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"Der Geisterseher," Georg Müller Verlag, München/Leipzig, 1922
"Der Geisterseher," Georg Müller Verlag, München/Leipzig, 1922
Ich erzähle eine Begebenheit, die vielen unglaublich erscheinen wird, von der ich aber großenteils selbst Augenzeuge war. Den wenigen, welche von einem gewissen politischen Vorfalle unterrichtet sind, wird sie — wenn anders diese Blätter sie noch am Leben finden — einen willkommenen Aufschluß darüber geben; und auch ohne diesen Schlüssel wird sie den übrigen, als ein Beitrag zur Geschichte des Betruges und der Verirrungen des menschlichen Geistes, vielleicht wichtig sein. Man wird über die Kühnheit des Zwecks erstaunen, den die Bosheit zu entwerfen und zu verfolgen imstande ist; man wird über die Seltsamkeit der Mittel erstaunen, die sie aufzubieten vermag, um sich dieses Zwecks zu versichern. Reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn diese Blätter in die Welt treten, bin ich nicht mehr und werde durch den Bericht, den ich abstatte, weder zu gewinnen noch zu verlieren haben.
Es war auf meiner Zurückreise nach Kurland, im Jahr 1779 um die Karnevalszeit, als ich den Prinzen Alexander in Venedig besuchte. Wir hatten uns in Kriegsdiensten kennen lernen und erneuerten hier eine Bekanntschaft, die der Friede unterbrochen hatte. Weil ich ohnedies wünschte, das Merkwürdige dieser Stadt zu sehen, und der Prinz nur noch Wechsel erwartete, um nach Deutschland zurückzureisen, so beredete er mich leicht, ihm Gesellschaft zu leisten und meine Abreise solange zu verschieben. Wir kamen überein, uns nicht voneinander zu trennen, solange unser Aufenthalt in Venedig dauern würde, und der Prinz war so gefällig, mir seine Wohnung im Mohren anzubieten.
Er lebte hier unter dem strengsten Inkognito, weil er sich selbst leben wollte und seine geringe Apanage ihm auch nicht verstattet hätte, die Hoheit seines Rangs zu behaupten. Zwei Kavaliere, auf deren Verschwiegenheit er sich vollkommen verlassen konnte, waren nebst einigen Bedienten sein ganzes Gefolge. Den Aufwand vermied er, mehr aus Temperament als aus Sparsamkeit. Er floh die Vergnügungen; in einem Alter von fünfunddreißig Jahren hatte er allen Reizungen dieser wollüstigen Stadt widerstanden. Das schöne Geschlecht war ihm gleichgültig. Tiefer Ernst und eine schwärmerische Melancholie herrschten in seiner Gemütsart. Seine Neigungen waren still, aber hartnäckig bis zum Übermaß, seine Wahl langsam und schüchtern, seine Anhänglichkeit warm und ewig. Mitten in einem geräuschvollen Gewühle von Menschen ging er einsam; in seine Phantasienwelt verschlossen, war er sehr oft ein Fremdling in der wirklichen. Niemand war mehr dazu geboren, sich beherrschen zu lassen, ohne schwach zu sein. Dabei war er unerschrocken und zuverlässig, sobald er einmal gewonnen war, und besaß gleich großen Mut, ein erkanntes Vorurteil zu bekämpfen, wie für ein andres zu sterben.
Als der dritte Prinz seines Hauses hatte er keine wahrscheinliche Aussicht zur Regierung. Sein Ehrgeiz war nie erwacht, seine Leidenschaften hatten eine andere Richtung genommen.
Zufrieden, von keinem fremden Willen abzuhängen, drängte er den seinigen niemand zum Gesetze auf: Die ruhige Freiheit eines zwanglosen Privatlebens und der Genuß eines geistreichen Umgangs begrenzten alle seine Wünsche. Er las viel, doch ohne Wahl; eine vernachlässigte Erziehung und frühe Kriegsdienste hatten seinen Geist nicht zur Reife kommen lassen. Alle Kenntnisse, die er nachher schöpfte, vermehrten nur das verworrene Chaos seiner Begriffe, weil sie auf keinen festen Grund gebaut waren.
Er war Protestant, wie seine ganze Familie — durch Geburt, nicht nach Untersuchung, die er nie angestellt hatte, ob er gleich in einer Epoche seines Lebens religiöser Schwärmer gewesen war. Freimaurer ist er, soviel ich weiß, nie geworden.
Eines Abends, als wir nach Gewohnheit in tiefer Maske und abgesondert auf dem St.-Markus-Platz spazieren gingen — es fing an, spät zu werden, und das Gedränge hatte sich verloren — bemerkte der Prinz, daß eine Maske uns überall folgte. Die Maske war ein Armenier und ging allein. Wir beschleunigten unsere Schritte und suchten sie durch öftere Veränderung unseres Weges irre zu machen — umsonst, die Maske blieb immer dicht hinter uns. »Sie haben doch keine Intrige hier gehabt?« sagte der Prinz zu mir. »Die Ehemänner in Venedig sind gefährlich.« — »Ich stehe mit keiner einzigen Dame in Verbindung«, gab ich zur Antwort. — »Wir wollen uns hier niedersetzen und deutsch sprechen«, fuhr er fort. »Ich bilde mir ein, man verkennt uns.« Wir setzten uns auf eine steinerne Bank und erwarteten, daß die Maske vorübergehen sollte. Sie kam gerade auf uns zu und nahm ihren Platz dicht an der Seite des Prinzen. Er zog die Uhr heraus und sagte laut zu mir auf französisch, indem er aufstand: »Neun Uhr vorbei. Kommen Sie. Wir vergessen, daß man uns im Louvre erwartet.« Dies sagte er nur, um die Maske von unserer Spur zu entfernen. Neun »Uhr«, wiederholte sie in eben der Sprache nachdrücklich und langsam. »Wünschen Sie sich Glück, Prinz« (indem sie ihn bei seinem Namen nannte). »Um neun Uhr ist er gestorben.« — Damit stand sie auf und ging.
Wir sahen uns bestürzt an. — »Wer ist gestorben?« sagte endlich der Prinz nach einer langen Stille. »Lassen Sie uns ihr nachgehen«, sagte ich, »und eine Erklärung fordern.« Wir durchkrochen alle Winkel des Markusplatzes — die Maske war nicht mehr zu finden. Unbefriedigt kehrten wir nach unserem Gasthof zurück. Der Prinz sagte mir unterwegs nicht ein Wort, sondern ging seitwärts und allein und schien einen gewaltsamen Kampf zu kämpfen, wie er mir auch nachher gestanden hat. Als wir zu Hause waren, öffnete er zum ersten Male wieder den Mund. »Es ist doch lächerlich«, sagte er, »daß ein Wahnsinniger die Ruhe eines Mannes mit zwei Worten erschüttern soll.« Wir wünschten uns eine gute Nacht, und sobald ich auf meinem Zimmer war, merkte ich mir in meiner Schreibtafel den Tag und die Stunde, wo es geschehen war. Es war ein Donnerstag.
Am folgenden Abend sagte mir der Prinz: »Wollen wir nicht einen Gang über den Markusplatz machen und unsern geheimnisvollen Armenier aufsuchen? Mich verlangt doch nach der Entwicklung dieser Komödie.« Ich war's zufrieden. Wir blieben bis elf Uhr auf dem Platz. Der Armenier war nirgends zu sehen. Das nämliche wiederholten wir die vier folgenden Abende, doch mit keinem besseren Erfolge.
Als wir am sechsten Abend unser Hotel verließen, hatte ich den Einfall — ob unwillkürlich oder aus Absicht, besinne ich mich nicht mehr —, den Bedienten zu hinterlassen, wo wir zu finden sein würden, wenn nach uns gefragt werden sollte. Der Prinz bemerkte meine Vorsicht und lobte sie mit einer lächelnden Miene. Es war ein großes Gedränge auf dem Markusplatz, als wir da ankamen. Wir hatten kaum dreißig Schritte gemacht, so bemerkte ich den Armenier wieder, der sich mit schnellen Schritten durch die Menge arbeitete und mit den Augen jemand zu suchen schien. Eben waren wir im Begriff, ihn zu erreichen, als der Baron von Freihardt aus dem Gefolge des Prinzen atemlos auf uns zukam und dem Prinzen einen Brief überbrachte. »Er ist schwarz gesiegelt«, setzte er hinzu. »Wir vermuteten, daß es Eile hätte.« Das fiel auf mich wie ein Donnerschlag. Der Prinz war zu einer Laterne getreten und fing an zu lesen. »Mein Vetter ist gestorben«, rief er. »Wann?« fiel ich ihm heftig ins Wort. Er sah noch einmal in den Brief. »Vorigen Donnerstag. Abends um neun Uhr.«
Wir hatten nicht Zeit, von unserm Erstaunen zurückzukommen, da stand der Armenier unter uns. »Sie sind hier erkannt, gnädigster Herr«, sagte er zu dem Prinzen. »Eilen Sie nach dem Mohren. Sie werden die Abgeordneten des Senats dort finden. Tragen Sie kein Bedenken, die Ehre anzunehmen, die man Ihnen erweisen will. Der Baron von Freihardt vergaß, Ihnen zu sagen, daß Ihre Wechsel angekommen sind.« Er verlor sich in dem Gedränge.
Wir eilten nach unserm Hotel. Alles fand sich, wie der Armenier es verkündet hatte. Drei Nobili der Republik standen bereit, den Prinzen zu bewillkommen und ihn mit Pracht nach der Versammlung zu begleiten, wo der hohe Adel der Stadt ihn erwartete. Er hatte kaum so viel Zeit, mir durch einen flüchtigen Wink zu verstehen zu geben, daß ich für ihn wach bleiben möchte.
Nachts gegen elf Uhr kam er wieder. Ernst und gedankenvoll trat er ins Zimmer und griff meine Hand, nachdem er die Bedienten entlassen hatte. »Graf«, sagte er mit den Worten Hamlets zu mir, »es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wir in unsern Philosophien träumen.«
»Gnädigster Herr«, antwortete ich, »Sie scheinen zu vergessen, daß Sie um eine große Hoffnung reicher zu Bette gehen.« (Der Verstorbene war der Erbprinz, der einzige Sohn des regierenden Herzogs, der alt und kränklich ohne Hoffnung eigner Sukzession war. Ein Oheim unsers Prinzen, gleichfalls ohne Erben und ohne Aussicht, welche zu bekommen, stand jetzt allein noch zwischen diesem und dem Throne. Ich erwähne dieses Umstandes, weil in der Folge davon die Rede sein wird.)
»Erinnern Sie mich nicht daran«, sagte der Prinz. »Und wenn eine Krone für mich wäre gewonnen worden, ich hätte jetzt mehr zu tun, als dieser Kleinigkeit nachzudenken — Wenn dieser Armenier nicht bloß erraten hat —«
»Wie ist das möglich, Prinz?« fiel ich ein.
»So will ich Ihnen alle meine fürstlichen Hoffnungen für eine Mönchskutte abtreten.«
Den folgenden Abend fanden wir uns zeitiger als gewöhnlich auf dem Markusplatz ein. Ein plötzlicher Regenguß nötigte uns, in ein Kaffeehaus einzutreten, wo gespielt wurde. Der Prinz stellte sich hinter den Stuhl eines Spaniers und beobachtete das Spiel. Ich war in ein anstoßendes Zimmer gegangen, wo ich Zeitungen las. Eine Weile darauf hörte ich Lärmen. Vor der Ankunft des Prinzen war der Spanier unaufhörlich im Verluste gewesen, jetzt gewann er auf alle Karten. Das ganze Spiel ward auffallend verändert, und die Bank war in Gefahr, von dem Spieler, den diese glückliche Wendung kühner gemacht hatte, gesprengt zu werden. Der Venezianer, der sie hielt, sagte dem Prinzen mit beleidigendem Ton — er störe das Glück, und er solle den Tisch verlassen. Dieser sah ihn kalt an und blieb; dieselbe Fassung behielt er, als der Venezianer seine Beleidigung französisch wiederholte. Der letztere glaubte, daß der Prinz beide Sprachen nicht verstehe, und wandte sich mit verachtungsvollem Lachen zu den übrigen: »Sagen Sie mir doch, wie ich mich diesem Balordo, diesem Dummkopf, verständlich machen soll?« Zugleich stand er auf und wollte den Prinzen beim Arm ergreifen; diesen verließ hier die Geduld, er packte den Venezianer mit starker Hand und warf ihn unsanft zu Boden. Das ganze Haus kam in Bewegung. Auf das Geräusch stürzte ich herein, unwillkürlich rief ich ihn bei seinem Namen. »Nehmen Sie sich in acht, Prinz«, setzte ich mit Unbesonnenheit hinzu, »wir sind hier in Venedig.« Der Name des Prinzen gebot eine allgemeine Stille, woraus bald ein Gemurmel wurde, das mir gefährlich schien. Alle anwesenden Italiener rotteten sich zu Haufen und traten beiseite. Einer um den anderen verließ den Saal, bis wir uns beide mit dem Spanier und einigen Franzosen allein fanden. »Sie sind verloren, gnädigster Herr«, sagten diese, »wenn Sie nicht sogleich die Stadt verlassen. Der Venezianer, den sie so übel behandelt haben, ist reich genug, einen Bravo zu dingen — es kostet ihm nur fünfzig Zechinen, Sie aus der Welt zu schaffen.«
Der Spanier bot sich an, zur Sicherheit des Prinzen Wache zu holen und uns selbst nach Hause zu begleiten. Dasselbe wollten auch die Franzosen. Wir standen noch und überlegten, was zu tun wäre, als die Türe sich öffnete und einige Beamte der Staatsinquisition hereintraten. Sie zeigten uns einen Befehl der Regierung, worin uns beiden befohlen ward, ihnen schleunigst zu folgen. Unter einer starken Bedeckung führte man uns bis zum Kanal. Hier erwartete uns eine Gondel, in die wir uns setzen mußten. Ehe wir ausstiegen, wurden uns die Augen verbunden. Man führte uns eine große steinerne Treppe hinauf und dann durch einen gewundenen Gang über Gewölbe, wie ich aus dem vielfachen Echo schloß, das unter unseren Füßen hallte. Endlich gelangten wir vor eine andere Treppe, welche uns sechsundzwanzig Stufen in die Tiefe hinunter führte. Hier öffnete sich ein Saal, wo man uns die Binde wieder von den Augen nahm. Wir befanden uns in einem Kreise ehrwürdiger alter Männer, alle schwarz gekleidet; der ganze Saal mit schwarzen Tüchern behangen und sparsam erleuchtet. Eine Totenstille in der ganzen Versammlung, was einen schreckhaften Eindruck machte. Einer von diesen Greisen, vermutlich der oberste Staatsinquisitor, näherte sich dem Prinzen und fragte ihn mit einer feierlichen Miene, während man ihm den Venezianer vorführte:
»Erkennen Sie diesen Menschen für den nämlichen, der sie in dem Kaffeehaus beleidigt hat?«
»Ja«, antwortete der Prinz.
Darauf wandte jener sich zu dem Gefangenen: »Ist das dieselbe Person, die Sie heute abend wollten ermorden lassen?«
Der Gefangene antwortete mit Ja.
Sogleich öffnete sich der Kreis, und mit Entsetzen sahen wir den Kopf des Venezianers vom Rumpfe trennen. »Sind Sie mit dieser Genugtuung zufrieden?« fragte der Staatsinquisitor. — Der Prinz lag ohnmächtig in den Armen seiner Begleiter. —
»Gehen Sie nun«, fuhr jener mit einer schrecklichen Stimme fort, indem er sich gegen mich wandte, »und urteilen Sie künftig weniger vorschnell von der Gerechtigkeit in Venedig.«
Wer der verborgene Freund gewesen, der uns durch den schnellen Arm der Justiz von einem gewissen Tode errettet hatte, konnten wir nicht erraten. Starr von Schrecken erreichten wir unsere Wohnung. Es war nach Mitternacht. Der Kammerjunker von Zedtwitz erwartete uns mit Ungeduld an der Treppe.
»Wie gut war es, daß Sie geschickt haben!« sagte er zum Prinzen, indem er uns leuchtete. — »Eine Nachricht, die der Baron von Freihardt gleich nachher vom Markusplatze nach Hause brachte, hätte uns wegen Ihrer in die tödlichste Angst gesetzt.«
»Geschickt hätte ich? Wann? Ich weiß nichts davon.«
»Diesen Abend nach acht Uhr. Sie ließen uns sagen, daß wir ganz außer Sorgen sein dürften, wenn Sie heute etwas später nach Hause kämen.«
Hier sah der Prinz mich an. »Haben Sie vielleicht ohne mein Wissen diese Sorgfalt gebraucht?«
Ich wußte von gar nichts.
»Es muß doch wohl so sein, Durchlaucht«, sagte der Kammerjunker, »denn hier ist ja Ihre Repetieruhr, die Sie zur Sicherheit mitschickten.« Der Prinz griff nach der Uhrtasche. Die Uhr war wirklich fort, und er erkannte jene für die seinige. »Wer brachte sie?« fragte er mit Bestürzung.
»Eine unbekannte Maske, in armenischer Kleidung, die sich sogleich wieder entfernte.«
Wir standen und sahen uns an. — »Was halten Sie davon?« sagte endlich der Prinz nach langem Stillschweigen. »Ich habe hier einen verborgenen Aufpasser in Venedig.«
Der schreckliche Auftritt dieser Nacht hatte dem Prinzen ein Fieber zugezogen, das ihn acht Tage nötigte, das Zimmer zu hüten. In dieser Zeit wimmelte unser Hotel von Einheimischen und Fremden, die der entdeckte Stand des Prinzen herbeigelockt hatte. Man wetteiferte untereinander, ihm Dienste anzubieten, jeder suchte nach seiner Art sich geltend zu machen; wir bemerkten mit Vergnügen, wie immer der Nächstfolgende den Weggehenden zu verdächtigen suchte. Liebesbriefe und solche, die uns Geheimmittel anboten, überschwemmten uns von allen Seiten.
Der ganze Vorgang in der Staatsinquisition wurde nicht mehr erwähnt. Weil der Hof des Herzogs die Abreise des Prinzen noch aufgeschoben wünschte, so erhielten einige Wechsler in Venedig Anweisung, ihm beträchtliche Summen auszuzahlen. So ward er wider Willen in den Stand gesetzt, seinen Aufenthalt in Italien zu verlängern, und auf seine Bitten entschloß ich mich auch, meine Abreise noch zu verschieben.
Sobald er so weit genesen war, um das Zimmer wieder verlassen zu können, beredete ihn der Arzt, eine Spazierfahrt auf der Brenta zu machen, um die Luft zu verändern. Das Wetter war hell, und die Partie ward angenommen. Als wir eben im Begriff waren, in die Gondel zu steigen, vermißte der Prinz den Schlüssel zu einer kleinen Schatulle, die sehr wichtige Papiere enthielt. Sogleich kehrten wir um, ihn zu suchen. Er besann sich aufs genaueste, die Schatulle noch den vorigen Tag verschlossen zu haben, und seit dieser Zeit war er nicht aus dem Zimmer gekommen. Aber alles Suchen war umsonst, wir mußten davon abstehen, um die Zeit nicht zu verlieren. Der Prinz, dessen Seele über jeden Argwohn erhoben war, erklärte ihn für verloren und bat uns, nicht weiter davon zu sprechen.
Die Fahrt war die angenehmste. Eine malerische Landschaft, die mit jeder Krümmung des Flusses sich an Reichtum und Schönheit zu übertreffen schien — der heiterste Himmel, der mitten im Hornung einen Maientag bildete, reizende Gärten und geschmackvolle Landhäuser ohne Zahl, welche beide Ufer der Brenta schmücken, hinter uns das majestätische Venedig mit hundert aus dem Wasser springenden Türmen und Masten —, alles dies gab uns das herrlichste Schauspiel von der Welt. Wir überließen uns ganz dem Zauber dieser schönen Natur, unsere Laune war die heiterste, der Prinz selbst verlor seinen Ernst und wetteiferte mit uns in fröhlichen Scherzen.
Eine lustige Musik schallte uns entgegen, als wir einige italienische Meilen von der Stadt ans Land stiegen. Sie kam aus einem kleinem Dorfe, wo eben Jahrmarkt gehalten wurde; hier wimmelte es von Gesellschaft aller Art. Ein Trupp junger Mädchen und Knaben, alle theatralisch gekleidet, bewillkommnete uns mit einem pantomimischen Tanz. Die Erfindung war neu, Leichtigkeit und Grazie beseelten jede Bewegung. Ehe der Tanz noch völlig zu Ende war, schien die Anführerin desselben, welche eine Königen vorstellte, plötzlich wie von einem unsichtbaren Arme gehalten. Leblos stand sie und alles. Die Musik schwieg. Kein Odem war zu hören in der ganzen Versammlung, und sie stand da, den Blick auf die Erde geheftet, in einer tiefen Erstarrung. Auf einmal fuhr sie mit der Wut der Begeisterung in die Höhe, blickte wild um sich her — »Ein König ist unter uns«, rief sie, riß ihre Krone vom Haupt und legte sie — zu den Füßen des Prinzen. Alles, was da war, richtete hier die Augen auf ihn, lange Zeit ungewiß, ob Bedeutung in diesem Gaukelspiel wäre, so sehr hatte der affektvolle Ernst dieser Spielerin getäuscht. — Ein allgemeines Händeklatschen des Beifalls unterbrach endlich diese Stille. Meine Augen suchten den Prinzen. Ich bemerkte, daß er nicht wenig betroffen war und sich Mühe gab, den forschenden Blicken der Zuschauer auszuweichen. Er warf Geld unter diese Kinder und eilte, aus dem Gewühle zu kommen.
Wir hatten nur wenig Schritte gemacht, als ein ehrwürdiger Barfüßer sich durch das Volk arbeitete und dem Prinzen in den Weg trat. »Herr«, sagte der Mönch, »gib der Madonna von deinem Reichtum, du wirst ihr Gebet brauchen.« Er sprach dies mit einem Tone, der uns betreten machte. Das Gedränge riß ihn weg.
Unser Gefolge war unterdessen gewachsen. Ein englischer Lord, den der Prinz schon in Nizza gesehen hatte, einige Kaufleute aus Livorno, ein deutscher Domherr, ein französischer Abbe mit einigen Damen und ein russischer Offizier gesellten sich zu uns. Die Physiognomie des letzten hatte etwas ganz Ungewöhnliches, das unsre Aufmerksamkeit auf sich zog. Nie in meinem Leben sah ich so viele Züge und so wenig Charakter, so viel anlockendes Wohlwollen mit so viel zurückstoßendem Frost in einem Menschengesichte beisammenwohnen. Alle Leidenschaften schienen darin gewühlt und es wieder verlassen zu haben. Nichts war übrig als der stille, durchdringende Blick eines vollendeten Menschenkenners, der jedes Auge verscheuchte, worauf er traf. Dieser seltsame Mensch folgte uns von weitem, schien aber an allem, was vorging, nur einen nachlässigen Anteil zu nehmen.
Wir kamen vor einer Bude zu stehen, wo Lotterie gezogen wurde. Die Damen setzten ein, wir andern folgten ihrem Beispiel; auch der Prinz forderte ein Los. Es gewann eine Tabatiere. Als er sie aufmachte, sah ich ihn blaß zurückfahren. — Der Schlüssel lag darin.
»Was ist das?«, sagte der Prinz zu mir, als wir einen Augenblick allein waren. »Eine höhere Gewalt verfolgt mich. Allwissenheit schwebt um mich. Ein unsichtbares Wesen, dem ich nicht entfliehen kann, bewacht alle meine Schritte. Ich muß den Armenier aufsuchen und muß Licht von ihm haben.«
Die Sonne neigte sich zum Untergang, als wir vor dem Lusthause ankamen, wo das Abendessen serviert war. Der Name des Prinzen hatte unsere Gesellschaft bis zu sechzehn Personen vergrößert. Außer den oben erwähnten waren noch eine Virtuose aus Rom, einige Schweizer und ein Abenteurer aus Palermo, der Uniform trug und sich für einen Kapitän ausgab, zu uns gestoßen. Es ward beschlossen, den ganzen Abend hier zuzubringen und mit Fackeln nach Hause zu fahren. Die Unterhaltung bei Tische war sehr lebhaft, und der Prinz konnte nicht umhin, die Begebenheit mit dem Schlüssel zu erzählen, welche eine allgemeine Verwunderung erregte. Es wurde heftig über diese Materie gestritten. Die meisten aus der Gesellschaft behaupteten dreist weg, daß alle diese geheimen Künste auf eine Taschenspielerei hinausliefen; der Abbè, der schon viel Wein getrunken hatte, forderte das ganze Geisterreich in die Schranken heraus; der Engländer sagte Blasphemien; der Musikus machte das Kreuz vor dem Teufel. Wenige, worunter der Prinz war, hielten dafür, daß man sein Urteil über diese Dinge zurückhalten müsse; währenddessen unterhielt sich der russische Offizier mit den Frauenzimmern und schien das ganze Gespräch nicht zu achten. In der Hitze des Streits hatte man nicht bemerkt, daß der Sizilianer hinausgegangen war. Nach Verfluß einer kleinen halben Stunde kam er wieder, in einen Mantel gehüllt, und stellte sich hinter den Stuhl des Franzosen. »Sie haben vorhin den Mut geäußert, es mit allen Geistern aufzunehmen — wollen Sie es mit einem versuchen?«
»Topp!« sagte der Abbè — »Wenn Sie es auf sich nehmen wollen, mir einen herbeizuschaffen.«
»Das will ich«, antwortete der Sizilianer (indem er sich gegen uns kehrte), »wenn diese Herren und Damen uns werden verlassen haben.«
»Warum das?« rief der Engländer. »Ein herzhafter Geist fürchtet sich vor keiner lustigen Gesellschaft.«
»Ich stehe nicht für den Ausgang«, sagte der Sizilianer.
»Um des Himmel willen! Nein!« schrien die Frauenzimmer an dem Tische und fuhren erschrocken von ihren Stühlen.
»Lassen Sie Ihren Geist kommen«, sagte der Abbè trotzig; »aber warnen Sie ihn vorher, daß es hier spitzige Klingen gibt« (indem er einen von den Gästen um seinen Degen bat).
»Das mögen Sie alsdann halten, wie Sie wollen«, antwortete der Sizilianer kalt, »wenn Sie nachher noch Lust dazu haben.« Hier kehrte er sich zum Prinzen. »Gnädiger Herr«, sagte er zu diesem, »Sie behaupten, daß Ihr Schlüssel in fremden Händen gewesen. — Können Sie vermuten, in welchen?«
»Nein«
»Raten Sie auch auf niemand?«
»Ich hatte freilich einen Gedanken — —«
»Würden Sie die Person erkennen, wenn Sie sie vor sich sähen?«
»Ohne Zweifel.«
Hier schlug der Sizilianer seinen Mantel zurück und zog einen Spiegel hervor, den er dem Prinzen vor die Augen hielt.
»Ist es diese?«
Der Prinz trat mit Schrecken zurück.
»Was haben Sie gesehen?« fragte ich.
»Den Armenier.«
Der Sizilianer verbarg seinen Spiegel wieder unter dem Mantel. »War es dieselbe Person, die Sie meinen?« fragte die ganze Gesellschaft den Prinzen.
»Die nämliche«
Hier veränderte sich jedes Gesicht, man hörte auf zu lachen. Alle Augen hingen neugierig an dem Sizilianer.
»Monsieur l'Abbè, das Ding wird ernsthaft«, sagte der Engländer; »ich rate Ihnen auf den Rückzug zu denken.«
»Der Kerl hat den Teufel im Leibe«, schrie der Franzose und lief aus dem Hause, die Frauenzimmer stürzten mit Geschrei aus dem Saal, der Virtuose folgte ihnen. Der deutsche Domherr schnarchte in einem Sessel, der Russe blieb, wie bisher, gleichgültig sitzen.
»Sie wollten vielleicht nur einen Großsprecher zum Gelächter machen«, fing der Prinz wieder an, nachdem jene hinaus waren, »oder hätten Sie wohl Lust, uns Wort zu halten?«
»Es ist wahr«, sagte der Sizilianer. »Mit dem Abbè war es mein Ernst nicht, ich machte ihm den Antrag nur, weil ich wohl wußte, daß die Memme mich nicht beim Wort nehmen würde. Die Sache selbst ist übrigens zu ernsthaft, um bloß einen Scherz damit auszuführen.«
»Sie räumen also doch ein, daß sie in Ihrer Gewalt ist?«
Der Magier schwieg eine lange Zeit und schien den Prinzen sorgfältig mit den Augen zu prüfen.
»Ja«, antwortete er endlich.
Die Neugierde des Prinzen war bereits auf den höchsten Grad gespannt. Mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen, war ehedem seine Lieblingsschwärmerei gewesen, und seit jener ersten Erscheinung des Armeniers hatten sich alle Ideen wieder bei ihm gemeldet, die seine reifere Vernunft und eine bessere Lektüre so lange abgewiesen hatten. Er ging mit dem Sizilianer beiseite, und ich hörte ihn sehr angelegentlich mit ihm unterhandeln.
»Sie haben hier einen Mann vor sich«, fuhr er fort, »der von Ungeduld brennt, in dieser wichtigen Materie es zu einer Überzeugung zu bringen. Ich würde denjenigen als meinen Wohltäter, als meinen ersten Freund umarmen, der hier meine Zweifel zerstreute und die Decke von meinen Augen zöge — Wollen Sie sich dieses große Verdienst um mich erwerben?«
»Was verlangen Sie von mir?« sagte der Magier mit Bedenken.
»Für jetzt nur eine Probe Ihrer Kunst. Lassen Sie mich eine Erscheinung sehen.«
»Wozu soll das führen?«
»Dann mögen Sie aus meiner näheren Bekanntschaft urteilen, ob ich eines höhern Unterrichts wert bin.«
»Ich schätze Sie über alles, gnädigster Prinz. Eine geheime Gewalt in ihrem Angesichte, die Sie selbst noch nicht kennen, hat mich beim ersten Anblick an Sie gebunden. Sie sind mächtiger, als Sie selbst wissen. Sie haben unbeschränkt über meine ganze Gewalt zu gebieten — aber —«
»Also lassen Sie mich eine Erscheinung sehen.«
»Aber ich muß erst gewiß sein, daß Sie diese Forderung nicht aus Neugierde an mich machen. Wenngleich die unsichtbaren Kräfte mir einigermaßen zu Willen sind, so ist es unter der heiligen Bedingung, daß ich die heiligen Geheimnisse nicht profaniere, daß ich meine Gewalt nicht mißbrauche.«
»Meine Absichten sind die reinsten. Ich will Wahrheit.«
Hier verließen sie ihren Platz und traten zu einem entfernten Fenster, wo ich sie nicht weiter hören konnte. Der Engländer, der diese Unterredung gleichfalls mit angehört hatte, zog mich auf die Seite.
»Ihr Prinz ist ein edler Mann. Es tut mir leid um ihn. Ich verwette meine Seele, daß er mit einem Schurken zu tun hat.«
»Es wird darauf ankommen«, sagte ich, »wie er sich aus dem Handel zieht.«
»Wissen Sie was7«, sagte der Engländer. »Jetzt macht der arme Teufel sich kostbar. Er wird seine Kunst nicht auskramen, bis er Geld klingen hört. Es sind unser neune. Wir wollen eine Kollekte machen und ihn durch einen hohen Preis in Versuchung führen. Das bricht ihm den Hals und öffnet Ihrem Prinzen die Augen.«
»Ich bin's zufrieden.«
Der Engländer warf sechs Guineen auf einen Teller und sammelte in der Reihe herum. Jeder gab einige Louis; den Russen besonders schien unser Vorschlag ungemein zu interessieren, er legte eine Banknote von hundert Zechinen auf den Teller — eine Verschwendung, über welche der Engländer erstaunte. Wir brachten die Kollekte dem Prinzen. »Haben Sie die Güte«, sagte der Engländer, »bei diesem Herrn für uns fürzusprechen«, daß er uns eine Probe seiner Kunst sehen lasse und diesen kleinen Beweis unsrer Erkenntlichkeit annehme.« Der Prinz legte noch einen kostbaren Ring auf den Teller und reichte ihn dem Sizilianer. Dieser bedachte sich einige Sekunden. — »Meine Herrn und Gönner«, fing er darauf an, »dieser Großmut beschämt mich. — Es scheint, daß Sie mich verkennen — aber ich gebe Ihrem Verlangen nach. Ihr Wunsch soll erfüllt werden« (indem er eine Glocke zog). »Was dieses Gold betrifft, worauf ich selber kein Recht habe, so werden sie mir erlauben, daß ich es in dem nächsten Benediktinerkloster für milde Stiftungen niederlege. Diesen Ring behalte ich als ein schätzbares Andenken, das mich an den würdigsten Prinzen erinnern soll.«
Hier kam der Wirt, dem er das Geld sogleich überlieferte.
»Und er ist dennoch ein Schurke«, sagte mir der Engländer ins Ohr. »Das Geld schlägt er aus, weil ihm jetzt mehr an dem Prinzen gelegen ist.«
»Oder der Wirt versteht seinen Auftrag«, sagte ein anderer.
»Wen verlangen Sie?« fragte jetzt der Magier den Prinzen.
Der Prinz besann sich einen Augenblick — »Lieber gleich einen großen Mann«, rief der Lord. »Fordern Sie den Papst Ganganelli. Dem Herrn wird das gleich wenig kosten.«
Der Sizilianer biß sich in die Lippen — »Ich darf keinen zitieren, der die Weihen empfangen hat.«
»Das ist schlimm«, sagte der Engländer. »Vielleicht hätten wir von ihm erfahren, an welcher Krankheit er gestorben ist.«
»Der Marquis von Lanoy«, nahm der Prinz jetzt das Wort, »war französischer Brigadier im vorigen Kriege und mein vertrautester Freund. In der Bataille bei Hastenbeck empfing er eine tödliche Wunde, man trug ihn nach meinem Zelte, wo er bald darauf in meinen Armen starb. Als er schon mit dem Tode rang, winkte er mich noch zu sich. ›Prinz‹, fing er an, ›Ich werde mein Vaterland nicht wiedersehn, erfahren Sie also ein Geheimnis, wozu niemand als ich den Schlüssel hat. In einem Kloster an der flandrischen Grenze lebt eine — ‹ — hier verschied er. Die Hand des Todes zertrennte den Faden seiner Rede; ich möchte ihn hier haben und die Fortsetzung hören.«
»Viel gefordert, bei Gott«, rief der Engländer. »Ich erkläre Sie für einen zweiten Salomo, wenn Sie diese Aufgabe lösen.«
Wir bewunderten die sinnreiche Wahl des Prinzen und gaben ihr einstimmig unsern Beifall. Unterdessen ging der Magier mit starken Schritten auf und nieder und schien unentschlossen mit sich selbst zu kämpfen.
»Und das war alles, was der Sterbende Ihnen hinterlassen hat?«
»Alles.«
»Taten Sie keine weiteren Nachfragen deswegen in seinem Vaterlande?«
»Sie waren alle vergebens.«
»Der Marquis von Lanoy hat untadelhaft gelebt? — Ich darf nicht jeden Toten rufen.«
»Er starb mit Reue über die Ausschweifungen seiner Jugend.«
»Tragen Sie irgend etwa ein Andenken bei sich?«
»Ja.« (Der Prinz führte wirklich eine Tabatiere bei sich, worauf das Miniaturbild des Marquis in Emaille war, und die er bei der Tafel neben sich hatte liegen gehabt.)
»Ich verlange es nicht zu wissen — — Lassen Sie mich allein. Sie sollen den Verstorbenen sehen.«
Wir wurden gebeten, uns so lange in den andern Pavillon zu begeben, bis er uns rufen würde. Zugleich ließ er alle Möbel aus dem Saale räumen, die Fenster ausheben und die Läden auf das genaueste verschließen. Dem Wort, mit dem er schon vertraut zu sein schien, befahl er, ein Gefäß mit glühenden Kohlen zu bringen und alle Feuer im Hause sorgfältig mit Wasser zu löschen. Ehe wir weggingen, nahm er von jedem insbesondre das Ehrenwort, ein ewiges Stillschweigen über das zu beobachten, was wir sehen und hören würden. Hinter uns wurden alle Zimmer auf diesem Pavillon verriegelt.
Es war nach elf Uhr, und eine tiefe Stille herrschte im ganzen Hause. Beim Hinausgehen fragte mich der Russe, ob wir geladene Pistolen bei uns hätten? — »Wozu?« sagte ich. — »Es ist auf alle Fälle«, versetzte er. »Warten Sie einen Augenblick, ich will mich darnach umsehen.« Er entfernte sich. Der Baron von Freihardt und ich öffneten ein Fenster, das jenem Pavillon gegenüber sah, und es kam uns vor, als hörten wir zwei Menschen zusammen flüstern und ein Geräusch, als ob man eine Leiter anlegte. Doch war das nur eine Mutmaßung, und ich getraute mich nicht, sie für wahr auszugeben. Der Russe kam mit einem Paar Pistolen zurück, nachdem er eine halbe Stunde ausgeblieben war. Wir sahen ihn scharf laden. Es war beinahe zwei Uhr, als der Magier wieder erschien und uns ankündigte, daß es Zeit wäre. Ehe wir hineintraten, ward uns befohlen, die Schuhe auszuziehen und im bloßen Hemde, Strümpfe und Unterkleidern zu erscheinen. Hinter uns wurde, wie das erstemal, verriegelt.
Wir fanden, als wir in den Saal zurückkamen, mit einer Kohle einen weiten Kreis beschrieben, der uns alle zehn bequem fassen konnte. Rings herum an allen vier Wänden des Zimmers waren die Dielen weggehoben, daß wir gleichsam auf einer Insel standen. Ein Altar, mit schwarzem Tuch behangen, stand mitten im Kreis errichtet, unter welchem ein Teppich von rotem Atlas gebreitet war. Eine chaldäische Bibel lag bei einem Totenkopf aufgeschlagen auf dem Altar, und ein silbernes Kruzifix war darauf festgemacht. Statt der Kerzen brannte Spiritus in einer silbernen Kapsel. Ein dicker Rauch von Olibanum verfinsterte den Saal, wovon das Licht beinahe erstickte. Der Beschwörer war entkleidet wie wir, aber barfuß; um den bloßen Hals trug er ein Amulett an einer Kette von Menschenhaaren, um die Lenden hatte er eine weiße Schürze geschlagen, die mit geheimen Chiffren und symbolischen Figuren bezeichnet war. Er hieß uns einander die Hände reichen und eine tiefe Stille beobachten; vorzüglich empfahl er uns, ja keine Frage an die Erscheinung zu tun. Den Engländer und mich (gegen uns beide schien er das meiste Mißtrauen zu hegen) ersuchte er, zwei bloße Degen unverrückt und kreuzweise einen Zoll hoch über seinem Scheitel zu halten, solange die Handlung dauern würde. Wir standen in einem halben Mond um ihn herum; der russische Offizier drängte ich dicht an den Engländer und stand zunächst an dem Altar. Das Gesicht gegen Morgen gerichtet, stellte sich der Magier jetzt auf den Teppich, sprengte Weihwasser nach allen vier Weltgegenden und neigte sich dreimal gegen die Bibel. Eine halbe Viertelstunde dauerte die Beschwörung, von welcher wir nichts verstanden; nach Endigung derselben gab er denen, die zunächst hinter ihm standen, ein Zeichen, daß sie ihn jetzt fest bei den Haaren fassen sollten. Unter den heftigsten Zuckungen rief er den Verstorbenen dreimal mit Namen, und das drittemal streckte er nach dem Kruzifix die Hand aus — — —
Auf einmal empfanden wir alle zugleich einen Streich wie vom Blitze, daß unsere Hände auseinanderflogen; ein plötzlicher Donnerschlag erschütterte das Haus, alle Schlösser klangen, alle Türen schlugen zusammen, der Deckel an der Kapsel fiel zu, das Licht löschte aus, und an der Wand über dem Kamine zeigte sich eine menschliche Figur, in blutigem Hemde, bleich, und mit dem Gesicht eines Sterbenden.
»Wer ruft mich?« sagte eine hohle, kaum hörbare Stimme.
»Dein Freund«, antwortete der Beschwörer, »der dein Andenken ehrt und für deine Seele betet.« Dabei nannte er den Namen des Prinzen.
Die Antworten erfolgten immer nach einem sehr großen Zwischenraum.
»Was verlangt er?« fuhr diese Stimme fort.
»Dein Bekenntnis will er zu Ende hören, das du in dieser Welt angefangen und nicht beschlossen hast.«
»In einem Kloster auf der flandrischen Grenze lebt — —«
Hier erzitterte das Haus von neuem. Die Türe sprang freiwillig unter einem heftigen Donnerschlag auf, ein Blitz erleuchtete das Zimmer, und eine andere körperliche Gestalt, blutig und blaß wie die erste, aber schrecklicher, erschien an der Schwelle. Der Spiritus fing von selbst wieder an zu brennen, und der Saal wurde hell wie zuvor.
»Wer ist unter uns?« rief der Magier erschrocken und warf einen Blick des Entsetzens durch die Versammlung. »Dich hab ich nicht gewollt.«
Die Gestalt ging mit majestätischem, leisem Schritt gerade auf den Altar zu, stellte sich auf den Teppich, uns gegenüber, und faßte das Kruzifix. Die erste Figur sahen wir nicht mehr.
»Wer ruft mich?« fragte diese zweite Erscheinung.
Der Magier fing an, heftig zu zittern. Schrecken und Erstaunen hatten uns gefesselt. Ich griff nach einer Pistole, der Magier riß mir sie aus der Hand und drückte sie auf die Gestalt ab. Die Kugel rollte langsam auf dem Altar, und die Gestalt trat unverändert aus dem Rauche. Jetzt sank der Magier ohnmächtig nieder.
»Was wird das?« rief der Engländer voll Erstaunen und wollte einen Streich mit dem Degen nach ihr tun. Die Gestalt berührte seinen Arm, und die Klinge fiel zu Boden. Hier trat der Angstschweiß auf meine Stirn. Baron Freihardt gestand uns nachher, daß er gebetet habe. Diese ganze Zeit über stand der Prinz furchtlos und ruhig, die Augen starr auf die Erscheinung gerichtet.
»Ja! Ich erkenne dich«, rief er endlich voll Rührung aus, »du bist Lanoy, du bist mein Freund — — Woher kommst du?«
»Die Ewigkeit ist stumm. Frage mich aus dem vergangenen Leben.«
»Wer lebt in dem Kloster, das du mir bezeichnet hast?«
»Meine Tochter.«
»Wie? Du bist Vater gewesen?«
»Weh mir, daß ich es zu wenig war!«
»Bist du nicht glücklich, Lanoy?«
»Gott hat gerichtet.«
»Kann ich dir auf dieser Welt noch einen Dienst erzeigen?«
»Keinen, als an dich selbst zu denken.«
»Wie muß ich das?«
»In Rom wirst du es erfahren.«
Hier erfolgte ein neuer Donnerschlag — eine schwarze Rauchwolke erfüllte das Zimmer; als sie zerflossen war, fanden wir keine Gestalt mehr. Ich stieß einen Fensterladen auf. Es war Morgen.
Jetzt kam auch der Magier aus seiner Betäubung zurück. »Wo sind wir7« rief er aus, als er das Tageslicht erblickte. Der russische Offizier stand dicht hinter ihm und sah ihm über die Schulter. »Taschenspieler«, sagte er mit schrecklichem Blick zu ihm, »du wirst keinen Geist mehr rufen.«
Der Sizilianer drehte sich um, sah ihm genauer ins Gesicht, tat einen lauten Schrei und stürzte zu seinen Füßen.
Jetzt sahen wir alle auf einmal den vermeintlichen Russen an. Der Prinz erkannte in ihm ohne Mühe die Züge seines Armeniers wieder, und das Wort, das er eben hervorstottern wollte, erstarb auf seinem Munde. Schrecken und Überraschung hatten uns alle versteinert. Lautlos und unbeweglich starren wir dieses geheimnisvolle Wesen an, das uns mit einem Blicke stiller Gewalt und Größe durchschaute. Eine Minute dauerte dies Schweigen — und wieder eine. Kein Odem war in der ganzen Versammlung.
Einige kräftige Schläge an die Türe brachten uns endlich wieder zu uns selbst. Die Tür fiel zertrümmert in den Saal, und herein drangen Gerichtsdiener und Wachen. »Hier finden wir sie ja beisammen!« rief der Anführer und wandte sich zu seinen Begleitern. »Im Namen der Regierung.« rief er uns zu. »Ich verhafte euch.« Wir hatten nicht so viel Zeit, uns zu besinnen; in wenigen Augenblicken waren wir umringt. Der russische Offizier, den ich jetzt wieder den Armenier nenne, zog den Anführer der Häscher auf die Seite, und soviel mir die Verwirrung zuließ, bemerkte ich, daß er ihm einige Worte heimlich ins Ohr sagte und etwas Schriftliches vorzeigte. Sogleich verließ ihn der Häscher mit einer stummen und ehrerbietigen Verbeugung, wandte sich darauf zu uns und nahm seinen Hut ab. »Vergeben Sie, meine Herren«, sagte er, daß ich Sie mit diesem Betrüger vermengen konnte. Ich will nicht fragen, wer Sie sind — aber dieser Herr versichert mir, daß ich Männer von Ehre vor mir habe.« Zugleich winkte er seinen Begleitern, von uns abzulassen. Den Sizilianer befahl er wohl zu bewachen und zu binden. »Der Bursche da ist überreif«, setzte er hinzu. »Wir haben schon sieben Monate auf ihn gelauert.«
Dieser elende Mensch war wirklich ein Gegenstand des Jammers. Der doppelte Schrecken der zweiten Geistererscheinung und dieses unerwarteten Überfalls hatten seine Besinnungskraft überwältigt. Er ließ sich binden wie ein Kind; die Augen lagen weit aufgesperrt und stier in einem totenähnlichen Gesichte, und seine Lippen bebten in stillen Zuckungen, ohne einen Laut auszustoßen. Jeden Augenblick erwarteten wir einen Ausbruch von Konvulsionen. Der Prinz fühlte Mitleid mit seinem Zustand und unternahm es, seine Loslassung bei dem Gerichtsdiener auszuwirken, dem er sich zu erkennen gab.
»Gnädigster Herr«, sagte dieser, »wissen Sie auch, wer der Mensch ist, für welchen Sie sich so großmütig verwenden? Der Betrug, den er Ihnen zu spielen gedachte, ist sein geringstes Verbrechen. Wir haben seine Helfershelfer. Sie sagen abscheuliche Dinge von ihm aus. Er mag sich noch glücklich preisen, wenn er mit der Galeere davonkommt.«
Unterdessen sahen wir auch den Wirt nebst seinen Hausgenossen mit Stricken gebunden über den Hof führen. — »Auch dieser?« rief der Prinz. »Was hat denn dieser verschuldet?« — »Er war sein Mitschuldiger und Hehler«, antwortete der Anführer der Häscher, »der ihm zu seinen Taschenspielerstückchen und Diebereien behilflich gewesen und seinen Raub mit ihm geteilt hat. Gleich sollen Sie überzeugt sein, gnädigster Herr« (indem er sich zu seinen Begleitern kehrte). »Man durchsuche das ganze Haus und bringe mir sogleich Nachricht, was man gefunden hat.«
Jetzt sah sich der Prinz nach dem Armenier um — aber er war nicht mehr vorhanden; in der allgemeinen Verwirrung, welche dieser Überfall anrichtete, hatte er Mittel gefunden, sich unbemerkt zu entfernen. Der Prinz war untröstlich; gleich wollte er ihm alle seine Leute nachschicken; er selbst wollte ihn aufsuchen und mich mit sich fortreißen. Ich eilte ans Fenster; das ganze Haus war von Neugierigen umringt, die das Gerücht dieser Begebenheit herbeigeführt hatte. Unmöglich war es, durch das Gedränge zu kommen. Ich stellte dem Prinzen dieses vor: »Wenn es diesem Armenier ernst ist, sich vor uns zu verbergen, so weiß er unfehlbar die Schliche besser als wir, und alle unsere Nachforschungen werden vergebens sein. Lieber lassen Sie uns noch hierbleiben, gnädigster Prinz. Vielleicht kann uns dieser Gerichtsdiener etwas Näheres von ihm sagen, dem er sich, wenn ich anders recht gesehen, entdeckt hat.«
Jetzt erinnerten wir uns, daß wir noch ausgekleidet waren. Wir eilten nach unserm Zimmer, uns in der Geschwindigkeit in unsre Kleider zu werfen. Als wir zurückkamen, war die Haussuchung beendet.
Nachdem man den Altar weggeräumt und die Dielen des Saals aufgebrochen, entdeckte man ein geräumiges Gewölbe, worin ein Mensch gemächlich aufrecht sitzen konnte, mit einer Türe versehen, die durch eine schmale Treppe nach dem Keller führte. In diesem Gewölbe fand man eine Elektrisiermaschine, eine Uhr und eine kleine silberne Glocke, welche letztere, so wie die Elektrisiermaschine, mit dem Altar und dem darauf befestigten Kruzifixe Kommunikation hatte. Ein Fensterladen, der dem Kamine gerade gegenüber stand, war durchbrochen und mit einem Schieber versehen, um, wie wir nachher erfuhren, eine magische Laterne in seine Öffnung einzupassen, aus welcher die verlangte Gestalt auf die Wand über dem Kamine geworfen war. Vom Dachboden und aus dem Keller brachte man verschiedene Trommeln, woran große bleierne Kugeln an Schnüren befestigt hingen, wahrscheinlich um das Geräusch des Donners hervorzubringen, das wir gehört hatten. Als man die Kleider des Sizilianers durchsuchte, fand man in einem Etui verschiedene Pulver, wie auch Quecksilber in Phiolen und Büchsen, Phosphor in einer gläsernen Flasche, einen Ring, den wir gleich für einen magnetischen erkannten, weil er an einem stählernen Knopfe hängen blieb, dem er von ungefähr nahegebracht worden, in den Rocktaschen ein Paternoster, einen Judenbart, Terzerole und einen Dolch. »Laß doch sehen, ob sie geladen sind!« sagte einer von den Häschern, in dem er eines von den Terzerolen nahm und ins Kamin abschoß.
»Jesus Maria!« rief eine hohle menschliche Stimme, eben die, welche wir von der ersten Erscheinung gehört hatten — und in demselben Augenblick sahen wir einen blutenden Körper aus dem Schlot herunterstürzen. — »Noch nicht zur Ruhe, armer Geist?« rief der Engländer, während wir andern mit Schrecken zurückfuhren. »Gehe heim zu deinem Grabe. Du hast geschienen, was du nicht warst; jetzt wirst du sein, was du schienest.«
»Jesus Maria! Ich bin verwundet«, wiederholte der Mensch im Kamine. Die Kugel hatte ihm das rechte Bein zerschmettert. Sogleich sorgte man, daß die Wunde verbunden wurde.
»Aber wer bist du denn, und was für ein böser Dämon muß dich hierher führen?«
»Ein armer Barfüßer«, antwortete der Verwundete. »Ein fremder Herr hat mir eine Zechine geboten, daß ich —«
»Eine Formel hersagen sollte? Und warum hast du dich denn nicht gleich wieder davongemacht?«
»Er wollte mir ein Zeichen geben, wenn ich fortfahren sollte; aber das Zeichen blieb aus, und wie ich hinaussteigen wollte, war die Leiter weggezogen.«
»Und wie heißt denn die Formel, die er dir eingelernt hat?«
Der Mensch bekam hier eine Ohnmacht, daß nichts weiter aus ihm herauszubringen war. Als wir ihn näher betrachteten, erkannten wir ihn für denselben, der sich dem Prinzen den Abend vorher in den Weg gestellt und ihn so feierlich angeredet hatte.
Unterdessen hatte sich der Prinz zu dem Anführer der Häscher gewendet.
»Sie haben uns«, sagte er, indem er ihm zugleich einige Goldstücke in die Hand drückte, »Sie haben uns aus den Händen eines Betrügers gerettet und uns, ohne uns noch zu kennen, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wollen Sie nun unsre Verbindlichkeit vollkommen machen und uns entdecken, wer der Unbekannte war, den es nur ein paar Worte kostete, uns in Freiheit zu setzen?«
»Wen meinen Sie?« fragte der Anführer der Häscher mit einer Miene, die deutlich zeigte, wie unnötig diese Frage war.
»Den Herrn in russischer Uniform meine ich, der Sie vorhin beiseite zog, Ihnen etwas Schriftliches vorwies und einige Worte ins Ohr sagte, worauf Sie uns sogleich wieder losgaben.«
»Sie kennen diesen Herrn also nicht?« fragte der Häscher wieder. »Er war nicht von ihrer Gesellschaft?«
»Nein«, sagte der Prinz, »aber aus sehr wichtigen Ursachen wünschte ich, näher mit ihm bekannt zu werden.«
»Näher«, antwortete der Häscher, »kenn ich ihn auch nicht. Sein Name selbst ist mir unbekannt, und heute hab ich ihn zum erstenmal in meinem Leben gesehn.«
»Wie? Und in so kurzer Zeit, durch ein paar Worte konnte er so viel über Sie vermögen, daß Sie ihn selbst und uns alle für unschuldig erklären?«
»Allerdings, durch ein einziges Wort.«
»Und dieses war? — Ich gestehe, daß ich es wissen möchte.« »Dieser Unbekannte, gnädigster Herr« — indem er die Zechinen in seiner Hand wog — »Sie sind zu großmütig gegen mich gewesen, um Ihnen länger ein Geheimnis daraus zu machen — dieser Unbekannte war — ein Offizier der Staatsinquisition.«
»Der Staatsinquisition! — Dieser!«
»Nicht anders, gnädigster Herr — und davon überzeugte mich das Papier, welches er mir vorzeigte.«
»Dieser Mensch, sagten Sie? Es ist nicht möglich.«
»Ich will Ihnen noch mehr sagen, gnädigster Herr. Eben dieser war es, auf dessen Befehl ich hierher geschickt worden bin, den Geisterbeschwörer zu verhaften.«
Wir sahen uns mit noch größerm Erstaunen an.
»Da hätten wir es ja heraus«, rief endlich der Engländer, »warum der arme Teufel von Beschwörer so erschrocken zusammenfuhr, als er ihm näher ins Gesicht sah. Er erkannte ihn für einen Spion, und darum tat er jenen Schrei und stürzte zu seinen Füßen.«
»Nimmermehr«, rief der Prinz. »Dieser Mensch ist alles, was er sein will, und alles, was der Augenblick will, daß er sein soll. Was er wirklich ist, hat noch kein Sterblicher erfahren. Sahen Sie den Sizilianer zusammensinken, als er ihm die Worte ins Ohr schrie: › Du wirst keinen Geist mehr rufen!‹ Dahinter ist mehr! Daß man vor etwas Menschlichem so zu erschrecken pflegt, soll mich niemand überreden.«
»Darüber wird uns der Magier selbst wohl am besten zurechtweisen können«, sagte der Lord, »wenn uns dieser Herr« — sich zu dem Anführer der Gerichtsdiener wendend — »Gelegenheit verschaffen will, seinen Gefangenen zu sprechen.«
Der Anführer der Häscher versprach es uns, und wir redeten mit dem Engländer ab, daß wir ihn gleich den andern Morgen aufsuchen wollten. Jetzt begaben wir uns nach Venedig zurück.
Mit dem frühesten Morgen war Lord Seymour da (dies war der Name des Engländers), und bald nachher erschien eine vertraute Person, die der Gerichtsdiener abgeschickt hatte, uns nach dem Gefängnis zu führen.
Ich habe vergessen, zu erzählen, daß der Prinz schon seit etlichen Tagen einen seiner Jäger vermißte, einen Bremer von Geburt, der ihm viele Jahre redlich gedient und sein ganzes Vertrauen besessen hatte. Ob er verunglückt oder gestohlen oder auch entlaufen war, wußte niemand. Zu dem letzteren war gar kein wahrscheinlicher Grund vorhanden, weil er jederzeit ein stiller und ordentlicher Mensch gewesen und nie ein Tadel an ihm gefunden war. Alles, worauf seine Kameraden sich besinnen konnten, war, daß er in der letzten Zeit sehr schwermütig gewesen und, wo er nur einen Augenblick erhaschen konnte, ein gewisses Minoritenkloster in der Guidecca besucht habe, wo er auch mit einigen Brüdern öfters Umgang gepflegt habe. Dies brachte uns auf die Vermutung, daß er vielleicht in die Hände der Mönche geraten sein möchte und sich katholisch gemacht hätte. Weil der Prinz über solche Fragen sehr tolerant oder sehr gleichgültig dachte, so ließ er's bei einigen fruchtlosen Nachforschungen bewenden. Doch schmerzte ihn der Verlust dieses Menschen, der ihm auf seinen Feldzügen immer zur Seite gewesen, immer treu an ihm gehangen und in einem fremden Lande so leicht nicht wieder zu ersetzen war. Heute nun, als wir eben im Begriff standen auszugehen, ließ sich der Bankier des Prinzen melden, an den der Auftrag ergangen war, für einen neuen Bedienten zu sorgen. Dieser stellte dem Prinzen einen gut gebildeten und wohlgekleideten Menschen in mittlern Jahren vor, der lange Zeit in Diensten eines Prokurators als Sekretär gestanden habe, Französisch und auch etwas Deutsch sprach, übrigens mit den besten Zeugnissen versehen war. Seine Physiognomie gefiel, und da er erklärte, daß sein Gehalt von der Zufriedenheit des Prinzen mit seinen Diensten abhängen sollte, so ließ er ihn ohne Verzug eintreten.
Wir fanden den Sizilianer in einem Privatgefängnis, wohin er, dem Prinzen zu Gefallen, wie der Gerichtsdiener sagte, einstweilen gebracht worden war, ehe er unter die Bleidächer gesetzt wurde, zu denen kein Zugang mehr offen steht. Diese Bleidächer sind das fürchterlichste Gefängnis in Venedig unter dem Dach des St.-Markus-Palastes, worin die unglücklichen Verbrecher von der dörrenden Sonnenhitze, die sich auf der Bleifläche sammelt, oft bis zum Wahnwitze leiden. Der Sizilianer hatte sich von dem gestrigen Zufalle wieder erholt und stand ehrerbietig auf, als er des Prinzen ansichtig wurde. Ein Bein und eine Hand waren gefesselt, sonst aber konnte er frei durch das Zimmer gehen. Bei unserm Eintritt entfernte sich die Wache vor die Türe.
»Ich komme«, sagte der Prinz, nachdem wir Platz genommen hatten, »über zwei Punkte Erklärung von Ihnen zu verlangen. Die eine sind Sie mir schuldig, und es wird Ihr Schaden nicht sein, wenn Sie mich über den andern befriedigen.«
»Meine Rolle ist ausgespielt«, versetzte der Sizilianer. »Mein Schicksal steht in ihren Händen.«
»Ihre Aufrichtigkeit allein«, versetzte der Prinz, »kann es erleichtern.«
»Fragen Sie gnädigster Herr. Ich bin bereit, zu antworten, denn ich habe nichts mehr zu verlieren.«
»Sie haben mich das Gesicht des Armeniers in Ihrem Spiegel sehen lassen. Wodurch bewirkten Sie dieses?«
»Es war kein Spiegel, was Sie gesehen haben. Ein bloßes Pastellgemälde hinter einem Glas, das einen Mann in armenischer Kleidung vorstellte, hat Sie getäuscht. Meine Geschwindigkeit, die Dämmerung, Ihr Erstaunen unterstützten diesen Betrug. Das Bild wird sich unter den übrigen Sachen finden, die man in dem Gasthof in Beschlag genommen hat.«
»Aber wie konnten Sie meine Gedanken so gut wissen und gerade auf den Armenier raten?«
»Dieses war gar nicht schwer, gnädigster Herr. Ohne Zweifel haben Sie sich bei Tische in Gegenwart Ihrer Bedienten über die Begebenheit öfters ausgelassen, die sich zwischen Ihnen und diesem Armenier ereignet hat. Einer von meinen Leuten machte mit einem Jäger, der in Ihren Diensten steht, zufälligerweise in der Giudecca Bekanntschaft, aus welchem er nach und nach so viel zu ziehen wußte, als mir zu wissen nötig war.«
»Wo ist dieser Jäger?« fragte der Prinz. Ich vermisse ihn, und ganz gewiß wissen Sie um seine Entweichung.«
»Ich schwöre Ihnen, daß ich nicht das geringste davon weiß, gnädigster Herr. Ich selbst habe ihn nie gesehen und nie eine andre Absicht mit ihm gehabt als die eben gemeldete.«
»Fahren Sie fort«, sagte der Prinz.
»Auf diesem Wege nun erhielt ich überhaupt auch die erste Nachricht von Ihrem Aufenthalt und Ihren Begebenheiten in Venedig, und sogleich entschloß ich mich, sie zu nützen. Sie sehen, gnädigster Herr, daß ich aufrichtig bin. Ich wußte von Ihrer geplanten Spazierfahrt auf der Brenta; ich hatte mich darauf vorbereitet. Ein Schlüssel, der Ihnen von ungefähr entfiel, gab mir die erste Gelegenheit, meine Kunst an Ihnen zu versuchen.«
»Wie? So hätte ich mich also geirrt? Das Stückchen mit dem Schlüssel war Ihr Werk und nicht des Armeniers? Der Schlüssel, sagen Sie, wäre mir entfallen?«
»Als Sie die Börse zogen — und ich nahm den Augenblick wahr, da mich niemand beobachtete, ihn schnell mit dem Fuße zu verdecken. Die Person, bei der Sie die Lotterielose nahmen, war im Einverständnis mit mir. Sie ließ Sie aus einem Gefäße ziehen, wo keine Niete zu holen war, und der Schlüssel lag längst in der Dose, ehe sie von Ihnen gewonnen wurde.»
»Nunmehr begreif ich's. Und der Barfüßermönch, der sich mir in den Weg warf und mich so feierlich anredete?«
»War der nämliche, den man, wie ich höre, verwundet aus dem Kamine gezogen. Es ist einer von meinen Kameraden, der mir unter dieser Verhüllung schon manche gute Dienste leistete.«
»Aber zu welchem Ende stellten Sie dieses an?«
»Um Sie nachdenkend zu machen — um einen Gemütszustand in Ihnen vorzubereiten, der Sie für das Wunderbare, das ich mit Ihnen im Sinn hatte, empfänglich machen sollte.«
»Aber der pantomimische Tanz, der eine so überraschende seltsame Wendung nahm — dieser war doch wenigstens nicht von Ihrer Erfindung?«
»Das Mädchen, welches die Königin vorstellte, war von mir unterrichtet und ihre ganze Rolle mein Werk. Ich vermutete, daß es Eure Durchlaucht nicht wenig befremden würde, an diesem Orte gekannt zu sein, und, verzeihen Sie mir, gnädigster Herr, das Abenteuer mit dem Armenier ließ mich hoffen, daß sie bereits schon geneigt sein würden, natürliche Auslegungen zu verschmähen und nach höheren Quellen des Außerordentlichen zu spüren.«
»In der Tat«, rief der Prinz mit einer Miene zugleich des Verdrusses und der Verwunderung, indem er mir besonders einen bedeutenden Blick gab, »in der Tat«, rief er aus, »das habe ich nicht erwartet.«[1]
[1] Und wahrscheinlich auch die wenigsten der Leser. Diese zu den Füßen des Prinzen so unerwartet und so feierlich niedergelegte Krone, mit der vorhergehenden Prophezeiung des Armeniers zusammen genommen, scheint so natürlich und ungezwungen auf einen gewissen Zweck zu zielen, daß mir beim ersten Lesen dieser Memoiren sogleich die verfängliche Anrede der Zauberschwestern in Macbeth: Heil Dir Than von Glamis, der einst König sein wird! dabei eingefallen ist; und vermutlich ist es mehreren so ergangen. Wenn eine gewisse Vorstellung auf eine feierliche und ungewöhnliche Art in die Seele gebracht worden ist, so kann es nicht fehlen, daß alle darauffolgenden, welche nur der geringsten Beziehung auf sie fähig sind, sich an dieselbe anschließen und in einem gewissen Rapport mit ihr setzen. Der Sizilianer, der, wie es scheint, mit der ganzen Sache nicht mehr und nicht weniger gewollt hat, als den Prinzen dadurch zu überraschen, daß er ihn nicht merken ließ, sein Stand sei entdeckt, hat dem Armenier, ohne daran zu denken, in die Hand gearbeitet; aber so sehr die Sache auch an Interesse verliert, wenn man den höheren Zweck zurücknimmt, auf welchen sie anfangs angelegt schien, so wenig darf ich doch der historischen Wahrheit zu nahe treten, und ich erzähle das Faktum, wie ich es gefunden. Der Herausgeber: Friedrich v. Schiller.
»Aber«, fuhr er nach einem langen Stillschweigen fort, »wie brachten Sie die Gestalt hervor, die an der Wand über dem Kamin erschien?«
»Durch die Zauberlaterne, welche an dem gegenüberstehenden Fensterladen angebracht war, wo Sie auch die Öffnung dazu bemerkt haben werden.«
»Aber wie kam es, daß kein einziger unter uns sie gewahr wurde?« fragte Lord Seymour.
»Sie erinnern sich, gnädigster Herr, daß ein dicker Rauch von Olibanum den ganzen Saal verfinsterte, als Sie zurückgekommen waren. Zugleich hatte ich die Vorsicht gebraucht, die Dielen, welche man weggehoben, neben demjenigen Fenster anlehnen zu lassen, wo die Laterna magica eingefügt war; dadurch verhinderte ich, daß Ihnen dieser Fensterladen sogleich ins Gesicht fiel. Übrigens blieb die Laterne auch so lange durch einen Schieber verdeckt, bis Sie alle Ihre Plätze eingenommen hatten und keine Untersuchung im Zimmer mehr von Ihnen zu fürchten war.«
»Mir kam vor«, fiel ich ein, »als hörte ich in der Nähe dieses Saals eine Leiter anlegen, als ich in dem andern Pavillon aus dem Fenster emporkletterte, um die Zauberlaterne zu dirigieren.«
»Die Gestalt«, fuhr der Prinz fort, »schien wirklich eine flüchtige Ähnlichkeit mit meinem verstorbenen Freunde zu haben; besonders traf es zu, daß sie sehr blond war. War dieses bloßer Zufall, oder woher schöpften Sie die Ähnlichkeit?«
»Eure Durchlaucht erinnern sich, daß Sie über Tische eine Dose neben sich liegen hatten, auf welcher das Porträt eines Offiziers in Dragoneruniform in Emaille war. Ich fragte Sie, ob Sie von Ihrem Freunde nicht irgendein Andenken bei sich führten? Worauf Sie mit Ja antworteten; daraus schloß ich, daß es vielleicht die Dose sein möchte. Ich hatte das Bild über Tische gut ins Auge gefaßt, und weil ich im Zeichnen sehr geübt, auch im Treffen sehr glücklich bin, so war es mir ein leichtes, dem Bilde diese flüchtige Ähnlichkeit zu geben, die Sie wahrgenommen haben, um so mehr, da die Gesichtszüge des Marquis sehr ins Auge fallen.«
»Aber die Gestalt schien sich doch zu bewegen —«
»So schien es — aber es war nicht die Gestalt, sondern der Rauch, der von dem Scheine beleuchtet war.«
»Und der Mensch, welcher aus dem Schlot herabstürzte, antwortete also für die Erscheinung?«
»Eben dieser.«
»Aber er konnte ja die Fragen nicht wohl hören.«
»Dies brauchte er auch nicht. Sie besinnen sich, gnädigster Prinz, daß ich Ihnen allen auf das strengste verbot, selbst eine Frage an das Gespenst zu richten. Was ich ihn fragen würde und er mir antworten sollte, war abgeredet; und damit ja kein Versehen vorfiele, ließ ich ihn große Pausen beobachten, die er an den Schlägen einer Uhr abzählen mußte.«
»Sie gaben dem Wirte Befehl, alle Feuer im Hause sorgfältig mit Wasser löschen zu lassen; dies geschah ohne Zweifel, um meinen Mann im Kamine außer Gefahr des Erstickens zu setzen, weil die Schornsteine im Hause ineinanderlaufen, und ich vor Ihrem Gefolge nicht ganz sicher zu sein glaubte.«
»Wie kam es aber«, fragte Lord Seymour, daß Ihr Geist weder früher noch später da war, als Sie ihn brauchten?«
»Mein Geist war schon eine gute Weile im Zimmer, ehe ich ihn zitierte; aber solange der Spiritus brannte, konnte man diesen matten Schein nicht sehen. Als meine Beschwörungsformel geendigt war, ließ ich das Gefäß, worin der Spiritus flammte, zusammenfallen, es wurde Nacht im Saal, und jetzt erst wurde man die Figur an der Wand gewahr, die sich schon längst darauf reflektiert hatte.«
»Aber in eben dem Moment, als der Geist erschien, empfanden wir alle einen elektrischen Schlag. Wie bewirkten Sie diesen?«
»Die Maschinen unter dem Altar haben Sie entdeckt. Sie sahen auch, daß ich auf einem seidnen Fußteppich stand. Ich ließ Sie in einem halben Mond um mich herumstehen und einander die Hände reichen; als es nahe dabei war, winkte ich einem von Ihnen, mich bei den Haaren zu fassen. Das silberne Kruzifix war der Konduktor, und Sie empfingen den Schlag, als ich es mit der Hand berührte.«
»Sie befahlen uns, dem Grafen von Osten und mir«, sagte Lord Seymour, »zwei bloße Degen kreuzweise über Ihrem Scheitel zu halten, solange die Beschwörung dauern würde. Wozu nun dieses?«
»Zu nichts weiter, als um Sie beide, denen ich am wenigsten traute, während der ganzen Zeit zu beschäftigen. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen ausdrücklich einen Zoll hoch bestimmte; dadurch, daß Sie diese Entfernung immer in acht nehmen mußten, waren Sie verhindert, Ihre Blicke dahin zu richten, wo ich sie nicht gerne haben wollte. Meinen schlimmsten Feind hatte ich damals noch gar nicht ins Auge gefaßt.«
»Ich gestehe«, rief Lord Seymour, »daß dies vorsichtig gehandelt heißt — aber warum mußten wir ausgekleidet sein?«
»Bloß um der Handlung eine Feierlichkeit mehr zu geben und durch das Ungewöhnliche Ihre Einbildungskraft zu spannen.« »Die zweite Erscheinung ließ Ihren Geist nicht zum Wort kommen«, sagte der Prinz. »Was hätten wir eigentlich von Ihnen erfahren sollen?«
»Beinahe dasselbe, was Sie nachher gehört haben. Ich fragte eure Durchlaucht nicht ohne Absicht, ob Sie mir auch alles gesagt, was Ihnen der Sterbende aufgetragen, und ob Sie keine weiteren Nachfragen wegen seiner in seinem Vaterlande getan; dieses fand ich nötig, um nicht gegen Tatsachen anzustoßen, die der Aussage meines Geistes hätten widersprechen können. Ich fragte gewisser Jugendsünden wegen, ob der Verstorbene untadelhaft gelebt, und auf die Antwort gründete ich alsdann meine Erfindung.«
»Über diese Sache«, fing der Prinz nach einigem Stillschweigen an, »haben Sie mir einen befriedigenden Aufschluß gegeben. Aber ein Hauptumstand ist noch zurück, worüber ich Licht von Ihnen verlange.«
»Wenn es in meiner Gewalt steht, und —«
»Keine Bedingungen: Die Gerechtigkeit, in deren Händen Sie sind, dürfte so bescheiden nicht fragen. Wer war dieser Unbekannte, vor dem wir Sie niederstürzen sahen? Was wissen Sie von ihm? Woher kennen Sie ihn? Und was hat es für eine Bewandtnis mit dieser zweiten Erscheinung?«
»Gnädigster Prinz —«
»Als Sie ihm näher ins Gesicht sahen, stießen Sie einen lauten Schrei aus und stürzten nieder. Warum das? Was bedeutete das?«
»Dieser Unbekannte, gnädigster Prinz —« Er hielt inne, wurde sichtbarlich unruhiger und sah uns alle in der Reihe herum mit verlegnen Blicken an. — »Ja, bei Gott, gnädigster Prinz, dieser Unbekannte ist ein schreckliches Wesen.«
»Was wissen Sie von ihm? Wie steht er mit Ihnen in Verbindung? — Hoffen Sie nicht, uns die Wahrheit zu verhehlen.«
»Davor werde ich mich wohl hüten — denn wer steht mir dafür, daß er nicht in diesem Augenblicke mitten unter uns steht?«
»Wo? Wer?« riefen wir alle zugleich und schauten uns halb lachend, halb bestürzt im Zimmer um. — »Das ist ja nicht möglich!«
»O! diesem Menschen — oder wer er sein mag — sind Dinge möglich, die noch weit weniger zu begreifen sind.«
»Aber wer ist er denn? Woher stammt er? Armenier oder Russe? Was ist das Wahre an dem, wofür er sich ausgibt?«
»Keines von allem, was er scheint. Es wird wenige Stände, Charaktere und Nationen geben, davon er nicht schon die Maske getragen. Wer er sei? Woher er gekommen? Wohin er gehe? weiß niemand. Daß er lange in Ägypten gewesen, wie viele behaupten, und dort aus einer Pyramide seine verborgene Weisheit geholt habe, will ich weder bejahen noch verneinen. Bei uns kennt man ihn nur unter dem Namen des Unergründlichen. Wie alt, zum Beispiel, schätzen Sie ihn?«
»Nach dem äußern Anschein zu urteilen, kann er kaum vierzig zurückgelegt haben.«
»Und wie alt, denken Sie, daß ich sei?«
»Nicht weit von fünfzig.«
»Ganz recht — und wenn ich Ihnen nun sage, daß ich ein Bursche von siebzehn Jahren war, als mir mein Großvater von diesem Wundermann erzählte, der ihn ungefähr in eben dem Alter, worin er jetzt zu sein scheint, in Famagusta gesehen hat —«
»Das ist lächerlich, unglaublich und übertrieben.«
»Nicht um einen Zug. Hielten mich diese Fesseln nicht ab, ich wollte Ihnen Bürgen stellen, deren ehrwürdiges Ansehen Ihnen keinen Zweifel mehr übriglassen würde. Es gibt glaubwürdige Leute, die sich erinnern, ihn in verschiedenen Weltgegenden zu gleicher Zeit gesehen zu haben. Keine Degens Spitze kann ihn durchbohren, kein Gift ihm etwas anhaben, kein Feuer sengt ihn, kein Schiff geht unter, worauf er sich befindet. Die Zeit selbst scheint an ihm ihre Macht zu verlieren, die Jahre trocknen seine Säfte nicht aus, und das Alter kann seine Haare nicht bleichen. Niemand ist, der ihn Speise nehmen sah, nie ist ein Weib von ihm berührt worden, kein Schlaf besucht seine Augen; von allen Stunden des Tages weiß man nur eine einzige, über die er nicht Herr ist, in welcher niemand ihn gesehen, in welcher er kein irdisches Geschäft verrichtet hat.«
»So?« sagte der Prinz. »Und was ist dies für eine Stunde?«
»Die zwölfte der Nacht. Sobald die Glocke den zwölften Schlag tut, gehört er den Lebendigen nicht mehr. Wo er auch sein mag, er muß fort, welches Geschäft er auch verrichtet, er muß es abbrechen. Dieser schreckliche Glockenschlag reißt ihn aus den Armen der Freundschaft, reißt ihn selbst vom Altar und würde ihn auch aus dem Todeskampf rufen. Niemand weiß, wo er dann hingeht, noch was er da verrichtet. Niemand wagt es, ihn darum zu befragen, noch weniger, ihm zu folgen; denn seine Gesichtszüge ziehen sich auf einmal, sobald diese gefürchtete Stunde schlägt, in einen so finstern und schreckhaften Ernst zusammen, daß jedem der Mut entfällt, ihm ins Gesicht zu blicken oder ihn anzureden. Eine tiefe Todesstille endigt dann plötzlich das lebhafteste Gespräch, und alle, die um ihn sind, erwarten mit ehrerbietigem Schaudern seine Wiederkunft, ohne es nur zu wagen, sich von der Stelle zu heben oder die Türe zu öffnen, durch die er gegangen ist.«
»Aber«, fragte einer von uns, »bemerkt man nichts Außerordentliches an ihm bei seiner Zurückkunft?«
»Nichts, als daß er bleich und abgemattet aussieht, ungefähr wie ein Mensch, der eine schmerzhafte Operation ausgestanden, oder eine schreckliche Nachricht erhält. Einige wollen Blutstropfen auf seinem Hemde gesehn haben; dies aber lasse ich dahingestellt sein.«
»Und hat man es zum wenigsten nie versucht, ihm diese Stunde zu verbergen, oder ihn so in Zerstreuung zu verwickeln, daß er sie übersehen mußte?«
»Ein einziges Mal, sagt man, überschritt er den Termin. Die Gesellschaft war zahlreich, man verspätete sich bis tief in die Nacht, alle Uhren waren mit Fleiß falsch gerichtet, und das Feuer der Unterredung riß plötzlich und wurde starr, alle Gliedmaßen verharrten in derselben Richtung, worin dieser Zufall sie überraschte, seine Augen standen, sein Puls schlug nicht mehr, alle Mittel, die man anwendete, ihn wieder zu erwecken, waren fruchtlos. Und dieser Zustand hielt an, bis die Stunde verstrichen war. Dann belebte er sich plötzlich von selbst wieder, schlug die Augen auf und fuhr in der nämlichen Silbe fort, worin er war unterbrochen worden, die allgemeine Bestürzung verriet ihm was geschehen war, und da erklärte er mit einem fürchterlichen Ernst, daß man sich glücklich preisen dürfte, mit dem bloßen Schrecken davongekommen zu sein. Aber die Stadt, worin ihm dieses begegnet war, verließ er noch an demselben Abend auf immer. Der allgemeine Glaube ist, daß er in dieser geheimnisvollen Stunde Unterredungen mit seinem Genius halte. Einige meinen gar, er sei ein Verstorbener, dem es verstattet sei, dreiundzwanzig Stunden vom Tag unter den Lebenden zu wandeln; in der letzen aber müsse seine Seele zur Unterwelt heimkehren, um dort ihr Gericht auszuhalten. Viele hatten ihn auch für den berühmten Apollonius von Tyana, und andere gar für den Jünger Johannes, von dem es heißt, daß er bleiben würde bis zum letzten Gericht.«
»Über einen so außerordentlichen Mann«, sagte der Prinz, »kann es freilich nicht an abenteuerlichen Mutmaßungen fehlen. Alles Bisherige haben Sie bloß von Hörensagen; und doch schien mir sein Benehmen gegen Sie und das Ihrige gegen ihn auf eine genauere Bekanntschaft zu deuten. Liegt hier nicht irgendeine besondre Geschichte zum Grunde, bei der Sie selbst mit verwickelt gewesen? Verhehlen sie uns nichts.«
Der Sizilianer sah uns mit einem zweifelhaften Blick an und schwieg.
»Wenn es eine Sache betrifft«, fuhr der Prinz fort, »die Sie nicht gerne laut machen wollen, so versichre ich Sie im Namen dieser beiden Herrn der unverbrüchlichsten Verschwiegenheit. Aber reden Sie aufrichtig und unverhohlen.«
»Wenn ich hoffen kann«, fing der Mann nach einem langen Stillschweigen an, »daß Sie nicht gegen mich zeugen wollen, so will ich Ihnen wohl eine merkwürdige Begebenheit mit diesem Armenier erzählen, von der ich Augenzeuge war und die Ihnen über die verborgene Gewalt dieses Menschen keinen Zweifel übriglassen wird.«
»Lassen Sie uns hören«, sagte der Prinz.
»Es mögen nun fünf Jahre sein«, fing der Sizilianer an, »daß ich in Neapel, wo ich mit ziemlichen Glück meine Künste trieb, mit einem gewissen Lorenzo del Monte, Ritter des Ordens des Heiligen Stefan, Bekanntschaft machte, einem jungen und reichen Kavalier aus einem der ersten Häuser des Königreichs, der mich mit Verbindlichkeiten überhäufte und für meine Geheimnisse große Achtung zu tragen schien. Er entdeckte mir, daß der Marchese del Monte, sein Vater, ein eifriger Verehrer der Kabbala wäre und sich glücklich schätzen würde, einen Weltweisen (wie er mich zu nennen beliebte) unter seinem Dache zu wissen. Der Greis wohnte auf einem seiner Landgüter an der See, ungefähr sieben Meilen von Neapel, wo er beinahe in gänzlicher Abgeschiedenheit von Menschen das Andenken eines feuern Sohnes beweinte, der ihm durch ein schreckliches Schicksal entrissen ward. Der Ritter ließ mich merken, daß er und seine Familie in einer sehr ernsthaften Angelegenheit meiner wohl gar einmal bedürfen könnten, um von meiner geheimen Wissenschaft vielleicht einen Aufschluß über etwas zu erhalten, wobei alle natürlichen Mittel fruchtlos erschöpft worden wären. Er insbesondere, setzte er sehr bedeutsam hinzu, würde einst vielleicht Ursache haben, mich als den Schöpfer seiner Ruhe und seines ganzen irdischen Glücks zu betrachten. Ich wagte nicht, ihn um das Nähere zu befragen, und für damals blieb es bei dieser Erklärung. Die Sache selbst aber verhielt sich folgender Gestalt.
Dieser Lorenzo war der jüngere Sohn des Marchese, weswegen er auch zu dem geistlichen Stand bestimmt war; die Güter der Familie sollten an seinen altern Bruder fallen. Jeronimo, so hieß dieser ältere Bruder, hatte mehrere Jahre auf Reisen zugebracht und kam ungefähr sieben Jahre vor der Begebenheit, die jetzt erzählt wird, in sein Vaterland zurück, um eine Heirat mit der einzigen Tochter des benachbarten gräflichen Hauses von Coletti zu vollziehen, worüber beide Familien schon seit der Geburt dieser Kinder übereingekommen waren, um ihre ansehnlichen Güter dadurch zu vereinigen. Ungeachtet diese Verbindung bloß das Werk der elterlichen Vereinbarung war und die Herzen beider Verlobten bei der Wahl nicht um Rat gefragt wurden, so hatten sie diese doch stillschweigend schon gerechtfertigt. Jeronimo del Monte und Antonie Coletti waren miteinander auferzogen worden, und der wenige Zwang, den man dem Umgang zweier Kinder auflegte, die man schon damals gewohnt war als ein Paar zu betrachten, hatte frühzeitig ein zärtliches Verständnis zwischen beiden entstehen lassen, das durch die Harmonie ihrer Charaktere noch mehr befestigt ward und sich in reiferen Jahren leicht zur Liebe erhöhte. Eine vierjährige Entfernung hatte es vielmehr angefeuert als erkältet, und Jeronimo kehrte ebenso treu und ebenso feurig in die Arme seiner Braut zurück, als wenn er sich niemals daraus gerissen hätte.
Die Entzückungen des Wiedersehns waren noch nicht vorüber, und die Anstalten zur Vermählung wurden auf das lebhafteste betrieben, als der Bräutigam — verschwand. Er pflegte öfters ganze Abende auf einem Landhause zuzubringen, das die Aussicht aufs Meer hatte, um sich da zuweilen mit einer Wasserfahrt zu vergnügen. Nach einem solchen Abende geschah es, daß er ungewöhnlich lange ausblieb. Man schickte Boten nach ihm aus, Fahrzeuge suchten ihn auf der See; niemand wollte ihn gesehen haben. Von seinen Bedienten wurde keiner vermißt, so daß ihn also keiner begleitet haben konnte. Es wurde Nacht, und er erschien nicht. Es wurde Morgen — es wurde Mittag und Abend — und noch kein Jeronimo. Schon fing man an, den schrecklichsten Mutmaßungen Raum zu geben, als die Nachricht einlief, ein algerischer Korsar habe vorigen Tages an dieser Küste gelandet, und verschiedene von den Einwohnern seien gefangen weggeführt worden. Sogleich werden zwei Galeeren bemannt, die eben segelfertig liegen; der alte Marchese besteigt selbst die erste, entschlossen, seinen Sohn mit Gefahr seines eigenen Lebens zu befreien. Am dritten Morgen erblickten sie den Korsaren, vor welchem sie den Vorteil des Windes voraus haben, sie haben ihn bald erreicht, sie kommen ihm so nahe, daß Lorenzo, der sich auf der ersten Galeere befindet, seinen Bruder auf dem feindlichen Verdeck zu erkennen glaubt, als plötzlich ein Sturm sie wieder voneinander trennt. Mit Mühe stehn ihn die beschädigten Schiffe aus; aber das Piratenschiff ist verschwunden, und die Not zwingt sie, auf Malta zu landen. Der Schmerz der Familie ist ohne Grenzen; trostlos rauft sich der alte Marchese die eisgrauen Haare aus, man fürchtete für das Leben der jungen Gräfin.
Fünf Jahre gehen in fruchtlosen Erkundigungen hin. Nachfragen geschehen längs der ganzen Küste der Berberei; ungeheure Preise werden für die Freiheit des jungen Marchese geboten; aber niemand meldet sich, sie zu verdienen. Endlich blieb es bei der wahrscheinlichen Vermutung, daß jener Sturm, welcher beide Fahrzeuge trennte, das Räuberschiff zugrunde gerichtet habe und daß seine ganze Mannschaft in den Fluten umgekommen sei.
So scheinbar diese Vermutung war, so fehlte ihr doch noch viel zur Gewißheit, und nichts berechtigte, die Hoffnung ganz aufzugeben, daß der Verlorne nicht einmal wieder sichtbar werden könnte. Aber gesetzt nun, er würde es nicht mehr, so erlosch mit ihm zugleich die Familie, oder der zweite Bruder mußte dem geistlichen Stand entsagen und in die Rechte des Erstgeborenen eintreten. So gewagt dieser Schritt und so ungerecht es sich an sich selbst war, diesen möglicherweise noch lebenden Bruder aus dem Besitz seiner natürlichen Rechte zu verdrängen, so glaubte man, einer so entfernten Möglichkeit wegen das Schicksal eines alten glänzenden Stammes, der ohne diesen Entschluß erlosch, nicht aufs Spiel setzen zu dürfen. Gram und Altar näherten den alten Marchese dem Grabe; mit jedem neu vereitelten Versuch sank die Hoffnung, den Verschwundenen wiederzufinden; er sah den Untergang seines Hauses, der durch eine kleine Ungerechtigkeit zu verhüten war, wenn er sich nämlich nur entschließen wollte, den jungem Bruder auf Unkosten des altern zu begünstigen.
Um seine Verbindungen mit dem gräflichen Hause von Coletti zu erfüllen, brauchte nur ein Name geändert zu werden; der Zweck beider Familien war auf gleiche Art erreicht, Gräfin Antonie mochte nun Lorenzos oder Jeronimos Gattin heißen. Die schwache Möglichkeit einer Wiedererscheinung des letztern kam gegen das gewisse und dringende Übel, den gänzlichen Untergang der Familie, in keine Betrachtung, und der alte Marchese, der die Annäherung des Todes mit jedem Tag stärker fühlte, wünschte mit Ungeduld, wenigstens frei von dieser Unruhe zu sterben.
Wer diesen Schritt allein verzögerte und am hartnäckigsten bekämpfte, war derjenige, der das meiste dabei gewann — Lorenzo. Ungerührt von dem Reiz unermeßlicher Güter, unempfindlich selbst gegen den Besitz des liebenswürdigsten Geschöpfs, das seinen Armen überliefert werden sollte, weigerte er sich mit der edelmütigsten Gewissenhaftigkeit, einen Bruder zu berauben, der vielleicht noch am Leben wäre und sein Eigentum zurückfordern könnte. »Ist das Schicksal meines teuern Jeronimo«, sagte er, »durch diese lange Gefangenschaft nicht schon schrecklich genug, daß ich es noch durch einen Diebstahl verbittern sollte, der ihn um alles bringt, was ihm das Teuerste war? Mit welchem Herzen würde ich den Himmel um seine Wiederkunft anflehen, wenn sein Weib in meinen Armen liegt? Mit welcher Stirne ihm, wenn endlich ein Wunder ihn zurückbringt, entgegeneilen? Und gesetzt, er sei uns auf ewig entrissen, wodurch können wir sein Andenken besser ehren, als wenn wir die Lücke ewig unausgefüllt lassen, die sein Tod in unsern Kreis gerissen hat? Als wenn wir alle Hoffnungen auf seinem Grabe opfern und das, was sein war, gleich einem Heiligtum unberührt lassen?«
Aber alle Gründe, welche die brüderliche Feinfühligkeit ausfand, waren nicht vermögend, den alten Marchese mit der Idee auszusöhnen, einen Stamm erlöschen zu sehen, der Jahrhunderte geblüht hatte. Alles, was Lorenzo ihm abgewann, war noch eine Frist von zwei Jahren, ehe er die Braut seines Bruders zum Altare führte. Während dieses Zeitraums wurden die Nachforschungen aufs eifrigste fortgesetzt. Lorenzo selbst tat verschiedene Seereisen, setzte seine Person manchen Gefahren aus; keine Mühe, keine Kosten wurden gespart, den Verschwundenen wiederzufinden. Aber auch diese zwei Jahre verstrichen fruchtlos wie alle vorigen.«
»Und Gräfin Antonie?« fragte der Prinz. »Von ihrem Zustand sagen Sie uns nichts. Sollte sie sich so gelassen in ihr Schicksal ergeben haben? Ich kann es nicht glauben.«
»Antonies Zustand war der schrecklichste Kampf zwischen Pflicht und Leidenschaft, Abneigung und Bewunderung. Die uneigennützige Großmut der brüderlichen Liebe rührte sie; sie fühlte sich hingerissen, den Mann zu verehren, den sie nimmermehr lieben konnte; zerrissen von widersprechenden Gefühlen, blutete ihr Herz. Aber ihr Widerwille gegen Lorenzo schien in eben dem Grade zu wachsen, wie sich seine Ansprüche auf ihre Achtung vermehrten. Mit tiefem Leiden bemerkte er den stillen Gram, der ihre Jugend verzehrte. Ein zärtliches Mitleid trat unvermerkt an die Stelle der Gleichgültigkeit, mit der er sie bisher betrachtet hatte; aber diese verräterische Empfindung hinterging ihn, und eine wütende Leidenschaft fing an, ihm die Ausübung einer Tugend zu erschweren, die bis jetzt jeder Versuchung überlegen geblieben war. Doch selbst noch auf Unkosten seines Herzens gab er den Eingebungen seines Edelmuts Gehör: Er allein war es, der das unglückliche Opfer gegen die Willkür der Familie in Schutz nahm. Aber alle seine Bemühungen mißlangen; jeder Sieg, den er über seine Leidenschaft davontrug, zeigte ihn ihrer nur um so würdiger, und die Großmut, mit der er sie ausschlug, diente nur dazu, ihrer Widersetzlichkeit jede Entschuldigung zu rauben.
So standen die Sachen, als Lorenzo mich beredete, ihn auf seinem Landgute zu besuchen. Die warme Empfehlung meines Gönners bereitete mir da einen Empfang, der alle meine Wünsche übertraf. Ich darf nicht vergessen, hier noch anzuführen, daß es mir durch einige merkwürdige Vorführungen gelungen war, meinen Namen unter den dortigen Logen berühmt zu machen, welches vielleicht dazu beitragen mochte, das Vertrauen des alten Marchese zu vermehren und seine Erwartungen von mir zu erhöhen. Wie weit ich es mit ihm gebracht und welche Wege ich dabei gegangen, erlassen Sie mir zu erzählen; aus den Geständnissen, die ich Ihnen bereits getan, können Sie auf alles übrige schließen. Da ich mir alle mystischen Bücher zunutze machte, die sich in der sehr ansehnlichen Bibliothek des Marchese befanden, so gelang es mir bald, in seiner Sprache mit ihm zu reden und mein System von der unsichtbaren Welt mit seinen eignen Meinungen in Übereinstimmung zu bringen. In kurzem glaubte er, was ich wollte, und hätte ebenso zuversichtlich auf die Begattung der Philosophen mit Salamandrinnen und Sylphiden, wie auf einen Artikel des Kanon geschworen. Da er überdies sehr religiös war und seine Anlagen zum Glauben in dieser Schule zu einem hohen Grade ausgebildet hatte, so fanden meine Märchen bei ihm desto leichter Eingang. Zuletzt hatte ich ihn mit Mystik so umstrickt und umwunden, daß nichts mehr bei ihm Glauben fand, was natürlich war. In kurzem war ich der angebetete Apostel des Hauses. Der gewöhnliche Inhalt meiner Vorlesungen war die Exaltation der menschlichen Natur und der Umgang mit höhern Wesen, mein Gewährsmann der untrügliche Zauberer Graf von Gabalis. Die junge Gräfin, die seit dem Verlust ihres Geliebten ohnehin mehr in der Geisterwelt als in der wirklichen lebte und durch den schwärmerischen Flug ihrer Phantasie mit leidenschaftlichem Interesse zu Gegenständen dieser Gattung hingezogen ward, fing meine hingeworfenen Winke mit schauderndem Wohlbehagen auf; ja sogar die Bedienten des Hauses suchten sich im Zimmer zu tun zu machen, wenn ich redete, um hie und da eins meiner Worte aufzuhaschen, welche Bruchstücke sie alsdann nach ihrer Art aneinanderreihten.
Ungefähr zwei Monate mochte ich so auf diesem Rittersitze zugebracht haben, als eines Morgens Lorenzo in mein Zimmer trat. Tiefer Gram malte sich auf seinem Gesichte, alle seine Züge waren zerstört, er warf sich in einen Stuhl mit allen Gebärden der Verzweiflung.
