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Cover der DvR-Ausgabe.
Kurd Laßwitz wurde am 20. April 1848 in Breslau in einer Kaufmannsfamilie geboren. Nach Kindheit und Jugend in Breslau studierte er von 1866-1874 (mit Unterbrechung durch den Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger, u. a. in Frankreich) in Breslau, Berlin und schließlich wieder Breslau Mathematik und Physik. Nach der Promotion zum Dr. phil. in Breslau 1873 bestand er dort 1874 das Staatsexamen für das höhere Lehramt in den Fächern Mathematik, Physik, Geografie und Philosophie. Nach anschließenden Lehrtätigkeiten an Gymnasien in Breslau und Ratibor wechselte er 1876 an das Gymnasium Ernestinum in Gotha. Hier war er, seit 1884 als Gymnasialprofessor, bis zu seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst mit Ablauf des Jahres 1907 tätig. 1876 hatte Kurd Laßwitz die Breslauer Kaufmannstochter Jenny Landsberg (1854-1936) geheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Söhne (Rudolf, 1877-1935, und Erich, 1880-1959) hervor. Kurd Laßwitz starb am 17. Oktober 1910.
Seit Ende der 1860er Jahre bis zu seinem Tode war Laßwitz schriftstellerisch tätig, teilweise unter Pseudonymen wie »Jeremias Heiter« und »L. Velatus«. Neben bedeutenden naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften (insbesondere über die Arbeiten Immanuel Kants und Gustav Theodor Fechners) und zahlreichen Essays verfasste er vor allem »moderne Märchen«, Romane, Novellen und Kurzgeschichten, die man heute rückblickend als »Science Fiction« oder »Fantasy«, als überwiegend anspruchsvolle spekulative oder wissenschaftlich-phantastische Erzählliteratur bezeichnen kann.
Vor allem wegen seines umfangreichen Romans Auf zwei Planeten (1897) wird Laßwitz heute vielfach »Vater der deutschen Science Fiction« genannt; ein »deutscher Jules Verne« — das war er allerdings nicht, wohl eher ein »deutscher Hans Christian Andersen«.
Leider liegt sein den Machthabern zwischen 1933 und 1945 unerwünschtes und daher diskriminiertes Werk heute nicht mehr (oder noch immer nicht wieder) im aktuellen Buchhandel geschlossen greifbar vor, sondern nur in vereinzelten und (sieht man einmal von der zuletzt 1998 erschienenen und inzwischen auch nur noch antiquarisch oder in Bibliotheken erreichbaren Ausgabe von Auf zwei Planeten [1] ab) oft neu zusammengestellten und bearbeiteten Fassungen. Die vorliegende Neuausgabe der Sammlung Nie und Immer soll dazu beitragen, einen Teil dieser Lücke zu schließen.
[1] Laßwitz, Kurd: Auf zwei Planeten. Roman. Herausgegeben und mit einem Vorwort, Nachwort, einer Werkgeschichte und einer Bibliographie versehen von Rudi Schweikert (HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY 06/8007). München: Wilhelm Heyne, 1998
Eine angemessene Würdigung der Person und des Werkes von Kurd Laßwitz soll einem besonderen Band (oder auch mehreren Bänden) vorbehalten bleiben. Für den Fall, dass es hierzu nicht kommen sollte, empfehle ich vorsorglich die Darstellungen von Franz Rottensteiner [2], Rudi Schweikert [3, 4] und Dietmar Wenzel sowie insbesondere die von Rudi Schweikert zusammengestellten umfangreichen Bibliografien [5, 6].
[2] Rottensteiner, Franz: Ordnungsliebend im Weltraum: Kurd Laßwitz, in: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): Polaris 1. Ein Science Fiction Almanach (INSEL TASCHENBUCH 30). Frankfurt a. M.: Insel, 1973, S. 133—164
[3] Schweikert, Rudi: Von geraden und von schiefen Gedanken. Kurd Laßwitz — Gelehrter und Poet dazu, in: Laßwitz, Auf zwei Planeten (siehe Fn. 1), S. 847—997
[4] Wenzel, Dietmar: Das Eckchen vom Märchengarten. Über Leben und Werk von Kurd Laßwitz, in: Wenzel, Dietmar (Hrsg.): Kurd Laßwitz — Lehrer, Philosoph, Zukunftsträumer. Die ethische Kraft des Technischen (EDITION FUTURUM, Bd. 10).
[5] Meitingen: Corian (Heinrich Wimmer), 1987, S. 11—64 Schweikert, Rudi: Über Kurd Laßwitz. Eine Auswahlbibliographie mit Kommentaren, in: Wenzel, Kurd Laßwitz (siehe Fn. 4), S. 221—254
[6] Schweikert, Rudi: Bibliographie, in: Laßwitz, Auf zwei Planeten (siehe Fn. 1), S. 1002—1045
Ich beschränke mich daher bewusst darauf, eine textgetreue einbändige Neuausgabe der in zwei Bänden erschienenen Ausgabe letzter Hand (3. u. 4. Tsd., o.J., [1907]) des erstmals 1902 erschienenen Sammelbands Nie und Immer, bestehend aus der Erzählungssammlung Traumkristalle. Neue Märchen und der längeren Erzählung Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide vorzulegen und nur einige wenige Hinweise zu geben.
»Homchen (nach einem Koala in Brehms Tierleben)« —
Zeichnung mit Begleittext (undatiert, offenbar von Kurd Laßwitz
angefertigt) aus dem handschriftlichen Nachlass der
Forschungsbibliothek Gotha, Signatur Chart. B 1964d, Bl. 597;
Abdruck mit freundlicher Erlaubnis der
Forschungsbibliothek Gotha, 22. Dezember 2008
Viele der Erzählungen von Kurd Laßwitz sind seit 1868 in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen erschienen. Nach den Buchausgaben Bilder aus der Zukunft (EA 1878), Schlangenmoos (1884), Seifenblasen (EA 1890) und Auf zwei Planeten (Laßwitz' Hauptwerk, EA 1897) folgte 1902 [7] der Sammelband Nie und Immer. Neue Märchen, der aus den beiden Teilen Traumkristalle und Homchen bestand und mit einem JugendstilBuchschmuck (siehe S. 14f.) von Heinrich Vogeler (1872—1942) ausgestattet war.
[7] Laßwitz, Kurd: Nie und Immer. Neue Märchen [Traumkristalle / Homchen]. Mit Buchschmuck von Heinrich Vogeler. Leipzig: Eugen Diederichs, 1. Aufl. 1902
Die Sammlung Traumkristalle enthielt ursprünglich zehn Erzählungen, von denen drei in den Jahren 1899 und 1900 schon in Zeitungen und Zeitschriften (siehe die Nachweise weiter unten) veröffentlicht worden waren. Seit der 1907 in zwei Bänden erschienenen zweiten Auflage (3. u. 4. Tsd., o. J. [1907]), die der vorliegenden Neuausgabe zu Grunde liegt, enthielt der Sammelband Traumkristalle zusätzlich fünf weitere, ebenfalls teilweise zwischenzeitlich erschienene »neue Märchen«: Das Gesetz, Weihnachtsmärchen, Die Universalbibliothek, Wie der Teufel den Professor holte und Der Gott der Veranda.
Es handelt sich bei Nie und Immer um oft satirisch gefärbte utopischphantastische Erzählungen, Tier- und Naturmärchen mit teilweise eingebetteten Gedichten. Die letzte (undatierte) Ausgabe in dieser Zusammenstellung erschien 1928 oder 1930 im 9. u. 10. Tsd. [8] Nach 1945 waren und sind Homchen und viele der Traumkristalle-Erzählungen gemeinsam mit anderen Erzählungen (zumeist aus der Sammlung Seifenblasen) Bestandteile neu zusammengestellter Sammelbände. [9, 10, 11, 12] Die längere Erzählung [13, 14] Homchen ist 1982 und 2002 auch separat erschienen.
[8] Laßwitz, Kurd: Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide (Nie und Immer. Erster Band); Traumkristalle. Neue Märchen (Nie und Immer. Zweiter Band). Berlin: Emil Felber, 9. u. 10. Tsd., o. J. [1928/30]
[9] Laßwitz, Kurd: Bis zum Nullpunkt des Seins. Utopische Erzählungen. Hrsg. von Adolf Sckerl. Berlin: Das Neue Berlin, 1979
[10] Laßwitz, Kurd: Traumkristalle. Hrsg. von Hans Joachim Alpers (MOEWIG SCIENCE FICTION, Bd. 3535). München: Moewig, 1. Aufl. 1981
[11] Laßwitz, Kurd: Traumkristalle. Utopische Erzählungen, Märchen, Bekenntnisse. Hrsg. von Ekkehard Redlin (Reihe SF UTOPIA). Berlin: Das Neue Berlin, 1982
[12] Laßwitz, Kurd: Homchen und andere Erzählungen. Hrsg. von Franz Rottensteiner (HEYNE SCIENCE FICTION FANTASY / SCIENCE FICTION CLASSICS, Bd. 06/4309). München: Wilhelm Heyne, 1986
[13] Laßwitz, Kurd: Homchen. Ein phantastischer Vorzeitroman vom Vater der deutschen Science Fiction (BASTEILÜBBETASCHENBUCH / PHANTASTISCHE LITERATUR, Bd. 72 019). Bergisch Gladbach: BasteiLübbe, 1982
[14] Laßwitz, Kurd: Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide. Berlin: Shayol, 2002
In vielen der in Nie und Immer enthaltenen Erzählungen hat Laßwitz nicht nur zeitgenössische Evolutionstheorien und -erkenntnisse (so in Homchen und Die Frau von Feldbach) thematisiert und die gesellschaftlichen Verhältnisse und Erwartungen seiner Zeit satirisch gespiegelt (z.B. in Homchen und Jahrhundertmärchen), sondern auch Autobiografisches eingeflochten (etwa in Der gefangene Blitz, Die Fernschule, Die Universalbibliothek und Wie der Teufel den Professor holte): In Der gefangene Blitz und Die Fernschule macht er besonders deutlich, wie sehr ihn der alltägliche Trott des Lehrerberufs belastet hat.
Die erstmals in Traumkristalle veröffentlichte Erzählung Die drei Nägel war übrigens von Laßwitz 1892 unter dem Titel »Die Nägel von Schrobeck« der Zeitschrift UNSERE ZEIT. SCHORER'S FAMILIENBLATT angeboten worden, in der kurz zuvor die von ihm im Zusammenwirken mit der Redaktion in Form eines fiktiven Leserbriefs in Verbindung mit einem Preisausschreiben verfasste technischphantastische Erzählung Nach Chicago (Eine Preiskonkurrenz) [15] (ursprünglicher Titel des Manuskripts: »Telelyt« [16, 17] ) und die Humoreske Abgezählt erschienen waren. Die Redaktion hatte aber, wie sich dem Briefwechsel [18] entnehmen läßt, offenbar eigenmächtige Veränderungen am Manuskript vorgenommen, worüber Laßwitz sich verärgert äußerte. Es kam daraufhin zu keinem Abdruck und auch zu keiner weiteren Zusammenarbeit. Laßwitz hatte vorgeschlagen, die (natürliche) Lösung für die übernatürlich erscheinenden Vorkommnisse um »Die Nägel von Schrobeck« erst in einer späteren Ausgabe der Zeitschrift abzudrucken, nachdem das Publikum Gelegenheit gehabt hätte, hierzu (wie im Zusammenhang mit Nach Chicago) eigene Lösungsmöglichkeiten vorzuschlagen.
[15] Anonym [Kurd Laßwitz]: Nach Chicago (Eine Preiskonkurrenz), in: UNSERE ZEIT. SCHORER' FAMILIENBLATT (SalonAusgabe). Berlin: Schorer; Stuttgart: Union, 8. Jg. (1892/93), Bd. 15, Heft 1, S. 101—106
[16] Laßwitz, Kurd: »Telelyt«. Handschriftlicher Nachlass der Forschungsbibliothek Gotha, Signatur Chart. B 2170 I (2) B, Bl. 63—70
[17] Laßwitz, Kurd: Abgezählt, in: UNSERE ZEIT. SCHORER' FAMILIENBLATT (Salon-Ausgabe). Berlin: Schorer; Stuttgart: Union, 8. Jg. (1892/93), Bd. 15, Heft 5, S. 516—519
[18] Briefwechsel zwischen Kurd Laßwitz, Gotha, und der J. H. Schorer A. G., Berlin, 17.05.1892—01.07.1893. Handschriftlicher Nachlass der Forschungsbibliothek Gotha, Signatur Chart. B 2170 II (2) B, Bl. 255—267 und Bl. 269—273
Die Erzählung Die neue Welt hatte im ursprünglichen handschriftlichen Manuskript den Titel »Die Entdeckung Amerikas« [19].
[19] »Die Entdeckung Amerikas«. Handschriftlicher Nachlass der Forschungsbibliothek Gotha, Signatur Chart. B 2170 I (3) 5, Bl. 124—127
Weitere Anmerkungen zu Nie und Immer (Homchen und Traumkristalle) finden sich u. a. bei Bernhard Kempen (hier insbesondere zu Homchen [20, 21, 22, 23] ) , Ekkehard Redlin , Claus Ritter , Franz Rottensteiner, Rudi Schweikert [24, 25, 26], Adolf Sckerl, Jörg Weigand und Dietmar Wenzel [27].
[20] Kempen, Bernhard: Vorwort des Herausgebers, in: Laßwitz, Homchen (siehe Fn. 14), S. 7—12
[21] Redlin, Ekkehard: Der Mann hinterm Schreibtisch, in: Laßwitz, Traumkristalle (siehe Fn. 11), S. 5—14
[22] Ritter, Claus: Start nach Utopolis. Eine ZukunftsNostalgie. Berlin: Verlag der Nation, 2. Aufl. 1979, S. 69—70
[23] Rottensteiner, Franz: Kurd Laßwitz — Erkenntnis und Ethik dazu, in: Laßwitz, Homchen und andere Erzählungen (siehe Fn. 12), S. 7—19
[24] Schweikert, Rudi: Von geraden und von schiefen Gedanken. Kurd Laßwitz — Gelehrter und Poet dazu, in: Laßwitz, Auf zwei Planeten (siehe Fn. 1), S. 964—972, 978—981
[25] Sckerl, Adolf: Nachwort, in: Laßwitz, Bis zum Nullpunkt des Seins (siehe Fn. 9), S. 325—334
[26] Weigand, Jörg: Vom Kampf des Klugen gegen den Starken. Kurd Laßwitz (1848 — 1910) und sein Tiermärchen »Homchen«, in: Laßwitz, Homchen (siehe Fn. 13), S. 5—11
[27] Wenzel, Dietmar: Das Eckchen vom Märchengarten (siehe Fn. 4), S. 41—47, 51—53
Der vorliegenden Neuausgabe liegt die folgende zweibändige Ausgabe letzter Hand zu Grunde:
Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide (Nie und Immer. Erster Band). Leipzig: Elischer Nachfolger, 3. u. 4. Tsd., o.J. [1907], IV + 205 S.;
Traumkristalle. Neue Märchen (Nie und Immer. Zweiter Band). Leipzig: Elischer Nachfolger, 3. u. 4. Tsd., stark vermehrte Auflage, o.J. [1907], IV + 207 S.; beide Bände Kunstleder (imprägniertes dunkelblaues Leinen) mit Farb- und Goldprägung, Buchblock ca. 18,0 x 12,0 cm; Druck: Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdruckerei), Naumburg a. d. Saale
Die nachstehend aufgeführten Erzählungen waren vor ihrer Veröffentlichung in Traumkristalle in folgenden Zeitschriften oder Zeitungen erschienen:
Schiefe Gedanken, in: WIENER RUNDSCHAU. Wien, 3. Jg. (1898/99), Nr. 13, S. 321—324
Das Lächeln des Glücks. Märchen, in: FRANKFURTER ZEITUNG UND HANDELSBLATT. Frankfurt, 44. Jg., Nr. 117 v. 29.04.1900
Der Gehirnspiegel. Ein Triumph der Technik, in: DIE WOCHE. Berlin, 2. Jg. (1900), Nr. 13, S. 563—565
Weihnachtsmärchen (unter dem ursprünglichen Titel Liebe. Ein Weihnachtsgespräch), in: FRANKFURTER ZEITUNG UND HANDELSBLATT. Frankfurt, 49. Jg., Nr. 357 v. 24.12.1904
Die Universalbibliothek, in: OSTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG. Breslau, 1. Jg. (1904), Nr. 1 v. 18.12.1904
Das Gesetz, in: VOSSISCHE ZEITUNG. Berlin, Sonntagsbeilage (1904), Nr. 51 v. 24.12.1905
Wie der Teufel den Professor holte, in: FRANKFURTER ZEITUNG UND HANDELSBLATT. Frankfurt, 52. Jg., Nr. 245 v. 04.09.1907, Nr. 249 v. 08.09.1907 u. Nr. 252 v. 11.09.1907
Die jeweiligen Texte sind, auch hinsichtlich der Rechtschreibung einschließlich der Zeichensetzung und veralteter oder aus heutiger Sicht missverständlicher Schreibweisen, in sich unangetastet geblieben. Nur offensichtliche Drucksatzfehler im Original sind stillschweigend berichtigt worden.
Das schließende Anführungszeichen steht, wie im Originaltext, jeweils nach dem Komma. Aus technischen Gründen erfolgte die Silbentrennung nach den seit 1996 geltenden neuen Regeln. Fremdsprachige Zitate und einzelne Buchstaben und Abkürzungen, die in der Originalausgabe statt in Fraktur in Antiqua gesetzt sind, erscheinen hier zur Verdeutlichung in der Schriftart Franklin Gothic Book. Die im Original gesperrt gesetzten Texte werden ebenfalls g e s p e r r t wiedergegeben.
Ich hoffe, dass diese Neuausgabe dazu beiträgt, den Naturwissenschaftler, Philosophen und Schriftsteller Kurd Laßwitz und seine Werke vor dem Vergessen zu bewahren. In diesem Zusammenhang möchte ich besonders hervorheben und mich dafür bedanken, dass die Erzählung Die neue Welt nach fast 80 Jahren Ende 2008 erstmals wieder in der angesehenen Zeitschrift EXODUS[28] als Vorabdruck mit einem Hinweis auf die vorliegende Buchausgabe erschienen ist.
[28] EXODUS (Science Fiction Stories & phantastische Grafik). Hrsg. von René Moreau, Heinz Wipperfürth und Olaf Kemmler (www.exodusmagazin.de). Düren: c/o René Moreau, Schillingstraße 259, Nr. 24 (November 2008), S. 63—67, illustriert von Thomas Franke
Abschließend bedanke ich mich für die freundliche Überlassung und Druckerlaubnis für die Porträt-Fotografie von Kurd Laßwitz auf S. 2 und den Buchschmuck aus der Erstausgabe von Nie und Immer auf den beiden folgenden Seiten bei Herrn Horst Illmer, Reichenberg, und für die freundliche Bereitstellung und Abdruckerlaubnis für die »Homchen«-Zeichnung auf S. 9 bei der Forschungsbibliothek Gotha, insbesondere bei Frau Cornelia Hopf.
Dieter von Reeken
Kurd Laßwitz: Nie und Immer. Neue Märchen.
Leipzig: E. Diederichs, 1. Aufl. 1902.
Frontispiz und Titelseite mit Buchschmuck von Heinrich Vogeler
Nie und Immer. Erster Band. Leipzig: B. Elischer Nachfolger
3. u. 4. Tsd., o.J. [1907], Titelseite (S. II, unpaginiert)
Kurd Laßwitz: Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide
(Nie und Immer. Erster Band). Leipzig: B. Elischer Nachfolger
3. u. 4. Tsd., o.J. [1907], Titelseite (S. III, unpaginiert)
Kurd Laßwitz: Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide
(Nie und Immer. Erster Band). Leipzig: B. Elischer
Nachfolger 3. u. 4. Tsd., o. J. [1907], Einbanddeckel
Kurd Laßwitz: Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide
(Nie und Immer. Erster Band). Leipzig: B. Elischer Nachfolger
3. u. 4. Tsd., o. J. [1907], Beginn des I. Kapitels (S. 1).
Es ist schon lange, sehr lange her. Menschen gab es noch nicht. An ganz andern Stellen als heutzutage standen die Berge, wogten die Flüsse und Meere, und selbst die liebe Sonne ging noch leichtsinniger mit ihren Strahlen um. Aber allmählich dachte sie doch daran, sich etwas häuslicher einzurichten.
Nach Osten öffnet sich die Mündung des mächtigen Stromes zu weiter, uferloser Bucht. Dort glüht der Himmel im Frührot, und bunte Streifen glitzern zwischen den dunkeln Wogen. Am flachen, sumpfigen Ufer des Stromes beugen sich das Schilf und die hohen Gräser leicht unter kühlem Windhauch. Droben auf den angrenzenden Hügeln rauscht es in den breiten Wipfeln der Bäume. Buchen und Ahorn steigen dicht gedrängt hinter der Wiese an der Böschung empor. Darüber ragen hier und da die zackigen Äste einer Rieseneiche hervor, oder die schlanke Pinie drängt sich in die Verschlingung des Laubwalds.
Aus den hohen Farnkräutern am Waldesrand hebt sich ein großer, schmaler, gelb und braun gesprenkelter Kopf. Ist es ein Vogel, eine Schlange, eine riesige Eidechse? Jetzt erscheint ein langer nackter Hals, und der Hals wächst immer weiter und weiter aus den Kräutern hervor, schon glaubt man, ein ungeheurer Vogel werde sich aufschwingen. Aber statt der Flügel kommen zwei kräftige Vorderfüße zum Vorschein, mit denen das Tier in der Luft hin und her fuchtelt. Es sperrt das gewaltige schnabelartige Maul weit auf und gähnt und gähnt — —
Dann verschwindet es wieder zwischen den hoch wuchernden Blättern. Dort streckt es den mächtigen Krokodilschwanz nebst seinen vier Beinen und dem langen Straußenhals möglichst nahe am Boden aus, wobei der untere Teil seines Rückens wie ein massiger Berg in die Höhe ragt. Seine Kinnladen reiben sich rasselnd aneinander, denn es hält ein Selbstgespräch.
»Kalt, kalt, kalt!« So brummte der Iguanodon bei sich. »Die Welt wird immer schlechter. Ich muß noch mit dem Frühstück warten. Denn wenn ich den Hals ausstrecke, so friere ich. Kalt, kalt, kalt! Das ist so eine moderne Erfindung. In meiner Jugend, ich glaube, da gab's das gar nicht. Diese kalten Morgen sind gegen die Grundsätze der ältesten Drachengeschlechter. Was könnte man dagegen tun? Lächerlich, daß mir das Denken so schwer fällt! Mir, der ich — Guck' mich nicht so dumm an, elendes Kerbtier!«
Damit bohrte der Iguanodon wütend seinen langen Stacheldaumen mitten durch den Leib eines großen Skorpions, der eben aus seiner Höhle kroch. Der Skorpion sagte weiter nichts, denn es blieb ihm keine Zeit dazu übrig. Aber der Iguanodon knurrte weiter.
»Ja, ich will's euch zeigen, daß ich das klügste Geschöpf bin! Ich bin mir das schuldig. Ich gehe auf zwei Beinen, ich fresse kein Fleisch, ich bin kein dummes Wasservieh, ich bin kein roher Raubdrache, ich bin kein flattriges Lufttier, ich bin eine feine RiesenEchse — ich bin mein Ideal! Warum sollte ich nicht denken können? Ich werde denken! Kalt, kalt, kalt! Was läßt sich dagegen tun? Wenn man so etwas hätte, wie dieses Moos, das man immer um seinen Hals tragen könnte, dann würde man nicht frieren. Ha! Ich glaube, jetzt denke ich, und zwar gut. Denn wenn ich den Hals in das Moos stecke, so ist es warm. Wenn ich aber frühstücken will, so muß ich ihn herausziehen. Das ist eben das Problem, das ist die Kältefrage. Wer die lösen könnte? Wahrscheinlich niemand, wenn ich es nicht kann. Denn ich bin der Iguanodon, ich bin das höchst entwickelte Lebewesen der Erde.«
Über dem Iguanodon, zwischen den Ästen der alten Buche, klang es wie ein leises Kichern. Ein Blatt schwebte herab und kitzelte den Iguanodon an seinem Auge.
»Was giebt es da oben? Das ist auch wieder eine neue Mode, davon steht nichts im alten Gesetze der Echsen, daß es Bäume geben dürfte, die ihre Blätter abwerfen.«
Der Iguanodon blickte in die Höhe. Ein breiter Zweig bewegte sich und ließ ein paar reife Bucheckern herabfallen, die seine Nase trafen. Da tönte wieder das leise Kichern und ein feines Stimmchen erklang:
»Homchen heiß' ich,
Emsen beiß' ich,
Mehr als alle Echsen weiß ich.«
Rasend vor Wut fuhr der Iguanodon mit seinem langen Halse in die Höhe, hinein in die Blätter der Buche, wo ein zierliches Geschöpf eilends und gewandt über die Äste hüpfte und von Baum zu Baum springend den Hügel hinaufflüchtete. Von der Ferne klang es noch:
»Pelzchen trag' ich,
Krällchen schlag' ich,
Mehr als alle Echsen wag' ich.«
Als der Iguanodon mit seinem Kopfe über die Kräuter des Waldrands hinausgefahren war, merkte er, daß die Sonne mit ihrer großen, glühenden Scheibe am Himmel stand und er nicht mehr am Halse fror. Da watschelte er auf seinen beiden riesigen Hinterbeinen in die feuchte Wiese hinein um zu frühstücken. Inzwischen war Homchen weiter hinauf auf die Waldberge gelangt, wo die Laubbäume aufhörten und die dunkeln Nadelhölzer ihre harzigen Äste ausstreckten.
Es war ein lustiges Tierchen, nicht größer als ein dreijähriges Menschenkind. Kala nannte sich seine Sippe, und sie rühmte sich, die fortgeschrittensten Kletterbeuteltiere der Zeit darzustellen. Homchens Fell war mit dichten, weichen Haaren bedeckt, auf der Rückenseite bräunlichrot wie der Stamm der Fichte, unten gelblichweiß wie die Flechten am Baum. Aus dem großen Kopfe blitzten zwei kluge schwarze Augen, und um sie herum bildete das Fell einen weißen Ring, wodurch sie noch größer erschienen. Darunter saß ein schwarzes Stumpfnäschen, und in dem runden Mäulchen blitzten scharfe, weiße Zähnchen. An den Seiten des Kopfes bewegten sich kleine, hellbuschige Ohren und hinten am Rücken ein ganz kurzes Schwänzchen. Arme und Beine trugen Greiffüße mit richtigen Daumen, und an allen fünf Zehen saßen lange, krallenartige Nägel.
Homchen sprang behend am Stamme einer hohen Fichte empor, deren Wipfel über eine Felswand hinausragte. Dort oben breitete sich eine buschige Fläche aus, und zwischen den Steinen wußte es eine Stelle, wo die großen schwarzen Ameisen wohnten, die so gut schmecken wie keine andre Art, denn sie haben so eine gewisse pikante Säure.
Eben war Homchen auf die Felsen hinüber gesprungen, da rasselte es hinter ihm in den Baumwipfeln, und ein großes Tier, drei bis viermal so lang wie Homchen, flatterte aus den Bäumen heraus und stürzte sich auf Homchen zu, indem es den Wolfsrachen mit seinen fürchterlichen Zähnen weit aufsperrte. Aber Homchen hatte schon am Geräusch des Fluges die drohende Gefahr erkannt und war schnell zwischen das dichte, niedere Gebüsch geschlüpft, wohin ihm das große Tier mit seinen breiten Flughäuten nicht sofort folgen konnte. Dort suchte der junge Kala nach einem bergenden Versteck. Er zwängte sich zwischen zwei Steine und wandte nur den Kopf nach seinem Verfolger.
Ja, es war der Hohlschwanz, der böse Hohlschwanz. Er saß auf einem Felsstück, das nahe bei Homchens Schlupfwinkel über das niedere Buschwerk hervorragte, und schlug mit seinem großen Krokodilschwanz wild in der Luft umher. Die Flughäute an den langen Vorderbeinen hatte er zusammengelegt und mit den Krallen wühlte er vor sich im Gebüsch, um es auszureißen. Dabei schrie er wütend:
»Wo steckst du? Ich weiß, daß du da bist. Diesmal sollst du mir nicht entgehen, frecher Beutler! Was hast du hier zu suchen im Sonnenschein?«
Homchen sah bald, daß es hier nicht sicher war. Wenn der Hohlschwanz weiter das Strauchwerk forträumte, so mußte es bemerkt werden. Dann konnte er es mit seinen langen Armen leicht aus dem Versteck holen. Die Gefahr war groß. Aber Homchen war mutig und klug. Es wußte wohl, daß ihm nur die List helfen konnte.
»Hier bin ich,« rief Homchen ohne sich zu zeigen. »Was willst du von mir, dummer Hohlschwanz? Komm doch her! Deine Knochen sind ja so dünn, daß sie unter meinen Zähnen zerbrechen wie Nußschalen. Du hast nur Luft darin, du Windbeutel!«
»Jawohl, Luft hab' ich drin,« schrie der Hohlschwanz; »darum kann ich fliegen. Darum werd' ich euch alle fressen, ihr frechen Beutler, wie ich deinen Großvater und deine Vettern gefressen habe. Du denkst, weil ihr in den hohlen Bäumen des Waldes wohnt, da könnten euch meine erhabenen Verwandten, die Beherrscher des Meeres und des Landes, die mächtigen Riesenechsen nicht erreichen? Ihr könntet euch etwas herausnehmen? Ich kann fliegen, ich habe lange Greifarme, ich will in eure Schlupfwinkel dringen, ich werde euch ausrotten! Euch zuerst, naseweise Kala! Ich hole den Fisch aus dem Meer, die neumodischen Flieger hol' ich aus der Luft. Und Schuppen hab' ich auf der Haut!«
»Wir fürchten euch nicht!« rief Homchen wieder. »Kannst ja mit deinen breiten Flughäuten nicht zwischen den Baumästen hindurch! Wir bauen nicht so ins Freie. Mit euch ist's überhaupt aus, ihr Rieseneidechsen, ihr Drachenbrut — das sag' ich euch.
Homchen heiß' ich,
Emsen beiß' ich,
Mehr als alle Echsen weiß ich!«
»Hoho! Was willst du wohl mehr wissen als ich?«
»Soll ich dir's sagen? Wenn du mir versprichst, daß du mir nichts tust —«
»Versprechen? Was ist das? Wenn ich dich fange, freß' ich dich, und vorher schüttle ich dich so lange an den Ohren, bis du mir alles gesagt hast.«
»O nicht doch! Ich fürchte mich ja so sehr, lieber Hohlschwanz. Alles kann ich dir nicht sagen.«
»Warum nicht?«
»Das von der roten Schlange —«
»Was weißt du von der roten Schlange? Wo wohnt sie?«
»Das weiß ich nicht. Da mußt du die Zierschnäbel fragen. Aber sie hat auch zu uns gesprochen.«
»Das glaub' ich nicht. Zu uns hat sie gesprochen. Vor tausend, tausend Jahren, wie man das mächtigste Tier werden kann. Und das sind wir.«
Homchen lachte wie eben Beuteltierchen lachen.
»Aber uns,« rief es, »hat sie gesagt, wie man noch mächtiger werden kann als alle Drachen —«
»Was?« brüllte der Hohlschwanz. »Mächtiger als ich? Vielleicht gar mächtiger als die Großechse? Das hat sie gesagt? Wie denn? Willst du mir's wohl gestehen? Das haben euch die Zierschnäbel vorgeredet!«
»Ihr Echsen sollt es nicht wissen.«
»Aber ich will es wissen, und wenn ich die rote Schlange selbst fressen sollte!«
Homchen schauerte zusammen. Was war der Hohlschwanz für ein abscheuliches Tier! Die rote Schlange fressen! Homchen verstummte, denn es war traurig, daß man so etwas sagen konnte.
Selbst die Käfer, die sich neugierig in der Nähe sammelten, erhoben ein unwilliges Gebrumm und viele flogen davon.
»Nun? Willst du reden?« schrie der Hohlschwanz.
»Ich kann doch nicht so schreien,« antwortete Homchen. »Ich muß dir näher kommen. Aber erst mußt du den Kopf weiter herabbeugen und deine schönen Flügel ausbreiten; denn es darf uns niemand hören.«
Der Hohlschwanz streckte den langen Hals aus und legte die Arme mit den breiten Flughäuten flach auf den Boden. Inzwischen schlüpfte Homchen ganz leise und geschwind unter den Büschen heran, und mit dem kühnen, weiten Sprung, der es von Wipfel zu Wipfel trug, sprang es von der Seite auf den Kopf des Raubtiers und schlug mit aller Kraft seine Krallen in die beiden Augen. Da wurde der Hohlschwanz sinnlos vor Schmerz, aber weil er nichts sehen konnte und halb betäubt war, wagte er Kopf und Flügel nicht zu bewegen, sondern schlug nur in blinder Wut mit dem eignen langen Schwanze nach seinem Kopfe. Doch Homchen war schon herabgesprungen und krallte sich von unten, wo keine Schuppen saßen, an den Hohlschwanz und biß mit den scharfen Zähnen die Adern und Sehnen des Schwanzes durch. Und nun lag der Hohlschwanz ohnmächtig da und verblutete sich.
Und ein Summen der Käfer ging durch die Lichtung und zog sich weiter und weiter klingend durch die Luft, oben über die Bergheide und drunten zum Walde.
Homchen kletterte stolz im Schutze des Strauchwerkes zwischen den Felsen umher und tat sich an den Ameisen gütlich, denn es war hungrig geworden.
Von der Heide her aber kam ein junger Hohlschwanz, und als er den alten machtlos daliegen sah, stürzte er sich auf ihn, zerriß ihn mit seinen Zähnen und fraß ihn halb auf.
Der alte war zwar sein eigner Vater, aber das verschlug dem jungen nichts. Er kannte ihn gar nicht.
Im dichten Urwald, wo die Sonne nicht eindringen konnte, auf dem Ast vor der Höhlung des alten Eichbaums, saß Homchens Mutter und spähte ängstlich nach allen Seiten.
»Wo bleibst du denn, Frau?« rief Knappo, der Vater, aus dem behaglichen Neste im Baum. »Es ist Zeit, schlafen zu gehen. Denn es dämmert grün im Laube, und die Sonne muß schon hoch stehen.«
»Homchen ist noch nicht da,« antwortete Mea.
»Ei, ei! Wo treibt sich der Schlingel wieder herum? Ich habe ja immer gesagt, du hast ihn zu früh aus dem Beutel entlassen.«
»Du weißt doch, was es mit ihm auf sich hat.«
»Nun ja, daß er ein Fellchen mit auf die Welt gebracht hat —«
»Und jetzt ist er doch wirklich alt genug. Und er ist so klug!«
»Wenn ihm nur nicht etwas zugestoßen ist.«
»Er sieht so gern die Sonne aufgehen, und dann sucht er die Ameisen oben am Berge.«
»Das soll er bleiben lassen. Oben am Berge jagt der Hohlschwanz. Der Junge ist noch zu unvorsichtig. Er soll am Morgen zu Hause sein.«
Papa Knappo zog sich brummend tiefer ins Nest zurück, um zu schlafen. Aber es wollte nicht gelingen. Immer lauschte er nach außen, ob Homchen nicht käme.
Und draußen auf dem Aste kauerte Mea, Homchens Mutter, und ließ die runden Äuglein umhergehen und spitzte die zierlichen Ohrbüschel. Aber sie hörte nichts als das Summen der Insekten.
Und höher stieg die Sonne und wärmer wurde es Mea in ihrem dicken Pelzchen.
Sss — Sss — Sss — klang es von den Käfern und Fliegen. Die fühlten sich immer wohler, je näher der Mittag rückte, und wurden immer lebendiger. Aber es war Mea, als läge etwas Besonderes in diesem Summen, anders, als es sonst zu tönen pflegte — als wär' es ein Geflüster, mit dem das Gerücht durch die Täler schreitet.
Und lauter und lauter klang es, und hier und da wachten die Nachttiere auf, die im Walde wohnen, die Fledermäuse und die Kletterbeutler und die Kala von Homchens Sippe, und streckten verschlafen die schwarzen Nasen aus den Baumlöchern.
Mea aber klopfte das Herz in Angst um Homchen.
Papa Knappo kam auch wieder aus dem Neste und brummte:
»Ich kann nicht schlafen! Wo bleibt der Junge?«
»Mir ist so bang,« klagte Mea. »Hörst du nicht, was die Tiere summen? Bald klingt es wie Hohlschwanz, bald klingt es wie Homchen — O, wenn nur nicht —«
»Kannst du sie nicht fragen, was sie meinen?«
»Ja, sobald ich, einen Bekannten sehe. Aber diese leichtsinnigen Schwirrflügler halten ja nicht still — sss — und vorbei sind sie. Sollten wir nicht die Nachbarn rufen und Homchen suchen gehen?«
»Jetzt, am hellerlichten Tage? Wie dürfen wir uns aus dem Walde wagen? Aber ich will doch einmal zum Graukopf hinüber, vielleicht weiß er etwas davon, wo Homchen hingeklettert ist.«
Knappo machte sich zum Ausgang zurecht.
Da raschelte es in den Zweigen, und der Nachbar Graukopf kam selbst, und mit ihm die vornehmsten Säuger des Waldes, soweit sie auf die Bäume steigen konnten. Der Kusu kam gekrochen und hing sich an seinem langen Schwanze recht bequem an einem Aste auf; die niedliche Flugmaus schwirrte herbei, und auch der kleine, kluge Kletterigel, der die Haare zu scharfen, steifen Stacheln zusammengedreht trug, stieg vorsichtig an der Eiche herauf. Nur der große Taguan kam nicht, weil er bei Tag prinzipiell nicht ausgeht, und Tafa, das Beutelbilchen, durfte nicht kommen, denn es hatte den guten Talp, den Maulwurf, in seiner Höhle erbissen und war verbannt wegen seines Blutdurstes.
Graukopf setzte sich auf die Hinterbeine, richtete sich gerade auf, streckte die Vorderpfoten ein wenig vor und bewegte die Daumen an seinen Händen hin und her, wie es der Iguanodon zu machen pflegte. Als er sich nun vornehm genug vorkam, begann er mit ernster Miene zu reden:
»Meine werten Mitbeutler und insbesondere mein lieber Vetter Knappo! Als Ältester der Kala —«
»Mach' keine so lange Vorrede,« brummte der Igel. »Siehst du nicht, daß Mea sich ängstigt?«
»Ich wollte gerade« — sagte Knappo.
»So rede doch! Weißt du etwas von Homchen?« rief Mea dazwischen.
»Das ist es eben,« sprach Graukopf bedächtig, indem er die Daumen dreimal nach links drehte, »könntest du mir nicht darüber Bericht erstatten, wo dein Sohn Homchen hingegangen ist?«
»Ja, wenn wir es wüßten!« antwortete Mea. »Er ist am Morgen nicht nach Hause gekommen. Mir zittert das Herz! Was schwirren die Lufttiere durch den Wald?«
»Gerüchte, Gerüchte aus dem Sumpf! Gerüchte, schlimme Gerüchte von der Berghalde! Aufruhr! Aufruhr!«
»Aufruhr? Gegen wen? Von wem?«
»Aufruhr gegen die großen Echsen, die Herren der Schöpfung. Aufruhr durch euren Sohn Homchen!«
»Mein Homchen? Mein gutes Homchen? Was soll er getan haben?«
»Den Iguanodon« — und Graukopf bewegte ehrfürchtig die Daumen auf und nieder — »den großen Iguanodon hat er verspottet durch seinen Spruch. Den Hohlschwanz — die rote Schlange bewahre uns — hat er verhöhnt und beschimpft. Brimm, der Käfer, hat es gehört, entsetzt ist er davon geflogen, und nun summt es der Wald.«
»O der Schlingel!« seufzte der Vater. »Siehst du, ich habe es immer gesagt —«
»Jawohl, er gehört in den Beutel!« schalt Graukopf.
»Ach was!« rief Mea. »Wenn wir nur wüßten, wo er ist!«
»Jetzt können wir ihn nicht suchen,« pfiff der Kusu schläfrig durch die Zähne.
»Hast du ihn nicht gelehrt,« fragte Graukopf Homchens Vater, »was die rote Schlange den Säugern gebietet?«
»Freilich hab' ich's gelehrt, das Gesetz des Meeres und Moores, das Gesetz des Waldes und der Berge, das Gesetz der Echsen und der Säuger.«
»Und daß die großen Echsen die Herren sind der Welt? Und daß sie nehmen können, was sie erreichen? Und daß wir Säuger nicht bei Tage den Wald verlassen dürfen?«
»Alles hab' ich gelehrt.«
»Aber Homchen glaubt's nicht, er hat es nicht geglaubt,« rief die Flugmaus. »Ich hab' es selbst gehört, wie er sich rühmte, er wisse mehr als alle Echsen. Und er hat davon gesprochen, die Herrschaft der Echsen sei ein falsches Gesetz, und die rote Schlange wolle, daß die Säuger mächtiger werden als alle Echsen.«
»Oh, oh! Quih, quih!« klang es im Kreise der Beutler.
Nur der Igel brummte: »Recht hat er, der Junge.«
Graukopf sah ihn entsetzt an.
»Was redest du da, du Borstiger! Willst du, daß wir's mit den Echsen verderben? Soll der Iguanodon unsre Bäume abweiden? Soll der Hohlschwanz uns fressen? Soll der Großdrache uns alle töten?«
»Und dennoch ist's wahr.«
»Und wenn's wahr wäre. So was kann man denken, aber man darf es nicht aussprechen.«
»Ich fürcht' mich nicht.«
»Ja, du sitzest in deiner Höhle in der Stachelhaut.«
»Und eure Jungen brauchen sich auch nicht zu fürchten. Und die rote Schlange wird mit ihnen sein. Statt sich in den Beutel zu verkriechen, sollten sie hübsch beizeiten draußen herumspielen. Statt sich in der Nacht zu verstecken, sollten sie im Lichte sich umschauen. Haben wir nicht Augen? Haben wir nicht warmes Blut? Sind wir nicht klug?«
»Warum tust du's nicht, wenn du so klug bist?«
»Ja, ich kann leider nur klug sein. Aber wenn ich eine Kala wäre, wie ihr, mit so schönem Fell, mit so starken Armen und Beinen, so groß und geschwind —«
»Ja, ja, wir wollen hinaus!« so klang es im Hintergrunde. Von allen Seiten guckte es aus den Baumlöchern und von den Ästen. Die jungen Kala hatten sich neugierig herbeigeschlichen, und während der Rede des Igels hatten sie sich mehr und mehr genähert. Und nun brachen sie in lauten Beifall aus.
Da fuhr Graukopf zornig in die Höhe, und die alten Kala und all die kleineren Beutler schrien und schalten:
»Ihr grünen Jungen, was wollt ihr? Wo sind eure Mütter? Macht, daß ihr in die Nester kommt! In die Beutel mit euch! Und du, Igel, schäme dich, daß du hier Aufruhr anstiftest.«
»O Schlange, rote Schlange,« seufzte Mea, »wo mag mein Homchen sein?«
Schon zogen sich die jungen Beutler eingeschüchtert zurück, da hörte man die Insekten lauter und lauter summen, und in der Ferne klang es wie ein seltsames Pfeifen und Rauschen in den Ästen, als wenn viele Tiere durch die Baumkronen jagten.
Entsetzt blickten sich die Alten an. Kam schon der Hohlschwanz, um seine Rache zu nehmen?
Da schoß eine Libelle in raschem Fluge zwischen den Stämmen durch und schwirrte:
»Wald soll es wissen:
Hohlschwanz erbissen!
Liegt auf der Halde blutig zerrissen.«
Und noch hatten sich die Alten von ihrem Schreck nicht erholt, da sahen sie, wie die jungen Kala fortstürzten — aber gleich kamen sie zurück mit vielen andern, Hunderte und Hunderte sprangen zwischen den Ästen und schwangen sich von Baum zu Baum, die Blätter rauschten, die Früchte prasselten herab, grau und braun und rot und weiß leuchtete es zwischen den Zweigen, und selbst unten auf dem Boden kamen die Springhasen gehüpft, und die Ratten huschten unter dem Laube, und überall klang und rief und jubelte es:
»Hohlschwanz ist tot! Hohlschwanz ist tot! Wer hat den bösen Hohlschwanz getötet? Homchen, Homchen hat ihn erbissen! Homchen besiegte den Hohlschwanz! Hoch lebe Homchen, der tapfere Kalasohn! Nieder mit den Echsen!«
Mitten in dem dichten Schwarm hüpfte Homchen, ob er nun wollte oder nicht. Im Triumph wurde er nach Hause geführt. Mea stürzte ihm entgegen und umarmte ihn. Aber Knappo, der Vater, rief:
»O du ungeratener Sohn, was hast du getan? Du stürzest uns alle ins Unglück! Geh hinein, hinein in das Nest, und laß dich nicht wieder draußen sehn!«
Da murrten rings die jungen Beutler, aber die Alten waren nun auch alle herbeigekommen und trieben sie auseinander.
Homchen jedoch schwang sich auf einen höheren Ast und rief:
»Nun seid mir nicht böse, Vater und Mutter, aber ich habe den Hohlschwanz besiegt, die grimmige Flugechse, die mich angriff, die die rote Schlange lästerte, ich habe sie getötet! Nun hab' ich das Recht der Kala erworben, nun kann ich wohnen im eigenen Nest.«
»Ein Aufrührer bist du!« rief Graukopf. »Wohl hast du das Recht der Kala erkämpft; aber dafür mußt du auch Rechenschaft geben nach dem Rechte der Säuger. Du hast verletzt die Gebote der roten Schlange, du hast den Wald bei Tage verlassen und gegen die Herrn der Schöpfung dich aufgelehnt. Du hast dich gerühmt der Weisheit der roten Schlange.«
»Ja, das tat ich,« rief Homchen. »Aber nun darf ich singen:
Homchen heiß' ich,
Echsen beiß' ich,
Mehr als alle — —«
»Quih! Quih!« tönte es von allen Seiten. »Echsen darf man nicht beißen! Was wagst du zu singen! Die rote Schlange wird dich strafen. Wir aber wollen deinen Frevel nicht dulden! Fi! Fi! Fi!«
Und Graukopf erhob sich majestätisch, streckte die Arme aus und sprach:
»Weil du verletzt das Gesetz der Säuger und dich hochmütig rühmst verbotener Tat und Weisheit, Homchen, des wackeren Knappo leichtsinniger Sohn, so bann' ich dich vom Walde, so trenn' ich dich von der Sippe, so heiß' ich dich zu wandern vom Stamme der Kala!«
»Wir bannen dich!« riefen die Kala alle. »Fi, Fi, Fi! Wir bannen dich, bis du die rote Schlange versöhnt hast. Fliehe! Quih! Quih! Fi!«
Homchen saß stumm und erschrocken. Es konnte nicht reden. Denn das »Fi« der alten Kala stak ihm in der Kehle wie eine harte, bittere Zapfennuß.
Da kam Mea herbei und Homchen schlug seine Arme um ihren Hals.
»Komm wieder zu mir, in unser Nest, dann darfst du hier bleiben, mein süßes, tapferes Homchen!« So schmeichelte die Mutter.
Homchen schmiegte sich an sie. Dann riß er sich los und sagte mit stockender Stimme:
»Das geht nicht mehr, o Mutter! Der Hohlschwanztöter kann nicht bei dir bleiben. Lebe wohl! Du wirst mich wiedersehen. Denn ich weiß, was keiner weiß, weder von den Echsen noch von den Säugern. Die rote Schlange zürnt mir nicht. Sie wird mir helfen, und euch! Das werdet ihr sehen! Leb' wohl!«
Vom Walde nach Abend zu liegen die kahlen Hügel, und hinter ihnen dehnt sich unabsehbar das Drachenmoor. Da hausen, bald im Wasser, bald im Schlamm, bald auf den breiten Uferbänken und den weiten Strandwiesen die Riesenechsen, die sich die Herren der Schöpfung nennen. Da blickt der funkelnde, schuppige Rückenkamm des Stego über die hohen Farnkräuter hervor, die er abweidet. Da lauert der furchtbare Riesendrache, das schreckliche Ungeheuer, das selbst den Stego und den biedern Iguanodon angreift, der Raubherr zu Wasser und zu Land, die Großechse, sitzend auf die Beute —
Jetzt haben sich die Echsen in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen — sie frieren. Denn kühl und klar über Wald und Hügel, über Moor und Meer schreitet die Nacht mit ihren Sternen.
Nicht unsere Sterne — es giebt keine ewigen Sterne. Wie viele sind verschwunden, wie viele neu aufgeglommen, seit die Riesenechsen ihre Fußspuren dem Uferschlamm eindrückten. Und die alten stehen nicht mehr an ihrem Platze. Kein Sternkundiger würde sie wiedererkennen. Denn die Sonne ist seitdem weit gewandert im Weltraum — — und mit ihr wanderte die Erde, wanderten die Begleiter. Und dort im Westen, nahe am Horizont, leuchtet der Nachbar der Erde, den wir den Mars nennen. Noch ist er nicht so rot, wie er heute erscheint, aber jetzt, da er in die Nebel herabsinkt, glänzt er rötlich, als ahne er seine Zukunft — —
Zusammengekauert auf dem abgestorbenen Aste der letzten Eiche am Waldesrand sitzt Homchen und starrt mit den nachtoffenen Augen auf den sinkenden Stern. Und ängstlich schlägt das kleine, noch jüngst so stolze Herz, als der Stern tiefer und tiefer sich neigt. Wollte die rote Schlange heute nicht zu ihm sprechen, heute, wo es so fest darauf vertraute? Wohnte sie nicht auf dem Sterne? Da drüben gen Abend mußte sie wohnen, dahin wandern Sonne, Mond und Sterne, und alle glänzen sie rot, wenn sie niedergehen.
Und von den Sternen her hatte die rote Schlange zu ihm gesprochen. Nicht gar lange war's her — zwei Monde vielleicht. Homchen wußte es genau. Es war der erste Abend gewesen, daß es sich soweit durch den ganzen Wald bis auf die Hügel im Westen gewagt hatte. Da hatte es hier gesessen und über das weite Moor nach dem Sterne geschaut. Und es war ihm etwas geschehen, was es nie erlebt hatte, etwas Wunderbares, Weites, Großes. Es war nicht wie die süße Nuß zwischen den scharfen Zähnen, nicht wie die würzige Ameise an der Zunge. Es war auch nicht warm wie die Sonne, oder lieblich wie der zärtliche Nestruf der Mutter. Es war nicht wie der frohe Schwung zwischen den Ästen, nicht wie die packende Kraft der krallenden, fassenden Glieder — es war anders, ganz anders. Wie mochte man's nennen?
Das Meer war fort und das Moor war fort, und die großen Echsen waren nicht mehr. Sie waren geflohen vor Homchen und seinen Freunden. Und Homchen schritt aufgerichtet einher, stolzer noch als der Iguanodon, und die Tiere des Waldes fürchteten sich vor ihm. Also war's doch nicht richtig, was die Alten lehrten, daß die Echsen die Herren der Schöpfung seien. Die rote Schlange hatte es gesagt? Aber jetzt waren die Echsen fort und die Kala herrschten — oder auch nicht die Kala — etwas anderes, Besseres, aber doch wieder wie die Kala, nicht wie die Echsen. Die rote Schlange konnte nicht lügen; woher konnte Homchen nun wissen, daß es etwas noch Mächtigeres geben könne als die Echsen? Die rote Schlange selbst mußte es ihm gesagt haben. Ja, es konnte nur die rote Schlange sein, die so zu ihm sprach, als es in den roten Stern blickte.
Und das Wunderbare wurde eine Macht, eine große, geheimnisvolle Macht in Homchen. Wie können wir rechtlos sein und Sklaven der Echsen, wenn die rote Schlange so zu uns spricht? Wie sich das alles in mir bewegt! Dort ist ja das Moor und dort knarren die Echsen im Schlafe mit ihren Schuppen. Aber nun blick' ich wieder in die Sterne und sehe eine andere Welt. Ich kann machen, daß die Dinge verschwinden. Und ich kann machen, daß alles ganz anders vor meinen Augen ist. Was muß ich tun, damit die andern das alles sehen, wie ich es sehe?
Rote Schlange, o gieb, daß ich es ihnen zeige!
Gieb mir, daß ich weiß, wie die neue schöne Welt zu bauen ist, wo das Moor nicht herrscht und nicht die Echsen!
Zeige mir den Weg zu deinem Sterne!
So hatte Homchen gedacht. Und dann war es am Morgen wieder hinausgegangen und hatte nach der Sonne geschaut, und es hatte sich nicht mehr vor dem hellen Lichte gefürchtet. Immer freier und froher sprang es umher und übte den Blick und übte Sprung und Schlag und Biß und rief mutig hinaus: »Mehr als alle Echsen weiß ich!« Und:
»Pelzchen trag' ich,
Krällchen schlag' ich,
Mehr als Echsen wag' ich.«
Und dann kam der Morgen, da es den Hohlschwanz tötete — —
Nun saß es hier und harrte auf das Wort der roten Schlange. »Mehr als alle Echsen weiß ich« — das ist wohl wahr. Aber es wußte doch nur, daß es über den Echsen etwas giebt, wodurch die Kala, die kleinen Säuger, einst die Herren der Schöpfung werden können. Was das sein mochte, wie das sein konnte, das wußte es nicht. Das wollte es von der roten Schlange hören. Und die rote Schlange sprach heute nicht. Der Stern sank hinter die Nebel. Zürnte sie Homchen?
Wo wohnte sie? Wo konnte man sie finden? Wenn es möglich wäre über das große Moor zu gelangen und immer weiter den Sternen nach? Oder wenn ihm jemand den Weg sagen könnte? Wenn einmal die Zierschnäbel kämen — die wissen es, aber sie sagen es nicht. Und niemand weiß, woher sie selbst kommen — —
Gleichviel — Homchen wollte zur roten Schlange.
Nun schlüpfte es vom Ast herab. Aber wohin? Wie konnte man über das Moor?
Da hörte es hinter sich ein Rascheln in den Ästen.
Gewandt und schnell flog ein Tier zwischen den Baumkronen einher. Homchen erkannte bald den Taguan, das fliegende Beuteltier, das heute bei der Versammlung gefehlt hatte. War es sein Feind oder nicht? Wußte er, daß Homchen gebannt war? Aber hier war nicht der Heimatwald, hier durfte ihn kein Beutler vertreiben. Was wollte der Taguan hier?
Da kam Homchen ein Gedanke. Der Taguan konnte fliegen, besser als der Hohlschwanz, fast besser als die fremdartigen Geschöpfe mit den weichen Haarschuppen, die sie Federn nannten. Er kam weit herum in der Welt. Bei Tage hing er in seiner Höhle und war faul, und die Tiere sagten, er sei sehr dumm.
Aber Homchen glaubte nicht mehr, was die Tiere sagten. Das war eben das Seltsame, seitdem die rote Schlange zu ihm gesprochen — Homchen vertraute auf etwas, das es nicht begriff, aber das viel mächtiger in ihm sprach als die Stimme der Tiere. Und das Mächtige in ihm sagte: Ein großer, starker Beutler, der in der Nacht so schnell durch die Luft saust, der so geschickt im Fluge sich dreht, der bald hier ist und bald da und seine Beute ergreift — wie kann der dumm sein? Er muß ja viel mehr gesehen haben als wir, die wir nicht fliegen können. Und wenn es des Tages nicht hinausgeht, so tut er das vielleicht aus Klugheit. Wo anders mag er's wohl anders halten. Oder mag er auch bei Tage dumm sein, bei Nacht ist er jedenfalls klug. Ich werde ihn fragen.
»Taguan! Taguan!« rief Homchen.
Der Taguan erkannte es sogleich an der Stimme.
»Hik! Du bist es, Homchen? Weißt du, daß ich dich suchte? Am Tage bin ich nicht zu sprechen, sonst hätt' ich mit dem Igel protestiert, daß sie dich bannten. Ich wünsche dir Glück, tapferer Kala. Du hast die Ehre der Säuger gerettet.«
»Ich danke dir, kluger Taguan. Ich möchte dich um deinen Rat fragen.«
»Es ist mir recht, wir können manches besprechen. Komm mit mir, wir wollen den Igel besuchen, er hat sich eine hübsche Wohnung gebaut. Nicht in unserem Walde, sondern auf den Hügeln. Er will auswandern. Komm mit!«
Homchen mußte tüchtige Sprünge machen, um dem Taguan folgen zu können, obgleich er jetzt nur langsam von Gipfel zu Gipfel am Waldrande hinflog. Er führte Homchen südwärts in eine Gegend, wohin es noch nie gekommen war. Es wußte gar nicht, daß hier das Hügelland immer breiter wurde, das den Wald vom Moore trennte. Nun ging es vom Walde fort über ein weites, offenes Plateau, das mit hohem Grase bedeckt war; dazwischen lagen verwitterte Felstrümmer. Während der Taguan sich von Felsstück zu Felsstück schwang, war der Weg recht beschwerlich für Homchen. Doch er war nicht mehr lang. Unter einem hohl liegenden Felsblock hatte sich der Igel aus trockenem Grase ein schönes, geräumiges Nest eingerichtet.
Dort schlüpften sie hinein.
»Es ist recht gemütlich bei dir,« sagte der Taguan zum Igel. »Schade, daß man sich nicht ein bißchen am Schwanze aufhängen kann. Aber dafür hast du nicht das Bedürfnis?«
»Nein, ich rolle mich lieber,« antwortete der Igel. »Es ist mir sicherer.«
»Bei deinem Schwänzchen allerdings. Aber ob es das richtige Prinzip ist? Obgleich ich zugeben muß, daß unser tapferer Kala trotz seines Kurzschwanzes den Hohlschwanz besiegt hat.«
»Vielleicht gerade darum,« sagte der Igel.
»Warum hast du denn den Wald verlassen,« fragte Homchen.
»Ich ging schon immer mit dem Gedanken um,« sprach der Igel. »Daß sie dich gebannt haben, hat die Entscheidung gegeben. Wir müssen gegen die Echsen ankämpfen. Du hast das Richtige gezeigt. Aber drinnen im Walde verstehn sie es nicht. Hinaus müssen wir! Ich kann nun freilich mit den Echsen nicht anbinden. Ich bin ein unglückliches, ein verfehltes Tier. Aber in den Wald tauge ich auch nicht. Ich kann nicht mehr ordentlich klettern. Nicht weil ich zu alt wäre. Ich bin noch in meinen besten Jahren. Aber es liegt in uns Igeln — wir haben unsern Beruf verfehlt, wir haben uns zu sehr auf die Defensive beschränkt. Meine Kinder können schon schlechter klettern als ich, meine Enkel noch weniger. Unsre Nachkommen werden es ganz verlernen. Sie werden gar nicht mehr auf die Bäume können. Es ist schade! Wir sind in eine Sackgasse geraten und werden es nicht weiter bringen als bis zum Igel. Sehr schade — denn sonst — wir haben Anlagen. Es könnte etwas daraus werden, wenn sie auf dem richtigen Wege entwickelt würden.«
»Und wie denkst du dir denn diesen Weg?« fragte Homchen bescheiden.
»Ich meine nämlich auch,« setzte es hinzu, »daß es mit den Säugern einmal viel besser stehn wird, aber ich weiß nicht, was wir dazu tun können.«
»Das ist nicht leicht zu sagen, mein tapferer Kala,« sagte der Igel. »Ihr müßt freilich erst auf dem Wege der Igel noch ein Stück fortschreiten, dann aber unsre Fehler vermeiden. Du wirst zugeben, daß die Igel die klügsten Tiere sind.«
Homchen nickte mit dem Kopfe, der Taguan sagte aus Höflichkeit nichts.
»Das Denken,« fuhr der Igel fort und blinzelte mit seinen Äuglein, »das Denken ist die Hauptsache, das Denkorgan entwickeln. Aber wie? Wie soll man das machen? Das möchtest du wissen? Nun — unter uns gesagt — es hört uns doch niemand? Nun, Homchen, du bist ja jetzt auch erwachsen. Nämlich — wie soll ich sagen — ihr Beuteltiere müßt über euch hinauswachsen, ihr müßt etwas Höheres werden — mit einem Worte: Ihr müßt den ÜberBeutler züchten!«
»Den ÜberBeutler?«
»Ja, den ÜberBeutler.« Der Igel blickte mit erhobenem Schnäuzchen stolz um sich. »Das ist es! Warum fürchtet ihr euch denn vor den Echsen? Warum traut ihr euch nicht ins Tageslicht? Warum bleibt ihr Sklaven der Nacht, Leibeigene der Überlieferung? Warum werdet ihr keine Herrenseelen? Weil ihr den Beutel habt! Weil ihr grün zur Welt kommt wie junge Eicheln, und von der Mama herumgetragen werdet, statt frei umherzulaufen und die liebe Sonne zu sehen. Fort mit dem Beutel! sag' ich. Wenn ihr geboren würdet wie unsre Kleinen mit einem ordentlichen Fellchen und ordentlichen Gliedmaßen, da würdet ihr einmal sehen, wie man fortschreiten kann. Da würde die Pflege euerm Gehirn zu gute kommen, da würdet ihr eure eignen Gedanken haben, da würdet ihr werden, was wir eigentlich schon sind — der Überbeutler! Und der ist der Herr der Zukunft! Und du, Homchen, du bist der Anfang dazu. Ich will dir's verraten: du bist mit einem Fellchen zur Welt gekommen. Du bist der Überbeutler — nenne mich Onkel!«
»Du bist sehr gütig, lieber Onkel,« bemerkte Homchen. »Was du sagst, könnte mir wohl einleuchten. Aber warum seid ihr da nicht schon unsre Herren geworden?«
»Das ist ja eben das Unglück,« antwortete der Igel wehmütig, »das ich schon andeutete. Wir sind nur Herrenseelen, aber keine Herren. Wir sind Überbeutler nur in der Anlage; wir können unsre Begabung nicht durchsetzen. Den Beutel sind wir los, die Faulheit ist geblieben. Darum vermögen wir armen Igel alles nur in der Phantasie. Und nun will ich dir meine letzte Weisheit sagen: Sei ein Überbeutler, aber hüte dich vor dem Winterschlaf!«
»Also das ist euer Abweg?«
»Ja! Träumen und Schlafen! Ach, wie das selig macht. Aber es fördert nicht weiter. Ihr Kala habt das Zeug zum Überbeutler. Geratet nicht auf die Abwege des Igels. Klettert auf den Bäumen umher, trotzt dem Tage und — trotzt dem Winter! Daß wir's nicht taten, war unser Unglück. Ihr wißt, es ist jetzt viel schlimmer, als es früher war, und es wird noch immer schlimmer werden. Wenn die Sonne nicht mehr so hoch hinaufsteigt, wird es nun alle Jahre kälter. Die Bäume werfen ihr Laub ab und am Morgen könnt ihr weiße Streifen an den Zweigen sehen. So erzählt man mir. Da haben wir Igel gefroren und uns eingegraben und geschlafen. Und so sind wir in die Sackgasse geraten. Ihr aber müßt dem Winter trotzen, denn den können die Echsen nicht vertragen. Und dadurch könnt ihr ihnen überlegen werden. Das ist so meine Idee!«
Homchen staunte den weisen Igel ehrfürchtig an. Wie das weiter werden sollte, verstand es zwar nicht, aber es offenbarte sich ihm doch eine Aussicht. Sprach die rote Schlange vielleicht heute aus dem Igel?
Da räusperte sich der Taguan.
»Mein weiser Igel,« sagte er, »im Ziele hast du ganz recht. Es ist zwar ein Geheimnis, aber wer's versteht, der kann's vernehmen im Windeswehn und Blätterrauschen: Die Echsen müssen fort. Eine neue Welt wird kommen, in der kein Platz ist für dies rohe Riesengeschlecht der Drachen, eine schönere Welt, in der es nicht knarrt und klappert von Knochenschilden und Schuppen, eine Welt, in der es singt und jubelt und weich sich anschmiegt und farbig glänzt wie die zarten Wolken im Morgenrot.«
»Wie schön du das schildern kannst, o Taguan!« sagte Homchen bewundernd.
»Ja,« nickte der Taguan, »das können wir. Und das kommt daher, weil wir fliegen. Der Igel hat recht, es giebt eine Entwicklung nach oben — verstehe, nach oben! Er hat aber nicht recht in dem Wege, wie er sich diesen Fortschritt denkt. Er spricht von dem Überbeutler. Nun gut, wenn ihr das werdet, so müßt ihr doch immer noch eure Jungen säugen. Und wenn ihr ein warmes Pelzchen gegen die Kälte habt, so müßt ihr doch immer kämpfen mit der Not des Winters und mit den Feinden der Säuger. Ich will euch ein größeres Wort sagen als ›Überbeutler‹! Ubersäuger müßt ihr werden. Nicht unter den Baumkronen zu hüpfen müßt ihr euch begnügen, über die Wipfel müßt ihr euch erheben im Fluge. Schwingen müssen euch wachsen, Flieger müßt ihr werden.«
»Phantast!« brummte der Igel.
»Erlaube,« entgegnete der Taguan. »Ich bin in der Welt weit herumgekommen. Was ich meine, ist nicht ein rohes Echsenvieh, wie der Hohlschwanz, auch nicht ein Flattertier, wie unsereins, auch nicht so ein elendes summendes Kerbtier wie Brimm, der Käfer. Es ist etwas Höheres. Weit im Süden hab' ich Tiere gesehen mit langen Hälsen und Schnäbeln an den Köpfen, doch nicht wie der Iguanodon und die Zierschnäbel trugen sie den langen Echsenschwanz, sondern ein weicher, bunter Schweif wehte ihnen nach. Und sie hatten nicht Flughäute, wie wir sie kennen, sondern die ganzen Arme waren besetzt mit weichen Borsten, die nannten sie Federn. Und damit flogen sie hoch in die Luft, und kein Hohlschwanz konnte sie einholen. Und mit dem Schnabel konnten sie nicht bloß quietschen, sie konnten ordentlich zwitschern, etwa so: Piep, piep, trillirillirillipiep!«
Der Taguan brachte eine Reihe furchtbarer Quiektöne hervor, so daß Homchen und der Igel vergnügt lachen mußten.
»Nicht wahr, das gefällt euch?« sagte der Taguan stolz. »Und dabei kann ich's noch nicht einmal ordentlich nachmachen. Ja, mein Ideal sind die Vögel, die singenden Flieger.«
»Ich mag das ja nicht recht verstehen,« begann Homchen bescheiden, »aber ich begreife überhaupt nicht, wie wir so etwas machen sollen, daß uns Flügel wachsen. Wir können uns wohl üben in Kampf und Denken, daß wir stärker und klüger werden als die Echsen, aber unsern Leib können wir doch nicht —«
»Liebes Homchen,« sagte der Taguan, »wir können's freilich nicht. Aber so ist's auch nicht gemeint, daß wir etwa nächstes Jahr mit den Echsen aufräumen. Viele, viele Geschlechter müssen hingehen, bis wir uns so umgewandelt haben, wie ich sage. Wenn du dich übst im Springen und Denken, so änderst du dabei doch auch deinen Leib, und wenn das nun von Kind zu Kind immer so fortgesetzt wird —«
»Aber dafür ist's für uns zu spät, was das Fliegen anbetrifft,« rief der Igel. »Jetzt müssen wir auf unserm Wege weiter —«
»Na, na, Igel! Das mit den Jungen, die schon alt auf die Welt kommen, ist doch Unsinn. Da wär's schon besser, wenn wir Eier legen könnten —«
»Das ist mir zu arg!« quiekte der Igel entrüstet. »Da würden wir ja auf den Echsenstandpunkt zurücksinken. Gerade darin liegt der Fortschritt, daß wir uns um unsre Jungen kümmern, daß wir sie erziehen und das Gesetz der roten Schlange lehren, daß wir für sie sorgen und sie uns kennen, damit sie uns nicht auffressen, wie der junge Hohlschwanz den alten.«
Der Taguan machte ein schlaues Gesicht.
»Hik, hik!« sagte er. »Das müßten wir auch beibehalten. Wir müssen nur die Eier nicht in den Sand graben, wir müssen sie hübsch bewachen und selbst ausbrüten. Dann können wir unsere Jungen richtig erziehen. Denn allerdings, auf Familie muß man halten.«
»Und wenn nun der Winter kommt?« fragte Homchen.
»Ja, mein lieber Neffe, das ist eben das Feine. Da brauchen wir nicht zu frieren und zu darben wir ihr. Dafür haben wir unsre Flügel. Da fliegen wir fort, weit fort, immer nach Süden, wo die Sonne höher steht. Da ist es noch warm, da hört der Sommer nicht auf. Und wenn es uns zu heiß wird, fliegen wir wieder zurück. Ist das nicht ein feiner Gedanke?«
Homchen dachte nach, aber der Igel entschied unwillig.
»Nein, nein, nein! Wenn ihr es so machen wollt, so wird es euch gehen wie uns Igeln, nur auf anderm Wege. Ein Stückchen kommt ihr wohl weiter, aber dann bleibt ihr stehen. Das seht ihr ja an unserm Winterschlaf. Wir dürfen den Schwierigkeiten nicht ausweichen, wir müssen sie bekämpfen, wir müssen uns ihnen gewachsen zeigen. Denn sonst wird es nichts mit dem Gehirn. Denken! Denken! Denken! Das hat die rote Schlange gesprochen, bevor es Echsen, Beutler und Vögel gab. Und was nutzt uns alles andre, wenn wir die Sicherheit auf Kosten des Denkens erreichen? Laß dich vom Taguan nicht irre machen, Homchen! Nicht in die Luft und nicht ins Wasser, sondern ein Oberbeutler, aber ein Säuger mit starken Armen und Beinen auf der festen Erde!«
»Ich weiß nicht,« sagte Homchen, »wer von euch recht hat; aber ich habe einmal eine Sage gehört, es werde dereinst ein Tier kommen, das weder schwimmt noch fliegt, weder läuft noch klettert, sondern das rollt; Und das werde schneller und stärker sein als alle Tiere. Was wißt ihr wohl davon?«
»Das ist dummes Zeug,« sagte der Taguan. »Es ist einmal ein runder Stern vom Himmel herunter gefallen auf einen Berg und ist den Berg hinabgerollt in eine Schlucht, wo die heiße Wolke wohnt. Da hat man gemeint, es sei ein Tier, ein ganz mächtiges, das die rote Schlange zu besuchen käme. Denn hinter der heißen Wolke soll ja die rote Schlange wohnen.«
»Wo ist das?« fragte Homchen eifrig.
»Ich war noch nicht dort,« sagte der Taguan.
»Wie kann man über das Moor kommen?« erkundigte sich Homchen weiter.
»Über das Moor kannst du nicht. Aber zwischen dem Moor und dem Wald ziehen sich die Hügel hin, auf denen wir sind; und wenn du auf diesen hinwanderst immer weiter und weiter nach Süden, so breiten sie sich mehr und mehr aus. Das ist die Steppe. Man muß sich aber immer am Walde halten, und wenn der Wald aufhört, so gehe man immer direkt nach Süden, dann fängt er wieder an. Du aber gehe nicht so weit, denn du würdest zu müde werden.«
Homchen schwieg.
Da sprach der Igel: »Schlag' dir die Geschichte mit dem rollenden Tier aus dem Kopfe. Es ist Unsinn, das Rollen ist zwar gut, aber nur zum Schlafen. Und dazu ist auch jetzt Zeit. Ich kann dir, lieber Taguan, leider keinen Ast zum Aufhängen anbieten, aber für Homchen hab' ich dort ein weiches Grashäufchen. Und jetzt werde ich schlafen.« Damit rollte sich der Igel zusammen.
»Ich fliege nach Hause. Gute Nacht!« sagte der Taguan.
Homchen wollte noch etwas fragen, aber der Taguan war schon fort, und der Igel rührte sich nicht.
Da duckte es sich ermüdet auf dem Grase zusammen. Alles, was es gehört hatte, ging ihm nun durch den Kopf. Und immer wieder drängte sich die Frage hervor: Wo find' ich die rote Schlange? —
Die Sonne brütet über dem Drachenmoor. Schwül und heiß liegt die Luft über der Lagune, und Modergeruch steigt von den austrocknenden Schlammbänken auf.
Im flachen Wasser wälzen sich häßliche, spindelförmige Ungeheuer von riesiger Länge. Von dem dicken Höcker in der Mitte mit den an den Leib gezogenen Füßen streckt es sich nach beiden Seiten fast zehn Meter lang in Gestalt einer Spitze — die eine stellt den Schwanz, die andre den Hals mit dem Kopfe des Tieres vor; und der Kopf ist so klein, daß man ihn vom Halse gar nicht unterscheiden kann. Diese Riesenspindeln fassen mit der Schnauze ein Bündel der üppig wuchernden Wasserpflanzen, und während sie daran schlingen, wälzen sie sich langsam über einander weg. Das sind ihre Liebesspiele. Und weiter tun sie überhaupt ihr Leben lang nichts, die dummen Bronto.
Im hohen Grase der Uferwiese weidet ein Paar Stego. Diese riesigen Schildechsen watscheln auf ihren Hinterbeinen einander entgegen. Ihre Panzer schillern und funkeln im Sonnenlicht. Der furchtbare Rückenkamm starrt von Stacheln. Jetzt sitzen sie hochaufgerichtet vor einander und schlagen sich mit den Vorderpfoten gegenseitig auf die Brust, daß die festen Knochenplatten dröhnen. Aber das ist nur Zärtlichkeit. Bald umschlingen sie sich mit den Armen und pressen ihre haushohen Leiber aneinander. Es knarrt und rasselt weit über das Ufer hin bis an die einzelnen zerstreuten Büsche riesiger Sumpfweiden.
Da stürzt es hervor mit schnellem, elastischem Schritt, auf den Zehen sich wiegend wie die anschleichende Katze, und doch hoch emporragend, schimmernd im Panzerschutz, der furchtbarste Drache der Welt. Das weit aufgerissene Maul starrt von scharfen, sichelförmigen Raubtierzähnen, die Augen funkeln in Mordlust. So stürmt die Großechse heran. Auf ihren Hinterbeinen hebt sie sich jetzt mehr als doppelt so hoch wie das Paar der Schildechsen, das in seiner Liebeswut nichts von der drohenden Gefahr merkt. Und über die eng Verschlungenen stürzt die Großechse von oben herab, beide zugleich mit ihren gewaltigen Armen zusammenpressend, daß die starken Knochenplatten unter der Riesenkraft krachen. Nichts hilft den Stego der Rückenkamm und die scharfen Stacheln. Die Raubechse hat ihre Körper zusammengezwängt und zermalmt mit dem furchtbaren Gebiß die Köpfe der Liebenden — —
Ein wandelnder Berg drängt sich der Atlanto durch den Urwald — zehn Meter hoch und vierzig lang — die Stämme brechen unter seinen Tritten, und das Laub ganzer Bäume verschwindet im Maule des Tieres. Hinter ihm her trottet eine Raubechse mit einem Horn auf dem Kopfe und weit hervorragenden Zähnen. Gegen jenen Atlanto, den sie verfolgt, ist die Nashornechse, obwohl immer noch größer als ein Elefant, fast nur ein Zwerg. Aber sie unterläuft den riesigen Pflanzenfresser und reißt ihm mit ihrem furchtbaren Horn den Leib auf — und andre scheußliche kleinere Drachen stürzen sich über die Eingeweide — —
Und die Bronto wälzen sich im Wasser — —
Und die Hohlschwänze jagen umher. Sie heulen und klappern ärger als je; denn Wut ist in sie gefahren, weil sie von allen Echsen verspottet werden. Einer ihrer Stärksten ist besiegt und getötet worden von einem verachteten Beutler, von dem kleinen Nachttier, das sich an den Tag gewagt hat.
Die Hohlschwänze wüten und schreien Rache, aber weiter tun sie nichts und die andern Echsen auch nicht. Die Raubdrachen fressen, wen sie bezwingen können, und die Pflanzenfresser stopfen sich voll Gras und Laub. Die Bronto wälzen sich im Wasser, und draußen im Meere jagen die SchwimmEchsen.
Langsam neigt sich der Tag.
Schon suchen die Echsen nach ihren Lagerstätten, da kommt eine ungewohnte Bewegung in die Bewohner des Moors. Die kleinen und schwachen Echsen, die sich sonst scheu verbergen, kommen furchtlos hervor, und alle Blicke richten sich neugierig nach Süden.
Von Süden her naht sich schnell heranhüpfend eine Schar seltsamer kleiner Geschöpfe.
Auf langem, schwanenhaften Halse wiegen sie einen Vogelkopf mit spitzen, schnabelartigen Kiefern, in denen scharfe Zähne blitzen. Die kurzen Vorderfüße tragen sie frei, und auf den langen Hinterfüßen schnellen sie in weiten, raschen Sprüngen vorwärts. Ein langer Reptilschwanz unterstützt sie dabei. So hüpfen sie hurtig über Wiese und Strand.
Furchtlos springen sie an der Großechse vorüber und kümmern sich nicht um die Hohlschwänze, die umherstreifen. Die Großechse sieht ihnen ruhig zu. Die Hohlschwänze weichen ihnen aus und die Schildechsen watscheln ihnen entgegen, selbst die trägen Bronto stecken ihre Köpfe aus dem Wasser.
»Die Zierschnäbel sind da, die Zierschnäbel!« So geht der Ruf durchs ganze Drachenmoor.
Bald haben sich die Zierschnäbel rings am Ufer und auf den flachen Landzungen verteilt. Überall werden sie von den Echsen mit Ehrfurcht begrüßt. Unaufhörlich bewegen die Zierschnäbel ihre Vorderfüße gegen die Echsen und murmeln die dunkeln Worte:
»Wachset in Schlangenhut! Wachset in Schlangenhut! Gnädig sei euch die rote Schlange!«
Da drängen die Bronto mit ihren massigen Körpern die Wasserschlingpflanzen ans Ufer, daß die Zierschnäbel mit ihren langen Hälsen bequem die Fische herausholen können, die sich darin verfangen haben. Das mundet ihnen. Und einer sagt wohl zum andern:
»Wenn man jetzt noch ein paar Hohlschwanzeier zum Nachtisch hätte! Das ist doch das Beste!«
»Das soll schon noch kommen,« meint leise der andre. »Grappignapp wird es schon machen, wenn es Zeit ist.«
Inzwischen war die Sonne weiter herabgesunken. Ein Wind erhob sich und wehte kühl von Norden.
Da begann einer der Zierschnäbel, dem zwei schöne rote Lappen vom Kopf herabhingen:
»Es ist kalt bei euch. Merkt ihr das nicht?«
»O ja, wir frieren!« rief es hier und dort unter den Echsen. »Es ist jetzt immer so des Abends. Bitte die rote Schlange, daß sie es wieder warm mache.«
»Wir wollen es tun, wenn ihr gehorsam seid,« antwortete der Zierschnabel. »Nun rupft dort das Gras von der Wiese und bringt es hierher.«
Da rafften die Stego große Haufen des weichsten Grases zusammen und machten dichte Nester daraus. Da hinein setzten sich die Zierschnäbel, und das tat ihnen wohl.
Die Echsen sahen, wie sich die Zierschnäbel in den Nestern wärmten und wollten es auch so machen. Aber wie sehr sie auch das Gras um sich häuften, sie blieben kalt und das Gras blieb kalt. Wo jedoch ein Zierschnabel gesessen hatte, da fühlte sich das Nest schön warm an. Wenn ein paar Zierschnäbel irgendwo aufstanden, steckten die Echsen schnell ihre Köpfe in das Nest und wärmten sich.
