »müssen diese fortwährenden Blutbäder sein? Soll denn die brutale Gewalt unbeschränkt herrschen, und soll der Bürgerkrieg dieses Volk bis auf den letzten Mann vernichten und die Straßen dieser einst so lachenden und prächtigen Stadt mit Blutströmen überschwemmen?«
Ich konnte keinen Sinn in ihren Worten finden. War ich doch mit Gedankenschnelle von der Erde fortgeflogen, wo ich noch gestern mitten in der Frieden atmenden und ruhigen Hauptstadt gelebt hatte. Ich trat näher an die Gruppe der Greise heran und richtete gleich ihnen meinen Blick auf den schönen Stern. Ich folgte ihrer Unterhaltung und bemühte mich eifrig, die außerordentlichen Vorgänge zu erkennen, von denen sie sprachen. Es war die Erde. Du mußt nicht vergessen, mein Freund, daß die Erde wirklich ein Stern des Himmels ist. Aus der Ferne von einem der eurem System benachbarten Fixsterne aus stellt sich eure Erde als Mitglied einer Familie von Gestirnen dar, in der acht Hauptmonde die Zentralsonne umkreisen. Von diesen erblickt man zuerst Jupiter und Saturn wegen ihrer Größe, dann Uranus und Neptun, und zuletzt, ganz nahe bei der Sonne, Mars und Erde. Venus ist sehr schwer zu erkennen, und Merkur bleibt wegen seiner größeren Nähe zur Sonne unsichtbar. So nimmt sich euer Planetensystem aus, vom Weltenraum aus gesehen. Meine Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf diese kleine Kugel, die Erde, an deren Seite ich den Mond erkennen konnte. Bald sah ich auch die schneeglänzende Fläche des Nordpols, das gelbe Dreieck Afrika, die Küstenlinien der Ozeane, und weil meine Aufmerksamkeit so ausschließlich auf die Erde gerichtet war, verschwand die Sonne aus meinem Sehfeld. Allmählich vermoche ich einen von Azurblau umgebenen dunklen Vorsprung zu erkennen und entdeckte, daß auf diesem eine Stadt lag. Der Vorsprung war Frankreich und die Stadt war Paris, das ich zuerst an dem kokett sich hinschlängelnden Silberstreifen der Seine erkannte. Mit Hilfe meines neuen Sehvermögens wurden mir auch die einzelnen Gegenstände klar. Das Dach und die Türme von NotreDame, die über der östlichen Stadt als lateinisches Kreuz emporragten, die Boulevards im Norden, der Garten des Luxembourg und die Sternwarte im Süden, die Kuppel des Pantheon auf der SainteGeneviève, die Avenue der ChampsElysées im Westen, etwas weiter das Bois de Boulogne, die Umgebung von SaintCloud, die Gehölze von Meudon, Sèvres, Ville d‹Avray und Montretout.
Diese Landschaft war von einer strahlenden Sonne beleuchtet, aber zu meinem Erstaunen wie tief im Winter von Schnee bedeckt, während ich die Erde doch im buntfarbigen Laubgewande des Oktober verlassen hatte. Ich konnte trotzdem nicht mehr daran zweifeln, daß ich Paris vor mir hatte, aber ich verstand noch immer die Reden meiner Nachbarn nicht und strengte mich noch mehr an, alle Einzelheiten zu erkennen. Mein Blick richtete sich vor allem auf die Sternwarte; dort war mein Lieblingsstadtteil, den ich seit vierzig Jahren kaum auf einige Monate verlassen hatte. Denke dir nun mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß keine Avenue mehr vom Luxembourg nach der Sternwarte führte, und daß an die Stelle der stattlichen Kastanienallee Klostergärten getreten waren. [19]
[19] Anm. d. Hrsg.: Der ab hier bis zum Ende des Kapitels I folgende Text ist eine von der Übersetzerin in der deutschen Ausgabe 1900 (S. 28) stark gekürzt vorgelegte Fassung des wesentlich umfangreicheren vollständigen Textes der französischen Buchausgabe 1873 (S. 26–30) und auch der weiteren französischen Ausgaben (z. B. Paris, o. J. [1900], S. 21–24), der hier erstmals in deutscher Übersetzung durch den Herausgeber wiedergegeben wird:
»Mein künstlerischer Groll gegen die Eingriffe des Pariser städtischen Bauamtes erwachte, aber er wurde zunehmend von stärkeren Eindrücken überdeckt. Ein verschlafenes Kloster inmitten eines schönen Obstgartens! Der Boulevard SaintMichel existierte nicht mehr und auch nicht die Rue de Medicis; es gab ein Gewirr enger Gassen, und ich schien die alte Rue de l‹Est und die Place SaintMichel wieder zu erkennen, auf dem einstmals eine alte Quelle die Bewohner der Vorstadt mit Wasser versorgt hatte, sowie eine Reihe von Gassen in der Art, die ich früher einmal gesehen hatte. Sogar das Observatorium war seiner Kuppeln beraubt: seine beiden Seitenflügel waren ebenfalls verschwunden. Nach und nach, indem ich meine Untersuchung fortsetzte, sah ich im einzelnen, wie außerordentlich verändert Paris war. Der Triumphbogen auf der Place de l‹Étoile existierte ebenso wenig wie auch nur eine einzige der prächtigen Alleen, die auf ihn zu laufen. Weder existierte der Boulevard de Sébastopol, noch der Ostbahnhof, noch überhaupt einer der übrigen Bahnhöfe, noch eine einzige Eisenbahnlinie! Der Turm von SaintJacques war in einem aus alten Häusern bestehenden Hof eingeschlossen und die Siegessäule war an ihn herangerückt. Die Bastille-Säule fehlte ebenfalls, denn sie hätte ich leicht an der Reflexion der Sonnenstrahlen auf der Statue des Genie de la Liberté wiedererkennen können. Die Vendôme-Säule schien mir durch ein Reiterstandbild ersetzt zu sein. Die Rue Castiglione bestand aus einem ausgedehnten alten Kloster. Die Rue de Rivoli war verschwunden. Der Louvre war entweder nicht fertiggestellt oder abgebrochen worden. Im Hof Franz‹ I. und in den Tuilerien sah man baufällige Häuser, übersät mit aus den Dachfenstern hängenden Lumpen. Auf der Place de la Concorde stand kein noch so kleiner Obelisk, aber es gab dort eine wogende Menschenmenge, die ich zunächst nicht auseinander halten konnte; weder die Madeleine noch die Rue Royale waren zu sehen. Hinter der Île SaintLouis befand sich eine kleine Insel. Die äußeren Boulevards waren nichts anderes als alte Ringmauern, und die Gräben der Festungswerke waren wieder geschlossen. Nachdem ich endlich die Hauptstadt Frankreichs anhand erhaltener Gebäude und einiger nicht veränderter Stadtteile wiedererkannt hatte, konnte ich nicht umhin, eine wundersame Metamorphose anzunehmen, die die Ansicht der alten Stadt von heute auf morgen radikal verändert hatte.
Es kam mir zunächst in den Sinn, daß ich, anstatt für meine Ankunft von der Erde sehr wenig Zeit benötigt zu haben, ohne Zweifel mehrere Jahre, vielleicht sogar mehrere Jahrhunderte unterwegs gewesen war. Da die Wahrnehmung des Zeitablaufs ihrem Wesen nach relativ ist und da die Messung der Zeitdauer nichts Tatsächliches noch Absolutes an sich hat, sobald man einmal von der Erde entfernt ist, hatte ich demgemäß jeden festen Maßstab verloren, und ich sagte mir, daß ebenso Jahre wie Jahrhunderte an mir vorbeigezogen sein könnten, ohne daß sich dies bemerkt hätte, denn bei dem lebhaften Interesse, mit dem ich meine Reise unternommen hatte, war mir die Zeit nicht als lang erschienen, — so die volkstümliche Umschreibung, die die Relativität dieser Empfindung unserer Seele kennzeichnet. Indem ich keinerlei Möglichkeit sah, mir über diese Umstände Gewißheit zu verschaffen, hätte ich mich mit dem Glauben abgefunden, daß mich schon mehrere Jahrhunderte von meinem irdischen Leben trennten und daß ich das Paris des zwanzigsten oder des einundzwanzigsten Jahrhunderts vor mir sah, wenn ich mich nicht noch länger in die Untersuchung dieses sich mir bietenden Anblicks vertieft hätte.
Tatsächlich machte ich mich zunehmend mit dem Aussehen der Stadt vertraut und ich kam schrittweise dazu, die Schauplätze, Straßen und Gebäude wieder zu finden, die ich aus meinen jungen Jahren gekannt hatte. Das Rathaus erschien mir in voller Beflaggung, und das TuilerienSchloß zeigte mir seine rechteckige zentrale Kuppel. Ein kleines Detail vollendete mein Wiedererkennen, als ich in der Mitte des Gartens eines ehemaligen Klosters an der Rue SaintJacques einen Pavillon bemerkte, dessen Anblick mich erschauern ließ. Es ist derjenige, an dem ich mich seit meinem Jugendalter mit der Frau getroffen hatte, die mich mit so inniger Zuneigung liebte; meine so liebevollzärtliche, mir so ergebene Eivlys [20], die auf alles verzichtete, um sich an mein Schicksal zu binden. Ich sah wieder die kleine Kuppel der Terrasse, vor der wir abends so gern träumten und die Sternbilder beobachteten. Oh, wie freute ich mich stets auf die Spaziergänge, die wir, im Einklang miteinander und untergehakt, in Straßen unternahmen, in denen wir den neugierigen Blicken einer mißgünstigen Umwelt entfliehen konnten! Ich betrachtete diesen Pavillon, den ich so vorfand, wie ich ihn von damals kannte, und du kannst dir denken, daß dieser Anblick allein ausreichte, meine Eindrücke zu vervollständigen und mich zu der unerschütterlichen und unbeugsamen Überzeugung zu bringen, daß, obwohl es natürlich wäre, so zu denken, ich nicht das Paris nach meinem Tode vor mir hatte; es war vielmehr das vergangene Paris, das alte Paris zu Anfang des Jahrhunderts oder am Ende des letzten Jahrhunderts!
Du kannst dir gleichwohl leicht vorstellen, daß ich, trotz des Augenscheins, meinen Augen nicht trauen wollte. Es schien mir natürlicher einzuräumen, daß Paris dermaßen gealtert, daß es seit meiner Abreise von der Erde (einer Zeitspanne, deren Dauer mir absolut unbekannt war) derartige Veränderungen durchgemacht hatte, als daß sich meinen Blicken die künftige Stadt darbot; so möchte ich die Gegebenheiten beschreiben, die ich vor Augen hatte. Ich setzte darauf meine Beobachtungen aufmerksam fort und stellte so mit Sicherheit fest, daß es wirklich das e h e m a l i g e, heute teilweise zerstörte Paris war, das ich vor Augen hatte, oder es war, bewirkt durch ein ebenso unglaubliches Phänomen, ein anderes Paris, ein anderes Frankreich, eine andere Erde.«
[20] Anm. d. Hrsg.: ›Eivlys‹ ergibt von hinten gelesen das Wort ›Sylvie‹; Flammarions Jugendliebe, die er 1874 (also nach Erscheinen der Erstausgabe der Recits de l‹infini) heiratete, hieß — Sylvie Pétiaux-Hugo! seitdem ich es verlassen? Und hatte ich die Zukunft der Stadt vor mir? Doch nein, jetzt wurde es mir klar: das war das a l t e Paris, das heute zum Teil verschwunden, zerstört ist! Durch ein unerklärliches Phänomen sah ich ein anderes Paris, ein anderes Frankreich, eine andere Erde.
Kein Boulevard de Saint Michel, keine Rue de Medicis. An ihrer Stelle ein Gewirr enger Gassen. Kein Boulevard de Sébastopol, kein Ostbahnhof, überhaupt keine Bahnhöfe und keine Bahnlinien. Allenthalben alte Häuser, Baracken. Auf der Place de la Concorde kein Obelisk. Die äußeren Boulevards nichts anderes als alte Ringmauern, Festungswerke. Was war mit der Hauptstadt Frankreichs nur für eine Veränderung vorgegangen, daß sie aussah, wie eine alte Provinzstadt? War Paris so gealtert,
Welch außergewöhnliche Situation für deinen kritischen Geist, o Lumen! Durch welches Mittel war es dir aber möglich, die Wirklichkeit zu erkennen?
L u m e n : Während die vorhergehenden Betrachtungen meinen Geist beschäftigten, hatten die alten Männer vom Berge ihre Unterhaltung fortgesetzt. Plötzlich hörte ich den ältesten, einen würdigen Greis, dessen NestorKopf zugleich Bewunderung und Ehrfurcht heischte, mit traurig klingender Stimme ausrufen:
»Auf die Kniee, meine Brüder! Erflehen wir Nachsicht vom allgegenwärtigen Gott! Diese Erde, diese Nation, diese Stadt fährt fort, sich im Blute zu baden. Von neuem ist ein Haupt, das eines Königs, gefallen!«
Auf die Kniee, meine Brüder! Von neuem ist ein Haupt, das eines Königs, gefallen!
Die Gefährten schienen ihn zu verstehen, denn sie knieten auf dem Berge nieder und neigten ihre blassen Angesichter zu Boden. Ich, der ich noch nicht dahin gelangt war, in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen die Menschen zu unterscheiden, und den Beobachtungen der Greise nicht gefolgt war, blieb aufrecht stehen und prüfte um so eingehender.
»Fremdling,« fragte mich der Greis, »tadelst du die einstimmige Handlung deiner Brüder, weil du dein Gebet nicht mit dem ihren vereinst?«
»Meister,« erwiderte ich, »ich kann das, was ich nicht verstehe, weder tadeln noch loben. Seit kurzem erst auf diesem Berge angelangt, kenne ich ja noch nicht einmal die Ursache eurer religiösen Verrichtungen.«
Dann näherte ich mich dem Alten, und während seine Gefährten sich erhoben hatten und in Gruppen mit einander redeten, bat ich ihn, mir seine Beobachtungen mitzuteilen.
Er belehrte mich, daß durch die innere Befähigung zur Wahrnehmung, wie sie Geistern eigen, die auf der Stufe der diesen Weltkörper bewohnenden stehen, eine Art magnetischer Verbindung zwischen ihnen und den Nachbarsternen existiert.
Es giebt zwölf bis fünfzehn solcher Sterne; diese sind die nächsten. Außerhalb dieser Region wird die Wahrnehmung verwirrt. Unsere Sonne ist eine von diesen Nachbarsternen. Sie können also den Zustand der Wesen, welche unsern von der Sonne abhängigen Planeten bewohnen, wenn auch nur unbestimmt, erkennen, ebenso wie den relativen Grad von intellektueller und moralischer Größe, den sie besitzen.
Tritt eine größere Störung im physischen oder moralischen Leben dieser Menschheit ein, so empfinden sie eine Art innerer Erschütterung, gleich wie eine vibrierende Saite eine entferntere andere Saite in Schwingungen versetzt. Seit einem Jahre (das Jahr dieser Welt kommt zehn der unsern gleich) fühlten sie sich durch eine besondere Anziehungskraft zum irdischen Planeten hingezogen, und die Beobachter waren mit Interesse und Unruhe dem Lauf dieses Weltkörpers gefolgt. Sie hatten das Ende einer Regierung und die Morgenröte einer glänzenden Freiheitsepoche, hatten den Kampf um die Menschenrechte und die Bestätigung der großen Prinzipien der Menschenwürde gesehen. Sie sahen die heilige Sache der Freiheit bedroht von denen, die sie in erster Linie hätten verteidigen sollen, und sahen die brutale Gewalt sich an Stelle der Vernunft und der Überzeugung setzen. Ich verstand, daß es sich um die große Revolution von 89 und um den Zusammensturz der alten politischen Welt handle. Seit einiger Zeit hatten die Greise die Ereignisse der Schreckenstage und die Tyrannei der Blutsauger besonders schmerzlich verfolgt. Sie fürchteten für die Erde und zweifelten an dem Fortschritt einer Menschheit, die den Schatz, den sie kaum erworben, schon wieder preis gab.
Ich hütete mich wohl, dem Greise kund zu thun, daß ich selbst von der Erde komme und sie 72 Jahre lang bewohnt habe. Ich weiß nicht, ob er es intuitiv erriet, denn ich selbst war so seltsam überrascht von dem Anblick, der sich mir bot, daß sich mein Geist ausschließlich mit ihm beschäftigte und nicht mehr an meine Person dachte.
Mein Blick hatte sich endlich an das Schauspiel, das vor mir stand, gewöhnt, und ich konnte mitten auf der Place de la Concorde ein Schaffot unterscheiden, das von einer Schar Soldaten, Trommelschlägern, Kanonieren und einer bunten, lanzenbewaffneten Menge umgeben war. Ein rotgekleideter Mann führte die Überreste Ludwigs XVI. auf einem Karren fort in der Richtung des Faubourg St. Honoré, und die berauschte Menge drohte dem Himmel mit Fäusten.
Aber die Aufregung, die sich in dieser Gegend zeigte, dehnte sich auf die übrige Stadt nicht aus. Diese lag vielmehr tot und verlassen da. Die Schreckensherrschaft hatte alles Leben erstickt.[21]
[21] Anm. d. Hrsg.: In der für den Textvergleich verwendeten französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900], S. 29) ist dem vorstehenden Absatz der folgende Absatz vorangestellt, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»Finster dreinblickende Reiter mit Säbeln in der Faust folgten. In Richtung der ChampÉlysées sah man Gräben, in denen neugierige Gaffer umher rannten.«
Da ich im Jahre 1793 geboren worden, so hatte ich von seinen Ereignissen keine persönlichen Erinnerungen. Als ich jetzt so unvermutet Zeuge dieser Szene wurde, die ich aus der Geschichte kannte, verfolgte ich sie mit unbeschreiblichem Interesse. Ich hatte mich oft über die Beschlüsse des Konvents unterhalten, aber ich gestehe, daß die Hinrichtung Ludwigs XVI. mich weniger entrüstete, als die von Männern wie Lavoisier, dem Vater der Chemie, von Bailly, dem Geschichtschreiber der Astronomie, von André Chénier, dem sanften Dichter, oder Condorcet, dem Philosophen — denn für deren Ermordung gab es keine staatspolitischen Gründe.
Doch mit welch gespanntem Interesse ich auch den Vorgängen folgte, e i n e Frage beschäftigte mich doch viel mehr: wußte ich mich doch im Jahre 1864, und dabei erblickte ich Ereignisse als gegenwärtig, die zu Ende des vergangenen Jahrhunderts stattgefunden hatten!
Ich traute, wie man zu sagen pflegt, meinen eigenen Augen nicht. Und doch konnte ich das Geschehene weder gelten lassen, noch leugnen.[22]
[22] Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 30 vor dem vorstehenden Absatz den folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Text, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»I c h : Es scheint mir allerdings so zu sein, daß der Eindruck der Unmöglichkeit deine Wahrnehmungsfähigkeit in besonderer Weise beeinträchtigt hat. Denn es handelt sich hier schließlich um eine Vision, die wir nicht als Realität akzeptieren können, auch wenn sie uns wie eine solche erscheint.
L u m e n : Ja, mein Freund, unmöglich. Verstehst du nun, in welchem Zustand ich mich befand, als ich vor meinen gesunden Augen dies Paradoxon wirklich werden sah? Ich traute ...«
I c h : War es nicht doch vielleicht nur ein Bild, das deine Seele bewegte, eine Schöpfung der Einbildungskraft, eine Erinnerung deines irdischen Gedächtnisses?
L u m e n : Alles das bedachte ich auch. Aber ich sah ja unbestreitbar das Paris von 1793 und die Ereignisse vom 21. Januar jenes Jahres. Es war kein Zweifel daran möglich. Außerdem hatten doch die Greise auf dem Berggipfel dieselbe Beobachtung wie ich und schon vor meinem Kommen gemacht, hatten über die Ereignisse nachgedacht und davon gesprochen, ohne daß sie die Geschichte der Erde kannten, und ohne zu wissen, daß ich sie kannte.
I c h : Wenn sich aber nun die Vergangenheit auf diese Weise in der Gegenwart auflösen kann, wenn Wirklichkeit und Vision sich derart verschmelzen, wenn längst gestorbene Personen noch als mitwirkende auf der Weltbühne gesehen werden können; wenn in einer Stadt wie Paris alle Gebäude und Metamorphosen verschwinden können und man an ihrer Stelle die Stadt von ehemals sieht; wenn endlich die ganze Gegenwart untergehen kann, um die Vergangenheit neu aufleben zu lassen, was können wir fürderhin als bestimmt annehmen? Was wird aus der wissenschaftlichen Beobachtung, was aus allen wissenschaftlichen Theorien und Deduktionen? Auf welcher Grundlage ist unser anscheinend gediegenstes Wissen dann noch aufgebaut? Und wenn die Dinge, von denen du berichtest, wahr sind, müssen wir nicht entweder an allem zweifeln oder alles glauben?
L u m e n : Diese und ähnliche Betrachtungen, lieber Freund, haben auch mich beschäftigt und gequält, aber sie hinderten doch nicht, daß das, was ich beobachtete, Wirklichkeit war. Als ich die Gewißheit erlangt hatte, daß wir vor unsern Augen das Jahr 1793 gegenwärtig hatten, dachte ich sofort daran, daß die Wissenschaft selbst, anstatt diese Wirklichkeit zu bekämpfen, — denn zwei Wahrheiten können ja nicht einander widersprechen, — mir die Erklärung dafür geben müsse. Ich befragte die Physik und harrte ihrer Antwort.
I c h : Wie, es wäre also eine wirkliche Thatsache?
L u m e n : Nicht nur eine wirkliche, sondern auch eine zu begreifende und zu beweisende. Ich werde sie dir auf astronomischen Wege erklären.
Zuerst prüfte ich die Lage der Erde im Sternbild des Altars, von dem ich dir schon sprach. Nachdem ich mich bezüglich des Polarsterns und des Thierkreises orientiert hatte, bemerkte ich, daß die Sternbilder von jenen, die man von der Erde aus sieht, nicht allzu verschieden waren, und daß, mit Ausnahme einiger besonderer Sterne, ihre Lage merklich die gleiche war. Orion regierte noch am irdischen ExÄquator; der Große Bär, in seinem Kreislauf aufgehalten, stand im Norden. Indem ich von den Koordinaten der scheinbaren, nunmehr unterbrochenen Bewegungen ausging, stellte ich fest, daß der Punkt, an dem ich die Gruppe der Sonne, der Erde und der Planeten sehen konnte, die siebzehnte Stunde der Rektascension d. h. ungefähr den 256. Grad bezeichnen müsse. (Ich hatte keine Instrumente, um eine genaue Messung vorzunehmen.) In zweiter Linie beobachtete ich, daß die Gruppe sich ungefähr 44 Grad vom Südpol befand. Diese Nachforschungen hatten den Zweck, den Stern festzustellen, auf dem ich mich befand, und führten mich zu der Schlußfolgerung, daß dieser sich ungefähr im 76. Grad der rechten Rektascension und im 46. der nördlichen Deklination befinden müsse. Andrerseits hatte ich durch den Greis erfahren, daß der Stern, auf dem wir uns aufhielten, nicht sehr weit entfernt von der Sonne sei, da diese zu seinen Nachbarsternen gehöre. Mit Hilfe dieser Angaben konnte ich mich leicht erinnern, welcher Stern mit der angeführten Lage übereinstimme; ein einziger kam in Betracht: es war ein Stern erster Größe, Alpha im Fuhrmann, auch Capelle oder Ziege genannt. Es blieb nicht der geringste Zweifel über diesen Punkt.
Ich befand mich also auf einer der Welten, die zum System dieses Sternes gehören; von hier aus macht die Sonne den Eindruck eines einfachen Sternes, der in Folge seines Laufes sich perspektivisch vor und in das Sternbild des Altars gestellt hat, das für einen Bewohner der Erde genau gegenüber dem des Fuhrmanns steht. Ich erinnerte mich, daß ein mir befreundeter russischer Astronom die Parallaxe dieses Sternes ausgerechnet hat, und daß sie 0«,046 betrug. — Ich näherte mich rasch der Lösung des Rätsels, und mein Herz schlug vor Freude.
Jeder Geometer weiß, daß die Parallaxe mathematisch die Entfernung in Einheiten der angewandten Größe anzeigt. Ich mußte mich also deutlich erinnern, welche Entfernung diesen Stern von der Erde trennt, und sie nötigenfalls ausrechnen können. Es genügte, zu suchen, welche Zahl 0",046 entspricht.*
* Jedermann weiß, daß, je weiter entfernt ein Gegenstand ist, er um so kleiner erscheint. Ein Gegenstand, der unter dem Winkel von nur einer Sekunde erscheint, ist 206 265 mal weiter entfernt, als er groß ist, wie groß er auch sei; denn es giebt 1 296 000 Sekunden in einer Kreislinie, und diese beträgt im Verhältnis zum Durchmesser 3,14159; es ist aber 1 296 000 / 3,14159 x 2 = 206 265. Da die Capella den Radius der irdischen Planetenbahn nur in einem 22 mal kleinern Winkel sieht, ist ihre Entfernung 22 mal größer. Folglich ist diese 4 484 000 mal so groß als der Radius der Erdbahn. Die zukünftigen mikrometrischen Messungen werden vielleicht die Zahlen dieser Parallaxe modifizieren, aber sie werden nichts an dem Prinzip ändern, nach welchem der Entwurf dieser Arbeit aufgebaut ist.
In Millionen von Meilen ausgedrückt, beläuft sich diese Zahl auf 170 392 000. Die Entfernung des Gestirns, auf dem ich mich befand, beträgt also 170 Billionen 392 Milliarden Meilen. Die Hauptsache war gethan und das Problem zu dreiviertel gelöst. Jetzt aber kommt der Kernpunkt, auf den ich deine ganz besondere Aufmerksamkeit lenken muß, denn in ihm liegt die Erklärung der merkwürdigsten aller Thatsachen.
Du weißt, daß das Licht die Entfernung von einem Orte zum andern nicht augenblicklich durchmißt, sondern Zeit dazu gebraucht. Du hast früher schon bemerkt, daß, wenn man einen Stein in ein ruhiges Wasser wirft, eine Reihe von wellenförmigen Bewegungen sich nach und nach um den Punkt bildet, wohin der Stein gefallen. Ebenso ist es mit dem Ton in der Luft, wenn er von einem Punkt zum andern dringt, und so auch mit dem Licht im Weltenraume; es pflanzt sich fort von Ort zu Ort, in ununterbrochenen, wellenförmigen Bewegungen.
Das Licht eines Sternes bedarf also einer gewissen Zeit, um zur Erde zu gelangen, und diese Zeit hängt ab von der Entfernung, welche den Stern von der Erde trennt.
Der Ton durchläuft 340 m in der Sekunde.
Ein Kanonenschuß wird von den Artilleristen, die neben dem Geschütze stehen, sofort — von denen, die 340 m entfernt stehen, eine Sekunde später, von denen, die einen Kilometer weit entfernt sind, 3 Sekunden nachher vernommen; für die, welche 4 km entfernt sind, beträgt die Verspätung 12 Sekunden, für die zehnmal weiter Stehenden bereits 2 Minuten; und 5 Minuten für die, welche in einer Entfernung von 100 km noch diesen künstlichen Donnerschlag hören können.
Das Licht pflanzt sich mit einer viel größern Geschwindigkeit fort, aber doch auch nicht plötzlich, wie die Alten glaubten; es durchläuft 300 000 km in der Sekunde und würde die Weltkugel achtmal in einer Sekunde umkreisen, wenn es sich im Kreise bewegen könnte. Es braucht 1¼ Sekunde, um vom Monde, 8 Minuten 13 Sekunden, um von der Sonne, 42 Minuten, um vom Jupiter, 2 Stunden, um vom Uranus, und 4 Stunden, um vom Neptun zur Erde zu gelangen. — Wir sehen also die Himmelskörper nicht so, wie sie im Augenblick sind, in dem wir sie beobachten, sondern so, wie sie waren, als das Licht, das uns jetzt erreicht, von ihnen ausging. Wenn z. B. ein Vulkan auf den ebengenannten Welten zum Ausbruch gelangte, so würden wir seine Flammen erst 1¼ Sekunde nach dem Beginn des Ausbruchs sehen, wenn es sich um den Mond, 42 Minuten später, wenn es sich um den Jupiter, 2 Stunden später, wenn es sich um Uranus, und 4 Stunden später, wenn es sich um Neptun handelte. Wenn wir uns jenseits des Planetensystems versetzen, sind die Entfernungen ungleich größer, und die Verspätung des Lichtes weit bedeutender. So braucht das Licht, das von dem uns nächsten Fixstern Alpha im Centaur ausgeht, mehr als 4 Jahre, um zu uns zu gelangen, das des Sirius 10 Jahre, um den Raum zu durchlaufen, der uns von dieser Sonne trennt.
Da nun die Entfernung der Capella von der Erde die obengenannte Zahl beträgt, ist es leicht auszurechnen, wieviel Zeit das Licht braucht, um diesen Zwischenraum zu durchlaufen bei einer Geschwindigkeit von 300 000 km in der Sekunde; das Resultat ergiebt 71 Jahre 8 Monate und 24 Tage. So langer Zeit bedarf das Licht, um in ununterbrochenem Laufe von der Capella zur Erde zu gelangen; ebenso erreicht der Lichtstrahl, der von der Erde ausgeht, den Stern erst in der gleichen Zeit.
I c h : Wenn also das Licht, das dieser Stern ausstrahlt, nahezu 72 Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, so zeigt er uns in diesem Augenblick das Bild des Gestirnes so, wie es vor 72 Jahren war.
L u m e n : Und diese Thatsache ist es gerade, worauf es ankommt.
I c h : Also, mit andern Worten, gleicht der Lichtstrahl einem Boten, der uns Nachrichten bringt über die Beschaffenheit des Landes, das ihn sendet, und der, wenn er 72 Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, uns das Land so schildert, wie es bei seinem Weggange war, d. h. nahezu 72 Jahre vor dem Augenblick, in dem er bei uns eintrifft.
L u m e n : Du hast die Sache erfaßt. Dein Vergleich zeigt mir, daß du den Schleier ein wenig gelüftet; um aber noch deutlicher zu reden, so ist der Lichtstrahl ein Bote, der uns nicht etwa geschriebene Nachrichten bringt, sondern vielmehr die Photographie oder, noch besser, das Bild selbst des Landes, von dem er kommt.
Wenn wir also mit dem Teleskop die Oberfläche eines Gestirns prüfen, so sehen wir diese Oberfläche nicht so, wie sie in dem Augenblick ist, in dem wir sie beobachten, sondern so, wie sie war, als das uns von dort zukommende Licht von dieser Oberfläche ausgesandt ward.
I c h : So also, daß, wenn ein Stern, dessen Licht z. B. zehn Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, heute plötzlich zerstört würde, wir ihn noch zehn Jahre lang sehen könnten, weil sein letzter Lichtstrahl uns erst in zehn Jahren erreichen würde.
L u m e n : Genauso ist es.
Es ist dies also eine erstaunliche U m w a n d l u n g v o n V e r g a n g e n h e i t i n G e g e n w a r t; für das beobachtete Gestirn ist es schon entschwundene Vergangenheit, für den Beobachter aber ist es Gegenwart. Die Vergangenheit des Gestirns ist thatsächlich die Gegenwart des Beobachters. Da das Bild der Welten sich von Jahr zu Jahr fast von einem Tag zum andern verändert, kann man sich dieses Bild so vorstellen, als wenn es sich in dem Weltraum weiter bewegte und sich der Unendlichkeit näherte, um sich den Augen ferner Bewunderer zu offenbaren. Jedem solchen Bilde folgt ein anderes Bild, und so immer weiter eine Reihe wellenförmiger Bewegungen, die die Vergangenheit der Welten in die Ferne tragen und den auf ihrem Wege staffelförmig aufgestellten Beobachtern zur Gegenwart gestalten. Was wir auf den Gestirnen als gegenwärtig zu sehen glauben, gehört schon der Vergangenheit an; was sich gegenwärtig dort vollzieht, das sehen wir noch nicht, das werden zum Teil erst unsere Nachkommen sehen.
Nicht die g e g e n w ä r t i g e Beschaffenheit des Himmels ist sichtbar, sondern seine f r ü h e r e G e s c h i c h t e . Es giebt Weltkörper, die schon seit zehntausend Jahren nicht mehr existieren, und die wir trotzdem sehen, weil das uns von ihnen zukommende Licht lange vor ihrer Zerstörung von ihnen ausgestrahlt wurde. — Mancher Doppelstern, dessen Natur und Bewegungen du mit tausend Mühen und Anstrengungen zu ergründen suchst, existiert schon nicht mehr, seit es Astronomen auf der Welt giebt. Wenn das sichtbare Firmament heute zerstört würde, man sähe es noch morgen, noch im folgenden Jahre, ja, man sähe es noch in hundert, tausend, hunderttausend und mehr Jahren, mit Ausnahme der uns zunächst liegenden Gestirne, die eines um das andere erlöschen würden, wenn die Zeit verflossen, deren ihre Lichtstrahlen bedürfen, um die uns von ihnen trennende Entfernung zu durchmessen. Zuerst würde Alpha im Centaur in vier Jahren erlöschen, Sirius in zehn Jahren u. s. w. —
Es wird dir nun ein Leichtes sein, lieber Freund, diese wissenschaftliche Theorie auf den seltsamen Vorgang anzuwenden, dessen Zeuge ich war. Wenn man von der Erde aus die Capella so sieht, wie sie vor 72 Jahren war, aber nicht, wie sie in dem Augenblick ist, da man sie beobachtet, so sieht man auch von der Capella die Erde mit einer 72jährigen Verspätung, da das Licht der gleichen Zeit bedarf, um die gleiche Entfernung zu durchmessen.
I c h : Ich bin deinen Erklärungen aufmerksam gefolgt, Meister; glänzt denn aber die Erde von weitem wie ein Stern, da sie doch kein eigenes Licht besitzt?
L u m e n : Sie strahlt im Weltenraume das Licht wieder, das sie von der Sonne erhält. Je größer die Entfernung, desto mehr gleicht unser Planet einem Sterne, indem all das Licht, das die Sonne auf seiner Oberfläche verbreitet, sich zu einer immer kleiner werdenden Scheibe konzentriert. So scheint auch seine Oberfläche, vom Monde aus gesehen, vierzehn mal so hell als die des Vollmondes, weil sie vierzehn mal größer ist, als diese; von der Venus aus betrachtet scheint sie so glänzend, wie Jupiter von der Erde aus gesehen. Den Bewohnern des Mars ist sie der Morgen- und Abendstern, der ihnen die gleichen Phasen darbietet, wie uns die Venus. Obwohl also die Erde kein eigenes Licht besitzt, leuchtet sie doch von ferne wie der Mond und die Planeten, durch das Licht, das sie von der Sonne empfängt und im Weltraum widerspiegelt. Ebenso wie die Vorgänge auf dem Neptun von der Erde aus, können auch die der Erde von der Planetenbahn des Neptun aus, nur mit einer vierstündigen Verspätung gesehen werden, und von der Capella aus zeigt sich die Erde mit einer Verspätung von nahezu 72 Jahren.
I c h : So fremd und neu diese Theorie auch für mich ist, so verstehe ich jetzt doch vollkommen, daß, als du dich auf der Capella befandest, du die Erde nicht so sahst, wie sie im Oktober 1864 zur Zeit deines Todes, sondern so, wie sie im Januar 1793 war, weil das Licht 71 Jahre und 8 Monate braucht, um den Abgrund zu überbrücken, der die Erde von diesem Stern trennt. Und ich erkenne ebenso klar, daß das, was du erblicktest, weder eine Vision noch ein GedächtnisPhänomen war, noch etwas Wunderbares oder gar Übernatürliches, sondern eine wirkliche, unzweifelhafte Thatsache. Erlaube mir aber noch eine nebensächliche Frage: um, von der Erde kommend, Zeuge dieses Vorgangs sein zu können, mußtest du doch die Entfernung von unsrer Erde zur Capella mit einer Geschwindigkeit durchlaufen haben, die größer als die des Lichtes selbst wäre.
L u m e n : Ich sagte dir schon, mir schien, als durchliefe ich diesen Raum mit der Schnelligkeit des Gedankens, und als hätte ich mich bereits an meinem Todestage auf dem Stern befunden, den ich während meines Aufenthaltes auf der Erde so sehr geliebt und bewundert habe.
I c h : Ach, Meister! Trotz dieser Erklärung scheint mir die Vision doch nicht weniger erstaunlich. Es ist in der That ein merkwürdiges Phänomen, in solcher Weise eine g e g e n w ä r t i g e V e r g a n g e n h e i t zu erblicken und sie sogar nur in dieser überraschenden Form zu sehen.
L u m e n : Das berechtigte Staunen, das du, lieber Freund, bei der Betrachtung dieser Thatsachen empfindest, ist so zu sagen nur ein Vorspiel dessen, das dich jetzt erfassen wird. Es scheint im ersten Augenblick sehr wunderbar, daß, wenn man sich weit genug in dem Weltenraum entfernt, man thatsächlich den Ereignissen vergangener Jahrhunderte beiwohnen und zum Ursprung der Vergangenheit zurückgehen kann. Aber das Merkwürdigste und Sonderbarste wirst du hören, wenn ich fortfahre, dir zu erzählen, was sich am Tage nach meinem Tode zutrug.
I c h : Ich bitte dich, sprich, ich bin begierig, noch mehr zu hören.
Nachdem ich meine Blicke von den blutigen Szenen des Revolutionsplatzes abgewandt hatte, fühlte ich sie von einem altmodischen Hause angezogen, das gegenüber der NotreDameKirche an der Stelle lag, an der sich jetzt der Vorplatz befindet. Vor der Eingangsthür gewahrte ich eine Gruppe von fünf Personen, die, ohne Kopfbedeckung, halb ausgestreckt auf den Holzbänken in der Sonne lagen. Als sie aufstanden, um auf dem Platze hin- und herzugehen, erkannte ich meinen Vater, jünger als ich ihn je gesehen, meine noch jüngere Mutter und einen meiner Vettern, der vor ungefähr zwanzig Jahren gleichzeitig mit meinem Vater starb. Im ersten Augenblick ist es schwer, die Personen zu erkennen, weil man, statt ihnen direkt ins Gesicht zu sehen, sie nur von oben gleichsam wie von einem höhern Stockwerk aus sieht. Ich war nicht wenig erstaunt über einen solchen Anblick und erinnerte mich dann, in meiner Kindheit gehört zu haben, daß meine Eltern vor meiner Geburt auf dem NotreDamePlatze gewohnt hatten.
Erstaunter als ich zu sagen vermag, fühlte ich meine Sehkraft erlahmen und unterschied nichts mehr. Gerade als ob eine Wolke sich über Paris gelegt hätte. Einen Augenblick glaubte ich, ein Wirbelwind trüge mich davon, übrigens hatte ich ja, wie du schon weißt, keinen rechten Begriff von der Zeit. — Als ich die Gegenstände wieder deutlicher sah, bemerkte ich eine Schar Kinder, die über den PanthéonPlatz liefen. Sie schienen mir aus der Schule zu kommen, trugen Hefte und Bücher bei sich und kehrten lachend und schreiend heim.
Zwei unter ihnen fielen mir besonders auf, weil sie sich beim Streiten erhitzt zu haben schienen und nun einen Kampf unter sich begannen. Ein dritter Junge näherte sich ihnen, um sie zu trennen, erhielt aber einen Schlag auf die Schulter, der ihn zu Boden warf ... Im selben Augenblick sah ich eine Frau auf das Kind zustürzen. Es war meine Mutter.
Ach, niemals, niemals während der 72 Jahre meines an Überraschungen, Zufällen und Wunderlichkeiten so reichen irdischen Lebens hatte ich eine Empfindung ähnlich der, die mich durchschauerte, als ich in diesem Kinde ... m i c h s e l b s t erkannte.
I c h : Dich selbst?
L u m e n : Mich selbst, mit meinem blonden Lockenkopf von sechs Jahren, mit dem Kragen, den die Hände der Mutter gestickt, die jetzt auf mich zulief, mit meiner kleinen himmelblauen Blouse und den immer zerknüllten Manschetten. Ich war es wirklich. Dasselbe Kind, dessen verwischtes Bild du auf dem kleinen Miniaturporträt auf meinem Kaminbrett gesehen. Meine Mutter kam herbei, nahm mich auf den Arm, schalt meine Kameraden und führte mich dann an der Hand nach unsrer Wohnung, die damals am Eingang der Rue d‹Ulm lag. Dann sah ich, daß, nachdem wir durch das Haus gegangen, wir uns beide in einem Garten befanden, in dem sich eine zahlreiche Gesellschaft aufhielt.
I c h : Erlaube mir, Meister, eine kritische Bemerkung. Ich muß gestehen, daß es mir unmöglich scheint, sich auf diese Weise selbst sehen zu können. Du kannst doch kein Doppelwesen sein. Da du 72 Jahre alt warst, war deine Kindheit vergangen, verschwunden, längst der Vernichtung anheimgefallen. Eine Sache, die nicht mehr ist, kann man auch nicht mehr sehen. Wenigstens begreife ich nicht, wie du als Greis dich selbst im Kindesalter erblicken konntest.
L u m e n : Aus welchem Grunde findest du dieses Faktum weniger glaubwürdig, als die vorhergehenden?
I c h : Weil man sich nicht doppelt sehen kann, zugleich als Kind und als Greis.
L u m e n : Du argumentierst nicht ganz richtig, lieber Freund. Du hast die allgemeine Thatsache genügend erfaßt, um sie gelten zu lassen, begreifst aber nicht, daß dieser letzte besondere Fall vollkommen damit im Einklang steht. Du giebst zu, daß 72 Jahre vergehen müßten, damit das Bild der Erde zu mir gelange, und daß ich also die Welt so sehen mußte, wie sie vor 72 Jahren war. Du giebst ferner zu, daß, nachdem ich die Straßen jener vergangenen Epoche vor mir sah, ich gleichzeitig auch die Kinder erblicken mußte, die damals in diesen Straßen herumsprangen. Giebst du das zu?
I c h : Vollkommen.
L u m e n : Nun also, da ich diese Kinderschar sehe, und da ich mich damals darunter befand, warum soll ich mich nicht eben so gut sehen, wie ich die andern sehe?
I c h : Aber du bist doch jetzt nicht mehr unter ihnen!
L u m e n : Ich wiederhole dir, daß die ganze Schar heute nicht mehr existiert, aber ich sehe sie doch so, wie sie war, als der Lichtstrahl, der mich heute erreicht, von ihr ausging, und da ich die 15–18 Kinder, aus denen sich die Schar zusammensetzte, ganz deutlich unterscheide, ist doch kein Grund vorhanden, daß das Kind, welches ich selbst war, verschwinde, weil i c h es bin, der es sieht. Andere Beobachter werden es in Gesellschaft seiner Kameraden ebenfalls erblicken. Warum soll es eine Ausnahme geben, wenn i c h derjenige bin, der beobachtet. Ich sehe sie alle und sehe mich unter ihnen.
I c h : Ich hatte das nicht ganz erfaßt. Eigentlich ist es ja klar, daß, wenn du eine Kinderschar siehst, worunter du selbst dich befindest, du dich selbst eben so gut sehen mußt wie die andern.
L u m e n : Nun, dann begreifst du auch, in welch seltsames Erstaunen mich eine solche Erscheinung versetzen mußte. – Dieses Kind war also wirklich ich selbst, leibhaftig, wie man so bezeichnend zu sagen pflegt; ich selbst, im Alter von sechs Jahren. Ich sah mich gerade so gut, wie die Gesellschaft im Garten, die mit mir spielte, mich sah.
Das war keine Täuschung, keine Vision, kein Hirngespinst, keine Einbildung, — das war die Wirklichkeit selbst. Das war thatsächlich mein eigenes Ich, mein Geist, mein Körper. Ich befand mich da vor meinen Augen. Wären meine anderen Sinne so vollkommen gewesen wie mein Gesicht, ich meine, ich hätte mich hören, hätte mich greifen können. Ich sprang in dem Garten herum, um den kleinen Teich, den man mit einem Gitter umgeben hatte; nachher nahm mich mein Großvater auf den Schoß und ließ mich in einem dicken Buche lesen. Nein! ich unterlasse es, diese Eindrücke zu schildern. Wenn du in das innerste Wesen der Sache eingedrungen bist, wirst du sie selbst empfinden, und ich beschränke mich darauf, dir zu sagen, daß meine Seele noch nie von einem derartigen Erstaunen erfaßt worden war. Eine Betrachtung war es hauptsächlich, die mich stutzig machte: Ich sagte mir, dieses Kind bin also wirklich ich selbst; es lebt, wächst heran und soll noch weitere sechsundsechzig Jahre leben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieses Kind wirklich ich selbst bin, und andrerseits bin ich es doch auch, der sich hier befindet, der schon 72 Jahre auf der Erde gelebt hat, der denkt und alle diese Dinge vor sich sieht. E x i s t i e r e i c h d e n n d o p p e l t ? dort unten auf der Erde, hier im Weltraum — zwei ganze und doch getrennte Persönlichkeiten. Andere an demselben Platze wie ich würden dieses Kind im Garten ebenso sehen, wie ich es sehe, und könnten ebenso gut mich hier sehen.
Ich bin also doppelt da, das ist unleugbar. Meine Seele ist in diesem Kinde und ist ebenso hier: es ist die gleiche Seele, meine einzige Seele, und doch belebt sie diese beiden Geschöpfe. Welch merkwürdige Thatsache! Und doch kann ich nicht sagen, daß ich mich einer Illusion hingebe, daß eine optische Täuschung mich irre leitet. Die Gesetze der Natur und der Wissenschaft zeigen mich mir zugleich als Kind und als Greis, dort und hier; dort sorglos und heiter, hier gedankenvoll und bewegt.
I c h : Merkwürdig, in der That!
L u m e n : Und doch wahr. Suche, ob du in der ganzen Schöpfung ein derartiges Paradoxon findest. Was soll ich meiner Erzählung jetzt noch hinzufügen? Ich verfolgte also auf diese Weise mein ganzes Leben in dem großen Paris. Ich sah mich heranwachsen, im Jahre 1804 ins Gymnasium eintreten und zum erstenmal die Waffen tragen, im Augenblick als der erste Konsul sich mit der Kaiserwürde bekleidete. Bei einer Revue, die er abhielt, erkannte ich die gedankenschwere Herrscherstirne Napoleons und war umso froher, diesen an meinem jetzigen Beobachtungsfelde vorüberziehen zu sehen, als ich mich nicht erinnerte, ihn je während meines Lebens erblickt zu haben. —
Im Jahre 1810 sah ich mich als Abiturient des Polytechnikums während der Freistunden mit dem besten meiner Freunde, François Arago, plaudern. Dieser junge Mann gehörte schon damals der Akademie an und vertrat Monge an der Schule, wegen des Jesuitismus Binets, über den sich der Kaiser beklagt hatte. Ich durchlebte auf diese Weise nochmals meine herrlichen Jugendjahre in Gesellschaft Aragos und Humboldts, mit diesen Pläne für wissenschaftliche Forschungsreisen schmiedend, die letzterer später allein unternahm. Dann sah ich mich während der »Hundert Tage« rasch durch das kleine Gehölz des alten Luxembourg und durch die Gartenalleen der Rue Saint Jacques laufen und fand meine Geliebte unter dem blühenden Flieder auf mich warten. Süße Stunden des trauten Zusammenseins! Mit euren Herzensergüssen, eurem beredten Schweigen, mit all dem Zauber der ersten Liebe, — ihr alle zeigtet euch meinen erstaunten Blicken. Nicht als ferne, verschleierte Erinnerung, sondern als absolute Wirklichkeit.
Ich wohnte noch einmal dem Kampfe der Alliierten auf dem Hügel von MontMartre und ihrem Abstieg nach der Hauptstadt bei, sah die Statue der VendômeSäule unter dem Freudengeschrei der Menge herabstürzen und in das Lager der Engländer und Preußen geschleppt werden, sah die Zerstörung des Louvre und die Rückkehr Ludwigs XVIII., ich sah die Fahne von Elba vor meinen Augen im Winde flattern, und als ich später die einsame Insel, auf welcher der korsische Adler mit gebrochenen Flügeln festgekettet war, im atlantischen Ozean suchte, führte mir die Drehung des Erdballes Sankt Helena vor Augen, wo ich den Kaiser träumend am Fuße einer Sykomore fand.
So zogen die Jahre wie gegenwärtig an meinem Blick vorüber, und indem ich alle Stadien meines eignen Lebens, meine Verheiratung, meine Unternehmungen, meine Beziehungen zu andern, meine Reisen und meine Studien verfolgte, sah ich gleichzeitig auch die Entwicklung der zeitgenössischen Geschichte. Der Restauration Ludwigs XVIII. folgte die kurze Regierung Karls X. Die Julitage von 1830 zeigten mir ihre Barrikaden, und nicht weit vom Throne des Herzogs von Orleans sah ich die Säule der Bastille auftauchen. Rasch zogen diese achtzehn Jahre an mir vorüber; ich sah mich im Luxembourg zur Zeit, als man diese herrliche Anlage, die ich so sehr liebe, gerade eröffnete; ich sah Arago auf der Sternwarte und eine andächtige Menge sich an den Thoren des neuen Amphitheaters drängen, ich erkannte die Sorbonne von Cousin und Guizot. Plötzlich krampfte sich mir das Herz zusammen: ich sah den Leichenzug meiner Mutter, der stolzen, in ihren Urteilen vielleicht etwas zu strengen Frau, die ich aber trotzdem so unendlich geliebt habe.
Die eigentümliche kleine Revolution von 1848 überraschte mich nicht weniger, als da ich sie das erste Mal mit erlebte; auf dem Börsenplatze erkannte ich Lamorcière, der letztes Jahr starb; in den ChampsElysées Cavaignac, der schon seit fünf bis sechs Jahren verschollen ist. Ich beobachtete die Vorgänge des 2. Dezember von meiner Himmelsstation, wie ich es einst von meinem einsamen Turm aus gethan, und so folgten sich dann weiter die Ereignisse, die ich schon erlebt, nebst solchen, die mir bis jetzt unbekannt geblieben waren.
I c h : Zogen diese Ereignisse rasch an deinen Blicken vorüber?
L u m e n : Ich kann die Zeit nicht recht bemessen, aber so viel ist sicher, daß dieses ganze retrospektive Panorama in kaum einem Tage, vielleicht in wenigen Stunden vor mir auftauchte.
I c h : Hier hört mein Verständnis auf. Vergieb einem alten Freunde, daß er dich so lebhaft unterbricht. Aber wie ich mir die Sache vorstelle, scheint mir doch, als habest du die Ereignisse selbst, nicht etwa ihr Abbild sehen können. In Anbetracht der Zeit, die das Licht zu seiner Reise bedarf, konnten diese Ereignisse also wohl auf jenem entfernten Sterne verspätet in die Erscheinung gelangen, aber doch nur so, daß, wenn 72 irdische Jahre an deinen Blicken vorüberzogen, sie auch genau 72 Jahre hätten brauchen müssen, um dir zu erscheinen, und nicht nur einige Stunden. Sahst du das Jahr 1793 erst im Jahre 1864, so müßte dir das Jahr 1864 auch erst 1936 erscheinen.
L u m e n : Dein neuer Einwand, für den ich dir Dank weiß, ist sehr begründet und zeigt mir, daß du die Theorie der Sache vollständig erfaßt hast. Ich will dir jetzt auch erklären, warum ich nicht nötig hatte, nochmals 72 Jahre zu warten, um mein ganzes Leben wiederzusehen, sonders es, dank dem Einfluß einer geheimnisvollen Macht, thatsächlich in weniger als in einem Tage wieder erblicken konnte.
Indem ich meine Existenz auf die angegebene Weise verfolgte, gelangte ich zu den letzten Jahren, die durch die radikale Umwandlung, die Paris erfuhr, besonders bedeutsam waren. Ich sah unsre alten Freunde, sah dich selbst, meine Tochter mit ihren reizenden Kindern, meine Familie, meine Bekannten, und endlich kam der Augenblick, in dem ich mich auf meinem Totenbette liegen sah und meinem Ende beiwohnte.
Ic h w a r a l s o a u f d i e E r d e z u r ü c k g e k o m m e n . Meine Seele ging so auf in der Bewunderung dessen, was sie erfüllte, daß sie den Berg der Alten und die Capella rasch vergessen hatte; wie es im Traum oft zu geschehen pflegt, flog sie dem Ziel ihrer Blicke zu; ich bemerkte es nicht sofort, denn die seltsame Vision hielt alle meine Sinne gefangen. Ich kann dir auch nicht sagen, nach welchem Gesetz, noch durch welche Kraft sich die Seelen so rasch von einem Orte zum andern bewegen können. Thatsache ist, daß ich kaum eines Tages bedurfte, um auf die E r d e z u r ü c k z u g e l a n g e n , und daß ich mich im Augenblick, als man mich ins Leichentuch hüllte, in meinem Zimmer befand. Da ich auf dieser Rückreise den Lichtstrahlen vorausging, kürzte ich fortwährend die Entfernung, die mich von der Erde trennte. Das Licht hatte einen immer kleineren Weg zu durchlaufen und zog infolgedessen die Ereignisse immer näher zusammen. Und indem mir die Lichtstrahlen nach der Hälfte des Weges nur mit einer 36jährigen Verspätung entgegenkamen, zeigten sie mir nicht mehr die Erde von vor 72, sondern von vor 36 Jahren; nachdem ich drei Viertel des Weges zurückgelegt hatte, zeigten sich mir die Bilder nur mehr mit einer Verspätung von 18 Jahren, bei dem letzten Achtel sah ich alles nur noch um 9 Jahre später, als es sich ereignete, und so fort, so daß, infolge der raschen Wiederkehr meiner Seele, die den Lichtstrahlen vorausflog, sich meine ganze irdische Existenz in einen Tag zusammendrängte.
Sind dir während meiner Erzählung noch weitere Bedenken gekommen?[23]
23 Anm. d. Hrsg.: In der für den Textvergleich verwendeten französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900], S. 51) ist dem vorstehenden (mit »L u m e n:« eingeleiteten) Absatz der folgende Absatz vorangestellt, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»I c h : Diese Berechnung macht das Phänomen nicht weniger befremdlich.«
I c h : Dies war das letzte, oder vielmehr, es beschäftigte mich dermaßen, daß ich garnicht dazu kam, noch andere zu formulieren.
L u m e n : Ich werde dir zeigen, daß es doch noch einen Einwand giebt, und zwar vom astronomischen Standpunkt aus. Er hängt mit der Bewegung der Erde zusammen; denn nicht nur die tägliche Drehung des Erdballs hätte mich verhindern müssen, die Aufeinanderfolge der Ereignisse gut zu erfassen, sondern da diese Bewegung durch die Schnelligkeit, mit der ich zur Erde zurückkehrte, noch übermäßig beschleunigt wurde und 72 Jahre in weniger als einen Tag zusammendrängte, so hätte mir auch auffallen müssen, daß ich dessen garnicht gewahr wurde. Da ich indes nur eine relativ beschränkte Anzahl von Landschaften, Panoramen und Ereignissen wiedersah, ist anzunehmen, daß, indem ich auf unsern Planeten zurückkehrte, ich mich wahrscheinlich nur wenige Sekunden isoliert über den Punkten gehalten hatte, die mich nach einander interessiert haben. Wie dem auch sei, ich war genötigt, das unbestreitbare Faktum anzuerkennen und festzustellen, daß ich mühelos der raschen Aufeinanderfolge der Ereignisse des Jahrhunderts und meiner eignen Existenz beigewohnt hatte.