»Kapitän», sagte er, »mit mir ist es vorbei. Ich muß fort. Ich kann es nicht länger hier aushalten.«
»Was ist Ihnen Chevalier? Was haben Sie?«
»0 diese fürchterliche Leidenschaft!« (Hier fuhr er mit Heftigkeit von dem Stuhle auf und warf sich in meine Arme.) — »Ich habe sie bekämpft wie ein Mann. — Jetzt kann ich nicht mehr.«
»Aber an wem liegt es denn, liebster Freund, als an Ihnen? Steht nicht alles in Ihrer Gewalt? Vater, Familie —«
»Vater! Familie! Was ist mir das? — Will ich eine erzwungene Hand oder eine freiwillige Neigung? — Hab ich nicht einen Nebenbuhler? — Ach! Und welchen? Einen Nebenbuhler vielleicht unter den Toten! O lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Ging es auch bis ans Ende der Welt. Ich muß meinen Bruder finden.«
»Wie? Nach so viel fehlgeschlagenen Versuchen können Sie noch Hoffnung —«
»Hoffnung! — In meinem Herzen starb sie längst. Aber auch in jenem? — Was liegt daran, ob ich hoffe? — Bin ich glücklich, solange noch ein Schimmer dieser Hoffnung in Antoniens Herzen glimmt? — Zwei Worte, Freund, könnten meine Marter enden — Aber umsonst! Mein Schicksal wird elend bleiben, bis die Ewigkeit ihr langes Schweigen bricht und Gräber für mich zeugen.‹
›Ist es diese Gewißheit also, die Sie glücklich machen kann?‹
›Glücklich7 O ich zweifle, ob ich es je wieder sein kann! — Aber Ungewißheit ist die schrecklichste Verdammnis!« (Nach einigem Stillschweigen mäßigte er sich und fuhr mit Wehmut fort.) ›Daß er meine Leiden sähe! — Kann sie ihn glücklich machen, diese Treue, die das Elend seines Bruders bewirkt? Soll ein Lebendiger eines Toten wegen schmachten, der nicht mehr genießen kann? — Wüßte er meine Qual —‹ (hier fing er an, heftig zu weinen, und drückte sein Gesicht auf meine Brust), ›vielleicht — ja vielleicht würde er sie selbst in meine Arme führen.‹
›Aber sollte dieser Wunsch so ganz unerfüllbar sein?‹
›Freund! Was sagen Sie?‹ — Er sah mich erschrocken an.
›Weit geringere Anlässe‹, fuhr ich fort, ›haben die Abgeschiedenen in das Schicksal der Lebenden verflochten. Sollte das ganze zeitliche Glück eines Menschen — eines Bruders —‹
›Das ganze zeitliche Glück! O das fühl ich! Wie wahr haben Sie gesprochen! Meine ganze Glückseligkeit!‹
›Und die Ruhe einer trauernden Familie keine rechtmäßige Veranlassung sein, die unsichtbaren Mächte zum Beistand aufzufordern? Gewiß! Wenn je eine irdische Angelegenheit dazu berechtigen kann, die Ruhe der Seligen zu stören — von einer Gewalt Gebrauch zu machen —‹
›Um Gottes willen, Freund!‹ unterbrach er mich, ›nichts mehr davon. Ehmals wohl, ich gesteh es, hegte ich einen solchen Gedanken — mir deucht, ich sagte Ihnen davon —, aber ich habe ihn längst als ruchlos und abscheulich verworfen.‹
»Sie sehen nun schon«, fuhr der Sizilianer fort, »wohin uns dies führte. Ich bemühte mich, die Bedenklichkeiten des Ritters zu zerstreuen, was mir endlich auch gelang. Es ward beschlossen, den Geist des Verstorbenen zu zitieren, wobei ich mir nur vierzehn Tage Frist ausbedingte, um mich, wie ich vorgab, würdig darauf vorzubereiten. Nachdem dieser Zeitraum verstrichen und meine Maschinen gehörig gerichtet waren, benutzte ich einen schauerlichen Abend, wo die Familie auf die gewöhnliche Art um mich versammelt war, ihr die Einwilligung dazu abzulocken oder sie vielmehr unvermerkt dahin zu leiten, daß sie selbst diese Bitte an mich tat. Den schwersten Stand hatte man bei der jungen Gräfin, deren Gegenwart doch so wesentlich war; aber hier kam uns der schwärmerische Flug ihrer Leidenschaft zu Hilfe, und vielleicht mehr noch ein schwacher Schimmer von Hoffnung, daß der Totgeglaubte noch lebe und auf den Ruf nicht erscheinen werde. Mißtrauen in die Sache selbst, Zweifel in meine Kunst waren das einzige Hindernis, welches ich nicht zu bekämpfen hatte.
Sobald die Einwilligung der Familie da war, wurde der dritte Tag zu dem Werke angesetzt. Gebete, die bis in die Mitternacht verlängert werden mußten, Fasten, Wachen, Einsamkeit und mystischer Unterricht waren, verbunden mit dem Gebrauch eines gewissen noch unbekannten musikalischen Instruments, das ich in ähnlichen Fällen sehr wirksam fand, die Vorbereitung zu diesem feierlichen Akt, welche auch so sehr nach Wunsch einschlugen, daß die fanatische Begeisterung meiner Zuhörer meine eigene Phantasie erhitzte und die Illusion nicht wenig vermehrte, zu der ich mich bei dieser Gelegenheit anstrengen mußte. Endlich kam die erwartete Stunde —«
»Ich errate«, rief der Prinz, »wen Sie uns jetzt vorführen werden — Aber fahren Sie nur fort — fahren Sie fort —«
»Nein, gnädigster Herr. Die Beschwörung ging nach Wunsche vorüber.«
»Aber wie? Wo bleibt der Armenier?«
»Fürchten Sie nicht«, antwortete der Sizilianer, »der Armenier wird nur zu zeitig erscheinen.
Ich lasse mich in keine Beschreibung des Gaukelspiels ein, die mich ohnehin auch zu weit führen würde. Genug, es erfüllte alle meine Erwartungen. Der alte Marchese, die junge Gräfin nebst ihrer Mutter, der Ritter und noch einige Verwandte waren zugegen. Sie können leicht denken, daß es mir in der langen Zeit, die ich in diesem Hause zugebracht, nicht an Gelegenheit mangelte, von allem, was den Verstorbenen anbetraf, die genaueste Erkundigung einzuziehen. Verschiedne Gemälde, die ich von ihm vorfand, setzten mich in den Stand, der Erscheinung die täuschendste Ähnlichkeit zu geben, und weil ich den Geist nur durch Zeichen sprechen ließ, so konnte auch seine Stimme keinen Verdacht erwecken. Der Tote selbst erschien in algerischem Sklavenkleid, eine tiefe Wunde am Halse. Sie bemerken, daß ich hierin von der allgemeinen Mutmaßung abwich, die ihn in den Wellen umkommen ließ, weil ich Ursache hatte zu hoffen, daß gerade das Unerwartete dieser Wendung die Glaubwürdigkeit der Vision selbst nicht wenig vermehren würde; so wie mir im Gegenteil nichts gefährlicher schien als eine zu gewissenhafte Annäherung an das Natürliche.«
»Ich glaube, daß dies sehr richtig geurteilt war«, sagte der Prinz, indem er sich zu uns wendete.
»In einer Reihe außerordentlicher Erscheinungen müßte, deucht mir, just die wahrscheinlichere stören. Die Leichtigkeit, die erhaltene Entdeckung zu begreifen, würde hier nur das Mittel, durch welches man dazu gelangt war, herabgewürdigt haben; die Leichtigkeit, sie zu erfinden, dieses wohl gar verdächtig gemacht haben; denn wozu einen Geist bemühen, wenn man nichts weiteres von ihm erfahren soll, als was auch ohne ihn, mit Hilfe der gewöhnlichen Vernunft, herauszubringen war? Aber die überraschende Neuheit und Schwierigkeit der Entdeckung ist hier gleichsam eine Gewährleistung des Wunders, wodurch sie erhalten wird — denn wer wird nun das Übernatürliche einer Beschwörung in Zweifel ziehen, wenn das, was sie leistete, durch natürliche Kräfte nicht geleistet werden kann? — Ich habe Sie unterbrochen«, setzte der Prinz hinzu. »Vollenden Sie Ihre Erzählung.«
»Ich ließ«, fuhr der Sizilianer fort, »die Frage an den Geist ergehn, ob er nichts mehr sein nenne auf dieser Welt und nichts hinterlassen habe, was ihm teuer wäre? Der Geist schüttelte dreimal das Haupt und streckte eine seiner Hände gen Himmel. Ehe er wegging, streifte er noch einen Ring vom Finger, den man nach seinem Verschwinden auf dem Fußboden liegen fand. Als die Gräfin ihn genauer ins Gesicht faßte, war es ihr Trauring«.
»Ihr Trauring!« rief der Prinz mit Befremdung. »Ihr Trauring! Aber wie gelangten Sie zu diesem?«
»Ich — — Es war nicht der rechte, gnädigster Prinz — Ich hatte ihn — Es war nur ein nachgemachter —«
»Ein nachgemachter!« wiederholte der Prinz. »Zum Nachmachen brauchten Sie ja den rechten, und wie kamen Sie zu diesem, da ihn der Verstorbene gewiß nie vom Finger brachte?«
»Das ist wohl wahr«, sagte der Sizilianer, nicht ohne Zeichen der Verwirrung, »aber aus einer Beschreibung, die man mir vom wirklichen Trauring gemacht hatte —«
»Die Ihnen wer gemacht hatte?«
»Schon vor langer Zeit«, sagte der Sizilianer. »Es war ein ganz einfacher goldener Ring, mit dem Namen der jungen Gräfin, glaub ich — Aber Sie haben mich ganz aus der Ordnung gebracht —«
»Wie erging es weiter?« fragte der Prinz mit sehr unbefriedigter und zweideutiger Miene.
»Jetzt hielt man sich für überzeugt, daß Jeronimo nicht mehr am Leben sei. Die Familie machte von diesem Tag an seinen Tod öffentlich bekannt und legte förmlich Trauer um ihn an. Der Umstand mit dem Ringe erlaubte auch Antonien keinen Zweifel mehr und gab den Bewerbungen Lorenzos einen größeren Nachdruck. Aber der heftige Eindruck, den diese Erscheinung auf sie gemacht, stürzte sie in eine gefährliche Krankheit, welche die Hoffnungen ihres Liebhabers beinahe auf ewig vereitelt hätte. Als sie wieder genesen war, bestand sie darauf, den Schleier zu nehmen, wovon sie nur durch die nachdrücklichsten Gegenvorstellungen ihres Beichtvaters, in welchen sie ein unumschränktes Vertrauen setzte, abzubringen war. Endlich gelang es den vereinten Bemühungen dieses Mannes und der Familie, ihr das Jawort abzuängstigen. Der letzte Tag der Trauer sollte der glückliche Tag sein, den der alte Marchese durch Abtretung aller seiner Güter an den rechtmäßigen Erben noch festlicher zu machen gesonnen war. Es erschien dieser Tag, und Lorenzo empfing seine bebende Braut am Altare. Der Tag ging unter, ein prächtiges Mahl erwartete die frohen Gäste im hellerleuchteten Hochzeitssaal; eine lärmende Musik begleitete die ausgelassene Freude. Der glückliche Greis hatte gewollt, daß alle Welt seine Fröhlichkeit teilte; alle Zugänge zum Palaste waren geöffnet, und willkommen war jeder, der ihn glücklich pries. Unter diesem Gedränge nun —«
Der Sizilianer hielt hier inne; ein Schauder der Erwartung hemmte unsern Odem — —
»Unter diesem Gedränge also«, fuhr er fort, machte mich der Mann, welcher zunächst neben mir saß, auf einen Franziskanermönch aufmerksam, der unbeweglich wie eine Säule dastand, langer hagerer Statur und aschbleichen Angesichts, einen ernsten und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet. Die Freude, welche rings herum auf allen Gesichtern lachte, schien an diesem einzigen vorüberzugehen, seine Miene blieb unwandelbar dieselbe wie eine Marmorbüste unter lebenden Figuren. Das Außerordentliche dieses Anblicks, der, weil er mich mitten in der Lust überraschte und gegen alles, was mich in diesem Augenblick umgab, auf eine so grelle Art abstach, um so tiefer auf mich wirkte, ließ einen unauslöschlichen Eindruck in meiner Seele zurück, daß ich dadurch allein in den Stand gesetzt worden bin, die Gesichtszüge dieses Mönchs in der Physiognomie des Russen (denn Sie begreifen wohl schon, daß er mit diesem und Ihrem Armenier eine und dieselbe Person war) wiederzuerkennen, welches sonst schlechterdings unmöglich würde gewesen sein. Oft versuchte ich's, die Augen von dieser schreckhaften Gestalt abzuwenden, aber unfreiwillig fielen sie wieder darauf und fanden sie jedesmal unverändert. Ich stieß meinen Nachbar an, dieser den seinigen; dieselbe Neugierde, dieselbe Befremdung durchlief die ganze Tafel, das Gespräch stockte. Eine allgemeine plötzliche Stille — den Mönch störte sie nicht. Er stand unbeweglich und immer derselbe, seinen ernsten Blick auf das Brautpaar geheftet.
Einen jeden entsetzte diese Erscheinung; die junge Gräfin allein fand ihren eigenen Kummer im Gesicht dieses Fremdlings wieder und hing mit stiller Wollust an dem einzigen Gegenstand in der Versammlung, der ihren Gram zu verstehn, zu teilen schien. Allgemach verlief sich das Gedränge, Mitternacht war vorüber, die Musik fing an, stiller und verlorner zu tönen, die Kerzen dunkler und endlich nur einzeln zu brennen, das Gespräch leiser und immer leiser zu flüstern. Und öder ward es und immer öder im trüb erleuchteten Hochzeitssaal; der Mönch aber stand unbeweglich und immer derselbe, einen stillen und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet.
Die Tafel wurde aufgehoben, die Gäste zerstreuten sich dahin und dorthin, die Familie trat in einen engeren Kreis zusammen; der Mönch blieb ungeladen in diesem engeren Kreis. Ich weiß nicht, woher es kam, daß niemand ihn anreden wollte; jedenfalls redete niemand ihn an. Schon drängen sich ihre weiblichen Bekannten um die zitternde Braut herum, die einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf den ehrwürdigen Fremdling richtet; der Fremdling erwiderte ihn nicht.
Die Männer sammeln sich auf gleiche Art um den Bräutigam. Eine gepreßte, erwartungsvolle Stille.
›Daß wir untereinander da so glücklich sind‹, hub endlich der Greis an, der allein unter uns allen den Unbekannten nicht zu bemerken oder sich doch nicht über ihn zu verwundern schien, ›daß wir so glücklich sind‹, sagte er, ›und mein Sohn Jeronimo muß fehlen!‹
›Hast du ihn denn geladen, und er ist ausgeblieben?‹ fragte der Mönch. Es war das erstemal, daß er den Mund öffnete. Mit Schrecken sahen wir ihn an.
›Ach! Er ist hingegangen, wo man auf ewig ausbleibt‹, versetzte der Alte. ›Ehrwürdiger Herr, Ihr versteht mich unrecht. Mein Sohn Jeronimo ist tot.‹
›Vielleicht fürchtet er sich auch nur, sich in solcher Gesellschaft zu zeigen‹, fuhr der Mönch fort. ›Wer weiß, wie er aussehen mag, dein Sohn Jeronimo! — Laß ihn die Stimme hören, die er zum letztenmal hörte! Bitte deinen Sohn Lorenzo, daß er ihn rufe.‹
›Was soll das bedeuten?‹ murmelte alles. Lorenzo veränderte die Farbe. Ich leugne nicht, daß mir das Haar anfing zu steigen.
Der Mönch war unterdessen zum Schenktisch getreten, wo er ein volles Weinglas ergriff und an die Lippen setzte. ›Das Andenken unsers teuern Jeronimo!‹ rief er. ›Wer den Verstorbenen lieb hatte, tue mir's nach.‹
›Woher Ihr auch sein mögt, ehrwürdiger Herr‹, rief endlich der Marchese, ›Ihr habt einen teuren Namen genannt. Seid mir willkommen! — Kommt, meine Freunde‹ (indem er sich gegen uns kehrte und die Gläser herumgehen ließ), ›laßt einen Fremdling uns nicht beschämen! — Dem Andenken meines Sohnes Jeronimo.‹
Nie, glaube ich, ward eine Gesundheit mit so schlimmem Mute getrunken.
›Ein Glas steht noch voll da! — Warum weigert sich mein Sohn Lorenzo, auf diesen freundlichen Trunk Bescheid zu tun?‹
Bebend empfing Lorenzo das Glas aus des Franziskaners Hand — bebend brachte er es an den Mund. ›Meinem vielgeliebten Bruder Jeronimo!‹ stammelte er, und schaudernd setzte er's nieder.
›Das ist meines Mörders Stimme‹, rief eine fürchterliche Gestalt, die auf einmal in unsrer Mitte stand, mit bluttriefendem Kleid und entstellt von gräßlichen Wunden.
Aber um das weitere frage man mich nicht mehr«, sagte der Sizilianer, alle Zeichen des Entsetzens in seinem Angesicht. »Meine Sinne hatten mich von dem Augenblick an verlassen, als ich die Augen auf die Gestalt warf, so wie jeden, der zugegen war. Da wir wieder zu uns selber kamen, rang Lorenzo mit dem Tode; Mönch und Erscheinung waren verschwunden. Den Ritter brachte man unter schrecklichen Zuckungen zu Bette; niemand als der Geistliche war um den Sterbenden und der jammervolle Greis, der ihm, wenige Wochen nachher, im Tode folgte. Seine Geständnisse liegen in der Brust des Paters versenkt, der seine letzte Beichte hörte, kein lebendiger Mensch hat sie erfahren.
Nicht lange nach dieser Begebenheit geschah es, daß man einen Brunnen auszuräumen hatte, der im Hinterhofe des Landhauses unter wildem Gesträuch versteckt und viele Jahre lang verschüttet war; da man den Schutt durcheinander störte, entdeckte man ein Totengerippe. Das Haus, wo sich dieses zutrug, steht nicht mehr; die Familie del Monte ist erloschen, und in einem Kloster, unweit Salerno, zeigt man Ihnen Antoniens Grab.«
»Sie sehen nun«, fuhr der Sizilianer fort, als er sah, daß wir noch alle stumm und betreten standen und niemand das Wort nehmen wollte, »Sie sehen nun, worauf sich meine Bekanntschaft mit diesem russischen Offizier oder diesem Armenier gründet. Urteilen Sie jetzt, ob ich Ursache gehabt habe, vor einem Wesen zu zittern, das sich mir zweimal auf eine so schreckliche Art in den Weg warf.«
»Beantworten Sie mir noch eine einzige Frage«, sagte der Prinz und stand auf. »Sind Sie in Ihrer Erzählung über alles, was den Ritter betraf, immer aufrichtig gewesen?«
»Ich weiß nicht anders«, versetzte der Sizilianer.
»Sie haben ihn also wirklich für einen rechtschaffenen Mann gehalten?«
»Das hab ich, bei Gott, das hab ich«, antwortete jener.
»Auch da noch, als er Ihnen den bewußten Ring gab?«
»Wie? — Er gab mir keinen Ring — ich habe nicht gesagt, daß er mir den Ring gegeben.«
»Gut«, sagte der Prinz, an der Glocke ziehend und im Begriff wegzugehn. »Und den Geist des Marquis von Lanoy«, fragte er, indem er noch einmal zurückkam, »den dieser Russe gestern auf den Ihrigen folgen ließ, halten Sie also für einen wahren und wirklichen Geist?«
»Ich kann ihn für nichts anders halten«, antwortete jener.
»Kommen Sie«, sagte der Prinz zu uns. Der Schließer trat herein. »Wir sind fertig«, sagte er zu diesem. »Sie, mein Herr« (zu dem Sizilianer sich wendend), »sollen weiter von mir hören.«
»Die Frage, gnädigster Herr, welche Sie zuletzt an den Gaukler getan haben, möchte ich an Sie selbst tun«, sagte ich zu dem Prinzen, als wir wieder allein waren. »Halten Sie diesen zweiten Geist für den wahren und echten?«
»Ich? Nein, wahrhaftig, das tue ich nicht mehr.«
»Nicht mehr? Also haben Sie es doch getan?«
»Ich leugne nicht, daß ich mich einen Augenblick habe hinreißen lassen, dieses Blendwerk für etwas mehr zu halten.«
»Und ich will den sehen«, rief ich aus, »der sich unter diesen Umständen einer ähnlichen Vermutung erwehren kann. Aber was für Gründe haben Sie nun, diese Meinung zurückzunehmen? Nach dem, was man uns eben von diesem Armenier erzählt hat, sollte sich der Glaube an seine Wundergewalt eher vermehrt als vermindert haben.«
»Was ein Nichtswürdiger uns von ihm erzählt hat?« fiel mir der Prinz mit Ernsthaftigkeit ins Wort. »Denn hoffentlich zweifeln Sie nun nicht mehr, daß wir mit einem solchen zu tun gehabt haben?«
»Nein«, sagte ich. »Aber sollte deswegen sein Zeugnis —«
»Das Zeugnis eines Nichtswürdigen — gesetzt, ich hätte auch weiter keinen Grund, es in Zweifel zu ziehn — kann gegen Wahrheit und gesunde Vernunft nicht in Anschlag kommen. Verdient ein Mensch, der mich mehrmal betrogen, der den Betrug zu seinem Handwerk gemacht hat, wo die aufrichtigste Wahrheitsliebe selbst sich erst reinigen muß, um Glauben zu verdienen? Verdient ein solcher Mensch, der vielleicht nie eine Wahrheit um ihrer selbst willen gesagt hat, da Glauben, wo er als Zeuge gegen Menschenvernunft und ewige Naturordnung auftritt? Das klingt ebenso, als wenn ich einen gebrandmarkten Bösewicht bevollmächtigen wollte, gegen die nie befleckte und nie bescholtene Unschuld zu klagen.«
»Aber was für Gründe sollte er haben, einem Manne, den er so viele Ursachen hat zu hassen, wenigstens zu fürchten, ein so glorreiches Zeugnis zu geben?«
»Wenn ich diese Gründe auch nicht einsehe, soll er sie deswegen weniger haben? Weiß ich, in wessen Solde er mich belog? Ich gestehe, daß ich das ganze Gewebe seines Betrugs noch nicht durchschaue; aber er hat der Sache, für die er streitet, einen sehr schlechten Dienst getan, als er sich als einen Betrüger — und vielleicht als etwas noch Schlimmres — entlarvte.«
»Der Umstand mit dem Ringe scheint mir freilich etwas verdächtig.«
»Er ist mehr als das«, sagte der Prinz, »er ist entscheidend. Diesen Ring (lassen Sie mich einstweilen annehmen, daß die erzählte Begebenheit sich wirklich ereignet habe) empfing er von dem Mörder, und er mußte in demselben Augenblick gewiß sein, daß es der Mörder war. Wer als der Mörder konnte dem Verstorbenen einen Ring abgezogen haben, den dieser gewiß nie vom Finger ließ? Uns suchte er die ganze Erzählung hindurch zu überreden, als ob er selbst von dem Ritter getäuscht worden sei, und als ob er geglaubt hätte, ihn zu täuschen. Wozu dieser Winkelzug, wenn er nicht selbst bei sich fühlte, wieviel er verloren gab, wenn er sein Einverständnis mit dem Mörder einräumte? Seine ganze Erzählung ist offenbar nichts als eine Reihe von Erfindungen, um die wenigen Wahrheiten aneinander zu hängen, die er uns preiszugeben für gut fand. Und ich sollte größeres Bedenken tragen, einen Nichtswürdigen, den ich auf zehn Lügen ertappte, lieber auch noch der elften zu beschuldigen, als die Grundordnung der Natur unterbrechen zu lassen, die ich noch auf keinem Mißklang ertappte?«
»Ich kann Ihnen darauf nichts antworten«, sagte ich. »Aber die Erscheinung, die wir gestern sahen, bleibt mir darum nicht weniger unbegreiflich.«
»Auch mir«, versetzte der Prinz, »ob ich gleich in Versuchung geraten bin, einen Schlüssel dazu ausfindig zu machen.«
»Wie?« sagte ich.
»Erinnern Sie sich nicht, daß die zweite Gestalt, sobald sie herein war, auf den Altar zuging, das Kruzifix in die Hand faßte und auf den Teppich trat?«
»So schien mir's. Ja!«
»Und das Kruzifix, sagte uns der Sizilianer, war ein Konduktor. Daraus sehen Sie also, daß sie eilte, sich elektrisch zu machen. Der Streich, den Lord Seymour mit dem Degen nach ihr tat, konnte also nicht anders als unwirksam bleiben, weil der elektrische Schlag seinen Arm lähmte.«
»Mit dem Degen hätte das seine Richtigkeit. Aber die Kugel, die der Sizilianer auf sie abschoß und welche wir langsam auf den Altar rollen hörten?«
»Wissen Sie auch gewiß, daß es die abgeschossene Kugel war, die wir rollen hörten? — Davon will ich gar nicht einmal reden, daß die Marionette oder der Mensch, der den Geist vorstellte, so gut umpanzert sein konnte, daß er schuß- und degenfest war! — Aber denken Sie doch ein wenig nach, wer es war, der die Pistolen geladen.«
»Es ist wahr«, sagte ich — und ein plötzliches Licht ging mir auf — »der Russe hatte sie geladen. Aber dieses geschah vor unsern Augen, wie hätte da ein Betrug vorgehen können?«
»Und warum hätte er nicht sollen vorgehen können? Setzten Sie denn schon damals ein Mißtrauen in diesen Menschen, daß Sie es für nötig befunden hätten, ihn zu beobachten? Untersuchten Sie die Kugel, ehe er sie in den Lauf brachte? Es konnte ebensogut eine quecksilberne oder auch nur eine bemalte Tonkugel sein! Gaben Sie acht, ob er sie auch wirklich in den Lauf der Pistole oder nicht nebenbei in seine Hand fallen ließ? Was überzeugt Sie — gesetzt, er hätte sie auch wirklich scharf geladen —, daß er gerade die geladenen in den andern Pavillon mit hinübernahm und nicht vielmehr ein andres Paar unterschob, was leicht anging, da es niemand einfiel ihn zu beobachten, und wir überdies mit dem Auskleiden beschäftigt waren? Und konnte die Gestalt nicht in dem Augenblicke, da der Pulverrauch sie uns entzog, eine andre Kugel, womit sie auf den Notfall versehen war, auf den Altar fallen lassen? Welcher von allen diesen Fällen ist der unmögliche?«
»Sie haben recht. Aber diese treffende Ähnlichkeit der Gestalt mit Ihrem verstorbenen Freunde! Ich habe ihn ja auch sehr oft bei Ihnen gesehen — in dem Geiste hab ich ihn auf der Stelle wiedererkannt.«
»Auch ich — und ich kann nicht anders sagen, als daß die Täuschung aufs Höchste getrieben war. Wenn aber nun dieser Sizilianer nach einigen wenigen verstohlenen Blicken, die er auf meine Tabatiere warf, auch in sein Gemälde eine flüchtige Ähnlichkeit zu bringen wußte, die Sie und mich hinterging, warum nicht um so viel mehr der Russe, der während der ganzen Tafel den freien Gebrauch meiner Tabatiere hatte, der den Vorteil genoß, immer und durchaus unbeobachtet zu bleiben, und dem ich noch außerdem im Vertrauen entdeckt hatte, wer mit dem Bilde auf der Dose gemeint sei? — Setzen Sie hinzu — was auch der Sizilianer bemerkte —, daß das Charakteristische des Marquis in lauter solchen Gesichtszügen liegt, die sich im Groben nachahmen lassen — wo bleibt dann das Unerklärbare in dieser ganzen Erscheinung?«
»Aber der Inhalt seiner Worte? Der Aufschluß über Ihren Freund?«
»Wie? Sagte uns denn der Sizilianer nicht, daß er aus dem wenigen, was er mir abfragte, eine ähnliche Geschichte zusammengesetzt habe? Beweist dieses nicht, wie natürlich gerade auf diese Erfindung zu fallen war? Überdies klangen die Antworten des Geistes so orakelmäßig dunkel, daß er gar nicht Gefahr laufen konnte, auf einem Widerspruch betreten zu werden. Setzen Sie, daß die Kreatur des Gauklers, die den Geist machte, Scharfsinn und Besonnenheit besaß und von den Umständen nur ein wenig unterrichtet war — wie weit hätte diese Gaukelei nicht noch geführt werden können?«
»Aber überlegen Sie, gnädigster Herr, wie weitläufig die Anstalten zu einem so zusammengesetzten Betrug von Seiten des Armeniers hätten sein müssen! Wie viele Zeit dazu gehört haben würde! Wie viele Zeit nur, einen menschlichen Kopf einem andern so treu nachzumalen, als hier vorausgesetzt wird! Wieviele Zeit, diesen untergeschobenen Geist so gut zu unterrichten, daß man vor einem groben Irrtum gesichert war! Wie viele Aufmerksamkeit die kleinen unnennbaren Nebendinge würden erfordert haben, welche entweder mithelfen, oder denen, weil sie stören konnten, auf irgendeine Art doch begegnet werden mußte! Und nun erwägen Sie, daß der Russe nicht über eine halbe Stunde ausblieb. Konnte wohl in nicht mehr als einer halben Stunde alles angeordnet werden, was hier das Unentbehrlichste war? — Wahrlich, gnädigster Herr, nicht einmal ein dramatischer Schriftsteller, der um die unerbittlichen drei Einheiten seines Aristoteles Test aufgelastet haben, noch seinem Parterre einen so starken Glauben zugemutet haben.«
»Wie? Sie halten es also schlechterdings für unmöglich, daß in dieser kleinen halben Stunde alle diese Anstalten hätten getroffen werden können?«
»In der Tat«, rief ich, »für so gut als unmöglich!«
»Diese Folgerung verstehe ich nicht. Widerspricht es allen Gesetzen der Zeit, des Raums und der physischen Wirkungen, daß ein so gewandter Kopf, wie doch unwidersprechlich dieser Armenier ist, mit Hilfe seiner vielleicht ebenso gewandten Kreaturen, in der Hülle der Nacht, von niemand beobachtet, mit allen Hilfsmitteln ausgerüstet, von denen sich ein Mann dieses Handwerks ohnehin niemals trennen wird, daß ein solcher Mensch, von solchen Umständen begünstigt, in so wenig Zeit so viel zustand bringen könnte? Ist es geradezu undenkbar und abgeschmackt, zu glauben, daß er mit Hilfe weniger Worte, Befehle oder Winke seinen Helfershelfern weitläufige Aufträge geben, schwierige und zusammengesetzte Machenschaften mit wenigem Wortaufwande bezeichnen könne? — Und darf etwas anders als eine hell eingesehene Unmöglichkeit gegen die ewigen Gesetze der Natur aufgestellt werden? Wollen Sie lieber ein Wunder glauben, als eine Unwahrscheinlichkeit zugeben? Lieber die Kräfte der Natur umstürzen, als eine künstliche und weniger gewöhnliche Kombination dieser Kräfte sich gefallen lassen?«
»Wenn die Sache auch eine so kühne Folgerung nicht rechtfertigt, so müssen Sie mir doch eingestehn, daß sie weit über unsre Begriffe geht.«
»Beinahe hätte ich Lust, Ihnen auch dieses abzustreiten«, sagte der Prinz mit schalkhafter Munterkeit. »Wie, lieber Graf, wenn es sich zum Beispiel ergäbe, daß nicht bloß während und nach dieser halben Stunde, nicht bloß in der Eile und nebenher, sondern den ganzen Abend und die ganze Nacht für diesen Armenier gearbeitet worden wäre? Denken Sie nach, daß der Sizilianer beinahe drei volle Stunden zu seinen Zurüstungen verbrauchte.«
»Der Sizilianer, gnädigster Herr!«
»Und womit beweisen Sie mir denn, daß der Sizilianer an dem zweiten Gespenste nicht eben so vielen Anteil gehabt habe als an dem ersten?«
»Wie, gnädigster Herr?«
»Daß er nicht der vornehmste Helfershelfer des Armeniers war — kurz — daß beide miteinander nicht unter einer Decke liegen?«
»Das möchte schwer zu erweisen sein«, rief ich mit nicht geringer Verwunderung?
»Nicht so schwer, lieber Graf, als Sie wohl meinen. Wie? Es wäre Zufall, daß sich diese beiden Menschen in einem so seltsamen, so verwickelten Anschlag auf dieselbe Person, zu derselben Zeit und an demselben Orte begegneten, daß sich unter ihren beiderseitigen Machenschaften eine so auffallende Harmonie, ein so durchdachtes Einverständnis fände, daß einer dem andern gleichsam in die Hände arbeitete? Setzen Sie, er habe sich des gröbern Gaukelspiels bedient, um dem feinern einen Hintergrund zu geben. Setzen Sie, er habe jenes vorausgeschickt, um den Grad von Glauben auszufinden, worauf er bei mir zu rechnen hätte, und die Zugänge zu meinem Vertrauen auszuspähen, um sich durch diesen Versuch, der unbeschadet seines übrigen Planes verunglücken konnte, mit seinem Opfer bekannt zu machen; kurz, um sein Instrument damit anzuspielen. Setzen Sie, er habe es getan, um eben dadurch, daß er meine Aufmerksamkeit auf einer Seite vorsätzlich aufforderte und wachsam erhielt, sie auf einer andern, die ihm wichtiger war, einschlummern zu lassen. Setzen Sie, er habe einige Erkundigungen einzuziehen gehabt, von denen er wünschte, daß sie auf Rechnung des Taschenspielers geschrieben würden, um den Argwohn von der wahren Spur zu entfernen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Lassen Sie uns annehmen, er habe einen meiner Leute bestochen, um durch ihn gewisse geheime Nachrichten — vielleicht gar Dokument — zu erhalten, die zu seinem Zwecke dienen. Ich vermisse meinen Jäger. Was hindert mich, zu glauben, daß der Armenier bei der Entweichung dieses Menschen mit im Spiele sei? Aber der Zufall kann es fügen, daß ich hinter diese Schliche komme; ein Brief kann aufgefangen werden, ein Bedienter kann plaudern. Sein ganzes Ansehen scheitert, wenn ich die Quellen seiner Allwissenheit entdecke. Er schiebt also diesen Taschenspieler ein, der diesen oder jenen Anschlag auf mich haben muß. Von dem Dasein und den Absichten dieses Menschen unterläßt er nicht, mir frühzeitig einen Wink zu geben. Was ich also auch entdecken mag, so wird mein Verdacht auf niemand anders als auf diesen Gaukler fallen; und zu den Nachforschungen, welche ihm, dem Armenier, zugute kommen, wird der Sizilianer seinen Namen geben. Dieser war die Puppe, mit der er mich spielen läßt, während er selbst, unbeobachtet und unverdächtig, mit unsichtbaren Seilen mich umwindet.«
»Sehr gut! Aber wie läßt es sich mit diesen Absichten reimen, daß er selbst diese Täuschung zerstören hilft und die Geheimnisse seiner Kunst profanen Augen preisgibt? Muß er nicht fürchten, daß die entdeckte Grundlosigkeit einer bis zu einem so hohen Grad von Wahrheit getriebenen Täuschung, wie die Beschwörung des Sizilianers doch in der Tat war, Ihren Glauben überhaupt schwächen und ihm also seine künftigen Pläne sehr erschweren würde?«
»Was sind es für Geheimnisse, die er mir preisgibt? Keines von denen zuverlässig, die er Lust hat bei mir in Ausführung zu bringen. Er hat also durch ihre Profanation nichts verloren! Aber wieviel hat er im Gegenteil gewonnen, wenn dieser vermeintliche Triumph über Betrug und Taschenspielerei mich sicher und zuversichtlich macht, wenn es ihm dadurch gelang, meine Wachsamkeit nach einer entgegengesetzten Richtung zu lenken, meinen noch unbestimmt umherschweifenden Argwohn auf Gegenstände zu fixieren, die von dem eigentlichen Ort des Angriffs am weitesten entlegen sind? — Er konnte erwarten, daß ich, früher oder später, aus eignem Mißtrauen oder fremdem Antrieb, den Schlüssel zu seinen Wundern in der Taschenspielerkunst aufsuchen würde. — Was konnte er Beßres tun, als das er sie selbst nebeneinanderstellte, daß er mir gleichsam den Maßstab dazu in die Hand gab und, indem er der letztern eine künstliche Grenze setzte, meine Begriffe von der erstem desto mehr erhöhte oder verwirrte? Wie viele Mutmaßungen hat er durch diesen Kunstgriff auf einmal abgeschnitten! Wie viele Erklärungsarten im voraus widerlegt, auf die ich in der Folge vielleicht hätte fallen mögen.«
»So hat er wenigstens sehr gegen sich selbst gehandelt, daß er die Augen derer, die er täuschen wollte, schärfte, und ihren Glauben an die Wunderkraft durch Entlarvung eines so künstlichen Betrugs überhaupt schwächte. Sie selbst, gnädigster Herr, sind die beste Widerlegung seines Plans, wenn er je einen gehabt hat.«
»Er hat sich in mir vielleicht geirrt — aber er hat darum nicht weniger scharf geurteilt. Konnte er voraussehen, daß mir gerade dasjenige im Gedächtnis bleiben würde, was der Schlüssel zu dem Wunder werden konnte? Lag es in seinem Plan, daß mir die Kreatur, deren er sich bediente, solche Blößen geben sollte? Wissen wir, ob dieser Sizilianer seine Vollmacht nicht weit überschritten hat? — Mit dem Ringe gewiß! — Und dabei ist es gerade dieser einzige Umstand, der mein Mißtrauen gegen diesen Menschen entschieden hat. Wie leicht kann ein zugespitzter feiner Plan durch ein gröberes Organ verunstaltet werden? Sicherlich war es seine Meinung nicht, daß uns der Taschenspieler seinen Ruhm im Marktschreiertone vorposaunen sollte — daß er uns jene Märchen aufschlüsseln sollte, die sich beim leichtesten Nachdenken widerlegen. So zum Beispiel — mit welcher Stirne kann dieser Betrüger vorgeben, daß seine Wundertäter auf den Glockenschlag Zwölf in der Nacht jeden Umgang mit Menschen aufheben müsse? Haben wir ihn nicht selbst um diese Zeit in unsrer Mitte gesehen?«
»Das ist wahr«, rief ich. »Das muß er vergessen haben.«
»Aber es liegt im Charakter dieser Art Leute, daß sie solche Aufträge übertreiben und durch das Zuviel alles verschlimmern, was ein bescheidener und mäßiger Betrug alles vortrefflich gemacht hätte.«
»Ich kann es dem ungeachtet noch nicht über mich gewinnen, gnädigster Herr, diese ganze Sache für nichts mehr als ein angestelltes Spiel zu halten. Wie? Der Schrecken des Sizilianers, die Zuckungen, die Ohnmacht, der ganze klägliche Zustand dieses Menschen, der selbst uns Erbarmen einflößte — alles dieses wäre nur eine eingelernte Rolle gewesen? Zugegeben, daß sich das theatralische Gaukelspiel auch noch so weit treiben lasse, so kann die Kunst des Spielers doch nicht über die Organe seines Lebens gebieten?«
»Was das anbetrifft, Freund — ich habe Richard den Dritten von Garrick gesehen! — Und waren wir in jenem Augenblicke kalt und müßig genug, um unbefangene Beobachter abzugeben? Konnten wir den Affekt dieses Menschen prüfen, da uns der unsrige übermeisterte? Überdies ist die entscheidende Krise, auch sogar eines Betrugs, für den Betrüger selbst eine so wichtige Angelegenheit, daß bei ihm die Erwartung gar leicht ebenso gewaltsame Symptome erzeugen kann wie die Überraschung bei dem Betrogenen. Rechnen Sie dazu noch die unvermutete Erscheinung der Häscher —«
»Ebendiese, gnädigster Herr — gut, daß Sie mich daran erinnern! Würde er es wohl gewagt haben, einen so gefährlichen Plan dem Auge der Gerechtigkeit bloßzustellen? Die Treue seiner Kreatur auf eine so bedenkliche Probe zu bringen? Zu welchem Ende?«
»Dafür lassen Sie ihn sorgen, der seine Leute kennen muß. Wissen wir, was für geheime Verbrechen ihm für die Verschwiegenheit dieses Menschen haften? — Sie haben gehört, welches Amt er in Venedig bekleidet. Lassen Sie auch dieses Vorgeben zu den übrigen Märchen gehören — wieviel wird es ihn wohl kosten, diesem Kerl durchzuhelfen, der keinen andern Ankläger hat als ihn?«
(Und in der Tat hat der Ausgang den Verdacht des Prinzen nur zu sehr gerechtfertigt. Als wir uns einige Tage darauf nach unserem Gefangenen erkundigen ließen, erhielten wir zur Antwort, daß er unsichtbar geworden sei.)
»Zu welchem Ende, fragen Sie? Auf welchem andern Weg als auf diesem gewaltsamen konnte er dem Sizilianer eine so unwahrscheinliche und schimpfliche Beichte abfordern lassen, worauf es doch so wesentlich ankam? Wer als ein verzweifelter Mensch, der nichts mehr zu verlieren hat, wird sich entschließen können, so erniedrigende Aufschlüsse über sich selbst zu geben? Unter welchen andern Umständen hätten wir sie ihm geglaubt?«
»Alles zugegeben, gnädigster Prinz«, sagte ich endlich. »Beide Erscheinungen sollen Gaukelspiele gewesen sein; dieser Sizilianer soll uns meinethalben nur ein Märchen aufgeheftet haben, das ihn sein Prinzipal einlernen ließ; beide sollen zu einem Zweck miteinander einverstanden wirken, und aus diesem Einverständnis sollen alle jenen wunderbaren Zufälle sich erklären lassen, die uns im Laufe dieser Begebenheit in Erstaunen gesetzt haben. Jene Prophezeiung auf dem Markusplatz, das erste Wunder, welches alle übrigen eröffnet hat, bleibt nichtsdestoweniger unerklärt. Was hilft uns der Schlüssel zu allen übrigen, wenn wir an der Auflösung dieses einzigen verzweifeln?«
»Kehren Sie es vielmehr um, lieber Graf«, gab mir der Prinz hierauf zur Antwort. »Sagen Sie, was beweisen alle jene Wunder, wenn ich herausbringe, daß darunter auch nur ein einziges Taschenspiel war? Jene Prophezeiung — ich bekenn es Ihnen — geht über meine Fassungskraft. Stünde sie einzeln da, hätte der Armenier seine Rolle mit ihr beschlossen, wie er sie damit eröffnete — ich gestehe Ihnen, ich weiß nicht, wie weit sie mich noch hätte führen können. In dieser niedrigen Gesellschaft ist sie mir ein klein wenig verdächtig.«
»Zugegeben, gnädigster Herr! Unbegreiflich bleibt sie aber doch, und ich fordre alle unsre Philosophen auf mir einen Aufschluß darüber zu erteilen.«
»Sollte sie aber wirklich so unerklärbar sein?« fuhr der Prinz fort, nachdem er sich einige Augenblicke besonnen hatte. »Ich bin weit entfernt, auf den Namen eines Philosophen Ansprüche zu machen; und doch könnte ich mich versucht fühlen, auch zu diesem Wunder einen natürlichen Schlüssel aufzusuchen oder es lieber gar von allem Schein des Außerordentlichen zu entkleiden?«
»Wenn Sie das können, mein Prinz, dann«, versetzte ich mit sehr ungläubigem Lächeln, »sollen Sie das einzige Wunder sein, das ich glaube.«
»Und zum Beweise«, fuhr er fort, »wie wenig wir berechtigt sind, zu übernatürlichen Kräften unsre Zuflucht zu nehmen, will ich Ihnen zwei verschiedene Auswege zeigen, auf welchen wir diese Begebenheit, ohne der Natur Zwang anzutun, vielleicht ergründen.«
»Zwei Schlüssel auf einmal! Sie machen mich in der Tat höchst neugierig.«
»Sie haben mit mir die nähern Nachrichten von der Krankheit meines verstorbenen Vetters gelesen. Es war in einem Anfall von kaltem Fieber, daß ihn ein Schlagfluß tötete. Das Außerordentliche dieses Todes, ich gestehe es, trieb mich an, das Urteil einiger Ärzte darüber zu vernehmen; was ich bei dieser Gelegenheit in Erfahrung brachte, leitet mich auf die Spur dieses Zauberwerks. Die Krankheit des Verstorbenen, eine der seltensten und fürchterlichsten, hat dieses eigentümliche Symptom, daß sie während des Fieberfrostes den Kranken in einen tiefen unerwecklichen Schlaf versenkt, der ihn gewöhnlich bei der zweiten Wiederkehr des Paroxysmus apoplektisch tötet. Da diese Paroxysmen in der strengsten Ordnung und zur gesetzten Stunde zurückkehren, so ist der Arzt von demselben Augenblick an, als sich sein Urteil über die Art der Krankheit entschieden hat, auch in den Stand gesetzt, die Stunde des Todes anzugeben. Der dritte Paroxysmus eines dreitägigen Wechselfiebers fällt aber bekanntlich in den fünften Tag der Krankheit — und gerade nur soviel Zeit bedarf ein eiliger Brief, um von unserer Residenz, wo mein Vetter starb, nach Venedig zu gelangen. Setzen wir nun, daß unser Armenier einen wachsamen Korrespondenten unter dem Gefolge des Verstorbenen besitze — daß er ein lebhaftes Interesse habe, Nachrichten von dorther zu erhalten, daß er auf mich selbst Absichten habe, die ihm der Glaube an das Wunderbare und der Schein übernatürlicher Kräfte bei mir befördern hilft — so haben Sie einen natürlichen Aufschluß über jene Wahrsagung, die Ihnen so unbegreiflich deucht. Genug, Sie ersehen daraus die Möglichkeit, wie mir ein Dritter von einem Todesfall Nachricht geben kann, der sich in dem Augenblick, wo er ihn meldet, vierzig Meilen weit davon ereignet.«
»In der Tat, Prinz, Sie verbinden hier Dinge, die, einzeln genommen, zwar sehr natürlich lauten, aber nur durch etwas, was nicht besser ist als Zauberei, in diese Verbindung gebracht werden können.«
»Wie? Sie erschrecken also vor dem Wunderbaren weniger als vor dem Gesuchten, dem Ungewöhnlichen? Sobald wir dem Armenier einen wichtigen Plan, der mich entweder zum Zweck hat oder zum Mittel gebraucht, einräumen — und müssen wir das nicht, was wir auch immer von seiner Person urteilen? — so ist nichts unnatürlich, nichts gezwungen, was ihn auf dem kürzesten Wege zu seinem Ziele führt. Was für einen kürzeren Weg gibt es aber, sich eines Menschen zu versichern, als der Nimbus eines Wundertäters? Wer widersteht einem Manne, dem die Geister unterwürfig sind? Aber ich gebe Ihnen zu, daß meine Mutmaßung gekünstelt ist; ich gestehe, daß sie mich selbst nicht befriedigt. Ich bestehe nicht darauf, weil ich es nicht der Mühe wert halte, einen künstlichen und überlegten Entwurf zu Hilfe zu nehmen, wo man mit dem bloßen Zufall schon ausreicht.»
»Wie?« fiel ich ein, »es soll bloßer Zufall — —«
»Schwerlich etwas mehr!« fuhr der Prinz fort. »Der Armenier wußte von der Krankheit meines Vetters. Er traf uns auf dem Markusplatze. Die Gelegenheit lud ihn ein, eine Prophezeiung zu wagen, die, wenn sie fehlschlug, bloß ein verlornes Wort war — wenn sie eintraf, von den wichtigsten Folgen sein konnte. Der Erfolg begünstigte diesen Versuch — und jetzt erst mochte er darauf denken, das Geschenk des Ungefährs für einen zusammenhängenden Plan zu benutzen. — Die Zeit wird dieses Geheimnis aufklären oder auch nicht aufklären — aber glauben Sie mir, Freund (indem er seine Hand auf die meinige legte und eine sehr ernsthafte Miene annahm), ein Mensch, dem höhere Kräfte zu Gebote stehen, wird keines Gaukelspiels bedürfen: Er wird es verachten.«
So endigte eine Unterredung, die ich darum ganz hierher gesetzt habe, weil sie die Schwierigkeiten zeigt, die bei dem Prinzen zu besiegen waren, und weil sie, wie ich hoffe, sein Andenken von dem Vorwurfe reinigen wird, daß er sich blind und unbesonnen in die Schlinge gestürzt habe, die eine unerhörte Teufelei ihm bereitete. Nicht alle, die in dem Augenblicke, wo ich dieses schreibe, vielleicht mit Hohngelächter auf seine Schwachheit herabsehen und im stolzen Dünkel ihrer nie angefochtenen Vernunft sich für berechtigt halten, den Stab der Verdammung über ihn zu brechen, nicht alle, fürchte ich, würden diese erste Probe so männlich bestanden haben. Wenn man ihn nunmehr auch nach diesem glücklichen Eingange demungeachtet fallen sieht, wenn man den schwarzen Anschlag, vor dessen entferntester Annäherung ihn sein guter Genius warnte, nichtsdestoweniger an ihm in Erfüllung gegangen findet, so wird man weniger über seine Torheit spotten als über die Größe des Bubenstücks erstaunen, dem eine so wohl verteidigte Vernunft erlag. Weltliche Rücksichten könnten an meinem Zeugnisse keinen Anteil haben; denn er, der es mir danken soll, ist nicht mehr. Sein schreckliches Schicksal ist geendigt; längst hat sich seine Seele am Thron der Wahrheit gereinigt, vor dem auch die meinige längst steht, wenn die Welt dies liest; aber — man verzeihe mir die Träne, die dem Andenken meines teuersten Freundes unfreiwillig fällt — zur Steuer der Gerechtigkeit schreib ich es nieder: Er war ein edler Mensch, und gewiß wäre er eine Zierde des Thrones geworden, den er durch ein Verbrechen ersteigen zu wollen sich betören ließ.
Nicht lange nach diesen letztern Begebenheiten — fährt der Graf von Osten-Sacken zu erzählen fort — fing ich an, in dem Gemüt des Prinzen eine wichtige Veränderung zu bemerken. Bis jetzt nämlich hatte der Prinz jede strengere Prüfung seines Glaubens vermieden und sich damit begnügt, die rohen und sinnfälligen Religionsbegriffe, in denen er auferzogen worden, durch die bessern Ideen, die sich ihm nachher aufdrangen zu reinigen, ohne die Fundamente seines Glaubens zu untersuchen. Religionsgegenstände überhaupt, gestand er mir mehrmals, seien ihm jederzeit wie ein bezaubertes Schloß vorgekommen, in das man nicht ohne Grauen seinen Fuß setze. Man tue weit besser, man gehe mit ehrerbietiger Resignation daran vorüber, ohne sich der Gefahr auszusetzen, sich in seinen Labyrinthen zu verirren. Dennoch zog ihn ein entgegengesetzter Hang unwiderstehlich zu Untersuchungen hin, die damit in Verbindung standen.
Eine bigotte knechtische Erziehung war die Quelle dieser Furcht; diese hatte seinem jugendlichen Gehirne Schreckbilder eingedrückt, von denen er sich während seines ganzen Lebens nie ganz losmachen konnte. Religiöse Melancholie war eine Erbkrankheit in seiner Familie; die Erziehung, welche man ihm und seinen Brüdern geben ließ, war dieser Anlage angemessen, die Menschen, denen man ihn anvertraute, aus diesem Gesichtspunkte gewählt, also entweder Schwärmer oder Heuchler. Alle Lebhaftigkeit des Knaben in einem dumpfen Geisteszwange zu ersticken, war das zuverlässigste Mittel, sich der höchsten Zufriedenheit der fürstlichen Eltern zu versichern.
Diese schwarze nächtliche Gestalt zeigte die ganze Jugendzeit unsers Prinzen; selbst aus seinen Spielen war die Freude verbannt. Alle seine Vorstellungen von Religion hatten etwas Fürchterliches an sich, und eben das Grauenvolle und Derbe war es, was sich seiner lebhaften Einbildungskraft zuerst bemächtigte und sich auch am längsten darin erhielt. Sein Gott war ein Schreckbild, ein strafendes Wesen; seine Gottverehrung knechtisches Zittern oder blinde, alle Kraft und Kühnheit erstickende Ergebung. Allen seinen kindischen und jugendlichen Neigungen, denen ein derber Körper und eine blühende Gesundheit um so kraftvollere Explosionen gab, stand die Religion im Wege; mit allem, woran sein jugendliches Herz sich hängte, lag sie im Streite; er lernte sie nie als eine Wohltat, nur als eine Geißel seiner Leidenschaften kennen. So entbrannte allmählich ein stiller Groll gegen sie in seinem Herzen, welcher mit einem respektvollen Glauben und blinder Furcht in seinem Kopf und Herzen die bizarrste Mischung gab — einen Widerwillen gegen einen Herrn, vor dem er in gleichem Grade Abscheu und Ehrfurcht fühlte.
Kein Wunder, daß er die erste Gelegenheit ergriff, einem so strengen Joche zu entfliehn — aber er entlief ihm wie ein leibeigener Sklave seinem harten Herrn, ein Sklave, der auch mitten in der Freiheit das Gefühl seiner Knechtschaft herumträgt. Eben darum, weil er dem Glauben seiner Jugend nicht mit ruhiger Wahl entsagte, weil er nicht gewartet hatte, bis seine reifere Vernunft sich gemächlich davon abgelöst hatte, weil er ihm als ein Flüchtling entsprungen war, auf der die Eigentumsrechte seines Herrn immer noch fortdauerten, darum mußte er auch nach so großen Abschweifungen immer wieder zu ihm zurückkehren. Er war mit der Kette entsprungen, und eben darum mußte er der Raub eines jeden Betrügers werden, der sie entdeckte und zu gebrauchen verstand. Daß sich ein solcher fand, wird, wenn man es noch nicht erraten hat, der Verfolg dieser Geschichte ausweisen.
Die Geständnisse des Sizilianers ließen in seinem Gemüt wichtigere Folgen zurück, als dieser ganze Gegenstand wert war, und der kleine Sieg, den seine Vernunft über diese schwache Täuschung davongetragen, hatte die Zuversicht zu seiner Vernunft überhaupt merklich erhöht. Die Leichtigkeit, mit der es ihm gelungen war, diesen Betrug aufzulösen, schien ihn selbst überrascht zu haben. In seinem Kopfe hatten sich Wahrheit und Irrtum noch nicht so genau voneinander gesondert, daß es ihm nicht oft begegnet wäre, die Stützen der einen mit den Stützen des andern zu verwechseln; daher kam es, daß der Schlag, der seinen Glauben an Wunder stürzte, das ganze Gebäude seines religiösen Glaubens zugleich zum Wanken brachte. Es erging ihm hier wie einem unerfahrenen Menschen, der in der Freundschaft oder Liebe hintergangen worden ist, weil er schlecht gewählt hat und der nun seinen Glauben an diese Empfindungen überhaupt sinken läßt, weil er bloße Zufälligkeiten für wesentliche Eigenschaften und Kennzeichen aufnimmt. Ein entlarvter Betrug machte ihm auch die Wahrheit verdächtig, weil er sich die Wahrheit unglücklicherweise durch gleich schlechte Gründe bewiesen hatte.
Dieser vermeintliche Triumph gefiel ihm um so mehr, je schwerer der Druck gewesen war, wovon er ihn zu befreien schien. Von diesem Zeitpunkt an regte sich eine Zweifelsucht in ihm, die auch das Ehrwürdigste nicht verschonte.
Es halfen mehrere Dinge zusammen, ihn in dieser Gemütslage zu erhalten und noch mehr darin zu befestigen. Die Einsamkeit, in der er bisher gelebt hatte, hörte jetzt auf und machte einer zerstreuungsvollen Lebensart Platz. Sein Stand war entdeckt. Aufmerksamkeiten, die er erwidern mußte, Etikette, die er seinem Rang schuldig war, rissen ihn unvermerkt in den Wirbel der großen Welt. Sein Stand sowohl als seine persönlichen Eigenschaften öffneten ihm die geistvollsten Zirkel in Venedig; bald sah er sich mit den hellsten Köpfen der Republik, Gelehrten sowohl als Staatsmännern, in Verbindung. Dies zwang ihn, den einförmigen, engen Kreis zu erweitern, in welchen sein Geist sich bisher eingeschlossen hatte. Er fing an, die Beschränktheit seiner Begriffe wahrzunehmen und das Bedürfnis höherer Bildung zu fühlen. Die altmodische Form seines Geistes, von so vielen Vorzügen sie auch sonst begleitet war, stand mit den gangbaren Begriffen der Gesellschaft in einem nachteiligen Kontrast, und seine Fremdheit in den bekanntesten Dingen setzte ihn zuweilen dem Lächerlichen aus; nichts fürchtete aber er so sehr als das Lächerliche. Das ungünstige Vorurteil, das auf seinem Geburtslande haftete, schien ihm eine Aufforderung zu sein, es in seiner Person zu widerlegen. Dazu kam noch die Sonderbarkeit in seinem Charakter, daß ihn jede Aufmerksamkeit verdroß, die er seinem Stande und nicht seinem persönlichen Wert danken zu müssen glaubt. Vorzüglich empfand er diese Demütigung in Gegenwart solcher Personen, die durch ihren Geist glänzten und durch persönliche Verdienste gleichsam über ihre Geburt triumphierten. In einer solchen Gesellschaft sich als Prinz unterschieden zu sehen, war jederzeit eine tiefe Beschämung für ihn, weil er unglücklicherweise glaubte, durch diesen Namen schon von jeder Konkurrenz ausgeschlossen zu sein. Alles dies zusammen genommen überführte ihn von der Notwendigkeit, seinem Geist die Bildung zu geben, die er bisher verabsäumt hatte, um das Jahrfünft der witzigen und denkenden Welt einzuholen, hinter welchem er so weit zurückgeblieben war.
Er wählte dazu die modernste Lektüre, der er sich mit allem dem Ernste hingab, womit er alles, was er vornahm, zu behandeln pflegte. Aber die schlimme Hand, die bei der Wahl dieser Schriften im Spiele war, ließ ihn unglücklicherweise immer auf solche stoßen, bei denen weder seine Vernunft noch sein Herz viel gebessert wurden. Auch hier waltete sein Lieblingshang vor, der ihn immer zu allem, was nicht begriffen werden soll, mit unwiderstehlichem Reize hinzog. Nur für dasjenige, was damit in Beziehung stand, hatte er Aufmerksamkeit und Gedächtnis; seine Vernunft und sein Herz blieben leer, während die Spitzfindigkeiten des andern seine Vernunft verstrickten. Beiden wurde es leicht, sich einen Geist zu unterjochen, der ein Raub eines jeden war, der sich ihm mit einer gewissen Dreistigkeit aufdrang.
Eine Lektüre, die länger als ein Jahr mit Leidenschaft fortgesetzt wurde, hatte ihn beinahe mit gar keinem wohltätigen Begriff bereichert, wohl aber seinen Kopf mit Zweifeln angefüllt, die, wie es bei diesem konsequenten Charakter unausbleiblich folgte, bald einen unglücklichen Weg zu seinem Herzen fanden. Daß ich es kurz sage — er hatte sich in dieses Labyrinth begeben als ein glaubenreicher Schwärmer, und er verließ es als Zweifler und zuletzt als ein ausgemachter Freigeist.
Unter den Zirkeln, in die man ihn zu ziehen gewußt hatte, war eine gewisse geschlossene Gesellschaft, der Bucintoro genannt, die unter dem äußerlichen Schein einer edeln vernünftigen Geistesfreiheit die zügelloseste Freiheit der Meinungen wie der Sitten begünstigte. Da sie unter ihren Mitgliedern viele Geistliche zählte und sogar die Namen einiger Kardinäle an ihrer Spitze trug, so wurde der Prinz um so leichter bewogen, sich einführen zu lassen. Gewisse gefährliche Wahrheiten der Vernunft, meinte er, könnten nirgends besser aufgehoben sein als in den Händen solcher Personen, die ihr Stand schon zur Mäßigung verpflichtete und die den Vorteil hätten, auch die Gegenpartei gehört und geprüft zu haben. Der Prinz vergaß hier, daß Libertinage des Geists und der Sitten bei Personen dieses Standes eben darum weiter um sich greift, weil sie hier einen Zügel weniger findet und durch keinen Nimbus von Heiligkeit, der so oft profane Augen blendet, zurückgeschreckt wird. Und dieses war der Fall bei dem Bucintoro, dessen meiste Mitglieder durch eine verdammliche Philosophie und durch Sitten, die einer solchen Führerin würdig waren, nicht ihren Stand allein, sondern selbst die Menschheit beschimpften.
Die Gesellschaft hatte ihre geheimen Grade, und ich will zur Ehre des Prinzen glauben, daß man ihn des innersten Heiligtums nie gewürdigt habe. Jeder, der in diese Gesellschaft eintrat, mußte, wenigstens solange er in ihr lebte, seinen Rang, seine Nation, seine Religionspartei, kurz alle konventionellen Unterscheidungszeichen ablegen und sich in einen gewissen Stand universeller Gleichheit begeben. Die Wahl der Mitglieder war in der Tat streng, weil nur die Vorzüge des Geists einen Weg dazu bahnten. Die Gesellschaft rühmte sich des feinsten Tons und des ausgebildetsten Geschmacks, und in diesem Rufe stand sie auch wirklich in ganz Venedig. Dieses sowohl als der Schein von Gleichheit, der darin herrschte, zog den Prinzen unwiderstehlich an. Ein geistvoller, durch feinen Witz aufgeheiterter Umgang, unterrichtende Unterhaltungen, das Beste aus der gelehrten und politischen Welt, das hier, wie in seinem Mittelpunkte, zusammenfloß, verbargen ihm lange Zeit das Gefährliche dieser Verbindung. Als ihm nach und nach der Geist des Instituts durch die Maske hindurch sichtbarer wurde, und als man es müde war, länger gegen ihn auf seiner Hut zu sein, da war der Rückweg gefährlich, und falsche Scham sowohl als Sorge für seine Sicherheit zwangen ihn, sein innres Mißfallen zu verbergen.
Aber schon durch die bloße Vertraulichkeit mit dieser Menschenklasse und ihren Gesinnungen, wenn sie ihn auch nicht zur Nachahmung hinrissen, ging die reine, schöne Einfalt seines Charakters und die Zartheit seiner moralischen Gefühle verloren. Sein durch so wenig gründliche Kenntnisse unterstützter Verstand konnte ohne fremde Beihilfe die feinen Trugschlüsse nicht lösen, womit man ihn hier verstrickt hatte, und unvermerkt hatte dieses schreckliche Ätzmittel alles — beinahe alles — verzehrt, worauf seine Moral ruhen sollte. Die natürlichen und notwendigen Stützen seiner Glückseligkeit gab er für Sophismen hinweg, die ihn im entscheidenden Augenblick verließen und ihn dadurch zwangen, sich an den ersten besten Menschen zu halten, den ihm das Schicksal zutrieb.
Vielleicht wäre es der Hand eines Freundes gelungen, ihn noch zur rechten Zeit von diesem Abgrund zurückzuziehen — aber, außerdem daß ich mit dem Innern des Bucintoro erst lange nachher bekannt worden bin, als das Übel schon geschehen war, so hatte mich schon zu Anfang dieser Periode ein dringender Vorfall aus Venedig abgerufen. Auch Lord Seymour, eine schätzbare Bekanntschaft des Prinzen, dessen kalter Kopf jeder Art von Täuschung widerstand und der ihm unfehlbar zu einer sichern Stütze hätte dienen können, verließ uns zu dieser Zeit, um in sein Vaterland zurückzukehren. Diejenigen, in deren Händen ich den Prinzen ließ, waren zwar redliche, aber unerfahrene und in ihrer Religion äußerst beschränkte Menschen, denen es sowohl an der Einsicht in das Übel als an Ansehn bei dem Prinzen fehlte. Seinen verfänglichen Sophismen wußten sie nichts als die Machtsprüche eines blinden ungeprüften Glaubens entgegenzusetzen, die ihn entweder aufbrachten oder belustigten; er übersah sie gar zu leicht, und sein überlegner Verstand brachte diese schlechten Verteidiger der guten Sache bald zum Schweigen. Den andern, die sich in der Folge seines Vertrauens bemächtigten, war es vielmehr darum zu tun, ihm immer tiefer in den Abgrund zu versenken. Als ich im folgenden Jahre wieder nach Venedig zurückkam — wie anders fand ich da schon alles!
Der Einfluß dieser neuen Philosophie zeigte sich bald in des Prinzen Leben. Je mehr er zusehends in Venedig Glück machte und neue Freunde sich erwarb, desto mehr fing er an, bei seinen älteren Freunden zu verlieren. Mir gefiel er von Tag zu Tag weniger, auch sahen wir uns seltener, und überhaupt war er weniger zu haben. Der Strom der großen Welt hatte ihn gefaßt. Nie wurde seine Schwelle leer, wenn er zu Hause war. Eine Lustbarkeit drängte die andre, ein Fest das andre, eine Glückseligkeit die andre. Er war die Schöne, um welche alles buhlte, der König und der Abgott aller Kreise. So schwer er sich in der vorigen Stille seines beschränkten Lebens den großen Weltlauf gedacht hatte, so leicht fand er ihn nunmehr zu seinem Erstaunen. Es kam ihm alles so entgegen, alles war trefflich, was von seinen Lippen kam, und wenn er schwieg, so war es ein Raub an der Gesellschaft. Auch machte ihn dies ihn überall verfolgende Glück, dieses allgemeine Gelingen wirklich zu etwas mehr, als er in der Tat war, weil es ihm Mut und Zuversicht zu ihm selbst gab. Die erhöhte Meinung, die er dadurch von seinem eignen Wert erlangte, gab ihm Glauben an die übertriebene und beinahe abgöttische Verehrung, die man seinem Geist widerfahren ließ, eine Verehrung, die ihm ohne dieses vergrößerte und gewissermaßen gegründete Selbstgefühl notwendig hätte verdächtig werden müssen. Jetzt aber war diese allgemeine Stimme nur die Bekräftigung dessen, was sein selbstzufriedener Stolz ihm im stillen sagte — ein Tribut, der ihm, wie er glaubte, von Rechtswegen gebührte. Unfehlbar würde er dieser Schlinge entgangen sein, hätte man ihn zu Atem kommen lassen, hätte man ihm nur ruhige Muße gegönnt, seinen eigenen Wert mit dem Bilde zu vergleichen, das ihm in einem so lieblichen Spiegel vorgehalten wurde. Aber seine Existenz war ein fortdauernder Zustand von Trunkenheit, von schwebendem Taumel. Je höher man ihn gestellt hatte, desto mehr hatte er zu tun, sich auf dieser Höhe zu erhalten: Diese immerwährende Anspannung verzehrte ihn langsam; selbst aus seinem Schlaf war die Ruhe geflohen. Man hatte seine Blößen durchschaut und die Leidenschaft gut berechnet, die man in ihm entzündet hatte.
Bald mußten es seine redlichen Kavaliere entgelten, daß ihr Herr zum großen Kopf geworden war. Ernsthafte Empfindungen und ehrwürdige Wahrheiten, an denen sein Herz sonst mit aller Wärme gehangen, fingen nun an, Gegenstände seines Spotts zu werden. An den Wahrheiten der Religion rächte er sich für den Druck, worunter ihn Wahnbegriffe so lange gehalten hatten; aber weil eine nicht zu verfälschende Stimme seines Herzens die Taumeleien seines Kopfes bekämpfte, so war mehr Bitterkeit als fröhlicher Mut in seinem Witze. Sein Naturell fing an, sich zu ändern, Launen stellten sich ein. Die schönste Zierde seines Charakters, seine Bescheidenheit, verschwand; Schmeichler hatten sein treffliches Herz vergiftet. Die schonende Feinfühligkeit des Umgangs, die es seine Kavaliere sonst ganz vergessen gemacht hatte, daß er ihr Herr war, machte jetzt nicht selten einem gebieterischen entscheidenden Ton Platz, der um so empfindlicher schmerzte, weil er nicht auf den äußerlichen Abstand der Geburt, worüber man sich mit leichter Mühe getröstet und den er selbst wenig achtete, sondern auf eine beleidigende Voraussetzung seiner persönlichen Erhabenheit gegründet war. Weil er zu Hause doch öfters Betrachtungen Raum gab, die ihn im Taumel der Gesellschaft nicht hatten angehn dürfen, so sahen ihn seine eigenen Leute selten anders als finster, mürrisch und unglücklich während er fremde Zirkel mir einer erzwungenen Fröhlichkeit beseelte. Mit teilnehmendem Mitleid sahen wir ihn auf dieser gefährlichen Bahn hinwandeln; aber in dem Tumult, durch den er geworfen wurde, hörte er die schwache Stimme der Freundschaft nicht mehr und war jetzt auch noch zu glücklich, um sie zu verstehn.
Schon in den ersten Zeiten dieser Epoche forderte mich eine wichtige Angelegenheit an den Hof meines Souveräns, die ich auch dem feurigsten Interesse der Freundschaft nicht nachsetzen durfte. Eine unsichtbare Hand, die sich mir erst lange nachher entdeckte, hatte Mittel gefunden, meine Angelegenheiten dort zu verwirren und Gerüchte von mir auszubreiten, die ich eilen mußte durch meine persönliche Gegenwart zu widerlegen. Der Abschied vom Prinzen ward mir schwer, aber ihm war er desto leichter. Schon seit geraumer Zeit waren die Bande erschlafft, die ihn an mich gekettet hatten. Aber sein Schicksal hatte meine ganze Teilnahme erweckt; ich ließ mir deswegen von dem Baron von Freihardt versprechen, mich durch schriftliche Nachrichten damit in Verbindung zu erhalten, was er auch aufs gewissenhafteste gehalten hat. Von jetzt an bin ich also auf lange Zeit kein Augenzeuge dieser Begebenheiten mehr: Man erlaube mir, den Baron von Freihardt an meiner Statt aufzuführen und diese Lücke durch Auszüge aus seinen Briefen zu ergänzen. Ungeachtet die Vorstellungskraft meines Freundes Freihardt nicht immer die meinige ist, so habe ich dennoch an seinen Worten nichts ändern wollen, aus denen der Leser die Wahrheit mit wenig Mühe herausfinden wird.
Dank Ihnen, sehr verehrter Freund, daß Sie mir die Erlaubnis erteilt haben, auch abwesend den vertrauten Umgang mit Ihnen fortzusetzen, der während Ihres Hierseins meine beste Freude ausmachte. Hier, das wissen Sie, ist niemand, gegen den ich es wagen dürfte, mich über gewisse Dinge auszulassen — was Sie mir auch dagegen sagen mögen, dies Volk ist mir verhaßt. Seitdem der Prinz einer davon geworden ist, und seitdem vollends Sie uns entrissen sind, bin ich mitten in dieser volkreichen Stadt verlassen. Der junge Zedtwitz nimmt es leichter, und die Schönen in Venedig wissen ihn die Kränkungen vergessen zu machen, die er zu Hause mit mir teilen muß. Und was hätte er sich auch darüber zu grämen? Er sieht und verlangt in dem Prinzen nichts als einen Herrn, den er überall findet — aber ich! Sie wissen, wie nahe ich das Wohl und Wehe unsers Prinzen an meinem Herzen fühle, und wie sehr ich Ursache dazu habe. Sechzehn Jahre sind es, daß ich um seine Person lebe, daß ich nur für ihn lebe. Als ein neunjähriger Knabe kam ich in seine Dienste, und seit dieser Zeit hat mich kein Schicksal von ihm getrennt. Unter seinen Augen bin ich geworden; ein langer Umgang hat mich ihm zugebildet; alle seine großen und kleinen Abenteuer habe ich mit ihm bestanden. Ich lebe in seiner Glückseligkeit. Bis auf dieses unglückliche Jahr hab ich nur meinen Freund, meinen älteren Bruder in ihm gesehen, wie in einem heitern Sonnenscheine hab ich in seinen Augen gelebt — keine Wolke trübte mein Glück; und alles dies soll mir nun in diesem unseligen Venedig zu Trümmern gehen!
Seitdem Sie von uns sind, hat sich allerlei bei uns verändert. Der Prinz von Hanau ist vorige Woche mit einem zahlreichen Gefolge hier angelangt und hat unserem Zirkel ein neues tumultuarisches Leben gegeben. Da er und unser Prinz so nahe verwandt sind und jetzt auf einem ziemlich guten Fuß zusammen stehen, so werden sie sich während seines hiesigen Aufenthalts, der, wie ich höre, bis zum Himmelfahrtsfest dauern soll, wenig voneinander trennen. Der Anfang ist schon bestens gemacht; seit zehn Tagen ist der Prinz kaum zu Atem gekommen. Der Prinz von Hanau hat es gleich sehr hoch angefangen, und das mochte er immer, da er sich bald wieder entfernt; aber das Schlimme dabei ist, er hat unsern Prinzen damit angesteckt, weil der sich nicht wohl davon ausschließen konnte und bei dem besondern Verhältnis, das zwischen beiden Häusern obwaltet, dem bestrittenen Range des seinigen hier noch etwas schuldig zu sein glaubte. Dazu kommt, daß in wenigen Wochen auch unser Abschied von Venedig herannaht; wodurch er ohnehin überhoben wird, diesen außerordentlichen Aufwand in die Länge fortzuführen.
Der Prinz von Hanau, wie man sagt, ist in Geschäften des Illuminatenordens hier, wobei er sich einbildet, eine wichtige Rolle zu spielen. Daß er von allen Bekanntschaften unsers Prinzen sogleich Besitz genommen haben werde, können Sie sich leicht einbilden. In den Bucintoro besonders ist er mit Pomp eingeführt worden, da es ihm seit einiger Zeit beliebt hat, den witzigen Kopf und den starken Geist zu spielen, wie er sich denn auch in seinen Korrespondenzen, deren er in allen Weltgegenden unterhält, nur den Prince philosophe nennen läßt. Ich weiß nicht, ob Sie je das Glück gehabt haben, ihn zu sehn. Ein vielversprechendes Äußre, beschäftigte Augen, eine Miene voll Kunstverständigkeit, viel Prunk von Lektüre, viel erworbene Natur (vergönnen Sie mir dieses Wort) und eine fürstliche Herablassung zu Menschengefühlen, dabei eine heroische Zuversicht auf sich selbst und eine alles niedersprechende Beredsamkeit. Wer könnte bei so glänzenden Eigenschaften einer Hoheit seine Huldigung versagen? Wie indessen der stille wortarme und gründliche Wert unsers Prinzen neben dieser schreienden Vortrefflichkeit auskommen wird, muß der Ausgang lehren.
In unsrer Lebenshaltung sind seit der Zeit viele und große Veränderungen geschehn. Wir haben ein neues prächtiges Haus, der neuen Prokuratie gegenüber, bezogen, weil es dem Prinzen im Mohren zu eng wurde. Unser Gefolge hat sich um zwölf Köpfe vermehrt, Pagen, Mohren, Heiducken — alles geht jetzt ins Große. Sie haben während Ihres Hierseins über Aufwand geklagt — jetzt sollten Sie erst sehn!
Unsre innern Verhältnisse sind noch die alten — außer daß der Prinz, der durch Ihre Gegenwart nicht mehr in Schranken gehalten wird, womöglich noch einsilbiger und frostiger gegen uns geworden ist, und daß wir ihn jetzt außer dem An- und Auskleiden wenig haben. Unter dem Vorwand, daß wir das Französische schlecht und das Italienische gar nicht reden, weiß er uns von seinen meisten Gesellschaften auszuschließen, wodurch er mir für meine Person eben keine große Kränkung antut; aber ich glaube das Wahre davon einzusehn: Er schämt sich unsrer — und das schmerzt mich, das haben wir nicht verdient.
Von unsern Leuten (weil Sie doch alle Kleinigkeiten wissen wollen) bedient er sich fast ganz allein des Biondello, den er, wie Sie wissen, nach Entweichung unsers Jägers in seine Dienste nahm und der ihm jetzt bei dieser neuen Lebensart ganz unentbehrlich geworden ist. Der Mensch kennt alles in Venedig, und alles weiß er zu gebrauchen. Es ist nicht anders, als wenn er tausend Augen hätte, tausend Hände in Bewegung setzen könnte. Er bewerkstelligt dies mit Hilfe der Gondolieri, sagt er. Dem Prinzen kommt er dadurch ungemein zustatten, daß er ihn vorläufig mit allen neuen Gesichtern bekannt macht, die diesem in seinen Gesellschaften vorkommen; und die geheimen Bemerkungen, die er gibt, hat der Prinz immer richtig befunden. Dabei spricht und schreibt er das Italienische und das Französische vortrefflich, wodurch er sich auch bereits zum Sekretär des Prinzen aufgeschwungen hat. Einen Zug von uneigennütziger Treue muß ich Ihnen doch erzählen, der bei einem Menschen dieses Standes in der Tat selten ist. Neulich ließ ein angesehener Kaufmann aus Rimini bei dem Prinzen um Gehör ansuchen. Der Gegenstand war eine sonderbare Beschwerde über Biondello. Der Prokurator, sein voriger Herr, der ein wunderlicher Heiliger gewesen sein mochte, hatte mit seinen Verwandten in unversöhnlicher Feindschaft gelebt, die ihn auch, womöglich, noch überleben sollte. Sein ganzes ausschließliches Vertrauen hatte Biondello, bei dem er alle seine Geheimnisse niederzulegen pflegte; dieser mußte ihm noch am Totenbette angeloben, sie heilig zu bewahren und zum Vorteil der Verwandten niemals Gebrauch davon zu machen. Ein ansehnliches Legat sollte ihn für diese Verschwiegenheit belohnen. Als man sein Testament eröffnete und seine Papiere durchsuchte, fanden sich große Lücken und Verwirrungen, worüber Biondello allein den Aufschluß geben konnte. Dieser leugnete hartnäckig, daß er etwas wissen, ließ den Erben das sehr beträchtliche Legat und behielt seine Geheimnisse. Große Erbietungen wurden ihm von Seiten der Verwandten getan, aber alle vergeblich; endlich, um ihrem Zudringen zu entgehn, weil sie drohten, ihn rechtlich zu belangen, begab er sich bei dem Prinzen in Dienste. An diesen wandte sich nun der Haupterbe, dieser Kaufmann, und machte noch größre Anerbieten, als die schon geschehn waren, wenn Biondello seinen Sinn ändern wollte. Aber auch die Fürsprache des Prinzen war umsonst. Diesem gestand er zwar, daß ihm wirklich dergleichen Geheimnisse anvertraut wären, er leugnete auch nicht, daß der Verstorbene im Haß gegen seine Familie vielleicht zu weit gegangen sei; »aber«, setzte er hinzu, »er war mein guter Herr und mein Wohltäter, und im festen Vertrauen auf meine Redlichkeit starb er hin. Ich war der einzige Freund, den er auf der ganzen Welt zurückließ — um so weniger darf ich seine einzige Hoffnung hintergehen.« Zugleich ließ er merken, daß diese Eröffnungen dem Andenken seines verstorbenen Herrn nicht sehr zur Ehre gereichen dürften. Ist das nicht fein gedacht und edel? Auch können Sie leicht denken, daß der Prinz nicht sehr darauf beharrte, ihn in einer so löblichen Gesinnung wankend zu machen. Diese seltene Treue, die er gegen seinen verstorbenen Herrn bewies, hat ihm das uneingeschränkte Vertrauen des lebenden gewonnen.
Leben Sie glücklich, liebster Freund. Wie sehne ich mich nach dem stillen Leben zurück, in welchem Sie uns hier fanden, und wofür Sie uns so ungenehm entschädigten! Ich fürchte, meine guten Zeiten in Venedig sind vorbei, und Gewinn genug, wenn von dem Prinzen nicht das nämliche wahr ist. Das Element, worin er jetzt lebt, ist dasjenige nicht, worin er auf die Länge glücklich sein kann, oder eine sechzehnjährige Erfahrung mußte mich betrügen. Leben sie wohl.
Hätt ich doch nicht gedacht, daß unser Aufenthalt in Venedig noch zu irgend etwas gut sein würde! Er hat einem Menschen das Leben gerettet, ich bin mit ihm ausgesöhnt.
Der Prinz ließ sich neulich bei später Nacht aus dem Bucintoro nach Hause tragen, zwei Bediente, unter denen Biondello war, begleiteten ihn. Ich weiß nicht, wie es zugeht, die Sänfte, die man in der Eile aufgerafft hatte, zerbricht, und der Prinz sieht sich genötigt, den Rest des Weges zu Fuße zu machen. Biondello geht voran, der Weg führte durch einige dunkle abgelegene Straßen, und da es nicht mehr weit von Tages Anbruch war, so brannten die Lampen dunkel oder waren schon ausgegangen. Eine Viertelstunde mochte man gegangen sein, als Biondello die Entdeckung machte, daß er verirrt sei. Die Ähnlichkeit der Brücken hatte ihn getäuscht, und anstatt nach St. Markus überzusetzen, befand man sich im Sestiere von Castello. Es war in einer der abgelegensten Gassen und nichts Lebendes weit und breit; man mußte umkehren, um sich in einer Hauptstraße zu orientieren. Man war nur wenige Schritte gegangen, als nicht weit von ihnen in einer Gasse ein Mordgeschrei erschallt. Der Prinz, unbewaffnet wie er war, reißt einem Bedienten den Stock aus den Händen, und eilt mit dem entschlossenen Mut, den Sie an ihm kennen, nach der Gegend zu, woher diese Stimme erschallt. Drei fürchterliche Kerls sind eben im Begriff, einen Mann niederzustoßen, der sich mit seinem Begleiter nur noch schwach verteidigt; der Prinz erscheint noch eben zu rechter Zeit, um den tödlichen Stich zu hindern. Sein und der Bedienten Rufen bestürzt die Mörder, die sich an einem so abgelegenen Ort auf keine Überraschung versehn hatten, so sehr, daß sie nach einigen leichten Dolchstichen von ihrem Manne ablassen und die Flucht ergreifen. Halb ohnmächtig und vom Ringen erschöpft, sinkt der Verwundete in den Arm des Prinzen; sein Begleiter entdeckt diesem, daß er den Marchese von Civitella, den Neffen des Kardinals Agliardi, gerettet habe. Da der Marchese viel Blut verlor, so machte Biondello, so gut er konnte, in der Eile den Wundarzt, und der Prinz trug Sorge, daß er nach dem Palast seines Oheims geschafft wurde, der am nächsten gelegen war und ohne sich zu erkennen gegeben zu haben.
Aber durch einen Bedienten, der Biondello erkannt hatte, ward er verraten. Gleich den folgenden Morgen erschien der Kardinal, eine alte Bekanntschaft aus dem Bucintoro. Der Besuch dauerte eine Stunde; der Kardinal war in großer Bewegung, als sie herauskamen, Tränen standen in seinen Augen, auch der Prinz war gerührt. Noch an demselben Abend wurde bei dem Kranken ein Besuch abgestattet, von dem der Wundarzt übrigens das Beste versichert. Der Mantel, in den er gehüllt war, hatte die Stöße unsicher gemacht und ihre Stärke gebrochen. Seit diesem Vorfall verstrich kein Tag, an welchem der Prinz nicht im Hause des Kardinals Besuche gegeben oder empfangen hätte; eine starke Freundschaft fängt an, sich zwischen ihm und diesem Hause zu bilden.
Der Kardinal ist ein ehrwürdiger Sechziger, majestätisch von Ansehn, voll Heiterkeit und frischer Gesundheit. Man hält ihn für einen der reichsten Prälaten im ganzen Gebiete der Republik. Sein unermeßliches Vermögen soll er noch sehr jugendlich verwalten und bei einer vernünftigen Sparsamkeit keine Weltfreude verschmähen. Dieser Neffe ist sein einziger Erbe, der aber mit seinem Oheim nicht immer im besten Vernehmen stehn soll. So wenig der Alte ein Feind des Vergnügens ist, so soll doch die Aufführung des Neffen auch die höchste Toleranz erschöpfen. Seine freien Grundsätze und seine zügellose Lebensart, unglücklicherweise durch alles unterstützt, was Laster schmücken und die Sinnlichkeit hinreißen kann, machen ihn zum Schrecken aller Väter und zum Fluch aller Ehemänner; auch diesen letzten Angriff soll er sich, wie man behauptet, durch eine Intrige zugezogen haben, die er mit der Gemahlin des genuesischen Gesandten angesponnen hatte. Anderer schlimmen Händel nicht zu gedenken, woraus ihn das Ansehn und das Geld des Kardinals nur mit Mühe hat retten können. Dieses abgerechnet, wäre letzterer der beneidetste Mann in ganz Italien, weil er alles besitzt, was das Leben wünschenswürdig machen kann. Mit diesem einzigen Familienleiden nimmt das Glück alle seine Gaben zurück und vergällt ihm den Genuß seines Vermögens durch die immerwährende Furcht, keinen Erben dazu zu finden.
Alle diese Nachrichten hatte ich von Biondello. In diesem Menschen hat der Prinz einen wahren Schatz erhalten. Mit jedem Tage macht er sich unentbehrlicher, mit jedem Tage entdecken wir irgendein neues Talent an ihm. Neulich hatte sich der Prinz erhitzt und konnte nicht einschlafen. Das Nachtlicht war ausgelöscht, und kein Klingeln konnte den Kammerdiener herbeirufen, der außer dem Hause seinen Liebschaften nachgegangen war. Der Prinz entschließt sich also, selbst aufzustehn, um einen seiner Leute zu rufen. Er ist noch nicht weit gegangen, als ihm von ferne eine liebliche Musik entgegenschallt. Er geht wie bezaubert dem Schall nach und findet Biondello auf seinem Zimmer auf der Flöte blasend, seine Kameraden um ihn her. Er will seinen Augen, seinen Ohren nicht trauen und befiehlt ihm, fortzufahren. Mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit extemporiert dieser nun dasselbe schmelzende Adagio mit den glücklichsten Variationen und allen Feinheiten eines Virtuosen. Der Prinz, der ein Kenner ist, wie sie wissen, behauptet, daß er sich getrost in der besten Kapelle hören lassen dürfte.
»Ich muß diesen Menschen entlassen«, sagte er mir den Morgen darauf; »ich bin unvermögend, ihn nach Verdienst zu belohnen.« Biondello, der diese Worte aufgefangen hatte, trat herzu. »Gnädigster Herr«, sagte er, »wenn Sie das tun, so rauben Sie mir meine beste Belohnung.«
»Du bist zu etwas Besserm bestimmt, als zu dienen«, sagte mein Herr. »Ich darf dir nicht vor deinem Glücke stehn.«
»Drängen Sie mir doch kein andres Glück auf, gnädigster Herr, als das ich mir selbst gewählt habe.«
»Ein solches Talent zu vernachlässigen? Nein! Ich darf es nicht zugeben.«
»So erlauben Sie mir, gnädigster Herr, daß ich es zuweilen in Ihrer Gegenwart übe.«
Und dazu wurden auch sogleich die Anstalten getroffen. Biondello erhielt ein Zimmer zunächst am Schlafgemach seines Herrn, wo er ihn mit Musik in den Schlummer wiegen und mit Musik daraus erwecken kann. Sein Gehalt wollte der Prinz verdoppeln, was er aber verbat, mit der Erklärung: der Prinz möchte ihm erlauben, diese zugedachte Gnade als ein Kapital bei ihm zu deponieren, welches er vielleicht in kurzer Zeit nötig haben würde zu erheben. Der Prinz erwartet nunmehr, daß er nächstens kommen werde, um etwas zu bitten; und was es auch sein möge, es ist ihm zum voraus gewährt. Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich erwarte mit Ungeduld Nachrichten von Ihnen.
Der Marchese von Civitella, der von seinen Wunden nun ganz wiederhergestellt ist, hat sich vorige Woche durch seinen Onkel, den Kardinal, bei dem Prinzen einführen lassen, und seit diesem Tage folgt er ihm wie sein Schatten. Von diesem Marchese hat mir Biondello doch nicht die Wahrheit gesagt, wenigstens hat er sie weit übertrieben. Ein sehr liebenswürdiger Mensch von Ansehn und unwiderstehlich im Umgang. Es ist nicht möglich, ihm gram zu sein; der erste Anblick hat mich erobert. Denken Sie sich die bezauberndste Figur, mit Würde und Anmut getragen, ein Gesicht voll Geist und Seele, eine offene einladende Miene, einen einschmeichelnden Ton der Stimme, die fließendste Beredsamkeit, die blühendste Jugend mit allen Grazien der feinsten Erziehung vereinigt. Er hat gar nichts von dem geringschätzigen Stolz, von der feierlichen Steifheit, die uns an den übrigen Nobili so unerträglich fällt. Alles an ihm atmet jugendliche Frohherzigkeit, Wohlwollen, Wärme des Gefühls. Seine Ausschweifungen muß man mir weit übertrieben haben, nie sah ich ein vollkommeneres, schöneres Bild der Gesundheit. Wenn er wirklich so schlimm ist, wie mir Biondello sagt, so ist es eine Sirene, der kein Mensch widerstehen kann.
Gegen mich war er gleich sehr offen. Er gestand mir mit der angenehmsten Treuherzigkeit, daß er bei seinem Onkel, dem Kardinal, nicht am besten angeschrieben stehe und es auch wohl verdient haben möge. Er sei aber ernstlich entschlossen, sich zu bessern, und das Verdienst davon würde ganz dem Prinzen zufallen. Zugleich hoffe er, durch diesen mit seinem Onkel wieder ausgesöhnt zu werden, weil der Prinz alles über den Kardinal vermöge. Es habe ihm bis jetzt nur an einem Freunde und Führer gefehlt, und beides hoffe er sich in dem Prinzen zu erwerben.
Der Prinz bedient sich aller Rechte eines Führers gegen ihn und behandelt ihn mit der Wachsamkeit und Strenge eines Mentors. Aber eben dies Verhältnis gibt auch ihm gewisse Rechte an den Prinzen, die er sehr gut geltend zu machen weiß. Er kommt ihm nicht mehr von der Seite, er ist bei allen Partien, an denen der Prinz teilnimmt. Für den Bucintoro ist er — und das ist sein Glück! — bis jetzt noch zu jung gewesen. Überall, wo er sich mit dem Prinzen einfindet, entführt er diesen der Gesellschaft durch die feine Art, womit er ihn zu beschäftigen und auf sich zu ziehen weiß. Niemand, sagen sie, habe ihn bändigen können, und der Prinz verdiene einen Lorbeerkranz, wenn ihm dieses Riesenwerk gelänge. Ich fürchte aber sehr, das Blatt möchte sich vielmehr wenden und der Führer bei seinem Zögling in die Schule gehn, wozu sich auch bereits alle Umstände anzulassen scheinen.
Der Prinz von Hanau ist nun abgereist, und zwar zu unserm allerseitigen Vergnügen, auch meinen Herrn nicht ausgenommen. Was ich vorausgesagt habe, liebster Osten, ist richtig eingetroffen. Bei so entgegengesetzten Charakteren, bei so unvermeidlichen Kollisionen konnte dies gute Vernehmen auf die Dauer nicht bestehn. Der Prinz von Hanau war nicht lange in Venedig, so entstand ein bedenklicher Riß in der geistreichen Welt, der unsern Prinzen in Gefahr setzte, die Hälfte seiner bisherigen Bewunderer zu verliern. Wo er sich nur sehen ließ, fand er diesen Nebenbuhler in seinem Wege, der gerade die gehörige Dosis kleiner List und selbstgefälliger Eitelkeit besaß, um jeden noch so kleinen Vorteil geltend zu machen, den ihm der Prinz über sich gab. Weil ihm zugleich alle kleinlichen Kunstgriffe zu Gebote standen, deren Gebrauch dem Prinzen ein edles Selbstgefühl untersagte, so konnte es nicht fehlen, daß er in kurzer Zeit die Schwachköpfe auf seine Seite hatte und an der Spitze einer Partei prangte, die seiner würdig war.[2]
[2] Das harte Urteil, welches sich Baron von Freihardt hier und in einigen Stellen des ersten Briefs über einen geistreichen Prinzen erlaubt, wird jeder, der das Glück hat, diesen Prinzen näher zu kennen, mit mir übertrieben finden und es dem voreingenommenen Kopfe dieses jugendlichen Beurteilers zugute halten. Anmerkung des Grafen von Osten.
Das Vernünftigste wäre freilich wohl gewesen, mit einem Gegner dieser Art sich in gar keinen Wettkampf einzulassen, und einige Monate früher wäre dies gewiß, die Partie gewesen, welche der Prinz ergriffen hätte. Jetzt aber war er schon zu weit in den Strom gerissen, um das Ufer so schnell wieder erreichen zu können. Diese Nichtigkeiten hatten, wenn auch nur durch die Umstände, einen gewissen Wert bei ihm erlangt, und hätte er sie auch wirklich verachtet, so erlaubte ihm sein Stolz nicht, ihnen in einem Zeitpunkte zu entsagen, wo sein Nachgeben weniger für einen freiwilligen Entschluß als für ein Geständnis seiner Niederlage würde gegolten haben. Das unselige Hin- und Wiederbringen schneidender Reden von beiden Seiten kam dazu, und der Geist von Rivalität, der seine Anhänger erhitzte, hatte auch ihn ergriffen. Um also seine Eroberungen zu bewahren, um sich auf dem schlüpfrigem Platz zu erhalten, den ihm die Meinung der Welt angewiesen hatte, glaubte er die Gelegenheiten häufen zu müssen, wo er glänzen und verbinden konnte, und dies konnte nur durch einen fürstlichen Aufwand erreicht werden. Daher ewige Feste und Gelage, kostbare Konzerte, Geschenke und hohes Spiel. Und weil sich diese seltsame Raserei bald auch dem beiderseitigen Gefolge und der Dienerschaft mitteilte, die, wie Sie wissen, über den Artikel der Ehre noch weit wachsamer zu halten pflegt als ihre Herrschaft, es mußte er dem Willen seiner Leute durch seine Freigiebigkeit zu Hilfe kommen. Eine ganze lange Kette von Armseligkeiten, alles unvermeidliche Folgen einer einzigen ziemlich verzeihlichen Schwachheit, von der sich der Prinz in einem unglücklichen Augenblick überschleichen ließ!