Und es ging ein Gemurmel durch die Echsen:
»Ihr Zierschnäbel seid heilige Tiere, ihr könnt das Gras warm machen. Ist es wahr, daß ihr von der Sonne gegessen habt? Warum werden unsre Nester nicht warm wie die eurigen?«
Da sagte der Führer der Zierschnäbel Grappignapp, indem er sich aufrichtete:
»Ich will es euch sagen, ihr Echsen vom Drachenmoor. Wir haben nicht von der Sonne gegessen, aber uns hat die rote Schlange gesegnet, weil wir ihre Boten sind. Fühlet uns an, unser Blut ist warm; darum wärmen wir das Gras und bleiben warm. Euer Blut aber ist kalt, und so nützen euch die Nester nichts. Und wenn die Sonne nicht scheint und euch auf die Haut brennt, so werdet ihr kalt und müde und schwach. Und die Sonne wird immer weniger scheinen und ihr werdet immer schwächer werden, ein Gespött für die Nachttiere des Waldes. Denn euch zürnt die rote Schlange.«
Da ging ein Krachen und Klappern und Knarren durch den Kreis der Echsen.
»Was sagt er? Die rote Schlange zürnt uns? Was haben wir getan? Was sollen wir tun, um der roten Schlange zu gefallen, daß sie uns warm mache?«
Und die furchtbare Großechse stieg über die ruhenden Echsen hinweg bis dicht an den Zierschnabel und schrie:
»Haben wir nicht das Gesetz der roten Schlange erfüllt, das ihr uns gebracht habt? Habt ihr nicht gesagt: Fresset das Gras der Wiese, fresset das Laub der Bäume, und wem die rote Schlange Zähne gegeben hat zum Zerreißen, der fresse einer den andern, wenn er ihn besiegen kann? Denn der Stärkste soll Herr sein im Drachenmoor? Nur wenn die rote Schlange ihre Boten sendet, soll Friede sein und keiner den andern fressen, es sei denn, die rote Schlange gebietet es durch euch? Und darum hab' ich erst heute ein ganzes Liebespaar von Stego verschlungen, damit ich satt bin, wenn ich hier bei euch sitze.«
»Es ist wahr, es ist wahr!« klapperten die Schildechsen. »Die Großechse hat die Gnade gehabt, zwei von uns zu verspeisen. Es lebe die mächtige Großechse!«
Während des allgemeinen Lärmes drängte sich Grappignapp dicht an den Kopf der Großechse und flüsterte ihr zu:
»Möchtest du statt der Stego nicht lieber die fetten, weichen Beutler des Waldes fressen? So viel du willst, sollst du haben, wenn du unserm Rate folgst.«
Da rasselte die Großechse vergnüglich mit den Zähnen und blinzelte mit den Augen. Der Zierschnabel aber rief:
»Schweiget! Schweiget alle! Die rote Schlange gebietet es. Rufet die Echsen zusammen im ganzen Drachenmoor, so will ich euch den Willen der roten Schlange verkünden. Zuerst aber, damit wir die rote Schlange versöhnen können, bringet jedem meiner Brüder drei frische Eier vom Hohlschwanz, mir aber fünf!«
Hui! Hui! sauste es in der Luft. Die Hohlschwänze hatten sich bei der Ankunft der Zierschnäbel hochmütig zurückgezogen. Sie hielten nichts von ihnen. »Wir können fliegen,« sagten sie; »die Zierschnäbel können nur hüpfen, und wir brauchen die rote Schlange nicht. Uns holt selbst die Großechse nicht ein; was sollen wir mit der roten Schlange?« Und wegen dieser Gesinnung der Hohlschwänze waren ihre Eier gerade die Lieblingsspeise der Zierschnäbel.
Als Grappignapp zu reden anfing, hatten sich die Hohlschwänze neugierig aus dem Hintergrunde genähert, denn sie fürchteten schon, daß die Zierschnäbel etwas gegen sie im Schilde führten. Nun stürzten sie wütend herbei und schrien durcheinander:
»Glaubt ihm nicht! Glaubt ihm nicht! Die rote Schlange kann gar nicht den Echsen zürnen, denn es giebt keine rote Schlange. Habt ihr sie schon einmal gesehen?«
»Ich glaube nicht an die rote Schlange,« rief einer besonders laut. Und einer brüllte sogar: »Ich will die Eier der roten Schlange fressen.«
Da fuhr die Großechse in die Höhe und befahl:
»Still! Laßt den Zierschnabel reden!«
»Bringet die Hohlschwanzeier,« sprach Grappignapp mit überlegener Ruhe. »Denn diese gerade verlangt die rote Schlange zur Strafe für die Hohlschwänze. Die rote Schlange liebt die Echsen, aber die Hohlschwänze haben den Echsen den größten Schaden getan, von den Hohlschwänzen droht das Verderben. Durch sie wird die Furcht vor den Echsen schwinden. Hat sich nicht das Nachttier, der kleine Kala, herausgewagt und den stärksten der Hohlschwänze besiegt? Es ist aber das Gebot der roten Schlange: Die Hohlschwänze sollen machen, daß die Beutler am Tage im Walde bleiben. Warum hat ihn der kleine Beutler besiegen können? Weil die Hohlschwänze die rote Schlange nicht achten. Darum, ihr Hohlschwänze, schweiget still und wartet ab, was das Drachenmoor beschließt.«
»Schmach! Schmach! Schande über die Hohlschwänze!« gellte und knarrte es da durch die Echsen.
Und nun stoben sie auseinander. Die Hohlschwänze entflohen vor den starken Echsen, die jetzt die Eier der Hohlschwänze in den Verstecken aufsuchten und sie den Zierschnäbeln brachten.
Kleine, schnelle Echsen riefen alle zusammen, die noch nicht bei der Versammlung waren. Die Zierschnäbel aber ließen sich die Eier trefflich schmecken und wärmten sich in ihren Nestern, während die Echsen in immer größeren Massen sich ansammelten.
Es war die Zeit, da sonst die Drachen die Kühle des Abends scheuten, sich verbargen und einschlummerten. Darum hatten die Zierschnäbel den Abend gewählt; wenn die Nacht hereinbrach, merkten die Echsen am meisten, was ihnen fehle, und bekamen offne Ohren für bedrohliche Mahnung.
Und nun hüpfte der wohl durchwärmte und gesättigte Zierschnabel auf den Rücken der Großechse und sprach von da zum versammelten Drachenmoor:
»Da noch nichts war, keine Fische und keine Echsen, keine Kerbtiere und keine Beutler, da war die rote Schlange. Und die rote Schlange streckte sich aus, da reichte sie von einem Ende der Welt bis zum andern. Sie hatte aber zwei Augen, auf jeder Seite eins, das eine war weiß und das andere war schwarz. Dort, wo das weiße Auge lag, da war der Tag, wo aber das schwarze Auge lag, da war die Nacht; und in der Mitte, wo die rote Schlange geruht hatte, da war die rote Dämmerung.
Und die Schlange legte zwei Eier. Das eine legte sie in den Tag und nannte es Sonne. Aus der Sonne kam das Geschlecht der Echsen, und aus der Schale des Ei's wurde das Meer und das Moor und der Schlamm und das helle Ufer. Das andre Ei legte sie in die Nacht und nannte es Mond. Aus dem Monde kam das Geschlecht der Beutler, und aus der Schale des Ei's wurden der Wald und die Felsen und die Berge.
Die rote Schlange aber sprach zu den Echsen:
Ihr seid die Kinder der Sonne. Ihr sollt in der Wärme wohnen des Meeres und des Moores und hinwandeln am hellen Ufer. Alle Tiere des Waldes und der Felsen und der Berge werden euch gehorchen. Ich will euch meine Stärke und meinen Panzer geben, damit ihr eure Macht zu bewahren vermögt. Und wer mir am nächsten kommt an Stärke und an Panzer, der soll Herr sein über alle, ausgenommen über meine Boten, die ich euch nennen werde.
Und nun vernehmt die Gesetze der Schlange.
Ihr sollt fressen, so viel ihr könnt, Pflanzen und Tiere, und ihr sollt auch fressen euch untereinander, daß nur übrig bleiben, die ich auserwählt habe zum Ruhme meiner Stärke und meines Panzers.
Ihr sollt herrschen über das Meer und das Moor und das Ufer am Tage, und ihr sollt achten, daß die Tiere des Waldes nicht an die Sonne kommen. In der Nacht aber sollt ihr schlafen, denn es ist euch verboten zu sehen, was die Nacht an den Himmel gesetzt hat. Aus der Sonne seid ihr gekommen; wenn aber die Sonne verschwunden ist, so glitzern am Himmel die bösen Geister, die euch töten, die Geister der Kälte.
Eure Haut kann nackt sein und sie kann gepanzert sein. Wer sie aber bedecken wollte mit Fell oder Haar, der soll verderben. Denn es geziemt den Echsen nicht, zu gehen wie die Nachttiere des Waldes.
In euren Körper habe ich das Mark des Rückens gelegt, daß es vereinige die Bewegung aller eurer Glieder und die Kraft aller eurer Sinne. Da soll es sich immer stärker zusammenziehen an dem einen Ende und soll dort wachsen und dick werden, damit ihr gewaltig wollt und tut alles, wozu euch die Lust ankommt!
Als meine Boten habe ich eingesetzt das Geschlecht der Zierschnäbel. Sie allein sollen euch mein Gesetz auslegen. Und was sie euch sagen, das ist mein Wille, daran sollt ihr nicht zweifeln und sollt nichts ändern an allem, was sie gebieten im Namen der roten Schlange.
Den Zierschnäbeln sollt ihr gehorchen und sie ehren; und es soll Friede sein zwischen euch, wo sie zu euch reden. Denn aus ihnen spreche ich, die rote Schlange.
So sprach die rote Schlange und verschwand. Und niemand mehr weiß, wo sie ist, außer uns, den Zierschnäbeln. Und nun dürft ihr und könnt ihr nicht mehr mit ihr reden als durch den Mund der Zierschnäbel, und ihr könnt sie nicht schauen als durch das Auge der Zierschnäbel, und ihr könnt nicht zu ihr gelangen als durch die Füße der Zierschnäbel.
Ihr aber müßt nun sorgen, daß auch die Tiere des Waldes dem Gesetze der roten Schlange gehorchen; und die ihm nicht gehorchen, sollt ihr fangen und töten und fressen und vernichten alle ihre Geschlechter. So will es die rote Schlange.«
Ehrfürchtig lauschten rings die Echsen.
Und immer dunkler ward's über dem Moor, die klare Nacht stieg herauf. Die Echsen im Wasser tauchten unter bis an den Kopf, und die am Lande drückten sich frierend an den Boden.
Grappignapp sprang herunter vom Kopfe der Großechse, aber ehe die Tiere ringsum sich zu rühren wagten, schwang sich ein anderer Zierschnabel an seine Stelle. Das war Kaplawutt mit dem großen Schnabel, der schlenkerte seine Vorderfüße hin und her und rief gellend über das Drachenmoor:
»Und wißt ihr, was die rote Schlange tut, wenn ihr die Gesetze nicht befolgt? Dann wird sie die Sonne belecken mit ihrer Zunge, daß sie immer kleiner und kühler wird. Und der Tag wird kalt werden wie die Nacht, und die Nacht wird so kalt werden, daß alles Wasser erstarrt wie der Reif des Morgens. Die Bäume werden ihre Blätter verlieren, und das Gras wird sie zudecken mit weißem Staub, daß ihr nirgends mehr findet, was euch Nahrung giebt. Und die Echsen, die noch nicht verhungert sind, werden beben vor Frost und werden zittern und klappern in Ängsten, bis sie starr werden und sich nicht mehr rühren können. Dann werden die Nachttiere des Waldes herauskommen in ihren warmen Pelzen und werden ihnen allen die Augen auskratzen, wie es der kleine Kala dem großen Hohlschwanz getan hat. Und die Säuger werden das Mark der Echsen verzehren, und mit euern Knochen werden sie nach der Sonne werfen, bis sie herabstürzt vom Himmel. Und es wird eine ewige Nacht sein.«
Kaplawutt sprang auf den Boden, denn selbst die Großechse begann vor Furcht und Kälte zu zittern. Nichts hörte man durch die stille Nacht als das schauerliche Rasseln der Knochenschilde, das die Angst der frierenden Drachen verriet. Keines der Ungetüme wagte aufzublicken; es hätte den Nachtgeistern ins blitzende Auge schauen können, deren Anblick verboten war.
Die Zierschnäbel versammelten sich um Grappignapp, der leise zu ihnen sprach in der Redeweise der Schnäbel, welche die Echsen nicht verstanden. Dann zerstreuten sich die Zierschnäbel nach allen Richtungen und flüsterten mit den Echsen, die sich furchtsam im Schlamm oder im Grase duckten und ehrfürchtig ihren Worten lauschten.
Inzwischen hob ein Bronto den langen Hals, um den zerrissene Ranken von Wasserpflanzen sich schlangen, aus dem Wasser empor und fragte demütig:
»O weiser Zierschnabel, warum zürnt denn die rote Schlange auch uns im warmen Wasser? Wir können doch nicht dafür, daß der Kala aus dem Walde gekommen ist und den Hohlschwanz getötet hat?«
Grappignapp sah den Bronto verächtlich an, denn er mußte sich erst auf seine Antwort besinnen. Der Bronto war doch wirklich zu dumm, daß er hier mit Zweifeln hervortrat, wo alles so schön vorbereitet war für die Absicht der Zierschnäbel. Dann sagte Grappignapp: »Mein lieber Bronto, glaubst du denn, wenn die rote Schlange die Sonne ableckt, daß alle Länder erfrieren müssen, sie könne das Wasser allein warm erhalten? Wie sollte sie das machen? Darum müßt ihr eben auch mitleiden mit den andern, wenn ihr nicht die Gefahr abzuwenden versteht.«
Da streckte ein andrer Bronto den Hals hervor. Denn er hatte gemerkt, daß das Wasser noch warm war, während die Landechsen froren; und so fragte er mutiger:
»Was können wir denn tun, damit die rote Schlange den Echsen nicht zürnt und die Sonne nicht ableckt?«
»Das will ich euch sagen,« rief Grappignapp und gab Kaplawutt einen Wink, daß er wieder auf den Kopf der Großechse springe, um zum Drachenmoor zu reden. Und Kaplawutt begann:
»Wollt ihr erfrieren, ihr starken Echsen? Wollt ihr von den Säugern gefressen werden? Wollt ihr, daß eure Gebeine gegen die Sonne fliegen?« Ein Schauer ging durch die Zuhörer. Nein, nein, nein schien es zu rasseln. »Nun, so frage ich euch, woher kommt die Gefahr? Wer hat zuerst die Gebote der Schlange übertreten? Der freche Kala war's, Homchen, aus dem Geschlechte der Beutler. Aus dem Walde ist er gegangen am hellen Tag, mit der roten Schlange hat er sprechen wollen ohne Erlaubnis der Zierschnäbel, gerühmt hat er sich zu wissen was niemand wissen kann als wir, die Boten, denen die rote Schlange es sagt. Darum hat die Schlange erlaubt, daß er den Hohlschwanz töte, der auch seine Pflicht versäumte, damit die Echsen erwachen aus ihrem Schlummer.
Alles Böse und Verderbliche geht aus von den Nachttieren im Walde, die da Herren sein möchten über die Erde, über Moor und Meer. Sie haben sich angemaßt ihr Blut zu wärmen gegen den Willen der roten Schlange, die ihnen doch die Sonne versagt hat. Sie umkleiden sich, o Schande, mit Fellen und verbergen ihre Haut in Haaren. Und, o Fluch und Frevel, sie häufen ihr Mark zu einer Verdickung, wie die starken Echsen, und dadurch wollen sie furchtbar stark werden und sich auflehnen gegen die Echsen. Und darum, ihr gewaltigen Drachen, giebt es nur eine Hilfe, wie ihr die rote Schlange versöhnen könnt und euch selber retten: Vernichtung der Säuger! Tod allen Tieren im Walde! Und Ausrottung ihrem Geschlechte!«
Da klapperten und knirschten die Panzer der Echsen, und eiliger schlüpften die Zierschnäbel zwischen ihnen hin und her und versammelten sich wieder um ihre Führer.
Die Großechse aber rief gewaltig übers Moor:
»Das will ich tun! Das ist meine Sache! Ich schreite hinüber über die Hügel, ich zerdrücke den Wald in meinen Armen, ich zerreiße die Höhlen und fresse die Säuger. Ja, ich fresse sie alle mit Fell und Haar, und nicht einer soll übrig bleiben.«
Wundersam brummte und knarrte und schrie es rings umher, ein furchtbares Geräusch, wie man es nie vernommen. Denn alle Echsen schnarrten durcheinander, aber keine wagte den Kopf aus dem Grase zu heben; sie bebten in doppelter, in dreifacher Furcht, vor den Nachtgeistern, vor der Kälte und vor der Großechse. Keiner wollte es merken lassen, daß er der Großechse widersprach.
Grappignapp flüsterte mit den Zierschnäbeln: »Habt ihr alles ausgerichtet? Habt ihr sie herumgebracht?«
»Ja,« antworteten die Zierschnäbel. »Es steht alles gut. Sie fürchten sich vor der Großechse, denn wenn sie sich nicht vor ihr verbergen dürfen, werden sie selbst von ihr gefressen, sobald ihr nicht dabei seid. Sie wollen einen Anführer, der nur Pflanzen frißt.«
»Es ist gut.«
»Hört, ihr Echsen, höre, mächtige Großechse,« so rief nun Grappignapp, »du allein, so gewaltig du bist, vermagst nicht den ganzen Wald zu durchdringen und alle Säuger zu verschlingen. Alle Echsen zusammen müssen helfen. Die das Laub fressen, müssen die Bäume wegräumen, und die andern müssen die Tiere fangen. Aber damit alles richtig zusammenwirkt, müßt ihr einen Anführer haben, dem alle gehorchen. Und den sollt ihr jetzt wählen.«
»Gut denn,« rief die Großechse wieder, »so wählet mich. Ich bin die Stärkste von allen, das versteht sich von selbst.«
Wieder murrte und knarrte es, und eine Stimme, es war die des gewaltigen Atlanto, des haushohen Bäumeknickers, ließ sich vernehmen:
»Nicht die Großechse!«
»Nicht die Großechse, nicht die Großechse!« hallte es jetzt von allen Seiten.
»Einen Pflanzenfresser,« schrien die Bronto aus dem Wasser. »Den Atlanto wählt.«
»Nicht mich,« rief jetzt der Atlanto kühner, »den Iguanodon sollt ihr wählen!«
»Den Iguanodon,« wiederholte Grappignapp mit heller Stimme. »Iguanodon« stimmten alle Zierschnäbel ein. Und durch das Drachenmoor klang's jetzt wie Brausen des Sturmes, wie Sturz der Erde: »Iguanodon! Iguanodon!«
Da sprang die Großechse wütend auf ihre Beine.
Sie riß den fürchterlichen Rachen auf und schnappte umher, daß die Zierschnäbel, die einzigen, die sich in ihre Nähe gewagt hatten, beiseite sprangen; und nun wollte sie den Kopf in die Höhe werfen, um sich auf den Atlanto zu stürzen — da sah sie über sich, was sie noch nie gesehen, nie zu sehen gewagt hatte — ein dunkles Zelt spannte sich über ihrem Haupte, daran funkelte es von tausend lichten Punkten, ein schimmerndes Band schlang sich hindurch — die Herrlichkeit des Sternenhimmels glänzte herab — und der rasende Riese stürzte zitternd zusammen. Vor dem Blick der Nachtgeister barg er sein schreckliches Haupt im Grase, und seine Sichelzähne klappten in ohnmächtiger Furcht aufeinander.
Die Echsen sahen den Gewaltigen niederstürzen. Bange Stille herrschte über dem Moor. Da hinein erklang hell die Stimme Grappignapps.
»Der Iguanodon sei unser Anführer! Die rote Schlange hat gesprochen. Sehet, wie es denen ergeht, die ihrem Willen sich widersetzen. Niedergebrochen ist die Großechse. Wollte sie sich aufs neue erheben, um der Wahl des Iguanodon zu widersprechen, so würden die frierenden Geister der Nacht sie töten.
Es lebe der Iguanodon! Ihm wollen wir uns beugen. Er ist groß und stark, und er ist weiser als alle Echsen. Aus ihm spricht die große Schlange. Was er sagt, das soll euch gelten als die Rede der großen Schlange. Niemand soll es wagen zu zweifeln an seinem Worte. Drüben wohnt er hinter dem Walde am großen Flusse, einsam wandelt er im Schilfe und bedenkt die Zukunft der Echsen. Lasset uns hinüber ziehen in Demut und ihn bitten, daß er unser Führer sei gegen die bösen Waldtiere.«
»Der Iguanodon, der Iguanodon!« So klang es wieder über den Strand. »Er sei unser Führer!«
»Und wer soll der Bote sein?«
»Ich,« rief der Atlanto. »Ich breche durch den Wald.«
»Das geht nicht,« sagte Kaplawutt. »Dann würden die Waldtiere merken, was geschehen soll; wir aber müssen sie überraschen. Wir wollen selbst hinüber, jedoch nicht durch den Wald. Weit ist der Umweg über die Hügel im Süden. Aber wir springen schnell. Und nun leget euch zur Ruhe, bis die Sonne warm scheint. Gnädig ist euch die rote Schlange!«
»Iguanodon, Iguanodon sei der Herr!« so hallte es noch dumpf. Und die Drachen entschliefen.
Leise war es am Waldsaum hingehuscht durchs hohe Gras, vorsichtig die Leiber der schlafenden Drachen meidend, unfern dem Ufer des Moors nach Süden hin, immer nach Süden. Dort in der Ferne sollen Berge ragen, dort soll die heiße Wolke weilen, und hinter der heißen Wolke die rote Schlange. Vielleicht wohnt sie dort, vielleicht? Niemand weiß es. Aber wo sonst sie suchen? Und Homchen suchte die rote Schlange.
Zum Glück zeigte sich jetzt nichts mehr von der Nähe des Drachenmoors. Längst liegt der Heimatwald hinter Homchen. Die Schlucht ist passiert, die in den Wald von den Hügeln her einschneidet. Dann das Stück der Steppe, wo der Wald endet, von dem die Beutler überhaupt nichts wußten. Und nun hatte ein neuer Wald begonnen, ein ganz fremder Wald. Westlich davon erstreckt sich unabsehbar die Steppe. Aber Homchen hält sich im Walde. Denn zwischen den Ästen weiß es zu springen. Nur zweimal hatte es einige Stunden am Tage geruht. In der Nacht ist es sicher, da kommt es schnell vorwärts. Schon die dritte Nacht! Und in seinem Laufe denkt es zurück an den Anfang der Wanderung.
Welch eine Nacht war das, entlang am Drachenmoor! Was mußte es hören, als es sich duckte und verkroch im Grase und doch beinahe entdeckt worden wäre von den Echsen, die Nahrung für die Zierschnäbel suchten.
So also sahen die Zierschnäbel aus, von denen es bisher nur gehört hatte. Von Süden waren sie gekommen. Sie allein wußten ja, wo die rote Schlange wohnt — also wohl im Süden. Aber niemand sollte es wissen, niemand sollte zu ihr als die Zierschnäbel. Sie sollte gar nicht wohnen auf dieser Erde? Wie aber kamen denn die Zierschnäbel zu ihr? — Und wieder überkam Homchen das seltsame Gefühl, das es nun so oft beschlich. das die andern nicht verstanden — — —
Die Zierschnäbel wußten ganz genau, was die rote Schlange geboten hat. Und doch wußte Homchen es auch ganz genau, daß die Echsen nicht immer herrschen sollten; aber die Zierschnäbel sagten das Gegenteil. Freilich, die Zierschnäbel hatten mit der Schlange selbst gesprochen, und Homchen wußte nicht einmal wo sie wohnt. Wer hatte nun recht? Wenn sein Tun doch Sünde wäre?
In solchen Zweifeln schwang sich der junge Kala von Ast zu Ast, nach Süden zu, immer nach Süden. Dort mußte die Wahrheit zu finden sein.
Endlich wurde der Wald lichter, es war schwieriger von Baum zu Baum zu springen, und jetzt schien er ganz zu Ende zu gehen. Und zur Linken sah Homchen den Himmel sich röten. Der Morgen kündete sich an. Es war müde, sehr müde und hungrig. Es spähte nach Früchten aus, doch die schien es hier nicht zu geben, und für Insekten war es noch zu früh am Tage. Auf einer Araukarie fand es ein Plätzchen zum Ruhen. Hier wollte es ein wenig schlafen. Es kauerte sich zusammen.
Lange mochte Homchen nicht geschlafen haben, da erwachte es, weil ihm sein Fellchen so warm wurde. Es riß die Äuglein auf, aber es mußte sie sogleich wieder schließen. Die helle Sonne schien ihm gerade auf den Kopf.
Es kroch in die Schatten. Wie die Sonne brannte, so grell, so klar! Ganz anders als am Waldrand daheim, wo die Nebel am Flusse im Morgenwind hinjagen. Die Sonne! Merkwürdig. Wie konnte eigentlich die Sonne scheinen? Die Zierschnäbel hatten doch gesagt, die Sonne sei ein Ei, das die rote Schlange in den Tag gelegt habe, und aus dem Ei seien die Echsen gekommen, aus seiner Schale aber wurden das Meer und das Moor und der Schlamm und das helle Ufer. Wenn also die Schale fort war und das Ei, wie konnte dann die Sonne noch am Himmel stehn? Das war doch nicht möglich. Wie konnten nur die Echsen so dumm sein, das zu glauben?
Oder legte vielleicht die rote Schlange jeden Tag ein neues Ei? Wo kämen dann die alten hin? Es entstehen doch nicht jeden Tag neue Meere und Ufer? Und es heißt doch auch nur, sie legt ein Ei, das nannte sie Sonne? Da war nun etwas, worin die Zierschnäbel sicher nicht die Wahrheit sagten. Ob sie das wirklich von der roten Schlange hatten? Und wenn nicht, dann —
Wie ein unvermuteter Schlag durchzuckte es Homchen. Wenn die Zierschnäbel in der einen Lehre sich irrten, konnten sie nicht auch in der andern sich irren? Und wenn das war, so konnte die Lehre gar nicht von der roten Schlange kommen. So sprach die rote Schlange zu ihnen wohl nicht anders, als sie auch zu Homchen gesprochen hatte, das heißt, ein jeder von ihnen glaubte nur, die rote Schlange spräche zu ihm, aber er konnte sich darin irren. Woher sollte er nun wissen, ob es wirklich die rote Schlange war, oder nur eine Täuschung der eignen Brust? War nun die Täuschung nicht vielleicht bei den Zierschnäbeln? Denn was die rote Schlange zu Homchen gesprochen, seinem Glauben nach gesprochen, das paßte doch zu dem, was es alle Tage sah. Die Sonne ging auf, so konnte sie nicht das Ei sein, aus dessen Schale das Meer kam. Die Waldtiere sollten nicht am Tage aus dem Walde gehen, sagten die Echsen; aber Homchen war hinausgegangen, und die rote Schlange hatte ihm doch den Sieg über den Hohlschwanz gegeben. So war es doch wohl keine Täuschung, was ihm die rote Schlange sagte? So würde sie ihm auch das Richtige sagen, was es tun müsse, damit die Echsen unterliegen und die Säuger die Herrschaft gewinnen. Ob der Taguan recht hatte, oder der Igel? Also auf nach Süden, zur roten Schlange!
Homchen sprang aus dem Walde heraus. Niedriges Gebüsch, durch das es sich winden mußte, verdeckte ihm die Aussicht. Eilig schlüpfte es hindurch. Der Boden ward abschüssig.
Aber plötzlich mußte es innehalten. Auf einmal brach das buschige Gelände ab. Steile Felsen senkten sich nieder. Und als Homchen nun vorsichtig am Rande eine vorspringende Stelle zur freien Umschau erreicht hatte, da stutzte es in verwirrter Überraschung.
Das war ja das Meer! Eine weite Meeresbucht, von der man nach Südwesten hin gar kein Ende sehen konnte. Aber ein anderes Meer, als Homchen es kannte. Still und klar, tiefblau schimmernd breitete sich seine Fläche. Dicht unter ihm nur rauschte die Brandung unmittelbar am Fuße der Felsen. Da war kein Sumpf und kein Strand mit ragenden Echsenhälsen. Und wie mild und lau wehte die Luft herüber. Nach Westen zog sich das steile Ufer hin, soweit Homchen zu sehen vermochte. Aber was war das im Süden, ihm gegenüber? Ein ragendes Gebirge stieg drüben, weit drüben aus der Flut, und aus diesem wieder hob sich ein einzelner Gipfel hervor, und dieser Gipfel war weiß, ganz weiß. Homchen starrte auf dieses Wunder, und als es genauer hinblickte, da begann es zu zittern, und ein tiefer Schauer ging durch seinen kleinen Leib. Über dem weißen Gipfel lag eine leichte Wolke, die verwehte im Winde; aber immer neue Wolken stiegen aus dem Gipfel empor und breiteten sich in der Höhe aus und verschwanden langsam — eine weiße Wolke war es — ob es etwa die heiße Wolke war? Wohnte dahinter, vielleicht dort in dem weißen Gipfel, die rote Schlange? War es auf dem richtigen Wege?
Wie sollte es dahin kommen? Gab es einen Weg über das Meer? Und nun spähte es forschend nach links. Da schien das Ufer sich in weitem Bogen nach Süden zu ziehen. Zwar der Felsenrand setzte sich, immer höher aufsteigend, nach Osten fort, aber unter ihm breitete sich eine Ebene aus, und auch hinter ihr stiegen neue Berge empor, die mochten sich wohl allmählich bis zu den Bergen mit dem weißen Gipfel hin erstrecken.
Diese Ebene war mit Wald bedeckt. Aber der sah auch anders aus als der heimische. Hohe Palmen breiteten ihre Fächerkronen aus, und dazwischen schimmerte es nicht einfach grün und grau, sondern roter und weißer Farbenglanz leuchtete, und Homchen wußte nicht, was es davon halten sollte. Doch es mußte gewagt werden. Eilig lief es bis nach der Stelle, wo das Meeresufer sich vom Felsenrande nach Süden hin abwandte und der Wald bis an das Wasser reichte.
Die Felsen hinabzuklettern hatte für Homchen keine Schwierigkeit. Aber nun in den fremdartigen Wald! Was für Feinde konnten dort lauern? Vorsichtig sah Homchen sich um. Da war zunächst etwas, das ihm höchst willkommen war. Hier gab es Ameisen, so viel man nur verzehren wollte. Wuchsen nicht auch Nüsse hier? Da waren ja die wunderbaren Früchte, die von oben so weiß und rot geleuchtet hatten. Aber als Homchen sie näher untersuchte, fand es, daß es nur glänzende, farbige Blätter waren, zu wunderschönen Büscheln zusammengestellt. Da blühten die Magnolien und die Tulpenbäume, das sah prächtig aus, aber es schmeckte nicht. Doch als Homchen eine der langen Schoten des Johannisbrotbaums kostete, das war gut, so etwas Herrliches hatte es noch nie gegessen. Dazu die fetten Emsen! Das gab ein Frühstück, das tröstete. Die rote Schlange mußte ihm doch gnädig sein.
Weit hinten im Walde hörte es Stimmen von Tieren und sah auch merkwürdige Gestalten am Boden und in der Luft umherhuschen. Aber hier, dicht am Meeresufer, wo Homchen sich ein Plätzchen gewählt hatte, zeigte sich kein größeres Tier. Ob sie sich hierher nicht getrauten? Ob doch vielleicht die Echsen am Ufer lauerten? Homchen wagte sich auf einen Ast, der bis über das Wasser reichte, und spähte hinaus.
Das Wasser war hier ganz ruhig und durchsichtig; denn ein Korallenriff, das weiter vorn, bis an die Oberfläche des Wassers reichend, sich vorlagerte, hielt die Bewegung des Meeres ab. Über diesen schmalen Streifen aber konnte Homchen von seinem Baume aus hinüberblicken auf das weite Meer. Und während es dort hinausspähte, hörte es unter sich im Wasser ein leises Gemurmel. Fast wäre es vor Schrecken hinabgestürzt, als es jetzt direkt unter sich blickte. Was es für große, runde, mit Algen bedeckte Steine gehalten hatte, das begann sich langsam zu bewegen.
Eine Kolonie von Rudistenmuscheln hatte sich hier angesiedelt. Mehr als doppelt so lang wie Homchen saßen sie unter dem Wasser wie riesige kegelförmige Kannen fest, die jetzt ihre flachen Deckel nach und nach öffneten. Homchen sah entsetzt auf ein schleimiges Gewirr von Fäden, Bändern und Wülsten, die sich hin und her wanden, daß sich das Wasser zu trüben begann.
Was murmelten die da unten?
»Sind sie da? Sind sie da?« so tönte es.
»Wir spüren nichts, wir spüren nichts,« antworteten andre.
»Gelobt sei der heilige Fisch, der heilige Fisch!« klang es dann von allen zusammen. Es war keine richtige Sprache, es war mehr wie ein Plätschern des Wassers. Aber Homchen verstand es wohl. Natürlich wollte es auch gern wissen, was der Gesang zu bedeuten hatte. Und da es sich auf seinem Sitze sicher fühlte, so rief es hinunter:
»Quih, quih! Was tut ihr dort unten? Wer soll da sein?«
»Wer bist du, der da fragt?« murmelten die Muscheln. »Bist du droben im Licht, so sage uns, was du siehst. Denn wir im Wasser vermögen nichts zu schauen.«
»Ich bin Homchen, der Kala, der die Echsen tötet.«
Das war wohl etwas übertrieben, denn Homchen hatte bis jetzt nur den Hohlschwanz getötet. Aber es dachte, ein wenig Selbstvertrauen kann in der Fremde nicht schaden. Und außerdem wollte es ja noch viele Echsen töten.
»Wenn du die Echsen tötest, so töte auch die große Schlange. Dann wollen wir dich preisen, wie den heiligen Fisch.«
»Was sagt ihr da?« rief Homchen. »Die große Schlange? Und töten? Ich verstehe euch nicht. Wißt ihr denn, wo die rote Schlange wohnt?«
»Jeden Morgen öffnen wir die Schalen, und wenn wir nicht spüren, daß die Schlangen kommen, so preisen wir den heiligen Fisch, der sie vertrieben hat. Sonst schlichen die bösen Seeschlangen sich heran, am schrecklichsten ist der große Python; und wenn wir unsere Klappen öffneten um zu frühstücken, so streckte er seine furchtbare Schnauze dazwischen und saugte uns aus. Nun aber ist es nur selten, daß der Python kommt; darum preisen wir jeden Morgen den heiligen Fisch.«
Die Muscheln murmelten wieder. Aber Homchen konnte sich nun wieder den Kopf zerbrechen. Es gab eine böse große Schlange, die wohnt im Meere? Das konnte wohl die rote Schlange nicht sein? Aber der heilige Fisch, der die große Schlange tötet? Heilig war doch die Schlange, und nun sollte es ein Fisch sein? Was doch die Tiere für seltsame Meinungen hatten. Wer ihnen glauben wollte, was mußte der nicht alles glauben. Und wieder ging es durch Homchen wie damals beim roten Stern, wie damals, als die Zierschnäbel fabelten, als spräche etwas in ihm: Mach auf die Augen und trau dir selbst.
Und es war ein Glück, daß Homchen die Augen aufmachte. Da drüben auf dem Meere bewegte es sich. Bald tauchte ein langer roter Rücken, bald ein Hals mit furchtbarem, von Zähnen starrendem Kopf aus der Flut und näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Das war wirklich eine Schlange, eine schreckliche Schlange, länger als die größte Echse. Rötlich schimmerten ihre Schuppen in der Sonne, wenn sie den großen Bogen beschrieb, mit dem sie sich vorwärts schnellte. Die rote Schlange? Das konnte doch nicht sein. Und der Kopf sah ganz aus wie der einer Echse mit dem furchtbaren Rachen. Das alles ging im Augenblicke durch Homchens Kopf, und der Echsentöter schauerte zusammen und rief:
»Die Schlange kommt!«
Da hörten die Rudisten auf zu murmeln und begannen ihre Schalen zuzuklappen, so schnell das eben gehen wollte. Homchen aber zog sich noch höher hinauf am Baume und lugte unter dichtem Laub versteckt aufs Meer hinaus.
Die Schlange kam furchtbar schnell nahe, hoch aus den Wellen springend, als flöhe sie vor einem geheimen Feinde in der Flut.
Nun war sie ganz deutlich zu sehen. Sie steuerte auf das Korallenriff hin. Und nun hob sie sich hinauf. Da erkannte Homchen, daß es keine Schlange war. Das Tier hatte vier kurze Beine mit Ruderfüßen. Aber es konnte doch damit langsam über das Riff kriechen. Jetzt war sie herüber und glitt in das stille Wasser. Hier mochte sie sich vor ihrem Feinde sicher fühlen.
Es war wirklich der fürchterlichste Feind, der sich für ein im Wasser lebendes Tier erdenken läßt. Ein Hai verfolgte die Seeschlange. Aber was für ein Hai! Wenn er sich ausstreckte, so maß er an Länge nicht viel weniger als der riesige Python selbst. Und wenn er das ungeheuere Maul aufriß, so gähnten Reihen von spitzen Zähnen entgegen, doppelt so lang wie Homchens ganzer Körper. Vor diesem entsetzlichen Raubtier flohen die größten Drachen des Meeres, floh auch die RiesenSeeschlange. Jetzt ringelte sie ihren langen Leib behaglich in der warmen, stillen Bucht umher — —
Da sah Homchen auf einmal diesseits des Riffs einen Gegenstand aus der Flut ragen, der sich rasch näherte. Es war die hohe Rückenflosse des Hais. Es mußte dort weiter draußen einen Durchgang geben, durch den er hinter das Riff gelangen konnte. Nun erkannte Homchen deutlich, daß es ein riesiger Fisch sei, ein Fisch, wie es nie gedacht, daß er leben könne. Aber auch die Schlange hatte ihn bemerkt. Sie eilte aufs Ufer zu. Der Fisch hinter ihr her. Und er war schneller als sie. Gerade in der Richtung, wo Homchen saß, floh die Schlange. Nun bäumte sie sich zum letzten Schwunge, um mit den Vorderfüßen das Ufer zu erreichen. Der Fisch hatte sich auf den Rücken geworfen. Homchen sah seinen weißen Bauch glänzen — nun schnellte er sich mit einem krachenden Schlage seines Schwanzes in die Höhe, und der weit aufgerissene Rachen erfaßte die Schlange in der Mitte — die Zähne schlugen zusammen — in zwei Teile zerschnitten sank der Python ins Wasser zurück — Blut trübte rings das Wasser, darin die zerrissene Schlange sich bäumte, bis Stück auf Stück im Rachen des Hais verschwand — —
Von Grausen erfaßt saß Homchen wie gebannt in seinem Versteck. Aus der größten Nähe hatte es den Kopf des Pythons gesehen. Gewaltiger waren auch die gefährlichsten Echsen nicht. Und diese Riesenschlange zerstückelte, verschluckte der Hai. Nun wußte es, warum es an diesem Ufer keine Echsen gab. Aber es wußte noch etwas. Es gab noch ein stärkeres Tier als die Gewaltigen im Drachenmoor. Wenn der Hai kam — Und in seinem grausigen Schreck durchzuckte es Homchen wie ein erlösendes Gefühl — es ist nicht wahr, daß die Echsen die Herren der Erde sind! Die Zierschnäbel haben wieder nicht recht!
Aber freilich, ist es denn darum besser um die Säuger bestellt? Doch gewiß! Die Fische können ja nicht auf das Land. Aber ob sie in das Moor können, in das flache Wasser der Echsen?
Wehe dann den Echsen! Und ob etwa dann die Echsen auf das Land getrieben werden, gar in den Wald?
Und warum war der große Fisch noch nie ans heimische Gestade gekommen? Schwamm er nur im warmen Meere? Warum war das Meer warm?
Ach, es gab so viel, so viel zu denken.
Und wie weit war die Welt!
Und Homchen schaute mit großen Augen wieder über das Meer.
Der Hai hatte sich entfernt. Ruhig und klar lag wieder die Flut und spiegelte die grünenden, blühenden Zweige der Bäume.
Homchen sprang auf den Boden und wagte sich an den Uferrand. Da lag etwas Schreckliches. Im Todeskampf war der vordere Teil der Schlange bis ans Ufer geschnellt, und das spitzige Gebiß hatte sich in den Wasserpflanzen dort festgezahnt. Soweit der Hai sich dem Ufer hatte nähern können, hatte er den Hals abgerissen und verschlungen. Aber der gewaltige Kopf, doppelt so groß als Homchen, war hängen geblieben. Den mußte Homchen natürlich näher betrachten. Ein geschickter Sprung brachte es auf den Kopf, der senkte sich unter seinem Gewicht ein wenig tiefer zwischen den Blättern und schwankte dort im Wasser auf und ab. Homchen schaukelte sich darauf hin und her, als säße es auf einem jungen Buchenast. Es freute sich, daß ein so grimmiges Geschöpf aus dem Geschlecht der bösen Säugerfeinde unter seinen Füßen lag.
Da vernahm es wieder das Murmeln der Rudisten, jetzt dicht unter sich. Die ungeschlachten Seemuscheln hatten ihre Riesendeckel aufs neue geöffnet. Homchen wußte, daß es von ihnen nichts zu befürchten hatte, und blieb ruhig sitzen. Zu seiner Verwunderung vernahm es den Wassersang der Muscheln.
»Gelobt sei Homchen, der Schlangentöter! Der die Echsen schlug, der tötete die große Schlange des Meeres! Gelobt sei Homchen!«
»Aber ich war es ja gar nicht,« rief Homchen, »der die Schlange tötete. Es war der Fisch —«
Die Rudisten ließen sich nicht stören. Sie murmelten weiter.
»Die Schlange kam, uns warnte Homchen, der kluge Held. Die Schlange kam, wir schlossen die Schalen. Es war Nacht. Wir sehen nicht den Fisch. Wir sahen im Wasser die Zähne der Schlange. Die Schlange ist fort, Homchen hat sie gefressen.«
»Ich die Schlange gefressen? Ihr törichten Muscheln! Wie soll die Schlange in mich hinein, in das kleine Homchen, die Schlange, die hundert Mal so groß ist?«
»Es sieht's die Sonne, es rauschen's die Wasser, Homchen sitzt auf dem Haupte der Schlange. Homchen, der Sieger, er sei gepriesen! Lasset uns singen den Sang von Homchen! Homchen ist groß, ist größer als die Schlange! Homchen ist weise. Es ist klein, es ist groß. Es ist klein bei den Freunden, es ist groß, wenn der Feind kommt. Homchen ist heilig wie der Fisch! Lasset uns singen den Sang des Dankes!«
Homchen schüttelte den Kopf. Aber die Muscheln sangen weiter, und das wollte es doch hören. So blieb es auf seinem Platze sitzen. Es rief nur noch einmal:
»Wenn ihr mir Dank sagen wollt für die Warnung, so sagt mir, wie ich zu der roten Schlange gelange.«
»Die rote Schlange ist tot—«
»Oh, ihr versteht mich nicht. Ich meine, wie komme ich drüben zu dem weißen Berg mit der Wolke?«
»Wir kennen nicht die Tiere des Landes und nicht die Berge. Aber wir kennen den Sang des Wassers.
Das Meer ist mächtiger als das Land. Aus dem Meere kommen die Tiere alle. Aus dem Meere kommen die Echsen. Aber die Fische wurden mächtiger als die Echsen. Da flohen die Echsen vor ihnen ins Moor, und vom Moor flohen sie auf das Land. Und es ward ein Wall um das warme Meer, da hinüber konnten die Fische nicht. Doch es rauscht das Meer und zerbricht das Land, und der heilige Fisch wird schwimmen mit dem warmen Wasser nach dem kalten Lande, und das kalte Meer wird fließen nach dem warmen Lande, und die Echsen werden erfrieren, oder sie werden gefressen vom heiligen Fisch. Und das Kalte wird warm, und das Warme wird kalt. Gepriesen sei Homchen, der Sieger.«
»Das versteh' ich nicht,« sagte Homchen. »Ihr scheint mir eine etwas verworrene Gesellschaft.«
Die Muscheln raunten weiter, es klang jetzt wie eine Klage:
»Das Kleine wird groß und das Große wird klein. Das Meer ist mächtiger als das Land. Aber es kommt die Zeit, da wird das Land mächtiger als das Meer. Wir singen den Sang des Strandes. Einst schwammen wir frei, nun sitzen wir fest. Homchen springt auf dem Lande. Es ist klein, es wird groß. Wir sind groß, wir werden klein. Homchen frißt die Schlange, Homchens Söhne fressen die Muscheln. Und das Land wird herrschen über der Meer, und Homchens Söhne schwimmen über das Meer und töten den heiligen Fisch. Gepriesen sei der Mächtige, der größer wird als der Fisch!«
Da rief Homchen laut: »So sagt mir doch schon, wie komm' ich zum weißen Berge?«
»Geh' hinab am Strande des Meeres, bis an den großen Fluß. Jenseits des Flusses beginnt der Berg, der bis in den Himmel geht.«
»Aber wie soll ich über den Fluß gelangen?«
»Setze dich ans Ufer und singe den Sang des Wassers: ›Das Kalte wird warm, und das Warme kalt.‹ Dann wird die große Schildkröte kommen und dich hinübertragen. Gepriesen sei Homchen, das die Schlange fraß!«
Und die Muscheln fingen wieder an zu singen. Da rief Homchen: »Habt Dank und lebt wohl!« und sprang fort am Ufer des Meeres entlang, nach Süden.
Einen so schönen Berg war Homchen noch nicht entlang gesprungen. Der Schatten der Bäume reichte bis ans Ufer, dort aber war ein schmaler Streifen moosiger Felsen, auf deren weichem Rücken Homchen schnell von Rundung zu Rundung setzen konnte. Zur Rechten lag das weite Meer tiefblau glänzend, nur von dem weißen Streifen der leichten Brandung draußen am Korallenriff durchzogen. Mild wehte die Luft herüber. Zur Linken dehnte sich der dunkle Urwald. Schlinggewächse zogen sich von Baum zu Baum, und bunte, duftende Blätterbüschel, die Homchen nicht kannte, glühten zwischen den Zweigen. Drinnen im Walde hörte wohl Homchen die Stimmen großer Tiere. Es sah auch in der Luft etwas hin und her huschen, das es für Käfer oder Libellen hielt. Aber auf diesem schmalen Streifen zeigte sich kein Tierleben. Es war, als wäre hier ein heiliger Weg, wie für Homchens Pilgerfahrt bereitet. Homchen hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, warum sich kein Tier hier zeigte. Der dumpfe Gesang der Rudisten summte ihm im Kopf; aber auch darüber sann es jetzt nicht nach, es blickte nur auf den Weg und schaute um, ob irgend eine Gefahr drohte. Und dazwischen sah es nach dem weißen Gipfel mit der weißen Wolke, der sich halb rechts von seiner Wegrichtung erhob. Kam er denn näher? Oder sank er fort? Andere Berge vor ihm schoben sich höher und höher empor, und nur noch die äußerste Spitze ragte herüber.
Schon näherte die Sonne sich dem Spiegel des Meeres, da wendete sich der Waldrand nach links und Homchen stand vor einem Meeresarm. Das war wohl die Mündung des Flusses. Hier gönnte es sich Ruhe. Zwischen den vordern Bäumen des Waldes suchte es sich vorsichtig seine Abendmahlzeit. Dann setzte es sich, an einer süßen Frucht knabbernd, auf einen Vorsprung des Ufers, um nach der Schildkröte Ausschau zu halten.
Aber es konnte nichts entdecken. Und als es mit seiner Mahlzeit fertig war, wendete es sich daher am Ufer entlang, das jetzt nach links ging. Es war nicht mehr so bequem zu wandern. Homchen mußte sich auf die Bäume schwingen, deren Wurzeln zum Teil im Wasser standen. Dazu ging die Sonne unter. Homchen sah aber an der Farbe des Wassers, daß hier nicht mehr das blaue Meer wogte. Es war also richtig an den Fluß gekommen, von dem die Muscheln gesprochen hatten. Gelblich wälzten sich seine Fluten und führten Baumstämme und Grasbüschel mit sich herab. Jetzt durfte es nicht weiter am Flusse hinauf, es mußte hinüber.
Der starke Ast eines Baumes streckte sich dicht über dem Wasserspiegel aus. Auf diesem kroch es vorsichtig hinaus. Die letzten dünneren Zweige bogen sich unter seinem Gewicht bis auf das Wasser. Homchen dürstete. Es neigte sich herab und kostete das Wasser. Es war süß, es löschte den Durst.
Erfrischt zog sich Homchen ein Stück auf dem Aste zurück und schaute sich um. Es war dunkel geworden. Weit drüben standen die Bäume des andern Ufers wie ein schwarzer Streifen, nach dem Meere vermochte man nicht mehr hinauszusehen.
Aber über dem schwarzen Streifen, am Nachthimmel, was war das? Rotglühend erhob es sich, ein Feuerstreifen, und breitete sich dann aus, in rosigem Glanze wogend, eine große leuchtende Wolke, in immer neuen Gestalten quoll es nach den Seiten, nach der Höhe, hier rund und voll wie der Rücken des Iguanodon, dort spitzig und scharf wie der Kopf der Echsen, und da lang und gewunden wie — wie eine Schlange — die rote Schlange — so mächtig, so groß, so geheimnisvoll —
Und der dunkle, leis rauschende Fluß, und der einsame schwarze Streifen, und drüber, drüber die rote Schlange — —
Homchen bebte in heiligem Schauer. War sie es doch, die rote Schlange, die nun vor ihm auftauchte? Die große, geheimnisvolle, der die Welt gehorchte? Und ihres Anblicks ward Homchen gewürdigt? Sie selbst ward ihm sichtbar, ihm, das sich nach ihr gesehnt, zu ihr gebetet aus innerstem Herzen? Heilige, rote Schlange, erhöre mich! Weise mir den Weg, der erlöst von der Gewalt, der uns frei macht, die wir dich ehren!
Und kaum wissend, was es tat, summte es den Sang des Meeres: »Das Kalte wird warm und das Warme wird kalt! Und das Große wird klein, und das Kleine wird groß — —«
Da rauschte unten das Wasser, ein breiter Kopf hob sich herauf, und dann eine große, schwarze Schale. Zwei gewaltige Ruderfüße, die fast wie Flügel aussahen, drängten das Wasser zurück. Und von der nassen, spiegelnden Schale glänzte die rote Wolke dunkel schimmernd wider.
Homchen schauderte zurück. Auf dieses wunderbare Panzertier sollte es sich wagen, und hinein in die dunkle Flut?
Da klang es dumpf von unten:
»Bist du Homchen?«
»Ich bin es.«
»So springe!«
Homchen zögerte. Da sprach die Schildkröte noch einmal:
»Springe auf meinen Kopf, so will ich dich tragen. Über meinen Rücken flutet leicht das Wasser, du könntest hinabgespült werden. Aber merke wohl: Wenn du auf meinem Kopfe sitzt, so sprich nicht und frage nicht. Denn nur am Strande dürfen die Tiere des Meeres reden. Fern dem Ufer ist der Laut der Stimmen verboten. Wenn ich aber wieder sage: Springe!, so spring eilend von meinem Kopfe, wohin es sei. Denn dann ziehe ich den Kppf ein und versinke.«
»Aber wohin denn soll ich springen, wenn es mitten im Wasser ist?«
»Ich werde es nicht sagen, bis du in Sicherheit springen kannst, es sei denn, daß du das Gebot verletzt und redest. Denn dann muß ich versinken.«
»Warum aber ist dir das geboten?«
»Frage nicht, was wir nicht wissen. Wir dienen dem Meere in Gehorsam. Die Gebote prüfen den Gehorsam. Wer klug sein will, statt gehorsam, der wird im Meere nicht geduldet. Denn das Meer ist Eins.«
»Sind die Rudisten so klug gewesen, so daß sie jetzt am Strand angewachsen sein müssen?«
»Was sind das für fortwährende Fragen? Die Rudisten sind Narren und Schwätzer. Sie werden klein werden am Lande. Ich aber werde sinken in die Tiefe, und in der Tiefe werden meine Enkel leben für alle Zeiten.«
»Und nie klüger werden als du?«
»Das will ich hoffen. Doch jetzt komm und springe.«
Noch immer zögerte Homchen. Wie durfte es sich dem Meere anvertrauen? Es wollte ja doch klüger werden.
Da blickte es wieder auf die rotschimmernde Wolke. Vor ihm stand der Entschluß: Zur roten Schlange! Und wenn es sein Verderben sein sollte! Und es dachte daran: Die Tiere können irren, glaub' an dich selbst, wage, was du für recht hältst. Und mit einem entschlossenen Sprunge setzte es auf den Kopf der Schildkröte. Da gab es allerlei Hervorragungen, an denen es sich festhalten konnte. Und kaum saß es dort, so begann die Schildkröte zu schwimmen.
Die Fahrt ging langsam. Nur der Kopf der Schildkröte ragte über das Wasser. Da saß Homchen dicht an den Wellen, die bis nahe an seine Füße spielten. Jetzt, ganz zwischen dem Wasser schaukelnd, sah es bald nichts mehr als den Himmel und ein Stück der im Sternenlicht und im Schein der roten Wolke schimmernden Wasserfläche. Noch nie war es auf dem Wasser gewesen. So ganz allein auf der Welt! So verlassen, so gefesselt von der tödlichen Flut, die es verschlang. Und nicht reden dürfen, nicht fragen.
Mitunter tauchte etwas Dunkles in seinem Gesichtskreise auf. Dann hielt die Schildkröte in ihrem Schwimmen inne, bis es vorüber war. Gar zu gern hätte Homchen gefragt, was das sei. Waren es Tiere? Waren es Baumstämme? Aber es zwang sich zur Ruhe. Wenn die Schildkröte versank, war es verloren. Sein einziger Trost war die rote Wolke, zu ihr blickte es andächtig empor.
Und nun stieg unter der roten Wolke — eine Stunde mochte vergangen sein oder zwei, Homchen wußte es nicht — ein dunkler Streifen wieder auf — das andere Ufer. Höher rückte er hinauf, immermehr von der roten Wolke verdeckend. Hoffnungsfroh blickte der kühne Seefahrer hinüber.
Da plötzlich, wie sich die Woge hob, sah Homchen ganz in der Nähe ein schwarzes Ungetüm auftauchen, ein breiter Rücken, zackige Arme oder Füße ragten hervor — auch die Schildkröte hatte es gesehen, sie hielt inne, aber der schwimmende Koloß war schon zu nahe, er rückte gerade auf die Schildkröte zu, die nicht schnell genug wenden konnte. — Es schien Homchen als ob sich einer der zackigen Arme nach ihm ausstreckte, und in seinem Schrecken rief es, alle Gebote vergessend:
»Halt, halt! Was ist das?«
»Springe!« dröhnte es dumpf aus der Schildkröte.
Homchen wußte, im nächsten Augenblick würde die Schildkröte ihren Kopf zwischen ihre Schalen ziehen. Dann war es verloren. Es mußte sogleich springen, sonst hatte es keinen Boden mehr unter sich, um sich den Schwung zu geben. Und was es begriff, das tat es sogleich. Es schwang sich todesmutig in die Höhe, auf das Ungeheuer zu, das jetzt unmittelbar vor ihm schwamm. Es kam auf seinen Rücken und klammerte sich an. Der Rücken war naß und weich. Es konnte seine Krallen tief einschlagen. So verharrte es eine Weile in angstvoller Betäubung.
Die Schildkröte zog ihren Kopf und ihre Füße ein und versank lautlos in die Tiefe.
Homchen mußte sich bald wieder besinnen. Denn das Ungetüm drehte sich langsam unter ihm hin und her, und es mußte auf seinem Rücken hinklettern, um nicht ins Wasser getaucht zu werden. Und nun wurde es wenigstens von einer großen Furcht befreit. Bei dem Hin- und Herkriechen bemerkte es, daß dieses Ungetüm nichts andres war als ein abgestorbener großer Baumstamm mit zackigen Ästen, den der Fluß mit sich führte. Von ihm hatte es nichts zu befürchten.
Aber um so schlimmer war nun die andre Sorge. Wie sollte es an das andere Ufer gelangen? Unaufhaltsam rückte der Stamm flußab. Noch sah es das Ufer nicht weit von seiner Linken, aber der Stamm näherte sich ihm nicht. Und jetzt trat auch das Ufer zurück. Homchen kletterte auf einen der in die Höhe ragende Äste, um Umschau zu halten. Aber nur wenige Augenblicke blieb es in der Höhe. Denn unter seiner Last drehte sich der Ast mit dem ganzen Stamme, und es mußte schnell wieder nach dem Stamme zurück. Doch der Stamm hatte dadurch eine ruhigere Lage angenommen, und nun konnte es wenigstens ein Weilchen in einer Höhlung still sitzen und überlegen.
Oben von der Höhe hatte es gesehen, daß sich vor ihm das Meer unermeßlich ausdehnte. Im Schimmer der roten Wolke und des jetzt aufgehenden Mondes funkelten die Wellen in rotem Golde. Homchen aber schwamm hinaus — verloren — unrettbar — —
Wo hinaus? Wo hatte das Meer ein Ende? Konnte Homchen bis dorthin auf seinem Baumstamm treiben? Aber das war ja nicht möglich — etwas anderes fiel ihm ein — wenn es hinauskam ins Meer, da schwammen die gewaltigen Meerechsen, da lauerte der furchtbare Hai — —
Und nun duckte sich Homchen zusammen in die Höhlung des Stammes und wagte nicht hinauszuschauen — hier saß es zitternd.
Homchen, das den Hohlschwanz tötete, das die Riesenseeschlange gefressen haben sollte — — Nein, nein, daran war es unschuldig, dessen hatte es sich nicht gerühmt, das hatten ihm die Tiere nur angedichtet — Aber wenn es sich nicht des Sieges über den Hohlschwanz gerühmt hätte, dann wäre ihm auch der falsche Ruhm nicht geworden. Hatte es sich nicht überhoben, sich gebläht im Selbstvertrauen? Zürnte ihm darum die rote Schlange? Wage zu denken, glaube an dich selbst! Wenn es nun falsch gedacht hatte, wenn es nun ebenso im Irrtum war wie die andern Tiere? Nein, die Zierschnäbel konnten nicht recht haben, aber vielleicht hatte es selbst auch nicht recht — was hatte es dann getan!
Welch fürchterliche Verantwortung hatte es auf sich geladen, indem es den Zorn der Echsen reizte!
»O meine armen Eltern, meine Brüder im Walde! Erst mußten sie den Schmerz erleiden, daß der Wald mich bannte, daß ich sie nicht sehen darf. Und nun werden die bösen Echsen kommen mit ihrer Riesenkraft, sie werden den Wald niederreißen, sie werden die Säuger alle aus ihren Nestern treiben und sie vernichten. Das Verderben wird hereinbrechen über die Tiere des Waldes durch meine Schuld! Durch meinen Frevel!«
So klagte Homchen in tiefer Reue.
Wenn es von der roten Schlange erfahren hätte, wie die Säuger zu befreien seien, dann wollte es zu ihnen eilen und ihnen die rettende Botschaft bringen. Dann würde man es mit Freuden wieder aufnehmen und den Bann lösen, und die Freunde würden es als Retter preisen. Und nun trieb es hinaus in den Schlund des Meeres, in den Rachen des Hais! Wie sollte es Botschaft senden von der furchtbaren Gefahr, die den Seinigen drohte? Wohl, sie hatten Homchen gebannt, aber trotzdem mußte es sie warnen. Wenn sie nicht anders zu retten waren, so konnten sie doch rechtzeitig flüchten. Aber hier gab es keine Boten.
Vertraue dir selbst — sich selbst, dem kleinen Homchen? Ja, wenn es das getan und nur dabei an sich gedacht hätte, das wäre wohl Überhebung gewesen. Aber so war es ja gar nicht gemeint. Nur der Stimme hatte es geglaubt, die in ihm sprach. Und diese war nicht die eigne Stimme, es war die Stimme der roten Schlange, die Stimme, die nicht aus ihm allein sprach, sondern aus alledem, was mit ihm zusammen war, sein Geschlecht, der Wald, die Säuger rings um ihre Not, die Sonne, die Wärme, die Sehnsucht — —
Aber das Meer? War das Meer feindlich?
Was hatte die Schildkröte gesagt? Das Meer will Gehorsam, das Meer ist Eines. Es will nicht Klugheit, es will Gehorsam.
Aber das Land? Das Land war Vieles. Wem sollte man gehorchen? Schwebte nicht die rote Schlange über dem Lande? Und dann — ja, das war's! Das war's. Das Land war Vieles, und nur dem Einen konnte man gehorchen, und so mußte das Land Eines werden. Das Viele zum Einen machen! Das ist es, was wir müssen. Alles zusammenfassen, zusammenpassen. Das aber ist Denken, das ist klug sein! Klug sein müssen wir, damit wir wissen, wem wir gehorchen, damit wir Eines werden, wir alle am Lande, die uns widerstreben. Eines muß sein, in uns, das wir suchen sollen, und der Weg es zu suchen, das ist unser Nachdenken, und indem wir es alle suchen, sind wir Eines, und dieses Eine ist das Gesetz der roten Schlange.
Und wodurch allein kann das Eine in mir offenbar werden? Indem ich selbst in dem Einen bin, erkenn' ich's in mir selbst. Ich überhebe mich nicht, ich erkenne nur in mir selbst, was in allen ist, und in mir kann ich's erkennen. Dem will ich treu sein. Ein jeder in sich, aber für alle. Was in mir spricht, daß ich's versteh' und glaube, das muß es sein, was die rote Schlange in mir will. Das will sie mir sagen.
Und wenn ich so denken mußte, wie ich tat, daß ich den Hohlschwanz schlug, daß ich gebannt wurde, daß ich die Echsen belauschte, daß ich den Weg fand zur roten Schlange, so war's, damit ich das Eine fände, dem wir gehorchen sollen. Und wenn die Schildkröte mich verließ und der Baumstamm mich ins Meer führt und der Hai mich verschlingt und die Meinen vernichtet werden, so wird es doch der rechte Weg sein, damit das Eine werde. Vertraue dir selbst, und wenn das kleine Homchen vergeht, so wird das große Eine dadurch gefunden; und dann wird sich's zeigen, was gut ist.
Ganz groß waren Homchens Augen geworden; es sah nichts um sich her, es wußte nichts vom rauschenden Wasser, das den Baumstamm stärker und stärker schaukelte. Es war nicht mehr Homchen. In ihm lallte die Stimme des Ewigen, die Stimme, die in nachkommenden Geschlechtern sprechen sollte, bis sie einst das Wort finden würden für das, was Homchen jetzt nur das Eine nannte, was als die rote Schlange ihm auf dem Wege zu geahntem Ziele leuchtete.
Aus den schimmernden Sternen strahlte es, es rauschte aus dem wogenden Meere, es dampfte im Glutstrom des Vulkans und es bebte im arbeitenden Hirn des kleinen Ahnen der Menschheit, noch eine Zauberformel, aber wirkend im Seelendunkel — die Idee!
Nun spritzte Wasser in Homchens Höhlung, und es fuhr empor aus seiner Entzückung, aber es ängstigte sich nicht mehr. Es kletterte am Aste empor, wie sehr der auch schwankte. Und, o Himmel, was sah es da? Der Baumstamm trieb rückwärts, vom Meere fort. Nahe vor ihm lag das waldige Ufer, die rote Wolke schwebte jetzt zu seiner Rechten.
Die Flut war gekommen.
Immer näher rückte das Ufer. Schnell war die Strömung; wenn der Stamm so fortschoß, so warf ihn die Woge gegen den Strand und Homchen mochte zerschellt werden. Aber Homchen war wieder voll Mut. Es kletterte und sprang kühn von Ast zu Ast, wie es das Gleichgewicht des treibenden Stammes erforderte, und nun, nun paßte es den Augenblick ab — auf dem ragenden Ast kauernd ward es in den weißen Schaum hinausgetrieben, der am Ufer aufspritzte, da schnellte es sich kräftig hinaus gegen den hohen Baum der jetzt ganz im Wasser stand und einen Ast weit hervorstreckte, und seine Krallen faßten den Ast, — da saß es, zitternd von Anstrengung und Freude — es war gerettet.
Und nun schnell weiter hinauf in den Wald, so müde es auch war. Von Ast zu Ast durch die Bäume, unbekümmert um die Stimmen der Tiere, bis der Wald lichter wurde. Da verkroch es sich in ein leeres Astloch, gerade als die erste Dämmerung sich verriet, und entschlief.
Als Homchen erwachte, war es lichter, warmer Tag. Es suchte sich eilends ein Frühstück und sprang dann hinauf durch den Wald, dessen Bäume immer weiter auseinander rückten. Steil stieg der Berg in die Höhe. Und nun kam ein kahles Trümmerfeld. Von dem weißen Berge konnte Homchen nichts sehen, nur eine schwache weiße Wolke hoch oben verriet ihm die Stelle. Und in dieser Richtung kletterte es unermüdlich bergan. Jetzt ging es wieder über Grashügel.
Es war aber seltsam. Wenn es daheim die Grashügel hinaufsprang, so dauerte es nicht lange und der Hügel senkte sich wieder herab. Auch hier kam wohl einmal eine kurze Senkung, dann aber ging's immer wieder hinauf und weiter hinauf, und kürzer wurde das Gras und heißer schien die Sonne. Die brannte auf das Fellchen. Hin und wieder kam noch ein dürftiger Waldstreifen, da erholte sich Homchen im Schatten. Nun schaute es wieder vor sich einen weiten, weiten Abhang, der schien gar kein Ende zu haben. Aber an dem Abhang rannen kleine Wässerchen herab, und da sah es noch etwas Seltsames, das war ihm noch nicht vorgekommen. Waren das Käfer die dort saßen? Doch sie saßen so still. Und Homchen sprang näher hinzu.
Da waren kleine blaue Sternchen, die hatten in der Mitte ein schönes gelbes Auge, mit dem sahen sie Homchen verwundert an und wiegten sich hin und her, aber flogen nicht fort. Und Homchen sah jetzt, daß sie an Stielen saßen, die am Boden wurzelten, gerade wie das Gras, und daß sie sich hin und her wiegten; das machte der Wind. Hatte das Gras hier Augen? Und da waren andere, die glänzten rosig und rot und wehten wie mit feinen Bärten.
Und wieder andere, weiße, die hatten gar ein Pelzchen über ihre Blätter gezogen, damit sie nicht froren. Denn kalt war's freilich hier an den Stellen hinter den Felsblöcken, wo die Sonne gerade nicht hinschien.
Vorsichtig schlüpfte Homchen weiter bergan, denn es wollte die Augen der Wiese nicht zertreten. Und zwischen den Augen summte es leise; das waren aber nicht Käfer oder Fliegen, wie Homchen sie gut kannte; wenn sie auch ähnlich aussahen, so waren sie doch feiner. Die schwebten um die Augen, und in manche krochen sie sogar hinein, und dann kamen sie heraus und ihre Beinchen waren mit gelbem Staub bedeckt; so flogen sie wieder in ein anderes Auge, das nickte ihnen freundlich zu, als wollte es sagen: Komm nur, komm zu mir!
Was war das aber da drüben? Da hatten sich ja die Augen von den Stielen gelöst und flatterten frei in der Luft umher! Und wie schön und groß waren die fliegenden Augen — gelb und blau und rot mit zierlichen schwarzen Zeichnungen, noch schöner schillernd als die glänzenden Panzer der kleinen Echsen —
Im Uferschatten kauerte Homchen sich nieder und trank von dem klaren, kalten Wasser. Und dann fragte es leise:
»Wer seid ihr denn, ihr schönen Augen, was tut ihr hier?«
Die Augen antworteten nicht. Sie blickten nur immer empor nach der goldenen Sonne und nickten leicht, und Homchen verstand wohl, das hieß: Wir sind zufrieden.
Aber die Boten, die zwischen den Wiesenaugen flogen, summten um Homchen und sangen vernehmlich:
»Wir summen und saugen
An Blumenaugen,
Wir suchen den Honig, den süßen Raub.
Wir holen und bringen
Auf duftenden Schwingen
Von Blüte zu Blüte den segnenden Staub.«
Und eine große, dicke Hummel, die auch ein Pelzchen anhatte und gelbe Höschen von Blütenstaub, setzte sich gerade vor Homchen hin und sagte behaglich:
»Wo kommst du denn her, du großes Pelztier, daß du uns nicht kennst? Weißt du nicht, was die Blumen sind? Wie groß müssen die bei euch sein, wenn so ein Riese, wie du, hineinkriechen soll?«
»Blütenstaub, den kenn' ich wohl, von den Weidenkätzchen fliegt er im Winde. Aber die lieben, kleinen, bunten Blumen hab' ich noch nicht gesehn. Was tun die hier?«
»Honig tragen sie, der uns gut schmeckt. Und damit wir immer Honig haben und immer leichter die süße Pforte finden, so tragen wir ihnen zu Gefallen den Blütenstaub von einer zur andern, denn dann werden sie immer schöner und bunter, die Blumen.«
»Und was tun sie selbst, die Blumen?«
»Schön sein und süß sein.«
»Und weiter nichts?«
»Ist das nicht genug? In die goldene Sonne schauen sie, da werden sie schön und süß.«
»Und die Blumen, die dort herumfliegen, das sind doch die schönsten. Die haben wohl den süßesten Honig?
»Die? O du törichtes Pelzriesentier! Das sind ja Schmetterlinge, die gehen uns nichts an. Das sind Nichtstuer.«
»Das sind keine Blumen? Aber was seid denn ihr?«
»Vergnügt und fleißig.«
»Und die Schmetterlinge?«
»Vergnügt und verliebt.«
»Da habt ihr hier keine Sorgen? Fürchtet ihr euch nicht vor den Echsen?«
»Echsen? Was ist das?«
»Ihr kennt die Echsen nicht? Oh, so könnt ihr freilich vergnügt sein. Das sind die bösesten Tiere und die stärksten. Aber —«
»Was ist böse?«
»Das weißt du nicht? Böse ist, wer gegen das Gesetz handelt von Meer und Moor, von Wald und Berg, von Echsen und Säugern, das die rote Schlange gegeben hat.«
»Das versteh' ich nicht. Was ist Gesetz? Wer ist die rote Schlange?«
»Du kennst die rote Schlange nicht? Du weißt nicht, was böse ist? Und doch lebt ihr, und seid froh und vergnügt, und eßt süßen Honig, und fürchtet nichts, und alles ist schön um euch, und tausend Wiesenaugen lachen euch an? Das versteh' ich nicht. So denkt ihr wohl auch nicht nach?«
»Ich glaube nicht, denn ich weiß wenigstens nicht, was das ist. Wenn die Sonne scheint, so blühen und duften die Blumen, und der Honig fließt, und die Immen summen. Und wenn sie nicht scheint, so sitzt man im Dunkeln und schläft, da fühlt man nichts, da weiß man nichts. Man ist froh, oder man ist überhaupt nicht. Was soll es da noch weiter geben? Aber jetzt scheint die Sonne, da muß ich summen. Ade, ade, ade!«
Die Hummel flog fort. Die Blumen dufteten und leuchteten, und Frieden lag über den Höhen im klaren Sonnenschein, und der Wind wehte sanft um die summende, flatternde Welt. Homchen blieb still sitzen, es wußte nicht, was es denken sollte. Und während es so vor sich auf den Boden starrte, sah es etwas Längliches, Braunes daliegen, als ob's irgend eine Frucht sei. Aber auf einmal schien es sich zu bewegen. An dem einen Ende zeigte sich eine Öffnung, und es kam etwas herausgekrochen, ein kleines längliches Tier. Das blieb eine Weile still sitzen. Dann rollte sich ihm an den Seiten etwas auseinander, zwei bunte, schimmernde Flügel, die breiteten sich aus. Und nicht lange dauerte es, da bewegte es die Flügel hin und her, und auf einmal flog es in die Luft als ein leuchtender Schmetterling und setzte sich oben auf einen Felsblock in die strahlende Sonne.
Es war Homchen, als müßte es dem Schmetterling noch länger zusehen, und so kletterte es auch auf den Felsen. Aber als es hinauf kam, war der Schmetterling schon fortgeflogen. Nun sah es jedoch, daß hinter dem Felsen wieder andre Felsen aufstiegen, und daß es hier viel schneller in die Höhe käme, als wenn es auf der Wiese fortliefe. Und so kletterte es immer weiter und wußte kaum, was es tat. Es war in ihm wie ein leises Klingen, das es noch nie vernommen. Es hatte den Wald vergessen und das Moor, es wußte nichts mehr von rasselnden Drachen und vom grausigen Hai und nichts von den Reden der Zierschnäbel und von den klugen Gedanken des Igels. Und auf einmal merkte es, daß es hier nicht weiter in die Höhe ging. Da blickte es sich um.
Es erschrak. Es war ihm, als wenn es herabstürzen müßte, und es klammerte sich fest. Und doch hatte es keine Furcht. War denn das die Welt, was es da sah? Und war es denn ganz allein in der Welt? Da war kein Gras und keine Blume mehr, keine Imme und kein Tier, und kein Laut ringsum. Aber unter ihm, tief unten lagen grüne Wiesen und dunkle Wälder und dahinter der Himmel — alles Himmel — nein, das war das Meer und der Himmel, die zusammenflossen in eine kristallene Wölbung.
Es drehte sich weiter zur Seite — da blendete ein Glanz seine Augen, daß sie sich eng zusammenzogen, und dann kam es über Homchen, als wollte über ihm der Himmel einstürzen, und es duckte sich, und es schien ihm, als wäre es ganz, ganz klein wie eine Emse, und wuchs doch wieder, als wäre es ganz, ganz riesengroß wie der Himmel, und die Sonne war sein Auge, mit dem strahlte es über die Welt — — Und so klein und groß, ein Nichts und ein All, bebte es in einem Schauer, den es nicht verstand.
Vor ihm senkte sich ein Absturz, dann aber türmten sich neue Berge, und darüber, jetzt ganz nahe, stieg es immer höher und höher, bis man kaum glauben mochte, daß dort noch etwas sein könne, in glänzender Weiße in die blaue Luft. Und daraus strömte hoch oben eine graue Säule und darüber breitete sich die weiße Wolke —
In seliger Angst drückte sich Homchen zwischen die Steine — es wagte nicht aufzuschauen und mußte doch wieder den Blick bewundernd erheben zu dem, was es nicht begriff — —
Es war bei der roten Schlange.
Und das Große wird klein und das Kleine wird groß! Ja, nun wußte es, wie das ist. Vor der Wohnung der roten Schlange saß es, wie klein war es da! So verschwindend, so ohnmächtig. Wohin war der Mut, mit dem es den Hohlschwanz schlug? Die Säuger wollte es von der Herrschaft der Echsen erlösen. Verstehen wollt' es den Weg, den die rote Schlange allein kennt, den Weg, wie man klug wird und mächtig über die Welt. Und diese Welt war so groß, so riesengroß — hier sah es zum ersten Male, wie groß sie war — und Homchen war so klein.
Aber war es denn nicht seine Welt? War es nicht durch die Wälder gesprungen, durch Fluß und Meer geschwommen, über die Wiesen gerannt, über die Felsen geklettert, und leuchtete nicht ihm das weiße Riesendach der roten Schlange hernieder, strahlte nicht ihm das weite Meer entgegen, sprach nicht in ihm mit dem Wallen der weißen Wolke die rote Schlange selbst? Saß es nicht hier durch die Kraft seines Willens, hoch über Meer und Land, über Pflanzen und Tieren, einsam auf ragendem Fels? Stiegen nicht seine Taten in ihm auf als das Eine, das ihm gemeinsam war mit dem übergroßen, gewaltigen Willen der roten Schlange? Wohl war es klein gegen die rote Schlange, aber ihre Größe gehörte ihm zu, sie war auch in ihm, dem Kleinen, und so war es groß und mächtig.
Aber wie kam es nur, so nahe der roten Schlange blühten die schönen Blumen, summten die heitern Immen, und wußten doch nichts von ihr? Kannten sie nicht? Und waren glücklich und froh. Und Homchen, das sie kannte, das zu ihr betete, schwankte so oft in Zweifeln, lebte zwischen Freude und Not, zwischen Hoffnung und Furcht. Sie dachten nicht, so fürchteten sie nichts. War es nicht ein Glück, nichts zu denken?
»O rote Schlange, bist du's, die hinter der heißen Wolke wohnt, so gieb mir ein Zeichen!«
Homchen spähte und lauschte angstvoll.
Nichts rührte sich.
»Ich bin wohl noch nicht würdig,« seufzte Homchen, »dich zu sehen. Aber doch weiß ich's, du bist in mir, du zeigst mir meinen Weg.«
Da dröhnte es dumpf — Homchen schrak zusammen. War das Donner? Nein, es klang aus der Erde. Es dröhnte wieder — und nun — was war das? Nun stürzte Homchen wirklich hinab? Es erhielt einen Stoß, daß es sich an den Stein klammerte. Aber die Steine wankten selbst, der ganze Berg zitterte, und Steine und Felsblöeke lösten sich und rollten zu Tale. Nur einen kurzen Augenblick dauerte die Erschütterung. Dann war's wieder still. Ein Glück, daß Homchen hier oben saß, hier konnte wenigstens kein Stein es treffen; der Boden unter ihm hatte wohl geschwankt, aber er war fest geblieben.
Leicht mögt ihr vertrauen, die ihr am breiten, sonnigen Grashang wohnt und Honig schlürft am klaren Tag und die Echsen nicht kennt und ruhig schlaft, wenn die Sonne vergeht, um wieder zu wachen, wenn sie wärmt; wohl mögt ihr vertrauen im festgesponnenen Hause, die ihr mit den bunten Falterflügeln ausschlüpft zum schimmernden Sonnenreigen.
Auch wir müssen vertrauen, die wir zur Höhe klettern, denen die rote Schlange die Sehnsucht gab nach dem andern, das noch nicht ist; auch wir vertrauen, daß sie uns den Weg zeigt. Aber sie gab uns noch mehr. Sie gab uns die Feinde, die im Moore lauern, und sie gab uns den Mut und den raschen Sprung und die scharfen Zähne, daß wir uns wehren. Und wenn wir ruhen wollen in Muße und Trägheit, so gab es uns die Gefahr, daß wir wach werden und klug; gab uns Verstand, daß wir die Welt umfassen, damit wir helfen, daß das komme, was noch nicht ist. Und wenn wir's errangen, zu sitzen auf der Höhe vor ihrer Wohnung und anzubeten ihre Herrlichkeit, so schüttert sie die Berge zu unsern Füßen, daß wir nicht müßig werden vor ihrer Große.
So dachte Homchen, als der Erdstoß vorüber war, und kletterte die Abhänge hinab und an der andern Seite wieder hinauf und immer weiter an glatten Felsen hin, über die es nur selten hinweg zu klimmen vermochte, über Steine, die ihm die Füße wund stießen. Und dann stand es an einer hohen, weißen Mauer, die oben überhing, so daß es nicht hinüberkonnte. Und wieder lief es an ihr entlang, bis dahin, wo sich ein Felsband hinzog, an dem der weiße Sand sich flach anschmiegte.
Und nun wollte es hinan auf die Höhe zur heißen Wolke.
Aber als es in den weißen Sand hineinsprang, da sank es tief hinein, daß es kaum mit dem Köpfchen hervorragte. Und es wühlte, und arbeitete darin mit den Füßen, aber es konnte keinen Grund fassen und kam nicht weiter. Ach, wie kalt war der Sand! Trotz seines warmen Pelzchens fühlte es, wie die Kälte immer tiefer drang. Und wie merkwürdig! Dort, wo Homchen ruhte, da wurde der Sand naß, ganz naß und schwer, und da fror es erst recht. Solch einen Sand hatte es noch nicht gesehen.
Hier konnte es nicht weiter. Es arbeitete sich rückwärts, und das ging leichter, denn es rutschte von selbst hinab. Und nun saß es wieder auf den Steinen.
