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ROBERT KRAFT

DIE VESTALINNEN

Cover

RGL e-Book Cover
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EINE REISE UM DIE ERDE
ABENTEUER ZU WASSER UND ZU LANDE
ERZÄHLT NACH EIGENEN ERLEBNISSEN

BAND 2

(Kapitel II.6—III.9 der Originalausgabe)


Ex Libris


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H.G. Münchmeyer, Dresden-Niederlitz.



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H.G. Münchmeyer, Dresden-Niederlitz.


E-Buch-Ausgabe in neuer deutschen Rechtchreibung:
Roy Glashan's Library, 2026
Version vom 2026-05-11

Bearbeitung: Matthias Kaether und Roy Glashan

Basierend auf der Neuausgabe von 2026,
Verlag Dieter von Reeken, 21337 Lüneburg
(Mit freundlicher Genehmigung des Verlegers)

Korrektur: Ellen Radszat

Abbildungsnachweis
Thomas Braatz, Leipzig (Archiv):
Einbandvorderseite, Einbandrückseite und sämtliche Innenillustrationen
H. G. Münchmeyer (Verlag), Dresden-Niedersedlitz):
Einbandvorderseite, S. 2, 10 N.N. (möglicherweise Adolf Wald):
S. 10 und sämtliche Innenillustrationen
Einbandvorderseite: Die Vestalinnen. Eine Reise
um die Erde. Abenteuer zu Wasser und zu Lande
.
Erzählt nach eigenen Erlebnissen von Robert Kraft.
Illustrierte Ausgabe. Dresden-Niedersedlitz:
H.G. Münchmeyer o. J. [1903/04], Einbandillustration der
Bände I bis V; — Illustration auf S. 2 (im Original farbig):
Die Vestalinnen. Eine Reise um die Erde. Abenteuer zu Wasser und
zu Lande
. Erzählt nach eigenen Erlebnissen von Robert Kraft.
Mit bunten Bilderbeilagen. Dresden: H. G. Münchmeyer
o.J. [1895], Heft 1, Frontispiz;

Erstveröfentlichung:
H.G. Münchmeyer, Dresden-Niedersedlitz, 1895

1903/04 zweite revidierte Textfassung in 5 Bänden
(Seither ausschließlich verwendet)

Nachauflage: 1908

10-bändige kartonierte Ausgabe: 1922

Neuausgabe mit Illustrationen von Georg Hertting: 1924

Weitere 10-bändige Ausabe: 1927

Neuausgabe in 72 Heften, Hobby Nostalgie-Druck, 2004

5-bändige Taschenbuchausgabe, Jazzybee Verlag, 2015

Link zu weiteren Werken dieses Autors



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Um einen Tisch saßen Gerippe (zu Kapitel III.7).


INHALTSVERZEICHNIS

* * * * *

II.6. Die Vernichtung der Bushranger

Eine halbe Stunde später als die englischen Herren kam auch Miss Nikkerson auf die Vermutung, dass der Zug aus irgend einem Grunde im offenen Walde halten müsse, er fuhr immer langsamer und blieb schließlich ganz stehen.

Alle anderen Mädchen hatten sich auf den Schlafbänken des Wagens niedergelegt, nur sie, im Bewusstsein ihrer verantwortlichen Stellung, war diesem Beispiele nicht gefolgt, sondern hatte an einem der Fenster Platz genommen und blickte träumerisch in die vom Mond beschienene Landschaft, während an ihrem geistigen Auge bald düstere, bald heitere Bilder vorbeischwebten. Sie bemerkte nicht, dass oben durch das Glasfensterchen, über welchem eine Öllampe brannte, ein paar funkelnde Augen das Innere des Wagens musterten.

Da plötzlich schrak sie zusammen, die Räder drehten sich langsamer, der Zug hielt.

Miss Nikkerson öffnete das Fenster, um sich über den Grund dieser Verzögerung zu orientieren. Ehe sie aber ihre Absicht ausführen konnte, wurden schon auf der anderen Seite die Türen aufgerissen, und im Nu war der Wagen mit wilden, in Leinwand gekleideten Gestalten gefüllt, die sich mit Hohnlachen auf die erschrockenen, völlig fassungslosen Mädchen warfen und sie im Nu überwältigt hatten.

Auch Miss Nikkerson war diesem Schicksal nicht entgangen. Mit Schrecken erkannte sie an der Kleidung dieser Menschen, dass sie jedenfalls ausgebrochene Sträflinge waren, die Stempel auf der Leinwand verrieten es.

»Ein kapitaler Fang«, lachte ein gelbhäutiger Geselle mit widrigem Gesicht. »Euch wollen wir uns nicht aus den Zähnen rücken lassen.«

Die Mädchen wurden gewaltsam aus dem Wagen transportiert und ins Gebüsch geschleppt, wo sie einstweilen liegen bleiben mussten, während die Männer, es mochten wohl vierzig sein, die Schienen von den Schwellen rissen und in weiter Entfernung hin verstreuten, um, wie Miss Nikkerson schloss, sich möglichst vor Verfolgung zu sichern.

Dann wurden sie genötigt, aufzustehen und mit ihren Entführern etwa eine Stunde lang durch den Busch zu marschieren, bis sie eine Lichtung erreichten, wo die Strolche wahrscheinlich schon vorher gelagert hatten, denn der Platz war mit noch glimmenden Holzfeuern bedeckt.

Keines der Mädchen war sich noch unklar darüber, dass sie von irgend jemandem planmäßig und unablässig verfolgt wurden, der erste Überfall in Konstantinopel, die Verhaftung Ellens in Kairo, und dann die Entführung Miss Stauntons hatten ihnen dies zur Genüge gesagt, und oft hatten sie sich darüber unterhalten, wer wohl der Urheber aller dieser Gewalttaten sein möge, und was er dabei bezwecke. Einige glaubten, der Mädchenhändler Demetri wolle die ihm Entrissenen wiederhaben oder derjenige, dem die Sklavinnen gehörten, und sich außerdem an den Befreierinnen rächen; andere aber suchten den Grund tiefer, und einige behaupteten sogar, wenn sie es auch nicht öffentlich aussprachen, dass Miss Petersen davon mehr wisse, als sie zugeben wollte.

Jedenfalls ging dieser abermalige Überfall von derselben Person aus, die ihnen schon so viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt hatte.

Sofort beim Aussteigen hatten die Gefangenen bemerkt, dass die Lokomotive mit dem ganzen übrigen Zuge fort war, und ihr Schrecken steigerte sich, als sie fanden, dass auch der hinter ihnen herfahrende Wagen mit den Lords verschwunden war. So konnten sie vorläufig auf keine Hilfe rechnen, und hofften nur, dass es den Bushrangern nicht ebenso leicht geworden sei, die englischen Herren zu überwältigen.

Aber an eine Selbstbefreiung war vorläufig nicht zu denken; die Räuber hatten ihnen sofort die Taschen nach Waffen untersucht und ihnen dieselben abgenommen. Ja, wenn Ellen bei ihnen gewesen wäre! Dies kühne Mädchen würde nur darauf gesonnen haben, wie sie sich durch eine List in den Besitz von Waffen bringen könnte, ebenso Johanna und vielleicht auch die beiden anderen Damen, welche jetzt auf Blackskin waren und die Ankunft der Übrigen dort vergeblich erwarteten, so dachte Miss Nikkerson, aber sie allein, obgleich selbst tatkräftig und unerschrocken, glaubte sich nicht befähigt, die ihrem Schutz anempfohlenen Mädchen zu einer heroischen Tat entflammen zu können, wenigstens jetzt noch nicht — die ängstlichen Mienen derselben verrieten es ihr.

Die Bushranger schienen sich vollkommen sicher zu fühlen. Sie hatten die Feuer wieder entfacht und hießen die Gefangenen, sich um dieselben zu lagern, während sie selbst sich um einen Mann geschart hatten und dessen Reden lauschten. Leider hatten sie sich dabei so weit von den Mädchen entfernt, dass diese nichts von dem leise geführten Gespräch vernehmen konnten.


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Aber Hope Staunton hatte schon in diesen Männern einen von denen erkannt, die sie damals in Sydney im Boot zu entführen gesucht hatten, und die dann von den englischen Herren an die Polizei ausgeliefert worden waren, sie erinnerte sich mit Schrecken dieses gelben Spitzbubengesichtes, und bald fand sie die ganze Bootsbesatzung hier versammelt.

Sie teilte ihre Wahrnehmung den Freundinnen mit, und dies vermehrte nur die Angst der Mädchen, welche sich bisher noch nie in einer solchen Lage, gefangen und getrennt von der ›Vesta‹ und fern von aller Hilfe befunden hatten.

»Verlieren Sie den Mut nicht, meine Freundinnen«, bat Miss Nikkerson flüsternd. »Noch haben wir Hoffnung, Unterstützung durch die englischen Herren zu bekommen, denn ich glaube nicht, dass sich diese, mit Büchsen wohlbewaffnet, so leicht überrumpeln lassen, und dann verlassen Sie sich auch darauf, dass die vorausgereisten Herren und Damen alles aufbieten werden, uns zu befreien. Wenn der Zug in Hughenden ankommt, wird das Fehlen der beiden letzten Wagen sofort gemerkt, und es wäre seltsam, wenn diese Nachricht nicht in kürzester Zeit nach Blackskin käme. Zwischen Hughenden, der größten Eisenbahnstation hier und den einzelnen Farmen herrscht jedenfalls fortwährende Verbindung, und so können wir also sicher auf Hilfe rechnen.«

»Kameraden«, sagte an der anderen Seite des Platzes der Gelbe — es war Manzo — triumphierend zu seinen Genossen, »der Handstreich ist uns gelungen. Der Seewolf, mein früherer Kapitän, wird verwunderte Augen machen, wenn er uns in dem Besitz der Mädchen sieht, hahaha. Aber lasst ihn schimpfen und fluchen, soviel er will, wir geben sie ihm nicht heraus. Hier im Busch sind wir vor ihm und allen Verfolgungen seines Herrn, in dessen Auftrag er handelt, sicher. Jedenfalls aber muss er für jedes der englischen Herrchen, die er mit den fünfunddreißig von uns geliehenen Männern tötet, hundert Dollar bezahlen, so ist es ausgemacht, und wir lassen uns davon nichts abhandeln, sonst nehmen wir es uns mit Gewalt von ihm. Geld ist immer eine schöne Sache, selbst im Busch kann man es unter Umständen sehr gut gebrauchen.«

»Aber was sollen wir denn mit den Frauenzimmern anfangen?«, fragte einer der Bushranger. »Sollen wir sie mit uns herumschleppen und ihnen unsere Vorräte zu tragen geben? Das würde nur ein großes Hemmnis für uns sein!«

»Du bist ein Narr«, lachte Manzo. »Nein, wir ziehen uns tief ins Innere zurück. Ich bin in Australien nicht unbekannt, ich kenne eine Gegend, die noch nie eines Menschen Fuß betreten hat, eine Quelle, die auch im heißesten Sommer nicht austrocknet. Dort bauen wir uns ein hübsches Nest. Jagdbare Tiere gibt es da in Hülle und Fülle, auch können wir manchmal Abstecher nach entfernten Farmen machen, und kommen wir ermüdet und verwundet zurück, so werden wir von hübschen Mädchen geliebkost und gepflegt.«

»Bravo!«, brüllten die Räuber und schwangen jauchzend die Büchsen um die Köpfe.

»Wir sind wieder freie Männer«, fuhr Manzo fort, »und der Teufel soll uns holen, wenn wir unsere Freiheit nicht ebenso genießen, wie sich's die Herren in den Städten erlauben. Lasst nur erst unsere Genossen zurück sein, sie bringen noch die Büchsen der Engländer mit, und dann ziehen wir uns nach dem Versteck zurück, das schon von einigen Mann gegen ein ganzes Regiment Soldaten verteidigt werden kann, und führen dort ein Dasein wie die Fürsten. Jeder ist sein eigener Herr, niemand hat zu befehlen, niemand zu gehorchen, einer für alle, alle für einen, was mein, ist dein, Eigentum gibt es nicht, wie niemand eine Frau für sich allein besitzt. Das ist es, was ich mir schon längst erträumt habe, und nun endlich ist die Zeit gekommen, da sich mein Traum verwirklicht. Dort steigt die Sonne blutrot am Horizont auf, sie verkündet uns die Freiheit, ein neues, schönes Leben, nur durch den Tod wollen wir es uns wieder rauben lassen. Hurrah, Kameraden, Tod oder Freiheit, das soll von jetzt an unsere Losung sein!«

Laut jubelten die Räuber dem Redner zu, der ihnen von Freiheit und Gleichheit sprach und sich dabei doch schon zum Anführer dieser Bande aufgeworfen hatte, der einen Ungehorsamen mit der Kugel bestrafte. Sie waren über die geträumten Zukunftspläne so aufgeregt, dass sie ganz die Flintenschüsse überhörten, welche dicht in der Nähe knallten, und erst als ihre lüsternen Blicke auf die am Boden sitzenden Mädchen fielen, merkten sie aus der Spannung, mit welcher diese ihre Aufmerksamkeit nach einer Richtung lenkten, dass irgend etwas nicht in Ordnung sei.

Sie lauschten, und jetzt hörten auch sie die Schüsse.

»Seht nach den Pferden!«, rief Manzo. »Und haltet euch bereit, dass die Mädchen zuerst in Sicherheit gebracht werden! Hoffentlich verfolgen unsere Kameraden nur einige der Engländer, die dem Gemetzel entgangen sind, und die dann gerade in unsere Hände laufen. Sind es aber andere, dann nehmen wir einen Kampf nicht eher auf, als bis die Frauenzimmer geborgen sind — den Schatz wollen wir uns nicht entgehen lassen.«

Einige der Räuber gingen in den Busch, wo die Pferde standen, welche sie auf einer Farm erbeutet hatten, und die Übrigen berieten, ob sie auskundschaften sollten, was die Schüsse bedeuteten, oder ob sie hier warten sollten, als plötzlich sich die Büsche teilten und der Seewolf auf die Blöße gestürzt kam.

»Hölle und Teufel!«, schrie er mit heiserer Stimme und stürzte atemlos zusammen.

»Was gibt's? Was ist geschehen?«, riefen die Räuber durcheinander.

»Der Teufel ist los!«, stieß der am Boden Liegende hervor. »Die verdammten Engländer haben uns fast aufgerieben, unsere Pferde sind in ihren Händen — die Schufte sind dicht hinter uns her!«

»Was?«, schrie Manzo außer sich nur Wut. »Du und die fünfunddreißig Mann haben nicht einmal die lumpigen zwanzig Engländer überwältigen können? So leben sie noch?«

»Alle sind tot oder verwundet im Busch«, heulte der Seewolf.

»Wer? Die Engländer?«

»Zum Teufel mit Euch!«, brüllte der Pirat und sprang auf. »So hört doch! Die Engländer sind hinter uns her; wessen Kopf sie nur sehen, dem sitzt auch schon ein Stück Blei im Gehirn. Rechts und links neben mir fielen die Genossen, wie die Eicheln im Herbste, da gab es kein Aufhalten, kein Schießen mehr, wer sich nur umdrehte, sank ins Gras und stand nicht wieder auf; ich bin nur wie durch ein Wunder ihren Kugeln entgangen — die Kerle schießen wie die Satans.«

Sprachlos hatte Manzo dem Bericht zugehört.

»Seid Ihr denn wahnsinnig, solches Zeug zu schwatzen?«, schrie er. »Ihr fünfunddreißig Mann habt euch überlisten lassen von den Engländern, die doch wie Mäuse in einer Falle saßen? Ihr brauchtet sie doch nur wegzuschießen, einen nach dem anderen, als sie den Wagen verließen.«

»Der Teufel hole Euch und Eure Sippschaft! Die Arme und Beine der Kerle sind so lahm von der Arbeit im Steinbruche, dass sie wie Schnecken schleichen und wie die Blinden schießen. Entweder sind sie auseinandergesprengt, oder ich bin der einzige, der mit dem Leben davongekommen ist.«

Jetzt erst fiel der Blick des Seewolfs auf die Mädchen. Mit einem Wutschrei sprang er auf Manzo ein.

»Was ist das?«, schrie er. »Wie kommt Ihr zu den Mädchen?«

»Das ist meine Sache«, entgegnete der Räuber lachend. »So wie Ihr den Wagen der Engländer losgekuppelt habt, ließ ich es mit dem vorhergehenden machen. Kümmert Euch nicht darum! Die Mädchen sind uns und bleiben uns.«

»Wahrt Euch vor dem Meister!«, zischte der Seewolf. »Meine Sache ist es allerdings nicht, aber Ihr kennt ihn und wisst, dass seine Hand überallhin reicht.«

»Papperlapap, leeres Geschwätz! Ich werde es zu verantworten haben. Also die Engländer haben eure Pferde?«

Mit fliegenden Worten erzählte der Seewolf, wie die Engländer sich hinter dem Wagen verbarrikadiert, den Räubern zu Leibe gerückt und auf diese ein furchtbares Feuer aus ihren repetierenden Gewehren eröffnet hätten.

»Die Leute kamen gar nicht zur Besinnung, die Engländer hatten Henrybüchsen; ohne zu laden, feuerten sie Salve auf Salve; meine Männer stürzten nach ihren Pferden, aber keiner erreichte sie; dagegen waren im Nu die verdammten Engländer dort, saßen auf und wüteten unter uns. Ehe ich bis drei zählen konnte, waren wir alle auseinander; ich selbst habe einen Fußtritt von einem Pferde erhalten, der mich halb besinnungslos zwischen die Bäume schleuderte, und nur so bin ich dem Tode entgangen. Als ich wieder zu mir kam, eilte ich direkt hierher, und da noch kein anderer eingetroffen ist, so ist anzunehmen, dass ich der einzige bin, der dies Gemetzel überlebt hat.«

Mit einem fürchterlichen Fluche auf die Engländer schloss der Seewolf seine Erzählung.

»Auf See mögt Ihr taugen, an Land aber seid Ihr wie ein kleines Kind«, stieß Manzo wütend hervor. »Auf die Pferde, Kameraden! Zuerst aber die Mädchen darauf, und dann fort nach unserem Versteck! Seewolf, komm mit uns, und du bist ein freier Mann! Lass den Meister und die Engländer zum Teufel gehen, diesen Schlag hältst du doch nicht mehr aus.«

»Aber in Hughenden sind schon Vorbereitungen vom Meister getroffen, um die Mädchen zu empfangen«, warf der Seewolf zagend ein. »Bringt sie unbemerkt dorthin, und ihr werdet eine reiche Belohnung erhalten.«

»Ach was, Belohnung! Frauen sind in der Wildnis nicht mit Gold aufzuwiegen. Komm mit uns, alter Junge! Sollst auch noch ein Weibchen bekommen!«

Die Mädchen hatten sich anfangs gesträubt, als sie auf die ledigen Pferde, deren die Räuber viele mit sich führten, gehoben und dann von je zwei Reitern in die Mitte genommen wurden, denn sie hatten jetzt erfahren, dass die Engländer wirklich aus dem Kampfe als Sieger hervorgegangen waren, und nun, sogar beritten, auf der Fährte der Räuber waren. Da die Herren aber in der Verfolgung einer Spur unbewandert waren, so wäre es den Damen das liebste gewesen, wenn die Räuber hier lagern geblieben wären.

Aber durch finstere Drohungen und von rohen Händen gezwungen, mussten sie sich widerstandslos fügen, doch ihre Herzen wurden wenigstens wieder von einem Hoffnungsstrahl erleuchtet.


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Manzo und der Seewolf, wie auch einige andere Sträflinge hatten genug von den Engländern gehört oder schon selbst zu ihrem Schaden deren Bekanntschaft gemacht, als dass sie wünschten, noch einmal mit diesen Männern in Berührung zu kommen, und so brachen sie alle unverzüglich in der Richtung auf, wo nach Angabe des Manzo das Versteck liegen sollte.

»Dort«, sagte dieser, »mögen die Engländer nur kommen; wir wollen ihnen schon einen gesalzenen Empfang bereiten. Mögen sich alle Farmer Australiens vereinigen, um uns zu fangen, aus dem Fuchsbau können sie uns nicht räuchern, da wir ja genug Lebensmittel bei uns haben.«

*

Zwei Stunden später war es, die Sonne hatte sich hoch erhoben und küsste erwärmend die Lichtung, welche, jetzt still daliegend, eben noch der Schauplatz einer wilden Szene gewesen war, sie trocknete die Tautropfen, welche an den Halmen wie Tränen hingen, geweint von verzweifelnden, jungen Mädchen.

Ein schwarzer Kopf hatte sich durch einen Busch gedrängt und ließ die funkelnden Augen über die Lichtung schweifen. Gleich darauf huschte der in eine graue Uniform gekleidete Körper eines Negers hervor, kroch, das Gesicht dicht auf den Boden geneigt, hin und her, als mustere er angelegentlich die Fußabdrücke, und verschwand bald darauf wieder im Gehölz.

Aber nicht lange dauerte es, so kehrte er wieder zurück, diesmal in Begleitung von drei anderen Negern, welche ebenso, wie er, gekleidet waren, auf den Rücken Karabiner und an den Seiten lange Pallasche in Lederscheiden trugen, den sie in einer Hand hielten und der sie nicht im Mindesten in ihren lautlosen, schlangenähnlichen Bewegungen störte.

Tiefe, grunzend klingende Gaumenlaute wurden hier und da gewechselt; bald deutete einer der Männer nach der Richtung, wo sie den Wagen und die zerstörten Schienen gefunden hatten, bald dahin, wohin die Räuber verschwunden waren.

Dann legte einer der Schwarzen die Hände trichterförmig vor den Mund und stieß erst dreimal kurz hintereinander das kläffende Gebell des Dingo, dann einmal den misstönenden Schrei des Geiers aus; sofort teilte sich das Gebüsch, und Leutnant Atkins trat heraus.

»Sind fort, Massa«, sagte einer der Schwarzen. »Wir kommen zu spät. Aber hier«, er deutete auf eine Stelle in der Lichtung, »was ist das? Viele Frauen sind hier gewesen, haben fast zweimal zwanzig Füße gezählt.«

»Die kommen aus dem Eisenbahnwagen, den die Ranger losgekuppelt haben. Wann mögen sie die Weiber hierher geschleppt haben?«

»Mag Mitternacht gewesen sein«, entgegnete der Schwarze auf die Frage seines Leutnants, das niedergetretene Gras musternd.

»Und wann sind die Strolche von hier weggeritten?«

»Vor ein bis zwei Stunden; der Tau war noch nicht getrocknet. Das nasse Gras, welches ihr Fuß niedergetreten, hat sich noch nicht aufgerichtet. Alles andere Gras ist fast trocken, das hier aber noch nicht.«

»Waren alle zu Pferde?«

»Alle«, sagte ein anderer Schwarzer, der bereits die Umgebung der Lichtung untersucht hatte, »auch die Frauen reiten allein, und es sind noch mehr Pferde ohne Reiter dabei. Aber viel weniger als achtzig Mann, vielleicht bloß die Hälfte.«

»Schön. Erst wollen wir diese aufs Korn nehmen. Reite zu Graves zurück«, sagte Atkins zu einem der Schwarzen, »und führe die Farmer so, dass wir mit ihnen zusammentreffen können. Ich nehme mit den fünf anderen sofort die Richtung auf und zwar im schnellen Galopp, sorge dafür, dass jene hinter uns bleiben. Dreimaliges Bellen des Dingo bedeutet: sie sollen halten, zweimal: sie sollen sich noch mehr beeilen, weil wir auf sie warten.«

Ein Schwarzer hatte bereits die Pferde herbeigeführt; kaum hatte Atkins seine Instruktionen gegeben, so saß er schon im Sattel und jagte in den Busch, gefolgt von fünf seiner Leute, während der sechste auf der anderen Seite der Lichtung verschwand, um zu den nach Rache dürstenden Farmern zurückzukehren und sie hinter Atkins herzuführen, der mit seinen Leuten den Vortrab bildete und jede Gefahr nach hinten meldete, überhaupt das ganze Verhalten der Farmer leitete.

»Gottes Tod«, schrie der alte Farmer, als er den Bericht des Negers empfangen hatte, »so sind die Vögel also schon ausgeflogen! Und Frauen haben sie auch noch geraubt! Drauf und dran, Burschen, jetzt zeigt einmal, dass ihr reiten könnt! Wir wollen den Kerls die Liebesgedanken austreiben.«

Wie der Sturm sauste die wilde Reiterschar ihrem Anführer nach, der wiederum dem weit vorausreitenden, führenden Schwarzen folgte. Ein solch großer Trupp konnte sich nicht lautlos bewegen; man brauchte auch nicht darauf bedacht zu sein, sich den Räubern unhörbar zu nähern, denn sie hatten nach Aussage des schwarzen Soldaten eine, höchstens zwei Stunden Vorsprung, und die Farmer, im Reiten durch den Busch und Wald geübt, mussten die Bushranger bald erreicht haben; einige Stunden würden natürlich noch vergehen.

Es war gegen Mittag, als der voranreitende Schwarze sich umwandte und die Hand winkend erhob, zum Zeichen, dass die Farmer halten sollten; er hatte dreimal das Gekläff des Dingo gehört, gefolgt von dem schrillen Schrei des Geiers.

»Was gibt es?«, fragte Graves, heransprengend.

»Weiß nicht, Massa«, war die Antwort. »Leutnant Atkins wird Bushranger gesehen haben und vielleicht selbst herkommen, um mit Euch zu beraten.«

»Oder sollte er vielleicht die Spur verloren haben?«

Der Bursche schüttelte energisch den Kopf.

»Schwarze Polizei nie, niemals Spur verlieren«, grinste er.

Eine halbe Stunde verging noch, und die kampfeslustigen Farmer wurden schon ungeduldig, dass sie fast der Aufforderung ihres Anführers, zu warten, nicht Folge leisten wollten, als Leutnant Atkins erschien.

»Die Bushranger werden von Schwarzen verfolgt«, sagte er, »obgleich wir noch keine Fährten von ihnen gefunden haben. Wir haben einen der Räuber mit eingeschlagenem Kopf und seiner Waffen beraubt, aufgefunden. Der Mann ist wegen irgend etwas zurückgeblieben und von den Negern ermordet worden.«

»Aber das ist doch kein Grund, hier so lange unnütz zu zögern«, rief der alte Farmer unwillig.

»Gemach«, sagte Atkins, »ferner haben wir gefunden, dass die Räuber einen Bogen gemacht, haben die fernere Richtung, die sie einschlagen, beobachtet und können nun mit Bestimmtheit sagen, wohin sie sich wenden. Sie glauben, dass wir dieses Versteck nicht kennen, aber darin irren sie sich natürlich gewaltig. Wenn wir uns beeilen, können wir ihnen sogar noch zuvorkommen, denn wir haben jetzt ebenso weit zu diesem Orte, wie sie, in zwei Stunden können wir dort sein.«

»Aber wenn sie nun diesen Ort gar nicht aufsuchen wollen?«, fragte Graves misstrauisch.

»Es ist nicht anders möglich«, versicherte Atkins. »Einer meiner Leute hat sogar ihr Gespräch betreffs dieses Punktes belauscht, und außerdem bleibt ein Schwarzer auf ihrer Fährte und benachrichtigt uns, wenn sie wider Erwarten ihre Absicht ändern sollten. Aber ich versichere Sie, sie suchen dieses Versteck ohne allen Zweifel auf, weil sie es für vollkommen sicher halten. Es ist auch nur wenigen bekannt, und unter diesen bin ich und einer meiner schwarzen Soldaten.«

»Dann vorwärts, Leutnant!«, rief der alte Farmer und gab seinem Rosse die Sporen. »In zwei Stunden will ich die Kerls sehen, oder ...«

Er vollendete den Satz nicht, sondern stürmte dem voranreitenden Leutnant nach, und er und die übrigen Farmer mussten ihre ganze Kunstfertigkeit im Reiten aufbieten, um dem sattelfesten, jungen Manne, dessen Leben oft von dieser kunstreiterischen Geschicklichkeit abhing, folgen zu können.

Wirklich waren noch keine zwei Stunden vergangen, als Atkins plötzlich sein Pferd zügelte und die Nachfolgenden veranlasste, dasselbe zu tun.

»Schüsse«, rief er.

Auch die Anderen hörten jetzt, wie in der Ferne Schüsse fielen, langsam, in großen Zwischenpausen, als würde ein Gefecht geführt, wie solches nur in Gegenden möglich ist, wo sich der Gegner vor dem Feind durch Bäume oder Sträucher schützen kann.

Ein schwarzer Soldat flüsterte dem Leutnant etwas zu.

»Bei Gott, du hast recht«, rief dieser erstaunt, »diese Knalle kenne ich. Es sind die Karabiner meiner Leute, die ich mit Mister — mit meinem Freunde zurückgelassen habe. Nun, wir werden gleich sehen, auf welche Weise diese Burschen mit den Bushrangern handgemein geworden sind.«

Er sprang vom Pferde und ging nur noch einige Schritte, dann kam er, wie er wohl wusste, an eine mächtige Lichtung, durch welche ein Bach zwischen zwei Hügeln hervor aus einer sehr schmalen Öffnung floss, und um diesen Eingang zu dem Hügeltal hatte sich ein heftiger Kampf entsponnen.

Kurz vor der Bodenerhebung, noch auf der Lichtung, befanden sich einige Gruppen von mächtigen Bäumen, wie solche auch die Hügel selbst bedeckten, und hinter diesen Stämmen hatten die von ihren Pferden gesprungenen Räuber eine gedeckte Stellung genommen und erwiderten das Feuer, welches aus dem Eingange des Tales gegen sie eröffnet wurde.

Die Mädchen selbst standen auf einem völlig unbeschützten Platze der Lichtung zerstreut, und nur diesem Umstande hatten es die Bushranger zu danken, dass die das Tal besetzt Haltenden einen nur unvollkommenen Gebrauch von ihren Büchsen machen konnten. Trotzdem aber lagen schon mehrere der Räuber tot oder verwundet am Boden.

Als die Bushranger in die Nähe des Tales gekommen waren, hatte sie eine Salve empfangen, und instinktmäßig waren sie hinter die Bäume gesprungen, um den noch unbekannten Feind erst einmal zu erkennen und dann unschädlich zu machen, denn aus der Anzahl der fallenden Schüsse konnten sie erraten, dass es höchstens fünf bis sieben waren.

Sie sahen teils hinter den Bäumen, die vor dem Eingange zum Tal, teils hinter denen, die auf den Hügeln standen, einige in graue Leinwand gekleidete Gestalten stehen, und erst, als ab und zu eine schwarze Hand, die eine Hälfte eines schwarzen Gesichtes beim Zielen zum Vorschein kam, merkten sie, dass sie Eingeborene vor sich hatten.


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»Die schwarze Polizei«, rief Manzo, der schon an der linken Hand verletzt war. Er hatte den Schuss empfangen, als er beim Zielen die Hand etwas zu weit vorstreckte: er hatte gemerkt, dass derjenige, der diese Unvorsichtigkeit gesehen und bestraft hatte, ein Weißer war, wahrscheinlich der Anführer dieser Soldaten. Auch war es ihm nicht entgangen, dass dieser Mann mit einem Revolver gefeuert hatte, und weiter noch, dass er nie einen Schuss umsonst abgab.

Wo sich nur ein Stück von einem Bein, einem Arm, einer Hand oder einem Gesicht zeigte, da saß seine Revolverkugel, und die Bushranger waren demgegenüber ganz machtlos, sie konnten fast zu keinem Schuss kommen oder begnügten sich einfach damit, auf die Bäume zu schießen, hoffend, dass sich einer der Soldaten einmal eine Blöße geben würde.

Aber das geschah nicht. Immer mehr der Bushranger wurden verwundet, und noch hatte keiner ihrer Schüsse einen Gegner getroffen.

Dies alles hatte bis jetzt nur wenige Minuten gedauert, ebenso lange, wie die Farmer gebrauchten, von der Lichtung ungesehen hinter den Burschen zusammenzukommen und über das Gefecht klare Kenntnis zu gewinnen.

Plötzlich sprangen die Bushranger, als die Eingeborenen eben alle mit dem Laden der Büchsen beschäftigt waren, nicht, wie die Farmer zuerst glaubten, auf die hinter den Bäumen Stehenden, sondern auf die Mädchen zu und drängten sich hinter diese. So schnell war das Manöver ausgeführt worden, dass nur ein einziger, von der Revolverkugel des Europäers durch den Kopf geschossen, zu Boden gesunken war.

Im nächsten Augenblicke schoben die Räuber die Mädchen vorwärts auf die Bäume zu, sich so ein lebendiges Bollwerk schaffend, und wirklich wagte keiner der Schwarzen mehr zu schießen, nur der Anführer sandte Schuss auf Schuss ab, ohne sich um die Gefährdung der Mädchen zu kümmern, aber auch, ohne jemals sein Ziel zu verfehlen.

Trotzdem ließen sich die Räuber nicht irremachen, ihre einzige Hoffnung bestand jetzt nur noch darin, erst einmal das sichere Tal zu gewinnen, in dem sie sich wie in einer Festung verschanzen konnten. Immer weiter drangen sie, und jetzt gab auch der Führer seine Stellung auf und wandte sich, von seinen Soldaten gefolgt, rückwärts, immer hinter Bäumen Deckung suchend, und zwar so geschickt, dass keine der ihnen nachgesandten Kugeln traf.

Aber ihre Stellung war verloren, mit einem Jubelgeschrei stürzten die Ranger hinter den Mädchen hervor, auf den Eingang der Schlucht zu; schon wollten sie in diese eindringen, da hemmten sie plötzlich ihre Schritte. Vor ihnen standen eine Menge schwarzer Gestalten, die hinter den Felsen bis jetzt versteckt gewesen waren, zwischen ihnen auch einzelne Weiße, und ehe sich die Verbrecher noch von der Überraschung erholt hatten, streckten schon die von nerviger Hand geschleuderten Wurfspieße sie zu Boden und räumten die Revolver unter ihnen auf.

Die Bushranger konnten nicht mehr Gebrauch von ihren Büchsen machen. Hinter ihnen erscholl ein wildes Jubelgeschrei, sie hörten nun auch das Galoppieren von zahllosen Rosshufen auf dem harten Boden, dann zerschmetterten schwere Büchsenkolben ihre Schädel, oder der Pallasch trennte sie mit mächtigem Hieb fast vom Rumpfe.

Wohl versuchte einer oder der andere noch eine Gegenwehr, aber sie misslang, sie stürzten als Leichen zu Boden.

»Verfluchtes Weib!«, schrie ein Räuber und sprang auf das Mädchen zu, das ihn eben mit den letzten Revolverkugeln in die Seite getroffen hatte.

Mit erhobenem Messer stürzte er gegen Jessy, schon wollte er es der Wehrlosen in die Brust stoßen, da flog ein dunkler Gegenstand an ihr vorbei und klammerte sich um den Hals des Räubers. Dieser zögerte nicht, mit voller Wucht stieß er das Messer dem Neger in die Brust, der Schwarze fiel, zog aber seinen Mörder mit sich zu Boden, ohne in seinem eisernen Griff nachzulassen. Die umstehenden Farmer suchten den Räuber aus den Händen des Eingeborenen zu befreien, um wenigstens einen von ihnen lebendig zu behalten, denn alle Übrigen waren tot oder bis zum Tode verwundet. Als sie den Mann endlich losgerissen hatten, lag eine Leiche mehr im Grase; er war von dem verwundeten Schwarzen erwürgt worden.


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Neben dem sterbenden Eingeborenen kniete Jessy und streichelte liebevoll das Gesicht, dem der nahe Tod schon seinen Stempel aufgedrückt hatte.

»Balkuriri«, sagte sie zärtlich. Mehr hätte er doch nicht verstanden, aber dieses eine Wort, die Liebkosungen schienen ihm mehr zu sagen, als alles andere. Mit seiner letzten Kraft drückte er die Hand des Mädchens, das er für seine Tochter hielt, und hauchte mit einem glücklichen Lächeln seine Seele aus, die so lange wandern musste, bis für Balkuriri, den mächtigen Häuptling, ein anderer passender Körper gefunden war.

Der Boden war rings mit Leichen bedeckt, der sonst so klare Bach hatte mit einem Male eine rote Färbung angenommen, aber nur das Blut der Bushranger war es, das ihm von allen Seiten zuströmte. Außer dem Häuptling war keiner der Verfolgenden gefallen, nur einige wiesen leichte Verwundungen auf, kaum bedeutend genug, um verbunden zu werden. Die Räuber waren so vollkommen überrascht worden, dass sie an Gegenwehr fast nicht gedacht hatten.

»Aber wo sind die Übrigen?«, rief Graves, als die erste Siegesfreude verrauscht war.

»Hier liegen fünfundvierzig Mann und etwa achtzig sollen es gewesen sein. Sollten sie sich in zwei Banden getrennt haben, sodass wir die Anderen auch noch aufsuchen müssen? Ich raste nicht eher, als bis kein einziger dieser Unholde mehr im Busche herumkriecht.«

Diese Frage sollte nicht lange ohne Antwort bleiben.

Um den Hügel herumgesprengt kam eine stattliche Reiterschar, es waren die englischen Herren auf den den Sträflingen abgejagten Rossen.

Nachdem sie ihrer Freude Ausdruck gegeben hatten, hier nicht nur die Mädchen, sondern auch die Anderen, welche vorausgereist waren, zu treffen — deren Erstaunen natürlich ein noch viel größeres war — erzählten sie, wie sie alle jene Sträflinge getötet hatten, welche den letzten Wagen losgekuppelt, um sich der Insassen und deren Wertsachen zu bemächtigen.

Dass dies alles nur arrangiert war, um sie von den Mädchen zu trennen, das wollte niemand andeuten, aber als die Damen nun ihre Schicksale erzählten, da war eine Verhehlung des geplanten Verbrechens nicht mehr möglich, umso mehr, als Ellen von dem Auftrag des Mister Huxlay erfuhr, den sie gar nicht kannte.

»Mag es sein, wie es will«, rief Ellen, »jedenfalls müssen wir Gott danken, dass wir uns hier alle wohlbehalten wiedergefunden haben, im rechten Augenblick, um ein großes Unheil zu verhüten. Aber Leutnant Atkins«, wandte sie sich an den jungen Mann, »was für einen Führer haben Sie uns da mitgegeben? Das war ja ein seltsamer Mensch; erst badet er seine Schutzbefohlenen mehrere Male, dann lässt er sie bald braten, sieht ganz gemütlich mit zu, wie sie beinahe von Eingeborenen zu Tode gemartert werden, und gibt dann schließlich, als er wieder zu ihnen trifft, die gleichgültige Erklärung ab: das wäre alles nur Fügung des Schicksals gewesen.«

Das war in einem solchen Tone gesprochen, dass der Leutnant sofort merkte, Ellen sei über das Betragen seines Freundes nicht so empört, wie sie vorgab.

»Verzeihen Sie ihm sein Benehmen«, entgegnete er. »Mein Freund ist ein durchaus zuverlässiger Mann, kam er Ihnen in Ihrer Lage nicht zu Hilfe, so muss er wohl einen triftigen Grund dazu gehabt haben. Umsonst rührt der keinen Finger. Übrigens haben Sie ihn ja später als einen hilfsbereiten Beschützer wiedergefunden, und, wie Sie uns vorhin selbst erzählt haben, sind Sie mit seiner späteren Aufführung und besonders mit seinem Plan, die Bushranger auch ohne uns, bloß mit Hilfe der Eingeborenen, in eine Falle zu locken und unschädlich zu machen, zufrieden gewesen. Auch ohne unsere Dazwischenkunft wäre das alles gelungen.«

»Wo steckt er denn jetzt?«, fragte Charles.

Mister Drake war nirgends zu sehen.

»Massa Drake hat alle Toten und Verwundeten umgedreht und ihnen ins Gesicht geguckt«, sagte einer der schwarzen Soldaten, »dem dort hat er einen weißen Zettel aus der Tasche gezogen, und dann habe ich gesehen, wie er plötzlich in den Busch gerannt ist, als wäre er verrückt.«

»Lasst ihn laufen«, lachte der Leutnant. »Drake geht seinen eigenen Weg und kümmert sich um niemanden, ebenso wenig kennt er Rücksichten. Er wird irgend etwas im Busche gesehen haben und das untersuchen wollen. Wir brauchen keine Angst um ihn zu haben; ein Hund findet seinen Weg nach Hause nicht besser, als er.«

»Und was nun?«, fragte Ellen. »Wollen wir noch eine Jagd in Australien halten?«

»Nein!«, riefen alle einstimmig. »Diese Jagd hinter den Bushrangern war aufregend genug.«

»Und ich«, sagte Jessy, »habe noch andere Pflichten. Als Tochter des Häuptlings habe ich für ein Leichenbegängnis zu sorgen, es soll ihm ein solches zu teil werden, wie ihm gebührt, und — er ist ja für mich gestorben. Dann will ich mit meinem Stamm, den ich schon nach zwei Tagen mit Niederlegung meiner Würde wieder verlassen werde, nach Hughenden, und dort sollen meine schwarzen Brüder alles und noch mehr bekommen, was ich ihnen an Geschenken versprochen habe.«

»So lasst uns erst nach Mister Graves Farm aufbrechen«, schlug Ellen vor, »um dort Abschied von den Damen zu nehmen, welche an unserem Schicksale teilnahmen, und dann wollen auch wir uns nach Hughenden begeben und von dort aus nach Townville. Bis dahin wird der zerstörte Schienenweg wohl wiederhergestellt sein.«

* * * * *

II.7. Lord Harrlingtons Abenteuer

Eine neue, unangenehme Überraschung erwartete die Damen, als sie in Townville anlangten. Mit besorgten Blicken hatten sie bei der Einfahrt in den Bahnhof der Stadt, von welchem aus man den Hafen übersehen konnte, die Schiffe gemustert, fast fürchtend, die ›Vesta‹ nicht mehr vorzufinden, und wirklich waren sie alle erschrocken von den Plätzen aufgesprungen, als Miss Thomson gerufen hatte:

»Die ›Vesta‹ ist nicht mehr da!«

Aber es war nur ein Irrtum; Ellen entdeckte sie bald unter den anderen Schiffen wieder; sie hatte ihren früheren Platz verlassen und lag jetzt dicht am steinernen Umfassungsrand des Hafenbeckens, und schon von hier aus konnten die Damen sehen, dass Arbeiter auf ihr beschäftigt waren.

Mit angsterfülltem Herzen eilten sie nach der ›Vesta‹, sie glaubten nicht anders, als ihr Schiff sei demoliert worden, vielleicht mit Absicht, aber Gott sei Dank, sie wurden bald von ihrer Sorge erlöst.

Die ›Vesta‹ hatte neben einem Dampfer geankert, und da der Hafen von Townville fast überfüllt war, so lagen die Schiffe nicht weit genug auseinander, um sich nach allen Seiten hin drehen zu können, ohne dabei an ein anderes zu stoßen. Der Dampfer hatte neben ihr geankert und bei dem damals herrschenden Winde so, dass die beiden Schiffe sich vollständig weit genug voneinander befanden; als aber in der Nacht der Wind umgesprungen war, drehten sich beide Schiffe, die Mannschaft des Dampfers merkte es, schlug Alarm und versuchte, sich von der ›Vesta‹ freizusetzen, was ihr auch gelang. Nur der Klüverbaum der ›Vesta‹ war dabei gebrochen worden, und die zurückgebliebenen englischen Herren hatten den Segler sofort am anderen Morgen nach dem Kai bugsieren lassen, damit der Schaden dort von Schiffszimmerleuten möglichst schnell repariert werde, sodass die zurückkehrenden Damen ihr Fahrzeug wieder seetüchtig fanden.

Derartige Havarien kommen in kleinen, aber belebten Häfen öfter vor, wenn der Wind umspringt, und werden als etwas Unvermeidliches hingenommen. Es galt zwar als Gesetz der Vestalinnen, dass kein männlicher Fuß die ›Vesta‹ betreten sollte, aber wie überall, so mussten auch hier mit Ausnahmen gerechnet werden. Zwei Tage vergingen noch, ehe der alte Klüverbaum ausgehoben und der neue an Bord gehisst und eingesetzt worden war, und so lange mussten sich die Damen gedulden, natürlich schloss sich diesem unfreiwilligen Aufenthalte in Townville auch die Mannschaft des ›Amor‹ an.

Am Morgen des zweiten Tages ging Lord Harrlington mit seinem Freunde Williams durch die Straßen von Townville, verließen dann die Stadt und ergingen sich in der Umgegend, welche noch nicht den Eindruck des australischen Busches machte, sondern mit parkähnlichen Anlagen geschmückt war, durch welche schöne, schattige Promenadenwege führten.

Hier und da stand ein Häuschen, in dem ein den Aufenthalt im Freien liebender Geschäftsmann von Townville mit der Familie seine Freizeit verbrachte.

So kamen sie auch an einer Villa vorbei, dessen Besitzer eine kleine Pferdezucht angelegt hatte; auf der neben dem Hause befindlichen und eingezäunten Wiese tummelten sich mehrere Stuten und Füllen umher. Ihr Herr selbst stand an dem Zaune und weidete sich an dem Anblicke seiner Lieblinge.


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»Sehen Sie da«, rief Charles und deutete auf einen Hengst, der in einem kleinen, besonders abgeteilten Gehege stand und die Vorbeigehenden mit zurückgelegten Ohren und aufgeblähten Nüstern beobachtete, »was für ein herrliches Tier! Dieser edle Hals, der kleine Kopf, diese wie aus Erz gegossenen Glieder. Schade, dass Hendricks nicht bei uns ist, er würde aus einem Entzücken ins andere fallen.«

Der Herr am Zaune hatte diese Bemerkung gehört und lauschte mit Wohlgefallen, wie die beiden elegant gekleideten Herren, jedenfalls reisende Engländer, sich über die Vorzüge seines Pferdes noch weiterhin unterhielten.

Beide Freunde waren stehen geblieben.

»So ein Pferd sollte ein englischer Jockey wie Fred Archer zwischen seine Schenkel bekommen«, meinte Harrlington, »und in vierzehn Tagen startet es mit dem besten Rennpferd.«

Der Herr hatte sich umgewendet und war zu ihnen getreten.

»Es freut mich, dass Sie meinem Tiere solche Anerkennung zollen«, sagte er höflich, aber ohne seine innere Freude verbergen zu können, »umso mehr, als der Hengst aus meiner eigenen Zucht hervorgegangen ist. Sein Vater war allerdings ein Engländer, seine Mutter aber kommt aus Australien, und von dieser hat er das wilde, störrische Blut der hiesigen Rasse bekommen, die zum Reiten nicht geeignet ist.«

»Lässt er sich nicht satteln und besteigen, oder zeigt er Mucken?«, fragte Harrlington.

»Das nicht«, war die Antwort, »er behält jede Gangart bei, aber weder mir, noch einigen meiner Bekannten, sehr guten Reitern, ist es bis jetzt gelungen, ihn zum Nehmen von größeren Hindernissen zu bewegen, obgleich er wie dazu geschaffen ist. Desgleichen scheut er sich, über eine hölzerne Brücke zu gehen, und oft passiert es mir, dass er dann, durch den hohlen Ton erschreckt, umkehrt, und ohne sich halten zu lassen, nach Hause rennt.«

»So geht er durch?«

»Niemals. Er nimmt nur den Heimweg und lässt sich dann nicht mehr lenken. Ich bin sehr traurig über diesen Fehler.«

»Oho«, rief Harrlington, »das ist kein Fehler, sondern nur eine Unart. Ist er ängstlich beim Springen?«

»Durchaus nicht. Früher war der Fang noch nicht so hoch, und als er als Füllen erst einmal die Kraft seiner Sprungfesseln erkannt hatte, da war er eines Tages darüber, und wir hatten unsere liebe Not, ihn wieder einzufangen, denn er setzte über alle Hindernisse hinweg, über die wir mit anderen Pferden nicht konnten. Aber gesattelt will er sie einmal nicht nehmen, höchstens ganz kleine Hecken und schmale Gräben.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber dann fehlt es ihm nur an einem energischen Reiter«, sagte der Lord. »Wenn einem Tiere solche Mucken gleich beim ersten Male, wo es sie zeigt, ausgetrieben werden, so wiederholt es sie nie mehr. Aber auch noch späterhin kann man sie ihm austreiben, wenn auch nicht mehr durch Güte, wie man es vorher gekonnt hätte.«

»Mag wohl sein, dass Sie recht haben. Ich bin alt und nicht mehr der Reiter, der ich früher gewesen bin, und keiner meiner Freunde hat bis jetzt vermocht, die Launen dieses Pferdes zu brechen.«

»Geben Sie mir den Hengst für einige Stunden«, bat Lord Harrlington, »und ich werde Ihnen das Tier als das willfährigste wiederbringen, das Ihnen je zugeritten worden ist.«

Der Herr betrachtete nachdenklich die schlanke Gestalt des Lords, als sich dieser aber vorstellte, sodass er erfuhr, er wäre der Kapitän des im Hafen ankernden ›Amor‹, war jedes Bedenken bei ihm verschwunden.

»Gut, ich vertraue Ihnen das Tier an, ich weiß, dass die englischen Sportsleute oft den besten Jockeys nichts nachgeben. Aber ich bitte Sie, strengen Sie es nicht zu sehr an!«

Der Hengst wurde gesattelt. Harrlington borgte sich ein Paar Sporen und eine schwere Reitpeitsche und stieg auf.

»Ich komme in einigen Stunden an Bord zurück, Williams«, sagte er, während das Pferd unter ihm tänzelte, »vor morgen früh geht die ›Vesta‹ doch nicht in See.«

»Auf keinen Fall«, erwiderte sein Freund.

»Sie können ja Ihre Springübungen hier auf den Wiesen vornehmen«, sagte der Pferdebesitzer, »Hecken und Büsche sind genug darauf.«

»Nein«, lachte Harrlington, »so schnell geht das nicht. Ich muss ihn erst etwas mürbe machen, wenn er auch etwas Schweiß dabei vergießt. Aber ich verspreche Ihnen, bei der Rückkehr wird er mit mir über diesen Zaun setzen. Ich fühle jetzt schon, dass er mir gehorcht.«

Er erkundigte sich noch, wie weit und wohin die Landstraße führe und sprengte dann fort.

Der Hengst fühlte an der leichten Hand, dass ein vorzüglicher Reiter auf seinem Rücken saß, aber er merkte auch, als er zum Galopp genötigt wurde, an dem Schenkeldruck, dass dieser Reiter nichts durchgehen ließ, und nahm schnaubend die vorgeschriebene Gangart an, die bald in Karriere ausartete.

Die Bäume jagten nur so vorüber; obgleich fast Windstille herrschte, flatterte des Rosses Mähne wie vom Sturm gepeitscht, und nicht eher mäßigte sein Herr den schnellen Ritt, als bis er merkte, dass das Pferd seine durch langes Stehen angesammelte Kraft ausgetobt hatte. Dann erst verließ er die breite Fahrstraße und ritt auf die Wiesen, ließ den Hengst erst über kleine Hindernisse setzen, und, als er diese ohne Besinnen nahm, versuchte er es mit größeren.

Wohl zögerte er bei dem ersten, einem hohen Busch, und galoppierte beim zweiten Anlauf um ihn herum, aber sein Reiter jagte ihn so lange hin und her, vor dem Hindernis ihm gütig zuredend und den Hals klopfend, nach Umgehen desselben ihm die Peitsche zu schmecken gebend, dass er doch schließlich, im letzten Augenblick die Sporen bekommend, in großem Bogen über den Busch flog.

Das schaumbedeckte Pferd versuchte nicht wieder, dem Willen seines Herrn zu trotzen, sondern nahm jetzt ohne Zögern jedes ihm begegnende Hindernis, auch ohne Nötigen durch Sporen und Peitsche.

Lord Harrlington bog in einen schmalen Nebenweg ein, von dem er sich hatte erzählen lassen, dass er nach einer Holzbrücke führe, und bald hatte er diese erreicht. Sie überbrückte ein kleines Gewässer.

Ruhig galoppierte der Hengst auf sie zu, sobald er aber in die Nähe der Brücke kam, schnob er ängstlich mit den Nüstern, und ehe es sich Harrlington versah, warf er sich auf den Hinterfüßen herum und jagte zurück, dem Zügel nicht mehr gehorchend. Aber lange konnte das Tier seinen eigenen Willen nicht durchsetzen, die Schenkel des Reiters zwangen es, den ungestümen Lauf zu mäßigen, und als es nur eine Sekunde zögerte, war es schon herumgerissen und sprengte in Karriere der Brücke zu. Kurz vor derselben bedeckte Harrlington dem Tier die Augen mit einem Tuch und dadurch noch mehr erschreckt, stutzte es wohl einen Moment, flog dann aber, von der Peitsche noch getrieben, mit doppelter Schnelligkeit davon.

Als die hölzerne Brücke unter seinen Füßen donnerte, bäumte es sich empor, es schien sich in den Bach stürzen zu wollen, bald aber war es wieder gebändigt, und Harrlington hatte die Freude, es nun nach Belieben über die Brücke lenken zu können, ohne dass es Schwierigkeiten bereitete — der Hengst hatte seine Scheu vor dem unheimlichen Gepolter verloren.

Jetzt lenkte Harrlington vom Wege ab in den Busch, um durch diesen zu jagen und dann das Pferd über den ziemlich breiten Bach setzen zu lassen.

Eben trieb er es zum schnellen Lauf an, um einen Busch zu nehmen, als plötzlich auf der anderen Seite desselben ein Mann aufsprang und sich eiligst in das Dickicht flüchtete, aber nicht nur, um den Fußtritten des Pferdes zu entgehen.

Was Harrlington veranlasste, sofort sein Tier herumzuwerfen und dem Fliehenden zu folgen, hatte seinen guten Grund — dieser Mann trug den Sträflingsanzug, eben denselben, welchen der Lord vor einigen Tagen kennen gelernt hatte.

Er hätte zwar den Sträfling ebenso gut mit dem Revolver niederschießen können, die ausgebrochenen Verbrecher waren vogelfrei, und er tat jedenfalls nur ein gutes Werk damit, aber Harrlington, auf einem edlen Pferde sitzend, wollte ihn lebendig fangen.

Der Mann war durch die Büsche gekrochen, über welche Harrlington jetzt hinwegsetzte, und vor ihm tat sich eine kleine Wiese auf, deren andere Seite von dichtem Unterholz begrenzt war. Erreichte er dieses, so war er vor dem Reiter, so lange er zu Pferd saß, gesichert, und deshalb rannte er so schnell wie möglich über die Wiese hinweg.

Aber es war zu spät, mit wenigen Sätzen hatte ihn das Pferd erreicht, der Sträfling wollte rasch zur Seite biegen, aber schon erhielt er einen Kolbenschlag über den Kopf, der ihn bewusstlos in den Rasen streckte.


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Als er nach einigen Minuten wieder zu sich kam, war der Hengst an einen Baum festgebunden, und vor dem entsprungenen Verbrecher stand Harrlington, ihm mit finsterem Gesicht den Revolver vorhaltend.

»Keinen Versuch gemacht, aufzustehen!«, herrschte er ihn an.

Der Sträfling blieb regungslos liegen, nur seine Augen rollten mit entsetzlicher Angst umher, als suche er einen Weg zum Entspringen.

»Bist du einer der Sträflinge, die aus dem Steinbruch zu Hughenden ausgebrochen sind?«, forschte Harrlington.

»Ja, Herr, ich bitte Sie ...«, stotterte er.

»Schweige«, befahl Harrlington, »du würdest vergeblich bitten. Warst du bei dem Überfall, den die Sträflinge auf uns machten?«

Er konnte schon in dem Gesicht des Sträflings lesen, dass derselbe nichts davon wusste, und glaubte ihm daher, als er antwortete:

»Nein, Herr, so wahr mir Gott helfe, ich war nicht dabei.«

»Auch nicht bei dem Überfall auf die Damen von der ›Vesta‹?«, forschte Harrlington weiter.

Er hatte unbedacht gefragt, wie konnte dieser Sträfling etwas von der ›Vesta‹ und ihrer Besatzung wissen. Aber das Ergebnis dieser Frage war ein überraschendes. Mit einem Satze stand der Sträfling auf den Beinen, ohne den vorgehaltenen Revolver zu beachten.

»Die amerikanischen Damen sind überfallen?«, stieß er hervor.

Aber mit einem Ruck lag er unter Harrlingtons eiserner Faust wieder auf den Knien, und der Revolver berührte seine Stirn.

»Noch eine solche Bewegung, Bursche, und du bist eine Leiche!«, rief der Lord drohend.

Der Sträfling beachtete diese Drohung nicht.

»Die amerikanischen Damen sind überfallen?«, wiederholte er. »Sie sind doch nicht getötet?«

In seiner Stimme lag eine solche Angst, dass der Lord aufmerksam wurde.

»Kennst du sie?«, fragte er kurz.

»Ich kenne sie nicht, aber ich muss zu ihnen. Leben sie noch, sind sie hier?«, stieß der Verbrecher mit heiserer Stimme hervor.

»Was willst du von ihnen?«

»Ich muss zu der Kapitänin, Miss Petersen. Nur sie kann mir helfen.«

»Miss Petersen?«, fragte der Lord erstaunt. »Wie steht diese Dame mit dir in Verbindung?«

»O, Herr«, bat der Sträfling, plötzlich in Tränen ausbrechend, »lasst mich laufen, ich bin unschuldig, glaubt es mir. Nur Miss Petersen kann mir helfen.«

»Miss Petersen?«, fragte der Lord wieder, immer erstaunter werdend. »Ich verstehe dich nicht, willst du mir ein Märchen erzählen, Bursche?«

Angstvoll wandte der Flüchtling das Gesicht dem Lord zu.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen trauen darf, ob ich es erzählen darf, damit ich nicht abermals eingesperrt oder gar gemordet werde«, stieß er hervor.

»Vertraue mir! Wenn du die ›Vesta‹ kennst, so hast du auch von dem ›Amor‹ gehört.«

Der Sträfling nickte, die Augen stumm auf den Lord geheftet.

Dieser wurde für den Sträfling eingenommen, er wusste selbst nicht warum, die blauen Augen dieses Mannes waren nicht solche eines Menschen, der ein böses Gewissen hat, nur eine verzehrende Angst sprach aus ihnen.

»Ich bin der Kapitän dieses Schiffes und ein Freund von Miss Petersen«, fuhr er fort.

»Gott sei Dank, dass ich Sie treffe!«, rief der Mann und sprang auf, ohne diesmal von Lord Harrlington daran verhindert zu werden. »Erbarmen Sie sich meiner, Sie sind ein edler Mann, ich habe von Ihnen gehört! Glauben Sie mir, ich bin unschuldig verurteilt gewesen. Achtzehn lange Jahre habe ich unschuldig geschmachtet, aber jetzt endlich kenne ich den Mörder, für den ich büßen musste. Geben Sie mir die Gelegenheit, dass ich ihn entlarven kann.«

»So kennst du wirklich den, für den du unschuldig gelitten hast?«, fragte Lord Harrlington.

»Ich kenne ihn, ich weiß bestimmt, dass er der Mörder ist. Aber«, rief der Sträfling verzweifelt, »wie ist es mir möglich, ein Zeugnis gegen ihn abzugeben? Er ist ein mächtiger, reicher Mann, dem es ein Leichtes ist, einen Ankläger unschädlich zu machen. Nur Miss Petersen kann mir helfen, ihn zu entlarven. Bringen Sie mich zu ihr, ohne dass ich erkannt werde, ich bitte Sie, edler Herr!«

»Aber was hat nur Miss Petersen damit zu tun?«

Der Sträfling hatte sich hoch aufgerichtet.

»Ihr Vater ist der Mörder!«, rief er mit blitzenden Augen.

Entsetzt war der Lord einen Schritt zurückgetreten.

»Mann, Ihr träumt!«, brachte er endlich heraus. »Ihr Vater soll der sein, für den ihr bestraft worden seid? Bedenkt, was ihr sprecht!«

»Es ist so, der Vater von Ellen Petersen, die ich als Kind auf meinen Armen getragen habe, Mister Flexan, oder aber, wie er sich früher nannte, Jonathan Hemmings ist der Mörder von Mister Nikkerson.«

Eine Ahnung dämmerte in dem Lord auf:

Mister Flexan war der Stiefvater von Ellen, er hasste sie, verfolgte sie, suchte sie zu töten. Er hatte das alles früher einmal geahnt, seit dem Überfall in Konstantinopel aber, wo einer der Räuber eine Fotografie Ellens verloren hatte, die nur dem Stiefvater gehört haben konnte, wusste er dies bestimmt, ebenso wie Ellen, die schon längst eine instinktive, unüberwindliche Abneigung gegen den aufgedrungenen Vater gehabt hatte.

Ja, diesen Menschen, diesen Mister Flexan, hielt er wohl eines Mordes fähig.

»Gebt mir die Möglichkeit, zu Miss Petersen zu kommen!«, flehte der Sträfling mit emporgehobenen Händen.

»Ihr sollt in Sicherheit gebracht werden«, sagte Harrlington dumpf. »Verlasst Euch auf mein Wort. Bringe ich Euch auch nicht gleich zu Miss Petersen selbst, so will ich doch dafür sorgen, dass Euch Euer Recht wird.«

»Aber mein Weib, meine Kinder! Sie leiden Not!«

»Es soll für sie gesorgt werden, besser als Ihr es könnt.«

»Meine Frau glaubt, ich bin mit ausgebrochen und dann mit den anderen Sträflingen getötet worden. Sie weiß, dass ich unschuldig bin, und ihr Herz wird vor Kummer brechen.«

»Sie wird von allem benachrichtigt werden. Seid ruhig, Freund! Ich werde Mittel und Wege finden, Euch nicht nur zu retten, sondern Euch auch Genugtuung zu verschaffen.«

»Gott vergelte Ihnen, was Sie an mir getan haben, ich kann es nicht!«, rief der Sträfling. Er fiel auf die Knie und küsste Harrlingtons Hände inbrünstig.

»Noch seid Ihr nicht geborgen«, sagte hastig der Lord, sich nach allen Seiten scheu umsehend. »Versteckt Euch hier in dem Busch. Gegen Abend, wenn es dunkel wird, kommt jemand hierher und bringt Euch Kleidung. Vertraut ihm, er führt Euch auf den ›Amor‹, und von dort aus, wenn wir in See sind, werdet Ihr Gelegenheit haben, Miss Petersen zu sprechen. Good bye!«

Der junge Mann schritt nach dem Pferde, schwang sich in den Sattel und jagte über die Brücke zurück, die diesmal der Hengst ohne Sträuben nahm, während der Sträfling sich wieder in den Büschen versteckte.

Beide hatten nicht bemerkt, dass sie während ihres Gesprächs aus einem dichten Gestrüpp ein höhnischgrinsendes Gesicht beobachtet hatte.

»All right«, murmelte der Mann in den Bart. »Heute Abend bei Dunkelheit. Werde ein klein wenig früher kommen.«

Leise, wie er gekommen, entfernte er sich wieder.

Die heftige Erschütterung, welche das weit ausgreifende Pferd auf den Reiter ausübte, störte Lord Harrlingtons Gedankengang nicht.

Unbedingt musste dieser Mann gerettet werden. Wäre er von der Polizei ergriffen worden, oder hätte er sich selbst gestellt, so konnte gegen den Mister Flexan bei weitem nicht so vorgegangen werden, war dieser wirklich der Mörder von Nikkerson, als wenn er sich in Freiheit befand. Der Sträfling hatte recht, nach allem, was er, Harrlington, über Flexan erfahren, besaß dieser sowohl die Keckheit, als auch die Macht, einen Angeber unschädlich zu machen. Durch Gold kann man ja leider alles erzielen. Hatte der Sträfling dies aber nur gelogen, um sich in Sicherheit zu bringen, so befand er sich im Irrtum. Er sollte auf den ›Amor‹ gebracht werden und dort so lange bleiben, bis Ellen ihr Gutachten abgegeben hätte, ob sie gewillt sei, gegen ihren Vater vorzugehen oder nicht.

Harrlington kannte den rätselhaften Mord des Mister Nikkerson sehr wohl. Dieser Sträfling musste jener Matrose sein, der damals verhaftet worden war; er hatte ihn zwar gar nicht danach gefragt, aber es konnte nicht anders sein. Wer weiß, wodurch der Mann den Namen des eigentlichen Mörders erfahren hatte — die Folge würde alles lehren.

Jedenfalls aber hielt Harrlington den Stiefvater Ellens einer Mordtat fähig.

Der grübelnde Reiter hätte sein Pferd fast am Stalle vorbeigeritten, wenn dieses nicht selbst durch ein freudiges Wiehern seinen Herrn darauf aufmerksam gemacht hätte. Dieser beachtete kaum die vielen Fragen des Pferdebesitzers, der aus dem Haus gekommen war, ob er mit dem Tier zufrieden sei, ob es gesprungen sei und so weiter, so war sein Kopf mit anderen Sachen beschäftigt.

Erst als der Herr ihn lächelnd daran erinnerte, er wollte doch bei seiner Rückkehr über den Fang springen, er schiene aber, fügte er lächelnd hinzu, nicht viel mit dem Tiere haben anfangen zu können, fiel ihm sein Versprechen ein. Er lenkte zurück und ließ vor den Augen des erstaunten und zugleich freudigen Besitzers das Pferd über den hohen Fang setzen, stieg dann ab und entfernte sich, ohne fast ein Wort mit dem Herrn zu wechseln oder auf dessen Einladung, ihm für eine halbe Stunde im Hause Gesellschaft zu leisten, gehört zu haben.


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Kopfschüttelnd blickte ihm dieser nach und murmelte etwas, das fast wie ›spleeniger Engländer« klang.

Als Lord Harrlington den ›Amor‹ erreicht hatte, war sein Entschluss gefasst. Er rief Lord Hastings und Sir Williams zu sich in sein Arbeitszimmer und erzählte ihnen ohne Umschweife sein Abenteuer.

Lord Hastings war viel zu phlegmatisch, um über die Enthüllungen betreffs des Stiefvaters Ellens zu erstaunen, und Williams war schon einigermaßen darüber orientiert. Sein Scharfsinn hatte ihm längst schon verraten, woher alle diese Verfolgungen kamen.

»Mein Plan ist nun folgender«, sagte zum Schluss Lord Harrlington. »Ich begebe mich heute Abend nach jener Stelle mit Kleidern, welche ich mir von Ihnen, Lord Hastings, leihen werde, denn der Mann ist sehr groß, und Sie beide, meine Freunde, halten sich hinter mir in meiner Nähe auf, um mir beizustehen, sollte doch ein Verrat im Spiele sein. Wir bringen den Mann an Bord und behalten ihn so lange hier, bis ich Gelegenheit gehabt habe, mit Miss Petersen über diese Angelegenheit zu sprechen. Ihre Aussage wird dann entscheiden, was wir mit ihm anfangen sollen; aber ich zweifle nach allem Geschehenen nicht daran, dass sie ihn als Werkzeug benutzen wird. Sind Sie damit einverstanden?«

Die Herren sagten mit Freuden zu.

Als Charles in seiner Kabine lag, öffnete sich leise die Tür, und sein Diener Hannes steckte den Kopf herein.

»Sind Sie allein?«, fragte er. »Ja, dann möchte ich Sie ergebenst um etwas bitten, Williams.«

»Was denn, mein Junge? Sprechen Sie sich nur aus!«

»Vor allen Dingen muss ich Ihnen gestehen«, begann Hannes und nahm ohne Weiteres mit überschlagenen Beinen auf dem Sofa Platz, »dass ich Ihre Unterredung vorhin mit Harrlington belauscht habe.«

»Das ist nicht hübsch von Ihnen! Unterlassen Sie das ein anderes Mal!«

»Diese Geschichte ist furchtbar interessant«, fuhr Hannes unbeirrt fort, »und der Donner soll mich rühren, wenn ich nicht bei der Partie bin!«

»Bei welcher Partie?«

»Heute Abend, wenn Sie den Sträfling abholen. Nun liegen wir schon zwei Tage in diesem verdammten Nest, ohne Abwechslung, ohne Vergnügen. Die Männer sind hier alle so solid, die Weiber so sittsam, dass es wirklich eine Schande ist. Gestern Abend war ich in einem Bierhaus, und als sie mich um elf Uhr an die Luft setzten, habe ich auf der Straße einen Skandal gemacht, dass ich wenigstens zehnmal arretiert worden sein müsste. Denken Sie aber, es hat sich jemand um mich gekümmert? Gott bewahre, nicht ein einziger Konstabler hat sich sehen lassen.«

»Sie sind ein reizender Mensch, aber Sie schweifen zu weit ab. Was wollten Sie eigentlich sagen?«

»Ich muss heute Abend unbedingt mit, wenn Harrlington überfallen wird. In jede Tasche stecke ich zwei Revolver, und in den Gürtel ein paar Messer und das Hackebeil.«

»Wenn ich Sie nun aber nicht mitnehme?«

»Dann gehe ich so mit«, war Hannes' entschiedene Antwort.

»Wenn ich Ihnen dann aber kündige?«

»Dann gehe ich an Bord der ›Kalliope‹ zurück.«

»Oho«, lachte Charles, »wer weiß, wo die jetzt schwimmt.«

»Im Hafen von Townville, wenn Sie sich gefälligst überzeugen wollen.«

»Hm, dann bleibt mir allerdings nichts anderes übrig, als Sie mitzunehmen. Warten Sie, in zwei Minuten bin ich zurück.«

Charles begab sich zu Lord Harrlington und kam nach kurzer Zeit wieder.

»Well, der Kapitän ist damit einverstanden, dass Sie uns begleiten, aber, meinte er, das Hackebeil sollten Sie lieber nicht mitnehmen, sonst könnten wir morgen unser Fleisch nicht weich klopfen.«

»Famos!«, schrie Hannes und war mit einem Satze zur Tür hinaus.

»Ein toller Bengel«, brummte Charles und nahm sein Tagebuch vor.

*

Als die Nacht anbrach, schritten vier Männer der Brücke zu, in einfache Anzüge gekleidet, voran Lord Harrlington, der ein großes Paket unter dem Arme trug. Auf der Brücke winkte er zurück, dass seine Freunde stehen bleiben möchten, und schritt selbst weiter. Bald war seine Gestalt in der Dunkelheit verschwunden.

Es vergingen zehn Minuten, er kam nicht wieder, und als auch eine halbe Stunde verstrichen war, ohne dass man von Harrlington etwas sehen, noch hören konnte, wurden die Wartenden unruhig.

»Vielleicht ist er in einen Hinterhalt gefallen«, flüsterte Lord Hastings. »Vielleicht war die ganze Geschichte nur erfunden, um ihn, den Beschützer der Miss Petersen, beiseite zu bringen.

Die gleiche Vermutung hegte auch Williams, und ohne Zögern schritten sie über die Brücke.

Aber ihre Besorgnis war grundlos gewesen, eben trat Lord Harrlington aus dem Busche auf die Straße und sagte:

»Nichts gefunden, entweder ist er erschreckt worden und hat sich tiefer in den Wald zurückgezogen, oder der Bursche hat mich aus irgend einem Grunde belogen.«

»Dachte mir etwas Ähnliches«, brummte Hastings, »es ist alles Schwindel.«

»Wir wollen aber noch einmal zusammen diese Gegend absuchen«, fuhr Harrlington fort, »vielleicht ist er, von den Anstrengungen eines langen Marsches erschöpft, in tiefen Schlaf gefallen.«

Die anderen folgten seiner Aufforderung und suchten eine Stunde sorgfältig die Umgegend ab, aber vergebens, der Sträfling war nicht zu finden. Endlich gaben sie die Hoffnung auf und traten, verdrießlich über den fruchtlosen Gang, den Rückweg an. Besonders Lord Harrlington war verstimmt, denn er hatte geglaubt, Miss Petersen einen großen Dienst erweisen zu können, wenn er ihr jemand zuführe, der ihr etwas über ihren Stiefvater erzählte.

»Ein Herr wartet bereits seit einer Stunde in Ihrer Kabine«, empfing ihn an Bord des ›Amor‹ John Davids, welcher während der Abwesenheit seiner Freunde an Deck geblieben war.

»Hat er seinen Namen genannt?«

»Nein, er sagt, er wäre ein alter Bekannter von Ihnen. Bis jetzt hat ihm Sir Hendricks Gesellschaft geleistet.«

Lord Harrlington ging in seine Kabine und fand darin einen Herrn auf dem Sofa sitzen, der sich unterdes, wie die auf dem Boden verstreute Asche und das neben ihm stehende Kistchen bewies, mit den Zigarren des Lords beschäftigt hatte.

Harrlington erkannte auf den ersten Blick, dass diese Zigarrenkiste diejenige war, welche er in einem besonderen Schränkchen stehen hatte, weil sie eine sehr gute Qualität enthielt. Hendricks würde sich nie erlaubt haben, sie ohne seine Erlaubnis herauszunehmen; also musste sich dieser junge Mann, einfach, aber anständig gekleidet, selbst bedient haben.

Harrlington kannte ihn nicht, er erinnerte sich nicht, jemals dieses Gesicht gesehen zu haben.

»Mit wem habe ich die Ehre?«, fragte er den Fremden, der von seinem Eintritt fast gar keine Notiz genommen hatte, sondern nach wie vor die blauen Wölkchen zur Decke blies und ihnen sinnend nachsah.

»Nikolas Sharp«, entgegnete der Gefragte ruhig.

»Ah«, rief der Lord überrascht aus, »also endlich habe ich einmal das Vergnügen, Sie zu sehen. In der Tat, es ist lange her, dass wir uns nicht mehr gesprochen haben. Was führt Sie hierher? Hoffentlich haben Sie mir keine Unannehmlichkeiten mitzuteilen! Wir sind in letzter Zeit genügend damit belästigt worden.«

Langsam nahm der Detektiv die Zigarre aus dem Munde.

»Es liegt etwas in Ihrem Ton, das mich vermuten lässt, dass Sie nicht mit mir zufrieden sind«, sagte er. »Darf ich Sie fragen warum? Oder habe ich mich getäuscht?«

»Auf eine offene Frage gehört eine offene Antwort«, entgegnete der Lord höflich, aber kalt, und setzte sich dem Detektiven gegenüber auf einen Stuhl. »Ich bin allerdings nicht zufrieden mit Ihnen. Offen gestanden, ich habe mir viel mehr versprochen, als ich Sie engagierte.«

Lächelnd steckte der Detektiv die Zigarre in den Mund und blies eine mächtige Dampfwolke aus.

»Inwiefern nicht?«, fragte er dann.

»Ihre Anwesenheit erfahre ich nur dadurch, dass in jeder Stadt, wohin ich auch komme, die von mir für Sie deponierten Geldsummen erhoben sind. Aber sonst kann ich nichts davon bemerken, dass Sie sich viel um Ihre Schutzbefohlenen kümmern. Das erste und das letzte Mal, dass ich Sie gesehen habe, war in Bombay, und dort beschäftigten Sie sich mit einem Matrosen vom ›Blitz‹, der Sie eigentlich gar nichts anging.«

»Well«, sagte der Detektiv trocken. »Ist Miss Petersen nicht mehr auf der ›Vesta‹?«

Der Lord stutzte bei dieser Frage, dann aber sagte er, sich sammelnd:

»Ist sie dort, lebt sie überhaupt noch, so können Sie jedenfalls nichts dafür. Hier in Australien wäre Gelegenheit genug für Sie gewesen, sie zu beschützen. Ihr Leben war unterdes schon zehnmal in Gefahr.«

»Habe ich auch getan«, war die Antwort, »ihretwegen bin ich Tag und Nacht im Busch herumgestrichen, habe nach Pfefferminze riechende Opossums halbroh gegessen und mich wundgeritten.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, ich war derjenige, welcher Sie, Miss Petersen und die Anderen durch den Busch geführt hat, hinter Miss Murray her. Mein Name war Drake, und ich fungierte als Anführer der schwarzen Polizei. Leutnant Atkins ist ein alter Freund von mir und vertraute mir seine Leute an.«

Immer erstaunter hatte Harrlington diesen Worten gelauscht.

»Aber ist dies etwa ein Entschuldigungsgrund?«, rief er unwillig. »Wenn Sie die Macht dazu hatten, warum haben Sie denn uns nicht davor bewahrt, dass wir in die Hände der Eingeborenen fielen?«

»Ich hatte bereits vorher Miss Murray, der Tochter des Häuptlings, einen Besuch abgestattet, und sie bat mich, ihr das Spiel nicht zu verderben.«

»Ah so, ich verstehe«, lächelte Lord Harrlington, »aber warum zwangen Sie uns, zweimal durch den Bach zu schwimmen?«

Seine Stimme klang wieder etwas entrüstet.

»War nicht meine Anordnung, sondern die der Schwarzen, der auch ich Folge leisten musste.«

»Und dann, wenn Sie bei uns in der Nähe waren, wie ich vermute, warum ließen Sie uns, oder, von uns will ich gar nicht sprechen, warum ließen Sie Miss Petersen beinahe des Feuertodes sterben?«

»Bah«, der Detektiv machte eine geringschätzende Bewegung, »über das bisschen Feuer springt ein Kind mit bloßen Füßen, um wie viel mehr Miss Petersen. Das Mädchen hat den Teufel im Leibe.«

»Sie sprechen von Miss Petersen«, unterbrach ihn der Lord ernst.

»Eben die meine ich«, antwortete Sharp gleichmütig. »Hat Ihnen Sir Williams übrigens nicht gesagt, dass er mich öfter, so zum Beispiel in Indien, erkannt hat?«

»Nein.«

»So fragen Sie ihn! Seien Sie versichert, ich habe nichts unterlassen, um nicht nur über die Miss Petersen, sondern auch über die anderen Damen zu wachen. Und deswegen komme ich auch jetzt zu Ihnen, nicht gerade um Ihnen eine Gefahr mitzuteilen, aber doch, um Sie zu warnen und Ihnen behilflich zu sein, Miss Petersen einen großen Dienst zu erweisen.«

»Das wäre?«, fragte der Lord gespannt.

»Sie haben heute Morgen an der Brücke einen Sträfling gesprochen?«

»Allerdings. Woher wissen Sie das?«

Der Detektiv beachtete diese Zwischenfrage nicht.

»Und wollten ihn heute Abend an Bord des ›Amor‹ bringen, weil dieser Mann Geheimnisse über Mister Flexan enthüllen kann?«

»Auch das.«

»Ihre Unterhaltung mit dem Sträfling heute Morgen ist von einem Manne belauscht worden, der im Dienste dessen steht, dem jener durch sein Geständnis schaden würde«, fuhr der Detektiv fort, »und so ist er eine halbe Stunde früher gekommen als Sie und hat ihn in Ihrem Namen abgeholt, um ihn, wie er sagte, in Sicherheit zu bringen, in Wirklichkeit aber, um ihn unschädlich zu machen.«

Der Lord war erregt aufgesprungen. »Nicht möglich!«, rief er.

»Doch ist es so.«

»Soll er getötet werden? Ist er noch in Townville?«

»Er ist noch hier und wird vorläufig gefangen gehalten, denn Townville ist ein ungeeigneter Platz, um jemanden spurlos verschwinden zu lassen.«

»Ist keine Möglichkeit, ihn zu retten?«

Der Detektiv blies nachdenklich eine dichte Rauchwolke vor sich.

»Doch, es wird mir gelingen, ihn zu retten und Ihnen zuzuführen, nur muss ich — —«

Sharp brach plötzlich ab, war mit einem Satze an der Tür und stieß sie schnell auf. Ein klatschender Schlag ward hörbar, als wäre die Türe gegen ein Gesicht geflogen und im nächsten Augenblick brachte der Detektiv Hannes beim Kragen hereingeschleppt.


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»Hier setze dich und höre zu!«, sagte er zu ihm und drückte ihn auf einen Stuhl. »Belauschen kannst du mich nicht.«

Hannes war so verblüfft, dass er wortlos so sitzen blieb, wie ihn Sharp auf den Stuhl gedrückt hatte, die Beine weit ausgestreckt, den Kopf zur Seite geneigt und die Arme herabhängend. Noch nie hatte ihn eine so kräftige Faust emporgehoben.

»Nur muss ich einige tüchtige Leute auftreiben, und dazu wird mir dieser Schlingel da verhelfen müssen«, fuhr der Detektiv ruhig fort und deutete auf Hannes, der die schmächtige Gestalt des Fremden mit einer Art von Ehrfurcht betrachtete.

Harrlington hatte dem kleinen Intermezzo lächelnd zugeschaut. Wenn er auch von dem sonderbaren Betragen des bekannten, amerikanischen Detektivs nur erst Weniges gesehen, so hatte er doch schon genug davon gehört. Er traute diesem Manne jetzt wieder vollkommen.

»Also ich nehme Hannes mit«, fuhr Sharp fort. »Sir Williams wird schon damit einverstanden sein. Wann fahren Sie?«

»Morgen früh«, entgegnete Harrlington.

»Hm, wird wohl nicht gehen!«

»Warum nicht?«

»Weil Sie wahrscheinlich morgen früh verhaftet werden und Ihre Abreise dadurch eine Verzögerung erleidet.«

»Ich, verhaftet?«, rief der Lord aus.

»Darüber ist nichts zu wundern. Sie werden jedenfalls von dem, der den Sträfling wirklich irgendwo untergebracht hat, mit dessen Befreiung verdächtigt werden. Doch weiß ich es nicht bestimmt, es ist nur eine Vermutung von mir.«

»Ich glaube nicht daran«, sagte Harrlington; »der Mann, der alle diese Intrigen einfädelt, ist kein gewöhnlicher Mann, und so wird er auch wissen, dass es mir ein Leichtes ist, Bürgen zu stellen. Schon die Nennung meines Namens würde genügen, mich auf freien Fuß zu setzen. Meinen Sie nicht auch, Mister Sharp?«

»Sharp, Sharp?«, murmelte Hannes vor sich hin, jetzt erst richtig zur Besinnung kommend. »Den Namen kenne ich.«

Plötzlich sprang er vom Stuhl auf den Detektiv zu.

»Alle Wetter, jetzt habe ich es«, rief er. »Sie sind Nick Sharp, der amerikanische Detektiv?«

»Allerdings, kennst du mich?«

»Ei gewiss, ich habe schon oft lange Geschichten über Sie gelesen. Also mit Ihnen soll ich kommen? Da bin ich natürlich einverstanden. Williams brauchen wir gar nicht erst zu fragen; erlaubt er es nicht, so gehe ich eben so mit Ihnen.«

»Ein netter Diener!«, lachte Sharp.

»Wie lange brauchen Sie, um den Sträfling — ich weiß noch nicht einmal, wie er heißt«, unterbrach sich der Lord.

»Snatcher.«

»Um diesen Snatcher auf freien Fuß zu setzen, und ihn womöglich unbemerkt an Bord des ›Amor‹ zu schmuggeln?«

»Vor morgen Nacht ist es nicht möglich!«

»So lange brauchen Sie auch Hannes?«

»Ja, und wann gehen Sie in See?«, fragte der Detektiv.

»Morgen früh, denn die ›Vesta‹ wird dann absegeln.«

»Wohin geht die Reise?«

»Nach Java.«

»Wissen Sie schon den bestimmten Hafen?«, fragte Sharp weiter.

»Miss Lind konnte mir nur von Java schreiben.«

»So will ich Ihnen denselben nennen, es ist Batavia«, lächelte der Detektiv.

»Sie sind gut instruiert«, sagte der Lord.

»Allerdings, besser als jeder andere. Sie sehen, ich kümmere mich sehr um das Treiben meiner Pflegebefohlenen, urteilen Sie also nicht wieder so schnell über mich!«

»Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen unrecht getan habe. Aber wie wollen Sie denn Hannes und Snatcher uns nachschicken?«

»Mit irgend einer Reisegelegenheit, das heißt, wenn Sie wirklich schon morgen abfahren, was ich noch sehr bezweifle«, sagte der Detektiv, stand auf und verabschiedete sich kurz von Lord Harrlington.

»Komm mit, Hannes«, fuhr er dann fort, sich an diesen wendend, »du sollst eine wichtige Rolle spielen, über die dann vielleicht auch eine Geschichte geschrieben wird, in der du verherrlicht wirst.«

Hannes war so erfreut, dass er ganz vergaß, sich von dem Detektiven das Duzen zu verbitten. Für diesen Mann hatte er seit seiner Kindheit eine Schwärmerei besessen, er hätte sich von ihm noch viel mehr gefallen lassen.

Als beide draußen standen, hielt ihn Sharp am Arme fest.

»Wo ist die Kabine von Sir Williams?«

»Dort vor der des Kapitäns, am Ausgang.«

»Ist er darin?«

»Ja, er hat Licht brennen.«

»Dann stelle dich einmal dort hinten hin, mein Junge«, flüsterte Sharp, »und rufe ihn. Sobald er bei dir ist, gehst du auf der anderen Seite der Bordwand entlang und entwischst nach oben. Hast du mich verstanden?«

Hannes war schon an der bezeichneten Stelle.

Das Zwischendeck des ›Amor‹, ebenso wie die Kajütenräume, waren so wie bei allen Dampfern eingerichtet. An den Bordwänden befanden sich die Kabinen der Herren, und den mittelsten Platz nahm eine Kammer ein, in der gewöhnlich die notwendigsten Mundvorräte aufbewahrt wurden, diese Kammer dient zugleich auch als Stütze des Oberdecks. So also entsteht auf jeder Seite der Bordwand ein schmaler Gang, welcher bei einer Treppe endet, die nach oben führt.

Hannes war also nach hinten geschlüpft, von der Treppe am weitesten entfernt, und in der nächsten Minute konnte der im Schatten der Treppe stehende Detektiv ihn rufen hören:

»Williams, Williams! Schnell hierher, um Gottes willen«, schrie er, »machen Sie schnell!«

Neben Sharp wurde eine Tür aufgerissen, und der Gerufene stürzte heraus, lauschte, woher die Jammertöne kamen, und sprang dann nach hinten.

Sofort schlüpfte der Detektiv in die offene Kabine, kam aber gleich wieder heraus und hörte noch, als er die Treppe emporsprang, wie Williams ärgerlich rief:

»Was ist denn los, Hannes? Was rennen Sie denn fort? Du willst mich wohl zum Narren haben, du — du — Sie verfluchter Junge, Sie? ...«

Des Detektivs Vermutung schien sich nicht bestätigen zu wollen. Lord Harrlington hatte auch nicht recht daran geglaubt, war aber doch froh, als er am anderen Morgen den Befehl gab, die Anker zu lichten.

Die ›Vesta‹ wurde bereits durch einen kleinen Dampfer aus dem Hafen geschleppt, sie hatte fast schon die Ausfahrt erreicht, während die englischen Herren, deren Mützenbänder lustig im Winde flatterten, um das Gangspill herum marschierten, mit dem die Anker aufgewunden werden. Sie waren jetzt Matrosen, keine Gentlemen mehr, und da sie den wirklichen Seeleuten nichts nachgeben wollten, so scholl auch von ihren Lippen ein fröhlicher Shanty, d. h. einer jener englischen Gesänge, mit denen die Matrosen ihre Arbeit taktmäßig begleiten, das Einraffen der Segel, das Ziehen der Taue, das Aufhissen der Anker, kurz alle Arbeit, bei der ein gleichzeitiges Zusammenwirken der Kräfte nötig ist.

Harrlington stand am vordersten Mast und leitete die Manöver. Die Anker lagen fast an Deck, der Kapitän bog sich dem Sprechrohre zu, um die Schraube in Bewegung setzen zu lassen, als der Ruf eines seiner Freunde ihn aufmerksam machte. Er blickte nach der Stelle des Kais, nach welcher der Rufende deutete, und eine plötzliche Unruhe bemächtigte sich seiner. Dort stieß eben ein Boot ab, in dem sich acht Mann befanden. An den schwarzen Helmen erkannte er, dass es Konstabler der Hafenpolizei waren, von denen der eine mit einer Flagge heftig nach dem ›Amor‹ winkte, und, als er gesehen zu werden glaubte, ein ›Halt‹ signalisierte.

Hier gab es kein Widerstreben, Harrlington unterließ sein Kommando und erwartete den Hafenbeamten, aber nicht diesen, sondern die ›Vesta‹ beobachtend, welche mit Tauen durch die Schleuse, d. h. durch die Ausfahrt des Hafens geschleift wurde.

»Lord Harrlington, Kapitän des ›Amor‹?«, fragte eine Stimme neben ihm.

Das Boot war herangekommen und einer von der Besatzung, anscheinend ein höherer Beamter, hatte sich an Bord begeben.

»Ich bin's. Was steht zu Diensten?«, sagte Harrlington, ohne die ›Vesta‹ aus dem Auge zu lassen.

»Im Namen der Königin, Sie sind verhaftet!«

Diese Worte sollten mit möglichster Feierlichkeit gesprochen werden, aber es lag in deren Ton ein solches Gemisch von Zaghaftigkeit und Unsicherheit, dass sich einige der Herren schnell abwandten, um nicht laut herauszulachen, wodurch der Beamte noch verlegener wurde.

»Warum?«

»Sie sind denunziert worden, einen entlaufenen Sträfling an Bord Ihres Schiffes verborgen zu halten«, sagte er mit kläglicher Stimme. »Verzeihen Sie mir, ich tue nur meine Pflicht, wenn ich das Schiff durchsuchen lasse.«

»Wie lange dauert das?«

»Eine Viertelstunde nur.«

»Und dann?«

»Dann müssen wir Sie nach der Hafenpolizei führen. Ich habe den Haftbefehl hier.«

Der Mann zog einen Zettel aus seiner Tasche und hielt ihn dem Lord hin, aber dieser beachtete ihn nicht, sondern war ganz in den Anblick der ›Vesta‹ versunken, die jetzt die Schleuse verließ.

Ein plötzlicher Argwohn bemächtigte sich seiner.

»Wie lange dauert es, ehe ich, wenn ich unschuldig befunden worden bin oder für mich gebürgt worden ist, den Hafen verlassen kann?«

»Vor morgen früh wird dies nicht möglich sein«, war die Antwort.

Morgen früh! Das war's. Es war nur darauf abgesehen, ihn von der ›Vesta‹ zu trennen, und vierundzwanzig Stunden genügten dazu vollkommen.

»An die Wimpel!«, kommandierte er.

Er wollte der ›Vesta‹ signalisieren, dass sie umkehren möge, aber im nächsten Augenblicke fiel ihm ein, wie Ellen zu handeln gewöhnt war. Wer weiß, ob sie das Signal beachtet hätte!

»Halt«, rief er, »die Jolle über Bord!«

Hastig riss er ein Blatt Papier aus dem Notizbuch und warf einige Zeilen darauf.

»Williams«, bat er, das Boot war schon im Wasser und die dazu abgeteilten Herren darin, »fahren Sie so schnell wie möglich nach der ›Vesta‹ und geben Sie dieses Miss Petersen. Aber schnell, schon beginnt sie, die Segel zu entfalten.«

Beruhigt blickte er dem wie ein Pfeil durchs Wasser schießenden Boote nach, sah, wie es an der ›Vesta‹ anlegte und wie Williams das Zettelchen an einer herabgeworfenen Schlinge befestigte. Fünf Minuten später zog die ›Vesta‹ die Segel wieder ein und warf draußen auf der Rhede, vor dem Hafen Anker aus.


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Harrlington atmete erleichtert auf.

»Das Schiff ist durchsucht, wir haben nichts gefunden«, sagte der Beamte, »darf ich bitten, in unser Boot zu steigen?«

»Gern«, antwortete Harrlington lächelnd, »Lord Hastings, Marquis Chaushilm, kommen Sie mit, damit Sie für mich bürgen können!«

* * * * *

II.8. Im Auftrag des Detektivs

»Bootsmann, spinn ein Garn!«, sagte der grauhaarige Schiffskoch zu seinem alten Freunde und schüttelte den träumend vor sich Hinsehenden an der Schulter. »Du bist schon lange an der Reihe.«

Es war so traulich im Matrosenlogis an Bord der ›Kalliope‹.

Das Logis, die Schlafstelle und der Aufenthaltsort der Matrosen während ihrer Freizeit, lag unter der Back, dem erhöhten Vorderteil des Schiffes. An den Seitenwänden befanden sich die Kojen, stets zwei übereinander, vor ihnen waren die Seekisten angelascht, d. h. festgebunden, damit sie nicht bei Seegang hin- und herrutschten, und durch die Mitte des Raumes lief der schmale Tisch, abermals ›Back‹ genannt, denn dies ist eine Bezeichnung für viele, ganz verschiedene Gegenstände des Schiffes. Sonst war der Tisch oben an der Decke befestigt, nur wenn die Matrosen aßen oder, wie heute abend, gesellschaftlich zusammensaßen, wurde das mit vielen Leisten beschlagene Brett, welches das Herunterrutschen des Essgeschirres verhütet, herabgeschlagen.

Die Matrosen der ›Kalliope‹ waren nicht an Land gegangen, sie wollten nicht ihre ganze Heuer schon während der Reise verbrauchen; auch saßen sie nicht auf den Kleiderkisten und flickten Zeug, kauerten nicht vor denselben und ordneten die Sachen, nahmen nicht die halb verblichenen Fotografien, die Bildchen, Andenken an Liebe in der Heimat in die Hand, betrachteten sie nicht sinnend, putzten sie nicht am Ärmel ihrer wollenen Jacke ab und legten sie nicht dann fein säuberlich in eine bestimmte Ecke ihrer Seekiste, eine so beliebte Beschäftigung des deutschen Seemannes in der Freizeit, sondern sie saßen heute Abend um die Back herum und waren am ›Garnspinnen‹, das heißt am Erzählen. Die von der Decke herabhängende Petroleumlampe beleuchtete die wettergebräunten, treuherzigen Gesichter der Matrosen, welche, die qualmende Kalkpfeife zwischen den Zähnen, die Mützen im Nacken, die Ärmel der wollenen Jacken halb aufgeschlagen, aufmerksam den Erzählungen ihrer älteren Kameraden lauschten.

Wenn das Alter noch irgend einen Vorrang hat, ohne Ansehen von Können und Wissen, so ist es an Bord deutscher Schiffe; da darf im Logis keiner das Wort ergreifen, solange der Ältere redet, und man folgt gern seinem Rat, denn er hat die größere Erfahrung.

Des Bootsmanns wie auch des Kochs Kojen liegen nicht im Matrosenlogis, sondern beide bewohnen Kabinen für sich, wie sie überhaupt eine Stellung zwischen Steuermann und Matrosen einnehmen, aber wenn diese es vorgezogen haben, statt im Hafen an Land zu gehen, im Logis zu bleiben, so finden auch jene sich gern bei dem jüngeren Volke ein, um ihre Reiseerlebnisse zum Besten zu geben und dann wiederum den Erzählungen der Matrosen zuzuhören.

Der Bootsmann der ›Kalliope‹, ein alter Bekannter aus dem Schiffsanker zu Sydney, schien keine Lust zu haben, der Aufforderung Folge zu leisten. Ruhig ließ er sich schütteln, dass ihm die Asche aus der Pfeife flog — er änderte nicht den starren Blick seiner Augen.

»Erzähle uns, warum du nicht geheiratet hast«, begann wieder der Koch, »das ist eine Geschichte, von der du noch niemals gesprochen hast. 's ist doch hart für so einen alten Seebär, wenn er endlich wieder im Heimathafen ankert und, statt eine freundliche Stube und liebe Gesichter zu sehen, den ganzen Tag in der Bierstube des Heuerbaas hocken muss, bis er wieder ein Schiff bekommen hat.«

»Freilich, du hast recht«, sagte endlich der Bootsmann, »je älter man wird, desto mehr empfindet man das, aber, du lieber Gott, der Mensch gewöhnt sich an alles. Ein junger Kerl sehnt sich nicht nach Häuslichkeit, hat er ein paar Tage zu Hause hinter dem Ofen gesessen, dann will er sich erst noch ein wenig amüsieren und dann ade Mutter und Geschwister, alle Tränen helfen nichts, das Blut muss sich wieder in Wind und Wetter austoben. Dann später freilich, dann wird er ruhiger, und er sehnt sich nach Hause, im Sommer nach einem schattigen Plätzchen im Garten und im Winter nach einer warmen Stube. Aber die Mutter mit ihrer Fürsorge genügt ihm nicht mehr, schon lange hatte er es sich ausgemalt, wie schön das wäre, wenn statt der Mutter Nachbars blonde Marie oder Grete am Feuer hantierte. Die Dirn sagt nicht nein, das weiß er, und kommt er dann von der nächsten Reise mit vollem Geldbeutel heim, so bringt er ihr ein paar seidene Fähnchen mit, beim Tanz in der Schänke fragt er sie, ob sie den wilden Burschen leiden möge, und vier Wochen darauf ist Hochzeit. Manchem ist es geglückt, sich ein hübsches Heim zu schaffen, manchem nicht. Ich wollte es auch, aber das Schicksal nicht, darum bin ich unverheiratet geblieben.«

»Das ist kein Garn, Bootsmann«, sagte der Koch. »Erzähle uns ordentlich, warum du nicht eine Frau genommen hast. An Gelegenheit wird es dir doch nicht gefehlt haben?«

»An Gelegenheit?«, lachte der Bootsmann spöttisch und erhob sich, um die Lampe höher zu schrauben, sodass man seine hünenhafte Figur besser zu sehen bekam. »Wetter noch einmal, nein, Gelegenheit gab's genug. Als ich noch ein junger Kerl war und als Matrose fuhr, da war ich nicht der griesgrämige, mürrische Geselle, der ich heute bin. Herr Gott, was war ich für ein wilder Bursche! Wenn ich so mit vollen Taschen an Land kam, da war mir nichts zu teuer, die Musikanten mussten für mich ganz allein aufspielen, und wenn ich dann so mit dem nagelneuen, blauen Anzug durch die Dorfstraße ging, da hättet ihr einmal sehen sollen, wie mir die Dirnen nachguckten und flüsterten: ›Da geht der Max, der ist von der Reise zurückgekommen, passt auf, heute Abend bestellt er Tanz.‹«

»Na«, lachte der Koch, »bis jetzt habe ich aber noch nicht merken können, inwiefern du eine Gelegenheit zum Heiraten gehabt hättest. Tugendhelden sind wir alle nicht gewesen, und was die Wildheit anbetrifft — da sieh dir mal die Jungens an, wie sie schmunzeln und die Mützen auf die Seite rücken; Karl fängt schon an, unterm Tisch mit den Füßen zu tanzen, lass sie mal nach Hamburg kommen. Na, durch die Wildheit bekommt man keine brave Frau.«

»Warum denn nicht?«, unterbrach ihn aber der Bootsmann. »Gerade manch sonst ganz stilles Mädchen verschmäht den solidesten, ruhigsten und reichsten Freier und hängt sich an einen wilden Kerl. Warum? Ich bin kein Gelehrter, ich kann es nicht mit Worten erklären, aber das Herz sagt mir, warum sie dazu getrieben wird. Und Faktum ist es, dass solche Ehen die glücklichsten werden. Natürlich unter Wildheit verstehe ich nicht einen rohen, liederlichen, jähzornigen Charakter, sondern eine Natur, die vor Jugendlust und Jugendmut überschäumt. Ich keine Gelegenheit gehabt zum Heiraten? Da war des Müllers Anna, des Hofbauern Gertrud, Zimmermanns Berta, des schwerreichen Krämers Mary und so weiter und so weiter, alles hübsche, reiche Mädchen, und ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, so hätte ich sie gehabt, von ihnen gar nicht zu sprechen, auch die Väter und Mütter hätten mich als Freier nicht abgeschlagen, mich, den sechs und einen halben Fuß hohen, baumstarken Kerl, wenn er auch nichts weiter besaß, als ein paar gesunde Arme, die aber ein großes Kapital aufwiegen. Alle Herzen im Dorfe waren mir zugetan, ich wusste niemanden, der mir nicht schon von weitem ein herzliches Wort zugerufen hätte, wenn ich ihm begegnete. Na, und hässlich bin ich damals auch nicht gerade gewesen«, fügte der Bootsmann schmunzelnd hinzu.

»Aber nein«, fuhr er dann wieder düster werdend fort, »ich wollte keine von ihnen, ich sah nicht, wie sie mich mit Blicken aufforderten, einmal meine Ausgelassenheit fallen zu lassen und ernst zu werden, ihre Winke zu beachten. Der Ernst machte der Fröhlichkeit nur Platz, wenn ich an einem Hause vorbeikam und hinter dem Fenster ein paar goldene Zöpfe leuchten sah, aber ein so ernsthaftes Gesicht ich auch ziehen mochte, innerlich, mein Herz, das hüpfte und jubelte vor Entzücken, vor wirklicher Freude. Das Haus stand hinten im Dorfe, verlassen, unbeachtet, es war eine Hütte, armselig, halbverfallen, der Regen fand Einlass durch das lückenhafte Dach.

Es gehörte dem Hirten des Dorfes, einer verachteten, im Rufe der Zauberei stehenden Person, öffentlich gemieden, heimlich aufgesucht, und seine Tochter, die Susanne, hütete barfuß die Gänse.«


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Es war eine, alte, alte Geschichte, so alt, wie die Welt ist, und man kann sie immer wieder hören, nur Ort, Datum und Namen haben sich geändert, aber der Inhalt bleibt immer derselbe. Hoffnung, Liebe, Trennung und ein unglückliches Wiedersehen, unglücklich auf beiden Seiten, es ist ihr Kern, dann eine blasse, stille, junge Frau, die mit Geduld das Schicksal trägt, und ein Mann, der erst vor Verzweiflung vergehen will, dann sich in den Strudel des Lebens stürzt, um den Schmerz zu betäuben, und schließlich, wenn die Wunde des Herzens geheilt ist, der Erinnerung lebt, aber keinen Versuch macht, noch einmal sein Glück zu erringen.

»Ick höww min lüttje Susann' nie wedder siehn«, schloss der Bootsmann seine Erzählung, die natürlich plattdeutsch vorgetragen war, und fuhr mit der Hand über die Augen.

Und die Matrosen? Die rohen Matrosen hatten mit einem Male alle das Bedürfnis, das rot und weiß gewürfelte Sacktuch zu gebrauchen, aber jeder versuchte, es dem anderen nicht merken zu lassen, sie beugten sich in die Koje und ordneten die Kissen, oder sie schlugen die Deckel der Seekisten hoch und wühlten in ihnen herum, oder sie steckten den Kopf unter den Tisch und klopften die Pfeife aus.

Die rohen Matrosen! Ach, wenn doch jeder Mensch soviel Mitgefühl für fremdes Leid im Herzen trüge, wie der Seemann, der deutsche Seemann! Wie sehr wird gegen ihn gefrevelt, wenn sein übermütiges Treiben an Land, ist er nach jahrelanger Abwesenheit in den Hafen zurückgekehrt, und sein Spott gegen die Passagiere, die sich an Bord des Schiffes wie unbeholfene Kinder benehmen, als Rohheit bezeichnet wird.

»Seht, Jungens, so geht es«, unterbrach der Bootsmann die eingetretene Stille, »Ich erwachte bald aus dem Taumel, in den ich geraten war. Eines Tages fand ich mich wieder in einem kleinen Hafen Spaniens, zerlumpt, elend, krank, keinen Peso in der Tasche — alles war vertrunken und verspielt. Max, sagte ich zu mir, schämst du dich nicht vor dir selber? Du, ein Kerl, der einst dachte, die ganze Erde über den Haufen rennen zu können, beträgst dich wie ein kleines Kind, weinst, jammerst, und hast du einen Groschen in der Tasche, dann jagst du ihn schnell durch die Kehle, damit du nicht mehr an die Vergangenheit denkst. Pfui Teufel, Max, wenn es dein Vater hätte sehen können, der war aus anderem Holze geschnitzt als du, er würde sich im Grabe umwenden! Kurz, ich kehrte um, ich kam wieder in die Höhe, das Meer ward meine Heimat, das Schiff meine Braut, und nun, ich kann es wahrhaftig sagen, ich bin ein glücklicher Mensch, mag ich manchmal auch etwas griesgrämig sein, das bringen die schon grau werdenden Haare mit sich. Aber hier«, der alte Seemann sprang auf und schlug dröhnend gegen die mächtige Brust, »hier sitzt noch die Jugend drin, gerade noch dieselbe alte Jugendlust fühle ich in meinem Herzen, die früher so oft schäumend überfloss. Ein sicheres Schiff, ein braver Kapitän, eine tüchtige Mannschaft, sagt ihr jungen Leute, und wir wollen gar nicht in den Himmel, schöner kann es dort auch nicht sein, und ebenso rufe ich trotz meiner 45 Jahre auch noch. Braucht nicht zu denken, dass ich mich nur so in Begeisterung hineingeredet habe, Jungens, ihr wisst, ich bin kein Spaßverderber, bin immer noch wie einer, der erst zwanzig Jahre auf dem Rücken hat. Noch immer sitzt mein Herz auf dem rechten Flecke, und meine Faust hat immer noch den guten Schlag den sie früher gehabt hat, und solange diese beiden die alten bleiben, solange will ich des Sprüchleins gedenken, das mir einst mein Vater mit auf den Weg gab, als ich die erste lange Seereise antrat. ›Max,‹ sagte er, ›lass dich nicht einschüchtern, was dir auch die Leute vorschwatzen mögen, denke daran, was ich dir sage: Was dir dein Herz vorschreibt, das tue, mögen es andere gutheißen oder nicht. Spricht dein Herz, schlage zu, dann schlage, aber gleich tüchtig, dass es nicht zum zweiten Male nötig wird.‹ Jungens, hole mich dieser oder jener, ihr wisst alle, ich habe immer so gehandelt, und hat es mein Herz gutgeheißen, dann habe ich mit Freude meine Strafe bezahlt und wohl auch einmal ein paar Tage im Loch gesessen. Das Herz hatte es mir vorgeschrieben, und ehe ich dem widerspreche, ehe ich etwas mit angesehen habe, was es mir als Unrecht bezeichnete, da würde ich mich lieber haben hängen lassen, ehe ich untätig dabei geblieben wäre. Und nun, Koch«, schloss der aufgeregte Seemann, dessen Augen wunderbar blitzten, und ließ sich wieder auf seine Seekiste fallen, »du hast noch heißes Wasser in der Kombüse und du, Willy, geh einmal in meine Kabine. Hinter meiner Kiste stehen ein paar Buttels, bringe die mit dem roten Lack, das ist der beste. Den Abend wollen wir wenigstens mit einem Glase steifen Grog beschließen.«

»Da trinke ich mit«, schallte eine helle Stimme im Türrahmen und »Hannes!«, riefen alle achtzehn Mann, und ebenso viele Hände streckten sich dem Eintretenden entgegen.

»Was ist der Junge in den paar Wochen fett geworden«, lachte einer der Matrosen. »Sprichst du auch noch deutsch, oder hast du es bei den Engländern verlernt?«

»Das ist recht, Hannes«, sagte der Bootsmann und zog ihn neben sich auf die Seekiste, »dass du uns wieder aufsuchst. Frisch genug siehst du aus, das muss man den Engländern lassen, gute Kost scheint es auf dem ›Amor‹ zu geben. Sind überhaupt ganz brave Kerls diese Engländer, gar keine solchen Stadtherren, die nicht wissen, was achtern und vorn im Schiffe ist, und das Gangspill für ein Karussell ansehen. Aber nicht wahr, Hannes, du gibst dich doch nicht etwa zum Diener her? Lieber würde ich dir die Knochen entzweischlagen, als dass ich bei einem so fixen Jungen, wie du bist, so etwas dulde.«

»I Gott bewahre«, lachte Hannes, »im Gegenteil, mein Herr bedient mich. Aber nein, ich will nicht übertreiben, wir sind wie Brüder zusammen, und er ist wirklich der bravste Kerl, der unter der Sonne lebt, dieser Charles. Manchmal nennen wir uns Sie, manchmal du, je nachdem wir gerade bei Laune sind, und im Übrigen heißt es bei uns: was mein ist, ist auch dein.«

»Du hast ja aber nichts, Junge«, lachte der Koch.

»Kann ich denn etwas dafür?«, rief Hannes entrüstet. »Aber nun, Maate, muss ich euch sagen, warum ich hergekommen bin. Th...«

Doch er kam noch lange nicht dazu, mit seiner Angelegenheit herauszurücken.

»Hannes, wie ist es ...«, Hannes, was machst du ...«, Hannes, wo ist der ...«, erklang es von allen Seiten, und da der bedrängte Hannes immer Antwort geben musste, so vergingen noch zehn Minuten, dann kam der Koch mit dem Grog, und diesem musste Hannes wieder Rede stehen, bis er sich schließlich energisch freimachte und, nach der Uhr sehend, auf eine Kiste sprang.

»Kreuz Pech«, rief abermals ein Matrose, ohne auf die Winke des oben Stehenden, ihn anzuhören, zu achten, »hat der Junge eine goldene Uhr. Wo hast du denn die her, Hannes?«

»Von meinem Herrn, weil ich einem seiner Freunde, einem Herzog, beim Deckscheuern einen Eimer voll Wasser über den Kopf gegossen habe, natürlich aus Versehen, als der Kerl gerade auf der Bank saß und Verse machte«, sagte Hannes stolz, »aber nun um Gottes willen, lasst mich doch einmal zu Worte kommen, ich habe ja keine Zeit mehr.«

Endlich war die Neugier der Matrosen befriedigt, und sie lauschten aufmerksam dem Vortrag, den der ehemalige Leichtmatrose, der Liebling aller, das Universalgenie der ›Kalliope‹, wie der Bootsmann öfter gesagt hatte, von der Kiste herunter hielt.

Hannes hatte entschieden Talent zum Volksredner.

Ebenso, wie er früher die Mannschaft bei Windesstille, wenn das Schiff träge auf der See schwamm und keine Bedienung nötig hatte, dadurch unterhielt, dass er alle die Pantomimen, Couplets und Tänze wiedergab, die er in den Singspielhallen des letzten Hafens gehört und gesehen, so verstand er es ausgezeichnet, seine Zuhörer zu begeistern.

Bald dämpfte er seine Stimme zu einem Flüstern herab, bald donnerte er das Publikum an, einmal nahm sein Gesicht einen wehmütigen Ausdruck an, dann wieder blitzten die blauen Augen auf, dabei schlenkerte er mit Armen und Beinen wild um sich her; und die Zurufe, die ihn unterbrachen:

»Ist es möglich, der arme Kerl, so ein — Lump«, und so weiter, dazu ab und zu ein grimmiger Fluch, bewiesen, dass seine Rede ihren Eindruck nicht verfehlte.

»Na also«, schloss Hannes endlich, »ich brauche euch unbedingt, und ich nehme an, dass ihr bereit seid, den Kerlen ordentlich auf die Finger zu klopfen, wenn sie nicht artig sein sollten. Es ist jetzt elf Uhr, um zwölf sollen wir dort sein, eine halbe Stunde haben wir noch Zeit.«

»Hm«, meinte der Bootsmann vorsichtig, »du bist zwar ein schlauer, gewiefter Bursche, Hannes, kein Grünfink mehr, aber du kannst dich auch einmal täuschen. Weißt du bestimmt, dass der Mann dir nichts vorgeflunkert hat?«

»Unsinn«, rief Hannes erregt, »das ist ein Prachtkerl, eine ehrlichere Haut kann es gar nicht gehen. Und dann verkehrt er ja mit meinem Kapitän, das ist ein Lord, wie mit meinem Bruder, holt sich dessen beste Zigarren selbst aus dem Schranke und steckt sich beim Abschied noch ein halbes Dutzend in die Tasche.«

»Was für ein Landsmann ist er denn?«

»Er nennt sich Amerikaner, aber ich glaub's ihm nicht, er spricht das Deutsche wie Wasser, auch platt, wie nur ein Matrose. Und Fäuste hat der Kerl, trotz seiner zierlichen Gestalt. Ich sage euch, mir tun jetzt noch die Knochen weh, als er mich angefasst hatte, obgleich ich doch auch nicht gerade von Kuchen bin. Aber Bootsmann, erst sprecht Ihr vorhin von Jugendmut und Gott weiß wovon sonst, und jetzt wollt Ihr mit einem Male nicht.«

»Donner und Doria«, schrie aber der Bootsmann, »ja, ich will, das Alter macht nur vorsichtig. Der Teufel soll die Kerls holen, wenn sie ihn nicht freigeben wollen. Solche Halunken, einen Menschen einzusperren, der gar nichts verbrochen hat! Verflucht, wenn wir das zulassen! Jungens, seht nach euren Messern, ob sie locker in der Scheide sitzen, wir werden es wahrscheinlich mit gelbhäutigem Gesindel zu tun haben. Doch erst gebt es ihnen mit den Fäusten, aber ordentlich!«

»Stopp, stopp«, lachte der Koch, »erst müsst Ihr den Steuermann fragen, ob Ihr an Land gehen dürft.«

»Der sagt nicht nein«, antwortete der Bootsmann, »der ginge am liebsten selbst mit. Und wenn er nein sagt, so spreche ich mit Hannes, dann gehen wir einfach so.«


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»Hurra!«, schrie Hannes und machte auf seiner Kiste einen Luftsprung, »Hurra, Jungens, glücken tut's auf jeden Fall und dann gibt's morgen Abend ein Fest in Pollacks Tanzlokal, dass der Boden einbricht und die Wände umfallen. Jeden, den ihr leiden mögt, könnt ihr dazu einladen, möglichst viele, die Zöpfe im Genick hängen haben; das ganze Haus gehört uns, von oben bis unten, und was drin ist. Maate, das wird ein Fest, wovon sich die Bürger von Townville noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht erzählen werden, wie die deutschen Seeleute der ›Kalliope‹ die Diele durchgetanzt haben. Prosit, es lebe Back- und Steuerbord.«

»Wäre gar nicht nötig«, brummte der Bootsmann, aber sein schmunzelndes Gesicht bewies, dass er der Einladung gar zu gern folgte.

Nur der Koch blieb von der Deckmannschaft zurück, alle anderen stiegen in die drei Boote, dieselben stießen vom Schiffe ab und verschwanden bald in der Finsternis.

Nicklas Sharp war nicht nur ein geschickter Detektiv mit scharfem Blick, er war auch ein Menschenkenner durch und durch.

Er hatte die Kunst, jemanden nach längerem oder kürzerem Verkehr zu beurteilen, zu durchschauen, zu einer förmlichen Wissenschaft ausgebildet, er beobachtete jeden, mit dem er zusammentraf, den er nur sah, auf das genaueste, studierte ihn, und wie überall Übung den Meister macht, so auch hier.

Keine Handlung, kein Blick, nicht die geringste Bewegung entging dem Detektiven, wenn er den Charakter eines Menschen ergründen wollte, und schon nach der ersten halben Stunde konnte er sagen, was er von ihm zu halten habe.

Nicklas Sharp war Detektiv mit Leib und Seele, die Gabe hierzu war ihm angeboren, und so kam es, dass er sich ein System zurechtgelegt hatte, nach dem er die Menschen klassifizierte; eigneten sie sich zum Detektiven, nannte er sie brauchbar, eigneten sie sich nicht dazu, so nannte er sie unbrauchbare, unnütze Menschen.

Alle Charaktere der auf der ›Vesta‹ befindlichen Damen hatte er studiert; ohne es je gesehen zu haben, wusste er doch bestimmt, wie sie sich bei einzelnen Gelegenheiten verhalten würden, und dasselbe galt von den Herren des ›Amor‹. Von Ersteren galten ihm Miss Thomson und Miss Staunton brauchbar, von Letzteren nur Sir Williams.

Das Wort ›brauchbar‹ hatte noch eine andere Bedeutung, als nur einen Unterschied zu bezeichnen.

Sharp besaß eine Leidenschaft für alle Menschen, die er brauchbar fand, sie zu Detektivdiensten und womöglich für seine eigenen Interessen zu benutzen; er wusste schon im voraus, ob sie seinen Plänen geneigt waren oder nicht. Waren sie es nicht, so richtete er es so ein, dass sie dennoch, ohne dass sie es wussten, in seinen Unternehmungen eine Rolle spielen mussten. Ob sie dies hinterher merkten oder nicht, das war ihm gleichgültig, wenn nur der Erfolg ein guter gewesen war.

Gar zu gern hätte er sich einige der Damen und Herren für seine Zwecke erzogen, diese, alle reich und unabhängig, kamen in der Welt herum, alle Mittel standen ihnen zu Gebote, und unter ihrem Schutze war man sicherer, als wenn die Polizei einen bewacht, dachte Sharp; aber die Sache hatte einen Haken. Sie alle waren aus vornehmen Familien und würden sich nie zu so etwas hergegeben haben, denn Sharp wusste wohl, dass, wenn die Beschäftigung eines Detektiven auch nicht gerade verachtet, doch ein solcher nicht gern gesehen wird, weil jeder glaubt, er wolle ihn beobachten.

Dass Hannes der Diener von Williams werden sollte, hatte Sharp vielleicht eher geahnt als Hannes selbst. Er sah, mit welchem Wohlgefallen Williams den Leichtmatrosen beobachtete, sah sie zusammen an Bord der ›Kalliope‹ fahren, und sein Schluss war fertig. Nun studierte er den neuen Diener, immer nur aus der Ferne, und zu seiner unaussprechlichen Freude erkannte er in dem Burschen ein Genie, das zum Detektiven wie geschaffen war.

»Das ist ein Werkzeug für mich«, dachte er, »der muss mein werden. Der Junge ist witzig, energisch und etwas unverschämt, alles Eigenschaften, die ein Detektiv besitzen muss. Er gehört mir mit Leib und Seele, mag er wollen oder nicht. Er kann an Bord des ›Amor‹ bleiben, muss es sogar, aber alle seine Handlungen stehen von jetzt ab unter meinem Befehle.«

Wie wir gesehen haben, war Hannes nur zu gern bereit, dem Detektiv zu folgen.

Sharp hatte bereits den Ort ausspioniert, wo der Sträfling gefangen gehalten wurde, ferner, dass er nächste Nacht nach einem im Hafen liegenden Passagierschiff gebracht werden sollte, welches nach Sydney fuhr, und dass er unterwegs, oder in dieser Stadt entweder verschwinden oder doch für immer unschädlich gemacht werden sollte, war klar.

Man musste ihn auf jeden Fall bekommen, ehe er auf das Schiff transportiert wurde. Aber wie?

Hätte er das Haus, worin sich Snatcher befand, mit Gewalt gestürmt, so wäre die Polizei, eine dem Detektiven verhasste Einrichtung, dazwischengekommen und hätte sich des Befreiten wieder bemächtigt, und das zu verhüten, hatte sich eben der Detektiv in den Kopf gesetzt.

Auf alle Fälle brauchte er bei seinen Operationen einige verwegene, kräftige Leute, die hinter ihm standen, denn natürlich hauste hier eine ganze Bande, unter dem Befehle von irgend jemandem stehend, und die ließ sich ihr Opfer nicht so ohne Weiteres aus den Zähnen reißen.

Die englischen Herren konnte er nicht gebrauchen, die mussten vielleicht schon morgen früh hinter der ›Vesta‹ herfahren, davon ließen sie sich doch nicht abbringen. Da fiel ihm die Besatzung der ›Kalliope‹ ein, das waren ehrliche, handfeste Kerle, gerade so, wie er sie haben wollte, und Hannes war ja gut Freund mit ihnen, also musste der junge Bursche zum ersten Male benützt werden, und zwar dazu, diese zu überreden, bei dem Unternehmen mitzuwirken.

Er brauchte Hannes noch nicht, morgen war ja erst der bestimmte Tag, aber wer weiß, ob dann die ›Vesta‹ noch im Hafen lag, und da er überdies mit Lord Harrlington sprechen musste, nahm er ihn schon jetzt von Bord, quartierte ihn in seinem Hotel ein, instruierte ihn und schickte ihn dann am Abend des anderen Tages nach der ›Kalliope‹ ab.

Während sich die Szene auf der ›Kalliope‹ abspielte, schlich sich der Detektiv, als ein einfacher Hafenarbeiter gekleidet, um ein kleines Haus, das etwas abseits von der Stadt, aber immer noch am Kai lag, nur etwa zehn Meter vom Steindamm des Hafens entfernt. Hinten schloss sich ein Gärtchen an dasselbe, in der Mitte Blumenbeete enthaltend, an der Seite aber mit dichten Büschen besetzt.

In diesen versteckt, hatte der Detektiv gestern Abend gesehen, wie Snatcher, von zwei Männern begleitet, in das Haus getreten war. Der eigentliche Eingang befand sich vorn; sie aber waren durch den Garten gegangen, und deutlich hatte Sharp erkennen können, dass das Gesicht des Sträflings, welcher den grauen Leinwandanzug bereits mit einem anderen vertauscht hatte, wohl Spuren von Besorgnis zeigte, aber im ganzen eine freudige Erregung verriet.

Die Männer hatten ihm gesagt, sie wären von Lord Harrlington abgeschickt worden, sie brächten ihm einen Anzug mit, und redeten so freundlich mit ihm, dass er ihren Worten vollkommen Glauben schenkte.

Wieder, wie gestern Abend, hob der Detektiv eine Latte aus dem Staket, kroch durch die so entstandene Lücke in die Büsche und legte sich auf den Boden, der kommenden Dinge harrend.


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Es war ein Zufall, dass er sich, als er Snatcher von der Brücke abholen gesehen hatte, sofort hierher gewendet hatte. Dieses Haus, obgleich er noch nie vorher in Townville gewesen, war ihm doch als ein solches bekannt, in dem sich rätselhafte Dinge zutrugen; es musste allerlei Geheimnisse bergen. Sollte Snatcher versteckt werden, so konnte es in keinem anderen Hause geschehen als hier, dachte Sharp, und er hatte sich nicht getäuscht.

Aber wo? Im Keller? Lächerlich. Unter den Männern, welche den Sträfling hierher gebracht, hatte Sharp einen erkannt, der ihm an Schlauheit fast glich, seinen Todfeind. Einst war er gleich ihm Detektiv gewesen, ebenso bekannt wie er, gleich gewandt im Maskieren, gleich energisch, gleich begabt; aber er hatte sich einst bestechen lassen, die Sache war ruchbar geworden, er hatte sich der Justiz entzogen, und der einstige Detektiv war zum Verbrecher geworden. Sie waren früher einmal gezwungen worden, zusammen zu arbeiten, damals schon hatte sein Nebenbuhler, der die größeren Fähigkeiten bei Sharp erkannte, angefangen, diesen zu hassen, und dann, als Sharp ihm zufällig eine Prämie wegschnappte, eine hohe Summe, die auf einen wegen Unterschlagung verfolgten Kassierer gesetzt war, da hatte sich sein Hass in Todfeindschaft verwandelt.

Seit Tannert die Verbrecherlaufbahn beschritten, hatten sich ihre Wege nicht mehr gekreuzt. Früher hatte Sharp ihn gemieden, denn er war im ganzen genommen ein gutmütiger Mann, der mit seinen Kollegen möglichst in Frieden leben wollte, Brotneid gab es bei ihm überhaupt nicht.

Aber jetzt! Das war etwas anderes. Tannert stand im Dienste des Meisters, war wahrscheinlich hierher berufen worden, um die Verfolgung Ellens aufzunehmen, so glaubte Sharp wenigstens — er wusste in dieser Sache schon sehr guten Bescheid und hatte jetzt vorläufig die Aufgabe bekommen, den Snatcher unschädlich zu machen.

Gegen Tannert als Verbrecher musste Sharp den Kampf aufnehmen, unerbittlich, einer von ihnen musste das Feld räumen. Die Aufgabe war nicht leicht, denn, wie gesagt, Tannert war dem Detektiven fast gewachsen, aber, je länger Sharp sich alles dieses überlegte, desto mehr freute er sich darauf, sich mit diesem Feinde zu messen.

Du oder ich, dachte Sharp, die Folge wird zeigen, wer dem anderen überlegen ist.

Der Detektiv erwartete bestimmt, dass Snatcher noch diese Nacht auf den Passagierdampfer gebracht würde, der morgen früh nach Sydney fuhr, aber, da er dann das falsche Spiel merken würde, welches mit ihm getrieben, so würde er ohne allen Zweifel auf irgend eine geheimnisvolle Weise an Bord befördert werden, und dies wollte Sharp ausspionieren und den Sträfling dann befreien, mit List oder Gewalt.

Jetzt war es halb zwölf Uhr, in einer halben Stunde sollte Hannes mit den Matrosen der ›Kalliope‹ dort hinten am Waldrand sein.

Plötzlich legte der Detektiv sein Ohr dicht an den Boden, fast war es ihm, als hätte er unter sich ein Geräusch gehört.

»Ein Keller«, murmelte er, »es sind Schritte.«

In der Tat vernahm er jetzt unter sich Schritte, es entging dem scharfen Ohr des Detektiven nicht, dass sie sich vom Hause entfernten, und zwar konnte er lange den dumpfen Schall hören, also musste der Keller sehr groß sein.

Da raschelte es außerhalb des Zaunes im Laube, es versuchte jemand, sich dem Garten zu nähern, und Sharp krümmte sich wie ein zum Sprung bereites Raubtier zusammen; er hatte eine Gestalt erkannt, die auf Händen und Füßen dem Garten zukroch.

Im nächsten Augenblicke aber lag er dicht am Zaun.

»Hannes«, flüsterte er, »was treibt dich Unglücksmensch hierher?«

»Ich musste«, klang es zurück, »da, wo wir liegen, dringt ein seltsames Geräusch aus der Erde, gerade, als wenn gehämmert würde.«

»Wo liegt ihr?«

»Wohl hundert Meter von hier entfernt.«

»Seit wann hört ihr es?«

»Ungefähr seit fünf Minuten. Erst glaubten wir, es sei ein Fuchsbau, und die Tiere machten ein sonderbares Geräusch, aber dann vernahm ich ganz deutlich, wie ein Schritt unten erklang, der Lärm hörte auf, und als es dann wieder einsetzte, wusste ich, was es war: Es wird gehämmert, gerade, als, wenn der Böttcher Reifen um ein Fass legt.«

»Gut, mein Junge, dass du zu mir gekommen bist«, flüsterte der Detektiv, »jetzt krieche hier herein und gib Achtung, wenn jemand aus der Tür kommt. Passiert dir etwas, so brauchst du nur einen Pfiff auszustoßen, und ich bin bei dir.«

Als Hannes durch den Zaun geschlüpft war und neben dem Detektiven lag, kroch dieser aus dem Garten und schlich dahin, wo sich die Matrosen der Kalliope versteckt hielten, um sich von dem Vorhandensein des unterirdischen Geräusches selbst zu überzeugen.

* * * * *

II.9. Wahrheit und Dichtung

Ellen blickte starr auf das Billet, welches sie eben an einer Schlinge von dem unten liegenden Boot heraufgezogen hatte. »Über Mister Flexan, meinen Stiefvater?«, murmelte sie. »Ein Sträfling und Enthüllungen? Ich danke Ihnen, Sir Williams«, rief sie dann hinab, »ich werde Lord Harrlingtons Aufforderung Folge leisten.«

Sie verständigte sich mit dem Kapitän des Dampfers, welcher die ›Vesta‹ schleppte, ließ das Stahltau abwerfen und die Anker fallen. Die ›Vesta‹ lag draußen vor dem Hafen auf der Reede, und als die Damen verwundert fragten, warum Ellen ihre Absicht, in See zu gehen, aufgegeben hatte, erklärte sie, Lord Harrlington sei wegen Verdachtes, einen Sträfling befreit zu haben, verhaftet worden.

»Es wäre unrecht«, sagte sie, »wenn wir abfahren würden. Die Herren haben sich unserer bei jeder Gelegenheit angenommen, und jetzt, da es ihnen nicht möglich ist, Townville zu verlassen, solange Lord Harrlingtons Sache nicht geregelt ist, wollen wir einmal galant sein und auf sie warten. Ich hoffe, die Damen sind damit einverstanden.«

Natürlich war dies der Fall.

Noch ehe die ›Vesta‹ am Morgen die Anker gelichtet hatte, war eine Post eingetroffen und hatte für manche der Damen Briefe gebracht. Sie hatten kaum Zeit gehabt, sie flüchtig zu lesen, so rief sie Ellens Bootsmannspfeife an Deck, um an dem Ankerhieven teilzunehmen.

Jetzt begaben sie sich wieder in ihre Kabine, um die empfangenen Briefe noch einmal und mit mehr Muße zu lesen.

Auch Miss Staunton saß im Zwischendeck in ihrer Kabine, deren Einrichtung ebenso wie die der anderen Damen bequem und elegant war. Das Gemach war nicht so klein, wie man sie gewöhnlich auf Schiffen vorfindet, die ›Vesta‹ war ja ein großes Vollschiff und hatte nur die wenige Besatzung und deren notwendige Bedürfnisse zu tragen, sie gestattete ein Auf- und Abwandern ihrer Bewohner, was in den Kabinen anderer Schiffe eine Unmöglichkeit, oder doch ein mit Gefahren verknüpftes Unternehmen ist, denn man stößt sich alle Augenblicke an hervorspringenden Decksbalken, Wandrammen und Klammern. An der Seite der Bordwand, in welcher das kleine, runde Fenster mit starkem Glase, um den Wasserdruck aufgeregter Wellen aushalten zu können, angebracht war, stand ein bequemes Sofa und neben diesem der Schreibtisch, über welchem die Schiffslampe hing.

Die Lampen, welche auf Schiffen gebraucht werden, sind von ganz eigentümlicher Konstruktion. Eine gewöhnliche Lampe würde bei hoher See, wenn das Schiff stark stampft und schlingert, gar nicht zu verwenden sein, selbst, wenn sie auf dem Tisch festgeschraubt wäre. Durch die Bewegung schlägt die Flamme fortwährend gegen den Zylinder, bringt diesen zum Springen und raucht stark. Würde man sie an einem Draht aufhängen, so erzielte man auch nicht die geringste Ruhe der Lampe, denn sie folgt jetzt zwar nicht mehr der Bewegung des Schiffes, macht aber Pendelschwingungen.

Deshalb hängen die Schiffslampen in zwei Ringen, von denen der eine nach vorn und hinten, der andere nach den Seiten hin beweglich ist, und die Lampe selbst ist an ihrem unteren Teil stark beschwert. Das Schiff mag noch so sehr schlingern, es kann sich ganz auf die Seite legen — die Lampe behält immer eine vertikale Lage, die Flamme schlägt nie an den Zylinder.

Eine ebensolche Vorrichtung besaßen die Betten der ›Vesta‹. Auch sie standen nicht fest, sondern hingen in beweglichen Achsen und folgten so nicht der Bewegung des Schiffes, das Meer mochte noch so sehr wüten und toben, das Schiff mochte noch so schaukeln, die Schläferin wurde nicht geschaukelt, wohl aber musste sie sich mit auf und ab bewegen.

Der Erfinder dieser Betteinrichtung glaubte damit ein Mittel gegen die Seekrankheit entdeckt zu haben, aber er hatte sich getäuscht. Die Seekrankheit entsteht nicht durch Schlingern, das heißt durch die Hin- und Herbewegung des Schiffes, sondern durch sein Stampfen, das heißt, durch das Hoch- und Niedergehen desselben, welche Bewegung nicht aufgehoben werden kann.

Der Reisende, welcher sich zum ersten Male an Bord eines Passagierdampfers befindet, wird sich anfangs höchlichst wundern, wenn er sich mit der Einrichtung, zum Beispiel eines Salons, beschäftigt. Will er einen Sessel, der ihm im Wege steht, fortrücken, so bemerkt er zu seinem Erstaunen, dass er am Boden festgeschraubt ist, will er das Tintenfass auf den Tisch näher zu sich heranschieben, so macht er den Versuch ebenfalls vergeblich. Jeder Gegenstand, den er nur sieht, ist befestigt, oder hat doch einen Platz, wo er sich nicht bewegen kann, wie zum Beispiel jeder einzelne Teller, jede Flasche, jedes Glas. Kommt das Schiff auf die hohe See und beginnt zu schlingern, so sieht der Reisende bald ein, wie nötig dies alles ist, und er muss sich erst nach und nach abgewöhnen, einen Gegenstand ohne Weiteres aus der Hand auf den Tisch zu legen, will er nicht unzählige Male das Gelächter der seefesten Passagiere erregen.

Der Esstisch ist vollständig mit großen und kleinen Fächern bedeckt, aus Leisten hergestellt, welche zum Festhalten der Teller, Gläser und so weiter dienen. Trotzdem aber ist man bei den Mahlzeiten immer noch Gefahren ausgesetzt. Man schenkt sich das Glas voll, das Schiff holt nach der Seite über, und das eben noch volle Glas ist fast leer, und die Suppe läuft über den Rand des Tellers.

Es vergeht einige Zeit, ehe man sich daran gewöhnt hat, seinen Hunger gestillt zu haben, ohne die ganze Speisekarte auf seinem Anzug zu zeigen.

Doch wieder zurück zu Miss Stauntons Kabine!

Auch hier waren natürlich alle Vorkehrungen getroffen, um allen diesen Übelständen möglichst abzuhelfen und der Bewohnerin den Aufenthalt bequem zu machen. Die Einrichtung unterschied sich durch nichts von jenen der anderen Damen, derselbe Schreibtisch, dasselbe Bett und so weiter, nur hatte Hope Staunton ihre Kabine mit eigenem Geschmack weiter dekoriert.

Man glaubte sich beim Eintritt in das Kabinett eines Naturalien- oder Antiquitätenhändlers versetzt.

Das ganze Gemach war mit ausgestopften Tieren verziert, von der Decke herab hing an zwei Stricken ein Krokodil, an den Wänden standen auf Brettchen ausgestopfte Affen, Vögel und so weiter, um einen Baum wand sich eine Schlange, dazwischen waren Lanzen mit gezackten Spitzen, Bogen, Pfeile angebracht, kurz, die Kabine machte nicht den Eindrucks des Zimmers eines jungen Mädchens, sondern eher den eines Museums, und diesen Namen hatte Hopes Kabine wirklich von den Vestalinnen bekommen.

Zwar sammelten auch die anderen Damen Andenken an die fremden Länder, die sie bereisten, aber doch bei weitem nicht mit einer solchen Vorliebe, wie es Hope tat. Von jedem Ausflug, von jedem Spaziergang kam sie mit Raritäten bepackt zurück, und meist musste sie noch Leute engagieren, welche ihr die gekauften oder gefundenen Sachen an Bord trugen.

Ellen hatte schon einmal gemeint, dass, wenn diese Sammelwut nicht nachließe, die ›Vesta‹ bald mit derartigen Sachen vollgepfropft sein würde und Ballast auswerfen müsste, aber es hatte nichts genutzt. Am Nachmittage desselben Tages kamen unter Hopes Führung zehn keuchende Männer an, die auf ihren Schultern einen versteinerten Gummibaum trugen, welchen Hope im Walde gefunden. Er musste, da er zu des Mädchens Bedauern nicht in die Kabine ging, im Ballastraum untergebracht werden.

Von all diesen Herrlichkeiten umgeben, lag Hope auf dem Sofa und las halblaut noch einmal den Brief, den sie von einer Freundin aus Amerika bekommen hatte, ab und zu sich durch Bemerkungen unterbrechend.

Sie war, die Tochter eines Plantagenbesitzers, nach New York in eine Pension gegeben worden, und hier hatten beide Freundschaft geschlossen. Vor einigen Jahren kehrte Emmy Waible nach dem Besitztum ihres Vaters zurück, wahrend Hope in New York zurückblieb, und sie hatten mit dem festen Vorsatz Abschied genommen, sich häufig zu schreiben. Sie hatten dies auch wirklich getan, nur war die Korrespondenz eine sehr einseitige, denn Hope Staunton, eine sehr faule Briefschreiberin, ließ oft zwei und drei Briefe ankommen, ehe sie ihrer Freundin antwortete, und während dieser Reise hatte sie überhaupt noch keine Zeit gefunden, einen Brief zu schreiben.

Darüber beklagte sich die Freundin.


Nicht ein einziges Mal hast Du es der Mühe wert gefunden,


las Hope,


mir ein Lebenszeichen von Dir zukommen zu lassen, und doch weißt Du, welche Teilnahme ich für Dein Schicksal hege. Die Sympathie, welche uns in der Pension zusammenführte, beherrscht mich auch jetzt noch vollkommen; ma foi, dieselbe über den Tod erhabene Freundschaft, welche uns mit ehernen Ketten aneinander fesselte, erfüllt auch jetzt noch mein Herz mit glühender Begeisterung, so oft es sich Deiner erinnert, und, certainement, kein Tag vergeht, an dem ich nicht mit tränenden Augen Dein Bildnis betrachte.


»Na, na«, unterbrach sich Hope, »wir haben uns einige Male tüchtig in den Haaren gelegen.« Dann fuhr sie im Lesen fort:


C'est pour rire, nicht wahr, ma chère, aber mon Dieu, was kann ich für meine zart veranlagte Seele? Weißt Du noch, wie ich schon damals so gern meine Gefühle in Versen aushauchte? Dieselbe Leidenschaft beherrscht mich auch jetzt noch, und ihr Gegenstand bist nun Du, my beautiful Hope.


»Ich entsinne mich noch recht gut, wie diese Verse gemacht wurden«, sagte die Leserin zu sich, »die Reime wurden aus einem Gedichtbuch zusammengesucht, und dann ging es los: ›Reime dich, oder ich fresse dich.‹ Einmal hatte Emmy allerdings wirklich ein sehr schönes Gedicht gemacht, dann habe ich es aber später einmal irgendwo in einem alten Buch gedruckt gefunden. Und was will sie denn nur mit den französischen Ausdrücken? Im Französischen hatte sie immer die Fünf. Ich war zwar auch nicht viel besser, aber ich prahle doch nicht so mit meinen französischen Kenntnissen, etwas schwatzen kann natürlich jeder davon, der Tag und Nacht von den französischen Gouvernanten gejagt worden ist.«

Dann kamen unzählige Fragen, zu deren Beantwortung Hope ein Buch hätte schreiben müssen, über die englischen Herren, die Vestalinnen, über die Schiffe, die verschiedenen Länder, was sie alles arbeiten müsste, und so weiter und so weiter.


O ciel, was seid Ihr doch für glückliche Menschen! Wohin man kommt, wohin man hört, nur von Euch wird gesprochen, in jeder Gesellschaft dreht sich das Gespräch um Euch; die Herren ziehen die Zeitungen hervor, wenn sich ihr Redetalent erschöpft hat, und fragen, ob man schon den neuesten Bericht über Euch gelesen hat. Es ist scandaleux, c'est vrai, wie wir Damen jetzt behandelt werden.

Kennst Du George Chalmers, der sich schon in New York, als er das College besuchte, immer so um meine Gunst bemühte und drohte, wenn ich auf der Straße seinen Gruß nicht beachtete, Mönch zu werden? Er ist ein entzückender Mensch geworden ...


»Das alte Teegesicht«, lachte Hope, »ich konnte den Kerl mit den wässerigen Augen niemals ausstehen. Er war so eine Art von poetischem Frömmler.«


... auch er, das Ehrenmitglied zahlreicher pietistischer Gesellschaften, ein von Gott begnadeter Ausleger der heiligen Schrift, dessen Geist schon jetzt, losgelöst von dieser erbärmlichen Erde, sich nur mit dem Himmel beschäftigt, auch er schwor neulich bei allem — fi donc, ich kann den Ausdruck nicht wiederholen — für einen Tag auf der ›Vesta‹ würde er seine Seligkeit opfern. Nun, chacun à son goût, ich würde dies zwar nicht tun, nur daran zu denken, ist horrible,aber, certainement, es muss himmlisch sein, frei wie der Vogel in der Luft, wie der König der Lüfte die Welt zu durchstiegen, mit eigener Kraft gegen die Elemente zu kämpfen und den furchtbarsten Gefahren kühn in das Auge zu sehen. Ich glaube es Dir gern, wenn Du so oben auf der Stange sitzest und bei aufgehender Sonne ...


»Stange, Stange«, murmelte Hope, »wenn ich auf der Stange sitze? Ach so, die meint wahrscheinlich die Rah.«

... und bei aufgehender Sonne hinausblickst auf das unendliche Meer, das im Scheine der Morgenröte blutig erglänzt — ach, was für erhabene Gedanken mögen da Dein poesievolles Herz bewegen, wie magst Du sehnsuchtsvoll die Arme ausstrecken nach jener Ferne, wo Himmel und Erde sich mit goldenem Kuss berühren ...


»Wenn ich mich nicht an der ›Stange‹ festhalte, dann falle ich ja herunter«, lachte die übermütige Hope.


... was sind dagegen jene Stunden gewesen, wenn wir uns nachts zusammen aus dem Fenster lehnten, dem Vollmond unsere Seufzer zusandten und dazu Schokolade aßen?


»Ich habe niemals geseufzt«, rief Hope entrüstet, »aber desto mehr Schokolade gegessen.«

In diesem Tone ging es noch ein paar Seiten fort, bald ›himmelhoch jauchzend‹, bald ›zum Tode betrübt‹, dem lesenden Mädchen bald ein mutwilliges Lachen, bald einen ärgerlichen Ausruf entlockend, und als der Brief endlich geschlossen hatte mit:


Deine dich bis in den Tod treuliebende Freundin

Emmy


folgte diesem noch das unvermeidliche:


P.S. O ciel! Bald hätte ich vergessen, Grüße an alle die Damen zu bestellen, von denen die meisten ja auch meine Freundinnen gewesen sind. Grüße, bitte, vor allen Dingen Miss Petersen herzlich von mir und unbekannterweise Miss Johanna Lind, welche sich meine Sympathie schon vorher zu erwerben gewusst hat.

D.O.


Aber nicht genug damit, es folgte noch eine Nachschrift.


P.P.S. Ma chère Hope, wie steht es mit Deinem kleinen Herzen? Schlägt es noch immer so ruhig, wie in der Pension, wo Du als Männerfeindin galtest? Ein Vögelchen hat mir etwas in die Ohren gezwitschert, was mich aufjauchzen ließ. Ist es wahr, dass Marquis Chaushilm ...? Und mein eigenes? Ach, wie ist es doch so traurig, dass sich auf Herz — Schmerz reimt.


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»Gott sei Dank«, seufzte Hope, »dass der Brief alle ist, es folgt kein P.P.P.S. mehr, aber nur weil kein Platz dazu vorhanden ist, unten nicht, oben nicht, auch an den Rändern — alles ist vollgeschmiert. Emmy ist doch noch ganz genau dasselbe — Gänschen hätte ich beinahe gesagt, geblieben, das es schon früher gewesen ist. Das zwitschernde Vögelchen wird wohl George Chalmers gewesen sein, der fromme Jüngling mit dem Vollmondgesicht. Dann möchte ich ihm die himmelnden Augen auskratzen.«

Sie stand auf und setzte sich an den Schreibtisch.

»Es hilft nichts; ich muss ihr wieder schreiben, wer weiß, ob ich je wieder eine so passende Zeit, wie jetzt, dazu finde. Du lieber Gott, was ist doch das Briefschreiben für ein saures Geschäft! Aber ein Schreiben will ich aufsetzen, das sich gewaschen hat, wie Hannes sagt; ich will der einmal zeigen, was für ein Unterschied ist zwischen einer dummen, albernen Gesellschaftsdame, geschminkt und geputzt, und zwischen einem Seemann — oder einem Seemädchen, wie Hannes mich immer nennt. Herr Gott, will ich es der aber einmal stecken!«

Hope legte sich den Briefbogen zurecht und tauchte die Feder in die Tinte, aber aller Anfang ist schwer und der eines Briefes am allerschwersten.

Sinnend blickte sie in der Kabine umher, zählte die Zähne in dem geöffneten Rachen des Krokodils, die Windungen der Schlange, aber alles half ihr nicht, den Anfang des Briefes zu finden. Da, als sie die Augen wieder auf den Briefbogen zurücklenkte, war doch schon ein Anfang gemacht worden.

»O weh«, rief sie erschreckt, »ein Klecks! Da muss ich einen anderen Bogen ... Aber nein, gerade nicht, Hannes hat mir einmal einen Brief von einem Kameraden gezeigt, auf dem waren mehr Kleckse, als Buchstaben. Das ist seemännisch, sagte er damals, wir sind keine Schreibhelden. Der Klecks bleibt darauf, und wenn er auch noch zwanzig Gesellschafter erhält.«

Sie schaute aus dem Fensterchen, durch welches die goldenen Sonnenstrahlen in die Kabine fielen. Der Hafen von Townville war so freundlich, die Schiffe lagen in träger Ruhe, kein Boot durchschnitt bei dieser heißen Stunde, es war gerade Mittagszeit, das spiegelglatte Wasser, und die Flaggen hingen unbewegt an den Fahnenstangen herunter.


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Immer mehr nahm das Gesicht des jungen Mädchens einen lachenden Ausdruck an.

»Jetzt habe ich es«, rief Hope plötzlich, »so wird es gemacht. Das Lügen ist zwar eine Sünde, aber — etwas Flunkern ist erlaubt, sagt Hannes. Emmy kann auch wie gedruckt lügen, und nun will ich ihr einmal etwas vorlügen, dass sie schwarz wird. Gott, was für ein köstlicher Gedanke — ist gar nicht mit Gold zu bezahlen! So, nun eine recht alte Feder genommen und recht derb aufgedrückt, ja nicht etwa, wie gewöhnlich, gekritzelt. Es muss aussehen, als hätte ein alter Seebär den Brief geschrieben.«

Noch einen Blick warf sie hinaus in die sonnige Landschaft, auf die freundlichen Häuser von Townville und begann dann:


Auf hoher See, den ....

Meine liebe Freundin!

Ein furchtbarer Sturm tobt schon seit Tagen, und gerade jetzt schlimmer als je, himmelhohe Wellen drohen unser Schiff zu verschlingen, schäumender Gischt spritzt bis an die Spitzen der Masten empor und durchnässt uns, schwarze Wolken verhüllen die Sonne und machen den Tag zur finsteren Nacht, jeder Augenblick kann für die stolze ›Vesta‹ verderblich werden; ihre Planken zittern unter dem mächtigen Anprall der Wellen. Doch dies Bild möge Dir genügen; die allgewaltige See in ihrer entfesselten Wildheit vermag kein Wort, keine Feder, kein Pinsel zu schildern, um wie viel weniger ich, eine so prosaische, wahrheitsliebende Person, wie Ihr mich immer nanntet.

Ich bin heute erster Steuermann und komme eben von der Kommandobrücke, wo ich vier schwere Stunden verbracht habe. Schwere? Doch nein, es waren schöne! Wir, Miss Petersen und ich, hatten uns gegenseitig an dem Geländer der Brücke festgebunden, die doppelten Stricke genügten fast nicht, uns vor dem Losreißen zu schützen, mit solch ungeheurer Gewalt stürzten die schäumenden Wogen über uns hinweg, uns fast ertränkend und uns den Boden unter den Füßen raubend. Aber dennoch, wie ist es dort so schön! Es ist ein furchtbar großartiger Gedanke, wenn man sich bewusst ist, dass von der Schärfe des Blickes, von der Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart das Leben der ganzen Schiffsbesatzung abhängt, denn ich bin es, die die Ruderkommandos und die Befehle zum Segelmanöver gibt; nur ein falsches Wort von mir, und der Sturm fasst die Segel, die Masten knicken wie Strohhalme, und die stolze ›Vesta‹ ist als ein Wrack dem Wüten des Meeres preisgegeben, geht dem unvermeidlichen Untergang entgegen. Der Kapitän steht nur auf der Brücke, um mein Kommando zu billigen und mir ab und zu einen Wink zu geben.

Trotzdem ich alle meine Aufmerksamkeit auf die Ferne konzentrierte, um ein nahendes Schiff zu erspähen, welches das unsrige rammen könnte, trotzdem ich fortwährend die Segel und den Kompass beobachtete, hatte ich doch noch Zeit, mich mit Dir, meine liebe Emmy, zu beschäftigen. Vor zwei Tagen bekam ich Deinen Brief in Townville, und seitdem verfolgt mich Dein Bild Tag und Nacht, im Wachen und im Träumen. Kaum bin ich vom zweiten Steuermann, Miss Thomson abgelöst worden, so eile ich in meine Kabine, wechsle meinen triefenden Anzug und setze mich an den Schreibtisch, um Dir, meine angebetete Emmy, zu antworten.


»O weh«, unterbrach sie sich, »ich komme schon wieder ins Kritzeln. Immer fest aufdrücken, dass die Tinte durchs Papier geht. Bei Hannes' Brief war es auch so.«

Wieder warf sie einen Blick durch das Fensterchen, einen anderen ließ sie über die Gegenstände in der Kabine schweifen und fuhr dann fort:


Kaum kann ich mich in meinem Sessel halten; mit aller Gewalt muss ich mich gegen den Tisch stemmen, um nicht zu Boden geschleudert zu werden — mit so entsetzlicher Heftigkeit schlingert das Schiff, legt sich bald auf die Seite, dass die Wogen fast die Fenster eindrücken, schießt dann wieder mit kolossaler Geschwindigkeit in die Tiefe, und hängt im nächsten Augenblick hoch oben auf dem Kam>me der höchsten Welle. Alle Gegenstände in meiner Kabine hüpfen und springen, als wären sie lebendig ...


»Donnerwetter, schon wieder ein Klecks«, rief sie ärgerlich.


... selbst das Tintenfass kann seinen Inhalt nicht mehr halten, mit unwiderstehlicher Gewalt wird die Tinte umhergeschleudert, wie Du hier an den Klecksen erkennen kannst.

Liebe Emmy, verzeihe mir, wenn ich offen bin. Offenheit ist eine Tugend, die dem Seemann angeboren ist, und ist sie es nicht, so bemächtigt sie sich seiner, sobald er längere Zeit auf der See fährt. Das wilde Meer, der Kampf mit den Elementen entfernt alle Heuchelei und Falschheit aus seinem Herzen, macht es der Lüge unzugänglich, und darum nimm auch mir die Wahrheit nicht übel, wenn ich zu Dir spreche: ›Ich bin nicht mehr die, die ich früher war, meine Ansichten sind andere geworden, während die Deinigen noch ganz dieselben sind, welche in der Pension Dein Herz gefangen hielten.

Du hast recht, wenn Du über die entschwundene Jugend klagst. Ach, Jugendzeit, goldene Zeit! Wo bist Du hin? So kann wohl ich ausrufen, die ich mir jetzt mein Brot mit harter Arbeit verdienen muss — meine Hände legen davon Zeugnis ab — und die täglich den ungeheuerlichsten Gefahren trotzt, von deren Kommandoruf das Leben aller ihrer Freundinnen abhängt. Aber. Du? Du fliegst noch immer von Vergnügen zu Vergnügen, wie Du mir selbst geschrieben hast, Du tanzest Durch das Leben hin, und erwachst Du des Morgens übernächtig und abgespannt, so ist es ganz natürlich, wenn Du nicht heiter, sondern melancholisch gestimmt bist. Und überdies, ich finde es doch etwas übertrieben, wenn Du dich mir gegenüber als einen Charakter bezeichnest, der durch höheres Alter eine reifere Lebensanschauung besitzt. Du bist jetzt gerade siebzehn Jahre zwei Monate und zwanzig Tage alt, das ist eine Differenz von nur drei Wochen. Ich könnte dies eher von mir behaupten, denn Reisen bringt Erfahrung, wie Du selbst zugeben musst, und nun gar solche Reisen, wie die unseren. Ein jeder neue Tag bringt mich mehr zur Einsicht, wie läppisch ich bisher mein Leben vertrödelt habe, mit welchen unnützen Sachen ich bisher die Zeit vergeudet habe. Was ist alle Bildung, die man aus Büchern schöpft, gegen die, welche man selbst sammelt! Wirklich, teuerste Freundin, unsere Ansichten sind jetzt so weit von einander entfernt, wie Ost von West, vieles, was Du mir geschrieben, verstehe ich nicht mehr, und das, was mein Inneres leitet, würde Dir unerklärlich bleiben. Was Dir gefällt, bereitet mir keine Freude mehr, und woran ich teilnehme, würde dich vollständig kalt lassen. So widmest Du eine Seite Deines acht Seiten langen Briefes der Beschreibung eines Kissens, welches Du zur Zeit stickst. Du sprichst von Rundstickerei, Plattstickerei, Kreuzstickerei und so weiter, und aus Deiner Anweisung, wie oft man drüber, drunter oder kreuzstechen soll, nehme ich an, Du willst mich auffordern, auch eine solche Arbeit anzufangen.


»Du lieber Himmel, als hätte ich Zeit, mich mit solchen weiblichen Beschäftigungen abzugeben.«


Schon in der Pension habe ich alle diese Handarbeiten bis zum Tode gehasst, und nicht nur sie, sondern auch das alte Fräulein, welches sie uns lehrte — Du weißt doch noch, wie ich einst der Fotografie von Miss Lionard die Augen ausgestochen habe, weil sie mir den ganzen Strumpf wieder aufgetrennt hatte — und jetzt sind mir sogar alle Begriffe und Bezeichnungen derartiger Sachen entfallen.

Nein, meine Hände könnten nicht mehr die Strick- oder Sticknadel halten, das Auge würde sich beim Anblick einer Stickerei, wie vom Schmerz gepeinigt, schlie,ßen. Dagegen fühle ich eine wunderbare Kraft in meinem Arm, ich könnte gegen die ganze Welt kämpfen, und hoffentlich bietet sich mir noch recht oft Gelegenheit, sie austoben zu lassen. Wie wir die Mädchenhändler mit der Waffe in der Hand gezwungen haben, ihre Opfer herauszugeben, wie wir einen Aufstand in Indien niedergeworfen, Seeräuber gefangen, und Mann gegen Mann mit den Eingeborenen und gegen Bushranger gekämpft haben, so werden wir auch noch weiter das amerikanische Sternenbanner zu Sieg und Ruhm tragen. Jetzt zum Beispiel fahren wir nach dem malaiischen Archipel, auf dem bekanntlich schon seit vielen Jahren der unerbittlich geführte Krieg zwischen den Holländern und Achinesen wütet, gegen deren Fanatismus alle Kriegskunst der Europäer ohnmächtig ist, bis jetzt wenigstens, denn ich bin fest überzeugt, durch unsere Ankunft dort wird die Entscheidung schnell herbeigeführt werden. Mit der furchtbar energischen Ellen an der Spitze treiben wir die ganze Welt zu Paaren, um wie viel mehr die nur mit Pfeil und Bogen bewaffneten Eingeborenen, wenn ihre Pfeile auch vergiftet sind.

Im Vertrauen muss ich Dir aber sagen, dass ich allerdings lieber auf der Seite der Achinesen fechten würde, und auch Hannes ...


Hope strich das Wort Hannes aus.


... und auch andere sind meiner Ansicht.


Die Schiffsglocke wurde an Deck geläutet, Hope blickte auf, und ein freudiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, es war das schönste Kommando, das ihren Ohren am lieblichsten klang, das Zeichen, dass sich die Damen im Salon zum gemeinschaftlichen Mittagessen versammeln sollten. Ihre Züge nahmen plötzlich einen schalkhaften Ausdruck an, dann aber wurde sie wieder ernst, und ehe sie der Einladung folgte, warf sie noch mit flüchtiger Schrift auf das Papier hin:


Um Gottes willen, Emmy, die Schiffsglocke gellt in den entsetzlichsten Tönen, sie ruft alles an Deck; der Sturm wütet eben jetzt furchtbar, es muss ein Unglück passiert sein. Wolle es der Himmel, dass ich diesen Brief fortsetzen kann ...


Sie warf lachend die Feder hin und begab sich zum Essen.

Als sie nach einer halben Stunde wieder hereinkam, machte sie ein sehr freundliches Gesicht, sie musste mit der Kochkunst der beiden Vestalinnen, welche heute die Küche zu besorgen hatten, sehr zufrieden gewesen sein.


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»So«, sagte sie und setzte sich wieder an den Schreibtisch, »nun kann es weitergehen, aber nun schnell, damit ich endlich mit dieser elenden Geschichte fertig werde.«


Gott sei Dank, Emmy, alles ist glücklich abgelaufen! — Eine halbe Stunde mussten wir zwar mit Aufbietung aller Kräfte arbeiten, aber die Gefahr, welche uns Tod und Vernichtung bringen konnte, haben wir doch abgewandt.


»Jetzt werde ich mich revanchieren für das Stickmuster, mit welchem sie mich gelangweilt hat«, sagte Hope und fuhr fort:


In der Tat, die Gefahr, welche uns drohte, war nicht gering. Das Geitau, an dem das Bramsegel des Großmastes läuft, hatte sich aus dem Bugring geschoren — wahrscheinlich hatten sich die Scheren gelöst — und waren gegen die Brass des Focksegels geflogen, welches als Sturmsegel stand. Dort hatte es sich verunklart, die Fockbrass spannte sich beim Schlingern stark an, und die Folge war, dass dieses Geitau das Bramsegel des Großmastes herunterriss. Natürlich, wie Du Dir leicht vorstellen kannst, wurde es sofort vom Sturme erfasst, und es musste unbedingt geborgen werden, sollte der Großmast, der schon wie ein Rohr hin- und herschwankte, nicht über Bord gehen. Wir alle stürzten uns mit aller Macht auf das Geitau, fünfmal spottete es aller unserer Anstrengung, das entfesselte Segel konnte nicht gebändigt werden, aber beim sechsten Male ließ der Kapitän gleichzeitig aus dem Wind drehen, und wir wurden des wild um sich schlagenden Segels Meister. Aber wir waren aus dem Wind, und Du weißt vielleicht, was das beim Sturm zu bedeuten hat. Der Wind legte sich sofort in den stehenden Außenklüver, und ehe wir noch das Segel befestigt hatten, geschah ein furchtbarer Knall ...


»Das war der Pfropfen meiner Bierflasche«, lachte Hope.


... und der Außenklüver war zu Atomen zerstäubt, wir aber drehten natürlich von selbst wieder in den Wind — und waren gerettet. Aber diese Arbeit jetzt an Deck!

Krampfhaft mussten wir uns festhalten, um nicht hin- und hergeworfen zu werden, und dabei das Wasser, Himmel, wie uns das fort und fort übergoss!

Doch nun zu etwas anderem. Du batest mich, Dir die Herren zu schildern, welche Du schon von New York aus kennst; wie sie sich an Bord des ›Amor‹ benehmen und wie sie sich uns gegenüber verhalten. Darüber ist nicht viel zu sagen.

Es sind alles sehr liebenswürdige Männer, treu wie Gold, auf die man sich im Falle der Not, wie auf Felsen, verlassen kann. Gegen uns Damen sind sie immer zuvorkommend und sehr höflich, Hannes meint zwar manchmal, die Sache wäre etwas brenzlig ...


»Halt, das kann ich nicht schreiben, das Salondämchen würde es anders auslegen und übertreiben.«

Sie strich den letzten Satz so dick aus, dass er unleserlich ward, und schrieb weiter:


und sehr höflich. Im Ganzen ist unser Verkehr mit ihnen zwar ein freundlicher, aber doch wieder zurückhaltender, und wenn Dir ein Vögelchen gezwitschert hat, ich hätte mit Marquis Chaushilm einen intimeren Umgang, so ist es ein ganz und gar verlogener Vogel gewesen. Ebenso wie Ellen, bin ich gerade diejenige, welche mit den Herren am allerwenigsten verkehrt; wie schon früher, so bin ich auch jetzt noch eine ausgesprochene Männerfeindin. Heiraten? Nie! Meine Pläne sind ganz andere, viel erhabener, als für die Ewigkeit an einen Mann gebunden zu sein, der mich nach Willkür tyrannisieren kann. Mit Ellen rufe ich aus: Was berechtigt die Männer dazu, in der Welt eine herrschende Stellung einzunehmen, und nicht das Weib? Sind wir nicht mit denselben Fähigkeiten ausgestattet? Übertreffen unsere geistigen Kräfte nicht oft genug die ihrigen, ebenso wie auch häufig die körperlichen, wenn sie mit Mut und Energie gepaart sind? Wir aber wollen der Welt den Beweis geben, dass wir ihnen ebenbürtig sind, wir wollen das Vorurteil brechen, welches über den Frauen hängt, und ich ganz besonders werde nicht eher ruhen, als bis wir von den Männern als ebenbürtig anerkannt werden. Weg mit aller weiblichen Schwäche! Rücksicht, Mitleid und so weiter, das ist alles leeres Geschwätz, es ist nur etwas Eingebildetes. Ich ganz besonders werde der Welt einst noch zeigen, was ein Weib leisten kann. Nach dieser Reise mache ich mein Kapitänsexamen und fahre als selbständiger Kapitän auf Kauffahrteischiffen, oder ich trete als Kadett bei der amerikanischen Marine ein und werde es in kürzester Zeit bis zu den höchsten Offiziersstellen bringen. Meinen Bruder will ich bald eingeholt haben. Du lächelst? Schon in nächster Zeit werde ich vielleicht ...


»... die Vesta verlassen und als richtiger Matrose auf ein Segelschiff gehen«, wollte Hope zu Papier bringen, aber sie unterließ dies und schrieb:


... mit meinem Bruder, dem Korvettenkapitän, zusammentreffen — er ist jetzt in China — und mit ihm ernstlich darüber sprechen.


»Nun muss ich aber schließen«, sagte Hope zu sich, »ich bekomme schon den Schreibkrampf. Es hat sich etwas Wind erhoben, und ich werde einen Ausflug im Segelboot unternehmen, das ist viel lustiger, als hier still zu sitzen. Hannes hat versprochen, mir zu zeigen, wie man ohne Klüversegel mit dem Winde wenden kann, anstatt immer gegen den Wind, ohne dabei umzukippen, und das muss ich noch lernen; gesehen habe ich es bis jetzt noch nie. Will ihm also signalisieren, ob er mitkommt. Schluss!«


Doch nun lebe wohl, liebe Emmy, ich muss eiligst schließen. Eben hat der Sturm etwas nachgelassen, und ich sehe durch mein Fensterchen einen Fischkutter, der bald dicht an uns vorbeisegeln wird. Ich könnte diesen Brief erst in Java aufgeben, so aber ist mir Gelegenheit geboten, ihn Dir schon jetzt zu übermitteln. Der Kutter fährt dem Festlande zu, jedenfalls sogar nach Townville, ich stecke den Brief also in eine Flasche, verkorke sie gut und werfe sie dem Kutter zu.

Hoffentlich erreicht die Flasche sein Deck, dann liefern die Fischer den Brief richtig ab, es sind alles ehrliche Männer, die Seeleute; fällt sie aber ins Meer, so muss man es dem Schicksal überlassen, ob sie einmal von jemandem aufgefischt wird. Dann können vielleicht Jahre vergehen, ehe der Brief in Deinen Besitz kommt. Also nochmals, liebe Emmy, lebe herzlich wohl, lass es Dir recht gut gehen und gedenke in Freundschaft Deiner dich liebenden Hope Staunton, zur Zeit erster Steuermann


»Das ist zuletzt eine schöne Kratzelei geworden«, sagte Hope und schleuderte tief aufatmend den Halter von sich.

Ohne den Brief noch einmal durchzulesen, faltete sie ihn zusammen.

»Ach Gott«, rief sie plötzlich aus. »Emmys Gedicht habe ich ja ganz vergessen, da wollte ich ihr ja noch einen ordentlichen Hieb versetzen. Aber ich wollte ihr auch keine Nachschrift machen, weil wir Frauen immer damit aufgezogen werden. Man sagt, wir könnten keinen Brief ohne Postskriptum schreiben. Fatal, aber es hilft nichts! Dieser Brief soll der letzte sein, der ein solches bekommt. Ich werde es aber auch ganz klein schreiben.«

Fast unleserlich kritzelte sie unten darunter:


P.S. Apropos, liebe Emmy, Dein Gedicht, ›Am Grabe meines Freundes‹ ist wunderschön, fast hätte es mich zu Tränen gerührt, wenn ich nicht dem Weinen abgesagt hätte. Wunderbar ist es, wie oft große Geister einen und denselben Gedanken haben können, dieselben Ideen, dieselben Ansichten, ja, sogar dieselben Worte. Da haben wir in unserer Bibliothek einen alten, schon ganz vergessenen englischen Dichter, sehr geistvoll, aber nicht mehr gelesen, und zufällig habe ich in ihm ein Gedicht gefunden, betitelt, ›Am Grabe meines Hundes‹, und sonderbar, fast Vers für Vers gebraucht er denselben Reim wie Du; aber nicht nur das, sondern auch einzelne Worte sind dieselben, Ausdrucksweisen, Bilder und so weiter. Ist es nicht sonderbar? Sollte er schon eine Vorahnung von Deinem Gedicht gehabt haben?


»Warte, Emmy«, lachte Hope, »hättest du gewusst, dass ich dein selbstgemachtes Gedicht der Miss Thomson zeigte, die in der englischen Literatur ebenso zu Hause ist, wie ich es in den Liebesbriefen unserer französischen Gouvernante war, du würdest es mir auch nicht zugeschickt haben. Köstlich, wie Emmy dieses Gedicht umgearbeitet hat.«

Sie steckte den Brief in den Umschlag.

»O weh, ich habe ja ganz vergessen, ihre Eltern zu grüßen«, sagte Hope ärgerlich, »was mache ich denn nun? Noch eine Nachschrift; aber wahrhaftig, es soll das letzte Mal sein, in meinem ganzen Leben nie wieder.«


P.P.S. Grüße Deine Eltern herzlichst von mir, auch deine kleine Schwester! Ihr seid ja durch die Zeitung genauer darüber orientiert, was wir treiben, so brauche ich also nicht ausführlich zu schreiben. Und solltest Du zufällig einmal Mister George Chalmers sehen, so richte auch an ihn Empfehlungen aus, natürlich nur, triffst du einmal gelegentlich mit ihm zusammen, zu schreiben brauchst Du ihm deswegen nicht.«


»Die Sache ist brenzlig, würde Hannes sagen«, meinte Hope, als sie den Brief schloss. »Gott, was sind das doch für Gänschen!«

Sie schrieb die Adresse, klebte eine Briefmarke auf den Brief und rollte ihn zusammen, sodass es den Anschein bekam, als hätte sie ihn wirklich in eine Flasche gesteckt. Dann begab sie sich an Bord und lieferte ihn einem Bootsführer aus, der in der Nähe der ›Vesta‹ lag.

Darauf ging sie an den Flaggenkasten, schlug in einen Wimpel zwei Knoten und hisste dieses Zeichen bis an die Spitze des Kreuzmastes, dabei den ›Amor‹ beobachtend. Eine Viertelstunde wartete sie ungeduldig, endlich aber war sie davon überzeugt, dass Hannes nicht an Bord des ›Amor‹ war, ließ das Signal herunter und begab sich in den Salon zu ihren Freundinnen.

* * * * *

II.10. Die geheimnisvolle Werkstatt

An der Südwestküste von Afrika erstreckt sich meilenweit eine öde, sandige Landzunge ins Meer hinein, eine Bucht bildend, die Walfischbai. Früher hatten einmal die Holländer versucht, auf dieser Landzunge Faktoreien zu errichten, in denen die in jenen Gegenden überaus zahlreichen, aber mageren Rinder geschlachtet, das Fleisch eingesalzen oder zu Extrakt verarbeitet werden sollte. Aber das Unternehmen ist eingegangen, weil es sich nicht rentierte oder vielmehr, weil die mit der Aufsicht betrauten Beamten einen zu großen Aufwand getrieben, und erst vor einigen Jahren haben Großindustrielle die Sache wieder ins Leben gerufen, die Faktoreien aber mehr ins Innere des Landes verlegt, nach dem Städtchen Windhoek zu. Noch jetzt kann man auf der Landzunge die tief im Sande vergrabenen Überreste von Maschinenteilen erkennen, die natürlich vollkommen unbrauchbar geworden sind.

Nordwestlich von der Walfischbai, etwa 1400 Seemeilen entfernt, liegt St. Helena, das Inselchen, auf welchem einst Napoleon I. die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, aber wohl niemals passiert es, dass ein Schiff dort vorüberkommt.

Sollte aber dennoch einmal ein Kapitän diese Strecke direkt steuern, so würde er gerade auf der Hälfte des Weges zwischen der Walfischbai und St. Helena auf ein Felseneiland stoßen, bei dessen Anblick er sofort weiß, dass es seinen Ursprung entweder einer vulkanischen Bewegung des Meeresbodens verdankt oder das Überbleibsel eines von Eruptionen zerstörten, einst mächtigen Gebirges ist.

Gigantisch strecken die Felszacken ihre Häupter zum Himmel empor, wildzerrissene Klüfte, Höhlen, Schluchten zeigen sich dem Auge des Vorbeisegelnden, keine Anfahrt, keinen Eingang bietet das Eiland, alles rings umher himmelanstrebende Felsen, welche wie drohende Riesen das Innere der Insel zu bewachen scheinen.

Fortwährend wütet die Brandung des gewaltigen Ozeans gegen die Steinmauern und hat im Laufe von Jahrtausenden ungeheure Höhlen hineingewühlt, in denen es, wie in einem kochenden Kessel, zischt und dampft; der weiße Schaum wird emporgeschleudert, zerstiebt an der Decke der Höhle, fällt wieder zurück, und schaut gerade die Sonne diesem Spiele zu, so schillert alles in Regenbogenfarben.

Trotzdem ist das Innere der Insel, ein mit dem Spiegel des Meeres fast gleichliegendes Felsplateau, nicht immer unbewohnt gewesen.

Tausende und Abertausende von Möwen und anderen Seevögeln fristeten im sicheren Schutze des Steinwalles ein beschauliches Dasein, führten von hier aus ihre Raubzüge gegen die Fische aus und sorgten für zahlreiche Nachkommenschaft.

Da eines Tages wurde ihr Frieden vernichtet.

Ein kleiner Dampfer näherte sich der Insel und fuhr rings um sie herum.

Auf der Kommandobrücke stand ein hoher Mann mit langem, blonden Vollbart und musterte fortgesetzt die Felsen, als suche er einen Platz, an welchem er sein Schiff verankern könnte. Aber die Möwen stießen ein heiseres Lachen aus — sie wussten es besser, dass ein solcher nicht existierte. Der Kapitän hätte geradezu wagen müssen, in eine Höhle zu steuern, von denen einige allerdings groß genug gewesen wären, um selbst das stattlichste Segelschiff aufzunehmen.

»Wir sind am Ziel, Herr Anders«, sagte der Mann mit dem Vollbart zu einem neben ihm auf der Kommandobrücke stehenden Herrn, »nur diese Insel kann es sein, von welcher mir erzählt worden ist. Die nächste Messung wird beweisen, ob die Angabe des Negers wahr gewesen ist oder nicht.«

Der große Mann visierte mit der Peilung des Kompasses, das heißt mit dem Einschnitt der sich in dem Kompassgehäuse befindet, nach den Gipfeln der Felsen, ließ dann das Schiff langsam drehen, während der andere Herr die Nadel aufmerksam betrachtete.

»Halt!«, rief Letzterer plötzlich.

»Stimmt«, antwortete gleichzeitig der hohe Mann, »diese Felszacke liegt gerade über einer Höhle und im Winkel von 36 Grad darüber die zweite Zacke. Also sie soll den einzigen Zugang zur Insel bilden. Nun wir werden sehen.«

Es wurden zwei Boote ausgesetzt, in welche verschiedene seltsame Geräte gepackt wurden, aber wunderbarerweise keine Ruder.

Der Mann mit dem Vollbart war unterdes in das Zwischendeck gegangen, und zehn Minuten später trat aus derselben Luke, durch welche er verschwunden war, eine merkwürdige Erscheinung heraus. Es war unbedingt ein Mensch, aber statt des Kopfes war auf den Schultern, ein großer Glasballon, der ganze Körper war in einen engen, wahrscheinlich gummiartigen Anzug gekleidet, welcher sogar die Hände bedeckte, und an den Fußsohlen waren schwere Bleiplatten befestigt — kurz, ein Mann im Taucherkostüm, nur bemerkte man nicht jenen Schlauch, durch welchem dem Arbeiter auf dem Meeresboden die zum Atmen nötige Luft zugeführt wird. Ebenso war kein Seil zu bemerken, durch welches der Taucher mit den an der Oberfläche Bleibenden sich verständigen kann.


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Dagegen trug dieser Taucher auf seinem Rücken eine Art von Ranzen, von dem aus zwei Schläuche nach der Hinterseite des Kopfes und zwei mit Seide umsponnene Drähte nach einer Lampe führten, welche am Gürtel befestigt war. Derselbe war noch mit einigen Apparaten und Instrumenten von bekannter Konstruktion ausgerüstet.

Durch den Glasballon konnte man das Gesicht des Mannes erkennen, es war das des Vollbärtigen.

Trotz der Bleisohlen, deren jede wohl ein Gewicht von einem halben Zentner hatte, bewegte er sich doch mit einer Leichtigkeit über Deck, als beträte er mit Ballschuhen den Parkettfußboden, stieg ebenso sicher über die Bordwand und an dem Fallreep hinunter in das Boot, welches schon den mit Anders angeredeten Herrn trug.

Der Taucher winkte mit der Hand, und sofort setzten sich beide Boote in Bewegung, nach einer sehr kleinen Höhle zu, in welcher die Brandung fortwährend schäumte und spritzte, aber sonderbar, die Boote waren weder mit einer Maschine, noch mit Riemen versehen, und doch fuhren sie wie Pfeile durchs Wasser.

Eine einfache Bewegung mit einem am Heck befindlichen Hebel — und sie schossen davon, wieder die entgegengesetzte — und sie standen still, ohne auch nur in der erstgefahrenen Richtung weiterzuschießen.

Dicht vor der Höhlung befestigte Anders das Ende eines Kupferdrahtes, welches um eine drehbare Rolle gewickelt war, an dem Ranzen des Tauchers, das andere an eine Art von Telegrafendraht, dann gab der Taucher noch ein Zeichen, drückte einige Male auf einen Knopf am Gürtel, der Apparat klapperte, funktionierte also, und dann war der Mann mit einem Sprunge über Bord, im Wasser, den Augen der Zurückbleibenden entschwunden. Nur kleine, aufsteigende Bläschen, von der verbrauchten Luft herrührend, bezeichneten den Weg, welchen der Taucher in die Höhle nahm.

Unausgesetzt betrachtete Anders den Telegrafenapparat, und als nach einer Viertelstunde noch kein Zeichen auf demselben kam, nahm das intelligente Gesicht des jungen, seemännisch gekleideten Mannes einen besorgten Ausdruck an.

Er berührte die Taste und telegrafierte einige Worte, welche durch den Draht laufen und so dem Taucher zukommen mussten, der einen ähnlichen Apparat trug, an dem er die gegebenen Zeichen ablesen konnte, und in der nächsten Sekunde konnte Anders auf dem Papierstreifen die in Morsezeichen, der Schrift der Telegrafisten, gegebenen Worte lesen:

»Es führen mehrere Gänge ab, zweimal keinen Ausweg gefunden!«

Wieder verging wohl eine Viertelstunde, als plötzlich die auf dem Dampfer zurückgelassenen Matrosen nach den Booten riefen und dann nach den Felsspitzen zeigten.

Über denselben schwebten mit einem Male eine ungeheure Menge von Möwen, ängstlich flatterten sie hin und her und wagten nicht mehr, sich niederzulassen.

Sie mussten durch etwas aufgescheucht worden sein.

»Gott sei Dank«, rief Anders mit freudigem Tone, »das waghalsige Stückchen ist ihm gelungen, er hat den Durchgang gefunden!«

Da hob und senkte sich auch schon der Hebel des Apparates, der junge Mann las auf dem Streifen die Worte:

»Bin am Land, es ist ein Plateau.«

Unterdessen hatten sich in dem zweiten Boote einige Leute gleichfalls Taucherkostüme angelegt, auch sie verschwanden unter der Oberfläche des Wassers, und verschiedene Gegenstände, Fässer, Kisten, alle mit Bleistücken beschwert, folgten ihnen nach.

Kaum war dies geschehen, so konnte man ein seltsames Geräusch wahrnehmen, fast war es, als fände unter Wasser eine lebhafte Arbeit statt, die Felswände ertönten, ab und zu quoll eine große Blase nach der Oberfläche empor, es hämmerte, pochte und bohrte.

Erst nach einigen Stunden kamen die Taucher wieder nach den Booten zurück, völlig erschöpft von ihrer Arbeit, und wurden sofort von anderen abgelöst. Die Nacht machte dieser Tätigkeit ein Ende. Die Boote fuhren wieder nach dem Schiff, dieses selbst aber blieb in der Nähe der Insel verankert.

Auf diese Weise verging ein Tag nach dem anderen, fortwährend verschwanden Taucher, mit Werkzeugen ausgerüstet, unter Wasser, andere kamen wie große Fische wieder nach oben, ununterbrochen fand eine Verständigung zwischen dem Apparat, den der junge Mann bediente, und zwischen jemandem im Wasser statt, dann wieder entfernten sich einmal die Boote eiligst, alle Taucher mitnehmend, und kaum hatten sie einen einigermaßen sicheren Abstand zwischen sich und der Insel, so geschah ein furchtbarer Knall, es war, als ob ein unterseeisches Erdbeben stattfände, himmelhoch spritzte das Wasser empor, die Felsspitzen erbebten, die steinernen Wände zitterten — dann trat wieder eine vollkommene Stille ein, keiner der Zuschauer wagte ein Wort zu sprechen, bis der vollbärtige Mann, tief aufatmend, sagte:

»Es ist geglückt, die Felswand hat die Explosion ausgehalten — die Einfahrt ist offen.«

*

Kehren wir ein halbes Jahr später nach derselben Insel zurück!

Noch ragte sie ebenso einsam aus dem Ozean empor, noch verriet nichts, dass irgendwo ein Eingang zu ihr war, aber da, wo früher nur Seevögel gehaust hatten, war jetzt ein reges Leben von Menschen zu finden.

Fast glaubte man sich in einen Steinbruch versetzt, überall wurden die Spitzhacke und der Meißel geschwungen, aber diese leisteten nur die Vorarbeiten, denn alle Stunden rief die Pfeife des zurückgebliebenen, jungen Mannes — der erste Taucher hatte die Insel mit dem Dampfer bald wieder verlassen — die Leute nach einem sicheren Ort zusammen; — und dann ertönte stets ein heftiger Knall, und jedes Mal ward in der Felswand eine neue Öffnung sichtbar, die entweder zu einer Art von Kammer erweitert wurde. und offen blieb oder aber auch bald wieder zugemauert wurde.


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Aber nicht nur in den Wänden, selbst in dem steinernen Boden wurde gehackt und gewühlt, Minen entstanden, keiner, als vielleicht der diesen Bau Leitende, wusste, wohin sie führten, und keine Unterbrechung fand in der Arbeit statt.

Wenn sich die eine Hälfte der Leute des Abends bei Sonnenuntergang todmüde in der Felsenkammer auf ihren Lagern zur Ruhe legte, so traten schon andere an ihre Stelle, und plötzlich wurde, wie durch Zauberei, die ganze Insel von hellem Licht übergossen. Keiner der Arbeiter konnte sich über Dunkelheit beklagen, in jedem Winkel flammte ein Lämpchen auf, jede Höhle war wie vom Tageslicht erleuchtet, und auf den Felsenspitzen warfen riesige Laternen ein intensives Licht über das Ganze.

Das Wunderbarste aber war das Betragen der Arbeiter.

Wohl war ihre Arbeit eine äußerst anstrengende, wohl schien es oft, als wollten sie unter deren Last kraftlos zusammenbrechen, und dennoch entschlüpfte kein Laut des Unwillens ihren Lippen.

Ein kärgliches Frühstück, ein einfaches Mittagessen, ein noch sparsameres Abendbrot, das war alles, was sie am Tage erhielten, dann sanken sie ermattet auf ihr hartes Lager hin, welches eher für einen Sträfling, als für einen um Lohn angeworbenen Arbeiter gepasst hätte.

Waren diese Leute etwa Sträflinge? Fast hätte man es glauben können, denn ihre Lebensweise war eine solche.

Aber nichts dergleichen! Ruhig verrichteten sie ihre Arbeit, immer willig, ohne Seufzen, und außerdem gab es hier gar keine Aufseher. Anders war der einzige, welcher die Leute anstellte; unermüdlich war er auf seinem Posten, stand bei einer Sprengung selbst auf dem gefährlichsten Platze, in der Nacht genügte ein leiser Ruf, um ihn aus dem Schlafe zu wecken, und wiederum genügte nur ein kleiner Wink von ihm, um die Leute in ihrer Arbeit anzustellen und anzuspornen.

Waren denn diese Arbeiter alle bezaubert, dass sie so willenlos folgten, wie gezähmte Tiere den Blicken ihres Bändigers?

Eines Tages näherte sich rasch ein großes Vollschiff der Insel.

Mit vollen Segeln kam es darauf zu, strich dann mit einem Male die Leinwand und fuhr, als benutze es nur noch den Schwung, in eine mächtige Höhle, in welcher es spurlos verschwand.

Wütete auch am Eingang der Höhle die Brandung, im Innern derselben musste das Wasser doch ruhig sein, und der das Schiff leitende Kapitän musste in der Führung sehr bewandert sein, sonst hätte er nicht gewagt, sein Fahrzeug so ohne Weiteres in ein dunkles Loch zu steuern.

Die Höhle hatte aber noch einen anderen Ausgang, der nach der Insel führte, eine nur schmale Spalte, aber doch groß genug, um erkennen zu lassen, dass an dieser das eben eingelaufene Schiff lag.

Sofort sprang ein Mann an Land, derselbe, welcher vor einem halben Jahre die Taucherarbeiten selbst geleitet hatte, und wurde von dem jungen Manne mit herzlichem Händedruck, aber doch respektvoll, empfangen.

»Alles in Ordnung, Anders?«, fragte der vollbärtige Mann nach dem ersten Grußwechsel.

»Alles, Kapitän Hoffmann«, entgegnete der Gefragte, »die Arbeiten sind schon bedeutend weiter vorgeschritten, als Sie Ihrer Berechnung nach erwarten werden.«

»Und wie verhalten sich die Leute, sind keine Unruhen vorgekommen?«, war die nächste Frage.

»Nicht die geringste, ihr Betragen war ein tadelloses. Offen gestanden, ich ging nicht ohne Besorgnis an dieses gefährliche Beginnen, aber Ihre Behauptung hat sich auch diesmal als richtig erwiesen. Es grenzt fast ans Übernatürliche, ich kann mir trotz Ihrer Aussagen nicht alles erklären.«

Kapitän Hoffmann lächelte leicht.

»Ich bringe Ihnen noch mehr mit, alles Leute, denen etwas schwere Arbeit nicht schaden wird«, sagte er dann. »Sie haben früher ihre Freiheit sehr schlecht benutzt, und nun sollen sie einmal von ihren Kräften besseren Gebrauch machen. Ich werde Ihnen dann diejenigen bezeichnen, deren Sie sich ganz besonders annehmen können. Je mehr Schweiß sie vergießen müssen, desto besser für sie und für uns. Doch vorher zeigen Sie mir das bis jetzt ausgeführte Werk!«

Beide wanderten umher, Anders erklärte, und der Ingenieur war mit dem Gesehenen sehr zufrieden. Er sah schon auf den ersten Blick, ob alles richtig ausgeführt worden; waren doch die Zeichnungen, nach denen Anders, der junge Ingenieur, die Arbeiten leitete, seinem eigenen Kopfe entsprungen.

»So können wir denn hoffen«, sagte Hoffmann nach Schluss der Besichtigung, »nach einem Vierteljahre die Insel als Ausrüstungsmagazin des ›Blitz‹ verwenden zu können. Schon jetzt wollen wir alle unnötigen Gegenstände ausladen und unterbringen lassen — meine mitgebrachten Leute warten schon auf die Arbeit.«

»So sind sie auch schon willfährig gemacht worden?«, fragte Anders.

»Gewiss, von dem Augenblick an, da sie, von Durst gequält, um einen Trunk Wasser baten. Aber es sind gefährliche Raubtiere, mit deren Zähmung ich mich befasst habe.«

Sie gingen nach dem Schiff zurück, und auf einen Wink des Kapitäns begannen Leute, welche sich an Bord des ›Blitz‹ befunden hatten, mit dem Ausladen.

Der erste, welcher über eine schmale Planke, von Bord aus an das Land schritt, eine Kiste auf den breiten Schultern schleppend, war eine untersetzte Gestalt mit einem widrigen Gesicht, dem das Verbrecherleben manchen Stempel aufgedrückt hatte — Kapitän Blutfinger.

Ohne zu murren, trug er seine schwere Last, nur, als er an Hoffmann vorbeikam, warf er diesem einen scheuen Blick zu, gleich einem Tiger, der seinen Bändiger wohl anfallen möchte, es aber aus Furcht nicht zu tun wagt.

»Sehen Sie sich diesem gegenüber vor«, sagte Hoffmann zu Anders, dem Verbrecher einen Blick nachsendend. »Unterlassen Sie bei diesem keine Vorsicht, der Mensch scheint eine starke Natur zu haben. Seien Sie bei Verabreichung des Trankes immer selbst anwesend.«

Mann auf Mann überschritten die Laufbrücke, alle Kisten und Ballen auf Rücken oder Schulter tragend, die ganze Besatzung der ›Evangeline‹. Die Seeräuber, welche erst nur Lust an Mord und Vernichtung gefunden hatten, benahmen sich wie die Lämmer. Und Kapitän Hoffmann sorgte dafür, dass der Tod seiner fünf Matrosen gerächt wurde — wie damals deren Blut geflossen war, so rann jetzt der Schweiß in Tropfen über die Stirnen ihrer Mörder.

Der Ingenieur war im Besitz eines Mittels, welches ihm die unbändigsten Naturen zu Willen machte — kein Geheimmittel, sondern dasselbe, mit welchem sich einst die osmanischen Eroberer ihre fanatischen Anhänger erwarben, dasselbe, welches noch jetzt von den Zauberern einiger afrikanischen Stämme verwendet wird, wollen sie dienstbare Werkzeuge haben, worauf schon einige Afrikareisende hinwiesen, doch davon später mehr.

Kapitän Hoffmann blieb selbst einige Tage auf der Insel, wo es jetzt wie in einem Ameisenhaufen wimmelte, und leitete einige Arbeiten persönlich.

Als er am vierten Tage von seinem Freunde Abschied nahm, fragte dieser:

»Wann gedenken Sie zurückzukehren, um die letzte Hand ans Werk zu legen?«

»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen«, war die Antwort, »meine Reise führt mich jetzt erst nach Australien, wohin dann, weiß ich noch nicht. Ein Versprechen hindert mich noch, den ›Blitz‹ nach eigener Willkür zu lenken. Habe ich dies erst gelöst, dann wollen wir uns die Könige des Meeres nennen, nichts soll uns hemmen; frei wollen wir die Wogen durchstreifen, der ›Blitz‹ soll seinem Namen Ehre machen.«

*

Es war in der Nacht, als aus derselben Höhle, in welcher das Vollschiff eingelaufen war, gleich einem feurigen Ungeheuer ein mächtiger Gegenstand herausfuhr. An allen Seiten hatte das Ungetüm glühende Augen, vorn spie es ein Flammenmeer aus, und auch das Kielwasser leuchtete in unzähligen Lichtern auf.

Wie ein Blitzstrahl schoss es davon, den Blicken des von einer Felswand aus Nachschauenden bald in der Ferne entschwindend.

* * * * *

II.11. Im unterirdischen Gang

Wie ihm der Detektiv geheißen, lag Hannes bewegungslos in dem Gebüsch und ließ sowohl die Hintertür des Häuschens, als auch den Eingang zum Garten nicht aus dem Auge.

Es war zwar eine sehr dunkle Nacht, der Himmel war bedeckt, sodass weder der Mond, noch die Sterne die Gegend erhellen konnten, aber das Auge des Seemanns ist gewöhnt, die Dunkelheit zu durchdringen, seine Beschäftigung, welche sich weder an Tag, noch Nacht bindet, bringt dies mit sich.

Von dem Detektiven hörte Hannes ebenso wenig wie von seinen Kameraden. Aber um diese brauchte er keine Sorge zu haben, unter Nick Sharps Leitung wusste er sie sicher aufgehoben. Jedenfalls belauschten sie erst das unterirdische Treiben und würden dann schon etwas tun, um den unheimlichen Gesellen im Innern der Erde über den Hals zu kommen, und Hannes hoffte nur, dass auch er bei Ausführung desselben dabei sein könnte.

Eine halbe Stunde mochte so im Warten vergangen sein, als sich die Tür des Hauses öffnete und eine Gestalt vorsichtig heraustrat.

Hannes wäre fast in einen Ruf des Erstaunens ausgebrochen, denn dieser Mann konnte niemand anders sein als Nick Sharp, er hatte dieselbe Größe und dieselbe Figur, und wie er jetzt, den Kopf etwas zur Seite und vornüber gebeugt, lauschend dastand, hätte er darauf schwören können, den Detektiven vor sich zu sehen.

Aber wie kam dieser in das Haus? Hatte er einen unterirdischen Gang gefunden, der in dasselbe führte, oder war er durch die Vordertür in dasselbe getreten?

Hannes wusste nicht, was er tun sollte, ob er den nun langsam durch den Garten Schreitenden anrufen oder ob er still daliegen sollte, wie ihm gesagt worden.

Aber als der Mann an ihm vorbeikam, hielt er ihn so sicher für den Detektiven, dass er sich nicht enthalten konnte, ein leises ›Pst‹ zu flüstern.

Hätte er auch noch mehr sagen wollen, er wäre nicht weiter gekommen.

Schneller konnte sich die auf ihr Opfer losschießende Schlange nicht bewegen als dieser Mann. Mit einem Sprunge stand er im Gebüsch, dicht vor dem Erschrockenen, lag im nächsten Augenblick über ihm und verhinderte den Matrosen, einen Schrei oder Pfiff auszustoßen.


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Hannes war kein Schwächling, er besaß Muskeln von Stahl und scheute sich so leicht vor keinem Gegner, aber diesem Manne gegenüber war er wie ein Kind.

Ehe er daran überhaupt hatte denken können, die Finger zum Munde zu führen, um einen Pfiff auszustoßen, pressten ihm schon zwei eiserne Hände Arme und Kehle zusammen, der Kopf ward ihm mit einem Knie in den Grasboden gedrückt, so fest, dass Hannes fast erstickt wäre, und im nächsten Moment lag er gebunden und geknebelt, wie ein Stück Holz bewegungslos am Boden.

Als er auf den Rücken gedreht worden war und der Mann das Gesicht über das seinige beugte, sah er erst ein, wie sehr er sich getäuscht hatte, als er in ihm den Detektiv vermutete. Er blickte in ein paar drohende Augen und finstere Züge, nur die Figur war ganz dieselbe wie die von Sharp.

»Was machst du hier?«, zischte der Mann durch die Zähne, seinen Mund dicht an das Ohr des Gefesselten bringend.

Es war natürlich eine vergebliche Frage, denn das Tuch, welches Hannes in den Mund gepfropft worden war, gestattete nur ein unartikuliertes Grunzen, aber der Matrose versuchte soviel wie möglich solche Töne auszustoßen, hoffend, dass sie das Ohr des Detektivs erreichen möchten.

Durch dieselbe Spalte, welche vorher den Durchgang der beiden gestattet hatte, huschte jetzt der Unbekannte hinaus, kam aber nach einigen Minuten wieder zurück.

Jedenfalls, so glaubte Hannes wenigstens, hatte er die Umgegend abgesucht, und er hoffte nur, dass er seine Freunde nicht gefunden hatte und dadurch misstrauisch geworden war.

Der Mann hob Hannes wie ein Kind vom Boden auf, nahm ihn in seine Arme und ging wieder vorsichtig in das Haus, schloss hinter sich die Tür und schritt eine Treppe hinunter, die in einen Keller führte, welcher sich durch nichts von dem eines anderen Hauses unterschied. Es war ein niedriges Bogengewölbe, an den Wänden kleine, vergitterte Fensterchen, so hoch gelegen, dass sie sich oben unter der Decke befanden. Also musste der Keller ziemlich tief sein.

Hannes wurde zu Boden gelassen, der Mann nahm von dem Simse eines Pfeilers einen Haken und steckte diesen in ein Loch, welches sich wie zufällig in der Wand befand. Es sah aus, als hätte sich dort etwas Mörtel losgebröckelt, aber der junge Bursche hörte, wie der Haken auf Eisen stieß und dasselbe Geräusch von sich gab, als würde ein Schlüssel im Schloss umgedreht.

Als der Mann sah, wie Hannes ihn beobachtete, überflog ein höhnisches Grinsen sein finsteres Gesicht.

»Pass gut auf, wie's gemacht wird«, lachte er leise, »damit du es später erzählen kannst! Aber sei unbesorgt, du wirst es niemandem verraten. Darauf kannst du dich verlassen.«

Dann stemmte der Mann die Schulter gegen die Wand, und plötzlich gab diese nach, eine Tür öffnete sich, und eine dunkle Öffnung ward sichtbar.

Wieder wurde Hannes auf die Arme genommen und durch die Spalte getragen, welche sich hinter ihnen schloss. Erst herrschte vollkommene Dunkelheit, sodass man die Hand nicht vor den Augen erkennen konnte, aber als der Mann eine kleine Blendlaterne in Brand gesetzt, sah der Leichtmatrose, dass sie sich in einem schmalen Gange befanden, eben hoch genug, dass ein Mensch darin stehen konnte. Jedenfalls war es derselbe, in dem er vorher erst das Klopfen und dann die Schritte vernommen hatte.

Völlig geräuschlos bewegte sich der Mann mit seiner Bürde, die er gar nicht zu empfinden schien, vorwärts; von diesem konnte also das erst gehörte Geräusch des Gehens nicht herrühren, bis etwa hundert Meter vor ihnen ein schwacher Lichtschimmer auftauchte, und Hannes bei dem Scheine einer anderen kleinen Laterne einen Mann erkennen konnte, der gemächlich an einem Fasse lehnte.

Trotz seiner üblen Lage hatte der immer unverzagte Leichtmatrose noch Geistesgegenwart genug, sich über das zu orientieren, was sich seinen Blicken darbot.

Gerade über dem Fasse an der Decke bemerkte er eine kreisrunde Öffnung, welche jetzt mit einem Deckel verschlossen war. Er wurde von drei Riegeln gehalten; man brauchte diese also nur zurückzuschieben, so konnte er heruntergelassen werden, und man befand sich jedenfalls im Freien, gerade da, wo Hannes vorher mit seinen Kameraden gelegen hatte, obgleich er nichts von einem Deckel oder etwas Ähnlichem bemerkte. Aber natürlich war dieser oben mit Moos oder Graswuchs bedeckt.

Außerdem war unter dieser Öffnung noch eine Art Winde angebracht, wahrscheinlich, um etwaige Gegenstände, wie zum Beispiel dieses Fass, nach oben ins Freie zu befördern.