Den Nebenbuhler sind wir zwar nun los, aber was er verdorben hat, ist nicht so leicht wieder gutzumachen. Des Prinzen Schatulle ist erschöpft; was er durch eine weise Maßhaltung seit Jahren erspart hat, ist dahin; wir müssen eilen, aus Venedig zu kommen, wenn er sich nicht in Schulden stürzen soll, wovor er sich bis jetzt auf das sorgfältigste gehütet hat. Die Abreise ist auch fest beschlossen, sobald nur erst frische Wechsel da sind.
Möchte indes all dieser Aufwand gemacht sein, wenn mein Herr nur eine einzige Freude dabei gewonnen hätte! Aber nie war er weniger glücklich als jetzt! Er fühlt, daß er nicht ist, was er sonst war — er sucht sich selbst — er ist unzufrieden mit sich selbst und stürzt sich in neue Zerstreuungen, um den Folgen der alten zu entfliehen. Eine neue Bekanntschaft folgt auf die andre, die ihn immer tiefer hineinreißt. Ich sehe nicht, wie das noch werden soll. Wir müssen fort — hier ist keine andre Rettung — wir müssen fort aus Venedig.
Aber, liebster Freund, noch immer keine Zeile von Ihnen! Wie muß ich diese lange, hartnäckige Schweigen mir erklären?
Haben sie Dank, liebster Freund, für das Zeichen Ihres Andenkens, das mir der junge Brühl von Ihnen überbrachte. Aber was sprechen Sie darin von Briefen, die ich erhalten haben soll? Ich habe keinen Brief von ihnen erhalten, nicht eine Zeile. Welchen weiten Umweg müssen die genommen haben! Künftig, liebster Osten, wenn Sie mich mit Briefen beehren, senden Sie solche über Trient und unter der Adresse meines Herrn.
Endlich haben wir den Schritt doch tun müssen, liebster Freund, den wir bis jetzt so glücklich vermieden haben. — Die Wechsel sind ausgeblieben, jetzt in diesem dringendsten Bedürfnis zum erstenmal ausgeblieben, und wir waren in die Notwenigkeit gesetzt, unsre Zuflucht zu einem Wucherer zu nehmen, weil der Prinz das Geheimnis gern etwas teurer bezahlt. Das schlimmste an diesem unangenehmen Vorfalle ist, daß er unsere Abreise verzögert.
Bei dieser Gelegenheit kam es zu einigen Erläuterungen zwischen mir und dem Prinzen. Das ganze Geschäft war durch Biondellos Hände gegangen, und der Ebräer war da, ehe ich etwas davon ahnte. Den Prinzen zu diesem äußersten Schritt gebracht zu sehen, preßte mir das Herz und machte alle Erinnerungen der Vergangenheit, alle Schrecken für die Zukunft in mir lebendig, so daß ich freilich etwas grämlich und düster ausgesehen haben mochte, als der Wucherer hinaus war. Der Prinz, den der vorhergehende Auftritt ohnehin sehr reizbar gemacht hatte, ging mit Unmut im Zimmer auf und nieder, die Rollen lagen noch auf dem Tische, ich stand am Fenster und beschäftigte mich, die Scheiben in der Prokuratie zu zählen. Es war eine lange Stille; endlich brach er los.
»Freihardt!« fing er an. »Ich kann keine finstern Gesichter um mich leiden.«
Ich schwieg.
»Warum antworten Sie mir nicht? — Seh ich nicht, daß es Ihnen das Herz abdrücken will, Ihren Verdruß auszugießen? Und ich will haben, daß Sie reden. Sie dürften sonst Wunder glauben, was für weise Dinge Sie verschweigen.«
»Wenn ich finster bin, gnädigster Herr«, sagte ich, »so ist es nur weil ich Sie nicht heiter sehe.«
»Ich weiß«, fuhr er fort, »daß ich Ihnen nicht recht bin — schon seit geraumer Zeit — daß alle meine Schritte mißbilligt werden — daß — Was schreibt der Graf von Osten?«
»Der Graf von Osten hat mir nichts geschrieben.«
»Nichts? Was wollen Sie es leugnen? Sie haben Herzensergießungen zusammen — Sie und der Graf! Ich weiß es recht gut. Aber gestehen Sie mir's immer. Ich werde nicht in Ihre Geheimnisse eindringen.«
»Der Graf von Osten«, sagte ich, »hat mir von drei Briefen, die ich ihm schrieb, noch den ersten zu beantworten.«
»Ich habe unrecht getan«, fuhr er fort. »Nicht wahr?« (eine Rolle ergreifend) — »Ich hätte das nicht tun sollen?«
»Ich sehe wohl ein, daß dies notwendig war.«
»Ich hätte mich nicht in die Notwendigkeit setzen sollen?«
Ich schwieg.
»Freilich! Ich hätte mich mit meinen Wünschen nie über das hinauswagen sollen! Und darüber zum Greis zu werden, wie ich zum Mann geworden bin! Weil ich aus der traurigen Einförmigkeit meines bisherigen Lebens einmal hinausgehe und herumschaue, ob sich nicht irgend anderswo eine Quelle des Genusses für mich öffnet — weil ich —«
»Wenn es ein Versuch war, gnädigster Herr, dann hab ich nichts mehr zu sagen — dann sind die Erfahrungen, die er Ihnen verschafft haben wird, mit noch dreimal so viel nicht zu teuer erkauft. Es tat mir wehe, ich gesteh es, daß die Meinung der Welt über eine Frage, die nur vor Ihr eigenes Herz gehört, die Frage, wie Sie glücklich sein sollen, zu entscheiden haben sollte.«
»Wohl Ihnen, daß Sie sie verachten können, die Meinung der Welt! Ich bin ihr Geschöpf, ich muß ihr Sklave sein. Was sind wir anders als Meinung? Alles an uns Fürsten ist Meinung. Die Meinung ist unsre Amme und Erzieherin in der Kindheit, unsre Gesetzgeberin und Geliebte in männlichen Jahren, unsere Krücke im Alter. Nehmen Sie uns, was wir von der Meinung haben, und der Schlechteste aus den übrigen Klassen ist besser daran als wir; denn sein Schicksal hat ihm doch zu einer Philosophie verholfen, welche ihn über dieses Schicksal tröstet. Ein Fürst, der die Meinung verlacht, hebt sich selbst auf, wie der Priester, der das Dasein seines Gottes leugnet.«
»Und dennoch, gnädigster Prinz —«
»Ich weiß, was sie sagen wollen. Ich kann den Kreis über schreiten, den meine Geburt um mich gezogen hat — aber kann ich auch alle Wahnbegriffe aus meinem Gedächtnis herausreißen, die Erziehung und frühe Gewohnheit darein gepflanzt und hunderttausend Schwachköpfe unter euch immer fester und fester darin gegründet haben? Jeder will doch gerne ganz sein, was er ist, und unsre Existenz ist nun einmal, glücklich scheinen. Weil wir es nicht sein können auf eure Weise, sollen wir es darum gar nicht mehr schöpfen dürfen, sollen wir uns auch nicht mit einem künstlichen Genuß hintergehn, nicht von eben der Hand, die uns beraubte, eine schwache Entschädigung empfangen dürfen?«
»Sonst fanden Sie diese in Ihrem Herzen!«
»Wenn ich sie nun nicht mehr darin finde? — O wie kommen wir darauf? Warum mußten Sie diese Erinnerungen in mir aufwecken? — Wenn ich nun eben zu diesem Sinnentumult meine Zuflucht nahm, um eine innere Stimme zu betäuben, die das Unglück meines Lebens macht — um diese grübelnde Vernunft zur Ruhe zu bringen, die wie eine schneidende Sichel in meinem Gehirn hin und her fährt und mit jeder neuen Entdeckung einen neuen Zweig meiner Glückseligkeit zerschneidet?«
»Mein bester Prinz!« — Er war aufgestanden und ging im Zimmer herum, in ungewöhnlicher Bewegung.
»Wenn alles vor mir und hinter mir versinkt — die Vergangenheit im traurigen Einerlei wie ein Reich der Versteinerung hinter mir liegt — wenn die Zukunft mir nichts bietet — wenn ich meines Daseins ganzen Kreis im schmalen Raume der Gegenwart beschlossen sehe — wer verargt es mir, daß ich dies magre Geschenk der Zeit — den Augenblick — feurig und unersättlich wie einen Freund, den ich zum letzten Male sehe, in meine Arme schließe?«
»Gnädigster Herr, sonst glaubten Sie an ein bleibenderes Gut —«
»O machen Sie, daß mir das Wolkenbild halte, und ich will meine glühenden Arme darum schlagen. Was für Freude kann es mir geben, Erscheinungen zu beglücken, die morgen dahin sein werden wie ich? — Ist nicht alles Flucht um mich herum? Alles stößt sich und drängt seinen Nachbar weg, um aus dem Quell des Daseins einen Tropfen eilends zu trinken und lechzend davonzugehen. Jetzt in dem Augenblick, wo ich meiner Kraft mich freue, ist schon ein werdendes Leben auf meine Zerstörung angewiesen. Zeigen Sie mir etwas, das dauert, so will ich tugendhaft sein.«
»Was hat denn die wohltätigen Empfindungen verdrängt, die einst der Genuß und die Richtschnur Ihren Lebens waren? Saaten für die Zukunft zu pflanzen, einer hohen, ewigen Ordnung zu dienen —«
»Zukunft! Ewige Ordnung! — Nehmen wir hinweg, was der Mensch aus seiner eigenen Brust genommen und seiner eingebildeten Gottheit als Zweck, der Natur als Gesetz untergeschoben hat — was bleibt uns dann übrig? — Was mir vorherging und was mir folgen wird, sehe ich als zwei schwarze undurchdringliche Decken an, die an beiden Grenzen des menschlichen Lebens herunterhangen und welche noch kein Lebender aufgezogen hat. Schon viele hundert Generationen stehen mit der Fackel davor und raten und raten, was etwas dahinter sein möchte. Viele sehn ihren eigenen Schatten, die Gestalten ihrer Leidenschaft, vergrößert auf der Decke der Zukunft sich bewegen und fahren schaudernd vor ihrem eigenen Bild zusammen. Dichter, Philosophen und Staatenstifter haben sie mit ihren Träumen bemalt, lachender oder finsterer, wie der Himmel über ihnen trüber oder heiterer war; und von weitem täuschte die Perspektive. Auch manche Gaukler nützten diese allgemeine Neugier und setzten durch seltsame Vermummungen die gespannten Phantasien in Erstaunen. Eine tiefe Stille herrscht hinter dieser Decke; keiner, der einmal dahinter ist, antwortete hinter ihr hervor; alles, was man hörte, war ein hohler Widerschall der Frage, als ob man in eine Gruft gerufen hätte. Hinter diese Decke müssen alle, und mit Schaudern fassen sie sie an, ungewiß, wer wohl dahinter stehe und sie im Empfang nehmen werde; quid sit id, quod tantum perituri vident! Freilich gab es auch Ungläubige darunter, die behaupteten, daß diese Decke die Menschen nur narre und daß man nichts beobachtet hätte, weil auch nichts dahinter sei; aber um sie zu überweisen, schickte man sie selbst eilig dahinter.«
»Ein rascher Schluß war es immer, wenn sie keinen bessern Grund hatten, als weil sie nichts sahen.«
»Sehen sie nun, lieber Freund, ich bescheide mich gern, nicht hinter diese Decke blicken zu wollen — und das weiseste wird doch wohl sein, mich von aller Neugier zu entwöhnen. Aber indem ich diesen überschreitbaren Kreis um mich ziehe und mein ganzes Sein in die Schranken der Gegenwart einschließe, wird mir dieser kleine Fleck desto wichtiger, den ich schon über eiteln Eroberungsgedanken zu vernachlässigen in Gefahr war. Das, was Sie den Zweck meines Daseins nennen, geht mich jetzt nichts mehr an. Ich kann mich ihm nicht entziehen, ich kann ich nicht nachhelfen; ich weiß aber und glaube fest, daß ich einen solchen Zweck erfüllen muß und erfülle. Ich bin einem Boten gleich, der einen versiegelten Brief an den Ort seiner Bestimmung trägt. Was er enthält, kann ihm einerlei sein — er hat nichts als sein Botenlohn dabei zu verdienen.«
»O wie arm lassen sie mich stehn!«
»Aber wohin haben wir uns verirrt?«, rief jetzt der Prinz aus, indem er lächelnd auf den Tisch sah, wo die Rollen lagen. »Und doch nicht so sehr verirrt!« setzte er hinzu, »denn vielleicht werden Sie mich jetzt in dieser neuen Lebensart wieder finden. Auch ich konnte mich nicht so schnell von dem eingebildeten Reichtum entwöhnen, die Stützen meiner Moral und meiner Glückseligkeit nicht so schnell von dem lieblichen Traume ablösen, mit welchem alles, was bis jetzt in mir gelebt hatte, so fest verschlungen war. Ich sehnte mich nach dem Leichtsinn, der das Dasein der meisten Menschen um mich her erträglich macht. Alles, was mich mir selbst entführte, war mir willkommen. Soll ich es Ihnen gestehn? Ich wünschte zu sinken, um diese Quelle meines Leidens auch mit der Kraft dazu zu zerstören.«
Hier unterbrach uns ein Besuch.
Ich habe mir Mühe gegeben, lieber Osten, dies Gespräch ihnen getreu zu überliefern; aber dies war mir unmöglich, ob ich mich gleich noch am selben Abend daran machte. Um meinem eigenen Gedächtnisse nachzuhelfen, mußte ich die hingeworfenen Ideen des Prinzen in eine gewisse Ordnung binden, die sie nicht hatten. So entstand dieses Mittelding von freiem Gespräch und philosophischer Vorlesung, das besser und schlechter ist als die Quelle, aus der ich schöpfte. Doch versichere ich Ihnen, daß ich dem Prinzen eher genommen als gegeben habe. Daß nichts davon mein ist, als die Anordnung — und einige Bemerkungen, die Sie an Ihrer Albernheit schon erkennen werden.
Künftig werde ich Sie von einer Neuigkeit unterhalten, die Sie wohl schwerlich auf ein Gespräch wie das heutige erwarten dürften. Leben Sie wohl.
Da unser Abschied von Venedig nunmehr mit starken Schritten herannaht, so sollte diese Woche noch dazu angewandt werden, alles Sehenswürdige an Gemälden und Gebäuden nachzuholen, was man bei einem langen Aufenthalt immer verschiebt. Besonders hatte man uns mit vieler Bewunderung von der Hochzeit zu Kana des Paul Veronese gesprochen, die auf der Insel St. Giorgio in einem dortigen Benediktinerkloster zu sehen ist. Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses außerordentlichen Kunstwerks, das mir im ganzen zwar einen sehr überraschenden, aber nicht sehr genußreichen Anblick gegeben hat. Wir hätten so viele Stunden als Minuten gebraucht, um eine Komposition von hundertundzwanzig Figuren zu umfassen, die über dreißig Fuß in der Breite hat. Welches menschliche Auge kann ein so zusammen gesetztes Ganze umreichen und die ganze Schönheit, die der Künstler darin verschwendet hat, in einem Eindruck genießen! Schade ist es indessen, daß ein Werk von diesem Gehalte, das an einem öffentlichen Orte glänzen und von jedermann genossen werden sollte, keine beßre Bestimmung hat, als eine Anzahl Mönche in ihrem Refektorium zu vergnügen. Auch die Kirche dieses Klosters verdient nicht weniger gesehen zu werden. Sie ist eine der schönsten in dieser Stadt.
Gegen Abend ließen wir uns in die Giudecca überfahren, um dort in den reizenden Gärten einen schönen Abend zu verleben. Die Gesellschaft, die nicht sehr groß war, zerstreute sich bald, und mich zog Civitella, der schon den ganzen Tag über Gelegenheit gesucht hatte, mich zu sprechen, mit sich in ein Gebüsch.
»Sie sind der Freund des Prinzen«, fing er an, »vor dem er keine Geheimnisse zu haben pflegt, wie ich von sehr guter Hand weiß. Als ich heute in sein Haus trat, kam ein Mann heraus, dessen Gewerbe mir bekannt ist — und auf des Prinzen Stirne standen Wolken, als ich zu ihm hereintrat.«
Ich wollte ihn unterbrechen.
»Sie können es nicht leugnen«, fuhr er fort, »ich kannte meinen Mann, ich hab ihn sehr gut ins Auge gefaßt. Wäre es möglich? Der Prinz hat Freunde in Venedig, Freunde, die ihm mit Blut und Leben verpflichtet sind, und sollte dahin gebracht sein, in einem dringenden Falle sich solcher Kreaturen zu bedienen? Seien Sie aufrichtig, Baron! — Ist der Prinz in Verlegenheit? Sie bemühen sich umsonst, es zu verbergen. Was ich von Ihnen nicht erfahre, ist mir bei meinem Manne gewiß, dem jedes Geheimnis feil ist.«
»Herr Marquis —«
»Verzeihen Sie. Ich muß indiskret scheinen, um nicht ein Undankbarer zu werden. Dem Prinzen dank ich Leben und, was mir weit über das Leben geht, einen vernünftigen Gebrauch des Lebens. Ich sollte den Prinzen Schritte tun sehen, die ihm kosten, die unter seine Würde sind; es stünde in meiner Macht, sie ihm zu ersparen, und ich sollte mich passiv dabei verhalten?«
»Der Prinz ist nicht in Verlegenheit«, sagte ich. »Einige Wechsel, die wir über Trient erwarteten, sind uns unvermutet ausgeblieben. Zufällig ohne Zweifel — oder weil man, in Ungewißheit wegen seiner Abreise, noch eine näherer Weisung von ihm erwartete. Dies ist nun geschehn, und bis dahin —«
Er schüttelte den Kopf. »Verkennen Sie meine Absicht nicht«, sagte er. »Es kann hier nicht davon die Rede sein, meine Verbindlichkeit gegen den Prinzen dadurch zu vermindern — würden alle Reichtümer meine Onkels dazu hinreichen? Die Rede ist davon, ihm einen einzigen unangenehmen Augenblick zu ersparen. Mein Oheim besitzt ein großes Vermögen, worüber ich so gut als über mein Eigentum verfügen kann. Ein glücklicher Zufall führt mir den einzigen möglichen Fall entgegen, daß dem Prinzen von allem, was in meiner Gewalt steht, etwas nützlich werden kann. Ich weiß«, fuhr er fort, »was der Takt dem Prinzen auflegt — aber er ist auch gegenseitig! — Es wäre großmütig von dem Prinzen gehandelt, mir diese kleine Genugtuung zu gönnen, geschah es auch nur zum Scheine — um mir die Last von Verbindlichkeit, die mich niederdrückt, weniger fühlbar zu machen.«
Er ließ nicht nach, bis ich ihm versprochen hatte, mein möglichstes dabei zu tun; ich kannte den Prinzen und hoffte darum wenig. Alle Bedingungen wollte er sich von dem letztern gefallen lassen, wiewohl er gestand, daß es ihn empfindlich kränken würde, wenn ihn der Prinz auf dem Fuß eines Fremden behandelte.
Wir hatten uns in der Hitze des Gesprächs weit von der übrigen Gesellschaft verloren und waren eben auf dem Rückweg, als Zedtwitz uns entgegenkam.
»Ich suche den Prinzen bei Ihnen. — Ist er nicht hier?«
»Eben wollen wir zu ihm. Wir vermuteten, ihn bei der übrigen Gesellschaft zu finden —«
»Die Gesellschaft ist beisammen, aber er ist nirgends anzutreffen. Ich weiß gar nicht, wie er uns aus den Augen gekommen ist.«
Hier erinnerte sich Civitella, daß ihm vielleicht eingefallen sein könnte, die anstoßende Franziskanerkirche zu besuchen, auf die er kurz vorher sehr aufmerksam gemacht hatte. Wir machten uns sogleich auf den Weg, ihn dort aufzusuchen. Schon von weitem entdeckten wir Biondello, der am Eingang der Kirche wartete. Als wir näherkamen, trat der Prinz etwas hastig aus einer Seitentüre; sein Gesicht glühte, seine Augen suchten Biondello, den er herbeirief. Er schien ihm etwas sehr angelegentlich zu befehlen, wobei er immer die Augen auf die Tür richtete, die offen geblieben war. Biondello eilte schnell von ihm in die Kirche — der Prinz, ohne uns gewahr zu werden, drückte sich an uns vorbei, durch die Menge, und eilte zur Gesellschaft zurück, wo er noch vor uns anlangte.
Es wurde beschlossen, in einem offenen Pavillon dieses Gartens das Nachtmahl einzunehmen, wozu der Marchese ohne unser Wissen ein kleines Konzert veranstaltet hatte, das ganz auserlesen war. Besonders ließ sich eine junge Sängerin dabei hören, die uns alle durch ihre liebliche Stimme wie durch ihre reizende Figur entzückte. Auf den Prinzen schien nichts Eindruck zu machen: Er sprach wenig und antwortete zerstreut, seine Augen waren unruhig nach der Gegend gekehrt, woher Biondello kommen mußte; eine große Bewegung schien in seinem Innern vorzugehen. Civitella fragte, wie ihm die Kirche gefallen hätte; er wußte nichts davon zu sagen. Man sprach von einigen vorzüglichen Gemälden, die sie auszeichneten — er hatte kein Gemälde gesehen. Wir merkten, daß unsre Fragen ihn belästigten, und schwiegen. Eine Stunde verging nach der andern, und Biondello kam noch immer nicht. Des Prinzen Ungeduld stieg aufs höchste; er hob die Tafel frühzeitig auf und ging in einer abgelegenen Allee ganz allein mit starken Schritten auf und nieder. Niemand begriff, was ihm begegnet sein mochte. Ich wagte es nicht, ihn um die Ursache einer so seltsamen Veränderung zu befragen; es ist schon lange, daß ich mir die vorigen Vertraulichkeiten nicht mehr bei ihm herausnehme. Mit desto mehr Ungeduld erwartete ich Biondellos Zurückkunft, der mir dieses Rätsel aufklären sollte.
Es war nach zehn Uhr, als der wiederkam. Die Nachrichten, die er dem Prinzen mitbrachte, trugen nichts dazu bei, diesen gesprächiger zu machen. Mißmutig trat er zur Gesellschaft, die Gondel wurde bestellt, und bald darauf fuhren wir nach Hause.
Den ganzen Abend konnte ich keine Gelegenheit finden, Biondello zu sprechen; ich mußte mich also mit meiner unbefriedigten Neugierde schlafen legen. Der Prinz hatte uns frühzeitig entlassen; aber tausend Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, erhielten mich munter. Lange hörte ich ihn über meinem Schlafzimmer auf und nieder gehen; endlich überwältigte mich der Schlaf. Spät nach Mitternacht erweckte mich eine Stimme — eine Hand fuhr über mein Gesicht; wie ich aufsah, war es der Prinz, der, ein Licht in der Hand, vor meinem Bette stand. Er könne nicht einschlafen, sagte er und bat mich, ihm die Nacht verkürzen zu helfen. Ich wollte mich in meine Kleider werfen — er befahl mir, zu bleiben, und setzte sich zu mir vor das Bett.
»Es ist mir heute etwas vorgekommen«, fing er an, »davon der Eindruck in meinem Gemüte nie mehr verlöschen wird. Ich ging von Ihnen, wie Sie wissen, in die Franziskanerkirche, worauf mich Civitella neugierig gemacht, und die schon von ferne meine Augen auf sich gezogen hatte. Weil weder Sie noch er mir gleich zur Hand waren, so machte ich die wenigen Schritte allein; Biondello ließ ich am Eingange auf mich warten. Die Kirche war ganz leer — eine schaurigkühle Dunkelheit umfing mich, als ich aus dem schwülen, blendenden Tageslicht hineintrat. Ich sah mich einsam in dem weiten Gewölbe, worin eine feierliche Grabstille herrschte. Ich stellte mich in die Mitte des Doms und überließ mich der ganzen Fülle dieses Eindrucks; allmählich traten die großen Verhältnisse dieses majestätischen Baues meinen Augen bemerkbarer hervor, ich verlor mich in ernster, ergötzender Betrachtung. Die Abendglocke tönte über mir, ihr Ton verhallte sanft in diesem Gewölbe wie in meiner Seele. Einige Altarstücke hatten von weitem meine Aufmerksamkeit erweckt; ich trat näher, sie zu betrachten; unvermerkt hatte ich diese ganze Seite der Kirche bis zum entgegenstehenden Ende durchwandert. Hier geht man um einen Pfeiler einige Stufen hinauf in eine Nebenkapelle, worin mehrere kleine Altäre und Statuen von Heiligen in Nischen angebracht stehen. Wie ich in die Kapelle zur Rechten hineintrete — höre ich nahe an mir ein zartes Wispern, wie wenn jemand leise spricht — ich wende mich nach dem Tone, und — zwei Schritte von mir fällt mir eine weibliche Gestalt in die Augen—Nein! Ich kann sie nicht nachschildern, diese Gestalt! — Schrecken war meine erste Empfindung, die aber bald dem süßesten Hinstaunen Platz machte.«
»Und diese Gestalt, gnädigster Herr — wissen Sie auch gewiß, daß sie etwas Lebendiges war, etwas Wirkliches, kein bloßes Gemälde, kein Gesicht Ihrer Phantasie?«
»Hören Sie weiter — Es war eine Dame — Nein! Ich hatte bis auf diesen Augenblick dies Geschlecht nie gesehen! — Alles war düster ringsumher, nur durch ein einziges Fenster fiel der untergehende Tag in die Kapelle, die Sonne war nirgends mehr als auf dieser Gestalt. Mit unaussprechlicher Anmut — halb kniend, halb liegend — war sie vor einem Altar hingegossen — der gewagteste, lieblichste, gelungenste Umriß, einzig und unnachahmlich, die schönste Linie in der Natur. Schwarz war ihr Gewand, das sich spannend um den reizendsten Leib, um die niedlichsten Arme schloß und in weiten Falten, wie eine spanische Robe, um sie breitete; ihr langes, lichtblondes Haar, in zwei breite Flechten geschlungen, die durch ihre Schwere losgegangen und unter dem Schleier hervorgedrungen waren, floß in reizender Unordnung weit über den Rücken hinab — eine Hand lag an dem Kruzifix, und sanft hinsinkend ruhte sie auf der andern. Aber wo finde ich Worte, Ihnen das himmlisch schöne Angesicht zu beschreiben, wo eine Engelseele, wie auf ihrem Thronensitz, die ganze Fülle ihrer Reize ausbreitete? Die Abendsonne spielte darauf, und ihr luftiges Gold schien es mit einer künstlichen Glorie zu umgeben. Können Sie sich die Madonna unseres Florentiners zurückrufen? — Hier war sie ganz, sogar die unregelmäßigen Eigenheiten, die ich an jenem Bilde so anziehend, so unwiderstehlich fand.«
Mit der Madonna, von der der Prinz sprach, verhält es sich so. Kurz nachdem Sie abgereist waren, lernte er einen florentinischen Maler hier kennen, der nach Venedig berufen worden war, um für eine Kirche, deren ich mich nicht mehr entsinne, ein Altarbild zu malen. Er hatte drei andre Gemälde mitgebracht. Die Gemälde waren eine Madonna, eine Heloise und eine fast ganz unbekleidete Venus — alle drei von ausnehmender Schönheit und am Werte einander so gleich, daß es beinahe unmöglich war, sich für eines von den dreien ausschließend zu entscheiden. Nur der Prinz blieb nicht einen Augenblick unschlüssig; man hatte sie kaum vor ihm ausgestellt, als das Madonnastück seine ganze Aufmerksamkeit an sich zog; in den beiden übrigen wurde das Genie des Künstlers bewundert, bei diesem vergaß er den Künstler und seine Kunst, um ganz im Anschaun seines Werks zu leben. Er war ganz wunderbar davon gerührt; er konnte sich von dem Stücke kaum losreißen. Der Künstler, dem man wohl ansah, daß er das Urteil des Prinzen im Herzen bekräftigte, hatte den Eigensinn, die drei Stücke nicht trennen zu wollen, und forderte fünfzehnhundert Zechinen für alle. Die Hälfte bot ihm der Prinz für dieses einzige an — der Künstler bestand auf seiner Bedingung, und wer weiß, was noch geschehn wäre, wenn sich nicht ein entschlossener Käufer gefunden hätte. Zwei Stunden darauf waren alle drei Stück weg; wir haben sie nicht mehr gesehn. Dieses Gemälde kam dem Prinzen jetzt in Erinnerung.
»Ich stand«, fuhr er fort, »ich stand in ihrem Anblick verloren. Sie bemerkte mich nicht, sie ließ sich durch meine Dazwischenkunft nicht stören, so ganz war sie in ihrer Andacht vertieft. Sie betete zu ihrer Gottheit, und ich betete zu ihr — ja, ich betete sie an. Alle diese Bilder der Heiligen, diese Altäre, diese brennenden Kerzen hatten mich nicht daran erinnert; jetzt zum erstenmal ergriff mich's, als ob ich in einem Heiligtum wäre. Soll ich es Ihnen gestehn? Ich glaubte in diesem Augenblick felsenfest an den, den ihre schöne Hand umfaßt hielt. Ich las ja seine Antwort in ihren Augen. Dank ihrer reizenden Andacht! Sie machte mir ihn wirklich — ich folgte ihr nach durch alle seine Himmel.
Sie stand auf, und jetzt erst kam ich wieder zu mir selbst. Mit schüchterner Verwirrung wich ich auf die Seite; das Geräusch, das ich machte, entdeckte mich ihr. Die unvermutete Nähe eines Mannes mußte sie überraschen, meine Dreistigkeit konnte sie beleidigen; keines von beiden war in dem Blicke, womit sie mich ansah. Ruhe, unaussprechliche Ruhe war darin, und ein gütiges Lächeln spielte um ihre Wangen. Sie kam aus ihrem Himmel — und ich war das erste glückliche Geschöpf, das sich ihrem Wohlwollen anbot. Sie schwebte noch auf der letzten Sprosse des Gebets — sie hatte die Erde nicht berührt.
In einer andern Ecke der Kapelle regte es sich nun auch. Eine ältliche Dame war es, die dicht hinter mir von einem Kirchstuhle aufstand. Ich hatte sie bis jetzt nicht wahrgenommen. Sie war nur wenige Schritte von mir, sie hatte alle meine Bewegungen gesehn. Dies bestürzte mich — ich schlug die Augen zu Boden, und man rauschte an mir vorüber.
Ich sehe sie den langen Kirchgang hinuntergehen. Die schöne Gestalt ist aufgerichtet. Welch liebliche Majestät! Welcher Adel im Gange! Das vorige Wesen ist es nicht mehr — neue Anmut — eine ganz neue Erscheinung! Langsam gehn sie hinab. Ich folge von weitem und schüchtern, ungewiß, ob ich es wagen soll, sie einzuholen? Ob ich es nicht soll? — Wird sie mir keinen Blick mehr schenken? Schenkte sie mir einen Blick, da sie an mir vorüberging und ich die Augen nicht zu ihr aufschlagen konnte? O, wie marterte mich dieser Zweifel!
Sie stehn still, und ich — kann keinen Fuß von der Stelle setzen. Die ältliche Dame, ihre Mutter, oder was sie ihr sonst war, bemerkt die Unordnung in den schönen Haaren und ist geschäftig, sie zu verbessern, indem sie ihr den Sonnenschirm zu halten gibt. O wie viel Unordnung wünschte ich diesen Haaren, wie viel Ungeschicklichkeit diesen Händen!
Die Toilette ist gemacht, und man nähert sich der Türe. Ich beschleunigte meine Schritte. — Eine Hälfte der Gestalt verschwindet — und wieder eine — nur noch der Schatten ihres zurückfliegenden Kleides — Sie ist weg! — Nein, sie kommt wieder. Eine Blume entfiel ihr, sie bückt sich nieder, sie aufzuheben — sie sieht noch einmal zurück und — nach mir? — Wen sonst kann ihr Auge in diesen toten Mauern suchen? Also war ich ihr kein fremdes Wesen mehr — auch mich hatte sie zurückgelassen, wie ihre Blume! — Lieber Freihardt, ich schäme mich, es Ihnen zu sagen, wie kindisch ich diesen Blick auslegte, der — vielleicht nicht einmal mein war!«
Über das letzte glaubte ich den Prinzen beruhigen zu können.
»Sonderbar«, fuhr der Prinz nach einem tiefen Stillschweigen fort, »kann man etwas nie gekannt, nie vermißt haben und einige Augenblicke später nur in diesem einzigen Leben? Kann ein einziger Moment den Menschen in zwei so ungleichartige Wesen zertrennen? Es wäre mir ebenso unmöglich, zu den Freuden und Wünschen des gestrigen Morgens als zu den Spielen meiner Kindheit zurückzukehren, seit ich das sah, seitdem dieses Bild hier wohnt — dieses lebendige, mächtige Gefühl in mir: Du kannst nichts mehr lieben, als das, und in dieser Welt wird nichts anders mehr auf dich wirken!«
»Denken Sie nach, gnädigster Herr, in welcher reizbaren Stimmung Sie waren, als diese Erscheinung Sie überraschte, und wie vieles zusammenkam, Ihre Einbildungskraft zu spannen. Aus dem hellen, blendenden Tageslicht, aus dem Gewühle der Straße plötzlich in diese stille Dunkelheit versetzt — ganz den Empfindungen hingegeben, die, wie Sie selbst gestehn, die Stille, die Majestät dieses Orts in Ihnen rege machte — durch Betrachtung schöner Kunstwerke für Schönheit überhaupt empfänglicher gemacht — zugleich allein und einsam Ihrer Meinung nach — und nun auf einmal — in dieser Nähe — von einer Mädchengestalt überrascht, so Sie sich keines Zeugen versahen — von einer Schönheit, wie ich Ihnen gerne zugebe, die durch eine vorteilhafte Beleuchtung, eine glückliche Stellung, einen Ausdruck begeisterter Andacht noch mehr erhoben ward — was war natürlicher, als daß Ihre entzündete Phantasie sich etwas Ideales, etwas überirdisch Vollkommenes daraus zusammensetzte?«
»Kann die Phantasie etwas geben, was sie nie empfangen hat — Und im ganzen Gebiete meiner Darstellung ist nichts, was ich mit diesem Bilde zusammenstellen könnte. Ganz und unverändert, wie im Augenblicke des Schauens, liegt es in meiner Erinnerung; ich habe nichts als dieses Bild — aber sie könnten mir eine Welt dafür bieten!«
»Gnädigster Prinz, das ist Liebe!«
»Muß es denn notwenig ein Name sein, unter welchem ich glücklich bin? Liebe! — Erniedrigen Sie meine Empfindung nicht mit einem Namen, den tausend schwache Seelen mißbrauchen! Welcher andre hat gefühlt, was ich fühle? Ein solches Wesen war noch nie vorhanden — wie kann der Name früher da sein, als die Empfindung? Es ist ein neues einziges Gefühl, neu entstanden mit diesem neuen einzigen Wesen, und für dieses Wesen nur möglich! — Liebe! Vor der Liebe bin ich sicher!«
»Sie verschickten Biondello — ohne Zweifel, um die Spur Ihrer Unbekannten zu verfolgen, um Erkundigungen von ihr einzuziehen? Was für Nachrichten brachte er Ihnen zurück?«
»Biondello hat nichts entdeckt — soviel als gar nichts. Er fand sie noch an der Kirchtüre. Ein bejahrter, anständig gekleideter Mann, der eher einem hiesigen Bürger als einem Bedienten gleich sah, erschien, sie nach der Gondel zu begleiten. Eine Anzahl Armer stellte sich in Reihe, wie sie vorüberging und verließ sie mit sehr vergnügter Miene. Bei dieser Gelegenheit, sagt Biondello, wurde eine Hand sichtbar, woran einige kostbare Steine blitzten. Mit ihrer Begleiterin sprach sie einiges, das Biondello nicht verstand; er behauptet, es sei Griechisch gewesen. Da sie eine ziemliche Strecke nach dem Kanal zu gehen hatten, so fing schon etwas Volk an, sich zu sammeln; das Außerordentliche des Anblicks brachte alle Vorübergehenden zum Stehn. Niemand kannte sie. — Aber die Schönheit ist eine geborene Königin. Alles machte ihr ehrerbietig Platz. Sie ließ einen schwarzen Schleier über das Gesicht fallen, der das halbe Gewand bedeckte, und eilte in die Gondel. Längs dem ganzen Kanal der Giudecca behielt Biondello das Fahrzeug im Gesicht, aber es weiter zu verfolgen, hinderte ihn das Gedränge.«
»Aber den Gondoliere hat er sich doch gemerkt, um diesen wenigstens wieder zu erkennen?«
»Den Gondoliere getraut er sich ausfindig zu machen; doch ist es keiner von denen, mit denen er Verkehr hat. Die Armen, die er ausfragte, konnten ihm weiter keinen Bescheid geben, als daß die Signora sich schon seit einigen Wochen und immer Sonnabends hier zeige und noch allemal ein Goldstück unter sie verteilt habe. Es war ein holländischer Dukaten, der er eingewechselt und mir überbracht hat.
»Eine Griechin also, und von Stande, wie es scheint, von Vermögen wenigstens, und wohltätig. Das wäre fürs erste genug, gnädigster Herr — genug und fast zu viel! Aber eine Griechin — und in einer katholischen Kirche?«
»Warum nicht? Sie kann ihren Glauben verlassen haben. Überdies — etwas Geheimnisvolles ist es. — Warum die Woche nur einmal? Warum nur Sonnabends in dieser Kirche, wo diese gewöhnlich verlassen sein soll, wie mir Biondello sagt? — spätestens der kommende Sonnabend muß dies entscheiden. Aber bis dahin, lieber Freund, helfen Sie mir diese Kluft von Zeit überspringen! Aber umsonst! Tage und Stunden gehen ihren gelassenen Schritt, und mein Verlangen hat Flügel.«
»Und wenn dieser Tag nun erscheint — was dann, gnädigster Herr? Was soll dann geschehn?«
»Was geschehn soll? — Ich werde sie sehn. Ich werde ihren Aufenthalt erforschen. Ich werde erfahren, wer sie ist. — Wer sie ist? — Was kann mich das bekümmern? Was ich sah, machte mich glücklich, also weiß ich ja schon alles, was mich glücklich machen kann!«
»Und unsre Abreise aus Venedig, die auf den Anfang kommenden Monat festgesetzt ist?«
»Konnte ich im voraus wissen, daß Venedig noch einen solchen Schatz mich einschließe? — Sie fragen mich aus meinem gestrigen Leben. Ich sage Ihnen, daß ich nur von heute an bin und sein will.«
Jetzt glaubte ich die Gelegenheit gefunden zu haben, dem Marchese Wort zu halten. Ich machte dem Prinzen begreiflich, daß sein längeres Bleiben in Venedig mit dem geschwächten Zustand seiner Kasse durchaus nicht bestehen könne, und daß, im Fall er seinen Aufenthalt über den zugestandenen Termin verlängerte, von seinem Hofe nicht sehr auf Unterstützung würde zu rechnen sein.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, was mir bis jetzt ein Geheimnis gewesen war, daß ihm von seiner Schwester, der regierenden Herzogin Henriette, heimlich ansehnliche Zuschüsse bezahlt werden, die sie gerne bereit sei zu verdoppeln, wenn sein Hof ihn im Stiche ließe. Diese Schwester, eine fromme Schwärmerin, wie Sie wissen, glaubt die großen Ersparnisse, die sie bei ihrem sehr eingeschränkten Hofe macht, nirgends besser aufgehoben als bei einem Bruder, dessen weise Wohltätigkeit sie kennt, und den sie enthusiastisch verehrt. Ich wußte zwar schon längst, daß zwischen beiden ein sehr genaues Verhältnis stattfindet, auch viele Briefe gewechselt werden; aber weil sich der bisherige Aufwand des Prinzen aus den bekannten Quellen hinlänglich bestreiten ließ, so war ich auf diese verborgene Hilfsquelle nie gefallen. Es ist also klar, daß der Prinz Ausgaben gehabt hat, die mir ein Geheimnis waren und es noch jetzt sind; und wenn ich aus seinem übrigen Charakter schließen darf, so sind es gewiß keine andre, als die ihm zur Ehre gereichen. Und ich konnte mir einbilden, ihn ergründet zu haben? — Um so weniger glaubte ich nach dieser Entdeckung anstehn zu dürfen, ihm das Anerbieten des Marchese zu offenbaren — welches zu meiner nicht geringen Verwunderung ohne alle Schwierigkeit angenommen wurde. Er gab mir Vollmacht diese Sache mit dem Marchese auf die Art, welche ich für die beste hielt, abzumachen und dann sogleich mit dem Wucherer abzurechnen. An seine Schwester sollte unverzüglich geschrieben werden.
Es war Morgen, als wir auseinandergingen. So unangenehm mir dieser Vorfall aus mehr als einer Ursache ist und sein muß, so ist doch das Allerverdrießlichste daran, daß er unsern Aufenthalt in Venedig zu verlängern droht. Von dieser anfangenden Leidenschaft erwartete ich viel mehr Gutes als Schlimmes. Sie ist vielleicht das kräftigste Mittel, den Prinzen von seinen metaphysischen Träumereien wieder zur einfachen Menschheit herabzuziehen: Sie wird, hoffe ich, die gewöhnliche Krise haben und, wie eine künstliche Krankheit, die alte mit sich hinwegnehmen.
Leben sie wohl, liebster Freund. Ich habe Ihnen alles dies nach frischer Tat hingeschrieben. Die Post geht sogleich; Sie werden diesen Brief mit dem vorhergehenden an einem Tage erhalten.
Dieser Civitella ist doch der dienstfertigste Mensch von der Welt. Der Prinz hatte mich neulich kaum verlassen, als schon ein Billett von dem Marchese erschien, worin mir die bewußte Sache aufs dringendste empfohlen wurde. Ich schickte ihm sogleich eine Verschreibung in des Prinzen Namen auf sechstausend Zechinen; in weniger als einer halben Stunde folgte sie zurück nebst der doppelten Summe, in Wechseln sowohl als barem Gelde. In diese Erhöhung der Summe willigte endlich auch der Prinz; die Verschreibung aber, die nur auf sechs Wochen gestellt war, mußte angenommen werden.
Diese ganze Woche ging in Erkundigungen nach der geheimnisvollen Griechin hin. Biondello setzte alle seine Maschinen in Bewegung, bis jetzt war aber alles vergeblich. Den Gondoliere machte er zwar ausfindig; aus diesem war aber nichts weiter herauszubringen, als daß er beide Damen auf der Insel Murano ausgesetzt habe, wo zwei Sänften auf sie gewartet hätten, in die sie gestiegen seien. Er machte sie zu Engländerinnen, weil sie eine fremde Sprache gesprochen und ihn mit Gold bezahlt hätten. Auch ihren Begleiter kenne er nicht; er komme ihm vor wie ein Spiegelfabrikant aus Murano. Nun wußten wir wenigstens, daß wir sie nicht in der Giudecca zu suchen hätten und daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach auf der Insel Murano zu Hause sei; aber das Unglück war, daß die Beschreibung, welche der Prinz von ihr machte, schlechterdings nicht dazu taugte, sie einem dritten kenntlich zu machen. Gerade die leidenschaftliche Aufmerksamkeit, womit er ihren Anblick gleichsam verschlang, hatte ihn gehindert, sie zu sehen; für alles das, worauf andre Menschen ihr Augenmerk vorzüglich würden gerichtet haben, war er ganz blind gewesen; nach seiner Schilderung war man eher versucht, sie im Ariost oder Tasso, als auf einer venezianischen Insel zu suchen. Außerdem mußten diese Nachforschungen mit größter Vorsicht geschehen, um kein anstößiges Aufsehn zu erregen. Weil Biondello außer dem Prinzen der einzige war, der sie, durch den Schleier wenigstens, gesehn hatte und also wieder erkennen konnte, so suchte er, womöglich an allen Orten, wo sie vermutet werden konnte, zu gleicher Zeit zu sein; das Leben des armen Menschen war diese ganze Woche über nichts als ein beständiges Rennen durch alle Straßen von Venedig. In der griechischen Kirche besonders wurde keine Nachforschungen gespart, aber alles mit gleich schlechtem Erfolge. Der Prinz, dessen Ungeduld mit jeder fehlgeschlagenen Erwartung stieg, mußte sich endlich doch noch auf den nächsten Sonnabend vertrösten.
Seine Unruhe war schrecklich. Nichts zerstreute ihn, nichts vermochte ihn zu fesseln. Sein ganzes Wesen war in fiebriger Bewegung, für alle Gesellschaft war er verloren, und das Übel wuchs in der Einsamkeit. Nun wurde er gerade nie mehr von Besuchern belagert, als eben in dieser Woche. Sein naher Abschied war angekündigt, alles drängte sich herbei. Man mußte diese Menschen beschäftigen, um ihre argwöhnische Aufmerksamkeit von ihm abzuziehen; man mußte ihn beschäftigen, um seinen Geist zu zerstreuen. In diesem Bedrängnis verfiel Civitella auf das Spiel, und um die Menge wenigstens zu entfernen, sollte hoch gespielt werden. Zugleich hoffte er, bei dem Prinzen einen vorübergehenden Geschmack an dem Spiel zu erwecken, der diesen romanhaften Schwung seiner Leidenschaft bald ersticken sollte, und den man immer in der Gewalt haben würde, ihm wieder zu benehmen. »Die Karten«, sagte Civitella, »haben mich vor mancher Torheit bewahrt, die ich im Begriff war zu begehen, manche wieder gutgemacht, die schon begangen war. Die Ruhe, die Vernunft, um die mich ein paar schöne Augen brachten, habe ich oft am Pharotisch wiedergefunden, und nie hatten die Weiber mehr Gewalt über mich, als wenn mir's an Geld gebrach, um zu spielen.«
Ich lasse dahingestellt sein, inwieweit Civitella recht hatte — aber das Mittel, worauf wir gefallen waren, fing bald an, noch gefährlicher zu werden als das Übel, dem es abhelfen sollte. Der Prinz, der dem Spiel nur allein durch hohes Wagen einen flüchtigen Reiz zu geben wußte, fand bald keine Grenzen mehr darin. Er war einmal aus seiner Achse! Alles was er tat, nahm eine leidenschaftliche Gestalt an; alles geschah mit der ungeduldigen Heftigkeit, die jetzt in ihm herrschte. Sie kennen seine Gleichgültigkeit gegen das Geld; hier wurde sie zur gänzlichen Unempfindlichkeit. Goldstücke zerrannen wie Wassertropfen in seinen Händen. Er verlor fast ununterbrochen, weil er ganz und gar ohne Aufmerksamkeit spielte. Er verlor ungeheure Summen, weil er wie ein verzweifelter Spieler wagte. — Liebster Osten, mit Herzklopfen schreib ich es nieder — in vier Tagen waren die zwölftausend Zechinen — und noch darüber verloren.
Machen Sie mir keine Vorwürfe. Ich klage mich selbst genug an. Aber könnt ich es hindern? Hörte mich der Prinz? Konnte ich etwas anders, als ihm Vorstellungen machen? Ich tat, was in meinem Vermögen stand. Ich kann mich nicht schuldig finden.
Auch Civitella verlor beträchtlich; ich gewann gegen sechshundert Zechinen. Das beispiellose Unglück des Prinzen machte Aufsehen; um so weniger konnte er jetzt das Spiel verlassen. Civitella, dem man die Freude ansieht, ihn zu verbinden, streckte ihm sogleich die nämliche Summe vor. Die Lücke ist zugestopft; aber der Prinz ist dem Marchese vierundzwanzigtausend Zechinen schuldig! O, wie sehne ich mich nach dem Spargeld der frommen Schwester! — Sind alle Fürsten so, liebster Freund? Der Prinz beträgt sich nicht anders, als wenn er dem Marchese noch eine große Ehre erwiesen hätte, und dieser — spielt seine Rolle wenigstens gut.
Civitella suchte mich damit zu beruhigen, daß gerade diese Übertreibung, dieses außerordentliche Unglück das kräftigste Mittel sei, den Prinzen wieder zur Vernunft zu bringen. Mit dem Gelde habe es keine Not. Er selbst fühle diese Lücke gar nicht und stehe dem Prinzen jeden Augenblick mit noch dreimal soviel zu Diensten. Auch der Kardinal gab mir die Versicherung, daß die Gesinnung seines Neffen aufrichtig sei und daß er selbst bereit stehe, für ihn zu gewähren.
Das Traurigste war, daß diese ungeheuren Aufopferungen ihre Wirkung nicht einmal erreichten. Man sollte meinen, der Prinz habe wenigstens mit Teilnahme gespielt. Nichts weniger. Seine Gedanken waren weit weg, und die Leidenschaft, die wir unterdrücken wollten, schien von seinem Unglück im Spiele nur mehr Nahrung zu erhalten. Wenn ein entscheidender Streich geschehen sollte und alles sich voll Erwartung um seinen Spieltisch herumdrängte, suchten seine Augen Biondello, um ihm die Neuigkeit, die er etwa mitbrächte, von dem Angesicht zu stehlen. Biondello brachte immer nichts — und das Blatt verlor immer.
Das Geld kam übrigens in sehr bedürftige Hände. Einige Exzellenzen, die, wie die böse Welt ihnen nachsagte, ihr frugales Mittagsmahl in der Senatormütze selbst von dem Markte nach Hause tragen, traten als Bettler in unser Haus und verließen es als wohlhabende Leute. Civitella zeigte sie mir. »Sehen Sie«, sagte er, »wie vielen armen Teufeln es zugute kommt, daß es einem gescheiten Kopf einfällt, nicht bei sich selbst zu sein! Aber das gefällt mir. Das ist fürstlich und königlich! Ein großer Mensch mußte auch in seinen Verirrungen noch Glückliche machen und wie ein übertretender Strom die benachbarten Felder befruchten.«
Civitella denkt brav und edel — aber der Prinz ist ihm vierundzwanzigtausend Zechinen schuldig!
Der so sehnlich erwartete Sonnabend erschien endlich, und mein Herr ließ sich nicht abhalten, sich gleich nach Mittag in der Franziskanerkirche einzufinden. Der Platz wurde in eben der Kapelle genommen, wo er seine Unbekannte das erstemal gesehen hatte, doch so, daß er ihr nicht sogleich in die Augen fallen konnte. Biondello hatte Befehl, an der Kirchtüre Wache zu stehn und dort mit dem Begleiter der Dame Bekanntschaft anzuknüpfen. Ich hatte auf mich genommen, als ein unverdächtiger Vorübergehender bei der Rückfahrt in derselben Gondel Platz zu nehmen, um die Spur der Unbekannten weiter zu verfolgen, wenn das übrige mißlingen sollte. An demselben Orte, wo sie sich nach des Gondoliere Aussage das vorigemal hatte aussetzen lassen, wurden zwei Sänften gemietet; zum Überfluß hieß der Prinz noch den Kammerjunker von Zedtwitz in einer besondern Gondel nachfolgen. Der Prinz selbst wollte ganz ihrem Anblick leben und, wenn es anginge, sein Glück in der Kirche versuchen. Civitella blieb ganz weg, um durch seine Einmischung die Dame nicht mißtrauisch zu machen, weil er bei den Frauenzimmern in Venedig in zu übelm Rufe steht. Sie sehen, liebster Graf, daß es an unsern Anstalten nicht lag, wenn die schöne Unbekannte uns entging.
Nie sind wohl in einer Kirche wärmere Wünsche getan worden als in dieser, und nie wurden sie grausamer getäuscht. Bis nach Sonnenuntergang harrte der Prinz aus, von jedem Geräusche, das seiner Kapelle nahekam, von jedem Knarren der Kirchtüre in Erwartung gesetzt — sieben volle Stunden — und keine Griechin. Ich sage Ihnen nichts von seiner Gemütslage. Sie wissen, was eine fehlgeschlagene Hoffnung ist — und eine Hoffnung, von der man sieben Tage und sieben Nächte fast einzig gelebt hat!
Die geheimnisvolle Unbekannte des Prinzen erinnerte den Marchese Civitella an eine romantische Erscheinung, die ihm selbst vor einiger Zeit vorgekommen war, und um den Prinzen zu zerstreuen, ließ er sich bereit finden, sie uns mitzuteilen. Ich erzähle sie in seinen eignen Worten. Aber der muntre Geist, womit er alles, was er spricht, zu beleben weiß, geht freilich in meinem Vortrage verloren.
»Voriges Frühjahr«, erzählte Civitella, »hatte ich das Unglück, den spanischen Gesandten gegen mich aufzubringen, der in seinem siebenzigsten Jahr die Torheit begangen hatte, eine achtzehnjährige Römerin für sich allein heiraten zu wollen. Seine Rache verfolgte mich, und meine Freunde rieten mir an, mich durch eine zeitige Flucht den Wirkungen derselben zu entziehn, bis mich entweder die Hand der Natur oder eine gütliche Beilegung von diesem gefährlichen Feind befreit haben würden. Weil es mir aber doch zu schwer fiel, Venedig ganz zu entsagen, so nahm ich meinen Aufenthalt in einem entlegenen Quartier von Murano, wo ich unter einem fremden Namen ein einsames Haus bewohnte, den Tag über mich verborgen hielt und die Nacht meinen Freunden und dem Vergnügen lebte.
Meine Fenster wiesen auf einen Garten, der von der Abendseite an die Ringmauer eines Klosters stieß, gegen Morgen aber wie eine kleine Halbinsel in die Lagune hineinlag. Der Garten hatte die reizendste Anlage, ward aber wenig besucht. Des Morgens, wenn mich meine Freunde verließen, hatte ich die Gewohnheit, ehe ich mich schlafen legte, noch einige Augenblicke am Fenster zuzubringen, die Sonne über dem Golf aufsteigen zu sehen und ihr dann gute Nacht zu sagen. Wenn Sie sich diese Lust noch nicht gemacht haben, gnädigster Prinz, so empfehle ich Ihnen diesen Standort, den ausgesuchtesten vielleicht von ganz Venedig, diese herrliche Erscheinung zu genießen. Eine purpurne Nacht liegt über der Tiefe, und ein goldner Rauch verkündigt sie von fern am Saum der Lagune. Erwartungsvoll ruhen Himmel und Meer. Zwei Winke, so steht sie da, ganz und vollkommen, und alle Wellen brennen — es ist ein entzückendes Schauspiel!
Eines Morgens, als ich mich nach Gewohnheit der Lust dieses Anblicks überlasse, entdecke ich auf einmal, daß ich nicht der einzige Zeuge desselben bin. Ich glaube Menschenstimmen im Garten zu vernehmen, und als ich mich nach dem Schall wende, nehme ich eine Gondel wahr, die an der Wasserseite landet. Wenige Augenblicke, so sehe ich Menschen im Garten hervorkommen und mit langsamen Schritten, Spaziergehenden gleich, die Allee herauf wandeln. Ich erkenne, daß es eine Mannsperson und ein Frauenzimmer ist, die einen kleinen Neger bei sich haben. Das Frauenzimmer ist weiß gekleidet, und ein Brillant spielt an ihrem Finger; mehr läßt mich die Dämmerung noch nicht unterscheiden.
Meine Neugier wird rege. Ganz gewiß ein Rendezvous und ein liebendes Paar — aber an diesem Ort und zu einer so ganz ungewöhnlichen Stunde? — Denn kaum war es drei Uhr, und alles lag noch in trübe Dämmerung verschleiert. Der Einfall schien mir neu und zu einem Roman die Anlage gemacht. Ich wollte das Ende erwarten.
In den Laubgewölben des Gartens verlier ich sie bald aus dem Gesicht, und es wird lange, bis sie wieder erscheinen. Ein angenehmer Gesang erfüllt unterdessen die Gegend. Er kam von dem Gondoliere, der sich auf diese Weise die Zeit in seiner Gondel verkürzte und dem von einem Kameraden aus der Nachbarschaft geantwortet wurde. Es waren Stanzen aus dem Tasso; Zeit und Ort stimmten harmonisch dazu, und die Melodie verklang lieblich in der allgemeinen Stille.
Mittlerweile war der Tag angebrochen, und die Gegenstände ließen sich deutlicher erkennen. Ich suche meine Leute. Hand in Hand gehen sie jetzt eine breite Allee hinauf und bleiben öfters stehen, aber sie haben den Rücken gegen mich gekehrt, und ihr Weg entfernt sie von meiner Wohnung. Der Anstand ihres Ganges läßt mich auf einen vornehmen Stand, und ein edler, engelschöner Wuchs auf eine ungewöhnliche Schönheit schließen. Sie sprachen wenig, wie mir schien, die Dame jedoch mehr als ihr Begleiter. An dem Schauspiel des Sonnenaufgangs, das sich jetzt eben in höchster Pracht über ihnen verbreitete, schien sie gar keinen Anteil zu nehmen.
Während ich mein Fernrohr herbeihole und richte, um mir diese sonderbare Erscheinung so nahe zu bringen als möglich, verschwinden sie plötzlich wieder in einem Seitenweg, und eine lange Zeit vergeht, ehe ich sie wieder erblicke. Die Sonne ist nun ganz aufgegangen, sie kommen dicht unter mir vorbei und sehen mir gerade entgegen. — Welche himmlische Gestalt erblicke ich! — War es das Spiel meiner Einbildung, war es die Magie der Beleuchtung? Ich glaubte ein überirdisches Wesen zu sehn, und mein Auge floh zurück, geschlagen von dem blendenden Licht. — Soviel Anmut bei soviel Majestät! Soviel Geist und Adel bei soviel blühender Jugend! — Umsonst versuche ich, es Ihnen zu beschreiben. Ich kannte keine Schönheit vor diesem Augenblick.
Das Interesse des Gesprächs läßt sie in meiner Nähe verweilen, und ich habe volle Muße, mich in dem wundervollen Anblick zu verlieren. Kaum aber sind meine Blicke auf ihren Begleiter gefallen, so ist selbst diese Schönheit nicht mehr imstande, sie zurückzurufen. Er schien mir ein Mann zu sein in seinen besten Jahren, etwas hager und von großer, edler Statur — aber von keiner Menschenstirne strahlte mir noch soviel Geist, soviel Hohes, soviel Göttliches entgegen. Ich selbst, obgleich vor aller Entdeckung gesichert, vermochte es nicht, dem durchbohrenden Blick standzuhalten, der unter den finstern Augenbrauen blitzewerfend hervorschoß. Um seine Augen lag eine stille, rührende Traurigkeit, und ein Zug des Wohlwollens um die Lippen milderte den trüben Ernst, der das ganze Gesicht überschattete. Aber ein gewisser Schnitt des Gesichts, der nicht europäisch war, verbunden mit einer Kleidung, die aus den verschiedensten Trachten, aber mit einem Geschmacke, den niemand ihm nachahmen wird, kühn und glücklich gewählt war, gaben ihm eine Miene von Sonderbarkeit, die dem außerordentlichen Eindruck seines ganzen Wesens nicht wenig erhöhte. Etwas Irres in seinem Blicke konnte einen Schwärmer vermuten lassen, aber Gebärden und äußrer Anstand verkündigten einen Mann, den die Welt ausgebildet hat.
Zedtwitz, der, wie Sie wissen, alles heraussagen muß, was er denkt, konnte hier nicht länger an sich halten.»Unser Armenier!« rief er aus. »Unser ganzer Armenier, niemand anders!«
»Was für ein Armenier, wenn man fragen darf?« sagte Civitella.
»Hat man Ihnen die Farce noch nicht erzählt?«, sagte der Prinz. »Aber keine Unterbrechung! Ich fange an, mich für Ihren Mann zu interessieren. Fahren Sie fort in Ihrer Erzählung.«
»Etwas Unbegreifliches war in seinem Betragen. Seine Blicke ruhten mit Bedeutung, mit Leidenschaft auf ihr, wenn sie wegsah, und sie fielen zu Boden, wenn sie auf die ihrigen trafen. Ist dieser Mensch von Sinnen? dachte ich. Eine Ewigkeit wollte ich stehn und nichts anders betrachten.
Das Gebüsch raubte sie mir wieder. Ich wartete lange, lange, sie wieder hervorkommen zu sehen, aber vergebens. Aus einem andern Fenster endlich entdeckte ich sie aufs neue.
Vor einem Springbrunnen standen sie, in einer gewissen Entfernung voneinander, beide in tiefes Schweigen verloren. Sie mochten schon ziemlich lange in dieser Stellung gestanden haben. Ihr offnes, seelenvolles Auge ruhte forschend auf ihm und schien jeden aufkeimenden Gedanken von seiner Stirne zu lesen. Er, als ob er nicht Mut genug in sich fühlte, es aus der ersten Hand zu empfangen, suchte verstohlen ihr Bild in der spiegelnden Flut, oder blickte starr auf den Delphin, der das Wasser in das Becken spritzte. Wer weiß, wie lange dieses stumme Spiel noch gedauert haben würde, wenn die Dame es hätte aushalten können? Mit der liebenswürdigsten Holdseligkeit ging das schöne Geschöpf auf ihn zu, faßte, den Arm um seinen Nacken flechtend, eine seiner Hände und führte sie zum Munde. Gelassen ließ der kalte Mensch es geschehen — ihre Liebkosung blieb unerwidert.
Aber es war etwas an diesem Auftritt, das mich rührte. Der Mann war es, der mich rührte. Ein heftiger Affekt schien in seiner Brust zu arbeiten, eine unwiderstehliche Gewalt ihn zu ihr hinzuziehen, ein verborgener Arm ihn zurückzureißen. Still, aber schmerzhaft war dieser Kampf, und die Gefahr so schön an seiner Seite. Nein, ich dachte, er unternimmt zu viel. Er wird, er muß unterliegen.
Auf einen heimlichen Wink von ihm verschwindet der kleine Neger. Ich erwarte nun einen Auftritt von empfindsamer Art, eine knieende Abbitte, eine mit tausend Küssen besiegelte Versöhnung. Nichts von dem allen. Der unbegreifliche Mensch nimmt aus seinem Portefeuille ein versiegeltes Paket und gibt es in die Hände der Dame. Trauer überzieht ihr Gesicht, da sie es ansieht, und eine Träne schimmert in ihrem Auge.
Nach einem kurzen Stillschweigen brechen sie auf. Aus einer Seitenallee tritt eine bejahrte Dame zu ihnen, die sich die ganze Zeit über entfernt gehalten hatte und die ich jetzt erst entdeckte. Langsam gehen sie hinab, beide Frauenzimmer im Gespräch miteinander, währenddessen er die Gelegenheit wahrnimmt, unvermerkt hinter ihnen zurückbleiben. Unschlüssig und mit starrem Blick nach ihr gewendet, steht er und geht und steht wieder. Auf einmal ist er weg im Gebüsche.
Vorn sieht man sich endlich um. Man scheint unruhig, ihn nicht mehr zu finden, und steht stille, wie es scheint, ihn zu erwarten. Er kommt nicht. Die Blicke irren ängstlich umher, die Schritte verdoppeln sich. Meine Augen helfen den ganzen Garten durchsuchen. Er bleibt aus. Er ist nirgends.
Auf einmal höre ich am Kanal etwas rauschen — eine Gondel stößt vom Ufer. Er ist's und mit Mühe enthalt ich mich, es ihr zuzuschreien. Jetzt also war's am Tage — es war eine Abschiedsszene.
Sie schien zu ahnen, was ich wußte. Schneller, als die andre ihr folgen kann, eilt sie nach dem Ufer. Zu spät. Pfeilschnell fliegt die Gondel dahin, und nur ein weißes Tuch flattert noch fern in den Lüften. Bald darauf sehe ich auch die Frauen überfahren.
Als ich von einem kurzen Schlummer erwachte, mußte ich über meine Verblendung lachen. Meine Phantasie hatte diese Begebenheit im Traum fortgesetzt und nun wurde mir auch die Wahrheit zum Traume. Ein Mädchen, reizend wie eine Houri, die vor Tagesanbruch in einem abgelegenen Garten vor meinem Fenster mit ihrem Liebhaber lustwandelt, ein Liebhaber, der von einer solchen Stunde keinen bessern Gebrauch zu machen weiß, die schien mir eine Erfindung zu sein, welche höchstens die Phantasie eines Träumenden wagen und entschuldigen konnte. Aber der Traum war zu schön gewesen, um ihn nicht so oft als möglich zu erneuern, und auch der Garten war mir jetzt lieber geworden, seitdem ihn meine Phantasie mit so reizenden Gestalten bevölkert hatte. Einige unfreundliche Tage die auf diesen Morgen folgten, verscheuchten mich von dem Fenster, aber der erste heitre Abend zog mich unwillkürlich dahin. Urteilen Sie von meinem Erstaunen, als mir nach kurzem Suchen das weiße Gewand meiner Unbekannten entgegenschimmerte. Sie war es selbst. Sie war wirklich. Ich hatte nicht bloß geträumt.
Dieselbe Matrone war bei ihr, die einen kleinen Knaben führte; sie selbst aber ging in sich gekehrt und seitwärts. Alle Plätze wurden besucht, die ihr noch vom vorigen Male her durch ihren Begleiter merkwürdig waren. Besonders lange verweilte sie an dem Springbrunnen, — ihr starr hingeheftetes Auge schien das geliebte Bild vergebens zu suchen.
Hatte mich diese hohe Schönheit das erstemal hingerissen, so wirkte sie heute mit einer sanftem Gewalt auf mich, die nicht weniger stark war. Ich hatte jetzt vollkommene Freiheit, das himmlische Bild zu betrachten; das Erstaunen des ersten Anblicks machte unvermerkt einer süßen Empfindung Platz. Die Glorie um sie verschwindet, und ich sehe in ihr nichts mehr als das schönste aller Weiber, das meine Sinne in Glut setzt. In diesem Augenblick ist es beschlossen. Sie muß mein sein.
Indem ich bei mir selbst überlege, ob ich hinuntergehe und mich ihr nähere, oder, ehe ich dieses wage, erst Erkundigungen von ihr einziehe, öffnet sich seine kleine Pforte an der Klostermauer, und ein Karmelitermönch tritt aus derselben. Auf das Geräusch, das er macht, verläßt die Dame ihren Platz, und ich sehe sie mit lebhaften Schritten auf ihn zugehen. Er zieht ein Papier aus dem Busen, wonach sie begierig hascht. Eine lebhafte Freude scheint in ihr Angesicht zu fliegen.
In eben diesem Augenblick treibt mich mein gewöhnlicher Abendbesuch vom Fenster. Ich vermeide es sorgfältig, weil ich keinem andern diese Eroberung gönne. Eine ganze Stunde muß ich in dieser peinlichen Ungeduld aushalten, bis es mir endlich gelingt, diese Überlästigen zu entfernen. Ich eile an mein Fenster zurück, aber verschwunden ist alles!
Der Garten ist ganz leer, als ich hinuntergehe. Kein Fahrzeug mehr in der Lagune. Nirgends eine Spur von Menschen. Ich weiß weder, aus welcher Gegend sie kam, noch wohin sie gegangen ist. Indem ich, die Augen allerorten herumgewandt, vor mich hinwandle, schimmert mir von fern etwas Weißes im Sand entgegen. Wie ich hinzutrete, ist es ein Papier, in Form eines Briefes geschlagen. Was konnte es anders sein als der Brief, den der Karmeliter ihr überbracht hatte? ›Glücklicher Fund‹, rief ich aus. ›Dieser Brief wird mir das ganze Geheimnis aufschließen, er wird mich zum Herrn ihres Schicksals machen.‹
Der Brief war mir einer Sphinx gesiegelt, ohne Überschrift, und in Chiffren verfaßt; dies schreckte mich aber nicht ab, weil ich mich auf das Dechiffrieren verstehe. Ich kopiere ihn geschwind, denn es war zu erwarten, daß sie ihn bald vermissen und zurückkommen würde, ihn zu suchen. Fand sie ihn nicht mehr, so mußte ihr dies ein Beweis sein, daß der Garten von andern Menschen besucht würde, und diese Entdeckung konnte sie leicht auf immer daraus verscheuchen. Was konnte meiner Hoffnung Schlimmeres begegnen?
Was ich vermutet hatte, geschah. Ich war mit meiner Kopie kaum zu Ende, so erschien sie wieder mir ihrer vorigen Begleiterin, beide ängstlich suchend. Ich befestigte den Brief an einem Schiefer, den ich vom Dache losmache, und lasse ihn an einen Ort herabfallen, an dem sie vorbei muß. Ihre schöne Freude, als sie ihn findet, belohnt mich für meine Großmut. Mit scharfem, prüfendem Blick, als wolle sie die unheilige Hand daran ausspähen, die ihn berührt haben konnte, musterte sie ihn von allen Seiten; aber die zufriedene Miene, mit der sie ihn einsteckte, bewies, daß sie ganz ohne Argwohn war. Sie ging, und ein zurückfallender Blick ihres Auges nahm einen dankbaren Abschied von den Schutzgöttern des Gartens, die das Geheimnis ihres Herzens so treu gehütet hatten.
Jetzt eilte ich, den Brief zu entziffern, ich versuchte es mit mehreren Sprachen; endlich gelang es mir mit der englischen. Sein Inhalt war mir so merkwürdig, daß ich ihn auswendig behalten habe.«
Ich werde unterbrochen. Den Schluß ein andermal.
Nein, liebster Freund. Sie tun dem guten Biondello unrecht. Gewiß Sie hegen einen falschen Verdacht. Ich gebe Ihnen alle Italiener preis, aber dieser ist ehrlich.
Sie finden es sonderbar, daß ein Mensch von so glänzenden Talenten und einer exemplarischen Aufführung sich zum Dienen herabsetze, wenn er nicht geheime Absichten dabei habe! Und daraus ziehen Sie den Schluß, daß diese Absichten verdächtig sein müssen. Wie? Ist es denn so etwas Neues, daß ein Mensch von Kopf und Verdiensten sich einem Fürsten gefällig zu machen sucht, der es in der Gewalt hat, sein Glück zu machen? Ist es etwa entehrend, ihm zu dienen? Läßt Biondello nicht deutlich genug merken, daß seine Anhänglichkeit an den Prinzen persönlich sei? Er hat ihm ja gestanden, daß er eine Bitte an ihn auf dem Herzen habe. Diese Bitte wird uns ohne Zweifel das ganze Geheimnis erklären. Geheime Absichten mag er immer haben; aber können diese nicht unschuldig sein?
Es befremdet Sie, daß dieser Biondello in den ersten Monaten, und das waren die, in denen Sie uns Ihre Gegenwart noch schenkten, alle die großen Talente, die er jetzt an den Tag kommen läßt, verborgen gehalten und durch gar nichts die Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Das ist wahr; aber wo hätte er damals die Gelegenheit gehabt, sich auszuzeichnen? Der Prinz bedurfte seiner noch nicht, und seine übrigen Talente mußte der Zufall uns entdecken.
Aber er hat uns ganz kürzlich einen Beweis seiner Ergebenheit und Redlichkeit gegeben, der alle Ihre Zweifel zu Boden schlagen wird. Man beobachtet den Prinzen. Man sucht geheime Erkundigungen von seiner Lebensart, von seinen Bekanntschaften und Verhältnissen einzuziehen. Ich weiß nicht, wer diese Neugierde hat. Aber hören Sie an.
Es ist hier in St. Giorgio ein öffentliches Haus, wo Biondello öfters aus und ein geht; er mag da etwas Liebes haben, ich weiß es nicht. Vor einigen Tagen ist er auch da; er findet eine Gesellschaft beisammen, Advokaten und Beamte der Regierung, lustige Brüder und alte Bekannte von sich. Man verwundert sich, man ist erfreut, ihn wiederzusehen. Die alte Bekanntschaft wird erneuert, jeder erzählt seine Geschichte bis auf diesen Augenblick, Biondello soll auch die seinige zum besten geben. Er tut es in wenig Worten. Man wünscht ihm Glück zu seiner neuen Stellung, man hat von der glänzenden Lebensart des Prinzen Alexander schon erzählen hören, von seiner Freigebigkeit gegen Leute besonders, die ein Geheimnis zu bewahren wissen. Seine Verbindung mit dem Kardinal Agliardi ist bekannt, er liebt das Spiel! Biondello stutzt. — Man scherzt mit ihm, daß er den Geheimnisvollen mache, man wisse doch, daß er der Geschäftsträger des Prinzen Alexander sei! Die beiden Advokaten nehmen ihn in die Mitte, die Flasche leert sich fleißig — man nötigt ihn, zu trinken; er entschuldigt sich, weil er keinen Wein vertrage, trinkt aber doch, um sich zum Schein zu betrinken.
»Ja«, sagte endlich der eine Advokat, »Biondello versteht sein Handwerk; aber ausgelernt hat er noch nicht, er ist nur ein Halber.«
»Was fehlt mir noch?« fragte Biondello.
»Er versteht die Kunst«, sagte der andre, »ein Geheimnis bei sich zu behalten, aber die andre noch nicht, es mit Vorteil wieder loszuwerden.«
»Sollte sich ein Käufer dafür finden?« fragte Biondello.
Die übrigen Gäste zogen sich hier aus dem Zimmer, er blieb allein mit seinen beiden Leuten, die nun mit der Sprache herausgingen. Daß ich es kurz mache, er sollte ihnen über den Umgang des Prinzen mit dem Kardinal und seinem Neffen Aufschlüsse verschaffen, ihnen die Quelle angeben, woraus der Prinz Geld schöpfe, und ihnen die Briefe, die an den Grafen von Osten geschrieben würden, in die Hände spielen. Biondello beschied sie auf ein andermal; wer sie angestellt habe, konnte er nicht aus ihnen herausbringen. Nach den glänzenden Anerbietungen, die ihm gemacht wurden, zu schließen, mußte die Nachfrage von einem sehr reichen Mann herrühren.
Gestern Abend entdeckte er meinem Herrn den ganzen Vorfall. Dieser war anfangs willens, die Unterhändler kurz und gut beim Kopf nehmen zu lassen; aber Biondello machte Einwendungen. Auf freien Fuß würde man sie doch wieder stellen müssen, und dann habe er seinen ganzen Kredit unter dieser Klasse, vielleicht sein Leben selbst in Gefahr gesetzt. Alle dieses Volk hänge unter sich zusammen, alle ständen für einen; er wolle lieber den hohen Rat in Venedig zum Feind haben als unter ihnen für einen Verräter verschrien zu werden. Er würde dem Prinzen auch nicht mehr nützlich sein können, wenn er das Vertrauen dieser Volksklasse verloren hätte.
Wir haben hin und her geraten, von wem dies wohl kommen möchte. Wer ist in Venedig, dem daran liegen kann, zu wissen, was mein Herr einnimmt und ausgibt, was er mit dem Kardinal Agliardi zu tun hat und was ich Ihnen schreibe? Sollte es gar noch ein Vermächtnis von dem Prinzen Hanau sein? Oder regt sich etwa der Armenier wieder?
Der Prinz schwimmt in Wonne und Liebe. Er hat seine Griechin wieder. Hören Sie, wie dies zugegangen ist.
Ein Fremder, der über Chioggia gekommen war und von der schönen Lage dieser Stadt am Golf viel zu erzählen wußte, machte den Prinzen neugierig, sie zu sehn. Gestern wurde dies ausgeführt, und um allen Zwang und Aufwand zu vermeiden, sollte niemand ihn begleiten als Zedtwitz und ich nebst Biondello; mein Herr wollte unbekannt bleiben. Wir fanden ein Fahrzeug, das eben dahin abging, und mieteten uns darauf ein. Die Gesellschaft war sehr gemischt, aber unbedeutend, und die Hinreise hatte nichts Merkwürdiges.
Chioggia ist auf eingerammten Pfählen gebaut, wie Venedig, und soll gegen vierzigtausend Einwohner zählen. Adel findet man wenig, aber bei jedem Tritte stößt man auf Fischer oder Matrosen. Wer eine Perücke und einen Mantel trägt, heißt ein Reicher; Mütze und Überschlag sind das Zeichen eines Armen. Die Lage der Stadt ist schön, doch darf man Venedig nicht gesehen haben.
Wir verweilten nicht lange. Der Patron, der noch mehr Passagiere hatte, mußte zeitig wieder in Venedig sein, und den Prinzen fesselte nichts in Chioggia. Alles hatte seinen Platz schon im Schiffe genommen, als wir ankamen. Weil sich die Gesellschaft auf der Hinfahrt so beschwerlich gemacht hatte, so nahmen wir diesmal ein Zimmer für uns allein. Der Prinz erkundigte sich, wer noch mehr da sei? Ein Dominikaner, war die Antwort, und einige Damen, die zurück nach Venedig gingen. Mein Herr war nicht neugierig sie zu sehn, und nahm sogleich sein Zimmer ein.
Die Griechin war der Gegenstand unsers Gesprächs auf der Hinfahrt gewesen, und sie war es auch auf der Rückfahrt. Der Prinz wiederholte sich ihre Erscheinung in der Kirche mit dem Feuer; Pläne wurden gemacht und verworfen; die Zeit verstrich wie ein Augenblick, ehe wir es uns versahen, lag Venedig vor uns. Einige von den Passagieren stiegen aus, der Dominikaner war unter diesen. Der Patron ging zu den Damen, die, wie wir jetzt erfuhren, nur durch ein dünnes Brett von uns geschieden waren, und fragte sie, wo er anlegen sollte. »Auf der Insel Murano«, war die Antwort. — »Insel Murano!« rief der Prinz, und ein Schauer der Ahnung schien durch seine Seele zu fliegen. Ehe ich ihm antworten konnte, stürzte Biondello herein. »Wissen Sie auch, in welcher Gesellschaft wir reisen?« — Der Prinz sprang auf. — »Sie ist hier! Sie selbst!« fuhr Biondello fort. »Ich komme eben von ihrem Begleiter.«
Der Prinz drang hinaus. Das Zimmer ward ihm zu enge, die ganze Welt war es ihm in diesem Augenblick gewesen. Tausend Empfindungen stürmten in ihm, seine Knie zitterten, Röte und Blässe wechselten in seinem Gesichte. Ich zitterte erwartungsvoll mit ihm. Ich kann Ihnen diesen Zustand nicht beschreiben.
In Murano ward angehalten. Der Prinz sprang ans Ufer. Sie kam. Ich las im Gesicht des Prinzen, daß sie's war. Ihr Anblick ließ mir keinen Zweifel übrig. Eine schönere Gestalt hab ich nie gesehen; alle Beschreibungen des Prinzen waren unter der Wirklichkeit geblieben. Eine glühende Röte überzog ihr Gesicht, als sie des Prinzen ansichtig wurde. Sie hatte unser ganzes Gespräch hören müssen, sie konnte auch nicht zweifeln, daß sie der Gegenstand desselben gewesen sei. Mit einem bedeutenden Blicke sah sie ihre Begleiterin an, als wollte sie sagen: das ist er; und mit Verwirrung schlug sie die Augen nieder. Ein schmales Brett war vom Schiff an das Ufer gelegt, über welches sie zu gehen hatte. Sie schien ängstlich, es zu betreten — aber weniger, wie mir vorkam, weil sie auszugleiten fürchtete, als weil sie es ohne fremde Hilfe nicht konnte und der Prinz schon den Arm ausstreckte, ihr beizustehn. Die Not siegte über diese Bedenklichkeit. Sie nahm seine Hand an und war am Ufer. Die heftige Gemütsbewegung, in der der Prinz war, machte ihn unhöflich; die andre Dame, die auf den nämlichen Dienst wartete, vergaß er — was hätte er in diesem Augenblick nicht vergessen? Ich erwies ihr endlich diesen Dienst, und dies brachte mich um das Vorspiel einer Unterredung, die zwischen meinem Herrn und der Dame angefangen hatte.
Er hielt noch immer ihre Hand in der seinigen — aus Zerstreuung, denke ich, und ohne, daß er es selbst wußte.
»Es ist nicht das erstemal Signora, daß — daß —« Er konnte es nicht heraussagen.
»Ich sollte mich erinnern«, lispelte sie.
»In der Franziskanerkirche«, sagte er.
»In der Franziskanerkirche war es«, sagte sie.
»Und konnte ich heute vermuten — Ihnen so nahe —«
Hier zog sie ihre Hand leise aus der seinigen. Er verwirrte sich augenscheinlich. Biondello, der indes mit dem Bedienten gesprochen hatte, kam ihm zu Hilfe.
»Signor«, fing er an, »die Damen haben Sänften hierher bestellt; aber wir sind früher zurückgekommen, als sie vermuteten. Es ist hier ein Garten in der Nähe, wo Sie solange eintreten können, um dem Gedränge auszuweichen.«
Der Vorschlag ward angenommen, und Sie können denken, mit welcher Bereitwilligkeit von Seiten des Prinzen. Man blieb in dem Garten, bis es Abend wurde. Es gelang uns, Zedtwitz und mir, die Matrone zu beschäftigen, daß der Prinz sich mit der jungen Dame ungestört unterhalten konnte. Daß er diese Augenblicke gut zu benutzen gewußt habe, können Sie daraus abnehmen, daß er die Erlaubnis empfangen hat, sie zu besuchen. Eben jetzt, da ich Ihnen schreibe, ist er dort. Wenn er zurückkommt, werde ich mehr erfahren.
Gestern, als wir nach Hause kamen, fanden wir auch die erwarteten Wechsel von unserm Hofe, aber von einem Briefe begleitet, der meinen Herrn sehr in Flammen setzte. Man ruft ihn zurück, und in einem Tone, wie er ihn gar nicht gewohnt ist. Er hat sogleich in einem ähnlichen geantwortet und wird bleiben. Die Wechsel sind eben hinreichend, um die Zinsen von dem Kapitale zu bezahlen, das er schuldig ist. Einer Antwort von seiner Schwester sehen wir mit Verlangen entgegen.
Der Prinz ist mit seinem Hofe zerfallen, alle unsre Geldquellen von daher abgeschnitten.
Die sechs Wochen, nach deren Verlauf mein Herr den Marchese bezahlen sollte, waren schon um einige Tage verstrichen, und noch keine Wechsel weder von seinem Oheim, von dem er aufs neue und aufs dringendste Vorschuß verlangt hatte, noch von seiner Schwester. Sie können wohl denken, daß Civitella nicht mahnte; ein desto treueres Gedächtnis aber hatte der Prinz. Gestern mittag kam eine Antwort vom Hofe.
Wir hatten kurz vorher einen neuen Kontrakt wegen unseres Hauses abgeschlossen, und der Prinz hatte sein längeres Bleiben schon öffentlich erklärt. Ohne ein Wort zu sagen, gab mir mein Herr den Brief. Seine Augen funkelten, ich las den Inhalt schon auf seiner Stirne.
Können Sie sich vorstellen, lieber Osten? Man ist zu Hause von allen hiesigen Verhältnissen meines Herrn unterrichtet, und die Verleumdung hat ein abscheuliches Gewebe von Lügen daraus gesponnen. Man habe mißfällig vernommen, heißt es unter andern, daß der Prinz seit einiger Zeit angefangen habe, seinen vorigen Charakter zu verleugnen und ein Betragen anzunehmen, das seiner bisherigen lobenswürdigen Art zu denken ganz entgegengesetzt sei. Man wisse, daß er sich dem Frauenzimmer und dem Spiel aufs Ausschweifendste ergebe, sich in Schulden stürze, Visionären und Geisterbannern sein Ohr leihe, mit katholischen Prälaten in verdächtigen Verhältnissen stehe und einen Hofstaat führe, der seinen Rang sowohl als seine Einkünfte überschreite. Es heiße sogar, daß er im Begriff stehe, dieses höchst anstößige Betragen durch eine Apostasie zur römischen Kirche vollkommen zu machen. Um sich von der letzteren Beschuldigung zu reinigen, erwarte man von ihm eine ungesäumte Zurückkunft. Ein Bankier in Venedig, dem er den Stand seiner Schulden übergeben solle, habe Anweisung, sogleich nach seiner Abreise seine Gläubiger zu befriedigen; denn unter diesen Umständen finde man nicht für gut, das Geld in seine Hände zu geben.
Was für Beschuldigungen und in welchem Tone! Ich nahm den Brief, durchlas ihn noch einmal, ich wollte etwas darin aufsuchen, das ihn mildern könnte; ich fand nichts, es war mir ganz unbegreiflich.
Zedtwitz erinnerte mich jetzt an die geheime Nachfrage, die vor einiger Zeit an Biondello ergangen war. Die Zeit, der Inhalt, alle Umstände kamen überein. Wir hatten sie fälschlich dem Armenier zugeschrieben. Jetzt war's am Tage, von wem sie herrührte. Apostasie! — Aber wessen Interesse kann es sein, meinen Herrn so abscheulich und so platt zu verleumden? Ich fürchte, es ist ein Stückchen von dem Prinzen von Hanau, der es durchsetzen will, unsern Herrn aus Venedig zu entfernen.
Der Prinz schwieg noch immer, die Augen starr vor sich hingeworfen. Sein Stillschweigen ängstigte mich. Ich warf mich zu seinen Füßen. »Um Gottes willen, gnädigster Prinz«, rief ich aus, »beschließen Sie nichts Gewaltsames. Sie sollen, Sie werden die vollständige Genugtuung haben. Überlassen Sie mir die Sache. Senden Sie mich hin. Es ist unter Ihrer Würde, sich gegen solche Beschuldigungen zu verantworten; aber mir erlauben Sie, es zu tun. Der Verleumder muß genannt und dem Herzog die Augen geöffnet werden.«
In dieser Lage fand uns Civitella, der sich mit Erstaunen nach der Ursache unsrer Bestürzung erkundigte. Zedtwitz und ich schwiegen. Der Prinz aber, der zwischen ihm und uns auch noch in zu heftiger Wallung war, um in diesem Augenblick der Klugheit Gehör zu geben, befahl uns, ihm den Brief mitzuteilen. Ich wollte zögern, aber der Prinz riß ihn mir aus der Hand und gab ihn selbst dem Marchese.
»Ich bin Ihr Schuldner, Herr Marquis«, fing der Prinz an, nachdem dieser den Brief mit Erstaunen durchlesen hatte, »aber lassen Sie sich das keine Unruhe machen. Geben Sie mir nur noch zwanzig Tage Frist, und Sie sollen befriedigt werden.«
»Gnädigster Prinz«, rief Civitella heftig bewegt, »verdien ich dies?«
»Sie haben mich nicht erinnern wollen; ich anerkenne Ihren Takt und danke Ihnen. In zwanzig Tagen, wie gesagt, sollen Sie völlig befriedigt werden.«
»Was ist das?« fragte mich Civitella voll Bestürzung. »Wie hängt dies zusammen? Ich fasse es nicht.«
Wir erklärten ihm, was wir wußten. Er geriet außer sich. Der Prinz, sagte er, müsse auf Genugtuung dringen; die Beleidigung sei unerhört. Unterdessen beschwöre er ihn, sich seines ganzen Vermögens und Kredits unumschränkt zu bedienen.
Der Prinz hatte noch immer kein Wort gesprochen. Er ging mit starken Schritten im Zimmer auf und nieder; etwas Außerordentliches arbeitete in ihm. Endlich stand er still und murmelte vor sich zwischen den Zähnen: » Wünschen Sie sich Glück — sagte er — Um neun Uhr ist er gestorben.«
Wir sahen ihn erschrocken an.
»Wünschen Sie sich Glück«, fuhr er fort, »Glück? — Ich soll mir Glück wünschen? — Sagte er nicht so? Was wollte er damit sagen?«
»Wie kommen Sie jetzt darauf?«, rief ich. »Was soll das hier?« »Ich habe damals nicht verstanden, was der Mensch wollte. Jetzt verstehe ich ihn! Oh, es ist unerträglich hart, einen Herrn über sich zu haben!«
»Mein teuerster Prinz!«
»Der es uns fühlen lassen kann! — Ha! Es muß süß sein!«
Er hielt wieder inne. Seine Miene erschreckte mich. Ich hatte sie nie an ihm gesehn.
»Der Elendste unter dem Volk«, fing er wieder an, »oder der nächste Prinz am Throne! Das ist ganz dasselbe. Es gibt nur einen Unterschied unter den Menschen — Gehorchen oder Herrschen!«
Er sah noch einmal in den Brief.
»Sie haben den Menschen gesehn«, fuhr er fort, »der sich unterstehen darf, mir dies zu schreiben. Würden Sie ihn auf der Straße grüßen, wenn ihn das Schicksal nicht zu Ihrem Herrn gemacht hätte? Bei Gott! Es ist etwas Großes um eine Krone!«
In diesem Ton ging es weiter, und es fielen Reden, die ich keinem Brief anvertrauen darf. Aber bei dieser Gelegenheit entdeckte mir der Prinz einen Umstand, der mich in nicht geringes Erstaunen und schrecken setzte und der die gefährlichsten Folgen haben kann. Über die Familienverhältnisse an unserem Hofe sind wir bisher in einem großen Irrtum gewesen.
Der Prinz beantwortete den Brief auf der Stelle, so sehr ich mich dagegen setzte, und die Art, wie er es getan hat, läßt keine gütliche Beilegung mehr hoffen.
Sie werden nun auch begierig sein, liebster Osten, von der Griechin endlich etwas Positives zu erfahren; aber eben dies ist es, worüber ich Ihnen noch immer keinen befriedigenden Aufschluß geben kann. Aus dem Prinzen ist nichts herauszubringen, weil er in das Geheimnis gezogen ist und sich, wie ich vermute, hat verpflichten müssen, es zu bewahren. Daß sie aber eine Griechin, für die wir sie hielten, nicht ist, ist heraus. Sie ist eine Deutsche und von der edelsten Abkunft. Ein gewisses Gerücht, dem ich auf die Spur gekommen bin, gibt ihr eine sehr hohe Mutter und macht sie zu der Frucht einer unglücklichen Liebe, wovon in Europa viel gesprochen worden ist. Heimliche Nachstellungen von mächtiger Hand haben Sie, laut diesem Gerücht, gezwungen, in Venedig Schutz zu suchen, und eben diese sind auch die Ursache ihrer Verborgenheit, die es dem Prinzen unmöglich gemacht hat, ihren Aufenthalt zu erforschen. Die Ehrerbietung, womit der Prinz von ihr spricht, und gewisse Rücksichten, die er gegen sie beobachtet, scheinen dieser Vermutung Kraft zu geben.
Er ist mit einer fürchterlichen Leidenschaft an sie gebunden, die mit jedem Tage wächst. In der ersten Zeit wurden die Besuche sparsam zugestanden; doch schon in der zweiten Woche verkürzte man die Trennungen, und jetzt vergeht kein Tag, wo der Prinz nicht dort wäre. Ganze Abende verschwinden, ohne daß wir ihn zu Gesicht bekommen; und ist er nicht in ihrer Gesellschaft, so ist sie es doch allein, die ihn beschäftigt. Sein ganzes Wesen scheint verwandelt. Er geht wie ein Träumender umher, und nichts von allem, was ihn sonst interessiert hatte, kann ihm jetzt nur eine flüchtige Aufmerksamkeit abgewinnen.
Wohin wird das noch kommen, liebster Freund? Ich zittre für die Zukunft. Der Bruch mit seinem Hofe hat meinen Herrn in eine erniedrigende Abhängigkeit von einem einzigen Menschen, von dem Marchese Civitella, gesetzt. Dieser ist jetzt Herr unserer Geheimnisse, unsers ganzen Schicksals. Wird er immer so edel denken, als er sich uns jetzt noch zeigt? Wird dieses gute Vernehmen auf die Dauer bestehn, und ist es wohlgetan, einem Menschen, auch dem vortrefflichsten, so viel Wichtigkeit und Macht einzuräumen?
An die Schwester des Prinzen ist ein neuer Brief abgegangen. Den Erfolg hoffe ich Ihnen in meinem nächsten Brief melden zu können.
Aber dieser nächste Brief blieb aus. Drei ganze Monate vergingen, ehe ich Nachrichten aus Venedig erhielt — eine Unterbrechung, deren Ursache sich in der Folge nur zu sehr aufklärte. Alle Briefe meines Freundes an mich waren zurückbehalten und unterdrückt worden. Man denke sich meine Bestürzung, als ich endlich im Dezember dieses Jahrs folgendes Schreiben erhielt, das bloß ein glücklicher Zufall (weil Biondello, der es zu bestellen hatte, plötzlich krank wurde) in meine Hände brachte.
»Sie schreiben nicht, Sie antworten nicht! — Kommen Sie — o kommen Sie auf Flügeln der Freundschaft! Unsre Hoffnung ist dahin. Lesen Sie diesen Einschluß. Alle unsre Hoffnung ist dahin.
Die Wunde des Marchese soll tödlich sein. Der Kardinal brütet Rache, und seine Meuchelmörder suchen den Prinzen. Mein Herr — o mein unglücklicher Herr! — Ist es dahin gekommen? Unwürdiges, entsetzliches Schicksal! Wie Nichtswürdige müssen wir uns vor Mördern und Gläubigern verbergen.
Ich schreibe Ihnen aus dem Kloster der Carita, wo der Prinz eine Zuflucht gefunden hat. Eben ruht er auf einem harten Lager neben mir und schläft — ach, den Schlummer der tödlichsten Erschöpfung, der ihn nur zu neuem Gefühl seiner Leiden stärken wird. Die zehn Tage, daß sie krank war, kam kein Schlaf in seine Augen. Ich war bei der Leichenöffnung. Man fand Spuren von Vergiftung.