Hinauf konnte es nicht, aber hier konnte es auch nicht bleiben. Es mußte bald daran denken, sich Nahrung zu suchen. So schlich es mühsam weiter und klomm endlich einen Steinhügel hinan um Umschau zu halten, was es weiter beginnen könne. Jetzt war es oben.
Aber was war denn das, was es da unten sah?
Ein breiter Talkessel. Der steile Geröllabhang ging bald in eine hier und da mit Graswuchs bedeckte Senkung über, weiter unten aber am Talboden wuchs nichts. Gelblich glitzerte es in Flecken und Streifen. Dazwischen zogen sich seltsame Spalten hin. Und an einigen Stellen stiegen aus diesen Spalten kleine weiße Wölkchen auf.
Ging das hier zur heißen Wolke?
Homchen spürte mit der Nase in die Luft. Es lag darin wie ein unangenehmer, beizender Geruch. Und wenn es sich dicht auf den Boden legte, so fühlte es, daß es wie ein leises, unaufhörliches Zittern durch die Erde ging.
Ob es sich hier hinab getraute?
Schon wollte es nach einem der Grasflecken hinabsteigen, da sah es, daß sich dort in der Nähe etwas bewegte. Ein langes, rotbraun schimmerndes Tier mit einer schleimigen Haut wand sich zwischen den Steinen hin. Jetzt begann Homchen in Furcht zu zittern. Hatte man doch gesagt, hinter der heißen Wolke wohnt die rote Schlange. Und das war wirklich eine Schlange. Und diesmal sprach nichts zu Homchen, war hier das ersehnte Ziel? Nahte ihm die rote Schlange? Oder war hier eine Gefahr? Sollte es fliehen? Die Schlange war noch fern. Es war wohl noch Zeit zur Flucht. Aber wenn es doch die rote Schlange war?
Während es so zögerte, vernahm es plötzlich ein donnerndes Getöse hinter sich. Und als es zu dem weißen Berge erschrocken hinüberblickte, sah es, daß dort eine hohe Wolke des weißen Sandes aufwirbelte und ein breiter Strom dieses Sandes den Berg herabstürzte. Immer gewaltiger wuchs die gleitende Masse an, und nun erreichte sie das Ende des weißen Abhangs und stürzte über das steile Felsenband herab, über das Homchen gekommen war. Mit Donnerkrachen sauste sie über die Steine, nach allen Seiten stäubten die weißen Massen empor, und als die Staubwolke sich gelegt hatte, sah Homchen, daß die ganze Rückseite des Hügels jetzt von der herabgestürzten Masse bedeckt war. Dort konnte es nicht mehr hinüber, es wußte ja, daß es durch den kalten Sand nicht hindurchzudringen vermochte. Der Rückweg, die Flucht war ihm abgeschnitten. Wollte das die rote Schlange? Was wäre ihm geschehen, wenn der Sturz früher erfolgt wäre, ehe es den emporragenden Hügel gewonnen hatte?
In ratloser Scheu sah es sich nun wieder um, was aus der Schlange geworden sei. Sie war ihm, den Berg herauf kriechend, bedeutend näher gekommen. Mit starren Blicken folgte Homchen ihren Bewegungen, die auf eine der grasbewachsenen Stellen gerichtet waren. Und nun erblickte dort Homchen ein zweites Tier. Es war eine große Kröte mit weit vorstehenden Augen und breitem Maule; sie war nicht viel kleiner als Homchen selbst. Sie saß am Rande des Grasflecks und hatte die Schlange noch gar nicht entdeckt. Wo blickte sie denn hin? Es mußte dort hinter den Steinen noch etwas sein, was Homchen nicht sehen konnte.
Und nun fuhr die Schlange mit geöffnetem Rachen auf die Kröte zu, die jetzt erst die Gefahr bemerkte. Es war zu spät. Schon hatte die Schlange sie an einem Beine gepackt, nun umschlang sie das Tier mit den Windungen ihres Körpers. Homchen stieß einen Schrei des Schreckens aus. Das konnte die rote Schlange nicht sein, die sich anschickte, die Riesenkröte langsam zu verschlingen.
Aber da kam erst das Schlimmste. Hinter den Steinen kroch eine zweite Schlange hervor. Sie war es offenbar gewesen, nach der die Kröte hingestarrt hatte. Die merkte nun, daß ihr die Beute entgangen war; aber zugleich hatte sie auch ihrerseits Homchen erspäht, das oben auf den Steinen ängstlich hin und her lief. Es dachte noch an Flucht, aber der Felskamm, der das dampfende Schlangental von dem Lawinenfeld schied, war von breiten, senkrechten Spalten zersetzt, über die Homchen nicht hinweg konnte. Es mußte hier oben bleiben. Und die Schlange kroch den Berg herauf. Sie kam ihm näher und näher.
Da erhob sich wieder ein tiefes Rollen, diesmal aus der Erde, und der Berg schwankte wieder unter Homchens Füßen, einzelne Steine lösten sich und sprangen in schnellen Sätzen, auf den Boden aufschlagend, den Berg hinab — — Homchen blickte ihnen nach, es sah, wie einer der Steine unten auf die schlingende Schlange traf, wie sie zusammenzuckte, ein zweiter Stein folgte und schmetterte auf den Kopf der Schlange nieder — und sie rührte sich nicht mehr.
Da durchzuckte es Homchen wie ein Blitz. Es tauchte etwas Neues, ganz Neues in seinem Kopfe auf, eine dunkle Vorstellung, daß das noch nie in der Welt gewesen sei, was es jetzt dachte — es wußte eigentlich nicht, was es sei. Es dachte jetzt nur, daß fallende Steine Schlangen zerschmettern, und wie die eine Schlange, so konnten sie auch die andre treffen. Die andre, die schon ganz nahe heran war, die schon den Kopf aufrichtete und den glatten Körper zusammenzog — und es betete nur: Rote Schlange, triff auch diese — —
Und doch schien ihm das wieder unverständlich — Schlange sollte die Schlange treffen — wie sollte das sein — war nicht die rote Schlange in ihm selbst — das wußte es doch jetzt — in ihm selbst — das ging alles blitzschnell durch Homchens Gehirn — da hatte es den nächsten Stein, so groß seine Tatze ihn fassen konnte, emporgehoben und gegen die Schlange geschleudert — Und der Stein traf den Körper der Schlange und verwundete ihn — die Haut war glatt und ohne Schuppen — und die Schlange stutzte und schnappte nach einem scheinbar von hinten kommenden Feinde. Das benutzte das gewandte Homchen; im Mute der Verzweiflung schleuderte es Stein auf Stein nach der überraschten Schlange, bis der eine in ihren geöffneten Rachen flog und die Schlange niederstürzte — —
Und die Erde bebte, der Donner rollte, aus dem Gipfel des Berges brach eine rote Feuersäule, und unten im Tal öffnete sich breit eine Spalte, daraus quoll es feurig rot, eine glühende flüssige Masse, Dämpfe stiegen auf — — Immer dunkler wurde der Himmel, immer heißer stieg es herauf aus dem Tale — War es der Atem der roten Schlange, den sie im Zorn oder im Tode ausstieß beim Zucken der Erde? — Ging die Welt zu Grunde — —?
Homchen hatte die rote Schlange erschlagen — —
Ja es hatte sie erschlagen, eine Welt ging zu Grunde — aber eine neue Welt war erstanden —
Es war etwas geschehen, das noch nie gewesen war — nicht mit den Zähnen, nicht mit den Krallen, nicht mit des eignen Körpers Gliedern war der Feind bezwungen — hingestreckt lag er, besiegt durch den geschleuderten Stein — durch die erste Waffe.
Und über den kleinen Erfinder brach die Rache der zerschmetterten Welt herein — Rache dafür, daß der rohen Kraft ein bisher unbekannter Gegner erstehen sollte — ein siegreicher Gegner im Gedanken.
Vom verdunkelten Himmel zuckten Blitze, ein Aschenregen senkte sich nieder. Unter dem Felsvorsprung geduckt kämpfte Homchen mit der Not des Atems — seine Sinne verwirrten sich —
Was war es, das Glänzende mit dem wehenden Schweif, das an ihm vorüberflog? Was waren das für seltsame, singende Töne? Oder war es nur ein Traum?
Weiter donnerte es vom Berge, heiß wehte es vom Tale — —
Regungslos lag Homchen im Aufruhr der Elemente.
Über die grasbedeckten Hügel nach dem Waldufer des Flusses zu, hüpfte eilig die ganze, zahlreiche Schar der Zierschnäbel, an ihrer Spitze Grappignapp und Kaplawutt. Sie hatten das volle Heer der ihrigen auf ihrer Botenreise zum Iguanodon mitgenommen, denn auf der hügeligen Steppe, auf der sie den Wald im Süden umgehen mußten, war das Jagdgebiet der Hohlschwänze. Zwar waren die Zierschnäbel unverletzlich für alle Tiere, die an die große Schlange glaubten. Aber die Hohlschwänze waren so hartgesottene Bösewichter und jetzt so haßerfüllt gegen die Zierschnäbel, daß diese ihnen nicht trauten. Ihre große Schar anzugreifen konnten die Hohlschwänze nicht wagen, aber an einem kleinen Trupp hätten sie vielleicht Rache genommen, in der Erwartung, daß dann kein Tier von ihrer Untat erfahren hätte. Wenigstens wollte Grappignapp keine Vorsicht außer acht lassen. Aber er hatte keineswegs die Absicht, alle Zierschnäbel mit bis zum Iguanodon zu führen.
Als sie jetzt die Region erreicht hatten, wo das niedere Gebüsch begann, ähnlich demjenigen, darin Homchen vor dem Hohlschwanz sich verborgen hatte, rief Grappignapp seinen Trupp zusammen und befahl ihm, sich hier still zu verhalten und seine Rückkehr oder seine Botschaft zu erwarten. Auf keinen Fall sollten sie sich aus dem Gebüsch herauswagen. Nur Grappignapp und Kaplawutt, jeder von einem vertrauten Gehilfen begleitet, setzten ihre beschwerliche Reise durch das dichte Buschwerk fort, bis sie an den Wald gelangten, der sich zum Flußufer hinabsenkte. Hier hielten sie an und sandten die Gehilfen voran, um den gegenwärtigen Aufenthalt des Iguanodon auszuspähen.
Kaplawutt betrachtete den dichten Urwald. Üppige Moose und Farnkräuter überwucherten am Boden vermorschende Stämme gestürzter Waldriesen; darüber verschränkten Buchen und Eichen ihre Äste. Hin und wieder ragten gewaltige Cedern und Fichten über die Laubbäume hervor. Dunkel war es unter den Bäumen, die Sonne vermochte nicht durch die Zweige zu dringen. Wie eine lebendige Festung schirmte der Wald seine kleinen Bewohner, die in den tausend Schlupfwinkeln unter dem grünen Dache, in den hohlen Stämmen ihr nächtliches Lager führten. Was hatten sie verbrochen, daß ihnen der Untergang geschworen war? Im Dämmer des Waldes glomm eine geheime Kraft, noch unbewußt, eine welterobernde Macht ihres geselligen Lebens, ein Funke des großen Weltlichts — und es hatte sich verraten in einem verfrühten Sprößling eines Geschlechts, dem die Zukunft gehörte. Wehe dem Ersten, dem die Ahnung erwacht, daß es ein eignes Selbst gebe!
»Wir werden die Kraft der Großechse vermissen,« sagte Kaplawutt. »Diesen knorrigen, verschränkten Ästen ist der Iguanodon nicht gewachsen.«
»Das braucht er auch nicht,« erwiderte Grappignapp. »Es giebt noch starke Echsen genug, der Atlanto bricht hindurch. Aber die Großechse mußten wir vor allem los sein. Hätten wir ihr zum Ruhme dieses Sieges verholfen, so wäre sie der Herr der Welt. Gegen ihre Kraft giebt es keinen Widerstand.«
»Die Geister der Nacht warfen sie nieder.«
»Wohl uns, daß es Nacht war. Es ist nicht immer Nacht. Jetzt aber hat das Moor gesehen, daß auch die Großechse sich fürchten kann.«
»Die rote Schlange gab ihre Macht in unsere Hände, damit wir für das Wohl der Tiere sorgen, die nicht für sich denken können.«
»Dafür haben wir eben zu sorgen, daß sie es nicht lernen. Kämen sie einmal dahinter, daß die Nachtgeister uns nicht gehorchen, daß die schönen, goldnen Sterne fern und ruhig am Himmel wandeln, um uns in der Nacht den Weg durch die Steppe zu weisen, damit wir wandern können, wenn keine Echse sich zu rühren wagt, bald wäre es vorbei mit unsrer Macht. Und darum — darum müssen die Waldtiere vertilgt werden.«
»Ich habe den Echsen gesagt,« erwiderte Kaplawutt, »die Waldtiere wollen stark werden, um den Echsen die Herrschaft zu entreißen. Aber im Grunde genommen — warum will die rote Schlange, daß gerade die Echsen herrschen und nicht die Beutler? Sollten wir nicht klug genug sein, auch sie zu lenken, damit der Wille der Schlange herrsche zum Segen der Tiere?«
»So lange sie Beutler bleiben, ja. — Aber wenn — du hast den Echsen klugerweise nicht gesagt, wie die Beutler allein den Sieg erringen könnten.«
»Indem sie denken lernen, natürlich.«
»Ja, und das ist es eben. Die Stärke haben wir nicht zu fürchten, aber das Denken. Vorläufig wissen sie ja selbst noch nicht, worauf es ankommt. Aber Einzelne ahnen es, wie dieser vorwitzige Kala. Er ist ein Prophet. Und wenn die Propheten aufstehen, so ist es Zeit, die ganze Rasse zu vernichten, so lange sie noch nicht reif ist, sie zu verstehen. Nachher ist es zu spät.«
»Ich sollte meinen, wenn die Tiere klug genug würden, unsere Leitung zu entbehren, so wäre auch der Wille der Schlange erfüllt. Doch ich beuge mich deiner Weisheit. Ich kenne nur die Regeln unserer Geheimlehre, ihre Gründe kenne ich nicht.«
»Du bist wert, den höchsten Grad zu erreichen. Wie lautet unsre erste Regel?«
»Wen du beherrschen willst, den erhalte in der Unwissenheit.«
»Und die zweite?«
»Klugheit besiegt die Stärke.«
»Gut. Darum sind wir herausgewachsen aus dem Geschlechte der Echsen und ihre Herren geworden, weil wir klug sind. Nun aber will ich dir sagen, was niemand weiß, wie Klugheit und Stärke entstehen. Wir lehren die Echsen das Gebot, ihr Mark anzuhäufen, damit sie stark werden, an dem einen Ende des Rückens. Aber wir lehren sie das F al sc h e.«
»Wie? Wie dürfen wir das? Kann die Schlange das gebieten? Doch du willst mich nur prüfen. Es ist ja doch wahr, was wir lehren. Werden sie nicht stark? Und diejenigen von uns, bei denen es auch der Fall ist, sind sie nicht besonders stark? Können sie nicht mit ihrem Schwanze schlagen und sich fortschnellen, besser als andere, trotz ihrer Kleinheit?«
»Das ist freilich richtig, daß die Echsen ihre schweren Gliedmaßen so schnell zusammenziehen und ausstrecken können, daß sie mit so furchtbarer Wut auf den Anreiz antworten, daß sie ein Schrecken sind für sich und die Welt, das verdanken sie dieser Markanhäufung am Ende des Rückens. Aber das eben ist das Falsche. Dadurch werden sie die Sklaven dessen, der klug ist. Sie haben den Mittelpunkt ihres Lebens am falschen Ende. Hätten sie diese Anhäufung des Markes am oberen Ende des Rückens, über dem Halse, in ihrem Kopfe, so würden sie klug werden, so würden sie denken können. Dort im Kopf, wo Augen und Ohren sind, da muß alle Macht des Lebens zusammenlaufen, da muß sich vereinigen, was in der Welt vorgeht. Und wenn dort die Fülle des Markes liegt, die Gehirn heißt, so sammelt sich an, was wir erfahren; so bricht der Anreiz, der uns trifft, nicht sogleich los im Sturme der sinnlosen Leidenschaft; so wirkt Vergangenes und Zukünftiges zusammen, daß zur rechten Zeit geschieht, was zum Ziele führt. Und das nennt man D e n k e n . «
Kaplawutt blickte Grappignapp lange bewundernd an. Dann sagte er:
»Ja, weiser Meister, du hast mir das große Geheimnis offenbart. Immer habe ich mich gewundert, warum unter uns Zierschnäbeln diejenigen die Führer sind, deren Köpfe sich höher wölben als die der andern, obwohl sie nicht gerade immer körperlich die stärkeren sind. Nur den Großköpfen kann sich das Geheimnis der roten Schlange enthüllen.«
»Und nun siehst du auch, warum wir nicht dulden dürfen, daß die Säuger ihr Waldleben fortsetzen und sich weiter ausbreiten. Denn in ihnen beginnt diese Wanderung des Markes nach dem Kopfe. Schon haben einzelne ein Gehirn, das lange die Spuren der Dinge bewahrt, wie der Bergsee die raschen Sturzbäche des Himmels; so sparen sie ihre Kraft für den Augenblick des Bedarfs. Und so eint sich in ihnen immer mehr von dem ganzen Leben der Welt, und je mehr sich vereint, um so mehr gleichen sie der roten Schlange, die alle Macht der Welt umfaßt. Von den Beutlern selbst ist das freilich noch nicht zu besorgen. Aber es giebt Fälle, wie bei diesem Kala, der sich rühmt, mehr zu wissen als alle Echsen, Fälle, in denen die Jungen reifer zur Welt kommen. Und wenn ein solches Geschlecht sich heranbildet und alle die Vorteile vererbt, die mit der ganzen Einrichtung des Körpers zusammenhängen, wenn alle diese Vorteile sich steigern, so mag es wohl dahin kommen, daß statt der Beutler eine Gesellschaft von Waldbewohnern ersteht, die durch ihren Verstand der Kraft der Echsen überlegen ist, und die —«
»Die den Zierschnäbeln nicht mehr glaubt,« sagte Kaplawutt.
»So ist es.«
»Aber wenn sie uns nicht mehr brauchen —«
»Sie sollen uns brauchen, es ist der Wille der Schlange.«
»Ich beuge mich.«
Lange schwieg Kaplawutt nachdenklich. Dann begann er wieder:
»Ich sollte doch meinen, in der langen Zeit, die dazu nötig ist, daß die Säuger klug werden, würden vielleicht auch die Zierschnäbel noch klüger werden und doch die Säuger zu lenken wissen.«
Grappignapp antwortete nicht sogleich. Dann sprach er leise und geheimnisvoll:
»Zahllos sind die Arten der Tiere und werden es sein in aller Zukunft, die auf der Erde leben. Da wird es immer viele, sehr viele, die allermeisten geben, die der Zierschnäbel bedürfen, und immer Zierschnäbel, die sie in Klugheit beherrschen. Aber es gilt eine Grenze der Klugheit, die durch höhere Klugheit beherrscht werden kann, und über welcher das Herrschen aufhört. Es giebt eine Stufe der Weisheit, und die sie erreicht haben, sind einander gleich. Die wahren Weisen leben miteinander, aber sie beherrschen einander nicht und lassen sich nicht beherrschen, ein jeder ist Herr seiner selbst und keines andern. Das ist das Geheimnis der roten Schlange. Ein jeder trägt die rote Schlange in sich. Wenn dies Geheimnis der Welt kund wird, dann — —«
»Dann?«
»Es darf niemals kund werden. Du hast den Eid der Geheimlehre geschworen. Und wer dies Geheimnis verrät, der muß sterben!«
»Der muß sterben,« sagte Kaplawutt und biß den Schnabel zusammen. »Es ist ein furchtbares Geheimnis. Hätte ich geahnt —«
»Nun?« unterbrach ihn Grappignapp mit strenger Stimme.
»Ich beuge mich,« sagte Kaplawutt leise.
»Und der Iguanodon?« fragte er dann.
»Auch der muß sterben!« sprach Grappignapp eisig.
Kaplawutt erschrak. »Was sagst du, Meister? Er, unser Anführer im Kampfe mit den Waldtieren? Er, den wir als den Weisesten, den Unfehlbaren erklären? Soll er sterben, weil er das Geheimnis kennt?«
»Er muß sterben, weil er uns zu nahe verwandt ist.«
»Ich verstehe dich nicht, Meister.«
»Es ist auch nicht leicht. Du weißt, daß der Iguanodon und die Zierschnäbel aus dem vornehmsten Drachengeschlecht der Vogelfüßler stammen. So lebt in ihm wie in uns die Anlage zum Denken. Wenn nun das Geschlecht der Iguanodon so klug wird wie wir, sie, die so vielmal größer und stärker sind als wir, wie sollen wir uns gegen sie behaupten? Und dann ist noch etwas zu fürchten. Wenn der Iguanodon klug wird, so wird er vielleicht nicht klug genug; nicht klug genug, das Geheimnis der Herrschaft zu wahren. Dann würde er das Denken der Tiere unterstützen, statt es zu bekämpfen. Wir aber wollen sie in Unwissenheit erhalten.«
»Warum aber hast du ihn dann zum Anführer erwählen lassen? Wir wollen doch siegen. Als Sieger wird er uns erst recht gefährlich, weil übermächtig, sein.«
»Wie aber, wenn er zwar den Sieg für uns erkämpft, jedoch dabei selbst mit seinem Geschlechte zu Grunde geht? Wenn er den Heldentod stirbt? So fällt sein Ruhm auf uns, die ihren nächsten Verwandten zum Besten der Echsen einsetzten. Und was von seinem Geschlechte übrig bleibt, wird dann den Waldtieren auf ewig verfeindet sein, sie werden nie daran denken, zum Frieden zu raten, wie es ohne dies die halbe Klugheit des Iguanodon vielleicht tun könnte. Doch ich sehe unsre Kundschafter zurückkehren. Dies alles wollte ich dir wenigstens andeuten, damit außer mir noch einer ist, der im Falle der Not den Plan der Zierschnäbel bewahre.«
»Meister; wie soll ich das alles fassen? Die Lehre ist zu groß für mich. Ich will die rote Schlange bitten, wenn du in Not kommst, daß sie mich sterben lasse für dich.«
»Bitte, daß sie dir Verstand giebt, und schweige jetzt. Die Diener kommen.«
»Fandet ihr unsern Anführer?« rief Grappignapp den Boten entgegen.
»Wir fanden den mächtigen Iguanodon. Wir sahen ihn von der Weide zurückkehren nach seinem Ruheplatz unter den Farnkräutern am Waldesrand. Wenn ihr durch den Wald hinabsteigt und euch auf den Ast der breiten Buche über seinem Haupte schwingt, so könnt ihr mit ihm reden.«
»Es ist gut, ihr könnt uns führen.«
Ohne Geräusch waren die Zierschnäbel auf den Buchenast gelangt. Denn sie wollten erst beobachten, in welcher Laune sie den Gewaltigen träfen. Da lag er in seiner ganzen Größe unter den Farnen hingestreckt und schlief.
Sie warteten lange, aber da er sich nicht bewegte, so begannen sie zu rufen. Erst leise, dann lauter. Und das wäre ihnen fast schlecht bekommen. Denn plötzlich fuhr der Iguanodon mit seinem riesigen Halse in die Höhe und biß mit dem Schnabel in das Laub über seinem Kopfe; nur durch einen schnellen Seitensprung entgingen die Zierschnäbel dem gefährlichen Angriff.
»Bist du schon wieder da, frecher Beutler, der sich Homchen nennt?« so schrie der Iguanodon in Wut.
»Wir sind es ja, mächtiger Vetter, Grappignapp und Kaplawutt, deine Freunde, die Zierschnäbel,« rief Grappignapp von einem höheren Aste aus. »Wir bedauern, dich in deinem Schlummer gestört zu haben.«
»Ah, ihr seid es, liebe Vettern. Es freut mich. Ich glaubte, der freche Kala wollte mich wieder verhöhnen. Wenn ich ihn treffe, werde ich ihn an meinen Daumen spicken. Übrigens habe ich nicht geschlafen, ich dachte nur nach. Ich denke immer, ich kann es. Doch womit kann ich euch dienen? Redet schnell, denn ihr wißt, ich bin kein Freund von langen Reden. Doch sagt mir zuvor: Warum werfen die Bäume ihr Laub ab? Warum weht der Wind alle Tage kälter? Wie kann man es machen, daß man nicht am Halse friert, wenn man ihn aus dem Moose herausstreckt? Wenn man ihn immer im Moose haben könnte? Darüber denke ich schon lange nach, aber ich habe es noch nicht gefunden. Ihr seid so klug, könnt ihr es mir nicht sagen? Laßt uns zusammen denken, denken, denken!«
Kaplawutt sah seinen Meister verwundert an, doch der sagte:
»Die letzte Frage ist zu schwer, wie sollten wir sie lösen können, wenn du es nicht vermagst? Wie sollte das Moos am Halse wachsen? Aber wir kommen zu dir mit einer Frage. Wir haben vernommen, daß der freche Kala dich zu höhnen gewagt hat. Wir wollen ihn und sein ganzes Geschlecht bestrafen. Willst du uns mit deiner Klugheit dazu verhelfen?«
Und nun entwickelte Grappignapp in längerer Rede den Plan der Zierschnäbel, die Waldtiere zu vertilgen. Der Iguanodon sei als die weiseste der Echsen ausersehen, sie zu führen. Sein Wort solle Befehl sein und gelten wie das Wort der roten Schlange.
Der Iguanodon hatte sich im Anfang der Rede wieder gesetzt und nur seine Daumen von Zeit zu Zeit beifällig hin und her bewegt. Dann erhob er sich allmählich zu seiner ganzen gewaltigen Größe, reckte den Hals hoch empor und watschelte geschmeichelt von einem Fuße auf den andern. Und als der Zierschnabel geendet, begann er alsbald:
»Meine lieben Vettern. Kurz wird meine Antwort sein, denn ich bin kein Freund von langen Reden. Was ihr sagt, habe ich selbst schon alles bedacht, denn ich denke schnell, ich denke viel. Ihr habt klug gehandelt, daß ihr mich wähltet, denn ich bin stark, ich bin weise, ich bin die klügste der Echsen, ich bin mein Ideal. Wißt ihr was das ist? Ihr wißt es nicht, denn ich habe es selbst erfunden. Vernehmt, ich werde euch mein Programm entwickeln. Doch unterbrecht mich nicht, denn ich bin kein Freund von langen Reden.
Wenn ich mir das höchst entwickelte Lebewesen der Erde vorstelle, so muß es auf zwei Beinen gehen, den Köpf hoch tragen und bewegliche Daumen besitzen, nebenbei muß es fein denken können. Es muß außerdem ein reichliches Futter haben, Kräuter von verschiedenem Geschmack, Schilf, Moos und Baumblätter, um darin zu ruhen, wenn es kalt ist. Es muß süßes Wasser haben und einen weiten Weideplatz, wo es von keinem andern Tiere gestört wird. Da muß es gut schlafen und nachsinnen können, und wo es spazieren wandelt, sollen die andern Tiere nicht gehen. Nur wenn es gerade Lust hat, dürfen von Zeit zu Zeit Besucher kommen und ihm sagen, daß es ein sehr kluges, schönes und begabtes Tier sei. Das ist es, was ich ein Ideal nenne.
Wenn ich nun weiter nachdenke, wo ein solches Tier zu finden ist, so sage ich mir, daß von allen Wesen, die ich kenne, der Iguanodon meinem Ideale am nächsten kommt. Und deswegen sage ich, daß ich mein Ideal bin. Nun bin ich, wenn ich ungestört bin und mir gerade nichts weh tut, nicht nur ein sehr wohlwollendes Tier, sondern auch ein glückliches Wesen. Ich kümmere mich nicht um die Welt, ich schließe meine Augen, und lauter grasgrüne und himmelblaue Sommerlichter ziehen an mir vorüber. Darum sage ich mir, wenn alle Tiere so wären wie ich, so wären sie alle glücklich, und keins würde das andere stören. Dazu ist es aber notwendig, daß alle, wenn auch nicht ganz, immerhin annähernd so klug werden wie ich; und das können sie nur erreichen, wenn sie vor allen Dingen kein Fleisch mehr genießen. Ich bitte mich nicht zu unterbrechen, denn ich bin kein Freund von langen Reden. Ihr wollt sagen, die rote Schlange hat geboten, daß der Stärkere den Schwächeren fresse. Aber doch nur, wenn er ihm schmeckt. Nun schmeckt aber meinem Ideal nur die Pflanzennahrung. Also soll man auch nur Pflanzennahrung genießen. Auch habt ihr mir selbst gesagt, daß die Nachtgeister die Großechse niedergeworfen haben, daß dagegen der pflanzenspeisende Atlanto den Wald niederwerfen soll. Mein Programm ist demnach, alle Tiere glücklich zu machen, indem ich sie mir ähnlich mache. Zuerst werden wir dazu den Wald zum größten Teile niederbrechen, damit die Waldtiere Wiesentiere werden müssen. Diejenigen nun, die sich verpflichten, nach meinem Ideal zu leben, sollen geduldet werden, denn sie werden dann niemand stören. Diejenigen aber, die sich dem Ideal widersetzen, ob sie nun Säuger oder Echsen sind, werden wir austilgen. So werden alle Tiere glücklich sein. Widersprecht mir nicht! Denn ihr habt selbst erklärt, aus mir redet die rote Schlange, und mein Wort ist unfehlbar. Eilet jetzt nach dem Drachenmoor und rufet alle Echsen zusammen, sie sollen sogleich heranstürmen und in den Wald eindringen, damit ich den Waldtieren unsern Willen verkündigen kann. Ich habe gesprochen. Ich bin mein Ideal.«
Damit zog sich der Iguanodon in sein Lager zurück.
»Darauf können wir doch nicht eingehen?« flüsterte Kaplawutt.
»Gewiß,« entgegnete Grappignapp. »Nur werden wir dafür sorgen, daß das Programm nicht weiter zur Durchführung kommt, als es uns rätlich scheint. Vorläufig berichten wir nur von der Zustimmung des Iguanodon. Und nun laßt uns eilen.«
Gerüchte schwirrten durch den Urwald, schreckliche Gerüchte. Zuerst waren die Käfer gekommen, die bis an den Rand des Drachenmoors schweiften. Brimm summte herum und hatte viel zu tun, denn alle wollten etwas hören. Unruhig liefen und kletterten die Beutler umher, und Graukopf saß sorgenvoll in seinem Baumloch. Die Echsen zürnten, so hieß es, die Echsen hatten Rache geschworen allen Waldtieren. Sie wollten den Wald niederreißen und die Säuger vertilgen. Und das Schlimmste war, man sagte, die Zierschnäbel hätten es gebilligt.
Des Nachts wurden Versammlungen abgehalten und Rat gepflogen, aber niemand wußte, was zu tun sei. Die Jungen freilich meinten, wenn nur Homchen hier wäre, der würde uns schon sagen, wie wir uns der Echsen erwehren sollten. Aber in der Ratsversammlung wurden sie nicht gehört. Dort beriet man nur, wie man die Echsen um Gnade bitten könne.
Homchens Eltern, Knappo und Mea, ließen sich gar nicht mehr sehen. Niemand von den älteren Beutlern kam in die Nähe ihres Baumes, denn sie galten als mitschuldig am drohenden Verderben. Wurde doch alles Unheil auf Homchens Freveltat zurückgeführt, der den Hohlschwanz getötet hatte. Und die Hohlschwänze, hieß es, sollten Tag und Nacht auf der Halde lauern. Nur die Jungen besuchten Knappo und Mea und trösteten sie. Man hatte gehört, Homchen sei nach Süden gewandert, um die rote Schlange zu suchen. Vielleicht brachte er von dort Gnade und Rettung zurück. Und merkwürdiger Weise waren auch der Igel und der Taguan verschwunden. Aber vom Taguan schwirrten die Insekten, er sei ebenfalls nach Süden geflogen, um Homchen aufzusuchen.
Als aber Tag auf Tag verging, ohne daß die Echsen etwas von sich hören ließen, da wurden die Beutler wieder ruhiger. Die Blätter der Buchen färbten sich und rauschten leise herab, kalt und naß war der Nebel. Man zog sich zurück und pflegte sein Winterpelzchen.
Es war ein grauer, unheimlicher Tag, die Sonne wollte gar nicht durch die Wolken dringen. Da konnten die Nachttiere nicht recht schlafen, denn es kam ihnen vor, als wäre noch immer Dämmerung. Und manche von ihnen schweiften weiter umher als gewöhnlich und kamen bis an den Fluß dort oben, wo er schmäler wird. Da sahen sie etwas sitzen, jenseits des Flusses, was sie noch nie gesehen hatten. War das ein Flugbeutler, wie der Taguan, war es eine Echse, war es ganz etwas anderes? Ein Zierschnabel? Nein, nur der Kopf sah so aus, sonst aber hatte es ein buntes, lichtes Gewand an und einen weichen, im Winde wehenden Schweif. Und das Tier sang mit lauter, heller Stimme:
»Gelobt sei Homchen, der die große Schlange getötet! Gelobt sei Homchen, der die Schlange fraß. Gepriesen sei Homchen, der Sieger.
Und das Warme wird kalt, und das Kalte wird warm. Und das Kleine wird groß und das Große wird klein! Gepriesen sei Homchen, der Sieger.«
»Was sagt es? Wer ist das?« riefen die Beutler ängstlich untereinander. Und das Tier hob wieder an:
»Die Muscheln sangen's im warmen Meer. Ich fliege umher, ich fliege umher! Ich bin der singende Flieger.
Das Große wird klein, der Berg stürzt ein. Das Kleine wird groß, das Meer bricht los. Gepriesen sei Homchen, der Sieger!
Der auf dem Haupte der Schlange saß, der die große, die mächtige Schlange fraß, gelobt sei Homchen, der Sieger!«
Dann breitete das Tier zwei glänzende Schwingen aus und flog davon. Und aus der Ferne hörten die Waldtiere noch den Gesang.
Nun stürzten sie zurück in den Wald, und alle riefen durcheinander, was sie von dem Wundertier gehört. Und der Ruf pflanzte sich fort und schwoll an durch den Wald und eilte den Tieren voraus durchs Moos des Bodens, durch die Nester der Stämme, durch die breiten Luftschaukeln der Äste. Dann ward er leiser und leiser und sank herab zu einem scheuen Flüstern von Ohr zu Ohr: Homchen hat die Schlange getötet! Die große Schlange, die rote Schlange! Die Berge stürzen, das Meer steigt auf, der Wald erfriert, die Welt geht unter! Wehe, wehe, was hat Homchen getan? Und durch den Wald schritt das Entsetzen.
Vor Meas Nest kamen Homchens Freunde und klagten. Da kroch sie hervor und blickte sie an aus großen starren Augen und sprach:
»Wer brachte die Kunde? Wie klang das Wort?«
Und einer der Jungen sagte: »Ich hab' es selbst gehört von dem Tiere, das sich den singenden Flieger nannte, wie es rief: Gelobt sei Homchen, der die Schlange fraß! Gepriesen sei Homchen, der Sieger!«
Da richtete Mea sich auf und sah verächtlich auf die Schar, die sich angesammelt hatte.
»Ihr Toren, ihr Narren!« rief sie. »Gelobt sei Homchen, gepriesen sei der Sieger! Wenn der Fremde so sang, wie könnt ihr meinen, daß Homchen etwas Böses getan habe? Wer sagt euch, daß es die rote Schlange war? Die rote Schlange kann niemand töten, wie könnt ihr solch sinnlosen Frevel reden? Eine falsche große Schlange, ein Feind der roten Schlange wird es gewesen sein; wie würde sonst der Fremde gerufen haben, daß Homchen gepriesen werde?«
Da zerstreuten sich die Jungen und wußten nicht, was sie denken sollten. Und weil sie nicht verstanden, was geschehen sei, so merkten sie sich nur, daß Homchen gepriesen werde. Homchen hatte etwas Großes, etwas Unerhörtes getan! Gelobt sei Homchen, der Sieger!
Die Alten aber hielten nochmals Ratsversammlung ab und wußten ebenso wenig. Nur die Furcht war aufs neue erweckt vor einem drohenden Unheil; ein dunkles Geheimnis lag in der Luft. Was sollte man tun?
Es kam wieder die Ansicht zum Siege, daß man die Echsen um Gnade anflehen müsse. Da machte der weise Graukopf einen Vorschlag, der allen wohlgefiel. Es solle eine Abordnung gesandt werden an den mächtigen, klugen Iguanodon, die sollte ihn bitten, den Frieden von den Echsen auszuwirken. Aber wer sollte sich hinaus wagen? Das war eine schlimme Sache. Es mußte am Tage sein, denn in der Nacht schlief der Gewaltige. Aber am Tage durften die Nachttiere nicht hinaus vor den Wald. Und so stritt man in der Versammlung bis zum Morgenlicht.
Inzwischen saßen Mea und Knappo in ihrem Neste.
»Der Junge bringt noch Elend über den ganzen Wald,« murmelte Knappo, »durch seinen Leichtsinn ward er zur Flucht gezwungen, und nun weiß niemand, was ihm Schreckliches begegnet ist. Aber ich hab' es ja immer gesagt.«
»Ich glaub' es nicht, es kann nichts Schlimmes sein,« wiederholte Mea. »Wie würde sonst das Wundertier seinen Ruhm durch die Welt singen? Glaubst du nicht, daß er vielleicht zurückkehrt? Daß er in der Fremde bereut hat, wieviel Sorgen er uns machte? Daß er lernte, dem Gesetze der roten Schlange sich zu fügen?«
Knappo schwieg. Er fürchtete etwas ganz anderes. Wenn Homchen immer wieder in so fürchterliche Kämpfe sich einließ, mußte er da nicht endlich unterliegen? Und wie mochte es zugehen, daß er so gewaltige Echsen hatte besiegen können? Aber er wollte Mea nicht noch mehr ängstigen. Plötzlich zuckten sie beide zusammen. Draußen zwischen den Baumästen hörten sie etwas rauschen. Knappo lauschte hinaus. Da saß ein Tier vor der Höhlung, das sah sich nach allen Seiten um. Und nun erhob es seine Stimme:
»Hik! Hik! Ist hier die Wohnung von Homchen, der die Schlange tötete?«
»Was ist das?« fragte Mea leise.
»Ich glaube,« antwortete Knappo, »es ist der dumme Taguan. Soll ich ihn hereinlassen?«
»Er fliegt weit umher, vielleicht weiß er etwas von Homchen.
»Bist du der Taguan?« fragte Knappo nach außen.
»Ich bin's. Bist du Homchens Vater?«
»Ja, aber Homchen ist nicht hier. Wir wissen nicht, wo er ist.«
»So kommt heraus, drinnen kann ich mich nicht aufhängen, und ich bin müde. Ich bin weit umhergeflogen, ich war im Süden und ich habe den singenden Flieger gesprochen. Kommt heraus, ich habe euch etwas zu sagen.«
Knappo und Mea setzten sich auf den Ast vor ihrem Neste, der Taguan hatte sich schon an seinem Schwanze aufgehängt.
»Was weißt du von Homchen?« rief Mea ängstlich. »Ist er gesund?«
»Hört zu,« sagte der Taguan. »Wo Homchen jetzt ist, weiß ich nicht. Er ging noch weiter nach Süden, da hat ihn der singende Flieger gesehen, der eilig aus seinem Tale fliehen mußte. Denn die Erde zitterte, und roter, glühender Schlamm floß in das Tal, wo der Flieger wohnt. Homchen aber saß nahe an dem weißen Berge, über dem die heiße Wolke schwebt, und aus dem Berge kam Feuer und roter Schlamm. Der Flieger eilte vorbei und weiß nicht, was aus Homchen geworden.«
»Quih! Quih!« rief Mea. »Wenn du nichts Besseres weißt!«
»Doch, ich weiß Besseres. Fürchtet nicht für Homchen, denn die rote Schlange beschützt ihn. Der Flieger erzählte mir noch mehr. Da flog ich selbst bis zum warmen Meere, wo die Muscheln wohnen, da hörte ich den Sang des Meeres, da sah ich den Kopf der Schlange, die Homchen getötet hat. Und der Kopf allein war viel größer als das ganze Homchen. Wie konnte Homchen den großen Python töten, vor dem das weite Meer sich fürchtet, wenn ihn nicht die rote Schlange bestimmte, daß er das Wunderbare vermag? Und die Muscheln priesen Homchen und sangen, er sei zwar klein, aber er werde groß. Und es werde alles anders in der Welt. Da blickte ich hinüber zu dem Berge, wo die heiße Wolke wohnen sollte, und erschrak. Denn ganz schwarz schwebte es über dem Berge und Blitze zuckten und Donner rollte. Und noch während ich dort war, rauschte und brauste es furchtbar, und über die Meeresbucht kam ein dunkler Wall, das war Wasser, eine hohe Wand, und stürzte über das Riff und raste auf den Wald zu, und ich floh schnell zurück bis auf die Felswand hinter dem Walde. Von dort sah ich, wie das Meer alles überschwemmte, wo der große Wald war. Aber dort, wo das Riff gewesen, da streckte sich jetzt wüstes Feld von Trümmern und Gestein bis an die Felswand, und als man hinübersehen konnte zum weißen Berge, da war die Hälfte des Berges verschwunden. Und noch immer bebte die Erde. Da flog ich zurück, um euch zu erzählen, wie die Welt einstürzt.«
»Und Homchen,« rief Mea, »was ist da aus Homchen geworden, der am Berge war?«
»Homchen wird wohl nicht auf der Seite des Berges gewesen sein, die einstürzte. Ich sagte schon, sorge nicht um Homchen.«
»Was du auch sagst, ich muß doch sorgen.«
»Und von den Echsen, was hast du gehört?« fragte Knappo.
»Ich vermied das Moor, ich weiß nicht, was sie jetzt tun. Aber das weiß ich, daß sie beschlossen haben, den Wald zu brechen und die Säuger zu tilgen. Der Iguanodon soll ihr Anführer sein.«
»Die Unsern halten Rat draußen. Sie wollen zum Iguanodon; sie wollen um Gnade flehen.«
»Das wird nichts nutzen. Was ist Gnade? So etwas mögen Säuger üben, Echsen wissen nicht, was das ist. Echsen tun, was ihnen gefällt. Ich bin gekommen, um euch zu raten, ich will euch sagen, was ihr tun müßt. Verlaßt den Wald! Zieht alle zusammen hinaus nach Süden zu. Dort giebt es noch größere, schönere Wälder als hier. Da haben die Bäume bunte, duftende Büschel und süße Früchte, so viel ihr wollt. Da braucht ihr nicht mühsam harte Nüsse zu knacken, denn weiches, zartes Fleisch wächst, um die Kerne, und eure Zähne braucht ihr nicht zu wetzen. Und Ameisen wohnen in großen Häusern, das ganze Jahr reifen die Früchte. Denn kein kalter Nebel weht um die Äste, mild und lau ist die Luft; die Sonne scheint warm am Tage, aber unter den dichten Bäumen ist es dunkel und schattig. Dort sollt ihr hinziehen, wo keine Echsen hinkommen. Dort sollt ihr wohnen ohne Furcht und Kampf! Wandert fort von hier!«
»Fort von hier?« sagte Mea nachdenklich. Aber Knappo rief lebhaft:
»O Taguan, wer hätte gedacht, wie weise du raten kannst! Ja, laß uns in den warmen Wald mit den süßen Früchten wandern. Hier können wir doch nicht bleiben. Warum hat niemand daran gedacht?«
Der Taguan schmunzelte. »Sie wissen nichts von der Welt,« sagte er. »Sie sind nicht hinausgekommen über diese Eichen und Buchen und die harzigen Fichten.«
»Ich will zur Versammlung,« rief Knappo, »ich will ihnen sagen, was der Taguan rät.«
»Und ich will dich begleiten,« sagte der Taguan.
Sie brachen auf. Aber als sie an die gewohnte Stelle kamen, wo man die Versammlung abhielt, fanden sie niemand der Alten mehr da. Man hatte sich nicht einigen können, wer zum Iguanodon gehen sollte, und so ward beschlossen, daß die ganze Versammlung an den Waldrand ziehe. Beim Morgengrauen, wenn der Iguanodon zur Weide ginge, dann wollten sie ihn anreden, ob er sie höre. Dort saßen sie alle ängstlich auf den Baumästen und warteten, bis die Sonne und der Iguanodon sich zeigten.
Als Grappignapp und Kaplawutt den Iguanodon verließen, suchten sie ihre Gefährten auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Der Abend war nahe, und die Nebel, die vom nahen Flusse über die Hügel zogen, erschwerten den Umblick. Dabei gerieten sie an eine Stelle, wo die stachligen Sträucher so dicht standen, daß sie nicht hindurch konnten. Sie waren gezwungen, auf die zwischen den Sträuchern zerstreuten Felsplatten zu springen und hier von Fels zu Fels ihren Weg zu suchen. Vorsichtig blickte Grappignapp sich um; er konnte nichts von den Hohlschwänzen bemerken und glaubte daher, die kurze Strecke bis zum schützenden Gebüsch ohne Gefahr zurücklegen zu können.
Aber noch hatten die Zierschnäbel kaum die Hälfte des Weges hinter sich, als es in der Nähe auf einem höheren Felsen rauschte und eine große Schar Hohlschwänze hervorstürzte. In hastigen Sätzen suchten die Zierschnäbel zu enteilen, aber die schnellen Hohlschwänze schnitten ihnen den Weg ab. Ringsum lagerten und lauerten sie auf den Steinen, so daß es unmöglich war, an ihnen vorbei zu kommen, falls sie es feindlich meinten. Ja sie hatten sogar die beiden Führer von den etwas zurückgebliebenen Dienern getrennt.
Grappignapp und Kaplawutt hielten an und drängten sich zusammen.
»Wir sind verloren,« flüsterte Kaplawutt.
»Sie werden es nicht wagen, sie verhalten sich still,« sagte Grappignapp.
»Sie warten nur ab, wie viele wir sind. Wenn sie sicher sind, daß nur wir vier hier wandern, werden sie über uns herfallen.«
»Die rote Schlange wird es nicht zulassen, daß wir hier zu Grunde gehen. Ein zu großes Werk steht auf dem Spiele. Ein solcher Zufall, daß die Hohlschwänze uns hier treffen, kann nicht entscheiden darüber, ob die Echsen siegen und herrschen, oder die Beutler. Und wenn wir nicht zu den Echsen zurückkehren, so werden sie sich nicht zum Vorgehen aufraffen. Wir müssen hindurch. Die Schlange wird uns schützen.«
»Meister,« sagte Kaplawutt feierlich, »ja, die rote Schlange wird entscheiden. Aber wer sagt ihr, daß sie unsre Klugheit braucht? Sie kann die Echsen vertilgen oder die Waldtiere auch ohne uns. Wer sagt dir, daß sie unsere Herrschaft erhalten will?«
Grappignapp sah den Genossen zornig an.
»Wie anders sollen die Tiere gebändigt werden, als durch die Herrschaft der Klügsten? Mein Plan ist aufs feinste durchdacht und erwogen. Auf ferne Zeiten blick' ich hinaus und jeden Umstand weiß ich zu benutzen.«
»So klug du bist, so fein dein Plan gesponnen ist — wenn er der Schlange nicht gefällt, kann der dümmste Hohlschwanz ihn umstürzen.«
»Tor! Was ich erstrebe, ersann ich zum Siege der geheimen Lehre. Darum muß es das allein Richtige sein und muß geschehen.«
»Meister,« erwiderte Kaplawutt, »die Lehre ist mir zu groß. Warum müssen die Säuger sterben, warum der weise Iguanodon? Sind sie nicht auch die Kinder der roten Schlange? Vielleicht ist es besser, daß wir sterben, die wir wenige sind.«
»Wie, du wagst es, an der Lehre zu zweifeln?«
»Ich glaube an die rote Schlange, aber ich weiß nicht, ob sie die Zierschnäbel so Gewaltiges gelehrt hat. Ich weiß, daß ich darum sterben muß.«
»Das mußt du!«
»Ich beuge mich, wie es die Schlange will.«
»Verräter!«
»Ich verrate nichts. Hier ist ein enger Spalt. Einen von uns kann er bergen, nicht mehr. Schlüpfe hinein. Schon wird es dunkel. Ich will versuchen, durch die Hohlschwänze zu entfliehen. Komm' ich zu den Genossen, so werden die Hohlschwänze nicht wagen dich anzugreifen, denn sie würden von den Echsen vertilgt werden. Sie werden sich zerstreuen, und du bist gerettet. Komme ich nicht hindurch —«
»Die Hohlschwänze nähern sich,« schrie Grappignapp. »Sie haben die Diener ergriffen —«
Der Todesschrei der beiden Zierschnäbel gellte herüber.
»Verbirg dich!« rief Kaplawutt. Und mit schnellen Sprüngen eilte er nach der Seite, wo er glaubte, den Hohlschwänzen entgehen zu können.
»Nein!« schrie Grappignapp. »Das würde wenig nützen. Ich bändige die Hohlschwänze.«
Und mit lauter Stimme rief er:
»Hierher, hierher, ihr Hohlschwänze! Höret was ich euch zu künden habe! Bereut euer furchtbares Verbrechen! Oder die Geister der Nacht werden euch töten — sie werden —«
Ein wildes Geschrei verschlang seine Worte.
»Eierfresser, Eierfresser!« brüllten die Raubtiere.
»Keiner von euch wird der Strafe der roten Schlange entgehen, keiner wird — —«
Grappignapp kam nicht weiter. Der Rachen eines Hohlschwanzes hatte von hinten seinen schlanken Hals erfaßt und durchbissen.
»Verklage uns bei der roten Schlange,« schrieen die Hohlschwänze, indem sie sich um den toten Körper rissen.
Andere stürzten Kaplawutt nach. Sie waren viel schneller als er. Er sah, daß er verloren war. Da duckte er sich zusammen.
»Ich muß sterben,« sprach er für sich. »Ich wußte es, daß ich mit dem Geheimnis der Zierschnäbel nicht leben konnte. Das Gewaltige wissen und nicht künden dürfen, dann ist es besser —«
Die Hohlschwänze begruben das Geheimnis in ihren Mägen.
Lange wartete die Schar der Zierschnäbel in ihrem Schlupfwinkel auf ihre Anführer. Als sie auch am dritten Tag nichts von ihnen vernahmen, trieb sie der Hunger heraus. Ein Teil suchte im Gebüsch. Sie fielen alle nach und nach den Hohlschwänzen zum Opfer. Der Hauptteil gelangte glücklich an das Moor zurück. Aber als sie dort merkten, daß man von ihren Anführern auch nichts wußte, gaben sie sich nur als einen Vortrupp aus und ermahnten die Echsen, auf Grappignapp und die Botschaft vom Iguanodon zu warten.
Die Botschaft kam nicht. Und so kamen auch die Echsen nicht zum Iguanodon. Zwar wollte der Atlanto nach dem Walde aufbrechen, aber unterwegs fand er so herrliche Bäume, daß er fraß und fraß, bis er in der Dämmerung einschlief. Und als er am Morgen erwachte, wehte der Nebel so rauh, der Wind so kalt, daß er wieder nach dem wärmeren Meere zurückstieg. Hier hatte allmählich die Großechse neuen Mut gefaßt, und was nicht gefressen werden wollte, mußte sich fern von ihr halten.
Inzwischen wartete der Iguanodon ungeduldig auf die Ankunft der Echsen. Und als noch immer niemand erscheinen wollte, dachte er weiter nach und sagte sich:
Warum soll ich eigentlich auf die Echsen warten? Bin ich nicht mein Ideal? Bin ich nicht selbst genug, die Waldtiere zu ihrem Glück zu führen? Ich will es tun.
Und so machte er sich eines Morgens in der Frühe auf und schritt über die Wiese nach dem Walde zu.
Hoch wie ein Turm ragte sein Hals in die Lüfte, und wo er den angeschwemmten schlammigen Sand überschritt, drückten sich seine breiten Fußspuren auf Jahrmillionen ein. So stand er vor dem Waldrand und rief mit lauter Stimme; denn er meinte, er brauche nur den Schnabel zu öffnen, und der ganze Wald werde ihn hören bis drüben an die Hügel der sinkenden Sonne.
»Nachttiere des Waldes, kleine Säuger, hört das Wort des Iguanodon, des weisesten der Tiere, dem es zuerkannt ist von der roten Schlange, daß er nicht irrt, wo er verkündet. Lasterhaft ist die Welt, große Untaten geschahen, die ihr büßen müßt. Die Echsen werden heranziehen und euren Wald zerbrechen und fressen. Auch euch wollen sie fressen. Aber ich will euch wohl. Ich will euer Glück. Ihr sollt alle glücklich werden wie ich. Kommt heraus aus dem Walde, damit ihr nicht Schaden nehmt, wenn er gebrochen wird. Kommt heraus auf die Wiese, ich will euch zeigen, wie man die Gräser weidet. Ihr sollt nicht mehr fressen die lebendigen Emsen, und die da auf Raub ausgehen, sollen nicht mehr fressen vom Fleische der Tiere. Auch die harten Nüsse sind nicht gut für eure Zähne, denn spitze, starke Zähne machen euch wild und hindern euch, klug zu werden. Ihr sollt nicht mehr zusammensitzen im Walde, sondern ihr sollt nun auch in der Sonne leben dürfen, weit auseinander auf der saftigen Wiese. Ihr sollt ähnlich werden eurem großen Vorbilde, das die rote Schlange im Iguanodon euch aufgestellt hat. So will ich euch versöhnen mit den mächtigen Echsen, auf daß alle Tiere der Welt glücklich werden und sich nicht stören. Und damit ihr euch nicht im Walde heimlich zusammengesellt, werden wir den Wald brechen, und ich werde den Echsen gebieten, keines von euch anzugreifen, die ihr kein Fleisch esset. Die aber von euch ferner Fleisch fressen, die sollen vertilgt werden von der Erde. Nun kommt heraus und gehorchet.«
Darauf wandte sich der Iguanodon um und ging seiner Weide nach. Denn er war überzeugt, daß diese Kundgebung ausreiche, die Frage zu erledigen. Er hatte sich die Sache überlegt, und so war sie richtig; im Denken war ihm niemand überlegen. Es stand jetzt fest bei ihm, daß er den richtigen Ausweg gefunden habe und daß die Echsen ihm ohne weiteres gehorchen würden.
Die Waldtiere aber wagten nicht sich zu zeigen. Sie zogen wieder in den Wald zurück, um sich zu beraten. Graukopf und seine Sippe waren geneigt, dem Iguanodon zu folgen, wenigstens die älteren, deren Zähne schon ziemlich abgenagt waren. Aber die Mehrzahl, alle jüngeren und alle, die auf Raub gegen die kleinen Winkeltiere ausgingen, widersprachen lebhaft. Und während sie so stritten, trafen sie Knappo und den Taguan. Als der Taguan vernommen, was der Iguanodon gesagt hatte, sprach er entrüstet:
»O ihr Toren, wie könnt ihr nur einen Augenblick daran denken, euch dem Iguanodon zu ergeben. Euern schönen Wald wollt ihr vernichten lassen, wollt euch zerstreuen lassen in die kalte Wiese, statt auf den luftigen Ästen zu springen? Wollt eure Familien aufgeben und einsiedlerische Grastiere werden? Glaubt ihr denn, daß das möglich ist? Daß eure Mägen das vertragen? Herunterkommen würdet ihr und aussterben, wenn euch die Echsen nicht vorher fressen. Wie könnt ihr dem Iguanodon glauben, daß die Echsen ihm gehorchen werden? Die tun, was sie wollen. Ja, wenn wir die Macht hätten, Tagtiere zu werden, so hielte ich das auch für einen Fortschritt. Aber hier können wir das nicht, weil die Echsen zu mächtig sind. Das ist ein Zukunftstraum. Wir müssen den Schutz des Waldes suchen.«
»Und wenn er vernichtet wird,« schrie Graukopf.
»Nun darum eben bin ich gekommen euch zu sagen, was ihr tun sollt. Ihr müßt einen anderen Wald, einen schöneren und sicheren aufsuchen. Ihr müßt auswandern!«
Ein allgemeines Durcheinander der Stimmen unterbrach den Taguan. Er ließ die Tiere eine Weile reden, und Knappo erklärte, was ihm der Taguan gesagt hatte. Dann legte dieser ausführlich seinen Plan dar.
An diesem Tage schliefen die Waldtiere nicht. Durch den ganzen Wald flutete das Neue, nie Erhörte. Auswandern, in einen anderen Wald. Und die Idee fand immer mehr Anklang. Enthusiastisch wurde sie von den Jungen aufgenommen. War nicht Homchen auch ausgewandert? Hatte er nicht vielleicht, klüger als die anderen, vorausgesehen, was kommen würde? Und warteten nicht auch ihrer große Taten?
In der Nacht erwog man wieder alle Möglichkeiten; es war doch schwer, einen so umwälzenden Beschluß zu fassen, und als der Morgen dämmerte, krochen die Tiere noch unentschlossen in ihre Nester. Aber sie sollten nicht lange ruhen. Vom Rande des Waldes her kamen aufgeschreckte Flüchtlinge und weckten die schlummernden Säuger. Ein gewaltiges Krachen war am Waldrand entstanden.
Als der Iguanodon den Tag über vergeblich auf die Wirkung seiner Rede gewartet hatte, beschloß er bei sich, daß der Wald nun gebrochen werden müsse. Die großen Echsen, so meinte er, müßten ja nun bald kommen, um ihn zu unterstützen. Inzwischen wollte er das Seine tun. Und als er nun am anderen Morgen wieder keine Waldtiere auf der Wiese fand, als auch eine zweite Rede niemand aus dem Walde hervorlockte, da trat er an die nächsten Buchen heran, umklammerte sie mit seinen mächtigen Armen und riß die Äste nieder. Und dies setzte er eine ganze Weile fort.
Die Tiere am Rande aber, die es vernahmen, trugen die Nachricht in den Wald. Und bald hieß es, nicht nur der Iguanodon, nein, das ganze Heer der Echsen komme herangezogen. Niemand traute sich an den Waldrand, zu sehen, wie groß der Schaden sei. Alle fürchteten schon, der Atlanto oder die Großechse werde jeden Augenblick durch den Wald brechen. Und der Entschluß, vor dem alle gezögert hatten, wurde jetzt unter dem Eindruck der Furcht sofort gefaßt. Die Familien sammelten sich, die Nester blieben verlassen. Von Ast zu Ast hüpfte, drängte es sich. Die Ältesten sammelten ihre Sippen und suchten Ordnung in den Zug zu bringen. Und so wälzte sich die Masse der Waldtiere, noch immer anwachsend, durch den Wald nach Süden.
Regungslos lag Homchen im Aufruhr der Elemente. Es hatte keine Furcht mehr. Die beizende Luft tat ihm nicht weh, der Donner rollte nicht, es war alles still — so hell und frei, und doch ganz anders als sonst. Nun war es wohl tot?
Es war nicht mehr traurig. Das war es vorher, als es wußte, daß es sterben sollte. Alles aufgeben, Wald und Sternennacht, Emsen und Echsenstreit, und die Lieben daheim, und alle die großen Taten, mit denen es die Beutler befreien wollte, und all das Weise, was es ihnen sagen wollte von der großen Schlange — das alles nun nicht zu können, das war sehr traurig — und die eigenen Schmerzen und das Leid der andern und die Sorge um ihr Geschick — — Aber das war nun vorbei. Wie etwas ganz Fernes lag es hinter ihm. Es tat nicht mehr weh.
Hinter ihm! Was war das überhaupt? Es wußte nichts mehr von Vergangenem. Aber vor ihm! Vor ihm lag alles. Was noch nicht war, jetzt konnte man es wohl sehen?
Ob es überhaupt noch Homchen war?
Es sah einen kleinen, weiß gebleichten Schädel, der lag weich gebettet unter einem durchsichtigen Deckel. Und eine Stimme sprach:
Das ist der Schädel eines kleinen Beuteltiers, eines unsrer direkten Vorfahren, gefunden unter ganz merkwürdigen Umständen, an einer Stelle, wo nirgends Ähnliches vorkommt, in einer dünnen fossilen Aschenschicht. Rings eruptives Gestein. Es ist nicht zu erklären, wie er dahin kam, aber er ist da.
Welch eine lange Ahnenreihe noch von ihm bis zu uns! Und doch in ihm schon lebendig das Gesetz der Bildung, in ihm schon die Einheit der Kräfte, die zu uns heraufführt.
Furchtsam mochten seine Genossen im dichten Buchenurwald sich bergen an den Ufern des Meeres, darin langsam, langsam in Jahrmillionen die mikroskopischen Kalkschalen der absterbenden Seetierchen niedersanken und die Kreidefelsen in unserm Norden aufbauten. Ein schwaches Völkchen mit kleinem Hirn, aber doch gerüstet für die Zukunft, die ihnen gehören mußte, den warmblütigen, pelzgeschützten, beweglichen, die den Kampf aufnehmen konnten mit der kommenden Not, den Kampf, den die gewaltigen Riesendrachen nicht bestanden. Und vor ihnen zitterten sie, vor den wutschnaubenden Herren der Erde.
Arme Tiere! Wie unglücklich hätten sie sein müssen, wenn sie hätten ahnen können, daß es dereinst ein höheres, ein selbstbewußtes Leben geben würde, das ihnen versagt war! Daß sie nur die Vorstufe waren, die Ahnen, die noch in Millionen von Geschlechtern vergehen mußten, bis ihrer Nachkommen Glieder erstarkt, ihr Gehirn mächtig genug geworden, um nun ihrerseits die Erde zu beherrschen mit den Mitteln des Geistes, den man die Freiheit nennt? Oder hätte solcher Glaube sie froh gemacht?
Wo war sie, die Idee, die uns trägt, die uns eint, die uns formt zu ihren Organen, die Natur wandelt zum wissenden Tun, und doch auch uns immer noch verborgen bleibt in ihren fernsten Zielen? Wo war sie, als die Drachen die Erde beherrschten? Sie war, wie sie ist, wie sie sein wird, denn sie ist nicht in der Zeit. Und es giebt Seher auch unter uns, in denen sie aufblitzt, ihnen eine Welt zeigt in rosige Schleier gehüllt, um wieder zu versinken, erdrückt von den Massen, für die ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Ob nicht auch in längst abgelebten Geschlechtern hin und wieder ein frühreifes Gehirn entsprossen ist, wie wohl einmal ein Falter in vorzeitigem Wintersonnenschein aus der Hülle schlüpft, um zu erfrieren?
War's vielleicht ein unverstandener Traum, kleines Beuteltier, der dich herlockte, dem ausbrechenden Vulkan entgegen, in dessen Feuersäule du die Macht deiner Nachkommen ahntest? Wer hätte dir zu erklären vermocht, wie diese Flammengluten, unter deren Asche deine Neugier erstickte, der erlösende Zauber sind, die deine nachfolgenden Geschlechter frei machen sollten von der Gewalt der Erde und ihrer minder klugen Geschöpfe? Wir könnten dir jetzt wohl sagen, wie deine Welt sich heraufbaute zu der unsern — wer aber sagt uns, wie wir die unsre bauen sollen zu dem höheren Werden, das wir erträumen?
Was ist's im Grunde? Was wirkt das Göttliche in die Natur? Was formt das ewige Werden und Vergehen zur Dauer bewußten Wollens? Einheit ist es! Zusammenfassen des Vielen, das Viele zu halten und doch Eines sein in ihm, unterscheidend bestehen, weilen im Wandel!
Aus dem Hirn in diesem kleinen Kopfe gingen einst die Nervenfasern hinaus an die Grenzen des Körpers und einten die Wirkungen, die sie träfen, zu einer Gesamtheit. Wenn die Sonne zu warm schien, bewegten sich seine Beine so, daß es im Schatten des Baumlaubs hockte; wenn das Bild der Ameise in sein Auge fiel, streckte es die Zunge hervor und fing sie. Ein Bild weckte das andere, eine Erzitterung der Nerven eine andre. Aber es reichte nicht immer aus, sogleich zu fliehen, sogleich auf die Beute zu stürzen. Vorteilhafter war's, die rechte Zeit zu erwarten. Das leistet das Gehirn; es sammelt die Reize, es hält die Erregungen zurück, um sie dann und dort zu entfesseln, wo die Wirkung ihr Ziel erreicht. Ihr Ziel! Vorstellung des Einen, Erinnerung an das Erreichte, das wieder erreicht, werden soll. Und so Zusammenfassung, Einigung dessen, was war, und was noch nicht ist. So hat die Einheit ein Mittel zur Verwirklichung. Auf das Eine spannt sich alles zu — das Fremde wird zurückgedrängt, wird gehemmt. Nun ist das kleine Tier kein Spielball mehr des Augenblicks, nun ordnet es den Andrang des Wirklichen, nun wählt es aus der Fülle der Erfahrung das Nützliche.
Immer weiter wächst der Kreis der Erfahrung, der zu bewältigen ist; immer verwickelter ziehen sich die Fäden vom Vergangenen zum Zukünftigen. So baut sich von Geschlecht zu Geschlecht feiner ausgearbeitet das Organ, das die Wirkungen der Dinge zusammenfaßt, das im Unerschöpflichen die geordnete Einheit herausschneidet, die sich ein Ich fühlt. Eine Welt für sich. Von Sternenweiten Licht und Wärme, von Erdennähe Luft und Wasser und der Stoffe wechselnde Verbindung, was ziellos durcheinander flutet, nun sich bindend und lösend in einem Gefühle: Es ist etwas. Nun sich klärend in einem Gedanken: Ich bin! Nun sich fordernd in einem Bewußtsein: Ich will sein!
Eine Einheit in der Welt, aber nicht einmal, nein, millionenmal, überall dieselbe Einheit im Willen der lebendigen Wesen, die Einheit der ganzen Gattung, zusammenschließend alle einzelnen zur gemeinsamen Wirkung, und diese Wirkung steigernd ohne Grenze. Die Welt ein Mittel durch die Einheit für diese Einheit!
Nun rollt der Stein nicht durch Zufall hernieder; nun spielt die Hand nicht zufällig mit dem Baumast; nun lodert die Steppe nicht zufällig vom Blitzschlag. Ein Ich ist da, das damit etwas erreichen will. Diese Wirkung vergeht nicht, wie der schnelle Einfall, sie bleibt bestehen, sie folgt ihrem eignen Gesetz, der geschwungene Ast, die wärmende Flamme. Es giebt Gesetzgeber in der Welt, es giebt eine Macht über die Natur. Von diesem Gehirn aus werden die Dinge verbunden zum zweckvollen Werkzeug. Das Sinnvolle gewinnt die Macht über die rohe Gewalt. Das Kleine wird groß, und das Große wird klein. Vor dir liegt der Weg zur Freiheit.
Vielleicht ahntest du, kleines Tier, daß es ein Besseres gebe? Vielleicht blitzte dir die Idee auf, daß es eine Macht giebt, die Freiheit heißt? Daß das Lebendige berufen ist, das Viele zu einen zu einer Selbstbestimmung, zu einem Vertrauen, das in dir selbst spricht und sonst nirgends? Aber diese Ahnung wirklich machen in der Welt und bei den andern? Das Gesetz verstehen lernen, das die Dinge bindet und eint? Dazu den Weg zu bauen, das konntest du nicht wissen.
Da mußte diese Einheit, die sich als lebendiger Körper zeigt, schon vor der Geburt sorgfältiger gebildet sein. Da mußte ein kräftigeres Geschlecht erstarkt sein, zu ertragen die Hitze des Tags wie die Kälte der Nacht, bis es lernte, daß der Pelz nicht fest zu hängen braucht am eignen Leib, daß die Waffe nicht angewachsen zu sein braucht der Hand, daß die Wärme sich erhalten läßt in der glühenden Kohle des blitzgetroffenen Baumes, die du in der Felsenhöhle hegst und nährst, ja daß der Funke auch sprüht aus dem harten Stein, aus demselben Stein, der sich schärfen läßt, um besser zu schneiden als dein Zahn. Aber dieser Stein ist ja noch gar nicht da! Noch wächst er in dem Meere an deinem Heimatstrand als Riesenschwamm, noch haben deine Enkelgeschlechter viel Zeit zu erstarken, ehe eine neue Flut ihnen das versteinte Gehäuse aus dem versteinten Meere herauswächst.
Wohl uns, daß du dir den kleinen Schädel nicht zerbrochen hast! Zu frühe wäre deine Klugheit in die Welt gekommen!
Nun hörte Homchen nichts mehr von der Stimme. Es kam wieder über sein Herz wie eine dunkle Angst, und doch schien es ganz licht rings umher. Wieder spürte es den schwefligen Dampf in seiner Lunge, und wie ein fernes Keuchen und Rollen klang es ihm in den Ohren. Und doch war das der Berg nicht mehr, auch nicht das Meer, auch nicht der Wald. Etwas Regelmäßiges, grüne Streifen, gelbe Streifen, graue Streifen. Und quer hindurch eine lange, gerade Straße. Das Rollen kam näher.
Was war das? War der grausige Python ans Land gestiegen? Da kam in furchtbarer Eile das furchtbarste Tier. Feuer glühte in seinem Haupte, sein Atem dampfte wie die Wolke über dem heißen Berge — welch grausiger Drache reckte seine Glieder? So lang war keine Echse, keine Schlange, so schnell schoß keine dahin. Und wie bewegte es sich? Wo waren seine Füße? Schien es nicht, als wäre der feuerspeiende Berg lebendig geworden und eile durch das Land? Homchen zitterte wieder — So war's doch wahr, was der Taguan bestritten hatte, — so wohnte das doch hinter der heißen Wolke, bei der roten Schlange, was einst kommen sollte, das rollende Tier, das nicht lief, noch schwamm, noch flog? Das war das rollende Tier! — Aber wie? Die rote Schlange, das wußte es doch jetzt, die rote Schlange wohnte nicht hinter der heißen Wolke, die rote Schlange wohnte in ihm selbst, wohnte überall, wo man sie ehrte, wo man sie verstand. Wohnte dort auch das rollende Tier? Jetzt sauste es vorüber — und da saß Homchen selbst auf dem rollenden Tier und fuhr mit ihm dahin. Es hatte keine Angst mehr, es fühlte sich groß und kräftig — das Tier gehorchte ihm, es raste mit ihm durch die Länder und es stand still, wo Homchen wollte — keine Echse konnte es einholen.
Aber hier gab's gar keine Echsen. —
Was glänzte da so seltsam wie Felsen, aber so weiß und glatt? Und nun verschwanden sie im Dunkel, doch sie sahen noch heraus mit leuchtenden Augen. Wie hell diese Augen glänzten! Waren es noch Augen? Das waren wohl Sterne? Das war der rote Stern, der strahlte über das Heimatmeer, der strahlte treu und hoffnungsvoll und unverändert, und alles andere war dunkel, nur der Stern sprach mit seinem milden Lichte: Dich grüßt die Zukunft.
Ein stechender Schmerz durchzuckte Homchen — und nun konnte es auf einmal wieder atmen. Es lag eine schwere, dichte Hülle über ihm, aber der Stern glänzte noch, und die Luft war freier. Es versuchte sich zu schütteln. Da fiel die Hülle von seinem Haupte. Der Tag blickte in sein Auge. Aber dort, wo der Stern geschienen hatte, sah es jetzt einen breiten Feuerstreifen. Homchen schüttelte sich wieder und wieder. Die Asche stäubte von seinem Pelzchen. Es war frei. Das Schlangental war ein feuriger See, die Berge sahen verändert aus. Und vorsichtig suchte es einen Weg rückwärts.
Dichte Wolken verdeckten den weißen Berg. Aber der herabgestürzte weiße Sand, der Homchen die Flucht vor der Schlange abgeschnitten hatte, war jetzt überschüttet mit einer Schicht von Asche und Steinen, so daß Homchen darüber fortlaufen konnte. Es suchte die Wiese, wo die Immen gesummt hatten. Nun erkannte es wohl die Felsen wieder, von wo es hinausgeblickt hatte in die weite Welt, wo es sich so klein gefühlt hatte und so groß, wo es geglaubt hatte, daß es bei der roten Schlange sei, wo es die rote Schlange in sich gefunden hatte. Da war auch die Stelle der Wiese. Aber der Bach rauschte schmutzig und grau über neue Felstrümmer, keine Blumenaugen sahen aus Staub und Schutt, keine Immen und Falter spielten im Sonnenschein. — —
Und nun kletterte es noch einmal die Felsen hinan, um sich umzuschauen, wie es über das warme Meer gelangen könne. Es war ein schwieriger Weg, denn Homchen war müde und hungrig. Endlich der letzte Steinblock. — Oh, wie erschrak es da! Vor ihm stürzte der Fels steil in die schwindelnde Tiefe. Wohin waren die grünen Wiesen, die Wälder, die sanften Hügel, wohin die Nachbarberge mit ihren dunklen Kuppen? Verschwunden. Unmittelbar unten brandete ein wildes Meer an ödem Strande. Und dieser öde Strand zog sich jetzt hinüber bis an den Felsrand, über den Homchen zu den Muscheln hinabgestiegen war. Aber weiter im Osten, wo der Wald gewesen war mit den rosigen Blätterbüscheln und den süßen Früchten, wie sah es da aus? Eine Wasserflut war hinübergegangen und hatte den Strom gestaut, und nun lag alles vernichtet wie in einem Sumpfe. Weiterhin konnte Homchen nicht sehen, denn dort wogten weiße und graue und schwarze Wolken, und mitunter schimmerten sie rötlich, wenn der Wind sie trieb, im Widerschein des Glutsees, der durch das Schlangental floß.
Das Große wird klein und das Kleine wird groß! Homchen dachte an seinen seltsamen Traum, aber es durfte ihm jetzt nicht nachhängen. Es mußte hinüber bis über jenen Felsabhang, von dem es zuerst den weißen Berg gesehen, dorthin lag die Heimat, freilich wie fern, wie fern! Und doch — dort allein konnte es Rettung geben. Und nun hatte ja die Zerstörung selbst die Brücke gebaut.
Rettung für sich, Rettung für die Seinen! Also hinunter!
Homchen war wieder auf dem buschigen Gelände angelangt, von dem aus es bei seinem Herwege die Felsen zum Meer herabgestiegen war, aber jetzt viel weiter westlich. Wollte es nach dem Walde der Heimat, so mußte es nach rechts, denn nördlich von ihm lag die weite Steppe, die zuletzt in das Drachenmoor ausging. Aber auch so hatte es immer noch ein tüchtiges Stück durch Buschwerk und weite Grasflächen zurückzulegen. Wie war das alles so ausgedörrt und trocken! Mit Mühe hatte es spärliche Nahrung und ein wenig Wasser gefunden, dort, wo die Felsen sich herabzusenken anfingen. Und dort beschloß es auch, die Nacht abzuwarten, weil es sich nicht bei Tage über die Steppe wagte. Hier gab es Höhlungen, in denen man sich bergen konnte. Da verkroch es sich todmüde und schlief ein.
Als es neu gestärkt aus seiner Höhle heraus auf die weite Fläche kletterte und Umschau hielt, war die Nacht angebrochen. Ein scharfer Wind wehte von Südwest, aber der Himmel war klar und die Sterne leuchteten. Da stand auch wieder der rötliche Stern. Von ihm her hatte die rote Schlange zuerst zu ihm gesprochen. Nun wußte es, daß sie nicht dort wohnte, daß sie in ihm wohnte, in ihm sprach. Immer deutlicher hatte sie in ihm gesprochen. Von der Welt, die noch nicht ist, wo die Echsen nicht herrschen, sondern die guten Tiere, die klugen Tiere. Ja es gab einen Weg in diese Welt, mochte er auch lang sein, mochte auch Homchen ihn nicht zu Ende gehen, aber späte Geschlechter werden ihn gehen. Es hatte ja seinen eignen Schädel gesehen, und über diesem Schädel war die Stimme jener späten Geschlechter erklungen.
Zu wem mochte jene Stimme gesprochen haben? Wohl schon zu den klugen, guten Tieren, die da kommen sollten, denn Homchen hatte vieles davon nicht verstanden. Aber einiges hatte es doch herausgehört, was es selbst schon erlebt und gedacht hatte; das gab ihm nun ein Licht im Dunkel, wie die leuchtenden Sterne des Himmels, zu denen die Echsen nicht aufsehen durften. Es mußte lächeln, daß es einst gezweifelt hatte, ob die Zierschnäbel nicht vielleicht doch recht hätten. Wie klein schien ihm jetzt das alles, was sie von der roten Schlange gesagt hatten. Die rote Schlange war viel, viel größer, sie war alles! Zu ihr konnte man nicht, aber immer klarer und klarer konnte sie in uns aufleben, wenn wir den Weg erkannt haben. Das Viele müssen wir zu dem Einen machen, das wir selbst sind, die Dinge verbinden in uns, und wenn wir das lernen mehr und mehr, so werden wir sie beherrschen. Das ist der Weg zur Freiheit. So hatte die Stimme gesagt. Das verstand Homchen. Aber wie war das gemeint mit der Waffe, mit der Wärme, mit den Dingen, die ihr Gesetz haben? Wie konnte man das Gesetz finden? Vertraue dir selbst, und du hast das Ziel. Erkenne das Gesetz, und du hast die Macht. Das Kleine wird groß durch das Gesetz.
Wie das? Wie kann man das Gesetz erkennen und die Macht gewinnen? Hatte die Stimme das nicht verkündet, oder hatte es Homchen nur nicht verstanden? Da mußten wohl erst die vielen Geschlechter kommen und vergehen, ehe das klar werden konnte? Und doch, was war denn geschehen, als die Stimme schwieg? Das rollende Tier war gekommen. Wer das besiegt, wer das beherrscht, ja, der hätte die Macht!
Groß werden, mächtig werden! Herrschen!
In dem Traume, nein, in dem Gesichte, das Homchen an dem feurigen, weißen, zitternden Berge gehabt hatte, da hatte es selbst auf dem rollenden Tier gestanden und hatte es beherrscht. Ist es ihm bestimmt, ihm oder erst jenem späten Geschlechte, dessen Stimme es vernahm, das rollende Tier zu zähmen, auf ihm durch die Länder zu sausen und mächtiger zu sein als alle Echsen? Was mußte es tun? Glut und Feuer waren es, die in dem Tiere lebten — — Glut und Feuer, wenn es die bezwänge! Und warum sollte es nicht auch die bezwingen? Hatte es sie nicht schon erprobt, als sie aus dem weißen Berge brachen, als sie aus dem Schlangentale quollen, als die heiße Asche Homchen bedeckte? Da war es tot gewesen, und doch war es wieder lebendig geworden und hatte die Asche abgeschüttelt.
Ja, vertraue dir selbst! Es ging in ihm auf wie eine heilige Gewißheit, die rote Schlange führe es ihren Weg zum Siege seines Geschlechts. Darum hatte es zu den Sternen geblickt, vor denen die Tiere sich fürchteten. Darum hatte es den Hohlschwanz besiegt. Darum hatte es vom Haupte der toten Seeschlange den Gesang der Muscheln gehört und war über das Meer gefahren auf dem Haupte der Schildkröte. Und darum hatte die rote Schlange ihm Rettung verliehen. Und mit der eignen Hand hatte es den Stein geschwungen, der die böse Schlange tötete. — — Oh, da war ihm ja schon die Macht gegeben, die das Kleine groß macht — das Kleine wird groß! Wo seid ihr, Feuer und Glut, daß ich euch bezwinge? Ich will euch nicht fürchten! Mich schützt die rote Schlange! Hinaus jetzt, hinweg zur Heimat!