»Ein richtiger Fuchsbau«, dachte Hannes, »oder auch eine Räuberhöhle. Nun, die Sache ist noch nicht so schlimm, da oben liegen ja Sharp und meine Freunde, die werden diesen Kerlen schon die Suppe versalzen. Wenn ich nur erst den verdammten Knebel los wäre, die Sache wird mir bald langweilig.«

»Wen bringen Sie denn da, Tannert?«, fragte der Mann am Fasse, ohne besondere Überraschung zu verraten oder seine Stellung zu verändern.

»Einen Spion«, antwortete der Gefragte mürrisch. »Weiß der Teufel, wer auf unsere Spur gekommen ist und diesen naseweisen Burschen im Garten versteckt hat. Doch, wir können ihn ja selbst fragen, und wenn er nicht gesteht, dann ...«

Er brach mit dieser drohenden, nicht misszuverstehenden Bemerkung ab, brachte den Gefesselten in eine sitzende Lage und nahm ihm den Knebel aus dem Munde.

Hannes klappte ein paarmal die Kinnladen auf und nieder, als wolle er versuchen, ob seine Kauwerkzeuge durch die grobe Behandlung zur ferneren Tätigkeit nicht unbrauchbar geworden wären.

»Nun, sprich, Bursche!«, herrschte ihn der mit Tannert Angeredete barsch, aber doch mit vorsichtig gedämpfter Stimme an. »Was hattest du in unserem Garten zu suchen?«

Hannes hatte seine Fassung keinen Augenblick verloren, vielmehr sich schon längst auf diese Frage vorbereitet.

»Kennen Sie die Lucy?«, fragte er im ruhigsten Tone von der Welt.

Die beiden Gefährten sahen sich verwundert an, dann aber nahm Tannert wieder mit drohender Stimme das Wort:

»Was soll das? Willst du Spott mit uns treiben? Dann lass dir gesagt sein, dass wir Mittel kennen, dir deine Alberei auszutreiben und dich zu zwingen, uns die lautere Wahrheit zu gestehen.«

»Tun Sie doch nicht so, als ob Sie die Lucy nicht kennten«, entgegnete Hannes unbesorgt, »ich weiß doch, dass sie hier wohnt. Sie selbst hat es mir ja gesagt und mich hierher bestellt. Das hätte ich ihr allerdings nicht zugetraut.«

»Was hättest du ihr nicht zugetraut?«

»Dass Lucy mich so treulos verraten würde«, fuhr Hannes mit erhobener Stimme fort und machte dazu ein ganz jämmerliches Gesicht.

»Flunkere uns nichts vor!«, fuhr ihn Tannert an. »Sprich wer hat dir aufgetragen, dich hier zu verstecken?«

»Aber, was soll ich anders sagen, als was wahr ist?«, jammerte Hannes und zog dabei ein furchtbar dummes Gesicht, wie nur er es konnte. »Sie hat mich auf elf Uhr hier in den Garten bestellt, und da habe ich denn auch zwei geschlagene Stunden gelegen, bis Sie mich unglücklicherweise erwischt haben.«

»Hast du denn nicht gesehen, dass ein Mann aus der Tür kam und nicht ein Mädchen?«, fragte Tannert weiter.

»Wie sollte ich denn? Es war ja so dunkel, dass ich nicht einen Schritt weit sehen konnte. Sonst hätte ich doch wohl auch nicht ›Pst‹ gerufen, wenn ich nicht glaubte, es wäre Lucy.«

»Der Bursche hat recht«, lachte der Andere leise, »Tannert, der Bursche beschämt mit seiner Dummheit Euren vielgerühmten Scharfsinn.«

»Wie kommst du nach Townville?«, fragte Tannert.

»Ich bin an Bord der ›Kalliope‹«, log Hannes.

»Wie lerntest du Lucy kennen?«

»Gestern Abend auf Pollacks Tanzlokal.«

»Und sie hat dich hierher bestellt?«

»Freilich. Sie sagte, sie wohnte im vierten Hause rechts vom Zollgebäude. Dort sollte ich um elf Uhr im Garten versteckt liegen.«

»Dieses Haus liegt aber links vom Zollgebäude.«

Mit weitaufgerissenen Augen starrte Hannes den Sprecher an.

»Donnerwetter«, rief er endlich, »dann hat sie sich entweder versprochen oder ich weiß nicht mehr, was links und rechts ist. Nun kann ich mir alles erklären.«

Bis jetzt war das Verhör in Englisch geführt worden, nun aber sagte Tannert zu dem Leichtmatrosen plötzlich auf Spanisch:

»Es ist gut, Bursche, wir glauben dir, du kannst gehen.«

Er beobachtete dabei scharf das Gesicht des Gefangenen, aber in dessen Zügen war keine Spur davon zu finden, dass er die freudige Botschaft verstanden hatte.

Und doch hatte Hannes verstanden. Er war der spanischen Sprache zwar nicht mächtig, aber er war doch schon öfter mit spanischen Seeleuten zusammen gefahren und hatte genügende Kenntnisse in dieser Sprache gewonnen, um sie, wenn auch nicht sprechen, so doch den Sinn eines Satzes begreifen zu können.

Aber Hannes war schlau. Er ahnte sofort, dass der plötzlich auf Spanisch gesprochene Satz nur eine Falle war, und er hütete sich, sich den Anschein zu geben, als hätte er die Worte verstanden.

Dass er richtig vermutet hatte, zeigte sich sofort in dem Zwiegespräch, welches sich zwischen den beiden entspann.


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»Der Bursche versteht kein spanisch, Montreuil«, sagte Tannert, »was ist Eure Meinung? Können wir seinen Aussagen trauen?«

»Ich glaube, ja, der Kerl scheint nicht gerade mit besonderen geistigen Fähigkeiten ausgestattet zu sein, sein ganzes Benehmen verrät es; er müsste denn gerade ein ausgezeichneter Schauspieler sein. Aber nun die zweite Frage: Wie entledigen wir uns seiner auf möglichst geräuschlose Art?«

»Ich dächte, ein Paar Zoll kaltes Eisen verrichteten diesen Zweck vollkommen«, lachte Tannert heiser.

Hannes musste sich zusammennehmen, um nicht durch den Ausdruck seines Gesichtes zu verraten, dass er doch den Sinn dieser Drohung verstanden hatte. Erst neunzehn Jahre alt und schon sterben! Ja, wenn es auf dem Meere in seinem Berufe oder auch im Kampfe gewesen wäre, aber so in einem Keller abgeschlachtet werden — nein, das war nicht nach seinem Geschmack.

Hilf Himmel; jetzt wurde es aber Zeit, dass ihm der Detektiv oder die Mannschaft der ›Kalliope‹ zu Hilfe kam.

»Es ist nicht gut, wenn er hier verschwindet«, meinte der mit Montreuil Angeredete immer noch auf spanisch, »seine Kameraden würden ihn vermissen und nach ihm forschen. Vielleicht hat er ihnen gesagt, wohin er sich begibt, und sie werden dort nach ihm fragen. Allerdings liegt das Haus links vom Zollgebäude und nicht rechts, aber es ist dennoch das vierte. Leicht könnten sie dann auf die Spur kommen.«

»Dann lassen wir ihn einfach dort verschwinden«, sagte Tannert und machte eine Kopfbewegung nach rückwärts, der Tür des finsteren Ganges zu.

»Das ginge allerdings, ein paar Steine an den Füßen genügen schon. Gut, das wollen wir tun. Wir knebeln ihn wieder, und schaffen ihn mit nach vorn, das Boot kommt erst in einer halben Stunde, um das Fass ...«

Ein heftiges Pochen unterbrach den Sprecher.

Beide horchten gespannt auf, und als das Pochen nicht nachließ, sondern immer lauter wurde, sahen sie sich fragend an. Auch Hannes wusste, woher dieses Geräusch rührte, am Haupttor des Hauses wurde der eiserne Klopfer bewegt.

»Was ist das?«, fragte Montreuil, eine Unruhe nicht verbergen könnend. »Wer mag noch so spät in der Nacht Einlass in dieses Haus begehren? Sollte etwa der Bursche da ...«

Ein furchtbarer Blick streifte den Gefesselten.

Aber das Klopfen ließ nicht nach, es wurde nur stärker.

»Schnell nach oben«, flüsterte Tannert, »sonst zertrümmern sie uns die Tür. Unglücklicherweise habe ich im Vorzimmer Snatchers Sachen liegen lassen, und die dürfen nicht gefunden werden. Seht nach, wer klopft, ich bleibe hier.«

»Aber was soll ich sagen?«

»Sagt, Ihr wäret abgeschickt vom Eigentümer dieses Hauses, um es auf seine Bewohnbarkeiten zu inspizieren, und wäret diese Nacht hiergeblieben.«

»Wie heißt der Besitzer?«

»Cornell, nur fort, ehe sie die Tür sprengen! Es werden betrunkene Matrosen sein. Seid grob mit ihnen, das wirkt bei diesen Leuten am meisten.«

Montreuil eilte davon, Tannert und den Gefangenen zurücklassend.

Ersterer begab sich bis zur Tür des Ganges und blieb dort lauschend stehen. Die Wände waren nicht stark genug, um ihm das Gespräch entgehen zu lassen, welches zwischen seinem Gefährten, der die Haustür geöffnet hatte, und einigen draußen stehenden Leuten stattfand.

»Donner und Doria«, rief eine mächtige Bassstimme, »wenn Ihr jetzt nicht die Tür geöffnet hättet, so würde ich sie eingetreten haben. Zum Henker, was müsst Ihr für einen gesunden Schlaf haben.«

»Was fällt Euch ein, Mann«, hörte Tannert seinen Kollegen entrüstet sagen, »einen Bürger von Townville in der Nacht aus dem Schlafe zu wecken? Schert Euch fort, oder ich spreche anders mit Euch. Das ist kein Bierhaus hier.«

Er wollte die Tür zuschlagen, aber der Außenstehende, jedenfalls ein Seemann, hatte schon seinen Fuß zwischen die Spalte gesetzt.

»Oho«, lachte er, »so kurz kommt Ihr nicht ab, so wahr ich der Bootsmann von der ›Kalliope‹ bin. Wo ist Hannes, unser Leichtmatrose? Zum Teufel mit Euch, wenn Ihr ihn nicht freigebt!«

»Fort, sage ich Euch«, brüllte Montreuil, »oder Ihr habt eine blaue Bohne zwischen den Rippen. Was gehen mich Kalliope und Hannes an, ich kenne alle beide nicht.«

»Wagt Euch, zu schießen«, hörte der Lauscher wieder die Bassstimme, »hier stehen zehn Matrosen von der ›Kalliope‹, und in demselben Augenblick, da Ihr mit dem Dings da knallt, habt Ihr ebenso viel Klingen im Leibe. Wo ist der Leichtmatrose frage ich noch einmal! Antwortet, oder wir erzwingen uns den Eingang in das Haus und untersuchen es von oben bis unten.«

»So nehmt doch Vernunft an, Mensch!«, sagte jetzt Montreuil in besänftigendem Tone, denn es lag ihm viel daran, zu seinem Gefährten zurückzukehren, weil beider Kräfte bald zu gemeinsamer Arbeit gebraucht wurden. »Ich sage Euch, ich kenne den Hannes gar nicht, weiß überhaupt nicht, was Ihr wollt.«

»Hier wohnt doch die Lucy?«

Montreuil atmete auf. So hatte der Bursche sie doch nicht belogen, alle seine Angaben waren wahr gewesen. Aber nun war es zu spät, jetzt durfte er nicht mehr herausgegeben werden, denn schon hatte er zuviel gesehen und gehört, was des Verrates wert war.

Deshalb musste er die Tatsache ableugnen.

»Die Lucy? Nein«, antwortete er, »dieses Haus ist eigentlich unbewohnt, ich halte mich nur vorübergehend einmal darin auf — es gehört meinem Herrn, Mister Cornell. Aber halt, da fällt mir etwas ein. Ich kenne allerdings ein Mädchen, Namens Lucy, eines Gärtners Tochter, aber diese wohnt im vierten Hause rechts vom Zollgebäude, während dies das vierte links davon ist. Daher mag der Irrtum kommen. Fragt einmal, dort werdet Ihr wohl Euren Hannes finden.«

Der Bootsmann lachte höhnisch auf.

»Hahaha, haltet Ihr mich aber für einen Dummkopf. Gerade dasselbe haben sie mir dort auch gesagt, nur links statt rechts und rechts statt links. Zum Teufel mit Euch, glaubt Ihr, ich weiß nicht mehr, was Back- und Steuerbord ist? Heraus mit ihm, oder wir zünden Euch das Gerümpel über dem Kopfe an! Mag er dann meinetwegen verbraten und mit Euch zur Hölle fahren.«

Der horchende Tannert knirschte vor Wut mit den Zähnen.

Er hielt die Uhr in der Hand und beobachtete die fortlaufenden Zeiger.

Schon war die Zeit gekommen, auf welche sie die ganze Nacht gewartet hatten, und dieses Gespräch da oben fand noch immer kein Ende. Der Bootsmann gab sich nicht zufrieden, noch immer hielt er den Fuß zwischen der Türspalte und gab mit Fragen nicht nach.

Ein Schuss hätte den Störenfried wohl beseitigt, aber dann hätten seine Kameraden Lärm geschlagen, die Polizei wäre alarmiert worden, sie hätten wohl gar selbst das Haus gestürmt. Das alles musste vermieden werden; bei der heutigen, nächtlichen Arbeit, die sie noch auszuführen hatten, mussten sie durchaus unbelästigt bleiben.

Da endlich, endlich war dieser verfluchte Bootsmann davon überzeugt, dass der gesuchte Hannes sich nicht in diesem Hause befand, er zog den Fuß zurück, und sofort fiel die Tür ins Schloss.

Dann bewegte sich wieder die Kellerwand, und Montreuil huschte zu seinem Gefährten in den Gang.

»Eine Viertelstunde schon zu spät«, knirschte Letzterer, »weiß der Teufel, was diesen geschwätzigen Kerl gerade heute hierher geführt hat. Aber Hannes, dieses Goldsöhnchen, soll dafür büßen. Er wird noch diese Nacht Bekanntschaft mit den Fischen machen. Nun schnell, das Boot wird schon warten, den Burschen befördern wir erst dann ins Jenseits.«

Unter diesen Worten war er den Gang hinuntergeeilt, aber kaum beleuchtete der schmale Strahl der Blendlaterne den Platz, an dem vorhin das Gespräch stattgefunden hatte, als beide entsetzt zurückprallten.

Das Fass stand noch da, aber der Gefangene war verschwunden.

Blitzschnell schweiften die Augen der Männer durch den Gang, dem Scheine der Laterne folgend — er war leer, wendeten sich nach oben, dem Deckel zu — die Riegel waren noch ebenso, wie vorher, durch die Öffnung geflohen konnte Hannes also nicht sein. Dann begegneten sich ihre Blicke.

»Was ist das?«, fragte Montreuil mit allen Zeichen der Angst. »Steht der mit dem Satan im Bunde?«

»Unsinn«, entgegnete Tannert, sich vor die Stirn schlagend, »ich habe eine Ahnung. Das Gespräch vorhin war nur Spiegelfechterei, um uns von hier fortzulocken. Unterdessen ist der Bursche befreit worden.«

»Wie aber? Der Deckel ist oben mit Grasboden belegt. Kein menschliches Auge kann den Platz finden, wo er liegt. Selbst ich, der ihn kennt, muss immer lange suchen, ehe ich ihn finde.«

»Ich wüsste jemanden, der ihn sofort fände«, murmelte Tannert und, dann laut sprechend, sagte er: »Doch zerbrechen wir uns jetzt nicht darüber den Kopf, auf welche Weise er verschwunden ist, es ist eben eine Tatsache. Jetzt schnell fort mit dem Fass; es ist ein Glück, dass sie uns dieses gelassen haben, sonst könnten wir unser Testament machen. Hahaha, hätten sie gewusst, was sein Inhalt ist.«

Er musterte die Aufschrift: ›Gesalzenes Schweinefleisch‹, und untersuchte die Plombe, das Zeichen der Zollbehörde tragend.

»Alles unverletzt«, murmelte er.

Beide Männer kanteten das ziemlich schwere Fass um und rollten es vorsichtig durch den Gang.

»Warum soll der Mann wohl nicht gleich getötet, sondern erst nach Sydney gebracht werden?«, meinte Montreuil während dieser Beschäftigung.

»Weiß nicht«, war die Antwort, »soll wahrscheinlich erst noch irgend eine Aussage tun. Hätten wir ihn nur erst glücklich an Bord!«

Als sich die Kellertür hinter ihnen geschlossen hatte, wurde auf der anderen Seite des eigentlichen Kellergewölbes ebenfalls auf diese Art die Wand geöffnet, und wieder ein Gang tat sich auf, der schließlich am Hafen in einer nicht mehr gebrauchten Schleuse endete, von dieser aber noch durch eine Tür getrennt ward, welche sich von der Wand nicht abhob.


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Durch diese wurde das Fass gerollt, bis sie dicht vor dem Wasser standen, wo ihrer bereits ein Boot wartete, welches sowohl die beiden Männer, als auch das Fass aufnahm.

* * * * *

II.12. Auf Freiwache

Die vor dem Steuerrad hängende Schiffsglocke des ›Amor‹ gab vier Doppelschläge von sich, das heißt in der Seemannssprache, es wurde acht Glasen geschlagen, was wiederum um vier, um acht oder um zwölf Uhr bedeuten kann, da die Zeit auf den Schiffen in sechsmal vier Stunden oder in sechs ›Wachen‹ eingeteilt ist. Diesmal war es nachts um zwölf Uhr, der ›Amor‹ bereits seit fünf Tagen unterwegs, die Mannschaft ging also ›Seewache‹.

Gleichzeitig gellte ein Pfiff aus der Bootsmannspfeife des zweiten Steuermanns, John Davids, und der gewöhnliche Ruf erscholl:

»Backbordwache zur Koje, Steuerbordwache an Deck!«

Sofort kletterten aus einer Luke die englischen Herren und lösten ihre Kameraden ab, allen voran Lord Hastings, in einem weiten Ölmantel und hohen Seestiefeln, der dem zweiten Steuermann das Kommando abnahm, nachdem er sich erst vom Stande der Segel, von der Richtung des Windes und der Stellung des Kompasses überzeugt hatte.

Ebenso wurden Marquis Chaushilm vom ›Ausguck‹ am Bugspriet abgelöst, desgleichen Hendriks hinten vom Steuer und alle vierzehn Mann, darunter auch Hannes, trotz ihres guten, wasserdichten Ölanzuges bis auf die Knochen durchnässt, wie man sagt, verschwanden im Zwischendeck, um sich erst umzuziehen und dann zu schlafen, aber vorher noch etwas zu plaudern.

Es war stürmisches Wetter gewesen, der Seegang war zwar nicht mehr so schlimm, aber er hatte doch noch genügt, das Deck des niedrigen ›Amor‹ fortwährend mit Wasser zu überspülen, und die ›überkommenden‹, d. h. die überspritzenden Wogen hatten die Männer tüchtig durchnässt.

Es wurde auf dem ›Amor‹ mit dem Dienst bei weitem nicht so scharf genommen wie auf der ›Vesta‹. Auf diesem Schiff gingen die Wachen regelmäßig durch, Tag oder Nacht musste immer die eine Hälfte der Mädchen an Deck sein, in diesem wollten sie den Seeleuten nicht nachstehen.

War das Wetter nur einigermaßen schön, so blieben auf dem ›Amor‹ bei Nacht beide Wachen unter Deck, nur dass die eigentliche Wache angezogen bleiben musste. Der Posten am Steuer, auf dem Ausguck und der Steuermann wurden natürlich immer regelmäßig abgelöst.

Wenn vom Wetter oder Winde dagegen Gefahr zu befürchten war, so duldete Lord Harrlington eine derartige Bequemlichkeit nicht, dann mussten alle Mann der Wache an Deck bleiben, um bei einer Gefahr oder einem Manöver gleichzeitig und sofort bei der Hand zu sein, nicht, dass sie erst einzeln aus dem Schlafe gerüttelt werden mussten und dann schlaftrunken an Deck erschienen.

Lord Harrlington selbst ging immer mit gutem Beispiel voran. Er besaß dasselbe Recht wie jeder andere Kapitän, d. h., er befand sich am Tage immer auf seinem Posten und war während der Nacht jeden Augenblick bereit, seine Kleider überzuwerfen und an Deck zu eilen. War das Wetter nur einigermaßen schlecht, so schlief er auch während der Nacht angekleidet auf dem Sofa im Kartenhäuschen, neben sich den Kompass.

Es gibt Kapitäne, welche während einer Reise prinzipiell niemals das Kartenhaus verlassen, von dem aus sie alles beobachten können, Segel, Wind und Kompass, welche niemals ein anderes Lager haben, als das lederne Sofa, und niemals aus den Kleidern kommen, es sei denn zum Wechseln, und wenn die Reise monatelang dauerte.

Jeder der Herren warf, ehe er unter Deck verschwand, noch einen Blick nach den farbigen Lichtern, welche nicht weit vor dem ›Amor‹ sichtbar waren. Es waren die der ›Vesta‹.

Auf dieser war die Ablösung eben ganz genau so vorgegangen, wie auf dem ›Amor‹. Die Herren hatten die Schiffsglocke, den schrillen Pfiff und selbst das Kommando deutlich vernehmen können, jetzt wechselten die Mädchen ebenso ihre Rollen, die Steuerleute übergaben sich das Schiff, für das sie während der vier Stunden verantwortlich waren, und die abgelösten, jungen Mädchen begaben sich jetzt auch unter Deck, ganz genau so durchnässt wie die Herren, und dort auf der Kommandobrücke im Kartenhäuschen lag die Kapitänin auf dem Sofa und ließ sich hin- und herwiegen.

»Oh, oh«, seufzte Chaushilm, als er sich im Gange des Zwischendecks die Stiefel auszog und diese in einem Eimer ausgoss, »und das nennt nun der Mensch ein Vergnügen. Oben nass, an den Seiten nasser, und unten am allernassesten.«

»Holen Sie sich nur keinen Schnupfen«, meinte Hendricks, der mit gespreizten Beinen dastand und seinen Freund hielt, damit er bei dem schwierigen Experiment des Stiefelausziehens nicht umfiel, denn der ›Amor‹ schlingerte heftig, »aber sagen Sie einmal, verehrter Herzog, haben Sie denn eigentlich mit Ihren Stiefeln den Ozean ausschöpfen wollen? Das sprudelt ja heraus, wie bei einem Wasserfall. Sind sie nicht wasserdicht?«

»Das schon, aber stehen Sie einmal zwei Stunden auf dem Ausguck, da fließt ja das Wasser immer von oben herein. Und wären die Stiefel auch noch so hoch wie die Peterskirche zu Rom, voll werden sie doch.«

In diesem Augenblicke kam Hannes vorüber und hatte die Bemerkung des Herzogs gehört. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Dagegen gibt es aber ein sehr einfaches Mittel, Chaushilm«, sagte er — er nannte niemanden bei seinem Titel. »Kennen Sie das nicht?«

»Nein, was denn?«

»Sie schneiden einfach die Seestiefel unten an beiden Seiten auf.«

»Dann läuft aber doch noch mehr Wasser hinein!«

»Durchaus nicht. Auf der einen Seite läuft es hinein und zur anderen wieder hinaus, so hat man nie Wasser im Stiefel, und der Fuß bleibt immer trocken.«

»Das ist ein sehr fauler Witz. Meinetwegen können Sie das tun, ich mach's nicht. Hendricks, halten Sie den Wassereimer fest, er fällt.«

Aber es war geschehen, das Schiff hatte einigermaßen heftig übergeholt, der Eimer war umgefallen, und das Wasser rauschte im Zwischendeck hin und her und ergoss sich über die Strümpfe des Marquis.

»Na, das macht nun auch weiter nichts«, meinte dieser, »es plätschert so schon durch die Luken wie ein Platzregen herab, und nass bin ich nun einmal. Nun will ich mich aber auch noch inwendig anfeuchten. Hendricks, leisten Sie und Williams mir nachher Gesellschaft bei einem Glas Grog?«

»Tut mir leid, wir beide und Lord Stevenson haben schon Harrlington versprochen, nach der Ablösung noch für eine Stunde mit ihm im Kartenhaus zu plaudern.«

»Harrlington ist verrückt, die ganzen Nächte da oben auf dem Sofa zu liegen. Die Knochen müssen ihm ja lahm werden. Gute Nacht denn, ich gehe in meine Kabine.«

Er ging, während sich einige der jungen Leute zur fröhlichen Unterhaltung im Kartenhaus zusammenfanden. Der Morgen versprach, schön zu werden, und so konnte man hoffen, dass die Wache um vier Uhr nicht wieder vollzählig abgelöst zu werden brauchte.

Eine Stunde später trennten sich auch die Herren, um sich, wie die Übrigen schon getan hatten, zur Ruhe zu begeben.

Als Charles die Tür seiner Kabine öffnete, blieb er, erstaunt über den Anblick, der sich ihm bot, stehen.

Vor dem großen Toilettenspiegel stand sein Diener Hannes, an den Füßen noch immer die Seestiefel, den Oberkörper in Williams schwarzen Frack gezwängt, bemühte er sich eben, auf seine großen Hände weiße Glacéhandschuhe zu streifen, natürlich ebenfalls die seines Herrn. Als ihm dies endlich nach ungeheurer Anstrengung gelungen war, setzte er seines Herrn besten Zylinderhut auf den Kopf und betrachtete sich nun mit unendlichem Wohlgefallen im Spiegel, sich hin- und herbewegend, sodass der Frack in allen Nähten krachte.

Williams hatte er noch nicht bemerkt.


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Dann räusperte er sich wiederholt, nahm mit einer zierlichen Verbeugung den Zylinder vom Kopfe, schwenkte ihn graziös hin und her, kratzte mit dem Fuß nach hinten aus, räusperte sich wieder und begann zu deklamieren:


Süße Betty, holdes Wesen,
Bin schon längst dir gut gewesen.
Aber mündlich dir's zu sagen,
Dies zu tun, konnt ich nie wagen
Deiner Augen, nächtig dunkel,
Sinnverwirrend Prachtgefunkel
Hat es so mir angetan, Dass ich ...


»Wo haben Sie dieses Lied gelesen, Sie Unglücksmensch«, wurde er plötzlich von einer heftigen Stimme unterbrochen und dabei am Arme gepackt.

Ruhig wandte Hannes den Kopf zur Seite, blickte in das gerötete Gesicht seines Herrn, deutete mit dem Daumen über die Schulter nach dem Schreibtisch und sagte gelassen:

»Dort in dem Buche.«

»In meinem Tagebuche? Wie können Sie sich unterstehen, darin zu lesen?«

»Warum denn nicht? Da ist doch weiter nichts dabei.«

»War das Buch nicht in der Schublade?«

»Allerdings, ich hätte es auch nachher wieder hineingetan«, war die unverzagte Antwort.

»Aber wie in aller Welt können Sie nur wagen, meinen Schreibtisch ohne Weiteres zu öffnen?«

»Schließen Sie ihn doch ein andermal zu.«

»Wissen Sie nicht, dass man in einem Tagebuch die größten Geheimnisse niederschreibt, die für das Auge keines anderen Menschen bestimmt sind?« »Nein«, sagte Hannes im Tone der vollsten Aufrichtigkeit.

»So merken Sie sich das für ein andermal! Versuchen Sie niemals wieder, in meinem Tagebuche zu lesen, ich könnte einmal sehr böse darüber werden!«

»Bah, Tagebuch«, sagte aber Hannes in wegwerfendem Tone, »das ist etwas für kleine Mädchen. Kein Matrose führt ein Tagebuch. Das Gedicht ist übrigens gar nicht so schlecht, es muss nur hübsch vorgetragen werden, so etwa, wie Sie es vorhin von mir gehört haben.«

Jetzt musste Williams doch lachen.

»So! Und ist es unbedingt nötig, dass man beim Vortrag Frack und Handschuh von jemandem anders anzieht?«

»Wollen Sie damit etwa eine Anspielung machen?«, entgegnete der unverwüstliche Hannes. »Ich will es ja gar nicht behalten, da haben Sie Ihr Gelumpe wieder.«

Damit zog er die weißen Handschuhe von den teerigen Fingern, streifte den Frack ab und warf alles auf das Sofa.

»Das muss ich Ihnen aber sagen«, fuhr er fort, »die Thomson wird sich riesig freuen, wenn Sie ihr die Verse vordeklamieren, ich glaube, die fällt vor Lachen auf den Rücken.«

»Still nun«, sagte Williams und setzte sich vor seinen Schreibtisch, »mit Ihnen ist doch nichts anzufangen. Nun seien Sie aber wenigstens so freundlich und packen Sie die Sachen wieder dahin, woher Sie sie genommen haben.«

»Natürlich, das ist meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, wie der Bootsmann von der ›Kalliope‹ immer sagte.«

Williams wollte lesen, aber nicht lange dauerte es, so wurde an der Wand der Nebenkabine gepocht. Dort war Marquis Chaushilm einquartiert.

»Williams, der Chaushilm drüben klopft«, meldete schon der dienstbeflissene Hannes an.

»Ich höre es«, entgegnete Charles und stand auf, »aber lassen Sie es sich nun endlich gesagt sein, es heißt Marquis Chaushilm und nicht bloß Chaushilm. Bei mir können Sie meinetwegen das Sir weglassen, ich mache mir nicht viel daraus, aber andere können es übel nehmen, wenn sie nicht mit ihrem Titel angeredet werden.«

»Ach was«, war die Antwort, »mich nennt auch niemand Herr Vogel, und das ist auch ganz richtig, denn auf dem Schiffe sagt man nicht einmal Herr Kapitän. Werde ich so einen Matrosen mit Marquis oder Herzog anreden, weiter fehlte nichts.«

»Was machen Sie eigentlich mit meinem Hute?«

Hannes hatte einen Zylinder in der Hand, aus dem Stahlfedern hervorsahen, und wickelte eben Segelleinwand darum.

»Ich repariere Ihren Chapeau klapp«, entgegnete er.

»Der ist nicht mehr zu reparieren, die Federn sind gebrochen. Außerdem heißt es nicht Chapeau klapp, sondern Chapeau claque.«

»Das habe ich auch gesagt, Chapeau klapp. Und der ginge nicht mehr zu reparieren? Da sind Sie aber schief gefahren. Jetzt wickle ich das Stück Segeltuch darum, nähe es hübsch sauber mit kleinen Stichen zusammen und pinsele es morgen früh mit Teer schwarz an. Dann setze ich ihn in die Sonne, und ist er getrocknet, so können Sie mich mit ihm in die feinste Gesellschaft begleiten.«

»Na, na«, lachte Williams, »so sehr fein wird die Gesellschaft wohl nicht sein dürfen.«

»Machen Sie nur, dass Sie hinauskommen, sonst pocht Chaushilm noch die Wand ein, der hat wieder einmal zu viel Grog getrunken.«

Gehorsam folgte Charles der Aufforderung.

Wie gewöhnlich lag Chaushilm, neben sich ein Tischchen mit dem dampfenden Grogglas, auf dem Sofa und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen.

»Nun lieber Herzog, was haben Sie für Schmerzen?«, begann Charles, seinem Freunde gegenüber Platz nehmend.

»Sie haben recht, wenn Sie von Schmerzen sprechen, mein lieber Williams«, seufzte Chaushilm, »eine schier unerträgliche Pein wütet in meinem Innern.«

»O, o«, bedauerte Charles, »Leibschneiden? Warten Sie, ich hole Magentropfen, die werden Ihnen ausgezeichnet bekommen, das heißt, wenn sie Hannes nicht schon alle ausgetrunken hat.«

»Seien Sie nicht so unausstehlich«, war die unwillige Antwort. »Unterlassen Sie wenigstens dies eine Mal Ihre mutwilligen Scherze! Sie wissen recht gut, dass man die Schmerzen des Herzens ebenso wenig durch Scherze, wie durch Magentropfen kurieren kann.«

»Schmerz, Herz, Scherz; Herzog, Sie sind zum Dichter geboren, die Reime sprudeln Ihnen nur so über die Lippen. Aber was ist es denn, was Sie noch nach Mitternacht, nach harter Arbeit, munter hält? Haben Sie keine trockenen Strümpfe angezogen? Unter Umständen kann sich ein heftiger Schnupfen den Weg bis zum Herzen bahnen und sich dort festsetzen.«

»Wenn Sie mich ärgern wollen, so lassen Sie mich lieber allein, Williams, ich bin heute nicht zu Späßen aufgelegt«, rief Chaushilm ärgerlich.

Aber Charles wusste, dass ihn der Herzog nicht gehen ließ, wenn er auch noch ganz anders mit ihm umgesprungen wäre, bevor er ihm nicht das neueste, süße Geheimnis seines Herzens mitgeteilt hatte. Nach einer kleinen Pause begann Chaushilm von selbst damit.

»Wissen Sie nicht, haben Sie nicht erraten, welche Empfindungen mich bewegen, welche Träume mich im Wachen umschweben, was mich bald in Klagen, bald in Jauchzen ausbrechen lässt? Charles, mein bester Freund, Sie wissen doch alles, haben Sie es noch nicht erraten?«

Williams schmunzelte.

»Doch jetzt kann ich es mit Bestimmtheit sagen.«

»Sprechen Sie es aus«, rief der Herzog enthusiastisch, »lassen Sie mich mein Glück von den Lippen eines anderen hören! Es ist so schön, einen Mitwisser eines süßen Geheimnisses zu haben, um welches man beneidet wird.«

»Dazu aber muss ich zwanzigmal raten dürfen?«

»Zwanzigmal? Ich verstehe nicht, warum gerade zwanzigmal?

»Das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, lieber Herzog. Sehen Sie, 25 Damen sind auf der ›Vesta‹, in fünf waren teils Sie, teils waren diese in Sie verliebt, also bleiben gerade noch zwanzig, denen dieses Glück ebenfalls zu teil werden kann.«

»O, spotten Sie nicht«, rief Chaushilm, »die eine, nur die eine ist es, deren teuren Namen Sie mir nennen sollen. Aber ich will Ihnen auf die Spur helfen. Haben Sie damals, am letzten Tage in Townville, den wir alle zusammen gesellig in einem Kaffeegarten verbrachten, nicht gemerkt, wie mich Miss Nikkerson immer anlächelte, während ich mich mit ihr unterhielt? Ach, sie lächelte so unendlich liebevoll.«

»Allerdings«, entgegnete Charles, »aber ich weiß auch, warum sie so unendlich liebevoll lächelte. Während sie sich mit Ihnen unterhielt, war Miss Staunton so liebevoll, Ihren Rockzipfel in das Klavier einzuklemmen, an das Sie sich gerade lehnten, und dann abzuschließen. Sie bezeichneten den Hannes als den Übeltäter, und dieser war auch dumm genug, die Schuld auf seinen Rücken zu nehmen. Darum musste Miss Nikkerson immer so lächeln, und nun, Herzog, sehen Sie mich nicht so entsetzt an.«

»Das Geisterschiff«, hallte plötzlich der Ruf an Deck und überhob Williams der Aufgabe, Chaushilms Verteidigungsrede anhören zu müssen.

Wer noch nicht in der Koje lag, stürzte durch die Luke nach oben, und wer sich recht dazu hielt, konnte den grauen Schatten vorbeihuschen sehen. In der nächsten Minute war er den Blicken aller entschwunden.

»Hagel und Haubitzen, der hat's eilig«, meinte Charles, als er wieder in seine Kabine zurückkehrte, in der er noch Hannes vorfand, auf dem Sofa sitzend, an dem Zylinder seines Herrn nähend.


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»Wollen Sie noch nicht schlafen gehen?«, fragte Charles.

»Nein, noch nicht, aber wenn Sie schlafen gehen wollen, meinetwegen brauchen Sie sich nicht zu genieren.«

»Danke sehr, Sie sind außerordentlich freundlich. Warum waren Sie jetzt nicht mit oben und haben sich das Geisterschiff angesehen?«

»Das interessiert mich nicht. Überhaupt eine dumme Bezeichnung, Geisterschiff! Was ist denn da so besonders Merkwürdiges daran. Haben Sie noch niemals eine Lokomotive gesehen, die ohne Dampf fährt? In jeder großen Stadt gibt es jetzt solche.«

»Aber auf diesem Schiffe sind keine Menschen.«

»Zu sehen«, ergänzte Hannes, »das allerdings nicht, aber was ist da weiter dabei? Wenn man um solch eine Lokomotive einen Blechmantel legt, dann kann man niemanden darauf sehen.«

Nach einer kleinen Pause fragte Williams wieder:

»Was macht Ihr neuer Kollege?«

»Der schläft in meiner Koje wie ein Murmeltier, der arme Kerl hat's aber auch nötig. So gejagt und gehetzt, wie der worden ist! Da soll man wohl nicht ein paar Tage ohne Unterbrechung schlafen können?«

»Wir werden noch manche Unannehmlichkeit seinetwegen erdulden müssen.«

»Macht weiter nichts! Das Fest bei Pollacks, welches wir für ihn bekommen haben, wiegt alles andere auf. Schade, dass Sie nicht dabei waren, Williams, Sie hätten sich köstlich dort amüsiert. Bier und Wein die schwere Menge, und Mädchen in Hülle und Fülle, ich habe mir die Stiefelhacken schiefgetanzt.«

»Tanzen Sie denn auf den Hacken?«

»Denken Sie vielleicht auf den Händen?«

»Das nicht, aber ich dachte, man drehe sich beim Tanzen auf den Zehenspitzen.«

»Das tun nur die Landratten, die wissen eben nicht, was manierlich ist. Seeleute drehen sich nur auf den Hacken herum.«

»Hat sich Miss Staunton auch auf den Hacken herumgedreht?«, fragte Charles ganz unbefangen.

Hannes ließ vor Schrecken den Zylinder fallen und starrte den Sprecher an. »Wa—as?«, brachte er endlich gedehnt hervor. »Woher haben Sie denn das erfahren? Weiß davon noch jemand anders?«

Charles drohte ihm lächelnd mit dem Finger.

»Bis jetzt noch nicht, wenn Sie selbst nicht davon plaudern«, sagte er dann, »aber machen Sie solche Streiche nicht wieder! Miss Staunton ist sehr übermütig und geht auf den tollsten Vorschlag ein.«

»Gott sei Dank«, rief Hannes, »wenn die anderen Mädels nichts davon erfahren haben, so geht nichts schief; sie hatte eine Höllenangst davor. Mir selbst war etwas wie Furcht in den Kopf gestiegen.«

»Wenn es nur nicht das viele Bier gewesen ist, was Ihnen in den Kopf gestiegen ist. Sie kamen schwankender an Bord, als ein Seemann sonst geht.«

»Oho, ich habe doch erst die Staunton an Bord geschmuggelt, und das war eine verdammt harte Arbeit.«

»So, wie haben Sie das unbemerkt zustande gebracht?«

»Durch die Ankerklüse hindurch!«

Kopfschüttelnd zog Charles den Schreibtisch auf, um Papier vom Tisch hineinzulegen. Als er darin kramte, fiel ihm plötzlich eine kleine Fotografie in die Hand. Verwundert betrachtete er sie, stand auf, um sie beim Licht zu besehen, wischte mit dem Ärmel darüber, warf dann einen misstrauischen Blick auf Hannes, der seinem Gebaren neugierig zusah, und blickte dann wieder auf die Fotografie.

»Hannes« sagte er dann, »kommen Sie einmal her. Wer ist dies hier?«

Damit zeigte er auf eine Person des Gruppenbildes.

»Der das dumme Gesicht zieht und dem die Tränen über die Backen kugeln?«, meinte dieser. »Das sind unbedingt Sie.«

Es war kein Zweifel, Hannes hatte recht.

Da standen Williams, Harrlington, Hastings, zwischen ihnen Miss Petersen, Lind und Thomson, alle an Bäume gebunden; vor ihnen schwang ein Australneger drohend den Speer, Balkuriri, und er selbst, Williams, bog den Kopf eben nach der neben ihm stehenden Miss Thomson, zog ein ungemein klägliches, oder wie Hannes sagte, dummes Gesicht, und die kleine Fotografie war so scharf getroffen, dass man selbst noch die Tropfen erkennen konnte, die ihm über die Wangen flossen.

»Schändlich.« sagte er endlich, »wer hat mir den Streich gespielt? Miss Murray, die Tochter des Häuptlings? Aber sie kann doch nicht fotografieren. Und wie kommt das Bild in meinen Schreibtisch? Hannes, wissen Sie etwas davon?«

Der Leichtmatrose war augenblicklich selbst verblüfft, wie die Fotografie jener Situation, von der ihm Williams ausführlich erzählt hatte, entstanden sein könnte, plötzlich aber stand er auf und rief:

»Ich hab's. Wissen Sie noch, als ich einige Tage vor der Abreise von Townville dort hinten im Gange den Spektakel machte, Sie immer beim Namen rief und, als Sie wirklich aus der Kabine kamen, schnell davonlief?«

»Ja, ich entsinne mich. Was aber hat dies hiermit zu tun?«

»Damals hatte der Kapitän Besuch an Bord.«

»Auch das weiß ich, es war der Detektiv Nick Sharp.«

»Sehen Sie wohl. Kaum waren Sie aus der Kabine, so schlüpfte er hinein, kam aber gleich wieder heraus. Der hat dies Bild in den Schreibtisch gelegt und kein anderer, so wahr ich Hannes Vogel heiße.«

Williams schlug sich vor die Stirn.

»Nun fange ich an zu begreifen. Ja, das stimmt! Harrlington hat mir schon erzählt, dass jener Schlingel, der Anführer der schwarzen Polizei, der uns durch Wasser und Feuer jagte, Sharp war. Er hat uns auch fotografiert und mir das Bild in den Schreibtisch gesteckt. So ein infamer Kerl, nun bleibt aber doch die Weltgeschichte stehen.«

Charles war über diese neue Entdeckung so aufgeregt, dass er sich nach oben begab, um sich noch etwas an Deck zu ergehen. Als er nach einer halben Stunde wieder in seine Kabine kam, fand er Hannes auf dem Sofa liegend, die Beine, an denen er noch immer die Wasserstiefeln trug, über die Lehne hängend, die Hände über der Brust zusammengefaltet — er schlief.


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Die Mütze war ihm vom Kopf geglitten, sodass die blonden Locken ihm frei über die hohe Stirn fielen, welche noch die eigentliche, weiße Hautfarbe zeigte, während das übrige Gesicht von Wind und Sonne tief gebräunt war, doch nicht genug, um nicht noch die rötliche Färbung der Gesundheit durchschimmern zu lassen. Die Flügel der feingeschnittenen Nase zitterten unter dem kräftigen Atemzuge des Schläfers, der etwas geschwungene Mund, dessen Oberlippe der erste Flaum schmückte, war fest geschlossen. Über der sich hoch hebenden und tief senkenden Brust lagen gefaltet die sonst nimmer müden, muskulösen Hände, — sie waren jetzt kraftlos, der Hut war ihnen entglitten.

Lange betrachtete Williams den Schläfer, es war als könnte er die sinnenden Blicke nicht von den kühngeschnittenen Zügen des Jünglings wenden.

»Wie ein schlafender Engel«, sagte er endlich, als er Vorbereitungen zur Nachtruhe traf, »nur, dass er Seestiefel an den Beinen hat.«

* * * * *

II.13. Eine Pantherjagd in den Wogen

Wieder waren einige Tage verstrichen; die ›Vesta‹ hatte bereits einen direkt westlichen Kurs eingeschlagen. Das jenen Breiten eigentümliche Seegras zeigte an, dass man sich bereits den kleineren Inseln des malaiischen Archipels näherte, und Miss Petersen hoffte, in kurzer Zeit ihr nächstes Ziel, Java, erreicht zu haben.

In den letzten Tagen hatten heftige Stürme gewütet, nur von Regengüssen unterbrochen, aber sie hatten den Lauf des Vollschiffes nicht beeinträchtigt, im Gegenteil, sie waren immer aus einer günstigen Richtung gekommen, und stets war die ›Vesta‹ mit gerefften Segeln mit der Schnelligkeit einer Möwe vor dem Sturm dahingeflogen, sodass der ›Amor‹ keine Kohlen sparen durfte, wollte er im Kielwasser des voraussegelnden Schiffes bleiben.

Heute war endlich wieder ein schöner Tag angebrochen, das Meer war während der Nacht von einem starken Platzregen beruhigt worden, und nun wurde die Oberfläche nur von leichten Wellen gekräuselt. Schon konnte man die Sonne sich im Wasser spiegeln sehen, und der Wind war so schwach, dass er kaum die leichtesten, obersten Segel zu schwellen vermochte.

Ein flauer Wind wird auf einem Segelschiff niemals ersehnt; haben aber vorher tagelang Stürme gehaust, so ist er doch willkommen, denn dann können die Matrosen mit Muße die entstandenen Schäden in der Takelage ausbessern, die Wanten, deren Stricke durch das häufige Auf- und Abentern durchgetreten sind, werden wieder vollzählig gemacht, die Brassen, zum Richten der Rahen dienend, werden stramm geholt, und ist endlich nichts mehr in der Takelage zu tun, so setzt sich der Matrose im Sonnenschein an Deck, flickt die zerrissenen Segel, dabei gemütlich seine Pfeife rauchend, oder er legt sich im Schatten eines Sonnensegels hin, liest, macht Schnitzarbeiten und verträumt so seine Wache.

Ist völlige Windstille eingetreten, so wird auch viel geangelt, während der Fahrt ein undankbares Geschäft, sofern es nicht den Fang von Haifischen gilt, und zeigt sich in der Nähe des Schiffes ein Trupp von Schweinsfischen, eine Art von Delfinen, so holt der Kapitän die Harpunen aus der Kajüte, und die Matrosen treffen unterdessen Vorbereitungen, um den getroffenen Fisch mit einer Schlinge fangen und an Bord hieven zu können.

Vorher aber wird die Richtung besprochen, welche die Fischherde nimmt.

Die Schweinsfische, zwei bis drei Meter große Tiere, schwimmen auf eine ganz eigentümliche Weise, fast so wie eine Seeschlange, und zwar immer dicht an der Oberfläche. Einmal hebt sich der Kopf aus dem Wasser, dann der Schwanz, und daran kann man diese Art von Fischen schon auf weite Entfernung hin erkennen. Das Merkwürdigste aber ist, dass sie sich immer nach der Richtung hin bewegen, aus der in den nächsten Tagen der Wind kommen wird, und gar während einer Windstille kann man fast genau sagen, woher der nächste Wind strömen wird.

Der Seemann, dessen Aufmerksamkeit Tag und Nacht hauptsächlich auf den Wind gerichtet ist, hat zahllose Erkennungszeichen, um dessen spätere Richtung beurteilen zu können, nicht nur Instrumente und Berechnungen, sondern er liest auch in den Wolken, und der Flug der Seevögel, das Verhalten der Fische geben ihm viele Anhaltspunkte. Aber die Gewohnheit der Schweinsfische, immer gegen den später auftretenden Wind zu schwimmen, ist das sicherste Zeichen.

Auf der ›Vesta‹ herrschte eine sonntägliche Ruhe.

Unter den über das Deck gespannten Sonnensegeln saßen die Mädchen, lasen, plauderten, angelten und waren herzlich froh, nach den letzten schweren Tagen freie Zeit zu haben, sich dem Genusse des Müßigganges hingeben zu können, den man nur empfindet, wenn die Kräfte bis zum Übermaße in Anspruch genommen worden sind.

Lange schon hielt Miss Petersen auf der Kommandobrücke das Fernrohr in der Hand und spähte fortwährend nach dem Horizont, dann wieder die Sonne aufnehmend und auf der äußerst genauen Seekarte messend. Ihr Benehmen war den anderen Mädchen schon aufgefallen, auch sie hatten mit dem Fernglas den Horizont abgesucht, aber weder Land, noch ein Segel oder sonst etwas gefunden.

»Es ist eine Insel, die auf der Seekarte nicht verzeichnet steht«, sagte endlich Ellen zu Miss Nikkerson, welche zu ihr auf die Brücke ging, »sehen Sie durch dieses Glas, es ist das beste.«

Das Mädchen musste es bestätigen.

»Es gibt noch viele Eilande, welche noch nicht vermessen worden sind und daher nicht in den Karten stehen«, sagte sie.

»Aber nicht hier«, entgegnete Ellen, »wir befinden uns gerade in einer Gegend, welche genau durchforscht ist. Nicht nur jedes kleinste Felsenriff ist hier angegeben, sondern auch die Meerestiefe. Fast alle hundert Meter könnte ich hier sagen, wie tief der Ankergrund ist. Wie sollte also eine solche Insel der Messung entgangen sein? Sie ist nicht so klein!«

Den übrigen Mädchen war es jetzt auch gelungen, die auftauchende Insel zu entdecken, und allerlei Vermutungen wurden laut.

Vorläufig konnte man durch das Fernrohr nur einen dunklen Punkt wahrnehmen, da aber die ›Vesta‹ direkt darauf zu hielt, so musste man sich ihm in einer Stunde so weit genähert haben, dass man ihn mit den bloßen Augen erkannte. Es wurde lebhaft bedauert, dass das Schiff so äußerst langsam segelte.

Aber es verging Stunde auf Stunde, und doch schien sich der Punkt nicht zu vergrößern, nur das Fernrohr bewies, dass es wirklich eine Insel war, und zwar eine bewaldete.

»Was in aller Welt mag das nur sein?«, rief Ellen. »Es ist Land, und dennoch können wir es nicht erreichen. Die ›Vesta‹ fährt vier Knoten in der Stunde, daran ist kein Zweifel, also müssten wir in zwei Stunden dort sein, und dennoch nähern wir uns ihm nur fast unmerklich.«

»Vielleicht ist es der berühmte Riesenfisch aus Tausend und eine Nacht, auf dessen Rücken Wälder wachsen können, während er schläft«, scherzte Hope Staunton.

»Fast scheint es so. Aber was sollen wir tun? Weiß eine der Damen einen Rat, um dieses Rätsel zu ergründen?«

Alle überlegten.

»Ich wüsste etwas, was uns schnell dorthin bringen würde«, begann endlich Johanna, »wir wollen dem ›Amor‹ signalisieren, zu uns zu dampfen. Dann nimmt er uns in Schlepptau, und in einer Stunde sind wir auf der Insel.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall, die Flaggen gingen hoch, und zehn Minuten später lag der ›Amor‹ unter vollem Dampf vor die ›Vesta‹ gespannt.

Auch die Herren konnten sich die Erscheinung nicht erklären, sie kamen auf allerlei Vermutungen, aber eine bestimmte Meinung wagte niemand auszusprechen.

Warum kam man dieser Insel nur so langsam näher? Es war doch keine Strömung vorhanden, welche die Schiffe in der Fahrt gehemmt hatte.

»Gibt es ein Geisterschiff, dann kann auch eine Geisterinsel existieren«, meinte Williams, »aber einen Besuch wollen wir ihr doch abstatten.«

Seit der ›Amor‹ schleppte, näherte man sich der rätselhaften Insel sehr schnell, und eine Stunde später konnte man sie vollkommen erkennen.

Es war allerdings eine Insel, nicht gerade bewaldet, aber doch mit einer üppigen Vegetation bedeckt, hauptsächlich mit hohem Graswuchs und Büschen. Im ganzen mochte sie wohl einen halben Quadratkilometer groß sein.

Jetzt wurde man zweifelhaft, ob es nur vorhin eine Täuschung gewesen war, dass sie sich bewegt hatte; die meisten meinten, die Schiffe wären durch irgend etwas im Laufe gehemmt worden.

Aber die Lösung sollte bald von anderer Seite erfolgen.

Die Schiffsglocke schlug acht Glasen, Mittag, und mit dem letzten Schlag kam Hannes an Deck, der bis jetzt geschlafen hatte und nun zur Wache an Deck gehen wollte; kaum hatte er einen Blick auf das Eiland am Horizont geworfen, als er ausrief:

»Eine schwimmende Insel!«

»Eine schwimmende Insel?«, klang es überall erstaunt zurück.

»Was ist denn weiter dabei?«, erklärte Hannes. »Solche sind in dieser Gegend nichts Seltenes, wenn längere Zeit Sturm gewesen ist. Hier herum gibt es überall größere und kleinere Inseln, und wenn dann die Wälder ordentlich vom Sturm zerzaust sind, dann bilden sich immer solche Dinger.«

Jetzt blitzte es auch bei den anderen verständnisvoll auf.

Sie fanden sich vor einer ebensolchen Naturerscheinung, vor einer schwimmenden Insel, von welcher schon Kolumbus während seiner Reise nach Westindien überrascht wurde, aber natürlich hatte damals seine Erzählung keinen Glauben gefunden. Er hatte damals eine meilengroße, schwimmende Insel angetroffen, doch konnte er sie nicht betreten, weil die Ufer zu sehr mit morastigem Boden, auf dem nur Schilf wuchs, eingefasst waren.

Schwimmende Inseln sind in tropischen Breiten tatsächlich keine seltene Erscheinung.

Der Sturm entwurzelt auf dem Festlande und auf Inseln Bäume und Sträucher und schleudert sie ins Meer. Die treibenden Stämme vereinigen sich, an ihren Ästen hängen Schlingpflanzen, diese verflechten sich mit einander, immer mehr Bäume und Büsche treiben zusammen, an den Wurzeln hängt noch Erde, die Rinde ist mit dichtem Moos belegt, auf dem andere Pflanzen vegetieren können. Und wenn man bedenkt, dass ein Tag in den Tropen dieselbe Produktionskraft besitzt, wie eine Maienwoche in Deutschland, so erklärt es sich, dass ein Samenkorn, welches sich auf diese künstliche Insel niederlässt, bald zur Pflanze geworden ist.

Aber so schnell, wie diese Insel entstanden ist, kann sie auch wieder zerstört werden. Ein einziger Sturm genügt, um sie vollkommen verschwinden zu lassen, und die losgerissenen Bäume treiben dann so lange auf dem Meere umher, bis sie sich wieder mit anderen vereinigt haben.

Eine solche Insel hatten jetzt unsere Freunde vor sich, und nun konnten sie sich erklären, warum das Segelschiff sich ihr so langsam genähert hatte. Die Insel war ebenfalls mit dem Winde getrieben, nur etwas langsamer als das Schiff, in dessen Segeln sich der Wind besser fangen konnte.

Jetzt waren sie nur etwa noch eine Seemeile von ihr entfernt.

»Los die Stahltrosse!«, kommandierte Ellen.

Klatschend fiel das stählerne Tau ins Wasser und wurde von den Vestalinnen an Bord geholt. Der ›Amor‹ stoppte im Laufe und hielt sich neben der ›Vesta‹.

»Wollen Sie an der Insel anlegen?«, fragte Harrlington hinüber.

»Gewiss«, entgegnete Ellen, »wir legen an und statten ihr einen Besuch ab.«

»Aber Sie werden Schwierigkeiten haben, wieder von ihr freizukommen.«

Ellen wurde nachdenklich.

Es war in der Tat leicht an die Insel heranzufahren, aber sehr schwer, so ein großes Schiff wie die ›Vesta‹ wieder abzusetzen. Schon bei zwei Segelschiffen, welche doch zu steuern sind, bereitet das Schwierigkeit, vielmehr aber noch bei einem Gegenstand, welcher schwimmt, aber nicht zu lenken ist.

»Ich versuche es doch«, entgegnete die Kapitänin schließlich, »es wird uns schon gelingen. Im Notfall können Sie uns ja freischleppen.«


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»Einverstanden«, rief Harrlington, »fahren Sie in Gottes Namen hin! Wir bleiben dicht neben der ›Vesta‹.«

Aber von ganz unerwarteter Seite wurde gegen dieses Manöver Einspruch erhoben. Schon gab Ellen die Kommandos, die ›Vesta‹ nach der Insel zu steuern, schon ordnete Harrlington an, dass der ›Amor‹ neben ihr bleiben sollte, als Hannes vor den Kapitän trat und energisch rief:

»Sie wissen ja gar nicht, was Sie tun. Glauben Sie, Sie könnten von einer schwimmenden Insel je wieder freikommen? Nie wieder, so lange sie nicht zerstört wird und wenn Sie jahrelang daran kleben bleiben.«

Harrlington sowohl, wie Ellen, welche an die Bordwand getreten war, hatten diesen Worten erstaunt zugehört.

»Aber warum denn nicht?«, fragte Ellen.

»Die ganze Insel ist rings von Schlingpflanzen umgeben, und sobald sich das Schiff ihnen nähert, legen sie sich um den Kiel und hauptsächlich um das Steuer herum. An ein Lenken des Schiffes ist dann gar nicht mehr zu denken.«

»Der ›Amor‹ kann uns ja wieder wegschleppen«, entgegnete Ellen auf diese eifrige Rede.

»So dumm werden wir wohl nicht sein und Ihnen nachfahren«, war die selbstbewusste Antwort. »Kommt der ›Amor‹ in die Schlingpflanzen hinein, so ist er noch hilfloser als die ›Vesta‹, denn die Schraube verwickelt sich und ohne Taucher kommt er im ganzen Leben nicht wieder frei.«

Daran hatte allerdings noch niemand gedacht, aber man musste dem jungen Matrosen recht geben, der doch bei weitem mehr Erfahrung in derartigen Angelegenheiten hatte.

»Dann schlage ich vor, wir fahren in Booten an die Insel«, sagte Ellen wieder, »und wenn die Herren damit einverstanden sind, so können wir zu gleicher Zeit probieren, welches Schiff das schnellste Boot und die besten Ruderer besitzt.«

Einen besseren Vorschlag hätte Miss Petersen nicht machen können, sofort war das englische Blut erwacht, das auch in den Adern der Amerikaner fließt. Wenn es bei den Engländern um eine Wette geht, so hat alles andere zu schweigen, da gibt es keine Schonung, keine Rücksicht, kein Erbarmen mehr, und wenn es das Leben gilt und direkt in die Hölle geht.

Hätte vorhin Ellen gesagt: Ich wette, dass ich von der Insel freikomme, so würde der besonnenste Widerspruch nichts dagegen geholfen haben, aber sie war zu vernünftig, um solch einen Versuch zu machen, und begnügte sich damit, auf andere Weise die Insel betreten zu können.

Kaum aber war der Vorschlag aus ihrem Munde, die Kräfte im Rudern gegenseitig zu messen, so scholl auch schon vom ›Amor‹ sowohl, als von der ›Vesta‹ der Ruf:

»Es gilt! Um was geht die Wette?«

Um Geld konnte sie nicht gut gehen, daraus machten sich beide Teile nichts, dessen Verlust hätte sie nicht im mindesten geschmerzt; es musste also etwas anderes sein.

Während die Boote in stand gesetzt wurden und die Herren und Damen sich zum Wettrudern rüsteten, wurden verschiedene Meinungen laut, aber keine fand den Beifall aller, und die von Sir Hendricks, dass die Verlierer an Bord der Gewinner acht Tage lang als Sklaven dienen sollten, wurde von den Vestalinnen mit Abscheu zurückgewiesen.

»Dann muss ich wieder einmal mit meiner Weisheit glänzen«, begann endlich Williams. »Meine Damen und Herren, was sagen Sie zu diesem Vorschlag? Auf Sumatra und Java wütet der Kampf zwischen Achinesen und Holländern schlimmer denn je, fast alle Soldaten der Letzteren sind Ausländer, keine Holländer, und nur in fremde Dienste getreten, weil sie durch hohen Lohn verlockt wurden. Aber es sind nicht nur Abenteurer, welche freiwillig die Waffen für ein fremdes Volk ergriffen haben, gar viele haben es nur darum getan, um ihre Angehörigen in der Heimat ernähren zu können, eben wieder darum, weil der Verdienst für sie ein sehr großer ist. Als sie sich zur Fremdenlegion einschreiben ließen, dachten sie nicht, dass einige Monate später der heftigste, grimmigste Krieg entbrennen würde. Unter den vergifteten, absolut tödlichen Pfeilen fallen sie nun zu Tausenden — dadurch sparen die Holländer das Invalidengeld — und ihre Angehörigen in der Heimat warten vergebens auf die monatliche Sendung. In Batavia, wohin wir vielleicht auch noch kommen, gibt es viele reiche Holländer, Engländer und so weiter ...«

»Aber was wollen Sie denn eigentlich?«, unterbrach Thomson den Sprecher lachend, »Sie sehen, die Boote warten schon auf ihre Bemannung, und wenn Sie so weiterreden, so schwimmt uns schließlich die Insel noch davon.«

»Wäre schon längst fertig gewesen, wenn Sie mich nicht unterbrochen hätten«, sagte Charles gelassen, »und alle diese können einmal ihren Geldbeutel auftun ...«

»Eine Kollekte?«, unterbrach ihn wieder jemand.

»Nein. Derjenige Teil, welcher verliert, Engländer oder Amerikanerinnen, ist verpflichtet, in Batavia eine SpezialitätenVorstellung zu geben, woran jeder einzelne teilnehmen muss.«

Ein lautes Bravorufen unterbrach den Redner.

»Aber wer nun nichts zeigen kann?«, sagte Harrlington. »Der muss wenigstens eine Grimasse ziehen. Wir Männer können übrigens ganz unbesorgt sein, denn wir gewinnen doch.«

»Oho«, riefen die Damen, »das wollen wir doch erst sehen.«

»Gut, es gilt«, sagte Ellen lachend, »der verlierende Teil ist verpflichtet, in Batavia eine Vorstellung zu geben, zu Gunsten der Hinterbliebenen der gegen die Achinesen Gefallenen. Sir Williams, als was treten Sie auf?«

»Als Clown«, entgegnete Miss Thomson für ihn.

»Erst abwarten, jetzt in die Boote!«

Auf der Insel war am äußersten Saum ein Baum zu erkennen, dessen Zweige weit über das Wasser ragten. Wessen Boot zuerst diese Zweige berührte, oder wer im Falle, dass ein völliges Einfahren nicht möglich war, am weitesten und zuerst dahin vordrang, der hatte gewonnen. Nur die ersten zwei Boote kamen natürlich in Betracht.

Ein jedes Schiff stellte zwei Boote, und in diese begaben sich jetzt die besten Ruderer, in jedes acht, und als die Schiffsglocke das Zeichen gab, fuhren sie zur gleichen Zeit ab.

Anfangs hielten sich alle vier Boote dicht nebeneinander, aber bald bemerkten die Vestalinnen, dass sie doch ihre Kräfte überschätzt hatten, wenn sie glaubten, mit den Engländern gleiche Fahrt halten zu können. Sie hatten sich allerdings in letzter Zeit fortwährend im Rudern geübt, die Engländer dagegen gar nicht, und hätte die Wettfahrt in leichten Rennbooten stattgefunden, wie sie auf Flüssen und Seen zur Anwendung gelangen, und in denen es fast nur noch auf Geschicklichkeit ankommt, so wäre der Sieg ihnen allerdings nicht entgangen, aber Seeboote sind keine Rennboote. Wohl sind sie auf guten Schiffen auch scharf und schlank gebaut, aber sie dürfen doch bei weitem nicht jene dünnen Planken besitzen, wie sie die Wettboote aufweisen, in ihnen entscheidet mehr die Kraft, und darin waren die englischen Sportsleute den Vestalinnen natürlich überlegen.

Es dauerte nicht lange, so kamen die beiden englischen Boote langsam, aber doch sicher vor, und so sehr sich die Mädchen auch in die Riemen legten, wie sie auch vor Anstrengung glühten, den einmal gewonnen Vorsprung konnten sie nicht wieder einholen.

Das erste Boot war das von Lord Harrlington gesteuerte, im zweiten saß John David am Steuer, denn Lord Hastings, welcher sich im zweiten Boot befand, hatte man einen Riemen gegeben, und das war zum Nachteil. Sie waren nicht mehr weit von der Insel entfernt, als plötzlich Hastings Riemen mit einem Knacks abbrach, und er nur die Hälfte in der Hand behielt. Natürlich war das Boot in der Fahrt gehemmt.

»Noch ein Boot«, rief Ellen, vor Erregung glühend, »noch können wir gewinnen!«

Sie schoss an Hastings vorbei und bekam zum Gruß einen Fluch von den wütenden Engländern nachgeschickt.

Aber nur zehn Meter war Harrlington von dem Ziele entfernt, und immer größer wurde der Abstand der beiden Rivalen. Da geschah etwas, was den Vestalinnen den Sieg zu sichern schien.

Plötzlich geriet der Riemen eines Engländers unter Schlingpflanzen, das Boot wurde in der Fahrt gestoppt, es drehte sich, und an ihm vorüber schoss das Boot Ellens.

»Gewonnen!«, rief diese. »Ganz flach die Riemen, damit sie sich nicht auch verwickeln! Noch drei Schläge, dann sind wir da!«

Aber dasselbe Unglück geschah auch bei ihnen, ein Riemen verwickelte sich in den Schlingpflanzen, und auch ihr Boot drehte zur Seite — und das zu ihrem Glücke.

Fast hatte es schon die Zweige des Baumes erreicht gehabt, da sauste ein schwarzer Körper aus den Ästen hervor, gerade auf das Boot zu, und hätte dasselbe sich nicht in demselben Augenblick zufällig gedreht, so wäre er mitten unter die Mädchen gestürzt, so aber verfehlte er sein Ziel, und nur Ellens Schulter streifend, stürzte er in die See.


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Der schwarze Sundapanther — denn ein solcher war es — vielleicht schon tagelang ohne Nahrung auf dieser schwimmenden Insel, hatte in seiner Gier den Sprung mit so furchtbarer Gewalt gewagt, dass Ellen, obgleich nur leicht von der Hintertatze gestreift, sofort hintenüber ins Wasser geschleudert worden war.

Unterdes war Harrlingtons Boot herangekommen, und gerade vor diesem tauchte der Panther wieder auf, legte die Pranken auf die Bordwand und suchte sich ins Boot zu schwingen, furchtbar mit den Zähnen nach Harrlington fletschend. Dieser sprang auf, riss aus seinem Gürtel das Schiffsmesser und stieß es der Bestie mit aller Gewalt in den Kopf. Doch der Stoß verfehlte seine Wirkung. Die Klinge brach an dem harten Knochen ab, der Panther ließ mit einem Schmerzgeheul das Boot fahren, fiel wieder ins Wasser und schwamm der Insel zu, wobei er an dem ersten Boot der Mädchen vorbei musste.

Harrlington hatte gesehen, wie Ellen über Bord geschleudert worden war, und jetzt, obgleich nur wenige Augenblicke vergangen waren, sah er sie immer noch nicht wieder an der Oberfläche.

»Wo ist Ellen?«, rief er entsetzt, und fast schien es, als wollte er selbst ins Wasser, um nach der Vermissten zu suchen.

Aber er hatte es nicht nötig.

In diesem Augenblicke tauchten zwei Köpfe über der Oberfläche auf, der von Ellen und der von Johanna, welche die Erstere, anscheinend bewusstlos, im Arme hielt und dem Boote zustrebte.


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Auch Johanna hatte, ohne sich weiter um den Panther zu kümmern, vergebens gewartet, dass ihre Freundin wieder auftauchte. Und als dies nicht geschah, spähte sie in das wieder beruhigte Wasser. Da sah sie, was dem Mädchen das Emporkommen unmöglich machte.

Ellen hatte sich in den Schlingpflanzen verwickelt und versuchte mit der Kraft, welche man in dem Todeskampfe besitzt, sich freizumachen, aber all ihr Ringen und Wenden hatte nur den Erfolg, dass sie immer fester in das Gewinde geriet.

Johanna stand mit dem Messer in der Hand bereit, zu Hilfe zu springen; aber sie zögerte noch und hielt auch die anderen Mädchen davon ab, und das mit gutem Grunde; denn diejenigen, welche dem Tode des Ertrinkens geweiht sind, klammern sich in ihrer Verzweiflung an jeden Gegenstand, den sie fassen können, und so würde Ellen auch getan haben.

Kaum aber ließen ihre Bewegungen an Heftigkeit nach, so glitt Johanna über den Bootrand, einige Schnitte mit dem Messer und sie tauchte wieder an die Oberfläche, die bewusstlose Ellen im Arm.

Aber eine neue Gefahr drohte beiden.

Eben als sie auftauchten, schwamm der Panther dem Boote der Mädchen zu, welche nach ihren Revolvern griffen. Als aber die vom wütenden Hunger gepeinigte Bestie die Köpfe sich im Wasser bewegen sah, änderte sie sofort ihre Richtung und strebte diesen zu.

Ein Schrei des Entsetzens erscholl ringsum. Nur ein Meter Zwischenraum trennte die beiden Mädchen von dem Raubtier, und an einen sicheren Schuss im schwankenden Boot war nicht zu denken, ohne eine neue Gefahr für die Freundinnen herbeizuführen.

Da, im letzten Augenblick, kam in voller Fahrt das von Davids gesteuerte Boot angeschossen, vorn im Bug Lord Hastings stehend, den halben Riemen wie eine Keule schwingend, und ehe der Panther sein Opfer erreicht hatte, sauste der Hieb herab. Mit zerschmettertem Schädel wollte das Tier untersinken; aber schon hatte Hastings es beim Genick gepackt und mit einem Ruck ins Boot geworfen.

Im nächsten Augenblick waren auch Ellen und Johanna geborgen.

Dies alles hatte sich bedeutend schneller zugetragen, als man erzählen kann, und nun richtete sich die Besorgnis auf die ohnmächtige Ellen. Doch deren kräftige Natur hatte sich bald erholt, sie war ja nur eben so lange unter Wasser gewesen, als sie es ohne Luft hatte aushalten können, und bald war sie so weit wiederhergestellt, um ihr Boot unter eigener Führung nach der ›Vesta‹ steuern zu können.

Nicht lange dauerte es, so war die anfangs erregte, dann gedrückte Stimmung wieder von einer allgemeinen Fröhlichkeit verdrängt. Während der langsamen Rückfahrt nach den Schiffen wurde jedes Detail des eben Erlebten nochmals besprochen. Viele hatten nicht einmal alles gesehen, verschiedene Meinungen wurden laut, wie der Panther auf die schwimmende Insel gekommen war, an deren Besichtigung gar niemand mehr gedacht hatte, und schließlich kam man auch darauf zu sprechen, wer eigentlich das Wettrudern gewonnen hatte.

Niemand war so unbescheiden, sich den Sieg zusprechen zu wollen.

»Aber soll das Erträgnis der Wette«, rief Williams aus seinem Boote, »den armen Soldaten verloren gehen?«

Auch das wollte niemand; und nach langem Disputieren kam man dahin überein, dass, da weder die Herren, noch die Vestalinnen gewonnen hatten, beide Teile als Verlierer gelten, das heißt, sich in Batavia an der Vorstellung beteiligen sollten, und zwar so, dass sowohl der ›Amor‹ wie die ›Vesta‹ eine gleiche Anzahl von Mitgliedern auswählte, welche sich am besten eigneten oder sich freiwillig meldeten.

Lachend wurde dieser Vorschlag angenommen.

* * * * *

II.14. Sechs Jahre zurück

Der Gedanke bindet sich weder an Zeit, noch Raum, er kann in einem Augenblicke Jahrtausende durchfliegen, er legt den Weg nach dem entferntesten Stern schneller als der Blitz zurück, wie er auch ein ganzes Leben lang bei einer Minute verweilen kann.

Deshalb ist auch der liebe Leser imstande, mit mir im Geiste über den Großen Ozean zu fliegen. Wir verlassen die Gegend, an welcher sich die letzten Vorgänge abgespielt haben und eilen östlich, immer weiter, über das Wasser hinweg, bis wir die Westküste Nordamerikas hinter uns haben. Aber noch lassen wir uns nicht nieder, wir schweben über das Felsengebirge und sausen durch die Lüfte, dass die schnelle PacificBahn im Vergleich mit uns wie eine Schnecke zu kriechen scheint.

Riesige Wälder, unendliche Prärien, bebaute Landschaften huschen wie Schatten vorbei, aber sie hemmen unseren Flug nicht, bis wir uns von selbst in einer blühenden Gegend wieder zur Erde begeben.

So weit das Auge reicht, erblickt es Zuckerrohr, Mais, Baumwoll- und Tabakfelder; im Norden schließt sich ein Urwald an, durch den man tagelang reisen kann, ohne sein Ende zu erreichen, und da, wo der Boden nicht von fleißigen Händen nutzbar gemacht worden ist, trägt er den Charakter der ursprünglichen Beschaffenheit der Prärie.

Wir sind in Louisiana, und die Plantage, auf welcher wir uns von der langen Reise erholen wollen, gehört Mister Jones Flexan, dem reichsten Pflanzer der ganzen Gegend.

Wenn jemand nicht glauben wollte, dass alle diese unabsehbaren Felder, diese Kaffeewälder, die zahllosen Rinder- und Pferdeherden, die sich auf der Prärie tummelten, einem einzigen Manne gehörten, dass alle diese Tausende von Feldarbeitern, Cowboys und Aufsehern dem Winke eines einzigen gehorchten, der brauchte nur in das herrschaftliche Haus, nein, in den Palast zu treten, der sich inmitten eines paradiesischen Parkes erhebt, und er würde überzeugt werden von der Pracht und dem Glanze, der ihm aus den Sälen entgegenstrahlt, von der zahllosen Dienerschaft, welche nicht weiß, wie sie den Tag verbringen soll, weil niemand ihrer Dienste begehrt, bis sich einmal im Monat diese Räume mit eleganten Herren, und schönen glutäugigen Damen füllen, und dann alle ihre aufgesammelte Kraft gebraucht wird.

Und dieser einzige, dem alles gehört und alles gehorcht, ist Jones Flexan, der Stiefvater von Ellen Petersen, der Universalerbin aller dieser Reichtümer, denn der Verbindung zwischen Flexan und der verwitweten Mistress Petersen waren keine Kinder entsprossen.

Was Jones Flexan früher gewesen? Man wusste es nicht. Dunkle Gerüchte gingen über sein Vorleben um, aber behauptet konnte nichts werden, und dem allmächtigen Gebieter gegenüber verstummte der dreisteste Mund.

Nicht einmal Ellen wusste, wie ihre geistig so tiefveranlagte, schwärmerische und poesievolle Mutter, welche nach dem Tode ihres Gemahls nur noch dem Andenken desselben zu leben gewillt schien, ihr Herz zum zweiten Male an einen Mann verlieren konnte; er musste auf sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt haben, denn die südländische Schönheit des damals etwa vierzigjährigen Mannes konnte sie allein unmöglich berückt haben, eher die bestechenden Eigenschaften des Kavaliers.

Auch Ellen besaß den phantastischen Sinn, das zur Schwärmerei veranlagte Herz ihrer Mutter, aber sie hatte zur gleichen Zeit die Energie und das scharfe Auge ihres Vaters geerbt, eines Kanadiers, der sich hier unten mit eisernem Fleiße und nimmer zu beugender Tatkraft vom armen Bauer zum reichsten Pflanzer emporgearbeitet hatte, und das Erbteil des Letzteren, der kalte Blick, war es, welcher dem jungen Mädchen, damals fünfzehn Jahre alt, lehrte, dass sie den Vater nicht lieben durfte, sich sogar vor ihm hüten musste.

Er war stets freundlich, zuvorkommend gegen sie, wie er sich überhaupt gegen jede Dame mit einer chevaleresken Höflichkeit benahm, und bei keiner verfehlte der stattliche Mann mit den schönen Zügen, dem schwarzen Lockenkopf und dem prächtigen Bart à la Henri quatre den gewünschten Eindruck, den er hervorzubringen beabsichtigt hatte; nur Ellen wurde gerade von dieser Zuvorkommenheit abgestoßen.

Warum nur hatte dieser Mann graue Augen, während zu seinem Typus doch schwarze gehörten —, doch dafür konnte er nicht — aber warum ließ er den stechenden Blick immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, mit so seltsamem Ausdrucke auf Ellen haften? O, das junge Mädchen war schlau, oft genug hatte es ihn im Spiegel beobachtet. Und vor allen Dingen, warum ließ er, trotzdem Ellen ihm ihre Abneigung auf jede Weise zu erkennen gab, nicht in seinen höflichen Bemühungen um sie nach, die sich gar nicht für einen Stiefvater schickten?

Ein unnennbarer Widerwille stieß sie von dem Manne ab, und nur aus Liebe zu ihrer Mutter gab sie sich den Anschein, als habe sie vor dem neuen Vater Achtung.

Schon ein Jahr nach ihrer zweiten Vermählung starb die Mutter; ein Herzschlag hatte sie dahingerafft, sie aus dem blühendsten Leben herausgerissen, und nie konnte Ellen den furchtbaren Blick vergessen, den Mister Flexan ihr zuwarf, als er die Todesnachricht erhielt.

Sie beide saßen gerade allein am Frühstückstisch, nur das Erscheinen der Mistress Flexan erwartend, welche noch Morgentoilette machte.

Eben sagte er dem jungen Mädchen einige Schmeicheleien über ihr frisches Aussehen, als ein Kammermädchen schreiend hereinstürzte und die furchtbare Nachricht brachte, die Mistress sei von einem plötzlichen Unwohlsein befallen worden — sei zu Boden gestürzt — sei tot. Als Vater und Tochter in das Zimmer eilten, überzeugten sie sich auf den ersten Blick, dass hier keine Rettung mehr möglich war, sie standen vor einer Leiche.


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Tränenlos, das Unmögliche noch nicht glauben könnend, kniete Ellen vor dem entseelten Körper ihrer geliebten Mutter, da weckte sie ein furchtbarer Fluch aus ihrem Brüten, und als sie aufblickte, sah sie Flexan vor sich stehen, die Fäuste wie im Krampf geballt, die Züge wutverzerrt, die Lippen blau, die Augen aus den Höhlen getreten und mit einem Blick auf das kniende Mädchen gerichtet, der ihr das Blut erstarren machte. Nicht Schmerz konnte es sein, der ihn zu diesem Aussehen brachte, denn ein Fluch entfuhr dem verzerrten Munde, ein Fluch, wie ihn so schrecklich Ellen noch nicht von dem rohesten Cowboy gehört hatte.

Kurz drehte er sich auf den Hacken herum und begab sich in sein Zimmer, in das er sich einschloss und aus dem er die Bestattung der Leiche leitete, ohne sich selbst sehen zu lassen. Erst bei dem letzten Gange zeigte er sich wieder den Augen Ellens und verstand es vortrefflich, seinem Benehmen den Ausdruck des höchsten Schmerzes zu verleihen.

Alle täuschte er so, nur Ellen nicht.

Die ärztliche Untersuchung der Leiche hatte ergeben, dass Mistress Flexan die beste Hoffnung gehabt hatte, Mutter zu werden.

Kaum war das Leichenbegängnis vorüber, als Mister Flexan, der dem Mädchen schon wieder die alte Höflichkeit entgegenbrachte, ihr die Mitteilung machte, dass er seinen Neffen, den Sohn eines verstorbenen Bruders, nach der Plantage kommen lassen würde.

Ellen hörte gar nicht darauf, was der Stiefvater ihr vom glücklichen Zusammenleben und von der Freundschaft erzählte, die sie bald an seinen Neffen fesseln würde, wie er ihr den liebenswürdigen Charakter des Erwarteten in den glühendsten Worten schilderte — das ließ sie alles gleichgültig, ihr Herz war noch todeswund, und mehr denn je schweifte sie zu Pferd und zu Fuß durch die Wälder und Prärien, um ihren Schmerz heilen zu lassen.

Nach einigen Wochen kam denn auch der Neffe, Eduard Flexan, dessen der Stiefvater bei jeder Gelegenheit Erwähnung getan hatte, aber wie war Ellen erstaunt, als sie in dem zwanzig Jahre alten Manne das völlige Ebenbild ihres Stiefvaters sah.

Dieselbe Gestalt, dieselben Haare, Züge und vor allen Dingen dieselben grauen Augen, Bewegungen und überaus höflichen Manieren.

»Und das soll nur sein Neffe sein?«, sagte sich Ellen immer und immer wieder, als sie nach der ersten Begrüßung sich wieder allein überlassen war. »Nimmermehr! Eine solche Ähnlichkeit kann nur zwischen Vater und Sohn existieren. Doch wie es auch sein mag, er sagt ja selbst, er wäre nicht verheiratet gewesen. Mir kann es völlig gleichgültig sein, der Besuch soll mir als sein Neffe gelten.«

Natürlich wurde Eduard Flexan völlig als Familienmitglied betrachtet und nahm dieselben Rechte in Anspruch, wie sie dem Sohne des Hauses zugekommen wären. Ellen hätte sich über ihn nicht zu beklagen brauchen, ja, sie hätte ihn sogar gern um sich geduldet, denn noch nie hatte sie Gelegenheit gehabt, mit einem Manne zu verkehren, der alle Vorzüge besaß, welche das Herz eines Mädchens bestechen: Jugend, Schönheit, Geist und Fertigkeit in ritterlichen Übungen. In der Tat, Eduard Flexan war kein gewöhnlicher Mann. Ellen hatte oft Gelegenheit, seinen Scharfsinn zu bewundern, oft wurde sie von seiner Unterhaltung hingerissen, musste über seine geistvollen Witze lachen, und ebenso musste sie zugeben, dass er in allen Eigenschaften, wie sie einem Kavalier zukommen, so weit es Kraft und Gewandtheit anbetrifft, nichts zu wünschen übrig ließ.

Nur das eine stieß auch ihn von ihr zurück: die Ähnlichkeit mit ihrem Stiefvater, besonders der Blick des grauen Auges, mit dem auch er sie oft, wenn sie sich abwendete, verfolgte, aber nicht höhnisch lächelnd oder drohend, sondern heiß, glühend, verlangend, und dann bemerkte sie wieder, wie sich die Augen der beiden Männer suchten und verständnisvoll begegneten.

Ellen war kein Kind mehr; im Süden reifen die Menschen schnell, auch wenn sie nordisches Blut in den Adern haben, und so bemerkte das sechzehnjährige Mädchen auch bald, dass sich hinter dem höflichen Benehmen Eduards noch etwas anderes verbarg als Artigkeit, welche ihn zwang, sich immer in der Nähe seiner schönen Cousine aufzuhalten.

Seit dem ersten Augenblicke, da sie an seinem heißen Blicke erkannte, dass er sie liebe, zog sich eine Scheidewand zwischen beide, unsichtbar, aber auch unübersteiglich.

Sie wusste nicht warum, aber seitdem begann sie ihn ebenso zu hassen, wie ihren Stiefvater, und als sie einst zufällig erfuhr, dass sie ihre Ahnung nicht betrogen hatte, dass der Stiefvater den vorgeblichen Neffen nur nach der Plantage hatte kommen lassen, um eine Verbindung mit der reichen Erbin herbeizuführen, da verwandelte sich der Hass in Verachtung.

Ellen forderte ihn nicht mehr auf, an ihren Spazierritten teilzunehmen, sie duldete seine Begleitung nur noch ungern, und als er die ihm entgegengebrachte Kälte gar nicht zu bemerken schien, schlug sie ihm sogar seine Bitte, sie begleiten zu dürfen, einfach ab. Als auch dies nichts nutzte, ihn von ihr zu entfernen, sagte sie ihm schließlich einmal mit dürren Worten, er möchte sich nicht mehr um sie bemühen, seine Gesellschaft wäre ihr lästig.

Aber der junge Mann wusste es trotzdem so einzurichten, dass er das Mädchen traf, natürlich wie zufällig, und er belästigte es mit Zudringlichkeiten. Diese Rücksichtslosigkeit, dieses Wegleugnen jeden Ehrgefühles brachte das Mädchen so auf, dass es allen Ernstes darauf sann, sich dieses Menschen zu entledigen.

Entweder er oder sie, eines von beiden musste die Plantage verlassen, weil dieselbe noch viel zu klein war, um beider Wege sich nicht kreuzen zu lassen.

Monat nach Monat verging, des Neffen Betragen wurde immer zudringlicher, sein Blick immer dreister, der des Stiefvaters immer aufmunternder, da traf Eduard sie einst im Walde. Beide waren zu Pferd.

Ellen wollte umkehren und den Weg zurückreiten, aber schon war der Cousin an ihrer Seite und begrüßte sie, ohne darauf zu achten, dass sie den Kopf abwandte.

Seine Worte, erst ganz einfach angefangen, nahmen nach und nach eine andere Wendung und, sei es, dass er selbst den Entschluss gefasst hatte, sei es, dass sein Onkel ihn dazu angetrieben, er sagte zum ersten Male frei heraus, dass er Ellen liebe, dass er sie zum Weibe begehre.

»Lassen Sie mich allein reiten!«, entgegnete diese kalt. »Ich habe nichts weiter zu sagen als nur, dass ich mich über Ihre Keckheit, wenn man Ihr Benehmen noch so nennen kann, wundere, da ich Ihnen doch stets gezeigt habe, dass ich Ihnen auf jede nur mögliche Weise aus dem Wege gehe.«

Sie lenkte ihr Pferd und ritt zurück, er blieb an ihrer Seite, sie fortwährend belästigend. Ellens Pferd setzte sich in Galopp, er verließ sie nicht, sie trieb es zur Karriere an, er das seinige auch. Da hielt Ellen ihr Pferd, blickte mit blitzenden Augen dem Aufdringling ins Gesicht und sagte:

»Wollen Sie mich nun allein reiten lassen?«

»Und ritten Sie bis ans Ende der Welt, nein, ich bleibe bei Ihnen«, rief der junge Mann, sein Auge wie trunken auf die Züge des Mädchens heftend, das, vom heftigen Reiten erhitzt, noch schöner geworden war.

»So kommen Sie«, sagte Ellen kurz, warf das Pferd herum und galoppierte davon, in den Wald hinein. Eduard folgte ihr.

Bald standen die Bäume so dicht zusammen, dass ein Nebeneinanderreiten nicht mehr möglich war, Eduard musste also zurückbleiben. Immer schneller trieb Ellen ihr Pferd an, sie kannte hier ja jeden Baum, jede Wurzel, sie jagte unter den Ästen durch, setzte über die Büsche hinweg, bis sie die Grenze des Waldes erreichte.

Vor ihnen tat sich eine mit Schilf bewachsene Fläche auf, ängstlich wieherte Ellens Ross, es wollte nicht weiter, es bäumte sich, aber seiner Herrin kräftige Hand hatte es bald bemeistert, auch war es ja nicht das erste Mal, dass es diesen Grund betrat, ein alter Cowboy hatte Ellen auf demselben Pferde gelehrt, wie man hier reiten musste.

Kaum hatte das Pferd den ersten Sprung in das beschilfte Gelände gemacht, so jagte es weiter, leicht und flüchtig, wie ein Reh, mit den Hufen kaum den Boden berührend, der schwankte und ächzte, als klagten Geisterstimmen unter ihm. Jeder Huftritt hinterließ eine Vertiefung, die sich sofort mit schwarzem, stinkigen Wasser ausfüllte.

Erst als Ellen die jenseitige Grenze erreicht hatte, hielt sie das dampfende Pferd an und blickte sich um, ihr Begleiter war ihr ahnungslos gefolgt, das wusste sie, jetzt aber war keine Spur mehr von ihm zu sehen, Ross und Reiter waren verschwunden.

Ellen rief einige Cowboys, welche in der Nähe die Rinderherden bewachten.

»Dort drüben am Rande des Sumpfes ist ein Reiter versunken«, sagte sie, »er versuchte mir zu folgen. Seht zu, dass ihr ihn herausbekommt!«


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Lächelnd wickelten die verwegenen Reiter der Prärie ihre Lassos von den Hüften und blickten ihrer jungen Herrin nach, welche in flüchtigem Galopp der Behausung zusprengte.

Einige Stunden später langte in dem Vorhof des herrschaftlichen Gebäudes ein über und über mit Schlamm bedeckter Mann an, auf einem frischen Pferde sitzend, aber das hinter ihm hergeführte Tier hatte dasselbe Aussehen wie er selber.

Als er sich müde aus dem Sattel gleiten ließ, streifte sein Blick die Fenster eines Seitenflügels, und wäre nicht selbst sein Gesicht mit einer dicken Schlammkruste bedeckt gewesen, so hätten die Umstehenden die brennende Röte bemerken können, die plötzlich sein Gesicht überflog.

Drüben im Fenster lehnte Ellen, neben ihr eine junge Frau, und erzählte eine Geschichte, über welche Letztere laut auflachte und den Reiter mit noch mehr Neugier zu betrachten schien.

Dieser Streich sollte für Ellen aber noch weitere Folgen haben.

Als sie am Abend desselben Tages beim Nachtessen erschien, fehlte Eduard, wie sie erwartet hatte, dafür aber setzte der Stiefvater ausnahmsweise eine sehr feierliche Miene auf, ließ seine sonstige Höflichkeit ganz weg und hielt dem jungen Mädchen eine lange Strafpredigt, worin er ihm das Unpassende des Betragens vorwarf und ihm überhaupt Vorwürfe machte. Es wäre nun an der Zeit, dass sie ein anderes Leben begänne, die benachbarten Pflanzer hielten sich über sie auf, über ihren steten Umgang mit den Cowboys und so weiter.

Es dauerte nicht lange, so artete das Gespräch in einen heftigen Streit aus, ein Wort gab das andere, Ellen verbat sich jede Bevormundung, und der Schluss war, dass das junge Mädchen erklärte, das väterliche Besitztum verlassen zu wollen, wo ihr der Aufenthalt durch fremde Menschen unerträglich gemacht würde.

Ellen hielt Wort. Einige Wochen später reiste sie nach New York zu einer ihrer Mutter befreundeten Familie, ohne von ihrem Stiefvater, noch von dessen Neffen, den sie überhaupt nicht mehr zu sehen bekommen hatte, Abschied genommen zu haben.

Das einzige, was sie noch schwankend gemacht, ob sie ihren Vorsatz ausführen sollte oder nicht, war ein Kind, ein kleines Mädchen, Martha, an der sie mit ihrer ganzen Seele gehangen hatte.

Vor etwa einem Jahre war Mister Flexan von einer Reise nach dem Norden Amerikas zurückgekehrt und hatte zur Verwunderung Ellens und der ganzen Dienerschaft ein einjähriges Kind und eine Wärterin mitgebracht. Er erzählte eine lange Geschichte, es wäre die Tochter einer Verwandten, die er bei dieser Reise in großer Armut aus dem Sterbebette getroffen habe, und sein Herz sei bei dem Anblicke des kleinen Wesens so von Mitleid überwältigt worden — wie er sagte — dass er sich nicht habe entschließen können, das Kind fremden Händen zu übergeben, sondern es gleich mitgenommen hätte.

Unterwegs habe er in einer anderen Stadt eine junge Witwe engagiert, welche für Martha sorgen sollte, und da diese sich nun einmal an das Kind gewöhnt habe, könnte sie gleich auf der Farm bleiben.

Der scharfsichtigen Ellen entging es nicht, wie sich bei dieser Erzählung des Mister Flexan ein höhnischer Zug um den Mund Eduards legte, und ferner nahm sie wahr, dass sich beide längere Zeit in ein Zimmer zurückzogen, wo ein langes Gespräch gehalten wurde, das schließlich in einen heftigen Wortwechsel ausartete. Es war, als wünsche Eduard den Aufenthalt Marthas auf der Plantage nicht.

Aber das Kind blieb doch auf der Farm, mit ihm die junge Frau, und beide gewann Ellen lieb, besonders Ersteres, welches sie unter ihre besondere Hut nahm.

Es war das einzige Wesen, von dem sie sich bei ihrer Abreise nach New York ungern trennte; sie versuchte, Martha nebst deren Wärterin mit sich zu nehmen, aber sie stieß bei der ersten Frage an den Mister Flexan auf einen solchen Widerstand, dass sie dieselbe nicht wiederholte.

Ellen hatte in New York bald einen Kreis von jungen Mädchen um sich versammelt, welche mit ihr in Charakter und Neigungen übereinstimmten, sie gründete den Ruderklub ›Ellen‹ und bestimmte später ihre Freundinnen dazu, mit ihr auf einem Schiff eine Reise um die Erde anzutreten— als Vestalinnen.

Mit ihrem Stiefvater stand sie fast in gar keinem Verkehr, höchstens korrespondierten sie einmal geschäftlich zusammen, wenn Geldangelegenheiten es erforderten. Der reichen Erbin standen natürlich alle Mittel zur Verfügung. Die einzige, mit welcher sie einen Briefwechsel unterhielt, war die Wärterin Marthas, von dieser ließ sie sich über das Befinden des Kindes benachrichtigen, sowie über die Vorfälle auf der Farm, und erfuhr, dass bald nach ihrer Abreise auch Eduard Flexan die Plantage verlassen habe. Es vergingen Jahre, und er kam nicht wieder dahin zurück, niemand, als vielleicht sein Onkel, wusste, wo er sich aufhielt.

Als Ellen eines Abends aus dem Klubhaus kam und in ihre auf sie wartende Equipage stieg, eilte ein Herr an ihr vorüber, der, als er sie erblickte, hastig den Kopf zur Seite wandte und mit beschleunigten Schritten davonlief, als wolle er vermeiden, erkannt zu werden.

»Das war entweder mein Stiefvater oder Eduard«, dachte Ellen, »die beiden sehen sich so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Wüsste nicht, warum er so ängstlich darauf bedacht sein sollte, von mir nicht erkannt zu werden. Nun, lass ihn laufen, desto besser, wenn er mir aus dem Wege geht!«

Zu Hause angekommen, meldete ihr die Kammerzofe, es habe sie ein Herr zu sprechen begehrt und lange im Vorzimmer gewartet.

»Hatte ich Ihnen nicht gesagt, dass ich heute erst abends nach Hause kommen würde?«, sagte Ellen. »Warum lassen Sie da den Herrn warten?«

»Das habe ich ihm auch mitgeteilt«, war die Antwort, »aber er schien sehr genau darüber orientiert zu sein, wo Sie sich gerade befanden. Er sagte, er wüsste bestimmt, dass der Ausflug, den die Damen heute vorhatten, nicht stattfände, und dass Sie also bald wieder nach Hause kommen würden.«

»Wie lange hat er gewartet?«

»Etwa drei Stunden.«

»Seine Karte?«

Ellen las einen ihr vollkommen fremden Namen, ebenso passte die Beschreibung, welche sie sich geben ließ, auf keinen ihr bekannten Herren.

Als sie ihr Schreibzimmer betreten hatte, öffnete sie den Sekretär, um einen bereits geschriebenen Brief zu adressieren und ihn mit dem Stempel zu versehen, den sie gewöhnlich führte. Sie wunderte sich schon, dass die Schublade, in welcher er lag, nicht wie gewöhnlich verschlossen war.

»Eine Vergesslichkeit von mir«, murmelte sie.

Sie zog die Lade auf und wunderte sich noch mehr, dass der Stempel nicht wie sonst neben dem Farbenkissen, sondern auf demselben lag, wohin sie ihn nie legte, weil dadurch der Griff mit Farbe beschmutzt wurde.

»Sonderbar«, dachte sie wieder, »bin ich denn bei dem letzten Gebrauch des Stempels ganz konfus gewesen?«

Doch Ellen war zwar eine scharfsinnige, aber offene und arglose Natur, und so grübelte sie nicht weiter darüber, sondern schob diese Unordnung ihrer eigenen Unachtsamkeit zu.

* * * * *

II.15. Die Gouvernante

»Onkel Eduard ist da.« Mit diesen Worten stürzte ein etwa siebenjähriges Mädchen in das Arbeitszimmer von Jones Flexan und umklammerte die Knie des noch immer schönen Mannes.

»Eduard?«, fragte Mister Flexan erstaunt und hob die Augen von dem Zeitungsblatt, in dem er eben las: »Du irrst wohl, Kind!«

»Nein, nein, eben ist er aus dem Wagen gestiegen und ins Haus gekommen. Er hat einen ganz großen Koffer mit. Ob er mir wohl wieder etwas mitgebracht hat?«

»Gehe zu der Tante, Martha, und lass mich allein«, sagte Flexan kurz aber nicht unfreundlich. »Wenn es wirklich so ist, so kannst du zu Eduard nachher guten Tag sagen.«

»Mister Flexan«, meldete in diesem Augenblick ein Diener.

Der Herr gab ihm einen Wink, das Kind durch eine Seitentür mit hinauszunehmen und erwartete sichtlich unruhig den Eintretenden. Schnell musterte er noch einmal im Spiegel sein Gesicht und fuhr mit dem Taschentuch über die Backen, als könne er damit eine brennende Röte verwischen, die plötzlich darauf entstanden war.

War Eduard schon früher eine interessante Erscheinung gewesen, so hatte er sich nun zur männlichen Schönheit entwickelt, er besaß jetzt dasselbe Aussehen seines Onkels, welches einst das Herz der Mistress Petersen zu betören vermocht hatte, dem unbekannten Fremdling die Hand zum ewigen Bunde vor dem Altar zu reichen.

Der schwarze Anzug saß wie angegossen an dem schlanken Körper, man hätte es nicht für möglich gehalten, dass eine solche breite Brust zu diesen schmalen Hüften passe, wenn man nicht die ganze Erscheinung vor sich sah, an welcher alles Harmonie zu sein schien. Das edle Gesicht war von der langen Fahrt auf sonnigem Wege etwas gerötet, aber diese Farbe harmonierte umso besser mit dem langen, schwarzen Schnurrbart, der dem jungen Mann einen noch kühneren Ausdruck verlieh.

Erst jetzt nahm er mit einer nachlässigen Bewegung den Hut vom Kopf, wischte sich mit dem Tuch über die Stirn, und nur, wer ihn ganz scharf betrachtete, konnte bemerken, mit welch seltsamem Ausdruck dabei seine grauen Augen den vor ihm Stehenden streiften, welcher noch immer wortlos den Eingetretenen betrachtete.

»Eduard«, begann er endlich und schob ihm einen Stuhl zu, auf welchem sich dieser niederließ, »was führt dich hierher? Ohne Nachricht, ohne Anmeldung? Es sind schon Jahre vergangen, seitdem du mir keinen Brief von dir zukommen ließest, es sei denn, dass dir die bewilligten Wechsel nicht genügten. Wo hältst du dich auf? Was treibst du? Bist du fortwährend auf Reisen?«

»Du stellst viele Fragen mit einem Male, Onkel«, erwiderte der Gefragte lächelnd. »Erlaube mir vor allen Dingen, mich nach deiner Gesundheit zu erkundigen. Steht noch alles beim Alten?«

Es erfolgten einige allgemeine Fragen und Antworten, wie sie nach langjähriger Trennung erklärlich sind, hauptsächlich die Plantage betreffend.

»Und nun Onkel«, begann Eduard nach kurzer Pause, »eine Frage, welche mich hauptsächlich hierher geführt hat.«

Mister Flexans Züge nahmen mit einem Male einen gespannten, unruhigen Ausdruck an, es war, als fürchte er eine bestimmte Frage.

»Nun, welche?«

»Hast du schon von Ellen gehört?«

Wieder warf der ältere Herr seinem Neffen einen unsicheren Blick zu, als er erwiderte:

»Soeben lese ich in der ›Times‹ den neuesten Bericht über das Mädchen, es hat sich vollkommen emanzipiert, Freundinnen gewonnen und verleitet diese nun zu den tollsten Streichen.«

»So weißt du von den Vestalinnen?«

Es entging dem Ohre des Mister Flexan Senior nicht, dass die Frage etwas höhnisch klang.

»Davon erfuhr ich bereits vor etwa einem Monat, jetzt bringen die Zeitungen Berichte über das Abenteuer, welches die Vestalinnen mit dem Mädchenhändler bestanden haben.«

»So, hm, und was sagst du dazu?«

»Ellen wird sich schon noch die Hörner ablaufen und einst als ein vernünftiges Weib zurückkehren.«

»Ich glaube nicht.«

»Warum soll sie nicht? Es hat alles seine Zeit.«

»Warum nicht?«, war die spöttische Antwort des Neffen. »Weil Ellen wahrscheinlich überhaupt nicht wieder von dieser Reise zurückkommt.«

Es entging dem Neffen nicht, wie der alte Herr zusammenzuckte.


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»Ich verstehe dich nicht«, murmelte er, »allerdings ist eine solche Reise mit vielen Schwierigkeiten verknüpft, manche Gefahren drohen den Mädchen, aber das ist noch kein Grund, für Ellens Leben zu fürchten.«

»Du scheinst ja sehr besorgt um sie zu sein!«

»Bin ich das nicht immer gewesen?«, klang es entrüstet zurück.

»Allerdings, so lange du hofftest, dass sie meine Frau werden könnte, aber nun ...«

»Aber nun?«

»Aber nun«, fuhr Eduard fort, ohne sich Mühe zu geben, den Spott der Stimme zu mildern, »aber nun, da du gemerkt hast, dass alle deine Pläne missglückt sind, scheinst du nicht mehr so sonderlich besorgt um das Leben Ellens zu sein.«

»Wie kannst du so sprechen?«, brauste jetzt der Onkel auf. »Lasse ich Ellen etwas abgehen, kann ich dafür, dass wir keine Verbindung miteinander haben?«

»Das ist etwas anderes; du weißt recht gut, dass Ellen hier über alles zu verfügen hat, dass du nur der Verwalter ihres Vermögens bist, und dass ich, sobald du stirbst, fast ein Bettler zu nennen bin. Das Vermögen, das du mir zufallen lassen kannst, reicht nicht einmal aus, meine Schulden zu decken.«

»Kann ich etwas dagegen tun?«

»Ich glaube, du hast schon etwas dagegen getan, lieber Onkel«, klang es ironisch aus dem Munde des Neffen, »ich muss wirklich sagen, dass du sehr bemüht bist, für meine Zukunft zu sorgen.«

»Du weißt recht gut, aus welchem Grunde.«

»Aber du fragst mich nicht erst, ob ich mit deinen Bemühungen einverstanden bin.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Nun denn, so will ich deutlicher sprechen. Wann warst du das letzte Mal in New York?«

Diesmal gelang es Eduard nicht, trotz aller Aufmerksamkeit irgend eine Änderung in den Zügen seines Onkels zu entdecken. Entweder war die Frage eine vollkommen unverfängliche, oder jener wusste sich zu beherrschen.

»Das letzte Mal?«, klang es gleichgültig. »Etwa vor einem Monat.«

»Stimmt. Gerade während der Abreise der ›Vesta‹. Was hattest du damals in New York zu tun?«

»Nichts weiter, Geschäfte.«

»Mit dem Seewolf?«

Wäre eine Bombe im Zimmer krepiert, eine andere Wirkung als diese Worte hätte sie auf Mister Flexan auch nicht ausgeübt.

Die gesunde Röte verließ sein Gesicht plötzlich; kreideweiß sprang er vom Stuhl und musste sich mit beiden Händen an dem Tische festhalten. Starr waren die hervortretenden Augen auf den Sprecher geheftet.

»Nun, nun«, beruhigte dieser, »du brauchst nicht so zu erschrecken, das Geheimnis ist in guten Händen ...«

»Woher hast du das erfahren?«, stammelte der alte Mann, »ich bin verloren.«

»Durchaus nicht. Niemand weiß, wer dem Seewolf den Auftrag gegeben hat, als ich allein, ein Zufall hat es mir verraten. In der Tat, es ist recht hübsch von dir, so für mich sorgen zu wollen, indem du die Erbin aus dem Wege räumst, aber du weißt doch, wie ich mit Ellen stehe. Oder hast du keine Ahnung davon gehabt? Hieltst du alles nur für eine Folge deiner kalt berechneten Pläne?«

Mit großen Schritten ging Mister Flexan im Zimmer auf und ab, um das aufgeregte Blut zu beruhigen, und bald war ihm dies gelungen.

Plötzlich blieb er vor seinem Neffen stehen.

»Ich sehe, du bist eingeweiht«, begann er mit heiserer Stimme, »ein Leugnen dir gegenüber würde mir nichts helfen; um Gottes willen, Eduard, sprich, von wem weißt du es?«

»Sei unbesorgt, es weiß niemand anders, als ich; ein wunderbarer Zufall hat mir dein Geheimnis verraten. Aber beantworte meine Frage! Weißt du, wie ich von Ellen denke, was sie mir ist?«

»So liebst du sie noch?«

Jetzt sprang auch der junge Mann auf.

»Ob ich sie liebe?«, rief er und streckte beide Arme aus, als wolle er ein Phantom umfangen, »mehr als mich selbst, und«, fuhr er, mit den Zähnen knirschend, fort, »sie muss noch mein werden, und würde sie von allen Engeln bewacht.«

Sein Gesicht hatte einen furchtbar leidenschaftlichen Ausdruck angenommen, jetzt brach erst seine wahre Natur durch, eine unbezähmbare Leidenschaft, welche keine Grenze, kein Gesetz kennt, welche sich auch nicht scheut, zum Verbrechen zu greifen.

Beide Männer standen sich gegenüber, der eine noch bebend vor wildem Entsetzen, der andere bebend vor wilder Aufregung; und in diesem Augenblick konnte man erkennen, wie ähnlich sich die beiden waren, Zug um Zug glichen sie sich.

»Aber wie kann ich die Sache ändern?«, begann Mister Flexan wieder. »Der Auftrag ist gegeben, ich weiß nicht, wie ich ihn zurücknehmen soll, und dann, Eduard, bedenke, was auf dem Spiele steht! Du hast vorhin richtig geurteilt, als du sagtest, nach meinem Tode wärst du einem Bettler gleich zu achten. Ich habe mein möglichstes getan, du hast alles versucht, Ellen an dich zu fesseln. Das stolze Mädchen geht seinen eigenen Weg, jetzt ist es noch Zeit, hat es sich aber erst verheiratet, so ist alles verloren.«

»Dazu ist sie auf dem besten Wege«, kam es zischend von den Lippen Eduards.

Erschrocken fuhr der alte Mann zurück.

»Jetzt schon? Nicht möglich! Mit wem?«

»Mit einem jener Engländer, die hinter der ›Vesta‹ herfahren. Ein Narr, der lieber im Freien als im Bett schläft, mit einem Wort, ein spleeniger Engländer, aber schwer reich.«

»Geht das nicht zu vermeiden?«

Eduard zuckte ungeduldig mit den Achseln.

»Ja und nein, aber ich habe keine Macht und kein Geschick, solche Geschichten einzufädeln. Du scheinst dich ja besser dazu zu eignen.«

»Ich?«

»Gewiss, du hast Talent dazu, wie du bewiesen hast«, sagte Eduard spöttisch, die Augen fest auf seinen Onkel geheftet, der sich wieder niedergesetzt hatte und nicht wusste, wie er den Blicken seines Neffen ausweichen sollte.

»Was führt dich eigentlich hierher?«, fragte er.

»Der Wunsch, mehr von dir über diese Sachen zu hören. Was gedenkst du zu tun, wenn Ellen wirklich zu den Toten gerechnet werden muss? Glaubst du etwa, das Mädchen wird uns in ihrem Testament bedacht haben, uns, die sie beide hasst?«

»Sie hat keine Verwandte mehr«, murmelte der Onkel.

»Das ist es eben, sie wird alles einer wohltätigen Stiftung vermachen.«

»Nein, sie hat doch jemanden, den sie liebt, dem ihr Vermögen zufallen wird, sollte sie sterben, ehe sie geheiratet hat.«

»Und das wäre?«, fragte Eduard erstaunt.

»Die Person, welche ich ihr geschenkt habe.«

»Wer?«

»Martha!«

»Ah, jetzt verstehe ich dich erst.«

Erregt war Eduard aufgesprungen.

»In der Tat, fein eingefädelt«, fuhr er fort, »Onkel, du bist ein Genie. Aber«, setzte er zögernd hinzu, »damit ist uns nicht geholfen.«

»Auch dafür ist gesorgt.«

Nun begann zwischen beiden ein längeres Gespräch, in flüsterndem Tone geführt, nach dessen Schluss sich Eduard erhob und seinem Onkel die Hand schüttelte.

»So wird es gehen, es kann uns nicht missglücken.«

»Und du triffst zwei Fliegen auf einen Schlag«, lachte Mister Flexan; »nun, ich gönne es dir, Junge.

Also vergiss nicht, mir immer genaue Mitteilung zu machen, natürlich chiffriert, und dann: vorsichtig! Geldmittel brauchst du nicht zu scheuen, sie stehen dir immer zu Gebote, so viel du haben willst. Wie lange bleibst du noch hier?«

»Höchstens zwei Tage. Je eher ich reise, desto besser.«

»Richtig! Nun begrüße Martha und sei recht freundlich gegen sie, ich glaube, du hast schon jetzt einen Stein bei ihr im Brett. Hahaha.«

Onkel und Neffe trennten sich.

*

Wieder einige Monate später war es.

Unter der Dienerschaft auf Flexans Plantage herrschte große Aufregung; zischelnd steckten die Leute die Köpfe zusammen, und jedes Mal, wenn ein Wagen durch die Einfahrt des Hofes kam, blieben die draußen Befindlichen stehen und die Fenster des Geschosses, in dem die Bedienten wohnten, waren stets dicht besetzt mit Köpfen, welche alle neugierig nach dem Fuhrwerk lugten.

Aber immer musste die Aussteigende nicht die erwartete Person sein, denn mit einem bedauernden Gemurmel verließen die Neugierigen wieder die Fenster und gingen ihrer Arbeit nach.

Die Aufgeregteste aber von allen war Martha.

Bei jedem Wagengerassel schrak sie ängstlich zusammen und horchte, ob ein Schritt die Treppe heraufkam, und jedes Mal huschte ein freudiges Lächeln über das hübsche Gesicht des kleinen Mädchens, wenn es nicht der Fall war.

Da, es war schon fast Abend, rollte wieder ein Fuhrwerk in den Vorhof, wieder flogen die Köpfe an die Fenster, und diesmal ging ein befriedigtes Murmeln durch die Reihen, denn in dem Wagen saß die Person, auf deren Erscheinen man auf der sonst von aller Welt abgeschlossenen Plantage schon seit Tagen gewartet hatte, eine Dame, die neue Gouvernante Marthas, denn die alte hatte ihre Stelle aufgegeben.

Es war eine stattliche Erscheinung, welche jetzt aus dem Wagen stieg, groß, schlank, aber wohlproportioniert gebaut. Sie war nicht hübsch zu nennen, hatte aber doch etwas Anziehendes in ihren Zügen, welches oft mehr wirkt, als eigentliche Schönheit, und ebenso wenig, wie man etwas Bestimmtes von ihrem Gesicht sagen konnte, war auf ihr Alter zu schließen, es mochte etwa dreißig Jahr betragen.

Sie war sehr elegant gekleidet, vielleicht etwas zu auffallend; der durchbrochene Strohhut mit den wallenden Straußenfedern saß keck auf dem üppigen Haar, wie auch die übrige Toilette bunt genug war, aber das fällt im Süden nicht auf, man liebt dort grelle Farben, wenn ihre Zusammenstellung nur harmonisch ist.

Die Dame wurde von einem Diener nach den ihr zur Verfügung gestellten Zimmern geführt, um sich für die Vorstellung vor dem Hausherrn vorzubereiten, während ihr Gepäck ins Haus geschafft wurde.

Eine halbe Stunde später stand sie vor Mister Flexan.

Mister Jones Flexan war allgemein als ein großer Frauenverehrer bekannt, und man sagte, je besser ihm eine Dame gefiele, desto zuvorkommender sei er gegen sie.

War dies wirklich der Fall, so musste diese Dame allerdings gleich beim ersten Anblick einen großen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn er bewillkommnete sie ungemein höflich und bedauerte, dass sie den weiten Weg von New Orleans, dem Hafenplatz von Louisiana, nach der Eisenbahnstation und von dieser nach hier allein zurückzulegen gezwungen gewesen wäre, aber er selbst hätte vor Geschäften nicht abkommen können, und so weiter, kurz, die Dame kam vor lauter Höflichkeitsphrasen anfangs gar nicht zum Sprechen.

»Doch nun zur Sache, Miss Kenworth«, sagte er endlich, als er seinen Schatz an Komplimenten erschöpft hatte, »Sie wissen, ich bin Witwer und daher immer in der fatalen Lage, mich nach Gouvernanten für das Kind umsehen zu müssen, welches ich angenommen habe. Sie verstehen, was ich damit meine«, unterbrach er sich, als er sah, dass die Dame flüchtig lächelte, »wenn ich sage, immer in der fatalen Lage. Ich meine nämlich damit, es hält so furchtbar schwer, jemanden zu finden, der länger als einen Monat aushält. Entweder glauben die Damen, einen besseren Platz bekommen zu können, und sie gehen fort, oder sie heiraten und werden fortgeholt.«

Mister Flexan erwartete, durch diese Worte der Dame wiederum ein Lächeln entlocken zu können, aber er hatte sich getäuscht, sie blieb ernst.

»Hoffentlich hat sie noch nicht gehört, warum ihre Vorgängerinnen immer wegliefen«, dachte er, und laut setzte er hinzu:

»Bei Ihnen wird dies nicht der Fall sein, erwarte ich. Sie werden sich sehr glücklich bei uns fühlen. Martha ist ein artiges Kind, und ich werde alles tun, um Ihnen den Aufenthalt auf dieser einsamen Plantage so angenehm wie möglich zu machen.«

»Mister Flexan«, begann jetzt die neue Gouvernante mit wohltönender Stimme, »erlauben Sie erst, dass ich Ihnen den Brief gebe, welcher mich als diejenige legitimiert, für welche Sie mich halten.«

»Ach, das wäre ja gar nicht nötig, es sind ja schon genügend Empfehlungen eingegangen«, erwiderte Mister Flexan, nahm aber doch den dargebotenen Brief, erbrach ihn und las die wenigen Worte:

Miss Kenworth ist die Überbringerin dieses Briefes. Vertrauen Sie ihr vollkom

men, soweit Sie es für gut befinden! E.

Es war der Brief, den er mit Schmerzen erwartet hatte, oder vielmehr die Person, die ihn überbringen sollte.

Noch einmal schweiften seine Blicke über die Gestalt der vor ihm sitzenden Dame, welche nicht tat, als bemerke sie die begehrlich auf sie gehefteten Augen. Er war sehr zufrieden mit ihrer Erscheinung, sie hätte selbst weit weniger hübsch sein können.

»Wollen Sie mich nun mit meinen Pflichten bekannt machen?«, fragte sie und wandte lächelnd den Blick vom Fenster ab auf ihn.

»Es sind die einer Erzieherin; Sie werden wenig Mühe mit Martha haben, sie ist ein gutes, williges Mädchen, weich wie Wachs ...«

»Das ist kein guter Charakter.«

»Hm, unter Umständen, nein! Sie haben meinen Neffen schon gesprochen?«

»Allerdings, in Baltimore hatte ich das Vergnügen, mit ihm für einige Stunden zusammen zu sein.«

»Haben Sie mit ihm über Martha gesprochen?«

»Unsere ganze Unterhaltung drehte sich nur um sie.«

»So wissen Sie ja also, um was es sich handelt. Sie verkehren natürlich in unserer Familie«, lenkte Mister Flexan ab, »bilden ein Mitglied derselben, und je enger befreundet Sie mit Martha sind, desto besser für uns.«

Das Gespräch drehte sich noch einige Zeit um gleichgültige Dinge, dann ward das Kind gerufen, mit seiner neuen Erzieherin bekannt gemacht, und schließlich ließ Mister Flexan beide allein.

Eine Stunde später wurde Martha von der Pflegemutter zum ersten Male ins Bett gebracht; darauf nahm der Hausherr mit einigen Gästen, welche von benachbarten Farmen auf Besuch gekommen waren, das Nachtessen ein, bei dem auch Miss Kenworth zugegen war, und als schließlich den Herren der Wein zu sehr zu Kopf stieg, entfernte sich Letztere mit der Entschuldigung, von der Reise zu sehr ermüdet zu sein, um länger der Gesellschaft beiwohnen zu können.

Als Miss Kenworth in ihr Zimmer kam, riss sie förmlich das Spitzentuch, das ihren Hals verhüllte, ab, schleuderte es in einen Winkel und presste beide Hände an die Schläfen.


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Wie geistesabwesend starrte sie in den Spiegel, der im Scheine der Lichter ihr Bild wiedergab.

»Träume ich, oder wache ich?«, flüsterte sie, unverwandt ihr Spiegelbild betrachtend. »Bin ich denn nur verhext? Bin ich noch dieselbe, die ich früher war? Ich, eine Schauspielerin, eine Gouvernante, eine Spionin?«

Mit einem Male warf sie sich auf den Diwan und brach in ein lautes Lachen aus; es war, als könnte sie sich gar nicht wieder beruhigen.

Da schlug die kleine Stutzuhr auf dem Spiegel zwölf Uhr.

Sofort nahmen ihre Züge wieder einen ernsthaften Ausdruck an, sie erhob sich mechanisch, öffnete einen Koffer und entnahm daraus eine Schreibmappe, die sie auf den Tisch legte.

Sie setzte sich hin und schrieb einen langen Brief an eine Freundin nach New York, so, wie ihn sich Bekannte zu schreiben pflegen, aber vorher hatte sie einige Worte, scheinbar ohne allen Zusammenhang, aufs Papier geworfen, jedes an einer anderen Stelle, und diese Lücken füllte sie nun aus. Dann nahm sie ein Blatt Papier, brach es in einer merkwürdigen Weise zusammen, schnitt mit einer Schere an einigen Stellen ein Stückchen heraus und legte dann dieses Papier, nachdem sie es auseinandergefaltet hatte, auf den Briefbogen.

Jetzt war das Schreiben nicht mehr ein harmloser Brief an eine Freundin; setzte man die in den Lücken des Papiers sichtbaren Worte zusammen, so konnte man lesen:

Bin ohne Argwohn engagiert. Er ist in Aus tra lien. Sein nächstes Ziel

Ja va, dann Chi na.

Alle Ländernamen waren dabei in weiten Zwischenräumen voneinander getrennt, sodass man sie im eigentlichen Brief nicht erkennen konnte.

Sie adressierte denselben wirklich an eine Dame in New York und stützte dann den Kopf in beide Hände.

Lange Zeit blieb sie so sitzen, schließlich aber erhob sie sich mit einem tiefen Seufzer.

»Armes Kind«, murmelte sie, »was ich verbrochen haben mag, an dir will ich es wieder gut machen, das soll meine Sühne sein.«

Ein Tag verstrich nach dem anderen.

Miss Kenworth war eine gewissenhafte Erzieherin, sie gab sich mit Martha alle Mühe, und diese hing an ihr wie an einer Mutter. Ebenso war Mister Flexan mit ihr zufrieden; sie war zuvorkommend gegen ihn, soweit es sich für sie als Weib schickte, nie aber duldete sie einen Übergriff über seine Rechte.

Oftmals neckte er sie wegen ihres immensen Briefwechsels, den sie mit ihrer Freundin in New York unterhielt; er spottete über diese Liebhaberei der Frauen, wusste aber nicht, wie gut es der Gouvernante bekannt war, dass einige der für sie angekommenen, wie von ihr abgesandten Briefe von ihm geschickt erbrochen und gelesen worden waren, natürlich, ohne dass er irgend etwas Verdächtiges darin gefunden hatte.

Ja, einmal merkte sie an einem geheimen Zeichen, dass ihr Koffer von fremder Hand geöffnet und ihre Briefschaften durchstöbert worden waren, aber mit keiner Miene verriet sie, dass sie irgend etwas davon gewahrt habe.

Mister Flexan wusste nicht, welch eine gefährliche Person er in sein Haus aufgenommen hatte, wie jeder seiner Schritte, jede seiner Handlungen beobachtet wurden, er wusste nicht einmal, dass keiner der Briefe nach New York ging, sondern dass er schon auf der nächsten Station von einem Postbeamten dechiffriert wurde und dann die Mitteilung als Telegramm nach fernen Erdteilen flog.

Hätte er andererseits ahnen können, wie genau die unschuldige Miss Kenworth in seinen Briefschaften Bescheid wusste, mit welchem Raffinement sie sich Zutritt zu seinem Arbeitszimmer zu verschaffen wusste, wie sie kein Mittel scheute, um sich darüber zu orientieren, wohin, mit wem und über was er korrespondierte und welche Briefe er empfing, er würde nicht mehr solch offenes Vertrauen ihr gegenüber gezeigt haben.

Aber kein Argwohn stieg in ihm auf.

Miss Kenworth war ja eine so ausgezeichnete Erzieherin, eine so liebevolle Mutter für Martha, sie nahm teil an den Gesellschaften, welche der freigebige Mister Flexan auf der Plantage öfter in größerem oder kleinerem Maßstabe gab, sie verschmähte sogar nicht, in den engen Herrenzirkeln zu verkehren und gab manchen Witz zum besten, über den sich die Gäste köstlich amüsierten.

Alle waren darin einig, dass Miss Kenworth eine exzellente Gesellschafterin sei, und Mister Jones Flexan wurde allgemein um eine solche Gouvernante beneidet. Bei derartigen Reden aber konnte der Hausherr gewöhnlich einen leisen Seufzer nicht unterdrücken.

War Miss Kenworth jedoch allein, so trat in ihrer Laune gewöhnlich ein Umschlag ein, sie gebärdete sich wie eine Verzweifelte, jammerte, klagte und sank schließlich in ein dumpfes Brüten, bis sie plötzlich zusammenschrak und sich mechanisch emporraffte, um noch einen Brief zu schreiben.

* * * * *

II.16. Unter deutscher Kriegsflagge

Eine stattliche Korvette kreuzte unter vollen Segeln ohne Benutzung der Maschinen durch den indischen Ozean. Wie ein Schwan schwebte der schneeweiße Bau über die Wellen; wie der stolz getragene Kopf dieses Vogels streckte sich der mächtige Klüverbaum weit über das Bugspriet hinaus und bog sich unter der Last der drei Klüversegel, unter denen sich das weitmaschige Netz befand, welches den herabfallenden Matrosen auffangen soll; denn die Arbeit auf dem Klüverbaum ist eine der gefährlichsten auf dem Schiffe; mancher, welcher zum Festmachen der Segel mit keckem Mut wie ein Seiltänzer darauf hinausgelaufen ist, kehrte nicht wieder zurück.

Aber die ›Victoria‹ konnte auch stolz sein, denn an ihrem Heck wehte die schwarzweißrote Flagge mit dem schwarzen Adler in der einen Ecke; am mittelsten Mast flatterte der lange Kriegswimpel. Auf ihr machten die jüngsten Seekadetten, die Hoffnung Deutschlands, unter denen einige Fürstentitel trugen, die erste Reise um die Erde.

S. M. S. Victoria, das heißt: Seiner Majestät Schiff Victoria, war ein Kadettenschulschiff und daher, weil es die zukünftigen Offiziere der deutschen Marine im Segelexerzieren ausbilden sollte, wie eine Bark getakelt. An dem ersten Maste, dem Fockmast, exerzierten die Kadetten, den zweiten, den Großmast, bedienten die Matrosen, ebenso wie den letzten, den Kreuzmast, der aber auf einer Bark Besanmast genannt wird, weil er keine Rahen hat, sondern nur ein einzig großes Segel, das Besansegel, führt.

Das Leben eines Seekadetten ist kein leichtes. Wenn irgendjemand, der zu einem Berufe erzogen wird, über zu große Anforderungen zu klagen hat, so wäre er berechtigt dazu; von keinem jungen Mann wird verlangt, die Kräfte des Geistes und die des Körpers zu gleicher Zeit so anzustrengen, wie vom Seekadetten. Aber der Jüngling, der zu Hause die beste Erziehung genossen und das trauteste Heim bewohnt, hat diesen Beruf aus freiem Antriebe gewählt; man könnte ihn nicht dazu zwingen, er fühlt in seinen Adern die Jugendkraft und den Jugendmut schäumen: er muss hinaus, er will seine Kräfte im Kampf mit den Elementen messen, und dazu bietet sich ihm nirgends eine solche Gelegenheit wie als Marineoffizier.

Er kommt einige Monate auf die Kadettenschule nach Berlin, dann nach Ablegung einer Prüfung nach Kiel, und erst hier wird er zum Seekadetten ernannt und bekommt das Abzeichen, welches er bisher noch nicht tragen durfte, den lang herabhängenden Dolch mit elfenbeinernem Griff in lederner Scheide.

Sobald ein neues Schiffskommando erfolgt, kommt er an Bord, und ist das Glück ihm günstig, so macht er gleich zuerst auf einem Kadettenschulschiff eine Reise um die Erde.

Der Seekadett steht schon im Range eines Unteroffiziers, nicht aber an Bord eines Schulschiffes — dort ist er nur Matrose und wird während des Dienstes als solcher behandelt. Er muss ebenso, wie jeder andere Matrose, mit Gewehr und am Geschütz exerzieren, die Segel bedienen, die ihm angewiesene Stelle des Schiffes reinhalten, bei jedem Manöver, wie wenden, halsen, (»wenden« heißt, das Schiff gegen den Wind umdrehen, »halsen«, mit dem Wind kreuzen), Anker lichten, helfen, und während der Matrose sich dann von der Arbeit erholen kann, muss jener in seiner Freizeit noch die Vorlesungen des instruierenden Offiziers über nautische Wissenschaften anhören und über Büchern schwitzen.

Für die Bemannung eines Kadettenschulschiffes werden die besten Matrosen ausgesucht, und das mit gutem Grunde. Die Kadetten sollen einmal während ihrer ersten Reise nur mit den tüchtigsten Seeleuten zusammenkommen, von denen sie die Praxis der Seemannschaft erlernen können, und dann auch, um ihren Ehrgeiz anzustacheln.

Wenn die Bootsmannspfeife ertönt, das Kommando erschallt, dann fliegen gleichzeitig Kadetten, wie Matrosen die Wanten hinauf und in die Rahen, Erstere am Fock, letztere am Großmast, und jetzt gilt es für die Kadetten, zu beweisen, dass sie den Matrosen an Schnelligkeit nicht nachstehen. Jeder bietet alle seine Kräfte auf, alles arbeitet Hand in Hand; wo ein Arm das Segel nicht allein bändigen kann, da greifen vier andere mit zu, und welcher Teil zuerst an Deck steht, der hat bei der nächsten Musterung (Appell) ein Lob zu erwarten. Aber was für Männer gehen aus diesen Jünglingen auch hervor!

Wenn die furchtbaren Winterstürme der Nordsee nachts um das Schiff brausen und es wie eine Nussschale umherschleudern, wenn das eisige Wasser flutenweise über Deck spült und der Gischt emporspritzt bis an die Mastspitze, sodass selbst der Mann hoch oben auf dem Ausguck wie in einer weißen Nebelwolke erscheint, dann sitzen die Matrosen unter der sicheren Back, rauchen ihre Pfeife und plaudern, nur auf das Kommando horchend, welches sie zu einer geringfügigen Arbeit an Deck ruft, nach deren Vollendung sie schnell wieder in das trockene Versteck kriechen. An Bord von Kriegsschiffen werden die Leute bei Nacht und bei schlechtem Wetter möglichst geschont.

Nicht so aber der Seeoffizier.

Mag das Wetter auch noch so toben, mag das über die Kommandobrücke spritzende Wasser auch sofort zu Eis gefrieren, in ihre langen Ölröcke gehüllt, stehen die jungen Offiziere, denen kaum der erste Flaum auf den Lippen sprosst, auf ihren Posten, in der steifgefrorenen Hand das Glas haltend und damit in die Ferne spähend, bald den Kompass, bald die Segel betrachtend, gehen auf der schmalen Brücke hin und her, als ob die schwankenden Planken der festeste Boden wären, erzählen sich vom vorigen Kasinoball im Hafen und schütteln sich lachend das Wasser aus den Haaren.

Wenn es noch irgend eine Klasse von Menschen gibt, bei der man Kraft, Mut, Kaltblütigkeit, Treue und ritterlichen Sinn gepaart findet, so ist es die der Seeoffiziere. — —

S. M. S. Victoria hatte außer den Offizieren vierhundert Mann an Bord, die gewöhnliche Besatzung einer Korvette, darunter auch vierzig Seekadetten, von denen nur einzelne ›befahrene‹ Leute waren, die meisten machten ihre erste Seereise.

Es war nachmittags; Arbeit an Deck gab es nicht weiter, aber die ›Routine‹, das heißt der Plan, welcher an Bord der Kriegsschiffe jeder Stunde des Tages, und zwar von früh sechs bis abends sechs Uhr eine Beschäftigung zudiktiert, schrieb Geschützputzen vor, und so standen denn die Matrosen an den Kanonen, von denen sich sowohl an Deck, wie im Zwischendeck welche befanden, und wischten mit öliger Putzwolle die Eisen- und Messingteile derselben ab.


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Auch die Kadetten hatten zwei Geschütze zu bedienen und waren mit derselben Arbeit beschäftigt.

Die Bootsmannsmaate und Steuermannsmaate, wie die Unteroffiziere an Bord genannt werden, je nachdem sie das Schiff selbst zu bedienen oder die Führung desselben zu leiten haben, gingen auf dem vorderen Deck auf und ab und beaufsichtigten die Arbeiten der Matrosen, während ein junger Leutnant hin- und herspazierte.

»Tolsten«, flüsterte ein Kadett, ein junges, zierliches Kerlchen von etwa zwanzig Jahren, dem man nur an dem braunen Gesicht und den schwieligen Händen ansah, dass er kein Neuling war, »Tolsten, hast du schon bemerkt, was Leutnant Wiedenfeld heute Nacht im Sinn hat?«

Der Angeredete warf einen Blick nach dem Leutnant, der ihm eben den Rücken zukehrte, und erwiderte:

»Will er wieder nach Fischen schießen?«

»Nein, diesmal nicht. Ich habe gesehen, wie er sich vorhin vom Koch ein Stück Speck geben ließ, und habe gerochen, dass er es über Spiritus gebraten hat.«

»Dann wünsche ich ihm guten Appetit«, lachte Tolsten leise.

»Essen will er es nicht, aber ich bin fest überzeugt, dass er wieder Ratten fangen will.«

»Gibt er seine Versuche noch nicht auf?«

»Jetzt hat er sie seit langer Zeit in Ruhe gelassen, nun aber probiert er es noch einmal, und er fängt diesmal eine.«

Tolsten blickte in das hübsche Gesicht des Kadetten, der ihm am Kanonenrohr gegenüberstand.

»Was willst du machen?«

»Ihm einen Streich spielen.«

»Sieh dich vor, Schwarzburg!«, warnte Tolsten ernst. »Der Kapitän ist sowieso nicht gut auf dich zu sprechen. Er hat schon einmal gedroht, dich über den Top schicken zu wollen.«

»Ach was«, entgegnete Schwarzburg leichthin, »dabei ist auch nichts weiter. Übrigens kann der Kapitän Leutnant Wiedenfeld auch nicht besonders leiden.«

Das ›über den Top schicken‹ ist an Bord deutscher Kriegsschiffe eine kleine Ehrenstrafe. Der Betreffende, welcher sich den Unwillen seines Vorgesetzten zugezogen hat, muss auf der einen Seite die Wanten aufentern bis hinauf an den Top, die höchste Spitze des Mastes, über die oberste Rah wegrutschen und an der anderen Seite wieder abentern, während die versammelte Mannschaft unten zusieht. Je nachdem die Strafe leichter oder härter sein soll, muss er ein- zwei- oder dreimal über den Top.

»Tolsten«, flüsterte wieder Schwarzburg, »pass auf, was ich dir sage. Ich lasse mir nachher ein Bad geben, tue auch so, als ob ich in die Zelle ginge, schleiche mich aber unten in den Kielraum. Du stellst dich an die Badetür und sprichst immer recht laut zu mir, damit sie glauben, ich wäre wirklich darin.«

»Was willst du in dem Kielraum?«

»Eine Ratte fangen.«

»Wozu denn nur?«

»Das wirst du morgen früh sehen, der Spaß wird großartig. Wer hat diese Nacht Wache auf der Kommandobrücke?«

»Von zwölf bis vier Uhr Leutnant Wiedenfeld selbst.«

»O weh, das ist schade! Aber es wird mir schon gelingen.«

Jetzt schlug die Schiffsglocke vier Glasen, sechs Uhr, Leutnant Wiedenfeld gab ein Kommando; der ihm zunächst stehende Bootsmannsmaat steckte die Pfeife in den Mund und trillerte darauf, dann das Kommando wiederholend:

»Ausscheiden mit Geschützputzen — Geschütze festzurren!«

Dasselbe Kommando, welches sich abends um sechs Uhr überall auf der ganzen Erde wiederholt, wo nur die deutsche Kriegsflagge weht.

Da erscholl im ganzen Schiff, oben an Deck, im Zwischendeck, in den verborgensten Winkeln ein Gepfeife und Trillern. Jeder Unteroffizier — und es gibt auf solch einem Schiffe deren nicht wenige — entlockte seiner Pfeife die gellendsten Töne, und jeder wiederholte das Kommando, so schreibt es ihnen die Pflicht vor, damit sich niemand entschuldigen kann, es nicht gehört zu haben.

Die Geschütze wurden eingerannt, mit Ketten und Tauen festgezurrt, das heißt, festgeschnallt, damit sie beim Schlingern des Schiffes sich nicht bewegen können, das Deck von Putzwolle und herumstehenden Ölflaschen gesäubert und des nächsten Kommandos geharrt, des bei allen Matrosen beliebtesten:

›Backen und Banken.‹

Im Zwischendeck sind die Backen, das heißt, Tische wie auch die Bänke an der Decke befestigt, denn auf einem Schiffe, wo vierhundert Personen zusammengedrängt sind, gibt es keinen freien Platz, die kleinste Stelle muss ausgenutzt werden.

Auf das Kommando ›Backen und Banken‹ werden die Tische und Bänke heruntergeschlagen; die ganze Mannschaft ist in Backschaften, das heißt, in Gruppen eingeteilt, von denen je eine einen Tisch einnimmt, und wiederum einer von jeder Backschaft hat eine Woche hindurch für die Bedienung seiner Kameraden zu sorgen, ihnen das Essen zu bringen, abzuräumen und das Blechgeschirr auszuwaschen.

Dichtgedrängt standen vor der Kombüse die blaumützigen Jungen und ließen sich vom Koch die Kessel voll Tee schenken, eilten ins Zwischendeck zurück, füllten die Blechtassen und holten dann vom Bottelier Brot und Butter, und, wenn solches die Schiffskasse gestattete, auch noch die Zukost.

Der Bottelier ist ein Unteroffizier, welcher die Nahrungsmittel unter sich hat und diese an Koch und Mannschaft ausgibt.

Nachdem das Abendbrot vorüber ist, hat die Mannschaft bis um acht Uhr Freiheit, und dann beginnt wieder der Dienst, wenigstens für diejenigen, welche gerade auf Wache sind.

Punkt acht Uhr erschallen wieder die Pfeifen, und die Kommandos ertönen:

»Wache zur Musterung — Hängematten empfangen!«

Hat zum Beispiel die Backbordwache Dienst, so stellt sie sich an Backbord auf und wird vom diensttuenden Leutnant gemustert, während die andere Wache, welche jetzt für vier Stunden schlafen gehen kann, ihre Hängematten empfängt.

Die Hängematten liegen in Kästen, welche längs der Bordwand angebracht sind, und sind mit Nummern versehen, sodass jeder Matrose seine eigene hat. Sie bestehen aus starker Segelleinwand und enthalten eine dünne Seegrasmatratze und eine Decke. Im Kriege werden die fest zusammengerollten Hängematten auch noch so benutzt, dass man sie auf die Bordwand legt und zwischen den entstandenen Scharten herausschießt.

Wer noch niemals das Zwischendeck eines Kriegsschiffes bei Nacht betreten hat, hält es einfach nicht für möglich, dass so viele Leute in einem Raume zusammen schlafen können, dicht nebeneinander, dreifach übereinander, wo nur ein Bändsel zu befestigen geht, da hängt der Matrose sein schwebendes Bett hin, und lustig ist es dann, wenn das Schiff anfängt zu schlingern.

Fortwährend schlagen die Hängematten aneinander, die geschaukelten Schläfer stoßen mit den Köpfen zusammen, ein Bändsel hat sich durch die heftige Bewegung gelöst, und polternd stürzten Mann und Bett an Deck oder erst auf jemanden, und ist der Seegang hoch, so kann man durch ein Ventilationsloch auch noch eine kalte Dusche bekommen.

Aber das hat alles nichts zu bedeuten, dafür ist man auf See und nicht, wie der Matrose spöttisch sagt, ›bei Muttern.‹

Zehn Minuten vor zwölf Uhr! Die Schläfer werden von ihren Kameraden geweckt, schlaftrunken fahren sie hoch, und regelmäßig ist die erste Frage, die sie stellen:

»Was ist für Wetter?«

Darnach richtet sich die Bekleidung.

Diese Nacht war schönes Wetter; herrlicher konnte es gar nicht sein. Vom Himmel blitzten Myriaden Sterne herab, das Meer erglühte im Phosphorschein, und die Luft war mild und weich. Es war eine Nacht, wie man sie nur in den Tropen erleben kann.

Ebenso, wie die Matrosen, wurde auch die Hälfte der Kadetten, welche ebenfalls in Hängematten schlafen, nicht wie die Offiziere in wirklichen Betten, von ihren Kameraden zehn Minuten vor zwölf Uhr geweckt, um mit dem Glockenschlage an Deck erscheinen zu können.

Als der junge Kadett, dessen Bekanntschaft wir schon gemacht haben, in den Gang trat, von welchem sich die Kabinen abzweigten, eilte ein Offizier an ihm vorüber.

»Freiherr von Schwarzburg«, redete ihn dieser an und blieb stehen, »wollen Sie mir einen Gefallen tun?«

So lange der Kadett nicht in Dienst ist, wird er auch von den Offizieren mit seinem Titel angeredet, sobald er sich aber im Dienste befindet, einfach nur mit ›Kadett.‹

»Mit dem größten Vergnügen«, entgegnete der Kadett, »befehlen Sie über mich!«

»Sie sind der älteste Ihrer Kameraden, deshalb wende ich mich an Sie«, sagte Leutnant Wiedenfeld, »ich habe jetzt Wache auf der Kommandobrücke, fühle mich aber äußerst unwohl. Die Nacht ist ja klar und ruhig, also nichts zu fürchten, und außerdem ist ja noch Leutnant Gebhard oben. Würden Sie mich vertreten?«

»Gewiss, wenn der Kapitänleutnant damit einverstanden ist.«

»Ich habe schon mit ihm gesprochen, er ist es. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Freundlichkeit, Sie dürfen auf einen Gegendienst rechnen. Jetzt gehe ich nach oben, löse den wachhabenden Offizier vorschriftsmäßig ab, bleibe einige Zeit auf der Brücke, bis der Kapitänleutnant Kompass und Segel revidiert hat und gehe dann wieder in meine Kabine, während Sie meine Stelle einnehmen.«

»Aber seien Sie pünktlich um vier Uhr wieder zurück, wenn Sie abgelöst werden sollen«, bemerkte der Kadett vorsichtig, als Leutnant Wiedenfeld die Treppe emporstieg, welche nach oben führte.

»Seien Sie unbesorgt!«, klang es noch einmal zurück.

»Famos«, sagte Schwarzburg zu sich und rieb sich schmunzelnd die Hände, »besser hätte ich es gar nicht treffen können.«

Er hatte bemerkt, dass der Leutnant einen in ein Tuch gewickelten Gegenstand in der Hand trug, und er wusste recht gut, was für einer es war.

Unterdessen traf oben Leutnant Wiedenfeld mit seinen Kameraden zusammen und löste Schlag zwölf Uhr die beiden wachhabenden Offiziere auf der Kommandobrücke ab.

Die Wache auf einem größeren Kriegsschiffe gehen stets zwei Leutnants, welche sich auf der Kommandobrücke befinden müssen. Der Kapitänleutnant, im Range eines Hauptmanns, geht nur ab und zu hinauf und lässt sich von den Offizieren Bericht erstatten, und der Kapitän, im Range eines Majors oder Obersten, je nachdem er KorvettenKapitän oder Kapitän zur See ist, befindet sich nur während des Tages an Deck oder höchstens, wenn die Leitung des Schiffes eine sehr verantwortliche ist, auch in der Nacht.

»Was machen Sie denn da?«, fragte Leutnant von Gebhardt seinen Kameraden, als dieser in dem geräumigen Kartenhaus in einer Ecke auf die Knie gesunken war und an der Erde herumsuchte, »beten Sie um Vergebung Ihrer Sünden, oder sind Sie dort, Schätze zu suchen?«

»Beinahe getroffen«, entgegnete Wiedenfeld, »die Ratten nehmen wieder überhand, dass es kaum noch auszuhalten ist. Wie ich gestern meinen Waschtisch aufmache, springt eine riesige Ratte heraus, und wie ich meine Bartpomade suche, ist sie verschwunden — die Bestie hat sie gefressen.«

»Kann ich ihr gar nicht verdenken«, lachte der Leutnant, »Bartpomade ist ein delikates Gericht.«

»Und nun stelle ich eine Falle auf«, fuhr Wiedenfeld fort, immer noch am Boden wühlend, »hier im Kartenhaus haben sie sich auch häuslich eingerichtet. Ich habe schon einige Male welche ganz ungeniert über die Kommandobrücke laufen und im Kartenhause verschwinden sehen.«


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»Sie sind doch ein passionierter Jäger, Wiedenfeld, Sie hätten Förster werden sollen. Entweder sie angeln, schießen oder stellen Fallen.«

Jetzt war Wiedenfeld mit Aufstellen der Falle fertig, und bald darauf kam der junge Seekadett, um den Leutnant für diese Wache zu vertreten.

Schwarzburg machte seine letzte Reise als Seekadett, er bereitete sich schon auf die Offiziersprüfung vor und war also vollkommen befähigt, den Leutnant zu vertreten, wenn es auch nicht gerade erlaubt war.

Man darf wiederum die Stellung eines Seekadetten nicht verwechseln mit der Stellung eines Kadetten der Armee. Erstere bekommen oft die verantwortlichsten Kommandos, bei denen es sich um Leben und Tod handelt. So zum Beispiel sind sie die Bootssteurer, das heißt, sie befehligen die Bootsmannschaft und sitzen am Steuer, und wenn der Ruf erschallt: Mann über Bord, und der Seegang ist hoch, so wartet ihrer eine schwere Aufgabe, denn ein Boot im Sturme vom Schiffe abzusetzen und es dann wieder sicher heranzubringen, dazu gehört eine feste Hand und ein sicherer Blick; nur das kleinste falsche Kommando, und das Boot zerschellt am Schiff.

Überdies tun auf jedem anderen Schiffe die älteren Seekadetten Offiziersdienste, nur auf den Schulschiffen nicht.

Die beiden jungen Leute schritten plaudernd auf der Kommandobrücke auf und ab und brachten nur, wenn der Matrose, der oben auf einem noch über der Brücke befindlichen, eisernen Aufbau stand, ein Feuer, das heißt, ein Licht meldete, das Fernrohr ans Auge und musterten es — meistenteils waren es die Seitenlichter von Schiffen. Würden sie ein Feuer eher entdeckt haben, als es der Matrose vom Ausguck meldete, so würde dieser eine Rüge bekommen, aber das kam nicht vor.

Ebenso wie am Tage, kann man auch bei Nacht einen Dampfer von einem Segelschiff unterscheiden. Ein Segler führt am Backbord die rote, am Steuerbord die grüne Laterne, ebenso der Dampfer, aber dieser hat noch am vordersten Mast ganz oben die Toplaterne hängen mit einem weißen Licht, die Fischerfahrzeuge fahren nur mit der Toplaterne, wenigstens die kleineren.

»Großes, weißes Feuer, vier Strich Backbord«, sang der Matrose oben.

Beide Wachthabende musterten das Licht durch das Fernrohr.

»Ein Fischerfahrzeug kann es nicht sein«, meinte Gebhardt, »auch kein Leuchtturmfeuer, wir befinden uns nicht in der Nähe von Land.«

»Aber der Mond kann es sein«, ergänzte Schwarzburg, und nach einigen Minuten stand auch schon die Sichel des Erdtrabanten über der Meeresfläche.

Sofort eilte Schwarzburg ins Kartenhaus, um nach der Uhr zu sehen, denn mit Hilfe der Zeit und nach dem Aufgange des Mondes konnte er ungefähr berechnen, wo sich das Schiff befand.

Nach einigen Minuten kam er wieder heraus und las von einem Zettelchen das Resultat seiner Rechnung dem Leutnant vor.

»Dann können wir«, sagte dieser, »wenn der Wind so bleibt, in etwa achtundvierzig Stunden Java in Sicht bekommen. Ich sehne mich wieder nach frischem Fleische. Das präservierte Zeug bekommt man doch einmal über.«

»Was sollen dann erst die Matrosen sagen«, lachte Schwarzburg, »die bekommen nun schon seit vier Wochen nichts weiter als Salzfleisch, Erbsen und Bohnen. Die Kartoffeln für sie sind alle, das Hartbrot wird rar, und das Waschwasser wird ihnen zugemessen, als ob es Goldsand enthielte. Gestern wuschen je zwanzig Mann ihre Sachen in ebenso viel Litern Wasser, und dann muckte der Kapitän bei der Musterung noch auf, dass die Arbeitsanzüge nicht weiß genug wären.«

»Pscht«, flüsterte der Leutnant, »der Kapitän kommt aus seiner Kajüte. Das kann eine schöne Geschichte werden.«

»O weh«, seufzte der Kadett, »wenn der heraufkommt, dann adieu, Urlaub. Wiedenfeld und ich können Batavia von Weitem bewundern.«

Er rief mit leiser Stimme einen wachhabenden Matrosen, der gerade unter der Brücke stand, und trug ihm auf, schnell Leutnant Wiedenfeld heraufzuschicken.

Kapitän Graf von Hanisch war unterdessen auf dem Hinterteil des Schiffes auf- und abspaziert und hatte mit den Kadetten, welche teils an Deck gelegen oder auf der Bordwand gesessen hatten und bei seinem Anblick aufgesprungen waren, einige freundliche Worte gewechselt, sie zum Sitzenbleiben nötigend.

Kapitän zur See, Graf von Hanisch, war überhaupt ein sehr freundlicher Mann, und bei Offizieren, wie bei der Mannschaft äußerst beliebt. Dass er im Dienst sehr streng war und nichts durchgehen ließ, war kein Fehler, sondern trug nur dazu bei, dass alle vor ihrem Vorgesetzten Respekt hatten. Im Übrigen ließ er seinen Leuten viele Freiheit und gestattete an Land den ausgiebigsten Urlaub; kamen aber Ungehörigkeiten vor, so wurde dieser von ihm dem Schuldigen rundweg abgeschlagen, ohne andere darunter leiden zu lassen.

»Wo ist von Schwarzburg?«, fragte er einen der Kadetten.

Sie alle wussten, dass dieser für Leutnant Wiedenfeld Wache ging, und ohne ihm eine Unwahrheit zu sagen, meldete einer:

»Auf der Kommandobrücke.«

Hätte der Offizier jetzt gefragt, was jener dort mache, so musste ihm die Wahrheit gesagt werden, und ihr Kamerad, wie auch der Leutnant wären verraten gewesen, aber er tat dies nicht, sondern meinte nur:

»Sagen Sie ihm, ich möchte ihn nach Ablösung von der Wache in meinem Arbeitszimmer sprechen.«

Er unterhielt sich wieder mit einigen der Kadetten, welche ja meistens Söhne von Seeoffizieren waren, und alle atmeten erleichtert auf, als hinter seinem Rücken Leutnant Wiedenfeld die Kajüte verließ und unbemerkt die Kommandobrücke betrat.

Es war unterdes heller geworden, die Nacht kämpfte schon mit der Morgendämmerung, und jeden Augenblick musste es acht Glasen schlagen.

Der Kapitän begab sich auf die Kommandobrücke, wo er mit dem Kapitänleutnant zusammentraf, welcher ebenfalls der Ablösung der beiden wachhabenden Offiziere beiwohnen wollte, welche sich jedes Mal das Schiff- und Logbuch, in welches alle außergewöhnlichen Vorfälle eingetragen werden, übergeben.

Schwarzburg hatte die Brücke verlassen.

Als die Zeit herannahte, erschienen die neuen Offiziere, und mit dem Glockenschlag übernahm die neue Wache, Mannschaften, wie Offiziere, das Schiff.

Leutnant Wiedenfeld begab sich in das Kartenhaus, in dem noch halbe Dunkelheit herrschte, und ein Freudenschrei entfuhr seinen Lippen, als er die Drahtfalle zugeschlagen und darin einen dunklen Gegenstand liegen sah.

»Endlich«, rief er seinem Kollegen zu, »endlich ist einmal eine in die Falle gegangen, die soll aber schwimmen.«

Er trat hinaus, und da er jetzt außer Dienst war, so konnte er mit seinen Vorgesetzten so intim verkehren, als diese es zuließen — und Graf von Hanisch war gewöhnt, mit den Offizieren sehr zwanglos zu plaudern.

»Was haben Sie denn da?«, fragte der Kapitän und musterte erstaunt den Gegenstand, den der Leutnant vorsichtig in der ausgestreckten Hand hielt.

»Eine Ratte, Herr Graf«, antwortete dieser und blickte dem Kapitän ins Gesicht, »ich habe schon lange auf diesen Burschen gelauert. Das Tier wurde immer unverschämter, neulich lief mir sogar eine in der Nacht übers Gesicht.«

Die umstehenden Offiziere brachen in ein Gelächter aus.

»Faktisch wahr«, beteuerte Wiedenfeld, »fragen Sie nur meinen Burschen, der weiß es auch, wie sie in meiner Kammer hausen.«

»Aber sagen Sie, um Gottes willen«, lachte der Kapitän, »hat sich denn die Ratte aus Lebensüberdruss selbst getötet?«

Jetzt erst lenkte der Leutnant den Blick auf die Falle, und was er da sah, veranlasste ihn, ein äußerst verblüfftes Gesicht zu ziehen.

Allerdings war eine Ratte darin, aber sie lag lang ausgestreckt da und war tot, und was das Merkwürdigste war, um ihren Hals schlang sich ein feuerrotes Band, das oben in einer prächtigen Schleife endete.

Leutnant Wiedenfeld warf unter dem Gelächter der Offiziere seinem Kollegen, der noch auf der Brücke stand, einen wütenden Blick zu.

»Ich bin es nicht gewesen«, sagte dieser beteuernd, »ich würde mir einen solchen Scherz mit Ihnen niemals erlauben.«

»Das war Schwarzburg«, murmelte Wiedenfeld, der nicht wusste, ob er sich ärgern oder auch mitlachen sollte.

»Immer Schwarzburg und immer Schwarzburg«, meinte der Kapitän, sein Lachen noch nicht unterdrücken könnend; dann aber ernst werdend, fuhr er fort, »der Kadett wird zu übermütig, ich werde einmal strengere Saiten bei ihm aufziehen müssen, sonst wirkt er noch ansteckend auf seine Kameraden.«

»Das tut er nicht, Herr Graf«, verteidigte aber der Kapitänleutnant den Kadetten, »Schwarzburg ist allerdings etwas übermütig, aber er versäumt nie seine Pflicht und geht seinen Kameraden während des Dienstes stets mit gutem Beispiel voran. Er hätte nur nicht auf ein Schulschiff kommandiert werden sollen, er übertrifft die anderen Kadetten in jeder Hinsicht.«

Der Kapitän zuckte mit den Achseln und begab sich in sein Gemach, wo ihn der eben besprochene Kadett nach Befehl bereits erwartete und ihn mit militärischer Haltung begrüßte.

Graf von Hanisch setzte sich und betrachtete den vor ihm stehenden jungen Mann.

»Freiherr von Schwarzburg«, begann er, »es tut mir leid, dass ich Sie kommen lassen muss, um mich ungünstig über Sie auszusprechen. Ich bin mit Ihrem Betragen nicht zufrieden.«

»Der Kapitän hat nicht gut geschlafen«, dachte der Kadett.

»Ich meine mit Ihrem Betragen außer Dienst«, fuhr der Kapitän fort, »aber ich habe Ihnen und den anderen schon öfter wiederholt, dass ein Schiff, solange es unter Seiner Majestät Flagge steht, immer in Dienst ist, und dass die Besatzung sich dessen bewusst sein soll. Sie dagegen halten sich in Ihrer sogenannten Freizeit, sogar immer, für berechtigt, Streiche zu spielen, und das ist eines zukünftigen Offiziers nicht würdig. Erst gestern erfuhr ich zufällig einen Ihrer Streiche, den Sie einem Matrosen gespielt haben, und vorhin wieder den mit Leutnant Wiedenfeld.«

»O weh«, dachte der Kadett, »es ist alles verraten, der Urlaub ist hin.«

»Waren Sie es, der die Ratte in die Falle gesteckt hat?«

»Zu Befehl, Herr Graf.«

»Machen Sie derartige Sachen nicht wieder«, fuhr der Kapitän fort, »dafür aber, dass Sie gestern dem Matrosen seine Exerzierpatronen aus der Patronentasche genommen und dafür Zigarren hineingetan haben, werde ich Sie bestrafen, hingegen dem Matrosen die Strafe erlassen. Sie werden nachher einmal über den Top spazieren.«

Keine Muskel zuckte in dem Gesicht des Kadetten, es war die erste Strafe, die er bekam, aber er machte sich nicht viel daraus. Einige seiner Kollegen waren schon öfter zur Strafe über den Top gegangen, und sie hatten ihm schon Vorwürfe gemacht, dass er dieses Vergnügen noch nicht gekostet.

»Ich danke Ihnen«, sagte der Kapitän.

Schwarzburg trat ab.

Um sechs Uhr wurde zur Musterung in Divisionen gepfiffen, die Matrosen und Heizer stellten sich zu beiden Seiten in Reih und Glied auf, der Kapitänleutnant schritt schnell zwischen den Gliedern hindurch und musterte flüchtig den Arbeitsanzug.

Dann trat der Wachtmeister, welcher an Bord eines Kriegsschiffes den Feldwebel vertritt, hervor, zog sein dickleibiges Notizbuch aus der Tasche, las erst die ihm gestern Abend diktierte Arbeitseinteilung vor und dann den neuesten Straferlass des Kapitäns:


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»Seekadett Freiherr von Schwarzburg geht einmal über den Top, weil er in seiner Freizeit Unfug getrieben hat.«

»Seekadett von Schwarzburg über den Top«, kommandierte der die Wache habende Leutnant.

Der Kadett trat aus den Reihen seiner Kameraden die nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken konnten machte kehrt, schwang sich auf die Bordwand und enterte im Laufschritt die Wanten hinauf, ohne dabei die Hände zu benutzen. Dann kletterte er durch das Loch im Mars, der die Stelle des früheren Mastkorbes einnimmt, und setzte seinen Weg nach oben weiter fort.

Als er die oberste Rah erreicht hatte, über die er wegrutschen musste, um die anderen Wanten wieder hinabzusteigen, blieb er plötzlich rittlings auf der Rah sitzen und spähte in die Ferne, ohne sich um den Pfiff des Wachtmeisters zu kümmern.

»Seekadett von Schwarzburg, weiter!«, brüllte dieser hinauf, denn schon zog sich das Gesicht des Kapitäns in finstere Falten.

Gehorsam rutschte der Kadett weiter und meldete sich eine halbe Minute später an Deck dem Grafen zur Stelle.

»Warum haben Sie oben gezögert?«, fragte dieser streng.

»Ich sah ein Segel«, war die Antwort.

Mit einem Segel bezeichnet der Seemann in diesem Sinne ein Schiff.

»Was kümmert Sie das?«

»Es ist die ›Vesta‹.«

Sofort wandten sich die Augen aller Offiziere dem Schiff zu, welches in der Ferne sichtbar wurde, und die Leute benutzten den unbewachten Augenblick dazu, die Köpfe unmerklich zur Seite zu drehen.

Die Nennung dieses Namens brachte eine elektrisierende Wirkung hervor. Alle hatten schon von dem Damenschiff gehört, täglich wurde von ihm gesprochen, und die unglaublichsten Gerüchte liefen sowohl in der Offiziersmesse, (Kasino) als auch im Zwischendeck von Mund zu Mund, man besaß Zeitungsbilder und Fotografien von der ›Vesta‹, und daher hatte Schwarzburg das Schiff sofort erkannt, denn der Seemann findet an jedem Fahrzeug irgend etwas heraus, wodurch es sich von anderen unterscheidet.

»Lassen Sie die Leute wegtreten«, sagte der Kapitän zum diensttuenden Offizier, »und erst nach dem Passieren des Schiffes die Arbeiten beginnen, sonst sind sie doch nur mit halbem Kopf dabei.«

»Dort fährt auch der ›Amor‹«, meinte einer der Offiziere, welche sich alle vollzählig an Deck mit ihren Ferngläsern versammelt hatten, und deutete auf eine Brigg, die sich abseits hielt. »Herr Graf, lassen Sie die Farben zeigen?«

»Gewiss«, antwortete dieser und gab Befehl, die deutsche Flagge zu hissen.

Jedes Kriegsschiff, auch ein außereuropäisches, hat das Recht, sich Nationalität und Namen des ihm begegnenden Fahrzeuges signalisieren zu lassen, während es selbst dieses nicht nötig hat; es braucht nur die Kriegsflagge seines Landes zu zeigen, nicht seinen Namen zu nennen. Kommen die Wimpel innerhalb drei Minuten nicht hoch, so nimmt der Kapitän des Kriegsschiffes an, man hat seine Aufforderung, das Hissen der Kriegsflagge, nicht gesehen, und lässt einen Kanonenschuss lösen. Zeigt sich auch dann noch nicht der Name, so fährt es an das betreffende Schiff heran, überzeugt sich von Namen und Nationalität und meldet den Kapitän dem Seegericht seines Landes zur Bestrafung; oder aber, wenn Verdachtsgründe vorliegen, lässt er das Schiff von seinen Leuten nehmen, besetzen und in den nächsten Kriegshafen schleppen. Doch natürlich kommt dieser Fall höchst selten vor.

Kaum flatterte an der Fahnenstange der ›Victoria‹ die schwarzweißrote Flagge, so gingen auf der Brigg die englische Flagge und der Name ›Amor‹ hoch.

Das Kriegsschiff dankte, das heißt, die Flagge wurde dreimal auf- und abgezogen und mittels Anwendung der Maschine auf die ›Vesta‹ zugehalten.

Bald hatte man sie erreicht, Kopf an Kopf standen die Matrosen der ›Victoria‹ an Steuerbordseite und musterten die weiblichen Seeleute, die oben in der Takelage arbeiteten, um jetzt bei dem stärker werdenden Winde mehr Segel zu setzen. Die Offiziere befanden sich alle auf der Kommandobrücke, die Kadetten auf der Back. Das ganze Gespräch drehte sich natürlich um die ›Vesta‹ und um die Damen, und dass es unter den Matrosen an Witzen nicht fehlte, ist selbstverständlich.

»Was täten Sie, wenn diese den Namen nicht zeigen würden?«, fragte einer der Offiziere den Kapitän.

»Ich würde sie durch einen Schuss dazu auffordern«, antwortete er.

»Und wenn sie der Aufforderung nicht nachkämen?«

»Dann müsste ich das Schiff besuchen, so leid es mir auch täte.«

»Ich glaube fest, sie werden unserem Befehle nicht nachkommen«, meinte Wiedenfeld lachend. »Was ich bis jetzt von den Damen gehört habe, lässt mich dies vermuten.«

Auch der Graf war nachdenklich geworden, und vergebens hofften Offiziere und Leute, dass die Kriegsflagge gehisst werden sollte — der Kapitän unterließ es vorsichtshalber.

»Sehen Sie nur da unseren Schwarzburg, er hat schon die Bekanntschaft einer der Damen gemacht«, lachte der Leutnant Gebhardt, »wahrhaftig, er unterhält sich schon ganz vertraut mit ihr.«

Die Kriegsmarinen aller Nationen haben ein Mittel, um sich auf große Entfernung hin, wenigstens soweit das Fernrohr reicht, unterhalten zu können. Es sind dies zwei Bretter, welche an eine Stange angebracht sind und sich um eine Achse drehen, der sogenannte Semaphor, deren sich auf jedem Schiffe mehrere befinden. Durch verschiedene Stellung der Flügel nun kann man alle fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets wiedergeben, und wer darin Übung besitzt, spricht mit ihnen ebenso schnell, wie man schreibt. Um dieses System auch in der Handelsmarine einzuführen, muss jeder Matrose, der in der Kriegsmarine dient, die Zeichen erlernen.

Hat man keinen SemaphorApparat, so verrichten auch schon die Arme denselben Dienst, und auf diese Weise hatte Schwarzburg eins der Mädchen, welches hinten am Heck stand, angeredet und auch sofort auf dieselbe Weise eine Antwort erhalten, zur Freude aller, denn natürlich kann eine solche Unterredung von allen Zuschauern abgelesen werden.

Es war eine sehr lustige Unterhaltung, welche beide führten, und fast schien es, als ob das junge Mädchen öfter von ihren Gefährtinnen aufgefordert würde, mit dem Semaphorieren einzuhalten, aber einmal im Schwatzen, wenn auch nur mit Armbewegungen, ließ sie nicht sobald wieder nach.

»Was ist das für ein Schiff?«, signalisierte der Kadett.

»Die ›Vesta‹, kam es zurück.

»Nationalität?«

»Vereinigte Staaten.«

»Sind nur Amerikaner an Bord?«

»Alles Yankees.«

Ein lautes Bravorufen der Matrosen erscholl, das Mädchen hatte sich mit dem Spitznamen der Nordamerikaner genannt, welcher aber so populär geworden ist, dass sie auf diese Bezeichnung stolz geworden sind.


Yankee Doodle went to town,
A-riding on a pony;
Stuck a feather in his hat,
And called it macaroni,


erklang es von den Lippen eines Matrosen, und nach der ersten Strophe fielen jubelnd die Übrigen mit in die Melodie der Nationalhymne der Yankees ein, als Text allerdings eine Parodie des eigentlichen Liedes benutzend, der aber bei weitem bekannter ist, als der eigentliche Wortlaut.

Die weiblichen Matrosen auf den Rahen hielten erstaunt in ihrer Arbeit inne und blickten auf das Kriegsschiff, auf dem aus vierhundert Kehlen ihre Nationalhymne erscholl.

»Und woher kommt Ihr?«, signalisierte der Kadett weiter.

»Vom Norden.«

»Wohin geht die Fahrt?«

»Mit dem Winde.«

»Was ist Euer nächster Hafen?«

»Wo wir ankern.«

Wieder erscholl ein lautes Gelächter aus dem Munde der Matrosen über die Antworten des Mädchens.

»Jetzt werde ich einmal anders fragen«, sagte der Kadett zu seinem Kameraden, und wieder flogen die Arme wie die Flügel einer Windmühle durch die Luft.

»Haben Sie sich heute Morgen schon die Locken gewickelt?«

Einige Sekunden blieb die Antwort aus, dann aber kam es zurück:

»Haben Sie sich heute schon den Schnurrbart gewichst?«

Schwarzburg kratzte sich unter dem Gelächter der Matrosen hinter den Ohren, das Mädchen hatte eine schwache Seite getroffen; es war bekannt, dass er seiner Oberlippe eine sorgsame Pflege angedeihen ließ und gern da drehte, wo sein zukünftiger Schnurrbart entstehen sollte.

»Wie heißen Sie?«, signalisierte er jetzt.

Das Mädchen blieb die Antwort schuldig, es wurde von einem anderen gerufen und kam der Aufforderung nach, doch noch im Abgehen konnte sie lesen, dass ihr der Kadett zusignalisierte:

»Auf Wiedersehen in Batavia.«

»Wie kommen Sie darauf, dass die ›Vesta‹ nach Batavia fährt?«, wurde Schwarzburg von einem anderen Kameraden gefragt.

»Ich habe es nur geraten«, antwortete er, »die ›Vesta‹ steuert ungefähr diesen Kurs, und es ist anzunehmen, dass die Mädchen an diesem Platze nicht vorbeisegeln werden. Hoffentlich treffen wir übermorgen dort mit ihnen zusammen.«

Jetzt erscholl die Pfeife des Bootsmannes und rief die Leute zur Arbeit, es wurde mehr Dampf aufgemacht, und bald hatte S. M. S. ›Victoria‹ die beiden unzertrennlichen Schiffe hinter sich und außer Sicht.

* * * * *

II.17. Eine holländische Familie

Mijnheer van Kuiper lag ausgestreckt auf einer Chaiselongue und stöhnte über die unerträgliche Hitze, welche ihm den Schweiß in großen Tropfen über das fleischige Gesicht rinnen ließ. Es nützte nichts, dass er seinen Aufenthalt in der schattigen Veranda der Villa gewählt hatte, dass ihm ein malaiischer Diener fortwährend Kühlung zufächelte — sein durch langes Nichtstun bis zum Übermaß fett gewordener Körper war nicht geschaffen für ein Klima, wo 50 Grad Celsius im Schatten als eine noch erträgliche Temperatur gelten, und dennoch konnte er sich nicht von diesem Lande, von Java, trennen, in dem er seine Reichtümer erworben hatte, und noch weniger seine Frau, eine Eingeborene, die in dem kalten Klima seiner Heimat gestorben wäre.


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Beiden schien übrigens die Hitze ganz gut zu bekommen, denn sein Gesicht glänzte vor Gesundheit, und war er schon sehr dick zu nennen, so war seine Frau, deren einheimischen Namen er in Fatja umgewandelt hatte — er wusste selbst nicht mehr, wie eigentlich ihr richtiger war, er klang nur ähnlich — ein wahres Monstrum von Körperfülle.

Es kommt häufig vor, dass die sich auf Java ansiedelnden Europäer Malaiinnen heiraten, einmal von ihrer Schönheit angezogen, und dann auch, weil sie gewöhnlich dabei gute Partien machen, denn unter den vornehmen Eingeborenen gibt es sehr reiche, sogar Nabobs, deren einzige Arbeit in der Besichtigung und Sortierung ihrer ererbten Diamanten besteht. Die Malaiinnen haben aber den Fehler, dass sie mit dem Alter sehr an Körperumfang zunehmen; ihre völlig beschäftigungslose Lebensweise bringt dies mit sich, und da die Holländer, die Herren von Java, dieselbe Neigung besitzen, so trifft man dort häufig solche Ehepaare, bei welchen der Mann mit seiner Frau an Dicke wetteifert.

Auch die Gemahlin des Mijnheer van Kuiper sah sich vollkommen außerstand gesetzt, eine Bewegung zu machen, sie brachte es nicht einmal so weit, die Hand nach dem Glase mit der kühlen Limonade auszustrecken, welches neben ihr auf einem Rohrtischchen stand, sondern ließ es sich durch eine eingeborene Dienerin an den Mund führen, während ihr Manndoch noch so viel Tatkraft besaß, ab und zu die Manilazigarre aus dem Munde zu nehmen, wenn ihn der Rauch zu sehr belästigte.

Bis jetzt war kein Wort zwischen beiden gewechselt worden, denn es war ja Siesta, und war das Ehepaar sowieso nicht gerade schwatzhaft, so unterließ es besonders, während dieser zwei Stunden des Nachmittags, in welchen es sich von den Anstrengungen des Mittagessens erholen musste, vollkommen, sich in ein Gespräch einzulassen. Außerdem gab Mijnheer van Kuiper heute Abend in seinem Hause eine Gesellschaft, und sie bedurften doppelt der Ruhe, um den kommenden Aufregungen gewachsen zu sein. Daher kam es auch, dass heute nicht wie sonst das Zimmer mit herumlungernden Dienern besetzt war, weil alle sich an Hausarbeiten beteiligen mussten.

Jedes herrschaftliche Haus verfügt, wie in ganz Indien, so vor allen Dingen auf Java über eine enorme Anzahl von eingeborenen Dienern, von denen jeder einzelne nur irgend eine bestimmte Arbeit, oft nur eine ganz geringe Kleinigkeit, wie zum Beispiel das Anbrennen der Pfeifen zu besorgen hat.

Trotzdem schien es, als mache die dicke Frau Fatja ab und zu den Versuch, an ihren Gemahl eine Frage zu richten, aber immer schloss sie mit einem Blick auf Mijnheer wieder den schon halb geöffneten Mund — es wäre ja unverantwortlich gewesen, den von Hitze und Fliegen Gequälten auch noch mit Reden belästigen zu wollen.

»Eine Zigarre«, flüsterte Mijnheer van Kuiper mit matter Stimme und ließ den Rest der Manila aus der Hand fallen.

Jetzt war der Bann, der bisher ihre Zunge in rücksichtsloses Schweigen gehalten hatte, gebrochen, Mijnheer war zum Sprechen fähig.

»Hast du heute Briefe bekommen?«

Mijnheer van Kuiper nickte — lange Pause.

»Auch von Singapur?«

Er nickte nur.

Frau Fatja hatte ganz vergessen, dass es so heiß und sie so dick war, dass eine heftige Bewegung ihr den Tod bringen konnte, sie richtete sich mit einem gewaltsamen Ruck auf ihrer Chaiselongue zu einer sitzenden Stellung auf und sagte laut, was bei ihr sonst als Schreien galt, wenigstens zu dieser Stunde:

»Und das sagst du mir erst jetzt? Ist etwas gefunden worden?«

Mijnheer schüttelte den Kopf.

Seufzend fiel die Frau wieder zurück und hielt sich das Batisttuch vor die Augen. Dieser Seufzer und diese Bewegung veranlassten Mijnheer van Kuiper doch, seine Manila aus dem Munde zu nehmen und mit so zärtlicher Stimme, als es seine Kehle erlaubte, zu sagen:

»Hätte ich es dir nicht sofort gesagt, Fatja, wenn ich günstige Nachrichten bekommen hätte? Nichts ist dort bekannt, rein gar nichts, und jeden Buchstaben wollen die Halunken dabei mit Gold aufgewogen haben.«

Erschöpft von seiner langen Rede schwieg er, und auch er wischte sich mit dem Tuch über die Augen — wahrscheinlich um die Schweißtropfen zu entfernen.

Da schallten schnelle Schritte auf dem Kiesweg, welcher durch den mit herrlichen Blumenbeeten und Gewürzsträuchern bepflanzten Garten führte — Java ist das Land der Blumen und Gewürze — und Mijnheer van Kuiper erblickte durch die Jalousien einen jungen Mann, der gerade auf den Eingang der Veranda zukam.

»Fünf Uhr, Wilhelm kommt schon aus dem Kontor zurück«, seufzte er, »Fatja, unsere Siesta ist vorbei, wir müssen Toilette machen.«

Dennoch erhob sich keins von ihnen, sondern sie erwarteten erst das Kommen ihres Sohnes, welcher in der unteren Stadt von Java, dem Viertel der Eingeborenen, aber zugleich auch dem der Kontors, das Geschäft seines Vaters, eines Gewürzhändlers, leitete.

Man hätte den Sohn, einen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, eher für den Sprössling einer unvermischten Malaienfamilie halten können, so sehr prägte sich in seinen Zügen der Typus der Eingeborenen aus, besonders das mandelförmige blitzende Auge war völlig das eines Malaien. Nur die etwas hellere Hautfarbe verriet, dass in seinen Adern europäisches Blut floss. Dagegen unterschied er sich in seiner Kleidung durch nichts von einem Europäer, ebenso wenig in seinem Benehmen, und hätte man ihn beim Sprechen nicht angesehen, so hätte man ihn für einen solchen gehalten.

Er nahm bei seinem Eintritt den breitrandigen Strohhut von dem schwarzen, glänzenden Haar, küsste erst seiner Mutter ehrfurchtsvoll die Hand und ließ sich dann auf einen Strohsessel zwischen beiden nieder. Seine bis jetzt gezeigten Bewegungen verrieten, dass er im Gegensatz zu seinen Eltern äußerst lebhaft war, und dies geschah noch mehr durch seine Sprache, als er jetzt begann:

»Verzeiht, dass ich euch so unversehens überfalle und in der Siesta störe, aber ihr seht, ich bin noch ganz atemlos von dem Wege, den ich von der Pferdestation bis hierher fast im Laufschritt zurückgelegt habe.«

»Doch nichts Unangenehmes passiert?«, fragte Mijnheer ängstlich. »Ist die Ladung für Philadelphia ohne Unfall verstaut worden?«

»Alles richtig unter meiner persönlichen Aufsicht besorgt! Eben die Vollendung dieses Geschäftes führte mich nach dem amerikanischen Konsulat, um mir dort die Papiere quittieren zu lassen. Ich wurde versehentlich von dem Diener, welcher mich gut kennt und mich bevorzugen zu müssen glaubt, sofort vor den Konsul gelassen, während eben eine Dame Zutritt zum Sprechzimmer erhalten hatte. Ich wollte mich schon wieder in den Wartesaal begeben, aber der Sekretär nötigte mich zum Sitzen, und ich habe wahrhaftig nicht bereut, eine Viertelstunde gewartet zu haben. Wie gesagt, die Dame war auch eben erst eingetreten und stellte sich dem Konsul vor, der mit einem Male sein sonst etwas anmaßendes Wesen völlig aufgab und die ihm gereichten Papiere mit Verbeugungen in Empfang nahm. Und was meint ihr, wer die Dame war?«

»Die Königin von England«, sagte gähnend Mijnheer van Kuiper, dem die Mitteilung seines Sohnes bisher kein sonderliches Interesse abgewonnen hatte.

»Die hätte ja nichts auf dem amerikanischen Konsulat zu suchen« erklärte der junge Mann lächelnd, »nein, es war Miss Petersen, die Kapitänin der ›Vesta‹, welche die Ankunft ihres Schiffes meldete.«

Jetzt wurde das Ehepaar doch erregt, denn auch sie hatten in den Zeitungen schon verschiedenes von dem Damenschiff und dem ›Amor‹ gelesen.

»Nachdem die zeremonielle Anmeldung vorüber war«, fuhr Wilhelm fort, »war Miss Petersens erste Frage, stellt euch mein Erstaunen vor, nach Mijnheer van Kuiper, ob er in Batavia wohne und wo?«

»Nach mir?«, fragte Mijnheer erstaunt. »Was habe ich mit der ›Vesta‹ zu schaffen? Will die Dame mit mir Geschäfte machen?«

»Ich weiß nicht, jedenfalls war es so. Der Konsul sagte sofort, dass ich der richtige Mann wäre, an den sie sich wenden müsse, und Miss Petersen schien erst etwas verlegen, dann aber sehr erfreut, als ich mich ihr als einen van Kuiper vorstellte. Ich brachte sie an Bord ihres Schiffes zurück, und unterwegs erfuhr ich den Grund, warum sie sich so genau nach unserer Wohnung erkundigt hatte.«

Der junge Mann schwieg, es schien fast, als ob er vor Erregung kein Wort herausbringen könnte.

Verwundert betrachtete ihn das Ehepaar.

»Nun?«, fragte endlich Mijnheer.

»Sie soll dir von einem Geschäftsfreund in Amerika Grüße bringen.«

»Das ist alles?«, sagte Frau Fatja. »Du schraubst uns mit deiner Erzählung auf eine Spannung, dass ich fast das Atemholen vergessen hätte, und nun ist es nur eine solche Kleinigkeit.«

»Ja, das ist alles«, rief der Sohn, und schlug sich mit der flachen Hand aufs Knie, als könne er sich vor Freude nicht beherrschen.

»Aber noch mehr«, fuhr er dann fort, wieder ruhiger werdend, »ich brachte also Miss Petersen nach dem Kai, und unterwegs stießen einige Herren zu uns, einige jener Engländer vom ›Amor‹, wir wurden bald bekannt und, liebe Eltern, hoffentlich seid ihr damit einverstanden, schließlich lud ich sowohl alle amerikanischen Damen, wie auch alle englischen Herren ein, den morgigen Abend bei uns zu verbringen.«

»Alle?«, rief die Mutter entsetzt aus.

»Nun, nicht alle von Batavia«, lächelte der Sohn, »das wäre etwas zuviel. Nur die von der ›Vesta‹ und dem ›Amor‹.«

»Aber wir haben ja heute Abend Gesellschaft«, klagte der Vater, »wir kommen ja gar nicht aus der Aufregung heraus.«

»Wenn du sie eingeladen hast, so sind sie uns natürlich willkommen«, sagte aber Frau Fatja, aus ihren mandelförmigen Augen ihrer Ehehälfte einen missbilligenden Blick zuwerfend, »unser Haus ist groß genug, um auch die doppelte Anzahl von Gästen aufnehmen zu können.«

»Das ist sehr gut, dass du mir so entgegenkommst«, meinte Wilhelm, wieder lächelnd, »meine Geschichte ist nämlich noch nicht zu Ende. Nachdem Miss Petersen sicher an Bord war, gingen wir, die englischen Herrn und ich, in ein Hotel und wurden dort mit einigen Offizieren bekannt, welche heute mit dem deutschen Kriegsschiff gekommen sind. Einer der Herren kannte einen Engländer vom ›Amor‹, wir stellten uns vor, und der Schluss war, dass auch sie versprachen, morgen Abend uns zu besuchen und für einige Stunden bei uns zu bleiben.«

»Wie viele waren es denn?«, fragte Mijnheer vorsichtig.

»Fünfzig werden es wohl sein.«

»Alle zusammen?«

»Nein, auf hundert können wir uns ruhig einrichten.«

»O, die Aufregung«, seufzte Frau Fatja, »ein Glück ist es wenigstens, dass wir sie nicht unterzubringen brauchen, denn für morgen früh haben wir schon einen zahlreichen Besuch angesagt bekommen, der einige Tage bei uns wohnen wird.«


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»Wen denn?«, fragte Wilhelm neugierig.

Der Mijnheer und seine Frau schienen etwas verlegen zu werden, doch schließlich sagte Letztere zögernd.

»Sardal mit seinen Dienern.«

Da plötzlich sprang der junge Mann auf und rief, die Fäuste geballt, mit blitzenden Augen:

»Wie, dieser Schurke wagt, unser Haus zu betreten und begehrt auch noch, darin zu übernachten?«

Mehr erstaunt, als erschrocken betrachteten die beiden den aufgeregten jungen Mann; noch nie hatten sie ihn so leidenschaftlich erregt gesehen.

»Aber, Wilhelm«, sagte endlich die Mutter, »was fällt dir denn ein, so über Sardal zu sprechen? Hat er nicht schon öfter in unserem Hause verkehrt, und hast du ihn nicht auch immer freundlich behandelt, seit — seit ...«

»Sprich es nur ruhig aus«, stieß der junge Mann mit bitterem Lachen hervor, »seit Santa ihm ihre Hand verweigert hat.«

Bei Nennung dieses Namens bedeckte die Frau die Augen, und Mijnheer warf seinem Sohne einen bedeutsamen Blick zu.

»Aber besser so!«, fuhr Wilhelm unbeirrt fort. »Lasst ihn kommen, gut, so können wir miteinander abrechnen.«

»Was willst du tun, Wilhelm?«, fragte der ängstliche van Kuiper. »Um Gottes willen, sieh dich vor, du hast schon schlimme Andeutungen über Sardal gemacht, ich war oft in Sorge, du könntest dir einmal den Mund verbrennen, und riet dir immer, freundlich gegen diesen Mann zu sein. Bedenke, Sardal ist ein mächtiger Fürst, die holländische Regierung bemüht sich um seine Gunst.«

»So?«, klang es spöttisch zurück. »Warum führt denn Sardal seine Leute nicht gegen die Achinesen in den Kampf?«

»Ich weiß nicht, was für Gründe ihn abhalten, es schon jetzt zu tun, aber er wird jedenfalls noch vorgehen, und dann haben die Achinesen einen furchtbaren Feind. Die Regierung zählt auf ihn. Sardal ist treu wie Gold.«

»Treu wie Gold«, tönte es zurück. »Ein Verräter ist er, ein Heuchler, der nur vorläufig zusieht und sich dann auf die Seite dessen schlägt, dem der Sieg zuzufallen scheint.«

»Nimm dich in acht«, bat Mijnheer, »die Diener hören es.«

»Mögen sie es hören; er selbst soll es zu hören bekommen. Ha, wie gut, dass dieser Schurke mir gerade jetzt in den Weg läuft!«

»Wilhelm«, jammerte die Mutter, »mache dich und uns nicht unglücklich, wir sind es ja so schon genug!«

Der junge Mann hatte sich beruhigt; er streichelte die Hand seiner Mutter und sagte:

»Seid unbesorgt, ich weiß, was ich tue! Habe ich bisher in Sardals Treue Argwohn gesetzt, so habe ich es doch gegen niemanden als gegen euch laut werden lassen, da ich aber nun Beweise von seinem verbrecherischen Treiben habe, soll es alle Welt erfahren, und ich will mit meinem Kopfe für die Wahrheit einstehen. Lasst nur erst morgen Abend kommen.«

»Nur keinen Skandal in unserem Hause«, flehte Mijnheer, »denke an unsere Gäste.«

»Eben die brauche ich dazu.« Wilhelm sah nach der Uhr. »Es wird Zeit, dass wir uns fertigmachen.«

Er entfernte sich, und Mijnheer van Kuiper und Gemahlin waren jetzt endlich gezwungen, ihre bequeme Lage aufzugeben und sich von den Chaiselongues zu erheben.

»Ein unglückliches Verhängnis«, sagte Mijnheer, als er glücklich auf seinen Beinen stand. »Ich weiß nicht, was Wilhelm mit diesem Sardal vorhat. Wenn er nur wenigstens in Anwesenheit der Gäste keinen Skandal herbeiführt.«

»Das tut Wilhelm nicht«, erwiderte Fatja, »er hat das heiße Blut Javas in den Adern und lässt sich leicht zu heftigen Worten hinreißen, aber im Augenblick des Handelns hat er deinen kalten Kopf. Es freut mich aber doch, morgen Abend jene Herren und Damen kennen zu lernen, von denen alle Welt spricht. Ihre Gesellschaft ist jedenfalls eine andere, als die gewöhnliche, wie auch heute Abend eine zusammenkommt. Offen gestanden, mir sind diese holländischen Gesellschaften schrecklich langweilig, bei denen die Männer rauchen und die Damen ihnen zusehen, ohne ein Wort zu sprechen.«

»Danke«, sagte Mijnheer und führte seine Gemahlin aus der Veranda in die inneren Räumlichkeiten des Hauses.

* * * * *

II.18. Einige Gespräche

Die Tafel war aufgehoben worden, die zahlreichen Gäste hatten den festlichen Saal verlassen und ergingen sich in dem parkähnlichen Garten, der von Tausenden von buntfarbigen Lampions — eine Spezialität Javas — erleuchtet wurde. Wunderbar duftete der blühende Mandelbaum, die Gewürzbäume Indiens durchzogen mit ihrem sinnberauschenden Geruch die Luft, die Insekten schwirrten und surrten, stießen mit dem Kopf gegen die Papierlaternen, und war ein stilles Boskett, eine heimliche Laube, die nicht im Scheine der Wachslichter erstrahlte, so schwirrten die Leuchtkäfer wie glühende Kohlen im Laube.

Eine fröhliche Gesellschaft war es, die sich hier versammelt hatte; lange hatten die Bäume des Gartens nicht solch herzliches Lachen von hellen Mädchen- und sonoren Männerstimmen gehört; es war das erste Mal, dass hier auch in deutscher Zunge geredet wurde, und besonders die in dieser Sprache gesprochenen Worte mussten aus einem sehr lachenden Munde kommen, so hell, so frisch klangen sie, als gehörten sie Kindern, oder doch kaum dem Kindesalter entwachsenen Jünglingen an.

O Jugendzeit, o Jugendlust! Alles scherzte und lachte. Die Kadetten radebrechten mit den Damen auf englisch, sie erzählten ihnen ihre Abenteuer, ihre Geniestreiche, und waren sogar so ungezogen, auf einer Bank nachzuahmen, wie der Herr Seeoffizier im Kasernenhof des Heimathafens seine ersten Reitstudien machte, wie er auf der anderen Seite wieder herunterrutschte, weil seine Seebeine sich durchaus nicht dem Rücken des Pferdes anpassen wollten.

Der tollste von allen Kadetten war Schwarzburg. Sein Übermut fand keine Grenzen, und nicht lange dauerte es, so hatte er einen Gesellschafter gefunden oder vielmehr eine Gesellschafterin, nämlich in Hope Staunton, nach dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Schon beim ersten Anblick hatte der Kadett in Hope Staunton jene erkannt, mit welcher er vor zwei Tagen von Schiff zu Schiff semaphoriert hatte. Damals konnte ihr Gespräch unterbrochen werden, hier aber war niemand, der dies wagen durfte.

»Sie stellten damals eine sehr ungezogene Frage«, sagte Hope, während sie in den Gängen auf- und abwandelten, welche von zahlreichen Gruppen belebt waren.

»Ungezogen?«, entgegnete der Kadett und tat ganz erstaunt. »Ich wüsste nicht, wieso. Weil ich fragte, wohin die ›Vesta‹ führe?«

»Ach, gehen Sie, Sie wissen ganz gut, was ich meine, wegen des Lockenwickelns.«

»Ah so, nun das haben Sie mir ja tüchtig zurückgegeben.«

»Was würde denn Ihre nächste Frage gewesen sein?«

»Nun etwa, wie es Ihnen an Bord der ›Vesta‹ gefällt.«

»Da würde ich semaphoriert haben: Herzlich schlecht.«

»Wie?«, rief Schwarzburg, dieses Mal wirklich erstaunt. »Es gefällt Ihnen nicht, das Seeleben? Aber warum bleiben Sie denn auf der ›Vesta‹? Es ist ja Ihr eigener Wille. Sie brauchen doch nur wieder von Bord zu gehen. In jedem Hafen finden Sie Passagierdampfer, welche Sie in einigen Wochen nach Hause bringen.«

»Nach Hause, das Seeleben nicht gefallen?«, entgegnete Hope entrüstet. »Mein ganzes Leben lang gehe ich nicht mehr vom Meere herunter, ich kann schon nicht mehr schlafen, wenn ich nicht geschaukelt werde.«

»Dann schaffen Sie sich doch eine Wiege an«, sagte hinter ihnen eine Stimme, und ehe sie sich umblicken konnten, eilte mit großen Schritten ein Mann vorüber, ohne die beiden weiter zu beachten.

»Wer war das?«, fragte der Kadett unwillig. »Artigkeit scheint seine Sache auch nicht gerade zu sein. Wenn er mit uns sprechen will, gehört es sich wenigstens, bei uns zu bleiben.«

»Ich weiß nicht, wer es ist, die englischen Herren haben ihn mitgebracht. Vorhin sah ich ihn lange mit Hannes sprechen.«

»Wer ist das, Hannes?«

»O, den müssen Sie kennen lernen, das ist ein Seemann durch und durch, der kann mehr als die Kadetten alle zusammen.«

»Das ist ein bisschen viel behauptet«, meinte Schwarzburg lächelnd. »Was ist er denn?«

»Früher war er Leichtmatrose auf einem Segelschiff, jetzt ist er Diener bei einem Engländer auf dem ›Amor‹.«

»Na, dann wird es wohl auch nicht so schlimm sein mit seiner Seemannschaft«, sagte Schwarzburg etwas verächtlich. »Was meinen Sie wohl, was unsereins alles im Kopfe und in der Hand haben muss. Jetzt machen wir ein Segel fest, und eine halbe Stunde später berechnen wir mit der größten Genauigkeit, wie weit in demselben Augenblick der Mond von der Sonne entfernt ist.«

»Das kann nun Hannes allerdings nicht«, gab Hope zu, »aber das hat auch gar nichts zu sagen, solche Sachen lernt man eben in der Schulstube, und wenn man seine Exempel nicht richtig gerechnet hat, dann muss man nachsitzen. Das kenne ich, dafür gebe ich keinen Pfifferling. Aber Sie sollten einmal Hannes sehen, der segelt Ihnen über die Nase weg.«

Der Kadett sah das Mädchen von der Seite an.


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»Sie scheinen für diesen Hannes ein tiefes Interesse zu hegen«, sagte er dann nach einer Weile und hoffte, dadurch dem Gespräch eine interessante Wendung zu geben.

»Natürlich, warum sollte ich auch nicht!«, antwortete Hope einfach.

Wieder schielte der Kadett zur Seite.

»Ist er wirklich Diener auf dem ›Amor‹?«

»Allerdings, aber eigentlich ist er die zweite Hand vom Kapitän, ehe der ein Kommando gibt, fragt er gewöhnlich erst Hannes«, log Hope.

»Das muss ja ein Universalgenie sein!«

»Das ist er auch. Ach, es ist so sehr, sehr schade ...«

Und das junge Mädchen seufzte tief auf.

»Aha«, dachte der Kadett und drehte an der Oberlippe, »jetzt kommt's.«

»Was ist so sehr schade, mein Fräulein«, sagte er in schmeichelndem Tone, »sprechen Sie sich aus, ein mir anvertrautes Geheimnis ruht sicher in meiner Brust. Ich habe Teilnahme für fremdes Leid. Was ist so sehr schade?«

»Es ist so sehr schade, dass gerade von unserem besten Boote der Steven abgebrochen ist und hier repariert werden muss. Die anderen Dinger segeln alle nicht so gut, wie gerade dieses.«

»Würden Sie nicht einmal mit mir eine Segelfahrt unternehmen?«, sagte der enttäuschte Kadett nach einer kleinen Weile. »Ich glaube, Sie würden mit meiner Segelkunst auch zufrieden sein. Ich habe abends immer frei, und Boote können wir genug bekommen.«

»Sie?«, sagte das Mädchen und blieb stehen. »Das glaube ich denn doch nicht, dass Sie sich so besonders aufs Segeln verstehen. Wo sollen Sie's denn her haben, wenn Sie die ganze Freizeit über Büchern schwitzen müssen?«

»Oho«, entgegnete Schwarzburg etwas verletzt, »so sehr dürfen Sie meine Kunst doch nicht unterschätzen, wir Kadetten üben uns fleißig im Bedienen des Segelbootes.«

»So? Können Sie mit dem Wind wenden?«

»Wenn's weiter nichts ist.«

»Auch ohne Klüversegel?«

»Das geht nicht, da kippt man um«, sagte Schwarzburg etwas spöttisch.

»Da haben wir's ja«, lachte Hope, »sehen Sie, das habe ich von Hannes gelernt. Geben Sie acht, morgen, wenn der Wind einigermaßen gut ist, segele ich zehnmal um Ihr Schiff herum und wende immer dabei mit dem Winde.«

»Wollen Sie mich da nicht mitnehmen?«

»Ballast kann ich nicht gebrauchen«, lachte Hope.

»Teufel«, sagte der Kadett zu sich, »ist das ein sonderbares Mädchen.«

Nach einer kurzen Pause begann er wieder:

»Tanzen Sie gern? Ich hoffe, dass später noch ein Tanz arrangiert wird.«

»O ja, ich tanze sehr gern.«

»Darf ich Sie da gleich jetzt um den ersten Walzer bitten?«

»Bah, Walzer, solche Kindereien mache ich nicht mehr mit«, sagte Hope, wenn es auch nicht wahr war, aber sie wollte sich etwas dem Kadetten gegenüber als Seemann zeigen. »Ich tanze nur noch Stepp und Hornpipe.«

Schwarzburg blieb vor Erstaunen stehen.

»Das sind aber keine anständigen Tänze«, brachte er endlich hervor. Auch Hope war stehen geblieben.

»Und ich finde es nicht anständig, mir so etwas zu sagen«, fuhr sie ihn an. »Was geht es Sie an, ob ich Walzer oder sonst etwas tanze?«

Der Kadett war jetzt vollkommen verblüfft, wortlos ging er neben dem Mädchen her, so etwas war ihm doch noch niemals vorgekommen.

»Das muss ja ein lustiges Leben an Bord der ›Vesta‹ sein«, dachte er. »Gott im Himmel, das Mädchen ist erst siebzehn Jahre alt, wie mögen da erst die anderen sein? Ich glaube, da gibt es manchmal Mord und Totschlag.«

Diesmal war es Hope, welche das Gespräch wieder anfing:

»Können Sie boxen?«

»Ich? Ja, nein, nicht viel«, war die zögernde Antwort.

Schwarzburg griff sich in den Halskragen, es wurde ihm plötzlich recht schwül. Würde ihn das Mädchen neben ihm vielleicht jetzt zu einer Tour herausfordern? Hölle und Teufel, anstandshalber musste er sich ja dann grün und blau schlagen lassen, und der Kadett war sonst als ein guter Boxer bekannt. Aber gegen das schwache Geschlecht muss man höflich sein.

»Ein Seemann muss gut boxen können«, erklärte Hope entschieden, »sonst ist er nur ein halber Mensch. Da sollen Sie einmal den Hannes sehen, der schlägt Ihnen die Knochen kurz und klein.«

»Wird auf der ›Vesta‹ viel geboxt?«, fragte der Kadett kleinlaut, um wenigstens etwas zu sagen.

»Sie sind wohl nicht recht gescheit!«, lachte das übermütige Mädchen. »Denken Sie etwa, wir prügeln uns auf der ›Vesta‹? Gottvoll, das muss ich meinen Freundinnen erzählen.«

Nun aber war es mit des Kadetten Fassung aus, es wurde ihm unbehaglich an der Seite dieser jungen Dame. Er hoffte nur, dass etwas geschehe, was das Gespräch auf ein anderes Thema brachte, und das sollte auch bald eintreten.

Plötzlich erschollen schnelle Schritte hinter den beiden.

»Hannes, endlich!«, rief Hope. »Wo hast du denn so lange gesteckt? Ich langweile mich schon den ganzen Abend.«

»Ich habe meinem Herrn ein Paar andere Stiefel geholt«, sagte Hannes und gab dem Mädchen die Hand. »Die Hühneraugen haben ihm so weh getan, und das tat mir so leid, dass ich ihm den Gefallen getan habe.«

»Dumm genug von dir, er konnte ja barfuß gehen, warm genug ist es hier. Freiherr von Schwarzburg — Hannes Vogel«, stellte Hope vor.

Dem Kadetten war nun alles gleichgültig geworden, er wunderte sich über nichts mehr. Er nahm die Hacken zusammen und legte die Hand an die Mütze.

»Lassen Sie nur den Unsinn!«, meinte Hannes gutmütig und streckte ihm die Hand entgegen. »Vor mir brauchen Sie nicht stramm zu stehen. Herrgott, da heißen Sie ja gerade so wie ich, ich heiße nämlich auch Schwarzburg. Na, brauchen deshalb nicht gleich rot zu werden, ich kann ja nichts dafür, dass ich zwei Namen habe!«

»Gott im Himmel«, dachte der Kadett, »jetzt befreie mich aus dieser Gesellschaft, oder ich nehme meinen Dolch in die Hand und reiße aus.«

Aber daraus wurde nichts; er wurde von beiden in die Mitte genommen und bekam ein Gespräch anzuhören, dass es ihm bald im Kopfe zu surren begann. Links wurde von Tauen, rechts von Knoten gesprochen, dann wurden die schwierigsten Splisse erklärt, wie oft man die einzelnen Tauenden durchsteckt, wie jetzt die neuesten Anker beschaffen sind, wo man im Segelboot am besten sitzt, Geitaue, Brassen, Persenninge, Wanten, Rahen, Masten, Schiffe, alles das flog nur so um die Ohren des stumm zuhorchenden Kadetten herum, und wenn der eine Atem schöpfte, so fiel der andere mit doppelter Kraft ein.