Ach, liebster Osten, mein Herz ist zerrissen. Ich habe einen Auftritt erlebt, der nie aus meinem Gedächtnis verlöschen wird. Ich stand vor ihrem Sterbebette. Wie eine Heilige schied sie dahin, und ihre letzte sterbende Beredsamkeit erschöpfte sich, ihren Geliebten auf den Weg zu leiten, den sie zum Himmel wandelte. — Alle unsre Standhaftigkeit war erschüttert, der Prinz allein stand fest, und ob er gleich ihren Tod dreifach mit erlitt, so behielt er doch Stärke des Geistes genug, der frommen Schwärmerin ihre letzte Bitte zu verweigern.«
In diesem Brief lag folgender Einschluß:
Die allein seligmachende Kirche, die an dem Prinzen Alexander eine so glänzende Eroberung gemacht hat, wird es ihm auch nicht an Mitteln fehlen lassen, die Lebensart fortzusetzen, der sie diese Eroberung verdankt. Ich habe Tränen und Gebet für einen Verirrten, aber keine Wohltaten mehr für einen Unwürdigen.
Henriette
Ich nahm sogleich Post, reiste Tag und Nacht, und in der dritten Woche war ich in Venedig. Meine Eilfertigkeit nützte mir nichts mehr. Ich war gekommen, einem Unglücklichen Trost und Hilfe zu bringen; ich fand einen Glücklichen, der meines schwachen Beistandes nicht mehr nötig hatte. Freihardt lag krank und war nicht zu sprechen, als ich anlangte; folgendes Billett überbrachte man mir von seiner Hand. »Reisen Sie zurück, liebster Osten, wo Sie hergekommen sind. Der Prinz bedarf Ihrer nicht mehr, auch nicht meiner. Seine Schulden sind bezahlt, der Kardinal versöhnt, der Marchese wiederhergestellt. Erinnern Sie sich des Armeniers, der uns voriges Jahr so zu verwirren wußte? In Seinen Armen finden Sie den Prinzen, der vor fünf Tagen — die erste Messe hörte.«
Ich drängte mich nichtsdestoweniger zum Prinzen, ward aber abgewiesen. An dem Bette meines Freundes erfuhr ich endlich die unerhörte Geschichte.
Hanns Heinz Ewers
Hier brechen die Papiere des Grafen von Osten-Sacken ab.
Im Frühjahr 1914 brachte die Londoner »Daily News« eine Notiz, daß Mr. Henry Yates Thompson, der bekannte Handschriften- und Büchersammler, bei dem Verkauf einer Privatbibliothek in Venedig eine ganze Reihe sehr wertvoller Funde gemacht habe. Unter anderen wurde erwähnt: eine aus dem Jahre 1520 stammende Kopie des Logbuches des Columbus; eine Handschrift des Lancelot vom See, für Jehan de Crosse, verschiedene Verträge des Lionardo von Vinci und des Tintoretto mit dem Venediger Senat, acht Liebesbriefe Casanovas an die Gräfin Guendalina Folicaldi und manches noch. Endlich war aufgeführt: eine Handschrift des Grafen Osten-Sacken über die Tätigkeit des Grafen Cagliostro in Venedig. Diese Notiz, die von einer Reihe deutscher Blätter übernommen wurde, wurde auch von dem Lehramtskandidaten Wilhelm Straubing in Berlin gelesen, der gerade mit seiner Doktorarbeit »Fragmente deutscher Klassiker« beschäftigt war. Er wußte natürlich, daß mit dem »Sizilianer« in Schillers »Geisterseher« kein anderer gemeint sei als eben Josef Balsamo aus Palermo, alias Graf Alexander Cagliostro, wußte auch, daß der Schreiber »der Papiere des Grafen von Osten« ein Graf Karl Friedrich von Osten-Sacken aus Kurland war. Er hoffte, aus der aufgefundenen Handschrift ein paar Aufschlüsse zu erhalten, mittelst deren er einige erfreuliche Lichter in seiner Doktordissertation aufstecken konnte. Er verfaßte also einen schönen Schreibebrief an den englischen Sammler, in dem er ihn bat, ihm die Handschrift für einige Zeit zur Untersuchung zu überlassen. Um Mr. Thompson über seine Person zu vergewissern, fügte er bei: seinen Konfirmationsschein, sein Maturazeugnis, ein polizeiliches Führungsattest, sowie mehrere Briefe seiner Professoren, die einstimmig seinen Fleiß, sein anständiges Betragen und seine Ehrlichkeit rühmten.
Alle diese schönen Papiere hätte er, zugleich mit einem Bündel vergilbter Papiere, sechs Jahre später zurückerhalten, wenn er selbst nicht schon längst an der Marne gefallen wäre. Da die Sendung »per Adresse Frau Eva Kathreiner« geschickt war, so trug der Postbote kein Bedenken, sie dieser Dame, der würdigen Zimmervermieterin Herrn Straubings, auszuliefern. Diese nahm die uneröffnete Postsendung zu ihrem jetzigen Mietsherrn Ewald Recke, der wie Wilhelm Straubing Student und Lehramtskandidat war. Die beiden stellten zunächst fest, daß die Sendung bereits im Juli 1914 von London abgesandt, dann aber all die Zeit über von der englischen Zensur, zurückbehalten worden war. Sie beschlossen also die Rücksendung; packten den großen, stark ramponierten Umschlag ein und fügten einen kurzen Brief bei, in dem sie den Tod des Empfängers meldeten. Die Portokosten fühlte sich Herr Recke verpflichtet zu tragen, da er gewissermaßen die Erbschaft Straubings angetreten hatte. Denn da Lehramtskandidat Straubing ohne jede Verwandtschaft war, so blieb seine Zimmerwirtin in dem Besitz der wenigen Sachen, die er zurückließ, als er nach Frankreich zog. Student Recke nun war nicht zufällig in den Besitz der geistigen Erbschaft Straubings gekommen. Vielmehr hatte ihn, als er mit einem seiner Professoren verschiedene Themata für seine Doktorarbeit besprach, dieser auf die angefangene Arbeit aufmerksam gemacht und angeregt, sie zu Ende zu führen. Der Gedanke, die halbe Arbeit schon getan zu finden, war Recke begreiflicherweise sehr sympathisch. Mit einiger Mühe gelang es ihm, die frühere Wohnung Straubings festzustellen; er begab sich sofort dorthin. Frau Kathreiner hatte durch diese Jahre eine Reihe sehr übler Mieter gehabt; der letzte war ihr gerade ohne zu zahlen durchgegangen. Sie erinnerte sich gut des braven Straubing, der für sie seit seinem glorreichen Tode in allen denkbaren Tugenden eines vollendeten Mietsherrn strahlte — ein kleines Teilchen dieses Glanzes fiel auch auf Herrn Recke, der Student und Lehramtskandidat war wie jener und ihr dazu gewissermaßen von ihrem alten Mieter ins Haus geschickt wurde. Sie erklärte sich sofort bereit, ihm die Arbeitshefte Straubings zu geben — falls Herr Recke dafür bei ihr mieten würde. Hierauf ging Student Recke ein.
Es ist wahr, daß er nicht nur eine halbe, sondern eine vollendete Arbeit vorfand, die lediglich einer schärferen Zusammenfassung bedurfte. Das Unglück war nur, daß diese Arbeit eine streng philologische war — ganz herausgeschrieben aus der Lehramtskandidatenseele Wilhelm Straubings. Der war Germanist mit Leib und Seele, hatte aus innerstem Drang seinen Beruf ergriffen und war durch die Studienjahre sehr getreu der mildleitenden Hand seiner Professoren gefolgt. Er begriff sehr bald, daß es auf das eigentliche Werk des Dichters überhaupt nicht ankomme, sondern daß dies vielmehr ein an und für sich vollkommen gleichgültiges Objekt sei für philologischen Scharfsinn. Das wirklich Wichtige waren die Quellen, die dem Werke zugrunde lagen; die Originale der Figuren, die eventuellen Fehler, die sich der Verfasser hatte zuschulden kommen lassen. Dann die Entstehungsjahre des Werkes und das Datum der Veröffentlichung, die Korrekturen während des Druckes, die Verschiedenheiten der einzelnen Ausgaben, die Druckfehler, Varianten und vor allem die Kommentare anderer Gelehrter über das Werk. Das war wissenschaftliches Denken, und Wilhelm Straubing fühlte sich so wohl darin wie die Kröte im Krautgarten. Es ist keine Frage, daß aus ihm eine Zierde der Germanistik an jeder deutschen Universität geworden wäre, ein Professor, wie er sein soll, wenn nicht eine dumme Kugel diese blühende Hoffnung der Wissenschaft vernichtet hätte.
Ewald Recke, sein Nachfolger, war leider aus ganz anderm Holze geschnitzt. Er hatte sich freilich auch an der philologischen Fakultät einschreiben lassen, aber nur, weil sein Vater, Gymnasialprofessor Dr. Recke, das so wünschte; ihm persönlich war es ganz gleichgültig. Studiert hatte er herzlich wenig, hatte gelegentlich Kollegien besucht, war aber stets wieder fortgeblieben, weil seinem knabenhaften Unverstand die reine Wissenschaft seiner Professoren kaum faßbar war. Er ging sogar soweit, sich darüber lustig zu machen, und ließ über die Vorträge seiner Meister so häßliche Worte fallen wie »Blech«, »Quatsch« und »Bockmist.« Seine Studien, wenn man es so nennen will, wurden dann ebenfalls durch den Krieg unterbrochen — und das blinde Schicksal, das Wilhelm Straubing untergehn ließ, schonte diesen leichtfertigen Bruder. Als er aus dem Felde zurückkehrte, hatte er nichts vergessen — da er ja nie etwas gelernt hatte. Seine Eltern drängten auf den Abschluß des Studium und Ewald fand zu seiner großen Freude, daß für die Kriegsteilnehmer alles mögliche getan wurde, um die Examina zu erleichtern. So durfte er hoffen, durchzukommen, besonders dank der Erbschaft Wilhelm Straubings. Dazu kam, daß die Eltern, um den Arbeitseifer ihres einzigen Sohnes anzuspornen, ein sehr gutes Mittel gefunden hatten. Sie waren seit kurzer Zeit recht vermögend — seit dem Augenblicke, als Frau Reckes Bruder, der während der Kriegsjahre schwer verdient hatte, das Zeitliche gesegnet hatte —, so versprachen sie dem Sohne als Belohnung für bestandene Examina eine große Reise.
Es war also keineswegs das reine Feuer der Wissenschaft, das Ewald beseelte, sondern vielmehr der heilige Wunsch, diese Wissenschaft als Sprungbrett zu einem halben Jahre vergnüglichen Bummellebens zu benutzen. Er arbeitete mit einem Repetitor und würgte die notwendigen Materien mit Haut und Haaren ein wie eine Schlange ein Kanin. Die Straubingsche Arbeit aber war es, die ihm am meisten Übelkeit verursachte, obwohl er sofort begriff, daß sie in ihrer ganzen Anlage und Durchführung in den Augen seiner Professoren durchaus mustergültig war. Je mehr er sich damit beschäftigte, um so mehr wurde sie ihm zuwider. Er ließ sie dann, um Zeit zu gewinnen, fein säuberlich abtippen und brachte sie zur Begutachtung dem Professor, der ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Von ihm, Recke, stammte nicht ein einziges Wort. Der Professor hatte seinerzeit die Arbeit gesehn, als sie kaum zu einem Drittel fertig war; er las sie jetzt sehr aufmerksam durch und lobte aus warmem Herzen die außerordentliche Gabe Reckes, sich in das echt philologische Denken Straubings so völlig einzufinden, ja dessen Sprache und vor allem den wirklichen wissenschaftlichen Periodenbau so erstaunlich gut nachzubilden. Diese Arbeit, sagte er, sei eine sehr, sehr gute; lediglich eine straffere Durcharbeitung sei noch notwendig.
Student Recke ging nach Hause mit der festen Absicht, diese Durcharbeitung sofort vorzunehmen. Aber diese Arbeit, die der Professor ein Vergnügen nannte, machte seinen undisziplinierten, leichtfertigen Geist fast seekrank. Er hatte gerade den Entschluß gefaßt, damit seinen Repetitor zu betrauen, als der Postbote das Paketchen aus England zum zweiten Male ins Haus brachte. Es kam diesmal sehr schnell zurück mit dem Postvermerk »Adressat verstorben«.
Ewald Recke, der sich jetzt für durchaus berechtigt ansah, auch diese Erbschaft anzutreten, hatte ein eigentümliches Empfinden, als er die Sendung öffnete. Es war ihm, als ob darin irgend etwas enthalten sei, das ihn im Augenblicke von seiner Sorge befreien könnte — und dieses Gefühl war so stark, daß seine Finger zitterten. Er zerschnitt die Schnüre, riß das Papier auseinander und starrte auf den Inhalt. Dann schellte er seiner Wirtsfrau, bat sie, ihm sofort eine Flasche Rotwein zu holen und trat ans Fenster. Er sah, wie die gute Frau über die Straße lief, sah, wie sie mit dem Wein wieder zurückkam. Er hörte sie die Zimmertüre öffnen, die Flasche aufkorken und ein Glas füllen. Dann erst verließ er seinen Platz am Fenster, setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und leerte schnell das Glas.
Diese seltsame Unruhe erschien ihm völlig natürlich. Er schickte die Frau fort und trank ein zweites Glas.— Endlich griff er die Papiere auf.
Da war zunächst ein Brief des verstorbenen Herrn Henry Yates Thompson an den gleichfalls verstorbenen Studenten Wilhelm Straubing. Herr Thompson schrieb, die beifolgenden Manuskripte hätten für ihn nur geringen sammlerischen Wert, er freue sich, sie Herrn Straubing zum Geschenk machen zu dürfen und hoffe, daß sie ihm von einigem Nutzen sein könnten. Beigefügt waren die verschiedensten Papiere und Zeugnisse des Studenten Straubing — die Ewald ohne einen Blick zur Seite schob.
Er fand ferner einen Brief — aber nur einen einzigen und sehr kurzen dazu —, der an den Grafen Karl Friedrich von Osten-Sacken von dem Freiherr Franz von Freihardt geschrieben war. Dieser Brief trug ein paar Randbemerkungen sowie eine Schlußnote, die augenscheinlich von der Hand des Grafen Osten herrührte.
Endlich enthielt die Sendung ein ziemlich starkes, vergilbtes Manuskript, das in französischer Sprache geschrieben war. Die erste Seite trug in roter Tinte folgende Überschrift:
Faits et opinions du prince Alexandre
(d'après les papiers, la correspondance et les documents du comte von Osten) assemblés, publiés et commentés par le docteur Jean-Baptiste Kuhblum de Bâle, médecin aide-major au 18me Voltigeurs, armée de Macdonald, à Venise.)
Dr. Jean-Baptiste Kuhblum erzählte auf den nächsten Seiten etwas umständlich zunächst von seinem eigenen Leben und besonders von seinen Feldzügen. Mit General Macdonald sei er nach Venedig gekommen, hier sei er an der Ruhr erkrankt, aber glücklich wieder genesen. Er sein nun Rekonvaleszent, aber viel zu schwach, seine Wohnung im Palazzo Manfrin am Canareggio zu verlassen. Er wohne in dem Bibliothekraume und verbringe seine Zeit mit Lesen. Die Korrespondenzen und Manuskripte des Grafen Osten seien ihm in die Hand gefallen, er habe sich dafür interessiert. Von der alten Marchesina Manfrin habe er folgendes erfahren. Der Graf Osten habe ihren verstorbenen Mann während seines zweiten Aufenthaltes in Venedig im Jahre 1781 kennengelernt und sich mit ihm befreundet; er habe ihm dann bei seiner Abreise nach Deutschland eine verschlossene Ledermappe zur Aufbewahrung zurückgelassen. Drei Jahre später sei der Graf wieder in Venedig aufgetaucht; diesmal habe der Marchese ihn eingeladen, bei ihm zu wohnen in seinem Palazzo. Er sei etwa drei Monate geblieben und habe in dieser Zeit ziemlich viel in der Bibliothek gesessen und geschrieben. Seine Abreise sei eine sehr plötzliche gewesen; er sei nach St. Petersburg gerufen worden und dort in russische Kriegsdienste getreten. Er habe versprochen, im nächsten Jahre zurückzukommen, doch sei er in Polen gefallen. Sie wisse, daß er den fertigen Teil seines Manuskriptes mitgenommen habe, um es einigen intimen Freunden zu zeigen, dagegen die Ledertasche, gefüllt mit Briefen und anderen Aufzeichnungen, auch diesmal zurückgelassen habe, um alles später zu beendigen.
Mit dieser Arbeit nun beschäftigte sich Dr. Kuhblum während seiner Rekonvaleszenz. Er habe, schrieb er, nach den Briefen und den Anmerkungen des Grafen mit geringer Mühe den Inhalt des Teiles der Aufzeichnungen, den der Graf mitgenommen habe, wiederherstellen können.
Ewald Recke war wenig bewandert im Lesen von Handschriften. Dazu wollte die merkwürdige Unruhe ihn nicht loslassen. Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, sprang dann auf, lief durchs Zimmer. Trank ein Glas Wein und noch eins, rauchte eine Zigarette und wieder eine. Zwischendurch las er, flüchtig genug, überschlug ganze Seiten und mußte dann wieder zurückblättern, weil er den Zusammenhang verloren hatte. Er begriff, daß die Geschichte hier nicht mehr von dem Grafen Osten erzählt wurde, sondern vielmehr von Dr. Kuhblum. Der Anfang war ihm natürlich bekannt — soweit hatte er sich doch aufgeschwungen, daß er alle »Fragmente deutscher Klassiker« und besonders die Schillers im Original gelesen hatte. Die Erzählung Kuhblums war weit kürzer gefaßt als die des Grafen Osten; sie erwähnte beispielsweise die eingeschobene Erzählung des Sizilianers, eben des Grafen Cagliostro, mit keinem Wort. Es war Recke sehr sympathisch, daß Dr. Kuhblum sich von sentimentalen Philosophaden, die den Lauf der Geschichte bei dem Grafen Osten so oft unterbrachen, völlig freihielt, doch bemerkte er zu seinem Schrecken, daß dafür der Baseler Doktor, wo es nur anging, eine Rousseausche Sauce anrührte, die ihn, Recke, genauso langweilte.
Entrüstet schob Student Recke das Manuskript beiseite. Freilich, das kribbelnde Gefühl, daß in diesen Blättern etwas stäke, das irgendwo für ihn von Interesse, von Nutzen, von — er wußte nicht wovon — sein würde, verließ ihn auch jetzt nicht. Er fühlte: Mit dem, was da vor ihm lag, kann man irgend etwas anfangen. Was — das wußte er nicht. Aber was immer es war — er mußte zu diesem Zweck das Manuskript durcharbeiten.
Dazu entschloß sich Ewald Recke. In den nächsten Wochen las er die Handschrift Dr. Kuhblums und übersetzte sie. Dann strich er mit großer Genugtuung fast alle Kuhblumschen Betrachtungen aus und sammelte auf besonderen Blättern das, was ihm Ostensisch zu sein schien — meist das rein Tatsächliche. Endlich schrieb er, so gut es gehen wollte, die ganze Geschichte von neuem auf.
Die Niederschrift des Studenten Recke begann mit dem Briefe des Freiherrn von Freihardt an den Grafen von Osten-Sacken.
28. Hornung 1781
»Ich habe noch einmal den Prinzen gesprochen. Er dankt Ihnen herzlich für Ihre Liebe und Anhänglichkeit und nimmt Ihr freundliches Anerbieten an, mit uns nach Deutschland zurückzukehren. Indessen bittet er Sie, liebster Osten, vorauszufahren, beifolgende Briefe persönlich zu übergeben und unsere Ankunft in etwa vierzehn Tagen bei Hofe anzumelden. Der Gemütszustand unseres Prinzen ist unverändert. Er spricht wieder sehr wenig; doch macht es den Eindruck, als sei sein ganzes Wesen von einem einzigen Entschluß erfüllt, dessen Durchführung allein ihm sein Leben noch lebenswert erscheinen läßt. Ich hoffe, Sie heute abend bei dem Marchese Civitella zu sehn — dort werde ich Ihnen die Einzelheiten meiner Unterredung mit dem Prinzen mitteilen. Zu Ihrer vorhandenen Reise Glück und Gesundheit.«
Die Bemerkungen des Grafen Osten-Sacken zu diesem Briefe lauteten: »Ich gab den Brief des Prinzen an seine Schwester, die Herzogin Henriette, persönlich in K. ab.«
Die andere: »Den Brief an den Oheim des Prinzen, den regierenden Herzog, konnte ich nicht persönlich abgeben, da S.H. mich nicht zu empfangen geruhte. Ich mußte ihn durch den Hofmarschall überreichen lassen. Es scheint, als ob gegen den Prinzen und seine ganze Umgebung hier am Hofe ein tiefes Mißtrauen herrscht.«
Graf Osten, so erzählt das Manuskript des Dr. Kuhblum, reiste zwei Tage nach dem Empfang dieses Briefes seines Freundes ab. Er hatte sich diesmal etwa sechs Wochen in Venedig aufgehalten und während dieser Zeit teils durch die Berichte des Baron von Freihardt und des Kammerjunkers von Zedtwitz, teils durch einige Nachforschungen feststellen können, was inzwischen geschehen war. Den Prinzen selbst bekam er während dieser Zeit nicht ein einziges Mal zu Gesicht, ebensowenig wie den geheimnisvollen Armenier. Noch sah er den Sekretär Biondello; dieser war zwei Wochen vor seiner Ankunft aus dem Dienste des Prinzen ausgeschieden. Er war einfach abgereist und hatte dem Prinzen lediglich einen Brief hinterlassen, in dem er für sein Verschwinden um Verzeihung bat und seine heiße Dankbarkeit für dessen Güte aussprach. Er habe Nachricht erhalten, daß seine alte Mutter schwer erkrankt sei; es sei seine Sohnespflicht, sofort zu ihr ins Friaulische zu fahren.
Daß das lediglich eine Phrase für einen schönen Abgang war, war dem Grafen vollständig klar; Biondello war in den prinzlichen Haushalt als eine bezahlte Kreatur eingeschmuggelt worden, die ihre Rolle nur allzu gut gespielt hatte.
Der Bericht des Baron Freihardt über die Ereignisse der letzten Monate war in den meisten Punkten einfach und aufklärend genug; trotzdem enthielt er hie und da unerklärliche Lücken und Widersprüche, über die der Baron seinem Freunde vorerst keine Rechenschaft geben konnte. In der ersten Unterredung der beiden, die an dem Krankenbette des von einem heftigen Wundfieber befallenen Barons stattfand, versuchte dieser nur in rohen Zügen die Ereignisse des letzten Herbstes wiederzugeben.
Danach wuchs die Leidenschaft des Prinzen zu der jungen Dame von Murano mit jedem einzelnen Tage. Prinz Alexander schien alles andere vergessen zu haben, interessierte sich für nichts mehr und lebte nur in dem Gedanken an die langen Stunden, die er mit der Geliebten lustwandelnd in dem Garten auf der Insel verbrachte. Diese Gleichgültigkeit für alle andern Menschen ging so weit, daß er nicht nur durchaus notwendige Fragen des Barons nicht beantwortete, sondern auch wenn der Marchese Civitella mit ihm sprach, kaum mehr hinhörte. Der Marchese ertrug diese beleidigende Gleichgültigkeit des Prinzen wochenlang mit äußerster Geduld und verlor diese erst, als ihm durch Biondello einige Male an der Tür gesagt worden war, daß der Prinz nicht für ihn zu sprechen wäre. Zunächst nahm er das gutmütig auf, dann aber riß ihn einmal sein Temperament so sehr mit sich fort, daß er an der Tür einen Skandal verursachte, auf die Mohren des Prinzen mit dem Degen einhieb und nur mit äußerster Mühe von dem herbeieilenden Baron v. Freihardt zu beruhigen war. Der faßte ihn schließlich unter den Arm, brachte ihn in seine Gondel und fuhr mit dem aufs tiefste beleidigten Marchese nach Hause. Während der ganzen Fahrt sprach der Marchese kein Wort, hatte aber bei seinem Palazzo die Ruhe bereits so sehr wiedergefunden, daß er den Baron einlud, bei ihm einzutreten und mit ihm zu Abend zu speisen. Der Baron nahm diese Einladung um so lieber an, als sie ihm reichlich Gelegenheit gab, das Benehmen des Prinzen Alexander nach Möglichkeit zu entschuldigen. Er erzählte dem Marchese wie sehr sie selbst, er und der Junker von Zedtwitz unter der verliebten Besessenheit des Prinzen zu leiden hätten, wie es schiene, als ob für seinen Herrn nur noch ein Ding in der Welt existiere: eben der Garten von Murano. Als ob alles andere ihn weder eines Wortes noch eines Blickes wert sei. Er berichtete ihm, der Wahrheit gemäß, daß das Geld, das der Marchese vorgestreckt hatte, völlig aufgebraucht wäre, daß der Prinz es hartnäckig verschmähe, an seinen Hof zu schreiben, und auf jede Frage, über was es auch sei, einfach nicht hören wolle.
Der Marchese ließ sich rasch überzeugen. Er ging dann schweigend eine Zeitlang im Zimmer umher, endlich trat er zu seinem Schrank, öffnete ihn und nahm eine Schatulle heraus. Er schloß sie auf, suchte zwischen einer Anzahl von Papieren und griff schließlich einen Zettel, den er hochhielt.
»Sie erinnern sich, Baron«, sagte er, »meines Abenteuers, das ich selbst in Murano hatte. Hier ist die Kopie des Briefes an die Unbekannte und darunter die Dechiffrierung. Es ist keine Frage, daß diese Dame keine andere ist als die Angebetete des Prinzen. Aus dem Briefe aber geht eines mit Sicherheit hervor: daß er nicht der einzige Cicisbeo ist. Ich weiß nicht, ob Sie den kurzen Brief nach meiner Erzählung im Gedächtnis behalten haben — bitte lesen Sie also!«
Der Baron nahm das Blatt und las: »Entscheiden Sie selber! — Zwei Wege sind offen — wählen Sie, welchen Sie gehn wollen. Als ich Sie herbrachte, tat ich es nicht, um einen Liebesfrühling zu träumen. Entweder Sie tun, was ich Ihnen sagte: helfen mir, mein Spiel zu spielen. Oder aber Sie weigern sich. Dann mögen Sie zurückkehren, wann Sie wollen, die nötigen Summen stehen Ihnen jederzeit zur Verfügung. In diesem Falle aber werden Sie mich nicht wieder sehn.« E.
Civitella nahm das Blatt zurück und verschloß es sorgfältig in seine Schatulle. »Wer immer dieser »E« sein mag«, sagte er, »ob er Ihr geheimnisvoller Armenier ist oder nicht — das eine ist gewiß, daß er in sehr naher Beziehung zu der Dame von Murano steht. Und glauben Sie mir, Baron, ich werde die Natur dieser Beziehungen herausfinden!«
Der Marchese machte sich noch am selben Tage an die Arbeit. Leider aber fand man ihn schneller aus, als er etwas herausfand: schon nach einer Woche machte Biondello seinem Herrn die Mitteilung, daß er sowohl wie die Dame von Murano von Kreaturen beobachtet würde, die im Dienste des Marcheses von Civitella ständen. Der Prinz, ohnehin gedrückt durch seine Schuld an dem Marchese, war über dieses Vorgehen aufs äußerste entrüstet. Die ehrlichen Einwände Freihardts, daß die Absichten des Marchese gewiß nur lautere seien, wollte er nicht hören. Er nahm am selben Tage bei einem der bekanntesten Wucherer der Stadt eine sehr hohe Summe auf und bezahlte seine Schuld dem Marchese — dann gab er Befehl, diesen nicht mehr vorzulassen.
Um so hartnäckiger setzte Civitella seine Bemühungen fort; es war ihm nun zur Ehrensache geworden, dem Prinzen Alexander zu beweisen, daß er in die Hände von Schwindlern gefallen sei. Er machte in der nächsten Zeit einige Feststellungen, von denen er dem Baron Freihardt sofort vertrauliche Mitteilung gab.
Die von ihm, beziehungsweise seinen Leuten, ermittelten Tatsachen waren folgende:
Zunächst war das Madonnenbild des florentinischen Malers, das dem Prinzen zum Kauf angeboten wurden, nichts anderes als ein sehr wohlgelungenes Bildnis der Dame von Murano — auf der Terrasse ihres Gartens gemalt. Der Maler erklärte, daß sein Auftraggeber ein Fremder gewesen sei, der russische Uniform getragen habe — nach seiner Beschreibung konnte es sich um niemand anders als eben den »Armenier« handeln. Als er das Bild vollendet hatte, habe dieser Herr allerlei daran auszusetzen gehabt, habe ihm den Vorschlag gemacht, es irgendeinem Kunstverständigen zu zeigen, dessen Urteil er sich unterwerfen wollte. Der Maler, sicher seiner Kunst, ging lächelnd auf diesen Vorschlag ein. Darauf habe ihn der Russe zu dem Prinzen geschickt, ihn aber gebeten, noch einige andere Bilder mitzunehmen und sie alle ihm zum Kaufe anzubieten — auf diese Weise würde man am ehesten ein völlig unbefangenes Urteil erhalten. — Das Bild machte dann auf den Prinzen einen sehr starken Eindruck — es hatte, erklärte der Marchese, weiter keinen Zweck, als den Prinzen auf das Original vorzubereiten.
Die nächste Nachricht, die der Marchese seinem Freunde brachte, war die, daß seine Aufpasser die Begleiterin der Dame verfolgt hätten, als sie während eines Besuches des Prinzen das Haus verließ. Sie war tief verschleiert zu einer übelbeleumdeten Schenke gegangen, habe dort einen Mann in spanischer Tracht getroffen, der zweifellos eben wieder der »Armenier« gewesen sei. Der Armenier habe mit ihr in einer Sprache gesprochen, die den Spähern unbekannt gewesen sei. Dann habe er ihr einen Brief gegeben, mit dem sie, auf allerlei Umwegen, wieder zurückgekehrt sei.
Die dritte unzweifelhafte Feststellung Civitellas war die, daß Biondello eine bezahlte Kreatur war, bezahlt wieder von dem geheimnisvollen Armenier. Jedes einzelne der Vorkommnisse, die ihm das vollständige Vertrauen des Prinzen gewannen, war nichts anderes als ein abgekartetes Spiel. Die eigentümliche Erbschaftsgeschichte des Prokurators, in der Biondello eine so edle uneigennützige Rolle spielte, war dem Prinzen von ein paar Gaunern vorgetäuscht worden, wie man sie in Venedig für wenige Goldstücke zu Dutzenden finden konnte. Dieser Prokurator, der frühere Herr Biondellos, existierte ebensowenig wie seine Erben. Noch auch existierten die Advokaten, die die Ehrlichkeit Biondellos in dem öffentlichen Hause in St. Giorgio Maggiore auf die Probe stellen wollten. Diese ganze Erzählung war von dem abgefeimten Burschen nur erfunden worden, um sich noch mehr das völlige Vertrauen des Prinzen zu erwerben. Ferner hatten die Späher des Marchese Biondello zweimal beobachtet, wie er eine kleine Schatulle auf der Straße, unweit der Wohnung des Prinzen, einem Gondoliere übergeben hatte; sie waren diesem Gondoliere unauffällig gefolgt und hatten festgestellt, daß er seinerseits die Schatulle einige Straßen weiter einer Persönlichkeit übergab, die wieder dem »Armenier« in allen Einzelheiten entsprach. Der Marchese vermutete, daß diese Schatulle nicht nur Nachrichten Biondellos enthalten habe, sondern auch neben andern Briefe des Barons an seinen Freund, den Grafen von Osten.
War Civitella soweit in seinen Nachforschungen vom Glück begünstigt, so erlebte er nun plötzlich einen kräftigen Gegenschlag. Er hatte dreien seiner besten Leute den Auftrag gegeben, die Persönlichkeit des »Armeniers«, den sie nun schon zu den verschiedenen Malen gesehen hatten, endlich einwandfrei festzustellen. Eines Abends kamen diese drei Männer, verwegene Kerle, die so leicht vor nichts zurückschreckten, in den Palazzo des Marchese und begehrten diesen zu sprechen. Sie zitterten, waren bleicher wie Leintücher, konnten kaum Worte finden, sich zu erklären. Endlich stammelte einer von Ihnen, daß sie den »Armenier« gesehen und gesprochen hätten. Sie müßten sofort nicht nur den Dienst des Marchese verlassen, sondern auch die Stadt — wenn sie hoffen wollten, den nächsten Morgen noch zu erleben. Der Marchese sprach ihnen Mut zu, bot ihnen immer höhere Summen — umsonst, es war keine Silbe aus ihnen herauszubringen. Civitella drohte ihnen mit der Inquisition — mit nicht mehr Erfolg —, die Furcht vor dem, was sie erlebt hatten, überwog ihre Scheu vor dem geheimen Tribunal. Sie gingen — und wurden nicht mehr in Venedig gesehen.
Um diese Zeit erkrankte Veronika — so nannte der Prinz seine Angebetete. Trotz der eifrigsten Bemühungen hatte der Marchese über ihre Person herzlich wenig in Erfahrung bringen können. Ihren Vornamen und die Tatsache, daß sie eine Deutsche war, hatte der Prinz selbst bereits vor längerer Zeit dem Baron mitgeteilt. Dessen Annahme, daß Prinz Alexander in ihr Geheimnis eingeweiht war, schien jedoch eine irrige zu sein — die schöne Frau hatte ihm, wie er gelegentlich äußerte, keine näheren Angaben gemacht, ihm vielmehr das Versprechen abgenommen, sie weder danach zu fragen, noch auch seinerseits Nachforschungen anstellen zu lassen.
Während der Krankheit Veronikas überstürzten sich die Ereignisse. Der Bericht, den Baron Freihardt in seinem Krankenbette dem Grafen Osten darüber machte, war nicht allzu erschöpfend. Sehr bald schien die Krankheit der Dame einen gefährlichen Charakter anzunehmen. Während der ersten Tage freilich wußte hiervon der Prinz nichts. Er erhielt vielmehr nur Nachricht von Murano, daß Veronika ihn nicht empfangen könne, da sie unpäßlich sei. Der Prinz blieb also zu Hause, sandte aber alle paar Stunden einen Brief sowie Blumen und auserlesene Früchte der Geliebten. Am fünften Tage entschloß er sich frühmorgens, selbst hinzufahren — nachdem er in den vorhergehenden Nächten auch nicht ein Auge zugetan hatte. Von diesem Augenblicke an blieb er in Murano. Das Befinden Veronikas verschlechterte sich mit jeder Stunde, sie schien entsetzlich unter Vergiftungserscheinungen zu leiden. Der Prinz fand zwei Ärzte an ihrem Bett vor; er ließ noch drei weitere holen. Aber ihre Kunst war vergeblich. Die Kranke weigerte sich schließlich, Nahrung zu sich zu nehmen. Alles, was man ihr mit Gewalt einflößte, erbrach sie sofort. Sie lag in stundenlangen Agonien; der Prinz wich während dieser Zeit nicht von ihrem Bett. Sowohl Baron von Freihardt wie Junker von Zedtwitz waren während dieser Tage auf manche Stunden in Murano; sie gingen meist im Garten spazieren oder warteten im Vorzimmer. In der Nacht des neunten Tages verlangte die Kranke noch nach einem Priester, der ihr die Sterbesakramente reichen sollte. Ein Benediktinermönch erschien in Begleitung zweier Brüder — die Sterbende blieb während mehrerer Stunden mit ihm allein. Nach dieser Tröstung fühlte sie sich sehr erleichtert; sie schlief einige Stunden lang ruhig. Am andern Morgen stand der Prinz vor einem Sterbebette. Hatte Veronika schon während ihrer Krankheit — und vermutlich auch vorher schon — immer wieder versucht, den Prinzen zu bewegen, den Weg zur ewigen Seligkeit zu schreiten, den sie für den einzig möglichen hielt, nämlich den der katholischen Religion, so zeigte sie in der letzten Stunde eine wahrhaft aufopfernde Beredsamkeit. Ihre rührende Liebe zerschnitt des Prinzen Herz, dennoch blieb er standhaft. Immer versuchte er sie von diesem Gebiet abzubringen, aber Veronika hatte nur noch diesen einzigen Gedanken. Ihre Tränen näßten die Kissen, man sah, wie sie unter der Weigerung des Prinzen litt. Bei einem letzten »Nein« des Prinzen stieß sie einen kurzen, verzweifelten Seufzer aus, wandte sich um und vergrub den Kopf in die Kissen. Eine Weile standen der Prinz, der Baron und die übrigen abwartend da; dann beugte sich einer der Ärzte lange über sie.
»Sie ist tot!« flüsterte er. Dabei warf er ihr ein Tuch über den Kopf.
Dieses Wort griff die völlig zerrütteten Nerven des Prinzen so stark an, und so plötzlich, daß er zusammenbrach. Den Bewußtlosen trugen Freihardt und Zedtwitz aus dem Zimmer.
Die Ohnmacht des Prinzen dauerte manche Stunde an, während deren er gelegentlich wieder zu sich kam, aber nur, um nach wenigen Minuten wieder bewußtlos zu werden. Erst gegen Abend gelang es den Bemühungen der Ärzte, ihn wieder einigermaßen aufzurichten. Seine erste Frage war nach Veronika; man sagte ihm, daß die Ärzte beschlossen hätten, die Leiche zu obduzieren, um die Ursache ihres Todes festzustellen. Trotz aller Einwände erklärte der Prinz seinen festen Entschluß, bei der Leichenöffnung zugegen zu sein. In diesem Augenblick trat ein Bote ein, der dem Prinzen seine deutsche Post überbrachte. Prinz Alexander griff danach; dann ließ er, von einer bangen Hoffnung befallen, die Hand wieder sinken. Endlich entschloß er sich doch. Gleich der erste Brief, den er öffnete, war der seiner Schwester Henriette, die ihn einen Unwürdigen nannte und ihm jede Hilfe und alle Wohltaten für immer versagte. Der Prinz starrte mit weit offenen Augen auf diesen Brief — mißtraute seinem eigenen Blick, gab das Schreiben dem Baron und bat ihn, laut vorzulesen.
Baron Freihardt las: »Die alleinseligmachende Kirche, die an dem Prinzen Alexander eine so glänzende Eroberung gemacht hat —«
Der Prinz griff sich mit beiden Händen an den Kopf. »Halt, halt!« rief er. »Sie waren dabei, Freihardt, als die heilige Frau drinnen starb! Sie auch Zedtwitz! — Sie bat mich, sie beschwor mich, bei meiner Liebe, meinem Glauben abzuschwören, katholisch zu werden — was antwortete ich?«
»Gnädigster Herr«, erwiderte der Baron, »Sie antworteten ein über das andere Mal, daß Sie das niemals tun könnten! Sie sagten der Sterbenden —«
»Vielleicht irren Sie, Baron — wie ich selbst irre! — Zedtwitz — wie war es?«
»Sie sagten: »Nein! Nein! und immer wieder: Nein!« gnädigster Prinz!« rief Zedtwitz.
Der Prinz lachte gell auf: »Ihr seid von Sinnen, alle beide — wie ich es bin! Hier steht es — hier — — daß ich abtrünnig wurde!« Er riß den Brief dem Baron aus der Hand, zerknüllte ihn in der Hand und warf ihn zu Boden. Dann griff er mit beiden Händen ans Herz, wie von einem plötzlichen, heftigen Schmerze erfaßt, schrie auf und sank aufs neue in tiefe Ohnmacht.
Da die Ärzte darauf bestanden, daß die Leichenöffnung noch am selben Tage vorgenommen wurde, so entschloß sich Baron Freihardt, die Stelle des Prinzen zu vertreten; er ging also mit den Ärzten in die offene Halle, in deren Mitte auf einem großen Tische die Leiche lag. Da es sich nur um eine Erkrankung der inneren Organe handeln konnte, so sahen die Ärzte von einer Öffnung des Kopfes ab und beschränkten sich auf den Leib und auf die Brust; der Baron fand also das Gesicht der Toten mit einem schweren Tuch bedeckt. Er stand abseits, während die Ärzte arbeiteten; sie kamen zu keinem schlüssigen Entscheid. Irgendeine organischen Krankheit sei nicht festzustellen, erklärten sie, auch sei die eigentliche Todesursache nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln. Vermutlich liege eine Vergiftung vor. Aber während zwei der Ärzte auf eine Austern Vergiftung rieten, wies der dritte diesen Gedanken mit Entschiedenheit ab, ohne jedoch seinerseits eine andere Erklärung geben zu können.
Die Leiche selbst wurde noch in derselben Nacht, gleich nach der Autopsie, nach der nahegelegenen Insel St. Michele, dem Begräbnisplatz Venedigs, gebracht und dort in früher Morgenstunde in aller Stille beerdigt. Alle diese schnellen Vorbereitungen hatte Biondello getroffen; der Baron, der vollauf mit dem Prinzen zu tun hatte, hatte sich nicht darum bekümmern können.
Die Ohnmacht des Prinzen war während der Nacht einem tiefen Schlafe gewichen — die Natur forderte eben ihr Recht. Bis weit in den Mittag schlief Prinz Alexander. Als er aufwachte, machte ihm der Baron Mitteilung von der Leichenöffnung und von dem Begräbnis. Sofort befahl der Prinz eine Gondel und ließ sich in Begleitung von Freihardt und Zedtwitz übersetzen. Er ließ sich das frische Grab zeigen und gab dem alten Friedhofsgärtner seine Befehle für dessen Ausschmückung.
Nur auf die inständigen Bitten seiner Begleitung hin ließ sich endlich der Prinz überreden, nach Hause zurückzukehren. Er war kaum aus seiner Gondel ausgestiegen, hatte eben die ersten Stufen seines Palazzo erklommen, als die Prunkgondel des Marchese vor den Lagunenpfählen anlegte. Civitella sprang eilends auf die Marmorstufen, lief dem Prinzen nach. »Prinz Alexander«, rief er, »Sie sind in den Händen einer Schwindlerbande! Ihr Armenier, Ihre Dulcinea von Murano —«
Der Prinz fuhr auf — beherrschte sich aber im selben Augenblicke. Er wandte sich an den Baron und sagte kühl: »Sagen Sie dem Marquis, wo diese Dame ist, die er meine Dulcinea zu nennen beliebt!«
Baron Freihardt sagte: »Signora Veronika starb gestern morgen in Murano vor unsern Augen. Sie wurde am Abende obduziert und heute früh auf St. Michele beerdigt. Jetzt, Marchese — ist sie im Himmel!«
Der Marchese war für einen Augenblick sprachlos; der Prinz wandte sich zum Gehn. Civitella rief ihm zu: »Ihr Wort, Prinz, und das dieses Herrn in allen Ehren! Aber ich kann nicht streiten über Dinge, die meine eigenen Augen sahen. Wer immer in Murano starb und in St. Michele beerdigt wurde, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß die Dame Ihres Herzens, die Sie Veronika nennen, vor einigen Stunden mit ihrer Duenna abreiste von Murano. Sie ließen sich nach dem Stadtteil Madonna del Orto mit vielem Gepäck übersetzen. Meine Agenten benachrichtigten mich hiervon; ich beeilte mich und kam gerade zur Zeit, um zu sehn, wie die beiden Damen das nach Fusima fahrende Schiff bestiegen. Sie werden von dort mit der Post nach Padua weiterfahren! Ich erkannte alle zwei Frauen recht gut — und bei der Madonna, Prinz, es ist kein Irrtum möglich!«
Der Prinz wandte sich wieder an die Herren seines Gefolges: »Sagen Sie mir, Zedtwitz, ist dieser Mensch ein abgefeimter Lügner oder ein wahnsinniger Narr?«
»Keines von beiden!« schrie der Marchese, der sich mit äußerster Willensstärke beherrschte, »aber Ihre Liebste, Prinz, ist eine elende Betrügerin!«
Im Augenblick zog Prinz Alexander seinen Degen; der Marchese tat das gleiche. Baron Freihardt stürzte sich zwischen die beiden rasenden Menschen, mit seinem Leibe fing er den ersten Stich des Marchese auf, der ihn in die Schulter traf. Gleich darauf traf ein Stich des Prinzen Civitellas Brust. Das Gefolge stürzte sich dazwischen, man trug den schwerverwundeten Marchese in seine Gondel; der Prinz führte selber den stark blutenden Freihardt die Treppen hinauf.
Noch in derselben Nacht klopfte ein Gondoliere immer lauter an das große bronzene Tor. Als ihm endlich geöffnet wurden, verlangte der den Prinzen zu sprechen und übergab diesem ein unterschriftloses Schreiben folgenden Inhalts:
»Kardinal Agliardi weiß alles. Die Wunde seines Neffen soll tödlich sein — er hat geschworen, ihn zu rächen. Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, eilen Sie in das Kloster der Carità. Dort finden Sie sicheres Asyl.«
Der Prinz zeigte dieses Schreiben dem Baron, dessen Wunde, nachdem der erste Blutverlust gestillt und ein regelrechter Verband angelegt war, sich als durchaus harmloser Natur herausgestellt hatte. Er selbst hatte wenig Lust, diese anonyme Einladung anzunehmen, zeigte sich völlig gleichgültig gegen jede drohende Gefahr, gab aber schließlich den Bitten seiner Umgebung nach. Er bestand darauf, daß der Baron und der Junker ihn begleiteten. Da das Kloster St. Maria della Carità westlich des großen Kanals lag, beschloß man, um die Fahrt durch die vielen kleinen Kanäle, in denen ein Entkommen bei einem möglichen Angriff sehr schwer war, zu vermeiden, weit aus der Stadt hinauszufahren und außerhalb entlang der Fondamente Nuove herumzufahren, dann in den Canareggio einzubiegen.
So ging die Fahrt an St. Michele vorbei. Als der Prinz der Gräberinsel ansichtig wurde, befahl er, dorthin zu lenken. Er sprang an Land, bat aber den Baron, mit Zedtwitz weiterzufahren nach Murano. Er überreichte ihm die Schlüssel zum Garten und zum Hause und gab ihm den Auftrag, unter allen Umständen, selbst unter Anwendung von Gewalt, die Duenna der Verstorbenen herzubringen. Freihardt verstand die Absicht des Prinzen sofort: Diesem ließen die erstaunlichen Behauptungen Civitellas keine Ruhe, er wollte sich nun selbst von deren Nichtigkeit überzeugen. Der Baron fuhr also mit der Gondel nach Murano und drang, begleitet von zweien der prinzlichen Mohren, erst in den Garten, dann in das Haus. Man fand mit Ausnahme eines taubstummen alten Gärtners auch nicht einen der Dienerschaft vor; man durchsuchte jedes einzelne Zimmer, mußte aber feststellen, daß die alte Begleiterin verschwunden war.
Inzwischen war der Prinz zum Tore der hochgemauerten Gräberstadt gegangen. Nach sehr langem Klopfen öffnete ihm ein verschlafener Wächter, dessen Unmut er mit einigen Goldstücken rasch besänftigte. Er nahm ihn zu dem frischen Grabe mit und befahl ihm, den Sarg auszugraben, während der Prinz selbst die brennende Fackel hielt. Da der Prinz keine andere Hilfe wollte, so ging die Arbeit ziemlich langsam vonstatten; der Wächter hatte eben erst den Sarg freigelegt, als Baron Freihardt mit seinen Leuten anlangte. Man öffnete mit einiger Mühe den Sargdeckel, sah eine in weiße Tücher eng eingewickelte Gestalt. Der Prinz war so ergriffen, daß ihm die Fackel aus der Hand fiel. Dennoch befahl er Zedtwitz, die Tücher wegzunehmen. Man sah zunächst den aufgeschnittenen Leib, dann die Brust der Toten, ein Anblick, der den Prinzen Alexander aufs tiefste erschütterte. Seine Knie wankten, er drohte umzusinken, von seiner Stirne brachen helle Schweißtropfen. Der Kopf der Toten war mit einem besonders großen Seidentuche bedeckt und mehrmals umwickelt, es dauerte ein wenig, bis der Junker dieses lösen konnte. Der Prinz krampfte seine Finger in den Arm des neben ihm stehenden Barons, starrte hinab —
Endlich riß Zedtwitz das Tuch auf, man sah das bleiche Gesicht der Toten —
Es war nicht Veronika.
Der Prinz wankte, nicht mehr Herr seiner selbst. Seine Herren brachten ihn zurück in die Gondel, langsam fuhr man um die Mauern Venedigs.
Im Kloster schien man die Gesellschaft zu erwarten. Man schickte das Gefolge zurück, während man den Prinzen und den Baron in einen mäßig großen Raum führte, der ein paar harte Lagerstätten enthielt. Man brachte ihnen einen Schlummertrank, den sie beide gierig leerten; dann ließ man sie allein. Der Prinz, aufs äußerste erschöpft, sank sofort in tiefen Schlaf, während Freihardt zunächst sein Schreibzeug herausnahm, um einen Brief an den Grafen Osten zu schreiben, der diesen nach Venedig rief.
Die Wunde des Baron Freihardt schien im Anfang normal zu heilen, dann aber stellte sich ein heftiges Wundfieber ein, das ihn noch ans Bett fesselte, als Graf Osten in Venedig eintraf. Über die weiteren Ereignisse also, die während des Aufenthaltes der beiden im Kloster St. Maria della Carità stattfanden, vermochte Graf Osten wenig genug zu erfahren.
Was er von dem jungen Kammerjunker von Zedtwitz erfuhr war folgendes:
Es war abgemacht worden, daß Zedtwitz am andern Mittag wieder zum Kloster kommen sollte. Er traf den Prinzen — wie übrigens auch den Baron — in tiefem Schlafe an, der bei beiden bis in den nächsten Tag hinein dauerte. Augenscheinlich hatte man dem Schlummertrank ein schweres Schlafmittel beigemischt. Als Prinz Alexander endlich erwachte, war sein erstes, den Junker zu dem Palaste des Kardinals zu senden, um sich nach dem Befinden des Marchese zu erkundigen; man erfuhr, daß dessen Wunde gefährlich, aber keineswegs tödlich sei. Wenige Tage darauf schrieb Prinz Alexander persönlich einen langen Brief an Civitella, in dem er ihm von seinem nächtlichen Besuche auf der Gräberinsel Mitteilung machte. Er fügte hinzu, daß er seine Tat aufs tiefste bedaure, jedoch überzeugt sei, daß der Marchese unter gegebenen Umständen genau so gehandelt haben würde. Den Degenstich könne er leider nicht ungeschehen machen, er stelle sich aber ihm völlig zur Verfügung und sei bereit, ihm in jeder Beziehung, wie immer der Marchese das verlange, Genugtuung zu geben.
Die Antwort war ein überaus herzliches Schreiben des Marchese. Er werde, schrieb er, nie vergessen, daß der Prinz ihm das Leben gerettet habe. Was er getan, habe er nur in reinstem Interesse für seinen Lebensretter getan, und er sei dankbar, daß das Schicksal ihm Gelegenheit gegeben habe, seine unerschütterliche Anhänglichkeit mit seinem Blute zu beweisen. Er hoffe, bald wieder so weit hergestellt zu sein, um dem Prinzen von Nutzen sein zu können. Wenn er eine Bitte aussprechen dürfe, so sei es die, daß Prinz Alexander ihm den Degen, mit dem er ihn verwundete, zum Andenken schenken möge.
Es war natürlich, daß diese Haltung des Marchese sowie dessen augenscheinliche Besserung die Versöhnung des Kardinals zur unmittelbaren Folge hatte. Infolgedessen war das Asyl des Klosters nicht mehr notwendig; dennoch verblieb der Prinz noch einige Zeit in seinen Mauern. —
Der Grund war zum Teil gewiß der, in der Nähe des Barons zu sein, dessen Zustand wenigstens eine Zeitlang einen gefährlichen Charakter anzunehmen drohte. Dann aber war es auch der Einfluß eines Besuches, den der Prinz während dieser Zeit erhielt.
Prinz Alexander fand nämlich, als er eines Morgens aufwachte, in seiner Hand ein Billet, das die Worte enthielt: »Der Schreiber dieser Zeilen möchte Sie heute nachmittag gegen drei Uhr im Klostergarten sprechen.«
Wie dieses Billet dorthin gekommen war, war nicht zu ermitteln; die dienenden Brüder schworen darauf, daß sie keinen Menschen weder ein- noch ausgehen gesehen hätten. Die Schriftzüge waren dieselben wie die des Briefes, der dem Prinzen das Kloster als Asyl angeboten hatte.
Diese Unterhaltung im Klostergarten war eine recht lange. Als der Prinz an das Krankenbett des Barons zurückkehrte, schien er sehr nachdenklich. Die erste Frage Freihardts, wer der Unbekannte gewesen sei, beantwortete er sofort: Es sei der »Armenier« gewesen, diesmal freilich in der Tracht eines holländischen Kaufmanns. Auf alle anderen Fragen aber hatte er nur ein Kopfschütteln zur Antwort. In den folgenden Tagen war er dann sehr schweigsam, sprach kaum ein Wort, saß stundenlang grübelnd auf seinem Bett.
Freilich war es gerade jetzt für den Baron, der in diesen Tagen seine schlimmste Krisis zu überwinden hatte, völlig unmöglich, auf den Gemütszustand des Prinzen einzuwirken, ja ihn auch nur einigermaßen zu beobachten. So vermochte er nicht einmal mit Gewißheit anzugeben, ob Prinz Alexander noch weitere Besuche des Armeniers erhalten habe oder nicht.
Nicht aus des Prinzen Munde, sondern aus dem eines der Mönche, erhielt Freihardt die überraschende Mitteilung, daß Prinz Alexander dem Prior gegenüber den Wunsch geäußert habe, zur katholischen Religion überzutreten — wenige Tage darauf hörte er dann seine erste Messe.
Freihardt wagte es nicht, den Prinzen nach seinen Beweggründen zu fragen; er wartete darauf, daß der Prinz von selber Gelegenheit nehmen würde, mit ihm davon zu sprechen.
Die Schulden des Prinzen wurden noch am selben Tage bezahlt, doch vermochte weder der Baron noch Civitella, der inzwischen das Krankenzimmer wieder verlassen konnte, festzustellen, von welcher Seite dies geschehen war; auch in dieser Beziehung wagte es Baron Freihardt nicht geradewegs zu fragen — eine gelegentliche Anspielung schien der Prinz nicht zu verstehn.
So standen die Angelegenheiten, als Graf Osten im Januar 1781 in Venedig eintraf. Während seines Aufenthaltes, der sich nur auf wenige Wochen erstreckte, sah er den Prinzen Alexander, der wieder in seine Wohnung zurückgekehrt war, nicht ein einziges Mal; in der Tat verließ der Prinz seine Räume nicht und empfing überhaupt niemanden. Graf Osten benutzte seine Zeit, um seine Erlebnisse oder vielmehr die des Prinzen niederzuschreiben. Er verkehrte dabei viel mit dem Baron von Freihardt, dem Junker von Zedtwitz und mit dem Marchese von Civitella, die ihm bei dieser Arbeit nach Möglichkeit behilflich waren.
Aus diesen Wochen ist eigentlich nichts Besonderes mitzuteilen. Etwa vierzehn Tage darauf tauchte plötzlich der seinerzeit verschwundene Jäger des Grafen, Wilhelm Hagemeister aus Bremen, wieder auf. Er erzählte, daß er in der Nacht, in der er vermißt wurde, von vermummten Männern aufgegriffen, gebunden und geknebelt worden sei. Man habe ihn in eine Gondel geworfen und fortgeführt. Nach langer Fahrt habe man ihn seiner Fesseln entledigt und ans Land gesetzt. Er befand sich auf einer kleinen Insel; wie er später feststellte, war es die Insel Poveglia, bei Malamocco gelegen. Er fand in seinem Rocke eine starke Rolle von Goldflorinen — von diesem Geld lebte er die ganze Zeit über. Die armen Bewohner der Insel nahmen sich seiner freundlich genug an, nur weigerten sie sich standhaft, ihn, auch gegen hohe Bezahlung, in einem Boote fortzuschaffen. Es sei das Befehl der Staatsinquisition, sagten sie, vor der sie einen heillosen Respekt zu haben schienen. Alle die Monate über lebte Hagemeister frei und doch als Gefangener auf der Insel. Endlich gelang es ihm, nach manchen vergeblichen Versuchen, da die Fischer ihre Boote sehr streng hüteten, mit einem Ragusaner Trabakel das ein Zufall nach Proveglia geführt hatte, zunächst nach Chioggia und von dort nach Venedig zu kommen. Dem Baron fiel ein, daß nach dem Verschwinden Hagemeisters seine Kameraden erzählt hatten, daß er sehr schwermütig gewesen sei und oft das Minoritenkloster der Giudecca aufgesucht habe. Der Jäger gab das lachend zu. Schwermütig sei er allerdings gewesen — er habe sich nämlich sterblich in ein Mädel verliebt, das seinem stürmischen Liebeswerben nur ein nichtsnutziges Lachen entgegengesetzt habe. Das Minoritenkloster habe er auch aufgesucht — aber nur die Klosterkirche, eben zu dem Zwecke, seine Angebetete zu sehen, die dort täglich zu beten pflegte.
Graf Osten nahm den biedern Bremer sogleich in seine Dienste. Civitella, dessen spürenden Eifer der prinzliche Degenstich wenig abgekühlt hatte, begann auch hier sofort seine Nachforschungen. Durch seinen Onkel, den Kardinal, hatte er ausgezeichnete Beziehungen zur Staatsinquisition; es gelang ihm leicht, festzustellen, daß nie ein solcher Befehl an die Fischer von Poveglia gegeben worden war. Bei dieser Gelegenheit zog dann Civitella auch genaue Erkundigungen über die andern Fälle ein, bei denen der Prinz mit dieser Einrichtung der venetianischen Republik zu tun hatte. In der Tat hatte die Inquisition in einem Falle eingegriffen: Es hatte sich da um einen übelbeleumdeten Menschen gehandelt, von dem man bestimmt wußte, daß er der bezahlte Spion einer Venedig feindlichen Macht war. Sein Tod war eine beim Obersten Rat der Republik längst beschlossene Sache, doch wartete man, aus diplomatischen Gründen, auf eine passende Gelegenheit. Diese willkommene Gelegenheit bot sich, als der Spion in dem Spielklub den Prinzen öffentlich beleidigte, dann aber, nachdem der Prinz ihn niedergeschlagen hatte, Mörder dang, um sich seiner zu entledigen. Dagegen war in dem andern Falle, als es sich um Verhaftung des Sizilianers Cagliostro handelte, die Behörde nur zum Teile beteiligt. In der Tat waren die Häscher, die Cagliostro und seine Helfershelfer verhafteten und einsperrten, Beamte der Republik — der Unbekannte aber, der sie hierzu veranlaßte und der sich ihnen gegenüber als ein hoher Beamter der Staatsinquisition ausgab — keineswegs ein solcher. Dies wurde freilich erst nach einigen Tagen aufgedeckt; man entließ dann die Gefangenen sofort aus dem Gefängnis.
Es lag auf der Hand, daß Graf Osten und Baron Freihardt, denen der Marchese von seinen ehrlichen Erkundigungen Mitteilung machte, auch in diesem Falle wieder auf das geheimnisvolle Eingreifen des Armeniers schlossen. Man einigte sich dahin, daß Freihardt, der der einzige war, den Prinz Alexander gelegentlich kurze Zeit bei sich duldete, dem Prinzen hiervon sowie von den andern Ermittlungen Civitellas Mitteilung machen sollte. Das geschah am nächsten Tage schon.
Prinz Alexander bat den Baron zu sich und trug ihm auf, den Haushalt aufzulösen, da er in der nächsten Zeit nach Deutschland zurückzukehren beabsichtigte. Er zeigte ihm einen Brief, ohne Unterschrift —, worin ihm der Tod seines alten kranken Oheims, des Bruders des regierenden Herzogs, gemeldet wurde.
»Einen Schritt näher zum Throne!« sagte der Prinz nachdenklich.
Baron Freihardt bat nun um die Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen. Der Prinz nickte und Freihardt begann mit ihm das Ergebnis all der Nachforschungen des Marchese mitzuteilen. Prinz Alexander hörte ihm eine Zeitlang schweigend, aber lächelnd zu, dann unterbrach er ihn. »Ich glaube, lieber Freihardt«, sagte er, »daß Sie sich Ihre Auslassungen sparen können. Sie können mir kaum etwas mitteilen, das mir nicht bekannt wäre. Der Marchese hatte recht, ich weiß das: Ich habe all diese Zeit über in einem Gaukelspiel gelebt. Ich meine aber, Baron, daß ich noch ein gut Teil mehr weiß als Sie, daß ich zum Teil wenigstens die Beweggründe des Menschen kenne, der all diese Puppen tanzen ließ. Mein Jäger wurde entfernt, um Biondello bei mir einzuschmuggeln, der mich dann mit Haut und Haaren verkaufte. Ich weiß, wer das anstellte — und Sie ahnen es wenigstens. Ich weiß auch, daß ein Gaukelspiel mit mir getrieben wurde in Murano, weiß, daß Veronika noch heute lebt und daß Sie, wie ich, sich völlig blenden ließen. Baron, all dies wie auch das Abenteuer an der Brenta, bei dem uns der Palermitaner Cagliostro seine Geisterkomödie vorführte, wurde nur in Szene gesetzt, um mich auf eine ganz bestimmte Linie zu führen. Sie wissen, lieber Freihardt, daß meine Vernunft mich in diesem Falle ebenso bewahrte, wie es meine Empfindung in Murano tat. Mein Geist kapitulierte so wenig von der erstaunlichen Geistergeschichte in jenem Landhause und vor der gewiß geschickten Erzählung Cagliostros, wie er es an dem — wie soll ich sagen? — Sterbebette Veronikas tat. Sie standen ja dabei, Baron, wie ich den glühenden Bitten der geliebten Frau — die ich für ihre letzten hielt — dennoch ein standhaftes »Nein« entgegensetzte. Ich will Ihnen das alles nicht in allen Einzelheiten auseinandersetzen — manches ist auch heute noch mir selbst unerklärlich genug. Aber soviel muß ich Ihnen sagen, Freihardt: Was der Angriff auf meine Vernunft, was der Angriff auf mein Gefühl nicht vermochte, was weder einer phantastischen Mystik noch auch einer romantischen Liebe gelang — das gelang einem andern: der Wahrheit! Erinnern Sie den Besuch, den ich im Kloster der Carità erhielt? Der Mann, der mich dort aufsuchte, war die Kraft, die hinter all diesem Himmel- und Höllenspuk stand. Er kam zu mir, um mir zu sagen, daß er bislang sein Spiel verloren habe. Aber gerade darum, weil ich da zu widerstehn vermochte, wo so mancher andere hoffnungslos besiegt worden wäre, gerade darum glaubte er an mich. Und er sei hergekommen, um einen letzten Angriff auf mich zu machen — mit einer frischen Waffe: der Waffe der Wahrheit. Alles das, was Sie mir heute erklären wollen, Freihardt, sagte er mir — und manches mehr. Er setzte mir auseinander, das alles dies geschehen sei, um mich als ein willenloses Werkzeug in seine Hände zu bekommen — das sei unmöglich gewesen. Nun verschmähe er jedes weitere Spiel — er sei gekommen, mir den Weg zu zeigen, den ich gehen müsse, zu meinem Wohle und zu dem der Menschheit! Sie wissen, Baron, daß ich in all diesen Jahren nie an den Thron dachte — nun denke ich daran! Mein Oheim starb —«
»Gnädigster Prinz«, unterbrach ihn Baron Freihardt, »Sie vergessen die Nachricht, die wir im September von unserm Hofe erhielten. Selbst nach dem Tode des Erbprinzen, nach dem Tode Ihres Oheims, sind Sie immer noch nicht der Nächste zum Throne! Das Kind des Erbprinzen —«
Das Gesicht des Prinzen Alexander wurde sehr ernst. »Ich weiß, ich weiß!« rief er. »Dieses Kind — dieser Sohn — steht zwischen mir und dem Throne! Aber glauben Sie mir, Baron — ich werde über dieses Hindernis hinwegschreiten. Der Fremde, der Unbekannte — oh, für Sie, nicht mehr für mich! — gab mir in jener Stunde im Klostergarten etwas, was ich bisher nicht kannte: ein Ziel und zu diesem Ziel einen Willen! Das Ziel ist sehr hoch — Höher als nur dieser Thron! Er ist einen hohen Einsatz wert — und ich bin bereit, ihn zu wagen. Und daß Sie es wissen, Baron, ich bin auf meinem Weg seit jener Stunde, und ich habe schon einen Teil des Einsatzes gezahlt. Zu einem »willenlosen Werkzeuge« konnte mich keine Macht der Erde machen — zu einem selbstwollenden Menschen machte mich dieser Mann in einer halben Stunde, als er mir die Wahrheit sagte! Erinnern Sie das Wort des Hugenotten Heinrich, der als vierter seines Namens sich die Krone Frankreichs aus Haupt setzte! Paris vaut bien une messe! Das erschien mir stets, wie gewiß Ihnen und jedem guten Protestanten, als der zynische, frivole Ausspruch eines gewissenlosen Abtrünnigen! Heute, Freihardt, begreife ich die ganze Größe dieses Wortes, heute fühle ich, was es bedeutet, Herr zu sein und Macht zu haben. Er — der Unbekannte — lehrte es mich! — Darum kehren wir zurück nach Deutschland — es ist ein Kampf mit allen Mitteln — aber nur so scheint mir das Leben noch lebenswert!«
Der Prinz war aufgesprungen, schritt ein paarmal durch das Zimmer. Seine Augen leuchteten. Dann blieb er vor dem Baron stehn, sagte freundlich: »Seit nahezu siebzehn Jahren sind Sie in meinen Diensten, Baron! Sie sind Protestant, sind aus strenggläubiger Familie. Ich bin ein Abtrünniger, wie Heinrich IV! Es steht Ihnen frei zu gehn; meines Dankes und meiner Hilfe können Sie jederzeit gewiß sein — und Sie kennen mich gut genug, Freihardt, um zu wissen, daß ich mein Wort halte. — Wie ist es — wollen Sie dennoch bleiben?«
Baron Freihardt versicherte dem Prinzen, daß er immer und unter allen Umständen zu ihm halten würde. Sein eigener Glaube und seine Überzeugung seien ihm heilig — aber gerade darum achte er auch jede andere Überzeugung.
Prinz Alexander lachte auf. »Überzeugung? — Was ist Überzeugung? Nur was aus uns selbst herausgewachsen ist, nur das kann heiligster Glauben und innerste Überzeugung werden. Aber lassen wir das, Baron, ich nehme Ihr Anerbieten an und behalte Sie in meinen Diensten. Doch nun lassen Sie mich erzählen, was ich über das Geheimnis meines verstorbenen Vetters, des Erbprinzen, weiß — es ist nötig, daß Sie eingeweiht sind in die Familienverhältnisse unseres Hofes.«
»Sie erinnern sich, Baron«, fuhr Prinz Alexander fort, »der Tage in Basel vor drei Jahren, als wir zum letzten Male meinen Vetter sahen? Wir waren gerade im Begriff, abzureisen, als ein reitender Bote vor den »Drei Mohren« vorritt und mir Nachricht brachte, daß die Kutsche des Erbprinzen ihm folge und daß ich meine Abreise verschieben möchte. Mein Vetter kam in mein Schlafzimmer und sperrte die Tür hinter sich ab.
Er verlangte damals von mir Geldsummen in beträchtlicher Höhe. Er sagte mir nicht, wozu er das Geld benötige; doch zeigte sein ganzes Gebaren, daß er dringend diese Hilfe gebrauche. Ich bot ihm an, was ich hatte — aber das reichte bei weitem nicht aus. Sie kennen ja die lächerlich geringe Apanage, die mir seit vielen Jahren unser Hof sendet — meinem Vetter war diese Ziffer natürlich auch bekannt, wurde er doch selber ebenso knapp gehalten wie ich. Er war es, der mich damals darauf aufmerksam machte, daß meine Schwester Henriette als regierende Herzogin eines außerordentlich reichen Hauses ja fast unbegrenzte Mittel zur Verfügung habe. Ich schlug ihm also vor, sich an Henriette zu wenden, aber mein Vetter zuckte die Achseln. Mir würde sie gewiß geben, erklärte er, ihm keinen Pfennig. Er bat mich, es ihm zu erlassen, seine Gründe für diese Annahme zu erklären. Kurz und gut, der Erbprinz veranlaßte mich, an meine Schwester zu schreiben und um eine Unterstützung zu bitten. Ich tat das und erhielt umgehend das verlangte Geld. Nun wissen Sie auch, lieber Baron, wohin das Geld ging, das mir durch diese Jahre von meiner Schwester gesandt wurde — bis auf den letzten Gulden hat es stets der Erbprinz bekommen. Das erstemal, als ich vor zwei Monaten im eigenem Interesse Herzogin Henriette um Geldunterstützung bat — erhielt ich die bekannte schroffe Ablehnung.
Ich habe niemals gefragt, wozu mein Vetter all dieses Geld gebrauchte, es war mir, offen gestanden, auch völlig gleichgültig. Ich wußte, daß er es wirklich nötig hatte — und es war mir eine Freude, als — verstehn Sie, Baron! — als loyaler Untertan meinem zukünftigen Herrn dienlich sein zu können — ich betrachtete es als völlig selbstverständlich, meinem Vetter beizustehn ohne eine Frage zu stellen.
Erst nach seinem Tode kam das Geheimnis heraus; erst jetzt habe ich einigermaßen genaue Kenntnis darüber erhalten.
Während einer Reise in Franken vor nunmehr sechs Jahren lernte der Erbprinz auf einem Landsitz eine junge Dame kennen, in die er sich hoffnungslos verliebte. Dieses Mädchen war aus fürstlichem Hause, ihre Familie eine verarmte, aber alte und anerkannte, die zu verschiedenen Malen in regierende Häuser hineingeheiratet hatte und durchaus als ebenbürtig galt. Aber diese Familie war streng katholisch und in diesem Glauben war auch Elisabeth — dies war ihr Name — erzogen worden; mehr noch, sie hing über alles an ihrem Glauben und war außerordentlich fromm. Da andererseits unser Haus eines der strengsten und zugleich hervorragendsten protestantischen Deutschlands ist, so schien eine Ehe vollkommen ausgeschlossen. Es kam aber noch etwas andres hinzu, das die Empfindungen meines Vetters vollkommen hoffnungslos erscheinen ließ: Das junge Mädchen teilte keineswegs seine glühende Liebe. War sie ihm im Anfang harmlos und mit herzlicher Freundschaft entgegengekommen, so schwand dieses Gefühl, sobald sie die Neigung des Erbprinzen erkannte; ja, es machte bald einer ausgesprochenen Abneigung gegen ihn Platz. Je mehr mein Vetter seine Bewerbungen fortsetzte, je offenbarer seine Gefühle wurden, um so mehr entwickelte sich in Elisabeth ein Gefühl des Widerwillens, ja geradezu des Abscheus gegen diesen beharrlichen Liebhaber.
Dennoch gab der Prinz seine Hoffnungen nicht auf. Zunächst versuchte er bei seinem Vater etwas zu erreichen; aber schon leichte Anspielungen, die er gelegentlich machte, stießen auf einen solchen Widerstand bei dem alten strengen Herzog, daß er sich sehr bald bewußt wurde, daß er von dieser Seite auf keinerlei Hilfe rechnen konnte. Die einzige Folge, die diese Versuche hatten, war die, daß seine Apanage noch mehr beschnitten und daß ihm jede Reise außerhalb des Herzogtums verboten wurde.
Mein Vetter faßte nun den herzhaften Entschluß, die unglückliche Liebe aus seinem Herzen herauszureißen. Schlecht von seinen Höflingen beraten, schien ihm hierzu nichts geeigneter zu sein, als sich in ein recht wildes Leben zu stürzen, und beim Wein, beim Spiel und den Weibern sein Abenteuer zu vergessen. Schwach und kränklich von Kindesbeinen an, ohne viel Widerstandskraft, legte er hierdurch bald den Grund zu der Krankheit, die ihn so früh dahinraffen sollte. Doch schien es, als ob er in diesem heillosen Leben wenigstens den Schmerz seiner unglücklichen Liebe vergessen hätte. Da schickte ihn sein Vater zu den Vermählungsfeierlichkeiten der hessischen Herrschaften nach Darmstadt — dort traf er Fürstin Elisabeth wieder. Er sah sie — und all seine Vorsätze waren im Augenblicke vergessen. Voller Verzweiflung betrank er sich maßlos an diesem Abend — stürmte in den Tanzsaal und führte sich vor allen Leuten derartig auf, daß man ihn mit Gewalt entfernen mußte. In der nächsten Nacht bestach er einige Lakaien des Schlosses und drang, wiederum unter dem starken Einfluß von Wein, in das Schlafzimmer Elisabeths. Er machte ihr eine wilde Szene, drohte mit Selbstmord, wenn sie ihn nicht erhören wollte — kurz, er tat alles, um ihren Widerwillen zu einem ausgesprochnen Ekel zu verstärken. Schließlich schrie sie um Hilfe.
Der Skandal war ein so vollständiger und öffentlicher, daß mein Vetter sofort zurückgerufen wurde; sein Vater bestrafte ihn damit, daß er ihn auf einem kleinen Schlosse, das er nicht verlassen durfte, gefangen setzen ließ.
Und nun geschah etwas Merkwürdiges. Wenige Wochen, nachdem er dieses Schloß bezogen hatte, fand er eines Abends auf seinem Schreibtisch einen Brief, worin ihm die kurze Mitteilung gemacht wurde, daß die Fürstin Elisabeth einwillige, die Seine zu werden, wenn er sich bereit erkläre, auf die Bedingungen, die sie ihm stelle, einzugehn. Diese Bedingungen selbst waren nicht genannt; es war nur noch der Wunsch ausgesprochen, der Erbprinz solle unter diese Zeilen entweder ein »Ja« oder ein »Nein« setzen und den Brief in der rechten Schublade seines Schreibtisches verschließen. Ist es ein Wunder, daß mein Vetter, ohne einen Augenblick zu zaudern, ein großes »Ja« hinschrieb?
Bereits um diese Zeit machten sich die ersten Anzeichen der Krankheit bei ihm bemerkbar, die ihm die Liebesnächte mit einer französischen Tänzerin eingetragen hatten. Doch glaubte er mit Hilfe seines Arztes, der ihm sichere Heilung versprach, hierüber hinwegzukommen.
Als er am nächsten Tage von einem Spaziergange im Schloßgarten zurückkam und das Schubfach öffnete, fand er eine Antwort, die ihm die Bedingungen mitteilte. Es waren dies folgende:
Die Hochzeit sollte im geheimen stattfinden, und zwar nach katholischem Ritus; auch müsse er vorher einen Eid schwören, daß er ein etwaiges Kind sofort katholisch taufen lassen und im katholischen Glauben erziehen lassen wollte. Die Ehe selbst sollte bis zu dem Ableben seines Vaters streng geheim gehalten werden.
Da von ihm persönlich ein Übertritt nicht verlangt wurde, so erschienen diese Bedingungen meinem Vetter durchaus nicht so drückend. Er gab sein zweites »Ja« auf demselben kurzen Wege wie sein erstes.
Die dritte Nachricht, die der Erbprinz erhielt, war die, daß er nun sofort alle diejenigen aus seinem Gefolge und aus seiner Dienerschaft, auf die er sich nicht mit völliger Sicherheit verlassen konnte, wegschicken sollte. Sie kennen ja den Charakter meines Vetters, Baron, er war ein schwacher, aber gewiß gutherziger Mensch, der von seiner Umgebung aufrichtig geliebt wurde. Er hielt genaue Umschau; aber schließlich entließ er nur einen seiner Kavaliere, zwei Jäger und einen Lakaien, die erst kürzlich in seine Dienste getreten waren. Die Folge hat ihm recht gegeben: Nicht einer von den Leuten seiner Umgebung hat ihn verraten, sie haben alle — bis zu seinem Tode — sein Geheimnis bewahrt.
Wenige Tage drauf kam, mitten in der Nacht, die junge Fürstin an, nur begleitet von einer Zofe und ihrem Beichtvater. Dieser nahm meinem Vetter seinen Schwur ab; gleich hinterher fand die Trauung statt.«
»Das Werk der Jesuiten!« rief Baron Freihardt.
Der Prinz lächelte: »Sie irren, Baron! Die Gesellschaft Jesu hatte so wenig ihre Hand dabei im Spiel, wie Sie und ich. Die Jesuiten, glauben Sie mir, hätten ihr Spiel feiner gespielt und hätten vor allem ihren Günstling des Zwanges enthoben, betteln zu gehn; sie hätten ihm gewiß die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt. Statt dessen war ich es, der dank der offenen Hand meiner Schwester für diese Familie sorgte, freilich ohne etwas davon zu wissen. Die Untersuchung, die sofort nach dem Tode meines Vetters einsetzte, hat die ganze Geschichte restlos aufgeklärt. Es scheint, daß der Erbprinz auf dem Sterbebette seine geheime Ehe eingestand und zugleich seinen Vater bat, sich des Kindes anzunehmen. Der Herzog legte die Angelegenheit sogleich in die Hände des Staatsprokurators, der, das muß man zugeben, ganze Arbeit lieferte. Er vernahm zuerst einen nach dem anderen alle Herren des Gefolges und die gesamte Dienerschaft. Er konnte schon nach kurzer Zeit Hand auf den Beichtvater der Erbprinzessin legen — denn das war Fürstin Elisabeth nach der Trauung mit Fug und Recht. Ihr Beichtvater, der dem Orden der Prämonstratenser angehörte, wurde im Anspachischen aufgegriffen und sofort an unsern Hof gebracht. Er zeigte weder Reue noch Furcht, war vielmehr stolz darauf, etwas getan zu haben, was für seine Kirche einen Gewinn bringen konnte. Dagegen gab er die Fürstin Elisabeth völlig auf, deckte sie nirgends, ganz offenbar tief entrüstet über ihre spätere Aufführung. Seine Aussage trug den Stempel reinster Wahrheit. Danach war sie in der Tat sehr fromm erzogen worden und eine gläubige Katholikin. Ihre Eltern starben sehr früh, das Vermögen hatte ihr Vater bis zum letzten Rest aufgebraucht. So wurde das Mädchen bei einer Tante in Franken erzogen — er war ihr Beichtvater seit ihrem vierzehnten Jahre. Das liebliche Mädchen lebte dann bei Verwandten, bald auf diesem, bald auf jenem Schlosse oder Gute und war überall ein sehr gern gesehener Gast. Schon als der Erbprinz bei seinem Besuche in Franken um ihre Hand warb, hielt es der Priester für seine Pflicht, seinem Beichtkinde zu einer geheimen Ehe zuzureden; er stellte ihr vor, wie sie dadurch den Thron und damit das Land für die katholische Kirche zurückgewinnen könne. Fürstin Elisabeth aber wies damals diesen Vorschlag fast mit Entrüstung ab.
Dann kam sie, als sie von den Hochzeitsfeierlichkeiten in Darmstadt zurückkehrte, wieder zu ihm. Sie erzählte ihm genau die skandalöse Aufführung des Erbprinzen an dem dortigen Hofe; bat dann aber um Absolution für die Sünden, die sie während ihrer Abwesenheit begangen hatte, und beichtete ihm diese.
Ehe sie nach Darmstadt reiste, hatte sie mit ihrer leidenden Tante ein rheinisches Bad aufgesucht und dort die Bekanntschaft eines Abenteurers gemacht. Dieser Mann, holländischer oder flamländischer Abkunft, der sich de Hooghe nannte und augenscheinlich über sehr große Mittel verfügte, lernte sie im Hotel kennen. Unter den Augen ihrer nichtahnenden Tante verstand er es, ihr Interesse zu erwecken, und nach wenigen Tagen schon übte er einen unheimlichen Einfluß auf sie aus. Eines Abends stand er, während sie am Klavier saß und ein Lied sang, neben ihr und blätterte ihr die Noten um; bei dieser Gelegenheit verlangte er, daß sie ihm den Schlüssel ihres Zimmers geben sollte, da er sie dringend in dieser Nacht sprechen müsse. Ohne sich recht bewußt zu werden, was sie eigentlich tat, völlig unter einem Einfluß handelnd, über den sie sich keinerlei Rechenschaft geben konnte, gehorchte Elisabeth. Der Abenteurer kam dann zur Nacht in ihr Schlafzimmer — so stark war sein seltsamer Einfluß, daß sie ihm weder mit Worten noch mit Handlungen auch nur den geringsten Widerstand entgegenzusetzen imstande war.
Sie wurde seine Geliebte — glücklich, jeden seiner Wünsche erfüllen zu dürfen. Fragte nichts, verlangte nichts, gab sich völlig dem berauschenden Taumel hin. Diese ganze Schwärmerei dauerte etwa sechs Tage. Als er in der letzten Nacht sich verabschiedete, erklärte er ihr, daß er am nächsten Tage abreisen würde. Plötzlich kam ihr alles, was sie getan, zum Bewußtsein; sie warf sich ihm zu Füßen und beschwor ihn unter Tränen, sie zu seiner Frau zu machen. Sie sagte, daß sie auf Rang und Würden gerne verzichten wolle — nur das eine verlangte sie: daß er ihre Religion annähme. Der Flamländer hörte geduldig zu, dann lachte er. Woher sie denn wisse, ob er katholisch sei oder nicht? Aber das sei gewiß, daß er nie eines Frauenzimmers wegen eine Religion annehmen würde! Übrigens sei diese Frage durchaus überflüssig — da er ja gar nicht daran denken, sie zu heiraten. Sie möge mit ihm kommen, wenn sie wolle — mit oder ohne Segen der Kirche, das sei ganz gleichgültig. Fürstin Elisabeth verdoppelte ihre Bitten und Tränen, jammerte und flehte — erfolglos! Schließlich rief er: »Wo ich bin, kann nur ein Wille herrschen: der meine! Nur dann kann ich dich gebrauchen, wenn du diesen Willen rückhaltlos annimmst!« Mit diesen Worten ging er hinaus.
Elisabeth sah ihn nicht wieder. Doch bekam sie am andern Tage einen Brief von ihm folgenden Inhalts: »Ich reise nach Frankreich, dann nach Spanien. Ich werde zurück sein in anderthalb Jahren; dann werde ich Dich zu finden wissen. Wenn Du dann leben magst, wie ich es will — werde ich Dich mit mir nehmen.«
Soweit die Mitteilungen Elisabeths, die sie auch außerhalb des Beichtstuhles dem Priester wiederholte. Die junge Fürstin war schwer angegriffen, die Ereignisse in Darmstadt waren nicht dazu angetan gewesen, ihre aufgeregte Seele zu beruhigen. Zudem schien der unheimliche Einfluß des Flamländers durchaus nichts von seiner Stärke verloren zu haben.
Ihr Beichtvater glaubte daher nicht nur für seine Kirche etwas Großes zu tun, sondern zugleich auch den seelischen Frieden seines Beichtkindes wiederherzustellen, wenn er sie zu einer Ehe mit unserm Erbprinzen veranlaßte. Sie liebte ihn nicht — nunwohl, gerade dadurch, daß sie einem ungeliebten Manne die Hand zum Ehebunde reichte, konnte sie Buße tun für ihre fleischlichen Verfehlungen. Hin- und hergetrieben von widerstreitenden Empfindungen, ohne einen einzigen Berater außer eben ihrem fanatischen Beichtvater, erklärte Elisabeth schließlich ihr Einverständnis.
Der Priester verlor keine Zeit, er zog die Tante ins Geheimnis und reiste sofort mit seinem Beichtkinde und einer treuen Jungfer in ein dem Schloß des Erbprinzen benachbartes Städtchen. Dort bestach er einen der Lakaien — es war eben der, den mein Vetter dann entließ — und begann sein Spiel, das von so schnellem Erfolge gekrönt war. Er selbst fuhr nach der Trauung wieder nach Franken zurück; besuchte aber alle zwei Monate sein Beichtkind auf dem einsamen Schloß.
Nach den Berichten der Kavaliere war die Ehe, wenigstens was den Erbprinzen anbetraf, eine keineswegs unglückliche.
Völlig blind in seiner grenzenlosen Leidenschaft, nahm er die Almosen, die ihm seine Gattin reichte, als große Geschenke an. Es scheint gewiß, daß sich die Erbprinzessin die allerdankbarste Mühe gab, den Pflichten, die sie nun einmal auf sich genommen hatte, gerecht zu werden. Sie versuchte mit übermenschlicher Anstrengung, ihren körperlichen Widerwillen zu bekämpfen; es gelang ihr immerhin insoweit, als sie es fertig brachte, daß wenigstens mein Vetter nichts oder nur wenig davon bemerkte. Wenn es gar nicht mehr gehen wollte, so nahm sie ihre Zuflucht zu Unpäßlichkeiten und kleinen Krankheiten — die zunächst von ihr vorgeschoben wurden, dann auch in Wirklichkeit sich einstellten. Den baldigen Eintritt ihrer Schwangerschaft begrüßte sie mit sehr geteilten Gefühlen. Einmal schien der Gedanke, von dem ihr so widerwärtigen Manne ein Kind unter dem Herzen zu tragen, ein entsetzlicher, dann aber versöhnte sie damit doch wieder die Tatsache, daß sie nun, nach Besprechung mit einem erfahrenen Arzte, Gelegenheit fand, sich ihren Verpflichtungen als Ehegattin völlig zu entziehn. Je mehr dies der Fall war, um so erträglicher wurde das beiderseitige Verhältnis; es schien beinahe so, als ob die Erbprinzessin sich mit ihrem Schicksal ausgesöhnt habe. Frei von der Pflicht, rohere Liebkosungen erdulden zu müssen, gab sie kleinere freundlich und mit leichtem Herzen. Nach etwa einjähriger Ehe wurde der junge Prinz geboren; mein Vetter hielt sein Wort und ließ ihn durch den Beichtvater der Erbprinzessin taufen.
Auch jetzt hielt Elisabeth, mit der Unterstützung des Arztes, den Vorwand aufrecht, daß ihre Gesundheit ein eheliches Leben vorderhand noch verbiete. Das Verhältnis der Ehegatten blieb in dieser Zeit ein freundschaftliches, ja fast herzliches. Es schien, als ob sich die Abneigung der Erbprinzessin gegen ihren Gatten vermindert habe — oder vielmehr auf das Kind übertragen habe, das sie ganz der Obhut der Frauen überließ und kaum zu sehen wünschte.
Dann traf ein Blitzschlag aus wolkenlosem Himmel das Familienleben meines Vetters. Während sie nach dem Abendessen im Musikzimmer mit einem ihrer Kavaliere plauderte, brachte ihr ein Diener einen Brief. Sie öffnete ihn und starrte auf den Inhalt. Es war, als ob etwas sie in dem Augenblicke in Bann schlage, sie ließ den Arm sinken, dann den Brief zu Boden fallen: der Kammerjunker hob ihn auf. Ohne ein Wort zu sagen, eilte sie aus dem Zimmer hinaus.
Von diesem Augenblicke an war sie verschwunden. Alle Nachforschungen blieben vollkommen erfolglos.
Der Brief, den der Kavalier später dem Staatsprokurator vorlegte, enthielt nur zwei kurze Sätze: »Ich bin zurück. Ich warte im Park.«
Den Rest wissen Sie, Baron! Mein Vetter, dem sein Vater inzwischen vergeben hatte, kehrte zum Hofe zurück; lebte dort recht still und zurückgezogen. Sehr bald trat die tückische Krankheit, die an ihm fraß, offener in Erscheinung, zeigte sich endlich in ihrer ganzen Schrecklichkeit — der Tod war gewiß eine Erlösung.
Sein Tod brachte das Geheimnis ans Tageslicht. Der Herzog hat seinem Sohn an dessen Totenbette vergeben, mehr noch, er hatte den jungen Prinzen als legitimen Erben anerkannt; durch die frommen Absichten des Beichtvaters aber hat er einen dicken Strich gemacht. Das Kind ist noch einmal getauft worden — so lutherisch wie nur möglich, Baron! Und es ist strenge Sorge getragen worden, daß seine Erziehung so orthodox protestantisch vollendet wird, daß von der katholischen Taufe nicht mehr viel übrig bleiben wird. Die unnatürliche Mutter, die mit ihrem Abenteurer in die Welt lief, wird daran, selbst wenn sie das wünschen sollte, kaum je etwas ändern können.«
Der Prinz schwieg, saß dann still da, in tiefes Nachdenken versunken.
Endlich begann er wieder. »Wäre es nicht um die Narreteien eines verblendeten Liebhabers, um die Gewissensängste eines unglücklichen Mädchens, um die fanatischen Schrullen eines kleinen Priesters und um das frivole Getue eines leichtfertigen Abenteurers — so wäre ich heute der Thronerbe meines Landes. Zwischen mir und der Krone steht ein schwaches Kind, ohne Liebe, ja mit Elend von seiner Mutter empfangen und geboren. Der Sproß eines bis aufs Mark kranken Vaters — aller Wahrscheinlichkeit nach selbst krank, kaum fähig zu leben und gewiß nicht fähig zu herrschen. Dieses arme Wesen warf ein bizarres Schicksal in meinen Weg — — sagen Sie, Baron, habe ich nicht das Recht, mehr noch: die Pflicht, darüber hinwegzuschreiten?«
Er wartete keine Antwort ab, stand auf, reichte dem Baron beide Hände. »Sie wissen nun, in großen Zügen wenigstens alles lieber Freihardt. Machen Sie dem Grafen Osten und dem Marchese Civitella, Ihren Freunden — auch meinen Freunden, wie ich glaube — Mitteilung; ich weiß, daß ich Ihnen Vertrauen schenken kann. Sagen Sie dem Grafen, daß ich sein Anerbieten, bei mir zu stehn, annehme; daß ich ihn bitte, vorauszufahren und ein paar Briefe mitzunehmen. Wir sind bisher planlos in der Welt herumgefahren, wir zwei, Baron — nun aber hat dies Leben einen Zweck für uns!«
Die Reise des Grafen Osten, dem sich im letzten Augenblicke auf Wunsch des Prinzen noch der Kammerjunker von Zedtwitz anschloß, verlief nicht ohne Zwischenfall. Zunächst ging freilich alles vorschriftsmäßig. Man fuhr mit dem Schiff über die Lagune hinüber nach Fusina, von dort den Brentakanal hinauf nach Mira. Man verließ das Schiff; fuhr nach Padua, um hier die Post nach Trient zu nehmen. Die Reisegesellschaft war eine sehr kleine, meist Reisende, die nur kurze Strecken mitfuhren. Erst in Bassano schloß sich ihnen ein französischer Abbè an, dessen Weg auch über die Alpen ging.
Dieser Abbè hatte eine sehr große Anzahl von Gepäckstücken, um die er sehr besorgt tat. Er erzählte, daß ihm sein Bedienter am Abende vorher entlaufen sei, so daß er nun niemanden mehr habe, der auf seine Kisten und Kasten aufpassen könne. Graf Osten schlug ihm vor, die Obhut seinem Jäger Hagemeister anzuvertrauen, ein Anerbieten, das der Abbè mit großer Dankbarkeit annahm. Während eines Pferdewechsels in Borgo überzählte der Abbè wieder einmal seine Gepäckstücke und stellte fest, daß ihm eine Handtasche fehlte. Man durchsuchte alles — vergebens. Hagemeister erklärte mit Bestimmtheit, daß er diese Tasche noch vor einer halben Stunden gesehen habe; sie müsse ihm während dieser Zeit von einem geschickten Diebe unter seinen Augen gestohlen worden sein. Der Abbè sprach endlich die Vermutung aus, daß sie vielleicht vom Verdeck der Kutsche heruntergefallen sei — der Jäger erklärte das für völlig unmöglich, da er alles Gepäck mit guten Stricken festgebunden habe. Dennoch hieß ihn der Graf ein Pferd satteln und befahl ihm, zurückzureiten, um den Weg gründlich abzusuchen.
Da man schon mit der Mahlzeit fertig war, so beschlossen Graf Osten und Zedtwitz, derweil einen kleinen Spaziergang durch den Ort zu machen, sie luden den Abbè hierzu ein, der sich jedoch mit Müdigkeit entschuldigte und sich anheischig machte, auf das Gepäck aufzupassen. Als die beiden zurückkamen, fanden sie den Jäger schon vor, er hatte zur großen Freude des Abbè die Tasche unweit des Ortes in einem Gebüsch am Weg gefunden. Ihr Inhalt war unversehrt.
In Trient übernachtete man. Der Graf fand keinen rechten Schlaf; er stand also auf und ging auf den mondscheinbeleuchteten Balkon. Dort fand er den jungen Zedtwitz, der das anliegende Zimmer bewohnte, das auf denselben Balkon führte. Die beiden hatten im Laufe der Reise die Abenteuer des Prinzen während dieses Jahres lange besprochen; Zedtwitz erklärte, daß er keine Ruhe im Bett gefunden habe, da es ihn stets zwänge, über einige Vorkommnisse nachzudenken, die ihm unerklärlich schienen. Man setzte also diese Unterhaltung fort. Da man sich irgendeines Punktes nicht genau erinnern konnte, so nahm der Graf aus seinem Handkoffer seine Schreibmappe, in der er sein Manuskript, soweit es niedergeschrieben war, aufbewahrte; Zedtwitz holte derweil ein paar Leuchter und steckte die Kerzen an. Sowie der Graf das Manuskript herausnahm, stutzte er. Er erinnerte sich bestimmt, die einzelnen Seiten paginiert und sorgfältig der Reihe nach geordnet zu haben. Er hatte ferner das Manuskript in Seidenpapier geschlagen und mit einer Goldschnur umbunden. Diesen Handkoffer hatte er erst am Abend geöffnet; die Schreibmappe selbst seit der Abreise von Venedig nicht wieder in der Hand gehabt. Er fand nun das Manuskript in völliger Unordnung; es fehlte zwar nichts, doch lagen alle Seiten durcheinander. Das Einschlagepapier lag daneben, die Schnur fehlte. Es machte den Eindruck, als ob jemand das Manuskript gelesen habe, dabei gestört worden sei und dann in aller Eile die Blätter in die Schreibmappe zurückgegeben habe.