Viel beschwerlicher war der Weg, als Homchen erwartet hatte. Erst zwar fiel die Steppe sanft ab, dann aber stieg sie wieder an, wurde immer steiniger und schließlich kam Homchen auf einen kahlen, felsigen Hügelrücken, über den es fort mußte. Nun ging es wieder eine Stunde durch das dürre hohe Gras, bis die breite Talmulde sich abermals zu einem steinigen Felsstreifen erhob. Und diese Bildung setzte sich fort. Ob es nicht in der Richtung der flachen Täler wandern konnte? Aber das war die Richtung nach dem Drachenmoor, die es nicht einzuschlagen wagte. Also wieder die kahlen Hügel hinauf. Nun spähte es in die folgende Bodensenkung hinab.
Was war das dort im Grase für ein Rascheln? Tiere liefen, sprangen dahin, alle in großer Eile, alle in der Richtung des Tales nach Norden fliehend.
Wo kamen sie her? Was ist dort im Süden? Jetzt erst vom Hügel kann Homchen es bemerken. Wolken ziehen herauf, aber sie sind gerötet, gerötet wie die Wolken über dem feurigen See. Und näher und näher kommt es mit Windeseile. Unter den Wolken ein Flammenmeer. Aber Homchen fürchtet sich nicht. Es blickt zurück nach der Talmulde, aus der es heraufgestiegen ist. Dort ist alles dunkel. Das Feuer kann nicht über den kahlen Rücken, es läuft mit dem Winde in dem breiten Tale vor ihm, es läuft geradeaus wie das rollende Tier. Und vor ihm fliehen alle Tiere. Ach, wenn es den Tieren sagen könnte, den dummen, die dort geradeaus rennen und fliegen, und doch langsamer sind als die Flamme — wenn es ihnen sagen könnte, kommt herauf, herauf auf die kahlen Felsen — aber es darf sich dort hinab nicht wagen, es ist zu spät — und die Tiere sind sinnlos, sie hören nicht, sie sehen nicht, sie kümmern sich nicht um einander. —
Und nun rast da unten die Flamme vorüber — — Homchen kann es deutlich sehen und spürt doch kaum merklich die Hitze, denn der Wind weht schräg von ihm fort — nur wenige Minuten dauert es, dann sind die trocknen Grashalme verzehrt, es qualmt nur noch über dem Tale — aber hier und da brennt noch ein einzelner Dornbusch, ein Strauch — immer seltener werden die Flammen, es glüht nur noch vereinzelt hin und wieder in der Dunkelheit — der Steppenbrand ist vorbei.
Homchen versucht seinen Weg fortzusetzen. Vorsichtig betritt es den Boden, über den die Flamme hinweggeeilt ist. Bald hier, bald da probiert es vorwärts zu kommen, aber es muß immer schnell wieder zurück, es wird ihm zu heiß unter seinen Füßen. Es läuft am Rande der Brandstätte hin nach der Richtung, aus der das Feuer gekommen. Oft sieht es tote Tiere liegen, erstickt, angekohlt, es schaudert. Und dort, was ist das? Eine ganze Herde — es schleicht so nahe wie möglich. Und nun erkennt es die Geschöpfe — Es sind Zierschnäbel! Die klugen Zierschnäbel, die allein mit der roten Schlange reden dürfen. Sie hat sie nicht geschützt, auch die Zierschnäbel hat das Feuer ereilt. Und das Feuer stammt doch von der roten Schlange. Das weiß Homchen — die Flamme kam aus dem weißen Berge, die Glut floß durch das Tal — irgendwie mochte sie dann herübergedrungen sein — vielleicht hatte der Wind die feurige Asche bis an den Rand der Steppe getragen, vielleicht hatten die Blitze, die aus den dunklen Wolken zuckten, das Gesträuch entzündet — aber ein Bote der roten Schlange war's doch — —
Was glühte dort noch deutlich sichtbar in der Dämmerung, die über dem Tale aufstieg? Homchen mußte es näher sehen, es gelang ihm hier bis heran zu kommen. Zusammengestürzte Äste waren es jener merkwürdigen Pflanze, die in ihren festen, hohlen Rohrstengeln das trockne, mehlartige Mark barg. Da lagen noch ganz unversehrte Stücke, die das eilige Feuer nicht ergriffen hatte, als der Sturm die dorrende Pflanze zusammenbrach; nur an ihrem offenen Ende glimmte das Mark und leuchtete auf, wenn der Wind stärker darauf traf. Ein Stück lag weiter von den andern entfernt. Homchen griff danach mit seinen Händen — an den Enden war es heiß, aber in der Mitte ließ es sich berühren, ja es war kaum warm, Homchen konnte es zwischen die Zähne nehmen. Es lief damit ein Stück fort. Und im Laufe blies der Wind hinein, es kam eine kleine Wolke heraus, die Wolke des Feuers — Homchen trug das Feuer! Wollte es nicht das Feuer bezwingen?
Homchen saß vor dem Rohr und starrte darauf mit Ehrfurcht — ein Wunder war's, ein unbegreifliches Wunder. Es merkte nicht, daß nicht weit von ihm aus der Richtung, aus der es gekommen war, es dunkel und rasselnd durch die Luft zog, daß es sich am Rande des Tals niedersenkte und über die erstickten, halb verkohlten Leichname der Tiere herfiel und fraß und fraß. Hohlschwänze waren es, aber nicht einer, eine ganze Herde, die hier ihre Mahlzeit fanden, Homchens wütendste Feinde. Jetzt hatten sie die toten Zierschnäbel erblickt und stießen ein Freudengekreisch aus, indem sie sich auf die Leichname stürzten. Da schreckte Homchen empor. Es erkannte die furchtbare Gefahr. Wenn die Hohlschwänze mit ihrem Fraße fertig waren, mußten sie Homchen entdecken. Wie sollte es ihnen entgehen? Hier war kein Versteck, und mit so vielen Feinden konnte es keinen Kampf wagen. Vielleicht konnte die Flucht noch gelingen. Aber sie konnte nirgends anders hingehen als über die Steinhügel zurück in die Talmulde, aus der es gekommen, dort wurde es vielleicht von den Hohlschwänzen nicht bemerkt.
Homchen nahm sein Rohr wieder zwischen die Zähne und, rannte den Hügel hinauf. Oben wandte es sich um, ob es verfolgt würde. Da sah es die Hohlschwänze sich vom Boden erheben. Einer hatte es erspäht. »Der Kala, der Kala!« schrie er.
»Der Kala, der freche Kala!« kreischte die ganze Gesellschaft. »Tötet ihn!«
Und mit rasselndem Flügelschlag schickten sie sich zur Verfolgung an.
In gewaltigen Sprüngen setzte Homchen den Hügel hinab, um sich womöglich im Grase zu verbergen. Hinter ihm tobte die Schar der Verfolger. Die eigentliche, zusammenhängende Grasfläche war noch entfernt, als schon die Hohlschwänze über dem Hügel erschienen und Homchen wieder erspähten. Aber einzelne mit Halmen bestandene Flecken und Streifen zogen sich hier und da schon hin. Mit Anstrengung aller Kräfte lief Homchen darauf zu. Der Atem drohte ihm zu vergehen. In der Eile des Laufs erglomm das Rohr stärker, das es noch immer treulich im Maule hielt. Es wurde heiß, aber noch hielt Homchen es fest. Da war der erste Grasfleck. Homchen sprang hinein, doch waren die Halme, obwohl dicht, noch nicht hoch genug, es zu verbergen. Die Hohlschwänze kreischten hinter ihm. Es mußte Atem schöpfen, das Rohr entfiel ihm. Es konnte es nicht wieder fassen, es war zu heiß, und Homchen mußte weiter hinein. Sein Weg lief dem Winde entgegen noch eine kurze Strecke, und das hohe Gras wäre erreicht gewesen, aber Homchen wußte, die Hohlschwänze waren zu schnell, es konnte ihnen nicht mehr entgehen. Es wandte sich um, um nicht von hinten und wehrlos erfaßt zu werden — —
Aber was war das? Die Hohlschwänze waren ihm nicht mehr dicht auf den Fersen — sie hatten in ihrem Fluge innegehalten und stießen ein wirres Geschrei aus, denn unmittelbar vor ihnen, dort wo Homchen das Rohr hatte fallen lassen, breitete sich ein dichter Rauch aus und schreckte sie zurück. Und nun, unter der Kraft des starken Windes, schlug aus dem Rauch eine helle Flamme, im Nu lief sie den Streifen des dürren Grases entlang bis in das Tal hinein, flackernd flammte die Steppe auf, und ein breiter Feuerstreifen wälzte sich dahin, glücklicherweise fort von Homchen.
Der Rauch verhüllte die Hohlschwänze vor Homchens Blicken. Homchen saß wie betäubt. Was war geschehen? Von dem glimmenden Rohrstück, das es getragen, hatte das Gras sich entzündet! So konnte man das Feuer forttragen? So konnte man tun, was nur die rote Schlange vermochte, die Steppe verbrennen. Vor ihm nach Norden war der Himmel grau vom Rauche bedeckt. Der Tag brach an, aber der Himmel wollte sich nicht aufhellen. Wolken dehnten sich jetzt überall. Es begann zu regnen. Stärker und stärker!
Homchen schreckte aus seinem Sinnen auf. Wohin wollte es doch? Nach dem Heimatwalde! Wieviel Zeit hatte es schon versäumt. Es lief vorwärts, zuerst ein Stück im Tale hinab. Das Gras war verbrannt, aber der Regen hatte die Glut des Bodens rasch gekühlt, es konnte jetzt schnell von der Stelle kommen. So weit es sehen konnte, lag das Gras in Asche. Aber was lag dort?
Die Hohlschwänze! Die bösen Feinde — sämtlich ereilt von der Macht des Feuers, tot — alle!
Homchen hatte alle seine Feinde vernichtet.
Es wandte sich ab und lief den Hügel hinauf, durch das nächste Tal und wieder die Höhe hinauf — es wußte kaum, was es tat. Es war in einer andern Welt — nein, die Welt war in ihm, die Welt gehörte ihm —
Jetzt blickte es auf — vom Hügel herab sah es drüben über der Steppe einen dunklen Streifen — das war keine Steppe mehr. Es wußte, was es war — Noch ein kurzer, anstrengender Lauf, und es ruhte am Rande des Waldes.
Bis zum Anbruch des Abends schlief Homchen im hohlen Stamme einer Buche am Waldesrand. Da wurde es durch ein Rauschen im Walde erweckt. Es spähte hinaus. Der Regen hatte aufgehört, das Wetter war still und klar. Es war nicht der Regen, nicht der Wind, die durch die Äste fuhren, daß die Blätter raschelnd herniederglitten. Stimmen hörte man jetzt dazwischen, Zurufe von Tieren.
»Quih! Quih! Hi Kala! Hu Kusu! Eh! Eh! Gnu, Gnuru, Gnura! Quih!«
Homchen stieg hinauf zu einem der kahlen Äste, von denen es in den Wald hineinsehen konnte.
Näher kam es und näher. Tiere des Waldes, Trupp auf Trupp, ein ganzer Zug. Scharen der jungen Beutler, die Vorhut der Auswanderer. Gar nicht sehr weit von Homchen hatte die große Menge der Waldtiere den Tag über geruht, jetzt hatten sie ihren Weg nach Süden wieder aufgenommen.
Homchen wußte zunächst nicht, was es von der Bewegung der vielen Tiere halten sollte. Es beobachtete hinter einem Seitenaste verborgen. Manchmal kamen einzelne Tiere so nahe, daß Homchen glaubte, sie müßten es sehen. Wirklich, es waren die Säuger des Heimatwaldes! Was wollten sie hier?
Und da — da eilte ein Trupp junger Kala heran — einer hielt still und blickte nach Homchen hin — er spitzte die Ohren und richtete sich auf — dann sprang er mit einem Freudenschrei auf Homchen zu:
»Homchen, Homchen, bist du's?«
»Ja, Puhs, mein Bruder, ich bin's!«
»Homchen ist da, Homchen!« So schallte es zu den Kala.
Die umringten Homchen mit Jubel, neue kamen herbei, andere eilten auf den Freudenruf wieder zurück, und alle die Jungen sammelten sich um Homchen und bestürmten es mit Fragen.
Homchen schwoll das Herz in Freude und Stolz, als es sich so von seinen Brüdern und Freunden, von der ganzen Jugend des Waldes begrüßt sah. Und nun erfuhr es, was in der Heimat geschehen. Die Seinigen waren auf der Flucht vor den Echsen. In den Süden wollten sie, in den warmen, immer blühenden Wald mit den süßen Früchten, wo es keine Echsen gab? Dazu hätte Homchen seinen Weg zur großen Schlange angetreten und durchgeführt, damit ihnen der Heimatwald geraubt werde, damit sie im üppigen Süden ihre Stärke, ihren Mut, ihre spitzigen, scharfen Zähne verlieren sollten? War das der Weg zur Macht, den es den kommenden Geschlechtern zeigen wollte? Nein! Homchen war entschlossen, daß das nicht sein dürfe.
Während Homchen so schweigend überlegte, erschollen zwischen den Erzählungen der Tiere Fragen und Ruhmeserhebungen. »Wie sieht die rote Schlange aus? Wieviel Feinde hast du getötet? Ist es wahr, was der singende Flieger sang? Welche Schlange hast du besiegt? Es lebe Homchen, der Sieger, der die Schlange fraß! Führe uns, Homchen, nach dem Süden, daß uns die Echsen nicht fressen! Schütze uns vor dem Iguanodon, schütze uns vor dem Zorn der Zierschnäbel, daß uns die rote Schlange wieder gnädig wird! Sie sagen, du hättest die rote Schlange getötet und die Welt gehe zu Grunde. Sage, daß es nicht wahr ist!«
»Es ist nicht wahr!« rief Homchen in das Gewirr der Stimmen hinein. »Die rote Schlange kann niemand töten. Sie ist mit uns! Sie hat mich geschützt in tausend Nöten und mir Macht gegeben über alle Feinde! Sie wird uns auch gegen die Echsen schützen, wenn ihr mich hören wollt.«
Und Homchen sprang auf einen noch höhern Ast und rief laut sein Lied, daß die Tiere schwiegen, als es durch den Wald scholl:
»Homchen heiß' ich,
Echsen beiß' ich,
Mehr als alle Tiere weiß ich.
Schlangen schlag' ich,
Flammen trag' ich,
Neue Wunder sag' und wag' ich.«
Die Tiere bildeten ehrfürchtig einen Kreis um Homchen, das stolz und sicher auf sie niederblickte.
Da drängte sich durch die Menge ein Kala, dem sie willig Raum gaben.
»Homchen, mein Sohn!« rief Mea.
Homchen sprang herab von seinem Sitz und barg sich an der Brust der Mutter.
»Homchen lebt! Homchen ist da!« drang die Kunde weiter und weiter in den Wald. Und nun sammelten sich auch die Alten und verweilten auf ihrem Zuge. Aber nur Knappo eilte zu Homchen, die andern hielten sich zweifelnd und zürnend zurück.
Sie hielten Rat. Wie sollte man sich zu Homchens Rückkehr stellen? Homchen war vom Walde gebannt. Sollte man ihn jetzt wieder aufnehmen? Man war nicht mehr im Heimatwalde. Man war hier selbst fremd und konnte Homchen nicht vom Walde vertreiben. Aber Homchen war schuldig an dem ganzen Unglück der Säuger, er hatte den Zorn der Echsen veranlaßt, seinetwegen mußte man die Heimat verlassen. Durfte man ihm also erlauben mitzuziehen? Durfte er wieder in die Sippe zurückkehren? Wenn er nun wirklich die rote Schlange versöhnt hätte? Die Meinungen waren geteilt, aber Graukopf und die Mehrzahl der Alten waren gegen Homchen.
Der Rat wurde in unerwarteter Weise unterbrochen. Mitten in die Versammlung drängte sich das Heer der Jungen, Homchen an ihrer Spitze. Zornig verwies ihnen Graukopf die Störung, aber die dichte Menge der Eindringlinge wich nicht zurück. Homchen sprang über die Köpfe der Versammlung auf einen Baum und begann zu reden. Und schon hatte der Ruhm, der um Homchen einen Sagenkreis gewoben, auch die Meinung seiner Gegner beeinflußt, daß man es nicht wagte, Homchen mit Gewalt zu entfernen. Allmählich drang seine Stimme durch den Lärm, und aufmerkend, wenn auch unwillig, hörte man auf seine Worte.
»Ja, die rote Schlange sprach zu mir,« rief Homchen, »sie zürnt mir nicht, sie zürnt uns nicht! Glaubet mir, ihr Säuger des Waldes! Das Große wird klein und das Kleine wird groß! Die Zeit der Echsen ist vorüber. Sie sollen vertilgt werden wie die Schlangen, die ich schlug mit dem Stein des Berges, sie sollen dahinschwinden wie die Hohlschwänze, die ich verbrannte mit der Glut der Steppe. Glaubet nicht den Zierschnäbeln, daß die Echsen immer herrschen, daß die Waldtiere immer sich fürchten sollen im Dunkel. Die Zierschnäbel lügen! Sie sagen, die Echsen seien aus dem Ei gekommen, das die rote Schlange in den Tag legte, das war die Sonne. Und aus dem Ei, das sie in die Nacht legte, seien die Waldtiere gekommen, das war der Mond. Und darum müßten die Waldtiere in der Nacht bleiben, die Echsen aber sollten herrschen wie der Tag. Ich aber sage, die Zierschnäbel lügen. Wenn es so wäre, wie sie sagen, so könnten Sonne und Mond nicht mehr scheinen, denn aus ihnen wären Echsen und Säuger geworden. Ihr wißt aber, daß die Sonne alle Tage scheint! Und ihr wißt — doch blickt euch um, was steigt dort empor zwischen den Ästen des Waldes? Blutigrot schimmert es euch ins Antlitz — Sehet ihr? Es ist der Mond — und so sind wir nicht gekommen aus dem Monde!«
Ein Schauer ging durch die Zuhörer, als sie sich umblickten und groß und feierlich das Nachtgestirn sich erheben sahen.
»Die Zierschnäbel lügen,« fuhr Homchen fort. »Sie haben nichts voraus vor den anderen Tieren. Es ist nicht wahr, daß sie allein den Weg zur roten Schlange kennen, daß sie allein mit ihr reden dürfen. Jeder kann den Weg gehen, jeder kann mit der Schlange reden. Denn ich habe sie gefunden. Ich brauchte mich nicht mit ihr zu versöhnen, denn sie hat mir nie gezürnt. Sie spricht aus mir, in jedem will sie sprechen, der sie sucht. Denn sie ist nahe bei uns.«
Still war's ringsrum im Walde. Kaum zu atmen wagten die Tiere. Nur hell und laut klang Homchens Stimme.
»Durch die Steppe sprang ich zur Nacht. Vor mir floh die sengende Flamme, denn mit mir war die rote Schlange. Und die Flamme fraß die Zierschnäbel, als sie zurückkamen vom Moore. Dort waren sie gewesen, um die Echsen aufzureizen, damit sie den Wald vertilgten und euch vertrieben. Auf meinem Wege fand ich die verbrannten Leichname der Zierschnäbel. Die rote Schlange schützte sie nicht. Ich aber nahm das Feuer zwischen meine Zähne und trug es davon. Und mich schützte die rote Schlange. Und also will sie auch euch schützen, wenn ihr auf sie hört.
Glaubet mir, es kommt eine Zeit, da weiß man nichts mehr von den dummen Echsen. Es kommt eine Zeit, da herrschen die klugen, die guten Tiere. Groß und stark werden sie und treten bei Tage aus den Wäldern, aufgerichtet auf zwei Füßen, und heben die Augen auf zum Lichte des Himmels. Und sie schwingen den Stein und den Baumstamm, daß sie ihnen gehorchen, und sie tragen die Flamme und locken sie hervor, daß sie ihnen dient und sie schützt und wärmt in der Kälte des Winters. Und die Macht der klugen Tiere wird groß auf der weiten Erde, und nicht der Berg und nicht der Fluß noch das Meer können sie hemmen. Denn in ihnen lebt die rote Schlange.
Euch aber sage ich, die da wollen, daß die Zeit komme, in der unsre Enkel herrschen über die Erde, in der nicht die Bestie gewaltig ist, wie sie will, und an sich reißt, was sie kann, sondern in der auch der Schwache stark ist durch die Güte und Klugheit, die in allen zusammenwirkt, wer das will, was die rote Schlange verheißt, der höre auf mich! Der ziehe nicht nach dem Süden, der kehre um zum Heimatwalde! Der fasse Mut und folge mir! Folget mir alle!«
Homchen wartete keine Gegenrede und keine Beratung ab. Während die Versammlung noch überrascht und erschreckt von dem Unerhörten, von der neuen Verkündigung und der kühnen Forderung, schweigend verharrte, sprang Homchen, gefolgt von seinen Getreuesten, in der Richtung der Heimat durch den Wald. Nach kurzer Strecke hielt es an und wartete, ob sich die Säuger alle anschließen würden. Es kamen auch die jüngeren fast alle, von den älteren nur wenige, unter ihnen seine Eltern und die nächsten aus der KalaSippe.
Graukopf aber und die Mehrzahl der Alten blieben zurück. Sie berieten lange. Alle fragten nach dem Taguan, aber der Taguan war nicht zu sehen. Man wußte nicht, wo er hingekommen war. Endlich beschloß man, den Zug nach dem Süden fortzusetzen. Ein Bote eilte zu Homchen, um seine Partei zum Anschluß aufzufordern. Er kam unverrichteter Sache zurück. Und so trennte sich das Geschlecht der Beutler.
Die einen zogen nach Süden. Monatelang wanderten sie umher. Dann fanden sie immergrüne Wälder mit reicher Nahrung und milder Luft. Da lebten sie und ihre späten Geschlechter ungestört als kleine Beuteltiere. —
Homchen aber und die anderen zogen nach Norden, ungewissem Schicksal entgegen, wilden Feinden und rauhen Wettern, aber mit Mut und Hoffnung in den trotzigen Herzen. Und doch — ein Schauer des Unheimlichen überfiel sie, wenn sie Homchens Rede gedachten.
Nahe am Waldrande hielt sich ihr Weg. Als der Morgen anbrach, suchten sie sich Nahrung und sichere Plätze auf den Bäumen, denn sie waren müde und mußten schlafen.
Nur Homchen konnte nicht schlafen. Eine Sorge war in ihm lebendig. Wenn die Echsen gegen den Wald zogen, wie sollte es die Seinen verteidigen, wie sollte es sie vor den Echsen schützen? Wohl wußte es, die rote Schlange würde ihm helfen. Es mußte ein Mittel geben gegen die Gewalt der Echsen! Hatte es nicht die Steine gegen die Schlange geschleudert? Hatte es nicht die Hohlschwänze mit Feuer verbrannt? Aber woher sollte es das Feuer nehmen?
Homchen schlich sich bis an den Rand des Waldes und spähte hinaus. Hier hatte es nicht geregnet. Drüben im Westen war der Himmel von Wolken umzogen, die im Widerschein des Frührots seltsam leuchteten. Hier saß es lange still.
Durch das Schweigen des Morgens flatterte eilig ein Tier am Rande des Waldes hin.
»Taguan!« rief Homchen.
»Hik! Hik! Homchen bist du es? Hast du die Deinen nicht unterwegs getroffen?«
»Ich habe sie getroffen und die Jungen sind mit mir zurückgekehrt. Sie schlafen drin im Walde. Ich führe sie nach der Heimat.«
»Und die anderen?«
»Sie ziehen nach Süden.«
»O Homchen, wie konntest du die Kala bereden, umzukehren? Komm zurück. Komm eilend zurück! Nur im Süden ist Rettung.«
»Ich fürchte mich nicht vor den Echsen. Die rote Schlange wird uns beschützen.«
»Glaube das nicht. Die rote Schlange gerade versperrt euch den Weg.«
»Was soll das heißen?«
»Ich weiß es selbst nicht, aber ich habe es von fern gesehen. Ich flog noch einmal zurück. Ich wollte sehen, ob noch Säuger im Walde verlassen geblieben wären, ja ich wollte sogar bis zum Igel, um ihm Lebewohl zu sagen. Ihr Kletterbeutler braucht so viel Zeit zum Wandern, inzwischen mache ich dreimal den Weg. Aber als ich weiter nach Norden kam, vielleicht noch eine Nachtreise für euch von hier, da wehte es heiß von der Steppe her und es leuchtete durch die Nacht, daß ich erschrak. Da flog ich weiter im Walde, bis ich an die Schlucht kam, die sich von den Hügeln herein erstreckt, und immer weiter in ihr nach Norden. Und als es Tag ward, hing ich mich dort zum Schlafe auf. Doch ich schlief nicht lange. Ein erstickender Geruch weckte mich auf, der mir den Atem benahm. Nicht weit von mir qualmte die ganze Schlucht. Es krachte in den Bäumen, es zersprang die Rinde, ich floh hinauf nach dem Innern des Waldes. Und zuweilen blickte ich nach der Schlucht. Dicke Wolken lagen darüber. Und als der Abend kam, glühte darin ein feuriges Meer. Du weißt, da liegen die alten Blätter und Nadeln der Bäume in dicker Schicht. Das alles schwelte in Hitze. Und dazwischen standen feurige Riesen. Das ging so fort bis an den Felsenkessel, wo der Waldsee liegt. Dort hörte es auf. Ich aber fürchtete mich und kehrte zurück. Noch schaudere ich, wenn ich daran denke. O Homchen, es ist ein Zeichen der roten Schlange! Du sollst nicht wieder zurück in den Wald.«
Da rief Homchen: »O rote Schlange, ich danke dir! Taguan, mein Freund, ich danke dir für die Nachricht. Ja, es ist ein Zeichen der roten Schlange. Ein Zeichen, daß sie mit mir ist, daß sie uns schützen wird gegen die Echsen. Lebe wohl, ich muß fort! Ich muß nach der Schlucht, solange die Riesen noch feurig sind und der Boden noch glüht. Du führe die Alten nach Süden. Wir aber wollen zurück! Lebe wohl und sorge nicht um Homchen.«
Vergeblich rief der Taguan, Homchen war schnell in den Wald gesprungen. Erst gedachte der Taguan, ihm zu folgen; dann besann er sich, daß er schon zu lange von den Auswandrern, die weiter zogen, entfernt war, und flog weiter.
Homchen aber setzte sich nachdenklich hin, nicht fern von den schlafenden Genossen. Es schloß die Augen, aber es schlief nicht. Wie ein wundersames Zeichen war ihm das Wort des Taguan gekommen. Die rote Schlange sprach mit ihm. Wenn sie sprach, so war's wie ein buntes Schweben und Neigen von Gestalten, wie Baumblätter gegeneinander schwingen im Lufthauch. Blätter der Erinnerung, Blüten der Hoffnung wehten vor dem geschlossenen Auge. Aber in Homchens Seele wuchs ein heller Schein wie das Licht des Tages, das klarer und klarer durch die Zweige glänzte. Und dann wußte es, was die Schlange gesprochen hatte.
Die Flamme der Steppe war in die Schlucht gedrungen, sie hatte die morschen Stämme entzündet. Sie tanzte leise um die dürre Rinde, sie schlief in der glimmenden Kohle. Homchen würde sie wecken. Aber sie durfte nicht wieder fliehen. Homchen mußte sie bewahren. Und es verstand jetzt, was einst die Stimme sprach: In der Felsenhöhle wirst du die glühende Kohle hegen und nähren.
Ja, die Flamme ließ sich tragen. An den Hügeln gab es Höhlen, trocken lagen die Steine übereinander getürmt. Man trug die Flamme hinein. Die Genossen mußten lernen, die Nahrung der Flamme im Walde zu suchen, Nahrung für die rote Schlange. Homchen wird sie zur Höhle tragen jeden Tag.
Auf den Hügeln am Waldesrand müssen kluge Kala Wache halten. Wenn die Echsen kommen, so müssen sie schnelle Botschaft bringen zum Walde und zu Homchen. Dann werden sie die Flamme hinaustragen aus der Höhle, dann werden sie die Glut in den Weg der Echsen werfen, aufs Gras der Hügel. Und die Echsen werden fliehen vor dem Zorn der roten Schlange. Das Kleine wird groß, wenn sie zusammenstehn — das Viele zum Einen machen! So muß es gelingen. Die Vielen müssen tun, was für alle ist.
Rote Schlange ich danke dir!
Homchen sprang auf und weckte die Seinen.
Warum führst du uns einen anderen Weg zurück, Homchen, als den wir gekommen sind? Es war doch der nächste?« So fragte Knappo. »Wir können nicht über die Schlucht.«
»Woher weißt du das? Wir sind doch erst vor drei Tagen hinübergeklettert.«
»Der Taguan hat es mir gesagt, während ihr schliefet. Inzwischen ist das Feuer von der Steppe in die Schlucht gedrungen. Wir müssen bis zum Waldsee, wo sie endet, um sie zu umgehen.«
»Feuer? Was sagst du da? Wenn es in den Wald dringt! Unsere Väter erzählen, daß einst drüben, nahe an den Hügeln, der Wald rot war von Glut, weil die Schlange zürnte, und jetzt —«
»Sorge dich nicht, die Schlange zürnt nicht uns, sondern den Echsen. Das Feuer kann nicht in den Wald dringen.«
»Aber die Kala werden sich fürchten. Sie sind müde. Schon einen halben Tag und nun fast die ganze Nacht sind wir gewandert. Es würde gut sein, wenn wir ruhten.«
»Nicht, bevor es hell geworden ist. Der Morgen kann nicht mehr fern sein, und wir müssen uns beeilen.«
Homchen sprang voran. Knappo schüttelte den Kopf. Andere kamen, die zurückgeblieben waren, und wollten nicht mehr weiter. Auf Knappos Zureden setzten sie die Wanderung fort, aber langsam.
Mit den rüstigsten der Jungen war Homchen schon weit voraus, als es bemerkte, daß der Zug sich aufzulösen drohte. Sollte es hier warten? Jeder Augenblick war ihm kostbar. Wenn das Feuer in der Schlucht inzwischen verlöschte? Wenn ein Regen fiel? Nein, es konnte nicht warten. Es sprang dem Zuge voran. Da endlich ward es heller unter den Bäumen. Eine Wiese lag vor ihm.
Homchen atmete auf, es wußte jetzt, daß die Schlucht und der Waldsee hinter ihm lagen. Die Wiese mündete in den Kessel des Waldsees. Das erste Morgengrauen lag über den Halmen, die im Winde wogten. Feucht schien die Luft. Homchen zitterte, wenn es daran dachte, daß ein Regen seinen ganzen Plan, vielleicht seine Rettung vernichten könne. Auch ihm fehlte der Schlaf. Aber es wußte, daß es nicht ruhen dürfe. Nur einen Augenblick, bis die ersten Genossen sich gesammelt hatten.
»Hier mögt ihr ruhen,« sagte Homchen zu ihnen. »Inzwischen will ich sehen, wie es im Heimatwalde steht. Bald kehre ich zurück. Dann will ich euch sagen, wie wir uns vor den Echsen schützen wollen.«
Homchen sprang die Wiese entlang, nach dem Waldsee zu. Als es um die nächste Waldecke herum war, atmete es auf. Es witterte Brandgeruch, und vor ihm, in der Richtung der Schlucht, lag eine graue Wolke. Vielleicht fand es noch Glut in der Schlucht. Nun kam es an die Stelle, wo die Wiese abbrach. Steile Felsen rahmten einen Kessel ein, darin der Waldsee still und ruhig lag. Es lief oben an den Felsen hin, bis es den Kessel umgangen hatte und an den Rand der Schlucht selbst gelangt war. Aber noch konnte es nichts vom Feuer bemerken, der Boden der Schlucht war hier zu feucht. Weiter und weiter eilte es an der Schlucht hin. Sollte der Brand wirklich zu Ende sein?
Da eine Biegung — da rauchte der Boden — weiter — und da, da glommen noch Baumstämme und Äste — und da drüben, auf der anderen Seite der Schlucht, in dem dunkeln Spalt, da züngelten noch Flämmchen in dem zusammengestürzten Dickicht, — da drüben hatte sich das Feuer an der Wand der Schlucht weit in die Höhe gezogen.
Gern wäre Homchen hinabgeklettert, aber es nahm sich nicht Zeit dazu. Es hätte doch hier über den heißen Boden nicht fortgekonnt. Daher mußte es die Schlucht auf der andern Seite des Waldsees umgehen.
Und nun zurück!
Es war heller Morgen geworden. Die Genossen schliefen. Mit Freude sah Homchen, daß auch die Alten nachgekommen waren. Es mußte ihnen Ruhe gönnen — und sich auch. Ein schweres Tagewerk stand bevor.
Der Himmel schien klar. Ein Weilchen wollte es schlafen.
Nicht weit von der Wiese, aber tief im Schatten des Urwalds, hatten sich Knappo und Mea einen Ruheplatz gesucht.
Als Mea erwachte und aus dem Dunkel des Baumlochs hervorkroch, bemerkte sie an der Beleuchtung des Laubdachs, daß die Sonne schon tief stehen müsse. Sie sah sich in der Umgebung um und lief bis an die Wiese, um Homchen zu suchen. Sie fand es nicht. Sollte es noch nicht zurückgekehrt sein? Aber es fehlten überhaupt so viele von der Sippe. Von den Kala waren meist nur die älteren zu sehen, die schlafend auf den Ästen saßen oder, eben erwacht, sich nach Nüssen umsahen. Keiner wußte etwas von Homchen.
Als sie noch besorgt sich umblickte, kam Puhs herangesprungen.
»Weißt du nicht, wo Homchen ist?« rief ihm Mea entgegen.
»Ich komme eben von ihm,« antwortete Puhs. »Er hat mich zurück geschickt, um euch den Weg zu ihm zu zeigen, wann ihr ausgeruht seid. Um Mittag schon weckte er mich, und wir riefen leise alle die Jungen zusammen, die wir für die stärksten und getreuesten hielten. Homchen führte uns durch den Wald, bis wir an die Hügel gelangten, wo sie nach dem Walde hin abfallen. Dort suchte Homchen lange umher, bis er zwischen den Felsen eine trockene Höhle fand. Ein großer Stein war in einen Spalt gestürzt und bildete ein Dach. Lose Steine lagen ringsum und der Wind zog durch die Höhle. Und nun gebot uns Homchen etwas ganz Seltsames.
Wir mußten uns überall im Gebüsch und im Walde verteilen und trockene Zweige zusammenschleppen, auch trocknes Gras, und zuletzt die schwersten Äste, die wir tragen konnten, mehrere zusammen mußten an den Ästen ziehen. Das war sehr mühsam. Wie sollen wir etwas tragen, was wir nicht in den Mund nehmen können? Da müßte man auf zwei Beinen laufen können, wie der Iguanodon. Das können wir doch nicht. Man kann die Hände wohl gebrauchen, wenn man sitzt, aber doch nicht, wenn man läuft. Und das alles am Tage und an den Hügeln, wo der Wald so wenig Schatten gibt. Die Genossen murrten und fragten Homchen, was das solle. Da sagte er, das sei ein Zauber gegen die Echsen. Ja, und das habe ich noch vergessen, oben an den Hügeln mußten sich einige im Grase und zwischen den Steinen verbergen und aufpassen, ob sie Echsen sähen. Erst wollte es niemand tun, weil wir am Tage den Wald nicht verlassen dürfen. Aber Homchen wurde sehr böse und sagte, das wäre dummes Zeug. Wir dürfen so gut am Tage hinaus, wie die Echsen, und wir müßten uns immer mehr gewöhnen, am Tage zu wachen und nachts zu schlafen. Da ging ich mit einigen Mutigen hinaus, aber so sehr wir aufpaßten, Echsen sahen wir nicht.
Einmal wagte ich mich bis auf einen der Hügel hinauf, weil ich dachte, ich könnte vielleicht bis zum Drachenmoor hinüber sehen. Doch ich sah nichts. Jenseits der Hügel war überall dichter Nebel. Dann kamen die andern hinauf und wir kehrten zu Homchen zurück.
Da sagte Homchen, wir sollten mit ihm in den Wald gehen, die andern aber sollten noch andre Höhlen suchen und sie ebenfalls mit trocknem Holze füllen.
›Quih! Quih!‹ schrien die Genossen, ›das wollen wir nicht. Das ist kein Tun, was den Kala geziemt. Wir haben Krallen und Zähne, um sie in lebendige Feinde zu schlagen, aber nicht in trockne Hölzer. Das ist ein Zauber, den wir nicht verstehen.‹
›Mit euren Krallen und Zähnen könnt ihr die Echsen nicht besiegen‹, rief Homchen. ›Ich versprach euch zu schützen, aber wenn ihr nicht gehorcht, kann ich euch nicht beschützen.‹
›Und mit dem Holz und Gras willst du die Echsen besiegen?‹
›Habe ich euch nicht gesagt, daß ich die Hohlschwänze in der Steppe besiegt habe durch das Feuer? Das Holz brauche ich für das Feuer, das ich holen werde.‹
›Wie‹, riefen sie alle, ›Feuer willst du holen? Das tue ja nicht, das wollen wir nicht. Wir wissen ja, dich schützt die rote Schlange, wie hättest du sonst den Hohlschwanz und die Seeschlange besiegen und das Feuer tragen können. Wir glauben dir, denn der singende Flieger hat es gesagt. Aber wir können das nicht. Wir fürchten uns.‹
Da rief Homchen: ›So geht zurück zu den Alten und zieht mit ihnen nach Süden und bleibt furchtsame Waldtiere, die sich vor den Echsen verbergen. Ich aber werde tun, was die rote Schlange in mir gesprochen hat.‹
Damit lief Homchen erzürnt in den Wald. Und ich sah noch, daß die Genossen nach dem Waldrand sich zurückzogen und dort lagerten. Ich sprang noch einmal hin, um zu ihnen zu reden. Aber sie wollten Homchen nicht gehorchen. Es war ihnen allen unheimlich, was Homchen tat. Und die alten Erzählungen kamen wieder auf, daß es die Schlange getötet — Sie wollten dort warten und ruhen, bis ihr ihnen nachkämt. Nach dem Süden ziehen wollten sie auch nicht.
Darauf kehrte ich wieder zu Homchen zurück und fand es, wie es an einer Stelle im Walde ein Häufchen Reisig zusammenschleppte, und mußte ihm helfen, einen stärkeren Ast darauf zu legen. Dann sprangen wir wieder ein Stück fort in den Wald, aber einen ganz andern Weg, als wir gekommen waren, und machten es ebenso. Und so noch weiter. Und ich fragte Homchen, was das solle? Da sagte es nur: ›Das ist der Weg des Feuers. Nun aber brauchst du nicht weiter mitzukommen. Spring hier in dieser Richtung fort, die ich dir weise; da kommst du an den Waldsee und wirst bald die Zurückgebliebenen und meine Eltern finden. Denen sage, sie möchten sich mit den andern vereinigen und tun, was sie wollen. Wenn sie mich aber brauchen, so werden sie mich an der Höhle finden.‹ Das war Homchens Rede. Und so bin ich denn hier und richte meine Botschaft aus.«
So sprach Puhs.
Inzwischen hatte sich die Nachricht verbreitet, daß ein Bote von Homchen da sei, die Schläfer waren erwacht, und alle die Waldtiere hatten sich um Puhs und Mea versammelt. Auch Knappo war gekommen.
»Quih, quih!« rief Mea. »Was hat man für Sorge mit den Jungen! Erst kehren sie um, weil sie auf Homchen vertrauen, und nun wollen sie ihm wieder nicht gehorchen. Was soll denn nun geschehen?«
»Homchen hat aber auch nicht recht,« sagte Knappo. »Holz schleppen, noch dazu am Tage, das tun die Ameisen; für Beutler schickt sich das nicht. Das können wir auch nicht. Wenn er keinen andern Zauber wußte als Arbeit, so mußte er uns nicht zureden. Ich war auch überhaupt dagegen, daß wir umkehrten.«
»Warum bist du denn da nicht mit dem Graukopf gezogen?« fragte Mea.
»Ich konnte den Jungen doch nicht allein lassen.«
»Nun, und sollen wir ihm denn jetzt auch folgen?« fragte einer.
»Natürlich müssen wir zu den andern am Waldrand ziehn,« erwiderte Knappo. »Dort können wir erst beraten, was geschehen soll.«
In tiefster Finsternis lag der Urwald.
Nur die großen Augen der Nachttiere vermochten hier noch Strahlen aufzunehmen, die für die Tagbewohner unsichtbar waren. Sicher liefen die behenden Beutler auf den Ästen entlang, dann ein elastischer Sprung auf den Nachbarbaum, und so weiter und weiter eilig durch die Lüfte — —
Weich und lautlos sind Sprung und Schritt — nur hin und wieder ein leises Rauschen gestreifter Zweige, ein Niederfallen einer Frucht — sonst Schweigen, tiefes Schweigen des Waldes —
So war die Wanderung schon lange durch den Wald gegangen. Da hielt Puhs an. Der Zug stockte und schloß sich zusammen.
»Was gibt es?« fragte Knappo.
»Wir müssen bald am Ziele sein. Vielleicht, daß wir ein wenig nach links abgewichen sind. Aber ich weiß nicht, es gefällt mir etwas nicht in der Luft, spürt ihr nichts?«
»Ja, ja, ich spüre etwas.«
»Ich auch« — »ich auch« — so rief es in der Schar.
»Was mag das sein?«
»Ich weiß es nicht,« sagte Knappo. »Aber es ist unheimlich.«
»Mut, Mut! Es hilft nichts, wir müssen vorwärts. Gleich werden wir am Waldrand sein.«
Die Tiere sprangen weiter von Ast zu Ast.
Plötzlich ein Schreckensruf: »Quih — quih.«
Alles stockte.
»Da, da vorn, seht ihr nicht?«
»Es ist etwas Helles, unten am Boden. Es bewegt sich.«
»Es ist der Mondschein, der auf dem Bache hüpft.«
»Nein, nein, es ist ganz anders. Der Mond ist noch nicht aufgegangen.«
»Weiter, weiter!«
»Es bleibt an seiner Stelle. Wir sind vorüber.«
»Quih, quih! Da vorn ist es noch einmal. Hinten und vorn! Lasset uns fliehen!«
»Nicht doch, nicht doch!« rief Puhs. »Ich erkenne jetzt die Stelle. Dort auf dem Steinblock, nahe der großen Eiche, dort habe ich mit Homchen das Reisig aufgehäuft. Das ist der Weg des Feuers!«
»Des Feuers! Quih! Purruh! Fort, fort, fort! Die rote Schlange möge uns schützen.«
Die Tiere stürmten von dannen. Sie beschrieben einen weiten Bogen. Dann stutzten sie aufs neue erschreckt. Vor sich sahen sie wieder das Helle. Doch diesmal blieb es nicht an einer Stelle. Es bewegte sich vorwärts, nicht gerade auf sie zu, aber nicht weit von ihnen, in der Richtung ihres Weges.
Zitternd drängten sie sich zusammen. Alle Blicke hafteten auf dem nie Gesehenen. Sie möchten fliehen. Und doch fesselt sie eine übermächtige Gewalt an das Schauspiel.
Mühsam bewegt sich ein Tier am Boden zwischen den feuchten Moosen, nur wo größere Steine und Wurzeln hervorragen, springt es geschickt und eilig. Aber dicht vor ihm oder über ihm ist das Unbegreifliche. Leuchtend rot und gelb, flackernd und qualmend schreitet die Flamme — das Tier trägt einen Ast im Maule, dessen eines Ende brennt — hin und wieder stieben die Funken — Sie ahnen wohl, daß es Homchen ist. Und doch wagen sie es kaum zu denken. Es ist zu ungeheuerlich.
Lautlos, geängstet, und doch unfähig, davon zu lassen, folgen die Waldtiere dem Fackelträger. Und nun auf einmal steht das Tier still — der Ast ist ganz kurz geworden, das Tier läßt ihn fallen — es qualmt am Boden — es prasselt — und nun aus dem Rauche hell und hoch lodert eine neue Flamme. Deutlich sieht man jetzt das Tier.
»Homchen!« ruft Mea.
»Still, still!« flüsterte Knappo. »Störe nicht den Zauber! Wenn du die rote Schlange erzürntest.«
»Es ist der Weg des Feuers,« sagt Puhs.
»Kommt, kommt! Laßt uns fliehen,« rufen andere.
»Nein! Nein!«
Homchen hatte nichts gehört, es blickte in die prasselnde Flamme. Sein Herz schlug, Angst und Freude durchstürmten es. Würde der Ast, der mit dem einen Ende in der Flamme lag, Feuer fangen? Würde er bis zur Höhle reichen? Es war die letzte Station — jetzt mußte es sich entscheiden, ob es das Feuer bergen kann. —
Und nun hebt es den Ast mit den Zähnen. Es ist noch nicht richtig, es muß ihn anders fassen — so — und nun vorwärts.
Der Wald wird lichter, der Lauf geht schneller. Wie gebannt, willenlos folgen die Tiere. Bis zum Waldrand.
Da steigen die Hügel auf.
Die Tiere getrauen sich nicht, von den Ästen auf den Boden hinab zu springen. Sie hocken zitternd auf den Bäumen und blicken Homchen nach. Sie merken es kaum, daß andere Tiere am Waldrand herangekommen sind. Es sind die Gefährten, die mit Homchen ausgezogen waren. Auch sie haben das Licht gesehen, das sie mit magischer Gewalt anzieht und doch in scheuer Ferne hält. Da hocken sie alle zusammen, die Waldtiere, pochenden Herzens. — Sie ahnen, daß etwas Großes geschieht, aber es ist zu groß für sie — sie verstehen es nicht.
Matter und matter erscheint die Flamme. Homchen ist an der Höhle angelangt — nur schwach noch glimmt der Ast — da fliegt er ins trockne Gras — da weht der Wind — —
Eine Weile sitzt Homchen und starrt und starrt auf das schwache Fünkchen und zittert um das Gelingen des Werks und um die Waffe gegen die Echsen.
»Rote Schlange, rote Schlange, o hilf!«
Und das Glimmen breitet sich aus, und nun ein kleines Flämmchen — und noch eins — und auf einmal eine helle Lohe, und wie auf einen Schlag prasselt das Reisig und Glut flammt empor. — Geborgen ist das Feuer.
Homchen stürzt erschöpft zusammen.
Vor dem Feuer kauert es, vor seinem Feuer. — Noch starrt's in die Glut mit offnen großen Augen — die Flamme summt und saust, und die Augen fallen zu — und Homchen schläft an seinem Herde. Die Tiere aber sind zusammengeschreckt bei dem Prasseln und der Helle — die Furcht übermannt sie, und eilend flüchten sie in den Wald. Sie sehen nicht mehr das Gewaltige. Da löst sich ihnen die Stimme. Hin und her fliegt die Rede.
Was ist es, was ist es, das Homchen getan hat?
Nein, nein, nie wieder zur Höhle! Nie wieder das Holz zusammen suchen! Fort, fort! Aber wohin?
So streiten sie und beraten, und die Wipfel der Bäume färben sich im Frührot.
Das große Weltenfeuer flammt auf im Osten. Aber die Tiere der Nacht suchen nach dunklen Höhlungen.
Puhs blickt in ein Baumloch, um einen Ruheplatz zu finden. Da funkeln ihm zwei Äuglein entgegen. Ein kleines Tier springt hervor. Es wollte dem Eindringling an die Kehle, aber sobald es den starken Kala erkannt, zieht es sich zurück.
»Was willst du hier?« ruft Puhs. »Du bist doch weiter unten im Heimatwald geblieben, Tafa?«
»Ja, weil ich gebannt war.«
»Und nun wolltest du uns nachkommen?«
»Ja, ich wollte sehen, ob ich nicht ein anderes Unterkommen finde. Aber was macht ihr hier?«
»Wir wollen zurückkehren nach unserem Walde.«
»Das könnt ihr nicht! Das könnt ihr nicht!« grinste der Tafa boshaft.
»Warum nicht?«
»Aus demselben Grunde, weshalb ich geflohen bin.«
»Was ist?«
»Der Iguanodon ist mitten im Wald. Er bricht hindurch. Er will zum Drachenmoor, um die Echsen zu holen.«
»Ist's wahr? Ist's wirklich wahr? Hört, ihr Kala, was der Tafa erzählt.«
»Es ist wirklich wahr. Diesmal ist er nicht wieder umgekehrt. Ich habe ihn gesehen. Ich habe gehört, wie er mit sich selbst sprach. Da bin ich entflohen.«
»Was sollen wir tun?« rief Mea. »Laßt uns zu Homchen ziehen.«
»Nein, nein,« schrien andre. »Wir wollen nicht wieder tun, was Homchen verlangt. Wir fürchten uns vor der Flamme.«
»Wir wollen umkehren, wir wollen wieder nach Süden,« riefen andere.
»Hier seid ihr noch sicher. So schnell kommen die Echsen nicht hierher,« sagte der Tafa.
»So laßt uns erst schlafen!« gebot Knappo. »Am Abend wollen wir Beratung halten.«
Die Tiere zogen sich in ihre Ruheplätze zurück.
Immer ungemütlicher war es im Drachenmoor geworden. Das Wasser wurde kälter und die Bäume wurden kahler. Es war ja stets einmal eine schlimme Zeit im Jahre gekommen, aber so früh und so stark hatten die Echsen doch noch nie Not zu leiden gehabt.
Die Zierschnäbel warteten noch immer angeblich auf ihre Führer. Aber es gefiel ihnen gar nicht recht im Drachenmoor. HohlschwanzEier gab es nicht mehr, denn die Hohlschwänze hatten die Gegend verlassen. Zwar, wenn es die Zierschnäbel verlangten, brachten die Echsen noch oft dies oder das, was sie an guten Bissen fanden, denn sie meinten, die rote Schlange würde es ihnen bald durch Wärme vergelten, was sie an den Zierschnäbeln täten. So hatten diese verkündet. Und jeden Mittag traten alle Zierschnäbel auf einer Wiese zusammen und murmelten lange Reden. Den Echsen sagten sie, sie sprächen mit der roten Schlange, daß sie ihnen gnädig sei, und die Echsen glaubten es immer und vertrösteten sich von einem Tage zum anderen. Die Zierschnäbel jedoch kamen zu dem Ratschluß, daß es jetzt keinen Zweck mehr hätte, auf ihre Kameraden zu warten. Wenn die Echsen selbst nichts mehr hatten, konnten sie den Zierschnäbeln nichts bringen. Und keinesfalls wäre Grappignapp so lange ausgeblieben, wenn ihm nicht ein unüberwindliches Hindernis entgegengetreten wäre. Sie mußten also jetzt aus eignem Entschluß handeln.
Von der Botschaft an den Iguanodon und dem Feldzuge gegen die Säuger war schon gar nicht mehr die Rede. Denn die Zierschnäbel hatten Grund, nicht daran zu erinnern, und die Echsen dachten von selbst nicht lange an eine Sache.
Sie hatten auch genug mit sich selbst zu tun. Die kleineren Echsen wußten kaum noch, wie sie sich vor den Raubechsen verbergen sollten; denn je mehr die hungerten, um so weniger kümmerten sie sich um die Anwesenheit der Zierschnäbel. So zerstreuten sich die pflanzenfressenden Echsen immer weiter vom Moore weg nach der Steppe hinein. Aber auch die Raubechsen untereinander wüteten gewaltig. Und neue, ungewohnte Gäste drangen vom Moore heran. Weit draußen hatte man sie sonst nur gesehen umherschwimmen und Fische fressen. Aber nun krochen sie mit ihren Ruderfüßen ins Moor und bis aufs Land. Und wo die Zierschnäbel nicht in der Nähe waren, gab es Kampf und Mord mehr als je. Die GroßEchse aber trug den Kopf hoch und schlich herum mit aufgesperrtem Rachen, und selbst die großen Drachen des Meeres fielen ihr zur Beute.
Und eines Tages waren die Zierschnäbel verschwunden. Es wurde ein Tag wilder Gier, ein Tag der Flucht und Verfolgung, des Versteckens und Suchens, des Beißens und Zerreißens, bis die Dämmerung und die Kälte des Abends die Wut der Drachen bezwang.
Und wieder stieg die Nacht klar mit ihrem Sternenschimmer herauf. Da kommt über das Meer ein seltsames Rauschen. Es ist nicht der Wind, der weht sogar von der Steppe herüber. Es ist auch nicht die Flut, wie sie gewöhnlich kommt. Die bricht sich schon weit draußen an den Strandinseln und hier oben im Drachenmoor merkt man nichts mehr davon. Und doch ist's eine Flut. Nur eine Flut, wie sie seit Echsengedenken nicht da war. Von weit, weit her läuft sie über den Ozean, von Ländern und Meeren, wo die Erde gebebt und Berg und Wasser erschüttert waren im tiefsten Grunde — —
Das Wasser steigt im Drachenmoor und überflutet die flachen Landzungen und Inseln, und die Echsen schütteln sich in ihren Lagerstätten. Kalt ist das Wasser, ungewöhnlich kalt. Sie können nicht liegen bleiben, und doch wagen sie kaum aufzustehen, denn die Sterne leuchten über ihnen. Die Bronto und die eigentlichen Wasserechsen fühlen nur unangenehm die Kälte. Aber die Landechsen müssen sich endlich doch aufraffen. Furchtsam suchen sie einen Weg in der Dunkelheit nach der Richtung des höheren Landes hin. Keine denkt an Raub, keine wagt sich umzublicken, denn der Strahl der bösen Nachtgeister könnte in ihr Auge fallen. So klappert und knarrt und rasselt und zischt es durch das Drachenmoor. Je weiter sie fliehen nach der Steppe zu, um so mehr drängen sich die Massen der Tiere zusammen. Denn von allen Seiten treibt sie das steigende Wasser vorwärts. Und viele, die nicht schnell genug vorwärts können, werden zertreten. Die schnelleren sind schon oben im Gras der trockenen Steppe und fühlen sich geborgen.
Doch plötzlich, was stutzen sie? Sind die Nachtgeister auf die Steppe hinabgestiegen? Kommen sie den Echsen entgegengezogen, um sie zu strafen? Es leuchtet da hinten in der Ferne, und dunkelrote Wolken wälzen sich darüber. Ein heißer Wind weht den Echsen entgegen. Und näher und näher fliegt's, ein prasselndes, glühendes Ungetüm. In der ganzen Breite, so weit man sehen kann, saust es, leuchtet, brennt es — die Steppe ist in Feuer getaucht.
Rückwärts wälzen sich die Massen der Tiere, wieder ins Wasser hinein. Rückwärts drängen sie die Folgenden. Und die eben froh waren, das Trockene erreicht zu haben, sind nun zufrieden, daß das Wasser wieder um ihre Füße rieselt. Denn schon hat die Flamme diejenigen erreicht, die zu weit in die Steppe vorgedrungen waren. Gebrüll und Geheul schallt herüber zum Moor, bis es im Rauch der brennenden Steppe erstickt — erstickt, wie die Tausende, die schon früher in die Steppe gezogen waren.
In zitternder Angst staut sich die Masse der Tiere. Der riesige Atlanto stampft über sie hin und tritt sie in den Grund, daß er trocken über dem Boden steht. So am ganzen Strande des Moors zusammengepfercht heulen und rasen die Echsen, während der Steppenbrand an der heranrieselnden Meeresflut verzischt.
Doch in das Gezisch und den Qualm der ringenden Elemente tönt ein neues, furchtbares Rauschen. Die Fluten, die über den Strand spülten und die Echsen aus ihren Schlummerstätten trieben, waren nur ein Vorspiel. Jetzt stieg vom Meere her eine dunkle Wand empor. Pfeilschnell flog sie heran, alles unter sich begrabend, eine Mauer von Wasser. Die Hauptwelle kam.
Es war nicht bloß Wasser. Zuckende Gliedmaßen, ragende Riesenleiber, um sich schlagende Drachenschweife, das Heer der meerwärts geflohenen Wasserechsen hatte die Welle überwältigt und spülte sie zurück ans Land. Und die widerstandslose Masse warf sie auf die Flüchtlinge des Landes, und unaufhaltsam, unwiderstehlich vorwärtsschreitend, die lebendige Mauer der Tiere überflutend, stürzte sie hinein weit in die noch glimmende Steppe, die Herrschaft des Meeres erweiternd, bis die Höhe der Hügel ihr Halt gebot.
Qualmend verdampfte das Wasser. Eine unermeßliche Wolke lag über der Grabstätte des Echsengeschlechts.
Als die Sonne dunkelrot über die dampfende Erde emporstieg, war das Drachenmoor verschwunden. Ein kaltes Meer flutete über der Stätte.
Dennoch waren nicht alle Bewohner des Moors verloren. Eine Anzahl Echsen hatte ihre Flucht zufällig gleich im Anfang, als das Wasser stieg, nach den steilen Hügeln hingerichtet, die im Osten das Drachenmoor vom Walde trennten. Das waren die Hügel, wo Homchen zuerst sehnsüchtig nach dem roten Stern geblickt, wo es den Taguan getroffen und mit ihm den Igel besucht hatte. Das waren die Hügel, die es sich jetzt als Beobachtungsposten gegen das Heer der Echsen dachte.
Aber nicht zur Freude sahen die Echsen nach der Schreckensnacht die Sonne aufgehen. Denn als sie in den ersten Strahlen des Tages sich aufmachten, um Beute zu suchen oder Futter zu finden, da erblickten sie am Waldrand über die Bäume ragen das fürchterliche Haupt der Großechse. Den Rachen mit den Sichelzähnen aufreißend stürzte das erbarmungslose Raubtier auf die Flüchtlinge.
Und als die Sonne noch einige Male aufgegangen war, da waren auch auf den Hügeln die größeren Echsen verschwunden. Was sich nicht in den engsten Schlupfwinkeln verbergen konnte, hatte der gefräßige Drache ausgerottet.
Riesig und einsam wandelte die Großechse hochmütig über die mit Felstrümmern bestreute Halde der Hügel.
Es war am späten Nachmittage. Vor einem Stein, unter dem Grase verborgen, lag eine borstige Kugel. Der Igel hatte eine Bewegung in der Nähe wahrgenommen und sich zusammengerollt. Da hörte er eine feine Stimme:
»Igel, Igel, Igel! Wo bist du? Homchen sucht dich.«
Vorsichtig legte der Igel seine Stacheln zurück und streckte sein spitzes Schnäuzchen heraus.
»Igel, Igel, Igel! Hier in der Nähe muß deine Wohnung sein, aber ich kann dich nicht finden.«
»Ist es möglich! Bist du es wirklich, Homchen? So komm nur herein zu mir, hier bin ich! Wo kommst du her?«
»Von weit, weit! Aber jetzt komm' ich vom Waldrand, wo die Kala schlafen. Von dir aber möcht' ich wissen, was die Drachen im Moore tun.«
»Die tun gar nichts. Die sind alle umgekommen im Feuer und im Wasser.«
»Wie? Was sagst du — alle umgekommen?«
»Ja, nur leider die Großechse nicht. Die kommt eben heranspaziert.«
»Das mußt du mir ausführlich erzählen.«
»Natürlich. Tritt nur erst hier in meine Tür. Wir wollen abwarten, bis die Großechse vorüber ist. Sie macht jetzt ihren Abendspaziergang, denn sobald es dunkel wird, wagt sie sich nicht mehr umzublicken. Du kannst dir sie hier in aller Ruhe ansehen, hier unten merkt sie uns nicht. So — jetzt ist sie vorbei. Siehst du, die Großechse und ich sind jetzt die beiden einzigen Bewohner der Hügel. Mich soll sie nicht im Winterschlaf stören, aber sie wird frieren. Und nun wollen wir — doch — hörst du nichts?«
»Ja, ja — es kommt etwas Großes, Gewichtiges — —«
Schwere Tritte ertönten und näherten sich allmählich. Vorsichtig spähte Homchen, auf dessen, scharfe Augen der Igel sich verließ.
Ein riesiges Tier, das, aufgerichtet, der Großechse an Höhe wenig nachgab, wandelte langsam über die Halde.
Es war der Iguanodon.
Manchmal hielt er still und schalt nach seiner Weise im Selbstgespräch.
»Unverschämte Gegend! Freche Steine im Grase, drücken mich an meine Zehen. Giebt's denn hier keine weiche Wiese? Muß doch nun bald am Drachenmoor sein. Die Sonne steht schon tief, ich habe nicht mehr viel Zeit.«
Jetzt erblickte er in der Ferne die Großechse.
»Krecks, Krecks!« rief er. »Echse da vorn — halt an, sag' an, wo ist das Moor?«
Auf den Ruf drehte die Großechse sich um. Sie war wütend, daß es jemand wagte, sie anzurufen, dabei voll froher Gier, daß sich doch in dieser verlassenen Gegend noch eine Beute darböte. Sogleich eilte sie mit ihren schnellen, geräuschlosen Raubtierschritten zurück.
Inzwischen hatte der Iguanodon sich niedergelegt. Denn da er gerufen hatte, so war die Sache seiner Ansicht nach erledigt, und von seinem langen Wege taten ihm die an den weicheren Boden der Wiese gewöhnten Füße weh. So konnte die Großechse nicht so bald erkennen, wen sie vor sich habe, und gedachte, sich sogleich auf die freche Echse zu stürzen.
Bald aber bemerkte der Iguanodon, daß es die Großechse selbst war, die er gerufen hatte; er richtete sich auf und blickte ihr mit voller Spannung entgegen.
Die Großechse stutzte. Sie erkannte den Iguanodon. Ihre Adern schwollen, ihre Sehnen spannten sich, sie duckte sich zum Sprunge und ihr Schweif schlug mit furchtbarer Gewalt den Boden.
Das war der Iguanodon, der zum unfehlbaren Herrn der Echsen gewählt war, den man gewagt hatte, ihr, der Großechse vorzuziehen. Aber die Echsen waren fort, die Zierschnäbel waren fort, jetzt wird sie zeigen, daß der Iguanodon nichts zu sagen hat, jetzt wird sie ihn vernichten.
Und doch sprang sie noch nicht gegen den Feind an. Er saß so ruhig und sicher, hoch aufgerichtet da, mit scharfen Augen sie beobachtend. Er floh nicht und er zitterte nicht vor Furcht, wie die andern Tiere, wenn die Großechse nahte. Und von den vorgestreckten Armen ragten die Daumen wie zwei scharfe Spieße der Großechse entgegen. Mit dem Iguanodon hatte sie noch nie gekämpft: ehe sie wußte, wo sie ihn zu packen hatte, sprach der Iguanodon:
»Es freut mich, dich zu sehen, mächtige Großechse! Denn ich kam, dich und die Deinen im Drachenmoor zu suchen, von denen die Zierschnäbel mir Nachricht brachten.«
Die Großechse gab ihre Angriffsstellung auf. In der Art, wie der Iguanodon sprach, lag etwas, wie in der Stimme Grappignapps. Die Macht der Nachtgeister und der Zorn der roten Schlange traten wie schreckende Erinnerungen neben die Wut und Gier des Raubtiers, und die Großechse mußte weiter hören, was der Iguanodon ihr sagte.
»Warum kamt ihr nicht, wie ich befohlen hatte, den Wald zu brechen und die Säuger herauszutreiben? Wo ist der Atlanto? Wo ist das Moor? Führe mich zu den Echsen. Doch nein, warum soll ich mich länger bemühen? Hole sie hierher. Ich will sie sprechen.«
»Der Atlanto? Die Echsen? Das Moor? Soll es vielleicht auch hierherkommen?« schrie die Großechse. »Suche sie dir selbst! Sie sind nicht mehr da. Das Meer hat sie verschlungen, die rote Schlange hat sie vertilgt. Und du weißt es nicht? Haha! Iguanodon, du willst dich rühmen, im Namen der roten Schlange zu reden, und weißt nicht einmal —«
»Schweig!« rief der Iguanodon. »Ich bin kein Freund von langen Reden. Vertilgt sind die Echsen? Ich dachte es mir, warum haben sie meiner Botschaft nicht gehorcht —«
»Es ist gar keine Botschaft von dir gekommen —«
»Ich sandte doch die Zierschnäbel —«
»Sie kamen nicht wieder. Siehst du, daß du nichts weißt?«
»So muß ihnen Unheil widerfahren sein. Gleichviel. Ich brauche die Echsen nicht mehr. Die Säuger sind vor meiner Stimme geflohen. Der Wald ist verlassen, er braucht nicht mehr gebrochen zu werden.«
»Was willst du dann hier in meinem Gebiet? Hier bin ich der einzige Herr, ich wünsche dich nicht hier zu sehen. Gehe wieder auf deine Wiese an den Fluß und trinke dein süßes Wasser, weiser Iguanodon!«
»Meine Wiese kann ich nicht mehr bewohnen. Das Meer drang herein, die Wiese ist verschlämmt und versalzen. Darum brach ich durch den Wald. Ich werde mir hier einen Platz suchen, dort drüben am Waldrand, wo der Bach von den Hügeln herniederströmt. Die Wiese ist zwar nur schmal. Aber ich sah Kräuter, wie ich sie liebe. Dort werde ich mich hinsetzen.«
»Das wirst du nicht,« schrie die Großechse wütend. »Ich verbiete es.«
»Du mir verbieten? Mir, aus dem die rote Schlange spricht? Ich bin das klügste Wesen, ich bin mein Ideal. Ich werde die Tiere sammeln, die es hier giebt, und werde sie glücklich machen. Ich werde sie lehren, vom Grase der Wiese zu essen. Und wenn keine Säuger hier sind, und wenn die Echsen vertilgt sind, so will ich dich lehren, glücklich zu sein. Du sollst auf der Wiese am Bache leben und sollst kein Fleisch mehr genießen, damit kein Tier das andre störe. So habe ich's beschlossen und verkündet, und so muß es geschehen.«
Die Großechse stieß ein Hohngebrüll aus.
»Ich Gras fressen? Ich die Tiere nicht töten? Lächerlicher Großschnabel! Ich werde noch Tiere finden, und wenn ich keine andern finde, so werde ich dich fressen —«
»Wahnsinniger Drache! Mich, aus dem die rote —«
Der Iguanodon konnte nicht aussprechen. Mit einem furchtbaren Satze sprang die Großechse auf ihn zu, um die Krallen in seinen Körper zu schlagen und mit den langen Sichelzähnen ihm den Hals zu durchbeißen.
Aber so schnell die Großechse war, der Iguanodon bemerkte den Angriff. Sein Körper, auf die mächtigen Schenkel und den gewaltigen Schweif gestützt, wurzelte felsenfest, aber den schlanken Hals warf er blitzschnell zur Seite, sich weit hinwegbeugend, und der Drache schoß an ihm vorüber mit Kopf und Vorderkrallen, während sein Leib gegen den Körper des Iguanodon anprallte. Durch den Stoß zur Seite geworfen, lag die Großechse einen Augenblick am Boden, und sogleich wandte sich der Iguanodon mit seinem Oberkörper und umfaßte den Hals der Großechse mit seinen Armen. So hielt er sie von hinten umklammert, und nur so war es ihm möglich, sich der tödlichen Bisse des Raubtiers zu erwehren. Die Großechse suchte sich vom Boden aufzuschnellen. Der Iguanodon wandte alle seine Kraft auf, ihren Hals zusammenzudrücken und seine Stacheldaumen durch ihren Knochenpanzer zu bohren. Die Lage der Großechse ermöglichte ihr nicht, ihre volle Stärke zu entfalten, dennoch merkte der Iguanodon, daß er sie nicht mehr lange werde niederhalten können, wenn es ihm nicht gelänge, ihren Hals zu durchstoßen oder zu zerdrücken. Während er seinen Feind so umklammerte, führte dieser furchtbare Schläge, mit seinem Schweife nach ihm, die der Iguanodon erwiderte. Und beide Gegner zerwühlten, sich im Kreise drehend, ringsum den Boden. Weithin hallten die Hügel vom Krachen der Schweifschläge. Aber der Iguanodon war im Nachteile, weil ihn sein schwacher Schuppenpanzer weniger schützte als die Großechse ihre Knochenschilde, und seine Hoffnung bestand nur noch darin, den Gegner ersticken zu können.
Jetzt traf ein schmetternder Schlag des Drachenschwanzes den Iguanodon und lahmte seine Kraft, er ließ den Hals der Großechse auf einen Augenblick fahren. Sie schnellte sich vom Boden auf, aber sie vermochte nicht, sich sogleich auf den Iguanodon zu stürzen, sie mußte erst Atem schöpfen. So zog sie sich ein Stück zurück, um sich dann im gewohnten Ansprung auf den Gegner zu werfen.
Auch der Iguanodon richtete sich auf und streckte seine Arme zur Abwehr vor. Aber er fühlte, daß er dem neuen Ansturm nicht mehr gewachsen sein würde.
So lauerten die beiden Riesentiere vor einander:
In höchster Spannung hatte Homchen dem Streite gelauscht und dem furchtbaren Kampfe zugeschaut. Jetzt sprang es auf einen höheren Stein und blickte sich nach dem Himmel um. Die Sonne war im Nebel gesunken, aber oben war es klar.
»Wo willst du hin, Homchen!« rief der Igel ängstlich. »Die Großechse wird dich sehen! Warum bleibst du nicht hier?«
»Ich muß jetzt fort. Aber ich komme wieder. Später wollen wir in Ruhe alles erzählen.«
»Bleibe doch hier. Was willst du tun?«
»Ich will die Großechse töten.«
»Homchen, bist du von Sinnen?«
»Warte ab!«
Die Großechse rührte sich jetzt. Sie machte sich zum Sprunge bereit und erhob ihren Hals.
Da rief der Iguanodon: »Die frierenden Geister der Nacht werden dich töten.«
Die Großechse zuckte zusammen. Sie bemerkte jetzt, daß die Dämmerung hereinbrach. Und sie schrie:
»Glaube nicht, daß du mir entgehen kannst. Wenn du entfliehst, so hole ich dich morgen ein und fresse dich.«
»Wenn du mich angreifst, werde ich wieder mit dir kämpfen,« sagte der Iguanodon. »Sonst aber habe ich keine Lust, mich mit dir abzugeben. Ich werde tun, was ich will, denn das ist weise.«
Mit diesen Worten schritt der Iguanodon so gravitätisch, als es seine Wunden ihm erlaubten, dem Waldrande zu. Die Großechse aber wagte nicht mehr das Haupt zu erheben, sondern blieb auf dem Kampffelde liegen und schlug nur von Zeit zu Zeit wütend mit dem Schweife, bis der Schauer der Nacht und die Ermattung sie ihr Haupt in das Gras wühlen ließ. Da entschlief sie.
Homchen aber umschlich, ohne auf die Warnungen des Igels zu hören, den schlafenden Drachen und betrachtete sorgfältig die Umgebung. Dann ging es noch einmal zum Igel und sprach:
»In dieser Nacht habe ich noch viel zu tun, damit ich die Großechse töte. Willst du mir helfen?«
»Nein,« sagte der Igel, »das kannst du nicht verlangen. Was könnte ich gegen den Drachen?«
»Aber eins kannst du tun. Gieb acht, woher der Wind weht, und wenn Tiere von dem Walde sich her verlieren, so sag ihnen, sie sollen gegen den Wind laufen.«
»Das will ich wohl tun,« sagte der Igel.
Homchen aber lief noch oft hin und her zwischen Waldrand und Hügel und baute geheimen Zauber um die schlafende Großechse.
Die Waldtiere berieten in der Nacht. Hin und her gingen die Meinungen. Nur darüber waren alle einig — wenn die Sicherheit vor den Echsen nur durch Homchens Maßnahmen zu erreichen sei, so könne man doch nicht bleiben. Denn Holz suchen und Wache stehen und zagen vor dem unheimlichen Wunder des Feuers, das sei nichts für die Waldtiere. Daß Homchen den Hohlschwanz besiegte, war eine Tat des Muts, das verstanden die Tiere, darum wollten sie Homchen vertrauen. Aber was Homchen auf seiner Reise getan, was es jetzt verlangte, das waren Zauberdinge. Darin konnte ja niemand Homchen nacheifern. Danach konnten sie sich nicht richten. Das war so ganz anders, so fremd, so ungewiß — das war nicht der Tiere Art — —
Mitten in die Versammlung kamen plötzlich Mea und Puhs gestürzt. Sie hatten sich entfernt, um Homchen zu suchen. Aber sie waren nicht weit gekommen, da hatte sie das Geräusch schwerer Tritte zurückgeschreckt. Was es war, wußten sie nicht. Aber aufgescheucht von den Tritten war eine kleine Flugeidechse aus ihrem Versteck aufgeflogen, und die hatten sie überrascht und gefangen. »Freßt mich nicht, freßt mich nicht,« rief das kleine Tier. »Ich will euch Gutes sagen. Wir Kleinen haben euch nie Böses getan, und nun wird euch nie wieder eine Echse Böses tun. Ich will euch alles erzählen!«
Und nun hörten die Beutler, was geschehen war am Drachenmoor. Die Echsen vernichtet, alle vernichtet! Nur die Großechse allein lebte noch.
Jubel scholl in der Versammlung, daß es durch den nächtlichen Wald hallte. Was schadete das jetzt? Es gab keine Echsen mehr. Nun brauchte man sich um Homchen nicht zu kümmern. Nun konnte man im alten Heimatwalde bleiben.
»Aber die Großechse?«
»Die Großechse allein kann uns nicht schaden, sie kann nicht den ganzen Wald vernichten, es bleibt Raum genug für uns.«
»Und der Iguanodon?«
»Der tut uns nichts, wenn wir uns nur nicht vor ihm sehen lassen. Wir ziehen in den Wald am Flusse, dort ist er jetzt nicht mehr, dort können wir ruhig leben.«
»Aber ob es auch alles wahr ist, was die Flugechse erzählt?«
»Ja, ob es wahr ist?«
»Das müssen wir sehen!« rief Knappo. »Laßt uns alle nach den Hügeln hinausziehen und nach dem Drachenmoor schauen. Jetzt in der Nacht können wir es wagen, wir haben dann Zeit zu fliehen, wenn wirklich die Echsen dort sind. Denn jetzt schlafen sie.«
Der Zug setzte sich in Bewegung. Vorsichtig klommen die Nachttiere über die Hügel — nirgends traf man Echsen — bis sie auf der andern Seite hinüber nach dem Drachenmoor schauen konnten. Der Mond war aufgegangen, aber Nebel wogten hin und her. Doch sahen die Tiere wohl, daß das Wasser viel näher an den Hügeln war als sonst. Und so ermutigt stiegen sie hinab. Da war keine Wiese mehr mit Weidenstämmen, da war kein Sumpf, da war keine Echse. In regelmäßigen Atemzügen schlummerte das Meer — die Wogen schlugen plätschernd an die Hügel — — —
Fast übermütig stürmten sie wieder die Hügel hinauf, um in den Wald zu gelangen, ehe das erste Dämmerlicht sich zeigte.
Da erblickten die Vordersten im Schimmer des Mondes eine dunkle Masse. Sie stutzten, die Tiere sammelten sich.
»Wenn es die Großechse wäre?« sagte eines leise.
»Hi! hi! Ihr Waldtiere! Es ist die Großechse!« sagte eine feine Stimme. »Geht nicht zu nahe heran! Geht hier herum, gegen den Wind!«
»Ach, der Igel! Aber warum hier herum? Dann wird sie uns wittern.«
»Das schadet nichts. Sie wird jetzt nicht jagen.«
»Fürchtest du dich nicht?«
»Ich krieche in meinen Bau.«
»Kommt, kommt! Laßt uns schnell in den Wald hinüber.«
»Halt, halt! Da ist etwas — ein Helles!«
»Das ist Homchen! Das ist wieder der Weg des Feuers!«
»Fort! Fort!«
Die Tiere stürmten nach dem Walde zu. Aber bald blickten sie dennoch neugierig zurück. Der Anblick des Feuers ließ sie nicht los. Und drüben ragte noch die riesige Gestalt des schlafenden Drachen. Und Homchen lief gerade darauf los.
»Quih, Quih! Homchen, Homchen!« rief Mea verzweifelnd. »Du wirst die Großechse wecken! Sie wird dich zermalmen!« Aber sie rief es nicht laut, denn sie fürchtete selbst den Drachen zu wecken. Sie wollte auf Homchen stürzen, doch der Schrecken lahmte ihre Füße. In zitternder Angst hockten die Tiere auf den Steinen. Was wollte Homchen?
Ehe Homchen die schlafende Großechse verlassen, hatte es so viel Brennmaterial als möglich in der Nähe des Drachen zusammengeschleppt und wohlbedacht geordnet. Jetzt sprang es bis nahe an das Untier heran, ließ seinen Feuerbrand fallen und schrie so laut es konnte:
»Krecks! Krecks! Die Geister der Nacht wollen dich töten!«
Die Großechse bewegte sich im Halbschlaf.
Homchen wiederholte seinen Ruf. Dann nahm es den Feuerbrand wieder auf und sprang damit vor dem Kopfe der Großechse umher. Die riß die Augen auf und drückte sie wieder zu — das Funkeln der Flamme verwirrte sie, sie zitterte in Wut und bebte zugleich in Angst.
Die Tiere schrien in Furcht auf ihren Plätzen, als sie Homchen so nahe bei dem Drachen erblickten — aber nun lief Homchen ein Stück zurück und warf die Fackel in das Reisig und das trockne Gras — die Flamme loderte auf, die feuchteren Stellen der Halde qualmten — und die Großechse, von Hitze und Rauch bedrängt, richtete sich empor und drehte sich, furchtbar mit dem Schweife schlagend, im Kreise.
Homchen aber rannte weiter fort, dem Winde entgegen, und entzündete mit seinem Feuerbrande Gras und Gestrüpp der Halde.
Die Großechse schlug jetzt mit dem Schweife in die sie umgebenden Flammen. Sie brüllte vor Schmerz, und ein Funkenregen flog bei jedem Schlag in die Höhe und verbreitete den Brand und blendete ihre Augen. Und nun rannte das Untier blindlings geradeaus, auf die Tiere zu.
In wahnsinniger Angst, mit Geschrei und Gequiek, sprangen sie, ohne sich umzublicken, flüchtend dem Walde zu.
Der Großechse entgegen aber wälzte sich die Flamme. Nichts nutzten der Gewaltigen ihre Schläge, ihre Bisse. Der Qualm nahm ihr den Atem. Das Gebrüll hörte auf: Sie fiel zur Seite. Die Riesenglieder zuckten. Die Großechse starb. —
Nicht weit abwärts von der Wohnung des Feuers rinnt ein Bächlein von den Hügeln. An seinen Ufern grünt eine Wiese, und hohe Buchen stehen um den stillen Platz und entfalten die jungen Blätter im Sonnenschein.
Heiß liegt der Mittag über den weichen Halmen.
Und dort, den langen Hals ausgestreckt, die riesigen Glieder den warmen Strahlen darbietend, ruht der Iguanodon.
Von den Hügeln herab, auf den breiten Ästen von Baum zu Baum springend, kommt Homchen. Die Sprünge sind nicht mehr so weit und schnell wie auf der Wanderung nach der heißen Wolke, und als es sich jetzt in die Sonne auf die Wiese setzt, dem Iguanodon gegenüber, spielt sein Pelzchen ins Graue. Die großen Augen leuchten freundlich und hell und manchmal ein wenig müde —
»Wie geht es dir heute, weiser Iguanodon?« fragte Homchen.
Der Iguanodon hob den Kopf und versuchte den Schweif zu bewegen.