»Samiel hilf!«, seufzte der arme Kadett. »Ich kann nicht mehr.«

Endlich schlug ihm die Stunde der Erlösung.

»Hannes, dort steht Miss Petersen«, rief Hope, »die wollen wir fragen, ob es nicht wahr ist, dass die ›Vesta‹ besser nach steuerbord, als nach backbord steuert.«

Fort waren sie alle beide, den Kadetten stehen lassend. Dieser seufzte tief auf.

»Den Tag streiche ich mir rot an«, sagte er, als er den Rückweg einschlug, um seine Kameraden aufzusuchen. »Gegen die beiden sind ja unsere über Schiffskunde instruierenden Offiziere die reinen Waisenknaben.«

*

Zu derselben Zeit schritten in dem dunkelsten Gange zwei Männer im Gespräche auf und ab, einer davon war Charles Williams, der andere Nick Sharp, der sich hier unter verändertem Aussehen und dem Namen eines Mister Wood aufhielt.

Sie hatten sich eben darüber unterhalten, was der Grund ihres Besuches auf Mijnheer von Kuipers Grundbesitz wäre, beide hatten ein und denselben Schluss gefunden und kamen nun auf den bei der Festlichkeit anwesenden Fürsten Sardal zu sprechen, welcher mit seinem Gefolge in Mijnheers geräumigem Hause wohnte.

»Ich habe mich genau über ihn erkundigt«, sagte Mister Wood, welcher sich aber seinem Freunde gegenüber schon in seiner wirklichen Gestalt zu erkennen gegeben hatte. »Sardal ist ein mächtiger, malaiischer Fürst, ein Maharadscha, das heißt, der Oberste von verschiedenen Radschas, welche alle, ebenso wie ihre Stämme, ihm unbedingt gehorchen, und hat seine Residenz im nördlichsten Java. Im Kampfe zwischen den Achinesen und den Holländern hat er sich bis jetzt vollkommen neutral gehalten, aber der holländischen Regierung immer seine Unterstützung zugesagt, wenn Hilfe not täte, und die Regierung sucht auf alle mögliche Weise, ihn für sich zu gewinnen und ihn zum Kampfe gegen Aceh zu bewegen. Seine Macht ist nicht zu verachten, er kann ein paar tausend waffengeübte Malaien ins Feld rücken lassen und verfügt außerdem über eine kleine Segelflotte, auf der er im Seekampf geübte Matrosen hat.«

»Können sich denn die Holländer die elenden Prauen der Achinesen nicht vom Leibe halten?«, fragte Charles.

»Natürlich können sie es, aber es ist dies ein eigentümliches Verhältnis, wie ich mir habe erzählen lassen. Der Malaie ist ein geborener Seeräuber; seine flachen Prauen kann er überallhin steuern, wo ihm der kleinste europäische Dampfer nicht nachfolgen kann. Nun hält er sich mit seinen Fahrzeugen in den Schlupfwinkeln der Küste von Sumatra versteckt, bricht mit Übermacht hervor, sobald er ein Schiff allein sieht, und wenn er auch damit in diesem Kampfe nicht viel ausrichten kann, so kann er doch stets Truppen aus- und einschiffen und dahin werfen, wohin er sie haben will. Träte Sardal definitiv auf Seite der Holländer, so wäre es ihm ein leichtes, mit seiner Flotille diesem Unwesen ein Ende zu machen, das heißt, die Prauen zu vernichten; und damit hätten die Achinesen den größten Verlust erlitten, der größte Teil ihrer Macht wäre verloren.«

»Warum geht Sardal nicht auf Seite der Holländer?«

»Weil er ein Fuchs ist. Noch hofft er, als Malaie blind vor Ehrsucht, die Achinesen könnten in dem Kampfe Sieger bleiben, und zeigt sich dazu nur die geringste Aussicht, dann sollen Sie einmal sehen, wie schnell er seine Leute gegen die Holländer hetzt und sich schon im Voraus den besten Bissen sichert. Sehen Sie nur dem Manne ins Auge, alles darin ist Geld — und Ehrsucht, vermischt mit sinnlicher Leidenschaft.«

»Er ist ein Freund von Kuiper?«

»Er nennt sich wenigstens einen solchen, stolz wird der Mijnheer wohl auf diesen Freund nicht besonders sein, aber er muss ihn dulden, weil er eben ein mächtiger Fürst ist und die holländische Regierung sich um seine Gunst bewirbt.«

Der Detektiv verstummte plötzlich.

»Wann sollen denn die Mädchen abgeladen werden, wie Sie immer sagen?«, begann Charles wieder nach einer Pause.

»Weiß nicht.«

»Miss Petersen hat eine seltsame Art und Weise, ihre Schützlinge wieder anzubringen, nur immer alles recht geheimnisvoll.«

»Frauenmanier.«

»Wie viele sind es?«

»Das wissen Sie doch ebenso gut, wie ich.«

»Nun ja, Sie mürrischer Mensch, ich wollte Sie nur wieder zum Sprechen bringen.«

»Ich wette aber«, sagte Sharp und blickte auf, »Sie wissen nicht, wie viel Mädchen die ›Vesta‹ verlassen.«

»Das wäre doch sonderbar«, rief Charles, »es sind drei!«

»Nein, vier.«

»Drei sage ich Ihnen, ich weiß es bestimmt.«

»Aber ich weiß noch bestimmter, dass es vier sind. Hätten Sie vorhin nicht so viel geschwatzt, so hätten Sie etwas Interessantes sehen können, Sie mussten allerdings scharfe Augen dazu haben.«

»Und das wäre?«

»Auch eine der Vestalinnen wird das Schiff verlassen.«

Charles blieb überrascht stehen, musste aber schnell einige große Schritte machen, denn der Detektiv war unbekümmert weitergelaufen.

»Das wäre?«, rief Charles. »Wissen Sie es bestimmt?«

»Ganz sicher. Eines der Mädchen bleibt hier oder verlässt wenigstens die ›Vesta‹.«

»Ist Zank, Streit, oder sonst etwas vorgefallen?«

»Liebe.«

»Ich verstehe Sie noch nicht recht. Wird Miss Petersen sie gehen lassen?«

»Erst recht, die haut ihr ja sonst den Buckel voll, wie es die Gesetze der ›Vesta‹ vorschreiben. Ja, sehen Sie mich nicht so verblüfft an. Dort vorn in der Laube, da hat endlich Wilhelm van Kuiper einem der Mädchen nach langem Seufzen und Schmachten gestanden, dass er ohne es nicht leben möchte, und es biss natürlich an, wie der Aal an den Regenwurm.«

»Das ist aber höllisch schnell gegangen.«

»Daraus macht sich eine Amerikanerin ebenso wenig, wie ein Malaie. Kurz und gut, die beiden sind einig.«

»Und Miss Petersen?«

»Die wurde fuchsteufelswild, aber es half alles nichts, das Mädchen musste von Bord.«

»Nun fehlt aber eine Dame, die ›Vesta‹ hat fünfzig Hände nötig.«

»Die fehlenden zwei wird Miss Petersen bald genug wiederbekommen, kalkuliere ich.«

»Hat Miss Petersen schon eine Dame in Aussicht?«

»Nein, es wird sich von selbst eine melden.«

»Sharp«, sagte Charles, »machen Sie keinen Unsinn etwa.«

»Warum, was?«

»Und gehen als Mädchen auf die ›Vesta‹. Ihnen ist alles zuzutrauen, und Ihnen wäre es auch möglich.«

Es war das erste Mal, dass Williams den Detektiv laut auflachen hörte.

»Nein«, sagte er, »eher hänge ich mich auf.«

»Und Sie wissen bestimmt, dass für das abgehende Mädchen schon Ersatz da ist?«

»Ja, vielleicht schon hier in Batavia wird sich eine andere melden und jedenfalls auch aufgenommen werden, ob es allerdings zum Vorteil für die Vestalinnen ist, das ist sehr die Frage, mir soll es aber gleichgültig sein.«

»So kennen Sie die Person?«

»Ja, sehr gut.«

»Woher wissen Sie nur das alles so genau?«, sagte Charles mit unverhohlenem Erstaunen, »Oft kommt es mir vor, als wären Sie allwissend.«

»Meine Ohren und Augen sind nur etwas schärfer als die anderer Leute«, entgegnete der Detektiv einfach.

»Und dann noch eins! Haben Sie das Liebespärchen auch in Miniatur fotografiert?«

Der Detektiv warf Williams einen spöttischen Blick zu.

»Weiter hätte ich nichts zu tun«, sagte er. »Wenn ich alle mir begegnenden Liebespaare aufnehmen wollte, dann könnte ich den ganzen Tag auf den Knopf drücken und die ganze Nacht retuschieren. Wie kommen Sie auf diese Frage?«

Charles erzählte von dem Bilde, welches er in seinem Schreibtisch gefunden, und Sharp gestand, dass er sich diesen Scherz erlaubt habe.

»Sehen Sie dort Hannes und Miss Staunton«, sagte Charles und deutete auf einen Gang, »die beiden stecken fortwährend zusammen, sie sind unzertrennlich. Sobald wir an Land kommen, ist Hannes für mich nicht zu sprechen, er kümmert sich fast gar nicht mehr um mich. Ich möchte nur wissen, was Miss Petersen dazu sagt oder davon denkt.«

»Mag sie denken, was sie will«, entgegnete der Detektiv fast unwillig, »ich kenne Hannes durch und durch. Wäre Miss Staunton ein altes Weib und spräche sie mit ihm gern über seemännische Angelegenheiten, so hielt er ganz genau so zu ihr. Der Junge ist in derartige Gespräche ganz vernarrt, ebenso wie Miss Staunton. Sie hätten vorhin hören sollen, wie das Mädchen den Kadetten vorhatte. Es war eine Freude zuhören zu können.«

»Entschuldigen Sie, Mister Wood«, sagte da plötzlich Charles, »wenn ich Sie allein lasse, aber ...«

»Ich brauche keine Entschuldigungen«, sagte der Detektiv mürrisch, »ich habe schon längst gesehen, dass Miss Thomson da auf der Bank sitzt.«

»Wo kann ich Sie wieder treffen?«

»Da, wo der Arrak ausgegeben wird. Viel Vergnügen!«

Und verschwunden war der Detektiv.

»Haben Sie schon lange auf mich gewartet?«, fragte Charles und ließ sich neben Miss Thomson nieder.

Das Mädchen brach in ein helles Lachen aus.

»Sie sind köstlich«, sagte sie. »Woher wollen Sie denn wissen, dass ich überhaupt auf Sie gewartet habe? Oder glauben Sie etwa, ich setze mich einige Stunden hierher und lauere, bis Sie zufällig einmal hier vorbeigehen?«

»Na, seien Sie nur nicht gleich so böse!«, bat Charles mit flehender Stimme. »Heute Abend sehen wir uns fast zum ersten Male, und da schnauzen Sie mich gleich an, dass mir Hören und Sehen vergeht.«

»Und Sie armer Mensch nehmen es sich auch gleich so zu Herzen«, scherzte Betty. »Wenn ich Sie nur einmal ernst sehen könnte, dann würde es mir vielleicht auch gelingen, ernsthaft mit Ihnen zu sprechen.«

»Können Sie sich keiner Gelegenheit erinnern, mich ernst, furchtbar ernst gesehen zu haben?«

»Doch, das war damals in Australien, als wir an den Marterpfahl gebunden standen und jeden Augenblick den Tod erwarteten. Da waren Sie aber auch gleich wieder so ernst, dass Sie zu weinen begannen.«

»Spotten Sie nicht«, bat Charles mit weicher Stimme, »wenn ich geweint habe, so war es nur aus Seligkeit.«

»Wieso, dass Sie sterben sollten?«

»Weil Sie mir im Angesicht des Todes Ihre Gefühle zu verstehen gaben.«

Betty schwieg, sie wusste, dass jetzt wieder ein Moment kam, dem sie gern entflohen wäre, und den sie doch wieder herbeisehnte.

»Betty«, begann Charles wieder, »tun Sie mir den Gefallen, hängen Sie die ›Vesta‹ an den Nagel.«

»Das ist ein schweres Stück Arbeit.«

Sie versuchte einen scherzhaften Ton anzuschlagen, aber Charles ließ sich nicht täuschen, er hörte das Zittern ihrer Stimme, er fühlte, wie die zarte Gestalt neben ihm erbebte.

Leise legte er seine Hand auf die ihrigen, welche sie auf ihrem Schoß gefaltet hielt. »Betty, verlass die ›Vesta‹, ich bitte dich, folge mir, sei mein liebes Weib«, flüsterte er eindringlich.

Lange Zeit schwieg sie.

»Ich kann nicht, jetzt noch nicht«, sagte sie dann mit bebender Stimme, »ich habe Miss Petersen und allen meinen Freundinnen versprochen, bei ihnen auszuhalten in Freude und Gefahr; so lange die ›Vesta‹ unter Ellen fährt, bindet mich mein Versprechen. Noch diese Reise, sie dauert ja nicht lange, was ist ein Jahr, dann will ich dir folgen, Charles, wohin du willst.«

»Was ist dir Ellen, was sind dir deine Freundinnen? Glaubst du nicht, dass meine Liebe zu dir tausendmal stärker ist, als die von allen zusammen? Ihr habt euch in New York zusammengefunden, abenteuerlustige, junge Mädchen, Ihr steht fast alle einsam da, habt niemanden gehabt, der euch wirklich liebte, und das war es, was euch dazu antrieb, das wilde Meer aufzusuchen, um auf ihm Gefahren zu bestehen. Nun ist es etwas anderes, du liebst jemanden, der dich mehr liebt, als sich selbst, der über dein Leben wacht, wie über seinen Augapfel, und den es sehr schmerzt, wenn er dir ein Leid geschehen sieht. Betty, sei nicht so grausam. Willst du jetzt noch nicht mein Weib werden, so gehe wenigstens in deine Heimat. Komm zu meinen Angehörigen, du findest warme Herzen, und die Arme strecken sie schon jetzt nach dir aus, aber verlass das Schiff, wo ich dich jeden Augenblick in Gefahr weiß, verlass diese Mädchen, glaube mir sicher, sie passen nicht zu dir. Ich kenne dich besser, du bist nicht das starke, kaltherzige Mädchen, welches du gern sein möchtest, weil du deinen Gefährten nicht nachstehen willst, du hast einen weichen, kindlichen Sinn.«

Er brach kurz ab, es wurden Schritte hörbar. Der Mond hatte sich hinter einer Wolke verborgen, und es war völlig dunkel unter den Zweigen des Baumes, wo die beiden auf der Bank saßen. Charles legte den Arm um Bettys Taille und zog sie an sich, was sie willenlos duldete. Dann lauschten beide auf das Gespräch, welches von den Ankommenden geführt wurde, so eifrig, dass die Liebenden gar nicht zu fürchten brauchten, von ihnen bemerkt zu werden.


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»Donner und Doria«, hörten sie Hannes' Stimme, »ja, Hope, das machen wir. Zum Teufel mit der ›Vesta‹ und dem ›Amor‹, da ist nichts Ganzes und nichts Halbes darauf. Die Engländer sind doch nur alles grüne Jungen, und die Mädels, na, das sind auch alles solche dumme Dinger. Hast du viel Geld bei dir?«

»Viel ist es nicht, ein paar hundert Dollar, mehr nicht«, hörten sie Hopes Stimme, »langt das?«

»Nein, das ist viel zu wenig. Fünftausend brauchen wir wenigstens. Kannst du die auftreiben? Ich habe nur einen halben Dollar und eine goldene Uhr, das ist mein ganzes Vermögen.«

»Ich werde sie schon bekommen, ich muss meinem Vormund irgend etwas vorschwindeln, dass er sie schickt. Aber Ellen? Was wird die dazu sagen?«

»Lass die Ellen zum Henker fahren, wir reißen einfach aus. Ein Schiff will ich schon bald gefunden haben, so schlank, wie es nur je auf dem Wasser geschwommen ist, darin habe ich einen Scharfblick, und eine Besatzung will ich zusammenbringen, sage ich dir, die sich gewaschen hat. Von jedem Schiff hole ich mir die fixesten Kerle herunter, nicht solche sauertöpfische Gestalten, wie die Engländer, nein, Jungens, die sich weder vor Gott, noch dem Teufel fürchten.«

»Die englischen Herren haben sich bis jetzt auch immer tüchtig bewiesen«, nahm Hope die Besatzung des ›Amor‹ in Schutz.

»Nun ja, das muss man ihnen ja lassen«, gab Hannes zu, »von einigen ist es jammerschade, dass sie sich von den Mädels an der Nase herumziehen lassen, so zum Beispiel Harrlington, Davids, Hastings und vor allen Dingen Williams, aber das Richtige ist es doch noch nicht, der ist auch schon in eine vernarrt. Herrgott, Hope, du sollst einmal an Bord eines richtigen Segelschiffes kommen! Und ich will eins zusammenbringen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.«

»Und was machen wir dann?«

»Hm«, meinte Hannes überlegend. »Handel treiben ist auch nichts. Nein, weißt du was, da wir nun einmal hier sind, bleiben wir hier, wir gehen in die chinesischen Gewässer und führen Krieg gegen alles, was Seeräuber heißt, oder, was sagst du dazu, wir jagen hier die Prauen der Achinesen davon, schießen, hauen, bohren alles in den Grund. Waffen müssen wir natürlich auch haben, ich nehme gleich Williams Gewehr mit. Und dann suchen wir uns eine paradiesische Insel aus, wo wir eine Kolonie gründen, legen einen hübschen Hafen an und bauen noch mehr Schiffe, das ist nichts weiter, kurz und gut, wir lassen einen Seestaat entstehen, der bald so mächtig sein wird, wie das alte Venedig, eine ganze Republik, und wir beide sind darin König.«

»Eine Republik hat ja keinen König«, meinte Hope.

»Na, dann sind wir etwas anderes. Hope, wollen wir, oder wollen wir nicht?«

»Natürlich wollen wir. Wann reißen wir aus?«

»Sobald wir das Geld haben. Kannst du es nicht bekommen, dann stehle ich ein Schiff —«

Die Stimmen verloren sich in der Ferne.

»Betty«, flüsterte Charles, »da gehen wir auch mit, wenn Hannes erst König in der Republik ist, lässt er uns wenigstens Herzöge werden. Du siehst, Eure ›Vesta‹ scheint sich langsam aufzulösen. Hope reißt einfach aus, und erst vorhin hat hier eine andere Dame ihr Herz auf ewig verloren — sie bleibt hier.«

»Ich weiß es. Miss Finchlay«, entgegnete Betty, »und eben, weil du mich daran erinnerst, wird es mir unmöglich sein, schon jetzt die ›Vesta‹ zu verlassen. Ebenso wie Miss Petersen sind wir alle entrüstet, dass sie ihr Versprechen plötzlich bricht und ihre Freundinnen vergessen hat. Nein, Charles, noch nicht! Lass uns diese Reise noch zusammen machen, und dann will ich dir folgen. Und was Hope anbetrifft, das Mädchen hat ein phantastisches Gemüt, der starke Wein wird es aufgeregt haben. Ich bin fest überzeugt, dass sie uns niemals heimlich verlassen würde, sie liebt uns alle, wie wir sie lieben. Da ertönen die Klänge eines Beckens, es ist das Zeichen, zusammenzukommen, es wird noch einmal im Garten serviert. Sir Williams, darf ich Sie bitten, mich dahin zu begleiten?«

* * * * *

II.19. Santa

Auf einem geräumigen Wiesenplatz, umgeben von Büschen und Bosketts, waren Tische in Hufeisenform aufgestellt und an ihnen die Damen und Herren platziert.

Immer wieder wurden die mächtigen Glasterrinen mit würziger Ananasbowle gefüllt, die Gläser erklangen, muntere Scherzreden flogen hin und her, und die Stimmung war allgemein eine fröhliche. Neben Wilhelm van Kuiper saß Miss Finchlay, das Mädchen, dessen Herz er heute Abend erobert, und welches versprochen hatte, von ihren Gefährtinnen zu lassen, um ihm anzugehören. Es war nichts, was sie nach der Heimat gelockt hätte; wie die meisten Vestalinnen stand auch sie allein, und so war sie entschlossen, in Batavia zu bleiben und von hier aus ihre Angelegenheiten zu ordnen.

Um diese beiden hatten sich alle die geschart, welche enger befreundet waren, vom ›Amor‹ sowohl, als von der ›Vesta‹, Lord Harrlington, Hastings, Williams, Davids, Chaushilm und Hendricks, von den Damen Miss Petersen, Murray, Thomson, Nikkerson und Lind. Erstere, anfangs erzürnt über den Entschluss ihrer Gefährtin, die ›Vesta‹ zu verlassen, hatte bald ihren Unwillen fahren lassen, sie wollte ja dem Glücke ihrer Freundin nicht hinderlich sein.

Aber auch noch eine andere, ihnen fremde Person, hatte in ihrer Mitte Platz gefunden, Sardal, der malaiische Fürst. Kurz vor Anordnung der Tafel hatte der Sohn des Hauses ihn gebeten, sich an ihrem Tische niederzulassen, und der Fürst konnte seinem Gastfreunde dies nicht abschlagen, obgleich es fast schien, als ob er nur widerwillig dieser Einladung gefolgt wäre; er saß Wilhelm gegenüber.


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Sardal war ein Mann von etwa dreißig Jahren, eine mittelgroße, schlanke Gestalt, mit ausgeprägtestem Typus des Malaien, das heißt, mit einer breiten, niedrigen Stirn, unter der die mandelförmigen, schiefstehenden, schwarzen Augen hervorblitzten, über dem etwas großen Mund mit aufgeworfenen Lippen den spärlichen, lang herabhängenden, schwarzen Schnurrbart, prachtvollen Zähnen und wunderbar kleinen Händen und Füßen, welche einem Kinde anzugehören schienen.

Nach der hier entworfenen Beschreibung würden die Malaien kein Menschenschlag von besonders anziehendem Äußeren sein, und doch ist dies der Fall, alles an ihnen ist harmonisch gebaut, und die Kühnheit oder vielmehr Wildheit, welche in ihren Zügen liegt, übt einen anziehenden Reiz auf den Beschauer aus.

Der malaiische Fürst war in seinem Nationalkostüm erschienen; ein weites, mit Gold- und Silberstickereien reich besetztes Gewand, von einem Gürtel zusammengehalten, der mit Edelsteinen übersät war, schlang sich mit graziösem Faltenwurf um seinen Körper, und auf dem schlichten, glänzendschwarzen Haar saß der weiße Turban, wie überhaupt die Malaien, fast alle Bekenner des Islam, das heißt Mohammedaner sind, und in Sitte und Tracht viel Ähnlichkeit mit den Arabern haben. Seine Waffen, die sonst unzertrennlichen Gefährten des malaiischen Großen, der sich fast nie ohne Säbel, Dolch und Pistolen sehen lässt, hatte er diesmal zurückgelassen; wahrscheinlich darum, weil er bemerkt hatte, dass die deutschen Offiziere ihre Säbel im Vorzimmer abgeschnallt hatten.

Nur ein Paar wurde bei der Gesellschaft seit einiger Zeit vermisst, Mijnheer van Kuiper und Gemahlin; sie hatten sich vor etwa einer Stunde durch ihren Sohn unter irgend einem Vorwande für einige Zeit entschuldigen lassen.

Eben darüber unterhielt sich die kleine Gesellschaft, die sich der englischen Sprache bediente, deren auch Sardal mächtig war; Letzterer bedauerte sehr, dass gerade die Wirte, um derentwillen er hauptsächlich die weite Reise gemacht habe, in ihrer Mitte fehlten.

Nachdenklich hatte Wilhelm mit einigen Orangenschalen gespielt, welche neben seinem Weinglase lagen; er hatte sich überhaupt bis jetzt ziemlich schweigsam verhalten, nur höchstens einige zärtliche Worte mit dem Mädchen neben ihm gewechselt; auf diese Rede Sardals aber hob er, als hätten sie ein Stichwort enthalten, plötzlich den Kopf und blickte sein Gegenüber mit festen Augen an.

»Es wundert mich, dass Sie sich gerade darüber aufhalten, Radscha«, sagte er, »Ihnen sollte doch noch bekannt sein, dass heute der Jahrestag ist, an dem Santa zum letzten Male Abschied von ihren Eltern nahm.«

Der Fürst stutzte, legte nachdenklich die Hand auf die Stirn und sagte dann langsam:

»Wirklich, ich hatte es vergessen. Mich beschäftigen in letzter Zeit so ernste Gedanken, dass ich nicht daran gedacht hatte. Verzeihen Sie meine Unachtsamkeit!«

Ellen hatte bei Nennung des Namens hoch aufgehorcht.

»Santa?«, fragte sie verwundert. »Es ist mir doch, als hätte ich diesen Namen schon einmal gehört.«

»Wohl möglich«, sagte Sir Hendricks leichthin, »Santa ist ein häufig vorkommender holländischer Name!«

»Die Santa, an welche ich eben dachte«, entgegnete Ellen, »hatte ihre Heimat auch in Java und, wenn ich nicht irre, in Batavia.«

»Hier heißt jedes dritte holländische Mädchen Santa.«

»Ist Ihnen ein solches Mädchen im Leben begegnet?«, fragte Wilhelm.

»Das nicht, eine Geschichte handelt von ihr, und ich fand sie auffallend, weil auch ihr Hauptteil in Java spielt.«

»Erzählen Sie uns die Geschichte!«, meinte Wilhelm. »Es interessiert mich, zu erfahren, wie wohl in fremden Ländern über uns Holländer in Java geurteilt wird, denn ich nehme an, dass der Schriftsteller ein Engländer oder Amerikaner gewesen ist und die Geschichte erdichtet hat. Jedenfalls wimmelt sie von Romantik und phantastischen Begebenheiten, welche man bei Nennung des Namens Java zu glauben geneigt ist.«

»Sie nennen sich Holländer?«, fragte Sardal, und ein leiser Spott klang aus seinen Worten.

»Allerdings«, entgegnete Wilhelm ernst, »bin ich auch nicht von rein holländischem Blute, so bin ich doch als Holländer erzogen worden und nenne mich einen solchen.«

»Die Geschichte ist an sich schon kurz«, begann Ellen nach wiederholter Aufforderung zu erzählen, »und ich will nur den Hauptinhalt wiedergeben. Santa war die Tochter eines auf Java ansässigen Holländers, welcher eine Malaiin aus angesehener Familie geheiratet hatte. Das erwachsene, schöne Mädchen wurde von Freiern umschwärmt, nicht nur von Holländern, sondern auch, besonders da sie zur Hälfte von malaiischer Abstammung war, von Malaien, welche deshalb den größeren Anspruch auf ihre Hand zu haben glaubten. Unter diesen Freiern befand sich auch ein eingeborener Fürst von Java, welcher sich ganz besonders um die Gunst des Mädchens bewarb. Warum sie die Hand des Fürsten ausschlug, weiß ich nicht mehr genau, ich glaube der Grund war, weil er Mohammedaner war und schon zwei Frauen hatte, und Santa als Christin nicht in einen Harem eingeschlossen werden wollte, auch nicht als Lieblingsfrau, denn dem malaiischen Fürsten gestattete seine Religion auch noch eine vierte Frau, und es war vorauszusehen, dass er sich in Kürze auch noch eine solche anschaffen würde.

Trotzdem der Fürst von der schönen Santa einen Korb erhalten hatte, verkehrte er nach wie vor im Hause ihres Vaters, Geschäfte vorgebend, dem Anschein nach sich in sein Schicksal fügend, in Wahrheit aber innerlich vor Wut kochend, dass ihn, einen mächtigen Fürsten, ein Weib verschmäht hatte.

Der Holländer, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, besaß in Singapore Verwandte, und nach längerem Hin- und Herschreiben beschlossen Santa und ihr Bruder — sie besaß einen um wenige Jahre älteren Bruder, dessen Namen ich ebenfalls vergessen habe — dieselben einmal zu besuchen, es war ja nur eine kleine Reise.

Der Dampfer, welcher beide aufnehmen sollte, fuhr des Nachts ab. Die Billets waren gelöst, Bruder und Schwester begaben sich durch die spärlich oder damals fast gar nicht erleuchteten Straßen des unteren Batavia nach der Kaibrücke, als plötzlich aus den Winkeln der Gasse eine Bande vermummter Männer, wahrscheinlich Eingeborene, hervorbrach, und ehe der Bruder noch einen Argwohn gefasst hatte, empfing er einen Stich in die Brust, welcher das Herz treffen sollte.

»Er wäre jedenfalls nicht mit dem Leben davongekommen, aber die Straßenräuber wurden vertrieben und mussten die Flucht ergreifen, sie schleppten jedoch Santa mit sich. Der junge Mann ...«

»Fürst, was ist Ihnen?«, unterbrach sich Ellen und blickte auf Sardal, der sich plötzlich mit aschfarbenem Gesicht erhob, den Stuhl zurückschob und sich entfernen wollte.

Er blieb die Antwort schuldig.

Wilhelm hatte während der Erzählung Ellens den Fürsten scharf beobachtet, er hatte gemerkt, wie schon nach den ersten Worten sich die gelbliche Hautfarbe des Malaien veränderte, wie sie eine graue Schattierung annahm, wie die schiefstehenden Augen unruhig hin- und herzurollen begannen, und wie er dem festen Blicke des Wirtes auszuweichen suchte, aber trotzdem ihm immer wieder, wie von magischer Gewalt angezogen, begegnete.

Die Erzählung Ellens war keine Dichtung gewesen; sie hatte alles aus Santas eigenem Munde erfahren, wie auch deren Mutmaßung, dass Sardal wahrscheinlich ihr Entführer gewesen war, aber sie konnte es nicht behaupten. Hätte Sardal die ganze Geschichte Santas mit ruhigem Äußeren anhören können, wäre er noch immer nicht als Schuldiger zu verurteilen gewesen, er hätte alles ableugnen dürfen, ohne des Verbrechens überführt werden zu können.

Aber er konnte weder die Erzählung Ellens, noch den Blick Wilhelms aushalten, er fühlte sich verraten und suchte sich durch Flucht der Rache zu entziehen.

Wie der Sohn des Hauses, so waren auch die umsitzenden Herren bereits von Ellen eingeweiht, und in dem Augenblicke, da Sardal aufstand und den Stuhl zurückstieß, sprangen auch Lord Harrlington und Hastings auf und streckten die Arme aus, um den Malaien zu ergreifen.

In der hoch erhobenen Hand Sardals funkelte der Kris, jener, wie eine Flamme geformter Dolch der Malaien, den er blitzschnell aus dem Gewand gerissen hatte.


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»Er ist vergiftet«, rief Wilhelm und fuhr mit den Armen erschrocken zurück.

Aber die Warnung kam zu spät, Lord Hastings stand gerade vor dem Malaien, welcher den Weg zur Flucht durch die riesige Gestalt des Engländers gesperrt sah, und ehe dieser die Hand zurückziehen konnte, zuckte, wie eine blaue Flamme, der Kris herab und traf den Oberarm des Lords.

Trotzdem wich derselbe nicht zurück; er warf sich auf den Malaien, dieser aber bückte sich und entglitt wie ein Aal den drohenden Fäusten; ein Sprung, und er war im Gebüsch verschwunden.

Sardal brauchte keine Verfolgung zu fürchten. Alle, welche bis jetzt noch gesessen, waren entsetzt aufgesprungen und drängten sich um den Engländer, der matt auf einen Stuhl gesunken war und den getroffenen Arm schlaff herabhängen ließ. Sofort hatte Lord Harrlington sein Messer gezogen und den Rockärmel seines Freundes aufgeschlitzt, um die Wunde zu untersuchen.

Der Dolch hatte gerade den Muskel durchbohrt. Atemlos sahen alle auf Kuiper, welcher sich herabbog und die Wunde betrachtete; aller Augen hingen an seinem Munde, jeder fürchtete seinen Ausspruch, denn es war ihnen bekannt, dass die Malaien ihren Kris oftmals mit dem Safte einer Pflanze bestreichen, einem furchtbaren Gifte, das nach wenigen Minuten den unabwendbaren Tod herbeiführt.

»Gott sei Dank«, sagte Wilhelm und richtete sich auf, »der Kris war nicht vergiftet, sonst wären die Ränder der Wunde bereits blau angelaufen.«

Ein Ruf der Freude ging durch die Reihen der Umstehenden, denen sich andere beigesellt hatten, die noch gar nicht wussten, um was es sich handelte, und ebenso schnell hatte sich Lord Hastings von seinem plötzlichen Unwohlsein, welches man nach einer größeren Verletzung gewöhnlich empfindet, erholt und wurde ganz unwirsch, als er sich zum Mittelpunkte allgemeiner Teilnahme gemacht sah.

»Es ist ja gar nicht nötig, dass man so viele Umstände macht«, wehrte er ab, als ihm Harrlington mit einigen Taschentüchern einen Notverband anlegte.

»Goddamm, ich bin doch kein altes Weib, das an einem Nadelstiche gleich stirbt.« Es half ihm aber nichts, er musste sich ruhig gefallen lassen, dass ein sofort geholter Arzt ihm in einem Zimmer des Hauses einen regelrechten Verband anlegte, und er musste sich, auch trotz alles Sträubens der Anordnung des Arztes fügen, in einem Wagen nach dem ›Amor‹ zu fahren, wobei ihn zwei andere Engländer begleiteten, welche sich an Bord zu begeben wünschten.

Mit einem schmerzlichen Blicke nach der noch halbgefüllten Bowle nahm er Abschied von der Gesellschaft und schwor hoch und heilig, wenn seinetwegen eine Unterbrechung stattfände, wenn sich Harrlington oder sonst jemand etwa einfallen ließe, seinetwegen eher an Bord zu gehen, als es sonst geschehen wäre, so wolle er trotz aller Verbote doch wieder zurückkehren.

Man brauchte um ihn auch wirklich keine Sorge zu haben; keiner der Herren hätte sich übrigens aus solch einem Stiche in den Arm viel gemacht, und seiner kräftigen Natur konnte es nicht einmal so viel anhaben, dass er Wundfieber bekam.

Bald hatte sich unter der Gesellschaft verbreitet, was geschehen war; ein jeder wollte darüber genauer orientiert sein, wollte erfahren, wer diese Santa eigentlich sei, und da alle Vestalinnen und auch einige der Herren ihr Schicksal kannten, so entstanden bald Gruppen von Zuhörern, welche sich um einen Erzähler sammelten.

»Schade, dass wir den Burschen nicht bekommen haben«, meinte Harrlington zu Wilhelm. »Wohin mag er sich nur gewendet haben?«

»Er ist geflohen, ohne noch einmal in seine ihm zur Verfügung gestellten Zimmer zurückzukehren«, antwortete van Kuiper, »er hinterlässt Diener, Waffen und Gepäck. Jedenfalls befindet er sich jetzt bei einem seiner Freunde und begibt sich so bald als möglich in sein Land zurück.«

Des jungen Mannes Züge nahmen einen etwas sorgenvollen Ausdruck an.

»Hegen Sie Befürchtungen, dass er Rache ausüben wird, weil sein Vergehen entdeckt worden ist?«, fragte wieder Harrlington.

»Ich glaube das. Er hat jetzt eingesehen, dass er erkannt worden ist und mich sollte es nicht wundern, wenn er sich jetzt auf die Seite der Achinesen schlägt und gegen die Holländer kämpft, die er, wie ich bestimmt weiß, als Unterdrücker Javas glühend hasst. Aber besser, die Holländer kämpfen gegen einen offenen Feind, als gegen einen verborgenen, der ihnen viel mehr schaden kann. Was ich getan habe, kann ich verantworten, ich will beweisen, dass der Regierung nur ein Dienst getan worden ist, indem ich ihn entlarvte.«

»Fürchten Sie keine persönliche Rache?«

»Vor der sind wir nie sicher, wir müssen aber die Augen offen halten. Unsere eingeborene Polizei ist gut, sie wird, wenn sie damit beauftragt ist, dafür sorgen, dass wir unbelästigt bleiben.«

*

Während sich diese Szene im Garten abspielte, saßen in einem Zimmer des Hauses Mijnheer van Kuiper und Gemahlin und schienen gar nicht, wie gewöhnlich, daran zu denken, dass Aufregung dicken Menschen gefährlich werden kann. Bald lachten sie, bald weinten sie und herzten dazwischen das schöne Mädchen, ihre Tochter Santa, welche vor ihnen auf einem niedrigen Schemel saß und ihnen ihre Geschichte erzählte.

Eben schilderte sie, wie sie durch Männer von der Seite ihres Bruders gerissen worden war, und fuhr fort:

»Ich, wurde sofort nach einem entlegenen Teile des Hafens geschleppt, und wollte ich schreien, so drückte mir der Malaie, welcher mich auf dem Arme trug, mit der Hand den Mund zu. Schließlich verlor ich vor Angst die Besinnung, und als ich erwachte, lag ich auf einem weichen Bette, doch war es vollkommen dunkel um mich herum, sodass ich nichts erkennen konnte.

Aber ich merkte, dass wir schon auf dem Meere waren, ich wurde leise hin- und hergeschaukelt, und außerdem hörte ich an der Wand, an welche mein Ruhebett stieß, ein leises Rauschen von Meereswogen.

Jedenfalls war es noch Nacht; es vergingen einige Stunden, dann wurde oben eine Luke geöffnet, durch welche der Morgen hereindämmerte, und ein Mann stieg die Leiter herab. Er brachte mir Datteln und Kaffee.

Ich fragte ihn, zitternd vor Angst, was sie mit mir vorhätten, wo mein Bruder wäre, wohin ich gebracht werden sollte, aber soviel ich auch bat und flehte, der Mann gab entweder gar keine oder eine ausweichende Antwort, sodass ich nichts Genaues über mein Schicksal erfuhr.

Den Raum, in dem ich mich befand, erkannte ich als einen Teil des Zwischendecks einer malaiischen Prau, also hatten mich Malaien geraubt, und mein ferneres Los war mir nun bewusst. Ich war eben von Mädchenhändlern entführt worden und sollte als Sklavin verkauft werden.

Ich weinte und klagte den ganzen Tag, verschmähte alle Nahrung, und ich glaube, ich hätte mich bald zu Tode gehärmt, wenn nicht wieder ein anderer Umstand eingetreten wäre, der mich in Aufregung hielt.

»Es mochte Nachmittag sein, das Fahrzeug schwankte sehr stark, weil wir uns wahrscheinlich im offenen Meer und nicht mehr an der Küste befanden, als ich an Deck ein eiliges Laufen und Stampfen vernahm, die Matrosen schwatzten lebhaft zusammen, ich hörte Verwünschungen und Flüche, dann wieder angstvolle Ausrufe, und an der immer wechselnden Beleuchtung, welche durch die Luke zu mir hereinfiel, musste ich annehmen, dass das Schiff bald vorwärts, bald wieder zurückfuhr, und zwar änderte es alle paar Minuten seine Richtung. Das Geschrei der Matrosen ward immer ängstlicher, aber ich konnte nicht verstehen, was sie riefen, nur einige Male war es mir, als hörte ich ›Achinesen‹ aussprechen.

Nicht lange dauerte es, so bekam unser Schiff einen Stoß, der mich fast vom Lager geschleudert hätte, und sofort erhob sich oben ein wüstes Geschrei, Eisenhaken rasselten, Schüsse ertönten, ich hörte furchtbare Schmerzensschreie, und dazwischen erscholl das gellende Kriegsgeheul der Malaien.

Jetzt wusste ich, was dies zu bedeuten hatte.

Unsere Prau gehörte, wenigstens meiner damaligen Meinung nach, einem Mädchenhändler, der von einem Seeräuber entdeckt und verfolgt wurde, und jetzt fand oben an Deck ein Kampf zwischen beiden statt.

Mich erfasste plötzlich eine unsägliche Verzweiflung bei dem Gedanken, ein Spielzeug in den Händen dieser wilden Männer zu sein; schon beschloss ich, die Leiter emporzusteigen und mich ins Meer zu werfen, als es oben stiller wurde; nur ab und zu erscholl noch der röchelnde Todesschrei eines Sterbenden, dann verfinsterte sich die Luke, und ein Mann kam herab.

Ich erkannte ihn an seiner Kleidung sofort als Achinesen.

Als er mich sah, flog ein freudiges Erstaunen über sein wildes, mit Narben und einer offenen Wunde bedecktes Gesicht, und grinsend rief er:

›Sieh da, was für ein guter Fang! Also solche Ladung führt Sardal in seinen Prauen.‹

Es war das erste Mal, dass ich hier den Namen Sardal hörte, und sofort dämmerte mir eine Ahnung auf, wodurch ich in diese Lage gekommen war. Wie dieser Mann sagte, gehörte die Prau dem Sardal, also war er es gewesen, welcher mich hatte entführen lassen. Weil ich mich geweigert hatte, dem Manne, der bereits zwei Weiber besaß, die Hand zu reichen, so wollte er mich mit Gewalt in seinen Harem schleppen.

Dieser Gefahr war ich nun zwar entronnen, die Seeräuber hatten meine Entführer, um die Prau in ihren Besitz zu bekommen, angegriffen und ermordet, aber gebessert hatte sich meine Lage auch nicht, denn ich glaubte, sie würden mich nun nach ihrem Schlupfwinkel schleppen.

Aber es kam anders. Ich blieb auf derselben Prau; sie wurde von den Achinesen besetzt, und nach einer stürmischen Nacht, während welcher ich unsäglich zu leiden hatte, hörte ich, wie es unter mir leise knirschte, als ob der Kiel des Fahrzeuges auf Sand stieße, dann rasselten Ketten, die Matrosen eilten hin und her, und wir blieben still liegen.

Nach einiger Zeit wurde ich an Deck gerufen; ich war so bedrückt, dass ich der Aufforderung nicht Folge leisten wollte, als aber zwei Matrosen Miene machten, mich mit Gewalt an Deck zu schleppen, stieg ich die Leiter hinauf.

Wir lagen an einer Küste, und aus den Reden der Matrosen hörte ich, dass es die von Sumatra, der Heimat der Achinesen war.

Obgleich es kein Hafen war, wo wir uns befanden, lag doch nicht weit von uns ein großes, europäisches Segelschiff, und an Deck unserer Prau stand ein Mann, ein Europäer, zu dem ich geführt wurde.


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Dieser Mensch besah mich von allen Seiten, betastete mich, und ich sah dann, wie er dem Achinesen Geld gab, worauf ich in ein Boot steigen musste und an Bord des großen Schiffes gebracht wurde.

Auf diesem traf ich noch mit vielen anderen Mädchen zusammen, welche der Kapitän nach und nach, teils in Sumatra, teils in Java, aufgekauft hatte, also meistens Malaiinnen, und einige davon waren sogar, wie ich, aus Batavia.

Wir wurden nach Konstantinopel gebracht und hatten unterwegs über nichts zu klagen, wir wurden sogar überaus sorgfältig behandelt, was wir uns nicht erklären konnten, da wir uns doch als Sklavinnen fühlten, bis uns eine, die schon einmal verkauft und wieder losgekauft worden war, sagte, dies geschähe nur, um uns gesund und schön zu erhalten, damit der Händler einen möglichst hohen Preis für uns bezahlt bekäme.

In Konstantinopel wurden wir getrennt, nur zwei Malaiinnen und ich kamen zuerst vom Schiff, und merkwürdig ist, dass auch die beiden anderen aus Batavia stammten. Es war, als ob das Schicksal uns nicht trennen wollte. In dem Hause, in welches wir gebracht wurden, waren noch viele andere Mädchen, wir waren mit die letzten, die zu einem Transport gehörten, welcher nach Smyrna bestimmt war, wo wir an türkische Fürsten verkauft werden sollten.

Aber Gott hatte es anders beschlossen.

Noch an demselben Tage, an welchem wir Konstantinopel mit einem Segelschiffe verlassen hatten, wurden wir von den Damen, welche bei Euch als Gäste weilen, durch eine List befreit. Ihr wisst dies schon, denn als ich es Euch erzählen wollte, merkte ich an Euren Unterbrechungen, dass Ihr davon schon erfahren habt. Das sind kurz meine Erlebnisse. Wären die Damen nicht dazwischengekommen, so befände ich mich jetzt an irgend einem Teile der Erde als Sklavin im Harem.«

Schluchzend hatte ihr Frau Fatja zugehört.

»Mein Gott«, sagte sie, »wer hätte das denken können, dass auch du mit unter den Mädchen warst, welche die Vestalinnen befreit haben? Wir haben es wohl gelesen, aber es war so weit, weit von hier.«

»Ich hatte immer Hoffnung«, brummte Mijnheer, »und erst als die ›Vesta‹ hier ankam und wir nichts weiter erfuhren, verlor ich den Mut.«

»Durch einen Zufall traf Miss Petersen gleich am ersten Tage mit Wilhelm zusammen«, erklärte Santa, »er hörte, wie sie sich nach deiner Wohnung erkundigte, und dachte sofort an mich, als er erfuhr, dass dies die Kapitänin der ›Vesta‹ wäre.«

»Mir ging es ebenso«, sagte die Mutter, »aber Wilhelm hat uns ja etwas ganz anderes erzählt, von dir gar nichts, und so gab ich die Hoffnung auf.«

»Ich sprach meinen Bruder, er bat mich, sofort nach Hause zu kommen, aber gab dann Miss Petersen nach, welche das Wiedersehen für heute aufgehoben hatte. Also Sardal, dieser Elende ist auch da?«

»Er ist hier«, entgegnete Mijnheer. »Aber weißt du auch bestimmt, dass er derjenige ist, welcher an deiner Entführung die Schuld trägt?«

»Ich habe Wilhelm meine Vermutung mitgeteilt, und er stimmte mir bei. Nur Sardal ist der Anstifter des Planes gewesen. Weil ich mich weigerte, sein Weib zu werden, wollte er mich mit Gewalt dazu zwingen.«

In diesem Augenblick hörten sie draußen im Garten einen Tumult; sie sahen im Scheine der Papierlaternen, wie ein Mann auf den Stuhl niedersank und sich die Anderen um ihn drängten.

»Dort läuft Sardal«, rief plötzlich Mijnheer und deutete nach einem Gange des Gartens, in den sie vom Fenster aus gerade hineinsehen konnten.

Sie bemerkten den Malaien, wie er, das lange Gewand zusammengerafft, in weiten Sprüngen durch den Gang floh und sich am Ende desselben über ein Staket schwang, dann verlor er sich in der Dunkelheit.

»Ein neues Unglück!«, rief Mijnheer. »Dachte ich mir doch, dass etwas passieren würde. Wilhelm wird ihn herausgefordert und der heißblütige Malaie wird sich gerächt haben. Wenn es nur nichts weiter ist!«

Er eilte hinaus, so schnell es ihm seine Körperfülle erlaubte, Mutter und Tochter allein zurücklassend, die keine Lust fühlten, sich in die lärmende Gesellschaft zu mischen.

* * * * *

II.20. Eine Fantasia

»Mister Wood!«, rief Charles einem auf der anderen Seite der Straße gehenden Herrn zu. Der Angerufene blieb stehen, zögerte einen Augenblick und ging dann hinüber zu der Gruppe von drei Herren, welche am Abend in der unteren Stadt von Batavia spazieren gingen. Es waren Williams, Hendricks und Chaushilm.

»Sie wollen sich wohl durchaus das Fieber holen?«, fragte der Detektiv ernst. »Ist Ihnen noch nicht gesagt worden, meine Herren, dass jeder Europäer, der nur eine Nacht im unteren Batavia zubringt, das Fieber bekommt? Gehen Sie lieber an Bord; auf dem Wasser ist es gesünder.«

»Dann rechnen Sie sich wohl zu den Nichteuropäern?«, lachte Charles.

»Seien Sie unbesorgt, lieber Wood, wir können alle drei schon eine gute Dosis von Fiebermiasmen hinunterschlucken, ehe sie bei uns anschlagen.«

»Des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, entgegnete Wood, welcher den beiden anderen nur unter diesem Namen bekannt war. »Meinetwegen tun Sie, was Sie wollen. Wohin gehen Sie?«

»Wir suchen Abenteuer«, sagte Chaushilm. »Können Sie uns nicht zu einem solchen verhelfen?«

Der Detektiv warf einen zweifelhaften Blick auf die drei elegant gekleideten Herren, dann sagte er:

»Das könnte ich wohl. Wollen Sie mit mir gehen, gut, kommen Sie, aber die Verantwortung nehme ich nicht auf mich!«

»Ist es so gefährlich?«

»Wie man's nimmt; das Leben kostet es nicht, aber Geld desto mehr. Sind die Herren mit Waffen versehen?«

»Wir haben Revolver bei uns.«

»Ach was, Revolver! Goldstücke meine ich.«

»Auch das! Nun sind wir aber gespannt, wohin Sie uns führen; doch nicht in eine Spielhölle?«

»Kommen Sie nur!«, sagte der Detektiv kurz und ging voraus. »Passt es Ihnen nicht, einzutreten, so können Sie immer noch draußen bleiben.«

»Wohin führen Sie uns eigentlich?«, fragte Charles den Detektiven leise, als er sich an dessen Seite befand.

Das Trottoir war so schmal, dass nur zwei Personen nebeneinander gehen konnten. Voraus schritten der Detektiv und Williams, hinter ihnen Chaushilm und Hendricks, beide in eifrigem Gespräch begriffen.

»Haben Sie schon von einer Fantasia gehört?«, fragte Sharp.

»Allerdings, das Wort ist mir schon oft in die Ohren geklungen, besonders bei unserem Aufenthalt in Ägypten.«

»Nun, wir werden uns jetzt einmal eine Fantasia ansehen.«

In kurzen Worten setzte der Detektiv seinem Begleiter die Bedeutung des Wortes auseinander.

Mit Fantasia wird, wenigstens überall, wo die mohammedanische Religion herrscht, eine Festlichkeit, die mit Aufregung verknüpft ist, oder auch schon eine Aufregung allein, bezeichnet. Begeben sich einige Muselmänner in eine Opiumhöhle, um sich in dem süßen Rausch zu betäuben, so sagt man, sie gehen zu einer Fantasia. Eine Fantasia ist ein Trinkgelage — die Mohammedaner trinken Branntwein und Bier, das verbietet ihnen zwar der Koran, aber sie tun es doch — ein Theaterstück, eine Vorstellung im Zirkus und so weiter. Im engeren Sinne versteht man aber unter Fantasia das Auftreten von Bajaderen, indischen Tänzerinnen, und schließlich alle ausschweifenden und sinnlichen Genüsse, mit einem Worte einen Sinnesrausch.

»Sie wollen uns doch nicht etwa verleiten, in ein öffentliches Haus zu gehen?«, fragte Charles misstrauisch.

»Verleiten will ich Sie nicht dazu. Wollen Sie nicht mit hinein, so können Sie ja draußen sitzen bleiben. Aber kommen Sie nur mit, lassen Sie einmal Ihre kleinlichen Ansichten fahren! Wo wir hinkommen, da ist es immer anständig.«

»So ist es wirklich ein öffentliches Haus?«

»So sehr öffentlich ist es nicht; nur wer mit Gold zahlen kann, hat Zutritt. Mädchen gibt es allerdings darin, aber sie tanzen uns nur etwas vor, das ist alles. Williams, Sie sind doch auf der Weltreise, Teufel noch einmal, da müssen Sie doch auch so etwas kennen lernen!«

»Ich hätte nie geglaubt«, sagte Williams auf diese Ermunterung, »dass auch Sie auf solchen Abwegen gingen. Sie sind doch sonst ein so nüchterner Mensch und absoluter Weiberverächter?«

»Glauben Sie vielleicht, ich gehe zum Vergnügen dahin? Keinen Heller würde ich für solchen Unsinn ausgeben.«

»Also geschäftlich?«

Der Detektiv nickte.

»Im allerhöchsten Auftrage«, sagte er dann.

»Was heißt das?«

»Im Auftrag der Miss Petersen.«

»Nanu«, rief Charles erstaunt, »das ist doch nicht gut möglich, dass Miss Petersen Sie in ein solches Lokal schickt.«

»Gewiss tut Sie das, sie gibt mir sogar noch das Geld dazu, damit ich hineingehen kann. Aber ich will Ihnen sagen, wie es kommt«, sagte der Detektiv lächelnd, als er Williams' verblüffte Miene sah. »Miss Petersen fragte ihren Minister zur Linken, Lord Harrlington, ob er nicht jemanden wüsste, einen intelligenten Mann, der Batavia kennt. Lord Harrlington fragte mich dasselbe, und nur, um der Fragerei ein Ende zu machen, bin ich als Mister Wood zu der Kapitänin gegangen und habe mich als einen Mann vorgestellt, der in Batavia geboren und groß geworden ist.«

»So kennen Sie die Stadt schon?«

»Es ist das erste Mal, dass ich hier bin.«

»Und Sie laufen hier kreuz und quer durch Straßen, Gassen und Durchgänge ohne zu fragen?«, meinte Charles verwundert.

»Ich habe den Plan von Batavia im Kopfe und verlaufe mich nicht; seien Sie unbesorgt, gleich sind wir da!«

Nach einigen Minuten bog der Detektiv in ein schmales Sackgässchen ein; die wenigen Eingeborenen, welche im spärlichen Scheine der Gaslaterne sichtbar wurden, wichen scheu vor den vornehmen Herren zurück, drehten die Köpfe nach ihnen um und zischelten einander Bemerkungen zu.

»Was für einen Auftrag haben Sie auszuführen?«, fragte Charles.

»Später werden Sie es erfahren; jetzt habe ich keine Zeit mehr dazu«, entgegnete der Detektiv kurz und schritt nachdenklich durch die enge Gasse.

Es war den Herren, als ob sie Musik vernähmen; wenigstens konnten sie die dumpfen Töne von Trommeln hören, und ab und zu klang auch das Gerassel von Tamburins hindurch.

»Schade«, meinte der Detektiv, »wir finden schon Gesellschaft vor! Das hilft aber nun weiter nichts.«

Die Klänge der Musik wurden immer deutlicher; sie schienen aus dem letzten Hause der Sackgasse zu kommen, und vor diesem blieb der Führer der kleinen Gesellschaft auch stehen und zog die Glocke.

Nach einigen Minuten Wartens vernahmen die Außenstehenden, wie in der Tür ein Brettchen zurückgeschoben wurde. Jedenfalls musste die betreffende Person mit dem Aussehen der Herren zufrieden sein, denn die Tür wurde sofort geöffnet, und auf einen Wink des Detektiven, der hier zu Hause zu sein schien, traten seine Gefährten schnell in den niedrigen, nur von einer Öllampe erhellten Vorraum, welcher völlig kahl war und mit seinen schmutzigen Wänden den Eindruck großer Ärmlichkeit machte.

Ein altes, hässliches Weib, von dem man nicht sagen konnte, ob sie eine Malaiin, Negerin oder Chinesin war, hatte die Tür geöffnet. »Gott segne Sie, Mylord«, sagte sie auf Englisch und knickste, als der Detektiv ein Goldstück in ihre Hand fallen ließ und von den anderen Herren andere nachfolgten.


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Sie hatte sofort die Engländer erkannt, aber ebenso Sharp an ihrer Aussprache des Englischen, dass sie eine Südfranzösin sei.

»Ist Gesellschaft darin?«, fragte er.

»Nur zwei Herren, aber schöne Mädchen, die schönsten von ganz Indien, Gott segne Sie«, krächzte das alte Weib.

»Zum Teufel mit Eurem Segen«, brummte Sharp. »Gebt uns ein besonderes Zimmer!«

»Für alle vier Herren? Das geht nicht, es ist keins davon groß genug. Sie müssen schon in den Salon gehen.«

Dabei hielt sie die Goldstücke mit ihren Spinnenfingern krampfhaft umklammert, als würde sie dieselben nur bei Anwendung von Gewalt herausgeben, sollten die Gäste ihren Entschluss ändern und nicht eintreten.

»Gut denn, so führt uns hinein!«

Eiligst humpelte das alte Weib nach dem Hintergrunde des Vorsaales und öffnete eine Tür. Ein gedämpftes Licht strahlte den Eintretenden entgegen.

»Alle Wetter«, flüsterte Charles seinen Freunden zu, »das ist gerade wie in Tausendundeine Nacht, das habe ich in dem alten Gerümpel nicht gesucht.«

Der ganze ziemlich große Raum, in dessen Mitte eine Säule stand, war mit Teppichen belegt, der Fußboden, wie auch die Wände, an denen sich Diwans mit rotem Samtbezug hinzogen. Von der Decke hingen zwei Ampeln herab, alles mit einem rosenroten, angenehmen Dämmerlicht übergießend.

Ringsum auf den Ruhebetten saßen oder hockten junge Mädchen, in leichte, fast durchsichtige Gazekleider gehüllt, welche die Körper zwar völlig bedeckten, aber sie doch durchschimmern ließen. Die meisten von ihnen waren Malaiinnen, kleine, schmiegsame Gestalten mit wunderbar kleinen Händen und Füßen; aber auch das weibliche Geschlecht von China, Japan, Indien und Arabien war vertreten, ebenso einige Negerinnen von den schwärzesten Schattierungen.

Neben der einen Inderin saß ein Herr von vornehmem Äußeren, an der Seite einer Malaiin ein anderer, zwar ebenfalls sehr elegant gekleidet, aber mit einem rohen Gesichtsausdruck, der besser in den Pferdestall als in eine Gesellschaft gepasst hätte.

Es war sehr leer; die Besitzerin des Etablissements machte gerade jetzt schlechte Geschäfte, weil die holländischen Truppen alle nach Sumatra eingeschifft worden waren, um gegen die Achinesen zu kämpfen, und überhaupt in Batavia, wie überall auf Java, eine gedrückte Stimmung, durch den Krieg hervorgerufen, herrschte.

Die beiden schon anwesenden Gäste hatten jetzt keine Zeit, ihren Nachbarinnen Aufmerksamkeit zu schenken, sie sahen einer arabischen Tänzerin zu, welche eben zu tanzen begonnen hatte.

Es war ein wunderschönes Mädchen; langes, schwarzes Haar wallte um den kleinen Kopf, die großen, schwärmerischen Augen, sonst gewöhnt, träumerisch zu blicken, waren jedenfalls durch ein sinnentflammendes Mittel, wie sie in der dortigen Gegend so gern angewendet werden, zu einer feurigen Glut entfacht, die feine Nase, der kleine Mund mit den schwellenden Lippen, zwischen denen die weißen Zähne hervorschimmerten, die zierlichen Ohren und die lieblichen Gesichtszüge, welche sich nicht beschreiben lassen, alles machte das Mädchen zu einer der entzückendsten Erscheinungen.

Sie war die einzige, welche nicht wie die Anderen nur in durchsichtige Gazekleider gehüllt war, sondern um ihre schlanke Gestalt wand sich noch ein Tuch aus buntem Gewebe, den Oberkörper bedeckte ein bis oben geschlossenes silber- und goldgesticktes Jäckchen, welches unten auseinander ging, sodass man noch eine Art von Mieder sehen konnte.

Sie hatte eben zu tanzen begonnen.

Sharp war ohne Weiteres durch den Saal geschritten und hatte sich neben einer dicken Chinesin niedergelassen, und durch das Beispiel ermuntert, waren die anderen Herren ebenfalls bald platziert. Williams hatte es so eingerichtet, dass er neben den Detektiv zu sitzen kam. Hendricks suchte sich eine Malaiin aus, und der nach allem Absonderlichen haschende Chaushilm fand Geschmack an einer Schönen aus Nubien. Jetzt sahen sie dem Gebaren der Tänzerin zu und konnten lange nicht herausfinden, was die Bewegungen, welche jedenfalls eine symbolische Bedeutung hatten, vorstellen sollten.

Unter den Klängen eines Tamburins und eines einsaitigen Instrumentes bewegte sich das Mädchen langsam aber mit unsagbarer Grazie hin und her, dabei ein Tamburin hoch über dem Kopfe haltend und die Bewegungen rhythmisch begleitend. Sie blieb fast immer auf einer Stelle stehen, trat höchstens einmal mit einer Neigung des Oberkörpers einen Schritt nach vorn und beim Ausrichten wieder zurück, dann sich etwas drehend.

Aber die Musik ward nach und nach schneller, und ebenso die Bewegungen der Tänzerin, sie ging nicht mehr, sie sprang, hüpfte und tanzte, und als die Instrumente eine rasche Tonart anschlugen, warf sie das Tamburin fort und begann in dem Gemach auf- und abzuspringen, streckte abwehrend beide Hände aus, zog ein ängstliches, flehendes Gesicht, verzog es wie im Schmerz und begann wie rasend umherzuspringen.


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Immer wilder, immer abgerissener klangen die disharmonischen Töne, und plötzlich riss die Tänzerin, mit einem wahrhaft furchtbaren Schmerzensausdruck in den Zügen, die Jacke vom Oberkörper, dann das Mieder, schließlich den Rock, dabei immer gewisse Zwischenpausen innehaltend und wild umherspringend.

Williams hatte seine Aufmerksamkeit halb der Tänzerin, halb dem neben ihm sitzenden Sharp zugewendet, der sich fortgesetzt mit seiner Chinesin beschäftigte. Williams konnte bei dem Lärm der Musik nicht verstehen, was er sagte, aber jedenfalls musste er der schönen Chinesin nichts sehr Schmeichelhaftes ins Ohr flüstern, denn ihre kleine, weiße Stirn zog sich in drohende Falten, und als er immer und immer wieder ihre nach Sitte des Landes verkrüppelten Füße betrachtete und darüber lachte, stand sie endlich auf und ging wackelnd zu einer Tür hinaus, wahrscheinlich, um ihren Ärger mit einem Glas Arrak oder einer Tasse Kaffee und Opium hinunterzuspülen.

Jetzt erst wendete der Detektiv seine Augen der Tänzerin zu und zwar mit einem so starren Blick, dass ihn das Mädchen trotz ihres leidenschaftlichen Tanzes bemerkte und beobachtete.

»Was soll dieser Tanz nur bedeuten?«, fragte Williams den Detektiv. »Hat das Mädchen Schmerzen, oder stellt es sich nur so? Es zieht ja manchmal ein ganz verzweifeltes Gesicht.«

»Das kann ich Ihnen erklären«, sagte Sharp, »das Mädchen tanzt die Schimma, den Bienentanz. Sie stellt sich anfangs, als würde sie von Bienen verfolgt. Diese kriechen in ihre Kleider, und deshalb reißt sie sich einzeln das Zeug vom Leibe, bis sie so dasteht, wie die Anderen auch gekleidet sind. Die Kerls da müssen ordentlich Geld haben, dass sie sich so einen Tanz vormachen lassen.«

»Ah so, nun entsinne ich mich«, meinte Charles, »schon Hannes hat mir von einem solchen Tanze erzählt, der besonders im Orient gebräuchlich ist. Er nannte ihn aber den Flohtanz.«

»Auch ein passender Ausdruck.«

In diesem Augenblick hörte Williams neben sich zweimal ein seltsames Knacken, und wie er scheu zur Seite blickte, sah er eben noch, wie Sharp einen Gegenstand in die Tasche steckte.

»Haben Sie die Tänzerin fotografiert?«, fragte er.

»Nein«, sagte der Detektiv fast grob. »Kümmern Sie sich nicht darum!«

Jetzt hatte die Dirne auch noch den dichten Rock abgestreift und stand nun, nur in das leichte Gazekleid gehüllt, zitternd vor Erregung da. Sie stürzte mehr, als sie ging, nach dem Platz, der durch das Fortgehen der Chinesin neben Sharp frei geworden war, und sank erschöpft auf das Polster, ihren Kopf auf des Detektiven Knie legend.

»So ist's recht«, meinte dieser, »mache dir's nur bequem, Schätzchen.«

Das Mädchen schlug matt die Augen auf und blickte in das hübsche, gutmütig aussehende Gesicht, welches sich über das ihrige bog.

»Liebst du mich?«, flüsterte sie leise.

»Furchtbar.«

»So folge mir!«

Sie stand auf und ging durch eine Seitentür in ein ganz kleines Gemach, dessen Fußboden nur mit einem dicken Teppich bedeckt war, auf dem außerdem noch Kissen und Polster verstreut lagen. Sharp war ihr gefolgt.

Die Tänzerin ließ sich auf ein Kissen gleiten und schlang, als der Detektiv neben ihr saß, beide Arme um seinen Hals, ihm dabei zärtlich in die Augen schauend.

»Willst du etwas trinken?«, fragte sie und streichelte dabei seine Wangen.

»Du meinst, ob du etwas trinken kannst«, verbesserte der Detektiv, »meinetwegen, bestelle etwas.«

»Was ich will?«

»Auch das; meinetwegen ein ganzes Fass Opium.«

Das Mädchen klopfte an die Wand, ein Schieber ward zurückgeschoben, und die Tänzerin flüsterte einige Worte. Nach ein paar Minuten streckte eine knochige Hand eine dickbauchige Flasche und zwei Gläser durch die Öffnung, welche von dem Mädchen in Empfang genommen wurden.

»Sapperlot«, murmelte der Detektiv, »Champagner. Es ist doch völlig gleich, ob man in Europa, Amerika, oder selbst im Zululande ist, der Geschmack dieser Mädchen ist überall gleich entwickelt. Na, Miss Petersen, das wird eine kostspielige Rechnung. Prosit, schöne Wydjaja.«

Das Mädchen ließ die schon erhobene Hand mit dem Champagnerkelch sinken und sah den Mann erstaunt an.

»Woher kennst du meinen Namen?«, fragte sie nach langer Pause. Sie hatte erst gar keine Worte finden können. »Ich heiße Kalila.«

»Du warst aber doch früher in Konstantinopel unter diesem Namen bekannt. Ganz Europa spricht noch von deiner Schönheit und deinen wunderbaren Tänzen. Ist das nicht so?«

Das Mädchen hatte sich aus seiner liegenden Stellung halb aufgerichtet und blitzte den Sprecher mit den Augen an.

»O«, rief sie dann enthusiastisch, »das war eine schöne Zeit! Ach, Konstantinopel, könnte ich wieder dahin zurückkehren!«

»Dort wurde wohl mehr Champagner bezahlt?«

»Hast du mich dort gesehen?«, fragte sie, ohne auf die Frage des Detektiven zu achten, dessen Spott sie überhaupt gar nicht verstand.

»Leider nicht, aber ich habe viel von der Wydjaja erzählen hören und auch eine Fotografie von ihr gesehen. Daran habe ich dich erkannt. Aber sag, Schatz, wie lange bist du schon hier?«

»Schon über zwei Jahre muss ich hier meine Tänze ausführen, vor kaltherzigen Holländern und Engländern. Ach, wie schön war es da in Konstantinopel, wenn Griechen, Italiener, Spanier, Malteser zu meinen Füßen lagen und mich bewunderten, wenn dann ihr Händeklatschen erscholl und sie sich um mich stritten.«

»Man sieht dir wirklich nicht an, dass du schon so lange dieses Gewerbe betreibst«, sagte der Detektiv mit einem aufrichtig bewundernden Blick in das schöne Gesicht seiner Nachbarin, die noch immer dicht an ihn geschmiegt dasaß, »die Liebe scheint dir gut zu bekommen. Ich hielt dich für etwa zwanzig Jahre alt, wie viel zählst du aber in Wirklichkeit?«

Das Mädchen brach in ein helles Lachen aus. »Ich bin auch erst neunzehn Jahre alt. Mit meinem vierzehnten Jahre schon hat mich mein Vater, ein ägyptischer Fellah, an einen Händler verkauft, weil er sich für das erworbene Geld ein paar Kamele anschaffen konnte.«

»Ein liebevoller Vater«, meinte der Detektiv trocken. »Aber sag', Kalila, kennst du vielleicht eine Nardhi und eine Sula?«

Erstaunt richtete das Mädchen ihre Augen auf den neben ihr Sitzenden, dann aber zog sie ihre niedrige Stirn in Falten. Dem Detektiv entging es nicht, wie ihr Blick plötzlich einen schlauen Ausdruck annahm, und jetzt war es ihm ganz gleich, was sie auf seine Frage geantwortet hätte — er wusste, dass sie beide Namen kannte.

»Frage die alte Frau, Mademoiselle Bertrand!«, sagte sie ausweichend. »Sie wird dir darüber Auskunft geben können. Wir Tänzerinnen dürfen nicht darüber plaudern, wer diese Räume besucht, oder was in ihnen vorgeht.«

»Also du kennst sie«, erwiderte Sharp, griff in die Tasche und brachte ein Goldstück zum Vorschein, das er nachdenkend in der Hand wog. »Willst du mir nicht sagen, ob sie in diesem Hause gewesen und wie sie hereingekommen sind? Ich gebe dir das Goldstück lieber zu verdienen, als der alten Hexe.«

Des Mädchens Augen funkelten bei dem Anblick des gelben Metalls. Ebenso, wie die übrigen Tänzerinnen, war sie von der Frau als Sklavin gekauft worden; sie kannten den Begriff Freiheit gar nicht mehr, sie wurden von ihr unterhalten und erhielten Kleidung, aber was sie sonst zum Bestreiten ihrer Bedürfnisse nötig hatten, das mussten sie aus den Männern herauszupressen versuchen, welche sich um ihre Liebe bewarben, von der Besitzerin des Hauses erhielten sie niemals Geld.

Hier wurde ihr ein Geschenk geboten, wie sie es so reich noch niemals gesehen hatte.

»Sie waren beide nur einige Tage in diesem Hause«, sagte sie jetzt ohne Zögern, »und Mademoiselle Bertrand hat sie immer versteckt gehalten, überhaupt ihr Möglichstes getan, um uns ihre Anwesenheit zu verheimlichen. Aber natürlich erfuhren wir bald davon und ebenso durch Zufall die Namen der Gefangenen.«

»Recht so, Schatz, hier hast du deinen Lohn! Weißt du, wie die Mädchen hierher gekommen und wo sie früher gewesen sind?«

»Ihr Schicksal wird dasselbe, wie das meinige, gewesen sein«, sagte Kalila in traurigem Ton und ließ das Goldstück in ihrem Busen verschwinden, »auch sie werden von ihren eigenen Angehörigen verkauft worden sein. Ich habe sie einmal sprechen hören, sie bedienten sich des Dialektes, der hier in Batavia gesprochen wird. Jedenfalls sind sie ein Opfer der Opiumsucht ihrer Väter geworden, die sie für eine Handvoll Silbergeld an die Bertrand verkauft haben; weil die Malaiinnen aber aus dieser Stadt waren, so hat die Frau sie nicht hier behalten wollen, sondern sie hat sie weiter verkauft und dabei ein gutes Geschäft gemacht.«

Der Detektiv nickte. Ellen war von den beiden Mädchen, die sich mit auf dem Schiffe des Sklavenhändlers befunden hatten, nicht belogen worden. Wie Kalila richtig geraten, waren sie von ihren eigenen Eltern verkauft worden, damit diese wieder Geld zum Opiumrauchen, oder, wie die Malaien ebenso wie die Inder sagen, zum Opiumessen erhielten. Ellen wollte dafür sorgen, dass beide Malaiinnen in eine sichere Stellung kämen und dass dem Treiben der Mädchenhalterin ein Ende gemacht würde, indem man sie zur Bestrafung zog.

Wieder schmiegte sich Kalila an ihn und schlang die Arme um den Hals des Detektiven, als diesen ein lautes Gespräch im Saal aufhorchen ließ. Auch das Mädchen unterbrach seine Gunstbezeugungen und lauschte.

Der Detektiv konnte deutlich vernehmen, wie seine Begleiter aufgeregt sprachen und gegen irgend etwas protestierten. Es mussten noch andere Leute in den Saal gekommen sein, denn er hörte erst ernste, drohende Stimmen sprechen, und schließlich schien es ihm, als wollte das Wortgefecht in einen tätlichen Streit ausarten; schon hörte er, wie Hendricks sagte, lebend würde er sich nicht von hier fortbringen lassen.

Sharp stieß das Mädchen unsanft zurück und war mit einem Sprunge im Saal, und was er geahnt hatte, fand er wirklich bestätigt.

Einige holländische Konstabler waren in den Saal getreten, während wenigstens zehn Eingeborene, im Dienste der Polizei stehend, alle drei Türen des Saales besetzt hielten, und es war zu erwarten, dass die Fenster von außen ebenso bewacht wurden, damit sich niemand der Verhaftung, welche hier wahrscheinlich vorgenommen werden sollte, entziehen könne.

Die Beamten waren unbewaffnet, zeigten wenigstens keine offenen Waffen, die Malaien dagegen trugen in ihren Händen jene eigentümlichen Fänger, wie sie auf Java von der Polizei verwendet werden, um sich eines Flüchtenden wieder zu bemächtigen. Es ist ein langes Bambusrohr, welches oben so dünn endigt, dass es sich wie ein Tau biegen lässt. An der Spitze nun ist es zu einer Schleife geknüpft, dadurch eine Schlinge bildend. Dem Flüchtigen wird diese gleich einem Lasso über den Kopf und um den Hals geworfen, die Schlinge zieht sich zu, und will der Gefangene nicht ersticken, so muss er stehen bleiben.

Die drei Engländer, die Gefährten Sharps, standen erregt vor den Beamten und erklärten im entschiedensten Tone, sie würden niemals der Aufforderung, sie nach der Polizeiwache zu begleiten, Folge leisten, aber es half ihnen nichts, dass sie sich legitimierten, der PolizeiLeutnant wollte ihre Papiere gar nicht sehen, sondern bestand auf seinem Befehl, da er nur seiner Instruktion gemäß zu handeln, das heißt, alle in diesem Hause Befindlichen zu verhaften habe.

Anders war das Verhalten der beiden Herren, welche sich schon vorher im Saale befunden hatten.

Sie waren ruhig sitzen geblieben, als brächte der Verhaftungsbefehl nicht die geringste Wirkung bei ihnen hervor, als erstrecke er sich überhaupt nicht auf sie, und besonders der vornehm Aussehende zeigte keine Spur von Unbehaglichkeit; er scherzte mit dem Mädchen an seiner Seite weiter, während sich die übrigen Tänzerinnen scheu in eine Ecke gedrückt hatten.

Aber dem beispiellos scharfen Auge des eintretenden Detektiven entging es doch nicht, wie seine Blicke umherspähten, als suche er einen Ausweg zur Flucht, und noch mehr die des roh aussehenden Gefährten, dessen Benehmen, so ruhig er sich auch zu stellen suchte, auch den Beamten aufgefallen wäre, wenn diese nicht eben mit den englischen Herren beschäftigt gewesen waren.

»Folgen Sie mir nicht freiwillig, so sehe ich mich genötigt, Sie dazu zu zwingen«, sagte der PolizeiLeutnant ernst.

»Nimmermehr«, rief Charles außer sich. »Ich habe Ihnen erklärt, wer wir sind. Gehen Sie an Bord des ›Amor‹ und erkundigen Sie sich nach uns, aber verlangen Sie nicht, dass wir uns in diesem Hause verhaften lassen Ich wüsste überhaupt keinen Grund dazu, Sie werden sich in uns getäuscht haben, und ich versichere Sie, dass Sie Ihre Handlungsweise bitter bereuen werden.«

»Wen man in diesen Räumen antrifft«, meinte der Leutnant spöttisch, »von dem kann man nicht viel erwarten. Mitgefangen, mitgehangen, folgen Sie uns!«

»Unterlassen Sie alle Anspielungen«, fuhr Chaushilm auf, »Sie wissen nicht, was uns hierhergeführt hat.«

Da erblickte Charles den Detektiv, und er jubelte auf — dieser Mann wusste sicher einen Ausweg aus dieser Lage, denn er ahnte, dass eine Verhaftung in diesem Hause, selbst wenn sie sogleich wieder freigelassen würden, doch bekannt werden würde, es hätte eine Skandalgeschichte gegeben, und Charles glaubte schon jetzt vor Scham in den Boden versinken zu müssen, dachte er nur daran, dass Miss Thomson und die anderen Damen davon erführen.

Er verwünschte des Detektivs Vorschlag, ihn hierher zu begleiten, und seine eigene Unbedachtsamkeit, aber jetzt hoffte er, dass ihn derselbe Mann auch wieder aus der Klemme befreien könne.

»Sharp«, jubelte er unbedachtsam auf, »helfen Sie uns, Sie Goldmensch, oder wir sind für alle Ewigkeit blamiert.«

»Was ist denn weiter dabei?«, entgegnete der Detektiv gleichmütig. »Sie oder wir, denn ich muss auch mit, schlafen einfach diese Nacht einmal in einer Zelle oder auf einem hübschen weichen Bett, werden morgen früh verhört und können dann wieder laufen. Sehen Sie dort die beiden Herren, mit welcher Fassung die ihr Schicksal ertragen.«

Er deutete dabei auf die zwei noch sitzenden Männer, die dem Detektiven nur einen flüchtigen Blick zugeworfen hatten.

»Machen Sie uns nicht unglücklich«, rief wieder Charles, »Ihnen wird es möglich sein, uns herauszureißen.«

Der Leutnant war schon auf Sharp zugeeilt und wollte eben auch ihm den Verhaftungsbefehl vorlesen, als dieser ruhig sagte:

»Sie sind auf eine falsche Spur geleitet worden. Sie suchen Leute, welche gar nicht hier sind, aber hiermit stelle ich Ihnen Haddock und Mister Tischkoff vor, welche in Rangun aus Versehen die ihnen anvertraute Kasse ihres Prinzipals auf die Reise nach Batavia mitgenommen haben.«

Der Leutnant zog ein verblüfftes Gesicht, er sah, wie die beiden sitzenden Männer, auf welche der Detektiv bei seiner Rede deutete, bleich wie der Tod wurden, wie schon ihre Hände in die Taschen fuhren, und er hatte in ihnen die Leute erkannt, welche schon lange von der Polizei vergeblich wegen Unterschlagung verfolgt wurden.

Auch die anderen Beamten hatten sofort begriffen, um was es sich handelte, und ehe die beiden Verbrecher Gebrauch von ihren Waffen hatten machen können, waren sie überwältigt und in dem Gewahrsam der malaiischen Hilfsbeamten.


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»Und nun erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen«, sagte der Detektiv, als der Tumult, das Wüten der Gebundenen, das Kreischen der Weiber vorüber war, zog eine zerrissene, schmierige Brieftasche hervor, die aussah, als hätte sie sich vom Urgroßvater auf die späteren Geschlechter vererbt, und reichte dem Leutnant ein Papier.

Dieser las das Schreiben, zog ein überraschtes Gesicht und gab es dem Detektiv zurück.

»Entschuldigen Sie«, sagte er höflich, »das konnte ich nicht wissen. Sie sind natürlich frei, und ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Mitteilung. Sie werden noch von mir hören.«

»Nehmen Sie den Verhaftungsbefehl gegen diese drei Herren zurück, für welche ich bürge?«

»Ich nehme ihn zurück, es war ein Irrtum«, erklärte der Polizeileutnant.

Beide schüttelten sich die Hände, die Malaien nahmen die beiden Verbrecher, welche hier in Batavia von ihrem Verhängnis ereilt worden waren, in die Mitte und verließen den Saal, und gleich darauf folgte ihnen Sharp mit den drei Herren, welche herzlich froh waren, aus dieser Spelunke glücklich entkommen zu sein.

»Schon so alt und noch dumm genug, solche Streiche zu machen«, seufzte Charles, als sie sich auf der Straße befanden, und klopfte mit den Fingern gegen seine Stirn.

»Alter schützt vor Torheit nicht«, meinte der Detektiv.

»So übel war die Geschichte gar nicht«, sagte Chaushilm, »wenn nur die verdammte Polizei nicht dazwischen gekommen wäre und den ganzen Spaß verdorben hätte. Es ist das erste Mal gewesen, dass ich so Seite an Seite neben einer Nubierin gesessen habe und wirklich, das Mädchen war nicht übel.«

»Ach gehen Sie weg!«, sagte Hendricks geringschätzend, »die Mädchen waren ja alle geschminkt, gepudert und angemalt wie eine Kirchenwand. Meine Malaiin roch wie ein Farbentopf.«

Als sie den Hafen erreicht hatten, deutete Charles nach der ›Vesta‹ aus deren bull'seyes — so heißen die runden Fensterchen im Schiffsrumpf — helles Licht strahlte.

»So spät in der Nacht und alles erleuchtet!«, sagte er. »Wie mag das kommen?«

»Die Aufnahme der neuen Vestalin wird jedenfalls gefeiert werden«, meinte der Detektiv, der auch nachdenkend das im hellen Licht strahlende Schiff betrachtet hatte.

»So hat Miss Morgan also doch ihre Absicht durchgesetzt«, sagte Charles verwundert. »Ich hätte es nicht geglaubt. Es ist etwas an dem Mädchen, das mir nicht sympathisch ist, trotz aller Schönheit und Liebenswürdigkeit, und ich hatte geglaubt, sogar gehofft, die Vestalinnen würden die gleiche Abneigung gegen sie empfinden. Nun ist sie also doch aufgenommen.«

»Sie hat eine warme Fürsprecherin gehabt«, meinte der Detektiv und blieb stehen, denn schon befanden sie sich dicht vor dem ›Amor‹, und er wohnte im oberen Batavia.

»Und wer ist das gewesen?«

»Miss Johanna Lind«, entgegnete Sharp und verabschiedete sich kurz.

* * * * *

II.21. Die Sirene

Einige Tage waren wieder vergangen und von Ellen und ihren Freundinnen gut ausgenutzt worden. Sie hatten die beiden befreiten Mädchen, Nardhi und Sula, zwei junge Malaiinnen, ihren Eltern zuführen wollen, diesen aber vorher selbst einen Besuch abgestattet, und was sie in den erbärmlichen Lehmhütten fanden, veranlasste Ellen, ihre Schützlinge nicht in die alten Verhältnisse zurückkehren zu lassen.

Der Malaie, hoch oder niedrig, ist nur zu gern bereit, sich das Opiumrauchen anzugewöhnen, und hat er erst einmal die erste Pfeife gekostet, so verfällt er diesem Laster mit Leib und Seele; all sein Dichten und Trachten geht nur darauf hinaus, wie er sich möglichst schnell in jenen Zustand versetzen kann, in welchem er schon hier auf Erden der Genüsse des siebenten Himmels teilhaftig werden kann, wo ihn die schönsten Huris und die undenkbarsten Schwelgereien erwarten. Es gibt nichts, was dem Malaien, der dem Opiumrauchen huldigt, zu heilig wäre, um es nicht verkaufen zu können, wenn ihm das Geld zum Besuche der Opiumhöhle fehlt. Er verkauft sein Haus, wenn die elende Lehmhütte überhaupt noch als ein begehrenswerter Gegenstand gilt, seine Frau, seine Kinder und schließlich, wenn alles dahin ist, sich selbst als Sklaven für Lebenszeit, nur um sich noch einmal in dem süßen Dampf betäuben zu können.

Beim ersten Anblick der beiden Väter ihrer Schützlinge, die schon wie Greise aussahen, obgleich sie noch gar nicht so alt waren, ausgemergelter, skelettartiger Gestalten mit glanzlosen Augen, gab Ellen ihren ersten Vorsatz auf, denn diese Opiumraucher hätten ihre Töchter doch sofort wieder verkauft, und es gelang ihr, die beiden Mädchen im Hause des Mijnheer van Kuiper unterzubringen.

Derselbe floss vor Dankbarkeit über, ebenso wie seine Frau; Ellen hätte alles fordern können, nichts wäre ihr abgeschlagen worden, und außerdem hatte ja Santa mit Nardhi und Sula schon zusammen eine schwere Leidenszeit durchgemacht, und so war ein doppelter Grund vorhanden, die beiden Mädchen freundlich aufzunehmen und sie mehr als Freundinnen Santas, denn als Dienerinnen derselben zu betrachten.

Dann waren Ausflüge ins Innere der Insel unternommen worden.

Auf den leichten zweisitzigen Karrenwagen, welche nur auf zwei Rädern laufen, fuhren die Vestalinnen, wie auch die englischen Herren, oftmals begleitet von den deutschen Seeoffizieren und Kadetten, durch die Reis- und Zuckerfelder, und die heißblütigen, malaiischen Ponys, gewöhnt, immer im schnellsten Tempo durch dick und dünn zu rennen, als wären sie blind, gerade so wie ihre Herren, brachten manchen Karren zum Sturz, da es aber immer glücklich ablief, so wurde dies mehr als eine heitere Unterbrechung, denn als ein Unfall betrachtet. In der Zwischenzeit bereiteten sich die Besatzungen des ›Amor‹ und der ›Vesta‹ ernstlich auf eine Vorstellung vor, in der jeder seine Kunst in irgend einem Fache zeigen sollte, denn in einigen Tagen sollte die ›Viktoria‹ die Anker lichten, und die deutschen Offiziere wollten diese Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen. Versprach diese Vorstellung doch eine ungemein interessante zu werden.

An Bord der beiden unzertrennlichen Schiffe herrschte immer ein reges Leben. Alles war Frohsinn, man freute sich auf den Tag, an welchem ein großer Saal Batavias in festlichem Licht erstrahlen sollte und man gegenseitig das Auftreten der Herren und Damen, welche schon durch mehr als bloß durch Bande der Freundschaft gefesselt waren, bewundern konnte; aber einer machte doch eine Ausnahme, sein Gesicht wurde immer ernster, seine Züge immer düsterer, er suchte seit einiger Zeit die Gesellschaft zu meiden, und war er dann allein, so ließ er seinem Trübsinn freien Lauf, ging mit großen Schritten in seiner Kabine auf und ab oder konnte stundenlang am Tisch sitzen und den Kopf in beide Hände stützen.

Und dieser eine war der, wenn auch nicht gerade übermütige, aber sonst doch immer heitere Lord Harrlington.

Wenn seine Freunde des Abends ausgingen, meistenteils, um im oberen Batavia Besuche bei holländischen Kaufleuten zu machen, in deren gastfreundliche Häuser sie durch Mijnheer van Kuiper eingeführt worden waren, dann saß Lord Harrlington einsam an Deck und verwandte die Augen nicht von dem in einiger Entfernung ankernden Damenschiff, auf dem seit einiger Zeit jeden Abend Lieder erschollen, stets von derselben vollen und doch lieblichen Altstimme gesungen, von den Klängen einer Gitarre begleitet.

Oftmals geschah es, dass, wenn eine Melodie ertönte, der Lord plötzlich die Hände vor die Augen schlug und bewegungslos auf dem einsamen Böller sitzen blieb, bis er dann wieder mit einem unverständlichen Gemurmel sich emporraffte und wie von Furien gepeitscht in seine Kabine stürzte, wo er sich einschloss.

Aber meist hielt er es nicht lange darin aus; nach einer halben Stunde saß er schon wieder auf seinem alten Platz und lauschte der Altstimme, welche oft die halbe Nacht erklang, bald vor Wehmut zerschmelzend, bald vor Lust aufjauchzend.

Auch die Damen mussten von den Klängen dieser Stimme bezaubert sein, denn Harrlington konnte im Scheine des Vollmondes deutlich erkennen, wie sie sich um die Sängerin geschart hatten und sie immer wieder zum Singen aufforderten.

Eines Abends saß der Lord auf seinem alten Platz am Heck, er glaubte sich völlig allein an Bord, alle Herren hatten seiner Meinung nach das Schiff verlassen, denen sich auch die meisten Vestalinnen angeschlossen hatten, um einer Einladung zu folgen.

Aber die Sängerin war nicht unter diesen, denn wie jeden Abend, so schwangen sich auch an dem heutigen die weichen Molltöne zu ihm herüber.


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Eben intonierten die Saiten der Gitarre ein Vorspiel, schon bei den ersten Klängen ließ der Lord den Kopf schwer in die Hände fallen, er wusste, welches Lied jetzt kommen würde, es war eine alte, irische Volksmelodie, welche mit den Worten beginnt:


Oh! had we some bright little isle!


Als die ersten Töne des Liedes erschollen, hob er den Kopf wieder, um keine Note zu verlieren und den nur undeutlich vernehmbaren Text summte er leise mit.


O hätten ein Eiland wir, schimmernd hehr,
Verlassen und einsam im bläulichen Meer,
Wo nie auf dem Baum welkt das blühende Laub,
Wo die Blumen nicht fallen dem Winter zum Raub.

     Wo die Sonne nur fällt
     Zur heiligen Feier,
     Um die Nacht auf die Welt
     Zu decken als Schleier,

Wo das Fühlen, das Atmen aus innigster Brust,
Ist die herrlichste Freud' und die seligste Lust!
Da würden wir lieben auf sonniger Flur
Mit Seelen, so rein, wie die holde Natur,
Die Strahlen der Sonne, die Ruhe der Luft,
Sie würden das Herz uns füllen mit Duft.

     Von den Lippen so weich
     Würde Liebe ich trinken,
     Den Bienen gleich,
     Die in Blumen versinken;

Dann glich' unser Sein einem Tage voll Pracht,
Und der Tod käme still wie die heilige Nacht.


Leise war der letzte Ton verklungen, Harrlington saß wieder mit in den Händen vergrabenem Gesicht da.


»Von den Lippen so weich
Würde Liebe ich trinken,«


flüsterte er noch einmal träumerisch.

Ein Geräusch ließ ihn hastig emporfahren, und wie er den Kopf zur Seite wendete, schrak er zusammen.

Neben ihm, auf dem anderen Böller, saß Williams, die Arme gekreuzt und die Augen mit einem so finsteren Ausdruck auf den Lord geheftet und die Stirn so drohend gerunzelt, wie Harrlington es noch niemals an seinem Freunde gesehen hatte, obgleich er auf dem ›Amor‹ der einzige war, welcher in Williams nicht nur den ewig heiteren Menschen sah, sondern der dessen eigentliche Natur kannte.

Im nächsten Moment hatte er sich wieder gesammelt. »Ich glaubte, du wärest nicht an Bord«, sagte er und versuchte, einen möglichst unbefangenen Ton anzuschlagen.

Williams antwortete nicht, noch immer ließ er das finstere Auge unverwandt auf dem Gesicht seines Freundes haften.

Harrlington wurde unruhig. »Was hast du, Charles?«, begann er wieder. »Du trägst ja ein gar seltsames Benehmen zur Schau.«

»Kennst du die Sage des Odysseus?«, klang es ernst aus Williams Munde.

Der Lord blickte auf, er wusste sich die Frage seines Freundes nicht zu deuten, aber es wurde ihm unbehaglich zu Mute, er ahnte, dass jetzt etwas für ihn Unbequemes kommen würde — sein Gewissen war nicht rein.

»Des Odysseus, des trojanischen Helden, der auf der Reise nach seiner Heimat von unzähligen Gefahren heimgesucht ward, weil er sich den Zorn Poseidons, des Meeresgottes, zugezogen hatte?«, fragte er. »Gewiss kenne ich diese Sage. Wie kommst du darauf?«

»Kennst du auch die Gefahr, welche ihm drohte, nachdem er Kirke verlassen hatte?«

Wieder wurde Harrlington unruhig.

»Ich weiß nicht mehr, welche die erste war. Aber nochmals, was veranlasst dich, solch seltsame Fragen zu stellen? Willst du mich examinieren?«

»Ich will es dir sagen«, fuhr Williams fort, ohne der Frage Gehör zu schenken. »Odysseus fuhr an einer Insel vorüber, welche von Sirenen, von wunderschönen Weibern bewohnt wurde.«

»Richtig, es waren die Sirenen, welche mit ihren bezaubernden Gesängen die vorbeifahrenden Schiffer anlockten, dann aber die schlechte Angewohnheit hatten, ihre bewundernden Zuhörer mit Haut und Haaren aufzufressen«, suchte Harrlington zu scherzen, aber seine Stimme war unsicher.

Williams nickte.

»Und wie entgingen Odysseus und seine Mannschaft diesem Schicksale«, forschte er weiter.

»Sie stopften sich Wachs in die Ohren, Herr Professor.«

»Du scheinst dir kein Wachs in die Ohren gestopft zu haben«, sagte sein Freund ernst.

»Auch Odysseus tat es nicht.«

»Aber er ließ sich am Mast festbinden und gab seinen Leuten noch den besonderen Befehl, würde er sie um Befreiung anflehen, um zu jenen Sirenen hinüberzuschwimmen, so sollten sie ihn noch mit doppelten Stricken anbinden. Du dagegen, James, flatterst wie eine törichte Fliege in das Netz, welches dir die Sirenen gesponnen haben.«

»Mich werden sie wohl nicht gleich auffressen«, versuchte Harrlington noch immer zu scherzen, »ich werde selbst für ihre Zähne wohl etwas zu zäh sein.«

»Lass das Scherzen!«, sagte Williams unwillig. »Du weißt recht gut, was ich meine. Allerdings wirst auch du von den Sirenen verzehrt werden, du bist auf dem besten Wege dazu, denn weder hast du dir die Ohren mit Wachs verstopft, noch dich an den Mast binden lassen. Aber ich werde dies noch tun.«

Harrlington war aufgesprungen und maß den Sprecher, der ruhig sitzen geblieben war, mit großen Augen.

»Mit welchem Recht sprichst du so zu mir?«, rief er.

»Mit dem Rechte des Freundes«, entgegnete Charles, stand auf und ergriff des Lords Hand.

»James, James, ich kenne dich nicht mehr!«, fuhr er ernst fort. »Was ist seit einiger Zeit mit dir vorgegangen? Du bist ein Träumer geworden, ein wankelmütiger Mensch, und, was noch schlimmer ist, du bist schon dabei, eine ehrlose Handlung zu begehen. Glaubst du etwa, ich weiß nicht, was in deinem Innern vorgeht? Du selbst hast mir ja alles einst erzählt, mir allein, hast mir gestanden, was du einst gelitten hast, wie du wieder gesund geworden bist, und nun kommt dieses verfluchte Weib dir wieder in die Quere, und alles soll hin sein? James«, Williams rüttelte seinen Freund, der wieder auf den Böller gesunken war und teilnahmslos vor sich hinblickte, heftig an der Schulter, »James, sei ein Mann, und kein schwachherziger Jüngling, oder bei Gott, du treibst es so weit, dass ich dich verachten muss!«

Als Harrlington noch immer nicht seine Stellung veränderte, fuhr er in eindringlichem Tone fort:

»Jenes Weib, welches dich vor fünf Jahren in England berückte, ist nicht wert, dass du auch nur an dasselbe denkst. Du selbst hast mir dies gesagt, als du herausfandest, dass sie nur ein herzloses Spiel mit dir getrieben hatte, um an deiner Seite zu einer Ehrenstellung zu kommen, nach welcher ihr ganzes Streben ging, und ich war es, der dir damals die Augen öffnete, ebenso wie ich sie auch zu zwingen wusste, von dir abzulassen, weil ich sie deiner unwert erachtete. Du sahest ein, dass ich recht gehabt hatte, du versprachst mir, dich nie mehr um sie zu bemühen, ich sorgte, dass sie von dir fern blieb, und mit Freuden sah ich, dass dein Herz bald wieder geheilt war, eben darum, weil deine Liebe nicht die richtige, nur eine heiße, rasch aufflackernde und daher eine ebenso rasch wieder in sich zusammensinkende gewesen. Dann lerntest du Ellen kennen, du fühltest dich zu ihr hingezogen, du liebtest sie, aber nicht mit jener glühenden, alles verzehrenden Liebe, sondern deine Neigung zu ihr war eine andere, eine reinere. Du wärest schon zufrieden gewesen, wenn dir das kalte Mädchen erlaubt hätte, den Saum ihres Gewandes zu küssen. Und warum? Weil du vor ihr Achtung besaßest; es war nur dein heißester Wunsch, dass sie dich einst lieben möchte.«

Williams hielt inne; Harrlington hatte bei der Nennung von Ellens Namen tief aufgeseufzt.

»Sprich, James, warum verschmähst du, seit Sarah Morgan hier ist, an Land zu gehen und bleibst wie ein alter Seebär immer an Bord, der seinen Fuß nicht mehr mit der Erde in Berührung bringen will?«

»Ich will nicht mit ihr zusammentreffen, ich scheue mich vor einer Begegnung«, kam es dumpf hervor.

»Ich wusste es, und das eben ist es, was mich so empört«, sagte Charles streng. »So handelt ein törichter Knabe, aber nicht ein Mann, und so darf vor allen Dingen nicht der Kapitän des ›Amor‹ handeln. Glaubst du etwa, Ellen würde nicht einen Vergleich mit Sarah Morgan aushalten?«

Harrlington zuckte zusammen.

»Geh, du bist ein feiger Mensch!«, fuhr Charles unerbittlich fort, »du scheust dich, mit diesem Weibe zusammenzukommen, denn, redest du dir wenigstens ein, du fürchtest, sie könnte Erinnerungen in dir wachrufen, welche deine Liebe zu Ellen schädigen. Und was tust du jetzt? Du sitzest jeden Abend an Deck, seufzt den Mond an, lauschest dem Gesange dieser Sirene und denkst an jene Zeiten zurück, da sie dich mit ihrer Liebe zu umstricken suchte.«

»Höre, James!«, fuhr Charles fort und stampfte mit dem Fuße das Deck. »Hüte dich vor diesem verfluchten Weibe! Sie ist nur Berechnung, ich kenne sie vielleicht besser, als du. Würdest du sie auch zu treffen suchen, sie würde dir doch ausweichen, sie kennt die Mittel, um jemanden einer anderen abspenstig zu machen, und sie hat das Gefährlichste davon angewendet. Sie weiß ganz genau, wie du jetzt sehnst und schmachtest, sie kann dich ja hier sitzen sehen, und ein raffinierteres Weib als sie hat es nie gegeben. Mit ihren Liedern, mit denen sie dich bezaubert hat, fängt sie erst an, hat sie deine Sinne genügend erregt, so geht sie weiter ...«

»Bist du der einzige, der darum weiß?«, unterbrach ihn Harrlington dumpf.

»Der einzige, nicht einmal Lord Hastings, sonst dein bester Freund, hat eine Ahnung davon, und ich werde dafür sorgen, dass das Geheimnis unter uns bleibt. Auf der ›Vesta‹ ist natürlich davon gar nichts bekannt. James«, fuhr Charles plötzlich wieder auf und schüttelte seinen Freund abermals an der Schulter, »denke an Ellen!«

Ein Stöhnen war die Antwort.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte Charles, nach der Uhr sehend, »ich werde erwartet. Nur um dich einmal überraschen und in dieser Situation sprechen zu können, habe ich mich verzögert. Kommst du mit, James?«

Der Lord schüttelte den Kopf, der Gesang drüben war schon längst verstummt.

»Willst du meiner Bitte Folge leisten, willst du dich losreißen von diesen Gedanken, welche eines Mannes unwürdig sind?«

Es erfolgte keine Antwort. Harrlington hatte den Kopf in die Hände gestützt und blickte starr nach dem Schiff, auf welchem ein Licht nach dem anderen erlosch.

»Versprichst du es mir?«

Noch immer keine Antwort. Harrlington schien seinen Freund nicht mehr zu hören.

»Gut, tu, was du willst!«, sagte Charles und wandte sich zum Gehen, »du bist alt genug, um selbst Rechenschaft über deine Handlungen zu geben. Aber höre mich, James, und vergiss nicht, was ich dir hiermit schwöre; solange ich an Bord des ›Amor‹ mit dir zusammen bin, werde ich alles verhindern, was dich mit diesem Weibe zusammenbringen könnte, und ginge es über meinen Leichnam weg. Und in dem Augenblick, da ich erfahre, dass du Ellen dieses Weibes wegen vergessen hast, zählst du einen Freund weniger. Lebe wohl!«

Mit traurigen Augen sah Harrlington dem Davongehenden nach. Dann ging er selbst in seine Kabine und schloss sich ein.

* * * * *

II.22. Die Vorstellung und ihr Nachspiel

Der große Saal, von dessen Decke und Wänden herab Kronleuchter und Ampeln hingen, war gedrängt voll; nicht nur die Honoratioren, das heißt, die ganze reiche Kaufmannswelt Batavias hatte sich versammelt, sondern auch von den umliegenden Plantagen und Faktoreien waren die Kolonisten hier zusammengekommen, um der Vorstellung beizuwohnen, welche die Besatzungen des ›Amor‹ und der ›Vesta‹ zu geben gewillt waren.

Ein tiefer Griff in die Tasche war dazu nötig gewesen, es gab Logen, für deren Preis man die Fahrt nach Europa hätte bezahlen können, um dort einmal ins Theater zu gehen, aber das galt der Geldaristokratie Batavias gleich, ihre Mittel waren unerschöpflich, der Boden des Landes ließ die ausgegebenen Goldstücke bald wieder nachwachsen, und außerdem war es ja keine Verschwendung.

Die riesengroßen Plakate machten bekannt, dass die Einnahme zum besten der Hinterbliebenen von im Kampfe gegen die Achinesen Gefallenen und Verwundeten verwendet würde. Die englischen und holländischen Zeitungen brachten in diesen Tagen gerade schauderhafte Berichte über die Gefechte, welche zwischen der Fremdenlegion und den wilden Fanatikern geliefert worden waren — die Achinesen wurden von ihrem herrschsüchtigen Fürsten in dem Glauben erhalten, dass es sich um einen Religionskrieg handle — und gerade ein paar Tage zuvor langte ein Schiff an, welches die Leichen einiger hoher, holländischer Offiziere mitbrachte und im Übrigen mit Verwundeten angefüllt war, denen das flammenähnliche Schwert der Achinesen die Glieder vom Leibe getrennt und zolltiefe Hiebe beigebracht hatte.

Aber hätte es sich auch um keinen so guten Zweck gehandelt, schon die Aussicht, alle jene Damen und Herren einmal zusammen zu sehen, welche das Alltagsleben mit einer kühnen Idee durchbrochen hatten, und an deren Spuren sich romantische Sagen hefteten, schon diese Aussicht hätte vermocht, die gepolsterten Sessel und die Logen mit eleganten Herren und Damen zu füllen, welche nun, die Lorgnetten vor den Augen, das Aufziehen des Bühnenvorhangs erwarteten.

Dem Programme nach versprach die Vorstellung schon an sich eine interessante zu werden.

Da gab es Herren, den Zuschauern schon aus den Zeitungen längst bekannt, welche als Turner auftraten, andere als Sänger, Komiker, Sir Williams zum Beispiel produzierte sich mit einem wunderbar dressierten Elefanten, dem er die Peitsche ordentlich zu fühlen gab, sodass sich dann später Marquis Chaushilm und Sir Hendricks, welche in den Beinen des Elefanten gesteckt hatten, bitter über die ihnen zugefügten Schwielen beklagten, und selbst unter den Damen gab es einige, welche nicht nur auf dem Gebiete des Gesanges und Vortrages ihr Talent zeigten, sondern ebenfalls als Gymnastinnen auftraten.


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Das blaue Blut, die Aristokratie Englands ist diejenige von Europa, welche in ihren Kreisen noch am meisten darauf hält, die körperliche Kraft und Gewandtheit zu vervollkommnen, wenn sie auch nicht mehr so eifrig darin ist, wie die französische unter jenem Könige kurz vor der Revolution, welcher selbst, so lächerlich es auch klingen mag, den Großen Frankreichs dadurch mit gutem Beispiel voranging, dass er sich während einer Stunde jeden Tages im Schlagen von einfachen und doppelten Salti mortali übte. Der Engländer ist aber bekanntlich der größte Sportsmann der Welt, und es gibt noch immer Klubs, welche darauf halten, dass man unter einem Sportsmann nicht einen Menschen versteht, der auf die Leistungen von Professionisten wettet, sondern der mit seiner eigenen Kraft und Gewandtheit den Siegerkranz zu erringen strebt.

Dasselbe gilt auch von den Nordamerikanern, den Abkömmlingen von Engländern, und der Geist der Freiheit, welcher in diesem Volke herrscht, hat auch dem weiblichen Geschlecht eingegeben, sich den Männern ebenbürtig zur Seite zu stellen. In England, wie in Amerika gibt es weibliche Turn, Ruder, Fechtvereine und so weiter, und namentlich eine Kunst wird von den Damen sehr gepflegt, weniger von den Herren, die Kunst des Bogenschießens.

In England zum Beispiel senden einmal im Jahre alle Klubs, welche diesen Sport pflegen, die besten Schützen nach London, und es ist wirklich staunenswert, wenn man sieht, mit welcher Kraft die graziösen Damen den zwei Meter großen Bogen zu spannen und den befiederten Pfeil in das hundert Meter entfernte Ziel zu senden wissen. —

Nicht alle der Gesellschaft traten auf, einige besaßen wirklich kein Talent; andere nicht die Unbefangenheit, sich von einem großen Publikum bewundern zu lassen, aber alle mussten sie mitwirken bei einem Theaterstück, einer zwischen Seeleuten spielenden Posse, welche von den dazu veranlagten Mitgliedern zusammengestellt und arrangiert worden war.

Der Inhalt des Stückes war kurz folgender: In einem kleinen Fischerhafen ist ein Segelschiff angelaufen, welches vorgeblich die Hälfte seiner Mannschaft in einem heftigen Sturm verloren hat und in diesem Hafen nun neue Matrosen sucht, aber keine bekommen kann, weil die Fischer nicht gewillt sind, sich für viele Jahre von Weib und Kind zu trennen.

Da kommen eines Tages zwei Boote mit völlig erschöpfter Bemannung an.

Sie erzählen, dass sie bei einer Segelfahrt im Boot von ihrem Schiff verschlagen worden wären und hier auf eine Gelegenheit warten wollten, die sie nach ihrem Heimathafen zurückbrächte, auch sie schlagen daher das Angebot des Kapitäns, auf seinem Schiffe Dienste zu nehmen, rundweg ab.

Aber der Kapitän will nicht länger Zeit verschwenden, er hat jetzt die Aussicht, ordentliche Seeleute an Bord zu bekommen, und so lässt er die fremden Matrosen einfach von seinen Leuten ›pressen‹, das heißt, sie mit Gewalt an Bord schleppen und dort arbeiten — ein Zwangsmittel, welches früher in England häufig angewendet wurde, sogar erlaubt war.

Der zweite Akt spielt an Deck des Seglers. In der Mitte der Bühne war ein Mast errichtet, an dem Wanten hinaufliefen, und die Zuschauer konnten die Matrosen bei ihrer Arbeit erblicken.

Durch einen Zufall kommt es heraus, dass die fremden Matrosen verkleidete Mädchen sind, sie gestehen, dass sie die ›Vesta‹ verlassen haben, weil auf ihr Streit ausgebrochen sei. Die Zurückgebliebenen seien bei ihrem erst gefassten Entschlusse geblieben, ihr emanzipiertes, männerfeindliches Leben fortzusetzen, sie dagegen, welche von Bord der ›Vesta‹ gegangen, wären wankelmütig geworden, sie hätten beschlossen, nach ihrer Heimat zurückzukehren, dort wieder ein vernünftiges Leben anzufangen und womöglich zu heiraten.

Da gestanden auch die Matrosen, dass sie eigentlich englische Lords seien und nur ein Schiff ausgerüstet hätten, um auf diesem als Junggesellen ihr Leben zu beschließen, doch die eine Hälfte der Mannschaft habe bald Reue verspürt, auch sie hätten das Schiff in Booten verlassen, ihr jetziger Aufenthalt wäre ihnen unbekannt, aber sie, die eben auf der Bühne anwesenden Männer, wollten ihr Versprechen halten.

Doch es dauerte nicht lange, so hatten sich die Herzen der Mädchen und die der Herren gefunden, und sie wurden alle dahin einig, nach England zurückzukehren und sich vor dem Altar die Hand zum ewige Bunde zu reichen.

Der dritte Akt spielt in London.

Die gefundenen Paare bewegen sich nach der Kirche, um sich trauen zu lassen, fröhliche Scherze werden laut, vermischt mit bedauernden Worten über die Freunde und Freundinnen, welche nun einsam draußen auf dem kalten Meere umhersegeln, meinend, dass sie darin ihr Glück gesucht hätten, und alle Paare sind darüber einig, dass jene einen verkehrten Weg eingeschlagen haben, denn das wahre Glück auf Erden läge doch nur in der Liebe.

Vor der Kirche wird der Zug durch einen Kirchendiener gehemmt, er erklärt, der Raum würde schon von einer anderen Gesellschaft zur Hochzeit benutzt; wie groß ist das Erstaunen der Wartenden, als die Tore sich öffnen, und ihre Freunde und Freundinnen, welche sie noch in fernen Gewässern glauben, als Neuvermählte heraustreten!

Auch die zurückgebliebenen Vestalinnen hatten bald eingesehen, dass dieses Leben ein freudenloses war; schon waren sie entschlossen, die Segel nach der Heimat zu richten, als die Boote mit den nach Liebe dürstenden Herren an ihrem Schiff angelegt hatten, und im Nu waren die Herzen der Mädchen von ihnen erobert worden.

Das Publikum war über das Stück entzückt; es applaudierte und rief die Hauptdarsteller immer wieder heraus, aber viele konnten nicht begreifen, wie sich der Inhalt dieses Stückes mit dem eigentlichen Charakter der Vestalinnen, welche sich doch öffentlich als Männerfeindinnen ausgaben, zusammenreimte. Doch Miss Petersen ließ die Erklärung folgen.

Noch einmal rollte der Vorhang auf, und Ellen ließ eine in Verse gesetzte Ansprache folgen, in welcher sie das Verhalten der Vestalinnen wie auch der Herren lächerlich zu machen suchte, sie schilderte mit beißender Ironie ihr schwankendes Betragen und erklärte stolz, dass so etwas, wie eben dem Publikum vorgeführt worden wäre, bei den Vestalinnen überhaupt nicht eintreten könnte.

»Na, na«, ließ sich da eine sonore Stimme aus dem Publikum vernehmen, »wer den Teufel an die Wand malt, den holt er sicher.«

Aller Augen wandten sich der Loge zu, aus welcher der Ruf erschollen war, und man sah auf der mit Samt überzogenen Brüstung mit gekreuzten Armen einen Mann liegen, der mit höhnischem Grinsen die Sprecherin betrachtete.

Ellen biss sich vor Zorn in die Lippen, sie hatte in dem Herrn den Mann erkannt, dem sie Vertrauen geschenkt, Mister Wood; aber es war nichts mehr daran zu ändern, er hatte das lachende Publikum auf seiner Seite, und leider, leider musste Ellen hören, wie nicht nur die Lords, sondern auch ihre Freundinnen, die Vestalinnen, in das Lachen mit einstimmten.

Nur mit Mühe konnte sie ihre Ansprache zu Ende bringen, welcher ein Hoch auf die ›Vesta‹, von einem Holländer ausgebracht, folgte. —

Die Vorstellung war vorüber, der Saal von den Stühlen geräumt, und die Kapelle, welche die vorgetragenen Lieder begleitet hatte, nahm Platz auf der Bühne, um für den nachfolgenden Tanz aufzuspielen, denn ein solcher beschloss programmmäßig die Festlichkeit.

Die Vestalinnen befanden sich noch in der leichten, weißen Toilette, welche sie bei der Traufeierlichkeit auf der Bühne getragen, ebenso die Herren im schwarzen Frack und weißem Schlips, also vollkommen ballfähig, und unter ihnen auch Hannes, welcher als Bräutigam hatte figurieren müssen, weil einige der Herren mit anderen Rollen betraut worden waren.

Der arme Hannes war schrecklich verlegen geworden, als Charles ihn in einen schwarzen Anzug gezwängt und ihm auch noch einen hohen Stehkragen um den Hals gebunden hatte; sein Herr kam gar nicht aus dem Lachen heraus, wenn er Hannes beobachtete, wie dieser die Arme weit von sich gestreckt und die mit weißen Glacéhandschuhen bekleideten Hände gespreizt, den Kopf zurückgebogen, weil ihn der Stehkragen entsetzlich schnitt, und den Zylinder tief im Nacken, als trüge er eine Schiffermütze, mit seinen Seebeinen in wiegendem Gange über die Bühne spazierte, an seinem Arme Miss Staunton, die sich über ihren Begleiter mehr amüsierte, als über die ganze Vorstellung. Beide gehörten zu dem Teile, welcher als bereits getraut aus der Kirche kam. Hätte Hannes als Matrose auf der Bühne etwas singen oder tanzen sollen, so würde er sich nichts daraus gemacht haben, und wenn auch das Publikum aus Kaisern und Königen bestanden hätte, aber so, in dem schwarzen Anzüge und Zylinder, aller Augen auf sich gerichtet zu sehen — denn natürlich glaubte er, alle sähen nur auf ihn — nein, das war für seine Natur zuviel.

»Hannes«, flüsterte Hope an seiner Seite, »mach nicht ein so dummes Gesicht! Du siehst gerade aus, als gingst du in einem Leichenzuge. Du musst lachen, dich freuen, wir sind ja nun verheiratet.«

Dabei zwickte ihn das mutwillige Mädchen in den Arm, um ihn zum Lachen zu bringen, aber ein Blick in das weinerliche Gesicht ihres Brautführers ließ sie schnell sich auf die Lippen beißen, um nicht selbst in Lachen ausbrechen zu müssen.

Endlich hatte es Hannes fertig gebracht, sich hinter einer Gruppe von Neuvermählten unsichtbar zu machen.

»Hope«, seufzte er mit kläglicher Stimme, »ich kann nicht mehr, ich schäme mich zu Tode.«

»Aber warum denn, Hannes? Du bist doch sonst nicht so schüchtern; sieh mich an, ich tue gerade, als wäre ich eine Schauspielerin. Was geht mich das dumme Publikum an; wenn ich ihnen nicht gefalle, dann brauchen sie mich nicht anzusehen.«

»Wenn mich meine Schiffskameraden jetzt sehen würden, meine ganze Seemannskarriere wäre futsch!«, jammerte Hannes weiter und würgte an seinem Stehkragen herum. »Gott im Himmel, was ist aus mir geworden; ich komme mir wie ein angeputzter Affe vor!«

»Unsinn, Hannes, du siehst ganz reizend aus, nur die Hände musst du aus den Hosentaschen nehmen.«

»Der Teufel hole den verdammten Anzug, hinein bekomme ich die Hände, aber nicht wieder heraus.«

»Du darfst nicht fluchen, Hannes, wir sind ja eben getraut worden«, scherzte Hope.

»Hol der Henker die ganze Hochzeit! Ich möchte, es wäre erst alles vorüber.«

»Es ist auch gleich vorüber«, tröstete Hope, »sieh, die Männer da, die wollen schon den Vorhang herunterlassen.«

Der arme Hannes wurde auch bald aus seiner peinlichen Lage erlöst; der Vorhang fiel, und noch hatte derselbe kaum die Köpfe der Spieler verdeckt, so sahen schon die Zuschauer einen der Herren, wie von Furien gepeitscht über die Bühne rennen und hinter den Kulissen verschwinden — es war Hannes.

Die Damen und Herren begaben sich in den Saal, auch Miss Staunton. Die Musik fing an zu spielen, die Tänzer ordneten sich, aber das junge Mädchen wartete vergebens, dass der von ihr begünstigte Matrose sie zur Polonaise auffordern würde — Hannes befand sich nicht im Saale, er hatte das Weite gesucht.

Ärgerlich nahm sie das Engagement eines alten, dicken Holländers an, der sie in gebrochenem Englisch anredete; mit einer schnippischen Bewegung, wie sie nur junge Mädchen zu machen verstehen, stand sie auf und schob ihren Arm unter den seinen, und der arme Mann schwitzte während der Polonaise dicke Angsttropfen, so wusste Hope die an sie gerichteten Fragen zu beantworten. Es war gar kein Zweifel, die junge Amerikanerin an seiner Seite suchte ihn, den reichen, würdigen Großkaufherrn mit ihren Antworten nicht nur gutmütig zu verspotten, sondern richtig zu veralbern, und er war ordentlich froh, als Hope an einer Tür plötzlich seinen Arm fahren ließ und hinausschlüpfte, als brenne ihr der Boden unter den Füßen.

»Gott sei Dank, dass sie fort ist«, seufzte der dicke Holländer erleichtert auf und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn. »Ich verbrenne mir aber nicht wieder die Finger an einer Amerikanerin. Ehe ich so eine heirate, will ich lieber Junggeselle bleiben, und würde ich so alt wie Methusalem. Hübsch und niedlich sehen sie ja alle aus, aber von Anstand — keine Spur. Und das nennt nun die Welt zivilisierte Menschen.«

Erschöpft ließ er seinen dicken Körper auf einen Stuhl fallen und sich Arrak und Eiswaffel bringen.

Unterdessen war Hope in den Garten geeilt, der zu dem gemieteten Lokale gehörte und mit Lampions erleuchtet war. Jetzt war er noch völlig leer; der Tanz hatte ja eben erst begonnen, und die Gesellschaft hatte es also noch nicht nötig, die erhitzte Stirn in der Abendluft zu kühlen.


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Das junge Mädchen hatte richtig geraten, wenn sie Hannes im Garten zu finden gehofft; in einer der letzten Lauben, an deren Eingang eine rote Papierlaterne hing, bemerkte sie eine Gestalt — das konnte nur der Gesuchte sein.

Sie spähte durch das dichte Blätterwerk, welches die Laube umhüllte, fuhr aber sofort entsetzt zurück und stand mit einem Sprunge unter dem Laubdache.

»Hannes, was machst du?«, rief sie mit vor Aufregung zitternder Stimme und riss dem Matrosen das Messer aus der Hand, mit dem er sich am Hals herumfuhr.


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Hannes war selbst bestürzt über die Heftigkeit, mit welcher das Mädchen auf ihn zugesprungen war, wie sie ihm das große Schiffsmesser aus der Hand genommen, welches er in den Schoß seines Frackes gesteckt hatte.

»Was hast du vor, Hannes?«, rief wieder Hope, durch sein erschrockenes Gesicht noch ängstlicher gemacht. »Ich glaube, du willst dir die Kehle durchschneiden!«

Jetzt brach Hannes in ein lautes Lachen aus.

»Die Kehle? Nein, aber den Halskragen. Ich versuche nun schon eine halbe Stunde, das Ding abzuknöpfen, aber es geht nicht. In meinem ganzen Leben bringe ich so einen steifen Leinwandlappen nicht wieder an meinen Körper.«

Nun musste auch Hope lachen.

»Ihr Männer seid doch zu ungeschickt«, murmelte sie und drückte den Matrosen auf die Bank, »wenigstens in solchen Sachen. Komm her, der Kragen ist ja schon halb zerschnitten, ich will dich von ihm befreien.«

Sie knöpfte ihn ab. »Aber du kannst doch nicht ohne Kragen tanzen?«, sagte sie während ihrer Beschäftigung.

»Ich will auch nicht tanzen«, entgegnete er unwirsch.

»Auch nicht mit mir?«

Hannes schwieg, er fühlte, wie die warmen Fingerchen des Mädchens an seinem Halse nestelten.

»Sag, Hannes, auch nicht mit mir?«

»Nein«, war die kurze Antwort.

Der Kragen war ab; Hope ließ erstaunt die geschäftigen Hände sinken und blickte dem Matrosen ins Gesicht.

»Nicht mit mir? Warum nicht, Hannes? Ich würde mit dir auch ohne Kragen tanzen, selbst, wenn du in Hemdsärmeln wärst. Mich genieren solche Kleinigkeiten nicht.«

Wieder blieb Hannes die Antwort schuldig; verlegen senkte er die Augen auf den Kragen, welchen das Mädchen noch in den Händen hielt, und plötzlich bemerkte er auf der weißen Leinwand Blutflecke.

»Mein Gott«, rief er erschrocken aus, »du blutest Hope, du hast — Sie haben vorhin ins Messer gegriffen.«

Jetzt wurde Hope gewahr, dass Hannes recht hatte; sie hatte noch gar nicht bemerkt, dass sie in der rechten Handfläche einen Schnitt bekommen. Ein leiser Aufschrei entfuhr ihren Lippen, als sie denselben sah.

»Es ist nichts weiter«, tröstete Hannes nach Besichtigung der Wunde, »ich will dir — Ihnen einen Verband anlegen. Wozu hat mir denn Williams sein Taschentuch mitgegeben.«

Er zerschnitt das feine Gewebe und legte dem jungen Mädchen einen kunstgerechten, zierlichen Verband an, sich dabei mit dem Kopfe tief auf die Hand des neben ihm sitzenden Mädchens beugend, das ihn längere Zeit während seiner Beschäftigung verwundert betrachtete, ohne zu sprechen.

»Was fällt dir denn ein, Hannes?«, begann sie endlich. Warum nennst du mich denn auf einmal ›Sie‹?«

Hannes antwortete nicht, er beschäftigte sich angelegentlich mit dem Verbande.

»Antworte mir doch, Hannes!«, bat das junge Mädchen. »Bist du mir wegen irgend etwas böse?«

Er band ihr jetzt eben auf dem Rücken der Hand einen kleinen Knoten, aber die Enden erwiesen sich zu kurz, er musste dabei die Zähne zu Hilfe nehmen. Dabei berührten seine Lippen ihre Hand.

»Es ist fertig«, sagte er, ließ sie los und wollte aufstehen. »Adieu, Hope!«

Das Mädchen war so erstaunt über dieses Betragen, dass sie erst keine Worte fand, aber als der Matrose wirklich die Laube verlassen wollte, war sie im Nu an seiner Seite und hatte ihn wieder auf die Bank gezogen.

»Ich verstehe dich nicht«, sagte sie mit weicher Stimme. »Was ist zwischen uns vorgefallen, Hannes, dass du mit einem Male so kurz bist und nicht bei mir bleiben willst?«

Der junge Mann hatte sein Betragen wirklich plötzlich geändert; er war still und scheu geworden; seine gewöhnliche Fröhlichkeit und Gesprächigkeit schienen ihn verlassen zu haben.

Auf die wiederholte Frage des Mädchens wendete er den Kopf und blickte ihr ins Gesicht, senkte aber die Augen sofort wieder zu Boden.

Da wurde plötzlich auch Hope ernst und stellte das Fragen ein. Nun saßen beide nebeneinander auf der Bank. Aus dem Saale schallten noch die Klänge der Polonaise zu ihnen hinüber, dann gingen sie in einen Walzer über; eine Pause trat ein, bis wieder eine andere Tanzmelodie erscholl.

Hannes hatte stumm dagesessen, die Hände auf die Bank gestützt, ebenso Hope.

Ein Seufzer neben ihr ließ plötzlich das junge Mädchen zusammenschrecken, er kam aus dem Munde ihres Nachbars.

»Du bist kein guter Seemann«, sagte sie in scherzhaftem Tone und betrachtete ihren Verband. »Sieh her, der Knoten hat sich schon wieder gelöst.«

Dabei streckte sie ihm die Hand hin.

»Die Bänder sind zu kurz«, murmelte Hannes und band ihr abermals mit Hilfe der Zähne den Knoten, wobei wieder seine Lippen ihre Hand berührten.

»Wie habe ich dir denn gefallen, als ich auf der Bühne tanzte?«, suchte Hope das Gespräch wieder einzuleiten.

»Sehr gut«, murmelte Hannes und gab sich vergebliche Mühe, die Enden des Bandes mit den Zähnen zu fassen — es gelang ihm nicht, denn er öffnete seinen Mund nicht mehr.

»Schade, dass ich nicht mehr vortragen konnte«, fuhr Hope fort, »die Zeit erlaubte es nicht. Aber ich hatte wenigstens ein Dutzend von Liedern vorrätig. Wie gefiel dir denn mein neues Kostüm?«

»Sie sahen reizend aus.«

»Sie? Warum redest du mich denn mit einem Male so förmlich an?«

Der Matrose hob den Kopf, aber der Knoten war noch nicht geschlossen.

»Das schickt sich besser für mich«, antwortete er und blickte scheu in das Gesicht des Mädchens.

»Schickt sich besser?«, lachte Hope. »Dummheit, Hannes, wenn ich dir erlaube, du zu mir zu sagen, so geht das niemanden etwas an. Ich bin frei, mir hat niemand etwas zu verbieten. Wir sind Freunde, wir sagen ›du‹ zueinander, und damit ist es gut!«

Hannes blickte noch immer in ihre Augen und hielt ihre Hand in der seinen. »Ich weiß nicht, ob es recht ist«, sagte er zögernd.

»Warum nicht recht?«, lachte wieder Hope. »Sind wir doch erst vor einer Stunde getraut worden, wer sollte da etwas dabei finden? Was sagst du übrigens zu dem Ausruf des Mister Wood? Das war doch kostbar.«

»Ob sich seine Vermutung wohl bestätigt?«, begann jetzt auch Hannes wieder zu sprechen.

»Welche Vermutung?«

»Nun, er meinte doch mit seinem Ausrufe, dass sich das Theaterstück verwirklichen könnte, dass die englischen Herren doch noch die Vestalinnen heiraten.«

»Na, weißt du, die Sache ist jetzt schon brenzlig, wie du immer sagst. Wir wollen uns einmal nach einem Jahre wiedersprechen. Viele alte Jungfern werden wohl nicht übrig bleiben.«

Hannes hatte wenigstens etwas seinen Frohsinn wiedergefunden, er musste über die Bemerkung Hopes lachen.

»Wir Mädchen sind doch schlimm daran«, meinte sie nach einer Pause, »wir müssen ruhig warten, bis ein Mann so freundlich ist und fragt, ob wir ihn heiraten wollen.«


Wir armen, armen Mädchen,
sind gar so übel dran!
Ich wollt', ich wär' kein Mädchen,
Ich wollt, ich wär' ein Mann!,


trällerte Hannes leise auf Deutsch vor sich hin.

Hope konnte etwas Deutsch sprechen, wenn auch nicht vollständig, sie hatte den Vers verstanden.

»Weißt du, woher das Lied ist?«, fragte sie.

»Nein, ich war einmal an Bord mit einem Schiffsjungen zusammen, der war von einem Gymnasium weggelaufen, und dieser sang es öfter.«

»Das Lied ist aus einer deutschen Oper«, erklärte Hope, »von Lortzing, welche ›Der Waffenschmied‹ heißt. Ich habe sie einmal in New York in einem deutschen Theater gehört. Kennst du die Oper ›Der Waffenschmied‹ auch?«

Hannes schüttelte lächelnd den Kopf. Er lachte nicht darüber, dass er sie nicht kannte — was wusste er als einfacher Matrose von Opern — sondern darüber, wie seltsam die Amerikanerin das Wort ›Waffenschmied‹ aussprach. Sie sprach es in englischer Manier aus, das ›sch‹ wie ›sk‹ und ›w‹ wie ›uo‹ also ›Uoaffenskmied‹.

»Neugierig bin ich aber doch«, fuhr das Mädchen im Plaudern fort, »wie sich alle die Herren und Mädchen eigentlich zusammenfinden werden. Dass Sir Williams die Thompson heiratet, ist so klar, wie zweimal zwei vier ist, und ebenso Lord Harrlington die Ellen, na, und Lord Hastings nimmt die Hände auch schon aus den Hosentaschen, wenn er Miss Murray sieht. Aber wen Herzog Chaushilm noch einmal beglücken wird, das weiß ich wirklich nicht; denn sein Herz ist groß wie ein Dudelsack. Was meinst du, Hannes, auf wen hat er denn jetzt sein holdes Auge geworfen?«

Aber Hannes hatte schon wieder die Sprache verloren, stumm saß er da und gab leise, nach und nach, die bis jetzt noch immer festgehaltene Hand des Mädchens frei.

»Was meinst du, Hannes?«, Hope legte ihre Hand wieder in die seinige. »Chaushilm ist zwar aus einer der ältesten Adelsfamilien Englands, aber wir Amerikanerinnen, bei denen es keinen Adel gibt, können uns mit jedem Könige vermählen. Schon mancher Fürst hat sich eine Amerikanerin geholt, besonders, wenn ihm das Geld ausging.«

Hannes zog seine Hand zurück, er blickte finster vor sich auf den Boden.

»Mach doch kein so böses Gesicht!«, bat das junge Mädchen und legte vertraulich ihre Hand auf seine Schulter. »Sprich doch wenigstens etwas mit mir! Wenn dir nun die Wahl freigestellt würde, wen würdest du dir als deine Frau aussuchen? Die reichste? Das ist Miss Petersen, aber die ist schon vergeben. Vielleicht Miss Nikkerson?«

Plötzlich sprang der Matrose von der Bank auf und stand mit geballten Fäusten und drohenden Augen vor dem Mädchen, das erschrocken zusammengefahren war.

»Willst du Spott mit mir treiben?«, stieß er hastig, mit vor Erregung zitternder Stimme hervor. »Eben erzählst du — erzählen Sie mir von Kaisern, Königen, Fürsten und Adeligen, sagen, dass die amerikanischen Damen ihnen gleich stünden, sprechen von Ihrem Reichtum und stellen dann eine solche Frage an mich! Bin ich auch nur ein Matrose, der nichts weiter kann, als ein Schiff bedienen, und nichts weiter besitzt, als seine Sachen in der Kleiderkiste, der nicht einmal seine Eltern kennt und nicht weiß, wie sein eigentlicher Name ist — solchen Spott kann ich nicht vertragen. Und von Ihnen hätte ich am allerwenigsten geglaubt, dass Sie mich armen Teufel mit solcher Prahlerei kränken würden. Leben Sie wohl!«

Hannes drehte sich kurz um — das Mädchen hatte ihn während der mit bebender Stimme gesprochenen Worte angstvoll angesehen — und schritt schnell dem Ausgange der Laube zu, aber noch ehe er ihn erreicht hatte, fühlte er sich von weichen Armen umschlungen und wieder nach der Bank zurückgezogen.

Nur schwach widerstrebend folgte er.


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»Aber Hannes«, flehte das Mädchen weinerlich und schlang beide Arme um seinen Hals, »wie kannst du gleich so aufgebracht sein? Kannst du wirklich glauben, ich wollte dir absichtlich wehe tun?«

Der Matrose antwortete nicht; wie vorhin, stützte er den Kopf auf beide Hände und blickte finster zu Boden.

»Sag mir doch, was fehlt dir, mein lieber Hannes?«, fuhr Hope fort und strich dem jungen Manne über die Stirn. »Was stecken dahinter für böse Gedanken?«

»Lass mich, Hope!«, sagte Hannes dumpf. »Schon einmal ist mir zum Bewusstsein gekommen, dass wir keine Kinder mehr sind, das jetzige Gespräch hat es mir wieder in Erinnerung zurückgerufen. Lass mich«, fuhr er heftiger fort, als das Mädchen seinen Arm ihm fester um den Hals legte, »wir wollen unseren Verkehr lieber abbrechen. Nie so deutlich, wie jetzt, fühlte ich, dass wir keine Kinder mehr sind, die zusammen spielen dürfen.«

»Warum nicht?«, flüsterte Hope.

»Eben darum, weil wir keine Kinder mehr sind.«

»Aber Freunde dürfen wir doch sein.«

»Auch das nicht, wir können keine Freunde mehr sein, wir passen nicht mehr zusammen. Ich werde den ›Amor‹ verlassen und auf ein anderes Schiff mustern, noch hier in Batavia.«

Des Matrosen Stimme zitterte heftig bei den letzten Worten; sie drohte ihm fast zu versagen.

»Warum sollen wir nicht zusammenpassen?«, flüsterte Hope wieder leise.

»Du selbst hast es vorhin angedeutet«, entgegnete Hannes, und seine Worte klangen traurig, »du bist reich, du bist befähigt, jedem Manne die Hand zu reichen, kein Fürst braucht sich deiner zu schämen. Und ich«, seine Rede ward wieder heftiger, »ich besitze nichts weiter, als den Stolz, mich ohne fremde Hilfe durch die Welt schlagen zu können, keinen Menschen um Beistand ansprechen zu müssen. Aber als Spielzeug eines Mädchens zu dienen, dafür halte ich mich zu gut.«

»Hat dir der weggelaufene Gymnasiast noch mehr aus dem ›Waffenschmied‹ vorgesungen?«, fragte Hope, ohne die Heftigkeit des Matrosen zu beachten und ohne den Arm von seinem Halse zu lösen.

»Nein.«

Hannes wusste nicht, wie das Mädchen zu dieser plötzlichen Frage kam.

»So will ich dir etwas anderes daraus vorsingen, nur zwei Verse.«

Hope zog den Kopf Hannes' zu sich herab, bis ihre Lippen sein Ohr berührten, und sang leise:


Gern gäb' ich Glanz und Reichtum hin
für dich, für deine Liebe.


Kein Wort ward in der Laube hörbar; stumm saßen die beiden jungen Leute nebeneinander auf der Bank, Kopf an Kopf, die Lippen des Mädchens an das Ohr des Matrosen gepresst und ihre Arme fest um seinen Hals geschlungen.

Die Musik im Saale war verstummt, eine kurze Pause war eingetreten, als aber die ersten Klänge einer neuen Tanzmelodie ertönten, kam mit einem Male Leben in die bewegungslose Gruppe.

Plötzlich sprang Hannes auf, fasste das Mädchen um die Taille, riss es empor, und im nächsten Augenblicke walzten die beiden, Brust an Brust durch den von Papierlaternen erleuchteten Gartengang.

Sie würden gar nicht bemerkt haben, dass sie beim Herausstürzen aus der Laube fast einen Mann zu Boden geworfen hätten, wenn dieser nicht vor Schmerz über den Tritt, den er von Hannes auf seinen Fuß erhielt, aufgeschrieen hätte.

»Seid ihr denn ganz und gar verrückt geworden?«, rief er ärgerlich. »Tanzen die hier, wie die Maikäfer, im Freien herum! Hannes, verfluchter Schlingel, ich suche Sie schon eine ganze Stunde, wo haben Sie denn meinen Zylinder hingesteckt?«

»Suchen Sie sich ihn selber!«, klang eine helle Mädchenstimme, und das Paar drehte sich unbekümmert weiter.

»Die haben alle beide das Delirium«, brummte Williams und ging wieder dem Hause zu.

Am Ende des Ganges blieben beide Tänzer atemlos stehen.

»Noch einmal?«, fragte Hannes.


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Und wieder ging es tanzend den Gang zurück, bis die Laube erreicht war und beide abermals auf der Bank nebeneinander saßen.

Kaum hatte Hannes etwas Atem geschöpft, so brach er in eine Reihe von unartikulierten Lauten aus und wollte gar nicht wieder damit aufhören.

»Hannes, Hannes«, lachte Hope und hielt ihm mit der Hand den Mund zu. »Was sprichst du denn für eine Sprache, ist das spanisch oder chinesisch?«

»Beinahe, so machte es immer mein seliger Affe, wenn er sich recht freute.«

»Sei nicht närrisch! Hier, der Knoten ist mir wieder aufgegangen, mach mir den erst zu!«

Längst schon war der Knoten mit den Zähnen zugegangen, aber Hannes brachte seine Lippen nicht von der Hand des Mädchens weg, und als dieses endlich lächelnd sagte:

»Geht denn der Knoten nur so furchtbar schwer zu?«

Da hob Hannes den Kopf, und plötzlich fühlte Hope seine Lippen auf den ihrigen.

»Lass mich«, rief sie, »ich ersticke, du lässt mich ja gar keine Luft mehr holen.«

»Ich muss dir doch den Verband anlegen«, entgegnete Hannes und küsste wieder und wieder die frischen Lippen.

»Nun aber lass mich«, sagte Hope endlich und machte sich frei, »sei einmal ernsthaft! Wir dürfen uns auch nicht gleich sehen lassen, sonst bekomme ich von Ellen die Peitsche.«

»Ach was«, jubelte Hannes, »was schert uns Ellen! Du bleibst jetzt bei mir!«

»So soll ich nicht mehr auf der ›Vesta‹ bleiben?«, fragte das Mädchen scherzhaft. Sie hatte es soweit gebracht, dass Hannes artig neben ihr auf der Bank saß.

»Noch auf der ›Vesta‹ bleiben?«, wiederholte er erstaunt. »Natürlich nicht. Wir heiraten uns, morgen schon; ich kann allemal so viel arbeiten, dass ich dich ernähren kann.«

»Halt, halt«, lachte Hope, »so schnell geht das nicht. Wo bleibt denn unser Schiff, das wir beide mit Mannschaft besetzen wollen?«

»Ach ja, das ist wahr! Aber jetzt wird es erst recht schön. Wir gehen beide fort. Lässt dich Ellen nicht gehen, so reißt du einfach aus — wir heiraten uns, besorgen das Schiff und fahren dann als Mann und Frau in die Welt hinein. Willst du?«

»Nein«, lachte Hope und legte dem Sprecher, dem die Worte rasch aus dem Munde sprudelten, die Hand auf die Lippen, »so schnell geht das nicht. Du magst sonst erfahrener sein, als ich, aber was das Heiraten anbetrifft, da sind wir Mädchen gescheiter. Komm jetzt, Hannes, der Tanz ist aus, die Paare gehen jetzt spazieren, und wir wollen nicht gleich allen merken lassen, was zwischen uns vorgefallen ist. Aber Arm in Arm darfst du mit mir promenieren, nur schade, dass du keinen Kragen umhast.«

»Ach, was brauche ich einen Kragen, wenn ich nur dich habe«, meinte Hannes, bot dem Mädchen den Arm, steckte die andere Hand in die Hosentasche und schritt pfeifend zur Laube hinaus.

* * * * *

II.23. Der Kampf gegen die Prauen

»Eine sonnige Gegend«, sagte die Kapitänin der ›Vesta‹ zu einem neben ihr auf der Kommandobrücke stehenden Mädchen, »das blaue Meer so spiegelglatt, als wäre Windstille, obgleich wir eine ganz günstige Brise haben und über uns das lachende Himmelsgestirn — wer könnte glauben, dass einige Stunden genügen, um den frischen Wind in einen furchtbaren Taifun und die glatte See in ein brausendes Ungetüm zu verwandeln?«

»Wir sind im Lande der Gegensätze«, erwiderte das Mädchen, »wie die Natur bald friedlich schlummert, dann wieder entsetzlich wüten kann, wie man es nie in den gemäßigten Breiten beobachtet, so sind auch hier die Menschen, Wer sucht wohl in dem faulen Malaien, der stundenlang phlegmatisch auf einem Platze hocken kann, ohne eine Hand zu regen, ja, selbst ohne etwas zu denken, einen Menschen, der durch eine Kleinigkeit, durch ein missverstandenes Wort plötzlich zur furchtbarsten, wildesten Wut gereizt wird? Ohne die Folgen zu berechnen, mordet er alles, was ihm in den Weg kommt, und ist sein Zorn verraucht, so sinkt er wieder in seine alte Apathie zurück und weiß nicht einmal recht, was er eigentlich alles angerichtet hat. Zwischen Süd und Nord ist ein ebenso großer Unterschied, wie die Entfernung.«

Die Sprecherin blickte träumerisch auf das blaue Meer hinaus; auch sie musste eine Südländerin sein; das rabenschwarze Haar und der brünette Teint verrieten es, auch das feuchtglänzende Auge, welches von langen seidenweichen Wimpern beschattet wurde. Alles an dieser Gestalt war üppig, ohne unharmonisch zu sein, der Wuchs, die Haare, die vollen Lippen, alles stempelte sie zum Kinde des Südens, und was sie vorhin von der Natur und den Menschen in diesen Gegenden gesagt, das hätte man wohl auch auf sie beziehen können; dieses jetzt so träumerisch blickende Auge war wohl befähigt, in wilder Leidenschaft heiß aufzublitzen, und unter dem vollen Busen schlug, wenn er sich stürmisch hob und senkte, sicher ein Herz, welches entweder in glühendem Hass oder heißer Liebe bebte.

Es war Miss Sarah Morgan, die neue Vestalin, welche in Batavia aufgenommen worden war.

Sie hatte sich auf einer Vergnügungsreise gerade in Batavia befunden, als auch die ›Vesta‹ dort ankerte, und kaum war zu ihren Ohren gekommen, dass eine der Damen das Schiff verlassen wollte, also ein Platz frei sei, so bemühte sie sich mit allem Eifer darum, die freigewordene Stelle einzunehmen.

Sie gab sich für eine Nordamerikanerin aus, allerdings in Mexiko geboren, und nannte einen nördlichen Teil der Vereinigten Staaten ihre Heimat. Niemand kannte sie, mit Ausnahme von Johanna Lind, und zwar hatte sich beim Begegnen mit dieser in den Zügen der Miss Morgan ein unangenehmes Erstaunen abgespiegelt, jedoch so unmerklich, dass es niemand wahrgenommen hatte, als Johanna selbst.

Hatte Miss Morgan übrigens erwartet, Johanna würde ihr bei der Abstimmung zur Aufnahme Schwierigkeiten bereiten, so war sie im Irrtum gewesen. Gerade Johanna war es, welche mit all ihrer Beredsamkeit die übrigen Damen zu bestimmen gewusst hatte, das Mädchen als eine Gefährtin aufzunehmen, denn, sagte sie, sie kenne Miss Morgan von früher her und wisse nur Gutes über sie zu berichten.

Es hatte viele Schwierigkeiten gekostet, die Vestalinnen zur Aufnahme der Miss Morgan zu bewegen. Alle hegten gegen den Charakter des so sonderbar schwärmerisch blickenden Mädchens mit der schmeichelnden Stimme ein gewisses Misstrauen, es war ihnen allen, als ob diese Person nicht in ihre Gesellschaft, nicht zwischen junge Mädchen passe, der feine weibliche Instinkt verriet in ihr einen unbändigen sinnlichen Charakter, aber, wie gewöhnlich, trug Johannas Beredsamkeit und noch mehr ihr ruhiges, sicheres Auftreten den Sieg davon. — Miss Morgan wurde als Vestalin aufgenommen.

Man konnte noch nicht viel über sie sagen; acht Tage waren sie in Batavia und jetzt einen Tag auf See mit ihr zusammen gewesen, aber die Vestalinnen hatten bisher noch keinen Grund gehabt, mit ihrer neuen Gefährtin unzufrieden zu sein. Sie war immer liebenswürdig und zuvorkommend, tat ihr möglichstes, um sowohl den praktischen Schiffsdienst zu erlernen, als auch Kenntnisse in der Nautik zu erwerben, und kam, wenn die Sonne golden am Horizonte untertauchte und die Stunde herannahte, in der das Gemüt des Menschen am meisten empfänglich gestimmt ist, immer gern der Aufforderung nach, durch den Zauber ihrer wunderbar schönen Altstimme die Herzen der Zuhörer in träumerisches Nachdenken zu wiegen.

Der Argwohn, den man anfangs gegen sie hegte, war bald geschwunden, sie wurde als Freundin behandelt und ihr Tun und Treiben nicht mehr beobachtet. Wie schon gesagt, gab sich Miss Morgan völlig dem Erlernen der neuen Arbeit hin, und keine der Vestalinnen hatte auch nur eine Ahnung, wie scharf sie von ihr beobachtet wurden, am allermeisten Johanna; nur schade, dass ihr diese weit in der Kunst überlegen war und wohl merkte, wie Miss Morgan auf jede ihrer Bewegungen achtete, ohne nur im Geringsten selbst zu verraten, dass sie wiederum die neue Vestalin nicht aus den Augen ließ.

»Werden wir noch andere Häfen anlaufen, ehe wir direkten Kurs nach Hongkong nehmen?«, fragte Miss Morgan die Kapitänin. »Haben wir günstigen Wind, so werden wir noch Singapur, vielleicht auch Saigon in Cochinchina einen kurzen Besuch abstatten.«

»Und wohin geht dann die Fahrt?«

»Ich weiß noch nicht«, antwortete Ellen zerstreut und richtete das Fernrohr nach Nordosten, wo sie eine Menge kleiner Segel wahrgenommen hatte.

»Wo befinden wir uns jetzt, dass wir hier mit einem Male einer so großen Anzahl von Fahrzeugen begegnen?«, fragte Miss Morgan.

Ellen wandte sich erst zurück, sodass sie im Süden die eben auftauchende Mastspitze des ›Amor‹ erkennen konnte, dann antwortete sie:

»Gerade zwischen Belitung und Bangka«, zwei Inseln östlich von Sumatra.«

Ellen ward unruhig, sie beachtete die Fragen des Mädchens, welches auf die Kommandobrücke gekommen war, gar nicht mehr, sondern richtete das Fernrohr fortgesetzt auf die schnell näherkommenden Segel.

Die ›Vesta‹ fuhr mit dem Südwind, die sich nähernden Fahrzeuge hatten ihn in der Seite, und es war bestimmt zu erwarten, dass sie noch an dem Vollschiff vorbeisegeln würden.

Ein Ruf Ellens brachte die beiden Mädchen, welche zur Zeit die Dienste der Steuerleute versahen, auf die Kommandobrücke, ebenso wie ihre näheren Freundinnen, auf deren Rat sie hörte. Dann erging an Miss Morgan die Bitte, die Brücke zu verlassen, aber das Mädchen schien keine Lust zu haben, der Aufforderung Folge zu leisten — sie tat, als hätte sie nichts gehört.

»Miss Morgan, ich bitte Sie, die Brücke zu verlassen«, sagte Ellen noch einmal höflich.

»Aber warum denn?«, entgegnete das Mädchen lächelnd. »Darf ich nicht dabei sein, wenn zwischen den Vestalinnen eine Beratung abgehalten wird?«

Unter den Mädchen entstand eine allgemeine Verlegenheit; es war das erste Mal, dass ein von der Kapitänin in Form einer Bitte gegebener Befehl nicht sogleich befolgt wurde. Entweder musste jetzt Ellen nachgeben, und das wäre zu ihrem Nachteil gewesen, oder sie musste ernstlich befehlen, und ein solcher Befehl unter Freundinnen hätte wie eine Beleidigung geklungen.

Alle auf der Kommandobrücke Stehenden waren bestürzt, sie kannten Ellens energisches Wesen und fürchteten, dass sie jetzt die ihr zuerkannte Autorität zur Geltung bringen würde.

Glücklicherweise hatte aber Miss Morgan sofort aus den Gesichtern erkannt, wie es stand, und so sagte sie lächelnd, ehe noch Ellen die Aufforderung wiederholen konnte:

»Wenn Sie es aber wünschen, gewiss; verzeihen Sie meine neugierige Frage!«

Alle waren froh, als Miss Morgan, immer noch lächelnd, die Treppe hinabstieg, sie hielten ihre Frage nur für eine gewohnheitsmäßige Entgegnung und die Sache für beigelegt — nur Johanna nicht. Diese hatte wohl, so unmerklich es auch geschehen war, das plötzliche, heiße Aufzucken der schwarzen Augen und in dem Lächeln der Abgehenden etwas Erzwungenes bemerkt.

Die Fahrzeuge hatten sich unterdessen bedeutend genähert, und jetzt erst konnte man erkennen, welch eine große Zahl sie ausmachten. Es mochten wohl über hundert sein.

»Ich habe Sie gerufen, um mit Ihnen über jene Fahrzeuge zu sprechen«, begann Ellen, »es sind malaiische Prauen, eine ganze Flotte, und ich fürchte, alle sind als Kriegsfahrzeuge ausgerüstet.«

»Glauben Sie, dass sie uns bedrohen können?«, fragte Miss Murray.

»Sie nehmen den Kurs auf Sumatra zu«, entgegnete Ellen, »also gehören Sie unbedingt zur Flotte der Achinesen, denn die Holländer haben keine Malaien im Solde, welche gegen jene den Seekampf aufnehmen. Ich fürchte, wir werden mit ihnen eine unangenehme Begegnung haben.«

»Warum sollten sie aber mit einem friedfertigen Schiff anbinden? Die ›Vesta‹ macht doch den Eindruck eines Handelsschiffes.«

»Die Malaien treiben immer Seeräuberei, wenn sie können, schon das Schiff an sich hat Wert genug für sie.«

»Können wir nicht an ihnen vorbei?«

»Das ist unmöglich«, erklärte Ellen bestimmt, »wir fahren schon mit allen Segeln, sie sperren uns aber dennoch den Weg. Zurück können wir nicht, nach links oder rechts auch nicht, denn dort liegen große Inseln.«

Den Mädchen bebte doch etwas das Herz, wie sie die große Flotte immer näher kommen sahen und keinen Ausweg wussten, um eine Begegnung mit ihr zu vermeiden.

Es wurde hin- und hergeraten, und schließlich ward man darüber einig, alle Segel einzuziehen und still liegen zu bleiben. Dadurch wurde einmal das Zusammentreffen mit den malaiischen Prauen verzögert, und dann war unterdes der ›Amor‹ nähergekommen, wenigstens so weit, dass man ihn durch Signale auffordern konnte, seine Schnelligkeit mit Hilfe der Maschine zu vermehren.

Einige Minuten später waren alle Segel der ›Vesta‹ an den Rahen festgemacht, das Schiff wurde nur noch ganz wenig von dem schwachen Winde vorwärtsgetrieben.

Aller Augen waren auf die ansegelnden Fahrzeuge gerichtet, jetzt musste es sich entscheiden, mit wem man es zu tun hatte. Behielten sie ihren Kurs, so kamen sie noch weit vor der ›Vesta‹ vorbei, hielten sie auf diese zu, so hatten sie eine böse Absicht.


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Eine große Aufregung hatte sich der Mädchen bemächtigt, es war keine Kleinigkeit, wenn sie etwa den Kampf mit all diesen Prauen aufnehmen sollten, die sie durch ihre Anzahl erdrückt hätten, und die aufgeregteste von allen war Ellen.

Ihr Gesicht war dunkelrot geworden, das Fernrohr, mit dem sie das nächste zu erwartende Segelmanöver beobachtete, zitterte heftig in ihrer

Hand, plötzlich aber wich die Röte einer Blässe, der noch eben zitternde Arm ward mit einem Male so fest, als wäre er aus Marmor gemeißelt, und als sie ihr Gesicht den Freundinnen zuwandte, blickten diese in ein paar entschlossene Augen.

»Sie haben ihren Kurs geändert und halten auf uns zu. In einer halben Stunde werden wir sie mit Granaten begrüßen können«, sagte sie völlig ruhig, »denn ich bin nicht gewillt, sie so weit herankommen zu lassen, dass wir Zielpunkte für ihre Gewehre abgeben.«

Hell und deutlich erschollen ihre Kommandos von der Brücke, und auf dem Schiffe, wo eben das heitere Lachen der Mädchen erklungen war, herrschte plötzlich eine fieberhafte Tätigkeit.

Das Deck der ›Vesta‹ war zwar nur mit einem kupfernen Geländer umgeben, welches natürlich gegen Kugeln keinen Schutz gewährte, jetzt aber zeigte sich, dass Ellen nicht so leichtsinnig gewesen war, nicht auch für den Fall der Gefahr einen Kugelschutz zu schaffen.

Die Winde hob eine Menge starker Planken aus dem Zwischendeck heraus, welche an der Außenseite noch mit dicken Sandpolstern versehen waren, und die ein sehr gutes Mittel bildeten, das Durchschlagen einer Kugel zu verhindern — denn bekanntlich dringt eine Gewehrkugel weit tiefer in Holz, als in einen Sandhaufen — die geschäftigen Hände der Vestalinnen befestigten die Planken in Vertiefungen an der Bordwand, die sechs Revolverkanonen wurden in Bereitschaft gesetzt, zwei an jeder Seite, je eine vorn und hinten, die schweren Büchsen herbeigeholt und nachgesehen, die Munition an verschiedenen sicheren Orten aufgespeichert, das Steuerrad festgebunden, damit sich alle Mädchen vor den feindlichen Kugeln decken konnten, kurz, alles wurde vorbereitet und nichts unterlassen, um den Prauen, sollten sie eine feindliche Absicht haben, einen warmen Empfang bereiten zu können, ohne sich selbst zu sehr einer Gefahr auszusetzen.

Ellen war überall, sie leitete alles, nichts entging ihrer Aufmerksamkeit an Bord der ›Vesta‹, und dabei ließ sie auch den ›Amor‹ nicht aus den Augen, dessen Masten jetzt schnell aus dem Wasser wuchsen.

Als sie aus der Berechnung fand, dass er in Hörweite war, ließ sie schnell hintereinander einige Schüsse aus den Revolverkanonen abfeuern, und bald merkte das Mädchen zu ihrer unaussprechlichen Freude, wie aus dem Schornstein des ›Amor‹ eine dunkle Wolke emporstieg — er begann zu dampfen, jedenfalls hatten die englischen Herren die Anzahl von Prauen bemerkt, denn die Rauchwolke ward immer stärker, trotz des hellen Tageslichts konnte man die Funken sehen, welche aus dem Schlot geschleudert wurden. Der ›Amor‹ dampfte mit voller Kraft, er musste jetzt wie ein Pfeil durchs Wasser schießen.

»Vielleicht erreicht er uns noch eher als die Prauen«, rief Ellen freudig, »dann kann er sich uns zur Seite legen, und wir geben den Malaien gleichzeitig vier Granaten auf einmal zu kosten. Aber hoffentlich werden die Piraten durch den Anblick des Dampfers eingeschüchtert.«

Man brauchte jetzt nicht mehr das Fernrohr zur Hand zu nehmen, um das Treiben der Besatzung auf den Prauen erkennen zu können; schon mit den bloßen Augen sah man, dass die Malaien sich wirklich zu einem Kampfe rüsteten, natürlich nach Art dieser südlichen Völkerschaften.

Alle Prauen waren dicht mit Menschen besetzt, die jedenfalls einen Truppentransport der Achinesen bildeten, und auf ihnen herrschte ein buntes Durcheinanderlaufen und Gewühle, ein wüstes Schnattern und Schreien, jeder wollte sprechen, alles zeigte nach der ›Vesta‹ und dem ankommenden Dampfer, und Ellen konnte schon deutlich sehen, wie die Männer ihre langen Flinten alten Systems untersuchten, Kugeln in den Lauf stießen, Pulver auf die Pfanne schütteten, und wie andere große, eiserne Haken an der Bordwand bereitlegten.

»Sie wollen die ›Vesta‹ entern«, rief Ellen, »jetzt ist kein Zweifel mehr möglich. Nun, lasst sie kommen, wir werden sie wenigstens abzuhalten wissen, bis der ›Amor‹ bei uns ist. Ihre alten Büchsen brauchen wir nicht sehr zu fürchten.«

Ellen sprach diese Worte weniger aus Überzeugung, als um ihre Freundinnen nicht mutlos zu machen, sie selbst sah ein, dass sie sich in einer großen Gefahr befanden.

Die Kapitäne der Prauen hatten sich jedenfalls vorher besprochen. Das ganze Unternehmen musste von einem einzigen geleitet werden, denn die Prauen manövrierten regelrecht.

Ein Teil von ihnen zog plötzlich die Segel ein und blieb liegen, während die Anderen etwas gegen den Wind kreuzten, bis sie sich hinter der ›Vesta‹ befanden, worauf abermals ein Teil liegen blieb und nur der andere weiterfuhr, bis die Letzteren Prauen plötzlich alle wendeten — die ›Vesta‹ war umzingelt, aber noch hielten sich die Fahrzeuge außer Schussweite der Gewehre, und Ellen zögerte doch, ihre Revolverkanonen schon jetzt spielen zu lassen, deren Granaten Tod und Verderben zwischen die Malaien gespieen hätten.

Unterdessen war aber auch der ›Amor‹ angekommen und lag dicht an Backbord der ›Vesta‹.

»Wollen Sie uns den Kampf überlassen und sich zurückziehen?«, fragte Harrlington nach der ›Vesta‹ hinüber, ohne eine Dame direkt anzusprechen.

»Ich dächte doch, Sie sollten uns nun besser kennen, um solch eine Frage an uns stellen zu können«, entgegnete Ellen.

»Ich bin nur der Pflicht der Höflichkeit gefolgt«, antwortete Harrlington und wandte sich den Herren zu, welche ebenfalls ihr Schiff zu einem Verteidigungskampf ausrüsteten.

»Aber wir können die ›Vesta‹ doch schleppen«, rief Williams, »dann sind wir ihnen bald entschlüpft.«

Wirklich, daran hatte noch niemand gedacht, aber es war schon zu spät, um es auszuführen, denn die ›Vesta‹ mittels Tauen an den ›Amor‹ zu befestigen, kostete Arbeit, welche die Betreffenden an unbeschützte Stellen des Schiffes brachte, und Menschenleben mussten geschont werden, und es war besser, alle fielen im Kampfe gegen die Piraten als dass sie nach gelungener Flucht den Verlust einiger Freunde zu beklagen gehabt hätten.

Kaum hatte Williams den Vorschlag gemacht, als aus dem Munde Ellens, welche die jetzt von allen Seiten ansegelnden Prauen nicht außer acht gelassen hatte, der laute Ruf erscholl:

»Deckt euch!«

Und es war die höchste Zeit gewesen, dass alle sich hinter der Brüstung gedeckt hatten, denn in demselben Moment knallten zahlreiche Schüsse, aber die Kugeln schlugen in die Planken, in die Masten oder verfehlten sogar ganz das Zielobjekt, Schaden richtete keine an.

»An die Geschütze!«, rief Ellen. »Wir wollen ihnen die erste Lektion geben. Halten Sie dicht über die Wasserlinie, sodass die Prauen durch die Schusslöcher Wasser schöpfen und langsam sinken müssen. Schonen Sie vorläufig die Menschen — Feuer!«

Die nachträglich hergestellte Brustwehr der ›Vesta‹ war so hoch, dass nur die Köpfe der Damen darüber sichtbar wurden, in den Planken befanden sich Schießscharten zum Durchstecken der Gewehre, und nur, wo die Revolverkanonen aufgestellt waren, hatten diese Löcher größere Dimensionen, somit wäre die Position der Vestalinnen eine völlig gesicherte gewesen bis auf diejenigen, welche die Kanonen zu bedienen hatten. Durch die großen Öffnungen konnte sich leicht eine Kugel verirren und den Mädchen an den Kanonen verderblich werden.

Sobald der ›Amor‹ angelegt hatte, also somit die eine Seite des Schiffes einer Verteidigung nicht bedurfte, wurden auch noch die beiden anderen Geschütze nach Steuerbord geschafft, sodass nun die vier Mündungen die Prauen bedrohten.

»Feuer!«, erscholl Ellens Kommando; vier feurige Strahlen fuhren aus den Löchern der Verschanzung, und andere folgten ihnen. Die Schüsse waren nicht vergeblich, jede Granate schlug dicht über der Wasserlinie in eine Prau ein, krepierte und riss ein großes Loch, durch welches das Wasser ins Innere strömte und das Fahrzeug langsam zum Sinken brachte.

Ein hundertstimmiges Wutgeschrei erhob sich, als eine Prau nach der anderen versank, als das Meer bald mit schwimmenden Menschen, Fässern und Brettern bedeckt war, aber das konnte die übrigen Prauen nicht abschrecken, den Kampf fortzusetzen, die Malaien hatten nicht geahnt, dass an Bord dieses einfach aussehenden Schiffes Geschütze vorhanden waren, und als sie bemerkten, welche furchtbare Wirkung die kleinen Granaten hervorbrachten, stieg ihre Wut ins Grenzenlose.

Die schon halbgesunkenen Prauen wurden von den nachfolgenden vorwärtsgedrängt, und nur diesem Umstände hatten sie es zu verdanken, dass sie nicht mehr in den Grund geschossen wurden, denn dadurch boten die versteckten Prauen kein günstiges Zielobjekt.

Ellen wurde bestürzt, als sie sah, wie die feindlichen Schiffe immer näher und näher rückten, als das Geschrei der Malaien immer deutlicher an ihre Ohren schlug. Sie gab den Befehl, zunächst nur darauf bedacht zu sein, die noch nicht ganz versunkenen Prauen in den Grund zu schießen, um dann auf die nachrückenden halten zu können — das geschah doch nicht schnell genug.

Jetzt knallten auch auf dem ›Amor‹ die ersten Schüsse — die Prauen griffen von der anderen Seite an, und ebenso näherten sie sich rasch von hinten, wo sie nur von einer Kanone bedroht wurden.

Ein unbestimmtes Gefühl hielt Ellen zurück, auf die an Bord befindlichen Menschen feuern zu lassen, die Wirkung der krepierenden Granaten musste eine furchtbare sein. Noch war es ja Zeit; kamen die Prauen so nahe heran, dass eine Enterung zu befürchten war, dann konnte man immer noch zu diesem Mittel greifen.

Die Malaien machten eifrigen Gebrauch von ihren Flinten, sie versuchten hauptsächlich in die größeren Öffnungen zu schießen, wo sie undeutlich die Gestalten der Mädchen an den Revolvergeschützen, hauptsächlich deren Köpfe, sehen konnten, aber glücklicherweise waren die Flinten sehr schlechte, und die Malaien in ihrer Wut fast blind, sodass sich selten einmal eine Kugel durch die Schießscharte verirrte, ohne Schaden dabei anzurichten.

Ellen ging von Scharte zu Scharte und beobachtete den Erfolg ihrer Geschütze. Vor ihren Augen entwickelte sich eine richtige Seeschlacht. Die Luft wurde erschüttert von dem Geheul der Seeräuber, von dem donnernden Krachen der alten Vorderlader und dem scharfen Knall der Revolverkanonen; Pulverdampf verdunkelte die Atmosphäre; die Meeresoberfläche wimmelte von den Trümmern der zerschossenen Prauen, zwischen denen sich die Malaien, die sich auf diesen befanden, nach anderen Fahrzeugen durcharbeiteten und dort wieder an Bord genommen wurden.

Jetzt begann auch die Revolverkanone am Heck zu spielen, die von hinten mit dem Winde ansegelnden Prauen waren in Schussweite.

Ellen wandte ihre Aufmerksamkeit den Erfolgen des ›Amor‹ zu. Die englischen Herren kannten keine Schonung, ihre Granaten fegten die Decks der feindlichen Schiffe leer; Jammergeheul erscholl, vermischt mit Wutgeschrei; das Meer hatte auf dieser Seite eine rötliche Färbung vom Blute der Verwundeten angenommen, aber dennoch ließen die Malaien nicht nach; immer näher rückten die Prauen; nicht lange mehr, und auch hier fielen die Enterhaken über die Brüstung des ›Amor‹, wilde Gestalten, den Dolch zwischen den Zähnen, schwangen sich an Bord und badeten sich im Blute der Engländer — die Zeit war nicht mehr fern.

Eben stand Ellen an einem Revolvergeschütz und spähte durch die Öffnung hinaus, als eine Kugel an ihren Ohren vorbeipfiff. Gleichzeitig ertönte neben ihr ein lauter Schrei — das Mädchen am Geschütz, Miss Nikkerson war zu Boden gestürzt — aus dem Kopf strömendes Blut färbte das Deck.

Im nächsten Moment stand Ellen an der Kanone, augenblicklich drehte sie das Rad, Schuss krachte auf Schuss, aber die Granaten brachten keine Prau mehr zum Sinken; ein entsetzliches Wehgeheul erscholl, die zerfetzten Leichen der Malaien jener Prau, auf welcher der Schuss gefallen war, lagen auf dem Deck zerstreut oder stürzten ins Wasser.

»Keine Schonung mehr!«, überschrie Ellen den Tumult; noch einen Blick warf sie auf die Freundin, die von einigen Mädchen nach der Kajüte getragen wurde, dann ließ sie ihre Kanone den Tod in die dichtgedrängte Besatzung der Prau tragen, und die Übrigen folgten ihrem Beispiel. Wer nicht ein Geschütz zu bedienen hatte, der handhabte die Büchse.

Da stieß die erste Prau an die ›Vesta‹; sie konnte nicht mehr zum Sinken gebracht werden, denn das niedrige Fahrzeug wurde nicht mehr von den Granaten erreicht und auf die Besatzung zu schießen, hätte auch keinen Zweck gehabt, denn die Prauen waren alle so dicht zusammengeschoben, dass die Malaien von Deck zu Deck springen und wie auf einer Brücke nach der›Vesta‹ gehen konnten.

Die Enterhaken schlugen in die Bordwand ein — sie wären gar nicht nötig gewesen — und die Malaien schritten zum Sturm, das Schicksal der Vestalinnen schien besiegelt zu sein.


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Die Mädchen hatten sich auf den Ruf Ellens nach der anderen Seite begeben und erwarteten, das Gewehr im Anschlag, die ersten sich über die Bordwand schwingenden Piraten, um sie mit ihren Kugeln begrüßen zu können.

Hastig ordnete Ellen an, dass jedes Mädchen nur eine bestimmte Stelle der Brüstung im Auge behalten sollte, damit keiner die ›Vesta‹ beträte, sie hörte noch, wie sich die englischen Herren zuriefen, welche Gefahr den Mädchen drohe, wie sie sich fertig machten, ihnen beizustehen, denn die Prauen auf ihrer Seite waren nicht so weit vorgedrungen, dann knallte ein Schuss aus ihrem Gewehr, und der erste über die Bordwand erscheinende Kopf sank mit einem Loch in der Stirn wieder zurück.

Auch die anderen Mädchen begannen das Feuern, und sie mussten alle ihre Gewandtheit aufbieten, um die Malaien nicht über die Bordwand kommen zu lassen; heulend vor Wut sahen die Nachrückenden, wie Mann nach Mann mit durchschossenem Kopf zurückfiel, aber sie ließen in ihren Bemühungen nicht nach, die Unzahl von Menschen musste sich ja schließlich den Zutritt erzwingen, und wenn es auch so lange gedauert hätte, bis sie über die aufgetürmten Leichen, wie über einen Hügel, stürmen konnten.

Schon gelang es ab und zu einem der Malaien, das Deck zu erreichen; er wurde zwar immer sofort von einer Kugel niedergestreckt, aber die Zahl dieser Eindringlinge mehrte sich, und nun waren auch noch auf der anderen Seite die Prauen an den ›Amor‹ gestoßen, sodass die Engländer selbst genug zu tun hatten, sich die Piraten vom Leibe zu halten.

Verzweiflung bemächtigte sich der Herzen aller, sie sahen keine Rettung mehr, nur mechanisch handhabten sie noch die Büchsen — sie gaben sich verloren.

Da plötzlich verstummte das Geschrei der Malaien, wie auf Kommando, mit einem Mal, im nächsten Augenblick aber erhob sich ein Geschnatter auf den Prauen, Angstrufe wurden hörbar, und ehe sich die Mädchen noch erklären konnten, was die Ursache hierzu war, warum die Malaien den Sturm nicht fortsetzten, ertönte plötzlich wie aus einem Munde ein entsetzliches Angstgeschrei, und im nächsten Augenblick sahen die Mädchen, welche nicht über die Brüstung blicken konnten, weil sie auf der anderen Seite standen, die Masten eines mächtigen Vollschiffes blitzschnell und dicht an ihnen vorbeifahren.


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»Das Geisterschiff!«, rief ein Mädchen, da erhielt schon die ›Vesta‹ einen Ruck, dass alle fast zu Boden geschleudert wurden, und als sie an die Schießscharten sprangen, bemerkten sie, dass die ›Vesta‹ mit großer Schnelligkeit durch das Wasser schoss, hinter sich die Trümmer der Prauen zurücklassend, durch welche das Geisterschiff gefahren war. Was war das? Teilte ihnen das Schiff seine Zauberkraft mit, dass auch sie ohne Segel beliebig fahren konnten?

Doch nein, vor ihnen her glitt das graue Fahrzeug, ohne ein Segel beigesetzt zu haben; aus einer Öffnung an dem runden Heck lief ein Stahltau, und als Ellen die Back betrat, überzeugte sie sich zu ihrem grenzenlosen Erstaunen, dass die in einer Schlinge endende Stahltrosse sich um einen Poller schlang, dass die ›Vesta‹ von dem rätselhaften Schiff geschleppt wurde.

Wie das Tau plötzlich dorthin kam, auf welche Weise es um den Poller geschlungen war, niemand konnte es erklären. Dieses seltsame Schiff musste auch über unsichtbare Hände verfügen.

Kaum einige Minuten waren vergangen, so sahen sich die vor Staunen noch ganz starr dastehenden Mädchen schon außer Schussweite der Prauen, aus dem Schlote des ›Amor‹ stieg Rauch auf, er begann zu dampfen und war also in Sicherheit, aber die Piraten machten auch keinen Versuch mehr, das Schiff zu stürmen, die meisten lagen an Deck und verhüllten sich die Gesichter, andere schrieen Allah und seinen Propheten an — niemand dachte mehr an den ›Amor‹, und als der erste Schrecken vor dem gespenstischen Schiff überwunden, da winkten ihnen die Engländer ein Lebewohl zu.

Nur einmal noch ließ sich Lord Hastings Büchse hören.

Einige der Prauen waren vom Winde vorausgetrieben worden, und als der ›Amor‹ an einer derselben vorüberdampfte und der Lord das Deck musterte, da funkelten plötzlich seine Augen auf, er hatte ein bekanntes Gesicht gefunden.

»Sardal«, rief seine mächtige Stimme einem reich gekleideten Malaien zu, der ebenso, wie die übrigen, den beiden Schiffen, sprachlos vor Staunen, nachsah.

Der Angerufene fuhr zusammen, er sah, wie der Lord den Kolben an die Wange legte, es war, als wolle er sich mit einem Sprunge in ein sicheres Versteck stürzen, da aber krachte schon der Schuss, Sardal griff mit der Hand nach dem Herzen und fiel leblos nieder.

Dieser letzte Schuss fand keine Erwiderung, die sonst so verwegenen Malaien hatten den Kopf verloren, mit Menschen wollten sie jeden Kampf aufnehmen, aber nicht mit Geistern; — zähneknirschend gaben die Anführer den Befehl, die Segel westwärts zu richten.

»Es ist nicht anders«, rief Harrlington, »die ›Vesta‹ wird von dem Geisterschiff geschleppt. Wer mag nur dieser unbekannte Helfer sein?«

»Das Geisterschiff fährt allein weiter«, sagte einige Zeit später ein anderer Engländer, »die ›Vesta‹ bleibt jetzt bedeutend zurück! Da, die Damen setzen schon wieder Segel, bald werden wir sie eingeholt haben.«

Ellen stand noch immer auf der Back und betrachtete das Stahltau, welches an Bord ihres Schiffes lag. Es war abgeschnitten worden, nur noch ein kleines Stück davon und die Schlinge war um den Poller geblieben.

Plötzlich warf sie das Tau weg und sprang die Treppe hinunter, welche von der Back auf Deck führte.

»Wo ist Miss Nikkerson?«, rief sie, es überkam sie eine schreckliche Angst, sie hatte über dem seltsamen Schiff das Schicksal ihrer Freundin ganz vergessen.

»In ihrer Kabine«, antwortete ein Mädchen. »Seien Sie unbesorgt, Miss Petersen, Sie hat nur einen leichten Streifschuss am Kopf davongetragen.«

Ein Seufzer der Erleichterung stieg aus Ellens tiefstem Inneren zum Himmel empor.

* * * * *

II.24. Ein Reporter der ›Times‹

Wie jede größere außereuropäische Stadt ein Viertel aufzuweisen hat, in dem die dem betreffenden Volke eigentümlichen Wohngebäude durch Villen, nach europäischem Stil gebaut, verdrängt worden sind, so auch Hongkong, der größte Hafen Chinas, in den sich die unersättlichen Engländer fest einzunisten gewusst haben.

Die Villen, Kontors und Geschäftshäuser derselben bilden hier eine ganze Stadt für sich; man glaubt sich beim Durchschreiten der schönen, breiten Straßen wahrlich nicht im Reiche der Mitte, wenn sich nicht auch noch hier die langbezopften Söhne des Himmels zeigten, wenn nicht Mandarine in Sänften hindurchgetragen würden, und wenn sich nicht der englische Kaufmann im zweirädrigen Karren, der von einem halbnackten, nur mit einem Schurze bekleideten Kuli, einem Eingeborenen, gezogen wird, nach seinem Hause fahren ließe.

Eben jetzt trabte ein solcher Kuli mit breitrandigem Strohhut durch eine der Hauptstraßen, hinter sich einen Karren ziehend, in dem ein schöner, älterer Herr saß, in der einen Hand einen großen Sonnenschirm haltend und mit der anderen die Bartkoteletten streichend, welche die fleischigen Wangen schmückten.


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Der gelbhäutige Kuli hielt vor einem kleinen, hübschen Häuschen, an dessen Tür ein Messingschild mit der Inschrift ›Expedition der Times‹ angebracht war, der Herr stieg aus, gab dem Eingeborenen eine kleine Silbermünze und trat in das im Parterre gelegene Kontor, wo er von zwei bereits arbeitenden Herren mit einem ›guten Morgen‹ begrüßt wurde. Die ›Times‹ ist die verbreitetste Zeitung Englands oder überhaupt der Welt; wo sich die Engländer niedergelassen haben — und wo sind sie nicht vertreten? — da ist auch die ›Times‹ zu finden; fehlt sie, dann fühlt sich der Sohn Albions unglücklich, ohne sie schmeckt ihm morgens sein Tee nicht.

Aber die in London stationierte Redaktion der ›Times‹ sorgt dafür, dass ihr Blatt durch die ganze Welt fliegt, in jeder größeren Stadt hat sie Expeditionen errichtet, welche die Verbreitung besorgen, und nun gar in dem britischen Hongkong, welches von Engländern wimmelt.

Mister Haddon, der jetzt in das Kontor eintretende Herr, war Chef dieser Expedition, er sorgte dafür, dass das Blatt nach Ankunft des Postdampfers sofort an die Abonnenten ausgetragen wurde, und benachrichtigte zugleich die Redaktion in London, wie viele und was für Schiffe in Hongkong einliefen, ob es in China Regen gebe oder die Sonne scheine, wie hoch der Reis im Preise stände, ob der Kaiser von China in den letzten Nächten gut geschlafen, wie viele Tassen Tee seine Frau Gemahlin täglich schlürfe, und so weiter, alles Sachen, über welche Mister Haddon so genau Auskunft geben konnte, als hätte er sie selbst gesehen, obgleich sich sein einziger Weg nur von der Wohnung zum Kontor, von diesem zum Hotel und wieder zur Wohnung erstreckte. Aber die ›Times‹ scheut keine Kosten, sie muss alles erfahren, und wenn auch noch die Schlüssellöcher der verschlossenen Türen zugestopft wären; sie erhält eine ganze Legion von Reportern, welche gleich Spürhunden sich in allen Erdteilen herumtreiben.

»Etwas Neues für mich?«, fragte Mister Haddon und trat an das Schreibpult des jungen Mannes, welcher die eingegangenen Briefe erledigte. Der Chef führte die Leitung des Ganzen, er kam nur auf eine Stunde des Tages, um eine eventuelle Anweisung zu geben oder Fragen zu beantworten; den Geschäftsgang selbst überließ er vollkommen diesem Herrn, der schon lange Jahre hier tätig war.

»Für Sie persönlich nichts«, erwiderte der Schreiber, »aber vielleicht interessiert Sie dies.«

Damit reichte er dem Chef einen Brief.

»Schon wieder ein neuer Reporter?«, sagte Mister Haddon nach Lesen der ersten Zeilen, und dann: »Ach, als Spezialkorrespondent? Soll sich nur hier vorstellen und Rat holen. — Bitte, ihm mit Rat und Tat behilflich zu sein — hm, der Mann wird sehr empfohlen, scheint eine tüchtige Kraft zu sein, empfangen Sie ihn höflich! Aber was für mich besonders Interessante soll dies enthalten?«

»Haben Sie seinen Namen übersehen?«, fragte lächelnd der Schreiber.

»Sein Name? Er ist Absalom Youngpig — in der Tat, ein seltener Name; wie reimt sich Absalom und Ferkel zusammen?«

Youngpig heißt auf deutsch Ferkel.

»Aber wie ist mir denn?«, fuhr der Chef nachdenkend fort. »Ist Mister Youngpig nicht jener Mann, der erst vor einem Jahr von der ›Times‹ engagiert worden ist und seit jener Zeit nur dazu verwendet wurde, Luftballonfahrten mitzumachen, dem Ausgang verrückter Wetten beizuwohnen, und so weiter?«

»Es ist derselbe«, lachte der Schreiber, »er war erst bei dem ›New York Herald‹ tätig, verließ diesen dann und ging als Reporter zu der ›Times‹, wo er bald eine Art Berühmtheit wurde. Fragen Sie Mister Planter, der kennt ihn persönlich.«

Der andere Schreiber, welcher erst vor einiger Zeit aus London gekommen war, bestätigte es.

»Viele halten ihn für etwas verrückt«, setzte er hinzu, »aber es ist nicht so, er steckt nur voller Schrullen, hat seltsame Angewohnheiten und gefällt sich in allen Extremen. Im Übrigen ist er ein gemütlicher, harmloser Mensch. Als Reporter hatte er immer eine ganz eigenartige Beschäftigung. Wollte ein Luftschiffer im Ballon eine noch nie dagewesene Höhe erreichen, so musste Youngpig mit, schloss sich ein Hungerkünstler sechs Wochen lang ein, Youngpig wachte Tag und Nacht bei ihm und notierte jeden Seufzer, fotografierte jede Miene des Dulders, und machte jemand die Wette, von London nach Liverpool zu rennen, so lief Youngpig nebenher, immer den unvermeidlichen Fotografenapparat, das Notizbuch und die Uhr in der Hand. Wir nannten ihn gewöhnlich Mister Never mind, weil er die Angewohnheit hatte, fast hinter jedem Satz ›never mind‹ zu sagen.«

Never mind, von den Engländern sehr häufig gebraucht, bedeutet ungefähr soviel wie ›schadet nichts‹.

»Wann soll er denn hier eintreffen?«, sagte Mister Haddon und nahm wieder den Brief zur Hand. »Am achtzehnten, das wäre ja heute! Ich hätte wirklich Lust, auf ihn zu warten, um diesen sonderbaren Kauz kennenzulernen. Eine Stunde werde ich noch hier bleiben.«

In diesem Augenblicke wurden draußen auf dem Korridor schwere Schritte hörbar, die Tür öffnete sich, und der Erwartete trat herein.

Mister Absalom Youngpig war ein noch sehr junger, bartloser Mann, er mochte erst etwa zwanzig Jahre zählen, eine mittelgroße, schlanke Gestalt mit rotem, gutmütig aussehendem Gesicht, aus dem die blauen Augen freundlich, aber auch zugleich unternehmungslustig hervorblitzten.

Sein Anzug bestand aus einer grauen Joppe, einer grau und braun gewürfelten Hose, welche aber nur bis an die Knie reichte, sodass man die von braunen Strümpfen bedeckten, kräftigen Waden sehen konnte — eine von den Engländern bevorzugte Reisekleidung — an den Füßen trug er derbe Schuhe, die sogar mit Nägeln beschlagen waren, und auf dem kurzgeschorenen Haar saß eine bunte, schottische Mütze.

An einem Riemen hingen ihm zur einen Seite ein Holzkästchen, zur anderen eine Ledermappe herab.

»Good morning« rief er schon im Türrahmen und brachte sofort aus einer Innentasche der Joppe eine riesige Taschenuhr zum Vorschein, »fünf Minuten über elf, also doch fünf Minuten Verspätung, never mind. Habe ich die Ehre mit Mister Haddon, Chef ...«

»Bin ich, bitte nehmen Sie Platz!«, unterbrach ihn Mister Haddon und rückte ihm einen Stuhl hin, »Freut mich, dass ich Sie persönlich sprechen kann, Sie sind mir warm empfohlen worden. Haben Sie gute Reise gehabt?«

»... der ›Times‹Expedition in Hongkong zu sprechen?«, fuhr der junge Mann in seiner ersten Ansprache ruhig fort, als Mister Haddon ausgeredet hatte.

»Haben Sie gute Reise gehabt?«, fragte Mister Haddon nochmals, der nicht merkte, wie beide Schreiber zu lächeln begannen.

»Danke, eine ausgezeichnete«, und Absalom Youngpig brachte aus einer Seitentasche ein Notizbuch hervor, welches an Umfang einer Bibel glich, und schlug es auf, »am zweiten vorigen Monats London bei schönem Wetter verlassen, am dritten starken Seegang gehabt, Wind, Süd, SüdWest, dreiviertel Süd, Temperatur durchschnittlich 21 Grad Celsius, hielt einige Tage an, am achten sprang der Wind nach ...«

»Haben Sie vor Ihrer Abreise noch einmal Mister Scott, meinen speziellen Freund, gesprochen?«, unterbrach der Chef den Vorlesenden abermals.

»... Norden um, Temperatur sank plötzlich auf 17 Grad herab«, fuhr der Reporter unbeirrt weiter fort und hielt nicht eher inne, als bis er den ganzen Reisebericht vorgelesen hatte.

Die Schreiber kämpften mühsam mit dem Lachen, und soviel hatte der Chef jetzt schon heraus, dass sich Mister Absalom Youngpig wohl ruhig unterbrechen ließ, aber dann stets wieder da fortfuhr, wo er gerade stehen geblieben war.

Als er zu Ende war, klappte er das Notizbuch zu, steckte es ein und beantwortete erst jetzt die an ihn gestellte Frage — Mister Haddon wagte nicht mehr, ihn zu unterbrechen.

»Never mind, ich habe Mister Scott gesprochen, soll Ihnen viele Grüße bestellen, bittet, dass Sie ihm doch privatim schreiben möchten.«

»Ich bin leider sehr in Anspruch genommen«, log Mister Haddon, »meine Zeit erlaubt mir nicht, eine große Korrespondenz zu führen.«

»Never mind.«

»Kann ich erfahren, was Sie nach Hongkong führt? Sollten Sie in irgend etwas Rat gebrauchen, ein besseres Auskunftsbüro als die Expedition der ›Times‹ gibt es hier nicht.«

»Können Sie mir sagen«, nahm der Reporter das Wort, »wo sich zur Zeit die ›Vesta‹ befindet, und ob sie bei einem Besuche in China auch nach hier kommt? Es wäre eine ...«

»Ah«, rief Mister Haddon überrascht, und auch die beiden anderen Schreiber horchten hoch auf, »nun verstehe ich Ihre Mission. Also Sie sollen über diese verwegenen Abenteurerinnen Bericht erstatten; nun, Sie werden eine schwere Nuss zu knacken bekommen, diese amerikanischen Damen halten ihre Handlungen sehr geheim.«

»In Hafenstädten können Sie wohl über sie reportieren«, meinte ein Schreiber, »aber da ist ja nichts Neues mitzuteilen. Am Lande laufen ihnen doch die Reporter auf Schritt und Tritt nach.«

»Das ist es eben«, stimmte ihm der Chef bei. »Über ihr eigentliches Matrosenleben an Bord der ›Vesta‹ herrscht noch vollkommenes Dunkel, das muss endlich einmal gelüftet werden. Erwarten Sie die ›Vesta‹ hier, Mister Youngpig?«

»Dummheit, wenn ich warten wollte, bis die ›Vesta‹ zufällig nach Hongkong käme«, setzte der Reporter sein erst angefangenes Gespräch fort, wodurch diesmal ein etwas seltsamer Sinn entstand, weil es als eine Antwort auf die Frage des Chefs hatte gelten können. »Wenn ich hier den Hafenplatz erfahren kann, wo sie ankert, so fahre ich unverzüglich dorthin.«

»Gegenwärtig liegt sie in Singapur, aber wohin sie dann fährt, und wie lange sie in Singapur bleibt, das hat keine unserer Spürnasen herausbekommen. Bleiben Sie lieber hier, Mister Youngpig, es steht zu erwarten, dass die Damen Hongkong besuchen werden.«

»Never mind, ich werde mir die Sache überlegen, habe ja noch Zeit.«

»Wie gedenken Sie sich über die Verhältnisse der ›Vesta‹ zu orientieren?«, fragte Mister Haddon lächelnd. »Keines Mannes Fuß darf das Damenschiff betreten. Ich wüsste nicht, wie Sie auf dasselbe kommen wollen.«

»Never mind, werde schon einen Plan finden. Wo ist hier das ›Hôtel d'Europe‹, Mister Haddon?«

»Das beste ist, Sie engagieren einen Kulikarren und lassen sich dorthin fahren — Sie brauchen nur den Namen des Hotels zu nennen — es ist ein sehr weiter Weg von hier nach dem Platze, wo es liegt, der Weg führt durch das chinesische Viertel, und Sie könnten sich leicht verlaufen. Haben Sie Ihr Gepäck nach dort bringen lassen?«

»Mein Gepäck? Nein, ich führe auf Reisen nie Gepäck bei mir, das macht nur Umstände.«

»So haben Sie Ihre Reisetasche noch an Bord?«

»Reisetasche? Nein, ich habe keine Reisetasche.«

»Aber Sie müssen doch irgend etwas bei sich haben«, sagte der Chef erstaunt. »Sie können doch nicht die weite Reise von London nach Hongkong ohne alles Gepäck zurückgelegt haben?«

»Warum denn nicht?«, klang es ruhig zurück. »Never mind, Kamm und Seife habe ich immer bei mir.«

Förmlich erschrocken blickten alle drei Herren auf den Reporter.

»Sie hätten zum Beispiel keine — keine — Hemden weiter bei sich?«, klang es unsicher aus dem Munde Mister Haddons. Dieser Gentleman schämte sich fast, eine solche Unglaublichkeit auszusprechen.

»Gewiss habe ich ein Hemd an, sogar zwei. Ist das eine schmutzig, so wird es gewaschen und über das andere gezogen, das ist never mind; alles, was ich sonst brauche, bekomme ich ja überall zu kaufen.«

Diese Erklärung war ohne jedes Zögern gegeben worden, Mister Youngpig schämte sich dieser Tatsache durchaus nicht.

Jetzt zog er wieder die kartoffelähnliche Uhr aus der Tasche und warf einen Blick darauf.

»Ein halb zwölf Uhr«, sagte er und stand auf. »Good bye, meine Herren, meine Zeit ist abgelaufen. Sollte ich noch über etwas zu fragen haben, so werde ich Sie wieder belästigen müssen. Good bye.«

»Good bye, Mister Youngpig.«

»Never mind.«

Und der Reporter war schon zur Tür hinaus. Die drei zurückgebliebenen Herren sahen sich mit förmlich bestürzten Mienen an.

»Das ist ja ein merkwürdiger Kauz, dieser Mister Youngpig«, sagte endlich der Chef lachend, »reist fast um die halbe Erde und hat nur zwei Hemden mit.«

»Als er sagte, dass er Seife und Kamm bei sich führe, wurde er ordentlich stolz«, lachte ein Schreiber.

»Dieser Mister Youngpig macht seinem Namen alle Ehre, das ist ein richtiges Ferkelchen«, schloss der Chef die Betrachtungen über den hinausgegangenen Reporter.

Dieser war unterdessen auf die Straße geeilt und rannte mit großen Schritten davon, nach einem Karren spähend, der ihn nach dem ›Hôtel d'Europe‹ bringen sollte. Als er in seinem heftigen Laufe um eine Ecke bog, rannte er mit einem dicken Chinesen zusammen, welcher ebenfalls um die Ecke ging, und der Stoß, den der himmlische Sohn vor seinen ansehnlichen Bauch empfing, war so heftig, dass er sein gelbes Gesicht in schmerzliche Falten zog und beide Hände auf die getroffene Stelle legte und somit ein sehr lächerliches Bild abgab, woran sich der Reporter ergötzte.

Im Nu hatte er den Kasten von der Seite gerissen, hielt ihn vor den noch immer dastehenden Chinesen, ein Druck auf den Knopf, ein leises Knacken, und das Bild war in seinem Besitz.


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»Danke, never mind«, sagte Absalom Youngpig höflich, legte einen Finger an die schottische Mütze und rannte weiter, den Chinesen stehen lassend, der ihm mit angstvollen Blicken nachsah.

Kaum war der Reporter einige Schritte weiter gelaufen, als er einen kräftigen Schlag auf die Schulter bekam, der ihn bald in die Knie sinken ließ, und wie er sich umblickte, sah er in das Gesicht eines ihm völlig fremden, elegant gekleideten jungen Mannes.

»Na, Kleiner, du kennst mich wohl nicht mehr?«, redete ihn dieser freundlich an, »was hat denn mein Ferkelchen in Hongkong zu suchen?«

»Nick«, jubelte jetzt der Reporter auf und fiel ohne alle Umstände dem vor ihm Stehenden um den Hals und küsste ihn auf die Backe, »ist das ein Glück, dass ich dich hier treffe! Ich glaubte, du wärst mit bei den Vestalinnen in Singapur. Wie geht es Johanna?«

»Johanna ist munter wie ein Fisch im Wasser«, entgegnete Nick Sharp, denn dieser war es. »Wird die sich aber freuen, wenn sie ihr Ferkelchen wiedersieht! Komm, jetzt wollen wir erst ein paar Flaschen Wein ausstechen, dieser Tag muss gefeiert werden.«

Der Detektiv, der immer deutsch gesprochen hatte, schob seinen Arm unter den des Reporters und geleitete ihn nach einem Hotel, wo beide bald in einem netten Zimmerchen bei einer Flasche Wein saßen.

»Vor allen Dingen, hast du Nachricht von den Eltern bekommen?«, begann Sharp das Gespräch. »Ich habe lange nichts von ihnen gehört.«

»Ja, es geht ihnen gut, Gott sei Dank. Und dir, Nick, wie geht es dir?«

»Ich habe einen guten Verdienst, bin mit ihm zufrieden; aber nun sag, Absalom, was führt dich hierher nach Hongkong?«

»Weißt du schon, dass ich seit einem Jahre nicht mehr bei dem ›New York Herald‹ sondern bei der ›Times‹ tätig bin?«

»Nein, ich hatte keine Ahnung.«

»Never mind, es ist so. Jetzt fängt mein Weizen zu blühen an«, sagte Mister Youngpig freudestrahlend, »endlich habe ich einen Auftrag bekommen, bei dem ich einmal etwas Ordentliches verdienen kann. Mit der Zeilenschreiberei ist es vorbei, ich bin von der ›Times‹ mit monatlich zwanzig Pfund Sterling festem Gehalt engagiert und bekomme alle Reisespesen vergütet.«

»Na das freut mich, dass aus dir noch etwas geworden ist«, sagte der Detektiv wirklich erfreut, »ich hatte immer eine höllische Sorge um dich, denn ich glaubte dich ganz aus der Art geschlagen, viel zu schüchtern und ängstlich, um durch die Welt zu kommen. Prosit, Ferkelchen, auf deine Gesundheit!«

»Aber nun zu deinem eigentlichen Auftrage«, begann der Detektiv wieder. »Was hast du hier in Hongkong zu suchen? Ich kann dir vielleicht in vielen Sachen nützlich sein.«

»Mein Auftrag ist der, auf irgend eine Weise mich vollständig über die Einrichtung der ›Vesta‹ und über das Treiben, über die Gesetze, Lebensweise, Schicksale, Kleider, Frisuren, Toiletten der amerikanischen Mädchen zu orientieren, wie sie kochen, waschen, scheuern, ob sie sich gegenseitig vertragen oder zanken, streiten, prügeln; wann sie geboren, getauft, konfirmiert sind, kurz und gut, eben über alles, was die Vestalinnen und die ›Vesta‹ betrifft.«

»Hm«, meinte der Detektiv nachdenkend, »so sehr schlimm ist der Auftrag eigentlich nicht, er erfordert nur Geduld. Wie gedenkst du, ihn auf die beste Weise zu lösen?«

»Ich muss unbedingt an Bord der ›Vesta‹.«

»Das wird nicht gehen, mein Junge«, entgegnete der Detektiv kopfschüttelnd. »Sie passen höllisch auf, dass keine Mannsperson den Fuß auf die ›Vesta‹ setzt.«

»Johanna ist doch als Vestalin darauf, sollte die mich nicht an Bord schmuggeln können?«

»Mit dem Verstecken ist dir nicht gedient. Die Mädchen schmeißen dich einfach über Bord, wenn sie dich finden, und Johanna kann darin gar nichts tun. Du würdest vielleicht als Johanna gehen können, aber deine dicke Nase kann ich nicht dünn machen, du bist überhaupt kein Schauspieler, und außerdem ist Johanna auch nicht von der ›Vesta‹ abkömmlich, sie muss darauf bleiben. Nein, so geht es nicht.«

»Wie wäre es denn, wenn ich mich in den Koffer einer Dame packen ließe, wenn sie hier im Hotel wohnt? Ich würde so an Bord getragen und käme heraus, wenn das Schiff auf hoher See ist?«

»Sie schmeißen dich sofort über Bord, sage ich dir.«

»Never mind, dann schmuggele ich mich wieder auf eine andere Weise darauf, und zwar so lange, bis ich alles habe, was ich wissen will.«

»Energie hast du, Absalom, das muss man dir lassen«, sagte Sharp und klopfte dem Reporter freundlich auf die Schulter. »Na, ich werde vielleicht noch etwas finden, wie du am besten zum Ziele kommst; überlass das nur mir, ich werde schon für mein Ferkelchen sorgen. Im schlimmsten Falle kannst du dir alles von Johanna erzählen lassen, ich werde sie schon zum Sprechen bringen.«

»Das geht nicht, ich muss alle Räume und Kabinen der ›Vesta‹ fotografieren«, unterbrach ihn der Reporter.

»Kann Johanna auch besorgen.«

»Nein, nein«, wehrte der junge Mann aber energisch ab, »ich selbst muss mich von allem persönlich überzeugen. Übrigens habe ich schon schwerere Sachen als das gemacht, und es wird mir schon gelingen, an Bord der ›Vesta‹ zu kommen, ich hoffte nur, du könntest mir dabei behilflich sein.«

»Kann ich auch! Aber jetzt lass deine Sorgen fahren, du hast ja noch eine Woche Zeit, ehe die ›Vesta‹ nach dieser Gegend kommt, und bis dahin wird mir schon etwas einfallen.«

»Wo ist die ›Vesta‹ jetzt?«

Der Reporter bekam dasselbe zu hören, wie in der Expedition der ›Times‹, aber Nick Sharp war noch besser unterrichtet, als jene Herren.

»Von Singapur fahren die Mädchen nach einem Hafen von Cochinchina, wahrscheinlich nach Saigon, und von dort nicht nach Hongkong, wie erst beschlossen war, sondern nach Scha-tou, einem etwas westlicher gelegenen großen Hafen, den du mit der Bahn in einigen Stunden erreichen kannst. Hongkong ist den Mädchen schon zu sehr zivilisiert, Scha-tou dagegen trägt noch einen völlig ursprünglichen, chinesischen Charakter und das ist es, was sie sehen wollen.«

Der Detektiv klingelte dem Kellner und füllte aus der neu herbeigebrachten Flasche die Gläser wieder.