Die beiden überlegten, wer dies wohl gewesen sein könnte. Die Möglichkeit hierzu hatte zweifellos der Jäger gehabt. Aber Zedtwitz kannte Hagemeister nun schon seit manchen Jahren und schwor auf dessen Zuverlässigkeit; auch war es augenscheinlich, daß man ihn gerade wegen seiner treuen Anhänglichkeit an den Prinzen mit Gewalt aus dessen Dienst entfernt hatte. Dazu kam, daß der Bremer trotz seiner starken, natürlichen Intelligenz eine recht geringe Schulbildung besaß; er konnte zwar zur Not schreiben und sein eignes Geschreibsel und einiges andere lesen, um aber eine so umfangreiche Handschrift entziffern zu können, hätte er lange Tage in ruhiger Arbeit benötigt. Zedtwitz sprach dann seinen Verdacht aus, daß vielleicht der Abbè der neugierige Leser sein könnte — die Gelegenheit dazu hatte er reichlich während des Aufenthalts in Borgo — verdächtig genug erschien die Tatsache, wie er den Jäger veranlaßte, von dem Gepäck wegzugehn, um nach der verlorenen — oder vielleicht auch nur angeblich verlorenen — Tasche zu suchen.
Man hatte mit dem Abbè bisher nur französisch gesprochen; wenn dieser aber das Manuskript gelesen hatte, so mußte er sehr gut deutsch verstehn. Die beiden nahmen also im weiteren Verlauf der Reise des öfteren Gelegenheit, dem Reisegefährten eine Falle zu legen; sie sprachen ihn, scheinbar ganz unabsichtlich, plötzlich auf deutsch an, in der Hoffnung, daß er sich verraten möchte. Aber sie kamen bald zu der festen Überzeugung, daß der Abbè auch nicht ein einziges Wort deutsch verstehe. Im übrigen verließ er sie bereits in Brixen; Hagemeister war froh, der Obhut über sein Gepäck enthoben zu sein.
Sie hatten dann in der Folge einige Verzögerungen, da sie die regelmäßige Post nicht bekommen konnten; so kamen sie mit einiger Verspätung in München an, wo sie eine Zeitlang in der »Rose« am Rindermarkt verweilten, um Nachricht von Venedig abzuwarten. In der Tat traf schon nach wenigen Tagen ein reitender Kurier ein, der dem Grafen ein Handschreiben des Prinzen sowie einen Brief des Freiherrn von Freihardt überbrachte. Der Prinz dankte dem Grafen Osten nochmals für seine Anhänglichkeit; er bat in großer Herzlichkeit, ihm seine vermeintlich kühle Abweisung in Venedig zu verzeihen und sprach die Hoffnung aus, daß sich die alte Freundschaft recht bald erneuern würde. Dem Briefe des Barons war eine Anweisung an einen Münchener Kaufherrn beigefügt, der für den Grafen eine recht bedeutende Summe zur Verfügung hatte, die dieser nach Belieben im Interesse des Prinzen verwenden möge. Der Baron fügte hinzu, daß der Haushalt nahezu aufgelöst sei, daß die Vorbereitungen zur Abreise getroffen seien, und daß man in spätestens einer Woche, und zwar über Wien reisen würde. Graf Osten möge sofort weiterfahren, die beiden Briefe des Prinzen an dessen Oheim und Schwester abgeben und dann in der Residenz oder deren Nähe ein geräumiges Quartier auswählen und einrichten lassen das zu einer Hofhaltung in nicht zu kleinem Stile passend erschiene. Freihardt machte in dieser Beziehung auf mehrere Gebäude aufmerksam, die vielleicht geeignet seien.
Der Baron fügt hinzu, daß ganz augenscheinlich in der letzten Zeit Prinz Alexander keine Besuche des Armeniers mehr empfangen habe. Marchese Civitella, der seine Nachforschungen insgeheim weiter fortsetze, habe zwar über dessen Persönlichkeit noch immer nichts Näheres feststellen können, doch mit ziemlicher Sicherheit ermittelt, daß er von Venedig abgereist sei. Der Prinz habe Civitella des öfteren empfangen und sei das beiderseitige Vernehmen zu seiner großen Freude ein sehr herzliches. Mit ihm, Freihardt, habe Prinz Alexander einige längere Unterhaltungen gehabt, die sich alle um seine Hoffnungen und Pläne drehten. Neu sei dabei nur der eine Umstand, daß Prinz Alexander gewiß sei, seine Veronika in Deutschland wiederzusehen. Seine Liebe zu dieser Frau sei keineswegs geringer geworden durch die wilde Komödie, die sie ihm vorgespielt hatte — im Gegenteil sei der Prinz von der großen Willensstärke und leidenschaftlichen Hingabe für einen großen Gedanken, die Veronika dabei bewies — in noch viel höherem Grade von ihr eingenommen. Freilich sei es gewiß, daß diese Liebe ihn nicht mehr wie früher allein ausfülle — der Gedanke an seine Mission nehme immer mehr Besitz von ihm. Aber gerade hierbei glaube der Prinz in der Dame von Murano eine kräftigste Hilfe zu finden: So seien in seiner Brust seine Liebe und der Wille zur Krone zu einer großen Sehnsucht zusammengeschmolzen.
Graf Osten hatte eben die beiden Briefe zu Ende gelesen, als Zedtwitz aufgeregt in sein Zimmer stürzte.
»Ich habe ihn gesehn!« rief er. »Er ist soeben abgefahren!«
»Wer ist abgefahren?« fragte der Graf.
Der Junker erzählte, daß er durch den Hof des Gasthauses gegangen sei und müßig den eben abfahrenden Reisenden zugeschaut habe. Eine große Kutsche habe reisefertig dagestanden, die Pferde angeschirrt, der Kutscher auf dem Bock, der Vorreiter im Sattel, zwei Jäger am Schlage. Da sei ein Herr in der Tracht eines sächsischen Dragoneroffiziers eilig über den Hof gekommen und in die Kutsche gesprungen. Er habe ihn trotz der Verkleidung gut erkannt — es sei niemand anderes gewesen als der französische Abbè! In deutscher Sprache habe er dem Kutscher zugerufen, loszufahren — die Kutsche sei aus dem Hofe gerollt.
»Vielleicht irren Sie!« zweifelte der Graf.
Aber Zedtwitz blieb dabei, daß es der Abbè gewesen sei und kein anderer. Er habe sich im Gasthof erkundigt; als Reiseziel hätte einer der Bedienten Ulm angegeben.
Graf Osten führte die ihm von dem Prinzen gegebenen Aufträge gewissenhaft aus. Er gab seinen Brief ab; mietete dann in der Residenz ein geräumiges Palais, dessen Besitzer vor kurzem gestorben war. Das hübsche Schloß war dicht vor der Stadt gelegen und von wohlgepflegten Gärten umgeben. Einen großen Teil der Einrichtung, auch der Dienerschaft konnte der Graf sofort mit übernehmen; in den nächsten Wochen beschäftigte er sich damit, mit Hilfe des Junkers alles noch Fehlende anzuschaffen. Graf Osten selbst bezog ein Landhaus, das dicht bei dem Park gelegen war und ebenfalls zu dem Besitzstand gehörte.
Man war eben mit der Einrichtung völlig fertig, als das Eintreffen des Prinzen Alexander gemeldet wurde. Der Prinz kam, mit ihm Freihardt und wenige Diener; das neue Heim wurde sogleich bezogen.
Bereits am nächsten Tage machte der Prinz bei Hofe seine Aufwartung; er wurde ebensowenig von dem Herzog empfangen wie Graf Osten. Der Grund wurde ihm durch den Hofmarschall offen mitgeteilt: sein Übertritt zur katholischen Kirche. Zugleich wurde ihm mitgeteilt, er möge nicht erwarten, daß der Hof auch nur das geringste zu seinem Unterhalt beitragen würde. Nur für den Fall, daß er sich verpflichten würde, an einem Orte, den man ihm anweisen würde, still und ruhig zu leben, würde ihm eine bescheidene Rente ausgesetzt werden.
Prinz Alexander nahm diesen Bescheid lächelnd auf; er hatte ihn augenscheinlich erwartet. Der Kampf zwischen dem Hof und dem prinzlichen Schloß begann sofort; und es zeigte sich jetzt, was der Prinz gemeint hatte, als er sich Freihardt gegenüber auf das berühmte Wort des vierten Heinrich berief. Sein Besuch in Wien hatte zu sehr wichtigen Unterhandlungen für ihn geführt, deren Folgen sich sogleich herausstellten: Noch in der selben Woche machte der kaiserliche Gesandte am Hof in der prinzlichen Haushaltung offiziellen Besuch, der in der Umgebung des Herzogs große Bestürzung hervorrief. Prinz Alexander machte seiner näheren Umgebung gegenüber nicht das geringste Hehl daraus, daß sein Übertritt nicht aus religiöser Überzeugung, sondern in politischer Absicht erfolgt sei: nur auf diese Weise sah er sich in den Stand gesetzt, den Kampf mit der herzoglichen Regierung aufzunehmen. Nach dem Vorgang der kaiserlichen Hofhaltung in Wien machten ihm der Münchener und Dresdener Hof ansehnliche Zuwendungen, stellten ihm Gelder zur Verfügung, die ihn in den Stand setzten, in der Residenz eine Art Gegenhofhaltung einzurichten. Die Tatsache, daß der Herzog ein fanatisch-protestantischer Fürst war, der seinen ausgesprochenen Haß gegen alles Katholische bei jeder Gelegenheit zur Schau trug, mußte die katholischen Höfe auf die Seite des Prinzen bringen, der zugleich offen damit herauskam, daß er als nächster Thronerbe die Krone des Landes für sich beanspruche. Er tat das, indem er öffentlich die Legitimität des jungen Prinzen bestritt und beim höchsten Gericht zu diesem Zwecke einen Prozeß zur Wahrung seiner Rechte anstrengte. Dieses Vorgehen erregte nicht nur im Lande, sondern weit über dessen Grenzen hinaus ungeheures Aufsehen.
Der kurfürstlich-sächsische Hof erklärte sich offen für den Prinzen; war doch das Herrscherhaus der Wettiner selbst vor nicht allzu langer Zeit zum katholischen Glauben übergetreten, um dadurch die polnische Königskrone zu gewinnen. Der bayrische Gesandte ließ öffentlich erklären, daß seine Regierung die Handlungsweise des Herzogs dem jungen Erbprinzen gegenüber keineswegs billigen könne. Sie wolle durchaus nicht dem Legitimitätsprozeß vorgreifen — aber wie dieser auch ausfallen möge, es sei gewiß, daß der Herzog kein Recht habe, gegen den ausgesprochenen Willen der Eltern den jungen Prinzen protestantisch erziehen zu lassen.
Dem Beispiel dieser Gesandten folgte dann sehr bald der Abgesandte des französischen Königs; es war zweifellos Wiener Einfluß, der diesen Entschluß veranlaßte. Auch er machte in dem Schloße des Prinzen Alexander seine offizielle Aufwartung. Noch mehr Aufsehen aber erregte es, als zwei Monate später ein Gesandter des spanischen Hofes eintraf, der zuerst bei dem Prinzen Alexander, dann erst am herzoglichen Hofe Besuch machte.
Zu gleicher Zeit fand die herzogliche Regierung an den protestantischen Höfen, die ihr naturgemäß einen starken Rückhalt bieten sollen nur sehr wenig Hilfe. Der Berliner Hof war gegen den alten Herzog seit vielen Jahren verschnupft, seit dieser bei Gelegenheit einer Fürstenzusammenkunft in Braunschweig aus dem Saale gegangen war, um dem König Friedrich II., den er einen dem Teufel verfallenen Atheisten nannte, nicht die Hand reichen zu müssen. Hierüber hatte freilich der König von Preußen gelacht; aber da bei allen Gelegenheiten der Herzog stets jeden Vorschlag und jede Handlung, die von dem atheistischen Berlin auszugehn schien, zu durchkreuzen versuchte, so hatte man an der Spree schließlich Gleiches mit Gleichem vergolten. Ebenso vollständig war der Bruch der herzoglichen Regierung mit dem hannoverschen, dem englischen, dem braunschweigischen und dem kurhessischen Hofe, wenn auch der Grund hierzu dem Herzog nur zur Ehre gereichte. Wie an manche deutsche Fürsten, so war auch an ihn die englische Regierung herangetreten, um von ihm Regimenter für die Kriege in Spanien und Amerika zu bekommen. Der Herzog hatte diese Anfrage in denkbar schärfster Form zurückgewiesen und seinen Standesgenossen, die darauf eingegangen waren, Verrat am Vaterlande und gemeinen Sklavenhandel vorgeworfen.
Während so der Herzog kaum irgendwelche Freunde außerhalb seines Landes zählte, wuchs die Anhängerschaft des Prinzen Alexander mit jeder Woche. Die venetianische Regierung sandte ihm einen Sondergesandten; mehrere an benachbarten Höfen beglaubigte Gesandte einiger italienischen Fürsten machten ihm ihre Aufwartung. Vor allem aber kam der in München akkreditierte Nuntius des päpstlichen Stuhles mit großem Pomp, um den Prinzen aufzusuchen; er blieb über drei Wochen in der Residenz. Es war ein Ereignis, als der hohe kirchliche Würdenträger in der kleinen katholischen Kirche, die sonst nur von wenigen Gesandten und deren Gefolge besucht wurde, die Messe zelebrierte, der Prinz Alexander und alle katholischen Gesandten beiwohnten. Als der Prinz nach Hause zurückkehrte, sah er vom Parke aus Baron Freihardt, überraschte ihn auf der Terrasse, wo er nachdenklich grübelnd, den Kopf in die Hände gestützt, dasaß.
»Lustig, Baron!« rief er. »Es ist kein Grund vorhanden, traurig zu sein! — Ach, ich weiß, daß es Ihnen nicht paßt, Freihardt, um so mehr erkenne ich Ihre große Anhänglichkeit an, die Sie dennoch bei mir ausharren läßt!«
»Gnädigster Prinz«, erwiderte der Baron, »es ist nicht das, woran ich jetzt dachte. Haben Sie den Ausdruck auf den Gesichtern der Leute gesehn, die die Straßen füllten, als Sie zur Messe fuhren?«
Der Prinz wurde sehr ernst. »Ja, Baron, das tat ich. Es war ein Ausdruck des Kummers und der Trauer. Manchmal sogar ein Ausdruck des Hasses und der verhaltenen Wut. Es hat mich genauso ergriffen wie Sie, Freihardt, wenn ich mir auch nichts davon habe merken lassen. Aber glauben Sie mir, wenn ich mein Ziel erreicht habe, so werde ich es verstehn, auf diesen selben Zügen Liebe statt Haß und Freude statt Kummer zu wecken. Ich habe soviel Gutes im Kopfe, Baron, und es ist ja so leicht, seinem Volke ein guter und geliebter Fürst zu sein!«
Freihardt schüttelte den Kopf. »Diese Menschen sind gläubig, Prinz, gläubig wie ihr Oheim, der Herzog. Sie werden immer in Ihnen einen sehen, der ihren Glauben nicht teilt — einen Fremden!« »Und wer sagt Ihnen denn, Baron«, rief Prinz Alexander, »daß ich in Glaubenssachen meinen Untertanen ein Fremder sein werde? Wenn ich aus Gründen der Vernunft den Glauben meiner Kindheit verlassen konnte — kann ich ihn, wenn die Vernunft das fordert, nicht jederzeit wieder annehmen?«
Baron Freihardt starrte ihn an, als könne er im Augenblick die Tragweite dieses Gedankens nicht erfassen. Endlich sagte er: »Gnädigster Prinz, ist das der Gedanke Ihres — Ihres —«. Er zauderte. Der Prinz kam ihm zu Hilfe: »Meines Freundes, meinen Sie? Meines Ratgebers? — Des Armeniers? — Nein, es kam aus meinem eigenen Kopfe! Aber ich kann wohl sagen, daß er es gutheißen würde. Doch nun kommen Sie, Baron, wir haben große Tafel zu Ehren des päpstlichen Nuntius.«
Die Befürchtungen des Baron Freihardt waren gewiß gerechtfertigte. Wenn der alte Herzog auch nur wenige Freunde außerhalb seines Landes hatte, so hielt doch das Volk selbst treu zu ihm. Der Herzog hatte nie irgendwelche Reformen gemacht, nie drückende Lasten erhoben, nie irgend etwas getan, das dem Volke zu dauerndem Vorteil gereichen konnte. Aber er war persönlich ein einfacher, durchaus anspruchsloser Mann von einer außerordentlichen Sparsamkeit, die manchmal fast an Geiz grenzte. Er haßte jede Verschwendung und hatte sich in langen Jahren ein Geschlecht von Beamten herangezogen, die ebenso dachten wie er. Er besuchte die Gerichtssäle, ging in die Kirchen des Volkes, reiste über Land und tat manches für Verbesserung von Wegen und Wasserwegen. Das Volk fühlte: Er ist einer von uns. Die Handlungsweise des alten Herzogs gegenüber seinem Enkelkinde entsprach dazu durchaus der Anschauungsweise dieser Menschen: Genauso hätte es jeder einzelne von ihnen gehalten.
Den Prinzen Alexander kannten sie nicht. Seine flotte Hofhaltung machte sie mißtrauisch — schließlich wird es doch aus unserer Tasche gehen, rechneten sie. Sein Religionswechsel schien ihnen verdammenswert, der Gedanke, ein katholisches Fürstenhaus über sich dulden zu müssen, unerträglich. Nur sehr wenige Adlige, Opportunisten oder solche, die aus dem einen oder anderen Grunde es mit dem Hofe des alten Herzogs gründlich verspielt hatten, schlugen sich auf seine Seite; der Prinz war intelligent genug, um zu sehn, daß es die am wenigsten begehrenswerten Elemente waren. Dennoch kam er ihnen freundlich entgegen; gab sich den Anschein, als glaube er an ihre Ergebenheit für seine Sache.
Über diese Leute hinaus aber machte Prinz Alexander sehr geringe Eroberungen. Daß er mit seinen Ansprüchen bei dem Obersten Gerichtshofe ziemlich wenig Glück haben würde, war ihm von vornherein klar. Es war ganz augenscheinlich, daß diese Richter zu ihrem Herrn, dem Herzog halten würden, um so mehr, als dessen Überzeugung sich mit der ihrigen vollkommen deckte. Die Politik des Prinzen ging infolgedessen dahin, diesen Prozeß nach Möglichkeit zu verschleppen und hinzuhalten: Seine Advokaten verstanden es, aus reich formalen Gründen eine Vertagung nach der anderen durchzusetzen. Ein besonderes Ereignis, wie etwa der Tod des alten Herzogs, konnte eintreten, das ihm die Macht gab, auf den Verlauf des Prozesses einen ganz anderen Einfluß auszuüben.
Man wartete also ab, inzwischen richtete man sein Hauptaugenmerk darauf, möglichst viele Offiziere zu gewinnen, um im geeigneten Falle das stehende Heer wenigstens zum Teil auf seiner Seite zu haben. Diese Arbeit, mit der der Prinz mehrere der zu ihm übergetretenen Adligen beauftragte, ging nur sehr langsam vonstatten, obzwar mit dem Gelde nicht geknausert wurde. Man gewann freilich insgeheim eine Anzahl von unzufriedenen Hauptleuten und Leutnants, auch wenige Stabsoffiziere, aber der Prinz konnte sich nicht verhehlen, daß es sich auch hier nur um das zweifelhafteste Element handelte, während die große ehrliche Masse jeder Bestechung unnahbar blieb.
Fast täglich fanden lange Beratungen statt, an denen nach der Abreise des Nuntius, besonders der Wiener, der Münchener und der spanische Gesandte teilnahmen. Allen ihren Anregungen schenkte der Prinz ein williges Ohr, nur in einem Punkte zeigte er sich halsstarrig. Man bedeutete ihm nämlich, daß es seine Position erheblich verstärken würde, wenn er einer Prinzessin aus einer reichen, mächtigen Familie die Hand reichen würde. Man hatte schon eine solche Prinzessin ins Auge gefaßt — aus lothringischem Hause: Auf diese Weise würde er in nahe verwandtschaftliche Beziehungen sowohl zu dem kaiserlichen Hause in Wien, wie auch zu dem französischen Königshause treten. Seine ganze Lage verbot dem Prinzen natürlich, diesen Vorschlägen ein glattes »Nein« gegenüberzusetzen; er beschränkte sich also darauf, auch hier eine Verschleppungs- und Verzögerungspolitik zu treiben.
Die Monate verstrichen; die anfängliche Sicherheit des Prinzen machte allmählich einer gewissen Unruhe Platz, die sich von Woche zu Woche steigerte. Jede Post ergriff er in begieriger Erwartung, suchte nach einem bestimmten Schreiben, daß nicht einzutreffen schien. Er machte seinen Vertrauten, dem Grafen Osten und dem Baron Freihardt gegenüber keinen Hehl daraus, daß dieser Brief, den er so sehnlich erwartete, von dem Armenier kommen sollte, von dem er in all dieser Zeit nichts gehört hatte.
»Vertrauen Sie so fest auf ihn, Durchlaucht?« fragte Osten.
»Es ist nicht das allein, Graf«, antwortete der Prinz, »wie sehr ich auch den Rat dieses außerordentlichen Mannes einschätze. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: Es ist, als ob mein Verstand durch den Einfluß dieses Mannes ungeheuer gestärkt und geschärft würde. Ich sehe klarer, erkenne genauer in seiner Gegenwart, meine Energie wächst — und diese merkwürdige Kraft hält durch lange Zeit hindurch an. Sehen Sie, der Wiener Gesandte zum Beispiel ist ein außerordentlich gewandter, sehr kluger Geist; auch unter den andern werden sich manche gescheite Köpfe finden, die eine Fülle von Gedanken haben. Aber sie alle handeln in einem bestimmten Interesse — zum Teil vielleicht in ihrem eigenen, noch mehr in dem der Politik ihres Fürsten und ihres Landes.« »Und Sie glauben, gnädiger Prinz«, warf Freihardt ein, »daß ihren Armenier ein solches Interesse nicht leitet? Daß er nur ein einziges Interesse kennt, das Ihre?«
Aus tiefster Überzeugung sagte der Prinz: »Ob es mein Interesse ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß es kein fremdes ist. Es ist eine Freude, am Geschehen, eine Lust am Außerordentlichen, die all seine Schritte lenkt — es ist ein Schöpferwille«.
Wenige Tage nach dieser Unterredung erhielt Prinz Alexander aus München ein Schreiben des Marchese Civitella. Dieser meldete seine baldige Ankunft und machte zugleich die Mitteilung, daß einer seiner Leute auf der Straße dort den Armenier gesehen habe. Dieser Brief erregte den Prinzen sehr. Zunächst hatte er die Absicht, selbst nach München zu fahren; bei reiflicher Überlegung aber kam er zu dem Schluß, daß seine Anwesenheit in der Residenz nicht zu entbehren sei, da nur mit dieser seine Sache stehe und falle. Der Prinz bat also den Grafen Osten, unverzüglich zu reisen und gab ihm den jungen Zedtwitz mit. Sie sollten in München sofort Civitella aufsuchen und mit seiner Hilfe versuchen, den Armenier aufzufinden — dann diesen beschwören, mit ihnen zurückzufahren.
»Wie heißt er?« fragte Graf Osten.
Der Prinz zuckte die Achseln. »Er hat viele Namen — er hat viele Trachten — und viele Berufe. Wie er sich jetzt nennt, was er treibt und wie er sich kleidet, das weiß ich nicht.«
Graf Osten und Junker von Zedtwitz fuhren also nach München; sie nahmen wieder Hagemeister mit sich. Sie fanden den Marchese in der »Rose«, wo sie auch selbst Quartier nahmen.
Der Marchese hatte drei seiner besten Leute aus Venedig mitgebracht; diese verdoppelten ihre Anstrengungen, nachdem ihnen vom Grafen eine hohe Belohnung in Aussicht gestellt war. Dennoch gelang es keinem von ihnen, seiner habhaft zu werden. Jedoch machte der Jäger Hagemeister einen anderen Fund. Er kam eines Abends sehr vergnügt nach Hause und erzählte dem Junker von Zedtwitz, daß er ihren Reisegefährten wiedergesehen habe.
»Als Abbè oder Dragoner?« fragte Zedtwitz. Das vermochte der Jäger nicht zu entscheiden, da er ihn hinter einem verschlossenen Fenster habe stehn sehn. Er habe sich das Haus und die Gasse genau gemerkt. Man beschloß, den Reisegefährten aufzusuchen — einen Vorwand hierzu konnte man leicht finden. Graf Osten war überzeugt, daß er und kein anderer sich sein Manuskript gewaltsam ausgeliehen hatte — die Vermutung lag also nahe, daß er eine der Kreaturen des Armeniers war, von der man vielleicht Auskunft über diesen erlangen konnte.
Um den Abbè sicher zu Hause anzutreffen, machte sich Osten mit dem Junker früh genug auf den Weg; der Jäger führte sie. Es war ein nasser, kalter Herbsttag, der Wind pfiff um die Straßenecken. Hagemeister brachte sie bald in die alte Gasse und zeigte ihnen das Haus; sie lugten nach dem Fenster hinauf, sahen aber niemanden. Die Gasse war völlig menschenleer. Man hörte eine Kutsche anfahren, die aber an der Ecke hielt. Zwei tiefverschleierte Damen stiegen heraus, sie sprachen einige Worte zusammen; dann half die jüngere der älteren wieder in den Wagen zurück, während sie selbst, ohne sich umzublicken, in die Gasse eilte, geradewegs auf das alte Haus zu, dessen Fenster die zwei beobachteten. Die Dame schlug mit dem Klöppel an die Türe — nach einer Weile sah man die Tür ein wenig sich öffnen. Es fand da ein Gespräch statt, das aber so leise geführt wurde, daß weder der Graf noch der Junker ein Wort davon verstehn konnten. Doch war der Sinn dieser Unterhaltung leicht begreiflich: Die junge elegante Frau verlangte Einlaß und irgend jemand verwehrte ihr diesen. Plötzlich stieß sie mit einem raschen Entschluß gegen die Tür, der Spalt öffnete sich weit — die junge Frau drang ein.
Die beiden Herren warteten eine Weile, unschlüssig, was sie tun sollten. Bald darauf kam ein altes krummes Männlein aus dem Hause, augenscheinlich dasselbe, das der Dame vergeblich den Eintritt verweigern wollte. Er schüttelte andauernd den Kopf, redete vor sich hin und gestikulierte mit den Händen. Graf Osten lief ihm nach und stellte es; bat in höflichstem Ton, ihm Auskunft geben zu wollen. Das Männchen schien die Frage zu überhören und rannte weiter, aber Zedtwitz hielt es am Rocke fest.
»Was wollen Sie von mir?« krächzte der Alte. Graf Osten griff in die Tasche und nahm ein Goldstück heraus. Er gab es dem Alten und bat ihn, ihm nur wenige Fragen beantworten zu wollen. Der Alte betrachtete das Goldstück genau von beiden Seiten. »Schweres Gold« murmelte es, »gutes Gold!« Dann spie er darauf und warf es achtlos auf das Pflaster, als ob es eine wertlose Blechmarke gewesen wäre. »Was wollen Sie wissen?« fragte er.
»Wir suchen einen Freund«, begann Graf Osten. »Wohnt in dem Hause, aus dem Sie herauskamen, ein französischer Abbè?« »Nein«, sagte das Männlein.
»Oder ein sächsischer Dragoneroffizier?« frage Zedtwitz.
Wieder verneinte der Alte.
»Wer wohnt da?« fragte Osten weiter.
»Nur ich und mein Herr«, kam die Antwort.
»Noch eine Frage«, verlangte Graf Osten. »Wie heißt dein Herr?« Das Männlein kicherte: »Wie mein Herr heißt«, »Mein Herr ist der Dr. Teufelsdrökh.«
Damit wandte es sich um. Mit dem Fuß gab es der blinkenden Doppelkrone einen tüchtigen Tritt, daß sie weit in die schmutzige Gosse rollte. Dann hüpfte es von dannen.
Wilhelm Hagemeister war entrüstet über dieses Benehmen. Er hob das Goldstück auf, reinigte es sorgfältig und reichte es dem Grafen zurück. »Du magst es behalten«, rief dieser, »wenn der Herr mit dem schönen Namen irgend etwas mit deinem Abbè zu tun hat.« Man ging zurück; Zedtwitz sprang die Stufen hinauf und stellte fest, daß die Türe nur angelehnt war. Graf Osten postierte also seinen Jäger an die Tür, während er selbst mit dem Junker eintrat. Ein schmaler Gang, der links in einen ebenfalls ziemlich schmalen, aber sehr tiefen Raum führte. Dieser Raum wurde augenscheinlich als Buchbinderei benutzt; sie sahen alle Utensilien herumliegen, dazu eine Reihe schon gebundener und noch zu bindender Bücher.
»Das ist gewiß«, rief Zedtwitz, »das Männchen hat uns die Wahrheit gesagt. Sein Herr ist ein Gelehrter und es selbst vertreibt sich die Zeit mit Bücherbinden!«
Graf Osten griff einen Band auf und las den Titel: »Franciscus Antonius Mesmer, De Planetarum influxu.« Dann strich er wohlgefällig mit der Hand über die Lederdecke. »Und er versteht sein Handwerk — da ist kein Zweifel!« sagte er.
Sie stiegen eine alte Treppe hinauf; das nach der Gasse sehr schmale und unansehnliche Haus erbreitete sich zusehends nach hinten. Sie kamen durch eine ganze Anzahl zum Teil recht großer Räume, die entweder leer standen oder nur mit einigen alten Stühlen und Schränken versehen waren, Über eine Galerie, die um einen alten tiefen Hof führte, kamen sie dann wieder an eine Treppe. Sie stiegen hinauf, sahen eine halboffene Türe und traten ein; zu ihrem Erstaunen fanden sie ein mit auffallend gutem Geschmack eingerichtetes mächtiges Bibliothekzimmer. Sie schritten hindurch, kamen in einen zweiten ebenso großen Raum. Auch hier standen Bücherfächer an einigen Wänden, doch schien dies Zimmer auch als Speisezimmer benutzt zu werden: Auf einem kleinen Tisch standen einige Teller und Gläser mit den Resten einer Mahlzeit. An den Wänden hingen sehr gute alte Bilder; in dem offenen Porphyrkamin brannten mächtige Holzscheite. Sie kamen dann, ohne einen Menschen anzutreffen, durch einige kleinere Zimmer, die alle mehr oder weniger einen Bibliothekcharakter trugen und alle sowohl von Geschmack wie von Reichtum des Besitzers zeugten. Freilich bemerkte man überall eine gewisse Unordnung und Vernachlässigung. Eine Flurhalle führte einige Stufen hinauf in eine andere Flucht von Zimmern, die mehr den Charakter von Arbeitsräumen als von Wohnzimmern trugen. Hier lagen, standen und hingen von den Decken und an den Wänden, am Boden, sowie auf Tischen und Stühlen, eine Menge von ausgestopften Tieren aller Arten, ferner menschliche und tierische Skelette und Präparate. Man sah große Globusse, Weltkarten, astronomische Instrumente, chemische Retorten und Gläser, dazwischen immer wieder Bücherständer. Kein Zimmer trug einen völlig ausgesprochenen Charakter; doch war überall das Interesse für alle Künste und Wissenschaften wahrzunehmen.
Plötzlich hörten die beiden eine aufgeregte Frauenstimme, die von unten her zu klingen schien. Sie gingen weiter, befanden sich nun in einem Raume, aus dem eine Treppe in ein darunter befindliches Zimmer führte. Die beiden stiegen leise einige Stufen hinab — da sahen sie, vor einem großen, dunklen Vorhange, der diesen Raum von einem zweiten Räume trennte, die Frau stehn, die sie vorhin aus der Kutsche steigen gesehn hatten. Ihr Schleier war heruntergefallen, doch konnte sie, da die Dame ihnen den Rücken zudrehte, das Gesicht nicht erkennen; nur den Hinterkopf mit einer Fülle lichtblonden Haars. Die Frau hielt sich an dem schweren Vorhang mit beiden Händen fest; es schien, als drohe sie umzusinken. Ihr Leib zitterte, man hörte ihre Seufzer. Von der anderen Seite des Vorhangs schallte nun eine volle Männerstimme, die wohl ein wenig gereizt, aber nicht heftig, sondern ruhig und gefaßt klang.
»Ich wiederhole«, sprach diese Stimme, »es geht nicht! Ich kann dich in dieser Woche nicht sehn — noch vermutlich in der nächsten und übernächsten. Du weißt, daß ich über meinen Büchern sitze — und keine Helena und keine Heloise soll die Macht haben, mich von meiner Arbeit abzuziehen. Ich will nicht gestört werden, ich darf nicht, verstehst du mich? Und nun — geh!«
Die junge Frau antwortete nicht mehr. Sie ließ die Arme sinken, drückte ihr Spitzentuch an die Augen, zog den Schleier hoch. Da Osten befürchtete, daß sie die Treppe hinaufkommen würde, zog er sich schnell und leise mit Zedtwitz zurück. Aber die Furcht war unbegründet; die Dame kam nicht hinauf, schritt vielmehr durch das Zimmer und zur gegenüberliegenden Tür hinaus. Noch eine Zeitlang hörten die beiden ihr verzweifeltes Schluchzen, das sich immer weiter entfernte; dann wurde es still.»
»Der Mann, der der Dame so ungalant die Tür wies«, flüsterte Zedtwitz, »wird zu uns nicht viel höflicher sein!«
»Versuchen wir immerhin unser Glück«, antwortete Graf Osten.
Sie stiegen absichtlich mit kräftigen Schritten und sich laut unterhaltend die Treppe hinunter, um die Aufmerksamkeit des Gelehrten zu erregen. Während sie durch das Zimmer gingen, hörten sie seine fragende Stimme: »Wer ist dort?«
»Ah, endlich!« rief Graf Osten mit gemachtem Erstaunen. »Dort hinter dem Vorhang ist ein Mensch!«
Er schlug die Vorhänge zurück und trat mit Zedtwitz ein. Sie befanden sich wieder in einem weiten Raum, den ein großes Kaminfeuer sehr behaglich erwärmte. Das Zimmer trug denselben Charakter wie die meisten anderen, war überfüllt von wissenschaftlichen Geräten aller Art, noch mehr aber von Büchern, die überall verstreut lagen. Vor einem großen Schreibtisch saß in einem hohen Ledersessel ein Mann mit schwarzen Kniehosen, Strümpfen und Schnallenschuhen bekleidet. Er trug keinen Rock, den Oberkörper bedeckte nur ein weites Hemd mit langem offenstehenden Spitzenkragen.
»Was wollen Sie?« rief er den beiden entgegen, die an der Schwelle stehen blieben.
Graf Osten faßte den Gelehrten scharf ins Auge. Er war ein Mann in den Vierzigern, ohne Bart und sorgfältig rasiert. Das kurze wirre schwarze Haar fiel ihm in die Stirne, die Augen waren tief schwarz und sehr stechend. Sein Gesicht war schmal und knochig, dabei außerordentlich bleich. Es war gewiß; diesen Menschen hatte er nie gesehn. Es war nicht der Armenier und nicht der französische Abbè. Und dennoch war etwas in diesem Gesicht, daß ihm irgendwie bekannt zu sein schien.
»Was wollen Sie?« fragte der Mann wieder.
»Wir suchen in diesem Hause«, begann der Graf »einen Freund und Reisegefährten. Einen französischen Abbè — mein Jäger sah ihn am Fenster stehn —«
»Ich bin kein Abbè«, rief der Mann, »ich —«
»Wir wissen, wer Sie sind«, unterbrach der Graf, »Sie sind Dr. Teufelsdrökh. Ihr — Ihr Hausmeister hat uns das gesagt. Wir möchten Ihnen — auf gut Glück hin — eine Mitteilung machen, weil —«
Er zögerte, wußte nicht recht, was für einen Grund er angeben sollte, um diesem wildfremden Mann den Wunsch des Prinzen zu übermitteln — ihn zu bitten, ihnen auf der Suche nach dem Armenier behilflich zu sein — nach einem Menschen, dessen Namen sie nicht einmal wußten! Gewiß hatte er ein unklares Empfinden, daß dieser merkwürdige Gelehrte mit dem geheimnisvollen Armenier in Verbindung stehn könnte — aber gerade so gut konnte er sich völlig irren.
»Reden Sie«, drängte der Gelehrte, »meine Zeit ist knapp.«
»Ich habe das Empfinden«, begann der Graf wieder, »als ob Sie, Herr Doktor, uns einen großen Dienst erweisen könnten. Ich bin mir sehr wohl des Unschicklichen meines fast gewaltsamen Eindringens bewußt.«
»Lassen Sie die Phrasen«, rief der andere, »Sprechen Sie endlich.«
Graf Osten nahm sich zusammen: »Sie können uns natürlich kurzerhand die Tür weisen. Wir sind Eindringlinge, Sie sind der Herr dieses Hauses, in dem nur ein freier Wille regiert — der Ihre! — Dennoch bitte ich Sie —«
Der Gelehrte lachte rasch auf. »Freier Wille!? Sie Narr!«
Des Grafen Blick fiel in diesem Augenblick auf den Schreibtisch, auf dem die »Theodicèe« von Leibniz aufgeschlagen lag. Er sagte rasch: »Oh, ich sehe, Herr Doktor, Sie sind Determinist! Bestreiten die Willensfreiheit!« Er glaubte, den kratzbürstigen Gelehrten eher zu gewinnen, wenn er ihn auf ein gelehrtes Thema brächte, ihm wenigstens zeigen konnte, daß er es nicht mit völlig ungebildeten Leuten zu tun hatte. Und es schien wirklich, als ob der Doktor auf diesen Köder anbeißen wollte. Er nickte, sagte grimmig: »Ja, das bin ich — Determinist — unbedingter!«
Der Graf kam einen Schritt näher zum Schreibtisch, griff das Buch auf. »Und ein Anhänger von Leibniz, nicht wahr? Gott ist allmächtig und allwissend, alles bestimmt er voraus — also auch jede Handlung eines jeden Menschen. Ein freier Wille des Menschen ist also undenkbar — denn sonst könnte er ja den Plan Gottes stören, könnte dessen Allmacht und Allwissenheit zuschanden machen!«
Fast wütend riß ihm der Gelehrte das Buch aus der Hand, schleuderte es weit ins Zimmer. »Leibniz ist ein grenzenloser Esel«, schrie er, »und sollte sich aufhängen lassen mit all seinen Freunden und besonders dem Haller! Par nobile fratrum! — Schon vor fünfundzwanzig Jahren schrieb der Königsberger Professor Kant seine Naturgeschichte und Theorie des Himmels und fünf Jahre später der Wolff seine »Theoria Generationis.« Er legte jedem, der sehn wollte, die embryonale Entwicklung dar, mit all ihren Prozessen! Und da kommt der berühmte Professor Haller und hält an der Präformation fest! Behauptet, daß im Ei schon, bei Mensch und Tier, der ganze Organismus vorgebildet sei in allen Einzelheiten. Keine Entwicklung findet statt, sondern eine Auswicklung der eingewickelten Teile! Und in dem weiblichen Embryo stecke schon der Eierstock und in dem schon der Keim des nächsten Geschlechts! Und so ging's von Adam an und hinab durch alle Ewigkeit! Am sechsten Schöpfungstage stopfte der große Gott in Evas Eierstock die Keime von Abermillionen Menschen, immer hübsch eingeschachtelt in den anderen! Und der Pfaff, der Leibniz, greift solchen Unsinn auf und begründet damit seine Seeleneinschachtelungstheorie! In ewig unzertrennlicher Gemeinschaft sind Seele und Leib; ebensowenig wie für den Leib, gibt's für die Seele eine Entwicklung. Nur eine Auswicklung, wie bei Zwiebeln! Was kräht der Dummkopf? Diese Seelchen, welche eines Tages menschliche Seelen sein werden, sind im Samen schon da! Haben in den Voreltern, bis auf Adam, also bis zum Beginn der Dinge immer in der Form organisierter Körper gehaust. Das ist die Wissenschaft dieser Hohlköpfe — heute noch, hundert Jahre nach Spinoza! — Ich bin Determinist, meine Herren, ganz gewiß — aber ich leugne die Willensfreiheit nicht Leibniz zuliebe. Auch nicht um Calvins willen oder des heiligen Augustin, die bessere Köpfe waren als er.«
Er schob dem Grafen ein paar Bücher zu, die an der Seite des großen Tisches lagen. »Da — lesen Sie das, wenn Sie sich unterrichten wollen. In diesem Sinne bin ich Determinist.« Graf Osten nahm die Bücher und schlug sie auf; es waren »La Politique Naturelle« und »Système de la Nature« des Freiherrn von Holbach. »Der Mann hat recht«, rief der Gelehrte, »wenn auch nicht alles ganz so einfach ist, wie er es sich vorstellt. Geist und Körper — das ist ein Ding und sind nicht zwei. Und der Teil meines Körpers, der meine Seele ist, ist von allen andern Teilen abhängig — und von manchem andern noch — vor allem von dem zum Beispiel, was um mich herum geschieht! Darum muß ich die Willensfreiheit verwerfen — und nicht, wie Leibniz, wegen einer gloriosen Laune, die vor Ewigkeiten eine Gottheit gehabt hat!«
Graf Osten sah seinen Vorteil sofort. »Wenn das so ist, Herr Doktor, so habe ich Hoffnung, daß Sie meine Bitte ruhig anhören und erfüllen, wenn das in Ihrer Macht steht. Wir suchen in München einen — gewissen Mann im Auftrage des Prinzen Alexander von —«
Dr. Teufelsdrökh unterbrach ihn. »Ich weiß das, Herr Graf von Osten! Sie und der Herr von Zedtwitz —«
Der Junker schrak auf: »Woher wissen Sie unsere Namen?«
»Einerlei woher ich sie weiß!« lachte der Gelehrte. »Sie wollen hier den Mann suchen, den der Prinz den Armenier nennt, weil er ihn in armenischer Tracht zuerst gesehn hat. Sie sollen diesen Mann bitten, ehemöglichst zum Prinzen zu kommen! Nun wohl, kehren Sie zurück zum Prinzen und sagen Sie ihm, daß Sie zwar nicht seinen Armenier gesprochen hätten, wohl aber mich. Und daß ich ihm mitteilen lasse, daß mein Freund, der Armenier, augenblicklich andere, interessantere und bessere Dinge zu tun habe, als sich um ihn zu bekümmern!«
Dr. Teufelsdrökh stand auf, eine kurze Handbewegung schien anzudeuten, daß er nun wünsche, daß die beiden sich entfernen sollten. Es lag etwas so Dominierendes, seltsam Befehlendes in seiner Haltung, daß Junker von Zedtwitz, der gewiß keine furchtsame Natur war, unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Dem Gelehrten fiel diese Bewegung auf; er lachte leise und richtete seinen starren, stechenden Blick auf den Junker, der im Augenblicke völlig gebannt schien.
Graf Osten, der vor dem Junker stand und diesen nicht sehen konnte, versuchte noch einmal sein Glück. »Herr Doktor«, fragte er, »es scheint gewiß, daß Sie unsern Armenier gut kennen — können Sie uns nicht zu ihm führen? Oder, wenn das nicht möglich ist, ihn zu bestimmen versuchen, den Bitten des Prinzen nachzukommen?«
Ohne auch nur einen Augenblick seinen brennenden Blick von dem Junker zu lassen, antwortete der Gelehrte: »Das Abenteuer mit dem Prinzen war nur eine Laune für den Armenier. Augenblicklich hat er eine andere Laune. Vielleicht wird er sich bald des Prinzen erinnern, vielleicht wird es ihm Spaß machen, in diesem Spiele weiter zu spielen! Vielleicht! Dann wird ihn der Prinz wiedersehn.«
Der Graf verbeugte sich und wandte sich zum Gehn. Da lachte Dr. Teufelsdrökh auf: »Sagen Sie mir, Graf Karl Friedrich von Osten-Sacken, haben Sie nie diesen Armenier gesehn?«
»Gewiß sah ich ihn«, antwortete Osten. »Ich sah ihn in seiner armenischen Tracht auf dem Markusplatz zu Venedig, sah ihn später als russischen Offizier während einer Geisterbeschwörung in einem Landhaus an der Brenta — —«
»Ja, ja«, unterbrach ihn der Gelehrte, »er hat mir erzählt von dieser Geisterbeschwörung. Wie gefiel Sie Ihnen, Herr Graf?«
»Sie war sehr raffiniert gemacht und zeigte äußerstes Taschenspielergeschick«, erwiderte der Graf. »Manches ist mir heute noch völlig unerklärlich. Dennoch —«
Wieder lachte Dr. Teufelsdrökh. »Dennoch — ja gewiß — dennoch! Ein wenig altmodisch, was? Heute macht man so was viel einfacher und viel leichter. Ich hab's in Paris gelernt; ein Wiener Arzt gibt dort Vorstellungen —«
»Was?« rief Graf Osten. »Sie, Sie können Geister beschwören?«
Dr. Teufelsdrökh nickte lachend: »Macht's Ihnen Spaß, das zu sehn? Stören lassen habe ich mich doch genug diesen Morgen — sehr gegen meinen Wunsch, Graf, das mögen Sie glauben. Nun, so kann ich auch noch zehn Minuten auf ein paar Geister verwenden.«
»So wollen Sie sagen, Herr Doktor«, rief Osten, »daß Sie hier im Raume, jetzt, in wenigen Minuten, einen Geist — den Geist —«
»Allerdings!« nickte der Gelehrte, »ich werde den Geist eines Verstorbenen herbeirufen.«
Er wandte sich zu dem Junker, der sich dicht an den Vorhang gedrängt hatte. »Setzen Sie sich dort auf den Stuhl«, forderte er ihn auf.
Zedtwitz tat, wie ihm geheißen, ohne ein Wort erwidern zu können. Die stechenden Augen des Dr. Teufelsdrökh schienen ihn zu versengen, dicke Schweißtropfen standen ihm auf seiner Stirn.
Der Gelehrte kam auf ihn zu. »Leben Ihre Eltern noch, Junker?« fragte er.
»Sie sind tot«, flüsterte Zedtwitz, nicht fähig, seine Stimme zu erheben.
»Sie werden sie beide sehn«, sagte Dr. Teufelsdrökh, dessen Stimme seltsam tonlos wurde. Er zog einen Stuhl heran, setzte sich dicht vor den Junker, strich ihm mit den Fingern über Stirn und Schläfen. »Sie sind sehr müde«, flüsterte er, »Sie werden gleich schlafen. Ich werde bis sieben zählen; fünf werden Sie noch gut hören, sechs nur noch sehr undeutlich, bei sieben schlafen Sie!«
Er zählte; die Lider des Junkers fielen zu, seine Arme sanken schlaff herab. Ein leichter Seufzer, dann ein stilles, ruhiges Atmen.
Nun beugte sich Dr. Teufelsdrökh über den Schlafenden, zischte in sein Ohr. Graf Osten verstand nur hie und da ein paar Worte: »Sie werden sehen« — »Vater« — »so wie er damals« — »Mutter« —
Dann stand der Gelehrte auf, trat zu Osten. »Passen Sie auf, Graf«, sagte er, »die Geister seiner Verstorbenen werden zu ihm kommen.«
Eine Weile blieb Zedtwitz ruhig atmend auf seinem Stuhle sitzen, dann schien eine seltsame Aufregung ihn zu ergreifen. Ein Zucken griff seinen Körper, sein Atmen wurde rasch und hart. Plötzlich sprang er auf, seine Augen öffneten sich weit. Kindliche Freude strahlte aus seinem Gesicht, er streckte den Arm weit aus, als wollte er jemandem die Hand reichen. Aber im nächsten Augenblick schon fuhr er zurück — Seine Knie schlotterten, wie gelähmt stand er da, während seine Züge ein jähes Entsetzen spiegelten. Er schien zu lauschen — dann bewegten sich mühsam seine Lippen, als ob sie sprächen. Endlich schien das Bild, das er sah, zu schwinden; Zedtwitz starrte ihm lange nach. Dann plötzlich schien er von der anderen Seite her ein Geräusch zu hören, er wandte sich halb, ging ein paar Schritt vor, irgend jemandem entgegen. Seine Züge erhellten sich wieder, seine Lippen bewegten sich schnell, seine Arme öffneten sich, schlossen sich dann, als ob er jemanden zärtlich umarme. Und dieses unsichtbar Bild führte er zu dem Stuhle, hieß es dort sich niederzusetzen, während er selbst davor kniete. Nun schien er zu lauschen, aufmerksam und ergriffen. Plötzlich befiel ihn ein starker Weinkrampf, er drückte seinen Kopf auf den Stuhlsitz, wie in einen Schoß, schluchzte und weinte zum Erbarmen. Allmählich beruhigte er sich, das Weinen wurde schwächer und stiller.
Dr. Teufelsdrökh trat zu ihm hin, berührte ihn leicht an der Schulter. »Stehn Sie auf«, befahl er. »Setzen Sie sich!« Der Junker gehorchte.
»Sie werden nun wieder schlafen«, fuhr der Gelehrte fort, »sehr fest und sehr tief schlafen«, glücklich und ruhig! Aber Sie werden alles genau behalten, was Sie gesehen haben; es wird Ihnen beim Mittagessen wieder einfallen und Sie werden es dem Grafen Osten erzählen.«
Man hörte die tiefen Atemzüge des Junkers; sein Gesicht nahm einen zufriedenen, glücklichen Ausdruck an.
Wieder beugte sich Dr. Teufelsdrökh über ihn, flüsterte ihm ins Ohr; diesmal verstand Graf Osten noch weniger, was er sagte. Nur einen Satz konnte er deutlich vernehmen: »Hören Sie? — Dienstag um acht Uhr abends!« — Und der Junker nickte.
Der Gelehrte trat wieder zurück. Nach wenigen Minuten sagte er: »Sie werden sogleich aufwachen, Zedtwitz! Sie werden sich sehr wohl und frisch fühlen — voller Kraft und Lebenslust!«
Noch ein paar tiefe Atemzüge — dann erwachte der Junker. Er öffnete die Augen, reckte sich, stand auf von dem Stuhle, lächelte unsicher, als ob er sich auf etwas besinne. Dann schüttelte er unschlüssig den Kopf und kam ein paar Schritte vor.
Der Gelehrte wandte sich an den Grafen. »Sehn Sie, Graf, so läßt man heutzutage Geister kommen! Warten Sie nur, Sie werden schon begreifen. Und nun darf ich Sie wohl bitten, mich allein zu lassen!«
Der Graf verbeugt sich stumm; Zedtwitz folgte seinem Beispiel. Da wandte sich Dr. Teufelsdrökh zu ihm. »Nicht so steif, Bengel!« rief er. »Sie sind ein braver Junge, gewiß. Und nun — hübsch artig sein!« Damit drehte er den beiden den Rücken und ging zu seinem Schreibtisch zurück.
Der junge Zedtwitz wollte auffahren; aber der Graf ergriff rasch seinen Arm und zog ihn mit sich fort. Schon im Vorzimmer wollte der Junker wieder umkehren, rief: »Haben Sie gehört, Graf, was er gesagt hat? Das ist unerhört, ich darf mir das nicht gefallen lassen!«
Aber Graf Osten ließ ihn nicht los. Sie gingen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren; unten sahen sie den Alten in seiner Buchbinderwerkstatt sitzen. Osten erwartete einen Protest von seiner Seite, weil sie ohne Erlaubnis in das Haus gedrungen seien und überlegte eine rasche Erklärung — aber das Männlein schien sich keineswegs zu wundern. Es stand nicht von seinem Sitze auf, legte das Buch nicht aus der Hand, lachte nur in hohe Tönen. Noch auf der Straße schlug ihnen das Meckern des Alten um die Ohren.
Auf dem Heimweg fragte der Graf den Junker, was er gesehen habe — zu seinem Erstaunen aber begriff Zedtwitz nicht einmal, wonach er fragte. Jeder Einzelheit des Besuches in dem alten Hause erinnerte er sich genau, konnte jeden Raum beschreiben, jedes Wort des seltsamen Gelehrten wiederholen — nur die Episode, während der er auf dem Stuhle beim Vorhange saß, war aus seinem Gedächtnis vollkommen weggewischt. Osten versuchte alles, um ihn daran zu erinnern, die Antwort war stets nur ein Kopfschütteln. Schließlich sah er die Fruchtlosigkeit seiner Versuche ein und schwieg. Zedtwitz, der trotz des trüben, naßkalten Tages sich so lebensfrisch und voller Energie fühlte wie an einem jungen Lenztage, bat um die Erlaubnis, ausreiten zu dürfen; der Graf nickte. Man verabredete, sich zum Mittagessen im Zimmer des Grafen wiederzutreffen.
Im Gasthof angekommen, schickte der Graf seinen Jäger zum Marchese von Civitella und ließ ihn bitten, mit ihm zu Mittag zu speisen und möglichst bald zu ihm zu kommen. Der Marchese ließ nicht allzu lange auf sich warten; Osten erzählte ihm in allen Einzelheiten die Erlebnisse des Morgens. Man kam überein, dem Prinzen genauen Bericht abzustatten, mittlerweile aber die Nachforschungen nach dem Armenier fortzusetzen.
Das Mittagessen wurde aufgetragen; man setzte sich zu Tisch. Nach einer Weile kam auch der junge Zedtwitz frisch und rosig von seinem Ritt, die Reitgerte fröhlich durch die Luft schwingend. Der Graf hatte erlesene Weine kommen lassen, und die Unterhaltung war eine sehr angeregte, besonders Zedtwitz erzählte mit viel Witz und Behagen von der verschleierten Dame und dem meckernden Männlein, dem verwunschenen Hause des Gelehrten und von diesem stauchlichten Dr. Teufelsdrökh.
Plötzlich, mitten im Satz, blieb er stecken. Er stellte das Glas, das er in der Hand hielt, um eben zu trinken, auf den Tisch zurück und ließ den Kopf sinken, als ob er nachdenke über etwas, das ihm soeben eingefallen sei. Dann hob er die Augen, sah zu dem Grafen hinüber und sagte, ohne jeden Übergang: »Ich habe meinen Vater gesehn — und meine Mutter!«
Civitella fragte: »Wann haben Sie die gesehn?«
»Ich weiß nicht«, erwiderte der Junker unsicher. »Heute morgen glaube ich.«
»Aber Zedtwitz!« wandte der Marchese ein. »Haben Sie mir nicht selbst einmal gesagt, daß Ihre Eltern kurz hintereinander starben, als Sie noch ein kleiner Bub waren?«
Der Junker sah ihn an, dann wieder den Grafen. »Ja«, sagte er langsam, »sie sind lange tot! Ich habe — heute — ihre Geister gesehn!«
»Erzählen Sie!« drängte Osten.
Abgerissen, stoßweise, kamen die Sätze aus dem Munde des Junkers. »Mein Vater kam auf mich zu, streckte mir beide Hände entgegen. Dann sah ich — auf seiner Stirn, an der linken Schläfe, ein Loch — er kam von dem Duell, in dem er erschossen wurde. Das rote Blut sickerte aus der Wunde — so bleich sah er aus — so bleich —« »Was sagte er?« fragte Osten.
»Er sprach — er sprach —« Der Junker suchte in seinem Gedächtnis; man konnte sehn, wie er sie quälte — »Er sprach — oh, ich weiß nicht mehr, was er sprach!«
Er stützte den Kopf in die Hand, seufzte schwer. Dann richtete er sich wieder auf, fuhr fort: »Dann ging er, mein Vater. Immer undeutlicher wurde sein Bild — nebelhafter. Ich sah ihm lange nach, aber da rief es von der anderen Seite. »Egon« rief es. Ich wandte mich — da kam meine Mutter. Sehr traurig sah sie aus, ihre Augen waren trübe vom vielen Weinen. Sie wankte; ich nahm sie in meine Arme, führte sie zu einem Sessel, ließ sie niedersitzen. Ich kniete vor ihr und sie erzählte mir, daß der Vater gefallen sei, daß — aber ich verstand nicht viel, was sie sagte; es war so traurig, daß ich selbst schluchzte und weinte. Ich versenkte meinen Kopf in ihrem Schoß, während ihre weichen Hände mich streichelten. Und ich fühlte, wie ihre Tränen auf mein Haar fielen. Dann — dann —«
»Was kam dann«, frage Osten.
Aber der Junker schüttelte den Kopf. »Dann kam nichts mehr. Alles war fort — fort.«
Civitella klopfte dem jungen Mann freundlich auf die Schulter und reichte ihm sein Glas. »Trinken Sie, Zedtwitz! Sie haben geträumt — das war ein böser, schwerer Traum!«
Aber der Junker fuhr auf, rief mit starker Überzeugung: »Nein, nein! Es war kein Traum! Ich habe es — erlebt!« Er griff das Glas, leerte es zur Neige. »Ich habe es wirklich gesehn, am hellen Tage, heute morgen. In — warten Sie — in — dem Arbeitszimmer des Doktor Teufelsdrökh.«
Es schien, als ob diese letzte Mitteilung ihn eine ungeheure Anstrengung gekostet habe. Er fiel vornüber, wäre zu Boden gesunken, wenn die andern ihn nicht gehalten hätten. Er taumelte, schwankte, kämpfte mit einer Ohnmacht. Sie führten ihn in sein Zimmer, entkleideten ihn und brachten ihn zu Bett. Nach wenigen Minuten schlief er fest ein.
Doch verging diese plötzliche Schwäche sehr bald, nach wenigen Stunden schon fühlte sich Zedtwitz wieder so frisch und gesund, daß er den eingehenden Bericht an den Prinzen, den ihm Graf Osten diktierte, leicht schreiben konnte. Die nächsten Tage verliefen ohne jedes Ereignis, jedoch gab es am Dienstag der nächsten Woche einen merkwürdigen Zwischenfall. Am Abend saß Zedtwitz am Schreibtische des Grafen, der ihm wieder einige Briefe diktierte. Während der Junker bisher ruhig und heiter gewesen war, ergriff ihn, gegen sieben Uhr etwa, eine seltsame Unruhe. Er legte seine Feder weg und nahm sie wieder auf, er sprang vom Stuhle auf, lief durchs Zimmer und setzte sich wieder. Befragt, was er habe, wußte er keine Antwort zu geben. Diese Unruhe steigerte sich von Minute zu Minute und nahm schließlich einen fast unheimlichen Charakter an. Gegen halb acht Uhr erklärte der Junker, daß er weggehen müsse. Graf Osten fragte ihn, wohin er denn wolle, aber Zedtwitz gab keine Antwort; er wußte es offenbar selbst nicht. Osten erinnerte ihn daran, daß der Marchese sie heute abend zur Oper eingeladen habe und daß er unbedingt mitgehen müsse; der Junker sah das ein und setzte sich wieder nieder, aber nur, um nach wenigen Minuten von neuem aufgeregt aufzuspringen. Civitella kam dann, um seine Freunde abzuholen; sein Mahnen zu raschem Aufbruch vermehrte noch die Aufregung des Junkers. Wohin er eigentlich wollte, konnte er auch jetzt nicht sagen; er wiederholte nur, daß er notwendig fort müsse. Da er ein paarmal versuchte, aus der Türe zu gehn, so verschloß der Graf diese und steckte den Schlüssel in die Tasche. Der Junker bat und flehte, ihn fortzulassen; aber Osten, den dieses seltsame Gebaren stutzig machte, verweigerte das. Um zehn Minuten vor acht Uhr sprang Zedtwitz plötzlich ans Fenster, öffnete es und schwang sich hinaus. Die beiden andern stürzten ihm nach, vermochten aber nicht mehr, ihn festzuhalten. Sie sahen, wie Zedtwitz sich erst auf die Fensterbank kniete, dann mit den Händen den vorspringenden Stein der Fensterschwelle ergriff, einen Augenblick daran hing und sich endlich fallen ließ. Das Zimmer war im ersten Stock gelegen; der Junker kam also recht unsanft auf dem Straßenpflaster an. Er fiel zwar auf die Füße, stürzte dann aber hin und schlug sich die Stirne blutig. Er sprang gleich wieder auf und rannte, hinkend, ohne Mantel und Hut, durch die Gasse. Civitella sah unten am Tore einen seiner Leute mit dem Jäger Hagemeister stehn; er winkte den beiden und rief ihnen zu, dem Junker zu folgen und festzustellen, wohin er sich begeben würde. Man bekam diesen Bescheid, als man aus der Oper zurückkehrte: Junker von Zedtwitz war zu dem Hause des Dr. Teufelsdrökh gelaufen und hatte sich dort über eine Stunde aufgehalten. Dann sei er herausgekommen und sofort nach Hause gegangen. Verletzt habe er sich augenscheinlich nicht, da er auf dem Heimweg nur noch sehr unerheblich gehinkt habe und recht fest ausgeschritten sei. Im Gasthause sei er sofort in sein Zimmer gegangen.
Graf Osten fand ihn im tiefsten Schlafe. Er wollte ihn nicht wecken; stellte ihn also erst am andern Morgen zur Rede. Da stellte sich heraus, daß dem jungen Manne auch bei dieser Gelegenheit wieder das Gedächtnis völlig entschwunden war über das, was er am Abend vorher getan hatte. Er erinnerte sich nur, daß er für den Grafen Briefe geschrieben habe, ferner, daß er sehr müde gewesen sei und zu Bett gegangen sei — über die Stunden vor dem Schlafengehen seit dem ersten Auftreten seiner eigentümlichen Unruhe vermochte er nicht die geringste Auskunft zu geben.
Graf Osten besprach lange diesen merkwürdigen Fall mit dem Marchese. Im Anschluß daran gab er dem Junker den strengen Befehl, ohne seine ausdrückliche Erlaubnis unter keinen Umständen mehr auszugehen. Als er an diesem Abend ein Theater, das er mit dem Marchese besucht hatte, verließ, hörte er hinter sich die meckernde Stimme des alten Männleins, das seinen Namen rief. Er drehte sich um; das Männlein drückte ihm grinsend einen Brief in die Hand und trippelte davon.
Der Brief lautete:
Herr Graf, versuchen Sie nicht, durch dumme Befehle das, was ich anordne, zu durchkreuzen. Begreifen Sie, daß der Junker von Zedtwitz in Zukunft allen meinen Befehlen aufs strengste gehorchen wird, und daß keine Macht der Erde imstande ist, ihn daran zu hindern. Dr. Teufelsdrökh.
Zu Hause fanden sie ein Schreiben des Prinzen, der mit ihrem Bericht durchaus zufrieden zu sein schien; er bat sie, sogleich zur Residenz zu kommen. Da Civitella noch einige notwendige Einkäufe zu machen hatte, so setzte man die Abreise auf den übernächsten Tag fest, zu früher Morgenstunde.
Im letzten Augenblicke fehlte der Junker. Man suchte ihn überall — vergeblich. Alle seine Gepäckstücke waren vollzählig da; er selbst war verschwunden. Am Abend vorher hatte er Hagemeister und die Bedienten des Marchese beim Packen beaufsichtigt; seither hatte man ihn nicht mehr gesehn. Sein Bett war unberührt. Civitella wollte die Abreise verschieben und nach dem jungen Manne suchen lassen, aber Graf Osten hatte das unbestimmte Gefühl, als ob dieses Verschwinden irgendwie mit Dr. Teufelsdrökh zusammenhinge, der ihm seine unbedingte Macht über den Junker zeigen wollte. In diesem Falle wäre es, im Interesse des Prinzen, schlechte Politik gewesen, unüberlegte Schritte zu tun, zumal von seiten des Gelehrten gewiß nichts Übles dem Junker geschehen würden. Man reiste also ohne den Junker ab.
Als sie in der Residenz ankamen, erwartete sie Prinz Alexander mit dem Baron von Freihardt am Parktor. Man umarmte sich herzlich, und der Prinz rief: »Das nenn ich Pünktlichkeit! Zwei Minuten vor der angesagten Zeit!«
»Wieso — angesagte Zeit?« fragte Marchese Civitella. »Aber Marquis!« lachte der Prinz, »Sie haben mir doch den jungen Zedtwitz vorausgeschickt, um Ihre Ankunft zu melden!« Er faßte den Marchese unter den Arm und ging mit ihm voraus dem Schlosse zu, während der Graf mit dem Baron Freihardt folgte. »Ist der Junker hier?« fragte Osten.
»Seit gestern schon!« nickte der Baron. »Er ist Tag und Nacht durchgeritten. Prinz Alexander ist ihm und Ihnen außerordentlich dankbar für die Aufmerksamkeit!«
»Aufmerksamkeit?« fragte Osten erstaunt. »Was meinen Sie? Wir haben den Junker nicht gesandt und ihm keinerlei Aufmerksamkeiten für den Prinzen mitgegeben!« Er erzählte dem Baron in kurzen Zügen von dem Verschwinden des jungen Zedtwitz und den Begebenheiten, die diesem vorausgingen.
Freihardt hörte zu, dann berichtete er: »Der Junker kam am Morgen an und verlangte sofort, den Prinzen zu sehn, der gerade in meinem Zimmer war. Er meldete die genaue Stunde Ihrer Ankunft, sagte, daß Sie ihn vorausgesandt hätten, um ihm einige Stunden eher etwas zu bringen, das ihm gewiß große Freude machen würde. Er wisse nicht, was es sei; man habe es im Hotel für den Grafen abgegeben mit dem Auftrage, es dem Prinzen zu übersenden. Mit diesen Worten zog er ein Paketchen aus der Tasche, das der Prinz öffnete. Es enthielt ein Taschentuch mit venetianischen Spitzen — eine Ecke zeigte den Namen Veronika. Der Prinz preßte das Tuch, dem ein wundervoller Wohlgeruch entströmte, an die Lippen. »Es ist ihr Duft!« flüsterte er. — Deshalb, Graf, ist er so gut gelaunt heute! Er ist gewiß, daß er sehr bald von beiden hören wird, von der Dame von Murano sowohl wie von seinem Armenier.«
Weihnachten verging, ohne daß Prinz Alexander weiteres hörte. Erst am Sylvestertage traf in dem prinzlichen Schlosse eine Nachricht ein, die im Zusammenhang mit dem Armenier oder wenigstens mit seinem Freunde, dem Münchener Gelehrten, stand. Marchese Civitella hatte nämlich sowohl in Venedig wie bei der venetianischen Gesandtschaft in München den Auftrag hinterlassen, nichts unversucht zu lassen, was es auch sei, über diese geheimnisvolle Persönlichkeit etwas zu erfahren. An diesem Abend nun erhielt er ein Schreiben aus München, das er gleich las. Er kam dann hinüber zum Prinzen, der mit seiner intimsten Umgebung, dem Grafen Osten, dem Baron Freihardt und dem jungen Zedtwitz bei einer dampfenden Sylvesterbowle saß.
»Sie kommen spät, Marquis,« warf ihm der Prinz vor, »was hielt Sie ab?«
»Dieser Bericht, Euer Durchlaucht!« sagte der Marchese laut lachend, während ihm der Junker sein Glas füllte. »Er beweist, daß der Zauberdoktor auch eine lustige, sehr menschliche Seite hat. Man hat mir eine italienische Übersetzung beigefügt, da der bayrische Dialekt des Berichtes doch ein wenig zuviel für meine deutschen Kenntnisse ist. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis mag Baron Freihardt das Original vorlesen — es paßt gut in eine lustige Silvesterstimmung!«
Der Prinz nickte; der Marchese erhob sein Glas und leerte es auf des Prinzen Wohl. Während er das Schriftstück dem Baron reichte, erklärte er: »Wie Ew. Durchlaucht wissen, habe ich meine kleinen Nachforschungen weiter fortgesetzt; in München ist der Gesandte der Republik Venedig für mich tätig, der, da er bereits seit zwanzig Jahren beim dortigen Hofe beglaubigt ist, sehr viele Beziehungen hat. Er schreibt mir, daß in München selbst weder die Polizei noch die Regierung von der Existenz eines Dr. Teufelsdrökh überhaupt etwas wisse. Dagegen habe er, durch einen fast komischen Zufall, von einem braven Dorfgeistlichen etwas über diesen Mann erfahren. Dieser biedere Seelenhirt aus dem Oberbayrischen war in die Gesandtschaft gekommen, um einen Geleitbrief zu erhalten; er wollte nach Rom und beabsichtigte, den Weg über Tirol und Venetien zu nehmen. Während er dasaß und auf die Ausstellung der Papiere wartete, sprach der Gesandt mit einem Sekretär gerade darüber, wie man am besten mir behilflich sein könne. Der gute Pfaff verstand kein Wort, da diese Unterhaltung in italienisch geführt wurde. Plötzlich aber wurde er stutzig, als der Name »Dr. Teufelsdrökh« an sein Ohr klang. Als er ein zweites Mal diesen Namen hörte, bekreuzigte er sich sehr verängstigt; beim dritten Male sprang er auf, um zur Tür hinauszueilen. Man hielt ihn, stellt ihn zur Rede und erfuhr nun diese sonderbare Historie, die sich vor einigen Jahren in dem Pfarrdorfe des guten Geistlichen ereignete! Hören Sie nun, meine Herren, diese Geschichte, wie sie der Münchener Schreiber meines Gesandten nach der Erzählung des Pfarrers niederschrieb!«
Baron Freihardt begann zu lesen:
In demselbigen Sommer war ein Mann nach St. Johann am Mangfall gekommen, der ist nie in die Kirche gegangen. Aber weil er dem Herrn Pfarrer und auch dem Herrn Bürgermeister oft Geld für die Armen ins Haus geschickt hat, hat man ihn in Ruhe gelassen. Er nannte sich Dr. Teufelsdrökh, und die besseren Leute wollten nichts mit ihm zu schaffen haben. Der Mann wollte auch mit den Leuten nichts zu schaffen haben. Er hatte einen Haufen unheiliger Bücher mitgebracht, über denen er zu Hause den ganzen Tag gesessen ist. Nur am Abend lief er herum in den Feldern und im Walde, und manchmal hat er Käfer und Asseln und anderes gottloses Würmerzeug gefangen. Der Mann wohnte bei der Frau Anastasia Hupfauf, der Grantlbäurin. Die war eine Witfrau und das sauberste Weib in der ganzen Gegend. Alles Mannsvolk war vernarrt in sie, auch — der Herr Pfarrer. Ihr Mann war der reiche Grantlbauer gewesen, aber der war im vorigen Jahr umgekommen bei der letzten Kirchweih. Der Grantlbauer hat sich nie lumpen lassen, und was so Sachen gewesen sind, wie die Ausschmückung der Dorfkirche und der Wein, so hat er dafür allezeit Geld ausgegeben. So hat er denn den Herrn Bürgermeister und den Herrn Pfarrer zum Wein eingeladen, und da ging es zuerst recht sittsam zu. Aber weil dem Herrn Pfarrer die anderen so viel zugetrunken haben, so sank er schließlich unter den Tisch, daß sie ihn heim zum Pfarrhaus tragen mußten. Der Grantlbauer ist aber mit den sündigen Menschen weitergezogen, und sie haben immer noch mehr getrunken. Da kam der Satan über sie, und sie vermaßen sich ihrer Stärke. Der Grantlbauer sagte, daß er die Tischkante abschlagen könne von dem Eichentisch im Wirtshaus. Und das hat er auch gemacht und den Wein vom Moserbauern gewonnen. Er vermaß sich, daß er den Gemeindestier an den Hörnern aus dem Stall ziehen wolle. Und den rotkropfigen Knecht vom Wirtshaus mit dem Riesengenick, den wolle er mit einem Faustschlage niederhauen. Da sagte der Nebelhofbauer, das möge schon sein, aber er wisse etwas, mit dem er sich nicht anzubandeln trauen würde. »Was ist dös?« fragte der Grantlbauer. Der Nebelhofbauer sagte: »Meine Bienen!« Da lachte der Grantlbauer und brüllte, er werde allen Honig herausnehmen und herbringen. Und er schere sich den Teufel um ein paar Bienenstiche. Sie gingen also zum Hof des Nebelhofbauern, aber nur dieser und der Kainzenhofbauer und noch zwei gingen mit, weil die anderen schon so voll waren und nicht mehr mitkonnten. Der Grantlbauer hatte sich gleich an die Arbeit gemacht und den ersten Stock zerrissen und den Honig herausgenommen. Die Bienen sind herausgeflogen und auf die Bauern los und haben sie nach Herzenslust gestochen. Da sind die anderen weg; der Grantlbauer aber hat ihnen nachgeschrien, sie könnten sich seinetwegen zum Wirtshaus scheren, er werde schon nachkommen und ihnen den Honig bringen. Und damit ist er auf den zweiten Stock losgegangen.
Die anderen gingen zum Wirtshaus zurück, und da saßen sie und tranken und warteten. Aber der Grantlbauer kam nicht; und dann hatten sie auch genug und schliefen ein.
Am anderen Morgen fanden ein paar Knechte den Grantlbauern bei den Bienenstöcken, die lagen umgeworfen und zerstört da. Den Grantlbauern aber hatten die Bienen furchtbar zugerichtet. Kein Mensch konnte ihn wiedererkennen, so verschwollen war er. Man trug ihn nach Hause zu seiner Bäurin und dann schickte man zum Bader, aber den konnte kein Mensch wachbekommen. Die Bäurin und die Mägde wuschen den Grantlbauern mit Essig, aber sie richteten nichts damit aus. Man sah wohl, daß sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Da schickten sie zum Pfarrhaus, und der geistliche Herr erhob sich in starker Christenpflicht und bekämpfte seine Müdigkeit und seine menschliche Schwäche zu Ehren Gottes des Herrn. Wie er den Grantlbauern sah, da merkte er wohl, wie der Finger Gottes so wunderbarlich walten konnte, der aus diesem starken Manne und reichen Bauern nun ein so mißgestaltetes, aufgeschwollenes Stück Fleisch gemacht hatte. Da erzählte er zur Erbauung der Grantlbäurin und der Knechte von der großen Güte Gottes und seinen unerforschlichen Ratschlüssen und spendete dem sterbenden Grantlbauern reichen Trost und erweckte große Reue bei ihm über die sündhafte Tat. Dann gab er ihm die letzte Ölung.
Und der Grantlbauer ist einen schönen, christ-katholischen Tod gestorben.
Die Grantlbäuerin aber hat vom Nebelhofbauern die Bienenstöcke gekauft, hat sie hinter dem Grantlhof aufgestellt und gut versorgt. So ehrte sie das Andenken des Grantlhofbauern und hatte einen sehr guten Honig und verdiente ein schönes Geld damit.
Alles das ist geschehen, wie die Grantlbäuerin noch guter Hoffnung gewesen ist. Und sechs Wochen, nachdem sie ihren Mann begraben hatte, kam sie in die Wochen und hat ein hübsches dickes Mädchen in die Welt gesetzt.
Auf dem Grantlhof wohnte nun der fremde Mann, der Dr. Teufelsdrökh. Eines schönen Tages war er angekommen, und der Postwagen hatte ihn am Wirtshaus abgesetzt. Dann war er im Dorf umeinandergestiegen und hat sich überall umgeschaut, auf dem Grantlhof aber hat es ihm am besten gefallen. Und er war bald einig geworden mit der Bäurin, weil er mit schönen Maria-Theresia-Talern bezahlte. So hat sie ihm die Zimmer gegeben, die er verlangte, und da wohnte er und las in seinen unheiligen Büchern.
Nun war die junge Witfrau ein schöner Anblick unter den Menschen, und da sie obendrein noch sehr reich war und den größten Hof hatte auf Meilen in der Runde, so war es kein Wunder, daß den Mannsleuten die Hosen juckten, wenn sie vorbeikam. Sie war aber sehr stolz und wollte von keinem etwas wissen und tat, als ob niemand gut genug für sie sei.
Da gefiel es Gott dem Herrn, daß er dem Satan erlaubte, auch das Herz des geistlichen Herrn, Emmeran Fürnkäs, in sündhafter Lust zu bestricken. Er wich ab von dem Wege der Heiligkeit, und seine Augen sahen nichts mehr als nur das Bild der Bäurin, die überall voll und rund war. Einmal kam er vorbei am Grantlhof, und die Bäurin saß vor dem Hause und nährte ihr Kind. Da packte es den geistlichen Herrn, und er trat zu ihr hin und konnte sich gar nicht sattsehn an dieser Pracht. Es juckte ihn in den Fingern, aber er widerstand als ein Knecht Gottes — nur das liebe Kindlein wollte er streicheln. Dann aber schuf es der Satan, daß sich seine Hand verirrte auf die schönen Dinge. Da sprang die Bäurin auf und schlug ihm auf die Finger und lachte ihn aus und rannte fort. Aber es kam so weit, daß der arme Herr Pfarrer gar nicht mehr schlafen konnte vor lauter Begier und sich in seinem Bett wälzte und nur nachsann, was er wohl anstellen könnte, um die Grantlbäurin zu haben.
Nun war aber der Herr Pfarrer ein sehr gebildeter Mann, der viel mehr wußte als alle Bauernlümmel von St. Johann am Mangfall. So fiel ihm ein, daß er einmal in seiner Jugend gehört hatte, wie man es wohl anstellen könne, um die Liebe einer Frau zu gewinnen. Nämlich wenn sie Milch hat und ein Kind nährt, so braucht man nur ein paar Tröpflein von dieser Milch zu haben. Ein Tröpflein gibt man auf die Lippen und die anderen Tröpflein wischt man über Hände, Brust und Leib. Dann muß das Frauenzimmer ganz entflammen vor Lust und Begier und muß einem nachlaufen überall hin, ob es nun mag oder nicht. In früherer Zeit hatte man es wohl oft so gemacht; aber die Leute wußten es nicht mehr. Nur der geistliche Herr wußte noch darum und der Satan stach ihn, daß er das Mittel versuchen sollte.
Als nun Emmerentia, die Großmagd der Grantlbäurin, zu ihm zum Beichten kam, da machte er es ihr leicht, obgleich sie voller Fleischeslust war und einen sündhaften Wandel mit den Knechten führte. Er war sehr gütig und voller Mitleid, der geistliche Herr, und sagte, daß wir allzumal Sünder seien und des Ruhmes mangelten, den wir vor Gott haben sollten. Und dann sprach er ihr von seiner Not — und daß ihm nur geholfen werden könne, wenn er ein paar Tröpflein von der Milch der Grantlbäurin bekomme. Die Großmagd tat sehr fromm und willfährig und versprach ihm, daß sie ihm von der Milch verschaffen wollte.
Wie sie aber nach Hause kam, da vergaß sie bald ihre guten Vorsätze. Zuerst strich sie herum um die Bäurin und sagte gar nichts. Aber jedesmal, wenn sie sah, wie die Bäurin das Mieder öffnete, um dem Kindlein die Brust zu reichen, dann kicherte sie und gluckste wie eine Truthenne. Endlich wurde die Bäurin aufmerksam und fragte die Magd, was sie wolle mit ihrer damischen Lacherei? Die Emmerenz wollte zunächst nicht heraus mit der Sprache; dann aber wurde sie zur Judassin und beging eine schwere Sünde und verriet ihren Beichtvater, den geistlichen Herrn Fürnkäs. Sie sagte also der Bäurin, was der Herr Pfarrer von ihr wollte — ein paar Tröpflein Milch, damit sie ihm nachlaufen müsse überallhin in Lust und Begier. Da erschrak die Bäurin gar sehr und knöpfte rasch das Mieder zu und schalt heftig in sehr unheiligen Worten gegen den geistlichen Herrn. Grade kam der Herr Dr. Teufelsdrökh aus dem Hause und die beiden Weiber riefen ihn an und erzählten ihm alles. Die Bäurin fragte ihn, was sie wohl tun könne, um sich dagegen zu schützen, daß man ihr heimlich Milch wegstehle. Denn sie wolle einen Mann haben, sagte sie, der ihr gefiele, und sie wolle nicht jemanden nachlaufen, der sich mit ihrer Milch beschmiert habe, und erst recht nicht dem Pfarrer! Der Dr. Teufelsdrökh hörte alles ruhig an und dann sagte er, daß sie nur ruhig sein solle, er würde schon dafür sorgen, daß ihr nichts geschähe. Und dem Pfaffen wolle man einen Streich spielen, an den er sein Lebtag denken würde. Dann ging er in die Wiesen und fing gottloses Würmerzeug.
Am anderen Tage aber gab er der Bäurin ein paar bittere Pillen zu schlucken und sagte ihr, daß sie nun ganz sicher sei. Und wenn alle Mannsbilder vom Dorf von ihrer Milch söffen und sich darin badeten — so brauche sie doch keinem einzigen nachzulaufen. Die Bäurin merkte wohl, daß es ein sehr gutes starkes Mittel war, da sie ein heftiges Zwicken im Leibe verspürte und wohl ein dutzendmal an diesem Tage zum Misthaufen laufen mußte. Dann aber dokterte dieser unheilige Mann in seinem Zimmer herum und schließlich befahl er den Weibern, daß sie ihm eine Ziege bringen sollten. Die Frauen brachten also die weiße Ziege, und der Satansdoktor hieß der Großmagd, ihm ein wenig Milch zu melken. Die Emmerenz strich das Euter, und er gab ein wenig Milch in ein schwarzes Fläschchen. Dann schickte er die Weibes wieder fort mit der Ziege. Wieder am anderen Morgen kam er zur Bäurin herunter und ließ die Magd rufen. Er hatte ein rotes Fläschchen, darin waren nur Tropfen von der Ziegenmilch. Das gab er ihr und sagte, daß sie stracks zum Pfarrer laufen solle und ihm das Fläschchen bringen. Sie solle ihm sagen, daß es die Milch der Bäurin sei. Dann aber solle sie gut aufpassen und sich im Pfarrhause irgendwie zu schaffen machen. Und wenn der Pfarrer ausgehe, so solle sie heimlich die Hose und die Strümpfe nehmen, die er sonntags anziehe, und ihm herbringen.
Die Großmagd folgte also diesem sündhaften Rat und tat, wie er geheißen hatte. Der geistliche Herr ahnte in seinem reinen Herzen nicht die Tücken dieser Welt, freute sich sehr, nahm das Fläschchen und dankte ihr. In seiner Güte schenkte er ihr gar noch zwei silberne Schuhschnallen, die er von seiner seligen Mutter geerbt hatte. So arglosen Gemütes war er. Die Emmerenz aber vergalt Gutes mit Bösem. Sie stahl die Sonntagshosen und Sonntagsstrümpfe und brachte sie zum Grantlhof dem Dr. Teufelsdrökh. Der nahm sie und befahl, daß man den großen Ziegenbock bringen solle, einen häßlichen alten Kerl mit langem Barte. Mit dem schloß er sich eine Weile ein — und es war sicher Satanswerk, das er trieb. Am Abend aber sandte er die Großmagd wieder zum Pfarrhof und befahl ihr, heimlich die Strümpfe und die Hose genau wieder an denselben Ort zu legen, woher sie sie genommen hatte. Die Emmerenz ging und tat alles, und der gute geistliche Herr merkte nichts davon. Er fühlte sich an diesem Abend ganz froh und leicht, und nahm das rote Fläschchen und gab ein Tröpflein Milch auf die Zunge und wischte die andern über Hände und Arme und Leib und Brust. Und da noch ein wenig übrig war, so rieb er auch die Beine und den Rücken ein, denn er wollte, daß die Grantlbäurin ihn überall sehr lieb haben sollte. Da er aber ein sehr frommer Mann war, so kniete er nieder zum Gebet und bat um Vergebung seiner Sünde und versprach der Heiligen Jungfrau sieben schöne Kerzen, wenn alles gelingen sollte. Und dann setzte er sich hin und überlegte eine sehr erbauliche Predigt, weil einige Tage drauf Peter- und Paulstag war.
Nun hatte zwar der Dr. Teufelsdrökh den Frauen gesagt, daß sie fein still sein und nichts ausschwatzen sollten. Aber die Großmagd hatte es dennoch dem Wastl erzählt, und der sagte es den anderen Knechten. Die verrieten es den Mägden, bei denen sie fensterln gingen — so kam es, daß man im ganzen Dorf darum wußte. Die Bauern wußten es und die Knechte, die Mägde und die Bäuerinnen. Alle wußten, was der Herr Pfarrer Fürnkäs angestellt hatte, und alle wußten, daß ihm ein böser Streich gespielt werden sollte — und zwar gerade am Festtage, das hatte der Dr. Teufelsdrökh gesagt. Nur der Herr Pfarrer wußte nichts davon und ging reinen Herzens durch diese Teufelsverschwörung.
Früh am Morgen des Feiertages ließ der gottlose Doktor wieder die Ziege kommen. Die Bäurin und die Großmagd lauerten auf der Stiege und lauschten durch die Tür, um zu hören, was er mit ihr machen wollte. Aber sie hörten nur, daß er lange auf sie einsprach, und die Emmerenz sah durch das Schlüsselloch, daß er ihr mit einem Tuche über die Nase rieb. Als man sich zum Kirchgang rüstete, befahl er zwei Knechten, die Ziege an einem Strick mitzunehmen und am Pfarrhaus zu warten, bis der Pfarrer herauskäme, um zur Kirche hinüberzugehn. Er selbst aber erklärte, daß er auch zur Kirche gehn würde — nur an diesem Tage ging der sündhafte Mann und nur, um eine unheilige Freude zu haben über den geistlichen Herrn. Die Kindsmagd nahm also das Kindlein und schritt vorauf, dann kam die Bäurin selbst. Hinterher alle Mägde und Knechte, zum Schluß die zwei mit der weißen Ziege, der sie ein blaues Band um den Hals gebunden hatten und ein paar kleine Göckerl an den kurzen Schwanz. Ganz zuletzt aber kam der Dr. Teufelsdrökh, Grad wie der geistliche Herr zur Kirche hinüberging, um seinen armen Lämmlein das Licht des Evangeliums zu bringen, ließen die Knechte die Ziege los; die hüpfte ein paarmal herum, dann rannte sie schnurstracks auf den Pfarrer los. Der konnte sich ihrer gar nicht erwehren, und die Leute lachten und keiner half ihm. Schließlich aber entkam er doch, rannte zur Sakristei, schlüpfte hinein und schlug die Türe zu. Ein anderer Mann hätte wohl geflucht, wenn ihm das geschehen wäre, aber der geistliche Herr bezwang sich und dachte an seine heilige Pflicht. Und dann fiel ihm auch ein, daß die Grantlbäurin da sein würde, und daß es das erstemal sei, daß sie ihn sehn würde, seit er die Milch bekommen hatte. Wenn er die Augen schloß, sah er sie vor sich — so rund, überall!
Unterdessen füllte sich die Kirche — das ganze Dorf war heute da. Nur Dr. Teufelsdrökh blieb draußen stehn und ein junger Knecht, der die Ziege hielt, die man wieder eingefangen hatte. Von Zeit zur Zeit ging der Doktor zur Kirchentür und schaute hinein. Endlich kam er auf den Knecht zu und sagte: »Er ist bei der Predigt, Ambros! Ich geh nun in die Kirche. Du bleibst hier stehn und zählst bis dreißig. Dann kommst du nach und führst deine Ziege in die Kirche, sowie du die Türe hinter dir geschlossen hast, läßt du sie los.« Da grinste der Ambros.
Der geistliche Herr bereitete sich in der Sakristei vor. Er wußte, daß er im Stande der Gnade war, da er sein Brevier bis zur Terz gebetet hatte. Noch einmal, während er sich die Hände wusch, betete er um innere Reinheit. Dann legte er den Amikt um und die Albe, die er mit dem Cingulum hochschürzte, gab Manipel und Stole darüber und bekleidete sich schließlich mit Meßgewand und Birett. Er trat in die Kirche zum Altar und zelebrierte die Vormesse. Mit besonderer Weihe sprach er den Introitus des Festtages: »Nun weiß ich gewiß, daß Gott seinen Engel gesandt hat«; sehr erbaulich klang das Kyrie und die Gloriahymne. Nach dem Evangelium eilte er wieder in die Sakristei, legte die Kasel ab und nahm dafür das Chorhemd und die rote Stola. So stieg er auf die Kanzel; grade unter sich sah er die Grantlbäurin sitzen; sie sah so hübsch aus wie noch nie. Aber der geistliche Herr unterdrückte die fleischliche Lust und richtete Augen und Seele zum Himmel und sprach ein Gebet. Dann begann er seine Predigt. Er erzählte von Paulus und Petrus und den vielen Märtyrern, die ihr Leben hinopferten zum Wohle ihrer Mitmenschen. Das sei ein hehres Beispiel für alle Frommen. Ein jeder habe die heilige Pflicht, seinen Nächsten zu lieben, und darin könne kein Christ und keine Christin zu weit gehn. Man solle nicht locken gegen den Stachel, und wenn man in seiner tiefsten Seele ein starkes Bedürfnis empfinde, gut zu sein zu seinen Nächsten, so solle man dies nicht unterdrücken, sondern hineilen zu seinem Nächsten mit offenem Christenherzen und nicht darauf achten, was die Leute sagen. Wer aber sei nun der Nächste? Nun, da müsse man einen guten Unterschied machen und jeden Nächsten so lieben, wie es ihm zukomme. Den Bettler solle man nicht von der Tür weisen, sondern ihm ein Stück Brot geben, und den kranken Nachbaren solle man aufsuchen und ihn erquicken und laben. Man solle dankbar und gut sein zu seinen Eltern und Geschwistern und seinen Herrn, deren Brot man äße. Das seien alle unsere Nächsten. Besonders gut müsse man aber zu dem sein, der einem das geistige Brot reiche und durch Fasten und Beten einem helfe, den Weg zur ewigen Seligkeit zu wandeln — dieser heilige Mann sei vor allem unser Nächster.
Hier stutzte der Herr Pfarrer Fürnkäs, weil sich die Kirchentür plötzlich öffnete. Sie knarrte, und die Leute sahen sich um. Er sah einen Menschen eintreten, den er sonst nicht in dem Hause Gottes zu sehn gewohnt war — und das war der Dr. Teufelsdrökh. Eine große Unruhe faßte die Gemeinde, aber dann wurde es wieder still. Den geistlichen Herrn aber überfiel eine dunkle Ahnung, als ob irgend etwas nicht in Ordnung wäre. Dann aber besann er sich und richtete den Blick nach oben und begann von neuem. Liebliche Worte kamen aus seinem Munde.
Das sei ein gottwohlgefälliges Bild, sagte er, wenn die Lämmlein der Gemeinde sich eng scharten um den bestellten Hirten. Und kein Lämmlein möge sich scheuen und ängstigen, wenn sein Herz ihm bang schlage, es möge ruhig zum guten Hirten kommen ins Pfarrhaus, der würde es trösten.
Da ging zum zweitenmal die Kirchentür und knarrte noch lauter. Er sah Ambros, den Knecht der Grantlbäurin, eintreten, der zerrte etwas hinter sich. Dann hörte er unter den Leuten, die hinten am Eingang standen, ein halblautes Rufen und ein unterdrücktes Lachen und sah, wie etwas Weißes durch den Mittelgang lief, zwischen den Bänken durch. Jetzt erkannte er, daß es die weiße Ziege der Grantlbäurin war. Diese sündhafte Störung des Gottesdienstes tat ihm sehr weh. Er rief mit lauter Stimme hinunter, daß man dieses Geschöpf des Ärgernisses entfernen solle.
Aber keiner achtete darauf. Die Weiber kicherten und die plumpen Bauernlümmel grölten; er sah, wie selbst der Herr Bürgermeister grinste. Die Ziege blieb hier und dort stehn und schnupperte überall herum, als ob sie etwas suche — dabei klangen die Glöcklein an ihrem Schwanz. Dann blieb sie unter der Kanzel stehn und hob den Kopf und sog die Luft durch die Naslöcher. Ganz plötzlich sprang sie die Stufen hinauf, war in drei Sprüngen oben auf der Kanzel. Sie roch und schnupperte an dem geistlichen Herrn Fürnkäs und schob ihre Schnauze unter sein Chorhemd. Und ehe der geistliche Herr noch recht wußte, wie ihm geschah, stellte sie sich auf die Hinterbeine und legte ihm die Vorderbeine auf eine Schulter und leckte ihn mit der rauhen Zunge mitten durchs Gesicht.
Da brüllten und lachten und johlten und schrien die Bauernmenschen. Aber einer krähte ganz hell: »Er hat die Grantlbäurin haben wollen, jetzt hat er die Grandtlgoas!« Und ein anderer rief: »Schaut's, dem Herrn Pfarrer sei Braut!«
Der geistliche Herr wußte in seiner Not nicht, wie ihm geschah. Er dachte nicht anders, als daß der Teufel selber auf ihn gestürzt hätte und suchte sich seiner zu erwehren, so gut es ging. Aber je mehr er um sich schlug und stieß, um so enger drängte sich die Ziege an ihn und immer wieder leckte sie ihm durchs Gesicht.
Die Vroni, die Tochter vom Kaintenhofbauern, rief: »Mein Gott und Herr! Sie busselt ihn ab!« Und die Kirche grölte.
Der geistliche Herr sah wohl, wie er verlassen war von seiner Gemeinde und keine Hilfe zu hoffen habe. Das war der Dank für seine schönen Worte über die Nächstenliebe. Endlich stieß er mit aller Kraft die Ziege zur Seite und stürzte die Stufen hinab und lief Hals über Kopf durch die Kirche. Aber die Ziege sprang ihm nach und lief hinter ihm her, hinaus zur Kirche und über den Platz bis ans Pfarrhaus und tat so verliebt, als wollte sie nicht mehr von ihm lassen. Immer wieder stieß er sie fort, und immer wieder sprang sie hoch an ihm und leckte ihm durchs Gesicht. Bis er endlich sich retten konnte in sein Haus und die Tür zuschlug und verschloß.
Aber noch den ganzen Tag schrie das Bauernvolk vor der Tür: »Pfarrer, wie schmeckt enk die Milli?« Und: »Busselt sie guet dei' Ziegenbraut?«
Und die sündhaften Bauern meinten, daß sie einen solchen Spaß ihrer Lebtag nicht gehabt hätten in St. Johann am Mangfall.