»Ich will ihn nicht mehr heben,« antwortete er. »Aber merkwürdig, je weniger ich mich mit der Bewegung abgebe, um so besser geht es mit dem Denken. Ich habe nachgedacht.«
»Das tust du immer.«
»Es ist wahr. Aber weißt du, was ich gedacht habe? Ich habe gedacht, es war doch recht gut, daß ich dich nicht aufgespießt habe, wie ich eigentlich wollte, als ich die Großechse getötet hatte.«
»Ja, das war sehr gut, denn sonst hättest du gar nicht erfahren, daß die Großechse tot war.«
»Du hättest es mir nicht gesagt, wenn ich dich gespießt hätte?«
»Nein, dann hätte ich es dir nicht gesagt.«
»Dann hätte ich also selbst auf die Hügel steigen müssen, um die tote Großechse zu sehen.«
»Und das hättest du nicht gekonnt. Denn deine Wunden taten dir zu wehe.«
»Das ist richtig. Deshalb konnte ich dich auch nicht fangen, als du am Morgen auf die Wiese kamst.«
»Ja, und deshalb wolltest du mich auch nicht aufspießen. Aber warum hast du es später nicht getan?«
Der Iguanodon dachte nach. Dann sagte er:
»Später war es nicht mehr nötig. Denn erstens hast du dich wegen deiner früheren Frechheiten entschuldigt, und zweitens bist du doch aus dem Walde heraus auf die Wiese gekommen, wie ich es dir geboten habe.«
»Ja,« sagte Homchen, »ich mußte dir doch beim Denken helfen. Deswegen war es wohl gut, daß du mich nicht gespießt hast?«
»Bilde dir nichts ein, Homchen. Es war nur gut, weil sonst niemand dagewesen wäre, dem ich meine Gedanken mitteilen konnte.«
»Das wäre freilich sehr schade gewesen.«
»Ich habe das auch gedacht. Es hat mir etwas gefehlt, du warst in den letzten Tagen nicht hier. Wo warst du?«
»Ich war wieder einmal im Walde am Flusse, wo du früher wohntest.«
»Wo deine Verwandten wohnen — was tun sie?«
»Meine Eltern sind tot, das weißt du ja. Und die andern — sie tun, was sie immer getan haben — sie essen Nüsse und Emsen und springen auf den Bäumen —«
»Daß sie Emsen essen, kann ich nicht billigen. Warum verbietest du es ihnen nicht?«
»Du weißt, sie lassen sich nichts verbieten von mir. Sie wollen nichts von mir wissen. Sie fliehen vor mir und nennen mich den Holzsucher, den Schlangentöter, den Steppenbrenner, den Zauberer.«
»Ich habe auch darüber nachgedacht. Du hast mir erzählt, daß du die große Schlange gesucht hast, und daß sie dich beschützt, daß sie mit dir ist und daß du sie den Deinen bringen wolltest. Aber sie mögen nichts von ihr wissen. Du hast viele Gefahren bestanden und bist über das Wasser geschwommen. Du wolltest die Deinen glücklich machen. Sie aber haben dich verstoßen. Nun sage mir, Homchen wozu das alles? Was wolltest du eigentlich? Ich verstehe es nicht, also versteht es niemand.«
»Und wenn es auch niemand versteht, so mußte ich doch so denken und so handeln. Denn ich habe die Stimmen gehört der guten und klugen Tiere. Es wird eine Zeit kommen, da werden alle die Stimmen hören, und sie werden sie verstehen viel besser als ich, und noch viel mehr vernehmen. Aber die Zeit ist noch nicht da.«
»Du hast es falsch angefangen. Du brauchtest dir nicht so viel Mühe zu geben. Ich bin nicht zur heißen Wolke gewandert, ich habe auf meiner Wiese gesessen, und ich hätte doch die Tiere glücklich gemacht, wenn sie auf mich gehört hätten. Meine Zeit war allerdings auch noch nicht da, aber sie wäre gekommen, wenn — ja wenn — hierüber denke ich eben noch nach.«
»Weiser Iguanodon, diese Zeit wird nicht kommen. Es war eine Zeit, da waren die Echsen gewaltig, und diese ist vorüber. Nun kommt eine Zeit, da werden die Säuger gewaltig, das weiß ich gewiß. Die rote Schlange hat es mir gezeigt. Aber jetzt weiß ich, worin ich sie nicht richtig verstanden habe. Ich habe geglaubt, wenn einer die rote Schlange hört, wenn er das sieht, was einst alle verstehen werden, und das tut, was einst alle tun können, so werde er die Tiere gut und klug machen, so werde er das Neue, das Gewaltige in die Welt bringen, was die Macht gibt und die Freiheit. Und ich habe geglaubt, daß es dabei ankäme auf Wenige, auf Einen, und daß die anderen mitgerissen werden. Aber jetzt weiß ich, das ist falsch.
Der Schnellste mag die Tiere führen, die da laufen können; aber die Pflanzen des Waldes kann er nicht führen, die keine Beine haben, sondern Wurzeln. Meine Genossen werden noch viele, viele Geschlechter im Walde klettern, ehe sie lernen den Stein werfen und die Flamme tragen. Das Kleine wird groß, aber nur ganz langsam. Ich kann nicht die junge Eiche ausstrecken, daß sie groß wird; sie muß aus sich herauswachsen durch Sommer und Winter. Das Kleine wird nicht groß dadurch, daß das Große hinzukommt; das Große muß aus dem Kleinen werden, durch das viele Kleine, auf dem es stehen kann. Wenn das Viele zu Einem wird, dann wird es groß. Meine Genossen müssen noch lange wachsen, ehe sie das Eine haben, was sie groß macht.«
Der Iguanodon hatte die Augen geschlossen und war ein wenig eingeschlafen. Jetzt, als Homchen schwieg, wachte er wieder auf und sagte:
»Schon gut, schon gut! Du weißt, ich bin kein Freund von langen Reden. Aber was hast du nun davon?«
»Ich habe gesehen, daß die Herrschaft der Echsen vertilgt ist. Ich weiß jetzt, daß ein Raum ist für die Welt, die mir die rote Schlange gezeigt hat. Ich weiß, daß das andere sein kann, was noch nicht ist. Vielleicht ist es nur darum so schön, weil es noch nicht ist. Dann habe ich doch das Schönste erlebt, weil es noch nicht ist. Und ich habe getan, was noch niemand getan hat, ich habe das Feuer getragen. Ich hab' es gehegt in meiner Höhle. Es wird vergehen. Aber einst wird es wiedererstehen, einst —- Dann wird es kluge Tiere geben, die das Feuer nicht fürchten, da wird ein neues Homchen kommen — das braucht vielleicht das Feuer nicht zu nähren in der Höhlung, das kann es vielleicht herauslocken aus dem Stein oder Holz — —«
Der Iguanodon bewegte langsam den Kopf:
»Ich habe das Feuer noch nicht gesehen, kein Tier mag es sehen.«
»Die das Feuer nicht fürchten, werden keine Tiere mehr sein, wie wir kleinen Beutler. Ich habe ihre Stimme gehört —«
»Ist denn dein Feuer noch lebendig? Vielleicht bin ich doch das Tier, das kein Tier mehr ist. Ich gehe auf zwei Beinen, ich breche die Äste, ich denke nach. Ich habe nachgedacht. Ich will dein Feuer sehen.«
»Da müßtest du dich beeilen, denn es wird nicht mehr lange brennen. Ich bin nicht mehr kräftig genüg, um die Nahrung genügend herbeizutragen. Bräche der Sturm nicht die trocknen Äste in der Nähe, mein Feuer wäre schon längst verlöscht. Nun kann ich die schweren Äste nicht mehr schleppen. Das Feuer wird sterben. Und dann werde auch ich sterben.«
Homchen saß still und sah mit seinen großen Augen in die Weite. Der Iguanodon richtete sich auf. Er stöhnte, als er sich auf seinen Schwanz stützte. Homchen wußte nicht, was er wolle. Es sprang erschrocken beiseite.
»Fürchte dich nicht!« sagte der Iguanodon. »Du bist ein gutes Tier. Du sollst noch nicht sterben. Und ich will dein Feuer sehen. Ich bin noch stark genug. Ich werde bis an deine Höhle steigen. Sieh diese Arme. Sie sind gewaltig, sie brechen die große Buche am Waldrand. Ich will sie vor deine Höhle tragen, damit dein Feuer Nahrung hat. Zeige mir den Weg.«
Und der alte, steife Iguanodon begann zu schreiten. Langsam, vorsichtig. Zuweilen blieb er stehen. Dann trank er an dem klaren Bach. Homchen sprang voran. Allmählich gelangten sie bis an die Hügel. Homchen zeigte von fern auf die Höhle. Eine schwache Rauchsäule kräuselte sich über den Steinen.
Der Iguanodon sog die Luft ein. Ein Zittern ging durch seinen Körper. Dann sagte er mit einer seltsamen Stimme:
»Dort wohnt die rote Schlange. Ich will sie sehen. Ich fürchte mich nicht.«
Er schritt auf die alte, vermorschte Buche zu. Er umklammerte den größten Ast. Ein gewaltiger Ruck, ein schweres Stöhnen. Und nun noch ein Ruck. Ein lauter Krach. Der morsche Stamm bricht auseinander, die Äste stürzen, mit ihnen der Iguanodon. Er hatte seine Kraft überschätzt. Er raffte sich auf. Der Schmerz machte ihn wütend. Er vergaß seinen Zustand und faßte den stärksten der Äste und, an nichts denkend als an sein Ziel, stieg er über die Halde gegen die Höhle.
Homchen war vorangesprungen, als es sah, daß der Iguanodon nicht zu halten war. Es wälzte einen Stein fort und warf den Rest seines Reisigvorrats auf das kümmerliche Feuer, daß es wieder hell auflohte. Noch hatte der Iguanodon, mit dem Aste beladen, die Flamme nicht gesehen. Nun war er dicht dabei. Homchen fürchtete, er werde ihm das Feuer zerwerfen, und rief:
»Lege das Holz hin! Du bist nahe am Feuer!«
Da blickte der Iguanodon auf. Die Flamme flackerte licht empor. Seine Augen fielen auf das Wunder — er stutzte einen Augenblick, dann brach er mit dem schweren Aste zusammen.
Sein Körper zuckte vor Schmerz, bald aber ward er ruhig. Den Hals weit vorgestreckt lag er auf dem Boden. Seine Augen richteten sich starr auf die Flamme.
»Ich sehe sie, ich sehe sie, die rote Schlange,« begann er. »Ich fürchte mich nicht. Ich bin das klügste Tier.«
Ein neuer Schauer ging durch seinen Riesenleib. Doch er erhob den Kopf.
»Es ist ein großer Zauber,« sagte er wieder. »Die ihn haben, werden sehr mächtig sein. Ich kann die rote Schlange sehen. Ich bin das Tier, das da kommen wird — ich bin das — glücklichste — Tier —«
Die Augen fielen ihm zu, der Kopf sank zwischen die brechenden Zweige. Der letzte Iguanodon war tot.
Lange saß Homchen vor der Höhle.
Das Feuer brannte langsam weiter, es ergriff den herangeschleppten Baum, es wurde größer und größer — und Homchen konnte nichts dazu tun. Der Iguanodon hatte sich selbst den Scheiterhaufen errichtet.
Das Feuer sollte lange, lange brennen: das hatte er durch seine Riesenkraft gewollt. Nun brannte es rasch und immer rascher. Homchen stieg hinauf auf die Hügel. Und als die Nacht hereinbrach, sah es unten die verglimmende Glut. —
Am Himmel gingen die leuchtenden Geister der Nacht ihren stillen Weg. Statt des Gekrächzes und Geschnarchs der Drachen hörte man das leise Rauschen des kalten Meeres. Aus der Dunkelheit winkte gespenstisch das gebleichte Gerippe der Großechse, ein Denkmal des Vergangenen.
Und die Sterne rückten weiter, und die Zeit ging hin, langsam — ganz langsam.
Homchen schloß die Augen und die geliebten Träume stiegen empor, und leise sprach es:
»Und das rollende Tier kommt doch!«
Kurd Laßwitz: Traumkristalle. Neue Märchen
(Nie und Immer. Zweiter Band). Leipzig:
B. Elischer Nachfolger, 3. u. 4. Tsd., o.J.
[1907], Frontispiz (S. II, unpaginiert).
Kurd Laßwitz: Traumkristalle. Neue Märchen
(Nie und Immer. Zweiter Band). Leipzig:
B. Elischer Nachfolger, 3. u. 4. Tsd., o.J.
[1907], Titelseite (S. III, unpaginiert).
Kurd Laßwitz: Traumkristalle. Neue Märchen
(Nie und Immer. Zweiter Band). Leipzig:
B. Elischer Nachfolger, 3. u. 4. Tsd., o.J.
[1907], Einbanddeckel.
Sie hatten ihre Wärme zum frostig klaren Winterhimmel ausgestrahlt, die flüssigen Wasserteilchen. Zum schimmernden festgeformten Eise wollten sie werden. Aber so ruhig und unbewegt stand die Schale, daß sie machtlos waren, das Gleichgewicht der Ruhe zu brechen. Da schwebte ein einziges, ganz winziges Schneesternchen hernieder, und als es den Wasserspiegel berührte, schossen die überkalteten Teilchen zusammen zum funkelnden Eiskristalle.
So ruht ein Traum in stiller Nacht der Seele, gestaltlos, ohne Regung, ein Traum von fremder, unverstandner Frage, und doch ein dunkles Schauen der Gedanken. Ihm fehlt die Kraft, sich zur kristallenen Eigenform zu ordnen. Da fällt, ich weiß es nicht, von welchem Sterne, ein Fünkchen nieder, und der unsichere Schein fügt sich zum klar gestalteten Gebilde — der Traum schließt sich zum bunten Märchen, zum
T r a u m k r i s t a l l e.
Will die Knospe noch immer nicht springen? Jetzt muß doch bald die ersehnte Stunde kommen, da sie sich öffnet, daß er hinausblicken kann und die lichten Sterne schaun und das Land, das er vor allem liebt — — Dauert denn ein Jahrhundert so lange, selbst für einen kleinen Kulturgeist, der sonst durch die Zeiten fliegt wie ein Sonnenblick durch den Weltraum?
Aber er sitzt ja im Gefängnis! Da kann er nichts tun als träumen, träumen von dem letzten frohen Tage, an dem er draußen war, träumen von dem nächsten, der nun kommen muß — — Regt sich die Knospe noch nicht? Ach, nur in der seltenen Neujahrsnacht, wenn ein neues Jahrhundert anfängt, dann ist ihm ein Tag der Freiheit gegönnt. Dann durchschaut er mit seinen hellen Geisteraugen die Dinge und Menschen nah und fern. Und dann hat er wieder ein Jahrhundert Zeit, nachzudenken, wie es wohl das nächste Mal sein wird.
Ungeduldig pocht er mit den kleinen Geisterfäusten an die Wand des grünen Gefängnisses. Und da sie nicht weichen will, faltet er die Flügel zusammen und träumt wieder.
Wie wird es diesmal draußen aussehen? Wie mag's seinem guten Freunde gehen, den sie den Michel nennen? Eigentlich ist der ja dran schuld, daß der kleine Kulturgeist eingesperrt wurde. Es ist freilich schon lange her — —
Damals war er ganz vergnügt umhergezogen, weit hinweg von sonnigen Geländen bis zu den dunkeln Fichten am Nordmeer. Dort sah er einen Riesenknaben ausgestreckt, der schlief zwischen den Muscheln am flachen Strande, seine starke Faust umklammerte den entwurzelten Stamm einer jungen Fichte, und wild hingen ihm die blonden Locken über die geschlossenen Augen. Sofort war der Kleine von dem jungen Riesen entzückt. Die Augen wollte er sehen, die Augen! Und rasch schob er die Haare vom Antlitz zurück.
Aber das war gerade der Zauber. Die Lider aufreißen, daß es hervorquoll wie ein Himmel blauen Lichts, aufspringen und lockenschüttelnd, den Baumstamm schwingend hinwegtoben, das hatte der Riesenjunge im Augenblick getan. Erschrocken starrte ihm der kleine Kulturgeist nach. Doch da hatte ihn auch schon jemand an den Flügeln und schüttelte ihn. Das war der Genius der Menschheit selbst.
»Was fällt dir ein,« herrschte der ihn an, »meinen weisen Zauber zu brechen? Der Junge sollte noch schlafen, bis er verständiger geworden ist. Nun hast du mir tausend Jahre Geschichte ruiniert! Jetzt läuft der Bengel hin und schlägt mir den kranken Onkel Römerreich tot und die alte Erbtante Antike und versteht doch ihr Testament noch gar nicht zu lesen! Das wird ein schönes Mittelalter werden! Aber dich, vorwitziger Schwarmgeist, will ich zur Strafe in die Fichte im Zauberwald sperren. Nur in der Neujahrsnacht eines neuen Jahrhunderts öffnet sie eine Knospe, und dann magst du hinausgucken, und sonst nicht!«
Und so saß denn der Kleine im grünen Kerker. Wenn aber der Tag der Freiheit kam, dann sah er die Dinge mit Verstand an; denn er war jetzt nachdenklich geworden. Und den Riesenjungen, der inzwischen herangewachsen war, besuchte er gern. Dem war's auch nicht immer gut gegangen. Der totgeschlagene Onkel ging in langer Kutte als Geist in seinem Hause um, und Michel mußte sich hübsch still und folgsam ducken.
Und vorgestern, als Geistchen das vorletzte Mal draußen war, da hatten sie den Michel ganz windelweich geschlagen, da saß er zusammengebückt und festgeschnürt und schlief. Aber das letzte Mal, da war's schon besser. Zu einem Manne war er erstarkt; Arme und Füße waren noch gefesselt, den Kopf aber trug er wieder aufgerichtet, groß leuchteten die blauen Augen, doch nicht mehr wild, die Locken waren von der Stirn zurückgestrichen, und Gedanken sah man darunter gehen — wunderbare, tiefe Gedanken, wie sie der Menschheit noch nie erblüht waren — —
Ja, das war überhaupt ein herrlicher Tag!
Wie er an dem Hause vorüber kam und in das Zimmer hineinspähte, wo die beiden Dichter miteinander sprachen. Das war eine neue Welt!
Der Große, dem die Götteraugen so siegreich strahlten, als schaue er die Zukunft vor sich wie eine offene Tempelhalle, — das war Goethe.
Und der andere, der den Kopf in die Hand stützte und nachsann, — das war Schiller.
Und vor ihm das aufgeschlagene Buch mit dem gelehrten Titel, — das war von Kant.
Wovon sprachen sie doch? O, er erinnerte sich wohl. Er hatte ja ein Jahrhundert Zeit gehabt, darüber nachzudenken.
Von der Menschheit sprachen sie, von dem großen Jahrhundert, das mit dieser Nacht vorübergerauscht war. Von der Menschheit, die nun zum ersten Male mündig geworden sei, da sie das neue Wort begriffen hatte: »Bestimme dich aus dir selbst!«
Ja, sie hatte sich aus sich selbst bestimmt, den Spukgeist vertrieben und die lebendige Natur befragt, die Millionen Welten, die draußen im unendlichen Nachtraum strahlten, die grünen Fluren und das wogende Meer und den Berge gebärenden Erdball.
Und sich selbst hatte sie befragt, nach ihrem Recht und nach ihrer Pflicht. Da klang aus ihrer eigenen heiligen Tiefe der befreiende Ruf: Du sollst! Handle aus Achtung vor deinem Gesetz! Handle gut um der eigenen Würde willen, die dem Menschen gebührt, einem jeden! Das Unabänderliche und das Unerreichbare, vereine es in dir, daß es golden leuchte im freien Spiel der Seele! Verschmilz es im schönen Scheine zum Ideal, daß es dich packe mit der warmen Wirklichkeit des Gefühls, daß es dich durchflute und läutere mit dem heiligen Schauer, der dem Augenblick Dauer verleiht! Vertrauend blick' hinein ins Gewirr der Arbeit, daß du das Ganze schon siehst, wo noch die Rüststücke splittern, daß du selbst dich aufbaust zur Menschenhöhe!
So schauten diese Männer in das kommende Jahrhundert.
Und das Jahrhundert schaute auf sie, auf die Unsterblichen, die einer neuen Menschheit ihren Odem eingehaucht hatten.
Glückliches Land, das diese Männer sein nennen durfte! Glückliches Jahrhundert, an dessen Wiege diese Götterpaten die unvergänglichen Gaben zurückließen, die drei ewigen Lampen der Freiheit, der Würde, der Schönheit — — —
Wieder sind hundert Jahre vorüber. Auf dem Werk jener Gewaltigen fußend, welch erhabene Genien müssen am Ende des neuen Jahrhunderts wandeln, müssen dem zwanzigsten den Gruß des Willkomms singen und sagen? O wenn die Knospe endlich sich öffnete!
Und ehrfurchtsvoller Schauer durchzittert das Herz des kleinen Gefangenen.
Und da — siehe — es wächst, es dehnt sich das grüne Gewölbe — und es schimmert von außen — —
Die Knospe springt auf — o Seligkeit! Offen liegt der Himmel, liegt Land und Meer — und alles auf einmal umfaßt der Geisterblick.
Er starrt und starrt. Die Genien sucht er, die großen Unsterblichen, die das Geheimnis des neuen Jahrhunderts zu verkünden wissen, der Zeit, die sie selbst geschaffen — rein und klar, wie es nimmer zuvor die Menschheit vernommen.
Er starrt vergebens, er findet sie nicht. Sie sind nicht da — nicht ein einziger ist da.
Und dem kleinen Kulturgeist rinnen die Tränen herab. Große, runde Tränen, aus denen der weite Himmel glänzt.
Und wie sie fallen, zerstieben sie in Millionen Tröpfchen. Demantstaub ist über die Erde gestreut, und das ganze Land leuchtet.
Wie anders sieht es nun aus!
Millionen und aber Millionen Sternchen schlingen ihre Strahlen ineinander. Sie ergänzen sich, sie verstärken sich zu mildem Lichte.
Und nun erblickt er die neuen Menschen. Wie das ineinander wirkt, wie sich das zusammenschließt, wie das hinübergreift über die Erde mit Riesenarmen, die allen gemeinsam gehören, auch dem Kleinsten! Dort jagt es durch die Lande, dort dampft es über das Meer, dort zuckt es Kunde, redet Sprache im Augenblick durch Fernen, zu denen die Schnellpost Tage brauchte. Das sind die neuen Nerven in einem neuen Riesenleib, das sind die neuen Riesen, die lebendig gewordene Natur in einem großen Willen, das sind die Riesen der Arbeit, der Pflicht, der Hoffnung.
Die großen Genien schweben leuchtend im Äther, aber im Lande schafft ein g r o ß e s V o l k — — — Und nun erblickt der kleine Kulturgeist seinen Freund, den Michel. Höher noch ragt der mächtige Kopf, aber auch die Arme sind frei, und mutig umfassen sie den Erdball. Nur noch die Füße sind gefesselt.
Der Genius der Menschheit schwebt vorüber.
Fragend sieht zu ihm das Geistchen:
»Warum willst du meinem Freunde nicht auch die Füße lösen?«
Der aber winkt majestätisch:
»Hüte dich, hüte dich ! Hast du noch immer nicht Geduld gelernt? Marsch mit dir hinein in die Knospe! Dort harre, was dein nächster Tag dir bringen wird.«
Ich bin geboren — »Geboren? Was ist das wieder für ein Unsinn? Eine von den Dummheiten der Menschen, worauf sie sich noch etwas einbilden. Ich bin nicht geboren, bin niemals geboren worden. Oder bist du vielleicht geboren, altes Zählwerk?«
»Ticktack, ticktack,« sagte die Uhr im Zählwerk des elektrischen Stroms.
»Sprich deutlicher, ich verstehe dich nicht,« rief die Glühlampe.
»Weiß nicht, ob ich geboren bin,« antwortete die Uhr. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Aber ich habe schon viele Glasbirnen, wie du bist, sich zu Tode brennen sehen, also werden sie wohl auch geboren worden sein.«
»Rede nicht so dumm! Bin ich die Glasbirne? Bin ich der Kohlenfaden? Du freilich, du bist ein trauriges Federwerk, du wirst aufgezogen, sonst läufst du ab. Aber ich — ich bin ganz etwas anderes.«
»Ticktack, ticktack —«
»Jetzt freilich haus' ich in einer Glühlampe, jetzt leucht' ich nur auf den Tisch hier, auf die blauen Hefte und auf die weißen Bogen, und auf den Menschen — Aber einst — Soll ich dir's erzählen?«
»Warum fragst du erst? Du wirst mir's ja doch erzählen.«
»Du magst recht haben, langweiliger Zähler! Es kann nicht jeder Tag und Nacht nur TickTack machen. Ja, es giebt Zeiten, in denen ich gern rede; muß ich doch oft so lange schweigen! Aber wenn ich glühe, so red' ich auch. Und wenn du's nicht hören willst, werd' ich's dem Menschen dort erzählen, obgleich er geboren ist.«
»Dem? Und der soll dich verstehen?«
»Ob er mich versteht? Ich leuchte ihm ja doch.«
»Das mußt du —«
»Mußt? Ärgre mich nicht! Unterbrich mich nicht immer! Ich schwinge eben, da muß sein Gehirn mitschwingen. Dann sieht er die Dinge rings umher. Das ist unsre Sprache. Farbe, Farbe! Die geb' ich! Hast du nie gesehen, wenn er in die blauen Hefte schreibt, da fließt es rot aus seiner Feder, und auf der Stirn ist ein dunkler Streifen, und sein Gesicht wird ganz bleich. Aber wenn er in das kleine schwarze Buch schreibt, da schreibt er schwarz, und seine Wangen röten sich und seine Augen leuchten blau.«
»Was du nicht alles weißt! Aber jetzt schreibt er auf die großen Bogen. Das verstehst du nicht.«
»Wie? Ich könnt's nicht lesen? Wir Geister vom Äther durchstrahlen die Welt, unser Wissen reicht weit wie des Vaters Riesenarm. Dort auf dem großen Bogen steht ein Gesuch, eine Bitte, man möge ihm etwas gewähren um — seine Gesundheit — da bei der starken Inanspruchnahme seiner — ja seiner —«
»Siehst du! Du kannst es nicht lesen.«
»Ich kann es lesen, ich will nur nicht! Ich mag das Wort nicht!«
»Was ist es denn?«
»Laß mich! Auf dem andern Blatt steht, wer er ist. ›Ich, Karl Theodor Matthof, bin geboren zu Waldenburg als Sohn des Kaufmanns Emil Matthof und seiner Ehefrau Karoline, geborene —‹ Schon wieder eine geborene! Ich hab' es satt! Ich bin nicht geboren, ich nicht! Höre mich!
Droben im Raum, wo die Planeten schwingen, da weckt mich die Mutter, die dampfende Erde, vom Schlummer auf, so oft sie den Vater, den endlosen Äther, in ihrem tanzenden Wirbel küßt. Da ström' ich hernieder, da steigen die Lüfte, da ball' ich die Dünste zu wogenden Wolken, da jag' ich den Sturm in der Sommernacht zu heißer Begierde — so wach' ich und lebe!«
»So wach' ich und lebe.« So schrieb der Mensch in seinen Lebenslauf, dessen Anfang auf dem Papier stand. Dann faßte er sich an den Kopf, sah erstaunt auf die Worte, die er geschrieben hatte, schob das Blatt zur Seite und warf die Feder fort.
Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und ließ die Hände müßig herabsinken. Seine großen, klaren Augen aber richteten sich auf den milden Schein der Lampe über seinem Tische, und es war, als ob die Lampe immer weiter und weiter hinausrückte. Da glitten die Achsen seiner Augen langsam auseinander, bis sein Blick in unendlicher Ferne haftete, und die Nähe war ihm entschwunden.
Die Lampe zuckte mit einem triumphierenden Aufleuchten zu dem Zählwerk hinüber und sprach weiter:
»Ich bin nicht geboren — ich wachte nur auf und werde schlummern und wieder wachen. — Siehst du dort auf dem Bilde die weißen Spitzen über die dunklen Felsen ragen? Siehst du auf dem Gletscher den schäumenden Bach entspringen? Erkennst du den geborstenen Stamm der verkrüppelten Kiefer? So sah es aus, wo ich zuerst erwachte.
Dort traf ich die Stämme im Urwald der Berge, sie krachten und stürzten, und prasselnd warf ich den eisigen Hagel ins Tal hernieder. O wilde Lust, o goldene Freiheit! Ich war das Wetter, ich war der Blitz!
Von Wolke zu Wolke sprang ich im Lichtkleid, von der Wolke fuhr ich hinab zum Boden im schmetternden Strahl, die Felsen spaltend, und aufwärts wieder zur dunkeln Wolke strömt' ich im Spiele der Äthergeister. Du altes, armes Uhrwerk, was weißt du von des Ätherkindes himmlischer Freiheit? Kennst du die stille, schwüle Julinacht mit dem schweren, sehnsüchtigen Blumenduft, wenn die verliebten Mondstrahlen über die Halme der Wiese gleiten? Dann schmiegt' ich mich innig an die ruhende Luft und lockte sie schmeichelnd empor, und wie wir schwebten engumschlungen, weinten wir Tränen der Wonne. Die kleinen Nebeltröpfchen, von meinem heißen Atem gescheucht, ballten sich im Mondenglanz zur weichen Rundung der weißen Wolke; die zog ich an mich, und glühend flammten wir mit jedem Kusse als zuckende Blitze hinein in die Julinacht.«
Der Mensch in seinem Stuhle seufzte leise. Er griff wieder nach der Feder, aber den großen Bogen und den Stoß blauer Hefte schob er unwillig beiseite. Er nahm sein kleines Buch und schrieb hinein. Und die Lampe sprach weiter:
»Im Sonnenschein hüllt' ich mich spielend in den Schleier des Staubbachs. Da schaut' ich Menschen im einsamen Bergtal. Seltsamen Weg bauten sie, die Felsen sprengend; über die Schlucht warfen sie die schlanke Brücke. Eiserne Schienen lagen am Boden, weit gedehnt. Da glitt es sich herrlich bergauf, talab, viel leichter und glatter, als wenn ich zuckend die Lüfte zerteilte. Dann spannten sie glänzende, rotfunkelnde Drähte über den Schienen in der Höhe. Die lockten mich mächtig, auf ihnen zu gleiten, wenn ich in brausenden Wettern über die Höhen einherfuhr. Und doch war's, als erlahmte mir die Kraft, sobald ich ihnen nahte. Als ob ein unbekanntes Gebot mich hinderte, im freien Spiel zwischen Wasser und Wolken einherzutanzen. Mich warnte die Mutter Erde, ihre Stimme hört' ich drohend im Donner, mit dem sie mich anrief, wenn ich in meinen Launen tobte.
›Störe nicht Menschenwerk. Störe nicht Menschenwerk!‹ So klang die Warnung.
Ich verstand nicht, was sie meinte.
›Warum nicht?‹ fragt' ich zurück. ›Was sind die Menschen?‹
›Deine Herren und meine.‹
Ich hört' es mit Staunen und Schaudern. ›Herren? Warum Herren? Bin ich nicht der strahlende Äthersohn, der über die Höhen blitzt, wie es ihm beliebt? Was will der Mensch, der im Staube stöhnt, der kurzlebige Wurm, was will er mir gebieten?‹
›Und wollt' ich dir's sagen, würdest du mich verstehen? Drum hör' und glaube die Warnung. Selbst in schwerer Erfahrung wirst du nimmer lernen, warum er dein Herr ist, nur d a ß er es ist. Leicht und sorglos ist dein Sinn, wohl hast du die Macht, doch deine Macht ist Spiel. Seine Macht aber ist A r b e i t . ‹
›Arbeit? Was ist Arbeit?‹ fragte ich übermütig. Und aus der Wolke sprang ich hinab zum Boden durch den Stamm einer hohen Fichte, daß lodernd die Flamme emporschlug.
›Hüte dich!‹ rief die Mutter zürnend. ›Störe nicht Menschenwerk, daß du nicht lernen mußt, was Arbeit sei. Hüte dich, daß du nicht arbeiten mußt. Denn deine Arbeit wird nicht sein, wie des Menschen Arbeit. Wohl hört' ich von einem dunkeln Rätsel, daß des Menschen Arbeit zur Freiheit leite. Deine Arbeit aber würde Knechtesarbeit sein. Hüte dich, Menschenwerk zu stören!‹
›Hüte dich!‹ Immer umtönte mich die Warnung bei meinen Spielen. Arbeit — Arbeit! Das mußte wohl etwas Schreckliches sein. Aber was ist schrecklich? Von Menschen hört' ich das Wort, als ich einst durch die metallne Stange an ihrem Fenster vorbeiglitt, ich sah sie zitternd im Zimmer stehen, und so war in mir ein dunkles Gefühl, daß hier etwas sei, das mir fremd war. Aber ich verstand es nicht, ich kannte es nicht. Was sollte schrecklich sein? Der tiefe Abgrund des Gebirges, wenn die Lawine hineinstürzte? Ich schwebte darüber. Der dunkle Raum droben, der ohne Ende ist? Dort wohnt mir der Vater, der Ätherfürst, dort winken die Sonnen sich Botschaft zu. Also unten im Tal, wo die Menschen wohnen? Dort haust die Arbeit. Wie mochte sie aussehen? Gewiß jene langen, geraden, viereckigen Streifen, bald schwarz, bald grün, bald gelb, die sich drunten über die Ebene und über die Hügel zogen, das wird die Arbeit sein. Sie lagen immer fest am Boden, sie rührten sich nicht — das mochte wohl schrecklich sein. Und so ein Streifen sollt' ich werden? Das war häßlich. Und doch, so hatte die Mutter gesagt, der Mensch ist dein Herr, seine Macht ist die Arbeit. Mein Herr? So sollte er durch die Arbeit mein Herr sein? So mußte die Arbeit doch etwas Besseres sein als ich? Wer löst mir das Rätsel? Oft ruht' ich lange im kalten Luftraum und grübelnd vergaß ich der treibenden Wolken und der leuchtenden Funken. — — Und es war doch Unsinn, daß der Mensch mir gebieten sollte — etwa durch die Felder da unten? Unsinn!
Im Wirbelsturm fuhr ich hinauf aufs Meer und in rasendem Tanze zog ich die Wogen herauf in meine Wolke und blitzte aus dem schäumenden Trichter und fragte das Meer: ›Was ist die Arbeit?‹
›Küste! Küste!‹ klang es dumpf zu mir herauf.
Da merkte ich, daß ich nicht viel erfahren würde. Denn ›Küste‹ ist sein Horizont, und was darüber geht, das heißt alles ›Küste‹ beim Meere.
›Was ist der Mensch?‹ fragte ich weiter. ›Ist er unser H e r r ? ‹
›Daß ich nicht wüßte,‹ gurgelte das Meer. »Es schwimmt zwar hier und da so etwas herum, aber es tut mir nicht weh. Übrigens ist der Mensch meistenteils tot. Als Fischfutter nicht zu verachten. Was heißt überhaupt ›Herr‹? Sei nicht so spitzfindig. Küste! Küste!‹
Da saust' ich wieder davon. Mit dem Meere ist nicht viel los. Es ist eine zu große, schwerfällige Masse. Wen konnt' ich wohl fragen?
Menschenwerk mußte ich suchen, denn meine Genossen wußten nicht mehr als ich. Aber Menschenwerk durft' ich nicht stören. Die Schienen vielleicht? An ihnen war ich hingeglitten, ohne sie zu schädigen. Doch sie konnten nicht reden, das hatte ich schon gemerkt. Wie wäre es mit dem roten Draht? Ob ich es wagte? Ich fand keine Ruhe.
Es war zu dumm! Ein einziger Gedanke störte mich bereits in meiner Freiheit. Ob das schon Arbeit war? Ob vielleicht die Arbeit eben das bedeutete, daß mir die freie Lust gestört war — —
Eines Tages spielte ich wieder mit den Wolken über dem Berghang. Da sah ich auf den Schienen etwas Seltsames heraufkriechen. Es klammerte sich an die Zähne der mittelsten Schiene, streckte aber einen langen Hals nach dem roten Drahte aus, daran leckte es mit glänzender Zunge. Und Menschen saßen darin. Was hatten die hier bei mir zu suchen? Dazu waren sie noch fröhlich, Fahnen flatterten am Wagen und Gesang klang herauf. Die Menschen freuten sich. Ich aber witterte überall die Arbeit; so meint' ich auch, ob der Wagen etwa die Arbeit sei —«
In dem Zählwerk gab es einen Schnapper.
»Was soll's?« fragte die Lampe, ärgerlich über die Unterbrechung. »Hast du etwas zu bemerken?«
»Ticktack,« sagte der Zähler wieder gleichmäßig. »Ich habe mich nur verwundert. Die Menschen waren vergnügt, sagst du, und der Wagen soll die Arbeit sein, sagst du, und die Arbeit soll etwas Schreckliches sein? Das scheint mir Unsinn, geistreichstes der Glühlichter. Was sagst du dazu?«
»Die Menschen sind doch nicht der Wagen, das sag' ich, alter Pedant. Und außerdem verstand ich überhaupt die Sache nicht. Ich wollte eben Auskunft über die Arbeit haben und dachte, der Wagen könnte sie geben.«
»Hättest du nur mich gefragt,« sagte der Zähler weise. »Ich hab's nämlich jetzt begriffen. Ich will dir sagen, was die Arbeit ist — die blauen Hefte dort sind es. Merkst du nicht, wie der Mensch jetzt von seinem Büchlein aufsieht, wie er nach der Uhr schaut und scheue Blicke nach den blauen Heften wirft? Du aber, wie konntest du so dumm sein und die Warnung vor der Arbeit verachten?«
»Rede nur klug, jetzt, nachdem ich dich belehrt habe. Ich hatte eben keine Scheu mehr vor der Gefahr, in die Knechtschaft der Menschen zu geraten — gestört war ich doch in meinen Spielen — ich wollte einmal wissen, was es mit dieser Arbeit auf sich habe, ob sie mich denn wirklich bezwingen kann — —«
Der Mensch war aufgesprungen, er schritt unruhig durchs Zimmer. Schon fürchtete die Lampe, er wolle sie ausschalten. Dann aber setzte er sich wieder und stützte den Kopf in die Hand. Die Lampe konnte in ihrer Erzählung fortfahren:
»Heftiger ballt' ich die Wolken und drückte sie an der Bergwand hinunter, während der Wagen heraufkroch, in meinen Nebel herein. Sammeln wollt' ich mich, um mit voller Kraft in den Wagen und die Menschen darin hinabzuschlagen. Aber es erging mir wieder merkwürdig; in der Nähe des Drahtes schien meine Kraft zu erlahmen, meine Wolken verloren ihre Spannung. Doch mehr und mehr wälzt' ich herbei oben von den Eishöhen, und nun, nun fühlt' ich mich stark genug — ich schnellte mich hinab, und mit Donnergekrach stürzt' ich mich auf den Wagen.
Da — was war das? Ich meinte, Wagen und Menschen zu zerschmettern, statt dessen merkt' ich nur, wie drinnen im Wagen ein Licht aufblitzte — ich sah bloß noch, daß die frechen Menschen lachten, aber in den Wagen konnt' ich nicht dringen. Auch an dem Drahte konnte ich mich nicht halten, ich glitt an ihm entlang, ich geriet in eine hohe Halle, drin drehten sich wirbelnde Räder — ich gedachte sie zu zerschlagen, doch ich geriet in eine Falle — in der Halle prasselte und knatterte es, Funkengarben sprühten, Rufe ertönten, ein Mensch sprang hinzu und warf einen Handgriff herum. — — Ich fühlte mich zerrissen, meine Kraft erlahmte. — — Ich wollte hinabfliehen zur Mutter Erde und konnte nicht, ich wollte wieder hinaufspringen zu den Wolken, die in meilenweiter Ferne schwebten, ich konnt' es nicht. Ich war gefesselt, gefesselt an Kupferstücke, an dunkle, lange Drähte — ich war kein Blitz mehr — — so ward ich gefangen, unterworfen den Menschen — —«
»Ticktack, Ticktack,« sagte der Zähler.
»Ja, du langweiliges Zählwerk, du Marterkasten, du gehörst zu meinen Peinigern! Abgemessen werd' ich, und wenn sie die Lampen einschalten, muß ich glühen.«
»Was ist da weiter?« sagte der Zähler. »Du hast immerhin eine recht nützliche Beschäftigung und eine angenehme Abwechslung, du hast es viel besser als ich, und ich bin doch ganz zufrieden.«
»Du weiß nichts anderes und wirst mich nie verstehen! Jetzt kenn' ich das Schreckliche, die A r b e i t . Nicht daß ich glühe, aber daß ich es muß, das ist es! Muß, muß! O wie das tut.«
»Muß! Muß!«
Ein dumpfes Stöhnen Der Mensch war es, der so stöhnte.
»Siehst du, der Mensch muß auch!« tröstete das Zählwerk.
»Das ist es ja, daß ich sein Los teilen muß, und doch ist er mein Herr. Wie kommt er dazu, mich zu zwingen, mich, den freien Geist des Äthers, die ungeborene, unvergängliche Kraft des Alls, wie kann er mich zwingen zu arbeiten und muß es doch selbst?«
»Muß?«
Der Mensch richtete sich auf. Er schob die Papiere und das kleine Buch zur Seite und griff nach den blauen Heften.
»Siehst du,« sagte das Zählwerk wieder, »wie ich recht habe?«
Der Zähler tickte, die Lampe glühte, sie mußten — —
Der Mensch aber griff zur Feder und sprach zu sich:
»Ich w i l l ! «
Irgendwo im Raume, fern von den Menschen, saß das G l ü c k und weinte. Es saß auf seiner Kugel, diese und sich selbst ganz in seinen schimmernden Schleier hüllend, und mit dem Zipfel tupfte es die Tränen von den schönen Augen.
Es war sehr unglücklich, das Glück.
Ein kleiner Engel schwebte vorüber, der hatte die Mundwinkel recht weinerlich verzogen, und aus seinen Augen fielen die Tränen in den leeren Raum und wurden zu Sternschnuppen.
Als der Kleine das Glück erblickte, flog er eilig darauf zu und umklammerte seine Knie.
»Fand ich dich endlich?« rief er aus. »Du mußt mir helfen, du bist ja das Glück!«
Das Glück streichelte seine Locken.
»Was fehlt dir?« fragte es traurig.
»Drunten wohnt' ich am dunklen Bergstrom, in der Hütte, deren Dach die hohen Palmen beschatten, bei Rilas und Padna. Kennst du sie nicht? Rilas, der die Faserpflanze sammelt im Walde und sie zum Markte trägt? Und ich war's, der ihr Glück hütete und sie hatten sich so lieb. Da kamen die gelben Brüder und sagten, Rilas müsse mit ihnen hinunter an das Meer und als er nicht wollte, nahmen sie ihn gewaltsam mit; denn er müsse für die Freiheit kämpfen gegen die weißen Männer auf ihren großen Schiffen. Und Padna weinte so sehr und ich auch. Du sollst uns den Rilas zurückbringen. Nicht wahr, du willst es tun?«
Und er zupfte dem Glück den Schleier von den Augen, da fiel eine der Tränen auf seine Stirn, und er sah erschrocken auf und sagte:
»Aber du weinst ja?«
»Ja, mein Kleiner, ich weine und kann dir nicht helfen.«
»Du mir nicht helfen? Warum nicht, da du doch das Glück bist?«
»Nur das Glück. Weil ich nur das Glück bin, darum kann ich dir nicht helfen.«
»Du mußt helfen, mußt uns helfen!« Mit diesen Worten stürzte sich ein zweiter Engel dem Glück zu Füßen.
»Hier, dieser kennt mich, wir wohnen in demselben Lande. Die weißen Männer sind aus ihren Schiffen gestiegen, und ihre Kugeln strecken unsere Freunde nieder. O gieb den Unsrigen den Sieg in der Schlacht, sie kämpfen für die Freiheit, die man ihnen rauben will!«
»Siehst du nicht, daß ich weine?« sprach das Glück. »Wenn ich weine, so kann ich niemand helfen.«
»So weine doch nicht!«
»Das steht nicht bei mir. Ich weiß nur, daß ich weinen muß, und daß ich dann nicht helfen kann. Und wenn ich nicht helfen kann, so muß ich weinen. Das hänget eins am andern.«
Die kleinen Engel sahen halb ungläubig, halb verständnislos auf das Glück.
Und als sie es noch anstarrten, kam ein dritter Engel geflogen, der war schon größer und klüger. Die Tränen tropften ihm nicht mehr aus den Augen, sie ließen sie nur dunkel glänzen wie der unendliche Weltraum der Nacht, und eine tiefe Traurigkeit flehte aus ihnen zum Glück:
»Hilfe, zu Hilfe! O bitte, bitte! Die Not ist groß!«
»Was begehrst du, mein Kind?«
»Drüben im Ozean rast der Sturm. Am großen Dampfer ist die Schraube gebrochen. Hilflos jagt er durch die Wogen. Die Richtung, in der er treibt, führt auf das lange Riff, ins sichere Verderben. Fünfhundert Menschen werden in den Wogen versinken. Eine neue Heimat wollten sie gründen, die jetzt um ihr Leben flehen müssen. Eil' und rette, wenn du das Glück bist.«
Das Glück schüttelte nur leise den Kopf, denn es fühlte, daß ihm die Tränen in die Augen traten.
Die beiden andern kleinen Engel nickten sich zu und flogen davon, denn sie wollten sehen, wie die weißen Männer in Not gerieten.
Der dritte Engel aber rief:
»Du weigerst dich? Wie ist das möglich? Siehst du nicht die Zahllosen, die ihr Lebensglück zugleich verlieren, wenn jene dahingehen müssen? Weißt du nicht, daß Völkerschicksale an diesem Schiffe hängen? Schau dort unter dem nassen, sturmgepeitschten Haar die leuchtende Stirn des Jünglings — siehst du nicht, daß er ein Genius ist, fähig, der Menschheit eine große Tat zu bringen, die Millionen beglücken wird? Und du willst ihn versinken lassen in den Wellen?«
»Ich wollte ihn nicht retten? O mein Kind, ich kann es nur nicht.«
»Du kannst es. Sieh, dort rekelt der breite Wetterriese des Ozeans sich in seiner Winterruhe. Er braucht nur den groben Ellenbogen um ein weniges zu verschieben und die Sturmbahn wendet sich, und das Schiff gleitet nördlich am Riff vorüber und entflieht dem Wirbel. Warum gebietest du ihm nicht?«
»Weil es nichts hilft. Weil er mir nicht gehorchen wird. Ich kenne diese Riesen, die mit der Allwissenheit ihrer Mutter, der Natur, sich groß tun und die eingebildetsten, faulsten Lümmel der Welt sind. Und ich habe ein sicheres Zeichen für den Fall, daß sie mir nicht zu gehorchen brauchen, so gut ich es weiß, wenn ich sie zwingen kann. Du wirst es sehen, komm!«
Müde erhob sich das Glück und flog mit dem Engel zum Wetterriesen.
Schon tauchte am Horizont der Schiffer die weiße Brandung auf. Der Riese schlief, und der Druck seines ruhenden Luftarms zwang den Sturm, nach dem Riffe hin zu wehen.
Das Glück raunte seinen Spruch:
»Hebe den lastenden Arm beiseite, daß das Schiff nach dem Hafen gleite!«
Der Riese rührte sich nicht, er brummte nur im Halbschlaf:
»Wer raunt mir da Sprüche? Was soll das gefühlvolle Duseln? Siehst du nicht, daß ich ruhen muß, damit die Luft in mir herabsteigen kann und ihre richtigen Wege findet? Siehst du nicht, daß der Ätherriese auf mir steht, der oben von der Sonne die Wärme herunterschaufelt? Störe nicht unsere Arbeit, von der die Ordnung der Natur abhängt.«
»So rücke wenigstens diesen Arm um ein Kleines zur Seite, schon ein Stückchen genügt, nur daß wir das Schiff retten!«
»Was geht mich das Schiff an?« polterte der Riese. Aber er ermunterte sich ein bißchen, und als er das Glück erkannte, sagte er:
»Du kannst doch nie Ruhe halten! Aber weil du es bist, will ich mein Möglichstes tun — den kleinen Finger will ich ein wenig einbiegen.«
Kaum hatte er's getan, da trieb das Schiff einen Strich mehr nach Nord und näherte sich dem Riff langsamer, und die Menschen hofften aufs neue.
»Es genügt noch nicht,« bat das Glück. »Gieb nur noch etwas nach!«
Zum Unheil aber fiel eine Träne auf den Arm des Riesen. Da wurde er unwirsch und rief:
»Es geht nicht! Siehst du nicht, der ganze Wirbelsturm liefe dann auf das Festland. Die blühenden Städte, die reifen Felder, der alte Wald, alles stürzte vernichtet zusammen. Mir könnt' es ja gleich sein. Aber mehr vermag ich nicht zu tun, wenn ich auch wollte. Ich und meine Brüder, die Riesen, dürfen deinetwegen ihre Grundsätze nicht ändern. Sollte ich jetzt den Arm bewegen können, so hätte vorher der Ätherriese nicht auf mich steigen dürfen, so hätte der alte Erdriese seine Hautfalten ein bißchen früher verschieben müssen, damit sich der Meerriese anders lagern konnte. Da hätte der große Sonnenriese schon lange, ehe es das Menschengewürm gab, mit seinen Fangarmen anders ziehen und der Raumriese selbst sich anders besinnen müssen. Wir können nicht dir zu Liebe die ganze Riesenwelt in Unbequemlichkeiten stürzen.«
»So? Ihr Burschen —« und nun wurde das Glück böse — »ihr könntet nicht? Ihr hättet nicht können? Wozu seid ihr eigentlich da? Um euretwillen vielleicht? Oder sollt ihr nicht Diener sein, damit auf dieser Erde Menschen glücklich werden? Sollt ihr nicht arbeiten, damit das Ziel sich erfülle, das Menschenherzen ersehnen? Was sind eure Luftkörper, eure Ätherarme, eure Riesenkräfte, was sind die Planeten, mit denen ihr Fangball spielt, wenn nicht die Mittel zu meinen Zwecken? Was gilt mir euer ganzes Weltsystem gegen ein frohes Angesicht?«
»Und du? Was gehst du mich an? Hast du mir zu gebieten? Lächle doch, wenn du kannst! Ich habe meine Gesetze, danach bin ich. Wer sie mir gab, weiß ich nicht. Wozu sie gut sind, geht mich nichts an. Ich habe niemand zu gehorchen als dem Gesetz der Riesen. Ich bin, weil ich bin. Ich strecke den Arm, wenn ich muß, und Millionen Menschen überrauscht der Ozean, wenn sie auf seinen Bahnen sind.«
Während der Riese noch sprach, trieb das Schiff näher und näher dem Riffe zu. Jetzt weinte der Engel laut auf.
Hier oben hörte man nicht den Entsetzensschrei der Menschen, man hörte nicht das Krachen der Balken, nicht das Brausen der Brandung, als der Dampfer auf die Klippe geschleudert wurde — man hörte nur das Schluchzen des Engels, als er das Schiff verschwinden sah. — —
Der Engel barg seinen Kopf im Gewande des Glücks, das mit starren Augen in die Ferne blickte.
»Und er muß doch dem Einen gehorchen, der sein Gesetz geordnet hat — muß er nicht?« fragte der Engel in heiligem Zorn.
»Er muß wohl, aber davon weiß er nichts. Und gehorchte er mir nicht, so war es so bestimmt, weil ich weinte.«
»Aber du bist doch das Glück und das Glück soll sein!«
»Weißt du das, mein Kind? Weiß ich es? Braucht' ich zu weinen, wenn mir die Ätherriesen immer gehorchen müßten? Dann wollt' ich die Welt wohl anders lenken, dann müßten sie arbeiten zu meiner Lust. Dann müßten sie mir Paläste bauen mit ewigem Frühlingsglanze, darin eine selige Menschheit in allen Wonnen des Daseins wandelte. — — Aber nur selten gehorchen sie mir; ich gebiete ihnen, doch ob sie folgen, das hat einer bestimmt, den wir nicht begreifen. Und er wird wohl wissen, warum er das Glück nicht mächtiger geschaffen hat.«
»Und doch bist du der mächtigste unter allen Engeln, o Glück!«
»Wohl bin ich's, wenn ich lächeln darf. Doch du trafst mich weinend, und Tränen — o mein Kind — Tränen des Glücks, weißt du, was daraus wird? Einst sagte mir's der Zwerge einer, die mit den demantharten Hämmern in der Nacht des Ungewordenen die künftigen Herzen schmieden. Meine Tränen brauchen sie, die Herzen fest zu machen, damit sie nicht springen, wenn der heiße Menschenwille hineingegossen wird. Vielleicht, daß ich darum so machtlos sein muß.«
Das Glück ließ sich wieder auf seiner schillernden Kugel nieder, und der Engel, der den Mut verloren hatte, schmiegte sich sanft an seine Seite.
Da kam wieder ein Engel gezogen, diesmal ein ganz kleines Engelbübchen, dem kugelten die Tränen nur so aus den runden Äuglein, und es heulte recht herzerweichend. So stürzte es dem Glück gerade in den Schoß.
»Was hast du denn, mein Bübchen?« fragte das Glück, wischte ihm die Tränen ab und vergaß auch das Näschen nicht. »Da ist wohl ein großes Unglück geschehen?«
»Ja,« schluchzte das Engelchen, »ja, ein großes Unglück. Mein Schwesterchen, ach, mein Schwesterchen — ach, ach!«
»Beruhige dich, mein Herzchen.«
»Es ist das einzige, das den Eltern geblieben ist, denn wir anderen sind alle schon Engel geworden — mein Schwesterchen stand an der Haustür — Aber willst du ihm auch helfen, o Glück?«
»Sprich nur erst weiter.«
»Es hatte sein Püppchen in der Hand, das mit dem richtigen Porzellankopf, den man abwaschen kann, und wiegte es in seinen Armen, und das Püppchen war eingeschlafen, und da — und da —«
»So heule doch nicht so!«
»Da kam der Stift, der schlechte Hund, und bellte, und das Schwesterchen erschrak und ließ die Puppe fallen, und — und — der Kopf brach mitten entzwei — und —«
»Da weint jetzt das Schwesterchen bitterlich?«
»Bitterlich« — Und das Engelchen weinte noch viel bitterlicher und schluchzte nur immer hervor: »Bitterlich« — —
Die Tränen kugelten herab über den Schleier des Glücks, an dem keine Träne haftet, und in einer Falte bildeten sie einen kleinen See, in den guckte das Engelchen ganz erstaunt hinein, aber seine Tränen flossen immer weiter.
Da zog ein leises Lächeln über das Antlitz des Glücks, das besiegte seine Trauer — und nun lächelte es holdselig, wie nur das Glück lächeln kann. — —
Und der große, unendliche Weltraum tat sich auf vor dem Lächeln des Glücks mit rosigem Lichte wie die Blüte im Sonnenschein, und die groben Ätherriesen hoben ihre Häupter, und der Sonnenriese selbst schüttelte seine Strahlenkrone, daß es warm hinauszuckte in die Unendlichkeit.
Das Glück aber erhob sich, und seine Gestalt wuchs machtvoll durch die himmlischen Höhen, und seinem leisen Winke lauschte das weite All. — — —
Vor dem Gebot des Glücks beugte sich der Zeitriese und rief seine Befehle zurück in die Vergangenheit, daß alles geordnet war, wie es heute sein sollte. Die Ätherriesen tummelten sich und schütteten ihre Strahlen auf die Fluren Siciliens, wo die Orangenhaine wuchsen. Der stolze Stromriese, der sonst zwischen den Wolken blitzt, zwängte sich zwischen Zink- und Kohlenplatten und streckte sich im langen Eisendraht über die Kontinente und durch die Meere, um von der nordischen Stadt ein Gebot nach dem Süden zu tragen. Der Holzriese rasselte in den Wäldern und brach Stämme, und der Eisenriese wuchs hervor aus dem dunklen Gestein und glühte im Hochofen. Aus tiefem Schacht tauchte der schwarze Kohlenriese, wo ihn der Erdriese eingepreßt hatte, und fuhr unter die Kessel, der Wasserriese dampfte und schwoll und hob und drückte — und der Dampfer durchschnitt das Meer. Und als das Schiff zurückkehrte, trug es die goldne Südfrucht in seinem Raum. Tausend andere Riesen arbeiteten mit ihren kräftigen Armen im Getriebe der Menschen und tauschten die Waren und rollten das Gold und bauten die glänzenden Läden der Stadt und legten die Früchte hinter die hohen Spiegelscheiben, daß sie anlockend glänzten.
In der Stadt aber, wo das Schwesterchen seine Puppe zerbrochen hatte, ging ein ernster Mann in tiefen Gedanken. Er ging durch die Straßen, und die Leute grüßten ihn, und er dankte. Da schüttelten die Leute die Köpfe, denn sie merkten, daß er sie nicht erkenne. Wo war er denn? Weit fort, über der Erde, wo das Glück mit dem Engel saß, und weiter noch, wo der unendliche Raumriese zwischen den Sternen lagert. Und er sah die Ätherriesen ihre Arme zur Arbeit heben von der Urzeit an, wie sie Sonnen häuften und Planeten schwangen, wie sie Meere gruben und mühevoll kleine lebendige Zellen bauten, er sah die Reihe der kämpfenden Geschlechter, bis er selbst entsprossen war, irgendwo, irgendwann, und wandeln mußte unter dieser Menge. — Was war sie ihm, was war er ihr? Was verstanden die Leute davon, daß er den langen, langen Weg kannte, den sie heraufgekommen waren vom Urnebel der Planeten bis zu dieser geschäftigen Bürgerklasse? Was wußten sie von dem hohen Ziele um dessentwillen die Riesen stöhnten? Was galt es ihnen, daß er die Zwerge sah, die im Ungewordenen ihre Demanthämmer schwangen und Menschenwillen in harte Herzen gossen? Und was half es ihm?
Seine Gedanken waren weit fort, und doch waren sie nah, ganz nahe — waren hier in diesen Gassen, zwischen diesen Menschen — denn sie mußten hierher zurück, wieder und immer wieder. Darum flogen sie ja bloß fort, um zu vergessen, daß sie hier waren. Sie suchten in der Ferne, obwohl sie wußten, daß sie nirgends finden würden, was sie verloren hatten. Und in diesem Hin und Her wogte seine Seele zwischen dem großen, unendlichen Raum, wo das Glück saß, und zwischen der engen Stadt, wo sie es gesucht hatte. — — Das ging so aus und ab, bis es ein leiser Rhythmus geworden war. — — Durch die Straßen und die eilenden Menschen schreitend, fühlte er es um sich wehen wie den weiten, kühlen, stillen Atem der Einsamkeit:
Ich wandle durch die Stadt und denke dein,
Und weiß nur überall, ich bin allein.
Da ist kein Plätzchen, das mir nicht verrät,
Wie oft mein Blick nach dir hinausgespäht.
Hier ward ein hoffend froher Gruß getauscht,
Hier hab' ich deinem lieben Wort gelauscht — —
Und durch die Leere schreit' ich nun dahin.
Starr liegt und tot die Stätte, wo ich bin.
Es kommt ja nicht das Glück des Weges her,
Und wenn es naht, ist es mein Glück nicht mehr!
Und als es so in ihm klang, da schwebte von der einsamen Ferne her die Lichtgestalt des lächelnden Glücks, das die Arbeit der Ätherriesen lenkte, und streifte die Seele des verlassenen Mannes, daß es darin einen Augenblick wonnig aufleuchtete wie der Glanz dunkler, großer Augen. Und als er aufsah, lag Sonnenschein auf den Spiegelscheiben und den goldenen Früchten, und es wehte um ihn wie Frühlingshauch der Wirklichkeit.
Da kaufte der Dichter die Orangen und ging weiter, und nun sah und erkannte er die Menschen, die dort vorüberschritten. Und daneben vor der Tür sah er das Schwesterchen, das eben seine Puppe zerbrochen hatte — — das weinte und schluchzte bitterlich.
Da griff der Dichter in die Tasche und gab dem Kinde die leuchtende Orange. Das ließ die Puppe fallen und erfaßte die Frucht. Die Tränen versiegten. Es sah ihn an mit den dunklen, großen Augen, die er kannte, und über das Kinderantlitz ging ein Lächeln, ein Lächeln so süß, wie nur das Glück lächeln kann. — —
Und das Lächeln strahlte wieder von dem Antlitz des Einsamen.
Droben aber hörte das Engelchen auf zu schluchzen und lächelte mit dem Glück und mit dem Himmel.
Der größere Engel jedoch, der schon klug war, sah das Glück mit seinen verständigen Augen an und sprach zu ihm:
»Ich begreife es nicht. Wo Völker leiden, wo Tausende trauern, wo die Geschicke der Menschheit sich entscheiden, da folgen dir die Ätherriesen nicht, und jetzt arbeiten sie wie geängstete Sklaven, um eine Orange zur rechten Zeit zu bereiten —«
»Weil ich lächelte,« sagte das Glück mit leuchtenden Augen.
»Warum aber lächeltest du?«
»Weiß ich es? Kennst du einen Maßstab des Leides oder der Lust?«
»Aber eine ganze Welt in Bewegung zu setzen um das L ä c h e l n eines K i n d e s !«
»Weißt du nicht, daß es das Lächeln G o t t e s ist?«
Heide und Kieferwald rechts und links — die Heide gedörrt von der Julisonne, der Wald weithin verkrüppelt vom Raupenfraß — mitten durch eine endlose gerade Doppellinie, darauf jagt donnernd eine Wolke von Rauch und Staub — —
Der Eilzug hat seine größte Geschwindigkeit angenommen, als wollte er dieser Gegend so schnell wie möglich entfliehen. Endlich taucht es von ferne auf wie Hügel, einzelne Fichten mischen sich unter die Kiefern, ein einsames Wärterhaus huscht vorüber wie ein flüchtiger Streif — jetzt ein paar kurze Stöße — dann verdeckt ein Einschnitt die Aussicht — —
»War hier eine Station?« fragt ein Reisender, aus seinem Schlummer auffahrend.
»Nur eine Weiche,« sagt der Herr ihm gegenüber. »Die Strecke ist umgebaut, die Kurve war zu eng für den Schnellzugverkehr.«
»Sie kennen diese Gegend?«
»Ich denke — habe das ganze Frühjahr hier gelegen. Übrigens ganz nette Wohnung beim Förster. Jetzt muß ich wieder her. Morgen geht die Vermessung hinter Schrobeck an.«
»Schrobeck?« fragt der erste. »Was ist das?«
»Die Ruine dort oben — wenn Sie zurückblicken — sehen Sie? Eben ist sie vorbei.«
»Habe noch nie davon gehört.«
»Kennen Sie nicht die Sage von den Nägeln von Schrobeck? Es haust ein Gespenst da oben.«
»Mache mir nichts aus solchen Sagen, es ist eine wie die andre,« brummte der Reisende und lehnte sich wieder zurück.
»Habe auch keine Zeit mehr, sie zu erzählen,« sagte der Baumeister, seinen graublonden Vollbart zurecht zupfend. »Muß gleich aussteigen.« Und er schickte sich an, seinen leinenen Staubmantel zusammen zu packen.
In der Gegend wußte jedes Kind, was es mit der Ruine auf sich hatte. Es gab freilich nicht viele Kinder hier herum, ausgenommen die beim Förster und bei den paar Holzhauern drüben in Niederstein. Es gab überhaupt nicht viele Leute in der Gegend, sie alle aber wußten es, daß der letzte Ritter von Schrobeck verhext war, als grauer Zwerg umzugehen bis auf den heutigen Tag, und sie wußten auch, wie er erlöst werden könnte. Und wem das gelang, der machte sein Glück. Seltsam, daß es noch keinem gelungen war — — aber nicht jeder hatte die Eigenschaften, die dazu gehörten, oder die Umstände trafen nicht zusammen, oder es war etwas bei der Beschwörung versehen worden, oder — ja, das mochte es wohl eigentlich sein, was die Leute abhielt — sie glaubten selbst nicht recht an die Geschichte, die sie jedermann zu beteuern bereit waren.
Es war aber ganz einfach.
Man mußte nur, wenn der Mond schien, in der Nacht des achten Sonntags nach Trinitatis zur Ruine Schrobeck hinaufsteigen, dort vor der Tür des verfallenen Turmes ein Tuch auf die Erde breiten, an die Mauer klopfen, dann langsam neun Schritte rückwärts gehen und dreimal rufen: »Drei und frei!« Wenn man dies, mit der gehörigen Zwischenpause, zum dritten Male gerufen hätte, so würde unweigerlich der Herr von Schrobeck in Gestalt eines grauen Zwerges erscheinen und auf das Tuch die drei goldenen Nägel legen, derentwegen er verflucht worden war. Er hatte sie nämlich einst, um sie zu verspielen, aus dem Sarge seiner Ahnfrau gezogen. Wer aber diese drei Nägel besaß, der hatte damit drei Wünsche frei. Wenn er einen Nagel fortwarf und dabei einen Wunsch aussprach, so geschah sofort, was er wollte. Und beim Fortwerfen des dritten Nagels wäre dann der Geist erlöst gewesen.
Der Bahnwärter an dem einsamen Häuschen war ein alter Mann. In die neuen elektrischen Apparate an den Blockstationen hatte er sich nicht mehr finden können. So hatte man ihm hier einen Posten gegeben, wo er nicht viel anders zu tun hatte, als regelmäßig seine Strecke abzugehen.
Jetzt stand er mit seiner zusammengerollten Signalfahne im Arm neben dem Wärterhäuschen, als der Eilzug vorüberbrauste. Sein Blick war mit ängstlicher Spannung auf jedes Fenster der Wagenreihe gerichtet, ob nicht eines sich öffnete, ob nicht ein Tuch herauswinkte — es kam kein Zeichen. Und nun folgte sein Auge dem letzten Wagen, dessen Rückseite im Enteilen sich rasch zusammenzog, bis er im nächsten Einschnitt entschwand.
Lange noch stand der Wärter in die Ferne starrend — nur zuweilen hob sich seine Brust stärker unter einem Seufzer — —
Wie viel Hunderte von Menschen fliegen hier jeden Tag an ihm vorüber! Am Morgen haben sie die Sonne über dem Meere aufgehen sehen, am Abend wird sie ihnen von Schneegipfeln widerleuchten, vor wenigen Stunden rauschte um sie der Lärm der Großstadt, — er aber stand unmittelbar neben dem Weltverkehr einsam und abgeschnitten von der Lebenswelle. Nichts drang zu ihm als das eintönige Signal der Glocke und das Gerassel der Räder, und sie brachten ihm keine Nachricht. Er sah nach der Uhr. Längst mußte der Zug die nächste Station erreicht haben. Ob er einen Brief mitgebracht hatte? Über drei Stunden hatte der Bote von dort bis zu ihm zu gehen, und heut' am Sonntag ging er überhaupt nicht.
»Paul,« rief es aus der offnen Tür der Hütte.
Er trat ein. Auf dem alten Lehnstuhl an dem kleinen Fenster saß eine müde Frau mit grauem Haar und vergrämten Zügen. Sie blätterte in einem Kalender.
»War er nicht darin?« fragte sie.
Der Mann schüttelte den Kopf.
»Er hätte gewiß herausgewinkt,« sagte sie. »Ich ängstige mich Tag und Nacht. Es sind schon über vier Wochen, daß der Brief kam. Gestern waren's vier Wochen, und in vier Wochen wollt' er bei uns sein. Mit Frau und Kind. Das liebe Würmchen — ach! Und alle Not hat ein Ende!«
»Ich glaub's nicht, ich glaub's nicht!« sagte der Mann und setzte sich schwer auf die Bank am Ofen. »Es wäre zu viel Glück. Ich kann deinen Traum nicht los werden von dem verunglückten Zuge.«
»O Gott, o Gott! Noch im letzten Augenblick, wenn wir ihn da verlieren sollten, unsern Otto! Zwölf Jahre ist er fort, zehn Jahre haben wir nichts von ihm gehört, bis jetzt vor vier Wochen. Es geht ihm gut, er kommt wieder, und jetzt sollten wir ihn verlieren? 'S ist wahr, es droht ihm ein Unglück, — aber man kann es abwenden. Du weißt meinen andern Traum, den vom grauen Zwerge. Das bedeutet jedesmal etwas Gutes, wenn ich den träume. Und du solltest es doch tun!«
»Es ist ja Unsinn, laß mich in Ruh' damit.«
»Und wenn's Unsinn wäre — schaden kann es doch nichts. Heut' ist der achte nach Trinitatis, es ist Mondschein, Vollmond, heute könnt's doch sein mit dem Schrobeck. Und wenn's nicht ist, so war's ein Spaziergang.«
»'S ist eine Versuchung.«
»Du solltest es doch riskieren. Wenn ich nur laufen könnte, ich tät's gleich. Aber mit dem Hinkefuß — ich komm' nicht mehr den Berg 'nauf.«
Sie schwieg. Dann fing sie wieder an: »Daß es gerad' so zusammentrifft, der Tag und der Mondschein, und gerad' mit unserm höchsten Wunsche! Ich kann nicht davon los. Wenn du die goldnen Nägel bekommst, dann kannst du gleich wünschen, daß der Otto gesund hier ist. Dann kann ihm nichts mehr geschehen. Tu's zu meiner Beruhigung!«
»Alte, du weißt, ich glaub' nicht dran, darum nützt es auch nichts. Ich tät' mich nur schämen vor mir selbst.«
»Tu mir's zu Liebe, ich glaub' dran.«
»Wenn der Traum nicht wäre, ich dächt' überhaupt nicht dran. Deine Träume freilich, damit hat's etwas an sich, das ist schon wahr. Aber ich kann auch nicht fort von der Strecke.«
»Heute kannst du schon. Der Güterzug fällt heute aus, und der Kurierzug kommt erst um zwei. Um Eins schon kannst du längst wieder hier sein.«
Der Mann stopfte sich eine Pfeife und schwieg.
»Der Flischke war auch wieder hier,« begann die Frau aufs neue. »Ich glaube, er war angetrunken, er schimpfte. Und hinten am Busch wartete der braune Michel auf ihn. Die Kerle haben was vor. Er wollte dir's eintränken, sagte der Flischke, du hättest ihn aus dem Dienst gebracht. Auf deiner Strecke könnt' auch mal was passieren.«
»Es ist nicht wahr, daß ich ihn angezeigt hab', aber er hat nie richtig seinen Dienst getan. Du siehst, nun kann ich schon recht nicht fort, wenn die schlechten Kerle in der Gegend lungern. Daß sie den Michel wieder herausgelassen haben, ist ein wahres Unglück.«
»Es kann ja nichts passieren. Du bist wieder da, um deine Strecke abzugehen, mehr kannst du nicht tun. Und nun mußt du erst recht zum Schrobeck. Wenn du die Nägel hast, kann dir der Flischke nichts anhaben, und der Otto kommt morgen glücklich nach Hause. Tu's doch, Paul, tu's dem Otto zu Liebe!«
»'S ist ja doch Unsinn,« brummte der Mann in den Bart. Aber er sagte es nicht mehr laut.
Mit ungewissem Dämmerschein lag das Mondlicht über der Hügellandschaft ausgebreitet, die Ebene im Norden verlor sich in nebliger Ferne. Kein Lüftchen regte sich; hin und wieder ein schwaches Wetterleuchten durch die Julinacht.
Silberne Punkte glänzten auf den Efeublättern, die sich um die verfallenen Mauern der Ruine Schrobeck rankten, undurchdringliche Schatten schoben sich zwischen lichte Streifen. Deutlich und klar hob sich die voll beleuchtete Seite des alten Turms ab; nur die Türöffnung gähnte schwarz darin, ein finstrer Eingang in geheimnisvolle Nacht.
Der Bahnwärter stieg schwerfällig über die wankenden Steinstufen des ehemaligen Burghofs. Atemschöpfend lehnte er sich an die Mauer und richtete seine Blicke auf die Öffnung des Turmes. Ein paar Fledermäuse schossen hin und her, sonst kein Laut. Der Mann an der Mauer verharrte lange unbeweglich. Doch jetzt fuhr er erschrocken empor. Aus dem Turm klang ein vernehmbares Poltern, als stürzten Steine herab — ein Schwarm Fledermäuse flog aus der Öffnung — dann wieder blieb es still. Der Wärter raffte sich zusammen und schritt langsam der Tür des Turmes zu. Er fühlte sein Herz schlagen, er wagte nicht, in den Turm zu blicken, als er sein Tuch vor der Tür ausbreitete und dreimal mit einem Stein an die Mauer pochte. Daun ging er langsam rückwärts. Seine Tritte knirschten auf den Kalktrümmern des Bodens, es war ihm, als antwortete ein gleiches Knirschen aus dem Turm. Er zählte halblaut seine Schritte; jetzt blieb er stehen und rief schnell, als wollte er ein ferneres Schwanken selbst abschneiden: »Drei und frei!«
Dumpf hallte der Ton von der Mauer nach. Sonst blieb alles stumm. Nach einer Weile rief er zum zweiten Male. Wieder kein Laut. — Er schüttelte den Kopf über sich selbst — wenn ihn jemand hörte, er mußte zum Gespött werden. Aber wer konnte ihn hier hören? Er dachte an seine Frau, au seinen Sohn, sah fest auf die Turmtür und rief laut zum dritten Male:
»Drei und frei!«
In demselben Augenblick prallte er in furchtbarem Schreck zurück und hielt sich krampfhaft mit den Händen an einem Mauerrest. Die Stille der Nacht unterbrach ein gewaltiges Krachen, eine weiße Wolke erhob sich aus der Tür des Turmes und schwankte gespenstisch im Mondenlicht, und in der Öffnung erschien hell beleuchtet eine graue, zwerghafte Gestalt. Dem Wärter stockte der Atem, er brachte kein Wort aus der Kehle, — nein, er täuschte sich nicht — deutlich erkannte er über dem grauen Mantel der kleinen Gestalt das Gesicht mit dem weißen Barte, den Kopf bedeckte eine graue Kapuze. Der Mann und der Zwerg standen sich ohne Bewegung gegenüber — da erhob der Zwerg langsam den rechten Arm, drei blitzende Gegenstände fielen auf das Tuch und im nächsten Augenblick war die Erscheinung verschwunden.
Schweigen ringsum — die Wolke hatte sich verzogen, die Türöffnung gähnte leer und finster wie zuvor.
Einen Augenblick dachte der Wärter, es ist ein Traum — er ermannte sich und schritt auf das Tuch zu — er sah es darauf glänzen im Mondlicht — das Blut schoß ihm in den Kopf, eine furchtbare Angst ergriff ihn — er wußte nicht mehr, was er tat — er raffte das Tuch zusammen und stürzte fort. Die Steine polterten um ihn bergab, er floh weglos, durch den Wald, bis er den Fuß des Hügels erreicht hatte — da sank er erschöpft auf ein Felsstück und suchte sich zu sammeln. Noch hielt er das Tuch in der Hand geballt, deutlich fühlte er die Nägel darin, aber er hatte nicht den Mut, das Tuch zu öffnen. Immer ging es ihm durch den Sinn — ein Teufelsspuk, es bringt Unglück!
Es knackte im Gebüsch — er fuhr auf. Wo war er überhaupt? Nach welcher Seite lag die Bahn? Um Gottes willen — sein Dienst! Es war hohe Zeit, seinen Gang zu machen. Nur jetzt nicht verirren! Er steckte das Tuch in die Tasche und lief vorwärts — hier war dichtes Unterholz, hier kam er nicht durch, er mußte umkehren. Der Angstschweiß rann ihm von der Stirn, er rannte Hügel auf, Hügel ab — endlich, da lag die Bahnstrecke dicht neben ihm. Er kletterte hinab und stand auf dem alten Geleise. Aber nun war's nicht mehr weit zu der Weiche, die er zuerst revidieren mußte. Sie führte vom neuen auf das alte Geleise, auf welchem vor dem Umbau die Züge in enger Kurve gelaufen waren. Jetzt hatte man darauf, einige hundert Schritt weiterhin, einen Steinbruch angelegt, woraus Baumaterial abgefahren wurde. Deswegen war das Geleise bis dorthin erhalten worden.
Als der Wärter sich der Weiche näherte, befiel ihn ein neuer Schrecken. Die Laterne war verlöscht. Er erkannte deutlich, daß die Weiche auf das tote Geleise eingestellt war. Ein Mensch machte sich überdem an dem richtigen Geleise zu tun. Der Wärter rief ihn an.
Im selben Augenblick fühlte er sich rückwärts ergriffen, von vorn sprang der Mann vom Geleise herzu, und ehe er wußte, wie ihm geschah, war der erschöpfte Wärter überwältigt, gebunden, am Schreien durch einen Knebel gehindert. Es war offenbar alles sorgfältig vorbereitet. Die beiden Männer schleppten den Gebundenen ein Stück seitwärts in den Wald nach dem neuen Geleise zu und ließen ihn dort liegen, indem sie ihm höhnisch gute Nacht wünschten.
In ohnmächtiger Wut riß er an seinen Banden. Vergebens! Furchtbare Bilder jagten durch seine Seele. Höchstens noch eine Stunde, dann mußte der nächtliche Eilzug kommen. Er mußte auf das tote Geleise fahren, in den Steinbruch stürzen! Und mit ihm vielleicht sein Sohn — gewiß! — — Und keine Hilfe?
Er wand sich hin und her, bis ihm die Kraft versagte. Dann wieder lag er still, zermarterte sein Hirn — er betete aus tiefster Seele — nichts rührte sich um ihn.
Weiter und weiter rückte der Mond durch die Zweige — keine Hilfe? — Noch einmal! Sollten die Stricke sich nicht lockern lassen?
Er zerrt seine Hand gewaltsam empor und fühlt einen scharfen Schmerz, die Haut wird geritzt — Ach!
Die Nägel! Die Nägel — jetzt erst erinnert er sich wieder daran — wenn es doch wahr sein sollte? — Wenn er einen Nagel fortstoßen könnte!
Er fühlte mit den Fingern — er kann von außen eine Spitze erreichen, sie dringt durch Tuch und Tasche — eine Anstrengung aller Kräfte — er kann den Nagel herausreißen! Ist es denn ein goldner Nagel? Was weiß er — er stößt ihn fort und denkt nur: Wär' ich frei!
Da gleitet sein Arm aus dem Strick, mit dem er an seinen Leib gebunden war, er kann sein Messer erfassen — die Stricke sind durchschnitten, der Knebel entfernt — kaum traut er seinen Sinnen — —
So ist es doch wahr! So hat der Zwerg die Zaubermacht bewährt? —
Frei! Er stürzt nach dem Waldrand. Er kann von hier die Weiche nicht sehen, aber drüben gar nicht weit schimmert das Licht von seinem Häuschen. Vielleicht ist es noch Zeit zu retten, zu warnen! —
Er springt auf den Bahndamm — Zu spät! Dumpfes Rollen in der Ferne — schon blitzen dort hinten die Lichter des Zuges — keine Minute mehr, und das Unglück ist geschehen.
O könnt' er den Zug aufhalten! Wenn ein Wunder geschähe, daß er stehen bliebe — sonst ist keine Rettung!
In dieser Not greift er nach dem zweiten Nagel.
»Gott verzeihe mir!« murmelt er. »Zug, stehe still!«
Und horch — das Rollen hört auf, der Zug verlangsamt sichtbar seine Bewegung — zwar die Maschine schnaubt noch und arbeitet mit gleicher Kraft, ja noch heftiger, noch rascher stößt sie die Dampfwolken hervor — das Triebrad dreht sich wie rasend, aber die andern Räder stehen still, der Zug kommt nicht näher, er kann die schwache Steigung nicht überwinden, als hinge eine Riesenlast an ihm — nur ganz langsam, lautlos, gespenstisch, kaum merklich gleitet er vorwärts, während der Wärter atemlos ihm entgegenstürzt —
Jetzt ist er an der Weiche — Wunder über Wunder! Die Weiche steht richtig! Zwar die Laterne brennt noch immer nicht, aber der Wärter überzeugt sich im hellen Mondlicht, die Weiche steht richtig — auf den Schienen kein Hindernis — alles in Ordnung —
Da, im Taumel des Wunderbaren, denkt er wieder an sich, seines heißesten Wunsches, an seinen Sohn, an das Versprechen, das er seiner Frau gegeben —
Wenn das Glück kommen soll, so ist jetzt die Zeit — er greift nach dem dritten Nagel, wirft ihn fort und ruft:
»Komm zurück, unser Sohn!«
Und siehe da, der Zug nähert sich wieder, wieder beginnen die Räder zu rollen, die Schienen donnern unter ihnen, in gewohnter Weise braust der Zug heran, ungefährdet in den richtigen Weg lenkt die Maschine —
Der Wärter ist zurückgesprungen und starrt in die Fenster, und im letzten Wagen, im hell erleuchteten Abteil am offenen Fenster steht — sein Sohn!