I c h : Dieser Umstand war auch mir nicht entgangen. Ich dachte mir aber, daß du dich im Weltenraum drehend weiterbewegt habest, wie ja auch ein Ballon durch die Drehung der Erde mit fortgerissen wird. Es ist wahr, daß die Schnelligkeit, die dich weitertrug, so groß hätte sein müssen, daß sie schwindelerregend gewesen wäre. Ich hielt aber trotzdem an dieser Hypothese fest, indem ich mich erinnerte, daß du mir gesagt, die Geister durchflögen den Weltenraum mit der Geschwindigkeit und Leichtigkeit des Gedankens, und indem ich mir ferner sagte, daß sowohl deine Sehkraft wie deine unbewußte Annäherung an die Erde nur eine Folge der gespannten Aufmerksamkeit war, die du dem Punkte des Erdballes schenktest, auf dem du dich sahst, und daß es doch nicht unmöglich war, daß du dich beständig über diesem einen Punkt gehalten.
L u m e n : Ich kann dir in dieser Hinsicht nichts bestätigen, da es mir selbst unbewußt blieb. Aber ich denke mir den Vorgang anders. Ich habe nicht alle Ereignisse meines Lebens, sondern nur eine beschränkte Anzahl der wichtigsten wiedergesehen, die, nacheinander staffelförmig aufgestellt, mir die Gesamtheit meiner Existenz darboten. Sie konnten sich alle im gleichen Gesichtskreise zeigen. Ich weiß nur, daß die ungeheute Aufmerksamkeit, die mich so mächtig und gewaltsam an die Erde fesselte, thatsächlich wie eine Kette auf mich wirkte, die mich zu ihr zurückführte, oder wie die noch so geheimnisvolle Macht der Anziehung der Sterne, auf Grund deren die kleinen Gestirne auf die größeren fallen würden, wenn sie nicht durch die Zentrifugalkraft in ihrer Planetenbahn festgehalten würden.
I c h : Wenn ich die Wirkung dieser Gedankenkonzentration auf einen einzigen Punkt und die Anziehungskraft, die dieser auf sie ausübt, in Erwägung ziehe, so glaube ich, daß dies auch die Haupttriebkraft im Mechanismus der Träume ist.
L u m e n : So ist es, mein Freund, und ich, der ich jahrelang die Träume zum Ziel meiner Beobachtungen und Studien gemacht habe, kann es dir bestätigen. Wenn die Seele, losgelöst von allen Rücksichten, Zerstreuungen und allen leiblichen Bestrebungen, im Traum ein Ding sieht, das sie reizt, und von dem sie sich angezogen fühlt, so verschwindet alles andere rings herum, es bleibt allein übrig als Mittelpunkt der Traumwelt. Das Ding gehört ganz und ausschließlich der Seele, die es bewundert, erfaßt, sich zu eigen macht.
Das ganze Weltall wird aus dem Gedächtnis ausgelöscht, um dem von der Seele wahrgenommenen Dinge die Alleinherrschaft zu lassen. Sie sieht nur dies allein, umwoben von Ideen und Bildern, die es erzeugt und nacheinander erscheinen läßt, gerade wie es mir bei meiner schnellen Rückkehr zur Erde erging.
I c h : Deine rasche Reise zur Capella beruht also ebenso wie deine nicht minder rasche Rückkehr zur Erde auf diesem psychologischen Gesetz, und du konntest dich noch freier bewegen als im Träume, da doch deine Seele befreit war von den körperlichen Fesseln. Ich entsinne mich in der That, daß du mir in unsern früheren Unterhaltungen oft von der Willensfreiheit gesprochen hast. So warst du also zu deinem Sterbebette zurückgekehrt, ehe noch deine irdische Hülle beerdigt war.
L u m e n : Ich war zurückgekehrt und segnete die aufrichtige Trauer meiner Familie, stillte den Schmerz deiner wunden Freundesseele, bemühte mich, meinen Kindern die Gewißheit einzuflößen, daß diese körperliche Hülle nicht mehr ich selbst sei, und daß die Sphäre der Geister, der unermeßliche, unerforschliche Himmel, nun meine Heimat. Ich wohnte meiner Beerdigung bei und bemerkte, daß viele von denen, die sich meine Freunde genannt, um einer geringfügigen Abhaltung willen sich nicht einmal die Mühe nahmen, meine sterbliche Hülle zu ihrer letzten Ruhestatt zu geleiten. Ich lauschte den Gesprächen jener, die meinem Sarg folgten und trotzdem wir in dieser Region des Friedens nicht mehr nach Lob geizen, fühlte ich mich doch glücklich, zu erkennen, daß mein Aufenthalt auf der Erde bei allen in gutem Andenken stand.
Nachdem die Gruft geschlossen und die Welt der Toten von der der Lebenden getrennt war, verabschiedete ich mich zum letztenmal von meinem armen entschlafenen Körper, und als die Sonne in ihr goldbefranstes Purpurbett hinabstieg, verweilte ich bis zur sinkenden Nacht in der Erdatmosphäre, ganz erfüllt von Bewunderung der herrlichen Schauspiele, die sich mir in diesen Regionen darboten. Das Silberband des Nordlichts breitete sich über den Nordpol aus; die Cassiopeia sandte Schwärme von Sternschnuppen hernieder, im Osten ging, gleich einer aus den Wogen tauchenden neuen Welt, langsam der Vollmond auf. Ich sah die funkelnde Capella, die mich mit ihren reinen, lebhaften Blicken anschaute, und unterschied die Strahlenkrone, die sie umgab, himmlische Fürsten um eine Gottheit. Dann vergaß ich aufs neue der Erde, des Mondes, des Planetensystems, der Sonne und der Kometen, um ganz allein der intensiven Anziehung des glänzenden Sternes zu gehorchen, und fühlte mich durch die Macht meines Wunsches mit einer Schnelligkeit, die größer war als die des elektrischen Stroms, zu ihm hingetragen. Nach einem Zeitraum, dessen Dauer ich nicht feststellen kann, gelangte ich zu demselben Ringe und demselben Berge, auf dem ich tags zuvor gelandet war, und sah die alten Männer damit beschäftigt, die Geschichte der Erde mit 71 Jahren und 8 Monaten Verspätung zu verfolgen. Sie sahen gerade die Ereignisse in der Stadt Lyon am 22. Januar 1793. Soll ich dir gestehen, welches die geheimnisvolle Ursache der Anziehungskraft der Capella für mich war? O Wunder! Es giebt in der Schöpfung unsichtbare Bande, die nicht wie die irdischen zerreißen, geheime Verbindungen, die ungeachtet der Entfernung die Seelen vereinigen.
Am Abend dieses zweiten Tages, als der smaragdene Mond in den dritten Goldring eintrat (das ist das Zeitmaß auf den Gestirnen), sah ich mich auf einer ganz von Blumen und Duft erfüllten einsamen Straße. In Träume versunken wandelte ich einige Minuten auf ihr, da sah ich plötzlich meine schöne geliebte Eivlys auf mich zukommen.
Ich sah sie auf mich zukommen.
Sie stand im vorgeschrittenen Alter wie zur Zeit ihres Todes, und trotz ihres veränderten Aussehens war in ihren Zügen noch die Güte und Offenherzigkeit zu erkennen, die sie während ihres ganzen Lebens ausgezeichnet hatten. Ich will nicht versuchen, dir das Glück unsrer Wiedervereinigung zu schildern, es ist hier nicht der Ort dazu, und vielleicht, lieber Freund, ist es uns eines Tages beschieden, uns über die Neigungen, die wir im Jenseits empfinden und die auf die irdischen folgen, zu unterhalten. Ich erwähne diese Begegnung nur mit Rücksicht auf unsre These und füge hinzu, daß Eivlys und ich zusammen vom Himmel aus die Erde suchten, unser Adoptivvaterland, in dem wir so friedliche Tage verlebt hatten. Es gewährte uns Freude, unsre Blicke nach einem leuchtenden Punkt zu wenden und dort, dank unsrer gegenwärtigen Lage, eine Welt zu unterscheiden. Wir suchten die Vergangenheit unsrer Erinnerung mit der uns auf den Schwingen des Lichts zugetragenen Gegenwart zu vereinigen; in der glühenden Begeisterung, in die uns dieses seltsame, für uns so neue Schauspiel versetzte, sahen wir die Ereignisse unsrer Jugend wieder vor uns erscheinen. So erlebten wir nacheinander von neuem die glücklichen Jahre unsrer ersten Liebe in dem Pavillon des blühenden Klostergartens, die reizenden Spaziergänge und Ausflüge, die wir beide allein in der Umgebung von Paris unternommen. Um dies alles wiederzusehen, genügte es, daß wir uns im Weltenraum in der Richtung zur Erde weiterbewegten bis zu den Regionen, in denen diese durch das Licht dahingetragenen Bilder gleichsam photographiert waren.
Ich habe dir, lieber Freund, nun dieses seltsame Erlebnis wie versprochen mitgeteilt. Jetzt aber meldet sich die Morgenröte: Lucifer erbleicht schon in der rosigen Morgendämmerung. Ich kehre zu den Sternen zurück.
I c h : Noch ein Wort, Lumen, ehe wir dies Gespräch beschließen. Wenn die irdischen Bilder sich nur nacheinander im Weltenraume fortpflanzen, müßte es doch eigentlich für die darin staffelförmig aufgestellten Beobachter eine dauernde Gegenwart geben bis zu der Grenze, die allein durch die Macht des geistigen Gesichts begrenzt wird.
L u m e n : Ja, mein Freund. Stellen wir z. B. einen ersten Beobachter in der Entfernung des Mondes auf, so wird er die irdischen Ereignisse 1¼ Sekunde, nachdem sie sich vollzogen, sehen. Für einen zweiten in der vierfachen Entfernung wird die Verspätung 5 Sekunden betragen; ein dritter wird sie in 10 Sekunden nach ihrem Vollzuge, und ein vierter, in einer abermals verdoppelten Entfernung Stehender, sie erst nach 20 Sekunden sehen u. s. w.
Von der Sonne aus beträgt die Verspätung schon fast 8 Minuten 13 Sekunden; — von einzelnen Planeten aus mehrere Stunden; noch weiter sind es schon ganze Tage, und weiter, immer weiter Monate, Jahre. — Auf Alpha im Centauren sieht man die irdischen Dinge erst vier Jahre und sechs Monate, nachdem sie überhaupt nicht mehr sind; und es giebt Sterne, die soweit entfernt sind, daß uns ihr Licht erst nach hunderten, tausenden, Nebelsterne, deren Licht uns erst nach Millionen von Jahren erreicht.
I c h : Um also Zeuge eines historischen oder geologischen Vorgangs der Vergangenheit zu sein, brauchen wir diese durchdringenden Blicke nur weit genug zu entfernen. Vielleicht könnte man auf diese Weise die Sintflut, das Paradies, Adam u. s. w. wiedersehen und ...
L u m e n : Ich sagte dir schon, lieber Freund, daß das Erscheinen der Sonne auf der Hemisphäre die Geister in die Flucht schlägt. Ein zweites Gespräch wird uns eines Tages erlauben, uns noch eingehender in ein Thema zu vertiefen, von dem ich dir heute nur einen allgemeinen Umriß geben konnte, das aber reich ist an neuen Gesichtspunkten. Die Sterne rufen mich, schon sind sie verschwunden. Leb wohl, mein Freund, lebe wohl!
Die Offenbarungen, die durch den Sonnenuntergang unterbrochen wurden, haben seit langem in meiner Seele den Wunsch erweckt, tiefer in dieses merkwürdige Geheimnis einzudringen. Wie ein Kind, dem man eine saftige Frucht gezeigt, gierig ist hineinzubeißen, und, hat es einmal davon gekostet, immer noch mehr möchte, so sucht meine Neugierde nach immer neuen Genüssen in den Paradoxen der Natur. Ist es allzu kühn, dir einige ergänzende Fragen vorzulegen, die mich und meine Freunde seit dem Tage beschäftigt, an dem ich ihnen von unsern Gesprächen erzählte, und darf ich dich bitten, mit den Berichten deiner überirdischen Erlebnisse fortzufahren?
L u m e n : Ich kann eine solche Neugierde nicht ganz billigen, lieber Freund. Wie gründlich deine Seele auch darauf vorbereitet sein mag, meine Worte zu erfassen, so bin ich doch sicher, daß die Eigenheiten des besprochenen Gegenstandes dir nicht alle den gleichen Eindruck gemacht haben, und du nicht überzeugt von der Wahrheit aller bist. Man beschuldigte meine Berichte eines mystischen Beigeschmacks und hat nicht verstanden, daß es sich dabei weder um einen Roman noch um eine Erdichtung der Phantasie handelt, sondern um eine wissenschaftliche Wahrheit, um eine unbestreitbare physikalische Thatsache, die beweisbar und bewiesen und eben so wirklich ist, wie das Fallen eines Meteorsteins oder die Bewegung einer Kanonenkugel. Der Grund, der dich und deine Freunde verhindert, die Wahrheit der Thatsache ganz zu erfassen, liegt darin, daß diese Thatsachen sich außerhalb der Erde zugetragen in einer eurer Empfindungssphäre und euren irdischen Sinnen unzugänglichen Region. Es ist natürlich, daß euer Verständnis seine Grenzen hat (verzeih' meine Aufrichtigkeit, aber in der Welt der Geister ist man offen, selbst die Gedanken sind sichtbar), ihr könnt eben nur verstehen, was zu eurer Empfindungswelt gehört, und wir ihr geneigt seid, eure Begriffe von Zeit und Raum für a b s o l u t e zu halten, wo sie doch nur r e l a t i v e sind, so verschließt ihr euch auch den Wahrheiten, die außerhalb eurer Sphäre liegen, und die nicht euren organischen, irdischen Fähigkeiten entsprechen. Ich würde dir deshalb auch keinen wirklichen Dienst leisten, lieber Freund, wenn ich mit den Erzählungen meiner überirdischen Beobachtungen fortführe.
I c h : Glaube mir, Lumen, es ist nicht bloße Neugierde, die mich veranlaßt, dich aus der unsichtbaren Geisterwelt, in der die erhabenen Seelen unaussprechliche Wonnen genießen, herabzubeschwören. Ich habe aber die Größe des Problems besser erfaßt, als du mir zutraust, und wenn ich nach immer neueren, immer kühneren und unverständlicheren Gesichtspunkten fahnde, so treibt mich nur mein Wissensdurst dazu. Durch Nachdenken bin ich dahin gelangt, zu glauben, daß das, was wir wissen, nichts, — das, was wir nicht wissen, a l l e s ist. Ich bin also bereit, deine Mitteilungen aufzunehmen, und flehe dich an, mich deine Eindrücke teilen zu lassen.
L u m e n : Lieber Freund, du bist entweder nicht genügend vorbereitet, sie zu empfangen, oder du bist es zu viel; im ersten Falle würdest du sie nicht verstehen, im zweiten wärest du zu leichtgläubig und würdest die Bedeutung dieser Eindrücke nicht genügend schätzen. So kehre ich also zurück ...
I c h : O mein teurer Lebensgefährte! ...
L u m e n : Zudem sind die Dinge, von denen ich dir jetzt zu berichten hätte, noch außergewöhnlicher, als die vorhergehenden.
I c h : Ich leide Tantalusqualen, es geht mir wie den Geistern im 24. Gesang des »Fegefeuer«, wie den Hesperiden, die ihre Arme nach den duftenden Äpfeln ausstrecken, wie Eva ...
L u m e n : Nachdem ich also die Erde verlassen, und sich mein geistiges Auge trauernd nach dieser Heimat zurückwandte, zeigte sich mir bei eingehender Prüfung des Punktes, wo sich der 45. Grad nördlicher Breite und der 35. Längengrad schneiden, ein dreieckiges Stück grauen, festen Landes, an dessen östlicher Grenze eine Anzahl meiner armen irdischen Brüder sich gegenseitig hinmordeten. Ich fing an, über die sogenannte glorreiche und doch so barbarische Institution des Krieges nachzudenken, und erkannte, daß in diesem Winkel der Krim 800 000 Menschen umkamen, ohne nur den Grund ihres gegenseitigen Hinschlachtens zu kennen. Wolken zogen über Europa hin.
Ich befand mich jetzt nicht etwa auf der Capella, sondern im Weltenraume, in der halben Entfernung der Wega zwischen Capella und Erde, und nachdem ich diese seit kurzem verlassen, wandte ich mich gegen einen Sternhaufen, den man von der Erde aus links von der Wega sieht. Meine Gedanken kehrten von Zeit zu Zeit zur Erde zurück. Bald nachdem ich die Beobachtungen gemacht, von denen ich eben gesprochen, wandte ich meine Blicke nach Paris und war überrascht, es einem Volksaufstand preisgegeben zu sehen. Bei genauerer Prüfung erblickte ich auf den Boulevards nächst dem Hôtel de ville Barrikaden und sah die Bürger sich gegenseitig erschießen. Mein erster Gedanke war, daß eine neue Revolution sich unter meinen Augen abspiele und Napoleon III. vom Throne gestürzt worden sei. Durch eine geheime Seelenverbindung wurden meine Blicke aber auf eine Barrikade des Faubourg St. Antoine gelenkt, auf der ich den Erzbischof DenisAuguste Affre ausgestreckt sah, den ich einst flüchtig gekannt hatte; seine erloschenen Augen richteten sich zum Himmel, wo ich mich befand. Seine Hand hielt einen grünen Zweig. Ich hatte also die Tage von 1848 und speziell den 25. Juni vor mir. Es vergingen einige Minuten — vielleicht auch einige Stunden — während welcher meine Einbildungskraft und meine Vernunft abwechselnd nach einer Erklärung für die merkwürdige Thatsache suchten, daß ich das Jahr 1848 n a c h dem Jahre 1854* sah, als meine Blicke aufs neue von der Erde angezogen wurden und ich auf einem großen Platze der Stadt Lyon eine Verteilung von Tricoloren bemerkte.
* Das Jahr des vorhin erwähnten Krimkrieges.
Indem ich die Persönlichkeit zu erkennen suchte, die diese Verteilung vornahm, gelang es mir, die Uniformen zu unterscheiden, und ich erinnerte mich, daß man nach der Thronbesteigung Louis Philippes den jungen Herzog von Orléans nach Lyon geschickt hatte, um den dort herrschenden Aufstand zu unterdrücken. Daraus folgt also, daß ich jetzt n a c h 1854 und 1848 ein noch früheres Ereignis, nämlich aus dem Jahre 1838 [24], vor mir hatte. Dann fiel mein Blick auf Paris, das gerade ein öffentliches Fest feierte; ein dicker König mit Schmeerbauch und kupferroter Nase saß in einer prächtigen Kalesche, die gerade über den Pont neuf fuhr. Das Wetter war herrlich. Auf dem Brückendamm waren weißgekleidete junge Mädchen wie ein Korb voll weißen Flieders aufgestellt. Offenbar feierte man die Rückkehr der Bourbonen nach Frankreich. Fremdartige, hellbemalte Tiere flogen über Paris hin, eine Absonderlichkeit, die ich nur verstand, indem ich mich erinnerte, daß man damals eine große Anzahl Luftballons in Form von Tieren hatte aufsteigen lassen. Vom Himmel oben sah es aus, als flögen sie ungeschickt über die Dächer hin. Dank den Gesetzen des Lichts hatte ich begriffen, wie man ein längst vergangenes Ereignis wieder erblicken könne, aber die Ereignisse in umgekehrter Reihenfolge vor sich auftauchen zu sehen, das war doch zu phantastisch und versetzte mich in immer größeres Erstaunen.
[24] Anm. d. Hrsg.: In der für den Textvergleich verwendeten französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900], S. 65) und auch in den übrigen dem Hrsg. vorliegenden LumenAusgaben wird die Jahreszahl richtig mit »1831« angegeben.
Trotzdem konnte ich die Thatsache nicht leugnen, nachdem ich sie vor Augen gehabt hatte. Ich suchte also nach einer Hypothese, die eine solche Absonderlichkeit erklären könnte. Zuerst kam ich auf folgende Hypothese: es ist wirklich die Erde, die ich sehe, und durch eine Bestimmung, deren geheime Ursache Gott allein kennt, wiederholen sich in der Geschichte Frankreichs nochmals alle Phasen, die sie schon durchlaufen. Sie hat einen Höhepunkt erreicht, auf dem sie soeben unter den Augen der erstaunten Völker geglänzt hat, und kehrt nun zu ihrem Ursprung zurück kraft einer Schwingung, die die Menschheit beherrscht, gleich der Kraft, die die Magnetnadel in Bewegung setzt oder der, die den Lauf der Sterne regiert.
Die Persönlichkeiten, die ich hier für den Herzog von Orléans und Ludwig XVIII. hielt, sind vielleicht andere Fürsten, die genau das wiederholen, was ihre Vorgänger gethan haben.
Diese Hypothese schien mir indes doch sehr unwahrscheinlich, und ich hielt mich an eine rationellere. Die Menge der Fixsterne und der Planeten, die um erstere kreisen, sei gegeben. Ich fragte mich nun, welche Wahrscheinlichkeit bestehe, daß sich im Weltenraum noch eine der Erde völlig gleiche Welt befinde. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung giebt Antwort auf diese Frage. Je größer die Zahl der Welten, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß die Naturkräfte einen der Erde völlig gleichen Organismus hervorgebracht haben. Die wirkliche Zahl der Welten übertrifft aber alle menschliche Berechnung. Hätten wir einen Begriff von der Unendlichkeit, so könnten wir vielleicht sagen, daß die Zahl dieser Welten eine unendliche sei, und es ergiebt sich daraus eine große Wahrscheinlichkeit zu Gunsten des Vorhandenseins einer oder mehrerer der Erde völlig gleichen Welten, auf deren Oberfläche sich die gleiche Geschichte und die gleiche Aufeinanderfolge von Ereignissen abspielen, auf der sich genau dieselben vegetabilischen und animalischen Arten, dieselbe Menschheit, dieselben Menschen und Familien befinden könnten.
Zweitens fragte ich mich, ob diese der Erde analoge Welt ihr nicht vielleicht s y m m e t r i s c h sein könnte. Hiermit geriet ich in die Geometrie und die metaphysische Theorie der Bilder und gelangte zu der Überzeugung, daß es m ö g l i c h sei, daß die in Frage stehende Welt der Erde zwar ähnlich sei, aber spiegelbildlich entgegengesetzt. Wenn du in einen Spiegel schaust, so bemerkst du, daß der Ring deiner rechten Hand sich am Ringfinger deiner linken befindet, daß, wenn du mit dem rechten Auge blinzelst, dein Doppelgänger im Spiegel es mit dem linken tut, wenn du den rechten Arm ausstreckst, dein Spiegelbild den linken bewegt. Ist es unmöglich, daß sich in der Unzahl von Gestirnen eine der irdischen Welt genau entgegengesetzte befinde? Ist nicht vielmehr anzunehmen, daß es in dieser Unendlichkeit statt einer vielleicht tausende solcher Welten giebt? Ich dachte also, daß die Welt, auf der ich all dies sah, nicht die Erde sei, sondern eine ihr gleiche Kugel, deren Geschichte sich genau in der entgegengesetzten Ordnung abspiele.
I c h : Ich hatte selbst schon den gleichen Gedanken; indem du die astronomische Lage des Weltkörpers prüftest, konntest du doch leicht feststellen, ob es die Erde, oder ein anderer Stern sei, den du vor Augen hattest.
L u m e n : Das that ich auch sofort, und die Prüfung bestätigte meine Annahme. Der Stern, auf dem ich die vier Ereignisse bemerkt hatte, die denen glichen, welche sich auf der Erde abspielten, sich mir aber in umgekehrter Reihenfolge zeigten, schien mir nicht mehr die ursprüngliche Lage zu haben. Das kleine Sternbild des Altar war verschwunden, und nach der Seite des Himmels, wo mir während meiner ersten Episode die Erde erschienen war, befand sich nun ein unregelmäßiges Vieleck von unbekannten Sternen. So erlangte ich die Gewißheit, daß es nicht unsere Erde war, die ich vor Augen hatte. Jeder Zweifel schien ausgeschlossen, und ich überzeugte mich, daß das Gestirn, welches ich jetzt vor mir sah, ein umso merkwürdigerer Weltkörper war, als es nicht die Erde war und doch ihre Geschichte, die Geschichte unseres Erdballs, nur in umgekehrter Reihenfolge, darzustellen schien.
Einzelne Ereignisse freilich schienen mir keine Gegenstücke auf der Erde gehabt zu haben; im allgemeinen war aber die Übereinstimmung umso bemerkenswerter, als die Verachtung, die ich für die Institution des Krieges empfand, mich hatte hoffen lassen, eine so niederträchtige Thorheit existiere nicht auf andern Welten, und als im Gegenteil die meisten Ereignisse, deren Zeuge ich war, wieder Kämpfe oder Vorbereitungen zu solchen waren.
Nach einer Schlacht, die der bei Waterloo sehr ähnlich schien, sah ich den Kampf bei den Pyramiden. Ein Doppelgänger des Kaisers Napoleon war erster Konsul geworden, und die Revolution folgte dem Konsulate. Dann bemerkte ich auf dem Schloßplatze von Versailles eine Menge Trauerwagen, und auf einem Fußweg von Ville d‹Avray erkannte ich den langsamen Gang des Botanikers Jean Jacques Rousseau, der vielleicht gerade über den Tod Ludwigs XV. philosophierte. Das Ereignis, das meine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war eines der Galafeste am Hofe des jungen Ludwig XV., ein Fest, ähnlich denen der Regentschaft, wo der Kronschatz Frankreichs gleich Wassertropfen durch die Hände von drei oder vier vergötterten Kourtisanen glitt. Ich sah Voltaire mit seiner baumwollenen Zipfelmütze im Park von Ferney und später Bossuet auf der Terrasse seines erzbischöflichen Palais zu Meaux. In der gleichen Reihenfolge der Ereignisse sah ich die Straßen mit Postwagen bedeckt und auf den Meeren große Segelschiffe; der Dampf und alle Fabriken, die er heutzutage in Bewegung setzt, waren verschwunden, verschwunden auch der Telegraph und alle Anwendung der Elektrizität, sowie die Luftballons, die sich von Zeit zu Zeit in meinem Beobachtungsfelde gezeigt hatten; der letzte, der sich meinen Blicken darbot, war der unförmige Ballon, den die Brüder Montgolfier in Gegenwart der Generalstaaten in Annonay aufsteigen ließen. Die Erde trug ein anderes Gesicht. Paris, Lyon, Marseilles, Havre und besonders Versailles waren nicht zu erkennen. In ersteren war jedes rege Leben erloschen, letzteres erstrahlte in unbeschreiblichem Glanze. Ich hatte mir immer nur eine ungenügende Vorstellung von der königlichen Pracht der Versailler Feste gebildet und war nun froh, ihnen beiwohnen zu können und auf der herrlichen östlichen Terrasse Ludwig XIV. in eigener Person zu erkennen.
Es war Abend, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten sich in der Fassade des königlichen Schlosses. Galante Paare stiegen gravitätisch die Marmorstufen herab, oder lustwandelten in den stillen, dämmrigen Alleen.
Meine Augen weilten mit Vorliebe auf Frankreich oder wenigstens auf der Region der unbekannten Welt, die für mich Frankreich darstellte. Man mag weit, weit, noch so weit entfernt von der Heimat sein, man gedenkt ihrer doch stets besonders gern. Glaube nicht, daß die vom Körper befreiten Seelen gleichgiltig gegen alles Irdische, losgelöst von jedem Erinnern seien. Welch‹ traurige Existenz hätten wir alsdann! Nein, wir besitzen nach wie vor die Fähigkeit, uns zu erinnern, und unser Herz geht nicht unter im Leben des Geistes. So begreifst du wohl selbst am besten, welchen Genuß es mir gewährte, die Geschichte Frankreichs sich vor meinen Augen abspielen zu sehen, als ob ihre Phasen sich in umgekehrter Reihenfolge vollzogen hätten. Nach der Verbrüderung der Völker sah ich die Alleinherrschaft eines Potentaten. Nach dieser die fürstliche Feudalherrschaft. Mazarin, Richelieu, Ludwig XIII. und Heinrich IV. erschienen in SaintGermain. Die Bourbonen und die Guisen begannen für mich nochmals ihre Kämpfe; ich glaubte die Bartholomäusnacht zu sehen. Dann tauchten einige besondere Ereignisse der Geschichte unserer Provinz vor mir auf: vor der Kirche SaintJean z. B. eine Teufelei Chaumonts und die Ermordung der Protestanten in Vassy. Menschliche Tragikomödie! Plötzlich sah ich im Weltenraume den herrlichen Kometen von 1577 in Form eines Säbels, und auf einer glänzend geschmückten Ebene grüßten sich Franz I. und Karl V. Auf einer Terrasse der Bastille erschien mir Ludwig XI. mit zwei seiner finsteren Helfershelfer, und als ich etwas später meine Blicke nach Rouen wandte, sahen sie auf einem freien Platze einen flammenden Scheiterhaufen und auf ihm die Jungfrau von Orléans.
In der Überzeugung, daß die Welt vor mir das genaue Gegenstück der Erde sei, erriet ich nun im voraus die Ereignisse, die sich vor mir abspielen würden, und war nicht besonders erstaunt, dem Tode des heiligen Ludwig in Tunis, dem achten Kreuzzug, dann dem dritten mit Friedrich Barbarossa, und schließlich dem ersten, wo mich Peter von Amiens und Gottfried von Bouillon an Tasso erinnerten, beizuwohnen. Wie ich erwartet, sah ich dann Hugo Capet im Priesterrock eine Prozession führen und sah das Concilium von Tauriacum feierlich bekannt geben, daß die Schlacht von Fontanet durch ein Gottesurteil entschieden werden solle, und sah Karl den Kahlen 100 000 Mann und den ganzen merovingischen Adel hinmorden lassen. Ich sah Karl den Großen in Rom zum Kaiser gekrönt werden, sah den Krieg gegen die Sachsen und Lombarden; Karl Martell, der gegen die Sarazenen kämpfte, König Dagobert, wie er die Abtei von Saint Denis erbauen ließ, die Westgoten, Vandalen, Ostgoten, Chlodwig, Meroväus im Lande der Salier, — mit einem Worte, ich sah die Geschichte Frankreichs sich in umgekehrter Reihenfolge vor mir abspielen. Wichtige geschichtliche Thatsachen, die mir bis jetzt dunkel geblieben waren, wurden mir mit einemmale klar. So stellte ich unter anderm fest, daß die Franzosen vom rechten Rheinufer stammen, und daß die Deutschen kein Recht haben, ihnen den Fluß, vor allem das linke Ufer, streitig zu machen.
Es interessierte mich in der That mehr als ich sagen kann, auf diese Weise den Ereignissen beizuwohnen, die ich bisher nur durch die oft täuschenden Geschichtsforschungen kennen gelernt hatte, und längst verwandelte Länder zu besuchen. Paris, die große glänzende Hauptstadt der Civilisation, war vor meinen Augen rasch zu einer gewöhnlichen, von Festungswerken umgebenen Stadt zusammengeschrumpft. Ich bewunderte nach der Reihe die schöne Stadt des 15. Jahrhunderts mit ihrer merkwürdigen Architektur, den berühmten Turm von Nesle, die ausgedehnten Klöster von SaintGermaindesPrés; da, wo jetzt der duftende Garten des Turmes SaintJacques liegt, erkannte ich den düsteren Hof des Alchimisten Nicolas Flamel. Die runden und spitzen Dächer sahen wie Pilze am Flußufer aus. Dann verschwand auch dieses Bild der Feudalherrschaft, um einem einfachen Schlosse inmitten der Seine und schließlich einem wirklichen Landstrich Platz zu machen, auf dem nur wenige Hütten standen.
Paris war verschwunden, die stillen Wasser der Seine flossen zwischen Weiden und Gräsern dahin. Gleichzeitig bemerkte ich, daß der Herd der Civilisation sich verschoben hatte und weiter gegen Süden lag. Soll ich dir gestehen, lieber Freund, daß meine Seele nie einen größeren Genuß empfand, als in dem Augenblick, da es ihr beschieden war, das Rom der Cäsaren in seinem vollen Glanze zu sehen? Es war ein Triumphzug, den ich sah, wahrscheinlich unter den syrischen Fürsten, denn inmitten der äußeren Pracht der glänzenden Wagen, der purpurnen Standarten und in einem Kreis schöner Frauen und Höflinge unterschied ich einen Kaiser, der lässig auf einem goldnen Wagen ausgestreckt lag. Er war ganz in helle Seide gekleidet, mit Edelsteinen und goldnen und silbernen Schmucksachen bedeckt, die in der Mittagssonne glänzten. Das konnte nur Heliogabal, der Sonnenpriester, sein; das Kolosseum, der Tempel des Antonius, die Triumphbögen und die Trajansäule waren schon errichtet, und Rom erglänzte in seiner ganzen archäologischen Schönheit, einer Schönheit, die für die gekrönten Possenreißer nur eine Theaterszenerie war. Etwas später sah ich den Ausbruch des Vesuv und die Zerstörung von Herculanum und Pompeji. Einen Augenblick sah ich Rom in Flammen, und trotzdem ich Nero nicht auf der Zinne seines Palastes unterscheiden konnte, war ich doch überzeugt, den Brand des Jahres 64 und das Signal zur Christenverfolgung vor Augen zu haben. Als einige Stunden später meine Aufmerksamkeit noch auf die weiten Gärten des Tiberius gerichtet war und ich den Kaiser gerade an einem Rosenbeete ankommen sah, wurde mir durch die Drehung der Erde um ihre Achse Judäa vor die Blicke gerollt, und ich erriet sofort Jerusalem und Golgatha.
Umgeben von einigen Frauen, einer Truppe Soldaten und einem Volk von Juden, stieg Jesus den Berg hinan. Das war einer jener Augenblicke, die ich nie vergessen werde; er hatte für mich noch eine andere Bedeutung, als für diejenigen, die damals daran teilnahmen, denn der zukünftige (und doch vergangene) Ruhm der christlichen Kirche entfaltete sich für mich wie eine Krönung des göttlichen Opfers ... Frage nicht weiter: Du wirst begreifen, wie bewegt meine Seele bei diesem erhabenen Schauspiel war.
Als ich später wieder meine Blicke gen Rom wandte, erkannte ich die Leiche Julius Cäsars und ihr zur Seite Marc Anton, der eine Papyrusrolle in der linken Hand hielt. Die Verschworenen schritten rasch die Ufer des Tiber hinab. Eine berechtigte Neugierde trieb mich, dem Leben Julius Cäsars weiter nachzuspüren, und so fand ich ihn mit Vercingetorix im Lager der Gallier und konnte feststellen, daß von allen Hypothesen unserer modernen Forscher über Alesia keine die richtige Lage dieser Festung bezeichnet.
I c h : Verzeih, lieber Freund, wenn ich dich unterbreche. Ich kann aber die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne über einen gewissen Punkt Aufklärung von dir zu verlangen: Nachdem du Julius Cäsar gesehen, kannst du mir wohl sagen, ob er dem Bilde glich, das Napoleon III. in seinem großen Werke über das Leben dieses berühmten Feldherrn geschildert hat.
L u m e n : Ich wäre glücklich, lieber Freund, dich über diesen Punkt aufklären zu können, allein es ist unmöglich. Bedenke, daß die Gesetze der Perspektive mir hier verbieten ...
I c h : Der Perspektive? ... Du willst sagen, der Politik ...
L u m e n : Der Perspektive (obwohl diese beiden Dinge sich sehr ähneln), denn indem ich die großen Männer von der Höhe des Himmels aus sehe, beurteile ich sie natürlich anders, als sie gewöhnlich scheinen; von da aus sehen wir die Menschen geometrisch von oben; man sieht ihnen nicht ins Gesicht, so daß, wenn sie aufrecht stehen, wir nur einen horizontalen Abriß von ihnen haben. Du erinnerst dich, daß wir eines Tages im Ballon über die VendômeSäule in Paris flogen und du die Bemerkung machtest, daß, von so hoch gesehen, Napoleon nicht größer scheine, als alle übrigen Menschen. So verhält es sich auch mit Cäsar. In der anderen Welt verschwinden die körperlichen Maße, man legt nur einen geistigen Maßstab an. Wie dem auch sei, ich ging von Cäsar weiter zu den römischen Konsuln und den Königen von Latium, verweilte einen Augenblick bei dem Raub der Sabinerinnen und war froh, diese Begebenheit als typisch für antike Sitten genau beobachten zu können. Die Geschichte beschönigt viele Dinge, und ich erkannte, daß die meisten der historischen Thatsachen sich ganz anders verhalten, als die Maler sie uns dargestellt haben. Im gleichen Augenblick sah ich den König Candaulus von Lydien in der dir bekannten Badescene; die Invasion der Äthiopier in Ägypten, die Oligarchie Corinths, die 8. Olympiade Griechenlands, und Jesaias, der in Juda prophezeite. Ich sah eine Herde Sklaven die Pyramiden erbauen, und die Wächter, denen sie gehorchten, auf Dromedaren; es erschienen mir die großen Dynastieen von Baktrien und Indien, und China zeigte mir, welch wunderbare Kunst es schon vor dem Erblühen des Occidents besaß. Ich hatte Gelegenheit, Platos Atlantis zu suchen, und fand, daß die Ansichten Baillys über dieses fabelhafte Inselland ganz unbegründet sind. In Gallien unterschied man nur noch Wälder und Sümpfe, selbst die Druiden waren verschwunden, und die Wilden glichen denen, die noch heute in Australien leben. Ich war also wirklich bei der von den modernen Archäologen wiedergefundenen S t e i n z e i t angelangt. Etwas später sah ich, daß die Menschheit sich immer mehr verminderte, und die Oberherrschaft in der Natur einer großen Rasse von Affen, den Höhlenwölfen, Löwen, Hyänen und Rhinozerossen zufiel. Es kam eine Zeit, wo ich auf der Oberfläche dieser Welt nicht nur keinen einzigen Menschen, sondern nicht einmal die geringste Spur der menschlichen Rasse fand. Alles war verschwunden. Erdbeben, Vulkane und Sintfluten herrschten auf der Planetenoberfläche und schienen die Gegenwart des Menschen in dieser Verwüstung nicht mehr zu dulden.
I c h : Ich gestehe dir, o Lumen, daß ich ungeduldig dem Augenblick entgegen sah, wo du beim irdischen Paradiese angelangt sein würdest, um genau zu erfahren, in welcher Form sich dir die Schöpfung der Menschen auf der Erde zeigte, und bin erstaunt, daß du an diese wichtige Beobachtung nicht einmal gedacht zu haben scheinst.
L u m e n : Ich erzähle dir nur, was ich wirklich gesehen, mein neugieriger Freund, und werde mich wohl hüten, an Stelle dessen, was meine Augen thatsächlich sahen, die Träume meiner Einbildungskraft zu setzen. Ich entdeckte also nicht die geringste Spur dieses Eden, das die primitive Theogonie so poetisch schildert. Es wäre außerdem doch sehr merkwürdig gewesen, wenn die Ähnlichkeit der Welt, die ich vor Augen hatte, mit der Erde so weit gegangen wäre, ganz abgesehen davon, daß, wenn es begründet ist, das irdische Paradies an der Wiege der Menschheit zu suchen, es doch nicht auch am Ende der menschlichen Gesellschaft zu finden sein kann.
I c h : Ich glaube im Gegenteil, daß es viel richtiger wäre, es am Ende der Welt als am Anfang, es als Ergebnis und Belohnung, nicht aber als unverstandenes Vorspiel eines schmerzenreichen Lebens zu vermuten. Ich will indes nicht weiter auf meiner Frage bestehen.
L u m e n : Als ich nun mit der Beobachtung dieser eigentümlichen Welt, deren Geschick das Spiegelbild der euren ist, fortfuhr, sah ich wunderliche monströse Tiere, die sich am Ufer weiter Meere gegenseitig bekämpften, Riesenwürmer mit ungeheuren Füßen, Krokodile, die mit Flügeln, größer als ihr ganzer Körper, in der Luft herumflogen, unförmige Fische, deren Rachen einen Ochsen verschlungen hätte, Raubvögel, die sich auf den wüsten Inseln furchtbar bekämpften.
Es gab da weite Strecken Festlandes, die ganz mit Wäldern bedeckt waren, enorme Bäume mit riesigen Blättern, die sich ineinander verschlangen, düstere Pflanzenarten ohne Blumen und Früchte, da solche in diesem Reiche nicht mehr gediehen. Die Berge spieen Flammen, die Flüsse waren zu Katarakten geworden, der Erdboden that sich auf, um wie ein tiefer Schlund Hügel, Wälder, Flüsse, Bäume und Tiere zu verschlingen.
Die Berge spieen Flammen, die Flüsse waren zu Katarakten geworden, der Erdboden that sich auf ... Inmitten des Sturmes machte sich eine gedämpfte Helle bemerkbar.
Nun wurde es mir bald unmöglich, die Oberfläche des Erdballs noch zu unterscheiden; ein unendliches Meer schien sie ganz zu bedecken, und das Pflanzen- wie das Tierleben ging langsam unter, um einem eintönigen Grün Platz zu machen, das Blitze und weiße Dämpfe durchfurchten. Eine sterbende Welt, deren letzten Atemzügen ich beiwohnte! Dann schien es mir, als ob es auf ihrer ganzen Oberfläche gleichzeitig regnete, denn die Sonne erhellte nur noch Wolken und Regenstriche. Die der Sonne gegenüberliegende Hemisphäre schien mir weniger dunkel als zuvor, und inmitten des Sturmes machte sich eine gedämpfte Helle bemerkbar. Diese Helle nahm an Intensität zu und pflanzte sich über die ganze Sphäre fort. Weite Spalten waren rot wie das Eisen in der Schmiede, und wie dieses bei fortschreitender Hitze in dem Schmelzofen erst hellrot, dann orangefarben, gelb und dann weißglühend wird, so durchlief auch diese Welt alle Stadien der fortschreitenden Erhitzung. Sie nahm an Größe zu, ihre Bewegung verlangsamte sich. Der geheimnisvolle Erdball glich einer ungeheuren Kugel aus geschmolzenem Metall, eingehüllt von metallischen Dämpfen. Dank der unaufhörlichen Arbeit ihres inneren Ofens und der elementaren Kämpfe dieses seltsamen chemischen Vorgangs, nahm die Feuerkugel ungeheure Proportionen an und verwandelte sich nun immer weiter und verlor ihre Form. Die Sonne, die sie zuerst erleuchtet hatte, übertraf die Kugel nun nicht mehr an Helle, sondern vergrößerte ihren eigenen Umfang, so daß es mir ganz klar war, daß der dunstige Planet seine Existenz verlieren und in der wachsenden Sonnenatmosphäre ganz aufgehen werde. Dem Ende einer Welt beizuwohnen ist nichts alltägliches; so konnte ich auch in meiner Begeisterung nicht umhin, mit einer Art von Stolz auszurufen: »Das also ist das Ende der Welt, o mein Gott, und das das Schicksal der unzähligen bewohnten Welten!«
»Nicht das E n d e ,« antwortete eine Stimme auf die Vorstellungen meiner Seele, » e s i s t d e r A n f a n g . «
»Wie, der Anfang?« dachte ich sofort.
»Der Anfang der Erde selbst,« antwortete mir dieselbe Stimme. »Du hast die ganze Geschichte der Erde wieder gesehen, i n d e m d u d i c h m i t e i n e r G e s c h w i n d i g k e i t, d i e g r ö ß e r a l s d i e d e s L i c h t e s, v o n i h r e n t f e r n t e s t. «
Ich war über diese Erklärung weniger erstaunt, als über die erste Episode meines überirdischen Lebens. Vertraut mit den merkwürdigen Effekten, die das Licht, infolge der Gesetze, denen es folgt, hervorzubringen vermag, war ich nun auf jede neue Überraschung vorbereitet. Einzelheiten, die ich dir gegenüber unerwähnt gelassen, um den Gang meiner Erzählung nicht zu unterbrechen, hatten mich schon auf obige Thatsache schließen lassen, die aber trotzdem unvergleichlich merkwürdiger war, als die gewöhnliche Aufeinanderfolge der Ereignisse.
I c h : Wenn es nun aber wirklich die Erde war, wie kommt es, daß die astronomische Beobachtung, auf Grund deren du sie anfangs im Sternbild des Altar erkanntest, dir im Gegenteil gezeigt hatte, daß die Welt, die du prüfend beobachtest, weder die Erde, noch ein Asteroid des Altar sein konnte?
L u m e n : Das kam daher, daß dieses Sternbild selbst sich infolge meiner Reise durch den Weltenraum verändert hatte. Anstelle der Sterne dritter Größe, D, J und ], und vierter Größe, E, G und T, aus denen sich dieses Bild von der Erde aus gesehen zusammengesetzt hatte, waren nun durch meine Entfernung bis zu den Nebelsternen obige Sterne in kleine unwahrnehmbare Punkte verwandelt worden. Andere glänzende Sterne, die ohne Zweifel D und E des Fuhrmann, T, L, K, vielleicht sogar H des gleichen Sternbilds waren, wurden infolge eben dieser Entfernung an ihre Stelle gesetzt. Von der Erde aus gesehen, stehen diese Sterne den vorhergehenden diametral gegenüber, müssen sich aber, als ich sie überholt hatte, zwischen sie eingeschoben haben. Die Perspektive des Himmels war eine veränderte, und es war thatsächlich fast unmöglich, die Lage der Sonne festzustellen.
I c h : Ich hatte nicht an diese unvermeidliche Veränderung der Perspektive über der Capella gedacht. So war es also thatsächlich doch die Erde selbst, die du gesehen, und ihre Geschichte hat sich in einer der Wirklichkeit entgegengesetzten Reihenfolge vor dir abgespielt. Du hast die Ereignisse der Vorzeit n a c h denen der Jetztzeit gesehen. Durch welchen neuen Vorgang aber konnte das Licht dich bis zum Ursprung der Zeiten zurückführen? Du sprachst mir auch von außergewöhnlichen, auf die Erde bezüglichen Eigentümlichkeiten, die du beobachtet, und ich möchte dir gerade über diese Eigenheiten verschiedene Fragen vorlegen. So lausche ich also mit Interesse den weiteren merkwürdigen Erzählungen, die diesen Bericht vervollständigen sollen, und bin im voraus überzeugt, daß sie meine Neugierde befriedigen werden.
L u m e n : Die erste Beobachtung bezieht sich auf die Schlacht bei Waterloo. I c h : Niemand erinnert sich dieser Katastrophe besser als ich; erhielt ich doch von einem dieser Blücherschen Taugenichtse bei Mont SaintJean eine Kugel in die Schulter und einen Säbelhieb über die rechte Hand.
L u m e n : Indem ich aber nun der Schlacht von neuem beiwohnte, sah ich sie ganz anders, als sie verlaufen ist. Urteile selbst, alter Kamerad. Als ich das Schlachtfeld von Waterloo, südlich von Brüssel, erkannt hatte, unterschied ich zuerst eine beträchtliche Anzahl von Leichnamen, die auf dem Erdboden ausgestreckt lagen. In der Ferne entdeckte man durch den Nebel Napoleon, der von rückwärts kam und sein Pferd am Zügel führte. Die ihn begleitenden Offiziere liefen auch rückwärts. Einzelne Batterien mußten gerade Feuer gegeben haben. Man sah von Zeit zu Zeit einen düsteren Schein aufblitzen. Als sich meine Augen genügend an die Ebene gewöhnt hatten, sah ich zuerst einige tote Soldaten wieder aus dem ewigen Schlummer erwachen und plötzlich aufstehen. Gruppe um Gruppe richtet sich auf, und wie die Reiter, so erwachen auch die Pferde zum Leben und werden von jenen bestiegen. Sobald zwei bis dreitausend der Gefallenen auferstanden sind, sehe ich, wie sie sich unvermerkt zur Schlacht ordnen. Die zwei Armeen stehen sich gegenüber und beginnen zu kämpfen mit einer Erbitterung, einer Wut, die man für Verzweiflung hätte halten können. Als der Kampf einmal von beiden Seiten begonnen, erwachen die Soldaten auch rascher zum Leben: Franzosen, Engländer, Preußen, Hannoveraner und Belgier; in grauen Mänteln, blauen Uniformen, roten, grünen, weißen Waffenröcken erheben sie sich vom Totenfelde und kämpfen. Im Mittelpunkte der französischen Armee erblicke ich den Kaiser inmitten eines Bataillons. Die kaiserliche Garde war auferstanden!
Gleich schweren Wogen wälzten sich nun von beiden Lagern zahllose Bataillone einher; von rechts und links stürzten die Eskadronen aufeinander. Die weißen Rosse wedelten mit ihren Schweifen. Es erinnerte mich an die eigentümliche Zeichnung Raffets und an die geisterhaften Verse des deutschen Dichters Zedlitz:[25]
Die Trommel klinget seltsam,
Hat gar einen starken Ton,
Die alten toten Soldaten
Erwachen im Grabe davon.
Und weiter:
Das ist die große Parade,
Im elysäischen Feld,
Die um die zwölfte Stunde
Der tote Caesar hält.
[25] Anm. d. Hrsg.: Es handelt sich bei diesen beiden Strophen um Auszüge aus der Ballade Die nächtliche Heerschau des österreichischen Staatsbeamten und Dichters Joseph Christian Freiherr von Zedlitz (1790–1862), erstmals veröffentlich in: Zedlitz, Joseph Christian Freiherr von: Gedichte. Stuttgart und Tübingen: J. G. Cotta, 1832, S. 16–18.
Das war wohl Waterloo, aber ein W a t e r l o o d e s J e n s e i t s , denn die Kämpfenden waren Auferstandene, und — merkwürdige Luftspiegelung — sie marschierten von rückwärts aufeinander. Der Eindruck, den eine solche Schlacht auf mich machte, war ein geradezu magischer und ein um so größerer, als ich zwar das Ereignis selbst sah, aber in umgekehrter Reihenfolge vor mir zu sehen glaubte. Und was das Merkwürdigste: je heftiger der Kampf entbrannte, umsomehr Kämpfende gab es; bei jeder Lücke, welche die Kanonen in die dichten Reihen rissen, erstand sofort wieder ein ganzer Trupp Toter, um diese Lücken auszufüllen. Als der Tag sich seinem Ende neigte, und die feindlichen Armeen sich gegenseitig mit Kartätschen, Kanonen, Gewehren, Bajonetten, Säbel und Degen hingemordet hatten, als die ungeheure Schlacht beendet war, gab es keinen einzigen Verwundeten, keinen einzigen Toten mehr. Die ehedem zerfetzten, verwahrlosten Uniformen waren in bestem Zustande, die Mannschaft gesund, die Reihen regelrecht gebildet. Die beiden Armeen entfernten sich langsam von einander, als habe der heftige Kampf nur den einen Zweck gehabt, unter dem Kugelregen 200 000 Tote, die wenige Stunden vorher noch das Schlachtfeld bedeckten, wieder auferstehen zu lassen. Welch mustergiltige, Neid erregende Schlacht!
Es war sicher das merkwürdigste aller militärischen Schauspiele und der psychische Eindruck, den ich davon empfing, noch größer als der physische bei dem Gedanken, daß das Resultat der Schlacht nicht die Niederlage Napoleons, sondern seine Thronbesteigung war, daß er der Sieger, daß aus dem Gefangenen ein Herrscher, aus Waterloo ein Staatsstreich geworden war! ...
I c h : Diese neuen Lichteffekte sind mir nicht ganz klar, o Lumen, und ich wäre dir dankbar, wenn du mir eine Erklärung dafür geben könntest, sofern du eine solche gefunden.
L u m e n : Ich gab sie dir ja schon, indem ich dir sagte, daß ich mich mit einer Schnelligkeit, die g r ö ß e r ist als die des Lichtes, von der Erde entfernte.
I c h : Wie kann dir aber diese zunehmende Entfernung im Weltenraume die Ereignisse spiegelbildlich in entgegengesetzter Reihenfolge, als sie sich vollzogen, zeigen?
L u m e n : Die Theorie ist ganz einfach. Nimm an, du entferntest dich von der Erde mit der ganz g l e i c h e n Geschwindigkeit wie das Licht, so wirst du die Erde immer so vor dir sehen, wie sie in dem Augenblick war, als du sie verließest, weil du ganz gleichen Schritt hälst mit dem Lichte, das das Bild des Erdballs im Weltenraume weiterträgt. Selbst wenn du tausend, hunderttausend Jahre so weiterreistest, du würdest stets das gleiche Bild vor dir haben, wie eine Photographie, die sich immer gleich bleibt, auch wenn das Original altert.
I c h : Das habe ich schon bei unserem ersten Gespräche verstanden.
L u m e n : Gut; nun nimm an, du entferntest dich von der Erde mit einer Geschwindigkeit, welche die des Lichtes ü b e r t r i f f t. Was folgt daraus? Daß in dem Maße, in welchem du im Weltenraume vorwärts dringst, du auch die Strahlen findest, die vor dir ausgegangen sind. Das heißt, die aufeinander folgenden Bilder, die von Sekunde zu Sekunde, von Minute zu Minute den Weltenraum durchziehen. Wenn du z. B. im Jahre 1867 mit der g l e i c h e n Geschwindigkeit, wie das Licht, die Reise durch den Weltenraum antrittst, so wirst du immer das Bild des Jahres 1867 mit dir nehmen. Gehst du aber schneller, so findest du die Strahlen, die in den vorhergehenden Jahren ausgegangen sind, und infolgedessen auch das Bild dieser vorhergehenden Jahre. Um diese Thatsache noch anschaulicher zu machen, bitte ich dich, dir verschiedene Lichtstrahlen vorzustellen, die zu verschiedenen Zeitpunkten von der Erde ausgegangen sind. Nehmen wir an, der erste habe die Erde in irgend einer Sekunde des ersten Januars 1867 verlassen, so hat er bei einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde in diesem Augenblick schon einen gewissen Weg zurückgelegt und befindet sich in einer gewissen Entfernung, die ich mit dem Buchstaben A bezeichnen werde. Ein zweiter Strahl hat die Erde 100 Jahre früher verlassen, am 1. Januar 1767: er hat also einen V o r s p r u n g von 100 Jahren vor dem ersten und befindet sich in einer weit größeren Entfernung, die ich nun mit dem Buchstaben B bezeichne; ein dritter Lichtstrahl, von dem ich annehme, daß er am 1. Januar 1667 ausgegangen, ist n o c h w e i t e r entfernt, so weit eben das Licht in 100 Jahren eilt, und ich nenne den Ort, wo er sich jetzt befindet, C. Weiter haben ein vierter, fünfter und sechster Lichtstrahl, die am 1. Januar 1567, beziehungsweise 1467 und 1367 ausgegangen sind, die mit D, E, F zu bezeichnenden Punkte, welche sich in gleichen Abständen von einander befinden, erreicht und dringen immer weiter vor im Weltenraume. Da hast du nun eine Serie irdischer Bilder, die auf einer gleichen Linie in gleichen Entfernungen im Raume aufgestellt sind; und ein Wesen, das nach einander die Punkte A, B, C, D, E, F erreicht, sieht auch nacheinander die Geschichte der Erde von Jahrhunderten zu Jahrhunderten.