Später aber wurd's nicht besser. Der arme geistliche Herr konnte sich nicht mehr sehn lassen, weil sie alle gegen ihn aufsässig waren und hinter ihm dreinschrien. Und dann erfuhr es der Bischof — und es heißt, daß er auch gelacht hat über die Geschichte. Und das ist gewiß, daß er die Seite der Bauern nahm und den geistlichen Herrn ungerecht leiden ließ. Er schickte einen anderen Pfarrer nach St. Johann und den geistlichen Herrn Fürnkäs sandte er fort auf eine recht magere Pfarrei im Edinger Moos, wo man nichts wußte von der ganzen Sache. Und Bußen gab er ihm noch dazu auf, die schwere Menge.
So mußte der arme geistliche Herr leiden unter der Treulosigkeit der Grantlbäuerin und Judasverrat der Großmagd Emmerenz und dem Satanswerk des Dr. Teufelsdrökh.
Kurze Zeit darauf erhielt Graf Osten einen Antwortbrief seiner Base, der Gräfin Elisa von der Recke aus Mi tau in Kurland. Er hatte sich an sie gewandt, um Näheres über den Sizilianer, den Grafen Cagliostro, zu erfahren. Die Gräfin, die eine Zeitlang eine Anhängerin des Abenteuers war, berichtete, daß er in Kurland eine mystische Loge gegründet habe, dann nach St. Petersburg und Warschau gegangen sei, wo er ebenfalls großen Erfolg erzielt habe. Sie habe auf den Wunsch ihres Vetters ihn über die Persönlichkeit des Armeniers zur Rede gestellt, aber nicht viel mehr erfahren, als was er dem Prinzen selber in Venedig mitteilte. Doch habe er offen zugegeben, daß er das Abenteuer in dem Lusthause an der Brenta auf ausdrücklichen Befehl des Armeniers in Szene gesetzt habe; dieser habe ihn auf den Prinzen Alexander aufmerksam gemacht. Seine Entlarvung durch den Armenier sei ihm völlig überraschen gekommen, ebenso wie seine Verhaftung. Der Armenier nenne zweifellos geheime Kräfte sein eigen; er selbst habe verschiedentlich versucht, sich ihm entgegenzusetzen, das aber bitter bereuen müssen. Er habe seither erkannt, daß es besser sei, sich ihm zu beugen; deshalb habe er auch in Venedig, ohne weiter zu fragen, die ihm gegebenen Befehle nach besten Kräften ausgeführt. Sie habe, fügte die Gräfin von der Recke hinzu, die feste Überzeugung gewonnen, daß der Sizilianer an die geheimnisvolle Kraft des Armeniers fest glaube und eine mit ängstlicher Scheu, ja Furcht vermischte Bewunderung ihm entgegenbringe.
Übrigens wiederholte sich in den nächsten Wochen des öfteren das plötzliche Entweichen des jungen Zedtwitz. Zur Rede gestellt, verwirrte er sich; vermochte immer nur über den ersten Anfang, wie über das Ende seiner Eskapaden Auskunft zu geben; sehr selten auch über belanglose Einzelheiten in der Zwischenzeit. Der Prinz gab den Befehl, ihn gewähren zu lassen und sorgte dafür, daß in seine Rockschöße Goldstücke eingenäht wurden, um ihm stets die Möglichkeit zu geben, unabhängig zu sein. Doch stellte man fest, daß nie dieses Geld benutzt wurde. Einmal verschwand der Junker auf eine ganze Woche, so daß man ernstlich sich um ihn sorgte. Eines Abends sah man ihn dann mit einem Ochsenwagen in den Park fahren; er befahl den Fuhrleuten, eine große Kiste abzuladen, entlohnte sie und schickte sie fort. Dann setzte sich der Junker, unbekümmert um den dichtstiebenden Schnee, auf seine Kiste und wartete. Prinz Alexander gab Befehl, jede seiner Bewegungen scharf zu beobachten, ihn aber nicht zu stören. Unbeweglich blieb der Junker über zwei Stunden auf seiner Kiste sitzen. Punkt acht Uhr — als die Tafelglocke durch das Schloß schallte — erhob er sich, ging zum Gärtnerhause, rief einige Leute und befahl ihnen, die Kiste in das Schlafzimmer des Prinzen zu bringen. Dort arbeitete er eine gute halbe Stunde, ging dann in sein eigenes Zimmer, legte sich zu Bett und schlief sofort ein. Als der Prinz nunmehr in das Schlafgemach eilte, bot sich ihm eine seltene Überraschung: An der Wand, gegenüber dem Bettende hing das Bild Veronikas als Madonna, das er, seit es ihm in Venedig von dem florentinischen Maler angeboten wurde, nicht mehr gesehn hatte. Der Prinz war außer sich vor Freude; er eilte sofort in das Zimmer des Junkers, um ihm zu danken und ihn auszufragen. Aber kein Rütteln und Schütteln vermochte diesen aus seinem Schlaf zu erwecken. Früh am andern Morgen befahl der Prinz, der noch im Bett lag, dem Baron Freihardt, den Junker zu holen. Der junge Zedtwitz kam; er war ausgeschlafen und sah außerordentlich frisch und blühend aus. Der Prinz wußte es so einzurichten, daß der Junker bei seinem Eintreten das Bild nicht sah; er ließ ihn dann auf dem Bette Platz nehmen, so daß er der Wand den Rücken zudrehte. Er plauderte mit ihm über allerhand gleichgültige Dinge, und der Junker stand ihm völlig unbefangen Rede und Antwort. Dann bat ihn der Prinz, er möge ihm doch eine kleine Schere von der Konsole holen. Zedtwitz stand auf und sah über dieser Konsole das Bild hängen. Er blieb, aufs äußerste erstaunt, stehn und rief: »Unsere Madonna aus Venedig! — Wann haben Sie das Bild bekommen, Durchlaucht?«
Es war ganz augenscheinlich, daß seine wachen Augen es jetzt zum ersten Male in diesem Raum sahen.
Dieses Bild wurde dem Prinzen der Gegenpart zu langen Zwiegesprächen. Er ließ einen Vorhang darüber anbringen, als wolle er es bewachen vor den Blicken aller andern. Nur wenn er allein war, zog er diesen Vorhang zurück — verbrachte ganze Stunden im Anstarren des Bildes.
Die Tagessatzung vor dem höchsten Gericht, die trotz aller Verschleppungspolitik der Anwälte des Prinzen Alexander die endgültige Entscheidung, auf die der alte Herzog drängte, bringen sollte, brachte statt dessen eine von keiner der beiden Seiten vorhergesehene Überraschung. Die Advokaten des Prinzen hatten wieder Vertagungsanträge eingereicht, die sie eingehend begründeten; das Gericht hörte ihnen geduldig zu, um dann die Anträge kurzerhand abzuweisen. In diesem Augenblick betrat ein Frankfurter Anwalt, der eben in der Residenz eingetroffen war, den Gerichtssaal. Da er den meisten der Richter und Sachwalter gut bekannt war, brauchte er sich persönlich nicht zu legitimieren; dagegen legte er vollgültige Dokumente vor, die seine Eigenschaft als regelmäßig bestellten Vertreter der verschwundenen Erbprinzessin, der Mutter des jungen Prinzen, klar bewiesen. Er legte dar, daß wichtige Umstände, die nicht zur Sache gehörten, seinerzeit das Verschwinden der Erbprinzessin bedingt hätten. Jetzt aber mache sie ihr Recht als Mutter geltend und verlange, daß ihr der Sohn herausgegeben und zur Erziehung überlassen werde. Auf die Frage des Vorsitzenden, in welcher Weise denn diese Erziehung gedacht sei, erklärte der Anwalt, daß er darüber keine Angaben machen könne, und daß das im übrigen Angelegenheit der Mutter sei.
Infolge dieser überraschenden Wendung wurde natürlich die Sitzung vertagt. So sehr diese neue Vertagung auch den Wünschen des Prinzen entsprach, so konnte er sich doch keineswegs verhehlen, einen wie starken Schlag seine Sache durch das Auftreten der Erbprinzessin erleiden mußte. Wenn diese Frau, die bisher ihre Muttergefühle, wenn sie solche überhaupt je gehabt hatte, völlig vernachlässigt hatte, sich nun plötzlich auf ihr Recht als Mutter besann und es im Prozeß gegen den alten Herzog wie gegen den Prinzen Alexander geltend machte, so standen ganz gewiß nicht zu verachtende Kräfte hinter ihr, die ihr Rückhalt boten; man mußte also annehmen, daß hier unter allen Umständen ein starker Widerstand zu gewärtigen war. Des Prinzen Sache aber war viel mehr wie die des Herzogs durch das Eingreifen der Erbprinzessin gefährdet. Der Prinz bestritt die Legitimität des Kindes, und seine ohnehin schwachen Gründe stützten sich auf die Behauptungen, daß die Mutter eine Abenteurerin sei, und daß die Ehe des Erbprinzen überhaupt nicht gültig zustanden gekommen sei. Seine Hoffnung stützte sich auf die Person des Prämonstratenserpaters der Fürstin Elisabeth, der das Paar getraut hatte. Gelang's diese wichtigsten Zeugen zu gewinnen — so war sehr viel erreicht. Bisher freilich waren alle Versuche, ihn zu einer andern Aussage zu bewegen, völlig vergeblich gewesen. Dennoch: Er gehörte zu jenen blinden Fanatikern, die für die Sache, an die sie einmal glauben, jedes Opfer zu bringen bereit sind. Sein großer Gedanke war gewesen, das Fürstenhaus und damit das Land in den Schoß seiner Kirche zurückzuführen. Dieser Plan war gründlich gescheitert: Der junge Prinz wurde streng protestantisch erzogen. Dagegen war Prinz Alexander katholisch — hier also konnte er das Spiel gewinnen, wo er vorher gründlich verspielt hatte.
Nun aber griff die Erbprinzessin ein. Gelang es ihr, jetzt oder nach dem Tode des alten Herzogs, die Person und damit die Erziehung des Thronfolgers in die Hand zu bekommen, so war es gewiß, daß sie ihn katholisch aufziehn würde. Dann aber würden alle Elemente, die bisher seine, des Prinzen, Sache unterstützten, sich von ihm ab- und der Erbprinzessin zuwenden. Seine Einwände gegen die Legitimität würden im Augenblick zurückgewiesen werden; die Höfe von Wien, München, Dresden, die römische Kurie, wie die spanischen, französischen, italienischen Fürstenhäuser mußten ganz gewiß ein viel größeres Interesse an einem jungen katholisch getauften und katholisch erzogenen, dazu zweifellos thronfolgeberechtigten Prinzen haben, als an einem Konvertiten, dessen Ansprüche recht zweifelhafter Natur waren. Dazu kam, daß sie während der Regierung eines Kindes und der möglichen Regentschaft einer Frau, der Erbprinzessin-Mutter, gewiß einen viel stärkeren Einfluß auf die Politik des Landes ausüben konnten. Schon gleich in den nächsten Tagen bemerkte Prinz Alexander die Folgen des plötzlichen Eingreifens des Frankfurter Anwalts: Die Gesandten waren zwar genauso höflich und liebenwürdig wie zuvor, aber er bemerkte doch eine gewisse Zurückhaltung. Offenbar hatten sie die Situation sofort erkannt und erwarteten nun Weisungen ihrer Regierungen. Inzwischen stellen Marchese Civitella und Baron von Freihardt fest, daß von den verschiedensten Höfen durch ihre Vertreter in der Freien Reichsstadt Frankfurt das Menschenmöglichste versucht wurde, um von dem Advokaten der Erbprinzessin Näheres über deren Aufenthalt und Pläne zu erfahren. Civitella, der selbst nach Frankfurt gefahren war, um im Interesse des Prinzen das Gleiche zu versuchen, konnte jedoch berichten, daß der Anwalt durchaus reinen Mund hielt — augenscheinlich aus dem sicheren Grunde, daß er von all dem selbst nicht das geringste wußte.
Die Lage schien verzweifelt für den Prinzen. Er wartete immer noch vergebens auf das Eintreffen seines Ratgebers, des Armeniers. Obwohl er äußerlich eine gleichgültige Miene aufzusetzen versuchte, bemerkte doch jeder, der mit ihm sprach, seine innere Unruhe. Auf lange Zeit zog er sich täglich allein in seine Gemächer zurück; manchmal saß er dann stundenlang vor dem Madonnenbild; dann wieder lief er einsam grübelnd durch den Park. Endlich schien er einen Entschluß zu fassen. Er bat den Marchese zu sich, zu dessen Geschicklichkeit er ein großes Vertrauen hegte.
»Marquis«, rief er dem Eintretenden entgegen, »etwas muß geschehen! Ich warte und warte — und derweil wird der Kampf ausgespielt, ehe wir ihn recht begonnen haben. Setzen Sie sich, Civitella, ich glaube einen Weg gefunden zu haben, und ich möchte ihre Meinung darüber hören.«
Der Marchese nahm Platz; sie sprachen noch einmal in allen Einzelheiten die ganze Lage durch. »Der Herzog«, schloß Prinz Alexander, »ist deshalb im Vorteil, sowohl vor uns, wie vor der Erbprinzessin, weil er den jungen Thronfolger in seiner Obhut und Gewalt hat. Beatus Possidens! Bekommt die Erbprinzessin diese Gewalt, so ist aller Vorteil bei ihr, Marquis, und unsere Sache ist ganz sicher verloren. So ist es und nicht anders. »Dann, Durchlaucht«, rief Civitella, »gibt es nur eines: mit allen Mitteln zu versuchen, den jungen Prinzen in unsere Hand zu bekommen!«
Prinz Alexander sprang auf. »Das ist es!« rief er. »Ich freue mich, daß Sie es fanden, noch ehe ich's selbst aussprach. Und nur Marquis, wollen Sie mir helfen? Sie sind geschickter als meine deutschen Kavaliere und Freunde; hier können Sie mir Ihre Anhänglichkeit beweisen! Darf ich diese Sache in Ihre Hände legen?«
Der Marchese, dessen angeborene Lust zu jeder Intrige dieser Gedanke mächtig anreizte, erklärte sich sofort bereit. »Geben Sie mir Zeit bis heute abend, Durchlaucht!« rief er. »Ich werde inzwischen einen Plan ausdenken.«
Nach der Abendmahlzeit kehrte er zum Prinzen zurück, der mit dem Baron von Freihardt über einer Schachpartie saß.
»Ich hab's!« rief er aufgeregt. »Wollen Sie mir nun bitte genaue Angaben machen, gnädigster Prinz, wo der junge Thronfolger zu finden ist.«
»In demselben Schloß«, erwiderte der Prinz, »in dem mein Vetter seine Gefangenschaft und seine Flitterwochen verlebte; in demselben Zimmer vermutlich, in dem der junge Prinz das Licht der Welt erblickt hat. Es ist mit einem guten Pferde in kaum zehn Stunden von der Residenz zu erreichen.« Er befahl dem Baron, eine Landkarte herzubringen und zeigte ihm genau die Lage. Freihardt, dessen Vater vor manchen Jahren dieses herzogliche Schloß eine Zeitlang verwaltet hatte und der als Knabe lange dort gelebt hatte, schilderte ihm die Baulichkeiten und Gärten sowie das nahegelegene Städtchen in allen Einzelheiten.
Civitella steckte die Karte ein und machte sich Notizen. Als der Prinz ihn befragte, wie er vorzugehn beabsichtigte, bat er, von einer Antwort entschuldigt zu werden. Er zog seinen Degen und rief: »Gnädigster Prinz, auf diese Klinge, die ich liebe und nicht von der Seite lasse, schwöre ich Ihnen: in spätestens drei Wochen ist Ihr junger Neffe in diesem Zimmer! Dann werde ich Ihnen alles erklären!«
Mit einer vollendeten Verbeugung steckte er seinen Degen in die Scheide. Prinz Alexander lächelte und reichte ihm die Hand. »Und wir können nichts tun, Marquis, Ihnen zu helfen?« fragte er.
»Doch!« nickte der Marquis. »Ich brauche den jungen Zedtwitz — geben Sie mir den mit.«
Noch in derselben Nacht ritten Civitella und Zedtwitz aus dem Schloßparke.
Sechzehn Tage später klopfte es mitten in der Nacht an des Prinzen Türe. Der Prinz lag im Bette; aber er hatte noch kein Auge zugetan. Lange hatte er vor dem Madonnenbilde gesessen, hatte endlich den Vorhang vorgezogen, war zu Bett gegangen und hatte versucht zu lesen. Doch fand er keine Ruhe.
Auf sein »Herein!« öffnete sich die Tür; Baron Freihardt führte den fröhlich lachenden Civitella herein.
»Halten zu Gnaden«, rief der Marchese, »und verzeihn Sie gütigst die nächtliche Störung! Mein Auftrag ist ausgeführt, Durchlaucht — ich erwarte den nächsten!«
Mit diesen Worten winkte er zur Türe hin — der Prinz sah eine hübsche Kindsmagd eintreten, die einen dreijährigen Buben auf dem Arme trug.
»Darf ich Ihnen den jungen Prinzen Eberhard vorstellen?« lachte der Marchese.
Es war ein sehr schönes Kind, das in tiefstem Schlafe lag. Eines der kleinen Händchen hatte es fest um den Daumen der Kindsmagd gepreßt. Der Prinz betrachtete es lang, von widerstrebenden Gefühlen erfaßt. Er sprach kein Wort; doch sah man, daß dieses hilflose, arglos schlummernde Kind seine starke Sympathie gewann. Langsam beugte er sich herab und küßte es.
Dann befahl er Freihardt, die Wärterin zu holen. Man hatte in der Zwischenzeit, in der Erwartung der Ankunft des jungen Prinzen, Personal gemietet, auf dessen Verschwiegenheit man sich verlassen konnte; auch waren einige Zimmer zum Empfange vorbereitet. Die Wärterin kam und tat sehr entzückt über ihren Schützling, den sie sogleich aus den Armen der Kindsmagd nahm. Sie ging, während die Magd stehn blieb, als ob sie weitete Befehle erwarte.
»Sie können mit der Wärterin gehen«, sagte Prinz Alexander, »Sie werden müde sein von der Reise und ausschlafen wollen. Einstweilen danke ich Ihnen, liebes Mädchen — wir werden morgen früh weiteres besprechen.«
Aber die Kindsmagd grinste und blieb unbeweglich stehn, während der Marchese in ein helles Gelächter ausbrach.
»Gnädigster Prinz!«, rief er. »Wie gefällt Ihnen das Mädchen? Meinen Sie nicht, daß sie es in Ihrer persönlichen Dienst nehmen sollten?«
Freihardt erschrak über den Scherz des Italieners; er wußte zu gut, daß in dem Herzen seines Herren nur ein Bild Platz hatte: das Veronikas. Er bemerkte eine leichte Wolke auf der Stirne des Prinzen und versuchte rasch einzulenken. »Kommen Sie, Marquis, der Prinz ist sehr müde«, sagte er, »ebenso wie Sie und die Magd. Man wird alles morgen besprechen.«
Aber Civitella ließ sich nicht abschrecken. Er faßte die Kindsmagd um die Hüften und gab ihr einen herzhaften Kuß auf die Wangen. »Nein, nein, Baron«, lachte er, »das muß gleich erledigt werden. So dürfen Sie die hübsche Kleine nicht abspeisen. Sie hat sich sehr verdient gemacht um unsern Prinzen — und es ist wirklich nicht recht, daß er sie nicht einmal ordentlich anschauen will. Sie hat einen Kuß von Ihnen verdient, Prinz, und von Ihnen auch, Baron! Und, bei meiner Ehre, ich will nicht hinausgehen aus diesem Zimmer, bis sie nicht beides bekommen hat!«
»Um Himmels willen, Marquis!« stotterte Freihardt.
Aber zu seinem Erstaunen hörte er plötzlich auch den Prinzen hell auflachen. »Komm her, hübsches Ding«, rief er, »hier hast du deinen Kuß.«
Die Kindsmagd trat ans Bett, knickste sehr tief und artig — und wirklich: Prinz Alexander küßte sie.
»Und nun«, fuhr er fort, »geh zu meinem lieben Freunde Freihardt, daß er dir auch einen Kuß gibt!«
Der Baron glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Die hübsche Magd aber trat auf ihn zu, lächelte und knickste vor ihm wie vor dem Prinzen.
Freihardt starrte sie an — und dann — plötzlich — erkannte er das Gesicht.
Es war — der junge Zedtwitz, den er nun auch seinerseits küßte.
»Wollen Sie mir berichten, Marquis?« bat der Prinz. »Ich kann doch nicht schlafen, und wenn Sie nicht zu müde sind —«
»Müde schon, Durchlaucht, und vor allem durstig und hungrig!« antwortete Civitella. »Wenn Sie gütigst befehlen wollen, mir ein wenig Essen und einen Schluck Wein zu bringen — so werde ich bis morgen früh Ihnen erzählen.«
»Recht so!« rief Prinz Alexander. »Wollen Sie dafür sorgen, Freihardt? Und nehmen Sie das hübsche Fräulein mit sich und erquicken Sie es tüchtig! Aber dann bringen Sie es zu Bett — junge Mädchen dürfen nicht so lange aufbleiben!«
Bald brachte ein Lakai eine kalte Schüssel und dazu ein paar Flaschen Wein. Der Marchese begann mit erstaunlichem Appetit zu essen. »Wir sind hergefahren in einer geschlossenen Kutsche«, erklärte er, »aufgebrochen vor Tagesgraun! Jede Ortschaft, jedes Dorf haben wir sorgsam vermieden, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen — so konnten wir nichts zu essen bekommen. Es war nur ein Glück, daß wir genügend Milch und Zwiebäcke mit hatten für das Kind — ich sage Ihnen, Durchlaucht, es ist ungeheuerlich, was so ein Wurm essen und trinken kann.«
Er setzte sich zu dem Prinzen aufs Bett und erzählte.
»Wir ritten die Nacht durch, gnädigster Prinz, und kamen zeitig in dem Städtchen an. Dort stiegen wir in einem kleinen, aber sehr reinlichen Gasthause ab und hielten uns den Tag über ruhig; bis zum Abende mein Jäger eintraf, der mir die nötigen Kleider brachte, die ich zu meinem Plan benötigte. Während des Tages trug ich dafür Sorge, daß das hübsche Töchterlein des Wirts, das uns bediente, möglichst viel in unseren Zimmern und besonders in dem des jungen Zedtwitz zu tun hatte. Ew. Durchlaucht hatten damals in Venedig den Kopf zu voll mit anderen Dingen, sonst würde es Ihnen ebenso aufgefallen sein, wie Baron Freihardt und mir, welch tiefen Eindruck der saubere Junker auf alles macht, was Röcke trägt. Alte Matronen und junge Mädel, Gräfinnen und Schenkdirnen, alle waren gleich verrückt nach ihm. Da konnte es denn nicht ausbleiben, daß der schöne Schmetterling, der kaum flügge geworden, sich den süßen Honig der venetianischen Frauenwelt gut schmecken ließ.
Eines Abends war ich zum Nachtmahl bei dem Grafen — — geladen, gestatten Sie mir, den Namen zu verschweigen, Prinz! Er hatte eine schöne junge Frau, eine Paduanerin, auf die ich längst ein Auge geworfen hatte. Nach der Mahlzeit zog sich die Gräfin in ihr Schlafgemach zurück, während ich mit dem Alten allein saß. Plötzlich kamen einige Herren an, Mitglieder des Bucintoro, dessen eifrige Stütze der alte Graf war; sie hatten den Auftrag, ihn zu einer wichtigen Sitzung zu holen, die er augenscheinlich vergessen hatte. Wir brachen auf und eilten hinunter zur Gondel; als wir eben einstiegen, bemerkte ich, daß ich mein Barett vergessen hatte. Da ich doch nicht mit den anderen fahren konnte — ich war damals noch zu jung, um in den Bucintoro aufgenommen zu sein —, so verabschiedete ich mich, um meine Mütze zu holen. Wie ich die Treppe hinaufstieg, kam mir der Gedanke, daß dieser Zufall vielleicht mein Glück sein könnte. Freilich hatte die junge schöne Gräfin nie auch nur durch einen Blick mich ermutigt, aber ich kannte die Frauen unserer Gesellschaft zu gut, um nicht zu wissen, daß es bei einer guten Gelegenheit häufig nur des kecken Zugreifens bedarf, um sie zu erobern. Ich beschloß also, mein Glück zu wagen und ging geradewegs in das Schlafzimmer der Gräfin, in das ich, ohne zu klopfen, eindrang — zu meiner Freude war die Tür nicht verschlossen. Das Zimmer war dunkel — nur ein schwacher Mondschein fiel durch das Balkonfenster. Ich hörte einen raschen Aufschrei — die Stimme der Gräfin — dann die Worte »Mein Mann, mein Mann!« — Und: »Hier — schnell — verbirg dich!«
Ich erfaßte die Situation im Augenblick — hatte ich mich doch selbst schon in solch fataler Lage befunden. Die Gräfin hatte also einen Liebhaber bei sich! Es wäre wenig ehrenhaft gewesen, die Verlegenheit der schönen Frau auszunutzen — ich sah, daß ihr Herz ausgefüllt war und mußte mich damit abfinden. Im Augenblick vorher noch ein stürmischer Liebhaber, verwandelte ich mich gleich in einen tadellosen Kavalier.
»Ich bitte vielmals um Verzeihung, gnädigste Gräfin!« sagte ich. »Ich habe die Türe verfehlt.« Mit diesen Worten machte ich Miene, mich zurückzuziehen. Die Gräfin stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, dann kam sie auf mich zu. Sie brannte einen Leuchter an und hielt ihn hoch, als wolle sie sich vergewissern, daß wirklich nur ich der Eindringling sei.
Ich verbeugte mich, legte die Hand aufs Herz und sagte: »Gnädigste Frau Gräfin wollen überzeugt sein, daß das, was mir ein Zufall mitteilte, mein strengstes Geheimnis bleiben wird. Nehmen Sie an, Frau Gräfin, daß ich blind und taub sei und nichts gesehen noch gehört habe.«
Sie stutzte einen Augenblick; es schien als wolle sie meine Hand ergreifen, um mir zu danken. Dann aber besann sie sich, zog die Lippen hoch und sagte stolz: ›Sie irren sich, Marquis! Sie haben wirklich nichts gesehen noch gehört, was ich mir vorzuwerfen hätte! — Sie hörten mich bei Ihrem unvermuteten Eintritt erschreckt aufschreien — und dachten—dachten — daß ich einen Liebhaber bei mir hätte! Sie versichern mich zwar Ihrer Großmut und Diskretion — aber ich fürchte, daß Sie vielleicht daran vergessen könnten! Nein Marquis — es war kein Mann in diesem Raume!‹
Obwohl dieses Mißtrauen beleidigend war, widersprach ich ihr nicht ›Wie Sie befehlen, Gräfin‹, sagte ich, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken.
Sie bemerkte es sofort. ›Sie zweifeln?!‹ rief sie. ›Ich will Ihnen sagen, wer hier war: eine arme Verwandte von mir, die mein Mann aus Gründen, die Ihnen gleichgültig sein können, nicht bei mir sehn soll!‹ Sie ging ein paar Schritte ins Zimmer und schlug den Vorhang zurück. ›Komm heraus, Marietta‹, fuhr sie fort, ›es ist nicht der Graf!‹
In der Tat kam ein Mädchen hinter dem Vorhang zum Vorschein, das verschämt eine Hand vor das Gesicht hielt. Ihre Kleidung war ein wenig in Unordnung, sie hatte keine Schuhe an, und der Gürtel des Gewandes war gelöst. Ein plötzlicher Verdacht faßte mich; ich ergriff den Leuchter, den die Gräfin auf ein Tischchen gestellt hatte, riß dem Mädchen die Hand herunter und leuchtete ihm ins Gesicht. Meine Bewegung war so schnell, daß sie vollkommen überraschend kam — aber die Überraschung der beiden Frauen war nicht größer als meine eigene, als ich in der armen Verwandten den Kammerjunker von Zedtwitz erkannte. Übrigens muß ich sagen, daß der hübsche Junker schneller seine Geistesgegenwart wiederfand als ich die meine: Er riß mir meinen eigenen Degen aus der Scheide und hielt ihn mir vor die Brust. Ich war wirklich völlig wehrlos — meine einzige Waffe war ein schallendes Lachen, das freilich den hitzigen jungen Liebhaber vollständig entwaffnete.
Die Gräfin gab nun ihre Heuchelei auf; sie bat händeringend um meine Diskretion, die ich ihr natürlich zusagte. Ich habe mein Wort gehalten — sie gilt heute noch als die tugendhafteste Dame in Venedig.
Die Erinnerung an dies kleine Abenteuer, gnädigster Prinz, war es, die mir meinen Plan eingab. Ich gebe offen zu, daß mir nie aufgefallen wäre, ein wie hübsches Frauenzimmer der Junker darstellen könne — die weibliche Schlauheit der Gräfin sah es im Augenblick, so daß der Junker in ihrem Palazzo ungehindert ein- und ausgehen konnte.
Es war also mein Plan, Zedtwitz als Kindsmagd in das Schloß zu schmuggeln; die nötigen Kleider und die Perücke hatte mein Jäger inzwischen besorgt und uns nachgebracht. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß erst wenige Tage vorher ein Mädchen, das der Pflegerin des jungen Prinzen zur Seite stand, mit einem Soldaten durchgegangen war. Inzwischen hatte sich, wie ich voraussetzte, der Junker mit dem Wirtstöchterlein herzlich angefreundet, und es war mir am andern Tage ein leichtes, sie für unsere Zwecke zu gewinnen. Der Junker mußte ihr vorreden, daß er mit mir eine Wette gemacht habe, unerkannt als Mädchen zwei Monate herumzulaufen und bat sie nun um ihre Hilfe, seine Wette zu gewinnen. Das Mädel ging um so bereitwilliger darauf ein, als sie auf diese Weise die Hoffnung hatte, den hübschen Jungen, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte, auf so lange Zeit in ihrer nächsten Nähe zu haben. Sie kleidete also den Junker zur Probe an und nahm, was sie nur konnte, von ihren eigenen Sachen, um ihn möglichst echt ausschauen zu machen. Ich hörte im Nebenzimmer das Gekicher und Gelächter, und ich muß gestehn, gnädigster Prinz, daß mir ganz warm dabei wurde.
Am Nachmittag ließ ich den Junker auf seinem Gaul abreiten; während der Nacht ließ seine kleine Freundin ihn heimlich durch Fenster wieder ein. Am andern Morgen wurde er von neuem in ein Mädchen verwandelt — — er brachte mir das Frühstück ans Bett, und ich erkannte ihn zunächst ebensowenig wie Sie, Durchlaucht. Das Wirtstöchterlein erzählte ihrem Vater, daß ein Mädchen aus der Residenz da sei, um sich um die Stellung im Schlosse zu bewerben — weder er noch einer der Angestellten des Gasthauses schöpften den leisesten Verdacht. Der Wirt, ein Witwer in den besten Jahren, fing sofort an, mit dem Kindsmädchen zu schäkern — seine Tochter zog es ihm weg. Man sandte einen Knecht zum Schlosse, der den Bescheid zurückbrachte, daß das neue Mädchen sich erst am andern Morgen vorstellen sollte. So mußte es noch diese Nacht im Gasthaus bleiben. Es half beim Aufwarten während des Abendessens, das ich mit dem Wirt und ein paar Handlungsreisenden gemeinsam in der Schenkstube einnahm, und erfreute sich der allgemeinen recht deutlichen Zuneigung aller; besonders schien auf die starken Hände des Wirtes das hübsche Ding eine geradezu magnetische Anziehungskraft auszuüben. Es ging so weit, daß das Wirtstöchterlein hell zu weinen begann und erklärte, daß sie so etwas nicht leiden wollte, und daß der Herr Vater sich schämen sollte! Und sie wisse, daß er es nicht wagen würde, sich so zu benehmen, wenn ihre Frau Mutter noch lebe — die würde es ihm schon gezeigt haben! Und dann erklärte sie, daß es ihre Pflicht sei, das arme unschuldige Ding zu schützen, und daß sie nicht dulden würde, daß ihr Schützling in dem Gastzimmer schliefe, dessen Schloß ohnehin zerbrochen wäre und wo sie Gott weiß welchen unsittlichen Anschlägen ausgesetzt sein könnte! Sondern sie würde das unschuldige Kind für die Nacht in ihr eigen Zimmer und in ihr eigen Bett nehmen und die Tür gut verriegeln und schon dafür sorgen, daß ihm nichts von seiten der Mannsleute geschähe! Und das tat sie auch.
Am anderen Morgen brachte sie das neue Mädchen ins Schloß und führte es vor; man wurde gleich einig und nahm es in den Dienst. Das Wirtstöchterlein hatte es als seine eigene Base vorgestellt und gesagt, daß sie für seine Tugend verantwortlich sei — darum müsse es die Erlaubnis haben, wenigstens zweimal in der Woche zu ihr zu kommen, während umgekehrt auch sie es im Schlosse besuchen dürfte — all das wurde von der Pflegerin gerne zugestanden.
In diesen Tagen hielt ich mich sehr ruhig im Gasthause; ging nur in der Dämmerung ein wenig spazieren. Es war recht langweilig, Durchlaucht, zumal das Wirtstöchterlein auch nicht das allergeringste von mir wissen wollte. Zedtwitz kam ein paarmal, aber dann konnte ich ihn nur sehr kurze Zeit sprechen, da seine kleine Freundin ihn sofort mit Beschlag belegte. Da diese ihn auch im Schloß aufsuchte, da ferner mein Jäger inzwischen die Gelegenheiten ausgekundschaftet hatte und sich an verabredeten Plätzen im Schloßpark herumtrieb, so war ich wenigstens in ständiger Verbindung mit dem Junker. Der junge Prinz wurde sehr gut bewacht; Zedtwitz sollte eine glückliche Gelegenheit abwarten, wo ihm allein die Obhut des Kindes anvertraut sein würde. Für diesen Moment war alles vorbereitet; in einem kleinen unscheinbaren Gasthofe vor dem andern Ende des Städtchens hatte ich meinen zweiten Jäger untergebracht, der mit der Kutsche nachgekommen war; diese stand Tag und Nacht reisefertig da.
Ich war froh, daß das Wirtstöchterlein da war; ich weiß nicht, ob der Junker ohne diese hübsche Zerstreuung so lange seine schwierige Rolle hätte durchführen können. Und dieses Mädchen war es auch, das sehr viel zum Gelingen unseres Planes beitrug, der auf ein Haar zu scheitern drohte. Sie kam eines abends sehr aufgeregt von einem Besuche im Schlosse zurück und berichtete mir, daß sie in der Dämmerung vor dem Parke eine große Kutsche gesehen habe und eine Schar Berittener, alle bis an die Zähne bewaffnet. Da die Nachricht von dem Eingreifen der Erbprinzessin in dem Prozeß ihren Weg längst in das Städtchen gemacht hatte, so befürchtete man dort, wie auch im Schlosse, eine gewalttätige Entführung des Kindes von ihrer Seite — es ist richtig, Prinz, daß man früher auch von unserer Seite einen ähnlichen Schritt befürchtet hatte, doch hatte man diesen Gedanken längst wieder aufgegeben, da während so vieler Monate nichts geschehen war.
Kein Wunder also, daß dieser unvermutete Anblick in der stillen friedlichen Gegend das Herz des braven Mädchens heftig schlagen ließ. Ich traf sofort meine Vorkehrungen, beorderte meine Kutsche an einen anderen Punkt der Parkmauer, wo sie unter dem Schutz einer verfallenen Scheune ziemlich unbemerkt stehn konnte. Während ich meine Jäger dort warten ließ, begab ich mich mit dem Mädchen zu dem vom Vollmonde beschienenen Schloßpark. Inzwischen war der geheimnisvolle Trupp Bewaffneter auch von andern bemerkt worden; es kamen immer mehr aufgeregte Leute in die Wirtsstube; man beschloß, unter Führung des Wirtes und des Nachtwächters dem Schlosse zu Hilfe zu eilen.
Mittlerweile hatte sich im Schloß ein kleines Drama abgespielt. Einige Bewaffnete waren unbemerkt eingedrungen, in den Flügel des Gebäudes, der dem jungen Prinzen bestimmt war, geeilt und hatten das Kind vor den Augen der schreienden Pflegerin aus der Wiege gerissen. Eine große verschleierte Frau war mit ihnen; diese hatte den Prinzen sofort auf die Arme genommen — sie schritt voraus, während die Bewaffneten ihren Rückzug deckten. Das Schreien der Kindsfrau hatte die Dienerschaft und die Kavaliere herbeigerufen; man machte sich sofort an die Verfolgung und erreichte die Entführer im Parke. Da diese jedoch mit Schußwaffen versehen waren und reichlich davon Gebrauch machten, so wurden zwar eine Anzahl der Verfolger verwundet, nicht aber den Räubern ihre Beute abgejagt. Schon glaubten sich diese in Sicherheit, als in ihrem Rücken mit großem Geschrei der Haufe der Bauern und Stadtleute erschien; hierdurch gerieten die Entführer für einen Augenblick in Verwirrung, da sie ihren Weg abgeschnitten sahen. Sie besannen sich aber sofort und wandten sich kräftig gegen den neuen Feind, während zwei von ihnen mit der verschleierten Frau, die das Kind trug, über eine große Rasenfläche forteilten. — Schon hatten sie fast die Parkmauer bei einem kleinen Pförtchen erreicht, als plötzlich, die Röcke hochaufgeschürzt, ein Frauenzimmer heranstürzte — eben die neue Kindsmagd, unser Junker. Er schwang einen mächtigen Reitersäbel über dem Kopf — die Räuber waren durch diesen seltsamen Angriff so verwirrt, daß sie die Verteidigung fast vergaßen, er verwundete beide, riß dann das Kind aus den Armen der Frau und eilte zurück — in der nächsten Minute war er von der begeisterten Menge der Schloßleute sowie der Städter und Bauern umgeben, die ihm laut zujauchzten. Das Wirtstöchterlein vor allem hängte sich weinend und lachen an seinen Hals, als wollte es ihn überhaupt nicht mehr loslassen. Im Triumph brachte man das Heldenmädchen zum Schlosse zurück.
Diese Gelegenheit hatten die zwei Bewaffneten benutzt, um mit der verschleierten Frau durch das Pförtchen zu entkommen. Auch von den anderen Leuten der Entführerbande erwischte man keinen, obwohl man den Park und die Umgegend aufs genaueste absuchte.
Es galt als ausgemacht, daß der Anschlag von der Erbprinzessin ausging; ja die Schloßleute behaupteten, daß diese selbst die Bande geführt habe. Gesehn hatte zwar keiner ihr Gesicht, doch glaubten viele, ihre stolze Figur erkannt zu haben. Der Umstand, daß die Erbprinzessin ja mit allen Gelegenheiten innerhalb und außerhalb des Schlosses aufs genaueste Bescheid wußte, machte diesen Verdacht fast zur Gewißheit — nur so war es zu erklären, daß die Bewaffneten trotz aller Vorsichtsmaßregeln ungesehn ins Schloß dringen konnten, um urplötzlich in dem Schlafgemach des jungen Prinzen zu erscheinen.
Diesen Umstand machte ich mir zunutze — wenn unser Plan überhaupt gelingen sollte, so mußte er sogleich ausgeführt werden und zugleich der andern Seite in die Schuhe geschoben werden.
Die Pflegerin war von dem Schrecken, den sie erlitten hatte, so angegriffen, daß sie das Bett hüten mußte; so wurde die persönliche Obhut des Kindes vollständig der heroischen Kindsmagd anvertraut — man legte zwei bewaffnete Jäger in das Vorzimmer. Ich sandte im Laufe des folgenden Tages die Wirtstochter mit einem Brief an Zedtwitz und gab ihm genaueste Instruktionen, die er gewissenhaft ausführte. Er ließ sich in der letzten Nachtstunde, nur mit einem Hemd bekleidet, an einem Strick, den ich ihm gesandt hatte, von dem Fenster herunter und traf mich und meinen Jäger im Gebüsch im Parke versteckt. Alles ging vorschriftsmäßig, und mein Plan mußte nur insofern eine Änderung erleiden, als die verliebte Wirtstochter nicht zu bewegen gewesen war, für diese Nacht nach Hause zu gehen, sondern darauf bestanden hatte, in den Armen ihres jungen Helden zu schlafen. Als wir drei den Strick hinaufgeklettert waren, fanden wir sie in tiefstem Schlafe — beide Arme hielten eng ein Kissen umschlungen, das ihr der Junker an seiner Stelle untergeschoben hatte. Vorsichtig legte sich Zedtwitz wieder zu Bett an ihre Seite, während mein Jäger und ich unsere Masken anlegten — wie Sie wissen, Durchlaucht, trägt ein Venetianer die immer in der Tasche. Dann stürzten wir uns auf die Wirtstochter, schoben ihr einen Knebel in den Mund, um sie am Schreien zu hindern, und banden sie an Armen und Beinen — doch ließen wir ihr die Augen offen, damit sie den weiteren Verlauf gut sehn sollte. Wir warfen uns nun auf Zedtwitz, der im Hemd aus dem Bett sprang und uns zum Schein einen verzweifelten Kampf lieferte. Schließlich sank er zu Boden, von meinem Theaterdolch, der in den Griff zurückschnellt, in die Brust getroffen. Um das arme Mädchen wenigstens einigermaßen zu beruhigen, beugte ich mich über ihn, als ob ich ihn untersuchte und sagte halblaut: ›es ist nichts — nur eine kleine Fleischwunde! Eine leichte Ohnmacht, die bald vergehn wird!‹ Und ich fuhr fort, zu meinem Jäger gewandt: ›Binde Arme und Beine recht fest! Ich nehme das Kind — und dann fort mit beiden — die Erbprinzessin wird uns gut belohnen!‹
Der Jäger machte Anstalten, als ob er den Junker binden wollte, während ich über das Mädchen, das sich nicht rühren konnte, alle Decken und Kissen warf, die ich nur finden konnte — was nun geschah, sollte sie gewiß nicht mehr sehn. Zedtwitz erhob sich, ergriff das Kind, warf seiner kleinen Freundin noch eine Kußhand zu und schwang sich aus dem Fenster, der Jäger folgte ihm mit den Frauenkleidern und der Perücke, während ich den Beschluß machte. Wir kletterten an dem langen Strick herunter — zum Glück erwachte der junge Prinz nicht. In dem nächsten Gebüsch machten wir halt; jetzt nahm ich das Kind, während der Jäger den Junker auf die Arme nahm. Wir liefen über die Wiesen, weil dies der schnellste Weg war — da kommen zwei Parkwächter mit lautem Geschrei auf uns zu. Ich rufe meinem Jäger zu, weiterzulaufen, ziehe meinen Degen und werfe mich den beiden Burschen entgegen. Beide knallen ihr Pistol auf mich ab — das eine versagt, aber das andere schießt mir den Dreispitz vom Kopf. Von dem Knall erwacht das Kind in meinem Arm und fängt jämmerlich an zu schreien. Ich höre die Fenster und Türen sich öffnen und ein Geschrei und Gelaufe von allen Seiten. Schnell tue ich ein paar gute Stiche gegen die beiden braven Leute — ich hoffe, daß ich sie nicht ernsthaft verwundet habe. Dann wende ich, springe mit langen Beinen über die Wiese ins Gebüsch — finde endlich die Mauer und klettere hinauf — Gott sei Dank, keine hundert Schritte von mir entfernt sehe ich meine Kutsche halten; mein Jäger und Zedtwitz springen schon auf sie zu. Zwei Minuten später saß ich mit Zedtwitz und dem jungen Prinzen im Wagen — einer der Jäger peitschte vom Bock aus auf die Gäule los, während der andere auf sein Pferd sprang und unsere beiden Gäule an Halftern neben sich galoppieren ließ. Es war nicht einen Augenblick zu früh, schon kamen die Schloßleute aus dem Parktore und über die Mauern.
Den Rest wissen Sie, gnädigster Prinz. Wir vermieden jeden Ort und hielten die Gardinen unserer Kalesche fest geschlossen. Wenn wir Rast machten, verbargen wir uns auf einem Felde oder in einem Wäldchen — bei einem solchen Halt machte Zedtwitz aufs neue Toilette. Ihr Herr Neffe benahm sich musterhaft — und ein besseres Kindermädchen wie den Junker habe ich nie gesehn.
Noch etwas, Durchlaucht, es ist ganz gewiß, daß man unsern Streich der Erbprinzessin in die Schuhe schieben wird. Die Wirtstochter wird die Entführung in allen Einzelheiten beschreiben — nur über den Punkt, daß die entführte Kindsmagd ein Mann und ihr Geliebter war, wird sie gewiß reinen Mund halten! Wenn wir also den jungen Prinzen hier sicher und unentdeckt bewahren können — so wird kein Mensch Verdacht auf uns werfen.«
»Wir werden es besser machen als die Leute des alten Herzogs«, sagte Prinz Alexander, »verlassen Sie sich darauf, Marquis! Die hatten wenig zu verlieren — wir: alles!«
Er bedankte sich bei dem Marchese und schüttelte ihm die Hand. Kaum war der Marchese aus dem Zimmer, als es leise an die andere Türe pochte. »Wer ist da?« rief der Prinz erstaunt.
Die Tür öffnete sich; herein trat der junge Zedtwitz.
»Ich bitte um Verzeihung, gnädigster Prinz«, sprach er, »ich muß Ihnen eine Mitteilung machen. Ich warte schon lange im Nebenzimmer, aber ich wollte nicht hineinkommen, solange ich noch eine Stimme hörte.«
»Was ist es, mein Junge?« sagte der Prinz.
Der Junker fragte: »Hat Ihnen der Marchese gesagt, daß die erste Entführung von der Erbprinzessin geleitet wurde?«
»Gewiß!« nickte der Prinz.
Zedtwitz kam ganz nahe ans Bett und beugte sich herab. »Er irrt sich«, sagte er leise, »es war nicht die Erbprinzessin!«
»Wer war es denn?« fragte der Prinz Alexander.
Der Junker wandte den Kopf und hob den Arm, zeigte auf das verhangene Madonnenbild. »Diese Frau war es«, sagte er.
Der Prinz richtete sich hoch. »Die! — Veronika? — Woher weißt du es?«
»Als ich das Kind aus ihrem Arm riß«, sagte der Junker, »riß ich den Schleier mit — den sie gleich wieder hoch nahm. So sah ich für einen Augenblick im Mondschein ihr Gesicht. — Ich schwöre es, gnädigster Prinz, es war die Dame von Murano!«
Der Prinz schwieg — minutenlang. Dann schickte er den Junker fort. »Gehn Sie schlafen, mein Junge — es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie mir Bescheid sagten.«
Unbeweglich saß er eine Weile da, endlich stand er auf, steckte alle Kerzen an. Dann ging er auf und nieder im Zimmer, tief nachdenkend. Sie war es — Veronika? Der Junker konnte sich nicht irren — er war der einzige, der die verschleierte Frau, die den nächtlichen Überfall leitete, ohne diesen Schleier gesehn hatte! Er kannte sie gut, er hatte ihr Bild hier gesehn wie in Venedig und liebte und bewunderte es kaum weniger als er selbst. Und das Original dieses Bildes lebte nicht weniger in des Junkers Gedächtnis — er hatte dabeigestanden, als, heimkehrend von Chioggia, die Damen in Murano das Schiff verließen, damals als er, der Prinz, zum ersten Male das Wort an Veronika richtete! Zwei- oder dreimal hatte ihn der Junker dann nach Murano begleitet, dort in den Gärten Veronika gesehn und ein paar Worte mit ihr sprechen dürfen. Er hatte endlich mit ihm an ihrem Krankenbette gestanden —
Nein, er konnte sich nicht irren: Das Bild dieser Frau vergaß keiner, der es einmal sah!
Dann aber — was konnte das bedeuten!
Doch nur dies eine: Sie handelte im Auftrage ihres Freundes und Ratgebers — des Armeniers —, der nun auch sein Freund und Ratgeber war!
Und sie handelte — für ihn, den Prinzen! Er schien nun ganz klar zu sehn, alle Zusammenhänge zu erkennen. Zu lange hatte er gezögert, zu lange es immer aufgeschoben, zu handeln — gerade darauf aber wartete der Armenier. Und da nichts geschah von seiten des Prinzen durch all diese Zeit, so griff er selber ein und bediente sich hierzu der Hilfe dieser Frau — konnte er besser dem Prinzen zeigen, daß die Tage des Zweifelns und Zauderns vorüber seine und daß es endlich an der Zeit sei, zu handeln?! Wenn er sich nicht entschließen konnten — nun, so beschloß man es eben für ihn — wenn er nicht handeln konnte — diese Frau konnte es!
Freilich, der Zufall wollte es, daß sein Plan geglückt war, während der andere scheiterte! Aber: scheiterte nur im letzten Augenblick durch das schnelle Eingreifen des Junkers. Er hatte sich zum Handeln entschlossen, o gewiß — aber sicherlich später als sein geheimer Freund und die geliebte Frau — deren Plan der seine nun über den Haufen geworfen hatte, während er zugleich die Geliebte in schwere Gefahren brachte.
Er trat vor das Bild; zog den Vorhang zurück, starrte lange hinauf.
›Wenigstens eines weiß sie nun‹, dachte er, ›daß ich nicht ganz tatenlos dasitze!‹ Er löste eine schmale Goldkette vom Halse und öffnete das klein, runde Medaillon, das daran hing — sie hatte es ihm einst in Murano geschenkt. Er betrachtete das Miniaturbild, verglich es Zug um Zug mit dem Madonnenbilde.
Da hörte er einen leichten Seufzer hinter sich. Er schrak auf, wandte sich um —
In der Mitte des Zimmers, regungslos, stand Veronika.
Prinz Alexander griff sich an die Stirne, schwankte, hielt sich mühsam an einem Stuhle fest. »Du —?« flüsterte er.
Er taumelte auf sie zu, hob seine Arme, sie zu umarmen. Aber sie wehrte ihn still ab. Da sank er in die Knie, griff ihre Hand, die er mit heißen Küssen bedeckte. Sie ließ ihn gewähren, streichelte sein Haar.
Endlich sagte sie: »Steh auf!«
Eine Fülle von Fragen drängte sich auf seine Lippen; sie merkte es wohl, lächelte. »Frage nicht!« mahnte sie. »Frage nicht, woher ich komme, noch wohin ich gehe. — Er schickt mich. Er läßt dir sagen, daß du ihn bald sehen wirst!
Wieder griff er ihre Hand — aber sie entzog sie ihm langsam. »Bleibe stehn, wo du stehst«, sagte sie, »rühre dich nicht — folge mir nicht!«
»Und dich — wann werde ich dich wiedersehn?« stammelte er.
Ein fast schmerzliches Lächeln überzog ihre Züge. »Bald«, erwiderte sie, »bald, wenn er es will.«
Langsam schritt sie hinaus aus dem Raum.
Der Prinz schaute ihr nach — noch hörte er ihren Tritt. Ah, sie stand vor ihm, eben noch, ein Wesen aus Fleisch und Blut! Und doch zweifelte er jetzt schon, ob es wirklich lebte — ob es nicht eine Erscheinung war, eine Truggestalt seiner Phantasie, die ihn narrte —
Er ging zum Schreibtisch, ließ sich auf einen Stuhl niederfallen und grub den Kopf in beide Hände. Ein Schauder schüttelte seinen Körper, dann weinte er bitterlich.
Früh am andern Morgen stürmte Freihardt ins Zimmer. »Prinz!« rief er, »Prinz, das Kind ist fort!«
Zwei Wärterinnen schliefen in dem Schlafraume, der dem jungen Prinzen bestimmt war, zwischen ihren Betten stand die Wiege. Vor jede der Türen hatte Freihardt die besten Leute als Wachen hingestellt. Unterhalb des Fensters gingen drei Wachen auf und nieder.
Und niemand hatte das allergeringste bemerkt. Man durchsuchte jeden Raum, Speicher und Keller, jeder kleinste Winkel des Schlosses, jedes Gebüsch der Gärten — nirgends fand man die leiseste Spur. Prinz Alexander vernahm persönlich jeden einzelnen seines Gefolges und der Dienerschaft, fragte jeden besonders, ob man eine große Frau gesehn habe — vergebens. Niemand hatte sie gesehn; niemand wußte über das Verschwinden des Kindes.
Am Abend saß der Prinz mit seinen Intimen bei der Tafel — die Unterhaltung war sehr einsilbig. Plötzlich sprang der junge Zedtwitz auf und starrte in die Luft — hob dann den Kopf, als ob er auf etwas lausche.
»Was gibt's, Junker?« fragte Graf Osten.
Aber Zedtwitz antwortete nicht. Er lief vom Tische fort, öffnete das Fenster — aus weiter Ferne hörte man ein schwaches Schreien. »Ein Kater miaut!« rief Civitella.
»Irgendein Kind schreit in der Nachbarschaft!« sagte Baron Freihardt.
»Nein, nein!« rief der Junker. »Es ist nicht — irgendein Kind! Es ist das Kind — unser Kind — ist der junge Prinz!«
Er lief durch das Zimmer; man hörte ihn die Treppen hinunterjagen. Schweigend blieben die andern sitzen.
Es dauerte geraume Zeit, bis der Junker zurückkam — schon vom Gange her scholl seine fröhliche Stimme: »Ich bringe es! Ich bringe es!« Dann sprang er durch die offene Tür, den jungen Prinzen im Arm. »Ich lief dem Schalle nach,« berichtete er, »ah, diese Kinderstimme kenne ich unter tausenden! Ich suchte im Park — aber der Schall narrte mich — bald schien er hierher, bald dorther zu kommen. Endlich eilte ich hinaus aus dem Park herum um die Mauern der alten Mühle zu — jetzt vernahm ich deutlich das Schreien. Mitten auf der Landstraße lag das Kind — auf seinem seidenen Kissen, als ob es eben erst hingelegt worden wäre. Aber kein Mensch war weit und breit!«
Er zog einen Brief aus seiner Tasche: »Dieser Brief lag bei dem Kinde, gnädigster Prinz. Er ist an Sie adressiert.«
Prinz Alexander öffnete den Brief und las:
»Nehmen ist leichter als Halten. Sie, Prinz müssen beides lernen.«
Keine Unterschrift — — aber es waren die Schriftzüge des Armeniers.
»So ist er in der Residenz!« sagte der Prinz.
Die Kavaliere warteten an einem der nächsten Abende im Speisezimmer auf den Prinzen, standen und saßen an der gedeckten Tafel herum und plauderten. Der Prinz sollte jeden Augenblick kommen; ein unvorhergesehener Besuch, der vor einer halben Stunde gekommen war, hielt ihn zurück. Aber eine Viertelstunde verging nach der andern. Prinz Alexander erschien nicht. Die Lakaien seufzten, die Kavaliere fluchten; man verwünschte den späten Besuch nach Herzenslust.
Endlich öffnete sich die Türe; in der Erwartung, daß es der Prinz sei, wandten sich die Herren um. Man hatte sich geirrt; ein Mann in der Uniform eines schwedischen Obersten durchschritt den Saal. Er sprach kein Wort, grüßte lächelnd, ein wenig spöttisch vielleicht, und verließ den Raum aus der andern Tür. Sein Durchschreiten hatte etwas so Feierliches, daß auf einen Augenblick ein Schweigen herrschte.
Der Jäger Hagemeister, der hinter dem Stuhle des Grafen Osten stand, brach die Stille. »Herr Graf«, sagte er, »ich weiß nicht — vielleicht irre ich mich — aber dieser Mann gleicht unserm Reisegefährten, dem Abbé!«
»Nein!« rief der Marchese, »er glich dem Manne, den ich im Garten von Murano sah. Nicht daß ich glaube, daß er es war — aber er sah aus wie sein Bruder.«
»Wenn's nicht die Haarfarbe gewesen wäre,« fiel Zedtwitz ein, »ich hätte ihn für den sächsischen Dragoner gehalten, den ich in München aus dem Gasthaus abfahren sah.«
»Junker«, rief Graf Osten, »meinen Sie nicht vielmehr, daß sein Blick der des Dr. Teufelsdrökh war?«
»Sein Gang — das ist gewiß — war der des russischen Offiziers bei unserm Brentaausflug«, sagte Baron Freihardt. »Wenn der Russe nicht einen Bart getragen hätte —«
»Bart oder nicht — es war der Russe, Baron!« rief der Prinz, der eben eintrat. »Aber es war nicht weniger Ihr Gelehrter, Graf, und zugleich der Spaßvogel von St. Johann am Mangfall, Marquis. Es war der Abbé, war der Dragoner und der geheimnisvolle Besucher der Gärten von Murano. Es war auch der Franziskanermönch in der Erzählung des Cagliostro — es war der Mann, der meinen Jäger nach Poveglia entführte, der meinen Neffen unter unsern Augen uns raubte und wiederbrachte und noch manches andre tat! Kurz und gut, meine Herren — es war mein Freund, der Armenier!«
Der Prinz setzte sich zur Tafel und die übrigen folgten seinem Beispiel. »Sie wollen sagen, Durchlaucht«, begann Osten, »daß ein einziger Mensch alle diese Rollen gespielt hätte? Ich stand dicht neben dem Russen, als er den Grafen Cagliostro verhaften ließ, habe ihn während des ganzen Abends und durch die Nacht mehr als einmal genau beobachtet. Sie, gnädigster Herr, glaubten damals in dem Augenblicke der Entlarvung Cagliostros in dem Russen die Züge des Armeniers wiederzuerkennen, obgleich dieser, als er uns auf dem Markusplatz die Botschaft des Todes des Erbprinzen brachte, nur für einen kleinen Moment seine Maske gelüftet hatte. Sie waren in diesem Wiedererkennen so gewiß, daß sie auch Freihardt und mich überzeugten, obwohl ich mich später oft gefragt habe, ob nicht doch ein Irrtum möglich gewesen wäre. Dann aber, gnädigster Prinz, bin ich mit Zedtwitz drei Tage lang in Gesellschaft des Abbé gereist, und wir haben beide später lange mit dem Dr. Teufelsdrökh bei hellem Tage gesprochen. Ich gebe zu, daß ich stets eine gewisse Ähnlichkeit sah — und die sah auch Hagemeister, als er am Fenster des Hauses den Abbé zu sehen glaubte —, dennoch aber waren so viele Unterschiede da, daß ich durchaus gewiß war, es stets mit andern Persönlichkeiten zu tun zu haben.«
»Graf Osten«, erwiderte der Prinz, »Sie sind gewiß nicht der einzige, der über diese Metamorphosen erstaunt. Mein Freund hat die Gabe, das zu scheinen, was er gerade sein will, und die äußern Mittel, die er dazu anwendet, eine Tracht, ein Bart, eine Perücke — sind gewiß das geringste, das ihn so oft als einen andern erscheinen läßt.«
Freihardt schüttelte den Kopf. »Es ist unbegreiflich«, begann er —
Prinz Alexander lachte: »Aber gerade Sie sollten es doch am allerersten begreifen, Sie und ich, lieber Baron! Sind wir nicht genau so auf die Travestie des Junkers hereingefallen? Als kleiner Page kam er in unsere Dienste, und seit über acht Jahren sehen wir ihn fast täglich für lange Stunden. Dabei braucht der Bengel nur Weibskleider anzuziehn, um uns alle beide zum Narren zu halten! Nein, Baron, wenn mein Ratgeber nichts andres könnte, als ein paar Rollen mit Anstand zu schauspielern, ich würde gewiß nicht an ihn glauben!«
Man erwartete, daß der Prinz mehr sagen sollte, aber er schwieg. Wurde nachdenklich, hörte kaum auf das halblaute Gespräch der andern. Nach der Mahlzeit wandte er sich an Zedtwitz.
»Junker Egon«, sagte er, »mein Freund will Sie sprechen; er erwartet Sie um diese Stunde im Garten.«
Zedtwitz erhob sich sofort, aber er zitterte. Seine Hand krampfte sich um die Stuhllehne. Der Marchese sah ihn an und schüttelte langsam den Kopf. Dann wandte er sich an den Prinzen.
»Durchlaucht«, begann er, »lassen Sie den Junker nicht gehn.«
Prinz Alexander sah ihn scharf an. »Immer noch mißtrauisch, Marquis! Als wir uns stritten, war es, weil Sie mir zuriefen, daß ich in die Hände von Schwindlern gefallen sei — sind Sie immer noch dieser Ansicht?«
»Halten zu Gnaden«, erwiderte Civitella, »ich bin kein Hofmann und habe nicht gelernt, meine Worte auf die Waagschale zu legen. Es ist richtig, daß unsere sogenannte venetianische Republik in bezug auf bürgerliche Freiheit der letzte Staat dieser Erde ist, aber darum bleibt doch wahr, daß die paar Dutzend Familien, die sie regieren, wahrhaft Herren sind. Mein Haus gehört zu diesen, dazu bin ich auferzogen worden in dem Gedanken, nichts über mir anzuerkennen, als was ich selbst über mich stelle. Gerade Sie, Prinz, müßten das verstehn —«
»Warum gerade ich?« unterbrach ihn Prinz Alexander.
»Erinnern Sie sich«, fuhr Civitella fort, »des Tages in Venedig, als Ihr Herzog Ihnen die weiteren Zuschüsse in einem höchst ungnädigen Ton kündigte! Baron Freihardt las diesen Brief, als ich eintrat — sie rissen ihn ihm aus der Hand und gaben ihn mir. An diesem Abend machten Sie die Bemerkung: »Oh, es ist unerträglich hart, einen Herrn über sich zu haben! Der Elendste unter dem Volk oder der nächste Prinz am Throne — das ist ganz dasselbe! Es gibt nur einen Unterschied unter den Menschen — gehorchen oder herrschen!«
Damals begriff ich nicht ganz Ihren Schmerz, Prinz! — Auch wir in Venedig haben einen Herrscher über uns, den wir Dogen nennen — aber diesen Dogen und seinen Rat wählen wir aus unserer Mitte, es ist unser Fleisch und Blut — wir sind es selbst. Wir gehorchen also nur uns selbst. Und wir herrschen selber — ein jedes Mitglied der paar Dutzend Familien unserer Republik ist also ein wenig Mitherrscher. Oh, nicht, daß ich besonders stolz darauf wäre, ein hundertstel von einem Souverän zu sein! Ich sage es nur, um Ihnen verständlich zu machen, Durchlaucht, daß ich die Kunst nicht gelernt habe, das was ich denke, zu verschlucken. Ich mag mich vergriffen haben in den Worten, Prinz, aber ich glaubte fest, was ich sagte. Ich fühlte als Ihr Freund und sprach und handelte als Ihr Freund — ich glaube Ihnen bewiesen zu haben, daß ich's ehrlich meinte.«
Prinz Alexander ergriff seine Hand und drückte sie kräftig. »Ich weiß es, Marquis! Und darum offen — was macht sie mißtrauisch!«
Civitella schüttelte den Kopf. »Wenn ich's nur wüßte, würde ich's gewiß heraussagen. Aber es ist nur ein Empfinden, irgendein unklares Gefühl, für das ich den Grund nicht kenne! — Und jetzt war es das, Prinz: Ich habe den Junker lieb gewonnen — und ich fürchte, daß ihm Unheil droht. Darum bat ich Sie: Lassen Sie ihn nicht gehn! Schicken Sie mich selbst, Prinz, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich jeden Auftrag des Doktors getreulich erfüllen werde!«
Der Prinz wandte sich an Zedtwitz: »Wie ist es Junker, soll der Marchese statt Ihrer gehn!«
Zedtwitz antwortete: »Nein, gnädigster Herr! Ich muß selbst gehn.« Er verbeugte sich und schritt aus dem Saale.
Civitella seufzte, dann wandte er sich wieder an den Prinzen: »Gnädigster Herr, gestatten Sie mir abzureisen!«
»Warum wollen Sie reisen, Marquis?« fragte der Prinz. »Sie kennen meine Pläne, und Sie wissen, wie sehr ich meine Freunde brauche.«
»Ich bin Ihr Freund, und ich will nicht desertieren, Prinz — mein Gut wie mein Leben steht zu Ihrer Verfügung. Mit jedem Atemzug bin ich bereit, Ihnen zu helfen — aber ich kann es nur tun auf meine Weise. Geben Sie mir Erlaubnis, Prinz, in Ihrem Interesse zu denken, zu sprechen und zu handeln, wie ich es kann und mag — so will ich gerne bleiben!«
»Sie haben meine Erlaubnis, Marquis«, erwiderte Prinz Alexander, »ein für allemal.«
»Auch wenn das, was ich tun sollte, in Widerspruch steht mit den Gedanken des Ratgebers!« fragte Civitella.
Der Prinz lächelte: »Auch dann! — Aber glauben Sie mir, Marquis, Sie haben nur kleine Chancen gegen seinen Willen. — Denken Sie daran, wie sehr ich gegen ihn ankämpfte — und am Ende eroberte er mich dennoch! Eroberte mich — nicht für sich, sondern für mich! Ich weiß, daß der Tag kommen wird, wo Sie ebenso denken werden wie ich!«
Der Marchese verbeugte sich: »Wenn das der Fall sein wird, gnädigster Herr, werde ich offen bekennen, wie Saulus, als ein Paulus aus ihm ward.« Er verbeugte sich tief und ging.
Draußen traf er den Junker von Zedtwitz. Er nahm ihn unter den Arm und führte ihn in sein Zimmer. Zedtwitz war bleich wie ein Leilach; der Marchese stützte ihn und schob ihm einen Sessel hin. »Was ist es, Junker«, fragte er. »Was hat er Ihnen gesagt?«
Zedtwitz war kaum fähig zu sprechen. Civitella reichte ihm Wasser, das er in großen Zügen hinuntergoß. Endlich rief er: »Er hat mir gesagt, wer der Mörder meines Vaters war.« Er schlug beide Hände vors Gesicht und schluchzte. Civitella redete ihm zu und streichelte sein Haar; allmählich wurde er ruhiger. »Erzählen Sie, Junge!« bat er.
Der Junker ermannte sich und begann: »Damals war ich elf Jahre alt, ich war hier in der Residenz mit meinen Eltern. Mein Vater war Hauptmann und Kammerherr bei unserm Hof — meine Mutter galt als die schönste Frau der Stadt.« Wieder schluchzte er; die Erinnerung an seine Mutter trieb ihm aufs neue Tränen in die Augen.
Der Marchese sprach sanft: »Gewiß ist sie schön gewesen — und hat Ihnen dies Erbteil vermacht, Junker!«
»O, ich wollte, ich wäre häßlich wie die Nacht«, rief der Junker, »und ich hätte diese Häßlichkeit von ihr geerbt, statt aller Schönheit! Denn ihre Schönheit allein war schuld an allem Unglück. Eines Tages trugen sie meinen Vater ins Haus — blutüberströmt. Er war im Duell gefallen. Meine Mutter stürzte sich über ihn — ich lief die Treppe hinab — das erste, was ich sah, war das Loch in seiner linken Schläfe. Ich drängte mich dicht neben die Mutter — sie, wie mich, näßte des Vaters rotes Blut. — Später, obgleich ich noch sehr jung war, erzählte mir die Mutter. Ein Mann, ein guter Freund meines Vaters, hatte ihr nachgestellt, hinter seinem Rücken, durch lange Zeit. Sie hatte alles getan, ihn abzuwehren, aber meinem Vater, dessen aufbrausendes Temperament sie kannte, nie etwas mitgeteilt. Sie fühlte sich stark genug, allein mit dem Verfolger fertig zu werden, hatte seiner gelacht, aber stets geschwiegen, um einen Skandal zu vermeiden, der ihrem geliebten Manne Rang und Würden kosten konnte. Dann war das Schreckliche geschehen. Für einen Kopfschmerz, der sie von Zeit zu Zeit befiel, pflegte sie Pulver zu nehmen — in dieses Pulver hatte ein von dem Verführer bestochener Diener ein betäubendes Schlafmittel gemischt. Mein Vater war im Auftrage des Hofes über Land — während der Nacht ließ der halunkische Diener den elenden Verführer ins Haus und in meiner Mutter Schlafzimmer. Am andern Morgen wachte sie auf, wie nach schweren Träumen — aber wußte nichts von dem, was geschehn war. Wochen später fühlte sie, daß sie guter Hoffnung war; auch jetzt noch stellte ihr der Verführer auf Schritt und Tritt nach. Als sie ihn wieder einmal in schärfster Weise abwies, lachte er höhnisch auf und erzählte ihr mit zynischer Frechheit, was geschehen war. Vor Entsetzen sank meine Mutter in eine schwere Ohnmacht — noch in dieser fand sie mein Vater. Als sie erwachte, berichtete sie ihm alles; er vernahm sofort den untreuen Diener, der nach anfänglichem Leugnen alles gestand. Mein Vater ergriff die Reitpeitsche und stürmte aus dem Hause — im Schlosse traf er den Feind. Am nächsten Morgen focht er den Zweikampf aus gegen den besten Pistolenschützen des Landes.
Das alles erzählte mir meine Mutter — obgleich ich nur die Hälfte davon verstand — erst in späteren Jahren kam es mir zum Bewußtsein. Nur den Namen des Verführers sagte sie nicht. Es faßte sie ein wilder Ekel an, wenn sie nur an ihn dachte, es schien, als versage ihre Zunge den Dienst, diesen verhaßten Namen auszusprechen. Nach kurzer Zeit starb meine Mutter. Mir wurde erzählt, daß ein heftiges Nervenfieber ihren Tod verursacht habe — heute bin ich gewiß, daß sie selbst Hand an sich legte; sie wollte das Kind des verhaßten Schuftes, des Mörders ihres geliebten Mannes, nicht auf die Welt bringen.
Den Rest wissen Sie, Marquis; der Prinz nahm sich meiner an, er ließ mich erziehn und nahm mich als Page zu sich.
Heute aber erfuhr ich den Namen des Mörders meiner Eltern — —«
»Lebt er noch?« unterbrach ihn der Marchese.
Der Junker nickte. »Er lebt! Er wohnt in dieser Stadt.«
»Was wollen Sie tun?« fragte Civitella.
Zedtwitz gab ihm als Antwort die Frage zurück: »Nun, was würden Sie tun, Marquis? Würden Sie diese Schmach ungerächt durchs Leben schleppen?« Er sprang auf — seine Brust hob und senkte sich in mächtigen Atemzügen. Civitella betrachtete ihn; dieser Jüngling, den er als süßes hübsches Mädel gesehn hatte, stand nun vor ihm wie ein todbringender Racheengel.
Er reichte ihm die Hand: »Sie wissen, Egon daß Sie auf mich zählen können — in allen Stücken.«
Zedtwitz drückte die ihm dargereichte Rechte: »Ich danke Ihnen, Marquis, aber in dieser Sache darf mir keiner helfen — ich muß es allein tun.«
»Noch eine Frage, Egon«, drängte Civitella, »können Sie mir den Namen nennen?«
Der Junker zögerte einen Augenblick, dann sagte er: »Ich will es tun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort darauf geben, diesen Namen nicht weiterzugeben, bis alles zu Ende ist. Und auch darauf, daß Sie nicht versuchen wollen, mich von meinem Vorhaben abzubringen.«
»Mein Ehrenwort, Junker!« rief Civitella.
»So hören Sie«, flüsterte Zedtwitz und beugte den Kopf vor, »es war — der Herzog!«
»Was?« rief der Marchese, »Was sagen Sie? Bei der Madonna, Junker, begreifen Sie, was das heißen will? Wenn der Herz—« Zedtwitz unterbrach ihn: »Sie gaben mir Ihr Ehrenwort, Civitella.«
Marchese rief: »Ich war ein Narr! — Ich —« Aber wieder mahnte des Junkers Stimme: »Sie gaben mir Ihr Ehrenwort.«
Fast verzweifelt erwiderte Civitella: »Ich weiß es, Egon, ich weiß es!« Er griff mit beiden Händen den Kopf des Junkers, küßte ihn auf die Stirn und beide Wangen. »Möge Gott dir beistehn und alle lieben Heiligen!«
Dann ging er, tief seufzend.
Civitella gab seinen Leuten strengste Anweisung, jede Bewegung des Junker zu beobachten; sie verfolgten ihn auf jedem kleinsten Wege in die Stadt, belauerten seine Gänge im Park und im Schloß.
Einige Tage später gab der alte Herzog ein offizielles Gastmahl zu Ehren des spanischen Gesandten; diesen Tag hatte Graf Osten gewählt, um den Prinzen und seine Freunde, die natürlich nicht geladen waren, zum Abendessen in sein Landhaus zu bitten. Er hatte aus Kurland russischen Kaviar geschickt bekommen, die einzige Delikatesse, für die der sonst anspruchslose Prinz Alexander eine kleine Schwäche hatte; nach baltischer Art wurde sie mit Buchweizenkuchen serviert. Man setzte sich zu Tisch.
»Wo bleibt Zedtwitz?« fragte der Graf. »Er hat noch nie Störeier gekostet und hat mich oft gefragt, wann die erwartete Sendung eintreffen könne. Und nun ist er es, der am längsten auf sich warten läßt.«
Der Prinz lachte: »Ich vergaß, Graf Osten, ihn zu entschuldigen; er hat mich um Urlaub gebeten für diesen Abend. Er ist in die Stadt gegangen — vermutlich hat er ein Schätzchen gefunden, das ihn tröstet über den Verlust des Wirtstöchterleins. Ich kann nicht sagen, daß ich diese Spielereien gern sehe — aber vielleicht ist's gut, daß er sich austobt und ein wenig andere Gedanken in seinen Kopf bekommt als unsere Politik. Dazu hat er sich so brav benommen, daß ich ihm schon ein wenig durchgehen lassen muß.«
»Durchlaucht tun dem Junker unrecht«, bemerkte Civitella ernst, »sein Sinn steht nicht auf Mädchenfang in diesen Tagen.«
»Nun — was sonst ist so wichtig, daß es ihn fortjagt von den lukullischen Leckereien des Grafen?« fragte Prinz Alexander.
Der Marchese antwortete: »Sie glauben nicht, gnädigster Prinz, wie gern ich's Ihnen sagen möchte! Aber ich darf nicht — kann nicht — ich hab ihm mein Wort verpfändet, nicht darüber zu sprechen. Es raubt mir den Appetit, wie es mir den Schlaf raubt.«
»So ernst ist es?« fragte der Prinz teilnehmend.
Civitella nickte: »Sehr ernst, Durchlaucht, ernster als alles, was ich je erlebte. Und das Schlimme ist: Wie meine Zunge, so ist meine Hand gebunden. Ich darf nicht eingreifen — mein Ehrenwort bindet mich.«
Es fiel eine Wolke über die kleine Gesellschaft. Dann lenkte Baron Freihardt das Gespräch auf die Kriegsjahre, die der Prinz gemeinsam mit dem Grafen durchgemacht hatte, man tauschte allerhand Erinnerungen aus. Civitella hörte kaum zu; jedesmal, wenn einer der Diener die Tür öffnete, fuhr er fast erschreckt auf; es war augenscheinlich, daß er irgend etwas erwartete. Der Prinz bemerkte es gleich, aber winkte den andern, keine Notiz davon zu nehmen.
Plötzlich kam, völlig hinter Atem, einer der Jäger des Marchese in das Zimmer. Civitella sprang sofort auf und bat den Prinzen, mit ihm sprechen zu dürfen, er zog ihn in eine Ecke des Zimmers und hörte den Bericht des Mannes an. Man sah, wie ihn dieser erregte. »Santa Maria! Santa Maria!« rief er ein über das andere Mal. Endlich gab er seinem Jäger einen weiteren Befehl und sandte ihn fort. Langsam kam er zur Tafel zurück.
»Schenken Sie mir ein, Graf!« rief er. »Sie wissen, ich bin ein schlechter Zecher, aber heute will ich zwanzigmal Ihre Gesundheit ausbringen, gnädigster Prinz!«
Der Graf goß ihm das Glas voll, das Civitella mit einem Zug leerte.
»Lieber Marquis«, begann Freihardt, »wenn —«
»Wenn — ja, wenn ich nur sprechen könnte!« unterbrach ihn der Marchese. »Das ist's eben! Sprechen Sie für mich, meine Herren — erzählen Sie mir von unserm armen Junker Egon!«
»Sie tun ja fast, als ob er schon tot wäre!« fiel Osten ein. »So schlimm wirds nicht sein — der Junker ist gewandt genug und hat sich mehr als einmal aus gefährlicher Lage gerettet!«
»Erinnern Sie sich, Freihardt«, sagte der Prinz, »des ersten Tages, als wir ihn aufnahmen! Der Junge war völlig verstört über den tragischen Tod seiner Eltern, saß, von einer alten Kinderfrau bewacht, in seinem Zimmer, weinte und schluchzte und wollte kaum mit jemandem sprechen. Wir konnten buchstäblich nichts mit ihm anfangen, tagelang, Da hatten Sie den gescheiten Einfall, Baron, ihm mein altes Pony vorführen zu lassen — das schenkte ich dem Buben. Der bekümmerte sich zunächst nicht darum; sah es kaum an, ließ es ruhig auf dem Rasen stehn, wo es stand, und setzte sich auf eine Bank. Aber nach einer Weile wurde er doch aufmerksam — schaute sich um, und als er sah, daß wir ihn allein gelassen hatten, ging er vorsichtig auf das Tier zu. Sie, Freihardt, und ich, wir schauten aus dem Fenster zu — erinnern Sie sich!«
»Freilich, Prinz«, nickte der Baron, »der Junge umfaßte den Kopf des Tieres und küßte es, redete ihm dann zu, als ob er ihm all sein Unglück erzählen wollte. Er riß Gras ab und Blätter und gab sie dem Pony zu fressen. Endlich kam ihm der Gedanke, sich aufzusetzen. Aber das war dem Tier doch eine zu starke Zumutung. Es hatte so viele Jahre im Stall gestanden und das Gnadenbrot gegessen, war alt und bissig geworden und hatte durchaus keine Lust, noch einmal jemanden auf seinem Rücken zu dulden. Die ungewohnten Zärtlichkeiten des Kindes ließ es sich stillschweigend gefallen, aber damit glaubte es auch genug getan zu haben. Egon aber hatte den Glauben, daß Pferde zum Reiten da seien und meinte, daß das alte Pony genauso zahm sei wie das Schaukelpferd seiner Kinderjahre. Er versuchte also auf den breiten Rücken zu steigen — dabei hatte das Tier weder Sattel noch Trense. Es war über diesen Wagemut so erstaunt, daß es ihn zunächst gewähren ließ, kaum aber war er oben, so machte es einen Satz und warf ihn ab.«
»Und wie!« rief der Prinz. »In einem Bogen, der den Jungen zehn Fuß weit auf den Rasen warf! Aber der ließ sich nicht abhalten; er sprang sofort wieder auf die Beine und versuchte von neuem sein Glück. Diesmal war das Pony auf seiner Hut, es trat aus und biß, daß es eine Lust war. Wir liefen sogleich in den Garten, um den Jungen zu retten. Aber wir fanden wenig Gegenliebe. Er fragte mich trotzig, ob ihm gleich die Tränen über die Wangen rollten, ob ich ihm das Pferdchen geschenkt habe oder nicht? Und wozu ein Pferd gut sei, wenn man nicht darauf reiten dürfe! Dann lief er wieder auf das Tier zu, griff es am Schwanz und begann noch einmal sein Spiel. Er bekam einen tüchtigen Stoß und rollte ins Gras — aber gleich darauf griff er dennoch wieder in die Mähne. Er war nun vorsichtiger, wich den Bissen und Tritten aus, wo es ging, was nicht hinderte, daß er noch genug abbekam. Sein Anzug wurde zu Fetzen zerrissen, überall sah man blutige Streifen, ein paarmal fürchteten wir, daß ihm einige Rippen zerbrochen seien. Dennoch — der Junge gab nicht nach. Plötzlich griff er mit beiden Armen den Kopf des Tiere und biß es mit aller Kraft in die weiche Oberlippe. Dieser heftige Schmerz machte das Pony seinen Kopf so hoch aufwerfen, es versuchte gar, sich auf die Hinterbeine zu heben; der Bengel ließ nicht los, hing wie eine Klette, sich an der Mähne festklammernd. Und nun schien es, als ob das alte eigensinnige Tier ganz plötzlich ihn als Herrn anerkennen wollte — es blieb zitternd, mit den Flanken schlagend, auf dem Fleck stehn und rührte sich nicht mehr. Mit seiner letzten Kraft kletterte der Junge auf den Rücken, griff die Mähne wie einen Zügel und schlug ihm die Hacken in die Weichen — mein störrisches Pony ging sanft wie ein Lämmchen. Seit dem Tage, Marquis, habe ich einiges Vertrauen zu Egon Zedtwitz!«
»Und so hat er manches Stücklein geliefert«, fuhr Freihardt fort, »bis zu denen, die Sie kennen, Civitella. Wir hatten eine heillose Mühe, ihn glücklich zu bewegen, mit uns zu kommen — damals spukte in seinem Jungenkopfe nichts als der Gedanke, seinen Vater und seine Mutter zu rächen. Es hat mich manche Stunden gekostet, ihn zu überreden, daß er zunächst damit warten müsse, bis er größer geworden sei. Noch durch Jahre verfolgte ihn dieser Gedanke, immer wieder fing er bei Gelegenheit davon an, bis ich ihm schließlich erzählte, daß das Objekt seiner Rache gestorben sei — erst von dem Tage an schien er diesen unheimlichen Traum zu vergessen.«
»Haben Sie ihm nie den Namen dieses Mannes genannt, Baron?«
»Gewiß nicht!« antwortete der Baron. »Unser Junker wäre fähig gewesen, noch nach Jahren einen Skandal zu begehen.«
»Es war der beste Pistolenschütze des Landes, nicht?« fragte der Marchese.
Freihardt nickte: »Ein sehr guter Schütze — gewiß! Der beste kaum — der alte Herzog, dessen Auge noch heute so scharf ist wie das eines Falken, hat ihn stets auf dem Stande um ein paar Punkte geschlagen.« Civitella sprang auf, seine Stimme zitterte vor Erregung. »Freihardt«, rief er, »was sagen Sie? der Herzog schoß besser — als der Mann, der des Junkers Vater im Duell erschoß?«
Der Baron sah ihn erstaunt an. »Was ist dabei so verwunderlich?« antwortete er, »jeder Offizier und jeder Hofmann wird es Ihnen bestätigen.«
»Dann — dann —« keuchte der Marchese, »dann — Baron! Beim Herzen Jesu — wer war dieser Mann?«
»Aber Marquis!« fiel Prinz Alexander ein. »Was ist Ihnen denn? Es war Graf Haacke, ein hannoverscher Edelmann. Er hat sich später sehr ausgezeichnet in englischen Diensten; vor zwei Jahren, gerade zu Beginn der Belagerung von Gibraltar, deren Ende wir immer noch nicht erlebt haben, fiel er an der Spitze seines Regiments bei einem von General Elliot befohlenen Ausfall.«
»Ist das ganz sicher«, schrie der Marchese, »können Sie sich nicht irren?«
Der Prinz schüttelte den Kopf. »Irren? Aber Marquis, ich selbst war des Kammerherrn von Zedtwitz Sekundant! Ich stand dabei, als ihm die Kugel in die Schläfe schlug.«
»Dann, bei San Marco, dann ist der Junker betrogen worden!« brüllte der Marchese. In zwei Sprüngen war er an der Tür, riß dem eben eintretenden Hagemeister das Tablett aus der Hand und warf es zu Boden. »Ein Pferd, Mann!« schrie er, »ein Pferd! Sofort das beste Pferd des Grafen aus dem Stalle!« Er griff den Jäger am Arme und stürmte mit ihm die Treppe hinunter.
»Was ist geschehn, beim Himmel?« rief der Prinz.
Sie sprangen auf und eilten ans Fenster; zwei Minuten später sahen sie den Marchese wie einen Rasenden über die Straßen galoppieren. Langsam kehrten sie an den Tisch zurück.
»Ich bitte um Verzeihung, gnädigster Herr«, begann Graf Osten, »daß mein kleines Mahl einen solch stürmischen Verlauf nimmt! Es ist sicherlich etwas sehr Wichtiges, das den Marchese wegtrieb.«
»Und etwas«, fuhr der Prinz fort, »das unsern Junker mehr betrifft als ihn. Ich nehme an, der Marchese wird zurückkehren, sowie ihm das möglich ist — das beste wird sein, zu warten und uns derweil die Zeit so gut wie möglich zu vertreiben.«
»Ich habe eine Büchersendung aus Paris erhalten«, sagte Osten, »die neuesten Werke der Enzyklopädisten. Vielleicht interessiert es Durchlaucht, einen Blick hineinzuwerfen?«
Sie gingen hinüber in die kleine Bibliothek des Grafen, vertieften sich bald in ein gelehrtes Gespräch. Jeder einzelne gab sich die beste Mühe — und doch bemerkte ein jeder, daß keiner der beiden andern recht bei der Sache war.
Zwei Stunden vergingen — dann machte ein scharfes Huftrappeln sie aufhorchen. Es kam rasch näher — hörte auf vor dem Hause. Und sie hörten des Marchese atemlose Stimme: »Wo ist der Prinz?« Gleich darauf kam er durch die Türe.
»Es ist geschehn!« rief er. »Ich konnte es nicht mehr hindern.« Er warf sich in einen Stuhl, riß den Rock weit auf, jappte nach Atem, Baron Freihardt reichte ihm einen Becher Weines, den er sofort hinuntergoß.
»Erzählen Sie, Marquis!« drängte Prinz Alexander.
»Santa Madonna!« rief Civitella. »Jetzt darf ich erzählen, jetzt, wo alles vorbei ist, wo nichts mehr zu retten ist! Bei allen Heiligen schwöre ich, ich gebe nie wieder mein Wort, etwas zu verschweigen! Lieber will ich nichts wissen, gar nichts!« Er stieß den Silberbecher krachend auf den Tisch. »Hören Sie, Prinz! Egon Zedtwitz erfuhr den Namen des Mörders seines Vaters — aber es war ein anderer Name als der, den Sie mir nannten! Er beschloß, seine Rache zu nehmen an — —«
»An wem?« rief der Prinz, »sprechen Sie, sprechen Sie!«
»An Ihrem Oheim, dem alten Herzog!« antwortete der Marchese. »Der war ihm genannt worden! Er teilte mir den Namen mit, nachdem er mir mein Wort abgenommen hatte, daß ich ihn nicht nennen würde, ehe nicht alles vorbei sei! Und daß ich mich nicht einmischen dürfe in sein Vorhaben! Ich hielt mein Wort; großer Gott, ich wollte, ich hätte es gebrochen. Ich pfeife auf meine Kavaliersehre, wenn ich dafür den Junker retten könnte!«
»Was ist geschehn mit ihm?« drängte Prinz Alexander.
»Auf Schritt und Tritt ließ ich den Junker beobachten«, fuhr Civitella fort. »Heute abend berichtete mir mein Jäger, daß er heimlich in das Residenzschloß eingedrungen sei, wo der Herzog großen Empfang hielt. Ich wußte, was er da wollte: Rache nehmen an dem vermeintlichen Mörder. Dann hörte ich den wahren Namen aus Ihrem Munde, Prinz — ich jagte zum Schlosse. Einen meiner Leute traf ich am Portal — durch verabredete Pfiffe holte er einen andern meiner Jäger aus dem Schlosse, der dem Junker nachgeschlichen war. Dieser kam; er wußte, wo sich der Junker versteckt hielt. Ich atmete auf — noch war nichts geschehn, noch war es möglich, ihn zu retten. Mein Jäger führte mich durch manche Gänge — die Wachen und Lakaien hielten mich augenscheinlich für einen verspäteten Gast. Aber auf dem Balkon, auf dem der Junker gelauert hatte, war er nicht mehr. Wir suchten herum — allen Bedienten, die wir trafen, steckte ich Geld in die Hand, beschrieb ihnen den Junker und versprach ihnen eine große Belohnung, wenn sie ihn greifen würden. Aber keiner fand ihn, keiner. Endlich fand mein Jäger die Spur wieder — er hatte ihn auf einer Galerie gesehn, die zum Festsaale führte — freilich nur aus guter Entfernung über den breiten Hof hin. Augenscheinlich war es des Junkers Absicht gewesen, zu warten, bis das Festmahl vorbei wäre, um dann den alten Herzog womöglich allein zu stellen; doch diesen Zeitpunkt konnte er in seiner heißen Aufregung nicht mehr abwarten — so beschloß er, in den Festsaal zu dringen. Wir stürzten also über die Galerie, rund um den Hof — ich sah den Junker, wie er hinten an einem andern Portal in den Saal eilte. Ich versuchte, durch die nächstgelegene Tür einzudringen, sah mich aber plötzlich von vier baumlagernden Grenadieren zurückgedrängt. Ich griff in die Tasche, bot ihnen Gold an — aber gerade das und meine schreckliche Aufregung machte sie mißtrauisch. Ich wollte mit Gewalt durch — sie faßten mich fest, und ich raufte verzweifelt mit ihnen. Durch diese Szene waren die Festteilnehmer wohl aufmerksam geworden, alles wandte sich um nach mir — es trat ein beklemmendes Schweigen an Stelle des Lärms. Und in dieses Schweigen klang plötzlich die Stimme des Junkers: ›Ich bin Egon Zedtwitz! Ich bin hier, um den Mann zu strafen, der meinen Vater und meine Mutter mordete — den Herzog!‹ Mit einer verzweifelten Kraftanstrengung riß ich mich los, stieß die Grenadiere zur Seite, sprang in den Saal. Ich schrie: ›Halt ein, Egon! Der Herzog ist nicht der —‹
Aber in diesem Augenblick krachte der Schuß. Die Gäste sprangen auf — aber so überraschend kam der Knall, daß sie wie versteinert dastanden, sich kaum rührten — man hätte eine Maus niesen hören können. Ich schrie wieder ›Junker! Junker! — Der Herzog ist unschuldig an dem Mord deiner Eltern — ich schwör dir's bei der Madonna!‹
Zedtwitz sah mich, erkannte mich, seine Lippen bewegten sich. Dann ließ er das doppelläufige Pistol sinken, das er schon zum zweiten Schuß angeschlagen hatte. Warf es krachend auf den Boden. Im nächsten Augenblick war er umringt, zu Boden geworfen, gebunden — genau wie ich.
Die Kugel war dem alten Herzog durch den Ärmel geschlagen, hatte ein Stückchen der Seitenlehne seines Sessels abgeschlagen und war dann in den Boden gedrungen. Seine Geistesgegenwart war überraschend — die ersten Worte, die er sprach, waren ›Stümper! Schlechter Pistolenschütze!‹ Er war der erste, der mit lauter Stimme Ordnung und Ruhe wiederherstellte. Im Augeblicke verwandelte er das Festmahl in ein Tribunal; ließ sich zunächst den Junker vorführen ...
›Er sagt, daß er Egon Zedtwitz heiße?‹ begann er. ›Ist er der Sohn meines früheren Kammerherrn und Kapitäns unserer Garde, Kurt von Zedtwitz?‹
Der Junker nickte.
›Was wollte er mit dem Pistol?‹ inquirierte der Herzog.
Die Antwort des Junkers kam hell und offen: ›Eure Hoheit erschießen.‹
›Und warum?‹ fragte der Alte.
Zedtwitz antwortete: ›Weil ich annahm, daß Eure Hoheit meinen Vater erschoß und meiner Mutter Tod verursachte.‹
›Halt!‹ rief der Herzog, ›Steht er nicht in den Diensten meines Neffen, des Prinzen Alexander? — Weiß der etwas von dieser Schützenübung?‹
›Nichts, Hoheit!‹ rief der Junker. ›So wahr ein Gott im Himmel lebt, nichts!‹
›Das wird sich ja zeigen!‹ fuhr der Herzog fort. ›Und wem, Junker, hat er die Kenntnis zu verdanken, daß ich seinen Vater erschossen habe?‹
Der Junker senkte die Augen und schwieg.
›Ich darf es nicht sagen‹, flüsterte er. Der Herzog versuchte es, mehr aus ihm herauszubringen, vergebens. Dann ließ er den Junker fortschaffen und befahl, mich vor ihn zu führen. Es war so augenscheinlich, daß meine Anwesenheit im Schlosse nur den Zweck hatte, den Plan des Junkers im letzten Augenblicke zu vereiteln, daß er mir sofort die Fesseln abnehmen ließ. Dutzende von Lakaien bekundeten, daß ich ihnen Geld gab, um den Junker zu greifen; dazu hatte der Herzog mit eigenen Ohren meinen Zuruf gehört, auf den hin Zedtwitz den zweiten Schuß seiner Pistole nicht abfeuerte. ›Wer weiß‹, sagte er zu mir, ›vielleicht hat er mir das Leben gerettet. Auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Korn — auch ein stümperhafter Anfänger kann zuweilen das As aus der Karte schießen! — Ich laß ihm die Freiheit, Marquis, aber er muß mir versprechen, unsere Residenz nicht zu verlassen.‹
Dies Versprechen gab ich um so bereitwilliger, als ich nur durch meine Anwesenheit dem Junker helfen kann, wenn ihm überhaupt zu helfen ist.
Ich erzählte dem Herzog, wie ich von des Junkers Plan erfuhr und wie mich mein Ehrenwort band, nicht eingreifen zu dürfen — meine Worte wurden durch die Vernehmung meiner Jäger bestätigt. Ich fügte hinzu, daß ich erst heute den Namen des Mannes erfuhr, der wirklich den Vater des Junkers erschoß. ›Wer sagte Ihnen diesen Namen?‹ fragte der Herzog.
›Prinz Alexander!‹ rief ich. Ich berichtete ihm Wort für Wort unserer Unterredung — ich hatte den Eindruck, daß die alte Hoheit endlich die feste Überzeugung gewann, daß Sie, gnädigster Prinz, in keiner Weise die Hand im Spiel hatten. Diesen Verdacht hatte er ganz gewiß, aber es war klar, daß alle Umstände dagegen sprachen. Keinen Augenblick konnte er mich für einen Mitverschworenen des Junkers halten, ich war völlig unbewaffnet, hatte nicht einmal meinen Degen bei mir — und meine Worte, die wenigstens nach dem ersten Schusse dem Junker die Waffe aus der Hand wanden, hatte der ganze Saal gehört.