»Nick«, begann der Reporter nach einer Weile, während welcher er mit dem danebengeflossenen Weine Ringe auf den Tisch gemalt hatte, und seine Stimme klang sehr verlegen, »ich möchte dir etwas mitteilen, ich möchte — never mind.«

»Sprich dich nur ruhig aus, mein Junge«, sagte der Detektiv und klopfte den jungen Mann väterlich auf die Wangen. »Brauchst du Geld? Hast du Schulden gemacht? Ich weiß, du hast früher nicht viel gehabt und etwas lustig gelebt. Sage es mir nur offen!«

»Heiraten möchte ich«, platzte der Reporter jetzt heraus, »ja, heiraten! Never mind.«


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Da aber zog der Detektiv die Stirn in krause Falten, betrachtete den vor ihm Sitzenden mit missbilligendem Kopfschütteln und sagte dann, spöttisch lächelnd:

»Heiraten? Nein, mein Junge, das erlaube ich dir nicht. Du bist ja kaum trocken geworden hinter den Ohren. Absalom, Absalom! Kaum bekommst du etwas Geld zwischen die Finger, und gleich denkst du an solchen Unsinn. Wir passen beide nicht zum Heiraten, ich so wenig, wie du. Hast du etwa eine Frau gefunden, die gewillt ist, mit dir sich in einen Koffer oder in ein Fass packen und als Frachtgut verschicken zu lassen? Hast du eine solche, gut, dann gebe ich dir meinen Segen, sonst nicht.«

»Never mind, Nick«, entgegnete der junge Mann lachend, »ich will doch nicht immer ein solches Leben wie jetzt führen. Das soll das letzte, derartige Unternehmen sein, es bringt mir etwas Hübsches ein, und dann gebe ich die Reporterlaufbahn auf, ich etabliere mich selbst.«

»Willst du eine Zeitung gründen?«

»Nein, ich werde ein statistisches Büro einrichten, wo jede Nachfrage über irgendwelche Zahlenverhältnisse beantwortet werden kann. Um den Ruf des Büros zu befestigen, werde ich erst ein Buch erscheinen lassen, gegen welches alle bisher herausgegebenen Statistiken wahre Kindereien sind.«

Der Reporter hatte sich in Eifer geredet, und kopfschüttelnd hörte ihm Sharp zu.

»Ich kann noch nicht begreifen, wie sich ein solches Büro rentieren kann. Statistiker existieren jetzt doch massenhaft, wie viele Menschen, wie viele Christen, Mohammedaner, Juden und Teufelsanbeter es auf der Welt gibt, wie viele Ochsen jährlich geschlachtet werden, und wie viele Hühner nach einem Jahre in der Welt herumlaufen würden, wenn keine Eier mehr gegessen würden, ist schon festgestellt. Das ist nichts, Absalom, die Branche ist ausgeleiert.«

»Durchaus nicht«, rief der Reporter erregt und sprang von seinem Stuhle auf. »Die Sache muss nur einmal ganz anders angefangen werden, wie es noch nie gewesen ist. In meinem Buche berechne ich ganz genau, wie hoch die einen Meter im Durchmesser habende Säule wäre, wenn alle in England innerhalb eines Jahres gegessenen Butterbrote übereinander gesetzt würden, ich berechne, wie dick das Buch sein würde, wenn man alle Bücher der Welt in eins binden lässt, wie lang ungefähr der Faden ist, wenn man alle menschlichen Kopfhaare zusammenknüpfte, wie lange die Schnecke braucht, um den Weg von der Erde nach der Sonne zurückzulegen, wie lange ein normaler Mann braucht, um alles auf der Erde zur Zeit existierende Rindfleisch aufzuessen. Was sagst du zu dieser Idee?«

»Sehr normal wird dieser Mann wohl nicht sein«, lachte der Detektiv, »aber wirklich, einen findigen Kopf hast du. Wird sich ein Büro, wo solche Sachen ausgerechnet werden, aber auch rentieren?«

»Natürlich, du kennst doch die Engländer! Ist mein Auskunftsbüro erst einmal bekannt, dann werde ich Anfragen in Hülle und Fülle bekommen. Zwei Engländer streiten zum Beispiel darüber, wie viel Bier täglich in England konsumiert wird, ihre Meinungen sind verschieden, sie schreiben an mein Büro, ich erkundige mich, wer der besser Zahlende von beiden ist, teile diesem mit, ich würde die Berechnung sofort beginnen, schicke ihm die Rechnung, mit dem Bemerken, aller Wahrscheinlichkeit nach würde seine angegebene Zahl die richtigere sein, das heißt, er würde die Wette gewinnen, und habe ich das Geld erhalten, so gebe ich ihm das verbrauchte Quantum an, auf ein paar tausend Hektoliter mehr oder weniger kommt es dabei nicht an, der Durst richtet sich eben nach der Temperatur.«

»Junge, lass dich umarmen«, rief der Detektiv, »du hast ja fast einen findigeren Kopf als ich. Wahrhaftig, der Gedanke ist nicht so übel! Und du willst ein ganzes Kontor einrichten?«

»Natürlich, nur immer alles recht großartig. Ich miete mir in einer der feinsten Straßen Londons ein großes Lokal, stelle zehn Schreibpulte auf und hinter jedes einen Mann, dann sagen die Vorübergehenden: Donnerwetter, hat der aber eine Masse Nachfragen zu beantworten, da müssen wir doch einmal hingehen und fragen, wie viele Frauen alle türkischen Sultane bis jetzt zusammen gehabt haben. Ich empfange die Herren mit einer tiefen Verbeugung, und sage: Innerhalb eines Tages können Sie die Antwort bekommen, meine Herren, ich werde sofort an meinen Reporter in Konstantinopel telegrafieren, dass er in den Chroniken nachschlägt. Bitte, hier ist die Rechnung. Ich fertige ein Telegramm aus, gebe es einem meiner Kommis, und dieser eilt sofort nicht nach der Post, aber nach der nächsten Restauration und bestellt dort mein Frühstück. Unterdessen mache ich eine kleine Berechnung, das ist kinderleicht und gebe am anderen Tage die Zahl an.«

»Aber wirst du gleich anfangs so viel verdienen, dass du sofort zehn Leute beschäftigen und bezahlen kannst?«

»Unsinn, ich mache überhaupt alles allein, die Kommis sind nur zur Reklame da. Nebenbei lege ich mir nämlich auch noch eine Zigarettenfabrik an, und zwar auf folgende Weise: Die Stehpulte sind alle mit dicken Büchern und Stößen von Schreibpapier bepackt, sodass man von der Straße nur die Köpfe meiner Leute sehen kann, und natürlich glauben alle, besonders da sie ab und zu ein Buch hernehmen und aufschlagen müssen, sie schreiben und rechnen, in Wirklichkeit aber drehen sie hinter den Aktenstößen Zigaretten. Kommt jemand herein, so klappen sie einen Deckel herum, auf welchem Papier angeklebt ist, und beginnen mit der Feder zu kratzen, murmeln Logarithmen, seufzen, stöhnen, rufen einander die ungeheuerlichsten Zahlen zu, einer kommt auf mich zu und spricht: Entschuldigen Sie, wie viele Maikäfer sind voriges Jahr in England gefangen worden? Ich sinne einen Augenblick nach, lege die Hand an die Stirn und antworte: Achtundsiebzig Millionen, viermalhunderttausend, sechshundertzweiundsechzig, und ist der Besuch hinaus, dann werden die Deckel wieder aufgeschlagen und weiter Zigaretten gewickelt.«

Jetzt lachte der Detektiv aus vollem Halse.

»Du bist ein Prachtkerl«, rief er aus, »ich hätte gar nicht geglaubt, dass das kleine Ferkel, welches sich früher nie waschen lassen wollte, noch so ein Mann werden würde. Prosit denn, auf gutes Gelingen deiner Pläne!«

»Und wie ist es mit der Heirat, hast du noch etwas dagegen?«, fragte der Reporter vorsichtig.

»In Gottes Namen denn, ich gebe dir meinen Segen, meinetwegen kannst du eine Chinesin heiraten. Aber erst musst du natürlich deinen jetzigen Auftrag ausführen.«

»Gewiss, das werde ich tun, und hoffentlich wird es nicht lange dauern.«

»Es ist keine Kleinigkeit, an Bord der ›Vesta‹ zu kommen.«

»Never mind.«

* * * * *

II.25. Die Hexenprobe

Tief im Innern der Halbinsel Malakka leben Völkerstämme, welche weder zu den Indern noch zu den Malaien gerechnet werden können, so zum Beispiel die Indrargarris, deren Gesichtsbildung die der Eingeborenen Indiens ist. Sie sind Heiden und haben ihre eigenen Götter, und eben daraus schließt man, dass sich in ihnen das Blut der Ureinwohner Malakkas am reinsten erhalten hat, und dass sich durch den Verkehr mit den Malaien nur ihre Sprache verändert hat.

Sie stehen auf einer sehr niedrigen Stufe. Ihre Kleidung besteht bei den Männern, wie bei den Frauen nur aus einem Schurz. Ihre Waffen sind Bogen und Pfeile, Lanze und Wurfspeer, und mit diesen verschaffen sie sich ihre Nahrung; sie erlegen die Tiere, welche der dichte Urwald beherbergt, und begnügen sich mit den Früchten, an denen Malakka das reichste Land der Welt ist.

Gleich primitiv sind ihre Wohnungen; einfache Hütten, aus Bambusrohr zusammengesetzt, in denen die ganze Familie auf Fellen erbeuteter Tiere schläft, wohlgeschützt gegen Wind und Tau, nicht aber gegen die Wassergüsse, welche zur Regenzeit vom Himmel herabstürzen und die ganze Gegend in Morast und Sumpf verwandeln, sodass nur die hochgelegenen Stellen, auf denen die Hüttendörfer stehen, bewohnbar sind.

Die Ureinwohner Malakkas sind nicht immer ohne jede Kultur gewesen. Wie die alten Bauwerke, Waffen, Goldarbeiten und so weiter, welche man besonders in Südamerika noch heute findet, beweisen, dass Amerika einst von Völkern bewohnt wurde, denen die jetzigen faulen, unwissenden Indianer nicht im Entferntesten mehr ähneln, wie in alten Denkmälern vorgefundene Pergamentrollen zeigen, dass unter jenen Völkern vor vielen Tausenden von Jahren die Wissenschaften geblüht haben und Kenntnisse verbreitet waren, mit denen sich unsere Gelehrten noch gar nicht so lange beschäftigen, so zum Beispiel die Berechnung des Laufes der Gestirne, ihre Entfernung von der Erde, ebenso verhielt es sich auch mit den Urbewohnern Malakkas.

Über die breiten Ströme führen mächtige Brücken, man wundert sich, wie diese großen Steine übereinander gesetzt worden sind, durch menschliche Kraft allein ist es gar nicht möglich gewesen. Die Steine sind nur lose zusammengepasst, ohne Anwendung von Kalk, und doch ist der Bau so solid, dass er auch jetzt noch nicht sein harmonisch schönes Aussehen verloren hat. Niemand weiß, wie alt diese Brücken sind, am allerwenigsten der jetzige Eingeborene von Malakka, der diese Bauten als etwas Selbstverständliches betrachtet, als etwas ihm von Gott Geschenktes, ebenso wenig, wie er sich wundert, mitten im Urwald auf die Ruinen von großen Gebäuden zu stoßen, deren Wände durch die Kraft der treibenden Schlingpflanzen zerstört worden sind. — — —

An einer hochgelegenen Stelle waren die Bäume ausgerottet worden, die Indrargarris mochten mit ihren Messern Jahre dazu gebraucht haben — die auf hohen Pfählen stehenden Bambushütten, zu denen Leitern hinaufführten, standen im Halbkreis auf der Lichtung, und im Zentrum derselben saßen die alten Frauen des Dorfes um eine Bahre herum, schlugen sich mit Fäusten vor die nackte Brust und stießen ein entsetzliches Wehgeheul aus, hoben dann die Arme gen Himmel, riefen einen Gott an und schlugen sich abermals an die Brust, ritzten sich mit Messern die Arme, dass das Blut hervorsprang, und heulten dazu.


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Aber der gerufene Gott musste faul oder zornig über seine Kinder sein, er kam nicht, um den auf der Bahre liegenden jungen Krieger zum Leben zu erwecken.

Mit steifen Gliedern lag er da, die gläsernen Augen starr, die Fäuste geballt und den Mund halb geöffnet.

Scheu betrachteten die umstehenden Männer des Dorfes das Gebaren der Weiber, die Kinder lugten ängstlich aus den Löchern, welche in den Hütten die Türen vertreten; alle erwarteten, dass der Tote plötzlich aufstehen und die Glieder dehnen würde, aber es geschah nichts desgleichen. Aus dem heiteren Himmel fuhr kein Blitzstrahl, um den kalten Leichnam wieder zu erwärmen.

Noch nie war in diesem Dorfe etwas Ähnliches passiert.

Heute Morgen hatten die Männer gesehen, wie der junge Indrargarri die Leiter seiner Hütte herabgestiegen war, mit Bogen und Pfeilköcher ausgerüstet, als wolle er zur Jagd gehen, wie er über die Lichtung schritt, plötzlich stehen blieb, sich auf den hohen Bogen stemmte und dann zu Boden fiel, lautlos, ohne einen Schrei auszustoßen.

Man fand ihn in derselben Lage, die er jetzt auf der Bahre einnahm, kalt, starr — als Leichnam.

Der junge Indrargarri musste die Götter schwer beleidigt haben, sicher hatte er einmal vergessen, ihnen die fetten Eingeweide des erlegten Wildschweins als Geschenk anzubieten, dass sie ihn so plötzlich aus dem Leben abriefen, ihn von der Seite seiner jungen Frau rissen, oder aber, er war von irgend jemand des Stammes durch Zauberei getötet worden.

Stunde auf Stunde verging; die Sonne hatte schon ihren höchsten Stand am Horizont erreicht, und noch immer hörten die alten Weiber nicht auf, den Gott um Erbarmen anzuflehen.

Da trat aus der Reihe der Männer eine hohe Gestalt hervor, an den kunstvoll geschnitzten Waffen und an den Perlenschnüren und Kupfergeschmeide, welches sich ihm um Hals und um Stirn schlang, als Häuptling erkenntlich, und gab den Weibern ein Zeichen, ihre Bemühungen einzustellen.

An ihre Stelle traten jetzt die Männer, um den Worten des Häuptlings zu lauschen.

»Krieger der Indrargarri«, redete er sie an, »ein Gott ist zornig auf uns; noch sind keine zwei Tage verstrichen, seit ein Tiger zwei Männer aus unserer Mitte holte, ihre Weiber jammern, sie haben niemanden mehr, der ihnen Fleisch bringt und die Kinder lehrt, wie sie den Bogen zu spannen und den Speer nach dem flüchtigen Hirsch zu schleudern haben.

Und wieder hat uns ein Mann verlassen, der beste Jäger dieses Dorfes. Er ist nicht im Kampfe gefallen, der Tiger hat ihn nicht zerrissen, der Kaiman hat ihn nicht zermalmt, und auch die bösen Geister haben ihn nicht mit Krankheit gequält; und dennoch ist er tot. Was hat er verbrochen? Warum ist er plötzlich getötet worden, und warum weint sein Weib in der Hütte, dass es den Ernährer verloren hat?«

Alles schwieg, niemand konnte die Frage beantworten, da aber scholl eine Stimme aus der hintersten Reihe:

»Es ist Zauberei!«

Die Augen richteten sich nach dem Sprecher, und unaufgefordert trat der junge Indrargarri hervor und stellte sich vor den Häuptling.

»Du, Pelanbang?«, fragte dieser. »Wenn der Tote, sein Leben durch Zauberei verloren hat, auf wen willst du die Schuld werfen?«

»Buwenna ist es gewesen«, sagte der Mann mit tiefer Stimme und blickte dem Häuptling fest ins Auge.

Ein Murmeln des Erstaunens ging durch die Reihe der Umstehenden, und des Häuptlings Stirn runzelte sich finster.

»Buwenna, sein eigenes Weib?«, fragte er. »Bedenke, was du sprichst!«

»Ist nicht ihre Mutter auch eine Zauberin gewesen? Wurde sie nicht von den Kaimanen gefressen?«

»Wohl ist das wahr, aber deshalb kann ihre Tochter unschuldig sein. Wodurch willst du beweisen, dass auch Buwenna eine Zauberin ist und mit bösen Geistern verkehrt?«

»Ich kehrte erst diese Nacht von der Jagd zurück«, begann der Kläger zu erzählen, »tagelang war ich in den Wäldern umhergestreift, ohne mehr erlegen zu können, als ich eben zu meiner Nahrung bedurfte, da lockte mich gestern Abend das Geschrei eines Fasans nach einer Waldblöße hin, sie liegt nicht weit von hier, und als ich die vom Mond hell beschienene Fläche betrat, um nach dem im Schlafe aufgeschreckten Vogel zu spähen und ihn zu schießen, sah ich plötzlich etwas, was mich veranlasste, mich auf den Boden zu werfen und zu verstecken.

Mitten auf der Lichtung kauerte eine Gestalt und wühlte im Boden, ich wusste erst nicht, was sie tat, dann aber merkte ich, dass sie mit einem Messer die Erde aufgrub und Wurzeln auszog, die sie in einen Binsenkorb warf. Als sie aufstand, erkannte ich im hellen Mondenschein an dem Kopfschmuck, dass sie zu den Indrargarris gehörte, dass es ein Weib war — Buwenna.

Dann stand sie auf und ging suchend hin und her, bückte sich wieder und grub abermals Wurzeln aus, ebenso, wie es einst ihre Mutter, die Zauberin, getan hat, die dafür von den Kaimanen gefressen wurde. Wer zweifelt nun noch daran, dass Buwenna ebenfalls eine Zauberin ist? Wie ist es anders möglich, dass heute Morgen ihr Mann plötzlich tot umfiel, ohne vorher eine Krankheit gehabt zu haben? Buwenna hat Umgang mit bösen Geistern gehabt, aus den Wurzeln braute sie sich den Trank, dass sie mit ihnen verkehren konnte, und dann hat sie verlangt, ihren Mann zu töten.«

Triumphierend blickte sich der junge Krieger um, überall begegnete er angstvollen, aber gläubigen Mienen.

»Aber warum soll Buwenna den Tod ihres Mannes gewollt haben?«, suchte der Häuptling die Partei der Angeschuldigten zu ergreifen.

»Wer mit bösen Geistern umgeht, der verfällt ihnen. Sie flüstern ihm unheilvolle Dinge zu, und, ob er will oder nicht, der ihnen Dienende muss sie ausführen.«

»So ruft Buwenna, sie mag sich verantworten!«, befahl der Häuptling, und bald stand das junge Weib des so früh Dahingeschiedenen vor ihnen.

Die junge Frau, an deren Wangen noch die Tränen hingen, warf einen verzweifelten Blick auf den Toten und stellte sich dann mit gesenkten Augen vor den Häuptling. Sie wusste noch nicht, dass sie der Zauberei beschuldigt worden war, dass sie selbst den Tod ihres Mannes herbeigeführt haben sollte, aber das barsche Benehmen der Männer, welche sie gerufen, hatte sie ängstlich gemacht.

»Buwenna«, begann der Häuptling in ernstem Ton, »du bist angeklagt worden, mit bösen Geistern zu verkehren.«

Das Weib fuhr auf.

»Wer wagte das?«, rief sie erregt aus.

»Pelanbang.«

Die Augen des Indrargarri senkten sich verlegen zu Boden, mit solch entsetztem Ausdruck begegneten ihnen die des Weibes.

»Du?«, hauchte sie. »War es nicht genug, dass dein Vater meine Mutter eine Zauberin genannt hatte?«

»Und ist sie es nicht gewesen?«, fragte Pelanbang, der sich wieder gesammelt hatte, trotzig.

»O, ich weiß wohl, warum du mich hassest«, rief das Weib bitter, »wenn dieser noch lebte, würdest du nicht gewagt haben, so etwas zu sagen.«

»Sprich, Buwenna«, unterbrach der Häuptling das Zwiegespräch der beiden, »hast du Umgang mit bösen Geistern?«

»Nein«, sagte sie fest, »ebenso wenig wie meine Mutter, wenn Ihr es auch nicht geglaubt habt.«

»Hast du in voriger Nacht im Walde Kräuter und Pflanzen gesucht?«, forschte der Häuptling weiter.

»Ich tat es.«

»Sagte ich es nicht?«, frohlockte Pelanbang. »Ist sie eine Zauberin oder nicht?«

Der Häuptling machte eine Bewegung, dass er schweigen solle.

»Wozu grubst du die Wurzeln aus?«

»Um für Sigadung einen Trank aus ihnen zu kochen.«

Jetzt brachen die Umstehenden in Rufe der Entrüstung aus, also war sie doch eine Zauberin, schuld an dem Tode ihres Mannes — sie hatte sich selbst das Todesurteil gesprochen.

»So hast du also den bösen Geistern befohlen, deinen Mann zu töten? Warum tatest du das?«

Dem Häuptling wurde es selbst angst vor dem Weibe, das mit bösen Mächten in Verbindung zu stehen schien. Es musste schleunigst aus ihrer Mitte entfernt werden, des Feuertodes sterben.

»Ich Sigadung getötet?«, rief die Frau verzweiflungsvoll aus. »Was sollte mich dazu getrieben haben?«

»Die Geister haben es dir befohlen!«

»Ich bin keine Zauberin, aber ich will Euch sagen, wozu ich die Wurzeln in der Nacht gesammelt habe. Gestern Abend wurde Sigadung plötzlich krank, es wurde ihm heiß in dem Kopf, als hätte er Fieber bekommen, aber dieses war es nicht; es flimmerte ihm vor den Augen, und er war so schwach, dass er sich nicht vom Lager erheben konnte. Ich wartete, bis er eingeschlafen war, und ging dann in den Wald, um Kräuter und Wurzeln zu suchen, aus denen ich einen Trank kochen kann, der gegen jede Krankheit gut ist —«

»Wie deine Mutter!«, rief der Häuptling unwillig dazwischen. »Deshalb musste sie als Zauberin sterben.«

»Meine Mutter war keine Zauberin«, rief die Frau hastig aus, »sie hatte nur dort, wo das salzige Wasser ist, von einem alten Malaien gelernt, wie man aus einigen Pflanzen den Saft gewinnen und damit Krankheiten heilen kann. Von ihr habe ich es gelernt.«

»Sie war eine Zauberin«, beharrte der Richter, »sonst wäre der Häuptling nicht gestorben.«

»Aber mein Trank gestern Abend hat geholfen. Als Sigadung ihn getrunken hatte, war er gesund und fühlte sich heute Morgen so kräftig, dass er auf die Jagd gehen wollte.«

»Woran ist er denn gestorben?«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete sie niedergeschlagen, »nicht an dem Tranke.«

»Die bösen Geister haben ihn geholt; verzaubert hast du ihn«, fuhr Pelanbang sie an, »in das Feuer mit der Zauberin.«

Angstvoll irrten die Augen Buwennas von Gesicht zu Gesicht, überall erblickte sie nur grimmige Mienen. Aufschreiend warf sie sich dem Häuptling zu Füßen.

»Erbarmen«, flehte sie, »ich bin keine Zauberin! Warum sollte ich Sigadung, meinen Mann, den ich liebte, der mich ernährte, getötet haben?«

Sie wollte die Knie des Häuptlings umfassen, aber er wich scheu der Berührung mit der Zauberin aus.

»Was der böse Geist dir befiehlt, das musst du tun«, sagte er finster.

»Habt Mitleid mit mir!«, flehte sie weiter. »Ist es denn nicht genug, dass ich Sigadung verloren habe? Habt Ihr nicht gesehen, welcher Schmerz mich durchwühlte, als ich vor seiner Leiche stand. Ich bin keine Zauberin, ich bin unschuldig!«

Unter den zuhörenden Indrargarris war eine Bewegung entstanden; einige waren durch die mit verzweifelter Stimme ausgestoßenen Beteuerungen der Frau gerührt worden und wollten, wenn sie auch nicht gerade Partei für sie nahmen, doch nicht zugeben, dass sie ohne Weiteres auf dem Scheiterhaufen sterben sollte. Dass sie ihren Mann, ohne den sie nun von den Unterstützungen anderer, gegen Arbeitsleistungen, leben musste, selbst getötet haben sollte, kam doch Verschiedenen etwas seltsam vor.

Aber man konnte ja leicht sehen, ob sie eine Zauberin war oder nicht.

Ein alter Mann trat an den Häuptling heran und sagte:

»Lasst sie die Probe machen; sie hat noch nie getäuscht. Ist sie schuldig, so wird sie sterben, wie einst ihre Mutter; ist sie unschuldig, so wird den Kaimanen der Rachen geschlossen werden.«

Auch der Häuptling fühlte etwas wie Mitleid mit dem jungen Weibe, das noch immer vor ihm auf den Knien lag und die Augen angstvoll auf ihn gerichtet hielt. Als dem alten Manne von vielen Seiten beigestimmt wurde, gab er dem Verlangen nach; Pelanbang war der einzige, welcher die Probe direkt verweigerte, aber seiner Stimme wurde kein Gehör geschenkt.

»Nach der Brücke«, rief der Häuptling, »dort wollen wir uns von ihrer Schuld überzeugen.«

Die Menge drängte sich durch den Urwald, zwischen sich Buwenna führend, aber doch in genügender Entfernung, um nicht mit der Zauberin in Berührung zu kommen und sich selbst unglücklich zu machen. Die arme Frau ging mit schwankenden Knien vorwärts, sie kannte ihr Schicksal; nur ein Wunder konnte sie vor dem sicheren Tode retten, aber das Wunder konnte doch zur Möglichkeit werden.

Nicht weit vom Dorfe wälzte ein breiter Fluss sein schlammiges Wasser träge dem Westen zu. Gerade da, wo die Indrargarris aus dem Walde traten, wurde er von einem hohen Steinbogen überspannt, dem Reste einer von den Ureinwohnern zusammengesetzten Brücke.

Der Bogen ruhte auf zwei Säulen, die mitten im Wasser standen, aber er konnte nicht mehr als Brücke dienen, denn die Zugänge waren zerstört, die Steine zerstreut worden, und die Eingeborenen gaben sich nicht die Mühe, sie wieder zusammenzusetzen und somit einen bequemen Übergang über den Fluss zu haben. Lieber ruderten sie auf ihren schmalen Nachen hinüber.

Jetzt standen die Männer am Ufer des Flusses, und das Weib starrte mit angstvollen Augen in die Fluten, aus denen eine Unzahl von scheußlichen Köpfen hervorsahen.

Die Flüsse Indiens sind alle sehr fischreich; aber auch die Kaimane sind in großer Anzahl in ihnen zu finden, und besonders die Flüsse der Halbinsel Malakka wimmeln förmlich von ihnen. Da, wo die Säulen im Wasser standen, war eine Sandbank angeschwemmt worden, und auf dieser lagen die riesigen Ungeheuer und wärmten sich in den Strahlen der Sonne, andere wieder trieben mit geschlossenen Augen im Wasser selbst herum.

Bei Annäherung der Menschen kam Leben in die trägen Tiere, sie zogen sich zwar nicht zurück, als hätten sie Furcht, im Gegenteil, als wüssten sie, dass ihrer ein Mittagsmahl wartete. Die auf der Sandbank liegenden Tiere verließen diese und legten sich ins Wasser, schnappten mit den furchtbaren Rachen und starrten die Menge mit den glitzernden Augen an, und nur die dem Ufer zunächst liegenden Kaimane schwammen nach der Mitte zu, drehten sich um und lauerten auf ihre Opfer.

An dieser Stelle musste Buwenna zweimal durch den Fluss schwimmen, hin und wieder zurück; war sie keine Zauberin, dann würden die Götter den Kaimanen die Rachen zuhalten, war sie aber schuldig, dann würde sie von ihnen aufgezehrt. Diese armen Menschen waren fest davon überzeugt, dass diese Art von Gottesgericht niemals täuschte.

Die Augen aller Indrargarris richteten sich auf die junge Frau, die verzweifelnd am Ufer des Flusses stand und entsetzt die riesigen Ungeheuer betrachtete. Kaum konnte sie sich noch aufrecht halten, die Knie versagten ihr fast den Dienst.

Aber es half nichts, der Tod drohte ihr doch, entweder auf dem Scheiterhaufen oder hier, aber hier war doch wenigstens die Möglichkeit vorhanden, ihm zu entgehen. Außerdem fühlte das junge Weib sich selbst unschuldig. Also vorwärts!

Mutig schritt sie ins Wasser; schon reichte es ihr bis an die Hüften, da entstand eine Bewegung unter den Kaimanen. Sie schlugen rasselnd mit den beschuppten Schwänzen aneinander; wieder klappten sie mit den Rachen und schwammen, die Augen starr auf ihr Opfer gerichtet, langsam auf dieses zu.

Da verließ die junge Frau die Fassung, sie konnte diesen Anblick nicht ertragen.

Laut aufschreiend flüchtete sie zurück und warf sich dem Häuptling zu Füßen.


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»Ich kann nicht«, wimmerte sie, »und wenn ich auch noch so unschuldig bin, sie fressen mich doch.«

Weiter kam sie nicht, schon war sie von einigen gepackt und wieder dem Wasser zugeschleppt worden, und als sie dennoch nicht schwimmen wollte, sondern immer wieder dem sicheren Ufer zustrebte, da stießen die Männer, allen voran Pelanbang, die Unglückliche mit langen Bambusstangen unbarmherzig in das tiefere Wasser, bis sie den Boden unter den Füßen verlor.


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*

Auf eben demselben Gewässer, dessen unheimliche Bewohner jetzt vor gefräßiger Gier zitterten, fuhren vier Boote unter kräftigen Ruderschlägen stromaufwärts.

Zwei der Boote waren mit in Jagdkostümen gekleideten Herren, die anderen beiden mit Mädchen besetzt — der Besatzung unserer beiden Schiffe. Nur die eine Hälfte ruderte, die andere tauschten Bemerkungen über den wundervollen, tropischen Urwald aus, wie sie ihn in solcher Fülle noch nie gesehen hatten, und ließen sich dann von den mitgenommenen Malaien, welche alle professionelle Führer waren und daher englisch sprachen, die aus dem Walde hallenden Tierstimmen deuten.

In den Booten lagen noch Waffen und Teile von Zelten, welche bei einer eventuellen Jagdpartie von den Malaien getragen werden sollten, sodass man bequem im Walde kampieren konnte. Das Klima an der Küste, besonders an der Westküste von Malakka ist zwar sehr schädlich, dagegen ist das Innere der Insel frei von Fiebermiasmen, man kann straflos die Nächte im Freien verbringen.

Die Reisenden hatten von einer großen Brücke erzählen hören, welche über diesen Fluss führe und noch von den Ureinwohnern herstammen sollte, und um diese sich anzusehen, bewegten sie schon seit der frühesten Morgenstunde taktmäßig die Ruder.

Die Lords hatten den Vorschlag gemacht, sich hinrudern zu lassen, aber die Vestalinnen waren damit nicht einverstanden gewesen, und so hatten sich schließlich auch die englischen Herren dazu bequemen müssen, im Schweiße ihres Angesichts den Wasserweg zurückzulegen.

Mächtige Bäume beschatteten den Fluss, auf dem Wasser war es doch etwas kühler, und so war die Fahrt gerade keine unangenehme, wenn auch mancher Schweißtropfen über die braune Stirn perlte.

»Wie weit ist es noch bis zur Brücke?«, fragte Ellen den Malaien, der den anderen Führern befahl.

Der bis jetzt phlegmatisch dahockende Malaie hatte seit einiger Zeit scharf nach den Seiten und nach vorn gespäht, als suche er nach einem Merkmal, und daraus schloss Ellen, dass sie nicht mehr weit von dem Ziele entfernt seien.

»In einer Viertelstunde müssen wir sie erreichen, Herrin«, antwortete der Mann. »Biegen wir dort um die Ecke, so liegt sie dicht vor uns.«

Er deutete nach vorn, wo der Fluss mit einem Male aufzuhören schien, weil er eine scharfe Krümmung machte.

»Werden wir in der Nähe der Brücke übernachten?«, wurde Ellen von Miss Nikkerson gefragt, welche einen Verband um den Kopf trug. Der Streifschuss hatte nur eine leichte Verletzung erzeugt, in den letzten Tagen hatte sie etwas Wundfieber gehabt, aber sich jetzt schon so weit erholt, dass sie den Ausflug mitmachen konnte, ohne von ihren Freundinnen daran gehindert zu werden.

»Ist dort ein günstiger Platz, ja, wenn nicht, müssen wir uns einen anderen suchen«, war die Antwort. »Am liebsten wäre es mir, könnten wir in der Nähe eines Dorfes von Eingeborenen lagern, damit wir mit deren Sitten bekannt würden.«

»Nicht weit von der Brücke, an der rechten Seite des Flusses, liegt ein solches«, bemerkte der Führer, »es gehört einem Stamme, welcher zu den Indrargarris zählt.«

»Sind diese friedliebend?«

»Sie sind es. Ich kenne ihren Häuptling gut; sie werden Euch freundlich aufnehmen und Euch, wenn Ihr gewillt seid, morgen oder auch heute noch zu einer Jagd verhelfen.«

»Diese Eingeborenen hier leben doch nur von den Erträgnissen der Jagd«, meinte Ellen zweifelnd. »Sehen Sie es denn auch gern, wenn wir mit unseren sicheren Büchsen ihnen das Wild wegschießen?«

Der Malaie lächelte schlau.

»Ihr schießt das Wild nicht weg, Ihr schießt es für sie, denn das Fleisch gehört doch ihnen, Ihr könnt es nicht aufessen. Die Indrargarris haben keine Feuerwaffen. Mit ihren Pfeilen können sie nur notdürftig ihr Leben fristen. Die größeren Raubtiere, wie die Tiger, deren Fell zu besitzen ihr Stolz ist, sind für sie unerreichbar, und selbst der Hirsch muss erst mit ihren Pfeilen gespickt werden, ehe er verendet. Sie werden sich freuen, wenn ihr ihnen Fleisch verschafft, dass sie sich einmal den Magen bis zum Platzen füllen können.«

»Also Egoismus kennen diese Wilden auch!«, lachte Miss Thomson. »Nun das Vergnügen sollen sie einmal haben. Wenn sie sich den Magen verderben, ist es nicht unsere Schuld.«

Jetzt bog das erste Boot, in dem sich Ellen befand, um die vorhin bezeichnete Ecke, und wirklich bot sich ganz in der Nähe der steinerne Brückenbogen den Blicken der Damen dar.


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»Was ist denn das?«, rief das Mädchen. »Warum haben sich dort am Ufer die Eingeborenen versammelt?«

»Sie werden fischen«, entgegnete der Malaie und richtete seine Aufmerksamkeit der Menge zu, sprang dann aber plötzlich auf, legte die Hände über die Augen und spähte scharf hinüber.

»Nein«, rief er, »sie fischen nicht.«

Er wechselte mit den Malaien in den anderen Booten einige Worte in seiner Sprache und wandte sich wieder zu Ellen:

»Ihr werdet gleich ein seltenes Schauspiel zu sehen bekommen. Jemand von den Eingeborenen muss die Probe ablegen, ob er eines Vergehens schuldig ist.«

»Wieso?«

»Er muss durch den Fluss schwimmen. Wird er dabei von den Kaimanen gefressen, so ist er schuldig und stirbt den verdienten Tod, ist er aber unschuldig, so tun ihm die Bestien nichts.«

Alle, welche diese Worte gehört hatten, brachen in Ruft der Entrüstung aus; schaudernd betrachteten sie die Köpfe der Kaimane, welche überall an dem Flussrande auftauchten.

»In die Riemen gelegt«, rief Ellen, »vielleicht kommen wir noch nicht zu spät, um solch eine barbarische Justiz verhindern zu können.«

Auch die Insassen der anderen Boote waren von den Malaien über die Handlung aufgeklärt worden, welche die Eingeborenen vornahmen, und alle bewegten die Riemen kräftig, um womöglich hinzugelangen, bevor die Kaimane ihr Opfer verschlungen hatten.

»Seht Euch vor«, warnte der erste Führer, »die Indrargarris sind friedliebend, aber sie wollen von Fremden nicht in der Ausübung ihrer Sitten gestört sein.«

Sein Ausspruch blieb unbeachtet, schnell schossen die Boote durchs Wasser.

»Entsetzlich!«, rief Ellen und sprang auf. »Sie versuchen, ein Mädchen mit Bambusstangen ins Wasser zu stoßen, es wehrt sich, aber es nützt nichts, immer weiter wird es in die Mitte gedrängt — ich kann schon die Kaimane sehen ...«

Einige Schüsse unterbrachen die kurz hervorgestoßenen Worte Ellens, denen die Ruderer, welcher der Szene den Rücken wandten, gelauscht hatten — das Mädchen selbst hatte eine Büchse in die Luft abgefeuert, um die Aufmerksamkeit der Eingeborenen, welche die Boote noch gar nicht gesehen hatten, auf sich zu lenken.

Erschrocken drehten die Indrargarris die Köpfe nach der Richtung, wo die Schüsse gefallen waren, und mit Freude sah Ellen, wie das Mädchen die Überraschung der Männer dazu benutzte, das Ufer wiederzugewinnen, woran nur einer es hindern wollte, den es aber mit aller Kraft der Verzweiflung von sich stieß.

Eine Minute später lagen die Boote an der Brücke, und die Ruderer sprangen ans Ufer.

Schnell hatten sich die Malaien erkundigt, um was es sich handle, und als die Herren und Damen davon erfuhren, entstand eine allgemeine Entrüstung.

»Wir nehmen die Frau unter unseren Schutz«, rief Ellen, »sag das dem Häuptling! Es darf ihr kein Haar mehr gekrümmt werden.«

»Mischt Euch nicht in die Angelegenheiten dieser Leute!«, meinte der Malaie finster, »Ihr habt kein Recht dazu.«

»So nehmen wir es uns, geh hin und sage es ihnen! So lange wir hier sind, ist das Leben der Frau gesichert, und wird uns nicht gehorcht, geben sie ihr Vorhaben nicht auf, dann ...«, und Ellen schlug mit der Hand auf den Lauf der Büchse, auf die sie sich stützte.

Die Eingeborenen dachten vorläufig nicht mehr daran, die Zauberin ins Wasser zu stoßen, selbst Pelanbang unterließ es. Mehr ängstlich, als zornig, betrachteten sie die 54 Weißen, welche an sie den Befehl ergehen ließen, in ihrem Tun einzuhalten. Umsonst trugen sie wahrscheinlich die großen Büchsen und Revolver nicht bei sich.

Die Indrargarris hatten schon oft Gelegenheit gehabt, die furchtbare Wirkung der Feuerwaffen, wenn auch noch nicht an sich selbst, kennen zu lernen.

Buwenna hatte gehört, dass die ankommenden Fremdlinge für sie eintreten, sie beschützen wollten, ein Hoffnungsstrahl leuchtete in ihrem Herzen auf, sie blickte um sich, ob sie jemand hindern würde, wenn sie sich mit einigen Sprüngen zu der Gesellschaft flüchten würde, in deren Mitte sie sich sicher wusste.

Alle umstanden den dolmetschenden Malaien, nur Pelanbang nicht, der eine Ahnung von dem haben mochte, was in der Seele der von ihm Angeschuldigten vorging, die er hasste, weil sie ihn verschmäht und einen anderen, seinen Feind, zum Manne genommen hatte, und der sie deshalb unausgesetzt beobachtete und auf dem Sprunge stand, einen Fluchtversuch zu vereiteln.

Nur diesem musste Buwenna zu entkommen suchen, dann war sie gerettet.

Plötzlich duckte sie sich zusammen und floh mit großen Sprüngen der etwa zwanzig Meter entfernten Gesellschaft zu, aber so schnell sie auch rannte, Pelanbang war schneller als sie — auf der Hälfte des Weges hatte er sie erreicht, umfasste sie von hinten, und im nächsten Moment blitzte ein Messer in seiner Hand, um es der Verhassten in den Rücken zu stoßen.

Da aber geschah etwas, was niemand erwartet hatte und was der ganzen Szene eine furchtbare Wendung gab.

Wie schon früher mitgeteilt wurde, nahm Jamyhla, die Dahomey, bei den Vestalinnen nicht die Stelle einer befreiten Sklavin ein, sondern wurde von ihnen wie eine befreite Gefährtin betrachtet und schloss sich öfter bei Ausflügen den Mädchen an. Sie war still und zurückhaltend, aber schon hatte sie den Vestalinnen große Dienste geleistet, und alle liebten diese Genossin, welche stets bereit war, ihr Leben für das ihrer Retterinnen aufs Spiel zu setzen.

Die Mädchen stießen einen Ruf des Entsetzens aus, als sie den unvermeidlichen Tod des Weibes vor Augen sahen, die Männer rissen die Büchsen hoch, aber es wäre doch zu spät gewesen, den zum Stoß erhobenen Arm des Eingeborenen unschädlich zu machen, wenn nicht in demselben Augenblicke, da Pelanbang der Flüchtigen nachsetzte, Jamyhla gleich einem vom Bogen geschnellten Pfeil vorgestürzt wäre und die beiden eben erreicht hätte, als Pelanbang den Arm senkte.

Die Finger, welche sich um sein Handgelenk und um seinen Hals legten, ließen die Knochen knacken; gegen dieses muskulöse Weib, welches von Jugend auf zum Kampf erzogen war, war der schmächtige Indrargarri wie ein Kind, stöhnend schloss er die Augen, ließ das Messer fallen und wäre, schon jetzt fast erdrosselt, zu Boden gesunken, wenn ihn Jamyhla nicht gehalten hätte.

Die Kampfeswut, welche schon lange in der Dahomey geschlummert, war plötzlich wieder erwacht, sie konnte sich nicht damit begnügen, das junge Weib befreit zu haben, sie fühlte, wie ihre Muskeln schwollen, wie ihre wilde Kraft ungebändigt wieder hervorbrach, und plötzlich hob sie den gepackten Eingeborenen wie ein Spielzeug empor und schleuderte ihn mit mächtigem Schwunge mitten in den Fluss, dass das Wasser aufspritzte.


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In demselben entstand ein Rasseln und Plätschern, ein Knacken und Schnappen; ein entsetzlicher Weheschrei gellte noch einmal durch die Luft, dann schwammen die Kaimane durch das von Blut gerötete Wasser und verschlangen auf der Sandbank die erbeuteten Stücke des zerrissenen Körpers.

»Das war ein Gottesurteil«, sagte Ellen leise, als sich die Aufregung, die sich beim Anschauen dieser Szene aller bemächtigt, gelegt hatte. »Dieser Mann ist es gewesen, der das Weib der Zauberei beschuldigt und sie zur Beute der Kaimane bestimmt hatte.«

Die Indrargarris selbst waren vor Schrecken stumm, eine furchtbare Angst hatte sich ihrer bemächtigt, auch sie glaubten jetzt, dass Buwenna, welche sich schon in der Mitte der Mädchen befand, unschuldig war. Wenn es nicht so gewesen, dann wären die Fremdlinge nicht gekommen und hätten das Gericht nicht gestört — sie waren von den Göttern geschickt worden.

Ellen ließ sich von dem Dolmetscher ausführlich erzählen, warum Buwenna der Zauberei angeschuldigt wurden war, und sie fühlte eher Mitleid, als Zorn mit diesen unwissenden Eingeborenen.

»Es wird ein Schlaganfall gewesen sein, der den Indrargarri so plötzlich getötet hat«, meinte sie.

»Wir wollen fragen, ob wir das Dorf besichtigen können«, meinte einer der Herren, »dann bekommen wir vielleicht auch den Toten zu sehen, und uns ist es doch leichter möglich als den Eingeborenen, zu beurteilen, ob der Mann eines natürlichen Todes gestorben ist oder ob sein Weib ihn vergiftet hat.«

»Was brauchen wir da erst zu fragen?«, entgegnete Ellen, und auch die Übrigen stimmten ihr bei. »Wir wenden uns direkt dem Dorfe zu. Die Wilden scheinen einen ungeheuren Respekt vor uns bekommen zu haben.«

Sie ließen die Boote unter Aufsicht einiger Malaien zurück und machten sich auf den Weg nach dem Dorfe, wobei sie von den Eingeborenen begleitet wurden. Die Herren suchten sich freundlich mit diesen zu beschäftigen, und wirklich gelang es ihnen auch, besonders durch einige Hände voll Tabak, deren Furcht und Zurückhaltung nach und nach zu beseitigen.

Als sie nach einem kleinen Marsche das Dorf erreicht hatten, zeigten die Indrargarris keine Spur von Misstrauen mehr gegen die weißen Männer und Frauen. Die alten Weiber, welche die Bahre umstanden, auf der noch immer der Tote in seiner alten Stellung lag, flüchteten schreiend die Leitern hinauf, als sich der große Zug ins Dorf hineinbewegte; sie glaubten nicht anders, als dass die bewaffneten Fremdlinge in der bösen Absicht kämen, ihnen das Wenige, was sie besaßen, auch noch zu nehmen.

Alle scharten sich um den Toten und ließen sich noch einmal von dem Malaien verdolmetschen, auf welch seltsame Weise er plötzlich dahingeschieden war.

»Er ist ohne allen Zweifel an einem Schlagfluss gestorben«, meinte Ellen, »den Leuten hier ist das wahrscheinlich etwas Neues, und so glauben sie nun gleich an Hexerei.«

»Aber der Trank kann ihn auch vergiftet haben«, warf ein anderer zweifelnd ein.

Als Buwenna erfuhr, dass selbst ihre Retter nicht frei von Zweifel waren, ihr Trank hätte ihrem Manne das Leben genommen, brach sie in Tränen aus und versicherte wieder und wieder, dass der Saft der von ihr gesammelten Wurzeln ganz schadlos sei, vielmehr gegen jede Krankheit helfe.

Der einzige, welcher mit seiner Meinung völlig zurückhielt, war John Davids. Ernst, wie immer, stand er dicht vor der Bahre und betrachtete unausgesetzt den Toten, legte die Hand auf dessen Brust, bewegte die steifen Glieder, fand aber nichts, was ihm etwas anderes als den eingetretenen Tod anzeigte.

»Hast du noch solche Wurzeln?«, fragte er das Mädchen.

Buwenna bejahte und wurde aufgefordert, sie zu holen, ebenso den übriggebliebenen Trank.

»Die Wurzeln enthalten kein Gift«, erklärte Davids nach Besichtigung derselben, »ich kenne sie. Der Saft ist allerdings eine Art von Medizin, er übt auf die Nerven eine erfrischende Wirkung aus, zu reichlich genossen regt er sie aber so auf, dass dann eine große Erschlaffung eintritt.«

»Sind Sie Arzt?«, fragte eine der Damen lächelnd.

Davids beachtete die Frage nicht, sondern ließ sich von Buwenna noch einmal ganz genau erzählen, wie sich ihr Mann gestern Abend verhalten hatte, wie viele Wurzeln sie ausgekocht und wie viel er von dem Safte getrunken habe, wie er sich heute Morgen befunden und so weiter.

Dann untersuchte er nochmals den Toten, legte das Ohr auf dessen Brust, suchte den Mund zu schließen, was ihm nicht gelang, brachte dann ein Brennglas zum Vorschein und konzentrierte damit die Sonnenstrahlen auf die Fußsohle, bis die Haut versengte, ohne dass etwas Auffälliges geschah.

»Glauben Sie denn nicht, dass er tot ist?«, fragte Ellen, die ebenso, wie alle anderen, über das sonderbare Benehmen Davids erstaunt war.

Dieser zuckte mit den Achseln.

»Er scheint allerdings tot zu sein«, sagte er ausweichend, »doch wir werden uns gleich davon überzeugen.«

Er zog ein Besteck hervor, in dem sich Scheren und Messer befanden, und nahm eins davon.

»Was wollen Sie machen?«, fragte Harrlington.

»Sehen, ob er wirklich tot ist, ob sich das Blut zersetzt hat«, entgegnete Davids und fuhr mit dem haarscharfen Messerchen über das Handgelenk des Toten.

Sofort quoll ein dicker, dunkelroter, fast schwarz aussehender Blutstrom hervor.

»Er ist nicht tot«, rief Davids, »er lebt.«


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Sofort ließ er die Bahre aus der Sonne in den Schatten tragen, und da die Eingeborenen, denen es immer unheimlicher wurde, nicht dazu zu bewegen waren, Hand an den Toten zu legen, so bat Davids einzelne der Engländer, ihm Hilfe zu leisten.

Der Indrargarri wurde mit Wasser begossen, geknetet, gerieben und seine Glieder hin- und herbewegt, ohne dass Davids den Versuch machte, das noch immer fließende Blut zu stillen. Dieses wurde nach und nach immer heller, es begann immer schneller zu fließen, und im gleichen Verhältnis ließen sich auch alle Glieder leichter bewegen, ja, es schien sogar manchmal, als mache der Tote einige Bewegungen.

»Der Herzschlag kehrt wieder«, sagte Davids, hob den Kopf, den er fast immer auf der Brust des Mannes liegen gehabt hatte, und machte mit Hilfe einiger Taschentücher einen Verband, legte diesen an den Oberarm des Eingeborenen an, zog sie fest, und das Blut, welches schon eine ganz natürliche Farbe angenommen hatte, hörte auf zu fließen.

Jetzt war kein Zweifel mehr, der Tote wurde wieder lebendig. Er schloss den Mund von selbst, ebenso die Augen, machte die Fäuste auf, und schon konnte man ein leises Heben und Senken des Brustkastens wahrnehmen.

Davids ordnete noch an, dass man mit dem Kneten fortfahren sollte und sagte dann:

»Hätten die alten Weiber, statt sich selbst zu zerfleischen, den Mann mit den Messern geritzt, so wäre er bald wieder aus dem Scheintode erwacht.«

* * * * *

II.26. Der Amokläufer

Das Dorf der Indrargarris hatte sich vergrößert, noch acht Leinwandzelte erhoben sich auf der Lichtung, in die sich unsere Gesellschaft zum Schlafen für die Nacht verteilt hatte.

Die Sonne neigte sich noch nicht zum Untergange, aber schon waren die Herren und Mädchen von einem Jagdausflug zurückgekehrt, den sie unter Führung und in Begleitung der Eingeborenen unternommen hatten. Letztere hatten noch mehr Ehrfurcht vor den weißen Fremdlingen bekommen, deren energisches Eintreten für Buwenna, welche ihr Glück im Innern der Hütte verbarg, das Wiedererwecken des toten Kriegers schon hatte ihnen gesagt, wie mächtig diese Fremdlinge sein mussten, und nun gar auf der Jagd hatte sich die Bewunderung für sie bis ins Grenzenlose gesteigert.

Die Umgebung des Dorfes war reichlich mit Wild gesegnet, aber es war doch nicht so leicht, den schnellen Hirsch mitten im Laufe mit dem Pfeile zu treffen, dass er nicht erst weiterfloh, der Kampf mit dem Spieße um das Wildschwein blieb immer sehr gefährlich, und den größeren Raubtieren gingen die Eingeborenen stets lieber aus dem Wege; diese Fremden dagegen schienen den Tod in den Rohren ihrer Büchsen zu führen. Was ihnen vor die Augen kam, das fiel, von der sicheren Kugel getroffen, der Hirsch sowohl wie der Tiger.

Die Tiere waren abgehäutet, die Weißen hatten die besten Stücke Fleisch und die Felle für sich behalten, und alles übrige den Eingeborenen überlassen, welche die saftigen Hirschkeulen an mächtigen Feuern brieten, und auch die Gäste bereiteten sich aus dem erlegten Wilde ihre Abend- und Hauptmahlzeit, nicht viel anders, als die Indrargarris, nur dass sie das Fleisch nicht aus Gier noch halb roh verschlangen.

»Es ist ganz idyllisch, so im Freien am Boden zu sitzen, das Fleisch am Spieße zu braten, anstatt von Porzellantellern von Baumrinden zu speisen, und als Essgerät das Jagdmesser und die Hand zu gebrauchen«, meinte Charles zu seiner Nachbarin, »es erinnert mich an die Picknicks, welche Lord Hastings und ich immer in Richmond arrangierten, nur dass es dabei an Bier nicht fehlte. Es ist jammerschade, dass wir dieses mitzunehmen unterlassen haben. Das Flusswasser hier schmeckt mir nicht.«

»Nicht?«, fragte Hendricks erstaunt. »Mir schmeckt es sehr gut, es hat einen so lieblichen Beigeschmack nach Kaimanen und Fröschen.«

»Kräftig ist es jedenfalls«, versicherte Charles, »vorhin bekam ich beim Trinken etwas zwischen die Zähne, und was war das? Eine eben aus dem Ei gekrochene Schildkröte.«

»Seien Sie still«, lachte Miss Thomson, »Sie verderben mir den ganzen Appetit. Es schmeckt mir schon nicht mehr, wenn ich dort die gefräßigen Indrargarris ansehe, wie sie in das halbrohe Fleisch beißen, dass ihnen das Blut an der Seite herunterläuft. Brrr!«

»Ländlich, sittlich«, entgegnete Chaushilm, »meine Leibspeise sind zum Beispiel Austern und Schnecken, und wir schlucken diese Tiere doch auch noch lebend hinunter.«

»Und der Käse ist verfaulter Quark«, stimmte Lord Hastings bei, der an einem großen Knochen herumarbeitete.

»Kennen Sie die Geschichte von den Austern, denen es nirgends gefiel?«, fragte Charles Miss Thomson.

»Ich will sie gar nicht hören«, lachte diese, »ihre Geschichten sind immer ganz grässlicher Art. Aber sagen Sie, was macht denn Lord Harrlington für ein verstimmtes Gesicht?«

Derselbe saß an einem anderen Feuer, an dem sich auch Miss Petersen und Miss Morgan niedergelassen hatten, und zog eine sehr ernste Miene. Er schien seine ganze Aufmerksamkeit auf den vor ihm stehenden Rindenteller mit Fleischstücken zu konzentrieren.

»Lord Harrlington geniert sich«, meinte Charles. »Er ist ein Gentleman durch und durch und vergeht fast vor Scham, in Damengesellschaft mit den Fingern essen zu müssen. Ich bin da anders, ich liebe überhaupt die mohammedanischen Sitten sehr.«

»Lassen Sie die Späße! Mir ist es wirklich aufgefallen, dass Lord Harrlington sich seit einiger Zeit geändert hat. Er war zwar immer ernster, als Sie, Sir Williams, konnte aber doch auch heiter sein. Jetzt dagegen ist er so still und zurückhaltend, als hätte er etwas auf dem Herzen. Ich fühle wirklich Mitleid mit ihm.«

»Der glückliche Harrlington!«, seufzte Charles. »Ich werde niemals bedauert, und auch dann nicht, wenn ich statt dieses Hirschrückens am Spieße gedreht würde.«

Die Mahlzeit wurde sobald als möglich aufgehoben; die Herren und Damen standen auf, gingen auf der Lichtung spazieren und besichtigten die Hütten und elenden Gerätschaften der Eingeborenen, die noch lange an den Feuern sitzen blieben und sich der Völlerei hingaben. Die Malaien hatten sich ebenfalls versammelt, hockten am Boden nieder und begannen ein Spiel mit kleinen Steinchen, welches unter ihnen sehr beliebt ist.

Die als Führer mitgenommenen Malaien waren Eingeborene von der Westküste, zu dem Stamme der OrangMaluja gehörend.

Die OrangMaluja, was auf deutsch etwa soviel als Herumschwärmer bedeutet, und als welche früher einmal alle Malaien, jetzt aber nur noch ein Stamm auf Malakka bezeichnet wird, sind die heißblütigsten Malaien.

Nur wer selbst Gelegenheit gehabt hat, mit solchen zusammenzukommen, hat einen Begriff davon, welcher Wildheit, welcher Wut diese Menschen fähig sind. Schon die kleinste Beleidigung, ein missverstandenes Wort, veranlasst sie, zum Dolche zu greifen, und sie geben nicht eher nach, als bis sie die Waffe dem Beleidiger ins Herz gestoßen haben oder selbst getötet worden sind.

Und die OrangMaluja übertreffen alle ihre Stammesgefährten an Jähzorn.

Mehrere der Herren und Damen hatten sich um die Gruppe der Spieler geschart, von denen je zwei sich gegenüber saßen und ihr gewöhnliches Spiel abwechselnd trieben.

Es ist dasselbe, welches auch bei uns die Kinder spielen: Der eine nimmt einen Stein, legt die Hände auf den Rücken, bringt in eine derselben den Stein, zieht die Hände wieder vor und fragt nun: Rechts oder links?

Ratet der Andere die Hand, in welcher der Stein ist, so hat er gewonnen, im anderen Falle verloren.

Zwei der Spieler erregten die besondere Aufmerksamkeit der Zuschauer, es waren der Anführer und ein großer, starker Malaie, welche beide mit einer ganz besonderen Leidenschaft spielten.

Jeder hatte vor sich einen Haufen Silber- und Kupfermünzen liegen, ihr ganzes Vermögen, das sie immer bei sich in dem um den Leib gewickelten Tuche trugen. Der Anführer hatte ein pfiffiges Gesicht, welches sich immer vollkommen gleich blieb, während der Große, obgleich er offenere Züge besaß, mit der größten Leidenschaft spielte. Bei jedem Gewinn strahlte er vor Vergnügen, bei jedem Verluste wurde er finster, und seine Augen blitzten unheimlich auf.

Der Anführer verlor mehr, als er gewann, sein Geldhaufen schmolz immer mehr zusammen, dennoch aber behielt er sein schlaues Lächeln bei; der Andere dagegen war so gierig, dass er, wenn er doch einmal falsch riet und einige Kupfermünzen bezahlen musste oder gar ein schon gewonnenes Silberstück wieder wechseln ließ, in Verwünschungen und Klagen über sein Unglück ausbrach.

»Links«, sagte der Große wieder.

Des Anführers letzte Kupfermünze ging in des anderen Besitz über, sein Geld schien erschöpft.

»Hast du nichts mehr?«, fragte der Große.

»Nein. Wollen wir um die Kleider spielen?«

Die spielenden Malaien hören nicht eher auf, als bis sie das Letzte, ja, bis sie ihre Frau, Kinder und schließlich sich selbst verloren haben.

»Hast du wirklich nichts mehr?«, fragte der Große und blickte seinen Gefährten misstrauisch an, der doch von den Fremden mit Goldstücken bezahlt worden war.

Der Malaie mit den schlauen Augen zog ein Goldstück hervor und wog es nachdenkend in der Hand.

»Ein Goldstück habe ich noch«, sagte er, »aber darum spiele ich nicht, ich könnte es verlieren.«

»Ich will es dir wechseln, wenn du verlierst«, sagte der Andere schnell, die Augen gierig auf das Goldstück geheftet.

»Das kannst du nicht, deine Münzen langen nicht zum Wechseln. Zähle sie!«

Er hatte recht, es fehlten noch einige Silbermünzen an dem Geldhaufen des Großen, um den Wert des Goldstückes zu erreichen.

Nachdenklich blickte der Große vor sich hin, dann griff er zögernd an seine Brust, drehte sich mit dem Oberkörper um und brachte ein Beutelchen zum Vorschein, dem er ein Goldstück entnahm.

Da er dem Anführer den Rücken wandte, um seinen eigentlichen Schatz nicht sehen zu lassen, so bemerkte er nicht, wie dessen Augen heiß aufflammten.

»Hier ist ein Goldstück«, sagte der Große, »es ist ebenso viel wert wie dies. Links oder rechts?«

»Rechts!«, antwortete der Anführer sofort und hatte verloren.

Aber wieder griff er in den Leibgurt und brachte diesmal zwei Goldmünzen hervor.

»Zwei gegen zwei, willst du?«, fragte er.

»Ich will«, entgegnete der Große, vor Aufregung zitternd, »links!«

Der Stein war rechts gewesen, er hatte beide Goldstücke verloren, darunter auch sein eigenes, den Verdienst von einigen Wochen!

Schnell aber wandte er sich wieder um, und als er sich zurückdrehte, hatte er vier Goldstücke in der Hand.

»Noch einmal«, rief er mit heiserer Stimme, »alle vier.«

Jetzt kam der Anführer dran, er hatte bis jetzt immer schlecht geraten, aber absichtlich. Er war ein besserer Spieler, weil er ruhiger als sein Genosse blieb, denn zu diesem Spiel gehört auch eine gewisse Aufmerksamkeit, es ist nicht nur ein bloßes Raten, sondern aus der Gewohnheit, ob der Andere den Stein immer wechselt oder immer in einer Hand behält, aus seinem Mienenspiel, aus dem Zittern der betreffenden Hand kann der geschickte und geübte Spieler erraten, wo er sich befindet.

Der Anführer wollte seinen Gefährten nur erst in Aufregung bringen, ihn gewinnen lassen, um ihn immer gieriger zu machen, und dann erst beginnen, ihm ein Goldstück nach dem anderen abzunehmen.

»Links oder rechts?«

Der Anführer blieb lange die Antwort schuldig, er blickte dem Gegenüber starr in die Augen, musterte dessen Züge und betrachtete sorgfältig die vorgehaltenen, krampfhaft geballten Hände.

»Rechts.«

Ein Wutschrei entrang sich den Lippen des Verlierers, heftig warf er dem Gewinner die vier Goldstücke vor die Füße, hatte aber sofort wieder fünf Goldstücke in der Hand, und jetzt scheute er sich nicht mehr, das Beutelchen zu zeigen.

Es war leer. Der Malaie gab das letzte Geld in der Hoffnung hin, mit diesem Einsatz nach und nach alles zurückzugewinnen, sonst war er ein armer Mann.

Der Anführer hielt seine Hände lange auf dem Rücken, ohne von dem anderen aus dem Auge gelassen zu werden, dann streckte er die Fäuste schnell vor und fragte:

»Links oder rechts?«

Lange war der Große unschlüssig, er sah kein Zeichen, das ihm die betreffende Hand verriet. Die Züge des Malaien waren, wie immer, pfiffig, aber bewegungslos, und die Fäuste ganz gleichmäßig geschlossen.

»Links«, stieß endlich der Große hervor, vor Aufregung an allen Gliedern zitternd.

Der Malaie öffnete nicht die linke Hand, sondern die rechte — die andere ließ er geschlossen zu Boden sinken — und zeigte triumphierend die rechte Hand, in welcher der Stein lag.

»Verloren!«, rief er, »her mit dem Geld! Um was spielen wir jetzt, oder willst du nicht mehr?«

Der Gefragte antwortete keine Silbe, stier blickte er auf des anderen linke Hand, die noch immer geschlossen am Boden lag.

»Zeige mir diese Hand her«, flüsterte er heiser.

»Warum?«, fragte der Anführer kalt.

»Zeige sie her!«, schrie der Malaie jetzt wild auf.

Der Anführer ließ mit einer geschickten Bewegung einen Stein aus der Hand gleiten und zeigte sie so jetzt dem anderen.

Aber so unmerklich dieses Manöver auch ausgeführt worden war, dem scharfen Auge des Großen war es doch nicht entgangen.

»Sohn einer Hündin«, brüllte er auf und griff nach dem Dolch, »du hast falsch gespielt!«

Alle anderen Malaien waren erschrocken emporgesprungen und eilten auf den Wütenden zu, welcher sich allem Anschein nach im nächsten Augenblick auf den Falschspieler stürzen musste, um ihn für seine Gaunerei mit dem Dolch zu bestrafen; plötzlich nahmen aber die Züge des Wütenden einen seltsamen Ausdruck an, die Augen wurden starr, die Lippen pressten sich fest zusammen, und ehe die umstehenden Herren und Damen eine Ahnung davon hatten, was vorging, schnellte er vom Boden auf, den blitzenden Dolch in der erhobenen Hand, Schaum vor dem Munde, und — stürzte sich nicht auf sein Opfer, sondern eilte in rasendem Lauf zur Seite, über die Lichtung, gerade nach den Zelten zu.

»Amok!«, schrieen die Malaien und sprangen mit allen Zeichen des Entsetzens auf. »Schießt ihn nieder!«

Niemand von der Gesellschaft wusste, was dieser Ausruf zu bedeuten hatte, sie hörten ihn zum ersten Male. Sprachlos vor Staunen blickten sie dem Manne nach, der in großen Sätzen an ihnen vorübergeflogen war und jetzt die Zelte erreicht hatte, immer noch den Dolch hoch erhoben. ›Amok‹ ist ein malaiisches Wort und bedeutet eine Krankheit, welche unter den Malaien, aber nur unter diesem Volk, auftritt und so eigentümlich ist, dass sie selbst von den Gelehrten als eine ganz besondere Art des Wahnsinns aufgefasst worden ist.


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Es ist eine Tollwut, sie tritt ein, wenn das Gemüt des Malaien ungeheuer erregt wird; nicht eine wilde Leidenschaft selbst ist es, sondern nur die Folge einer solchen. Der Malaie kann, wie schon gesagt wurde, sehr leicht erregt werden, und je nachdem er leidenschaftlicher oder ruhiger angelegt ist, desto mehr oder weniger ist er zu dieser Krankheit, dem Amok, disponiert.

Bei dem einen genügt schon ein beleidigendes Wort, um ihn zum Amok zu reizen, der Andere muss sich erst stundenlang in Aufregung befunden haben, ehe sich seine Gedanken verdunkeln, ehe er nichts mehr von sich und seiner Umgebung weiß, dann aber erwacht in ihm eine furchtbare Art von Mordlust, die sich aber nicht gerade auf denjenigen erstreckt, der die Veranlassung dazu gegeben hat.

Er springt auf, fasst seinen Dolch und beginnt zu laufen, alles ihm Begegnende mordend, ohne in seinem Rennen einzuhalten und ohne selbst auf seine Sicherheit bedacht zu sein. Der Amokläufer ist vollständig blind, er rennt ebenso in die ihm vorgehaltenen Bajonette hinein, wie er auch seinen Fuß nicht vor einem Abgrund hemmt, und infolgedessen geht der, welcher vom Amok befallen wird, regelmäßig zu Grunde. Entweder zerschmettert er seinen Kopf an irgend etwas, oder er zerschellt in der Tiefe, oder aber er läuft auf freiem Felde so lange, bis er zusammenbricht und an den Folgen der furchtbaren Aufregung, an einem Gehirnschlag stirbt.

Die Holländer haben wegen dieser Amokläufer auf Java förmliche Gesetze aufgestellt, sie sind nicht nur vogelfrei, das heißt, ein jeder ist nicht nur berechtigt, den Amokläufer zu töten, sondern ist sogar verpflichtet, auf den an ihm vorüberrennenden Amokläufer zu schießen. Das Merkwürdigste ist, dass der Amokläufer nicht auf eine Person zurennt und sie tötet, sondern seinen Weg immer geradeaus nimmt und nur den mordet, mit dem er zusammenstößt.

Was für Unheil ein solcher Malaie anrichten kann, ist beispiellos. Den Dolch in der erhobenen Hand, die Augen stier geradeaus gerichtet, Schaum vor dem Munde, so fliegt er durch die Straßen und teilt links und rechts Stiche aus und hält nicht eher ein, als bis er erschöpft zusammenbricht oder seinem Leben gewaltsam ein Ende gemacht worden ist.

Interessant ist es vielleicht auch, zu wissen, dass nach deutschen Seegesetzen alle Vertreter der Völker auf Erden an Bord eines deutschen Schiffes als Matrosen fahren dürfen, seien es Neger, Eingeborene von Australien, Inder oder Chinesen, nur der Malaie ist davon ausgeschlossen, und zwar eben wegen dieser Tobsucht. Es ist schon vorgekommen, dass ein Malaie, der als Matrose fuhr, wegen eines kleinen Streites plötzlich vom Amok befallen wurde, und ehe nur jemand an Abwehr denken konnte, die ganze, ahnungslose Schiffsbesatzung abgeschlachtet hat. —

Zwischen den Zelten standen die englischen Lords und die Damen in Gruppen umher und plauderten.

Die Nacht begann anzubrechen, der Mond war aufgegangen und warf einen gelben Schein auf die Landschaft, der Wald rauschte eine leise Melodie, und süßer Duft drang aus den dichten Büschen hervor, fast zu berauschend für die Sinne der weißen Fremdlinge, welche die würzige Luft kaum einzuatmen wagten. Die Eingeborenen waren an den Zauber dieser Abende gewöhnt, sie lagen vor ihren Hütten und rauchten den geschenkten Tabak; sonst würden sie sich sicher schon zurückgezogen haben, um wenigstens einigermaßen vor dem hungernden Tiger sicher zu sein, aber in der Gegenwart solcher Gäste, deren Treffsicherheit sie heute kennen gelernt hatten, fühlten sie sich vollkommen sicher.

Lord Harrlington stand etwas abseits von den Zelten unter einem Baume, dessen dichtbelaubte Zweige so weit herabhingen, dass sie eine Art von Laube bildeten, lehnte mit dem Rücken an dem Stamm und lauschte dem Zirpen einer Grille, die oben in den Ästen ihr Nachtliedchen sang.

»Eine wunderschöne Nacht, Lord«, sagte plötzlich hinter ihm eine weiche Stimme, »ist es hier nicht gerade wie im Paradies?«

Harrlington hatte sich hastig umgewandt, er blickte in die träumerischen Augen von Miss Sarah Morgan, die, unbemerkt von ihm, ebenfalls unter den Baum getreten war.


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Er hatte bis jetzt vermieden, mit ihr zu sprechen; nur die nötigsten Worte, welche der Anstand erforderte, waren zwischen ihnen gewechselt worden, und Harrlington hatte immer versucht, der neuen Vestalin aus dem Wege zu gehen, ohne dass sich Miss Morgan bemüht hätte, ihn aufzusuchen.

Das war das erste Mal, dass beide sich allein gegenüberstanden.

Als Harrlington schwieg, fuhr sie mit weicher, schmelzender Stimme fort:

»Warum sind doch die Gaben der Natur auf der Erde so ungleich verteilt? Hier atmet alles Wärme, Duft, Liebe und Schönheit, was bietet dagegen unser kalter Norden?«

»Er ist mir in vieler Beziehung lieber«, sagte Lord Harrlington ruhig, »und vor allen Dingen, an Schönheiten ist er reicher. Diese üppigen Bilder bekommt man, glaube ich wenigstens für meinen Teil, leicht überdrüssig, und tritt hier erst die Regenzeit ein, hat sich alles in Sumpf und Morast verwandelt, so würden auch Sie anders denken. Bei uns dagegen hat der Sommer, wie auch der Winter seine Schönheiten, und was ist lieblicher, als der Übergang zwischen beiden? Der Frühling, wenn das neue Leben überall an den Bäumen und Büschen hervorbricht, und der Herbst, wenn der Wald sein buntes Kleid anzieht, welches an Farbenpracht es mit jeder tropischen Flora aufnehmen kann.«

Beide schwiegen längere Zeit. Miss Morgan hatte gar nicht beabsichtigt, ein Gespräch über dieses Thema anzufangen, ihre Frage sollte nur die Einleitung zu einem Gespräch werden, und sie war über die Antwort des Lords unwillig, welche sie ganz anders erwartet hatte.

»So lieben Sie den Norden mehr als den Süden?« begann sie wieder und stellte sich so dicht neben Harrlington, dass ihr Gewand diesen streifte.

»Allerdings«, entgegnete er, »ich liebe sogar den Winter und die Kälte, sie gibt mir mehr Lebensmut als die Wärme, welche den Menschen nur zu leicht entnervt und energielos macht.«

»Aber warum haben Sie denn diese Reise unternommen, welche Sie doch fast nur in tropische Gegenden führt? Warum sind Sie denn nicht in Ihrem kalten England geblieben?«

Harrlington sah sinnend vor sich nieder, ihm wurde mit einem Male klar, wo hinaus die Fragerin wollte.

»Warum?«, erwiderte er. »Es dürfte Ihnen als Vestalin doch nicht unbekannt sein, aus welchem Grunde wir diese Reise angetreten haben. Unser Entschluss damals beim Antritt der Fahrt war, den Mädchen, welche sich übermütig auf das Meer hinausbegaben, in Gefahren beizustehen. Sie waren uns ja alle nicht fremd, wir hatten schon Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen, und als die erste Nachricht von ihrem Unternehmen zu uns drang, da waren wir uns sofort darüber einig, sie zu begleiten. Wir haben bis jetzt alles getan, was in unseren Kräften stand, und werden es auch noch fernerhin zu tun suchen.«

Es klang etwas spöttisch, als Miss Morgan zu dem Lord sagte:

»So wären Sie alle nur einem ritterlichen Gefühl gefolgt, als Sie sich zu Beschützern der ›Vesta‹ aufschwangen? Ich glaube, Lord, Sie sprechen doch nicht ganz offen.«

»Wo hinaus will sie?«, dachte Harrlington. »Weiß sie nicht, wie es zwischen Ellen und mir steht? Warum stellt sie solche Fragen, welche mir unangenehm sind, und die sie selbst am besten beantworten könnte?«

Und laut sagte er:

»Warum soll ich es Ihnen verhehlen, Miss Morgan? Ja, es gibt einige unter uns, welche nicht nur aus bloßem Zeitvertreib oder nur aus Galanterie dem Damenschiff folgen. Eine tiefere Neigung zwingt uns, über das Leben der Damen zu wachen.«

»Ich wusste es«, lächelte das Mädchen, »ich wollte es nur aus Ihrem eigenen Munde hören. Wem soll es auch nicht auffallen, wie seltsam das Betragen einiger der Herren und Damen ist, wie sie einander suchen, wie sich ihr Benehmen ändert, wenn sie sich gefunden haben, und sie plötzlich still oder gesprächig werden, das ganze Gegenteil von dem, was sie sonst zur Schau tragen.«

Harrlington hatte gefürchtet, dieses Weib, welches einst seine Sinne zu umstricken gewusst und das er wirklich geliebt hatte, bis er aus dem Taumel erwachte, würde ihn abermals zu verführen suchen, und er war fest entschlossen, beim ersten Versuch mit kalten Worten zu erklären, zwischen ihnen könne keine Freundschaft mehr existieren, ihr Umgang müsse sich immer nur in den Grenzen der Höflichkeit bewegen. Miss Morgan zeigte nicht, dass sie einen solchen Versuch zu machen gewillt war, sie sprach leicht, ohne Erregung, und das Thema, welches sie anschlug, war gewiss kein verfängliches.

»Haben Sie das wirklich gefunden?«, sagte Harrlington etwas spöttisch, weil er sich getroffen fühlte und dies nicht merken lassen wollte. »Ich dächte doch, unter den Herren des ›Amor‹ gäbe es keine sentimentalen Liebhaber, welche seufzen und schmachten und sich nach der Gegenwart ihrer Geliebten sehnen, der frische Seewind treibt derartige Schwärmerei bald aus.

Und noch weniger finde ich Ihre Behauptung an den Damen bestätigt, ein lustigeres Korps kann es doch wirklich nicht geben.«

»Da bin ich doch anderer Meinung, und es wundert mich, Lord, dass Sie Ihre Augen so fest geschlossen haben«, meinte Miss Morgan. »Sollte es Ihnen zum Beispiel entgangen sein, wie still und ernst Mister Davids ist? Glauben Sie etwa, dieser Mann mit den sinnenden, tiefen Augen stände umsonst stundenlang auf der Back Ihres Schiffes und wende den Blick nicht ab von der ›Vesta‹? Er dreht sich dann plötzlich um und geht ins Zwischendeck, ohne sich wieder oben sehen zu lassen. O, ich habe es wohl öfter durch das Fernrohr beobachtet, und merkwürdige Gedanken sind mir dabei aufgestiegen.«

»John Davids?«, wiederholte Harrlington erstaunt. »Nimmermehr! Er ist immer so gewesen, ich kenne ihn schon seit jener Zeit, da wir die erste Regatta in New York mitmachten. Ich weiß nicht, was ihn so still und nachdenkend gemacht hat, aber, dass dies mit einer der Vestalinnen zusammenhängen soll, glaube ich nicht.«

»Wer weiß? Ich für meinen Teil habe anders davon sprechen hören.«

»Kennen Sie jemanden, um dessen Gunst er sich vergebens bewirbt?«

»Ich glaube, ja. Wir können ja offen miteinander sprechen, Lord. Er ist ein Mann, welcher keine Leidenschaft kennt; alles in ihm ist Ruhe, Kälte und Überlegung, und so liebt er auch das Mädchen, welches die gleichen Eigenschaften besitzt. Er beobachtet nur; hat er aber gefunden, dass das Mädchen seiner Wahl für ihn geeignet ist, so geht er direkt auf sein Ziel los, besiegt alle Schwierigkeiten, alle Hemmnisse, und ruht nicht eher, als bis er es erreicht hat. So unschuldig Mister Davids auch scheinen mag, er ist ein für Frauen ganz gefährlicher Charakter.«

»So sprechen Sie doch«, sagte Lord Harrlington ungeduldig, »wer ist es, der er seine Aufmerksamkeit schenkt?«

»Wer anders als Miss Petersen«, rief Miss Morgan. »Tun Sie doch nicht so, als hätten Sie dies nicht auch schon gefunden.«

»Miss Petersen?«, wiederholte Harrlington. »Das ist nicht wahr!«, brauste er dann plötzlich auf. »Sie dichten ihm etwas an, woran er gar nicht denkt.«

»Beobachten Sie ihn und — vor allen Dingen — beobachten Sie Miss Petersen selbst, und Sie werden bald anders urteilen. Wurde nicht mein Name gerufen?«, unterbrach sich Miss Morgan. »Entschuldigen Sie meine Schwätzerei; auf Wiedersehen!«

Damit schlüpfte sie durch die Zweige des Baumes und war den Blicken Harrlingtons entschwunden.

Dieser stand halbbetäubt da; er wusste nicht, ob er wache oder träume.

»Beobachten Sie Miss Petersen, und Sie werden bald anders urteilen.«

Diese Worte klangen ununterbrochen wie Posaunenschall in seinen Ohren, sie schmetterten ihn fast zu Boden.

Wusste dieses Weib, Miss Morgan, nicht, dass er Ellen liebte, dass sie ihn wieder liebte? Hatte er dies nicht aus ihrem eigenen Munde gehört, als damals die Wurfspeere der Australneger sie bedrohten? Nein, dieses Weib suchte nur Zwietracht zu säen, es wollte, nachdem es durch seinen Gesang Erinnerungen an seine einstige Liebe wachgerufen hatte, noch völlig das Bild Ellens aus seinem Herzen drängen.

Aber es sollte ihr nicht gelingen, seit dem ersten Begegnen mit Miss Morgan war ihm zum Bewusstsein gekommen, wie teuer ihm Ellen war, wie sehr ihr gegenüber dieses Weib zurückstand — es konnte keinen Vergleich mit Ellen aushalten. Sein ganzes Herz hatte sich dem Mädchen wieder zugewandt, und er war nur darum noch manchmal so niedergeschlagen, besonders in der Gegenwart Ellens, weil er sich schämte, sie auch nur einen Augenblick wegen einer anderen vergessen zu haben. Ein Trost war es ihm, dass niemand außer Williams von diesem Seelenkampf wusste.

»Und doch, John Davids? War es möglich?« Sollte dessen scheues, zurückgezogenes Wesen wirklich der Liebe entspringen?

In der Tat, das konnte sein; erst jetzt fiel es Harrlington ein, dass dies nicht unmöglich wäre. Seltsam, dass er noch nie zuvor daran gedacht hatte. Natürlich, was war es denn sonst anders, was hätte denn sonst den jungen, schönen, reichen Mann in der vollsten Blüte seiner Kraft, der keine Sorgen kannte, veranlasst, ein solches Benehmen zur Schau zu tragen?

Aber wen liebte er? Hatte Miss Morgan wirklich recht, als sie Ellen als die Betreffende bezeichnete? Dann tat Davids ihm leid, Ellen liebte ihn, Harrlington, darüber war er nicht im Zweifel, wenn auch das stolze Mädchen seine Liebe nicht öffentlich bekennen wollte.

»Beobachten Sie Miss Petersen, und Sie werden bald anders urteilen«, dachte der Einsame abermals, und sein Gesicht ward plötzlich dunkelrot, er griff mit der Hand nach dem Herzen.

Davids war ein schöner Mann, er war der ernsteste auf dem ›Amor‹, er sprach kein Wort, welches nicht Sinn und Verstand hatte, nie kam ein unpassender Scherz über seine Lippen, nie tat er etwas, was nicht wohl überlegt gewesen wäre. Sollte er wirklich Eindruck auf Ellen gemacht haben? Harrlington hatte schon einige Erfahrung in Betreff des weiblichen Herzens, er wusste, wie schnell es einem anderen Manne zufliegen konnte, wenn dieser verstand, Bewunderung für sich zu erregen.

»Er ist ein ganz gefährlicher Charakter für Frauen, er kennt keine Hemmnisse, er beobachtet und geht dann direkt auf sein Ziel zu. — »Ellen«, stöhnte Harrlington auf, »wenn es möglich wäre!«

Dieser Ausruf war ihm fast unmittelbar entschlüpft, nachdem Miss Morgan den Platz verlassen hatte, so schnell waren alle diese Gedanken ihm durch den Kopf gejagt.

Da erscholl plötzlich in einiger Entfernung heftiges Schreien, Harrlington vernahm mehrmals das Wort ›Amok‹, und gleich darauf ertönte dicht neben ihm ein gellender Hilferuf, von einem Weibe ausgestoßen.

Der Lord hatte sofort die Situation erkannt. Ein Malaie war gereizt worden und lief Amok; in demselben Moment, da der Hilferuf sein Ohr erreichte, stand er draußen, den Revolver in der Hand.

In rasendem Lauf kam der Mensch gerannt, den gezückten Dolch hoch emporgehoben, und hatte fast schon das Mädchen erreicht, welches vor Schreck wie gelähmt in die Knie gesunken war, entsetzt dem Wütenden die Hände entgegenstreckend.

Mit einem Sprunge stand Harrlington neben ihr; ein Blitz, ein Knall, und mit der Kugel im Herzen sank der Amokläufer zu Boden, während sich der Retter zu dem Mädchen hinabbeugte, es mit den Armen umschlang und aufrichtete — es war Miss Morgan.


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In diesem Augenblicke begegnete sein Auge dem der Miss Petersen, welche eben an der Seite John Davids aus dem Walde trat.

* * * * *

II.27. Der allwissende Götze

Tschungkue, Reich der Mitte; Thaitschingkue, Reich der großen Reinen; Tschung-Hua, Blume der Mitte; Thien-Hin, Himmelsunterlage — fürwahr, bescheiden ist der Chinese bei der Wahl des Namens für sein Vaterland nicht gewesen, und wenn sich ihr Kaiser als Sohn des Himmels bezeichnet, so kann man dies auch nicht von ihm behaupten.

Was für eine Stellung könnten diese geistig hochbegabten, tatkräftigen, unermüdlich fleißigen, mäßigen, in jeder Art von Kunst und Handwerk geschickten Chinesen, das einzige Volk, welches jedes Klima verträgt, im politischen Leben auf der Erde einnehmen, wenn sie keinen Zopf im Nacken hängen hätten?

Wirklich, nur der Zopf ist daran schuld, dass dieses Volk noch auf derselben Stufe steht, wie vor Tausenden von Jahren; der Zopf, den sie noch immer tragen, charakterisiert sie vollkommen, und so lange sie den nicht abschneiden, dürfen sie nicht hoffen — wenn sie es auch glauben — in der heutigen Weltgeschichte eine wichtige Rolle zu spielen; hätten sie keinen Zopf getragen, dann wäre es kaum dem kleinen Japan gelungen, seine Truppen im Sturmschritt siegreich gegen China zu führen; schon allein die ungeheure Überzahl hätte die wenigen Soldaten erdrücken müssen — aber sie trugen den Zopf, und der hinderte sie überall und immer.

Der liebe Leser versteht wohl, dass hier nicht der aus Haaren geflochtene Zopf gemeint ist, der Stolz der Chinesen, aber dieser charakterisiert auch schon den, welcher hier zu verstehen ist, den unermesslichen Eigendünkel des Chinesen, und sein zähes Festhalten am Überlieferten, welches er nicht aufgibt, und sollte auch das ganze Reich darüber zu Grunde gehen.

Was nützt es dem Chinesen, dass schon sechshundert Jahre vor Christi Geburt in seinem Lande die Buchdruckerkunst erfunden wurde — das System, dessen er sich jetzt bedient, ist fast noch dasselbe wie damals; was nützt es ihm, dass seine Vorfahren sogar schon vierhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung das Schießpulver gekannt haben, als unsere Vorväter noch in den Urwäldern den Bären und den Auerochsen mit dem Spieß jagten — der Chinese zieht noch heute Bogen und Pfeil dem Schnellfeuergewehr vor, der letzte Krieg mit Deutschland hat es bewiesen. Mit derselben Kriegstaktik, die sie vor tausend Jahren gegen die wilden Tartaren und andere asiatische Völkerschaften angewandt haben, wollten sie gegen die beste europäische Armee vorgehen.

Und so ist es mit allem und überall in China. Wie es sich mit aller Macht gesträubt hat, den Handelsschiffen seine Häfen zu öffnen, so ist es auch im Kleinen, es verschmäht jeden ihm gebotenen Vorteil, der aus anderen Ländern kommt, es will überhaupt nichts mit fremden Völkern zu tun haben, sondern sich völlig abschließen, und durch nichts geben dies die Chinesen deutlicher zu verstehen als durch die große Mauer, welche sich rings um ihr Reich zieht.

Wie vor Tausenden von Jahren, so sieht es auch noch jetzt in einer chinesischen Stadt aus, in der die Europäer sich noch nicht festgesetzt haben. Dieselbe weite, bunte Kleidung mit langen Ärmeln, in denen die Hände verschwinden, die spitzen, breitrandigen Strohhüte, die gelben, vorn aufgebogenen Schuhe, dieselben Karren mit Kulis davor, und schließlich die Stadt selbst noch von demselben spielzeugartigen Aussehen, mit den hölzernen Häuschen, welche bei einer Feuersbrunst wie Papier in Flammen aufgehen, mit den Türmchen, sogar solchen aus Porzellan, an deren aufgebogenen Dachecken Glöckchen hängen, und mit den allerdings großen und schönen öffentlichen Gebäuden, an denen aber der bizarre Geschmack der Urvorfahren Drachen und Fratzen angebracht hat, und welche daher auch jetzt noch beim Bau eines Hauses angebracht werden, wenn sie das Gebäude auch noch so sehr verunzieren oder vielmehr lächerlich machen.

Das Alter wird oft kindisch, sagt man, und wer beim Alten verharrt, ohne das Neue anzunehmen, der ist kindisch, und daher ist es auch der Chinese, so lange er sich nicht entschließen kann, seinen Zopf abzuschneiden, mit dem Alten zu brechen und der Zivilisation und Kultur den Eingang in sein Reich zu gestatten. —

Auch Scha-tou oder britisch Swatow, ist eine solche Stadt, welche, wenn man sie von einem Luftballon in den Wolken aus betrachtet, den Eindruck machen müsste, als wäre der Inhalt einer Spielzeugschachtel von Kinderhänden aufgebaut worden.

Die Glöckchen an den Türmen erklangen, vom Winde bewegt, die dicken, reichen Kaufleute wackelten durch die Straßen ihrem Geschäfte nach, die Handwerker saßen in der geöffneten Haustür und hämmerten, klopften, stichelten und schnitzten, und in den von zwei Kulis getragenen Sänften hockten die Mädchen, deren verkrüppelte Füße das Gehen nicht erlaubten, und machten einen Teebesuch.

Das Einschnüren des Fußes, damit er klein bleibt, ist übrigens nicht, wie man oft annimmt, allgemein in China gebräuchlich, sondern nur adelige und reiche Leute pflegen diese Sitte, und — wie man es überall auf der Erde, also auch bei uns findet, dass eine gewisse Sorte von Frauen es gern äußerlich der besseren Klasse gleichtun will, so auch in China — nämlich auch die zu der Kaste der Mon, auf deutsch, der Herumtreiber, gehörigen Mädchen bemühen sich, ihren Kindern der Liebe die Füße möglichst klein zu erhalten, damit sie später einmal viele Bewunderer haben möchten.

Es war den eingetroffenen Engländern und Amerikanerinnen nicht schwer geworden, sich den Eintritt in einen Tempel zu verschaffen; der Chinese ist ungeheuer geldgierig, und so war der Liang, der Priester des Tempels, für einige in die Hand gedrückte Goldstücke sofort bereit, den Fremden das ihm anvertraute Heiligtum zu zeigen.

Diesmal hatte man nicht nötig gehabt, sich unter den Eingeborenen nach einem Dolmetscher umzusehen, Chinesen sind über die ganze Welt verstreut, und Hannibal, der weitgereiste Diener Lord Harrlingtons, war oft genug mit ihnen zusammengetroffen, um ihre Sprache vollständig zu verstehen.

Mit äußerst wichtiger Miene übernahm der kleine, weißhaarige Neger die Aufgabe, die Worte des erklärenden Priesters zu verdolmetschen.

Man ging von Postament zu Postament, überall saßen die aus Porzellan oder Erz gefertigten Götzen mit untergeschlagenen Beinen da, ihre Gesichter waren zu einem heiteren Lachen verzogen — es war, als ob sie sich mit den Händen, wie man sagt, vor Lachen den dicken Bauch halten müssten. Beides, das Lachen und der dicke Bauch, sind eine Eigentümlichkeit vieler chinesischer Götzen.

Diese Gestalten, welche aus allen Ecken und von allen Postamenten herab die fremden Gäste anlachten, übten bald eine ansteckende Wirkung auf diese aus, es dauerte nicht lange, so kamen ihre Heiterkeit und ihr Übermut zum Vorschein, und schließlich, als die Ermahnungen einiger Besonnenen, in diesem Tempel ernst zu bleiben, unbeachtet vorübergingen, brachen sie unaufhaltsam hervor.


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»Weiß Gott, dieses Lachen steckt an«, meinte Chaushilm zu seinem Freunde Hendricks, »ich könnte hier nicht Priester sein und beten, die Götzen ziehen zu komische Gesichter.«

»Die müssen natürlich lachen, wenn sie die dummen Chinesen sehen«, entgegnete Hendricks, »setzen Sie sich einmal auf so ein Postament und bleiben Sie ernst, wenn Ihnen der Priester Weihrauch vor der Nase anzündet und auf dem Bauche Ihnen zu Füßen liegt.«

»Warum sind sie nur alle so dick?«, fragte Miss Staunton.

»Das will ich Ihnen erklären, liebe Miss«, antwortete Charles. »Sehen Sie, wer reich ist, muss auch dick sein, sagt der Chinese. Der Arme dagegen ist mager. Wäre nun solch ein Götze knochendürr, so müsste er ja arm sein und könnte also den ihn um Reichtum Bittenden nichts schenken. Nur immer recht dick, sagt also der Götze, und isst alles ihm geopferte Fleisch, Früchte und so weiter, wenn es manchmal auch nicht genießbar ist, und je dicker er dadurch wird, desto angesehener wird er, bekommt immer mehr zu essen, und schließlich nimmt er eben einen solchen Körperumfang an, wie Sie ihn hier bewundern können. Und soll er da vielleicht ein trauriges Gesicht ziehen, wenn er ein so behagliches Leben hat? Nein, er strahlt natürlich vor Entzücken und freut sich schon auf die Mahlzeit, wenn wir erst fort sind.«

»Dass er sich nur nicht einmal Magenbeschwerden oder eine Verdauungsstörung holt«, lachte Hope.

»Dafür hat der allmächtige Götze natürlich gesorgt«, versicherte Charles lebhaft, »es ist nämlich so eingerichtet, dass der Priester um so weniger essen darf, je mehr jener zu sich nimmt, und hat er sich einmal den Magen überladen, so muss der Priester dafür büßen, das heißt, er bekommt Leibschneiden.«

Diejenigen, welche die Worte gehört hatten, blickten lachend nach dem Priester, der in der Tat äußerst mager war, und somit die Behauptung Williams' zu bestätigen schien. Sie bemerkten dabei in ihrem Frohsinn gar nicht, mit welch finsteren Blicken der Priester die lachende Gesellschaft ab und zu betrachtete, ohne aber im Erklären aufzuhören.

»Waren Sie selbst schon einmal ein chinesischer Götze, dass Sie so genau über das tiefe Seelenleben dieser Geister orientiert sind?«, fragte Miss Thomson Sir Williams.

»Das nicht, aber beinahe«, antwortete der Gefragte, »ich schloss in England einmal Bekanntschaft mit einem äußerst gebildeten Chinesen, der den Leierkasten auf der Straße spielte und dabei großes, musikalisches Talent entwickelte. Der Vater dieses Chinesen besaß in China einen Freund, dessen Bruder eine Schwester hatte, die sich einmal beinahe mit einem Priester verlobt hätte, und dieser chinesische Leierkastenmann hat mich tief in die religiösen Mysterien seines Vaterlandes eingeweiht.«

»Um Gottes willen«, lachte Miss Thomson laut auf, »diesen Ausführungen kann ich nicht folgen.«

»Hannes, treiben Sie den Spaß nicht zu weit«, rief Charles dem Matrosen zu, welcher neben Hope Staunton vor einem Götzen stand. Hannes erzählte seiner Begleiterin etwas, klopfte dem dicken Götzen freundlich auf die Schulter, und beide wollten sich bald totlachen.

Auch der Priester hatte das Treiben des Matrosen bemerkt, und ihn traf ein so finsterer Blick, dass selbst Charles, der ihn aufgefangen hatte, plötzlich stutzte und seinem Diener die Bemerkung zurief.

»Ach was«, rief Hendricks, »wir sind Engländer und wollen den Chinesen zeigen, mit was für Albernheiten sie sich abgeben. Wir haben nichts zu fürchten, sie müssen doch auf unseren Pfiff tanzen.«

»Aber wir sind in ihrem Lande und müssen ihre Sitten respektieren und am meisten das, was ihnen heilig ist. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn sie unser Lachen beleidigend finden«, sagte Harrlington ernst.

»Gegen die Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens«, entgegnete Chaushilm für seinen Freund. »Wir wollen den Kampf aufnehmen und werden ihn doch schließlich einmal zu Ende führen. Nur immer tüchtig drauf, Zartgefühl hilft hier nichts, sie müssen sehen, dass ihre Götzen ganz ohnmächtige Kreaturen aus Porzellan und Erz sind.«

Die Ermahnung Harrlingtons vermochte nichts, die Heiterkeit wurde immer größer, die Augen des Priesters, der im Erklären fortfuhr, wurden immer drohender, aber schließlich war man mit der Besichtigung des Tempels zu Ende. Nur noch ein kleines Gemach war zu betreten, dann wollte man den Tempel wieder verlassen.

Vor der von einem Vorhang verhüllten Tür zu diesem Gemach blieb der Priester plötzlich zögernd stehen, überlegte und wandte sich dann um.

»Will er uns den Eingang verwehren?«, fragte Harrlington seinen Diener.

Dieser sprach mit dem Chinesen und teilte der Gesellschaft mit, dass der Priester allerdings nicht gewillt sei, den in diesem Gemach aufgestellten Götzen, einen sehr heiligen, den frivolen Augen der Fremden und deren Gelächter auszusetzen. Dies reizte gerade die Neugierde der Gesellschaft.

»Da müssen wir uns den Eingang mit Gewalt erzwingen«, sagte Charles, als der Priester durchaus nicht den Vorhang lüften wollte, sprach mit seinen Freunden und drückte dem Priester etwas in die Hand, was dieser in seinen Ärmel verschwinden ließ. Jetzt zögerte er nicht mehr, er gestattete den Fremden den Eintritt, sagte zu Hannibal einige Worte und blieb dann im Innern des Gemaches an dem Vorhang stehen, argwöhnisch die Fremden betrachtend.

Diese waren sehr enttäuscht. Aus dem Zögern des Priesters hatten sie geschlossen, in dieser Abteilung etwas Außergewöhnliches zu finden, es war aber nichts dergleichen vorhanden. In diesem Gemache war nur ein einziger Götze aufgestellt, aber von riesigen Verhältnissen, er war ungeheuer dick und lachte so unbändig, dass man alle Zähne in seinem weitgeöffneten Mund sah. Leider kam gerade in diesem Raume, welchen der Priester nur ungern den Augen Ungläubiger zeigte, die Lachlust der Herren und Damen zum vollsten Durchbruch und zwar durch einen Witz, den Hannes, wie unbeabsichtigt, gleich am Anfang machte.

Der Priester hatte dem Neger nur gesagt, wie der Götze hieß, und so nannte auch Hannibal, dabei eine theatralische Handbewegung nach der Figur machend, seinen Namen: »Lao-Tssy.«

»Sehr angenehm; Hannes Vogel«, erwiderte sofort trocken der Matrose und grüßte mit der Mütze.

Diese Vorstellung war in einer solchen Weise geschehen, dass alle in ein schallendes Gelächter ausbrachen, das gar nicht enden wollte. Selbst die Ernsteren konnten sich nicht davon ausschließen, die Worte, die Verbeugungen und das Mützeabnehmen waren von Hannes in einer zu komischen Weise karikiert worden.

Als sich die Heiterkeit etwas gelegt hatte, fragte eines der Mädchen den Neger:

»Hat dir der Priester sonst nichts über diesen Götzen mitgeteilt?«

»Nein.«

»So will ich etwas von ihm erzählen«, sagte das Mädchen, welches mit den Sitten und Verhältnissen der Chinesen bewandert war. »Lao-Tssy ist ein Mensch gewesen, und gerade er hat den Menschen eine neue Religion zugebracht oder doch die ältere wesentlich verändert. Die meisten dieser Götzen sind ja früher nur Menschen gewesen, die auf Erden gewandelt, große Taten vollführt oder sich dem Vaterlande nützlich gemacht haben und daher später vom Volke zu Göttern erhoben und als solche verehrt werden. Dieser Lao-Tssy nun ist der erste aller Götzen, und ihm wird eine besondere Verehrung gezollt.«

»Daher ist er auch so groß und dick«, sagte ein Herr.

»Und lacht so schrecklich«, ergänzte ein Mädchen.

»Ist Lao-Tssy nicht der sogenannte allwissende Götze?«, fragte Charles die erklärende Dame, und ein sehr scharfer Beobachter hätte merken können, wie seine Mundwinkel zuckten.

»Er ist nicht allwissender, als die anderen Götter, so genau kann ich Ihnen darüber keine Auskunft geben«, war die Antwort.

»Ich habe von Lao-Tssy schon öfter erzählen hören«, fuhr Charles fort, »er soll doch sogar sprechen können.«

»Dass ich nicht wüsste«, sagte das Mädchen, »möglich, dass er Selbstgespräche führt.«

»Oder vielleicht unterhält er sich unter vier Augen mit dem Priester über die Neuigkeiten von Scha-tou«, meinte Hope.

»Nein, nein«, entgegnete Charles, immer ernsthaft, »dieser Mister Lao-Tssy soll wirklich sehr gewandt im Sprechen und nebenbei allwissend sein. Hannibal, frage einmal den Priester, ob es sich wirklich so verhält.«

Der Chinese war am Vorhang stehen geblieben, die Gesellschaft nicht aus den Augen lassend, und als gleich zuerst das Gelächter erscholl, zog sich seine Stirn in drohende Falten zusammen. Ein Glück war es, dass seine Hände in den langen Ärmeln verschwanden, sonst hätte man sehen können, wie sie sich krampfhaft ballten.

Auf die Frage Hannibals, ob dieser Götze wirklich sprechen könnte, fürchtete er eine neue Beleidigung des Heiligen, er trat wie schützend vor ihn hin und erklärte, dass dies nicht der Fall wäre.

»Und ich glaube es doch«, rief Charles, »er soll sogar alle Zungen reden können. Nun, wir werden es ja erfahren.«

Die Herren und Damen standen um das Postament herum, Charles ließ von ihnen, die von seinem Vorhaben noch keine Ahnung hatten, einen Halbkreis schließen, in den er trat, dass er dem Götzen das Gesicht zuwendete.

Alle waren gespannt auf das, was der immer humoristische Williams jetzt wieder vorhatte.

»Eigentlich ist es notwendig, dass ich vorher die Stiefel ausziehe«, sagte er, »denn der Götze will mit Ehrfurcht behandelt sein, und das mit Recht, da aber Damen zugegen sind und ich ungeheuer schamhaft bin, so werde ich das unterlassen, und der Götze wird meine Ungezogenheit entschuldigen.«


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Nach diesen einleitenden Worten wandte sich Charles wieder der Statue zu, nahm den Hut vom Kopfe und fragte laut und deutlich:

»Wie heißt du?«

Es erfolgte natürlich keine Antwort, die Herren und Damen sahen sich an, sie konnten sich das Benehmen Williams' nicht erklären.

Charles blickte sich im Kreise um.

»Haben Sie etwas gehört?«, fragte er.

Alle schüttelten lächelnd den Kopf.

»Dann muss ich ihn auf andere Weise zum Sprechen bringen. Passen Sie auf, wenn er antwortet.«

»Lao-Tssy«, rief er abermals laut.

Ein paar Sekunden verstrichen, dann aber erklang eine dumpfe Grabesstimme, die direkt aus dem Munde des Götzen zu kommen schien.

»Was willst du von mir, Erdenwurm?«

Im ersten Moment waren alle erschrocken zurückgefahren, so deutlich kamen die Worte aus dem lachenden Munde der Statue hervor, man glaubte ordentlich, seine Lippen bewegten sich, und am allermeisten entsetzt war der chinesische Priester. Er prallte förmlich zurück, bis er mit dem Rücken an die Wand stieß, wo er, an allen Gliedern zitternd, auf die Knie sank.

Der einzige, der seine Ruhe behielt, war Charles.

»Sagte ich es nicht«, frohlockte er, »Lao-Tssy spricht ganz perfekt Englisch! Nun will ich dem alten Burschen aber einmal auf den Zahn fühlen. Wenn er allwissend ist, dann werden wir manches Interessante zu hören bekommen.


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»Ich habe Sie doch nicht in der Arbeit oder im Schlaf gestört, Mister Lao-Tssy?«, fragte Charles zum Götzen gewendet.

»Ich habe immer Zeit für Sir Williams, deine Unterhaltung ist mir stets angenehm«, klang es wieder deutlich mit dumpfer Stimme aus dem Munde des Götzen.

Jetzt hatten sich alle, mit Ausnahme des Priesters, von ihrem ersten Schrecken erholt, sie wussten nun, dass Williams einen Scherz machte, dass er den Götzen durch irgend etwas zum Sprechen brachte, auf welche Weise, war allerdings völlig unbekannt, den Damen wenigstens.

»Sagte ich nicht, dass er allwissend ist?«, triumphierte Charles. »Und kennen tut er mich auch, da muss ich ja ordentlich stolz werden.

»Kennen Sie mich, Mister Lao-Tssy?«, fragte er.

»Wer sollte dich nicht kennen, Sir Charles Williams, deinen berühmten Namen führen wir Götter täglich in unserem heiligen Munde.«

Die Umstehenden brachen in Lachen aus.

»Was haben Sie eben gemacht, als ich Sie rief, Mister Lao-Tssy?«

»Ich habe Wolken geschoben.«

»Und da habe ich Sie gewiss gestört, Mister Lao-Tssy. Das sollte mir wirklich sehr leid tun.«

»Durchaus nicht, ich schiebe nachher etwas schneller. Aber sage einfach lieber Lao-Tssy zu mir, du bist mein Freund, du darfst später auch mit Wolken schieben helfen.«

Ein unauslöschliches Gelächter folgte, die Situation war zu komisch. Williams nahm sich vor der riesigen Statue wie ein Zwerg aus, und dazu glaubte man wirklich, der Götze rede, man sah förmlich Lippen und Zunge sich bewegen, so deutlich erklangen die Worte aus seinem Munde. Williams, den Hut in der Hand, der lachende Götze und diese komischen Fragen und Antworten — den Umstehenden taten die Kinnbacken vor Lachen weh.

»Jetzt muss ich ihm eine Frage vorlegen, über deren Beantwortung ich oft gegrübelt habe«, sagte Charles, und laut fragte er: »Wer ist die Schönste unter allen diesen Damen?«

Er machte dabei eine kreisförmige Bewegung mit der Hand.

Die Antwort ließ lange auf sich warten.

»Verstecken Sie jetzt nicht so Ihr Antlitz, meine Damen«, flüsterte Charles, »Lao-Tssy unterwirft Sie erst einer gründlichen Besichtigung, ehe er sein Urteil abgibt.«

Die Mädchen kicherten.

»Sie sind alle gleich schön«, klang es dann.

»Aha, mein lieber Lao-Tssy ist ein Schlaumeier, er will es mit keiner der Damen verderben. Nun aber eine andere, auch sehr wichtige Frage.«

»Wer ist der schönste unter den Herren?«

Diesmal ließ die Antwort nicht so lange auf sich warten, sondern sofort ertönte es:

»Unbedingt du, Sir Williams, Baronet von England.«

Wieder brach ein allgemeines Hallo aus.

»Danke, mein lieber Lao-Tssy«, sagte Charles und machte eine Verbeugung, »ich war allerdings immer davon überzeugt.

»Nun aber eine sehr kitzelige Frage, meine Herren und Damen, aber ich muss sie stellen, weil ich mich bis jetzt noch nicht richtig von der Allwissenheit dieses Götzens überzeugt habe. Jetzt werde ich es tun.

»Wer ist die jüngste der Damen?«

»Miss Hope Staunton.«

»Richtig. Und wer ist die älteste?«

»Miss Sarah Morgan«, war abermals die prompte Antwort.

»Ja, ja, meine Damen«, lachte Charles, »hier hilft es Ihnen nichts, ein falsches Alter anzugeben; mein lieber Lao-Tssy weiß alles und kennt keine Rücksichten. Doch diese Antworten genügen mir noch nicht als Beweis seiner Allwissenheit, Lao-Tssy kann ein großer Frauenkenner sein. Wie soll ich ihn einmal prüfen?«, und Charles blickte nachdenkend vor sich hin, »ja, so geht es: »Was hat Sir Hendricks heute Morgen zuerst gemacht, als er aufstand?«

»Er hat seine Backen mit Bartwuchstinktur eingerieben«, erklang es sofort.

Aller Augen wandten sich auf Sir Hendricks, der ärgerlich wurde, aber doch lachen musste. Es war bekannt, dass er seit Antritt der Reise bemüht war, sich einen Backenbart großzuziehen, nur hatte leider der Anfang des Bartes ein sehr kümmerliches Aussehen.

»Und was hat er dann getan?«

»Dann hat er sich Sporen angeschnallt und ist auf einem Stuhle in der Kabine herumgeritten.«

Das war natürlich nicht wahr, aber wie schon früher mitgeteilt wurde, war Sir Hendricks ein passionierter Pferdeliebhaber.

»Hören Sie endlich mit Ihrem Unsinn auf«, rief der Ausgelachte, »die Sache wird langweilig.«

»Einen Moment«, entgegnete Charles, »noch eine Frage muss ich an meinen Freund stellen. Kann er diese beantworten, so ist er allwissend, und ich selber, so wahr ich hier stehe, will ihn anbeten.

»Also, mein lieber Lao-Tssy, kannst du mir sagen, welche Dame gerade jetzt zur Zeit von Marquis Chaushilm geliebt wird?«

Die Antwort blieb lange aus.

»Da muss ich erst einmal die anderen Götter fragen«, klang es zurück, »die Frage ist für mich allein zu schwierig.«

»Nein, das können wir alle nicht sagen«, kam einige Sekunden später die Antwort, »das geht selbst über unsere Allwissenheit; er liebt alle.«

Jetzt wurde aber Marquis Chaushilm durch das Gelächter der Menge aufgebracht, er verbat sich ernstlich derartige Witze, und da es nun genug des Spiels schien, so gab Charles seine Rolle auf.

Schon wollte er sich unter die Gesellschaft mischen, als der Götze plötzlich von selbst, ohne gefragt zu werden, zu reden anfing:

»Mein lieber Williams!«

Der einzige, der diesmal die Fassung verlor, war Williams selbst. Er blickte verdutzt den Götzen an, hatte sich aber schnell wieder gesammelt.

»Was willst du von mir, mein lieber Lao-Tssy?«

»Ist vielleicht das Gedicht von dir?«


Holde Betty, süßes Wesen,
Bin schon längst dir gut gewesen,
Aber mündlich dir's zu sagen,
Dies zu tun konnt' ich nie wagen ...


»Hör auf, hör auf«, schrie Charles und streckte abwehrend die Hände nach dem Götzen aus, als dieser aber unbeirrt die sämtlichen Verse des von Charles auf Miss Betty Thomson gedichteten Huldigungsliedes deklamierte, wandte er sich unter dem Gelächter der anderen plötzlich um und hielt dem hinter ihm stehenden Neger, der bekanntlich ein Bauchredner war, die Hand vor den Mund.

»Spitzbube, infamer«, schrie Charles und holte mit der freien Hand zum Schlagen aus, »steht das etwa in meiner Instruktion? Und Sie, Hannes«, drohte er dem sich vor Lachen fast wälzenden Matrosen mit der Faust, »mit Ihnen spreche ich heute Abend noch ein Wörtchen.«

Charles war anfangs wirklich erzürnt, dass sein Diener die Geheimnisse seines Tagebuches öffentlich zum besten gab, da er aber ebenso willig einsteckte, wie er gern austeilte, so hatte sich sein Zorn schnell wieder gelegt, und er lachte über die Neckereien, welche er zu erdulden hatte.

»Wir haben uns wie die Kinder betragen«, sagte Ellen, als sie wieder vor dem Tore des Tempels standen, »es ist wirklich sehr ungezogen von uns gewesen, über das Heiligste dieses Volkes zu lachen und zu spotten. Der Priester zog immer ein Gesicht, als wünsche er, die Götzen möchten von ihren Postamenten heruntersteigen und uns samt und sonders totschlagen und verschlingen. Wenn unser Betragen nur keine nachteiligen Folgen hat!«

»Ach wo«, entgegnete einer der Herren sorglos, »der Priester hat sich natürlich über uns geärgert, aber das hat nichts zu bedeuten. Er hat Geld bekommen, soviel, wie er in seinem ganzen Leben nicht ersparen kann, und das ist bei den Chinesen die Hauptsache. Wir hätten mit dem Götzen herumtanzen können, und er hätte auch nichts dazu gesagt, sondern höchstens noch ein paar Goldstücke mehr als Tanzgeld gefordert.«

Der chinesische Priester, der Hüter des Tempels, von dem derart gesprochen wurde, befand sich noch immer in dem Raume vor der Statue des Lao-Tssy.

Er hatte den Kopf gesenkt, die Fäuste geballt, und zwischen den Zähnen hervor murmelte er unverständliche Worte.

Nicht lange hatte es gedauert, so merkte er, welches Spiel die Fremden mit seinem Allerheiligsten getrieben hatten. Er erhob sich bald aus seiner knienden Stellung und wartete mit knirschenden Zähnen, bis die Gesellschaft den Tempel verlassen hatte.

»Verspottet, verhöhnt!«, knirschte er, sank dann in die Knie und streckte die Hände nach dem lachenden Gotte aus. »Du, allmächtiger Lao-Tssy, verspottet, verhöhnt! Wohl hast du es dir gefallen lassen, was kümmerten dich diese verfluchten Fremdlinge? Du konntest sie ja mit einem Worte in den Staub sinken lassen, aber du lachtest ihrer, sie sind nicht wert, dass du sie beachtest. Überlass es mir, die dir zugefügte Schmach zu rächen, so furchtbar, wie es in meinen Kräften steht. Lao-Tssy, du großer Reiner, sieh gnädig herab auf deinen Diener, der zu deinen Füßen liegt, erhöre ihn, gib ihm die Macht, dass er für dich handeln kann!«

Lange noch blieb der Priester im Gebet auf den Knien vor dem Götzen liegen, der lachend auf ihn herunterblickte. Endlich erhob er sich.

Er zog die empfangenen Goldstücke hervor — es waren sieben Stück — und betrachtete sie lange, dann plötzlich schien es, als hätten sich diese gleißenden Münzen in glühende Kohlen verwandelt, mit solcher Heftigkeit schleuderte sie der Priester in eine Ecke des Gemachs. »Verfluchtes Gold«, knirschte er, »mich sollst du nicht verführen! Hat mein Herz auch erst gejubelt, als es dich sah, jetzt ekelt mich vor dir. Nein, keinem Priester des heiligen Lao-Tssy soll man nachsagen, dass er sich von deinem roten Glanze hat bestechen lassen, die Rohheiten dieser verdammten Fremdlinge zu dulden. Doch halt«, fuhr er nachdenkend fort, und sah nach der Ecke, wo die Goldstücke zerstreut umherlagen, »vielleicht kann ich sie noch gebrauchen gegen die, die sie mir gaben.«

Ein furchtbares Lächeln entstellte seine Züge, er sammelte die Münzen wieder auf und betrachtete sie lange; immer höhnischer und immer drohender wurde dabei sein Gesichtsausdruck.


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»Hm«, murmelte er, »sie könnten reichen, um mich, nein, nicht mich, um Lao-Tssy rächen zu können. Sieben Goldstücke sind es, das waren vier für den vornehmen Fremden, der mit Lao-Tssy frevelte und drei für den Kleinen. Auch er ist nicht mehr wert, dass ihn die Sonne beleuchtet. Der beste und geschickteste der Mons, so wie ich ihn brauche, ist Tsin-Hai, er hat sich mir schon oft angeboten. Wehe euch, ihr verfluchten Kinder des Teufels, ihr von den Göttern Gehassten, euer Urteil ist gefällt, Tsin-Hai wird seinen Dolch nicht eher in den Gürtel stecken, als bis eure Leichname von den Hunden in der Straße gefressen werden und er sich das Gold verdient hat.«

Der Priester wartete noch, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann verließ er den Tempel so vorsichtig, dass die ihm unterstellten Tempeldiener gar nichts von seinem Weggange merkten, und wandte sich jenem Viertel zu, wo die Kaste der Mons, der Herumtreiber, hauste.

Zur Kaste der Mons gehören in China die Gaukler, die Diebe, die Bettler, die Tänzer und Tänzerinnen, die öffentlichen Mädchen und deren Zuhälter, also der Auswurf des Volkes und, um nichts zu übergehen, auch die sich als Diener vermietenden Chinesen, welch Letztere unter allen Mons immer noch als die ehrlichsten zu bezeichnen sind.

Die Mons haben ihr Stadtviertel für sich und bewohnen kleine, elende Holzhütten; auf der entsetzlich schmutzigen Straße treiben sich vor den offenen Türen magere Hunde umher, die vor Hunger die ganze Nacht heulen, und in den Hütten selbst herrscht die größte Armut und Unsittlichkeit.

Hierher lenkte der Priester seine Schritte; er hatte sich ein einfaches Gewand umgehängt, welches ihn nicht als Diener des Tempels verriet, und richtete es so ein, dass er erst bei Nacht das Viertel erreichte.

Vorsichtig schlich er durch die vor Schmutz starrenden Gassen, stieg über die Kadaver von Hunden und Katzen, scheuchte mit einem Zischen die kläffenden Köter zurück und blieb endlich vor einem Häuschen stehen, dessen Fenster anstatt des Glases mit durchsichtigem Papier überspannt waren, wie überall in China in den Wohnungen der armen Klasse.

Er spähte einen Moment hinein und klopfte dann mit der Fingerspitze einige Male eigentümlich an das Papier, worauf sofort ein großer, herkulisch gebauter Chinese mit widerwärtig schlauem Gesicht und zudringlichem Blick im Türrahmen erschien und den Klopfer musterte.


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»Was willst du?«, fragte kurz der Inhaber dieser Hütte.

»Tsin-Hai«, antwortete der Priester, »kennst du mich?«

Die Nacht war sehr dunkel, sodass der fast nur in Lumpen gekleidete Mann sich vergebens bemühte, die Gesichtszüge des ihn Anredenden zu erforschen.

»Nein, wer bist du?«

»Tsin-Hai«, sagte der Priester abermals mit dumpfer Stimme, »ist dein Dolch scharf genug, den von Fremdlingen an Lao-Tssy verübten Frevel zu rächen?«

Da trat der Chinese plötzlich aus der Tür zurück, verneigte sich tief, sodass der überfallende Zopf den Boden berührte und machte eine Handbewegung, den Priester zum Eintreten nötigend — jetzt hatte er ihn erkannt.

»Tritt ein in meine arme Hütte«, murmelte er, »sie ist nicht wert, dass sie einen Diener des mächtigen Lao-Tssy aufnimmt. Entschuldige meine Armut, ich kann dir nichts bieten als einen Schemel.«

»Es liegt allein an dir, ob sich deine Verhältnisse bessern«, deutete der Priester vielsagend an, als er in das einzige Zimmer der Hütte trat.

Es war völlig schmucklos, ohne jedes Möbel, nur in einer Ecke war ein Ofen angebracht, und um diesen herum stand einiges Kochgeschirr. Ein einziger Schemel aus Rohrgeflecht deutete an, dass man sich hier noch anders als auf die Strohmatte am Fußboden setzen konnte.

Um eine große Tonschüssel in der Mitte der Stube hockten ein Weib und ein Mädchen von sechzehn Jahren, und leicht konnte man an ihrem Aussehen erkennen, welcher Beschäftigung sie nachgingen.

»Geht hinaus!«, herrschte der Besitzer der Hütte die Frauen an.

Gehorsam standen diese auf, setzten die Schüssel mit Reis beiseite und verließen das Zimmer.

Die Frau des Chinesen ist dem Manne zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet, aber nicht seine Sklavin, wie bei den Mohammedanern, wo das Weib jedes Schutzes entbehrt. Bei den Chinesen steht das Weib unter dem Schutze des Gesetzes, dieses hört auf ihre Klagen und untersucht eine eventuelle Beschwerde. Außerdem herrscht in China die Monogamie, das heißt, jeder darf nur eine Frau nehmen, eine Ausnahme ist nur zulässig, wenn diese ihm keine Kinder schenkt. Aber die weiteren Frauen nehmen eine ganz untergeordnete Stellung ein und stehen unter der Herrschaft der gesetzlichen Gattin.

Der Priester nahm auf dem Rohrstuhl Platz und betrachtete das schlaue Gesicht des herkulischen Chinesen, der vor ihm mit untergeschlagenen Beinen Platz genommen hatte und geduldig auf die Anrede wartete.

Der Besucher kam ohne Weiteres auf das, was ihn hierhergeführt hatte.

»Wo gibst du jetzt deine Vorstellungen?«, fragte er.

»Am Hafen und auf den Schiffen.«

»So kennst du die beiden neuen Schiffe, welche gestern hier eingelaufen sind, den ›Amor‹ und die ›Vesta‹?«

»Ich kenne sie.«

»Warst du schon dort an Bord?«

»Nein, sie lassen keinen Gaukler ihr Schiff betreten. Ich habe es versucht, wurde aber von ihnen zurückgewiesen.

»Es sind keine Matrosen an Bord.«

»Ich weiß es, es müssen reiche und mächtige Engländer sein, welche zum Vergnügen die Arbeiten von Matrosen verrichten, und auf dem großen Schiffe mit den drei Masten sind sogar Frauen.«

»So ist es«, rief der Priester, »ich sehe, dass du sie kennst. Haben sie schon deinen Vorstellungen am Lande beigewohnt?«

»Herr, ich bin arm«, sagte der Chinese in demütigem Tone, durch welchen aber Bitterkeit drang, »meine Mittel langen nicht zu, um mir Geräte anschaffen zu können. Ich mache weiter nichts, als ich verschlucke das Schwert und lasse Kugeln in der Luft tanzen und bin froh, wenn ich einige Kupfermünzen einsammeln kann. Diese Fremden beachten einen solchen Gaukler nicht, sie gehen stolz an ihm vorüber.

Der Priester blickte sinnend vor sich hin.

»Du botest mir einmal deine Dienste an, weißt du noch?«, fragte er nach einer kleinen Weile.

Des Chinesen Augen wurden lebhafter; jetzt begriff er, was den Priester in seine Hütte geführt hatte.

»Ich tat es, ich glaubte damals, du bedürftest eines scharfen Dolches«, grinste er, »ich kann von meinen Vorstellungen nicht leben, ich muss noch anderen Verdienst suchen, und was bleibt einem Angehörigen der Mons anderes übrig, als nach dem Dolch zu greifen? Arbeit bekommen wir nicht.«

»Ich weiß es«, antwortete der Priester kurz, »und ich will dir behilflich sein, Geld zu verdienen. Es ist nicht mein Interesse, das ich erstrebe, nein, es gilt, unser Allerheiligstes, was von diesen verfluchten Fremdlingen furchtbar verspottet worden ist, blutig zu rächen. — Nur der Tod kann solche Schmach sühnen.«

Er bog sich zu dem Gaukler hinüber und flüsterte dem atemlos Zuhörenden, der immer beistimmend mit dem Kopfe nickte, lange zu. Seine Augen begannen zu funkeln, wie die eines Tigers, der Beute wittert.

»Und was bekomme ich dafür?«, fragte er, als der Priester endlich schwieg.

»Sieh her, für den großen bekommst du vier solche Goldstücke, für den kleinen drei.«

Gierig wollte der Chinese nach dem gelben Metall greifen, aber schnell zog der Priester die Hand mit dem Golde zurück.

»Noch nicht«, sagte er langsam, »du erhältst vorläufig drei, die anderen vier erst dann, wenn du deinen Auftrag zu meiner Zufriedenheit ausgeführt hast. Traust du mir?«

»Ich traue dir«, antwortete der Gaukler nach kurzem Besinnen, der erst unmutig darüber geworden war, dass ihm das Geld vorenthalten wurde, »einen Priester des Lao-Tssy halte ich keiner Lüge für fähig.«

»Gut, du wirst die vier Münzen sicher erhalten, wenn du sie verdient hast. Weißt du aber die zwei beschriebenen Männer unter den anderen herauszufinden? Gerade die, welche am meisten gefrevelt haben? Die Götter haben ihren Tod beschlossen.«

»So sicher werde ich sie finden, wie ich mein Weib unter Tausenden erkennen kann«, lächelte der Gaukler, »unsere Augen sind daran gewöhnt, die unmerklichsten Erkennungszeichen zu erfassen.«

Der Priester stand auf und schritt wortlos an dem sich abermals tief verneigenden Chinesen vorüber und zur Hütte hinaus.

* * * * *

II.28. Bei der Arbeit

»Es ist faktisch nicht mehr mit dir auszuhalten«, sagte die kleine, hübsche Mistress Miller zu ihrem Manne, während sie Chinesen beim Decken eines riesig langen Teetisches anleitete, »wenn du nichts zu mäkeln hast, dann jammerst du, und wenn dir nichts mehr einfällt, dann mischt du dich gar in meine Angelegenheiten, und das kann ich nicht vertragen, das weißt du, denn dann bist du faktisch ein unausstehlicher Mensch.«

Der Blick, den sie bei diesen Worten dem großen, schlanken Mann mit dem blonden Backenbart zuwarf, strafte aber ihren bösen Ton Lügen, denn er war ein sehr freundlicher und liebevoller.

Mister Miller war Vertreter einer großen Teefirma in England und leitete in dem Hafen von Scha-tou das Befrachten der Schiffe und die sonstigen Kontorarbeiten. Seine Wohnung hatte er außerhalb der Stadt auf einem reizenden Landsitze, er hatte eine niedliche Villa und daneben einen großen Garten, alles nach chinesischem Stil eingerichtet, das heißt, das Haus sah wie ein geschnitztes Puppenhäuschen aus, und in dem Garten waren Quellen und Teiche angebracht, auf denen Enten und Schwäne schwammen, die Ufer waren zierlich mit Muscheln eingefasst, auf dem Rasenplatze mit dem weichen, feinen Gras, stolzierten zahllose Goldfasanen, die Spezialität Chinas, umher, und hier und da erhob sich ein von hölzernen Säulen getragener Pavillon, an dessen Dache die klingenden Glöckchen nicht fehlten.

Zwei entgegengesetztere Charakter als Mister und Mistress Miller, hatten sich selten zusammengefunden, aber bekanntlich ziehen sich verschiedengeartete Naturen an, und so war es auch mit diesen beiden geschehen.

Eine lustigere, übermütigere junge Frau als Mistress Miller gab es nicht. Von morgens früh, bis abends spät hallten die Räume der Villa von den Klängen der heiteren Liedchen wieder, die sie unermüdlich trillerte. Die Spitzbübereien des frechsten, chinesischen Dieners vermochten nicht ein Wölkchen auf ihrer weißen Stirn hervorzubringen; brannte die Sonne mit sengender Glut herab, seufzte alles über die unerträgliche Hitze, so freute sie sich auf das kommende, abkühlende Gewitter, und regnete es vom Himmel in Strömen herab, so teilte sie ihrem Manne entzückt mit, dass die ausgetrockneten Teiche des Gartens bald wieder voll wären.

Das ganze Gegenteil von ihr war Mister Miller. Er war wirklich ein Kauz, dem nichts recht war, und der alles bemäkelte, kritisierte und besser wusste. Die Sonne war ihm zu heiß, der Regen zu nass, das Essen wollte er am liebsten auf kaltem Feuer gekocht haben, und keiner der Diener tat etwas richtig, alle waren Faulenzer, die nicht einmal das tägliche Brot verdienten. Aber, im Grunde genommen, war er der gutherzigste Mensch, der zum Beispiel erst jemanden tüchtig ausschalt und dann über sich selbst zürnte, den armen Kerl so angefahren zu haben, was gewöhnlich zu einem Geschenk Veranlassung gab. Außerdem hatte Mister Miller noch eine sehr gute Eigenschaft, so sehr sein Zorn auch manchmal wachsen konnte, er selbst regte sich nicht dabei auf, er blieb immer ruhig und sagte die scheltenden Worte mit der größten Gelassenheit, immer mit einer weinerlichen Stimme, wegen welcher er von seiner Frau oft geneckt wurde.

»Was soll ich denn nur eigentlich tun?«, sagte er auch jetzt in weinerlichem Tone zu den Vorwürfen seiner kleinen Frau, »ich will dir gern helfen, aber überall stößt du mich fort, nimmst mir den Teelöffel aus der Hand und lässt mich wie einen dummen Jungen stehen.«

»Geh nur in dein Zimmer und lies die ›Times‹, zu etwas anderem bist du doch jetzt nicht zu gebrauchen. Die Gesellschaft wird sich sehr freuen, wenn sie einen so sauertöpfischen Menschen als Wirt bekommt, der nichts weiter als räsonieren kann. Nimm dich einmal zusammen, setze dein freundliches Gesicht auf und spiele den Galanten, wie du es früher tatest, ehe du mich geheiratet hast. Geh nur in dein Zimmer, du bist mir im Wege, stelle dich vor den Spiegel und übe dich, ein liebenswürdiges Gesicht zu machen!«

Sie fasste ihren Mann ohne Weiteres an Arm und Rücken und schob ihn durch die Tür in ein anderes Zimmer.

Aber Mistress Miller blieb nicht lange mit den Kulis allein in dem Salon, um das Ordnen des Teetisches zu Ende zu bringen. Bald öffnete sich die Tür wieder, und des Hausherrn flachsblonder Kopf erschien in der Spalte.

»Der Spiegel ist ja heute wieder nicht abgewischt worden«, sagte seine gedehnte, weinerliche Stimme, »wenigstens tausend Fliegen haben ihre Spuren darauf zurückgelassen.«

»So wisch ihn ab«, entgegnete seine Frau und warf ihm ein Tuch zu. »Aber jetzt lass uns ungestört.«

Brummend zog sich Mister Miller zurück, aber diesmal war es seine Gattin selbst, welche ihn wieder zu sich ins Zimmer brachte.

»Emil, Emil«, rief sie mit einem Male laut auf, als sie gerade an einem Fenster stand, das nach dem Garten hinausführte, und als Emil bei ihr war, fuhr sie im Tone der höchsten Entrüstung fort:

»Da hört denn doch alles auf, läuft dieser Kerl mir nichts, dir nichts über unsere schönsten Blumenbeete weg. Schnell, Emil, geh und bringe ihn zur Vernunft.«

»Fällt mir gar nicht ein«, meinte ihr Gatte, »wozu haben wir denn die Diener? Ich soll aber auch alles hier im Hause besorgen, schließlich sogar noch solche zudringliche Gäste hinauswerfen.«

Durch die Gartentür war ein Fremder getreten und schritt den Kiesweg entlang, der nach dem Hause führte, aber eine Krümmung machte. Diese nun hatte der junge Mann in Pumphosen, der über die Schultern ein Kästchen und eine Ledermappe trug, nicht bemerkt und war gemütlich über den Rasen und die Blumenbeete geschritten, immer die Augen auf die Villa gerichtet, wo er am Fenster Mistress Miller gesehen hatte. Als er endlich durch eine Quelle watete und die Kälte an den Füßen spürte, wurde er seines Irrtums gewahr, musste aber nun weiter durch die Blumenbeete marschieren, ehe er den Weg wieder erreichte.

»Sie denken wohl, die Blumen wachsen hier wild?«, sagte da plötzlich eine traurige Stimme ihm zur Seite, und als der Verirrte den Kopf wendete, sah er den Hausbesitzer vor sich stehen.

Der junge Mann, der sich eben zwischen einigen Rosenbüschen befand, stand still.

»Habe ich das Vergnügen, Mister Miller zu sprechen?«, fragte er höflich.

»Das ist mein Name.«

»Absalom Youngpig, never mind«, stellte sich der Reporter vor und legte einen Finger an die schottische Mütze, »soll Ihnen Grüße von Mister Ward aus London bringen.«

»Mister Ward? Denn kenne ich gar nicht«, entgegnete der Hausherr, »wer ist denn das?«

»Kennen Sie nicht? Never mind, dann habe ich mich geirrt«, entgegnete der Reporter und trat auf den Weg.

»Sie haben sich wohl verlaufen?«, fragte Mister Miller, der fast zu glauben anfing, dass er es mit einem nicht ganz Geistesnormalen zu tun habe.

»Nein, ich wollte zu Mister Miller«, behauptete der Reporter, »Sie geben doch heute Abend den Tee für die Herren und Damen, welche vorgestern hier mit dem ›Amor‹ und der ›Vesta‹ angekommen sind?«

»Natürlich gebe ich den, aber was wollen Sie denn eigentlich? Oder sind sie vielleicht einer von den Herren?«, setzte er höflich hinzu.

»Eigentlich noch nicht, aber es wird nicht lange mehr dauern. Aber ich gehöre mehr zu den Damen, ich gehe an Bord der ›Vesta‹.«

Jetzt war es klar, dieser Mensch war etwas verrückt, solchen Unsinn konnte kein Vernünftiger sprechen.

Mister Miller überlegte, was er tun sollte. Durch einen Diener ihn hinauswerfen lassen konnte er nicht. Der Fremde war ein Engländer, sein Landsmann, und dazu befanden sie sich in einem fremden Lande. Aber auf irgend eine Weise musste er sich seiner entledigen.


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»Gefällt Ihnen mein Garten?«, fragte er.

»Wunderschön.«

»Nun, gehen Sie aber einmal auf die andere Seite des Hauses, dort ist es noch viel schöner. Kommen Sie!«

Auf der anderen Seite der Villa war nämlich die Einfahrt in den Hof, und durch diese wollte er den fremden Eindringling sich empfehlen lassen.

Er schritt voraus, an dem Eingang der Villa vorüber und sagte, ohne sich dabei umzudrehen:

»Sind Sie schon lange in China, haben Sie ein Geschäft hier?«

Er musste die Frage wiederholen, und als keine Antwort erfolgte, drehte er sich um und blieb sofort verdutzt stehen — Mister Youngpig war ihm gar nicht gefolgt, sondern war, als er an dem Eingang der Villa vorbeikam, ohne Weiteres in diese eingetreten.

»Jetzt schmeiße ich den Kerl hinaus; so eine Unverschämtheit ist mir doch noch nicht vorgekommen«, jammerte Mister Miller, stürmte in das Haus und fand den Reporter schon in einem Gespräch mit seiner Frau, die sich über ihn sehr zu amüsieren schien.

Mister Miller hatte keine Zeit mehr, seinem Unmut freien Lauf zu lassen, denn schon fuhren zahlreiche kleine, zweirädrige Wagen mit Pferdchen davor in den Hof, die Gesellschaft mit sich bringend. Er eilte hinaus, um zu empfangen, und außerdem kam ihm dann auch der Gedanke, dieser seltsame Kauz könnte doch mit zu den Gästen gehören, von denen er nur sehr wenige persönlich kannte.

Mistress Miller hatte erfahren, dass der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ in Scha-tou verankert lagen, und sie ließ ihrem Mann keine Ruhe, bis dieser fest versprach, sein möglichstes zu tun, um diese berühmten Weltumsegler zu einem Besuche in ihrem Hause zu bewegen.

Es war dem Gemahl nicht schwer gefallen, dieses zustande zu bringen. Er kannte einige der Herren von England aus, erneuerte die Bekanntschaft mit diesen, und bald hatten alle zugesagt, einen Nachmittag auf der Besitzung des englischen Kaufmanns zu verbringen.

Die Vorstellung war vorüber, die Mädchen waren sofort mit der lustigen Hausfrau vertraut geworden, die Herren waren zeremoniell begrüßt worden, als auch die Person des Mister Youngpig entdeckt wurde, der bisher hinter einem Fenstervorhang gestanden hatte und so unbemerkt geblieben war.

»Um Gottes willen«, flüsterte Ellen der Mistress Miller zu, »haben Sie diesen Herrn dort auch eingeladen?«

»Nein«, antwortete die Hausfrau erstaunt, »er ist von selbst gekommen, und ich glaubte, er wäre ein Herr vom ›Amor‹. Ist seine Gesellschaft Ihnen unangenehm?«

»Das gerade nicht«, lachte Miss Thomson leise, »manchmal kann man sich recht über ihn amüsieren. Er ist ein Reporter der ›Times‹ und verfolgt uns hier auf Schritt und Tritt, hat immer sein Notizbuch in der Hand, will uns über alles ausfragen und arbeitet ununterbrochen mit seinem Fotografenapparat. Ich glaube, es ist keine mehr unter uns, deren Bild er nicht schon in der Ledermappe trägt.«

»Gestern fragte er mich ganz ernsthaft, ob er nicht an Bord der ›Vesta‹ kommen könnte«, meinte Ellen.

»Zum Ansehen?«, fragte Mistress Miller.

»Nein, ob er mit uns darauf fahren könne.«

Das Gespräch war von Mister Miller aufgefangen worden, und sofort wendete er sich an Youngpig.

»Ach was, Sie sind der Reporter der ›Times‹?«

Er hatte plötzlich seine weinerliche Stimme und sein Phlegma verloren, er interessierte sich nämlich ganz ungeheuer für die ›Times‹, sie waren seine einzige Lektüre, und als er gar einst von der Redaktion mit überschwänglich höflichen Worten ersucht worden war, einen Artikel über die Teefabrikation in China zu schreiben und nach Lieferung desselben einen ebenso von Dankesphrasen strotzenden Brief erhalten hatte, schwärmte er für alles, was mit dieser Zeitung in Verbindung stand. Er selbst fühlte sich als Mitarbeiter dieses Weltblattes, ohne dessen Hilfe damals der Redaktion ein empfindlicher Schaden zugefügt worden wäre, und immer wieder konnte er davon erzählen.

»SpezialKorrespondent der ›Times‹, zu dienen«, erwiderte Youngpig.

Jetzt hatte Mister Miller seinen Mann gefunden.

»Seien Sie mir willkommen, mein lieber Herr«, rief er, »das freut mich ungemein, Sie sozusagen als Kollegen begrüßen zu können. Auch ich bin nämlich ein eifriger Mitarbeiter der ›Times‹, der Chefredakteur ist mein spezieller Freund und quält mich immerfort, Beiträge zu liefern. Haben Sie zum Beispiel meinen Artikel vor zwei Jahren über die chinesische Teerösterei gelesen?«

»Natürlich, der hat Sensation gemacht, andere Blätter haben Hunderte von Pfund geboten, um ihn abdrucken zu dürfen. Das lässt sich aber bei uns nicht machen, wir bringen nur Originale und verkaufen nichts und wenn uns eine Million Pfund Sterling geboten würde.«

Der Reporter hatte den Aufsatz gar nicht gelesen, aber er hatte Mister Miller sofort richtig beurteilt.

Die Gesellschaft hatte unterdes an der mit Teetassen und Backwerk bedeckten Tafel Platz genommen, aber noch im letzten Moment wusste es der Hausherr so einzurichten, dass der Reporter an seine Seite zu sitzen kam, und während die chinesischen Diener die gefüllten Tassen und Kuchenteller präsentierten, die Übrigen sich in Gespräche verwickelten, welche sich natürlich hauptsächlich um die erlebten Abenteuer drehten, vertieften sich Miller und Youngpig darin, wie heiß die kupfernen Platten sein müssten, um den Teeblättern die nötige Couleur zu geben, ohne sie zu verbrennen und wie er darüber auch noch einiges an die ›Times‹ einsenden wolle.

»O weh«, seufzte seine Gattin in komischer Verzweiflung, »Mister Miller reitet auf seinem Steckenpferde, und ehe das nicht tot zu Boden sinkt, steigt er nicht ab.«

Der Hausherr merkte gar nicht, wie der Reporter auf dem Stuhle hin- und herrutschte, wie er dem Sprecher nie ins Gesicht sah, sondern seine Augen fortwährend von einer Dame zur anderen schweifen ließ und jede ihrer Handlungen und Bewegungen beobachtete. Kaum aber wurde Mister Miller einmal von seiner Dame zur Linken gefragt, ob er dem Geschmack des grünen oder des schwarzen Tees den Vorzug gäbe, so wendete sich der Reporter mit einem Ruck zur Seite, zog schnell das Notizbuch aus der Tasche und fragte seine Nachbarin:

»Trinken Sie immer Tee auf der ›Vesta‹?«

»Es ist verschieden, manchmal Tee und dann wieder Kaffee«, antwortete das Mädchen.

»Was trinken Sie früh?«

»Tee.«

»Nachmittags?«

»Kaffee.«

»Und abends?«

»Wieder Tee.«

Das Mädchen hatte nicht bemerkt, dass Mister Youngpig auf seinen Knien ihre Antworten notierte, als sie es aber sah, musste sie lachen.

»Interessiert das die ›Times‹ wirklich so, ob wir Tee oder Kaffee trinken?«, fragte sie lächelnd.

»Ganz ungeheuer, und es ist von der größten Wichtigkeit, über derartige Sachen genauen Bescheid zu wissen. Der kleinste Fehler kann große Folgen nach sich ziehen.«

»Aber bedenken Sie nicht, dass wir vielleicht gar nicht gewillt sind, solche wichtigen Fragen, wie Sie an uns stellen, zu beantworten, oder vielleicht ganz anders, als es sich wirklich verhält?«

Der Reporter zog eine verblüffte Miene.

»Ich hoffe doch nicht von Ihnen, dass Sie mir etwas vorlügen?«, sagte er bestürzt.

»Ich lüge nicht, aber ich erkläre Ihnen hiermit, wie schon andere Damen getan haben, dass ich Ihre Fragen betreffs der ›Vesta‹ nicht mehr beantworten werde. Schon unsere Gesetze verbieten uns, darüber zu sprechen, und wenn Sie auch nur die Tee- und Kaffeeverhältnisse berühren.«

»Ich bin unglücklich«, seufzte der Reporter und steckte sein Notizbuch ein, »ich hätte nicht geglaubt, auf einen solch hartnäckigen Widerstand zu stoßen.«

»Sie tun mir leid«, bedauerte ihn das Mädchen, »aber ich kann Sie in Ihrem Berufe wirklich nicht unterstützen; mein Pflichtbewusstsein verbietet es mir. Doch warten Sie, Mister Youngpig, ich will Ihnen wenigstens einen Rat geben, wo Sie sich am besten Auskunft holen können.«

Das Mädchen blickte sich in der Gesellschaft um, und bald hatte sie die gesuchte Person gefunden. Sie saß zwischen Sir Williams und Mister Wood, mit dem Sie hier wieder zusammengetroffen waren. Er hatte gesagt, er befände sich geschäftlich in Scha-tou.

»Sehen Sie die junge Dame dort, in der blauen Bluse mit den gelben Spitzen?«, fragte sie.

Der Reporter bejahte.

»Das ist eben die, welche ich noch nicht fotografiert habe. Immer, wenn ich ihr den Kasten vors Gesicht halte, dreht sie sich um, hält sich das Taschentuch vor die Nase, riecht an eine Blume, niest, oder macht sonst etwas, was mir das Bild zerstört. Wie heißt sie?«

»Miss Staunton. Mit der müssen Sie nachher Bekanntschaft zu machen suchen. Sie ist die jüngste unter uns und daher die offenherzigste, die wird Ihnen alles ausplaudern, was Sie von ihr wissen wollen. Ob es Miss Staunton mit ihrem Gewissen ausmachen kann, wenn Sie verrät, wie viel Zucker sie in ihren Tee tut, ist nicht meine Sache.«

Mister Youngpig konnte kaum erwarten, dass der Teetisch aufgehoben wurde. Es war am Abend, und die Gesellschaft begab sich in den Garten, um die kühle Luft zu genießen. Sofort war der Reporter an Miss Stauntons Seite, welche neben dem mitgenommenen oder vielmehr mitgefahrenen Hannes ging, denn der Leichtmatrose ließ sich von seinem Herrn durchaus nicht befehlen, an Bord zu bleiben. Wurde er nicht aufgefordert, an einem Ausflug teilzunehmen, so ging er unaufgefordert mit, aber meist versäumte Williams nie, die Einladung erfolgen zu lassen, denn er hatte wohl erkannt, wie Hope und Hannes zusammen standen, und er war viel zu großherzig, um in dem Verkehr des Matrosen mit der reichen und gebildeten Amerikanerin etwas Anstößiges zu finden.

Mister Youngpig fand die beiden in ein leises Gespräch vertieft an einem Weiher stehen, und der Blick, den er von Hannes zugeschleudert bekam, schüchterte ihn zwar nicht gerade ein, ließ ihn aber doch jetzt schon ahnen, dass sich die beiden bald eines ungewünschten Zuhörers entledigen würden.

Doch der Reporter hatte Glück.

Noch ehe er seinen Mund zu einer Anrede öffnete, rief der in einiger Entfernung mit Sir Williams zusammenstehende Mister Wood des Matrosen Namen, und Hannes, welcher wusste, dass Wood der Detektiv war, vor dem er einen gewaltigen Respekt hatte, folgte nach einem mit Hope gewechselten Händedruck eiligst der Aufforderung.

»Habe ich das Vergnügen mit Miss Staunton zu sprechen?«, fragte der Reporter, diesmal die ganze Hand an die Mütze legend, ein Zeichen seiner größten Ehrerbietung.

»Es freut mich, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, Mister Youngpig«, erwiderte Hope freundlich, »ich habe schon so viel von Ihnen erzählen hören, über Ihre kecken Unternehmungen zum Beispiel, und auch die anderen Damen, meine Freundinnen, haben mich auf Sie aufmerksam gemacht; daher ist mir Ihr Name bereits ohne Vorstellung bekannt.«

Der Reporter war überglücklich. Endlich hatte er einmal ein Mädchen gefunden, welches, nicht wie die anderen Vestalinnen, die er seit vierundzwanzig Stunden auf Schritt und Tritt verfolgte, ihm bei jeder Frage den Rücken kehrte, sondern sich mit ihm in ein freundliches Gespräch einzulassen geneigt schien. Das musste ausgenutzt werden, so eine Gelegenheit bot sich nicht gleich wieder. — Youngpig hatte schon die eine Hand an dem noch in der Tasche steckenden Notizbuch, und die andere war bereit, nach dem hinter einem Ohre steckenden Bleistift zu greifen.

»Teufel«, dachte er, »warum bin ich nicht gleich an die geraten! Lasse ich mich von den anderen kurz abfertigen oder gar hart anfahren, und dieses Mädchen ist die Liebenswürdigkeit selber. Jetzt aber aufgepasst und geschickt gefragt, die Goldgrube muss ausgebeutet werden.

»Ich schätze mich glücklich«, sagte er laut, »dass Sie an meiner Wenigkeit solches Interesse nehmen, und so bin ich auch zu der Hoffnung berechtigt, dass Sie meine neugierigen Fragen ...«

»O bitte.«

»... nicht als solche auffassen, sondern, da Sie wissen, dass ich Reporter der ›Times‹ ...«

»Gewiss, ich weiß, es ist mir erzählt worden.«

»... bin, mich unterstützen werden. So erlauben Sie mir vor allen Dingen ...«

»Herzlich gern erlaube ich es.«

»... die Frage, welche ich schon an verschiedene der Damen immer vergebens gestellt habe. Waschen Sie sich des Morgens zusammen an Deck, wie es auf anderen Schiffen gebräuchlich ist, oder wäscht sich jede der Damen einzeln in ihrer Kabine?«

»Das ist sehr verschieden«, antwortete Hope ernsthaft, »es kommt ganz darauf an, wie das Wetter gewesen ist. Aber Sie können ja nicht mehr zum Schreiben sehen.«

Youngpig hatte das Notizbuch schon hervorgezogen und fing an zu kritzeln.

»Ich kann vollständig sehen«, sagte er, »ich brauche gar nicht hinzublicken, wenn ich schreibe. Waschen richtet sich nach dem Wetter — so bitte, wollen Sie fortfahren.«

»Ja. Ist es zum Beispiel schönes Wetter, so waschen wir uns alle Tage, und zwar in der Kabine, oft aber, wenn es stürmisch ist, haben wir uns wochenlang nicht gewaschen, und dann ist es natürlich nötig, dass wir uns später einer gründlichen Reinigung unterziehen.«

»Gründliche Reinigung«, notierte der Reporter und blätterte um. »Auf welche Weise geschieht diese?«

»Diese müssen wir natürlich an Deck vornehmen, und zwar bearbeiten wir uns gegenseitig mit Besen und Scheuerbürste.«

»Besen und Scheuerbürste«, notierte Youngpig, »so, danke, Miss, never mind, darüber wäre ich mir nun also klar. Aber nun gestatten Sie mir noch eine andere Frage, nämlich das Essen betreffend. Darüber herrscht noch eine allgemeine Unkenntnis.«

»Was sagt man, wie wir uns beköstigen?«, fragte Hope.

»Die Meinungen sind verschieden; einige Reporter haben behauptet, Ihre Mahlzeiten wären sehr lukullisch, andere wiederum sagen, an Bord der ›Vesta‹ würde sehr einfach gelebt, ja, die Vestalinnen wären sogar Vegetarier. Wollen Sie mich darüber belehren, bitte!«

»Wir leben in der Tat sehr einfach«, erklärte Hope, »wenn auch nicht gerade vegetarisch, so kommt doch Fleisch auf unserem Küchenzettel nicht häufig vor, ausgenommen gesalzener Schweinespeck, den wir täglich haben. Unsere Hauptnahrung besteht in Kartoffeln und Hafergrütze, und wenn Sie es wünschen, so will ich Ihnen den wöchentlichen Speisezettel nennen, doch muss ich Sie bitten, nicht zu sagen, von wem Sie ihn erfahren haben.«


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»Ich bin verschwiegen«, versicherte der Reporter. »Kehrt dieser Speisezettel denn immer wieder?«

»Jede Woche ist er derselbe. Also passen Sie auf, schreiben Sie alles richtig nach: Montag gibt es Speck, Hafergrütze und Kartoffeln, Dienstag: Hafergrütze, Kartoffeln und Speck, Mittwoch: Kartoffeln, Hafergrütze und Speck, Donnerstag: Speck, Kartoffeln und Hafergrütze, Freitag: Hafergrütze, Speck und Kartoffeln, Sonnabend: Kartoffeln, Speck und Hafergrütze, und am Sonntag werden die übriggebliebenen Reste aller dieser verschiedenen Mahlzeiten aufgewärmt, und dazu gibt es präserviertes Rindfleisch. Haben Sie es notiert?«

»Ja. Ist das Essen denn nicht am Sonntag manchmal verdorben?«

»Durchaus nicht, es riecht etwas, aber schmecken tut es immer delikat.«

»Wie viel Pfund Nahrungsmittel gebrauchen die Damen zusammen ungefähr täglich?«

»Durch den fortwährenden Aufenthalt in der frischen Luft sind wir alle enorm starke Esser geworden, aber wie viel wir verzehren, kann ich nicht genau angeben. Doch halt, durch eine Rechnung wird es mir möglich sein. Die ›Vesta‹ ist ziemlich leicht gebaut, sodass wir als Ballast nur Nahrungsmittel mitnehmen, eben Hafergrütze und Kartoffeln, und da diese immer weniger werden, so müssen wir anderen Ballast einnehmen, und zwar lassen wir Salzwasser in die leeren Behälter laufen, dessen Menge wir am Hydrometer messen können. Täglich müssen wir nun ungefähr zwei Hektoliter Wasser zulaufen lassen, wie viel würde das für jede Person ausmachen? Wir sind 25.«

»200 dividiert durch 25 macht 8«, rechnete der Reporter, »also jede Person täglich 8 Pfund. Sie scheinen guten Appetit zu haben.«

»Das könnte stimmen«, meinte Hope nachdenkend.

»Und wie steht es mit den Trinkverhältnissen? Sie trinken morgens Tee, nachmittags Kaffee und abends Tee, nicht wahr? Aber nehmen Sie auch zuzeiten Bier und Wein zu sich? Was trinken Sie, wenn Sie einmal Durst verspüren?«

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen dies erzählen darf!«, sagte Hope zögernd. »Wenn die Damen davon erfahren, wären sie außer sich. Ich glaube, sie würden mich sofort wegjagen.«

»Seien Sie unbesorgt, liebes Fräulein«, versicherte der Reporter, »ich plaudere es niemandem wieder aus.«

»Sehen Sie, das ist nämlich eine komische Geschichte. Als wir von New York weggingen, waren auch wir, wie in Amerika unter den besseren Kreisen üblich ist, Temperenzler, das heißt, wir tranken nur Wasser, Tee und Kaffee. Spirituosen nahmen wir nur als Medizin mit. Nun klagte einmal eine Dame über Magenschmerzen, und sie bekam von Miss Petersen einen Löffel Rum in den Tee, am anderen Tage kam eine zweite, dann eine dritte, und schließlich hatten wir alle Magendrücken.«

»Das kommt von den vielen Kartoffeln.«

»Nicht wahr, das habe ich auch immer gesagt! Aber ein Löffel Rum reichte bald nicht mehr. Der Magen hatte sich schon an die Medizin gewöhnt, die Schmerzen ließen nicht nach, sondern wurden immer heftiger, und so ordnete die Kapitänin, die zugleich die Stelle des Arztes vertritt, an, dass der Tee und Kaffee regelmäßig mit Rum oder Kognak serviert würde. Bald aber tranken wir nicht mehr Tee mit Rum, sondern Rum mit Tee, und jetzt kommt es sogar manchmal vor, dass wir, wenn wir Tee trinken, uns den reinen Rum in die Tassen schenken.«

»Bekommt Ihnen diese Art von Getränk gut?«

»Ausgezeichnet. Jedes Mal, wenn wir den Tee eingenommen haben, fühlen wir uns ungeheuer lustig; wir singen, tanzen, lachen und scherzen, und es kommt sogar vor, dass wir unsere Körperkräfte messen.«

»Sie treiben dann Ihre Spiele?«

»Ja, sehr lustige. Haben Sie zum Beispiel die Dame mit dem Verband um den Kopf gesehen?«

»Freilich, sie hat einen Streifschuss in dem Kampfe gegen die malaiischen Seeräuber davon getragen!«

»Ach wo«, rief Hope, »das ist ja gar nicht wahr. Da ich Ihnen nun schon vieles von den Geheimnissen der ›Vesta‹ erzählt habe, kann ich Ihnen auch noch das sagen. Miss Nikkerson hatte mit einer Dame ein Spiel arrangiert, welches wir oft spielen, besonders nach dem Tee, wenn wir so gemütlich beieinander sind. Wir stellen uns mit geballten Fäusten einander gegenüber, und jede sucht die andere im Gesicht zu treffen. Welcher dies am meisten gelingt, die hat gewonnen. Manche nehmen auch Knüppel dazu, und von einem solchen ist Miss Nikkerson aus Versehen an der Schläfe geritzt worden.«


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Auf diese Weise ging es noch eine halbe Stunde weiter. Der Reporter schrieb die unsinnigsten Antworten Hopes, betreffs der ›Vesta‹ und der Vestalinnen, nieder, und sie war fest davon überzeugt, dass Youngpig ihr alles glaubte, sonst hätte er doch nicht immer eifrig notiert. Er machte nicht einmal ein zweifelndes Gesicht, wenn sie ihm die größten Unmöglichkeiten erzählte, nie erlaubte er sich eine Bemerkung einzuwerfen, und schließlich wurde Hope so kühn, zu behaupten, sie wären schon alle einmal am Mast durchgepeitscht worden, weil sie die Gesetze der ›Vesta‹ übertreten hätten. Aller Rücken zeigten schon die Narben von Peitschenhieben, und sie beschrieb dem immer nachschreibenden Reporter ganz genau, wie eine solche Exekution vorgenommen würde.

Die Gesellschaft schien aufbrechen zu wollen, die im Garten Spazierengehenden wurden gerufen, und so gingen auch sie beide in die Villa, um die abgelegte Garderobe zu holen.

Als sie sich in dem hellerleuchteten Treppenflur befanden, sagte Hope in ängstlichem Tone zu dem Reporter:

»Aber nicht wahr, Sie plaudern doch nichts aus? Ich glaube, die Kapitänin würde mich langsam zu Tode martern lassen.«

»Seien Sie unbesorgt, liebe Miss«, sagte Youngpig, »das Plaudern ist nicht mein Geschäft, sondern nur das Schreiben.«

Hope tat, als wäre sie über den Sinn, der in diesen Worten lag, ganz entsetzt, angstvoll blickte sie den Reporter an.

»Sehen Sie dort den Skorpion an der Wand hinaufkriechen?«, rief plötzlich Youngpig, ehe Hope ihn noch um Verschwiegenheit bitten konnte, und deutete nach einem Winkel.

»Nein, wo ist er?«, fragte Hope und blickte nach der angedeuteten Richtung. Knacks!, ging es neben ihr.

»Danke, never mind«, sagte der Reporter, hing den Fotografenapparat wieder an die Seite, legte die Finger an die Mütze und ging noch einmal in den Garten hinaus — Garderobe hatte er ja nicht anzulegen.

»Jetzt hat er mich doch einmal angeführt«, murmelte Hope ärgerlich, »ich wollte mich ja nicht fotografieren lassen. Na, never mind, ich habe ihn doch noch besser veralbert. Das gibt einen Hauptspaß, wenn die »Times« die ganz genaue Beschreibung der ›Vesta‹ und ihrer Besatzung bringen werden.« Und lachend stieg sie die Treppe hinauf.

»Nun, mein lieber Absalom«, redete draußen Nick Sharp den Reporter an, »hast du viele Neuigkeiten über die ›Vesta‹ erfahren, als du so angelegentlich mit der Dame sprachst?«

Der Reporter zog sein Notizbuch hervor.

»Wenigstens zehn Seiten habe ich vollgeschrieben«, sagte er stolz.

Der Detektiv betrachtete ihn mitleidig.

»Armer Kerl«, sagte er dann, »reiß die Blätter heraus und wirf sie weg, du bist ganz furchtbar angeführt worden. Jenes Mädchen, das du fragtest, ist nämlich ein ganzer Ausbund, ihr Kopf steckt nur voller Dummheiten, und wenn sie jemanden hat, der ihr glaubt, den lügt sie so an, bis er schwarz wird. Versuche noch einmal, ob Johanna dir nichts erzählen will, auch ich werde nochmals mit ihr sprechen.«

»Aber Nick«, sagte der Reporter mit schlauem Lächeln, »denkst du etwa, ich habe dem Mädchen etwas geglaubt? Nein, für so dumm darfst du mich denn doch nicht halten.«

»Wozu hast du dir denn allen jenen Unsinn notiert?«

»Zum Einschicken an die »Times« jedenfalls nicht«, erwiderte Youngpig lachend, »die würden mir eine schöne Antwort zukommen lassen. Aber verwendet sollen diese Notizen doch werden, eine Geschichte wird es geben, wie sie noch gar nicht dagewesen ist,«

»Na, du bist ja von jeher ein Federfuchser gewesen«, brummte der Detektiv, »meinetwegen lüge ein Theaterstück daraus zusammen.«

* * * * *

II.29. Die Wagenfahrt

Während die Damen noch Toilette machten, um sich für die Fahrt nach der Stadt vorzubereiten, hatte der Detektiv Williams aufgesucht, dann auch noch Hannes herbeigeholt, und auf die Bitte Sharps schloss ihnen ein Diener ein Zimmerchen auf, in dem sie so lange verweilten, bis das Stampfen der Pferde verriet, dass angespannt worden war.

»Also es bleibt dabei, Mister Wood!«, sagte Charles laut, als er über den Hof nach dem letzten Wagen schritt.

Ehe er ihn erreicht hatte, trat ihm Miss Thomson entgegen. In den Wagen hatten je vier Platz genommen, und während auf der Herfahrt Miss Thomson zusammen mit Charles gesessen hatte, war der letzte Wagen schon von Hannes, Lord Hastings und Johanna besetzt, also nur noch ein Platz war frei, und den schien eben Charles einnehmen zu wollen. Miss Thomson beachtete die Blicke nicht, welche die schon Eingestiegenen auf sie warfen, als sie ihrem Geliebten entgegentrat und ihn zurückzuhalten suchte.

»Aber was ist denn das?«, flüsterte sie bestürzt. »Warum kommst du nicht zu mir Charles? Die ganze Ordnung ist ja eine andere geworden.«

Es war in der Tat so. Vorhin war der letzte Wagen von anderen Personen besetzt gewesen, aber die drei Genannten hatten diesen sofort bestiegen und ließen nur einen Platz für Williams offen.

»Es dauert ja nur eine halbe Stunde, Betty«, flüsterte Charles, »wir vier haben es so ausgemacht, dass wir zusammenfahren wollen, wir haben etwas miteinander zu besprechen.«

»Was denn?«, fragte Betty neugierig. »Hast du Heimlichkeiten vor mir? Das ist nicht schön!«

»Ich erzähle es dir nachher. Geh nur, Schatz, suche dir einen Platz, da im Wagen vor uns sitzt Mister Wood, ich habe ihm schon gesagt, dass ich ihn dir als Beschützer mitgebe.«

»Aber, Charles«, bat Miss Thomson, »wie sonderbar bist du mit einem Male! Lass doch Mister Wood in den letzten Wagen steigen. Ich habe mich schon so auf die schöne Fahrt gefreut, und nun verdirbst du sie mir mit deinem Eigensinn.«

Williams war schon in den Wagen gestiegen, und Miss Thomson blieb nichts anderes übrig, als im vorletzten Wagen neben Mister Wood Platz zu nehmen, denn die Pferde zogen schon an. Sie war sehr ärgerlich und beachtete die Höflichkeiten ihres Nachbars gar nicht, den sie wegen seiner spöttischen Fragen und Antworten schon in Batavia nicht hatte leiden mögen. Diesmal unterließ er solche zwar, er benahm sich freundlich und zuvorkommend gegen sie, aber ihr Vorurteil gegen diesen Mann ließ sie nicht fallen, sie blieb kalt und einsilbig.


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Allein bald änderte sich ihre Stimmung. Mister Wood kam natürlich auf Charles zu sprechen, und da das ihnen gegenübersitzende Paar sich vollständig in ein Gespräch vertieft hatte und kein Ohr für andere hatte, so ging Betty auf die neue Unterhaltung ein, sie hatte für das Mädchen natürlich das größte oder vielmehr das einzige Interesse.

»Sie sind mit Sir Williams eng befreundet, nichts wahr?«, sagte sie.

»Ja, wir sind von Jugend an Freunde gewesen, erst mit dem eintretenden Mannesalter sind wir voneinander getrennt worden, aber die Freundschaft haben wir uns bis jetzt bewahrt. Ich kenne Sir Williams fast ebenso, wie mich selbst.«

»Er soll eine etwas wilde Jugend hinter sich haben?«, fragte wiederum Betty, ohne einen Grund zu diesem Argwohn zu finden. Aber von Charles konnte sie nie etwas derartiges erfahren, sie wusste nicht, ob er Spaß oder Ernst mache, doch hoffte sie, von Mister Wood, seinem Freunde, etwas Näheres über ihn zu erfahren. Schön ist zwar eine solche Neugierde nicht, sagte Betty sich selbst, aber du lieber Gott, sie ist verzeihlich, und außerdem glaube ich auch nicht, was Mister Wood etwa Ungünstiges über ihn spricht.

»Ein wilder Junge ist er allerdings immer gewesen«, bestätigte Mister Wood, »und ist dann auch etwas flatterhaft geworden. Wie soll es denn anders sein, reich, jung und hübsch und ohne Aufsicht, dafür ist er ja aber jetzt ein braver, solider Mann.«

Das Gespräch versprach ja recht interessant zu werden. Dieser Mister Wood war übrigens ein schlechter Mensch, so etwas von seinem Freunde zu sprechen, und noch dazu zu derjenigen, von der er doch ganz sicher wusste, dass Williams ihr nicht gleichgültig war. Aber Betty war ein Weib, sie konnte das Weiterforschen nicht lassen, doch immer mit dem festen Entschlüsse, etwas Schlechtes nicht zu glauben.

»Flatterhaft«, sagte sie unschuldig. »Wie meinen Sie das?«

»Nun, mein Gott, er soll früher etwas gefährlich gewesen sein, manches zarte Herz soll an seinen Augen Feuer gefangen haben. Doch das ist jetzt vorbei, er hat mir oft erklärt, dass er dies völlig hinter sich habe, und dass er überhaupt der Liebe nicht mehr zugänglich sei, wenigstens soweit sich dies überblicken lasse.«

»Wann hat er ihnen dies gesagt?«

»Erst vorhin, als wir zusammen im Garten spazieren gingen.«

Also wusste Mister Wood noch nicht, dass Charles sie liebe. Natürlich, sie hatte in dem Mann an ihrer Seite schon lange eine ganz nüchterne, prosaische Natur erkannt, die über alles Schöne lachen konnte. Wie sollte dieser Mensch das entdeckt haben, was zwischen ihnen beiden ganz heimlich vorging? Charles verriet ihm sicher nichts, wenn er auch sein Freund war. Jetzt durfte sie schon offener fragen.

»So meinen Sie, dass er für keine der Damen der ›Vesta‹ ein tieferes Interesse hegt?«

»Ein tieferes Interesse? Soviel ich weiß, nein«, sagte Mister Wood langsam, und Betty merkte, dass er sichtlich zögernd sprach.

»Sprechen Sie sich offen aus!«, meinte Betty scherzhaft, »Sie wissen, wir Mädchen, sind etwas neugierig und hören solche Geheimnisse gern. Seien Sie versichert, dass ich darüber reinen Mund halten werde. Aber ich bin wirklich neugierig, zu erfahren, für wen dieser Sir Williams, der über alles scherzt, eine Neigung besitzen soll.«

»Wie ich Ihnen schon sagte, Charles hat mir selbst erklärt, dass er sich keiner Liebe mehr für fähig hält.«

»Aus Ihrer Antwort vorhin schloss ich das Gegenteil.«

Mister Wood blickte lange sinnend vor sich hin, dann sah er dem Mädchen fest in die Augen und nahm plötzlich dessen Hand in die seine.

»Miss Thomson«, sagte er leise, und es schien dem Mädchen, als ob seine Stimme zitterte, »haben Sie noch nicht gemerkt, dass ich, dass ich ...«

Er konnte vor Verlegenheit nicht weiter.

»Was?«, fragte Betty, die nicht wusste, wo hinaus Wood wollte, von dem Folgenden hatte sie keine Ahnung.

»... dass ich Sie liebe.«

Betty saß vor Staunen starr da, sie glaubte zu träumen. Dieser Mister Wood, der sie noch fast gar nicht angesehen hatte, behauptete mit einem Male, er liebe sie.

Hastig zog sie die Hand zurück.

»Seien Sie mir nicht böse«, sagte er mit weicher Stimme, »ich weiß, ich bin Ihrer nicht wert, ich verlange keine Gegenliebe von Ihnen, ich bin schon froh, wenn ich Sie lieben darf. Aber ich flehe Sie an, hören Sie auf mich, glauben Sie meinen Worten, die ich an Sie richten muss, und wenn es mich den besten Freund kosten sollte. Ich kann nicht mehr mit ansehen, dass Sie das Opfer eines Leichtsinnigen werden, das Herz blutet mir, wenn ich dem Spiele zusehe, das mit Ihnen getrieben wird.«

»Was sagen Sie?«, fragte Betty gedehnt.

Sie ward immer bestürzter. Wollte dieser Mann sie etwa ihrem Verlobten abspenstig machen, wollte er ihr überhaupt etwas von ihm erzählen? Nein, das war ja gar nicht möglich.

»Ich sage, dass mit Ihnen einen frevelhaftes Spiel getrieben wird. Eben, weil ich Sie anbete, wenn auch nur aus der Ferne, warne ich Sie vor meinem Freunde, vor Charles. Er selbst hat es mir gesagt, wie er sich aus Übermut mit Ihnen in eine Liebelei eingelassen habe, um bei der Reise doch etwas Vergnügen zu haben — das waren seine eigenen Worte — aber es ist mir unmöglich, Sie das Opfer eines solchen Betruges ...«

Er konnte nicht weitersprechen, Betty unterbrach ihn.

Sie hatte während dieser Worte die Augen starr auf ihn gerichtet gehabt, als könne sie ihn nicht verstehen, dann fiel ihr Blick auf Charles, den sie trotz der Dunkelheit im letzten Wagen noch erkennen konnte, und plötzlich sprang sie auf, die Hände zusammengeballt.

»Mein Herr«, stieß sie leise, aber in furchtbar aufgeregtem Tone hervor, »ich verbitte mir ein für allemal, in solcher Weise von Sir Williams zu reden. Wenn ich wüsste, dass Sie ihn böswillig zu verleumden suchen, so würde ich, bin ich auch nur ein Mädchen, Ihnen in anderer Weise antworten.«

Eine nähere Erklärung fand nicht statt, auch die beiden anderen Insassen beachteten diese Worte, welche sie gehört hatten, nicht weiter. Aller Augen richteten sich auf den letzten Wagen, auf dem sich eben eine seltsame Szene abspielte.

Betty hatte während ihrer hervorgeschleuderten Worte nach Charles geblickt, und kaum hatte sie geendet, als sie laut aufschrie, sie sah, wie plötzlich Charles, so glaubte sie wenigstens, rücklings über die Lehne vom Wagen herabstürzte, wie Johanna dem die Pferde lenkenden Chinesen in die Zügel fiel, und wie gleichzeitig Lord Hastings und Hannes aus dem Wagen sprangen.

»Charles!«, schrie Betty entsetzt auf, und mit einem Satze war sie von dem hohen Sitz herunter und an dem letzten Wagen. Sie konnte in der Dunkelheit nur erkennen, wie einige Männer in einer aufwirbelnden Staubwolke am Boden rangen.

*

Wo Charles Williams war, musste es immer lustig hergehen, und wenn er auch nur mit solchen Personen zusammen gewesen wäre, wie es der phlegmatische Hastings und die stille, ernste Johanna waren, Charles duldete keine ernsthafte Miene und keine traurigen Gespräche.

Ebenso war Hannes bekanntlich kein Kopfhänger, ihm konnte es nicht so leicht zu toll werden, und so kam es, dass es in dem letzten Wagen ungeheuer heiter zuging, zum geheimen Kummer von Miss Betty, welche wünschte, statt neben Mister Wood im anderen Wagen zu sitzen.

Sonderbarerweise hatten aber auch heute Abend Lord Hastings und Johanna ihre sonstigen Naturen abgelegt, auch sie waren ungewöhnlich aufgeräumt und lachten fortwährend über die Gespräche und Witze, mit denen Charles, wie auch Hannes, um sich herumwarfen, taten sogar selbst ihr bestes, die gute Stimmung nicht einschlummern zu lassen.

Hannes und Williams saßen auf dem Hintersitz, das Gesicht also nach den Pferden zu gerichtet und lehnten sich bequem hintenüber, während Johanna und Lord Hastings den Vordersitz einnahmen.

Charles zog ein Etui hervor und steckte sich eine Zigarre an, stand dann auf und klopfte dem chinesischen Kutscher auf die Schulter.

»Willst du eine Zigarre rauchen, mein Bursche?«, fragte er ihn. Der Rosselenker wandte den Kopf und zeigte dem Frager grinsend die Zähne, er hatte ihn nicht verstanden.

»Er versteht nicht Englisch«, sagte Charles und setzte sich wieder, »es schadet also nichts, wenn wir Bemerkungen austauschen.«

Hannes begann wieder ein munteres Lied zu singen, und Hastings sagte, sich vorbeugend:

»Es scheint doch, als hätten Sie sich geirrt. Wir haben die Stadt bald erreicht, und noch ist uns nichts Auffälliges begegnet.«

»Ich habe mich nicht geirrt«, versicherte Charles, »außerdem haben wir noch eine gute Viertelstunde zu fahren, und unser Weg führt uns vorher durch ein Orangenwäldchen, in dem die Fahrstraße sehr schmal wird. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir dieses ohne Störung passierten.«

»Haben Sie den Mann auch wirklich unter den Dienern des Mister Miller erkannt?«, fragte nochmals Lord Hastings zweifelnd.

»Ganz sicher«, erwiderte Charles etwas heftig, »ich sah ihn noch zuletzt, als er uns beim Einsteigen beobachtete, natürlich nur, um sich über unsere Plätze zu orientieren. Dann rannte er uns voraus, und ich glaube sogar, ein höhnisches Lachen gehört zu haben. Der Kerl freute sich, uns im letzten Wagen zu sehen, denn dadurch hat er leichtere Arbeit.«

Charles fiel mit in den englischen Matrosensang ein, den Hannes angestimmt hatte, legte sich bequem an die hölzerne Lehne, beide Arme darauf stützend und führte ab und zu die Zigarre nach dem Mund.

»Das Orangenwäldchen in Sicht«, sagte er in einer Pause des Gesanges schnell. Sein Blick war dabei auf Johanna gerichtet gewesen, und diese nickte bei diesen Worten leicht mit dem Kopfe, Ihre großen, braunen Augen erweiterten sich noch mehr und beobachteten, ohne dass sie es besonders merken ließ, die zurückgelegte Gegend unausgesetzt.

Das Wäldchen war erreicht, die Bäume rückten eng zusammen, die Straße war hier nur so breit, dass eben zwei sich begegnende Wagen sich hätten ausweichen können, und der Mond stand zu tief, dass er nur den Weg beleuchtete, sein Licht wurde von dem Walde zurückgehalten.

Keiner der Insassen des letzten Wagens verriet, dass sie alle ihre Sinne anstrengten, etwas Ungewöhnliches auf diesem Wege oder zur Seite im Walde zu bemerken, sie waren lustig und plauderten und lachten wie vordem.

Da huschte plötzlich ein dunkler Schatten aus dem Busche heraus und war im Nu hinter dem Wagen, wo er spurlos verschwand, jedenfalls musste er sich hinter dem Sitzbrett versteckt halten.

Noch immer zeigte niemand Unruhe, nur Johanna brach plötzlich im Satze ab und ließ ein mahnendes, aber fast unmerkliches Zischen hören, und sofort nahm Charles die Zigarre aus dem Munde, legte die Hand auf die Lehne und drehte den Kopf etwas nach Hannes zu, mit diesem sprechend.

Weder Lord Hastings, noch Hannes sahen, wie sich mit einem Male blitzesschnell ein Arm erhob, einen langen Dolch in der Hand haltend, um ihn Charles in den Rücken zu stoßen, nur Johanna drehte sich um und riss dem Rosselenker die Zügel aus der Hand, in demselben Augenblick, da Charles sich mit der Gewandtheit eines Jongleurs über die Rückenlehne schwang, den erhobenen Arm mit der tödlichen Waffe am Handgelenk fasste und durch die Gewalt seines niederfallenden Körpers die Gestalt mit zu Boden riss.


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Die sofort nachspringenden anderen beiden Männer sahen zwei Körper sich im Staube wälzen, ohne Besinnen warfen sie sich darauf, nach einigen Sekunden presste die herkulische Kraft des Lord Hastings den am Boden mit Charles ringenden Chinesen die Arme wie in einem Schraubstock zusammen, und im nu war er von Hannes an Händen und Füßen gebunden.

»Charles!«, schrie da eine Stimme, und eine weibliche Gestalt flog auf die Männer zu, welche sich eben aufrichteten.

Sie warf sich Charles an die Brust, seinen Kopf in beide Hände nehmend und ihn angstvoll anblickend, fuhr aber sofort mit einem Schreckensschrei zurück — wohl hatte der vor ihr Stehende die Kleidung und das sonstige Aussehen ihres Geliebten, aber sie sah in ein fremdes Gesicht, der vermeintliche Charles hatte plötzlich seinen blonden Schnurrbart verloren.

»Sir Williams hat sich soeben rasieren lassen«, sagte da neben ihr Mister Wood, der ebenfalls aus dem Wagen gesprungen war und legte vertraulich die Hand um die Taille des Mädchens, »sehen Sie, da liegt noch das Messer, mit dem ihn der Chinese bearbeitet hat.«

Betty wusste nicht, was sie denken sollte, nur soviel wurde ihr mit einem Male klar, dass der Mann im letzten Wagen, den sie bisher für Charles gehalten, gar nicht dieser war. Er kümmerte sich gar nicht um das Mädchen, sondern war nur damit beschäftigt, mit Hilfe von Hastings und Hannes die schwere Gestalt des riesigen Chinesen, der vor Angst am ganzen Körper zitterte, in den Wagen zu heben.

»Komm, Betty«, fuhr der Mann an ihrer Seite fort und zog das Mädchen nach seinem Wagen zurück, »dein Charles hat jetzt keine Zeit, er klopft sich den Puder aus den Sachen, mit dem ihm der Chinese zu sehr bedacht hat, aber nimm mich einstweilen für deinen Charles.«

Da ward es dem Mädchen plötzlich klar, wie sehr sie sich geirrt hatte — ihr Begleiter war niemand anders als ihr Geliebter selbst gewesen, und als sie sich noch immer nicht von ihrem Staunen erholen konnte, erklärte dieser:

»Ich sollte während der Fahrt mit einem Dolchstich bedroht werden, aber Mister Wood war so egoistisch, ihn mir abnehmen zu wollen, er liebt dergleichen Neckereien. Doch, was ist das?«, unterbrach sich Charles, der frühere Mister Wood, und spähte nach vorn. »Wird da nicht schon wieder um Hilfe gerufen?«

Die eben geschilderte Szene war natürlich nicht unbemerkt geblieben, der Ruf, dass auf jemanden im letzten Wagen ein Mordversuch gemacht worden sei, pflanzte sich von Wagen zu Wagen fort, die Kutscher mussten halten, alle liefen nach hinten, und wie ein Gerücht immer mehr übertrieben wird, je weiter es dringt, so glaubten die zuletzt Angekommenen schon die Leiche des armen Williams vorzufinden, wunderten sich aber nicht wenig, diesen an der Seite Miss Thomsons von dem hohen Sitz herabschmunzeln zu sehen. Es blieb nicht lange Zeit, allen die Situation aufzuklären, denn plötzlich erschallten in weiter Ferne gellende Hilferufe, aus weiblichen Kehlen kommend, ein Schuss fiel, und sofort wurde konstatiert, dass der Wagen, welcher den Zug eröffnete, nicht gehalten hatte, sondern weitergefahren war.

»Wer war denn drin?«, fragte man hastig von verschiedenen Seiten.

Die im zweiten Wagen Sitzenden erklärten noch, dass das erste Gefährt von Marquis Chaushilm, Miss Nikkerson und einer Miss Sargent besetzt gewesen sei, dann sprangen alle wieder auf ihre Sitze und ließen die Kutscher ihre Pferde zum schnellsten Tempo antreiben, allen voran der Wagen, welcher vorhin der letzte gewesen war, mit Mister Wood, dem jetzt Bartlosen, darin, der sofort nach Bergung des gebundenen Chinesen weitergefahren und so an die Spitze gekommen war.

Mister Wood, oder Nick Sharp, beugte sich weit über den Kutscherbock nach vorn, das Wäldchen hatte man hinter sich, und so wurde der Weg wieder vom Monde beleuchtet.

Auf seinen Befehl musste der Chinese halten, der Detektiv hatte mitten auf der Landstraße einen dunklen Fleck bemerkt, und im nächsten Augenblick stand er wie noch einige andere Herren vor einer großen Blutlache.

»Chaushilm hat geschossen und jemanden verwundet«, erklärte der Detektiv hastig, »der Körper ist zu Boden gesunken — hier die Spur im Staube — von anderen aufgehoben und fortgetragen worden, aller Wahrscheinlichkeit nach liegt er im Wagen. Fort«, rief er, war mit einem Satz neben dem Kutscher seines Wagens, riss diesem die Zügel aus der Hand und hieb mit der Peitsche auf die kleinen, mageren, aber sehnigen Pferde ein, dass sie in wilder Flucht dahinstoben, die Anderen bald hinter sich zurücklassend.

*

In der Tat hatten Marquis Chaushilm, Miss Nikkerson und deren Freundin, Miss Sargent sich in dem ersten Wagen befunden. In dem liebebedürftigen Herzen des Herzogs war seit heute Morgen eine Neigung für Letzteres Mädchen erwacht, es war sicher, dass sie nach seiner Liebe schmachte, hatte er doch ganz deutlich gefühlt, wie sie ihm, als er ihr in den Wagen steigen half, die Hand drückte, und gar zu gern hätte er an ihrer Seite Platz genommen, wenn nur ein solcher frei gewesen wäre.

Im Garten des Mister Miller war es ihm aber auch nicht gelungen, die hübsche Miss Sargent mit den nussbraunen Rehaugen und den schwarzen Locken allein zu sprechen, immer war sie gerade mit einer Dame zusammen, in deren Gegenwart er nicht gut von seinen Gefühlen sprechen konnte, weil er derselben schon Ähnliches zu verstehen gegeben, und so hoffte er nun, bei der Rückfahrt eine günstige Gelegenheit zu erspähen, und wenn er dabei Gewalt anwenden müsse, um mit Miss Sargent allein in einen Wagen zu kommen.

Der Marquis hatte auch wirklich Glück.

Miss Sargent war eine der ersten, welche Platz nahm, sofort sprang ihr Chaushilm nach, gab dem Kutscher ein Zeichen, und fort rollte der Wagen.

»Warten Sie«, rief Miss Sargent lachend, »können Sie es denn gar nicht erwarten, nach Hause zu kommen? Dort winkt mir Miss Nikkerson, sie will mit uns fahren.«

Es half dem Herzog nichts, dass er tat, als habe er das Mädchen nicht verstanden, sie selbst ließ den Kutscher wieder halten, und mit ärgerlich zusammengekniffenen Lippen musste er sehen, wie Miss Nikkerson zu ihnen einstieg.

»O weh«, seufzte Chaushilm innerlich, »gerade die, jetzt bin ich der Esel zwischen zwei Heubündeln.«

Heute Morgen, als ihm Miss Sargent seiner Meinung nach die Hand gedrückt hatte, war ihm plötzlich völlig zum Bewusstsein gekommen, dass die blonde Miss Nikkerson keine passende Partie für ihn war, und so leid sie ihm auch tat, die ihn sicher heiß liebte, sein Glück durfte er deshalb nicht opfern. Nein, die schwarze Miss Sargent war die einzige, welche ihn besitzen durfte, die braunen Augen des Mädchens hatten es ihm angetan.

Aber davon anfangen durfte er unmöglich, Miss Nikkerson hätte es gehört, und der Herzog besaß ein viel zu zartfühlendes Gemüt, als dass er durch ein Bekenntnis das Herz eines Mädchens hätte brechen können. Nein, das konnte er unmöglich, er musste eine andere, günstigere Gelegenheit abwarten, mit Miss Sargent allein zu sprechen.

So verlief die Fahrt ziemlich schweigsam. Miss Sargent war überhaupt nicht sehr gesprächig, und wenn sie einmal eine Frage an Chaushilm richtete, so war ein Seufzen dessen einzige Antwort. Miss Nikkerson versuchte mehrmals, eine Unterhaltung in Fluss zu bringen, aber es gelang ihr nicht, die Freundin begnügte sich mit einer einfachen Antwort, und der Herzog war so zerstreut, dass er alle Fragen zu überhören schien.

»Welches Gestirn suchen Sie am Himmel, Marquis?«, scherzte sie. »Vielleicht die Venus? Ich habe Sie nun schon zweimal gefragt, wie es dem Mister Snatcher geht, aber Sie antworten mir nur immer mit angstvollem Stöhnen und wenden den Blick nicht vom Himmel.«

»Venus, Snatcher«, murmelte der Herzog, die Augen immer noch nach oben gewandt. »Was hat Snatcher mit der Venus zu tun?«

»Das weiß ich auch nicht«, lachte das Mädchen, »so hören Sie doch nur! Ich frage, ob Mister Snatcher sich auf dem Wege der Besserung befindet. Er war doch lange Zeit krank, die Überanstrengungen hatten seine Kräfte aufgerieben.«

»Ich bin noch nie krank gewesen«, meinte Chaushilm kopfschüttelnd, »Sie irren sich wohl. Meinen Sie vielleicht Lord Hastings? Der sitzt hinten mit Miss Sargent — Pardon, mit Miss Johanna im letzten Wagen.«

»So träumen Sie weiter«, sagte das Mädchen ärgerlich, »mit Ihnen ist heute nichts anzufangen.«

Auch sie ahmte das Beispiel ihres Gefährten nach, das heißt, sie öffnete den Mund nicht mehr und blickte träumend in die vom Mond beschienene Landschaft.

Plötzlich schreckte sie auf.

»Die Pferde gehen durch«, rief sie erschrocken.

Wirklich waren die Pferde aus dem bis jetzt beibehaltenen Trab mit einem Male in Karriere gefallen, aber Miss Nikkerson überzeugte sich sofort, dass sie es nicht freiwillig getan hatten, der Chinese im Vorderteil des Wagens hieb mit der Peitsche auf sie ein.

Jetzt erwachte auch Chaushilm aus seinem Brüten.

»Zum Teufel, Mann«, schrie er und packte den Kutscher beim Kragen, »wollen Sie uns umwerfen?«

Der Chinese antwortete nicht, Chaushilm musste ihn loslassen, um sich festzuhalten, denn eben wurden die Pferde von der geschickten Hand des Kutschers, trotz ihres rasenden Laufes, so scharf um die Ecke gelenkt, dass sich der Wagen auf die Seite legte und die Insassen fast herausgefallen wären, hätten sie sich nicht an die Lehne geklammert.

Aber der Wagen fiel nicht um, gleich hatte er sich wieder aufgerichtet, und jetzt bemerkte Chaushilm, dass sie einen Seitenweg eingeschlagen hatten, den sie vorher nicht gefahren waren.

Wieder wollte er den Kutscher an der Schulter schütteln und ihn zur Rechenschaft über seine eigenmächtige Handlung ziehen, als plötzlich sich von allen Seiten dunkle Gestalten in den Wagen schwangen und sich auf die drei Personen stürzten.


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Marquis Chaushilm war durchaus kein verzagter, energieloser Mensch, aber wie es in jeder Gesellschaft jemanden gibt, welcher den anderen zur Zielscheibe ihres Witzes dient, so hatte er auch diese Rolle übernehmen müssen, und er war gutmütig genug, sich die Neckereien seiner Freunde ruhig gefallen zu lassen. Aber er hatte auch schon oft bewiesen, dass im Falle der Gefahr auf ihn zu zählen war, und dass er seinen Mann stellen konnte.

Die Mädchen stießen gellende Hilferufe aus, als sie von den starken Armen der Unbekannten umschlungen wurden; Chaushilm gelang es, sich von dem würgenden Griff eines Chinesen wieder freizumachen, im nächsten Moment hatte er den Revolver in der Hand, ein Knall, und der vor ihm Stehende griff nach dem Herzen und fiel vom Wagen herab, der in seiner Fahrt anhielt.

Chaushilm kam nicht dazu, zum zweiten Male abzudrücken, seine Hände wurden von hinten gepackt, er sah noch, wie etwa sechs Chinesen die Mädchen überwältigten, und der Kutscher die Pferde zügelte, dann erhielt er mit einem harten Gegenstand einen Schlag über den Kopf, der ihn sofort bewusstlos auf den Boden des Wagens warf.

* * * * *

II.30. Ein Feind der Engländer

Wenn unter Seeleuten von Piraten gesprochen wird, so fühlt sich jeder unwillkürlich in die chinesischen Gewässer versetzt, die Heimat des Seeräubers.

In mit dem Seewesen unbekannten Kreisen herrscht vielfach die Meinung, die Zeiten, da die Schiffe der Gefahr ausgesetzt waren, von Seeräubern angegriffen und geentert zu werden, seien vorüber, und Piraten existierten nur noch in der Phantasie von Romanschreibern. Aber man gehe in Hamburg nur nach dem Freihafen und frage, wo die ›Teeschiffe‹ liegen, und bei Besichtigung eines solchen, meist sehr großen, viermastigen Fahrzeuges wird man bald bemerken, dass an Deck Vorrichtungen getroffen sind, um Kanonen aufstellen zu können, und die von Nordamerika nach China fahrenden Teeschiffe, riesige, oft sogar fünfmastige Segler, an deren Masten noch die siebente Rah, mit dem Skysail, dem Himmelssegel, schwebt, machen vollkommen den Eindruck von Kriegsschiffen. Drohend lugen überall die Geschützmündungen über die Bordwand, und neben der Kajüte des Kapitäns befindet sich eine Kammer, in welcher Waffen für die ganze Mannschaft aufbewahrt werden.

Fragt man verwundert, wozu das Schiff eine solche kriegerische Ausrüstung erhielt, so bekommt man die einfache Antwort:

»Wir fahren nach den chinesischen Gewässern.«

Der chinesische Seemann ist, ebenso wie der Malaie ein geborener Seeräuber, er hält diesen Beruf für erlaubt, und jeder chinesische Kapitän glaubt sich berechtigt, ein ihm begegnendes Schiff, das nicht mehr segel- oder manövrierfähig ist, auszuplündern und der Mannschaft die Köpfe abzuschneiden. Die Fahrzeuge der Chinesen heißen »Dschunken« und sind bedeutend größer, als die malaiischen Prauen, außerdem sind sie noch mit sehr langen Riemen zum Rudern versehen, sodass sie auch bei Windstille fortbewegt werden können, und eben dadurch können sie selbst unseren großen Segelschiffen gefährlich werden.

Ein Dampfer hat sie gar nicht zu fürchten, ebenso wenig ein Segelschiff bei gutem Wind, herrscht aber eine vollkommene Stille, liegt der Segler, wie ein totes Ungetüm, bewegungslos auf dem Wasser, dann sucht der Kapitän in unsicheren Gewässern unablässig den Horizont ab, und bemerkt er in der Ferne eine Flottille von Dschunken auftauchen und auf sich zurudern, dann weiß er, was es geschlagen hat, lässt die Geschütze an Deck aufstellen und verteilt Büchsen, Revolver und Entersäbel unter die Matrosen.

Die Seeraub treibenden Dschunken sind nicht etwa nur Handelsschiffe, welche so nebenbei einmal ein hilfloses Schiff ausnehmen, verbrennen und dann weiterfahren, nein, noch immer gibt es dort ganze Flotten, deren Kapitäne alle von diesem Berufe leben. Die zahllosen Inseln des Chinesischen, gelben und Japanischen Meeres bieten mit ihren zerklüfteten Küsten zahllose Schlupfwinkel, in denen sich die räuberischen Dschunken so sicher verstecken können, wie der Fuchs in seinem Bau.

Noch im Jahre 1800 existierte eine Flotte von 800 Dschunken und von über 1000 Booten, deren Bemannung, gegen 70000 Chinesen, allein von Seeraub lebte, und diese stattliche Anzahl von Fahrzeugen stand unter dem Oberbefehl eines einzigen Mannes, dessen Macht so groß war, dass ihm der Kaiser von China einen jährlichen Tribut bezahlte, um wenigstens seine Handelsschiffe vor Räubereien zu schützen.

Die chinesische Kriegsmarine erwies sich dieser Piratenflotte gegenüber als vollkommen machtlos, sie wurde mehrmals so empfindlich geschlagen, dass sie dem Treiben der Piraten nur noch aus der Ferne zusah, und erst einige Jahre später fingen die Engländer an, unter diesem Gesindel tüchtig aufzuräumen. Alte Seeleute können noch erzählen, dass man einst in jedem chinesischen Hafen, wohin man auch kam, sehen konnte, wie die Engländer die gefangenen Seeräuber aufknüpften; jeder Kapitän hatte das Recht dazu, und auch jetzt noch kann man ab und zu einer solchen Exekution beiwohnen.

Werden Chinesen bei dem Betreiben ihres räuberischen Handwerks gefasst, so sucht man stets, der Piraten lebend habhaft zu werden, hängt sie aber nicht schon an Bord des Schiffes an den Rahen auf, sondern bringt sie nach dem nächsten Hafen und führt die Hinrichtung recht langsam und öffentlich aus, damit alle Chinesen merken, wie ernst man mit solchem Gesindel umzuspringen gewillt ist, und um ihnen so wenigstens Furcht einzujagen, denn von der Meinung, dass der Seeraub erlaubt sei, wenn man sich nicht dabei erwischen lässt, kann man den chinesischen Seemann nicht abbringen.

Trotz alledem treibt sich noch immer eine stattliche Anzahl von Dschunken auf dem Meere herum, deren Besatzung allein vom Plündern anderer Schiffe lebt, und wie schon gesagt, jede Dschunke ist bereit, ein Fahrzeug anzugreifen, wenn dieses durch irgend ein Unglück oder wegen Windstille nicht mehr manövrieren kann. —

In den Hafenstädten Chinas gibt es natürlich Zwischenhändler, welche den Piraten die geraubten Waren abnehmen und weiterverkaufen, und die, wie es gewöhnlich ist, den größten Profit dabei machen. Es sind gewöhnlich Besitzer von kleinen Schankwirtschaften, denen man nicht ansieht, dass bei ihnen Tausende von Goldstücken immer bar daliegen, im Keller oder sonst irgendwo versteckt, damit sofort jedes Geschäft abgeschlossen werden kann.

Nach der Schänke selbst kommen die Waren selbstverständlich nicht, hier versammeln sich nur, gewöhnlich des Nachts, in einem besonderen Zimmer die Kapitäne der chinesischen Dschunken, welche unrechtes Gut an Bord haben. Ein Handeln und Feilschen beginnt, der Wirt hat die Ware schon selbst oder durch seinen Agenten besichtigen lassen, der Kauf wird abgeschlossen, die Goldstücke wandern in den Gürtel oder in die weiten Ärmel der Räuber, und womöglich noch in derselben Nacht werden die geraubten Sachen nach einem anderen Hafen gebracht, der von dem Wirt bestimmt wurde, und als gekaufte Ware nach allen Gegenden verschickt, meistenteils aber in das Innere des Landes.

Ein solcher Diebeshehler hielt auch dicht am Kai von Scha-tou eine Wirtsstube für Seeleute offen, für solche scheinbar von europäischen Nationen eingerichtet, aber oft genug schlüpften auch die schlitzäugigen Söhne des himmlischen Reiches durch eine Hintertür in das Haus und schlürften oben in einem besonderen Zimmerchen ein Glas Wein oder süße, nach Blumen duftende Liköre, und man munkelte, dass wieder in einem anderen Zimmerchen Klänge ertönten, als würden Goldstücke auf Echtheit probiert.

Die Polizei war arg hinter dem Schankwirt her, aber der kleine, alte Chinese mit den listig zwinkernden Augen und dem pfiffigen Lächeln war schlauer, als alle die Spürnasen zusammen, nie konnten sie ihm etwas am Zeuge flicken, nie etwas beweisen, und sie durften nicht einmal behaupten, das Lan-Kong-Ching seine Hände zu etwas Unrechtem aus den Ärmeln streckte.

Er bediente ruhig und freundlich die englischen und deutschen Seeleute, sowie die anderer Nationen, die bei ihm regelmäßig einkehrten, wenn ihre Schiffe in Scha-tou vor Anker lagen, trug auf einem kleinen, bemalten Holzbrettchen dampfende Teetassen und süße Liköre in das obere Zimmer, und wenn den Matrosen einmal die Spirituosen zu sehr in den Kopf gestiegen waren und sie sich den Ermahnungen des fließend Englisch sprechenden Wirtes nicht fügen wollten, so sah er sich zur Wahrung seines Ansehens selbst verpflichtet, die Polizei um Hilfe zu bitten.

Nachsagen durfte man Lan-Kong-Ching also nichts, ohne sich der Gefahr auszusetzen, sich selbst die Polizei auf den Hals zu bringen, und doch war er einer der größten Hehler und Stehler in Scha-tou.

Die Nacht war schon angebrochen. In den Straßen der Hafenstadt war es still geworden, als an der Hintertür dieses Schankhauses ein großer Mann klopfte und Einlass begehrte.

Er war in einfache, chinesische Gewänder gehüllt; in dem seidenen Tuche, das sich um die Hüften wand, steckten Dolch und Pistolen, und auf dem Kopfe trug er eine weiße Mütze aus Fell, wie sie bei chinesischen Seeleuten gebräuchlich ist.

Vorsichtig wurde die Tür aufgemacht; der Wirt musterte den draußen stehenden Mann und fuhr dann erschrocken zurück, sperrte den Mund auf und benahm sich überhaupt, als wäre er vor Staunen über den späten Besuch außer sich.


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»Du? Du wagst es, dich hier sehen zu lassen«, brachte er endlich stammelnd hervor, »ohne Verkleidung?«

Der Fremde ließ ein verächtliches Lachen hören und trat schnell in das Haus, ohne von dem Wirte daran gehindert zu werden, der die Tür sorgfältig wieder schloss und sich dann hastig an den Ankömmling wandte.

»Schnell hinauf, du darfst hier nicht gesehen werden, sonst bin ich ein geschlagener Mann.«

Er ging eiligst die wackelige Treppe hinauf und öffnete eine Tür, welche in ein Zimmer führte, das sonst nur benutzt wurde, wenn der Wirt einmal ganz geheimen Besuch hatte. Der Fremde war ihm gefolgt, er setzte sich, ohne bisher ein Wort gesprochen zu haben, auf einen Rohrstuhl, zog den langen, krummen Dolch, der ihn beim Sitzen hinderte, aus dem Gürtel und legte ihn vor sich auf den Tisch.

Unterdessen hatte der Wirt eine von der Decke herabhängende Öllampe angebrannt, welche das fensterlose Zimmerchen erhellte, und bei ihrem Schein konnte man erst bemerken, dass der in chinesische Gewänder gekleidete Ankömmling kein Chinese, sondern ein Europäer war, wenngleich sein Gesicht dieselbe Farbe angenommen hatte, und er auch alle Bewegungen dieses Volkes täuschend nachahmte.

Es war ein noch junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, mit großem Kopf, der von kurzem, lockigem Haar umrahmt wurde. Das Gesicht war nicht schön zu nennen, dazu war es zu massig, aber es machte durch sein gutmütiges Aussehen einen günstigen Eindruck auf den Beobachter; noch mehr wurde derselbe durch den milden Blick der blauen Augen verstärkt. Er sprach das Chinesisch völlig fließend und ohne jeden Akzent, der dem Europäer anhaftet, aber jedenfalls war er seinen Gesichtszügen nach ein Sohn Skandinaviens oder Hollands.