I c h : In welcher Entfernung befinden sich diese Bilder von einander, Meister?
L u m e n : Die Berechnung ist nicht schwer; der sie trennende Zwischenraum ist natürlich der gleiche, den das Licht in 100 Jahren durchläuft; da dieses nun in der S e k u n d e einen Weg von 75 000 Meilen macht, so weißt du sofort, daß dies in einer M i n u t e 4 500 000 Meilen, in einer S t u n d e 270 000 000 Meilen, in einem T a g e 6 480 000 000 Meilen, in einem J a h r e 2 365 200 000 000 Meilen beträgt; und rechnet man die Schaltjahre dazu, so folgt natürlich daraus, daß der Zwischenraum von einem Punkte zum andern bei einem Intervall von 100 Jahren eine Länge von 252 720 000 000 000 Meilen hat.
Da hast du also, wie gesagt, eine Serie irdischer Bilder, die in gleichmäßigen Zwischenräumen staffelförmig im Weltenraume aufgestellt sind. Nehmen wir nun an, daß sich zwischen jedem dieser hundertjährigen Bilder die jährlichen Bilder, und zwar in der Entfernung, die das Licht in einem Jahre durchläuft, und die, wie gesagt, 2 365 200 000 000 Meilen beträgt, und zwischen jedem dieser jährlichen Bilder die täglichen einschieben, daß jeder Tag die Bilder seiner Stunden, jede Stunde die Bilder ihrer Minuten und jede Minute die ihrer Sekunden zeigt, und alle diese Bilder je nach den angegebenen Entfernungen aufeinander folgen, so können wir in einem Lichtstrahl, der aus einer Reihe neben einander gestellter Bilder besteht, in deutlicher Schrift die Geschichte der Erde lesen. Durchläuft ein Wesen diese Bilderregionen im Äther mit einer Geschwindigkeit, die größer als die des Lichtes ist, so findet es nach und nach die älteren Bilder wieder. Kommt es zu dem Punkte, wo sich der im Jahre 1767 ausgegangene Lichtstrahl befindet, so sind schon 100 Jahre irdischer Geschichte an ihm vorübergezogen. Erreicht es den Punkt, wo der Lichtstrahl von 1667 angelangt ist, so hat es schon zwei Jahrhunderte, bei dem Bilde von 1567 drei Jahrhunderte Geschichte erschaut.
Ich sagte dir schon früher, daß ich mich gegen einen Sternenhaufen wandte, der links von der Capella stand. Dieser Sternhaufen ist unvergleichlich weiter entfernt als die Capella, obwohl er, von der Erde aus gesehen, neben ihr zu stehen scheint, weil die beiden Lichtstrahlen nebeneinander herlaufen. Diese scheinbare Nähe ist nur eine Folge der Perspektive. Um dir eine Idee von der wahrscheinlichen Entfernung dieser entfernten Welt zu geben, kann ich dir sagen, daß sie die gleiche Ausdehnung besitzt, wie die Milchstraße. Man muß sich also fragen, in welche Entfernung man diese letztere versetzen müßte, damit wir sie so wie diesen Nebelfleck sehen könnten. Mein geehrter Freund Arago hat, wie du weißt, die Berechnung gemacht, die er jedes Jahr bei seinen Vorträgen im Observatorium wiederholte, und die man nach seinem Tode veröffentlichte. Man müßte annehmen, die Milchstraße sei in eine Entfernung versetzt, die 334 mal größer ist, als ihre Länge. Da nun das Licht 15 000 Jahre braucht, um die Milchstraße von einem Ende zum andern zu durchlaufen, so folgt daraus, daß es nicht weniger als 5 000 000 Jahre braucht, um von dort her zu kommen. Ich bin mit dem Strahl der Erde bis in die fernsten Regionen gegangen, und wäre mein geistiges Auge vollkommener gewesen, so hätte ich nicht nur die zurückschreitende Geschichte von zehn und hunderttausend, sondern von fünf Millionen Jahren unterscheiden können.
I c h : Kann denn der Geist aus eigener Kraft auf diese Weise die unermeßlichen Himmelsräume durchschreiten?
L u m e n : Aus eigener Kraft — nein; wohl aber, wenn er die Naturkräfte zu Hilfe nimmt, vor allem die Anziehungskraft, die sich mit einer Schnelligkeit fortpflanzt, die unvergleichlich größer ist, als die des Lichtes. Die Astronomen halten diese Fortpflanzung für eine fast plötzliche. Wenn es mir möglich war, die Ereignisse aus einer solchen Entfernung deutlich wahrzunehmen, so geschah dies nicht durch die optische Gesichtswahrnehmung, die du kennst, sondern durch ein viel feineres p s y c h i s c h e s Verfahren. Die Ätherschwingungen, aus denen das Licht besteht, besitzen, wie du weißt, kein eigenes Licht, leuchten, wie du weißt, nicht durch sich selbst. Man braucht kein leibliches Auge, um sie wahrzunehmen; der unter ihrem Einfluß vibrierende Geist vermag dies eben so gut und oft besser als der vorzüglichste optische Apparat. Man nennt das psychische Optik. So durchmißt z. B. die Anziehungskraft in unmeßbar kurzer Zeit die 148 000 000 Kilometer, die die Erde von der Sonne trennen, während das Licht dazu 493 Sekunden braucht.
I c h : Wie lange brauchtest du, um zu dieser entfernten Welt zu gelangen?
L u m e n : Ich sagte dir schon, daß es im Weltenraum kein Zeitmaß mehr giebt. Ob ich ein Jahr oder eine Stunde dazu gebrauche, ist vor der Unendlichkeit genau dasselbe.
I c h : Ich dachte das auch, denn die physikalischen Schwierigkeiten scheinen mir unendlich groß. Erlaubst du mir nun, dich noch mit einer seltsamen Idee, die mir gerade durch den Kopf führt, zu behelligen?
L u m e n : Ich erzählte dir das alles ja, um deine Ansichten darüber zu vernehmen.
I c h : Ich frage mich also, ob die gleiche Umkehrung der Reihenfolge der Ereignisse wie für das Auge auch für das Ohr stattfinden könnte. Ob wir z. B. zuerst das Ende eines Gespräches vor seinem Anfang hören könnten, wie wir ein Ereignis in umgekehrter Reihenfolge vor uns sehen. Es ist dies sicher eine müßige, scheinbar lächerliche Frage, aber da wir nun einmal bei den Paradoxen sind, warum nicht dabei verweilen?
L u m e n : Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Die Gesetze des Schalls sind, wie seine Effekte, ganz andere als die des Lichts. Die Schallwelle durchläuft nur 340 Meter in der Sekunde; trotzdem ist es klar, daß, wenn wir mit einer Schnelligkeit, die größer ist als die der Schallwellen, den Raum durchdrängen, wir auch den von den Lippen eines Sprechenden ausgehenden Ton in umgekehrter Reihenfolge vernehmen würden. Rezitierte dieser z. B. einen Alexandriner, so würde ein Hörer, der sich mit der angeführten Schnelligkeit von ihm entfernte, im Augenblick, wo er den letzten Versfuß vernommen, nacheinander die elf vorhergehenden in umgekehrter Reihenfolge hören. Was die Theorie selbst betrifft, so giebt sie Anlaß zu der merkwürdigen Beobachtung, daß die Natur es doch hätte einrichten können, daß die Schallwellen nicht 340 Meter in der Sekunde durchliefen, und daß ihre von der Dichtigkeit und Elastizität der Luft abhängige Geschwindigkeit eine andere und zwar eine langsamere, viel langsamere wäre, als sie ist. Warum z. B. durchläuft der Schall in der Luft nicht nur einige Centimeter in der Sekunde? Wenn dem so wäre, weißt du, was daraus folgen würde? Die Menschen könnten im Gehen nicht mehr mit einander sprechen. Nehmen wir an, zwei Freunde plauderten zusammen. Der Eine geht einen Schritt, zwei Schritte vorwärts, entfernt sich vielleicht einen Meter von dem anderen, und wenn der Schall nun mehrere Sekunden brauchte, um diesen Zwischenraum zu durchlaufen, so resultierte daraus, daß, anstatt die fortgesetzte Rede seines Freundes zu hören, der Spaziergänger in umgekehrter Reihenfolge den Schall der vorhergehenden Sätze wieder vernehmen würde. Woher kommt es, daß man während des Gehens nicht sprechen kann, und Dreiviertel der Menschen sich nicht hören?
Diese Betrachtungen veranlassen mich, dich auf ein sehr bemerkenswertes Thema aufmerksam zu machen, mit dem man sich bisher noch wenig beschäftigt hat. Ich meine das Adaptionsvermögen des menschlichen Organismus an seine irdische Umgebung. Die Art und Weise, wie der Mensch sieht, hört, seine Empfindungen, sein Nervensystem, seine Gestalt, sein Gewicht, seine Dichtigkeit, sein Gang, seine Funktionen, mit einem Wort alles wird regiert und bedingt durch die Beschaffenheit eures Planeten. Keine eurer Handlungen ist vollständig frei und unabhängig, der Mensch ist die, wenn auch unbewußte, folgsame Resultante der organischen Kräfte der Erde. Die menschliche Seele ist allerdings keine Funktion des Gehirns, sondern sie existiert durch sich selbst und genießt dadurch eine gewisse Freiheit; diese Freiheit ist aber vollständig an die Fähigkeiten der Seele, an ihre Macht und Energie gebunden, sie wird bestimmt je nach den Ursachen, die sie bestimmen. Derjenige, der bei der Geburt eines Menschen genau wüßte, welche Fähigkeiten die Seele dieses Menschen besitzt, unter welchen äußeren Umständen sein Leben sich abspielen wird, könnte im voraus die Geschichte dieses Lebens in allen Einzelheiten niederschreiben. Aber der menschliche Organismus ist das Produkt unsrer Erde. Der Mensch ist nicht in Folge einer göttlichen Laune, eines Wunders, oder einer unmittelbaren Schöpfung so, wie er ist. Seine Form, seine Gestalt, sein Gewicht, seine Sinne, sein ganzer Organismus ist bedingt durch die Beschaffenheit eures Planeten, durch die Atmosphäre, in der ihr atmet, durch eure Ernährung, durch die Dichtigkeit der irdischen Stoffe u. s. w. Der menschliche Körper ist anatomisch nicht anders als der eines höheren Säugetieres, und wenn du auf den Ursprung der Arten zurückgehst, so findest du allmähliche Veränderungen, die den unumstößlichen Beweis liefern, daß alles Leben auf der Erde von der Molluske bis zum Menschen nur die Entwicklung eines einzigen genealogischen Stammbaums ist. Die menschliche Körperform stammt von der tierischen ab. Der Mensch ist der Schmetterling, der sich aus der Larve der paläontologischen Zeitalter entwickelt hat.
Daraus folgt natürlich, daß das organische Leben auf den andern Welten verschieden ist von dem der euren, und daß die Menschheit, die dort wie hier das Ergebnis der treibenden Kräfte jedes Planeten ist, auch in ihrem Bau ganz verschieden von der der Erde ist. So existieren z. B. auf den Welten, wo man nicht ißt, weder Verdauungsorgane noch Eingeweide. Auf den Welten mit starken elektrischen Kräften besitzen auch die Geschöpfe einen elektrischen Sinn; auf anderen sind die Augen den ultravioletten Lichtstrahlen angepaßt und haben keine Ähnlichkeit mit den euren. Sie sehen nicht, was ihr seht, und sehen, was ihr nicht seht. Die Organe stimmen überein mit den Funktionen, die sie auszuüben haben.
I c h : Wir sind also nicht der unbedingte Typus der Schöpfung, und die Schöpfung selbst ist nur ein fortgesetztes Werden. Eine Folge der thätigen Kräfte.
L u m e n : Die Seelen befinden sich in gleichem Falle. Auch sie sind so verschieden wie die Körper. Damit die Seele als ein unabhängiges, selbständiges Wesen existiere, sich die Erinnerung an ihre Identität bewahren und unsterblich sein kann, muß sie schon in diesem Leben von ihrer wirklichen Existenz überzeugt sein, sonst ist sie gleich nach dem Tode nichts mehr als unmittelbar vorher, nichts mehr und nichts weniger als jedes andere Zentrum einer unbewußten Kraft, das wie ein unsichtbarer Hauch im Kosmos verschwindet. Viele Menschen rühmen sich, nur die Materie anzuerkennen, ohne indes zu wissen, was sie sagen, da sie ja diese garnicht kennen. Diese Menschen und die noch viel zahlreicheren, die ü b e r h a u p t n i c h t d e n k e n , sind nicht unsterblich, weil sie kein Bewußtsein ihrer Existenz haben. Nur die Geister, die ein wirklich geistiges Leben führen, sind fähig, unsterblich zu sein.
I c h : Giebt es denn viele solche?
L u m e n : Die Morgenröte naht sich wieder und ruft mich zurück in den Weltenraum, der von geheimnisvollen, für eure Augen unsichtbaren Dingen bevölkert ist, wo die Geister die Spuren vergangener Existenzen, die Ruinen zerstörter und die Geschichte zukünftiger Welten wieder finden. Es wäre ja auch überflüssig, dieses Gespräch durch Einzelheiten zu verlängern. Mein Zweck war, dir zu zeigen, daß, um eine der euren völlig entgegengesetzte Welt und ein dem euren entgegengesetztes Lebenssystem zu sehen, man sich nur mit einer Geschwindigkeit, die größer als die des Lichtes ist, von der Erde zu entfernen braucht.
Bei diesem Aufschwung der Seele zum unerreichbaren Horizont der Unendlichkeit findet sie die Lichtstrahlen wieder, die seit Millionen und Millionen von Jahren von der Erde und den andern Planeten ausgegangen sind; und indem man die Planeten von dieser weiten Entfernung aus beobachtet, kann man den Ereignissen ihrer vergangenen Geschichte mit eignen Augen beiwohnen und bis zum Ursprung der Welt zurückgehen.
Eine solche Fähigkeit muß für dich ein neues Licht auf die überirdischen Regionen werfen. Ich verspreche, dir die daraus gezogenen metaphysischen Konsequenzen baldigst mitzuteilen, wenn du, wie ich hoffe, den wissenschaftlichen Wert dieser überirdischen Studie genügend anerkannt hast.
I c h : Ich habe dir mit Interesse zugehört, lieber Freund, ohne jedoch — ich muß es gestehn — von der Wirklichkeit alles dessen, was du mir erzählst, ganz überzeugt zu sein. Es ist doch auch fast unmöglich, zu glauben, daß man alle Dinge so genau sehen kann. Nehmen wir z. B. an, es seien Wolken vorhanden, so kannst du doch nicht durch diese hindurch sehen, was auf der Oberfläche der Erde vor sich geht, und ebenso verhält es sich mit dem, was sich im Innern der Wohnungen ereignet.
L u m e n : Du irrst dich, lieber Freund, die Ätherschwingungen übersteigen Hindernisse, die dir unüberwindlich scheinen. Die Wolken bestehen aus Molekülen, zwischen denen ein Lichtstrahl oft hindurch kann. Außerdem giebt es immer noch lichte Stellen genug, die einen Durchblick gestatten. Es ist sehr selten, daß man nichts unterscheiden kann, und — zudem ist ja auch das Licht nicht das, was es zu sein scheint: es ist eine vibrierende Bewegung des Äthers. Man kann noch auf andere Weise sehen als mit Hilfe der Retina und des Sehnervs. Die Schwingungen des Äthers sind anderen Sinnen als den euren wohl wahrnehmbar. Wenn das dein letzter Einwand ist, so ist er weit entfernt davon, unwiderlegbar zu sein.
I c h : Du hast eine eigene Art, alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Vielleicht ist das ein Privilegium der Geister. Nach und nach mußte ich als wahr annehmen, daß du mit einer Geschwindigkeit, die größer war als die des Lichtes, auf die Capella gelangtest, daß du auf jenem Weltkörper ankamst, ohne daselbst eine leibliche Gestalt anzunehmen, und daß deine Seele befreit blieb von jeder körperlichen Hülle; ich mußte glauben, daß deine überirdische Perzeptionskraft so groß ist, daß du von dort oben erkennen kannst, was sich hier auf der Erde ereignet; daß du dich, je nach Laune, im Weltenraume vorwärts oder rückwärts bewegen kannst, und endlich, daß selbst die Wolken kein Hindernis bilden, dich die Oberfläche der Erde genau unterscheiden zu lassen. Ich muß gestehen, daß dies doch immerhin große Schwierigkeiten sind.
L u m e n : Wie klebst du doch mit allen deinen Sinnen noch an der Erde, alter Freund, und wie erstaunt wärest du, wollte ich versuchen, dich zu überzeugen, daß alle diese Schwierigkeiten in Wirklichkeit gar keine sind und, wenn sie dich hindern, jene Erscheinungen zu begreifen, nur deine angeborene irdische Unwissenheit zur Ursache haben. Was dächtest du, wenn ich dir sagte, daß kein Mensch auch nur eine Idee hat von dem, was selbst auf der Erde vor sich geht, daß keiner die Natur versteht.
I c h : Im Namen der unbestreitbaren Wahrheiten der modernen Wissenschaft würde ich es wagen zu glauben, daß du mir etwas aufbinden willst.
L u m e n : Gott bewahre. Nun paß auf, lieber Freund. Gerade die wunderbaren Entdeckungen der modernen Wissenschaft sollten den Kreis deiner Auffassungskraft erweitern. Ihr habt die Spektralanalyse entdeckt! Durch die methodische Untersuchung eines bescheidenen Lichtstrahls, der euch von einem fernen Sterne zukommt, stellt ihr fest, aus welchen Elementen dieser unerreichbare Stern und seine Feuermassen bestehen. Nun, mein junger kluger Freund, ist dieses Ereignis an und für sich nicht viel Staunen erregender, als sämtliche Eroberungen Alexanders, Cäsars und Napoleons, als alle Entdeckungen des Ptolemäus, Kolumbus und Gutenberg, als alle heiligen Schriften von Moses, Confucius und Christus? Billionen von Meilen trennen euch vom Sirius, Arcturus, von Castor und Pollux, von der Wega und der Capella, und ihr analysiert die Substanzen, aus denen diese Sonnen bestehen, als ob ihr sie mit Händen greifen könntet und im Schmelztiegel des Laboratoriums vor euch hättet. Warum sträubst du dich gegen die Annahme, daß durch dir unbekannte Vorgänge das geistige Auge das leuchtende Bild einer fernen Welt erblicken und darin alle Einzelheiten unterscheiden könnte. Der Telegraph trägt in einem Moment, dessen Dauer kaum zu schätzen ist, eure Gedanken über die Abgründe des Ozeans hinweg von Europa nach Amerika. Zwei Personen unterhalten sich leise auf eine Entfernung von Tausenden von Meilen, und du solltest unfähig sein, meinen Mitteilungen Glauben zu schenken, nur, weil du sie nicht verstehst. Verstehst du denn, w i e die telegraphische Nachricht forteilt und sich weiterpflanzt? Nein, du verstehst es nicht. So höre auch auf, Zweifel zu hegen, die nicht einmal den Vorzug haben, wissenschaftlich zu sein.
I c h : Meine Einwände hatten nur den einen Zweck, mein Wissen durch neue Aufklärungen zu bereichern. Ich bin weit entfernt, die Wirklichkeit der mir von dir mitgeteilten Thatsachen leugnen zu wollen, suche aber nach einer rationellen, genauen Erklärung für dieselben.
L u m e n : Sei versichert, lieber Freund, daß ich dir dies in keiner Weise verüble. Um jedoch den Kreis deines Auffassungsvermögens nach meinem Gefallen zu erweitern, kann ich dir sofort die Augen öffnen über die Unzulänglichkeit eurer positiven Wissenschaft; du brauchst dir nur klar zu machen, daß die Ursachen aller eurer Eindrücke nichts weiter als verschiedene Arten von Schwingungen sind, und daß das, was man so stolz die Wissenschaft nennt, nur eine sehr beschränkte organische Wahrnehmung ist. Das Licht, durch das deine Augen sehen, der Ton, durch den deine Ohren hören, sind Schwingungen, die auf dich einwirken. Der Geruch, der Geschmack sind Emanationen, die deinen Geruchsnerv treffen oder deinen Gaumen berühren; es sind ebenfalls Schwingungen, die sich deinem Gehirn mitteilen. Du weißt nur einige dieser Schwingungen zu schätzen und zwar durch die dir gegebenen Sinne, besonders durch das Gesicht und den Geschmack. Du bist naiv genug, zu glauben, daß du die Natur hörst und siehst; du irrst dich, lieber Freund. Du empfindest nur einige wenige von all den Schwingungen auf dieser winzigen irdischen Welt. Das ist alles. Außer den Eindrücken, denen du zugänglich, giebt es noch eine Unmasse solcher, die du nicht wahrnehmen kannst.
I c h : Verzeihe mir, aber diese neue Auffassung der Natur ist mir nicht klar genug, um sie völlig zu verstehen. Würdest du ...
L u m e n : Sie ist in der That neu für dich, aber wenn du eingehend darüber nachdenkst, wirst du sie begreifen. Der Ton besteht aus Schwingungen, die sich in der Luft vollziehen, und indem sie die Membrane deines Trommelfells berühren, dir den Eindruck verschiedener Töne machen. Der Mensch hört nicht alle Töne. Sind die Schwingungen zu langsam (unter 40 in der Sekunde), so ist auch der Ton ein zu tiefer: dein Ohr vernimmt ihn nicht mehr. Sind die Schwingungen zu rasch (über 36 000 in der Sekunde), so ist der Ton zu hoch, und dein Ohr hört ihn nicht mehr. Trotzdem existieren oberhalb und unterhalb dieser durch eure menschliche Organisation bedingten Grenzen noch Schwingungen, die für andere Wesen, z. B. für gewisse Insekten, noch wahrnehmbar sind. Ebenso verhält es sich mit dem Licht. Die verschiedenen Erscheinungsformen des Lichtes, die Farben und Nuancen der Gegenstände sind ebenfalls nur eine Folge der Schwingungen, die deinen Sehnerv treffen und dir den Eindruck von verschiedenen Lichtstärken machen. Der Mensch sieht nicht alles, was sichtbar ist; sind die Schwingungen zu langsam (unter 458 Billionen in der Sekunde), so ist das Licht zu schwach, und dein Auge nimmt es nicht mehr wahr; sind die Schwingungen zu schnell (über 727 Billionen in der Sekunde), so übersteigt das Licht deine organische Wahrnehmungsfähigkeit und wird unsichtbar für dich. Es giebt aber auch noch andere Schwingungen, sowohl oberhalb als unterhalb dieser Grenzen, die von anderen Wesen wahrgenommen werden können. Ihr kennt also nur die Eindrücke, die die beiden Saiten eurer organischen Leyer, den Sehnerv und den Gehörnerv, in Schwingung zu versetzen imstande sind, und könnt auch nur diese beiden kennen.
Bedenke nun aber einmal, wie viele Dinge es giebt, die für euch nicht wahrnehmbar sind. Alle Schwingungen, die im Weltenraume existieren, und deren Zahl weniger als 36 000, oder mehr als 458 000 000 000 000 im gleichen Zeitraume beträgt, können von euch weder gehört noch gesehen werden und bleiben euch unglücklicherweise ganz unbekannt. Versuche es einmal, diese Stufenleiter zu messen. Die moderne Wissenschaft fängt an, ein wenig einzudringen in diese unsichtbare Welt, und du weißt, daß man dahin gelangt ist, die Schwingungen unter 458 Billionen (es sind dies die unsichtbaren Wärmestrahlen) und diejenigen über 727 Billionen (die ebenfalls unsichtbaren chemischen Strahlen) zu messen. Aber die wissenschaftliche Methode kann nur die Sphäre der unmittelbaren Wahrnehmung etwas erweitern, ohne sich jedoch weit davon zu entfernen. Ihr steht isoliert inmitten der Unendlichkeit.
Doch das ist nicht alles. Es existieren in der Natur noch eine Unmasse anderer Schwingungen, die auf euren Organismus nicht einwirken und auch nicht von euch wahrgenommen werden können; diese werden euch infolgedessen auch für alle Zeiten unbekannt bleiben. Hättet ihr noch andere Saiten auf eurer Leyer, zehn, hundert, tausend ... so würde auch die Harmonie der Natur, indem sie diese Saiten in Schwingung versetzte, sich euch vollständiger offenbaren. Ihr würdet eine Menge Dinge wahrnehmen, die sich zweifellos um euch herum vollziehen, ohne daß ihr ihre Existenz überhaupt nur ahnen könnt, und anstatt der beiden vorherrschenden Noten könntet ihr die ganze Partitur des Konzerts entziffern. Aber ihr seid ärmer, als ihr ahnt, weil eine allgemeine Armut eigentlich keine solche ist, und euch der Vergleich fehlt mit dem Reichtum anderer Geschöpfe, die den Erdbewohnern weit überlegen sind.
Die Sinne, die ihr besitzt, genügen, um euch das mögliche Vorhandensein anderer, nicht nur mächtigerer, sondern überhaupt von den euren ganz verschiedener Sinne erkennen zu lassen. Es ist wahr, daß ihr durch den Gefühlssinn den Eindruck der W ä r m e erhaltet; aber es ist auch nicht schwer, das Vorhandensein noch eines besonderen Sinnes zu begreifen, der demjenigen, durch den das Licht euch das Bild der äußeren Gegenstände vermittelt, analog ist, und der es ermöglicht, die Gestalt, die Substanz, den inneren Bau und andere Eigenschaften eines Gegenstandes durch die Wärmestrahlen, die von ihm ausgehen, zu beurteilen. Die gleiche Schlußfolgerung kann auch auf die Elektrizität angewendet werden. Ihr könnt da ebenfalls das Vorhandensein eines Sinnes begreifen, der, indem er z. B. für das Auge das ist, was das Spektroskop für das Teleskop, die chemischen Elemente der Körper erkennen ließe. So hast du schon vom wissenschaftlichen Standpunkte aus eine genügende Basis, um dir klar zu machen, daß es Arten von Wahrnehmungen giebt, die ganz verschieden sind von denen, welche die irdische Menschheit charakterisieren. Diese Sinne existieren in anderen Welten, und es giebt unendlich viele Arten, das Wirken der Naturkräfte wahrzunehmen.
I c h : Ich gestehe, Meister, daß mein Verständnis anfängt, sich auf neue, eigentümliche Weise zu erweitern, und daß deine Belehrung mir thatsächlich eine richtige Auslegung der Wirklichkeit zu sein scheint. Ich habe selbst schon an eine Möglichkeit solcher Dinge gedacht, aber ich stand noch zu sehr unter dem Einfluß meiner irdischen Sinne, als daß ich sie hätte erraten können. Um sie in ihrer Gesamtheit richtig zu beurteilen, muß man aus unserer Sphäre heraustreten; so aber können wir mit unseren begrenzten Sinnen nur die Dinge erfassen, die für deren Wahrnehmungsvermögen erreichbar sind, alles andere bleibt uns natürlich unbekannt. Ist dieses Übrige viel im Vergleich zu dem, was wir wissen?
L u m e n : Dies Übrige ist ungeheuer, und das, was ihr wißt, ist fast nichts. Eure Sinne sind nicht nur verschlossen für die physischen Schwingungen, die ihr nicht seht, wie z. B. die Erd- und Sonnenelektrizität, deren Ausströmungen sich in der Atmosphäre kreuzen, den Magnetismus der Mineralien, Pflanzen und Lebewesen, die Affinität der Organismen u. s. w. Ich versichere dich, daß alles, was ihr wißt und durch die Vermittlung eurer irdischen Sinne erkennen könnt, nichts ist im Vergleich zu dem, was wirklich ist. Das ist eine tiefe Wahrheit; es könnten ebensogut auf der Erde noch andere Geschöpfe existieren, die so verschieden von euch wären, daß sie weder Augen noch Ohren, noch einen andern eurer Sinne besäßen, dafür aber mit anderen ausgestattet wären, die sie befähigten, das wahrzunehmen, was euch verschlossen, und — obgleich sie in ganz derselben Welt lebten, wie ihr — das zu kennen, was ihr nicht kennt, und sich eine ganz andere Vorstellung von der Natur zu machen, als ihr es thut.
I c h : Das übersteigt mein Verständnis.
L u m e n : Noch mehr, lieber Freund, ich kann sogar allen Ernstes hinzufügen, daß die Wahrnehmungen, welche die Basis eurer Wissenschaft bilden, nicht einmal die Wahrnehmungen der W i r k l i c h k e i t sind. Nein, das Licht, die Helle, Farben, Bild und Ton, Geräusche und Harmonien, der Geruch und der Geschmack, kurz alle scheinbaren Eigenschaften der Körper sind nichts weiter als F o r m e n . Diese Formen treten in euer Bewußtsein durch die Thüren der Augen, des Geruchs und des Geschmacks und stellen euch den Schein der Dinge, nicht aber ihr Wesen selbst dar ... D i e W i r k l i c h k e i t e n t g e h t v o l l s t ä n d i g e u r e m G e i s t e , u n d i h r s e i d g a n z u n f ä h i g , d a s W e l t a l l z u v e r s t e h e n ...
Die Materie selbst ist nicht das, was ihr glaubt; etwas absolut F e s t e s giebt es nicht: euer eigener Körper, ein Stück Eisen oder Granit ist nicht fester, als die Luft, die ihr atmet. All dies ist aus Atomen zusammengesetzt, die sich nicht einmal berühren, und die alle in beständiger Bewegung sind. Die Erde, ein Atom des Weltalls, bewegt sich im Raume mit einer Geschwindigkeit von 643 000 Meilen im Tage; jedes Atom aber, aus dem euer Körper besteht, und das in eurem Blute zirkuliert, läuft im Verhältnis zu seiner Größe viel rascher. Wäre deine Sehfähigkeit genügend ausgebildet, um diesen Stein richtig zu sehen, deine Augen würden ihn garnicht sehen, sondern ihn durchdringen ...
Ich bemerke aber an der inneren Unruhe deines Gehirns, das sich in engen Windungen zusammenzieht, und an den Erregungen, die deine Hirnlappen durchfliehen, daß du von diesen Eröffnungen absolut nichts verstehst. Ich werde also das Thema nicht fortsetzen und habe es überhaupt nur berührt, um dir zu zeigen, wie unrichtig es wäre, den aus euren irdischen Empfindungen hervorgegangenen Schwierigkeiten eine Wichtigkeit beizulegen, um dich fühlen zu lassen, daß weder du, noch irgend ein anderer Mensch auf der Erde sich auch nur eine ungefähre Idee des Weltalls machen kann. Der irdische Mensch ist nur ein Homunculus.
Ach, wenn du die Organismen kenntest, die auf dem Mars oder Uranus vibrieren, wenn es dir gegeben wäre, die Sinne zu würdigen, die auf der Venus oder auf einem Ring des Saturn in Thätigkeit sind, wenn jahrhundertelange Reisen dir erlaubt hätten, die Beobachtung der Lebensformen im System der Doppelsterne, die Gesichtsempfindungen auf den farbigen Sonnen, die Eindrücke eines dir unbekannten elektrischen Sinns im Gebiet der zu ganzen Gruppen vereinigten Sonnen auch nur zu streifen, in einem Worte, wenn ein Vergleich mit dem Außerirdischen dir die Elemente zu einem neuen Wissen geliefert hätte, würdest du verstehen, daß lebende Wesen sehen, hören, fühlen oder besser gesagt, daß sie die Natur erkennen können, ohne Augen, Ohren oder Geruch zu besitzen; daß in der Natur eine Unmasse anderer, von den euren ganz verschiedener Sinne existieren, daß es eine unendlich große Zahl wunderbarer Dinge giebt, die ihr euch gegenwärtig nicht einmal vorstellen könnt. Bei dieser allgemeinen Betrachtung des Weltalls bemerkt man, wie solidarisch die physikalische Welt und die geistige sind. Man begreift die geheime Kraft, die gewisse, durch die Roheit der Materie in Versuchung geführte, aber durch das Opfer Christi wieder geläuterte Seelen zu den erhabenen Regionen des geistigen Lichtes erhebt, und man ahnt, welches unendliche Glück den Geschöpfen vorbehalten ist, die schon auf der Erde dahingelangt sind, sich nach und nach von den leiblichen Leidenschaften zu befreien.
I c h : Um noch einmal auf die Fortpflanzung des Lichts im Weltenraum zurückzukommen, möchte ich wissen, ob dieses Licht nicht a m E n d e ganz verschwindet. Bleibt der Anblick der Erde ewig sichtbar, oder verringert er sich nicht vielmehr mit dem Quadrat der Entfernung, um nach gewisser Zeit ganz zu verschwinden?
L u m e n : Der Ausdruck »Am Ende« ist nicht anwendbar, da es im Weltenraume kein Ende giebt. Es ist wahr, das Licht nimmt ab, die Bilder verlieren mit zunehmender Entfernung an Intensität, aber nichts geht ganz verloren. Wenn z. B. irgend eine Zahl unausgesetzt auf die Hälfte reduziert wird, so wird sie doch nie gleich Null. Die Erde ist von einer gewissen Entfernung aus nicht für alle Augen sichtbar, aber ihr Bild existiert auch dann, wenn man es nicht sieht, und die Augen von Geistern können es unterscheiden. Im übrigen entfernt sich das auf den Flügeln des Lichtes getragene Bild eines Gestirns manchmal bis zu unergründlichen Tiefen des dunklen Nichts.
Es giebt im Weltenraum weite, sternenlose Regionen, Räume, die im Laufe der Jahrtausende entvölkert wurden, von wo sich die Welten durch die Anziehungskraft entlegener Centren immer mehr entfernt haben. Wenn nun das Bild eines Gestirns diese dunklen Abgründe durchmißt, so befindet es sich im gleichen Falle, wie das Bild einer Person oder eines Gegenstandes, das der Photograph in seiner Dunkelkammer vergessen hat. Es ist nicht unmöglich, daß diese Bilder in dem weiten Raume einem dunklen Weltkörper begegnen (die Himmelskunde hat die Existenz einiger solcher Körper festgestellt) — von besonderer Beschaffenheit, dessen Oberfläche, die nach der Spektralanalyse vielleicht aus Jod besteht, empfänglich gemacht und fähig wäre, das Bild einer entfernten Welt auf sich selbst zu fixieren. Dann würden sich die irdischen Ereignisse auf einer dunklen Kugel malen. Und wenn diese Kugel sich wie die andern Himmelskörper um sich selbst drehte, so würde sie dem irdischen Bilde nach und nach ihre verschiedenen Meridiane zuwenden und auf diese Weise die fortlaufende Photographie der aufeinanderfolgenden Ereignisse aufnehmen. Wenn weiter dieser Weltkörper sich in der Richtung seiner Drehungsachse aufwärts oder abwärts bewegte, so würde die Linie, auf der die Bilder photographiert werden, keinen Kreis, sondern eine Spirale beschreiben, und nach der ersten Drehung würden die neuen Bilder sich nicht mit den alten decken und aufeinander fallen, sondern darüber und darunter zu stehen kommen. Die Phantasie könnte nun weiter annehmen, daß diese Welt keine sphärische, sondern eine cylindrische sei, und auf diese Weise im Weltenraume eine unzerstörbare Säule erblicken, auf der sich die großen Ereignisse der irdischen Geschichte von selbst eingraben und aufrollen. Ich habe diese Annahme nicht bestätigt gefunden. Ich habe die Erde erst so kurz verlassen, daß ich beim ersten Anblick das Bild der himmlischen Wunder noch kaum gestreift habe, doch werde ich mich nächstens davon überzeugen, ob in dem unendlichen Reichtum der Himmelskörper nicht doch diese Hypothese ihre Verwirklichung gefunden.
Bei dieser allgemeinen Betrachtung des Weltalls ...
I c h : Wenn der von der Erde ausgehende Strahl nie zerstört wird, so sind wohl auch unsere Handlungen unvergänglich?
L u m e n : So ist es. Eine geschehene That kann nicht mehr ausgelöscht, durch keine Macht ungeschehen gemacht werden. Auf einsamem Felde wird ein Verbrechen begangen; der Verbrecher entfernt sich, wäscht sich die Hände, bleibt unentdeckt, bereut und hofft, daß die That, die er begangen, für immer ausgelöscht sei. Aber in Wirklichkeit wird nichts vernichtet. Im Augenblick, wo die That begangen wurde, hat das Licht sie auch erfaßt und mit der Schnelligkeit des Blitzes zum Himmel getragen. Sie ist einem Lichtstrahl für ewig einverleibt und wird sich in der Unendlichkeit ewig fortpflanzen ...
Hier wird eine gute Handlung im stillen begangen. Der Wohlthäter hält sie geheim, aber auch ihrer hat sich das Licht bemächtigt, und, weit entfernt, vergessen zu werden, wird sie ewig bestehen.
Um seinem persönlichen Ehrgeiz zu frönen, hat Napoleon den Tod von 5 000 000 Menschen absichtlich verursacht. Diese Menschen besaßen ein Durchschnittsalter von 30 Jahren, hätten also jeder durchschnittlich noch 37 Jahre zu leben gehabt. Napoleon hat demnach 185 000 000 Jahre zerstört. Seine Strafe ist die, daß er von dem Lichtstrahl, der am 18. Juli 1815 vom Schlachtfelde bei Waterloo ausging, fortgetragen wird, sich mit der Geschwindigkeit des Lichts im Weltenraume entfernt, beständig den kritischen Augenblick vor Augen hat, wo das Gerüst seiner Eitelkeit zusammenstürzt, ohne Ruhe und Rast immer die gleiche Verzweiflung darüber empfindet und während der 185 000 000 Jahre, die er zerstörte und für die er verantwortlich ist, immer an diesen Lichtstrahl festgebannt bleibt. Anstatt seine Mission würdig zu erfüllen, hat er, indem er so handelte, seinen Eintritt ins geistige Leben um die ganze Dauer dieser Jahre verspätet.
Wenn es dir gegeben wäre, ebenso deutlich wahrzunehmen, was sich in der psychischen Welt ereignet, als du jetzt zu sehen vermagst, was in der physischen Welt vor sich geht, du würdest Schwingungen und Übertragungen anderer Art erkennen, welche die Thaten und selbst die geheimsten Gedanken in den Geheimnissen der geistigen Welt aufbewahren.
I c h : Deine Enthüllungen sind schrecklich, Lumen; so ist also unser ewiges Geschick mit dem Bau des Weltalls verknüpft. Ich dachte manchmal an das spekulative Problem, ob nicht mit Hilfe des Lichtes eine Verbindung zwischen Welten existieren könne. Mehrere Physiker haben angenommen, daß es vielleicht eines Tages möglich sein würde, eine Verbindung zwischen der Erde und dem Mond und selbst den Planeten mit Hilfe von Lichtsignalen herzustellen. Wenn man sich aber von der Erde mit einem Stern, dessen Licht vielleicht 100 Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, Zeichen machen könnte, so würden diese doch erst nach 100 Jahren an ihre Adresse gelangen und die Antwort auch erst in der gleichen Zeit zurückkommen. Es würden also zwischen Frage und Antwort zwei Jahrhunderte vergehen. Der irdische Beobachter wäre längst tot, wenn sein Zeichen zu seinem Korrespondenten auf dem Sterne gelangte, und diesen hätte wahrscheinlich das gleiche Schicksal erreicht, bis seine Antwort an ihrem Bestimmungsorte ankäme! ...
L u m e n : Das wäre also thatsächlich eine Unterhaltung zwischen Lebenden und Toten.
I c h : Gestatte mir, Meister, eine letzte, etwas indiskrete Frage ... Ich sage eine letzte, denn schon sehe ich die Venus erbleichen und fühle, daß deine Stimme bald verstummen wird.
Wenn also die Handlungen auf diese Weise von den Ätherregionen aus gesehen werden können, so müßten wir doch nach unserem Tode nicht nur unsere eigenen Handlungen, sondern auch die anderer, die uns interessieren, wahrnehmen können. Wenn z. B. ein paar liebende, immer gleichgestimmte Seelen die glücklichen Tage, die sie zusammen auf der Erde verbracht, 1000 Jahre hindurch immer wieder sehen wollten, so brauchten sie sich nur im Weltenraume mit der Geschwindigkeit des Lichts zu entfernen und hätten dann immer die gleiche Glücksstunde vor Augen. Wenn anderseits ein Mann das ganze Leben seiner Gattin mit Interesse verfolgte, so würde er in dem Falle, daß ein unerwartetes Ereignis darin einträte, dieses in allen ihn berührenden Einzelheiten prüfen können ... ja, er könnte sogar, wenn seine von aller Leiblichkeit befreite Gattin sich auf einem Nachbarstern befände, sie rufen, um gemeinschaftlich mit ihr diese retrospektiven Thatsachen zu beobachten. So in flagranti ertappt, gäbe es kein Leugnen mehr. Vielleicht bereiten sich die Geister auf diese Weise manchmal das Schauspiel intimer Erlebnisse.
L u m e n : Man legt im Himmel wenig Wert auf diese irdischen Erinnerungen, und ich bin erstaunt, daß du selbst so sehr daran hängst. Das, was dich in der Gesamtheit der Dinge, die ich dir mitgeteilt, am meisten in Erstaunen versetzen muß, ist die Thatsache, daß wir, kraft der Gesetze des Lichtes, die Dinge sehen können, nachdem sie geschehen und vergangen sind, und zwar so vor uns sehen können, wie sie sich in Wirklichkeit zugetragen.
I c h : Sei versichert, Meister, daß diese Wahrheit unauslöschlich in meinem Gedächtnis haften bleibt. War sie es doch, die mich am meisten in Verwunderung gesetzt. Vergiß meine vorhergehende Abschweifung. Offengestanden war das, was seit unserer ersten Unterredung meine Einbildungskraft fast überstieg, der Gedanke, daß die Dauer der Reise, die ein Geist unternimmt, nicht nur gleich Null, sondern sogar eine r ü c k s c h r e i t e n d e sein kann. »R ü c k s c h r e i t e n d e Z e i t !« Welch merkwürdige Zusammenstellung: Ist es denn glaubwürdig, daß du h e u t e die Reise nach einem Stern antrittst und g e s t e r n daselbst ankommst? Was sage ich, g e s t e r n ? Du kommst vor 72, vor 100 Jahren an; je weiter du reisest, um so früher.
L u m e n : Das ist zweifellos, und in eurer irdischen Sprache kann man sich auch nicht anders ausdrücken, weil die Erde für die Welt, bei der wir anlangen, erst beim Jahre 1793 etc. ist. Es giebt indes auf eurem Erdball selbst einige solcher scheinbaren Widersprüche, die dir eine ungefähre Idee von diesem geben werden. Ich spreche von der telegraphischen Depesche, die, wenn sie um 12 Uhr mittags von Paris abgesandt wird, 20 Minuten vor 12 Uhr in Brest anlangt. — Aber nicht diese besonderen Nutzanwendungen und die merkwürdigen Bilder sind es, auf die du den Hauptwert legen sollst, sondern vielmehr die Enthüllung, deren Formen, die Metaphysik, deren fühlbarer Ausdruck sie sind. Wisse, daß die Zeit nicht etwas absolut Wirkliches, sondern nur ein vorübergehendes Maß ist, das durch die Drehung der Erde um die Sonne geschaffen wird. Mit dem geistigen Auge gesehen, grenzt dieses nicht eingebildete, sondern wirkliche Gemälde des menschlichen Lebens, das uns dieses ganz so zeigt, wie es wirklich war, ohne daß eine Verstellung möglich, einerseits an das Gebiet der Theologie, insofern es ein noch unaufgeklärtes Mysterium auf physikalischem Wege löst: ich meine die Selbsterkenntnis nach dem Tode. Vom Standpunkt des Alls aus gesehen, ist die Gegenwart eines Weltkörpers nicht eine momentane Wirklichkeit, die, sobald sie erscheint, auch wieder verschwindet, kein Bild ohne Bestand, oder ein Thor, durch das die Vergangenheit sich unaufhörlich der Zukunft entgegenstürzt, kein mathematischer Plan im Weltenraume, es ist im Gegenteil eine thatsächliche Wirklichkeit, die sich mit der Geschwindigkeit des Lichts von dieser Welt entfernt, und, indem sie in die Unendlichkeit ewig eindringt, auf diese Weise dauernde Gegenwart bleibt.
Die thatsächliche Existenz dieses großen Problems bewirkt, daß man die Allgegenwart der Welt in ihrer ganzen Dauer begreifen kann. Die Ereignisse verschwinden von dem Orte, der sie hervor gebracht, aber sie bleiben im Weltenraume. Diese aufeinander folgende und nie endende Projektion aller Ereignisse, die sich auf jeder der Welten vollziehen, geschieht im Schoße des unendlichen Wesens, dessen Allgegenwart jedem Ding ununterbrochene Dauer verleiht.
Die Ereignisse, die sich auf der Oberfläche der Erde seit ihrer Entstehung vollzogen haben, werden im Weltenraume, je nach der Zeit, die seitdem verflossen, aus immer größeren Entfernungen wahrgenommen. Die ganze Geschichte des Erdballs, wie das Leben jedes einzelnen seiner Bewohner könnte von einem allumfassenden Blick gleichzeitig wahrgenommen werden. Wir begreifen dadurch, daß das allgegenwärtige höchste Wesen die ganze Vergangenheit in ein und demselben Augenblick erschaut. Wie für unsere Erde, gilt dies für alle übrigen Weltkörper. Gott kennt die Vergangenheit nicht allein durch diese unmittelbare Anschauung, sondern auch durch die Kenntnis eines jeglichen gegenwärtigen Dinges. Wie ein Naturforscher wie Cuvier mit Hilfe von Petrefakten die Gestalten verschwundener Tierarten wieder herstellen konnte, so kann auch der Schöpfer der Natur die vergangene Welt aus der gegenwärtigen erkennen, die Sonne und das Planetensystem der Vergangenheit und alle Bedingungen der Temperatur, des Aggregatzustandes und aller Verbindungen, durch welche die Elemente dahin gelangt sind, die gegenwärtig existierenden Körper zu bilden.
Andererseits erkennt Gott aber auch an ihren gegenwärtigen Keimen schon eine zukünftige Welt, wie er an ihren Früchten die vergangene erkannt hat. Jedes Ereignis ist auf unlösbare Weise mit der Zukunft und der Vergangenheit verknüpft. Die Zukunft wird so unvermeidlich sicher durch die Gegenwart herbeigeführt, ist so logisch aus ihr zu folgern und besteht so genau in ihr, daß die Vergangenheit wiederum in ihr eingegraben ist, für diejenigen, die sie zu entziffern vermögen.
Aber ich wiederhole es: Der Schwerpunkt dieser Erzählung liegt darin, zu wissen und zu verstehen, daß das vergangene Leben der Welten und Geschöpfe immer im Weltenraume sichtbar ist, dank der Fortpflanzung des Lichtes durch die weiten Regionen der Unendlichkeit.
I c h : Seit unserem letzten mystischen Gespräche sind zwei Jahre verflossen. Während dieser Zeit, die für euch, die ihr die weiten Himmelsräume bewohnt, unbemerkt, für uns Erdenbewohner aber sehr fühlbar vorüberging, haben sich meine Gedanken sehr oft mit den großen Problemen beschäftigt, in die du mich eingeweiht, und haben sich neue Horizonte meinem geistigen Auge eröffnet. Ohne Zweifel hast auch du, seitdem du die Erde verlassen, deine Beobachtungen und Studien auf dem immer größer werdenden Forschungsfelde erweitert und hast meinem nun besser vorbereiteten Intellekt neue Wunder mitzuteilen. Hältst du mich für würdig, sie zu hören, und für fähig, sie zu begreifen, dann, Lumen, erzähle mir von den himmlischen Reisen, die deinen Geist in höhere Sphären getragen, von den noch unerkannten Wahrheiten, die sie dir eröffnet, von all dem Großen, das sie dir gezeigt, von den Grundursachen, die sie dir über das Geheimnis der Bestimmung der Menschen und der Lebewesen eröffnet.
L u m e n : Ich habe deine Seele vorbereitet, lieber alter Freund, auf die seltsamen Eindrücke, die kein irdisches Schauspiel je hervorgebracht oder hervorbringen könnte. Trotzdem ist es nötig, daß du jetzt deinen Geist von allen irdischen Vorurteilen vollständig befreiest. Das, was ich dir mitteilen werde, wird dich in Erstaunen versetzen, vernimm es aber vorerst mit Aufmerksamkeit und zwar nicht wie einen Roman, sondern wie eine feststehende Wahrheit. Das ist eine erste Anstrengung, die ich von deinem Wissensdrange verlange. Hast du mich dann verstanden — und du wirst mich verstehen, wenn du mir einen geschulten Geist und eine freie Seele entgegen bringst — dann begreifst du auch, daß alle Thatsachen, die unsere überirdische Existenz ausmachen, nicht allein mögliche, sondern sogar wirkliche sind und die in vollkommenem Einklang stehen mit den geistigen Fähigkeiten, die wir schon auf dieser Erde bethätigt haben.
I c h : Sei versichert, Lumen, daß mein Geist frei, losgelöst von allen Leidenschaften und vorbereitet für die Enthüllungen ist, die vor ihm noch kein menschliches Ohr vernommen.
L u m e n : Die Ereignisse, die das Thema meiner Erzählung bilden werden, haben nicht nur die Erde und ihre Nachbarsterne zum Gegenstande; sie erstrecken sich auf das weite Gebiet der Sternenwelt und lehren uns ihre Wunder kennen. Wie in den vorhergehenden Ereignissen, so wird auch hier die Lösung der Frage durch das Studium des Lichtes erfolgen, des Lichtes, das eine magische Brücke bildet von einem Sterne zum andern, von der Erde zur Sonne und von der Erde zu den Sternen, — des Lichtes, dieser universellen Schwingungen, die den Weltenraum erfüllen, die Welten in ihren Bahnen festhalten und das ewige Leben der Natur ausmachen. Versuche es also sofort, dir die successive Fortpflanzung des Lichtes im Weltenraume vorzustellen.
I c h : Ich weiß, daß das Licht, dieses unbestimmte Agens, durch das die Gegenstände unseren Augen sichtbar werden, sich nicht plötzlich von einem Punkte zum andern fortpflanzt, sondern successive, wie jeder bewegliche Körper; ich weiß, daß es 75 000 Meilen in einer Sekunde, 750 000 Meilen in 10 Sekunden und 4 500 000 in jeder Minute durchläuft, daß es mehr als 8 Minuten braucht, um die 37 000 000 Meilen zu durchmessen, die uns von der Sonne trennen. Die moderne Astronomie hat uns mit diesen Dingen vertraut gemacht.
L u m e n : Und du kannst dir auch die wellenförmigen Schwingungen des Lichtes genau vorstellen?
I c h : Ich glaube es zu können, ich vergleiche sie gerne mit denen des Schalls, obwohl sich die Lichtschwingungen auf einem unvergleichlich größeren Raume abspielen. Schwingung um Schwingung pflanzt sich der Ton in der Luft fort. Wenn die Glocken läuten, so wird ihr tiefer Ton von dem Türmer, der auf der Glockenstube wohnt, in demselben Augenblick vernommen, in dem der Glockenhammer niederfällt; diejenigen, welche 350 Meter von der Kirche entfernt wohnen, hören ihn erst eine Sekunde, diejenigen, welche 700 Meter entfernt wohnen, erst zwei Sekunden später und diejenigen, welche 1 Kilometer von der Kirche entfernt wohnen, erst nach drei Sekunden. So gelangt der Ton nach und nach von einem Dorfe zum andern, soweit er überhaupt getragen wird. Ebenso geht das Licht nur nach und nach von einer näheren Region des Weltenraumes zu einer entfernteren über und dringt auf diese Weise immer weiter vor in die Unendlichkeit, ohne je zu erlöschen. Wenn wir von der Erde aus ein Ereignis auf dem Monde sehen könnten, wenn wir z. B. genügend gute Instrumente besäßen, um von hier aus eine Frucht wahrzunehmen, die auf der Oberfläche des Mondes vom Baume fällt, wir würden dieses Geschehnis nicht in dem Augenblick selbst sehen, wo es sich vollzieht, sondern 1¼ Sekunde später, da das Licht, um vom Monde zu uns zu gelangen, ungefähr 1¼ Sekunde braucht. Könnten wir ebenso ein Ereignis sehen, das sich auf einer Welt vollzieht, die zehnmal entfernter ist als der Mond, wir würden es erst 13 Sekunden, nachdem es geschehen, wahrnehmen. Wäre diese Welt hundertmal entfernter als der Mond, wir würden das Ereignis erst nach 130 Sekunden, wäre sie tausendmal weiter entfernt, erst nach 1300 Sekunden oder 21 Minuten 40 Sekunden, nachdem es sich vollzogen, wahrnehmen, und so immer weiter, je nach den Entfernungen.
L u m e n : Ganz recht, und du weißt also auch, daß der Lichtstrahl, den die Capella zur Erde sendet, 72 Jahre braucht, um hier anzugelangen. Erhalten wir nun heute erst den Lichtstrahl, der vor 72 Jahren von der Oberfläche des Sternes ausging, so sehen natürlich auch die Bewohner der Capella die Erde heute nur so, wie sie vor 72 Jahren war. Die Erde strahlt in den Weltenraum das Licht zurück, das sie von der Sonne erhält, und erscheint in der Ferne so glänzend wie Venus und Jupiter, die ihr Licht von der gleichen Sonne empfangen wie die Erde. Der Lichtstrahl der Erde, ihre Photographie, durchläuft im Weltenraume 75 000 Meilen in der Sekunde und kommt erst nach 72 Jahren unaufhörlichen Weiterreisens auf der Capella an. Ich rufe dir diese Anfangsgründe ins Gedächtnis zurück, damit sie sich deinem Geiste fest und genau einprägen und dich zum Verständnis der Ereignisse befähigen, die sich seit unserm letzten Gespräch in meinem überirdischen Leben zugetragen.
I c h : Diese optischen Prinzipien sind mir vollständig klar. Als du dich am Tage nach deinem Tode im Jahre 1864 rasch auf die Capella versetzt fühltest, warst du ganz erstaunt, in dem Augenblick daselbst anzukommen, wo die Astronomen des Landes die Erde von 1793 und eine der kühnsten Thaten der französischen Revolution beobachteten. Du warst nicht weniger erstaunt, dich bald nachher als Kind in den Straßen von Paris herumlaufen zu sehen.
Indem du dich der Erde auf eine Entfernung, die geringer als die der Capella war, nähertest, gelangtest du in die Zone, wo sich gerade auch die Lichtstrahlen, die zur Zeit deiner Kindheit ausgegangen waren, befanden, und sahst dich im Alter von 6 Jahren, nicht etwa in der Erinnerung, sondern in Wirklichkeit. Von allen deinen früheren Mitteilungen schien mir diese am unglaublichsten, das heißt, sie zu verstehen und zu begreifen.
L u m e n : Das, was ich dir jetzt klar machen will, ist noch viel überraschender. Es war aber nötig, jenes als feststehende Wahrheit anzuerkennen, um das nun folgende zu begreifen. Als ich die Capella verließ und mich der Erde näherte, sah ich die 72 Jahre meiner irdischen Existenz, mein ganzes Leben unmittelbar so vor mir, wie es verlaufen. —
Ich lief den Lichtstrahlen entgegen, die nach und nach die irdischen Bilder, die ganze sichtbare Geschichte unseres Planeten, mitinbegriffen diejenigen von Paris und meiner eigenen Person, in sich trugen. Indem ich nun auf diese Weise retrospectiv in einem Tage den Weg zurücklegte, zu dem das Licht 72 Jahre braucht, hatte ich auch mein ganzes Leben in einem Tage gesehen und kam zu meinem Begräbnis wieder auf der Erde an.