Der alte Herzog sann eine Weile nach; dann sagte er langsam: ›Wenn das stimmt, dann war es letzten Endes das Wort meines abtrünnigen Neffen, das ihn herjagte, Marquis. Und das dann, durch ihn, diese Kugel da in ihrem Lauf stecken machte!‹ Er nahm die Pistole auf, die man vor ihn auf den Tisch gelegt hatte und betrachtete sie aufmerksam. ›Bei Gott!‹ rief er plötzlich, ›das ist ja eine der beiden Pistolen, die ich meinem Kammerherrn Zedtwitz schenkte! Das hätte ich nie gedacht, daß sie einmal auf mich selbst abgeschossen würde!‹ Er hob die Waffe, zielte und schoß von dem großen Lüster, der in der Mitte des Saales hing, die unterste Kristallkugel herunter. ›Es geht noch, Marquis!‹ rief er. ›Aber ich sage ihm, man muß in täglicher Übung bleiben, wenn Hand und Auge gleich sicher bleiben soll.‹
Damit entließ er mich. Ich eilte aus dem Schloß — sprang aufs Pferd — galoppierte zurück! — Und hier bin ich, Prinz, während Ihr Junker in der festesten Kasematte sitzt, die der Herzog im Schloß hat.«
Graf Osten erhob sich. »Durchlaucht«, sagte er, »hier ist keine Zeit zu verlieren. Alles andere können wir später überlegen — die Hauptsache ist Ihre persönliche Sicherheit! Der Marchese sagte uns zwar, daß es ihm gelang, den alten Herzog von Ihrer völligen Unschuld zu überzeugen — aber wer garantiert uns, daß seine Ratgeber ihn nicht überreden, daß es trotzdem die einzig richtige Politik sei, die Gelegenheit, die sich nie wieder bietet, gegen Sie auszunutzen! Überlegen Sie, Durchlaucht: Der Mordanschlag auf den Herrscher wurde von einem Ihrer treuesten, langjährigen Diener ausgeführt. Dieser gibt an, einen Privatgrund zur Rache zu haben — den nämlich, daß er den Fürsten für seines Vaters Mörder gehalten habe. Aber so vollkommen ich mit Ihnen und den andern Herren dem Junker das glaube, so wenig wird ihm das Gericht Glauben schenken. Der Skandal des Kammerherrn von Zedtwitz war stadtbekannt, ja er wurde weit über das Land und seine Grenzen hinaus erzählt — ich selbst erinnere mich, in Kurland davon gehört zu haben. Und da sollte dem Sohne der Name des Mannes, der seinen Vater erschoß, unbekannt geblieben sein? Wenn ich als Richter dasäße, ich würde das nicht glauben — ich würde es nie glauben, wenn Sie heute abend nicht erzählt hätten, daß man ihm absichtlich diesen Namen verschwiegen habe. Dazu kommt, daß der Junker sich hartnäckig weigern wird, anzugeben, von wem ihm die Kenntnis wurde, daß der Herzog selbst dieser Mann gewesen sei. Im besten Falle wird man ihm Glauben schenken, dann aber sicher annehmen, daß der, der ihm des Herzogs Namen ins Ohr raunte, kein anderer war als Sie, Durchlaucht! Denn Sie allein, Prinz konnten gewinnen, wenn diese Tat glückte — Sie als der nächste zum Throne, seitdem der junge Prinz verschwand! — Darum gibt es nichts anderes als schleunige Flucht — wenn wir über die Grenze sind, können wir uns weiter beraten.«
»Graf«, fiel Baron Freihardt ein, »haben Sie auch bedacht, daß nichts mehr diesen unheilvollen Verdacht stärken kann als eben solche Flucht? Man muß bei Hofe annehmen, daß wir uns schuldig fühlen, daß wir kein andres Mittel wußten, als durch eine schnelle Flucht der gerechten Strafe zu entgehn.«
»Und wer sagt Ihnen, Freihardt«, sprach der Prinz, »daß diese Strafe nicht wirklich eine gerechte sein würde; wer sagt Ihnen, daß der Junker nicht in unserm Interesse handelte?«
»Um Jesu willen«, stammelte der Baron, »wollen Sie sagen, daß Sie, Herr, Sie dem Junker einraunten, daß der Herzog —«
»Nein, Freihardt, ich tat es nicht, sowenig wie Sie und der Graf oder gar der Marquis! Keiner von uns tat es, und keiner wußte darum. Aber Sie sind so stumpf, daß Sie nicht raten können, wer es tat? — Civitella, sprechen Sie: Wer war der Mann?« »Der Armenier war es und kein andrer«, sagte der Marchese fest.
»Er und kein anderer«, wiederholte der Prinz langsam und jedes Wort betonend. »Er ist unser Freund und Ratgeber — der freilich am Hofe völlig unbekannt ist. Er tat es, tat es — für mich! Warum? Weil er lacht über meinen Glauben, weil er verächtlich ausspuckt über die Kraftlosigkeit meines Willens! Weil er Kraft ist und Wille und Tat. Darum! Zwischen mir und dem Throne stehen vier Augen — die des Kindes und die des alten Herzogs. Das Kind ist in unserer Hand — völlig abhängig von unser Gnade. Der Herzog aber wäre tot in diesem Augenblicke, wenn nicht —«
Er unterbrach sich, fuhr mit der Hand über die Stirne. »Laßt mich einen Augenblick überlegen, was geschehen wäre, wenn des Junkers Streich gelungen wäre, wenn seine Kugel nicht den Ärmel und den Stuhl, sondern den Rock und das Herz des Herzogs durchbohrt hätte. Man hätte sich auf ihn gestürzt, hundert Degen wären in seine Brust gefahren, vermutlich hätte man ihn in Stücke gerissen. Vielleicht hätten ihn auch besonnene Elemente für den Augenblick gerettet, man hätte ihn eingesperrt, um ihm den Prozeß zu machen! Dann aber war ich der Thronerbe — hätte in dieser Nacht noch ins Schloß eilen können. Der Prozeß des Junkers — ein wenig Geschrei und Getue, schöne Versprechen, daß die äußerste Schärfe des Gesetzes das Verbrechen treffen würde! Ein fingierter Selbstmord im Gefängnis — dann seine Flucht ins Ausland. Und dann — dann —«
Er seufzte tief, lachte nervös auf. Der Baron rief: »Das ist Ihr Ernst nicht, Durchlaucht!«
»Mein Ernst?« fuhr der Prinz fort. »Wie kann es mein Ernst sein? Nur ein Traum ist es! Nur ein Wenn! Wenn und wenn!«
»Prinz«, rief der Baron mit erstickter Stimme, »Sie dürfen nicht so sprechen — nicht einmal so träumen. Wenn Sie das, was ein anderer in Ihrem Namen für sie tat, wenn Sie das anerkennen, so sind Sie wie jener, ein — ein —«
Er stotterte, unterbrach sich, rang nach Atem. »Gerechter Gott!« rief er.
Aber Prinz Alexander blieb völlig gelassen »Fällt's Ihnen so schwer, es auszusprechen?« fragte er. »Ein — Mörder wollen Sie sagen!! Aber ich sage Ihnen, Baron: Gehn Sie die Geschichte durch, Sie werden unter den Herrschern, und gerade unter den größten und besten, recht viele finden, die diesen Namen verdienen! Nur urteilt man nicht mehr so streng bei Männern, die auf dem Throne sitzen. Die Geschichte nicht — und die Menschen nicht, die Herrscher sind und selbst ihre Gesetze machen!«
Er sprang auf, ging mit raschen Schritten durchs Zimmer. Endlich blieb er stehn, lachte spöttisch: »Oh, ich verliere mich! Ich bin kein Mörder, Baron, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nie auch nur mit einem Gedanken an die Möglichkeiten gedacht habe, die diese Nacht brachte.«
Freihardt ergriff seine Hand, beugte sich nieder, sie zu küssen. Aber der Prinz entzog sie ihm schnell. »Nicht einmal den Gedanken wagte ich zu denken — und er — er denkt für mich und setzt ihn in die Tat um, als ob es sich um nichts andres handle, als um eine Distel zu köpfen! — Bah — wer ist es wert zu herrschen? — Was tat ich denn? Ja, was träumte ich nur?«
»Sie brachten es zuwege, daß fast alle Höfe auf Ihrer Seite sind!« rief Freihardt.
»Ach, die kamen von selbst, weil sie in mir ein bequemes Werkzeug für ihre Intrigen sahen!« gab der Prinz zurück.
»Sie brachten den jungen Prinzen in Ihre Gewalt!« warf Osten ein.
»Nachdem er es früher gedacht und eingefädelt hatte!« rief der Prinz. »Und die Lektion, die er mir gab, als er das Kind aus meinem Schlosse entführte und wieder zurückbrachte, war deutlich genug, denke ich. Nein, nein — nichts tat ich! Ich saß da, die Hände im Schoß und wartete! Wartete! Gott, ja — vielleicht konnte der Herzog sterben — er ist ja ein alter Mann! Vielleicht auch der junge Prinz — oh, vielleicht konnte irgend etwas geschehen — was weiß ich!! Ich wartete!!«
Er schluchzte auf, ließ sich auf einen Sessel niederfallen.
Graf Osten trat vor ihn hin. »Wie es immer war, Durchlaucht, jetzt dürfen Sie nicht mehr warten. Es ist durchaus notwendig, einen Entschluß zu fassen!«
Der Prinz lachte laut auf. »Seid ihr so weit, ihr auch? Entschließen, tun, handeln — das ist es! Und wozu soll ich mich entschließen?«
»Ich sagte es ja, Prinz«, rief Osten. »Satteln lassen — reiten, in dieser Stunde noch!«
»Tun Sie's nicht!« flehte Freihardt. »Es würde sichern Untergang bedeuten!«
»Tun Sie's nicht! Tun Sie's nicht!« machte Prinz Alexander.
»Und ich weiß nicht, was ich tun soll! — Ihr habt beide recht und unrecht, alle beide! — Und derweil wartet ein Unschuldiger darauf, seinen Kopf auf den Richtblock zu legen!«
Civitella, der diese ganze Zeit über schweigend auf seinem Stuhle gesessen hatte, erhob sich. »Endlich ein Gedanke an den Junker — ich glaubte schon, daß Sie alle ihn vergessen hätten. Ich meine, das müßte unsere erste Sorge sein, ihm zu helfen!«
»Was können wir tun?« sagte Freihardt.
Prinz Alexander wandte sich zu Civitella. »Der Mann, der ihn auf diesen Weg sandte«, sprach er, »der kann ihn retten, wenn er es will. Glauben Sie, es würde schwerer für ihn sein, den Junker aus dem Gewahrsam meines Oheims zu holen, als den jungen Prinzen aus unserm?«
Der Marchese trat dicht vor ihn hin. »Durchlaucht«, sagte er, »wollen mir gütigst verzeihn — aber wollen wir — wollen Sie — wieder: warten? Warten, bis er etwas tut — bis er handelt?? Wenn ich recht gehört habe, Prinz, so machten Sie sich eben noch bittere Vorwürfe darüber, daß Sie immer nur warteten, daß Sie nicht selbst zu einem Entschluß und zu einer Tat sich aufrafften könnten. Und jetzt bei der nächsten Gelegenheit soll es wieder ebenso sein?«
»Sie haben recht, bei Gott!« sagte der Prinz.
»Wir sind Ihre Arme, Ihre Werkzeuge«, fuhr Civitella fort, »jeden Augenblick bereit, für Sie zu arbeiten. Sie gaben mir Erlaubnis, gnädigster Herr, auf meine Weise zu denken und zu handeln — nun wohl: Ich weiß, wie ich den Junker retten kann! Sind Sie bereit, einen hohen Preis zu zahlen? Ich glaube, ich kenne das Lösegeld, gegen das uns der alte Herzog den Junker ausliefern wird — habe ich Ihre Vollmacht?«
Prinz Alexander fragte: »Soll ich sie blind geben, Marquis? Aber lassen Sie nur — ich durchschaue Ihr Spiel: Sie wollen ihm für das Leben des Junkers den jungen Prinzen bieten!«
Civitella verbeugte sich: »Sie haben es erraten, und das beweist, daß Sie den gleichen Gedanken hatten wie ich! Und beweist zugleich, daß Sie ihm zustimmen und daß ich handeln darf! Ich darf keinen Augenblick verlieren — geben Sie mir Urlaub, Prinz.«
»Gehen Sie!« antwortete Prinz Alexander. »Retten Sie den Junker!«
Noch in der Nacht suchte Civitella den napoletanischen Gesandten auf, mit dem ihn von Venedig her eine enge Freundschaft verband. Früh am andern Morgen erbat dieser beim Herzog eine Audienz für sich und den Marchese; man ließ sie nicht lange warten, führte sie auf eine Galerie, wo der Herzog seinen Pistolenstand hatte.
»Hoheit«, begann Civitella, »ich bin gekommen, um für das Leben meines armen Freundes zu bitten.« Er schilderte in beweglichen Worten seine Freundschaft für den Junker; der alte Herzog hörte ihn geduldig an. Civitella erwärmte sich, führte in flammenden Worten alles an, was für den jungen Zedtwitz sprechen konnte. Er berührte die alte Freundschaft des Herzogs mit des Junkers Vater, sprach von dem entsetzlichen Druck, der all die Jahre auf dem Junker lastete. Er schilderte dessen reines, offenes Herz, seinen jungen Mut, seine hingebende Freundschaft.
»Wenn ich ihm glauben soll Marquis«, sagte der alte Herzog, »so ist kein Engel reiner! Und doch ist er ein Abtrünniger geworden an dem Glauben seiner Väter; sein Vater würde sich im Grabe umdrehn, wenn er das wüßte!«
»Sie irren, Sire«, antwortete der Marquis. »Weder Baron von Freihardt noch der Junker von Zedtwitz sind ihrer Religion untreu geworden.
»Ist das wahr?« fragte der Herzog scharf.
»Sie können sich leicht davon überzeugen, Hoheit«, gab Civitella zurück, »lassen Sie nur bei dem Prediger der Heiligengeistkirche nachfragen. — Ich weiß nicht, wie der heißt — aber ich weiß, daß die beiden allsonntäglich in die Kirche gehen; auch dort das Abendmahl einnehmen.«
»Das freut mich, das freut mich aufrichtig«, erwiderte der Herzog, »aber dennoch beißt keine Maus einen Faden von dem ab, was der Junker tat! Ganz offen, Marquis, ich will ihm sagen, daß es mir sehr leid tut um den Junker, der ganz sicher nur ein armer Verführter ist — schon um seines Vaters willen! Wer ihn verführte, das wird der Prozeß lehren — ich habe gute Untersuchungsrichter, Marquis — ich sprach mit ihnen zwei Stunden lang diesen Morgen schon. Mag sein, daß jedes Wort wahr ist, das er gestern abend sprach, Marquis, mag sein, daß es wirklich ein Wort des Prinzen Alexander war, das ihn hertrieb und veranlaßte, den Junker im letzten Augenblick aufzuklären und von seinem Vorhaben abzubringen. Ich will alles das richtig voraussetzen, Marquis. Dann bleibt immer noch nicht nur die Möglichkeit, sondern sogar die Wahrscheinlichkeit, daß der Anschlag von meinem katholischen Neffen ausging — wer fähig ist, seinen Glauben zu verraten, der verrät auch sein eigen Fleisch und Blut! Überleg er doch selber, Marquis, wer sollte denn mehr Interesse haben an meinem Tode, als eben mein Neffe, der kaum den Tag abwarten kann? Intrigiert er nicht gegen mich mit allen Höfen Europas? — Daß er im letzten Augenblicke vielleicht Gewissensbisse bekam — das ist gut möglich! Hat er noch nie von einem Verbrecher gehört, Marquis, der dicht vor seiner Tat erschreckte? Keinen in meinem Lande kenne ich, dem ich zutraue, des Junkers Pistole geladen zu haben, als nur meinem Neffen! Mein Enkelkind ist geraubt worden — das weiß er doch, Marquis. Nur durch mich aber hatten dessen Ansprüche wirklichen Wert — nach meinem Tode konnte mein Neffe Alexander sehr leicht mit dem Kinde fertig werden.«
Civitella sah seinen Vorteil. »Sire«, rief er, »Gottes Gnade hat Ihnen das Leben bewahrt! Alle Höfe Europas könnten nichts ausrichten, wenn der junge Prinz sicher in Ihrem Besitz wäre.«
»Ja, wenn!« nickte der Herzog. »Aber wo ist er? Wo steckt die gottverfluchte Erbprinzessin, die ihn geraubt hat? — Das muß ich zugeben, Marquis, daß ich viel Freude an meiner Familie erlebe! — Und den armen Prinzen wird sie zum Papisten erziehn!«
»Sie selbst werden ihn erziehn, Hoheit!« erwiderte der Marchese. »Ich weiß, wo der junge Prinz versteckt gehalten wird. Geben Sie mir den Junker, Sire, meinen irregeleiteten Freund — und ich werde dafür Ihr Enkelkind in Ihre Arme legen.«
Der Herzog fuhr auf. »Was?« rief er. »Das kann er tun?« — Dann wurde er wieder mißtrauisch. »Er ist ein Freund meines Neffen, Marquis! Er hat ihm Geld geliehen in Venedig, ist mir ihm in die Spielhäuser gezogen — Er sieht, Marquis, daß ich gut unterrichtet bin. Wer bürgt mir dafür, daß er hält, was er verspricht?«
»Sire«, antwortete der Marchese ruhig, »man sagt, daß das Wort des alten Herzogs das beste ist in Europa. Man hat mir Geschichten erzählt, daß er nie in seinem Leben ein Lüge gesprochen, nie ein Wort unerfüllt gelassen hat! Und darum vertraue ich auf euer Wort, Hoheit! Fünf Stunden von hier ist die hessische Grenze — dort werde ich Ihnen oder Ihren Vertrauensleuten um Mitternacht den jungen Prinzen übergeben. Versprechen Sie mir, Sire, vor dem Abgesandten des Königs von Neapel, daß Sie am andern Morgen den Junker von Zedtwitz freilassen werden?«
»Das will ich tun!« rief der alte Herzog. »Und er soll mich Hundsfott heißen dürfen, wenn ich mein Wort nicht halte!«
Man besprach die Einzelheiten; bestimmte einen genauen Punkt auf der Landstraße bei einem kleinen Grenzdorfe als Treffpunkt.
Wenige Minuten vor Mitternacht jagte eine Schwadron Husaren über die Landstraße, ihr folgten zwei Feldkutschen. Der alte Herzog hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst hinzukommen; er sprang aus der ersten Kutsche heraus. Ganz allein stand Civitella mitten auf der Chaussee, das Kind im Arme — eine schwarze Maske vor dem Gesicht.
»Bringt es her!« rief der Herzog. »Laßt sehn, ob er uns nicht irgendeinen Bastard unterschieben will!« Man brachte ihm das Kind, das der Alte sofort erkannte; es trug unverkennbar seines Sohnes Züge, wie seine eigenen. Dann winkte der Herzog einem Rittmeister, flüsterte ihm ein paar Worte zu und sandte ihn zu der zweiten Kutsche, der gleich darauf der Junker von Zedtwitz entstieg. Zwei Offiziere führten ihn vor den Herzog.
»Junker«, sprach ihn dieser an, »er ist hier an der hessischen Grenze. Ich erwarte, daß er hinüber geht und sich nicht mehr sehn läßt in meinen Landen. Ich weiß, daß er ein armer Verführter ist, aber auch solche kann ich nicht dulden, wenn sie mich als Zielscheibe für ihre Pistolenübungen benutzen. Lerne er besser schießen in Zukunft, Junker, und vor allem, wähle er sich geeignetere Objekte dazu. — Noch etwas — nehme er diese Börse von einem alten Freund seines Vaters — gewissermaßen als ein Erbteil seines Vaters — und versuche er, Junker, ein braver Mann zu werden!«
Er reichte ihm eine perlgestickte, schwergefüllte Börse. Der Junker nahm sie und fiel aufs Knie, unfähig, eine Antwort zu geben.
»Hoheit«, stammelte er, »Hoheit —«
»Dummes Zeug«, brummte der Herzog. »Bedanke er sich bei dem Manne, Junker, der mir seinen Kopf abkaufte!« Er wandte sich, stieg in die Kutsche und gab das Zeichen zur Abfahrt.
Zwei Minuten später standen Zedtwitz und Civitella allein auf der Landstraße —
Ich las, lieber Freund, dem Prinzen Ihren Brief aus Salzburg vor; er bittet mich, Ihnen zu schreiben, daß er Ihren Entschluß durchaus billigt. Es war gewiß das Beste, was Sie tun konnten, den jungen Zedtwitz gleich mitzunehmen nach Venedig. Hoffentlich behalten Sie recht, daß die Frauen den Junker dort schon auf andere Gedanken bringen würden. Sein Trübsinn ist ja nur zu begreiflich. Die Reue über die unselige Tat, die erzwungene Trennung von dem Prinzen, den er liebte, mußten ihm einen starken Stoß geben. Sie schreiben, Marquis, daß am schwersten eine seltsame Furcht vor dem Armenier auf ihm laste — ich hoffe, daß auch dieses Angstgefühl unter dem blauen Himmel Italiens vergehn möge. Ihre Anwesenheit, lieber Marquis, fehlt uns sehr; wir hoffen, daß Sie möglichst bald zurückkehren werden. Sie wissen ja, daß ich selbst nicht viel mehr als ein Zuschauer dieses Schauspiels bin, gern bereit, irgendeine kleine Rolle dem Prinzen zuliebe zu übernehmen, aber ganz gewiß nicht eine der treibenden Kräfte der Aktion. Obwohl sowohl selbst, als durch die Tradition meiner Familie sattsam gewohnt an abenteuerliche Hof- und Staatsintrigen in Kurland, Rußland, Schweden und Polen, muß ich doch gestehn, daß es meinem persönlichen Empfinden wenig liegt, mich aktiv daran zu beteiligen — ich bin eben viel mehr Soldat als Politiker. Dazu kommt, daß ich zu sehr beide Seiten sehe — eine Tatsache, die stets lähmend wirken muß und gewiß auch die Tatkraft unseres Prinzen beeinträchtigt. Durchaus überzeugt, daß Prinz Alexander einen ausnahmsweise guten Herrscher abgeben würde, einen weit besseren gewiß als der alte Herzog, kann ich dennoch diesem ebensowenig meine Sympathie versagen, wie Sie, Marquis. Es ist gewiß: er ist weit zurück hinter seiner Zeit; Prinz Alexander würde das Volk freier und glücklicher machen. Was den jungen Prinzen betrifft, so glaubt kein Mensch, daß er sehr alt werden wird. Gestern sprach ich mit dem Leibarzt des Herzogs — er sagte mir, daß des Vaters Leiden zweifellos dem Kinde im Blut stäke. Jede kleine Krankheit, die ein anderes Kind mit Leichtigkeit überwindet, würde für den kleinen Prinzen eine große Gefahr bedeuten.
Bei uns im Schlosse ist nichts Erwähnenswertes vorgefallen. Dank der Verschwiegenheit des napolitanischen Gesandten und des alten Herzogs, sowie Ihrer Vorsicht, bei der Übergabe des Kindes verlarvt zu erscheinen, ist nicht bekannt geworden, wer den jungen Prinzen dem Herzog übergab! Nur der Wiener Gesandte scheint einen Verdacht zu haben. Die allgemeine Annahme aber ist nach wie vor, daß die Entführung von der Erbprinzessin in die Wege geleitet wurde, zumal diese selbst kurz vorher von einem der alten Kavaliere ihres verstorbenen Gemahls hier in der Stadt gesehen wurde. Man behauptet, daß Leute des Herzogs im Hessischen der Erbprinzessin ihre Beute wieder abgejagt hätten, und erzählt sogar Einzelheiten dieser abenteuerlichen Entführung. Das Gerücht — es wird nur insofern kommentiert, als man erzählt, daß der alte Herzog, im Andenken an seinen Freund, des Junkers Vater, diese Flucht nicht nur recht gern gesehn, sondern auch darum gewußt habe — in diesem Punkte also kommt Fama der Wahrheit ziemlich nahe.
Der Prinz hat zweimal seinen »Ratgeber« gesehn; beide Male zur Nachtzeit. Freihardt, der während der ersten dieser beiden Unterredungen im Nebenzimmer wartete, erzählte mir, daß sie ziemlich erregt gewesen sei. Der Prinz selbst sprach weder zu ihm, noch zu mir davon — doch scheint es, daß es mehr wie je des Armeniers Absicht ist, ihn zu selbständigem Handeln zu zwingen.
Die fälligen Zuschüsse des Wiener sowie des Dresdner Hofes sind pünktlich bezahlt worden; es ist gewiß, daß diese Regierungen wieder ganz auf der Seite des Prinzen sind, seit das Kind in der Obhut des alten Herzogs zurück ist. Auch hat, wie mir Freihardt erzählt, der Prinz aus der Privatschatulle der französischen Königin eine ansehnliche Summe erhalten.
Ich sende auf Ihren Wunsch diesen Brief über Triest. Ich werde Sie, lieber Freund, dauernd auf dem Laufenden halten und hoffe, bald von Ihnen zu hören. Nehmen Sie für Zedtwitz und sich die besten Wünsche des Prinzen, denen Freihardt und ich uns anschließen.
Noch keine Nachricht von Ihnen, lieber Marquis — doch werden wir vor nächster Woche wohl kaum welche erwarten dürfen. Ich benutze die Gelegenheit, daß ein Mitglied der Kaiserlichen Gesandtschaft morgen nach Venedig abfährt, um dort den Vertreter seines Hofes abzulösen, um Ihnen diesen Brief zu senden. Irgend etwas Aufregendes ist nicht passiert, aber genug, um einen stillen Chroniquer, wie mich, zu interessieren. Ich persönlich hatte vorgestern eine vielstündige Unterredung mit dem Prinzen, die sich aber nur um die Belagerung Gibraltars drehte, die uns beide als alte Militärs natürlich außerordentlich interessiert. Der Prinz hat von seinem Freunde, Lord Seymour, einen eingehenden Bericht erhalten, und wir verglichen diesen Bericht mit den Nachrichten, die uns die Gesandten Spaniens und Frankreichs hier zur Verfügung stellten. Der Prinz hat in seiner Sammlung ganz ausgezeichnete Karten der Festungswerke. Denken Sie nur, Marquis, daß allein während der Monate April und Mai des letzten Jahres die Spanier und Franzosen etwa achtzigtausend Kanonenkugeln und Bomben in die Stadt warfen! Diese ist längst ein Trümmerhaufen, aber die Festungswerke hielten so ausgezeichnet, daß General Elliots Ausfall im November die feindlichen Batterien völlig zerstören konnte. In diesem Monat nun ist der Herzog von Crillon mit neuer Hilfe für die Belagerer angekommen; für ihn baut der berühmte Ingenieur d'Arcon schwimmende Batterien —
Aber ich weiß nicht, lieber Marquis, ob Sie, der Sie nie Soldat waren, das im geringsten interessieren wird — während wir beiden über unsern Karten stundenlang sitzen konnten. Doch wünschte ich, Sie hätten den Prinzen gesehn, wie seine Augen leuchteten, wie jede kleinste Bewegung seine angespannteste Aufmerksamkeit in Anspruch nahm! Wenn er je auf den Thron dieses Landes kommt, so möchte ich darauf wetten, daß er den Ehrgeiz haben wird, das im Süden Deutschlands zu schaffen, was der Potsdamer Philosoph im Norden erreichte. Dann mit ihm zu arbeiten, Marquis, möchte eine Lust sein!
Ich habe den Armenier gesehn — oder den Dr. Teufelsdrökh — wie man ihn nennen soll!! Ich saß nachmittags in meinem Gartenzimmer und las — plötzlich faßte mich eine merkwürdige Unruhe. Ich konnte mir im Augenblick nicht Rechenschaft geben, was es eigentlich war; so schloß ich die Augen, um zu versuchen, mir klar zu werden. Aber das einzige, was ich feststellen konnte, war das Empfinden, als ob irgendetwas Außergewöhnliches mir nahe sei, als ob vielleicht jemand mir eine besondere Nachricht bringen wollte. Ohne es recht zu wollen, ging ich ans Fenster, öffnete es und blickte hinaus — da sah ich im Park den Doktor auf mein Haus zukommen! er war in einfacher schwarzer Bürgerkleidung. Er hatte seinen Blick auf das Fenster gerichtet, als ob er mich dort zu sehn erwartete.
»Ein warmer Tag, Graf Osten«, rief er mir zu. »Eigentlich zu warm zum Studium. Nun, was sagen Sie zu Holbach?«
Ich sage Ihnen, Marquis, dieser Mensch muß seine Spione überall haben. Das Buch, das ich gerade las, war in der Tat von Holbach; ich hatte es erst vor wenigen Tagen aus Paris erhalten. Der Doktor wartete meine Einladung nicht ab, er kam die Treppe hinauf und trat, ohne anzuklopfen in mein Zimmer. Er griff den Band auf und begann sofort ein Gespräch über Holbach und die andern Enzyklopädisten. Er steht keineswegs ganz auf ihrer Seite und wirft ihnen besonders vor, daß sie viel zu wenig sich mit Spinoza beschäftigt hätten. Ganz andere Dinge erwarte er von dem jungen Frankfurter Dichter und Staatsmann, der so eng befreundet mit dem Weimarer Herzog sei. Dieser — er heißt Goethe, Sie erinnern sich vielleicht, Marquis, daß sein Name gelegentlich an unserm Tisch erwähnt wurde — sei ein geistiger Sohn des Linsenschleifers vom Haag; er würde —
Ich bitte um Verzeihung, liebster Freund! Dieses philosophische Gespräch wird ebensowenig Interesse für Sie haben wie das militärische über Gibraltar, das ich mit dem Prinzen führte! Genug also, wenn ich Ihnen mitteile, daß der Doktor etwa dreiviertel Stunden bei mir blieb, und daß sich unsere Unterhaltung nur um solche Dinge drehte. Dann stand er auf; er hatte die Türe schon in der Hand, als er mir zurief: »Ich habe dem Prinzen einige Pillen gegeben; ich möchte, daß Sie unter keinen Umständen ihm abraten sollten, die zu nehmen!«
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er hinaus. Ich hörte, daß er nicht die Treppe nahm, die zum Parke ging, sondern die andre, die zur Landstraße führt. Ich ging also hinüber in meine Bibliothek, stellte mich dort hinter den festverschlossenen schweren Vorhang am Fenster; durch einen Spalt sah ich hinaus. Die Straße war völlig menschenleer. Ich hörte dann die Tür meines Hauses sich öffnen; der Doktor trat hinaus und ging durch den kleinen Vorgarten. Im selben Augenblick vernahm ich rasch näherkommende Pferdehufe; gerade als der Doktor das Straßentor erreicht hatte, ritt ein Jäger vor, der ein zweites Pferd am Zügel führte. Der Doktor sprang auf, winkte lächelnd mit der Hand dem Fenster zu, als ob er wüßte, daß ich hinter dem Vorhang stände und ritt in kurzem Trabe davon.
Gewiß nichts Außerordentliches, lieber Marquis, doch werden Sie mir zugeben, daß gerade solche Einzelheiten erstaunlich sind.
Noch am selben Abende sprach ich mit Baron Freihardt, der mir mitteilte, daß der Prinz schon seit einigen Tagen diese Pillen nähme. Es handelt sich um sogenanntes Meconium, einen getrockneten Milchsaft, der aus den geschnittenen, unreifen Mohnkapseln gewonnen wird. Man sagt, daß die Englisch-Ostindische Kompanie mit dieser Droge, die überall im Orient gebraucht wird, großen Handel treibe, sie soll auch in Europa Eingang gefunden haben. Ich erinnere mich, vor Jahren gehört zu haben, daß der Attentäter Damiens, der den König von Frankreich mit einem Messer verwundete, gewohnheitsmäßig diese Droge genommen habe, und daß es diesem Umstande zuzuschreiben gewesen sei, daß er die entsetzlichen Torturen bei seiner Hinrichtung — er wurde gevierteilt, wie Sie wissen — so lange ausgehalten habe. Übrigens ist das Präparat, das der Doktor dem Prinzen gab, nicht das angloindische, das man in Pfeifen raucht, wie Tabak, sondern vielmehr ein kleinasiatisches, das man schluckt. In dieser Form soll es bei Türken, Persern und Griechen sehr beliebt sein; Freihardt sagte mir, daß man dort die Leute, die es nehmen, Theriakides nenne, obwohl diese Droge ganz und gar nichts mit Theriak zu tun hat. Es wäre mir lieb, Marquis, wenn Sie mir Näheres darüber mitteilen könnten, insbesondere über die Wirkungen. — Da ja die Kaufleute Ihrer Republik die regsten Handelsbeziehungen zur Türkei und auch besonders zu der Stadt Smyrna unterhalten, wird es Ihnen ein leichtes sein, gute Aufschlüsse zu bekommen. — Das Gerücht erhält sich, daß die Erbprinzessin sich in der Residenz aufhält. Verschiedene der Lakaien des verstorbenen Erbprinzen sowie zwei seiner Kavaliere behaupten mit aller Bestimmtheit, sie gesehn und erkannt zu haben. Bei Hofe ist man dieserhalb in begreiflicher Erregung. Der alte Herzog hat sich alle diese Leute kommen lassen und sich ihre Angaben auf die Bibel beschwören lassen. Zugleich ist allen Behörden strengster Befehl gegeben worden, auf sie zu fahnden. Da man auch eine Wiederholung des Entführungsstreiches befürchtet, so sind die Vorsichtsmaßregeln verzehnfacht worden. Das Gardegrenadierregiment, dessen Kompagnien sich regelmäßig abwechseln, ist zu ständigem Wachdienst kommandiert; in dem Schlafzimmer des jungen Prinzen selbst befinden sich stets ein Offizier und zwei Mann; wenn er im Hofgarten spazieren fährt, begleiten ihn rechts und links Husaren. Unser Prinz lacht über diese Vorsichtsmaßregeln, aber der alte Herzog nimmt sie ebenso bitter ernst, wie die ganze Bevölkerung der Stadt; es kommt mir so vor, als ob jeder einzelne Bürger und jede Bürgerin zu einem großen Wachekorps gehörten; so wichtig schauen Sie sich an den Straßenecken um, als ob sie irgendeinen verborgenen Feind suchten.
Das höchste Gericht hat in einer Sitzung vor wenigen Tagen entschieden, daß die beiden Angelegenheiten des Prinzen, die Feststellungsklage und die Anspruchsklage, die der Advokat aus Frankfurt für die Erbprinzessin einbrachte, getrennt zu behandeln seien. In der Sache des Prinzen steht eine neue Tagsatzung für nächste Woche an; man ist allgemein der Ansicht, daß an dem Tage die Klage des Prinzen endgültig abgewiesen würde.
Soeben brachte die Post den Brief des Junkers an den Prinzen, sowie mir das kurze Billett von Ihrer Hand. Es ist sehr nett von Ihnen, lieber Freund, daß Sie sogleich an den Prinzen dachten, als Ihnen diese Vedute der Gärten von Murano angeboten wurde. Prinz Alexander wird sich über diese Überraschung sehr freuen; ich weiß von Freihardt, daß er selbst vorhatte, sich diese Ansicht malen zu lassen. Dazu kommt, daß er den jüngeren Canaletto sehr schätzt; erst kurz vor dessen Tode hat er ihm verschiedene Bilder abgekauft.
Von hier, Marquis, ein ganzer Sack voll Neuigkeiten. Das Gardegrenadierregiment braucht keinen Wachdienst mehr zu tun — das höchste Gericht braucht seinen Spruch nicht mehr zu fällen. Um es kurz zu machen — der junge Erbprinz Eberhard ist gestorben. An der Bräune, einer ganz gewöhnlichen Kinderkrankheit, die stets sehr gefährlich ist — der Fall des jungen Prinzen war bei dessen geringer Widerstandskraft vom ersten Tage an völlig hoffnungslos. Man versuchte das Menschenmöglichste, ihn zu retten — vergebens. Es scheint so lächerlich nun, wenn man überlegt, welche Kämpfe um dieses schwache, unschuldige Kind geführt wurden, welcher Witz, welche Mittel von allen Seiten aufgewandt wurden, um es in die Hand zu bekommen.
Für den alten Herzog ist dieser Tod ein sehr schwerer Schlag; während der Krankheit hat er sich stündlich Bericht erstatten lassen. Um noch einmal der Bevölkerung und ganz besonders den Vertretern der fremden Höfe gegenüber seinen Standpunkt recht deutlich zu zeigen, hat er befohlen, daß die Leichenfeierlichkeiten mit großem Pomp stattfinden sollten. Die kleine Leiche wurde zunächst in der Schloßkirche aufgestellt, in die Jung und Alt wallfahrteten — jeder kam mit Blumen, die die Gärtner des Hofes dann überall anbrachten — die ganze Kirche schien ein gewaltiges Blumenhaus. Ein kleiner Zwischenfall ist zu berichten: man fand in der kleinen Faust der Kindesleiche ein paar Blümchen mit einer Karte, die die Worte trug »Von deiner Mutter.« Keine der Wachen hatte gesehn, daß irgend jemand so nahe an den hochaufgebahrten Sarg herangetreten war, um diese Blumen dort hingeben zu können; doch glaubte ein Lakai am Ausgang der Kirche die Erbprinzessin gesehn und trotz ihres Schleiers erkannt zu haben. Er war, eingedenk der hohen Belohnung, schreiend auf sie zugesprungen, doch war die Frau in eine bereitstehende Kutsche gestiegen und eilends davongefahren. Die Folge war, daß der alte Herzog sofort den Befehl, auf die Erbprinzessin zu fahnden, aufhob. Nun, nachdem ihr Sohn gestorben ist, hat sie auch nicht mehr das geringste Interesse für ihn — mag sie tun und lassen, was sie will, der Herzog wird nicht einen Finger darum rühren.
Man sollte meinen, lieber Freund, unser Prinz würde den Tod des Kindes, der ihn seinen Wünschen um soviel näher bringt, als eine Befreiung empfunden und mit einer großen Genugtuung aufgenommen haben; das Gegenteil ist der Fall. Sowie er die Nachricht hörte, hat er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen und das auch die nächsten Tage wiederholt. Endlich sprach er mit seinem Vertrauten, dem Baron von Freihardt. Obwohl es ganz offenbar ist, daß das Kind an der Krankheit, die ich Ihnen nannte, starb, macht sich dennoch unser Prinz die bittersten Gewissensbisse. Nur dafür ist er dem Schicksal dankbar, daß es in dem Schloß des Herzogs starb und nicht während der Zeit, da es in unserer Obhut war. Im übrigen aber quält in der Gedanke, daß er wieder und wieder den Tod des Kindes gewünscht habe, gefällt sich in mystischen Spielereien, daß es letzten Endes eben nur seine Wünsche gewesen seien, die schließlich Gestalt annahmen.
Die Meconiumpillen, die ihm Dr. Teufelsdrökh gab, scheint der Prinz alle paar Tage zu nehmen. Ein hiesiger Arzt teilte mir mit, daß die Droge auch unter dem Namen Laudanum bekannt sei; inzwischen werden Sie meine Anfrage in meinem letzten Briefe gelesen haben und zur Zeit wahrscheinlich schon mehr darüber wissen als ich. Ich selbst sah den Prinzen noch nicht nach dem Genuß dieser Droge; aber Freihardt erzählte mir, daß sie anfänglich ihn etwas zu erregen, dann aber sehr zu beruhigen scheine. Schließlich fällt der Prinz in völlige Ruhe, während der er allerlei zu träumen scheint. Ich sehe nicht viel Harm darin, daß der Prinz gelegentlich diese Pillen nimmt, doch fürchte ich, daß sie auf die Dauer verheerender wirken könnten als Weingenuß.
Ich unterbreche diesen Brief, lieber Freund, den ich sowieso vor dem Abgang der nächsten Post nicht absenden kann; Freihardt kommt eben, um mich zum Nachtmahl zu holen, er bittet mich, Ihnen seine besten Grüße zu übermitteln.
Die Begräbnisfeierlichkeiten sind vorbei; die Beteiligung der Bevölkerung war eine außerordentliche. Der alte Herzog ist am nächsten Tage fortgefahren, er hat sich zur Erholung in sein Jagdschloß im Kottenwalde zurückgezogen. Seinem Beispiele sind die meisten Gesandten gefolgt, einer nach dem andern hat seinen Erholungsurlaub angetreten.
Unser Prinz ist nun Thronfolger; als solcher von allen Höfen ohne Ausnahme anerkannt. Auch der alte Herzog hat sich nun stillschweigend mit dieser Tatsache abgefunden — seine einzige Absicht scheint zu sein, ihn recht lange in dieser Stellung zu lassen. Er wird in wenigen Monaten siebzig Jahre alt. Es ist gewiß, daß er von seinem fünfzigsten Jahre an kränkelte; über Asthma, Herzbeschwerden klagte, an Podagra litt, und nie recht seines Lebens froh werden konnte. In den letzten Jahren aber scheinen diese Beschwerden behoben zu sein, wohl weniger durch die Kunst seiner Leibärzte, als vielmehr kraft seiner eigenen starken Konstitution. Während all dieser Zeit hat er wohl selbst kaum geglaubt, daß er noch mehr als ein paar Jahre zu leben hätte — und diesen Glauben hat auch Prinz Alexander geteilt. Nun aber fühlt sich der alte Herzog so stark und gesund, daß er dem Wiener Gesandten bei der Abschiedsaudienz sagen konnte, daß er ganz gewiß sei, das nächste Jahrhundert noch zu erleben.
Was aber sind dann die Aussichten unseres Prinzen? Er ist Ende der Dreißiger — er mag ein Sechziger sein, ehe er die Krone sich auf das Haupt setzen kann. Es ist sicher, daß der Prinz, dem die Äußerung des Herzogs von dem Wiener Herrn selbst erzählt wurde, dieser Erwägung breiten Raum gegeben hat; er ist in den letzten Tagen seltsam niedergeschlagen, es ist sicher etwas Schönes um eine Krone — aber um eine, auf die man als reifer Mann noch ein Vierteljahrhundert warten soll?!
Ihre Sendung traf ein, lieber Marquis; ich war zugegen, als der Prinz und Freihardt das Bild auspackten. Ich muß gestehn, daß ich kein anderes Bild Bernadino Belottos kenne — war das nicht der Name des Canalettoschülers? —, das mir so ausgezeichnet gefiele! Die Freude des Prinzen war natürlich eine noch viel größere, da zu ihm ja diese Vedute noch ganz anders sprechen mußte. Er hat sich sogleich niedergesetzt, Ihnen zu schreiben; Sie werden seinen Brief mit dem meinen zugleich erhalten. So sehr hat die Erinnerung an die Tage in Murano ihn ergriffen, daß er sich entschlossen hat, seinen Freund, den Dr. Teufelsdrökh, zu bitten, ihn mit Veronika, der Dame von Murano, zusammenzubringen. Bei dieser Gelegenheit, Marquis, hat sich herausgestellt, daß der Prinz ebensowenig wie wir beide, Freihardt und ich, die kleinste Ahnung von dem Aufenthaltsort dieses Mannes hat — noch auch kennt er den der Dame, obwohl er weiß, daß beide seit Monaten in unserer Stadt weilen. Ich erklärte mich sofort bereit, Nachforschungen anstellen zu lassen; der Prinz lehnte es ab.
So sehr hat ihn diese Sehnsucht gefaßt, daß er während des Abendessens kaum eine Silbe sprach. Er starrte vor sich hin; schließlich murmelte er: »Wenn ich sie nur sehen könnte — o, nur einmal sehen!«
Ich erwähne folgenden kleinen Umstand, weil aus ihm erhellt, daß wir trotz aller Vorsicht Spione unter unsern Bedienten haben. Zwei Abende drauf saß ich mit Freihardt auf der Terrasse meines Landhauses — der nach dem Parke zu gelegenen. Der Prinz hatte sich früh zurückgezogen; wir beide saßen bei einem Glase Wein vor einer Schachpartie. Wir waren wohl beide sehr vertieft, denn wir hörten niemand kommen, weder auf den Gartenwege noch auf den Steinfliesen der Terrasse.
Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir: »Das Rössel, Graf! Greifen Sie die Dame an — in sechs Zügen ist er matt!« Freihardt schrak auf, ich nicht weniger — hinter mir stand der Dr. Teufelsdrökh. Der Baron sprang sofort auf; er wußte, wie sehnlich ihn der Prinz erwartete. Aber der Doktor machte keine Miene, mitzugehn; er nahm ruhig Freihardts Platz ein und fragte mich, ob ich eine Partie mit ihm spielen wollte? Der Baron bat ihn, mit zum Prinzen zu kommen, und ich vereinte meine Bitten mit den seinen. Aber der merkwürdige Doktor blieb ungerührt: »Nein« erklärte er ruhig, »sagen Sie dem Prinzen er möge warten. Oder besser noch, Baron, sagen Sie ihm, daß ich überhaupt nicht kommen würde.« Dann wandte er sich an mich und fuhr mit einem fast gutmütigen Lachen fort: »Da sehn Sie, Graf, was ein freier Wille bedeutet. Ich kam her in der Absicht, mit dem Prinzen allerlei zu besprechen — nun seh ich Sie beide beim Schachbrett sitzen. Ich habe seit Jahren keine Figur mehr gerückt — aber plötzlich überkommt mich die Lust, Schach zu spielen. Der Prinz ist vergessen — mehr noch, Graf: selbst wenn Sie jetzt ablehnen würden, mit mir zu spielen, ich würde mich heute abend allein mit irgendwelchen Schachproblemen beschäftigen. — Wie kann jemand da von freier Willensbestimmung schwatzen?«
Der Baron stürzte weg, um den Prinzen zu benachrichtigen — aber der Doktor rief ihm nach: »Bringen Sie ihn nicht hierher, hören Sie! Ich will Schach spielen und nicht gestört sein.«
Ich beschloß, mit ihm zu spielen, schon um ihn festzuhalten — am Ende konnte er doch seinen Entschluß ändern und den Prinzen sehn wollen. Er eröffnete Fianchetto, eine schwache Eröffnung, die er aber verblüffend gut behandelte. Ich kam bald ins Gedränge, verteidigte mich, so gut es gehn wollte. Nach einiger Zeit kam Freihardt zurück, augenscheinlich mit einer Botschaft des Prinzen. Diese kleine Störung bewirkte es, daß der Doktor, obwohl Freihardt noch kein Wort gesagt hatte, einen recht groben Schnitzer machte, der ihm die Partie kosten mußte. Er bemerkte es sofort, für das Zehntel einer Sekunde huschte eine Wolke des Unmuts über sein Gesicht. Dann lächelte er, wandte sich an den Baron, und sprach: »Kehren Sie um, Baron. Sagen Sie dem Prinzen, er möge heute nacht gegen elf Uhr aus dem Fenster seines Schlafzimmers schauen — um diese Zeit geht der Mond auf. Dann wird er sehn, was er zu sehn wünscht.« Seine Worte waren so schlicht und einfach, dabei doch so bestimmt und gebieterisch, daß Freihardt ohne ein weiteres Wort sich verbeugte und umkehrte. Der Doktor wandte sich wieder dem Spiel zu. Ich erbot mich sofort, ihm den Zug, der ihm die Dame gegen einen Läufer kosten mußte, zurückzugeben, aber er schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Dummheit begangen«, murmelte er, »es ist nur recht, daß ich die Folgen trage!« — Nun war ich der Angreifer, und ich setzte ihm hart genug zu. Ich gab mir jede Mühe, überlegte lange und nahm, wo ich nur konnte, Abtauschchancen vor, um meinen Vorteil zu befestigen. Schließlich glaubte ich meiner Sache ganz sicher zu sein, als ich gerade zwei Türme austauschen konnte; ich empfand ein gewisses Gefühl der Genugtuung, ihn zu besiegen. In diesem Augenblick sagte er: »Matt in neun Zügen!«
Ich konnte mich drehn und wenden wie ich wollte — es gab keinen Ausweg mehr; ich mußte mich geschlagen bekennen. Die Partie hatte ziemlich lange gedauert; der Doktor stand auf, um zu gehn. Ich brachte ihn um das Haus herum zur Landstraße; wie wir durch den Vorgarten gingen, kam sein Diener mit den Pferden. Ich sah ihm nach, aber er war bald im Dunkel verschwunden. Da ich keineswegs müde war, so beschloß ich, den Baron aufzusuchen; ich ging also durch den Park zum Schloß. Ich fand ihn an seinem Schreibtisch, eifrig beschäftigt, einige Korrespondenzen für den Prinzen zu erledigen, die am nächsten Morgen herausgehn sollten. Ich erbot mich, ihm zu helfen, und die Arbeit ging rasch vorwärts. Als ich zufällig von einem Briefe aufsah, bemerkte ich, daß der Mond strahlend ins Zimmer fiel; unwillkürlich stand ich auf und trat ans Fenster. Freihardt folgte mir. »Um diese Zeit«, sagte er, »soll der Prinz sehn — was er zu sehn wünscht. Sie glauben nicht, Graf, wie er sich freute, als ich ihm diese Nachricht brachte! — Was aber wünscht er zu sehn? Ich wollte ihn nicht fragen —«
»Was er zu sehn wünscht?« rief ich »Hat er es nicht beim Nachtmahl selbst gesagt? Sie natürlich — die Frau von Murano.« Wir blickten aus dem Fenster; still lag der Park zu unsern Füßen, kein Hauch, kein Lüftchen in der weichen Nacht. Da trat aus den Ulmen heraus eine Gestalt — langsam ging sie um den runden Rasenplatz vor dem Schlosse herum, in dessen Mitte der kleine Teich mit dem Springbrunnen sich befindet. Sie war tief verschleiert, nahm dann aber den Schleier ab — Freihardt erkannte sie sofort. Sie schritt ruhig und still, blieb zuweilen für einen Augenblick stehen, warf auch wohl, ohne das Haupt zu heben, einen Blick nach oben. Die ganze Erscheinung machte in dem Silberlicht des Mondes einen fast unwirklichen Eindruck. Trotz der tiefsten Stille hörte man ihre Schritte nicht. Ihre Bewegungen schienen die einer Somnambulen, sie hatten etwas Mechanisches, nirgend etwas Willkürliches, aus dem Augenblicke Entstandenes. Sie blieb dann an einem hochstämmigen Rosenstocke stehn, hob den Arm und brach eine weiße Rose. Sie ging weiter, blieb wieder nach einer Weile stehn, schritt auf eine Steinbank zu und setzte sich. Sie fächelte sich mit einem sehr kleinen Fächer; schlug ihn zusammen und legte ihn mit der Rose neben sich hin. Dann stand sie auf, ließ Fächer und Rose liegen — ganz augenscheinlich absichtlich, da sie beiden noch einen Blick nachwarf. Sie schritt mit denselben langsamen, etwas schleppenden Schritten weiter und verschwand endlich zwischen den Ulmen. Bald darauf hörten wir Schritte auf der Gartenterrasse: der Prinz eilte die Treppen hinunter in den Garten. Er ging auf die Bank zu, auf der soeben die Geliebte gesessen, nahm Fächer und Rose auf und drückte beide an die Lippen. Lange starrte er in die Richtung, in der sie verschwunden; es war, als kämpfte er mit dem Wunsche, ihr nachzueilen. Er seufzte, küßte noch einmal die weiße Rose und kam zurück.
Ich muß gestehn, lieber Freund, daß diese ganze Szene etwas sehr Rührendes hatte, etwas ungemein Sentimentalisches, das sich in jeder Weise in den Zauber der Mondscheinnacht einschmiegte. Dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in gleichem Falle Sie zum Beispiel, Marquis, nicht so gehandelt hätten wie der Prinz. Er fiebert, verzehrt sich in Sehnsucht nach der Geliebten — dennoch wagt er nicht, ihr zu nahen. Wenn es noch wäre, weil er nicht einem Befehle des Dr. Teufelsdrökh, auf den er ja schwört, hätte entgegentreten wollen! Aber ich war ja zugegen, hörte mit meinen Ohren, was dieser sagte — der Prinz möge aus dem Fenster schauen, wenn der Mond aufgehe — dann würde er sehn, was er zu sehn wünsche. Kein Wort, keine Andeutung irgendeines Verbotes, daß er sich der Schönen nicht nähern dürfe! Ich wette darauf, Sie, Marquis, oder Egon Zedtwitz wären gewiß im Augenblick hinuntergeeilt, die Geliebte in die Arme zu pressen — ich muß gestehn, daß ich es kaum anders gemacht haben würde, obwohl ich soviel älter und gewiß auch sehr viel kühleren Blutes bin als Sie beide.
So schien mir diese kleine Episode ein Bild zu geben von dem Gesamtzustand des Prinzen. Er wünscht und empfindet sehr stark und kann sich dennoch zu keiner Tat entschließen — immer wieder scheinen ihn Skrupel und Zweifel zu plagen, ob er auch wirklich ein Recht habe, ob er es vor sich selber verantworten könne, diese oder jene Handlung zu wagen. Und gerade dieser Umstand scheint es mir zu sein, der den merkwürdigen Doktor veranlaßt, ihm weniger zu helfen, als er wohl tun könnte. Ich sagte und schrieb Ihnen, Marquis, daß der naturalistische, nichttheologische Determinismus des Doktors Steckenpferd sei. Was aber der Prinz tut, steht, ob es gleich im ersten Augenblick das Gegenteil scheint, im ausgesprochensten Gegensatz zu dieser Theorie des Doktors. Gerade dieses ewige Zweifeln und Zaudern scheint einen Glauben an die Freiheit des Willens vorauszusetzen — scheint die freie Wahl des Handelns zu bedingen — etwas, was der Doktor auf das entschiedenste leugnet. Der, ob er gleich spontan und dann mit erstaunlicher Energie handelt, ist dennoch überzeugt, daß jeder erste Impuls hierzu von allen möglichen Umständen — außerhalb seines Ichbewußtseins — abhängig sei. Der Prinz auf der anderen Seite erweckt den Anschein, als ob er freie Gewalt habe, irgendeine Handlung zu begehn oder nicht zu begehn — das hat der Doktor gewiß weit schärfer erkannt, als ich, dem es erst jetzt recht eigentlich auffällt. Dann aber liegt die Sache gewiß so, daß der Doktor es müde ist, vielleicht gar darüber erbost ist, daß der Prinz sich nicht entschließen kann. Nach seiner Überzeugung müßten alle die Umstände, die er selbst sorgsam einfädelte und vorbereitete, den Prinzen jetzt mit Naturgewalt zum Handeln zwingen — und er sieht nun nur einen halben Erfolg. Gewiß war es gerade der anfängliche sehr hartnäckige Widerstand des Prinzen, der ihn reizte, trotz seinem völligen Mißerfolg weiter an seinem Plane zu arbeiten — nun aber, nachdem er der Seele des Prinzen seine eigenen Gedanken eingegeben hat, nachdem der Prinz fest an seine »Mission« glaubt — die im Hirne des Doktors vielleicht nichts als ein spielerischer Gedanke war —, nun versagt der Prinz beinahe noch mehr als früher. Es gelang dem Doktor, dem Prinzen Alexander eine Traumwelt zu schaffen, in der er lebt, aber es gelang ihm noch nicht, ihn zu veranlassen, diese Wünsche in Wirklichkeiten zu übersetzen. So sehr der Prinz auf der einen Seite auf jedes Wort dieses Mannes schwört, ebenso setzt er, ohne sich dessen bewußt zu sein, ihm einen beharrlichen Widerstand entgegen. Das Seltsame ist dabei, daß sich dieser Widerstand nie gegen irgend etwas richtet, oder richten würde, das ihm sein Ratgeber raten möchte — alles würde der Prinz unweigerlich sofort erfüllen. Aber es richtet sich dieser Widerstand gerade gegen das, worauf es dem Doktor augenscheinlich am meisten ankommt — daß er nämlich selbst denkt und selbst handelt — immer in dem deterministischen Sinne des Doktors. Noch freilich wird dieser sein Spiel nicht verloren geben!
Ich weiß nicht, Marquis, ob ich mich klar genug ausgedrückt habe. Erlauben Sie mir daher, ein Beispiel zu wählen. Der Doktor Teufelsdrökh ist ein leidenschaftlicher Puppenspieler, seine Puppen sind lebendige Menschen. Um diese tanzen zu machen, stehn ihm eine ganze Fülle verschiedener Methoden zur Verfügung, von denen wir eine Reihe kennen gelernt haben. Da haben wir die Methode, die er bei dem Junker von Zedtwitz, den er ja, wenn er will, vollkommen in seiner Hand hat, anwendet. Es ist dies die Methode des Wiener Arztes Dr. Mesmer, der sie zur Zeit in Paris unter großem Zulaufe zeigt — man nennt sie nach ihm: Mesmerisieren. Nehmen Sie weiter die Methoden, die er dem Prinzen gegenüber zur Anwendung brachte. Zunächst versuchte er es mit dem alten Taschenspielerhandwerk, wie alle Abenteurer und Glücksritter, unter denen in unsern Tagen der sizilianische Pseudograf Cagliostro der bedeutendste ist — freilich hat der Doktor diese Methode nach Möglichkeit alles Groben entkleidet und so weit es ging auf das Psychische einzustellen versucht. Schon viel mehr auf den Geist — oder besser auf das Gemüt — gestellt war sein zweiter Angriff auf den Prinzen, wobei er fast wie ein genialer Schachspieler arbeitete. Er verspielte auch hier; aber er hatte während dieser Zeit mit seiner erstaunlichen Menschenkenntnis den Prinzen so genau studiert, daß er seinen dritten Angriff so geschickt anlegte, daß der Prinz ihm nunmehr willenlos zufiel. Von diesem Augenblick an war der Prinz seine Puppe, die ihm gehorchen mußte, genau so wie es der Junker ist und wie es vermutlich noch viele andere Menschen sind.
Und nun wollen Sie beachten, Marquis, daß von dem Moment an, wo dieser seltsame Doktor diese Gewißheit hat, es ihm keinen Spaß mehr macht, die Drähte zu ziehn und die Puppen tanzen zu lassen. Mitten im Spiel möchte er seinen Schnürboden verlassen, möchte sich zwischen das Publikum setzen und ein wenig Zuschauer spielen. Möchte, daß seine Puppen nun allein die Komödie weiterspielen sollten. Sie wissen, wie erstaunlich gut ihm das bei dem Junker gelang. Dieser stand so völlig unter seinem mystischen Einfluß, daß er ihn jederzeit mesmerisieren und in diesem Zustande, wozu er nur immer wollte, gebrauchen konnte. Aber er dachte gar nicht daran, hiervon Gebrauch zu machen, als er ihm den Namen des alten Herzogs als den des Mörders seines Vaters nannte. Die Puppe Zedtwitz sollte diesmal ohne Schnüre agieren — er aber saß im Parkett und schaute zu! Genau dasselbe, denke ich, möchte er nun auch im Falle des Prinzen tun — aber da sieht er zu seinem Ärger, daß dieser weder Arme noch Beine regen will, wenn nicht die Schnüre und Drähte gezogen werden.
Also, lieber Freund, unserm erstaunlichen Doktor genügt es nicht, andere Menschen zu seinen Puppen zu machen; er will dazu noch, daß diese Puppen, wenn es ihm gerade gefällt, eigenes Leben haben und selbsttätig ihm voragieren sollen — natürlich im Sinne der von ihm verfertigten Lebenskomödien oder Tragödien!
Das alles ist meine Spekulation, liebster Marquis, was meinen Sie dazu?
Ja, Marquis, der Prinz billigt durchaus den Entschluß des Junkers, in holländische Kriegsdienste zu treten. Zedtwitz wird viel sehen von der Welt, und wenn er nach einigen Jahren aus Indien zurückkehrt, wird er schon einen Platz finden, den er auszufüllen vermag. Daß Sie, lieber Freund, so bald schon wieder zu uns kommen, ist sehr erfreulich; sein Sie überzeugt, daß man Ihre Frische und Geschicklichkeit hier brauchet. Freihardt jammert jeden zweiten Tag nach Ihnen.
Ich danke Ihnen für die Mitteilungen, die Sie mir bezüglich des Meconium geben. Dies alles ist ja sehr widersprechend; man kann wirklich, wie Sie schreiben, Marquis, daraus entnehmen, was man will. Aber eines erscheint mir gewiß: Diese Pille bedeutet für den Dr. Teufelsdrökh nichts anderes als eine neue Methode, zu versuchen, eine seiner Puppen von den Drähten zu befreien und zu einem selbständigen Spiel zu veranlassen. Baron Freihardt erzählt mir, daß gestern —
Ich werde unterbrochen; mein Jäger schreit vom Parke her in höchster Aufregung meinen Namen — irgend etwas ist vorgefallen.
O ja, lieber Freund, etwas ist vorgefallen! Der Prinz ist verhaftet, Freihardt — tot!
Ich eilte aus dem Zimmer, dem Jäger entgegen, traf ihn vor dem Hause. Er erzählte mir in abgerissenen Worten — aber alles verwirrte sich so sehr bei ihm, daß ich kaum den Zusammenhang begriff. Ich rannte also mit ihm durch den Park zu dem Schlosse, um dort die gleiche Aufregung und Verwirrung zu finden. Freihardt lag in des Prinzen Zimmer mit einem tiefen Bajonettstich in der Brust — er atmete noch, aber kam nicht mehr zum Bewußtsein; nach einer Viertelstunde verschied er in meinen Armen, noch ehe ärztliche Hilfe zur Stelle war. Von der Dienerschaft erfuhr ich, daß plötzlich eine Kompagnie der Gardegrenadiere unter Führung eines Hauptmannes in das Schloß eingedrungen sei. Dieser zeigte dem Prinzen einen von dem Stadtkommandanten unterzeichneten Arrestbefehl und erklärte ihn für verhaftet, ohne irgendwelche Gründe zu nennen. Prinz Alexander sah sofort ein, daß jeder Widerstand nutzlos sei, erklärte sich bereit, dem Offizier zu folgen und bat nur um einen kurzen Aufschub, um ein paar Briefe zu schreiben und einige Befehle für die Dienerschaft zu geben. Das wurde ihm in brutaler Weise verweigert — jetzt erst verlor der Prinz seine Ruhe. Ein Wort gab das andere; schließlich gab der Hauptmann den Befehl, den Prinzen zu greifen und mit Gewalt abzuführen. In diesem Augenblick stürzte Freihardt herein, der in seinem Zimmer den Tumult gehört hatte; er sah gerade wie die Soldaten auf den Prinzen loseilten, und warf sich ihnen sogleich entgegen, um seinem Herrn zu helfen. Seinem Beispiel folgten zwei oder drei treue Bediente; es entwickelte sich ein kurzer Kampf, in dessen Verlauf der Baron, nachdem er einige der Soldaten nicht unerheblich mit seinem Degen verwundet hatte, in ein ihm unversehens vorgehaltenes Bajonett geradezu hineinrannte. Prinz Alexander, der keine Waffe zur Hand hatte, wurde bald überwältigt, gefesselt und fortgetragen. Der Hauptmann stellte fest, daß der Zustand Freihardts, für den er übrigens auch einen Haftbefehl hatte, völlig hoffnungslos sei und bekümmerte sich nicht weiter um ihn; er zog mit seiner Truppe und seinem Gefangenen ab.
Als die Ärzte anlangten, war es für den Baron längst zu spät; sie konnten nur zweien der Bedienten ihre Wunden verbinden. Das war die Situation, die ich antraf. Ich gestehe, Marquis, daß ich zunächst wie vor den Kopf geschlagen dastand und nicht wußte, was ich tun sollte. Wenn nur Civitella da wäre, dachte ich! — (Ich beschwöre Sie, Marquis, beschleunigen Sie Ihre Abreise und reisen Sie Tag und Nacht, wir bedürfen Ihrer mehr als je!) Ich sprach mit den Bedienten, der Reihe nach, keiner konnte mir etwas Näheres mitteilen — auch von den neuen Kavalieren des Prinzen, die im Kavalierhaus wohnen und die alle erst nach mir auf dem Schauplatz eintrafen, konnte keiner irgendwelchen Aufschluß geben. Ich beauftragte nun die Kavaliere — die meine Befehle bereitwilligst entgegennahmen, da sie ja das besondere Vertrauen, das der Prinz mir schenkt, genau kannten — sofort zur Stadt zu eilen, um Erkundigungen einzuziehen, was mit dem Prinzen geschehn und aus welchen Gründen die plötzliche Verhaftung erfolgt sei. Denselben Auftrag gab ich den fähigsten unserer Jäger und Lakaien. Dies geschah in den Morgenstunden; ich bestimmte, das alle gegen sechs Uhr abends mir Bericht erstatten sollten. Dann traf ich Anweisungen für das Begräbnis des armen Freihardt, schrieb an seine Verwandten — seine Eltern hatte er schon vor langen Jahren verloren. Endlich ließ ich eine geschlossene Kutsche anspannen, da ich es vermeiden wollte, mich selbst öffentlich zu zeigen, und fuhr in die Stadt. Ich sprach bei den Gesandtschaften vor, wo ich nicht genau wußte, ob die Herren schon in die Ferien gereist seien, bekam aber in einem Hause nach dem andern den Bescheid, daß der Herr Gesandte verreist sei. Endlich stellte ich fest, daß Senator Tesdorpf, der Gesandte der Hansestädte, noch in der Residenz sei, da seine Frau erkrankt war; ich fuhr sofort zu ihm hin und ließ mich bei ihm melden. Freilich war gerade dieser Gesandte einer der wenigen, die unbedingt zum alten Herzog hielten; ja, Senator Tesdorpf, selbst ein strenger Lutheraner und seit manchen Jahren Vertreter der Hansestädte an diesem Hofe, war mit dem Herzog persönlich eng befreundet. Trotzdem empfing mich der alte Herr zuvorkommend genug. Er erfuhr erst durch mich von der plötzlichen Verhaftung des Prinzen und wußte so wenig einen Grund dafür, wie ich selbst. Sie kam ihm um so überraschender, als er erst gestern von einem kurzen Besuch auf dem Jagdschloß des Herzogs zurückgekehrt war; obwohl er zwei Tage lang mit dem Herzog zusammengewesen und oft durch Stunden mit ihm spazieren gegangen war, hatte der alte Herzog ihm auch nicht die kleinste Andeutung gemacht, die darauf hätte schließen lassen, daß er einen derartigen Schritt beabsichtigte. »Ich kenne den Herzog gut genug«, sagte er, »um mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß er noch gestern nichts Derartiges vorhatte. Wir haben sehr eingehend über den Fall des Prinzen gesprochen; er hat mir vieles gesagt, was nur für die Ohren des Freundes, nicht des Gesandten bestimmt war. Aber nicht eine Silbe über eine bevorstehende Verhaftung!« — Er versprach mir, sich sogleich beim Justizminister, der in der Residenz sei, zu erkundigen und mir zum Abend Bescheid zu senden. Jede Hilfe, soweit sie sich mit seinem Amt als Gesandter vereinigen ließe, sagte er mir gerne zu.
Zurückgekehrt nahm ich einen Bericht nach dem andern entgegen. Der Prinz war auf die Zitadelle gebracht worden und wurde dort in strengem Gewahrsam gehalten; allerdings hatte ihm der Kommandant zwei seiner eigenen Räume angewiesen. Ich sandte sofort zwei Jäger hin und ließ ihm Wein und Essen, Schlafhemden und Bettwäsche schicken, ich schrieb einen Brief an den Prinzen und einen an den Kommandanten. Nach einer Weile aber kamen die Leute zurück mit der Nachricht, daß der Kommandant zwar erlaubt habe, den Brief und die andern Sachen dem Prinzen zu übergeben, dagegen nicht gestatte, daß einer der Jäger zur Bedienung dort bliebe, noch auch, daß der Prinz selber schreibe. — Über die Verhaftungsursache wurden mir die verschiedensten Gerüchte widerbracht; das wahrscheinlichste davon war das, daß eine Hochverratsanzeige gegen ihn eingelaufen sei. Dies wurde mir auch durch einen Brief des Senators bestätigt, der insofern ein Novum enthielt, als er mitteilte, daß der Arrestbefehl nicht vom Herzog selbst ausgegangen, sondern in dessen Abwesenheit nach einer Beratung mit dem Justizminister nur vom Stadtkommandanten ausgefertigt sei.
Noch in der Nacht sandte ich reitende Boten ab an alle uns befreundeten Gesandten, deren Aufenthaltsort in benachbarten Badeorten ich kannte. Ich selbst fuhr in frühester Morgenstunde wieder zu dem hanseatischen Gesandten; er teilte mir mit, daß ursprünglich auch ich hätte verhaftet werden sollen; man habe aber davon, mit Rücksicht darauf, daß ich Ausländer sei, abgesehn — man wolle eben politische Verwicklungen nach Möglichkeit vermeiden. Über den Inhalt der Hochverratsanzeige wußte der Senator nichts — vermutete nach dem Gespräche mit dem Justizminister nur, daß sie sehr ernster Natur sein müsse. Trotz meiner flehentlichen Bitten ließ er sich nicht bereit finden, sogleich zum Herzog zu fahren: er habe seiner kranken Frau versprochen, bei ihr zu bleiben. Doch hätte ihm der Arzt gesagt, daß sie in zwei bis drei Tagen wohl fähig sei, zu reisen, dann würde er mit ihr in das dem Jagdschloß nachbarlich gelegene Bad Ilsungen fahren und natürlich den Herzog aufsuchen, dem übrigens von dem Kommandanten sofort durch Stafette Mitteilung über die Verhaftung gemacht wurde.
Und nun hieß es abwarten. Die Nachricht von der Verhaftung des Prinzen hat in der Stadt einige Aufregung hervorgerufen, weniger freilich, als ich vermutete; das wird in der Abwesenheit des Hofes und der Gesandtschaften, zum Teil wohl auch in dem drückend heißen Wetter seinen Grund haben. Ich lasse dem Prinzen regelmäßig Speise und Trank, auch Lektüre senden, habe ihn von allen meinen Schritten in Kenntnis gesetzt.
Noch einmal, lieber Freund, kommen Sie sofort! Ich bin Ihrer treuen Gesinnung so gewiß, daß ich meinen nächsten Brief nach Trient senden werde, hoffentlich werden Sie ihn dort vorfinden.
Nun kenne ich endlich den Grund der Verhaftung des Prinzen! Und wissen Sie, wer es herausfand? Ihr Jäger Muni, den Sie uns zurückließen. Er hat sich an Hagemeister sehr angeschlossen und mit dessen Hilfe sehr schnell deutsch gelernt. Die beiden nun haben einen Plan ausgeheckt, der ihnen überraschend gut gelang. Sie baten mich, sie mit den regelmäßigen Botengängen zur Zitadelle zu betrauen. Da der Kommandant darauf bestand, alles, was ich dem Prinzen schickte, persönlich zu untersuchen, so nahmen sie die Gelegenheit wahr, um sich bei den Wachen bitter über ihren Dienst zu beklagen. Das mußte dem Kommandanten auffallen; er glaubte, von den beiden Gesellen vielleicht etwas Wertvolles erfahren zu können, unterhielt sich mit ihnen und versuchte, sie beide auszuhorchen. Muni erklärte nun, daß sein Herr, der Marquis — eben der, der dem Herzoge das Leben gerettet habe, wie er keck hinzufügte — nur aus dem Grunde abgereist sei, weil er das verräterische Treiben des Prinzen nicht länger habe mitansehen können. Er selber sei im letzten Augenblick zurückgeblieben, eines Liebeshandels wegen, aber jetzt wünsche er nichts sehnlicher, als auch nach Venedig zurückkehren zu können. Befragt, ob er nicht irgendwelche positiven Beweise erbringen könne, sagte Muni, daß er das nur mit Hilfe seines Freundes Hagemeister könne, der das vollste Vertrauen seines Herrn genieße. Hagemeister sei zwar mit seinem Dienst ebenfalls sehr unzufrieden, sei jedoch eine einfache, biedere Haut, die sich nur sehr schwer zu etwas entschließen könne. Obwohl er selbst innerlich von dem falschen Spiele des Prinzen dem Herzog gegenüber fest überzeugt sei, verschließe er dennoch absichtlich Augen und Ohren dagegen — er wolle nichts davon wissen und seinerseits nicht zum Verräter werden. Nun ließ der Kommandant meinen Jäger hinzurufen, den Muni ausgezeichnet eingelernt hatte. Alle lockenden Anerbietungen wies er ab. Es sei zwar wahr, daß er die Verstecke kenne, wo sein Herr sowohl wie der Prinz die geheimen Papiere aufbewahrt hätten; aber er sei ein ehrlicher Mann und würde diese nie verraten. Der Kommandant bat und versuchte seine besten Überredungskünste; dann drohte er mit Gefängnis und Auspeitschen; Hagemeister schüttelte nur stumpf den Kopf. Schließlich legte sich Muni ins Mittel. »Herr«, sagte er, »ich habe es oft mit ihm durchgesprochen — er weiß nicht recht, woran er ist. Er war viele Jahre in des Prinzen Diensten — jetzt zweifelt er wohl, ist aber seine Sache nicht sicher. Wenn Sie ihn durch irgend etwas wirklich überzeugen könnten, so wird er tun, was Sie verlangen!« Das leuchtete dem Kommandanten ein. Er änderte sofort seine Taktik, wurde wieder überaus leutselig und verlangte nur meines Jägers Zeugnis — gegen einen Verbrecher. Er stand auf, schloß einen Schrank auf und entnahm ihm ein Schreiben, das er den beiden vorlas — es war die Anzeige, die bei ihm eingelaufen war. Er las sie mit eindringlicher Betonung vor: dem Prinzen Alexander wurde zum Vorwurf gemacht, zusammen mit dem Baron von Freihardt dem Junker von Zedtwitz, dem Grafen Osten, sowie den Gesandten des Wiener und Pariser Hofes gegen das Leben des Herzogs konspiriert zu haben. Dann zeigte er ihnen die Unterschrift des Schreibens — es war die des kurhessischen Gesandten — neben ihr prangte das rote Gesandtschaftssiegel. Dies Schriftstück machte auf meinen Jäger scheinbar den gewünschten Eindruck; er erklärte sich nunmehr einverstanden, im Interesse des Stadtkommandanten für die Untersuchung zu arbeiten, nach weiteren Beweisen zu suchen und sie ihm zu bringen. Die beiden Gauner nahmen dankend den Judaslohn in Empfang — jeder zehn nagelneue Goldstücke mit dem Bild des Herzogs — freilich lieferten sie mir diese in der nächsten halben Stunde getreulich ab. Ich gab sie ihnen zurück und die dreifache Anzahl dazu: Selbst die treueste Gesinnung sieht goldenen Ansporn nicht ungern.
Ich überlegte mir die Nachricht, die die beiden mir brachten, gründlich. Wir hatten einige Schreiben des kurhessischen Gesandten da; ich holte sie hervor und zeigte sie den Jägern. Sie erkannten sofort das Siegel, erkannten auch die steile, verschnörkelte Schrift des Schreibers, sowie die etwas zittrige Unterschrift des Gesandten wieder. Obwohl also das Schriftstück echt zu sein schien, machte mich dennoch der Gedanke stutzig, daß gerade Kurhessen, mit dem der alte Herzog, wie Sie wissen, in der letzten Zeit so schlecht stand, daß er den Gesandten nicht mehr empfangen wollte, diesen Schritt unternommen haben sollte, zumal die Denunziation sich auch nicht auf einen einzigen wirklich triftigen Grund stützte, sondern lediglich allgemeine Behauptungen wiedergab. Da der kurhessische Gesandte schon vor der Abreise des Herzogs an seinen Hof zurückgekehrt war, so beschloß ich, sofort in seine Residenz zu fahren, um mir Klarheit zu verschaffen. Ich verzichtete auf eine Kutsche und ritt zur Nachtzeit mit Hagemeister fort; Muni beauftragte ich mit den weiteren Gängen zur Zitadelle — er sollte dem Kommandanten erzählen, daß ich krank sei und daß mein Jäger Hagemeister die Zeit benutze, um eifrig nach Beweisen zu fahnden.
Ich will mich kurz fassen, lieber Freund — ich sprach den Gesandten, der über meine Nachricht so entsetzt war, daß er sich in den Stuhl fallen ließ. Es sei ein frecher Schwindel, rief er aus, nie habe er ein derartiges Dokument ausfertigen lassen. Sein Sekretär, fügte er hinzu, sei allerdings im Gesandtschaftshaus zurückgeblieben; doch sei dieser sein langjähriger treuer Begleiter; es sei kaum denkbar, daß er seine Hand hier im Spiele habe!
Noch am selben Tage reist er mit mir zurück; vor einer Stunde sind wir in der Residenz eingetroffen. — Der morgige Tag, denke ich, wird einige Überraschungen bringen.
Ich schreibe nach der »Rose« am Rindermarkt, lieber Freund, da ich hoffe, daß Sie nunmehr in München eingetroffen sind. — Der kurhessische Gesandte fuhr bei seinem Eintreffen in unserer Stadt zunächst bei seinem Hause vor und stellte seinen Sekretär zur Rede — dieser war völlig überrascht und erklärte, nicht das geringste von der Geschichte zu wissen. Doch hat Muni inzwischen durch eifrige Nachforschungen feststellen können, daß dieser Sekretär in der letzten Zeit häufig wie geistesabwesend herumgelaufen sei; auch sich manche Stunden von Hause entfernt habe, ohne bei seiner Rückkehr zu wissen, wo er eigentlich gewesen sei. Irgend etwas stimmt hier also nicht! Am andern Tage begab sich der Gesandte zunächst zum Justizminister, dann in dessen Begleitung in die Zitadelle zu dem Stadtkommandanten. Man konnte ihm das Dokument nicht mehr zeigen, da es dem alten Herzog auf dessen Wunsch übersandt worden war — infolgedessen beschlossen die drei Herren, gemeinschaftlich sich zu der Sommerresidenz im Kottenwalde zu begeben. Der Hesse setzte mich in Kenntnis; ich ritt voraus, wartete auf der Landstraße eine Stunde vor unserer Stadt und schloß mich dann, trotz des Protestes des Kommandanten, an. Wir blieben zur Nacht in Ilsungen, da wir ziemlich spät dort eintrafen — am nächsten Morgen ritten die Herren zum Jagdschlosse, während ich im Gasthofe wartete.
Die Audienz war eine sehr erregte. Der Herzog zeigte dem Gesandten das Dokument; dieser erkannte sowohl Papier und Siegel, wie auch die Handschrift des Sekretärs als durchaus echt an. Seine Unterschrift erklärte er für gefälscht, obwohl sie erstaunlich gut nachgemacht sei. Ein Streit entstand dann dadurch, daß der Herzog verlangte, daß man unverzüglich dem Sekretär als dem augenscheinlichen Urheber dieser Fälschung den Prozeß mache — der Gesandte sagte dies zu, verlangte aber, daß dieser Prozeß gegen einen hessischen Untertan auch in Hessen angestrengt werden müsse. Der Herzog, aufgebracht genug, widersetzte sich dem, erklärte, daß er keinem hessischen Richter Vertrauen schenke, erging sich dann in maßlosen Beschimpfungen gegen den Gesandten, wie gegen dessen Herrn, den Kurfürsten. Er ging schließlich so weit, zu behaupten, daß das Ganze nur ein abgekarteter Gaunerstreich des Gesandten und seines Hofes sei, der den einzigen Zweck habe, ihn und seine Justiz vor der Welt lächerlich zu machen. Er gab Befehl, den Prinzen in Freiheit zu setzen — zugleich aber entlud sich sein ganzer Zorn auf den armen Gesandten, den er höchsteigenhändig hinausgeworfen haben würde, wenn er sich nicht selbst rasch zurückgezogen hätte.
Ich schloß mich auf der Rückfahrt dem Kommandanten an, der jetzt wenigstens äußerlich weit liebenswürdiger war. Wir kamen mitten in der Nacht vor der Zitadelle an; der Kommandant erlaubte mir, einzutreten, um den Prinzen selbst in Empfang zu nehmen. Er machte sogar so sehr gute Miene zum bösen Spiele, daß er mich auf sein Zimmer bat und mir ein Glas Wein vorsetzen ließ, derweil er eine Wache an den diensttuenden Offizier sandte mit dem Befehl, daß dieser den Prinzen sogleich herbringen sollte. Wer beschreibt unser Erstaunen, als dieser Offizier allein kam — ohne den Prinzen!
»Wo ist Ihr Gefangener?« fuhr ihn der Kommandant an.
Der Leutnant schlug die Hacken zusammen. »Heute abend sechs Uhr zweiunddreißig aus der Haft entlassen!« antwortete er.
Der Kommandant brüllte: »Wer gab den Befehl?«
Der Offizier erwiderte ruhig: »Euer Gnaden selbst! Ein reitender Bote kam damit aus Ilsungen. An Stelle eines schriftlichen Befehls übergab er mir Euer Gnaden Siegelring. Da Euer Gnaden schon oft in diskreten Fällen Ihren Siegelring als Zeichen der Sicherheit benutzten, so glaubte ich den Befehl umgehend ausführen zu müssen.«
Der Kommandant hob seine Hand — der Siegelring fehlte. Zu gleicher Zeit reichte ihn ihm der Leutnant.
Ich hatte kein Interesse mehr, das Weitere dieser Unterhaltung anzuhören — ich stürzte hinaus, sprang auf mein Pferd und ritt nach Hause. Ich traf den Prinzen in seinem Schlafzimmer — er stand vor dem Bild Veronikas, dessen Anblick er so lange entbehrt hatte.
— Der arme Freihardt — ich vergaß, Ihnen das zu schreiben, lieber Freund — ist inzwischen beerdigt worden, ich habe einstweilen beim Prinzen seine Funktionen übernommen. Prinz Alexander hat die Haft augenscheinlich gut überstanden; er bedankte sich sehr bei mir für alles, was ich ihm sandte und ganz besonders für die Meconiumpillen — die ich ihm nicht sandte! Diesen allein, fügte er hinzu, habe er es zu danken, daß seine enge Zelle sich in einen Traumpalast verwandelt habe —.
Wer nun, Marquis, sandte ihm, in meinem Namen diese Pillen? Sie werden es mit mir erraten! Derselbe Mann, der des Kommendanten Siegelring schickte — wohl um mir zu beweisen, daß er ein besserer Schachspieler sei als ich, und daß er es jederzeit in seiner Macht hätte, dem Prinzen im Augenblicke die Freiheit zu verschaffen, wozu ich Wochen gebrauchte! — Mehr noch, lieber Freund: ich habe die feste Überzeugung, daß dieselbe Hand es war, die den Prinzen nicht nur aus der Zitadelle heraus, sondern auch in diese hineinbrachte. — Es besteht für mich, obwohl ich nicht den Schatten eines Beweises hierfür habe, kein Zweifel darüber, daß sein Wille es war, der die Hand des Sekretärs der kurhessischen Gesandtschaft bei der Abfassung des Dokuments und bei der Fälschung der Unterschrift des Gesandten lenkte. Stand nicht unser Junker genau so unter seinem mesmeriatischen Einfluß? Wie er diesen zwang, bewußt und unbewußt ihm in allen Stücken, bis zum Verbrechen, gehorsam zu sein, so wird er auch den armen Teufel von Sekretär gezwungen haben — wie unserm Junker so war auch diesem später jede Erinnerung verschwunden!
Und warum tat er das? Nun, um von neuem auf den Prinzen einen Druck auszuüben. Um ihn aufzustacheln gegen den Herzog. Um ihn, endlich, zum Handeln zu zwingen!
Daß dabei, so nebenher, auch das Leben eines Menschen zugrunde ging — das unseres armen lieben Freundes Freihardt — das ist ihm ganz gewiß völlig gleichgültig. Und es scheint, als ob wenigstens in dieser Beziehung sein Einfluß den Prinzen völlig umstrickt hat. — Die Nachricht von Freihardts Tode hatte ich ihm in meinem ersten Briefchen in die Zitadelle gesandt — alle diese Tage über hat also der Prinz darum gewußt. Gewiß erkundigte er sich auch jetzt, forschte nach Einzelheiten, fragte nach dem Begräbnis — all das mit einer stillen freundlichen Liebe zu dem für ihn gefallenen Freund. Aber dennoch mit einer gewissen Apathie, mit einer müden Ruhe, die nirgends einem jähen Schmerz auch nur auf Augenblicke hervorzubrechen erlaubte. Fast achtzehn Jahre war der Baron ständig um ihn — dennoch fehlt er ihm nicht mehr als irgendein gleichgültiger Kavalier oder Bedienter. Es ist gewiß, Marquis: Prinz Alexander sieht die Welt anders an, seitdem er die Pillen des Doktor Teufelsdrökh gekostet hat.
Die Post nach München geht am Mittag; ich habe also noch Zeit, diesem Brief einiges hinzuzufügen. Ich nachtmahlte allein mit dem Prinzen — die leeren Plätze an der Tafel, die Ihnen, Marquis, dem braven Junker und unserm unglücklichen Freihardt gehörten, starrten mich an und jagten mir unwillkürlich Schrecken ein. Nach dem Essen zog sich der Prinz zurück; ich ging in Freihardts Zimmer, wo ich jetzt öfter zu arbeiten pflege. Ich hatte meinen Schreiber mitgenommen und diktierte eine Anzahl Briefe für den Prinzen. Es war schon ziemlich spät, als ich ein Schreiben Lord Seymours beantwortete; da ich wußte, daß Prinz Alexander einige besondere Wünsche an diesen hatte, deren Einzelheiten ich nicht kannte, so ging ich hinüber in sein Schlafzimmer, nachdem ich durch einen Blick vom Balkon mich vergewissert hatte, daß bei ihm noch Licht brannte. Die Türe stand halb offen; ich klopfte, bekam aber keine Antwort. So trat ich ein.
Der Prinz lag auf einem kleinen Divan mitten im Zimmer, gegenüber dem Madonnenbilde und der Muranovedute. Doch war sein Blick nicht auf diese gerichtet, er schien vielmehr in die Luft zu starren. Auf dem Tische vor ihm stand die kleine Tuladose, in der er seine Pillen aufzubewahren pflegt; sie war geöffnet, augenscheinlich hatte der Prinz einige genommen. Er lag lang ausgestreckt auf der Seite, den linken Ellenbogen auf ein Kissen, den Kopf auf die Hand gestützt. Der rechte Arm hing schlaff herunter.
Ich trat näher; ich hatte das bestimmte Gefühl, daß der Prinz mich trotz seines Rausches erkannte, er nahm aber nicht die geringste Notiz von mir. Ich setzte mich ihm gegenüber in einen Sessel und beobachtete ihn schweigend; für eine Weile schien es mir, als ob ihn meine Gegenwart störe; dann aber schien er mich vollständig zu vergessen — er war wieder allein mit seinen Träumen.
Ich muß gestehen, Marquis, daß dieser stille Zustand des Prinzen wenig den phantastischen Erzählungen entsprach, die Ihr Gewährsmann, der Fregattenkapitän, Ihnen über die Rauschwirkung des Meconieum machte. Vermutlich ist diese Wirkung, ähnlich wie die eines Bier- oder Weinrausches, bei verschiedenen Individuen eine völlig verschieden. Was den Prinzen angeht, so beobachtete ich folgendes: Zunächst lag er ganz still da, unbeweglich für viele Minuten. Dann hob sich sein Auge — aber nicht rasch und plötzlich, sondern ganz allmählich —, sein Blick richtete sich auf das Bild seiner Geliebten, freilich nur für einen ganz kurzen Augenblick. Es schien mir, als sauge er dieses Bild in sich hinein, als riefe er die Gestalt zu sich herab und vor sich hin. Freihardt, dem ja jede Nuance seines Ausdrucks, jede kleinste Bewegung eng vertraut war, hat mir einmal eine Szene beschrieben, die sich in dem Dom von Murano, San Donato, abspielte. Prinz Alexander hatte die angebetete Frau dorthin begleitet; der Baron war beiden gefolgt und betrat gleich nach ihnen die menschenleere Kirche. Veronika verrichtete ihr inbrünstiges Gebet vor Sebastianis Madonna in der Kapelle des linken Seitenschiffes; der Prinz wartete derweil, angelehnt an eine Säule der alten Basilika — er hatte seinen Platz so gewählt, daß er wenigstens die Hälfte des Gesichts der geliebten Frau gut sehn konnte. Versteckt hinter einem anderen Pfeiler stand Freihardt ihm gegenüber — er konnte aufs beste des Prinzen Züge beobachten. Und genau so wie mir Freihardt den Ausdruck des Prinzen in San Donato schilderte — genau so sah ich ihn jetzt vor mir: Es war ein Ausdruck einer reinsten Liebe, die sich weit hinaushob über die Empfindungen, deren der Durchschnittsmensch fähig ist.
In der Tat, Marquis, vor meinem wachschlafenden Prinzen stand nicht ein Traum-, nicht ein Phantasiebild der Geliebten, stand vielmehr diese selbst. Unter dem Genuß seiner Giftpillen sah er einen Geist, der Farbe und Form angenommen hatte, sah ein Gespenst, das Fleisch und Blut hatte! Ganz unmerklich bewegten sich seine Hände, unhörbar murmelten seine Lippen; aber es schien mir, als ob ihm dieses stillste Geflüster zu heißestem Liebesstammeln würde, als ob dieses kleinste Spreizen seiner Finger ihm Umarmung bedeutete. So stark war dieses übermächtige Gefühlsleben des Prinzen, daß sogar ich, ein völlig unbeteiligter und gewiß ein besonders kühler Zuschauer, davon ergriffen wurde; gegen meine bessere Einsicht hatte ich das Empfinden, als ob in der Tat die Frau von Murano zwischen uns stände — unsichtbar freilich für mich, aber für ihn sehr sichtbar und greifbar.
Ich ging hinaus, leise, auf den Zehenspitzen. Ich war so ergriffen, daß ich stundenlang nicht zu schlafen vermochte. — Ich war dabei, lieber Freund, stand mit Lord Seymour dicht neben dem Prinzen, als uns in dem Lusthause an der Brenta der Geist des Sizilianers erschien, der dann dem des Dr. Teufelsdrökh das Feld räumte. Ich war zugegen, als dieser selbe Mann in seinem Hause in München den jungen, von ihm mesmerisierten Zedtwitz die Geister seines Vaters und seiner Mutter sehen ließ. Beides hat nicht entfernt den tiefen Eindruck auf mich gemacht, wie der Geist, der heute nacht vor dem Prinzen stand und den ich — nicht sah!
Das ist ganz gewiß, daß mit diesen Pillen der Doktor unserm Prinzen ein Mittel gegeben hat, mittels dessen er sich seine Wünsche und Träume zu Wirklichkeiten umschaffen kann. Nun schreiben Sie mir, lieber Freund, daß das Gift weiter die Eigenschaft haben soll, nicht nur die Fähigkeiten der Sinne, sondern auch die des Denkens ungemein zu verschärfen — die Beispiele, die Ihr Gewährsmann anführt, sind in der Tat erstaunliche. Und aus dieser überaus intensiven Geistestätigkeit soll dann, selbst bei schwach feigen, stumpfen Menschen zuweilen eine außerordentliche Fülle einer momentanen Erkenntnis, eines entschlußstarken Willens, eine überaus wagenden Mutes hervorquellen — gewiß liegt hier das, was Dr. Teufelsdrökh bei dem Prinzen beabsichtigt hat. Aber es deucht mich, als ob ihm die Wirkung auf sich beschränke, daß ihm die Nebelschwaden unklarer Sehnsüchte zu festen Gestalten werden — daß ihn die Wirklichkeiten seines Rausches die einer realen Zukunft vergessen machen. Ich glaube, daß sein Ehrgeiz nicht dadurch angespornt, sondern vielmehr erstickt wird. Daß das Schwert, das der Doktor scharf und blank schleifen wollte, vielmehr sehr stumpf und rostig wird.
Auf baldiges Wiedersehn, lieber Freund; es verlangt mich sehr, über alles das mit Ihnen bald von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.
Der Marchese di Civitella war schon manche Wochen zurück in der Residenz, als eines Nachmittags Graf Osten in einiger Aufregung zu ihm in die Reitbahn des Parkes kam, wo er ein Pferd, das er unlängst gekauft hatte, einritt.
»Marquis!« rief er, »Prinz Alexander läßt Sie bitten, sofort zu ihm zu kommen. Eben hat ihn der englische Gesandte verlassen — es scheint sich um etwas recht Wichtiges zu handeln.«
Als die beiden in das Arbeitszimmer des Prinzen kamen, bat sie dieser, Platz zu nehmen, während er selbst aufstand und vorsichtig die Türe verschloß. »Meine Herren«, begann er, »Sie sind die einzigen meiner Freunde, denen ich uneingeschränktes Vertrauen schenken darf. Die Zeit zum Handeln scheint endlich gekommen. Ich bitte Sie, mir geduldig zuzuhören und mir dann Ihre Meinung zu sagen.«
Er setzte sich und griff ein Schreiben vom Tische auf.
»Diesen Brief meines Freundes Lord Seymour«, fuhr er fort, »überbrachte mir soeben der englische Gesandte, der seinen Inhalt kannte und mir im Auftrage seiner Regierung und seines Hofes alles das bestätigte und eine Menge Einzelheiten mit mir erörterte. Meine gesamte Korrespondenz, lieber Graf, ist in den letzten Monaten durch Ihre Hände gegangen. Sie wissen, daß wir an Lord Seymour nichts Politisches schrieben, sondern lediglich um weitere eingehende Nachrichten über den Verlauf der Belagerung von Gibraltar baten und ihm einige andere Privatwünsche für Bücher und Landkarten unterbreiteten. Ich meinerseits gebe Ihnen mein Wort, daß ich nicht etwa hinter Ihrem Rücken an den Lord schrieb, der seit nun sechs Wochen einen wichtigen Posten im Kabinett Shelburne bekleidet. Also sind die Vorschläge, die in meinem Namen durch Lord Seymour der englischen Regierung gemacht wurden, von anderer Seite ausgegangen — Sie erraten wohl beide, von welcher! Welcher Natur diese Vorschläge waren, ersehen Sie leicht aus der Londoner Antwort, die mit ganz geringen Abweichungen und Ergänzungen, alle Punkte meines Anerbietens annimmt. Und nun hören Sie, meine Herren!