»Lan-Kong-Ching«, sagte er in tiefem, wohlklingenden Tone, »hast du mich sofort wiedererkannt?«

»Wer sollte dich nicht wiedererkennen?«, antwortete der Chinese unterwürfig. »Das ist es ja, was mich so erschreckt hat. Bist du erkannt worden, und hat man gesehen, dass du in mein Haus gegangen bist, so werden sie dir bald nachstellen, und ich bin ruiniert.«

»Was weißt du, wer ich bin?«, antwortete der Gast leichthin, »du hast jeden zu bedienen, der etwas von dir fordert. Sei ruhig, es ist dafür gesorgt, dass man mich nicht gesehen hat.«

»Was veranlasst dich aber, deinen sicheren Schlupfwinkel zu verlassen und deine Haut zu Markte zu tragen? Erführen sie nur, dass du überhaupt in Scha-tou bist, so umzingelten die Chinesen die Stadt von der Landseite, und die Engländer blockierten den Hafen mit ihren Kriegsschiffen. Und wenn es Jahre dauern sollte, sie werden nicht eher mit Suchen aufhören, als bis sie den Würgengel gefunden haben.«

Des fremden Mannes Stirn zog sich finster zusammen, seine Augen nahmen mit einem Male einen furchtbar drohenden Ausdruck an, wie sich überhaupt sein ganzes Gesicht veränderte. Der erst so gutmütig aussehende Mann war gar nicht mehr zu erkennen, so schrecklich war jetzt der Ausdruck seiner Züge.

»Nenne den Namen nicht wieder!«, grollte er dumpf. »Was weißt du, Lan-Kong-Ching, davon, ob das Gerücht, welches über mich umläuft, wahr oder unwahr ist?«

Der Chinese war ängstlich zurückgefahren und murmelte eine Entschuldigung, scheu nach der Tür sehend.

»Alle Welt nennt dich so«, sagte er ängstlich, »der Name ist hier so gebräuchlich, dass man deinen wirklichen fast gar nicht kennt.«

»Ist mein Aussehen selbst bekannt?«, fragte der Pirat, denn ein solcher war der Fremde, und sein Gesicht glättete sich wieder.

»Nur wenige behaupten, dich selbst gesehen zu haben, aber ich, der ich dich von Jugend auf kenne, lache über ihre Behauptungen, fast in jeder Hafenstadt sind die Vorstellungen von dir anderer Art. Hier zum Beispiel herrscht die Meinung, der Fürst der Piraten sei ein kleiner, magerer Chinese, dessen Augen im Dunkeln leuchten, und aus dessen Munde in der Nacht ein feuriger Atem kommt, mit dem er Schiffe anzünden kann. Er kennt keinen Schlaf, er flieht ihn, denn überall, wohin er den Fuß setzt, seufzt und stöhnt es unter ihm, als beklagten die Toten ihr frühzeitiges Ende durch seine Hand. Aber«, setzte der Chinese hinzu, »du sorgst ja dafür, dass niemand von dir erzählen kann, und Verräter gibt es unter deinen Leuten nicht.«

»So brauchst du also auch keine Furcht zu haben, dass ich erkannt worden bin«, sagte der Pirat sorglos, »und außerdem bedürfte es nur eines Winkes von mir, und ganz Scha-tou wäre in meiner Hand.«

»Liegen deine Dschunken hier in der Nähe?«, fragte der Chinese mit einem listigen Blicke.

»Sie liegen im Hafen«, antwortete der Pirat ruhig, »doch nun zu dem, was mich hierhergeführt hat. Wer sitzt unten in der Wirtsstube?«

»Einige Seeleute; ich kenne nicht alle.«

»Hast du einen Mann unter ihnen gesehen, groß, schlank, aber breitschulterig, der den linken Arm in der Binde trägt?«

»Er ist nicht unter ihnen«, antwortete der Chinese bestimmt, »soll er ein Seemann sein?«

»Leicht möglich, dass er sich als solcher angezogen hat und benimmt. Doch du bist schon lange Zeit hier oben, er kann unterdessen gekommen sein. Wer bedient unten?«

»Mein Diener.«

»So gehe jetzt hinunter und sieh nach, ob der eben Geschilderte mit der Binde unten sitzt. Frage ihn auf englisch, ob er dich habe rufen lassen; ist er der Betreffende, so wird er antworten: »Nicht ich habe Sie rufen lassen, sondern ein anderer.« Dann bezahlt er, steht auf und geht hinaus, du aber eilst sofort an die Hintertür, empfängst ihn dort und bringst ihn sofort herauf.«

Nach diesen, in befehlendem Tone gesprochenen Worten nickte der Chinese mehrmals mit dem Kopfe und verließ das Zimmer.

Einige Minuten später trat der Erwartete in Begleitung des Chinesen herein. Er war zwar nach Art der Seeleute gekleidet, machte aber den Eindruck eines solchen nicht vollständig, er hätte ebenfalls für einen Maschinisten gelten können, denn sein Gesicht war nicht sehr von der Sonne gebräunt, und die Hände zeigten keine Spuren von harter Arbeit.

Es war niemand anders als Eduard Flexan, der Neffe des Stiefvaters von Ellen. Er blieb mitten in der Stube stehen und betrachtete stumm den vor ihm Sitzenden, welcher ihn noch nicht beachtete, sondern dem Chinesen den Auftrag gab, schnell Tee zu bringen, und dann dafür zu sorgen, dass sie unbelästigt blieben.

Als der Chinese hinaus war, begegnete sein Blick dem des Mister Flexan, welcher ebenfalls auf einem Rohrstuhle Platz genommen hatte.

»Klaas van Guden«, nahm Mister Flexan zuerst das Wort, sich der englischen Sprache bedienend, »Sie haben meine Bitte erfüllt und sind hier eingetroffen. Ich hatte nicht gedacht, dass Sie es wagen würden, als Ort der Zusammenkunft eine Hafenstadt zu wählen. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte auf dem Meere an einer bestimmten Stelle stattgefunden. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn ich erkannt würde und vor allen Dingen in diesem Hause.«

Der Pirat blickte den Sprecher fest an.

»Ich fahre unter keiner falschen Flagge«, sagte er ernst, »ich bin ein Seeräuber, so will ich auch als ein solcher auftreten. Ein Geschäft führte mich nach Scha-tou, und so zog ich es vor, die Unterredung mit Ihnen hier festzusetzen.«

»Es ist gefährlich, offen aufzutreten«, entgegnete Eduard, »man hat viel leichteres Arbeiten, spielt man doppelte Rollen.«

»Arbeiten?«, sagte der Pirat höhnisch. »Bezeichnen Sie Ihr unsauberes Gewerbe mit diesem ehrlichen Ausdrucke? Dann sind Sie besser daran, als ich, ich bin mir vollkommen bewusst, welch ein Auswurf der Menschheit ich bin, die mich hasst und fürchtet.«

»Ansichten!«, unterbrach ihn Mister Flexan kurz. »Doch ich bin nicht hierhergekommen, um über die Begriffe von Gut und Schlecht zu diskutieren. Lassen Sie uns zur eigentlichen Sache übergehen.«

»Noch nicht. Der Wirt wird noch einmal das Zimmer betreten, wenn er uns Tee bringt. Dann sind wir ungestört. Nur das eine bemerke ich jetzt gleich. Verlangen Sie nicht, dass ich in Ihrem Interesse blutige Handlungen begehe. Als Mörder lasse ich mich für alles Gold der Welt nicht dingen.«

»Daher der Name Würgengel«, lachte Eduard leise, »man sagt von Ihnen, dass Sie sonst nicht so penibel sind. Auf ein paar Tote mehr soll es Ihnen nicht ankommen, und die Haifische in diesen Gewässern sollen immer fetter werden.«

Mister Flexan hatte zu scherzen versucht, er wollte vorläufig das Gespräch in einen humoristischen Ton bringen, aber er hatte sich geirrt. Wieder verzog sich das Gesicht des chinesisch gekleideten Holländers in drohende Falten, und seine Stimme klang herrisch, als er den anderen anfuhr:

»Unterlassen Sie derartige Späße! Wie ich genannt werde, ist mir gleichgültig, ich höre nicht auf das Geschwätz, aber angeredet will ich mit diesem Namen nicht sein. Ich heiße van Guden, und damit genug. Noch nie habe ich ein Schiff geplündert, um mich zu bereichern, und noch nie habe ich jemandem den Stahl zu kosten gegeben, der nicht den Tod verdient hatte.«

»Nun, nun«, beschwichtigte ihn Mister Flexan, »es war nicht bös gemeint. Aber wirklich, ich glaubte nicht, dass Sie so gefühlvoll wären. Tatsache ist es doch, dass die Besatzung Ihrer Dschunken wenig Umstände mit den Mannschaften der englischen Schiffe macht.«

»Hat jemand davon erzählen können?«

»Eben darum nicht, weil niemand dabei lebendig bleibt«, lachte Eduard wieder, »die chinesischen Piraten sind Bluthunde, und da können Sie mir nicht verargen, wenn ich in ihrem Anführer, dessen Befehle sie bedingungslos ausführen, einen nicht gerade zartbesaiteten Menschen zu finden erwartete.«

Eduard konnte es nicht lassen, Spott in seine Rede zu mischen. Dass dieser Mann, von dem er wusste, dass er der Befehlshaber einer ganzen Flotte von Seeraub treibenden Dschunken war, der unter dem Namen Würgengel bekannt, und der schon so manches Schiff, hauptsächlich englische, in Flammen hatte aufgehen und die Besatzung über die Klinge springen lassen, dass dieser Mann ein so friedfertiges, harmloses Wesen zur Schau trug, wunderte ihn schon sehr, aber noch mehr die Weise, in der derselbe sprach.

»Es gibt Chinesen, welche Ursache haben, sich an den Engländern zu rächen«, entgegnete der Pirat finster. »Auch ich habe Grund, diese Nation zu hassen, dass ich aber, ein Holländer, an die Spitze dieser Piratenflotte kam, dass die Kapitäne aller Dschunken einstimmig mich zu ihrem Befehlshaber wählten, ist ein Zufall, über den ich Sie nicht aufklären kann. Genug, ich leite den heimlichen Kampf gegen die Engländer, ich zeige den Chinesen den Weg, wie sie ihnen am meisten schaden und wie sie es möglichst verhindern können, dass dieses egoistische, herzlose und unersättliche Handelsvolk noch weiteren Besitz in ihrem gesegneten Lande erlangt.«

Eduard zweifelte nicht daran, dass der Pirat nur halb die Wahrheit sprach. Er wusste bestimmt, dass van Guden der furchtbarste, unversöhnlichste Feind der Engländer war und alles hasste, was englisch hieß, und wenn es Tatsachen waren, was er von dem Schicksal dieses Mannes hatte erzählen hören, so hatte er eine gewisse Berechtigung dazu.


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Das Gespräch wurde durch den Wirt unterbrochen, welcher den Tee hereinbrachte, dann aber sich gleich wieder mit der Versicherung entfernte, für die vollkommene Ruhe der beiden Gäste sorgen zu wollen.

»Nun erklären Sie mir, warum Sie mich hierhergerufen haben«, begann der Pirat wieder nach dem Fortgange des Wirtes, »seien Sie offen, reden Sie ohne Umschweife, so wird sich alles am schnellsten erledigen lassen!«

»Gut. Kennen Sie die beiden Schiffe, die ›Vesta‹ und den ›Amor‹, welche immer zusammen fahren?«

»Nein.«

Mister Flexan war erstaunt, der Pirat schien gar nicht über das orientiert zu sein, was draußen in der Welt passierte.

»Die ›Vesta‹ ist ein Vollschiff, welches allein von amerikanischen Mädchen wie von Matrosen bedient wird. Morgen wird sie hier in Scha-tou ankommen. Wollen Sie mir die Mädchen lebendig ausliefern? Ihnen mit Ihrer Macht wird dies ein leichtes sein.«

»Nein.«

»Warum nicht?«, sagte Eduard, etwas bestürzt über den herben, bestimmten Ton, mit dem dieses Nein gerufen worden war. »Ich zahle Ihnen in Gold jede Summe, die Sie haben wollen.«

»Nein«, klang es nochmals fest, »ich habe nichts mit Amerikanern zu tun, und am wenigsten mit Weibern. Sie können mir die ›Vesta‹ mit Golde aufwiegen, nie werde ich meine Leute durch ein Wort veranlassen, dieses Schiff anzugreifen; tun Sie es doch, so ist es nicht meine Schuld, meine Macht ist beschränkt, ich kann sie zu einem Kampf anführen, sie aber nicht von einem solchen zurückhalten.«

»Der erste Fall wäre also erledigt, ich bin's zufrieden«, lächelte Mister Flexan, »nun zum zweiten. Der ›Amor‹ ist eine englische Brigg, deren Bemannung sich nur aus Aristokraten Englands zusammensetzt. Auch dieses Schiff wird morgen früh hier vor Anker liegen.«

Mister Flexan musste sich vorher über van Guden orientiert haben, er hatte langsam und leise gesprochen, die Wirkung seiner Worte beobachtend, und diese war auch eine wunderbare.

Das Gesicht des Piraten nahm wieder einen furchtbar drohenden Ausdruck an, die Augen glühten plötzlich wie die eines Raubtieres, der ganze Mensch hatte sich mit einem Male aus einem friedlich aussehenden Mann in einen wirklichen Piraten verwandelt.

»Sie fahren ohne Matrosen, sagen Sie?«, kam es zischend zwischen den Zähnen hervor. »Nur adlige Herrchen sind an Bord? Können Sie mir einige Namen nennen?«

»Gewiss, der Kapitän ist Lord Harrlington.«

»Ah«, rief van Guden und sprang erregt vom Stuhle auf, die geballten Fäuste ausstreckend. »Ferner Lord Hastings, Lord Stephenson, zweiter Sohn des Herzogs von Davonport, Sir Williams, Sohn des gleichnamigen Baronets, Mister Davids, zweiter Sohn des Lords Montrose, Sir Hendricks, Sohn des Lords Plimsoll ...«

Und Mister Flexan hörte nicht eher auf, als bis er alle Namen der 27 Herren und die ihrer Väter genannt hatte.

Je mehr er aufzählte, desto unheimlicher wurde der Gesichtsausdruck des Piraten; des sonst so ruhigen Mannes bemächtigte sich eine wilde Leidenschaft; längst schon wanderte er mit schweren Schritten durch das kleine Gemach, dass die Wände zitterten, er hielt keine Vorsicht für nötig, er hörte nur auf die Namen, die von den Lippen des Mannes da flossen.

»Kennen Sie alle diese Herren?«, fragte Mister Flexan nach Schluss der Aufzählung.

»Ob ich sie kenne?«, rief der Pirat mit funkelndem Auge. »Ich habe ihre Väter noch gesehen, wie sie im Oberhause zu Westminster saßen und das Urteil bestätigten, welches meinen Vater vernichtete und den alten Namen van Guden für ewig aus dem Adelsregister Hollands strich, ein Urteil, wie es ungerechter noch nie von bestochenen Richtern gefällt wurde. Aber natürlich«, fuhr er bitter fort, »der Prozess wurde den Herren im Hause der Lords zu langweilig, man stellte zu große Anforderungen an ihre Zeit, und es war ja so einfach, ihn mit einem Male zum Abschluss zu bringen, es kostete sie nur ein Wort. Wie sie durch ihre Bestätigung meinen Vater gezwungen haben, sich durch Selbstmord das Leben zu nehmen, um der Schande zu entgehen, wie sie alle meine Geschwister, meine Mutter an den Pranger gestellt haben, als es noch in ihrer Hand lag, das Urteil immer wieder hinauszuschieben, bis die Unschuld meines Vaters zu Tage trat, was soll mich hindern, Rache an ihren Kindern zu nehmen?«

Der Pirat hatte diese Worte mit leidenschaftlicher Stimme hervorgestoßen. »Wann wird der ›Amor‹ in Scha-tou einlaufen?«, fragte er dann.

»Morgen früh.«

Nachdenkend blickte der Pirat vor sich hin.

»Es ist eine Brigg?«, fragte er dann.

»Ja, wie eine Brigg getakelt, besitzt aber eine Hilfsmaschine und zwar eine so starke, dass sie bequem 16 Knoten in der Stunde dampfen kann.«

»Verflucht!«, kam es über die Lippen des Holländers.

»Trotzdem wird es Ihnen leicht sein, sie zu vernichten. Sie haben ja die Macht in den Händen.«

»Nicht vernichten will ich diese Engländer«, rief der Pirat wild, »kein Haar soll ihnen gekrümmt werden dürfen. Lebendig will ich sie vor mir stehen haben, um mich an ihrer Angst weiden zu können.«

»Das ist ja mein Fall«, lächelte Mister Flexan, »auch ich will ja die Damen lebend haben. Teilen wir uns also in die beiden Schiffe! Sie nehmen den ›Amor‹ und ich die »Vesta‹«. Haben Sie schon einen Plan, wie Sie sich der Engländer bemächtigen können?«

»Nein. Was führt sie übrigens hierher?«

»Einige von ihnen sind vernarrt in Damen der ›Vesta‹, die Übrigen fahren nur aus Abenteuerlust mit. Wohin die ›Vesta‹ nun segelt, dahin folgt auch der ›Amor‹, und es ist gar nicht möglich, eins der beiden Schiffe allein zu sehen.«

»So müssen sie getrennt werden«, sagte der Pirat finster, »mit den Weibern will ich nichts zu tun haben.«

Das war eben, was Mister Flexan gewollt hatte, der Pirat kam ihm in jeder Hinsicht entgegen. Erst galt es, die Schiffe voneinander zu trennen, der Mädchen wollte er sich dann schon bemächtigen und den Seeräuber dafür sorgen lassen, dass der ›Amor‹ unschädlich gemacht würde, damit er keine Verfolgung von den Engländern zu befürchten habe. »Aber wie?«

»In Listen bin ich nicht bewandert«, entgegnete der Pirat, »meine Weise ist, offen anzugreifen und zu siegen oder besiegt zu werden. So werde ich es auch diesmal tun.«

»Der ›Amor‹ hat aber eine Maschine und führt Revolverkanonen an Bord. Die Engländer werden Sie auslachen, wenn Sie Ihre Dschunken auf sie hetzen.«

Der Pirat schwieg und überlegte.

»Es ist wahr«, sagte er dann, »ich muss sie lebend fangen, und ehe ich dies erreicht hätte, wäre die Hälfte meiner Leute getötet. Diesmal muss ich ein anderes Mittel ergreifen, mich des Schiffes zu bemächtigen; haben Sie einen Vorschlag?«

»Allerdings. Wäre ich hier bekannt, so würde ich die Sache selbst arrangieren, aber ich bin's nicht, kann nicht chinesisch sprechen, und wüsste niemanden, dem ich trauen kann, als Sie allein. Fangen Sie eins oder einige der Mädchen weg, womöglich auch einen Engländer und verstecken Sie diese irgendwo. Dann soll es meine Aufgabe sein, ihre Freunde und Freundinnen auf eine falsche Spur zu bringen, darin bin ich bewandert, oder können Sie dies tun, so will ich lieber Ihnen alles überlassen. Locken Sie den ›Amor‹ in einen Hinterhalt, wo Sie sich der Engländer bemächtigen können, ohne viel Menschenleben dabei opfern zu müssen. Sind die Engländer erst dort, dann ist es mir ein leichtes, die Mädchen in meine Gewalt zu bekommen.«

»Das ist mir gleichgültig«, entgegnete der Pirat, »ich habe mit Ihren Plänen nichts zu tun. Aber die Engländer gehören mir«, setzte er wild hinzu, »habe ich den Namen Würgengel bis jetzt noch nicht verdient, so soll es von nun an so sein.«

»Und wollen Sie den Vorschlag befolgen, den ich Ihnen gegeben habe?«

»Es wird das beste sein«, sagte van Guden nachdenkend, »Mit meinen Dschunken den dampfenden ›Amor‹ auf offener See anzugreifen, wäre eine Unmöglichkeit, und außerdem will ich die amerikanischen Damen geschont wissen. Bleibt der ›Amor‹ bei der ›Vesta‹, so ist anzunehmen, dass die Letztere die Engländer nicht im Stich lässt, und dann kann ich meine Chinesen nicht davon abhalten, auch Hand an sie zu legen.«

»Es ist so«, stimmte Mister Flexan bei, »das geht nicht. Nein, mit List müssen sie erst getrennt werden. Verfügen Sie über Leute hier an Land?«

»Ja.«

»So könnten Sie also auch einige der Mädchen und Engländer entführen lassen?«

»Ich kann und werde es tun. Lassen Sie die beiden Schiffe nur erst hier sein.«

»Und wohin werden Sie die Geraubten bringen lassen?«

»Auf eine meiner Dschunken.«

»Aber ich will ja die Mädchen haben«, sagte Mister Flexan misstrauisch. »Sie müssen Sie mir ausliefern.«

»Das werde ich tun. Bestimmen Sie einen Platz, wohin ich sie bringen soll.«

»Nennen Sie lieber eine Insel, wohin Sie die Mädchen schaffen und wohin ihre Freundinnen gelockt werden, nachdem sie von den Engländern getrennt sind.«

»Noch kann ich dies nicht bestimmen«, entgegnete der Pirat. »Jedenfalls werde ich Sie davon benachrichtigen, wahrscheinlich durch einen meiner Leute, der Ihnen dann als Führer dienen wird. Sie bleiben an Bord der ›Möwe‹?«

»Ja. Sie kennen doch das Schiff und seinen Kapitän?«

»Es ist dasselbe, auf dem mich Kapitän Fonsera aufsuchte und mir Ihren Wunsch mitteilte. O, ich kenne noch diesen Fonsera, den Seewolf. Wäre er mir nicht als Abgesandter begegnet, ich würde dafür gesorgt haben, dass die Welt von diesem Scheusal, das im Dienste anderer mordet, befreit worden wäre.«

Mister Flexan verstand nicht, wie dieser Pirat so von jemandem sprechen konnte, der doch dasselbe war, wie er. Aber er grübelte nicht darüber nach; es war ihm genug, dass der Holländer auf seinen Vorschlag, einging.

»So hätten wir nichts Weiter zu besprechen«, sagte der Pirat nach einer Pause. »Ich sorge dafür, dass einige der Mädchen und womöglich auch einige Herren in meine Gewalt kommen. Erstere liefere ich entweder Ihnen aus oder bringe sie nach einem Platze, wohin dann die ›Vesta‹ segelt. Die Engländer aber bleiben in meinem Besitz, mit ihnen werde ich den ›Amor‹ in einen Hinterhalt locken, wo ich mich aller ohne viel Blutvergießen bemächtigen kann.«

»Einverstanden«, sagte Mister Flexau, »wann kann ich Sie morgen weiter darüber sprechen, wenn der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ erst hier sind?«

»Die Dschunke, auf welcher ich lebe, liegt mit draußen verankert. Morgen früh kommt ein Chinese nach der ›Möwe‹ folgen Sie ihm, er führt Sie zu mir.«

Der Pirat stand auf, steckte den Dolch in den Gürtel und klopfte einige Male mit dem Fuße auf die Diele. Sofort kam der Wirt, empfing von jedem der Männer einige Geldstücke und brachte dann beide die Treppe hinunter, ohne zu leuchten. Heimlich, wie sie gekommen waren, verließen sie das Haus und schritten getrennt, als kennten sie sich nicht, dem Hafen zu.


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* * * * *

II.31. An Bord der ›Möwe‹

Die ›Möwe‹ — so war der ›Friedensengel‹ umgetauft worden, seit sein verbrecherisches Treiben in Sydney ans Tageslicht gekommen war — lag weit abseits von den anderen Schiffen am Kai und lud Kisten und Kasten aus. Sie war mit anderer Farbe angestrichen worden, statt des geschnitzten Engels mit der Palme in der Hand, schwebte vorn am Bug, dicht unter dem Bugspriet, und diesem zugleich als Stütze dienend, eine große Möwe mit ausgebreiteten Flügeln, und selbst die Takelage war etwas verändert worden, sodass nicht einmal ein erfahrener Seemann in der ›Möwe‹ das ehemalige Schiff des Kapitän Fonsera erkannt hätte.

Dieser selbst war noch immer als Kapitän an Bord, aber er hatte sich bis jetzt noch gar nicht an Land sehen lassen, sondern unter dem Vorwand, krank zu sein, alle Anmeldungen auf dem Seemannsamt und sonstigen geschäftlichen Angelegenheiten durch seinen ersten Steuermann besorgen lassen.

Es war ihm doch zu riskant, das Schiff zu verlassen. Leicht hätte er von den Engländern oder den Damen oder sonst jemandem, der ihn kannte, gesehen werden und dann unangenehme Folgen haben können. Also blieb er lieber an Bord in der Kajüte und grübelte dort darüber nach, wer eigentlich der Herr sei, der in Batavia an Bord gekommen war, sich immer in seiner Kabine aufhielt und nur des Nachts sich an Land begab.

Rief er den Kapitän zu sich in die Kabine, so hatte er stets eine schwarze Maske vor, und als Fonsera einmal versucht hatte, durch das Schlüsselloch sein Antlitz ohne den schwarzen Lappen zu sehen, da fand er, dass der Maskierte ebenso schlau war, wie er — er hatte das Schlüsselloch verstopft.

»Entweder ist er der Mann, der mir in New York zuerst den Auftrag gab«, murmelte der Seewolf vor sich hin, »oder er ist derjenige, welchen ich in Townsville gesprochen habe. Beide sehen sich so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Nur dass dem ersten der kleine Finger an der linken Hand fehlte, und dem anderen nicht.

»Ob dieser alle fünf Finger hat oder nicht, mag der Teufel wissen, der Kerl da drinnen gibt mir keine Gelegenheit, mich davon zu überzeugen. Sicher aber ist, dass er in unserer Bande eine hohe Stellung einnimmt, wenn er nicht der Meister selbst ist, vielleicht auch des Teufels Bruder, und ich will mit lebendigem Leibe zur Hölle fahren, wenn jetzt nicht gegen die verdammten Mädchen ein Hauptstreich geführt wird. Mir hängt schon längst die Sache zum Halse heraus.«

Also waren des Seewolfs Gedanken, welche sich immer innerhalb dieser Grenzen bewegten. —

Die Arbeit ruhte, die Nacht war angebrochen. Er hatte die mit dem Ausladen der Kisten beschäftigten Matrosen ins Zwischendeck geschickt, wo sie sich schnell umzogen und dann ans Land eilten, um, wie sie es gewöhnlich taten, sich durch einige Gläser Grog oder Arrak für die Last des Tages zu entschädigen.

Aber merkwürdig war es, dass sie diese Nacht, nicht wie sonst, alle zusammen oder doch in Gruppen an Bord zurückkehrten, sondern alle einzeln, immer in gewissen Zwischenpausen, und manchmal kamen sie fast atemlos an, so schnell waren sie gelaufen.

An der vorderen Winde der ›Möwe‹ lehnte eine hohe Gestalt, die Arme übereinander geschlagen und ließ die grauen Augen durch die Löcher der schwarzen Maske, die er vor dem Gesicht trug, über den Hafendamm schweifen.

Dieser war heute merkwürdig belebt, zwar konnte man wegen der Dunkelheit — der Mond war schon wieder untergegangen — die herumlaufenden Menschen nicht sehen, aber überall irrten Lichter hin und her, nicht nur an Land selbst, sondern auch auf dem Wasser, also in Booten, ab und zu schrillten die Pfeifen der Hafenwächter, einige Male marschierten bewaffnete Patrouillen taktmäßig an der abgelegenen ›Möwe‹ vorbei, und hauptsächlich da, wo die chinesischen Dschunken verankert lagen, war die Bewegung der Lichter am lebhaftesten.

Es war gar kein Zweifel, irgend etwas musste den ganzen Hafen aufgeregt haben, vielleicht war ein Unglück, oder ein Verbrechen geschehen.

Da kam der erste Matrose an Bord der ›Möwe‹ zurück und eilte direkt auf den Maskierten zu, welcher ihn jedenfalls schon erwartet hatte, denn er drehte sich dem Ankommenden entgegen und ließ seine Augen begierig an dessen Munde hängen.

»Der Teufel ist los!«, rief der Matrose noch im Gehen. »Der ganze Hafen ist alarmiert, die Polizei hat alle Wassertreppen gesperrt, kein Boot kann mehr abstoßen, ohne dass es nicht untersucht wird. Jetzt eben revidieren sie die chinesischen Dschunken, keine Kiste lassen die Spürhunde übereinander stehen.«

Nicht lange dauerte es, so kam ein zweiter mit neuer Nachricht:

»Ganz Scha-tou wird auf den Kopf gestellt, alle Schiffe werden von der Mastspitze bis zum Kiel untersucht. Wo ist der Kapitän, Señor?«

»Wozu, Bursche?«

»Wir werden auch bald einen Besuch zu erwarten haben, der Kapitän mag sich vorbereiten.«

Der Seewolf, der bis jetzt im Schatten eines Bootes gestanden, trat zu dem Maskierten.

»Das wäre leicht möglich, und es wäre mir nicht lieb, wenn ich mich zeigen müsste. Könnten Sie sich nicht als Kapitän der ›Möwe‹ ausgeben?«

Der Maskierte zögerte.

»Gut«, sagte er endlich, »da Sie sich krank gemeldet haben, so muss ich mich natürlich auch so stellen. Sollte also eine Patrouille kommen, so werde ich mich rechtzeitig in meine Kabine begeben. Aber Sie? Wie wollen Sie sich unsichtbar machen?«

»Die ›Möwe‹ hat Verstecke genug«, lachte der Seewolf, »um uns alle verschwinden zu lassen.«

»Können Sie nicht gefunden werden?«

»Und wenn sie Tag und Nacht herumschnüffelten, hinter den doppelten Planken können sie mich nicht auswittern. Nein, davor seien Sie unbesorgt.«

Der Unbekannte schenkte seine Aufmerksamkeit schon wieder einem anderen Matrosen, welcher an Bord zurückkam.

»Durch die Straßen laufen Chinesen mit Trommeln und Glocken und machen einen Skandal, als ständen die hölzernen Baracken in Flammen«, sagte er auf spanisch zu dem Maskierten. »Es wird ausgerufen, dass derjenige, welcher auch nur etwas über das Verschwinden der beiden Weiber und des Engländers angeben kann, hundert Pfund Sterling erhält, und wer sie auf die richtige Spur führt, sogar tausend.«

»Verflucht«, knirschte der Seewolf zwischen den Zähnen durch, »die Kerle sind schlau. Sie wissen recht gut, dass die Chinesen für Geld ihren eigenen Vater an den Galgen bringen. Geben Sie acht, Senhor, es werden sich bald genug Leute finden, die sich die tausend Pfund verdienen wollen.«

»Eine Torheit wäre es von ihnen«, lachte aber der Unbekannte. »Besser könnte das gar nicht in meinen Plan passen.«

Er sagte nicht, inwiefern, sondern vernahm die Mitteilung eines neuen Ankömmlings, dass ein Chinese von den Engländern gefangen genommen wäre, wie er gerade auf einen im Wagen Sitzenden einen Mordversuch gemacht habe.

Bestürzt hatte der Maskierte diese Mitteilung vernommen. Er konnte sich nicht erklären, was diesen Mann zu einer solchen Tat veranlasst hatte, nach seinem Befehl war jedenfalls nicht gehandelt worden, aber er atmete erleichtert auf, als ein anderer meldete, was der Chinese in dem sofort vorgenommenen Verhör gestanden hatte.

Er war von dem Priester des Lao-Tssy bestochen worden, zwei Engländer zu ermorden, welche den Gott verspottet hatten, und dass der Mordversuch fast gleichzeitig mit dem Menschenraub zusammenfiel, war ein einfacher Zufall gewesen.

Wirklich wurde auch die ›Möwe‹ von einer Patrouille chinesischer Soldaten untersucht, welche von einem Beamten des englischen Konsulats selbst geführt wurde. Der sich für den Kapitän ausgebende Fremde — Eduard Flexan — empfing den Beamten auf seinem Sofa liegend, natürlich diesmal ohne Maske, und gab an, krank zu sein, sodass er der Durchsuchung des Schiffes nicht selbst beiwohnen könnte. Aber es wurde nichts gefunden, so sorgsam die Chinesen auch dabei verfuhren. Die Geraubten waren nicht an Bord, und der Seewolf, der Grund genug hatte, nicht erkannt zu werden, hatte sich einen unauffindbaren Schlupfwinkel gewählt.

Als die Patrouille die ›»Möwe‹ wieder verlassen, erfuhr Mister Flexan von den unterdes zurückgekehrten Matrosen weitere Neuigkeiten, welche ihn sehr zu befriedigen schienen.

Die englischen Herren, wie die Vestalinnen, hatten alles in Bewegung gesetzt, ihre entführten Gefährten wiederzubekommen, die Konsulate wendeten sich trotz der späten Nachtzeit an die Behörden, ganz Scha-tou wurde alarmiert, die Straßen gesperrt, die Hafentreppen besetzt, kein Haus, kein Boot, kein Schiff undurchsucht gelassen, aber dennoch wurde nichts gefunden, und lange Zeit meldete sich trotz der hohen Belohnung niemand, der über die Vermissten oder über die Urheber des Verbrechens eine Mitteilung gemacht hätte.

Da endlich erschien an Bord der ›Vesta‹ ein Mann und behauptete, er kenne jemanden, der seine Hand mit im Spiele gehabt habe, gegen die versprochene Belohnung würde er ihn angeben, und von diesem könnte man Näheres erfahren. Sie wurde ihm zugesagt, der Chinese ließ sich einige bewaffnete Soldaten mitgeben — Ellen und noch einige andere Damen gingen selbst mit, aber keiner der Herren, welche sich bereits sonderbarerweise mit fieberhafter Hast beeilten, trotz der dunklen Nacht die beschädigte Takelage der Brigg auszubessern — und führte diese nach einem weit außerhalb der Stadt gelegenen Hause.

Wirklich, in diesem Häuschen konnte man wohl den Ort des Verbrechens vermuten — es war eine Opiumhöhle. Das Haus wurde umzingelt, und sofort bezeichnete der goldsüchtige Chinese einen Mann als den Gesuchten, der sich eben durch das Rauchen einer Opiumpfeife in Träume wiegen wollte. Es war ein bekanntes Individuum, auf das die Polizei schon lange achtete, weil der Mann nicht arbeitete und doch immer Geld hatte.

Der Angeber sagte aus, der Chinese hätte heute Morgen ihm angedeutet, dass er, wenn auch jetzt gerade kein Geld, doch des Abends solches in Hülle und Fülle haben würde, und der Name ›Vesta‹ wäre dem betrunkenen Chinesen ebenfalls dabei entschlüpft.

Der Mann war schon etwas von dem Opium betäubt, aber dies war den ihn ins Verhör Nehmenden nur lieb, denn so gab er willig auf die an ihn gestellten Fragen Antwort.

Waren seine Reden auch nicht ganz klar, widersprach er sich auch manchmal, so viel konnte man doch ganz sicher daraus entnehmen, dass die Mädchen auf eine Dschunke gebracht worden waren — wirklich hatten einige solche kurz nach der Tat Scha-tou verlassen — und dass sie nach einer Insel geschleppt werden sollten, welche als Schlupfwinkel und gelegentlicher Versammlungsort der Piraten bekannt war.

Wahrscheinlich sollten die Mädchen dort auf eine andere Dschunke gebracht werden, oder vielleicht wartete dort auch ihrer schon ein Sklavenhändler; der Mann behauptete wenigstens, von einem solchen für die Hilfe bei dem Raub bezahlt worden zu sein.

Wo der Engländer sei, wollte der Chinese nicht sagen, selbst als ihm eine Bastonade erteilt, das heißt, ihm mit einem Bambusrohr die nackten Fußsohlen bearbeitet wurden — eine in China häufig angewendete Strafe, gleichzeitig ein Mittel, jemanden zum Geständnis zu bringen — der Mann wusste eben nichts, aber jedenfalls, meinte er, würde man seine Leiche schon finden, er müsste sterben, weil er bei dem Raube der Mädchen Widerstand geleistet hätte.


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Ein immer schadenfroher werdendes Gesicht verbarg die Maske, als nach und nach alles dies Mister Flexan mitgeteilt wurde und als schließlich ein Matrose die Nachricht brachte, die ›Vesta‹ mache sich mitten in der Nacht segelfertig, brach er in ein höhnisches Lachen aus! die List war gelungen.

Er verstummte plötzlich und fragte den letzten Matrosen:

»Lichten noch andere Schiffe die Anker, um die ›Vesta‹ zu begleiten?«

»Kein einziges, selbst der ›Amor‹ nicht«, war die Antwort des Matrosen. »Soviel ich erfahren habe, haben die Weiber die Engländer gebeten, sie zu begleiten, aber seltsamerweise haben diese die Bitte abgeschlagen, wenigstens fahren sie nicht mit, können jetzt auch noch gar nicht, denn sie haben heute Morgen die Brasstaue abgenommen und müssen neue einscheren, und an der Maschine wird wahrscheinlich auch noch gearbeitet, ich sah chinesische Kesselschmiede an Bord gehen und hörte Pochen und Hämmern.«

»Auch keine anderen Dampfer?«

»Keiner. Die Damen sollen, stolz wie immer, alle Hilfe abgeschlagen haben.«

»Aber die Engländer könnten doch, wenn der ›Amor‹ nicht seetüchtig ist, ein Fahrzeug mieten und jenen folgen. Weißt du nicht, warum sie das nicht tun?«

»Nein, nur so viel, dass unter ihnen große Bestürzung herrscht. Sie laufen alle mit Gesichtern herum, als wäre ihnen die Butter vom Brote gestohlen worden, und arbeiten, als würde jede Minute mit Gold bezahlt. Weiß der Teufel, was sie haben.«

Auch Flexan konnte sich lange nicht erklären, was der Grund dazu sei, dass die Engländer, die sonst unzertrennlichen Gefährten der Damen, diese jetzt nicht begleiten wollten. Aber van Guden hatte ja gesagt, er würde schon dafür Sorge tragen, dass die Mädchen von den Herren getrennt würden, denn mit Ersteren wollte er nichts zu tun haben. So war also anzunehmen, dass es ihm wirklich durch eine List gelungen, die Engländer von einer Begleitung der Damen absehen zu lassen. Nun, was es auch sei, ihm, Mister Flexan, war es die Hauptsache, dass er einmal die Mädchen sprechen konnte, ohne die verhassten Engländer fürchten zu müssen.

Trotz der Dunkelheit konnte man erkennen, wie auf der ›Vesta‹ alles vorbereitet wurde, um in See zu stechen, und als die Flut ihren höchsten Stand erreicht hatte, da entrollte sich auf dem Vollschiff ein Segel nach dem anderen, die Anker wurden gelichtet, und die ›Vesta‹ fuhr bei dem günstigen Winde allein, ohne von einem Dampfer geschleppt zu werden, aus dem Hafen von Scha-tou; ja, Ellen hatte es sogar unterlassen, einen Lotsen an Bord zu nehmen, da sie sich über das Fahrwasser vollständig orientiert hatte.

»Fonsera«, wandte sich der Maskierte an den neben ihm Stehenden, »könnt Ihr bei diesem Wind der ›Vesta‹ folgen?«

Der Kapitän bejahte.

»So tut es und passt auf, was ich Euch vorschreibe. Jetzt werdet Ihr erfahren, warum ich die Fässer mit Petroleum und die eisernen Pfannen mitgenommen habe, über die Ihr Mund und Nase aufgesperrt habt.«

Und nun begann der Maskierte dem zuhörenden Kapitän in langer Rede einen Plan auseinander zu setzen, über den sich Fonsera nicht genug wundern konnte, der aber seine vollkommene Billigung fand.

»Diesmal wird es Euch glücken«, schloss der Maskierte, »und noch immer wird Euch der Meister die versprochene Summe zahlen und die Freiheit schenken, wenn ihr die Mädchen abliefert. Wenn auch die ›Möwe‹ selbst Feuer fangen und verbrennen sollte, lasst Euch das nicht anfechten, Ihr werdet ein anderes Schiff bekommen. Aber der Weiber müsst Ihr Euch unbedingt bemächtigen und zwar lebendig, unverletzt, je weniger Ihr abliefert, desto kleiner wird Eure Belohnung sein, und fehlt Miss Petersen unter ihnen, dann hängt Euch und Eure Mannschaft lieber selbst in den höchsten Rahen auf, sonst lässt Euch der Meister eine andere Strafe erteilen.«

»Bei Gottes Tod«, rief der Pirat mit fröhlicher Stimme, »der Plan ist fein ausgesponnen. So oder so, mein müssen sie jetzt werden! Verlassen Sie sich auf mich, ich werde ihn schon auszuführen wissen. Aber Sie selbst, gehen Sie nicht mit?«

»Nein, ich bleibe hier und erwarte Nachricht von Euch, die Ihr mir vom nächsten Hafen chiffriert zukommen lasst. Sorgt dafür, dass alles ohne Aufsehen vor sich geht, hauptsächlich, dass Ihr erst operiert, wenn kein anderes Schiff in Sicht ist, sonst könntet Ihr von diesem aufgenommen werden. Dann schnell die ›Vesta‹ verändert, wie Ihr es so gut versteht, und mit den Mädchen davongesegelt.«

»Seid unbesorgt!«, lachte der Seewolf. »Diesmal muss es mir gelingen. Aber wo sind denn eigentlich die drei? Haben Sie sie irgendwo versteckt oder vielmehr die beiden Mädchen? Denn den Engländer lässt van Guden, dieser unversöhnliche Feind der Briten, sicher nicht aus den Fingern.«

»Das geht Euch nichts an«, entgegnete der Maskierte kurz, »jetzt lasst mich an Land rudern und macht Euer Schiff seebereit, die ›Vesta‹ nähert sich schon der Ausfahrt.«

»All right, in einer Viertelstunde bin ich im Kielwasser der ›Vesta‹ rief der Pirat und gab seine Kommandos.

* * * * *

II.32. Die Beratung

Es war das zweite Mal, dass Miss Petersen ihren Fuß auf das Deck des ›Amor‹ setzte. Das erste Mal war ihr Besuch ein unfreiwilliger gewesen, damals, als Hope Staunton über Bord geschleudert und das Rettungsboot verschlagen worden war. Jetzt aber war sie von selbst auf den ›Amor‹ gegangen, die Verhältnisse verlangten eine schnelle Unterredung mit dem Kapitän.

Sie befand sich furchtbar aufgeregt im Salon der Brigg, mit ihr Lord Harrlington, Hastings und John Davids, die Offiziere des ›Amor‹.

Auch Lord Harrlington konnte nur mit Mühe seine Unruhe bezwingen, selbst Hastings hatte sein gewöhnliches Phlegma abgelegt, sprach heftig und nagte, wenn Ellen redete, mit finstergerunzelter Stirn an der Unterlippe.

John Davids war der einzige, welcher wie immer seine Ruhe bewahrte. Er stand halbabgewendet von der Gruppe an einem Tische, hatte die Arme übereinander geschlagen und hörte stillschweigend den Auseinandersetzungen Ellens zu.

Alle anderen Herren arbeiteten mit emsigem Fleiß an Deck oder halfen den chinesischen Kesselschmieden bei der Maschine, denn der Kapitän wollte das Schiff noch vor Tagesanbruch segelfähig haben.

»So erklären Sie wenigstens, warum Sie meine Bitte abschlagen«, rief Ellen, »sonst muss ich dies als eine Beleidigung auffassen. Es ist dies das erste Mal, dass ich Ihre Hilfe in Anspruch nehme, und Sie bringen Entschuldigungen vor, die nicht Stich halten.«

Harrlington durchmaß mit großen Schritten den Salon, er war in großer Verlegenheit.

»Es geht nicht«, sagte er, »Sie müssen das einsehen, Miss Petersen. Wenn Sie erfahren haben, wo die beiden geraubten Damen zu finden sind, so ist uns auch der Aufenthalt von Marquis Chaushilm bekannt geworden, und sein Leben ist verloren, wenn wir uns nicht unverzüglich dorthin begeben, wo er sich befindet. Weiß denn nur niemand einen Rat, wie wir aus dieser heiklen Sache wieder herauskommen?«

Die letzten Worte waren von dem Lord in halber Verzweiflung ausgerufen worden.

»Aber woher wissen Sie denn, wo sich Marquis Chaushilm befindet?«, fragte Ellen verwundert. »Sie sagten vorhin doch selbst, es hätte Ihnen niemand, so wie uns, den Aufenthalt des Vermissten verraten. Was ist das für eine geheimnisvolle Sache?«

Keiner der Herren antwortete, alle blickten düster vor sich hin.

»Natürlich«, fuhr Ellen fort, »ist es Ihre Pflicht, die Spur des Herzogs zu verfolgen, wie für uns die der Damen. Wüsste ich bestimmt, dass Sie in keinem Irrtum befangen sind, dass Sie wirklich den Herzog befreien könnten, so würde ich Sie mit keinem Worte auffordern, uns zu begleiten. So aber liegt die Sache anders. Mir will es fast scheinen, als ob es nur darauf angelegt sei, uns voneinander zu trennen, gerade jetzt, da wir zusammenhalten sollten. Glauben Sie, dass die Angabe des Chinesen, der seinem Tode entgegensieht, eine falsche war?«

»Nein, er wird die Wahrheit gesagt haben, wir sind davon überzeugt«, entgegnete Hastings, »aber ebenso sicher ist es, dass wir den Aufenthalt des Marquis Chaushilm kennen, und von uns hängt es ab, ihn zu retten. Verlieren wir nur eine Minute, so ist sein Leben verwirkt, und wir können es nicht ändern, wir müssen ihm zu Hilfe eilen.«

»So sprechen Sie doch, von wem haben Sie es erfahren?«, bat wieder Ellen.

»Warum sollen wir es denn verheimlichen«, nahm Davids das Wort, »den Namen des Betreffenden können wir wenigstens nennen.«

»Gut«, sagte Lord Harrlington, »so sollen Sie denn seinen Namen erfahren, Miss Petersen, und Sie werden sehen, in wessen Händen das Schicksal Chaushilms liegt. Klaas van Guden ist es gewesen, der sich des Herzogs bemächtigt hat und ihn so lange als Geisel festhält, bis wir seine Bedingungen erfüllt haben.«

Erschrocken war Ellen zusammengefahren.

»Klaas van Guden?«, rief sie. »Ist das nicht der Holländer, jener unversöhnliche Feind der Engländer, der es geworden, weil sein Vater von einem englischen Tribunal zum Tod am Galgen verurteilt wurde?«

Harrlington nickte stumm.

»Und was verlangt er von Ihnen, dieser schreckliche Mann, der an der Spitze der chinesischen Seeräuber einen unerbittlichen, heimlichen Krieg gegen die Engländer führt?«

»Das können wir Ihnen nicht sagen«, entgegnete Harrlington, »es ist genug, wir glauben, dass wir Chaushilm befreien können, wenn wir dem Willen des Piraten nachgeben. Und wir müssen dies tun. Wir trauen ihm umso mehr, als er uns selbst mitteilte, dass er, wohl den Herzog habe entführen lassen, beim Raube der Damen aber seine Hand nicht im Spiele habe, ja, er schreibt sogar, dass diese wahrscheinlich nach irgend einer Insel gebracht würden, wohin die anderen Vestalinnen alle nachgelockt werden sollten, um sich ihrer zu bemächtigen. Es ist dasselbe, was ich Ihnen schon mitgeteilt habe, wenn ich auch tat, als wäre dies nur eine Vermutung von mir — aber es ist wirklich so, deshalb Miss Petersen, befolgen Sie unseren Rat, fahren Sie nicht allein ab, nehmen Sie ein oder mehrere Schiffe mit, Sie werden sie leicht bekommen.«

»Ich verstehe nicht, wie wir nach dieser Insel gelockt werden sollten, es ist vielmehr anzunehmen, dass die Aussagen des Chinesen absichtlich falsch waren.«

»Nein, durchaus nicht. Dasselbe, was Sie von dem Chinesen schon jetzt erfahren haben, würde Ihnen später auf andere Weise mitgeteilt worden sein, vielleicht wäre nur ein anderer Ort bestimmt worden, wo die ›Vesta‹ leichter zu überwältigen gewesen wäre.«

Ellen sah überlegend vor sich hin.

»Desto besser«, sagte sie dann, »um so größer ist unsere Aussicht, die Damen schnell befreien zu können. Die Räuber sind noch sorglos, wahrscheinlich wissen sie nicht, dass wir schon alles erfahren haben, und es wird uns also leicht sein, ihnen den Raub wieder abzujagen. Nun, nochmals, will der ›Amor‹ uns folgen oder nicht? Ich wiederhole, dass ich fest glaube, Marquis Chaushilm befindet sich eben dort, wo auch die Damen sind.«

»Dies ist nicht der Fall«, versicherte Lord Hastings, »wir glauben den Worten van Gudens vollkommen. So schlimm man auch von ihm sprechen mag, niemand kann ihm nachsagen, dass er jemals sein gegebenes Wort gebrochen oder seine Absichten durch gemeine, verräterische List zu erreichen gesucht habe.«

»Dann gebe ich die Hoffnung auf«, rief Ellen heftig, »glauben Sie nicht, meine Herren, ich sei darum so ärgerlich, weil Sie lieber Ihrem Freunde helfen wollen, als den beiden Mädchen, nein, ich finde das ganz natürlich, es ist sogar Ihre Pflicht, aber es ist doch zu schändlich, dass wir gerade jetzt, da wir einmal zusammenhalten sollten, getrennt werden.«

»Bitte, Miss Petersen«, sagte Lord Harrlington, »nehmen Sie doch wenigstens meinen Rat an und fahren Sie unter Begleitung eines Dampfers, oder überlassen Sie einem solchen überhaupt die Verfolgung, oder auch gehen Sie und alle Damen auf einen Dampfer, nehmen chinesische Soldaten mit und suchen Sie den Piraten zuvorzukommen.«

»Chinesische Soldaten!«, wiederholte Ellen ärgerlich. »Was ist mit denen anzufangen?«

»Es sind genug Seeleute in Scha-tou, welche alle gern bereit sind, Ihnen zu folgen und den Piraten den Prozess zu machen.«

»Nein«, rief Ellen, »ich bereue schon, Sie um Unterstützung gebeten zu haben. In einer halben Stunde ist die ›Vesta‹ zum Segeln bereit, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir bei diesem Wind die erbärmlichen Dschunken nicht eher erreicht haben, als sie die Insel.

Und wenn sie auch schon in dem Versteck angekommen sind, wir werden nicht eher ruhen, als bis die beiden Mädchen wieder bei uns sind, tot oder lebendig. Steht ihr Leben auf dem Spiele, dann wollen wir auch nicht das unsrige schonen. Leben Sie wohl, meine Herren, wollte Gott, dass wir uns bald wiedersehen möchten! Ich wünsche Ihnen Glück, Ihren verlorenen Freund bald wiederzufinden.«

Sie schritt nach der Tür, Harrlington jedoch, ganz außer sich, trat ihr in den Weg, um sie zurückzuhalten, aber Ellen machte eine Handbewegung, welche den Lord zurückwies.


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»Halten Sie mich nicht«, rief sie, »mein Wille ist unumstößlich. Wir segeln in einer halben Stunde ab.«

»Ich werde dafür sorgen, dass Sie begleitet werden«, entgegnete Harrlington. Ellens Gesicht wurde plötzlich finster.

»Tun Sie das nicht«, sagte sie, »ich würde es als eine Beleidigung auffassen. Nichts ist mir verhasster als eine Bevormundung.«

»Wenn Sie aus Eigensinn auf einem Vorsatz beharren, auch wenn Sie sehen, dass er zu Ihrem Unglück führen kann, so bedürfen Sie allerdings einer Bevormundung, ob Sie wollen oder nicht«, rief Hastings jetzt wirklich entrüstet ihr nach.

»Genug, meine Herren, enden wir dieses unerquickliche Zwiegespräch, besonders, da Sie ausfallend zu werden beginnen! Ich bleibe dabei, noch heute Abend segelt die ›Vesta‹ nach Kiu-Liang.«

»Die ›Vesta‹ wird nicht segeln«, rief da dem Mädchen eine befehlende Stimme entgegen, und ein Mann erschien in der Tür, welche eben von Ellen geöffnet worden war.

»Mister Wood«, rief Ellen mehr erstaunt, als ärgerlich über das selbstbewusste Auftreten des Herrn, hinter dem auch Sir Williams sichtbar wurde. »Was in aller Welt veranlasst Sie, der Sie mir ein völlig Fremder sind, dazu, in solchem Tone meinem Willen entgegenzutreten? Sind Sie auch mit diesen Herren verbündet?«

»Die ›Vesta‹ wird nicht absegeln«, wiederholte der Detektiv, völlig eintretend, »aus dem einfachen Grunde, weil die beiden Damen gar nicht nach Kiu-Liang gebracht worden sind. Die Aussagen des Chinesen waren ihm vorher instruiert, Sie und die ganze Besatzung der ›Vesta‹ sollen in eine Falle gelockt werden.«

Diese Worte waren mit solcher Sicherheit gesprochen, dass sie ihren Eindruck nicht verfehlten. Die Herren blickten sich bestürzt an, und selbst Ellen wurde mit einem Male unschlüssig, dann aber schüttelte sie energisch den Kopf und rief:

»Ich weiß nicht, was Sie dazu treibt, die Angaben des Chinesen zu bezweifeln. Sie sind der einzige, der dies tut, ich, alle meine Freundinnen, diese Herren und jede zuverlässige Person in Scha-tou haben sie für Wahrheit gehalten. Wie wollen Sie beweisen, dass der Chinese wissentlich gelogen hat?«

»Beweisen kann ich nichts, aber so sicher, wie ich hier stehe«, sagte der Detektiv mit Nachdruck, »behaupte ich, die Mädchen sind auf keine Dschunke, wohl aber ins Land hineingeschleppt worden. Ein Zufall hat es mir verraten.«

»Ein Zufall?«, wiederholte Ellen spöttisch, »verschonen Sie mich mit solchen Redensarten, oder sagen Sie mir genauer, woher Sie es erfahren haben!«

»Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig«, antwortete der Detektiv, sich mühsam beherrschend, »ich kann nur so viel sagen, dass wohl Marquis Chaushilm auf dem Wasser Scha-tou verlassen hat, nicht aber die beiden Damen. Entweder werden sie noch hier versteckt gehalten oder sie sind schon unterwegs.«

Ellen war einen Augenblick unschlüssig, als sie aber sah, dass auch die zuhörenden Herren den Worten des Mister Wood, welcher nur von Williams als Detektiv gekannt wurde, keinen Glauben schenkten, da behielt auch ihre zuvor gefasste Meinung die Oberhand.

»Mister Wood«, sagte sie ruhig, »Sie sehen, wie wenig Ihre Worte Glauben finden. Wir sind alle, ohne Ausnahme, fest überzeugt, dass meine Freundinnen nach Kiu-Liang geführt worden sind. Nimmermehr glaube ich, dass ein Chinese sich schlagen lässt, um ein Verbrechen auszusagen, das gar nicht begangen wurde. Sie haben sich umsonst bemüht, Mister Wood, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme an uns. Auf glückliches Wiedersehen, meine Herren!«

Damit schritt Ellen zur Tür hinaus, die Herren in großer Bestürzung zurücklassend.

»So fahren Sie denn mit der ›Vesta‹ meinetwegen zur Hölle«, rief ihr aber der Detektiv nach, durch den Eigensinn des Mädchens zum ersten Male wirklich in Zorn versetzt. »Sie werden sich Ihren Trotzkopf diesmal doch einrennen.«

»Lassen Sie«, beschwichtigte Williams den Erzürnten, »noch haben wir ja Zeit, Maßregeln zum Schutze der Damen ergreifen zu können. Lord Harrlington, wann wird der ›Amor‹ reisefertig sein?«

»In drei bis vier Stunden, hoffe ich.«

»Dann ist es uns auch noch möglich, die ›Vesta‹ einholen zu können«, fuhr Charles fort, »haben Sie sich schon davon überzeugt, wo diese Insel Kiu-Liang zu suchen ist?«

»Ja«, entgegnete der Lord, »in zwölf Stunden würde der ›Amor‹ sie erreicht haben. Aber können wir denn? Sind wir nicht der Sicherheit Chaushilms wegen unabwendbar gezwungen, nach dem uns bestimmten Platz zu fahren? Van Guden hält Wort, sind wir nicht zur rechten Zeit dort, so kühlen die Chinesen ihre Wut an dem unglücklichen Herzog.«

»Was für ein geheimnisvoller Brief ist das eigentlich, den Sie von van Guden bekommen haben?«, mengte sich der Detektiv dazwischen? »Zeigen Sie mir ihn, Sie können meiner Verschwiegenheit trauen.«

Lord Harrlington schien anfangs nicht gewillt, Mister Wood den Inhalt des Briefes wissen zu lassen, der vor zwei Stunden von unsichtbaren Händen an Deck des ›Amor‹ geworfen wurde, aber nachdem ihn Williams auf die Seite gezogen und mit ihm geflüstert hatte, händigte er ohne Widerstreben den Brief dem Detektiven ein, den er jetzt erkannt hatte.

Dieser zog aus dem versiegelten Kuvert das Schreiben und überflog das mit festen Schriftzügen bedeckte Papier, ohne eine Miene zu verziehen.

Als er es wieder zurückgab, murmelte er etwas zwischen den Zähnen, was, wenn es die Ohren der Herren erreicht, wie ›Narrenspossen‹ gelautet hätte.

»Sie wollen wirklich dieser Aufforderung Folge leisten?«, fragte er dann erstaunt.

»Wir müssen«, riefen die Herren fast gleichzeitig mit Ausnahme von Davids, der noch wie sinnend dastand und durch das runde Fensterchen die › Vesta‹ betrachtete, »van Guden lässt nicht mit sich spaßen.«

»Es ist alles ein abgekartetes Spiel«, sagte wieder der Detektiv, »wo liegt denn diese Insel SananYuan wohin Sie bestellt worden sind?«

»Wir wissen es nicht«, sagte Harrlington.

»Was?«, rief Mister Wood, »Sie wissen noch gar nicht, wo sie liegt, ja, aber um Gottes willen, wie wollen Sie denn hinkommen?«

Harrlington zog die Uhr.

»Ich konnte den Namen weder auf der Karte, noch in Büchern finden, in einer Viertelstunde aber wird ein auf dem englischen Seemannsamt beschäftigter Herr kommen, der in den chinesischen Gewässern zu Hause ist, und uns die genaue Lage der Insel mitteilen — sie ist wahrscheinlich so klein, dass sie selbst auf meiner ganz genauen Karte nicht verzeichnet ist.«

»Seltsam«, murmelte der Detektiv kopfschüttelnd, »so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.«

»Alle Herren sind bereit, dieser unsinnigen Aufforderung Folge zu leisten?«

»Alle, wir müssen.«

»Auch dann, wenn ich noch einmal behaupte, dass die ›Vesta‹ in eine Falle gelockt werden soll, dass die Aussagen des Chinesen falsche waren, und dass die Mädchen überhaupt gar nicht auf ein Schiff gebracht worden sind?«

Die Herren fanden keine Worte, niedergedrückt blickten sie vor sich hin, und Sharp sah, dass alle Vorstellungen und Ermahnungen nichts mehr nutzten.

»Meinetwegen«, sagte er, »ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich habe mein Möglichstes getan, Sie müssen selbst wissen, was Sie zu tun haben. Good bye, meine Herren.«

Er beachtete nicht mehr den Zuruf Williams, der ihn zur weiteren Besprechung zurückzuhalten suchte, sondern eilte zur Tür hinaus und an Deck.

»Hannes«, rief er oben und sah sich nach dem Leichtmatrosen um, der ebenso, wie die anderen Herren, beim Scheine von Magnesiumfackeln in der Takelage arbeitete. Der Gerufene schoss blitzschnell an einem Tau herunter und stand vor Mister Wood.


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»Lass den Plunder liegen«, sagte dieser, »und komm mit mir! Deine Anwesenheit auf dem ›Amor‹ ist jetzt nicht mehr nötig wird vielleicht auch gar nicht gewünscht. Komm, mein Junge, Toilette brauchst du nicht erst zu machen.«

»Wohin soll es denn gehen?«, fragte Hannes verdutzt.

»Auf Abenteuer, die du so sehr liebst.«

»Dann bin ich dabei, aber ... aber ...«

Hannes zögerte, weiter zu sprechen.

»Ich weiß schon, was du meinst«, unterbrach ihn der Detektiv, »die kommt auch mit.«

»All right«, rief der Matrose, »ich ziehe mich nur um, in fünf Minuten bin ich wieder oben und zu allem bereit.«

»Unsinn«, sagte aber der Detektiv, »so wie du bist, gehst du mit. Hast du auch ein paar Teerflecken im Gesicht und Löcher in den Ärmeln, das schadet nichts weiter.«

Da folgte ihm der Leichtmatrose ohne Weiteres in das Boot, das sie an Land brachte.

*

»Die ›Vesta‹ fährt wirklich ab«, rief unten Lord Harrlington mit verzweifelter Stimme, »mein Gott, mein Gott, was sollen wir nun beginnen?«

Es war in der Tat so, die ›Vesta‹ hatte schon die Segel entrollt, die Anker wurden gelichtet, und bald wurde das Vollschiff von einem frischen Winde der Hafeneinfahrt zugetragen.

»Möge es der Himmel geben, dass des Detektiven Vermutungen falsch waren«, seufzte Williams, »sonst ist es mit uns allen aus. Dass uns van Guden, dieser verdammte Halunke, einen solchen Streich spielen muss! Das werden ein Paar böse Tage für uns, so lange uns das Schicksal der Damen unbekannt ist.«

»Und unser eigenes Schicksal, das uns erwartet«, warf Lord Hastings dazwischen.

»Ach was«, entgegnete Williams sorglos, »auf diese Drohungen gebe ich keinen Pfifferling. Nur Mut, meine Herren, wir haben uns schon öfter aus schlimmen Lagen gewunden, und so werden wir auch jetzt aus der Klemme kommen. Nur die Damen sind es, um welche ich mich sorge, meinetwegen nicht im Geringsten.«

»Natürlich«, brummte Lord Hastings, »Unkraut vergeht nicht.«

Die drei hatten gar nicht bemerkt, dass, als die ›Vesta‹ die Segel aufrollte, John Davids den Salon verließ. Sie blickten der davonsegelnden ›Vesta‹ nach und sahen auch noch, wie bald darauf ein weiter draußen liegendes Segelschiff der Ausfahrt des Hafens zustrebte.

»Die Zeit ist da«, meinte Harrlington, nach der Uhr sehend, »der Hafenbeamte könnte kommen. Es ist wirklich seltsam, dass wir den Namen SananYuan nicht finden konnten.«

Das letzte Wort war noch nicht aus seinem Munde, als der Erwartete hereintrat.

»Haben Sie den Namen gefunden?«, rief ihm Lord Harrlington schon entgegen.

Der Beamte zog ein erstauntes Gesicht.

»Natürlich, warum nicht? Ich wusste mir überhaupt nicht zu erklären, wie Sie die Frage an mich stellen konnten. Sehen Sie, ich habe mir ihre Lage aufgeschrieben.«

Er zog sein Notizbuch hervor und blätterte darin.

»Möglich wäre es allerdings«, sagte er dabei, »dass dieser Name nicht in allen Karten steht, SananYuan ist eine Bezeichnung, die fast nur unter den Chinesen, oder sogar nur in einer gewissen Gegend gebräuchlich ist, aber jeder Chinese, den Sie darüber befragten, hätte Ihnen Auskunft geben können. Hier habe ich es: 23 Grad 14 Minuten 36 Sekunden östlicher Länge, 137 Grad 50 Minuten 3 Sekunden nördlicher Breite, liegt die Insel SananYuan«, las der Beamte vor.

»Wo?«, riefen Lord Harrlington, Lord Hastings und Williams wie aus einem Munde.

Der Beamte wiederholte noch einmal die Zahlen, welche die Lage der besagten Insel angaben.

»Aber das ist ja ganz genau dieselbe Lage wie Kiu-Liang«, sagte Lord Harrlington im Tone des höchsten Erstaunens.

»Allerdings«, entgegnete der Beamte lächelnd, »wie ich schon sagte, SananYuan und Kiu-Liang ist dasselbe, hat sogar fast die gleiche Bedeutung ›Felsentor‹.«

»An Deck, meine Herren!«, rief Harrlington und stürmte hinaus, von den anderen gefolgt.

Der Beamte sah erstaunt, welch wunderbare Wirkung seine Worte auf die Engländer hervorgebracht hatten. Er wusste zwar auch, dass die beiden Mädchen vermutlich nach Kiu-Liang gebracht werden sollten — ganz Scha-tou sprach ja davon — aber er hatte die Bitte um Bezeichnung der Lage von SananYuan nur für eine Streitfrage zwischen den Herren gehalten, und jetzt sah er mit einem Male, dass alle diese niedergeschlagenen Gesichter erst einen ganz verblüfften Ausdruck annahmen und dann wie vor Entzücken aufstrahlten, als hätte er die froheste Botschaft verkündet.

Auch er begab sich an Deck und ließ sich an Land rudern — Beachtung fand er gar nicht mehr.

War schon vorher auf dem ›Amor‹ tüchtig gearbeitet worden, so begann jetzt eine fieberhafte Tätigkeit. Alles rannte hin und her, kletterte die Wanten auf und ab, schleppte Taue und Stricke oder pochte und half sonst unten an der Maschine, und immer wieder ging die Mitteilung von Mund zu Mund, dass Kiu-Liang und SananYuan ein und dieselbe Insel in der chinesischen See sei, dass der ›Amor‹ also nach demselben Ziele, wie die ›Vesta‹ zu fahren habe.

Diese Mitteilung vermochte Wunder zu wirken.

Lord Harrlington hatte vier Stunden gerechnet, ehe der ›Amor‹ zur Abfahrt bereit sei, aber noch waren keine zwei Stunden verstrichen, da warteten die englischen Herren schon ungeduldig darauf, dass die chinesischen Schmiede den letzten Schlag an dem undicht gewordenen Kessel täten, und kaum war dieser gefallen, kaum stießen die Handwerker im Boot vom Schiffe ab, so klirrten die Ankerketten, die mächtigen, eisernen Haken wurden emporgewunden, eine glühende Rauchsäule wirbelte aus dem Schornstein, Kommandos erschollen überall, und noch hatte das abgesetzte Boot das Land nicht erreicht, da nahm der ›Amor‹ schon mit voller Kraft die Fahrt auf, aller Vorschrift zum Spott, die das Dampfen im Hafen nur mit Viertelkraft gestattet.

Eine feurige Garbe hinter sich zurücklassend, schoss der ›Amor‹ zur Einfahrt hinaus. Jetzt galt es nur die Augen offen zu halten, um die ›Vesta‹ zu entdecken, und dafür sorgten die Engländer.

Kopf an Kopf standen sie an der Brüstung und suchten mit dem Nachtrohr den Horizont ab, und oft ließ Harrlington einen anderen, als den direkten Kurs einschlagen, wenn er in der Ferne die Lichter eines Seglers erblickte, aber von der ›Vesta‹ selbst hatte man noch nichts gefunden.

Doch das schadete nichts, die Hauptsache war, dass man wenigstens noch gleichzeitig mit ihr vor der Insel zusammentraf, und dies war, wenn dem ›Amor‹ nicht ein Unglück passierte, sicher vorauszusehen.

Eine Stunde mochte so vergangen sein, als unter den Herren Unruhe und Gemurmel entstand.

Williams hatte seinen Diener gesucht und nicht gefunden, und nicht lange dauerte es, so wurde auch John Davids vermisst. Die Bestürzung war groß, als dies bestimmt festgestellt wurde, und jetzt erfuhr Harrlington, dass man Letzteren in einem Boote an Land hatte fahren sehen.

Die Sache war jetzt nicht mehr zu ändern, so fatal sie auch allen war. Es hatte die Meinung geherrscht, wie Harrlington immer selbst gesagt, dass der ›Amor‹ erst in vier Stunden abfahren könnte, da dies nun aber eine Stunde früher geschah, so musste das Fehlen Davids entschuldigt werden, ebenso wie das von Hannes.

In zwei Tagen hofften die Herren wieder nach Scha-tou zurückzukehren, und dann kamen jene einfach wieder an Bord, aber insgeheim hegten sie schlimmere Befürchtungen, mancher sandte den Zurückgebliebenen schon jetzt ein Lebewohl zu.

* * * * *

II.33. Im Proviantraum

Fast gleichzeitig, als an Bord des ›Amor‹ überall nach John Davids und Hannes gesucht wurde, geschah auf der ›Vesta‹ etwas Ä hnliches, was alle Damen erst mit der größten Bestürzung und dann mit der größten Betrübnis erfüllte.

Miss Petersen hatte eine günstige Fahrt, die Vestalinnen brauchten nicht durch vieles Kreuzen sich zu ermüden, sondern konnten den Kurs direkt nach Kiu-Liang richten.

So hatten die Mädchen genügend Zeit, sich über das bevorstehende Abenteuer zu unterhalten, und hauptsächlich drehte sich das Gespräch natürlich darum, wie man die beiden Freundinnen aus den Händen der Piraten befreien könne.

Eine Beratung selbst hatte noch nicht stattgefunden, bis jetzt war alles in zu großer Aufregung gewesen. Als die ›Vesta‹ aber erst das offene Meer erreicht und der kühle Seewind die erhitzten Gemüter abgekühlt hatte, da lud Ellen die Damen ein, sich auf dem Achterdeck zu versammeln, sodass auch das am Steuerrad stehende Mädchen seine Stimme mit abgeben könnte.

Es war gerade zwölf Uhr, die Glocke schlug acht Glasen, und das Mädchen am Steuerrad erwartete seine Ablösung. Aber diese kam nicht, keine der Vestalinnen wollte für diese Wache an der Reihe sein, und als die Minuten verstrichen, und sich noch immer niemand zum Posten am Steuerrad meldete, da rechnete Ellen auf der Tabelle nach, an wem die Reihe war.


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Miss Staunton war es.

Beim Rufen dieses Namens erst fiel es allen plötzlich ein, dass man das junge Mädchen gar nicht mehr gesehen hatte, seit die ›Vesta‹ in Fahrt war, und nun begann auf dem Damenschiff ein Suchen und Hasten, erst flüchtig und dann, als man Miss Staunton noch nicht gefunden, ganz gründlich. Es war ja möglich, dass Hope krank oder bei der letzten schweren Arbeit durch irgend etwas verletzt worden war und jetzt irgendwo bewusstlos lag.

Aber Hope Staunton blieb verschwunden, und die Bestürzung der Vestalinnen verwandelte sich in furchtbare Angst, denn das junge Mädchen war der Liebling aller.

»Wir werden von stetem Unglück verfolgt«, rief Ellen in Verzweiflung. »Weiß denn keine der Damen, wo sich Hope zuletzt befunden hat, als wir Scha-tou verließen? Sie war doch nicht etwa an Land?«

Niemand konnte diese Frage beantworten, nur dessen erinnerten sich alle, dass man Hope seit Verlassen des Hafens von Scha-tou an Bord der ›Vesta‹ nicht mehr gesehen habe. Entweder musste sie während der Fahrt verunglückt, vielleicht über Bord gefallen sein, oder sie hatte sich kurz vor dem Ankerlichten unbemerkt an Land begeben.

Aber wozu hätte sie das tun sollen?

In Miss Thomson dämmerte eine Ahnung auf, sie erinnerte sich des Gespräches, welches Hope in Batavia mit Hannes geführt hatte, betreffs einer Flucht von der ›Vesta‹. Sie hielt diese Ideen damals für die Früchte einer von Wein aufgeregten Phantasie, und nun? Sollte Hope wirklich ihre Gefährtinnen verlassen haben?

Schon wollte Miss Thomson ihren Argwohn den anderen mitteilen, da fiel ihr plötzlich etwas ein. Es war ja gar nicht möglich, dass Hope so etwas gerade jetzt hätte tun können, da sie wusste, dass es die Befreiung der geraubten Mädchen galt, und dass die Vestalinnen jede Hand nötig hatten. Nein, Hope besaß ein tapferes, zuverlässiges Herz; nie hätte sie ihre Freundinnen im Falle der Gefahr verlassen.

Miss Thomson teilte daher den Argwohn den anderen nicht mit. Es konnte nicht anders möglich sein, Hope war verunglückt oder aus Versehen in Scha-tou zurückgeblieben.

Da brachte Johanna plötzlich Licht in diese dunkle Sache. Sie war die einzige gewesen, welche die Kabine des jungen Mädchens genau durchforscht hatte, und so hatte sie auch sofort auf dem Schreibtisch einen Brief gefunden, der an Miss Petersen persönlich adressiert war.

Er trug die Handschrift der Miss Staunton.

Mit zitternden Händen erbrach Ellen das Schreiben, und was sie darin fand, setzte sie erst nicht wenig in Schrecken, dann aber in Verzweiflung und Ärger über dieses Mädchen, welches, allen Vorschriften zum Trotz, gerade gegen den Befehl der Kapitänin gehandelt hatte.

Der Brief war ganz kurz abgefasst und machte den Eindruck einer vorschriftsmäßigen Meldung.


An Miss Ellen Petersen, Kapitänin der ›Vesta‹.

Da Sie und die anderen Damen nicht auf die Vorstellungen gehört haben, welche Ihnen Mister Wood machte, so sehe ich mich genötigt, die ›Vesta‹ zu verlassen.

Auch meine Meinung ist, dass Miss Nikkerson, wie Miss Sargent, nicht nach Kiu-Liang gebracht worden sind, sondern ins Innere des Landes und dass die Aussagen des Chinesen falsch waren. Sie wollten den Ratschlägen des Mister Wood keinen Glauben schenken, ich aber habe es getan und bin jetzt gewillt, die Spur der Geraubten aufzusuchen und weiterzuverfolgen. Auf glückliches Wiedersehen!

Hope Staunton.


So oft Ellen den Brief auch las und vorlas, der Inhalt wurde kein anderer.

»Ich habe das Mädchen so oft gebeten«, rief Ellen mit Tränen in den Augen, »den Übermut nicht zu weit zu treiben. Das aber, was es jetzt unternommen hat, kann schon nicht mehr als solcher bezeichnet werden. Nie hätte ich geglaubt, dass uns Hope eine solche Kränkung zufügen würde.«

Unter den Mädchen herrschte eine allgemeine Verstimmung, teils bedauerten sie, dass Hope so eigenmächtig das Schiff verlassen hatte, sogar ohne Abschied, teils ärgerten sie sich über den Eigensinn des jungen, unerfahrenen Mädchens.

Lange aber sollte der Brief das Thema des Gespräches nicht bilden.

Die Nacht war sehr dunkel, nur die Sterne verbreiteten ein unsicheres Licht über das ruhige Meer, welches von einem leichten Wind kaum gekräuselt wurde.

Plötzlich deutete das auf dem Ausguck befindliche Mädchen in die Ferne, wo die dunklen Umrisse eines Schiffes sichtbar wurden, und deutlich konnte man erkennen, das an Deck desselben mehrere Flammen hin- und herzüngelten.

Es war nur daher bis jetzt der allgemeinen Aufmerksamkeit entgangen, weil man sich mit dem Suchen nach Hope beschäftigt hatte.

Kaum hatte Ellen das Schiff, auf das sie gerade lossegelten, durch das Nachtglas betrachtet, als sie schon rief:

»Ein Schiff in Brand.«

Und als ob diese ihre Worte sofort bestätigt werden sollten, so schlug mit einem Male eine hohe Feuergarbe zum dunklen Himmel empor, das Meer in weitem Umkreise mit seinem Lichte übergießend.

Schnell ward beraten, was zu tun sei, aber es gab keine andere Möglichkeit, als die, in die Nähe des brennenden Schiffes zu segeln und die Rettung der Mannschaft zu versuchen. Die Christenpflicht schrieb dies vor, selbst wenn dadurch die Befreiung ihrer Freundinnen unmöglich gemacht würde.

Bald sah man, mit was für einem Schiff man es zu tun hatte. Es war eine Bark. Das Feuer musste im Zwischendeck oder im Kielraum entstanden, dort erst lange niedergehalten worden und dann gleichzeitig überall durch das Deck hervorgebrochen sein, denn das Vorder, wie auch das Hinterteil standen schon in Flammen, und diese leckten bereits an der Takelage. Auf dem mittleren Deck lief die Mannschaft angstvoll hin und her und beschäftigte sich mit dem Losmachen des einzigen Bootes, welches von den Flammen noch verschont geblieben war.

»Die übrigen Boote sind schon verbrannt oder müssen angekohlt sein«, rief Ellen, das Schiff durch das Fernglas scharf betrachtend, »es ist merkwürdig, wie das Feuer um sich gegriffen hat. Ein Teil des Schiffes steht vollständig in Flammen, während der Andere, der mittelste, noch völlig unversehrt ist, aber doch sind auch die mittleren Boote schon vom Feuer ergriffen.«

Sie dirigierte die ›Vesta‹ nach dem Schiffe, hielt sich natürlich aber in gehöriger Entfernung, um nicht etwa ihr eigenes Schiff zu gefährden. Schon trug der Wind große Funken davon, aber Ellen kam von der Luvseite heran, das heißt, von der Seite, wo der Wind herkam, sodass die Funken für die ›Vesta‹ nicht gefährlich werden konnten.

»Jetzt erkenne ich den Namen des Schiffes«, rief eine andere Dame, »es ist die ›Möwe‹, die in Scha-tou weit draußen gelegen hat, wo gewöhnlich Petroleum geladen wird.«

Allerdings hatte die ›Möwe‹ am Petroleumplatz gelegen, und wenn sie auch kein Brennöl ausgeladen oder eingenommen hatte, so glaubten die Mädchen nun doch, sich die Ursache der Katastrophe erklären zu können. Das Petroleum war eben in Brand geraten, und dieser hatte sich natürlich furchtbar schnell verbreitet, hauptsächlich da, wo die Fässer lagen. Auch bemerkte man jetzt einen Petroleumgeruch.

Da wurde drüben das Boot über Bord gelassen, in wilder Hast stürzten sich die Matrosen hinein und ruderten eilends von dem Schiffe ab, wo ihnen der Feuertod drohte. Sie hatten nichts weiter als das nackte Leben gerettet, kein einziger hatte nicht einmal ein kleines Bündel mitgenommen.


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»Was sollen wir tun?«, fragte Ellen ratlos; »es ist unsere Pflicht, die Unglücklichen aufzunehmen, und doch ist mir dies und uns allen so furchtbar unangenehm. Der Ruf der ›Vesta‹ ist dahin, ihre Planken sind entweiht.«

»Es hilft nichts, wir müssen sie an Bord kommen lassen«, meinte ein anderes Mädchen.

»Oder wir werfen ihnen ein Tau zu und schleppen sie hinter uns im Boote her«, sagte Ellen.

Aber dieser Vorschlag fand allgemeine Missbilligung. Das Boot war nur eine Jolle, also nicht groß, und doch waren achtzehn Menschen darin, sodass es dichtgedrängt besetzt war. Die Ruderer hatten kaum so viel Platz, die Riemen gebrauchen zu können, überall stießen sie an Körper, welche über- und nebeneinander lagen. Und außerdem, wären der Wind und der Seegang etwas stärker geworden, dann mussten die Männer doch an Bord der ›Vesta‹ genommen werden, denn bei hochgehender See würde das Boot bald gekentert sein.

»So nehmen wir sie denn an Bord«, entschied die Kapitänin; »tun wir es nicht, so würden wir vom internationalen Seegericht sogar verurteilt werden, die ›Vesta‹ für immer zu verlassen, wir dürften nicht mehr auf einem eigenen Schiffe selbständig fahren — ich kenne das. Sofort wenn die Matrosen das Deck betreten, bringen wir sie in den Proviantraum, nehmen ihnen das Versprechen ab, sich ruhig zu verhalten und sich allen unseren Anordnungen zu fügen, erklären ihnen bestimmt, dass wir jeden Ungehorsam oder gar jede freche Handlung unnachsichtlich mit einer Revolverkugel bestrafen werden, und richten ihnen dann ein Quartier her, vielleicht in der Segelkoje, wo sie sich so lange aufhalten können und von uns mit Essen und Wasser versehen werden, bis wir sie im nächsten Hafen aussetzen.«

»Und sollten wir mit den Chinesen einen Kampf zu bestehen haben«, fügte Miss Murray hinzu, »so werden sie gern bereit sein, uns darin zu unterstützen. Wer weiß, ob wir sie nicht gut gebrauchen können!«

Miss Petersen erwiderte nichts hierauf, sondern leitete das Anlegen des Bootes, es wurden den Matrosen Taue zugeworfen, sie zogen sich heran und wollten eben das heruntergefallene Fallreep betreten und sich an Deck schwingen, als Ellen ihnen plötzlich zurief, noch einen Augenblick zu warten.

Der Wind hatte plötzlich seine Richtung etwas geändert, die Segel klatschten schon gegen die Rahen, und erst musste daher das Kommando gegeben werden, die Rahen zu richten. Zugleich schickte Ellen einen Teil der Mädchen in die Takelage, noch einige Segel beizusetzen, sodass nur die eine Hälfte der Besatzung bei dem Boote blieb und nun den Matrosen beim Übersteigen möglichst behilflich war.

»Spanier«, flüsterte Ellen, als sich der erste, ein gelbhäutiger Bursche mit schwarzem Haar und schielendem Auge über die Bordwand schwang, »wer keinen Revolver bei sich hat, der versehe sich schnell mit einem solchen.«

Ein Mädchen nach dem anderen entfernte sich, und als der letzte der geretteten Matrosen das Deck der ›Vesta‹ betreten, da hatten alle um sie stehenden Mädchen die Waffen in der Tasche, während die andere Hälfte noch an den Brassen oder in der Takelage arbeitete.

»Wer ist der Kapitän?«, fragte Ellen kurz und blickte sich unter den Matrosen um, welche von den Damen eingeschlossen wurden.

Einer trat vor, aber nicht der wirkliche Kapitän der ›Möwe‹, Fonsera oder der Seewolf, denn dieser fürchtete, erkannt zu werden, er hatte die Mütze über die Stirn gezogen und hielt sich im Hintergrunde verborgen.

»Der Kapitän hat sich selbst getötet«, antwortete der Vorgetretene, »weil er an dem schlechten Verladen der Petroleumfässer schuld gewesen ist. Wäre er meiner Anordnung gefolgt, so wäre das Feuer nicht so furchtbar schnell ausgebrochen. Ich bin der erste Steuermann der englischen Bark ›Möwe‹, jetzt der stellvertretende Kapitän.«

Ellen stellte noch einige Fragen, auf die sie befriedigende Antworten erhielt; auch darüber, dass auf dem englischen Schiff fast nur Spanier, Neger und Mulatten waren, wurde sie aufgeklärt. Die ›Möwe‹ war vor Kurzem in Südamerika gewesen, dort war unter der Besatzung das Fieber ausgebrochen, die Matrosen waren gestorben, und der Kapitän hatte dort die fremden Seeleute aufgetrieben.

Die Matrosen hatten nichts weiter als das nackte Leben gerettet, nicht einmal die Schiffspapiere hatte der Steuermann aus der schon brennenden Kajüte mitbekommen können.

Im Übrigen machten die Leute keinen ungünstigen Eindruck auf die Mädchen. Sie waren alle sehr niedergeschlagen, blickten traurig nach ihrem Schiffe, welches jetzt in lichterlohen Flammen stand und bald verzehrt sein musste, und verhielten sich sonst still, ohne in Verwünschungen über ihr Schicksal auszubrechen.

»Ihr seid an Bord der ›Vesta‹ gekommen«, nahm Ellen das Wort, »die unter der Flagge der Vereinigten Staaten segelt und, wie ihr wohl seht, sind wir keine Männer, sondern nur als solche gekleidete Damen. Deshalb kann euer Verhältnis hier an Bord kein beliebiges sein, ihr werdet keine volle Freiheit erhalten«, fuhr Ellen fort. »Wir werden euch einen Platz anweisen, wo ihr es euch bequem machen könnt, ihr werdet mit allem versorgt werden, was ihr braucht, ihr dürft eure Bitten getrost aussprechen, aber im Übrigen habt ihr euch auf den Raum zu beschränken, den wir euch vorschreiben. Wer dieser Anordnung nicht folgt, oder wer sich sogar untersteht, gegen eine von uns Damen nur die kleinste Übertretung sich zu schulden kommen zu lassen, der wird unnachsichtlich bestraft werden, und ich kann euch versichern, dass wir uns unserer Haut zu wehren wissen werden. Seid ihr damit einverstanden?«

»Wir sind es«, riefen die Matrosen, anscheinend sehr froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.

»Gut denn, so dürft ihr versichert sein, dass wir unser Bestes tun werden, euch das Leben auf der ›Vesta‹ so angenehm wie möglich zu machen. Im nächsten Hafen, den wir anlaufen, liefern wir euch an das englische Konsulat ab und bezeugen, dass ihr die ›Möwe‹ nur in der höchsten Not verlassen habt. Jetzt folgt mir nach dem Proviantraum, wo ihr so lange bleibt, bis wir für euch einen anderen Platz zum Schlafen hergerichtet haben, ihr werdet nach den Anstrengungen müde sein.«

Die auf Wache befindlichen Mädchen waren noch immer entweder an Deck zerstreut oder arbeiteten in der Takelage, nur die, welche eigentlich Freiwache hatten, aber wegen des Ernstes der Situation ebenfalls an Deck geblieben waren, begleiteten die Matrosen nach dem im Zwischendeck gelegenen Proviantraum, wo Fässer mit Salzfleisch, Säcke mit Hülsenfrüchten, Mehl, Salz und so weiter, aufgespeichert standen.

Die Leute wurden nochmals aufgefordert, hier so lange zu warten, bis ihnen ein Schlafplatz in der Segelkoje zurechtgemacht worden sei, dann verließ Ellen den Raum und schloss hinter sich die Tür zu.

»In die Falle gegangen, carajo«, flüsterte der Seewolf heiser und schleuderte vor Wut seine Mütze an Deck, »wie dumme Ratten in die Falle gegangen! Mich juckte es ordentlich im Finger, dieser albernen Dirne, die mich schon einmal mit einem Faustschlag traktiert hat, eine Kugel in den Leib zu jagen. Was nun?«

»Es ist noch nicht so schlimm, Seewolf«, gab der erste Steuermann ebenso flüsternd zurück, »aufgeschoben ist noch nicht aufgehoben. Es war verdammtes Unglück für uns, dass gerade der Wind umsprang, und dass dieses verfluchte Weib auch gleich ein Kommando geben musste, das die Mädchen überallhin zerstreuen musste, als hätte sie nicht eine Minute warten können; hahaha!«

»Lache noch«, grollte der Seewolf, »natürlich war nur dieses Kommando daran schuld. Aber was sollte ich denn anderes tun, als euch zuzuflüstern, euch noch nicht auf die Mädchen zu werfen. Sollten wir etwa auf die Rahen klettern und die Mädchen von dort herunterholen? Überall standen sie am Deck herum, und diese Teufelsweiber haben immer Revolver bei sich, die sie einem bei jeder Gelegenheit unter die Nase halten. Ja, wenn wir sie nicht lebendig ausliefern müssten, dann hätte es wohl einen kleinen Tanz gegeben; aber so! Nun ist die ›Möwe‹ verloren, und wir selbst sitzen in der Patsche. Hätte ich nur erst meine Füße wieder von diesem verdammten Schiff herunter.«

»Gräme dich nicht, Seewolf«, lachte der Andere, »jetzt kommt es nur darauf an, einen guten Plan zu fassen, denn diese so überklugen Mädels haben noch keine Ahnung, unter welcher Flagge wir fahren; sie behandeln uns ja gerade, als wären wir Gentlemen, und hätten nur darum der ›Vesta‹ einen Besuch abgestattet, um einen Angriff auf ihre jungfräuliche Ehre zu machen.«

»Lass jetzt das Scherzen«, sagte der Seewolf finster, »gib lieber einen Rat, wenn du einen weißt, wie wir doch Herr über diese Weiber werden, ohne ihnen ans Leben zu müssen.«

Unter den achtzehn Räubern entstand ein leises Flüstern, alle hatten einen Plan, der zum Ziele führen sollte, aber immer schüttelte der Seewolf den Kopf, keiner gab ihm die Garantie, dass er die Mädchen alle mit einem Schlage in seine Gewalt brachte.

Der eine schlug vor, schon jetzt die Tür zu erbrechen, leise herauszuschleichen und die ahnungslose Besatzung zu überrumpeln, ein anderer, auf dem Wege von hier nach der Segelkoje das zu tun, wieder ein anderer, ein Matrose solle sich stellen, als hätte er die Krämpfe bekommen, und wenn die Mädchen hereinkämen, dann sollten sie tun, als wollten sie den Verunglückten hinausbringen, die Mädchen würden zusammenlaufen, und dann wären sie wahrscheinlich alle beieinander.

Der Seewolf billigte keinen dieser Anschläge.

Endlich erhob sich ein noch junger Mann, ein Engländer, von dem Fasse, auf dem er bis jetzt gesessen hatte. Es war derselbe, der in Kairo als Offizier die Verhaftung Ellens vorgenommen hatte, und von dem der Seewolf gesagt hatte, er wäre ein verpfuschter Student, der sich auf einem Piratenschiffe wohler, als in dem Hörsaale fühle.

»Es ist doch sicher anzunehmen, dass die Damen den Aussagen des bestochenen Chinesen geglaubt haben und also nach Kiu-Liang segeln«, sagte er. Alle bestätigten dies.

»Was für eine Insel ist Kiu-Liang?«, fragte der Sprecher. »Ist sie bewohnt oder nicht?«

»Es ist eine unbewohnte, öde Insel«, entgegnete der Seewolf, aufmerksam werdend; »soviel ich weiß, hat sie einen Hafen mit sehr enger Einfahrt, und früher wohnten chinesische Fischer dort, die ihre Hütten haben stehen lassen.« »Gut! Die Damen fahren also nach der Insel und werden sie auch betreten. Ist die Insel von allen Seiten zugänglich?«

»Nur von dem Hafen aus«, sagte der Seewolf.

»So werden wir dort die beste Gelegenheit haben, die Mädchen zu überrumpeln«, fuhr der ehemalige Student fort. »Beim Ankern müssen unbedingt alle an den Winden arbeiten, sie legen das Laufbrett aus und so weiter, kurz und gut, sie sind alle ohne Ausnahme beschäftigt, und der Kapitän und die Steuerleute stehen bei dieser Gelegenheit auch nicht auf der Kommandobrücke, sondern an Deck.«

»Bravo!«, rief der Seewolf, diesmal fast die Vorsicht vergessend, dämpfte seine Stimme aber sofort wieder zum Flüstern herab. »Ja, Bursche, der Vorschlag ist gut! So lange müssen wir eben warten, wir lassen vorläufig mit uns ruhig alles geschehen, was diese feinen Dämchen zu tun belieben, lassen uns in der Segelkoje Bettchen machen, und sind sie dann auf der Insel mit Ankern beschäftigt, so brechen wir hervor und haben sie. Und bietet sich uns vorher doch noch eine gute Gelegenheit, so wird die natürlich auch benützt. So oder so unser müssen sie doch werden.«

»Wann werden wir Kiu-Liang erreicht haben?«, fragte der erste Steuermann.

»Jetzt ist es drei Uhr. Bleibt der Wind, wie er vorhin war, so können wir morgen Nachmittag dort sein«, war die Antwort, »und nun, Burschen, verhaltet euch ruhig, dass sie nichts wittern. Weg dort, von dem Fässchen, Kanaille, deine Nase hat wohl schon wieder Spiritus gerochen? Das sage ich euch, wer hier stiehlt oder sich gar an fremdem Branntwein betrinkt, den hänge ich morgen Abend auf. Ich will mir nicht nachsagen lassen, dass der Seewolf auf Besuch gekommen ist und dabei gestohlen hat. So ist's recht, Bursche, lacht und seid wieder vergnügt.«

Des Seewolfs gute Laune war wiederhergestellt, er sah sich jetzt endlich vor seinem Ziele.

Die Tür öffnete sich, zwei Vestalinnen traten herein, banden ein Fass los und wälzten es hinaus, wo es mittels einer Winde durch die Luke nach oben befördert wurde.


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»Passt auf, Jungens«, flüsterte der Seewolf, »jetzt wird für uns das Frühstück gekocht. Na, das muss man den Mädels lassen, nobel sind sie, und ich will mich später auch nicht lumpen lassen. Bin ich erst Kapitän auf der ›Vesta‹ und habe die Mädels als Passagiere an Bord, dann sollen sie auch nicht über das Essen zu klagen haben. Das Beste sollen sie immer bekommen.«

Der Seewolf hatte richtig geraten, dass der Inhalt des Fasses oder doch ein Teil desselben zu einer Mahlzeit für die geretteten Matrosen bestimmt war.

Die Vestalinnen hatten in der sogenannten Segelkoje, einem weiten Raume, wo ein großer Vorrat von Segeln aufbewahrt wurde, bequeme Lager hergerichtet, und waren damit gerade fertig geworden, als die Sonne am Horizonte aufstieg.

Um sechs Uhr wird auf den Schiffen allgemein das erste Frühstück eingenommen, und da anzunehmen war, dass die Matrosen seit dem vorigen Abend nichts gegessen hatten, außerdem durch Anstrengung und Aufregung über die Todesgefahr erschöpft waren, so hatte Ellen angeordnet, ein kräftiges Frühstück für die Leute zu bereiten, nachdem sie einige Stunden geschlafen hatten.

Ein Fass gesalzenes Schweinefleisch ward also aus dem Proviantraum geholt; die gerade in der Küche beschäftigten beiden Mädchen setzten Erbsen an, und dann wurden die Matrosen nach ihrer neuen Schlafstelle gebracht, die sich ganz vorn in dem großen Schiffe befand.

Auch diesmal wurde wieder die Tür hinter ihnen abgeschlossen.

Die eine Hälfte der Mädchen war abgelöst worden, sie befand sich in den Kabinen, die andere dagegen war an Deck, hatte aber keine Arbeit, da schönes Wetter war.

Die Mädchen standen in der Nähe der Kombüse (Küche), welche in der Mitte des Schiffes lag, und schauten den beiden Köchinnen zu, die mit Meißel und Hammer den Deckel des Fleischfasses öffneten. Das Gespräch drehte sich jetzt weniger um die zu erwartende Begegnung mit den chinesischen Seeräubern, als vielmehr um die geretteten Matrosen.

»Es muss doch entsetzlich sein, so auf einem Schiffe zu stehen, mitten zwischen zwei Elementen, Feuer und Wasser, die an und für sich selbst den größten Kontrast bilden und doch so furchtbar für den Menschen sind«, sagte eben das eine der jungen Mädchen und steckte den Meißel in die Öffnung des Deckels, um diesen abzuheben.

»Bitte, Miss Thomson«, sagte sie zu dem neben ihr stehenden Mädchen, als der Deckel ihren Anstrengungen nicht nachgab, »helfen Sie mir, ich kann ihn nicht allein aufbrechen.«

Beide Mädchen vereinten ihre Kräfte, krachend sprang der Deckel empor, aber gleichzeitig flogen auch beide mit einem lauten Aufschrei zurück, und selbst die umstehenden Vestalinnen brachen in einen Schreckensruf aus.

Es gibt Spielzeuge in Form von Kästchen oder Schachteln, welche auf Kinder dieselbe Wirkung ausüben, wie jetzt das Fass bei den Mädchen hervorbrachte. Öffnet man den Deckel, so wird er einem plötzlich aus der Hand geschleudert und aus dem Kästchen springt ein kleiner Teufel auf, der zuvor von dem Deckel zusammengedrückt gewesen war.

Ebenso geschah es hier.

Kaum war der Deckel abgefallen, so schoss mit halbem Oberkörper ein Mann aus dem Fasse hervor, und noch waren die Schreckensrufe der Mädchen nicht verklungen, als schon eine fröhliche Stimme erscholl:

»Never mind, sollte mir sehr leid tun, wenn ich Sie erschreckt habe, meine Damen. Ein Umstand zwang mich, länger in diesem Fasse zu bleiben, als ich gewünscht hatte, sonst würde ich die Vorstellung nicht auf einem so ungewöhnlichen Wege vorgenommen haben. In der Tat, Miss Petersen«, wandte sich der Reporter an diese, und legte einen Finger an die schottische Mütze, »Youngpig ist mein Name.«

Und gemächlich stieg der Reporter aus dem Fasse, in dem er seit ungefähr sieben Stunden zusammengekrümmt gesessen hatte.

»Aber wie in aller Welt kommen Sie denn in dieses Fass?«, fragte Ellen unter dem Gelächter ihrer Gefährtinnen.

»Schon allein mein Name berechtigt mich dazu«, erwiderte der Reporter ernsthaft. »Ich sah, wie die ›Vesta‹ in Scha-tou Fässer mit Schweinefleisch übernahm, ich ließ mich in ein leeres Fass stecken, hinrollen, ein volles wegnehmen, und so kam es, dass Sie mich als gesalzenes Schweinefleisch an Bord übernahmen, worin Sie auch gar keinen so großen Irrtum begingen, denn mein Name ist Youngpig, also Ferkel, und wenn ich an meine bisherige Wohnung Schweinefleisch schreiben ließ, so habe ich meine richtige Adresse angegeben. Niemand kann mich einer Lüge beschuldigen.«


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Die Neuigkeit, dass sich Mister Youngpig, der Reporter der ›Times‹, als gesalzenes Schweinefleisch in einem Fasse an Bord der ›Vesta‹ geschmuggelt hatte, blieb nicht nur unter den Vestalinnen an Deck; die Schläferinnen in den Kojen wurden wachgerüttelt, es wurde ihnen alles erzählt, und nach einigen Minuten standen alle Mädchen kichernd um dieses Wunder herum.

»Was beabsichtigten Sie, als Sie sich auf diese Weise an Bord der ›Vesta‹ begaben?«, fragte Ellen streng.

»Ich wollte mir dieses Schiff genauer ansehen, möglichst viele Fotografien von der inneren Einrichtung aufnehmen«, erwiderte der Reporter. »Nur immer ehrlich, meine Damen, das ist mein Wahlspruch. Bin ich jetzt dabei ertappt worden, so schadet dies nichts. Hauptsache ist, dass ich an Bord bin. Ins Wasser werfen werden Sie mich doch hoffentlich nicht, das wäre ungalant von Ihnen, als gebildete Damen.«

»Das nicht«, sagte Ellen mit finsterem Gesicht, »mir aber, als Kapitänin, als unumschränkten Befehlshaberin dieses Schiffes, steht das Recht zu, Sie für Ihre Unverschämtheit oder meinetwegen auch wegen Ihrer Dreistigkeit, ordentlich auspeitschen zu lassen, dann zu bestimmen, dass Sie sich Ihr Essen und Schlafen durch die niedrigste Arbeit verdienen und Sie im ersten Hafen an Land zu setzen. Sind Sie damit einverstanden?«

»Natürlich, soll mir sogar sehr angenehm sein, wenn ich mich Ihnen nützlich erweisen kann«, war die unverzagte Antwort.

»Auch das Durchpeitschen?«

»Nehme ich auch mit in den Kauf, die Hauptsache ist, dass ich fotografieren kann. Wird einen riesigen Effekt geben, wenn ich schildere, wie mich die Damen gehauen haben.«

»An das Fotografieren brauchen Sie nicht mehr zu denken. Das erste wird sein, dass ich Ihnen nicht nur den Apparat und alle bisher von uns aufgenommenen Bilder, sondern auch Ihr Buch mit sämtlichen Notizen wegnehmen und über Bord werfen lasse.«

»Bedaure sehr«, schmunzelte der Reporter, »alles bisher über die ›Vesta‹ und ihre Besatzung von mir Gesammelte, dampft jetzt schon auf dem schnellsten Wege nach London.«

»Dann werde ich meine Drohung, denn eine solche war es anfangs nur, wahrmachen, und Sie für Ihre Dreistigkeit bestrafen. Leisten Sie keinen Widerstand, Mister Youngpig, es wäre Ihr Schaden. Haben Sie Stich- oder Schusswaffen bei sich?«

»Hier, meine Stichwaffe«, antwortete der Reporter und händigte Ellen den Bleistift aus, »und hier, meine Pistole.«

Damit gab er ihr auch den Fotografenapparat.

»Ich gehorche Ihnen zwar in allen Dingen, aber ich schwöre, hoch und heilig, dass ich alles mir Widerfahrene haarklein in den ›Times‹ erzählen werde, zwei Spalten voll, die Zeile für einen Schilling, macht zusammen einundzwanzig Pfund fünfzehn Schillinge.«

»Und ich versichere, dass wir Ihnen solange die neunschwänzige Katze zu schmecken geben werden, bis Sie uns hoch und heilig geschworen haben, von jetzt ab jeden Versuch aufgeben zu wollen, uns noch fernerhin mit Ihrer Zudringlichkeit zu belästigen«, entgegnete Ellen und gab den Befehl, Mister Youngpig an den Mast zu binden.

Keins der Mädchen glaubte, dass es der Kapitänin mit ihrer Drohung ernst wäre. Sie banden den Reporter an den Mast, und Youngpig ließ sich alles ruhig gefallen. Man wusste nicht, ob er das Ganze nur für Spaß hielt — das ernste Gesicht Ellens machte dies nicht glaubhaft — oder ob er wirklich begierig darauf sei, ein solches Erlebnis später schildern zu können.

»Wollen Sie mich denn auf den Bauch schlagen?«, fragte er, als er so mit dem Rücken am Mast stand.

Ellen ärgerte sich darüber, dass die anderen Damen über diese sonderbare Bemerkung lachten, und nahm mit dem Reporter nochmals ein Verhör vor.

»Was hätten Sie nur gemacht, wenn wir dieses Fass nicht zufällig aus dem Proviantraum geholt hätten? Sie hätten ja verhungern müssen!«

»Durchaus nicht, ich habe die ganze Tasche voll Hartbrot, eine Woche hätte ich es schon noch ausgehalten.«

»Aber die Luft fehlte Ihnen doch!«

»Wenn Sie den Deckel genau betrachten, so werden Sie bemerken, dass er wie ein Sieb mit feinen Löchern versehen ist.«

»In dem Fasse konnten Sie aber doch weder schreiben, noch fotografieren, überhaupt uns nicht beobachten.«

»O, ich habe Handwerkszeug bei mir, um das Fass von innen zu öffnen.«

»Was hätten Sie dann getan?«

»Ich würde immer, wenn ich mich unbemerkt geglaubt hätte, meistens bei Nacht, aus dem Fasse gekrochen sein und Aufnahmen von der ›Vesta‹ gemacht haben. Essen gab es hier genug, zu trinken auch, und so hätte ich mich in meinem Fasse ganz gut gestanden. Sie sehen, Lügen ist meine Sache nicht.«

»Nun, Sie werden jetzt auch den Lohn für Ihre Offenheit bekommen«, meinte Ellen und besprach sich leise mit den Vestalinnen.

Niemand bemerkte, wie sich die Blicke des Reporters und Johannas begegneten und wie Ersterer nur mit Mühe ein spöttisches Lächeln unterdrücken konnte.

»Wir haben beschlossen«, wandte sich Ellen wieder an den Gebundenen, »Sie wirklich durchzupeitschen, damit Sie endlich einmal merken, dass wir von Ihrer Zudringlichkeit verschont bleiben wollen. Haben Sie erst eine Züchtigung aus unserer Hand empfangen, dann wird es Ihre Ehre als Mann wohl nicht mehr zulassen, noch länger mit uns zu verkehren.«

»Das ist eine offene Frage, darüber kann ich Ihnen noch gar nichts Näheres mitteilen«, war die ruhige Antwort, »aber wollen Sie mich nicht lieber fragen, wie ich mich in den letzten Stunden, als die Matrosen in demselben Raume mit mir zusammen waren, in meinem Fasse amüsiert habe? Sie würden sich wundern.«

»Wieso?«

»Nun ich habe ganz Interessantes zu hören bekommen, die Herren haben sich sehr lebhaft über Sie unterhalten.«

Und nun begann der Reporter die erlauschte Unterhaltung der Piraten wiederzugeben, ihren Plan, wie sie die Mädchen in Kiu-Liang überwältigen wollten und so weiter.


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Schon nach der ersten Mitteilung war der Reporter losgebunden und von Ellen in den Salon genötigt worden, nachdem sie befohlen, die zur Segelkoje führende Tür von einigen gutbewaffneten Vestalinnen scharf bewachen zu lassen.

»Also hatte Mister Wood doch recht, als er sagte, die Aussagen des Chinesen wären falsch gewesen; wirklich, nun zweifle auch ich nicht mehr daran!«, rief Ellen.

»Miss Staunton war die klügste unter allen Vestalinnen«, meinte der offenherzige Reporter, »sie wenigstens glaubte ihm und schloss sich gleich ohne Aufforderung der Expedition an, welche Mister Wood den geraubten Mädchen nachführt.«

»Aber warum hat sie uns das nicht gesagt?« »Sie hätten ihr es doch noch weniger geglaubt, als Mister Wood, das wusste die junge Dame ganz genau.«

Ellen schwieg verlegen, sie gab zu, dass Mister Youngpig recht hatte.

»Die Sache ist nun nicht mehr zu ändern«, sagte sie dann, »also nach Kiu-Liang zu fahren hat keinen Zweck mehr, aber diese Piraten wollen wir doch dingfest machen.«

»Ich schlage vor, doch nach Kiu-Liang zu fahren«, warf ein anderes Mädchen dazwischen, »natürlich unter Beobachtung aller Vorsicht. Wer weiß, ob wir dort nicht etwas entdecken können, vielleicht ein neues Verbrechen, welches schon vorbereitet wird, und, wenn nicht jetzt, so doch später zur Ausführung gegen uns gelangen wird.«

Diesem Vorschlag wurde von allen Seiten beigestimmt.

Zwar meinten einige, es wäre besser, sofort nach Scha-tou zurückzukehren und die Verfolgung der geraubten Mädchen aufzunehmen, aber ihr Antrag ging nicht durch.

Einmal war nun der Wind der jetzt eingeschlagenen Richtung wohl günstig, nicht aber zur Rückfahrt, und dann behauptete Mister Youngpig auch ganz energisch, Mister Wood hätte, wie immer, sein Vorhaben sofort ins Werk gesetzt, und er wusste die Geschicklichkeit und Tatkraft dieses Herrn in derartigen Unternehmen in solch gutes Licht zu setzen, dass selbst die Freundinnen der unglücklichen Mädchen beruhigt wurden.

Außerdem hatte auch schon Ellen in Batavia gemerkt, dass dieser Mister Wood zwar ein etwas grober Patron war, wie sie sagte, sonst aber in jeder Weise zuverlässig und talentvoll, und so stimmte auch sie dafür, den Weg nach Kiu-Liang fortzusetzen und das Schicksal der beiden Damen in den Händen des Mister Woods zu lassen. Die Vestalinnen waren ja durch Hope Staunton vertreten. Ihr Wille gab den Ausschlag.

Nun galt es noch zu beraten, wie man am besten die Piraten unschädlich machen könnte, ohne dabei weder Blut vergießen, noch das eigene Leben in Gefahr bringen zu müssen.

Lange wurde darüber debattiert, jede machte einen anderen Vorschlag. Schließlich kam man dahin überein, einen nach dem anderen nach der Kajüte zu rufen, um sie vorgeblich ins Verhör über den Schiffsbrand zu nehmen und ihre Unterschrift über die Aufnahme auf der ›Vesta‹ zu verlangen, und dann einzeln zu überwältigen und schadlos zu machen, etwa jedem bei Eintritt in die Kabine einen Schlag über den Kopf zu geben, der ihn vorläufig betäubte.

»Ich wüsste einen anderen Plan«, meinte der Reporter.

»Nun?«

»Versprechen Sie mir aber, mich nicht mehr prügeln zu wollen.«

»Nein, wir verzeihen Ihnen diesmal noch«, lächelte Ellen.

»Haben Sie eine Apotheke an Bord?«

»Allerdings.«

»In der sich Schlafmittel befinden?«

»Ah«, rief Ellen, »ich verstehe Sie, der Vorschlag ist gut. Wir wollen ihnen ein Frühstück geben, nach dem sie sehr gut schlafen werden.«

* * * * *

II.34. Die Favoritin

Sehen wir uns nun nach dem Schicksale der beiden Mädchen Miss Nikkerson und Miss Sargent und des Marquis Chaushilm um. Sofort nachdem der Leichnam des vom Herzog durch die Brust geschossenen Angreifers in den Wagen gelegt worden war, trieb der Kutscher seine Pferde wieder zum rasenden Lauf an. Drei Chinesen blieben in dem Wagen, ein vierter setzte sich auf den Bock, und während die Fahrt ununterbrochen weiterging, wurde der am Boden liegende, noch immer bewusstlose Marquis von einem Manne an Händen und Füßen gebunden.

Den beiden Mädchen geschah nichts, zwei Chinesen nahmen neben ihnen Platz und bewachten jede ihrer Bewegungen, und zwar so scharf, dass sie nicht die Hand ausstrecken konnten, ohne sofort beim Gelenk gepackt und mit drohender Miene geschüttelt zu werden. Eine klare Aufforderung, ruhig zu sitzen.

Miss Nikkerson versuchte einmal, nach dem in der Tasche steckenden Revolver zu fühlen, aber noch auf halbem Wege wurde sie daran gehindert, und der Chinese begnügte sich nicht einmal damit, sondern, durch die Bewegung argwöhnisch gemacht, visitierte er ihr auch die Taschen. Das Mädchen wollte sich diesem Vorhaben widersetzen, aber der Chinese presste ihr beide Hände mit eiserner Gewalt zusammen, untersuchte mit der freien Hand die Taschen und nahm den Revolver, ein Messer und überhaupt alles darin Befindliche an sich.

Zu gleicher Zeit war dasselbe mit Miss Sargent geschehen, auch ihr war alles abgenommen worden, und als sie einmal dabei einen kleinen Schrei ausgestoßen, da hatte ihr der Chinese die Faust dicht vor die Augen gehalten.

Die beiden Mädchen verhielten sich jetzt völlig ruhig, sie sahen ein, dass sie selbst zu ihrer Befreiung nichts beitragen konnten, und setzten alle ihre Hoffnung auf ihre Freundinnen und auf die Engländer.

Der Weg beschrieb einen Bogen, sodass ihnen jetzt klar wurde, dass sie gar nicht nach Scha-tou fuhren, sondern diese Stadt zur Rechten behielten. Über ihr Ziel waren sie natürlich völlig im unklaren. Miss Nikkerson hatte einmal versucht, von ihrem Begleiter darüber Auskunft zu erhalten, schüchtern hatte sie ihn auf englisch gefragt, aber ein drohendes Zeichen, zu schweigen, war die einzige Antwort gewesen.

Von den hinteren Wagen hörten sie nichts mehr, der rasende Lauf ihrer Pferde hatte sie bald weit von ihnen entfernt.

Nach etwa einer Stunde stieß der schmale Fahrweg auf eine breite, wohlgepflegte Landstraße, und am Kreuzungspunkt hielt ein mit Planen verdeckter Wagen, vor den vier Pferde gespannt waren.

Die beiden Mädchen wurden aufgefordert, auszusteigen und sich in den anderen Wagen zu begeben, wo sie von zwei Chinesen in Empfang genommen wurden, von denen der eine besser gekleidet war und sich auch höflicher benahm, als die bisherigen Wächter.

Die beiden Mädchen waren fast froh, als sie seine Artigkeit bemerkten, sie fühlten sich zwar als Gefangene, und über ihr späteres Schicksal lag ein dunkler Schleier gebreitet, der vielleicht Fürchterliches barg, aber immerhin atmeten sie doch erleichtert auf, als sie die Zuvorkommenheit des kleinen, dicken Chinesen bemerkten, der sie freundlich auf die weichen Kissen des Wagens drückte und den beiden anderen Chinesen dann in herrischem Tone etwas zurief, worauf diese sich scheu in die entferntesten Ecken zurückzogen, während er selbst mit untergeschlagenen Beinen den Mädchen gegenüber Platz nahm.

Chaushilm war nicht mit in den Wagen gekommen, sondern in dem anderen geblieben, und das war es, was jetzt die Mädchen mit der größten Unruhe erfüllte, sie sollten also getrennt werden.

Ehe sie abfuhren, lüftete der dicke Chinese noch einmal die Planen und besprach sich längere Zeit mit den Entführern im ersten Wagen. Miss Nikkerson hörte nochmals die Worte Scha-tou und Schanghai, dann lachte der dicke Chinese laut auf, ließ die Leinwand fallen und lehnte sich, immer noch vergnügt lachend, in seine Kissen zurück.

Der Wagen fuhr davon, nach Norden zu, und jetzt fiel es Miss Nikkerson ein, dass diese breite Landstraße wahrscheinlich die nach Schanghai führende sei, auch war dieser Name öfter im Gespräch vorgekommen. Dieser Weg kam unverkennbarer Weise von Scha-tou her, und ihn nahm der Wagen mit Chaushilm, während der ihrige nach Norden fuhr, also die Richtung nach Schanghai einschlug.

Schanghai liegt von Scha-tou 600—700 Meilen entfernt, das wusste Miss Nikkerson ungefähr, und selbst wenn die Pferde täglich zweimal gewechselt wurden — bei diesem schnellen Lauf mussten sie das — so gebrauchten sie doch sieben Tage, ehe sie Schanghai erreichten. Dass sie nicht die Eisenbahn benutzen durften, war ganz natürlich, denn die zwischen Scha-tou und Schanghai befindliche Bahn lag in den Händen von Engländern, und von solchen durften die Geraubten nicht bemerkt werden.

Lange Zeit saßen beide so in Gedanken versunken da, immer Möglichkeiten erwägend, sich mit Hoffnungen beschäftigend und Befürchtungen verscheuchend.

Die Nacht war dunkel, also herrschte auch in dem mit Planen bedeckten Wagen Finsternis, nur einige Leinwandklappen waren zurückgeschlagen, sodass wenigstens durch die rasche Fahrt immer ein frischer Luftzug entstand, sonst wäre es in dem Wagen vor Hitze nicht auszuhalten gewesen.

Der Aufstieg zum Wagen war hinten angebracht, und an diesem saßen die beiden Wächter einander gegenüber, weit entfernt von den Mädchen, ganz still, aber die Gefangenen merkten wohl, wie die Augen der Männer beständig auf sie gerichtet waren. An Flucht war also vorläufig nicht zu denken, sie hatten ja nicht einmal mehr Waffen bei sich, außer einem Dolch, den jede Vestalin immer auf der Brust bei sich trug. Aber den jetzt schon zu gebrauchen, wäre Torheit gewesen, erst mussten sie abwarten, ob ihr Schicksal sich wirklich so schlimm gestalten würde dass sie auf Menschenleben keine Rücksicht mehr nehmen durften.

Der Chinese ihnen gegenüber verhielt sich schon längere Zeit ganz ruhig — sie konnten in der Dunkelheit nicht einmal seine Gestalt erkennen. Anfangs war er fortwährend um sie bemüht gewesen, er hatte ihnen immer und immer wieder die Kissen zurechtgeschoben, und dabei war es den Mädchen so vorgekommen, wenn sein Kopf in die Nähe ihrer Gesichter kam, als hätte der Mann vorher starke Spirituosen getrunken, und überhaupt glaubten sie öfter zu bemerken, dass er betrunken sei, wenigstens war sein Benehmen ein sehr auffälliges.

Bald lachte er ohne jede Veranlassung laut auf, klopfte sich auf die Beine, klatschte dann wieder in die Hände und wollte vor Lachen bersten, tat überhaupt, als wäre er vor Entzücken außer sich, da er aber die Mädchen unbelästigt ließ, so wurden diese durch sein merkwürdiges Betragen nicht gerade eingeschüchtert. Dann wurde er mit einem Male still, und bald verriet sein lautes Schnarchen, dass er sich, mit gekreuzten Beinen, dem Schlafgott in die Arme geworfen hatte.

»Mut«, flüsterte Miss Nikkerson ihrer Freundin zu, »unsere Lage ist noch nicht die schlimmste. Wir wollen uns vorläufig fügen, dieser dicke Chinese scheint eine etwas kindische Person zu sein, die uns nichts Böses zufügen will.«

»Er ist betrunken«, gab Miss Sargent zurück.

»Es scheint so, wenigstens angetrunken. Wenn er in nüchternem Zustande ebenso harmlos ist, wie jetzt, dann wird es mir schon gelingen, aus ihm etwas herauszubringen. Es muss schon Mitternacht sein, der Tag ist nicht mehr fern.«

»Ich habe eine furchtbare Ahnung«, sagte das andere Mädchen, da ihr Gespräch von den beiden Wächtern nicht gestört wurde.

»Wir wollen nicht mit Ahnungen rechnen«, ermutigte Miss Nikkerson, »das Schlimmste ist, dass wir als Sklavinnen verkauft werden sollen, und dann kaufen wir uns einfach selbst frei.«

So suchte das Mädchen ihre Freundin zu erheitern, aber ihre Worte verfehlten die Wirkung.

»Ich fürchte, wir sind schon gekauft«, meinte Miss Sargent, »und zwar eben von diesem Chinesen. Ich kenne die chinesischen Verhältnisse etwas. So einfach und genügsam auch der arme Chinese ist, desto unersättlicher und raffinierter in seinen Genüssen ist der reiche. Ich bin jetzt schon fest davon überzeugt, dass uns dieser Mann, wahrscheinlich ein reicher Mandarin, gekauft hat, um uns in seinen Harem zu nehmen.«

Miss Nikkerson erschrak; an eine solche Möglichkeit hatte sie noch gar nicht gedacht.

»Ist es den Chinesen erlaubt, mehrere Frauen zu halten? Ich glaubte, sie lebten in Monogamie.«

»Erlaubt ist die Vielweiberei hier auch nicht«, entgegnete Miss Sargent, »aber in den reichen Kreisen dieses Landes wird sie noch mehr betrieben, als im Orient, und nicht nur die Vielweiberei, sondern auch die größte Unsittlichkeit. Der Chinese ist unerschöpflich im Erfinden der unnatürlichsten sinnlichen Genüsse, ich habe Schreckliches davon erzählen hören.«

Miss Nikkerson suchte im Finstern die Hand ihrer Freundin und drückte sie fest in der ihren.

»Sollte unser Schicksal ein solches sein, dass wir als Spielzeug eines Chinesen bestimmt sind«, flüsterte sie, »dann wissen wir ja, was wir zu tun haben. Und, meine liebe Sargent, um Gottes willen dürfen wir uns nicht trennen lassen, nicht mit aller Gewalt der Erde. Ein Tod von eigener Hand ist mir lieber, als mich selbst verabscheuen zu müssen; so lange wir beide aber noch zusammen sind, haben wir Hoffnung, einer Gewalttat zu trotzen und uns wehren zu können.«

Beide versprachen sich fest, sich um keinen Preis zu trennen und lieber sich gegenseitig den Dolch ins Herz zu stoßen, als sich zum Haremsweibe eines Chinesen herabwürdigen zu lassen.

Sie fielen in einen unruhigen Schlummer, und als sie wieder erwachten, schien durch die Öffnung der Plane das helle Tageslicht in den Wagen.

Ihr erster Blick galt dem Chinesen, der ihnen gegenüber noch immer in seiner alten Stellung verharrte, und was ihnen die Dunkelheit der Nacht verhüllt hatte, das wurde ihnen jetzt zu ihrem Abscheu offenbar.

Dieser kleine, dicke Chinese war von einer entsetzlichen Hässlichkeit, das breite Gesicht war von Pockennarben ganz zerfressen, desgleichen die ungeheure, dicke Nase, die Unterlippe hing weit herab und ließ die langen, gelben Zähne, gleich denen einer Hyäne, sehen. Das ganze Gesicht schon machte auf die jungen Mädchen den Eindruck, als wäre es durch maßlose Leidenschaften so entstellt worden, und ein Kenner würde es auch wirklich für den Spiegel der Seele dieses Mannes gehalten haben.

»Beim Anblick dieses Chinesen bestätigt sich meine Ahnung«, flüsterte Miss Sargent ihrer Freundin zu, »es muss ein Reicher sein, er ist sicher nicht für Geld als Räuber gedungen worden, er hat selbst unsere Entführer bezahlt. Sehen Sie nur die schwerseidenen Kleider, die Diamanten an den gelben Schuhen.«

Dann bemerkten sie, dass der Wagen während der Nacht die Landstraße verlassen hatte und sich jetzt auf einem schmalen, holprigen Wege befand, der immer zwischen Reis- und Teefeldern dahinführte.

Die beiden Wächter am Eingange bedurften entweder keines Schlafes oder hatten in der Nacht ebenfalls geschlafen, sie saßen noch immer stumm da, ohne die Augen von den Mädchen abzuwenden. Sie waren gut bewaffnet; aus der als Gürtel dienenden Schärpe lugten Pistolengriffe hervor, und an ihrer Seite hing das lange, krumme, chinesische Schwert, als wären sie bereit, jeden Kampf aufzunehmen; und wirklich sahen die kräftigen Gestalten mit den herabhängenden Schnurrbärten sehr kriegerisch aus.

Bald erwachte auch der kleine Chinese, und sofort fielen seine grünen, geschlitzten Augen auf die beiden Mädchen und blieben mit Wohlgefallen an den schlanken Gestalten haften.

Jetzt zeigte es sich mit einem Male, dass er ziemlich gut Englisch sprach, von dem er sich gestern Abend nichts hatte merken lassen, wahrscheinlich hatten die starken Spirituosen die Kenntnis dieser fremden Sprache verwischt.

»Gut geschlafen?«, fragte er freundlich, verzog aber die unförmlichen, schwulstigen Lippen zu einem so widerlichen Lächeln, dass sich schon jetzt die beiden Damen vor ihm zu ekeln begannen.

»Wir sind gleich zu Hause«, fuhr er fort, immer mit dem entsetzlichen Grinsen, und legte vertraulich seine Hand auf Miss Nikkersons Knie, welche bei dieser Berührung zusammenschauerte, aber sie vorläufig duldete.

Sie konnten sich ja doch in seinem Charakter täuschen; vielleicht war er nicht der schlechte Mensch, zu dem ihn sein Gesicht stempelte, er hatte ein solches nur von der Natur empfangen, und dass er die Mädchen jetzt entführte, musste er vielleicht auf Befehl eines Höheren tun.

Aber bald sollten sie erfahren, wie sehr das Gesicht zum Charakter seines Besitzers passte.

Er ließ es nicht dabei, die Hand wie von ungefähr auf das Knie des jungen Mädchens gelegt zu haben. Miss Nikkerson schleuderte sie endlich mit Entrüstung von sich und rief in drohendem Tone:

»Versuchen Sie nicht noch einmal, in solcher Weise sich zu benehmen! Und überhaupt, wer sind Sie, wohin führen Sie uns? Sind Sie ein Räuber, dass Sie Mädchen auf der Landstraße überfallen und wegschleppen lassen? Es wird Ihnen bald gezeigt werden, dass wir als Amerikanerinnen auch in Ihrem Lande Schutz finden. Augenblicklich lassen Sie den Wagen halten, ich will es!«

Dem Mädchen war plötzlich aller Mut zurückgekehrt, sie war bei dem letzten Worte aufgesprungen und hatte ihre Freundin mit emporgezogen, welche ebenfalls neue Hoffnung schöpfte, denn beide sahen durch eine Öffnung der Plane nicht weit entfernt eine Villa sich erheben, nach europäischem Stile gebaut, und dort konnten sie Schutz finden.

Aber sie wurden am Verlassen des Wagens gehindert. Sofort waren auch die beiden Wächter aufgesprungen und harrten nur des Winkes ihres Herrn, sich auf die Mädchen zu stürzen, aber diese selbst gingen direkt auf sie zu und suchten sie zur Seite zu schieben und den Ausgang zu gewinnen.

Sie wurden natürlich daran gehindert, aber angesichts dieser Villa suchten beide doch mit Gewalt sich den Ausweg zu erzwingen, ein Ringen entstand, der kleine Chinese schrie und stampfte mit den Füßen, die Mädchen versuchten vergebens, sich aus den Händen der Wächter zu befreien — nach einigen Minuten lagen sie atemlos wieder auf den Polstern.

»Warum willst du denn hinaus, mein schönes Mädchen?«, sagte der Chinese zärtlich zu Miss Nikkerson und näherte sein Gesicht ganz dicht dem ihrigen, sodass sie schon seinen heißen Atem spürte, »bleibe nur, Schätzchen! Du sollst es gut bei mir haben, ebenso deine Freundin.«

Damit legte er seinen Arm um ihre Taille, erhielt aber in demselben Augenblick einen solchen Schlag ins Gesicht, dass er der Länge nach auf den Boden des Wagens stürzte.

Diesmal schritten die beiden Chinesen nicht ein, sie konnten sogar ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken, als ihr Gebieter sich jammernd wieder erhob und die getroffene Backe mit beiden Händen festhielt, dabei einen Blick auf das schlagfertige Mädchen werfend, der zwischen Zärtlichkeit und Angst die Mitte hielt.

Aber der Schlag hatte weder seinen Zorn erregt, noch sein Wohlgefallen an Miss Nikkerson gedämpft, nur hielt er sich jetzt etwas entfernt von der kräftigen Hand des Mädchens und unterließ neue Gefühlsäußerungen.

Miss Nikkerson war aufgesprungen, noch konnte sie die Villa sehen.

»Wollen Sie uns augenblicklich herauslassen?«, rief sie aufgeregt. »Ich verlange, dass wir aussteigen dürfen! Ihre Schandtat soll Ihnen verziehen sein, ich werde keine weiteren Untersuchungen einleiten, nur geben Sie uns jetzt die Freiheit, dass wir dort nach jener Villa gehen können.«

»Das sollst du ja auch, Schätzchen«, schmunzelte jetzt der dicke Chinese mit freundlichem Gesicht und rutschte wieder etwas näher, »gewiss, wir fahren auch nach jener Villa.«

»Das ist nicht wahr«, rief das Mädchen, »der Wagen fährt ja vorbei.«

»Nein, nein«, unterbrach sie der Chinese mit lebhaftem Kopfschütteln, »pass nur auf, mein Schätzchen, wir fahren dorthin. Und du sollst es dort sehr gut haben, brauchst den ganzen Tag nichts zu machen, kannst immer schlafen, rauchen, essen und trinken, was du willst. O, das soll ein herrliches Leben werden, meinst du nicht?«

Und der alte Chinese klatschte vor Freude in die Hände und berührte vorsichtig einmal mit dem Finger des Mädchens Hand, den Kopf dabei weit zurückbiegend, als fürchte er, auf die andere Backe auch noch einen Denkzettel zu erhalten.

Überrascht bemerkten die Mädchen, dass der Chinese die Wahrheit gesprochen hatte, wirklich folgte der Wagen plötzlich einer großen Biegung und fuhr dann auf einem anderen Wege wieder zurück, diesmal gerade auf die Villa zu.

Aber schon im nächsten Augenblick sahen sie ihre Hoffnung schwinden, auf ein von Europäern bewohntes Haus zu stoßen. Wenn es auch ein solches Aussehen besaß, so sah man beim Näherkommen doch auf den ersten Blick, dass es einem Chinesen gehörte. An den Fenstern waren keine Gardinen, auf der Veranda keine Schaukelstühle, sondern nur Matten und niedrige Strohsessel zu sehen, auf denen einzelne eingeborene Weiber phlegmatisch hockten und den Klängen eines einsaitigen Instrumentes lauschten, das von einem kleinen Knaben bearbeitet wurde.

»Das ist mein Haus«, grinste wieder der Chinese. »Nicht wahr, es ist wunderschön? Seht nur dort die vielen bunten Vögel, sie sind alle Euch, Ihr könnt auch dort den ganzen Tag mit dem Hündchen spielen oder auf den Eseln dort im Hofe herumreiten.«

Der Alte war kindisch, das war jetzt klar, und die Mädchen hätten über seine Narrheit gelacht, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre.

»Was haben Sie mit uns vor?«, fragte wieder Miss Nikkerson. »Noch einmal, lassen Sie uns heraus, oder Sie werden es später bitter bereuen, Bürgerinnen der Vereinigten Staaten der Freiheit beraubt zu haben! Hüten Sie sich! Unsere Freunde werden nicht eher ruhen, als bis sie uns gefunden haben, und wenn sie uns auch nicht mehr am Leben finden, sie werden furchtbare Rache nehmen.«

Das Mädchen glühte vor Aufregung, und gierig hingen des Chinesen grüne Augen an der schönen Gestalt, deren Busen auf- und nieder wogte und deren Wangen mit Purpurröte übergossen waren.

»Macht nichts«, lächelte er, »Schao-tschin liebt die Engländerinnen sehr, aber er hat bis jetzt noch keine gehabt. Ihr bleibt bei mir, und es wird euch bald sehr gut bei mir gefallen. Schao-tschin ist reich, sehr, sehr reich, er kann euch ganz in goldene Gewänder kleiden, und mit Goldstücken sollt ihr spielen dürfen. Und ihr braucht auch kein Fleisch zu essen, nein, nur die Nieren mit Rosinen dazu und von Fischen nur die Mäuler. Ah, ihr werdet bei mir wie im Paradiese leben, aber ihr müsst mich etwas lieb haben und mir hübsch folgen, wenn ich mit euch spielen will.«


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Dabei fasste er einem der Mädchen unter das Kinn, hatte sich diesmal aber vorsichtigerweise Miss Sargent als den Gegenstand seiner Bewunderung ausgesucht, weil diese stiller war und er daher glaubte, sie würde sich seine Liebkosung ruhig gefallen lassen.

Doch da kam er gerade an die falsche.

Allerdings war Miss Sargent äußerlich eine ruhige Natur, aber während sie ein gesetztes Wesen zur Schau trug, kochte es in ihrem Innern nur zu leicht auf, und oft genügte ein kleiner Anstoß, um ihren Unmut hervorsprudeln zu lassen.

So auch jetzt. Kaum berührten die kurzen, plumpen Finger des Mädchens Kinn, so sprang sie auf, und ehe es sich der Chinese versah, lag er mit dem Rücken auf dem Polster, und die Hiebe fielen hageldicht auf sein breites Gesicht. Es half ihm nichts, es mit beiden Händen zu bedecken, Miss Sargent schien eine Boxerschule durchgemacht zu haben, jeder Schlag fand einen unbedeckten Teil des fleischigen Gesichts, und so sehr der Chinese auch schrie und zeterte, die Wächter machten keine Anstalten, ihren Herrn aus den Händen des aufgebrachten Mädchens zu befreien.


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»So, spielen willst du mit uns?«, rief Miss Sargent und ließ ununterbrochen einmal den rechten, dann den linken Arm herabsausen. »Gut — da wollen — wir einmal — zusammen spielen. Gefällt dir — dieser Zeitvertreib — warte — du Halunke — ich will dir — deine Kindheit — schon austreiben — wer sein Kind lieb hat — der — züchtigt es!«

Endlich aber konnten die beiden Chinesen es doch nicht mehr mit ansehen, wie ihrem Herrn unter den Fäusten des Mädchens das Blut aus Mund und Nase zu fließen begann, sie bändigten die Aufgebrachte, konnten aber doch nicht verhindern, dass auch sie einige wohlgezielte Hiebe auf die Nase bekamen.

Atemlos ließ sich Miss Sargent auf die Kissen fallen und betrachtete ihr Opfer, das lang ausgestreckt und schreiend auf dem Polster lag und dem nun seine Diener das Blut mit einem Tuche von dem Gesicht trockneten.

Und Miss Nikkerson?

Der war plötzlich aller Mut und Frohsinn zurückgekehrt, sie lehnte sich zurück, stemmte die Hände in die Hüften und lachte, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen.

»Recht so, Miss Sargent«, rief sie unter Tränen lachend, »wir wollen einmal diesem Chinesen zeigen, was es heißt, eine Amerikanerin heiraten zu wollen. Ehe der uns zu Frauen bekommt, prügeln wir ihn jeden Tag einmal tüchtig durch, damit er Achtung vor seinen Gemahlinnen bekommt.«

Jetzt musste auch Miss Sargent lachen.

»Die Geschichte fängt an, mir ordentlich Spaß zu machen«, sagte sie, »ich glaube, wir haben ein Abenteuer erwischt, um das uns später alle beneiden werden. Wir wollen einmal der ›Vesta‹ und dem Sternenbanner Ehre machen; jetzt prügeln wir erst den Hausherrn ordentlich durch, und setzt er dann nicht seine ehrerbietigste Miene auf, so werfen wir ihn zum Hause hinaus; und machen seine Diener saure Gesichter, dann jagen wir alle Chinesen vom Hof. Herrgott, ich fühle auf einmal eine Kraft in mir, als könnte ich alle die langbezopften Kerle an ihren Haaren aufhängen!«

Noch war des geschlagenen Chinesen Blut nicht gestillt, noch jammerte er über den unausstehlichen Schmerz im Gesicht und schalt seine beiden treuen Diener Hunde, Katzen und Schweine, denen der Bauch aufgeschlitzt werden müsse, als der Wagen langsamer fuhr und dann hielt.

Sie befanden sich in einem Hof, ganz nach chinesischer Art eingerichtet. Goldfasane, Hühner, Truthennen spazierten darin herum, zierliche Rehe lasen vom Boden vorsichtig Grashalme auf, und überall lagen Katzen und jene haarlosen, fast wie Schweine aussehenden chinesischen Hunde herum und wärmten sich in den Strahlen der frühen Morgensonne.

Die Wächter forderten die Mädchen mit einer kurzen Handbewegung auf, ihnen zu folgen.

»Nur zu«, flüsterte Miss Sargent, »die Geschichte wird köstlich, ich möchte sie gar nicht mehr abkürzen. Seitdem ich weiß, dass Schao-tschin nicht nur Sie, sondern auch mich etwas liebt, fühle ich mich wieder vollständig glücklich. Wirklich, liebste Nikkerson, ich war vorhin etwas eifersüchtig auf Sie.«

Miss Nikkerson wurde angesteckt von dem Humor ihrer Freundin, bei der sie schon öfter bemerkt hatte, dass sie in der Stunde der Gefahr ihr sonstiges stilles Wesen ablegte und übermütig wurde. Ehe sie, Miss Nikkerson, den Wagen verließ, konnte sie es nicht unterlassen, den immer noch daliegenden Chinesen auf die Schulter zu klopfen und freundlich zu sagen:

»Ja, ja, mein lieber Schao-tschin, wer lieben will, muss leiden.«

Lachend sprangen sie beide aus dem Wagen, und Schao-tschin, durch ihre Fröhlichkeit wieder ermutigt, ja sogar wieder heiter geworden, folgte ihnen mit schmunzelndem Lächeln, wodurch das zerschlagene Gesicht zu einer wahren Teufelsfratze verzerrt wurde.

Aufgackernd floh das Geflügel, als die Damen leichtfüßig aus dem Wagen sprangen, die Katzen zogen sich in respektvolle Ferne zurück und die Hunde die Schwänze ein und betrachteten neugierig von weitem diese seltsamen Gäste, ebenso wie es die Chinesen auch taten.

Alle blieben stehen, setzten die Holzeimer oder die Milchschüsseln hin, deuteten mit dem Finger auf den geschlagenen Herrn und seine Gäste, flüsterten dann kichernd untereinander und nahmen schließlich ihre Beschäftigung wieder auf.

»Nun, wollen wir hier stehen bleiben?«, fragte Nikkerson den Chinesen. »Ist das unsere zukünftige Wohnung?«

Der Chinese nickte lebhaft mit dem Kopfe, er glaubte, die beiden Mädchen wären anderen Sinnes geworden, der Anblick der hübschen, nach europäischem Muster gebauten Villa hätte ihre erste Meinung geändert, und sie wären gern bereit, ihm als seine Frauen zu folgen. Sein durch die Schläge noch mehr angeschwollenes Gesicht strahlte jetzt vor Entzücken.

»So führen Sie uns in unsere Gemächer, Mister Schao-tschin«, meinte Miss Nikkerson und nahm ohne Weiteres den Arm des kleinen Chinesen in den ihren, welchem Beispiele Miss Sargent auf der anderen Seite folgte, »oder wollen Sie uns erst Ihren anderen Gemahlinnen vorstellen?«

»Nein, nein«, rief der überglückliche Chinese, »ihr sollt ganz allein sein, ich kann die Chinesenmädchen gar nicht mehr leiden, seitdem ich euch gesehen habe. Nicht wahr, hier ist es schön? Aber ihr müsst nicht dahin gehen, sondern dorthin«, und da er nach einem kleinen Seitengang deuten wollte, aber seine Hände nicht frei hatte, so hob er das kurze Beinchen mit dem gelben Schuhe hoch und deutete nach der betreffenden Richtung.

Über diese Bewegung mussten die Mädchen wieder laut auflachen, zur unendlichen Freude des Chinesen.

Aber ihr Weg nach der bezeichneten Tür wurde noch einmal unterbrochen, zum Schaden des Chinesen, der heute entschieden seinen unglücklichen Tag hatte.

Plötzlich stürzte aus einem Winkel des Hofes ein Weib hervor, in zerlumpte und schmutzige Gewänder gehüllt, und warf sich mit allen Zeichen rasender Wut auf den kleinen Mann.

»Wo ist Lionel, wo ist mein Mann?«, kreischte sie in englischer Sprache. »Du hast ihn gemordet, du teuflischer Hund, gib mir ihn wieder, oder ich erwürge dich.«

Wirklich warf sie sich auf den Unglücklichen, der nicht einmal Gebrauch von seinen Armen machen konnte, und als er sie frei hatte, vergebens versuchte, dem würgenden Griffe des Weibes auszuweichen. Aber schnell kamen von allen Seiten Eingeborene herbeigelaufen, und diesen gelang es endlich, ihren Herrn aus den Händen der Rasenden zu befreien.

Das Weib stieß ein wildes Lachen aus, schlug mit den Armen in der Luft herum und sank dann, von Krämpfen befallen, zu Boden.

Ihr zuckender Körper wurde von einigen Chinesen nach einer Wagenremise getragen.


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Mit Entsetzen hatten die beiden Mädchen in dem noch ziemlich jungen Weibe, dessen Gesicht aber verstört und leidend aussah, eine Europäerin erkannt, wahrscheinlich war sie sogar eine Engländerin, und dass sie wahnsinnig sei, das bestätigte jetzt auch der kleine Chinese, der sich jammernd den Hals rieb, wo er noch den würgenden Griff der Hände zu spüren schien.

»Sie ist von bösen Geistern besessen«, meinte er, »sie glaubt, ich hätte ihren Mann getötet, und ich habe es doch gar nicht getan. Ich kann nicht einmal ein Huhn totmachen, ich fürchte mich vor Blut, und wie soll ich denn da ihren Mann gemordet haben? Wer von euch hat sie auf den Hof gelassen?«, fragte er die umstehenden Chinesen.

»Wer ist es denn?«, fragte Miss Nikkerson. »Ist es nicht eine Engländerin?«

»Allerdings«, antwortete er, »als vor einigen Jahren hier ein Aufstand der Chinesen gegen die Engländer ausbrach — ich habe mich aber nicht daran beteiligt, ich habe immer die Engländer geliebt — da verkaufte vorher Mister Congrave sein Haus und floh mit seiner jungen Frau und seinem kleinen Kinde. Nach einigen Wochen kehrte aber die junge Frau ganz allein, auch ohne Kind, wieder hierher zurück, vollständig verrückt, und wollte durchaus in dieses Haus.«

»In dieses Haus?«, fragte Miss Sargent.

Der Chinese nickte und setzte im weinerlichen Tone hinzu: »Ja, dieses Haus gehörte Mister Congrave, ich habe es ihm abgekauft. Nun gehört es mir.«

»Und wovon lebt die Frau jetzt?«

»Sie wohnt nicht weit von hier in einer kleinen Hütte, die ich ihr habe bauen lassen, und sie erhält täglich Essen von mir zugesandt, denn ich bin ein guter Mann, und sie tut mir leid. Aber in meinen Hof darf sie nicht, denn sie will mich immer totmachen, weil sie glaubt, ich hätte ihren Mann ermordet.«

»Haben Sie sich nicht erkundigt, ob sie Verwandte in China oder in ihrer Heimat hat?«

»Wie sollte ich denn? Ich kenne gar keine Engländer weiter, kann nicht Englisch schreiben und wüsste überhaupt nicht, wie ich es anfangen sollte, mich nach ihren Verwandten zu erkundigen. Aber kommt jetzt«, fuhr er fort und henkelte sich wieder ein, »wir wollen in das Haus gehen und Reis und Rosinen essen und so süßen Tee trinken, wie ihr ihn noch gar nicht bekommen habt.«

»Kam die arme Frau ganz mittellos hier wieder an? Hat sie nicht erzählt, auf welche Weise sie ihren Mann und das Kind verloren hat?«, fragte Miss Nikkerson nochmals.

»Gar nichts brachte sie mit, nur die Sachen, die sie anhatte, als sie vor den Chinesen fliehen musste — aber ich war nicht mit unter den Aufrührerischen — und gleich, als sie hier eintraf, war sie schon von bösen Geistern besessen. Erst jammerte sie lange über ihr Kind, hätschelte immer junge Hunde oder Katzen, weil sie glaubte, es wäre ihr Baby, dann aber vergaß sie das, und seitdem spricht sie nur noch von ihrem Mann. Den Eintritt hier gestatteten wir ihr nicht, sie trat aber auf, als wäre sie die Herrin, und als man ihr sagte, ich wäre der Besitzer dieses Hauses, da fing sie an, mich zu hassen, und glaubte nun, ich hätte ihren Mann getötet — ich habe es ja aber nicht getan, ich kann nicht einmal eine Katze totmachen.«

»Die arme Frau«, seufzte Miss Sargent.

»Die Erzählung dieses Chinesen klingt nach Wahrheit«, sagte Miss Nikkerson auf französisch zu ihr, »der Alte ist vollständig kindisch, naiv und scheint in seiner Art ehrlich zu sein. Jedenfalls wollen wir die Angelegenheit dieser Frau später noch untersuchen.«

»Ja, später«, meinte Miss Sargent kopfschüttelnd, »mir kommt dieser Alte gar nicht so naiv vor. Alter schützt vor Torheit nicht, ich wollte, wir wären erst hier wieder heraus.«

»Sie werden doch nicht den Mut verlieren«, lachte die andere, »nachdem Sie sich erst so heroisch benommen haben? Ich freue mich sogar auf die Abenteuer, die uns noch bevorstehen! Wir wollen den Chinesen an der Nase herumführen, dass ihm Sehen und Hören vergeht, und will man uns etwa Gewalt antun, dann sollen sie uns vorbereitet finden. Die erste Lektion haben sie ja schon von Ihnen bekommen.«

Das Haus war erreicht, der Chinese ließ die beiden Mädchen in ein Gemach treten, das reich mit Teppichen, Diwans, kunstvoll geschnitzten Tischchen und anderen Möbeln ausgestattet war, an den Wänden hingen Vogelbauer mit Papageien, in einem der offenen Fenster war ein Äffchen angekettet, und mitten im Zimmer schleuderte ein Springbrunnen einen dünnen Strahl in die Höhe, der in ein Bassin fiel, in dem sich zahlreiche Goldfische tummelten.

Bei ihrem Eintritt waren sie von einem eingeborenen Diener empfangen worden, der den Hausherrn, wie auch seine Gäste, mittels eines Federwedels mit Rosenwasser bespritzte.

Bald saßen die drei um ein Tischchen auf Polstern, der Chinese natürlich mit gekreuzten Beinen, und er nötigte seine Gäste fortwährend, aus den beiden Schüsseln zuzulangen, die vor ihnen standen. Die eine enthielt auf einer Seite Reis mit Korinthen, auf der anderen Reis mit starkem Pfeffer gewürzt, die zweite enthielt gebratenes Lammfleisch, in kleine Scheiben zerschnitten.


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Der Hausherr hatte bei dem Kauf dieser Villa jedenfalls das ganze Inventar mitbekommen, denn für die beiden Mädchen waren silberne Messer, Gabeln und Löffel serviert worden, während der Chinese nach Art seines Landes aß.

Die Chinesen benutzen beim Essen nur zwei zugeschnitzte Hölzer, mit denen sie den festen Teil der Nahrung, wie Brot oder Fleisch aufspießen und auf dieses dann die losen Teile, wie Reis oder Gemüse, aufhäufen. Für einen Europäer ist es anfangs sehr schwierig, mit diesen sonderbaren Tischgeräten seinen Hunger zu befriedigen, immer nimmt man unwillkürlich die Finger mit dabei zur Hilfe. Der Chinese dagegen weiß äußerst geschickt mit diesen Hölzchen zu manövrieren; einige Sachen, wie zum Beispiel Fisch, kann er damit vollständig ohne Hilfe des Messers tranchieren.

»Na, denn mal los, würde Miss Staunton sagen«, meinte Miss Sargent lachend und fuhr mit dem Löffel in die gemeinsame Reisschüssel.

»Es ist jammerschade, dass Hope Staunton nicht hier ist«, entgegnete ihre Freundin, »die verstände es so recht, diesen verliebten Chinesen an der Nase herumzuführen. Unser Möglichstes wollen wir aber auch tun.«

»Was sagt ihr?«, fragte der Chinese, der die französisch gesprochenen Worte nicht verstanden hatte. »Schmeckt es euch?«

Er legte die Hand schon wieder vertraulich auf Miss Nikkersons Hand, die es sich diesmal ruhig gefallen ließ.

»Ausgezeichnet«, antwortete sie. »Ist dies das erste und einzige Frühstück, welches wir heute bekommen? Es ist erst sieben Uhr, und bis Mittag ist noch lange Zeit.«

»Ihr könnt immer essen, wenn ihr wollt«, versicherte der Chinese eifrig, »ihr braucht nur in die Hände zu klatschen, so kommt ein Diener und fragt, was ihr essen oder trinken wollt. Trinkt ihr gern Liköre oder Rosenwein?«

Er klatschte in die Hände und rief dem eintretenden Diener einige Worte auf chinesisch zu, worauf derselbe alsbald eine Karaffe mit einer dunkelroten Flüssigkeit und auf einem hölzernen Teebrette winzige Gläschen hereinbrachte.

»Jetzt noch nicht, es ist noch zu früh«, wehrten aber die Mädchen ab. »Sonst werden wir betrunken«, fügte Miss Sargent hinzu.

»Das schadet nichts«, schmunzelte der Chinese und kippte zwei Gläser des stark nach Rosen duftenden Likörs — eine Spezialität Chinas — hinunter. »Aber ihr könnt auch Champagner bekommen, wenn ihr den lieber trinkt.«

In keinem außereuropäischen Lande wird so viel Champagner getrunken wie in China. Jeder reiche Kaufmann hält dort einen Vorrat dieses Schaumweins stets vorrätig, und kein vornehmer Besuch darf das Haus verlassen, keine kleine Festlichkeit darf vergehen, ohne dass die Pfropfen knallen.

Der Chinese liebt dieses Getränk so, dass er ganz vergisst, dass es eins der europäischen Erzeugnisse ist, die er sonst hasst, und wer in Deutschland Gelegenheit gehabt hat, mit Chinesen zu verkehren, der wird gefunden haben, welche grenzenlose Leidenschaft der langbezupfte Sohn des himmlischen Reiches für den moussierenden Wein hat. Es gibt chinesische Matrosen, welche innerhalb weniger Stunden ihr Gehalt für viele Monate für Champagner ausgeben, wenn sie ihn einmal gekostet haben, während sie sonst im Genuss von Spirituosen sehr mäßig sind und Geld für solche anderer Art überhaupt fast gar nicht ausgeben.

Hier sei gleich noch ein anderer Umstand erwähnt, der dem Fremden in China bald auffällt. In China findet man fast nur zwei Arten von Lebensverhältnissen, beide bewegen sich in Extremen Der Chinese ist entweder furchtbar geizig, vollständig bedürfnislos, oder seine Verschwendungssucht ist grenzenlos. Der Kaufmann zum Beispiel arbeitet als Anfänger Tag und Nacht im vollsten Sinne des Wortes, seine tägliche Nahrung besteht in einer Handvoll Reis in Wasser gekocht, die Nacht verbringt er mit Hunderten zusammen in einem Schlafsaal, wo nur zehn Europäer es aushalten könnten, ohne zu ersticken, wofür er nach unserem Gelde etwa vier Pfennige zu zahlen hat, und im Übrigen gibt er sich vollkommen seinem Geschäft hin. Man kann wohl sagen, der Chinese ist der beste Geschäftsmann der Welt, betrügen kann man ihn nicht, während er es selbst gern tut, aber man darf ihn auch nicht mit einem händelsüchtigen Juden verwechseln, der lieber jetzt einen Taler durch Betrug verdient, wenn er auch später, hätte er diesen Betrug nicht ausgeführt, hundert Taler in Aussicht gehabt hätte.

Niemand kann sein Geld so schnell umsetzen und verdoppeln, wie der Chinese, und wächst auch sein Reichtum, seine Bedürfnislosigkeit bleibt immer dieselbe, bis sie mit einem Male ins Gegenteil umschlägt. Er wird der furchtbarste Verschwender, wie man ihn unter keinem Volke der Erde wiederfindet, und doch weiß er auch hier immerhin, Maß zu halten, das heißt, er ruiniert sich nicht.

Man darf nicht glauben, dass er sein Geld nutzlos hinwirft, um es loszuwerden, sondern er erkauft sich die raffiniertesten Genüsse. China überhaupt ist das Land, wo das Raffinement des Genusses am weitesten vorgeschritten ist.

Ein Lukullus würde gegen einen chinesischen Feinschmecker ein wahrer Bauernknecht sein. Gibt ein reicher Chinese ein Fest, sollen Fische auf den Tisch kommen, so werden diese nicht etwa in der gewöhnlichsten Form serviert, sondern von den gekauften Fischen werden nur die Unterkiefer aufgetragen, das den Chinesen Leckerste; von hundert geschlachteten Hammeln werden den Gästen nur die fettesten Nieren vorgesetzt, und alles übrige kommt den Armen zu gute. Doch ist Letzteres nur der Fall, wenn ein Chinese einmal anderen gegenüber seinen Reichtum zeigen will, sonst begnügt er sich damit, für seine Bedürfnisse derartige Herrlichkeiten im einzelnen zu kaufen.

Noch ausgebildeter ist in China der sinnliche Genuss, die Erfindungsgabe auf diesem Gebiete spottet jeder Beschreibung. Doch mag dies hier nur angedeutet sein, es gibt von Gelehrten herausgegebene Bücher, welche sich eingehend damit befassen.

Aber auch noch anderes, was zum Beispiel in dem üppigen Griechenland Mode war, ist dort noch überall verbreitet, so das Schlafen auf Kissen von frischen Rosenblättern, das Salben des Körpers mit wohlriechenden Ölen, das Räuchern mit Kerzen, von denen jedes Pfund mit Gold aufgewogen werden muss, und so weiter. —

Also auch unser Chinese ließ Champagner auftragen, musste aber zu seinem Bedauern sehen, dass die beiden Gäste kaum ihre roten Lippen mit dem perlenden Nass benetzten.

»So setzt euch zu mir auf den Diwan«, sagte er jetzt, als er bemerkte, dass sie nicht mehr zulangten. Er selbst hatte fast gar nichts genossen, sondern nur jede Bewegung der Mädchen mit gierigen Augen beobachtet.

»Der Likör fängt an, bei ihm zu wirken.« sagte Miss Sargent zu ihrer Freundin auf Ffranzösisch, »jetzt müssen wir vorsichtig sein, das ist ein Schwerenöter.«

»Was wollen Sie tun?«, fragte die andere, als Miss Sargent aufstand.

»Setzen Sie sich wirklich zu ihm hin?«

»Natürlich«, lachte das Mädchen, »ich werde diese Geschichte weiter ausspinnen. Bis jetzt waren Sie die Begünstigte von uns beiden, nun werde ich einmal sehen, ob ich Sie nicht ausstechen kann.«

Lachend setzte sie sich neben den Chinesen auf das Polster, während Miss Nikkerson ihren Platz beibehielt.

Dieses Entgegenkommen gefiel dem alten Mann ungemein; sein Erstes war, dass er die Hand des Mädchens in die seine nahm und zärtlich drückte.

Aber was war denn das? Fühlte er nicht einen leisen Gegendruck? Dem Chinesen begann mit einem Male das Herz noch schneller zu schlagen, er hatte ganz vergessen, dass er vor einer Stunde von eben derselben Hand, die er jetzt streichelte, tüchtige Hiebe bekommen hatte. Er war außer sich vor Freude.

Das Bild Miss Nikkersons war aus seinem Herzen verschwunden, Miss Sargent war dafür eingezogen.

»Hast du mich lieb?«, fragte er zärtlich.

»Natürlich, aber anfassen dürfen Sie mich nicht, noch sind wir nicht getraut.«

Miss Nickelson hielt sich das Taschentuch vors Gesicht.

»Getraut?«, fragte der Chinese, er hatte das Wort nicht verstanden.

»Was ist das?«

»Du musst mich erst zu deiner Frau machen«, erklärte Miss Sargent.

»Gewiss, gewiss«, versicherte der Chinese eifrig, »du wirst meine Lieblingsfrau, dir müssen alle anderen gehorchen.«

»Auch diese da?«, und das Mädchen deutete dabei auf ihre Freundin.

»Auch diese.«

»Sehen Sie«, lachte Miss Sargent, »ich bin die Favoritin. Fühlen Sie seine Ehrfurcht? Aber lieber Schao-tschin, du hast ja fast gar nicht gegessen.«

»Ich möchte wohl essen, aber« — der Chinese warf einen verliebten Blick auf das Mädchen an seiner Seite. Dann fuhr er fort:

»Willst du mich nicht essen lassen?«

»Ich? Gewiss!«

»Dann — dann — füttere mich.«

Miss Nikkerson brach in ein schallendes Gelächter aus, ihre Freundin aber nahm die Schlüssel mit Reis in ihren Schoß und begann dem verliebten kindischen Chinesen einen Bissen nach dem anderen in den Mund zu schieben, einmal einen mit Korinthen und Rosinen, dann einen mit gepfeffertem Reis.

Der Chinese kniff vor Vergnügen die geschwollenen Augen zusammen, schluckte schmatzend die Speisen hinter und liebäugelte nach dem Mädchen, das ganz ernsthaft dieser Beschäftigung oblag.

»Schmeckt es?«, fragte sie ihn.

»Was soll aus deiner Hand nicht schmecken?«, war die Antwort, und der Chinese bog den Kopf vor, als könne er den Löffel nicht bekommen, und ehe sich Miss Sargent versah, fühlte sie sich von zwei Armen umschlungen, und zwei schwulstige, klebrige Lippen hingen mit lautem Schmatzen an ihrem Munde.

Aber dem Chinesen sollte es nicht lange vergönnt sein, von dieser verbotenen Frucht zu naschen, plötzlich stülpte sie eine Schüssel über seinen Kopf, und über das Gesicht des unglücklichen Schao-tschin lief ein liebliches Gemisch von Reis, Korinthen und Rosinen bis tief in den Nacken hinab.


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* * * * *

II.35. In der Klosterruine

So, wie er ging und stand, war Hannes dem Detektiven gefolgt, ihm ins Boot nachgesprungen und mit ans Land gefahren. »Aber Nick«, sagte er unterwegs, soweit war seine Vertraulichkeit mit dem Detektiven vorgeschritten, »ich kann doch nicht so mit Ihnen gehen. Ich bin ja voller Teer- und Ölflecken, und aus meinen Ärmeln sehen die Ellbogen, als hätten sie Hunger.«

»Lass sie hungern!«, meinte Sharp kurz. »Gerade so brauche ich dich, du musst so aussehen, als kämst du von der Arbeit. Nur die Mütze musst du abnehmen. Das Band mit dem ›Amor‹ gefällt mir nicht.«

Er nahm die Mütze weg und steckte sie ein.

Sharp schlug einen Seitenweg ein und hielt bald vor dem Laden eines chinesischen Kleidertrödlers. »Jetzt warte hier draußen!«, sagte er. »Ich kaufe mir einen Schifferanzug, und eine andere Mütze bringe ich dir auch mit. In fünf Minuten komme ich wieder, du wirst vielleicht noch Gesellschaft bekommen, die dir gefällt.«

Kurz und schnell, wie der Detektiv immer war, so ließ er sich auch jetzt nicht weiter aus, sondern betrat den Laden. Hannes sah, wie er mit dem Chinesen sprach und dann hinter einen Vorhang verschwand, wo er sich wahrscheinlich passende Kleider anprobierte.

Wie Hannes so dastand, die alten abgetragenen Kleider anstarrte und dabei überlegte, was wohl des Detektiven neuestes Unternehmen sein möge, erhielt er einen Schlag auf die Schulter und, herumfahrend, sah er einen blutjungen Menschen vor sich stehen, vielleicht 16 Jahre alt, mit hübschem, frischen, aber sonnverbrannten Gesicht, die Schiffsmütze keck auf dem hellen Lockenkopf, und überhaupt ganz wie ein Seemann gekleidet.

»Kennst du mich denn nicht mehr, Hannes?«, lachte der Bursche mit heller Stimme.

Hannes blickte ihn verdutzt an, er konnte sich dieses Gesichtes nicht erinnern.

»Warst du nicht einmal auf der ›Ariadne‹, zwischen New York und Liverpool fahrend?«, fuhr der Frager fort.

»Ja, das wohl«, antwortete Hannes zögernd, »aber das war vor sechs Jahren, und damals musst du doch noch fast ein Säugling gewesen sein.«

»Nein, so furchtbar klein war ich damals doch nicht«, lachte der Bursche.

»Als was warst du denn drauf, als Küchenjunge oder als Messerputzer?«

»Unsinn, Hannes, ich habe dir doch immer von meinem Onkel Zigarren gestohlen, und du hast mir Schiffchen geschnitzt. Erinnerst du dich nun?«

Der Matrose glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. War es denn möglich?

»Hope«, jubelte er dann auf und fiel dem Burschen um den Hals, »jetzt fällt mir erst ein, der Detektiv sagte ja, du kämst auch mit. Wie hast du denn das fertig gebracht, den mürrischen Detektiven dazu zu bewegen?«

»Sehr einfach«, entgegnete die verkleidete Hope, »Mister Wood sagte einigen Vestalinnen, die er unterwegs traf, dass Miss Nikkerson und Miss Sargent gar nicht nach jener Insel gebracht worden wären, sondern ins Land hineingeschleppt würden. Ellen wollte er gar nicht sprechen, meinte er, deren Eigensinn kenne er schon zur Genüge, und da hat Mister Wood wirklich ganz recht. Auch die anderen Damen wollten seinen Worten keinen Glauben schenken, ich war die einzige, welche sie beachtete, und zwar darum, weil auch du große Stücke auf Mister Wood hältst und auch schon so Großartiges von seiner Schlauheit erzählt hast. Als die Damen also weitergingen, bin ich ihm nachgelaufen, und habe mir näheres erzählen lassen. Sonst ist er ja ein griesgrämiger Geselle gegen Damen, dass ich aber die einzige der Vestalinnen war, die ihm glaubte, das musste ihn sehr freuen, denn er erlaubte mir sofort, ihn bei seiner Expedition, die er auf eigene Faust hinter den geraubten Mädchen her unternehmen will, zu begleiten.«

»Dein Entschluss war gleich fertig, dich diesem fremden Manne anzuschließen?«

»O nein«, antwortete Hope und errötete tief, »Mister Wood sagte mir, dass du ihn begleiten solltest, und da, nun, Hannes, du weißt schon. Aber sag mal, Hannes, wie seh ich denn jetzt aus? Gefalle ich dir?«

»Du siehst aus, wie ein Schiffsjunge von 14 Jahren, der zum ersten Male seine Nase in Salzwasser steckt«, lachte Hannes.

»Oho«, und Hope tat etwas beleidigt, »so schlimm ist es denn doch nicht. Unsereins sieht natürlich immer etwas jünger aus, besonders weil wir keinen Bart haben. Aber warte mal, ich habe eine Kalkpfeife bei mir, wenn ich die in den Mund stecke, werde ich etwas männlicher aussehen.«

Hope brachte einen schwarzen Kalkstummel zum Vorschein und schob ihn in den Mundwinkel, wenn auch nur kalt, zum unendlichen Ergötzen Hannes'.

»Du hast dir doch nicht etwa deshalb dein Haar abgeschnitten?«, fragte er.

»Natürlich«, erwiderte Hope, »Mister Wood selbst hat es mir abgeschoren.«

»Das ist aber sehr schade«, sagte Hannes bedauernd, »es waren so schöne Locken.«

»Willst du sie haben? Ich habe sie alle eingesteckt«, und Hope griff in die Tasche und brachte ein ganzes Pack Locken zum Vorschein.

»Du siehst gar nicht mehr so hübsch aus, ohne Locken«, klagte Hannes und nahm der vor ihm Stehenden die Mütze vom Kopf.

»Die wachsen schon wieder, ehe wir heiraten«, tröstete ihn Hope, und Hannes musste über diese Bemerkung so lachen, dass er bald sein Leid vergessen hatte.

»Also Mister Wood ist eigentlich Detektiv, sagst du, das habe ich noch nicht gewusst«, fuhr die gesprächige Hope fort.

Nun musste Hannes sie über seinen Freund aufklären und tat dies mit einem Stolze, als sei er der Vertrauensmann des Detektiven, welcher als Nick Sharp auch Hope schon längst bekannt war. Sie freute sich ungemein an der Seite dieses Mannes einmal auf Abenteuer ausgehen zu dürfen, und noch dazu in Begleitung von Hannes. Wie sollten die Freundinnen staunen, wenn sie mit langer Nase von Kiu-Liang zurückkamen und Hope in Triumph die Geretteten ihnen entgegenbrachte! Bersten würden sie vor Neid.

Der Detektiv musste nicht gleich einen passenden Anzug finden, oder er maskierte sich vielleicht auch noch, wenigstens ließ er lange auf sich warten, und so schlenderten die beiden Arm in Arm auf und ab, sich flüsternd dabei unterhaltend.

»Du, Hannes«, meinte Hope, »diese Nacht hatte ich einen wunderschönen Traum. Wir beide gingen in einem Walde spazieren, und plötzlich sahen wir in einem hohlen Baumstamm einen großen Kasten stehen. Ich konnte den Deckel nicht heben, als du ihn aber aufschlugst, da war ein furchtbar großer Schatz darin, wenigstens zehntausend Pfund.«

»Was? Zehntausend Pfund Kartoffeln?«, scherzte Hannes.

»Ach geh, Pfund Sterling in Goldstücken! Wir pfropften uns alle Taschen voll, immer und immer wieder, bis die Kiste leer war, und als wir dann unsere Taschen untersuchten, da war nichts mehr in ihnen.«

»Dann haben wir entweder Löcher in unseren Taschen gehabt, oder das Gold war verhext«, meinte Hannes lachend.

»Ja, wenn es wirklich so gewesen wäre, aber es war ja nur ein Traum, und dieser bedeutet ganz gewiss etwas Gutes. Pass auf, Hannes, wir beide haben noch einmal furchtbares Glück, du ganz besonders, denn du hast ja den Goldschatz gehoben oder doch wenigstens den Deckel.«

»Ach was, Träume sind Schäume, sagen wir im Deutschen. Aber sprich jetzt nicht mehr von dem Träumen, dort kommt der Detektiv zurück, und wenn der deine Traumdeuterei hört, so lacht er uns aus.«

Nick Sharp, als einfacher Matrose gekleidet, nahm nicht weiter Notiz von Hope, er hatte ja ihre Verkleidung arrangiert und sie hierher bestellt, sondern gab den beiden einen Wink und schritt ihnen voraus.

Dann mäßigte er seinen schnellen Gang, ließ die beiden neben sich hergehen und teilte ihnen in flüsterndem Tone mit, was seine nächste Aufgabe sei, was sie dabei zu tun hätten, und bog dann in eine Straße rechts ein, während seine Begleiter geradeaus nach dem Hafen zu gingen.

Scha-tou wurde noch immer von Patrouillen durchstreift, welche nach den Vermissten suchten, ebenso wurden die Schiffe noch immer auf Antrag der europäischen Konsulate von chinesischen Beamten visitiert, aber die Vestalinnen selbst waren schon an Bord und beschäftigten sich damit, die Ankerketten und die Takelage zu ordnen. — In einer Viertelstunde waren sie so weit, dass sie absegeln konnten.

Bald hatte Nick Sharp das Haus erreicht, in welchem Lan-Kong-Ching Wein und Bier verschenkte.

Die Vordertür war immer offen, der Detektiv trat in die Stube, in welcher noch einige englische und deutsche Matrosen saßen, deren Gespräch sich nur um die Geraubten und über die immer stärker werdende Unsicherheit in allen Häfen drehte, und bestellte sich ein Glas Wein.

Lan-Kong-Ching warf einen misstrauischen Blick aus seinen geschlitzten Augen auf den neuen Ankömmling, mehr aus Angewohnheit, als aus einem besonderen Grunde, und brachte ihm das Verlangte.


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»Lan-Kong-Ching?«, fragte der Detektiv.

Der Chinese blieb vor ihm stehen.

»Ein Brief für Euch«, fuhr Sharp fort und zog einen solchen aus der Brusttasche, »erbrecht ihn nicht hier, aber lest ihn dann schnell, ich habe keine Zeit, wir fahren gleich ab.«

Der Chinese las seine Adresse, als er ihn aber umwandte, konnte er sich nicht genügend beherrschen, um nicht etwas zusammenzufahren — er erblickte das in roten Lack gedrückte Zeichen des Meisters.

Hastig ließ er den Brief in seinem Ärmel verschwinden, ging zur Tür hinaus und rief dem Diener zu, ihn auf einige Zeit zu vertreten.

Dieser musste sich durch irgendwelche Zeichen mit dem Wirte des Hauses verständigen können, ohne ihn selbst zu sehen, denn plötzlich kam er auf den Detektiven zu und winkte diesem, ihm zu folgen. Er führte ihn eine Treppe hinauf, in eben dasselbe Zimmerchen, in welchem einst die Unterredung zwischen dem Holländer und Mister Flexan stattgefunden hatte.

»Wer schickt Euch?«, fragte der Chinese, als sich beide Männer gegenüber standen.

»Ich komme von der ›Möwe‹«, antwortete Sharp ausweichend.

»So steht diese im Dienste des Meisters?«

»Natürlich, habt Ihr dies noch nicht erfahren?«

»Wisst Ihr, was in dem Briefe steht?«

»Nein.«

»Ist Euch sonst etwas aufgetragen worden?«

»Allerdings. Ich soll Euch zur Eile antreiben, denn die ›Möwe‹ liegt bereits segelfertig da.«

»Aber was soll ich denn nur dort?«, fragte der Chinese unschlüssig.

»Weiß ich auch nicht«, antwortete der Detektiv, »aber vielleicht kann ich Euch etwas auf die Spur bringen. Erinnert Ihr Euch noch, wie der Mann aussah, mit dem van Guden hier vorgestern Abend eine Unterredung hatte?«

»Van Guden?«, rief der Chinese erschrocken.

»Stellt Euch doch nicht so, als ob Ihr den Piraten nicht kenntet«, meinte Sharp trocken, »er ist ein ebenso guter Freund von Euch, wie von uns. Erinnert Ihr Euch jetzt des Mannes, der den Piraten hier oben sprach?«

»Ja, ich weiß jetzt, wen Ihr meint. Wer war das?«

»Er war ein sehr einflussreicher Mann in unserer Bande, und, damit Ihr es wisst, er ist an Bord der ›Möwe‹ und gab mir den Befehl, Euch zu holen. Dieser Brief wird es bestätigen. Aber jetzt eilt Euch, Mann, wir verbringen ja die schöne Zeit mit unnützem Plaudern. Schnell, sagt Eurem Diener, dass Ihr fortgeht, und folgt mir!«

Nichts in der Welt hätte den schlauen und vorsichtigen Chinesen veranlasst, sein Haus zu verlassen, um einem ihm völlig fremden Manne zu folgen, aber er musste dem Meister unbedingt gehorchen, und sofort war er bereit, der Aufforderung Folge zu leisten.

Vorher trat er noch einmal in eine Ecke der Stube, nahm dort ein kleines Blech von der Wand, klopfte mehrmals leise mit der Fingerspitze in die dadurch entstandene Öffnung der Mauer, jedenfalls die Mündung eines Sprachrohrs, und als bald darauf ebenfalls ein Klopfen von unten herauf ertönte, flüsterte er einige Worte hinein.

»Ich bin bereit«, wandte er sich dann an den Matrosen und ging ihm voran die Treppe hinunter und zur Hoftür hinaus.

Wortlos schritten die beiden Männer durch die dunklen Straßen dem Hafen zu, die Unruhe in Scha-tou hatte sich gelegt, die Vestalinnen, wie auch die englischen Herren hatten gebeten, die Nachforschungen einzustellen, da sie auf eigene Faust die Spur der Geraubten verfolgen wollten.

»Wohin führt Ihr mich?«, fragte nach einer Weile der Chinese, als vor ihnen der Wasserspiegel des Hafens auftauchte.

Der Matrose deutete nach einer Treppe.

»Dort liegt ein Boot mit zwei Mann«, antwortete er, »wisst Ihr, wo die ›Möwe‹ liegt?«

Der Chinese lächelte. Obgleich er selbst wenig an den Kai kam, kannte er vielleicht besser als der oberste Hafenbeamte die Lage jedes Schiffes — seine geheimen Agenten benachrichtigten ihn davon.

»Nun, wenn Ihr es wisst, so ist es gut«, meinte der Detektiv, »ich wollte Euch nur sagen, dass Ihr nicht Argwohn zu schöpfen braucht, wenn wir nicht direkt darauf zu steuern. Man könnte Verdacht schöpfen, wenn man bemerkte, dass die ›Möwe‹ noch spät in der Nacht Besuch von einem Chinesen erhält, und jeden solchen Verdacht müssen wir ängstlich zu vermeiden suchen.«

»Welchen Weg wollt Ihr denn einschlagen?«

»Wir fahren etwas weiter nach rechts, dort vorbei, wo die Bark mit den gebrochenen Marsstangen liegt, tun so, als wollten wir an ihr anlegen, steuern aber hinten um sie herum und fahren direkt nach der ›Möwe‹. Die Bark deckt uns, dass wir vom Lande aus nicht gesehen werden.«

Der Chinese billigte diese Vorsicht.

An der Treppe, welche beide jetzt erreicht hatten, lag ein Boot mit zwei Ruderern darin, Hannes und Hope, welche hier das von dem Detektiven angeschlossene Boot gefunden hatten.

Sie stiegen ein, Sharp setzte sich an das Steuer, auf die Seitenbank neben ihn der Chinese, und auf sein Kommando stieß das Boot ab und schoss, von dem taktmäßigen Niederschlage der beiden jungen Leute getrieben, durch das Wasser auf die Bark zu.

Nach wenigen Minuten war diese erreicht. Sharp lenkte um das von der Mannschaft verlassene Schiff herum, hatte aber dabei diesem das Boot zu sehr genähert, sodass es mit ihm zusammenzustoßen drohte.

»Setzt frei!«, kommandierte Sharp.

Hope und Hannes sprangen auf, ergriffen die in jedem Seeboot liegenden Hakenstangen, setzten die Spitzen an den Schiffsrumpf und stemmten sich dagegen, sodass das Boot sich nicht an den Planken scheuerte, ohne aber im Lauf gehemmt zu werden.

Nur einige Augenblicke hatte dieses Manöver gedauert, dann sanken die Riemen wieder ins Wasser; merkwürdig war es aber, dass das Boot nicht, wie Sharp vorher gesagt hatte, jetzt links nach der ›Möwe‹ abbog, sondern vielmehr rechts, gerade der entgegen gesetzten Richtung zu, ohne dass der Chinese eine Einwendung dagegen gemacht hätte.

Er saß noch immer wie zuerst, die Hände in den Schoß gelegt, nur hatte er sich etwas mehr mit dem Oberkörper zurückgebogen.

Hope und Hannes, welche wussten, dass der Chinese nach der ›Möwe‹ gefahren zu werden glaubte, wunderten sich nicht wenig, dass er so wortlos diesem unerwarteten Manöver zusah. Er musste doch unbedingt merken, dass das Boot nicht nach der ›Möwe‹, sondern nach der Spitze einer Landzunge gesteuert wurde.

Aber die Nacht war viel zu dunkel, um die Gesichtszüge des still Dasitzenden erkennen zu können.

Dicht neben dem Hafen erstreckt sich eine schmale Landzunge weit in das Meer hinaus, so eine Art von Vorhafen oder doch eine gesicherte Reede bildend. Auf ihrer äußersten Spitze erhebt sich die Ruine eines Klosters, in dem einst Franziskaner gewohnt und von hier aus ihre Bekehrungsversuche an den heidnischen Söhnen des Himmels unternommen hatten.

Es waren noch nicht viele Jahre verstrichen, seit die fanatischen Chinesen, durch einige ihnen unerklärliche Ereignisse misstrauisch gemacht, jenes Kloster bei Nacht erstürmt hatten, um die ihnen verhassten Fremdlinge, die ihnen ihre Götter nehmen und dafür einen Heiland geben wollten, der auf Erden Schmach und Schande zu erdulden gehabt hatte, zu töten.

Kein einziger der Brüder entkam. Wer sich außerhalb der Mauern sehen ließ, fiel unter den Streichen der krummen Schwerter, und wer diesem Schicksal entgehen wollte, der verfiel dem Flammentode in dem brennenden Gebäude.

Jetzt erhoben sich nur noch schwarze Ruinen, aber die umwohnenden Chinesen flüsterten sich zu, dass das Leben in ihnen noch nicht ausgestorben sei. Einige wollten im Mondschein dunkle Gestalten, in Franziskanerkutten gehüllt, zwischen den Mauern herumwandeln gesehen haben; dann wieder sollten Lichterchen umherhuschen, ein chinesischer Fischer hatte einmal ganz deutlich gesehen, wie die Mönche in Prozession über die Halbinsel gingen, voran der Priester mit dem Kruzifix, hinterher die Brüder mit den Kerzen in den Händen, und selbst den monotonen Chorgesang konnte man hören.

Alle aber waren darüber einig, dass von Zeit zu Zeit, besonders in mondlosen Nächten, wie eine solche bei Ausführung der Freveltat herrschte, aus den Ruinen des Klosters jammervolles Stöhnen und Heulen ertönte, als hätten die Mönche noch einmal die Qualen des Feuertodes auszustehen.

Die wenigen Europäer von Scha-tou wollten die Gebeine der toten Brüder einstmals sammeln und begraben lassen, aber kein Chinese war dazu zu bewegen, diesen Schreckensort zu betreten; auch keine Hand voll Gold hätte ihre Furcht verscheucht, und so ließen die Europäer ihre Absicht fallen. Die meisten von ihnen waren Engländer, also evangelisch, und dachten frei genug, um einzusehen, dass es gleich war, ob die verkohlten Gebeine der Mönche in oder über der Erde ruhten.

Kurz und gut, die ganze Halbinsel, zu der der Detektiv jetzt steuerte, war ein von den Chinesen gemiedener Ort, ihr böses Gewissen verbot ihnen, denselben zu betreten, selbst wenn sie Schätze dort vermutet hätten. Aber daran war gar nicht zu denken. Die Frevler hatten damals im Rausche der Verfolgungswut dafür gesorgt, dass nichts Wertvolles in den Ruinen blieb. Die Kasse, die goldenen und silbernen Pokale, die Altardecken, alles war von ihnen weggeschleppt worden.

Das Boot hielt an einer Stelle an, die jedenfalls als Anlegepunkt von Booten gedient hatte, denn noch waren Pfähle ins Wasser gerammt, und am Lande lag eine Steinplatte, die ein bequemes Aussteigen gestattete.

Die beiden Ruderer sprangen ans Ufer, befestigten das Boot an einem Pfahl und sahen dann mit Erstaunen, auf welch seltsame Weise der Detektiv und der Chinese das Ufer erreichten.

Sharp bückte sich zu dem Chinesen herab, packte ihn bei seinen Kleidern, warf ihn wie einen Sack über die Schultern und sprang dann den anderen nach, als hätte er gar keine Last zu tragen.


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»Mein Gott«, rief Hope, jetzt erst die Lage des Chinesen erkennend, »der Mann ist ja an Händen und Füßen gebunden, und einen Knebel hat er auch im Munde! Ich habe aber doch selbst gesehen, wie er allein ins Boot gestiegen ist und auch gar nicht bemerkt, dass Sie ihn unterwegs gebunden hätten.«

»Dazu brauche ich auch nicht lange Zeit«, meinte der Detektiv einfach. »Während Ihr vorhin das Boot von der Bark abstießt, habe ich mich etwas mit ihm beschäftigt. Jetzt lasst uns für eine Viertelstunde allein, Kinder; bleibt entweder im Boote oder promeniert am Strande herum.«

»Dürfen wir gesehen werden?«, fragte Hannes.

»Schadet nichts, meinetwegen könnt Ihr auch singen und schreien, je mehr, desto besser. Oder wartet, wenn der Chinese hier zu singen anfängt, dann könnt Ihr ihn begleiten.«

Nach diesen schwer verständlichen Worten schritt der Detektiv, den Chinesen noch immer auf dem Rücken tragend, in die Ruinen hinein.

Als er den Platz erreicht hatte, wo früher wahrscheinlich der Altar gestanden, ließ er den Mann zu Boden gleiten, lehnte ihn an eine Mauer und zerschnitt dann bedächtig die Stricke an Händen und Füßen. Auch den Knebel nahm er aus dem Munde des Gefangenen.

Der Chinese zitterte wie Espenlaub, angstvoll heftete er die kleinen Augen auf den vor ihm Stehenden und konnte in der Dunkelheit eben noch erkennen, wie derselbe die Stricke kunstvoll zusammenflocht, bis ein ziemlich starkes Seil entstanden war.

Dann trat der Detektiv dicht vor den Chinesen, der vor Angst die Augen schloss und sich nicht zu rühren wagte, fasste ihn bei den Haaren und riss ihm mit einem Ruck den Kopf hoch.

Ein Schreckensschrei entfuhr dem Munde des Chinesen, so grob war er noch nie behandelt worden.

»Kennst du den Platz, wo du dich befindest?«, begann Sharp in drohendem Tone.

Es erfolgte keine Antwort.

»Soll ich es dir sagen, Bursche? Hier habt ihr Chinesen die Franziskanermönche abgeschlachtet. Du Spitzbube hast den Räubern das gestohlene Gold und Silber abgeschachert, und ich schwöre dir hiermit bei allem, was mir heilig ist, bei den verbrannten Gebeinen, die hier herumliegen, du verlässt diesen Ort nicht lebendig, wenn du mir nicht jede meiner Fragen wahrheitsgetreu beantwortest. Ertappe ich dich nur einmal bei einer Lüge, so bekommst du dieses Tauende zu schmecken, zögerst du mit deinen Antworten, so packe ich dich bei deinem Zopf und schleife dich Ungeheuer über Stock und Stein, bis du gesprächig wirst, und verweigerst du gar eine Antwort, so schneide ich dir den Zopf ab und peitsche dich so lange damit, bis du tot bist. Hast du mich verstanden?«

Entsetzt hatte ihm der Chinese zugehört. Er hoffte, aus dem fürchterlichen Traume zu erwachen, von dem er sich befangen glaubte, aber im nächsten Augenblicke musste er erkennen, dass alles Wirklichkeit war.

Der Detektiv hatte, als er nicht sofort eine Antwort bekam, den sitzenden Chinesen beim Genick gepackt, ihn vornüber gedrückt und ließ nun drei kräftige Streiche mit dem Seil auf dessen Rücken herabsausen.

»Ja, ja, ich habe Euch verstanden«, heulte der Chinese, und wimmernd hörte er dem Detektiven zu, welcher fortfuhr:

»Lass deine Augen nicht so spähend umherschweifen, ziehe deine Beine nicht an, und spanne deine Muskeln nicht an, als wolltest du dich durch Flucht retten. Lass dir gesagt sein, wenn es auch finster ist, keine deiner Bewegungen entgeht mir. Mache nur einmal den Versuch, nach einer Waffe zu greifen, die du vielleicht bei dir tragen magst, und ich gebe dir eine Lektion, dass du für einige Zeit daran denkst. Verstanden?«

Wieder wollte das Ja nicht gleich erfolgen, aber der Detektiv brauchte nur den Arm nach dem Halse des Chinesen auszustrecken, die Hand mit dem Tau emporzuheben, so schrie jener schon wieder laut auf und bejahte die Frage.

»So ist es recht! Heule nur immer recht laut, desto sicherer sind wir, von deinen abergläubischen Brüdern nicht gestört zu werden. So, nun kann unsere Untersuchung beginnen! Also erstens, von wem sind die Mädchen und der Engländer geraubt worden?«

»Welche Mädchen?«

Diese eigentlich ganz unschuldig klingende, aber mit bebenden Lippen hervorgebrachte Zwischenfrage war noch nicht ganz aus dem Munde des Chinesen heraus, als ihn der Detektiv schon wieder beim Genick hatte und so lange seinen Rücken mit dem Tau bearbeitete, bis das Wehgeschrei nur noch einem heiseren Brüllen glich.

Sharp musste im Erteilen solcher Lektionen schon große Übung besitzen, denn er schlug eben so, dass das Tau dem Bestraften die heftigsten Schmerzen bereitete, ohne ihn die Besinnung verlieren zu lassen.

»So, das war die Belohnung für die erste Lüge«, sagte der Detektiv ruhig und ließ den Arm sinken. »Von wem sind die Mädchen und der Engländer geraubt worden?«

»Von gedungenen Chinesen«, erfolgte jetzt sogleich wimmernd die Antwort.

»Siehst du, wie schön du antworten kannst! Aber nur keine Umschweife, mein Lieber, sonst gibt es die Knute! Wer hat die Chinesen gedungen?«

»Van Guden!«

Gleichzeitig streckte der Detektiv die Hand nach des Chinesen Hals aus, um ihn abermals zu züchtigen.

»Das glaube ich dir nicht«, sagte er.

»Nein, nein«, schrie der Chinese, »es ist nicht wahr, aber van Guden gab mir den Auftrag, solche für ihn zu suchen.«

»Gut, mit der Antwort bin ich zufrieden. Wen solltest du rauben lassen, den Engländer oder die Damen?«

»Den Engländer.«

»Wohin ist er gekommen?«

»Ich weiß es nicht, wahrhaftig, glaubt es mir«, beteuerte der Chinese, »ich habe van Guden nur für so etwas geeignete Leute besorgt. Wohin diese aber den Engländer bringen sollten, das hat er ihnen selbst gesagt.«

»Ich glaube, dass du die Wahrheit sprichst; ein Ehrenmann, wie du, lügt überhaupt nicht«, spottete Sharp. »Aber nun, wer hat die beiden Damen rauben lassen?«

»Ein mir Unbekannter.«

»Ich weiß schon, wer es war. Vielleicht der, in dessen Auftrag ich vorhin angeblich zu dir kam?«

»Ja.«

»Schön. Hast du auch ihm die Chinesen besorgt, welche die Tat ausführen sollten?«

»Ja, Herr.«

»Wie viele solltest du rauben lassen?«

»Im Notfall nur eine.«

»Irgend eine Bestimmte?«

»Ja, sie hieß Ellen Petersen. Er gab mir ihre genaue Beschreibung. Wenn die Chinesen bei der Wagenfahrt aber nicht gerade dieser habhaft werden könnten, dann sollten sie sich mit einer anderen begnügen oder auch nur eine von ihnen nehmen.«

»Wie viele bezahlte dir dieser Gentleman für den Liebesdienst?«

»Für jedes Mädchen erhielt ich fünf Pfund, musste aber davon die Chinesen dingen.«

»Armer Kerl«, bedauerte ihn Sharp, »da hast du wohl nicht einmal viel verdient? Wohin sind nun aber diese beiden, geraubten Mädchen gekommen?«

Der Chinese war der Meinung geworden, dieses Mannes erster Zorn wäre etwas verraucht, weil er mitunter Witze machte, und da an ihn gerade eine sehr heikle Frage gestellt wurde, so zögerte er etwas mit der Antwort, um eine Lüge erfinden zu können.

Aber im Nu hatte sich des Detektiven Hand um den langen Zopf geschlungen, und ehe der Chinese nur hatte schreien können, wurde er schon wie ein Kind an den Haaren in die Höhe gerissen und in der Luft geschüttelt, ohne dass seine Füße den Erdboden berührten.


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»Sprich«, donnerte ihn der unerbittliche Sharp an, »weißt du es, wohin sie gekommen sind?«

»Ja, ja«, jammerte der kleine Chinese.

Er wurde wieder zu Boden gelassen.

»Sie sind von einem reichen Chinesen gekauft worden«, gestand er winselnd.

»Sprich nicht so dunkel«, herrschte ihn der Detektiv an. »Vorhin sagtest du, du hättest sie für den Europäer rauben lassen, und jetzt behauptest du, ein Chinese hätte sie gekauft. Denke an deinen Rücken!«

»Es ist so«, beharrte der Chinese, »der Fremde gab mir das Geld, um die Räuber zu dingen, aber der Chinese hatte mir zehnmal soviel versprochen, wenn ich ihm einmal ein schönes, englisches Mädchen verschaffen könnte!«

»Aha, jetzt verstehe ich dich, Gauner! Also du hast den Herrn um seine Beute betrogen?«

Der Chinese nickte stumm. »Wenn er es aber erfährt?«

»Er kann es nicht. Die Räuber sind von mir bestochen, auszusagen, die Mädchen seien ihnen unterwegs mit Gewalt abgenommen worden, nur der Engländer wäre ihnen geblieben.«

»Schön, dass du so offen bist. Wie heißt der Chinese?« Der Gefragte wollte wieder zögern, schnell aber besann er sich und erwiderte:

»Schao-tschin.«

»Damit ist mir nicht viel geholfen. Was ist er, wo wohnt er, wo hält er die Mädchen verborgen?«

»Er wohnt nicht weit von Scha-tou auf seinem Landsitz.«

»Wie heißt dieser?«

»Ich weiß nicht, er hat keinen Namen mehr.«

»Hat keinen mehr? Was soll das heißen?«

»Er gehörte früher einem Engländer, hatte also damals einen englischen Namen. Wir bezeichnen die Häuser nicht mit Namen.«

»Und wie hieß es damals?«

»Mary's Delight — Marienlust.«

Der Detektiv wurde unterbrochen.

»Mister Wood — Sharp — Nick Sharp«, erschollen gleichzeitig die Stimmen von Hope und Hannes aus einem entfernten Teil der Ruine, »schnell, schnell, hierher.«

»Einen Augenblick, mein Bursche«, murmelte Sharp und hatte im Nu Hände und Füße des Chinesen wieder mit Stricken umschlungen, »so, die halten. Sonst bist du imstande und fährst in unserem Boote davon. Langweile dich nicht, ich komme gleich wieder!«

* * * * *

II.36. Der Schatzgräber

Die beiden jungen Leutchen waren nicht lange beim Boote geblieben, bald hatten sie sich den Arm gegeben und schlenderten nun langsam am Strande auf und ab. Hope erzählte eben ihrem Begleiter das Schicksal der Franziskanermönche dieses ehemaligen Klosters, wie sie abgeschlachtet oder verbrannt worden waren, und dass die Vestalinnen sich auch vorgenommen hatten, die Ruine zu besuchen, aber die Entführung hätte natürlich diesen Plan vereitelt, als plötzlich aus dem zerfallenen Mauerwerk ein entsetzliches Wehegeschrei erscholl, das gar nicht enden wollte.

Beide waren erschrocken zusammengefahren. Hope hatte auch erzählt, dass die Geister der Gemordeten noch spuken sollten, und so waren beider Gedanken unwillkürlich sofort mit dieser Sage der Chinesen beschäftigt.

»Ach was«, lachte Hope, »es gibt ja keine Geister. Sharp wird dem Chinesen ordentlich auf den Leib gehen, wenn er nicht auf seine Fragen antwortet. Nicht?«

»Natürlich«, stimmte Hannes bei, »was soll es anderes gewesen sein? Sharp versteht keinen Spaß, und er wird ihn so lange prügeln, bis er entweder gestanden hat oder tot ist.«

»Na, wenn der Schulmeister wäre«, meinte Hope nachdenklich, »möchte ich dessen Schülerin auch nicht sein.«

Hannes musste über den seltsamen Gedanken des Mädchens laut auflachen.

»Wie wäre es, wenn wir den Ruinen jetzt einmal einen Besuch abstatteten?«, schlug Hope vor.

»Wir können nichts sehen, es ist zu dunkel. Wir fallen ja über die Knochen der Verbrannten.«

»Du fürchtest dich wohl?«, scherzte Hope.

»Ich mich fürchten?«, wiederholte der Matrose entrüstet. »Da kennst du aber den Hannes Vogel schlecht. Ich habe schon als vierjähriger Junge meine Mutter ausgelacht, wenn sie mich mit Gespenstern zu fürchten machen wollte, damit ich keinen solchen Skandal machte. Ich habe sogar immer selbst Gespenst gespielt und die alten Frauen und Kinder erschreckt, und als Junge habe ich mich einmal fast einen Tag lang in einem Sarg versteckt gehalten, um die dummen Leute recht erschrecken zu können, und wäre dann beinahe, weil ich eingeschlafen war, selbst als Leiche begraben worden.«

»So wollen wir hingehen.«

»Aber es ist zu finster,«

Hope zog eine Laterne hervor.

»Sieh, dies hat mir Mister Sharp zu tragen gegeben, er hat noch mehr Lichter bei sich, ich habe sie ihn kaufen sehen, und da wird es wohl nichts schaden, wenn wir eins davon gebrauchen.«

»Du liebst ja ungeheuer das Abenteuerliche!«

»Gerade so wie du«, antwortete Hope, »es ist auch wunderschön, wenn einem so die Gänsehaut über den Rücken läuft. Denn, wenn auch nicht fürchten, gruseln tut sich doch jeder etwas, das liegt einmal so in der menschlichen Natur, und mir gefällt dieses schauerliche Gefühl.«

Hannes war jetzt damit einverstanden, und beide betraten die Ruinen von einer anderen Seite als der, von welcher noch immer ab und zu das Angstgeheul des gemarterten Chinesen erscholl.

Der Weg führte zuerst durch einen hohen Steinbogen, in dem sie schon von der undurchdringlichsten Finsternis umhüllt wurden, sodass Hope schon hier die Laterne anzündete, obgleich sie dann nochmals einen oben offenen Hof erreichten.

In dem tunnelartigen Gewölbe war noch kein Anzeichen zu bemerken, dass hier der Tod seine Sense geschwungen hatte. Die Wände waren zwar baufällig und von Rauch geschwärzt, aber sonst noch ziemlich gut erhalten.

Erst als sie den Hof erreichten, konnten sie die Unglücksstätte voll überschauen.

Überall waren die oberen Teile der Wände eingestürzt, ein Turm war vom Feuer vollständig zerstört worden, und mächtige Steine lagen rings umhergestreut, zwischen ihnen eine Menge von halbverkohlten Menschenknochen.

»Entsetzlich!«, flüsterte Hope, als die Totenschädel sie von allen Seiten angrinsten und ihr Fuß immer wieder an Knochen stieß. »Was müssen diese armen Mönche ausgestanden haben, als sie rings von Flammen umgeben, doch nicht zum Ausgang flohen, weil dieser sie den Schwertern der fanatischen Chinesen überlieferte!«

»Ihr Leiden wird kurz gewesen sein«, meinte Hannes. »Noch ehe sie die nahenden Flammen verspürt haben, sind sie vom Rauche erstickt.«

»Das sind Vermutungen, es ist hier alles Mauerwerk, und das Feuer wird nicht so plötzlich und heftig aufgetreten sein. Ich glaube eher, die Menschen sind hier von den herabfallenden Steinen des Turmes erschlagen worden.«

Sie gingen über den Hof.

»Wollen wir einmal hier hinein?«, fragte Hannes und deutete auf eine offene Tür.

Hope nickte.

Der Matrose nahm ihr die Laterne ab und schritt voran, erst durch einen Flur und dann eine steinerne Treppe hinauf. Auch auf dieser lag ein Gerippe, mit dem Kopfe nach unten.


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»Er ist entweder seinen Brandwunden hier erlegen, oder die plündernden Chinesen haben ihn hierher geworfen«, meinte Hannes.

Die Treppe endete in einen kleinen Saal, von welchem aus viele Türen in kleine Gemächer führten, die Zellen der Brüder. Die Türen waren offen, denn natürlich war alles Holzwerk verbrannt, die Türen, die Fenster, die Möbel.

In jeder Zelle war fast immer nur ein Gerippe zu finden, wahrscheinlich, darin stimmten die beiden jungen Leute überein, hatten sich die Brüder während des Angriffes der Chinesen in ihre Zellen zurückgezogen und hatten dort Gott um Rettung aus dieser Gefahr angefleht. Das Feuer ergriff den Dachstuhl, und das Holzwerk geriet in Flammen, die Hitze in den Zellen ward so groß, dass die hölzerne Bettstelle, der Tisch, der Stuhl von selbst Feuer fingen, aber die Mönche wollten lieber in der Stille, im Gebet zu ihrem Gott enden, als sich der Wut der Chinesen preisgeben; so waren sie hier oben verbrannt.

Die beiden jungen Leute besaßen eine lebhafte Phantasie, sie malten sich alles ganz deutlich aus, was hier vorgegangen war, und sprachen darüber.

»Wie mögen die Chinesen enttäuscht gewesen sein, als sie in diese Zellen drangen«, sagte Hannes, »und anstatt wertvoller Gegenstände, wie Pokale, Schmucksachen u. s. w., nur nackte Räume vorfanden!«

Er legte sich bei diesen Worten mit dem Rücken, auf dem er die Hände gefaltet liegen hatte, gegen die schwarzgebrannte Wand, fuhr aber mit einem leisen Schrei wieder zurück.

»Was hast du?«, rief Hope erschrocken.

»Nichts«, lachte Hannes, »die Phantasie ist so erhitzt, dass man immer gleich an etwas Übernatürliches glaubt. Mir war es fast, als ob die Wand hinter mir wiche.«

»Das könnte auch leicht möglich sein, es ist alles baufällig und dem Einsturz nahe«, sagte Hope besorgt, »lehne dich nicht wieder an!«

Hannes hatte die Blendlaterne vom Boden aufgehoben und betrachtete nun die Stelle, gegen welche er sich gelehnt hatte.