I c h : Es ist gerade so, als ob du bei deiner Reise von der Capella zur Erde 72 Photographien gesehen, die von Jahr zu Jahr stufenweise aufgestellt waren. Diejenige, welche am weitesten entfernt von der Erde, d. h. deren Lichtstrahl am frühesten ausgegangen war, und die sich in der Entfernung der Capella befand, zeigte dir das Jahr 1793. Der zweite Strahl, der ein Jahr später ausgegangen und noch nicht bei der Capella angelangt war, zeigte das Jahr 1794, der zehnte das Jahr 1803, der sechsunddreißigste, der die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte, 1829, der fünfzigste 1843, der einundsiebzigste das Jahr 1864.
L u m e n : Man kann diese im ersten Augenblick unverständlich und mysteriös scheinende Thatsache nicht besser begreifen, als du es gethan. Nun kann ich dir auch erzählen, was sich, nachdem ich meine irdische Existenz wieder gesehen, auf der Capella zugetragen.
W ährend ich noch kurze Zeit vorher (ich kann diese Zeit nicht nach irdischem Maße bemessen) inmitten einer melancholischen Landschaft der Capella und bei einbrechender klarer Nacht damit beschäftigt war, den Sternenhimmel und an diesem Himmel den Stern, der eure irdische Sonne ist, und in der Nähe dieses Sternes den kleinen azurblauen Planeten, der eure Erde ist, zu bewundern, während ich eine Szene meiner frühsten Kindheit beobachtete: meine junge Mutter, die in einem Garten saß und ein Kind von wenigen Monaten (meinen Bruder) auf dem Arme hielt, während ein kleines zweijähriges Mädchen (meine Schwester) und ein kleiner Junge, der kaum zwei Jahre älter war, (ich selbst) neben ihr saßen, — während ich mich in dem Alter sah, wo der Mensch noch kein Bewußtsein seiner geistigen Existenz hat und dessen ungeachtet schon die Keime seines ganzen zukünftigen Lebens in seinem Kopfe trägt, und während ich über die eigentümliche Wirklichkeit nachdachte, die m i c h mir selbst zeigte, — in jenen ersten Jahren meines Lebens —, fühlte ich meine Aufmerksamkeit wie durch eine höhere Macht von eurem Planeten ab- und meine Blicke einem andern Punkte des Himmels zugelenkt, der mir in diesem Augenblick wie durch ein geheimes Band mit der Erde und meiner irdischen Laufbahn verknüpft zu sein schien. Wie mit magnetischer Kraft waren meine Blicke auf diesen neuen Punkt des Himmels festgebannt. So oft ich auch versuchte, sie davon abzuwenden und sie wieder der Erde, die ich noch immer liebe, zuzukehren, immer kehrten sie eigensinnig zu dem unbekannten Sterne zurück.
Dieser Stern, auf dem meine Blicke sozusagen instinktiv etwas zu erraten suchten, gehört zu dem Sternbild der »Jungfrau«, das von der Capella aus ein etwas anderes Bild als von der Erde aus bietet. Er ist ein Doppelstern, d. h. eine Vereinigung zweier Sonnen, von denen die eine silberweiß, die andre goldgelb ist, und die sich in 175 Jahren eine um die andere drehen. Man kann diesen Stern von der Erde aus mit bloßem Auge wahrnehmen, und er gehört unter dem Buchstaben J (Gamma) zu dem Sternbild der Jungfrau. Zu jeder dieser Sonnen, aus denen sich dieser Doppelstern zusammensetzt, gehört ein Planetensystem. Mein Auge haftete auf einem Planeten der goldenen Sonne.
Auf diesem Planeten giebt es Pflanzen und Tiere wie auf unserer Erde. Ihre Formen nähern sich den irdischen Formen, obwohl die Organismen im Grunde auf eine von der irdischen ganz verschiedene Art und Weise aufgebaut sind. Es giebt daselbst ein dem euren analoges Tierreich, Fische in den Meeren und Vierfüßler in der Luft, in der auch die Menschen fliegen können, aber ohne Flügel, nur infolge der sehr großen Dichtigkeit dieser Atmosphäre. Die Menschen dieses Planeten zeigen ungefähr eure irdische Gestalt, wenn auch ihr Schädel kahl ist und sie an den Händen statt der fünf Finger nur drei sich gegenüberstehende, lange, dünne Daumen und statt der Fußsohle drei Zehen an der Ferse haben, und die Arme und Beine weich wie Gummi sind. Sie besitzen zwei Augen, eine Nase und einen Mund, was ihr Gesicht den irdischen Gesichtern ähnlich macht, haben aber nicht, wie wir, an jeder Seite des Kopfes ein Ohr, sondern besitzen überhaupt nur ein einziges, das in Form eines Kegels wie ein kleiner Hut auf der oberen Partie des Schädels sitzt. Sie leben in Gemeinschaft und gehen nicht nackt. Du siehst, daß sie im ganzen äußerlich wenig verschieden sind von den Bewohnern der Erde.
I c h : Es giebt also auf andern Weltkörpern Geschöpfe, die noch viel verschiedener von uns sind, daß diese trotz ihrer Unähnlichkeiten doch mit uns verglichen zu werden verdienen.
L u m e n : Im allgemeinen trennt ein tiefer, für euch nicht vorstellbarer Unterschied die belebten Formen der verschiedenen Welten. Diese Formen sind das Resultat der jedem Weltkörper eigenen Elemente und der ihn beherrschenden Kräfte. Stoff, Dichtigkeit, Schwerkraft, Wärme, Licht, Elektrizität, Atmosphäre u. s. w. sind auf jedem Weltkörper grundverschieden. Diese Formen weichen selbst in einem und demselben Planetensystem von einander ab. So gleichen z. B. die Bewohner des Uranus und des Merkur in nichts denen der Erde, und wer sie zum erstenmale sähe, würde an ihnen weder Kopf, noch Glieder, noch Sinnesorgane erkennen; hingegen nähern sich die Bewohner des Planetensystems der Jungfrau, auf der meine Blicke mit einer passiven Beharrlichkeit ruhten, in ihrer Gestalt denen des Erdballs, ebenso in ihrer intellektuellen und moralischen Beschaffenheit. Sie stehen auf der geistigen Stufe, die derjenigen, auf der unsere Menschheit sich befindet, unmittelbar vorangeht. Wir sind ihnen also etwas überlegen.
I c h : Die irdische Menschheit ist doch intellektuell und moralisch nicht gleichwertig, sondern scheint mir im Gegenteil sehr verschieden. Wir Europäer gleichen doch nicht den Völkerschaften in Abessynien oder den Wilden auf den Inseln des großen Oceans. Welches Volk ist für dich der Typus des Grades von Intelligenz auf der Erde?
L u m e n : Die Arier [26], die einerseits befähigt waren, einen Kepler, Newton, Galiläi, Archimedes, einen Euklid und einen d‹Alembert hervorzubringen, und die anderseits mit ihren Wurzeln bis zu den Urstämmen, die in Felsenhöhlen wohnten, zurückreichen. Aber es ist nicht nötig, hier irgend ein besonderes Volk als Typus aufzustellen. Man thut besser, die Gesamtheit der modernen Civilisation in Betracht zu ziehen. Außerdem existiert auch kein so großer Unterschied, als du anzunehmen scheinst, zwischen dem Begriffsvermögen eines Negerhirns und dem eines der romanischen Rasse. Wie dem aber auch sei, wenn du durchaus einen Vergleich willst, so kann ich dir sagen, daß die Menschen auf diesem Planeten der »Jungfrau« ungefähr auf der gleichen intellektuellen Stufe stehen, wie die skandinavischen Völker.
[26] Anm. d. Hrsg.: In der für den Textvergleich verwendeten französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900], S. 126) und auch in den übrigen dem Hrsg. vorliegenden LumenAusgaben lautet der Originaltext an dieser Stelle wie folgt: »Le peuple arabe. Il est capable de produire des Képler ...« In deutscher Übersetzung muss es daher richtig heißen »Das arabische Volk. Es ist befähigt, einen Kepler ...«
Der größte Unterschied, der zwischen jener Welt und der unsern besteht, ist der, daß es dorten keine Geschlechter giebt, weder bei den Pflanzen und Tieren, noch bei den Menschen. Die Erzeugung der Wesen geht von selbst vor sich, als natürliches Resultat gewisser physiologischer Verbindungen, die sich auf einigen fruchtbaren Inseln des Planeten vereinigt finden, und die Menschen werden nicht aus dem Mutterleibe geboren. Es wäre vergebene Mühe, dir das näher erklären zu wollen, denn du verstehst und urteilst doch nur nach euren irdischen Ideen, von denen die Dinge jenes Planeten vollständig verschieden sind. Das Resultat dieser organischen Beschaffenheit besteht darin, daß auf dieser Welt die Ehe in keiner Form existiert, und daß die Freundschaften der Menschen ganz frei von dem sinnlichen Beigeschmack sind, der auf unserer Welt auch den reinsten freundschaftlichen Beziehungen zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechtes anhaftet. Du weißt übrigens, daß in der protozoischen Periode die Bewohner der Erde alle taubstumm und ungeschlechtlich waren. Die Teilung der Geschlechter hat sich erst verhältnismäßig spät vollzogen, sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen.
Als nun, wie gesagt, meine geistigen Augen von diesem Planeten gefesselt wurden, prüften sie aufmerksam seine Oberfläche und blieben, ohne daß ich mir eines besonderen Grundes bewußt ward, auf einer weißen Stadt haften, die von Ferne einer schneebedeckten Fläche glich. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, daß es wirklich Schnee war, da nicht anzunehmen ist, daß das Wasser auf diesem Weltkörper sich im gleichen chemischen und physikalischen Zustande wie auf der Erde befindet. Von dieser Stadt führte eine Allee zu einem benachbarten Gehölze, das aus gelben Bäumen bestand. In dieser Allee fielen mir sofort drei Personen auf, die langsam dem Gehölze zuzugehen schienen. Die kleine Gruppe bestand aus zwei Freunden, die intim zusammen plauderten, und einem dritten Wesen, das sich durch sein rotes Kleid und das Gepäck, das es trug, von ihnen unterschied und ihr Diener, Sklave oder Haustier sein mußte.
Während ich neugierig die beiden Hauptpersonen beobachtete, erhob diejenige, welche rechts ging, ihr Gesicht zum Himmel, als ob man ihr von einem Luftballon aus zugerufen hätte, und richtete ihre Augen genau auf die Capella, ohne diese wahrscheinlich sehen zu können, da der Vorgang sich für die beteiligten Personen bei Tage abspielte. Niemals, alter Freund, werde ich den plötzlichen Eindruck vergessen, den dieser Anblick auf mich machte ... Ich kann es selbst noch kaum glauben, wenn ich daran denke ...
Dieses Wesen auf dem Planeten der Jungfrau, das, ohne es zu ahnen, mich ansah, — es war ... kann ich es dir ohne lange Vorbereitung sagen? ... nun — i c h s e l b s t war es.
I c h : — Wie, d u ?
L u m e n : Ich selbst in eigener Person. Ich erkannte mich sofort, und du kannst dir mein Erstaunen denken.
I c h : Gewiß, und zwar in vollstem Maße, da ich selbst garnichts davon verstehe.
L u m e n : Es ist dies eben eine vollkommen neue Situation, die einer Erklärung bedarf. Ich war es also wirklich und erkannte nicht nur sofort mein eignes Gesicht und meine ehemalige Gestalt wieder, sondern erkannte auch in der Person, die neben mir ging, einen guten Freund, meinen lieben Kathleen, der mein Studiengenosse auf diesem Planeten war. Ich verfolgte uns mit dem Blick bis zu dem goldschimmernden Gehölze. Der Weg führte durch herrliche kleine Thäler, beschattet von goldenen Wipfeln, Bäumen mit orangefarbigen Zweigen und Blättern, die wie Bernstein leuchteten. Eine kleine Quelle lief murmelnd über den feinen Sand, und wir setzten uns an ihrem Rande nieder. Noch denke ich der köstlichen Stunden, die wir da zusammen verbracht, der herrlichen Jahre, die uns auf dieser fernen Welt verflossen, unseres fast brüderlichen Verkehrs und der gemeinsamen Eindrücke, die wir beim Anblick der herrlichen Gegenden empfanden, der stillen Thäler, der dampfenden Hügel, der kleinen Seen, in denen sich der Himmel spiegelte. Unsere Betrachtungen galten der großen, erhabenen Natur, und wir beteten Gott in seinen Werken an. Mit welchem Glücksgefühl sah ich diese Phase meiner ehemaligen Existenz wieder, knüpfte ich von neuem den goldenen Faden, den mein Erdendasein unterbrochen hatte! ...
Es war wirklich ich selbst, mein lieber Freund, der damals auf jenem Planeten der Jungfrau lebte. Ich sah mich in Wirklichkeit vor mir und konnte fortfahren, die Reihenfolge meiner Handlungen zu beobachten, die glücklichsten Augenblicke dieser längst verflossenen Zeit wiederzusehen.
Hätte ich übrigens noch Zweifel an meiner Identität gehabt, sie wären im Laufe meiner Beobachtungen vollständig behoben worden, denn während ich mich betrachtete, sah ich meinen brüderlichen Gefährten aus jener Zeit, Berthor, aus dem Gehölze treten, auf uns zuschreiten und sich am Rande der murmelnden Quelle in unser Gespräch mischen.
I c h : Ich begreife immer noch nicht, Meister, wie du dich in Wirklichkeit auf diesem Planeten sehen konntest. Besaßest du denn die Gabe, allgegenwärtig zu sein? Konntest du wie Franz von Assisi oder Apollonius von Tyana an zwei Orten zugleich sein?
L u m e n : In keiner Weise. Indem ich aber die astronomischen Koordinaten des Sternes Gamma der Jungfrau maß und seine Parallaxe von der Capella aus, konnte ich feststellen, daß das Licht dieser Sonne nicht weniger als 172 Jahre braucht, um die Entfernung zu durchmessen, die sie von der Capella trennt. Ich erhielt also gegenwärtig den Lichtstrahl, der 172 Jahre früher von diesem Weltkörper ausgegangen war. Nun traf es sich aber, daß ich mich zu dieser Zeit gerade auf fraglichem Planeten befand und schon mein zwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte.
Indem ich nun der Vergangenheit nachforschte und die verschiedenen Arten der Planeten miteinander verglich, erkannte ich thatsächlich, daß ich im Jahre 45 904 (was nach irdischer christlicher Zeitrechnung dem Jahre 1677 entspricht) auf diesem Planeten in der Jungfrau zum Leben erwachte und im Jahre 45 913 (1767 nach unserer Zeitrechnung) eines gewaltsamen Todes gestorben war. Jedes Jahr dieses Planeten ist gleich zehn der unsern. — Im Augenblick, wo ich mich so sah, wie ich dir eben mitgeteilt, schien ich, um mich in eurer irdischen Sprache auszudrücken, zwanzig Jahre alt zu sein. Nach der Zeitrechnung dieses Planeten war ich aber erst zwei Jahre alt: man erreicht hier oft ein Alter von fünfzehn Jahren, was auf dieser Welt als äußerste Lebensgrenze gilt und hundertundfünfzig irdischen Lebensjahren gleich kommt.
Da der Lichtstrahl, oder, um genauer zu reden, das Bild, die Photographie dieses Planeten in der Jungfrau 172 irdische Jahre braucht, um den weiten Zwischenraum zu durchlaufen, der ihn von der Capella trennt, folgt daraus, daß, indem ich mich auf letzterem Sterne befand, ich jetzt das Bild respective den Lichtstrahl sah, der 172 Jahre früher von der Jungfrau ausgegangen war. Obwohl die Dinge sich seitdem viel verändert hatten, Generation auf Generation sich gefolgt, und ich selbst auf dem Sterne gestorben war und seit dieser Epoche sogar ein zweites Mal zum Leben erwachte und zweiundsiebzig Jahre auf der Erde lebte, — trotz alledem hatte das Licht die ganze Zeit gebraucht, um den Weg von der Jungfrau zur Capella zurückzulegen, und zeigte mir nun die frischen Bilder dieser längst vergangenen Ereignisse.
I c h : Nachdem die Dauer dieser Lichtreise bewiesen ist, habe ich gegen diesen Punkt nichts weiter einzuwenden. Ich kann aber trotzdem nicht umhin, dir zu gestehen, daß eine solche Merkwürdigkeit alles übersteigt, was ich selbst der kühnsten schöpferischen Einbildungskraft zugetraut.
L u m e n : Hier handelt es sich nicht um Einbildungskraft, lieber Freund. Nur eine ewige, geheiligte Wirklichkeit findet ihren Platz in dem Plane der universellen Schöpfung. Das eigene oder wiedergespiegelte Licht eines jeden Gestirnes, anders ausgedrückt, das Bild einer jeden Sonne und eines jeden Planeten verbreitet sich im Weltenraume mit der Schnelligkeit, die du kennst, und der Lichtstrahl enthält in sich selbst alles Sichtbare. Da nichts verloren geht, so durchlaufen auch die Bilder der Geschichte einer jeden Welt, die in dem von ihr ausgestrahlten Lichte enthalten sind, ewig den Weltenraum, ohne je ganz zerstört zu werden.
Das irdische Auge kann diese Schrift nicht entziffern, aber es giebt Augen, die den irdischen überlegen sind, und wenn ich in diesen Erzählungen das Wort s e h e n anwende, so thue ich es nur des besseren Verständnisses wegen. Genau genommen giebt es, wie wir schon bei früheren Mitteilungen festgestellt, kein L i c h t , sondern nur Ätherschwingungen, kein S e h e n , sondern nur Wahrnehmungen des Geistes. Wenn wir übrigens auf der Erde mit dem Teleskop oder noch besser mit dem Spektroskop die Oberfläche eines Sternes beobachten, so haben wir, wie du weißt, nicht seine gegenwärtige Beschaffenheit vor Augen, sondern eine längst vergangene, die der Lichtstrahl, welcher vielleicht vor 10 000 Jahren ausgegangen, uns vermittelt. Du weißt auch, daß eine Menge Sterne, deren physikalische und numerische Elemente ihr Astronomen auf der Erde gegenwärtig zu bestimmen sucht, und die über euren Häuptern am Himmel glänzen, vielleicht schon von Anbeginn der Erde überhaupt nicht mehr existieren.
I c h : Wir wissen es. So sahst du also deine vorletzte Existenz 172 Jahre, nachdem sie verlaufen, vor dir.
L u m e n : Oder vielmehr eine Phase dieser Existenz. Aber ich hätte sie gewiß ganz wiedersehen können und könnte es noch, wenn ich mich jenem Planeten ebenso genähert hätte oder näherte, wie ich es bei der Erde gethan.
I c h : So hast du also in den Lichtstrahlen deine beiden letzten Inkarnationen wiedergesehen?
L u m e n : Wie du sagst. Und was noch mehr ist, ich habe sie zusammen gesehen und sehe sie noch so und zwar g l e i c h z e i t i g , eine neben der andern.
I c h : Du siehst sie gleichzeitig?
L u m e n : Das ist nicht schwer zu begreifen. Das Licht der Erde braucht 72 Jahre, um zur Capella zu gelangen. Das Licht des Planeten in der Jungfrau, der fast ein und ein halbes Mal entfernter als die Capella ist, braucht 172 Jahre; da ich nun vor 72 Jahren auf der Erde und 100 Jahre vorher auf dem andern Planeten lebte, so sehe ich diese beiden Epochen zusammen von der Capella aus. Indem ich diese beiden Weltkörper betrachte, habe ich meine beiden letzten Existenzen, die sich darauf abrollen, vor mir, — als ob ich garnicht hier wäre, um sie zu sehen, — und ohne daß ich an den Handlungen, die ich mich auf der einen wie auf der andern vornehmen sehe, irgend etwas ändern kann, da diese Handlungen, obwohl sie für meine augenblickliche Beobachtung gegenwärtige und zukünftige sind, in Wirklichkeit doch der Vergangenheit angehören. —
I c h : Seltsam, wirklich sehr seltsam.
L u m e n : Das, was mich bei der unerwarteten Betrachtung meiner beiden früheren Existenzen, die sich zusammen und wie gegenwärtig für mich auf verschiedenen Welten vor meinen Augen abrollten, am meisten in Erstaunen setzte und meine Aufmerksamkeit am meisten fesselte, war die merkwürdige Ähnlichkeit dieser beiden Existenzen. Ich hatte in der einen wie in der andern den gleichen Geschmack, die gleichen Neigungen, beging die gleichen Irrtümer und war auf der einen wie auf der andern weder ein Verbrecher noch ein Heiliger. Außerdem (merkwürdiges Zusammentreffen!) sah ich in meiner ersten Existenz Gegenden, die denen, welche ich auf der Erde gesehen, ganz analog waren. So erklärt sich mir auch die angeborene Vorliebe, die ich während meines Erdenlebens für die nordische Poesie, die Erzählungen Ossians, für die träumerischen Landschaften Irlands, für das Gebirge und das Nordlicht hatte. Schottland, Skandinavien mit seinen Fjords, Spitzbergen mit seinen Einöden, verfallene Ruinen, Felsen und wilde Schluchten, dunkle Tannen, durch die der Nordwind streicht, all das schien mir auf der Erde in gewisser Beziehung zu meinen innersten Gedanken zu stehen. Als ich Irland sah, war es mir, als habe ich schon einmal da gelebt; als ich zum erstenmal den Aufstieg zum Rigi und Finsterahorn unternahm und den herrlichen Sonnenaufgang auf den schneebedeckten Gipfeln der Alpen sah, schien es mir, als habe ich vor Zeiten das alles schon einmal gesehen; auch das Brockengespenst schien mir nicht neu. Ich hatte eben früher auf dem Planeten in der Jungfrau schon analoge Gegenden bewohnt; das gleiche Leben, die gleichen Handlungen unter den gleichen Umständen und Bedingungen! Ähnlichkeiten, nichts als Ähnlichkeiten! Fast alles, was ich auf der Erde gesehen, gethan und gedacht, ich hatte es hundert Jahre vorher in meinem früheren Dasein schon einmal ebenso gesehen, gethan und gedacht.
Ich hatte das immer geahnt.
Trotzdem ist mein Erdenleben in der Gesamtheit dem vorhergehenden überlegen. Jedes Kind bringt schon bei der Geburt verschiedene Eigenschaften, besondere Prädispositionen, angeborene und nicht bestreitbare Widersprüche mit auf die Welt, die sich vor dem philosophischen Geiste und der ewigen Gerechtigkeit nur durch das frühere Wirken freier Seelen erklären lassen. Obwohl aber mein irdisches Dasein, besonders in Beziehung auf die genauere und eingehendere Kenntnis der Weltordnung, dem vorhergehenden überlegen war, muß ich doch bemerken, daß mir auch einige physische und moralische Eigenschaften, die ich früher besessen, auf der Erde fehlten, und daß ich anderseits dorten solche besaß, die mir früher nicht eigen waren. So will ich unter den physischen Eigenschaften, die mir auf der Erde fehlten, besonders die des Fliegens erwähnen. Auf dem Planeten der Jungfrau sah ich, daß ich ebenso oft flog, als ich ging, und zwar ohne Flugmaschine und ohne Flügel, nur mit meinen Armen und Beinen, wie man im Wasser schwimmt. Indem ich diese Art der Fortbewegung von einem Ort zum andern, deren ich mich, wie ich deutlich erkannte, auf diesem Planeten bediente, prüfte, sah ich genau, daß ich weder Flügel, noch Luftballon, noch Flügelschraube habe (ich will sagen hatte), sondern mich im gegebenen Augenblick, wie durch einen starken Stoß des Fußes, von der Erde erhebe, die Arme ausstrecke und, ohne zu ermüden, in der Luft schwimme. Komme ich zu Fuß einen steilen Berg herab, so stürze ich mich mit geschlossenen Füßen vorwärts in den leeren Raum und komme, kraft meines Willens, langsam und in schiefer Richtung bis zu dem Punkte herab, wo meine Füße den Boden berühren und ich plötzlich aufrecht stehe. Ein andermal fliege ich langsam, wie eine Taube, die bei der Rückkehr zu ihrem Schlage eine Kurve beschreibt. Das alles sehe ich mich deutlich auf jener Welt vollziehen.
Nun, nicht einmal, sondern hundert, ja tausend Mal vielleicht sah ich mich in meinen irdischen Träumen auf diese Weise fortgetragen, genau so sanft, natürlich und ohne jeglichen Apparat. Wie könnten solche Unmöglichkeiten uns so oft in unseren Träumen zeigen, wo es doch auf dem Erdball nichts ähnliches giebt, was diese Träume rechtfertigte? Um dieser angeborenen Neigung instinktiv nachzugeben, ließ ich mich von einem Luftballon mehrere Male in die Höhe tragen; allein der Eindruck ist nicht der gleiche, man fühlt sich nicht fliegen, sondern glaubt sich unbeweglich. Nun kann ich mir meine Träume dahin erklären, daß, während meine irdischen Sinne schliefen, meine Seele sich ihrer früheren Existenz erinnerte.
I c h : Auch ich fühlte und sah mich im Traume oft fliegen und, genau so wie du, ohne Flügel und ohne Apparat, nur durch eine Bewegung des Körpers, die allein meine Willenskraft veranlaßte. Hätte ich am Ende auch schon einmal auf jenem Planeten der Jungfrau gelebt?
L u m e n : Ich weiß es nicht. Besäßest du transcendentale Augen oder Instrumente und wären erstere scharf genug, du müßtest von eurer Erde aus diesen Planeten wahrnehmen und seine Oberfläche prüfen können, und wenn du zufällig zu der Zeit, wo die Lichtstrahlen von ihm ausgingen, die gegenwärtig auf der Erde ankommen, auf diesem Stern gelebt hättest, so könntest du dich vielleicht dort wiederfinden. Doch deine Augen sind viel zu schwach, um eine solche Nachforschung anzustellen. Es ist überdies auch garnicht nötig, daß du, um die Fähigkeit des Fliegens besessen zu haben, gerade jene Welt bewohnen mußtest. Es giebt eine beträchtliche Anzahl von Weltkörpern, auf denen das Fliegen den Normalzustand bildet, und wo die ganze menschliche Rasse nur durch diese Eigenschaft lebt. Nur auf wenigen Planeten kriechen die Menschen so wie auf unserer Erde.
I c h : Aus deiner vorhergehenden Vision würde sich also ergeben, daß deine irdische Existenz nicht die erste war, und daß du vor der Erde schon auf einer andern Welt gelebt hast. Du glaubst also, daß die Seele verschiedene Existenzen hat?
L u m e n : Hast du vergessen, daß du mit einem der körperlichen Gestalt entkleideten Geiste sprichst? Ich muß wohl diese Wahrheit anerkennen, denn ich sehe sowohl mein irdisches Leben, als auch das diesem vorhergehende auf dem Planeten in der Jungfrau vor mir und erinnere mich überdies noch mehrerer anderer Existenzen.
I c h : Das ist es gerade, was mir fehlt, um eine solche Überzeugung in mir zu befestigen. Ich erinnere mich absolut an nichts, was meiner irdischen Geburt hätte vorangehen können.
L u m e n : Du liegst noch in leiblichen Fesseln; warte nur, bis du davon befreit bist, um dich deines geistigen Vorlebens zu erinnern. Die Seele besitzt ein volles Erinnerungsvermögen und vollständige Macht über sich selbst nur in ihrem normalen, ihrem himmlischen Leben, das heißt zwischen ihren verschiedenen Verkörperungen. Dann sieht sie nicht allein ihre Existenz auf der Erde, sondern auch ihre vorhergehenden Existenzen wieder. Wie könnte auch eine Seele, die zu vorübergehendem Wirken an die rauhen körperlichen Fesseln geschmiedet ist, sich ihres rein geistigen Daseins erinnern, und wie schädlich wäre ihr ein solches Erinnern! Wie sehr würde es die Freiheit ihrer Handlungen beeinträchtigen, wenn es der Seele ihren Anfang und ihr Ende zeigte? Wie wäre man imstande, irgend etwas zu leisten, wenn man im voraus sein Schicksal kennte? Die auf der Erde verkörperten Seelen sind noch nicht auf jenem fortgeschrittenen Stadium angelangt, wo die Kenntnis ihrer früheren Existenz ihnen von Nutzen wäre.
Die Permanenz der lebendigen Eindrücke offenbart sich nicht auf dieser Übergangswelt. Die Raupe erinnert sich nicht ihrer rudimentären Existenz im Ei. Die Larve nicht der Arbeitstage, die sie kriechend auf den niederen Pflanzen verbrachte, der Schmetterling, der von Blume zu Blume fliegt, nicht der Zeit, wo er wie eine Mumie eingesponnen war, um sich zu verpuppen, nicht der Dämmerung, wo er als Raupe von Blatt zu Blatt kroch, nicht der Nacht, wo ihn die Hülle eines Eies umschloß. Und doch sind Ei, Larve und Schmetterling ein und dasselbe Wesen. Selbst in einzelnen Fällen des irdischen Lebens giebt es bemerkenswerte Beispiele von fehlendem Erinnerungsvermögen, so bei dem natürlichen oder hervorgebrachten Somnambulismus und gewissen anderen psychischen Vorgängen, mit denen sich die moderne Wissenschaft beschäftigt. Es ist also auch nichts Überraschendes, sich während einer Existenz nicht seiner vorhergehenden erinnern zu können. Das außerirdische Leben und das auf den Planeten repräsentieren zwei ganz verschiedene, von einander unabhängige Zustände.
I c h : Wenn wir aber vor diesem Leben schon einmal gelebt hätten, Meister, so müßte uns doch etwas davon bleiben, sonst wären diese früheren Existenzen ganz zwecklos.
L u m e n : Und erachtest du es für nichts, mit angeborenen Fähigkeiten auf die Welt zu kommen? Eine geistige Heredität existiert nicht.
Zwei Kinder haben den gleichen Vater, die gleiche Mutter, erhalten genau dieselbe Erziehung, sind von der gleichen Sorgfalt umgeben, leben in dem gleichen Milieu. Nun prüfe einmal ein jedes von ihnen. Glaubst du, daß sie sich gleichen? Ganz und garnicht. Es giebt keine Gleichheit des Intellekts. Das eine der Kinder bringt friedliche Instinkte und einen großen Verstand mit auf die Welt, es wird gut, weise, klug, vielleicht ein hervorragender Denker werden, das andere besitzt eine angeborene Neigung zu Herrschsucht, Neid, vielleicht sogar zu Brutalität. Auch sein Beruf wird ihm klar vorgezeichnet sein, es zweifellos zu einem hervorragenden Offizier machen und ihm den (wenig wünschenswerten und doch auf Erden so bewunderten) Ruhm verschaffen, der mit dem Namen eines offiziellen Mörders verknüpft ist. Dieser Unterschied der Charaktere zeigt sich in starken oder schwachen Andeutungen bei allen Menschen und hängt weder von der Familie, noch von der Rasse, weder von der Erziehung noch von der körperlichen Beschaffenheit des einzelnen ab. Du magst über dieses Faktum nachdenken, so viel du willst, du wirst immer zu der Überzeugung gelangen, daß es etwas absolut Unerklärliches ist und seine Ursache nur in einem früheren Seelenleben haben kann.
I c h : Lehren uns aber nicht die meisten Philosophen und Theologen, daß die Seele gleichzeitig mit dem Körper geschaffen wird?
L u m e n : Und kannst du genau sagen, in welchem Momente dies geschieht? Im Augenblick der Geburt? Aber sowohl die Gesetzgebung wie auch die Physiologie sagen, daß das Kind schon im Mutterleibe lebt, und einen achtmonatlichen Fötus zu zerstören, gilt als Mord. Kannst du den Zeitpunkt genau bestimmen, wo die Seele in dem weichen Gehirn des Embryos oder Fötus erscheint?
I c h : Die Alten glaubten, daß die wirklich geistige Belebung des menschlichen Wesens sechs Wochen nach der Empfängnis vor sich gehe. Die Modernen hingegen neigen zu der Ansicht, daß es während der Zeugung selbst geschehe.
L u m e n : Täuschung, nichts als Täuschung. Ihr könnt glauben, daß die Vollziehung der ewigen Absichten des Schöpfers von den launenhaften Wünschen, der wechselnden Leidenschaft zweier liebenden Herzen bedingt sei, könnt annehmen, daß unser unsterbliches Sein seine Entstehung einem äußeren Vorgange verdanke, daß der erhabene Wille, der die Welt regiert, sich in den Dienst der Inrigue, der Leidenschaft, vielleicht des Verbrechens stellt? Ist eine solche Lehre, eine solche Vermutung nicht geradezu ein Angriff auf die göttliche Würde, auf die geistige Größe unserer Seele selbst? Und wäre dies nicht die vollkommenste Materialisation unserer intellektuellen Fähigkeiten?
I c h : Und dennoch ...
L u m e n : Ja, es scheint so zu sein, weil sich auf eurem Planeten keine Seele anders als in einem menschlichen Embryo verkörpern kann. Das ist ein Gesetz des irdischen Lebens. Aber man muß durch den Schleier hindurch sehen können. Die Seele ist keine Wirkung. Der Körper ist nur ihr Kleid.
I c h : Ich gestehe, daß es in der That sehr merkwürdig wäre, wenn einem solch wichtigen Vorgange wie der Schöpfung einer unsterblichen Seele eine rein physische Ursache zu grunde läge, wir in ihm nur das zufällige Resultat mehr oder weniger legitimer Verbindungen sehen könnten. Ich gebe auch zu, daß die Ungleichheit der Fähigkeiten, die man mit auf die Welt bringt, durch organische Ursachen nicht erklärt werden kann. Ich frage mich aber, wozu dann mehrere Existenzen dienten, wenn man sich bei jedem neuen Leben nicht mehr des vorhergehenden erinnert; und frage mich ferner, ob es denn wünschenswert für uns wäre, eine solch endlose Reise durch den Weltenraum, eine solch ewige Seelenwanderung in Aussicht zu haben. Denn schließlich muß doch alles einmal ein Ende nehmen; nach jahrhundertelangem Wandern müssen wir uns endlich doch einmal ausruhen können. Wäre es dann nicht ebenso gut, sich unmittelbar nach einem einzigen Leben für immer auszuruhen? ...
L u m e n : O ihr Menschen! Ihr kennt weder Raum noch Zeit. Ihr wißt nicht, daß jenseits des Sternenlaufs die Zeit nicht mehr existiert, und daß die Ewigkeit nicht gemessen wird, wißt nicht, daß in der unendlichen Ausdehnung des Universums der Raum nur ein leeres Wort und nicht mehr zu messen ist. Nichts wißt ihr. Wirkung und Ursache, alles entgeht eurer Beobachtung, Atome auf einem beweglichen Atom, seid ihr nicht imstande, die Größe des Weltalls richtig zu schätzen, und bei solcher Unwissenheit, in solch geistiger Nacht erkühnt ihr euch, alles umfassen, alles beurteilen zu wollen. Eher ginge der Ocean in eine Nußschale, als daß euer irdischer Verstand die Gesetze der Natur begreift. Könnt ihr euch denn nicht aufgrund des euch gegebenen Induktionsvermögens an die unmittelbaren Konsequenzen einer wohlbegründeten Beobachtung halten? Die Beobachtung zeigt euch, daß wir uns bei unserer Geburt nicht ähnlich sind, daß aber die Vergangenheit der Zukunft gleicht, und daß die Ewigkeit ebenso vor wie hinter uns liegt. Sie zeigt euch, daß in der Natur nichts neu geschaffen und nichts vernichtet wird, daß die Natur alles Sein umfaßt, und daß Gott, Geist, Gesetz und Zahl außerhalb der Natur nicht mehr sind, als Stoff, Gewicht und Bewegung; daß die Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend in der Weltordnung ebensogut ihren Platz haben, als jede physikalische Wirklichkeit; daß die Gerechtigkeit eine billige Verteilung der Geschicke verlangt, und daß diese unsere Geschicke sich nicht auf der Erde vollenden; daß das Fegefeuer nicht existiert, und daß die Erde nur ein Stern am Himmel ist; daß andere Planeten mit dem unseren im Weltenraume schweben und den Flügeln der Seele ein unermeßliches Feld eröffnen, und daß die Unendlichkeit des Weltalls in der materiellen Schöpfung mit der Ewigkeit unseres geistigen Wesens in der geistigen Schöpfung übereinstimmt. Reichen solche Gewißheiten und die Folgerungen, zu denen sie uns führen, nicht hin, euren Geist von den alten Vorurteilen zu befreien und euch die freie Beurteilung eines unermeßlichen Weltpanoramas zu eröffnen, an das sich unsere geheimsten Wünsche knüpfen?
Ich könnte diese allgemeine Skizze mit Beispielen und Einzelheiten erläutern, die dich noch mehr in Erstaunen setzen würden, als alles bereits Gehörte; ich begnüge mich aber damit, hinzuzufügen, daß es in der Natur noch andere Kräfte giebt, als die, die ihr kennt, deren Wesen und deren Art, sich zu bethätigen, ganz verschieden ist von der Elektrizität, Anziehungskraft, Licht u. s. w. Wohlan, unter diesen unbekannten Kräften giebt es besonders eine, deren späteres Studium ein neues Licht auf die Probleme der Seele und des Lebens werfen und zu neuen Entdeckungen über diese führen wird. Es ist dies die psychische Kraft. Dieses unsichtbare Fluidum schlingt, ihnen selbst unbewußt, ein geheimnisvolles Band zwischen den Menschen, und an gewissen Umständen hätte man schon häufig ihr Dasein erkennen können. Nimm an, zwei Menschen lieben sich. Es ist ihnen unmöglich, getrennt zu leben, führt aber die Macht der Ereignisse diese Trennung dennoch herbei, so sind unsere beiden Liebenden aus der Fassung gebracht, und ihre Seelen werden unaufhörlich abwesend sein und sich in der Ferne vereinigen. Die Gedanken des einen sind dem andern gegenwärtig, sie sind trotz der Trennung vereint; trifft den einen ein Unglück, so empfindet der andere den Rückschlag, ja, man hat Beispiele, daß solche Trennungen den Tod zur Folge gehabt. Wie oft konntet ihr, auf die glaubwürdigsten Zeugnisse gestützt, feststellen, daß ein Freund dem andern, eine Frau ihrem Manne, eine Mutter ihrem Kinde und wechselseitig genau in dem Momente erschienen war, in dem die betreffende Person, weit entfernt davon, gerade starb. Selbst die strengste Kritik kann heutzutage diese authentisch festgestellten Thatsachen nicht mehr leugnen.
Zwillinge, die unter ganz verschiedenen Bedingungen meilenweit auseinander wohnen, werden zu gleicher Zeit von der gleichen Krankheit befallen, oder wenn der eine über die Maßen ermüdet ist, empfindet der andere ein Unbehagen, und so weiter.
Diese vielfach festgestellten Thatsachen beweisen, daß es ein sympathisches Band zwischen Seelen, ja selbst zwischen Körpern giebt, und fordern uns auf, darüber nachzudenken, wie weit entfernt wir noch sind, alle in der Natur wirkenden Kräfte zu kennen.
Ich habe dir, lieber Freund, hauptsächlich deshalb einen Einblick in diese Dinge gestattet, um dir zu zeigen, daß du die Wahrheit schon während deines irdischen Lebens ahnen kannst, und daß die irdische Existenz nicht so bar alles Lichtes ist, daß man nicht vermöge der Vernunft dahin gelangen könnte, die Hauptzüge der geistigen Welt schon hier zu erkennen. Im übrigen sollen alle diese Wahrheiten erst aus einem folgenden Bericht hervorgehen, wenn ich dir erzählt haben werde, daß ich, dank der langsamen Fortpflanzung des Lichtes, nicht nur mein vorletztes Leben, sondern mein vorvorletztes und bis heute mehr als zehn Leben wiedergesehen habe, die demjenigen, das wir gemeinsam auf der Erde verbracht, vorangingen.
I c h : Durch Nachdenken und Studium bin ich schon fast dahin gelangt, an eine wiederholte Inkarnation der Seele zu glauben! Aber dieser Lehre fehlen doch immerhin noch die zahlreichen und evidenten, logischen, moralischen und physischen Beweise, die für die Existenz noch anderer bewohnter Welten sprechen, und ich gestehe, daß mir daher immer noch ein Rest von Zweifel geblieben ist. Die moderne Optik und Mathematik des Himmels, die uns diese anderen Welten gewissermaßen erschlossen, lehren uns ihre Zeiteinteilung kennen und zeigen uns die Varianten der organischen Natur auf ihrer Oberfläche. All dies erlaubt der zeitgenössischen Astronomie, die Lehre von der Existenz menschlicher Wesen auf anderen Gestirnen auf solider, unvergänglicher Basis aufzubauen. Etwas anderes ist es aber, wie gesagt, mit der Palingenesis, trotzdem auch die stark zu der Annahme neigt, daß die Seelen im Himmel auf einer Wanderschaft begriffen seien, weil dies das einzige Mittel ist, uns eine Vorstellung von einem ewigen Leben machen zu können. Meine Ansichten verlangen aber trotzdem zu ihrer Aufrechterhaltung und Konsolidierung eine Aufklärung, die ich bis jetzt nicht gefunden.
L u m e n : Diese Aufklärung ist es gerade, die den Gegenstand unseres heutigen Gespräches bilden wird und aus demselben gefolgert werden kann. Ich gestehe dir gerne zu, daß ich etwas vor dir voraus habe, weil ich »aus eigener Anschauung« spreche und mich streng daran halte, nur der gewissenhafte Berichterstatter der Ereignisse zu sein, die augenblicklich den Inhalt meines geistigen Lebens bilden. Da du indes die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit einer wissenschaftlichen Erklärung meines Berichtes ahnst, so wird dir beim Anhören desselben von selbst manches klar werden und dein Wissen bereichern.
I c h : Gerade deshalb bin ich so begierig, dich zu vernehmen.
L u m e n : Das Licht vermittelt also der von körperlicher Hülle befreiten Seele die unmittelbare Anschauung ihrer früheren Leben.
Nachdem ich nun mein Leben auf der Erde wiedergesehen, erblickte ich mein vorletztes Leben auf einem der Planeten der Jungfrau, und da das Licht mir jenes nach 72, dieses nach 172 Jahren vermittelt, so sehe ich heute von der Capella aus das, was ich vor 72 Jahren auf der Erde, vor 172 Jahren auf der Jungfrau war. Das sind nun zwei a u f e i n a n d e r f o l g e n d e v e r g a n g e n e Leben, welche die mir sie vermittelnden Lichtstrahlen zu g e g e n w ä r t i g e n , g l e i c h z e i t i g e n für mich gestalten.
Vor 500 Jahren ungefähr lebte ich auf einer Welt, deren astronomische Lage, von der Erde aus gesehen, gerade die des Sterns war, der die linke Brust der Andromeda bildet. Die Bewohner dieser Welt ahnen gewiß nicht, daß die Gelehrten irgend eines kleinen Planeten im Weltall die Sterne durch eingebildete Linien zu menschlichen, tierischen und anderen Figuren vereinigt und (um ihnen Namen zu geben) alle Gestirne in diese mehr oder minder originellen Gestalten hineingezogen haben. Wie erstaunt wären diese Planetenmenschen, wenn man ihnen sagte, daß auf der Erde gewisse einzelne Sterne Herz des Skorpion, Kopf des Hundes, Schwanz des großen Bären, Auge des Stier, Stirn des Steinbocks heißen. Du weißt, daß die am Firmament sichtbaren Sternbilder und deren Lage nicht etwas wirklich absolutes sind, sondern einzig und allein durch die Lage der Erde im Weltenraume veranlaßt werden und infolge dessen auch nur eine Sache der Perspektive sind. Derjenige, der von einem hohen Berge aus ein Panorama aufnähme und auf seinem Plane die respektive Lage aller sichtbaren Gipfel, Hügel, Thäler, Dörfer und Seen verzeichnete, würde eine Karte konstruieren, die nur für den Ort Gültigkeit besäße, an dem er sich befindet. Zwanzig Kilometer davon entfernt, sieht man zwar noch dieselben Gipfel, aber sie haben infolge der veränderten Perspektive eine ganz andere Lage zu einander. Das Panorama des Berner Oberlandes, vom Pilatus aus gesehen, gleicht in nichts dem, das man vom Faulhorn oder der ScheinigenPlatte über Interlaken aus beobachtet. Und doch sind es die gleichen Bergspitzen und die gleichen Seen. Gerade so verhält es sich mit den Sternen, man sieht ungefähr die gleichen Sterne vom Stern Delta der Andromeda, wie von der Erde aus. Trotzdem zeigt kein einziges Sternbild genau die uns bekannte Form. Die Himmelsperspektive ist eine andere. Die Sterne erster Größe sind solche zweiter und dritter Größe geworden, andere, noch kleinere Sterne sind, von einer kleineren Entfernung aus gesehen, glänzende Sterne geworden und besonders die Lage der Sterne zueinander ist eine vollkommen andere infolge der verschiedenen Lage der Andromeda und der Erde.
I c h : So sind also die Sternbilder, die man seit lange feststehend am Himmelszelte glaubte, nur eine Folge der Perspektive und, indem man seine eigene Lage verändert, ändert sich auch die Perspektive, und das Firmament ist nicht mehr das gleiche? Sollten wir selbst dann aber nicht alle sechs Monate eine veränderte Himmelsperspektive haben, da innerhalb dieser Zeit die Erde ihre Lage stark verändert und 74 Millionen Meilen von dem Orte entfernt ist, an dem sie sich sechs Monate vorher befand?
L u m e n : Dieser Einwand beweist mir nur, daß du das Prinzip von der Formveränderung der Sternbilder je nach der Lage, die man bei ihrer Beobachtung im Weltenraume einnimmt, vollständig verstanden hast. Diese Veränderung fände auch wirklich statt, wenn die irdische Planetenbahn eine Ausdehnung besäße, die groß genug wäre, daß die Entfernung zwei entgegengesetzter Punkte dieser Planetenbahn das Bild der Himmelsgegend verändern würde.
I c h : 74 Millionen Meilen ...
L u m e n : Sind soviel wie nichts im unendlichen Raume und können die Perspektive der Sterne so wenig verändern, als ein Schritt in der Kuppel des Panthéons die anscheinende Lage der Gebäude in Paris für den Beobachter zu ändern imstande ist.
I c h : Einzelne Sternkarten des Mittelalters zeigen uns den Tierkreis als einen Bogen am Firmament und versetzen einige Gestirne, wie die Andromeda, die Leyer, die Cassiopeja und den Adler, in die gleiche Region wie die Seraphine und Cherubine.
Das waren also nur Phantasiegebilde, wenn die Sternbilder nicht in Wirklichkeit existieren und nur durch die Perspektive hervorgebrachte scheinbare Zusammenstellungen verschiedener Sterne sind.
L u m e n : Gewiß, der alte theologische Himmel entbehrt heute jeder Daseinsberechtigung, und der einfachste Menschenverstand spricht dafür, daß er nicht mehr existiert. Zwei Wahrheiten können sich nicht diametral gegenüber stehen, folglich ist es nötig, daß der theologische Himmel sich mit dem astronomischen verständige. Das soll dir durch meine verschiedenen Erzählungen klar bewiesen werden. Befindet man sich also auf dem Sterne der Andromeda, von dem ich dir spreche, so sieht man nicht mehr das Sternbild der Andromeda. Die Sterne, die, von der Erde aus gesehen, vereinigt schienen und am Himmel die Sternbilder der Andromeda und der Cassiopeja bildeten, sind nun im Weltenraum in alle Fernen, nach allen Richtungen hin zerstreut. Keine Spur mehr von einer irdischen Mythologie.
I c h : Die Poesie kommt dabei zu kurz. Dank dem Seziermesser der Wissenschaft giebt es da oben am Firmament keine Prinzessin, keine verschleierte Jungfrau, keinen Orion mehr; Venus ist von unserem Nachthimmel verschwunden, deralte Saturn hat seine Sichel ins Dunkle geschleudert. Die Wissenschaft hat das alles dem Untergange geweiht — ich beklage den Fortschritt.
L u m e n : Stellst du denn die Illusion über die Wirklichkeit und weißt du nicht, daß die Wahrheit unvergleichlich schöner, größer, bewunderungswürdiger, ja selbst wunderbarer ist, als die glänzendste Täuschung? Was in allen vergangenen und gegenwärtigen Mythologien ist annähernd zu vergleichen mit der wissenschaftlichen Betrachtung des Sternenhimmels und der Bewegung in der Natur? Was könnte die Seele tiefer bewegen, als die Thatsache, daß der unendliche Raum von Welten in Besitz genommen ist, als die Unermeßlichkeit der Sternenkreise — welche Sprache ist beredter, als die Stille einer sternenhellen Nacht, welche Vorstellung könnte den Geist in gewaltigeres Erstaunen versetzen, als die der Fortpflanzung des Lichtes, welche den vergänglichen Ereignissen einer jeden Welt ewige Dauer verleiht. Fort also, lieber Freund, mit diesen veralteten Irrtümern, zeige dich würdig der Majestät der Wissenschaft, und nun höre.
Kraft der Zeit, welcher das Licht bedarf, von dem Stern der Andromeda zur Capella zu gelangen, sah ich in diesem Jahr (1869) mein Leben von vor 550 Jahren wieder. Die Welt, auf der es sich abspielte, ist eine für unsere Begriffe eigentümliche. Es existiert auf ihrer Oberfläche nur ein Reich, das Tierreich, das aber ganz verschieden von dem unsern ist, obwohl seine höheren, mit Vernunft ausgestatteten Arten wie die auf der Erde fünf Sinne besitzen. Ein Pflanzenreich giebt es nicht. Es ist eine Welt, auf der es keinen Schlaf und keinen festen Zustand giebt, die vollständig eingehüllt ist von einem Ocean, dessen rosa Wasser weniger dicht, als das Wasser der Erde, aber dichter als die Luft ist. Es ist eine Substanz, die als Flüssigkeit die Mitte hält zwischen Luft und Wasser. Versuche es nicht, dir eine genaue Vorstellung davon zu machen; du wirst es nicht können, da eure irdische Chemie keine ähnliche Substanz aufzuweisen hat. Die gasförmige Kohlensäure, die unsichtbar auf dem Boden eines Becherglases ruht, und die man wie Wasser ausgießen kann, läßt sich am ehesten damit vergleichen. Dieser flüssige Zustand der Atmosphäre des Planeten entspringt einer bestimmten Quantität von Wärme und Elektrizität, die sich permanent auf seiner Oberfläche befindet. Du weißt, daß es auf der Erde im Mineral, Pflanzen- und Tierreich nur drei Zustände giebt, den festen, flüssigen und gasförmigen, und daß die einzige Ursache dieser drei Zustände die Wärme ist, welche die Sonne auf der Oberfläche des Erdballs verbreitet; seine innere Wärme übt nur noch geringen, kaum merklichen Einfluß auf die Oberfläche des Erdballs aus. Eine kleinere Quantität von Sonnenwärme würde die gasförmigen in flüssige und die flüssigen in feste Körper verwandeln: gesteigerte Wärme aber würde die festen Körper zum schmelzen bringen und die flüssigen vergasen lassen. Es genügt, eine mehr oder minder große Menge von Wärme anzunehmen, um flüssige Luft und gasförmigen Marmor herzustellen. Wenn durch irgend eine Ursache die Erde eines Tages auf der Tangente ihrer Bahn forteilte und sich in der eiserstarrten Dunkelheit des Weltenraumes verlöre, ihr würdet alle Gewässer der Erde in einen festen Zustand versetzt, die Gase zuerst flüssig, dann auch fest werden sehen. Ihr würdet sehen, doch nein — ihr würdet es nicht sehen, wenn ihr auf der Erde wäret, aber ihr könntet vom Weltenraume aus diesem merkwürdigen Schauspiele beiwohnen, wenn euer Erdball wirklich sich einfallen ließe, längs der Tangente zu entrinnen. Träte diese Eiseskälte in der That plötzlich ein, so würden alle Wesen an Ort und Stelle festfrieren, und der Erdball trüge in den Weltenraum hinaus das merkwürdige Panorama aller menschlichen und tierischen Rassen, unbeweglich und für alle Ewigkeit erstarrt, jedes einzelne Geschöpf, überhaupt jedes Wesen in der Stellung, die es beim Eintreten der Katastrophe gerade eingenommen.
Es giebt solche Welten. Exzentrische Planeten, deren Bewohner durch die rasche Flucht des Planeten von der Sonne weg mitten aus dem Leben herausgerissen werden und nun wie Tausende von Statuen diese Welt bevölkern. Die meisten von ihnen liegen auf dem Boden, da eine solche große Temperaturveränderung doch mehrere Tage braucht, um sich zu vollziehen. Millionen solcher erstarrten Wesen liegen bunt durcheinander, tot, oder vielmehr in eine vollständige Lethargie versunken. Die Kälte konserviert sie und 3–4000 Jahre später, wenn der Planet von seiner dunklen, eisigen Sonnenferne (Aphelium) zur glänzenden Sonnennähe (Perihelium) zurückgekehrt ist, umschmeichelt die Sonne mit ihren fruchtbaren, rasch zunehmenden Strahlen seine Oberfläche, und wenn sie bei der diesen Wesen adäquaten Temperatur angelangt sind, so erwachen diese aus ihrem Todesschlaf und nehmen ihre Arbeit auf, als hätten sie sie am vorhergehenden Tag verlassen, ohne zu wissen, daß sie jahrhundertelang traumlos geschlafen haben. Man sieht selbst solche, die eine begonnene Spielpartie fortsetzen und einen Satz vollenden, dessen erste Worte 4000 Jahre vorher gesprochen wurden. Alles das ist ganz einfach. Wir wissen ja, daß es in Wirklichkeit keine Zeit giebt.
Es geschieht da im Großen, was sich auf eurer Erde im Kleinen bei den Infusorien ereignet, die mehrere Jahre nach einem scheinbaren Tode unter dem Einfluß des Regens wieder aufleben. Um aber auf den Stern der Andromeda zurückzukommen, so ist die halbflüssige rosa Atmosphäre, die ihn wie ein inselloser Ocean umgiebt, der Aufenthalt der belebten Wesen dieses Weltkörpers. Ohne sich auf dem Grund dieses Oceans, den keiner je betreten, auszuruhen, treiben sie unaufhörlich inmitten dieses beweglichen Elements. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tode ruhen sie keinen Augenblick. Diese unausgesetzte Thätigkeit ist die Grundbedingung ihrer Existenz. Hielten sie in ihrer Bewegung an, sie würden umkommen. Um atmen zu können, das heißt, um das flüssige Element in ihre Brust eindringen zu lassen, sind sie genötigt, fortwährend ihre Fühlfäden zu bewegen und ihre Lungen (ich benütze das Wort, um mich verständlich zu machen) immer offen zu halten. Die äußere Gestalt dieser menschlichen Rasse gleicht etwas jener der Sirenen des Altertums, ist jedoch weniger feingeformt und nähert sich dem Organismus des Seehunds.
Merkst du, worin der Hauptunterschied besteht, der diese Organismen von den irdischen Menschen trennt? Darin, daß wir auf der Erde atmen, ohne es zu merken, ohne Arbeit zu leisten, um unsern Sauerstoff zu erhalten, und ohne genötigt zu sein, durch mühsame Arbeit die Transformation des venösen Bluts in arterielles durch die Absorption von Sauerstoff zu erreichen. Auf dieser andern Welt hingegen ist das eine Nahrung, die man nur um den Preis von Arbeit, von unaufhörlichen Anstrengungen erhält.