Die englische Regierung stellt mir die Regimenter, die sie zur Zeit in den hessischen Landen für ihren amerikanischen Krieg geworben hat und die vollkommen kriegsfertig ausgerüstet und marschbereit sind, auf die Dauer von drei Monaten zur sofortigen Verfügung. Mit diesen Truppen, die gewiß lieber im Lande bleiben und fechten wollen, als über See zu unbekannten Strapazen und Entbehrungen geführt zu werden, kann ich leicht einen Handstreich wagen. Es gilt, meinen Oheim, den Herzog gefangenzunehmen und festzusetzen, ihn dann des Thrones für verlustig zu erklären und selbst die Regierung zu übernehmen. Da, wie Sie wissen, die meisten europäischen Höfe, und besonders die unserer Nachbarländer, mich begünstigen, da eine Reihe von andern einem solchen Regierungswechsel in unserm Lande nur indifferent gegenüberstehen würden, so sind menschlicher Voraussicht nach ernstere Komplikationen in dem Augenblicke ausgeschlossen, wo uns der erste Handstreich gegen den Herzog gelingt.«
»Der Engländer tut nichts umsonst«, bemerkte Civitella, »darf ich fragen, Durchlaucht, was London als Gegenleistung verlangt?«
Der Prinz nickte: »Einen Augenblick Marquis! Zu diesem Plane ist eine starke Summe erforderlich, viel mehr als ich durch die Subventionen von Wien, München, Dresden erhalte. Diese Summe stellt mir die englische Regierung ebenfalls zur Verfügung. Als Gegenleistung muß ich mich verpflichten, das gesamte Heer meines Landes auf die Dauer von fünfzehn Jahren zur Verfügung Englands zu halten.«
»Eine harte Bedingung!« warf Graf Osten ein.
»Gewiß«, antwortete der Prinz, »sie ist nur dadurch etwas gemildert, daß London zugesteht, daß meine zukünftigen Regimenter nur innerhalb Europas verwendet werden dürfen.«
»Das kann England leicht zugestehn«, meinte Osten, »solange es in seinen Kolonien Hessen, Braunschweiger und Hannoveraner zu Verfügung hat. Sie werden Ihren Thron mit dem Leben manches braven Untertanen bezahlen müssen, gnädigster Prinz.«
»Ist je ein Thron ohne Blut erobert worden?« warf der Marquis ein. »Sind dies alle Bedingungen, Durchlaucht?«
»Die wesentlichen«, antwortete Prinz Alexander. »Darüber hinaus handelt es sich in der Hauptsache nur um Einzelheiten — Sie werden diese in Lord Seymours Briefen finden. Ich betone noch einmal, meine Herren, daß es im großen und ganzen meine eigenen von meinem Freunde für mich gemachten Vorschläge sind, die die englische Regierung glatt annimmt. Sie sind Lord Seymour übermittelt worden, der in der Annahme, daß sie von mir persönlich ausgingen, sie sogleich dem Ministerpräsidenten Lord Shelburne vortrug.« Er überreichte dem Grafen den Brief des Lords sowie einen Bogen, der mit Notizen von des Prinzen Hand bedeckt war: das Resultat seiner Besprechung mit dem Gesandten. Er bat die beiden Herrn, spät am Abend, wenn die Gäste, die zum Nachtmahl geladen waren, sich entfernt hätten, wieder zu ihm zu kommen, um die Angelegenheit weiter mit ihm zu besprechen.
Das Abendessen, zu dem außer dem englischen noch einige andere Gesandte geladen waren, verlief still genug. Mit keinem Wort wurde der geheime Plan erwähnt. Der Marchese war nicht erschienen; doch kam er später in des Prinzen Arbeitszimmer, in das sich dieser mit Osten zurückgezogen hatte. Er zog einige große Bogen heraus und erklärte, daß er einen andern Plan ausgearbeitet habe. Er bat, diesen verlesen zu dürfen.
»Sind es Änderungen und Ergänzungen?« fragte Prinz Alexander.
Civitella schüttelte den Kopf. »Nein!« sagte er ruhig. »Ich rate Euer Durchlaucht, das englische Abkommen zurückzuweisen. Was ich hier habe, ist ein neuer Plan, der meinem eigenen Kopf entsprungen ist. Hören sie nur —
Aber der Prinz unterbrach ihn. »Einen Augenblick«, sagte er, »beantworten Sie mir zuvor eine einzige Frage — auf Ehre und Gewissen! Ist der Grund, aus dem Sie den Plan meines Ratgebers ablehnen, lediglich der, daß Sie eine instinktive Abneigung gegen alles das haben, was von dieser Seite kommt? Oder aber haben Sie andere sachliche Gründe?
Er stand dicht vor dem Marchese, sah ihm scharf ins Auge. Aber Civitella hielt seinen Blick aus.
»Prinz«, erwiderte er, »es mögen vielleicht einige sachliche Bedenken mitsprechen. Doch will ich gerne zugeben, daß sie nebensächlicher Natur sind. Das was mich leitete, haben Sie erraten: ich habe in der Tat das tiefste Mißtrauen gegen alles, was von dem Armenier ausgeht!«
»In dem Falle«, sagte der Prinz, »danke ich Ihnen für die Mühe, die Sie sich in meinem Interesse gemacht haben. Aber lesen Sie Ihren Plan nicht vor — es ist zu spät. Ich habe bereits das Abkommen unterzeichnet.«
Civitella biß sich auf die Lippen. Man sah, wir mühsam er seine Worte unterdrückte.
»Dann verstehe ich nicht, gnädigster Prinz«, fiel Osten ein, »warum Sie uns heute nacht herbefahlen, um noch einmal die Vorschläge durchzugehn.«
»Das war allerdings meine Absicht, meine Herrn«, erwiderte Prinz Alexander. »Ehe ich jedoch zum Abendessen ging, fand ich in meiner Tasche einen kleinen Zettel — seine Schrift. Er wünschte, daß ich sofort das Abkommen unterzeichnen solle.«
»Und Sie gehorchten, Durchlaucht!« bemerkte Graf Osten ein wenig bitter.
Civitella machte eine tiefe Verbeugung. »Wenn es so steht, Prinz, so darf ich nur sagen, daß Sie unter den veränderten Umständen genau wie stets über mich verfügen wollen.« Damit zerriß er seine Papiere und warf sie in den Kamin.
Die beiden Kavaliere verabschiedeten sich, gingen schweigend hinaus. An der Treppe trafen sie einige der Lakaien und Jäger, die sich aufgeregt unterhielten. »Was gibt es?« fragte Graf Osten.
Hagemeister antwortete: »In der Stadt geht das Gerücht, daß der alte Herzog abdanken wolle, um der Erbprinzessin die Regierung zu übergeben —«
»Wem?« fragte Osten erstaunt.
»Der Erbprinzessin!« wiederholte der Jäger.
»Kümmert Euch nicht um solch dumme Gerüchte!« rief ihm der Graf zu.
Die beiden gingen durch die Schar der Bedienten zu den Räumen des Marchese. Als sie eintraten, bemerkte Osten einen weißen Zettel, der mit einer Nadel an dem goldgestickten Frackschoß des Marchese angespickt war. Er löste ihn ab und gab ihn dem Freunde. Der las: »Hüten Sie sich, Marquis, Sie werden es bereuen mir entgegenzuarbeiten!«
»Auf Tritt und Schritt läßt uns dieser Mensch belauern!« rief Osten, »Es ist kein Zweifel, daß Ihnen dieser Zettel von einem der Lakaien angesteckt wurde.«
»Wer ihn ansteckte, ist gleichgültig«, erwiderte der Marquis. »Aber sehn Sie, Graf, dies ist die Schrift Ihres Doktors Teufelsdrökh! Vor nicht fünf Minuten endete unsere Unterredung mit dem Prinzen — sogleich hat er Kenntnis davon und findet Zeit, mir seine Meinung zu sagen. Auch das Gerücht in der Stadt ist zweifellos von ihm ausgesprengt worden — es soll den Prinzen zu schnellem Handeln zwingen. Ich sage ihnen, Osten, meine Abneigung gegen diesen Menschen wächst täglich, stündlich — fast — er wird den Prinzen in sicheres Verder —«
»Schweigen Sie, schweigen Sie!« unterbrach in Graf Osten.
Aber Civitella ließ sich nicht abhalten. »Ich will nicht schweigen!« rief er. »Wenn ich den Armenier jetzt hier hätte, ich würde ihm die Klinge durch den Leib —«
Osten sprang auf ihn zu, hielt ihm mit der Hand den Mund zu.
»Um Jesus Christus willen, schweigen Sie, Marquis!« flüsterte er. »Sind wir hier sicherer, als in des Prinzen Zimmer? Wer sagt Ihnen, daß er nicht jedes Ihrer Worte in wenigen Minuten erfährt?«
Die beiden standen tiefatmend, schweigend einander gegenüber. »Ich habe niemals gewußt, was Furcht ist«, murmelte Civitella, »und jetzt, jetzt —«
Dann unterbrach er sich, lauschte angestrengt. »Es steht jemand vor der Türe!« rief er. Er riß seinen Degen aus der Scheide, eilte zur Tür und öffnete sie. Graf Osten folgte ihm. Durch den halberleuchteten Flur sahen sie eine hohe Frauengestalt dahineilen. Beide stürzten ihr nach. Aber dicht vor ihnen stieß die Frau eine Türe auf, verschwand hinter ihr und warf sie vor ihnen ins Schloß.
Es war eine Geheimtür, die keiner von ihnen kannte. Sie suchten herum, fanden auch bald unter der Tapete den Druckknopf, der sie öffnete. Aber die Frau hatte die Tür von innen verriegelt. Sie mußten einige Bediente zu Hilfe rufen, die mit Stemmeisen die Tür aufbrachen. Sie ging in einen schmalen Gang, der dann eine Treppe hinunter führte und endlich im Garten mündete. Die Frau war längst entschwunden.
»Ich habe ihre hohe Figur erkannt«, sagte Graf Osten. »Es ist dieselbe Frau, die ich in München in dem Hause des Dr. Teufelsdrökh sah.«
Civitella nickte: »Ich zweifle nicht daran. Und es ist niemand anders als das schöne Geschöpf, mit dem der Armenier in Venedig arbeitete: des Prinzen Angebetete von Murano.«
Wenige Tage darauf ließ sich der Festungskommandant, derselbe, der die Verhaftung des Prinzen veranlaßt hatte, melden. Prinz Alexander wünschte nicht ihn persönlich zu empfangen, beauftragte daher den Grafen Osten damit. Dieser befahl, den Oberst zu ihm zu führen.
Osten erkannte den Eintretenden kaum wieder; er erschien um Jahre gealtert. Er schwankte, seine Hand zitterte. Schwer ließ er sich auf den ihm angebotenen Stuhl niederfallen.
»Was ist es?« fragte Osten.
»Fragen Sie mich nicht!« erwiderte der Oberst. »Seit dem Tage, an dem ich den Prinzen aus der Zitadelle ließ, seit dem Abende, an dem mir mein Leutnant meinen Siegelring brachte, finde ich nachts keinen Schlaf mehr. Mit der Geschichte mit dem Siegelring fing es an. Seither verfolgen mich geheime Botschaften und unerklärliche Geschehnisse, die mir das Leben zur Hölle machen. Ich bin hierher gekommen, nicht, weil ich will, sondern weil ich muß — ich biete dem Prinzen meine Dienste an.«
»Herr Oberst«, begann der Graf —
Der Kommandant unterbrach ihn. »Ich bitte Sie«, rief er, »machen Sie mir diesen Schritt nicht noch schwerer, als er für mich ist. Zweiunddreißig Jahre lang habe ich dem Herzoge treu gedient — es ist nicht leicht für mich, zum Verräter zu werden. Was ich tue, geschieht gegen mein Gewissen, gegen meinen eigenen Willen — und doch muß ich es tun, was diese geheime Macht, deren Träger ich nicht einmal kenne, mir zu tun befiehlt. Ich bin bereit, von heute ab meine Befehle vom Prinzen zu nehmen — mag er mich gebrauchen, wie er will!«
»Ist der Mann«, fragte Osten, »der Sie zu diesem Schritte veranlaßte, ist der Mann —«
»Es ist kein Mann«, rief der Oberst, »es ist eine Frau.«
Graf Osten stand auf. »Ich danke Ihnen, Oberst, das genügt mir. Ich verstehe Ihre Empfindungen, ich werde Sie nicht quälen. Gehen Sie zurück zur Zitadelle, versehen Sie Ihren Posten genau wie bisher. Prinz Alexander nimmt Ihre Dienste an — er wird Ihnen seine Befehle schicken, sowie das nötig ist. Und glauben Sie mir, Oberst, wenn das Ihr Gewissen in etwa beruhigen kann: Sie werden keinem schlechten Fürsten dienen!«
Der Kommandant schüttelte schweigend den Kopf und ging.
— In diesen Wochen herrschte eine fieberhafte Unruhe im Schlosse des Prinzen. Geheime Kuriere ritten allnächtlich aus und ein im Parke. Der Prinz selbst sowie der Graf Osten arbeiteten fast täglich bis zum frühen Morgen. Der Graf setzte so geheim und unauffällig wie nur möglich das Schloß sowie den ganzen Park in Verteidigungszustand. Man wollte für alle Fälle vorbereitet sein, um die Zeit über, bis die hessischen Regimenter von der Grenze aus die Residenz erreichen konnten, das Schloß zu halten. Diese Verteidigung gegen einen mutmaßlichen Angriff der herzoglichen Truppen sollte der Graf leiten, während der Prinz insgeheim in der Nacht vorher aus der Stadt reiten und sich an die Spitze der Hessen stellen sollte. Civitella war die Aufgabe zugedacht, sich im gegebenen Augenblicke in die Zitadelle zu begeben und dort mit Hilfe des Kommandanten jede Aktion der Gegenseite nach Möglichkeit zu durchkreuzen.
Der englische Gesandte hielt es für ein Gebot diplomatischer Klugheit, während der Putschtage die Stadt zu verlassen. Darum gab ihm der Prinz ein kleines Abschiedsessen, das, um so wenig Aufsehen wie nur möglich zu machen, in dem Landhause des Grafen stattfand. Es waren nur ein Dutzend Gedecke auf dem Tisch, auf dem, dem Engländer zu Ehren, eine mächtige Platte mit einem riesigen blutigroten Rinderbraten aufgebaut war. Man setze sich zu Tisch; nur ein Platz, der zur rechten Seite des Prinzen blieb leer. An seiner Linken saß der Gesandte.
Man hatte eben die Suppe gegessen, als der Jäger Hagemeister die Tür weit aufriß und laut meldete: »Herr von Eördögh!«
Es war ein Mann in der kleidsamen Tracht eines ungarischen Magnaten. Sein Kucsma, das schwarze Samtbarett, das mit Marderfell besetzt war, zierte eine Adlerfeder, unter der ein taubengroßer Rubin leuchtete. Rubine dienten auch als Knöpfe seiner Attila und schmückten die Schlußkette der Mente. An der Seite hing ihm ein krummer Türkensäbel, dessen Griff wieder mit köstlichen Rubinen besetzt war.
Osten erkannte ihn diesmal sofort — es war kein anderer als Dr. Teufelsdrökh.
Der Prinz sprang auf, ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand. Dann führte er ihn zu Tisch. Civitella, der ihm gegenüber saß, wurde bleicher wie das Leintuch.
Dr. Teufelsdrökh reichte seine Kucsma, seinen Säbel und seine Mente dem Jäger und setzte sich. Dann zog er eine französische Zeitung aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch, ohne sie jedoch aufzufalten.
»Ein seltener Gast hierzulande!« rief ihm der Engländer zu. »Von Seiner Apostolischen Majestät gesandt, dem Kaiser und König von Ungarn?«
Der Angeredete antwortete sofort; aber es war, als wenn er diese Antwort dem Marchese gäbe, den er scharf ansah. »Seine Apostolische Majestät Kaiser Joseph wird kaum irgendwohin den Herrn von Eördögh senden«, sagte er. »Der Marquis, der ein paar ungarische Worte kennt, wird das begreifen.«
Civitella schien noch um einen Schatten bleicher zu werden.
»Nun, Marquis, was bedeutet es?« fragte der Prinz hinüber.
Es schien, als ob der Marchese sein Deutsch vergessen habe. »Diabolo!« flüsterte er durch die Zähne, »Ördök!«
Aber der Ungar fuhr fort, diesmal halb zu dem Gesandten gewandt: »Aus dem Lande der Zigeuner komme ich — und das, nicht wahr, Mylord, ist überall. Ein Zigeuner bin ich, einer der nirgends ein Heim hat und doch überall zu Hause ist.«
Dann hob er sein Glas und trank dem Marchese zu, den er nicht einen Moment aus dem Auge ließ. »Trinken Sie mit mir, Marquis, trinken wir auf das Wohl einer hübschen kleinen Zigeunerin!«
Er hob sein Glas und trank; aber Civitella tat ihm nicht Bescheid.
Dr. Teufelsdrökh lächelte, setzte ruhig sein Glas auf den Tisch. »Aber Marquis«, begann er wieder, »warum beleidigt sein? Warum griesgrämig? Das kann doch jedem passieren, daß ihn ein hübsches Ding zum Narren hält! Er wandte sich wieder den andern zu und fuhr fort: »Er ist nicht gern daran erinnert, scheints, der gute Marquis, der doch so viele Küsse von Frauenlippen pflückte! Da war ein kleines Zigeunermädel in Venedig — eine Straßensängerin, schmutzig und zerlumpt — aber Augen, wie die Hölle so heiß. Und dem Marquis deuchte sie Helena selbst. Er hätte alle Weiber der Lagunenstadt für einen Kuß von ihr gegeben. Sechs Monate stellte er ihr nach und gab für sie mehr Geld aus als je für ein anderes Weib — das fraß ein hübsches Loch in den Sack des Onkelkardinals. Aber sie lachte ihn aus und ging durch mit einem hübschen Gondoliere. Sechs ungarische Worte hat er von ihr gelernt — das war alles, was er je von ihr bekam. Nicht einmal einen kleinen Kuß erhielt er für all die blanken Zechinen. Ach, der arme, unglückselige Liebhaber!«
Eine glühende Röte bedeckte das Gesicht des Marchese. Seine Brust hob sich und senkte sich. Er suchte nach Worten, um zu antworten. Graf Osten, der neben ihm saß und einen Ausbruch zu verhindern suchte, griff seinen Arm und preßte ihn fest.
»Marquis«, flüsterte er, »liebster Freund, beherrschen Sie sich!«
Civitella hörte es wohl, nickte leise, unterdrückte seinen aufwallenden Zorn mit kräftiger Willensanstrengung.
»Herr von Eördögh«, sagte er so ruhig es gehn mochte, »alles, was Sie sagten, ist richtig. Dieses Abenteuer habe ich allerdings erlebt. Ob es nötig war, es hier zu erzählen, weiß ich nicht. Ich bin, wie Sie, der Gast des Prinzen, der Sie schätzt, und darum will ich alles als einen Scherz nehmen. Ich trinke auf das Wohl der kleinen Zigeunerin!«
»So ist es recht!« lachte der Herr von Eördögh. »Aber die kleine Geschichte ist noch nicht zu Ende und sie ist gar nicht so scherzhaft. Der Marquis schickte nämlich die Häscher hinter dem Pärchen her und ließ es aufgreifen, ehe es über die Grenze war. Wenn schon das Mädel verloren war, so wollte er wenigstens das Geld retten. Man peitschte die beiden aus, daß ihnen die Haut in Fetzen herunterhing. Aber sie hatten ihren Schatz vorher versteckt und hüteten sich wohl zu sagen, wo. Am andern Tage entwischten sie aus dem Gefängnis — das Geld war dem Herrn Marquis verloren, doch hatte er wenigstens die große Genugtuung, daß sein kleines Zigeunerliebchen es mit seinem Blut bezahlt hatte! — So, meine Herrn, denken und handeln die Nobili in Venedig!«
Civitella war aufgesprungen; der Stuhl fiel nach hinten. Seine Rechte krampfte sich in das Tafeltuch. Er suchte nach Worten, die doch seine Aufregung erstickte.
»Nun, Marquis«, lächelte Herr von Eördögh, »stimmt es nicht? Habe ich auch nur ein bißchen übertrieben?«
Der Marchese schüttelte den Kopf. »Es stimmt!« stieß er heiser hervor. »Ich tat, was Sie erzählten. Aber nicht Ihnen bin ich dafür Rechenschaft schuldig! Ich fürchte mich nicht — und wenn Sie der Teufel selbst wären — ich fordere Sie vor meine Klinge!« Er riß seinen Degen aus der Scheide und schlug hart damit auf den Tisch. »Sie werden mir Genugtuung geben!« schrie er. »Ich bin der Marchese von Civitella, von der Familie der Herzöge von Civitella —«
In diesem Augenblick erhob sich sein Gegenüber. Seine Augen brannten in die des Marchese, den plötzlich ein Schwindel zu befallen schien. Aller Augen waren auf die beiden gerichtet, ein tiefes Schweigen herrschte im Saale. Man sah, wie der Marchese einen schweren Kampf kämpfte. Es war, als wehre er sich wie ein Verzweifelter gegen die unheimliche Macht dieser brennenden Augen. Er versuchte immer wieder zu sprechen. Seine Hand versuchte einmal ums andere, den Griff seines Degens fester zu fassen — es gelang ihm nicht.
Nach einer Weile erklang die Stimme des Ungarn, halblaut nur, aber in einem sicheren Ton, der keinen kleinsten Widerspruch duldete: »Werfen Sie Ihren Degen fort!«
Wieder kämpfte der Marchese. Endlich faßte seine Rechte den Griff fester und warf mit einer schwachen Bewegung den Degen nach hinten. Einer der Lakaien hob ihn auf.
Und wieder erklang die befehlende Stimme: »Sie sagen, daß Sie der Marquis Civitella sind? Von den Herzögen von Civitella? Von dem edelsten Geschlechte Venedigs? — Sie irren sich! Sie sind das niedrigste und erbärmlichste Wesen, das je die Erde getragen hat. Sie sind: Blaise Ferrage.«
Man sah, wie der Marchese zusammenfuhr, als ob ein Peitschenhieb sein Gesicht getroffen habe. Alles in ihm bäumte sich auf. Qualvoll versuchte er, auf die neue Beleidigung zu antworten. Seine Zähne klebten aufeinander; mit mühseliger Anstrengung riß er sie auf. Aber aus seinen Lippen kam nur ein klägliches Röcheln.
Mitleidlos fuhr der andere fort: »Ich erbitte Ihre Aufmerksamkeit, meine Herrn! Ein jeder soll bei einem Gastmahl zur Unterhaltung beitragen, was er kann — ich möchte Ihnen ein kleines Schauspiel zeigen, das Sie, denke ich, bisher noch nie sahen. Es heißt —« und seine Stimme hob sich —
Der Marquis wird die Hauptrolle übernehmen, die des Mörders. Er kennt zwar seinen Part noch nicht, aber er wird ihn gleich lernen.«
Mit diesen Worten warf er die Zeitung dem Marchese hinüber. »Da! Lesen Sie!« befahl er.
Wiederstrebend, immer noch kämpfend, nahm Civitella das Blatt auf und entfaltete es. Man sah den Kopf der Zeitung. Es war eine neue Nummer des Blattes »Journal de Paris«.
»Den Prozeß! Lesen Sie den Prozeß!« befahl Dr. Teufelsdrökh. »Und behalten Sie genau jedes einzelne Wort.«
Der Marchese gehorchte. Er hob das Blatt hoch, hielt es in zitternden Händen und las. Manchmal bewegten sich seine Lippen ein wenig, aber es kam kein Wort heraus.
Alle saßen in gespannter Erwartung. Der Eintritt des Ungarn und sein scharfer Angriff auf den Marchese war so plötzlich gekommen, sein Auftreten hatte dabei etwas so außerordentlich Gebietendes, daß keinem der Gäste auch nur der Gedanke kam, einen Einwand zu machen.
Als der Marchese seine schweigende Lektüre beendet hatte und die Hand mit der Zeitung auf den Tisch zurückfiel, rief ihn Dr. Teufelsdrökh wieder an: »Wie heißen Sie?«
Der Marchese begann: »Ci—vi—«
Aber der andere unterbrach ihn sofort. »Reden Sie keinen Unsinn. Sie wissen recht gut, wer Sie sind! Sie sind Blaise Ferrage, der Mörder Blaise Ferrage. Also — wie heißen Sie?«
»Blaise Ferrage«, stammelte der Marchese.
»Ich beginne das Verhör«, sagte Dr. Teufelsdrökh, mit dem Tonfalle eines Richters. »Geben Sie uns Ihre Personalien an. Wo sind Sie geboren?«
»In Céseau«, murmelte Civitella.
»Wo liegt das?«
»In der Grafschaft Commingues.«
»Welches ist Ihr Geburtsjahr? Was war Ihr Beruf?«
Und der Marchese, bei dem jeder Widerstand gebrochen schien, der nun völlig in der ihm aufgezwungenen Rolle lebte, erwiderte: »Ich war Maurer. Mein Geburtsjahr ist 1757.«
Der Herr von Eördögh wandte sich an die Gäste. »Gnädigster Prinz«, begann er, »und Sie, meine verehrten Herrn, es ist nun nicht weiter nötig, daß ich dem Marquis noch Fragen stelle oder ihm gesprochene Anweisungen erteile. Er versteht, was ich denke: aus dem, was er tut, werden Sie deutlich ersehn, was ich ihm zu tun befahl.«
»Mein Freund«, rief Prinz Alexander, »ist es nicht möglich, daß Sie dem Marquis diese schreckliche Strafe ersparen?«
Aber Dr. Teufelsdrökh schüttelte den Kopf. »Strafe? Glauben Sie mir, Prinz, daß mir nichts daran liegt, ihn oder irgend jemanden zu strafen. Es ist eine Laune von mir, dem Marquis eine Lehre zu geben — mehr aber noch Ihnen, Prinz Alexander! Ich lasse Ihnen einen Geist erscheinen, den Geist des entsetzlichsten Mörders aller Zeiten, der vor nun zehn Tagen hingerichtet, gerädert wurde. Sie mögen dann das Nähere darüber in der Zeitung nachlesen, die ich eben aus Paris bekam. Sie werden — wieder einmal! — einen Geist sehn, aber diesmal einen aus Fleisch und Blut, eingebannt in die schlanke Gestalt des Marchese von Civitella. Der Marquis haßt mich — Sie wissen das, Prinz —, und trotzdem muß er alles das tun, was ich ihm zu tun befehle. Meinen Sie nicht, daß es in meiner Macht läge, auch Sie den Weg, Schritt um Schritt, gehn zu lassen, den ich Ihnen vorschreibe? Aber ich will es nicht, mag nicht mehr, bin es leid, nur Puppen tanzen zu sehn. Begreifen Sie doch: ich will Menschen frei handeln sehn — soweit überhaupt von einem freien Willen die Rede sein kann. Es interessiert mich nicht mehr, nur Menschen zu beobachten, die nichts weiter sind als meine eigenen Sklaven oder die anderer. Und ich will dem Schicksal dankbar sein, wenn es mir gelang, auch nur einen Menschen, Sie, Prinz Alexander, herauszuheben aus der Masse des Herdenviehs! Mögen Sie aus dem, was ich Ihnen zeigen werde, erkennen, daß es ebenso gut möglich ist, einen Menschen in die tiefsten Höllen zu werfen, wie ihn auf die höchsten Höhen zu führen. Nur die äußersten Grenzen der Menschheit sind wirklich des Interesses wert.«
Er schwieg. Sein Blick blieb sengend auf den Marchese gerichtet, den er während seiner Worte nicht aus den Augen gelassen hatte.
Langsam knöpfte der Marchese den Rock und die Weste auf, zog sie aus und warf sie mit dem Degenkoppel weit hinter sich. Dann ging er nach hinten. Aber sein Gehen verwandelte sich nach wenigen Schritten in ein vorsichtiges Schleichen. Lauernd sah er sich ringsum, wie um sich zu vergewissern, daß ihn niemand beobachte. Endlich duckte er sich, wie in ein Versteck, hinter das Ecksofa.
Dort schien er zu warten. Es war, als ob er jemanden auflauern wollte. Nach einer Weile wurde er unruhig, horchte angestrengt, hob sich ein wenig und lugte hinaus. Sein Gesicht nahm den Ausdruck einer wilden Freude an. Jemand schien näher zu kommen, und er lauschte auf diese Schritte.
Plötzlich sprang er auf, lief einige Schritte vor und ergriff ein vor ihm stehendes, imaginäres Wesen. Er schlug rasend mit beiden Fäusten darauf zu, warf es zu Boden. Dann grinste er, lachte ein irres Lachen, hob die ohnmächtige Beute auf und lud sie auf seine Schulter. Keuchend, niedergedrückt von der schweren Last, schleppte er sich weiter. Er schien zu steigen, die Berge hinauf. Endlich schien er irgendwo angekommen zu sein — er warf seine Beute ab.
Und nun begann ein grauenvolles Schauspiel. Das Wesen, das er heraufgeschleppt hatte, schien aus der Ohnmacht zu erwachen, ihn anzuflehn um Mitleid und Barmherzigkeit. Er weidete sich an der furchtbaren Angst seines Opfers, griff dann vom Tisch ein Messer und zeigte es ihm. Seine Linke schien sich mit unmenschlicher Kraft, die Kehle des Opfers zu spannen, während er mit der Rechten tief ins Fleisch schnitt.
So deutlich waren die Gesten des Besessenen, daß die Gäste entsetzt den Atem anhielten, es nicht wagten, ein Wort zu sprechen. Man sah ordentlich, wie sich das Opfer unter diesen unerbittlichen Mörderhänden hin und her wand; sah die Qualen dieses Wesens, das lebendig in Stücke geschnitten wurde.
Dann stand er auf, suchte herum. Es war, als ob er Reisig und Holz zusammenhole und hoch aufschichte. Er schleppte den auf der Erde liegenden Stuhl heran, machte Gesten, wie wenn er zwei Gabelstöcke aufrichte, dann mit seinem Messer einen Stock zum Spieß zurechtspitze. Noch ein paar Schnitte an dem toten Leibe seines Opfers — er löste ein mächtiges Stück Fleisch heraus und trieb es auf seinen Spieß, den er über das Holz hing. Er schlug mit den Händen, als ob er mit einem Stein Feuer zünde und warf den entzündeten Scheit in das trockene Reisig. Dann kauerte er sich auf den Boden nieder, beobachtete still das hochschwälende Feuer, das seinen Braten briet.
Plötzlich sprang er auf. Irgendein Geräusch schien an sein Ohr zu schlagen. Er lauschte angestrengt, sah sich überall um — beruhigte sich dann wieder. Mit langen Schritten ging er rund um sein Feuer. Da fiel von ungefähr sein Blick auf den mächtigen, halbaufgeschnittenen Rindsbraten, der rot und blutig in der Mitte der Tafel stand. Er hielt inne, betrachtete ihn mit brünstiger Gier. Dann sprang er vor, drängte sich — als ob sie Luft wären — zwischen zwei der Gäste durch und riß mit beide Händen das gewaltige Prunkstück von der Platte, als wollte er es von dem Spieße abstreifen. Er trug es in die Ecke hinter das Sofa, kauerte sich dort nieder und schlug die Zähne in das halbrohe Fleisch. Mächtige Fetzen schlang er hinunter, seine schwarzen Augen leuchteten in tierischer Lust.
Und jeder im Raum begriff es: der Mensch dort in der Ecke — fraß Menschenfleisch.
Mit einem Seufzer der Erleichterung hörte man jetzt die Stimme des Herrn von Eördögh: »Komm her!«
Gehorsam wie ein Lamm, aber scheu und furchtsam, ließ Civitella das Fleisch fallen und kam zum Tische zurück. Dr. Teufelsdrökh winkte einigen Dienern und befahl ihnen, dem Marquis Wasser und ein Handtuch zu reichen. Der Marchese ergriff das Tuch, tauchte es in das Wasserbecken, das man ihm vorhielt und wusch sich, wie ein artiges Kind, Gesicht und Hände ab. Dann zog er Rock und Weste wieder an, die ihm einer der Jäger reichte und ließ sich den Degen umschnallen. Immer an den Augen seines Bändigers hängend, setzte er sich auf seinen Stuhl nieder; stützte die Ellenbogen auf den Tisch und vergrub den Kopf in beide Hände. Er schien zu schlafen — aber kaum eine Minute lang. Dann hob er den Kopf, sah sich rechts und links um — sein Gesicht hatte wieder seinen alten, offenen und stolzen Ausdruck angenommen.
Mit völlig veränderter Stimme und gewinnender Liebenswürdigkeit sprach ihn der Ungar an: »Mein Herr Marquis, darf ich um die Ehre bitten, auf Ihr Wohl trinken zu dürfen!«
Civitella verbeugte sich. Es war ganz augenscheinlich, daß ihm jede kleinste Erinnerung an das, was soeben geschehen war, entschwunden war. Er nahm sein Glas und erwiderte: »Ich danke Ihnen! Es ist mir eine hohe Ehre, Herr von Eördögh!« Er lächelte und seine Stimme klang ein wenig spöttisch, als ob er sagen wollte: »Ich weiß recht gut, wer du bist!«
Beide tranken ihr Glas zur Neige und erhoben die leeren Gläser gegeneinander. Dann begann der Ungar wieder: »Herr Marquis, ich unterhielt mich soeben mit dem Prinzen über den ungeheuerlichen Fall des Mörders Blaise Ferrage, über den sich in diesen Tagen die ganze Welt entsetzt. Ich reichte Ihrem Nachbarn, dem Grafen Osten, das Journal de Paris, hinüber, in dem ein kleiner Aufsatz über diese unerhörte Geschichte steht. Darf ich Sie, im Namen des Prinzen und der Gäste, wohl um die Liebenswürdigkeit bitten, uns diesen Aufsatz vorlesen zu wollen?«
Der Marchese blickte auf den Tisch, sah, ein wenig erstaunt, vor sich das Blatt liegen. Er griff es auf, fand gleich auf der ersten Seite den Artikel. »O gewiß«, sagte er leichthin, »sehr gerne.«
Er begann zu lesen:
»Mit der baskischen Bevölkerung unserer Pyrenäen kann heute die gesamte Menschheit wieder frei aufatmen: sie ist von dem widerlichsten Scheusal befreit worden, das sie jemals gesehn hat. Am zwölften dieses Monats stand Blaise Ferrage vor Gericht; am dreizehnten wurde er mittels des Rades hingerichtet. Wenn man die entsetzlichsten Greueltaten in allen Ländern und aller Zeiten nachliest, so wird man doch nichts finden, was man dem furchtbaren Treiben dieses Mörders auch nur einigermaßen vergleichen könnte. Seine Taten sind so grauenvoller Natur, daß es uns das Beste scheint, so kurz und knapp wie nur eben tunlich darüber zu berichten, und damit die in solchen Fällen überaus bittere Pflicht des Chronisten zu erfüllen, die nun einmal gebietet, Notiz zu nehmen. Dann aber wollen wir vergessen, daß dieses wilde Tier ein Franzose war, ja, wir wollen vergessen, daß er je unter uns wandelte!
Blaise Ferrage, geboren in Céseau in der Grafschaft Commingues im Jahre 1757, hat in den letzten drei Jahren über achtzig Menschen, Männer, Frauen und Kinder ermordet und aufgefressen. Er war seines Berufs ein Maurer und Steineklopfer. Die Meister, bei denen er früher arbeitete, wußten nur wenig und kaum etwas Nachteiliges über ihn auszusagen. Wie und weshalb er dazu kam, seine Arbeit aufzugeben und sich in die wildesten Schluchten der Pyrenäen in die Einsamkeit zurückzuziehen, war auch durch die grausamste Folter nicht aus ihm herauszuholen — es scheint, daß er selbst keinen Grund dafür gewußt oder aber diesen vergessen hat. Er hauste in einer sehr hochgelegenen, versteckten und völlig unzugänglichen Höhle. Von dort aus unternahm er seine Raubzüge, die ihn bald zum Schrecken der ganzen Gegend machen sollten. Er war ein kleiner Mann von abschreckender Häßlichkeit mit auffallend langen Armen und einem mächtig entwickelten Unterkiefer, der an die riesigen Waldaffen erinnerte, von denen Reisende von den Inseln des niederländischen Indiens Skelette mitgebracht haben. Man erzählt von diesen Ungeheuern, die die eingeborenen Malaien »Orang-Utang« d. h. Waldmenschen nennen, daß sie zuweilen von der Landstraße Frauen rauben und in ihre Wälder verschleppen. Noch nie aber ist berichtet worden, daß sie ihr Opfer auch auffressen, wie es dieses Scheusal der Pyrenäen tat! Tagsüber hielt er sich in seiner Höhle in einsamer Schlucht versteckt, zur Dämmerzeit brach er auf und stieg zum Tal herunter. Er lauerte irgendwo, hinter einem Busch oder einem Felsen versteckt. Wer immer in der Nacht vorbeikam, der wurde sein Opfer. Männer und ältere Frauen schoß er meist gleich nieder, schleppte dann den Leichnam zu seiner Höhle. Junge Frauen aber, Mädchen und Kinder — und die bildeten die weitaus größte Mehrzahl seiner Opfer — betäubte er mit Faustschlägen und schleppte die Ohnmächtigen auf der Schulter die Berge hinauf. Er mißbrauchte diese Opfer in bestialischer, nicht wiederzugebender Weise und schlachtete sie dann; schnitt oft aus den noch lebenden Wesen Fleischstücke heraus, die er sich über einem Feuer briet. Manchmal zwang er seine blutenden Opfer, selbst das Reisig zusammenzusuchen und das Feuer anzuzünden, an dem sie kurz danach zu Braten zubereitet werden sollten. Auch die Leichen der von ihm erschossenen Männer verzehrte er. Er selbst gestand — und das noch, ehe er gefoltert wurde — hohnlachend und aus freien Stücken, daß er sich während der letzten zwei Jahre in der Hauptsache nur von Menschenfleisch genährt habe.
Wenn wir von dem Baron Gilles de Rais, dem Bannerträger der Jungfrau von Orleans und Marschall von Frankreich lesen, daß er viele Hunderte von Kindern in seinem Schlosse höchsteigenhändig abschlachtete, so schaudern wir zurück vor einer längstvergangenen dunklen Zeit, wo Zauberwesen, Hexenwahn und Teufelskult in hoher Blüte standen. Immerhin können wir die Greueltaten dieses Mannes menschlich verstehn, können begreifen, wie er, von dem Glauben besessen, daß das Blut und die Herzen der Kinder ihm in einem Pakte mit dem Teufel alle Schätze und alle Macht der Erde verschaffen würden, in fast wissenschaftlicher Weise seine Mordtaten beging. Wer aber vermag die Seele dieses Ogirs Blaise Ferrage zu ergründen, der durch drei Jahre durchschnittlich jeden zwölften Tag einen Menschen ermordete, um sein Fleisch zu fressen?
Der Marchese von Civitella faltete die Zeitung zusammen und legte sie nieder. »Santa Madonna«, rief er, »wenn man das liest, kann einem schlecht werden! Ich schwöre Ihnen, meine Herren, daß ich, nur vom Lesen, einen Geschmack auf der Zunge habe, als ob ich selbst halbrohes Menschenfleisch gegessen hätte!«
»Wie schmeckt es?« fragte Herr von Eördögh. Civitella schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht recht«, antwortete er lachend, »ein bißchen süßlich, denke ich!« Dann hielt er sein Glas dem Bedienten hin. »Burgunder!« rief er. »Ich muß den Geschmack herunterspülen!«
Und er leerte sein Glas in kurzen Schlucken.
Es war dem Grafen von Osten aufgefallen, daß Muni, der Jäger des Marchese, sich nicht an der Bedienung der Gäste beteiligte. Er stand bei dem Eintreten des Dr. Teufelsdrökh dicht an der Türe. Es schien dem Grafen, als ob der Jäger gleich im ersten Augenblick in ihm den Armenier, dem er einige Male in Venedig gefolgt war, genau so gut erkannt habe wie er selbst, wie der Prinz und Civitella. Bei dem Zusammenstoße dieses Mannes mit dem Marchese war er einen Schritt vorgesprungen, als ob er sich auf den Menschen stürzen wolle, der seinen Herrn in so maßloser Weise beleidigte. Doch hielt ihn der Respekt zurück. Auch war er wohl überzeugt, daß sein Herr Manns genug sei, allein mit dem Gegner fertig zu werden. Die dann folgende Szene hatte ihn ebenso in Atem gehalten, ebenso fest gebannt, wie alle andern im Raume. Er stand da mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen und starrte auf das, was vorging, von dem er augenscheinlich wenig mehr begriff, als das eine, daß sein Herr von einem fremden zum Narren gehalten und gedemütigt wurde. Während der Marchese die Zeitung las, bemerkte Graf Osten, wie der Jäger einen Blick voll glühenden Hasses auf Dr. Teufelsdrökh warf, hinter dem er stand, wie er einen leisen Fluch ausstieß und dann aus dem Zimmer hinausging.
Wenige Minuten darauf erhob sich Dr. Teufelsdrökh und bat den Prinzen, ihn entschuldigen zu wollen.
»Ihr Schicksal, Prinz«, sagte er sehr ernsthaft, »liegt nun allein in Ihren Händen! — Wenn Sie an der Stelle stehn werden, die das Schicksal für Sie bestimmt hat, dann werden Sie mich wiederschaun! Wenn Sie aber Ihren Weg nicht gehn werden, wenn Ihre Rechte es nicht wagt, den hohen Schmuck zu greifen, der für Ihre Stirne bestimmt ist, dann, Prinz, nehmen Sie Abschied von mir — dann werden Sie mich gewiß nie wiedersehn!«
Er verbeugte sich ehrerbietig genug, nickte den übrigen Gästen zu und wandte sich zum Gehn. In dem Augenblick, in dem er sich von einem der Lakaien seine Kucsma, sein Mäntelchen und seinen Säbel reichen ließ, sprang der Jäger durch die Tür auf ihn zu. Ehe es jemand verhindern konnte, riß er aus der Rocktasche ein doppelläufiges Pistol und schoß hintereinander beide Läufe aus nächster Nähe auf ihn ab.
Jeder erwartete, den Ungarn fallen zu sehn. Statt dessen lachte dieser ein herzliches, fast gutmütiges Lachen. Dann warf er zwei Kugeln auf den Tisch, die auf den Marchese zurollten.
»Marquis!« rief er, »verwahren Sie sich zum Andenken diese Kugeln, die Ihr Jäger mir zugedacht hat! Lassen Sie sich vom Prinzen das Kunststück erzählen, wie man Kugeln unschädlich macht — der weiß es! Und bestrafen Sie Ihren Jäger nicht zu hart: Er ist ein braver Bursche und hat es gut gemeint.«
Dann wandte er sich an Muni: »Deine Hand!« rief er ihm zu. »Deine ehrliche Gesinnung verdient, belohnt zu werden!«
Der Jäger, leichenblaß und am ganzen Leib zitternd, ließ das Pistol fallen, öffnete dann seine Hand, wie der Dr. Teufelsdrökh befahl. Der legte ihm ein paar Golddukaten hinein, grüßte noch einmal lächelnd ring herum und schritt hinaus.
Unbeweglich und immer noch an den Armen und Beinen schlotternd stand der Jäger da, das Gold in der ausgestreckten Hand haltend. Er war ein solches Bild von wehrloser Jämmerlichkeit, daß zunächst der englische Gesandte laut an zu lachen fing. Seinem Beispiel folgten alle Gäste und schließlich auch die Bedienten. Sogar der Marchese, der bei dem Angriff seines Jägers, den er ebensowenig verstand, wie die gutmütig lachende Haltung des Angegriffenen, erregt aufgesprungen war, wurde von dem allgemeinen Gelächter angesteckt. Wie ein Dackel, der im Kampf mit einem Kätzchen ganz unerwarteterweise den kürzeren gezogen hat, mit eingekniffenem Schwanze beschämt von dannen schleicht, so zog der Jäger Muni ab, ohne recht zu begreifen, was ihm geschehn war und warum ihm dies geschah.
Dr. Teufelsdrökh hielt sein Wort; er blieb unsichtbar für den Prinzen. Dennoch zeigte er ihm gut genug, daß er nach wie vor hinter ihm stehe; gab er ihm doch in diesen aufregenden Wochen des öfteren Gelegenheit, die schöne Frau von Murano zu sehn. Graf Osten stellte fest, daß zur Nachtzeit sie zweimal aus seinem Zimmer herauskam und einmal mit ihm im Park in aufgeregtem Gespräche auf und nieder wandelte; jedesmal tief verschleiert. Osten fragte den Prinzen nicht nach diesen Unterredungen, wartete vielmehr, bis dieser endlich selbst davon anfing. Es war augenscheinlich, daß der Prinz das starke Bedürfnis hatte, sich auszusprechen und froh war, in seinem langjährigen Kriegsgefährten, dem Grafen, einen Freund zu besitzen, dem er vollstes Vertrauen schenken konnte. So erfuhr der Graf, daß Veronika keineswegs dem Prinzen Weisungen und Ratschläge des Armeniers überbracht hatte. Auch in dem Punkte hatte dieser sein Versprechen wahr gemacht, daß der Prinz von nun an auf eigenen Füßen stehen müsse. Jedoch hatte der Prinz alle seine Pläne auf das eingehendste mit der schönen Frau beredet und sprach nun mit ebensolch restloser Begeisterung von ihrer Klugheit, wie von ihrer Schönheit und ihrem bezaubernden Liebreize. Der Prinz gestand mit einem schmerzlichen Seufzer seinem Vertrauten, daß das beiderseitige Verhältnis über eine warme Freundschaft nicht hinausgehe, daß die Schöne ihm nur zum Abschied erlaube, ihre Hand zu nehmen und zu küssen. Dennoch ließ er keinen Zweifel darüber, daß er die feste Absicht habe, diese Frau zu heiraten, sowie er die Krone sich aufs Haupt gesetzt habe.
Prinz Alexander schüttelte den Kopf. »Ich weiß, daß sie aus edelster Familie ist — sonst nichts! Muß mir das nicht genügen? Ob sie im Sinne der Standesvorschriften der herrschenden Häuser ebenbürtig ist oder nicht, das weiß ich nicht; aber ich würde niemals auch nur einen Augenblick danach fragen. Ein Mensch, der sich das Recht nimmt, einen andern vom Thron zu stoßen und sich selbst darauf zu setzen, der mag auch wohl den Platz neben sich der Frau geben, die er für würdig hält — ohne jede Rücksicht auf veraltete Vorurteile.«
»Nicht diese Vorurteile«, erwiderte der Graf, »sind es, die bedenklich erscheinen, vielmehr politische Rücksichten. Der Wiener Hof hofft immer noch, daß die Verbindung zwischen Ihnen und der lothringischen Prinzessin zustande komme. Wir haben, so gut es ging, diese Frage bislang hinausgeschoben. Und es ist gewiß, daß eine solche Heirat Ihren Thron sehr befestigen würde.«
»Zweifellos, zweifellos!« nickte der Prinz. »Aber glauben Sie mir, lieber Graf: sitze ich erst auf diesem Throne, so bin ich allein stark genug, ihn festzuhalten — gegen jeden Gegner! Und es ist nicht zuletzt für diese Frau — wie es mit ihr ist — daß ich um den Platz kämpfe, den sie mit mir teilen soll! Das ist des Armeniers Werk, daß er meine Wünsche, meine Begierde, meine Willen aufgepeitscht hat — aber die Kraft zu dem, was ich tun muß, all meine Stärke, verdanke ich ihr allein! — O Graf«, schloß er in heller Begeisterung, »Sie werden mich begreifen, werden all mein Empfinden verstehn, wenn Sie nur einmal sprechen könnten mit dieser wunderbaren Frau!«
Er griff die Rechte des Freundes und preßte sie in beiden Händen. Seine Augen leuchteten.
Graf Osten erwiderte den Händedruck des Prinzen. Er hatte das plötzliche Gefühl, als ob er in diesem Augenblick dem Prinzen so nahe sei, daß er es wagen könne, ihm etwas zu sagen, das ihn vielleicht tief verletzen konnte — das zu verschweigen aber ihm Freundespflicht verbot.
»Prinz«, begann er, »es ist da noch etwas, das vielleicht viel wichtiger ist als alles andere. Ich sprach mit dem armen Freihardt darüber, auch mit dem Marquis. Keiner von uns wagte es je, Ihnen zu sagen, da wir Ihre tiefen Empfindungen zu dieser seltenen Frau kannten. Dennoch Prinz, in diesem Augenblick —«
Er stockte. »Was ist es?« drängte ihn der Prinz. »Sie sind mein bester Freund heute, mein einziger Vertrauter — wer soll mir die Wahrheit sagen, wenn Sie es nicht tun? Ich beschwöre Sie, Osten, reden Sie!«
»Nun wohl«, antwortete der Graf, »ich will sprechen. Doch glauben Sie mir, Prinz, daß nur meine heiße Verehrung für Sie es ist, die diese Worte von meinen Lippen reißt, von denen ich weiß, wie weh sie tun müssen.«
»Sprechen Sie, sprechen Sie!« flüsterte Prinz Alexander.
»Die Dame von Murano«, sagte Osten, »ist die intime Freundin des Dr. Teufelsdrökh. Mehr noch — sie ist sein Werkzeug, ist eine von vielen Puppen, die nach seinem Willen tanzen. Jeden seiner Befehle führt sie blindlings aus, sie lebt nur —«
»Ich weiß, ich weiß!« unterbrach ihn der Prinz. »Kommen Sie zur Sache. Es ist nicht das, was Sie sagen wollen!«
»Nun denn, Prinz«, rief der Graf, »kam Ihnen nie der Gedanke, der mir und Freihardt sich aufdrängte, der den Marquis und den Junker von Zedtwitz quälte, der Gedanke, der selbst die besten unserer Leute, wie die Jäger Hagemeister und Muni beängstigte, der Gedanke, daß vielleicht, vielleicht —«
Er stockte. »Was vielleicht?« drängte Prinz Alexander. »Spannen Sie mich nicht auf die Folter! — Was — vielleicht?«
Der Graf holte tief Atem. Dann sagte er mit fester Stimme: »Daß vielleicht die schöne Frau seine Geliebte sein könnte!«
Prinz Alexander lachte jäh auf. Mit langen Schritten lief er ein paarmal durch das Zimmer. Dann ließ er sich in einen Armsessel fallen. »Der Gedanke, Graf«, stieß er hastig hervor, »kam mir sehr oft. Raubte mir den Schlaf mancher Nacht, ließ mich hier auf Erden die Hölle kosten! Aber es ist nicht wahr, weil es nicht wahr sein kann und nicht wahr sein darf!«
»Ist das Ihr einziger Grund?« fragte Osten.
»Nein!« antwortete der Prinz. »Ich habe bessere, logischere! Aber trotz ihnen quält mich wieder und wieder dieser schreckliche Zweifel — und dann ist es schließlich immer nur dies Gefühl gewesen, daß das Schicksal so hart, so grausam nicht sein kann, nur dies Gefühl, das mich bewahrt hat vor dem Zusammenbruch!«
»Verzeihn Sie«, forschte der Graf, »haben Sie einen der beiden jemals offen gefragt?«
Der Prinz schüttelte den Kopf. »Nie, nie!« stöhnte er. »Tausendmal schwebte diese Frage auf meinen Lippen — nie habe ich sie aussprechen können.« Er schlug seine Hände vor das Gesicht, schluchzte auf. Dann fuhr er, ein wenig ruhiger, fort. »Aber Sie lasen meine Frage von den geschlossenen Lippen, er wie sie, mehr als einmal!«
»Und antworteten sie?« fragte Osten.
»Niemals auf meine stumme Frage«, antwortete Prinz Alexander. »Doch gaben sie mir Antwort, alle beide, gelegentlich im Gespräch. So sagte sie einmal: »Er ist mein Bruder!« Nicht wirklich meinte sie das: Wie sie »Bruder« sagte, klang daraus alle tiefste und reinste Hingabe und unbedingte Ergebung. Es lag eine restlose Resignation in ihren Worten. Ich hatte, als ich sie hörte, das ganz sichere Empfinden, daß nur seelische, aber keinerlei körperliche Bande die beiden verknüpften. Die Liebe aber, Graf, verlangt beides —«
»Und er?« fragte der Graf weiter, als der Prinz schwieg, »was sagte er?«
»Nur einmal sprach er zu mir über Veronika«, sagte der Prinz, »damals, als er mich im Kloster der Carità besuchte. Ich erinnere nicht mehr genau den Zusammenhang, aus dem heraus seine Worte kamen, aber diese selbst werde ich nie vergessen. »Prinz«, sagte er, »diese Frau ist nichts anderes als das schöne Bild, das Sie in der Franziskanerkirche sahen. Lieben Sie dieses Bild, wie man ein Bild liebt — mit den Augen nur! So allein darf man sie lieben, und so nur liebe auch ich sie! Fragen Sie nicht weiter! Das Schicksal senkte Gift in den Kelch der schönen Blume. Wehe der armen Biene, die von ihrem Honig nascht!« — Ich begriff nicht, Osten, was er damit sagen wollte und verstehe es noch heute nicht. Aber das verstand ich: daß er sie nur mit den Augen liebt! Und nehmen Sie hinzu, Graf, was uns der Marchese erzählte, der die beiden, lange vor dem ich diese Frau sah, in dem Garten von Murano beobachtete. Freihardt schrieb Ihnen ja darüber. Ihr Benehmen bei dieser Gelegenheit gibt die volle Bestätigung dessen, was er mir sagte und was sie mir sagte: Es war trotz aller inneren Beziehungen ganz und gar nicht das eines Liebhabers zu seiner Geliebten — mehr noch, es mußte einen solchen Verdacht völlig ausschließen! — Und wenn mich trotzdem immer und immer wieder Zweifel quälen, so kommen sie eben aus dem Empfinden eines Menschen, den die glühendste Liebe manchmal blind macht! Sie aber, Graf, sind frei von diesem Gefühl, urteilen Sie klar und kühl — sagen Sie mir, haben Sie, nach dem, was ich Ihnen sagte, immer noch Bedenken?«
»Nein,« sagte Graf Osten fest, »nicht mehr nach dem, was Sie mir mitteilten, Prinz! Und ich würde zufrieden sein, wenn dieser feste Glauben nun auch helfen würde, die bangen Zweifel zu bannen, die Sie dennoch quälen!«
Prinz Alexander atmete auf. Eine Träne blinkte in seinen Augen. »Ich danke Ihnen, Freund«, rief er, »ich danke Ihnen.«
Die Arbeitskraft des Prinzen schien mit jeder Stunde zu wachsen. Je näher der Tag zum Losschlagen kam, um so tatkräftiger und willensstärker erschien er. Fast alle Anordnungen traf er persönlich, dabei von dem Grafen eifrig unterstützt, aber nur in sehr lauer Weise von dem Marchese von Civitella. Dieser schien, seit dem Zusammenstoß mit Dr. Teufelsdrökh — obwohl er an diesen nicht die kleinste Erinnerung hatte — in der gleichen Weise zu erlahmen, wie der Prinz erstarkte. Er erfüllte jeden Auftrag, den man ihm gab, gewissenhaft, aber ohne einen persönlichen Eifer und ohne Freude. Die frische Initiative, die ihn bisher auszeichnete, schien von heute auf morgen ausgelöscht zu sein. Dennoch schien alles sich vorschriftsmäßig zu entwickeln und es war gewiß, daß der alte Herzog und seine Anhänger auch nicht den kleinsten Verdacht hegten. An dem Vorabend des Tages, den der Prinz zu seiner Abreise zu den hessischen Regimentern festgesetzt hatte, stand Graf Osten vor der Türe seines Zimmers, das dicht an der Treppe lag und erteilte einigen der Jäger Befehle. Auf ein leises Geräusch hin wandte er sich um — er sah die Frau von Murano, verschleiert wie immer, durch den Flur kommen. Er grüßte sie ehrerbietig, und sie erwiderte seinen Gruß durch ein leichtes Kopfnicken. Es war unmöglich, daß sie die Treppe hinaufgekommen war, die er die ganze Zeit über im Auge hatte. An der Seite aber, von der sie kam, war weder ein Aufgang noch ein Ausgang. Sie schritt zu den Gemächern des Prinzen und trat dort, ohne erst anzuklopfen, ein.
Etwa eine Stunde später wurde er zum Prinzen gerufen. Es war schon dämmrig, aber der Prinz hatte noch kein Licht angesteckt. Dicht am Fenster stand die hohe Frau; sie kehrte dem Eintretenden den Rücken zu und schaute hinaus. Der Prinz war ihm zur Tür entgegengekommen. »Graf«, begann er in heißer Erregung, »ich habe noch einmal alle Einzelheiten mit ihr besprochen, einiges umgeändert auf ihren Rat hin. Ich sage Ihnen, Osten, sie ist ein Staatsmann, wie sie ein Offizier ist. Es gibt nichts, das sie nicht durchdringt mit ihrem scharfen Intellekte. Unser Plan muß gelingen, denn dieser Frau kann nichts fehlschlagen!«
»Das wolle Gott!« bestätigte Osten.
»Ich ließ Sie rufen, Graf«, fuhr Prinz Alexander fort, »auf ihren Wunsch. Sie verlangte, daß ich jemanden als Zeugen herrufen sollte, einen Vertrauten. Wozu weiß ich nicht. Wen sollte ich rufen als Sie, Graf, meinen einzigen Freund?«
In diesem Augenblicke wandte sich die Frau um. Sie hatte die Schleier abgenommen, und Osten starrte geblendet auf diese reine Schönheit. Der Prinz, der neben ihm stand, preßte ihm den Arm, als wolle er seiner Freude Ausdruck geben über die unmittelbare Wirkung, die ihr Anblick auf den Grafen ausübte. Dann stellte er diesen vor. Osten verbeugte sich tief.
»Graf von Osten«, sprach die weiche Stimme der Frau, »ich will, daß der Prinz mir einen Eid ablegen soll. Wollen Sie dabei Zeuge sein?«
Wieder verbeugte sich der Graf. Sie wandte sich an den Prinzen: »Geben Sie mir Ihren Degen!«
Prinz Alexander zog seinen Degen, faßte die Klinge und reichte ihr das Heft. Sie streckte ihm den Degen hin.
»Prinz!« begann sie wieder, »Greifen Sie den Stahl mit der Linken und erheben Sie die Rechte zum Schwur. Auf Ihren reinen Degen sollen Sie mir schwören, bei dem Allmächtigen Gott, bei dem Heiligen Geiste, bei Jesus, unserm Heiland und bei der Madonna, seiner Mutter, daß Sie, was auch immer geschehen möge — den Weg zu Ende gehn werden, den Ihnen das Schicksal bestimmt hat! — Wollen Sie das schwören, Prinz Alexander?«
Der Prinz ergriff die Klinge, die sie ihm hinhielt und hob die rechte Hand zum Eide. »Ich schwöre es!« rief er. »Ich schwöre es, so wahr Gott mir helfe!«
Sie legte den Degen auf einen Sessel. Und nun leben Sie wohl, Prinz«, sagte sie still, »möge die Gottesmutter Sie beschützen!«
Sie wandte sich zum Gehn. Der Prinz warf sich auf die Knie vor ihr. »Nur Ihre Hand«, rief er, »zum Abschied!«
Sie ließ ihm ihre Hand, die er mit heißen Küssen bedeckte. Derweil fuhr sie ihm mit der andern leicht durch die Haare. Dann machte sie sich sanft los, nahm ihre Schleier, ohne sie jedoch umzulegen, nickte dem Grafen zu und schritt aus dem Räume.
Der Prinz folgte ihr nicht. Noch immer kniend lauschte er ihren verhallenden Schritten. Dann sprang er auf, faßte seinen Degen, küßte den Griff, den ihre Finger gepreßt hatten.
»Graf«, flüsterte er, »Graf —« unfähig, ein weiteres Wort zu stammeln. — »Kommen Sie!« sagte er endlich. Er nahm des Grafen Arm und führte ihn durch die Tür ins Schlafzimmer, geradezu vor das Bild, dessen Vorhang er zurückzog. Er steckte die Leuchter an und stellte sich neben den Freund, in stillschweigende Betrachtung versunken.
Endlich unterbrach Osten das Schweigen. »Verlangen Sie nicht von mir«, sagte er, »daß ich sprechen soll! — Ich sah diese Frau — und ich sehe jetzt ihr Bild, Prinz. Ich glaube, daß ich das Empfinden Ihrer Seele verstehe.«
»Dank, Dank!« flüsterte der Prinz, »Sie konnten mir kein besseres Wort sagen!«
Der Marchese von Civitella ließ sich melden. Der Prinz befahl, ihn eintreten zu lassen. Der Marchese bat noch einmal um eingehende Instruktionen, die er, ganz gegen seine Gewohnheit, sich sorgsam aufschrieb.
»Marquis«, rief ihm der Prinz zu, »Sie sind nicht wie sonst! Sie machen ein grüblerisches Gesicht, und das gute Lachen ist geschwunden von Ihren Lippen!«
Civitella nickte. »Es ist wahr, Durchlaucht, und ich müßte lügen, wenn ich Ihnen einen Grund dafür angeben sollte! Aber darum werde ich meine Pflicht nicht weniger erfüllen. Sie können sich auf mich verlassen wie auf ihre eigene Hand. Und glauben Sie mir, Prinz, wenn Sie durchhalten und wenn Ihr Plan gelungen ist, dann werde ich auch meine Ruhe und mein Lachen wieder finden!«
»Wenn — wenn ich durchhalte —« rief Prinz Alexander, »ja wollt Ihr denn alle an mir zweifeln? Hören Sie, Marquis, daß ich durchhalten werde, darauf schwur ich vor wenigen Minuten erst einen heiligen Eid auf meinen Degen — und ich werde ihn halten, Marquis!«
Civitella empfahl sich. Gleich darauf meldete ein Jäger den Major von Hansemann, einen von den zu der Partei des Prinzen übergetretenen Kavalieren, den man bei verschiedenen kleineren, aber nicht ganz unwesentlichen Versuchen als zuverlässig erprobt hatte. Er war einer der Kavaliere des verstorbenen Erbprinzen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Eben diese Freundschaft, die ihn seines Herrn Partei auch gegen den alten Herzog hatte ergreifen lassen, hatte ihm dann dessen Feindschaft zugezogen. Als einen ausgezeichneten Kenner des Landes hatte man ihn dazu auserwählt, den Prinzen Alexander an die Grenze zu begleiten und mit ihm die hessischen Regimenter auf den kürzesten Wegen in Eilmärschen zur Residenz zu führen.
Der Prinz gab ihm seine Befehle, die der Major in stramm militärischer Haltung entgegennahm. Als der Prinz ihn dann verabschiedete, blieb er stehn und bat, ein paar Worte sprechen zu dürfen.
»Was ist es?« fragte der Prinz. »Machen Sie nur rasch, wir haben keine Minute zu verlieren.«
»Ein Gedanke, Durchlaucht«, begann der Major, »der mir in dem Augenblick durch den Kopf schoß, als ich das Schloß betrat. Ich kenne drei außerordentlich tüchtige, ehrliche Offiziere, die Euer Durchlaucht in diesen Tagen von erheblichem Nutzen sein können, da sie auch über einen großen Anhang und starke Beliebtheit verfügen. Sie haben allen Grund, dem Herzog, der sie schimpflich entließ, gram zu sein. Dennoch haben sie sich bisher standhaft geweigert, der Partei Eurer Durchlaucht sich anzuschließen. Unter den veränderten Umständen jedoch bin ich überzeugt, daß sie das sofort tun werden.«
»Ich verstehe Sie nicht recht, Major«, gab der Prinz zurück, »welche veränderten Umstände meinen Sie?«
»Die drei Offiziere«, antwortete der Major, »die mit mir in dem Schlosse des Erbprinzen Dienst taten, sind mit Leib und Seele der Erbprinzessin ergeben. Das war auch der Grund, weshalb sie Seine Hoheit, der Herzog, kassierte. Ich gebe Euer Durchlaucht mein Wort, daß sie für die Sache der Erbprinzessin sich in Stücke schneiden lassen würden!«
»Ich glaub's Ihnen gern«, rief der Prinz, »aber was ums Himmelswillen haben wir mit der Sache der Erbprinzessin zu schaffen?«
»Euer Durchlaucht!« stotterte der Major, »als ich ins Schloß kam — sah — ich — verzeihen Sie, Durchlaucht, vielleicht sah ich etwas, was ich nicht hätte sehn sollen! Wenn es ein Geheimnis ist, glauben Sie mir, Durchlaucht, so ist es gut bewahrt bei mir. Kein Wort soll davon je über meine Lippen kommen!«
Prinz Alexander trat dicht auf ihn zu. »Was für ein Geheimnis, Mann?« rief er. »Was sahen Sie? Ich habe keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen! Reden Sie drauf los, Major. Was sahen Sie?«
»Als ich ins Schloß trat, Durchlaucht«, erwiderte der Major, »— ich kam von der Landseite her — sah ich aus der kleinen Parktüre eine hohe Frau heraustreten. Sie legte einen dichten Schleier um, als ich herzutrat. Aber ich sah sie gut, ehe das geschah!
Und was das anbetrifft, ich hätte diese Frau, die ich so lange Zeit täglich sah, durch zehn Schleier erkannt! Sie stieg in eine bereitstehende Kalesche —«
Des Prinzen Stimme zitterte. »Wer war es? Wer war die Frau?« drängte er.
»Ihre Durchlaucht, die Erbprinzessin!« erwiderte der Major.
Prinz Alexander drohte umzusinken. Er faßte mit der Rechten die Kante des Bettes und hielt sich fest, mühsam nach Worten ringend. »Es ist nicht wahr«, flüsterte er, »ist ein Irrtum — eine Täuschung in der Dunkelheit!«
»Halten zu Gnaden, Durchlaucht«, beharrte der Major, »an der Kalesche brannte eine helle Laterne. Ich stand nur einen halben Schritt von ihr — ein Blinder hätte sie wiedererkannt!«
Der Prinz richtete sich auf; drohend fuhren seine Blicke auf den Major. »Es ist nicht wahr, sage ich!« schrie er. »Nie war die Erbprinzessin in diesem Hause! Nie im Leben habe ich sie gesehn, weiß nicht einmal, wie sie ausschaut! Sie lügen, Mensch, Sie lügen!«
Der Major verfärbte sich, aschfahl wurde sein Gesicht. Mit einer heftigen Bewegung riß er den Säbel aus der Scheide. »Ich lüge?« brüllte er. »Das hat mir noch kein Mensch gesagt und soll mir keiner sagen dürfen — auch Sie nicht, Prinz! Ich lüge, sagen Sie? Und was tun Sie? Sagen im selben Atem, daß Sie die Erbprinzessin nie gesehn hätten, nicht einmal wüßten, wie sie ausschaue? Und dabei hängt ihr Bild in Ihrem Schlafzimmer — da an der Wand!« Er lachte wild auf und zeigte mit dem schweren Reitersäbel auf das Bild. »Ich rufe den Grafen zum Zeugen auf, wer von uns beiden lügt — Sie, Prinz, oder ich!«
Der Prinz schrie auf, als ob ihn eine Kugel getroffen habe. Dann taumelte er, fiel nach vorne über das Bett. Graf Osten faßte den Arm des Majors. »Kommen Sie, kommen Sie, um Christi willen«, flüsterte er, »Sie können nicht wissen, was Sie angerichtet haben.«
Er führte den immer noch Rasenden mit Gewalt aus dem Schlafzimmer und hinüber in seine Räume; klärte ihn mit wenigen Worten auf. Dann eilte er zurück zu dem Prinzen.
Er richtete ihn auf, versuchte, ihm ein Glas Wasser einzuflößen. Wie ein todkrankes Kind ließ der Prinz ihn gewähren.
Nach einer Weile schien er zur Besinnung zu kommen. »Lassen Sie mich denken, Freund«, sagte er still, »lassen Sie mich nachdenken, was das alles bedeutet.«
»Osten erwiderte nichts, setzte sich auf einen Sessel dem Prinzen gegenüber und beobachtete ihn.
Immer wieder schüttelte der Prinz den Kopf, strich mit der Hand über die Stirne. Es schien, als müsse er sich zwingen, an diese niederschmetternde Wahrheit zu glauben.
Endlich öffneten sich seine Lippen. Er sprach. Sprach zu dem Grafen Osten. Aber es war, als ob er nur seine Gedanken fortsetzte, sie laut ausspräche, um sie so sicherer festzuhalten. Seine Stimme klang weich und unbeholfen, ein wenig trocken und heiser, wie die eines Schwerkranken. Er sagte:
»Veronika ist — die Erbprinzessin. Veronika ist — Elisabeth«
»Wer war Elisabeth? — Ein Fürstenkind. Ein Waisenkind —«
»Und mein Vetter liebte sie — und sie wies ihn ab.«
»Ja so war es — sie wies ihn ab.«
Seine Stimme hob sich ein wenig. Unendlich qualvoll kamen die Worte heraus:
»Sie reiste ins Bad mit ihrer Tante. Sie traf diesen Abenteurer — Wer war das?«
Und er schrie hellachend durch den Raum: » Er! Er! Er war es!! Er machte sie zu seiner Mätresse mit dem Wink seines Augenlids! — Und dann warf er sie weg.«
Und wieder, wie aus der Erinnerung mühsam die Worte zusammensuchend fuhr er fort:
»Was berichtete der Priester? Sie war sein Beichtkind. Und er brachte sie zu meinem Vetter — den sie verabscheute. Und sie gebar ihm — dennoch — ein Kind!«
»Aber das Kind war krank, wie der Vater war. Und sie floh von beiden, als er, er wiederkam. Lief mit ihm in die Welt!«
»Was erzählte er mir? — »Nur wie ein Bild darf man sie lieben! Das Schicksal senkte Gift in den Kelch der schönsten Blume — wehe der armen Biene, die von ihrem Honig nascht!« — Das Schicksal? Mein Vetter tat es. Aus seiner Umarmung empfing sie die gräßlichste Krankheit, die die Menschheit kennt.«
»Darum, darum rührte er sie nicht mehr an, darum! Darum liebte er sie — nur mit den Augen noch, darum!«
»Aber sie war sein Geschöpf, nach wie vor. War es, wie sie dem Geliebten war, so nun dem — Bruder.«
»Lebte, dem Tode geweiht, nur für ihn und nur für seine Launen —«
»Kein Mensch, nur ein Geist — nur ein schönes Bild, das man allein mit den Augen liebt!«
»Keine Lebende liebte ich — einen Schatten nur, dem sein Willen ein falsches Leben einhauchte —«
»Einen Geist sah ich — einen Geist nur liebte ich —«
Immer leiser waren seine Worte geworden. Schließlich bewegten sich nur noch seine Lippen. Dann ergriff wieder ein heftiges Stöhnen seine Brust.
Graf Osten stand auf, trat dicht vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Prinz«, rief er laut, »armer, lieber Freund, Sie müssen sich ermannen, Sie dürfen jetzt Ihren trüben Gedanken nicht mehr nachhängen. Es steht so viel auf dem Spiel, der Einsatz ist zu hoch, den Sie gewagt! Prinz, Prinz, stehen Sie auf! Sie dürfen keine Minute mehr verlieren — es ist Zeit zum Handeln.«
Es war, als ob diese Worte dem Prinzen im Augenblicke seine Energie wiedergegeben hätten. Er sprang mit heftiger Bewegung hoch, richtete sich stramm auf.
»Nehmen Sie meine Befehle, Graf Osten!« sprach er mit fester Stimme. »Senden Sie sogleich einen Boten an die hessische Grenze und lassen Sie die Regimenter benachrichtigen, daß ich sie nicht mehr nötig habe. Schicken Sie mit derselben Botschaft einen Reiter an den englischen Gesandten, der sich am Darmstädter Hofe aufhält! Alles übrige überlaß ich Ihnen, Graf. Teilen Sie allen, die mit uns im Bunde waren, mit, daß Prinz Alexander sich entschlossen habe, auf das hübsche Abenteuer zu verzichten!«
»Das kann Ihr Ernst nicht sein, Prinz!« rief der Graf
»Es ist mein Ernst!« betonte der Prinz. »Wollen Sie tun, um was ich Sie bat, Graf? — Oder wollen Sie, daß ich selbst hinauslaufe und es laut durchs ganze Schloß schreie?«
»Ich gehorche«, erwiderte Osten mit kurzer Verbeugung und wandte sich zum Gehn.
Der Prinz rief ihm nach: »Was soll mir die Krone, wenn mir die einzige Perle fehlt, die sie schmücken könnte!«
Graf Osten tat, wie ihm der Prinz geheißen. Er fertigte eine nach dem andern die reitenden Boten ab, sandte nach allen Seiten hin eilige Nachrichten. Es war längst Mitternacht vorbei, ehe er fertig wurde. Er beschloß dann, noch einmal den Prinzen aufzusuchen.
Als er aus seiner Tür hinaustrat, sah er einen kleinen gallonierten Negerjungen eilig die Treppe hinauflaufen. Der Kleine kam auf ihn zu und gab ihm einen Brief in die Hand. Ohne Antwort abzuwarten, stürmte er sogleich wieder fort. Osten las die Aufschrift. Sie galt dem Prinzen. Gewohnt, dessen Korrespondenz zu öffnen und zu lesen, dabei in dem Glauben, daß es sich um die eilige Nachricht eines der Gesandten handle, riß er den Umschlag auf. Er zog einen kleinen Zettel heraus und las:
»Ich habe meine Kraft an einen Unwürdigen verschwendet — dem es nicht lange Zeit nahm, seinen Eid zu vergessen.«
Graf Osten kannte diese Schriftzüge gut genug. Mit einem tiefen Seufzer steckte er den Brief in die Tasche.
Er ging hinüber in des Prinzen Zimmer. Er fand ihn immer noch auf dem Bette sitzend, in die Luft starrend, die Pistole in der Hand —
Bei diesem Gedankenstrich brach die Niederschrift des Unterarztes Dr. Jean Baptiste Kuhblum aus Basel ab, wenigstens so weit sie die Geschichte des Prinzen Alexander betraf. Auf den folgenden Blättern gefiel sich Dr. Kuhblum darin, die Art des Denkens des Prinzen vom Standpunkt eines unentwegten Rousseauschülers aus zu beleuchten. Er kam, im Anschluß daran, auf die ethischen Gedanken zu sprechen, die der französischen Revolution zugrunde lagen. Nach diesen Ergüssen befanden sich in dem Manuskripte nur noch die drei Worte:
»Graf Osten trat —«
Der Kandidat der Philologie Ewald Recke hatte anfangs Lust, aus eigener Phantasie einen Schluß zu dieser Geschichte hinzuzudichten. Er sah am Ende doch davon ab. Einmal fühlte er nicht das Bedürfnis, um einer solchen Lappalie willen sich viel Kopfzerbrechen zu machen. Dann meinte er, daß die Geschichte ja ohnehin lang genug wäre und schließlich war er offengestanden auch zu faul dazu. Er tröstete sich also mit dem Gedanken, daß, vielleicht nach hundert Jahren, ein anderer glücklich genug sein könne, den Rest der Papiere des Grafen von Osten-Sacken oder wenigstens der Kuhblumschen Bearbeitung aufzufinden und den Schluß hinzuzufügen.
Cand. phil. Ewald Recke machte dann wirklich auf Grund der Straubingschen Arbeit sein Doktorexamen zur großen Freude seiner lieben Eltern. Er sah davon ab, die Kuhblumschen Papiere der Doktorarbeit als Anhang beizugeben, sondern zog es vor, sie dem Herausgeber zu verkaufen. Mit diesem Gelde fuhr er nach Zoppot.
Das hätte er nicht tun sollen. Man nahm ihm den Sühnenlohn da sehr bald wieder ab.
Lieber H.H.E.! Haben Sie mal daran gedacht, die Fortsetzung des »Geistersehers« zu schreiben? Natürlich in Ihrer Art! Sie sollten es tun — Sie sind der einzige, der das kann.
Herzlichst! Ihr H. Conrad.
7. XI. 1909 Berlin.
Als durch irgendeine Indiskretion die Öffentlichkeit Wind davon bekam, daß ich mich damit beschäftigte, Schillers Fragment »Der Geisterseher« zu Ende zu schreiben, ging ein Sturm der Entrüstung durch die deutsche Presse. Das »Berliner Tageblatt«, das die Nachricht zuerst brachte, meinte, »daß man nun endlich wisse, wer den Einbruch in die Weimarer Fürstengruft begangen habe.« Von rechts und von links, wie aus der Mitte wurde ich in gleicher Weise beschimpft; es war das allererste Mal, daß ich die Presse aller Parteien völlig einig sah. Ein konservativ-antisemitisches Blatt nannte mich »einen perversen Judenjungen, dessen widerlicher Reklamesucht nichts heilig sei«, eine unabhängig-sozialistische Wochenzeitschrift beschimpfte mich als einen »pornographischen Nichtskönner, der stets nur mit fremden Federn prunke«, ein Zentrumsblatt meinte, daß es sich vermutlich »um den kindischen Versuch eines talentlosen Maulhelden handle, gegen die Jesuiten Stimmung zu machen.«
Ich war ein Verbrecher — einstimmig verurteilt von allem, was öffentliche Meinung macht in deutschen Landen. Verurteilt dabei, ohne daß auch nur einer der Herren Richter eine einzige Zeile des inkriminierten Schandwerkes gelesen hatte! Was hatte ich getan? Das Fragment eines Dichters, so gut ichs konnte, zu Ende geschrieben. Nun, das ist hundertmal geschehen, und nie ist es einem Menschen eingefallen, das allergeringste dabei zu finden. Man kritisierte die Arbeit, fand sie gut oder schlecht — aber nie hat man einen Schriftsteller lediglich darum beschimpft, weil er sich an eine solche Arbeit heranmachte!
Warum also die erstaunliche Entrüstung in meinem Falle?
Offen gestanden: ich weiß es nicht! Ich habe eine Menge Zeitungsleute gefragt — und sie wußten es auch nicht. Nur einer vom Bau, ein alter Landsknecht, der unter sechs Pseudonymen schreibt und seine spitze Feder jedem verkauft, der sie bezahlt, gab mir einigermaßen Auskunft:
»Unsere Presse ist masochistisch geworden«, sagte er, »wie unser Volk! Wir berauschen uns daran, uns selbst zu zerfleischen, können uns nicht genug daran tun, uns selbst Schmerzen zuzufügen! Je mehr wir kriechen, je würdeloser wir uns benehmen, um so wohler fühlen wir uns — wir betteln geradezu um Fußtritte! Wir bespeien alles Gute, das wir selbst schaffen, und loben jeden letzten Dreck, der vom Auslande kommt — das nennen wir dann: kosmopolitisch empfinden. Und dagegen haben Sie immer wieder verstoßen. Sie haben kosmopolitisch gelebt und dennoch oft genug gegen das Ausland und für Ihr eigenes Volk Stellung genommen — das gilt in tiefstem Sinne als undeutsch in unserer Zeit. Dazu kommt, daß Sie Erfolg haben — und das wird Ihnen kein Schmok je verzeihen. — Die Presse hat vollkommen recht: wenn einer es heute wert ist, mit Schmutz beworfen zu werden, dann sind Sie es!«
Ich glaube beinahe, der Mann hat recht! Ich habe freilich heute ein Publikum, das meine Bücher liest — aber ich habe keine einzige Zeitung, die etwas drucken würde, wenn ich gerade einmal etwas zu sagen hätte; keine Zeitschrift, die es wagen würde, meine Geschichten zu bringen; kein Theater, das es riskieren möchte, meine Stücke zu spielen; sogar bei den beliebten Rundfragen verschont man mich.
Wäre ich ein Engländer oder ein Franzose, ein Italiener, ein Amerikaner, die Blätter und Theater würden sich um mich reißen — bei uns aber gilt es als Odium, Erfolg zu haben, wie es ein Odium ist, ein Deutscher zu sein! Es gibt einen großen deutschen Dichter, dem seit vielen Jahren nichts mehr glücken will. Jeden großen Wurf von ihm griff man maßlos an; aber einmütig lobt nun die gesamte Presse seine oft kindlich schwachen Elaborate, seit man weiß, daß er doch unter keinen Umständen mehr Erfolg haben kann. Auf der anderen Seite kenne ich einen sehr geschickten Theatermacher, der nach anfänglichen Erfolgen von der Presse durch manche Jahre völlig tot gemacht wurde. Er schrieb heuer ein neues Stück, ließ es aber nicht unter seinem Namen laufen, sondern wählte als Pseudonym einen spanischen Namen. Die Folge? Dieselben Kritiker, die ihn seit Jahren heruntermachten, schrieben lange Lobestiraden über das unerhörte Talent des Spaniers — und alle deutschen Bühnen erwarben das Stück!
Ich bin ein Dichter und kein Prophet. Wie die Welt ist, nehme ich sie; versuche nicht, sie zu ändern. Ich bin »zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt« — und vielleicht dazu, das Geschaute niederzuschreiben. Und ich bilde mir ein, gute Augen zu haben.
Ich beklage mich nicht. In dieser besten aller Welten besteht nun einmal ein jedes Wesen nur dadurch eine Zeitlang, daß es andere Wesen auffrißt. Wie darf ich da verlangen, höchst ungeschoren durchs Leben zu gehn? Ich nehme an, daß ein jeder das Recht hat, mich nach Herzenslust mit Kot zu bewerfen, meine lieben Landsleute insbesondere.
Aber darum muß ich doch meinen Weg weitergehen. Und wenn die liebe Presse mich schon zum Verbrecher erklärte, weil ich dies Buch schrieb und mich sicher zum Giftmischer und Muttermörder stempeln wird, wenn ichs veröffentliche — so will ichs dennoch herausgeben.
Zu Schillers Zeiten war das anders. Wer hat ihm je einen Vorwurf gemacht, daß seine Turandot nur eine Bearbeitung ist? Kleists Amphitrion, der eine Übersetzung des von Molière ist (der nimmt wieder von Plauton), läuft nur mit Kleists Namen — wer kümmert sich darum? Ich aber, schreibt die Presse, breche in Grüfte ein und bestehle die Toten.
Dennoch, meine ich, habe ich Schiller gelassen, was Schillern ist; habe nie daran gedacht, ihn irgendwie zu »bearbeiten«. Die ganz geringfügigen Textänderungen, die ich vorgenommen habe, müssen, bilde ich mir ein, ihm nützen, da sie das Lesen seines Romanes dem heutigen Leser erleichtern. Es sind folgende:
Schillers Personen heißen: der Prinz von **, der Graf von O**, der Baron von F**, der Junker von Z**, der Kardinal von A** usw. Sie stammen aus K** oder aus **d**, gehen in die **kirche oder das **kloster. Schiller empfand wohl selbst, wie ermüdend das auf die Dauer wirkt, er gab daher dem zum Schluß seines Fragments auftretenden Marchese bereits einen ehrlichen Namen: Civitella. — Ich habe nun allen Personen Namen gegeben, wie auch den Ländern, Städten und Kirchen. Ich habe ferner einige wenige altfränkische Worte, die dem Leser von heute nicht mehr geläufig sind, geändert. So schreibe ich Quecksilber (statt »lebendiger Merkur«), Gebüsch (statt »Bocage«), Versammlung (statt »assemblé«), Spieler (statt »Pointeur«), Andenken (statt »Denkmal«), äußerster Schritt (statt »Extremität«), Beamte (statt »Officianten«) usw.
Das sind alle meine Änderungen! Ich zweifle demnach keinen Augenblick, daß mir mehr wie ein Kritikus vorwerfen wird, »ich hätte Schillers Text auf das schamloseste vergewaltigt.«
Warum hat Schiller seinen »Geisterseher« nicht selbst beendet? Jeder Literarhistoriker hat dafür eine andere Mutmaßung. Ich denke, es ist müßig darüber zu streiten — er hat es nun einmal nicht getan! Wenn nun ein anderer — wenn ich an diese Arbeit ging, so mußte es im Schillerschen Sinne geschehen. Und das habe ich versucht.
Jedem, der Schiller kennt und liebt, sollte der »Geisterseher« aus dem besonderen Grunde interessant sein, weil er mehr als irgendein anderes Werk einen Hauptzug des Bewußtseins des Dichters zeigt: den kriminalistischen Zug. Zum »Pitaval«, der deutschen Ausgabe der berühmten Sammlung merkwürdiger Verbrechen, schrieb Schiller eine Vorrede, in der er den engen Zusammenhang zwischen Drama und Verbrechen erörtert. Niemals hat ein anderer Dichter solch abgefeimte Schurken auf die Bühne gestellt wie Schiller, Kerle, die wie Geßler, Franz Moor, Leicester, Wurm sich nur wohl fühlen im Bösen und das Schlechte um des Schlechten willen tun. Mehr wie irgendein anderer Dichter hat — von den Räubern bis zum Demetrius — das »Verbrechen« den Künstler Schiller angereizt.
Auch der »Geisterseher« ist die Geschichte eines Verbrechens — aber dieses »Verbrechen« nennt Schiller nicht, deutet es nur sehr vage an. Um sein Fragment zu beenden, mußte dies Verbrechen entschleiert, mußte es in den Mittelpunkt der Handlung gestellt werden. Nun aber ist uns nicht ein Sterbenswörtchen überliefert, wie Schiller sich das Verbrechen, eigentlich gedacht hat, und die Herrn Literarhistoriker haben sich wohl gehütet, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Es ist überhaupt erstaunlich, welch haarsträubenden Unsinn diese Herren über Schillers Fragment zusammengefaselt haben und wie oberflächlich sie es oft getan haben! So schreibt beispielsweise Boxberger, der die große Schillerausgabe des Groteschen Verlages besorgt hat: »Der lüderliche Marchese Civitella ist wie sein Onkel, der Kardinal, eine Kreatur der Jesuiten. — Eine andere feile Kreatur der Jesuiten wird dem Prinzen in den Weg geworfen: er geht in das Netz der schönen Griechin. Aus Eifersucht ersticht er ihren Geliebten, den von den Jesuiten geopferten Civitella. Die Griechin stirbt vor Schmerz; er hat zwei Menschenleben auf dem Gewissen, eine furchtbare Schuldenlast erdrückt ihn — er ist reif zum Übertritt. Er ist ein willenloses Werkzeug der Jesuiten geworden usw.!« — So liest ein Universitätsprofessor seinen Schiller. Keine Silbe davon steht in Schillers Fragment! Civitella ist ebensowenig wie sein Onkel ein »Kreatur der Jesuiten«; beide läßt Schiller vielmehr den »Bucintoro« angehören, den er deutlich als einen Zirkel des Illimunatenordens charakterisiert — als eine Verbindung also, die die Gesellschaft Jesu bekämpft! Nirgends ist bei Schiller der Prinz auf Civitella eifersüchtig — auch tötet er ihn keineswegs; vielmehr läßt Schiller den Marchese Civitella ausdrücklich genesen. Auch stirbt die »Griechin« — die bei Schiller eine Deutsche ist — keineswegs an Schmerz, sondern an Gift, und bei ihrem Tode ist der Prinz noch keineswegs »reif zum Übertritte zur katholischen Kirche«, er wehrt sich vielmehr mit aller Kraft dagegen! Der Herr Professor schwatzt eben seinen Unsinn einfach drauf los!
Die Literaturgeschichte gab mir also keinen kleinsten Fingerzeig, welchen Weg ich gehen könne — es blieb mir nur die eine Möglichkeit, aus Schillers Hirn selbst zu schöpfen. Nun gibt es bei jedem Künstler Dinge, die sich wiederholen. Leitmotive, gewisse Farbenzusammenstellungen, besondere Vorliebe für ein bestimmtes Sujet, bestimmte Gedankenvorgänge, technische Hilfsmittel oder was es sei. Schiller z.B. verwendet, gewiß unbewußt, mit großer Vorliebe das technische Hilfsmittel des Briefes. Gleich in den Räubern finden wir zwei solcher für die Handlung maßgebenden Briefe, den, der Karl zum Räuber macht, und den andern, der den alten Grafen Moor vernichten soll. In »Kabale und Liebe« ist es der Brief, der Luisen abgezwungen wird, der zum Konflikt führt; im »Don Carlos« der Brief, den die Eboli erwischt. Der Brief, der dem ehrgeizigen Butler den Grafentitel versagt, ist der Grund zu Wallensteins Untergang; in »Maria Stuart« ist es der Königin Brief an Leicester, der Elisabeths Haß aufstachelt. Im »Gestürzten Günstling«, wie auch im »Geisterseher« selbst spielen wieder Briefe — hier die gehässigen Briefe des Hofes an den Prinzen — eine große Rolle. Ist Schiller also das technische Hilfsmittel des Briefes außerordentlich geläufig, so treffen wir bei ihm das Leitmotiv des »geraubten oder gemordeten Kindes« nicht weniger oft an. In »Die Kinder des Hauses» läßt Narbonne die Kinder seines Bruders, die zwischen ihm und der Erbschaft stehen, verschwinden. Im »Warbeck« handelt es sich darum, ob der Held eines der Kinder Edwards ist, das den Händen der Mörder entging — genau dasselbe Motiv finden wir im Demetrius'. Ist der Zarevitch als Kind im Feuer umgekommen oder nicht? Und wir finden dasselbe Motiv endlich in der »Braut von Messina« wieder.
Nun ist es gar keine Frage, daß Schiller auch im »Geisterseher« dieses Motiv angeschnitten hat, wenn auch kein Herr Literarhistoriker die Nase dazu hatte, das herauszuschnüffeln. Zu Beginn des Romans wird der Prinz als dritter Agnat des Thrones eingeführt: Zwischen ihm und der Krone steht ein Vetter, der Erbprinz, und ein alter, kinderloser, kränklicher Oheim. Der Erbprinz stirbt auf den ersten Seiten, auch er ist kinderlos; also hätte nun unser Prinz alle Aussicht, auf legitime Weise zur Herrschaft zu kommen. Dann aber finden wir plötzlich, scheinbar ohne Zusammenhang, die Bemerkung des Barons: »Über die Familienverhältnisse an unserem Hofe sind wir bisher in einem großen Irrtume gewesen.«
In diesem Satze allein und in der kleinen Bemerkung des Grafen über den Prinzen: »Er wäre gewiß eine Zierde des Thrones geworden, den er durch ein Verbrechen ersteigen zu wollen sich betören ließ«, darf man den Schlüssel zu dem ungeschriebenen zweiten Teile des Romans suchen.
Durch ein Verbrechen? Also der Prinz wird zum Verbrecher; aber zum Edelverbrecher, der wiederum eine ganz besondere Vorliebe Schillers ist und den wir sowohl im »Karl Moor«, wie im »Verbrecher aus verlorener Ehre« wiederfinden.
Welcher Art nun war des Prinzen »Verbrechen«? Die Intrigen, die Schiller um den Prinzen spinnen läßt, haben alle den Zweck, in diesem Lust zum Herrscher zu erwecken; das gelingt. Zwischen seinem endlich erwachten Ehrgeiz nach dem Throne und diesem selbst steht nur ein alter kränklicher Oheim, dessen Ableben man bald erwartet — ihm also kann das »Verbrechen« nicht gelten. Aber: »Über die Familienverhältnisse an unserem Hofe sind wir bisher in einem großen Irrtume gewesen!« schreibt der Baron. Das kann nur einen Sinn haben, wenn ein weiterer Erbe da ist, der sich zwischen den Prinzen und den Thron drängt. Wer aber kann das sein? Bei Schillers fast zwangsmäßigem Schaffen ganz gewiß niemand anders, als ein kleiner Sohn des eben verstorbenen, vielleicht heimlich vermählten Erbprinzen. Und dieses Hindernis wegzuräumen wäre in der Tat ein Verbrechen — ein Verbrechen dazu, wie es Schillers Phantasie immer wieder beschäftigt hat. Er hat es in französischem (»Kinder des Hauses«), englischem (»Warbeck«), russischem (»Demetrius«) Gewande behandelt — im zweiten Teile des »Geistersehers« hätte er dies Verbrechen auf deutschem Boden gezeigt.
Denn nur in Deutschland, an dem Hofe des Prinzen, konnte sich die Intrige weiterspinnen; nur dort, nicht in Venedig, konnte das ausgeführt werden, was Schiller angedeutet hat. Die Anregungen also, die mich bei der Vollendung des »Geistersehers« geleitet haben, habe ich nur Schiller selbst zu verdanken; kleine Funken nur, die dennoch hell genug leuchteten, mir den Weg zu zeigen.
Ein Wort noch: es ist erstaunlich, wie modern dieser Schiller wirkt! Vergißt man ein wenig die Zierdegen und gepuderten Zöpfe, so glaubt man sich mitten in unsere Zeit versetzt. Dieselben Abrakadabraritter damals wie heute, dieselben Wundertäter und Seligmacher in allen Farben, dieselben phantastischen Gesellschaften und Orden, die sich untereinander grimmig bekämpfen. Ob die Führer es ehrlich meinen, oder Betrüger sind — oder auch, wie die meisten, beides in einer Person — ob sie Schröpfer und Stark, Cagliostro, Dr. Mesmer, Gaßner heißen, ob sie Illuminaten oder Rosenkreuzer sich nennen, oder, wie heute, Okkultisten, Spiritisten, christliche Wissenschaftler, Theosophen, Anthroposophen und was alles: damals wie heute wimmelt es von Geistersehern aller Farben in allen Städten und Landen. Freilich, einen so genialen Kerl, wie ihn Schiller in seinem »Armenier« schuf, wird man gewiß nicht auf allen Gassen treffen!
Warschau 26. XI. 1921
Hanns Heinz Ewers.
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