»Wahrhaftig«, rief er Plötzlich, »die Wand ist auch wirklich zurückgewichen oder wenigstens ein Stein!«

Es war so. Ein Stein war durch das Gewicht von Hannes' Körper merklich nach hinten geschoben worden.

»Den müssen wir herausheben«, sagte Hannes, »vielleicht steckt ein Beutel voll Gold dahinter.« »Mein Traum geht in Erfüllung, nur schnell, sonst vermisst uns Sharp!«

Beide versuchten, mit vereinten Kräften den Stein herauszuziehen, aber es ging nicht. Es war kein Ring, keine Handhabe daran, um ihn aus seiner Lage zu entfernen, wohl war ein ganz kleiner Spalt vorhanden, aber er war kaum groß genug, dass Hope ihre Fingerspitzen hineindrängen konnte.

»Es hilft nichts, wir müssen mit dem Messer zu arbeiten beginnen«, sagte Hannes, »kratze du unten den Mörtel aus, ich oben, das Zeug bröckelt ja nur so aus.« Sie entfernten von dem Stein nebenan an allen Seiten den Kalk mit den Messern, aber bald langte die Klinge nicht aus, die hinterste Partie zu entfernen.

Hannes sah sich im Zimmer um, es war darin nichts zu sehen, als das auf dem Rücken liegende Gerippe des Mönches.

Hannes warf einen zweifelhaften Blick auf seine Gefährtin.

»Soll ich?«, fragte er und berührte das Gerippe mit den Beinen.

»Was willst du denn tun?«, fragte Hope verwundert.

»Hier das Bein abreißen und es als Brechstange benutzen.«

»Um Gottes willen nicht, Hannes«, bat Hope erschrocken, »das ist Frevel.«

Sie leuchtete mit der Blendlaterne im Zimmer herum und stieß dann einen Freudenschrei aus.

»Dort die Stange an dem Fenster hängt nur noch mit einer Seite in der Mauer, und diese werden wir wohl losbekommen, probiere einmal!«

Hannes war mit einem Sprunge an dem Fenster, ergriff die eiserne Stange und — wäre bald zum Fenster hinausgefallen, denn sie blieb von selbst in seiner Hand.

»Hurrah«, rief er, »jetzt wollen wir einmal Schatzgräber spielen. Was machen wir dann, Hope, wenn wir hunderttausend Millionen Goldstücke finden?«

»Es werden wohl weniger sein«, lachte Hope, »mir ist es überhaupt ganz gleich. Du hast sie ja gefunden, also gehören sie auch dir.«

Hannes ließ die angesetzte Stange fallen.

»Du würdest nicht mit mir teilen?«, fragte er vorwurfsvoll.

»Nein, sie gehören dir. Ich habe schon genug von dem Zeuge, man sagt immer, je mehr Geld man hat, desto mehr Sorgen hat man.«

»Ich habe niemals Sorgen, und wenn ich die ganze Tasche voll Taler habe.« lachte Hannes. »Also du willst wirklich nicht mit mir teilen?«

»Nein«, antwortete Hope, »ich brauche es nicht.«

»Dann mache ich den Stein auch nicht auf«, rief Hannes trotzig und warf die Stange heftig zu Boden.

»Aber Hannes«, bat das junge Mädchen schmeichelnd, »wie kannst du nur gleich so hastig sein? Teilen wollen wir nicht, das Geld gehört aber uns beiden.«

»Das lässt sich schon eher hören, damit bin ich einverstanden.«

Hannes nahm die Stange wieder auf, schob sie in die Ritze und begann den Stein loszubrechen.

»Wenn nun aber kein Schatz dahintersteckt, sondern etwas ganz anderes, zum Beispiel, das Gerippe einer Katze?«, sagte Hope lachend.

»Dann teilen wir uns dieses ebenso gewissenhaft«, entgegnete der Matrose und stemmte sich gegen das Hebeeisen, dass der widerspenstige Stein in allen Fugen zu krachen begann.

Endlich war er heraus, jetzt konnten sie auch den ersten Stein aus der Öffnung entfernen. Hannes steckte seine Hand in das dunkle Loch und zog sie sofort wieder zurück — sie hielt eine kleine, eiserne Schatulle.

»Der Schatz, Hannes«, jubelte Hope, »mein Traum ist in Erfüllung gegangen.« »So sehr viel Goldstücke werden in dem winzigen Ding nicht enthalten sein.«

»Aber vielleicht Diamanten«, entgegnete das Mädchen, »oder auch Papiere und Banknoten.«

»Wie sollen wir das Kästchen öffnen? Es ist verschlossen, und ein Schlüssel steckt nicht daran.«

Er leuchtete in das Loch, aber es war nichts mehr darin, auch nicht der fehlende Schlüssel.

»Es ist ja gar kein Schloss«, rief Hope nach Besichtigung des Kästchens, »das ist ein Mechanismus. Sieh hier diese Knöpfe, welche alle nach verschiedenen Richtungen geschoben werden können. Haben alle sieben die richtige Stellung eingenommen, dann springt der Deckel von selbst auf. Ich will einmal probieren.«

Sie schob vergebens die Knöpfe, welche in Schlitzen beweglich waren, hin und her, versuchte dann immer, nach jeder neuen Stellung, den Deckel zu öffnen, aber die sieben Knöpfe gestatteten eine ungeheure Anzahl von verschiedenen Kombinationen, und so lange sie nicht die richtige einnahmen, sprang der Deckel nicht auf.

»Gib mir das Kästchen her«, sagte Hannes, »ein paar Schläge mit der eisernen Stange werden wohl den Schlüssel unnötig machen.«

Er legte das Kästchen auf die Erde und hob schon die Stange zum wuchtigen Schlag, als Hope ihm in die Arme fiel.

»Nein nein«, rief sie, »versuche noch keine Gewalt. Ehe wir den Mechanismus ruinieren, weiß ich noch ein anderes Mittel, Mister Sharp ist ja so ungeheuer schlau, der weiß sicher, welche Figur die Knöpfe bilden müssen. Wir wollen ihn rufen.«

»Das ist auch wahr«, antwortete Hannes freudig, »wenn Sharp diese Schatulle nicht sofort offen hat, dann will ich zeitlebens nur noch Salzwasser trinken.«

Beide traten ans Fenster und riefen den Namen des Detektiven. Nach einer Minute schon stand dieser in der Zelle. Er ließ sich schnell erzählen, auf welche Weise man den Kasten gefunden hatte, nahm ihn in die Hand, betrachtete eine kurze Zeit den Mechanismus, und ehe die beiden Zuschauenden noch wussten, dass er sich mit dem Öffnen beschäftigte, sprang der Deckel schon auf. Aller Augen hingen begierig an dem Kästchen, in das der Detektiv jetzt hineingriff.

»Was ist das!«, flüsterte Hope, welche viel aufgeregter als Hannes war, während der Detektiv völlig seine Kaltblütigkeit behielt.

»Eine feuersichere Schatulle«, antwortete er, »mit doppeltem Boden und Wänden, sonst wären diese Papiere hier verkohlt.«

Dabei zog er eine Hand voll Scheine hervor, denen einige wenige Gold- und Silbermünzen folgten, dazwischen ein Medaillon, zuletzt nahm er ein Zettelchen heraus, welches er zuerst durchflog, dann zählte er die Scheine und das Geld leise.

»Wem von euch beiden ist es zuzuschreiben, dass diese Schatulle gefunden worden ist?«, fragte er ernst.

»Hannes hat sie gefunden«, rief Hope schnell.

»Dreimalhunderttausend Pfund Sterling in guten Banknoten, auf der Bank zu England zu erheben, dreiundzwanzig Pfund in Gold und ein Pfund und sieben Schillinge in Silber. Hier«, er legte alles wieder, bis auf das zuletzt gefundene Zettelchen und das Medaillon in die Schatulle und händigte diese dem verblüfften Hannes ein, »sie sind dein, mein Junge, vernasche sie nicht, und hier das Testament, welches dich als Finder zum Erben dieser Summe einsetzt.«

Damit gab er dem Matrosen das Zettelchen, aber die Hände des vor Überraschung Sprachlosen zitterten zu sehr, sodass er die Schriftzeichen nicht lesen konnte, und ebenso flimmerte es vor den Augen Hopes. Beide waren unfähig, die Buchstaben zu lesen.


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»Gebt her«, sagte der Detektiv und nahm das Zettelchen wieder an sich, »ich will euch vorlesen, was der Erblasser in seinem Testament an den Finder dieser Schatulle schreibt. Hört zu:


Wer du auch sein mögest, der du diese Schatulle findest, ich, Endesunterzeichneter, gebe dir hiermit die Befugnis, innenliegende Summe, (hier folgen die vorhin angegebenen Zahlen), als dein Eigentum zu betrachten — es ist mein ehrlich er worbenes Geld.

Ich bin vor zehn Tagen mit Frau und Kind von meinem Besitztum geflohen, weil die Chinesen einen Aufstand gegen die Engländer im Sinne hatten, begab mich nach Scha-tou, erhob mein dort stehendes Vermögen und wartete auf ein Schiff, welches uns nach London, meiner Vaterstadt, bringen sollte.

Aber auch hier brach der Aufstand los, ich musste mit meiner Familie vor Verfolgern fliehen und nahm meine Zuflucht nach diesem Kloster. Auf dem Wege hierher sah ich mit meinen eigenen Augen, wie mein Weib und das Kind auf ihren Armen unter den Schwertern der Chinesen fielen, ebenso auch die Anderen, welche uns begleiteten.

Ich war der einzige, welcher dieses Kloster erreichte. Vergebens versuchte ich, die Franziskaner zu überreden, sich auf einen Sturm der Chinesen vorzubereiten, sie hielten es ihrem Glauben nach nicht für angemessen, sondern wollten ihr Schicksal Gott überlassen. Das einzige, was sie taten, war, ihre wertvollen Schriftstücke in Verstecken unterzubringen, wie sich solche in jeder Zelle befinden, gleich diesem hier, in welcher du wahrscheinlich meinen verbrannten Körper finden wirst, denn ich schreibe diese Zeilen erst jetzt, da schon die Flammen um meine Zelle lecken.

Verwandte habe ich nicht, meine Frau und mein Kind sind tot, so betrachte du Dich als den rechtmäßigen Besitzer dieses Geldes. Ich betone dies ausdrücklich, damit dich, bist du, was ich von ganzem Herzen wünsche, ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch, keine Zweifel plagen.

Ich sehe den unvermeidlichen Tod vor Augen, möge Gott sich meiner Seele erbarmen, wie auch der meiner Frau und meines armen Kindes, um derentwillen bitte ich auch, dass er den verblendeten Heiden ihre Missetat nicht nachtragen möge.

Scha-tou, den 25. März 1889.

Lionel Congrave


»Die mit Tinte geschriebenen Buchstaben sind vollkommen leserlich«, schloss der Detektiv, »dank der ausgezeichnet gearbeiteten Schatulle, welche die hier jedenfalls herrschende, große Hitze vollständig ausgehalten hat. Hannes, du bist ein Glückspilz, du bist jetzt der Besitzer von über sechs Millionen Mark, kein Mensch kann sie dir streitig machen, selbst wenn sich doch ein Verwandter melden sollte. Miss Staunten und ich sind Zeugen, deren Eide jede Gegenbehauptung entkräftigen. Ich gratuliere. Jetzt aber gehe ich in die anderen Zellen und sehe nach, ob die Mönche mir nicht auch ein paar Millionen vermacht haben. Kommen Sie mit, Miss Staunton?«

Das junge Mädchen schüttelte stumm den Kopf, sie hielt Hannes an der Hand und blickte ihn an. Hannes selbst war noch immer sprachlos, er konnte es nicht fassen, dass diese ungeheure Summe, die er in der Hand trug, sein eigen sein sollte.

Bevor der Detektiv ging, öffnete er das goldene Medaillon, und alle drei betrachteten die in demselben enthaltenen beiden Bildchen. Das eine stellte einen Mann mittleren Alters, das andere eine noch junge Frau dar.

Auf jeden Fall waren es Mister Lionel Congrave und Gemahlin. Weiteren Anhalt gab das Medaillon nicht, die Gesichtszüge waren allen fremd.

»Hannes, du bist nun reich«, begann Hope endlich. »Wie fühlst du dich als Millionär?«

»Es ist gar nicht möglich«, flüsterte der Matrose.

»Natürlich ist es so, das Papier, unsere Aussagen bestätigen es. Was gedenkst du nun zu tun? Gehst du jetzt in die Heimat und lebst als reicher Mann?«

Der Matrose schüttelte den Kopf.

»Oder was willst du sonst mit dem Gelde machen?«

»Ich brauche nicht viel davon«, kam es leise von den Lippen des Matrosen, »jetzt, da ich anfange zu begreifen, dass es wirklich mein Eigentum ist, eröffnet sich mir mit einem Male eine schöne Aussicht.«

»Und welcher Art ist diese?«

»Schon lange ist es mein Wunsch«, fuhr Hannes fort, »so viel Geld zu besitzen, dass ich die Steuermannsschule besuchen kann. Du weißt, Hope, wie es mit uns Seeleuten geht. Wir haben oft genug Geld in der Tasche, um Jahre lang die Schule besuchen zu können, aber in den Hafenstädten wird schon dafür gesorgt, dass der Matrose den Weg zur Sparkasse nicht findet — zum Sparen komme ich doch niemals. Nun aber habe ich die Mittel, meinen Plan verwirklichen zu können.«

»Das ist alles, was du mit dem Gelde beginnst?«, scherzte Hope. »Da bleibt aber noch viel übrig.«

»Dann mache ich auch noch mein Kapitänsexamen, kaufe ein eigenes Schiff und fahre dieses als selbständiger Kapitän.«

»Und was dann noch übrig bleibt?«

»Das vermache ich einem Hospital für invalide Seeleute, oder ich gründe ein Heim für Seemannswitwen und Seemannswaisen«, versicherte Hannes.

»Wann willst du diese Absicht verwirklichen?«, fragte Hope weiter.

»Gleich jetzt«, rief Hannes enthusiastisch und raffte sich auf. »Was soll ich mich noch um den ›Amor‹ und die ›Vesta‹ kümmern, die mich nichts angehen? Der nächste Dampfer bringt mich nach Hamburg.«

»Hättest du mir nicht schon lange sagen können, dass du Geld brauchtest, um auf eine Seemannsschule zu gehen?«, sagte Hope. »Du weißt, dass ich reich bin, ich würde dir das Geld gern dazu gegeben haben, und zwar, da du stolz bist, nur leihweise.«

»Ich würde es nie angenommen haben«, war die Antwort, »weil ich mir immer sagen muss, ich selbst könnte mir das Geld wohl sparen, wenn ich nur die Energie dazu hätte. Das hier ist etwas anderes, das Geld gehört mir, ihr selbst sagt es. Ich brauche mir keine Vorwürfe zu machen, wenn ich es benutze.«

»So lebe wohl, Hannes, unsere Wege gehen also auseinander. Ich kann es dir wirklich nicht verdenken, wenn du deine Karriere nicht vernachlässigst; du hast recht, was gehen dich die beiden Mädchen au, deren Spur wir verfolgen wollen, du kanntest sie kaum, sie haben sich nie um dich bekümmert. Ich natürlich darf sie nicht verlassen, denn sie sind meine Freundinnen. Ich sage schon jetzt Lebewohl zu dir, mein Hannes, weil wir gerade allein sind.«

Ein dumpfer Fall unterbrach diese von Tränen erstickten Worte Hopes, erschrocken zog sie die schon ausgestreckte Hand zurück — Hannes hatte die Schatulle plötzlich fallen lassen und umschlang mit den Armen das junge Mädchen, ihm ganz bestürzt in die Augen blickend.

»Aber was fällt dir denn ein, Hope?«, rief er. »Glaubst du etwa, ich würde ohne dich abreisen? Nein, niemals. Aber halt — jetzt weiß ich, was in deinem Köpfchen vorgeht. Du denkst, weil ich nun auf einmal ein reicher Mann geworden bin, könnte ich dich vergessen? Denkst du wirklich so schlecht von mir«, fuhr er wehmütig fort, »dass ich über diesen lumpigen Papieren hier«, er stieß die Schatulle mit dem Fuße von sich, »meine Hope vergessen hatte? Dann tust du mir sehr unrecht. Habe ich dir nicht erst vorhin gesagt, die Hälfte gehört dir? Oder nein, es gehört ebenso gut dir, wie mir; lerne ich etwas dafür, so ist es nur zu deinem Nutzen, und das Schiff ist auch das deinige. Glaubst du mir nun, Hope, oder zweifelst du noch?«

»Hannes«, schluchzte das Mädchen und schmiegte sich an die Brust des Matrosen, »ich fürchtete wirklich erst, der plötzliche Reichtum hätte dich berauscht, du würdest nicht mehr an mich denken. Du machtest gleich so viele Pläne, ohne mich dabei mit einem Worte zu erwähnen.«

»Dass du bei mir bleibst, ist doch selbstverständlich«, rief Hannes fröhlich. »Haben wir nicht erst vor einigen Wochen ausgemacht, auf einem eigenen Schiff zu fahren? Nun können wir dies mit einem Male, wir haben nicht einmal nötig, erst deinen Vormund zu belügen, um Geld von ihm zu bekommen — ich habe ja nun solches. Aber freilich, der Plan damals war etwas voreilig, besser ist es doch, wenn ich erst ein Jahr die Steuermannsschule besuche und dann das Examen ablege. Kein Mensch kann mir dann nachsagen, ich sei in meinem Handwerk ein Pfuscher, nur ein Sportsmann, wenn ich als zwanzigjähriger Kapitän mein eigenes Schiff fahre. Nein, Hope, es bleibt dabei, wir fahren beide als Kapitän, und ein prachtvolles Schiff und eine noch bessere Besatzung wollen wir kommandieren. Nicht wahr?«

»Was bin ich froh, dass ich mich getäuscht habe«, rief Hope. »Verzeihe mir, Hannes, ich habe dir unrecht getan. Aber noch kann ich dir nicht folgen, mein Gewissen lässt es nicht zu, dass ich den Versuch aufgebe, meine Freundinnen zu finden. So lange ich nicht weiß, ob sie tot oder lebendig sind, oder so lange ich sie in Letzterem Falle, das heißt, wenn sie nur gefangen sein sollten, nicht befreit habe, kann ich dir nicht gehören. Man darf nicht aufgeben, was man einmal angefangen, hat, und gar aus bloßem Egoismus. Zürnst du mir nun um diesen meinen Vorsatz, mein lieber Hannes?«

»Niemals«, rief der Matrose und umarmte von Neuem das Mädchen, welches er als seine Braut betrachten durfte, »es war wirklich recht eigensinnig von mir gesprochen, ich wollte gleich mit dem Kopf durch die Wand rennen. Nein, meine Hope, erst wollen wir deine beiden armen, Freundinnen retten. Wir suchen sie, bis wir sie gefunden haben, tot oder lebendig, und dann erst besprechen wir weiter, was wir später beginnen. Weine nicht mehr, mein liebes Mädchen! Einem Matrosen stehen die Tränen überhaupt nicht gut, wenn solche einem Manne auch nicht schimpflich sind. Wie sollen wir denn diesen ungeheuren Schatz nur fortbringen? Ich getraue mich gar nichts ihn in die Tasche zu stecken. Ich glaube, ich könnte weder schlafen, noch schmeckte mir das Essen, so lange ich ihn mit mir herumtrage. Was meinst du, Hope, wollen wir ihn einstweilen hier lassen?«

Hopes Tränen waren bald getrocknet, sie sah ein, wie sehr sie sich in Hannes Charakter getäuscht hatte. Alle Schätze der Welt hatten doch nicht vermocht, ihn in seiner Liebe wankelmütig zu machen.


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Da kam der Detektiv zurück. Er war ohne Lampe durch die Zellen gewandert, sein Gesicht und seine Hände waren ganz schwarz von dem Suchen geworden.

»Etwas gefunden?«, riefen ihm beide neugierig entgegen,

»Reicher bin ich geworden«, entgegnete der Detektiv, »aber nur an Erfahrung, nämlich an der, dass Schatzgraben eine sehr undankbare Sache ist, sobald man sie absichtlich betreibt. Ein Schatzgräber findet niemals etwas, aber ein blindes Schwein oftmals eine Perle. Du brauchst mich nicht so böse anzublicken, Hannes, ich habe bei diesem Vergleiche nicht an dich gedacht.«

»Waren die Verstecke in den Zellen wirklich alle vorhanden?«, fragte Hope.

»Da waren sie, aber alle leer, wenn auch früher etwas darin gewesen sein mag. Die Löcher waren voll von Asche, wahrscheinlich von Papier herrührend. Die Mönche haben jedenfalls ihre Bibeln, Betbücher, Schriftstücke, Liebesbriefe, Schuldscheine und Gott weiß was hineingesteckt, aber natürlich ohne eine solche Schatulle, wie diese hier, und alles ist bei der furchtbaren Hitze verbrannt.«

»Mister Sharp, soll ich nicht einstweilen den Schatz hier lassen, bis wir wieder hierher zurückkehren? Mir ist es unheimlich, mit sechs Millionen in China herumzuwandern«, meinte Hannes.

»Wer weiß, ob wir je wieder herkommen«, entgegnete Sharp. »Gib sie mir her, mein Junge, bei mir sind sie so sicher, wie bei dir. Traust du mir?«

Hannes fühlte sich durch diese Frage ordentlich beleidigt. Als wenn er gegen die Ehrlichkeit des Detektiven nur das geringste Misstrauen gehabt hätte! Er händigte ihm die Banknoten ein und steckte nur die Münzen und das Medaillon zu sich. Die Schatulle wollten sie zurücklassen.

Dann deutete Hope auf das in der Zelle liegende Gerippe, das mit seinen hohlen Augen die Gruppe zu beobachten schien.

»Dieser also war der Mann, dem die sechs Millionen gehört haben. Was nützen sie ihm nun? Hannes, er hat in seinem Testament an dich gedacht, wir sind es ihm schuldig, dass wir ihm ein ehrliches Begräbnis zu teil werden lassen. Aber wie sollen wir das bewerkstelligen?«

Es war dies wirklich eine Frage, auf die schwer eine Antwort zu finden war. Sie hatten weder Schaufel, noch Hacken, um das Gerippe zu bestatten, und selbst das Begraben drunten in dem Klosterhof wäre nicht so leicht zu bewerkstelligen gewesen, denn als der Detektiv es mit dem Fuße anstieß, fand er seine Ahnung bestätigt, die Knochen fielen alle voneinander, die Hitze hatte sie ganz mürbe gemacht.

»Lasst das, Kinder«, schlug er vor, »kommen wir wieder nach Scha-tou, dann wollen wir das Versäumte nachholen, und führt uns der Weg nicht wieder hierher, dann will ich schon dafür sorgen, dass dieser Congrave, ebenso wie die anderen Verbrannten, ein anständiges Begräbnis finden. In den größeren Hafenstädten, wie Hongkong oder Schanghai kann man genug europäische, beschäftigungslose Arbeiter bekommen, die für einige Schillinge mit dem größten Vergnügen den Totengräber spielen. Dafür lasst mich nur sorgen! Jetzt kommt mit hinunter, ich darf den Chinesen nicht zu lange allein lassen, sonst beklagt er sich über meine Unhöflichkeit. Geht ihr einstweilen zum Boot, ich bin in fünf Minuten bei euch.«

»Bleibt der Chinese hier?«

»Ich werde ihn in Freiheit setzen. Er kann dann tun, was ihm beliebt. Die Hauptsache habe ich schon von ihm erfahren, was ich noch wissen will, wird er mir jetzt gestehen.«


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»Kann er uns nicht schaden oder sich an Ihnen rächen, wenn er freigelassen wird?«

»Was soll ich anderes tun? Hier sitzen lassen kann ich ihn nicht. Überdies seid unbesorgt, um seine Rache kümmere ich mich nicht im Geringsten, wir werden schneller sein, als er.«

Die jungen Leute waren noch nicht lange am Boot, als der Detektiv wieder zu ihnen stieß.

»Haben Sie alles erfahren, was Sie wissen wollten?«, fragte ihn der Matrose.

»Kein Wort mehr«, entgegnete der Detektiv und sprang ins Boot; er schien sehr ernst zu sein.

»Warum nicht?«, riefen beide gleichzeitig.

»Weil Tote nicht mehr sprechen können. Der Chinese hat sich während meiner Abwesenheit selbst getötet.«

»War er nicht gebunden?«, rief Hannes erstaunt.

»Er hat sich an beiden Armen die Schlagadern aufgebissen und ist verblutet. Dasjenige, was er mir verraten, hat ihn dazu getrieben. Er fürchtete die Rache für seinen Verrat, und das beste war es auch, was er getan hat.«

Die beiden waren bestürzt; von dem Tode dessen erzählen zu hören, den man eben noch am Leben gesehen hat, ist immer niederschlagend, und noch mehr, wenn es sich um einen Selbstmord handelt. Stillschweigend tauchten sie die Riemen ins Wasser, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und ohne die Richtung zu beachten, welche der Detektiv steuerte.

»Wohin fahren wir?«, fragte endlich Hannes aufblickend.

»Wir legen etwas unterhalb von Scha-tou an«, antwortete der Detektiv.

»Hat Ihnen der unglückliche Chinese genug gesagt, damit wir die beiden Damen wiederfinden können?«

»Ja, vollständig. Diese Nacht verbringen wir schlafend, um neue Kräfte sammeln zu können. Morgen unternehmen wir eine Fahrt etwas ins Land hinein und richten es so ein, dass wir zur Nacht das Haus erreichen, wo die Mädchen gefangen gehalten werden.«

»Nehmen Sie noch Hilfe mit?«

»Wir drei werden genügen. Sollten wir Ersatz brauchen, so kann ich denselben für Geld immer noch gewinnen, aber ich glaube kaum, dass wir dies nötig haben werden.«

Sie legten im Hafen nicht am Kai selbst an, sondern da, wo die chinesischen Fischerboote ihren Ankerplatz hatten.

Hier war ein Gasthaus für Europäer, welche mit den Fischern Handel trieben, und in diesem quartierte Sharp sich und seine beiden Gefährten ein. Als sich Letztere schon zur Ruhe begeben hatten, ließ sich Sharp von dem französischen Gastwirt, den er gut kannte, und bei dem er seine jungen Freunde gut aufgehoben wusste, für schweres Geld noch einen Karren besorgen, fuhr nach der Stadt und verschaffte sich trotz der späten Nachtzeit noch einmal eine Unterredung mit dem englischen Konsul, der ihn dann selbst zu dem höchsten chinesischen Beamten, dem Oberhaupt von Scha-tou, brachte.

Hier erhielt der Detektiv die Vollmachten, welche er sich erbat, erkundigte sich ganz genau über eine Person, über welche der Mandarin sehr gut orientiert war, und kehrte dann nach jenem Gasthaus zurück. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass die beiden jungen Leute, welche er in seinen Schutz genommen hatte, in ihren Zimmern waren, legte er sich selbst auf einige Stunden zum Schlafen nieder. Also war es doch nicht richtig, wenn von ihm behauptet wurde, seine eiserne Natur bedürfe keines Schlafes.

* * * * *

II.37. Der Zweikampf

Eine unbewohnte Insel im weiten Ozean war der Ort, nach dem van Guden sich begeben hatte. Es gab nur einen einzigen, bequemen Zugang zu diesem Eiland. Tief genug war zwar das Wasser, dass selbst ein großes Schiff bequem heranfahren und anlegen konnte, aber die Ufer waren zu hoch, als dass sie ein Aussteigen aus dem Boote gestatteten. Das Schiff musste entweder sehr hoch sein, etwa wie ein Kriegsschiff, oder man musste erst eine Art von Gerüst aus Brettern bauen, um das Ufer gewinnen zu können.

Dagegen war jener einzige Zugang zu der Insel ein so vorzüglicher, dass er von einem Baumeister nicht besser hätte geschaffen werden können. An der Nordseite vertiefte sich an der sonst rundgestalteten Küste ein Einschnitt, eben breit genug, um ein Schiff durchzulassen, und schien ins Innere der Insel hineinzuführen. Hatte man aber diesen etwa hundert Meter langen Kanal passiert, so befand man sich in einem Becken, dessen niedriges Ufer das Aussteigen aus dem Boote bequem erlaubte, auch hier war das Wasser noch so tief, dass selbst ein Schiff anlegen konnte.

Die Wände waren von oben bis unten glatt und fielen jäh ab, als hätte sie ein Steinhauer bearbeitet.

In diesem Becken lagen acht große Dschunken, deren Besatzungen, fast zweihundert Menschen, das Land betreten hatten und eben dem Wortwechsel zweier Männer lauschten, die über etwas verschiedener Meinung waren.

Der eine war van Guden, der als Oberhaupt der chinesischen Piraten in diesen Gewässern galt, und der andere war ein kleiner, missgestalteter Chinese, eher ein Zwerg zu nennen, mit gekrümmtem Rücken und schiefen Schultern, seinem Gesicht nach schon sehr alt, aber noch immer rüstig und behend, wie er auch seine Lebhaftigkeit trotz des hohen Alters in den Gestikulationen zeigte, mit denen er seine heftige Rede fortwährend begleitete.

Um sie herum standen die übrigen Mannschaften der Dschunken, ebenso, wie diese beiden, mit Dolchen und Pistolen bewaffnet, nur dass van Guden und der Kleine noch ein langes, kostbar gearbeitetes Schwert von chinesischer Arbeit an der Seite hängen hatten.

Man hätte jenem kleinen Manne gar nicht zugetraut, dass er dieses große Schwert, welches ihm fast bis zur Brust reichte, zu regieren vermochte.

Der Wortwechsel wurde in chinesischer Sprache geführt. Der Holländer bewahrte seine Ruhe; aus seiner Stimme klang oft Bitterkeit, und nur ab und zu blitzte sein blaues Auge wild auf. Der Chinese dagegen sprach erregt und leidenschaftlich, fortwährend fuhr er mit den Händen in der Luft herum, dann wieder legte er etwas Bittendes in den Ton seiner Rede, um gleich darauf ein höhnisches Gelächter auszustoßen.

Die Umstehenden zogen finstere Gesichter. Man konnte ihnen unverkennbar anmerken, dass sie mit verhaltenem Ingrimm auf den ruhig dastehenden Holländer blickten, der ihren Zorn wohl bemerkte, aber nicht beachtete, und dass sie dagegen der Rede ihres Stammesgenossen Beifall zollten. Gewöhnlich nickten sie ihm, wenn er etwas gerufen hatte, beistimmend zu.

Eben wies der kleine Chinese nach den im Becken ankernden Schiffen und rief in pathetischem Tone:

»Acht Dschunken sind dir nur noch treu geblieben. Sie waren einst der Kern jener Macht, welche ich dir überlieferte, hoffend, sie werde unter deiner starken Hand zu einem Ungeheuer anwachsen, das alle uns verhassten Fremdlinge verschlinge. Meine Hoffnung war, dass es einst in unserer Hand läge, das Reich der Mitte wieder zu dem zu machen, was es früher war, zu einem Ganzen für sich, einer Weltherrschaft. Und nun? Deiner Unentschlossenheit, deiner Zaghaftigkeit und deinen sonderbaren Ansichten haben wir es zuzuschreiben, dass uns eine Dschunke nach der anderen verlassen hat, und nicht lange wird es dauern, so fahren auch diese acht Dschunken noch davon, und wir haben nicht einmal eine Planke, auf der wir diese Insel verlassen können. Sieh nur die unzufriedenen Gesichter um dich herum, sie werden dir sagen, was du von ihnen zu erwarten hast.«

»Es ist so«, rief eine murrende Stimme aus dem Hintergrunde, »wir wollen Freiheit, völlige Freiheit haben, oder wir schlagen uns auf die Seite jener Piraten, denen es gleich gilt, welches Schiff man plündert. Die Beute ist bei uns die Hauptsache.«

Geduldig hatte der Holländer diese Rede angehört, keine Muskel zuckte in seinem braunen Gesicht.

Jetzt wandte er sich nach der Richtung, aus welcher die Stimme erschollen war.

»Habe ich euch nicht immer zum Sieg geführt?« rief er. »Ist der Name ›Würgengel‹ nicht überall an der Küste von China bekannt, als der eines Mannes, der noch nie eine Schlappe erlitten hat, dem noch kein Kriegsschiff, weder ein chinesisches, noch ein englisches, hat Schaden können, und der sich rühmt, dass sein Aussehen niemand beschreiben kann, mit dem er sich im Kampfe gemessen hat?«


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»Würgengel?«, wiederholte der Kleine spöttisch. »Wenn es jemanden gibt, der diesen Namen verdiente, so bin ich es, denn ich habe dafür gesorgt, dass die Mannschaften der genommenen Schiffe den Haifischen als Futter dienten. Allerdings warst du es, der immer die Enterung leitete, der als erster über die Bordwand sprang, mit dem Säbel in der Faust, und nie ist dir ein Angriff missglückt, das muss man dir lassen. Aber warum schließest du dich uns nicht völlig an? Warum beharrst du auf deinem eigensinnigen Willen, nur englische Schiffe und nicht auch die anderer Nationen zu plündern? Lass ab von diesem Vorurteil, schlage deine Enterhaken nur ein einziges Mal in ein französisches oder deutsches Schiff, und, bei allen Göttern, in einigen Tagen hast du wieder alle jene Hunderte von Dschunken mit ihrer ganzen Bemannung um dich versammelt, die dich einst als meinen Sohn, den Fürsten der Piraten, feierten.«

»Als deinen Sohn?«, echote es aus dem Munde des Piraten. »Mein Unglück war es, dass du, mich damals verschontest. Hättest du, Scheusal, doch lieber kein Erbarmen gehabt und mich, gleich meinen Schiffskameraden, den Meeresfluten übergeben. Wahrhaftig, zwischen den Hyänen des Meeres wäre ich besser aufgehoben gewesen, als unter euch.«

»Sprich nicht so«, und die Stimme des kleinen Chinesen nahm plötzlich einen weichen Klang an, »auch in meinem versteinerten Herzen gibt es noch Flecken, welche empfindsam sind. Als ich dich kleinen, vierzehnjährigen Jungen mit dem Lockenkopf und den Pausbacken, so trotzig den Entersäbel schwingen sah, als du mit deiner schwachen Kraft so geschickt den Hieben meines Säbels zu begegnen wusstest, welcher das Leben des Kapitäns bedrohte, da fühlte ich plötzlich ein Verlangen, dich zu besitzen. Ich wand dir den Entersäbel aus der Hand, und statt dich den Haifischen hinabzuschleudern, nahm ich dich auf wie einen Sohn, du wurdest einer der Unsrigen, und meine Freude wuchs von Tag zu Tag, als du mit Leichtigkeit meine Kunstfertigkeit im Handhaben des Enterhakens und des schweren Säbels lerntest; ich selbst war dein Lehrmeister, ich erzog dich mit einer Aufmerksamkeit und Sorgfalt, gegen welche die einer Mutter nichts ist, und ich konnte den Erfolg von Tag zu Tag beobachten. Du erbtest meine Gewandtheit, das krumme Schwert zu regieren, aber die dir angeborene Kraft machte dich in dieser Kunst bald zu einem Meister, gegen den ich nicht mehr fechten konnte. Schon als Jüngling von siebzehn Jahren schlugst du mir die Waffe aus der Hand, mir, der bisher als unbesiegbarer Fechter galt, aber ich empfand keinen Neid darüber, nein, ein unsagbarer Stolz erfüllte immer mein Herz, sah ich dich mit blitzenden Augen dastehen, das Schwert in der emporgestreckten Hand, jedem meiner zahllosen Kunsthiebe begegnend, bis du selbst ausfielst und ich im nächsten Augenblick entwaffnet vor dir stand.«

Der kleine Chinese hielt einen Augenblick in seiner lebhaften Rede inne, das beifällige Gemurmel der Umstehenden hatte sich in Rasen verwandelt, jetzt jubelten sie wieder dem Holländer zu, den sie noch eben mit grimmigen Augen angesehen hatten.

Aber der Redner hatte sich getäuscht, wenn er glaubte, die Ehrsucht des Holländers erweckt zu haben. Nichts verriet an ihm, dass die eben gehörten Schmeicheleien irgendwelchen Eindruck auf ihn gemacht hätten, finster wie vorher betrachtete er stumm den Chinesen, welcher sich von jeher angemaßt hatte, sich als seinen Vater zu betrachten.

»Du warst fast noch ein Knabe«, fuhr der Chinese fort, als sich der Beifallssturm seiner Landsleute gelegt hatte, »da trat ich dir schon freiwillig die Herrschaft über die Piraten ab, du wurdest Fürst, und fürwahr, sie hatten es anfangs nicht zu bereuen. Unsere Gewässer wurden seiner Zeit fast nur von englischen Schiffen belebt, und keines derselben, nach welchem du die Segel richten ließest, entging deinem Enterhaken. Unsere Beute war unermesslich, unser Reichtum wuchs von Tag zu Tag, und außerdem hatten wir die Genugtuung, uns fast jeden Tag im Blute der verhassten Engländer baden zu können. Nie zuvor hatten die Piraten ein ähnliches Glück gehabt, sie verehrten dich wie ihren Gott, und wirklich glichest du einem Racheengel, wenn du in mächtigem Sprunge an Deck des feindlichen Schiffes hinübersetztest und dein Schwert wie eine Sense die Feinde niedermähte; da kam deine erste Weigerung, eine sichere Beute zu nehmen. Wir verziehen damals, denn es war ein holländisches Schiff, und wir rechneten es deinem jugendlichen Herzen zu gute, dass du Mitleid mit deinen Landsleuten empfandest, ich selbst gab deinem Befehl, dieses Schiff in Frieden zu lassen, Nachdruck. Wehe mir, dass ich es tat; diese Gefühle hätten schon damals bei dir ausgerottet werden müssen! Bald darauf weigertest du dich abermals, ein italienisches Schiff anzugreifen, dann ein französisches, dann ein amerikanisches und so weiter. Die Leute wurden schon unwillig über deine Saumseligkeit, als dir einige englische Schiffe in Sicht kamen und du wieder dem Namen ›Würgengel‹«, den du von mir erbtest, Ehre machtest. So schwankte es Jahre hin und her, einmal jubelten dir die Piraten zu, dann wieder grollten sie dir, weil du ihnen die sichere Beute entgehen ließest. Du ließest nicht mit dir spaßen, wer gegen deinen Befehl nur muckte, dessen Kopf rollte im nächsten Augenblick über Deck, und einmal hast du sogar die ganze Mannschaft deines Schiffes, welches sich gegen dich empörte, mit eigener Hand zur Hölle geschickt. Und was war die Folge davon? Heimlich haben uns die Dschunken verlassen, eine nach der anderen, als du einmal bestimmt erklärtest, keine anderen, als nur englische Schiffe zu entern — einen solchen Anführer wollten sie nicht mehr haben, sie waren Piraten und mussten alles nehmen, was ihnen vor die Zähne kam.

»Sieh hier diese Männer«, fuhr der kleine Chinese fort und deutete mit der Hand im Kreise ringsum, »sie sind die einzigen, welche dir noch treu geblieben sind, und noch einmal lassen sie dich durch mich fragen, ob du gewillt bist, den ›Amor‹, den du hierher bestellt hast, mit Gewalt oder mit List zu nehmen. Bedenke, er führt jedenfalls unermessliche Schätze, außerdem Revolver, Flinten und Säbel mit sich, alles Dinge, die für uns größten Wert besitzen. Also nochmals, willst du oder nicht?«

»Nein«, erklang es fest aus dem Munde des Holländers, »ich werde es nicht tun!«

»Warum nicht?«

»Van Guden hat sein Wort gegeben, und noch niemals hat er es gebrochen.«

»Was für ein Wort?«

»Ich habe es dir schon einmal gesagt. Ich erklärte diesen Engländern, deren einen Freund ich in Scha-tou rauben ließ, dass sie den Entführten nur unter folgenden Bedingungen zurückerhalten würden: sie sollten nach dieser Insel kommen, alle siebenundzwanzig Mann, ich würde mit jedem einzelnen von ihnen mich im Schwertkampf messen, und gelänge es auch nur einem von ihnen, mich zu töten, zu entwaffnen oder mir nur die Haut zu ritzen, so wäre der geraubte Herzog, wie auch sie alle selbst frei, sie könnten mit ihrer Brigg zurückkehren. Ich gab ihnen meinen Wort, dass nicht eine Stecknadel von ihrem Schiff angetastet werden würde. Besiege ich sie dagegen, alle ohne Ausnahme, so gehört ihr Leben mir, den, ›Amor‹ dagegen würde ich zurückschicken, nur einen einzigen würde ich an Bord am Leben lassen, damit er die Kunde von meiner Rache den Eltern der Toten brächte.«

»Törichte Bedingungen«, brauste der Chinese auf, »die erste gefällt uns ja ganz gut; keiner von uns zweifelt daran, dass du sie alle besiegst, denn im Schwertkampf bist du unverwundbar, dank meiner Lehre, aber die letzte billigen wir nicht. Fällst du oder siegst du, der ›Amor‹ mit seinen Schätzen gehört uns.«

»Wagt es, meinem Befehle zu trotzen!«, fuhr jetzt auch der Holländer auf, und sein Auge begann plötzlich unheimlich zu glühen. »Bei Gottes Tod, dessen Körper spalte ich in zwei Hälften, der es unternimmt, auch nur seinen Fuß an Bord des ››Amor‹ zu setzen! Ihr wisst, ich halte mein Wort, hütet euch!«

»Wir werden sehen«, lachte der Chinese heiser auf, »ob du diesmal deine Bande im Zaume halten kannst. Du hast lange genug schon mit ihrer Langmut gespielt. dieser Streich würde sie aber erschöpfen. Es genügt ein Wink von mir, um sie auf meine Seite zu bringen.«

»Dann bist du der erste, der unter meinem Schwerte fällt, wenigstens, wenn du sie zum Angriff gegen den ›Amor‹ führst. Er steht unter meinem Schutze.«

»Ich, dein Vater?«

»Mein Vater?«, wiederholte der Holländer bitter. »Ich kenne nichts, was mich an dich fesselt. Ich verfluche dich, weil du mich in eure Kreise zogst.«

»Sagtest du nicht selbst, du trügest einen unauslöschlichen Hass gegen die Engländer in deinem Herzen? Wo konntest du diesen besser stillen, als hier, unter uns?«

»Es gibt noch andere Waffen, um einen Feind zu vernichten«, entgegnete der Holländer.

»Aber wer kann seinen Zorn, seine Rache besser kühlen, als ein freier Pirat?«

»Unser Kampf ist ein unerlaubter, wir werden als der Abschaum der Menschheit bezeichnet.«

Die umstehenden Chinesen brachen bei dieser Bemerkung in ein lautes Gelächter aus, sie verstanden ihren Anführer nicht, und dieser, welcher die Gefühllosigkeit seiner Leute kannte, versuchte nicht, sie über seine Meinung aufzuklären.

»Der ›Amor‹!«, rief plötzlich ein am äußersten Rand der Einfahrt postierter Chinese, und aller Augen wandten sich der kleinen Brigg zu, die am Horizont unter vollem Dampf auftauchte und gerade auf die Insel zuhielt.

»Sagte ich es nicht?«, rief van Guden. »Diese Engländer sind wenigstens Ehrenmänner, die ihren Freund um keinen Preis der Welt im Stich lassen! Und so sollen sie sich auch in mir nicht täuschen. So lange ich noch die Hand mit dem Schwert rühren kann, sind sie und ihr Schiff unantastbar, und habe ich sie einen nach dem anderen besiegt, dann erst gehört ihr Leben mir, der ›Amor‹ selbst aber kehrt nach Scha-tou zurück. Es soll van Guden nicht nachgesagt werden, dass er in diesem Kampfe seine verhassten Feinde nur besiegt habe, um sie zu berauben, es handelt sich jetzt darum, Englands Stolz zu vernichten, nicht aber Beute zu machen.«

Der alte Chinese drehte sich bei diesen Worten herum und lachte heiser auf, er schien anderen Willens zu sein, desgleichen die Übrigen, welche unter sich flüsterten.

»Führt den Gefangenen vor!«, rief van Guden, sich an seine Leute wendend.

Aus einer Dschunke ward der gefesselte Marquis Chaushilm an Land gebracht. Er sah bleich aus, und sein Haar hing wirr um den Kopf, aber kein Zucken seiner Gesichtsmuskeln verriet, dass er sich fürchte, sein Auge war nicht getrübt, und als er jetzt, durch das Benehmen der Chinesen aufmerksam gemacht, den Horizont musterte, da blitzte es plötzlich freudig auf, er hatte den andampfenden ›Amor‹ bemerkt.

Er wusste wohl, um was es sich handelte, wovon seine Rettung abhing.

Kamen seine Freunde der Aufforderung van Gudens nach, fuhren sie nach dieser Insel und nahmen sie zur bestimmten Zeit einzeln den Schwertkampf mit ihm auf, so war sein Leben, vorläufig wenigstens, gesichert. Wurde der Holländer besiegt, so waren sie alle frei, wurde er ihrer Meister, hatte er sie alle entwaffnet, dann lag ihr Leben in seiner Hand.

Vorläufig hatte er also noch Hoffnung; dass seine Freunde ihn nicht im Stiche ließen, das hatte er bestimmt erwartet, nur zitterte er dafür, dass sie nicht zur rechten Zeit kämen, denn schon begann die Sonne zu sinken, und noch vor Sonnenuntergang sollten sie hier sein, sonst war das Leben des Herzogs verwirkt.

Er wusste noch nicht, dass dieser Holländer ein so guter Fechter war, er kannte nur das Schicksal von dessen Vater, und hatte erfahren, dass van Guden unter den chinesischen Piraten einen unaufhörlichen Krieg gegen die Engländer führte. Als er von der Herausforderung und den Bedingungen, welche sich an die Erhaltung seines Lebens knüpften, erfuhr, atmete er erleichtert auf, er schöpfte neuen Mut.

Mochte der Holländer auch ein guter Fechter sein, vielleicht gab es unter seinen Freunden noch bessere, denn er wusste zum Beispiel von Lord Harrlington und Lord Hastings, dass beide in dieser Kunst ihresgleichen suchten.

Es kam nur darauf an, mit welchen Waffen der Kampf stattfinden sollte. Konnte Lord Harrlington sich diese wählen, dann zweifelte Chaushilm nicht daran, dass sein Freund, der aus allen Sportskämpfen zu England, welcher Art sie auch sein mochten, als Sieger hervorgegangen war, auch diesmal seinem Gegner überlegen sein würde.

Marquis Chaushilm wurde vor van Guden geführt.

»Wer hat Sie gebunden?«, fragte der Holländer auf Englisch.

Chaushilm deutete mit dem Kopf auf den kleinen Chinesen, der neben dem Holländer stand. Van Guden warf diesem einen finsteren Blick zu, zog seinen Dolch aus dem Gürtel und durchschnitt die Bande, die des Herzogs Hände auf dem Rücken fesselten.

»Freuen sie sich«, fuhr er dann fort, »dass Sie solche Freunde besitzen, die Sie in der Gefahr nicht verlassen! Es sind Ehrenmänner, ich will den Hass, den ich gegen Euch Engländer trage, nicht durch feige Rachsucht kühlen. In offenem Kampfe, Mann gegen Mann, will ich mich mit ihnen messen und mich ebenfalls als Ehrenmann erweisen.

Unterdes war der ›Amor‹ herangekommen. Langsam fuhr er durch den natürlichen Kanal in das Becken, die Herren standen an Deck und betrachteten misstrauisch die acht Dschunken und die vielen Menschen an Land. Aber jetzt war es zu spät, umzukehren, sahen sie doch auch ihren Freund ungefesselt zwischen den Chinesen stehen, sie wussten wohl, dass, wenn sie der durch van Guden an sie ergangenen Herausforderung nicht nachkamen, das Leben des Herzogs verwirkt war.


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Sie zögerten nicht, der ›Amor‹ wurde an eine freie Stelle des Hafens gesteuert, die Anker rasselten herab, die Herren sprangen ans Land und wurden sofort von den Chinesen umringt, welche einen Halbkreis bildeten.

In diesen trat jetzt van Guden.

»So seid ihr also meiner Einladung gefolgt«, begann er, »ich habe es nicht anders von euch erwartet.«

Aus der Schar der 26 Herren trat Lord Harrlington, maß den vor ihm stehenden Holländer, von dem er schon so vieles Seltsame hatte erzählen hören, mit scharfen Blicken und nahm für seine Gefährten das Wort.

»Wohl sind wir deiner Aufforderung, für das Leben unseres Freundes mit dir einen Zweikampf aufzunehmen, nachgekommen, und damit du siehst, dass wir durchaus ehrliche Menschen sind, so teilen wir dir offen vorher mit: Wir sind nicht alle, die sich sonst an Bord des ›Amor‹ befanden.«

Des Holländers Augenbrauen zogen sich finster zusammen.

»Nur ein einziger fehlt, Mister John Davids.«

Schon bei Nennung dieses Namens klärte sich die Stirn des Piraten, und als er erfuhr, dass die übrigen Engländer selbst äußerst bestürzt über das Fernbleiben dieses Herrn waren, gab er sich zufrieden.

»So seid ihr gewillt, euch mit mir im Zweikampf mit dem Schwert zu messen, einer nach dem anderen?«, fragte der Pirat.

»Wir sind es«, riefen die Herren, die dem entfernt stehenden Marquis freundliche Grüße zugewinkt hatten.

»Seid ihr mit den euch gestellten Bedingungen zufrieden? Nehmt ihr sie an?«

»Auch das!«

»Versprecht ihr, im Falle, dass ich euch alle besiege, keine verborgenen Waffen zu gebrauchen, um euch euren Verpflichtungen zu entziehen, das heißt, um euch zu befreien und so den Vertrag zu verletzen?«

»Wir tun es«, versicherte Lord Harrlington bestimmt.

»Gut, so wählt unter euch einen Mann, der in der Führung des Schwertes am besten bewandert ist, er soll mit mir den Kampf beginnen.«

»Noch eins!«, unterbrach ihn Lord Harrlington. »Noch hast du uns nicht mitgeteilt, mit welcher Waffe der Zweikampf stattfinden soll.«

»Mit dem Schwert, ich habe es schon gesagt.«

»Es gibt aber verschiedene Arten von Schwertern und Säbeln, ihre Handhabung ist eine verschiedene.«

»Natürlich mit diesem hier!«, rief der Holländer und schlug dabei kräftig an sein Schwert.

»Natürlich? Ich wusste nicht, dass diese Sorte Schwerter oder Säbel bestimmt werden sollte. Wir sind nicht mit der Führung des krummen, chinesischen Schwertes bekannt. Aber damit du siehst, dass wir selbst mit einer Waffe, die wir noch gar nicht in der Hand gehabt haben, unseren Mann stellen können, so nehmen wir die Bedingungen an.«

»Tun Sie es nicht«, flüsterte Lord Hastings seinem Freunde zu, »dieser Holländer ist jedenfalls von Jugend auf darin geübt, er ist sehr stark gebaut, und die Fechtart mit dieser Waffe ist jedenfalls eine ganz andere, als die mit dem Rapier oder Degen, worin wir Übung besitzen.«

»Lassen Sie mich!«, lächelte Harrlington. »Sie wird nicht viel anders sein, als die mit dem Pallasch, und den weiß ich zu führen. Sollte dieser Holländer auch ein besserer Fechter sein, als ich, er wird mir nicht viel tun können.«

»Wer will sich zuerst mit mir im Zweikampf mit dieser Waffe messen?«, fragte der Holländer und ließ seine Augen im Kreise herumwandern.

»Ich selbst«, antwortete Harrlington.

Van Guden maß mit langen Blicken die schlanke, fast zierliche Gestalt des Lords, und er konnte ein spöttisches Lächeln kaum verbergen, das um seine Mundwinkel zuckte.

»Gut«, sagte er dann, »so sind Sie der erste. Wir brauchen keine Vorbereitungen zu treffen oder uns gegenseitige Versprechen abzunehmen. Alle Hiebe, alle Finten sind erlaubt, es gilt, den Gegner kampfunfähig zu machen oder ihn zu entwaffnen. Wen dieses Geschick trifft, der gibt sich verloren und lässt sich willig von meinen Leuten binden, ohne dass die anderen Herren dagegen Einspruch erheben. Sind die Herren damit einverstanden?«

»Wir sind es«, antworteten alle einstimmig, aber aus den Mienen einiger konnte man lesen, dass sie um den Ausgang eines solchen Zweikampfes Besorgnis hegten. Niemand von ihnen hatte jemals ein chinesisches, sehr stark gekrümmtes Schwert geschwungen, und dieser Holländer musste darin jedenfalls außerordentlich geübt sein, denn er trat mit großer Sicherheit auf, und die umstehenden Chinesen zogen spöttische Gesichter.

»So lasst uns den Kampf beginnen!«, sagte der Holländer. »Werde ich besiegt, so seid ihr alle frei, ihr könnt auf dem ›Amor‹ fortfahren. Ich schwöre euch dies bei meiner Ehre, Bezwinge ich euch alle, einen nach dem anderen, so ist euer Leben mir verfallen. Nur einen, den ich auswähle, schicke ich mit dem ›Amor‹ nach Scha-tou, damit er von dem Tode seiner Freunde erzählen kann.«

Die Engländer zogen sich etwas zurück und bildeten einen Halbkreis um die beiden, welche ihre Kunstfertigkeit im Fechten messen wollten, während die Chinesen, auch der kleine, sich sonderbarerweise gar nicht um den interessanten Zweikampf kümmerten, sondern sich dicht am Uferrand hielten, eifrig miteinander sprachen und dabei bald nach den Engländern, bald nach dem ›Amor‹ blickten, auf welchem sich nur noch Hannibal, der erkrankte Snatcher und die sechs Heizer befanden.

Van Guden hatte zwei gleiche Schwerter bei sich, sein eigenes und das dem kleinen Chinesen gehörige. Er bat Lord Harrlington, eins zu wählen, und dieser ergriff das erste beste, er misstraute dem Holländer nicht, entledigte sich seines Überrockes und nahm mit ruhiger Miene seinen Platz ein, im Gegensatz zu den Übrigen, die vor Aufregung zitterten und mit besorgten Augen diesen Vorbereitungen ihres Freundes zusahen.

Eine Minute später klirrten die Schwerter zusammen, der Zweikampf hatte begonnen.

Mit Entsetzen bemerkten die Engländer sofort, dass der Holländer ihrem Freunde weit überlegen war, sein Schwert sauste fort und fort in allen Richtungen nach dem Kopf des Gegners. Doch wunderbarerweise war es allen erst vorgekommen, als hätte er anfangs nur versucht, dem Gegner die Waffe durch eine geschickte Bewegung aus der Hand zu schlagen, da ihm dies aber nach wiederholten Bemühungen nicht gelungen war, versuchte er jetzt, diesen ausgezeichneten Fechter schnell zu töten. Van Guden hatte allerdings nicht geglaubt, in dieser zierlichen Gestalt einen so guten Fechter zu finden, der allen seinen Kniffen geschickt zu begegnen imstande war. Aber es war natürlich, dass die Herren selbstverständlich unter sich den ausgesucht hatten, der den Säbel am besten zu führen verstand.

Doch Harrlington war ihm auch an Geschicklichkeit gewachsen, nur an Kraft konnte er ihm nicht gleichen, und so änderte der Holländer schon nach der ersten Minute seine Fechtweise. Statt geschickte Hiebe und Finten anzuwenden, um jenem die Waffe aus der Hand zu schleudern, ging er jetzt zum heftigsten Angriff über, ohne sich aber selbst eine Blöße zu geben.

Aber Harrlington hätte auch gar keine Gelegenheit gefunden, selbst zum Angriff überzugehen, er hatte genug zu tun, die furchtbar kräftigen Hiebe dieses starken Mannes aufzufangen, die wie Hagel so dicht auf ihn herabregneten. Er musste seine ganze Kraft aufbieten, sich die Parade, das heißt das zum Schutz über den Kopf gehaltene Schwert nicht durchschlagen zu lassen, und musste außerdem noch fortwährend die schwere Waffe hin- und herschwingen, um die Seitenhiebe aufzufangen.


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Van Guden wurde immer heftiger, es war das erste Mal, dass ihm ein Gegner so lange standhielt. Diesem wenigstens wollte er den tödlichen Streich versetzen, mit den anderen, dachte er, leichtes Spiel zu haben.

Harrlington dagegen bewahrte seine Ruhe vollkommen; stets klirrte das Schwert des Holländers gegen das seine, doch bemerkten seine Freunde immer mehr, dass sich seine Bewegungen verlangsamten, sein Arm ermüdete unter der Last des mächtigen Stahles, ohne dass er nur die geringste Gelegenheit fand, selbst einmal angreifend vorzugehen.

Endlich musste er doch so ermattet sein, dass er den wuchtigen Schlägen nicht mehr standhalten konnte, ein mächtiger Schlag schien ihm die Klinge aus der Hand zu schleudern, die rechte war plötzlich leer, und doch wurde dem Schwerte des Holländers begegnet.

Lord Harrlington hatte die Waffe gewechselt, er focht mit der linken Hand weiter und zwar ebenso geschickt, wie mit der rechten, jetzt sogar mit erneuter Kraft, denn diese war vollständig ausgeruht.

Ein Jubelschrei erhob sich unter den Engländern, als sie merkten, dass ihr Freund mit der linken Hand ebenso gut, wie mit der rechten, zu fechten verstand, eine Kunst, die sich viele anzueignen suchen, und jetzt erinnerten sie sich auch, dass Lord Harrlington gewöhnt war, beide Hände ohne Vorzug zu gebrauchen. Er konnte ebenso links schreiben, Billard spielen und so weiter, wie rechts.

So war neue Hoffnung, dass er den Kampf gewann, denn er konnte ja abwechselnd fechten und den einen Arm immer ausruhen lassen, des Holländers Kraft musste doch einmal bei diesen wuchtigen Hieben nachlassen, und dann konnte der Lord zum Angriff übergehen.

Der Holländer war erst vollständig verblüfft über dieses Manöver, es war das erste Mal, dass er eine solche Geschicklichkeit an jemandem wahrnahm, und fast wäre es Harrlington gelungen, ihm eine Wunde beizubringen, hätte er sich nicht schnell wieder aufgerafft und die Verteidigung aufgenommen.

Aber mit der ersten Fechtart war es jetzt vorbei.

Van Guden war nicht gewohnt, mit einem Gegner zu fechten, der die Waffe links führte, Lord Harrlington war es dagegen vollständig gleichgültig, ob der Holländer links oder rechts focht, und so war er bedeutend im Vorteil.

Jetzt wendete sich das Blatt, nun war es Harrlington, welcher angriff, und der Holländer, welcher sich nur mit Mühe decken konnte.

Immer schneller und geschickter wusste der Lord seine Waffe zu führen, bald holte er zum gewaltigen Schlage aus, um das Schwert dann schnell von der Seite zu schwingen, und plötzlich unterbrach er sich mitten im Schlag und suchte dem Holländer einen Stich beizubringen.

Die Engländer frohlockten. Nicht lange konnte es mehr dauern, und Lord Harrlington hatte den Holländer ermüdet, denn dieser konnte sich seines Angreifers kaum noch erwehren, umso weniger, als der Lord jetzt fortwährend seine Waffe aus einer Hand in die andere spielen ließ.

Kein Zuschauer des Kampfes hatte darauf geachtet, was während dieser Zeit die Chinesen am Ufer getrieben hatten, sie alle trauten dem Worte des Holländers, dass der ›Amor‹ sicher sei.

Da plötzlich erscholl von der der Einfahrt gegenüberliegenden Seite eine helle Frauenstimme. Aller Augen wandten sich dorthin, und mit Erstaunen erkannten sie Miss Petersen, die sich mit allen ihren Freundinnen der Gruppe näherte.

Niemand hatte bemerkt, wenigstens keiner der Engländer, dass die ›Vesta‹ an die Insel gesegelt und an der südlichen Seite vor Anker gegangen war. Mittels einiger Bretter war es den Damen gelungen, das Land zu betreten, und groß war ihre Verwunderung, hier alle Herren des ›Amor‹ zu finden, und noch dazu Lord Harrlington im Zweikampfe mit einem Chinesen!

Auch van Guden hatte gestutzt, als der Ruf einer Frauenstimme an sein Ohr schlug, er vergaß einen Augenblick seine Vorsicht, schnell wollte er das Versäumte nachholen, aber es war zu spät — wie eine Schlange wand sich das krumme Schwert des Lord um das seine, und ehe der Holländer es hindern konnte, war es aus seiner Hand gerissen und flog in großem Bogen über die Köpfe der Engländer durch die Luft.

* * * * *

II.38. Der Raub der Schiffe

»Frei!«, rief Lord Harrlington und ließ erschöpft den Arm mit der Waffe sinken. »Mijnheer Klaas van Guden, ich erinnere Sie an Ihr Wort, als das eines Edelmannes. Erklären Sie sich für besiegt?«

Der Holländer nahm jetzt ebenso wenig Notiz von den ankommenden Damen, die schnell über das Vorgefallene aufgeklärt wurden, wie der Lord selbst. Er schlug die Arme über die Brust und starrte den Sieger ingrimmig an.

»Ich habe verloren, Sie haben gesiegt!«, knirschte er. »Warum zögern Sie? Stoßen Sie zu!«, rief er dann heftig mit plötzlich hervorbrechender Wildheit. »Mein Leben gilt mir nichts mehr.«

»Ich schone Ihr Leben«, entgegnete Harrlington. »Sie haben sich wie ein Ehren- und Edelmann betragen; Sie hatten Ihr Wort gehalten, also ist es auch meine Pflicht, mich als solchen zu erweisen. Geben Sie uns Marquis Chaushilm, lassen Sie uns den ›Amor‹ besteigen und wegfahren, und nie mehr sollen sich unsere Wege kreuzen. Aller Welt werde ich erzählen, wie sich van Guden uns gegenüber betragen hat, und nie werde ich dulden, dass man ihn ungerecht beschuldigt.«

Der Holländer wendete finster den Kopf dem Becken zu, wo er seine Leute und die Dschunken vermutete, aber plötzlich wurden seine Augen starr, sie wollten aus den Höhlen treten; stumm deutete er nach dem Hafen, und als man dieser Richtung folgte, stießen auch alle anderen Rufe des Schreckens aus.

Nur noch zwei Dschunken schaukelten auf dem Wasser, der ›Amor‹ und die anderen sechs Dschunken waren weg und jedenfalls auch alle Chinesen auf ihnen, denn keinen derselben konnte man am Lande bemerken. Sie waren alle so mit dem Ausgange des Zweikampfes beschäftigt gewesen, dass niemand darauf geachtet hatte, wie die Chinesen nicht nur ihre eigenen Dschunken bestiegen, sondern auch die auf dem ›Amor‹ zurückgebliebenen Diener hinterlistig überwältigt hatten und dann durch den Kanal des Hafenbeckens gefahren waren.

Noch hatte man sich nicht von diesem Schrecken erholt, als plötzlich die Leute laut aufkreischten, welche etwas höher standen. Alle sprangen schnell nach der erhöhten Stelle, und da sahen sie, was die Chinesen unterdessen unternommen hatten.

Sie waren um die Insel herumgefahren, hatten dort die ›Vesta‹ vorgefunden oder vielleicht sich absichtlich nach dieser begeben, sie bestiegen, und beschäftigten sich eben damit, Segel zu setzen und die Anker zu lichten und das Schiff mit Stangen vom Lande zu schieben.

In wilder Flucht stürzte alles dahin, voran der Holländer, vor Wut außer sich. Aber selbst er kam zu spät. Fast schien es, als wolle er sich ins Meer stürzen, mit solchem Anlauf rannte er dem Ufer zu, und eben vor dem Abgrund hemmte er seinen Fuß — es war ihm nicht mehr möglich, mit einem kühnen Sprunge die abgestoßene ›Vesta‹ zu erreichen.

In einiger Entfernung sah man den ›Amor‹, aus dessen Schornstein schon eine Rauchwolke aufstieg, hinter ihm her kamen vier Dschunken unter vollen Segeln, und zwei andere lagen vor der ›Vesta‹; sie hatten die Chinesen nach diesem Schiffe gebracht und setzten ebenfalls Segel.

»Nach den Dschunken!«, brüllte der Holländer und wandte sich in eiligem Lauf wieder nach rückwärts. »Ihnen nach, diesen verfluchten Hunden, die mich zum Meineidigen machen wollen! Schnell, jede Sekunde ist kostbar!«

Alle, die Engländer, wie die Mädchen befolgten seinen Rat. Wieder eilte alles in wilder Hast nach dem Hafenbecken, im Nu waren sie auf den beiden elenden Fahrzeugen und stießen sie in den Kanal, um draußen auf offenem Meere Segel zu setzen.

Aber was konnten sie mit diesen erbärmlichen Dschunken und bei dem guten Winde gegen die schnellsegelnde ›Vesta‹ und gar gegen den ›Amor‹ machen? Sie verstanden nicht einmal, mit den aus Bast geflochtenen Segeln umzugehen, wie solche auf den Dschunken gebräuchlich sind, sie wussten nicht einmal mit der seltsamen Takelage Bescheid, und ebenso versuchten sie vergebens, die langen Riemen zu gebrauchen — sie hatten keine Übung in der Handhabung derselben, so oft es ihnen der Holländer auch durch eigenes Beispiel zu zeigen suchte.

Mit Mühe segelten sie um die Insel herum, und Flüche, Verwünschungen und Seufzer wurden laut, manches Mädchens Auge füllte sich mit Tränen der Wehmut, manches der Engländer mit denen der Wut, wie sie den ›Amor‹ und die ›Vesta‹ sich immer weiter entfernen sahen.

Die Chinesen verstanden recht gut, die sorgfältig in stand gehaltene und geordnete Takelage der beiden Schiffe zu bedienen, ebenso waren sie jedenfalls auch damit bekannt, wie sie die Kessel zu feuern hatten, denn der ›Amor‹ dampfte, oder vielleicht zwangen sie die Heizer, die Kessel und die Maschinen zu bedienen. Die Damen und Herren hatten sich so auf die beiden Dschunken verteilt, wie es ihnen der Augenblick gerade gestattet hatte, nur war darauf einigermaßen gesehen worden, dass beide Fahrzeuge möglichst gleichmäßig belastet worden waren. Also befanden sich auf jeder Dschunke beide Geschlechter gemischt.

Der Holländer war außer sich vor Wut; wenn er auch nicht in Verwünschungen über die eigenmächtige Handlung, über den Verrat seiner Leute ausbrach, so konnte man ihm doch ansehen, welch grenzenloser Zorn in seinem Innern kochte.

Er stand mit geballten Fäusten am Bug, die Zähne so fest auf die Unterlippe gepresst, dass das Blut daraus hervorrann, und ebenso waren die starr auf die davonsegelnden Schiffe gerichteten Augen mit Blut unterlaufen.

Als ihn Lord Harrlington an der Schulter berührte, um ihm etwas zu sagen, fuhr er heftig herum und rief:

»Halten Sie mich für einen Meineidigen? Glauben Sie, dass dieser Verrat auf mein Anstiften ausgeführt worden ist? Meine Hand soll verdorren, wenn ich sie eher ruhen lasse, als bis alle jene Verräter durch sie gefallen sind! Galt mir mein Leben bis jetzt nichts, nun ist es mir wertvoll geworden.«

»Ich glaube Ihnen«, entgegnete Harrlington, »ich weiß, dass die Piraten gegen Ihren Willen gehandelt haben.«

Er versuchte vergebens, von dem Holländer zu erfahren, ob er nicht einen Rat wüsste, wie man die Räuber fangen könnte, vielleicht durch eine List, oder ob er ihre Schlupfwinkel kenne, nach denen sie sich jetzt begeben würden — van Guden schien taub zu sein, er starrte nur nach den sich immer mehr entfernenden Dschunken und öffnete den Mund, um die Chinesen zu verfluchen und seine Unschuld zu beteuern.


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»Dort ist wieder das Schiff, welches uns heute schon den ganzen Tag verfolgt hat und uns erst vor etwa zwei Stunden verloren hat«, rief plötzlich Ellen und deutete auf einen Dampfer, der von Norden aufkam.

Ellen befand sich auf derselben Dschunke mit Harrlington und dem Holländer, und wie gewöhnlich, so zeigte sie gerade jetzt, wo die Aufregung bei den anderen am höchsten war, die größte Ruhe und Besonnenheit.

Es war nur ein kleiner Dampfer, fuhr aber gut. Schnell näherte er sich den beiden Dschunken, und es war zu erwarten, dass er in einer halben Stunde sie eingeholt hatte.

»Haben Sie Signalflaggen an Bord?«, fragte Harrlington den Holländer. »Dann können wir ihn zur schleunigen Hilfe herbeirufen.

Van Guden schüttelte stumm den Kopf. Was wussten die Chinesen, die nur von Raub lebten, von diesem Hilfsmittel zivilisierter Nationen?

»Dann schnell den Ball und Wimpel«, rief Ellen, »vielleicht beobachtet er uns.«

Schon saß Williams oben auf einer der zerbrechlichen Rahen, schwenkte hastig ein rotes Tuch hin und her, streckte einen Arm aus und hielt darunter seine Mütze.

Unter den Seeleuten existieren noch sehr einfache Hilfsmittel, mit denen sie einen Wunsch ausdrücken können, und die allen verständlich sind.

Dazu gehören der Ball und die Wimpel.

Je nachdem unter einem im Winde flatternden Wimpel ein Ball links, rechts oder in der Mitte oder über dem Wimpel gehalten wird, entstehen sechs Gruppierungen, die siebente dadurch, dass er an der Spitze erscheint, und jede Stellung hat eine verschiedene Bedeutung, zu deren Ausdruck durch den Semaphor oder durch die Signalflaggen lange Zeit gebraucht werden würde.

So bedeutet zum Beispiel überall, wo nur ein Mast sich emporreckt, der Ball mitten unter dem Wimpel: »Wir brauchen sofort Hilfe«, und kein Schiff darf diesen Notruf unberücksichtigt lassen.

Aber es ist nicht erforderlich, dass man gerade eine Flagge und einen Ball benutzt, der Matrose im verschlagenen Boote streckt einfach den Arm aus und hält die Mütze darunter, und wenn das Verstandenzeichen auf dem Schiffe hochgeht, dann weiß er bestimmt, dass in demselben Augenblicke der Kapitän die Kommandos gibt, vom Kurse abzuweichen und auf das einsame Boot zuzuhalten.

Desselben Mittels bediente sich auch Williams.

Mehrere Male wiederholte er dieses Notsignal, denn die Entfernung des Dampfers war noch eine große. Aber nicht lange dauerte es, so erschien an dessen hinterster Rah ein buntes Läppchen, und wenn man die Farben auch wegen Mangels eines Fernrohres noch nicht erkennen konnte, so wusste doch ein jeder, dass es ein Verstandenzeichen war.

Wirklich verwandelte sich die erst graue Rauchwolke, die aus dem Schornstein stieg, bald in eine gänzlich schwarze, der kleine Dampfer hielt mit aller Kraft auf die Dschunken zu, dann wurden sogar glühende Kohlen herausgeschleudert, und noch waren keine fünfzehn Minuten verstrichen, da lag der Dampfer längsseits einer Dschunke.

»Mister Davids«, rief Harrlington in grenzenlosem Erstaunen. »Sie hier?«

Es war keine Zeit dazu, die Anwesenheit des Engländers auf dem fremden Dampfer zu erklären. Alle ahnten, dass Mister Davids nicht zufällig hierherkam. An Bord des Dampfers waren außer der gewöhnlichen Mannschaft noch alle Matrosen eines Schiffes, welches zur Zeit leck in Scha-tou gelegen hatte; — zusammen mochten es wohl vierzig Mann sein.

In weniger denn einer Minute waren alle Herren und Damen an Bord dieses Dampfers, den Holländer mit inbegriffen, und wieder ging es unter vollem Dampf den fliehenden Schiffen nach.

Aber bald musste man bemerken, dass man den ›Amor‹ nicht einholen konnte, er dampfte schneller, und mit Wehmut sahen die Herren, wie ihr schmuckes Fahrzeug trotz der schnellsten Fahrt sich weiter und weiter von ihnen entfernte.

Der ›Vesta‹ dagegen näherte man sich schnell. Sie hatte einen anderen Kurs eingeschlagen, sodass sie jetzt fast mit dem Winde segelte, ihn also hinter sich hatte, und auch die Dschunken änderten ihre Richtung, indem sie sich zerstreuten. Der kleine Dampfer hielt vorläufig nur auf die ›Vesta‹ zu, denn man konnte einstweilen nur sie den Piraten mit Sicherheit abnehmen.

»Haben Sie Waffen an Bord?«, fragte Lord Harrlington Mister Davids.

Es waren wirklich solche vorhanden, wenigstens genug, um alle vierzig Matrosen bewaffnen zu können, doch wurden sie jetzt so verteilt, dass die besser schießenden Herren und Damen die Gewehre bekamen, so weit sie ausreichten und die Matrosen mit Entersäbeln und Handspiken ausgerüstet wurden, denn geentert musste die ›Vesta‹ doch werden. Alle dürsteten nach Rache, kaum konnten sie warten, bis die Planken des Dampfers die ›Vesta‹ berührten, damit sie ihren Zorn über den frechen Raub an den Chinesen kühlen konnten, und derjenige, der vor Verlangen nach dieser Revanche am ganzen Körper zitterte, der wie ein wildes Tier am Deck hin- und herlief, war van Guden.

Auf der ›Vesta‹ selbst war der Freudenjubel, den die Chinesen zuerst gezeigt hatten, als ihnen die Entführung des Damenschiffes gelungen war, verstummt, dagegen herrschte ein unruhiges Hasten und Geschnatter, denn die ungefähr fünfzig Chinesen, die an Deck umherrannten, konnten sich die traurige Lage nicht verhehlen, in die sie durch Ankunft des schnellen Dampfers geraten waren.

Schon war dieser so nahe heran, dass sie die unheilverkündenden Gesichter der Gegner sehen konnten. Ängstlich liefen die Zopfträger hin und her, schnatterten, schrieen und deuteten nach dem Dampfer, versuchten den Wind noch besser abzufangen, aber es half ihnen alles nichts, in wenigen Minuten musste der Dampfer sie erreicht haben.

Sie bereiteten sich also vor, eine Enterung abzuschlagen, das heißt, sie stellten sich auf die Seite, wo der Dampfer anlegen musste, und erwarteten mit dem Mute der Verzweiflung die Ankommenden, ohne Aussicht auf Erfolg zu haben.

»Die gefangenen Piraten sind nicht unter ihnen«, sagte Ellen, welche schon kurz erzählt, wie sie die angeblich Schiffbrüchigen überwältigt hatten, »entweder sind die Gebundenen noch gar nicht von ihnen entdeckt worden, oder, was wahrscheinlicher ist, diese schlauen Menschen haben sich nach ihrer Befreiung schnell auf den ›Amor‹ oder auf eine Dschunke begeben, um dem Schicksal dieser, welches sie ahnten, zu entgehen.«

»Feuer!«, erklang es da aus Lord Harrlingtons Munde.

Er hatte der flehentlichen Bitte des Holländers, keinen Schuss zu tun, sondern die ›Vesta‹ mit der blanken Waffe zu entern, nicht nachgegeben.

Eine Salve aus Büchsen und Revolvern erkrachte auf dem Dampfer, und gleichzeitig erscholl ein fürchterliches Wehegeheul auf dem anderen Schiffe.

Fast jede Kugel hatte getroffen; wer nicht über Bord ins Wasser gestürzt war, wer nicht mit seinem Blut das Deck der ›Vesta‹ färbte, der lag auf den Knien und bat wimmernd um Gnade.

Van Guden war der erste, welcher hinübersprang, noch ehe die beiden Schiffe zusammenlagen, und vergebens folgten ihm sofort einige Herren, um ihn an einer Grausamkeit an den noch lebenden Chinesen zu hindern. Ehe sie ihn erreichten, hatte der wütende Holländer sie alle ins Meer hinabgeschleudert, eine Beute der Haifische, die in zahlreichen Scharen das Schiff umschwärmten.


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In einigen Minuten war nicht ein einziger Chinese mehr an Deck zu sehen, tot, verwundet oder lebendig — alle mussten sie über Bord wandern.

Die Vestalinnen blieben auf ihrem Schiffe, die Herren dagegen, wie der Holländer, hatten sich schon wieder auf den Dampfer begeben, um die Verfolgung fortzusetzen. Konnten sie auch den ›Amor‹ jetzt nicht einholen, die Besatzung der Dschunken wollten sie doch wenigstens züchtigen.

Um das Schicksal des ›Amor‹ waren sie nach reiflicher Überlegung nicht so besonders besorgt. Diese chinesischen Piraten konnten nicht viel mit ihm anfangen, das einzige war, dass sie ihn ausplünderten und dann liegen ließen, das schlimmste, dass sie ihn anbohrten; aber zu ihrem nichtswürdigen Handwerk konnten sie ihn nicht verwenden, sie hätten bald die Kriegsschiffe hinter der bekannten Brigg gehabt.

Dennoch zitterten alle vor Wut, wenn sie an diese verruchten Chinesen dachten, von deren verbrecherischen Händen jetzt ihr schmuckes Fahrzeug bedient wurde. Lieber hätten sie es mit eigenen Kugeln in den Grund geschossen, als dass sie zusehen mussten, wie es sich weiter und weiter entfernte. Und dazu bemerkten sie noch, wie höhnisch sich die auf ihm befindlichen Chinesen benahmen.

Sie standen auf den Rahen oder am Heck und winkten schadenfroh mit Tüchern, als wünschten sie den Besitzern der Brigg ein Lebewohl.

»Lasst sie sich freuen«, tröstete Lord Harrlington. »Für uns ist die Hauptsache, dass wir unseren Freund wieder bei uns haben!«

Zwei andere Dschunken wurden noch genommen, der Holländer hauste wie ein Wütender unter der dicht aneinandergedrängten Besatzung. Er ließ sein Schwert und den Dolch nicht eher ruhen, als bis kein einziger Chinese mehr am Leben war. Sein ganzer Hass schien sich mit einem Male von den Engländern abgelenkt und auf diejenigen geworfen zu haben, welche ihn als Ehrlosen brandmarkten.

Vom ›Amor‹ war nicht mehr viel zu sehen, man konnte noch eben die Mastspitzen über dein Horizont erkennen.

Da tauchten plötzlich neben ihm die Masten eines anderen Schiffes auf, das bedeutend höher als der ›Amor‹ war. Erst glaubte man, man würde dem vermeintlichen Segelschiff begegnen, aber es musste seinen Kurs geändert haben, denn die Masten wuchsen nicht aus dem Meere empor, sie hielten sich vielmehr in gleicher Höhe mit denen des ›Amor‹, nur dass sie sich diesem genähert hatten.

»Das ist ja rätselhaft!«, rief Ellen. »Erst fährt uns dieses Schiff entgegen und wendet sich dann dicht neben dem ›Amor‹ wieder rückwärts, mit diesem gleiche Fahrt haltend.«

»Ich glaube kaum, dass der ›Amor‹ fährt, ebenso wenig wie das andere Schiff«, entgegnete Harrlington, die Schiffe oder vielmehr die Masten durch das Fernrohr betrachtend. »Meiner Meinung nach liegen beide still. Wenn die Masten nicht größer werden, so kommt es daher, weil wir nicht ihren Kurs gefahren sind, sondern seitlich hinter den Dschunken her.«

Auch die Übrigen waren derselben Meinung, und es wurde einstimmig beschlossen, statt die Dschunken weiter zu verfolgen, sich von dem Treiben dieser beiden Schiffe zu überzeugen. Es war ja leicht möglich, dass jenes fremde Schiff mit den hohen Masten ein Kriegsschiff war, etwa eine hochgetakelte Kreuzerkorvette; und dass diese auf die stattliche Brigg mit der langbezopften Bemannung aufmerksam geworden war und sie näher untersuchte.

Der Dampfer richtete den Steven also nach dem ›Amor‹. Jetzt wurden die Masten länger; aber noch ehe die Rümpfe der beiden Schiffe sichtbar wurden, konnte man sehen, dass sich das fremde Schiff wieder entfernte, und zwar sehr schnell, denn bald verschwand es den Augen der Nachsehenden.

Der ›Amor‹ dagegen blieb liegen — seine Segel waren gerefft.

»Gerade wie damals bei der ›Vesta‹ in der Nähe von Ceylon«, flüsterte Ellen ihrer Freundin Johanna zu. »Diesmal haben wir das geheimnisvolle Schiff aber gesehen. Ich bin begierig, ob es auch diesmal die gleiche Arbeit verrichtet hat.«

Auch unter den Herren entstand die Vermutung, erst im Spaße ausgesprochen, dann aber in Ernst übergehend, ob jenes Fahrzeug nicht das sogenannte Geisterschiff gewesen sein könne, das schon mehrere Male zu Gunsten ihrer beiden Schiffe rettend eingegriffen.

Es war kein Zweifel, der ›Amor‹ lag still, die Segel waren aufgerollt und die Feuer unter den Kesseln ausgelöscht. Leben war an Bord nicht zu bemerken, wenigstens jetzt noch nicht, dazu war die Entfernung zu groß.

Nach einer Viertelstunde lag der Dampfer neben dem ›Amor‹ — das Deck war über und über mit den Leichen der Chinesen bedeckt.

Aber wie sie die toten Körper auch untersuchten — nichts verriet, wodurch sie den Tod gefunden hatten. Weder eine Schuss- oder Stichwunde war an ihnen zu sehen, noch gab irgend etwas Anhalt, dass sie mit einem harten Gegenstand niedergeschlagen worden wären — die Leichen waren vollständig unverletzt.

Auch im Zwischendeck fand man einige Tote, und unter ihnen, zum großen Schmerze aller, auch den treuen Hannibal und die sechs Heizer. Selbst Snatcher lag entseelt in seinem Krankenbett.

»Das rätselhafte Schiff hat uns diesmal einen schlechten Dienst erwiesen«, klagte Lord Harrlington, »es wäre mir lieber gewesen, der ganze ›Amor‹ wäre verloren gewesen, als dass wir hier die Leichen unserer Freunde vorfanden.«

Ein Ausruf der Überraschung unterbrach ihn, Johanna hatte ihn ausgestoßen.

»Dieser Mann ist nicht tot«, rief sie und deutete auf einen am Boden liegenden Heizer, »seine Brust hebt und senkt sich, er atmet.«


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Alle überzeugten sich von der Wahrheit dieser Behauptung, gleich darauf wurde dasselbe an den anderen Heizern, an Hannibal und Snatcher wahrgenommen, sie wurden an Deck getragen, und schon, als man sie etwas zu reiben begann, kehrte das Leben zurück — sie waren nur bewusstlos gewesen. Ihre erst verwirrt klingenden Antworten wurden bald klarer, aber dennoch konnten sie keine Mitteilung machen, wie alles gekommen war, und auf welche Weise sie betäubt wurden, ohne es zu merken.

Sie wären alle unter Deck gewesen, die Heizer, ja sogar Hannibal, wären gezwungen worden, vor den Feuern zu arbeiten, als plötzlich oben an Deck ein heftiges Laufen und Schreien entstanden wäre, das aber nur eine Minute gewährt hatte. Plötzlich hätten sie, ehe sie sich nur über den Grund dieser Aufregung orientieren konnten, eine übergroße Müdigkeit verspürt, und sie wären wie berauscht zu Boden gesunken, weder ihrer Glieder, noch ihrer Gedanken mächtig.

Alle schüttelten über diese sonderbare Erzählung die Köpfe, man versuchte, auch die an Deck liegenden Chinesen zum Bewusstsein zu bringen, damit man von ihnen etwas erfahren könnte, aber bei diesen waren alle Wiederbelebungsversuche vergebens — sie waren tot, ihre Glieder waren bereits steif und kalt.

Da deutete der scharfsichtige Williams auf die Stirn eines der Toten.

»Schon wieder derselbe rote Punkt, gerade wie bei den anderen«, sagte er.

Man überzeugte sich, dass auf der Stirn oder an den Schläfen eines jeden Toten ein roter Flecken zu sehen war, etwa in der Größe eines Stecknadelknopfes, und schloss daraus, dass dieser mit der Ursache des Todes zusammenhing, aber wie, das konnte niemand ergründen — die Sache war und blieb ein Rätsel.

»Die von uns gefangen gehaltenen Matrosen der ›Möwe‹, jedenfalls auch Piraten«, meinte Ellen, »sind entweder an Bord dieses helfenden Schiffes genommen worden, welches überhaupt rechte Vorliebe für dergleichen Gesellen zeigt, oder sie sind auf eine der Dschunken gegangen, in der Meinung, dass diese weniger verfolgt werden würden als der ›Amor‹ und die ›Vesta‹. Was beschließen die Herren jetzt zu tun?« Die Meinung aller war, das beste sei, nach Scha-tou zurückzukehren und die Befreiung der beiden Mädchen zu versuchen, denn jetzt waren sie vollkommen davon überzeugt, dass Mister Wood damals recht gehabt hatte. Konnten sie ihn auf seiner Expedition nicht mehr begleiten, so wollten sie wenigstens in Scha-tou warten, bis sie von ihm und Miss Staunton Nachricht über deren Verlauf bekämen.

Alle fühlten sich recht beschämt, dass sie den Worten des besonnenen Mister Wood nicht geglaubt hatten, und besonders die Damen darüber, dass sie trotz seiner Warnung in die ihnen gestellte Falle gegangen wären, wenn sie nicht ein Zufall davor bewahrt hätte.

Die Gesellschaft trennte sich, die Herren bestiegen den ›Amor‹, nachdem die Leichen der Chinesen über Bord geworfen waren, und nahmen Mister Youngpig mit sich, der trotz aller Bitten nicht auf der ›Vesta‹ bleiben durfte.

Er fügte sich schließlich dem Befehle Ellens mit schlauem Lächeln.

Desgleichen begab sich John Davids an Bord des ›Amor‹, nachdem er mit dem Kapitän des Dampfers gesprochen hatte, und mit ihnen ging van Guden, der in ein finsteres Schweigen gefallen war.

»Wohin wünschen Sie, dass wir Sie bringen sollen?«, fragte ihn Lord Harrlington, der mit diesem Manne, dessen Schicksal er kannte, Mitleid empfand.

Stumm deutete der Holländer nach einer Dschunke, die vorhin geentert worden war und jetzt ohne Bemannung und steuerlos umhertrieb. Ohne zu fragen, was er dort wollte, ließ Harrlington den ›Amor‹ dorthin steuern, der Holländer stieg an Bord, und einige Minuten später stieß von der Dschunke ein schwerfälliges, chinesisches Boot ab, das unter den kräftigen Schlägen des ehemaligen Piratenfürsten dem Süden zustrebte.

Van Guden blickte nicht auf, er hatte den Kopf gesenkt und beachtete nicht die Herren, welche ihm nachsahen, wie er dem offenen Meere zufuhr. Keiner konnte nur ahnen, was er vorhatte, sie glaubten, der unglückliche Mensch würde sich selbst das Leben nehmen, was auch nach der Meinung aller das beste für ihn gewesen wäre.

»Nun sagen Sie, Mister Davids!«, sagte Lord Harrlington zu diesem, als sich die Aufregung etwas gelegt hatte. »Wie kamen Sie eigentlich an Bord dieses Dampfers? Wollten Sie uns nachfahren? Ich sehe aber, der Dampfer geht nach Scha-tou zurück, also müssen Sie ihn ja extra gemietet haben, um bei dem Zweikampf mit dem Holländer nicht zu fehlen.«

»Ich habe den Dampfer allerdings gechartert«, entgegnete John Davids, »aber nicht um der Einladung des Holländers zu folgen.«

»Nicht? So haben Sie sich gestern Abend absichtlich vom ›Amor‹ entfernt, um dem Zweikampf nicht beiwohnen zu müssen?«

»Ja, ich habe es getan.«

»Ich verstehe Sie nicht«, rief Harrlington erstaunt.

»Ich werde es Ihnen erklären«, entgegnete Davids ernst. »Auch ich hielt die Aussage der Chinesen für eine falsche, die ›Vesta‹ sollte in eine Falle gelockt werden. Die Damen wollten dies nicht glauben, Sie und die übrigen Herren hielten sich verpflichtet, durch Ihr Erscheinen auf jener Insel Marquis Chaushilm zu befreien — und es war ganz richtig — aber meine Person war dazu nicht nötig, ich bin der einzige, der keinen adligen Namen trägt, und um die Vertreter solcher Namen war es dem Holländer gerade zu tun. So hielt ich mich für berechtigt, die Herausforderung nicht anzunehmen. Ich mietete den Dampfer und lichtete zu gleicher Zeit mit der ›Vesta‹ die Anker, um ihr in einer eventuellen Gefahr beizustehen. Ich wurde zwar durch einen Zufall von ihr getrennt, kam aber dennoch gerade zur rechten Zeit, um ihr einen großen Dienst erweisen zu können.«

Lord Harrlington antwortete nichts auf diese Auseinandersetzung seines Freundes, er wurde plötzlich finster und zeigte sich während der ganzen Fahrt nach Scha-tou verstimmt.

* * * * *

II.39. Zur rechten Zeit

Der kleine, dicke, verliebte Schao-tschin hatte sich mit vieler Mühe durch seine Diener von dem Reis, den Korinthen und Rosinen reinigen lassen, die Gesicht, Hals und Kleider bedeckten, aber er war durchaus nicht erzürnt über den schlechten Spaß, welchen die mehr wilde und leicht reizbare, als übermütige Miss Sargent mit ihm vorgenommen hatte, als er ihr einen Kuss geben wollte.

Die Mädchen waren von einem Diener in ein anderes, sehr niedlich ausgestattetes Zimmer geführt worden, welchem man sofort ansah, dass es als ihr zukünftiger Aufenthaltsort bestimmt war. Es befanden sich darin auch zwei niedrige Betten, durch Vorhänge voneinander geschieden.

Dieses Zimmer lag nicht, wie das erste, im Parterre, sondern in der ersten Etage, und die Fenster führten nach dem Hofe hinaus. Es kam Miss Nikkerson gleich beim Eintritt so vor, als wenn die Tür hinter ihnen zugeschlossen würde, und als sie dieselbe untersuchte, fand sie dies bestätigt.

»Man hat uns eingeschlossen«, sagte sie zu ihrer Freundin, »also behandelt man uns doch als Gefangene.«

»Nun, diese Gefangenschaft kann man ja vorläufig noch aushalten«, scherzte Miss Sargent. »Essen, Trinken und ein weiches Bett, was können wir denn noch mehr verlangen, und außerdem noch ab und zu eine interessante Unterhaltung mit dem lustigen, alten Chinesen, der uns so liebenswürdig behandelt — gar manche würden uns um dieses Los beneiden.«

»Seien Sie ernsthaft«, bat ihre Freundin, »was denken Sie von unserer Lage?«

»Ich bin fest überzeugt, dass unsere Gefährtinnen und die englischen Herren bald auf unserer Spur sein werden«, antwortete bestimmt das junge Mädchen, »und sollten wir zu lange in dieser Haft schmachten müssen, dann wird eben ein Fluchtversuch gemacht, oder nein, kein Fluchtversuch, wir brechen diese schwache Tür einfach ein und spazieren Arm in Arm zum Hause hinaus, in der freien Hand jede ein Stuhlbein, und wehe dem, der uns am Gehen hindern will.«

Miss Nikkerson musste über ihre couragierte Freundin lachen. Sie wusste aber, dass das sonst stille Mädchen in der Tat zu einem solchen Unternehmen fähig war.

»Die Fenster führen nach dem Hofe hinaus«, meinte sie, als ihre Freundin ausgeredet hatte. »Sollte ein heimlicher Fluchtversuch nötig sein, so können wir ja die Decken hier zerschneiden, die Streifen zusammenbinden und uns daran herunterlassen. Auch habe ich ziemlich viel Geld bei mir, sodass wir eventuelle Wächter bestechen können. Geld vermag in China sehr viel.«

Unter solchen Beratungen verstrich der Morgen, Schao-tschin ließ sich nicht wieder sehen, die Bestrafung für den Versuch, einen Kuss zu rauben, schien ihn doch etwas entmutigt zu haben. Er kam auch nicht, um mit seinen zukünftigen Frauen das Mittagsessen zu teilen, welches ein Chinese den beiden auf silbernen Platten ins Zimmer trug.

Es musste wirklich ein sehr reiches Haus sein, in dem sie sich befanden, denn die Speisen waren von ausgesuchtester Art; das feinste Fleisch, das zarteste Gemüse wurde ihnen vorgesetzt, eine Unmenge von Nebenspeisen begleiteten das Hauptgericht, dem süßes Konfekt und die herrlichsten Früchte folgten.

»Mister Schao-tschin scheint uns mästen zu wollen«, sagte Miss Sargent und schob gesättigt die Platten mit den Überresten der Mahlzeit zurück.

»Gewiss«, stimmte ihre Freundin ihr bei, »bei den chinesischen Frauen gilt Fettleibigkeit als die größte Schönheit, und so lange wir eine schlanke Taille besitzen, sind wir in den Augen unseres zukünftigen Gatten noch nicht vollkommen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum er uns nicht besucht. Ich habe wirklich außerordentliche Sehnsucht nach ihm.«

Wieder verging der Nachmittag, ohne dass sich ein Mensch sehen ließ, die Zeit wurde ihnen bald lang, ihre muntere Unterhaltung verstummte, sie blickten auf den Hof hinaus, auf dem sich ab und zu Chinesen sehen ließen, beobachteten das Treiben der Hausvögel und gaben sich mit dem Papagei ab, der in einem vergoldeten Käfig im Zimmer hing.

Die Sonne ging zur Neige, beide Mädchen saßen stumm am Fenster und blickten noch immer hinaus nach dem Horizont, der im Abendrot widerstrahlte.

Miss Nikkerson sah ihre Freundin an, beider Augen begegneten sich.

»Ist es nicht lächerlich, dass wir uns hier wie ungezogene Kinder einsperren lassen?«, fragte sie. »Wir wollen uns jetzt ernstlich überlegen, was wir beginnen! Wir müssen uns ja schämen, wenn wir uns aus den Händen dieses kindischen Alten erst durch unsere Freundinnen befreien lassen müssen.«

Miss Sargent war aufgesprungen.

»Ich halte es überhaupt nicht mehr aus«, rief sie erregt. »Wie kann man es wagen, uns freie Amerikanerinnen mit Gewalt zum Bleiben zu nötigen? Ich versprach mir noch ein hübsches Abenteuer, sonst hätte ich schon längst Skandal gemacht. Mittag haben wir um zwölf Uhr gegessen, jetzt ist es bereits acht Uhr, und noch hat sich niemand bei uns wieder sehen lassen. Ich verlange nun, Schao-tschin zu sprechen, und verweigert er, mir Rede zu stehen, so zünde ich das Haus an, Feuerzeug habe ich bei mir. Wollen doch sehen, was er dazu sagt.«

Miss Nikkerson erschrak über die plötzlich hervorbrechende, furchtbare Heftigkeit ihrer Freundin, die schon stundenlang über dem grübelte, was sie jetzt aussprach. Miss Nikkerson bat sie, vorläufig noch nicht das Äußerste zu wagen, lieber es erst noch einmal in Güte zu versuchen, sie konnte aber nicht hindern, dass das leidenschaftliche Mädchen einen hölzernen Schemel nahm und mit diesem so heftig gegen die hölzerne Tür hämmerte, dass sie von oben bis unten einen Sprung bekam.


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»Halten wollen sie uns hier?«, lachte Miss Sargent. »Himmel und Hölle! Wir werden ihnen zeigen, wie eine freie Yankee behandelt sein will. Kümmert man sich nicht um mich, da will ich sie lehren, wie man einen Besuch behandelt.«

Wirklich öffnete sich sofort die Tür, und ein Chinese steckte sein ängstliches Gesicht herein, zog es aber schnell wieder zurück, als er sah, wie Miss Sargent nach einem anderen Stuhle griff — der erste lag mit zerbrochenen Beinen vor der Tür.

»Um Gottes willen«, lachte Miss Nikkerson, »lassen Sie die Leute nur wenigstens hereinkommen, sonst bekommen wir schließlich noch die Zwangsjacke an!«

Jetzt trat ein großer, starker Chinese herein, hinter ihm zwei andere, welche Präsentierbretter mit Tee und Backwerk trugen.

»Wollen die Damen den Tee einnehmen?«, fragte der große Chinese in fließendem Englisch — er war wahrscheinlich früher Diener bei einer englischen Herrschaft gewesen, er benahm sich sehr lakaienhaft. »Mister Schao-tschin wird den Damen gleich Gesellschaft leisten.«

»Sehr angenehm«, antworteten die beiden Mädchen ironisch und setzten sich an das Tischchen, auf welchem der Tee serviert worden war.

Der Chinese verließ das Zimmer wieder, der Schlüssel wurde draußen abermals im Schlosse gedreht.

»Es ist doch merkwürdig«, meinte Miss Nikkerson, »dass wir keinen Menschen zum Bedienen hier behalten haben. Sonst ist man doch in China gewöhnt, sich die kleinste Handreichung, wie das Einschenken des Tees, das Reichen des Zuckers, das Anbieten von Backwerk und so weiter von Eingeborenen besorgen zu lassen. Sollte dahinter vielleicht eine besondere Absicht stecken?«

»Ich glaube nicht«, entgegnete Miss Sargent, »der verliebte Alte will uns ja dann besuchen, und da ist es ganz natürlich, dass er die Gegenwart von anderen nicht wünscht, ebenso wie er heute beim Frühstück keine Diener ins Zimmer ließ, während uns beim Mittagsessen welche bedienten. Wie finden Sie übrigens den Tee, Miss Nikkerson?«

»Ungeheuer stark«, sagte das Mädchen, den Tee kostend, »ich meinte, der Chinese tränke ihn nicht so stark. Der feine Geschmack geht dadurch jedenfalls verloren.«

»Für Beleuchtung könnte auch gesorgt werden«, murrte Miss Sargent, »man kann ja kaum noch den Mund finden.«

Das Mahl verlief schweigsam, ohne dass sich Schao-tschin hätte sehen lassen. Die beiden Mädchen erhoben sich bald und traten wieder an das Fenster, in die Dunkelheit hinausblickend, welche kaum die Gegenstände auf dem Hofe erkennen ließ.

Eine Viertelstunde war so vergangen, als Miss Sargent plötzlich eine merkwürdige Unruhe zu zeigen begann. Sie ging in dem Zimmer auf und ab, blieb mit einem Male stehen, murmelte etwas vor sich hin, schüttelte energisch den Kopf und setzte dann ihre Wanderung durch das dunkle Zimmer fort, hier und da heftig an ein Möbel stoßend, ohne darauf Rücksicht zu nehmen.

Auch Miss Nikkerson, am Fenster stehend, zeigte eine gleiche Unruhe, nur dass sie nicht hin- und herging. Ihr Busen hob und senkte sich heftig, ihre Augen blitzten, und ihre Wangen waren tiefgerötet.

Eine Zeitlang war Miss Sargent so im Zimmer umhergewandelt, als sie plötzlich vor ihrer Freundin stehen blieb und deren Hände ergriff, sie waren wie die ihren feucht und heiß. Sie näherte ihr Gesicht dem ihrer Freundin und blickte ihr in das glühende Auge.

»Wie fühlen Sie sich?«, flüsterte Miss Sargent dem Mädchen ins Ohr.

Statt aller Antwort brach die Gefragte in ein Weinen aus, ließ sich auf einen Stuhl fallen, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und schluchzte.

Wieder ging Miss Sargent einige Male im Zimmer auf und ab und blieb dann abermals vor ihrer Freundin stehen.

»Warum sollen wir uns genieren?«, sagte sie mit zitternder Stimme. »In unserer Lage wäre dies eine unverzeihliche Torheit. Wissen Sie, was uns beiden fehlt? In jenem Tee ist Opium oder sonst ein Mittel gewesen, welches die Sinnlichkeit erregt. Aber dieses Scheusal soll sich getäuscht haben«, fuhr sie plötzlich wütend auf und stampfte mit dem Fuße auf den Boden, »lebendig verlässt er dieses Zimmer nicht!«

Draußen ward ein Schritt hörbar, Miss Sargent riss den Dolch aus dem Busen und verbarg ihn in der Tasche. Ihre Freundin, das Gefühl der Schwäche abschüttelnd, tat das Gleiche. Beide waren fest entschlossen, lieber ihre Hände mit Blut zu beflecken, ehe sie sich, durch erhitzende Mittel entflammt, zu einer schändlichen Handlung gebrauchen ließen.

Aber nicht der erwartete Schao-tschin trat herein, sondern ein Diener, welcher die von der Decke herabhängende Ampel anbrannte. Die roten Gläser verbreiteten in dem Zimmer ein angenehmes Licht.

»Wir haben uns in dem Alten getäuscht«, flüsterte Miss Nikkerson, als der Eingeborene sich wieder entfernt hatte, »er ist doch nicht so kindisch, wie wir glaubten.«

»Kindisch ist er nicht«, sagte Miss Sargent, »aber bösartig. Miss Nikkerson, lieber den Tod, als so etwas dulden. Betritt er das Zimmer, so stoße ich ihm den Dolch ins Herz!«

»Noch nicht«, bat die andere, »warten Sie wenigstens erst ab, was er vorhat! Zum Äußersten zu schreiten, ist noch immer Zeit.«

Die Freundin ließ sich beruhigen.

Bald darauf betrat auch Schao-tschin das Zimmer, äußerst kostbar, aber bequem gekleidet. Man sah ihm an, dass er sich Mühe gegeben hatte, sein Äußeres in ein möglichst günstiges Licht zu setzen, um das Wohlgefallen der Damen zu erregen.

Die Wunden, die ihm von der kräftigen Hand des Mädchens im Gesicht beigebracht worden waren, konnte man nicht mehr sehen, Puder und Schminke verdeckten sie, desgleichen hatte die klobige Nase die rote Färbung verloren, auch die Wangen waren hübsch gefärbt, sodass der alte Mann einen viel jüngeren Eindruck machte. Der Zopf glänzte von Öl, dessen starkes Parfüm das ganze Zimmer durchströmte, und ebenso ging von der Kleidung ein starker Moschusgeruch aus, den die Chinesen sehr lieben.

Seine Kleidung war von der feinsten Seide, der weite Überwurf schillerte in dem roten Licht der Ampel in allen Regenbogenfarben, und die kleinen Füße steckten in niedlichen Lederpantöffelchen.

An seinen Augen bemerkten die beiden Mädchen sofort, dass er entweder starke Spirituosen im Übermaß oder ebenfalls ein sinnenberauschendes Mittel zu sich genommen hatte, denn sie strahlten in schimmerndem Glanze und verliehen ihm dadurch ein jugendliches Aussehen.

Der kleine Chinese musste sich vollkommen bewusst sein, dass er jung oder vielleicht sogar schön aussah, oder er hielt sich vielleicht überhaupt in derartiger Toilette für unwiderstehlich, oder er glaubte, das den Mädchen beigebrachte Opiat hätte sie nachgiebig und für seine Männerschönheit empfänglicher gemacht, kurz und gut, er tänzelte mit anmutigem Schritte auf die beiden Freundinnen zu und lud sie mit graziöser Handbewegung ein, neben ihm auf dem Diwan Platz zu nehmen.

»Ich habe euch lange warten lassen, Kinderchen«, kicherte er mit seiner unangenehmen Stimme, »aber ich musste mich erst schmücken lassen, natürlich nur für euch. Ach, wenn ihr wüsstet, wie sehr sich meine anderen Frauen nach mir sehnen, und wie sie euch beneiden, meine Täubchen. Aber ich gehe nicht zu ihnen, nein, ich komme nur zu euch, denn ich liebe euch Engländerinnen viel mehr als meine eigenen ...«

Wer weiß, wie lange er noch in dieser mit schmeichelnder Stimme gesprochenen Vorrede fortgefahren hätte, immer erwartend, dass sich die Mädchen neben ihn auf den Diwan setzen möchten. Aber sie fand einen ihm recht unliebsamen Abschluss.

Miss Sargent, sowieso schon durch das Opium furchtbar erregt, war eine reizbare Natur; der Zorn über den frivolen Chinesen, der seiner Sache so sicher war, übermannte sie, und ehe er seinen Empfindungen für die Engländerinnen vollen Ausdruck geben konnte, empfing er von dem Mädchen einen Schlag ins Gesicht, der ihn vom Diwan herab der Länge nach auf den Boden warf.

Diesmal behielt der Chinese aber nicht seine naive Kindlichkeit bei, die über Schläge hinwegsah, seine Nerven waren durch den Genuss des Opiums andere geworden.

Schnell hatte er sich wieder emporgerafft und stand, an allen Gliedern zitternd, vor den beiden Mädchen.

»So«, kreischte er, »glaubt ihr etwa, ihr könnt mich auf diese Weise behandeln, ihr dummen Dinger? Wartet, ich will euch zeigen, dass ich die Macht habe, euch zu meinen Weibern zu machen. Ihr seid Eindringlinge in diesem Land, also gehört ihr uns. Aber recht so, sträubt euch nur, um so besser gefallt ihr mir, um so süßer ist die Umarmung, wenn sie erzwungen ist.«

Rasend und blind vor sinnlicher Lust wollte er sich auf eins der beiden Mädchen stürzen, aber er schreckte doch zurück, als ihm zwei Dolche entgegenblitzten.


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»Zurück!«, rief ihm Miss Nikkerson in drohendem Tone zu, dabei den Arm ihrer Freundin fassend, um diese von einer voreiligen Tat abzuhalten. »Wage es, Elender, uns anzufassen, und du bist eine Leiche!«

Der erst wie versteinerte Chinese wich rückwärts bis zur Tür zurück, die Augen mit entsetztem Ausdruck auf die Mädchen gerichtet, blieb dort stehen und klatschte dann dreimal in die Hände. Sofort stürzten hinter seinem Rücken mehrere eingeborene Diener hervor und ins Zimmer auf die Mädchen zu. Jetzt wuchs auch wieder der Mut des Chinesen.

»Fangt sie, die Kanaillen«, kreischte er. »Sie wollen beißen, die Katzen; hahaha, ich will sie schon zahm machen. Wartet nur, ihr sollt schon durch Hunger kuriert werden, gute Kost schlägt bei euch nicht an. So fangt sie doch, ihr Kaninchen, oder ich lasse euch zum Hofe hinauspeitschen.«

Der letzte Ausdruck galt den Chinesen, welche wohl auf die Mädchen losgesprungen waren, aber wie Hunde vor Katzen plötzlich stehen blieben.

»Der erste, der uns anfasst, ist eine Leiche«, hatte das Mädchen gerufen, und hatten jene die englischen Worte auch nicht verstanden, die erhobenen Dolche und die blitzenden Augen gaben den Sinn getreu wieder.

Plötzlich entstand unten im Hof ein heftiger Lärm, mitten in der Nacht, ein Wagen war angerollt gekommen, Stimmen erschollen, Fragen und Antworten wechselten, dann fluchte ein Mann, und dann wieder erscholl das silberhelle Lachen einer Mädchenstimme.

Schon beim ersten Klang dieser Männerstimme wurde die Aufmerksamkeit der Bedrohten geteilt zwischen dem Chinesen und dem Vorgang da draußen, als aber das Lachen der Mädchenstimme in ihr Ohr drang, da stürzten sie beide gleichzeitig ans Fenster — die Rettung war nahe.

Im selben Moment aber, ehe sie noch einen Hilfeschrei hatten ausstoßen können, wurden sie von hinten erfasst, ihnen die Dolche aus den Händen gewunden, sie zu Boden gerissen und ihnen der Mund verstopft.

»Schao-tschin, Schao-tschin«, rief jemand die Treppe hinauf, ein Chinese sprang ins Zimmer, die Mädchen sahen noch, wie der Hausherr sehr bestürzt wurde, als der Diener ihm etwas auf chinesisch mitteilte, sie hörten ihn heftig antworten, ihn an diejenigen, welche sie hielten, Befehle erteilen, dann verließ er das Zimmer. Ihm nach wurden die Mädchen geschleppt.

*

Auf derselben Landstraße, welche gestern der Wagen mit den geraubten Mädchen zurückgelegt hatte, rollte am Abend ein anderes, leichtes Gefährt.

Die zwei kleinen, hässlichen, aber flinken, chinesischen Ponys wurden von einem nach Matrosenart gekleideten Manne angetrieben, und seine beiden Gefährten machten ebenfalls den Eindruck von Seeleuten. Es war nichts Auffälliges, drei solche Personen selbst die Zügel führen zu sehen, im Auslande kann man dies in den Küstengegenden oft beobachten.

Es ist eine Eigentümlichkeit der Seeleute, dass sie eine Vorliebe für Wagenfahrten und Reiten haben. Können sie im fremden Hafen Geld erheben, oder werden sie gar abbezahlt, so kann man sie sicher, ist Gelegenheit dazu vorhanden, bald in der Stadt herumkutschieren oder hoch zu Ross oder Esel durch die Straßen reiten sehen, dabei allerdings eine sehr unvorteilhafte Rolle spielend. Selbst tagelange Partien ins Innere des Landes hinein werden häufig von ganzen Schiffsbesatzungen unternommen, besonders der deutsche Seemann zeichnet sich hierin aus.

Also war es auch von Nick Sharp nicht unklug gewesen, als er für sich und seine Gefährten den Anzug von Seeleuten gewählt hatte, als solche konnten sie bedeutend ungenierter auftreten, und der Detektiv betrachtete die ganze Affäre mehr als ein Vergnügen, welches er den beiden jungen Leuten bereiten wollte, denn als ein gefahrvolles Unternehmen.

Er hatte schon vor einiger Zeit Instruktionen erteilt, wie sich die beiden anderen verhalten sollten, nämlich meistenteils immer seinem Beispiele folgen, das tun, was er tat, das essen, was er aß und so weiter, und im Übrigen nur recht dreist auftreten, wozu er eigentlich weder Hannes noch Hope zu ermahnen nötig hatte.

Je mehr sie sich der Villa näherten, welche in früheren Jahren Mary's Delight, Mariens Lust, genannt wurde, desto heiterer wurden die drei, sie konnten gar nicht erwarten, dass sie dort eintrafen und die Komödie, anfing, wie Sharp scherzend das Unternehmen genannt hatte.

Es war nur zu befürchten, dass Schao-tschin, der Besitzer der Villa, die geraubten Mädchen nicht bei sich hatte, sondern irgendwo anders versteckt hielt, vielleicht weit entfernt, sodass noch Tage vergehen konnten, ehe sie ihre Freiheit wieder erhielten. Denn gewiss hofften die beiden Mädchen sehnlichst auf das Herbeieilen ihrer Freundinnen, sie hatten ja keine Ahnung, dass diese auf eine ganz falsche Spur geleitet worden waren.

»Aber wie wollen Sie sich mit dem Chinesen verständigen?«, fragte Hannes den Detektiv.

»Schao-tschin spricht vollkommen Englisch.«

»Und wenn er nun nicht da ist und die anderen Chinesen kein Englisch sprechen?«

»Geld und Hiebe sind meine Dolmetscher«, entgegnete der Detektiv, » mit denen kann ich mich in der ganzen Welt verständlich machen.«

Nick Sharp war heute ausgezeichnet gestimmt, er erzählte fortwährend aus seinem bewegten Leben Anekdoten und Schwänke, welche man für erfunden gehalten hätte, wenn man nicht die Person des Detektivs selbst kannte und wusste, dass er zu dergleichen gefahrvollen Unternehmungen, denen er immer eine humoristische Seite abzugewinnen wusste, wirklich der geeignete Mann war.

Die jungen Leute kamen aus dem Lachen gar nicht heraus; selbst die Pferde schienen von der allgemeinen Fröhlichkeit angesteckt worden zu sein, sie schüttelten lustig die flatternden Mähnen, als zweifelten sie doch manchmal an der Wahrheitsliebe des Erzählers, wieherten wie lachend auf, ließen aber in ihrem schnellen Lauf niemals nach.

Da tauchte vor ihnen ein Haus auf, in dem einige Fenster hell erleuchtet waren.

»Villa Mary's Delight«, sagte der Rosselenker und deutete mit der Peitsche nach dem Gebäude, »die Lage ist für uns eine sehr günstige, weit und breit ist kein anderes Haus zu sehen. Abweisen lassen wir uns also auf keinen Fall.«

»Was hätten Sie getan, wenn mehrere Häuser zusammengestanden hätten?«, fragte Hope.

»Dann hätte dicht vor dieser Villa ein Rad des Wagens abgehen müssen, oder sonst etwas hätte unsere Weiterfahrt unterbrochen. So aber ist dies nicht nötig.«

Der Weg, bis jetzt auf die Villa zuführend, machte eine starke Biegung, sodass auch der Detektiv, wie vordem schon die Damen getan, glaubte, er führe daran vorbei, und ohne Weiteres Besinnen gab er den Pferden die Peitsche, ließ sie über den kleinen Graben setzen, sodass der Wagen hoch empor geschleudert wurde, und lenkte sie mitten über das Mohnfeld hinweg, welches die Villa umgab.

»Der alte Sünder scheint sein Opium selbst zu bereiten«, meinte Sharp, »er züchtet Mohnblumen.«

Opium wird aus dem Samen der Mohnblume gewonnen, deren Kultur besonders in Indien und China betrieben wird.

Der Wagen hielt vor dem eisernen Gittertor, welches den Hof der Villa abschloss.

»Hallo!«, rief Sharp in den völlig verödeten Hof hinein. »Aufgemacht!«

Einige Hunde schlugen an, ein Chinese kam herbei, aber nicht bis an das Tor, und sagte etwas in seiner Sprache, er fragte wahrscheinlich nach dem Begehr der späten Besucher.

»Tschautschoutschutchori«, rief Sharp, »ich kann von deinem Geplapper nichts verstehen. Mach auf, oder wir öffnen die Tür selbst!«

Er sprang vom Wagen herab, warf die Zügel Hannes zu und trat an das Tor, welches er so kräftig rüttelte, dass es in allen Angeln krachte.

Der Chinese lief, über diese Barschheit erschrocken, ins Haus zurück, und bald darauf erschien ein anderer, ein großer, breitschultriger Mann, der in der einen Hand eine Laterne trug, mit der anderen einen mächtigen Bluthund an der Leine führte.

»Was wünschen Sie?«, fragte er auf Englisch den Detektiv, dicht vor dem Tore stehen bleibend und die Störenfriede mit finsterem Gesicht musternd.

»Einlass wollen wir«, antwortete der Detektiv, »wir haben uns verirrt und können den Weg nicht wiederfinden.«

»Dieses Haus ist keine Herberge«, gab der Chinese zornig zurück, »wir können Sie nicht aufnehmen.«

»Was, Herberge! Wir haben uns verirrt, sind müde, die Pferde auch, und bitten, diese Nacht hier bleiben zu dürfen.«

»Es geht nicht. Fahrt dort die Landstraße weiter! In einer halben Stunde kommt ihr in ein Dorf, dort findet ihr Nachtquartier und Stallung für die Pferde.«

»Teufel noch einmal, Mann«, brauste Sharp auf, »Sie werden uns als Fremden nicht zumuten, in dieser Nacht, wo keine Lampe am Himmel steht, weiterzufahren. Wir sind froh, endlich ein Haus gefunden zu haben, wir irren schon drei Stunden umher. Mach auf, wir bezahlen alles, was wir verzehren, und auf ein Trinkgeld kommt es uns auch nicht an.«

»Der Herr ist nicht zu Hause, ich kann euch wahrhaftig nicht einlassen«, entschuldigte sich der Chinese.

»Um so eher könnt ihr uns einlassen. Aber nun, potz Klüver und Bramsegel, das Warten habe ich satt. Öffnet das Tor, oder ich trete es ein.«


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Der Detektiv fasste wieder das Gitter, als wollte er es aus den Angeln heben. Da sprang der Bluthund gegen die Tür auf den Detektiv zu, kam aber an den unrechten Mann, wie sein furchtbares Schmerzgeheul sofort bewies.

Im Nu hatte Sharp des Hundes Pfote erfasst, sie durch die eisernen Stäbe zu sich herangezogen und drückte sie so, dass das Tier vor Schmerz heulte und winselte, ohne dem Manne selbst etwas tun zu können.

»Lasst den Hund los«, rief der Chinese in drohendem Tone und sprang selbst nach dem Gitter, aber im nächsten Augenblick schrie er genau so, wie der Hund heulte.

Sharp hatte die Hand des Mannes, mit der er den Hund befreien wollte, gleichfalls ergriffen und quetschte sie wie in einem Schraubstock zusammen, sie dabei so weit herausziehend, dass der Chinese mit der halben Schulter durch das Gitter kam.

»Ihr singt ja ein liebliches Duett«, lachte Sharp, ohne im Drucke nachzulassen. »Wartet, ich will euch lehren, auf einen Yankeematrosen erst den Hund zu hetzen und ihn dann noch grob anzufahren.«

»Lassen Sie mich los!«, jammerte der Chinese und ließ die Laterne fallen. »Ich halte es nicht mehr aus.«

»Wollt Ihr den Herrn benachrichtigen?«

»Ja, ja, er soll gleich kommen,« Sharp ließ ihn, wie den Hund fahren, kaum aber war der Chinese frei, so raffte er die Laterne auf, schloss mit einem Schlüssel das Tor auf und wollte den Bluthund auf den frechen Eindringling hetzen.

Sharp wich nicht zurück, er trat vielmehr dem Tiere selbst entgegen und fixierte es scharf, dabei den Fuß zwischen die Tür setzend; der Hund wollte erst an ihm emporspringen, um ihn an der Kehle zu fassen, kaum aber begegnete sein Blick dem starren und in der Dunkelheit glühenden Auge des Detektivs, so stieß er ein klägliches Geheul aus und floh mit eingekniffenem Schwanze in das Haus zurück.

»Danke!«, lachte Sharp und stieß das Tor mit einem Ruck auf, sodass der davon getroffene Chinese zurücktaumelte. »Ihr hättet Euch nicht so lange nötigen lassen sollen. Der Weg ist frei, Hannes, fahre herein!«

Auch der Chinese eilte jetzt ins Haus und schlug Lärm, die Diener waren alle noch wach, eilten zusammen und schrien, und dann wurde mehrere Male der Name Schao-tschin gerufen.

»Siehst du, der Kerl hat gelogen«, flüsterte der Detektiv Hannes ins Ohr, »dieser Schao-tschin ist wohl zu Hause, und es ist anzunehmen, dass sich die beiden von ihm gekauften Mädchen hier befinden.«

Nicht lange dauerte es, so kam ein kleiner, dicker Chinese herausgelaufen, der Hausherr selbst, zur Vorsicht von einer großen Anzahl von Dienern umgeben. Er schien über den späten und zudringlichen Besuch sehr erbost, wie er überhaupt sein früheres, gutmütiges Wesen ganz abgelegt hatte. Seine Augen funkelten jetzt vor Wut, weil ihn diese Fremden in der Ausführung seines Vorhabens störten.

»Was wollt ihr?«, fragte er zornig den Detektiv, der schon die Pferde abzuschirren begann. »Meine Villa ist kein Gasthaus, packt euch fort von hier, oder ich hetze euch mit Hunden hinaus! Verstanden?«

Sharp lachte laut auf, als er den kleinen, wie ein Puterhahn kollernden Chinesen betrachtete.

»Versucht es doch«, entgegnete er, noch immer lachend, »einmal ist der Versuch schon missglückt! Und was wir wollen? Schlafen, Essen und Trinken für uns und Stallung für unsere Pferde. Wir bezahlen alles, darum braucht Ihr keine Sorge zu haben, Mister Tschin tschintschin terätäta.«

Die beiden jungen Leute mussten laut auflachen über das Chinesisch, welches Sharp sprach, doch dieses Gelächter reizte nur noch mehr den Zorn des kleinen Chinesen.

»Packt euch vom Hofe«, schrie er, »ich rate es euch noch einmal im guten.«

»Versucht doch etwas dagegen zu tun, dass ich hier die Pferde ausspanne und sie in den Stall führe. Hier, Bengel«, Sharp fiel aus seinem erst gemütlichen Tone plötzlich in einen groben und gab einem jungen Chinesen einen Schlag in den Nacken, dass er fast zu Boden stürzte, »steh nicht da und halte Maulaffen feil! Greif mit an, dass wir bald unter Dach und Fach kommen. Wir sind alle wie zerschlagen vom langen Fahren, Seeleute können das nicht lange aushalten.«

Schao-tschin wusste nicht, was er sagen sollte. Er sah kein Mittel, die unliebsamen Gäste von sich fernzuhalten. Die Hunde rissen vor ihnen aus, seine eigenen Diener schlugen sie und taten überhaupt, als wären sie hier Herren im Hause.

Die Begleiter Sharps waren schon vom Wagen herabgesprungen und halfen dem ersten Matrosen, die Pferde abzuschirren, brachten diese nach dem Stall und schoben dann auch den Wagen noch in eine leere Remise.

»Na, Mister Soundso«, sagte Sharp, als er zurückkam, und schlug dem kleinen Chinesen freundlich auf die Schulter, »nun gebt uns ein gutes Bett, etwas zu essen und ein paar Flaschen Wein oder einige Gläser Whisky. Braucht keine Angst zu haben, dass wir nicht bezahlen können, wir haben alle noch die ganze Tasche voll Silber, sieh her.«

Damit holte er eine Handvoll Silbermünzen hervor.

Schao-tschin hielt es für das beste, nachzugeben. Er hielt die Leute für ungefährlich. »Was seid ihr denn?«, fragte er.

»Wir zwei sind Matrosen; der Kleine dort«, er deutete auf Hope, »ist unser Schiffsjunge.«

»Woher kommt ihr?«

Sharp nannte einen von Scha-tou ziemlich entfernt gelegenen, kleinen Hafen, damit der Chinese keinen Argwohn schöpfte.

»Wir wollten heute einen Wagenausflug unternehmen, haben uns aber tüchtig verfahren, sind einige Stunden umhergeirrt und waren herzlich froh, endlich dieses Haus zu finden. Deshalb könnt ihr es nicht übel nehmen, wenn ich etwas ungehalten darüber war, als mir vorhin der Torwächter den Eingang verweigerte; aber ich sehe, du bist ein Gentleman, der keine Verirrten von seiner Tür weist.«

Schao-tschin fühlte sich geschmeichelt, ein Gentleman genannt zu werden, sein erster Zorn hatte sich bald gelegt, und die gewöhnliche zudringliche Gutmütigkeit gewann die Oberhand. Das waren zwar grobe, aber sonst ganz ungefährliche Menschen, dachte er, die konnte er schon für eine Nacht beherbergen.

»So kommt mit ins Haus«, sagte er. »Ihr sollt nicht sagen, dass Schao-tschin ungastlich gegen euch gewesen ist. Ihr bekommt ein Zimmer, Essen und Trinken dazu, und zu bezahlen braucht Ihr auch nichts dafür. Ich bin reich, sehr reich, ihr sollt euch wundern, was ihr bei mir alles bekommt.«

Schmunzelnd führte er seine Gäste in ein Zimmer, welches wahrscheinlich erst kurz vorher von Dienern geräumt worden war, und sagte ihnen, gleich würde eine Mahlzeit und Wein aufgetragen werden. Dann verließ er sie.

Kaum war er hinaus, so rückte der Detektiv näher an seine beiden Begleiter heran und begann sich mit ihnen laut über allgemeine Dinge, das Haus betreffend, zu unterhalten, richtete es aber so ein, dass, während einer von ihnen auf seinen Wink laut sprechen musste, er sich mit dem anderen flüsternd unterhielt.

»Die beiden Damen sind hier, daran ist kein Zweifel«, flüsterte Sharp Hope zu, »sonst hätte man sich nicht so gesträubt, uns aufzunehmen. Der Pförtner würde uns auf jeden Fall eingelassen haben, natürlich auf eigene Rechnung, um etwas dabei zu verdienen, weil er aber von dem geheimen Besuch seines Herrn wusste, durfte er das nicht tun.«

»Wie können wir nun die Damen befreien?«, flüsterte Hope zurück.

»Jedenfalls sind sie irgendwo versteckt, und es gilt nun, diesen Winkel aufzuspüren.«

»Werden wir nicht mit Gewalt daran verhindert werden?«

Der Detektiv schnippte mit dem Finger.

»Daraus mache ich mir so viel«, sagte er verächtlich, »aber wir werden das Versteck nicht gleich finden, und während wir suchen — zusammen müssen wir uns dabei natürlich halten — werden die Damen wo anders hingeschleppt, vielleicht sogar aus dem Hause heraus, und wir haben das Nachsehen. Jetzt dagegen sind sie nur ganz flüchtig versteckt worden, der Chinese misstraut uns nicht im Geringsten, und so ist anzunehmen, dass er auch keine weiteren Sicherheitsmaßregeln trifft, um sich seine Geliebten nicht wieder nehmen zu lassen.«

»Aber wenn wir uns hier einschließen lassen, können wir auch nicht viel ausrichten.«

»Einschließen lassen gibt es bei mir überhaupt nicht. Doch, lasst nur, Kinder, ich habe schon einen Plan.«

Er wurde unterbrochen; ein Diener kam ins Zimmer und brachte den drei Gästen, welche sich auf Teppiche im Zimmer gelegt hatten — Tische und Stühle fehlten in diesem Bedientenzimmer — Abendbrot und eine Flasche Wein.

Als der Chinese wieder hinaus war, öffnete der Detektiv die Deckel der Schüsseln und kostete das Essen, zum größten Teil aus verschieden zubereitetem Reis bestehend, ohne etwas Verdächtiges daran zu bemerken.

Dieser Mann war daran gewöhnt, nicht die kleinste Auffälligkeit sich entgehen zu lassen, er beobachtete, durch seinen Beruf überhaupt schon misstrauisch gemacht, alles, und so war es ihm nicht entgangen, dass der ihn empfangende Schao-tschin berauscht war.

Er wusste auch sofort, dass derselbe Opium eingenommen hatte, die glänzenden Augen verrieten es; wäre er durch Trinken von Spirituosen berauscht geworden, so wären die Augen gläsern und weniger lebhaft gewesen.

Also Vorsicht, dachte Sharp, Schao-tschin ist dem Opium ergeben, und es ist eine Leidenschaft aller Opiumsüchtigen, auch anderen dieses Mittel heimlich einzugeben, wie überhaupt fast jeder sittlich gefallene Mensch versucht, möglichst viele in das Laster hineinzuziehen.

Sharp goss aus der Flasche sein Weinglas voll, beroch aufmerksam die dunkelgelbe Flüssigkeit, und ein zufriedenes Lächeln huschte über seine Züge.

»Stimmt«, murmelte er vergnügt, »Opium ist es zwar nicht, aber ein sehr starkes Schlafmittel, was uns der Spitzbube da hineingemischt hat. Er muss also doch ein böses Gewissen haben, dass er uns in den Schlaf zu wiegen wünscht.«

Sharp blickte sich im Zimmer um.

Auf einem Sims standen verschiedene Vasen mit Blumen und noch einige Bedürfnisse für die Diener, so zum Beispiel eine gefüllte Wasserflasche.

Der Detektiv nahm eine Vase herab, goss den ganzen Inhalt der Weinflasche hinein und spülte sie mit Wasser noch gut nach. Dann nahm er aus einer Seitentasche eine große, aber platte Flasche, welche wohl einen halben Liter enthielt und ließ aus ihr in die geleerte Weinflasche eine dunkle Flüssigkeit laufen, die er mit Wasser stark verdünnte.

»So«, murmelte er, »da haben wir doch wenigstens etwas zu trinken, guten JamaikaRum und Wasser.«

Er stellte die Blumen in die Vase und alles wieder an Ort und Stelle.

»Die Diener werden sich beim Aufräumen nicht schlecht wundern, wenn sie dieses seltsame Blumenwasser bemerken«, kicherte Hope.

»Kommen sie hinter den Geschmack, dann trinken sie es sicher aus«, bemerkte Hannes.

»Und fallen dann in einen so tiefen Schlaf«, ergänzte der Detektiv, »dass alle Peitschenhiebe sie nicht zum Bewusstsein bringen können.«

Das Abendbrot verlief völlig schweigsam, die beiden jungen Leute versuchten zwar nochmals, an den Detektiv Fragen zu stellen, aber dieser war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er sie gar nicht beachtete und keine Antwort erteilte. Schließlich verbot er ihnen sogar, ihn vorderhand mit Fragen zu belästigen.

Plötzlich hob er den Kopf und horchte.

»Pst«, flüsterte er, »legt euch schnell bequem hin, es kommt jemand. Stellt euch schlafend!«

Sofort ließ er sich so, wie er eben saß, umfallen, und die Anderen folgten seinem Beispiel. Es galt, den Eintretenden davon zu überzeugen, dass das Schlafmittel seine Wirkung getan, und sie völlig besinnungslos waren.

Schao-tschin wollte sich nach dem Befinden seiner Gäste erkundigen. Ein hämisches Grinsen verzerrte sein Gesicht — Nick Sharp konnte es recht gut durch die zugekniffenen Augen bemerken — er murmelte einige chinesische Worte, stieß den ihm zunächst liegenden Hannes einige Male mit dem Fuße in die Seite, sogar sehr derb, ohne dass sich aber der Matrose gerührt hätte, und sagte dann wieder ein paar Worte, die übersetzt etwa soviel wie ›Schweine‹ bedeutet hätten.

Dann löschte er die von der Decke herabhängende Lampe aus und schloss von draußen die Tür hinter sich zu. Man hörte, wie er sich entfernte und zwei Treppen emporstieg, wenn Letzteres auch nur für das Ohr des Detektivs vernehmbar war.

»Die Fußtritte sollst du wiederbekommen, verdammter Hund, so wahr ich Hannes Vogel heiße«, knirschte der Matrose durch die Zähne.

»Und Schweinigel hat er uns auch genannt«, meinte Sharp, »ich kenne das Wort. Na warte, alter Junge, du sollst unsere Stiefel noch zu fühlen bekommen!«

Er stand auf, ging an die Tür und beschäftigte sich dort eine Sekunde mit dem Schloss.

»So, die Tür ist wieder auf«, sagte er dann, »nun aufgepasst, was weiter folgt. Ich will ein Narr sein, wenn wir nicht in der nächsten Stunde den Aufenthalt der beiden Damen erfahren und sie aus den Händen dieses Chinesen befreit haben.«

Er wollte nach dem Fenster schleichen, um sich über die Lage des Zimmers zu orientieren, aber in der Mitte blieb er wie angewurzelt stehen, während Hope und Hannes erschrocken aufgesprungen waren.

Ein langgezogener Schrei gellte durch das Haus, der dumpf abbrach, als wäre dem Rufer der Mund verstopft oder zugehalten worden, da — noch einmal.

»Hope Staun...« gellte es wieder.

Es bedurfte keiner Aufforderung des Detektivs, mit einem Sprunge waren die beiden auf und stürzten Sharp nach, der hinaus und die Treppen hinaufstürmte, so schnell, dass sie ihm kaum folgen konnten.

Es war fast, als wüsste der Detektiv in diesem Hause Bescheid, so jagte er durch die Korridore, bog um Ecken und sprang dann wieder einige Stufen hinaus, aber es war nur ein Murmeln und Stöhnen, welches ihn leitete und ihn schließlich in den Türrahmen einer kleinen Kammer brachte.

Er übersah mit einem Blick, was hier vorging, ebenso Hope und Hannes. Sie selbst waren von den etwa acht Chinesen, welche die Kammer füllten, noch nicht gesehen worden. Unter ihnen befand sich auch Schao-tschin.

Auf einer Matratze lagen Miss Nikkerson und Miss Sargent, und rangen verzweifelt gegen die Kraft der Chinesen, welche sie zu binden suchten. Bei Ersterer war es schon ziemlich gelungen, den Mund hielt man ihr zu, während Letztere noch mit den zwei Chinesen rang, die sie überwältigen und binden wollten.

Schao-tschin selbst stand daneben und trieb die Leute an, sich zu beeilen. Der von Blut gerötete Dolch, den er in der Hand hielt, verriet ihnen, dass eines dieser Mädchen diese Waffe mit Erfolg angewendet hatte — wahrscheinlich hatte sie ihn einem der Männer aus dem Gürtel gerissen — denn einer der Chinesen lag röchelnd am Boden und wurde von einem anderen verbunden. Der Dolch hatte die rechte Brust getroffen.

Fast war auch schon Miss Sargent gebunden, des kleinen Chinesen Gesicht glühte dunkelrot, seine Augen funkelten vor Begierde, sein Atem rang sich stoßweise aus dem halbgeöffneten Mund; er wollte eben die beiden Diener fortdrängen, als diese plötzlich von hinten im Genick gepackt und ihre Köpfe mit fürchterlicher Gewalt zusammengeschmettert wurden. Bewusstlos, mit breitgeschlagenen Gesichtern, fielen sie auf den Boden.

Erschrocken drehte sich Schao-tschin um und fuhr, schreiend vor Wut, zurück — vor ihm standen die Matrosen, welche er im tiefsten Schlafe wähnte.

»Das sollst du büßen«, knirschte Sharp, die Hand nach ihm ausstreckend; »Hannes, an die Tür! Keiner verlässt lebendig dieses Zimmer.«

Hope war unterdessen zu ihren Freundinnen gesprungen, einige Schnitte mit dem Messer, und sie waren frei. Weinend lagen sie dem jungen Matrosen, den sie an der Stimme sofort als Hope erkannt hatten, im Arme.

Schao-tschin wand sich unter den eisernen Fäusten des Detektivs wie ein Aal; es half ihm nichts, in einer Sekunde lag er an der Erde und die übrigen, feigen Chinesen waren unterdes von Hannes mit dem Revolver in Schach gehalten worden, aber sie konnten nicht daran gehindert werden, laute Hilferufe und Pfiffe auszustoßen.


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In Kurzem war das ganze Haus alarmiert, von allen Seiten kamen die Chinesen herbeigeeilt, eiserne Stangen, Stöcke, Messer und andere Waffen in der Hand, um ihren Herrn und ihre Kameraden aus den Händen dieser fremden Gäste zu befreien, über deren keckes Auftreten sie sich schon geärgert hatten.

»So ist es recht!«, rief Sharp. »Trommelt das ganze Haus zusammen, damit man einmal alle Halunken beisammen hat! Halt«, rief er, als sie in das Zimmer eindringen wollten, »der erste, der den Fuß über die Schwelle setzt, hat meine Kugel im Kopf.«

Er hielt ihnen den Revolver entgegen, ein Zeichen, welches nicht zu missdeuten war. Dennoch wollte ein großer, herkulisch gebauter Mann mit einem Brecheisen auf ihn eindringen, doch Sharp verstand keinen Spaß. Der Schuss krachte, das Eisen fiel klirrend zu Boden, und lautlos sank der Mann in die Arme seiner Kameraden — die Kugel hatte ihm das Gehirn durchbohrt.

Entsetzt wichen die feigen Chinesen zurück. Diese Matrosen zögerten nicht lange, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, und das Leben war doch zu kostbar, um es wegen der Mädchen aufs Spiel zu setzen, welche ihr Herr und Gebieter gern besitzen wollte.

Einer nach dem anderen entfernte sich, nur einige blieben draußen in dem dunklen Gange stehen und beobachteten, was das Schicksal ihres Herrn sein würde. Das Fluchen und Schelten des kleinen Chinesen folgte den mutlosen Ausreißern, aber es brachte keinen zurück.

Jetzt ging der Detektiv daran, auch die anderen im Zimmer befindlichen Chinesen zu binden, und diese ließen es sich ruhig gefallen, denn der Revolver von Hannes war beständig auf sie gerichtet, und sie hatten gemerkt, wie lose die Finger dieser Leute am Drücker ruhten — um den stöhnenden Verwundeten kümmerten sie sich nicht weiter, er hatte die gerechte Strafe empfangen. Mitleid war er, Sharps Ansicht nach, nicht wert.

»Nun zu dir, Scheusal!«, wandte er sich an Schao-tschin. »Welche Strafe ziehst du vor? Soll ich dich der Justiz ausliefern, oder willst du, dass ich meine eigene Gerechtigkeit walten lasse? Sprich!«

Der Chinese sah sich verloren. Lieferten ihn diese Männer dem Gericht aus und traten Zeugen gegen ihn auf, die beiden Mädchen gar nicht gerechnet, so würde er ohne Gnade gehängt. Die Engländer hätten unbedingt darauf bestanden, ja, er wäre sogar unter Aufsicht des englischen Konsulats gekommen, damit seine Flucht durch Unterstützung von chinesischer Seite verhindert worden wäre.

Übergab er sich diesem, sich als Richter aufwerfenden Matrosen, so empfing er allenfalls eine ordentliche Tracht Prügel — er kannte schon ungefähr die Sitte der europäischen Seeleute — dann aber war er frei. Die Damen würden natürlich sofort Anzeige machen, ehe sie aber unter dem Schutze der Matrosen die nächste Stadt erreichten, dann war er schon mit seinem schnell zusammengerafften Gelde über alle Berge.

Aber erst wollte er doch den Versuch machen, ob er diese Matrosen nicht durch herrisches Wesen einschüchtern konnte. Wahrscheinlich hatte das Schlafmittel bei den an starke Spirituosen gewöhnten Menschen zwar seine Wirkung verfehlt, sie aber sehr betrunken gemacht.

»Was fällt euch ein, mich in meinem eigenen Hause auf solche Weise zu behandeln?«, fuhr er den Detektiv an. »Gebt mich frei, oder ihr werdet es zu bereuen haben.«

»Oho«, lachte Sharp, »aus diesem Loche willst du also pfeifen? Warte, alter Bursche, jetzt will ich einmal ein paar Fragen an dich richten! Wie kommst du dazu, diese beiden Damen zu binden?«

»Es sind meine Frauen.«

»Dies für deine Lüge«, und Sharp ohrfeigte den laut aufheulenden Chinesen links und rechts, aber anders, als es gestern um dieselbe Zeit Miss Sargent getan hatte.

»Geraubt hast du sie, nichtswürdiger Patron, überwältigen lassen wolltest du sie. Doch dein Maß ist voll, du bist nicht wert, dass dich die Sonne bescheint.«

»Ihr kommt gerade zur rechten Zeit«, flüsterte Miss Nikkerson Hope zu, »eine Minute später, und dieser Mann hätte uns entehrt.«

»Hörst du es, du Schurke«, rief der Detektiv, welcher die Worte verstanden hatte, »ich werde dir einen Vorschlag machen. Wir bringen dich für heute Abend in Sicherheit, du schläfst in meinem Zimmer, und beim ersten Versuch, den du machst, zu entfliehen oder deine Leute gegen uns zu deiner Befreiung aufzufordern, schlage ich dich so lange, bis mir der Arm lahm wird, und das dauert bei mir etwas lange. Dasselbe gilt, wenn einem meiner Gefährten oder einer der Damen etwas Unrechtes geschieht, wenn ihnen nur ein Haar gekrümmt wird. Verstanden?«

»Ihr werdet es zu verantworten haben«, stöhnte Schao-tschin, der seine Lage noch gar nicht begreifen konnte.

»Meine Verantwortung habe ich in der Tasche, darum kümmere dich nicht. Ich werde dir zeigen, ob ein Kriminalbeamter das Recht hat oder nicht, einen Mädchenräuber dem Gericht auszuliefern. Komm, Schatz, wir wollen uns das beste Zimmer aussuchen und schlafen gehen! Gib deinen Leuten nur strengen Befehl, uns ja nicht etwa ermorden, betäuben oder vergiften zu wollen; der erste, der darunter zu leiden hat, bist du.«


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Er nahm den Chinesen über die Schulter, warf noch einen nachdenkenden Blick auf die sechs gebundenen Chinesen und sagte dann:

»Diese mögen hier bleiben und sich von ihren Kameraden befreien lassen, es sind mir zu viele. Sollte jeder Spitzbube in China gefangen werden, dann würde das Land bald entvölkert sein. Kommen Sie, meine Damen, wir wollen uns die Schlafzimmer selbst aussuchen und uns zur Ruhe begeben.«

Er schritt voran, von den anderen gefolgt, und bald hatte er zwei nebeneinanderliegende Zimmer gewählt, in denen sie sich Schlafplätze zurechtmachten. In das eine gingen Sharp und Hannes, den Chinesen mit sich nehmend, in das andere schlossen sich die beiden Damen und Hope ein, nachdem sie von dem Detektiv ausdrücklich ermahnt worden waren, weder Essen, noch Trinken zu sich zu nehmen und bei der geringfügigsten Sache, die ihren Argwohn errege, sofort an die Seitentür zu pochen.

Am frühesten Morgen wollten sie alle zusammen nach der nächsten Bahnstation fahren, den Chinesen mit sich nach Scha-tou nehmen und ihn dort der Behörde zur Bestrafung ausliefern.

Auf die Frage, wo sich jetzt der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ befänden, teilte Hope ihren Freundinnen mit, was sie selbst wusste, und sprach die Vermutung aus, dass wahrscheinlich beide Schiffe schon wieder im Hafen liegen würden.

Überglücklich von diesem Abenteuer, das sie beinahe mehr noch als das Leben gekostet hätte, mit heiler Haut davongekommen zu sein, legten sich die beiden Mädchen zum Schlafen nieder, vorher noch ein heißes Dankgebet zum Himmel aufsendend.

* * * * *

II.40. In der Höhle der Wahnsinnigen

Schon am frühen Morgen brach die kleine Gesellschaft auf; der Hausherr ward gebunden auf den Boden des Wagens gelegt und der ganz besonderen Aufsicht von Hannes empfohlen, welcher mit Hope und den beiden anderen Damen die Rücksitze einnahmen, während Sharp die Zügel führte.

Des Detektivs Absicht war, nicht die Fahrstraße nach Scha-tou einzuschlagen, sondern diese auf einem Seitenwege zu verlassen und ein Städtchen aufzusuchen, in welchem sich eine Station der Eisenbahn zwischen Scha-tou und Schanghai befand. Den Wagen wollte er durch eine sichere Person zurückschicken, während die Eisenbahn die Gesellschaft, wie auch den Chinesen nach dieser Stadt bringen sollte, wo man Letzteren wegen verübten Mädchenraubes den Behörden auszuliefern beschloss.

Munter trabten die flinken Ponys durch den taufrischen Morgen; kleine Wälder, Büsche und Felder flogen an den Fahrgästen nur so vorüber, und nach Sharps Meinung, der sich über den Weg auf einer genauen Karte orientierte, musste man die Station schon gegen Mittag erreichen.

Der bisher sehr gut erhaltene Weg wurde mit einem Male schlechter, die Gegend war hügelig geworden, überall zur Seite der Straße lagen große Steine, welche aus dem Wege geräumt worden waren, schließlich aber kam man an eine Strecke, welche von großen und kleinen Steinen selbst dicht besät war. Die hier wohnenden, chinesischen Bauern hatten es nicht für der Mühe wert gehalten, die Hindernisse wegzuräumen.

Ein langsam fahrendes Fuhrwerk hielten diese Steine nicht auf, sie waren weit voneinander entfernt, als wären sie von einem ausbrechenden Vulkan hierhergeschleudert worden; man konnte bei einiger Vorsicht also vermeiden, dass die Räder über sie hinweggingen. Schwieriger war es für einen schnell dahinjagenden Wagen, die Räder nicht anstoßen zu lassen. Nick Sharp wusste die Zügel gut zu führen; ohne den Lauf der Pferde zu mäßigen, lenkte er geschickt zwischen den Steinen hindurch, die Zügel bald links, bald rechts anziehend und so die Tiere fortwährend im Zickzack laufen lassend.

Schon war diese steinige Straße bald passiert, als plötzlich eins der Pferde, durch einen scharfen Ruck des Zügels scheugemacht, sich empor bäumte, da aber das andere weiterlief, so stieß der Wagen an das erste, es wurde zu Boden gerissen und, an dem Ledergeschirr und der Deichsel hängend, einige Sekunden geschleift.

Im Nu war der Detektiv von seinem Sitze herab, hatte es wieder empor gerissen und überzeugte sich sofort, dass das Pony außer einigen leichten Schürfungen keinen Schaden davongetragen hatte, dagegen war durch den Fall die Deichsel mitten durchgebrochen. Sharp suchte sie erst mit Stricken zusammenzubinden, aber es wollte ihm nicht recht gelingen — ein schnelles Fahren hätte er nicht mehr riskieren dürfen.

»Ich könnte auch ohne Deichsel fahren«, meinte er, »aber der Weg wird jetzt abschüssig, eine Bremse befindet sich nicht an dem Wagen, und so würde ich den Pferden zu viel zumuten, sollten sie den Abhang in Karriere zurücklegen, damit ihnen die Räder nicht zwischen die Beine kommen.«

Er blickte sich hilfesuchend um.

Nicht weit entfernt, hinter einem Reisfelde, begann ein Wald, welcher sich, dem Anscheine nach, sehr weit ausdehnen musste. Hannes wurde beauftragt, nach diesem zu gehen und zwei Stämmchen abzuschneiden, mit deren Hilfe Sharp die Deichsel wieder brauchbar zu machen gedachte.

»Es ist fatal«, sagte er, »dass die Deichsel nicht noch eine Viertelstunde gehalten hat, denn in dieser Zeit hätten wir die Station sicher erreicht. Na, Hannes, mach schnell, dass du bald wieder hier bist.«

Hannes folgte eiligst dieser Aufforderung. Er sprang über den Graben, der die Landstraße von dem Reisfelde schied, hatte aber noch keine zehn Schritte gemacht, als er sich jemanden nacheilen hörte.

Er hatte sich nicht getäuscht, als er in der Person, die ihn begleiten wollte, Hope vermutete.

»Nimm mich mit!«, rief das junge Mädchen, das noch immer wie ein Seemann gekleidet war, »zwei haben die Stämmchen schneller abgeschnitten als nur einer.«

»Hat Mister Sharp erlaubt, dass du mitkommst?«, fragte Hannes.

»Ich habe ihn nicht erst gefragt. Er zog zwar ein schiefes Gesicht, wie er meine Absicht merkte, und ich vom Wagen herunterkletterte, aber gesagt hat er nichts.«

Die beiden schritten über das Reisfeld, dessen Halme erst knöchelhoch standen, und hatten in zehn Minuten den Wald erreicht. Aber am Saume fanden sich keine jungen, schwachen Stämmchen, wie sie der Detektiv gewünscht hatte, und so drangen sie weiter vor.

»Merke dir die Richtung, Hope«, ermahnte Hannes seine Begleiterin, »damit wir uns wieder zurückfinden!«

Sie orientierten sich über den Stand der Sonne und gingen tiefer in den pfadlosen Wald hinein, hoffend, bald geeignete junge Bäume zu finden.

Nach einigem Suchen kamen sie auf eine Lichtung, auf welcher sich Bäumchen von der gewünschten Sorte vorfanden. Sie wählten zwei davon aus und begannen mit ihren Schiffsmessern, die Stämme dicht über dem Erdboden abzuschneiden.

»Sechsfacher Millionär und Holzfäller«, meinte Hannes bei seiner Arbeit, »wie reimt sich das zusammen?«

»Fahren wir Vestalinnen nicht auch als Matrosen?«, lachte Hope. »Und ich dächte doch, wir hätten es alle nicht nötig.«

»Das ist etwas anderes, zum Dienst auf einem Segelschiffe gehören Mut und Überlegung, aber Holzfällen — mit einer solch geistlosen Beschäftigung wird sich wohl kein Mensch abgeben, der es nicht nötig hat.«

»Da irrst du dich«, entgegnete Hope und wetzte ihr Messer an einem Steine, »Gladstone, der mehrmals Premierminister von England war, beschäftigt sich täglich einige Stunden in seinem Park zu Hawarden nur zum Vergnügen mit Holzfällen.«

»Weil er sich hungrig machen will, das kennen wir schon. Ich aber habe solche Beschäftigung nicht nötig, mein Appetit ist immer ein vorzüglicher.«

»Du brauchst ja auch nicht dein Leben lang Bäume zu fällen, Not kennt kein Gebot.«

Unter diesem Gespräch waren endlich die Messer durch das feste Holz gedrungen; beide entlaubten die Bäume noch und machten sich auf den Rückweg.

Noch hatten sie den Waldessaum nicht erreicht, als Hannes plötzlich stehen blieb und lauschte.

»Hörst du nichts?«, fragte er.

Jetzt konnte auch Hope ein Pferdestampfen vernehmen, und gleich darauf ertönte ein scharfer, gellender Pfiff, Hannes wusste, was das zu bedeuten hatte. Er war von Sharp ausgestoßen worden und ein Signal, schleunigst nach dem Wagen zu kommen.

Beide rannten, so schnell sie konnten, dem Ausgange zu, das Geräusch der Pferdehufe wurde immer deutlicher, und noch hatten sie die Waldesgrenze nicht erreicht, als einige Schüsse fielen.

Sie kannten den Knall, die Schüsse waren aus den Revolvern ihrer Gefährten abgegeben worden, sie stürzten mehr, als sie liefen, dem Reisfelde zu, und als sie endlich einen freien Überblick bekamen, sahen sie die Pferde ihres Wagens schon in rasendem Laufe die Straße hinabfliegen, von der Peitsche des Detektivs immer und immer wieder angetrieben, während sich die zwei Damen mit der einen Hand an der Lehne festhielten und mit den Revolvern in der anderen die Reiter bedrohten, welche ihnen nachsetzten.

Wohl dreißig Chinesen waren es, welche ihre Rosse anspornten, um den Wagen einzuholen. Zwei Pferde lagen schon, von den Kugeln der Mädchen niedergestreckt auf dem Boden, ein Chinese daneben, und ein anderer hinkte eben aus dem Graben, dann blitzte es noch einmal aus den Revolverläufen, und wieder wälzten sich zwei Pferde mit ihren Reitern im Staube der Landstraße.

Die Verfolger zügelten jetzt die Tiere, sie schienen entweder keine Schusswaffen zu besitzen, um die Flüchtigen, deren Wagen von zwei Pferden gezogen, ihnen an Schnelligkeit nichts nachgab, Kugeln nachsenden zu können, oder sie wollten sich ihrer lebendig bemächtigen, oder, was das Wahrscheinlichste war, sie wollten sich nicht der Gefahr aussetzen, gleich den anderen sich das Pferd unter dem Leibe wegschießen zu lassen und dabei das Genick zu brechen.

Noch immer standen Hope und Hannes am Waldrand und blickten sprachlos auf die Szene, welche sich in wenigen Sekunden abgespielt hatte.

Und was war da geschehen?

»Sie sind von Straßenräubern überfallen worden«, sagte Hope endlich.

»Das glaube ich nicht«, entgegnete Hannes. »Meiner Meinung nach haben die Chinesen den Versuch gemacht, Schao-tschin aus den Händen Sharps zu befreien. Er selbst sagte mir diese Nacht, er fürchte etwas Ähnliches, denn er hätte gesehen, wie mehrere Chinesen das Haus heimlich verließen, wahrscheinlich um Nachbarn zur Hilfeleistung aufzufordern.

»Aber wir?«, fragte Hope etwas erregt. »Was sollen wir nun hier allein beginnen?«

»Sharp lässt uns nicht im Stich«, tröstete der Matrose. »Ich schlage vor, vorläufig hier im Walde zu bleiben. Komm schnell, Hope, damit uns die beiden Chinesen dort, die sich ihr Schienbein reiben, nicht erst erblicken.«

Sie gingen wenigstens so weit in den Wald, dass sie nicht zu befürchten brauchten, von Menschen auf der Landstraße gesehen zu werden, während sie selbst alles beobachten konnten.

»Siehst du«, fuhr er dann fort, »die chinesischen Reiter geben die Verfolgung schon auf, Sharp ist ihnen entschlüpft, wie es gar nicht anders möglich sein konnte. Jetzt gehen wir in diesem Walde, der sich längs der Landstraße hinzieht, fort, halten uns aber versteckt, und ich will nicht Hannes Vogel heißen, wenn Sharp nicht, sobald er sich seinen Plan zurechtgelegt hat, uns wieder aufsucht.«

Hope hatte sich bald über ihre Verlassenheit getröstet, sie hatte nach und nach ein ebensolches Vertrauen zu dem Detektiv gefasst, wie Hannes schon besaß, und so begannen beide, den Weg nach Süden aufzunehmen, zwischen sich und der Landstraße immer Büsche und Baume behaltend, damit sie nicht von den Reitern gesehen würden, welche sich jetzt mit den gestürzten Pferden beschäftigten.

Der Wagen mit den Geretteten war nicht mehr zu sehen, ein Hügel hatte ihn ihren Augen entzogen. Da schrak Hannes plötzlich zusammen, und auch Hope hatte sofort den Schrecken ihres Begleiters verstanden.

Einer der abgeworfenen Chinesen, der bis jetzt wahrscheinlich bewusstlos dagelegen hatte, war von den anderen aufgehoben worden, er musste wieder zu sich gekommen sein, er sprach lange zu den Reitern, deutete nach dem Walde, ebendahin, wo die beiden vorhin gestanden hatten, und mit einem Male drehten sich die Kopfe aller dieser Richtung zu.


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Es war kein Zweifel, dieser Mann hatte vorhin Hope und Hannes am Waldrand stehen sehen und machte jetzt seinen Genossen davon Mitteilung.

»Tiefer in den Wald!«, flüsterte Hannes, als fürchte er, gehört zu werden, obgleich die Entfernung eine ziemlich große war. »Wir sind gesehen worden, und sie ahnen natürlich, dass wir zu dem Wagen gehören.«

Er zog das Mädchen mit sich, immer tiefer in das Unterholz vordringend, und als er sich umblickte, konnte er zwischen den Bäumen eben noch sehen, wie die Chinesen wirklich über das Reisfeld ritten.

Es war kein Zweifel, man wollte sie verfolgen und sich ihrer bemächtigen, um Rache für die Entführung Schao-tschins zu nehmen. Hope begriff noch gar nicht, welche furchtbare Gefahr sie bedrohte, Hannes aber stieg das Blut heiß in den Kopf, er griff nach dem Revolver in der Tasche und überzeugte sich, dass er noch so viele Patronen bei sich trug, um ihn zweimal laden zu können. Ebenso war auch Hope ausgerüstet.

»Wir werden wirklich verfolgt?«, fragte Hope ängstlich, sich umblickend.

»Es ist so«, bestätigte der Matrose, »aber wir haben Aussicht, ihnen zu entgehen. Dieser Wald ist groß und so dicht, dass sie mit den Pferden nicht durchdringen können, sie haben also keinen Vorteil uns gegenüber, und wir beginnen einfach ein Versteckspielen. Nur Mut, Hope, dein Name bedeutet ja Hoffnung, und hat er sich bis jetzt immer bewahrheitet, so wollen wir auch diesmal an einem glücklichen Ausgang nicht zweifeln.«

Stimmen unterbrachen seine Rede, sie klangen ganz dicht in der Nähe. Die Chinesen mussten sich verteilt haben und diese Gegend des Waldes absuchen, Rufe erschollen aus allen Richtungen, Pfiffe und andere Signale, es war also kein Zweifel mehr, dass sie eine regelrechte Verfolgung beabsichtigten.

»Hier hinein«, flüsterte Hannes und schob das Mädchen in einen dichten Busch. »Ich glaube, wir sind bereits umzingelt. Es ist zu traurig, dass keins von uns auch nur eine Ahnung hat, was sie sich immer zurufen, sonst könnten wir uns danach richten.«

Beide krochen so tief wie möglich in das Buschwerk, kauerten dicht nebeneinander nieder und erwarteten das Weitere.

Als Hope sah, dass Hannes seinen Revolver hervorgezogen hatte, tat sie das Gleiche, das junge Mädchen atmete schwer, die Stimmen erklangen immer näher und zwar von mehreren Seiten, bald musste es sich entscheiden, ob sie hier entdeckt würden oder nicht.

»Wir schießen nur im höchsten Notfall«, zischelte Hannes.

Da trat der erste Chinese aus dem Unterholz heraus, und gleich darauf an der entgegengesetzten Seite einige andere. Sie riefen sich etwas zu, deuteten nach rechts und schlugen dann diese Richtung ein.

»Gott sei Dank«, sagte Hannes, »dass sie nicht daran gedacht haben, dieses Gebüsch zu untersuchen.«

»Wollen wir hier versteckt bleiben?«, fragte Hope.

»Nein«, entgegnete der Matrose nach kurzem Überlegen, »ich vermute, dass, wenn sie uns hier nicht finden, sie diese Gegend nachher noch einmal genauer untersuchen werden. Diese Männer waren jedenfalls die ersten der Schar, die Anderen kommen sicher noch nach. Das beste ist, wir gehen diesen dreien nach, ganz vorsichtig, womöglich sie im Auge behaltend, und drehen sie dann um, um sich zu ihren Gefährten zurückzubegeben, so verstecken wir uns und lassen sie an uns vorübergehen. Dann ist der Weg frei.«

Hope war mit diesem Plane einverstanden, wenn sie auch anfangs etwas über die Kühnheit desselben erschrak, den drei Verfolgern direkt nachzugehen. Aber sie sah ein, dass es so besser war, als den anderen gerade in die Hände zu laufen.

Sie lauschten erst eine Weile, ob nichts zu hören war, und krochen dann vorsichtig, immer horchend und um sich spähend, aus dem Gebüsch und schlugen den Weg ein, den vorhin die drei Verfolger genommen hatten.

Es dauerte nicht lange, so erblickten sie diese drei Männer, wie sie, schwatzend und lachend, vorwärtsdrangen, einzelne Gebüsche, welche sie nicht durchblicken konnten, untersuchten, sich aber im Übrigen nicht sehr viele Mühe mit dem Finden der gesuchten beiden Personen zu geben schienen.

Hannes schloss ganz richtig, warum diese Chinesen so nachlässig waren.

»Es werden bezahlte Diener sein«, meinte er, »die den Schao-tschin zu befreien suchen. Nur einer von ihnen wird wahrscheinlich ein Interesse daran haben, etwa ein Freund dieses Mannes, und der hat jedenfalls den Leuten aufgetragen, unserer habhaft zu werden, damit er für die Sicherheit Schao-tschins Geiseln besitzt. Aber den Dienern ist alles gleichgültig, sind sie ihren: Herrn aus dem Auge, so fällt es ihnen gar nicht ein, ernstlich an eine Verfolgung zu denken.

Ab und zu verschwanden die Chinesen hinter Bäumen oder Sträuchern, kamen aber bald wieder zum Vorschein, und die beiden jungen Leute, wie Indianer von Busch zu Busch hüpfend, hinter jedem Baumstamm Deckung suchend, waren ängstlich bemüht, nicht gesehen zu werden.

Da blieben die Chinesen plötzlich stehen, besprachen sich, lachten, wiesen mit den Daumen über die Schulter zurück und drehten um.

Sofort als die Chinesen ihre Schritte gehemmt hatten, waren Hannes, wie Hope hinter einen Busch gesunken und krochen in denselben hinein. Es war anzunehmen, dass dieser, der schon vorher untersucht worden war, nicht wieder revidiert werden würde. Unglücklicherweise aber, noch im letzten Moment, fiel es Hope ein, fürchtend, der kleine Busch könne beide nicht verbergen und einen größeren bemerkend, noch etwas seitwärts zu kriechen und in dem anderen Zuflucht zu nehmen.

Wohl war ihr dieses Manöver gelungen, ohne gesehen zu werden, aber in diesem Moment streifte gerade das Auge eines Chinesen den betreffenden Busch. Er musste die Zweige desselben noch sich bewegen gesehen haben, er stutzte und machte seine Gefährten darauf aufmerksam.

Alle begaben sich dorthin, noch aber hatten sie ihn nicht erreicht, als schon aus dem Busche, wo Hannes lag, ein Schuss krachte, der eine Antwort aus dem anderen fand, dann noch ein dritter, und alle drei Chinesen lagen röchelnd im Gras.


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»Schnell fort«, schrie Hannes, »der Weg ist frei.«

Er fasste Hope bei der Hand und rannte, so schnell es ihm seine Beine erlaubten, in der ersten Richtung weiter. Ein Glück war es, dass Hope keine Mädchenkleider trug, sonst hätte sie mit dem leichtfüßigen Hannes wohl nicht gleichen Schritt halten können, so aber gelang es ihm, das Mädchen an der Hand mit gleicher Schnelligkeit fortzureißen.

Die Richtung, welche sie verfolgten, war eine günstige, sie führte nicht so sehr weit von der Landstraße ab und zugleich dahin, wohin sie zuerst gewollt hatten.

Hinter ihnen wurde es lebendig, Überall erscholl schreiendes Rufen, Pfiffe gellten, und einige der Verfolger waren ihnen so nahe, dass man das Knacken des Buschwerkes hören konnte, durch welches sie brachen. Ob sie schneller liefen, als die Verfolger, konnten sie jetzt noch nicht beurteilen, sie sahen noch niemanden. Nur immer vorwärts, vorwärts — das war ihr einziger Gedanke, darin lag ihre Rettung, denn mit den Revolvern hätten sie wohl die ersten sich vom Leibe halten können, wären aber der Überzahl doch bald erlegen.

Atemlos, mit keuchender Brust und glühenden Wangen, Hand in Hand, so rannten sie vorwärts, brachen durch die Büsche, rissen sich mit Gewalt von Schlingpflanzen los, die sie umgarnen wollten, sprangen über umgestürzte Baumstämme, und wollte einer von ihnen straucheln, so hinderte ihn der Andere mit festem Griff daran.

Aber es schien doch nicht, als sollte ihnen auf diese Weise, nur mit Hilfe ihrer Schnelligkeit, die Flucht gelingen, denn immer deutlicher schallten die Rufe ihrer Verfolger, immer näher kam das Knacken und Brechen der Büsche, und jetzt hörten sie auch auf der Landstraße das Galoppieren von Pferden.

Einige Chinesen waren aufgesessen, sie wollten ihnen einen Vorsprung abgewinnen und dann entgegenkommen.

»Rechts hinein«, keuchte Hannes und lenkte von der Landstraße ab.

Er zog den Revolver, ebenso Hope. Lange konnten sie diesen Lauf doch nicht mehr aufhalten, er nützte ihnen auch nichts, denn diese Chinesen, hier geboren, waren mehr gewöhnt, als sie, in den Wäldern ihres Landes vorzudringen. Sie hatten nicht nötig, einmal umzukehren, wenn der Weg von Schlingpflanzen unterbrochen ward, sie wussten schon vorher, ob dieses Gewirr durchdringbar war oder nicht, und vermieden in Letzterem Falle einen solchen Weg.

»Ich kann nicht mehr«, flüsterte Hope, presste beide Hände gegen die wogende Brust und blieb stehen, »wir wollen uns lieber fangen lassen.«

Hannes drehte sich um, eben sah er einen der Chinesen zwischen den Bäumen auftauchen. Kurz entschlossen hob er den Revolver, zielte und schoss — der Mann fiel.

»Wir haben nicht so viele hinter uns, wie wir glaubten«, stieß er kurz hervor. »Nur einige Minuten, Hope, halte aus, wir wollen doch noch versuchen, ihnen durch Laufen zu entkommen!«, Schon wurden wieder andere Stimmen und neues Knacken laut. Hannes entsicherte wieder seinen Revolver, blieb stehen und schaute zurück, um einen etwa sichtbaren Verfolger niederzuschießen, als plötzlich Hope einen lauten Schrei ausstieß und mit der Hand zur Seite deutete.

Auch Hannes ließ den schon erhobenen Revolver sinken und starrte die Erscheinung an, die vor seinen Augen auftauchte.

Mit fliegendem Haar kam ein in Lumpen gehülltes Weib auf sie zugestürzt, auf den ersten Blick sahen beide, dass sie keine Chinesin, sondern eine Engländerin war, und ehe sie sich versahen, hatte dieses Weib sie erreicht und Hope mit den Armen umschlungen.

»Endlich, endlich«, flüsterte sie angstvoll, »wie lange habe ich schon auf euch gewartet! Kommt schnell, ehe uns die bösen Chinesen erreicht haben, sie zücken schon ihr Schwert. Reynold, mein Kind«, schrie sie plötzlich auf, »schnell, schnell hinein, oder ihr seid verloren!«

Sie fasste Hope krampfhaft bei der Hand und riss sie mit sich fort, etwas nach der Seite hin, und Hannes, welcher nicht wusste, was er denken sollte, aber doch froh war, wenigstens eine Europäerin, wahrscheinlich eine Engländerin, getroffen zu haben, folgte mechanisch.

Keiner von den Chinesen konnte diese Begegnung bemerkt haben, gerade hier stand sehr dichtes und hohes Gebüsch.

Das Weib eilte flüchtigen Laufes davon, die bestürzte Hope immer festhaltend, bis sie einen sehr dicken Baumstamm erreichte. Um diesen ging sie herum, und jetzt bemerkten die beiden jungen Leute, dass dieser Stamm, den sechs Männer wohl schwerlich umspannen konnten, hohl sein musste, denn an der Erde befand sich eine große Öffnung, die ins Innere führte.

Die Frau kniete nieder, schlüpfte durchs Loch und war sofort verschwunden, nur ihre Hand streckte sie heraus, mit der sie Hope festhielt und nach sich zog.

Ohne Besinnen kroch auch Hannes nach und fand zu seinem Erstaunen, dass sich das Loch, in dem er sich jetzt befand, weniger in dem Baumstamm selbst befand, als vielmehr unter demselben, und sich noch wohl drei Meter unter der Erde hinzog. Es war etwa einen Meter hoch und vier Meter breit und lang, sodass sich drei Personen bequem darin aufhalten konnten.

Beleuchtet wurde diese Erdhöhle einzig von dem Tageslicht, welches durch die Öffnung im Baum hereinfiel, sie war völlig leer, nicht einmal ein Lager oder ein Gefäß verrieten, dass diese Höhle einem menschlichen Wesen als Wohnort diente.

Das Weib, welches englisch sprach, hatte sich in einen Winkel niedergekauert und hielt Hope innig umschlungen.

»Endlich, Reynold«, flüsterte sie mit zärtlicher Stimme, »ich wusste es ja, dass wir uns vor den Chinesen retten könnten. Was kümmert mich alles, was wir verloren haben, wenn ich nur dich gerettet habe! Nicht wahr, Lionel?«, wandte sie sich an Hannes, der erstaunt diesen Worten gelauscht hatte.

Jetzt wurde es oben laut, man hörte Stimmen und Schritte, aber die Rufer eilten weiter, keiner sah das Loch im Baum, oder wer es sah, dachte nicht daran, es zu untersuchen. Schnell entfernten sich alle wieder, bald herrschte vollkommene Stille.

Hope begann sich zu ängstigen, das Weib, mager, schmutzig und zerlumpt gekleidet, überschüttete sie mit Liebkosungen, küsste bald ihr Antlitz und streichelte dann wieder ihre Hände.

»So sprich doch«, begann das Weib wieder, »fürchtest du dich auch nicht, Reynold? Wir sind ja im Kloster, ganz sicher aufgehoben. Ach, Lionel«, wandte sie sich wieder zu Hannes, »es war doch zu schrecklich in den letzten Tagen.«

Hannes rutschte auf den Knien zu ihr — das Aufstehen erlaubte diese Erdhöhle nicht.

Eben wollte er den Mund auftun, um zu fragen, wer sie eigentlich sei, als ihm Hope unmerklich zunickte und ein Zeichen machte, was er sofort verstand. Sie hatte recht, man hatte es hier mit einer Wahnsinnigen zu tun.

Aber wer war sie? Wie kam diese Engländerin, wenn sie eine solche war, in diesen Wald, und noch dazu in diesem Zustande? Ihrem Aussehen nach musste sie schon jahrelang jedes Kleiderwechsels entbehrt haben, nur Fetzen hingen an ihrem Körper, und Gesicht und Hände sahen aus, als wären sie schon seit Wochen nicht mehr mit Wasser in Berührung gekommen.

Lebte sie hier in dieser Höhle? Woher kam sie? Was schwatzte sie da für dummes Zeug?


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Diese Fragen beschäftigten die Gedanken unserer beiden Freunde, als das Lärmen der Verfolger verstummt war, als sie sich in Sicherheit zu fühlen begannen. Da plötzlich umarmte das Weib den völlig verdutzten Hannes, der zu ihr gekrochen war oder vielmehr zu Hope, um diese im Fall der Not vor dem Weibe zu schützen, und sagte:

»Mein Lionel, wir sind geborgen! Folge nun meinem Rate, verlass mit uns China, wo wir nichts als Sorge und Elend auszustehen gehabt haben. Was nützt uns der Reichtum, wenn wir nicht in Ruhe leben können! Weißt du noch, wie oft du mir in England, ach, in meinem schönen England, dein Lieblingslied vorgesungen hast? Willst du es noch einmal hören?«

Und leise begann sie zu singen:


Ich wäre froh, ich wär' behänd,
Ich wollt' mich mühen spät und früh',
Wär' mir zu schaffen nur vergönnt,
Für dich, Marie, für dich, Marie!


»Du hast ja nun auch für mich, für deine Marie, gearbeitet«, fuhr sie fort, und ihre in wahnwitzigem Fieber glühenden Augen waren voll des zärtlichsten Ausdrucks auf Hannes gerichtet, »wirklich spät und früh, bis du dich aus deiner früheren Armut gerungen hast! Aber nun höre auf, lass uns zusammen nach England zurückkehren! Was wollen wir mehr? Wir sind glücklich, wir haben das Geld gerettet, und siehe unser Kindchen, unsern Reynold, wie er vor Gesundheit strahlt. Mein Lionel, singe mir noch einmal das Lied vor, mit dem du mich früher so oft entzückt hast! Weißt du noch, als ich, das reiche Mädchen, aus dem Hause meiner Eltern floh, um dir, dem armen Manne, für immer anzugehören? Kennst du es wirklich nicht mehr?«, fragte sie traurig, als Hannes wie geistesabwesend mit dem Kopfe schüttelte.

»Das Lied war schöner als alle die anderen«, fuhr sie fort, »du bezaubertest damals mein Herz damit. Kannst du es wirklich nicht mehr? Es war so schön, du sagtest mir mehr darin, als alle deine Worte vermocht hätten. Höre, so ging es.«

Wieder umschlang sie fester den Hals des Matrosen und sang leise in dessen Ohr:

O, ständest du in Sturm und Kält',

Auf off'nem Feld, auf off'nem Feld.

Ich schlüge mein Gewand um dich,

Und wärmte dich und wärmte dich!

Also war diese arme Wahnsinnige wirklich eine Engländerin, beide Lieder, die sie eben gesungen hatte, waren beliebte, schottische Volkslieder.

Jetzt wandte die Frau ihre Aufmerksamkeit wieder dem Mädchen zu, welches sie für einen Knaben, wahrscheinlich für ihren Sohn hielt, aber in ihrem von Wahnsinn verdunkelten Geiste glaubte sie in ihm noch ein kleines Kind zu sehen.

»Reynold, mein herziges Baby«, flüsterte sie, »sei nicht furchtsam! Bist du auch nicht in Marienlust, in diesem Kloster brauchst du nichts zu fürchten.«

»Marienlust?«, rief Hannes erstaunt, zum ersten Mal sein Schweigen brechend, »War das nicht der Name der Villa, die wir eben verließen?«

Hope nickte mit dem Kopfe, sie getraute sich nicht, sich aus der Umarmung dieser Frau zu befreien, einer solchen Situation gegenüber fühlte sie ihren Mut nicht gewachsen.

»Ist hier auch nicht alles so glänzend eingerichtet wie in Marienlust«, fuhr das irrsinnige Weib fort, »so ist doch die Mutter bei dir, und Mutterliebe soll dir alles ersetzen. Warte nur noch einige Stunden, dann gehen wir auf ein schönes Dampfschiff, das bringt uns schnell nach England. Und dort ist es schön, ach, so schön, dort kann man ruhig schlafen; keine heulenden Chinesen stören dich, mein Liebling, sie werfen keine Brandfackeln, klirren nicht mit den Schwertern. Aber in meinem Arme kannst du schon hier ruhig schlafen. Schlaf nur, mein Baby, ich wache für dich. Niemand darf dir etwas tun, ich und dein Vater wollen dich hüten!«

Sie begann ein altes Wiegenlied zu singen und wiegte Hope, sie mit den Armen an ihre Brust drückend, hin und her. »Pst«, flüsterte sie dann zu Hannes hinüber, »er schläft. Ach, mein Lionel, was bin ich froh, dass wir gerettet sind. Nicht meinetwegen, aber wegen Reynold! Ich habe so schreckliche Träume gehabt in letzter Zeit. Mir war es immer, als würde ich von den Chinesen ermordet, ich sah förmlich, wie sie Reynold aus meinen Armen rissen und ihm das blonde Lockenköpfchen mit dem schrecklichen Schwert abschlugen, und wachte ich dann auf, so peinigten mich die furchtbarsten Kopfschmerzen, in meinem Gehirn stach es, als würde mit glühenden Nadeln darin herumgewühlt. Gott sei Dank, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Nicht wahr, Lionel, es war nur ein Traum, dass dem Reynold der Kopf abgeschlagen worden ist? Nicht wahr, Lionel? So sprich doch nur, mein Schatz, es war nur ein hässlicher Traum?«

Des Weibes Worte wurden immer heftiger, ihre Augen glühten, sie ließ Hope los und umschlang dafür Hannes, und immer aufgeregter klang ihre unaufhörliche Frage:

»Nicht wahr, Lionel, es war nur ein Traum?«

»Ja, es war nur ein Traum, gewiss, wie sollte es anders sein«, entgegnete endlich Hannes. Ihm wurde es in der Nähe dieses wahnsinnigen Weibes unheimlich, er hätte lieber den Kampf mit den verfolgenden Chinesen da draußen aufgenommen, als hier Zeuge eines Unglücks zu werden, welches das grausame Schicksal einem Menschen zugefügt hatte. Jedes Wort dieses Weibes schnitt ihm ins Herz.

Aber was sollte er denn nun beginnen? Er und Hope konnten zwar jetzt gehen, der Weg war jedenfalls frei, doch diese Wahnsinnige? Sollte er sie hier hilflos zurücklassen? Nein, das durfte, das konnte er gar nicht tun.

»Lionel, hast du auch noch das Geld bei dir?«, fragte jetzt das Weib wieder. »Tue es in die Schatulle, es ist doch sicherer, wenn du es immer in der Hand ...«

»Mein Gott!«, schrie plötzlich Hope auf und machte sich gewaltsam von der Brust des Weibes frei, »Hannes, mir geht eine furchtbare Ahnung auf, Lionel, das Kloster, die Flucht vor den Chinesen, das getötete Kind und endlich die Schatulle mit dem Geld, das Weib ist niemand anders, als Lionel Congraves Gattin, dessen Geld und Testament wir gefunden haben.«

Mit offenem Munde hatte Hannes diesen Worten gelauscht, er hätte sich fast den Kopf eingerannt, mit solcher Heftigkeit war er in dem niedrigen Loch aufgesprungen.

»Bei Gott, Hope!«, rief er. »Du hast recht, Mistress Congrave«, fuhr er zu der Frau gewendet fort. »Heißen Sie Mistress Congrave?«

Das Weib blickte ihn erstaunt an.

»Aber, Lionel«, sagte sie langsam. »Was fehlt dir denn? Bist du krank? Du weißt doch recht gut, dass ich deine Frau bin. Treibe doch nicht solchen Scherz mit mir!«

»Sind Sie Mistress Congrave?«, beharrte Hannes auf seiner Frage, der mit Irrsinnigen umzugehen noch niemals Gelegenheit gehabt hatte, ebenso wenig wie Hope. Die Antwort blieb aus.

Plötzlich hörten die in der Erdhöhle Hockenden Schüsse fallen, der Knall kam immer näher, flüchtige Rosseshufe stampften den Erdboden, und dann jubelte Hannes mit einem Male auf:

»Sharp«, rief er, »ich habe seine Stimme erkannt. »Hurra, er treibt die Halunken zu Paaren. Komm, Hope, da müssen wir dabei sein!«

Er wollte sich dem nach außen führenden Loche zuwenden, aber mit einem Sprunge war das Weib davor.

»Lionel«, schrie sie auf und umschlang krampfhaft seinen Hals mit den Armen, »bleibe hier, gehe nicht hinaus, man will dich morden, wie man mein Kind gemordet hat! Bleibe bei mir!«

»Lass mich los!«, keuchte Hannes und wollte sich mit Gewalt freimachen.

»Er kommt«, rief da Hope und drängte sich oder kroch vielmehr an ihnen vorbei, dem Eingange zu, »ich höre, Mister Sharp, wie er seinen Leuten befiehlt, uns zu suchen.«

Es gelang ihr an dem Weibe vorbeizukommen, das noch immer mit Hannes rang. Als sie den Kopf zu dem Loche heraussteckte, sah sie zu ihrer unaussprechlichen Freude Sharp wirklich vor sich stehen; ganz in der Nähe wie er eben einem Chinesen auf englisch das Aussehen der beiden Vermissten beschrieb. Noch mehrere Chinesen standen um ihn herum, wahrscheinlich gehörten sie zu der Polizei.

»Und wenn ihr noch einige von den Schurken im Busch herumkrauchen seht«, fügte der Detektiv hinzu, »so schont sie nicht, schickt ihnen nur ruhig eine blaue Bohne in den Bauch, die Kerls haben es nicht besser verdient. Ich verantworte alles.«

»Mister Sharp«, erklang da dicht neben ihm eine helle Mädchenstimme.

»Hallo!«, rief Sharp und blickte erstaunt auf den Kopf, der lächelnd aus dem Baumloch an der Erde heraussah.

»Es ist gut«, rief er dann den Leuten zu, »sie sind schon gefunden! Wie zum Teufel kommt ihr denn in diesen Fuchsbau? Ihr habt wohl eine Sommerwohnung hier aufgeschlagen?«


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Eiligst kletterte Hope aus der Höhle heraus und teilte in kurzen Worten dem Detektiv alles mit, was sich ereignet hatte, ihre Flucht, die seltsame Rettung durch das wahnsinnige Weib, und schließlich auch, dass aller Wahrscheinlichkeit nach eben diese Frau die Gattin des verbrannten Mister Congrave sei, die sie von den Chinesen ermordet gewähnt hatten.

Des Detektivs Gesicht veränderte sich bei allen diesen Mitteilungen nicht im Geringsten.

»Ich werde mich selbst davon überzeugen«, sagte er und stieg in die Höhle hinein. Hope folgte ihm.

Hannes hatte das Gespräch zwischen Hope und Sharp gehört und erwartend, dass Letzterer ihn aufsuchen würde, das Ringen mit dem Weibe aufgegeben und sich wieder in die Ecke zurückgezogen.

Sofort setzte sie sich neben ihn und überhäufte ihn mit Liebkosungen, Hope dabei gar nicht vermissend, sie achtete auch nicht mehr auf diese, als sie mit dem Detektiv eintrat. Ihre Aufmerksamkeit war jetzt nur noch Hannes zugeteilt.

»Mein Lionel«, sagte sie eben, »und ist auch Reynold mir genommen, wenn ich nur dich habe, du ersetzest mir alles, du bist meine Sonne, mein Leben, mein Glück.«


Ja, wehte auch des Unglücks Wind
Um dich mein Kind, um dich mein Kind,
Nu fänd'st bei mir am Herzen Schutz,
Dem Tod zum Trutz, dem Tod zum Trutz,


sang sie leise. »Nicht wahr, es ist kein Traum? Das hast du mir vorgesungen? Drüben im schönen England?« Sie brach kurz ab und fuhr wütend nach dem Baumloch, an dem sich eben das Gesicht eines neugierigen Chinesen sehen ließ.

»Mörder!«, schrie sie mit heiserer Stimme und streckte die Arme nach dem erschrocken Zurückfahrenden aus, »wo ist mein Kind, wo ist mein Mann, wo ist Mister Congrave? Du, du hast sie ermordet, du musst sie mir wiedergeben.«

Sie machte den Versuch hinauszukriechen, aber ihre Kraft verließ sie plötzlich, sie stürzte zu Boden.

»Hannes«, sagte Sharp ernst, »dieses Weib, welches hier liegt, ist Mistress Congrave, die Gattin desjenigen, der dich zum Erben seines Vermögens eingesetzt hat.«

Hannes, wie Hope, blieben stumm.

»Das Weib ist wahnsinnig«, fuhr der Detektiv fort, »der Tod ihres Kindes und vielleicht auch ihr eigenes Schicksal haben ihre Sinne umnachtet, und so brauchst du also, Hannes, dich nicht darum zu sorgen, dass sie dir dein Erbe streitig machen könnte. Und überdies bist du im Besitze des Testamentes; wir, Miss Staunton und ich, sind Zeugen seiner Echtheit, und, was die Hauptsache ist, du bist im Besitze des Geldes. Wir können ganz offen sprechen, diese Frau versteht doch nichts davon. Überlass sie ihrem Schicksal, oder übergib sie einer Irrenanstalt oder sonst in Pflege, da ist sie am besten aufgehoben, und du hast weiter keine Scherereien mit ihr.«

Sharp hatte in gleichgültigem Tone gesprochen, aber der Eindruck, den diese Worte auf Hannes hervorbrachten, war ein wunderbarer.

Langsam, Zoll für Zoll, war er näher zu Sharp gekrochen, seine Miene wurde immer finsterer, nein, immer trauriger, und als der Detektiv geendet hatte, da lag Hannes vor ihm auf den Knien und schaute ihm mit einem unbeschreiblichen Ausdruck ins Gesicht.

»Was fehlt dir, Hannes?«, fragte der Detektiv. »Bist du nicht einverstanden mit dem, was ich dir sagte? Mein Gott, rücksichtsvoll darf man heute nicht mehr sein, sonst kommt man nicht vorwärts. Und überdies, diesem Weibe ist es ganz egal, ob sie das Geld hat oder nicht. Wenn sie eine Person hätscheln kann, die sie für ihren Mann oder ihr Kind hält, so ist sie am glücklichsten, und dafür muss gesorgt werden.«

Er sah dem vor ihm Knienden in die Augen.

»Nick Sharp«, brachte endlich Hannes tonlos hervor, seine Stimme zitterte, »ich habe mich schon oft in Ihnen getäuscht, wenn ich aber wüsste, dass das, was Sie eben gesagt haben, Ihre aufrichtige Meinung ist, dass Sie mich für einen solchen Menschen halten, der —«

Hannes konnte nicht weiter, die Worte wollten nicht heraus, die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

»Was denn, mein Junge?«

»Dann wäre es mit unserer Freundschaft aus«, platzte Hannes jetzt heraus, und heftig fuhr er fort: »Glauben Sie etwa, ich bin so ein Lump, der mit kaltem Herzen ansehen kann, wie jemand um sein Geld geprellt wird? Und denken sie wohl gar, ich selbst würde nur einen Pfennig anrühren, von dem ich weiß, dass er jemandem anders gehört? Nein Sharp, da haben Sie sich gewaltig in mir getäuscht, zum Schurken können mich die paar Papierschnitzel, die Sie jetzt bei sich tragen, nicht machen. Geben Sie mir sie her, ich werde sie für die Frau in Verwahrung nehmen, sie lebt von jetzt ab unter meinem Schutze.«

»Und unter meinem«, fügte Hope hinzu, die sich neben Hannes begeben und bei dessen Worten immer beistimmend und bestätigend mit dem Kopfe genickt hatte.

»Ihr seid Kindsköpfe«, sagte der Detektiv lächelnd, »ich dächte doch Hannes, du solltest mich genug kennen.«

Er sprach nichts weiter, aber Hannes, wie auch Hope, hatten ihn verstanden. Er hatte den Matrosen nur auf seine Ehrlichkeit prüfen wollen.

»Wo sind Miss Sargent und Miss Nikkerson?«, fragte Hope, die sich um das Schicksal ihrer Freundinnen bekümmerte.

»Beide gesund und wohlbehalten, sie warten bereits auf der Station auf uns, desgleichen Mister Schao-tschin, wenn auch Letzterer nicht gerade sehnsüchtig.«

»So sind Sie den Chinesen glücklich entkommen?«

»Natürlich, es waren ja alles nur berittene Diener und Bauern, die niemals eine andere Waffe, als die Mistgabel in der Hand gehabt haben und auch gar nicht reiten konnten. Doch davon erzähle ich euch nachher, jetzt gilt es, diese Frau von hier fortzubringen!«

»Ja, aber auf welche Weise?«

»Einen Wagen habe ich nicht mitgenommen, aber Pferde, und auf ein solches muss Mistress Congrave gebunden werden.«

Diese hatte sich während dieser Unterredung in eine Ecke niedergekauert, ohne das Gespräch weiter zu beachten, aber kein Auge von Hannes, ihrem vermeintlichen Manne, gewendet. Als dieser sie jetzt wieder ansah, flog sie sofort auf ihn zu und begann ihn wieder zu liebkosen.

»Hannes«, sagte Sharp, »da fällt mir etwas ein. Gib mir einmal das Medaillon her, ich bin doch neugierig, was sie sagt, wenn sie das Bildnis ihres Mannes und das ihrige zu sehen bekommt. Aus ihrem Benehmen können wir uns vielleicht auch völlig überzeugen, ob sie Mistress Congrave ist oder nicht.«

Nur mit Mühe vermochte Hannes das Bild aus seiner Brusttasche zu ziehen, so fest umklammerte ihn die Frau. Der Detektiv öffnete die Kapsel, verglich erst prüfend die Fotografie, eine junge, schöne Dame vorstellend, mit den Gesichtszügen dieser Person und nickte befriedigt mit dem Kopfe.

Waren die Gesichter sich jetzt auch nicht mehr so ähnlich, hatten auch der Wahnsinn, Kummer und Elend, vielleicht auch Hunger, die Züge sehr verändert, das scharfe Auge des Detektivs fand doch sofort heraus, dass es ein Bild von ihr aus jungen Jahren war; dieses Weib war wirklich Mistress Congrave.

Er hieß Hannes, die Frau mehr nach der Baumöffnung zu bringen, damit sie die beiden Bilder erkennen könnte, und kaum traf ihr Blick die Fotografie, so geschah etwas Unerwartetes.

»Lionel!«, schrie sie gellend auf, ihre Augen nahmen einen starren Ausdruck an, sie erweiterten sich und hefteten sich voll des größten Entzückens auf den Kopf, der ihr entgegensah. »Lionel, kommst du endlich?«

»Fort, fort, du Ungeheuer«, fuhr sie dann fort und stieß Hannes, den sie bis jetzt noch immer fest umklammert gehalten hatte, so heftig von sich, dass dieser hintenüber zu Boden stürzte. »Was willst du von mir, du bist nicht mein Gatte, du hast mich belogen. Aber dieser hier«, sie entriss dem Detektiv das Medaillon und küsste wieder und wieder das kleine Bildnis, »dieser hier ist es. O, mein Lionel, habe ich dich endlich wieder!«

Plötzlich ließ sie die goldene Kapsel fallen, richtete sich hoch auf, streckte die Hände weit von sich und brach in ein schauerliches Gelächter aus, so schrill, dass es allen durch Mark und Bein ging. Sie wollte nicht wieder aufhören, fort und fort lachte sie, den Mund weit geöffnet, die Augen starr ins Leere gerichtet; es war, als könne sie die Kinnladen nicht wieder schließen, so weit standen sie auf, und dann nahmen ihre Züge einen schrecklichen Ausdruck von Schmerz an, ohne dass sie mit Lachen aufgehört hätte.

Der Detektiv umfasste sie und wollte sie beruhigen, aber er wurde mit solcher Kraft zurückgestoßen, dass er das Gleichgewicht fast verloren hätte.

»Sie bekommt die Krämpfe«, schrie Sharp, und da sank auch schon das Weib um, das Lachen klang nur noch wie ein Röcheln. In furchtbaren Zuckungen lag sie am Boden, aus dem noch immer weltgeöffneten Munde drang Schaum, und mit den Fingern suchte sie sich in den Erdboden einzukrallen.

»Sie stirbt«, schrie Hannes.

»Entweder sie stirbt, oder es tritt eine Änderung in ihrem Geisteszustände ein«, meinte Sharp, »der Anblick des Bildes ihres Mannes hat sie zu sehr erregt. Jetzt schnell mit ihr durch das Loch, wir nehmen sie vorläufig mit auf die Station.«

Das Weib hatte sich etwas beruhigt, die Zuckungen hatten wenigstens etwas nachgelassen, auch das Lachen war verstummt, nur die Kinnladen waren noch wie vom Krampf geöffnet.

Sharp schloss sie mit Gewalt und schaffte dann mit Hilfe der beiden anderen den bewegungslosen Körper der Frau durch die Öffnung, wo sie von einigen Chinesen in Empfang genommen wurde.

»Das ist Mary's Delight«, rief sofort einer von ihnen in gebrochenem Englisch, »sie ist von bösen Geistern besessen.«

»Wer ist es?«, fragte Sharp.

»Ihrem Manne gehörte früher die Villa Schao-tschins, er musste wegen eines Aufstandes der Chinesen fliehen. Von dem Manne und dem mitgenommenen Kinde hat man nie wieder etwas gehört.«

Jetzt wusste man, wo sie geblieben waren. Das Kind war jedenfalls wirklich von den Chinesen ermordet worden, der Mann im Kloster verbrannt, und nur sie allein war durch irgend einen Zufall dem Gemetzel entflohen, ihr Geist hatte diese Schicksalsschläge nicht ertragen können, hatte sich umnachtet, und so war die Unglückliche nach Villa Marienlust zurückgekehrt, in der Meinung, noch in derselben als Herrin auftreten zu können.

»Wohnt sie denn in dieser Erdhöhle?«, fragte Sharp. »Sie ist ja völlig leer.«

»Nein«, antwortete der Chinese, »ihre eigentliche Wohnung ist dicht bei der Villa, eine elende Hütte, aber auch in dieser ist nichts weiter, als ein Lager aus Baumblättern und ein Topf zum Trinken. Sie lebte von dem, was sie auf der Villa von Mitleidigen erhielt, viel mag das aber nicht gewesen sein.«

Sharp selbst nahm die Unglückliche, welche wie bewusstlos dalag, obgleich sie es nicht war, denn die Augen rollten hin und her, auf seine Arme und trug sie durch den Wald nach der Landstraße. Doch plötzlich hielt er an.


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»Ich wollte sie vor mir aufs Pferd nehmen«, sagte er, »aber es geht nicht, das Traben des Tieres könnte ihr schon so krankes Gehirn noch mehr erschüttern. Schnell, ihr Kerls, schafft eine Bahre, auf die wir sie legen können! Unsere Reise geht zwar dadurch etwas langsamer vonstatten«, wandte er sich an unsere beiden jungen Freunde, »aber es hilft nichts, wir müssen die von Chinesen getragene Bahre eben begleiten.«

In Kurzem war die Bahre aus Zweigen und Ästen hergestellt, die Frau wurde daraufgelegt, und der Zug bewegte sich durch den Wald nach der Landstraße.

Auf dieser hielten ungefähr zehn Mann mit doppelt so vielen Pferden.

»Sie haben ja aber keinen Damensattel mitgebracht«, sagte Hope zu dem Detektiv, die Pferde musternd.

Noch ehe Sharp Gelegenheit fand, nach seiner gewöhnlichen, trockenen Art eine Antwort zu geben, brach schon Hannes in ein schallendes Gelächter aus, und die Folge davon war, dass Hope sofort tief errötete.

»Getraust du dir nicht, als Herr zu reiten?«, fragte Hannes, noch immer lachend. »Das wäre zu komisch, wolltest du in deiner jetzigen Kleidung auf einem Damensattel sitzen.«

»Spotte nicht über mich«, sagte Hope etwas erzürnt, »ich kann es nicht leiden, wenn ich ausgelacht werde. Aber wir wollen einmal sehen, wer eher auf dem Pferde sitzt, ich oder du.«

Mit einem Sprunge saß sie im Sattel, und jetzt war die Reihe des Lachens an ihr, als sie zusah, wie der im Reiten nicht sehr bewanderte Hannes unbehilflich erst den verkehrten Fuß in den Steigbügel setzte, das Pferd an der Mähne packte und sich hoch zog.

»Lache nur nicht!«, sagte er zu Hope, als er glücklich oben saß. »Bin ich erst einmal im Sattel, dann bin ich auch nicht so leicht herunterzukriegen. Aber das Aufsteigen wird mir immer höllisch sauer.«

Sie ließen sich jetzt erst kurz von dem Detektiv erzählen, wie der Angriff der Chinesen, welche Schao-tschin befreien wollten, abgelaufen war. Es waren jedenfalls Leute von benachbarten Besitzungen und auch von Villa Marienlust selbst, von Letzteren zur Hilfe aufgefordert.

Sharp war in Karriere nach der nur noch eine Viertelstunde entfernten Bahnstation gefahren, hatte dort eine zufällig anwesende Patrouille chinesischer Polizei angetroffen, durch Vorzeigen der ihm vom StadtOberhaupt von Scha-tou ausgestellten Papiere den Anführer bewogen, seine Leute ihm zur Verfügung zu stellen, und war sofort nach dem Walde zurückgeeilt, die beiden Damen und Schao-tschin zurücklassend.

Im Walde fand er die Chinesen noch vor, welche die beiden Flüchtlinge suchten. Das Erscheinen der Polizei erschreckte sie, jetzt wurden sie die Flüchtigen, aber die gewandten Polizeisoldaten verfolgten sie und fingen viele von ihnen, und wessen sie nicht habhaft werden konnten, dem schickten sie eine Pistolenkugel nach.

Die gefangenen Straßenräuber wurden vorn auf die Pferde genommen, und in langsamem Tempo ging es der Station zu, in der Mitte die Bahre mit dem ruhig daliegenden Weibe.

Plötzlich brach Hannes, welcher neben Hope ritt, in ein lautes Lachen aus.

»Was hast du?«, fragte das junge Mädchen.

»O, Hope«, rief der Gefragte, »jetzt eben fiel mir der Traum ein, den du mir bei Beginn dieser Expedition erzähltest. Erinnerst du dich noch?«

»Siehst du, dass Träume keine Schäume sind?«, versetzte Hope. »Den Schatz hast du gefunden, aber er ist dir wieder genommen worden.«

»Meine Tasche hat eben Löcher«, sagte Hannes, noch immer lachend.

»Armer Hannes!«, das Mädchen legte seine Hand auf die ihres Begleiters. »Nimm es dir nicht zu Herzen, dass du das Geld wieder verloren hast. Ich kann recht gut begreifen, wie unangenehm es sein muss, wenn man sich als reicher Mann gefühlt hat und dann alles plötzlich wieder hergeben muss.«

»Ich mir so etwas zu Herzen nehmen?«, wiederholte der Matrose erstaunt. »Nein, Hope, da kennst du mich schlecht. Mir ist förmlich ein Stein vom Herzen gefallen, seit ich weiß, dass ich das Geld los bin. Ich passe nicht zum reichen Manne, ich glaube, mir schmeckte weder Essen, noch Trinken, wenn ich es mir nicht selbst verdienen kann. Und schließlich, der schönste Schatz ist mir doch geblieben.«

»Was für einen Schatz meinst du?«, fragte ihn Hope schelmisch.