I c h : So ist diese Welt also auf einer niederen Stufe der Entwicklung?
L u m e n : Ohne Zweifel, da ich sie bewohnt, ehe ich auf die Erde kam. Glaube aber ja nicht, daß die Erde ihr deshalb überlegen sei, weil wir während des Schlafes atmen; es ist gewiß sehr vorteilhaft für uns, mit einem pneumatischen Mechanismus versehen zu sein, der sich von Sekunde zu Sekunde selbst öffnet, jedesmal, wenn unser Organismus des geringsten Atemzuges bedarf, und der Tag und Nacht unaufhörlich und automatisch funktioniert.
Der Mensch lebt aber nicht allein von Luft. Der irdische Organismus bedarf noch der solideren Ergänzung, und diese Ergänzung kommt nicht von selbst. Was folgt daraus? Betrachte dir einmal einen Augenblick die Erde, welch trauriges, verzweifeltes Schauspiel. Welch elend verkommene Welt! Alle diese Unzähligen, die, über den Erdboden gebückt, ihn mühsam bearbeiten, um ihm Brot abzuringen, all diese Häupter, die sich der Materie zuneigen, anstatt sich zur Bewunderung der Natur zu erheben. All diese Arbeit, all diese Anstrengungen mit ihrem Gefolge, Schwäche und Krankheit, all dies Getriebe, um auf Kosten aller ein wenig Geld anzusammeln. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen! Kastengeist, Aristokraten, Diebstahl und Ruin! Ehrgeiz, Throne und Krieg, in einem Wort das immer selbstsüchtige, oft gemeine p e r s ö n l i c h e I n t e r e s s e , die Herrschaft der Materie über den Geist. Da hast du das normale Bild der Erde, die Situation, die durch das Gesetz, welches eure Körper regiert, bedingt wird, die euch zwingt, zu töten, um zu leben, und die euch den Besitz materieller Güter, welche man nicht mit ins Grab nimmt, dem Besitz geistiger Schätze vorziehen läßt, deren Reichtum ein unveräußerliches Gut der Seele ist.
I c h : Du sprichst, Meister, als ob es möglich wäre, zu leben, ohne zu essen.
L u m e n : Ja, glaubst du denn, daß man auf allen Welten zu einer so lächerlichen Thätigkeit gezwungen ist? Glücklicherweise ist auf den meisten derselben der Geist keiner solchen Schmach unterworfen. Es ist nicht so schwer, als man annimmt, an die Möglichkeit nahrhafter Atmosphären zu glauben. Der Unterhalt des Lebens hängt bei Menschen und Tieren von zwei Ursachen ab: der Atmung und der Ernährung. Die erste beruht natürlich auf der Atmosphäre, die letzte auf der Nahrung. Die Nahrung bildet das Blut, vom Blute nähren sich die Gewebe, Muskeln, Knochen, Knorpeln, Fleisch, Hirn, Nerven, in einem Wort der Organismus des Körpers. Der Sauerstoff, den wir einatmen, kann selbst auch als Nährstoff betrachtet werden, denn indem er sich mit den aus dem Magen absorbierten Elementen der Nahrung verbindet, vollendet er die Blutbildung und die Entwickelung der Gewebe.
Um sich eine ausschließlich atmosphärische Ernährung vorstellen zu können, genügt es, sich der aus Sauer- und Stickstoff bestehenden Atmosphäre die Stoffe, und zwar in gasförmigem Zustande, beigefügt zu denken, die eine vollwertige Nahrung enthält, d. h. Albumin, Zucker, Fett und Salze. Dies sind die Bestandteile der festen Körper, die ihr verzehrt, und der Verdauung ist die Aufgabe zugefallen, sie aufzulösen und dem Organismus zu assimilieren. Wenn ihr z. B. ein Stück Brot eßt, so führt ihr in euren Magen Stärke ein, eine Substanz, die sich im Wasser nicht löst, und die nicht im Blute enthalten ist. Der Speichel und der Saft der Bauchspeicheldrüse verwandeln die unlösliche Stärke in lösbaren Zucker. Die Galle, der Bauchspeichel und der Darmsaft verwandeln den Zucker in Fett, und auf diese Weise werden also durch den Verdauungsprozeß die verschiedenen Substanzen gespalten und assimilieren sich dem Körper.
Du staunst, lieber Freund, daß ich mich in der himmlischen Welt, in der ich mich seit fünf irdischen Jahren befinde, noch aller dieser technischen Ausdrücke entsinne und mich herablasse, mich ihrer zu bedienen. Die Erinnerungen, die ich von der Erde mitgebracht, sind aber immer lebendig in mir, und da wir zufällig ein physiologisches Thema behandeln, schäme ich mich nicht, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen.
Nehmen wir nun an, daß die Nahrungsmittel, anstatt in festen oder flüssigen Körpern kombiniert und gemischt zu sein, sich in gasförmigem Zustande in der Atmosphäre befänden, so schaffen wir auf diese Weise nahrhafte Atmosphären, die uns von der Verdauung und ihren lächerlichen rohen Funktionen unabhängig machen.
Was sich der Mensch in der beschränkten Sphäre seiner Beobachtungen mit der Phantasie ausmalen kann, das hat die Natur in mehr als einem Punkte in der universellen Schöpfung verwirklicht.
Ich versichere Dich übrigens, daß, wenn man die materielle Thätigkeit der Nahrungseinführung in den Verdauungskanal nicht mehr gewohnt ist, sie einem geradezu brutal vorkommt. Ich hatte diese Empfindung vor wenigen Tagen, als meine Blicke zufällig über eine der üppigsten Gegenden eures Planeten schweiften und von der keuschen, wunderbaren Schönheit eines jungen Mädchens gefesselt wurden, das auf den blauen Gewässern des Bosporus vor Konstantinopel ausgestreckt in einer Barke lag. Goldgestickte Purpurkissen bildeten das Lager der jungen Circassierin [27, 28], schwere Goldfranzen hingen bis in die Fluten, vor ihr kniete ein kleiner schwarzer Sklave, der die Laute spielte; die Gestalt des Mädchens war so jungfräulich und graziös, ihr aufgestützter Arm so elegant, ihre Augen so rein und naiv, und die Stirne, hinter der schon Gedanken wohnten, doch so ruhig erhaben, daß ich einen Augenblick von einer retrospektiven Bewunderung für dieses Meisterwerk der Natur ergriffen wurde. Während alle die erwachenden Reize dieser Mädchenblüte, die, von den ersten Strahlen der Lebenssonne geküßt, sich zu entfalten begannen, eine Art von vorübergehendem Entzücken auf mich ausübten, landete die Barke an einer Landzunge. Das junge Mädchen setzte sich, von dem Sklaven unterstützt, auf ein Sopha, vor dem eine reichbesetzte Tafel stand. Andere Personen saßen rings um den Tisch herum. Nun begann sie zu essen. Ja, s i e a ß ungefähr eine Stunde lang, und ich konnte mich in meinen irdischen Erinnerungen kaum mehr zurechtfinden. Welch lächerliches Schauspiel! Ein solches Geschöpf führt Speisen zum Munde und gießt alle Augenblicke Gott weiß welche Flüssigkeit in das Innere seines reizenden Körpers. Wie gewöhnlich! Und diese Perlenzähne haben den Mut, Stücke irgend eines Tieres zu zermalmen, diese jungfräulichen Lippen scheuen sich nicht, Fetzen irgend eines anderen Tieres aufzunehmen und zu verschlucken. Welche Lebensweise! Eine Kost, die aus einem Gemisch von Ingredienzien besteht, wozu das Rotwild und das Herdenvieh, das im Schmutze lebt und nachher abgeschlachtet wird, die Hauptbestandteile geliefert haben. Schauderhaft!
27 Anm. d. Hrsg.: »Circassierin« (französisch »Circassienne«) ist eine alte Bezeichnung für »Tscherkessin«, also eine Angehörige des kaukasischen Volkes der Tscherkessen (= von »Cerkesija«).
28 Anm. d. Hrsg.: In der für den Textvergleich verwendeten französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900], S. 126) und auch in den übrigen dem Hrsg. vorliegenden LumenAusgaben lautet der Originaltext an dieser Stelle » ... de lourds glands d‹or ...«, was übersetzt »schwere Goldquasten« oder »schwere Goldtroddeln« heißt; möglicherweise handelt es sich bei dem Wort »Goldfran z en« um einen Druckfehler und es soll »Goldfran s en« heißen.
Traurig wendete ich meine Blicke von diesem Kontraste ab und dem Saturn zu, dessen Menschheit keine solche rohen Bedürfnisse hat.
Die schwimmenden Wesen auf der Andromeda, auf der sich mein vorvorletztes Leben abgespielt, sind der Ernährungsarbeit noch sklavischer unterworfen, als die Bewohner der Erde. Sie haben keine Luft, die sie zu Dreiviertel nährt wie auf eurem Erdball, und müssen das, was man ihren Sauerstoff nennen könnte, mühsam erringen; sie sind dazu verdammt, ohne Ruhen und Rast und ohne Schlaf beständig ihre Lungen funktionieren zu lassen, um die Ernährungsatmosphäre zu bereiten, und sind nie satt, weil sie trotz ihrer Arbeit nur sehr wenig auf einmal aufnehmen können. So verbringen sie ihr ganzes Leben und unterliegen schließlich der Arbeitslast.
I c h : Da wäre es ja ebenso gut, garnicht geboren zu werden. Und ist diese Anschauung nicht in gleichem Maße auf die Erde anwendbar? Wozu dient es, geboren zu werden, sich mit tausenderlei Dingen abzumühen, sich sechzig oder hundert Jahre in dem gleichen alltäglichen Kreise zu bewegen, zu essen, zu schlafen, zu handeln, zu sprechen, zu laufen, herum zu irren, sich zu erregen, zu träumen u. s. w? Wozu dies Alles? Könnte man nicht ebenso gut gleich am Tage nach der Geburt wieder dahingehen oder besser noch sich garnicht die Mühe geben, geboren zu werden? Die Natur käme dabei nicht zu kurz und würde es kaum merken. Und schließlich: wozu dient die Natur selbst, wozu das ganze Weltall?
L u m e n : Das ist das große Mysterium. Alle Geschicke müssen sich eben erfüllen.
Diese Welt der Andromeda ist eine sehr untergeordnete. Um dir einen Begriff des beschränkten Intellekts ihrer Bewohner zu geben, wähle ich zwei Dinge, die gewöhnlich den Maßstab für den Wert eines Volkes bilden: die Religion und die Politik. Statt Gott in der Natur zu suchen, ihr Urteil auf die Wissenschaft zu gründen, die Wahrheit zu erstreben und sich ihrer Augen zum Sehen und ihres Verstandes zum Begreifen zu bedienen, statt in einem Worte ihre Philosophie auf der möglichst genauen Kenntnis der Weltordnung aufzubauen, haben sie sich in willkürlich verblendete Sekten geteilt und glauben ihrem Gotte zu dienen, wenn sie aufhören, logisch zu denken, glauben ihn anzubeten, wenn sie behaupten, daß im Weltenraume nur ihr Ameisenhaufen existiert, wenn sie leere Worte sprechen, wenn sich die Sekten gegenseitig beschimpfen, wenn sie die Mordwaffe segnen, Holzstöße anzünden, Krieg und Mord rechtfertigen. Sie stellen Behauptungen auf, die dem gesunden Menschenverstande ins Gesicht schlagen, und gerade diese Behauptungen sind es, die die Hauptartikel ihres Glaubensbekenntnisses bilden. Ebenso verhält es sich mit der Politik. Die klügsten und die Besten gelangen nicht dahin, sich untereinander zu verständigen. Die Republik scheint dort eine unerreichbare Regierungsform zu sein. So weit man in den Annalen ihrer Geschichte zurückgeht, sieht man nur feige, indifferente Völker, die, statt sich selbst zu regieren, es vorziehen, von einem Individuum geleitet zu werden, das sich Basileus nennt. Dieses Staatsoberhaupt nimmt ihnen Dreiviertel ihrer Hilfsmittel, läßt für sich und die Seinen die rosigste Essenz der Atmosphäre, das heißt das Beste, was es auf dieser Welt giebt, mit Beschlag belegen, numeriert sie alle und schickt sie von Zeit zu Zeit zum gegenseitigen Durchprügeln zu einem benachbarten Volke, das einem ebensolchen Basileus unterthan ist. In dichten Reihen marschieren sie von beiden Seiten einem Schlachtfelde zu, das sie das F e l d d e r E h r e nennen, und morden sich gegenseitig wie wütende Narren, ohne zu wissen, warum, ja, ohne sich gegenseitig nur zu verstehen, da sie ja nicht einmal die gleiche Sprache sprechen. Nur wenige Auserwählte führt der Zufall wieder nach Hause. Glaubst du aber, daß diese mit Haß im Herzen gegen den Basileus zurückkehren? Keineswegs. Bei ihren beweglichen heimatlichen Herden angelangt, haben diese Überlebenden der Armee nichts Eiligeres zu thun, als in Gesellschaft der Priester ihrer Sekte Dankfeste zu feiern und den Segen Gottes auf das Haupt des würdigen Mannes zu erflehen, der sich ihr väterlicher Basileus nennt.
I c h : Aus all dem geht hervor, daß die Bewohner des Sterns Delta in der Andromeda uns in physischer und intellektueller Beziehung untergeordnet sind, denn wir Erdenbewohner würden uns nie dergleichen zu Schulden kommen lassen. Alles in allem genommen, giebt es also auf jener Welt nur ein ruhe- und schlafloses Reich, das durch ein unerbittliches Schicksal zu ewiger Bewegung verdammt ist. Eine solche Welt scheint mir sehr wunderlich.
L u m e n : Was würdest du aber erst zu jener sagen, die ich vor 1500 Jahren bewohnte, eine Welt, die auch nur ein Reich besitzt, aber kein bewegliches, sondern im Gegenteil ein unbewegliches Reich, wie euer Pflanzenreich.
I c h : Menschen und Tiere durch Wurzeln festgehalten? ...
L u m e n : Meine Existenz, die derjenigen auf der Andromeda voranging, vollzog sich auf dem der Erde benachbarten Planeten Venus, auf dem ich mich erinnere, Weib gewesen zu sein. Ich konnte dieses Leben aber nicht unmittelbar wiedersehen, da das Licht die gleiche Zeit wie von der Erde braucht, um von der Venus zur Capella zu gelangen, und ich infolgedessen die Venus so sah, wie sie vor 72 Jahren, und nicht, wie sie vor 900 Jahren war, zur Zeit meines Lebens auf ihr.
Mein viertes Leben vor dem auf der Erde spielte sich auf einem unendlich großen, ringförmigen Planeten ab, der zum Sternbild des Schwans gehört und in der Milchstraße liegt. Diese eigentümliche Welt ist nur von Bäumen bewohnt.
I c h : Du willst sagen, daß es dort nur Pflanzen, noch keine Tiere, noch keine mit Verstand begabten und sprechenden Wesen giebt.
L u m e n : Im Gegenteil. Es giebt freilich nur Pflanzen, aber in diesem ungeheuren Pflanzenreich giebt es weit vorgeschrittenere Pflanzenarten als auf der Erde; es giebt Pflanzen, die leben, wie du und ich, die wie du und ich fühlen, denken, überlegen und sprechen.
I c h : Das ist ja aber unmöglich. Verzeih‹, ich will sagen, es ist ungewöhnlich, unverständlich und ganz wunderbar.
L u m e n : Diese mit Intelligenz begabten vegetabilischen Arten existieren so wirklich und wahrhaft, daß ich selbst vor 1500 Jahren dazu gehörte. Damals, als ich ein denkender Baum war.
I c h : Nochmals, lieber Freund, wie kann man denken ohne Gehirn, sprechen ohne Sprache?
L u m e n : Sage mir doch, durch welchen Prozeß du selbst denkst? durch welchen Umschaltungsprozeß eure Seele ihre stummen Gedanken in hörbare Worte umsetzt?
I c h : Ich suche vergeblich nach einer Erklärung für diesen so einfachen Vorgang.
L u m e n : So hast du auch nicht das Recht, eine dir unverständliche Thatsache für unmöglich zu halten, da du ja nicht einmal das Gesetz kennst, auf dem dein eigenes Seelenleben beruht. Glaubst du, weil das Gehirn das Organ ist, das auf der Erde in den Dienst des Verstandes gestellt wurde, müsse es nun auf allen Welten analoge große und kleine Gehirne, ein analoges Rückenmark geben? Der Irrtum wäre doch zu naiv. Das Lebensprinzip einer jeden Welt beruht auf dem Gesetz des Fortschritts. Dieses Prinzip aber ist, je nach der inneren Natur und den besonderen Kräften einer jeden Welt, auch überall ein anderes; ist es auf dem Entwicklungsgrade angelangt, der es befähigt, sich in den Dienst der moralischen Welt zu stellen, dann erscheint der mehr oder weniger ausgebildete G e i s t . — Glaube nicht, daß der Allmächtige auf jeder Welt von vorneherein menschliche Wesen schafft — nein. Die erste Stufe des Tierreichs erfährt die Umwandlung zum Menschen durch die Macht der Dinge, durch das Naturgesetz, das es an demselben Tage veredelt, wo der Fortschritt es auf eine verhältnismäßig höhere Stufe gesetzt hat.
Weißt du, warum du eine Brust, einen Magen, zwei Beine, zwei Arme und einen mit Gesichts, Gehör, Geruchssinn ausgestatteten Kopf besitzest? Weil die Vierfüßler, die Säugetiere, die dem Erscheinen des Menschen auf der Erde vorausgingen, so beschaffen waren. Affen, Hunde, Löwen, Bären, Pferde, Ochsen, Tiger, Katzen, und vor diesen das Rhinozeros, die Höhlenhyäne, der Riesenhirsch, das Mastodon, das Beuteltier und vor diesen noch der Plesiosaurus, der Ichtiosaurus, das Iguanodon und der Pterodaktylus, und vor diesen Fische, Crustazeen und Mollusken, alle diese Geschöpfe waren nur das Produkt der auf der Erde thätigen Kräfte, von deren Bodenbeschaffenheit, Atmosphäre, chemischer Energie, Wärmemenge und Gravitation sie abhingen. Das Tierreich der Erde hat von Uranfang an diesen Umwandlungsprozeß bis zur typischen Form der Säugetiere durchgemacht, indem es sich mehr und mehr von der Roheit der Materie befreite. Der Mensch ist schöner als das Pferd, das Pferd schöner als der Bär, der Bär schöner als die Schildkröte. Ein gleiches Gesetz gilt für das Pflanzenreich. Die plumpen, rohen Pflanzen ohne Blätter und Blumen haben die Reihe eröffnet; dann, mit der Zeit, sind die Formen eleganter, reiner geworden; es erschienen Blätter, die in den Gehölzen tiefe Schatten spendeten, Blumen, die den irdischen Garten schmückten und in der bis dahin geruchslosen Atmosphäre süßen Duft verbreiteten. Diese zwiefache fortschreitende Reihe der beiden Reiche findet das Forscherauge der Geologie heute in allen tertiären, sekundären und primären Formationen.
Es gab eine Zeit auf der Erde, wo kaum einige Inseln aus den heißen Wassern in eine mit Dünsten beladene Atmosphäre ragten, und wo es keine anderen von den anorganischen zu unterscheidenden Wesen gab, als lange, fadenförmige Pflanzen, die in den Wogen hingen. Algen, Fucazeen, das waren die ersten Pflanzen. Auf den Felsen sieht man Wesen sich bilden, die schwer zu benennen sind. Hier blähen sich Schwämme auf, dort erhebt sich ein Korallenbaum. Weiter entfernt treten Medusen wie gallertartige Halbkugeln hervor. — Sind es Tiere, sind es Pflanzen? Die Wissenschaft giebt keine Antwort darauf. Es sind Pflanzentiere, Zoophyten.
Aber das Leben beschränkt sich nicht auf diese Formen. Es giebt Wesen, die nicht weniger primitiv und gerade so einfach sind, die aber eine Art von besonderem Leben kennzeichnen, es sind dies Anneliden, Würmer, Röhrenfische, Wesen, die ohne Ohren, ohne Blut noch Nerven, ohne Willen, kurz vegetative Arten, die aber trotzdem mit Bewegungskraft ausgestattet sind. Später erscheinen dann die Gesichts- und Bewegungsorgane, Anlage, Anfänge eines freieren Lebens. Fische und Amphibien folgen sich. Das Tierreich der Erde fängt an, sich aus sich selbst heraus zu bilden.
Was wäre aber geschehen, wenn ein erstes Wesen seinen Felsen nicht verlassen hätte, wenn diese Elementarorganismen des menschlichen Lebens bei ihrer ersten Form stehen geblieben wären, und wenn aus irgend einer Ursache die Fähigkeit, sich zu bewegen, nicht ihren Anfang genommen hätte?
Dann hätten die irdischen Lebenserscheinungen, anstatt sich nach zwei verschiedenen Richtungen, der Pflanzen- und Tierwelt hin zu manifestieren, sich nur in ersterer offenbart, und wir hätten statt zweier Reiche nur ein einziges. Dieser progressive Fortschritt, der in diesem sich dann ebenso wie im Tierreiche vollzogen hätte, würde dann nicht bei der Bildung der sensitiven, dieser höheren Pflanzengattung, die schon ein wirkliches Nervensystem besitzt, ja nicht bei der Bildung der Blumen, deren organische Thätigkeiten den unsern schon näher sind, stehen geblieben sein, sondern er hätte, wie im Tierreich, so nun auch im Pflanzenreich immer größere Dimensionen angenommen und, wie es jetzt schon Pflanzen mit Gefühl und Thätigkeit giebt, gäbe es dann auch Pflanzen mit Gefühl und der Fähigkeit, sich verständlich zu machen. Die Menschheit hätte darum doch auf der Erde existiert, nur wäre sie, statt wie jetzt beweglich zu sein, mit den Füßen festgebunden gewesen.
So war die ringförmige Welt beschaffen, die ich vor 2000 Jahren in der Milchstraße bewohnte.[29]
29 Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 168f. den folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Absatz, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»Dort habe ich den Geist gekannt, der sich in diesem Jahrhundert auf der Erde inkarniert und seine Studien unter dem Namen Allan Kardec veröffentlicht hat. Während unseres irdischen Lebens erinnern wir uns nicht gleich daran, uns gekannt zu haben, aber nach und nach fühlen wir uns durch eine einzigartige gedankliche Verständigung gegenseitig voneinander angezogen. Heute, nachdem er mir in der Welt der Geister wiederbegegnet ist, erinnert er sich ebenfalls an die eigenartige Republik im Sternbild des Schwans und kann sie wieder sehen; ja, wirklich eigenartig und dennoch wirklich. Ihr habt auf eurem bedauernswerten Planeten überhaupt keine Vorstellung von der unbeschreiblichen Vielfalt, die die Welten voneinander unterscheidet, sowohl was ihre Geologie als auch ihre organische Physiologie betrifft. Diese Gespräche können dazu beitragen, eure Kenntnisse über diese grundlegenden Fakten zu erhellen, die von so großer Bedeutung für den Aufbau des Universums sind.«
I c h : Diese Welt der Pflanzenmenschen versetzt mich in größeres Erstaunen, als alles Vorhergehende, und ich kann mir das Leben und die Sitten solch eigentümlicher Wesen kaum vorstellen.
L u m e n : Ihre Lebensart ist in der That ganz verschieden von der euren. Sie bauen keine Städte, machen keine Reisen und drängen sich keinerlei Staatsform auf. Sie kennen nicht den Krieg, diese Geißel der menschlichen Gesellschaft, und besitzen nicht den euch charakterisierenden nationalen Ehrgeiz. Klug, geduldig, von großer Beständigkeit, sind sie weder so beweglich, noch so hinfällig, wie ihr irdischen Menschenkinder. Man lebt da durchschnittlich 5–6 Jahrhunderte ein ruhiges, stilles, einförmiges Leben ohne irgend welche großen Erregungen.
Glaube aber ja nicht, daß diese Menschenpflanzen nur vegetieren, im Gegenteil: sie führen ein sehr persönliches und unabhängiges Leben.
Sie sind nicht, wie ihr auf der Erde, in Kasten geteilt, je nach Geburt und Reichtum, sondern in Familien, deren natürlicher Wert gerade durch die Art selbst bestimmt wird. Sie besitzen eine soziale Geschichte, die aber nicht niedergeschrieben wird, sondern sich durch Tradition von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt. Da sie weder auswandern noch Krieg führen, geht auch nichts verloren. Jeder kennt die Geschichte seines Stammes. Es existieren dort auch zwei Geschlechter, wie auf der Erde, deren Vereinigung sich der euren analog, nur viel reiner, selbstloser und liebevoller vollzieht. Dabei findet nicht immer Inzucht statt, sondern es giebt auch Befruchtung auf die Ferne.
I c h : Wenn sie aber nun wirklich denken, auf welche Weise können sie sich ihre Gedanken mitteilen? Und wie konntest du, Meister, dich selbst auf dieser sonderbaren Welt erkennen?
L u m e n : Ich kann dir beide Fragen gleichzeitig beantworten. Ich sah den Stern im Sternbild des Schwan, und mein geistiges Auge haftete beharrlich darauf. Ich war selbst erstaunt, auf der Oberfläche nur Pflanzen zu sehen, und beobachtete hauptsächlich ihre eigentümlichen Gruppierungen. Hier zwei und zwei, dort drei und drei, weiter entfernt zehn und zehn, anderswo in noch größerer Zahl. Die einen schienen am Rande eines Brunnens zu sitzen, andere lagen anscheinend auf dem Boden, mit ihren kleinen Schößlingen um sich herum. Ich versuchte, irdische Pflanzenarten unter ihnen zu entdecken, Tannen, Eichen, Pappeln, Weiden, aber ich fand keine derartigen botanischen Formen. Endlich blieben meine Blicke auf einer Pflanze haften, welche die Form eines Feigenbaumes, aber weder Blätter noch Früchte, sondern scharlachrote Blumen hatte. Da sah ich mit einemmale, wie dieser ungeheure Feigenbaum einen seiner Zweige wie einen Riesenarm ausstreckte, die Extremität dieses Armes gegen den Kopf führte, eine der herrlichen Blumen, die sein Haupt schmückten, loslöste und sie mit Neigen des Kopfes einem andern Feigenbaum darreichte, der schlank und fein mit blauen Blumen in einiger Entfernung von ihm stand. Dieser schien die rote Blume mit einem gewissen Vergnügen in Empfang zu nehmen, denn er streckte einen Zweig, man konnte sagen, eine Hand freundschaftlich entgegen, und sie schienen sich lange so festzuhalten.
Du weißt, daß unter Umständen eine Geste genügt, um eine Person wieder zu erkennen. Das war mein Fall bei diesem Anblick. Die Bewegung des Feigenbaums in der Milchstraße erweckte eine Welt von Erinnerungen in meinem Geiste. Dieser Pflanzenmensch — i c h s e l b s t w a r e s w i e d e r vor 1500 Jahren, und in den Feigenbäumen mit violetten Blumen erkannte ich meine Kinder, denn ich erinnerte mich, daß die Farbe der Abkömmlinge aus der Mischung der väterlichen und mütterlichen Farbe resultiert.
Diese Pflanzenmenschen sehen ohne Augen, hören ohne Ohren, sprechen ohne Kehlkopf. Ihr habt auch auf der Erde Pflanzen, die nicht nur Tag und Nacht, sondern auch die einzelnen Stunden des Tages, den Stand der Sonne am Horizont, einen klaren Himmel von einem wolkenbedeckten genau unterscheiden, die verschiedenen Geräusche außerordentlich fein empfinden, und die sich selbst untereinander sehr gut verstehen. Alle diese Anfänge sind bis zu einem hohen Grade von Civilisation entwickelt, und die Wesen dorten sind in ihrer Art so vollkommen, als ihr Erdenmenschen in der euren. Ihr Intellekt erreicht freilich kaum den Durchschnitt des der irdischen Menschen; hingegen sind ihre Sitten und ihre gegenseitigen Beziehungen so sanft und zartfühlend, daß sie den meisten Erdenbewohnern als Beispiel dienen könnten.
I c h : Wie ist es möglich, Meister, daß man ohne Augen sieht und ohne Ohren hört?
L u m e n : Dein Erstaunen wird schwinden, alter Freund, wenn du dir klar machst, daß Licht und Schall nichts anderes sind, als zwei verschiedene Arten von Schwingungen. Um die eine und andere dieser Schwingungsform wahrnehmen zu können, muß man nur mit einem Apparat ausgestattet sein, für den diese Reize adäquate sind, und wäre dies auch nur ein einfacher Nerv; Auge und Ohr sind solche Apparate für eure irdische Beschaffenheit. In einer andern Welt von Organismen sind Seh- und Hörnerv auch ganz andere Organe. Übrigens giebt es in der Natur nicht nur diese beiden Schwingungsformen, und die Bezeichnungen Licht und Schall rühren auch nur von eurer Art zu empfinden her und nicht von der Wirklichkeit. Es giebt in der Natur nicht nur eine, sondern zehn, hundert, tausend verschiedene Arten von Schwingungen. Ihr auf der Erde seid nun einmal so geschaffen, um besonders diese beiden wahrzunehmen, aus denen sich ja auch fast alle eure Beziehungen zur Außenwelt zusammensetzen. Auf andern Welten giebt es wieder andere Sinne, um die Natur in anderer Weise wahrzunehmen, Sinne, von denen die einen eure Augen und Ohren ersetzen, die andern aber auf ganz andere Wahrnehmungen als die für eure Sinne zugänglichen gerichtet sind.
I c h : Als du mir vorher von den PflanzenMenschen auf dem Stern im Schwan sprachst, kam mir der Gedanke, ob wohl unsere irdischen Pflanzen eine Seele haben.
L u m e n : Zweifellos. — Die irdischen Pflanzen besitzen so gut wie Menschen und Tiere eine Seele, kein Organismus kann ja auch ohne virtuelle Seele bestehen. Die Form einer Pflanze wird von ihrer Seele bedingt. Wenn man eine Eichel und einen Pfirsichkern unter genau denselben Bedingungen nebeneinander in den Erdboden steckt, warum giebt jene eine Eiche, dieser einen Pfirsichbaum? Weil die organische Kraft, die in der Eichel ruht, speziell diesen Baum hervorbringt, während eine andere organische Kraft, eine andere Seele, die in dem Pfirsichkern ruht, andere Elemente anzieht, um sich ebenfalls einen spezifischen Körper zu bilden, gleichwie die menschliche Seele sich ihren eigenen Körper konstruiert, indem sie sich der Mittel bedient, die ihr die irdische Natur hier zur Verfügung gestellt hat. Nur hat die Pflanze kein Bewußtsein ihres eigenen Ichs.
Pflanzen, Tier- und Menschenseelen sind Wesen, die schon einen bestimmten Grad von Persönlichkeit und genügender Autorität erlangt haben, der ihnen erlaubt, andere nicht persönliche Kräfte der unendlichen Natur ihrem Willen fügbar zu machen und sich unterzuordnen.
Die menschliche Monade z. B. ist der der Salze, der der Kohle und der des Kohlensauerstoffs überlegen, absorbiert sie und verleibt sie ihrem Werke ein. Unsere menschliche Seele in unserm irdischen Körper auf der Erde regiert unbewußt eine ganze Welt von elementaren Seelen, welche die wesentlichen Bestandteile ihres Körpers ausmachen. Die Materie ist keine feste ausgedehnte Substanz; es ist eine Vereinigung von Kraftzentren. Der Stoff ist etwas Nebensächliches, die Atome sind im Vergleich zu ihren Abständen unendlich klein. An der Spitze dieser verschiedenen Kraftzentren, welche den menschlichen Körper bilden, regiert die menschliche Seele alle die Einzelseelen der Ganglienzellen, die ihr untergeordnet sind.
I c h : Noch verstehe ich diese Theorie nicht ganz.
Lumen: Sie wird dir aber an einem Beispiel erläutert werden, das sich für dich zur Thatsache gestalten wird.
I c h : Zur Thatsache? Bist du denn eine Prinzessin Scheherezade, daß du mich in ein neues Märchen von tausend und eine Nacht versetzest?[30]
30 Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 174 den folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) schließenden Absatz, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»L u m e n : Ein letztes Gespräch wird dich mit mir auf eine Reise in den Weltenraum führen, eine Reise, die deinen Blicken die unendliche Vielfalt der Schöpfung entwickeln wird.«
L u m e n : Du kennst das wunderbare Sternbild des Orion, der als Herrscher an unserem Winterhimmel thront, und den merkwürdigen Sternhaufen T (theta), der sich unterhalb des Schwertes, das am Oriongürtel hängt, befindet und im Mittelpunkt des bekannten Nebelflecks glänzt. Das System theta des Orion ist eines der eigentümlichsten im sonst doch so mannigfaltigen Schmuckkasten der himmlischen Edelsteine. Es besteht aus vier Hauptsonnen, die ein Viereck bilden. Zwei dieser Sonnen, diejenigen, welche sozusagen die Basis des Vierecks vorstellen, haben außerdem, die eine eine, die andere zwei Nebensonnen. Es ist dies also ein aus sieben Sonnen zusammengesetztes System, und um jede dieser Sonnen kreisen bewohnte Planeten.
Ich war auf einem der Planeten, der sich um eine der Nebensonnen dreht; diese dreht sich ihrerseits wieder um eine der Hauptsonnen, welche im Verein mit den andern um ein unsichtbares Gravitationszentrum kreisen, das sich im Innern des Vierecks befindet. Ich gehe auf diese Bewegungen nicht weiter ein. Die Mechanik des Himmels hat sie dir erklärt.
Ich erhielt also auf meinem Planeten gleichzeitig das Licht und die Wärme von sieben Sonnen, von einer, die mir größer und feuriger als die sechs andern schien, weil sie mir am nächsten war, von einer zweiten, ebenfalls großen und glänzenden, von drei mittelgroßen und von zwei kleinen Zwillingssonnen.
Diese verschiedenen Sonnen waren nie gleichzeitig am Himmel sichtbar. Es gab Tag- und Nachtsonnen, trotzdem es ja eigentlich, streng genommen, in diesen Regionen keine Nacht giebt.
I c h : Es giebt also am Himmel solche Doppel- und mehrfachen Sterne?
L u m e n : Eine große Anzahl. Der Sternhaufen, von dem ich dir unter anderem spreche, ist auch den Astronomen der Erde bekannt, welche solche Doppel, mehrfache und farbige Sterne nach Tausenden in ihren Katalogen aufzählen. Du kannst sie mit dem Teleskop selbst wahrnehmen.
Auf jenem Planeten des Orion nun sind die Wesen weder Pflanzen noch Tiere. Sie können in keine Klassifikation eurer irdischen Wesen eingereiht werden und gehören weder zum Pflanzen- noch zum Tierreich. Ich weiß nicht, womit ich sie vergleichen soll, um dir einen Begriff von ihrer Gestalt zu geben.
Hast du in den botanischen Gärten die Fackeldistel cereus giganteus gesehen?
I c h : Ich kenne diese Pflanze genau, sie hat ihren Namen von der Ähnlichkeit mit den drei- oder mehrarmigen Leuchtern, die man in den Tempeln brennt.
L u m e n : Nun also: die Bewohner des T Orionis zeigen einige Ähnlichkeit mit dieser Form. Sie bewegen sich langsam und halten sich nur durch einen Saugprozeß aufrecht, ähnlich dem gewisser Pflanzen. Die untere Partie ihres senkrechten Stammes, diejenige, welche auf der Erde ruht, breitet nach Art der Seesterne ihre kleinen Anhängsel aus, die sich am Boden festsaugen. Diese Wesen gehen oft in Herden miteinander und wechseln ihren Wohnort je nach der Jahreszeit.
Folgendes ist aber das Merkwürdigste in ihrer Organisation und das, was das früher erwähnte Prinzip von der Vereinigung der Primitivseelen im menschlichen Körper dir am klarsten machen wird.
Als ich eines Tages diese Welt besuchte, fand ich mich mitten in einer orionischen Landschaft. Ich sah da ein Wesen, das einer zehn Meter hohen Pflanze glich, ohne Blätter und Blumen, und das hauptsächlich aus einem cylindrischen Stamme bestand, der in seiner oberen Partie mehrere Ausläufer hatte, ähnlich denen eines Armleuchters. Der Durchmesser des Mittelstammes, sowie der der auslaufenden Zweige, betrug gut einen Fuß. Die obere Partie des Stammes und der oberen Zweige trug ein Diadem aus silbernen Fransen.
Plötzlich sah ich, wie das Wesen um sich schlug und ohnmächtig wurde.
Es kommt in dieser Welt thatsächlich oft vor, daß gesunde Individuen plötzlich stehenden Fußes zusammenbrechen. Die Moleküle, aus denen sie bestehen, fallen alle zusammen zur Erde. Das Individuum hat aufgehört, persönlich zu existieren. Seine Moleküle trennen und zerstreuen sich.
Diese beseelten Pflanzen waren äußerst eigenartig,
vor allem wegen ihrer Fähigkeit zur Auflösung.
I c h : Sie fallen auseinander und ergreifen die Flucht?
L u m e n : So ungefähr verhält es sich. Ich erinnere mich, daß dieses Auseinanderfallen des Körpers sehr oft während des Lebens stattfindet, oft infolge eines Ärgers oder einer Ermüdung, oft auch infolge eines organischen Mißklangs zwischen den verschiedenen Teilen. Eben noch ein Lebendes, Ganzes, wie du in diesem Augenblick, sieht man sich plötzlich auf ein Nichts reduziert. Das Gehirnmolekül, das den Hauptbestandteil deines Organismus bildet, fühlt sich, infolge des Sturzes seiner Schwestermoleküle, längs der Gliedmaßen heruntergleiten und kommt einsam und unabhängig am Boden an.
I c h : Diese Art des plötzlichen Verschwindens hätte auch auf der Erde oft viel für sich. Um sich aus einer unangenehmen Situation, z. B. einer ehelichen Szene à la Molière, zu ziehen, um auf anständige Weise dem Schaffot den Rücken kehren zu können, ließe man einfach seine Einzelatome auseinander fallen ... prosit Mahlzeit.
L u m e n : Du nimmst die Sache von der spaßhaften Seite; ich versichere dich aber, daß es sich wirklich so verhält, und es würde bei euch auf der Erde genau ebenso wie auf dem Orion sein, wenn das Autoritätsprinzip bei euch keine solch große Rolle spielte. Es existiert eben dort erst in seinen Anfängen. Euer Körper besteht aus belebten Molekülen. Euer Rückenmark ist, nach einem eurer hervorragendsten Physiologen, eine linienförmige Reihe von gleichzeitig unabhängigen und beherrschten Centren. Die Hauptbestandteile eures Blutes, eures Fleisches, eurer Knochen befinden sich im gleichen Falle. Es sind Provinzen, die ihre eigene Verwaltung haben, aber trotzdem einer höheren Autorität gehorchen müssen. Es ist eine Grundbedingung des menschlichen Lebens, daß diese höhere Autorität sich bethätige; bei den niederen Tierarten ist das jedoch nicht absolut notwendig. Jeder Ring des Regenwurms ist wieder ein Wurm für sich, so daß ein solcher Regenwurm eine ganze Reihe gleichartiger Wesen, eine zusammengehörige lebendige Gesellschaft darstellt; in Ringe zerschnitten, bildet der Wurm ebenso viele unabhängige Wesen. Beim Bandwurm hat der Kopf schon eine größere Bedeutung und besitzt, wie die Pflanzen, die Fähigkeit, die ihm weggenommenen Teile wieder neu zu schaffen. Der Blutegel besteht ebenfalls aus zusammengesetzten Einzelwesen; von fünf zu fünf Ringen zerschnitten, bilden die Teile wieder ebenso viele Blutegel. Wie am Baum ein Zweig nachwächst, so bilden sich auch die Scheere des Krebses oder der Schweif der Eidechse von selbst wieder nach. Die Wirbeltiere, wie z. B. der Mensch, bestehen in ihren Hauptteilen (dem Rückenmark und seinem oberen Ausläufer nach dem Gehirn) aus übereinander liegenden Segmenten, Nervenzentren, deren jedes eine Elementarseele besitzt.
Das auf der Erde herrschende Autoritätsprinzip hat nun, wie gesagt, bei den höheren Tierarten eine ausschlaggebende Stimme. Ihr besteht aus einer Menge Einzelwesen, welche gruppiert und beherrscht werden durch die Attraktion eurer persönlichen Seele, die, vom Mittelpunkt eures Wesens aus, euren Körper vom Mutterleibe an gebildet und in ihrem Mikrokosmos eine ganze Welt von Wesen um sich versammelt hat, die sich ihrer eigenen Individualität noch unbewußt sind.
I c h : So ist also auf dem Planeten des Orion die Natur selbst im Zustand der unumschränkten Republik.
L u m e n : Einer durch das G e s e t z regierten Republik.
I c h : Wenn aber nun ein Wesen auf obige Weise getrennt wird, wie kann es sich wieder so vollständig rekonstruieren?
L u m e n : Durch die Willenskraft oft ohne die geringste Anstrengung, nur durch einen flüchtigen Wunsch. Wenn auch von dem Gehirnmolekül getrennt, sind die Körpermoleküle innerlich doch nicht weniger fest miteinander verbunden. Im gegebenen Augenblick vereinigen sie sich wieder, und jedes nimmt den ihm vorgeschriebenen Platz ein. Das leitende Molekül zieht die andern aus der Ferne an, wie der Magnet das Eisen.
I c h : Ich stelle mir diese Liliputanerarmee gerne vor, wie sie, von einem Pfiff überrascht, sich nach ihrem Zentrum hin sammelt und die Aufstellung all der kleinen Soldaten formiert, die nun geschickt einer auf den andern klettern und im Nu die Menschenfackel rekonstruieren, die du mir beschrieben. Wahrlich, man muß die Erde verlassen, um dergleichen beobachten zu können.
L u m e n : Du beurteilst das Universum nach dem Atom, das du vor Augen hast, und bist nur fähig, die Dinge zu verstehen, die zur Sphäre deiner Beobachtungen gehören, aber ich wiederhole dir, die Erde ist nicht der maßgebende Typus des Weltalls.
Diese Welt im Orion mit ihren sieben kreisenden Sonnen ist von Organismen bevölkert, die den eben beschriebenen analog sind.
Wie unsere Gespräche dir gezeigt, habe ich viele und verschiedene himmlische Welten gesehen, jetzt studiere ich die Gesamtschöpfung, ohne irgend wo einen festen Wohnsitz zu haben. Im Lauf des nächsten Jahrhunderts aber hoffe ich mich auf einer zum Gefolge des Sirius gehörigen Welt wieder zu verkörpern. Die Menschheit daselbst ist schöner als die der Erde. Ihre Geburt vollzieht sich auf organische Weise, nur weniger lächerlich und brutal als bei euch auf der Erde. Das charakteristischste Merkzeichen dieser Welt ist das, daß der Mensch die physikalischchemischen Vorgänge, die sich im Innern des Körpers vollziehen, selbst wahrnehmen kann. Es geht so zu sagen von jedem einzelnen Molekül im Organismus ein Nerv aus, welcher dem Gehirn die verschiedenen Eindrücke, die er empfangen, übermittelt, so daß jede Seele ihren Körper genau kennt und ihn unumschränkt beherrscht. Das Innere des Körpers ist so sichtbar wie das Äußere. Es ist eine der Welten, auf denen man nicht ißt.
Das Mittel, nach innen zu sehen, ist aber nicht das Gleiche, von dem ich dir schon sprach, und das darauf beruht, daß jene Augen, um das Innere der Körper wahrzunehmen, eben anders sind als die euren. Hier handelt es sich nicht um ein Sehorgan, sondern um eine Organisation des Zentralnervensystems.
Diese Siriuswelt bietet aber noch eine andere Eigentümlichkeit dar, diejenige nämlich, daß man, dank der Dichte und der physischen Beschaffenheit ihrer Atmosphäre, von jedem Punkte aus den ganzen Weltkörper sehen kann und zwar infolge einer durch Strahlenbrechung hervorgebrachten Luftspiegelung. Die Lichtstrahlen beschreiben Kurven und tragen, indem sie um den ganzen Planeten herumgehen, die Bilder auch der fernsten Gegenstände mit sich.[31]
[31] Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 184 den folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) schließenden Satz, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»Das ist die physikalische Verwirklichung der Anekdote, in der der Teufel Jesus alle Königreiche der Erde zeigt.«
Die Verschiedenheit der Welten ist eine ungeheure. Auf einem zum System des Aldebaran gehörigen, in dieser Beziehung sehr merkwürdigen Planeten sind die Pflanzen alle aus einer dem A s b e s t analogen Substanz zusammengesetzt, dessen hauptsächlichste Bestandteile Silicium und Magnesium sind. Die Tiere nähren sich nur von dieser Substanz, und fast alle Wesen dieser Welt sind u n v e r b r e n n b a r.
Nicht weit davon kreist eine Welt, auf der man fast keine Nacht kennt, trotzdem sie weder eine Nachtsonne, wie das Viereck des Orion, noch Monde besitzt. Das Gestein, dessen chemische Zusammensetzung an die phosphorsauren Salze und den Schwefelbaryt erinnert, speichert das während des Tages empfangene Sonnenlicht auf und strahlt es dann während der Nacht als mildes, fluorescierendes Licht, das die Landschaft in stille, nächtliche Klarheit taucht, wieder aus. Hier giebt es auch seltsame Bäume, deren Blüten des Abends wie Johanniskäfer leuchten. Sie gleichen Kastanienbäumen mit hellstrahlenden Blütenkerzen. Der Phosphor spielt eine große Rolle auf dieser eigentümlichen Welt, deren Atmosphäre beständig mit Elektrizität geladen ist, und auf der Menschen, Tiere und Pflanzen selbstleuchtend sind. Die Temperatur ist eine sehr hohe, so daß die Bewohner nie genügend Veranlassung gehabt, über eine Bekleidung nachzudenken.
Auf dieser Welt sind alle lebenden Wesen leuchtend.
Nun kommt es vor, daß durch die Beleuchtung des Körpers die innewohnenden Leidenschaften zutage treten. Es vollzieht sich da im großen, was ihr im kleinen in milden Sommernächten auf euren irdischen Wiesen beobachten könnt, auf denen die Leuchtkäfer sich still in ihrer Liebesflamme verzehren. Bei den in Frankreich heimischen Leuchtkäfern hat das Männchen Flügel, leuchtet aber nicht, während im Gegenteil das Weibchen leuchtet, aber der Flügel entbehrt. Bei den italienischen Leuchtkäfern besitzen beide Geschlechter die Fähigkeit, zu fliegen und zu leuchten. Die Menschheit, von der ich spreche, besitzt die Vorteile letzterer Gattung.[32]
[32] Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 187 den folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Absatz, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»Auf der Welt, von der ich dir erzählen werde, sind die Nächte von phosphoreszierender Helligkeit erleuchtet. Ich habe andere Welten besucht, auf denen es überhaupt keine Nächte giebt, da sie nicht die Wechsel von Tag und Nacht durchmachen, wie sie auf der Erde aufeinander folgen, sondern vielmehr auf ihrer gesamten Kugeloberfläche ständig von mehreren Sonnen erleuchtet werden, die niemals einen beleuchtungslosen Zustand zulassen. Dort stellt sich nie der Schlaf ein, nicht bei den Menschen, nicht bei den Tieren, nicht bei den Pflanzen. Auf eurem Planeten hat der Schlaf, der ein Drittel eures Lebens in Anspruch nimmt, seine primitive Ursache in der Umdrehungsbewegung der Erde, die nach und nach die einzelnen Regionen der Erdkugel in das Licht der Sonne und in die Nacht taucht. Auf diesen Welten des ewigen Tages schläft man nie, und man wäre dort sehr überrascht zu erfahren, daß es Menschheiten giebt, die ein Drittel ihres Lebens in der Lethargie des Todes verstreichen lassen. Ein Mensch, der achtzig Jahre auf der Erde gelebt hat, hat davon siebenundzwanzig verschlafen und verloren!«
Einzelne Formen des menschlichen Lebens finden sich auch bei manchen Wesen der Sternenwelt wieder. Wie die Männchen der Ameisen am Tage ihrer seltsamen Hochzeit alle durch Erschöpfung ihren Tod finden, wie bei den Bienen die Erzeuger unerbittlich geopfert, bei den Spinnen von ihren Gefährtinnen verschlungen werden, wenn sie nicht sofort fliehen, wie eine große Anzahl von Insekten nie ihre Nachkommenschaft sieht und ihre Eier infolgedessen an einen Ort legt, der den Neugeborenen die erste Nahrung bietet, geradeso existieren Welten, auf denen es kein Alter giebt, und auf denen alle Geschöpfe sich in Leidenschaft, in wollüstigem Liebestaumel verzehren und den Genuß des Augenblicks dem unbekannten Nichts des nächsten Tages vorziehen. Das aktive Geschlecht überlebt nie den Tag der Vereinigung. Das passive entschläft erst dann, wenn es die Fortdauer der Art gesichert hat. Diese himmlischen Gegenden, auf denen man nicht altert, sind nicht die am schlechtesten bedachten.
Während man auf der Erde in der zweiten Hälfte des Lebens sehnsüchtig der ersten gedenkt, auf die berauschenden Freuden der Jugend Verzicht leisten muß, an deren Stelle Alter und Krankheit treten, die langsam zum Tode führen, beginnt das menschliche Leben jener Welten, wie das der Insekten, der Larven und Raupen, zuerst bescheiden, roh, schwer und materiell, um dann nach einem kurzen Schlafe der Entfaltung und Kraft und Schönheit Platz zu machen und wie die Schmetterlinge im Feuer großer Leidenschaften in Freude und Licht zu enden. Es sind das in der That privilegierte Welten mit ihrem aufsteigenden Leben, während auf der Erde jedes menschliche Wesen unglücklicherweise nur den Niedergang des Lebens repräsentiert.[33]
[33] Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 189f. den folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Absatz, der hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben wird:
»Eine der anmutigsten Welten, die ich besucht habe, ist ausschließlich von Vögeln besiedelt. Man kann sie tatsächlich die Welt der Vögel nennen. Es gibt dort keine anderen Lebewesen mit Ausnahme von Schmetterlingen und fliegenden Blumen. Die Evolution hat dort nicht zu schweren Vierbeinern, nicht zu schrecklichen Sauriern, nicht zu Reptilien, nicht zu Mollusken, nicht zu Fischen geführt. Es herrscht ein bezauberndes Leben in der Luft, voller Bewegung, voller brillanter Farben, voller Lieder und voller Liebe; überall Nester, überall Blumen, überall Flügel. Unter den geflügelten Wesen ist die höchststehende, die intellektuelle, die menschliche Art wirklich privilegiert. Sie kennt vom Leben nichts anderes als die zartesten Herzensgefühle, den Kampf nur zum Vergnügen und strahlt ewig in Wonne und Licht.«
Es giebt Welten, auf denen alle Lebensfunktionen, die Atmung, die Assimilation, nur sehr langsam vor sich gehen, und die organischen Zeiteinteilungen, Tag und Nacht, Jahreszeiten und Jahre, von unendlicher Länge sind, obwohl das Nervensystem ihrer Menschheit ein sehr ausgebildetes ist und die Gedankenarbeit eine geradezu staunenswerte. Das Leben auf diesen Welten scheint endlos. Diejenigen, welche an Altersschwäche sterben, werden mehr als tausend Jahre alt, aber sie sind so selten, daß nur wenige von ihnen in der geschichtlichen Erinnerung dieser Menschheit leben. Da es nur eine Rasse, ein Volk, eine Sprache auf diesen Welten giebt, ist auch der Krieg etwas Unbekanntes. Die Körperbeschaffenheit dieser Organismen ist besonders bemerkenswert. Krankheiten kennen sie nicht, also auch keine Ärzte. Für diese geistig so hervorragend begabten Organismen ist die Aussicht auf ein solch endlos langes Leben eine schreckliche, die wie eine Last auf ihnen liegt; deshalb enden sie auch fast alle durch Selbstmord. Diese Sitte ist ihnen aus dem grauen Altertum überkommen, und die wenigen Greise, die sich aus irgend einem Grunde nicht selbst umgebracht, werden wie außergewöhnliche, originelle, mehr oder minder extravagante Geschöpfe betrachtet. Der Selbstmord ist das allgemeine Gesetz.
Soll ich dir nun noch von der, für einen Astronomen denkbar merkwürdigsten Welt sprechen, von einer Welt, auf der es eine Nacht ohne Sterne und infolgedessen auch keine astronomische Wissenschaft giebt. Es existieren auch solche Welten; sie liegen in gewissen Regionen des unendlichen Raumes, von denen die Sterne zu weit entfernt sind. Das menschliche Auge kann keinen derselben wahrnehmen, sie sind nur mit dem Teleskop, nicht mit dem bloßen Auge sichtbar. So können auch die Bewohner jener Welten sich das Vorhandensein anderer Weltkörper nicht vorstellen und glauben mit aller Bestimmtheit, daß sie allein im unendlichen Raume existieren. Die Politik dieser Welten ist eine absolut theokratische.[34]
[34] Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 191–196 die folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Absätze, die hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben werden:
»In unserem dritten Gespräch habe ich dich auf die Ätherschwingungen aufmerksam gemacht, die mit den Sinnen der Erdenmenschen nicht wahrgenommen werden können: es sind für euch unsichtbare Strahlen. Meine theoretischen Überlegungen sind in meinen Exkursionen in die Sternenwelten für mich zu praktischen und wirklichen Tatsachen geworden. Ich könnte dir einige Welten bezeichnen, auf denen die Menschen Augen haben, die nicht einen der Strahlen des Sonnenspektrums zwischen dem roten und dem ultravioletten Licht sehen können, die eure Augen wahrnehmen, die aber bestimmte elektrische, für euch unsichtbare Strahlen sehen können, für die Glas undurchsichtig ist, wohingegen Holz, Textilien und Fleisch durchsichtig sind. Diese Wesen sehen vor allem ihre Skelette. Für diese Augen sieht die Natur völlig anders aus als für die euren. In einem Wald sehen sie nicht die Bäume, sondern nur Saft in Form von Springquellen. In einem Blumenbeet sehen sie nicht die Blumen, sondern flüssige Netze und Ausdünstungen, die für sie eine völlig andere Ordnung der Dinge formen. Das Licht, die Wärme, die Elektrizität sind nicht in der Weise Gegenstand ihrer Sinne wie sie es für die euren sind. Ihre Augen sind blind für die Schwingungen im Bereich zwischen 450 und 750 Billionen, zwischen Infrarot und Ultraviolett, sehen aber klar im Bereich von über 750 Billionen bis 2 Trilliarden.
Der Körper der Erdenmenschen verdankt seine Form und seine Beschaffenheit der atmosphärischen Umgebung und den Bedingungen der Dichte, der Schwerkraft, des Stoffwechsels, unter denen die Evolution des irdischen Lebens verlaufen ist. Das menschliche Wesen entsteht durch die Vereinigung eines mikroskopisch kleinen männlichen Teilchens mit einem winzig kleinen weiblichen Ei. Diese Verschmelzung ergiebt die Entstehung eines kleines Gewächses, das sich in einen Embryo umwandelt, in dem nach und nach die Plätze für das Herz, für den Kopf, für die Gliedmaßen, für die verschieden Organe in Erscheinung treten. Das Nervensystem dieses Embryos ist vergleichbar mit den Ausstrahlungen eines feinen Netzgewebes, das von einem zentralen Punkt ausgeht, der schließlich das Gehirn bildet.