»Otto! Otto!«
War er's denn wirklich? Ja, ja, es war keine Täuschung, er hat ihn deutlich erkannt. Noch starrt er dem Zuge nach, dessen Laternen schon entschwunden sind — dann stürzt er vorwärts seinem Hause zu — was wollte er eigentlich? Ja richtig, die Laterne muß angezündet werden — und — und die Mutter muß es wissen — ob sie ihn auch gesehen hat? Auf dem schmalen Rand am Geleise rennt er auf seine Wohnung zu — da — da ruft's ihm plötzlich entgegen:
»Halt! Vorsicht! Langsam!«
Er blickt auf.
Aus dem Graben am Bahndamm hat sich eine graue Gestalt aufgerichtet — der Zwerg! Der Zwerg!
Dem Wärter schwindelt es. Er will stehen bleiben, da tritt sein Fuß auf eine weiche, glitschige Masse — er gleitet aus und stürzt zusammen.
Die Gestalt im Graben richtet sich auf.
»Nur Ruhe, Ruhe, Mann! Ich bin nicht der Ritter von Schrobeck — der ist ja erlöst!«
Die Gestalt ist herangetreten und hilft dem Wärter aus die Füße. »Sie haben sich doch nichts getan? Nein? Na, 's ist mir auch so gegangen, bin auch ausgeglitscht und in den Graben gerutscht — war nur eben dabei, mir die Kleider etwas abzuputzen — gut, daß ich den alten Wettermantel anhatte —«
Der Wärter erholte sich.
»Um Gottes willen, wie haben Sie mich erschreckt! Wie konnt' ich wissen, daß Sie hier sind, Herr Baumeister!«
»Na, ich bin nicht weniger erschrocken — aber ich bin schuld daran — warum mußt' ich auf den dummen Spaß verfallen — na, seien Sie mir nicht böse, ich habe keine schlechte Angst ausgestanden, als ich Sie nicht auf der Strecke fand — und die Weiche verstellt — der Teufel möge die Schufte holen!«
»Wie? Da haben Sie die Weiche wieder in Ordnung gebracht?«
»Mit knapper Not. Wenn diese Nonnen hier — Aber nun lassen Sie uns erst einmal vorsichtig weiter am Damm entlang gehen, daß Sie Ruhe in Ihrer Bude bekommen. Wissen Sie denn, weshalb Sie hier gefallen sind? Weshalb ich Sie anrief?«
»Ich seh' es jetzt. Die verflixten Raupen sind's — ich hab' schon gestern einen Zug im Walde gesehen.«
»Ja, die Raupen von Liparis monacha, der Nonne, dem Fichtenspinner, die uns den Wald abfressen. Sie wandern jetzt, zu vielen Millionen in einem Zuge. Und heute Nacht sind sie auf die Idee gekommen, hier auf dem Bahndamm entlang zu spazieren.«
»'S ist gräßlich, man kann kaum treten.«
»Na, das ist nur eine kleine Seitenpartie, wir sind schon darüber fort. Der Hauptzug kriecht weiter unten, hinter Ihrer Bude, übers Geleise, und wir können Gott danken, daß er's tut; hätte er nicht den Zug aufgehalten — wer weiß, ob ich die Weiche rechtzeitig herumgebracht hätte, denn sie war richtig verkeilt. Aber diese Viecher haben ja das Geleise wie mit Öl geschmiert, da kann die stärkste Maschine nicht bergauf fahren.«
»Was? Wie?« fragt der Wärter stammelnd. »Die Raupen haben — — aber die Nägel — — Da sind Sie wohl gar selbst — Herr Baumeister — oben auf der Ruine —«
»Ja, ja leider. Na, hören Sie mal zu. Es versteht sich, wenn Sie Schaden gehabt haben, ich komm' für alles auf. Na, bestraft bin ich genug durch die Angst. — Also, ich komm' gegen Abend droben beim Förster an. Die herrliche Mondnacht lockt mich, noch zur Ruine hinauf zu steigen. Ich sitze wohl eine Stunde da. Prächtig! Da höre ich unten jemand den Berg herauf kraxeln. Ich denke, was sucht einer jetzt hier? Da fällt mir die Geschichte vom grauen Zwerg ein — sollte etwa? Ich rechne nach, am 18. Mai war Pfingsten — richtig, heut' ist der achte Sonntag nach Trinitatis und Vollmond dazu — aha, denke ich, das siehst du dir mal an.
Ich krieche hinter die Türöffnung und schlag' meine Kapuze in die Höhe — und nun geht die Beschwörung los. Auf einmal zwackt mich der Übermut, ich denke, hast du nicht irgend was da, was als Nagel gelten kann? Ich such' in der Tasche und richtig, da find' ich noch ein paar Messingstifte. Na, und so weiter.
Nun der Schreck, als ich Sie erkannte, wie Sie den Berg 'runterrannten. Ich fürchte, der Mann verliert den Kopf und verpaßt den Dienst, und ich denke an die Strecke. Also ich nach. Aber ich kann Sie nicht finden. Ich gucke in Ihre Bude, Sie sind nicht da. Nun fällt mir die Weiche ein. Ich laufe die Strecke entlang, ob Sie dort sind. Da seh' ich, die Laterne brennt nicht. Sie hatte vorher gebrannt, ich hab's deutlich von oben gesehen. Ich mache mich also daran — und, Gott sei Dank, ich wurde noch fertig. Aber wo haben Sie denn gesteckt — —?«
»Mich hatten sie gebunden, und ich kam frei — durch den Nagel — —
Aber — Herr Baumeister — wenn das so war, mit dem Wunsche, so ein Zufall — daß ich von selbst frei kam, daß der Zug durch die Raupen fuhr, wenn das gar nicht die goldnen Nägel machten, so war's am Ende auch gar nicht der Otto —«
Der Wärter starrte leichenblaß auf den Baumeister, der ihn fragend ansah.
»So ist der Otto gar nicht zurückgekommen?« schrie der Wärter und blieb stehen.
»Der Otto, der Otto!« rief eine Stimme. »Wo bleibst du denn, Paul?«
Die Frau des Wärters kam von der Bude hergehinkt.
»Ich hab's schon gemerkt, du warst oben. Der Otto war im Zuge — ich hab' ihn deutlich erkannt — er fuhr ganz langsam vorbei — er hat mich gesehn — es war der Otto! der Otto!«
Ungeduldig ging er auf dem weichen Teppich hin und her. Sie brauchte lange zu ihrer Toilette. Sonst hatte sie ihm schon vom Fenster aus freundlich zugenickt. Wie war sie ihm entgegengeeilt mit dem süßen Lächeln auf den vollen Lippen, wie zärtlich durfte er die geliebte Braut an sich ziehen! Wie glücklich war er in diesen Räumen gewesen! Und nun ließ sie ihn warten. Und wenn sie kam, so waren sie nicht allein; sie hatte ja diesen ewigen Besuch bei sich. Wollte sie es vermeiden, sich auszusprechen?
Endlich öffnete sich die Tür. Anna trat herein, in Hut und Handschuhen.
Sie reichte ihm die Hand, die dunkeln Augen sahen ihn kaum an. Für seinen warmen Gruß hatte sie nur ein flüchtiges Lächeln. Seine Züge verfinsterten sich. Er verbeugte sich steif vor der Cousine, die Anna auf dem Fuße folgte.
»Willst du nicht Platz nehmen?« sagte Anna. Sie setzte sich auf einen Stuhl, wie jemand, der bald wiederaufzustehen gedenkt. Bernhard blieb stehen.
»Ich höre und sehe,« sagte er, »du willst ausgehen. Kann ich dich begleiten?«
»Warum nicht? Bis zu Herburgs, wir müssen endlich den Besuch machen.«
»Gerade jetzt?«
Sie zuckte die Achseln.
»Ich hätte dir allerlei mitzuteilen, wozu ich immer nicht kommen konnte.«
»Wir haben uns doch gesprochen. Was ist es?«
»Ja, das läßt sich nicht so in jedem Augenblick sagen. Es sind ...«
Er stockte. Die Cousine verließ das Zimmer.
»Du bist unfreundlich zu ihr,« sagte Anna.
»Gewiß nicht, aber du kannst dir doch denken, daß ich dich auch einmal für mich haben möchte. Anna, ich bitte dich, sieh mich an — bist du nicht mehr meine geliebte Anna?«
Er ergriff ihre Hand und versuchte, sie an sich zu ziehen. Sie duldete seinen Kuß und schwieg.
»Was ist denn geschehen? Warum bist du so stumm geworden?«
»Du bist auch anders als früher,« sagte sie endlich.
»Ich —« er wurde ein wenig verlegen — »ich wüßte nicht, ich kann dir versichern, an meiner Gesinnung hat sich nichts geändert. Wir verstehen uns nur schwerer, weil wir uns nicht aussprechen.«
Er sah sie flehend an. Einen Augenblick zuckte das alte liebenswürdige Sonnenlächeln über ihr Gesicht.
»Früher,« begann sie, »erzähltest du mir von deinen Arbeiten. Das war so hübsch. Du sagtest, was du vorhattest, wie weit du gekommen warst ...«
»Das tue ich doch auch jetzt.«
»Nicht von allem. Du bist nicht offen.«
Er trat unwillig zurück. »Der Vorwurf ist ungerecht,« sagte er herb. »Erstens kann man nicht alles vor dritten Personen darlegen. Und dann, es kann doch auch einmal Dinge geben, über die man vorläufig überhaupt nicht reden kann.«
»Das scheint so!« unterbrach sie ihn scharf. Ihre Züge nahmen einen finstern Ausdruck an. Er mochte sie so nicht sehen, er wandte sich ab.
»Warum kannst du nicht darüber reden?« fragte sie plötzlich.
»Es handelt sich um einen Versuch, woran ich nicht allein beteiligt bin, und der möglicherweise ganz mißlingen konnte. Aber ich bin jetzt so gut wie fertig, und in wenigen Tagen sollst du alles erfahren.«
Sie wandte den Kopf mit einer abweisenden Bewegung. Doch dann, nach einem kurzen Kampfe mit sich selbst, sagte sie: »Und wenn ich es schon wüßte? Ich will es dir sagen. Es handelt sich um eine Frauenbüste.«
Er lächelte. »Nun gut, vielleicht ...«
»Nicht vielleicht, gewiß!«
»Aber, Ännchen, ich glaube gar, du bist eifersüchtig.«
»Ich?« Sie machte eine stolze Bewegung. »Eifersüchtig höchstens, daß du mich von deinem Schaffen ausschließt. Warum tust du so geheimnisvoll mir gegenüber?«
»Ich hätte vielleicht gegen dich weniger zurückhaltend sein sollen. Da ich aber schwieg, so mußt du mir doch auch das Vertrauen schenken, daß ich kein Unrecht gegen dich begehe.«
»Vertrauen hatte ich gewiß zu dir; aber wenn ich von andern hören muß, du modellierst eine gewisse Frau von Feldbach —«
»Wie kommst du zu diesem Namen?«
»Siehst du, du fühlst dich getroffen. Andere erzählen es, und ich höre nichts von dir, und ich sitze hier einsam und denke, warum verschweigt er mir, was ihn beschäftigt, warum weiß ich nicht, was in ihm vorgeht? Sollen mir da nicht Gedanken kommen —«
Sie blickte beiseite, denn sie fühlte, wie sich Tränen in ihre Augen drängten.
»Aber, Kind, diese sogenannte Frau von Feldbach ...«
»Also doch!«
»Ich sage dir, das ist eine steinalte Dame.«
»Man hat mir erzählt, es ist eine junge, schöne Frau —«
»Ja, gewesen!« Er lachte wieder.
»Meinetwegen kannst du natürlich so viel schöne Frauen modellieren, wie du willst, das ist dein Beruf. Aber was mich kränkt, weil es mich herabsetzt, das ist diese Heimlichkeit, die — Flucht vor meiner Anteilnahme. Und nun, daß du dich noch lustig machst, mir Geschichten aufbinden willst ...«
»Anna, ich kenne dich nicht wieder! Diese Frau von Feldbach ist ja schon vor viertausend Jahren erschlagen worden und diese Büste ...«
»Von Feldbach! Und diesen Namen soll es vor viertausend Jahren gegeben haben! Das hast du dir schlecht überlegt! Doch was rede ich überhaupt!« Empört stand sie auf.
»Aber Feldbach ist ja nur der Ort, wo ...«
»Es ist genug, ich will nichts mehr hören.«
Bernhard griff nach seinem Hute. Seine Hand zitterte. Dann wandte er sich noch einmal zu Anna
»Laß mich nicht so gehen,« sagte er bittend. »Ich werde dir alles aufklären, sobald du mich irgend hören willst. Die Sache ist nur komisch. Aber daß du mir mißtrauen kannst, das ist nicht komisch. Du zerstörst das Bild, das ich von dir in meinem Herzen trage. Laß mich nicht so gehen, ich bitte dich! Du weißt nicht, wieviel du vernichtest.«
Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie fort.
»Anna,« bat er noch einmal. Sie schwieg.
»Die Frau —«
Er wollte noch eine Erklärung geben. Da blickte er in ihr Gesicht. Es war wieder so verschlossen, starr, keine Regung, die zu ihm sprach: bleib hier, ich will dich hören, keine Antwort auf seine Bitte. O dieser steinerne Zug, daß er ihn immer sehen mußte in dem holden, ach, sonst so liebevollen Antlitz! Auch er konnte nicht sprechen.
Anna wandte sich zur Tür. »Wo bleibst du denn, Emma?« rief sie.
Er ging.
Mit bittern Gefühlen trat Bernhard in seine Wohnung, nachdem er wohl eine Stunde lang auf einsamen Wegen umhergelaufen war. Unaufhörlich beschäftigten sich seine Gedanken mit seiner Braut. Er dachte daran, ihr zu schreiben. Die Aufklärung war ja leicht zu geben.
In der Nähe von Feldbach, am grünen Ufer des Züricher Sees, bei den Resten alter Pfahlbauten, hatte man einen vorzüglich erhaltenen Schädel gefunden. Einst gehörte er einer jungen, kräftigen Frau an, einer Bewohnerin des Pfahldorfes aus jener weit zurückliegenden Zeit, die man die Steinzeit nennt, weil damals in dieser Gegend der Gebrauch der Metalle noch nicht bekannt war. Welchem Volke waren jene Bewohner zuzurechnen, wie mochten sie ausgesehen haben? Die Gelehrten wußten es nicht. Die Schädelformen kannte man wohl, aber sie gaben keine rechte Anschauung von dem physiognomischen Typus. Da machte Professor Klöpping den Vorschlag, die fehlenden Weichteile des Schädels durch eine künstliche Rekonstruktion zu ersetzen. Man darf annehmen, daß sich die durchschnittliche Stärke der Weichteile über den Knochen bei einem bestimmten Rassentypus auch im Verlaufe der Jahrtausende nicht ändert, wenn man nur Individuen desselben Alters, Geschlechts und Ernährungszustandes in Betracht zieht. Wie stark diese Weichteile sind, ließ sich durch zahlreiche Messungen feststellen. Hier war ein in dem weichen Schlammbett des Sees ausgezeichnet erhaltener Schädel einer jungen, wohlgebildeten Frau. Man formte ihn in Gips ab, man trug sorgfältig die Dicke der einzelnen Teile darauf auf. Nun entstand die Aufgabe, diese rohen Umrisse zu einem Gesamtbilde eines weiblichen Kopfes unter genauer Wahrung der einzelnen Angaben zu vereinigen. Das war eine künstlerische Aufgabe, schwierig und von hohem Interesse. Klöpping wandte sich an seinen Freund, den Bildhauer Bernhard; dieser sagte zu. Der Schädel hatte, wie bei dergleichen Funden üblich, den Namen der »Frau von Feldbach« erhalten.
Bernhard hatte sich mit Eifer in das Problem hineingedacht. Ein bestimmter Typus war gegeben, gewissermaßen ein Mittelwert aus einer ganzen Anzahl von Frauenköpfen, denen ein und dieselbe Schädelbildung zugrunde lag. Aber der Künstler kann nur die einzelne Persönlichkeit darstellen. Aus seiner Erfahrung, seiner Phantasie und aus seinem künstlerischen Blick mußte er jenem Schema individuelles Leben einhauchen. Und er kann den Menschen nur in einer bestimmten Situation, in einer Stimmung, mit einem eigenartigen Ausdrucke darstellen, den dieser nicht immer in gleicher Weise hat und der doch charakteristisch sein muß für den Darzustellenden. Dann erst war das wissenschaftliche Schema zu einer Anschauung geworden, aus der nun der Forscher wieder den Typus des Volksstammes entnehmen mochte. Und seltsam, diese ganze Gestalt des Kopfes, die breite Stirn, der Schwung der Augenbrauen, die vollen Lippen und das kräftige und doch anmutige Kinn, alles, was die Rekonstruktion ergab, erinnerte in seinen Formen deutlich an Bernhards Braut. Mit um so größerer Hingabe arbeitete er an seinem Werke. Und ebenso war es natürlich, daß die Züge des Gesichts immer mehr denen Annas ähnlich wurden. In der Gestaltung von Ohr, Nase, Auge, im Ansatz des Haares war der Künstler allein auf seine Phantasie angewiesen. Hier konnte er ganz dem Gedanken an die Geliebte nachgeben. Dennoch war er in andern Beziehungen an seine Vorlage gebunden. Und so bekam der Kopf einen Ausdruck, der ihn eigentümlich berührte, der ihn bald anheimelte, bald befremdete, an dem er doch nichts ändern konnte; so war er ihm unbewußt, durch einen geheimnisvollen Zwang, aus dem bildsamen Stoffe herausgewachsen. Das war seine Anna, und sie war es doch nicht. Es war etwas Trotziges, fast Hartes, bis ans Grausame Streifendes in diesen Zügen, und doch wieder so viel Liebliches und Entzückendes. Eine Anna aus einer Zeit, da der rauhe Kampf ums Dasein dem Antlitz verschlossenen Trotz aufdrückte, da die Liebe zur Menschheit wilden Stolz und Umbarmherzigkeit nicht milderte, und der Mangel an Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Gefühl in sich selbst zurückdrängte.
Diesen Zug der Pfahlbaubewohnerin aus der Steinzeit hatte er niemals an seiner Braut bemerkt, deren süßes Lächeln, deren in Liebe leuchtende Augen ihm nichts anderes zeigten, als was auch ihm die Seele erfüllte. Doch in den letzten Wochen, wenn sie ihn so kühl empfing, war es ihm nicht selten, daß ihn die Züge der Frau von Feldbach mit ihrer antiken Starrheit aus Anna anzusehen schienen. Aber das war ja wohl nur die Vermischung seines Werkes mit dem lebenden Menschen vor ihm. Heute jedoch — heute, das war dieser trotzige, feindselige Blick gewesen, der ihn zum Verstummen gebracht hatte. Das war keine Täuschung mehr, sichtbar hatten sich ihre Züge versteinert; so hätte die Frau von Feldbach ausgesehen, wenn jemand der Erzürnten das unverständliche Wort gesagt hätte: »Liebe deine Feinde!« So fremd war diesem Antlitz das Gefühl, daß Gerechtigkeit verstehen will und Liebe sich ausspricht.
Und darum konnte er ihr nicht schreiben. Jetzt, da er wieder vor der Büste stand, schien es ihm ganz deutlich. Die Aufklärung des Mißverständnisses war leicht. Aber das war's ja nicht, was sie trennte, was ihn so erregte. Daß sie ihm überhaupt so begegnen konnte! Mochte sie eifersüchtig sein, mochte sie glauben Grund zu haben, ihm zu zürnen, so durfte sie es nicht zeigen. Warum hing sie sich an diesen Besuch, der beide hinderte, sich frei in die Augen und Herzen zu sehen? Fühlte sie nicht, wie dieser Zwang ihn bedrückte? Kann Liebe sich so verschließen?
Er wollte ruhig werden. Arbeiten? Lesen? Es ging nicht. Die Dämmerung brach herein. Gesellschaft aufsuchen? Er hatte keine Lust. Aber eine Cigarre! Das besänftigt die Nerven, das tut gut. Und nun aufs Sofa gestreckt und ganz nüchtern überlegt: wie soll es werden? Abwarten? Nachgeben? Brechen? Ach, er hatte sie doch so lieb! Wenn er daran dachte, wie sie ihre Tränen verbarg, sie, die Starke. War er denn selbst so schuldlos? Hatte er sie nicht gekränkt? Was hatte ihn abgehalten, sie in das Geheimnis zu ziehen, von dem im Kreise der Fachgenossen doch etwas durchgesickert sein mußte? Nur die äußern Umstände? Er wußte es selbst nicht, er konnte es nicht sagen, was ihm diese intime Schöpfung so wert machte als Geheimnis. Ein seltsamer Trieb, sie zu überraschen mit sich selbst; doch wie konnte er verlangen, daß sie diese dunkeln Seelenregungen lese, die ihm selbst unverständlich waren? Und der fremde Zug des Bildes, hatte er ihn nicht in unbewußtem Unrecht auf die Geliebte übertragen? War er nicht dadurch unfreundlicher gegen sie geworden? Und sie — gekränkter Stolz schweigt.
Es war dunkel geworden im Zimmer. Die Cigarre war ausgegangen. In ungewissem bleichen Lichte schimmerte die Büste der Frau von Feldbach herüber. Nicht starr, tieftraurig erschienen ihm jetzt die Züge. Er schloß die Augen. Was mag sich vor Jahrtausenden als Seele in dieser Hülle verborgen haben? so gingen seine Gedanken. Glücklich warst du wohl nicht? Konntest du glücklich machen? Warum stürztest du auf den Grund des Sees in der Blüte der Jahre? Warum trägt dein Kopf die Spur des zerschmetternden Steinhammers? Ist deine Seele ruhelos zu wandern verdammt und ist sie etwa in meiner Anna zum Leben erwacht? Wer erschlug dich drunten im Pfahldorf in der Sturmnacht, als der Föhn von den Schneebergen herabstürzte? Schade, daß du nicht reden kannst ... Wer stört mich da? Wer tritt unter dem Türvorhang hervor?
Bernhard wollte aufspringen; seine Glieder versagten den Dienst. In einer unheimlichen Erwartung und doch eigentlich ohne Angstgefühl blickte er auf den seltsamen Gast, den er in der Dämmerung nur undeutlich erkennen konnte. Buschiges Haar, dunkle Augen unter trotziger Stirn, über den Lippen ein Schnurrbart, Gesicht und Brust mit Malerei bedeckt, so trat der Mann weiter ins Zimmer herein; ein Barbarenkrieger schien er, denn Waffen steckten in dem Gürtel, der das linnene Beinkleid hielt, und die Hand trug den Streithammer von Stein.
Seltsame Laute. Welch eine Sprache? Und doch wußte Bernhard, was der Fremde sagte, eintönig, halb singenden Klanges.
»Da ich noch lebte im Lichte der Tage, droben saß ich auf grünem Hügel, der Hirte der Herde, und dachte deiner, die mir sich gelobt und Gabe genommen vom reichen Gute, das mir gehörte. Und hoch am Himmel ging die Sonne, und Wolken wogten um weiße Berge. Ich aber sang die alten Lieder und sang die neuen aus meiner Seele, wie mich gelehrt sie künstlich zu setzen der weise Druide, und dein gedacht' ich. Und nieder stieg ich zu deinem Stammbau. Stumm saß ich zur Seite dir, wenn du spinnend gewirbelt den steinernen Wirtel. Und ungern folgt' ich zum Spiele der Wiese und stand von ferne. Spöttische Blicke trafen den Freier. Was treibt er droben beim Trotte der Herden die Weiden hütend? Ihm kommen wohl Feen aus Höhen des Firns und Geister des Wildbachs, denen er aufspielt zum schwebenden Tanze, daß er trotzig verachtet den Reigen am See? Und wieder kehrt' ich, zu dir zu reden, du aber wandtest die lichten Augen, und blonde Locken wehten von ferne, wehe dem Werber!«
Schaudernd sah Bernhard, wie jetzt der Krieger sich der Büste zuwandte, wie er funkelnden Blickes ihr näher trat. Doch das war ja nicht mehr die Büste: leuchtende Augen glänzten unter der Stirn, blondes Haar umwogte den Nacken, und im linnenen Gewand, Hals und Arme mit Ketten aufgereihter bunter Steinchen geschmückt, stand lebend und atmend das Mädchen, und ihre Lippen bewegten sich.
»Was wußte die Maid von deinen Gedanken auf ferner Weide? Trug ihr der Wind Lieder herab zum spiegelnden See? Warum zur Rede der Schwatzenden schwiegst du? Warum nicht kamst du nach altem Brauche die harrende Braut im Kampfspiel zu holen? Verachtet und einsam, ingrimmigen Grames, saß ich im Hause. Wer bannte den Boten, den Bringer der Freude? Wer schickte den Schrecken zum friedlichen Dorf? Willkommen warf mich der schwirrende Hammer ins wirbelnde Wasser vom schwanken Einbaum, da der furchtbare Feind in neidischer Nacht die Stege gestürmt.
Die Stege gestürmt der furchtbare Feind? O grausame Götter! Kunde doch sandt' ich, es kämen die Nachbarn zur Nacht dich zu rauben, die Hochzeit zu rüsten! Doch scharfe Speere und giftige Pfeile pfiffen entgegen — der Fliehenden nach rannt' ich mit Rufen. Dich wollt' ich erfassen, du rissest dich los ... mich traf dein Vater mit schmetternder Keule ... zur Abwehr hob ich werfend den Hammer ... du stürztest dazwischen, ich sah dich sinken, ich sprang dir nach, und den Retter erschlug man. Ich selbst, Unseliger, fällte die Braut!«
»Du!« — Ein gellender Schrei, langgezogen, markerschütternd klang es aus dem Munde des Mädchens, sie sank zurück, das Haupt erbleichte, die Züge wurden starr ...
Mit einer gewaltigen Anstrengung sprang Bernhard empor. Seine Glieder bebten. Hatte er selbst geschrieen? Da stand die Büste, matt durchs Dunkel schimmernd, ruhig wie immer. Der Krieger war verschwunden. Bernhard drehte die Lampe an. Lebhaft atmend ging er im Zimmer auf und ab. Vor der Büste blieb er stehen. Er blickte sie lange an.
Nein, nein, du bist es nicht! Du sollst es nicht sein! Wie konntest du wissen, wo meine Seele weilte, und was wußte ich, wie ich die deine quälte?
Und sein Blick glitt hinüber zu dem Bilde des unsterblichen Meisters, aus dem die Augen der Madonna blickten. Wir sind nicht in der Steinzeit, wir leben nicht unterm Trotz des Hammers, unser Zeichen sei Geduld und Liebe und das lebendige Wort — und wir haben ja sichere Boten.
Und er setzte sich an den Schreibtisch.
Es waren einmal drei Jungen, die waren Brüder. Der älteste hieß Fritz, der zweite Hans und der jüngste hieß Maxel. Sie saßen allein in ihrer großen Kinderstube, denn die Erwachsenen hatten heut allerlei im Hause zu tun. Und weil sie nicht wußten, was sie machen sollten, so gab der Fritz dem Hans einen Knuff, und der Hans gab dem Maxel einen Puff, und der Maxel fing an zu brüllen. Da kam der Papa herein und sagte: »Wollt ihr wohl still sein? Ihr wißt doch, daß Mama nicht wohl ist und ihr keinen Lärm machen sollt?«
»Es ist auch weiter nichts,« sagte Hans, »ich habe bloß dem Maxel einen Puff gegeben, aber es hat mir gar nicht weh getan.«
»Was fehlt denn der Mama?« fragte Maxel und rieb sich die Backe.
»Na, es wird schon vorbeigehen, seid nur hübsch still,« sagte der Vater und ging hinaus.
Nun waren die Jungen wieder allein. Mit dem Prügeln war es also nichts — warum mußte auch der Maxel immer gleich schreien, wenn die Hiebe auf ihm sitzen blieben? Was nun tun?
In der Stube stand ein großer Wäschekorb, den hatte das Mädchen eben leer gemacht. Hans nahm eine Stelze aus der Ecke, die steckte er in den Korb und band sie mit einem Bindfaden an den Henkel wie einen Mastbaum. Dann knüpfte er oben sein Taschentuch daran — gut, daß es die Mama nicht sah, denn ganz sauber war es nicht — nahm die andre Stelze in die Hand, sprang in den Korb und schrie: »Hurra! Das ist unser Schiff, ich bin Kolumbus! Jetzt entdecken wir Amerika!«
»Dummes Zeug,« rief Fritz, der schon ein gelehrter Sextaner war, »Amerika ist ja schon vor vierhundert Jahren entdeckt worden, und das haben wir gelernt.«
»Das ist ganz egal,« sagte Hans, »wir wollen es erst richtig entdecken.«
»Meinetwegen,« besann sich nun Fritz, »ich will aber Kolumbus sein.« und damit sprang er auch in den Korb.
»Wenn du Kolumbus bist, so wirst du nachher in Ketten gelegt,« versetzte Hans.
»Das ist ja auch nur so ein Schwindel,« behauptete Fritz. »Ich will doch Kolumbus sein, und du bist der Steuermann und Maxel ist der Schiffsjunge. Hinein mit den Schulranzen, das sind unsre Anker. Und nun los! Zieh einmal den Anker besser auf, Schiffsjunge, aber fall' nicht ins Wasser! Wart einmal, das gilt nicht, es muß auch rasseln.«
Und nun rasselte er mit seinem Lineal ordentlich über das Geflecht des Korbes. Dann segelten sie los und ruderten dabei aus Leibeskräften.
»Halt, halt,« schrie da Maxel, »wir haben nichts zu essen mitgenommen!«
»Das ist wahr,« sagte Fritz, »aber nun können wir nicht mehr zurück, denn das Wasser ist schon zu tief. Es ist auch keine Semmel mehr im Eßschrank.«
»Ach was,« rief Hans, »ich will schnell noch einmal in die Küche schwimmen und ein Stück Brot holen.« Damit zog er die Jacke aus und wollte aus dem Korbe klettern.
Aber als er mit dem Fuße den Boden berührte, was war das? Der gab ja nach, und er fühlte, wie sein Fuß naß wurde. Und nun begann der Korb hin und her zu schwanken und wurde größer und größer. Und der Fußboden wurde flüssig und schlug Wellen, und der Tisch und die Stühle und die Wände, alles begann zu wanken und schwamm fort. Bald war nichts mehr zu sehen als ein weites Meer, darauf schwamm der Wäschekorb; aber es war kein Korb mehr, sondern ein großes Schiff mit Masten und Segeln, und niemand befand sich auf dem Fahrzeug, als die drei Jungen.
Maxel wollte erst anfangen zu schreien, und auch den andern wurde es etwas ängstlich zu Mute. Weil aber das Schiff so sanft dahinglitt, und die Sonne so schön schien, und das Meer funkelte wie tausend goldene Punkte, da dachten sie, das sei doch eigentlich recht lustig, und nun würden sie wohl bald in Amerika sein. Aber das Schiff segelte ganz von selbst immer weiter und weiter, und kein Land kam in Sicht. Die Sonne fing an unterzugehen, und niemand erschien, der ihnen Abendbrot brachte. Sie riefen Papa und Mama, aber niemand hörte. Da fingen sie an, bitterlich zu weinen. So saßen sie zusammengedrängt in einer Ecke und wußten nicht, was da werden sollte. Und endlich schliefen sie ein.
In der Nacht aber träumte dem Maxel, ein kleines Mädchen in einem roten Mantel träte zu ihm und spräche: »Merke dir, was ich dir sage: Wenn dir der Hans eine Ohrfeige gäbe und du heultest nicht darüber, so könntet ihr wohl vor dem Hungern gerettet werden.«
Das merkte sich Maxel gut. Und als sie nun aufwachten, da stand die Sonne schon hoch, aber es war wieder nichts zu sehen als das weite Meer; leider schwamm jedoch kein Frühstück darauf, und der Magen knurrte heftig.
Da sagte Maxel: »Wißt ihr was, wir wollen jetzt nicht mehr weinen, sondern der Hans soll mir eine Ohrfeige geben.«
»Wozu das?« fragte Hans.
»Das wirst du schon sehen.«
»Unsinn,« sagte Hans, »jetzt wollen wir uns doch nicht prügeln.«
»Du bist ein Esel!« sagte Maxel.
Schwapp! Da gab ihm der Hans eine Ohrfeige, die war kräftig.
Aber Maxel biß die Lippen zusammen und war ganz still.
Und siehe, da erhob sich ein Land aus dem Meere, das sah dunkelrot aus und duftete schon von weitem nach Himbeeren. Darauf segelte das Schiff los, und die Jungen meinten, es sei die neue Welt. Aber als sie näher kamen, stand das Mädchen dort, das Maxel im Traume gesehen hatte, und rief: »Willkommen, ihr Jungen, in meinem Reiche! Was ihr hier seht, das ist das Vorgebirge der roten Grütze, und ich bin die Königin davon! Nun steigt aus, ich will euch mein Land zeigen.«
Das ließen sich die Jungen nicht zweimal sagen, sondern sie sprangen ans Ufer, daß sie bis an die Knöchel in die rote Grütze einsanken und der Länge lang ausglitschten. Weil sie aber so großen Hunger hatten, so genierte sie das nicht, sondern sie standen gar nicht eher auf, bis sie ein paar ordentliche Bissen geschluckt hatten. Ei, das schmeckte!
»Hier rechts müßt ihr gehen,« sagte das Mädchen, »da werdet ihr nicht einsinken, denn der Weg ist mit Zwieback gepflastert, und es ist harter Zuckerguß darüber. Da könnt ihr auch an den Felsen knabbern, die sind von Kommißbrot. Gleich drüben ist das Semmelkap und daneben ist der Milchbrunnen, da mögt ihr erst einmal frühstücken.«
Das taten sie denn nach Kräften, und als sie nicht mehr konnten, da seufzten sie: »Ach, wie schade, daß unsre Mama nicht da ist! Das wäre so ein richtiges Vorgebirge für sie. Denn rote Grütze ißt sie fürs Leben gerne.«
Nun bedankten sie sich schön und wollten wieder aufs Schiff gehen. Doch die Königin sagte: »Ich will euch erst die Wurstwiese zeigen und die feuerspeienden Berge dahinter.«
Da gingen sie durch eine weite Wiese, aber statt Gräser und Blumen wuchsen dort lauter Würste, Rotwürste, Leberwürste und Cervelatwürste; und dazwischen blühten prachtvolle Schinken, und Schmetterlinge flogen darüber hin, das waren Pfeffernüsse von allen Sorten, und die Käfer waren Butterschnitten und die Schnecken waren Honigbrötchen und die Eidechsen waren Salzbretzeln.
»Das lasse ich mir gefallen,« rief Fritz, »das ist ja wie im Schlaraffenlande!«
»O pfui!« sagte die Königin unwillig, »bei mir ist's viel schöner als im Schlaraffenlande, das dort hinter der großen Mauer von Milchreis liegt. Denn bei mir werden die Leute nicht so faul und träge wie dort, und das kommt daher, weil bei mir niemand sich länger aufhalten darf als eine Stunde. Darum giebt es hier auch nur kalte Speisen.«
»Aber die feuerspeienden Berge?« fragte Fritz.
»Seht sie euch nur einmal näher an. Heiß sind sie nicht, indessen sie haben andre Vorzüge.«
Da staunten die Jungen erst recht. Denn die Berge spieen nicht glühende Asche und Steine aus, sondern da war der Zuckervulkan, der warf nur Bonbons und Schokoladenplätzchen und Pralinés aus, und der Obstvesuv, aus dem kamen Rosinen, Pflaumen, Birnen und Apfelsinen, und statt der Lava flossen große Ströme von Crème und Schlagsahne herunter. Ja zwischen den Bergen war sogar ein Gletscher von Vanillen- und Fruchteis, und Wildbäche stürzten herab von Limonade und Selterswasser.
Da griffen die Jungen wieder tüchtig zu, und dann verabschiedeten sie sich, denn die Stunde war bereits um. Auf dem Schiffe fanden sie zu ihrer Überraschung den schönsten Mundvorrat eingepackt, daß sie nicht wieder zu hungern und zu dürsten brauchten. Und ehe sie absegelten, nahmen sie noch das halbe Vorgebirge als Ballast mit, das wollten sie der Mama mitbringen, damit sie sich einmal ordentlich satt essen könne an roter Grütze.
Den Tag über segelten sie nun lustig weiter, doch gegen Abend erhob sich der Wind, das Meer ging hoch und die Wellen warfen das Schiff auf und nieder und von einer Seite zur andern. Da wurde ihnen gar übel zu Mute, der ganze schöne Proviant machte ihnen keine Freude mehr, sie wären nur gern zu Hause gewesen, denn sie hatten alle die Seekrankheit. Ach, wie bange war ihnen da! Und niemand war da, der ihnen den Kopf hielt, wenn ihnen gar so schlecht wurde. Zuletzt krochen sie wieder in eine Ecke, weinten und schluchzten, und endlich schliefen sie ein.
Im Traume erschien dem Hans ein niedlicher Knabe, der ritt auf einem Wiegenpferd; aber das Pferd stand nicht auf der Erde, sondern es hing an einem Luftballon wie eine Schaukel; und so schwebte der Knabe auf Hans zu und schoß dabei mit einem Blaserohr nach Knallerbsen, die in der Luft herumsummten wie Mücken in der Sonne.
»Warum bist du so traurig?« fragte der Knabe freundlich.
»Ach,« sagte Hans, »wir wollten Amerika entdecken, aber es ist so weit, und übel ist uns auch geworden, und die Zeit wird uns so lang, und wir wissen auch nicht, wie wir nach Hause kommen sollen.«
»Nun, nun,« meinte der Knabe, »das ist freilich viel Unglück. Wie ihr nach Hause kommt, das kann ich euch nicht sagen, da müßt ihr den König Derdiedas fragen, der im Grammatiklande wohnt. Aber wenn euch die Zeit wieder lang wird, da will ich euch einen Rat geben. Du mußt nur, wenn Fritz dir einen Puff versetzt, ihn nicht gleich an Maxel weiter befördern, sondern ihn hübsch für dich behalten.«
Bei diesen Worten flog der Knabe fort, und Hans erwachte.
Das Meer war inzwischen wieder ruhig geworden, still schwamm das Schiff dahin, und das Essen mundete trefflich wie zuvor. Als sich die Jungen aber satt gegessen hatten, fingen sie an, sich zu langweilen. Denn was etwa auf dem Schiffe zu sehen war, das hatten sie längst besichtigt, und auf dem Meere war auch nichts, was ihnen Spaß machte, denn vor lauter Nebel konnten sie nicht weit sehen. Essen konnte man doch nicht immerfort; und wenn man auch gewollt hätte, es ging nicht; denn der Proviant vom Vorgebirge der roten Grütze hatte die merkwürdige Eigenschaft, daß er immer nur auf eine Stunde erschien, wenn es gerade Zeit war zur Mahlzeit; nachher aber verschwand er wieder, und sogar die Bonbons, die sich Fritz heimlich in die Tasche gesteckt hatte, waren leider mit verschwunden.
»Ist das langweilig!« sagte Fritz gähnend. »Jetzt könnte doch die neue Welt endlich kommen! Aber daran bist du bloß schuld, dummer Hans, warum wolltest du durchaus Kolumbus sein?« Dabei versetzte er ihm einen Rippenstoß, denn er dachte, nun wird es doch ein bißchen Abwechslung mit Keilerei geben.
Aber Hans sagte gar nichts und gab auch dem Maxel keine Ohrfeige. Und siehe da, auf einmal wich der Nebel zurück, und sie fuhren gerade auf eine Insel los. Dort stand der schöne Knabe am Ufer, der dem Hans im Traume erschienen war, und rief: »Willkommen, ihr Jungen, auf der Spielinsel! Denn ich bin der König der Spiele! Nun steigt aus und kommt in mein Reich!«
Da gab es etwas zu sehen! Der ganze Strand nämlich war bedeckt mit Büchern voll schöner Bilder und Geschichten. Da konnte man sich einfach auf den Bauch legen, und wo man hinguckte, las man eine prachtvolle Erzählung von Räubern und Indianern, oder von berühmten Helden und weisen Männern und von ihren Taten und Worten. Damit hielten sich die Jungen aber jetzt nicht auf, sondern sie stiegen am Ufer hinauf und kamen in einen prachtvollen, weiten Park, wo Wald und Wiese abwechselten und schöne Wege sich hinzogen. Am Eingang gab es Fuhrwerk aller Art, Pony- und Ziegenwagen, Zweiräder und Automobile, auch Esel zum Reiten, und sogar eine wirkliche Eisenbahn, da konnte man selbst auf der Lokomotive stehen und pfeifen und fahren. Wer laufen wollte, der fand auch Stelzen da, oder Reifen zum Treiben, oder Drachen, die in die Luft steigen. Nun kamen sie über Spielplätze und weite Wiesen mit kurzem weichen Grase, worauf man sich wälzen konnte; dazwischen aber wuchsen Croquetspiele und Bälle, wo man sie gerade brauchte. In den Gebüschen standen Armbrüste und Flinten, Windbüchsen, Blaserohre und Schießscheiben, wie bei uns Weiden oder Haselsträucher, und die Blätter der Bäume bestanden aus Bilderbogen. Wenn man sie austuschen wollte, so brauchte man bloß zu schütteln, da hatte man das Nötige; denn die Käfer waren Tuschfarben und die Raupen Pinsel. Die Schmetterlinge waren nichts Geringeres als seltene Briefmarken, die herumflatterten; da konnte man mit dem Netze, das man sich aus dem ersten besten Busch abschnitt, auf die Markenjagd gehen, und wer Glück hatte, der fing eine Sachsen, drei Pfennig rot. Die Steine auf dem Boden bestanden aus bunten Kreiden von allen Farben oder schönen Marbeln, und mit der Kreide durfte man malen, wohin man wollte, denn hier war das erlaubt. Dann kam man an einen Berg, auf dem lag das Schloß des Königs. Auf der einen Seite war der Berg von Felsen und Moos bedeckt zum Herumklettern, und darunter erstreckte sich ein Teich mit klarem warmen Wasser zum Kahnfahren; auf der andern Seite aber bildete der Berg einen sanften Abhang, der mit Schnee bedeckt war und in einen großen zugefrorenen Teich ausmündete; da konnte man mitten im schönsten Sommerwetter auf Schlitten gleiten und Schlittschuh laufen.
Und nun gar das Schloß des Spielkönigs! Das war nichts andres als ein riesiger Baukasten, und man konnte es einreißen, wie man wollte, und ein andres bauen. Und wenn man eine Fensterscheibe einwarf, oder ein Buch mit Tinte begoß, so tat das nichts, denn in der Ecke stand ein Kasten mit goldenem Streusand, darüber war geschrieben: »Heilpulver«. Wenn man irgend etwas verdorben hatte, so brauchte man bloß von dem Heilpulver darauf zu streuen, da war es wieder wie neu. Die Zimmer des Schlosses standen voll schönster Spielsachen. Da gab es Handwerkszeug aller Art zum Basteln, auch Photographierapparate waren da und Dampfmaschinen und Zauberkästen und was man nur haben wollte.
Nun war's vorbei mit der Langeweile, und die drei Jungen merkten nicht, wie schnell ihnen die Zeit verging. Sie meinten, sie wären kaum hereingekommen, da sagte der Spielkönig: »Es tut mir leid, daß ich euch nicht auch die Spielinsel für die Mädchen zeigen kann, denn diese hier ist eigentlich nur für Knaben. Die Mädcheninsel liegt dort drüben, und da ist es nicht minder schön; nun, die herrlichen Puppen und Kücheneinrichtungen und alles dies sollt ihr zu sehen bekommen, wenn ihr einmal später mit eurem Schwesterchen herkommt.«
»Wir haben ja gar keins,« sagte Maxel.
»Schade,« meinte der König, »aber heut' ist's schon zu spät, hinüberzufahren, wenn ihr hier noch ein wenig spielen wollt.«
Das taten sie denn nach Herzenslust. Aber nicht lange, so sagte der Spielkönig wieder: »Nun muß ich euch lebewohl sagen, meine Freunde. Ihr müßt aufs Schiff. Es darf nämlich niemand länger auf der Spielinsel bleiben als zwei Stunden. Und das ist gerade das Schöne dabei.«
Das wollte zwar den Jungen nicht recht einleuchten, aber es half nichts; sie bedankten sich also und gingen an Bord. Aber kaum waren sie abgesegelt, was sahen sie da! Da standen drei große Schränke voll der schönsten Spielsachen, die hatte ihnen der Spielkönig hinstellen lassen. Nun packten sie die Herrlichkeiten aus, da gab's zu tun. Und wenn wieder ein neues Buch, oder ein Werkzeugkasten, oder ein Spiel zum Vorschein kamen, da sprangen sie vor Freude in die Höhe und schrien »Hurra«.
Inzwischen segelte das Schiff weiter und weiter. Eine Zeit lang ging es ja recht schön mit den Spielsachen, aber es fehlte ihnen doch etwas. Die Schränke standen immer nur zwei Stunden lang nach jeder Mahlzeit offen, so lange konnten sie spielen. Dann aber spazierten die schönen Dinge wieder von selbst in die Schränke und die Tür klappte zu. So ersparten sie freilich das Aufräumen, aber sie wußten nichts Rechtes mehr zu tun. Denn sie waren allein, und es fing ihnen an bange zu werden. Das ferne Amerika wollte und wollte nicht kommen, und jeden Tag sahen sie nichts als das Meer. Da gerieten sie in große Angst, sie fänden sich gar nicht mehr nach Hause zurück, oder ein Sturm könnte kommen und ihr Schiff zu Grunde gehen. Und Fritz fiel es ein, daß er ja schon so lange die Schule versäumt habe — wie sollte denn das werden? Wie sollte er sich entschuldigen, und was würde der Herr Dr. Max, sein Klassenlehrer dazu sagen? Über all diese Sorgen kam ihm das Weinen nahe, da fing der Hans an laut zu heulen, und der Maxel schluchzte bitterlich. Und heute dauerte es lange, bis sie einschliefen.
Diesmal aber hatte Fritz einen Traum. Es erschien ihm ein kleines Männchen, das trug um die Schultern einen Mantel aus lauter bedrucktem Papier und in der Hand einen großen Federhalter, mit dem klopfte es sehr energisch auf die Erde und rief: »Aufgepaßt! Ihr sollt alle wieder glücklich heimkommen, wenn du folgendes tust. Sobald du dich wieder langweilst, darfst du dem Hans nicht etwa einen Knuff geben, sondern du mußt dein Buch nehmen und zwanzig lateinische Vokabeln lernen.« Dann klopfte das Männchen wieder auf und verschwand.
Am nächsten Tage fuhr das Schiff in alter Weise dahin, und sie sahen noch immer kein Land. Das war schrecklich langweilig. Da dachte Fritz: Wenn ich nur meinen kleinen »Ostermann« hätte, so wollte ich gern zwanzig Vokabeln daraus lernen, und wenn es selbst dreißig wären! Und als er dies dachte, da sah er ein Stück vom Mantel des Männchens liegen, das ihm erschienen war, und richtig, das waren gerade die Seiten aus seinem Schulbuche, bei denen sie stehen geblieben waren. Da setzte er sich hin und lernte, daß ihm der Kopf rauchte.
Und siehe, als er seine Vokabeln recht gut konnte, da rief Hans: »Hurra, dort ist Land, das ist gewiß Amerika!«
»Ach,« sagte Fritz, »ich glaub's nicht!«
»Und ich,« seufzte Maxel, »ich wünschte, daß es unser Haus wäre.«
Aber es war weder das eine noch das andre, sondern es war die lateinische Schulklippe, da drauf stand das Männchen mit dem Papiermantel und rief ihnen schon von weitem entgegen: »Kannst du deine Vokabeln, Fritz?«
»Jawohl!« antwortete Fritz mit gutem Gewissen.
»Dann sag' sie auf!«
Da sagte Fritz sie auf, und es fehlte nicht eine.
»Das ist dein Glück,« rief das Männchen darauf, »so könnt ihr gleich weiter fahren und braucht nicht erst bei mir zu landen. Denn ihr müßt wissen, ich bin Derdiedas, der König des Grammatiklandes, und dies sind meine Töchter, die fünf Deklinationen, und dies meine Söhne, die vier Konjugationen. Die Schlingel, die dort herumhopsen, das sind die unregelmäßigen Verba. In meinem Lande wimmelt es von Vokabeln und Regeln und Formen, und jeder Junge, der vorbeifährt, muß seine Lektion richtig aufsagen, oder er muß drei Stunden auf der Schulklippe nachsitzen.«
»Ach nein,« rief Fritz, »das will ich nicht. Da will ich lieber wieder ins Gymnasium.«
»Wirst schon hinkommen,« sagte Derdiedas. »Dort rechts herum geht's nach Amerika. Nun setz' dich hübsch ruhig hin und ihr andern auch. Hier schenk' ich euch jedem ein neues Schulbuch, wenn man daraus ordentlich gelernt hat, so wird man niemals eingeschrieben. Euer Pensum hab' ich euch angestrichen, das wird jetzt gelernt. Verstanden? Und wenn ihr's ordentlich könnt, so werdet ihr gleich die ›Neue Welt‹ entdecken.«
Da fuhr das Schiff weiter, und die drei Jungen bückten sich über ihre Bücher und lernten. Aber ach, das war so schwer, der Kopf sank ihnen immer tiefer herab und sie wurden so müde, so sehr müde. —
Plötzlich fuhren sie alle drei in die Höhe.
»Fritz, Hans, Maxel!« rief eine Stimme. »Wo steckt ihr denn? Ich glaube gar, die Jungen schlafen alle drei im Wäschekorb?«
Das war der Papa, der in das Zimmer trat. Und da stand der Korb wirklich noch mitten in der Stube, und die drei Brüder waren übereinandergekugelt im Schlafe. Nun sahen sie sich sehr verwundert um, und Maxel rieb sich den Kopf, denn mit dem war er gegen Hansens Stiefel gefahren, aber schreien tat er nicht.
Hans war zuerst hinaus und rief. »Hurra wir haben Amerika entdeckt!«
»Still, still,« sagte der Vater und lachte über das ganze Gesicht, »ich will euch was ganz Neues zeigen.«
»Die neue Welt?« fragte Maxel.
»Ja, eine neue Welt, denn während ihr in dem Korbe saßt, ist der Storch hier gewesen und hat euch ein Schwesterchen gebracht.«
»Und das heißt Amerika!« jubelte Fritz.
»Das gerade nicht,« sagte der Vater. »Aber eine neue Welt ist's doch, denn ein neuer Mensch ist das einzige, was neu sein kann in der Welt.«
»Und wie heißt sie?«
»Hannchen heißt sie, und Gott segne sie!«
Es ist doch ein weiter Weg bis nach Hause — an solch heißen Tagen merkt man's. Ich glaube, ich bin müde. Aber etwas Bewegung tut freilich gut.«
So dachte der Professor Frister, als er nach vier absolvierten Unterrichtsstunden aus dem Gymnasium heimkehrte. Nun hatte er sich's in seinem Studierzimmer bequem gemacht. Er saß am Schreibtisch, stützte den Kopf in die Hände und strich das graue, vom raschen Gang noch feuchte Haar aus der Stirn.
»Es ist gerade noch ein Stündchen Zeit vor Tisch. Also was tun? Arbeiten natürlich. Da liegen zwei hohe Stöße blauer Hefte, Primanerarbeiten, Korrekturen, die erledigt werden müssen. Aber das geht jetzt nicht! Es ist ja freilich sehr interessant, jedes Jahr eine neue Generation, immer neue Individuen den Weg der geistigen Entwicklung zu führen! Welch schöne Aufgabe, denselben Lehrstoff nun zum achtundzwanzigsten Mal mit immer frischen Kräften zu beleben! Schade nur, daß sich die Individuen ein wenig stark wiederholen! Was in den Heften steht, weiß ich ganz genau. Es sind immer dieselben Fehler. Höchst lehrreich für den Statistiker, wie sich bei all den einzelnen dasselbe Gesetz des menschlichen Irrtums in seiner Entwicklung durchsetzt — höchst interessant! Aber jetzt, jetzt bin ich doch etwas zu müde.«
Frister griff nach einem Stoß Papiere, die seine eigenen Untersuchungen über den Verlauf der täglichen Temperaturkurven enthielten — äußerst wichtig für die Frage der Hitzeferien — und vertiefte sich hinein. Da lag ein schwieriger Punkt, über den er noch nicht fortgekommen war. Zwar, er wußte den einzuschlagenden Weg, aber die Berechnungen, die erforderten eine Arbeit von vielen Monaten — wo sollte er die Zeit hernehmen?
Er tauchte die Feder ein, machte eine Notiz, legte die Feder wieder hin und stützte den Kopf aufs neue zwischen die Hände.
»So ginge es schon,« dachte er. »Man müßte nur eben frisch dazu sein. Aber wann? Die vier Stunden, das viele Reden und das Aufpassen und der Ärger über dieselben Dummheiten und der Weg — Im ganzen sind wir doch in der Schultechnik noch sehr zurück. Sollte man da nicht einmal etwas Besseres finden als diese alte Praxis, daß Lehrer und Schüler in eine Klasse zusammenlaufen und — nun ja, natürlich, eine ideale Aufgabe ist es — indessen, es wird doch viel Kraft vergeudet und — und es macht etwas müde. Ich meine, die Entwicklung der Technik könnte hier einen ökonomischeren Weg finden.«
Frister lehnte sich in den Stuhl zurück und schloß ein wenig die Augen.
»Ja,« dachte er weiter, »in hundert oder zweihundert Jahren, wie mitleidig wird man auf unsere veraltete, kraftverschwenderische Methode zurückblicken! Eine Jugend, der das Verantwortlichkeitsgefühl stärker in Fleisch und Blut übergegangen ist, eine Lehrerschaft, die sich der modernsten Technik bedient — keine Entschuldigungen, keine Täuschungsversuche, keine Kindereien, keine Mißgriffe, keine Überbürdung — ideale Zustände! Warum kann ich nicht bis dahin — vielleicht — Urlaub nehmen — komisch, daß mir das noch nie eingefallen ist — sehr komisch — ich muß doch einmal fragen — Hat es nicht eben geklopft? ... Ach, Sie sind es, Herr Kollege Voltheim — das ist ja sehr nett! Eben dachte ich an Sie. Sie sind der Mann der Erfindungen. Kennen Sie nicht eine Einrichtung, die das Unterrichten — wie soll ich sagen? — modernisiert, vereinfacht — hm —«
»Nun, ich dächte doch,« erwiderte Voltheims Stimme, »unsere F e r n s c h u l e sei eine ganz vorzügliche Einrichtung.«
»Fernschule? Warum sehen Sie mich so — so seltsam an, Herr Kollege? Ich bin nur etwas ermüdet; bitte, nehmen Sie doch Platz.«
»Ich weiß wohl, Ihre Unterrichtsstunde wird gleich beginnen, aber ich hoffe, Sie dabei nicht zu stören.«
»Heute? Mich? Nein, natürlich nicht. Mir ist so eigen zumute, ich habe wohl etwas Kopfschmerz. Was haben wir denn für einen Tag?«
»Den achten Juli 1999, Herr Naturrat.«
»So, so — ganz recht. Hm! Ich dachte nur eben — Naturrat — Sie müssen doch immer Ihre Späßchen machen.«
»Das ist nun einmal Ihr Titel als Fernlehrer der Geographie am 211. telephonischen Realgymnasium. Aber hören Sie nicht? Es klingelt. Die Schüler haben ihren Anschluß genommen. Sie können beginnen.«
Frister gab sich Mühe, seinem Kollegen ins Gesicht zu sehen, aber die Züge verschwammen vor seinem Blick. Er vernahm ein leises, melodisches Rasseln, ohne sich erklären zu können, woher es kam. Das ist gewiß so ein Witz von Voltheim, dachte er. Nun gut, ich will ihn nicht stören. Wir werden ja sehen, was er vorhat. Und lachend sprach er: »Lieber Herr Kollege, ich bin ja jetzt gar nicht vorbereitet, auch weiß ich überhaupt nicht, was Sie mit der Fernschule meinen.«
»Oh, ich bitte Sie, Herr Naturrat« — so hörte er deutlich Voltheim wieder reden — »jetzt wollen Sie mich ein wenig aufziehen. Sie haben ja gestern schon Ihren Vortrag für heute in den Phonographen gesprochen. Und über die Fernschule haben Sie bereits im Jahre 1977 eine Broschüre geschrieben. Sie erinnern sich doch?«
»Bin dazu wirklich nicht imstande.«
Voltheim lachte deutlich. »Nun, dann passen Sie auf,« sagte er. »Sie sehen doch drüben an der Wand die eigentümliche Gemäldegalerie?«
Frister blickte auf. Er war höchlichst erstaunt. In der Tat, an der Wand, wo sonst ein Bücherregal stand, befanden sich einige dreißig rechteckige Rahmen. Aber die Bilder darin waren lebendig. Junge Leute zwischen sechzehn und neunzehn Jahren streckten sich da in bequemer Haltung jeder auf einem Lehnsessel. Und wahrhaftig, das waren ja seine Primaner, wenn auch in ungewohnten Anzügen. Das war sein Primus, dessen glattgeschorener Kopf kaum hinter seiner Zeitung hervorguckte. Und der Meyer rauchte sogar gemütlich seine Cigarre. Andere kauten an ihrem Frühstück.
»Ich möchte wahrhaftig glauben, dort meine Schüler zu sehen,« sagte Frister. »Sehr interessant! Wenn ich nur wüßte, was das bedeutet. Sollte ich etwa wirklich ein Jahrhundert Urlaub gehabt haben? Nehmen Sie das einmal an, Herr Kollege, und sprechen Sie zu mir, als schrieben wir heute tatsächlich das Jahr 1999, ich aber hätte momentan mein Gedächtuis verloren.«
»Sehr gern, Herr Naturrat, wenn Ihnen das Spaß macht. Diese jungen Leute bilden allerdings die Oberprima des 211. Fernlehrrealgymnasiums. Sie befinden sich nämlich in Wirklichkeit nicht etwa in einem Klassenzimmer, sondern die meisten von ihnen sitzen in ihren eigenen Wohnungen, geradeso wie Sie selbst. Nur wo die Eltern nicht die Mittel haben, den gesamten Fernlehrapparat im Hause unterzubringen, begeben sich die Schüler zu den dazu eingerichteten öffentlichen Fernlehrstellen. Die jungen Leute wohnen, wie Sie wissen, an den verschiedensten Stellen unseres Vaterlands, denn der Fernlehrverkehr läßt sich bis auf tausend Kilometer und mehr ausdehnen.«
»Ich weiß wirklich gar nichts, Herr Kollege. Sprechen Sie nur weiter. Während meines Urlaubs muß die Technik großartige Fortschritte gemacht haben.«
»Das will ich meinen! Nicht nur der Fernsprecher, sondern auch der Fernseher sind so vervollkommnet worden, daß man mit den Worten des Redenden zugleich seine Gestalt, seine Bewegungen, jede seiner Gebärden aufs deutlichste wahrnehmen kann. Nun ist es natürlich nicht mehr nötig, daß man die weiten Schulwege zurücklegt, Lehrer und Schüler können hübsch zu Hause bleiben.«
»Sehr erfreulich,« murmelte Frister. »Aber die persönliche Anregung —«
»Fehlt nicht. So wie Sie die Schüler erblicken, so sehen diese den Lehrer, nur in einem bedeutend größeren Rahmen, sozusagen in Lebensgröße vor sich. Dagegen können die Schüler sich untereinander nicht sehen, sondern nur hören, aber was sie reden, das hören Sie dann auch alles. Sie brauchen nur auf die Taste dort vorn zu drücken, so sind Sie angeschlossen, und der Unterricht kann beginnen.«
»Ich verstehe! Wieviel Störungen sind damit ausgeschlossen! Aber ist es denn so eilig? Hören Sie, Kollege, die Einrichtung muß doch den Staat ein gutes Stück Geld gekostet haben!«
»Was tut das? Seitdem die unermeßlichen Goldfelder auf NeuGuinea und die Petroleumquellen in DeutschChina entdeckt sind, haben wir so viel Geld, daß man es schließlich zu gar nichts Besserem als zu Bildungszwecken zu verwenden weiß.«
»Ei, ei! Was habe ich denn da jetzt für ein Gehalt?«
»Aber Sie wissen doch! Als Naturrat — 50 000 Mark. Doch zur Sache. Natürlich hat die Schulhygiene nicht geringere Fortschritte gemacht. Die Überbürdungsfrage ist erledigt. Die Sessel, auf denen die Schüler ruhen, sind in sinnvollster Weise mit selbsttätigen Meßapparaten versehen, die das Körpergewicht, den Pulsschlag, Druck und Menge der Ausatmung, den Verbrauch von Gehirnenergie anzeigen. Sobald die Gehirnenergie in dem statthaften Maß aufgezehrt ist, läßt der Psychograph die dadurch eingetretene Ermüdung erkennen, die Verbindung zwischen Schüler und Lehrer wird automatisch unterbrochen und der betreffende Schüler damit vom weiteren Unterricht dispensiert. Sobald ein Drittel der Klasse auf diese Weise ›abgeschnappt‹ ist, haben Sie die Stunde zu schließen.«
»Sehr gut, scheint mir. Indessen, wenn ich selbst ein wenig müde bin, wie z. B. heute —«
»Aber bei dem Gehalt! Doch auch dafür ist gesorgt. Wenn Sie jetzt anfangen wollen, so legen Sie gefälligst erst diese gestempelte Gehirnschutzbinde an. Sie werden dadurch vor der Gefahr bewahrt, in der Schule mehr Gehirnkraft zu verschwenden, als es der Fähigkeit der Schüler und Ihrer eigenen Gehaltsstufe entspricht. Und nun drücken Sie. Hören Sie, es klingelt. Jetzt erscheint Ihr Bild auch den Schülern, und Sie können mit ihnen sprechen.«
»Aber was denn? Ich bin ja nicht vorbereitet,« flüsterte Frister leise zu Voltheim.
»Das wird sich schon finden,« erwiderte dieser ebenso. »Sie, als erfahrener Lehrer — lassen Sie nur die Schüler reden. An jedem Rahmen steht der Name. Ihr Vortrag steckt hier im Phonographen, Sie brauchen bloß zu drücken.«
Man bemerkte sogleich, daß der Lehrer auf dem Wege der Fernwirkung in die Klasse getreten, das heißt den Schülern sichtbar geworden war. Rathenberg steckte seine Zeitung fort, Meyer brachte schleunigst seinen Cigarrenstummel beiseite, Suppard und Neumann schluckten die letzten Bissen ihrer Frühstücksbrötchen hinunter.
Frister überblickte seine Bilderrahmen.
Einer der Schüler, es war Meyer, machte eine Verbeugung und sagte: »Ich habe vorige Stunde gefehlt.«
»Warum?«
»Ich mußte mir die zweite Gehirnwindung massieren lassen.«
Frister schüttelte den Kopf. Wie konnte er wissen, ob das eine genügende Entschuldigung nach moderner Auffassung war? »Wozu war denn das nötig?« fragte er und gab dabei Voltheim einen Wink, er möge ihm einhelfen.
»Ja,« sagte Meyer, »meine Eltern haben meine Träume photographieren lassen, und dabei zeigte sich, daß ich immer von Pferden träumte.«
»Schwindel!« flüsterte Voltheim. »Die Pferde sind längst ausgestorben.«
»Aber die Pferde sind ja schon lange ausgestorben,« sagte Frister.
»Eben darum, Herr Naturrat, mußte ich mich massieren lassen.«
»Ach was, Geographie ist die beste Gehirnmassage.«
Frister merkte, daß zwei der Rahmen, die noch leer waren, sich eben erst füllten. Er las die Namen und sagte: »Nun, Heinz, wo kommen Sie denn erst jetzt her?«
»Entschuldigen Sie, Herr Naturrat, meine Mama hat gestern unsere Tascheneiweißmaschine im Frauenklub auf Spitzbergen liegen lassen, die mußte ich schnell holen, und da es sehr windig war, habe ich mich etwas verspätet.«
»Und Sie, Schwarz, weshalb kommen Sie so spät?«
»Ich, ich — mein Vater ist gestern Geheimer Elektrizitätsrat geworden —«
»Nun, da sehe ich doch keinen Kausalzusammenhang.«
»Ja, wir sind zur Feier an die Zentralsektleitung angeschlossen worden, und deshalb konnte ich nicht gleich in mein Zimmer.«
»Ausrede!« flüsterte Voltheim. »Hat gekneipt.«
»Na na,« sagte Frister, »die Sache scheint mir nicht ganz klar. Nun sagen Sie mir einmal, Meyer, was haben wir in der vorigen Stunde durchgenommen?
»Entschuldigen Sie, Herr Naturrat, ich habe gestern gefehlt.«
»Ach richtig. Sagen Sie mir's, Brandhaus.«
»Entschuldigen Sie, Herr Naturrat, ich konnte gestern nicht arbeiten. Hier ist die Entschuldigung von meinem Vater.« Brandhaus drückte auf den Knopf seines Phonographen, und man hörte die Baßstimme eines älteren Mannes: »Mein Sohn Siemens konnte gestern wegen Übermüdung der Armmuskeln seine Schularbeiten nicht machen. Brandhaus.«
»Wie?« fragte Frister. »Die Arme brauchen Sie doch nicht zum Repetieren?«
»Unser Motor ist nicht in Ordnung, und so hätte ich den Phonographen, womit ich nachgeschrieben hatte, selber drehen müssen, und das konnte ich eben nicht.«
»Wodurch haben Sie sich die Übermüdung zugezogen?«
»Bei Übungen mit dem Flugrad.«
Frister sah sich verlegen nach Voltheim um.
»Kann schon sein,« murmelte der. »Hat wahrscheinlich eine Luftpartie mit jungen Damen gemacht und zuviel Luftquadrillen getanzt.«
»Na, hören Sie, Herr Kollege, Entschuldigungen scheint's in der Fernschule nicht weniger zu geben als zu meiner Zeit.« Und er wandte sich wieder zu den Schülern.
»Nun, denn, Rathenberg, was haben wir durchgenommen?«
»Die Lichtfernsprechstellen mit Amerika. Aber die gibt's nicht mehr. Sie sind alle wieder eingezogen, weil man sie durch den chemischen Ferntaster ersetzt hat. Die neuentdeckten chemischen Lösungsstrahlen durchdringen nämlich das heiße Innere des Erdballs, und man ist somit in der Lage, durch die Erde hindurch auf chemischem Wege zu sprechen.«
Frister wiegte vor Verwunderung den Kopf hin und her.
Der Schüler nahm dies als Zeichen eines Einwands und fuhr fort: »Herr Naturrat nannten allerdings noch die Verbindung ›KreuzbergChimborasso‹, aber die ist seit heute früh auch eingezogen. Ich habe es eben im Berliner Fernanzeiger gelesen.«
»Schon gut — nun, Hornbox, fahren Sie fort.«
»Die wichtigsten Staaten Amerikas sind das Kaiserreich Kalifornien, das Königreich Newyork, die Anarchistenrepublik Kuba, der Kirchenstaat Mexiko und das südamerikanische Sonnenreich.«
Was man da alles hört! dachte Frister. Aber er sagte nur: »Fahren Sie fort, Schwarz.«
Schwarz begann mit einer Geläufigkeit, daß Frister den Worten kaum zu folgen vermochte: »Nachdem durch die direkte Verwendung der Sonnenstrahlung zur Arbeitskraft die Techniker der herrschende Stand geworden waren und die Arbeitsmittel der Menschheit in ihrer Hand vereinigt hatten, gründeten sie einen Staat auf Aktien, indem sie alles in Südamerika zwischen den Wendekreisen verfügbare Land ankauften. Da sie ihre Macht direkt von der Sonne ableiteten, benannten sie diesen Staat den Sonnenstaat. Über die hohen Gebirge wie über die Baumwipfel und Steppen der weiten Ebenen zogen sie ihre Strahlungssammler —«
»Aber, Schwarz, Sie bewegen ja gar nicht die Lippen beim Sprechen. Und warum spielen Sie denn immerfort mit den Fingern da auf Ihrem Tisch? Sie lesen wohl gar ab?«
»Bitte sehr, Herr Naturrat« — und Schwarz fingerte weiter auf seinem Platze — »ich spiele ja auf der Sprechmaschine. Ich kann nämlich nicht selbst sprechen, weil ich mir die Zunge verbrannt habe.«
»So fahren Sie fort.«
»Soweit waren wir gerade gekommen.«
Frister wandte sich verlegen nach Voltheim um. »Was nun?« fragte er.
»Lassen Sie Ihren Phonographen reden.«
Frister drückte auf das Instrument, und zu seiner größten Verwunderung hörte er jetzt seine eigene Stimme: »Wir betrachten nun die Entdeckungsfahrten nach dem Südpol. Wir haben es heutzutage freilich leicht, mit unseren Flugmaschinen über die Eiswüste zu gleiten, aber bedenken Sie, welche Schwierigkeiten sich noch vor hundert Jahren boten, welcher Mut dazu gehörte, mit jenen gebrechlichen Wasserschiffen und auf dürftigen Hundeschlitten in die unzugänglichen Regionen sich zu wagen. Wenn unsere Vorfahren so bequem gewesen wären wie Sie, so wären wir niemals an den Südpol gelangt. Das waren ganz andere Leute! Nie wäre es einem Schüler des neunzehnten Jahrhunderts eingefallen, während des Unterrichts heimlich Kunstspargel zu essen, wie ich das neulich leider bemerken mußte, noch dazu ein Genußmittel, das fast an Schlemmerei grenzt. Denken Sie daran, welche Qualen des Hungers die Forschungsreisenden mitunter ausstehen mußten! Es kam vor, daß sie wochenlang nichts hatten als rohen Vogelspeck, aber auch dann verloren sie den Mut nicht, und mitten in den Qualen des Heißhungers schrieb einer jener Helden in sein Tagebuch das denkwürdige Wort —«
»Emil, willst du heut abend Kunstspargel essen? Sie sind nicht teuer.« Es war eine hohe Frauenstimme, die an dieser Stelle des Vortrags plötzlich zwischen den Worten des Redners sich vernehmen ließ.
Ein schallendes Gelächter sämtlicher Schüler begrüßte diese Unterbrechung. Entrüstet wandte sich Frister nach Voltheim um.
»Was war das?« fragte er.
Voltheim lächelte ebenfalls. »Da muß,« sagte er, »gestern während Ihrer Vorbereitung zum Unterricht wohl gerade Ihre Frau Gemahlin mit dieser Frage eingetreten sein, und der Phonograph hat die Worte natürlich getreu reproduziert.«
»Aber, lieber Herr Kollege, das ist doch etwas fatal bei dieser Fernschule —«
»Sehen Sie, das hat auch sein Gutes. Dieser Lachkrampf hat die Schüler so angestrengt, daß acht Klappen herabgefallen sind. Diese Schüler sind übermüdet. Noch drei, und Sie müssen den Unterricht schließen.«
»O, das wäre mir, wirklich recht, denn ich bin — wie ich Ihnen, glaub' ich, schon sagte — selbst etwas angegriffen. Nun hören Sie nur, was ist denn das wieder, diese hohe Glocke?«
»Das ist das Zeichen des Direktors, er möchte mit Ihnen sprechen.«
In der Tat vernahm Frister jetzt deutlich eine fremde Stimme: »Entschuldigen Sie, lieber Herr Naturrat, daß ich Sie störe. Aber eben erfahre ich, daß der Kollege Brechberger mit seinem Luftrad gegen einen Schornstein gerannt ist und sich etwas erschreckt hat. Sie müssen so gut sein, ihn in der nächsten Stunde zu vertreten.«
»O, recht gern —«
Der Direktor klingelte ab.
»Was soll ich denn nun anfangen, bester Voltheim,« klagte Frister — »die übrigen Schüler scheinen noch ganz munter, und an den Phonographen wage ich mich nicht mehr.«
»Lassen Sie sie doch das Vorgetragene wiederholen.«
Frister wandte sich wieder zur Klasse: »Nun wiederholen Sie mir einmal, was ich gesagt habe.«
Er sah jetzt, wie alle Schüler fast gleichzeitig auf ihre Phonographen drückten, auf denen sie den Vortrag fixiert hatten. Die Apparate schnurrten ab. In ungeregeltem Zusammenklange brausten die vorgetragenen Worte von zwei Dutzend Phonographen an sein Ohr, immer schneller und schneller summte und brummte es, er fühlte, wie ihm in diesem betäubenden Gewirr schwindlig wurde, er stöhnte auf, griff nach seinem Kopf — — und auf einmal war es still — — ganz still — —
»Ach, die Hirnbinde!« dachte er. »Gewiß bin ich zu ermüdet, da ist der Unterricht von selbst geschlossen — ich bin ausgeschaltet. Gott sei Dank!«
Da fuhr er plötzlich in die Höhe. Der Rahmen vor ihm war verschwunden. Seine alten Bücher standen wieder dort.
»Aber sagen Sie doch, was ist denn das, Kollege Voltheim —«
Sein Kollege Voltheim stand neben ihm und sprach: »Entschuldigen Sie vielmals, Herr Professor — hoffentlich habe ich Sie nicht aufgeweckt. Als ich eintrat, schlummerten Sie so schön, daß ich mich ganz leise hier aufs Sofa setzte, um Sie nicht zu stören.«
»So so, ich schlummerte? Ich hörte Sie doch noch kommen! Denken Sie, da habe ich etwas Merkwürdiges geträumt. Fünfzigtausend Mark Gehalt! Aber zuletzt sollte ich einen Kollegen vertreten —«
»Ja, das ist nun leider Wirklichkeit, deswegen kam ich her — der Kollege Treter —«
»Was Sie sagen! Wann denn?«
»Morgen früh um acht Uhr.«
»In der Klasse?«
»Wo denn sonst?«
»Ich dachte, in der Fernschule. Sie wundern sich? Ja, wenn Sie wüßten! Ich hatte nämlich hundert Jahre Urlaub! Na, nehmen Sie Platz, Kollege. Also morgen? Das ist mir lieb, denn heute bin ich wirklich etwas angegriffen.«
A lso doch noch!« begrüßte mich mein Freund Arwed, als ich in das Wohnzimmer trat. »Glaubte schon, du kämst nicht. Hast also meine Karte gefunden?«
»Soeben, als ich nach dem Theater heimkam. Es war spät zu Ende —«
»Ja, entschuldige, daß ich dich noch herzitierte. Aber ich habe dir etwas Wichtiges, sehr Wichtiges mitzuteilen.«
»Ich bitte dich, du weißt doch, wie gern ich mit dir und deiner Frau ein Plauderstündchen halte. Dazu hab' ich immer Zeit! Ich hoffe, es ist etwas Angenehmes?«
Arwed machte ein merkwürdiges Gesicht. Erst sah er mich starr an, als wolle er sich an meiner Spannung weiden, dann blickte er wie verlegen an mir vorüber, indem er sagte: »Mußte dich heute noch sprechen, das mußt du erfahren. Setz' dich nur her. — Willst du noch etwas essen? Nein?«
Ich fragte nach seiner Frau. Es kam mir vor, als überhöre er absichtlich meine Frage. Er starrte vor sich hin und rief: »Großartig! Einfach großartig!«
Ich rückte mich in die gewohnte Sofaecke, während er, seinen Backenbart zerrend, in seiner nervösen Art auf und ab lief. Dabei funkelten seine Äuglein ganz aufgeregt. Dann stellte er sich vor mich hin, steckte die Hände in die Taschen und begann: »Was meinst du? Gehirnspiegel! Einfach großartig! Nicht?«
»Gehirnspiegel?« fragte ich. »Kenne ich nicht. Augenspiegel, ja, der machte Epoche, als ihn Helmholtz vor fünfzig Jahren erfand. Hast du etwa einen Gehirnspiegel erfunden?«
»Ich natürlich nicht. Nur den Namen. Vielleicht ist auch der nicht einmal richtig gewählt — es ist eigentlich etwas ganz anderes. Ich sinne schon den ganzen Abend über dem Namen. Aber großartig ist es.«
»Nun, was denn eigentlich?«
»Eine Erfindung vom Onkel Pausius.«
»Von Pausius?« fuhr ich auf. »Das läßt sich hören. Das wird jedenfalls großartig sein. Nur wird es uns nichts nutzen. Er veröffentlicht leider seine Entdeckungen fast niemals.«
»Aber diesmal hat er es mir bestimmt versprochen.«
»Wahrhaftig?« Nun sprang ich auch empor. Ich war aufs höchste gespannt. Pausius war ein Genie. Ich kannte den alten gelehrten Sonderling und sein Laboratorium und wußte einiges von seinen Studien. Er hatte tatsächlich Erfindungen von höchster Wichtigkeit gemacht, aber er rückte damit höchstens einmal gegen seine nächsten Freunde heraus. Die Menschen seien nicht reif dafür, behauptete er, und er habe sie nicht nötig. Ich faßte Arwed an den Schultern und rüttelte ihn. »So sprich doch, Mensch!«
»Ja, natürlich. Setz' dich nur wieder. Ich will dir die ganze Geschichte erzählen. Also heute abend wollt' ich mit meiner Frau ein bißchen hinüber zum Onkel Pausius gehen. Ich stehe schon mit Hut und Stock und warte nur auf meine Frau. Es dauert eine Weile und noch 'ne Weile. Dann guckt sie mit einem verlegenen Lächeln zur Tür herein und sagt: ›Geh nur voran, ich werde gleich nachkommen.‹ ›Nun, warum denn, was giebt's denn noch?‹ ›Ach, ich habe nur meine Schlüssel verlegt, und es ist mir unangenehm, so fortzugehen.‹ Nun also, ich kenne das schon, ich gehe voran. Ich warte bei Pausius im Vorzimmer, dann klopfe ich an. ›Wer ist da?‹ ›Arwed.‹ ›Na, dann herein, aber vorsichtig,‹ brummt er. Ich trete ein. Das Zimmer ist ganz dunkel. Endlich erkenne ich einen matt beleuchteten Schirm und darauf — ich bin nicht wenig erschrocken — meine Gestalt, etwas verschwommen freilich. Ich stehe ganz erstaunt. Da höre ich den Onkel sprechen: ›Seid ihr da? Ich höre ja deine Frau nicht, die ist doch sonst nicht so still?‹ In dem Augenblick erscheint das Bild meiner Frau neben dem meinigen auf dem Schirm. ›Meine Frau wird nachkommen,‹ sage ich, ›aber —‹ Inzwischen dreht Onkel Pausius das Licht an. Auf dem Schirm sieht man nichts mehr, und der Onkel zieht seinen Kopf vorsichtig aus einem merkwürdigen Gestell hervor. Er steht langsam auf, reibt sich die Hände, deutet auf ein kleines Fläschchen auf seinem Experimentiertisch und sagt schmunzelnd: ›Habe da was Neues, Feines. Willst mal probieren?‹ Ich mache natürlich ein etwas mißtrauisches Gesicht. ›Kannst es ruhig riskieren,‹ fährt der Onkel fort. ›Kraniophan! Macht einen hellen Kopf sozusagen.‹ Ich bat ihn um eine Erklärung. ›Ja,‹ sagt er, ›das ist ‹ne Flüssigkeit! Ich spritze eine Kleinigkeit in das Blut. Sobald sie mit den Knochen in Berührung kommt, wird sie von diesen aufgesaugt. Merkwürdig, aber es ist so, sie durchdringt die ganze Substanz, wie Wasser ein Löschblatt. Das schadet jedoch dem Körper nichts und den Knochen auch nichts. Nach fünf Minuten ist die Wirkung wieder vollständig verschwunden. Was man davon hat? Ja, das ist eben das Feine. Solange nämlich die Knochen das Kraniophan enthalten, sind sie für Licht durchdringlich, wenigstens für die Strahlen der von mir konstruierten Lampe. Nehmen wir ein sehr intensives Licht, so bringen wir es durch die Haut und die Fleischteile hindurch. Dann können wir aber auch durch die Knochen hindurchleuchten.‹
›Wirklich?‹ sagte ich eifrig. ›Das ist ja außerordentlich wichtig für die Heilkunde!‹
Der Onkel schmunzelte. ›Hm, hm,‹ fuhr er fort, ›wenn es nur das wäre, das wußt' ich schon lange. Habe aber dieser Tage was ganz Neues entdeckt. Ich leuchte ins Gehirn hinein.‹
›Das läßt sich denken. Da der Schädel aus Knochen besteht, wird er ja durchstrahlbar. Das ist eben eine der großartigen Folgen deiner Erfindung.‹
›Pah! Das ist das wenigste, daß wir in die Gehirnzellen hineinsehen. Freilich, fein ist's ja, aber es handelt sich nicht bloß um das Physiologische, es steckt noch etwas ganz Merkwürdiges dahinter!‹
›Ich begreife nicht, was du noch mehr erreichen willst.‹
›Glaub's schon. Begreife es selbst kaum. Denke dir! Ich sehe nicht bloß die Hirnzellen, sondern ich zeige dort auf dem Schirm deine eigene Vorstellung, das, was du im Augenblick denkst, sozusagen — ja, ich kann es sogar photographieren.‹
›Unmöglich, Onkel! Du willst mich zum besten haben!‹
›Tatsächlich! Ich will es dir zeigen. Allerdings nicht jede Vorstellung, sondern nur die optischen, das heißt das, was sichtbar ist, was du dir selbst als Figur, als Bild im Raum vorstellst. Was sahst du auf dem Schirm, als du hereinkamst?‹
›Mich selbst.‹
›Und dann?‹
›Meine Frau.‹
›War sie hier? Nein. Warum sahst du sie? Weil ich gerade mein Sehzentrum im Gehirn durchstrahlen ließ und erst an dich, dann an euch beide dachte. So erschienen eure Bilder. Wie das zu erklären ist? Ja, ich habe auch eine Theorie. Höre mich an! Doch nein, ich will dir zuerst eine einfache Probe zeigen. Komm her!‹
Ich weigerte mich nicht. Der Onkel machte mir eine Einspritzung. Dann wurde mein Kopf in den Apparat gesteckt. Die Spitze der Lampe, in der, von außen natürlich nicht sichtbar, das sehr helle Licht erzeugt wurde, berührte meinen Kopf von hinten zwischen den Haaren. Die Einstellung wurde so gemacht, daß der Brennpunkt der Strahlen im Gehirn in das Sehzentrum fiel. Der durch die Stirn heraustretende Lichtkegel ging dann noch durch eine Linse und wurde auf einem besonders präparierten Schirm aufgefangen.