»Dich meine ich!«

* * * * *

II.41. Angemustert

»Hölle und Teufel«, schrie Nick Sharp erbost zum Fenster des Eisenbahnwagens hinaus, »wo steckt denn wieder Hope, dieses Unglücksmädchen? Es ist doch wahrhaftig, als wenn ihr alle zusammen noch eine Kinderwärterin nötig hättet.«

Der Bahnhof der kleinen Station war gedrängt voll, eine Anzahl von chinesischen Soldaten sollte von hier nach Scha-tou abgeschickt werden, alles wimmelte von den langbezopften Kriegern, Ordnung konnte unter ihnen nicht aufrecht erhalten werden, sie kannten gar keine Disziplin, rannten hin und her und stiegen da ein, wo sie eben Platz fanden.

Dadurch war Hope von den anderen getrennt worden, aber weit konnte sie nicht sein, denn eben hatte Hannes die Gestalt des Schiffsjungen, als welcher Hope noch immer ausgegeben wurde, hinter einer Gruppe von Soldaten gesehen. Er stand noch auf der Plattform und zögerte, in das separate Coupé zu steigen, welches Sharp für die kleine Gesellschaft gemietet hatte, hauptsächlich der Mistress Congrave wegen.

Diese hatte die ganze Reise in einem besorgniserregenden Zustande verbracht. Man hätte nicht gewusst, ob sie tot oder lebendig gewesen wäre, wenn nicht die Augen unausgesetzt gerollt hätten. Sie lag in beständigem Krampf da, die Knie angezogen, die Fäuste geballt und den Mund verzerrt, kein Ton kam über die blau angelaufenen Lippen.

Allen graute es, wenn sie das unglückliche Weib ansahen, dem das Schicksal so schwer mitgespielt hatte, und sie waren verzweifelt darüber, dass niemand dessen Lage bessern konnte. Ein Arzt war hier nicht zur Stelle, und keiner, auch Sharp nicht, wusste, wie man einen solchen vom Krampf befallenen Kranken zu behandeln hatte. Nur so schnell wie möglich nach Scha-tou, wo ein Hospital für Europäer existierte — das war der Wunsch aller. In vier Stunden konnte man die Stadt erreicht haben.

»Ich habe sie eben gesehen«, antwortete Hannes auf den Ausruf des Detektiven, »sie ist durch einige Soldaten von uns getrennt worden.«

»Komm herein«, drängte Sharp. Es ist schon zur Abfahrt gepfiffen worden, da kommt sie ja schon.«

Hannes setzte den Fuß auf das Trittbrett, die Glocke läutete schon, aber er konnte das Mädchen noch nicht sehen. Doch er gehorchte, er stieg ins Coupé, ohne die Augen von der Plattform zu wenden, wo Hope eben hinter einer Gruppe von chinesischen Soldaten von dem Detektiven erblickt worden war.

Jetzt setzte sich der Zug in Bewegung, die Räder des Wagens begannen schon sich zu drehen, und noch war Hope nicht in dem Coupé.

Mit einem Sprunge hatte Hannes den Wagen wieder verlassen.

»So fahre denn mit dem nächsten Zuge nach Scha-tou«, rief ihm der Detektiv zum Fenster hinaus nach, »Geld hast du ja — vergiss nicht zu depeschieren, Wagen 259, erhalte Depesche unterwegs auf jeder Station.«

Das war das letzte, was Hannes zu hören bekam — der Zug brauste davon.

Sharp musste sich darein fügen, Hope und Hannes verloren zu haben, aber er ängstigte sich nicht im mindesten. Von Hannes wusste er recht gut, dass er der Mann war, sich aus jeder Situation herauszufinden, und in dieser Gegend, welche von einem Eisenbahnnetz, von Engländern erbaut, bedeckt war, konnte er die beiden ruhig sich allein überlassen. Sie kamen eben einige Stunden später in Scha-tou an, weiter hatte dieser Vorfall nichts zu bedeuten. Seine Pflicht aber war es, die beiden Damen sowohl, wie auch die kranke Frau, nicht ohne Schutz reisen zu lassen.

Hannes hatte Hope sofort gefunden, sie konnte sich zwischen den Soldaten nicht hindurchdrängen, welche ihre Kameraden nach der Bahn gebracht und deren Gepäck getragen hatten.

Das Mädchen war über den unfreiwilligen Aufenthalt auf dieser Station bald getröstet, war doch Hannes bei ihr. Sie hatte vor Aufregung fast geweint, als der Zug sich in Bewegung setzte und sie sich zwischen diesen hölzernen, rücksichtslosen Chinesen nicht hindurchdrängen konnte.

Das erste, was Hannes tat, war, dass er zu einem höheren, chinesischen Bahnbeamten ging, den er schon vorhin hatte englisch sprechen hören.

»Wann geht der nächste Zug nach Swatow?«, fragte er.

»In einer Stunde zehn Minuten«, war die Antwort.

»Hallo«, sagte Hannes zu Hope, »das geht ja sehr schnell. Ich hätte nicht gedacht, dass hier die Züge so kurz hintereinander passieren.«

Vorsichtshalber erkundigte er sich nochmals, wann der nächste Zug nach Swatow abginge, erfuhr aber dasselbe. Swatow ist die englische Bezeichnung für Scha-tou.

Die Zeit war bald verstrichen, Hannes löste die Billets, und sie stiegen in den haltenden Zug.

In demselben Coupé, in welchem sie Platz genommen, befanden sich nur Chinesen und kein einziger Europäer, sodass die beiden jungen Leute nur auf sich angewiesen waren und mit ihren Nachbarn kein Gespräch anknüpfen konnten. Aber sie hatten auch kein Bedürfnis dazu, sie waren sich vollständig genug, und beachteten nicht die verwunderten Blicke der reichen Chinesen, mit denen diese die beiden, nicht eben sehr sorgsam gekleideten Seeleute betrachteten, welche zweiter Klasse fuhren.

Besonders das überstandene Abenteuer, die Flucht durch den Wald, der Aufenthalt in der Erdhöhle hatten ihre schon an sich nicht neuen Kleider sehr mitgenommen.

Es war ein Schnellzug, in dem sie sich befanden, viele der sowieso spärlichen Stationen wurden übersprungen; wo gehalten wurde, geschah es höchstens für eine Minute und nur an einer einzigen Stelle hielt er einmal für einige Minuten. Gerade an dieser verließen sehr viele Passagiere den Zug, und andere kamen zu.

»Wenn wir so weiterfahren«, meinte Hannes, »kommen wir noch eher nach Scha-tou als die Anderen, der Zug fahrt ja blitzschnell, ganz nach englischer Manier.«

Nach der letzten, größeren Station wurden ihnen die Billets zum Nachsehen abgefordert, und da mussten unsere beiden jungen Freunde zu ihrem Entsetzen von dem kontrollierenden Beamten hören, dass sie sich in einem falschen Zuge befanden. Wollten sie nach Swatow, so hätten sie auf der letzten Zwischenstation umsteigen müssen. Dieser Zug aber fuhr nach Kanton, einem großen, chinesischen Hafen.


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Als die erste Bestürzung über diese unangenehme Mitteilung vorüber war, sagte Hannes:

»Schadet auch nichts weiter! Der Beamte sagt, in einer Stunde sind wir in Kanton, und ich telegrafiere dann sofort an Lord Harrlington, dass wir in einigen Stunden bei ihm sein werden.

»Kanton liegt etwas weiter westlich als Scha-tou, wenn ich nicht irre, legen die Postdampfer diesen Weg in etwa sechs Stunden zurück, und so kommen wir eben etwas später dort an.«

Der Frohsinn war bald wieder hergestellt, ja, sie freuten sich sogar darüber, wenn sie sich ausmalten, wie sie beide zusammen einmal als Passagiere auf einem Schiffe reisen würden.

Es ist nämlich merkwürdig, wie gern Seeleute als Schiffspassagiere fahren. Steht es ihnen frei, zum Beispiel bei einer Rücksendung aus dem Auslande in die Heimat, den Landweg oder die Seereise zu wählen, so ziehen sie Letztere immer vor, wenn sie auch viel länger währt, ja selbst, wenn sie zuzahlen müssen. Nicht etwa darum lieben sie die Reise auf einem Schiff, weil sie sich auf dem Meere heimischer fühlen, als auf dem Lande in einem schüttelnden Wagen, als vielmehr, weil es ihnen große Freude bereitet, einmal als Passagiere den arbeitenden Matrosen zusehen zu können, überhaupt das Schiff, auf dem sie fahren, nicht durch sich, sondern durch andere bedienen zu sehen.

»Aber«, fing dann Hannes wieder bestürzt an, »hast du auch noch genügend Geld bei dir?«

»Ich?«, versetzte Hope, »viel nicht, aber ich denke doch, du hast die gefundenen Goldstücke noch bei dir.«

»Die habe ich dem Detektiven sofort ausgehändigt, als ich erfuhr, dass ich nicht ihr rechtmäßiger Eigentümer sei«, sagte der Matrose kleinlaut. »Hast du gar nichts bei dir?«

»Einen Dollar ungefähr«, entgegnete Hope, in ihrer Börse suchend.

»Und ich habe auch nicht viel mehr. Da sind wir wieder in eine schöne Lage gekommen. Es reicht eben hin, um nach Scha-tou zu telegrafieren.«

»Wir bitten gleich um Sendung von Geld«, schlug Hope vor.

»Aber ehe das ankommt, vergeht ein Tag.«

»So lange werden wir uns schon halten können.«

»Es ist zu fatal«, sagte Hannes ärgerlich, »nicht, dass uns dieses passiert ist; aber dass wir schließlich über unser Unglück noch ausgelacht werden. Nein, weißt du was, Hope«, fuhr er plötzlich lebhaft fort, »was wir machen? Ich habe einen köstlichen Vorschlag.«

»Nun?«

»Ich telegrafiere in Kanton für unser letztes Geld sofort, dass wir einen oder einige Tage später eintreffen. Dann gehen wir an den Hafen, erkundigen uns, welche Schiffe nach Scha-tou fahren — zwischen Kanton und Scha-tou herrscht ein sehr starker Schiffsverkehr — und suchen dann, an Bord eines solchen als Matrosen anzukommen. Können wir nicht als Matrosen anmustern, so bitten wir den Kapitän, uns wenigstens als solche hinüberarbeiten zu lassen; in dergleichen Angelegenheiten weiß ich ganz genau Bescheid.«

Hope klatschte vor Entzücken in die Hände.

»Wahrhaftig«, rief sie, »das machen wir. Ich wollte ja schon immer einmal als Matrose fahren. Aber werde ich auch als solcher auf einem Schiffe angenommen werden?«

Hannes lächelte, als er die kleine, zierliche Gestalt Hopes musterte.

»Als Matrose allerdings nicht«, meinte er, »aber als Schiffsjunge kannst du überall ankommen.« »Gewiss«, versicherte Hope eifrig, »ich kann alles, was von einem Matrosen gefordert wird.«

»Nun kommt es darauf an, dass wir etwas ausfindig machen, wie wir anmustern können. Ich habe nämlich keine weiteren Papiere bei mir, als meine eigenen, und so musst du auf dem Seemannsamt etwas vorlügen, etwa, dass du dein Schiff verpasst hast oder so etwas Ähnliches, sonst kannst du auf kein anständiges Schiff kommen, höchstens ein chinesisches oder portugiesisches Schiff nimmt dich ohne Weiteres auf, ohne dich erst zu fragen, wer du bist und wie du hierherkommst, aber auf einem solchen sollst du nicht deine erste Fahrt machen.«

Das war Hope zufrieden. Hannes instruierte sie, wie sie sich auf alle Fälle benehmen sollte, wenn sie den Kapitän eines Schiffes um Aufnahme bäte und sie auf dem Seemannsamt angemustert würde, oder, wenn sie als Matrosen nur die Überfahrt verdienen wollten, wozu man sich nicht erst auf dem Seemannsamt anzumelden hat.

»In Kanton ist immer Mangel an Seeleuten, das weiß ich bestimmt«, sagte Hannes zuletzt. »Chinesen laufen zwar genug herum, aber wenn dort ein Kapitän einen abgemusterten englischen oder deutschen Matrosen durch die Straße laufen sieht, dann versucht er immer, ihn auf sein Schiff zu bekommen. Also brauchen wir keine Angst zu haben, ein Schiff zu finden.«

Es war Nachmittag, als sie Kanton erreichten.

Hannes hatte nicht zu viel gesagt, als er behauptete, die Seeleute würden hier auf der Straße angesprochen. Sie begaben sich von dem Bahnhof nach dem Telegrafenamt, als die beiden Seeleute, von einem untersetzten, breitschultrigen Manne angehalten wurden, der, die Schiffermütze auf dem Kopf, die Kalkpfeife im Munde, unverkennbar den Seemann verriet, auch wenn man nicht seinen breitspurigen Gang bemerkt hätte.

»Woher, wohin?«, fragte er die beiden jungen Leute in englischer Sprache. Hope, wie Hannes hörten sofort an dem Nasenlaute, dass sie einen Amerikaner vor sich hatten.

»Wir suchen eine Heuer«, entgegnete Hannes, »womöglich einen Küstenschoner, der uns nach Swatow bringt.«

»Topp«, rief der Seemann und schlug die Matrosen auf die Schulter, »das passt ja, wie es gar nicht besser sein könnte. Willst du mit, Junge? Mein Schiff geht morgen früh in See, soll wenigstens, aber mir fehlen noch ein paar Mann. Kommt, Jungens, wir wollen erst ein Glas dort in jener Wirtschaft trinken. Dabei können wir die Sache gleich abmachen.«


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Einige Leute passierten gerade das Trottoir, sodass die drei für einen Augenblick auseinander treten mussten.

»Wir haben Glück!«, flüsterte Hope ihrem Begleiter schnell zu.

Ein schlaues Lächeln huschte über Hannes' Gesicht.

»Nicht so fix!«, gab er zurück. »Ich bin kein Grünfink mehr, ich kenne diese Art von Geschäften.«

»Was für ein Schiff ist es?«, fragte er dann wieder den Mann.

»Die ›Recovery‹, Nordamerikaner, dampft von hier nach Schanghai, läuft aber unterwegs Swatow und andere Plätze an. Ihr könnt in Swatow abmustern, wenn Ihr wollt, dort bekommen wir mehr vernünftige Seeleute, als hier.«

»Was für Mannschaft ist an Bord?«

»Meistens Engländer, aber auch einige Spanier sind darunter. Doch wollen wir, wenn in Swatow englische Matrosen sind, jene herunterschaffen und diese dafür an Bord nehmen.«

»Seid Ihr der Kapitän?«

Der Mann wurde etwas verlegen.

»Das nicht, aber ich soll Seeleute anzumustern suchen. Kommt mit, bei einem Glase Whisky wollen wir die Sache schon in Ordnung bringen.«

»Wir haben kein Geld«, sagte Hannes kurz, drehte sich um und ging, die verdutzte Hope mit sich ziehend.

»Aber warum hast du diese Heuer nicht angenommen?«, sagte Letztere, über das sonderbare Benehmen von Hannes ganz erstaunt.

»Weil ich kein Grüner bin, wie ich dir schon sagte«, lachte der Matrose. »Ich kenne das genauer. Dieser Mann ist ein sogenannter Renner, der mit Matrosen Schwindel treibt. Er hat allerdings von dem Kapitän den Auftrag, für dessen Schiff Seeleute zu besorgen, und er sagt auch jedem, dem er begegnet, und den er für einen Matrosen hält, er könne anmustern, lässt sich aber natürlich vorher von diesen Leuten mit Bier und Branntwein traktieren. Dann sagt er ihnen, sie sollten zu der und der Zeit an Bord des betreffenden Schiffes sein und sich mit seiner Karte beim Kapitän melden. Kommt der Matrose nun dahin, so findet er schon fünfzig andere vor, unter denen sich der Kapitän die aussucht, die ihm gefallen, und nimmt er den Mann nicht, so hat dieser nur für den Renner einen Dollar für Whisky bezahlt, sonst hat er weiter kein Vergnügen gehabt — ich kenne das sehr gut, bin früher auch darauf hereingefallen, wie es dir jetzt passiert wäre.«

»Und was willst du nun tun? Wie finden wir ein Schiff, das uns aufnimmt?«

»Jetzt geben wir erst ein Telegramm auf, erkundigen uns, was für Schiffe nach Scha-tou abgehen, zuerst nach der ›Recovery‹, und ist es wahr, dass sie schon morgen früh in See sticht, so versuchen wir, auf diese zu kommen. Unser Geld reicht noch, dass wir irgendwo schlafen können.«

Der Agent hatte sie nicht belogen, die ›Recovery‹ fuhr wirklich am anderen Morgen, nachdem sie Leute angemustert hatte, und nachdem Hannes das letzte Geld einem Chinesen gegeben hatte, bei dem sie beide die Nacht geschlafen, machten sie sich ganz in der Frühe nach dem Hafen auf.

Die ›Recovery‹ hatte vor einem Monat ihre Leute in Kanton abgezahlt, weil sie für längere Zeit wegen eines Schadens am Kiel in das Dock zum Ausbessern musste. Die Besatzung war nach einem anderen Hafen gereist, und jetzt hatte der Kapitän, ein ehrenwerter Amerikaner, seine liebe Not, tüchtige Seeleute zu finden,

Wohl stand das ganze Deck voll Menschen, die alle hofften, an Bord bleiben zu können, aber es waren meist Galgenphysiognomien, zerlumpte Gestalten, die nur in der äußersten Not wieder zur Arbeit griffen, wenn sie vom Hunger zu sehr geplagt wurden.

Engländer, Spanier, Italiener, Chinesen waren unter ihnen vertreten und warteten auf das Erscheinen des Kapitäns, welcher sich dann unter den hundert Mann die geeignetsten aussuchte, welche ihm gefielen, wobei er auf den Rat des ersten Steuermannes hörte, oder diesem vielleicht, wie viele Kapitäne es tun, das Auswählen selbst überließ.

Der erste und zweite Steuermann, die Ingenieure, wie auch der Bootsmann waren nicht abgemustert worden, sondern an Bord geblieben und leiteten jetzt einige Arbeiten an Deck, das Klaren der Ankerketten, das Zudecken der Luken und so weiter, wozu einstweilen Chinesen engagiert worden waren, damit einige Stunden später, wenn die wirklichen Matrosen auf dem Seemannsamte angemustert waren, die Abfahrt sogleich stattfinden konnte.

Auch der Agent befand sich bei den an Deck herumlungernden Matrosen, ließ eine Branntweinflasche kreisen und nötigte die Leute, ihre letzten Münzen zusammenzulegen, damit die Flasche noch einmal gefüllt werden könne. Alle saßen oder lehnten an der Bordwand, rauchten ihre Pfeife und sahen den Chinesen zu, welche sich, da es nur wenige waren, sehr anstrengen mussten, um der schweren Ketten Herr zu werden.

»Da kommen wieder zwei«, lachte der Agent, oder wie ihn Hannes nannte, Renner, (runner heißt auf Deutsch Renner oder Zutreiber, letztes bezeichnet am besten die Beschäftigung derartiger Agenten). Er deutete dabei auf zwei junge Menschen, welche eben die Laufbrücke des Schiffes betraten.

»Verdammt junger Bursche«, meinte ein neben ihm stehender Engländer mit einem zerstochenen und zerfetzten Gesicht, »der eine passt besser in die Kinderspielschule, als an Bord. Werden wenig Glück hier haben, kalkuliere ich.«

»Dumme Jungen sind es«, entgegnete der Renner ärgerlich, »halten sich für, wer weiß, wie klug. Sprach sie gestern Abend an, hielten es aber kaum für wert, mir zu antworten, und ließen mich dann ganz kaltblütig stehen.«

»Sie haben wohl nichts für Euch bezahlen wollen?«, lachte der Engländer.

»Gott mache mich blind, wenn ich sie darum angesprochen habe!«

»Ihr müsstet viele Augen haben, wenn Euer Wunsch jedes Mal in Erfüllung ginge. Wir kennen Euch Spitzbuben schon, Ihr nehmt lieber, als dass Ihr gebt.«

Der Agent nahm diese Bemerkung durchaus nicht übel, er gab die Flasche, aus der er eben getrunken, seinem Nachbar und wünschte ihm eine glückliche Fahrt auf diesem ›blutigen‹ Schiffe. Der gewöhnliche oder vielmehr rohe Engländer, besonders der Matrose, kann fast kein Wort sagen, ohne ihm die Bezeichnung ›blutig‹ voranzusetzen.

Hope und Hannes — denn diese waren die beiden neuen Ankömmlinge — hatten das Schiff betreten und setzten sich entfernt von den anderen auf die Bordwand.

»Eine schöne Sippschaft, Jim«, sagte Hannes, den verabredeten Namen benutzend, »die sich hier zusammengefunden hat. Nichts ist so unangenehm für einen braven Matrosen, wie im Ausland an Bord zu mustern. Man kommt da oft unter eine Blase, gegen welche Zulukaffern noch gebildete Menschen sind. Bist du auch bange, hierzubleiben, Jim?«

»Bange?«, sagte Hope spöttisch. »Wenn ich meine Arbeit tue, können sie mir doch nichts anhaben!«

»Na, na, es sind rüde Kerle dazwischen, sieh nur den mit dem verhauenen Gesicht. Aber folge nur meinen Ratschlägen, wir wollen sie uns schon vom Leibe halten! Der Kapitän ist ein Ehrenmann, desgleichen die Steuerleute, das ist die Hauptsache, und kommen andere uns schief, dann werde ich ihnen zeigen, dass ein deutscher Seemann seine Kräfte zu brauchen versteht. Lieb wäre es mir aber doch, wenn wir auf ein Schiff mit ordentlicher englischer, norwegischer oder deutscher Besatzung gekommen wären.

»Wer A sagt, muss auch B sagen«, entgegnete Hope, »meine einzige Angst ist, dass ich wegen meiner Jugend nicht angenommen werde.«

»Dafür weiß ich ein gutes Mittel, und das will ich dir raten, wenn ich es auch nicht nötig hätte, denn mich zöge der Musternde doch jedem dieser lahmen, krummen und verlottert aussehenden Kerle vor«, sagte Hannes mit einem Anfluge von Stolz, sprang vom Bord herunter und reckte seine schlanke, sehnige Gestalt. »Sieh dort, wie sich die beiden Chinesen mit schweren Ketten abquälen. Komm, Jim, wir wollen ihnen helfen.«

Eben schleppten zwei Arbeiter eine Ankerkette über Deck, vom ersten Steuermann beaufsichtigt, aber kaum konnten sie die schwere Last fortbewegen. Da sprangen, während die anderen Matrosen ruhig, die Pfeife im Munde, ihnen zusahen, zwei junge Leute hinzu und legten mit Hand an.

»Wohin, Steuermann?«, fragte Hannes, zu diesem aufblickend.

Der Steuermann wies nach vorn, bezeichnete den Platz, und im Nu lag die Kette nicht nur dort, sondern wurde auch noch von Hannes und Hope kunstgerecht aufgestapelt.

»Narrenspossen!«, murrte der Engländer mit dem zerfetzten Galgengesicht. »Weiter fehlte nichts, als dass man umsonst arbeitet. Wenn ich nicht dafür bezahlt werde, rühre ich keinen Finger.«

»Das sind die Bürschchen«, brummte auch der Agent. »Na, ich will schon dafür sorgen, dass sie mit langer Nase abziehen.«

»Soll die Luke zugedeckt werden, es kann leicht ein Arbeiter hineinfallen.« sagte Hannes unterdes wieder zum Steuermann.

»Kannst du tun, mein Junge«, war die Antwort. Den schlanken Burschen, der hier seine Arme so zu rühren wusste, schmunzelnd betrachtend, fuhr er fort: »Ist der Kleine da dein Schiffsmaat?«

Er deutete dabei auf Hope, die mitarbeitete.

»Ja, Steuermann, wir sind beide in Amoy von Bord gemustert worden; da dort keine Schiffe waren, so sind wir gleich hierher gefahren und suchen jetzt eine Heuer.«

»Als was fährst du, als Kochmaat?«, wandte sich der Steuermann freundlich an Hope.

»Nein, ich war bis jetzt Schiffsjunge, kann aber als Leichtmatrose fahren«, antwortete Hope.

»So, na, nun könnt Ihr auch noch gleich das Segel hier aufrollen, damit es endlich einmal aus dem Wege kommt.«


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Als auch diese Arbeit vollendet war, suchte Hannes den Steuermann wieder auf und sagte:

»Wenn der Kapitän dann anmustert, denkt an uns beide. Ich bitte Euch darum.«

»Dich können wir wohl brauchen«, meinte der Mann, »aber den Kleinen da? Er scheint mir etwas schwächlich zu sein, und Schiffsjungen nehmen wir nicht an Bord.«

»Oho, der ist durchaus nicht schwächlich«, versicherte Hannes, »ich bin lange Zeit mit ihm an Bord der ›Kalliope‹ gewesen, aber ich sage Euch, er arbeitet wie der älteste Leichtmatrose. Man täuscht sich oft im Aussehen einer Person.«

»Das ist wahr«, stimmte der Steuermann bei, »na, will einmal sehen, was sich tun lässt.«

»Das sage ich Euch gleich, kommt Jim nicht mit, da gehe ich auch nicht an Bord.«

»Gib dich nur zufrieden, will schon sorgen, dass er mitkommt! Du bleibst auf jeden Fall hier!«

Damit wandte sich der Steuermann ab.

»Siehst du, so wird es gemacht«, sagte Hannes zu Hope, als er wieder an ihrer Seite stand, »jetzt können wir so sicher darauf rechnen, angemustert zu werden, wie zweimal zwei vier ist. Diese sauberen Kerle da schimpfen natürlich, aber das soll uns ganz gleichgültig lassen. Auf diese Weise bin ich schon in Häfen angemustert worden, wo nur ein Schiff lag, auf das tausend Matrosen reflektierten. Immer, wenn es irgendwo Arbeit gibt, Jacke aus und angepackt, dann hat man allemal einen Stein im Brett.«

Hannes hatte recht gehabt.

Als der Kapitän an Deck erschien, sprach er mit dem ersten Steuermann, und dieser bezeichnete ihm die Matrosen, welche er sich unterdessen genau besehen und ordentlich befunden hatte, und ebenso gab der erste Ingenieur diejenigen an, welche er als Heizer im Maschinenraum wünschte.

Unter den Matrosen befanden sich auch Hannes und Hope, die Übersprungenen zogen brummend ab, von dem Agenten mit dem Troste versehen, dass er bald ein besseres Schiff, als dieses hier in Aussicht habe, wo sie noch mehr Lohn empfangen würden.

Eine halbe Stunde später standen die Angenommenen vor dem Seemannsamt, einem Büro, auf welchem die Matrosen gesetzmäßig angemustert werden. Doch wird im Ausland bei weitem nicht so streng dabei verfahren wie in Europa oder gar etwa wie in Deutschland, man braucht nicht einmal Papiere vorzuzeigen, sondern hat nur auf die Fragen Antwort zu geben. Dem Kapitän bleibt es vollkommen überlassen, seine Leute sich auszusuchen, will er sie auf sein Schiff haben, so braucht er dies nur dem Beamten zu sagen, und sie kommen ohne jedes weitere Hindernis zu ihm, selbst wenn sie sich nicht im Geringsten legitimieren können.

Hannes richtete es so ein, dass er mit Hope zusammen in das Büro kam.

»Name?«, fragte der Beamte die jungen Leute.

»Jim Hackney«, antwortete Hope ungeniert.

»Als was fahren Sie?«

»Als Leichtmatrose«, antwortete für sie der Kapitän, welcher jedem Verhör beiwohnte und verschiedene Fragen zu beantworten hatte.

»Mit welcher Heuer?«

»Zwanzig Dollars monatlich«, entgegnete der Kapitän.

»Auf welchem Schiff waren Sie zuletzt?«

»Auf der ›Kalliope‹.«

»Welcher Nation gehören Sie an?«

»Den Vereinigten Staaten von Nordamerika,«

Hope musste den angegebenen Namen unter ein Schriftstück setzen und war als Leichtmatrose auf dem amerikanischen Dampfer ›Recovery‹ angemustert. Die Fahrt ging vorläufig nach Schanghai, das Schiff lief unterwegs Scha-tou an und nahm dann weitere Frachten ein.

Das Schiff machte eine sogenannte ›wilde‹ Fahrt, wie die meisten im Auslande anmusternden, das heißt, der Kapitän konnte keinen seiner Leute zwingen, an Bord zu bleiben, sondern diese konnten es in jedem Hafen verlassen, wenn sie wollten. Daher bekamen die Matrosen auch kein Handgeld, das heißt einen Vorschuss, weil sie sonst einfach nicht an Bord gekommen wären, ohne dass man sie zur Bestrafung hätte heranziehen können.

Als Hannes, der mit vierzig Dollars Heuer angemustert worden war, mit Hope wieder heraustrat, sah er unter den Leuten auch den Agenten stehen, der sich mit den Matrosen unterhielt. Dann, als der Kapitän herauskam, erhielt er von diesem für einzelne, welche er an Bord geschickt hatte, je einen Dollar, und zwar bezeichnete er auch Hannes und dessen Begleiter als solche.

»Was?«, rief Hannes empört, »Ihr hättet mir diese Heuer verschafft, sagt Ihr? Kapitän, habt Ihr eine Karte von mir bekommen?«

»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete der Kapitän.

»Ich habe auch keine erhalten, dieser Kerl will Euch nur um einen Dollar prellen.«

»So, habe ich Euch nicht gesagt, dass die ›Recovery‹ Leute braucht?«, rief der Mäkler, vor innerlichem Ärger blau im Gesichte werdend.

»Das hätte mir jeder andere auch gesagt, den ich gefragt hätte«, entgegnete Hannes, »ein Schuft seid Ihr, dass Ihr für Eure kleine Arbeit einen Dollar verlangt, der diesen armen Kerlen abgezogen wird, ein Schuft, der nur aus der Tasche der Matrosen lebt.«

»Hund verdammter!«, brüllte der Renner und sprang auf Hannes ein. »Nimmst du dieses Wort zurück, ich schlage dir den Hirnkasten ein!«

»Was ich gesagt habe, nehme ich nicht zurück«, rief Hannes, »und wenn es nicht wahr ist, so beweist es, indem Ihr nichts annehmt. Es ist ja doch nur Schwindel, was Ihr da mit den Seeleuten treibt.«

Der Renner antwortete nichts mehr, er drang auf Hannes ein und, selbst früher Seemann gewesen, wollte er diesen zu Boden boxen.

Aber er hatte sich verrechnet, als er mit dem schlanken Burschen ein leichtes Spiel zu haben glaubte. Der Stoß, den er dem Matrosen ins Gesicht geben wollte, ging ins Leere, Hannes war blitzschnell zur Seite gesprungen, doch ehe der Renner noch einmal ausholen konnte, empfing er einen Schlag unter das Kinn, der ihn zu Boden warf.


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Ein brausendes Gelächter und Jubelrufen zollte dem kecken Matrosen Beifall, der Renner war, wie jeder seines Handwerks, bei den Seeleuten nicht beliebt, ja, jeder Matrose hasste ihn, aber er wird gebraucht, weil er vielfach bewirken kann, dass man im ganzen Hafen absolut kein Schiff bekommen kann, wenn er nicht will, und weil er den mittellosen Seemann auf Kredit mit Zeug ausrüstet, natürlich gegen spätere doppelte und dreifache Bezahlung.

Fluchend und tobend erhob sich der Getroffene vom Straßenpflaster, aber er wagte nicht noch einmal, dem Matrosen zu nahe zu kommen, der sich so schlagfertig bewiesen hatte. Er machte sich davon, von dem Gelächter der Zuschauer verfolgt, die auf einmal alle für den jungen Matrosen, den sie vorher über die Achsel angesehen hatten, eine Art von Zuneigung verspürten.

»Wo aber bekommen wir Matratzen zum Schlafen?«, fragte Hope auf dem Rückwege zum Schiff.

»Zum Schlafen?«, lachte Hannes. »Wenn es gut geht, so sind wir heute Abend schon in Scha-tou, diese Nacht aber auf jeden Fall. Zum Schlafen werden wir also gar nicht kommen, denn beim Ankerauswerfen müssen wir doch alle an Deck sein.«

»Weiß der Kapitän schon, dass wir in Scha-tou das Schiff wieder verlassen wollen?«

»Ich selbst habe es ihm gesagt, und er ist damit einverstanden. Er ist überhaupt ein guter Mensch, und es tut mir nur leid, dass er solch eine Halunkenbande an Bord bekommen hat. Mit der wird er noch manchmal seine liebe Not haben, denn diese Kerls sehen doch nur auf ihre eigene Haut; beim ersten Anblick von Gefahren suchen sie ihr Leben zu retten, mögen dann auch das Schiff und der Kapitän zum Teufel fahren. Ich möchte dich nicht allein unter solch einer Mannschaft wissen, Hope.«

»O, vor denen fürchte ich mich nicht so sehr; auf den Mund gefallen bin ich eben nicht, das weißt du, und damit kann man schon viel ausrichten. Aber etwas anderes ist es, was mich beängstigt, woran ich noch gar nicht gedacht habe, wenn ich sagte, ich wollte gern einmal als richtiger Matrose fahren«, und das junge Mädchen wurde verlegen. »Gesetzt nun den Fall, wir brächten einige Nächte auf diesem Schiffe zu, müssten also an Bord schlafen, wie würde es dann mit mir? Ich kann doch nicht —«

»Ach so«, lachte Hannes. »Nun, da kannst du ganz ruhig sein. An Bord eines Schiffes schläft man fast immer angezogen, diejenigen, welche sich vorher ausziehen und es sich bequem machen, werden sogar verachtet. Ist es warm, so schläft man an Deck, ist es schlechtes Wetter, dann legt man sich einfach, wie man geht und steht, in seine Koje, denn man muss ja immer bereit sein, sofort an Deck zu kommen.«

»Dann fällt mir eine Zentnerlast vom Herzen«, meinte das junge Mädchen.

»Und wenn wir nun in Scha-tou angekommen sind, was da?«, fragte Hannes.

»Was meinst du damit?«

»Nun, nimmst du dann Abschied von den Vestalinnen, wie ich von den Engländern?«

»Hannes«, sagte Hope und wurde sehr ernst, »liegen keine Gründe vor, die mich zurückhalten, dann will ich mit Miss Petersen sprechen. Ich kann doch nicht so ganz eigenmächtig handeln. Auch habe ich mir alles reiflich überlegt, ich muss doch vorher einige Schritte tun, Briefe schreiben und so weiter, denn es wäre Torheit, wollte ich gleich so mir nichts, dir nichts ins Blaue hineinrennen. Ich weiß zwar, dass ich bei dir gut aufgehoben wäre, dass du für mich sorgen würdest, und schließlich würde ich mich auch selbst durchschlagen können, aber sieh, Hannes, ich bin es doch auch schon meinem Namen schuldig, dass ich nichts tue, was man mir oder uns später vorwerfen könnte. Bist du damit zufrieden?«

»Ich bin es«, entgegnete Hannes einfach und drückte dem neubackenen Leichtmatrosen herzlich die Hand.

* * * * *

III.1. Des Detektivs Verabschiedung

Die ›Vesta‹ wie der ›Amor‹ lagen auf ihrem alten Ankerplatze im Hafen von Scha-tou, und die Besatzungen erwarteten sehnsüchtig die Rückkunft des Mister Wood oder doch wenigstens ein Zeichen, dass es ihm gelungen sei, die Spur der beiden Mädchen aufzufinden. So lange dies nicht der Fall war, konnten sie nichts vornehmen, ihre Gedanken waren nur mit den armen Gefährtinnen beschäftigt.

Aber lange brauchten sie nicht auf eine Nachricht zu warten.

Schon am Nachmittage des ersten Tages, da sie wieder in Scha-tou waren, kam für Lord Harrlington eine Depesche folgenden Inhaltes an:

Miss Nickerson, Sargent, Staunton und Hannes bei mir, kommen heute Abend.

R. S.

»Gott sei gepriesen«, rief Harrlington nach Lesen dieser wenigen Worte, »unsere Unruhe hat ein Ende.«

Er schickte durch einen Chinesen ein Briefchen an Miss Petersen mit der Anzeige, dass sie über das Schicksal der beiden Damen keine Sorge mehr zu haben brauche, sie, wie auch Miss Staunton, seien bereits in der Begleitung von Mister Wood und Hannes Vogel unterwegs. Er bezahlte den Bootsmann bereits im voraus, da er keine Antwort erwartete, aber dieser kam wieder zurück mit einem anderen Briefe. Harrlington erwartete einen Dank, aber sein Erstaunen war groß, als ihn Miss Petersen darin um eine Unterredung bat und ihm schrieb, da sie keinen geeigneten Platz am Lande wüsste, nach den Gesetzen der ›Vesta‹ aber Herrenbesuch an Bord dieses Schiffes nicht empfangen werden dürfte, so bäte sie um die Erlaubnis, dass die Unterredung auf dem ›Amor‹ stattfände.

Natürlich schickte der Lord den Chinesen sofort wieder mit der Mitteilung ab, dass Miss Petersen zu jeder Zeit von ihm auf dem ›Amor‹ erwartet werde.

Lord Harrlington hatte keine Ahnung, was dieser Besuch des Mädchens zu bedeuten habe, ob eine Verabredung über einen Ausflug oder über das nächste Reiseziel. Aber nein, das hätte Ellen sicher nicht dazu veranlasst, sich auf den ›Amor‹ zu bemühen, sie hätte es wie gewöhnlich schriftlich abgemacht, also musste es diesmal etwas viel Wichtigeres sein, und Harrlington konnte eine Unruhe nicht verbergen, als er im Saal der Brigg auf und ab schritt und die baldige Ankunft des Mädchens erwartete.

Sie ließ nicht lange auf sich warten.

Ellen war sehr ernst, Lord Harrlington entging es nicht, dass ihr schönes Gesicht bleich war, selbst die gesunde, braune Färbung konnte nicht verbergen, dass ein leidender Ausdruck in ihren Zügen lag, als wühle ein geheimer Schmerz in ihrem Innern, und dieser Eindruck wurde noch erhöht durch das schwarze Kleid, welches Ellen trug.

Den sowieso schon unruhigen Lord ergriff eine plötzliche Bangigkeit, er konnte sich diese nicht erklären, aber er ahnte, dass der Besuch etwas Unangenehmes für ihn bedeute, und er wünschte nur, dass Ellen sich sogleich frei und offen gegen ihn ausspräche, damit er ihr ebenso offen begegnen könne. Er fühlte sich frei von aller Schuld.

Er bot Ellen einen Stuhl an und setzte sich ihr gegenüber, gespannt ihren ersten Worten lauschend.

»Lord Harrlington«, begann Ellen, und ihre Stimme zitterte anfangs ein wenig, gewann aber bald die Ruhe wieder, »ich komme nicht zu Ihnen, um Sie mit einer Bitte zu belästigen oder Sie um Rat zu fragen, wie Sie wohl erwartet haben mögen; etwas ganz anderes ist es, was mich an Bord Ihres Schiffes führt, etwas viel Wichtigeres, sonst würde ich diesen Besuch wohl unterlassen haben.«

Harrlington blickte bestürzt auf.

Die Einleitung klang ja sehr besorgniserregend. Zur Verantwortung zu ziehen? Was in aller Welt hatte er verbrochen, das Ellen zu diesem Schritte getrieben hatte?

Er antwortete nicht, sondern wartete ruhig, bis Ellen im Sprechen fortfuhr:

»Ich will nicht viele Worte verlieren, sondern es kurz machen. Beantworten Sie einfach meine Frage: Wer ist dieser Mister Wood?«

»O weh!«, dachte Harrlington. »Also das ist es, was Ellen wissen will! Hat sie vielleicht etwas über die eigentliche Beschäftigung dieses Mannes erfahren?«

»Mister Wood, der die Spur der beiden Mädchen verfolgt hat und sie jetzt Ihnen wieder zuführt?«, sagte er.

»Eben diesen meine ich, denselben, den Sie mir in Batavia als einen sicheren Mann empfahlen, dem ich meine Geheimnisse anvertrauen könnte, derselbe, der es so ausgezeichnet versteht, jede Spur zu verfolgen.«

Sie weiß, was er ist, und ich darf es ihr nicht verheimlichen, dachte Harrlington, und laut und einfach sagte er:

»Er ist Detektiv.«

Ellen war aufgestanden.

»Es ist Nikolas Sharp«, rief sie erregt, sich auf die Lehne ihres Stuhles stützend, »der amerikanische Detektiv, über dessen Verstellungskunst, Spitzfindigkeit, Ränke, Spionage und so weiter man schon so viel gehört hat. Und damit Sie nicht nötig haben, es mir zu gestehen, so will ich Ihrer Mitteilung über ihn zuvorkommen. Sie haben ihn, Nikolas Sharp, den Detektiv, engagiert, dass er mich während dieser Reise überwachen soll, Sie gaben ihm die Mittel, dass er mir in allerlei Gestalten folgen und Sie über meine Pläne in Kenntnis setzen kann. Ist es so oder nicht?«

»Miss Petersen«, bat Harrlington in flehendem Tone, »bedenken Sie doch den Grund, aus welchem ich —«

»Ist es so oder nicht?«, unterbrach Miss Petersen den Sprecher hart.

»Es ist so, ja«, antwortete Harrlington aufrichtig.

»Und was haben Sie dabei gedacht, als Sie einen Detektiv, den ich verachte, und noch dazu Nikolas Sharp, über dessen Herzlosigkeit, Zynismus und Rohheit man abscheuliche Sachen zu hören bekommt, den Auftrag gaben, mich wie ein hilfloses Kind zu überwachen, ihn über mich zum Vormund setzten?«

»Es war meine Liebe zu Ihnen.«

»Sprechen Sie nicht davon«, fuhr Ellen so heftig auf, dass Harrlington zusammenschrak, er konnte das Wesen Ellens nicht begreifen. »Sprechen Sie nicht mehr von Ihrer Liebe. Was veranlasst Sie dazu, noch jetzt den Detektiv gleich einem Spürhunde bei sich zu behalten?«

»Noch jetzt?«, fragte Harrlington gedehnt. »Ich verstehe Sie nicht, Miss Petersen!«

»Allerdings, noch jetzt«, wiederholte Ellen, immer entrüsteter werdend. »Sie mussten sich überhaupt wundern, dass ich noch den Mut, oder fast möchte ich sagen, die Unverschämtheit besitze, meinen Fuß an Bord Ihres Schiffes zu setzen. Sie wissen recht gut, was ich meine, Ihr eigenes Gewissen wird es Ihnen sagen. Aber Sie wissen auch, dass ich anders denke, als Sie vielleicht von anderen meines Geschlechts gewohnt sind, dass ich alle Rücksichten, welche die Frauen den Männern gegenüber haben sollen, aber sie zu befolgen nicht nötig haben, unbeachtet lasse; und nur deshalb, um meiner Ansicht treu zu bleiben, trete ich selbst vor Sie, um Rechenschaft von Ihnen zu fordern.«

Langsam, zollweise hatte sich der Lord erhoben, die Augen starr auf die Zürnende gerichtet. Noch konnte er nicht im mindesten begreifen, was Ellen von ihm wollte. Ein Missverständnis musste es sein, was sie so aufbrachte.

»Ellen«, fragte er bestürzt, und seine Stimme klang traurig, »was ist zwischen uns gekommen, dass Sie so zu mir reden? Beim wahrhaftigen Gott«, er streckte die Hand feierlich empor, »ich weiß nichts, wodurch ich Ihren Unwillen verdient hätte, und ist es der Fall gewesen, so ...«

»Rufen Sie Gott nicht zum Zeugen Ihrer Lüge an«, unterbrach ihn Ellen hastig. »Benehmen Sie sich wenigstens wie ein Mann, der die Wahrheit liebt.«

»Lüge?«, fuhr jetzt auch Lord Harrlington auf. »Was berechtigt Sie dazu, mir so etwas vorzuwerfen?«

»Den Beweis werde ich gleich bringen. Jetzt aber bitte ich Sie, nein, verlange ich von Ihnen, dass Sie sofort den Detektiv verabschieden, oder, wollen Sie ihn behalten, so verwenden Sie ihn in anderem Interesse. Ich aber verbitte mir ein für allemal, dass er seine Aufmerksamkeit, Ihrem Geheiße zufolge, auf mich richtet.«

»Es soll geschehen! Aber den Beweis, dass ich ein Lügner bin? Was ist es, Ellen, das Sie zu solchen heftigen Worten reizt?«

»Ich bin keine Dirne, mit der man ein Spiel treiben kann!«, brauste jetzt Ellen auf, die sich nicht mehr zu mäßigen vermochte. »Und war es nur Ihre Feigheit, welche Sie zurückhielt, mir mündlich oder schriftlich zu gestehen, dass ich Ihnen nicht mehr die bin, die ich Ihnen früher war — ich hätte Ihnen diese Schwäche verziehen, wenn auch mit blutendem Herzen, aber dass Sie es wagen, mir dasselbe offene Gesicht zu zeigen, während Sie mit einer anderen kokettieren, das macht, dass ich Sie verachten muss. Hier der Beweis!«

Sie riss einen Brief aus der Tasche, schleuderte ihn vor die Füße des Lords und wendete sich zur Tür.


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Harrlington sah, wie ihr die Tränen aus den Augen stürzten, ein namenloses Weh ergriff ihn, er hob den Brief auf, warf einen Blick darauf, fuhr entsetzt zurück und war im nächsten Augenblick an der Tür, Ellen beim Arm zurückhaltend.

»Beim allmächtigen Gott«, rief er außer sich, »Ellen, ich schwöre dir, diese Adresse ist nicht von mir geschrieben.«

»Lassen Sie mich«, rief Ellen und suchte sich freizumachen — ihre Tränen waren plötzlich vertrocknet. »Ich kenne Ihre Schrift, ich habe sie prüfen lassen, es ist die Ihre.«

Sie wollte sich mit Gewalt von seinem Griff befreien, aber Lord Harrlington ließ nicht nach.

»Ich beschwöre Sie, dieser Brief ist nicht von mir, nie habe ich an Miss Morgan geschrieben.«

Ellen wandte sich um und sah ihm starr in die Augen, eine plötzliche Röte flammte über ihr Gesicht.

»Lügner«, fuhr sie ihn an, »Sie hätten nie an Miss Morgan geschrieben? In England? Soll ich Ihnen noch andere Beweise bringen? Ich kann es!«

Harrlington zog seine Hand von ihr und taumelte zurück.

»Sehen Sie, wie ich Sie fange!«, tönte es aus Ellens Munde. »Behaupten Sie nun noch, dass auch dieses Schreiben nicht von Ihnen ist? Doch damit Sie nicht glauben, ich hätte einen Liebesbrief abgefangen, so will ich Ihnen nur noch sagen, dass er ganz zufällig heute in meine Hände gekommen ist. Zufällig habe ich ihn für einen an mich gerichteten gehalten, und versehentlich habe ich ihn erbrochen, aber es war ein Glück, dass ich es tat, und ich bereue es nicht, wurden mir doch dadurch die Augen geöffnet.«

In diesem Augenblick wurde von draußen die Tür geöffnet, und Nick Sharp trat in den Salon.


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Sharp überflog die Situation, er sah den Lord bleich wie der Tod dastehen, in der einen Hand den Brief, auf den er wie geistesabwesend starrte, mit der anderen sich die Stirn bedeckend. Sharp wusste sofort, dass es zwischen den beiden eine unangenehme Auseinandersetzung gegeben hatte, und der Gesichtsausdruck, mit dem er der Hinausschreitenden einen Blick nachsandte, war ein unbeschreiblicher, halb bedauernder, halb spöttischer.

Er trat auf Harrlington zu.

»Lord«, sagte er und rüttelte den Betreffenden am Arm, »sehen Sie Gespenster, oder hat Sie ein solches eben verlassen? Sie machen ja ein bejammernswertes Gesicht.«

»Lesen Sie hier«, sagte Lord Harrlington dumpf und reichte ihm den geöffneten Brief.

Der Detektiv überflog den vier Seiten langen Brief, und seine Züge verzogen sich spöttisch.

»Hm«, brummte er, »schöner Brief der heißgeliebten Sarah und so weiter. Gott's Donnerwetter, habe schon manchen hübschen Liebesbrief gelesen, aber so von Schwüren der Treue und Ausdrücken der Sehnsucht hat noch keiner gestrotzt, wie dieser, mir wird ganz flau zu Mute.«

Er faltete den Brief zusammen und händigte ihn dem Lord wieder ein.

»Hätte doch gar nicht gedacht«, fuhr er zu dem ihn wie geistesabwesend ansehenden Lord gewendet fort, »dass Sie diese Miss Sarah Morgan so fürchterlich lieben.«

Wie ein wildes Tier fuhr Harrlington auf den Detektiv zu, packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn krampfhaft.

»Sharp«, keuchte er, »glauben auch Sie, dass ich diesen Brief geschrieben habe?«

»Ja«, lachte der Detektiv, »haben Sie mir denn überhaupt schon gesagt, dass Sie ihn nicht geschrieben haben? Aber bitte, lassen Sie mit dem Schütteln nach, sonst fliegt mir der Kopf noch ab, und das möchte ich nicht.«

»Er ist nicht von mir«, sagte Harrlington und gab ihn dem Detektiv wieder.

»Ich glaube es Ihnen, wenn Sie es mir sagen. Aber doch sind es Ihre Schriftzüge.«

»Er ist nicht von mir«, wiederholte der Lord zum dritten Male, »er ist gefälscht.«

»Das kann aber niemand beweisen. Ich kenne Ihre Schrift ganz genau, Zug um Zug, nicht der kleinste Unterschied würde mir entgehen, aber auch ich würde getrost schwören, dass die Buchstaben aus Ihrer Feder geflossen sind. Zeigen Sie mir einmal den Brief!«

Wieder betrachtete er die Buchstaben, musste sich aber selbst gestehen, auch als er die Handschrift des Lords dagegenhielt, dass nicht der geringste Unterschied zwischen beiden zu bemerken war. Sharp steckte das Schreiben nach dieser nochmaligen Besichtigung in seine Brusttasche.

»Was soll das?«, rief Harrlington. »Geben Sie mir den Brief zurück, ich brauche ihn als Beweis.«

»Bei mir ist er besser aufgehoben«, entgegnete der Detektiv ruhig, ohne der Forderung zu entsprechen, »ich weiß ihn besser anzuwenden als Sie. Nicht lange soll es dauern, so werde ich herausgefunden haben, aus wessen Feder er stammt.«

Harrlington atmete hoffnungsvoll auf; Sharp hatte recht, er war in diesen Sachen erfahrener als er.

»Haben Sie auch eine Ahnung, wer ihn geschrieben haben könnte?«, fragte der Detektiv. »Ein Feind von mir, der mir schaden oder mich Miss Petersen verhasst machen will.«

»Stimmt! Wissen Sie auch, auf wessen Anraten dies wahrscheinlich unternommen worden ist?«

»Nein.«

»Miss Sarah Morgan wird selbst dazu die Veranlassung gegeben haben.«

»O, in der Tat«, fuhr der Lord auf, »ich traue es diesem Weibe allerdings zu.«

»Sie und keine andere ist es gewesen«, versicherte der Detektiv, »ich kenne sie und ihre Pläne ziemlich genau.«

»Welcher Art sind diese?«

»Ich kann sie Ihnen jetzt noch nicht aufdecken, lassen Sie sich vorläufig meine Angaben genügen, ich bitte Sie darum. Später werde ich Ihnen noch andere Enthüllungen machen.«

Harrlington war es zufrieden.

Plötzlich jedoch nahm sein Gesicht einen düsteren Ausdruck an, er wurde sichtlich verlegen.

»Lieber Sharp«, begann er nach einigem Zögern, »ich muss Ihnen eine unangenehme Mitteilung machen. Es geht doch nicht, dass Sie den Brief behalten. Händigen Sie mir ihn lieber aus, Sie werden sich nicht mehr damit befassen können.«

»Warum nicht?«

»Weil ich Ihnen Ihre Dienste als Detektiv kündigen muss!«

Sharp riss die Augen weit auf.

»Aber warum denn, um Gotteswillen?«, brachte er hervor.

»Miss Petersen verlangt es von mir.«

»Unsinn!«

»Es geht wirklich nicht anders, sie verlangt es ausdrücklich, und so lange ich ihrem Willen nicht nachkomme, kann ich keine Hoffnung haben, sie wieder versöhnlich zu stimmen.«

»Versöhnlich?«, lachte der Detektiv spöttisch. »Beweisen Sie ihr, dass dieser Brief gefälscht ist. Ich gebe Ihnen die Garantie, dass ich nicht nur den Schreiber herausfinden werde, sondern dass ich auch in Bälde diese saubere Miss Morgan entlarven, ihr ganzes Trug- und Lügengewebe aufdecken werde, und Sie sollen sehen, wie schnell sich das Herz dieses spröden Mädchens Ihnen wieder zuwenden wird.«

»Unterlassen Sie derartige Redensarten«, sagte Harrlington streng, »Sie sprechen von Miss Petersen, deren Person mir viel zu wert ist, als dass ich in solcher Weise über Sie zu reden dulde.«

»Na ja«, entgegnete Sharp leichthin, »entschuldigen Sie, ich weiß, wie delikat Gentlemen über solche Angelegenheiten denken. Ich bin eben anders konstruiert. Aber meine Dienste aufsagen? Nein. Ohne mir selbst schmeicheln zu wollen, aufrichtig gesagt — tun Sie das nicht. Sie können mich jetzt nicht entbehren, und Sie würden das sehr bald bereuen,«

»Sie haben eine sehr hohe Meinung von sich.«

»Ich sagte Ihnen schon vorher, dass ich mir selbst nicht schmeicheln wollte, ich spreche die Wahrheit.«

»Ich glaube, Miss Lind an Bord der ›Vesta‹ würde für meine Zwecke genügen.«

»Wenn ich diese aber auch zurücknehme?«

»Könnten Sie das?«, fragte Harrlington erstaunt. »Ich dachte, Miss Lind wäre selbständig.«

»Dann haben Sie sich geirrt. Miss Lind ist vollkommen von mir abhängig. Und außerdem, erfährt Miss Petersen, dass diese auch eine Detektivin ist, so ist Ihnen auch nicht geholfen — dann muss sie von Bord.«

Harrlington musste dem Detektiv recht geben.

»Und dennoch bleibt mir nichts anderes übrig« sagte er, »als Ihnen den Dienst zu kündigen, so leid es mir auch tut, denn Sie haben sich uns vielfach nützlich erwiesen.«

Sharp wusste wohl, dass er den Engländern und den Vestalinnen oft mehr als nur nützlich gewesen war, er hatte ihnen oft in der höchsten Gefahr beigestanden, ohne dass diese eine Ahnung davon gehabt hatten, dass die Hilfe von ihm ausging, aber eben, weil er dies wusste, nahm er diese Worte des Lords durchaus nicht übel — beachtete sie gar nicht.

»Was macht mich eigentlich der Miss Petersen so verhasst?«, sagte er.

»Ihr Beruf«, entgegnete Harrlington. »Der Name ›Detektiv‹ hat einen schlechten Klang. Manche haben ein großes Vorurteil gegen jeden Menschen, der sich, wie sie sagen, zum Detektiv hergibt.«

»Darf ich Sie fragen, warum?«

»Es ist eben ein Vorurteil; man versteht unter dem Detektiv einen Spion, einen Aufpasser und so weiter, der für Geld von jedem zu kaufen ist. Aber nicht alle hegen diese Gesinnung; ich zum Beispiel nicht.«

»Ich will Ihnen erklären, warum man sich berechtigt glaubt, einen Detektiv zu verachten«, sagte Sharp. »Es beruht dies auf einer Verwechslung des Begriffes. Es gibt unter den Detektiven zwei Klassen, die sich unterscheiden wie Wasser und Feuer, für welche aber doch verschiedenen Bezeichnungen existieren, beide Arten nennt man eben Detektive; und daher kommt es, dass alle Detektive zusammengenommen einen üblen Leumund bekommen haben, während doch nur die eine Art von ihnen einen solchen wirklich verdient. Niemand kann mir zum Beispiel, der ich Verbrechen aufdecke oder zu verhindern suche, vorwerfen, dass ich ein unsauberes Handwerk betreibe, im Gegenteil, es ist ein ganz respektables und ehrenvolles. Geben Sie dies zu, Lord?«

»Soweit ich Sie kenne, halte ich Sie für einen Ehrenmann, mit dem zu verkehren niemand Anstoß nehmen könnte«, versicherte Harrlington, »Aber ich wiederhole Ihnen, dass ich überhaupt frei denke.«

»Die zweite Klasse von Detektiven, zu der ich nicht gehöre, welche ich selbst verachte, ist diejenige, deren Mitglieder man mit dem Namen Spitzel bezeichnet«, fuhr Sharp fort, »und deren Handwerk ist allerdings ein unsauberes.«

»Sie meinen diejenigen«, unterbrach ihn der Lord, »welche sich den Anschein geben, als wären sie selbst Verbrecher und Spitzbuben, mit solchen Kameradschaft zu machen suchen, und dann ihre Spießgesellen verraten Ich kann nicht zugeben, dass deren Handlungsweise zu missbilligen sei, der Zweck heiligt die Mittel, dieser jesuitische Grundsatz darf hier wenigstens mit vollem Rechte angewandt werden.«

»Auch diese meinte ich nicht«, entgegnete der Detektiv, »ich selbst scheue mich ja nicht, mich als Verbrecher auszugeben, kann ich dadurch eine dunkle Tat aufdecken oder vereiteln. Nein, jene sind es, welche wir unter uns Prämienjäger nennen, die auf die gemeinste Art und Weise sonst ganz unschuldige Leute zu einer strafwürdigen Handlung verleiten, damit sie dieselben anzeigen können und die für die Anzeige ausgesetzte Belohnung bekommen. Ein Beispiel mag Ihnen dies erklären: In England steht eine hohe Strafe auf Hasardspiel, und die Detektive werden von oben herab dazu angehalten, solchen Spielern besonders scharf aufzupassen, auch ist ihnen deshalb eine hohe Prämie für die Anzeige des verbotenen Spieles ausgesetzt worden. Ich selbst kenne nun Detektive, welche sich einzig und allein darauf gelegt haben, Leute zum Hasardspiel zu verleiten, und haben sie einige Tage mit ihnen gespielt, so zeigen sie die Betreffenden an, arrangieren wohl auch eine förmliche Verhaftung. Dies ist nur ein Fall, aber es gibt noch unzählige andere, so zum Beispiel das Verführen junger Mädchen, oder wie sie ihre schändliche Arbeit zu bemänteln suchen, das Prüfen auf Sittlichkeit, Verleiten zu unsittlichen Handlungen und so weiter. Diese Spitzel sind daran schuld, dass wir Detektive einen schlechten Leumund bekommen haben, der bei vielen Glauben gefunden hat, aber im Vertrauen zu Ihnen gesagt, Lord, mir selbst ist es höchst egal, was die Leute von mir denken. Sage ich mir, meine Handlungsweise ist gut, spricht mein Gewissen sie ehrlich, so kann die ganze Welt mich verurteilen, meinetwegen auch mit dem Finger auf mich zeigen, ich mache mir so viel daraus«, schloss der Detektiv und schnippte mit dem Finger.

»Dann bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, Mister Sharp«, versetzte Lord Harrlington, »aber, so leid es mir tut, die gute Meinung, welche ich über Sie habe, darf mich nicht hindern, dem Willen Miss Petersens zu genügen. Sie kennen doch ebenfalls den Charakter dieser Dame, sie hasst alles, was nur in etwas einer Bevormundung oder auch nur einer Vorsorge für ihre Person ähnelt, und ich habe es ihr außerdem auch versprochen, mich ihr fügen zu wollen. Mister Sharp, ich entbinde Sie hiermit der Verpflichtung, weiter über das Schicksal der Miss Petersen zu wachen.«

»Schön«, sagte Nick Sharp nach einigem Überlegen, »ich kann mich dieser Kündigung nicht widersetzen. Laut Ihres Kontraktes aber bin ich für die Dauer dieser Dienstreise engagiert: So lange Miss Petersen nicht sicher in New York angelangt ist, habe ich über sie zu wachen und werde dafür bezahlt. Erinnern Sie sich dieses Paragrafen? Sonst kann ich Ihnen denselben vorlesen, ich habe den Kontrakt bei mir.«

»Ist nicht nötig«, hinderte Harrlington den Detektiv welcher seine Brieftasche herausziehen wollte, »ich bin kein Freund von Umständen und Förmlichkeiten, das sehen Sie schon an dem Kontrakt, der von mir so knapp und doch so klar aufgesetzt ist, dass man ihn im Kopfe behalten kann. Sie meinen jedenfalls, dass ich nun, da Ihnen von mir gekündigt worden ist, ohne Ihnen eine Pflichtverletzung nachweisen zu können, Ihnen das ausbedungene Gehalt weiterzahlen muss, bis die Reise beendet ist?«

Der Detektiv bestätigte dies.

»Sie erhielten von mir pro Tag drei Pfund«, fuhr Harlington fort, »es ist ein sehr hohes Gehalt, umso mehr, da Sie es auch ohne Dienstleistung weiterbekommen.«

»Ich finde dies nicht«, bemerkte der Detektiv trocken, »unter dem arbeite ich überhaupt nicht.«

»Aber Sie arbeiten nicht für mich.«

»Ich werde es doch tun.«

»Auch dann, wenn ich es mir verbitte?«, fragte er den Detektiv kurz.

»Ich verfolge ein Ziel, welches ich mir gleichzeitig mit der von Ihnen übertragenen Beschäftigung zur Aufgabe machte.«

»Welches ist dies?«

»Die genaue Kenntnis über die Verbrecherbande, durch welche Sie und die Vestalinnen fortwährend belästigt wurden.«

»Hm, und Sie wollen dies fortsetzen?«

»Allerdings, ich werde jetzt versuchen, selbst als Mitglied aufgenommen zu werden, und, ist es mir auch nicht mehr erlaubt, Miss Petersen zu beschützen, so wird es mir doch wohl gestattet sein, Ihnen die Pläne mitzuteilen, welche wir gegen diese Dame spinnen, um ihrer habhaft zu werden.«

Des Lords Gesicht, erst etwas ernst und niedergeschlagen aussehend, klärte sich plötzlich auf.

»Das geht«, rief er aus, »auf diese Weise verletze ich weder den Willen von Miss Petersen, noch unterlasse ich, sie durch Sie überwachen zu lassen, wenn auch auf andere Weise, als bisher. Wird es Ihnen möglich sein, selbst ein Mitglied der Bande zu werden?«

»Ich hoffe es.«

»Und Miss Lind?«

»Die bleibt vorläufig an Bord der ›Vesta‹ und versieht ihren Dienst, wie bisher.«

»Warum betonen Sie das Wort ›vorläufig‹?«

»Weil ich glaube, dass sie bei dem Widerwillen von Miss Petersen gegen Detektive ihre Rolle nicht mehr lange spielen kann.«

»Warum nicht?«

»Wodurch bin ich entlarvt worden?«, fragte der Detektiv. »Durch die Unvorsichtigkeit der Herren des ›Amor‹ selbst. Sir Williams, wie auch Sie selbst, waren so unvorsichtig, mich bei der Unterredung vorgestern, als ich Sie als Mister Wood vor den Aussagen des vernommenen Chinesen warnte, mit meinem richtigen Namen anzureden. Miss Petersen fiel das auf, sie hatte den Namen Sharp schon gehört, und was sie noch nicht wusste, das hat ihr ganz sicher Miss Morgan erzählt.«

»Was hat Miss Morgan damit zu tun? Hat sie einen Grund, Ihre Gegenwart lästig zu finden?«

»Wahrscheinlich«, entgegnete der Detektiv ausweichend, »und dieselbe Person, welche Sie Miss Petersen zu entfremden sucht, welche mich nicht nur hasst, sondern mich als Detektiv zu fürchten Ursache hat, wird auch nicht eher ruhen, als bis Miss Lind die ›Vesta‹ verlassen hat.«

»Weiß sie denn, dass Miss Lind in meinem Dienste beschäftigt ist?«

»Sie wird eine Ahnung davon haben, und sofort, wenn diese ihr zur Gewissheit geworden ist, kann sie die Entfernung derselben bewirken. Erfährt Miss Petersen, dass Johanna Lind eine Detektivin ist, so wird sie außer sich darüber sein und sie unbarmherzig auf der Stelle fortjagen, und bekommt sie nur eine Ahnung davon, so wird sie sicher nicht eher ruhen, als bis sie sich davon überzeugt hat.

»Miss Morgan ist schlau«, fuhr der Detektiv fort, »es wird ihr nicht schwer fallen, bei Miss Petersen Misstrauen zu entfachen und Miss Lind als Detektivin zu entlarven. Es ist sehr schwer, fortwährend mit jemandem insgeheim zu korrespondieren und dabei keinen Argwohn bei dem zu erregen, der dies nicht haben will.«

»Sie sprechen so geheimnisvoll von Miss Morgan. Was haben Sie eigentlich gegen diese Dame?«, fragte Harrlington.

Sharp wich dieser Frage aus. Er sagte, er dürfe über den Charakter einer Person nicht sprechen, von der er nichts Schlechtes behaupten könne, sondern über die er nur Vermutungen hege. Er deutete aber offen an, dass er das Verhältnis kenne, welches in früheren Jahren zwischen ihr und Lord Harrlington bestanden, und bezeichnete Sir Williams als denjenigen, der ihm darüber Mitteilung gemacht habe.

Lord Harrlington nahm die Indiskretion Sir Williams' nicht übel. Er wusste, dass sein Freund den Detektiv nicht davon in Kenntnis gesetzt hätte, wenn er es nicht zu seinem Vorteil geboten hielt.

Dann kamen sie wieder auf den Brief zu sprechen, den Lord Harrlington an Miss Morgan geschrieben haben sollte, der aber in Ellens Hände geraten und von dieser gelesen worden war.

»Aller Wahrscheinlichkeit nach«, sagte der Detektiv, »liegt diesem Weibe daran, vorläufig Zwietracht zwischen Ihnen und Miss Petersen zu säen, was ihr auch gelungen ist. Erst versuchte sie sich bei Ihnen in Gunst zu bringen, und als sie dies nicht erreichte, griff sie nach einem anderen Mittel und bediente sich sogar sehr niederträchtigerweise eines gefälschten Briefes.«

»Wenn nun aber Ellen den Brief nicht erhalten hätte! Es war doch nur ein Zufall, den ich mir gar nicht erklären kann«, meinte Harrlington.

»Dann würde Miss Morgan schon dafür gesorgt haben, dass er doch in die Hände der Kapitänin kam. Es gibt ja so einfache Mittel, das zu bewerkstelligen: Liegenlassen, verlieren oder auch, ihn ihr in einem Streite zu zeigen und sich mit ihm zu brüsten und so weiter. Aber sie selbst wird bewirkt haben, dass er nicht an ihre, sondern an Miss Petersens Adresse kam.«

Hierauf teilte Sharp dem Lord die Abenteuer mit, welche er seit der Abfahrt des ›Amor‹ durchgemacht hatte.

»Miss Sargent und Miss Nikkerson sind bereits an Bord der ›Vesta‹, ich traf die Kapitänin dort nicht an und war auch ganz zufrieden damit, denn ihr kalter Dank hätte mich nicht erfreut, vielmehr mich zu einer beleidigenden oder doch spöttischen Äußerung hingerissen. Miss Staunton und Hannes haben unseren Zug versäumt, sie werden mit dem nächsten hier eintreffen.«

In diesem Augenblicke kam Hannibal herein und brachte seinem Herrn ein Telegramm.


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»Hier eine Depesche von denen, über welche wir eben sprachen«, sagte Harrlington. »Hannes und Miss Staunton sind in Kanton und werden mit der ersten Fahrgelegenheit hier eintreffen, telegrafiert Hannes.«

»In Kanton?«, rief der Detektiv. »Die beiden jungen Leutchen scheinen das Versäumen des Zuges absichtlich arrangiert zu haben, um sich meiner Aufsicht zu entziehen und unternehmen nun eine kleine Vergnügungsreise auf eigene Faust. Ausgezeichnet, das sieht ihnen ganz ähnlich!«

Sharp erzählte dann noch, dass die wahnsinnige Mistress Congrave in besorgniserregendem Zustande in einem Hospital in Scha-tou untergebracht sei, welches für kranke Seeleute eingerichtet und unter der Leitung von barmherzigen Schwestern stehe. Ein starkes Nervenfieber drohe ihr Leben zu vernichten, oder aber, wenn sie es überstände, würde eine Änderung in ihrem umdunkelten Gehirn stattfinden. Der Anblick der Fotografie ihres Mannes habe die Krisis herbeigeführt.

»So bleibt es dabei«, sagte Lord Harrlington, als sich der Detektiv verabschiedete, »ich gebe Ihnen hiermit Ihre Entlassung, wie es Miss Petersen wünscht. Was Sie sonst unternehmen, geht mich nichts an — Sie wissen, was ich damit meine — nur bitte ich Sie, nicht, wie bisher, speziell in der Nähe der Kapitänin zu bleiben und über ihre Sicherheit zu wachen, sondern ihr den Schutz in anderer Weise angedeihen zu lassen, so, wie Sie es mir angedeutet haben, und womit ich einverstanden bin. Sie werden, wie bisher, bei den betreffenden Banken die Summen vorfinden, welche Sie zum Operieren nötig haben, denn ich mute Ihnen nicht zu, die Kosten aus Ihrer Tasche zu bestreiten, Good bye, Mister Sharp, ich wünsche Ihnen recht viel Glück, zu Ihrem neuen Berufe, lassen Sie es sich unter den Verbrechern und Gaunern recht gut gehen, und verschonen Sie uns vor allen Dingen und ganz besonders mich mit Diebstählen, Einbrüchen und Totschlägen.«

Lachend über diesen Wunsch, schüttelten sich beide Männer die Hand, Sharp zündete sich aus dem neben ihm stehenden Kistchen noch eine Zigarre an und entfernte sich, den Lord in tiefen und traurigen Gedanken zurücklassend.

* * * * *

III.2. Meuterei

Die ›Recovery‹ lichtete die Anker. Die sechzehn neugemusterten Matrosen standen an den Winden, um welche die Ankerketten laufen, sorgten dafür, dass diese nicht unklar wurden, das heißt, dass ihre Glieder immer glatt auf der Scheibe lagen und regulierten mittels der Hebel die Schnelligkeit des Emporhebens nach dem Kommando des Kapitäns, welcher auf der Brücke stand und alles leitete.

Auch die Heizer, ebenso viele wie die Matrosen, waren unten im Heizerraum emsig beschäftigt, das bewies die Rauchwolke, welche aus dem Schornsteine emporwirbelte, drehte doch der Kapitän sofort, wenn die Anker auch noch nicht an Deck lagen, sondern nur erst eine gewisse Höhe erreicht hatten, den elektrischen Signalapparat, der dem Ingenieur im Maschinenraum befahl, die Schraube mit halber Kraft gehen zu lassen.

Hannes hatte sich geirrt, als er glaubte, ein Postdampfer könne die Fahrt von Kanton bis nach Scha-tou in sechs Stunden zurücklegen. Wohl lautete der Fahrplan so, aber es verhielt sich eher ebenso, wie bei den Schnelldampfern zwischen Deutschland und New York, welche angeblich diese Fahrt in fünf Tagen zurücklegen können, worunter man jedoch nur die Ozeanfahrt, nicht aber die in der Nordsee versteht. Diese muss zugerechnet werden.

Kanton liegt in einer tiefen Bucht, durch die Mündung eines Flusses gebildet, und das Schiff hat erst über hundert Meilen zurückzulegen, ehe es das offene Meer erreicht. Ebenso liegt Scha-tou in einer kleinen Bucht, alles Strecken, die man gewöhnlich nicht mitrechnet.

Die dreihundert Meilen von Kanton bis Scha-tou konnte die ›Recovery‹ erst in vierundzwanzig Stunden durchmessen, denn sie war kein Schnellpostdampfer und fuhr nur zwölf Knoten oder Meilen in der Stunde.

Auch Hannes stand an einer Winde und handhabte den Hebel, durch den das Zuströmen des Dampfes und somit die Umdrehungen der Scheibe reguliert werden, erklärte Hope oder jetzt Jim, wie solch eine Maschine zu bedienen sei und leitete sie an, die Kette richtig laufen zu lassen.

In Hope war wieder etwas wie Bangigkeit aufgestiegen, als sie erfuhr, dass sie eine Nacht zwischen diesen rohen Matrosen zubringen sollte.

»Wir bleiben an Deck«, tröstete Hannes. »Es verspricht eine schöne Nacht zu werden. Wir machen uns aus Segeln unter den Booten Hängematten und schlafen darin, sonst schadet es auch nichts, wenn wir uns die Nacht durch munter halten, den versäumten Schlaf holen wir dann morgen nach.«

»Sind denn nur die Matrosen alle so roh?«, fragte Hope etwas niedergeschlagen. »Das ist ja ein Fluchen und Schwören hier, wie ich es noch nie gehört habe. Alles ist bei diesen Leuten ›blutig‹, sogar das Essen, und wenn Gott jeden blind machte, der es wünschte, so könnte kein einziger an Bord mehr sehen. Sieh nur den dort mit dem zerschnittenen Gesicht, wie er flucht und schimpft, weil die Winde nicht ordentlich läuft.«

»Ja, es ist ein rohes Korps«, meinte Hannes. »Ein braver Kerl hütet sich, in solch einem Lande, wie China, von Bord zu laufen und auf ein anderes Schiff zu mustern. Merkwürdig ist es übrigens, wie diese Kerle zusammenhalten. War es mir doch schon heute Morgen, als der Kapitän sich seine Leute aussuchte, als ob sie alle zusammen unter einer Decke steckten.«

»Nicht wahr, mir kam es auch so vor«, bestätigte Hope. »Entweder liegen sie schon lange an Land und kennen sich daher, oder sie sind vielleicht schon früher Schiffskameraden gewesen. Auch die Heizer stecken soviel die Köpfe zusammen und flüstern untereinander. Vorhin habe ich ganz deutlich gemerkt, wie sie sich von uns unterhalten haben, einer deutete auf uns und wurde von dem anderen sofort in die Seite gestoßen, dass er das Fingerzeigen lassen sollte.«

»Was sagten sie denn?«

»Sie sprachen Spanisch oder Portugiesisch, ich habe es daher nicht verstehen können.«

»Hm, es ist ein Lumpengesindel, aber der Kapitän, der erste Steuermann und der Bootsmann besitzen mein Vertrauen, das sind ehrliche Kerls, der zweite Steuermann dagegen hat einen falschen Blick, mir kommt es überhaupt vor, als habe er ein böses Gewissen, außerdem beschäftigt er sich so intim mit der Bande.«

»Aber er schnauzt sie doch gerade recht an, er flucht und schimpft über sie, dass einem die Haare zu Berge stehen.«

»Gerade das kommt mir so eigentümlich vor, denn manchmal scheint es mir dann wieder, als ob er sich heimlich mit ihnen unterhalte, und kommt der erste Steuermann oder der Bootsmann in seine Nähe, so fängt er wieder an zu schimpfen.«

»Was soll das aber bedeuten?«

»Ich weiß es nicht. Ruhig! Ein Heizer kommt vorüber, er könnte uns belauschen.«

Als der Heizer, der aus dem Maschinenraum kam und sich nach dem Logis begab, an ihnen vorüber war, blickten sich Hannes und Jim erstaunt an.

»Herrgott, Jim«, flüsterte Hannes, »es ist mir doch gerade, als ob ich dieses Gesicht schon einmal gesehen hätte.«

»Ich glaube dasselbe«, war die Antwort, »aber wo nur? Sahst du, wie er den Kopf abwendete, als er an uns vorüberging? Gerade, als wenn er von uns nicht erkannt sein wollte.«

Sie berieten hin und her, wo sie dieses dunkelrote Gesicht mit den schwarzen Augen und der eingebogenen Nase schon einmal gesehen hätten, konnten aber nicht darauf kommen.

»Nun«, meinte Hannes zuletzt, »wir sind ja nur 24 Stunden an Bord, so lange können wir es schon unter ihnen aushalten. Grün sind sie uns alle nicht gesinnt, das merkte ich schon, als wir an Bord kamen und den Chinesen halfen. Sie hätten lieber gesehen, wenn wir nicht angemustert worden wären, und nur, dass ich dem Renner, der allen Seeleuten verhasst ist, eine Lektion erteilte, stimmte sie etwas günstiger.«

»Wir haben hier übrigens das größte Recht«, sagte Jim. »Wir haben uns beide als Yankees ausgegeben, ich bin auch wirklich einer, und dieses Schiff fährt unter dem Sternenbanner der Vereinigten Staaten; die Anderen sind nur Engländer oder Südländer.«

»Darauf kommt es nicht an«, versetzte Hannes. »Vorzug haben wir deshalb nicht zu beanspruchen, höchstens, dass der Kapitän uns als Landsleute freundlicher behandeln wird. Hoffentlich haben wir aber nicht nötig, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, und es müsste schon schlimm kommen, ehe ich das täte. Vorläufig bin ich noch Mann genug, mich von diesen Kerlen nicht schikanieren zu lassen.«

Ein Boot kam an das Schiff, der Lotse betrat die Kommandobrücke, und sofort drehte der Kapitän auf sein Geheiß den elektrischen Apparat; im Maschinenraum klingelte es, und die Schraube begann sich zu drehen — die ›Recovery‹ trat die Reise an, vom Lotsen so lange geleitet, bis die Bucht verlassen und das offene Meer erreicht war.

Die Wachen wurden verteilt, Hannes richtete es so ein, dass Jim auf die seinige kam, trotzdem der zweite Steuermann im Willen hatte, sie zu trennen. Er ging einfach zu dem dieser Verteilung beiwohnenden Kapitän und bat ihn, dass er mit seinem Freunde zusammenbleiben könnte.

Brummend musste sich der Steuermann dem Geheiß des Kapitäns fügen.

»Ist das nicht sonderbar, dass uns der Steuermann durchaus zu trennen suchte?«, flüsterte Hannes dem Leichtmatrosen zu, als beide unter der Back standen und Taue zusammenbanden. »So sehr er sich auch die Mühe gab, es als ganz zufällig erscheinen zu lassen, mir entging seine Absicht doch nicht.«

Es wurde fast Abend, ehe die ›Recovery‹ das offene Meer, die Chinesische See, erreichte.

Um acht Uhr wurde die Steuerbordwache, zu welcher Hannes und Jim gehörten, abgelöst, der Steuermann übernahm jetzt das Kommando des Schiffes, und nachdem die Abgelösten das Abendbrot zu sich genommen hatten, legten sie sich entweder in ihre Kojen oder begaben sich aus dem Logis noch einmal an Deck, um im Freien noch eine Pfeife zu rauchen. Hannes und Jim hatten sich vorn auf die Back gesetzt, plauderten zusammen, sahen zu, wie der Lotse von einem Boote abgeholt wurde, und trafen dann ebenfalls Vorbereitungen zu einem Lager für die Nacht.

Sie hatten weder Matratzen, noch Decken mitgenommen, aber die Nacht war warm, Regen nicht zu befürchten, und so beschlossen sie, wie schon Hannes vorgeschlagen hatte, in Hängematten zu schlafen.

Im Logis hatten sie zwei Segel liegen lassen, diese holten sie sich, knüpften die Enden unter je ein Boot und hatten auf diese Weise ein Bett hergestellt, wie es unter den Seeleuten sehr beliebt ist, denn es ist durch seine Elastizität so weich, als wären Sprungfedern darunter, und da die eine Seite höher gebunden wird, so ist auch ein Kopfkissen entbehrlich. In einer Minute ist so eine Hängematte hergestellt.

Hope wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie unter einem Schauer aufwachte.

Es hatte sich ein heftiger Wind erhoben; das Meer begann sich ungestüm zu bewegen, und in der Takelage ward schon das eigentümliche Sausen hörbar, welches den Seemann immer an das Brodeln im Bratofen erinnert.

›Der Teufel bratet sich sein Mahl‹, sagt der Matrose und wickelt sich fester in die dünne Decke, wünschend, dass das Zischen nicht stärker wird, sonst wird er durch den Ruf: ›Alle Mann an Deck‹ sicher zur außergewöhnlichen Arbeit aus der Koje geholt. Aber so sehr er sich auch Mühe gibt, wieder in Schlaf zu fallen, immer muss er dem unheimlichen Zischen zuhören, es lässt ihn seine Augen nicht wieder schließen.

Auch Hope konnte keinen Schlaf mehr finden; wie gebannt hingen ihre Augen an den dunklen Rahen, die nur schwach in der Dunkelheit sichtbar waren, und hörte auf das seltsame Geräusch, welches sie noch gar nicht vernommen hatte, weil die Rahen der ›Vesta‹, eines Segelschiffes, stets nach dem Winde gerichtet wurden, während die auf einem Dampfer gewöhnlich so stehen bleiben, wie sie eben einmal zufällig gewendet werden.

Außerdem war es kälter geworden; der starke Wind hatte die Luft abgekühlt, und schon begannen ab und zu die Kämme der schäumenden Wogen über die Bordwand zu kommen, und die beiden Schläfer in der Hängematte mit einem kalten Sprühregen zu überschütten.

Hannes merkte davon nichts. Er schlief nicht nur sanft weiter, er begleitete sogar das Seufzen in der Takelage mit einem kräftigen Schnarchen, und zwar in zwei Tonarten, einer hohen und einer tiefen, je nachdem er von dem schlingernden Schiff auf die eine oder auf die andere Seite geworfen wurde.

»Wenn ich eine Decke hätte, könnte ich wieder einschlafen, es friert mich zu sehr«, dachte Hope, »aber wie soll ich eine solche hier bekommen?«

Da fiel ihr ein, dass sie am Morgen in der Segelkoje, welche sich hinten im Schiff, ganz in ihrer Nähe befand, einige kleine Stücke Segeltuch gesehen habe. Sie beschloss, zwei davon zu holen, eins für sich, das andere, um Hannes damit zuzudecken, damit er wenigstens, wenn er aufwachte, nicht mit nassem Zeug an Deck zu gehen brauche.

Hope stand also auf und ging nach der Tür, welche zur Segelkoje führte.

Sie bedurfte nur noch einiger Schritte, so hatte sie dieselbe erreicht. Sie wunderte sich noch, außer dem ersten Steuermann auf der Kommandobrücke niemanden an Deck zu sehen, die Matrosen waren wahrscheinlich alle, da der Dienst auf einem Dampfer ein sehr sorgloser ist, im Logis und unterhielten sich durch Gespräche oder Kartenspiel.

Das junge Mädchen huschte hinein und tastete im Dunklen sich über die Segel hinweg nach der Stelle, wo sie die Stücke hatten liegen sehen. Aber sie lagen nicht mehr dort, sie waren weggeräumt worden, und Hope, welche kein Feuerzeug bei sich hatte, blieb nichts anderes übrig, als so lange im Dunklen herumzutappen, bis sie die Stücke gefunden hatte, wenn sie nicht ihre Absicht aufgeben wollte.

So kroch sie denn über die aufgetürmten Segel hinweg, zupfte bald hier, bald da an einem Tuche, um zu prüfen, ob es nachgebe, oder ob es ein schweres Segel sei, und näherte sich schon der anderen Ecke der Koje, als sie plötzlich die Tür aufgehen und die Umrisse zweier eintretenden Männer sah.

Hope lag oben auf einem etwas tiefer befindlichen Segel in der äußersten Ecke der Kammer, schon wollte sie ihr Suchen fortsetzen und so ihre Anwesenheit zu erkennen geben, als die geflüsterten Worte eines der beiden Männer bewirkten, dass sie sich plötzlich dicht auf das Segel schmiegte und lauschte.

»Hier sind wir sicher«, hörte Hope leise sagen. »Der erste Steuermann steht auf der Brücke, hat uns nicht hineingehen sehen, und der Bootsmann schnarcht in seiner Koje, wie ein Bär. Ich habe mich soeben davon überzeugt.«


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Hope kannte diese Stimme, es war die des zweiten Steuermannes, welcher um zwölf Uhr die Wache übernehmen musste. Der Bootsmann ist auf jedem Schiffe Freiwächter, das heißt, er leitet nur während des Tages die Arbeiten der Matrosen, in der Nacht schläft er, geht also keine Wache, ebenso wie der Zimmermann.

»Und wo sind die beiden Grünschnäbel?«, hörte Hope die andere Stimme flüstern, welche sie nicht kannte. Sie wusste sofort, dass mit den beiden Grünschnäbeln sie und Hannes gemeint waren.

»Die schlafen in Hängematten unter den Booten«, klang es zurück, »habe mir sie erst vor einigen Minuten angesehen. Die beiden Bengel scheinen heißes Blut zu besitzen; es geniert sie gar nicht, dass das Wasser fortwährend über sie hinwegspritzt, sondern sie schnarchen ein Duett zusammen.«


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»Ihr heißes Blut wird sich schon noch abkühlen«, lachte der Andere leise. »Wenn sie erst Bekanntschaft mit dem Meere machen, wird die Hitze wohl nachlassen.«

Hope schmiegte sich noch dichter an die Segel und hielt den Atem an — sie hatte die Drohung verstanden, dieselbe galt ihnen.

»Wollt Ihr die beiden Kerlchen wirklich hinüberschaffen? Es wäre schade um die Jungens!«

»Unbedingt«, flüsterte der Unbekannte, »sie beide passen nicht für uns, der große gleich gar nicht, er besitzt zu viel von dem, was man Ehrgefühl und Rechtschaffenheit nennt; sein Verhalten dem Renner gegenüber hat das gezeigt, ebenso, dass er eine erkleckliche Quantität von Energie besitzt. Sie beide müssen, ebenso wie der Kapitän und der erste Steuermann, den Haifischen zum Futter dienen.«

»Ihr seid entsetzliche Menschen«, hauchte der Steuermann.

»Euer Gewissen wird schon noch die nötige Weite erhalten, dass Ihr Euch auch nicht mehr viel aus einem Menschenleben macht«, lachte der Unbekannte wieder leise, »dankt Eurem Gott oder dem Teufel, dass Ihr Euch auf unsere Seite geschlagen habt, sonst wäre Euer Schicksal dasselbe.«

»Und seid Ihr auch aller Matrosen und aller Heizer sicher, dass wir nicht noch auf Widerstand stoßen?«

»Aller«, versicherte der Unbekannte. »Sechsundzwanzig Mann, darunter ich, gehören sowieso schon zu unserer Bande, auch die meisten der anderen, welche an Bord des Schiffes anmustern wollten, und die vier Fremden, deren Anmusterung wir nicht vereiteln konnten, haben wir schon für unsere Sache gewonnen, ebenso wie Euch.«

»Können keine Verräter darunter sein?«

»Wer bei uns einmal A sagt, muss auch B sagen, sonst baumelt er. Als sie das Handgeld von mir empfingen, haben sie sich dem Teufel mit Leib und Seele verschrieben. Dasselbe gilt für Euch, Steuermann.«

»Donner, höflich seid Ihr eben nicht! Ich werde einen groben Kapitän bekommen!«

»Seid unbesorgt!«, lachte die unbekannte Stimme heiser. »Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus.«

Die Schiffsglocke schlug siebenmal, drei Doppelschläge und einen einfachen — es war halb zwölf Uhr.

»Was habt Ihr für einen Plan ausgesonnen, Kapitän?«, hörte Hope den Steuermann fragen.

Ein Kapitän war der, mit dem der Steuermann sprach. Wenn er noch keiner war, dachte Hope, so wollte er ein solcher werden, denn, dass eine Meuterei ausbrechen sollte, wusste sie jetzt ganz bestimmt.

»Wir warten noch bis vier Uhr, wenn der erste Steuermann wieder auf Wache geht«, entgegnete der Unbekannte, »Wie Ihr sagt, kommt zu derselben Zeit immer der Kapitän an Deck, um sich Meldung erstatten zu lassen und in dem Augenblick, da die beiden ihre Kabine verlassen, müssen sie überwältigt werden. Der Bootsmann wird schon vorher im Schlaf unschädlich gemacht, ohne ihn zum Schreien kommen zu lassen. Die beiden Ingenieure überwältigen wir bei Gelegenheit, unten im Heizraume können sie nicht viel anfangen.«

»Und die beiden fremden Matrosen?«

»Sie bekommen einfach einen Schlag auf den Hirnkasten, wenn sie nicht freiwillig über Bord springen.«

»So wollt Ihr also nicht noch versuchen, sie Euren Absichten willfährig zu machen?«

»Nein, sie gefallen mir nicht. Ich kenne solche Charaktere. Diese Dummköpfe würden sich lieber töten lassen oder aber ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen, ehe sie sich zu einem solchen Geschäft hergäben, wie wir es betreiben.«

»Und der Kapitän, der Steuermann, der Bootsmann und die Ingenieure?«

»Von denen gilt dasselbe. Ihr Leben ist verwirkt. Mitleid kenne ich nicht.«

»Aber wir brauchen jemanden, der mit der Maschine umzugehen weiß. Den Heizern, die an Bord sind, traue ich eine solche Fähigkeit nicht zu.«

»Das ist es eben, was mich so ärgert«, grollte der Unbekannte, »deshalb musste ich mich als Heizer anmustern lassen, damit ich erst einmal mit der Maschine bekannt wurde. Es geht nicht anders, Ihr müsst einstweilen das Kommando an Deck übernehmen, und ich bleibe unten bei der Maschine, bis wir im nächsten Hafen einen richtigen Ingenieur an Bord geschickt bekommen.«

»Wer sorgt für diesen, und wohin fahrt Ihr?«

»Das ist mein Geheimnis und geht niemandem etwas an, als mich allein. Ich habe von dem, dem auch ich gehorchen muss, meine Befehle erhalten, und damit basta.«

»Hallo, Ihr seid kurz angebunden«, lachte der Steuermann, »na, meinetwegen, ich weiß, dass Ihr nicht plaudern dürft, und werde mich schon noch an Euer seltsames Sprechen und Handeln gewöhnen müssen.«

»Ihr werdet Euch dabei nicht schlecht stehen«, versicherte der Andere. »Euer Gehalt geht ruhig fort, und wenn das Schiff zu dem gebraucht wird, was ich glaube, so werdet Ihr durch den Anteil am Gewinn Summen erhalten, die Euch bald zum reichen Manne machen werden.«

Die Schiffsglocke gab einen Schlag, ein Zeichen, dass es Zeit war, die Schlafenden zu wecken, welche die Wache übernehmen mussten, Matrosen, Heizer, wie Offiziere.

»Zehn Minuten vor Zwölf«, flüsterte der Unbekannte, »es ist die höchste Zeit, dass wir die Segelkoje verlassen, sonst wird der erste Steuermann argwöhnisch. Hier, Maat, fasst das Segel mit an. Wir tragen es nach vorn und decken damit die Luke zum Maschinenraum zu. Fragt dann der Steuermann, warum, so antwortet Ihr, es taute stark und die Maschinenteile könnten nass werden.«

»Noch eins, ehe wir gehen!«, sagte der zweite Steuermann. »Wenn morgen früh um vier Uhr nun gerade ein Schiff in Sicht ist?«

»Das wird nichts ausmachen«, versetzte der Mann, den Hope nicht kannte, »wir nehmen ja alles unter Deck vor, überdies ist es ja um vier Uhr noch dunkel, die Sonne geht erst später auf. Und außerdem, übernehmt Ihr jetzt die Wache auf der Kommandobrücke, ich werde Euch dann einen Kurs angeben, den Ihr steuern lasst, damit wir aus der Dampferlinie herauskommen. Segelschiffe haben wir nicht zu fürchten.«

»All right, Kapitän, so werde ich also für diese Fahrt Eure Stelle vertreten«, lachte der Steuermann.

»Und bin ich erst Kapitän dieses Schiffes, so sollt Ihr Euch über mich nicht zu beklagen haben.«

Beide fassten ein Segel an, schleiften es hinaus und trugen es nach vorn.

Hope lag noch immer da, die Hand aufs Herz gepresst und glaubte, es müsste ihr springen. Sie hatte schon immer gefürchtet, sein lautes Klopfen könnte ihre Anwesenheit verraten.

Meuterei! Das war ihr einziger Gedanke.

Der Kapitän, der erste Steuermann, der Bootsmann, die beiden Ingenieure, Hannes und sie selbst sollten also als Opfer fallen, damit sich die Besatzung in den Besitz der ›Recovery‹ setzen konnte; zu welchem Zwecke, das wusste sie allerdings nicht, aber sie hatte seit Antritt der Reise schon so Entsetzliches gehört und gesehen, dass sie das Schlimmste für möglich hielt.

Wie sollte sie nun aber unbemerkt aus der Segelkoje kommen und die Bedrohten warnen, dass man die Meuterei noch rechtzeitig unterdrücken konnte? Sie waren ja nur sieben Mann, die Meuterer dagegen einunddreißig.

Ehe es zwölf Uhr schlug und die Steuerbordwache an Deck kam, musste sie die Kammer unbedingt verlassen haben, sonst wurde sie an Deck vermisst, und schließlich fand man sie hier, an dem Platze, wo eben diese unheimliche Unterredung stattgefunden hatte.

Hope kroch über die Segel hinweg der Türe zu, öffnete sie ganz vorsichtig und spähte durch die schmale Spalte hinaus. In ihr Herz war plötzlich ein wunderbarer Mut eingezogen, bei ihr stand es jetzt, das Leben von sechs Männern zu retten, und unter diesen war auch Hannes, ihr Hannes. An ihr eigenes dachte sie in diesem Augenblick gar nicht.

An Deck war niemand zu sehen. Die Matrosen weckten die Heizer und ihre Kameraden, welche sie ablösen sollten, der zweite Steuermann zog sich in seiner Kabine zum Nachtdienst um, und der erste auf der Brücke hätte sie ruhig sehen können — er gehörte ja selbst zu den Bedrohten.

Schnell schlüpfte sie hinaus, war mit drei Schritten an ihrer Hängematte und lag im nächsten Augenblick darin. Hannes schlief noch immer fest.

»Steuerbordwache an Deck«, hallte es von der Kommandobrücke, gleichzeitig mit den acht Schlägen der Schiffsglocke.

Die Ablösenden erschienen sofort alle, sie konnten gar nicht geschlafen haben. Natürlich, das Gespräch über die schauerliche Tat, welche sie vorhatten, ließ sie nicht schlafen — vielleicht auch nicht ihr Gewissen.

Hope sprang heraus und rüttelte Hannes.

»Zwölf Uhr«, sagte der Matrose, sich die Augen reibend. »Donner und Doria!«, rief er dann und sprang mit einem Satze aus der Hängematte. »Ich habe ja Wache am Ruder, Jim, schaffe die Hängematten wieder dahin, wo sie lagen, und während der zwei Stunden, die ich am Steuerrad stehe, kannst du mir etwas Gesellschaft leisten.«

Hope erschrak. Sie hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass Hannes den Mann am Ruder abzulösen habe. Es war ihr sehr unangenehm, denn teilte sie ihm dort alles mit, was sie gehört, so mussten die Anderen ihre Unterhaltung bemerken und konnten vielleicht Argwohn schöpfen. Lieber wäre es ihr gewesen, sie hätte den Matrosen in irgend einem versteckten Winkel sprechen können. Ehe sie Hannes nur irgend etwas sagen konnte, war dieser schon zum Steuerrad gesprungen, hatte sich den zu steuernden Kurs übergeben lassen und die Speichen dem anderen aus der Hand genommen.

»Der Wind ist bös geworden«, sagte oben auf der Kommandobrücke der erste Steuermann zu dem ihn ablösenden Kollegen. »Lassen Sie noch einen Mann ans Ruder treten, das Ruder schlägt stark, ich merke es an dem Kompass, und für einen Mann wird es etwas schwer zu halten sein.«

Der zweite Steuermann versprach, diesem Geheiß sofort nachzukommen. Er hatte dem ersten Maat zu gehorchen und musste alles vermeiden, was bei diesem Argwohn hätte erwecken können. Jim, der Leichtmatrose, konnte seinem Gefährten Gesellschaft leisten. Auf diese Weise waren die einzigen der Mannschaft, welche nicht zu den Eingeweihten gehörten, von den anderen getrennt, sodass diese nicht zu befürchten brauchten, bei unvorsichtig geführten Gesprächen belauscht zu werden.

»Jim«, rief er dem vorübergehenden Leichtmatrosen zu, während der erste Steuermann eben die Brücke verließ, »gehe als zweiter Mann ans Ruder! Halte aber gut fest, du Knirps, dass dich das Rad nicht umwirft, sonst könntest du Schaden erleiden, und das sollte mir leid tun.«

Jim achtete nicht auf den Spott, der in diesen Worten lag — er wusste ja, was dieser Mann Böses mit ihm vorhatte — er war nur froh, so Gelegenheit zu bekommen, mit Hannes ungehindert sprechen zu können.

»Hannes«, flüsterte Hope, als sie neben ihm am Rad stand, »ich muss dir Furchtbares mitteilen. Die ganze Besatzung besteht aus Meuterern, sie wollen den Kapitän, die Offiziere und uns ermorden, damit sie in den Besitz des Schiffes kommen. Der zweite Steuermann selbst wird sie anführen.«

Hannes vergaß für einen Augenblick ganz, den Kompass zu beachten, er hielt das Rad fest, unbekümmert, dass die Nadel stark abfiel, und hörte mit offenem Munde die Worte seines Kameraden.

Dann aber raffte er sich zusammen. Das Rad gleichmäßig hin- und her drehend, so wie es die Schwankung der Nadel erfordert, die Augen starr auf den Kompass gerichtet, hörte er, ohne ein Wort zu erwidern, die Enthüllungen an.

»Wer war der, mit dem der zweite Steuermann sprach?«, fragte er.

»Erst wusste ich es nicht«, entgegnete Hope, »vorhin aber, als die Wache an Deck kam, habe ich den Mann an seiner Stimme wieder erkannt. Es ist derselbe, der heute Morgen beim Vorübergehen an uns den Kopf wegwendete.«

»Der Heizer mit den unheimlichen Augen und dem schwarzen Knebelbart also! Wo habe ich den Kerl nur schon einmal zu sehen Gelegenheit gehabt?«

»Lass das jetzt«, flehte Hope, »du bist klüger und erfahrener als ich, gib einen Rat, wie wir den Anschlag dieser Schändlichen verhindern können, oder ich laufe in meiner Verzweiflung zum Kapitän und erzähle ihm alles, obgleich ich weiß, dass es jetzt das Törichtste wäre, aber ich vergehe fast vor Angst.«

»Es wäre auch sehr töricht, Jim. Den Kapitän müssen wir natürlich warnen, ebenso die Offiziere, Ingenieure und den Bootsmann, aber jetzt noch nicht, und wir können es nicht tun, so lange wir am Ruder stehen. Ein Glück ist es, dass sie die Zeit so genau verraten haben, es sind also noch vier Stunden bis dahin, und inzwischen können wir noch viel entgegenarbeiten.«

»Wenn sie aber nun ihren Plan schon eher zur Ausführung bringen?«

»Wenn sie vor zwei Stunden mit der Meuterei beginnen, dann, mein armer Jim, müssen wir um unser Leben kämpfen, und wir wollen es so teuer wie möglich verkaufen. Revolver haben wir glücklicherweise bei uns, die Anderen aber jedenfalls auch, denn die Matrosen auf amerikanischen Schiffen sind immer bewaffnet. Sind diese zwei Stunden am Ruder aber verstrichen, so erspähen wir die erste Gelegenheit, in die Kajüte zu kommen, selbst wenn wir dabei bemerkt werden sollten, alarmieren Kapitän und Offiziere und kommen den Meuterern zuvor.«

»Lass mich schon jetzt gehen oder schleiche du fort«, bat Hope. »Bedenke, unser aller Leben ist verloren, wenn sie schon eher beginnen, und wir sind an ihrem Tode schuld!«

»Es geht nicht«, beharrte aber Hannes. »Verlässt einer von uns das Steuerrad und geht in die Kajüte, so ist sofort alles verraten. Gedulde dich, meine Hope, glaube nur, dass es auch mir schwer wird, untätig hier stehen zu müssen.«

Das waren zwei lange Stunden am Steuerrad, die längsten, die sie je verlebt hatten. Jede Minute ward zur Stunde; die alle halben Stunden gegebenen Schläge der Schiffsglocke ließen stets eine Ewigkeit auf sich warten. Sie sahen, wie die Matrosen in Gruppen zusammenstanden und fluchten, wie sie zwei und zwei in Winkeln saßen und Unheil ausbrüteten, und wie ab und zu ein Mann auf die Brücke ging und mit dem zweiten Steuermann sprach. Gab dieser schon jetzt das Zeichen, die Meuterei beginnen zu lassen, so war ihr Leben verwirkt.

Aber die Minute lässt sich auch in der schwersten Stunde nicht aufhalten, sie rollt dahin, in die Vergangenheit hinüber, und der Mensch darf sich darob freuen.

So gab auch endlich die Glocke der ›Recovery‹ vier Schläge von sich, auf das Steuerrad kamen zwei dunkle Gestalten gegangen und lösten mit mürrischer Miene unsere beiden jungen Freunde ab.

»Diese zwei Stunden vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht!«, flüsterte Hope, als sie neben dem Matrosen dem Vorderteil des Schiffes zuschritt. »Ich bin in ihnen um zwei Jahre gealtert. Was nun, Hannes?«

»Setz dich hierher, Jim!«, sagte Hannes laut und zog den Leichtmatrosen neben sich auf ein Bündel Taue, welche nicht weit vom Eingang zur Kajüte lagen. »Erzähle mir, wie du eigentlich zur See gekommen bist.«

Hope verstand sofort den Wink, sie fing an, eine erfundene Geschichte zu erzählen und lauschte inzwischen aufmerksam den Worten, welche ihr Hannes, der sich ganz dicht an die Bordwand geschmiegt hatte und so gar nicht zu sehen war, zuflüsterte:

»Jemand von uns muss hinunter, den Kapitän wecken und ihm Mitteilung machen, es gibt keinen anderen Zugang zur Kajüte. Ich werde es tun. Singe jetzt ein Liedchen, Jim! Haben sie uns hier sitzen sehen, so müssen sie glauben, wir sind noch zusammen, ich aber schleiche mich hinunter, du singst weiter! Pass auf, jetzt ist's Zeit, niemand ist gerade an Deck zu sehen. Ich hole dich nach, wenn es Zeit ist.«

Hope begann zu singen, während Hannes wie ein Schatten dem Eingange der Kajüte zuglitt und sofort verschwunden war.

Dem jungen Mädchen stockte die Stimme, kaum konnte es die Worte hervorbringen, aber Hannes hatte ihr ja befohlen, leise zu singen, um die übrigen Matrosen nicht argwöhnisch zu machen, und so nahm sie allen ihren Mut zusammen und sang ein fröhliches Schifferliedchen.

»Mein Gott, wie lange bleibt Hannes aus! Wäre ich doch mit ihm gegangen.«

Minute nach Minute verstrich, Hannes kam nicht wieder. Kein Laut von unten drang zu ihr, kein Klopfen an der Tür, kein gesprochener Ton, kein Laut des Schreckens oder der Überraschung — alles totenstill.

Hope wurde plötzlich von einer unnennbaren Angst befallen. War Hannes von unten aufgestellten Posten abgefangen worden? Lag er jetzt schon gebunden auf den Planken oder gar schon mit dem Dolche in der Brust da?

Sie konnte es nicht mehr aushalten, sie musste hinunter, koste es, was es wolle. War doch schon eine Viertelstunde seit dem Verschwinden des Matrosen verstrichen.

Der Leichtmatrose stand auf und wollte schon der Kajütentreppe zuspringen, als er plötzlich den zweiten Steuermann vor sich stehen sah.

»Wo ist dein Maat?«, fragte er.

»Welcher?«, konnte Hope nur verwirrt stammeln; die Kehle war ihr wie zugeschnürt.

»Dein Landsmann, Dummkopf!«, herrschte sie der Steuermann heftig an.

»Ich weiß es nicht.«

»Er war doch eben noch bei dir. Wohin ist er gegangen? Sprich, Bursche!«

Großer Gott, der Steuermann hatte Verdacht geschöpft. Vor Hopes Augen begann es zu flimmern, dem sonst immer unverzagten und schlagfertigen Mädchen drohte das Herz stillzustehen, als sie den Mann ansah, wie er argwöhnisch um sich blickte und sie dann scharf ins Auge fasste, sie glaubte, er richte die Schritte schon nach der Kajütentreppe.

»Hannes!«, gellte es aus ihrem Munde.

Mit einem fürchterlichen Fluche stürzte sich der Mann auf sie, hob sie empor, dicht an der Bordwand, als wolle er sie ins Meer schleudern, von allen Seiten eilten die Matrosen herbei, einige, die glaubten, das Signal wäre schon gegeben, mit Messern und Revolvern in der Hand; aber plötzlich fühlte Hope den Griff des Steuermannes nachlassen. Der Mann wurde plötzlich rücklings zu Boden gerissen und vor ihr stand Hannes.


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Noch hatten die herbeieilenden Matrosen sie nicht erreicht. Hannes packte das Mädchen am Arm, riss es dem Kajüteneingang zu, und beide stürzten mehr, als sie liefen, die steile Treppe hinab.

Oben erhob sich ein wüstes Geschrei, der Steuermann brüllte, die Matrosen heulten, Waffen klirrten; aber unten an der Treppe fand Hope den Kapitän, den ersten Steuermann und die Ingenieure versammelt, alle die Revolver in den Händen — Hannes hatte sie also doch alle geweckt und sie von der drohenden Gefahr in Kenntnis gesetzt, und, was Hope in ihrer Todesangst bezweifelt, sie hatten ihm auch geglaubt.

»Mir nach!«, schrie der Kapitän als die Meuterer schon die Treppe herabstürmten und auch von der anderen Seite eilende Schritte hörbar wurden.

In der Kajüte, welche der Kapitän und die Offiziere bewohnten, führte ein zweiter Eingang vom Maschinenraum aus, für die Ingenieure bestimmt, und durch diesen sah man schon einige Gestalten eindringen. Hannes hatte Glück gehabt. Der zweite Ingenieur, welcher Wache hatte, war zufälligerweise gerade in seiner Kabine gewesen. Hannes traf ihn in dem Gange, erzählte ihm alles mit fliegenden Worten, und der Ingenieur hatte sofort den Kapitän und die anderen Offiziere gewarnt. So kam es, dass auch er gerettet wurde, wenn Rettung überhaupt noch möglich war. Nur der Bootsmann fehlte unter ihnen, er schien seinem Schicksal nicht entgehen zu können.

Der Kapitän war nach einer Kammer geeilt, welche sich neben der Kajüte befand, hatte sie aufgeschlossen, und alle sechs Mann drängten sich hinein. Der ganzen Mannschaft war noch vor der Abreise bekannt gemacht worden, was die in dieser Kammer aufgespeicherten Fässer enthielten — Schießpulver, nach Amoy bestimmt, und die Matrosen und Heizer waren instruiert worden, wie sie sich zu benehmen hatten, wenn auf der ›Recovery‹ Feuer ausbrechen sollte. Diese Kammer musste zuerst unter Wasser gesetzt werden, sonst wären Schiff und Mannschaft verloren, es wäre eine furchtbare Explosion erfolgt.

Alle begriffen sofort, warum der Kapitän gerade hierher flüchtete. Niemand durfte hier auf sie schießen, wollten die Verfolger sich nicht selbst der Gefahr aussetzen, im nächsten Augenblicke als grässlich zerfetzte Leichname mit den Trümmern der ›Recovery‹ durch die Luft zu fliegen.

Die Schritte der Meuterer hallten durch die Gänge, von allen Seiten kamen sie herbeigeeilt, und ihre Stimmen schallten immer deutlicher an die Ohren der sechs Geflüchteten.

Der Kapitän hatte die Tür hinter sich zugezogen, aber nicht zugeschlossen. Im Scheine des Lichtes, welches durch ein Fensterchen der Tür aus dem erleuchteten Korridor in die Kammer fiel, rollte er ein Fass Pulver vor und sprengte durch einen Fußtritt den Deckel ab.

Im nächsten Augenblicke wurde die Tür aufgerissen, die ganze Mannschaft, bis an die Zähne bewaffnet, allen voran der führende Heizer und der verräterische Steuermann, standen vor der Tür, bereit, sich auf die in der Kammer Befindlichen zu stürzen und sie zu entwaffnen.

»Zurück!«, donnerte der Kapitän sie an.

Er hätte nicht zu rufen nötig gehabt; beim ersten Blick in die Kammer taumelten die Vordersten zurück, stürzten sich auf die Hintenstehenden, und alle drängten sich rückwärts.

Da stand der Kapitän, den Revolver in der Hand, den Finger am Drücker, aber den Lauf nicht so, wie die Übrigen, auf die Anstürmenden gerichtet, sondern auf das vor ihm stehende Fass, dessen körniger, glänzender Inhalt sichtbar war. Ein leiser Druck nur, und ein furchtbarer Donner hätte die Luft erschüttert; eine feurige Garbe wäre zum Himmel aufgestiegen, und Schiff und Mannschaft wären auf ewig verschwunden gewesen.

»So schießt doch, O'Donnall!«, sagte der Kapitän kaltblütig zu dem mit bebender Lippe und aschfahlem Gesicht dastehenden Steuermann. »Schießt doch! Warum tut ihr es nicht, elender Verräter!«

Keiner wagte, den Revolver zu heben, ein einziger Schuss in die Pulverkammer wäre für alle verderblich gewesen.

Plötzlich entstand eine Bewegung in der starr dastehenden Gruppe. Alle wendeten sich um und stürzten in wilder Flucht den Gang zurück; aber da krachten hinter ihnen Revolverschüsse, und Schmerzgeheul und das dumpfe Dröhnen niederstürzender Körper bewiesen, dass nicht alle Kugeln ihr Ziel verfehlt hatten. Im Gange lagen einige Gestalten bewegungslos da und wälzten sich in ihrem Blute.


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»Vorläufig gerettet!«, sagte der Kapitän und ging selbst wieder in die Kammer zurück, aus welcher die sechs Mann während des Feuerns getreten waren, »aber es wird nicht lange dauern, so werden sie andere Mittel probieren, uns aus dieser gesicherten Stellung zu jagen.«

Einige Minuten verstrichen über der Beratung, wie man sich die Meuterer vom Leibe halten könnte. Es war jetzt halb vier Uhr, die Nacht noch vollkommen dunkel.

»Ich bin fest überzeugt«, meinte der Kapitän, »dass die Meuterer draußen auf uns lauern. Ich möchte nicht den Versuch machen, meinen Körper auf dem Gange zu zeigen; sicher würde ich sofort eine Kugel bekommen.«

»Das können wir gleich probieren«, antwortete Hannes, zog seinen Rock aus, setzte die Mütze drauf und hing beides an einen Stock.

Kaum bog er die Jacke etwas zur Tür hinaus, so fielen einige Schüsse, und das Tuch ward an verschiedenen Stellen durchlöchert. Hannes hatte diesen Kniff von John Davids gelernt, der ihn damals in Australien anwendete, als die Bushranger die Engländer im Eisenbahnwagen fangen wollten.

»Brav gemacht, mein Junge!«, rief der Kapitän. »Es ist so, wie ich sagte. Wir sitzen hier zwar vorläufig noch sicher, aber wie in einer Mausefalle. Gehen wir hinaus, so schießen sie uns alle wie tolle Hunde nieder.«

Ein seltsames Geräusch unterbrach ihn, es kam vom Fußboden her.

Unten in die Wand der Kammer war ein Loch gebohrt worden durch welches ein Schlauch hereinlief. Man hatte diesen angebracht, damit, wenn auf der ›Recovery‹ Feuer ausbrechen sollte, die Pulverkammer mittels der Pumpe sofort unter Wasser gesetzt werden könnte, und das Pulver somit unschädlich würde.

Jetzt wollten die Meuterer diese Einrichtung benutzen, um den sechs Mann die Möglichkeit zu rauben, ihnen mit Explosion drohen zu können. Der erst glatt liegende Schlauch schwoll jetzt an, und Wasser begann in die Kammer zu strömen.

»Wenn's weiter nichts ist«, lachte der Kapitän, »dem wollen wir bald abgeholfen haben.«

Er band den Schlauch dicht vor der Öffnung zusammen und schob ihn dann zurück. Es drang kein Wasser mehr ein, die Absicht der Meuterer war vereitelt.

»Kapitän Green!«, ließ sich da die Stimme des schwarzen Heizers draußen auf dem Korridor vernehmen.

»Was gibt es, ihr Schufte?«, rief der Kapitän zurück.

»Um Gottes willen, verlasst nicht diese Kammer, will man mit euch Verhandlungen anknüpfen!«, sagte der erste Steuermann.

»Werde mich schön hüten«, lachte der Kapitän.

»Kapitän Green«, klang es draußen wieder. »Wollt Ihr Bedingungen annehmen, die Euch und Euren Genossen das Leben retten?«

»Ich nehme nur die Bedingung an, dass Ihr und die anderen Meuterer Euch in Eisen legen lasst, auf Gnade und Ungnade. Etwas anderes existiert für mich nicht. Dann will ich für Euch ein gutes Wort einlegen«, antwortete der Kapitän.

»Ihr seid Toren, ihr seid doch verloren, in einigen Minuten werden wir euch gefangen haben.«

»Und ihr seid Hunde, die sich gewaltig irren werden. Ehe ich in irgend etwas willige, sprenge ich das Schiff in die Luft.«

»Hört erst, was ich euch vorschlage! Kommt heraus, liefert eure Waffen ab, und ihr sollt ein Boot zur Verfügung bekommen, mit dem ihr nach der nicht weit entfernten Küste rudern könnt. Das Schiff bleibt in unserem Besitz. Seid ihr damit einverstanden?«

»Wer bürgt mir dafür, dass Ihr nicht nur Schwindelei treibt?«

»Mein Ehrenwort!«

»Hahaha«, lachte Kapitän Green laut auf, »Schuft verdammter, reize mich nicht zur Wut, sonst sprenge ich schon jetzt die ›Recovery‹ in die Luft. Dein Ehrenwort gilt mir ebenso viel, wie das Quieken einer Ratte.«

»Ihr werdet binnen einer halben Stunde zu bereuen haben, was Ihr mir jetzt gesagt«, klang es noch einmal höhnisch draußen. Dann schwieg die Stimme.

»Wir haben keine Hoffnung mehr«, sagte der Kapitän, sich zu seinen Leidensgefährten wendend und plötzlich sehr ernst werdend. »Unser Schicksal ist der Tod, wir werden mit der ›Recovery‹ zum Himmel auffliegen.«

»Wir machen einen Ausfall«, schlug Hannes vor. »Müssen wir sterben, so wollen wir wenigstens so viele wie möglich mit ins Jenseits nehmen.«

»Alle wollen wir mitnehmen«, fuhr der Kapitän wild auf. »Keiner soll lebendig davonkommen, und das können wir mit dem da erreichen.«

Er deutete dabei auf das vor ihm stehende, geöffnete Pulverfässchen.

Wirklich, das war das beste Mittel, um sich an diesen Verruchten rächen zu können. Keiner war unter ihnen, der vor diesem Vorhaben zurückgebebt wäre. Hope fühlte ihr Herz sich unter diesen Männern erweitern, sie dachte an Simson, wie er sich gegen die Pfeiler des Saales neigte, sie umstürzte und sich selbst unter den Trümmern zerschmettern ließ, aber doch die Genugtuung hatte, das Wehegeheul der erschlagenen Philister zu hören. Diese Tat des Mannes hatte ihr schon als Kind das Herz schneller schlagen lassen; so wäre sie an seiner Stelle auch gestorben, versicherte das kleine Mädchen oft ihren Spielgefährten, und jetzt? Jetzt, sollte die Phantasie des Kindes zur Wirklichkeit werden. Sie kannte keine Angst mehr, sie sah den sie besorgt anblickenden Hannes mit leuchtenden Augen an und nickte beistimmend mit dem Kopfe.

»Noch wollen wir mit der Ausführung unseres Vorhabens warten«, sagte der Kapitän, »noch haben wir ja Zeit. Es könnte doch sein, dass wir durch irgend etwas gerettet würden. Ist auch die Zeit der Wunder vorbei, so geschehen doch immer noch Dinge, die wir Menschen uns nicht träumen lassen.«

Er zog die Uhr.

»Vier Uhr«, murmelte er. »In einer Stunde erst bricht der Tag an. Die Maschine arbeitet fortgesetzt. Wohin mögen die Meuterer wohl fahren?«

Der erste Steuermann hatte einen kleinen Kompass bei sich, und der erste Blick darauf belehrte sie, dass die ›Recovery‹ jetzt südlich steuerte.

Während sie noch darüber sprachen, dass dadurch das Schiff aus der Dampferlinie heraus in ein sehr wenig befahrenes Wasser käme, in dem höchstens einmal ein Segelschiff kreuzte, erschollen plötzlich über ihren Häuptern starke Axthiebe. Nur einen Augenblick lauschten sie diesem Geräusch, dann rief der Kapitän erbleichend:

»Ich weiß, was diese Schurken vorhaben, sie hauen oben ein Loch in die hölzerne Decke, schieben dann einen Schlauch hindurch und setzen auf diese Weise die Kammer unter Wasser. Fließt es auch unten wieder heraus, das Pulver können sie doch durchnässen. Aber beim wahrhaftigen Gott, ehe ich es so weit kommen lasse, führe ich mein Vorhaben aus. Seid Ihr alle damit einverstanden?«

»Wir sind es«, klang es feierlich, wie aus einem Munde.

»Gut, so lasst sie nur Wasser pumpen. Erreicht es das Fass, so fällt der Schuss, und dann ...«

Er unterbrach sich plötzlich. Während seiner Rede hatte er die Decksplanke gemustert, von der schon Splitter herabfielen. Seine Augen streiften dabei die oberen Regale, auf denen Blechbüchsen standen, und plötzlich nahm sein Gesicht einen freudigen Ausdruck an. »Mein Gott«, rief er, »warum habe ich nicht eher daran gedacht? Wir haben ja Raketen hier.«

Schnell waren einige der Büchsen geöffnet, die Pappscheiben herausgeholt, die Zündschnur in Brand gesetzt, zu dem Fensterchen herausgehalten, und eben, als sich der erste Wasserstrahl von oben in die Kammer ergoss, fuhr zischend die erste, zweifarbige Rakete in die Höhe, und immer neue folgten ihr ... rot, grün — rot, grün, eine nach der anderen sauste zum Himmel empor, schwebte dort einen Augenblick und fiel dann als eine rote und eine grüne Leuchtkugel langsam nieder, das Zeichen, welches alle Schiffe der Welt sofort veranlasst, ihren Kurs zu ändern — ›Schiff in höchster Not‹.

Der Schlauch, welcher von oben durch das gehauene Loch den Wasserstrahl hereinsandte, blieb nicht in seiner ersten Lage, er wurde fortwährend hin- und herbewegt, sodass das Wasser duscheartig sich über alle Gegenstände der Kammer ergoss, alles durchnässend.

»Jacken aus, Hemden aus«, schrie der Kapitän, »und sie über das Fass gelegt! Das Pulver muss trocken bleiben; es enthält das Werkzeug unserer Rache, bleiben die Raketen ohne Erfolg, was ich selbst fast fürchten muss.«

Hope half dem Kapitän, die Raketen in Brand zu setzen und abzufeuern, die Anderen folgten der Aufforderung und deckten das Pulverfass so gut wie möglich zu.

»Nichts«, rief der Kapitän wieder. »Noch zwei Raketen sind übrig, und kein Schiff ist zu sehen.

»Männer«, sagte er, furchtbar ernst werdend, »die Zeit ist gekommen! Schreibe jeder noch etwas, seinen letzten Willen, wie er sein Leben verloren hat, dann stecke jeder sein Papier in eine dieser leeren Raketenbüchsen, die wasserdicht abschließen, und werfe sie ins Meer, dem Zufall es überlassend, ob jemand von unserem schrecklichen Untergang erfahren soll oder nicht.«

Mitten unter dem Regen, welcher von oben auf sie herabrann, untersuchte der Kapitän das Pulverfass, wobei sich die Anderen um ihn herumstellten, um das Wasser abzuhalten.

»Es ist die höchste Zeit«, sagte Kapitän Green, sich aufrichtend, »in fünf Minuten sind die Jacken durchnässt und ebenso dann das Pulver, es wäre zu spät. Schreibt euer Testament!«

Er riss einige Blätter Papier aus seinem Notizbuch, verteilte sie und schrieb selbst auf eins ein paar Zeilen, welches er dann zusammenfaltete und in eine Büchse legte, die er verschloss.

Auch Hope hatte ein Blatt ganz voll gekritzelt, wobei ihr Hannes mit tränenden Augen zusah.

»Willst du nichts schreiben, Hannes?«, fragte das junge Mädchen mit erstickter Stimme.

»An wen?«, fragte er traurig. »Ich weiß niemanden, der sich dafür interessiert, ob Hannes Vogel da ist oder nicht, und die Person, welche Anteil daran nehmen würde, kann nicht mehr über meinen Tod weinen, wie ich nicht über den ihren — sie stirbt mit mir.«

»Mein Hannes«, rief Hope weinend und umschlang den Matrosen mit beiden Armen, »es hat nicht sein sollen, dass wir im Leben uns gehörten, erst der Tod vereinigt uns. Ach, es wäre doch so schön gewesen!«

Der Kapitän drängte, die Büchsen durch das Fenster zu werfen, sein Ruf schreckte die beiden auseinander. Kurz entschlossen schrieb Hannes einige Worte auf das Papier, steckte es in die Blechschachtel und vertraute auch sie dem Meere an.

»So«, sagte er, »vielleicht kennt der Kapitän, welcher sie fischt, meinen Namen, er erinnert sich des lustigen Schiffsjungen oder Leichtmatrosen und weiß nun, dass Hannes Vogel tot ist.«

»Sprecht ein letztes Gebet!«, rief der Kapitän und richtete den Revolver auf das Pulverfass. »Macht es kurz, ich zähle bis drei, dann hat die ›Recovery‹ aufgehört, ein Schiff zu sein.«

Eben stieg die Morgensonne wie ein feuriger Ball am Horizonte auf, als wollte sie dem Schlussakte dieses entsetzlichen Dramas beiwohnen, welches sich während der Nacht abgespielt hatte.

»Eins — zwei — drei ...«

Der Schuss krachte, aber die Kugel hatte ihr Ziel verfehlt, sie schlug durch die hölzerne Tür. Im letzten Augenblick, eben als der Kapitän abdrückte, stürzte sich Hope wie eine Wahnsinnige auf den Zielenden und schlug den ausgestreckten Arm in die Höhe.

»Ein Schiff!«

Dieser Ausruf vermischte sich mit dem Krachen des Schusses. Aller Augen richteten sich auf das Fensterchen, und da sah man, noch weit, weit in der Ferne, aber doch schon deutlich erkenntlich, die Masten eines großen Schiffes auftauchen, die über ihm schwebende Rauchwolke verriet, dass es zwar ein Segler, aber doch mit einer Maschine ausgerüstet war. »Eine Kreuzerkorvette«, schrie Kapitän Green, »ein Kriegsschiff. Schnell, Hannes, in meine Kabine geeilt, rechts unten in der Kiste liegen die Flaggen, hole die unsere.«

Hannes flog mehr, als er ging. In der nächsten Minute stand Kapitän Green am Fenster, steckte die Arme hinaus und schwenkte damit das Sternenbanner der Vereinigten Staaten durch die Luft, dem Kriegsschiffe winkend.

Der Schlauch oben ward herausgezogen, das Einfließen des Wassers hörte auf. Am Deck rannten die Leute hin und her, sie sahen, wie das Kriegsschiff direkt auf sie zuhielt und sich ihnen mit einer Schnelligkeit näherte, gegen welche es kein Entrinnen gab, und sahen ferner, wie unten aus dem Fenster die Flagge geschwungen wurde, um Hilfe flehend.

Oben fiel ein Schuss, mit einem Schmerzensschrei sprang Kapitän Green zurück, die Flagge aber noch in der durchschossenen Hand haltend. Doch schon stand Hannes am Fenster und schwenkte das Sternenbanner hin und her, möglichst schnell, um denen, welche oben nach seiner Hand zielten, keine Gelegenheit zu einem sicheren Schuss zu bieten.

Da ging auf dem Kriegsschiffe am hintersten Maste eine Signalflagge hoch — es war der Befehl, dass die ›Recovery‹ halten sollte, und dass jenes Schiff das Recht hatte, diesen Befehl zu geben, das zeigte der Kriegswimpel an, welcher am mittelsten Maste im Winde flatterte.

Die ›Recovery‹ aber kam dieser Aufforderung nicht nach, sie dampfte weiter, sie hielt auch nicht, als das Kriegsschiff einen Kanonenschuss löste, das Zeichen, dass es jetzt gewillt sei, die Befolgung des Befehles zu erzwingen.

Die ›Recovery‹ dampfte weiter, aber ein Entrinnen war nicht möglich, da das Kriegsschiff, welches bis jetzt seine Nationalität noch nicht gezeigt hatte, mehr Dampf aufmachte, es fuhr jetzt mit voller Kraft und kam ungeheuer schnell heran.

Da endlich gingen hinten an der Flaggenstange seine Farben hoch. Unausgesetzt schwenkte Hope das Sternenbanner.


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»Das Sternenbanner«, schrie Hannes, »ein Amerikaner.«

Ein höhnendes Lachen richtete aller Augen nach oben. Durch das in das Deck gehauene Loch blickten ein Paar grimmiger Augen, die kleine Gesellschaft musternd — es war der Heizer, der Anführer der Meuterer.

»Eure Freude war zu früh«, brüllte er hinab, »fahren wir zum Teufel, so sollt ihr uns wenigstens Gesellschaft leisten.«

Seine Hand, den Revolver auf das Pulverfass richtend, streckte sich hindurch, und mit dem Schrei des Entsetzens, der allen beim Erkennen der fürchterlichen Absicht, angesichts der Rettung, sich entrang, vermischte sich der Knall des Schusses. Die Kugel schlug ins Pulverfass ein, die Umstehenden prallten zurück, stürzten sogar zu Boden, als wäre die Explosion schon erfolgt, aber sie fand nicht statt — das Pulver war schon zu sehr durchnässt.

Noch hatten sie sich nicht von dem Schrecken erholt, als Hope wieder einen Schrei ausstieß, an das Fenster sprang, Hannes die Flagge aus der Hand riss und diese jetzt hin- und herschwenkte.

Das Kriegsschiff war sehr nahe. Schon konnte man die Matrosen sehen, welche, mit Büchsen und Entersäbeln bewaffnet, in Reih und Glied an der Bordwand standen, und auf der Kommandobrücke lehnte an dem Kompass der Kapitän, ein junger, schöner Mann in der Uniform der Seeoffiziere der Vereinigten Staaten.

Unausgesetzt schwenkte Hope das Sternenbanner, und, nicht daran denkend, dass die Entfernung noch eine zu große war, um gehört zu werden, rief sie doch immer und immer wieder nach dem Schiffe hinüber, winkte mit der anderen Hand, schnell herbeizukommen und zu helfen. Jetzt hatte sich ihnen das Schiff so weit genähert, dass man alle Personen auf demselben, auch den Kapitän, deutlich erkennen konnte. Was die Meuterer oben taten, wusste man nicht, sie verhielten sich vollständig ruhig.

Da ließ Hope plötzlich die Flagge fallen, drängte den Kopf und die beiden Arme durch das Fensterchen und bog sich so weit als möglich mit dem Oberkörper heraus.

»Macdonald«, jubelte sie auf, »wir sind gerettet! Es ist Macdonald, mein Bruder.«

* * * * *

II.3. Van Gudens Ende

Das Kaiserreich Japan setzt sich aus verschiedenen Inseln zusammen, von denen die größte Nippon ist, mit der Hauptstadt Edo, in welcher der Kaiser seine Residenz aufgeschlagen hat und welche somit die Hauptstadt von Japan ist. Wichtiger aber, als diese selbst, und weit bekannter ist ihr Hafen, Yokohama, der an Bedeutung alle anderen dortigen Hafenplätze übertrifft.

Yokohama macht schon einen sehr europäischen Eindruck, sind doch die Japaner, obgleich von derselben Volksrasse, das vollkommene Gegenteil von den Chinesen. Während diese ängstlich bemüht sind, sich vor jeder von außen kommenden Kultur abzuschließen, suchen jene sich alles anzueignen, was ihnen die fremden Kulturländer an Technik, Kunst und Wissenschaft bieten, lassen ihre Schiffe auf europäischen Werften bauen, versorgen ihr Land mit in England und Deutschland erbauten Maschinen und richten ihr Militär nach deutschem Muster ein, nicht nur der inneren Organisation nach, sondern auch in der Armierung, das heißt, in den Waffen.

In Hamburg oder Bremerhaven kann man beobachten, welche unzählige Mengen von in Deutschland gefertigten, landwirtschaftlichen und industriellen Maschinen, Dampfmotoren, Lokomobilen und Lokomotiven nach Yokohama verladen werden, und ebenso, dass alle die Kanonen neuester Konstruktion, nach Japan bestimmt, den Stempel »Krupp, Essen« tragen.

Aber die Japaner wollen nicht immer ihr Geld an andere Länder ausgeben, sie schicken ihre intelligentesten, jungen Männer nach zivilisierten Staaten, meist nach Deutschland, und lassen sie dort auf Universitäten studieren, sie lassen nicht nur deutsche Offiziere die Soldaten einexerzieren, sondern sie errichten eigene Kriegsakademien, in welchen diese Offiziere als Lehrer fungieren, gründen Universitäten, kurz, sie bemühen sich, ihr Land so zu organisieren, wie es die japanischen Gesandten in den Kulturländern gesehen haben, und nicht lange wird es mehr dauern, so hat Japan, das

1 Nippon ist die japanische Bezeichnung für Japan; die größte japanische Insel heißt

Hondo. einst unbedeutende Reich, dessen Bewohner man sich meist als halbwilde Asiaten vorstellt, das Recht, sich mit jedem anderen mächtigen Staate messen zu können.

Schon der erste Anblick des Hafens von Yokohama beweist, wie sehr die kurzhaarigen Japaner ihre bezopften Brüder überflügelt haben. Während in den chinesischen Häfen das Ein- und Ausladen von Schiffen noch immer so geschieht, wie es vor Hunderten von Jahren stattfand, das heißt, dass die Eingeborenen die Säcke und Kisten auf ihren Schultern ans Land tragen und dort an andere abgeben, welche sie nach Lagerschuppen befördern, arbeiten in Yokohama überall am Kai mächtige Dampfkräne, welche die emporgehobenen Waren sofort in bereitstehende Eisenbahnwaggons laden, geradeso, wie in jedem europäischen Hafen, der nur einigermaßen für die Bequemlichkeit der schifffahrenden Klasse sorgt.

Noch mehr tritt der Unterschied hervor, besucht man die Stadt selbst; überall erheben sich schöne Wohnhäuser, freundliche Villen, prächtige Paläste, deren Besitzer nicht nur Europäer, sondern meist Japaner sind. Die chinesische Bauart tritt nicht mehr so hervor, der kindliche Stil hat einem geschmackvollen Platz gemacht, und ebenso fühlt man im Verkehr mit den Bewohnern dieses Landes nicht mehr die Überlegenheit heraus, welche den Europäer sonst befällt, wenn er mit einem ihm an Zivilisation nicht gleichstehenden Menschen zu tun hat.

Der Japaner, sowohl der in seiner Art gebildete, wie der ungebildete, der gewöhnliche Arbeiter, ist überhaupt ein Mensch, wie man ihn als Gesellschafter selten prächtiger finden kann. Er besitzt alle guten Eigenschaften der Chinesen, er ist intelligent, arbeitsam und mäßig, außerdem aber noch ehrlich, wahrheitsliebend, treu, dankbar, höflich und überaus bescheiden.

Eine wahre Freude ist es, mit Japanern an Bord eines Schiffes zu arbeiten. Werden die Matrosen im Allgemeinen als roh und ungeschliffen bezeichnet, so ist bei dem Japaner eine Ausnahme zu machen. Der japanische Matrose, welcher von jedem Kapitän gern angemustert wird, steht dem besten, europäischen — deutschen, englischen oder skandinavischen — weder an Geschicklichkeit, Mut, Kaltblütigkeit, noch Ausdauer nach, sein Pflichtbewusstsein wetteifert mit dem des deutschen Seemannes, worin dieser vor allen anderen Nationen den Vorzug verdient, aber, was diesem oft noch fehlt, besitzt er, und das ist ein sittsames Betragen, frei von aller Anmaßung, Rohheit und Streitsucht.

Nur wer selbst mit Japanern längere Zeit intim verkehrt hat, wie zum Beispiel als Schiffskameraden, kann dies beurteilen; wenn man aber glaubt, dass der japanische Matrose nur darum so höflich ist, nur darum den Europäer stets zuerst durch die Tür gehen lässt, ihn nur darum beim Essen zuerst aus der Schüssel nehmen lässt und ihn nur darum in allem und jedem den Vorzug zukommen lässt, weil er in dem Europäer ein höheres Wesen sieht, so irrt man sich gewaltig. Der Japaner ist stolz; nie duldet er, dass er beleidigt wird, und glaubt er, dass dies geschehen, und dass eine Sühne erforderlich ist, so tritt er mit aller Energie zur Wahrung seines Rechtes auf, rächt sich, aber nicht so wie der heißblütige Italiener oder Spanier, sondern benimmt sich dem Beleidiger gegenüber mit der größten Ritterlichkeit.

Mit einem Worte, das japanische Volk hat nicht nur das Anrecht, mit jeder zivilisierten Nation Europas verglichen zu werden, es besitzt noch viele Vorzüge vor dem Südländer. Dies hat auch der Krieg zwischen Japan und China bewiesen. Dass Ausnahmen vorkommen, das heißt, dass es unter den Japaner auch schlechte Charaktere gibt, ist selbstverständlich, diese bestätigen ja nur die Regel.

*

Ganz Yokohama befand sich in einer ungeheuer aufgeregten Stimmung; trotz des noch frühen, aber schon sehr heißen Vormittags wogten in den Straßen Japaner, Chinesen und Europäer bunt durcheinander. Karren, Wagen und Equipagen jagten über das sorgsam angelegte Pflaster, aber es war nicht das Geschäft, welches diese Mengen in Bewegung erhielt, sie eilten nicht hin und her, sondern alles strebte einer Richtung zu — und diese führte nach dem Hafen.


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Gestern Abend war ein amerikanisches Kriegsschiff, der ›Conqueror‹, auf Deutsch, der ›Eroberer‹ in den Hafen eingelaufen, und die ersten Matrosen, welche das Land besuchten, hatten Neuigkeiten erzählt, die wie ein Lauffeuer durch ganz Yokohama flogen und alles in Aufregung versetzten.

Dem Kommandanten des Schiffes, Korvettenkapitän Macdonald Staunton war es nicht nur gelungen, zwei chinesische Dschunken bei der Ausübung von Seeräuberei zu überraschen und die Piraten zu fangen, sondern er hatte auch die Besatzung der ›Recovery‹ als Meuterer gefunden, diese ebenfalls gefangen und an Bord seines Schiffes genommen.

Als er Scha-tou passierte, war er, ohne den ›Conqueror‹ in dem Hafen anlaufen zu lassen, von der Reede aus an Land gegangen, hatte den dort liegenden Schiffen ›Amor‹ und ›Vesta‹ einen Besuch abgestattet, nach New York telegrafiert und war dann in Begleitung jener beiden Schiffe nach Yokohama, seinem ihm vom Oberkommando vorgeschriebenen Reiseziel weitergesegelt.

Schon an demselben Abende, da die Matrosen davon Andeutungen machten, war allen klar, dass einer der nächsten Tage eine außerordentliche Szene bringen musste.

Die chinesischen Seeräuber mussten hängen, daran war kein Zweifel; dazu brauchte der Korvettenkapitän sich nicht erst die Erlaubnis zu holen, er hatte das Recht, sogar die Verpflichtung dazu. Aber, um als Richter über meuternde Matrosen auftreten zu können, brauchte er die Genehmigung desjenigen Landes, zu dem das betreffende Schiff gehörte, und die ›Recovery‹ fuhr unter der Flagge der Vereinigten Staaten.

Auch darüber herrschte keine Unklarheit, dass das Schicksal der Meuterer dasselbe sein würde, wie das der Piraten: der Galgen.

Aber was für eine Aufregung entstand erst, als am anderen Morgen die englische Zeitung herauskam, die sich nicht nur der Europäer bemächtigte, sondern auch die eingeborenen Domestiken ergriff, welche dafür sorgten, dass dieses schier unglaubliche Gerücht in ganz Yokohama verbreitet wurde.

Der Kapitän, alle Offiziere und der Bootsmann von der ›Recovery‹ waren durch das Erscheinen des amerikanischen Schiffes aus den Händen der Meuterer gerettet worden, der zweite Steuermann, welcher sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen, hatte sich selbst entleibt; es wurde beschrieben, wie man die dem sicheren Tode Nahen in der Pulverkammer gefunden, wo sie sich gegen die Mannschaft verteidigt hatten, und, o Wunder, die Zeitung meldete das sonderbare Gerücht, dass einer der beiden treuen Matrosen gar kein Mann, sondern ein Mädchen, eine der Damen der ›Vesta‹, und das Merkwürdigste, dass sie die Schwester des Kapitäns Macdonald Staunton war, dem sie die Rettung verdankten, während der andere Matrose ein Diener eines englischen Herrn vom ›Amor‹ war.

Weiter schrieb die Zeitung, dass die Abführung aller gefangenen Verbrecher vom ›Conqueror‹ nach dem Tribunal morgens um zehn Uhr stattfände, und ebendies hatte bewirkt, dass sich ganz Yokohama auf den Beinen befand und dem Hafen zuströmte, um dem Transport der gefesselten Meuterer nach dem Gefängnis beizuwohnen. Diese wurden kurz verhört, und inzwischen errichtete man am Hafen die Galgen, an denen die chinesischen Piraten ihr Leben aushauchen sollten.

War während dieser Exekution die Bestätigung eingelaufen, dass der Korvettenkapitän Macdonald Staunton über Leben und Tod der Meuterer zu entscheiden habe, so wurden die Leichen der Chinesen abgeschnitten, und deren Stelle nahmen dann die Meuterer ein, wenn der Richter nicht einen Grund fand, den oder jenen milder zu verurteilen und ihn zur Bestrafung den Gerichten der Vereinigten Staaten auszuliefern.

Aber dies war nicht zu erwarten. Meuterei ist ein zu entsetzliches Verbrechen, als dass es dafür eine Entschuldigung gäbe. — Tod am Strang, das war das einzige, was diejenigen verdienten, welche dem Kapitän den Gehorsam kündigten und sein Leben bedrohten. Jeder Kapitän ist an Bord seines Schiffes ein unumschränkter Herrscher, mit dessen Machtbefugnis man die eines Königs nicht vergleichen kann, seine Person ist heilig, sein Wort, sein Richterspruch sind unumstößlich, er darf jeden, der ihm den Gehorsam verweigert, auf der Stelle niederschießen, ohne dass er zu fürchten braucht, wegen seiner Tat zur Verantwortung gezogen zu werden. Spricht ihn sein Gewissen von einem Morde frei, so ist es gut, er darf nicht verurteilt werden; abgeschieden von aller Welt, ist er auf seinem Schiffe die einzige Gerichtsbarkeit.

Das Schiff ist eine Welt im kleinen; eine Meuterei bedeutet auf ihm eine Weltrevolution, und würden Meuterer nicht unnachsichtlich mit der strengsten Strafe belegt, wartete ihrer nicht der Tod, so würden sie sich bald mehren. Auf Gnade durften die Gefangenen nicht hoffen.

Noch fehlten einige Stunden an zehn Uhr, aber schon waren die Straßen dicht besetzt mit Fußgängern, Reitern und Equipagen. Die Polizei und die Soldaten hatten Mühe, die Passage offen zu halten.

Währenddessen befanden sich die vollzähligen Besatzungen des ›Amor‹, wie auch der ›Vesta‹ an Bord des amerikanischen Kriegsschiffes und berieten mit dem Kapitän über das Schicksal eines Mannes, welcher auch gefangen worden war.

Es war van Guden, der einstige Anführer der Piraten, welcher auf einer der Dschunken sich als Gefangener befunden hatte und von den Chinesen verraten worden war.

Korvettenkapitän Macdonald Staunton, ein noch junger Mann, welcher in Zügen und Wesen den Bruder der neben ihm stehenden Hope nicht verleugnete, stand in der Mitte des Salons und erzählte der ihm zuhörenden Gesellschaft dasjenige, was ihm van Guden mitgeteilt.

»Teils von Ihnen, teils durch van Guden selbst habe ich erfahren, wie dieser Mann in die Gefangenschaft der chinesischen Seeräuber gekommen ist. Als er damals im Boote von Ihnen abfuhr, ist es seine Absicht gewesen, nach der Küste des nicht weit entfernten Festlandes zu rudern, aus welchem Grunde, hat er mir nicht mitgeteilt; ich weiß überhaupt nicht, was er für einen Plan hatte. Van Guden ist während seiner Gefangenschaft an Bord des ›Conqueror‹ finster und stumm gewesen. Bei seinem Verhör habe ich nichts aus ihm herausbringen können, nur das sagte er, dass er sich ungehindert von Ihnen entfernt habe.

»Während dieser einsamen Fahrt ist sein Boot von einer Dschunke aus erblickt worden; man hat ihn gefangen, ihn nach heftiger Gegenwehr überwältigt und ihn dann zwingen wollen, als Kapitän das Kommando der Dschunke zu übernehmen, das heißt, sein früheres Handwerk als Anführer der Piraten oder doch dieser Dschunke zu betreiben, denn die abergläubischen Chinesen hofften, wenn sie ihn an Bord hätten, mehr Glück in ihrem räuberischen Tun zu haben, um wie viel mehr, wenn der einstige Fürst der Piraten selbst an ihre Spitze träte.

»Aber van Guden weigerte sich, dies zu tun, er trotzte allen Bitten der Chinesen, verachtete ihre Drohungen, und so ließen es die Piraten sich genügen, ihn als Gefangenen an Bord zu behalten. Was sie noch mit ihm begonnen hätten, weiß ich nicht, denn van Guden selbst kann es mir nicht sagen, und die Chinesen behaupteten, als ich sie zu einer Aussage zwang, dass sie ihn nur als eine Art Talisman an Bord hätten behalten wollen, weil seine Anwesenheit ihnen Glück brächte.

»Aus Ihrer Erzählung nun höre ich, dass sich van Guden auf eine Art und Weise betragen hat, welche darauf schließen lässt, dass er sein Treiben als Seeräuber aufgeben wollte. Er selbst hat sein möglichstes getan, um die Piraten zu vernichten, er hat sich überhaupt Ihnen gegenüber ehrenhaft benommen, wenn man von einem Räuber so sagen kann, und so kann ich Sie wohl verstehen, wenn Sie mich um seine Begnadigung bitten. Aber diese vollständig zu gewähren, liegt nicht in meiner Macht; mein Gewissen gestattet nicht, einen Menschen, der Seeräuberei getrieben hat, freizugeben, selbst wenn in seinem Leben eine Änderung eingetreten ist, die er dadurch bewies, dass er seine Waffen gegen seine einstigen Gefährten gerichtet und anderen geholfen hat. Jedes Verbrechen muss gesühnt werden, und ich, der ich hier die Stelle eines Richters vertrete, darf von diesem Grundsatz nicht abweichen. Wie ich schon sagte, mein Gewissen lässt es nicht zu. Darum, meine Herren und Damen, nehmen Sie es mir nicht für ungut, wenn ich Ihrer Bitte nicht entspreche, sondern diesen van Guden ebenso bestrafe, als hätte ich ihn selbst auf Seeraub betroffen.«

»Was würde seine Strafe sein, wenn er dem Gericht der Vereinigten Staaten ausgeliefert würde?«, fragte Lord Harrlington den Kapitän.

»Unbedingt der Tod«, war die überzeugte Antwort.


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»Selbst dann, wenn wir alle hier um seine Begnadigung bitten, sein Betragen uns gegenüber erzählen, sein genaues Schicksal enthüllen, und wenn auch Sie um Milderung der Strafe ersuchen?«

»Vielleicht könnte die Todesstrafe alsdann in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt werden«, entgegnete der Korvettenkapitän, »aber ich bezweifle dies. Ich bin über van Guden ziemlich genau orientiert, er hat zuviel zu verantworten, als dass er so etwas zu erhoffen hätte. Das einzige, was ich bewirken kann, wäre, dass er an England ausgeliefert würde, weil er fast nur englische Schiffe angegriffen hat. Aber dort findet er erst recht keine Gnade, dort würde er sicherlich mit dem Tode bestraft werden.«

»Und van Guden ist nicht der Mann, der Zwangsarbeit dem Tode vorzieht«, schalt Ellen ein.

»Kapitän Staunton«, nahm Harrlington wieder das Wort, »wir sind unter uns, haben keinen Verräter zu fürchten, und so können wir offen miteinander sprechen. Wäre es nicht möglich, dass van Guden entflieht?«

Macdonald Staunton sah sich im Kreise der Herren und Damen um, und ein flüchtiges Lächeln schwebte um seine Lippen. Er wusste recht gut, was diese Frage bedeuten sollte, aber er stellte sich so, als fasste er ihren Sinn anders auf.

»Nein«, sagte er, »eine Flucht ist nicht gut möglich. Van Guden liegt in einer Einzelzelle und wird von einem doppelten Posten bewacht. Er ist ein starker und kühner Mann, dem alles zuzutrauen ist, aber eine Flucht von Bord des ›Conqueror‹ gehört zur Unmöglichkeit.«

Lord Harrlington hatte verstanden; auf diese Weise konnte van Guden nicht befreit werden, des Kapitäns Pflichtbewusstsein ließ etwas Derartiges nicht zu.

»Sie merken, wie sehr wir uns alle für diesen Holländer interessieren«, begann er wieder. »Hat er doch eine Art von Berechtigung, uns Engländer, die wir seine Familie und ihn selbst ins Unglück gestürzt haben, glühend zu hassen. Aber eben, weil er sich trotz dieses Hasses uns gegenüber wie ein Ehrenmann benommen, uns wie ein Kavalier zum ritterlichen Kampf herausgefordert hat, fühlen wir Mitleid mit seinem Schicksal. Gestatten Sie uns daher, ihn hier noch einmal zu sprechen, ehe er dem Gefängnis übergeben wird, wo eine intime Unterhaltung ohne fremde Zeugen nicht gestattet ist.«

»Sehr gern«, versetzte der Kapitän und gab der vor der Tür stehenden Ordonnanz den Befehl, van Guden in den Salon führen zu lassen.

Der Holländer trug noch seine chinesische Kleidung. Sein Gesicht war unbeweglich, keine Spur von Furcht und Niedergeschlagenheit konnte man darin bemerken.

Hochaufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen, die Augen furchtlos auf die Anwesenden geheftet, so trat er in Begleitung einiger bewaffneter Matrosen ins Zimmer. Der Kapitän winkte; letztere blieben zurück, und van Guden trat ungefesselt einen Schritt näher.

»Van Guden«, begann Lord Harrlington und ging auf den Holländer zu, »wir fühlen Mitleid mit Ihnen. Als Sie uns im Boot verließen, hofften wir alle, ohne Ausnahme, dass es Ihnen gelingen möchte, in Sicherheit zu kommen. Es tut uns leid, Sie als Gefangenen wiederzusehen.«

Der Holländer hatte seine Augen starr auf den Sprecher gerichtet, ein eigentümliches Zucken bewegte bei diesen Worten sein Gesicht.

»Warum?«, fragte er leise.

»Weil wir hofften, dass Sie ein anderes Leben anfangen würden; da Sie die Waffen, die Sie bis jetzt gegen uns, die Engländer, gerichtet haben, plötzlich gegen die Chinesen, Ihre früheren Kameraden, wendeten, so war daraus zu erkennen, dass Sie den Hass gegen uns aufgegeben haben, Ihr Unrecht einsahen und nun dieses wieder gutzumachen suchten.«

»Es war dies nicht der Fall, Sie überschätzen mich«, antwortete der Pirat mit fester Stimme. »Kämpfte ich gegen die Chinesen, so tat ich es nur, um mich für die mir zugefügte Schmach zu rächen. Eine Änderung in meinem Hass gegen euch ist nicht eingetreten, ich hasse euch Engländer nach wie vor.«

»Was würden Sie tun, wenn Ihnen die Freiheit geschenkt würde?«

»Ich würde die Engländer wieder schädigen, soviel ich könnte.«

Die Umstehenden sahen sich bestürzt an, das hatte niemand von diesem Manne erwartet.

»Auf welche Weise? Wieder als Pirat?«, fragte Lord Harrlington weiter.

»Nein«, entgegnete van Guden offen. »Schon längst ist es mir zum Bewusstsein gekommen, was für eine erbärmliche, ich möchte fast sagen, lächerliche Rache an meinen Feinden das ist.«

»Aber wie sonst?«

»Wäre ich damals nicht in die Hände der Chinesen gefallen, hätte ich das Land erreicht, so würde ich allerdings ein anderes Leben angefangen haben. Noch gibt es genug ehrliche Menschen, welche euch Engländer verurteilen, weil ihr ganz ungerechterweise Krieg anzettelt und euch fremder Länder bemächtigt, wozu ihr kein Recht habt, so zum Beispiel in Afrika, in Indien und anderen Gegenden. Habt ihr das Land erobert, so bezahlt ihr den Besiegten eine Summe und behauptet dreist, ihr hättet eine Kolonie gekauft. Was einzelne Menschen schon jetzt von euch behaupten, das wird einst die Weltgeschichte offen von euch sagen, und sie wird euch ein Denkmal setzen, welches euch, wie ihr jetzt seid, für ewige Zeiten an den Pranger stellt, den dagegen, der für die Bedrängten die Waffen ergreift, als Helden feiern. Dies würde ich getan haben; auch ich hätte mich auf die Seite eines solchen Volkes gestellt, welches die habgierigen, unersättlichen, scheinheiligen, hinterlistigen Engländer unter dem Vorwande, ihm die Zivilisation zuzuführen, unterjocht. Ihr habt die Sklaverei abgeschafft, aber wer ist es, der alle Menschen zum Sklaven seiner Habsucht machen möchte ...«

»Was meinen Sie damit?«, unterbrach ihn Lord Harrlington erregt. Alle Anwesenden, hauptsächlich die Engländer, erhoben ein unwilliges Gemurmel.

»Was ich damit meine?«, entgegnete van Guden höhnisch. »Ist es vielleicht nicht wahr, dass ihr Häuptlinge, Scheichs und so weiter mit einem Spottgeld bestecht, damit sie ihre Leute zwingen, für euch die schwersten Arbeiten zu verrichten? Soll ich euch noch mehr vorwerfen? Werden nicht gerade an England, dem Lande, welches die meisten Missionare unter heidnische Völker schickt, die meisten Götzenbilder angefertigt und verkauft? Wer schreit so gegen das Opiumrauchen als ein sittenverderbendes Laster und gestattet doch den Opiumhandel, nein, leistet ihm sogar in jeder Weise Vorschub und begünstigt ihn sogar, weil er ihm durch hohe Steuer ungezählte Summen einbringt? Wessen Bestreben ist es, sofort, wenn einem bisher unkultivierten Volke der Segen der Zivilisation zugeführt worden ist, ihm Branntwein zu verschaffen, der hoch besteuert ist? O, ich könnte noch massenhafte Beweise bringen, dass alles an euch Lug, Trug und Scheinheiligkeit ist.«

Des Holländers Augen blitzten, er hatte sich hoch aufgerichtet, und seine Stimme klang immer heftiger, als er diese Anschuldigungen den Engländern entgegenschleuderte. Und diese Anklagen waren keine ungerechten, wirklich wird die unparteiische Weltgeschichte einst aufdecken, welcher Mittel sich England bedient hat, um zu seiner jetzigen Macht und seinem jetzigen Reichtum zu gelangen.

»Hüten Sie sich!«, rief Harrlington. »Sie stehen hier als Gefangener und nicht als freier Mann, der über eine Nation urteilen darf, die er nicht einmal genügend kennt, um sie verurteilen zu können. Dass Ihrem Vater in England unrecht getan worden ist, wissen wir, und eben dies hat uns veranlasst, für Sie zu bitten, dass Ihre Strafe gemildert werde.«

»Ich will keine Milderung, ich bedarf keiner Gnade.« sagte der Holländer stolz, »und am wenigsten will ich sie von euch. Überlasst mich der Gerechtigkeit dieses amerikanischen Kapitäns, er mag über mich verfügen, wie er will.«

»So würden Sie also die Waffen wieder gegen England ergreifen, sobald Sie sich auf freiem Fuße befänden?«

»Ich würde es tun, aber im ehrlichen Kampfe«, entgegnete der unversöhnliche Feind der Engländer.

Lord Harrlington wandte sich ab und zuckte bedauernd mit den Schultern. Jetzt hätte er um die Freiheit dieses Mannes nicht einmal mehr bitten dürfen, das war er seinem Vaterlande schuldig.

Van Guden wurde wieder abgeführt. »Der Mann will es nicht anders«, sagte Kapitän Staunton, »es tut mir sehr leid, dass dieser van Guden, der sonst ein ehrlicher Mann zu sein scheint, am Strang enden muss, aber ich kann nichts dagegen tun, die Gerechtigkeit muss ihren Lauf haben.«

Es war bald zehn Uhr, die Herren und Damen begaben sich an Deck, um sich die Meuterer anzusehen, welche jetzt oben zum Marsch nach dem Gefängnis aufgestellt waren.

Mit finsteren Blicken, die Köpfe zur Erde gesenkt, standen die an Händen und Füßen gefesselten Verbrecher da. Sie wussten, dass es kein Entrinnen mehr gab, der Tod am Galgen war ihnen gewiss, und sie wünschten nur, dass die Depeschen schon da wären, welche das Urteil bestätigten, damit sie nicht lange Stunden in Todesangst zu verbringen brauchten.

Je zwei Matrosen mit Gewehren und Entersäbeln bewaffnet, nahmen einen Mann in die Mitte, die Trommel wurde gerührt, und fort ging es, über die Laufbrücke an Land und durch die Reihen der zahllosen Zuschauer dem Gefängnisse zu, in welchem sie so lange bleiben sollten, bis sie verhört und die Depesche mit dem Todesurteil eingetroffen war.


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Stumm schritten sie durch die Reihen und sahen nicht empor zu den Häusern, deren Fenster dicht mit Menschen besetzt waren, blickten auch nicht auf, wenn ihnen ein Schimpfwort oder eine Schmähung zugerufen wurde, vernahmen auch kein Trosteswort, wenn doch einmal ein solches fiel. Nur einmal zuckten sie alle merklich zusammen, als plötzlich eine Stimme aus der hintersten Reihe rief:

»Mut, Kameraden, wir helfen euch.«

Die meisten der Zuschauer, denen diese Worte ins Ohr drangen, hatten sie gar nicht einmal verstanden, denn sie waren auf Spanisch gerufen worden, die aber, die sie verstanden, schauten sich vergeblich um. Die Menschen standen viel zu eng, als dass man den Schreier hätte entdecken können, und niemand war da, der wie ein Seemann ausgesehen hätte. Die Zuschauer waren entweder Japaner, Chinesen oder anständig gekleidete Europäer.

Bald hatten sich hinter den Meuterern die schweren Tore des Kerkers geschlossen, und Kapitän Staunton, der den Zug selbst geleitet hatte, kehrte nach dem Schiffe zurück, wo er seine Schwester Hope auf ihn wartend fand.

»Macdonald«, sagte Hope, als sie mit ihm im Salon allein war und ihren Bruder umschlang, »du siehst, wie die englischen Herren um die Begnadigung van Gudens bitten, wie es der sehnlichste Wunsch meiner Freundinnen ist, dass ihm die Freiheit geschenkt wird. Gib sie ihm, ich bitte dich, nicht nur im Namen meiner Freundinnen darum, ich selbst möchte es gern. Du hast mir nie etwas abgeschlagen, hast mir früher jeden Wunsch erfüllt, so tue es doch auch diesmal. Du bist ja der einzige, der hier zu befehlen hat, in deinen Händen liegt Tod und Leben dieses Mannes.«

Ein leichtes Lächeln umspielte den Mund des Bruders.

»Das ist etwas anderes«, sagte er, »das Mädchen auf die Stirn küssend, »du hattest sonst auch nur Bitten, die ich erfüllen konnte, wenn sie auch manchmal unvernünftig genug waren, aber dieser jetzigen kann ich nicht nachgeben, ihre Gewährung kann ich nicht mit meiner Stellung als Kapitän und Richter vereinbaren.«

»Du bist grausam, Macdonald«, klagte das junge Mädchen, »die Damen setzten so sichere Hoffnung darauf, dass ich dich zum Nachgeben bewegen könnte. Aber es scheint nicht der Fall zu sein. In der langen Zeit, welche ich von dir getrennt war, ist deine brüderliche Liebe erkaltet, sonst hättest du es mir sicher nicht abgeschlagen. Warum lächelst du nur immer, Macdonald? Freust du dich auch noch darüber, dass du so grausam geworden bist?«

»Ich freue mich, dass ich meine Hope wiederhabe«, antwortete der Bruder zärtlich, »und noch dazu, dass es mir vergönnt ist, sie aus einer so großen Gefahr befreit zu haben. Aber sag, Hope, warum interessierst du, warum interessieren deine Freundinnen sich so für diesen holländischen Seeräuber?«

»Er ist kein Seeräuber!«, rief Hope energisch. »Sprich dieses hässliche Wort nicht wieder aus. Van Guden hat Grund genug, die Engländer zu hassen, und ich und die Vestalinnen, wir streiten ihm sogar das Recht nicht ab, an denen Rache zu nehmen, die seinen Vater, ihn und seine ganze Familie ins Unglück gestürzt haben. Es ist ein ganz menschliches Gefühl, dass man die hasst, die einem das bitterste Unrecht zugefügt haben, und gerade van Guden ist ein Mann, der sich nicht kleinlich gerächt hat, sondern immer mit einer gewissen Ritterlichkeit aufgetreten ist. Der Kampf mit Lord Harrlington hat dies bewiesen.«

»Ei, ei«, lachte der Bruder, »seit wann ergreifst du denn so feurig Partei für das verfolgte Recht? Etwas schwärmerisch bist du allerdings immer angelegt gewesen, du hast dich als Kind stets für einen Romanhelden begeistert, der alle seine Feinde tötet, aber ich dachte, als erwachsenes Mädchen würde sich das legen.«

»Du selbst bist ja auch so ein Mensch, der für alles Romantische und Abenteuerliche schwärmt«, entgegnete Hope, »warum wirfst du mir denn so etwas vor? Nochmals bitte ich dich, lass den Holländer unbemerkt entfliehen!«

»Auf keinen Fall«, sagte der Offizier ernst, »noch diese Stunde wird er gehenkt!«

»Schon diese Stunde? Ich denke, die Exekution der chinesischen Piraten, zu denen van Guden gehört, wird erst am Nachmittag vorgenommen?«

»Ich lasse ihn an Bord des ›Conqueror‹ von meinen eigenen Leuten hängen.«

Hope blickte erstaunt auf. »Warum denn?«

»Weil es mir von Wichtigkeit ist, dass dieser gefährliche Verbrecher möglichst bald aus der Welt kommt, er ist kühn und tatkräftig, seine Flucht wäre doch nicht so unmöglich.«

»So gibst du mir nicht nach? Du hast seinen Tod wirklich beschlossen?«

Hope befreite sich trotzig aus den Armen ihres Bruders. »Ich werde nie wieder etwas von dir erbitten«, schmollte sie, mit Tränen in den Augen.

»Kind, sei nicht so töricht!«, entgegnete der Bruder vorwurfsvoll und hob ihren Kopf empor. »Ich weiß recht wohl, was dich dazu treibt, seine Befreiung zu erwirken. Die Damen, deine Freundinnen, haben dich damit beauftragt, weil sie glauben, ich, als dein Bruder, würde es dir am wenigsten abschlagen, du hast ihnen auch versichert, es würde dir ein leichtes sein, weil, wie du ihnen vielleicht gesagt hast, du mich um den Finger wickeln könntest.«

»Das ist nicht wahr, das habe ich nicht gesagt«, unterbrach ihn das weinende Mädchen.

»Dann etwas Ähnliches. Aber diesmal hast du dich geirrt, ich kann und darf dich nicht erhören. Van Guden hat den Tod verdient und soll ihn dulden. Aber nun etwas anderes, Hope! Wie kommt es, dass du mit dem Matrosen, der mit dir an Bord der ›Recovery‹ war, so intim verkehrst? Ich habe dich vorhin sogar Hand in Hand mit ihm gesehen.«

»Weißt du nicht, dass er als Diener eines der englischen Herren an Bord des ›Amor‹ ist?«

»Das ist kein Grund, mit ihm Hand in Hand zu gehen«, lächelte der Bruder.

»Er ist mein Freund«, sagte Hope einfach.

»So!«

Dieses »So« klang ganz eigentümlich. Hope erhob die Augen und blickte ihren Bruder erstaunt an.

»Hast du etwas dagegen?«, fragte sie.

»Gegen diesen Freund? Nein, ich wünschte aber, du unterließest es, mit ihm zu intim zu verkehren.«

»Aber warum denn?«

Die Frage klang völlig überrascht.

»Weil ich gern möchte, dass du —«

Der Kapitän brach kurz ab.

»Was möchtest du, Macdonald?«

»Nichts, nichts«, er umarmte seine Schwester, »mir stieg ein garstiger Gedanke auf. Tue, was du willst, meine Hope! Du weißt ja, ich habe eine ebensolche Natur, wie du, auch ich denke anders, als die meisten Menschen.«

»Das ist nicht wahr«, schmollte das Mädchen, »du hast mir allerdings früher einmal gesagt, dir wäre ein Räuber und Mörder, der auf der Landstraße mit Gefahr seines Lebens Reisende überfällt, lieber, als ein Kerl, der seine Mitmenschen mit einem ehrlich aussehenden Gesicht betrügt und um ihr Geld beschwindelt. Jetzt aber denkst du anders.«

»Das ist lange her«, lachte der Offizier, »damals war ich noch ein Kind, das in jedem Indianer einen Helden sah.«

Ein lauter Schrei an Deck unterbrach das Gespräch der beiden Geschwister, ein Kommando erscholl, noch ein Schrei, dann wieder ein Kommando — und alles war still bis auf das Geräusch, welches die über Deck eilenden Matrosen verursachten.

»Was war das?«, fragte Hope angstvoll.

»Van Guden hat soeben sein Leben am Strick beendet«, antwortete der Kapitän ernst.

Mit einem Schrei prallte Hope zurück. Dann bedeckte sie das Gesicht mit beiden Händen und schluchzte laut. Als der Bruder sie umarmen und an seine Brust ziehen wollte, stieß sie ihn zurück.

»Grausamer«, weinte sie, »konntest du unserer Bitte nicht nachgeben? Er wäre doch noch ein anderer Mensch geworden, er hätte nur einer Erziehung bedurft. Und in derselben Stunde noch, da ich dich um sein Leben bitte, lässt du an ihm dein strenges Urteil vollziehen.«

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Lord Harrlington und noch einige andere der englischen Herren, welche sich noch an Bord befunden hatten, traten ein.

»So haben Sie van Guden doch hängen lassen?«, rief Harrlington vorwurfsvoll.

Kapitän Staunton zuckte die Achseln, seine Stimme klang aber etwas gereizt, als er erwiderte: »Ich habe getan, was ich für meine Pflicht hielt, etwas anderes gab es nicht.«

Die Herren waren über diesen Ton etwas betroffen, sahen aber doch ein, dass sie im Unrecht waren, und entfernten sich unter einem Vorwande bald wieder. Oben angekommen betrachteten sie, wie auch einige der Damen, die Leiche, welche soeben von einer Rah heruntergelassen und von den Matrosen in Empfang genommen wurde.


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»Wie elend er aussieht«, meinte ein Herr, »er ist ganz weiß im Gesicht geworden.«

»Mir kommt es fast vor, als wäre er mit einem Male viel magerer geworden«, sagte Sir Williams.

»Die letzten Minuten vor seinem Tode haben ihn sicher furchtbar angegriffen, man findet oft bei Toten, namentlich bei Hingerichteten, dass sie ganz anders aussehen, als im Leben.«

Die Leiche wurde von den Matrosen in Segelleinwand geschlagen und fortgetragen. Die Herren und Damen verließen das Schiff, um sich nach dem Platze zu begeben, wo bald die Hinrichtung der mehr als 40 Piraten stattfinden sollte. Wollten sie dieser auch nicht beiwohnen, so wollten sie doch wenigstens den Eindruck beobachte, welche diese Exekution auf die zuschauenden Japaner, Chinesen und Malaien machte. — — —

Unten im Salon standen noch immer Bruder und Schwester, aber letzterer Augen waren nicht mehr mit Tränen gefüllt, ihr Gesicht war wieder das alte, fröhliche. »Bin ich nun wieder dein lieber Bruder?«, fragte der Kapitän.

»Du böser Macdonald!«, flüsterte Hope und küsste den Bruder auf die Lippen.

»So komm nach der Offiziersmesse! Die Herren haben bis jetzt fast noch keine Gelegenheit gehabt, mit dir ein Wort zu wechseln, und doch freuen sich alle so sehr darauf, die kleine Hope wiederzusehen.«

»Kenne ich sie denn?«

»Ich glaube ja, und einen ganz besonders gut.«

»Wer soll das sein?«

»Leutnant Murbay.«

»Ach der«, sagte Hope und zog die Mundwinkel in die Höhe, »ich mache mir nicht viel aus ihm.«

»Er aber desto mehr aus dir.«

»Das ist mir ganz gleichgültig.«

»Du tust ihm unrecht, wenn du so etwas von ihm sagst. Leutnant Murbay ist eine treue Seele, er hat dich sehr gern, das wirst du bemerkt haben, wenn du seine Schwester besuchtest und er auf Urlaub zu Haus war. Er ist ein stiller, bescheidener Mensch, der sich aber sehr gekränkt fühlen würde, wenn er hörte, wie du über ihn sprichst. Komm, Hope, er wird dir Grüße von deinen Freundinnen bringen.«

Der Kapitän bot seiner Schwester den Arm und führte sie hinaus.

* * * * *

III.4. Ned Carpenter

Das Verhör der dreißig Meuterer war vorüber, das eingetroffene Urteil ihnen vorgelesen worden — es lautete auf Tod am Galgen. Bei Tagesanbruch sollten dieselben Balken, an denen gestern die Chinesen gehangen hatten, ihre Leichen tragen.

Dennoch hatten die Männer noch nicht alle Hoffnung verloren, sie gehörten zu jener Bande, die unter dem Befehle des Meisters stand, und schon bei dem ersten Zuruf: ›Mut, Kameraden, wir helfen euch!‹ war etwas von Hoffnung in ihren Herzen aufgegangen, und am Nachmittag, als sie einzeln zum Verhör über den Hof geführt wurden, war von dem am Tor Posten stehenden japanischen Soldaten jedem einzelnen noch einmal diese Versicherung zugeflüstert worden.

Das Verhör war ein sehr einfaches gewesen. Sie wurden nach ihrem Namen gefragt, dieser mit der Mannschaftsliste der ›Recovery‹ verglichen, ihnen das Protokoll verlesen, wie es nach der Aussage des Kapitäns Green und seiner Offiziere aufgesetzt wurden war, und da sie keine Einwendungen dagegen machen konnten — es hätte ja doch nichts genützt — wurde ihnen das Urteil verlesen, immer jedem einzeln.

Sie wurden wieder in ihre Zellen geführt, wo sie die letzte Nacht vor ihrem Tode verbringen sollten. Schlaflos lagen alle auf ihren Pritschen in dem kleinen, langen, schmalen Gemach und grübelten darüber nach, wie wohl ihre Rettung bewerkstelligt werden sollte; es geschah ja sehr häufig, dass die zu der Bande des Meisters gehörenden Leute auf eine geheimnisvolle Weise befreit wurden, hauptsächlich darum, damit die von Todesangst gefolterten Delinquenten keine Geständnisse machten. Dann wieder malten sie sich aus, wie die erwartete Hilfe doch ausbleiben könne, sie fühlten schon, wie ihnen der Strick um den Hals gelegt, wie sie emporgezogen wurden, unter dem Trommelwirbel der Soldaten, und ein kalter Schauer rieselte durch ihr Gebein, Angsttropfen standen auf ihrer Stirn.

Aber nein, sie brauchten keine solche Furcht vor dem Tode zu haben. Noch waren sie im Besitze von Geheimnissen, durch deren Verrat sie sich vom Galgen loskaufen konnten. Bekamen Sie auch nicht die Freiheit geschenkt, lebenslängliches Zuchthaus war doch immer noch besser als der Tod, der ist ein zu bitteres Kraut.

Wurde ihnen erst die Schlinge über den Kopf gestreift, dann war noch immer Zeit, anzudeuten, dass man Sachen von der größten Wichtigkeit aufdecken könnte, die Exekution wurde verschoben, ein neues Verhör angestellt, sie wurden wahrscheinlich nach New York geschickt, und schon diese Verzögerung war nicht mit Gold zu bezahlen.

Allerdings war dann zu befürchten, der Rache des Meisters zu verfallen; unheimliche Gerüchte gingen über die Schnelligkeit seiner strafenden Hand um, aber so oder so, sterben hätten sie doch gemusst, und waren sie erst im Zuchthaus, dann waren sie auch der Gefahr entrückt, einen Dolchstich ins Herz und das Siegel auf die Stirn gedrückt zu bekommen, dorthin reichte auch der Arm des Meisters nicht mehr.

Aber noch war es nicht so weit.

Still lagen die Matrosen auf den Matratzen und lauschten; jedes kleinste Geräusch ließ sie zusammenzucken und den Atem anhalten; klapperte der Schlüsselbund des Schließers, so hofften sie, er käme zu ihnen, um ihnen in flüsternden Worten mitzuteilen, dass sie frei waren, schallte draußen der Schritt des auf- und abpatrouillierenden Soldaten, so dachten sie, es wäre der Schritt des Retters.

Aber Stunde auf Stunde verrann; das Abendbrot wurde ihnen gebracht; die Nacht brach an, und lange noch lagen sie horchend da. Natürlich konnte eine Befreiung erst bei Dunkelheit erfolgen.


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Nur einer war unter ihnen, der diese Aufregung nicht teilte. Er lag völlig still auf der Matratze, den Kopf auf dem Arm, die Augen geschlossen, und alles schien anzuzeigen, dass dieser Mann in der Nacht vor dem Tode ruhig schlief, als habe er ein gutes Gewissen oder als ob er den morgigen Tag noch zu verleben hätte.

Als der Schließer, der von zwei Soldaten mit geladenem Gewehre begleitet wurde, ihm Tee und ein Schüsselchen mit Reis hineinschob, richtete er sich nicht auf, öffnete nicht einmal die Augen.

Kaum aber waren die drei wieder fort und begaben sich zur nächsten Zelle, so stand er mit einem Sprunge, doch völlig geräuschlos, mit den Füßen auf der Matratze, klammerte sich an das Gitter des Fensterchens, zog sich daran hoch und spähte hinaus.

Im nächsten Augenblick lag er wieder wie zuvor bewegungslos auf der Pritsche und stellte sich schlafend.

»Dem schmeckt die Henkersmahlzeit nicht«, meinte der Schließer zu den Soldaten, als er nach einer Stunde die noch gefüllte Reisschüssel und den kaltgewordenen Tee herausnahm.

Die Dunkelheit war schon angebrochen, noch eine Stunde, und in der Zelle musste vollkommene Finsternis herrschen.

Was für Gedanken aber waren es, welche dem stilliegenden Delinquenten durch den Kopf sagten?

Er prägte sich noch einmal genau die Lage des Gefängnisses ein, über welche er sich seit beinahe sechsunddreißig Stunden bei jeder nur möglichen Gelegenheit orientiert hatte. Der Transport nach dem Gefängnis, der Weg über den Hof zum Verhör, und ferner die Aussicht durch das Fensterchen, jedes Mal, wenn die draußen wachenden Soldaten nicht durch das Schiebefensterchen in die Tür sehen konnten, hatten ihm gezeigt, wie das Gefängnis lag, wie seine Einrichtung war, und wie die Bewachung der Gefangenen gehandhabt wurde.

In der kleinen Zelle war nichts weiter vorhanden, als eine Pritsche mit Matratze und wollener Decke, ein Stuhl und ein Waschbecken. Sie lag im ersten Stock, aber dieser war zu hoch, um bei einem Sprung hinab mit dem Leben davonkommen zu können.

Das Fensterchen, von der Diele aus nicht erreichbar, war mit einem starken, eisernen Gitter versehen und außerdem war, wie bei fast allen Gefängnissen, noch ein Drahtgitter angebracht, um ein Herauswerfen von Papier zu verhindern.

Die Aussicht von diesem Fenster ging nach einem freien Felde, unter der Zelle aber befand sich noch ein Hof mit einer hohen Mauer, welche das Gefängnis rings umschloss, viel zu hoch, als dass man im Sprunge den obersten Rand hätte erreichen können.

In diesem Hof patrouillierten fortwährend vier Soldaten, die Gewehre über der Schulter, auf und ab, an jeder Seite des Hauses einer. Sie wurden nur eine Stunde auf diesem Posten gelassen, damit sie während dieser kurzen Zeit ihre ganze Aufmerksamkeit, ohne dabei zu ermüden und dadurch nachlässig zu werden, auf die Fenster des Hauses richten konnten. Ein Pfiff von ihnen alarmierte die ganze Wache, ein Schuss rief noch eine starke Abteilung von Soldaten herbei.

In der Zelle war es völlig dunkel geworden.

Der Gefangene richtete sich auf, setzte sich auf die Pritsche und dehnte und streckte seine Glieder. Er war ein mittelgroßer Mann, kräftig, aber nicht knochig gebaut, mit einem Gesicht, das von einem hellblonden Stoppelbart umrahmt wurde. Es war nicht unangenehm zu nennen — da man aber seinem unsteten Äußern ansah, dass er nicht gern beobachtet wurde, weil wahrscheinlich sein Gewissen kein reines war, so wollen wir uns nicht länger mit seinem Aussehen beschäftigen.

Er lauschte aufmerksam auf den Schritt des im Korridor gehenden japanischen Soldaten, wartete, bis derselbe an der Zelle vorüber war, griff dann in sein strohiges, blondes Haar, wühlte darin herum und brachte eine kleine Säge zum Vorschein.

Trotz der äußerst genauen Untersuchung, die mit den Gefangenen vorgenommen wurde, war dieses Instrument doch dem sonst in dergleichen Sachen äußerst erfahrenen Beamten entgangen.

Der Gefangene rückte vorsichtig, ohne das geringste Geräusch dabei zu verursachen, die Pritsche an die Wand, sodass sie gerade unter das Fenster zu stehen kam, stellte sich darauf und begann an den Eisenstangen zu feilen.

Bald waren alle unten durchgefeilt, die haarscharfe Säge aus Uhrfederstahl, die er fortwährend durch den Mund zog, um sie zu befeuchten, gab keinen Ton von sich, das leise Knirschen konnte nur in sein eigenes Ohr dringen. Das winzige Instrument durchschnitt das harte Eisen überraschend schnell.

Als die Stäbe unten durchsägt waren, begann er mit derselben Arbeit am oberen Ende, und kaum eine Viertelstunde war vergangen, so legte er die durchsägten Stäbe auf die Matratze und sägte auch noch mit wenigen Strichen in das Drahtgitter eine Öffnung, groß genug, um seine schlanke Gestalt durchzulassen.

Vorläufig streckte er nur den Kopf durch und spähte lange in die Nacht hinaus.

Der einsame Wachtposten schritt auf und ab, sah, das Gewehr im Arm, gedankenvoll vor sich hin und warf nur manchmal einen Blick an dem Hause hinauf. Es war ja noch nie vorgekommen, dass ein Gefangener ausgebrochen war, und selbst, wenn ihm die Flucht aus einem Fenster gelungen wäre, über die drei Meter hohe Mauer konnte er doch nicht kommen, und außerdem rief der Pfiff der Soldaten noch die drei Kameraden herbei.

Es war zu dunkel, als dass der Kopf des Gefangenen von unten hätte gesehen werden können.

Der Mann stieg von der Pritsche, betrachtete prüfend die wollene Decke, zog mit aller Kraft daran und warf sie dann unwillig wieder weg — das morsche Zeug war zerrissen.

Wieder stieg er auf die Pritsche und blickte nach unten.

»Ein verfluchter Sprung«, murmelte er zwischen den Zähnen; »werde meine Knochen zusammennehmen müssen, dass ich sie nicht breche. Na, bin schon einmal vier Stockwerk hoch heruntergesprungen, ohne mir ein Bein dabei zu verstauchen, aber man wird mit jedem Tage älter!«

Nach dieser letzten, sehr richtigen und nicht zu bestreitenden Bemerkung legte er die Hände trichterförmig an den Mund und ahmte täuschend das Krächzen des Käuzchens viermal nach.

Der Soldat unten hielt es nicht einmal für die Mühe wert, den Kopf zu erheben, um nach dem Nachtvogel zu sehen. Hier gab es Käuzchen genug, manche Nacht hindurch konnte man ihr Geschrei vernehmen, und er war als Stadtkind zu unerfahren, um zu bemerken, dass die Pausen, welche zwischen den einzelnen Rufen eingehalten wurden, merkwürdig waren.

Der zweite folgte gleich auf den ersten, der dritte etwas später, und der vierte ließ sehr lange auf sich warten.

Der Gefangene lauschte einige Zeit, ohne eine Erwiderung dieses Zeichens vernehmen zu können; plötzlich aber erscholl an der Außenseite der Mauer, eben da, wo der Posten sich gerade befand, ein furchtbarer Lärm, ohne dass man den Urheber desselben bemerken konnte.

Stimmen heulten, Pfiffe gellten, dann fielen einige Schüsse, und die Japaner vernahmen, wie ein Mann um Hilfe schrie. Der Lärm fand zwar außerhalb des Gefängnishauses statt; dennoch waren die Soldaten verpflichtet, die Ursache desselben zu ergründen, denn wer wusste, ob die Männer, welche sich da draußen befanden, nicht irgend einen Befreiungsversuch vorhatten, bei dem sie überrascht worden waren!

Die Pfeife des Soldaten an der Mauer rief die Wachtmannschaft herbei, aber in demselben Augenblick, als er das Instrument in den Mund steckte, ließ er es erschrocken wieder fallen und riss das Gewehr von der Schulter.

Aber es war schon zu spät, er kam zu keinem Schuss mehr.

Von einem Fenster des ersten Stockes, da, wo die Meuterer gefangen gehalten wurden, war ein dunkler Gegenstand heruntergefallen, klatschend auf die Erde geschlagen, aber, als wäre es ein Gummiball gewesen, sofort wieder empor gesprungen. Einige Sätze, und die Gestalt war an der Mauer, ein Sprung, und sie saß oben auf dem Sims, und eben, als der Soldat den Kolben an der Wange hatte, war sie verschwunden.


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Dennoch schoss der Japaner sein Gewehr ab, die Wache lief herbei, Befehle erschollen, die Soldaten eilten hinaus, aber so genau sie auch die Umgebung der Gefängnismauern absuchten, weder von den Leuten, welche vorher Lärm verursacht hatten, noch von dem Gefangenen, der diese Gelegenheit zur Flucht benutzt hatte, war eine Spur zu finden.

»Wer ist es gewesen?«, fragte heftig der verantwortliche Offizier den herbeieilenden, zitternden Schließer.

»Nummer siebenundzwanzig, einer der Meuterer, Ned Carpenter. Er hat die Eisenstäbe durchgefeilt und ist durchs Fenster gesprungen.« In der nächsten Minute donnerte ein Böllerschuss durch die Nacht, die Garnison wurde alarmiert, und bald eilten Patrouillen von Soldaten und Schutzleuten durch die Straßen Yokohamas, alle Zugänge, besonders die zum Hafen führenden sperrend, und die Umgebung des Gefängnisses nach dem entflohenen Gefangenen absuchend.

*

»Hol über«, rief ein Mann, der wegen des strömenden Regens in einen Wachstuchmantel gehüllt war, über den Kanal, welcher das eigentliche Yokohama von einer kleinen Vorstadt trennt, die hauptsächlich von den sich überall einnistenden Chinesen bewohnt wird.

Es war erst Abend, aber die Dunkelheit schon eine vollkommene.

Der Japaner kam aus der Bretterhütte heraus, die sich auf der anderen Seite des Kanals befand, warf ein Tuch über seinen Kopf, sprang ins Boot und ruderte hinüber. Er hatte zwar die auf englisch gerufene Aufforderung nicht verstanden, denn selten kam es einmal vor, dass ein Europäer dieser schmutzigen Vorstadt einen Besuch abstattete, aber was hätten die Worte anders bedeuten sollen als den Wunsch, hinübergerudert zu werden. Die Brücke war viel weiter oben, und bei diesem schrecklichen Regen den weiten Weg nach dort zu machen, hätte sich kaum ein Japaner unterfangen, um wie viel weniger ein Engländer.

Der Mann im Wachstuchmantel und Wachstuchhut, in seinem ganzen Äußeren den Seemann verratend, stieg ein, bezahlte auf der anderen Seite den Fährmann, der erstaunt das ihm in die Hand gedrückte, große Silberstück betrachtete.

Der Fremde sprach mehrere Male ein japanisches Wort langsam aus, den Fährmann dabei fragend anblickend, und jetzt verstand dieser, warum er einen solchen reichen Lohn für seine kleine Mühe bekommen hatte, er sollte dem Engländer, der nicht japanisch sprach, eine Frage beantworten. Mehrmals musste der Mann im Mantel das Wort wiederholen, denn es ist schwer, ein fremdes, vorgesprochenes Wort so wiederzugeben, dass es dem Eingeborenen verständlich ist; er wurde ungeduldig, fluchte, sprach es in allerlei Arten aus, tief, hoch, breit, schnalzend, und endlich war es ihm doch gelungen, den Sinn des Wortes dem Japaner begreiflich zu machen.

Dieser nickte, deutete gerade aus in die Gässchen der schmutzigen Vorstadt, zählte an den Fingern, deutete bald rechts, bald links, und wusste, fast ohne ein Wort dabei zu sagen, doch so geschickt den Weg nach der chinesischen Herberge, welche so hieß, wie das Wort lautete, zu erklären, dass der Fragende gar nicht irregehen konnte.

Verwundert schaute der Japaner dem Fremdling nach, der eiligst der angedeuteten Richtung folgte. Heute hatte der Fährmann schon einmal einen ganzen Trupp von Europäern, alle etwas schäbig gekleidet, über den Kanal setzen müssen, und einer davon, der ziemlich gut spanisch sprach, hatte nach derselben Herberge gefragt. Dort sollte wahrscheinlich heute Abend eine Orgie mit chinesischen Mädchen gefeiert werden, ein Fest mit Trinken, Singen und Tanzen, wie es die englischen Seeleute so lieben, dachte der Fährmann, und wachen sie morgen früh mit schwerem Kopfe auf, so haben sie keinen einzigen Dollar mehr in der Tasche, dafür wird schon der Wirt sorgen.

Der Fremde war genau den Anweisungen des Fährmanns gefolgt, und bald stand er vor einem Hause, welches den anderen, elenden Hütten gegenüber so genannt werden konnte. Es war größer, mit Fenstern versehen, und auf dem Dache befand sich sogar ein Schornstein. Jetzt aber waren die Fenster mit Läden verschlossen, durch deren Ritzen ein schwacher Lichtschimmer drang.

»Wer ist da?«, fragte hinter der Tür eine Stimme auf Spanisch, als der Fremde mit der Fußspitze leise an das Tor pochte.

»Mach auf!«, raunte der Außenstehende. Sofort wurde die Tür geöffnet, und der Fremde trat schnell ein.

Drinnen saßen um einem Tisch herum auf hölzernen Schemeln gegen zwanzig wildaussehende Gestalten, die Matrosen des einstigen ›Friedensengels‹, der als ›Möwe‹, vom Feuer zerstört worden war.

Der Eingetretene schüttelte die Regentropfen vom Mantel und Hut, warf beides auf einen Stuhl und wischte sich das Wasser aus dem knochigen, verwitterten Gesicht.

»Alle versammelt?«, fragte er kurz.

»Ja, Seewolf«, erwiderte derjenige, der ihn eingelassen hatte, und begab sich an den Tisch zurück.

Die Matrosen, welche in die durch Rauch schon verdickte Luft des Zimmers immer mehr Dampfwolken hineinbliesen, welche sie ihren Holz- und Tonpfeifen entlockten, hatten große Kannen vor sich stehen, aus denen sie sich die Gläser mit rotem Weine füllten; aber das feurige Getränk vermochte nicht, bei ihnen eine heitere Laune hervorzurufen. Es herrschte eine sehr gedrückte Stimmung.

Auch der Seewolf ließ sich auf einen Schemel nieder und füllte sich ein Glas.

»Nichts angekommen?«, fragte ihn einer der Matrosen.

»Was geht es dich an?«, fuhr ihn der Seewolf grimmig an. »Das sind meine Sachen.«

Aus diesen Worten entnahmen alle, dass der Seewolf, welcher sich nach Yokohama begeben hatte, um Befehle vom Meister zu empfangen, entweder keine vorgefunden oder schlechte Nachrichten bekommen hatte.

Der Seewolf stürzte zwei große Gläser Wein hinunter und sagte dann, etwas milder gestimmt:

»Nichts war da, aber habt keine Angst, Jungens; ist uns auch seit einiger Zeit manches schief gegangen, unseren letzten Auftrag haben wir wenigstens gut ausgeführt, und beim Teufel, es war kein leichtes Stückchen. Dessen wird sich der Meister wohl auch bewusst sein und sich dafür erkenntlich zeigen.«

Diese Worte brachten wieder etwas Stimmung in die stumme Gesellschaft.

»Es geht uns aber auch jetzt alles verkehrt«, meinte einer, »wir haben kaum so viel Verdienst, um uns ein Glas Wein kaufen zu können.«

»Geht anderen auch so«, tröstete der Seewolf, »und besser ist es doch, wir können Wasser trinken, als dass sie uns den Strick um den Hals legen. Schlimm ist es freilich, das ist wahr, aber wenigstens ist es ein Trost, dass selbst die Schlanksten von uns, die vor Hochmut mich kaum kennen wollen, von diesen verfluchten Engländern und Mädchen auch an der Nase herumgeführt werden.«

»Wer ist das?«

»Tannert, dieser Überschlaue.«

»Ist Tannert auch hinter den Mädchen her?«, riefen einige verwundert, wie aus einem Munde.

»Das nicht«, entgegnete der Seewolf, »er ist in Australien beschäftigt, weiß nicht, was er dort treibt, wahrscheinlich macht er so seine Geschäfte in Geldsachen oder in etwas Ähnlichem, wovon wir nichts verstehen.«

»Aber was hat er mit den Mädchen zu tun? Ich denke, er mischt sich überhaupt nicht in solche Sachen?«

Der Seewolf schmunzelte, trank sein Glas wieder aus und wischte sich den weißen Bart.

»Ihr wisst doch«, begann er, »dass damals in Australien einer der entsprungenen Sträflinge dem Tode durch Flucht entgangen war — er hieß Snatcher. Es musste dem Meister kolossal viel daran liegen, diesen Mann in seine Hände zu bekommen, und da sich Tannert gerade in Townville aufhielt, so wurde dieser, als der Schlaueste, damit beauftragt, ihn nach Sydney zu bringen.«

»Warum denn?«, fragte einer.

»Das weiß ich nicht. Wirklich gelang es Tannert, sich des Snatcher zu bemächtigen, aber es war schwierig, ihn unbemerkt an Bord eines Schiffes zu bringen, denn lebendig sollte er unbedingt in Sydney abgeliefert werden. Doch dem klugen Tannert war dies ein Leichtes, er betäubte den Snatcher, steckte ihn in ein Fass, schrieb darauf: ›Gesalzenes Schweinefleisch‹, verzollte es selber, das heißt, er machte eine falsche Plombe daran und setzte es einstweilen in einen kühlen Keller, damit das Fleisch nicht stinkig werde.«

Ein wieherndes Gelächter über diesen Witz unterbrach den Seewolf, der selbst mitlachen musste.

»Also«, fuhr er fort, »so weit war alles in Ordnung. Das Fass ward richtig an Bord gebracht, in Sydney ausgeladen, und als Tannert das Fass öffnete, was meint ihr, was darin war?«

»Snatcher, aber tot«, rief ein Matrose.

»Jawohl, Snatcher war fort, aber dafür lag ein toter Hund darin.«

Alle rissen vor Staunen Mund und Nase auf, dann aber erscholl wieder ein brausendes Gelächter.

»Wie in aller Welt ist denn das zugegangen?«, fragte einer von den Matrosen.

»Weiß nicht, ebenso wenig, wie Tannert und sein Genosse, der bei ihm war. Diese Superklugen sind eben einmal tüchtig angeführt worden. Uns ist auch schon manches missglückt, aber so blamiert, wie sie, haben wir uns denn doch niemals.«

»Woher habt ihr denn dies erfahren, Seewolf?«

»Ich traf vorhin einen auf dem Büro, der mit dabei war, als das Fass geöffnet wurde. Tannert hielt erst eine lange Rede, wie geschickt er alles angefangen habe, ließ sich einen Schwamm und kaltes Wasser geben, um den Bewusstlosen gleich wachzurufen, kurz und gut, traf alle Vorbereitungen, und wie er den Deckel öffnete, da lag ein räudiger Hund vor ihm Ich habe gelacht, dass mir die Tränen über die Wangen gerollt sind.«

»Wo ist dieser Snatcher aber denn geblieben?«

»Dies auszuspionieren, dazu ist jener Mann da, der mir dies erzählte. Es war zu vermuten, dass Snatcher von den englischen Herrchen aufgenommen worden ist, warum, weiß ich auch nicht, und der Abgesandte hat dies auch wirklich erfahren. Aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt er mir, wird Tannert noch einmal beordert, dieses Snatchers habhaft zu werden.«

»Das muss ja eine furchtbar wichtige Person sein, dieser Snatcher, dass Tannert hinter ihm hergejagt wird.«

»Wahrscheinlich, er steht jedenfalls mit den Damen in Verbindung, sonst würden sich die Engländer sicher nicht seiner angenommen haben.«

»So steht also zu erwarten, dass wir mit Tannert noch mehrmals zusammentreffen?«, fragte einer.

»Aller Vermutung nach, ja«, meinte der Seewolf ärgerlich, »denn Snatcher ist und bleibt an Bord des ›Amor‹, er soll krank sein.«

»Nun möchte ich nur wissen, wer dem sonst so geschickten Tannert einen solchen Streich spielen konnte? Tannert lässt sich doch nicht so leicht übers Ohr hauen.«

»Das hat er eben diesmal bewiesen«, lachte der Seewolf. »Nun aber, Kinder, wenigstens etwas Angenehmes für heute Abend, werdet es alle nötig gebrauchen.«

Die Gesichter der Männer heiterten sich plötzlich auf, als der Seewolf, ihr jetziger Kapitän ohne Schiff, in die Brusttasche griff und einen schweren Beutel zum Vorschein brachte.

Begierig hefteten sich die Augen aller auf die Silberstücke, welche auf den Tisch rollten und in gleicher Anzahl den Umsitzenden zugeschoben wurden.

»So«, sagte er, nach Vollendung dieses Geschäftes, »da habt ihr nun euren Lohn. Das muss man dem Meister lassen, pünktlich bezahlen tut er. Und nun, Jungens, füllt eure Gläser und stoßt an auf die dreißig oder vielmehr neunundzwanzig Seelen, die heute Morgen mit eurer Hilfe vom Galgen aus dem Teufel in die Arme gelaufen find. Prosit, Jungens!«

Lachend taten sie ihm Bescheid; der Inhalt der Gläser wurde hinabgegossen, und die strahlenden Augen, die roten Gesichter bewiesen, dass der Wein zu wirken begann, und dass durch die Verteilung des Geldes eine bessere Stimmung eingetreten war.


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»Hahaha«, lachte der am rohesten aussehende Kerl, »das haben wir auch wirklich gut gemacht. Haben die Burschen hingehalten und hingehalten, ihnen immer wieder zugerufen, den Mut nicht zu verlieren, dass sie wahrhaftig noch glaubten, als sie schon am Galgen in der Luft baumelten, es erscheine ihnen noch ein Rettungsengel und schnitte ihnen den Strick durch.«

»Es muss aber doch eine verdammte Sache sein, immer so auf Hilfe vertröstet zu werden«, meinte einer, sich in den Haaren wühlend, »und schließlich, wenn die Rettung schon zu spät, endlich einzusehen, dass alles nur Schwindel war.«

»Was hilfts?«, entgegnete der Seewolf gleichmütig. »Wenn wir uns so läppisch dumm benommen und uns eine so sichere Beute, wie die ›Recovery‹ war, aus den Zähnen hätten rücken lassen, ginge es uns auch nicht besser. Versprechungen bekämen wir auch, aber ob sie gehalten würden, wäre eine andere Sache.«

»Na, uns ist es auch nicht viel besser ergangen!«

Der Seewolf warf dem, der diesen Ausruf getan hatte, einen wütenden Blick zu.

»Oho«, entgegnete er, »ist uns auch nicht immer alles geglückt, so schlimm ist es uns doch nie ergangen, und, was die Hauptsache ist, wir haben uns nie fangen lassen.«

»Ich würde nicht so lange warten«, meinte ein Matrose nachdenklich, »bis ich am Galgen hinge. Andere habe ich angeführt, aber mich sollten sie nicht anführen.«

»Was würdest du tun?«, schrie der Seewolf heftig und sprang auf, mit der Faust auf den Tisch donnernd, dass die vollen Weingläser überliefen. »Sprich, was würdest du tun? Etwa verraten? Bei Gottes Tod, es wäre dein letztes Wort!«

Der Matrose entfärbte sich, er hatte da eben etwas sehr Unbedachtes gesagt, aber er sammelte sich sofort wieder.