Unter dem Einfluß des Sonnenlichts, der Luftschwingungen, der Gerüche und der Geschmäcker hat sich einer dieser Nerven an seinem äußeren Ende zum Auge entwickelt, zuerst ungeformt, fast blind und im Anfangsstadium, bei Trilobiten und Fischen in der SilurPeriode, woraus das bewundernswerte Auge der Vögel, der Wirbeltiere und des Menschen geworden ist; der Hörnerv hat sich auf der Grundlage des entsprechenden Prozesses herausgebildet; der Geruchssinn und der Geschmackssinn haben sich parallel dazu entwickelt: diese beiden letztgenannten Sinne sind die ältesten, für das Leben notwendigsten Sinne, gemeinsam mit dem Tastsinn, dem ältesten und ursprünglichsten von allen. Es sind vor allem zwei Sinne, die den Menschen mit der Außenwelt in Verbindung setzen: das Sehen und das Gehör, wobei das Auge das einzige Organ ist, das euch wirklich in Verbindung mit dem Universum bringt.
Millionen von Nervensträngen führen vom Gehirn zur Hautoberfläche, ohne einen weiteren als den Tastsinn zu bilden, sozusagen den Sinn für intime und persönliche Empfindungen, der gleichermaßen als sechster Sinn angelegt worden ist. Du verstehst mich.
Es giebt also keinen Grund dafür, daß diese Entwicklung, nur weil sie auf eurem kleinen Planeten aufgehalten worden ist, anderswo in gleicher Weise aufgehalten worden ist.
Und der Beweis dafür ist, daß ich erst vor kurzem zwei Welten besucht habe, auf denen die menschlichen Wesen zwei Sinne besitzen, von denen ihr euch auf der Erde keinerlei Vorstellung machen könnt.
Der eine dieser Sinne könnte als elektrischer bezeichnet werden. Einer der Nervenstränge, von denen ich dir soeben erzählt habe, hat sich zur einer Art Horn entwickelt, verästelt und vergrößert, das unter dem Skalpell oder unter dem Mikroskop nebeneinander liegende Röhren zeigen würde, deren äußerste Extremitäten elektrische Ausströmungen empfangen und an das Gehirn übermitteln können, in etwa so, wie euer Sehnerv die Lichtwellen und euer Hörnerv die Schallwellen.
Die mit diesem Sinn ausgestatteten Wesen nehmen den elektrischen Zustand von Körpern, Gegenständen, Pflanzen, Blumen, Tieren, der Atmosphäre und der Wolken wahr, und dadurch ergiebt sich dort für sie eine Erkenntnisquelle, die euch verschlossen bleibt.
Die organischen Wahrnehmungen dieser Wesen sind von den euren völlig verschieden. Auch ihre Daseinsweise unterscheidet sich völlig von der euren. Die Ursache für die Entstehung und Entwicklung dieses Sinns ist der Sättigungszustand dieser Welt mit Elektrizität.
Auf der zweiten Welt hat mich noch ein weiterer, völlig anderer Sinn am stärksten beeindruckt, der Orientierungssinn. Ein weiterer vom Gehirn ausgehender Nervenstrang hat zur Ausbildung einer Art sehr anmutiger flügelartiger Ohren geführt, durch die das Lebewesen die Richtung erkennen kann. Man weiß, ohne Augenschein, ob man nach Norden, Süden, Osten oder Westen geht. Die Atmosphäre ist voll von Ausstrahlungen, die euch unbekannt bleiben. Dieser einzigartige Sinn ermöglicht eine Orientierung ohne Irrtum. Er verleiht auch die Fähigkeit, im Boden verborgene Dinge zu entdecken, und vermittelt verschiedene Kenntnisse, die euch absolut vorenthalten sind.
Doch ich kann dir, lieber Freund, nicht von allen Merkwürdigkeiten des Weltalls erzählen. Es genüge, dir den Schleier hinlänglich gelüftet zu haben, um die unermeßliche Verschiedenheit der lebendigen Schöpfung und alle im Weltenraum zerstreuten Systeme beobachten zu können.
Ich konnte dir sozusagen zeigen, daß es im Garten der Schöpfung eine unendliche Vielfalt giebt und daß die Ewigkeit sich an den Blumen und Früchten erfreuen kann.
I c h : Mein lieber Meister, ich bin noch sehr irdisch, zu sehr, ohne Zweifel, bin sehr jung und weit davon entfernt, den Daseinszustand zu erreichen, von dem aus man voller Klarheit das Bild der Ewigkeit schauen kann, in der uns so viele Verheißungen erwarten. Das erklärt sicherlich, weshalb dieser Planet mir als gut und seine Menschheit als wirklich gelungen erscheint. Erst gestern in Paris habe ich deine uranographischen Theorien einer jungen Frau erläutert, die sie mit Interesse angehört hat. Sie erhob mir gegenüber keinerlei Einwand, sondern sah mich in ihrer bewundernswerten Schönheit einfach an. Und indem ich sie so betrachtete, sagte ich unwillkürlich zu mir: ›Könnten sie anderswo schöner sein als hier?‹
L u m e n : Ja, mein Freund, du bist zu sehr irdisch. Zufrieden damit, daß deine Augen so unvollkommen und nicht fähig sind, mehr als die Oberfläche dieser schönen Körper wahrzunehmen! Ich will deine poetische Bewunderung nicht genauer untersuchen. Übrigens gestehe ich zu, daß es der irdischen Natur nicht an Harmonie mangelt. Aber diese Harmonie existiert auf allen Welten und oft in unvergleichlich höheren Graden. Die Wölfe und die Wölfinnen finden einander schön, und die Nilpferde suchen einander des Abends im Mondschein im Schlamm der wilden Sümpfe. Alles ist relativ, und ein Mann aus dem System des Arcturus würde die schönste Frau der Erde unbedingt verschmähen.«
Indem du mich im Geiste auf dieser Sternenreise begleitest, hast du einige Stunden fern von der Erde zugebracht. Es ist gut, manchmal diese himmlischen Wege aufzusuchen; die Seele gehört dann mehr sich selbst und durchdringt mit ihren einsamen Betrachtungen besser die wirkliche Unendlichkeit. Die irdische Menschheit ist, wie gesagt, physisch und moralisch die Resultante der virtuellen Kräfte der Erde. Die Kraft des Menschen, seine Gestalt und sein Gewicht hängen davon ab. Die organischen Funktionen werden durch den Planeten bestimmt. Wenn das Leben sich bei euch in Arbeit und Ruhe, in Schlaf und Wachen teilt, so ist nur die Drehung der Erde und die daraus entstehende Nacht die Ursache davon. Auf den selbstleuchtenden Welten oder denen, welche durch Tag- und Nachtsonnen erleuchtet werden, schläft man nicht. Man ißt und trinkt bei euch nur infolge der unvollkommenen Beschaffenheit der Atmosphäre. Der Organismus der nicht essenden Wesen ist ein von dem euren vollkommen verschiedener. Sie bedürfen weder des Magens noch des Darmes. Das irdische Auge läßt euch das Weltall auf eine ganz bestimmte Weise sehen. Das Auge der Wesen auf dem Saturn sieht die Dinge anders. Es giebt Sinne, die andere Dinge wahrnehmen können, als die den euren zugänglichen, und die anderseits in der Natur auch nicht sehen, was ihr seht. So lebt auf jeder Welt eine von der auf der andern ganz verschiedene Art von Wesen, die oft weder zum Pflanzen- noch zum Tierreich gehört. Es giebt Menschen von allen möglichen Formen, allen möglichen Dimensionen, allem möglichen Gewicht und Farben, mit allen möglichen Empfindungen und Charakteren.
Das Weltall ist etwas Unendliches, und unser irdisches Leben nur eine Phase dieser Unendlichkeit. Das wunderbare Feld des ewigen Sämanns zeitigt die verschiedenartigsten Früchte. Die Wissenschaft hat die Aufgabe, herauszufinden, was die irdischen Sinne wahrzunehmen imstande sind. Der Philosophie ist die Aufgabe zuerteilt, alle diese beschränkten bestimmten Begriffe und Vorstellungen synthetisch zu verarbeiten und so die Gedankensphäre zu erweitern.[35]
[35] Anm. d. Hrsg.: Die für den Textvergleich verwendete französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) enthält auf S. 197–200 die folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Absätze, die hier in deutscher Übersetzung durch den Hrsg. wiedergegeben werden:
»Deshalb wollte ich dir nicht nur von der physischen, sondern auch von der intellektuellen und moralischen Vielfalt der Menschheit berichten! Deren Mannigfaltigkeiten ist ebenfalls bemerkenswert. Aber du würdest sie noch weniger verstehen.
Um dir dazu nur ein Beispiel zu nennen, bedenke, daß in eurer irdischen Menschheit die geistigen oder moralischen Werte unnütz sind, nicht dem Fortschritt dienen, null und nichtig bleiben, wenn derjenige, der sie besitzt, nicht den Willen und die Fähigkeit hat, dies klar zu erkennen, sei es wegen des Triumphs seiner Ideen oder ganz einfach aus persönlichem Interesse. Niemals wird man nach verborgenen Fähigkeiten suchen. Er muß sich selbst dazu durchringen, gegen die Intrige, die Habsucht und das Strebertum zu kämpfen. Das Gegenteil davon ist der Fall. Das kommt daher, daß die bedeutendsten Werte unbekannt und unwirksam bleiben und daß die gesellschaftlichen Ehren und das Glück fast immer unfähigen Intriganten zuteil werden.
Nun gut! In einem Planetensystem in einer der hellsten Regionen der Milchstraße, das ich unlängst besuchte, zeigte sich mir auf allen Welten, ohne Ausnahme, eine völlig andere Geistesordnung. Dort ist die Staatsorganisation in der Weise organisiert, daß die Menschen, die wegen ihrer Tugenden in die Bürgerregierung gewählt worden sind, keine anderen Funktionen haben als sich der ihnen anvertrauten Position mit voller intellektueller Hingabe zu widmen. Man sucht die intellektuellen Begabungen in der Weise zu erschließen, in der man bei euch versucht, Gold und Diamanten zu finden. Und das ist von großem Nutzen für die Menschheit. Man hat dafür zwar keine Akademien errichtet, aber man könnte sich keinen Menschen von Wert vorstellen, der unaufgefordert seine Zeit mit Schmeicheleien vergeudet, ohne sich sofort als vergoldete Bedeutungslosigkeit wiederzufinden, die sich offensichtlich Wählerstimmen erschlichen hat. In diesem Weltensystem herrscht tatsächlich ein sehr hoher Grad der Vernunft.
Ich füge noch hinzu, da wir hier gerade über moralischen Unterschiede der Menschheiten sprechen, daß einer der Planeten, die mir als die glücklichsten erschienen waren, eine Welt im System der Wega ist, auf der die Hydra des Krieges, die bei euch seit fünftausend Jahren täglich elfhundert Menschen verschlingt, auf ganz einfache Weise beseitigt worden ist. Erst vor kurzem hat man mir die Geschichte erzählt. Eines Tages beschlossen die Parlamente der verschiedenen Völker (denn sie bildeten auch einzelne Nationen) gleichzeitig ein gleiches Gesetz, wissend, daß die nationalen Interessen manchmal zu unvermeidlichen Rivalitäten führen, und obwohl man schon zuvor die unter bestimmten Umständen zu verwendenden Waffen bestimmt hatte, kam man zu der Überlegung, daß die Völker die wahren Souveräne sind und die fundamentalen Grundsätze der Humanität bestimmen und daß es nutzlos und ungebührlich ist, das Blut einer solch großen Anzahl von Menschen zu vergießen. Es wurde beschlossen, von da an auf das Ergebnis eines einzigen Zweikampfs zwischen den Staatsführern abzustellen und daß, wenn es die Ehre und die Bedeutung für das Volk verlangten, die beiden Oberhäupter der Nationen ihre Kräfte in einem öffentlichen Duell messen sollten, das nicht eher als mit dem Tod des einen der beiden offiziellen Vertreter der rivalisierenden Vaterländer endete.
Das Gesetz wurde in seiner ganzen Strengen angewendet. Aber nach zweien oder dreien dieser Duelle und nach weniger als einem halben Jahrhundert hatten sich die Oberhäupter der verschiedenen Länder darauf verständigt, einen Freundschaftsbund der Vereinigten Staaten aller Völker des Planeten unter der Präsidentschaft der Abgeordneten, die den internationalen Großen Rat bildeten, zu gründen, und der Krieg war für immer verschwunden. Seit mehr als zehntausend Jahren herrscht dort Frieden.
Es giebt, mein lieber irdischer Freund, der Erde unvergleichlich überlegene Welten, sowohl in Hinsicht auf Weisheit und Glück als auch hinsichtlich der physischen und organischen Bedingungen, von denen wir soeben sprachen. Diese Erzählungen von jenseits des Grabes haben keinen anderen Zweck, als dir eine Vorstellung von den Realitäten der Sternenwelt zu ermöglichen, die auf der Erde unbekannt sind.«
Nun hast du, lieber Freund, einen Begriff von dem, was die Erde im Weltall ist, kennst auch annähernd den Himmel und weißt auch, was das Leben ... was der Tod.[36]
[36] Anm. d. Hrsg.: Der ab hier bis S. 168 unten folgende Text aus der deutschen Ausgabe 1900 (S. 205–209) ist in der für den Textvergleich verwendeten französischen LumenAusgabe (Paris: E. Flammarion, o. J. [um 1900]) nicht enthalten. Es war nicht zu ermitteln, welche der zahlreichen französischen LumenFassungen die Übersetzerin für die fünfte Erzählung verwendet hat; möglicherweise hat sie zwei oder mehr Fassungen verwendet und bei der Übersetzung Bearbeitungen und, an anderen Stellen, Kürzungen vorgenommen.
Schon naht die Morgenröte, jagt die Geister in die Flucht und macht unserem Gespräch ein Ende, gleichwie beim Anbrechen des irdischen Tages das Licht der Venus erbleicht. Ich möchte dem Vorhergehenden gerne noch eine interessante Betrachtung beifügen, die den gleichen Beobachtungen entsprang; es ist folgende: Wenn du die Erde in dem Augenblick verließest, in dem ein Blitz zuckt, und du eine Stunde oder länger mit dem Lichtstrahl reistest, du würdest den Blitz eben so lange sehen. Es beruht dies auf den früher dargelegten Prinzipien. Entferntest du dich aber statt mit der ganz g l e i c h e n Geschwindigkeit mit etwas verminderter Schnelligkeit, so könntest du folgendes beobachten: Ich nehme an, daß dieses Entfernen von der Erde, während dessen du den Blitz beobachtest, eine Minute dauert, der Blitz selbst aber nur den tausendsten Teil einer Sekunde. Du hast also den Blitz ununterbrochen 60 000 mal länger gesehen, als er dauert. Wir haben nun zuerst angenommen, daß du ebenso schnell reisest, als das Licht. Die Reise des Blitzes und die deine fallen zusammen. Wenn du nun aber statt genau mit der gleichen Schnelligkeit als das Licht etwas langsamer vorgegangen wärest, und z. B. den tausendsten Teil einer Sekunde mehr gebraucht hättest, um am gleichen Punkte anzukommen, so würdest du, statt den Blitz immer in dem g l e i c h e n A u g e n b l i c k zu sehen, successive die verschiedenen Augenblicke, aus denen sich die ganze Dauer eines Blitzes zusammensetzt, und die eben den tausendsten Teil einer Sekunde beträgt, gesehen haben. Du hättest dann Zeit gehabt, in dieser einen ganzen Minute erst den Beginn des Blitzes zu sehen und seine Entwickelung und verschiedenen Phasen bis zum Schlusse zu analysieren. Denke dir, welche merkwürdigen Entdeckungen über die innerste Natur des Blitzes wir machen könnten, wenn derselbe seine gewöhnliche Dauer 60 000 mal überstiege. Schreckliche Kämpfe hättest du dann Zeit, in seinen Flammen zu beobachten. Welch ein Pandämonium! eine Welt, welche durch ihre Flüchtigkeit den unvollkommenen Augen der Sterblichen verborgen bleibt.
Wenn du in Gedanken die Atome, aus denen sich der Körper eines Menschen zusammensetzt, sehen, trennen und zählen könntest, dieser Körper würde für dich als solcher unsichtbar werden, denn er besteht aus Millionen und Millionen beweglicher Atome und wäre für das forschende Auge nur ein durch die Gravitationskraft belebter Nebelfleck. Hat sich nicht Swedenborg eingebildet, das Weltall habe, im Ganzen gesehen, die Gestalt eines sehr großen Mannes. Das war doch der reinste Anthropomorphismus! Aber alles gleicht sich, und das, was wir am sichersten wissen, ist das, daß die Dinge nach Zeit und Raum n i c h t d a s s i n d , was sie scheinen. Doch kommen wir zu dem verlangsamten Blitze zurück.
Wenn du mit der Schnelligkeit es Lichtes vorwärts eilst, so siehst du beständig das Bild, das sich dir im Augenblick deiner Abreise darbot. Wirst du nun ein ganzes Jahr lang mit der gleichen Geschwindigkeit davon getragen, so hast du ein ganzes Jahr die gleichen Ereignisse vor Augen. Wenn du aber, um ein Ereignis zu sehen, das nur wenige Sekunden dauert, wie z. B. einen Bergsturz, eine Lawine, ein Erdbeben, so fortgeflogen wärest, daß du den Anfang der Katastrophe gesehen, dann aber deine Schritte im Verhältnis zum Licht etwas verlangsamt hättest, so daß du diesen Anfang nicht ununterbrochen, sondern bald darauf den ersten Augenblick, dann den zweiten, dritten und so fort gesehen hättest, und, indem du dem Lichte langsam folgtest, dahin gelangt wärst, das Ende der Katastrophe erst nach einstündiger Beobachtung zu erblicken, so würde das Ereignis für dich, statt einige Sekunden, eine ganze Stunde dauern. Du würdest Felsen und Steine in der Luft schweben sehen und dir auf diese Weise Rechenschaft geben können über das Zustandekommen eines solchen Phänomens und seine verlangsamten Phasen. Bei dem Stadium, das die Photographie auf der Erde schon erreicht, könntet ihr dann von einem Phänomen wie der Blitz, wie das Fallen eines Meteorsteins, von den Meereswellen und den vulkanischen Eruptionen ebenso wie von dem Zusammensturz eines Gebäudes successive Momentphotographieen aufnehmen und sie mit einer für die Empfänglichkeit eurer Netzhaut berechneten Langsamkeit an euren Augen vorbeiführen. Umgekehrt könntet ihr auch das Wachstum einer Pflanze bis zu ihrem Aufblühen oder ihrer Frucht, die Entwickelung eines Kindes von seiner Geburt bis zu seinem reifen Alter photographieren, diese verschiedenen Phasen auf einen Schirm projizieren und so das ganze Dasein eines Menschen oder einer Pflanze in wenige Sekunden zusammenfassen.
Ich lese dir von der Stirne, daß du dieses Verfahren in Gedanken mit dem eines Mikroskops vergleichst, das die Zeit vergrößern würde. Genau so ist es, wir sehen auf diese Weise die Zeit sich vergrößern. Streng genommen, kann man dieses Verfahren nicht eigentlich mikroskopieren, sondern müßte es vielmehr c h r o n o s k o p i e r e n nennen, oder chroneteleskopieren.
Auf diese Weise könnte auch die Dauer einer Regierung, je nach dem Wunsch einer politischen Partei, verlängert werden. Man könnte z. B. Napoleon II., der nur drei Stunden regierte, successive während 15 Jahren regieren sehen, wenn man die 180 Minuten, aus denen die 3 Stunden bestehen, auf 180 Monate ausdehnt, indem man sich mit einer Geschwindigkeit, die geringer als die des Lichtes, von der Erde entfernt. Wäre man auf diese Weise in dem Augenblick fortgegangen, wo die Kammer Napoleon II. anerkannt, so würde man erst nach 15 Jahren bei der letzten Minute seiner fingierten Regierung anlangen. Man würde jede Minute einen Monat, jede Sekunde 12 Stunden lang sehen.
Der Schluß dieses Gespräches, mein lieber Freund, kehrt wieder zu seinem Anfang zurück. Ich wollte dich lehren, daß das Naturgesetz der successiven Fortpflanzung des Lichtes im Weltenraum ein Grundelement ist, auf dem die Bedingungen des ewigen Lebens beruhen. Durch dieses Gesetz erhält jedes Ereignis ewige Dauer, wird die Vergangenheit immer zur Gegenwart. In der Entfernung, welche das Licht in 6000 Jahren zurückgelegt, befindet sich im Weltenraum gegenwärtig das Bild der Erde von vor 6000 Jahren. Die in diesen Regionen liegenden Welten sehen die Erde dieser Epoche. Wir können unser eigenes Leben und unsere verschiedenen vorhergehenden Leben unmittelbar wiedersehen, wenn wir uns nur in der geeigneten Entfernung von den Weltkörpern befinden, auf denen wir gelebt. Ihr könnt von der Erde aus Sterne sehen, die garnicht mehr existieren, weil sie erloschen sind, nachdem die Lichtstrahlen, die euch jetzt erst zukommen, von ihnen ausgingen, gerade wie ihr die Stimme eines Menschen hören könntet, der, ehe ihr ihn vernehmt, schon gestorben sein könnte, wenn er z. B. unmittelbar, nachdem er einen Schrei ausgestoßen, vom Schlage getroffen worden wäre.
Ich bin glücklich, dir in diesem Rahmen gleichzeitig ein Bild von der Verschiedenheit der Wesen und der Möglichkeit der Existenz lebender, auf der Erde aber unbekannter Formen gegeben zu haben. Auch hier übertreffen die Eröffnungen der Urania alle diejenigen ihrer Schwestern an Größe und Tiefe: die Erde ist nur ein Atom im Weltenraum.
Hiermit schließe ich.
Alle die zahlreichen und verschiedenen Gesetze des Lichtes waren dir bis jetzt verschlossen geblieben. Auf der Erde, diesem dunklen Keller, wie sie Plato so treffend bezeichnet, vegetiert ihr ohne Kenntnis der Riesenkräfte, die sich im Weltall bethätigen. Der Tag wird aber kommen, an dem die Physik im Lichte das Prinzip aller Bewegung und die geheime Ursache aller Dinge entdecken wird. Schon seit einigen Jahren hat euch die Spektralanalyse gelehrt, in einem Lichtstrahl der Sonne oder eines Sternes die Substanzen zu erkennen, aus denen diese Sonne oder dieser Stern besteht. Schon könnt ihr auf eine Entfernung von Millionen und Billionen Kilometern das Wesen der Himmelskörper erkennen, deren Licht ihr erhaltet. Das Studium des Lichtes wird euch aber noch herrlichere Resultate zu Tage fördern, sowohl in der Experimentalwissenschaft, als auch in ihrer Anwendung auf die Philosophie des Weltalls; aber das Morgenlicht naht, und seine Schwingungen verhindern mich, länger bei dir zu verweilen.
Leb‹ wohl, mein würdiger Freund, leb‹ wohl, oder vielmehr auf Wiedersehen. Große Ereignisse werden sich um euch herum vollziehen. Nach dem Sturme aber komme ich vielleicht ein letztes Mal wieder, um dir ein Lebenszeichen zu geben und dir zu zeigen, daß ich deiner nicht vergessen. Und später dann, wenn du dein Leben auf diesem mittelmäßigen Planeten vollendet, dann komme ich dir entgegen, und wir bereisen zusammen die unaussprechlichen Herrlichkeiten der Unendlichkeit. Selbst in den kühnsten Träumen deiner Einbildungskraft kannst du dir keinen Begriff machen von all den Merkwürdigkeiten, all den unfaßbaren Wundern, die dorten deiner harren.
37 Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält auf S. 239f. eine (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlende) Einleitung, die hier in der Übersetzung von J. Cassirer (1910, S. 3f.) wiedergegeben wird.
Was wir hier erzählen wollen, ist kein Phantasiegebilde, das aus den Gefilden einer oft nur zu schöpferischen Einbildung hervorgegangen ist; vielmehr haben eingehende Studien das Material hierzu geliefert, und auf wissenschaftlichem Boden ist unser Bericht gewachsen.
Der Komet, den wir hier vorführen wollen und der uns die Grundlagen zu unserer Erzählung bieten soll, ist keine Mythe; er existiert, und Millionen von Menschen haben ihn über ihrem Haupte leuchten sehen, wie das Ende unserer Erzählung beweisen wird.
Die Daten seiner früheren Erscheinungen sind nicht willkürlich angenommen, sondern nach elliptischen Elementen berechnet worden; man kann den Berechnungen getrost Glauben schenken, denn diese Elemente sind den Astronomen wohlbekannt, und die bei ihnen überhaupt mögliche Fehlergrenze beträgt nicht mehr als ein Hundertstel.*
* Astronomisch gebildete Leser werden sofort wissen, um welchen Kometen es sich handelt, wenn wir ihnen nachstehende Elemente nennen:
Τ = 1811, Septbr. 12. 26
π = 75° 1=' 0"
Ω = 140° 25' 1"
i = 73° 2' 43"
q = 1.03542
Als beinahe überflüssig könnten wir noch hinzufügen, daß die Entfernung des Kometen im Aphelium 421.02, seine halbe große Achse 208, seine Exzentrizität 0.9951 beträgt und daß seine Bewegung rückläufig ist.
Auch in der Beschreibung der Gebiete, die unser kühner Reisender besucht, sind wir nicht planlos vorgegangen, sie beruht vielmehr zum Teil auf direkten Beobachtungen, zum Teil auf wissenschaftlichen Folgerungen.
Keine der erwähnten Erscheinungen, auch nicht die kleinste ausgenommen, ist erfunden. Nicht in das Blaue hinein haben wir unser Wort ergehen lassen, sondern es ist stets im Dienste der Wissenschaft und ihrer erhabenen Herrin, der Wahrheit, geblieben.
Aus solch festem Faden ist der Stoff gewebt, den wir jetzt das Vergnügen haben, vor unseren geneigten Lesern aufzurollen.
Im Jahre 611 189 vor Christi Geburt bemerkte der Komet, den die Bewohner des Saturn schon seit bald 140 000 Jahren beobachteten, zum erstenmale nicht weit von der Sonne einen winzigen Planeten, der achthundertmal kleiner war als jener: eine kümmerliche Weltkugel, die sich ziemlich linkisch um sich selbst bewegte; von dichten Dünsten umgeben und schrecklichen geologischen und atmosphärischen Revolutionen unterworfen, war sie für ein Geschlecht von Menschen unbewohnbar.
Der Komet, dessen Schweif achtzig Millionen Meilen lang war und eine Breite von mindestens neunhundert tausend Meilen hatte, dessen noch nicht fester Kern einen Umfang von zehntausend Meilen besaß — seine Dimensionen betragen noch heute die Hälfte der damaligen — dieser Komet, der sich bis dahin nur mit der Beobachtung von Welten, wie die des Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun etc. beschäftigt und immer nur in der feinsten Gesellschaft des Himmels verkehrt hatte, wurde vom Anblick dieser kleinen, ärmlichen Welt sehr seltsam und unangenehm überrascht; war er sich auch der mächtigen Ausdehnung der Natur bewußt, so ahnte er doch nichts von der Existenz solch liliputanischer Gestirne.
Er sah auch erst mehrere Male hin, ehe er seinen Augen traute, und erst, als sich der Komet überzeugt, daß es keine Illusion und keine Luftspiegelung war, schien er geneigt, an das wirkliche Vorhandensein des kleinen Planeten zu glauben. Die Existenz dieses Proletariers ließ ihn sich in seinen eigenen Augen noch größer erscheinen; er drapierte sich mit seiner kometischen Würde, ging verächtlich an dem armseligen Weltkörperchen vorüber, wandte den Kopf ab, erhob stolz seinen Schweif, machte kehrt und eilte zurück in die Wüsten des Weltenraumes, wo er seinen erhabenen Flug durch die unermeßlichen Gefilde des Himmels fortsetzte.
So gehen, ach, nur zu oft, die Großen an den Kleinen, die Mächtigen an den Schwachen vorüber, deren Werth sie thörichterweise verkennen; gerade als ob diese anscheinend zurückgesetzten Geschöpfe nicht die Kinder der gleichen Mutter Natur, Glieder der gleichen universellen Familie seien!
Übrigens muß man zugestehen, daß für diejenigen, welche sich nicht wie wir über ihre Bedeutung täuschen, unsere Welt in der That eine sehr winzige ist. Nur unsere patriotischen Gefühle, wie immer sie sein mögen, erhöhen ein wenig ihren Wert, doch die Reisenden des Weltenraums, die sie zum erstenmale erblicken, können sich nicht vorstellen, daß wir so viel Wesens aus ihr machen.
Fraglicher Komet also, der einer der schönsten, um nicht zu sagen, der allerschönste unseres Systems ist, nähert sich der Sonne nie mehr als die Erde, d. h. auf 37 Millionen Meilen. Er folgt im Weltenraume einer elliptischen Bahn, und nähert er sich der Region, in der wir uns befinden, so beschreibt er rasch einen Halbkreis und kehrt um.
Der Schweifstern, der mit einer Geschwindigkeit von tausend Meilen in der Minute fortgetragen wird, steigt auf zu den Grenzen des Planetenreichs und durchzieht die Bahnen aller Welten. Je weiter er sich von der Sonne entfernt, um so mehr verlangsamt er seinen Flug, gerade als ob er es bedaure, das strahlengekrönte Gestirn verlassen zu müssen. Er entfernt sich 15 Milliarden 387 Millionen 800 400 Meilen von der Sonne; das ist seine Sonnenferne; in diesem dunklen Raume angekommen, hat sich sein Lauf so verlangsamt, daß er nur noch die Schnelligkeit des Windes, einige Meter in der Sekunde hat; dann aber schließt sich seine Kurve und wendet sich von neuem dem glänzenden Gestirne zu, dessen Scheibe successive so viel kleiner geworden ist, daß sie auf diese Entfernung nur noch der eines kleinen Sternes gleicht; trotzdem erkennt der Komet auch jetzt noch in der furchtbaren Entfernung die Stimme der Sonne, die ihn zu sich zurückruft. Er wendet sich ihr zu und fällt von den Polarhöhen zurück auf die Sonnenbahn, indem er sorgfältig das Netz umgeht, das Jupiter und Saturn über seinen Weg legen; seine Schnelligkeit nimmt zu, wird größer und größer, ungeheuer, unermeßlich, und von neuem stürzt er der Sonne, dem Gravitationszentrum der Planeten entgegen. Nach einer Reise von 1500 Jahren langt der Komet wieder bei der Pracht der Sonnennähe an; der blitzende Dunstkegel, der sich immer mehr verkleinert hatte, je mehr der Komet sich von der Sonne entfernte, und der schließlich ganz verschwunden war, ersteht von neuem und entwickelt sich mehr und mehr, je näher der Komet dem Zentrum kommt. Er hat wieder die gleiche Form, das gleiche Aussehen, seine gleichen goldenen Strahlen und all seine Kostbarkeiten, wie man die Höflinge sich in ihre Festgewänder kleiden sieht, wenn sie vor dem Könige erscheinen. Auch der Komet hat das glänzende Reich der Sonnenkönigin betreten und zeigt den erstaunten Augen die Pracht seiner Schönheit und seines Schmuckes.
Als das blitzende Gestirn im Jahre 608 124 vor Chr. Geb. von seiner Fahrt zurückkehrte in die Gegenden, welche die Erde bewohnt, wurde seine Aufmerksamkeit von neuem von diesem kleinen meergrünen Weltkörper so erregt, daß er sich nicht ganz davon trennen konnte. Große Persönlichkeiten interessieren sich schon des Kontrastes halber oft für kleine Kinder, und manchmal beunruhigt einen auch die Bewegung des kleinsten Mechanismus. So ließ sich auch der Komet zur Beobachtung herab und wollte wissen, bis zu welcher Lebensstufe dieser winzige Weltkörper sich schon hatte erheben können.
Zufällig nahm er auch in dieser Periode eine so günstige Stellung ein, daß er die Erde während eines ganzen Jahres sehen konnte, trotzdem er sich immer in entgegengesetzter Richtung fortbewegte.
Anstatt sich wie alle Planeten und alle Satelliten des Systems von Osten nach Westen zu bewegen, bewegt sich der Komet von Westen nach Osten, d. h. in retrograder Richtung. Dieses unglückliche Gesetz steigerte, wie das immer bei Schwierigkeiten geht, seinen Forschungseifer, und während der zwölf Monate, welche die Erde in seinem Gesichtsfelde blieb, setzte der Komet auch nicht eine Nacht, nicht einen Tag seine Beobachtungen aus.
Zuerst fand er seine Vermutung bestätigt, daß dieser kleine Weltabkömmling für vernunftbegabte Wesen nicht bewohnbar sei; er drehte sich langsam um sich selbst, aber die Abwechslung von Tag und Nacht übte keine Wirkung auf ihn aus, da er selbst eine viel größere Wärme, als diejenige, die er von der Sonne erhielt, von seinem Innern ausstrahlte. Außerdem hätten auch die Nebel, die Dünste und der Rauch, die ihn umhüllten, den Sonnenstrahlen ein Hindernis entgegengesetzt. Je mehr der Komet sich der Erde näherte, um so mehr bemühte er sich, die Natur ihrer Oberfläche zu unterscheiden; er hatte aber auch nie eine so ärmliche Welt gesehen, und da er immer noch nicht glauben wollte, daß es wirklich einen solchen Planeten geben könne, wartete er immer darauf, daß die Wolken sich teilen, die Sonnenstrahlen tiefer eindringen und die Szenerie besser beleuchten würden.
Dies geschah gegen die Sonnenwende. War es die Winter, war es die Sommersonnenwende? Die Erzählung weiß um so weniger davon, als es in dieser frühesten Epoche auf der Erde noch keine Jahreszeiten gab, und es, dank ihrer eigenen Wärme, mitten im Winter ebenso warm auf ihr war wie im Hochsommer.
Wie dem aber auch sei, der Komet konnte sich nicht enthalten, einen Schrei des Erstaunens auszustoßen, als er endlich dahin gelangte, die Erdoberfläche deutlich zu unterscheiden.
»Eine Muschelwelt!« schrie er.
Und er täuschte sich nicht, die Erde war damals in ihrer Sekundärperiode; die Formationen des Trias bildeten sich, man befand sich mitten in der Konchylienzeit.
Einige Millionen Jahre vor dieser Epoche hatten sich die Wasser zuerst verdichtet und waren auf den noch ganz flüssigen Weltkörper niedergestürzt; Gas, Dämpfe und weißglühende Substanzen gingen tausend schreckliche Verbindungen ein und durchfurchten den brennenden Herd dieser neuentstandenen Kugel; indem das vulkanische Chaos die beweglichen Gebilde dieser neuen Welt trennte und wieder einte, erstickte es Revolutionen durch neue Revolutionen und bändigte die innerlich schaffenden Kräfte nur dadurch, daß es ihnen den ganzen Weltkörper überließ. In diesem unendlichen Laboratorium übte sich die Natur in chemischen Prozessen, aus denen die flammenspeienden Vulkane, die Lavaströme, die heißen Quellen und die Geysers hervorgingen; auf der im Schmelzungsprozeß befindlichen flüssigen Oberfläche des Erdballs bildete sich dann später eine Kruste, wie sich über dem im Schmelztiegel erkaltenden Blei ein Häutchen bildet, und die Eruptionen beruhigten sich ein wenig.
Nach dieser ersten Epoche, während welcher sich kein zum Pflanzen- oder Tierreich gehöriges Wesen zeigte, sammelte sich die Natur in der Übergangsepoche jener langsamen und majestätischen Periode, deren Alter und Dauer kein Geist ermessen kann; dann vollzogen sich die ersten Mysterien der Wesenbildung, und inmitten der Qualen und unaufhörlichen Erregungen der noch nicht festen Oberfläche erschienen im Schoße des Meeres die ersten Pflanzen, Algen und Fukaceen, die ersten Tiere, Polypen und Zoophyten. Später sah der Ursumpf sich mit einem unermeßlichen grünen Flaum bedeckt, und das Pflanzenreich trat in seine Glanzära. Als erster Herrscher des jungen Weltkörpers entfaltete es in seinem Reiche all seine Pracht, und keine andere Epoche sah seitdem eine solche Überfülle von Formen, ein solches Überwuchern. Von außerordentlicher Einfachheit, ohne Blätter und Früchte, aber von erstaunlicher Dicke und Höhe, breiteten die Pflanzen den Glanz ihres jungen Grüns über alle Sandbänke, alle Landzungen, alle Halbinseln aus, welche die herrschenden Fluten der Erde gelassen. Es war wie ein einziges Meer, aus dem grüne Oasen ragten. Baumartige Farne, Schachtelhalme, Sigillarien, Lepidodendren, Equisetaceen stritten sich um die Herrschaft. Aus dieser Zeit datiert die Formation der Steinkohle, die uns heute wärmt, jener ausgebreiteten Pflanzenschichten, welche die Ruinen vergangener Zeitalter ans Tageslicht zurückführen; diese Minen entstanden Millionen von Jahren vor dem Zeitpunkte, an dem unsere Erzählung beginnt. Seit dieser Zeit lag die Erde in Geburtswehen, und man hätte noch kaum sagen können, ob sie schon zu Ende damit gekommen.
Indem der Komet sich der Erdkugel näherte, konnte er nur Muscheln sehen und hätte mit dem besten Willen auch nichts anderes entdecken können. Das Meer beherrschte damals noch die ganze Oberfläche der Erde, wie es noch heute drei Viertel derselben bedeckt. Es gab kein Festland, nur Inseln und Sümpfe, und der König der Schöpfung war damals eine Art Meerschnecke, ein stiller, harmloser Ammonit.
Dieses unschuldige Tier, das nicht ahnte, daß Jupiter Ammon es eines Tages über die Taufe halten werde, beherrschte zu jener Zeit das Reich des Neptun,[38] und kein Engländer könnte besagtes Szepter mit besserem Rechte beanspruchen als das kleine Tierchen, von dem wir eben sprachen.
[38] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält auf S. 250 den folgenden (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Satz, der hier in der Übersetzung von J. Cassirer (1910, S. 12) wiedergegeben wird, wodurch der Folgesatz erst verständlich wird: »›Der Dreizack des Neptun ist das Zepter der Welt‹, sagt Lemierre.«
Man sah sie wie den heutigen Nautilus in ihren weißen oder vielfarbigen großen und kleinen Gehäusen auf der Oberfläche des Wassers schwimmen. In ganzen Flotten betrieben sie die Verfolgung der Meeresbeute; sie liefen schnell und elegant, kreuzten und überholten sich genau so, als wenn sie eine Regatta abgehalten hätten. M a n sah sie ... doch dieses M a n bezieht sich nur auf den Kometen, denn es gab in dieser Einsamkeit und Ruhe keinen andern Zuschauer für dieses antike Schauspiel.[39]
[39] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält auf S. 251 die (in den deutschen Ausgaben 1900 und 1910 fehlenden) Absätze, die hier (soweit bekannt erstmals) in deutscher Übersetzung durch den Herausgeber wiedergegeben werden:
»Aus der Ferne war auf den Wellen und unter den Himmeln nichts weiter zu hören als die Geräusche der Ruderer, die die Wogen in wohlklingendem Takt schlugen.
Und diese Ruderer waren keine anderen als unsere Ammoniten, die in völliger Freiheit die Meere und Seen durchzogen.«
Unser Komet aber war nicht wenig erstaunt, nur Muscheln zu sehen; Muscheln im Meere, Muscheln auf der Erde, Muscheln überall. Er erging sich in Vermutungen über den Endzweck der Schöpfung unseres Erdballs.
»Welch eigentümliches Mysterium, eine Welt zu schaffen, nur um solcher Bewohner willen!« Dann dachte er darüber nach, welche Summe von Intelligenz der Schädel derartiger Geschöpfe, die eigentlich gar keinen solchen haben, umschließen kann, wie groß ihr Urteilsvermögen und die Macht ihrer Gedanken wohl sein könnte, und so geringfügig und unbedeutend der Erdball auch war, konnte der Komet sich doch nicht entschließen, zu glauben, daß er nur geschaffen worden sei, um solchen Mollusken als Aufenthaltsort zu dienen. Er prüfte nun alle Arten derselben, beobachtete das gesellige Leben der Muscheln und die Geschicklichkeit der Schildkröten, die gerade zum erstenmale zum Leben erwachten, er ließ Akephalen, Gasteropoden, Brachiopoden, Pteropoden, Cephalopoden so gut wie die Cirripedien, die weder Kopf noch Füße und Arme haben, Revue passieren, erkannte aber in der ganzen Gesellschaft kein einziges Wesen, dem man die erhabene Fähigkeit der Intelligenz zuschreiben könnte. Dieser fruchtlosen Nachforschungen überdrüssig, wandte sich der Komet ab und, wie der zukünftige ewige Jude, dachte er im Gehen und ging während des Denkens, als plötzlich ein schrecklicher Laut das Echo der Welt erweckte. »Ach,« sagte sich der Komet, »das ist vermutlich der König der Schöpfung; wie danke ich dem Himmel, daß er mich nicht fortgehen ließ, ohne ihn gesehen zu haben.« Er wandte den Kopf, und was er sah, bestätigte in der That seine Vermutungen. Ein häßliches, schwärzliches, steiniges, kolossales Ungetüm mit einem ungeheuren Krokodilsrachen, der an den Hals eines Nilpferds angesetzt war, mit verkürzten Vorderbeinen, mit Hinterfüßen, die so groß waren wie die eines Kamels, schleppte sich grotesk am Rande eines Sumpfes hin.
»Er ist nicht schön,« sagte der Komet, »allein Schönheit ist nur Geschmackssache, kein absoluter, sondern nur ein relativer Begriff, und dies muß doch der Fürst der Erde sein ... (Im Reiche der Blinden ist der Einäugige König) ... und die Ammoniten sind die Fürstinnen des Meeres. Der Herrscher scheint gewöhnlich auf dem Lande zu wohnen und zeigt gerade keine guten Manieren, er ist einfach, bescheiden, häßlich, mit einem Worte vollständig der Welt angepaßt, die er bewohnt ... Immerhin, ich hätte nicht gedacht, daß es dergleichen Geschöpfe gäbe, und ich bleibe dabei, dieses Labyrinthodon ist das einzige Tier, das die Kraft besitzt, das Szepter zu führen; also ist es der König, die erste der Majestäten. Kraft vor Recht!« Und der Komet setzte seinen Monolog fort, mit einer Erörterung des Darwinschen Gesetzes der natürlichen Zuchtwahl, aus der folgt, daß der Stärkere immer Recht behält.
Durch die Erscheinung des irdischen Ungetüms gewissermaßen aus seinen gewohnten Bahnen geworfen, setzte der Komet träumend seine Rückreise fort und näherte sich den Grenzen des Planetensystems, ohne sich der Schnelligkeit seines Laufes, noch der Welten, an denen er auf seinem Wege vorüberkam, bewußt zu werden. Erst als er sich dem Saturn näherte, erwachte der Komet wieder zum Selbstbewußtsein. Die Pracht und der Reichtum einer im Laufe von Jahrhunderten erarbeiteten Zivilisation erfüllte diese glänzende Welt: hier herrschte Freude und Fruchtbarkeit, und schon, wenn man sich ihr näherte, fühlte man den Pulsschlag ihres Herzens; seit lange schon war sie aus den Finsternissen des Chaos emporgetaucht und hatte sich langsam der erreichbaren Vollkommenheit genähert. Einige wenige glückliche Sterbliche, die würdig befunden wurden, den Genius der Natur zu begreifen und in ihre erhabenen Geheimnisse einzudringen, haben uns gelehrt, daß die Planeten in der Ziffer ihrer Entfernung von der Sonne das Kryptogramm ihres Alters darbieten; die entferntesten sind die ehrwürdigsten und die in ihrer Entwicklung am weitesten fortgeschrittenen. Neptun, der elfhundert Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist, entstieg zuerst dem Sonnennebel vor Milliarden von Jahren, — Uranus, der in einer Entfernung von siebenhundert Millionen Meilen um das Zentrum kreist, ist mehrere Hundert Millionen Jahrhunderte alt; — Saturn, dessen Entfernung 350 Millionen Meilen ausmacht, trägt auf seinem ehrwürdigen Haupte schon mehr als 100 Millionen Jahrhunderte; der Koloß Jupiter, der 190 Millionen Meilen von der Sonne entfernt schwebt, ist 70 Millionen Jahrhunderte alt; Mars existiert seit einer Milliarde Jahren, seine Entfernung von der Sonne beträgt 56 Millionen Meilen. — Die Erde, die 37 Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist, entstieg ihrem heißen Herde vor 100 Millionen Jahren. — Es sind vielleicht nur fünfzig Millionen Jahre her, daß Venus aus der Sonne hervorgegangen (sie umkreist das Zentrum in einer Entfernung von 26 Millionen Meilen), und nur zehn Millionen Jahre, daß Merkur, dessen Entfernung 14 Millionen Meilen beträgt, sich dem gleichen Schoße entwand, während der Mond ein Kind der Erde war. Der Komet, der all diesen Entwickelungen beigewohnt hatte, wußte die Geschichte und Chronologie der Sterne besser als jeder andere, und wie alle unterrichteten Personen fand er immer Mittel und Wege, sein Wissen zu bereichern, und verbrachte sein Leben in steter Beobachtung. Saturn, dessen System der Komet gerade streifen wollte, befand sich im blühendsten Zustande. Glückliche, erfolgreiche Arbeit verbreitete den Segen ihrer Schätze daselbst; die Meere waren mit raschen Schiffen bedeckt, die als die Herrscher des feuchten Elements die Entfernungen durchmaßen; die Häfen waren überfüllt mit den Reichtümern aller Nationen; auf den Flüssen tummelten sich kleine Schiffe, und das Land war von engen Straßen durchzogen, in denen prächtige Gebäude standen; in der klaren Luft sah man ganze Flotten segeln, und luftige Wiegen erhoben sich von den Höhen der Türme, um sich an dem Grat der schroffen Felsen niederzulassen. Der Geist hatte thatsächlich die Materie unterjocht, und das Reich der Menschen breitete sich vom tiefsten Abgrund bis zur höchsten Bergesspitze aus. Betrachtete man diese Weltkugel von den Polen aus, so sah man ein unendliches System von Ringen, das sie in riesigen Entfernungen umgab; die Luftschiffe stiegen bis zu ihnen empor. Außerhalb des Saturn befand sich noch eine zweite, außersaturninische Welt, welche von der andern zwar durch eine Entfernung von achttausend Meilen getrennt war, aber mit der Zentralwelt durch eine Atmosphäre in Verbindung stand. Außer dieser zweiten ringförmigen Welt, sah man noch acht Monde, die um sie kreisten und kleinen orangefarbenen und grünlichen Kugeln glichen. Der Genius der Menschheit des Saturn hatte sich dieses kleine Universum ganz untergeordnet, und seine Macht umstrahlte die Zentralwelt, um sie über alle anderen auszubreiten.
Wie man im Schatten einer Palme, von deren Standort aus man die ganze reiche Natur Afrikas übersieht, der Ruhe pflegt, hindämmert und plötzlich, wie aus einem finstern Träume erwachend, das üppige Land vor sich sieht, gerade so erging es dem Kometen, der, seitdem er die unförmige Erde verlassen, wie in einem Traume befangen war und nun plötzlich in der Nähe des herrlichen Saturn erwachte; er verlangsamte seine Schritte und betrachtete mit aufs höchste gespannter Aufmerksamkeit diese wunderbare Gegend. (Die Astronomen des Neptun bezeichnen diese Verlangsamung mit dem Namen ›saturnische Störung‹). Und als er nun dieses weite Reich durchzog, glaubte er sich von einem Alp befreit.
Was war in der That die Erde neben diesem glänzenden Gestirn? Die Erde! ein elendes, kleines Weltkörperchen, auf dem das Leben in unkenntlichen Formen kaum entstanden war; eine chaotische Masse, deren Elemente sich vermischten, ein Nichts: denn als der Komet sich umwandte, sah er in der Ferne die Erde nur noch als einen kleinen Fleck vor der Sonne. Dieser Sachverhalt allein genügt, um die berechtigte Vergessenheit zu erklären, in welche die Erde in der Erinnerung des Kometen geriet, und um diesen von der Gleichgiltigkeit frei zu sprechen, die er für so eine minimale Schöpfung, wie die Erde eine war, hegte.
Die Gleichgiltigkeit des Kometen für unsere Erde hielt so lange an, daß er dreimal zur Sonnennähe kam, ohne auch nur daran zu denken, einen aufmerksamen Blick auf die unscheinbare Weltkugel zu werfen; erst ein ganz eigentümliches Ereignis setzte dieser ihm selbst unbewußten Apathie ein Ziel.
Als der Komet zum vierundzwanzigsten Mal vorbeikam, es war um das Jahr 534 564 vor Chr. Geburt, befand er sich einen Augenblick ganz dicht an der Erde, denn die beiden Gestirne kreuzten sich in ihrem gegenseitigen Laufe so nah, daß die Erde während fünf Tagen und fünf Nächten in dem Dunstschweif wohnte, der dem Kometen eine Länge von siebzig Millionen Meilen, vom Kopfe bis zum Ende seines wallenden Kleides gemessen, verlieh. Dieser Riesenschweif glich einer dunstigen Schleppe, deren Ränder eine Ausdehnung von einigen hunderttausend Meilen besaßen. Der Vergleich paßt in sofern, als er die allgemeine Form des Kometenschweifs wiedergiebt; die Schleppe ist mehr oder minder verzogen und nähert sich oft der Form eines Fächers. Die Atmosphäre in diesem Schweife ist von außerordentlich geringer Dichte, die von der abstoßenden Wirkung der Sonne hervorgebracht wird. Die Hitze verflüchtigt alle jene Teile des Kometen, die dafür empfänglich sind, und die eine lange andauernde Kälte verdichtet hatte, als das Gestirn fern von dem Zentrum weilte; diese verflüchtigten Teile breiten sich über einen unendlichen Raum aus, werden außerordentlich leicht und entfernen sich von dem Körper des Kometen, der nur noch eine schwache Anziehungskraft auf sie ausübt. Wie groß auch ihre Ausdehnung sei, diese Dünste wiegen nie viel; schnitte man ein Stück davon ab, das so groß wäre wie Notre Dame oder die Sternwarte, man könnte es als homöopathische Dosis wie einen Lufthauch hinunterschlucken.
Die Erde weilte also, wie gesagt, während fünf Tagen in dieser dunstigen Schleppe. Man staunt vielleicht, daß unser Planet nach einer solchen Begegnung mit dem Kometen noch existiert, und wird noch mehr staunen, wenn wir hinzufügen, daß dieses Ereignis für die damaligen Bewohner der Erde unbemerkt vorüberging. Woran muß man sich aber nun halten in Bezug auf einen solchen Zusammenstoß mit dem Kometen? Und welches ist die Ansicht der Astronomen über diesen Punkt?
Einer der ersten* glaubte, die Kometen seien viel schwerer, als die obigen Ausführungen behaupten. »Die Meere verlassen ihre alte Lage, um sich einem neuen Äquator entgegenzustürzen,« sagte er, »ein großer Teil Menschen und Tiere ertrinkt in dieser Sintflut, oder sie werden von dem schrecklichen Stoß, den die Erde erduldet, vernichtet; ganze Tierklassen werden zerstört, alle Denkmäler der menschlichen Industrie umgestürzt; das sind die unseligen Folgen des Zusammenstoßes eines Kometen mit der Erde.«
* Laplace
»Wenn der Schweif irgend eines Kometen unsere Erde erreicht,« sagt ein anderer*, »oder wenn ein Teil des Stoffes, aus dem der am Firmament ausgebreitete Schweif besteht, durch seine eigene Schwere darauf fiele, so würden die dadurch verursachten Ausdünstungen bei Tieren und Pflanzen sehr fühlbare Veränderungen hervorbringen, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß die, aus solch fernen Regionen kommenden, durch eine so große Hitze hervorgebrachten Dünste verhängnisvoll für alles würden, was sich auf der Erde befindet, und das größte Unheil anrichten könnten.«
* Grégori
»Bei der einfachen Annäherung der zwei Weltkörper,« sagt ein dritter*, »würde ihre Bewegung ohne Zweifel eine große Veränderung erfahren, entweder durch die Anziehung, die einer der Körper auf den andern ausübt, oder durch ein zwischen ihnen eingepreßtes Fluidum; die geringste dieser Veränderungen würde nichts weniger als die Lage der Erde selbst, ihre Pole verändern. Die Kometenschweife sind zweifellos unendliche Ströme von Ausdünstungen und Dämpfen, welche die Sonnenwärme aus ihren Körpern treibt. Ein Komet kann mit seinem Schweif so nah an der Erde vorbeikommen, daß wir in diesem reißenden Strom, den er mit sich schleppt, oder in einer ihn umgebenden gleichartigen Atmosphäre ertrinken würden. Manche Kometen haben bei ihrer Annäherung an die Sonne einen solch hohen Grad von Wärme erlangt, daß sie in fünfzigtausend Jahren nicht erkalten würden.
* Maupertuis
Welchen Einfluß übte diese Hitze aber wohl auf die Erde aus? Sie würde sie in Asche oder in Lava verwandeln; der Schweif allein würde die Erde mit brennenden Fluten überschwemmen und all ihre Bewohner vernichten, wie ein Volk von Ameisen im kochenden Wasser, das man über sie schüttet, zu Grunde geht.«[40]
[40] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält an dieser Stelle einen Verweis auf eine (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlende) Fußnote auf S. 261ff. mit Auszügen aus Edgar Allan Poes Erzählung The Conversation of Eiros and Charmion (1850; dt.: Eiros und Charmion), die hier in der Übersetzung von J. Cassirer (1910, S. 22ff.) wiedergegeben wird:
»Es scheint fast so, als ob M. de Maupertuis hier in das Gebiet des reinen Romans geraten sei, denn wer erinnert sich dabei nicht an das seltsamste Phantasiegemälde dieser Art, an die ›Unterhaltung von Eiros mit Charmion‹, eines der originellsten Gebilde jenes originellen transatlantischen Erzählers? Die Begegnung des Kometen mit der Erde hatte zum Glück keinen so schrecklichen Verlauf. Unser Komet war huldvoll genug, ihre Bewohner nicht zu vergiften, dagegen hätte der von Edgar Poe ihr Dasein vollständig vernichtet, wie er auch, wenn wir dem phantastischen Dichter folgen, an jener seltsamen Agonie die Schuld trägt, in welche die Erde versank.
›Der gefürchtete Komet kam immer näher, seine rote Scheibe wurde zusehends größer und nahm auch an Glanz zu. Bei seinem Herannahen erblaßte der Geist der Menschheit und alles menschliche Tun und Treiben hatte sein Ende erreicht.
Auch dem Tapfersten unseres Geschlechtes schlug das Herz heftig in der Brust. Dieses n e u e Meteor war keine astronomische Erscheinung mehr, sondern es war vielmehr ein Alp, der allen auf der Brust lag, ein Schatten, der das Gehirn verfinsterte. Mit einer Schnelligkeit, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigt, hatte er das Aussehen eines ungeheuren leuchtenden Flammenmantels angenommen, der in seiner ganzen Länge am Himmel ausgespannt war.