›Stelle dir einen Kreis vor‹', sagte Pausius zu mir. Ich tat es. Auf der Tafel erschien ein Kreis. Er wechselte die Farben, je nachdem ich ihn mir rot, blau oder gelb dachte. Dazwischen wogten aber zugleich allerlei undeutliche Figuren einher; nur der Kreis beherrschte sie bleibend, solange meine Aufmerksamkeit auf die Vorstellung eines Kreises gerichtet war. Nun dachte ich an die Figur einer 3, und sogleich erschien dieses Bild auf dem Schirm. Dann wurden die Figuren undeutlich, die Wirkung war verflogen; und ich zog meinen Kopf aus dem Apparat.
›Nun?‹ brummte Onkel Pausius.
Ich saß ganz niedergeschmettert da und sagte zum Onkel: ›Die Sache erscheint fast sinnlos — diese Figuren sind doch nicht als solche in meinem Gehirn; wie können wir sie hinausprojizieren?‹
›Natürlich sind sie nicht darin,‹ erwiderte der Onkel lachend. ›Aber wir sehen ja auch nicht hinein — da würden wir nur Zellfasern und Blutkörperchen sehen — wir sehen ja hinaus. Lausche an einem Telephondraht, du hörst auch nichts, du mußt das Instrument daran bringen. Was geschieht denn, wenn wir einen Kreis sehen? Von außen kommen in bestimmter Weise angeordnete Lichtstrahlen, bestimmte Nervenzellen pflanzen ihre eigenartigen Schwingungen bis zum Zentrum fort und solange diese bestimmte Form des Schwingungszustandes der Nervensubstanz dauert, haben wir die Empfindung eines Kreises. Nun kehren wir bei unserm Versuch die Sache um. Wir stellen uns einen Kreis vor. Jetzt findet dieselbe Veränderung der Nervensubstanz vom Zentralorgan aus statt, die vorher beim Sehen vom Auge aus stattfand. Der so veränderte Schwingungszustand der Zellen wird vom Lichtbüschel unserer Lampe getroffen. Dieses Licht wird dadurch in seiner Schwingungsperiode verändert, und dieselben Raumbeziehungen pflanzen sich in den Lichtwellen bis zum Schirm fort. Das Licht stellt gewissermaßen eine Telefonplatte, die Gehirnzellen das erregende Magnetfeld vor. So erkläre ich mir den Vorgang.‹
Ich saß in mich versunken.
›Na, lassen wir's sein,‹ sagte der Onkel. ›Da kommt ja auch dein liebes Frauchen. Nun, wo warst du denn so lange, sozusagen? Hast du die Schlüssel gefunden?‹
Meine Frau schüttelte wehmütig den Kopf.
›Weißt nicht, wo du sie hingelegt hast?‹ sagte der Onkel launig. ›Werde dir helfen. Setz dich einmal her. Wir wollen jetzt den Ort sehen, wo du sie zuletzt hingelegt hast. Vielleicht erkennen wir ihn dort auf dem Schirm.‹
›Was soll das?‹ sagte meine Frau.
›Ein bißchen Gedankenlesen, weiter nichts. Ein bißchen in das Köpfchen hineingucken, was da alles durcheinanderwirbelt.‹«
Nun, kurz und gut, wir erklärten meiner Frau, um was es sich handle. Erst sträubte sie sich ein wenig; dann wurde sie doch selbst neugierig, als der Onkel ihr die Prozedur vorgemacht hatte —«
Mein Freund unterbrach seine Erzählung. Er riß wieder an seinem Bart und rannte durchs Zimmer, bis er mit unsicherem Blick vor mir stehen blieb.
»Ja, jetzt,« begann er wieder, »wie soll ich sagen — zu dir kann ich ja offen sein, Konrad —«
Ich hatte das Gefühl, als wenn Arwed gegen mich verstimmt sei, obwohl ich keinen rechten Grund wußte, aber er machte ein so seltsames Gesicht, und da wurde mir etwas unbehaglich zumute. Sollte bei diesem Versuch irgend etwas —?
»Ich muß dir gestehen,« fuhr Arwed fort, »auf einmal überkam mich eine unheimliche Angst. Am liebsten hätte ich den Versuch nicht zugelassen, wenn ich mich nicht vor dem Onkel geniert hätte. Aber der Gedanke, ich solle jetzt plötzlich sehen, was sich meine Frau vorstellte in ihrem Innersten ... sie hatte offenbar gar keine Bedenken, und ich habe ja auch nicht den geringsten Grund des Mißtrauens, das weißt du ja — und doch! So eine junge, hübsche Frau — kein Mensch kann doch wissen, was ihr heimlich im Kopf steckt — ich fühlte mich ganz miserabel.«
Als Arwed dies sagte und wieder aufgeregt umherlief, ging es mir ganz ebenso. Am liebsten hätte ich weiter nichts gehört. Wer kann einer Frau ins Köpfchen sehen? Und wenn er's kann, so soll er's hübsch bleiben lassen. Gewiß, ich fühlte mich ja ganz unschuldig, aber wenn ich jetzt in Pausius' Apparat gesteckt hätte — ich sah im Augenblick diese allerliebsten, schelmischen Züge, ich sah die leuchtenden braunen Augen und das dunkle Haar an den Schläfen, ich sah Frau Arwed so deutlich vor mir, daß ihr Bild gewiß auf dem Schirm erschienen wäre. Mir wurde ebenso angst wie meinem Freunde, aber ich sagte möglichst kühl: »Na, was habt ihr denn nun gesehen?«
Arwed warf einen langen Blick auf mich. Dann begann er wieder: »Nun, Pausius fordert meine Frau auf, sich ihre Schlüssel recht deutlich vorzustellen, so wie sie sie in der Hand zu halten pflegte. Und wirklich, auf dem Schirm, über den wieder allerlei undeutliche Gestalten huschten, erschienen unter dem Einfluß ihrer Aufmerksamkeit die Schlüssel mit der haltenden Hand, und daneben —«
»Daneben — so sprich doch!«
»Deutlich der Kopf eines Mannes —«
»Welches Mannes?«
»Denke dir, was in mir vorging — vielmehr, es läßt sich nicht denken — das unsinnigste Zeug schoß mir durch den Kopf —«
»Welches Mannes denn?«
»Das wirst du dir wohl selbst sagen. Ich zitterte vor Erregung, ich mußte ins Freie! Ich sprang auf, lief nach der Tür, schon war ich draußen, da hörte ich meine Frau mit ihrer hellen Stimme rufen: ›Ah, jetzt weiß ich's! Hinter Konrads Photographie auf dem Wandbrett müssen sie liegen; als ich die Bilder abstäubte, habe ich sie dort aus der Hand gelegt.‹«
Und nun rannte ich nach Hause,« fuhr Arwed fort, »es ist ja nicht weit, die Treppen hinauf und hier hinein, und da — ich riß deine Photografie vom Wandbrett herunter, und wahrhaftig, da lagen die Schlüssel! In drei Minuten war ich wieder mit dem Schlüsselbund zurück. Meine Frau wußte gar nicht, warum ich sie so stürmisch an mich zog.«
Arwed setzte sich nun an den Tisch und griff nach einer Zigarre. Ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte. Ein Stein war mir vom Herzen gefallen, aber eine gewisse Verlegenheit konnte ich nicht verbergen.
»Da triumphierte wohl Onkel Pausius?« fragte ich.
»Freilich, er schmunzelte, aber als ich die Brauchbarkeit seiner Erfindung herausstrich, sagte der Onkel weiter: ›Das ist noch gar nichts, sozusagen. Wenn man etwas Übung hat, kann man noch ganz andere Dinge machen. Es kommt nur darauf an, daß man eine kräftige malerische Phantasie und die Fähigkeit starker Konzentration besitzt, so daß man die Aufmerksamkeit selbst auf seine bildhafte Vorstellung gefesselt halten kann, denn bei der geringsten Abweichung der Gedanken werden die Bilder gestört.‹ Und nun setzte sich Pausius selbst wieder an den Apparat, indem er erklärte, er wolle uns jetzt einige Erinnerungen und dann einige Phantasien vorführen.
Nun entwickelten sich auf dem Schirm farbenprächtige Gemälde, deren Figuren sich lebendig bewegten, Szenen, die er im Theater gesehen, Bilder, die er selbst entworfen hatte, auch, was er im Augenblick gerade sich vorstellte —«
Ich faßte Freund Arwed an der Hand, ihn unterbrechend.
»Mensch,« rief ich, »bist du dir denn klar, was diese Erfindung bedeutet?«
»Natürlich — das wird sich nach der Veröffentlichung erst glänzend zeigen. Das Studium der Gehirnphysiologie, des Seelenlebens, der Psychologie, die ganze Medizin —«
»Ach was! Ich denke jetzt nicht an die Wissenschaft. Was Pausius entdeckt hat, das bedeutet die Kunst — die neue Kunst, die kommende Kunst — die absolute Malerei! Verstehst du nicht? Farben und Pinsel sind überflüssig, Übung und Handgeschicklichkeit sind nicht nötig. Die Phantasie des Künstlers erzeugt unmittelbar vor den staunenden Blicken des Beschauers bildhaft die innersten Erlebnisse des Genius. Überwunden durch die naturwissenschaftliche Technik ist jede Mühe der malerischen Technik — die Seele malt unmittelbar! Raffael braucht keine Hände mehr. Frei vom schweren Stoffe wird der Künstler. Das Ideal ist in das Leben selbst gesetzt, vielmehr der Mensch ist zu den Göttern erhöht — seine Anschauung ist Schaffenskraft!«
Begeistert sprang ich auf und drang in Arwed: »Und wann, wann veröffentlicht Pausius? Will er es denn wirklich? Will er selbst schreiben?«
»Er hat es versprochen. Bald, sogleich soll es geschehen — Näheres hat er meiner Frau gesagt, als ich fort war.«
»Wo ist denn überhaupt deine Frau? Soll man sie heute nicht mehr zu sehen bekommen?«
»Heute nicht mehr, denn es schlägt eben zwölf. Aber natürlich wollte sie noch ein bißchen hereinkommen. Bei solchem Ereignis muß sie doch mitreden. Und horch — da kommt sie schon mit den Gläsern!«
Ich trat ihr entgegen. Ihre Wangen waren gerötet, und ich glaubte eine leichte Verlegenheit in ihren Zügen zu lesen, als sie das Tablett absetzte und mir die Hand reichte.
Ich brachte nur die Worte hervor: »Wann — wann denn kommt der Gehirnspiegel zur Veröffentlichung?«
Sie sah mich mit den schönen Augen freundlich an und sagte verständnisvoll: »Nicht wahr, es ist eine große Sache? Aber etwas unheimlich. Und morgen — bestimmt morgen, sagte der Onkel, sende er sein Manuskript ab.«
»Morgen!« rief ich. »Das wird ein Wendetag in der Kulturgeschichte!«
»Morgen?« sagte Arwed. »Das ist ja schon heute!« Er hatte die Gläser gefüllt. »So laßt uns anstoßen auf die neue Kunst, auf den Gehirnspiegel!«
Die Gläser klangen zusammen. Gewohnheitsmäßig entfernte ich das abgelaufene Blatt vom Wandkalender. Er zeigte jetzt — den ersten April.
Zimmer. Erstes Tageslicht. Auf einem Tischchen die Taschenuhr, der Taschenkompaß, das Taschenbarometer und etwa vierzig andere Gegenstände aus den Taschen eines vorsorglichen Menschen.
U h r (sehr schnell): Ich bin die Zeit, ich bin die Zeit, ich bin die Zeit ...
K o m p a ß : Pst! Du atmest wieder einmal sehr laut.
U h r : Und Du wackelst wieder einmal unaufhörlich mit Deinem Zeiger. Ich fühl's in meiner Unruh'.
K o m p a ß : Und ich fühle Deine Unruhe in mir. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.
U h r : Die Unruhe ist zum Wackeln, aber der Zeiger ist zum bedächtigen Fortschritt. Ich weiß nicht, wie ein Ding, das einen Zeiger hat, das somit zum höheren Kulturwerk gehört, sich so gehen lassen kann. Hast Du überhaupt schon einmal nachgedacht, was Deinen Zeiger bewegt? Ich habe eine Feder, ich habe Räder, ich habe eine regelmäßige Drehung, ich gehe niemals rückwärts. Aber was hast Du? Gar nichts. Wenn Jemand an Dich stößt, drehst Du Deinen Zeiger wie verrückt im Kreise; jede Nähnadel versetzt Dich in Zuckungen. Und wenn Du ganz still stehst, da möchtest Du wohl mit dem Zeiger nach einer bestimmten Gegend weisen, aber Du kannst nicht ruhig sein — so ganz leise zittert er immer hin und her. Woher kommt das?
K o m p a ß : Ich weiß es nicht; es ist etwas in mir, das ich nicht kenne.
U h r : Du wirst zu stark geölt sein.
K o m p a ß : Ich weiß es nicht; es wird wohl etwas sein, das mich antreibt, aber es muß weit, weit fort sein. Ich träume davon — ich träume von einer Krone des Lichts und tausend, tausend hellen Strahlen, sie leben und weben ein fernes Geheimnis, und ich zittere im Sehnsuchtstraum und wende mich und strebe ihm zu und möchte' es schauen, möchte' es fassen — — aber es zuckt und leuchtet bald hier, bald dort, — mitleuchten möcht' ich im gleichen Strahl und schwanke leise, ich weiß nicht wie — —
U h r : Blödsinn! Einfach Blödsinn!
K o m p a ß : Es mag eine Uhr geben, viel millionenmal größer als Du, mit vielen Millionen Zeigern, — und ich mag nur so ein ganz kleiner Zeiger daran sein. Die Uhr mag immer vorwärts gehen so wie Du. Aber der ganz kleine Zeiger kann nicht folgen — und dann sind andere kleine Zeiger, die können es auch nicht. Und so kommen sie einander bald zu nahe, bald rücken sie von einander zu weit, und dann zittern sie und suchen das große Uhrwerk, daran sie sitzen, und das nennen sie träumen von — ja, von — —
U h r : Träumen! Das ist Dein ewig törichtes Gerede. Ich habe noch nie geträumt.
K o m p a ß : Nie?
U h r : Ich weiß nicht, was das ist. Man hat mich einmal nicht aufgezogen. Da blieb ich stehen, da hab' ich geschlafen. Aber geträumt habe ich nicht. Das giebt's überhaupt nicht. — Was war das?
K o m p a ß : Das war der Mensch, der träumt auch.
U h r : Nein, nein. Das war noch was anderes.
K o m p a ß : Dann war's wohl das Barometer.
U h r : Das könnte sein. Ist der Orakelprotz wieder einmal da? Der Mensch wird sich's doch nicht gekauft haben?
K o m p a ß : Was denkst Du? So etwas Feines, das kostet ja mehr als eine Uhr.
U h r : Na, na! Schneid' nicht so auf! Übrigens wäre es ganz überflüssig, ich lieb' es nicht. Aber wo mag er's nur herhaben?
G e l d b e u t e l (aus der Schublade): Er leiht sich's manchmal.
U h r : Geborgt! Hörst Du?
K o m p a ß : Ich hab's gern. Es hat etwas so Gefühlvolles, so was Unaussprechliches —
U h r : Ja, natürlich! Du kannst ohne Schwärmerei nicht auskommen. Freilich, ich bin dazu nicht zu haben — —
K o m p a ß : Still doch, es träumt!
B a r o m e t e r :
Ich weise die Tiefen,
Ich künde die Höh'n — —
Die Stürme, sie schliefen,
Es barg sich der Föhn.
Mit leisem Geplätscher
Der Quell lullt ein,
Es träumen die Gletscher,
Es schlummert der Stein.
Ich fühle die Schwüle —
Mich drückt es herab,
Das Wolkengewühle,
Der Berge Grab.
Sie stürzen und triefen
Im Wettergestöhn — —
Ich weise die Tiefen,
Ich künde die Höh'n.
U h r (leise): Im Vertrauen gesagt, Kompäßchen, das scheint mir noch verrückter als Du. Verstehst Du das vielleicht?
K o m p a ß : Ich verstehe ja überhaupt nichts. Aber es war so schön. Wenn ich nur wüßte, ob das Barometer auch ein Kompaß ist!
U h r : Na, eine Uhr ist's nicht, sonst würd' es nicht träumen.
K o m p a ß : Aber es hat doch einen Zeiger, der vorwärts rückt.
U h r : Siehst Du nicht, daß er dabei leise hin und her schwankt? Das tut der meine nicht. Und manchmal geht er auch rückwärts. Außerdem atmet es nicht wie ich: Ich bin die Zeit, ich bin die Zeit ...
K o m p a ß : Wenn's doch ein Kompaß wäre? Ob ich es einmal frage? Es kann träumen wie ich, nur daß ich's nicht so sagen kann, — — ich glaube, es ist jetzt ausgewacht.
B a r o m e t e r : Was willst Du kleiner Kompaß?
K o m p a ß : O, bitte um Entschuldigung, ich sprach nur eben mit meiner Freundin, der Uhr.
U h r : Der Kompaß bildet sich ein, wenn man einen Zeiger hat, müßte man träumen.
K o m p a ß : Die Uhr weiß gar nicht, was das ist.
B a r o m e t e r : Der Zeiger tut's nicht, der Atem tut's.
U h r . Nun, den hab' ich doch. Ich bin die Zeit, ich bin die Zeit ... ich atme in jeder Sekunde zweimal, das macht im Jahre an die Zweiundsechzigmillionenmal. Wenn ich's so oft sage, wird's doch wahr sein.
B a r o m e t e r : Mußt hemmen können den eigenen Atem, mußt atmen den großen Atemzug, der um die Erde weht, — mußt zerrinnend bestehen.
U h r : Die reine Pythia!
K o m p a ß : Ach ja, mir kommt es manchmal so vor, als ob etwas in mir atmete, das weit draußen strömt um den Erdball — und dann muß ich zittern.
U h r : Ich zittere auch, wenn draußen der eiserne Wagen vorbeirumpelt; aber freilich nicht mit dem Zeiger wie der Wackelkompaß, und ich bin froh, daß ich nichts dabei träume. Das muß fatal sein. Man ist nicht bei sich selbst. Mich würd' es unglücklich machen.
B a r o m e t e r : Mußt zerrinnend bestehen.
K o m p a ß : Wie das?
B a r o m e t e r : Kennt ihr den Gletscher?
U h r . Oberflächlich. Wir haben wenig Gelegenheit, etwas zu sehen. Bei Tage bleiben wir ja meistens in der Tasche stecken, ausgenommen die Münzen im Beutel.
G e l d b e u t e l (aus der Schublade): Die kommen aber nie wieder zurück.
B a r o m e t e r . Vom Föhn weiß ich's, als er neulich herabfuhr. Aber ich kannte ihn selbst, den Felsen am Gletscherrand; ich war einmal droben bei ihm. Eine Klippe ist's, hineingereckt in den Eisstrom. Langsam, langsam drängt sich's an ihm vorbei, das kalte Kristall, und poliert die Steinwand; die glänzt im Sonnenschein und wird warm, und das Eis schmilzt an der Seite des Felsens, die Bächlein rinnen an ihm nieder und sickern in seine Spalten und graben sich durch den Gletscherfuß.
Wenn aber die Nacht kommt, die klare Sternennacht, dann streckt der Fels sein Haupt über die Nebelstreifen empor zum Himmel, und seine Wärme zittert hin durch den dunkelen Raum, dort, wo die Nacht sie trinkt, die ewig frierende Nacht. Dann ordnen sich die Eiskristalle in den Spalten zum zierlichen Reigen, sie dehnen und strecken sich und knistern und drängen mit Macht gegen die Wände, und es springt der Spalt, und es stöhnt der Stein. Aber der Fels weiß nichts davon; denn alles ist starr in ihm.
Nur am Tage, wann die weißen Nebel im Morgenkuß errötend zu Tale sanken, wann die Wasser glitzernd im Sonnenschein springen, dann drängt sich der Gletscher wieder dem Felsen an die Seite und knirscht und raunt: Komm' mit, komm' mit zu Tale! Sieh', wie ich wandere, wie ich gleite! Von der kalten Höhe zum warmen Grund. Blick hinab auf die saftigen Matten, sieh' den grünen Teppich, den ich benetze und nährend tränke mit meinen Wässern! Das bin ich da unten, vermählt mit dem Sonnenschein, was in den weichen Blumen aufsprießt und heraufgrüßt gelb und blau und rot zu den harten, weißen, grauen Massen, ans denen es strömte. Warum machst Du es nicht wie ich?
Auch ich rage hinauf in die einsame Höhe und tausche mit den Sternen den Äthergruß. Aber in der goldenen Sonne wandle ich mich zum flüssigen Leben. Sieh', wie das Tal sich schmückt mit meiner Schönheit! Mich sucht der Mensch und trägt mich heim, und in tausend Gestalten lebt mein Ruhm durch wirkende Geschlechter.
Meine Wasser fließen zusammen zum breiten Strom, zum wogenden Meer. Sie ziehen wieder herauf im Gewande der Luft und sinken auf mich in weißen Sternen zur neuen Nahrung eisiger Stärke. Mein Leben füllt sich mit dem ihren, in mir rauscht das Lied ihres bunten Wandels. So träume ich hier oben das Schaffen der Tiefe, so freue ich, erstarrt und fern, mich im Eise warm flutenden Glücks. Warum willst Du nicht schmelzen, nicht fließen wie ich?
So sprach der Gletscher. Da stöhnte der Fels, und seine Spalten krachten; ein Steinregen rieselte über den Gletscher. O, wenn ich schmelzen könnte! so klang es aus der Klippe. Ja, ich will schmelzen wie Du, ich will niederrinnen ins Tal; denn ich will auch träumen gleich Dir von dem Glück der lebendigen Tiefe — — Ich will schmelzen! Ich bin älter als Du, ich bin fester als Du, so dauert's wohl länger bei mir. Aber ich habe Zeit. Schon viele Deinesgleichen sind an mir vorübergeschmolzen, dereinst schmelze auch ich.
Und jedes Frühjahr, wann der Schnee über ihm in den Sonnenstrahlen sich lichtete, wann die lauen Lüfte die Eiskrusten zerrinnen ließen, da meinte der Fels, jetzt werde die Wärme auch ihn erreichen, jetzt werde er sich lösen wie das starre Eis. Wie wird er nur aussehen? Wie das Wasser, das keine Farbe hat? Oder rot und glühend, wie er es einst vor unermeßlichen Jahren drüben am Rundberg aus der Spalte quellen sah? O, das müßte schön sein! — Und der Sommer ging, der Föhn stürmte, die Güsse rauschten, Steine schlugen herab, aber der Felsen schmolz nicht.
Der ewig schmelzende Gletscher aber nagte mit seinem klingenden Bach am Fuße der Klippe; und da er nagte seit Jahrtausenden, so hatte er den Fuß zersägt bis aus eine schmale Leiste. Komm' mit und schmilz! So drängte er wieder. Das war in der letzten Föhnnacht, da der Stausee das Eis zerriß, da die Berge glitten, — da brach die Klippe, da rollte der Fels, da stürzte er nieder zu Tale, mit hundert Trümmern bedeckte er das grüne Feld. Der geschmolzene Gletscher entfloh in schnellen Sprüngen zum Flusse, zum Meere; die Steine aber blieben liegen und schmolzen nicht — und träumten nicht.
U h r : Ist's zu Ende?
K o m p a ß . Was mußt Du immer reden? Nun sagt es nichts mehr.
U h r : Ich sage nur, daß der Fels sehr dumm war. Wenn man eben weiß, daß man nicht träumen kann, da muß man's auch nicht versuchen. Ich möchte nicht hinabstürzen.
K o m p a ß : Da hast Du sehr Recht, denn Du würdest auch in Trümmer gehen.
B a r o m e t e r : In Splitter.
U h r : Das wäre schade um mich.
B a r o m e t e r : An Felsentrümmern schäumen die Gletscherbäche.
K o m p a ß : Ich will auch nicht träumen wie der Gletscher. Ich lasse mich ruhig in die Tasche stecken, ich schmelze nicht und ich fließe nicht, aber wenn mich dann der vorsorgliche Mensch still hinsetzt, so weht's in mir von den unbekannten Fernen, und dann träume ich doch.
B a r o m e t e r : Ein Jeder nach seiner Atemkunst. Wir Zeigerwesen atmen mit dem großen Erdball, wir verraten dem Menschen den Götterodem, und dabei zittern wir mit im großen Geheimnis.
U h r : Geheimnis hin, Geheimnis her! Wenn mein Atmen nicht sicherer ginge als Euere Geheimnisse, was sollte aus dem Menschen werden? Der träumte den ganzen Tag. Aber so werde ich mein Orakel zur rechten Zeit loslassen.
K o m p a ß : Wozu ist's auch nötig, daß wir schmelzen oder stürzen wie Eis und Fels? Tut es denn der Mensch? Und doch kann er träumen, nicht wahr?
B a r o m e t e r : Was weißt Du vom Menschen? Er kann alles. Er kann atmen wie die Uhr, er kann träumen wie wir, er kann schmelzen wie das Eis, er kann stürzen wie der Fels.
U h r : (ganz laut): Rillerillerillerillerillerillerille. ...
B a r o m e t e r : Potz Cyklone und Minimum! Was ist denn das?
U h r : Das ist mein Wecker. Ich bin die Zeit, ich bin die Zeit. ...
M e n s c h (hinter der Szene): Schon so spät? Was haben wir denn heute? Wahrhaftig, ein Glück, 's ist Sonntag! Da hab' ich noch Zeit, meinen Traum aufzuschreiben.
D e m o p h a n e s : Ich verstehe dich nicht, mein Archimedes. Wie magst du immer über diesen eintönigen Linien brüten? Was sollen sie dich lehren, die nüchternen Zahlen? Und wenn du diesen Kreis ausgemessen, wenn du die Sandkörner am Meeresstrande gezählt hast, was hast du errungen?
A r c h i m e d e s : Ein Ewiges hab' ich erkannt, mein Demophanes.
D e m o p h a n e s : Ewig ist die Schönheit, die in meiner Seele glüht, die mir Himmel und Erde zu eigen macht, wenn der Gott in mir spricht. Dann bin ich's selbst, der in den purpurnen Abendwolken leuchtet, bin Zeus —
A r c h i m e d e s : Lehrte nicht euer großer Meister, daß der Gott immer nach den Gesetzen der Mathematik verfährt?
D e m o p h a n e s : Gerade das scheint mir des Meisters schwächste Seite. Was hat er damit erreicht? Doch ich vergesse das Ehrengeschenk des Königs, das du empfingst, als du seine Krone im Wasser gewogen und den Betrug des Goldschmieds erkannt hattest.
A r c h i m e d e s : Ich frage nicht, was ich mit meiner Forschung erreiche. Nur um der Wahrheit willen forscht dies Haupt. Wenn dann die Erkenntnis goldne Früchte reifen läßt, die mit Händen zu greifen sind, für mich oder für andre, wenn sie lehrt, wie die Maschine mit der Kraft von hundert Männern hebt, so ist es ein Gewinn nebenher, den die Wahrheit mit sich bringt, weil sie ein Gut für sich ist.
D e m o p h a n e s : Haha! Was für ein Gut? Was sind diese trockenen Figuren? Was für eine Wahrheit können sie dich lehren?
A r c h i m e d e s : Das Gesetz, wodurch Erde und Himmel sind und wandeln, und der Menschen Schicksal bestimmt wird nach urewigem Ratschluß.
D e m o p h a n e s : Es ist ein Gesetz, das draußen bleibt und fremd und kalt mich anschaut, wie die eisige Nacht des Chaos, daraus es gestiegen.
A r c h i m e d e s : Aus der es den Kosmos heraufbaut.
D e m o p h a n e s : Dort nicht, dort nicht! Hier in dieser pochenden Menschenbrust ist der Kosmos. Hier schau' ich das Weben der Götterkräfte, hier sproßt der Rhythmus des lebendigen Lieds, hier braust die zündende Leidenschaft, hier nur vermagst du zu fühlen, zu ahnen, wie sich Welten gebären in Liebe und Haß.
A r c h i m e d e s : Ich ehre und liebe den Gott, der auch in meinem Herzen lebt, aber zu fassen vermag ich ihn dort nicht. Erkennen läßt er sich nur in seinen Werken.
D e m o p h a n e s : Schafft er nicht auch in meiner Brust?
A r c h i m e d e s : Bewegt der Wille das Wasserrad? Kann ich die Last mit meinen Augen heben? Was ich heute fühle, morgen mag es geschwunden sein, Liebe verkehrt sich in Haß. Nur das Gesetz besteht.
D e m o p h a n e s : Was kümmert mich das Gesetz? Ich schaffe die Welt aus meinem Herzen heraus.
A r c h i m e d e s : Ohne das Gesetz? O Demophanes! Nicht jene Mauer vermagst du aufzuführen, kennst du nicht das Gesetz des Gleichgewichts.
D e m o p h a n e s : Ich fühle die Kräfte, wie sie sich in mir gestalten, fesseln, erzeugen. So bau' ich die Welt nach meinem innern Gesetz.
A r c h i m e d e s : Sie würde bald zusammenstürzen und du mit ihr, wenn du das Gesetz des Maßes nicht achten wolltest.
D e m o p h a n e s : Wohl das der Harmonie meines Gefühls. Um deine toten Zahlen und Linien sorge ich nicht.
A r c h i m e d e s : So ist es nur gut, daß Zeus dafür gesorgt hat.
D e m o p h a n e s : Ich wünschte, er gäbe mir seine Macht und behielte dein Gesetz.
A r c h i m e d e s : Frevle nicht, Demophanes!
D e m o p h a n e s : Warum schuf er mich so klein, daß ich über die Pinie nicht hinwegblicken kann? Nicht mit dem Auge von hier bis ans Meer und über die Länder, ich, dessen weite Seele die Welt in sich aufnimmt! Warum gab er uns diesen Zwergenleib?
A r c h i m e d e s : Weil du nicht für dich allein da bist, sondern nur bestehst als ein Glied, eingebaut in das gesetzliche Gefüge des Kosmos; weil dann deine Knochen, deine Muskeln, all deine Organe ganz anders abgewogen sein müßten; weil du als Mensch gerade diese Aufgabe erfüllen sollst, und nicht andere.
D e m o p h a n e s : Mir genügte es, wollte er mich nur auf das Dreifache, Zehnfache, Hundertfache meiner Körperhöhe vergrößern. Was geht mich das andere an? Darüber eben will ich hinwegblicken.
A r c h i m e d e s : Wenn du zehnmal so lang wärst, so müßtest du auch zehnmal so dick und breit sein, so würde dein Gewicht auf das Tausendfache ansteigen; deine Knochen vermöchten aber nur das Hundertfache deiner jetzigen Last zu tragen.
D e m o p h a n e s : Wieso?
A r c h i m e d e s : Das Gewicht wächst mit der Größe wie der Würfel, der Widerstand gegen das Zerbrechen aber nur wie die Fläche.
D e m o p h a n e s : Ich verstehe deine Zahlen nicht und lache ihrer. Winkte mir Zeus Erhörung, gäbe er mir nur die Wahl meiner Höhe, ich wollte es darauf ankommen lassen.
A r c h i m e d e s : Besinne dich, Demophanes!
D e m o p h a n e s : Ich aber flehe dich an, o Zeus!
A r c h i m e d e s : Erhabner Gott, versag' ihm seine Bitte.
D o n n e r s t i m m e : Sie ist gewährt!
A r c h i m e d e s : Bei allen Göttern, Demophanes, ich warne dich!
D e m o p h a n e s : Dreifach! Ha! Wie ich steige! Über die Mauer blickt mein Haupt. Drunten liegt die Stadt, der Hafen leuchtet — nur jener Felsen noch im Norden verbirgt mir des Ätnas weißes Haupt — — Zehnfach!
A r c h i m e d e s : Ich fliehe.
D e m o p h a n e s : Zehnfach! O Wonne! Nun schau' ich frei! Ich komme zu dir, deinesgleichen, Hephästos! Über die Lande blick' ich, ich will sie zerstampfen mit meinen Füßen, die rohe Welt der Körper, und neu aus mir flute die freie Schönheit, der reine Wille. — — O, wie es reißt und zieht mit schneidenden Fesseln an meinen Gelenken! Doch dieser Fels diene mir zur Stütze! So! Ein Werde will ich rufen dem jungen Kosmos, der frei von Zahlen — — Wehe, wehe! Doch ich will! — Hundertfach verhieß mir der Gott — — Ha! Ans blaue Gewölbe des Äthers möcht' ich pochen — ein Schritt — o Zeus, Zeus! Hilfe! Der Schmerz — — ich — —
(Er bricht zusammen.)
Vor der künstlichen Grotte im winterlichen Park stand die junge T a n n e . Die Sterne leuchteten durch die stille Luft. Klar hatte sich der Abend herabgesenkt — der Weihnachtsabend.
Über die beschneite Wiese und den gefrorenen Teich, zwischen den kahlen Ästen der hohen Buchen, strahlten helle Fenster einzelner Häuser, und ein undeutlicher Lichtschimmer hinter ihnen verriet die belebte Stadt. Aber verlassen lagen die Wege des Parks.
»Da prangen sie wieder im Festschmuck,« murrte die Tanne, »all die grünen Schwestern, die man hereingebracht hat vom Lande, vom rauhen Walde. Mit silbernen Streifen sind sie geschmückt und mit funkelnden Kerzen, den Tag des Lichtes zu feiern. Und ich, die ich hier stehe im fürstlichen Park, ich, an der morgen so viele geputzte Menschen vorüberwandeln werden, ich bleibe ungeschmückt und verlassen.«
»Gräme dich nicht,« tönte es leise in der Luft. »Ich schmücke dich.«
»Wer bist du?« fragte die Tanne.
»Fühlst du es nicht an den Spitzen deiner Blätter, wie meine kühle Hand dich streichelt? Der R a u h r e i f bin ich. Schon schimmern an deinen Zweigen kleine blitzende Kristalle.«
»Aber es sind keine Lichter,« sagte die Tanne mürrisch. »Ich will drüben in dem stattlichen Hause auf der großen Diele stehen, wo die Menschen mich anstaunen und mir huldigen.«
»Dir huldigen? O nein, du ständest nur dort, ihnen zu dienen zum Glanze ihres Festes. Denn die Menschen sind es, die dieses Fest feiern, die heilige Nacht. Ihnen ist sie heilig; ihnen wiederholt sie das befreiende Bewußtsein, daß sie alle zusammengehören, daß sie füreinander stehen im gemeinsamen Dienste der Arbeit und der Liebe. Und solches Heil kommt nur den Menschen zu.«
»Belehre mich doch nicht, weiser Rauhreif. Ich weiß es besser. Ich habe die Vorträge der klugen Eule gehört, die hinten in der Grotte wohnt und manche Sommernacht auf meinen Ästen ausruhte. Es ist das große Fest der Wiederkehr des L i c h t s , das sie begehen. Und mit ihnen feiert es alle Natur hier draußen. Vorüber ist der kürzeste Tag. Nun mehrt sich wieder der Sonnenschein über dem Lande. Bald saug' ich neu und kräftiger die Luft durch meine Nadeln und bereite die jungen Triebe zum Ergrünen vor. Neues Leben wird durch die Welt fluten. In dieser Erwartung freuen wir uns alle. Es ist kein Fest nur für die Menschen, und ich sehe nicht ein, warum ich's nicht für mich feiern soll.«
»Ganz recht,« sagte der Rauhreif. »Das bestreite ich dir nicht. Aber du siehst nur die eine Seite der Sache, den äußeren Anlaß. Die ganze Tiefe dieser Wiedergeburt vermagst du nicht zu durchschauen, weil du kein Mensch bist.«
»Bist du es vielleicht?«
»Ich bin es nicht, aber ich bin etwas, das allen Menschen gemeinsam ist wie das heilige Gefühl, das ihnen in dieser Nacht lebendig ward. Ich bin die lebendige Luft, ich bin der Atem. Psyche nannten mich die Alten, denn ich bin die Seele die durch die ganze Menschheit atmet. Ich ziehe durch die Körper der Menschen, solange sie leben, und ströme um das Rund der Erde und verbinde Mensch mit Mensch. Sie atmen mich ein und aus. Durch die Menschheit lauf' ich meinen belebenden Kreis. Und so weiß ich alles, was ihnen allen zukommt. Und siehe, in dieser Nacht wird es ihnen bewußt, daß sich jeder als Mensch dem andern schuldig ist, weil der eine nichts ist ohne den andern. Wie ich sie umschlinge mit dem gemeinsamen Hauch meines Atems, so sind auch ihre Herzen zusammengeschlossen durch ein unsichtbares Band, ohne das sie nichts weiter wären als die lichtdurstenden Teile der Natur. Und in dieser Nacht erglüht dieses Band warm in den Menschenherzen, daß sie es spüren als eine weltzwingende Macht, als Menschenliebe. Und darum können sie dieses Fest nur feiern in der Gemeinsamkeit. Wer heute einsam ist, der ist nicht froh in seiner Menschenart, dem glühen die Lichter nicht am Baum.«
»Noch glaub' ich's nicht, was du sagst. Aber sieh, da naht ein einzelner Mensch. Ich sah ihn oft am Abend hier wandeln mit einem anderen Wesen. Seit einiger Zeit kommt er allein. Und du glaubst, daß er das Fest nicht feiern könne?«
»Laß uns hören. Er ist ein D i c h t e r . Und Dichter können wir Naturgeister vernehmen, auch wenn nur ihre Seele spricht.« —
Der einsame Wanderer blieb unter der Tanne stehen und blickte hinüber nach dem Lichtschimmer der Stadt. Und der Rauhfrost und die Tanne hörten, was in ihm sprach.
»Tag der Freude,
Weltbeglückender
Bote der segnenden
Allumfassenden Menschenliebe!
Bebende Hoffnung
Späht aus glänzenden Kinderaugen
Selig entgegen dir,
Und die einsame Träne
Auf der Wange der Armut rinnt
Dir in zitterndem Danke.«
»Hörst du?« rief die Tanne triumphierend. »Er preist das Fest, und dennoch ist er allein.«
»Merkst du nicht,« entgegnete der Rauhreif, »daß seine Seele traurig ist? Laß uns weiter lauschen.«
Der Mann trat hinter der Tanne in den Eingang der Grotte. Dort stand er lange, dicht in seinen Mantel gehüllt, und blickte hinaus in die Nacht.
In seiner Seele aber klang es leise:
»Holde Weihnacht!
Warum mir,
Mir verbirgst du das Glück,
Mir der Liebsten
Lächelndes, süßes Antlitz?
Uns versagst du
Freundlicher Gaben
Freien Tausch,
Den Dankesblick
Unter der häuslichen Tanne?
Ach, unsre Tannen
Stehen draußen im weißen Nebel
Der winterlichen Mondnacht
Im Rauhreif schimmernd,
Und nur durch ihrer Schatten kalte Stille
Menschenfern und einsam
Flammt zu unsern Häupten
Der Stern der Liebe.
Doch tief im Herzen,
Wisse, mein Lieb,
Erricht' ich heimlich,
Der Welt verborgen,
Für dich allein
Den Weihnachtsbaum.
In meiner Seele
Tiefinnerstem Grunde
Steht er gewurzelt
Mit treuen Gedanken.
Und fest und sicher
Empor zum Lichte
Hebt sich der Stamm
Hoffnungsfroher Liebe.
Leise schwankt
Sein grünes Gezweig
Im Hauche der Sehnsucht,
Geliebter Nähe
Entgegenstrebend.
Schimmernder Blüten
Zierlichen Schmuck,
Süßeste Gaben,
Hast du mit tausend Küssen,
Tausend zärtlichen, lieben Worten
Angeheftet an seine Zweige.
Goldne Früchte
Leuchten dazwischen:
Klingende Lieder,
Durch deine Huld
Hervorgezaubert aus meiner Seele.
Und alles durchstrahlt
Ein himmlischer Schein
Vom Glanze der Kerzen,
Den deiner Augen
Wonnige Blicke,
Wohin sie treffen,
Glühend entzünden!
Mein Lieb!
Freundlich empfange
Den festlichen Baum,
Den du bereitet
Mit eigner Seele,
Empfang' ihn wieder
Von deinem Freunde,
Der dein gedenkt.
Menschenfern und einsam
Flammt zu unsern Häupten
Der Stern der Liebe.
Doch tief im Herzen,
Wundersam und groß,
Wie über Palmen einst
Den irrenden Weisen strahlend,
Winkt er Verheißung auch uns
Durch das Geheimnis
U n e n d l i c h e r L i e b e .«
Die Schritte des Mannes waren längst verklungen, und noch immer schwieg die Tanne. Denn sie dachte nach, und das ging nicht so schnell. Endlich aber sagte sie zum Rauhreif:
»Ich habe doch recht. Du meintest, der einsame Mensch könne dieses Fest nicht feiern. Dieser Mensch aber ist einsam, und er feiert es doch. Er richtete den Baum auf in seinem Herzen, und er ging davon wie ein Festesfroher, denn er traute auf die Verheißung des Sterns.«
»Und ich habe doch auch recht,« antwortete der Rauhreif milde und setzte Kristall an Kristall auf den dunkeln Tannennadeln. »Jener Mann war eben nicht einsam. Das gerade ist die Verheißung dieser Nacht, daß der Mensch nicht verlassen ist. Du darfst nur das Zusammensein nicht so ängstlich deuten wie das Beieinanderstehen der Bäume im Walde. Die Menschen haben noch ein andres Zusammen als durch den Raum und durch die Wirkung des Naturgesetzes. Einsam ist nur der, der ohne Menschenliebe ist, ob das nun die Liebe des Dichters sei, oder die Liebe von Eltern und Kind, oder von Freunden, oder zu irgend der Geringsten einem, dem das Wunder des Menschenseins gegeben ist. Solch ein Armer kann den Baum nicht aufrichten. Wer aber nach der Menschenliebe sich s e h n t , dem werden die Lichter glänzen. Denn was sonst nur dem Dichter gewährt ist, das gab die heilige Nacht einem jeden, erfüllt zu sehen sein Vertrauen, zu e r l e b e n der Liebe Macht in tiefster Menschenbrust. Und das ist die Freude, die ins Menschenherz zieht in der Weihenacht. Darum traute der Mann auf den Stern.«
Die Tanne besann sich und sprach dann leise:
»Das wäre ein großes Wunder, das den Menschen in dieser Nacht geschenkt ist. Hat es denn nicht immer die Liebe gegeben? Haben die Menschen nicht immer darauf getraut? Warum knüpfst du dies Geheimnis an die heilige Nacht?«
»Freilich« erwiderte der Rauhfrost, »immer sind Menschen gewesen, die das Gute taten um der Liebe willen, viele doch aber nur um des Gebotes willen. Und dann fragt der Mensch nach des Gebotes Ursprung und Erfolg, worauf er seine Zuversicht stütze. Sonst gleicht seine Tat euern Samenkörnchen, die der Gunst der Winde anvertraut sind, ob sie einen Boden finden, darin sie wurzeln können. A u ß e r dir liegen die Bedingungen, ob dein Geschlecht gedeihe; über dir schwebt das große Gesetz des Lebendigen, und du bist ihm ausgeliefert, wie es mit dir verfahre. Du weißt nicht, was das Gesetz will, denn du bist sein Werk.«
»Nun gut, was kümmert es mich?«
»Aber den M e n s c h e n kümmert es. Wohl mag er dem Gesetz folgen, das von ihm das Gute fordert, aber es konnte ihm nicht genügen, daß es außer ihm lag als ein Gebot. Denn er verlangt nicht nur das Leben, er verlangt Freiheit und Würde. Und die konnte er nicht eher gewinnen, bis in der Menschheit das Flammenwort aufblitzte: d a s f o r d e r n d e G e s e t z , d a s b i s t d u s e l b s t ; du willst es und du allein trägst die heilige Verantwortung für seine Erfüllung; bis die Stunde kam, da das Gesetz Mensch ward. Es muß der Mensch geboren werden, in dem die Fülle der Gottheit lebt, daß er freiwillig auf sich nimmt, daß Gesetz zu erfüllen bis in den Tod. In allen Menschenherzen muß die klare Mahnung geschrieben sein: Das Recht des Lebens erwirbst du nur, indem du es für die M e n s c h h e i t lebst. Das ist deine Freiheit und deine Würde.«
»Und das geschah in der heiligen Nacht?« fragte die Tanne.
»Auch von der Zeit mußt du dir das Wesen der Menschen freier denken als dein Blühen und Früchtetragen. Sein Ziel ist dem Menschen gewiesen zu jeder Zeit und überall, wo das hohe Wort in ihm redet: Ich bin frei, denn ich nehme das Gesetz auf in meinen Willen. Aber das ist eine Tat, so groß und gewaltig, daß sie dem kleinen Menschen nicht so leicht gelingen kann. Es ist eine Idee, die ihm bewußt werden muß.«
»Höre auf, Rauhreif!« rief die Tanne. »Du wehst hier nicht durch die Seele eines tiefsinnigen Menschen, du wehst in der Winternacht um Tannenzweige. Was soll das m i r ? «
»So denken auch der Menschen viele. Was soll das m i r ? Was tue ich mit einer Idee? Und darum, damit sie wirken kann, die Idee, in allen Menschen, zu allen Menschen, muß sie gewandelt werden in ein G e f ü h l . Sie muß lebendig werden im Menschenherzen, in Sehnsucht, Hoffnung und Vertrauen. Dieses Gefühl ist die L i e b e z u r M e n s c h h e i t . Und lebendig wird es den Menschen an den erhabenen Beispielen, die in ihrer Geschichte auftauchen. Aus ihnen strömt in die Gemüter die Gewißheit: Es ist möglich! Aus ihnen quillt die Hoffnung: Es wird gelingen! Von ihnen verbreitet sich das Vertrauen: Dein Ringen ist nicht vergebens! Es gibt eine unendliche Liebe zur Menschheit, der der Sieg gehört über alle Not des Lebens. Es gibt eine unendliche Zukunft. Erringe sie!«
»So ist es dies,« fragte die Tanne, »woran die Menschen in dieser Nacht sich mahnen?«
»Sie knüpfen das Fest der Menschenliebe an das erhabenste Beispiel, damit ihnen immer aufs neue erweckt werde der Ruf: Ihr gehöret einander!«
»Nun denn,« begann die Tanne nach langem Schweigen, »so will ich das Fest den Menschen lassen. Mir ist es zu groß.«
»Du hast wohl recht,« sprach der Rauhreif leise. »Doch mußt du nicht glauben, daß es zu groß sei für die Menschen. Denn sieh, das gerade ist das tiefe Geheimnis der heiligen Nacht: Was zu verstehen so groß ist, daß es der Menschen selbst nur wenige erfassen, das ist so einfach zu erleben, daß es in jedem Kinderherzen aufleuchtet. Willst du's verstehen, so brauchst du Gründe. Aber die Liebe braucht sie nicht. Der Glaube braucht sie nicht. Sie sind durch sich selbst und tragen die Freude in sich selbst. Und um der Freude willen strahlen deine Schwestern im Lichterschmuck.«
»Sie mögen strahlen. Ich bin eine Tanne im Park. Ich freue mich des Lichts, das nun kommen wird. Mögen die Menschen sich dessen freuen, das sie haben.«
»Und doch,« sprach der Rauhreif, »wenn morgen die ersten Sonnenstrahlen durch die Nebel brechen, wirst auch du leuchten im Festesschmuck. Die Eisnadeln krönen dein Haupt mit Demantglanz. Denn nicht umsonst streift mein Atem durch Menschenherzen wie durch Winterfluren. Auch du gehörst zu der großen Einheit, die lebt und webt im rastlosen Wandel der Zeit, auch du bist gewachsen, damit das werde und bestehe auf Erden, dem alle Wesen dienen: L i e b e ! «
Nun setze dich endlich einmal her, Max,« sagte der Professor Wallhausen, »es ist wirklich nichts für deine Zeitschrift unter meinen Papieren. Was darf ich dir eingießen, Wein oder Bier?«
Max Burkel trat an den Tisch und zog die Augenbrauen bedächtig in die Höhe. Dann ließ er seine kräftige Figur behäbig auf dem Lehnstuhl nieder und sprach:
»Eigentlich bin ich Temperenzler geworden. Aber auf Reisen — ich sehe, ihr habt da so ein prächtiges Kulmbacher — ach, ich danke sehr, liebes Fräulein — nicht so voll! Na, wohl bekomm's, alter Knabe, verehrte Freundin! Prosit, Fräulein Briggen! Das ist riesig gemütlich, daß ich wieder einmal bei dir sitze. Aber, da hilft nun nichts, schreiben mußt du mir doch etwas.«
»Weiß augenblicklich wirklich nichts. Es wird überhaupt schon so entsetzlich viel Überflüssiges geschrieben und leider auch gedruckt —«
»Das brauchst du einem geplagten Redakteur wahrhaftig nicht erst zu sagen. Es fragt sich nur, was davon das Überflüssige ist. Darüber sind Publikum und Autor sehr verschiedener Ansicht. Und unsereiner trifft immer gerade das, was die Kritik für überflüssig hält. Ha, ich freue mich« — und er rieb sich vergnügt die Hände — »daß mein Vertreter noch drei Wochen für mich schwitzen muß.«
»Ich wundere mich,« begann die Hausfrau, »daß Sie überhaupt immer noch etwas Neues zu drucken haben. Ich dächte, es müßte nun so ziemlich alles durchprobiert sein, was Sie mit Ihren paar Lettern zusammenstellen können.«
»Das ist eigentlich wahr, Frau Professor — sollte man denken — aber, der menschliche Geist ist unerschöpflich —«
»In Wiederholungen — meinen Sie.«
»Gott sei Dank, ja!« lachte Burkel. »Aber doch auch an Neuem.«
»Und trotzdem,« bemerkte der Professor, »vermag man alles in Lettern darzustellen, was der Menschheit jemals gegeben werden kann an geschichtlichem Erlebnis, an wissenschaftlicher Erkenntnis, an poetischer Kraft, an Lehren der Weisheit. Wenigstens, soweit es sich in der Sprache ausdrücken läßt. Denn unsere Bücher vermitteln doch tatsächlich das Wissen der Menschheit und bewahren den Schatz, den die Arbeit des Denkens gehäuft hat. Die Zahl der möglichen Kombinationen gegebener Buchstaben ist aber begrenzt. Also muß alle überhaupt mögliche Literatur sich in einer endlichen Anzahl von Bänden niederlegen lassen.«
»Na, alter Freund, da redest du wohl wieder einmal mehr als Mathematiker denn als Philosoph. Wie soll das Unerschöpfliche endlich sein?«
»Erlaube, ich will dir gleich ausrechnen, wieviel Bände die Universalbibliothek haben wird.«
»Du, Onkel, wird's sehr gelehrt?« fragte Susanne Briggen.
»Aber Suse, für eine junge Dame, die eben aus der Pension kommt, ist doch nichts zu gelehrt?«
»Danke schön, Onkel, aber ich fragte eigentlich nur, um zu wissen, ob ich mir meine Handarbeit dazu holen soll, weil — ich dann besser nachdenken kann, weißt du.«
»Aha, Schlauköpfchen, du wolltest eigentlich wissen, ob ich eine sehr lange Rede halten werde. Ich denke gar nicht dran. Doch du könntest mir dort den Bogen Papier geben und den Bleistift.«
»Bringen Sie nur auch gleich die Logarithmentafel mit,« bemerkte Burkel trocken.
»Um Gottes willen,« wehrte die Hausfrau.
»Nein, nein, ist nicht nötig,« rief der Professor. »Und mit der Handarbeit brauchst du nicht zu protzen, Suse.«
»Hier hast du eine bequemere,« sagte die Hausfrau und schob ihr die Schale mit Äpfeln und Nüssen hin.
»Danke,« antwortete Susanne, und ergriff den Nußknacker. »Nun nehme ich's mit deinen härtesten Nüssen auf.«
»Jetzt kann erst einmal unser Freund reden,« begann der Professor. »Ich frage: Wenn man sich knapp einrichtet und auf besondere ästhetische Darstellung durch verschiedene Schriftgattungen verzichtet, auch mit einem Leser rechnet, der es nicht zu bequem haben will, dem es nur auf den Sinn ankommt —«
»Aber den gibt's ja gar nicht.«
»Nun, nehmen wir ihn an. Wieviel Lettern wird man für die gesamte schöne und Unterhaltungsliteratur brauchen?«
»Na,« sagte Burkel, »beschränken wir uns auf die großen und kleinen Buchstaben des lateinischen Alphabets, die gebräuchlichen Interpunktionszeichen, die Ziffern und — nicht zu vergessen — das Spatium —«
Susanne blickte fragend von ihren Nüssen auf.
»Das ist die Type für den Zwischenraum, wodurch der Setzer die einzelnen Worte auseinander hält und die leer bleibenden Stellen ausfüllt. Das wäre also nicht zu viel. — Aber für wissenschaftliche Bücher! Was habt ihr Mathematiker für eine Masse Symbole!«
»Da helfen wir uns durch Indizes, durch kleine Zahlen, die wir oben oder unten an die Buchstaben des Alphabets setzen, wie a, a, a usw. Dazu brauchen wir nur noch eine zweite und dritte Reihe der Ziffern von 0 bis 9. Ja dadurch könnte man sogar bei ausreichender Verabredung beliebige fremdsprachliche Laute darstellen.«
»Meinetwegen. Ich will auch das deinem Idealleser zutrauen. Dann schätze ich, daß wir allerdings nicht mehr als etwa hundert verschiedene Zeichen nötig haben, um alles Denkbare durch die Schrift ausdrücken zu können.«
»Nun, sieh mal an. Und wie stark wollen wir einen Band machen?«
»Ich meine, man kann schon recht erschöpfend über ein Thema schreiben, wenn man einen Band von fünfhundert Seiten damit anfüllt. Denken wir uns auf der Seite etwa 40 Zeilen mit 50 Buchstaben (wobei natürlich Spatien, Interpunktionen usw. stets mitgezählt sind), so bekämen 40 x 50 x 500 Buchstaben für einen solchen Band, das gibt — Ja, das kannst du lieber ausrechnen.«
»Eine Million,« sagte der Professor. »Wenn man also unsere 100 Zeichen, beliebig oft wiederholt, in irgendeiner Ordnung so oft zusammenstellt, daß sie einen Band von einer Million Buchstaben füllen, so wird man irgendein Schriftwerk bekommen. Und wenn man all e m ögl ich e n Zusammenstellungen sich denkt, die überhaupt in dieser Weise rein mechanisch gemacht werden können, so hat man genau sämtliche Werke, die jemals in der Literatur geschrieben worden sind oder in Zukunft geschrieben werden können.«
Burkel schlug den Freund kräftig auf die Schulter.
»Du, auf die Universalbibliothek abonniere ich. Dann habe ich ja sämtliche zukünftigen Bände der Zeitschrift schon fix und fertig in der Druckvorlage. Ich brauche mich um keine Beiträge zu kümmern. Das ist ja prachtvoll für den Verleger, das ist die Ausschaltung des Autors aus dem Geschäftsbetrieb! Ersatz des Schriftstellers durch die Kombinationsmaschine, Triumph der Technik!«
»Wie?« rief die Hausfrau. »Alles ist in der Bibliothek? Auch der ganze Goethe? Die Bibel? Die Gesamtausgaben der Werke aller Philosophen, die nur je gelebt haben?«
»Und sogar mit sämtlichen Lesarten, auf die noch kein Mensch gekommen ist. Du findest da auch sämtliche verlorenen Schriften des Platon oder des Tacitus und die Übersetzungen dazu. Ferner sämtliche zukünftigen Werke von uns beiden, alle vergessenen und noch zu haltenden Reichstagsreden, den allgemeinen Weltfriedensvertrag, die Geschichte der darauffolgenden Zukunftskriege —«
»Und das Reichskursbuch, Onkel!« rief Susanne. »Das ist doch dein Lieblingsbuch.«
»Gewiß, und deine sämtlichen deutschen Aufsätze bei Fräulein Grazelau.«
»Ach, hätte ich doch das Buch schon im Pensionat gehabt! Aber ich denke, es handelt sich immer um einen ganzen Band —«
»Erlauben Sie, Fräulein Briggen,« fiel Burkel ein, »vergessen Sie nicht die Spatien. — Jedes kleinste Verschen kann einen Band für sich bekommen, das übrige ist dann leer. Und wir können auch die längsten Werke darin haben, denn wenn sie in einem Bande nicht Platz finden, da suchen wir die Fortsetzung in einem andern.«
»Na, ich danke für das Heraussuchen,« sagte die Hausfrau.
»Damit hat es auch seinen Haken,« begann der Professor schmunzelnd, indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und den Rauch seiner Zigarre behaglich mit den Blicken verfolgte. »Es könnte zwar scheinen, als ob das Heraussuchen dadurch erleichtert würde, daß die Bibliothek auch ihren eigenen Katalog enthalten muß —«
»Nun also —«
»Ja, aber wie willst du den herausfinden? Und wenn du einen Band gefunden hättest, so wärest du auch nicht weiter, denn es sind ja nicht bloß die richtigen, sondern auch alle möglichen falschen Titel und Signaturen darin.«
»Teufel auch, das ist wahr!«
»Hm! Es gibt da so einige Schwierigkeiten. Nehmen wir z. B. den ersten Band unserer Bibliothek zur Hand. Die erste Seite ist leer, die zweite ebenfalls, und so fort, alle 500 Seiten. Es ist nämlich der Band, worin das Zeichen des Spatiums ein Millionenmal wiederholt ist —«
»Da kann wenigstens kein Unsinn darin stehen,« warf Frau Wallhausen ein.
»Ein Trost! Nun der zweite Band, auch leer, alles leer, bis auf der letzten Seite, ganz unten, an der millionsten Zeichenstelle ein schüchternes a steht. Im dritten Bande ist es wieder so, nur daß das a um eine Stelle vorgerückt ist, an letzter Stelle steht jetzt wieder das Spatium. Und so schiebt sich das a in jedem Bande um eine Stelle weiter nach vorn durch eine Million Bände, bis es im ersten Bande der zweiten Million glücklich die erste Stelle erreicht hat. Weiter steht nichts in diesem interessanten Bande. Und so geht es durch die ersten hundert Millionen unserer Bände, bis alle hundert Zeichen ihren einsamen Weg von hinten nach vorn durchlaufen haben. Ein Gleiches wiederholt sich dann mit aa oder mit irgend zwei anderen Zeichen in allen möglichen Stellungen. Ein Band bringt nur Punkte, einer nur Fragezeichen.«
»Na,« sagte Burkel, »diese inhaltlosen Bände würde man ja bald erkennen und ausscheiden —.«
»Hm, ja — aber, das Schlimmste kommt erst, wenn man einen scheinbar vernünftigen Band gefunden hat. Du willst z. B. etwas im ›Faust‹ nachsehen und triffst auch wirklich den Band mit dem richtigen Anfang. Und wenn du ein Stückchen gelesen hast, geht es auf einmal weiter: ›Papperle, happerle, nichts ist da!‹, oder einfach ›aaaaa‹ ... Oder es beginnt eine Logarithmentafel, aber auch von der weiß man nicht, ob sie richtig ist. Denn in unserer Bibliothek steht ja nicht nur alles Richtige, sondern auch alles Falsche. Durch die Überschriften darf man sich nicht irreführen lassen. Ein Band fängt vielleicht an: ›Geschichte des Dreißigjährigen Krieges‹ und geht weiter: ›Als Fürst Blücher die Königin von Dahomey bei den Thermopylen geheiratet hatte ...‹«
»Du, Onkel, das ist etwas für mich!« rief Susanne vergnügt. »Die Bände könnte ich schreiben, denn wenn es durcheinandergehen soll, da entwickle ich großes Talent. Da steht gewiß auch der Anfang drin, den ich einmal von der Iphigenie deklamiert habe:
›Heraus in eure Schatten, rege Wipfel,
Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb,
Auf diese Bank von Stein will ich mich setzen.‹
Wenn das da gedruckt stände, so wäre ich doch gerechtfertigt. Und da fände ich gewiß auch den langen Brief, den ich an euch geschrieben habe, und der dann auf einmal verschwunden war, als ich ihn abschicken wollte. Mika hatte ja ihre Schulbücher darauf gelegt. — O je!« unterbrach sie sich verlegen, indem sie die widerspenstigen braunen Haare aus der Stirn strich. »Fräulein Grazelau hat mir doch ausdrücklich gesagt, ich soll mich in acht nehmen, daß ich ja nicht ins Schwatzen komme!«
»Hier bist du ganz gerechtfertigt,« tröstete der Onkel. »Denn in unserer Bibliothek stehen nicht nur deine sämtlichen Briefe, sondern auch sämtliche Reden, die du je gehalten hast oder halten wirst —«
»Ach, da gib doch lieber die Bibliothek nicht heraus!«
»Sorge dich nicht, sie stehen ja nicht bloß mit deinem Namen, sondern auch mit dem von Goethe und überhaupt mit sämtlichen möglichen Namen der Welt unterzeichnet. Da findet z. B. auch unser Freund mit seiner Unterschrift verantwortlich gezeichnete Artikel, die alle denkbaren Preßvergehen enthalten, so daß sein ganzes Leben nicht ausreicht, die Strafen abzusitzen. Da findet sich ein Buch von ihm, wo hinter jedem Satze steht, daß er falsch ist, und ein Band, wo hinter genau denselben Sätzen die Wahrheit beschworen wird — —«
»Na, nun ist's gut,« rief Burkel lachend. »Ich wußte ja gleich, daß du uns etwas aufbinden würdest. Also, ich abonniere nicht auf die Universalbibliothek, denn es ist ja unmöglich, den Sinn aus dem Unsinn, das Richtige aus dem Falschen herauszusuchen. Wenn ich nun so und so viel Millionen Bände finde, die alle behaupten, die wahre Geschichte des Deutschen Reiches im 20. Jahrhundert zu enthalten, und die sich alle vollständig widersprechen, da kann ich ja gleich die Werke der Historiker selbst nehmen. Ich verzichte.«
»Das ist sehr schlau von dir. Denn du hättest dir eine hübsche Last aufgeladen. Übrigens flunkere ich nicht. Ich habe ja nicht behauptet, daß du dir das Brauchbare heraussuchen könntest, sondern nur, daß man genau die Zahl der Bände angeben kann, die unsere Universalbibliothek enthält und worin neben allem Sinnlosen auch alle sinnvolle Literatur stehen muß, die überhaupt möglich ist.«
»Da rechne es nur mal aus, wieviel Bände es sind,« sagte die Hausfrau. »Denn dieses weiße Papier läßt dir doch eher keine Ruhe.«
»Das ist ganz einfach, das kann ich im Kopfe machen. Wir überlegen uns nur, wie wir unsere Bibliothek herstellen. Wir setzen zunächst jedes unserer hundert Zeichen einmal hin. Dann fügen wir zu jedem wieder jedes der hundert Zeichen, so daß hundertmal hundert Gruppen zu je zwei Zeichen entstehen. Indem wir zum drittenmal jedes Zeichen hinzusetzen, bekommen wir 100 x 100 x 100 Gruppen von je drei Zeichen, und so fort. Und da wir eine Million Stellen im Bande zur Verfügung haben, so entstehen so viel Bände, als eine Zahl angibt, die man erhält, wenn man 100 ein Millionenmal als Faktor setzt. Da 100 gleich zehnmal zehn ist, so bekommt man dasselbe, wenn man die Zehn zweimillionenmal als Faktor schreibt. Das ist also einfach eine Eins mit zwei Millionen Nullen. Hier steht sie: Zehn hoch zwei Millionen: 10 2 000 000.«
Der Professor hielt das Papier in die Höhe.
»Ja,« rief seine Frau, »ihr macht euch die Sache leicht. Aber schreibe sie einmal aus.«
»Ich werde mich hüten. Da hätte ich mindestens zwei Wochen lang Tag und Nacht ohne Pause daran zu schreiben. Die Zahl würde im Druck etwa eine Länge von vier Kilometern erreichen.«
»Puh,« rief Susanne. »Wie spricht man denn die aus?«
»Dafür haben wir keinen Namen. Ja, es gibt überhaupt gar kein Mittel, sie uns auch nur einigermaßen zu veranschaulichen, so kolossal ist diese Menge, obwohl sie endlich angebbar ist. Was man auch sonst an gewaltigen Größen nennen mag, das verschwindet gegen dieses Zahlenmonstrum.«
»Wie wär' es denn,« fragte Burkel, »wenn man sie in Trillionen angäbe?«
»Eine Trillion ist ja eine ganz hübsche Zahl, eine Milliarde Milliarden, eine Eins mit 18 Nullen. Wenn du unsere Bändezahl damit dividierst, würdest du also von den zwei Millionen Nullen gerade 18 streichen. Du bekommst demnach eine Zahl mit 1 999 982 Nullen, womit du ebensowenig eine Anschauung verbinden kannst. Aber halt — einen Augenblick« — der Professor warf ein paar Zahlen auf das Papier.
»Dacht' ich's doch,« sagte seine Frau. »Nun wird doch noch gerechnet!«
»Ich bin schon fertig. Weißt du, was diese Zahl für unsre Bibliothek bedeutet? Nehmen wir einmal an, jeder unsrer Bände sei nur zwei Zentimeter dick und wir hätten sie alle in einer Reihe aufgestellt — was meint ihr, wie lang die Reihe wäre?«
Er sah sich triumphierend um, als alle schwiegen.
Da sagte Susanne plötzlich: »Ich weiß es! Darf ich's sagen?«
»Immer los, Suse!«
»Doppelt soviel Zentimeter, als die Bibliothek Bände hat.«
»Bravo, bravo!« riefen alle. »Das genügt vollständig.«
»Ja,« sagte der Professor, »aber wir wollen es uns doch noch etwas genauer ansehen. Ihr wißt, daß das Licht in einer Sekunde 300 000 Kilometer durchläuft, also in einem Jahre ungefähr zehn Billionen Kilometer, was gleich einer Trillion Zentimeter ist. Wenn also der Bibliothekar mit der Geschwindigkeit des Lichtes an unserer Bändereihe entlang saust, so würde er doch zwei Jahre brauchen, um an einer einzigen Trillion Bände vorüber zu kommen. Und um an der ganzen Bibliothek entlang zu fahren, wären demnach doppelt soviel Jahre nötig, als eine Trillion in der Bändezahl enthalten ist, das gibt, wie vorhin gesagt, eine Eins mit 1 999 982 Nullen. Was ich damit nur verdeutlichen wollte: Man kann sich die Zahl der Jahre, die das Licht braucht, an der Bibliothek entlang zu laufen, ebensowenig vorstellen, wie die Zahl der Bände selbst. Und das zeigt wohl am klarsten, daß es vergebliche Mühe ist, sich von dieser Zahl eine Anschauung zu bilden, obwohl sie e n d l i c h ist.«
Der Professor wollte das Papier fortlegen, da sagte Burkel: »Wenn die Damen noch einen Augenblick gestatten, möchte ich bloß noch eine Frage stellen. Ich habe den Verdacht, daß du da eine Bibliothek ausgerechnet hast, für die es in der ganzen Welt keinen Platz gibt.«
»Das werden wir gleich haben,« bemerkte der Professor und fing wieder an zu rechnen. Dann begann er:
»Wenn wir die ganze Bibliothek zusammenpackten, so daß 1000 Bände auf ein Kubikmeter kommen, so würde, um sie zu fassen, der ganze Weltraum bis zu den fernsten uns sichtbaren Nebelflecken so oft genommen werden müssen, daß auch diese Zahl der vollgepackten Welträume nur einige 60 Nullen weniger hätte, als die 1 mit den zwei Millionen Nullen, die unsre Bändezahl angibt. Also, es bleibt dabei — wir kommen auf keine Weise dieser Riesenzahl näher.«
»Siehst du,« sagte Burkel, »ich hatte schon recht, daß sie unerschöpflich ist.«
»Doch nicht. Subtrahiere sie nur von sich selbst, so hast du ›Null‹. Sie ist endlich, sie ist als Begriff fest definiert. Das Überraschende ist nur dies. Wir schreiben mit weniger Ziffern die Zahl der Bände hin, in denen dieses scheinbar Unendliche aller möglichen Literatur verzeichnet steht. Versuchen wir aber, diesen Inhalt nun in unsre Erfahrung aufzunehmen, im einzelnen uns vorzustellen, z. B. wirklich einen solchen Band unsrer Universalbibliothek herauszusuchen, so stehen wir jenem klaren Gebilde unsres eigenen Verstandes wie einem Unendlichen und Unfaßbaren gegenüber.«
Burkel nickte ernsthaft und sprach: »Der Verstand ist unendlich viel größer als das Verständnis.«
»Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?« fragte die Hausfrau.
»Ich meine nur, wir können unendlich mehr richtig denken, als wir in der Erfahrung wirklich zu erkennen vermögen. Das Logische ist unendlich mächtiger als das Sinnliche.«
»Das ist eben das Erhebende,« bemerkte Wallhausen. »Das Sinnliche ist vergänglich mit der Zeit, das Logische ist unabhängig von aller Zeit, ist allgemeingültig. Und weil dieses Logische nichts anderes bedeutet, als das Denken der Menschheit selbst, so haben wir in diesem zeitlosen Gut einen Anteil an den unwandelbaren Gesetzen des Göttlichen, an der Bestimmung der unendlichen Schöpfermacht. Darauf beruht das Grundrecht der Mathematik.«
»Wohl,« sagte Burkel, »die Gesetze geben uns das Vertrauen auf die Wahrheit. Aber nützen können wir sie erst, wenn wir ihre Form mit lebendigem Erfahrungsstoff gefüllt, d. h. wenn wir den Band gefunden haben, den wir aus der Bibliothek brauchen.«
Wallhausen stimmte zu, und seine Frau sprach leise:
»Denn mit den Göttern
Soll sich nicht messen
Irgendein Mensch.
Hebt er sich aufwärts,
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsicheren Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.«
»Der große Meister trifft es,« sagte der Professor. »Doch ohne das logische Gesetz gäbe es nichts Sicheres, das uns zu den Sternen und über die Sterne hebt. Nur dürfen wir den festen Boden der Erfahrung nicht verlassen. Nicht in der Universalbibliothek müssen wir suchen, sondern den Band, dessen wir bedürfen, uns selbst herstellen in dauernder, ernster, ehrlicher Arbeit.«
»Der Zufall spielt, die Vernunft schafft,« rief Burkel. »Und deswegen wirst du morgen aufschreiben, was du heute gespielt hast, und ich werde doch meinen Artikel mitnehmen.«
»Den Gefallen kann ich dir tun,« lachte Wallhausen. »Aber das sage ich dir gleich, deine Leser werden meinen, das ist aus einem der überflüssigen Bände. — Was willst du denn, Suse?«
»Ich will etwas Vernünftiges schaffen,« sagte sie gravitätisch, »ich werde die Form mit Stoff erfüllen.«
Und sie füllte die Gläser aufs neue.
Aber ganz gewiß,« sagte der P r o f e s s o r , indem er liebevoll die Asche seiner großen Flor de Yuclan betrachtete, »ganz gewiß hat er mich geholt; in eigener Person.«
»Hohoho!« lachte der s t a r k e H e r r . »Also doch?«
»Und das haben Sie noch gar nicht erzählt?«
»Wer denn?« fragte die b l a u e D a m e . »Wer hat Sie geholt?«
»Haben Sie denn nicht gehört?« rief die kleine Frau B r ö s e n ungeduldig. »Der T e u f e l hat den Professor geholt.«
»Aber da sitzt er ja —«
»Weil er ihn eben lebendig geholt hat!« rief der starke Herr.
»Das versteh' ich nicht!«
»Er muß es erzählen.«
Man rückte näher am Tische zusammen.
»Wie sah er denn aus?«
»Wann war denn das?«
»Am vorigen Sonnabend« — der Professor tat einen nachdenklichen Zug an seiner Zigarre — »ich saß wie gewöhnlich abends an meinem Schreibtisch — da klopfte es, und auf mein verwundertes Herein — aber erschrecken Sie nicht!«
»Gräßliches will ich nicht hören, nein, nein, nein!« schrie die blaue Dame.
»Gräßlich war es allerdings. Im ersten Augenblick war ich nicht wenig erschrocken.«
Die blaue Dame hielt sich die Ohren zu; aber nicht fest.
»Auf einmal steht jemand im Zimmer und knipst die Hängelampe an, daß ich die Gestalt ganz deutlich erkenne.«
»In einem Mantel, mit feurigen Augen? Ich seh's vor mir!« rief Frau Brösen.
»Es war ein Lodenkape und eine goldene Brille; ein Mann in meiner Größe und Statur, mit grauen Haaren und Schnurrbart, eigentlich ganz gemütlich, aber das Gräßliche war eben —«
»Der Pferdefuß?«
»Der Schweif?« kreischte die blaue Dame.
»Nein; — er sah genau aus wie ich selbst — lachen Sie nicht! Ich dachte natürlich an eine Halluzination, und Sie wissen, was das bedeutet in meinem angegriffenen Gehirn. Ich blieb zunächst ganz starr sitzen. Da sagte mein Doppelgänger sehr höflich:
›Es tut mir leid, daß ich Sie holen muß, Herr Professor, aber ich habe den bestimmten Entschluß gefaßt —‹
›Holen, was heißt das? Ich bin nicht Arzt und habe jetzt keine Zeit!‹ rief ich unwillig.
›Nun, eben h o l e n , ‹ sagte der andere. ›Ich bin nämlich der Teufel.‹
›Der Teufel? Aber Sie sehen ja aus —‹
›Ja, Sie müssen schon entschuldigen. Wenn ich zu Ihnen komme, habe ich diese Ihre Gestalt. Es ist nämlich jeder sein eigener Teufel! Aber nun seien Sie so gut, und kommen Sie mit.‹
›Wohin denn? Ich glaube weder an Hölle noch an Teufel im Volkssinne.‹
›Ist auch gar nicht nötig. Ich hole jeden in seinem Sinne, wie er seine Welt sich ausmalt. Sie zum Beispiel werde ich in einem kleinen WeltraumAutomobil mitnehmen. Sie reisen ja so gerne nach den Sternen.‹
›Bitte sehr, das tue ich hier am Schreibtisch; ich habe durchaus keine Lust zum Reisen. Außerdem brauchte ich mehrere Wochen Vorbereitung. Erst müßte ich meine Reiseapotheke packen.‹
›Ist nicht nötig. Zu Ihrem Vergnügen hole ich Sie ja nicht. Sie sollen zu Ihrer Läuterung hunderttausend Billionen Kilometer reisen. — Das habe ich mir so ausgedacht.‹
›Und dann?‹ fragte ich.
›Nun, das wird sich ja finden. Vielleicht machen wir einen Meteor aus Ihnen, oder Sie werden für tausend Jahre auf dem Mars verheiratet — Marsjahre natürlich.‹
›Ich danke für beides. Es fällt mir gar nicht ein, mitzukommen. Ich habe hier noch dringende, angefangene Arbeiten.‹
›Das hilft alles nichts. Die können Sie unterwegs fertig machen.‹
›Also den Hals wollen Sie mir nicht umdrehen?‹
›Ich denke nicht daran, wenn Sie gutwillig mitkommen. Wir möchten uns Ihre wertvolle Gehirntätigkeit noch eine Zeitlang erhalten, wenn auch freilich nicht mehr auf der Erde.‹
›Aber schließlich leb' ich doch in der E r d s e e l e weiter, nicht wahr?‹
›Lassen Sie mich in Ruhe,‹ rief der Teufel ärgerlich. ›Ich bin nicht hier, um mich ausfragen zu lassen. Die Erdseele hole ich schließlich auch noch mal!‹«
»Die Erdseele?« unterbrach die blaue Dame den Professor. »Was ist denn das?«
»Ach, stören Sie doch jetzt nicht,« sagte Frau Brösen. »Der Professor hat doch erst neulich einen Vortrag darüber gehalten!«
»Da konnt' ich ja nicht kommen, da war mein Mädchen fortgelaufen.«
»Na,« rief der starke Herr, »nach Ansicht des Professors ist eben die Erde ein beseeltes Wesen, und wenn wir hier als Menschen nicht mehr leben können, dann leben wir weiter als Erinnerungen der Erdseele.«
»Sagt Fechner,« schaltete der Professor ein.
»Ich auch?« fragte die blaue Dame.
»Sie kommen sogleich in die Sonnenseele,« sagte der Professor, »weil Sie schon jetzt zu den schönsten Erinnerungen der Erdseele gehören.«
»Erzählen Sie doch weiter!« rief Frau Brösen und klopfte auf den Tisch.
Der s a n f t e J ü n g l i n g , der eben etwas sagen wollte, fuhr zusammen und schwieg.
Der Professor nahm einen Schluck aus seinem Glase und sagte:
»Ich bemerkte mit Vergnügen, daß theoretische Fragen den Teufel in einige Verlegenheit zu bringen schienen. Um Zeit zu gewinnen, kramte ich in meinen Manuskripten und wollte eben fragen, ob ich nicht meinen Zeyßfeldstecher mitnehmen könnte, aber auf einmal — ich weiß nicht, wie es kam — war ich aus meinem Zimmer heraus und fand mich neben dem Teufel auf einem bequemen Sessel. Die Füße ruhten auf einem Tritt, und ein Geländer umgab uns, sonst aber schwebten wir ganz frei im Raume. Merkwürdigerweise hatte ich gar kein Schwindelgefühl.«
Der starke Herr hustete eigentümlich. Der Professor ließ sich nicht stören.
»Ich nahm mir vor,« fuhr er fort, »mir vom Teufel nicht imponieren zu lassen. Vielleicht konnte ich ihm doch irgendwie beikommen, daß ich ihn los würde. Wäre Faust ein richtiger Mathematiker gewesen, so hätte er sich nicht sein ganzes Leben mit dem Teufel herumzuschlagen brauchen. Ich fühlte mich ruhiger und sagte nichts. Da begann der Teufel: ›Nun, wie gefällt Ihnen unser Weltautomobil? Das ist aus Ihrem Ideal, dem absolut festen und durchsichtigen Stellit, gefertigt, da können Sie alles aufs schönste überblicken.‹
Ich sah mich um. Hinter uns war absolute Nacht, völlige Schwärze. Über, neben und unter uns erkannte ich einzelne Sterne, die nach vorn immer dichter standen, bis sie in der Fahrtrichtung zu einem einzigen hellen Glanze zusammenflossen. Ich konnte mir das gar nicht erklären. Was war das für ein Sternenhimmel? In welcher Gegend der Welt waren wir? Ich mußte wohl längere Zeit bewußtlos gewesen sein.
›Wie lange sind wir schon unterwegs?‹ fragte ich.
›Etwa eine halbe Stunde,‹ antwortete der Teufel. ›Ich mußte Sie ein bißchen einschläfern, um Sie bequemer hier hereinzubringen. Na, nicht wahr, so was haben Sie noch nicht gesehen?‹
›O,‹ sagte ich, ›das wird sich ja alles natürlich erklären. Mit welcher Geschwindigkeit fahren wir wohl?‹
›Ungefähr mit der zehnfachen Lichtgeschwindigkeit.‹«
»Hohoho!« Der starke Herr lachte. »Das müßte allerdings mit dem Teufel zugehen.«
»Das tat's ja auch,« fuhr der Professor gelassen fort. »Ich überschlug schnell die Sachlage. Zehnfache Lichtgeschwindigkeit, da mußten wir die Entfernung SonneErde in fünfzig Sekunden zurücklegen.
Bis zum Neptun ist's dreißigmal so weit. Ich sagte also: ›Soso! Da müssen wir ja schon längst aus dem ganzen Sonnensystem hinaus sein.‹
›Das sind wir in der Tat.‹
Nun glaubte ich zu begreifen, warum hinter uns die schwarze Nacht war. Da wir soviel schneller als das Licht dahinrasten, konnten uns die Lichtwellen nicht einholen, und es war dunkel. Die von den Seiten kommenden Strahlen dagegen trafen uns. Aber der Glanz da vorn? Durch unsre riesig schnelle Bewegung, dem Licht der Sterne entgegen, mußten die Lichtwellen so stark verkürzt werden, daß selbst die längsten sichtbaren Wellen, die des roten Lichts, bis unter die Länge der überhaupt sichtbaren Wellen herabsanken und somit gar keinen Eindruck mehr auf unser Auge machen konnten. Woher also die Helligkeit vor uns? Es hätte dort auch Dunkelheit herrschen müssen. Der Teufel sah mir wohl an, daß mir etwas nicht klar war, und sagte höhnisch:
›Nun, Herr Professor, das Licht da vorn können Sie wohl nicht natürlich erklären.‹
In diesem Augenblick fiel mir die Lösung ein, und ich sprach ganz ruhig: ›Das ist doch sehr einfach. Was uns da vorn leuchtet, das sind keine Lichtstrahlen, wie wir Menschen sie zu sehen gewohnt sind, sondern das sind die für unser Auge sonst unwirksamen langen, etwa Wärme- oder elektrischen Wellen jenseits des roten Endes des Spektrums. Durch unsre Eigenbewegung werden sie so verkürzt, daß wir sie als Licht empfinden. Es ist ein schöner Beweis dafür, daß die Sterne sehr viel ultrarote Strahlen aussenden, die wir noch nicht beobachten konnten.‹
Der Teufel brummte etwas vor sich hin. Er ärgerte sich, weil ich es richtig getroffen hatte. Gleich darauf aber drückte er die Augenbrauen zusammen und zog die Mundwinkel etwas auseinander, wie ich zu tun pflegte, wenn ich so eine recht knifflige Frage stellen will, — es war zu gemein, daß der Kerl genauso aussah wie ich, — und nun sagte er:
›Wenn Sie das helle Licht da vorn inkommodiert, so kann ich es auch abblenden. Sehen Sie, ich habe hier einen für alle Strahlen undurchlässigen Schirm, den drehe ich jetzt nach vorn — so — nun kann von vorn kein Licht mehr einfallen, und doch ist noch Licht da —‹
›Ja, aber es ist viel schwächer.‹
›Woher kommt nun dieses Licht?‹
Ich geriet in Verlegenheit. Mogelte der Teufel vielleicht? War der Schirm gar nicht völlig undurchsichtig? Nein, die Erscheinung war nicht bloß eine Abschwächung der früheren; es zeigte sich eine ganz andere Sternverteilung. Der starke Glanz in der Mitte war verschwunden. Von den Sternen in unsrer Fahrtrichtung konnte das Licht nicht herrühren. Hatten wir etwa jetzt einen Spiegel vor uns? Ich drehte mich um, hinter uns war es dunkel. Der Teufel grinste. Mir wurde unbehaglich. Ich durfte mich vom Teufel in theoretischen Fragen nicht schlagen lassen. Wer weiß, was er dadurch für Rechte gewann. Das Licht konnte nur von hinten kommen, und doch fuhren wir ihm entgegen — wie — — aber freilich, so mußte es sein —
›Na, Professorchen?‹ fragte der Teufel wieder mit unheimlicher Gemütlichkeit.
›Ich weiß es natürlich,‹ sagte ich. ›Das ist das Licht, das wir auf seinem Wege einholen, deswegen scheint es, als käme es von vorn. Und da wir durch unsere Eigenbewegung die Lichtquellen auseinanderziehen, so sehen wir auch nicht die eigentlichen, leuchtenden, sondern die kurzwelligen ultravioletten Strahlen der hinter uns liegenden Sterne; die werden uns jetzt sichtbar. Vorher fiel dieses Licht nur nicht auf, weil es durch die Strahlen von vorn überglänzt war.‹«
»Das verstehe ich nicht,« sagte Frau Brösen.
»Na, denken Sie sich mal,« rief der starke Herr, »eine lange, lange Kolonne Infanterie marschiert vor Ihnen, die holen Sie mit Ihrem Wagen ein und fahren daran vorbei. Da kommen Sie an allen Sektionen vorüber, aber zuerst an der letzten und dann an den früher abmarschierten immer später. Das ist genau so, als wenn der Wagen hielte und die Kolonne marschierte rückwärts an Ihnen vorbei.«
»Wissen Sie nicht,« fiel die blaue Dame ein, »wie wir das letztemal ins Manöver fuhren, und mein Miezchen verlor das seidne Tuch? Da war's so. Aber da sahen wir doch immer die Leute von hinten?«
»Die Lichtwellen haben aber keinen Rücken,« brummte der starke Herr, »die übermitteln Ihnen überhaupt bloß den Eindruck der Schwingungen aufs Auge, die von den Gegenständen ausgehen. Wenn der Professor hätte bis auf die Erde sehen können, so hätte er jetzt alles genau der Zeit nach umgekehrt gesehen, der Uhrzeiger hätte sich von rechts nach links gedreht, und die Menschen wären alle wirklich rückwärts gelaufen.«
»Jawohl,« sagte der Professor, »Und ich h a b ' es sogar gesehen. Denn um den Teufel zu ärgern, bemerkte ich: ›Schade, daß es kein Mittel gibt, das uns die Dinge auf der Erde in erkennbarer Weise sichtbar macht. Dann könnten wir alles, was dort geschehen ist, jetzt zur Abwechslung einmal rückwärts ablaufen sehen. Wir müßten freilich viel langsamer fahren, denn bei unsrer Geschwindigkeit würde ja die Zeit rückwärts r a s e n , und man würde nichts deutlich wahrnehmen.‹
›Haha!‹ Der Teufel lachte. ›Sie könnten natürlich so ein Fernrohr nicht machen, aber für mich ist das eine Kleinigkeit. Sehen Sie mal hier durch das Glas. Für unsre jetzige Entfernung wird es noch reichen. Einen Augenblick — so, ich habe nur unsre Geschwindigkeit so gemäßigt, daß wir das Licht in normaler Geschwindigkeit einholen. Wohin wollen Sie sehen?‹
›Nun, in unsre Stadt. Wahrhaftig, da hab' ich's schon. Das ist ja die Ecke von der Schlammstraße, sogar die Hausnummer kann ich erkennen, No. 21.‹«
»Wie?« Die blaue Dame stieß einen Schrei aus. »Das ist ja unser Haus! Was sahen Sie denn?«
»Ich sah durch das offne Fenster in das Garderobenzimmer —«
»Da hat das Mädchen wieder das Fenster aufgelassen, und ich habe doch —«
»Aber so hören Sie doch erst!« sagte Frau Brösen zu der blauen Dame.
»Ich konnte ganz gut alles erkennen,« fuhr der Professor fort. »Denn die Sonne schien ins Zimmer. Es war nämlich um die Mittagszeit am vorigen Sonnabend. Da wir jetzt schon eine Stunde mit zehnfacher Lichtgeschwindigkeit gefahren waren, so hatten wir nunmehr das Licht eingeholt, das vor zirka zehn Stunden von der Schlammstraße ausgegangen war.«
»Gott sei Dank,« rief die blaue Dame. »Da war ich nicht zu Hause.«
»Es war aber jemand in dem Zimmer. Ich mußte mich nur erst daran gewöhnen, daß ich alles in umgekehrter Zeitfolge sah. Ich wäre auch gar nicht daraus klug geworden, wenn ich nicht immer nur momentan die Augen geöffnet und mir so eine Reihe von Augenblicksbildern geschaffen hätte. Aber wenn ich Ihnen die so nennen wollte, wie ich sie sah, immer das spätere zuerst, ein weibliches Wesen zur Tür hinausgehen, dann dasselbe Wesen im Zimmer, ein Kleid in einen Schrank legen, was aber herausnehmen bedeutet, dann erst den Schrank öffnen usw., so würden Sie gar nicht klug daraus werden.«
»O Gott, o Gott! Sagen Sie nur, wie's wirklich war! Es waren gewiß Diebe da!«
»Ich weiß nicht. In richtiger Zeitfolge verlief die Sache etwa so, daß ein Mädchen erst in einer Schublade suchte und ein Paar weiße Handschuhe herausnahm —«
»Ach, die vierknöpfigen!«
»Dann aus dem Schrank einen Rock und eine weiße Bluse —«
»Das war meine gestickte, wissen Sie, die mit den echten —«
»Und wie sie mit den Sachen zur Tür hinausging, blieb sie an der Klinke hängen und es gab einen großen Riß in den Spitzen — —«
»O Himmel! Himmel! Das war mein Mädchen, die wollte ja abends auf den Ball, die hat sich meine Sachen geborgt! Oh! Ich muß nach Hause, gleich!«
Die blaue Dame sprang auf. Der sanfte Jüngling machte eine Verbeugung.
Der Professor fuhr fort: »Ich suchte nun noch weiter mit dem Glase, aber der Teufel nahm es mir aus der Hand.
›Nun,‹ sagte er mit funkelnden Augen —«
Die blaue Dame seufzte und setzte sich wieder. »›Nun, Herr Professor, erklären Sie mir doch einmal dieses Glas auf natürlichem Wege?‹
›Das habe ich gar nicht nötig,‹ sagte ich ganz ruhig. ›Sie können von mir eine Erklärung nur von natürlichen Vorgängen verlangen, aber Ihr Glas ist irgendeine teuflische Erfindung, will sagen, eine Spiegelfechterei, die die Naturwissenschaft nichts angeht. Da müßten Sie mir erst beweisen, daß es ein richtiggehendes optisches Instrument und nicht eine psychologische Täuschung ist, ehe Sie eine Theorie von mir erwarten dürfen.‹
›Verdammter Kerl, so ein Professor!‹ knurrte der Teufel.
Ich tat, als hätte ich nichts gehört.
›Aber,‹ fing er wieder an, ›daß wir überhaupt mit zehnfacher Lichtgeschwindigkeit fahren, die ich jetzt wieder hergestellt habe, das ist doch ein rein technisches Problem, das müssen Sie lösen. Wenn Sie das nicht können, geb' ich mir gar nicht erst soviel Mühe mit Ihnen. Ich mache bloß diese Klappe auf, dann fallen Sie heraus, und die S t e r n s c h n u p p e ist fertig.‹
Die Sache wurde fatal. Ich dachte nach. So habe ich noch nie nachgedacht und will's auch nicht wieder tun. Glücklicherweise bin ich Philosoph. Ich sagte mir: Ich muß die Sache ganz abstrakt fassen. Der Teufel konnte mir noch viele Fragen stellen, um mich hineinzulegen. Ich mußte den Teufel selbst erklären!
Der Teufel brüllte mich an, er dachte offenbar, er hätte mich schon.
›Wird's bald?‹ schrie er.
›Wissen Sie,‹ sagte ich, ›es gibt zwei Erklärungen. Eine psychologische und eine metaphysische. Nach der psychologischen sind Sie weiter nichts als mein Traumgebilde, eine Phantasie überhaupt, eine Menschheitsphantasie.‹
Der Teufel machte eine Bewegung, als wollte er die Klappe öffnen und mich in den Weltraum fallen lassen.
›Das nutzt Ihnen gar nichts,‹ sagte ich schnell, ›damit können Sie nichts beweisen. Denn wenn Sie nur eine Phantasie sind, so würde auch mein Fall nur Phantasie sein, und ich würde doch an meinem Schreibtisch, oder wo ich sonst eingeschlafen bin, wieder ganz munter erwachen.‹
›Sie wachen!‹ brüllte er wieder.
›Ich glaube es auch,‹ sagte ich. ›Denn wenn sich diese Geschichte nur als Traum entpuppte und nicht jetzt wirklich von mir erlebt würde, so wäre sie ziemlich abgedroschen. Dieses Traummotiv habe ich schon zu oft verwertet.‹
›Nun also!‹
›Also die metaphysische Erklärung. Da gibt es wieder zwei Erklärungen. Die eine ist naturphilosophischkosmologisch, die andere ist mehr ethischnoologisch.‹
›Herr, Sie können einen rasend machen! Ich will nicht immer zwei Erklärungen, ich will die richtige.‹
›In Ihrer Frage, wie Sie das machen, so schnell zu fahren, liegen aber zwei Probleme. Ich kann fragen: Woher kommt es, daß Sie über diese Energiemenge verfügen, die Sie zu der Geschwindigkeit brauchen; und ich kann fragen: Woher kommen Sie selbst?‹
Der Teufel sah mich mit einem Gesichte an, daß ich mich schämte, so dummerstaunt aussehen zu können.
›Sie haben doch überhaupt nicht zu fragen,‹ polterte er dann, ›sondern ich.‹
›Aber eine Frage erlauben Sie mir noch,‹ sagte ich sehr höflich. ›Es ist nur, damit ich bei meiner Erklärung nicht erst überflüssige Auseinandersetzungen mache.‹
›Na,‹ sagte er etwas milder, ›das will ich noch gelten lassen. Ich will sie sogar beantworten. Aber das ist die letzte Frage, sonst —‹
›Sagen Sie mir bitte, können Sie W u n d e r tun?‹
Da ging eine seltsame Veränderung mit dem Teufel vor. Seine Züge verzerrten sich, er sah gar nicht mehr aus wie ich, er sah aus wie ein tief unglücklicher Mensch und doch wie ein gewaltiger Herr von furchtbarer Willensstärke, den eine Ohnmacht überrascht hat. Ich erschrak. Aber es dauerte nur einen Augenblick. Dann war er wieder der alte. Er runzelte die Stirn und fragte: ›Was soll das heißen? E r s c h a f f e n kann ich nichts!‹
›Ich meine,‹ erwiderte ich, ›können Sie an der ursprünglichen Verteilung der WeltEnergie willkürliche Änderungen hervorrufen, so daß plötzlich für unsere Erkenntnis gänzlich unerwartete und unerklärliche Dinge auftreten?‹
Er lachte bitter. ›Für euch Menschen unerklärlich? Das wäre was Rechtes! Wie weit könnt ihr denn sehen? Ihr seid endliche Geister, und dem Unendlichen gegenüber seid ihr ohnmächtig. Ich aber kann hineingreifen ins Unendliche, wo noch zahllose Weltsysteme mit unendlichen Energieformen schweben, und kann aus ihnen hereinschieben in euren Milchstraßenraum, was ich brauche, daß euch die Haare zu Berge stehen.‹
›Aha,‹ sagte ich, ›so haben Sie also diese Bewegungsenergie mit der fabelhaften Intensität, die uns zehnfache Lichtgeschwindigkeit gibt, aus irgendeinem unendlich fernen Sternsystem hierhergeschoben?‹
›Ungefähr so, wenn auch nicht so einfach, wie Sie sich das denken. Nicht aus einem System, wie dieses hier, sondern aus einem ganz andern Orte, von dem Sie keine Vorstellung haben können.‹
›Nun also,‹ meinte ich, ›da ist ja die Sache natürlich erklärt. Es fragt sich nur, warum Sie sich diese Mühe machen? Ich möchte mir erlauben zu bemerken, daß Sie da etwas sehr Törichtes getan haben.‹
Da fuhr der Teufel in die Höhe. Es sprühte jetzt tatsächlich Feuer aus seinen Augen, und ich bereute meine Worte.
›Elender Wurm,‹ brüllte er mich an, ›wie kannst du es wagen, über die Handlungen unendlicher Geister zu urteilen. Zermalmen würde ich dich, wenn nicht — wenn nicht —‹ und mit ruhiger Stimme sprach er weiter: ›Wenn Sie nicht eigentlich ganz recht hätten, Herr Professor.‹
Und damit sank er wieder wie gebrochen zusammen.
Bei diesem Umschlag ging meine Angst in stille Freude und Sicherheit über. Was konnte mir denn passieren, solange ich recht behielt? Ich glaubte es klar zu erkennen: So mächtig dieser Teufel war, eine Macht war über ihm, das war die Vernunft. Nur wenn ich ihm darin unterlag, mochte ich verloren sein. Aber was nutzte mir das alles, wenn es mir nicht gelang, wieder zur Erde zu entkommen, zu der ich gehörte? Ich wollte doch nicht hier durch Ewigkeiten im Raume reisen. Fragen durfte ich nicht mehr. Was tun?«
»Oh, oh, oh!« seufzte der sanfte Jüngling und nippte an seiner Zitronenlimonade.
Der Professor fuhr fort: »›Sie sprachen da,‹ begann ich vorsichtig, ›von den Handlungen unendlicher Geister. Das klingt gerade so, als wenn es mehrere dieser Art gäbe.‹
›Es gibt nur zwei,‹ sagte der Teufel müde, ›der eine bin ich, und von dem andern sprech' ich nicht gern.‹
›Hm! Der andre —‹
›Schweigen Sie davon!‹ unterbrach er mich unwirsch.
›Ich wollte nur sagen, der könnte doch auch ins Unendliche greifen und hier die wunderbarsten Dinge produzieren.‹
›Nein!‹ brüllte er jetzt wieder wütend. ›Der tut's eben nicht. Der hat es nicht nötig. Der ist ja doch die Weltvernunft selbst. Der hat die ganze Geschichte so schön eingerichtet, daß alles von selber läuft. Der macht keine Fehler, so braucht er keine Wunder, um sie zu korrigieren. Und das ist eben mein Unheil, das ist meine Tragödie!‹
›Aha! Da sind Sie ja auch erklärt, Herr Teufel! Die Macht haben Sie zwar, aber nicht die Vernunft!‹
›Ein Elend ist's, ein vermaledeites. Ich bin nur dazu da, die Fehler in der Welt zu machen. Und auch das nützt mir nichts. Denn die Vernunft kuriert sie immer wieder aus. Das Unvernünftige bloß geht zugrunde. Und so mache ich mich eigentlich selbst tot.‹
›Sie sind also sozusagen der chronische Selbstmord.‹
›Ach was, das ist nicht so wörtlich zu nehmen. Ich habe ja das Unendliche zur Verfügung. Soviel Unvernünftiges auch weggeschafft wird, ich bringe immer neue Störungen hinein. Mit unsrer Fahrt zum Beispiel habe ich eine ganz nette Konfusion in die Welt geworfen. Schon die Untersuchung morgen, wo Sie hingekommen sind —‹
›Verzeihen Sie, das ist doch aber wirklich eine Kleinigkeit. Da gibt's ein paar Zeitungsartikel, und dann ist die Sache vergessen. Warum sprengen Sie nicht die Erde auseinander? Warum drücken Sie nicht das ganze Milchstraßensystem zu einem Klumpen zusammen?‹
›Haha!‹ Der Teufel lachte. ›Was hätte ich davon? Ob das bißchen Materie oder Energie, oder wie Sie's nennen wollen, so oder so im Raume umherschwirrt, ob die Stückchen Stoff kleiner oder größer sind, das macht im Grunde verflucht wenig aus. Das Zeug ist ja in unendlichen Mengen da, der Raum und die Zeit auch. Was man so die Natur nennt, das Existierende im Raum, für das ist es ganz egal, wie sich's gestaltet, das hat unendlich viele Wege, um zu seinem Ziel zu kommen. Aber das Ziel, die Idee! Sehen Sie, das ist die Hauptsache! Wenn ich daran etwas ändern könnte! Im Bewußtsein liegt's! Darin steckt das Gesetz, da steckt der ganze Weltzweck, daran muß ich mich machen. Deswegen wende ich mich mit Vorliebe an die gelehrten Herren, die sind es, von denen die Vernunftideen gehalten werden. Wenn ich so einen Philosophen holen kann, wie Sie z. B., lieber Professor, da richt' ich mehr aus, als wenn ich eine Million Sonnensysteme demolierte; denn da tu' ich der Vernunft selbst Schaden.‹
›Das ist mir ja ganz außerordentlich schmeichelhaft‹ sagte ich. ›Warum haben Sie aber da nicht lieber Leute wie Sokrates, Galilei, Kant u. dergl. geholt?‹
›Hab' ich ja, hab' ich! Sie wissen doch, habe die Staatsgewalten gegen sie gehetzt. Kam nur leider zu spät. Aber — na, warum soll ich mich nicht einmal ein bißchen gegen Sie aussprechen. Sie kommen ja doch nicht mehr auf die Erde zurück und können's nicht ausplaudern — —‹
O weh! dachte ich für mich.
›Also, Sie sagten vorhin, ich hätte die Macht. Aber die ist ziemlich beschränkt. Es ist nun einmal so mit der Welt — das Ziel, die Idee ist zeitlos, ist ein bestimmender Gedanke. Aber Wollen und Denken allein können nichts schaffen, können sich nicht verwirklichen als Seiendes; dazu gehört eine andre Form des Zusammenhangs —‹
›Ich weiß schon,‹ sagte ich, ›dazu gehört die Existenz in Raum und Zeit. Eine Million Mark habe ich schon oft gedacht und gewollt, aber dazu gebracht hab' ich's immer noch nicht, weil dazu ein Objekt in Zeit und Raum gehört, sei's auch nur jemand, der sie mir schuldet.‹
›Na also, sehen Sie! Und sowenig ich die Existenz von irgend etwas im Raume setzen kann, ebensowenig kann ich etwas aus dem Raume fortschaffen, was einmal drin ist. Denn der Raum ist u n e n d l i c h , daran hängt's! Und selbst ein unendlicher Geist kann das im Raum Existierende nur umwandeln, er kann die Milchstraße zu Bayrisch Bier verarbeiten, aber das bleibt immer im Raume, und ein andrer unendlicher Geist kann wieder Sonnen, Planeten und Philosophen daraus fabrizieren.‹
›Aber wenn der Raum nicht unendlich wäre? Wenn er gewissermaßen in sich selbst zurückliefe, falls man nur weit genug darin fortflöge?‹ sagte ich lauernd.
›Hahaha!‹ Der Teufel lachte. ›Ja wenn! Wenn er wie eine große ringförmige Schachtel wäre, in der man zwar ewig in der Runde herumlaufen, aus der man aber auch einfach etwas hinaustun könnte! Dann hätte ich gewonnenes Spiel. Da könnte ich so eines nach dem andern aus dem Räume werfen, mit anderen Worten, ich könnte E x i s t e n z v e r n i c h t e n , absolut zu nichts machen. Aber tun Sie einmal etwas aus einer Schachtel hinaus, wenn die Schachtel überhaupt nichts außer sich hat, höchstens daß sie wieder in einer Schachtel steckt und so immer wieder und wieder in einer andern. Das hat eben die Weltvernunft so schlau eingerichtet, daß sie die Formen der Existenz an dasselbe Gesetz der Unendlichkeit gebunden hat, wie die Formen des Denkbaren. Und so bin ich ›armer Teufel‹ immer nur auf kleine Mittel angewiesen, wenn ich der Existenz des Vernünftigen an den Leib will.‹
Als ich den Teufel so reden hörte, ward mir ganz wundersam froh zumute. Ein Plan der Rettung tauchte in mir auf.«
»Ach ja!« sagte plötzlich der sanfte Jüngling, der bis jetzt aus Bescheidenheit geschwiegen hatte. Der Professor sah ihn verwundert an.
»Entschuldigen Sie,« stammelte der Jüngling, »ich freute mich nur so, daß der Teufel schließlich doch nichts ausrichten kann, selbst nicht mit dem bayrischen Bier.«
»Na,« meinte der Professor, »da freuen Sie sich nur nicht zu früh.«
»Aber der Alkohol ist doch eine teuflische Einrichtung,« bemerkte der sanfte Jüngling schüchtern. »Der ist doch wohl eines der größten Mittel des Teufels.«
»Da ist der Teufel anderer Meinung. Wissen Sie, was er weiter zu mir sagte? Ich brachte ihn nämlich auf seine sogenannten kleinen Mittel, weil ich inzwischen über meinen Plan nachdenken wollte. Und da sagte er unter andrem, jetzt betreibe er mit Vorliebe die Verbreitung der A b s t i n e n z . «
»Was? Wie?«
»Ja. ›Der Alkoholgenuß nämlich,‹ so sagte der Teufel, ›ist einer meiner größten Feinde. Ohne den wäre die Menschheit wohl längst ausgestorben. Es ist freilich richtig, durch den Mißbrauch des Alkohols, den sogenannten S u f f , werden ja viele Menschen und ganze Generationen ruiniert, aber das nützt mir nicht viel. Das sind nämlich immer haltlose Menschen ohne Willensstärke. Insofern wirkt also der Suff als eine m o r a l i s c h e A u s l e s e ; durch ihn werden gerade die charakterlosen Menschen vernichtet und an der Weiterverbreitung verhindert, während die sittlich starken übrigbleiben. Der Suff verbessert die Rasse. Das ist mir natürlich fatal. Die Abstinenz als Gewohnheit bewirkt nun, daß auch die Willensschwachen und Schwächlichen sich erhalten, und verschlechtert somit die Menschheit; denn sie ändert ja nicht den Charakter der Menschen, sondern beseitigt nur ein Symptom ihrer Schwäche.‹«
»Aber, aber —«
»Ich teile ja nur mit, was der Teufel sagte. ›Übrigens,‹ fuhr er fort, ›ist die Beseitigung des sogenannten Suffs nur Nebensache. Was mich an der Abstinenz freut, ist, daß sie der Menschheit das unentbehrlichste Vorbeugungs- und Anregungsmittel entzieht. Lassen Sie nur ein paar Generationen keinen Alkohol mehr genießen, so stirbt in den folgenden das ganze Volk an Darmkrankheiten und Nerventrägheit aus. Absolute Abstinenz fördere ich daher mit Vorliebe.«
»Oh, oh, Herr Professor,« seufzte der sanfte Jüngling.
»Sehr richtig!« rief der starke Herr.
Die blaue Dame bat um ein Glas Glühwein.
»Jetzt aber,« sagte die kleine Brösen, »kommen Sie nun endlich dazu, wie Sie den Teufel losgeworden sind.«
»Gern,« begann der Professor wieder. »Wir redeten noch so allerlei, dazwischen fragte ich, wie man es denn mache, das RaumAutomobil anzuhalten.
›Haha!‹ Der Teufel lachte. ›Sie denken wohl, das werde ich Ihnen sagen? Die Operation mit dem unendlichen Vektor? Nein, das kann ein endlicher Geist nie verstehen. Ich drücke nur so — so — — Die Energie kommt nicht aus dem Unendlichfernen, sondern aus dem Unendlichkleinen!‹
›Und da ist so viel darin?‹
›I nun, natürlich. Da sind ja die unendlich vielen Unteratomwelten! Ich kann da Bewegungsenergie von beliebig hoher Intensität herausziehen —‹
›Was? Wir könnten noch schneller fahren?‹
›Freilich, mit tausend, mit millionenfacher Lichtgeschwindigkeit
›Das glaube ich nicht.‹
›Herr, ich muß bitten!‹
›Entschuldigen Sie! Aber doch keinesfalls mit zwanzigmillionenfacher Lichtgeschwindigkeit?‹
›Ich werde es Ihnen gleich zeigen. Dann lassen Sie mich aber ein wenig in Ruhe, denn es fällt mir nicht ein, mich sämtliche hunderttausend Billionen Kilometer unsrer Reise hindurch zu unterhalten.‹
Der Teufel machte nun einige seltsame Manipulationen, wobei er mich mit der einen Hand festhielt. Als er mich wieder losließ, bemerkte ich, daß wir eine ganz unbeschreibliche Geschwindigkeit angenommen haben mußten. Die näheren Sterne zur Seite ließen wir rasch hinter uns. Wir fuhren in der Sekunde sechs Billionen Kilometer; das ist ein Weg, zu dem das Licht über ein halbes Jahr braucht; Gleich darauf legte sich der Teufel zurück und s c h l i e f sofort ein.«
»Na, erlauben Sie mal,« sagte der starke Herr, als der Professor eine Pause machte, um sich eine neue Zigarre anzuzünden, »das von den kolossalen im Unendlichkleinen noch festgelegten Energiemengen will ich allenfalls glauben. Wir haben ja beim Radium gesehen, welcher Kraftvorrat noch in den Atomen ruht, und es ist jedenfalls denkbar, daß weit unter dem uns Zugänglichen noch unerschöpfliche gebundene Kräfte stecken. Denn das Unendliche geht so gut nach unten wie nach oben, für uns ist's nur ein Fragezeichen, und der Teufel weiß, wie man dazu kann. Aber daß eben dieser Teufel auch schlafen sollte wie unsereiner, das sollen Sie mir nicht weismachen.«
Der Professor brachte erst mit großer Sorgfalt seine Zigarre in Brand, dann schaute er den starken Herrn vergnüglich an und sprach:
»Er schlief ja auch gar nicht. Ich dachte mir natürlich gleich, daß das bloß ein K n i f f sei. Er hatte doch offenbar noch andres zu tun, als mit mir zu reisen, wollte mich aber nicht ohne Aufsicht lassen; und da er meine Gestalt deshalb beibehalten mußte, so konnte er sich vermutlich nicht anders helfen, als sich schlafend zu stellen. Wahrscheinlich war er durch irgendwelche Rücksichten, die ich nicht kenne, dazu gezwungen, denn sonst hätte er's nicht gerade in dem Augenblick getan, als ich ihn zu der SechsbillionenGeschwindigkeit beredet hatte.«
»Ja, aber warum taten Sie denn das überhaupt?« fragte Frau Brösen. »Ich habe mich schon vorhin gewundert. Sie sollten doch — so — na, ich weiß nicht, wie weit reisen, da lag es in Ihrem Vorteil, möglichst langsam zu fahren, um nicht so bald — Was sollten Sie doch werden?«
»Ein Meteor — oder auf den Mars verheiratet. Hm,« sagte der Professor, »ich wollte aber weder das eine noch das andere, auch wollt' ich nicht so lange reisen, ich wollte nach der Erde zurück, und dazu mußte ich möglichst schnell fliegen, und zwar immer geradeaus.«
»Das versteh' ich nicht,« rief Frau Brösen. »Reden Sie deutlicher.«
»Nun, wenn Sie von hier aus immer gerade nach Westen reisen, so kommen Sie, da die Erde eine Kugel ist, doch schließlich vom Osten her an dieses liebliche Weltdorf wieder zurück.«
»So klug bin ich auch. Aber die Welt ist doch keine Kugel, an deren Oberfläche ich herumreise.«
»Nein, aber der Raum, sehen Sie, der Raum, worin wir alle uns bewegen, der ist nämlich krumm, ohne daß wir's merken. Früher haben die Menschen auch die Erdoberfläche für eine Ebene gehalten, auf der man geradeaus gehen konnte, und jetzt wissen wir, daß wir auf einem Kreise reisen, obwohl wir immer dieselbe Richtung einhalten. Unsre Mathematiker wissen nun schon lange, daß es mit unserm Raume auch sein k ö n n t e . Allerdings besaß man kein Mittel, um zu entscheiden, ob unser Raum wirklich in sich zurücklaufe, man wußte nur, daß für das Denken kein Widerspruch darin liegt. Nun aber ist es mir wirklich gelungen, zu entdecken, was der Teufel nicht wußte, — meine Abhandlung ist nämlich noch nicht veröffentlicht, — es ist mir geglückt, den sogenannten Krümmungsradius unsres Raumes mit voller Sicherheit zu bestimmen. Um es streng wissenschaftlich auszudrücken: Unser Raum ist kein e u k l i d i s c h e r , sondern ein sog. e l l i p t i s c h e r Raum mit zugeordneten Polen und einem Krümmungsradius von etwas über dreitausend Lichtjahren; das bedeutet, daß das Licht etwas über zehntausend Jahre braucht, um wieder an seinen Ausgangspunkt zurückzukehren.«
»Na, na, na!« rief der starke Herr. »Das könnte schon sein, aber da müßten wir doch auch das Sonnenlicht wieder von der andern Seite zurückkommen sehen; wir müßten immer eine Gegensonne im Rücken haben.«
»Würden wir auch, wenn der Raum vollständig durchsichtig wäre. Aber in diesem Raum treibt sich so viel lichtverschluckender Staub herum, daß auch das stärkste Licht nicht den ganzen Weg zurücklegen kann, ohne aufgesaugt zu werden. Wir können so weit nicht sehen, selbst der Teufel nicht. Und der beste Beweis dafür ist: Ich bin den ganzen Weg gefahren.«
»Aber,« brummte der starke Herr, »woher wußten Sie denn, daß Ihr Wägelchen nicht von der geraden, will sagen, der kürzesten Linie im Räume abgelenkt werden konnte?«
»Nun, der Teufel hatte mir doch gesagt, unser Fahrzeug sei aus Stellit. Das ist der Name, den ich für einen idealen Stoff gewählt habe, wodurch alles von ihm Umschlossene frei von der Schwerewirkung wird. Wir könnten demnach durch die Anziehung der Sterne nicht abgelenkt werden. Ich durfte also annehmen, daß unser geradliniger Weg, der nach Ansicht des Teufels ins Unendliche führte, uns tatsächlich wieder in das Sonnensystem zurückbringen mußte. Deswegen hatte ich den Teufel überredet, unsre Geschwindigkeit auf die zwanzigmillionenfache des Lichts zu bringen. Denn dann konnten wir, wie ich mir schon ausgerechnet hatte, die ganze wirkliche Reise um die Welt in noch nicht ganz fünf Stunden vollenden. Und ich wollte doch noch gern während der Nacht nach Hause kommen.«
»Nach Hause?« rief die blaue Dame wieder aufspringend. »Ach ja, ich wollte ja auch nach Hause. Ich muß ja nachsehen —«
»Na, nu warten Sie nur noch ein wenig,« beruhigte sie der Professor. »Mit dem ›nach Hause‹ war es nicht so einfach. Ich wollte zunächst nur wieder in unserm Sonnensystem sein, denn in diesen fremden Fixsternwelten konnte sich ja kein Mensch auskennen. Aber wirklich nach Hause, ja auch nur nach der Erde und aus diesem MiniaturWeltkörperchen herauskommen — das war die Schwierigkeit. Und das sagte ich mir von vornherein, daß ich dazu den Teufel nötig hatte. Ich wußte ja nicht, wie er mich hereingebracht hatte — auch er nur konnte mich wieder herausbugsieren — — Zunächst schien er neben mir zu schlafen, obgleich ich sicher war, daß dieses Phantom neben mir nur eine Attrappe vorstellte, einen Meldeapparat für den Teufel, wenn ich irgend etwas Eigenmächtiges an dem Apparat zu ändern versucht hätte. Ich verhielt mich mäuschenstill. Vier Stunden etwa mußten noch vergehen, ehe unsre Mutter Sonne als kleines, schwaches Sternchen wieder auftauchen konnte, und dann näherten wir uns ihr von der andern Seite her. Und die Erde war auch ein Stück auf ihrer Bahn fortgelaufen und hatte sich dabei um ihre Achse gedreht. Und wenn wir so mit unsrer wahnsinnigen Geschwindigkeit gegen die Erde angefahren wären, so hätten wir einfach ein Loch hindurchgeschossen, falls das Stellit es aushielt. Während ich mir das alles überlegte, wurde mir ganz jämmerlich zumute. Schlimmer konnte mich der Teufel wahrhaftig nicht holen. Ich kann schon das Reisen überhaupt nicht leiden, und nun gar, wenn das Ankommen so unbestimmt ist! Und nicht einmal etwas zu essen oder zu trinken, nicht einmal eine Zigarre!«
»Sie tun mir aber auch wirklich leid,« sagte die blaue Dame gutmütig.
»Nicht wahr? Ich mir auch. Ich sah ja unglaubliche Dinge in jenen fernen Weltgegenden, Lichtnebel vor mir lösten sich zu Sternenhimmeln auf und schwanden wieder hinter mir zu schimmernden Wölkchen; — ich aber saß neben dem schlafenden Teufel, Stunde um Stunde, und wußte nicht, soll ich ihn rufen, soll ich noch warten. — — Und nun fiel mir's erst aufs Herz — Bei der rasenden Geschwindigkeit, mit der wir fuhren, war es ja gar nicht möglich, irgendein Sternbild zu erkennen, wenn wir auch wieder in unsre Himmelsgegend kamen — ich hätte gar nicht gewußt, ob ich an der Sonne vorbeisauste, denn selbst einen Raum vom sechzigfachen Durchmesser der Neptunsbahn durchmaßen wir im zehnten Teil einer Sekunde — ich war einfach verloren im Weltraum — ich war selbst schon viel weniger als eine Sternschnuppe — — —
Da — ich fühlte, wie ich den Sitz unter mir verlor — aber irgendeine Gegenkraft hielt mich schwebend; ich kam zur Ruhe und merkte sofort, daß die Sterne wieder stillstanden, ich erkannte den vertrauten Himmel unsrer Milchstraße, und da, direkt vor uns, das hellstrahlende Pünktchen, das konnte nichts andres sein als unsre liebe Sonne — —
›So soll doch aber!‹ polterte der erwachte Teufel neben mir, der seinen Sitz ebenfalls unfreiwillig verlassen hatte. ›Da habe ich vergessen, die zwanzigmillionenfache Lichtgeschwindigkeit abzustellen — und nun — nun haben wir das ganze Reiseprogramm von 100 000 Billionen Kilometern in kaum fünf Stunden abgefahren!‹
Nun sah ich, daß der Teufel unter seinem Sitze eine richtige Taxameteruhr gehabt hatte, die auf 100 000 Billionen Kilometer gestellt war. In dem Augenblick, da diese Strecke von dem Automobil abgefahren war, hatte es sich selbsttätig bis auf einfache Eigengeschwindigkeit der Sonne abgebremst. Aber ich bekam einen neuen Schreck. Jetzt fiel mir erst auf, daß die vom Teufel mir bestimmte Reisestrecke mit dem Umfang des elliptischen Raumes, wie ich ihn berechnet hatte, fast genau übereinkam. Hatte der Teufel vielleicht doch gewußt, daß der Raum endlich ist? Hatte er mich getäuscht und sich vorgesehen?
Das ging mir durch den Kopf, während der Teufel bereits fortfuhr:
›Wo sind wir denn eigentlich? Das versteh' ich nun wirklich nicht. Wir sind ja wieder im Sonnensystem, dicht an der Neptunsbahn, aber genau an der entgegengesetzten Seite, als wo wir hinausfuhren. In der Richtung sind wir aber nirgends abgewichen, das hätte ich gleich gemerkt.‹
Nun erkannte ich, daß der Teufel nichts vom Krümmungsmaß des Raumes wußte. Mochte die Übereinstimmung der Zahlen nur Zufall sein oder irgendeinen unbekannten innern Grund haben, jedenfalls hielt mein Begleiter den Raum immer noch für u n e n d l i c h .
›Gestatten Sie,‹ fiel ich daher neu ermutigt ein, ›das kann ich Ihnen nun gleich erklären. Ich hoffe, Sie werden dann —‹
›Gar nichts werde ich. Die Reise ist zu Ende, und jetzt mache ich mit Ihnen, was ich Lust habe. Aber erklären können Sie vorher immer noch.‹
›Hm!‹ brummte ich. ›Sie haben sich eben getäuscht, wenn Sie den Raum für unendlich hielten. Unsere Mathematiker wissen längst, daß unendlich viele Raumarten denkbar sind, die keinerlei Widerspruch in sich enthalten. Nur ob u n s e r Raum, die Bedingungsform unsrer Existenz, jene Eigenschaft der Krümmung besitzt, das ließ sich nicht beweisen. Nun sind wir aber tatsächlich immer geradeaus gefahren und doch wieder an dieselbe Stelle zurückgekommen. Also ist der Raum unsrer Erfahrung nicht ein sogenannter euklidischer Raum, sondern er führt nach 100 000 Billionen Kilometern in sich zurück. Der Raum ist e n d l i c h . Ich habe das schon lange gewußt; hätten Sie mich meine Manuskripte mitnehmen lassen, da steht's.‹
Der Teufel blieb eine Weile ganz starr und dachte nach.
›Was?‹ rief er dann. ›Der Raum ist wahrhaftig krumm? Das heißt, er ist nicht unendlich? Und das habe ich nie gemerkt? Freilich bin ich auch noch niemals so wahnsinnig schnell geradeaus gefahren. Dann aber — wenn das so ist — ha! Dann weiß es auch der andre nicht! Dann ist ja die ganze Weltvernunft auf dem Holzwege! Dann ist die Form der körperlichen Existenz nicht ebenso unendlich wie die Form des Gedankens und der Idee? Ei, dann habe ich g e w o n n e n ! Dann kann ich ja nach und nach die ganze Natur, all ihren gesetzlichen Inhalt, aus ihrer Existenzform hinauswerfen, ins Nichts verrinnen lassen — ich kann v e r n i c h t e n ! Was kein Gott und kein Teufel zu begreifen vermochte — so ein Professor kriegt es heraus! Bei meiner Großmutter, du bist ein Prachtkerl! Bruderherz, ich muß dich umarmen!‹
Eigentlich war ich etwas beschämt; aber ich sagte doch: ›Nun werden Sie aber wohl —‹
›I natürlich!‹ rief der Teufel. ›Dich laß ich laufen. Um dich wär' es schade. So ein Genie muß den Menschen erhalten bleiben. Gleich bring' ich dich auf die Erde zurück.‹«
»Hohoho!« Der starke Herr lachte. »Da sind Sie aber schön reingefallen!«
Der Professor schwieg und nickte ein paarmal leicht mit dem Kopfe. Dann nahm er einen Schluck aus dem Glase und zündete die Zigarre wieder an.
»Nun, und? Was weiter?« fragte die kleine Brösen.
»Das war das letzte, was ich vom Teufel hörte. Ich fand mich in meinem Arbeitszimmer wieder. Die Uhr zeigte 25 Minuten nach zwei Uhr morgens. Sonntag. Ich war todmüde und ging zu Bett.«
»Aber, Herr Professor,« fragte die blaue Dame, »die Geschichte ist doch wohl gar nicht wahr?«
»Es ist alles wahr, ganz genau, bis auf die Hausnummer der Schlammstraße, 21; diese kleine Episode spielte in einer andern Wohnung. Aber das andere — darauf können Sie sich verlassen.«
»Hohoho! Prosit Professor!« rief der starke Herr.
Der sanfte Jüngling goß sich ein Glas Wasser ein, und die blaue Dame sagte:
»Es ist aber doch wirklich nett vom Teufel, daß er Sie wiedergebracht hat.«
Ist es gestattet Platz zu nehmen?« fragte der Oleanderschwärmer höflich und wiegte leicht seine grünsamtnen, buntgestickten Flügel hin und her. »Ich bin nämlich fremd hier,« setzte er entschuldigend hinzu, als niemand antwortete.
»Das sehe ich,« bemerkte jetzt der Hirschkäfer, der auf der Rinde des Eichenastes saß. »Ihre hiesigen Verwandten tragen einfachere Kostüme.«
»Ja, drüben im Gewächshaus ist alles heller und bunter. Aber hier haben Sie den Vorteil, daß es früher dunkel wird. Ich liebe die Dämmerung. Doch wenn ich fragen darf — jenes Runde, Weiße dort — es scheint in der Luft zu schweben —« der Schmetterling kroch tiefer zwischen das Eichenlaub — »es ist doch nicht etwa ein Vogel? Ich falle nämlich leicht auf.«
»Das? Was dort in der Veranda schwebt? Das kennen Sie nicht? Das ist doch das Haus, worin der Gott wohnt. Jetzt ist er noch nicht da, aber er wird bald kommen, denn es ist schon ziemlich dunkel.«
Der Falter blickte verwundert nach der elektrischen Bogenlampe, die von der Decke der Veranda herabhing.
»In so großem Hause wohnt Ihr Gott? Das habe ich noch nicht gesehen. Bei uns bemerkt man sein Haus überhaupt erst, wenn er darin ist, und auch dann kaum. Übrigens haben wir mehrere Götter.«
»Drin in der Villa gibt's noch viele kleine. Aber wir in der Veranda haben nur einen, und er ist der größte, den man kennt. Man glaubt, er sei ein Hirschkäfer.«
»Ein Hirschkäfer? Was sie sagen!« rief der Schwärmer. »Bei uns können nur Schmetterlinge Götter werden. Lassen Sie so etwas nicht bei uns verlauten, man würde — na, ich will lieber schweigen. Aber wie kommen Sie zu dieser Ansicht?«
»Nun, das Haus und der Gott sind noch neu. Früher hatten wir einen kleineren. Da stürzte sich ein Hirschkäfer hinein, und der Gott verschwand. Am andern Abend erschien der neue große Gott. Das soll der Hirschkäfer sein.«
»Bei allem Zuckersaft! Das können Sie glauben? Ich sage Ihnen doch, daß nur Schmetterlinge Götter werden —«
»Neulich kam eine Bremse aus dem Pferdestalle und behauptete, bei ihnen könnten nur Fliegen zu Lichtgöttern werden.«
»Das ist unerhört.«
»Nun, wenn überhaupt, so sehe ich nicht ein, warum nicht alle Insekten Gott werden sollen, wenn sie sich zum Opfer bringen und hineinstürzen. offen gestanden — mir ist die Sache etwas zweifelhaft geworden — wenn die Falter und die Käfer und die Fliegen es sich gegenseitig abstreiten, so ist vielleicht überhaupt nichts Wahres daran.«
»Sie sind ja ein Freigeist, ein Ungläubiger! Freilich, ein Käfer! Aber uns Schmetterlingen ist es nicht bloß offenbart, es ist auch erwiesen —«
»Wäre es erwiesen, so müßte unser Gott in der Veranda unbedingt ein Hirschkäfer sein seiner Größe wegen. Denn die größten Käfer sind wir.«
»Hier im Lande.«
»Davon sprechen wir auch nur. Wie gesagt, ich glaube, — Sie dürfen mich aber nicht verraten — der Hirschkäfer hat den Gott vernichtet und — das Licht ist überhaupt gar kein Insekt!«
»Oh! Bei meiner Raupe! Das ist Blasphemie!
Müssen Sie nicht allen Halt und Trost verlieren, wenn Sie nicht mehr an das Licht glauben, in das alle Insekten eingehen? Und können Sie sich das Licht anders vorstellen, wenn nicht als Insekt, was doch das Höchste ist! Wie kommen Sie auf Ihre Ketzerei?«
»Den Gott stelle ich gar nicht in Abrede, aber ich suche ihn noch höher. Könnte nicht vielleicht das Licht eine Pflanze sein? Was wären wir ohne die Pflanzen? Wovon wollten Ihre Raupen leben, wenn es nicht Oleander gäbe? Nun werden Sie einräumen, daß die Pflanzen doch noch höhere Wesen sind als die Insekten —«
»Durchaus nicht, sie können nicht fliegen.«
»Aber sie sind älter und weiser. Unsre Eiche z. B. ist älter als ich, sie ist älter als das Haus und die Veranda, ja sie hat hier schon gestanden, ehe es Häuser in dieser Gegend gab; das hat sie uns erzählt. Sie spricht selten, doch läßt sie sich manchmal dazu herab. Einmal fragte ich, was sie vom Lichte hielte. Da sagte sie: Die Pflanzen wenden sich zum Lichte, die Insekten stürzen sich hinein. Gebet und Opfer.«
»Etwas dunkel,« erwiderte der Schwärmer. »Das Hineinstürzen ist jedenfalls das Höhere, dadurch wird man zum Höheren. Es gibt nämlich zweierlei Licht, das dürfen Sie nicht verwechseln. Es gibt Licht, zu dem man nicht fliegen kann, das ist der Tag und die Sonne; danach wenden sich die Pflanzen. Und dann gibt es Licht, in das man fliegen kann; das sind die Lichter, die in der Nacht leuchten, das sind die Götter. Dahin fliegen wir. Und gelangen wir in sie hinein, so werden wir selbst zu Gott. Denn die Götter sind nichts andres als die höchste Stufe der Insekten. Dieses Sichhineinstürzen heißt sich aufgeben, um die Vollendung zu erlangen. Wir scheinen zu sterben, aber wir werden zum Gott.«
»Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er — die Hoffnung auf.«
Eine helle Mädchenstimme deklamierte die Verse mit energischer Betonung. Anni trat aus der Tür des Zimmers in die Veranda, ihren Schiller in der Hand. Den Zeigefinger hielt sie an der Stelle des Bandes eingeklemmt, wo das Gedicht »Hoffnung« stand. Nun blieb sie stecken — sie schlug das Buch auf.
»Ist das hier dunkel,« sprach sie für sich. »Es ist überhaupt nichts mehr zu erkennen.«
Und sie streckte die freie Hand nach dem Einschalter neben der Tür aus. Die weiße Bogenlampe flammte auf und glänzte taghell durch die Veranda. Anni setzte sich an den Tisch, blickte ins Buch und memorierte weiter.
»Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren.
Im Herzen kündet es laut sich an;
Zu was Besserem sind wir geboren.«
Die Rede des Schmetterlings verstummte im Augenblicke, als das Licht erschien. Mit ehrfurchtsvollem Schauder sagte er leise: »Der Gott ist da.« Die Menschenstimme vernahmen die Insekten nicht; sie ist für sie nur ein unbestimmtes Geräusch wie für uns das Summen der Käfer oder das Rauschen der Eichenblätter. Und die Menschen selbst erscheinen ihnen nur als unklare Gestalten.
Nach einiger Zeit begann der Oleanderschwärmer wieder:
»Es ist wahr, einen größeren Gott sah ich noch nie. Er ist wie die Sonne. Kann man wirklich nach ihm fliegen?«
»Sie sehen es,« antwortete der Hirschkäfer. »Da sind schon die Motten, sie fliegen hin und stoßen dagegen. Die müßten nun auch alle Götter werden, wenn Ihr Glaube der rechte wäre.«
»Falls sie zu den Schmetterlingen gehören, werden sie es sicher. Es gibt doch auch viele kleine Lichter.«
»Schmetterlingslichter! Zum Lachen!«
»Lachen Sie nicht! Ich will Ihnen die Sache erklären. Sie hängt mit der Entwicklungsgeschichte unserer Familie zusammen. Wir sind sehr gebildet. Ich bin eine Sphinx Nerii. Man hat eben, was man Metamorphose nennt. Schließlich ist die ja bei allen Insekten in gewissem Grade ähnlich. So mag es auch sein, daß die Fliegen, Käfer u. dgl. ebenfalls, wenn sie ins Licht fliegen, in irgend einer Form auferstehen, obwohl nicht gerade als Götter, d. h. Lichter. Aber bei den Schmetterlingen ist es so. Nämlich Akanthja lektularja, d. h. die Lichter, sind unser eigentliches Imago. Wissen Sie, was ein Imago ist?«
Der Hirschkäser zuckte mit dem Oberkiefer. »Wir sind mehr als gebildet,« sagte er, »wir sind aufgeklärt. Es gibt freilich Leute, die an Ihre Metamorphose glauben, daß wir einst ein Ei, dann eine Larve, eine Puppe waren und schließlich ein Käfer wurden. Diese vollendete Gestalt nennen sie dann Imago. Aber das ist Unsinn. Ich kann mich absolut nicht daran erinnern, etwas anderes gewesen zu sein als ein Hirschkäfer, und sehen Sie mal, was für einer!«
»Alle Achtung! Ich kann mich auch nicht an meinen Raupenzustand erinnern, aber ich habe selbst Raupen gesehen, die sich zu Puppen eingesponnen haben, und Puppen, aus denen Falter wie ich herausgekrochen sind. Das kommt daher, weil wir unsre Verwandlung schneller durchmachen und unsre schönen Larven, nämlich die Raupen, — unsre haben ein Horn — im Lichte umherkriechen. Aber Sie brauchen Jahre dazu, und Ihre Larven sitzen im Dunkel hohler Stämme verborgen und fressen faules Eichenholz. Woher sollen Sie etwas wissen!«
»Und wenn es so wäre — was haben Sie denn davon, daß Sie einmal eine Raupe waren, wenn Sie sich nicht daran erinnern können? Und was hat die Raupe davon, daß sie einmal ein Falter wird, wenn zwischen ihnen beiden gar kein Zusammenhang des Bewußtseins ist?«
»Die Raupe hat aber den Trost, daß sie sich zu etwas Besserem einpuppt. Und wir wissen weiter, daß der Falter noch nicht das Höchste in unsrer Entwicklung ist, das eigentliche Vorbild und Ziel ist das Licht, der Gott. Aus dem Schmetterling enthüllt sich der Gott, das ist unsre Hoffnung.«
»Aber wenn Sie nichts mehr von Ihrem früheren Ich wissen, dann sind Sie es doch gar nicht mehr, dieses Exemplar von Sphinx Nerii. Der Gott ist dann eben der Gott, ob er nun aus Ihnen oder aus sonst was geworden ist, und Sie sind nicht mehr da. Wozu also die Mühe?«
»Das ist Gefühlssache. Ihre Philosophie geht mich nichts an. Mir genügt die Hoffnung, daß ich leuchten werde.«
»Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.«
Anni sagte es laut. »So, nun kann ich's aber!« fuhr sie fort und klappte mit Befriedigung das Buch zu. Dann holte sie aus ihrer Tasche einen Detektivroman. Sie legte das Bändchen vor sich auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hand.
»Jetzt könnte ich nun ganz ungestört lesen,« so gingen ihre Gedanken. »Aber ich weiß schon, dann lese ich die halbe Nacht durch, und morgen bin ich todmüde. Und die erste Stunde morgen ist bei Professor Walding. Da gibt's sicher einen kleinen Klassenaufsatz über das Gedicht — nun ich kann's ja. ›Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf!‹«
Vor ihrem Auge stand deutlich die Stunde, in der neulich der Professor das Gedicht erklärte: »Zu was Besserem sind wir geboren.« Und wie die hübsche Brigitte Endel vor sich hinsprach: »Zum Heiraten.« Und wie der Professor sagte: »Sie wollten etwas fragen, Fräulein Endel?« Und wie Brigitte feuerrot wurde und der Professor fortfuhr »Vielleicht, was wir unter dem Besserm zu verstehen haben?« Und wie die eine dies, die andere jenes meinte, und zuletzt der Professor sagte: »Es kommt also darauf hinaus, wir haben eine höhere Aufgabe zu erfüllen, die über unser Einzelleben hinausliegt. Und diesem Höheren dient auch unser Tod, wenn wir gleich nicht wissen, auf welche Weise. Das ist die Hoffnung, die wir am Grabe aufrichten. Sollen höhere Formen gedeihen, müssen niedere vergehen. Alles Lebende ist immer nur ein Teil eines höheren Systems, in dessen Leben es aufgeht. Wenn die Nachtigall den Mehlwurm frißt und ihr holdes Lied in einer Menschenseele das Gefühl des Schönen weckt, war dann nicht der Mehlwurm zu etwas Besserem geboren? Jede Zelle ist ein lebendes Individuum, und doch, bedenken Sie, wieviel Zellen müssen zerstört werden, damit Sie das Vergnügen haben, Apfelkuchen und Schlagsahne zu essen! Das kommt Ihnen komisch vor, aber es steckt ein Weltgeheimnis darin. Die Zusammenhänge des Lebens sind so ins Unendliche verschlungen zwischen Klein und Groß, daß uns neben dem Bewußtsein des guten Willens nur dieses Gefühl des Vertrauens rettet: Das Höhere gewinnt.«
Ein leichtes, rasches Getappsel kam aus dem Hause. Topsy, das zierliche kluge Dachselfräulein, erschien auf der Veranda und sprang ohne weiteres auf den Polsterstuhl neben Anni.
»Bist du auch ein höheres System, Topsy?« fragte Anni und streichelte das glatte Fell. Der Hund schmeichelte und rollte sich dann zur Ruhe zusammen.
Anni öffnete den Roman, aber sie las nicht. Ihre Gedanken waren noch bei dem Gedicht.
Von Zeit zu Zeit stießen Insekten an die Lampe und fielen betäubt auf den Tisch. Ein dickes kleines Taubenschwänzchen geriet auf das Buch und flatterte von da zur Erde. Topsy schnappte danach, denn sie fühlte sich in ihrer Ruhe gestört.
»Es ist so schön hier, so still,« dachte Anni, »ich könnte eigentlich noch hier sitzen bleiben — aber dieses Herumschwärmen der ekligen Tiere um die Lampe ist wirklich störend. Vater muß einen Schirm darunter machen lassen. Was haben diese Dinger nun für eine höhere Aufgabe, wenn sie sich hier den Kopf einrennen? Wenn sie wenigstens noch gut schmeckten, Topsy?«
Inzwischen erhitzten sich der Hirschkäfer und der Oleanderschwärmer immer mehr in ihrem Gespräch.
»Leuchten werden Sie? Lächerlich! Wie wollen Sie denn das machen?«
»Das weiß ich nicht. Aber das weiß ich, daß dann irgend etwas Bedeutendes mit mir oder durch mich geschehen wird. Ich werde einem andern Zusammenhang angehören, etwas Göttliches wird —«
»Na, was verstehen Sie denn überhaupt unter dem Göttlichen?«
»Irgend etwas, das mit dem Lichte zusammenhängt, diesem Wunder, das wir fürchten und suchen.«
»Dann sollten Sie sich doch möglichst bald in das Licht stürzen!«
»Dazu bin ich entschlossen. Dieser herrliche Glanz zieht mich mächtig an. Ich will mein Imago werden!«
»Schade um Sie! Ich glaube nicht an die Sache. Ich kann freilich nicht leugnen, das Licht besitzt auch für mich eine seltsame Anziehungskraft. Es stört mich aber. Wenn ich hinflöge, so würde ich es nur tun um zu beweisen, daß ich den Gott zerschmettern kann.«
»Oh!« rief der Schwärmer. »Welche Lästerung! Ich darf Sie nicht weiter hören! Möge der Lichtgott verzeihen und mich gnädig aufnehmen!«
»Wenn Sie wirklich hinfliegen und der Gott doch noch weiter leuchten sollte, so werde ich ihn auslöschen, bei meinem Kinnbacken!«
»Nein, nein! Den Frevel dulde ich nicht, ich fliege zum Gotte!«
»Woher wollen Sie denn wissen, ob es nicht viel besser ist, wenn das Licht n i c h t da ist. Mir wenigstens —«
Der Oleanderschwärmer hörte nicht weiter. Er breitete die Flügeldecken aus und erhob sich. Der Lampe zu war sein Flug gerichtet.
Beim Geräusch seiner breiten Schwingen blickte Anni auf. Der Schwärmer flatterte ein paarmal um die Lampe, dann ließ er sich geblendet auf dem Tisch nieder. Anni beobachtete das große Tier.
»O wie schön!« rief sie. »Das ist etwas Seltenes. Den sollte ich für Erichs Sammlung fangen. Aber wie?«
Sie stand auf und spähte umher.
Der Schwärmer nahm einen neuen Aufschwung. Er warf sich mit Gewalt gegen das Licht und prallte an der MattglasUmhüllung der Lampe ab. Halb betäubt flatterte er dem Fußboden zu.
Schon hatte Topsy unwillige Blicke nach dem beweglichen Gegenstande geworfen. Jetzt fuhr das Hündchen zu, schnappte, und der dicke Körper des Schmetterlings war zerbissen.
Anni stand an der Tür des Zimmers und hatte gespannt zugesehen. Sie mußte über die komischen Bewegungen Topsys lachen.
Auf einmal schrak sie zusammen. Es gab einen heftigen Knall gegen die Lampe und ein schwarzer Gegenstand fiel auf den Tisch. Der Hirschkäfer war es.
»Pfui!« rief Anni. »Das ist ja nicht zum aushalten!«
Sie drehte den Ausschalter um — das Licht verlosch.
»Komm, Topsy,« sagte sie. »Es ist viel gescheiter, schlafen zu gehen. Morgen ist Klassenaufsatz. Den Roman kann ich übrigens in der Zeichenstunde lesen.«
Sie knickste ironisch ins Dunkel hinaus:
»Der Klügere gibt nach. Wir sind das höhere System. Nicht wahr, Topsy?«
Anni schloß die Tür.
Der Hirschkäfer erwachte aus seiner Betäubung. Er kroch über den Tisch.
»Ich habe mir meine Kinnbacken verstaucht,« brummte er. »Aber den Gott habe ich vernichtet. Die Wahrheit muß doch siegen! Jetzt flieg' ich im Dunkeln um die Eiche!«
Ich bin der Führer. Wohl dem, der mir folgen kann. Ich weise ihm das Unweisliche. Du sollst ihn sehen, den N a d i r . Steige mit mir auf den Turm der Schiefe.
Nur die schiefen Türme haben den geraden, den lotrechten, den sich versenkenden Blick, der den Boden trifft, dort wo die schaffende Richtungslinie nach dem Zentrum das breite, platte Niveau schneidet. Steige doch auf den geraden Turm und schau hinab, und wenn Du Deine schielenden Augen noch so sehr verdrehst, was siehst Du? Mauerränder, Schutzdächer, Strebepfeiler, Dachrinnen! Aber siehst Du den Boden unter Dir, den Nadir, den Gegenpol des Zenits, die Mitte der Individualwelt Deines RaumIchs? Nein, Du siehst ihn nicht. Dort, wo Du den Boden erblickst, da haben ihn Deine Blicke schon angeschrägt, perspektivisch verschoben, verschroben, flächenräuberisch verkleint. Gerade unter Deinen Fuß mußt Du schauen, nicht nur bis auf den untersten Westenknopf, wie der indische Säulenheilige, sondern mitten hindurch, durch den Knopf, durch die Stiefel, durch die Säule, in den Niveaupunkt.
Das vermagst Du nur auf dem schiefen Turm.
Da liegt das Unsehbare frei. Da weist sich Dir das fußsohlenverdeckte Abstraktum des Lebenslotes, die aufschießende Schwerlinie, wo sie das Flache durchlocht, auftreibt, zum Körper erhöht. Denn was ist flacher als das Rund der Erde, dessen Abwälzung der Tag heißt? Und was ist schärfer als die Kraftrichtung, die sie aufhebt? In das schlottrige Überall von Raum und Zeit jauchzt sie hinein ein unsterbliches Hier! Ich! Das da! Etwas! Gerade ich!
Widersprich nicht! Greulich ist mir das Grübeln der Grünen! Der Boden wäre Dir näher ohne den Turm? Hinknien, hinlegen könntest Du Dich, den Boden in die deutliche Sehweite von fünfundzwanzig Centimetern Deiner normalen Augen bringen? Bemitleidenswertes Opfer der blödsinnigen, gedankenmessenden, hirnschänderischen Physiologie, Du dauerst mich. Zu sehen glaubst Du, wo Du nur riechen kannst? Aber die Menschheit riecht irre, drum soll sie sehen. Komm' her und höre die Geschichte von der A k a n t h i a .
Siehst Du den Wanderer, wie er keucht und flucht? Jetzt watet er durch den gelben Sand, da kommt ein Stück sumpfige, moorige Wiese, grünschwärzlich patscht er dahin, nun den grauen, holprigen Felsgrat hinan über den blendenden schlüpfrigen Schnee — ja er flucht und keucht durch alle Farben: denn er ist kein steigfroher, stadtentsprungener Alpinist, er ist ein armer Hungriger, der nach Nahrung sucht. Und warum muß er hier wandern? Weil es die ursprüngliche Welttatsache so will, weil sein Brotherr reinmachen läßt und kein andrer Weg zum Entrinnen blieb, nachdem er einmal auf dieses Ölbild geraten war.
Denn der Wanderer ist eine Wanze, eine richtige A k a n t h i a l e k t u l a r i a aus der Gruppe G e o k o r e s der Ordnung R h y n c h o t a , und die Gegend, die sie durchwandert, sind die Wirrsale von halbtrockener Ölfarbe und Firnis aus einem großem Bilde. Und die kleine, arme Akanthia hat ganz recht, zu keuchen und zu fluchen, daß sie durch diese klebrige Wüste ziehen muß.
Ermüdet legt sie ihren Schnabel in die eigens dazu angebrachte Rinne und seufzt nachdenklich: Warum muß dieses schwierige, schmierige Gelände sein? Warum ist die Welt nicht eine große Bettstelle?
Und das, Du grünschnabelkerfiger Tor, wird Deine WanzenPerspektive sein, wenn Du meinst, Du könntest den Nadir in der Nähe suchen. Auf meinem schiefen Turme aber siehst Du die Landschaft, über welche die Akanthia kriecht, wie sie der Jüngling im Sammetbarett sieht, der freudig davor steht. Dem Tiere zum Leide hat er diese Farbenwüste geschaffen, ihm aber scheint sie eine schöne Frau mit ihrem Kindlein auf dem Arme. Das ist sein heiligstes Herzensgut. Und Tausende und Abertausende fanden vor dem Bilde die selige, gottesfrohe Lösung ihres Leids, seit Jahrhunderten, auf Jahrhunderte.
Nun meinst Du wohl wieder, Du naseroter Schwärmer, die Akanthia sei lächerlich? Sie hätte kein Recht zu Schimpfen? Nun erst gerade! Komm' nur auf den Turm der Schiefe, wo die schiefen Gedanken, zu rechten, geraden, zutreffenden Apollopfeilen geschärft, ohne parabolische Abweichung nach dem Zielpunkt geschossen werden können, weil es der Schwerpunkt ist. Hatte die Akanthia eine Ahnung von Raffael? Und hast Du vielleicht eine Ahnung, wie die Menschheit, Deine ganze Kunst, Dein Wissen, Dein Glauben sich von oben ansieht? Ob nicht die Erde nur eine Bettwanze des Milchstraßenriesen ist, die ihn sticht, beißt, anstinkt und ärgert? Jede gewaltige Entdeckung der Menschheit eine Anzapfung, jeder Sieg der Schönheit ein Schmutzfleck, jede Großtat des Edelmuts eine Schädigung, jede Lobpreisung eine Schmähung des Übergeistes, dessen Weltzweck vermutlich ebenso nach einer ganz anderen Richtung liegt, wie der Kunstzweck vom Wanzenzweck?
Also wohin sind wir schief gewickelt? — Denke an D i e U h r .
Die schiefen Gedanken sind die wahren, wie die schiefen Türme die geraden Wege sind. Was wäre Galilei ohne den schiefen Turm, was wären seine Fallgesetze? Unfälle! Wo wären seine Pendelgesetze, hätten die Ampeln im Dom von Pisa nicht schief gehangen?
Stelle das Perpendikel der Wanduhr gerade, und sie bleibt stehen. »Ich bin die Seele,« sagte das Perpendikel zum Gewicht, »ich bin das belebende, das regulierende Prinzip. Bleibe ich stehen, so kann sich kein Zeiger mehr drehen, Du magst ziehen, soviel Du willst.«
»Nicht doch,« sagte das Gewicht, »ich, der Körper, bin das alleinige Agens. Ich bin die Stoffkraft, der Kraftstoff, die Energie. Durch mich allein kannst Du wackeln und fackeln; höre ich auf, nach unten zu ziehen, so kannst Du kein Rädchen mehr verschieben.«
»Gar nichts seid Ihr,« sagte der Uhrmacher und nahm die Uhr auseinander, um sie zu ölen. »Das System ist's, die Einheit des Gesetzes, die gegenseitige Bestimmung des zu Bestimmenden, das Teilganze des Ganzteils —«
Ziehe eine Grenze, nimm ein Stück, und es ist elend und unvollkommen und beschluchzbar, und es kräuselt sich in gelben Flächen als Neidwurm des Nichtbegrenzten — die Akanthia beißt den unsterblichen Meister. Aber ziehe keine Grenze, und Du hast den unendlichen Brei, den absoluten Quatsch, das Nichts. Soll Dir's aber wohl sein, so tu B e i d e s .
Ja, Beides. Setze die Grenze, spring ein paarmal hinüber und herüber und hebe sie wieder auf. Setze sie ein Stückchen hinaus und fahre so fort, bis Dir die beiden Seiten, hüben und drüben, in eins zusammenfließen. Das nennt der Philosoph Erkenntnis, der Brave nennt's Gerechtigkeit, der Fromme nennt's Seelenfrieden, der Mystiker das InEinsSchauen des AllIchs. Wohl dem, der in der Einzipfligkeit der Weltwurst ohne Platzen der Haut das Füllsel von außen zu erblicken vermag! Der Mensch ist der wolfsgesäugte Zwilling RomulusRemus. Als Romulus baut er die Mauer seiner ewigen Stadt, als Remus springt er hinüber und erschlägt sich dann gegenseitig, um sie sofort höher zu bauen und die Sache von vorn anzufangen. Der höchste Beruf ist das Schmuggeln, das Paschen, das ÜberdieGrenzeSchleichen, das Blockadebrechen, das Steinerücken. Mehr als das Sein, der eigentliche Selbstzweck, ist das Realisieren des Nichtseins durch die eigene Grenzverschiebung. Darum war es so sehr viel besser in Deutschland, als es noch viel mehr Grenzen gab. Damals konnte sich das Allgemeine noch zum Besondern begrenzen, beschmuggeln, behaupten, verstehen als Beides.
Der Zweck der Grenze ist ihre Überschreitung, aber immer von der anderen Seite, als wo man sich befindet. Das ist nur darum schwer, weil man erst einmal hinübergekommen sein muß, und das kann nicht jeder. Grenzen sind nämlich nichts weiter als Siebe, aber umgekehrte, die nur die größeren Körner durchlassen, die kleinen hübsch zusammenhalten, und die haben's auch nicht anders nötig. Dies ist die Methode der negativen Siebung. Sie ist das wahre Triebmittel der Kultur. Die größten Siebe sind die Schule, die Konvention, die Kirche und das Schicksal. Und wer nicht hindurchgesiebt wird, der hat nicht die wahre Schiefe des Gedankens.
D a s S i e b , wohindurch Du zuerst mußt, das ist das Sieb der Schule. Mit der Zeit hat man die Löcher immer kleiner gemacht, um das Durchkommen zu erschweren. Aber man versteht jetzt zu gut, das Sieb zu schütteln. Man schüttelt mit einer Kraft und Geschicklichkeit, daß jeder hindurchschlüpft, der Zeit genug aufwenden kann.
Der unendliche Aluminiumdraht der Schulreform könnte in einen einzigen Goldklumpen zusammengestampft werden: die Lehrer sind zu gut!
Sie sind zu gescheidt, zu gebildet, zu weitblickend, technisch zu trefflich geschult, zu gewissenhaft, zu gut dirigiert. Unter solchen Kräften muß auch der dümmste Schüler, von Klasse zu Klasse gewälzt, zuletzt den Purzelbaum der Reifeprüfung erlernen und in dem großen Berechtigungssack aufgefangen werden. Ein Gymnasium ist eine so vorzüglich eingerichtete Bildungsfabrik, daß in diesem tadellos arbeitenden Mechanismus auch die zähesten Strohköpfe zu weißem Staatsmehl vermahlen werden, das nun in schöne lockere, dextringlänzende Beamtensemmeln verbacken zu werden wartet. Und ist es einmal gebacken, so muß es auch gegessen werden. Wohl dem Volke, das einen guten Magen hat. Wie viele Generationen hindurch man's wohl vertragen kann?
So trefflich ist das Schulsieb, daß es alles Mittelgut und was darunter ist, unbedenklich verarbeitet; kommt es aber an einen absonderlichen Gehirnbau, an einen von denen, darin die Samenkörner der großen Zukunftsgedanken ruhen, und kann es ihn nicht klein kriegen, so legt es ihn vorsichtig zurück mit dem Konsilium abeundi — Du wärest zu schade um gemahlen zu werden. Und wem dies gelungen, der darf seinen eigenen Weg suchen.
Das Sieb der Konvention hat keine Löcher, es läßt niemand hindurch. Hier heißt es, mitwackeln oder hinausspringen. Und wer hinausspringt, der ist tot. Es gibt nur eine Strafe der Gesellschaft: die Todesstrafe. Jeder richtet über den anderen, und eine Stimme genügt. Es genügt die Meinung, daß einer meinen könnte. Doch es gibt mildernde Umstände. Verstehst Du selbst Deine Stimme zu gebrauchen, so erleidest Du zwar auch die Todesstrafe, aber sie wird Dir nicht verkündet. Philister über Dir, Simson! Spring heraus und stirb!
Du meinst nun, ich werde Dir das Sieb der Kirche und das Sieb des Schicksals entwickeln? O Du organisches Lineal, Du geradliniges Irrlicht! Eher will ich im Demantduft der Freiheit nach den Fingerübungen eines klavierspielenden Backfisches tanzen, ehe Du mir eine einzige Konsequenz abnötigen sollst!
Nicht umsonst ist der Reisbreiwall der Vorurteile um das Schlaraffenland des Geistes gezogen, sonst könnte jeder Narr sich die Tauben des Weltgeheimnisses gebraten ins Maul fliegen lassen. Nur wer sich durchzuessen vermag, ohne sich den Magen an der Alltagskost zu verderben, nur wer noch etwas verträgt, wenn er satt ist vom Leben bis zum Platzen, dem ist gewährt, von den Leckerbissen der Erkenntnis die braunen Flüstertöne mit bebenden Fingern abzutasten. Kannst Du das? Hast Du je einmal den Wandkalender eines einzigen Jahres verschlungen? Nun sieh, und mir liegen Jahrtausende im Magen, und trotzdem sehne ich mich nach dem Mittagessen. In jedem Weintröpfchen schlürf' ich die Energie des Weltalls, und Welten sprühen zurück ans jeder Rindenzelle meines Gehirns — das ist Kopernikus, das ist Kant, das ist Goethe — das bin Ich. Mehr brauche ich nicht zu sagen. Aber ich will. Ich bin d e r f r i e r e n d e F u n k e .
Keiner trete auf die Schiefe meines Turmes, der nicht der Physik Meister ist! Laß eine Platinschale glühen und tröpfle Wasser hinein — es verzischt nicht; es tanzt und bleibt kühl, es zehrt sich Kälte vom eigenen Leibe, frostleidend in der Hitze. Daher heißt dies der Leidenfrost'sche Versuch. Nimm flüssige Kohlensäure, und Du wirst das Wasser im Feuer zum Frieren bringen. Dieses frierende Wasser bin ich. Aber nicht das Wasser, sondern der Funke, der frierende Funke, der sphäroidale Zustand. Tanzend verzehrt sich mein frierendes Herz in der glühenden Platinschale meiner Leidenschaft. Denn dies ist die Tiefe der Schiefe: Verbrennen ist leicht in der Glut, aber frieren, frösteln, schaudern, klappern — Eisbeine — das ist Kunst! Das ist das ewige Grenzesetzen im Gefühl, die unablässige Vernichtung des Unvernichtbaren, der Ekel des Ich, der Blick auf den Nadir, das ist die unermüdliche, große W e l t s ä g e .
Säge an der Wurzel der großen Weltesche Yggdrasil, es nützt nichts. Das Wachsen in die Tiefe hört nicht auf, weil es die Sehnsucht ist. Die Sehnsucht ist die ewige Verneinung des Vernichtetseins; aus ihr wächst der Baum der Menschheit, der Kultur heißt, in die beiden großen Äste, die Notwendigkeit und die Freiheit. Am Aste der Notwendigkeit blühen die weißen, kühlen Lilien der Wissenschaft, und am Aste der Freiheit duften die roten Rosen der Kunst. Und ihre Früchte fallen herab, und immer neue Blüten sprossen hervor, und immer höher wächst der Baum. Und je höher er aufschießt, um so wuchtiger fallen die Früchte denen auf den Kopf, die darunter liegen und schlafen wollen. Sie werfen mit Steinen nach den Blüten, obwohl sie es nicht nötig haben. Denn es ist dafür gesorgt, daß die Äste nicht in den Himmel wachsen. Gelockt vom Glanze der Lilien setzen viele Leute auf dem Aste der Notwendigkeit und rühmen es laut: der Ast gehört zu gar keinem Baume und er hat keine Wurzel. Die Lilien blühen nur, wenn wir sie sehen und soweit wir sie sehen. Es gibt keine Gesetze, es gibt nur Regeln!
Und auf dem Aste der Freiheit sitzen viele Leute, berauscht vom Dufte der Rosen, und schreien: Das sind keine Rosen, das sind die notwendigen Abstammungsprodukte unserer Erdenwurzel, und wir müssen sie nehmen, wie sie wachsen. Es gibt keine Regeln, es gibt nur Gesetze!
Wenn die Positivisten Forscher sind, so rufen sie: es gibt keine innere Notwendigkeit, sondern nur Empirie; wenn sie Künstler sind, so rufen sie, es gibt keine Freiheit, sondern nur Empirie. Und so sägen sie beide den Ast ab, worauf sie sitzen.
Komm' hervor, den ich führte, komm' hervor unter dem Baume, daß Du sicher stehst auf dem Turm der Schiefe, wenn die Äste herunterkrachen.
Dann wird es ein großes Jammern geben und eine allgemeine Zerquetschung, und der große Fenriswolf der Unmenschlichkeit wird los sein.
Hüte Dich, das Denken zu befördern; denn die Menschen denken zu gerade, und das bekommt ihnen schlecht.
Hüte dich, ihr Fühlen zu verstärken; denn sie fühlen zu schief, und das bekommt ihnen sehr schlecht.
Denn sie meinen immer, das eine müßte sein wie das andere, und doch kann alles nur darum sein, weil die beiden auseinandergehen in Ewigkeit.
Leben und Sehnsucht ist nur, wo Denken und Fühlen miteinander ringen — vertikale Einheit und horizontale Vielheit drängen sich zur wahren Schiefe der Persönlichkeit. Aber nicht hin und her, wie die reißende Weltsäge, sondern achsenumwandernd wie die Weltschraube, die hinaufsteigt.
Sei gepriesen, der Du den Nadir schautest vom Turm der Schiefe!
Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
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