Noch einen Tag — und die Menschheit atmete viel freier. Es war zweifellos, sagt der Augenzeuge, daß wir bereits unter dem Einflusse des Kometen standen, und doch lebten wir immer noch. Ja, wir erfreuten uns sogar einer viel größeren Elastizität der Glieder und einer ganz außergewöhnlichen geistigen Spannkraft. Aber auch die Vegetation hatte sich zur selben Zeit ganz merkwürdig verändert. Alle Pflanzen entfalteten wie durch einen Zauberspruch eine so wunderbare Blüten- und Blätterpracht, wie sie vorher noch nie gesehen worden war.
Aber auch noch eine andere, höchst seltsame Erscheinung griff bei allen Menschen Platz: die erste Empfindung des S c h m e r z e s gab das Zeichen zu allgemeinem Wehklagen und Schrecken. Dieser Schmerz äußerte sich in einer heftigen Zusammenziehung der Brust und der Lungen und in einer fast unerträglichen Trockenheit der Haut. Es ließ sich nicht mehr leugnen, daß die Luft ganz und gar infiziert war. Als die wissenschaftliche Forschung dies bestätigte, ging mit Blitzesschnelle ein Schaudern, das sich bald in furchtbarsten Schreck verwandelte, durch das Herz jedes fühlenden Menschen.
Die Luft verlor ihren Gehalt an Stickstoff ... Dagegen vermehrte sich in ganz auffallender Weise ihr Gehalt an Sauerstoff, dem Haupterfordernis zum Atmen und zum Leben. Der Komet war da und das war seine Wirkung. Die Überreizung der Lebensgeister und die Pracht, die die Pflanzenwelt entfaltete, waren die ersten Symptome. Wenn aller Stickstoff der Luft entzogen war, dann mußte eine unabänderliche, alles sofort vernichtende Verbrennung aller Dinge auf Erden stattfinden, der auf keine Weise zu entrinnen war.
Der letzte Tag des Lebens ... Wir atmen eine Luft, die sich zusehends ändert. Das Blut strömt ungestüm in seinen engen Gefäßen. Eine wahnsinnige Wut bemächtigt sich aller Lebenden, die geballte Faust strecken sie dem zürnenden Himmel entgegen und vor Angst zittern sie und schreien heftig ... Einen Augenblick lang erscheint plötzlich ein seltsames, unheimliches Licht, das überallhin dringt und alles beleuchtet ... Dann läßt sich ein schriller, durchdringender Donner vernehmen, als ob der Herr selbst gesprochen hätte — und die ganze gewaltige Menge der Luft, die uns umgibt, in der wir lebten, hatte sich mit einem Schlage in ein furchtbares Feuermeer verwandelt ...«
So Edgar Poe. Schon die bloße Erzählung einer derartigen Katastrophe macht uns schaudern. Aber unser Komet ist nicht so gefährlich. Er ist ein ehrsamer Reisender, der nur Land und Leute sehen will und der uns in seiner Begleitung eine wirkliche ›Reise um die Welt‹ machen läßt, gegen die eine Reise um die irdische Welt ein wahres Kinderspiel ist.«
Der Engländer Whiston ist der erste, der die Kometen für die unheilvollen Ereignisse unserer Welt regelrecht verantwortlich gemacht hat.
Nachdem er den Kometen von 1680 als eine Ursache der Sintflut bezeichnete, kündigte er an, daß, wenn er eines Tages sich auf dem Rückwege von der Sonne befindet und die heißen tödlichen Ausdünstungen mit sich führt, er den Bewohnern der Erde all das Unheil, das ihnen für das Ende der Welt voraus gesagt, und schließlich den Weltbrand bringen wird, der den unglücklichen Planeten verzehren soll.
Andererseits behauptet Newton, daß ein kernloser Komet, dessen Größe der Entfernung von hier bis zum Saturn gleichkommt, in einen Fingerhut gehen würde, der nur 25 Millimeter Durchschnitt haben brauchte, vorausgesetzt, daß er bis zum Grad der atmosphärischen Luft, die wir einatmen, verdichtet wäre. Die letzten auf die geringen Massen der Kometen bezüglichen Berechnungen sind geeignet, uns von jeder Furcht zu befreien. Auch der Sturz des größten Kometen auf unsere Erde würde nicht mehr Wirkung hervorbringen, als der Anprall einer Fliege auf eine Lokomotive, und seine Gase könnten unserer Atmosphäre nichts anhaben. Was unsere antediluvianische Welt betrifft, so hätten auch deren Bewohner nichts von einem derartigen Guß, wie der, mit dem man weiter oben den irdischen Ameisenhaufen bedrohte, zu fürchten gehabt, da sie ja ohne dies mitten in den heißen Gewässern lebten, wohnten, schwammen, tauchten und sie tranken. Es waren mikroskopische Infusorien, Fische und Amphibien, die bemerkten nichts von dem Durchgang des Kometen. Im Gegenteil — und das ist gerade das kleine Ereignis, das unsern berühmten Reisenden aus seiner tausendjährigen Apathie riß, dieser Durchgang des Erdballs nahe an seinem Kopfe übte, wenigstens vom irdischen Standpunkte betrachtet, den vorteilhaftesten Einfluß auf den Geist des Kometen aus. Er ließ sich herab, den Weltkörper zu bemerken, der seinen Schweif kreuzte. Man könnte glauben, die Erde, müde ihrer langen Einsamkeit, habe den Augenblick des Durchgangs abgepaßt, denn niemals bot sich den Augen des Kometen ein seltsameres Schauspiel dar: zwei schroffe Felsen verteidigten den Eingang einer Halbinsel, und auf diesen Felsen, die sich in den Wolken verloren, sahen sich zwei bizarre, merkwürdige, außergewöhnliche Wesen fest an, ohne eine Miene zu verziehen: der Pterodactylus und der Ramphorynchus, zwei Fledermäuse, groß wie Hämmel, zwei lebende Sphinxe, deren zusammengefaltete Flügel Bäumen mit hängenden Blättern glichen. Betroffen von diesem Schauspiel sammelte der Komet seine Erinnerungen und entsann sich, daß er vor 73 560 Jahren schon einmal Gelegenheit gehabt hatte, die kleine Weltkugel und ihre eigentümlichen Bewohner zu sehen ... Und dann ging er ernstlich daran, die Erde zu mustern; er erkannte sofort, daß die geographische Gestalt ihrer Oberfläche sich seltsam verändert hatte, daß kleine Kontinente aus dem Ozean ragten und die noch überwuchernde Vegetation sich nun mit einem ziemlich bedeutenden Tierreich in die Herrschaft teilte. Er betrachtete die typische Gestalt dieses Tierreichs und war nicht wenig erstaunt; bei seinem letzten Besuche hatte er nur Muscheln gesehen, nun waren es Krokodile ... Krokodile von allen Nuancen, allen Größen, allen Arten, auf dem Festlande, in dem Meere, in der Luft — überall Krokodile, Eidechsen, Saurier, hier mit Flossen, dort mit Flügeln, aber schließlich doch nur ein großes Volk von Krokodilen. Der Komet ließ seine stechenden Blicke auf Buchten und Vorgebirgen ruhen und hielt Revue ab über die Riesensaurier; er sah die Ichthyosaurii, den Kommunis, den Intermedius, den Tenuirostris und andere. Einige von ihnen waren 30 Fuß lang; diese Truppe von Wasserechsen schwamm im offenen Meere wie unsere Walfische, am Kopfe hatten sie große Augen, die mit einem optischen Apparat versehen waren, der ihnen je nach Belieben bald als Mikroskop, bald als Teleskop diente; ihr vortrefflicher Kiefer, dessen Öffnung mehr als ein Meter groß war, zeigte zwei herrliche Reihen von 180 Zähnen; ihr aus hundert Wirbeln gebildetes Rückgrat gestattete ihnen die geschmeidigsten und perfidesten Bewegungen. Er sah ganze Banden von Plesiosauren sich von den Ufern ins Meer stürzen, eine Art Eidechsen von gleicher Gestalt wie die vorigen, die von der Schlange den unförmig langen Hals, vom Chamäleon die Brust, vom Vierfüßler den Rumpf, vom Walfisch die Flossen hatten. Er sah die gefährlichen Poekilopleurons, mit den riesigen Klauen und spitzen Zähnen, zu Haufen geballt, er sah den Hyleosaurus, den Centiosaurus, den Stenosaurus und den Streptospondylus und die Teleosaurier, die Freibeuter der antediluvianischen Meere. Er sah Schwärme von Pterodactylen sich in die Lüfte erheben, große Fledermäuse, deren schrecklicher Rachen sechzig drohende Zähne zeigte, und die ihr Leben damit zubrachten, von einem Baume zum andern, von einem Felsen zum nächsten zu springen. Nicht minder staunenswert schienen ihm die höheren Pflanzenarten durch ihre strengen Formen. Es waren das lange Stengel, große Schachtelhalme und Schilfe, riesige Farne, Koniferen, die unsern Tannen glichen, und schlanke Pandaneen mit Luftwurzeln.
Beim Anblick dieses eher düstern als freundlichen Panoramas wurde der Komet nachdenkend; dreihundertfünfundsechzig mal drehte sich die Erde unter seinen Augen um sich selbst. Plötzlich erscholl ein furchtbares Getöse, die Rinde des Erdballs spaltete sich im Schoße des Meeres, und während die Flammen aus dem bewegten Innern emporloderten, ergoß sich das Meer unter furchtbarem Lärm in den plötzlich geöffneten Schlund. Die von den Wogen des Strudels mitgezogenen Ungetüme brüllten, ehe sie versanken, und die geflügelten Reptilien flogen so schnell als möglich mit unheimlichem Gekreisch. Die Ufer entvölkerten sich, und von einem Berge zum andern sah man elektrische Entladungen die Atmosphäre zerreißen. Bald mischte sich das dumpfe Grollen eines unbekannten Donners in das Heulen des Sturmes, und die ganze Oberfläche schien von ein und derselben Naturrevolution zerrissen zu werden.
Der Komet hielt noch immer an seiner ersten Mißachtung für die Erde fest und dachte nicht daran, sie ernst zu nehmen; er war seit Billionen von Jahren[41] gewöhnt, nur Welten an seinen Blicken vorüberziehen zu sehen, die, wie Neptun und Uranus, in der Zivilisation sehr fortgeschritten waren — Parvenus, die, wie Saturn, auf der Höhe der Kultur in ihrer erworbenen Übermacht thronten — solche, die wie Jupiter sich auf dem Wege einer großartigen vitalen Entwicklung befanden, oder wie Mars, auf dem das Menschengeschlecht im Frühling seines Lebens stand, — und diese Gewohnheit versetzte ihn in eine für die richtige Wertschätzung der Erde ungünstige Stimmung. So verfiel er auch bald wieder in seine frühere Gleichgültigkeit. Während dieser Zeit setzte die geologische Umwälzung auf der Erde ihr Werk fort. Die Juraformation erschütterte die Grundfesten des Erdballs, die ganze Erde erzitterte, als wenn sie von einem Schwindel erfaßt worden wäre, die Meere versanken in den brennenden Tiefen oder ergossen sich über die Niederungen, andere entsprangen aus unbekannten Quellen, die sich plötzlich inmitten der Festlande geöffnet hatten. Die Ebenen wurden emporgehoben, wie Luftblasen die Haut eines im Schmelzen begriffenen Metalls emporheben. Sie machten einer Gebirgsbildung Platz. An einer andern Stelle sah man Berge und Hügel einstürzen und eine kahle Ebene sich da ausbreiten, wo früher tausend Erhebungen die Oberfläche abwechselnd gestaltet hatten. Ehe der Komet sich zu weit entfernte, um die Erde aus seinem Gesichtsfelde zu verlieren, erkannte er, daß die beobachtete Überschwemmung, deren Vorspiel einen Augenblick seine Gedanken gehemmt hatte, sich nun brausend fortsetzte und die Erde sich von neuem rekonstruierte.
[41] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält hier auf S. 268 den (in der deutschen Ausgabe 1900 auf S. 238 unzutreffend mit » ... seit Billionen von Jahren ...« übersetzten) Originaltext » ... depuis des milliers de siècles ...«, der in der Übersetzung von J. Cassirer (1910, S. 28) zutreffend mit »Seit Tausenden von Jahrhunderten ...« wiedergegeben wird.
Der Komet, der von seinem Ausgangspunkte mit einer Schnelligkeit von ungefähr 70 000 Meilen in der Stunde oder 1½ Millionen im Tag vorwärts eilte und diese Schnelligkeit verminderte, je mehr er sich entfernte, gelangte drei Monate, nachdem er den irdischen Umkreis verlassen, in eine Region des Weltenraums, wo ihn das merkwürdigste Schauspiel erwartete. in dieser Epoche gab es zwischen der Planetenbahn des Mars und der des Jupiter eine bestimmte Anzahl von Planeten, aus einem primitiven Ring entstanden, welcher in der Zeit, die zwischen dem Entstehen des Jupiter und dem des Mars lag, dem Sonnenäquator entschlüpft war. Statt nur einen Weltkörper zu bilden, wie bei den andern Planeten, hatte dieser heterogene Ring eine große Anzahl solcher ebenso heterogener wie fragiler Weltkörper gebildet. Diese Weltkörper drehten sich wie alle andern um die Sonne und hatten wie alle andern ihre Jahre, Jahreszeiten und Tage. Als sich nun der Komet der Planetenbahn des größten unter ihnen näherte und, noch ganz befangen von den Umwälzungen, die er auf der Erde wahrgenommen, über das Schicksal des Weltalls philosophierte, kam der kolossale Weltkörper mit einer Geschwindigkeit von 16 000 Meilen in der Stunde auf ihn zu; er stürzte sich in gerader Linie vor, so daß er den Kometen an dem Punkte der Planetenbahn kreuzen mußte, den dieser zu überschreiten im Begriffe stand. Ein Zusammenstoß schien unvermeidlich, da platzte der unermeßliche Weltkörper plötzlich wie eine Bombe, gerade wenige Sekunden vor der Begegnung. Beim Schweif des Kometen strömten Dünste aus und vereinigten sich wieder, und man sah ungefähr zehn Bruchstücke, die sich trennten und ihren Weg im Weltenraum fortsetzten.
Es war das durch eine lange konzentrierte innere Revolution hervorgebrachte, zweifellos verfrühte Ende einer Welt. Das Ereignis vollzog sich in einer Entfernung von 106 280 000 Meilen von der Sonne; vielleicht entstanden dadurch die kleinen teleskopischen Planetoiden, Bellona, Galathe, Terpsichore und Leto, deren Abstand von der Sonne 2,78 mal größer ist, als der Radius der Erdbahn. Es scheint, daß diese Asteroiden sich jedes Jahr wieder an den Schreckensort begeben, wo die furchtbare Katastrophe stattfand, die sie trennte.
Von da an datierten die besseren Gefühle, die künftighin den Kometen beseelten, und ohne dieses Ereignis wäre er vielleicht noch lange in seiner Gleichgiltigkeit verharrt. Aber wie man häufig bemerkt, genügt oft eine kleine Ursache, um bei den stärksten Charakteren eine Wandlung herbeizuführen. Durch ein Gefühl von Wohlwollen, wie es die Großen häufig den ganz Kleinen gegenüber empfinden, fühlte auch der Komet beim Anblick dieses tragischen Endes sein Erinnern schmerzlich erwachen; er fürchtete einen Augenblick für die Tage der Erde. Arme Erde, wenn die schreckliche Umwälzung, die sich kürzlich angekündigt, ihr verhängnisvoll wurde und sie untergehen ließe, ehe sie noch recht entstanden? Was wird aus ihr werden inmitten der Qualen, unter denen sie täglich stöhnt? Wird sie die Kraft besitzen, ihrer Herr zu werden, sie zu überleben, oder ist sie nur dazu bestimmt, wilden und grausamen Wesen zum ungastlichen Aufenthaltsorte zu dienen? Von diesem Tage an wurde der Komet aufmerksamer, und das Los der Erde rührte ihn um so mehr, je bescheidener es war. Er ertappte sich oft dabei, wie er über die demütige Kreatur nachdachte, und oft ging er sorgenvoll und ohne einen Blick auf sie zu werfen, an den herrlichsten Welten vorüber. Oft fand er auch seine Reise viel zu lang, und es schien ihm außer allem Verhältnis, 3063½ Jahr fern von der Erde und nur höchstens 18 Monate in ihrer Nähe zu sein. Die kleine Erdkugel behauptete endlich einen Platz in seiner Gedankenwelt und schien sich mehr und mehr darin zu befestigen.
Der Komet erwartete ungeduldig den Sommer, denn die Sommersonnenwende ist für die Kometen die Zeit ihrer Sonnennähe und ihrer Annäherung an die Erde; sobald er fühlte, daß die Sonnenstrahlen brennender wurden, und er das glänzende Gestirn größer werden sah, wußte er, daß er am Ende des Frühlings angekommen. Die Erde war kaum mehr sichtbar, sie hatte bald die Form eines kleinen Flecks vor der Sonne, bald die eines Halbmondes oder eines zunehmenden Mondes rechts und links von der Sonne. Der Komet empfand freudigst, daß die Geschwindigkeit seines Laufes zunahm und er sich seinem Ziele näherte. So gelangte er in aller Eile bei der Erdkugel, die er immer lieber gewinnen sollte, an und begann gleich am ersten Tage die Musterung seiner kleinen Welt.
Er wohnte dem Entstehen der Tierarten der ganzen Sekundärperiode von der Lias- und Oolith- bis zur letzten Kreideformation bei. Von dreitausend zu dreitausend Jahren verfolgte er die langsame und regelmäßige Entwicklung der Tier- und Pflanzenarten. Nachdem er sich nach und nach an die jeder neuen Entstehung anhaftenden Revolutionen gewöhnt und die Umwälzungen mit angesehen hatte, die einzelne Partien der Erdoberfläche von Grund auf veränderten, die inneren Konvulsionen, aus denen die vulkanischen Schlünde ihre schrecklichen Feuer spieen, und die Erhebung der Bergketten geschaut, die auf der Oberfläche die Reliefs schufen, denen man in Zukunft die geographische Gestaltung der Erde zu danken hatte, fing er an, die Wirkung dieser großen Umwälzung weniger zu fürchten und die Überzeugung zu gewinnen, daß ein unbekanntes Gesetz sie regiere, und daß sie nur zum Vorteil des schwergeprüften Erdballs dienten. So verfolgte der Komet in jedem seiner Jahre, die dreitausendmal länger als die unsern sind, die Fortschritte des irdischen Wiegenkindes.
Die Wahrheit zwingt uns übrigens, einzugestehen, daß die Gefühle des Kometen für die Erde nicht ganz frei von zeitweisen Schwächen waren. Die Ursache dieser Schwäche beruht auf einem Prinzip, über das es gut ist, manchmal nachzudenken. Es ist dies die Abschwächung unserer brüderlichen Gefühle für die Unbedeutenden durch den Verkehr mit den Großen. Auch der Komet, der den größten Teil seines Lebens mit den Patriziern des Sonnenreichs verbrachte, war unbewußt ihrem Einflusse unterworfen und wurde manchmal ein wenig stolz, wenn er sich an ihnen rieb. Während 40 000 Jahren ungefähr, hielt sich seine Aufmerksamkeit für die Erde auf dem gleichen Niveau; dann schien sie ein wenig zu ermatten, und ohne sich selbst Rechenschaft davon zu geben, erwartete der Komet die schöne Jahreszeit mit weniger Ungeduld. Er begann sich an das irdische Schauspiel zu gewöhnen und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen der Erde und den andern Planeten; nahte er sich diesen letzteren, so beobachtete er sie, und wie ehemals fielen die Vergleiche zwischen diesen Weltkörpern und unserer Erde nicht sehr vorteilhaft für diese aus. So blieb es während 20 000 Jahren, und man hätte fürchten können, daß die höheren Welten im Geiste des Kometen wieder die ursprüngliche Oberherrschaft erlangen könnten. Indes schritt die Erde in ihrer Entwicklung rascher vorwärts, und als in der Tertiärformation die Szenerie sich noch schneller veränderte, brachte der Komet seinem Schützling wieder die ganze Aufmerksamkeit entgegen, die er einen Augenblick lang auf die andern Welten ausgedehnt hatte.
So klein der Erdball auch war, so bescheiden sein Platz in der Schöpfung, er verdiente dennoch die Aufmerksamkeit, deren ihn der berühmte Reisende würdigte. Der Wert einer Kreatur darf nicht nach Größe und Gewicht bemessen werden, denn als Tochter einer unendlichen Macht trägt jede an ihrer Stirne den Stempel ihres Schöpfers, und der kleinste Gegenstand in der Natur ist eben so bewunderungswürdig, wie der größte. Das ist ja gerade das Charakteristischste jener unendlichen Macht, daß sie sich, gleich der Sonne, so gut in jedem Wassertropfen als in den Fluten des Ozeans widerspiegelt. Auch unser kluger Kosmopolit gelangte infolge seiner aufmerksamen Beobachtung der Natur zu dieser Überzeugung, und in seinen einsamen Träumen erhob er die kleine Welt zu dem ihr durch ihre Geburt gebührenden Range.
Ihr Adelsbrief trug ja das göttliche Siegel. Übrigens entschleierte die Erde nach und nach selbst die Größe ihres Ursprungs. Unmerklich entschlüpfte sie ihren Windeln, streifte die Unförmigkeit ab und erhob sich zur Schönheit. Die Eleganz entstand. Ehemals waren Pflanzen und Tiere von kalter, reizloser Ungeschlachtheit und Roheit, die Bäume ohne Blumen und Früchte, die Tiere ohne Pelz, Fell und Gefieder, bar jeglichen Schmuckes. In der Epoche aber, in die wir nun gelangt, bemerkte man schon Blumen und Früchte beim Pflanzen, luxuriöse Kleidung beim Tierreich. Die Familie der Proteaceen zeigte in den Banksias herrliche Fruchtzweige; bei den Mimoseen fanden sich schon die Akazien und Ingas, die heute noch nach Australien verbannt sind. Birken, Buchen, Nußbäume, Erlen erhoben sich neben Pinien, Eiben und Cypressen, ohne wie heute durch das Gesetz der geographischen Lage getrennt zu sein; in den Sümpfen, Flüssen und Weihern sah man Schachtelhalme und Wasserkastanien, Die Nymphäceen entfalteten ihre schönen Riesenblumen auf der Oberfläche der stillen Gewässer.
Für welche Blicke aber tauchte alle diese Schönheit in der Morgenröte unserer Erde auf? Für wessen Ohren ertönten die Harmonieen der Sphären, für wen das Tosen des Meeres, das Säuseln der Blätter? Wem boten die dunklen Wälder stille Zufluchtsorte, für wen eröffneten sie ihre herrlichen Aussichten, breiteten sie ihre durch die darauf fallenden Lichtstrahlen in tausend Farben erglänzenden Teppiche aus? Wessen Stirne kühlte das Licht des Silbermondes in sternenhellen Nächten? Für wen all diese Pracht? Für wen der Glanz des Himmels, das Grün der Wiesen, die würzige Luft, das zitternde Blattwerk, all die herrlichen Schauspiele auf dem Festlande und in der Flut? Für wen die Sonne am Tage und die Sterne in der Nacht? Für wen das blaue Firmament, die vielfarbigen Wolken, der goldene Schein der Dämmerung, der Regenbogen und die Meteore? Für wen das ganze Walten der unendlichen Natur?
Noch war auf der Erde keine Vernunft erwacht.
In den Ländern, in denen heute die Civilisation erglänzt, in der Gegend, wo Paris sich erhebt, herrschten noch die Wasser des Ozeans. Die Region, in der Frankreich erstehen sollte, zeigte noch keine Spur ihrer späteren Gestaltung. Dort gab es nur Seen und Halbinseln; das Meer erstreckte sich noch über Paris hinaus bis Bourges; von Valenciennes bis St. Lô konnte man die unregelmäßige Kette der Kreideformation nur über dem Wasserspiegel verfolgen; das Plateau von Langres bestand schon seit der Juraformation und beherrschte jenes Meer. Die hohen Gipfel, die Langres mit seinen schwarzen Zinnen krönen, diejenigen, auf denen Cäsar seine Feuer entzünden, die Höhlen, wohin Sabinus eines Tages vor dem Zorn des römischen Adlers entfliehen sollte, all diese ehrwürdigen Bergspitzen alterten schon auf antediluvianischen Wogen. Die alte Auvergne, und ebenso links die Bretagne und rechts die Alpen erhoben sich seit den fernen Jahrhunderten der ersten Epoche. Doch Tours, Paris und Dünkirchen schliefen noch auf dem Grunde der Gewässer. Erst während der Tertiärformation erschienen diese Gelände, wenn auch nicht für ewige, doch immerhin für eine ansehnliche Dauer auf der Oberfläche.
Die Vorläufer der Tierarten unserer Tage entstanden nach und nach; auf die im Wasser lebenden Tiere folgten die Amphibien, auf diese die für das Festland geborenen Wesen, ein Beweis, daß in der Schöpfung nichts zufällig ist, und daß die Reihenfolge der Arten durch die Autorität der ewigen Naturgesetze geregelt wurde. Die ersten vierfüßigen Säugetiere waren Dickhäuter: das Paläotherium, Anoplotherium, Xiphodon, Gattungen zwischen dem Rhinoceros, dem Pferde und dem Tapir; das Paläotherium hatte die Größe eines Pferdes, den mit einem fleischigen Rüssel ausgestatteten Kopf eines Tapirs, kleine müde Augen und plumpe Füße. Das Anoplotherium dagegen hatte langgestreckte Beine und außerdem einen ein Meter langen Schweif, der ihm beim Übersetzen über Seen und Flüsse als Ruder diente. Das Xiphodon endlich war eine graziöse, furchtsam schnelle Gemse. Außerdem gab es noch das Lophiodon, dessen Gestalt je nach den Arten bald der des Kaninchens, bald der des Rhinoceros glich, und das Chiropotamus, das im Wasser lebte. In den Meeren, in denen der meterlange Kiefer des Mosasaurus noch von Zeit zu Zeit über dem Wasser grinste, herrschten friedliche Cetaceen, die Delphine als Könige. Die Erde trug noch den seltsamen Charakter, der uns in den früheren Epochen zuerst in Erstaunen setzte.
Als sich der Komet in der Morgenröte der letzten Epoche der Eocänperiode, der Erde näherte, konnte er Gegenden bewundern, in denen das Leben sich schon voll entwickelte. Ein ewiges Gesetz offenbarte sich in diesem Schauspiel; es zeigte, daß ein unbekannter Wille die Formation dieser kleinen Welt leitete und einen Aufenthalt für neue Wesen vorbereitete, die würdig wären, das Szepter der Welt zu führen. Die gereinigte Atmosphäre erlaubte der Sonne, die Schale ihrer befruchtenden Strahlen mit vollen Händen auszugießen; in den stillen, ruhigen Gewässern spiegelte sich ein klarer Himmel, Tausende von Pflanzen wiegten ihre grünen Halme in der Luft, und die ersten Blumen blühten am Rande der Quellen. Auf dem Festlande hüpften fröhliche Herden, und die lustigen gefiederten Bewohner der Lüfte nahmen ihren Flug zu höheren Regionen. Das Leben erglänzte in der Morgenröte.
Die Jahreszeiten begannen sich herauszubilden, und der Komet erkannte, daß die Weltordnung der Erde anfing, sich merklich derjenigen höherer Welten zu nähern. Wie alle Schweifsterne gewohnt, von der größten Hitze zur größten Kälte überzugehen, seine glühenden Sommer in unmittelbarer Sonnennähe, seine Winter, die tausendmal kälter als die der Erde, in unermeßlicher Sonnenferne zu verbringen, betrachtete es der Komet, mit der ihm eigenen Güte, immer als ein Glück, andere Welten von diesen unvermittelten Gegensätzen befreit zu sehen.*
* Der Komet mußte übrigens über eine solche Einförmigkeit erstaunt sein. Die Ellipse gewisser Kometen ist so groß, daß sie zur Zeit ihrer Sonnenferne einer Kälte ausgesetzt sind, von deren Intensität wir uns keinen Begriff machen können,< während sie zur Zeit ihrer Sonnennähe dem Zentralgestirn so nahe kommen, daß sie auch eine unfaßliche Menge Hitze erdulden. Newton sagt, daß der Komet von 1680, als er in die Nähe der Sonne kam, 28 000mal mehr Hitze erhielt, als wir während der Sommersonnenwende, und seine Temperatur 2000mal höher sein mußte, als die des glühenden Eisens.[42]
[42] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält an dieser Stelle der Fußnote (S. 282) einen (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) weiteren Text, der hier in der Übersetzung von J. Cassirer (1910, S. 41) wiedergegeben wird:
»Newton fügt hinzu, daß es die Bestimmung der Kometen sei, dereinst in die Sonne zu fallen, um deren Glühen zu unterhalten. Hierauf wollte wahrscheinlich der Verfasser der ›Briefe aus dem Grabe‹ anspielen, als er folgendes schrieb: ›Ein kolossaler Komet, größer noch als Jupiter, hatte noch dadurch an Umfang zugenommen, daß er unterwegs verschiedene kleinere Kometen, die bereits in der Auflösung begriffen waren, in sich aufgenommen hatte. So durch verschiedene kleine Erschütterungen einmal aus seiner Bahn gebracht, konnte er sich nicht mehr in seine Ellipse hineinfinden, und dieser Unglückliche stürzte in die verzehrende Glut der Sonne ... Man will wissen, daß der arme Komet, der so bei Lebzeiten verbrannt wurde, schrecklich geschrieen haben soll.‹«
Die Erde befand sich in der glücklichen Lage der übrigen Planeten und war darum nur um so enger mit den andern Welten verbunden. Es erfüllte dies den Kometen mit um so größerer Freude, sah er doch, daß sie anfing, ihren Rang zu behaupten.[43]
[43] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält an dieser Stelle (S. 283) einen (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Satz, der hier in der Übersetzung von J. Cassirer (1910, S. 41) wiedergegeben wird:
»Die zwar langsamen, aber doch recht merklichen Fortschritte, welche die Erde in ihrer Entwicklung machte, gewährten unserem reisenden Gestirn Freuden, die ihm bis dahin unbekannt geblieben waren.«
Als er zum erstenmale infolge einer besonderen Stellung der Planeten, die sich sämtlich hinter der Sonne befanden, dieser ganz nahe kam, bemerkte er zwischen Erde und Sonne zwei andere kleine Planeten, Venus und Merkur. Der Komet wandte ihnen jedoch keine Aufmerksamkeit zu und versagte sich das Interesse und das Vergnügen, ihre ersten Entwicklungsphasen zu beobachten; er wollte sie vergessen, als ob sie nie aus dem Chaos getaucht wären, und seine Gedanken nur auf die Erde konzentrieren. Ein andermal, als er am Mars vorüberkam, bemerkte er auf diesem Weltkörper eine Schöpfung, die derjenigen auf der Erde sehr analog war und die Neugierde eines Touristen ebenso reizen konnte; aber wie er es bei der Venus und dem Merkur gethan, ließ der Komet auch den Mars ruhig auf seiner Planetenbahn dahineilen und beschäftigte sich nur mit der Erdkugel zu den Zeiten, wo er ihre Bahn kreuzte. Als er zum hundertsten Male die Reise unternahm — das erste Mal, von dem wir berichtet, war im Jahre 304 689 — wohnte er dem Vorspiel der großen geologischen Epoche bei, die derjenigen voranging, in der wir uns jetzt befinden, und fünfzigtausend Jahre später sah er die Eocänformation verschwinden. Zweihunderttausend Jahre vor unserer Ära beobachtete der diejenige Phase der Entwickelung, welche man mit Miocän bezeichnet. O Morgenröte, du goldene Zeit! das Leben entwickelt sich später gewiß schöner, vollkommener, aber in dieser Zeit fühlt man den Odem des Weltfrühlings in allen Wurzeln und allen Gipfeln. Später schreitet ja alles vorwärts, jetzt aber walten alle Naturkräfte in voller Jugendlichkeit und stellen ein Schauspiel in Aussicht, das keine andere Epoche für die Zukunft verspricht.
Wenn auf dem Riesenzifferblatt der Himmelsgewölbe unsere Jahrhunderte gleich Sekunden sind, und wenn dennoch unser Erdentag Tausende von hundertjährigen Epochen in sich faßt, so wird man nicht staunen, daß auch die Morgenröte eines solchen Tages, mit dem gleichen Maße gemessen, sich über eine lange Reihe von Jahrhunderten erstreckt. Die vergänglichen Phasen unseres gegenwärtigen Lebens zählen nicht im Leben der Natur. Selbst ein Jahrhundert ist nichts für dieses ewig junge Wesen, an dem Tausende und Millionen von Jahren unbemerkt vorübergehen. Um die ersten Jahre eines tausend- und abertausendjährigen Weltkörpers zu beobachten, hatte der Komet wie alle Kometen viel vor uns Erdenbewohnern voraus; denn da sein Jahr die Länge von dreitausend der unsern hat, lag auch immer ein großer Zeitabschnitt zwischen seinen jeweiligen Besuchen, was ihn viel besser befähigte, die irdischen Evolutionen in chronologischer Reihenfolge festzustellen.
Trotz dieser in unseren Augen so großen, in der unendlichen Dauer der himmlischen Schöpfung so kleinen Zeiträumen, übersah der Komet zwischen seinen aufeinanderfolgenden Besuchen doch manchmal eine kleine Veränderung im Aussehen der Erde, so langsam gingen die Veränderungen vor sich, und oft schien ihm, als seien Scenerien, Pflanzen, Tiere noch die gleichen wie vor dreitausend Jahren.
Wenn das dem Kometen bei der langen Dauer seiner Jahre passieren konnte, so hätte er bei kürzeren Zwischenräumen sich wohl kaum eine genaue Vorstellung machen können von den verschiedenen Etappen der Schöpfung.
Zu diesen besonderen Vorteilen gesellte sich für den Kometen noch ein anderer, nicht minder wichtiger: der permanente Vergleich, den er zwischen den andern Welten und der unsern ziehen konnte.
Das Alter der Planeten hängt, wie gesagt, von ihrer Entfernung von der Sonne ab; der älteste Weltkörper unseres Systems ist Neptun, der jüngste Merkur. Da aber die ältesten Planeten schon bewohnt waren, als der Komet das erstemal in unser System eindrang, konnte er auf keinem derselben das successive Auftauchen des Lebens beobachten.
Das älteste und weitentfernteste Gestirn, Neptun, hatte schon die Mittagshöhe seiner Existenz überschritten. In den entfernten Regionen, in denen es sich aufhält, wäre die Erde rasch zu Eis erstarrt und zu ewiger Unfruchtbarkeit verdammt worden; aber dank der Verschiedenheit der Naturkräfte (die Weltkörper befinden sich immer in vollständiger Übereinstimmung mit dem Orte, der ihnen zum Aufenthalt angewiesen) lebte Neptun in seiner Einsamkeit mit Jahren, die an Länge einem und einem halben unserer Jahrhunderte gleichkommen.
Uranus, der etwas jünger, war auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung angelangt; auf ihm zeigte sich das Leben wieder unter einer andern Gestalt, so wenig vergleichbar mit dem ersteren als mit dem nachfolgenden. Selbst die kühnste, abenteuerlichste menschliche Phantasie ist unfähig, sich ein von dem unsern so völlig verschiedenes Leben, unfähig vor allem, sich unbekannte Formen vorzustellen. Um den Uranus kreisten in retrograder Bewegung vier Monde, deren erste Jugend gleich der ihres Herrschers schon der Vergangenheit angehörte. Das Jahr auf dem Uranus kommt 84 irdischen Jahren gleich.
Saturn, der, wie wir gesehen, in glänzender Entwicklung begriffen war, schritt darin noch immer vorwärts; es wäre jedoch unklug, behaupten zu wollen, daß die Bewohner des Saturn sich der Stufe der Entwicklung näherten, auf der diejenigen des Uranus schon angekommen waren; was auf einer Welt vollkommen heißt, ist dies noch nicht auf einer andern, und zu keiner Epoche ihrer langen Geschichte hätte man die Weltkörper in einer einzigen Serie verteilen, sie auf einer und derselben Stufenleiter klassifizieren können. Jeder von ihnen hat sein eigenes Schicksal und bedient sich eigener Mittel, um es zu erfüllen. Die Jahre auf dem Saturn sind dreißigmal länger als die unsern, und acht Satelliten teilen ihren Kalender in acht Mondmonate ein.
Jupiter stand in voller Jugendkraft; er hatte die Phase, durch welche die Erde gegenwärtig ging, längst überwunden, und die Entwicklung seiner Lebenskräfte war noch weit langsamer vor sich gegangen. Das Jahr auf dem Jupiter gleicht an Länge zwölf der unsern; während aber auf unserm Erdball die Jahreszeiten anfingen, sich zu unterscheiden, verharrte Jupiter in einem ewigen Frühling. Vier schnelle Monde, auf denen, gleich wie auf ihm selbst, üppiges Leben sproßte, umkreisten ihn.
Der Komet hatte dies alles schon beobachtet, ehe die Erde in seinem Gesichtsfelde aufgetaucht war, und daher stammte wohl auch das Gefühl von Verachtung, das er ihr zuerst entgegengebracht hatte. Besonders der Vergleich unserer Erde mit Jupiter hatte sie in den Augen des Kometen so herabgesetzt; sie machte ihm den Eindruck eines verirrten Mondes, und er glaubte sich etwas zu vergeben, wenn er sich mit ihr beschäftigte. Der Unterschied zwischen dem Jupiter und unserer Erde ist aber auch in der That ein ungeheurer; der Durchmesser des kolossalen Weltkörpers ist elfmal größer als der der Erde, seine Oberfläche daher auch 126mal ausgedehnter, und sein Volumen 1414mal stärker.
Mars befand sich zu dieser Zeit ungefähr in dem gleichen Stadium wie die Erde; obwohl älter als diese, war er nur langsam vorwärts geschritten und sein Wachstum in der ersten Entwicklung gehemmt worden. Der Komet hatte nun aber einmal die Erde zum Gegenstande seiner Beobachtung ausersehen, und ohne sich von ihr abzuwenden, behielt er sie immer zum Mittelpunkt seiner Gedanken.
Der Mond, der damals von dem kleinen Volk der Seleniten bewohnt wurde, war zu winzig, um die Aufmerksamkeit des berühmten Reisenden fesseln zu können. Trotz all dieser Vorteile, die zu unsern Gunsten sprechen, ereignete sich eines Tages etwas, das den fortgesetzten lehrreichen Beobachtungen des Kometen fast ein Ziel gesetzt hätte. Es giebt auch bei den Bewohnern des Weltenraumes gewisse Thatsachen, die sich mit denen unseres Lebens decken; und wenn wir von einer solchen sprechen, so geschieht es, weil sie nicht ohne Wichtigkeit ist; es handelt sich um die eheliche Verbindung des Kometen. Seit 27 000 Jahren sah ein prachtvoller Ärolith von wunderbarer Gestalt und reinstem Wasser in den Wüsten des Weltenraumes von ferne unsern herumirrenden Kometen. Die Einsamkeit bringt die Gedanken einander näher, und man könnte vielleicht glauben, daß sich auch der einsame Ärolith von dem Schweifstern angezogen fühlte. Während 27 000 Jahren näherte sich die Feuerkugel, die eine der größten ihrer Art war, infolge der allgemeinen Gravitationskraft der Bahn des Kometen (diese riesigen Meteorsteine kreisen wie die Kometen um die Sonne), und erst am Ende dieser langen Reise, als die Feuerkugel dem Kometen schon ganz nah war und 5000 Meilen in weniger als einer Minute zurücklegte, durchkreuzte sie die inneren, dichteren Zonen, die das Gravitationszentrum umgeben, und bildete von nun an den Kern des Kometen. Entstanden in solcher Weise noch andere Kometen? Die Geschichte weiß nichts davon, und die Philosophen, die auf einer unberechtigten Analogie fußten, verfielen in eine lächerliche Übertreibung.
Wie aber auch die Entstehung der Kometen vor sich gegangen, so viel ist sicher, daß es deren schon mehr am Firmamente giebt, als Fische im Ozean. Kepler fragt, was daraus werden würde, wenn ihre Zahl sich gesetz- und regellos noch immer vergrößerte. Es gehört eine gewisse Geistesgröße dazu, die Menge dieser Gestirne, die sich in ihrem raschen Laufe kreuzen, kaltblütig ins Auge zu fassen, und man fragt sich, wieso es möglich, daß, wenn sie auf ihrer Bahn diejenige der Erde nach allen Richtungen durchschneiden, sie nicht häufig unter einander und mit den Planeten zusammenstoßen.
Doch genug davon! Der Komet bleibt für uns, was er war, die einzig handelnde Persönlichkeit; er hat die Feuerkugel in sich aufgenommen und damit deren Individualität vernichtet.
Während dieser Zeit hatte das Meer die Ebene frei gelegt, auf der sich Paris erheben sollte. Ein ungeheurer Fluß, viel größer, als er heute ist, füllte, es überschwemmend, das gegenwärtige Bett der Seine und ergoß sich nicht etwa an der heute durch Havre berühmten Mündung, sondern höher gegen Caudebec ins Meer. Das Kap Hève dagegen erstreckte sich in der Ferne weit in den Ozean hinein.
Jedermann weiß, daß die Ufer und Mündungen der Flüsse infolge des angeschwemmten Sandes immer mehr vorrücken, während das Meer alle es überragenden steilen Gestade untergräbt. Die geographische Gestalt aller Ufer ist einer beständigen Metamorphose unterworfen.
Die Natur bekam allmählich ihr gegenwärtiges Aussehen. Die Vögel sangen in den Wäldern, die schon fast das ganze jetzige Frankreich bedeckten. Mit den Murmeltieren, Eichhörnchen, Ratten, Bibern, Pferden, Hunden, Katzen begann die Reihe der unschädlichen Tierarten, die auch noch nach der Entstehung des Menschen fortdauern sollten, und die ersten Affen kletterten in den Zweigen der Lianen: es waren dies der Pithecus, der Driopithecus und der Mesopithecus, die das Kommen des Menschengeschlechts anzeigten
Die Kometen haben, dank ihrer großen Beobachtungsgabe, die bewunderungswürdige Gewohnheit, nur ihren eigenen, durch unparteiisches, gediegenes Urteil erleuchteten Augen Glauben zu schenken. Sie sind frei von Vorurteil, man wird sie nie beschuldigen können, nicht zu sagen, was sie denken, oder um irgend einem Beschützer angenehm zu sein, zu sagen, was sie nicht denken. Als unabhängige Reisende verbringen sie ihr Leben damit, zu beobachten und zu vergleichen, sie sind so zu sagen die Gelehrten des Himmels. Auch unser Komet mußte trotz seiner Voreingenommenheit für die Erde, und trotz des Vergnügens, das er empfunden hätte, das erste vernunftbegabte Wesen auf der Oberfläche dieser nun so vorzüglich vorbereiteten Welt zu begrüßen, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß ein solches Wesen hier, wo er noch keine Spur von ihm gefunden, noch nicht existiere, so schön und geschmückt die Erde auch zu seinem Empfange schon war. Die Île de France war aus den Wassern emporgetaucht. Wie überlegene Geister manchmal das zukünftige Geschick kleiner Reiche ahnend voraussehen, so fühlte sich auch unser Komet besonders von dieser Gegend der Erde angezogen. Schon zweimal hatte sich das Meer über diese schönen Gelände ausgebreitet, aber die geographische Gestaltung des Küstenstrichs nahm doch erst jetzt ihren definitiven Charakter an. Eine zusammengewürfelte Bevölkerung belebte die Gegend. Auf dem Platze, auf dem Paris entstehen sollte, sah der Komet die ältesten Vorfahren der Pariser. Das Nashorn, das sich im Schmutz der Sümpfe wälzte, das Megatherion, das Kameel und andere Wiederkäuer begannen auszuwandern; dafür suchten und flohen einander riesige Hirsche und flüchtige Hirschkühe im Düster des Waldes. An den Ufern der Seine, auf den Plätzen, wo später die Stutzer von Paris ihre eleganten Manieren zur Schau tragen sollten, sah man Pfaue, diese ersten Sinnbilder der Eitelkeit, und nicht weit von ihnen große Schwäne einherstolzieren. Die Bevölkerung war, wie in unsern Tagen, eine sehr gemischte. Die Hasen begegneten den Schildkröten, die Hunde sahen mit Verachtung auf die Katzen herab, und die kleinen Gänse wackelten hinter den großen einher; nur die Elster schmückte sich noch nicht mit fremden Federn. Die Pferde aber tummelten sich auf der offenen Ebene und wedelten mit ihren weißen Schweifen; die Ochsen lebten in Herden zusammen, die jungen Kälber stiegen zum Fluß hinab, um zu trinken, und zogen von einem Weideplatz zum andern, und die Doyens der Epoche, die gravitätischen Elefanten, besuchten als Herrscher die verschiedenen Länder ihres Reiches. Und um diesem Panorama, das nun die Gegenwart des Menschen heischte, den richtigen Abschluß zu geben, erhoben sich am Horizonte die Schneespitzen der fernen Berge bis zu den Wolken. Im Vordergrunde der Ebenen sah man schwarze Tannen den Wald beherrschen, Ulmen und Eichen, deren dichte Wipfel seinen Rand schmückten, hohe Pappeln, die mitten auf dem Felde in die Höhe ragten, und Weiden, die sich trauernd über die murmelnde Quelle beugten.
Die Verschiedenheit der Welten ist eine ungeheuere, und die Erzeugnisse der Natur sind auf jeder Welt wieder anders. Der Grundstoff der Wesen ist etwas passives, beispiellos gefügiges, das sich vorzüglich den Launen der es beherrschenden Kräfte anpaßt; nur die Kraft ist Herrscherin; darum haben auch die verschiedenen Grade von Intensität und Assoziation der Naturkräfte auf den verschiedenen Weltkörpern Wesen hervorgebracht, die sich in nichts gleichen; trotz dieses notwendigen und unerklärlichen Unterschiedes konnte der Komet leicht erkennen, daß sich die Erde nun dem definitiven Zustand näherte, in dem sich ihre Gefährten im Weltenraume schon befanden, und daß der Herr der Schöpfung Besitz ergreifen sollte von seinem Eigentum. Die Erde glich nicht den andern Planeten, aber trotz ihres besondern Charakters sah der Komet, daß sie sich darauf vorbereitete, bewohnt zu werden.
Sollte man aber glauben, daß der Komet noch ungefähr dreißig seiner dreitausend Jahre währenden Umläufe vollenden mußte, bis seine Hoffnungen anfingen, sich ein wenig zu erfüllen? Wie oft stellte er vergebliche Beobachtungen an! Wie oft glaubte er, menschliche Spuren zu entdecken, wie oft erschienen ihm in der Entfernung, in der er immer von der Oberfläche der Erde blieb, Scharen neuer Wesen, Schimpansen, Gorillas und OrangUtangs, die ihm die ersehnten Geschöpfe zu sein schienen, immer wieder mußte er seinen Irrtum einsehen. In den Jahren 44 164, 41 099, 38 034 und 34 969 stiegen seine Hoffnungen aufs höchste. Wie man oft schon im April herrliche Sommertage hat, deren Licht, Wärme und Duft die laue Atmosphäre erfüllen, gab es auch einen Vorfrühling der Erde.
Eine Art Wesen, die mit dem Charakter der Herrschaft bekleidet schien, erstand in den lachenden Gefilden eines großen, seitdem verschwundenen Festlandes; schon hatten sich die Herden in einer Art von zugestandenem Dienstverhältnis um sie versammelt, schon schienen die Elemente der Einsetzung des großen Herrschers geneigt zu sein, da sah der Komet, daß er zu früh gejubelt, und daß es wieder keine Menschen waren. Vielleicht hätte man jene Primitivwesen mit dem Namen Troglodyten bezeichnen können, denn sie bewohnten entweder die natürlichen Höhlen an den Abhängen der Berge oder in der Waldeinsamkeit und haben nie zwei Steine aufeinandergefügt, um irgend ein Gebäude zu errichten. Vielleicht waren es auch die Ahnen des Menschengeschlechts, das Bindeglied zwischen diesem und den Tierarten der Vergangenheit, denn: natura non facit saltum. Der Komet konnte das Rätsel nicht lösen. Während der bewußten vier Jahre beobachtete er obige Wesen, ohne sich Rechenschaft über ihre wirkliche Natur geben zu können, und als er im Jahre 31 904 vor unserer Zeitrechnung wieder zur Sonnennähe zurückkehrte, waren sie verschwunden, und er suchte auf der Erde vergebens nach ihren Spuren oder ihren Nachkommen.
Oft sah man auch in den Lichtungen der Urwälder große Affen mit einem Stock herumspazieren, und manchmal auch zwei mit zerbrochenen Zweigen bewaffnete Truppen, die sich am Waldessaum begegneten und sich gegenseitig durchprügelten. Tote und Verwundete blieben auf dem Platze, und man vergaß ihrer ohne jede Sentimentalität; anderwärts sah man Affen in naiv freundschaftlicher Weise, im gegebenen Augenblick aber ganz perfid zusammen spielen, was schon eine gewisse Intelligenz verriet. Dann neckten und ärgerten sie wieder ein schlafendes Krokodil, das emporfahrend sie nach allen Seiten entfliehen sah und sich damit ergötzte, die Tatze vorzustrecken und das kleinste oder wenigst geschickte von ihnen am Schopfe zu packen und zu verzehren. Dort feierten sie ein Fest, vielleicht die Hochzeit irgend einer hervorragenden Persönlichkeit, und tranken und jubelten. Das waren, aufrichtig gesagt, die einzigen Wesen, die den Kometen interessierten, und er hätte sie 50 000 Jahre ansehen können, ohne sich zu langweilen; alle übrigen schienen nicht den vierten Teil ihrer Intelligenz zu besitzen. Pferde, Elefanten, Hunde und Katzen schienen gelehriger, und vielleicht wird ihre Erziehung durch den Menschen eines Tages das Niveau ihrer Eigenschaften erhöhen und diese Tierarten klüger machen als die Affen. Jetzt aber waren diese noch unzweifelhaft die Könige der Schöpfung.
Später bemerkte der Komet in den heißen Gegenden des Äquators Wesen, die mit den vorhergenannten die größte Ähnlichkeit hatten; sie waren auch behaart, lebten ebenfalls in kleinen Gemeinschaften, in Schluchten und in Wäldern, töteten sich gegenseitig von Zeit zu Zeit, machten Jagd auf die Vögel des Himmels und hielten sich nachts verborgen. Nur in zwei Punkten waren sie verschieden, die einen unterhielten sich gerne und viel, während die andern immer fürchterlichster Laune schienen und manchmal Stöcke in einem kleinen Vulkan entzündeten, was jene nie probiert hatten.
Durch ein glückliches Zusammentreffen, wie man es sonst nur in Romanen findet, begegnete unser Komet, der sich, wie gesagt, fünfzehn Milliarden dreihundertsiebenundachtzig Millionen 800 400 Meilen von der Sonne entfernt, in demselben Jahre, in dem er obige Beobachtung anstellte, einem parabolischen Kometen*, der von dem Sterne alpha centauri kam. Letzter ist unser Nachbar, und, wie bekannt, acht Biillionen sechshundertdrei Milliarden zweihundert Millionen Meilen von uns entfernt. Sie benutzten die so seltene Gelegenheit des Zusammentreffens zweier Gestirne, um ihren Weg gemeinsam fortzusetzen, und der Komet des Centaur begleitete den unsern bis zur Planetenbahn des Neptun. Sie sprachen nur einen Augenblick miteinander, aber dieser Augenblick dauerte 390 Jahre und genügte, unsern Kometen in die freudigste Stimmung zu versetzen, denn sein geistreicher Gefährte hatte ihm versichert, daß, wenn er gesehen, wie man Feuer auf der Erde entzündet habe, er mit Recht daraus schließen könne, daß nun ein vernunftbegabtes Geschlecht dorten hause. Sie hatten sich von den außerneptunischen Welten unterhalten, und der parabolische Komet hatte dabei ebensoviel Wissen als Erfahrung an den Tag gelegt; nichts ist ja auch geeigneter, uns über den Wert verschiedener Länder zu belehren, als große Reisen. Anderseits freilich machen sie auch unser Urteil über gewisse absolute, von den Nationalitäten unabhängige Wahrheiten weniger zuverlässig, und auch der parabolische Komet ermangelte der Sicherheit bezüglich solcher ernsten Wahrheiten. Deshalb beschloß auch sein Gefährte, sich vor seiner gefährlichen Anziehung zu hüten und nie parabolisch zu werden.
* Man nennt diejenigen Kometen parabolisch, die, anstatt eine geschlossene Kurve um die Sonne zu verfolgen und in periodischen Zwischenräumen an die gleichen Orte zurückkehren, von ihrer elliptischen Bahn abweichen und nicht mehr wieder kommen. Sie eilen in unermeßliche Fernen, verlassen das Attraktionsgebiet unserer Sonne, gelangen manchmal in dasjenige einer andern und gehören dem neuen System während einer bestimmten Zeit an; dann geraten sie wieder in ein anderes und setzen ihre Vagabundenlaufbahn fort.
Ich übergehe ihre Diskussion über die außerneptunischen Welten, da solche unsere Fassungskraft doch übersteigen. Selbst unsere besten Augen — ich spreche von den teleskopischen — sehen nicht weiter als bis zum Neptun, wenn sie auch ein Reich von zwei Milliarden dreihundert Millionen Meilen beherrschen. Bei seiner nächsten Reise suchte unser Komet die Erde sofort, als er in ihre Nähe kam, und diese geliebte Erde bot ihm bei aufgehender Sonne den prächtigsten, entzückendsten Anblick, den er je bewundert. Sie erstrahlte in Jugend und Schönheit im Weltenraume. Die Ebenen grünten wie erfrischt durch den Morgentau, die Blumen öffneten ihre Kelche, die Heckenrosen entfalteten ihre Blüten; die letzte Epoche der Quartärformation begann ...
Gab es auch noch zahlreiche rauchende Vulkane im Innern der Berge, stiegen auch noch rote Dämpfe wirbelnd zum Himmel, erzitterte die Erde auch noch, als ob sie ihre erschlafften Glieder dehnen wollte, zertraten auch noch schwerfällige Dickhäuter den Samtteppich der Wiesen, während Löwen und Tiger in der weiten Wüste brüllten, stürzten sich die großen beflügelten Jäger auch noch auf die kleinen furchtsamen Geschöpfe, um sie zu verschlingen, während das Meer schreckliche Ungetüme in seinem Schoße barg, so sollte eben die Erde keine vollkommene, nur eine untergeordnete Welt bleiben, auf der, als eine Grundbedingung des Lebens, das Gesetz des Todes herrschen würde. Aber man sah doch, daß die Urtypen verschwunden und an ihre Stelle eine fortgeschrittenere, zweifellos auf definitiver Basis aufgebaute Bevölkerung getreten war; man sah, daß von den Bergen bis zu den Ebenen eine Ära der Arbeit angebrochen, und daß ein Geschöpf gekommen war, das den Wert eines solchen Aufenthalts zu schätzen wußte. Der Wunsch des Kometen, endlich auf der Erde Wesen zu sehen, die fähig wären, die Schönheit dieser großen Szenerie zu verstehen, mächtige Geschöpfe, auf deren Stirne die geweihte Aureole des Gedankens erglänzen würde, ließ ihn mit gespannter Aufmerksamkeit auf alles achten. Er hatte vor sechs Kometenjahren behaarte Zweifüßler gesehen, die in Höhlen wohnten und Krieg bis aufs Messer führten; im darauffolgenden Jahre waren es Wesen, die, mit Hacken und Messern aus Stein bewaffnet, sich manchmal in den Sumpfstätten vereinigten, ja selbst auf den Seen wie die Biber; aber der Komet konnte nicht glauben, daß das Menschengeschlecht keine andern Vertreter habe. Jedesmal, wenn er wieder in die Sonnennähe kam, durchstreiften seine Blicke eifrig alle Gegenden des Erdballs, und sein Herz bebte bei jeder neuen Enttäuschung. Seit 50 000, hauptsächlich seit 10 000 Jahren, wartete er auf das Erscheinen des Menschen und verdiente wohl endlich belohnt zu werden.
In den fruchtbaren Gegenden, welche die oberen Ausläufer des Ganges und Indus bewässerten, jenseits der Riesenbergkette des Himalaya, verbreitete ein ewiger Frühling seinen wohlthuenden Einfluß. Der iranische Tierkreis wurde berechnet nach einem Punkte des Himmels, der die Sonnenwende im Jahre — 19 337 bezeichnete. Zwei große Rassen lebten später nach dieser Institution des ersten astronomischen Kalenders.
Zur Zeit, als der Komet vorbei kam, waren diese beiden Rassen noch vereinigt: es waren die Arier, ein Nomadenvolk, das der Komet sofort als dem früheren überlegen erkannte. Abgesehen von seiner besser entwickelten äußeren Gestalt ließen auch untrügliche Zeichen darauf schließen, daß es einen Intellekt besaß. Die einzelnen Familien hatten sich zu einer Völkerschaft vereinigt, und diese erste primitive Nation, die ihre Zelte von einem Orte zum andern trug, wandte sich dem Süden zu. Der Orient erwachte, und vielleicht stand dort die Wiege der Intelligenz. Hatte Gott seine Hand über die letzte seiner Schöpfungen ausgestreckt, um auf ihrer Stirn das unauslöschliche Zeichen des Gewissens erglänzen zu lassen? oder hatte er die Stirne des jungen Geschöpfes noch nicht berührt? ... Dem Kinde ist am Tage seiner Geburt noch keine Vernunft gegeben.
Steckt man eine Eichel in fruchtbare Erde, so bringen die kommenden Jahre den versteckten Keim zur Entwicklung. Manche Schneedecke breitet sich über den Boden des Waldes aus, mancher Frühling und manch heißer Sommer zieht darüber hin, aber erst viele, viele Jahre später wiegt eine junge Eiche ihre grünen Zweige im Winde, schaukeln sich kleine gefiederte Sänger auf ihren noch schwanken Ästen. Bedarf das Wachstum des Baumes auch langer Zeiten, nach Jahrhunderten prangt er doch in seiner erhabenen Größe. Ganze Generationen werden in seinem Schatten ruhen, und keine Ziffer ist mehr imstande, sein Alter zu bezeichnen. So entwickelt sich in der Natur alles nur langsam, und das göttliche Werk schreitet fort mit den fortschreitenden Jahrhunderten.
Das Gestirn, das der successiven Entwicklung der Erde mit zärtlicher Aufmerksamkeit gefolgt war, bemerkte, daß sich in letzter Zeit ein rascherer Fortschritt von einer Periode zur andern fühlbar machte; immerhin sind dreitausend Jahre eine solch kurze Spanne Zeit, daß der in diesem Zwischenraum sich vollziehende Fortschritt kein sehr bedeutender sein kann. Nur durch seine zahlreichen, in dreitausendjährigen Zwischenräumen sich wiederholenden Besuche konnte der Komet das Wachstum der Erde und ihre Erhebung zu einer vielleicht ungeahnten Vollkommenheit konstatieren.
Mit größeren Hoffungen als je zuvor richtete unser Philosoph nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die patriarchalischen Volksstämme Indiens. Wie verschieden aber waren sie von den Bewohnern anderer Welten, deren Bekanntschaft er in früheren Zeiten gemacht hatte! Welche Kluft trennte sie von der Ära der Menschheit, in der Wissenschaften und Kunst das Zeichen der Kultur sind. War der Geist dieser Geschöpfe auch schon zum Leben erweckt, besaßen sie auch schon Selbstbewußtsein, so befanden sie sich doch noch in der Nachtperiode, in der die Träume vorherrschen; sie lebten in beständiger Angst, riefen die Elemente, die unbelebten Gegenstände als oberste Mächte an, besaßen aber doch schon ein Denkvermögen und verkehrten mittels der Poesie mit dem Urquell alles Seins.
Im Jahre 13 514 vor Chr. Geb. sah der Komet die ersten Spuren menschlicher Wohnungen: eine unförmige Vereinigung von Steinzelten. Er begrüßte sie mit unbeschreiblicher Begeisterung und stellte mit großer Freude den merklichen Fortschritt der vernunftbegabten Wesen fest. Inmitten der ungeheuren Wasserebene, die den größten Teil des Erdballs wie ein smaragdgrünes Gewebe umhüllte, hob sich ein unregelmäßiges, ockergelbes Dreieck ab. Dieses Stück Land schien weniger fruchtbar, als dasjenige, was sich zu seiner Rechten erhob, und auf dem man die oben erwähnten Hindustämme bemerkte. An der Nordgrenze aber lag ein Land von außerordentlichem Reichtum, es schien, als ob der Mensch, dem die ganze Erde zur Verfügung gestanden und der alle Gegenden mit einander vergleichen konnte, sich gerade die schönste und angenehmste herausgesucht habe, ein Beweis dafür, welch hohe Vernunft alle Dinge regiert. Inmitten dieses bevorzugten Landes floß ein großer Strom, der, bevor er sich ins Meer ergoß, sich in zwei Arme teilte. Auf dem durch diese Teilung entstandenen Dreieck erhob sich die Urstadt. Das war Memphis, welches später seine königliche Oberherrschaft an This, eine Stadt in Oberägypten, abtreten mußte, während noch später Theben die beiden vorhergehenden Städte verdrängen sollte.
Der Komet hatte bis jetzt zwar noch keine weiße Rasse unter den Menschen gesehen, er bemerkte aber trotzdem, daß sich ein großer Fortschritt in ihrer Erscheinung kundgab. Er sah, daß sich die Menschen in bestimmte Gesellschaften zu bestimmten Arbeitszwecken, und daß sich die Familien durch gewisse Bande zu einem Volke vereinigten. Wenn des Abends sein Licht am Horizont erstrahlte, sah er Männer, die, von andern geführt, am Ufer des Nils niederknieten und sein — des Kometen — Bild im Wasser anbeteten. Andere, an denen er deutlich eine abweichende Kleidung erkannte, stiegen des Nachts auf die Pyramiden, um seine Stellung inmitten der übrigen Gestirne zu beobachten. Das war der Ursprung der wissenschaftlichen Forschungen, aber auch der Ursprung der Unterdrückung der unwissenden und furchtsamen Völker durch tyrannische und egoistische Menschen. Da der Komet nur in langen Zwischenräumen auf der Erde erschien, konnte er sich auch, wie leicht begreiflich, nur eine unbestimmte Vorstellung machen von dem, was der Mensch in seinem Hochmut so pompös die Weltgeschichte nennt. Er betrachtete die successiven Ereignisse der Schöpfung vom allgemeinen Standpunkte aus, so wie sie sich ihm vom Himmel gesehen darstellten, und nicht durch das täuschende Prisma, dessen sich die Menschen bedienen, um das zu vergrößern, was sie selbst betrifft, und zu verkleinern, was ihnen fremd. Der Komet hätte sich nicht rühmen können, die Einzelheiten der Geschichte zu kennen, aber er hätte, wie ihm dies ja auch manchmal passierte, den übrigen Gestirnen gegenüber den Erklärer der Erde spielen und deren Geschichte viel vollständiger und treuer wiedergeben können, als die Menschen es mit ihren Illusionen vermocht. — Man hat also kein Recht, zu staunen, daß unser Reisender die unbedeutenden Einzelheiten des irdischen Lebens auch jetzt nicht eingehender betrachtet als früher. Seine Beobachtungsmethode ist die gleiche geblieben, und er kann nicht um der Menschen willen öfter zur Erde zurückkommen.
So konnte der Komet auch nicht sagen, ob bei seinem Durchgang im Jahre 10 449 die ägyptische Theokratie sich in der Periode des Phta oder nur in der des Phré, Chunb oder Seb befand; astronomisch wußte er aber, daß eine der unsern benachbarte Sonne, von der die Kometen, die in ihrer Nähe geweilt, viel Gutes erzählten, der große und schöne Sirius, die Macht gehabt, die Blicke und Gedanken, die Bewunderung und Hochachtung der Priester von Ober- und Unterägypten auf sich zu lenken.[44] Dank einer unmittelbaren Beobachtung wußte er, daß der glänzende Orient in seinem Schoße die werdende Intelligenz barg, die später nach dem Occident zu uns kam. Der Komet begriff auch ganz gut, daß, wenn die Erde dazu bestimmt war, ein Aufenthaltsort für die Vernunft, und würdig, mit ihren Nachbarn im Weltenraume, mit Jupiter, Saturn u. a. verglichen zu werden, sie doch nicht in so kurzer Frist dahingelangen könne, und daß die Menschheit einer langen Lehrzeit bedarf, um sich zu entwickeln und zur Zivilisation zu erheben.
[44] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen Buchausgabe enthält an dieser Stelle (S. 311) einen (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden und in der Übersetzung von J. Cassirer [1910, S. 65f. ] verkürzt wiedergegebenen) Text, der hier in deutscher Übersetzung durch den Herausgeber wiedergegeben wird:
»Ebenso wenig hätte er bestätigen können, daß in der Hindu-Ära der Manvantaras unter dem ersten Manu, Svayambhusa, der auf dem Tierkreis beruhende indische Kalender eingeführt worden ist, und daß in jenem Jahr 19 337 die Kinder des Osiris vollständig befähigt waren, den Punkt der SommerSonnenwende zwischen dem NakchatraAshvini und dem NakchatraBharani zu bestimmen; aber es ist nicht daran zu zweifeln, daß er wußte, daß sie die Sonne und Agni, den Gott des Feuers, liebevoll verehrten und andererseits Indra, den Gott des Blitzes, fürchteten.«
Theoretisch rechnete der Komet mit seinen Jahren, die 3000 der unsern währen, und sagte sich, daß in drei bis vier[45] Jahren die Erde ihre Kinderschuhe wohl ablegen würde. Vier solcher Jahre von jenem Zeitpunkt an gerechnet, das giebt das Jahr 1811 unserer Zeitrechnung. Ob der Komet sich wohl täuschte? Vom praktischen Standpunkte aus dachte er freilich, daß es vielleicht einer noch längeren Zeit bedürfen müsse, da er sah, wie die Menschen nicht nur darauf ausgingen, sich zu vervollkommnen, sondern eher, sich zu vernichten.
[45] Anm. d. Hrsg.: In der o. g. französischen Buchausgabe 1873 heißt es an dieser Stelle (S. 312) in deutscher Übersetzung richtig: »in vier oder fünf Jahren«.
Was ihm am meisten auffiel und einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn machte, war die große, blutige Schlacht, der er in jenen ersten Jahrhunderten vom Firmamente aus beiwohnte, und statt sich mit der Zeit zu verwischen, wird dieser Eindruck immer wieder erneuert, da der Komet, seit es Menschen giebt, nicht ein einziges Mal in unsere Nähe kommt, ohne daß sich diese Menschen irgendwo gegenseitig umbringen; als ob sie nur dazu da wären, ihre Kräfte zu messen und sich gegenseitig zu befehden.[46]
[46] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen Buch-Erstausgabe 1872 enthält an dieser Stelle (S. 313) einen (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlenden) Satz, der hier in der Übersetzung von J. Cassirer [1910, S. 67] wiedergegeben wird: »Nach dieser Erfahrung, folgerte er, müsse man die Zahl der Jahre, die für die Lehrzeit der Menschen erforderlich sei, vervierfachen.«
Ein unerwartetes Ereignis, das hier nur eingeschaltet werden soll, unterbrach in der Epoche, in der wir nun angelangt, die Beobachtungen des Kometen; auf seinem Rundlauf im Jahre 7384 wurde seine ganze Aufmerksamkeit durch den Mond in Anspruch genommen, so daß die neun Monate, die er angesichts der Erde verbrachte, verstrichen, ohne daß er seine Beobachtung auf diese ausgedehnt hätte. Gegen das Jahr 59 489, d. h. 17 Kometenjahre vorher, hatte er auf dem uns benachbarten Monde, der uns wie ein treuer Trabant beständig begleitet, eine allgemeine Bewegung wahrgenommen, die auf seiner Oberfläche einen ganz neuen Zustand schuf, der auf jeder der beiden Hemisphären ein vollständig verschiedener war. Die Bewohner, die von einer Hemisphäre zur andern gingen, glaubten sich in eine andere Welt versetzt, und da kein Ausgleich stattfand, wurde der ärmere Teil immer mehr von dem reicheren absorbiert, als ob dieser alle Lebenssäfte aufgesogen und sich entschlossen habe, Alleinherrscher des von Menschen bewohnten Reichs zu werden. Alle flüssigen Stoffe, alle vergasten wanderten von der Seite, welche von der Erde aus gesehen wurde, auf die andere aus, und zur Zeit, als der Komet vorbeiging, flüchteten die Seleniten selbst auf die Halbkugel, welche allein bewohnbar geblieben war. Seitdem ist die unglückliche Halbkugel unbewohnt, und nur die einsamen Gebirge daselbst starren sich heute in schrecklichem Schweigen ewig an. Noch ein anderes Ereignis hätte den Beobachtungen des Kometen beinahe ein Ende gesetzt. Bei seinem vorvorletzten Rundlauf glaubte er das Todesstöhnen der Erde zu vernehmen; eine Hochflut entströmte ihr und überschwemmte die Erdteile bis ins Innere; Berge und Ebenen schienen im Wasser zu versinken, als ob das Meer die Schranken seines Reichs überschritten habe, um auf dem alten Kontinent seine todbringende Herrschaft auszuüben; als sich aber die Erdkugel am Abend um 180 Grad gedreht hatte und ihre andere Seite zeigte, erkannte der Komet, daß die Sintflut keine allgemeine war, daß sie sich nur über die primitiven Urländer Asiens erstreckte; die zwei riesigen Dreiecke, die Amerika bildeten, erglänzten in der Sonne, der Komet sah eine üppige Vegetation und eine Menschheit, die mitten im Leben stand und versunken war in Anbetung der Natur. Es waren dies die Vorfahren der Tolteken, denen dann die Chichimeken, später die Azteken folgten, welche ihrerseits wiederum mit den Tapaneken, Akolhuern, u. s. w. verschmolzen und die berühmte Stadt Tenochtitlan auf den Inseln des Tetzcucosees gründeten; diese Inseln wiederum vereinigten sich eines Tages selbst wieder zu einer einzigen Insel, auf der die Hauptstadt Mexiko entstand. Man sah noch die Berge, auf denen Manco Capac das Reich der Inkas oder Sonnenanbeter gründen, und wo Pizarro landen sollte, um in dem neueroberten Lande das Vizekönigreich zu gründen. Zwischen Nord- und Südamerika sah man eine Menge kleiner Staaten; der Komet dachte mit Recht, daß, wenn die asiatische Welt das Unglück hätte, in den Wellen begraben zu werden, die Bewohner Amerikas wohl fähig wären, sie zu ersetzen; aber er sah bald ein, daß die Menschheit nicht in Gefahr war. Während die neue Welt ihrerseits zum Dasein erwachte, fuhr die alte fort zu wachsen, mit Ausnahme des kleinen zufällig im Wasser versunkenen Bruchstücks. Ägypten besaß eine wirkliche Stadt, in der man Paläste und Türme, sowie den Anfang einer noch formlosen Skulptur sah; hohe Pyramiden sahen nach den vier Himmelsgegenden. Es entstanden die großen Hauptstädte Indiens; Europa wurde seiner eigenen Existenz gewahr; es öffnete die Augen, sah, daß es unter einem leuchtenden Himmel anfing zu tagen, und wollte nun auch sein Haupt erheben. In Australien dagegen sah der Komet immer noch nur große Affen, die sich gegenseitig die schrecklichsten Grimassen schnitten.
Außerdem bemerkte er in Gesellschaft der so verschiedenartig menschlichen Geschöpfe seltsame Tiere, die heute nicht mehr existieren: den Elephas primigenius oder das Mammuth, einen kolossalen Elefant von 15 bis 18 Fuß Höhe, mit 4 Meter langen gebogenen Zähnen. Findet man später einmal seine fossilen Knochen mit menschlichen Überresten zusammen, so könnte man sie auch für die Überbleibsel von menschlichen Riesen von 20 Fuß Höhe halten. Man sah auch das ganz mit Stacheln besetzte Rhinoceros Tichorhynus, den Höhlenwolf, der in Gesellschaft des riesigen Tigers auf dem Montmartre spazierte, den Auerochsen, den Julius Cäsar bei seiner Rückkehr von Bibracte zum letztenmal erblickte, den Megaceros, einen riesigen Hirsch, dessen Geweih 3 bis 4 Meter Ausdehnung besaß und die Beute der ersten Armbrustschützen wurde; endlich herrliche Tiere, wie man sie jetzt nicht mehr sieht, den Dinornis und den Epiornis, straußenartige Vögel, die sich neben den Menschen sehr gut ausnahmen.
Die Vorfahren der Franzosen, die Celten, die der indogermanischen Rasse entstammten, kannten noch diese letzten ehrwürdigen Abkömmlinge der antediluvianischen Arten, die des Interesses unseres Kometen so wert waren, als tausend Jahre früher das Megatherium und das Dinotherium, und es verdient wohl hervorgehoben zu werden, daß das gleiche Gestirn, auf dem unsere Blicke ruhen, schon von Augen bewundert wurde, die seit Jahrhunderten erloschen, von Geschlechtern, die für ewig im Schoße der Zeiten verschwunden sind. So vergehen die ephemeren Geschöpfe, in denen sich für uns das ganze Dasein verkörpert, während die Natur, an die wir nicht denken, ewig in ihrer ruhigen, erhabenen Größe verharrt.
Im Jahre 1254 vor Christi Geburt bekam unser ehrwürdiger Reisender auf seinem Rundlauf zum vorletzten Male die Erde zu Gesicht. Unsere Vorfahren lebten, wie gesagt, noch ihr niedriges Leben, mitten in den schattigen Wäldern des Landes, das Frankreich werden sollte, und ihr Ehrgeiz trug sie nicht hinaus über ihre Heimat, in der sie sich friedlich des Himmelslichtes und der Erdengüter freuten.
Die ihnen verwandten Geschlechter aber, die wir vor Tausenden von Jahren im Orient gesehen, führten noch ihr lustiges und mühevolles Kriegsleben, während jene ruhig in den Wäldern ihrer angenommenen Heimat lebten. Bald aber werden sie nach dem Süden ziehen, die Cimmerier, Skordisken, Tauriner, Boier und Cimbrer hinter sich lassend; sie wollen aber noch die Privilegien der Kindheit genießen und steigen auf zur Größe, während diejenigen, welche wir gesehen, successive in Verfall geraten. Die Ägypter schlafen, Memphis ist tot, This träumt, das hundertthorige Theben altert, und bald wird alles vom Wüstensand weggefegt. Schon ist das vor 1500 Jahren gegründete Babylon gefallen, und Ninive, das ihm folgte, liegt in Trümmern; Ekbatana sollte erscheinen und wieder verschwinden, um Persepolis Platz zu machen, das auch wieder fallen wird. Assyrer, Meder, Perser, Chaldäer befinden sich im Niedergang. In der neuen Welt entwickelt sich Amerika langsam. Das chinesische Reich folgt dem indischen, und die Sonne sendet ihre ruhigen Strahlen hernieder und taucht die ganze Natur in Licht und Ruhe.
Ehemals war ein kleines Volk aus Ägypten ausgewandert, jetzt siedelte es sich längs des Meeres an, hatte aber noch keine Könige; endlich sah man eine kleine Insel im Süden von Europa, deren erst vor 800 Jahren eingewanderte Bewohner behaupten, vor dem Monde da gewesen und wie die Grillen, die ihre Frauen zum Beweis dafür in den Haaren trugen, aus dem Erdenschlamm entstanden zu sein. Ein großes Ereignis hielt damals alle Bewohner des Landes in Atem. Ein gewisser Paris hatte Helena, die schöne Gattin des Königs Menelaus geraubt und sie in eine Stadt Kleinasiens entführt. Das ganze Volk geriet darob in Aufregung. In einem Nu hatte man alle möglichen Waffen geschmiedet, die Pferde aufgezäumt, die Degen geschliffen, die Kürasse geputzt, Köcher gefüllt, Schilde geschmiedet, Lanzen geschliffen, Stöcke mit Eisen beschlagen, die Bagage gepackt. Der Komet hatte noch nie solche Vorbereitungen gesehen. Unglücklicher- oder, besser gesagt, glücklicherweise konnte er jedoch nicht dem ganzen Verlauf des Krieges folgen, denn die Belagerung dauerte allein zehn Jahre, und in zehn Jahren hatte der Komet 85 Millionen Meilen durchlaufen. Trotzdem kam er zur Überzeugung, daß man viel Lärm um nichts mache, und beschloß, daß, wenn die Bewohner der Erde fortfahren würden, sich um solcher Kleinigkeiten willen zu bekämpfen, er sie in Zukunft nicht mehr seiner Aufmerksamkeit wert halten wolle.
Mein Gott, welche Veränderung seit dem vorigen Jahre, schrie der Komet, als er bei seinem letzten historischen Rundlauf in die Nähe der Erde kam. Ist das die Welt, die ich als schüchternes Kind in meinem Flammenscheine hätte wiegen können. Ist dies das Volk, das ich so klein und elend, so schwach und furchtsam gesehen. Sind sie denn alle tot, die ich einst da gesehen und gehört; Menschen und Völker, Städte und Länder, alles ist verwandelt. Wo sind die Barden, die mich einst zum Zeugen ihrer celtischen Verfassung nahmen? wo die Dolmen und Altäre? Welche Umwälzungen seit meinem letzten Besuche! Ich erkenne hier weder Celten noch Kimbrier, dorten weder Meder noch Griechen. Welche Stadt ist dies? Ist es überhaupt die Erde? — Der Komet konnte sich nicht beruhigen! Und in der That, eine große Veränderung hatte sich seit seinem letzten Besuche vollzogen, denn man befand sich im Jahre des Heils 1811, und der Komet sah gerade mitten ins Herz von Paris.*
* Das Gestirn, dessen Geschichte wir erzählen, ist in der That kein anderes, als der große Komet von 1811. Jeder erinnert sich noch des gewaltigen Eindrucks, den die plötzliche Erscheinung des prächtigen Gestirns — am Abend des 26. März 1811, es war am Dienstag — auf alle ausgeübt. Man schrieb ihm die furchtbare Hitze des Sommers und den vorzüglichen Wein dieses denkwürdigen Jahres zu. Alle Zeitungen beschäftigten sich mit ihm, ließen ihn in allen Sprachen sprechen, machten ihn für alles Mögliche verantwortlich. Die einen schmeichelten ihm, bei den anderen erweckte er Furcht; diese lasen von neuem die Prophezeiung d‹Orvals, jene priesen den Himmel für die Geburt des Königs von Rom. Napoleon, auf ein Fenstergesims der Tuilerien gestützt, fragte seinen Onkel, den Kardinal Fesch, was er von dem neuen Gestirn halte. Ganz Paris richtete seinen Blick zum Himmel, und der Sommer verging nicht, ohne daß man Kometenkrawatten und hüte, selbst Kometensamen fabriziert hätte. Die Sache machte so viel von sich reden, daß sie noch jetzt in aller Erinnerung lebt.
Dreitausend Jahre zählen für die Gestirne im allgemeinen, und besonders für die Kometen nicht viel, im Kalender der Ewigkeit sind sie gleich einer Sekunde, für die Menschen aber, für uns Mathematiker sind dreitausend Jahre viel, sehr viel.
Wie viele Generationen waren auf der Weltbühne erschienen seit dem Jahre 1254 vor Christi Geburt. Griechenland, Latium und seine Könige, die römische Republik, Karthago, der Norden, das römische Kaiserreich und sein Untergang; die Barbaren, das weströmische Kaiserreich, die Gründung der fränkischen, germanischen, angelsächsischen Reiche; Heidentum, Christentum, Islam, Schisma, Renaissance, Aufblühen und Verfall der Feudalherrschaft, Monarchie, Republik und Kaiserreich — all das folgte langsam und successive in unserem Lande aufeinander, ohne daß der Komet nur eine Ahnung davon gehabt. Und wie wäre es, wenn wir statt uns nur auf unsere europäische Gesellschaft zu beschränken, den ganzen Erdball umfaßten. Ein ganzes Stück Weltgeschichte läge zwischen den zwei Jahreszahlen 1254 vor Christi und 1811 nach Christi Geburt, die für unsern Kometen nur den Zwischenraum eines einzigen Jahres bezeichnen.
Sein Erstaunen war also ein voll berechtigtes und verzeihliches. Ohne es zu merken, war er im Verlauf eines Tages vom trojanischen Krieg zum französischen Kaiserreich, von Agamemnon zu Napoleon gewandert. Man kann wohl kaum einen herrlicheren Sprung machen.
Städte und Völker hatten sich verändert, die einen waren verschwunden, andere neu erstanden. Wahrlich, die Menschheit hatte einen großen Schritt gemacht, ob vor, ob rückwärts? Unser feiner Beobachter hatte allen Grund, anzunehmen, daß erstes der Fall war; aber nicht allein der Mensch und alles ihn betreffende hatte sich verändert, die Natur selbst hatte eine Verwandlung erfahren, die nicht allein der Zeit zuzuschreiben war. Die Wälder waren zusammengeschrumpft und bedeckten nicht mehr den ganzen Raum wie früher; den Flüssen war von Menschenhänden künstlich ein anderer Lauf vorgeschrieben worden, was eine Abwechslung in die Landkarte brachte; die Sümpfe waren trocken gelegt; das Meeresufer schien geschützt, die Felder durchzogen weiße Furchen; an den Abhängen erhoben sich Dörfer. Industriestädte lagen an den Ufern der großen Flüsse und reichten bis ans Wasser, die menschlichen Wohnungen waren von Gärten und Gesträuchern umgeben. Man mußte zugeben, daß in dieser kleinen Gegend des Erdballs der Mensch seine Gegenwart offenbart hatte.
Aber — wo giebt es kein aber — der Komet hörte immer noch das Klirren der Waffen. Noch immer seufzte er: »Ich fange an zu glauben, daß es ihnen zur Gewohnheit geworden. Arme Menschen! dies Land ist doch nicht so häßlich! Warum vergießen sie Blut und entwürdigen dadurch die Mutter Erde. Wäre es nicht schöner, unter lachendem Himmel friedlich seinen Geschäften nachzugehen? Aber wissen sie auch nur, was sie thun?«
Im Schoß der schweigenden Unendlichkeit giebt es keine Entfernungen, und zwei Organe, die so geschaffen wären, daß sie die leisesten Töne wahrnehmen könnten, würden sich auch durch den unfühlbaren Äther verstehen. Alles ist relativ, sowohl die Intensität des Schalls als die des Lichts! Wenn die Kometen in den weitesten Fernen ihrer Reisen ankommen, verlangsamen sie ihre Schritte, gerade, als ob sie in den Tiefen des Weltenraumes der Unendlichkeit ein aufmerksames Ohr liehen. Man sagt, daß die Kometen, gleich den Seelen, die eine gemeinsame Verbannung verbrüdert, sich auch von ferne, über die Unendlichkeit hinweg, ihre gegenseitigen Eindrücke mitteilen und der Einsamkeit und Finsternis durch ein Gespräch über die Natur der Dinge und das Geschick der Wesen, denen sie auf ihrem Wege begegnen, einen gewissen Reiz verleihen. Vor einigen Jahren erkannte unser Komet in der weltfernen Einsamkeit den Halleyschen Kometen, der zwar weniger vornehm als er selbst, immerhin aber über das Mittelmaß hinausging; die beiden Reisenden zögerten nicht, sich ihre gegenseitigen Erinnerungen anzuvertrauen.
»Ich fand die Erde sehr verändert seit meiner letzten Reise,« sagte der größere und ältere der Kometen. »Es geht alles so schnell auf der Welt; es scheint, daß ein einziges meiner Jahre dreitausend der ihren zählt, und daß in dieser winzigen Zeit neunzig Generationen kommen und gehen können. Wie ganz anders ist‹s doch auf dem Neptun, der sich seit 6000 Jahren nicht um ein Jota verändert hat!«
»Mein Umlauf vollzieht sich schneller als der Eure,« erwiderte sein Gefährte, »denn die Erdenbewohner rechnen nur fünfundsiebzig Jahre für eine meiner Drehungen um unsere Sonnenkönigin; trotzdem genügt den Erdenbewohnern auch dieser kurze Zwischenraum, um vieles aufzubauen und vieles wieder niederzureißen. Mein Erstaunen über ihre Frivolität ist gewiß ebenso groß als das Eure.«
»Unter uns gesagt, scheinen mir diese Leute sehr oberflächlich oder sehr thatkräftig; seit es Menschen auf der Erde giebt, verändern sie sich auch zusehends. Früher, vor der Entstehung dieses Geschöpfes, erinnere ich mich, 20–30 Reisen gemacht zu haben, ohne große Veränderungen auf der Erdoberfläche wahrzunehmen. Erst seit 5 Jahren (der Komet sprach von 15 000 Jahren) finden sie Mittel und Wege, aufzubauen und zu zerstören, zu graben und aufzuschütten, ihr Land umzugestalten, als handle es sich um eine wahre Phantasmagorie.«
»In welchem Jahre der irdischen Zeitrechnung erschient Ihr zum vorletzten Male?«
»Wenn ich mich recht entsinne, liebes Kind, so war es ungefähr vor dreißig irdischen Jahrhunderten; ich kenne den kleinen Weltkalender nicht genügend, um Euch genaue Auskunft geben zu können. Ich selbst stand damals in meinem 245. Lebensjahre, denn als meine Aufmerksamkeit erwachte und ich die Erde zum erstenmal bemerkte, war ich 46 Jahre alt und bin seitdem gewiß 200mal wiedergekehrt.«
Der kleine Komet, der ziemlich gut rechnen konnte, fand bald heraus, daß dieses vorletzte Erscheinen seines Gefährten um die Mitte des 13. Jahrhunderts vor Christi Geburt stattgefunden haben müsse; seine häufigen Besuche bei der Erde hatten ihn mit unserer vor- und nachchristlichen Zeitrechnung vertraut gemacht; er konnte auch nicht umhin, über das Erstaunen seines ehrwürdigen Gefährten bezüglich der in dieser Epoche vorgegangenen Veränderungen zu lächeln. Er besaß eine große Redegewandtheit und war froh, seine persönlichen Bemerkungen über die irdische Menschheit stehenden Fußes mitteilen zu können. Der andere bemerkte dies.
»Ihr müßt über das uns beschäftigende Thema viel mehr wissen, als ich,« antwortete er, »seid Ihr doch viel öfter in die Gegend der Erde gekommen und konntet daher auch ihre Entwicklungsgeschichte besser verfolgen. Folgte der Zustand der Dinge, wie ich ihn vor kurzem gesehen (der Komet meinte im Jahre 1811) denn nicht unmittelbar dem meines vorhergehenden Besuches (zur Zeit des trojanischen Kriegs)? Es kommt mir vor, als sei eine große Lücke zwischen diesen beiden Daten, und an Euch ist es, sie auszufüllen.«
»Seit eurer vorletzten Reise kam ich vierzig Mal in die Nähe der Erde,« erwiderte der andere, »und jedesmal nahm ich eine Veränderung wahr. Die Menschen leben so kurz auf dem Erdball, daß es nur wenige giebt, die sich rühmen können, mich zweimal nach einander gesehen zu haben, und die meisten von ihnen sahen mich überhaupt nicht. Und doch,« fügte er bedauernd hinzu, »sind meine Jahre vierzigmal kürzer als die Euren. Diejenigen meiner Erscheinungen, deren ich mich am besten erinnere, weil die Ereignisse, deren Zeuge ich war, einen tiefen Eindruck auf mich machten, sind jene, die man auf der Erde den Jahren 12 v. Chr., 837, 1066, 1456, 1531 und 1759 nach Chr. Geburt zuschreibt. Wenn es Euch interessiert, würde ich mir gerne das so seltene Vergnügen bereiten, Euch die Geschichte zu erzählen.«
Da unser Komet, wie bekannt, für alles, was die Erde betraf, ein ganz besonderes Interesse hatte und ihm in der tiefen Einsamkeit auch die Gesellschaft des jungen Kometen sehr erwünscht war, lieh er dessen Berichten die größte Aufmerksamkeit.
Dieser erzählte nun, wie im Herzen des Chinesischen Reiches im Jahre 12 vor Christi, zur Zeit der Herrschaft der Han, Nachfolger der Dynastie Thsin — der Fong siangchi auf Befehl des Kaisers ihn, den Kometen, beobachtet habe, und in ihm ein neues Zeichen des göttlichen Zornes gegen Thsinchihoangti erblickte, der, nicht zufrieden damit, das vom Kaiser Wouwang erbaute Obervatorium, »den Geisterturm«, in Asche gelegt zu haben, auch den 450 größten Gelehrten des Reiches die Köpfe abhauen ließ und unter Todesstrafe befahl, innerhalb 40 Tagen alle klassischen Bücher über Moral, Philosophie, Astronomie und Geschichte zu verbrennen; wie der kaiserliche Astronom (Fongsiangchi) dem Fürsten geraten, im Saale links neben dem Palaste dem Hiouenming ein Opfer darzubringen und auf diese Weise die Ära der Wissenschaften und Künste symbolisch zu erneuern, wie Tatsoungpe; wie bei der letzten Sonnenfinsternis, die Mandarine um den kaiserlichen Thron versammelt, nicht um wie früher dem Gestirn Hilfe anzubieten, sondern um es zu grüßen, und wie der Intendant den Kaiser selbst Generalmarsch schlagen ließ, und während zwei irdischer Monate ganz China auf den Beinen war ... Er erzählte ferner, wie im Jahre 837 Ludwig der Fromme, Sohn und Nachfolger Karls des Großen, sich in einer dunklen Ecke der Palastterasse vor ihm, dem Kometen, auf die Knie geworfen und ihn gefragt, was ihm der Himmel durch ihn künden lasse; wie statt seiner die geistlichen Würdenträger geantwortet und der Kaiser darauf die letzten drei Jahre seines Lebens dazu anwandte, gotische Dome, reiche Abteien und große Klöster zu gründen und Kirchen und Klöster reich zu dotieren. Er erzählte, wie im Jahre 1066 Wilhelm der Eroberer in der ganzen Normandie den Ruf erschallen ließ: nova stella, novus rex, »Neuer Stern, neuer Herrscher«; wie er den Kometen zum Führer nahm und unter seiner Ägide zur Eroberung von England schritt, was man noch heute auf der berühmten Stickerei von Bayeux sehen kann, auf der die Königin Mathilde, die Gattin des Eroberers, die Hauptszenen der Eroberung festhielt und das genaue Bild des Kometen zeichnete, der über den Köpfen einer Schar von Menschen erglänzte, die alle die Augen und Arme zu ihm erhoben. Er erzählte vor allem, wie im Jahre 1456 Christen und Muselmänner, die sich gegenseitig bekämpften, in ihm die Form eines flammenden Säbels erblickten und daraus auf das gräßlichste Unglück schlossen, wie Mahomet II., der Constantinopel im Sturm genommen, gelobte, sein Pferd auf dem Altar von St. Peter in Rom zu tränken und im Vorübergehen Belgrad zu belagern; und wie Papst Calixtus III. seine Befürchtungen und Schrecken durch die Erscheinung des türkischen Säbels am Himmel noch vergrößert sah. Der Komet erzählte, wie eben dieser Papst, aufs äußerste gebracht, indem er die Türken exkommunizierte, ihn auch selbst in Acht und Bann that, und wie er den »Angelus« einführte, das Gebet, das man beim Läuten der Glocken um zwölf Uhr Mittags spricht, um die Segnungen des Himmels herabzurufen; wie gleich beim Beginn der großen Metzelei, die ununterbrochen zwei Tage dauerte, die Laienbrüder, nur mit einem Kruzifix in der Hand, sich in die ersten Reihen gestellt, den Fluch des Papstes auf ihn riefen und den schlimmen Einfluß der Himmelserscheinung auf ihre Feinde ablenken wollten. Ferner erzählte er — so zahlreich und verschieden waren seine Eindrücke, — wie bei seinem Erscheinen im Jahre 1531 Luise von Savoyen, die Mutter Franz‹ I., drei Tage vor ihrem Tode ihr Gemach plötzlich hell erleuchtet sah, den Vorhang wegzog und bei seinem Anblick, aufs höchste erschreckt, ausgerufen habe: »Dieses Zeichen ist nicht für die niedere Menge, Gott giebt es uns Großen. Schließt die Fenster. Es ist ein Komet, der mir meinen nahen Tod kündet, bereiten wir uns darauf vor! ...«
Und weiter, wie von seinem Erscheinen im Jahre 1682 seine historisch astronomische Ära datiert, weil die in diesem Jahre entdeckten Elemente seiner Erscheinung seine Identität mit dem Kometen von 1531—1607 nachgewiesen und dem berühmten Astronomen Halley gestatteten, ihn der Wissenschaft einzureihen, ihm seinen Namen zu geben und seine Wiederkehr für das Jahr 1759 vorherzusagen.
Dann erzählte der Komet seinem älteren Gefährten die allgemeine und zeitgenössische Geschichte der aufeinanderfolgenden Reiche, vom Jahre 1254 vor Christi bis zum Jahre 1835, in dem er der Erde zum letztenmal erschien. Der große Komet war nicht wenig erstaunt über die Schnelligkeit, mit der die Menschen den Einschlag der Nationalitäten weben und wieder auseinanderreißen. Was ihn aber am lebhaftesten und schmerzlichsten überraschte, das waren die Mittel, deren sich die Erdenbewohner zu ihren gegenseitigen Eroberungen bedienen, Eisen, Blut, die raffinierteste Grausamkeit, die größte Schlechtigkeit in solch schmächtigen Geschöpfen, der Eigendünkel der Großen, die angeborene Schwäche der einen wie der anderen. Die Weltgeschichte schien ihm sehr wenig erbaulich, und hätte er nicht von seinem Piedestal herab all die menschlichen Schwächen so gründlich verachtet, seine Haare wären ihm mehr als einmal zu Berg gestanden bei all dem Schrecklichen, das ihm sein kleiner Gefährte erzählte.
So weiterreisend kamen die Kometen, ohne es zu bemerken, am Neptun vorüber, und der Halleysche Komet fuhr fort in seiner kosmopolitischen Biographie.
»Die Astronomie hat seit einigen 75 Jahren solche Fortschritte gemacht,« sagte er, »daß sofort bei meinem Erscheinen im Jahre 1682 — nach irdischer Zeitrechnung — der Astronom, der mir seinen Namen gab, meine Wiederkehr für das Jahr 1759 ankündigte. Das war schon etwas kühn, denn Ihr wißt, daß, wenn ich auch nicht so weit wie Ihr in die Wüsten des Weltenraums vordringe — ich muß ja in 15 Jahren, im Jahre 1873, doch wieder zurückkehren, während Ihr Eure Reise noch 1500 Jahre fortsetzt — Ihr wißt, sage ich, daß ich mich immerhin zwölfhundert Millionen Meilen von der Erde entferne. Für uns will dies freilich nicht viel sagen, für die kleinen Erdenbewohner aber ist es unendlich viel; außerdem werde ich in dieser Zeit auch manchmal durch andere Bewohner des Weltenraums aufgehalten und bin genötigt, meine Schritte zu verlangsamen, wenn ich ihr Gebiet durchschreite. Diese Herren Astronomen haben aber ein feines Auge, oder besser gesagt, sie scheinen mit transcendentaler Intuition ausgestattet zu sein; denn, als ich, in dem Reiche des Jupiter angelangt, seit lange aus ihrem Gesichtskreis verschwunden war, glaubte ich sicher hoffen zu dürfen, daß sie mich selbst mit ihrem mächtigsten Teleskop nicht mehr erwischen würden; aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Trotzdem mich Jupiter eine Verspätung von 518 Tagen, Saturn eine solche von 100 Tagen erdulden ließ, wurde alles das vorher bestimmt angekündigt und nahezu auf einen Monat vorausgesagt. Wir haben nichts Verborgenes mehr für die Herren Astronomen.
Ich hatte das Glück, schon fünfzehn Jahre vor meinem Erscheinen durch den schönsten Schweif, den man je gesehen — es war ein sechsfacher — angekündigt zu werden, muß aber gestehen, daß dieser Schweif mir garnicht gehörte. Ihr habt kürzlich den Intriganten gesehen, der bald zu dem, bald zu jenem Hofstaat gehört, ohne je zweimal an den gleichen Ort zurückzukehren, und der so exzentrisch ist, daß er dadurch parabolisch geworden, und habt gewiß auch bemerkt, daß er allein mit sechs Schweifen geschmückt ist. Nun, er war auch mein Vorläufer im Jahre 1744 und war der schönste Komet im achtzehnten Jahrhundert des gegenwärtigen irdischen Kalenders. Den ersten Abend, als er am Firmamente erschien, glaubte man eine zweite untergehende Sonne zu sehen, so strahlend war seine Aureole.
Ich sagte vorhin, daß ich bei jeder meiner Wanderfahrten eine Veränderung in den Gewohnheiten, den Sitten und dem Geiste der Nationen wahrgenommen; am meisten war dies jedoch der Fall bei meiner letzten Reise. Nachdem ich die irdischen Regionen im Jahre 1759 verlassen, mußte ich 1835 dahin zurückkehren. Genauer noch, als früher, hatte man die Verspätung, die Jupiter, Saturn und Uranus auf meinen Lauf ausübten, berechnet und hatte selbst den Weg bezeichnet, den ich bei meiner Rückkehr am Firmamente nehmen würde; ich mußte den 20. August 1835 in der Nähe des Sterns ] des Stiers, vorbeikommen, am 28. zwischen den Zwillingen und dem Fuhrmann, am 21. September am Fuhrmann, am 3. Oktober am Luchs, den 6. am Großen Bären, am 12. am Widder, am 13. an der Krone, den 15. zwischen Herkules und der Schlange; den 19. im Ophiuchus, den 16. November in der Nähe des K dieses Gestirns, den 26. Dezember in der Nähe des Antares im Skorpion. Selbstverständlich wich ich nicht ab von diesem mir so weise vorgeschriebenen Wege und kann Euch versichern, daß ich zu keiner Epoche meines Lebens auf keiner anderen Welt eine solche Umwälzung, eine ähnliche Revolution aller Gedanken gesehen, als auf dieser letzten Reise. Diese Wahrnehmung versetzte mich in eine solche tiefe Traurigkeit, daß selbst die Bewohner der Erde es zweifelsohne bemerkt haben müssen.*
* Man liest in der Edinburgh Review von 1836: »Der Halleysche Komet erschien selbst in den Nächten, in denen er sich am klarsten zeigte, bleich und diffus und erweckte viel eher die Neugierde als die Bewunderung des Beschauers. Wir betrachteten ihn durch das Teleskop und sind nicht imstande, das Gefühl von Traurigkeit zu beschreiben, das sein melancholisches Licht ausübt. Je mehr man ein derartiges Objekt prüft, um so weniger kann man sich Rechenschaft über seine Natur geben. Ein bläuliches, unbestimmtes Licht, halb verhüllt durch einen Wolkenschleier, so ist das Schauspiel, das sich unseren Augen darbietet. Die Art dieses Lichts ist ganz seltsam; es gleicht weder dem der Sonne, noch dem des Mondes, weder dem der Sterne, noch dem Reflex der Nebelsterne in der Milchstraße. Man muß den Saturn durch ein starkes Glas betrachtet haben, um sich eine genaue Idee von dem bleiernen Lichte machen zu können, das der Komet verbreitet. (Herschel)«
Was geschah auf der Erde in den Jahren 1759–1835? Welche Umwälzungen vollzogen sich bei den Sterblichen? Je mehr ich nach der Ursache und Art dieser Veränderung suche, um so weniger Klarheit wird mir; selbst der Komet Karls V. würde sich nicht zurecht finden.«
»Wer ist der Komet Karls V.?«
»Verzeiht, ich vergaß, daß Ihr nicht auf dem Laufenden der irdischen Ereignisse seid. Karl V. war ein Kaiser, der im Jahre 1556, als er einen unserer flammenden Brüder erblickte, der durch Zufall an der Erde vorüberkam und nicht einmal eine Ahnung von ihrer Existenz hatte, der deutschen Krone entsagte; den gleichen Kometen hat man angeklagt, die Sintflut veranlaßt und später den Tod Cäsars angekündigt zu haben. Er sollte in dreihundert Jahren, d. h. 1856 wieder kommen; seitdem er aber die anmaßende Dummheit der Kaiser kennen gelernt, die sich einbildeten, sie seien Vollstrecker der göttlichen Absichten, hat er der kleinen eitlen Welt Lebewohl gesagt und entschloß sich, zu einem andern System überzugehen; augenblicklich befindet er sich bei dem Polarstern, und die Menschen mögen noch so lange auf ihn warten, er kommt nicht wieder. Nach dieser Abschweifung kehren wir nun zu unserm Thema zurück. Ich sagte, daß ich mich in allen möglichen Mutmaßungen erging über die Ursache der Veränderungen, die sich während meiner Abwesenheit in Europa vollzogen hatten.«
»Diesmal ist es an mir, Euch aufzuklären,« fiel unser Komet ein. »Wenn die Großen auch oft zu hoch gestellt sind, um die Ereignisse der Welt richtig zu unterscheiden und abzuschätzen, und dadurch in einer traurigen Unwissenheit verharren, wegen derer ich uns beklage, so sind sie doch auch manchmal an diesen Ereignissen selbst so beteiligt, daß sie sie am besten beurteilen können. Darum dient vielleicht auch das wenige, das ich gesehen, dazu, die Lücke Eurer Erzählung auszufüllen. Was ich weiß, ist das, daß es im Jahre 1811 in Frankreich keinen König von Gottes Gnaden mehr gab, sondern einen Kaiser, dem in derselben Woche, in der ich erschien, ein Sohn geboren wurde. Ich blieb in Sicht der Erde vom März 1811 bis zum April 1812, und glaubte zu bemerken, daß Frankreich infolge seiner Eroberungen sich derart vergrößerte, daß es all seine Nachbarn in Schrecken versetzte, und was mich in dieser Idee noch mehr bestärkte, war, daß der große Potentat eine Armee von 450 000 Mann aushob und mit dieser halben Million nach den Steppen Rußlands zog. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden, denn vom Juli 1812 an unterschied ich nichts mehr auf der Erdoberfläche.«
Unsere Kometen waren gute Logiker; dank ihrer Erinnerungen und der Erfahrung, die sie der ständigen Beobachtung der Völker verdankten, rekonstruierten sie beinahe unsere ganze Geschichte. Es war dies eine ganz neue Art von Syllogismus. Im Jahre 1759, sagte der eine, gab es in Frankreich eine wurmstichige soziale Konstitution, welche die Philosophen bearbeiteten. Im Jahre 1811, sagte der andere, gab es einen großen Kaiser und eine große Kontinentalsperre! Im Jahre 1835, fiel wieder der erste ein, gab es einen konstitutionellen König und ein friedliches Frankreich. Mit diesen drei Thatsachen skizzierten sie sich nun die Geschichte Frankreichs in ein paar großen Zügen. Ihre Unterhaltung dehnte sich aber auch auf die andern Nationen aus, denn den Kometen ist einer dieser Ameisenhaufen so lieb wie der andere. Da aber die Geschichte unserer Nachbarn den vorhergehenden sehr ähnlich, uns überdies weniger interessiert, uns, die wir nicht zum Kometengeschlecht gehören, lassen wir es dabei bewenden und berichten nicht mehr von den Unterhaltungen der beiden Reisenden. So also wägen die berühmten Schweifsterne, die gewohnt, mit großem Maße zu messen, auf ihrer Ätherwage unsern kleinen Erdball. Bald darauf beschrieb der Halleysche Komet auf seinem Wege eine Kurve, um bei seiner Sonnenferne seine Planetenbahn zu schließen, während der majestätische Komet von 1811 seinen Weg in gerader Richtung fortsetzte, um bis zum Jahre des Heils 3343 sich immer weiter von unserm Sonnensystem zu entfernen und dann ebenso gemächlich dahin zurückzukehren. Vielleicht beobachtet er augenblicklich im fernsten Westen der Sternenwelt uns unbekannte Weltkörper, alte Welten, deren Sonne längst erloschen, und die ihre kosmischen Ruinen und die Ruhestätte einer verschwundenen Menschheit schweigend durch den Weltenraum tragen.
Wenn der Komet von 1835 im Jahre des Heils 1911 wiederkommt, findet er uns nur um die Kleinigkeit von 75 Jahren gealtert.[47] Kommt aber sein ehrwürdiger Gefährte von 1811 wieder zu uns, gegen das Jahr 4876, wen und was wird er an unserer Stelle finden? Wird unser glänzendes Paris den gleichen Weg gegangen sein wie diejenigen Hauptstädte, die der Komet auf seiner letzten Reise gesehen? Troja, Ninive, Theben und hundert andere, deren Namen nicht einmal auf die Nachwelt gekommen? Wird der Wind über die Ebenen, auf denen Frankreich stand, wehen, werden Trauerweiden sich schweigend über die Seine von ehemals neigen?
[47] Anm. d. Hrsg.: Der Halleysche Komet erschien tatsächlich im Frühjahr 1910. Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält auf S. 340 die von der Übersetzerin für die deutsche Ausgabe 1900 (S. 301) übernommene Jahreszahl »1911«, während in der von J. Cassirer übersetzten Fassung (1910, S. 91) das richtige Jahr »1910« genannt wird.
Wird der Komet Frankreich und Paris, England und London, Italien und Rom wiedersehen, er, dessen Umlauf von so langer Dauer, daß er nie zwei Mal nacheinander die gleichen Städte und die gleichen Nationen wiedergesehen? Wird, wenn wir oder andere in einigen fünfzigtausend Jahren diese kleine Geschichte fortsetzen, wieder Neues an Stelle des Alten getreten sein, und wird die Geschichte der Erde immer nur eine Geschichte der Umwälzung und flüchtigen Erdenseins sein? Die Kometen besitzen nicht die Gabe der Voraussagung. Da jedoch der Verfasser dieser Erzählung mit einigen derselben auf sehr vertrautem Fuße steht, im Jahre 1811 aber noch zu jung war, um den großen und stolzen Kometen dieses heißen Jahres zu interpellieren, so erlaubte er sich kürzlich, dem berühmten Reisenden einen Boten zu senden, mit der Bitte, ihm doch anzuvertrauen, was er sich erwarte, bei seiner nächsten Wiederkehr auf der Erde zu sehen. Der Verfasser ist in der glücklichen Lage, diese wahrhafte Geschichte mit einer angenehmen Antwort schließen zu können. Der Komet konnte allerdings nichts genau bestimmen, und das ist wieder ein Zeichen seines hohen Werts und seiner großen Klugheit; er antwortete aber dem kleinen Kometen, er solle nur lächelnd zu dem seltsamen Astronomen zurückkehren, der ihn gesandt; denn, fügte er hinzu, du kannst ihm sagen, daß die Menschheit, die ihm schon so alt scheint, sich noch in ihrer ersten Kindheit befindet; sie windet sich noch und leidet noch unter den ersten Schmerzen der Entwicklung, aber dein Freund soll die Hoffnung nicht aufgeben, ich setze meinen Schweif zum Pfand, daß, ehe hunderttausend Jahre vergangen, sie nicht nur die Vernunft, sondern auch den unentgeltlichen und obligatorischen Volksunterricht, das allgemeine Stimmrecht, eine endgiltige Republik, Gewissensfreiheit und die Unterdrückung des Militarismus und der menschlichen Schlächtereien haben werden.
Das waren die letzten Worte des Kometen, der gelernt hatte, die Geschichte unseres irdischen Planeten und seiner Menschheit von seinem erhabenen Standpunkte aus zu beurteilen. Wir aber können daraus schließen, daß, wenn wir auch in Wirklichkeit nur ein Atom im unendlichen Raum sind, wir trotzdem bei richtiger Verwertung unserer Geistesgaben einen Wert gewinnen, der uns von der rohen Materie scheidet. Geistige Wesen zu werden, das soll, wie der Komet sagt, das Ziel unserer Anstrengungen sein.
[48] Anm. d. Hrsg.: Die 4. Aufl. 1873 der französischen BuchErstausgabe 1872 enthält auf S. 411f. die (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlende) Übersicht, die hier (soweit bekannt erstmals) in deutscher Übersetzung durch den Herausgeber wiedergegeben wird. Es sei vorsorglich darauf hingewiesen, dass die Daten dem Stand von 1873 entsprechen.
Das sind die uns am nächsten stehenden Fixsterne, die einzigen, deren Entfernung bestimmt werden konnte. Alle anderen, die sich nach Millionen zählen, sind unvergleichlich weiter entfernt.
Es giebt Sterne, deren Licht uns bei einer stetigen Geschwindigkeit von 77 000 Meilen in der Sekunde erst nach hundert Jahren, Millionen Jahren, zehn Millionen Jahren erreicht.
Um den Teil des Sternenalls zu durchqueren, von dem wir ein Teil sind (die Milchstraße), braucht das Licht nicht weniger als 15 000 Jahre.
Um bestimmte Spiralnebel zu erreichen, ist es die dreihundertfache Zeit unterwegs: fünf Millionen Jahre.
Denkt man über diese Wahrheiten nach, beginnt man sich eine zutreffende Vorstellung von der Weite des Universums zu bilden, von seiner Majestät und von der absoluten Bedeutungslosigkeit der irdischen Ereignisse und der menschlichen Unzulänglichkeit.
49 Anm. d. Hrsg.: Französische Ausgaben nach 1875 (z. B. Flammarion, Camille: Lumen [Collection des Auteurs Célèbres]. Paris: Ernest Flammarion, 70. Tsd., o. J. [ca. 1920], S. 260) enthalten die (in der deutschen Ausgabe 1900 fehlende) Nachbemerkung, die hier (soweit bekannt erstmals) in deutscher Übersetzung durch den Herausgeber wiedergegeben wird.
Der 141. der zwischen Mars und Jupiter versammelten kleinen Planeten, am 13. Januar 1875 von M. Paul Henry am Observatorium von Paris entdeckt, hat den Namen »Lumen« erhalten, zum Gedenken an dies Werk.
Mehrere psychische Zeitschriften in Amerika, Spanien und Italien haben sich, ebenso wie verschiedene wissenschaftliche und literarische Gesellschaften, unter der gleichen Bezeichnung »Lumen« gegründet. Dem Astronomen bleibt nichts anderes übrig, als sie hierzu zu autorisieren, indem er ihnen glänzende Erfolge wünscht.
Roy Glashan‹s Library
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