»Was ich tun würde?«, sagte er langsam. »Einfach dasselbe wie Ned, ich wollte schon einen Ausweg finden, und wenn sie mich in einen feuerfesten Turm steckten.«

»Ja, du«, lachte ein anderer Matrose, »Ned Carpenter ist ein anderer Kerl, als du. Aber, weiß Gott, wo mag nur dieser Bursche stecken? Habt ihr nicht gehört, Seewolf, ob er gefunden worden ist oder nicht?«

»Nichts«, entgegnete der Seewolf, »er ist und bleibt spurlos verschwunden. Das wäre auch eine schöne Geschichte, wenn der jetzt noch gefangen würde und alles verriete. Dann hätten wir unser Geld umsonst erhalten, und schließlich würde es uns auch noch das nächste Mal abgezogen.«

»Das tut der Meister nicht«, schaltete ein anderer, grauhaariger Mann ein.

»Wenn auch, fatal wäre es doch, wenn Ned Carpenter gefangen werden sollte. Lieber wäre es mir doch gewesen, wenn auch er mit am Galgen gehangen hätte.«

»Habt keine Angst«, lachte ein Matrose, »Ned Carpenter ist nicht der Mann, der sich fangen lässt. Ich kenne ihn, ich bin an Bord eines Schiffes mit ihm zusammen gewesen, ehe ich zu euch kam, Seewolf. Ich sage euch, dieser Ned ist ein Kerl, der Haare auf den Zähnen hat.«

»Gewiss, ein pfiffiger Bursche ist er«, warf ein anderer ein, »aber, dass er so mir nichts, dir nichts aus der ersten Etage herunterspringt und auch noch über die drei Meter hohe Mauer wegsetzen kann, das hätte ich ihm doch nicht zugetraut. Wo er nur stecken mag? Erfährt er, dass wir hier sind, dann sucht er uns sicher auf.«

»Kennt Ihr ihn, Seewolf?«, fragte ein Matrose.

»Nein. Wie lange zählt er denn schon zu uns?«

»Etwas über ein Jahr, der Bursche hat Chance; entwischt er diesmal, so wird es nicht lange dauern, und er gehört zu denen, die nur befehlen.«

»Passt auf, Seewolf, dass er Euch nicht ins Gehege kommt«, lachte ein anderer. »Er ist nicht nur ein schlauer Kerl, er ist auch ein fixer Seemann, der wie ein Teufel segeln kann. Es wäre nicht unmöglich, dass er ein Schiff zu führen bekommt. Der Meister braucht jetzt gerade tüchtige Kräfte.«

»Unsinn«, brummte der Seewolf mürrisch und warf dem Sprecher einen bösen Blick zu, »er ist doch noch ein grüner Junge gegen mich alten, erfahrenen Kerl.«

»Na, wenn der zu befehlen gehabt hätte, wäre die ›Recovery‹ sicher nicht verloren gegangen. Aber dieser Schuft, der Italiener, oder was er ist, der früher auf der Insel der Glücklichen gewesen ist, musste sich natürlich die Beute entgehen lassen.«

»Er soll ein ehemaliger Kapitän gewesen sein«, meinte ein Matrose.

»Ja«, ergänzte ein anderer, »und er soll Grund haben, sich nicht mehr bei den Seemannsämtern sehen zu lassen, ebenso wenig wie wir alle, wenn wir uns nicht unkenntlich machen.«

»Mag er sein, was er will«, sagte der Seewolf, »recht ist dem dummen Kerl jedenfalls geschehen, dass er sein Leben am Galgen beschließen musste.«

Die Krüge waren leer, die Matrosen, wieder mit vollen Taschen, riefen den chinesischen Wirt und ließen sie wieder füllen. Es waren Piraten, sie dachten nicht an morgen, denn wer von ihnen wusste, was der morgende Tag brachte? So lange Gelegenheit war, musste genossen werden. Der nächste Tag konnte vielleicht nicht mehr ihnen gehören.

»Und van Guden ist auch gehängt worden!«, sagte wieder einer nach einer Weile.

»Ist dem Laffen auch ganz recht geschehen«, entgegnete der Seewolf. »Als ich ihn damals aufsuchte, um ihm einen Brief zu bringen, benahm er sich mir gegenüber so hochmütig, dass ich ihm am liebsten eine ins Gesicht geschlagen hätte.«

»Oho«, lachte der alte, grauhaarige Bursche — es war des Seewolfs Steuermann — »das hättet Ihr wohl bleiben lassen.«

»Ich?«, rief der Seewolf und sprang auf, vom Wein erhitzt. »Ihr wisst doch alle, dass ich eine verdammt gute Faust schlage.«

»Braust nicht gleich so auf!«, rief der Steuermann, ebenfalls heftig. »Ich weiß gar nicht, was heute Abend mit Euch los ist, habe mich schon die ganze Zeit über euch geärgert. Ihr werft den anderen vor, dass sie sich zu dumm benommen haben, dass sie sich der ›Recovery‹ leicht bemächtigen konnten, und wer ist es denn gewesen, der sich von diesen Mädchen wie ein kleines Kind hat im Schlafe überwältigen und binden lassen? War Euch damals die ›Vesta‹ nicht auch schon so gut wie sicher? Und was seid Ihr nun? Ein Kapitän ohne Schiff, hahaha!«

»Hütet Euch!«, zischte der Seewolf, nach dem Messer greifend. »Wäret Ihr nicht ein alter Kamerad von mir, ich hätte Euch schon nach dem ersten Worte eine andere Antwort gegeben. Nehmt zurück, Steuermann, was Ihr gesagt habt! Das war etwas anderes bei mir; wir sind verraten worden, man hat uns ein Schlafmittel ins Essen getan. Nehmt es zurück!«

Auch der Steuermann war aufgesprungen, desgleichen die anderen Matrosen, bereit, sich auf den betrunkenen Seewolf zu werfen und ihn an einem Morde zu hindern.

»Ich nehme nichts zurück, was wahr ist«, rief der Steuermann dem mit glühenden Augen und verzerrtem Gesicht Dastehenden zu. »Ihr sprecht über andere, und denkt nicht an Euch selbst. Ebenso ist es mit van Guden. Hatte er auch ein paar Schrullen im Kopfe, das war doch ein Kerl, mit dem du dich ebenso wenig vergleichen kannst, wie wir alle zusammen«

»Hund verdammter!«, brüllte der Seewolf und wollte sich auf den Steuermann stürzen, das Messer in der Faust; der Chinese floh in einen Winkel, der Angegriffene wich etwas zurück und fasste einen Krug am Henkel, und die Matrosen streckten die Arme aus, um den Wütenden im rechten Moment packen zu können. Aber es kam zu keiner blutigen Szene; wie gebannt blieben plötzlich alle stehen, so, wie sie sich eben befanden, hielten den Atem an und lauschten. An der Tür wurde stark geklopft.

Des Seewolfs Wut hatte sich sofort gelegt, selbst der Rausch war verflogen, jetzt galt es, zu handeln.

»Wer ist es?«, flüsterte er dem Chinesen zu.

»Ich weiß es nicht.«

»Sind wir hier sicher?«

»Ja, ich glaube, wenn ihr euch selbst nicht verraten habt.«

Das Pochen ließ nicht nach, sondern wurde immer stärker.

»Geht hin und fragt, wer es ist«, sagte der Seewolf und ließ sich wieder auf seinen Schemel nieder. »Setzt euch, Jungens, und tut, als hätten wir uns hier zu einer Kneiperei versammelt.«

Das Pochen wurde draußen immer fortgesetzt, es wurde immer schneller und ungestümer.

Der Chinese ging ängstlich nach der Tür.

»Wer ist draußen?«, fragte er.

»Tod dem Verräter!«, erklang eine flüsternde Stimme.

Wie elektrisiert sprangen alle auf und sahen sich mit bestürzter Miene um — es war das Erkennungszeichen der zum Bunde des Meisters Gehörigen.

»Öffnet die Tür!«, rief der Seewolf, sprang selbst hin und schob den Riegel zurück.

Er wäre bald zu Boden geworfen worden, mit solcher Gewalt stürzte ein Mann herein, nur mit zerfetzten Lumpen bedeckt, Gesicht und Hände über und über voll Blut, den Kopf verbunden, rannte gegen den Tisch und fiel dann erschöpft auf einen Stuhl, die Hände und den Kopf auf den Tisch legend.

»Ned!«, rief einer der Matrosen. »Ned, in des Teufels Namen, bist du es wirklich?«

»Ned Carpenter«, klang es überall erstaunt wieder.

»Ich bin's!«, hauchte der entsprungene Gefangene. »Gebt mir ein Glas Wein, oder die Besinnung verlässt mich!«

Der Kopf wurde ihm in die Höhe gehoben, das Glas an seine Lippen gesetzt und ihm der Wein hinabgegossen. Erst jetzt merkten die Matrosen, dass die Kleider des Entsprungenen so nass waren, dass das Wasser aus ihnen herabrann.


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»Unglücksmensch!«, sagte der Seewolf und trat dicht au den Matrosen heran. »Du bist verfolgt worden und hast dich hierher gewandt. Wir sind verloren, wenn man dich hier findet.«

Der halb Besinnungslose schüttelte den Kopf.

»Ich bin jetzt sicher«, stöhnte er. »Ihr habt nichts zu fürchten.«

»Bist du verfolgt worden?«

»Verfolgt?«, der Entsprungene lachte bitter. »Gejagt, gehetzt, müsst ihr sagen. Mit Hunden war man hinter mir her, aber ich bin ihnen doch entkommen.«

»Seit wann hat man deine Spur verloren?«

»Schon seit heute Mittag.«

»Wo hast du dich verborgen gehalten?«

»Weit von hier, in einem undurchdringlichen Dornengebüsch, in das kein Mensch hinein kann, höchstens ein wildes Tier, und als solches bin ich ja behandelt worden.«

Seine Kleider gaben Zeugnis davon, dass er die Wahrheit sprach, denn sie waren buchstäblich in Fetzen zerrissen, und Gesicht und Hände zeigten Dornenrisse.

»Hat man dich gesehen, als du dich in dieser Vorstadt zeigtest? Bist du über die Brücke gegangen, oder hast du die Fähre benutzt?«, forschte der Seewolf weiter.

»Durch den Kanal bin ich geschwommen, kein einziger Mensch hat mich gesehen. Ach, wie das Salzwasser brennt«, er griff bei diesen Worten an den Verband, der sich um seine Stirn schlang.

»Bist du verwundet worden?«

Ned schüttelte verneinend den Kopf.

»Nein. Beim Springen aus dem Fenster bin ich mit der Stirn gegen den Boden geschlagen. Gebt mir noch ein Glas Wein!«

Der Genuss des Weines kräftigte den matten Mann sichtlich, er erholte sich langsam.

»Aber zum Teufel, so sprecht Euch doch aus! Woher wisst Ihr denn, dass wir hier versammelt sind? Das weiß doch sonst keiner, und Ihr lauft direkten Weges hierher?«

Dem Seewolf fiel es mit einem Male ein, dass dieser Mann nicht zufällig hierher kam, das konnte ja gar nicht sein, sondern dass er hergeschickt worden war, und er hatte sich nicht darin getäuscht.

»Wer führt unter euch den Namen Seewolf?«, fragte Ned, sich im Kreise umblickend.

»Hier!«, rief der Pirat, »was habt Ihr?«

»Dann ist dieser Brief für Euch!«

Er holte einen Brief hervor und händigte ihn dem Seewolf ein — er trug das Siegel des Meisters.

»Wie kommt Ihr zu diesem Schreiben?«, fragte der alte Pirat erstaunt. »Ich denke doch, Ihr habt niemanden getroffen?«

»Doch, einen Mann, lest den Brief und gehorcht dem, was er sagt; ich weiß so ziemlich, was darin steht.«

Der Seewolf überflog den Inhalt, ein freudiges Lächeln erhellte sein Gesicht, »Hurra, Jungens!«, schrie er fröhlich, »der Seewolf hat wieder ein Schiff, und ihr habt einen Kapitän. Aber«, wandte er sich etwas sorgenvoll an Ned Carpenter, »seid Ihr auch fähig, uns zu führen? Der Brief sagt, wir sollten uns Eurer Führung anvertrauen, Ihr wüsstet, wo ein Schiff läge, dessen wir uns bemächtigen könnten.«

»Ich bin es.«

»Auf denn, Jungens!«, rief der alte Seewolf mit vor Freude blitzenden Augen. »Leert die Gläser auf unser neues Schiff und kommt mit! Ned, Herzensjunge, ich möchte dich umarmen, wenn du nicht so entsetzlich nass wärst.«

»Halt, halt«, beschwichtigte dieser, »wir haben noch einige Stunden Zeit, ehe wir das Schiff verlassen finden. Macht keine Torheiten durch Übereilung, lasst uns lieber noch ein paar Krüge von diesem Weine leeren.«

Niemandem war dies lieber als den Matrosen. Die Gläser erklangen, die erst so traurige Stimmung der schiffslosen Mannschaft war plötzlich die lustigste geworden, sie hatten ja nun wieder Aussicht, ein Schiff zu bekommen.

Während der Seewolf das Schreiben mit dem Siegel sorgfältig verbrannte, betrachtete er Ned Carpenter von der Seite.

Das musste ja ein ganz besonderer Mensch sein, da ihm ein solcher Auftrag zu teil wurde, und, wie er jetzt erzählte, war er von dem Manne, der ihm das Schreiben übergeben hatte, auf eine ganz wunderbare Weise gerettet worden. Nun, der Brief bewies ja, dass man ihm trauen könne, und außerdem bewies die Flucht Ned Carpenters auch schon, was für eine tüchtige Kraft er war.

Einige Stunden vergingen noch, als Ned nach der Zeit fragte.

»Es ist gleich zwölf Uhr«, antwortete der Seewolf.

»Dann ist es Zeit, dass wir aufbrechen«, rief Ned und stand auf. »Wir haben noch einen kleinen Weg zu marschieren. Die Anordnungen gebe ich euch unterwegs, Kameraden, es ist nicht die geringste Gefahr bei der Wegnahme des Schiffes.«

»Aber so sprecht doch, wo liegt es denn, und wie kommt es, dass es verlassen ist?«

»Es ist nicht verlassen«, war die Antwort, »es ist sogar vollständig ausgerüstet und wartet nur auf die Bemannung. Ein alter Wächter, ein Engländer, ist darauf, aber der geht heute Nacht zu einem Gelage, und da haben wir Gelegenheit, ohne jedes Aufsehen uns des Schiffes zu bemächtigen.«

»Wo liegt es denn, dass wir das können?«

»Etwas weiter von hier ab, es ist auf eine Sandbank aufgelaufen.«

»Auf eine Sandbank? Dann müssen wir es ja aber erst flott machen?«

»Unsinn«, lachte Ned, »heute Nacht um zwölf Uhr ist Springflut, das weiß der alte Wächter nicht, sonst würde er sich hüten, gerade um diese Zeit das Schiff zu verlassen.«

* * * * *

III.5. Ein Mordversuch

Nordwärts ahoi! Blauer Himmel, blaues Meer, oben die lachende Sonne und im Wasser ihr zitterndes Spiegelbild. O, du unendlicher Ozean, wie bist du so schön, wenn du deine schäumenden Wogen zornig schüttelst, wenn auf deinem Rücken die mächtigen Eisberge donnernd zusammenschlagen und in Myriaden von flimmernden Kristallstückchen auseinander stäuben; wie erweitert sich das Herz bei einem solchen Anblicke, aber mit wie süßen Schmeicheleien weißt du das Gemüt zu bezaubern, zeigst du deine heitere Seite, den blauen Spiegel mit dem Bilde der Sonne darin!

Traurigkeit, Kummer, Sorge — sie müssen bei deinem Anblick fliehen, du lehrst, wie schön die Welt ist, und dass man in ihr sich nicht das Leben durch selbstgemachte Qualen verbittern soll, wenn wir Menschen sein wollen, welche über den Tieren stehen.

Die Geschöpfe freilich, welche in dir, du friedliches Meer, ihr Wesen treiben, haben weiter keine Gefühle, als nur ein einziges, das des Selbsterhaltungstriebes, aber die Natur gab ihnen kein Gewissen, welches sie lehrt, von sich selbst aus Recht und Unrecht zu unterscheiden; der Stärkere verschlingt den Schwächeren, und sie haben das Recht dazu; wenn dies aber bei der Menschheit ebenso geschieht, wird nicht einmal ein Richter auftreten, welcher Verantwortung fordert? Wird nicht am jüngsten Tage ihr Urteil gefällt, so wird sie doch diese Welt schon, oder ihr eigenes Gewissen richten — die Tiere brauchen dies nicht zu fürchten, die ihnen von der Natur angeborenen Eigenschaften sprechen sie frei. —

Die Haifische, die unzertrennlichen Begleiter eines jeden Schiffes in südlichen Gewässern, umschwärmten auflauernd die ›Vesta‹. Das über Bord geworfene Fleisch, die Reste der Mahlzeit, ein Lappen, ein Schuh, alles war ihnen willkommen, alles verschwand in ihrem gefräßigen Rachen, aber am liebsten hätten es diese Fische gesehen, wenn eine der sich über Bord lehnenden Gestalten ins Wasser gefallen wäre. Dass sie ein Mädchen zerrissen hätten, wäre ihnen gleichgültig gewesen, Schönheit gilt bei ihnen nichts, das an den Mast gebundene Kalb wäre ihnen ebenso lieb gewesen, als wenn sie eine Venus zum Frühstück bekommen hätten. Die Stillung des Hungers war bei ihnen die Hauptsache.

Gierig sahen sie an dem Schiffe empor, von dessen Bordwand die rosigen Gesichter herunterblickten, auf der die halbentblößten Arme lagen, so lecker anzusehen, dass den Haifischen das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, hätten sie nicht sowieso schon in Unmenge davon gehabt.

Aber das Wohlgefallen war nicht ein einseitiges, das heißt, nicht nur die Haifische beschäftigten sich in sehnsüchtigen Gedanken mit den Vestalinnen, sondern auch deren Aufmerksamkeit war auf die Tiere gerichtet.

»Nun schnell ein Stück Speck, aber nicht zu klein, die Tiere können eine tüchtige Portion vertragen«, rief Ellen einer Vestalin zu, welche heute die Küche zu besorgen hatte.

Das Mädchen hämmerte bereits mit dem Holzschlägel und Meißel an dem herbeigeholten Fass mit Salzspeck.

»Sehen Sie sich vor, dass Ihnen Mister Youngpig nicht ins Gesicht springt«, lachte Miss Thomson. In geheucheltem Schrecken ließ das Mädchen den erhobenen Holzhammer sinken.

»Das ist auch wahr«, rief sie, »bis jetzt haben wir ihn noch nicht wiedergefunden, hier wird er aber wahrscheinlich drin sein.«

»Dann kommt er eben an die Angel«, lachte Ellen, die Mädchen waren bei vorzüglicher Laune; wie konnte es bei dem herrlichen Wetter anders sein?

»Haben auch Sie in Ihrer Kabine alles ordentlich untersucht, dass sich der Reporter nirgends versteckt hat?«, fragte das Mädchen, am Fasse weiterpochend.

»Alles«, versicherte Betty, »keinen Koffer habe ich undurchsucht gelassen.«

»In meinem Museum sieht es aus, als wäre darin eine Schlacht geschlagen worden«, ließ sich Hopes Stimme vernehmen, »ich habe nicht nur Koffer und Kisten durchwühlt, die Hutschachteln ausgepackt, sogar mein armes Krokodil habe ich aufgetrennt und nachgesehen, ob sich Mister Youngpig darin versteckt hat.«

»Und ich glaube doch, dass er hier ist«, sagte Miss Murrey, »in Yokohama hat er mir hoch und heilig geschworen, sich wieder an Bord der ›Vesta‹ zu begeben.«

»Was haben Sie ihm darauf geantwortet?«

»Dann würde er diesmal sicher die Peitsche zu fühlen bekommen und über Bord spazieren müssen, aber diese Drohung machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn, er lachte darüber und zeigte mir die Fotografien, die er bereits von uns und dem Inneren der ›Vesta‹ besitzt.«

»Es sollte wirklich ein empfindliches Exempel an ihm statuiert werden, hätte er sich abermals an Bord geschlichen«, sagte Miss Sarah Morgan.

»Und doch war es ein Glück, dass er an Bord war«, entgegnete Ellen. »Wer weiß, was unser Schicksal gewesen wäre, hätte der Reporter nicht den Plan jener Matrosen belauscht. Wir sind ihm großen Dank schuldig.«

Das Fass war geöffnet, ein Stück Speck wurde herausgenommen und dieses von Ellen geschickt an einem mächtigen Haken befestigt, mit welchem ein Haifisch gefangen werden sollte.

»Der Haifisch ist nicht essbar?«, fragte eins der Mädchen.

»Nein, sein Fleisch ist zäh und hat einen widerlichen Beigeschmack«, erklärte Ellen, »nur ganz junge Tiere kann man zur Not essen, aber die sind schwer zu fangen, weil natürlich die Alten beim Hineinwerfen des Köders die Jungen verdrängen und zuerst anbeißen.«


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Das Fangen des Haifisches kann nicht mit einem gewöhnlichen Tau und Angelhaken vorgenommen werden, es gehört dazu eine ganz besondere Vorrichtung, dieselbe, wie man sie zum Fangen von Delfinen und Schweinsfischen anwendet.

Alle diese großen Fische haben nämlich die Angewohnheit, sobald sie merken, dass die in dem Köder steckende Angel mit dem Widerhaken ihnen ins Fleisch fasst, sich mit ungeheurer Schnelligkeit um sich selbst zu wälzen und nach rückwärts zu ziehen, wenn die Haken auch immer tiefer in die Eingeweide dringen.

Durch die blitzschnelle Bewegung wird das Tau aufgewickelt, die Kraft, mit der sie nach rückwärts streben, ist eine ungeheure, eben durch ihre eigene Schraubenbewegung, und selten findet man einmal ein Tau, welches dabei nicht reißt. Wenn es nicht aufgewickelt wird, so hält dagegen selbst ein schwaches und um dieses zu verhüten, hat man eine einfache Vorrichtung konstruiert.

Das Tau ist an seinem oberen Ende an einem Ringe befestigt, welcher drehbar ist, und der Fisch mag sich nun so schnell wälzen, wie er will, der Ring geht immer mit, also auch das Tau, und ein Aufwickeln der einzelnen Schnüre, oder, wie diese in der Seemannssprache heißen, der einzelnen Kathelen findet nicht statt, das Tau reißt nicht.

Kaum war das etwa kopfgroße Stück Speck klatschend in das Wasser gefallen, so entstand ein Pusten und Drängen im Wasser, alle Haifische schossen gleichzeitig darauf zu, stießen mit den Köpfen zusammen, fuhren wieder auseinander und begannen von Neuem den Versuch, sich des leckeren Bissens zu bemächtigen.

Aber es ist dem gefräßigen Haifisch nicht so leicht, seiner Beute habhaft zu werden. Der mit haarscharfen Zähnen bewehrte Rachen dieses Fisches sitzt nicht, wie bei anderen, vorn am Kopfe, sondern unten und zwar weit hinten, der Kopf bildet mit dem Bauche eine glatte Fläche und da, wo die Grenzlinie beider ist, befindet sich das leicht gebogene Maul.

Ehe der Haifisch seine Beute fassen kann, muss er sich stets erst auf den Rücken werfen, sie also von unten fassen, und haben einige Fische dasselbe Ziel im Auge, so vergeht oft lange Zeit, ehe einer von ihnen den Gegenstand zu packen bekommt, der eine Fisch dreht sich auf den Rücken, taucht unter, ehe er die Beute aber fassen kann, wird er von den anderen verdrängt. Dieses Spiel kann oft lange dauern, schließlich gelingt es aber doch einem Hai, die Beute zu verschlingen. Sofort ist sie in dem Rachen verschwunden, er schießt blitzschnell davon und wird von seinen Kameraden eine Strecke weit verfolgt, doch kehren diese bald nach dem Schiffe zurück, auf neue Beute wartend.

War der über Bord geworfene Gegenstand ein Köder, das heißt, verbarg er einen Haken am Tau, so kann der Fisch natürlich nicht fliehen, sondern beginnt sofort seine Umdrehungen, und die Übrigen ziehen sich etwas von ihrem unglücklichen Gefährten zurück, ohne aber eine Warnung aus seinem Schicksal zu nehmen, denn auf den nächsten Köder schießen sie mit derselben Gier los.

So geschah es auch hier.

Schon nach einigen Minuten war es einem Haifische, einem mächtigen Tiere, mit Hilfe seiner riesigen Kraft gelungen, alle Rivalen zu verdrängen, er tauchte unter, drehte sich um, der voller Zähne starrende Rachen öffnete sich, ein Schnappen — und das Stück Speck war verschwunden.

Wie sich das Tier dann auch wand und riss, das Tau folgte allen seinen Bewegungen und gab nicht nach.

»Über den Block«, rief Ellen.

Nach der vorher gegebenen Anordnung wurde hinten an den oben befindlichen Ring noch ein Tau geknüpft, doch so, dass er sich noch drehen konnte, dieses Tau durch einen Block, das heißt über eine Rolle gezogen, aus welcher es nicht herausspringen kann, der Block an eine Rah empor gehisst und das Seil um eine Winde geschlungen. Jetzt begann die Arbeit der Mädchen.

Langsam wurde die Winde von ihnen in Bewegung gesetzt, und so sehr sich auch der Fisch sträubte, er wurde immer mehr aus dem Wasser emporgehoben, und schließlich hing der Fisch dicht am Schiffsrumpf, nur noch mit dem Schwanze, mit dem er wütend die Fluten peitschte, im Wasser. Aber seine Macht war gebrochen, er war nicht mehr fähig, die drohende Bewegung und das Reißen fortzusetzen.

»Hiev auf«, kommandierte Ellen.

Der Hai schwebte frei über der Bordwand, der Block wurde geschwenkt, das Tau wieder nachgelassen und das gewaltige, fast vier Meter lange Tier lag an Deck, furchtbar mit dem Schwanze um sich schlagend.

»Seht euch vor!«, rief Ellen und entging selbst nur durch einen schnellen Sprung dem Schicksal, von einem Schlage getroffen zu werden.

Wie die Alligatoren, so können auch die großen Fische und ganz besonders die Haie ihre Schwanzflossen so kräftig gebrauchen, dass die durch einen Schlag getroffenen Knochen zerschmettert werden.

Doch das Raubtier sollte nicht lange seine Umgebung in respektvoller Entfernung halten, Ellen näherte sich ihm von der Seite — seine Zähne brauchte man nicht zu fürchten, denn der Kopf lag bewegungslos — und brachte ihm einen kräftigen Hieb mit einer Axt im Nacken bei. Noch einmal zuckte der Haifisch krampfhaft zusammen, er schnellte förmlich in die Höhe, schlug noch mehrere Male mit dem Schwanze so weit herum, dass dessen Spitze den eigenen Leib berührte, und war tot — der Axthieb hatte ihm das Rückgrat zerschnitten.

Die Mädchen schnitten zuerst den Leib des Riesen auf und öffneten den Magen, um sich davon zu überzeugen, was der Haifisch in letzter Zeit alles verschlungen hatte. Der Inhalt bezeugte, was für ein gefräßiges Tier der Hai ist.

Der Magen enthielt nicht nur das Stück Speck mit der Angel, sowie einen Scheuerlappen, welcher vor einer halben Stunde von einem Mädchen über Bord geworfen worden war, sondern, außer einer Unzahl von schon halb verdauten Fischen, auch noch eine Menge von solchen, deren Zustand verriet, dass sie soeben erst verschlungen worden waren.

Während der Haifisch hinter Schiffen herschwimmt und auf die über Bord geworfene Nahrung lauert, ist er fortwährend noch beschäftigt, größere und kleinere ihm begegnende Fische zu verschlingen, und seine Verdauungskraft ist so groß, dass er nimmer satt werden kann — der Haifisch, die Hyäne des Meeres, ist das gefräßigste Tier — er ist unersättlich, höchstens die Möwe kann mit ihm verglichen werden.

Mit geschickten Händen lösten die Mädchen dem Fische die Haut ab und hängten sie zum Trocknen auf, brachen die Kiefer aus, welche mit dreikantigen, spitzen und glasharten Zähnen gespickt waren und schälten noch das Rückgrat heraus. Der übrige Fisch wurde über Bord geworfen und das Deck von den Resten der blutigen Schlächterei gereinigt.

Das Rückgrat des Haifisches ist sehr geschmeidig, zugleich aber fest und unzerbrechlich und wird deshalb mit Vorliebe zu Spazierstöcken verarbeitet. Ist das Tier aber noch jung, so ist sein Rückgrat so geschmeidig, dass man es um die Hand wickeln kann, ohne es zu zerbrechen.

Ein Mädchen nahm das Stück Speck, aus welchem der Haken wieder entfernt worden war, aber sie wurde von Hope daran gehindert.

»Der Speck ist ja noch ganz gut«, sagte sie lachend, »den können wir noch zum Mittagessen verwenden.«

»Shocking!«, riefen die umstehenden Mädchen aus.

»Das ist gar nichts Unglaubliches«, behauptete aber Hope, »Hannes Vogel hat mir schon erzählt, dass, wenn an Bord von Schiffen Haifische geangelt werden, der Speck aus dem Magen einfach herausgeschnitten wird und wieder ins Salzfass zurückwandert, ob Sie es glauben oder nicht.«

Auch Miss Murray, welche schon größere Seereisen gemacht hatte, bestätigte das eben Gesagte. Die Passagierdampfer ausgenommen, gehen alle Schiffe sehr sparsam mit dem Proviant um, und am allermeisten die Segler. Der Koch, welcher mit dem ihm übergebenen Vorrat an Lebensmitteln langen muss, liefert den Speck zum Köder, lässt ihn aber nicht im Magen des Gefangenen, sondern verwendet ihn stets wieder für die Mannschaft.

Zu einem solchen Heroismus konnten sich die Damen, so gern sie sonst auch die Sitten der Seeleute nachahmten, nicht aufschwingen, auch brauchten sie mit dem mitgenommenen Proviant nicht eben sparsam umzugehen.

War das schöne Wetter, welches eine Arbeit in der Takelage unnötig machte, zu solch einem Sportvergnügen geeignet gewesen, so gestattete es auch Reinigungsarbeiten, welche weder bei unruhiger See, noch im Hafen gut vorgenommen werden können — nämlich das Waschen der Farbe an der Außenseite des Schiffes.

Die Vestalinnen machten sich daran, mit Sand und Seifenwasser die weiße Farbe des Außenbords abzuwaschen und dadurch dem Schiffe ein besseres Aussehen zu geben.

Bretter wurden an ihren Enden mit Tauen versehen, über Bord gelassen und an der Bordwand befestigt, sodass die Mädchen auf ihnen sitzen oder stehen und das Abseifen vornehmen konnten.

Auf jedem Brett befand sich ein Mädchen, neben sich einen Eimer mit Seifenwasser und Sand, und bearbeitete mit Lappen und Bürste die weiße Farbe, während andere, Obenstehende dafür sorgten, dass das Brett auf den Zuruf der Arbeitenden bald höher gezogen, bald heruntergelassen wurde.

Es war dies eine an und für sich ungefährliche Arbeit, das Brett war breit, die Taue fest und die Vestalinnen bereits in allen seemännischen Verrichtungen zu bewandert, um durch ungleichmäßiges Anziehen oder Nachlassen der Taue das Brett in eine schiefe Lage zu bringen, wodurch die Daraufstehenden ins Wasser gefallen wären.

Das wäre schließlich auch weiter kein Unglück gewesen, die ›Vesta‹ fuhr langsam, das Wasser war warm, aber die Haifische unten hätten sich die leckere Beute nicht entgehen lassen — die Herabgestürzten wären sofort den scharfen Zähnen zum Opfer gefallen. Daher durfte das Brett auch nicht zu tief hinabgelassen werden, sonst hätte leicht ein Fisch emporschnellen und ein Mädchen ergreifen können, aber die untere Fläche dicht über der Wasserlinie war noch rein, weil diese schon bei mäßigem Seegang ja fortwährend von den Fluten überspült wurde.

Johanna befand sich unter den zehn Vestalinnen, welche den Platz auf dem Brette einnehmen sollten. Mit Hilfe von Miss Thomson und einem anderen Mädchen umschlang sie die Brettenden mit Tauen.

»Nehmen Sie lieber ein anderes Tau«, riet ihr Betty, »dieses ist schon sehr oft gebraucht worden.«

»Es ist noch stark genug, um meine Wenigkeit zu tragen«, entgegnete Johanna lächelnd.

»Seien Sie nicht unvorsichtig!«, warnte aber Betty nochmals. »Ein Sturz ins Wasser ist dem sicheren Tode gleich zu achten. Sehen Sie nur da, wie die Haifische sich gerade hier versammelt haben und uns mit gierigen Augen anstarren.«

Johanna schlang das Seil, welches an einigen Stellen etwas schadhaft war, um einen Poller, stemmte sich gegen die Bordwand und zog mit aller Gewalt daran.

»Es hält«, sagte sie dann einfach, »es könnte selbst das Gewicht von einem halben Dutzend Personen tragen.«

Während die zu dieser Beschäftigung abgeteilten Mädchen, in der Seemannssprache ›Außenbordreiniger‹ genannt, fleißig scheuerten und wuschen, hatten die Übrigen andere Arbeit an Deck oder im Zwischendeck zu tun, und nur ab und zu sprangen sie hinzu, um auf Zuruf den Mädchen draußen den Eimer mit Wasser zu füllen oder die Stellung des Brettes zu verändern.

Ellen befand sich im Kartenhaus und beschäftigte sich mit Ordnen der Karten und Bücher, als plötzlich ein gellender Schrei ihr Ohr erreichte. Mit einem Sprunge hatte sie das Häuschen verlassen und sah, wie alle Mädchen, welche sich an Deck befanden, nach einer Stelle der Bordwand stürzten.

Eben schwang sich dort Johanna, bleich wie der Tod, an einem Tau über die Brüstung. Von dem zweiten Tau war nur der obere Teil an dem Kupfergeländer befestigt, der andere schleppte im Wasser nach, es war gerissen, ebenso lag auch das Brett mit einer Seite im Wasser.

Johanna hatte sorglos auf dem Brette gearbeitet, in ihre Arbeit völlig vertieft und nicht auf die unter ihr spielenden Haifische achtend.

Da plötzlich, ohne das geringste vorherige Anzeichen, wie etwa einen Ruck zu bemerken, hatte das Brett auf einer Seite nachgegeben, der Eimer war sofort abgerutscht und ins Wasser gestürzt, und der völlig ahnungslosen Johanna war dasselbe Schicksal beschieden. Schon berührten ihre Füße das Wasser, schon drängten sich die Haie um sie herum, wälzten sich auf dem Rücken und sperrten die drohenden Rachen auf, ihre Beute zu empfangen, als es dem Mädchen noch gelang, das festgebundene Tau zu ergreifen. Sie schrie entsetzt auf, hatte aber noch die Geistesgegenwart, sich sofort emporzuziehen, und entging somit den unheimlichen Tieren, welche sich schnappend aus dem Wasser nach der entschlüpften Beute emporreckten.


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Im nächsten Augenblicke stand Johanna, an allen Gliedern zitternd, an Deck — sie war gerettet.

»Das Tau ist gerissen«, rief Miss Thomson der herbeieilenden Kapitänin zu.

Ellen prüfte das an Deck liegende Seil und bestätigte nach der ersten Prüfung, dass es wirklich an einer schadhaften Stelle dem Gewicht nachgegeben habe und gerissen sei.

Nicht so Johanna!

Kaum hatte sie sich etwas von dem Schrecken erholt, so nahm sie kopfschüttelnd das Ende in die Hand und betrachtete es aufmerksam.

Plötzlich nahmen ihre Züge einen sonderbaren Ausdruck an.

»Dieses Tau ist nicht gerissen«, rief sie, »es ist angeschnitten worden, und dann erst sind die einzelnen Stricke geplatzt.«

Die Mädchen umdrängten die Sprecherin, welche etwas behauptete, was eine unter ihnen als Mörderin bezeichnete, besahen sich das Tau, konnten aber erst lange nichts finden, was diese Behauptung bestätigte, bis Johanna an einigen kaum bemerklichen Spuren bewies, dass hier wirklich ein scharfes Messer angesetzt worden war.

»Es ist nicht möglich!«, rief Ellen jedoch. »Das Tau wird sich an dem kupfernen Geländer gescheuert haben und dadurch an der Stelle geschwächt worden sein, an welcher es aufgelegen hat.«

»Sehen Sie hier«, entgegnete Johanna und nahm das Ende des Seiles in die Höhe, »es ist nicht einmal lang genug, um den Rücken des Geländers erreichen zu können, also ist der Durchbruch auch nicht dort erfolgt. Nein, ich behaupte, dass hier mit einem Messer darüber gefahren worden ist, einige Kathelen sind durchgeschnitten worden, und die übrigen sind dann allerdings von selbst gerissen, weil sie mein Gewicht und das des Brettes allein nicht mehr zu tragen vermochten.«

»So hat eine der Damen im Vorbeigehen mit einem scharfen Gegenstande, etwa mit der Kante einer Kiste oder eines Fasses daran gestoßen, und dadurch ist der Schnitt entstanden«, sagte Ellen mit finsterem Gesicht und entschieden, »es ist nicht anders zu erklären, wenn Sie, Miss Lind, durchaus darauf bestehen wollen, dass das Seil durchschnitten worden ist.«

»Miss Lind«, ließ sich da auch Miss Murray vernehmen, und der Ton ihrer Stimme war ein ungehaltener, »fast scheint es mir, als ob Sie behaupten wollten, das Tau wäre von einer unter uns absichtlich durchschnitten worden, um Sie ins Wasser fallen und eine Beute der Haifische werden zu lassen. Wissen Sie jemanden unter uns, den Sie einer solchen Tat für fähig halten könnten? Haben Sie auch nur eine Vermutung, so sprechen Sie sie offen aus!«

Johanna antwortete nicht; sie wandte sich ab und beschäftigte sich damit, das Brett an Deck zu heben. Doch Ellen trat auf sie zu und sagte, die Hand auf ihre Schulter legend, in ernstem Tone:

»Miss Lind, Sie haben einen Argwohn ausgesprochen, so ungeheuerlich, dass ich ihn noch gar nicht fassen kann. Sagen Sie jetzt, ich verlange es von

Ihnen, als Kapitänin der ›Vesta‹, was veranlasst Sie zu der schier unglaublichen Behauptung, dass dieses Tau absichtlich durchschnitten worden sei?«

Johanna antwortete noch immer nicht, sie schien die Worte kaum zu vernehmen, ihr Busen wogte stürmisch.

»Wäre es wirklich so«, fuhr Ellen fort, »so ist es klar, dass es mit der Absicht geschehen ist, Ihren Tod herbeizuführen, dass also eine unter uns Ihren Tod wünscht. Kennen Sie jemanden, der Grund dazu hätte? So sprechen Sie doch, Miss Lind, haben Sie eine Feindin unter uns, kennen Sie jemanden, dem Sie so etwas zutrauen?«

Nach und nach waren alle Mädchen herbeigekommen, die Kunde, dass an Miss Lind ein Mordversuch gemacht worden sei, hatte sich schnell verbreitet und war übertrieben worden; die aus dem Zwischendeck Kommenden erwarteten schon, ihre Gefährtin als Leiche vorzufinden, und hörten erst mit Entsetzen, dann mit wachsendem Unwillen von der Behauptung Johannas, der Schnitt wäre dem Tau absichtlich beigebracht worden, um sie ins Meer stürzen zu lassen.

»Ich habe nicht gesagt«, entgegnete Johanna endlich, »dass es auf mein Leben abgesehen, sondern nur, dass an dieses Tau ein Messer angesetzt worden ist.«

»Aber wer soll dies getan haben?«, rief Ellen.

»Ich weiß es nicht, traue auch keiner einzigen meiner Freundinnen etwas Derartiges zu, und ich wüsste keine unter ihnen, die mir mit dieser Tat hätte schaden wollen«, sagte Johanna, »aber diejenige, welche es getan hat, wird wohl eine Ursache dazu gehabt haben.«

»Sie sind aufgeregt, der Schrecken gibt Ihnen solche Worte ein«, rief Ellen, nur mit Mühe ihren Unwillen beherrschend, »sonst würden Sie nicht so sprechen. Wer unter Ihnen, meine Damen, kann etwas aussagen, was die Behauptung von Miss Lind bestätigt? Hat jemand gesehen, dass kurz vorher, als sie das Brett unter den Füßen verlor und daher aufschrie, eine Vestalin in der Nähe der Taue war?«

Alle schüttelten die Köpfe; niemand konnte sich erinnern, in jenem Augenblicke jemanden dort gesehen zu haben, und meinten sie doch, eine oder die andere an der Bordwand erblickt zu haben, so sprachen sie deren Namen nicht aus, denn es wäre frevelhaft gewesen, die Freundinnen einer derartigen Tat beschuldigen zu wollen.

Ellen ließ sich nicht weiter auf das Vorkommnis ein, tief verstimmt ging sie in das Kartenhaus zurück.

Auch der anderen Mädchen hatte sich eine Missstimmung bemächtigt; die anfangs so frohe Laune war dahin, der Unfall war es weniger, welcher den Wechsel der Laune bewirkte, vielmehr die Behauptungen, welche Johanna aufstellte, und welche wenig Glauben bei ihnen fanden. Viele konnten nicht einmal erkennen, dass das Tau überhaupt Spuren von Messerschnitten aufwies, nur den Scharfsichtigsten fiel es auf, und deren Aussagen mussten die Anderen einfach glauben. Aber jede fühlte ein Missbehagen, es war jeder zu Mute, als wäre die Beschuldigung, den Mordversuch vollführt zu haben, direkt gegen sie geschleudert worden.

Erst gegen Abend trat eine Änderung der Stimmung ein.

Die Kapitänin konstatierte, dass man von dem eigentlichen Kurse, welcher nach Luzon, einer Insel der PhilippinenGruppe, führte, durch ungünstigen Wind und von der Seite kommende Strömung bedeutend abgewichen war. Ellen gab daher neue Segel- und Ruderkommandos.

»Wir werden bald durch eine Gruppe von Inseln segeln müssen«, erklärte sie, »welche zwar noch nicht zu den Philippinen gerechnet werden, aber ganz denselben Charakter tragen. Sie sind, ebenso wie diese, sehr vulkanisch, und zwar kamen vor etwa hundert Jahren so heftige Erderschütterungen auf ihnen vor, dass sie von ihren erschreckten Bewohnern verlassen worden sind. Einige der Inseln sind sogar vollständig unter der Wasseroberfläche verschwunden. Sie standen früher, ebenso wie jetzt die Philippinen, unter Oberhoheit der Spanier, welche auf ihnen bedeutende Städte und Forts errichtet hatten. Wie gesagt, jetzt sind sie nichts weiter, als öde, trostlose und menschenverlassene Eilande.«

Da meldete die auf dem Ausguck liegende Vestalin ein Segel voraus, und nicht lange dauerte es, so war man sich darüber einig, dass es ein stilliegendes Vollschiff war.

Der ›Amor‹ war noch immer in großer Entfernung hinter der ›Vesta‹ zu sehen.

* * * * *

III.6. An Bord des ›Blitz‹

»Steuermann Nagel!« Keiner der an Deck des Vollschiffes arbeitenden oder herumstehenden Matrosen hatte diesen Ruf getan, keiner hatte sich dem Steuermann Adam Nagel, den wir bereits in Bombay kennen lernten, zugewendet, die beiden Worte schienen, wie von einer Geisterstimme herrührend, aus der Luft zu kommen.

Der kleine, untersetzte Steuermann, welcher eben neben dem Bootsmann stand, gab diesem noch einige Anordnungen über die auf dem ›Blitz‹ vorzunehmenden Arbeiten.

»Der Kapitän ruft mich«, sagte er dann; »ich glaube, Bootsmann, wir werden bald vor Anker gehen, Herr Anders hat zu Uhlenhorst etwas Derartiges gesagt.«

Anders war der junge Mann, welcher den Kapitän Hoffmann begleitete, als er den Eingang zu der Insel an der Westküste von Afrika suchte und der dann die Arbeiten auf ihnen leitete. Uhlenhorst war der zweite Steuermann des ›Blitz‹, unter dessen Namen und Aussehen einst Nick Sharp den Vestalinnen in Indien Gesellschaft leistete.

Steuermann Nagel ging mit breitspurigem Schritte über die Planken des stillliegenden Schiffes die zur Kajüte führende Treppe hinunter und betrat ohne Anklopfen das Arbeitszimmer des Kapitäns.

Er fand ihn mit Anders, dem Ingenieur und ständigen Begleiter des Kapitäns, rechnend vor dem Schreibtisch sitzend.

»Nagel«, wandte sich Hoffmann an den Eingetretenen, der an der Tür stehen geblieben war, ohne aber gerade besondere Zurückhaltung zu beobachten, »lassen Sie die Taucher aufhören zu arbeiten, in etwa einer Stunde werde ich Sie wahrscheinlich nötig haben. Setzen Sie die Lotleine instand und lassen Sie die Apparate an Deck schaffen! Wissen Sie, Steuermann«, fuhr er dann in fragendem Tone fort, »aus welcher Gegend der Matrose Brentano stammt?«

»Seine Heimat liegt nicht weit von hier«, antwortete der Steuermann, »er ist ein Eingeborener von einer PhilippinenInsel. Als er vorhin die erste von ihnen sah, wurde er ganz rasend vor Freude, obgleich er sonst allen Grund hat, sein Heimatland nicht eben sehr zu lieben.«

»Die Heimat bleibt immer die Heimat«, bemerkte Hoffmann, »selbst wenn man in ihr das Schmerzlichste erfahren hat. Ich weiß, dass er hier zu Hause ist, ich meinte aber, ob es Ihnen bekannt ist, von welcher Insel er stammt.«

»Nein, das ist mir nicht bekannt.«

»Bitte, schicken Sie ihn herunter!«

Steuermann Adam Nagel entfernte sich.

»Wir fahren jetzt nur noch sechs Knoten die Stunde«, meinte der Kapitän zu dem Ingenieur, einen unter einem Glaskasten befindlichen Apparat betrachtend, welcher das Aussehen einer Uhr besaß,, »wie lange Zeit würde es bei solcher Fahrt noch dauern, bis die Batterien wieder gefüllt sind?«

»Die letzte schnelle Fahrt hat sie fast vollständig erschöpft«, entgegnete der Ingenieur, »es war die höchste Zeit, dass wir wieder unter Segel fuhren. Ich habe vorhin, als wir acht Knoten liefen, etwa fünfzig Stunden gerechnet, ehe die Batterien wieder gespeist sind, jetzt dauert es natürlich noch länger,«

»Es hilft nichts«, meinte Hoffmann achselzuckend, ich werde den ›Blitz‹ bald vor Anker gehen lassen, selbst wenn wir noch nicht die nötige Kraft gesammelt haben.«

»Aber wir brauchen noch ziemlich viel zum Bedienen der Pumpwerke.«

»Diese Kraft können wir uns auf andere Weise beschaffen«, meinte Hoffmann. »An der Insel, wo der ›Blitz‹ wahrscheinlich ankern soll, herrscht eine ziemlich starke Strömung, wie die Karte hier angibt, und diese wird reichen, die Pumpen in Bewegung zu setzen. Im schlimmsten Falle greifen wir die ReserveBatterien an.«

Wieder betrachtete Hoffmann einen auf dem Tische stehenden Apparat.

»Der ›Blitz‹ kann noch vierundzwanzig Stunden mit vierzig Knoten Fahrt laufen, so wie die Uhr jetzt steht, ist das genügend, wir brauchen die Elektrizität nicht zu sparen.«

»So herrscht da, wo Sie tauchen wollen, eine starke Strömung?«, fragte der Ingenieur besorgt.

»Ja, wie gesagt, der Strom läuft ungefähr vier Knoten.«

»Aber Sie selbst haben mir oft gesagt, dass es gefährlich ist, mit dem Skaphander in der Strömung zu tauchen. Ein Tau ist zu schwer, und die Kupferdrähte sind zu schwach, um ein Fortreißen zu verhindern.«

»Es geht aber nicht anders bei dem Unternehmen, welches ich vorhabe. Ich suche mir nur die kräftigsten und geschicktesten Leute aus, welche an Drähten bleiben, ich selbst aber werde ohne alle Verbindung tauchen.«

»Tun Sie das nicht!«, bat der Ingenieur. »Werden Sie fortgerissen, so können Sie, wenn Sie sich nicht nach oben verständigen können, in die größte Gefahr kommen.«

»Bei mir ist nicht viel zu fürchten«, lächelte Hoffmann, »ich fühle mich im Skaphander ebenso sicher, als wäre ich auf dem Lande. Ich kann aber keinen Draht gebrauchen, er würde mich oft hindern irgendwo einzudringen, und außerdem würde ich ihn dabei immer der Gefahr aussetzen, dass er sich an scharfen Kanten durchscheuert. Lieber will ich aber ohne Draht tauchen und mir bewusst sein, keine Verbindung zu haben, als plötzlich zu merken, dass die Verständigung aufgehört hat, denn dann sind natürlich Sie und die Übrigen oben in der größten Besorgnis, und das würde mich beunruhigen. Im Apparat mit dem Schlauch zu tauchen, wäre vollkommen unnütz.«

»Kennen Sie schon die Tiefe dort?«, fragte wieder Ingenieur Anders.

»Dort gerade nicht, aber in der Nähe. An der nächsten Stelle beträgt sie ungefähr hundert Meter.«

»Das ist sehr tief«, meinte der Ingenieur kopfschüttelnd.

»Aber nicht für den Skaphander. Der Druck des Wassers würde den Schlauch des anderen Apparates zusammenpressen, beim Skaphander ist das nicht möglich. Außerdem suche ich mir die kräftigsten Männer aus, und ich selbst habe schon in bedeutend größeren Tiefen getaucht.«

Die Tür öffnete sich, und der gerufene Matrose trat ein. Man sah ihm auf den ersten Blick an, dass er malaiisches Blut in den Adern hatte, aber seine Gesichtsbildung erinnerte an die der Spanier. Brentano war ein Tagale, das heißt ein Mischling von einem Spanier und einer der zum Stamme der Malaien gehörenden Rassen, welche auf den Philippinen eingewandert sind, während die eigentlichen Bewohner dieser Inseln Alfuren sind.

»Brentano«, redete Kapitän Hoffmann den gelbhäutigen Matrosen an, »stammst du von diesen Inseln, zwischen denen wir uns jetzt befinden?«

»Von den Babuyan-Inseln? Nein, es sind überhaupt nur sehr wenige von ihnen bewohnt«, war die Antwort, »meine Heimat liegt an der Nordküste von Luzon.«

Luzon ist die größte Insel der Philippinen, aus zwei zusammenhängenden Teilen bestehend, von denen der nördliche gebirgig, der südliche flach ist und viele Binnenseen hat.

»Du bist aber auf den Babuyan-Inseln bekannt?«, fragte Kapitän Hoffmann wieder.

»Ja, sehr gut. Es waren früher große Städte darauf, von den Spaniern gegründet, und als Kind war es mein liebstes Vergnügen, wenn ich meinen Vater im Boote begleiten konnte, der zwischen diesen Inseln fischte. Er erzählte mir oft, wie er sich noch erinnern könnte, als kleines Kind die spanischen Kolonien gesehen zu haben, mit ihren Soldaten und Festungen, und zeigte mir auch die Stelle, wo letztere gestanden. Oft brachte das Netz des Fischers dort merkwürdige Gegenstände herauf, Gewehre, Helme, Säbel und andere Waffen, die in den Maschen des Netzes hängen geblieben waren, und war das Meer nicht tief, so tauchte ich wohl selbst hinunter und suchte nach solchen Gerätschaften.«


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»Ist dir bekannt, auf welche Weise die Ortschaften im Meer versunken sind?«

»Ja, Kapitän. Die Inseln wurden einst von einem großen Erdbeben heimgesucht, viele von ihnen sind völlig verschwunden, mit ihren Städten und Menschen, und die übrigen sind zum Bewohnen fast untauglich geworden, wie sich auch ihr Aussehen völlig verändert hat.«

»Weißt du, wo die spanische Festung Callagos gestanden hat, die nicht mehr existiert?«

»Auch das weiß ich. Es ist nicht mehr weit von hier. Es war die größte aller Städte dort, erzählte mir mein Vater, und wir haben oft versucht, mit Netzen an langen Stricken den Meeresgrund zu erreichen, hoffend, etwas Wertvolles dabei zu fischen. Aber die Stadt ist tief, tief gesunken, wir kamen mit unseren längsten Stricken nicht auf den Boden.«

»Es wird doch angenommen, dass die Städte einfach durch das Erdbeben vom geöffneten Boden verschlungen worden sind, und dass nur einige Gegenstände und Gerippe von Menschen, welche sich außerhalb der Insel auf Schiffen befunden haben, diesem Schicksal entgangen sind. Wie kommt Ihr nun darauf, gerade da, wo diese Stadt gestanden hat, nach Überresten zu suchen?«

Der Matrose lächelte.

»Ich merke, Kapitän«, lächelte er, »Sie sind mit dem bekannt, was unter den Eingeborenen erzählt wird. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber es wird behauptet, dass die Festung Callagos nicht so, wie die übrigen Städte, einfach versunken ist, sondern dass sich nur die Insel, auf welcher sie gestanden, gesenkt hat. Früher glaubte ich auch daran, weil ich es immer zu hören bekam, aber jetzt nicht mehr. Warum soll diese Stadt gerade eine Ausnahme gemacht haben?«

Die beiden Herren sahen einander an.

»Wirst du die Stelle bezeichnen können, wo die Stadt gestanden haben soll?«, fragte Hoffmann wieder.

»Ja, ganz genau.«

»Schön, so werde ich dich nachher noch gebrauchen. Es ist gut, du kannst jetzt gehen.«

Als der Matrose das Arbeitszimmer verlassen hatte, klappte Hoffmann an dem Tische einen Deckel auf, unter welchem ein TelegrafenApparat sichtbar wurde. Er drückte mehrmals die Taste und sagte dann zu seinem Ingenieur:

»Ich lasse jetzt die Sonne aufnehmen, um zu berechnen, wo wir sind. Kommen wir früh genug an die Stelle, wo sich einst das spanische Callagos erhoben hat, so beginne ich noch heute die Untersuchung. Wirklich, ich brenne vor Verlangen, die Wahrheit zu erfahren. Auch die Eingeborenen der Philippinen also haben dieselbe Vermutung, wie der englische Gelehrte, dass die Insel Callagos nicht zerstört worden ist, sondern sich nur gesenkt hat, und dass somit die auf ihr stehende Stadt mit dem gleichen Namen auch erhalten ist. Der Gelehrte schließt dies aus der massiven Beschaffenheit der Insel und aus der Bewegung des Erdbebens, welches Callagos selbst nicht berührt haben soll. Wie aber diese Eingeborenen zu der Vermutung gekommen sind, weiß ich nicht.«

»Es kommt häufig vor, dass ein Volksglauben mehr Wahrheit enthält, als man ihm gewöhnlich zuschreibt«, entgegnete der Ingenieur gedankenvoll. »Wie ist es zum Beispiel in der Provinz Algier gewesen! Die dort wohnenden Araber haben immer behauptet, dass ihr wasserarmes Land mächtige unterirdische Flüsse und Seen habe, ohne dass diese jemals von einem Menschen gesehen worden wären oder dass man nur ein Wasserrauschen gehört hätte. Dieser Glaube war eben da, man tröstete sich mit dem Gedanken, wenn über der Erde alles an Wassermangel verschmachtete, dass es unten im Überfluss vorhanden wäre. Die französische Regierung sandte ihre besten WasserbauIngenieure nach Algier, um zu untersuchen, ob doch vielleicht etwas Wahres an dieser Behauptung wäre, wodurch die sonst wenig erträgliche Provinz in eine blühende und reiche verwandelt worden wäre, aber so tief man auch grub, man stieß auf kein Wasser, und die französischen Gelehrten bewiesen haarscharf, dass in Algier überhaupt keine unterirdischen Wasserläufe existieren könnten, das Gestein, die Formation, die ganzen Verhältnisse ließen dies überhaupt nicht zu. Ihre Beweise überzeugten alle, nur die dort sesshaften Araber selbst nicht, diese glaubten weiter an die unter ihnen sich forterbende Sage. Da kommt ein blutjunger, englischer Techniker nach Algier, der etwas Ahnung vom Wasserbau hat, beschäftigt sich mit den unterirdischen Bodenverhältnissen Algiers und wirft alle Aussagen der Gelehrten mit einem Male über den Haufen; er zeigte, dass sie statt hundert Meter nur hundert und drei Meter hätten zu graben brauchen, um wirklich auf Überfluss an Wasser zu stoßen, aber nicht nur das, er beweist ferner auch, in welchen Irrtümern überhaupt die ganze WasserbauWissenschaft bis dahin befangen war. Ist das nicht etwas Ähnliches, wie hier? Woher wussten die Araber, dass ihr Land Wasser habe, welches nur gehoben zu werden brauchte, um Algier in eine fruchtbare Provinz zu verwandeln?«

Der TelegrafenApparat fing an zu klappern, Kapitän Hoffmann las die gegebenen Zahlen ab und berechnete den Ort, wo sie sich jetzt befanden.

»Erst in zwei Stunden können wir jene Stelle erreicht haben, der ›Blitz‹ fährt zu langsam, aber wir wollen jetzt die Maschinenkraft schonen, wer weiß, ob wir sie nicht noch nötig gebrauchen. Außerdem ist es doch schon zu spät, um das Tauchen anfangen zu können; besser ist es, wir beginnen morgen früh, sobald die Strömung am schwächsten ist.«

»Wann würde das sein?«

»Wenn die Ebbe mit der Flut wechselt, und das ist für diese Gegend ungefähr um acht Uhr morgens.«

Eine Glocke ertönte auf dem Tische, wieder hob und senkte sich der Hebel des TelegrafenApparates und druckte auf den laufenden Papierstreifen Punkte und Striche.

»Ein Schiff in Sicht«, sagte Hoffman nach Durchlesen desselben, »noch eins und sogar ein Dampfer. Merkwürdig, was diese hier zu suchen haben.«

Plötzlich sprang er auf, die Augen auf den Apparat gerichtet, welcher noch immer arbeitete.

»Es ist die ›Vesta‹ rief er, »und der Dampfer ›Amor‹, sie fahren gerade auf uns zu.«

Der Hebel hörte auf zu schreiben, die Meldung des Steuermannes war zu Ende. Kapitän Hoffmann war in der Kunst unerfahren, sich zu verstellen, und so zeigten auch jetzt, beim Lesen dieser vom Steuermann gegebenen Worte, seine Züge einen seltsamen Ausdruck, der Hoffmanns Hilfsingenieur nicht entging. Doch wusste er nicht, ob es Ärger oder Freude war, was dazu Veranlassung gab.

»Ist es Ihnen nicht lieb, dass diese beiden Schiffe sich gerade jetzt, da Sie eine interessante Arbeit vorhaben, uns nähern?«, fragte er einfach.

»Im Gegenteil«, rief Hoffmann, sprang auf und trat ans Fenster, welches nicht so klein wie auf anderen Schiffen war, sondern eine ganz beträchtliche Größe aufwies, aber mit noch stärkerem, fast zolldickem Glas versehen war, »im Gegenteil, es freut mich ganz außerordentlich, diese Schiffe wiederzusehen. Ich gestehe, dass ich sogar gehofft habe, ihnen in diesen Gewässern zu begegnen. Sie wissen ja, dass ich überhaupt immer über ihren Aufenthalt orientiert bin.«

Seinem offenen, ehrlichen Gesicht konnte man ansehen, dass er die Wahrheit sprach, wie sehr er sich freute, den ›Amor‹ und die ›Vesta‹ ansegeln zu sehen.

»Werden Sie die unterseeischen Untersuchungen auch vornehmen, wenn die beiden Schiffe hier bleiben?«, fragte Herr Anders wieder.

»Gewiss, warum nicht? Die Herren und Damen wird das Ergebnis meiner Forschung sogar interessieren, sie reisen nicht des Geschäfts wegen, sondern zum Vergnügen und zur Förderung ihrer Bildung. Nur steht zu befürchten«, Hoffmanns Züge nahmen jetzt einen besorgten Ausdruck an, »dass sie um die Erlaubnis bitten werden, mich bei meinem gefahrvollen Unternehmen begleiten zu dürfen.«

»Würden Sie dies gestatten?«

»Nein, wenn ich nicht zu sehr bestürmt werde. Ich verlange es ja selbst von meinen eigenen Leuten nicht, im Skaphander zu tauchen, sondern frage sie stets vorher, ob sie gewillt sind oder nicht, damit ich mir bei einem etwaigen Unglücksfall keine Vorwürfe zu machen brauche.«

»Sie selbst aber behaupten doch«, lächelte der Ingenieur, welcher mit dem Kapitän fast in dem Verhältnis eines Freundes stand, oder, wenn man genauer beobachtete, von Hoffmann wie ein Sohn behandelt wurde, »dass das Tauchen im Skaphander ungefährlich wäre, und Sie beweisen dies auch dadurch, dass Sie ohne jede Vorbereitung in diesem Taucherkostüm den Weg zum Meeresboden antreten, sogar ohne Verbindungsdrähte, als wenn es einen Spaziergang auf der Promenade gälte.«

»Es ist natürlich, dass man zu dem, was man selbst erfunden oder doch wenigstens verbessert hat, selbst das größte Zutrauen besitzt; ich bin doch kein amerikanischer Schiffsbauer, der auf einem von ihm selbst gelieferten Schiffe nicht um alles Geld der Welt fahren möchte«, lachte Hoffmann und fuhr dann, wieder ernst werdend, fort, »es ist ja nur für den gefährlich, welcher den Druck des Wassers nicht aushalten kann, also besonders für schmächtige Personen, und eine solche bin ich eben gerade nicht, weil ein sofortiges Aufziehen nicht möglich ist und der Mann durch Bewusstlosigkeit vielleicht die Fähigkeit verliert, sich durch seine eigene Luft emporheben zu lassen. Ebenso kann leicht der Fall eintreten, dass die Drähte reißen, dann ist eine Verständigung mit dem Schiffe nicht mehr möglich, und der Taucher ist vollständig auf sich selbst angewiesen. Darum meine Vorsicht und mein Bedenken, ehe ich jemandem gestatte, im Skaphander größere Tiefen zu betreten.«

»Sie spielten vorhin auf die amerikanischen Schiffsbauer an«, sagte der Ingenieur. »Ist es wirklich wahr, dass diese Leute so sehr schlechte Schiffe auf ihren Werften vom Stapel laufen lassen?«

»Natürlich gibt es Ausnahmen unter ihnen«, entgegnete der Kapitän, »im Allgemeinen aber ist es Tatsache, dass von amerikanischen Werften Schiffe geliefert werden, deren Qualität unter jeder Kritik ist. Es ist weniger Schuld der Erbauer, dass solch schlechte Ware geliefert wird, als vielmehr, wie überall und bei jedem, die Schuld der Abnehmer, überhaupt derjenigen, welche die Schiffe gebrauchen wollen. ›Recht viel fürs Geld — möglichst billig, wenn es auch nichts taugt‹, das sind die Maximen, nach denen leider heutzutage gekauft wird, und zwar nicht nur Kleinigkeiten, Luxusartikel und so weiter, sondern sogar so wichtige Sachen, wie Schiffe, von deren Solidität die Sicherheit von Menschen abhängt. Da fällt mir ein Geschichtchen ein, welches sich in einer Hafenstadt Nordamerikas vor einigen Jahren abspielte, und welches so recht den Yankee charakterisiert.

Eine AktienSchiffsgesellschaft lässt auf einer Werft für dreimalhunderttausend Dollars einen Passagierdampfer erbauen«, erzählte Hoffmann. »Das Schiff ist fertig und läuft vom Stapel, der Direktor ist mit dem Aussehen des Schiffes zufrieden und fordert, ehe er die Kosten dafür bezahlt, den Erbauer auf, die erste Probefahrt zu machen. Der Werftbesitzer wird verlegen, er sucht nach Entschuldigungen, wendet und krümmt sich, kurz und gut, er will der Probefahrt auf dem Schiffe nicht beiwohnen, als ihm der Direktor aber energisch erklärt, das Geld nicht eher auszahlen zu wollen, als bis er zur Mitfahrt bereit sei, sagte er endlich:

›Geben Sie mir nur zweimalhunderttausend Dollars, aber erlassen Sie mir die Probefahrt, und die Sache ist all right.‹«

Ingenieur Anders lachte laut auf.

»Der Erbauer fürchtete, die Kessel würden ihm um die Ohren fliegen und die Nieten herausgehen«, lachte er, »aber er wusste schon, wie er den Direktor zu nehmen hatte.«

»Natürlich«, meinte Hoffmann, »der hat die hunderttausend Dollars in seine Tasche gesteckt und die Probefahrt ebenfalls ruhig vom sicheren Lande aus angesehen.«

Die ›Vesta‹ und der ›Amor‹ waren unterdessen so nahe herangekommen, dass man sie aus dem Fenster deutlich sehen konnte. Auch sie hatten den ›Blitz‹, das befreundete Schiff, erkannt und begrüßten es, indem, sie ihre Namen signalisierten und die Nationalitätsflagge an der Fahnenstange dreimal auf- und abzogen.

Kapitän Hoffmann ließ den Gruß erwidern, ohne aber den Befehl dazu mündlich zu erteilen, noch sich dabei des Sprachrohrs zu bedienen, durch welches Steuermann Nagel gerufen worden war. Der Telegraf spielte auf dem ›Blitz‹ eine große Rolle.

Der Kapitän schien sich überhaupt meist in seinem Arbeitszimmer aufzuhalten oder doch wenigstens sehr viel Zeit darin zu verbringen; die überall auf Tischen, Stühlen und Pulten herumliegenden, aufgeschlagenen Bücher, Landkarten und beschriebenen Papiere bewiesen, wie sehr er sich mit Studien beschäftigte, aber die auf seinem Arbeitstische aufgestellten Apparate verrieten auch, wie wir übrigens schon bemerkt haben, dass er sich von hier aus nicht nur vollkommen über die nautischen Verhältnisse des ›Blitz‹ orientieren konnte, über Fahrschnelligkeit, Kurs, und so weiter, sondern, dass es ihm auch möglich war, von hier aus seinen Leuten Kommandos zukommen zu lassen, das ganze Schiff nach seinem Belieben zu dirigieren.

Jetzt eilte er an Deck, der ›Blitz‹ lag auf Befehl mit aufgezogenen Segeln still und erwartete die beiden Schiffe, deren Besatzungen an der Bordwand standen und unverhohlen der Freude Ausdruck gaben, das befreundete Schiff anzutreffen.

»Kapitän Hoffmann«, rief Ellen hinüber, sobald die ›Vesta‹ in Sprachweite war, »welch ein unverhofftes Wiedersehen! Darf ich Sie fragen, was Sie veranlasst, zwischen diesen öden Inseln stillzuliegen? Fast sieht es aus, als wollten Sie hier Ihr Nachtlager aufschlagen.«

»Erraten!«, rief Hoffmann zurück. »Allerdings will ich, wenn auch nicht gerade hier, während der Nacht liegen bleiben, und wenn die ›Vesta‹ dem ›Blitz‹ dabei Gesellschaft leistet, so soll es mir äußerst angenehm sein.«

»Ich habe eigentlich keinen Grund, meine Fahrt zu unterbrechen«, entgegnete Ellen, »doch ich vermute, dass etwas Außerordentliches Sie veranlasst, vor Anker zu gehen. Ich habe schon soviel von den wissenschaftlichen Untersuchungen gehört, welche Sie während Ihrer Reise unternehmen sollen, dass Sie meine weibliche Neugierde verzeihen müssen, wenn ich einmal einer solchen beiwohnen möchte; habe ich recht, wenn ich vermute, dass es sich in diesem Falle um etwas Ähnliches handelt?«

»Es ist wirklich so, und wenn Sie meinem Unternehmen beiwohnen wollen, so soll es mir sehr angenehm sein.«

Unterdessen war auch der ›Amor‹ angelangt, und beide Schiffe lagen links und rechts vom ›Blitz‹, aber noch in genügender Entfernung, um manövrieren zu können. Als die Engländer erfuhren, dass Kapitän Hoffmann sich in diesen Gewässern aufhielt, um morgen früh eine interessante Beobachtung anzustellen, über die er sich vorläufig noch nicht aussprach — die Entfernung war zu einer bequemen Unterhaltung doch zu groß — so beschlossen auch sie sofort, dem ›Blitz‹ Gesellschaft zu leisten.

Jetzt gab Hoffmann den Befehl, die Segel fallen zu lassen, um mit den Schiffen gleiche Fahrt halten zu können — die schwarze Leinwand des ›Blitz‹, über welch sonderbare Farbe sich alle so wunderten, rollte herab.

»Wie merkwürdig«, rief Ellen erstaunt, als sie das Ausführen des Kommandos beobachtete, »die Matrosen legen die Brassen einfach über die Winden, machen eine Handbewegung, und jene beginnen sich aufzuwinden, ohne dass sie selbst drehen. Der ›Blitz‹ muss also eine Hilfsmaschine haben. Wer hätte das gedacht!«

»Es ist ja kein Schornstein zu sehen«, meinte eine der Vestalinnen.

»Wer weiß, wo dieser verborgen ist! Nun, heute Abend, wenn wir vor Anker liegen, wollen wir dem ›Blitz‹ einmal einen Besuch abstatten, und die Maschine, welche die Winde in Bewegung setzt, in Augenschein nehmen.«

»Kapitän Hoffmann soll aber jede Bitte um Besichtigung seines Schiffes rundweg abschlagen«, sagte Miss Thomson.

»Uns gegenüber wird er dies schon nicht tun, deshalb habe ich keine Sorge«, lächelte Ellen. »Ich glaubte immer, Kapitän Hoffmann könnte überhaupt niemandem eine Bitte abschlagen, wohl, wenn er brieflich darum gefragt wird und brieflich antworten kann, aber nicht, wenn man ihn unter vier Augen spricht. Nun, wir werden ja sehen!«

Auch auf dem ›Amor‹ war die seltsame Manövrierfähigkeit des ›Blitz‹ bemerkt worden, und die Herren, welche doch alle im Bedienen eines Schiffes sehr bewandert waren, weil die Jachten ungeheuer aufmerksam und schnell bedient werden müssen, waren außer sich vor Staunen über die Schnelligkeit, mit welcher auf jenem Rollschiff gearbeitet wurde.

Noch war das Kommando nicht über die Lippen des Kapitäns, so lagen die Brassen über den Winden und gleichzeitig, wie mit einem Zauberschlage, hatte sich die schwarze Leinwand wieder entfaltet. Die Besatzung eines Kriegsschiffes hätte nicht besser exerzieren können. Alles ging Hand in Hand, jeder einzelne Matrose hatte seine ›Station‹, das heißt den Platz, auf welchen er beim Kommando sofort springen musste.

Bei dem schwachen Winde dauerte es noch zwei Stunden, ehe der ›Blitz‹ die Stelle erreicht hatte, wo er die Nacht über liegen bleiben sollte. Noch ehe Hoffmann ankern ließ, signalisierte er den beiden Schiffen, dicht an sie heranzufahren, und kaum lagen sie links und rechts, dicht neben dem seinen, so rasselten aus den Klüsen, das heißt aus den Löchern, welche sich hinten und vorn im Schiffsrumpf befinden, donnernd die Ankerketten herab, die eisernen Haken bohrten sich in dem Grunde fest, und der ›Blitz‹ lag still.

»Lassen Sie die Anker nicht fallen«, rief Kapitän Hoffmann, »Sie finden keinen Grund.«

Aber diese Warnung kam zu spät oder fand keine Beachtung. Die Mannschaften des ›Amor‹, wie auch der ›Vesta‹, gewöhnt, immer wie bei einem Wettspiel möglichst schnell zu arbeiten, und besonders, wenn sie von fremden Seeleuten beobachtet wurden, waren sofort dem Beispiele Hoffmanns gefolgt; auch ihre Anker fielen. Zu spät sahen sie ein, wie unklug sie gehandelt hatten, als sie die Anker einfach fallen ließen, ohne vorher die Tiefe gemessen zu haben.

Sie ahmten einfach das Manöver des ›Blitz‹ nach, denn, dachten sie, warum sollten ihre Schiffe nicht dasselbe ausführen können wie dieser? Aber ihre langen Ankerketten waren bereits abgelaufen, ohne Grund gefunden zu haben. Die des ›Blitz‹ dagegen rasselten noch einige Minuten weiter, ehe die Anker den Boden erreicht hatten — seine Ketten mussten schier unendlich lang sein.

Für den ›Amor‹ war es ein leichtes, seine beiden Ketten emporzuheben. Sie wurden einfach über die Winden gelegt, der Dampf hineingeleitet, die Arbeiter daneben gestellt, und ohne dass sich die Herren darum zu kümmern brauchten, rollten sie auf, bis die Anker wieder regelrecht am Schiffsrumpf hingen.

Nicht so war es auf der ›Vesta‹, das Ankerhieven war für die Damen eine sehr beschwerliche Arbeit, welche, waren die Ketten, wie jetzt, abgelaufen, stundenlang dauerte. Das Ablassen ging von selbst vonstatten, aber beim Emporwinden mussten die Mädchen so lange um das Gangspill, in dem die Handspeichen steckten, marschieren, bis die Anker wieder oben lagen. Drei Stunden waren für diese Arbeit mindestens zu rechnen.

Ellen war wütend, die anderen Vestalinnen ärgerlich, als sie den Matrosen des ›Blitz‹ anmerkten, wie diese kaum ein spöttisches Lächeln über das Missgeschick der Mädchen unterdrücken konnten, aber es half nichts, sie mussten sich zur unbequemen Arbeit aufraffen.

Auf dem ›Amor‹ begann bereits die Dampfwinde zu arbeiten; Hoffmann leitete noch das Ankern, sobald er aber damit fertig war, wandte er sich an Ellen, welche auf der Brücke stand und Kommandos erteilte.

»Es ist meine Schuld, dass Ihnen das passierte, Miss Petersen«, sagte er, »ich hätte Sie eher warnen sollen, hier nicht die Anker fallen zu lassen, es ist hier zu tief.«

»Wie lang sind denn eigentlich Ihre Ketten?«, rief Ellen, schon wieder etwas beruhigt. Die Mädchen steckten bereits die Handspeichen in das Gangspill.

»Bedeutend länger, als die anderer Schiffe«, lächelte Hoffmann, »ich führe sie als Ballast mit. Aber lassen Sie nur, die Damen brauchen sich nicht die Mühe zu machen, die Ketten durch eigene Kraft aufzuwinden, in zehn Minuten sollen sie wieder an Ort und Stelle liegen.«

Er beauftragte einige Matrosen, ein starkes Stahltau herbeizubringen und ließ dieses von den Vestalinnen nach seiner Weisung mit einer doppelten Schlinge um das Gangspill winden. Die Enden des Taues konnte man sehen, sie liefen erst über eine Winde an Deck des ›Blitz‹ und dann ins Zwischendeck hinein.

Waren die Damen schon verwundert gewesen, wie geschwind das Segelmanöver des ›Blitz‹ ausgeführt worden war, so waren sie jetzt völlig erstaunt über die Kraft, welches dieses Schiff beherbergen musste. Auf einen Wink des Kapitäns begann die Winde zu arbeiten, sodass sich das Gangspill mit drehen musste, und noch waren keine zehn Minuten vergangen, so lagen die Anker wieder über dem Wasserspiegel — die Kette des ›Amor‹ war erst zum vierten Teile aufgewunden. Die stärkste Schiffsmaschine hätte keine solche Kraft entwickeln können, wie jetzt diese Winde, welche die schweren Ankerketten aufzog, als wären sie dünne Bindfäden.

»Was für eine Kraftmaschine mag er nur an Bord haben?«, meinte Ellen zu ihren Freundinnen.

»Jedenfalls einen von Elektrizität getriebenen Motor«, behauptete Miss Murray, »Sie erinnern sich doch, dass wir schon mehrere Male beobachtet haben, wie er Elektrizität verwendete, so zum Beispiel, als er mit farbigen Lichtern signalisierte und als er den riesigen Scheinwerfer in Tätigkeit setzte. Es kann gar nicht anders sein.«

»Aber wenn der ›Blitz‹ wirklich mit einer elektrischen Maschine ausgestattet ist, so wundert es mich, dass diese nicht zur Fortbewegung des Schiffes benutzt wird.«

»Wer weiß, ob dieses nicht doch der Fall ist«, meinte Johanna, »wir haben den ›Blitz‹ noch nicht im Dock gesehen. Sehr leicht möglich, dass er im Inneren Maschinen und außenbords eine Schraube trägt.«

Ebenso wurde auf dem ›Amor‹ darüber gesprochen, wie seltsam es sei, dass der ›Blitz‹ die schweren Ankerketten mit solcher Leichtigkeit aufwinden könne; auch die Herren wussten, dass dem ›Blitz‹ Elektrizität zur Verfügung stand.

Die Unterhaltung wurde unterbrochen durch Kapitän Hoffmann, welcher wieder an Deck erschien und die Besatzungen beider Schiffe mit höflichen Worten einlud, an Bord des ›Blitz‹ zu kommen, wo er sie über dasjenige, was er vorhabe, in Kenntnis setzen wolle.

Gern folgten alle dieser Einladung; war ihnen doch einmal Gelegenheit geboten, das Innere des Schiffes zu besichtigen, für welches sie sich immer mehr zu interessieren begannen.

Die Herren und besonders die Vestalinnen glaubten doch, die Räumlichkeiten ihrer Schiffe, welche ihnen zu gesellschaftlichen Zusammenkünften dienten, mit möglichster Eleganz und ebenso vielem Geschmack eingerichtet zu haben, wie aber waren sie erstaunt, als sie Kapitän Hoffmann in die große Kajüte führte, welche fast das ganze Zwischendeck einnahm!

Der ›Blitz‹ war ein sehr großes Vollschiff, bedeutend größer als die ›Vesta‹, und nicht wie diese, in mehrere geräumige Kajüten eingeteilt, sondern den Hauptteil machte nur ein Salon aus, in den die Gäste jetzt ohne Zeremonie eintraten.

Auf den ersten Blick sah man, dass dieser mächtige Saal, so elegant er auch mit Tischen, Stühlen, Diwans und anderen Möbeln ausgestattet war, doch einem ganz anderen Zwecke diente, als eine Gesellschaft aufzunehmen.

Hope klatschte beim Eintreten vor Entzücken in die Hände, sie sah hier ihre Kabine, das sogenannte Museum, hundertfach vergrößert, wieder. Es war wirklich ein Museum, das sich ihren erstaunten Augen darbot. Die ganze Erde, alle Meerestiefen hatten zu seiner Ausschmückung beitragen müssen. Rings an den Wänden liefen Regale und Simse hin, auf denen ausgestopfte Tiere standen, vom Löwen und Königstiger an bis zur sibirischen Spitzmaus herab, überall in der Mitte waren Gruppen solcher ausgestopfter Tiere in natürlichen Stellungen verteilt, aufgebaut.


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Einer Person, welche zum ersten Male diesen Raum betrat, musste ein Grausen überlaufen.

Gleich beim ersten Blick sah man einen prachtvollen Löwen, zum Sprunge zusammengeduckt, so natürlich, dass man förmlich das Glühen der Augen, den heißen Atem und das dumpfe Knurren zu bemerken glaubte, aber die Augen streiften über den Eintretenden hinweg nach einer Antilope, welche sich angstvoll auf den Boden schmiegte, als wäre sie durch den furchtbaren Blick des Raubtieres der Fähigkeit beraubt, sich durch Flucht ihrem Schicksale zu entziehen. Man erwartete jeden Augenblick, die Katze würde durch die Luft sausen und die Pranken in den Leib der unglücklichen Antilope schlagen, so natürlich war alles gemacht.

In einer anderen Gruppe kämpften zwei Leoparden miteinander, der größere hatte den schwächeren zu Boden geworfen und stand, die Tatze zum Schlag erhoben, auf ihm; wieder in einer anderen schickte sich eine Riesenschlange eben an, einen südamerikanischen Hasen in dem weitaufgerissenen Rachen verschwinden zu lassen. Kurz, die meisten der ausgestopften Tiere, und es war eine große Anzahl vorhanden, vertraten nicht nur einfach als ausgestopfte Felle ihre Gattung, sondern es war ihnen mit kunstvoller Hand Leben verliehen worden, und zwar mit solcher Treue, dass man sofort merkte, der Arrangeur müsste mit dem Leben und Charakter dieser Tiere völlig vertraut sein.

»Es gibt kein einziges unter diesen Tieren«, erklärte Kapitän Hoffmann, »welches ich nicht mit eigener Hand erlegt hätte, dort jenen Kolibri sowohl wie diesen Kondor, dessen Flügel fast den ganzen Saal in der Breite durchmessen, dieses Kaninchen wie dort den Löwen. Ich habe mich bemüht, die Tiere immer in solcher Stellung aufzubauen, in der ich sie selbst überrascht habe, und so erinnere ich mich stets bei ihrem Anblicke des Jagdabenteuers, welches ich dabei erlebte.«

Desgleichen hatte das Meer seine seltensten Bewohner hergeben müssen, um dieses Museum zu schmücken, und wer sie kennt, diese seltsamen, komischen und schrecklichen Gestalten, welche Fischen nicht mehr ähneln, der kann sich ein Bild von dieser Abteilung machen.

Aber Kapitän Hoffmann musste nicht nur ein eifriger Jäger und Fischer sein, denn auch die gesamte Insektenwelt der Erde war durch Repräsentanten vertreten, von den bunten Schmetterlingen, deren Flügelspanne einen Viertelmeter beträgt, bis zum kleinsten Holzwurm; sie alle waren in Glaskästen aufgereiht, welche an der Wand hingen.

Doch nicht nur das Reich der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien, wie Schlangen und Schildkröten, Schnecken, Muscheln und so weiter hatte hier seine Wohnung aufgeschlagen, auch das Reich der Pflanzen war vertreten, wie das der Steine, und die Edelsteine bildeten eine Abteilung für sich. Die Diamanten in allen Farben und Größen, die Smaragden, Rubinen, Topase und so weiter, welche hier zu sehen waren, hätten nicht von einem fürstlichen Vermögen aufgewogen werden können, desgleichen die Perlen. Und alles war, wie Hoffmann sagte, von ihm selbst gesammelt, nicht ein einziges Stück des Museums war angekauft worden.

Alle übrigen freien Stellen des Saales wurden von Bücherschränken ausgefüllt, und mit Bewunderung bemerkten die Gäste, dass die Werke in fast allen Sprachen der Erde abgefasst waren. Aber es waren nicht nur Schaustücke; Kapitän Hoffmann musste sich wirklich viel mit ihnen beschäftigen, und der Inhalt musste ihm geläufig sein, denn überall lagen auf Tischen und Stühlen aufgeschlagene Bücher herum, ebenso gut in Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch oder Italienisch wie in außereuropäischen Sprachen, in Arabisch, Indisch, sogar in Sanskrit, der ältesten Sprache,

Sonst waren die Wände noch mit Waffen und Gegenständen geschmückt, wie man sie bei fremden, wilden oder wenig kultivierten Volksstämmen vorfindet, aber nicht nur kleine, wie sie als Zimmerschmuck dienen, sondern es waren beispielsweise Boote der SüdseeInsulaner, eine Binsenhütte der Neger von Ostafrika und anderes mehr vorhanden.

Jetzt wurde der Saal von dem schwachen Lichte beleuchtet, welches die untergehende Sonne durch die vielen Fenster hereinwarf, aber auch bei Nacht konnte hier Tageslicht hervorgezaubert werden, wie Hoffmann zeigte.

Es herrschte, wie gesagt, nur ein trübes, unsicheres Licht im Saale, plötzlich aber — Hoffmann stand gerade an einem Schranke, in welchem viele Apparate aufgestellt waren — hüllte vollkommene Finsternis die Anwesenden ein, kein Strahl drang mehr durch die Fenster; sie mussten durch irgend eine Vorrichtung gleichzeitig mit Läden verschlossen worden sein.

Noch ehe die in der schwärzesten Finsternis Stehenden sich über die Ursache dieses plötzlichen Wechsels vollkommen klar waren, erscholl da, wo sich Kapitän Hoffmann befand, ein lautes Knattern und Prasseln. Lange, blitzähnliche Flammen schienen aus dem Wandschranke zu zucken, und dann strahlte plötzlich der Saal im Scheine von unzähligen elektrischen Glühlämpchen wieder, welche überall angebracht waren und ein so helles Licht von sich gaben, dass selbst das der Sonne nicht damit zu vergleichen war.

»Sie müssen ja eine enorm starke Maschine zum Erzeugen von Elektrizität haben!«, rief Ellen erstaunt. »Aber Sie besitzen doch keinen Dampfmotor, sonst würden Sie nicht immer unter Segel fahren, sondern sich der Fortbewegung mit der Schraube bedienen.«

»Auch der ›Amor‹ besitzt eine Maschine und fährt doch meist unter Segel«, antwortete Hoffmann lächelnd, »ebenso verhält es sich mit dem ›Blitz‹.«

»Wo haben Sie die elektrische Maschine stehen?«, fragte Harrlington, erst jetzt die unzähligen, grünen Drähte bemerkend, welche wie Schlangen an den Wänden des Saales emporkrochen und an der Decke weiterliefen. »Haben Sie mehrere gleichmäßig verteilt, oder ist nur eine einzige, große vorhanden, und womit wird dieselbe bewegt?«

»Ich habe überhaupt keine elektrische Maschine«, lächelte Kapitän Hoffmann.

»Nicht?«, riefen alle gleichzeitig, erstaunt.

»Nein, ich speise alle meine Lampen und Apparate aus Batterien.«

»Nicht möglich! Zu so vielen Lampen müssten Sie ja eine ungeheure Anzahl und enorm große Batterien besitzen.«

»Und doch ist es so, und meine Batterien sind nicht einmal umfangreich.«

»Aber Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie mit der aus den Batterien entnommenen Elektrizität auch die Winde in Bewegung setzten, welche vorhin die Kette aufhievte?«

»Gewiss, es war dies ein Aufwand von Kraft, welchen meine Batterien kaum merken. Sie sind so stark, dass ich sämtliche an Deck stehenden Winden zu der schwersten Arbeit verwende und mich noch die ganze Takelage bewegen kann, und immer, ohne die Batterien besonders angreifen zu müssen.«

Das Erstaunen der Zuhörer wuchs immer mehr, sie alle waren mit den Gesetzen der Elektrizität genügend bekannt, sie wussten auch, wie weit man sich dieselbe dienstbar gemacht hatte, und waren in der Maschinerie bewandert, aber etwas Ähnliches, wie hier, hatten sie noch nie gesehen.

Kapitän Hoffmann tat dabei, als handele es sich um etwas ganz Einfaches. »Aber, was haben Sie denn in aller Welt für Batterien? Es müssen doch ganz ungewöhnliche sein, denn mit jenen, welche wir kennen, kann man kaum einige Glühlampen in Funktion setzen. Zu jeder größeren Kraftleistung durch Elektrizität ist doch eine Dynamomaschine nötig, welche erst wieder durch einen Motor getrieben werden muss.«

»Ich habe allerdings eine eigene Erfindung, diese Batterien zu verwenden«, erklärte Hoffmann. »Sie sind insofern unerschöpflich, als die ihnen entnommene Kraft sich immer wieder ersetzt, und diejenige, welche verloren geht, steht mir kostenlos zur Verfügung.«

»Ich verstehe Sie nicht, erklären Sie sich bitte näher!«, rief Lord Harrlington.

Hoffmann wurde etwas verlegen. »Verzeihen Sie mir«, sagte er dann, »wenn ich Sie nicht vollständig über das System aufkläre, welches ich zur Erzeugung der Elektrizität verwende, aber ich werde Ihnen nachher die Batterien zeigen, und Sie werden sich über ihre Einfachheit wundern, wenigstens über ihr einfaches Aussehen. Würde ich Ihnen aber das Prinzip erklären, worauf das Erzeugen der Elektrizität beruht so würden Sie schwerlich viel davon verstehen, selbst wenn Sie Fachmann wären, weil natürlich ein Geheimnis dabei ist, in dessen Besitz ich zufällig gekommen bin. Nur so viel will ich Ihnen erklären, dass ich nach jeder geforderten Arbeit darauf bedacht bin, die verlorene Kraft möglichst wieder zu ersetzen, zum Beispiel durch die eigene Reibung der Räderwerke, und dass ich die verloren gehende Elektrizität dem Meere entnehme. Verzeihen Sie die Offenheit, mit welcher ich Ihnen erkläre, nicht weiter auf diese Erfindungen eingehen zu wollen, aber wirklich, glauben Sie mir, Sie würden ihnen nicht folgen können. Ich bin Ingenieur und habe mich Zeit meines Lebens fast ausschließlich nur mit Elektrizität beschäftigt, bin aber nicht zum Erklären befähigt. Jeder meiner Sätze, welchen ich mit endlosen Formeln zum nötigen Verständnis ausschmücken müsste, würde Ihnen ein Rätsel sein, während ich alles selbstverständlich finde, und, was die Hauptsache ist, das Geheimnis, welches ich besitze, ist mir wohl bekannt, ich kenne seine Wirkung, ich kann diese ausnutzen, aber ich weiß nicht, auf welche Weise sie stattfindet.«

Immer erstaunter hatten die Herren und Damen seinen Worten gelauscht, aber da sie sahen, wie verlegen Kapitän Hoffmann dabei wurde, so unterdrückte jeder seine Neugier und hoffte nur, noch mehr Merkwürdiges auf diesem Schiffe zu sehen. Übrigens hatte Hoffmann recht, eine gründliche Kenntnis der Gesetze der Elektrizität ging ihnen doch ab, sie wussten nur so viel davon, wie ihnen einst auf der Schule über diese merkwürdige Naturkraft gelehrt worden war.

»Nur eine Frage erlauben Sie mir noch«, nahm Lord Harrlington das Wort. »Sie sagten, Sie entnähmen dem Meere Elektrizität?«

»Ja. Wie in der Luft stets Elektrizität vorhanden ist, welche sich zum Beispiel bei Gewittern in Gestalt des Blitzes zeigt, so auch im Meer. Durch Reibung des Salzwassers mit einem Amalgam nun erzeuge ich mir beliebig viel Elektrizität. Dieses Amalgam ist das Geheimnis, von dem ich sprach; ich kann es herstellen, weiß aber weder, warum es solche Kraft besitzt, noch wie es wirkt.«

»Warum benutzen Sie diese Kraft nicht, um den ›Blitz‹ damit zu treiben?«

»Ich tue dies doch manchmal«, lächelte Hoffmann.

»Aber Sie fahren doch immer mit Segeln?«

»Gewiss, eben um durch Reibung des Amalgams mit dem Meerwasser Elektrizität zu erzeugen. Die erhaltene Elektrizität verwende ich für die Lampen und Apparate; ist genügend vorhanden, so kann ich sie auch zum Treiben des Schiffes benutzen. Der ›Blitz‹ besitzt eine Schraube.«

Die Gäste gaben sich mit dieser Erklärung zufrieden, sie wollten dem Ingenieur, der seine jedenfalls immensen Kenntnisse unter dem Mantel der Bescheidenheit verbarg, nicht weiter über die Geheimnisse des ›Blitz‹ ausforschen, aber sie wünschten sich alle Glück, einmal Gelegenheit gefunden zu haben, das Schiff in seiner Tätigkeit besichtigen zu können. Sie hofften nur, dass der morgige Tag noch recht viel neue Überraschungen bringen möchte; alles hier an Bord schien ja mit übernatürlichen Kräften ausgestattet zu sein, wie sie bald noch merken sollten.

Kapitän Hoffmann kam auf sein Vorhaben zu sprechen; es handelte sich um nichts Geringeres, als um einen Besuch des Meeresgrundes, ja, sogar um einen Spaziergang auf demselben. Er erzählte ihnen von der spanischen Festung Callagos, welche einst hier, wo der ›Blitz‹ eben ankerte, auf einer Insel gestanden hatte und welche, wie bereits erwähnt, durch ein von einem schrecklichen Orkan begleitetes Erdbeben verschlungen worden war.

Ein spanischer Gelehrter, der diese Inselgruppe zum Gegenstand seiner wissenschaftlichen Studien gemacht, hatte die Vermutung ausgesprochen, die Insel Callagos, wäre wahrscheinlich nicht, wie die übrigen Inseln, zerborsten und vollständig vernichtet, sondern wäre einfach untergesunken, alles Daraufstehende mit sich nehmend, und unter den umwohnenden Eingeborenen ging ein ähnliches Gerücht.

Sie behaupteten, jene Spanier in Callagos, die Unterjocher ihres Landes, müssten zur Strafe für ihre Freveltaten auf dem Meeresgrunde weiterleben, ihre Häuser stünden noch ebenso da, wie früher, die Soldaten müssten noch exerzieren, alles ginge derselben Beschäftigung nach, und war das Meer recht stürmisch, das Wasser aber klar, so sollte man sie sogar mit verzweifelten Gesichtern in der Tiefe sehen können.

Die gesunkene Stadt morgen zu besuchen, wenn an dem Gerüchte überhaupt etwas Wahres war, lag in der Absicht des Kapitäns.

Hoffmann gab seinen Gästen die Erklärung über den Taucherapparat, in welchem er den Meeresboden betreten würde, über den Skaphander, welcher sich sehr von dem sonst angewendeten Taucherapparat unterscheidet, obgleich es auch seine Hauptaufgabe war, den Mann unter Wasser mit frischer Luft zu versehen.

Als Hoffmann in der Erklärung so weit war, dass ein Vorzeigen des Apparates selbst nötig wurde, trat, als wäre er gerufen worden, oder als hätte er dem Erklärer gelauscht, ein Matrose mit den Bestandteilen des Skaphanders herein. Die meisten, hatten so vertieft zugehört, dass sie dies nicht bemerkten, die Übrigen wunderten sich allerdings, doch hatten sie schon bemerkt, dass der Ingenieur in diesem Saale jedenfalls, in der Lage war, sich durch irgend ein Mittel mit seinen Leuten an Deck verständigen zu können.

Der Skaphander hatte dasselbe Aussehen wie ein sonst gebräuchlicher Taucherapparat, nur wurde ihm die Luft nicht mittels eines Schlauches zugeführt, sondern diese befand sich in zusammengepresstem Zustande in einem Kasten, welcher auf dem Rücken getragen wurde. Zwei Schläuche führten die Luft in den dicken Glasballon, der den Kopf des Tauchers verhüllte. Gleichzeitig befand sich in dem Kasten auch eine elektrische Batterie zum Speisen der vorn am Gürtel getragenen Glühlampe. Am Gürtel befand sich noch ein Telegrafen-Apparat, durch welchen mittels eines Kupferdrahtes nach oben Zeichen gegeben werden konnten, während der Taucher die gegebenen Anweisungen durch Klopfen im Ballon hörte.


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Dann kam man auf die Merkwürdigkeiten zu sprechen, welche den Taucher auf dem Meeresgrunde erwarteten, die in größerer Tiefe lebenden, seltsamen Geschöpfe und Pflanzen; Hoffmann erzählte von riesigen, vielarmigen Polypen, von Seeschlangen, ungeheueren Krebsen und Spinnen, und dass er nicht übertrieb, das bewies er mit Fotografien, welche er mittels eines intensiven, elektrischen Lichtes und eines eigens dazu erfundenen Apparates am Meeresgrund aufgenommen hatte. Auch trat mitten in seiner Erzählung ein anderer Matrose herein und brachte seltsame Muscheln, Seesterne und andere Gebilde, wie man sie nur in großen Tiefen vorfindet, und die wenig bekannt sind.

Ellen hatte mit angehaltenem Atem den Erzählungen des Ingenieurs gelauscht, ihre Augen leuchteten fieberhaft, als sie die Fotografien der Meereswunder betrachtete, und die rätselhaften Gebilde, die umhergereicht wurden, wanderten in ihren Händen.

»Kapitän Hoffmann«, sagte sie mit erregter Stimme, als der Ingenieur geschlossen hatte, »treten Sie die Reise nach dem Meeresgrunde allein an?«

»Noch vier meiner stärksten und geschicktesten Taucher nehme ich mit mir«, antwortete er.

»Warum die geschicktesten? Ist es so schwierig, im Skaphander zu tauchen? Gehört dazu erst Unterricht?«

»Das nicht. Jedermann kann darin tauchen, wenn er kräftig genug ist, den Wasserdruck auszuhalten, denn das Zuführen und Einatmen der Luft wird durch einen Mechanismus geregelt. Der Taucher muss nur im Telegrafieren bewandert sein, und die Waffen, welche er mitbekommt, geschickt zu führen wissen, denn auf dem Meeresgrunde ist es nicht ganz ungefährlich. Gewaltige Tiere lauern auf ihre Beute, und je tiefer man kommt, desto größer werden die Ungeheuer, desto größer die Gefahr. Ich selbst gehe ohne Telegrafenapparat hinunter, damit mich die Drähte nicht hindern, und so müssen meine Leute für die Verständigung sorgen.«

»Also jeder kann im Skaphander tauchen, Kapitän Hofmann?«, rief Ellen. »Dann nehmen Sie mich mit! Ich bin kräftig und unerschrocken. Ich werde Ihnen nicht hinderlich sein, außerdem spreche ich Sie von jeder Verantwortung frei.«

Hoffmann wurde über diese Bitte bestürzt, noch mehr, als auch verschiedene der Herren ihn bestürmten, auch sie an der Expedition teilnehmen zu lassen. Vergebens warnte er — es half ihm nichts. So, wie es ein Ingenieur, Herr Anders, geahnt hatte, ließ man ihn nicht eher in Ruhe, als bis er nachgiebiger gestimmt war.

»Gut denn«, sagte er endlich, »ich gestatte den Herren, im Skaphander den Meeresboden zu besuchen, aber nicht hier. Hier ist es zu tief. Ich kenne flachere Stellen, nicht weit entfernt, wo Sie die Wunder der Meerestiefe schauen können.«

»Aber die gesunkene Stadt ist ja das Interessanteste«, rief Lord Harrlington. »Nein, können wir nicht Callagos sehen, so wollen wir überhaupt nicht tauchen. Kapitän Hoffmann, geben Sie nach! Wir sind alle gesunde, kräftige Männer, welche Ihren stärksten Matrosen nichts nachgeben; probieren Sie es nur einmal. Sehen Sie mich an, ich bin zwar schmächtig gebaut, aber stellen Sie mich einmal dem Matrosen gegenüber, den Sie vielleicht als Herkules bezeichnen, und dann wollen wir einmal sehen, wer von uns beiden die schwereren Gewichte heben kann. Ebenso hier mein Freund Williams, der erträgt sicher auch jeden Wasserdruck, und für Lord Hastings brauchen Sie keine Angst zu haben, dessen Knochen vertragen die Umarmung eines Bären. Nichts da, Kapitän Hoffmann, Sie müssen unsere Begleitung erlauben, oder wir springen Ihnen einfach nach.«

Alles Widerstreben Hoffmanns half nichts, er musste schließlich klein beigeben.

»Meinetwegen«, sagte er, »ich gestatte Ihnen, mich zu begleiten, soweit es die Anzahl der Skaphander erlaubt, nur erkläre ich hiermit den Herren, dass ich oder meine Leute für keinen Unglücksfall verantwortlich zu machen sind.«

»Und ich?«, rief Ellen.

»Sie dürfen auf keinen Fall mit«, erklärte Hoffman entschieden. »Ihr Körper hält den Druck nicht aus.«

»Oho«, entgegnete Ellen, »das kommt erst auf eine Probe an. Ich glaube, dass ich, ebenso wie jeder dieser Herren, befähigt bin, den Gang in die Tiefe anzutreten.«

Ellen setzte dem in Verlegenheit getriebenen, armen Kapitän so lange zu, bis ihm nichts anderes übrig blieb, als auch ihr die Begleitung zu erlauben.

Eine Vorsichtsmaßregel musste sie aber über sich ergehen lassen, bei deren Verweigerung er ihr das Tauchen unter keinen Umständen erlaubt hätte. Während die anderen Taucher nur durch Drähte mit dem ›Blitz‹ in Verbindung blieben — das Telegrafieren war ja allen vom Schiffsdienst aus bekannt — sollte Ellen an einem Tau befestigt werden, und sie musste in die Hand Hoffmanns das feste Versprechen abgeben, sich an demselben sofort emporziehen zu lassen, sobald es der Kapitän zur Wahrung der Sicherheit für notwendig halten sollte.

Die Herren und Damen, hatten sich wieder an Bord ihres Schiffes zurückbegeben, um eine vor Aufregung schlaflose Nacht zu verbringen, nur eine einzige war noch für einige Zeit auf dem ›Blitz‹ zurückgeblieben — Johanna.

Wir finden beide, Johanna und Hoffmann, in leisem, innigem Zwiegespräch in dem Salon stehen.

Das Gespräch musste bald eine andere Wendung genommen haben, des Ingenieurs Gesichtsausdruck ward erst bestürzt, ja unwillig, dann aber traurig, und kopfschüttelnd hörte er der Geliebten zu, welche ihn mit irgend einer Bitte bestürmte und nicht eher ruhte, als bis sie eine Zusage erhalten hatte.

»Gut denn«, sagte er endlich und schloss Johanna in seine Arme, »wenn du es für deine Pflicht hältst, so will ich dich nicht davon abhalten. Aber natürlich musst auch du an einem Tau befestigt werden, und außerdem musst du mir versprechen, dich nicht aus meiner Nähe zu entfernen, eher von Miss Petersen, als von mir.«

»Ich werde dafür sorgen, dass Ellen immer in deiner, also auch in meiner Nähe bleibt«, lächelte sie.

»Und ich werde sorgen, dass meiner lieben Johanna kein Unglück passiert«, sagte Hoffmann und küsste seine Braut, »doch kann ich dir nicht sagen, welch schwere Sorgen mich ängstigen, weiß ich dich in fortwährender Gefahr und die, in welche du dich morgen begibst, ist keine kleine.«

* * * * *

III.7. Auf dem Meeresgrunde

Der Morgen war angebrochen. Als die Besatzungen des ›Amor‹ und der ›Vesta‹ an Bord des in der Mitte liegenden Schiffes kamen, fanden sie dessen Mannschaft schon in vollster Tätigkeit vor, die Skaphander und alle zu deren Bedienung nötigen Apparate in Ordnung zu bringen. Kapitän Hoffmann, der diese Arbeiten leitete, begrüßte sie und gab dann den Herren, welche ihn begleiten wollten, die nötigen Verhaltungsmaßregeln.

Es waren dies vier Herren, für mehr reichten die an Bord vorhandenen Skaphander einmal nicht aus, und dann waren dies auch die einzigen, Harrlington, Hastings, Williams und Davids, welche den Gang in die Tiefe unternehmen wollten. Fehlte es den Übrigen auch nicht an Mut — sie hatten oft genug bewiesen, dass dies nicht der Fall war — so befällt einen doch immer ein ganz eigentümliches Gefühl, wenn man so allein, von aller Welt abgeschlossen, auf dem Meeresgrunde steht und der Wasserdruck einem um die Ohren saust. Nicht die Furcht vor dem Tode, welcher in jedem Moment und in vielerlei Gestalten den Menschen erwarten kann, ist es, was das Herz schneller schlagen macht, es ist das Bewusstsein der Verlassenheit.

Ellen hatte während der Nacht nicht ihren Entschluss geändert, wie der Ingenieur gehofft hatte, noch immer brannte sie vor Verlangen nach dem abenteuerlichen Unternehmen, sie konnte den Augenblick nicht erwarten, da sie in einer Kabine den Skaphander anlegen sollte. Wie erstaunt waren aber alle, als sie noch eine Begleiterin in Johanna fand, welche dem Kapitän ganz im Geheimen den Wunsch, mitzugehen, mitgeteilt haben musste.

Die anderen Vestalinnen zogen vor, auf der Oberfläche des Wassers zu bleiben, beneideten aber den Mut ihrer Gefährtinnen.

Noch ehe das Taucherkostüm angelegt wurde, erklärte Kapitän Hoffmann den Mitgehenden die Waffen, deren sie sich am Meeresgrund nötigenfalls bedienen sollten. Es waren dies ganz seltsam aussehende, kleine Flinten, mehr Pistolen mit sehr dicken Kolben und sehr langen Läufen ähnelnd.

»Sie sind geladen«, erklärte Hoffmann. »Die zwanzig Kugeln befinden sich hier im Kolben und werden mittels zusammengedrückter Luft aus dem Lauf geschleudert. Ehe Sie schießen, ziehen Sie diesen Hebel zurück und bringen ihn nach Gebrauch der Waffe in seine alte Lage zurück, damit das Gewehr wieder gesichert ist. Sehen Sie sich ja vor, doch Sie sind ja gewohnt, mit Waffen umzugehen, und so brauche ich nicht ängstlich zu sein, wenn ich Ihnen die Gewehre in die Hand gebe.«

»Kann man denn mit ihnen auch unter Wasser schießen?«, fragte Harrlington erstaunt, »und hat die komprimierte Luft denn eine genügende Kraft, um die Kugeln tödlich wirken zu lassen? Dieselben müssen ja, der Bohrung des Laufes nach zu schließen, winzig klein, kaum so groß wie eine Erbse sein.«

»Es sind Glaskugeln mit Elektrizität geladen«, sagte Hoffmann einfach. »Ich bitte Sie nochmals, vorsichtig zu sein; wohin sie treffen und sich entladen, erzielen sie dieselbe Wirkung, als wenn der Blitz einschlüge.«

Die Gesellschaft betrachtete höchlichst erstaunt diese so unschuldig, fast wie Kinderspielzeug aussehenden Waffen, welche doch den Blitz beherbergen sollten, nur Sir Williams zog ein ganz merkwürdiges, sinnendes Gesicht, während er sich mit seinem Gewehre beschäftigte.

Die zweite Waffe, welche zu jedem Taucherkostüm gehörte, war ein langes, scharfes und äußerst starkes Messer, aus bestem Stahl gefertigt, welches man wie einen Meißel oder ein Stemmeisen gebrauchen konnte, ohne einen Bruch befürchten zu müssen.

Hoffmann erklärte noch einmal den Teilnehmern, wie sie zu telegrafieren hatten, wie sie sich durch Regelung der Luftzufuhr beliebig im Wasser heben und senken könnten, wie sie sich bei der Annäherung von Haifischen und anderen Seetieren verhalten sollten, die Art der Verteidigung, ihr Verhalten bei einem eventuellen Unglücksfall, zeigte ihnen die Uhr in der Innenseite des Glasballons, der den Kopf bedeckte, das am Gürtel hängende Schiefertäfelchen, mittels dessen sie sich untereinander verständigen könnten, wie sie die Lampe vorn zum Glühen brächten, und ließ dann die Aufforderung ergehen, sich den Skaphander anzulegen.

Nach zehn Minuten traten auch Ellen und Johanna aus der Kabine, in welcher sie sich gegenseitig den Skaphander angetan hatten, und gingen mit schweren Schritten über Deck. Obgleich die beiden Mädchen das leichteste Kostüm bekommen hatten, wog doch jede am Fuße befestigte Bleiplatte gegen dreißig Pfund.

Alle Taucher, es waren mit Hoffmann deren elf, wurden von letzterem nochmals genau untersucht, ehe der Glasballon über den Kopf gestülpt wurde, und sobald dies geschehen war, wurden von ihm selbst die Luftkästen auf den Rücken gehängt und der Mechanismus, welcher das Zu- und Abströmen der Luft regelte, in Funktion gesetzt. Dann erst, nachdem die Taucher auf die Täfelchen geschrieben hatten, dass sowohl die Atmung eine geregelte war, als auch, dass sie die ihnen gegebenen Klopfzeichen gut verstehen konnten und ihre eigenen Signale an dem Telegrafenapparate sichtbar wurden, ließ er sich von seinem Ingenieur Anders ebenfalls ankleiden.

Der Luftkasten sorgte nach Angabe Hoffmanns fünf Stunden für die zur Atmung der Taucher nötige Luft, man hatte ihnen aber streng ans Herz gelegt, auf keinen Fall länger als vier Stunden unter Wasser zu bleiben, sondern nach Ablauf dieser Frist nach oben zu telegrafieren und sich dann durch das von ihm angegebene Signal an die Wasseroberfläche zu heben, ebenso, wie er ihnen das ernste Versprechen abgenommen hatte, ihm in allen Fällen und unwiderruflich zu gehorchen, selbst wenn sie den Zweck seines Befehles nicht einsehen könnten.

»Übrigens, glaube ich kaum nötig zu haben«, hatte er gesagt, »Sie vor zu langem Aufenthalt im Wasser zu warnen. Schon nach einer Stunde werden Sie herzlich froh sein, an das Sonnenlicht zurückkehren zu dürfen.«

Kapitän Hoffmann sprang zuerst direkt von Deck ins Wasser hinunter, die Fluten schlossen sich schäumend über dem Glasballon, eine Sekunde noch, und von der Gestalt war nichts mehr zu sehen, nur die elektrische Glühlampe leuchtete noch wie ein glühender Punkt, bis auch dieser unsichtbar wurde.

Kaum drei Minuten vergingen, so erschien oben auf dem Telegrafenapparat die Anzeige, dass die Übrigen ihm nachfolgen sollten, der Platz sei ein günstiger, und während sich die Taucher anschickten, der Aufforderung nachzukommen, zogen die Obenstehenden die Drähte, welche Hoffmann vorläufig noch bei sich gehabt hatte, empor — er hatte sich losgemacht und war somit völlig abgeschlossen von allem Verkehr mit der Oberwelt.

Ein Taucher sprang nach dem anderen ins Wasser, zuerst Ellen und Johanna, beide außerdem noch an eine lange Leine befestigt, bis auch der letzte verschwunden war.

Miss Petersen wurde doch etwas ängstlich zu Mute, als sie auf dem Laufbrett stand und in die Flut sah, welche sich im nächsten Augenblick für Stunden über ihr schließen sollte. Ein starker Ruck an dem sie haltenden Tau machte sie aufmerksam, dass man auf sie warte, sie blickte sich um, fast in der Absicht, noch im letzten Augenblick ihren Entschluss aufzugeben, da aber bemerkte sie das spöttische Lächeln einiger Matrosen, schnell wendete sie sich wieder um, erhob die Hand zum Signal, und sofort klappte das Laufbrett nieder — Ellen fiel senkrecht in das Wasser. Blitzschnell schoss sie in die Tiefe, so glaubte sie wenigstens, und wieder bemächtigte sich ihrer eine Angst, aber dieselbe war unnötig, wie sie bald bemerkte. Die erste Schnelligkeit war nur durch den Fall durch die Luft hervorgerufen worden, bald sank Ellen langsam zu Boden, gezogen vom Gewicht der Bleisohlen.

Innerhalb zweier Minuten hatte sie den Boden des Meeres erreicht, und sofort bemerkte sie etwas, was sie während der Fahrt nicht wahrgenommen; ein ziemlich starkes Sausen ertönte in ihren Ohren, das nicht gerade unerträglich, aber doch sehr unangenehm war und später sehr lästig, vielleicht schmerzhaft zu werden versprach. Es war eine Folge des Wasserdruckes.

Noch war Ellen nicht völlig zum Bewusstsein gekommen, wo sie sich eigentlich befand — sie fühlte nur festen Boden unter den Füßen — als sie am Arm gefasst wurde.

Entsetzt wendete sie sich um, die Hand am Messer, denn ihre Phantasie war mit den Bildern grausiger Tiere erfüllt, aber sie erkannte zu ihrer Freude in dem durchsichtigen Wasser von herrlicher, smaragdgrüner Farbe den ersten der Taucher — Hoffmann — der ihr winkte, ihm schnell zu folgen.

Welches Entzücken erfüllte Ellen, als sie die ersten paar Schritte getan hatte. Wohl fühlte sie einen beklemmenden Druck, wo aber war die Anziehungskraft, welche sie an den Boden fesselte? Bei jedem Schritte wurde sie förmlich wie ein Gummiball in die Höhe geschleudert, sie glaubte, mit einem Satz bis an die Oberfläche springen zu können, hätte sie es gewollt, und sie musste ganz vorsichtig auftreten, um dieses Hüpfen zu vermeiden. Sie hatte aber nicht lange Zeit, Betrachtungen darüber anzustellen, denn Hoffmann, an diesen Gang völlig gewöhnt und sich wie auf der Erde bewegend, zog sie schnell eine Strecke weit davon, wie Ellen merkte, damit die Drähte der nachkommenden Taucher sich nicht mit den ihren verwickelten. Der Grund war eben, mit bunten Steinen und großen Muscheln, dicht besät.

Hoffmann ließ Ellen sich auf einen großen Stein setzen, eilte noch einmal hinweg, und kam dann mit Johanna zurück. Die vier Herren wurden von den Tauchern einzeln nach derselben Stelle geführt. Die Marschordnung ward von Hoffmann so eingerichtet, wie er es schon vorher ausführlich angegeben hatte, und der Zug, den Ingenieur an der Spitze, bewegte sich langsam vorwärts.

Dicht hinter Hoffmann schritten die beiden Mädchen, hinter ihnen die acht Männer zu zweien, neben jedem der Taucher einer der Herren.

Entweder hatte der Ingenieur das Terrain des Meeresgrundes ganz genau erkannt, vielleicht durch Untersuchung mit dem Lot, an dessen unteres Bleiende gewöhnlich Fett geschmiert wird, damit die daran hängen bleibenden Steinchen die Bodenbeschaffenheit verraten, oder das Glück war ihm günstig gewesen — der Platz, wo sie gelandet, war der dazu geeignetste. Kaum waren sie eine kleine Strecke weit gegangen, so schien der Boden von Schluchten durchwühlt zu werden, tiefe Risse klafften zu beiden Seiten, und oft sperrten mächtige Felsblöcke den Weg.

Es war gar kein Zweifel, hier hatte einst eine furchtbare vulkanische Eruption den Boden umgestaltet.

Kapitän Hoffmann bückte sich einmal, hob etwas auf und hielt es, sich umdrehend, hoch empor — es war eine alte Flinte, aber von Seegras so umwachsen, dass man sie kaum als eine solche erkennen konnte.

Bisher hatten die Taucher noch nicht nötig gehabt, über eine der Spalten hinwegzusetzen, plötzlich aber blieb der Vorausschreitende stehen und deutete nach vorn. Das Wasser war sehr klar, man konnte einige Meter im Umkreis sehen, ohne die Lampen dazu nötig zu haben, dann aber verschwammen die Umrisse der Gegenstände. Jetzt jedoch konnte man auf dem Erdboden etwas Dunkles unterscheiden, und, was sie vorher nicht vermochten, erkannten sie beim Näherkommen; eine wohl zehn Meter breite Spalte tat sich vor ihnen auf.

Hoffmann winkte zurück und war der erste, welcher über den Schlund setzte. Ein großer Schritt brachte ihn über den Abgrund selbst, aber er sank nicht unter, sondern blieb stehen und arbeitete sich durch Schwimmbewegungen nach der anderen Seite hinüber. Während vorher immer aus seinem Taucherhelm die verbrauchte Luft in Form von kleinen Bläschen emporgestiegen war, hörte dies jetzt auf, eine einfache Vorrichtung verschloss ihr den Austritt, und dadurch war es möglich, eine größere Tragkraft zu erzielen, und somit das Untersinken zu verhindern.

Wäre der Luft noch länger der Austritt versperrt worden, so wäre der Taucher sogar emporgehoben worden, allerdings nicht hoch, denn er konnte es für längere Zeit in der gebrauchten, schlechten Luft nicht aushalten.

Die beiden Mädchen, wie auch die Herren ahmten dieses Manöver nach, sie waren vorher genügend instruiert worden, und außerdem hatten sie ja die darin schon geübten Matrosen neben sich. So langten alle ohne Zwischenfall auf der anderen Seite an, und noch manche Spalte musste auf diese Weise überschritten werden, ebenso wie man die den Weg versperrenden, oft mächtigen Felsblöcke mehr überflog, als überschritt.

Es kam allen vor, als wären sie Vögel, welche sich ebenso gut auf der Erde, wie in der Luft fortbewegen können.

Hoffmann blieb plötzlich stehen, schrieb etwas auf die Tafel und zeigte sie den hinten Gehenden.

»Callagos.« Nur das eine Wort stand darauf, und als sie den Schreiber fragend ansahen, deutete er mit der Hand voraus. Was die Übrigen noch nicht hatten sehen können, war seinem Adlerblick nicht entgangen, aber nicht lange dauerte es mehr, so entdeckten alle die alte, versunkene Stadt.

Wie aus dem Nebel tauchten vor ihnen Zinnen und Türme auf, man bemerkte in den Mauern die Schießscharten, und beim Näherkommen gewahrte man sogar die daraus vorsehenden Geschützrohre.

Eine fieberhafte Erregung bemächtigte sich aller, am meisten der Gäste, aber auch dem Ingenieur konnte man sie anmerken. Er schritt mit schnellen Schritten voraus, sprang wie eine Gämse über die Klüfte, flog wie ein Vogel über die Blöcke, und zwar so geschwind, dass ihm die Anderen kaum folgen konnten.

Bald stieß man auf menschliche Gerippe, ab und zu traf man auch auf die Überreste eines zerfallenen Steinhauses, aber nicht häufig, denn in jener Gegend werden die meisten Gebäude nur aus Holz oder leichtem Fachwerk aufgeführt, und solche waren natürlich bei der Eruption vollständig vernichtet worden.

Näher und näher kam man der eigentlichen Stadt Callagos, der einstigen spanischen Festung, aber doch war noch immer ein ziemlich weiter Weg zurückzulegen.

Wohl hatte sich Williams' Aufmerksamkeit fortwährend mit der versunkenen Stadt beschäftigt, aber noch ein anderer Gedanke ging ihm im Kopfe herum, etwas höherliegendes, was er nicht begreifen konnte, und so lange ihm dies nicht klar wurde, fühlte er sich nicht beruhigt.

Sie waren nun schon etwa eine Viertelstunde immer geradeaus gegangen, und war die zurückgelegte Strecke eben keine große, so war es doch wunderbar, dass die Drähte noch immer so direkt nach oben liefen, wie zuerst, da sie ins Wasser sprangen. Wie kam das nur? Williams musste sich darüber Gewissheit verschaffen — in einigen Sprüngen hatte er Hoffmann erreicht und fasste ihn am Arm. Der Ingenieur blieb stehen, schaute den Engländer fragend an und zeigte auf das Täfelchen; eine mündliche Verständigung verhinderte das starke Glas und das Sausen im Ohr.

»Wie kommt es, dass die Drähte immer direkt über uns bleiben?«, schrieb Williams auf den Schiefer und deutete nach oben.

Hoffmann las das Geschriebene, griff dann nach seinem Täfelchen und kritzelte darauf einige Zeilen.

»Die Apparate befinden sich nicht mehr auf dem ›Blitz‹, sondern in einem Boote. Der Matrose vor Ihnen trägt einen Kompass, er telegrafiert nach oben die eingeschlagene Richtung, und das Boot folgt uns«, las Williams.

Jetzt war ihm das Wunder klar; wie er nun erst merkte, trug einer der Taucher des ›Blitz‹ vorn am Gürtel einen Kompass, den er unausgesetzt beobachtete, und dessen Abweichungen er nach oben telegrafierte. Auch kam es Williams vor, als wenn Hoffmann manchmal Fingerbewegungen mache, welche von demselben Taucher verstanden wurden und jedes Mal neues Telegrafieren veranlassten. Beide verständigten sich also untereinander mittels einer Fingersprache. Die Apparate befanden sich in einem Boote, welches die Richtung einschlug, die seiner Bemannung von unten durch Zeichen angegeben wurde.

Man stieß auf immer mehr Gerippe, Waffen, Feldgerätschaften, Wagenteile und so weiter, Beweise, dass der vulkanische Boden, über den sie schritten, einst von fleißigen Händen bebaut, dass überhaupt hier ein reges Leben geherrscht hatte.

Die Mauer war erreicht. Man sah jetzt erst, dass die Stadt Callagos wohl noch vorhanden war, dass aber die meisten Häuser Steinhaufen glichen und ebenso wie die Mauer halb zerfallen waren oder doch tiefe Risse hatten. Ein Tor hätte die Taucher in die Straßen eingelassen, aber Kapitän Hoffmann nahm nicht diesen Weg, der steinerne Bogen hätte ja übrigens die Drähte und Taue der beiden Mädchen zurückgehalten. So setzten sie über die Mauer hinweg und befanden sich zwischen den Häusern, in denen jetzt kein ernstes Männerwort, kein heiteres Mädchenlachen ertönte, in denen nur stumme Fische ein- und ausschwammen, und deren Wände mit Seeschnecken und Muscheln bedeckt waren.

Callagos machte, soweit man dies noch erkennen konnte, den völligen Eindruck einer spanischen Stadt. Die Häuser waren niedrig und platt, mit wenigen oder gar keinen Fenstern an der Außenseite, weil diese nach dem innenliegenden Hofe hinausführten.

Hoffmann ging, von keinem Tau gehemmt, ab und an in ein Haus, kam aber immer sofort wieder heraus, denn es bot sich ihm nichts Interessantes darin, nur Gerippe und metallenes und steinernes Hausgerät, welches der zerstörenden Wirkung des Seewassers trotzen konnte.

Nur einmal winkte er, als er wieder aus einem sehr großen, burgähnlichen Hause trat, dass ihm die Anderen hineinfolgen sollten. Die Matrosen machten sich selbst und den Herren die Drähte, den Damen außerdem noch die Taue los, einer hielt diese und die Übrigen gingen dem Ingenieur nach.

Sie schritten durch mehrere Gänge, in welchen sie die elektrischen Lampen anwenden mussten, gingen durch verschiedene Gemächer, in denen manchmal Gerippe von Menschen lagen, kamen auch durch einen Hof, wo in einem halb offenen Gebäude wohl gegen fünfzig Pferdegerippe lagen — es war der Pferdestall gewesen — und wurden dann von dem Ingenieur in einen sehr geräumigen Saal geführt.

Die Eintretenden prallten vor dem Anblick, der sich ihnen hier bot, entsetzt zurück. Um einen mächtigen Tisch, dessen festes Holz das Wasser ebenso wenig zu zerstören vermocht hatte, wie es ihn hatte emporheben können, saßen in schweren Lehnsesseln von demselben Holze achtundzwanzig Gerippe in halbliegender Stellung, die knöchernen Arme auf die Lehne gestützt, den Kopf hintenüber gebeugt, als wenn sie im Schlafe vom Tode überrascht worden wären.

Das Merkwürdigste aber war, dass um ihre knöchernen Leiber lederne Gürtel mit Schwertern hingen. Es war fast, als ob die Gerippe die Offiziere dieser Burg gewesen wären, welche bei einer Versammlung vom Tode überrascht wurden.

Noch mehr machte das Aussehen des Saales dies glaubhaft. Die zersprungenen Wände waren mit Schilden und Schwertern dekoriert, Wappen hingen daran, deren Inschriften aber so von Seepflanzen überwuchert waren, dass man sie nicht mehr lesen konnte, die mächtigen Bücherregale waren einst mit Aktenstücken gefüllt, und in den silbernen Pokalen perlte einst der Wein.

Kapitän Hoffmann schrieb auf seine Tafel:

»Die Obersten der spanischen Festung! Haben ihren unvermeidlichen Untergang gesehen, sich bewaffnet und in den Ratssaal gesetzt, den Tod erwartend«, lasen die Übrigen auf dem herumgereichten Täfelchen.

Der Ingenieur nahm einigen Gerippen die schönen, mit Edelsteinen gezierten Schwerter und händigte diese, sowie zwei Pokale seinen Leuten zum Tragen ein — er wollte sie seiner Sammlung einverleiben — seinem Beispiele folgten die Herren und die Mädchen, um ein Andenken an Callagos mitzunehmen.

Nach Verlassen des Saales durchwanderten sie noch einige andere Gemächer und kamen zuletzt auch in einen sehr großen Raum, in welchem eiserne Bettstellen standen. Auf diesen und zwischen diesen lagen eine Unmenge von menschlichen Gerippen und dazwischen Waffen umhergestreut. »Das Quartier der spanischen Besatzung des Forts«, schrieb Hoffmann auf die Tafel.

Da viele Gerippe noch auf den eisernen Betten lagen, so war zu vermuten, dass die unglücklichen Bewohner der Stadt von dem alles zerstörenden Erdbeben nachts überrascht worden waren. Nicht der Trommelwirbel, der Donner der Kanonen hatten die Schläfer erweckt, das furchtbare, unterirdische Rollen der entfesselten, vulkanischen Kraft hatte sie aus den Betten stürzen lassen.

Es musste furchtbar gewesen sein, als die Unglücklichen den Boden unter den Füßen weichen fühlten, und als durch die splitternden Fenster die Fluten hereingestürzt kamen.

Die Eindringlinge in das Reich der Abgeschiedenen durchlief ein Grausen, eiligst verließen sie das Gemach, in dem der Tod so furchtbar gehaust hatte. Sie traten durch eine zweite Tür aus dem Hause und kamen auf einen freundlichen Platz, dem man sofort ansah, dass er einst der Friedhof der spanischen Besatzung des Forts gewesen war. Aber durch die Erderschütterungen war der Boden geborsten und hatte die Begrabenen ausgeworfen, überall lagen auch hier Gerippe umher oder streckten die knöchernen Glieder teilweise aus dem Erdreich hervor.

Da erblickte Hoffmann einen Steinsarg, der zwar ebenfalls aus seiner Lage geschleudert worden, sonst aber noch ganz unversehrt geblieben war.


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Auf dem Deckel war eine Inschrift eingemeißelt, und die Umstehenden lasen die Worte:


»LAGAO BERNARDO DE LORMAS G.c.d.P.«


Wieder schrieb Hoffmann, welcher sehr gut über die einstigen Verhältnisse Callagos orientiert sein musste, auf seiner Tafel und erklärte den Gefährten, wer der Gestorbene gewesen sei.

»Der ehemalige Generalkapitän, der spanische Gouverneur der Philippinen, Lermas, hier begraben.«

Auf den Wink des Deutschen hoben zwei Matrosen den Steinsarg empor und trugen ihn dem Ausgange des Friedhofes zu. Hätten sie dies oben auf der Erde tun sollen, wäre er ihnen zu schwer gewesen, sie hätten ihn nicht einmal aufheben können, aber bekanntlich vermindert sich im Wasser das Gewicht eines Körpers ganz bedeutend und zwar um so viel, als er Wasser verdrängt, und da der Stein sehr dünne Wände besaß, wasserdicht abschloss, also inwendig mit Luft gefüllt war, so konnte er ohne Anstrengung von den zwei Männern davongetragen werden.

Hoffmann führte die Gesellschaft auf einem anderen Wege nach der Stelle zurück, wo sie die Drähte gelassen hatten, aber der Marsch dahin sollte noch mehrere Male unterbrochen werden, und zwar durch drohende Gefahren. Der Ingenieur blieb plötzlich stehen, drehte sich um, hob die Hand empor zum Zeichen, auf ihn zu achten und ließ sich dann auf den Rücken zu Boden sinken, die elektrische Büchse in Bereitschaft setzend.

Die anderen folgten sofort seinem Beispiel, und bald sahen sie, was jener schon vorher bemerkt hatte.

Über ihnen wurde es dunkel, das Licht fand nicht mehr den Weg zu ihnen herab, denn eine Unzahl großer Fische schwamm vorbei, der Zug wollte gar nicht enden. Die ersten schwammen sehr hoch, die letzten aber tiefer, und die den Zug schließenden so tief, dass man sie deutlich erkennen konnte — es waren riesige Haifische.

Schon waren sie fast vorbei, als der letzte, ein Ungeheuer von fünf Meter Länge, die Gestalten am Boden liegen sah, umkehrte und blitzschnell auf Hoffmann zuschoss.

Die Situation war eine gefährliche, denn der Fisch hatte nicht nötig, sich erst umzuwälzen, er konnte seine Beute sofort fassen, und seine Bewegung war eine so schnelle, dass man ihr kaum folgen konnte.

Aber der Hai erreichte trotz der blitzschnellen Bewegung den am Boden liegenden Ingenieur nicht, ein Strahl, aus vielen Bläschen zusammengesetzt, entquoll dem Laufe seines Gewehres, der Fisch zuckte noch einmal zusammen und sank dann langsam, bewegungslos auf den Grund — die Glaskugel hatte ihn erreicht, war zerplatzt und hatte dieselbe Wirkung hervorgebracht, als wenn der Fisch von einem Blitzstrahl getroffen worden wäre.

Die übrigen Tiere waren nicht mehr zu sehen, der Ingenieur sprang daher auf, ebenso seine Gefährten, und der Marsch wurde fortgesetzt.

Der Weg führte an einem Steinhäuschen vorbei, welches noch sehr gut erhalten war. Es besaß sehr große Türen und Fenster, welche fast die ganzen Wände einnahmen.

Hoffmann war schon vorbeigeschritten, als er noch einen Blick hineinwarf und dann plötzlich hastig zurücksprang, das Messer aus dem Gürtel riss und die beiden Mädchen, zurückdrängte. Er hatte eine furchtbare Gefahr entdeckt, von welcher er verschont geblieben wäre, wenn er weitergegangen wäre, welche aber den Nachfolgenden verderblich werden musste. Da er aber nun umkehrte, brachte er sein eigenes Leben in Gefahr.

Ein dicker, fleischiger Arm, wohl zwanzig Zentimeter im Durchmesser mit großen warzenähnlichen Saugnäpfen versehen, streckte sich etwa fünf Meter weit durch eins der Fenster heraus, und ehe der Ingenieur ihm entfliehen konnte, war er gepackt worden — das Tier hatte sich an dem Körper des Mannes festgesaugt.

Doch nur für einen Augenblick sahen die vor Schrecken Erstarrten ihren Anführer in dieser Lage, im nächsten fuhr das Messer des Ingenieurs über den Arm und das abgeschnittene Stück sank zu Boden — er war frei.

Keiner der Gefährten war sich darüber unklar, mit was für einem Tiere man es hier zu tun hatte, In dem weitfenstrigen Hause hatte sich ein riesenhafter Polyp festgesetzt und lauerte auf Beute, die er mit den Fangarmen ergriff, an sich zog und fraß.

Der Polyp gehört zu einer eigentümlichen Gattung von Seetieren, er ist, so lange er schwimmt, eigentlich eine formlose Masse, die verschiedene Gestalt annimmt. Er besitzt keine Knochen, sondern besteht nur aus einer Art Gallert. Seine Nahrung verschafft er sich mit Hilfe der Fangarme, von denen die einzelnen Arten von Polypen — es gibt deren sehr viele — eine verschiedene Anzahl besitzen, bei allen aber sind sie vorn mit Saugwarzen versehen, mit denen sie sich an vorüberschwimmende Fische festsaugen, diese an sich heranziehen, mit den Armen umschließen und in dieser Weise auch verzehren, ohne eigentlich ein Fresswerkzeug zu besitzen — die Saugnäpfe sind zugleich Verdauungsorgane.

Obgleich der Polyp ganz weich ist, besitzt er doch eine ungeheure Muskelkraft, es ist durchaus keine Sage, wenn behauptet wird, dass schon Personen von Polypen aus dem Boote gehoben worden sind. Solcher Kopffüßler gibt es eine große Menge; der bekannte Tintenfisch ist ein solcher, aber nur ein kleiner, und dass man größere nicht oft fängt, kommt daher, dass diese Riesen ihrer Gattung nur in größeren Tiefen leben. Dennoch ereignet es sich manchmal, dass ein solcher, besonders nach einem Sturm, aufs Land verschlagen wird, aber dann sofort wieder in sein Element zurückzukehren sucht.

Man darf überhaupt nicht an der Existenz von Seeungeheuern zweifeln, weil man sie nicht sieht, die großen Tiefen, wie es zum Beispiel eine solche bei China von sechstausend und mehr Metern gibt, beherbergen jedenfalls Tiere, welche kolossal groß gebaut sein müssen, um den Wasserdruck ertragen zu können. Aber es kommt doch manchmal vor, dass ein Menschenauge ein solches Wunder zu schauen bekommt. So strandete vor etwa dreißig Jahren in einer Bucht der Nordsee ein riesenhafter Polyp, welcher die ganze Bucht einnahm, aber nicht lange gehalten werden konnte, weil er sofort starb und in Verwesung überging. An der Küste von Labrador (brit. Nordamerika) fanden Fischer den gegen zehn Meter langen Arm eines solchen Meerungeheuers, und noch jetzt kann man im zoologischen Museum zu Paris ein etwa ein Meter langes Horn sehen, welches im hölzernen Kiel eines Schiffes steckend gefunden wurde. Dieses hatte nachts im freien Fahrwasser plötzlich einen furchtbaren Stoß erhalten, sodass die Besatzung glaubte, es wäre auf einen verborgenen Felsen oder auf ein gesunkenes Wrack gelaufen. Im Dock fand man dann dieses Horn, welches jedenfalls einem bisher unbekannten Tier gehört hatte.

Hat man auch nicht nötig, jedem zu glauben, der eine meilenlange Seeschlange gesehen haben will, eine Tatsache ist es doch, dass es Polypen, Krebse und andere Seetiere von riesenhaften Dimensionen gibt. Nicht nur Seeleute können davon erzählen, selbst wissenschaftliche Bücher führen oft Beispiele an, dass solche Tiere erblickt worden sind, und manche Museen sind im Besitze von Teilen derartiger Ungeheuer.

Kapitän Hoffmann hatte sich also durch einen Messerschnitt von dem saugenden Arme befreit, er drängte die Nachkommenden noch mehr zurück und beriet mit seinen Matrosen in einer nur ihnen bekannten Fingersprache das Weitere. Man hätte zwar einen anderen Weg einschlagen können, aber dieser war der kürzeste, und Hoffmann beschloss demnach, die Gesellschaft an dem Ungetüm vorbeizuführen, obgleich sich jetzt drohend aus allen Türen und Fenstern lange Arme herausreckten, begierig, die seltene Beute zu erfassen.

Die Messer wurden bereit gehalten, und, die beiden Mädchen an der Außenseite schützend, setzten die Männer sich hintereinander durch die enge Gasse in Bewegung. Der Sarg wurde von zwei Matrosen getragen, der dritte, wie die Engländer sorgten dafür, dass die Leute nicht von den Fangarmen ergriffen wurden.

Wohl gelang es dem Polypen ab und zu, einen der Männer zu packen, aber immer trennte das haarscharfe Messer den Arm vom Rumpfe, und noch ehe der Zug diese Höhle des unheimlichen Raubtieres passiert hatte, gab der Polyp seine Versuche auf, er streckte keine begehrlichen Arme mehr heraus, oder aber, sie waren ihm vielleicht alle abgetrennt wurden.

Diesmal musste Lord Harrlington an den Ingenieur eine Frage stellen.

»Warum haben wir den Polypen nicht geschossen?«, schrieb er auf die Tafel.

»Die Glaskugeln finden keinen Widerstand an dem weichen Körper, sie zerplatzen nicht, sind also wirkungslos«, war die Antwort.

Bald war der Platz erreicht, wo der Taucher mit den Drähten warten sollte, wer aber beschreibt das Entsetzen aller, als sie wohl die Drähte und die beiden Taue noch im Wasser hängen sahen, der Taucher aber verschwunden war. Hoffmann befestigte sofort die Drähte an seinem Apparat, derselbe funktionierte, der Deutsche bekam auf seine Anfrage Antwort und teilte dieselbe den anderen mit.

Der Taucher hatte sich nicht nach oben begeben, sein letztes Telegramm war gewesen: »Ich muss ...« dann war der elektrische Strom plötzlich unterbrochen worden, der Mann muss durch irgendetwas von den Drähten fortgerissen worden sein, oder er hatte sich selbst davon abgelöst. Letzteres war wahrscheinlicher, denn Hoffmann fand, dass die Schrauben des Drahtes, mit dem der Vermisste verbunden gewesen war, unbeschädigt geblieben waren.

Was aber hatte den Mann veranlasst, diesen Platz aufzugeben, sich selbst von der Verbindung mit oben zu befreien? War er von einem Tier bedroht worden und hatte er deshalb die Flucht ergriffen?

Da sah Harrlington einen stählernen Gegenstand nicht weit entfernt auf dem Boden liegen, es war die weggeworfene Büchse des Tauchers. Schon wollte der Lord daraufzu eilen und sie aufheben, als Hoffmann, der den Gegenstand seiner Aufmerksamkeit jetzt ebenfalls gesehen hatte, ihn am Arme ergriff und daran hinderte. »Bleiben Sie und die anderen Herren, sowie die Damen hier«, schrieb er auf, »ich und die drei Taucher kommen aber gleich zurück.«

Hoffmann überlegte noch eine kurze Zeit, gab dann seinen drei Leuten einen Wink und schritt der Richtung welche der Vermisste, wie die fortgeworfene Waffe, genommen haben musste.

Man hatte sich auf einem kleinen Platze befunden, der Weg, den Hoffmann mit seinen Matrosen einschlug, führte direkt in eine Gasse hinein. Diese wollte er durchstreifen, und fand er den Mann nicht, so wollte er erst seine Gefährten an die Oberfläche bringen, sich selbst mit einem neuen Luftkasten versehen und andere Leute mitnehmen, denn man war nun fast drei Stunden unter Wasser, um dann das Suchen abermals und gründlicher vorzunehmen.

Hoffmann hatte die Leistungsfähigkeit des Skaphander auf fünf Stunden angegeben, aber es verhielt sich anders, ein Mann konnte in diesem Taucherkostüm bald die doppelte Zeit aushalten, allerdings in einem Zustande, der wenig beneidenswert war. Die nach dem Vermissten Suchenden waren vom Glück begünstigt, sie kamen eben zur rechten Zeit, ihren Genossen vom sicheren Tode zu retten. Sie fanden ihn in einer Lage, die ihn unfähig machte, den Ort, nach dem er rasch geflüchtet war, zu verlassen.

Die drei Männer waren noch nicht weit gegangen, als sie plötzlich zwischen zwei eng zusammenstehenden Häusern eine dunkle Masse sich bewegen sahen, um welche etwas wie von unzähligen Bindfäden hin- und herwogte.

Die Matrosen waren sich noch nicht klar, was für ein großes Tier dies sei, aber der Ingenieur erklärte ihnen bald, dass es ein vielarmiger Polyp wäre, der dort wie festgekeilt in der Häuserspalte saß. Das Tier war nicht so groß, auch besaß es nicht so ungeheuer dicke Fangarme wie das vorhin Gesehene, aber statt sieben oder acht, züngelten wohl über hundert davon im Wasser hin und her, blitzschnell schossen sie umher, wurden zurückgezogen und schnellten dann plötzlich vor, dass man ihren Bewegungen kaum folgen konnte.

Etwas anderes aber war es, was die vorsichtig Näherkommenden mit großer Freude erfüllte. Der Polyp war nicht zufällig hierhergeraten, er hatte sich hierher gelegt, um auf eine Beute zu lauern, die ihm vorher durch schleunige Flucht entgangen war — auf den vermissten Taucher.

Man konnte den Mann durch das Fenster in einer Ecke des Hauses mit dem Messer in der Hand stehen sehen, den Angriff des Polypen erwartend, aber er hatte einen solchen nicht zu fürchten, denn die Fangarme des Tieres konnten ihn nicht erreichen, und der Körper war zu mächtig, um ihn durch das kleine Fenster zu drängen.

Ohne die Dazwischenkunft der Gefährten wäre der Mann verloren gewesen, denn ehe er die Hunderte von Fangarmen abgeschnitten, wäre er längst erdrückt gewesen. Nur durch Flucht hatte er sich retten können, denn der Polyp schwimmt langsam, und daher konnte sich der Mann auch hier verbergen, um sich wenigstens nicht zu weit von dem Platze zu entfernen, wo er erwartet wurde. Aber eine Falle war es, in der er sich befand — er konnte den Zufluchtsort ohne fremde Hilfe nicht wieder verlassen.

Schnell berieten sich die Männer, wie gegen das Ungetüm vorzugehen sei. Das Gewehr konnte nicht gebraucht werden, einige abgesandte Glaskugeln hatten nur den Erfolg, dass das Tier wütend mit den Armen um sich schlug, ohne seinen Standpunkt aufzugeben oder zu verändern.

Schon waren sie sich darüber einig, dass es kein anderes Mittel gäbe, als dem Ungeheuer mit dem bloßen Messer auf den Leib zu rücken und es zum Weichen zu bringen — standen sie sich einander kaltblütig bei, so war dieser Kampf kein so sehr gefährlicher, er musste schließlich zu ihren Gunsten ausfallen — als das Tier plötzlich selbst einen ähnlichen Entschluss fasste. Durch den Anblick der vier Männer gereizt oder vielleicht auch die neue Beute jenem vorziehend, ging es selbst auf sie los. Langsam setzte es sich in Bewegung. Es streckte die vorderen Fangarme so weit wie möglich aus, saugte sich am Boden fest, zog sich heran, löste die Arme und streckte sie wieder aus, auf diese Weise sich fortbewegend, etwa so schnell, wie ein Mann gehen kann.

Natürlich ließen die vier Taucher das Tier nicht erst an sich herankommen. Hoffmann deutete dem aus seiner Gefangenschaft befreiten Matrosen an, welchen Weg er einschlagen sollte, und eilte dann selbst mit seinen Gefährten dieser Richtung zu, dicht an dem Ungetüm vorüber, welches vergeblich seine hundert Arme begehrlich nach der entschlüpften Beute ausstreckte und dieser nachzufolgen suchte.

Auf einem Umwege liefen die Männer dem Versammlungsort zu, wer aber beschreibt ihren Schrecken, als sie, ebenso wie das erste Mal, die Drähte verlassen fanden! — Auch die zurückgebliebenen sechs Personen waren verschwunden!

Das erste war, dass Hoffmann nach oben telegrafierte, ob die Leute im Boot eine Nachricht erhalten hätten, und der erste Teil der Depesche enthielt auch eine erfreuliche Mitteilung. Er lautete:

»Die Herren sind oben angelangt.«

Also hatten sie sich aus irgend einem Grunde auf die Weise, wie ihnen Hoffmann angegeben, an die Oberfläche treiben lassen. Wo aber, waren die Mädchen? Was hatte sie veranlasst, dem Beispiele der Engländer nicht zu folgen? Wo waren sie jetzt? Wahrscheinlich noch unterwegs! Sie trieben noch nach oben, denn sie hatten die leichtesten Apparate, und Hoffmann hatte sich schon Vorwürfe gemacht, ihnen so schwere Sohlen gegeben zu haben, aber dies war nötig gewesen, denn sonst wäre ihnen der Gang auf dem Meeresboden zu beschwerlich geworden. Die Taue und Drähte hingen noch da, also mussten sie sich durch das Füllen der Luftblase nach oben haben treiben lassen.

»Wo sind die Damen?«, telegrafierte Hoffmann hinauf.

»Sie sind noch nicht oben«, kam die Antwort zurück.

Nach einigen Minuten fragte der Ingenieur nochmals an, aber der Bescheid lautete ebenso. Entweder ging ihre Aufwärtsfahrt, zu welcher sie etwa zehn Minuten brauchten, sehr langsam von statten, oder sie waren unterwegs stecken geblieben, oder auch, und das war die schlimmste Befürchtung, sie hatten die Fahrt überhaupt noch nicht angetreten und befanden sich noch auf dem Meeresboden.

Hoffmann musste sich darüber Gewissheit verschaffen.

Er verständigte seine Leute, mit ihm zu kommen, befestigte die Drähte am Apparat, öffnete ein Ventil und sofort strömte aus dem Kasten Luft in zwei Blasen, welche sich zusammengefaltet auf Brust und Rücken eines jeden Tauchers befanden. Kaum fingen sie an, von der Luft geschwellt zu werden, so wurden die Männer emporgehoben, und als die Behälter völlig gefüllt waren, fuhren die Taucher mit der größten Schnelligkeit nach der Oberfläche des Meeres empor. Sie spähten scharf aus, ob sie die Gestalten der beiden Mädchen sehen konnten, aber sie erblickten dieselben nicht, und doch wären sie ihnen sicher nicht entgangen, wenn sich dieselben noch unterwegs befunden hätten.

Hoffmann erschien zuerst über dem Wasser, es wurde ihm ins Boot geholfen, ebenso den Nachfolgenden. Die vier Engländer waren schon des Kostüms entledigt und harrten mit angstvollen Gesichtern der Kundschaft, welche ihnen der Ingenieur bringen würde.

»Wo haben Sie die Damen verlassen?«, fragte Hoffmann, welcher sich nur den Glasballon, nicht aber, wie die anderen schon erschöpften Taucher, den Skaphander hatte abnehmen lassen, den Lord Harrlington.

»Unten bei den Drähten«, erwiderte der halbverzweifelte Lord, »wir warteten Ihrer Rückkehr. Als sie aber nach einer halben Stunde noch nicht zurück waren, beschlossen wir, wenigstens die Drähte anzulegen, um uns mit Ihrem Boote verständigen zu können. Eben wollten wir dieselben uns gegenseitig festmachen, als wir plötzlich eine Unzahl riesiger Polypen auf uns zukriechen sahen. Offen gestanden, wir verloren etwas die Fassung, die Kugeln nützten nach Ihrer eigenen Aussage nichts, zum Kampf mit dem Messer waren es zu viele Tiere, und so einigten wir uns, mit Hilfe der Luftblasen schnell an die Oberfläche emporzusteigen. Schon waren die Tiere ganz nahe, wir hatten keine Zeit mehr, die Drähte anzulegen, sondern ließen uns sofort emportreiben.«

»Die Damen haben Sie nicht an den Tauen befestigt?«, unterbrach ihn der Ingenieur.

»Nein, auch dazu war es zu spät! Doch folgten auch sie unserem Beispiele, ich selbst sah, wie Miss Petersen sowohl, wie Miss Lind, auftrieben, anfangs waren sie dicht neben mir, aber bald, ich weiß nicht, woher es kam, vermehrte sich meine Schnelligkeit, wie auch die der anderen Herren, die beiden Damen blieben zurück.«

»Sie hätten Ihre Fahrschnelligkeit vermindern können«, sagte Kapitän Hoffmann, »wenn Sie etwas Luft ausströmen ließen. Die Apparate der Damen waren leichter, ihre Sohlen aber ebenso schwer, wie die Ihren.«

»Ich wusste nicht genügend damit umzugehen«, gestand Harrlington offen, »auch war ich fest überzeugt, dass die Damen etwas später nachkommen würden.«

»Es ist jetzt unnütz, darüber zu sprechen«, meinte Hoffmann ernst und zog die Uhr — er war der einzige, welcher seine Fassung behalten hatte, die Gesichter der anderen, selbst die seiner Matrosen, drückten Angst und Bestürzung aus — »die Damen sind jetzt gerade vier Stunden und zehn Minuten im Wasser, fünfzig Minuten können sie noch gut atmen.«

»Und dann?«, rief Harrlington in heller Verzweiflung. »Kapitän Hoffmann, schnell, geben Sie mir einen anderen Skaphander, wir wollen wieder nach unten gehen und sie suchen.«

»Einige Minuten noch«, wehrte Hoffmann ab, »ein Erstickungstod ist noch nicht zu befürchten. Ich sagte Ihnen zwar, der Apparat enthielte nur für fünf Stunden Luft, aber ich tat dies nur aus Vorsicht. Eine richtige Atmung ist allerdings nur für fünf Stunden möglich, nach dieser Zeit aber springt der Mechanismus um, er arbeitet dann noch für drei Stunden so, dass dem Taucher gerade die zum Leben notwendige Luft zugeführt wird. Ist dies auch nicht gesund, so reicht es doch eben hin, um ihn am Leben zu erhalten. Herr Anders«, wandte er sich an den mit im Boote befindlichen Hilfsingenieur, »rüsten Sie zwei Matrosen«, er nannte ihre Namen, »mit Skaphandern aus und geben Sie mir einen neuen Luftkasten. Ich werde nach den Vermissten suchen, weit können sie nicht sein.«

»Wir gehen mit Ihnen«, riefen Lord Harrlington und die anderen im Boote befindlichen Herren. Das Boot lag nicht weit vom ›Blitz‹ entfernt.

»Sie bleiben!«, sagte Hoffmann in einem Tone, welcher keinen Widerspruch zuließ. »Herr Anders, sorgen Sie dafür, dass die auf dem Meeresgrunde befindlichen Gegenstände, darunter ein Steinsarg, emporgehoben werden.«

Einige Minuten später trat der Ingenieur, mit neuem Luftkasten ausgerüstet, nebst zwei anderen Matrosen nochmals die gefährliche Reise an. Niemand sah ihm an, welche Angst sein Herz durchwühlte. Sein Äußeres war völlig ruhig, das Gesicht, die Stirn zeigten keine Falte, und sein Auge blickte so klar wie immer. Alles an ihm war Kraft, Kaltblütigkeit und Überlegung.

Ein schmerzliches Gefühl durchbebte die Engländer, als sie die drei Männer in den Fluten verschwinden sahen; wie gern wären sie gefolgt, aber sie sahen ein, dass ihre Körper, sehr erschöpft und geschwächt, nicht noch einmal drei Stunden unter Wasser hätten aushalten können.

Würden die Retter bald zurückkommen? Allein oder mit den Damen? Vielleicht mit deren ....? Sie wagten nicht, diesen Gedanken auszudenken.

Das einzige, was ihnen Mut einflößte, war das Verhalten Hoffmanns. Wäre er auch nur unruhig gewesen, hätte auch er Besorgnis gezeigt, so würde sich ihre Angst bald in Verzweiflung verwandelt haben, aber das sichere Benehmen des Ingenieurs flößte ihnen Hoffnung ein. Auch sein Hilfsingenieur, Herr Anders, obgleich selbst etwas aufgeregt, versicherte wieder und wieder, der Kapitän würde die Damen unbedingt wiederbringen, ob tot oder lebendig, das wagte er allerdings nicht auszusprechen, und er führte als Trost verschiedene Beispiele an, wie vermisste Taucher immer wieder gesund und wohlbehalten zurückgebracht worden seien.

Die Herren hörten nur mit halbem Ohre zu; die Uhren in den Händen starrten sie fortwährend auf die Wasserfläche, jeden Augenblick das Erscheinen von drei, nein, von fünf Taucherhelmen erwartend.

Aber Minute verrann auf Minute, sie wurden ihnen zu Stunden, die erste ihnen zur Ewigkeit gewordene Stunde verstrich, und noch kräuselte sich nicht das Wasser.

»Eine Stunde«, stöhnte Lord Harrlington, und seine verzweifelten Blicke begegneten denen der Gefährten.

»Die zweite Stunde ist vorbei«, seufzte Sir Williams sechzig Minuten später, »nur noch eine Stunde, dann ist die Luft zu Ende. Mein Gott, mein Gott!«

Starr richtete Harrlington die Augen auf seine Uhr, aber wie sehr er auch den Blick auf den Zeiger heftete, derselbe ließ sich in seinem Laufe nicht aufhalten.

»Drei Stunden!«, schrie Harrlington förmlich auf und ließ sich ächzend auf die Ruderbank fallen.

Der Ingenieur warf einen mitleidigen Blick auf den händeringenden Lord, er ahnte, warum seine Angst um die Mädchen in Verzweiflung ausartete.

»Wir haben noch Hoffnung«, sagte er leise. »Fünfzig Minuten halten die Skaphander noch aus.«

»Geben Sie mir einen Skaphander!«, rief Lord Harrlington außer sich. »Schnell, schnell, einen Skaphander! Zum Teufel, Mann, zögern Sie nicht. Einen Skaphander!«

»Sie bekommen ihn nicht«, antwortete der Ingenieur dem sich wie wahnsinnig Gebärdenden fest. »Sie können nichts helfen und würden vielleicht Herrn Hoffmann gar nicht finden. Wer weiß, wo er sich jetzt befindet.«

»Einen Skaphander will ich haben«, schrie aber Harrlington und wollte einen Apparat vom Boden aufheben, um sich ihn anzulegen. »Schnell, ich muss hinunter, koste es, was es wolle, helfen Sie ihn mir anlegen, schnell, schnell!«

»Sie bleiben hier, Lord«, entgegnete Anders mit finster gerunzelter Stirn und trat auf den Apparat, den Harrlington schon halb in die Höhe gehoben hatte, sodass er ihn wieder fallen lassen musste.

Aber Harrlington war ganz von Sinnen, die Angst um seine Geliebte verdrängte jedes andere Gefühl, mit einem heiseren Wutschrei stürzte er sich auf den Ingenieur, hob ihn wie ein Kind in die Höhe und wollte ihn schon über Bord schleudern, als einige Matrosen ihm in den Arm fielen.

Gleichzeitig ertönte ein heller Jubelruf aus Williams Munde:

»Sie kommen!«


Illustration

Wie gelähmt fiel Harrlington in dem heftig schwankenden Boote auf eine Bank und sah eben noch einen Taucherhelm über dem Wasser erscheinen.

Ihm folgte ein zweiter, aber noch nicht der Hoffmanns, denn dieser war, als der größte, sofort erkenntlich. Aber nicht lange dauerte es, so teilte sich nochmals das Wasser, und die letzten drei kamen dicht nebeneinander zum Vorschein. Alle waren ohne Drähte, auch die der zuletzt erscheinenden Taucher.

Anders hatte es den Engländern verschwiegen, dass er an dem Apparate wohl erkannt hatte, wie plötzlich der elektrische Strom unterbrochen wurde, dass die Drähte also gelöst worden waren, um nicht neue Angst hervorzurufen.

Die beiden ersten waren schon im Boot, als Hoffmann den beiden Mädchen, welche er hinten am Gürtel gefasst hatte, ebenfalls hineinhalf. Die Helme wurden ihnen abgeschraubt, zwei bleiche, farblose Gesichter mit geschlossenen Augen blickten den Umstehenden entgegen.

Während sich Hoffmann mit Johanna beschäftigte, bog sich Lord Harrlington dicht über Ellen, so dicht, dass sein Mund ihre kalten Lippen berührte, aber er achtete nicht darauf, er fühlte nur den warmen Atemhauch.

»Sie lebt!«, rief er außer sich vor Freuden.

»Auch Miss Lind«, entgegnete Hoffmann.

* * * * *

III.8. Von Polypen belagert

Die Engländer waren wirklich nicht schuld daran gewesen, dass die beiden Mädchen auf dem Boden zurückgeblieben waren, hätten sie und ganz besonders Harrlington, geahnt, dass dieselben nicht mitkamen, so wären sie ihnen zur Seite geblieben oder beim Bemerken ihres Fehlens sofort wieder umgekehrt, trotz der fürchterlichen Gefahr, die ihnen unten drohte.

Es war alles so geschehen, wie Harrlington in kurzen Worten dem Ingenieur erzählt hatte.

Nicht lange hatte sich Hoffmann mit seinen drei Matrosen entfernt gehabt, als die bei den Drähten Wartenden durch eine Handbewegung von Williams aufgefordert wurden, nach einer bestimmten Richtung zu blicken.

Zu ihrem Schrecken sahen sie da einige formlose Klumpen, wohl zwei Meter hoch und breit, angekrochen kommen, und, so undeutlich die Gestalten sich im Wasser ausnahmen, an den umhergreifenden Armen erkannte man sie doch sofort als Polypen, welche sich direkt auf sie zu bewegten.

John Davids war der erste, welcher sein Gewehr in Bereitschaft setzte, aber sofort teilte ihm Harrlington mit, dass nach Aussage des Ingenieurs die elektrischen Glaskugeln bei dem weichen Körper der Tiere keine Wirkung erzielten, und alle sahen ein, dass sie sich nur durch schleunige Flucht retten konnten.

Es mochten wohl gegen zehn Ungeheuer sein, welche sich ihnen näherten, also zu viele, um daran denken zu können, ihnen mit dem Messer erfolgreich gegenüberzutreten, aber sie hofften auch nicht, ihnen durch Flucht entgehen zu können, denn das Wasser täuscht in der Entfernung sehr. Alle glaubten, die Tiere kämen bedeutend schneller heran, als es wirklich war. In der Tat waren sie auch schon nahe, und es war die höchste Zeit zu fliehen, wollte man nicht in ihrer Umarmung erdrückt werden.

Unbekannt mit dem Umstande, dass die Polypen sich nicht schnell fortbewegen konnten, waren sofort alle mit Harrlingtons geschriebenem Vorschlage einverstanden, sich durch Benutzung der Luftblasen in die Höhe heben zu lassen. Es war anzunehmen, dass ihnen die Tiere nicht folgten, und war es der Fall, so konnte man sich während der Auffahrt noch immer mit der Waffe wehren.

Es war keine Zeit mehr, die Drähte oder den Mädchen die Taue anzulegen, die Ventile wurden geöffnet, zischend fuhr die Luft aus einem besonderen Teile des Kastens in die Blasen, diese füllten sich, und gleichzeitig wurden alle von der sich ausdehnenden Luft nach der Oberfläche emporgetragen.

Ellen befand sich in der Mitte zwischen Harrlington und Davids, dicht neben ihnen, plötzlich aber merkte sie, wie ihre Fahrt gehemmt wurde. Ihre Nachbarn stiegen höher, sie selbst folgte langsamer, dann war es ihr, als ob sie stillstände, und schließlich merkte sie, dass sie wieder langsam zu Boden sank, erkannte zu ihrem Entsetzen, dass die Blasen immer dünner wurden, weil aus einem ihr unbekannten Grunde die Luft daraus entwich.

Sie schrie laut auf; der Ruf in dem engen Glasballon schmetterte ihr in den Ohren, aber er drang nicht heraus, sie versuchte die Blase noch einmal zu füllen, aber umsonst, es ging nicht. Dieselbe war entweder beschädigt, oder der Mechanismus funktionierte nicht mehr. Sie sank immer tiefer.

Ellen sah, wie die Gestalten der fünf anderen über ihrem Kopfe immer kleiner wurden, sie hatten also ihr Zurückbleiben nicht bemerkt, und Verzweiflung bemächtigte sich ihres Herzens.

Plötzlich aber fasste sie wieder Mut, sie sah, wie wenigstens eine Gestalt sich wieder vergrößerte, also zu ihr herabkam, und zwar sehr schnell, denn die Blasen ihres eigenen Apparates waren noch immer mit etwas Luft angefüllt, aus denen des herabkommenden Tauchers dagegen musste sie vollständig herausgelassen worden sein.

Bald war der Taucher neben ihr, und Ellen erkannte nicht nur anfangs an dem kleinen Apparat, sondern dann auch durch einen Blick in den Glasballon, dass es niemand anders war, als Johanna, die das Zurückbleiben ihrer Freundin bemerkt hatte und sofort wieder umgekehrt war, um bei ihr zu bleiben.

Kaum fühlten beide den Boden wieder unter den Füßen, so ergriff Johanna Ellen bei der Hand und zog sie so schnell wie möglich fort.

Es war ein Glück gewesen, dass zwischen ihrem Aufstieg und der abermaligen Landung einige Zeit verstrichen war, sonst wären sie direkt in die Arme der raubgierigen Polypen geraten, so aber hatten diese, als sie sahen, dass die erwartete Beute sich entfernte, ihren Weg fortgesetzt; und Ellen und Johanna erreichten eine Strecke hinter ihnen den Meeresboden. Kaum aber erblickten die Tiere die beiden Gestalten, so änderten sie ihre Richtung, als hätten sie überall Köpfe und Augen, und krochen wieder zurück.

Jetzt mussten die Mädchen fliehen; Hand in Hand eilten sie davon, so schnell sie konnten, und nach einigen Minuten schon hatten sie wenigstens den Trost, zu sehen, dass ihnen die Polypen nicht folgen konnten — sie blieben zurück.

Als sie die Tiere aus den Augen verloren hatten, hielten sie in ihrem hüpfenden Laufe ein, näherten sich einander und sahen sich in die erhitzten Gesichter.

Johanna war die erste, welche nach dem Schiefertäfelchen griff und an ihre Freundin die Frage stellte:

»Können Sie sich nicht erheben?«

»Nein«, ließ Ellen den Griffel mit zitternden Händen antworten, »mein Apparat funktioniert nicht mehr.«

Johanna versuchte, ob sie den Fehler an dem Apparate ihrer Freundin entdecken könne, aber umsonst, die Blasen füllten sich nicht zum zweiten Male.

»Steigen Sie wieder empor und sagen Sie es Hoffmann, ich warte hier auf dieser Stelle«, schrieb Ellen auf die Tafel.

Johanna überlegte. Es war wirklich das Beste, denn sich nach den Drähten zurückzubegeben und zu telegrafieren, war mit Gefahr verbunden, vielleicht hielten sich die Polypen noch dort oder in der Nähe auf.

Das Mädchen öffnete das Ventil, welches die Gummiblasen füllte, aber vergebens, auch bei ihr kam keine Luft mehr. Hoffmann hatte ihnen gesagt, dass man durch das Öffnen dieses Ventils die Blasen mit Luft füllen und sich emporheben könne, aber nicht, dass es nur einmal möglich sei, denn mehr Luft war in jenem separaten Teile des Kastens nicht vorhanden. Wohl konnte diese Luft von dem mitgenommenen Luftvorrat ersetzt werden, aber damit waren die Mädchen nicht bekannt.

»Auch mein Apparat funktioniert nicht mehr«, schrieb Johanna, »wir müssen nach den Drähten zurück und um Hilfe telegrafieren.«

Ellen sah ein, dass es kein anderes Mittel gäbe.

Wie Johannas Herz, so beschlich auch das ihrige eine Bangigkeit, wenn sie die Uhr ansah, welche anzeigte, dass sie den Apparat bereits vier Stunden benutzt hatte, es war die Zeit, nach welcher sie, dem Rate Hoffmanns gemäß, schon nach der Oberfläche zurückkehren sollten. Noch hatten sie eine Stunde Zeit — was dann?

Ellen schauderte. Sie schlug die Richtung ein, welche nach den Drähten führte, wurde von Johanna aber an der Hand gefasst und zurückgehalten.

Johanna schüttelte einige Male verneinend den Taucherhelm hin und her und zeigte dann gerade nach der entgegengesetzten Richtung.

Ellen wusste nicht, was ihre Freundin meinte.

»Wollen Sie zu den Drähten zurück?«, fragte sie.

»Ja.«

Ellen deutete nach ihrer Richtung, aber wieder schüttelte Johanna energisch den Kopf und zeigte entgegengesetzt. Die beiden Mädchen waren verschiedener Meinung über den Weg, den sie gekommen waren.

»Kommen Sie mit mir, Sie sind im Irrtum«, schrieb Ellen.

»Ich täusche mich nicht«, war die Antwort, »wir kommen dort am Korallenbusch vorbei.«

»Dort steht auch einer!«, erwiderte Ellen.

»Aber nicht jener, den wir passierten.«

Noch mehrmals zeigten sie sich die beschriebenen Täfelchen vor, sie konnten sich jedoch über die einzuschlagende Richtung nicht einigen, Ellen behauptete, links, Johanna, rechts abgehen zu müssen.

»So kommen Sie doch«, war das letzte, was Ellen schrieb, und selbst den Schriftzügen konnte man ansehen, wie unwillig sie war. »Einige Schritte werden Sie überzeugen, dass ich recht gehabt habe.«

Johanna antwortete nicht mehr, sie fügte sich dem Eigensinn der Kapitänin, obgleich sie ganz bestimmt wusste, dass diese im Irrtum war. Hoffentlich merkte Ellen bald selbst, dass sie den verkehrten Weg einschlugen.

Beide gingen dahin, wo nach Ellens Meinung die Drähte liegen sollten; die Entfernung, die sie zurücklegten, war nach Johannas Berechnung schon eine größere, als sie vorher durchlaufen hatten, noch aber hielt Ellen in ihrem Marsche nicht inne.

Plötzlich blieb sie stehen, sah sich um und griff dann nach Tafel und Schieferstift.

»Etwas mehr nach links«, war alles, was sie schrieb.

Johanna verschmähte es, eine neue Einwendung zu machen; mit zitterndem Herzen folgte sie der angegebenen Richtung, es wurde ihr immer klarer, dass Ellen sich irrte.

Die Gegend nahm ein anderes Aussehen an. Der Meeresgrund war nicht mehr mit Steinen und Felsbrocken übersät, auch die Erdrisse hörten auf, er wurde ebener als zuvor, und vor ihnen zur rechten Hand tauchte eine grüne Fläche auf, seltsam anzusehen, fast wie ein Wald, nur, dass sein unterster und mittelster Teil ebenso grün wie sein oberer war.

Wieder blieb Ellen stehen, und Johanna erkannte an dem Gesichtsausdruck ihrer Freundin, dass diese jetzt auch zugeben musste, einen falschen Weg gegangen zu sein.

»Wir haben uns verirrt«, schrieb Ellen langsam, fast zögernd, »ich gestehe meine Schuld!«

»Folgen Sie mir, ich bin noch orientiert«, antwortete Johanna sofort.

Johanna war nicht im Irrtum gewesen, als sie in der von Ellen angegebenen Richtung eine falsche vermutete, doch war Ellens eigensinniges Bestehen auf ihrer Behauptung zu verzeihen, denn der Umkreis, in welchen man sehen konnte, war ein sehr geringer, und wirklich hatte es dort den Eindruck gemacht, als müsse man gehen, wie Ellen wollte.

Doch Johanna wurde nicht so leicht getäuscht, Sie gehörte zu jenen Personen, welche sich nie in einer Richtung irren, welche den einmal betretenen Weg immer wiederfinden, und welche selbst mit verbundenen Augen genau angeben können, wo Nord, Süd, Ost und West liegt. Es ist das ein Instinkt, der manchem angeboren ist, und der sich zum Beispiel bei allen Naturvölkern noch vorfindet.

Beschämt, sich ihres Unrechts bewusst, folgte jetzt Ellen ihrer Freundin. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben in den größten Wäldern und den ausgedehntesten Prärien nicht verirrt, daher war ihr Selbstbewusstsein gekommen, sie gestand sich aber jetzt, dass dies nur auf einer scharfen Beobachtungsgabe beruht habe, welche an Merkzeichen den Weg immer wiederfand. Hier, wo man nur einige Meter weit sehen konnte, war es anders.

Johanna ging nicht denselben Weg zurück, sie wusste ganz genau, wo sich die Drähte befanden, und, um direkt dahin zu gelangen, mussten sie eine Ecke des vor ihnen liegenden Waldes oder Gebüsches durchschneiden. Erst als sie dicht vor dem grünen Pflanzenwuchs standen, sahen sie, aus was dieser eigentlich bestand. Er war sehr hoch und setzte sich aus einer Art von lang aufgeschossenem Seetang zusammen, welcher an einigen Stellen eine Höhe bis zu vier Metern erreichte und unten ziemlich breit war.

Der Boden dieses unterseeischen Waldes war mit einem weichen, moosartigen Gewächs bedeckt, auf welchem zahlreiche größere und kleinere Schnecken und den Mädchen unbekannte, insektenartige Tiere, wie auch Spinnen, umherkrochen. Der Gang durch den Wald bot keine Schwierigkeiten, die Pflanzen standen weit genug auseinander.

»Wollen wir durch den Wald gehen?«, fragte Ellen, als Johanna dem Saume desselben zuschritt. Ein banges Gefühl bemächtigte sich des Mädchens, es scheute sich, diesen unterseeischen Wald zu betreten, in dem ihnen vielleicht neue Gefahren, scheußliche Ungetüme drohen konnten.

»Ja«, war die geschriebene Antwort, »keine Zeit mehr, ist der kürzeste Weg.«

Ellen folgte willig dem vorausschreitenden Mädchen, das die schwankenden Pflanzen auseinander bog und mit mutigem Schritt vorwärts strebte, Ihrem instinktiven Gefühle nach mussten sie in wenigen Minuten den gewünschten Platz erreicht haben.

Nur einmal wurde die Wanderung auf eine unliebsame Weise unterbrochen.

Eben war Johanna um einen Felsen von roten Korallen gebogen, als sie plötzlich zurücksprang und Ellen wegdrängte. Im nächsten Augenblicke kam ein riesiger Krebs hinter dem Korallenfelsen hervor, ebenso gestaltet, wie die anderen Seekrebse, aber wohl zwei Meter lang und einen halben Meter hoch. Die Scheren schienen befähigt zu sein, den stärksten Büffelknochen zu zerschneiden, und die hervorquellenden Augen, die auf die Mädchen gerichtet waren, hatten eine unheimliche Größe. Das Tier bewegte sich langsam auf die Mädchen zu, die Scheren auf- und zuklappend, den geschuppten, vielgliedrigen Schwanz hoch emporhaltend.

Weder Johanna, noch Ellen ergriffen die Flucht; diesem langsamen Tiere konnten sie sich noch immer entziehen, aber in beider Köpfe war sofort der Gedanke gewonnen, an diesem Tiere einmal die Wirkung der elektrischen Kugeln zu probieren; an dem harten Panzer mussten dieselben sofort explodieren.

Fast gleichzeitig entquollen beiden Gewehren blasige Strahle; gleichzeitig erreichten auch die Glaskugeln das Schalentier, und ihre Wirkung war eine überraschende. Sie konnten keinen Knall hören, sie sahen keine Stücke auffliegen — der Wasserdruck verhinderte das — aber im nächsten Augenblicke lag das riesige Tier geborsten auf dem Boden, der Panzer war in tausend Splitter zerbrochen.

Sie schritten über den ekligen Kadaver hinweg, und nun dauerte es nicht mehr lange, so hatten sie den Ausgang erreicht, sahen die Drähte und Taue noch immer im Wasser hängen, fuhren aber sofort wieder zurück, und verbargen sich hinter einem Korallenriffe, denn eben da, wo die Drähte waren, wimmelte es förmlich von Polypen. Der Ort, den Hoffmann als Versammlungspunkt bestimmt hatte, musste der gewöhnliche Aufenthaltsort der Tiere sein, und nur damals, als sie von ihm aus ohne Drähte weitergegangen waren, hatten die Tiere ihn eben einmal verlassen gehabt.


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Was war nun zu tun? Es war keine Möglichkeit vorhanden, an die Drähte zu kommen; wie riesige Drachen hielten die Polypen sie belagert. Sollten die Mädchen denn hier für immer von der Oberwelt abgeschnitten sein, auf dem Meeresgrunde zum ewigen Schlafe gebettet werden, ohne vorher noch einmal die freundliche Sonne, die Lebensspenderin der Erde, gesehen zu haben? Ihre Herzen krampften sich bei diesem Gedanken zusammen.

Es war nicht genug, dass sie nicht die Drähte erreichen konnten, einige Polypen mussten sie hinter dem Korallenfelsen hervortreten gesehen haben, denn die Ungeheuer verließen ihren Ruheplatz und krochen und wälzten sich dem Versteck der Mädchen zu.

Also verloren? Ellen warf noch einen Blick nach der im Ballon befindlichen Uhr, noch fünfundvierzig Minuten, dann war die Luft erschöpft, der Erstickungstod trat ein!

Doch jetzt galt es vor allen Dingen, der Umarmung jener weichen und doch so muskulösen Riesenarme zu entgehen, die Mädchen fassten sich wieder an den Händen, um sich ja nicht zu verlieren, und rannten, in den freien Händen die kleinen Gewehre, so schnell wie möglich durch den Wald, welcher sie weit überragte und sie bald den Augen ihrer Verfolger entziehen musste, wenn diese nicht noch von einem anderen Sinne als dem des Gesichtes geleitet wurden.

Plötzlich schwebte ein dunkler Schatten von oben auf sie herab; sie konnten die Gestalt, welche die Sonne verdunkelte, nicht erkennen, sie schwamm langsam in großen Kreisen um die beiden Mädchen herum. Diese blieben stehen, eine neue Gefahr schien ihnen zu drohen.

Wahrscheinlich war jenes große Tier ein Fisch, vielleicht ein Hai, der die Beute gespürt hatte; aber dann dachten sie wieder daran, dass die Haifische selten allein, vielmehr gewöhnlich in Schwärmen herumstreifen.

Mochte es sein, was es wolle, Johanna entsicherte die Büchse, hob sie und zielte auf das schwimmende Tier. Es war ein Glück, dass sie den Schuss nicht verzögert hatte, denn eben, als die Glaskugel dem Laufe entfuhr, kam der Fisch auf sie zugeschossen.

Sie konnten noch sehen, dass es ein Exemplar jener gewaltigen, äußerst gefährlichen Schwertfische war, dessen spitzes, meterlanges Horn von den Tauchern mehr als der Rachen des Haies gefürchtet wird, dann erreichte ihn die Kugel, und er sank sofort leblos auf den Grund.

Die Mädchen hatten jetzt weder Zeit, noch Verlangen, das getötete Tier und die Wirkung des Schusses zu betrachten, jede Minute war kostbar. Mit flüchtigem Fuße eilten sie weiter, mehr nach rechts abbiegend, um auf einem Umwege abermals den Platz, wo die Drähte sich befanden, zu erreichen.

Die beiden Mädchen kamen an einem gesunkenen Fahrzeug vorüber, einer chinesischen Dschunke, welche, halb vom Sande umhüllt, auf der Seite lag, sodass die Masten den Boden berührten. Das Wrack konnte noch nicht lange die Oberfläche des Wassers mit dem Meeresgrund vertauscht haben, denn die Holzteile des Schiffes waren noch nicht mit Seepflanzen und Muscheln überzogen, sondern zeigten ein ganz frisches Aussehen. Einige Tage konnte es erst hier liegen.

Dieses wurde bestätigt durch die Leiche eines in chinesische Gewänder gehüllten Mannes, der nicht weit von dem Schiffe auf dem Boden lag. Die durch den Zersetzungsprozess im Inneren der Leiche entstandenen Gase hätten diese schon längst emporgetragen, wenn sie nicht durch ein Gewicht daran verhindert worden wäre. Eine Unzahl von Schnecken und Muscheln saß nämlich auf der Leiche; viele seltsam gestaltete, unbekannte Tiere nagten mit Zähnen, rissen mit Zangen, saugten mit Warzen an dem schon halbverfaulten Fleische, darunter auch zwei jener Riesenkrebse, mit denen Ellen und Johanna schon vorher Bekanntschaft gemacht hatten. Ein anderes Schauspiel veranlasste beide, trotzdem sie in höchster Lebensgefahr schwebten, doch den Schritt zu hemmen und mit stockendem Atem und starren Augen ihm zuzusehen.

Nicht weit von der Leiche des Chinesen waren zwei Seeungeheuer miteinander in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt. Das eine davon war ein Riesenkrebs, das andere ein Scheusal, welches sie jetzt zum ersten Male sahen, und bei dessen Anblick ihre Haare sich sträubten.

Es war völlig gestaltet wie eine Spinne, aber nur in tausendfach größerem Maßstabe. Der kugelrunde Körper mochte wohl einen Meter im Durchmesser betragen, die Beine, von denen der Körper getragen wurde, waren zwei Meter lang und so stark wie ein Menschenarm, von Muskeln strotzend. Die Augen traten weit aus dem Kopfe. Das Tier war von dem Krebse bei einem Bein gepackt wurden, und die Scheren schienen dasselbe abschneiden zu wollen, so dicht waren sie zusammengequetscht. Aber die Spinne wusste ihre Kraft geschickt anzuwenden, sie hatte den Krebs auf den Rücken gedreht, und, des Schmerzes in dem schon halbzerschnittenen Fuße nicht achtend, alle Beine in die weichen Bauchteile des Krebses gebohrt und versuchte, das Schalentier auseinander zu reißen.

Die Mädchen warteten das Ende dieses Kampfes nicht ab, in möglichst weiter Entfernung zogen sie vorüber, denn vielleicht konnten ja die Tiere voneinander ablassen und einen Angriff auf sie machen, und wer wusste, ob der geschwollene Leib der Riesenspinne der Glaskugel einen genügenden Widerstand bot, um sie zum Zerplatzen und Entladen der Elektrizität zu bringen.

Wieder hatten die Mädchen die Grenze des Waldes erreicht, aber mit einem lautlos verhallenden Schrei des Entsetzens sprang die zuerst heraustretende Ellen wieder zurück, denn ein ungeheurer Polypenarm hatte sich ihr begehrlich entgegengestreckt.

War denn der Wald ganz von diesen Ungeheuern umstellt? Gab es denn keinen Ausweg? Schon näherte sich ihnen der Polyp, und zu seiner Seite und hinter ihm erblickten die Mädchen noch mehrere; der erste war so nahe, dass sie jeden Augenblick von seinem Arm gepackt werden konnten, in eiliger Flucht ging es rückwärts, da aber kamen noch von anderen Seiten Polypen heran, sie schienen verloren, überall, wohin sie sahen, erblickten sie die ungeheuerlichen Tiere, mit den Fangarmen herumgreifend und sich auf sie zu bewegend.

Vor ihnen lag die gesunkene Dschunke, gleichzeitig entstand in ihnen der Gedanke, dass sie nur dort sich vor den Ungetümen verbergen konnten.

Noch zwanzig Minuten. War diese Zeit hin, so lieferte der Apparat keine Luft mehr, der Erstickungstod trat ein, aber lieber eine oder zwei Minuten Qual erleiden, als sich von jenen schrecklichen Armen umschlingen, sich ein Glied nach dem anderen abreißen und aussaugen zu lassen!

Sie kamen au der Stelle vorbei, wo vorhin die beiden Tiere gekämpft; sie sahen noch, dass die Spinne den Krebs auseinander gerissen hatte; die Schale, welche dem Gewichte eines Eisenbahnzuges gespottet hätte, war in der Mitte gespalten, und die Spinne, ebenso wie ihre Gattung auf der Erde frisches Fleisch dem toten vorziehend, weidete sich an dem leckeren Mahle.


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Instinktiv eilten die Mädchen dem Schiffe zu, nur im Innern desselben Rettung vor den Polypen erhoffend, kletterten das schrägliegende Deck an Tauen hinaus, erreichten die geöffnete Luke und stiegen in das Zwischendeck, in die Kajüte hinein. Leider war kein Lukendeckel vorhanden, er war weggespült worden, sonst hätten sie sich vollständig abschließen können; aber durch das enge Loch konnte kein Polyp herein, und der sich hereinstreckenden Arme wollten sie sich schon erwehren.

Sie fühlten in dem dunklen Räume Boden unter den Füßen, setzten gleichzeitig die elektrische Lampe in Brand und — die Knie wollten ihnen den Dienst versagen, sie wollten fast wieder nach der Luke steigen und sich willig den Polypen als Beute hingeben, ein so entsetzlicher Anblick bot sich ihnen dar.

Der ganze Raum war mit in Verwesung begriffenen Leichen angefüllt, aber das Aussehen derselben war ein zu schreckliches; die Nerven der Mädchen konnten den Anblick nicht ertragen. Sie lagen nicht am Boden, sondern schwebten alle an der Decke, von den im Innern entwickelten Gasen getragen. Alle Glieder der Körper waren bis zur Ungeheuerlichkeit aufgeschwollen.

Das Erschrecklichste aber war, dass unzählige Tiere sich mit den Leichen beschäftigten und um sie stritten, Schnecken, Muscheln, kleine Spinnen, Krebse, Würmer von Meterlänge, plattgedrückte Käfer, so groß wie ein Teller, alles nagte, fraß und saugte und riss an den menschlichen Kadavern, deren Gewänder in Lumpen hin- und herwogten. Große Tiere waren in dem Raume nicht vorhanden, die enge Luke gestattete ihnen keinen Zutritt, aber jener Krebs, der auf die beiden Mädchen zukroch, war noch immer im Besitz von Scheren, welche ihnen gefährlich werden konnten.

Ein Schuss aus Johannas Büchse machte seinem Leben ein Ende, und um den von den Schalen gelösten Körper sammelten sich bald wieder gefräßige Tiere.

Noch waren die Freundinnen erstarrt von diesem grauenhaften Schauspiel, als sich durch die Luke schon ein Arm mit Saugwarzen hereinstreckte und fast schon Johannas Skaphander berührte; aber ein Schnitt von Ellens Messer löste ihn vom Rumpfe, der Stumpf zog sich blitzschnell zurück, und der Arm wand sich in schrecklichen Zuckungen am Boden.

Entsetzt flüchteten die Mädchen in den hintersten Winkel des Raumes, wünschend, dass die zehn Minuten erst vorüber wären, dass sie nicht, noch völlig frisch und lebensfähig, den Eintritt des Todes mit solcher Genauigkeit berechnen könnten.

»Wollen wir uns gegenseitig die Helme abschrauben?«, schrieb Ellen auf ihr Täfelchen.

Johanna schüttelte den Kopf, sie war mit dem Selbstmordversuch ihrer Freundin nicht einverstanden.

»Hoffen Sie«, schrieb sie zurück, »unsere Rettung kann in einer Minute geschehen, und vielleicht ist diese nicht mehr fern.«

»Noch neun Minuten!«

»In der neunten Minute ist es noch Zeit.«

»Auch wir werden von den Scheusalen so benagt werden! Lebe wohl, Johanna!«

Das Mädchen antwortete nichts, sie schritt nach der Luke, schoss eine große Spinne, welche ihr den Weg versperren wollte, trat, das Messer in der Hand, dicht an die Öffnung, hakte die Lampe vom Gürtel, stellte sie auf die Kante und entfernte sich soweit, als die Drähte des kleinen Apparates gestatteten.

Ellen verstand, worauf ihre Freundin noch Hoffnung setzte. Vielleicht, dass der intensive Lichtschein der Glühlampe die suchenden Taucher auf ihre Spur brachte, denn dass man mit aller Anstrengung nach ihnen forschte, davon waren beide fest überzeugt. Die Drähte hatten ja noch vorhin im Wasser gehangen, also lag auch das Boot noch immer oben am alten Platze. Die Engländer und ihre Freundinnen würden schon alles aufbieten, keine Mühe, keine Gefahr scheuen, die Vermissten wiederzufinden, und dass Hoffmann nicht eher ruhen würde, als bis er seine Geliebte gefunden habe, davon war Johanna fest überzeugt.

Sie hatte solches Vertrauen zu ihrem Felix, wie er sich so gern von ihr nennen hörte, sie wusste, dass er nicht eher diesen Platz verlassen würde, als bis er seine Johanna entdeckt habe, lebendig oder tot, und jetzt, nur wenige Minuten vor ihrem Tode, schwebte sein Bild, diese hohe, kräftige Gestalt, mit den geistvollen, ernsten und doch so milden Zügen, mit den treublickenden Augen, in denen keine Spur von Falschheit oder Argwohn zu lesen war, ihr vor, und erheiterte noch ihr Herz, erfüllte es noch mit Entzücken.

Von einem solchen Manne beweint zu werden, das war des Sterbens wert.

»Fünf Minuten«, zählte Ellen, nach der Uhr sehend, »vier — drei — zwei — eine ...«

Johanna befestigte die Lampe wieder an den Gürtel und ging zu ihrer Freundin zurück.

»Das Deck ist voll von großen Polypen, wir können nicht hinaus«, schrieb sie auf, zeigte das Täfelchen Ellen und streckte ihr die Hand hin zum Lebewohl für immer.

Ellen nahm die Hand nicht an. Mit einem schnellen Griff riss sie das Messer aus der Scheide und wollte es sich in die Brust stoßen, um so durch einen schnellen Tod den Qualen des Erstickens zu entgehen, aber sie kam nicht zur Ausführung der Tat. Johanna umfasste mit festem Griff das Handgelenk Ellens, diese suchte sich frei zu machen; ein wildes Ringen entstand, als kämpften beide miteinander, und doch kam es der einen nur darauf an, das Messer frei zu bekommen, um es sich selbst ins Herz zu stoßen, der anderen, ihre Freundin daran zu hindern.

Plötzlich ließen beide sich los; das Messer entfiel Ellens Hand — ein seltsames Knarren und Rasseln drang in beider Ohren, welches aus den Schläuchen zu kommen schien, die von den Luftkästen in den Glasballon führten.

Was war das? Gerade fünf Stunden waren sie jetzt unter Wasser, die Luft war verbraucht, der Mechanismus lief ab. Das Geräusch hörte bald wieder auf, das Räderwerk wurde nicht mehr von der zusammengepressten Luft getrieben, jetzt musste der Kampf mit dem Erstickungstode beginnen.

Stöhnend sank Ellen zu Boden.

Aber, war es denn möglich, fühlten sie nicht, wie noch immer ein frischer Lufthauch dem Munde zugeführt wurde, zwar nicht mehr so stark, wie zuvor, aber immer noch kräftig genug, um das Atmen zu gestatten. Wirklich, es war so, sie konnten sich nicht darüber täuschen.

»Der Apparat funktioniert noch, Mut, Miss Petersen!«, schrieb Johanna auf.

Langsam richtete sich Ellen wieder empor und steckte das Messer in den Gürtel. Neue Hoffnung zog in beider Herzen ein, zwar keine freudige, eine angstvolle, spannende, aber dennoch war ihnen noch die Möglichkeit geboten, durch Verzögerung des Todes Gelegenheit zu finden, sich zu retten.

Entweder war zufällig noch etwas Luft in den Apparaten vorhanden, oder sie waren überhaupt so eingerichtet, dass sie auch noch nach fünf Stunden funktionierten, aber weniger Luft lieferten.

»Der Apparat arbeitet noch«, schrieb Johanna, »liefert weniger Luft, aber sie genügt.«

Wie lange war ihnen das Leben noch vergönnt? Ach, wenn sie doch wenigstens dies gewusst hätten!

Jetzt aber galt es, die Zeit, welche ihnen noch vergönnt war, möglichst auszunutzen.

Beide gingen wieder an die Luke und setzten ihre Lampen auf deren Kante. Johanna kam dann auf den Einfall, sie nicht einfach brennen zu lassen, sondern sie abwechselnd immer schnell aufflammen und wieder verlöschen zu lassen, was der Ausschalthebel am Gürtel gestattete, wodurch eine Art Blinkfeuer entstand. Vielleicht lenkte dieses die Aufmerksamkeit der Suchenden auf das Versteck.

Jedenfalls erzielten sie noch einen anderen Vorteil. So lange die Lampen ruhig gebrannt, hatte sich ab und zu ein Polypenarm durch die Luke gestreckt, und nur durch den Gebrauch der Messer waren sie dem Schicksale entgangen, erfasst und herausgerissen zu werden. Schon lag der Boden um sie herum voll von scheußlichen, wie Schlangen sich windenden und krümmenden Armen, deren Lebenskraft eine sehr große war. Seit aber die Lichter blitzartig zuckten, wagten die Polypen nicht mehr, sich der Luke zu nähern; sie schienen sich zu fürchten, das Deck der Dschunke verließen sie jedoch nicht. Sie hielten den Eingang förmlich belagert.

Wieder verging eine Stunde, eine zweite, und noch standen die Mädchen an der Luke und ließen ihre Lampen unaufhörlich aufzucken, ohne sich durch Schriftzeichen zu unterhalten, ohne daran zu denken, dass bereits der Hunger sich bemerkbar zu machen begann, ja, ohne fast noch eine Hoffnung zu haben, durch ihre Bemühungen die Retter herbeirufen zu können; mechanisch handhabten sie noch den Hebel.

Die dritte Stunde war angebrochen. Da fühlte sich Ellen mit einem Male von hinten am Fuße gefasst und umklammert; entsetzt wandte sie sich um und sah eine große Spinne, nicht so groß wie die erste, aber immer noch groß genug, um ihr gefährlich zu werden. Das Tier hatte den Fuß gepackt und versuchte hineinzubeißen.

Noch ehe Ellen, welche in diesem Augenblicke ihre Lampe gerade nicht brennen hatte, etwas tun konnte, sich von dem langbeinigen Ungetüm zu befreien, wurde es schon von einer Kugel aus Johannas Büchse getroffen. Die Spinne knickte zusammen und fiel mit geborstenem Körper tot zu Boden.

Johanna hatte bemerkt, welche Gefahr ihrer Freundin drohte und kam derselben zu Hilfe; sie merkte aber nicht, dass in demselben Augenblick, da sie das Gewehr losdrückte und den Rücken der Luke zuwendete, sich durch diese ein Arm hineinstreckte und sie von hinten packte.

Im Nu hatte sich derselbe festgesaugt; Johanna konnte nicht mehr nach ihrem Messer greifen, Ellen bemerkte die Situation ihrer Freundin noch gar nicht — mit einem Ruck wurde diese emporgehoben und durch die Luke gezwängt — sie befand sich in der Gewalt des Polypen. Ellen stieß einen furchtbaren Schrei aus, riss das Messer aus dem Gürtel und stürzte an die Luke, gewillt, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben, der Unglücklichen zu Hilfe zu eilen, damit sie wenigstens mit ihr sterben könne.

Sie sah, wie sich die Arme des riesenhaften Polypen um den Körper Johannas schlangen, wie diese ihre Glieder matt unter dem fürchterlichen Druck sinken ließ, wie die anderen Polypen begehrlich ihre Arme ausstreckten, um auch einen Anteil an der Beute zu bekommen, auf die sie so lange gewartet hatten — dann war sie draußen und stürzte mit erhobenem Messer auf das scheußliche Ungetüm zu. Aber sie erreichte es nicht.

Plötzlich sprang die große Gestalt eines Tauchers im Skaphander zwischen sie und den Polypen, Ellen sah nur undeutlich, wie der Mann in jeder Hand einen kleinen, blanken und runden Gegenstand hielt, an dem Kupferdrähte hingen, wie er auf den Polypen, der Johanna umfasst hielt, zusprang und ihn ohne weiteres mit den Händen packte.

Ellen wusste nicht, ob dies alles Wirklichkeit oder nur ein Traum sei; aber es war kein Zweifel, das Ungetüm schmolz plötzlich wie durch Zauberei zusammen, es schien sich aufzulösen, die Arme krochen zusammen, und schließlich war der mächtige Polyp nur noch eine zusammengeschrumpfte Masse, als wäre er verbrannt. Dies alles ging jedoch nicht langsam vor sich, sondern plötzlich, fast in einer Sekunde war es geschehen.

Johanna war frei, sie lag, jedenfalls besinnungslos, in den Armen des Tauchers, den Ellen an der großen Gestalt als Hoffmann erkannte.

Dieser Polyp war nicht der einzige, welcher auf diese für Ellen rätselhafte Weise vernichtet wurde; zwei andere Taucher griffen die umherkriechenden Polypen an, welche sich eiligst entfernen wollten, aber ihrem Schicksale nicht entgingen. Furchtlos stürzten sich die Taucher auf die Riesen, die drohenden Arme nicht achtend, umschlangen sie, packten sie, wo sie nur konnten, und fast im nämlichen Moment war der Polyp in eine formlose, schwarze Masse verwandelt.

Jetzt nahmen die Taucher, nachdem sie aus dem Zwischendeck das von der erschreckten Johanna weggeworfene Gewehr geholt hatten, Ellen in ihre Mitte, Hoffmann setzte Johanna wie ein Kind auf seinen Arm, und die drei Männer liefen so schnell, wie es ihre Kostüme erlaubten, den Meeresgrund entlang.


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Bald hatten sie die Stelle erreicht, wo vorhin die Drähte und Taue gehangen hatten, die jetzt aber fort waren. Hoffmann machte sich an den Gummiblasen und Kästen der Mädchen zu schaffen, es strömte Luft hinein, sie wurden emporgehoben und strebten der Oberfläche zu, von Hoffmann während der Fahrt hinten am Gürtel gehalten, um ein neues Unglück zu verhüten.

Zehn Minuten später lagen die beiden Geretteten im Boot. Ellen war bei Bewusstsein, sie fühlte sich nur ungemein schwach hätte es doch nur wenige Minuten noch gedauert, so wäre der Luftvorrat völlig erschöpft gewesen, aber die frische Luft, der warme Sonnenschein, gaben ihr bald die Farbe der Gesundheit wieder.

Johanna lag in tiefer Ohnmacht da; der Druck der Arme des Polypen hatte ihr die Besinnung geraubt, aber er war nicht stark genug gewesen, ihr die Knochen zu zerbrechen und sie zu töten; eine Sekunde aber hätte genügt, um dies geschehen zu lassen. Der Retter war im rechten Augenblick eingetroffen.

Hoffmann ließ die beiden Mädchen an Bord der ›Vesta‹ bringen, er zweifelte nicht daran, dass auch Johanna sich bald wieder erholen würde.

* * * * *

III.9. Der betrogene Zauberkünstler

»Warum ist mein Vater kein Negrito*) gewesen? Warum hat meine Wiege nicht auf den Philippinen gestanden?«, seufzte Sir Williams in kläglich komischem Tone und streckte seine Glieder in dem weichen Grase, welches den Stamm eines in prachtvoller Blüte stehenden Granatbaumes umwucherte, »Dann brauchte ich mir vom Schneider nicht mehr Maß zum Anzug nehmen zu lassen, brauchte meine Füße nicht mehr in enge Hülsen von Rindleder zu zwingen, Hemd, Strümpfe, Hut, Schlips, sogar die Manschetten wären überflüssig geworden. Ungeniert, wie mich der liebe Gott erschaffen hat, würde ich in der schönen Natur umherwandeln, aus diesem Bache das köstlichste Nass schlürfen, nicht zu vergleichen mit Champagner und Portwein, und soviel ich tränke, am anderen Tage würde ich doch keine Kopfschmerzen haben. Verspürte ich Hunger, so kletterte ich auf einen Baum und pflückte mir die herrlichsten Früchte; wollte ich schlafen, so legte ich mich ins Gras; ich kennte keine Sorgen mehr; ich wüsste gar nicht mehr, was Schulden sind, denn ich hätte nichts, auf das mir jemand etwas borgen würde; ich kennte überhaupt gar kein Geld, denn wo wäre die Tasche, in welche ich die Geldbörse stecken sollte? O, warum bin ich kein Negrito! Sehen Sie dort die nackten Geschöpfe, wie sie so friedlich zusammenhocken und sich gegenseitig die Läuse absuchen, ist das nicht idyllisch? Sie kennen keinen Zank, keinen Neid, wenn der eine einmal ein Tierchen mehr findet als der andere; sie rauchen ihre ManilaZigarre, die sie sich gebettelt haben, und spotten über uns dumme Europäer, die wir uns mit selbstgeschaffenen Sorgen das schöne Leben verkümmern, uns selbst Sünde schaffen. Warum wissen diese Eingeborenen nicht, dass es unanständig ist, einer nackten Dame gegenüberzusitzen? Shocking, rufen Sie, meine Ladies, aber es ist so, diese Eingeborenen dort unter den Palmen haben auch ein Sittlichkeitsgesetz, davon bin ich fest überzeugt, aber es erstreckt sich nicht darauf, ob das andere Geschlecht angezogen ist oder nicht. Ist dieses ihr Sittlichkeitsgesetz roher oder feiner, als das unsrige? Darüber lässt sich streiten. Ach, warum bin ich kein Negrito mit brauner Haut, buschigem Haar und dicken Lippen, aber mit sorglosem Herzen!«, schloss Williams seine lange, philosophische Betrachtung. »Lieber Hendricks, geben Sie mir die Kognakflasche her, vielleicht, dass dieses feurige Getränk meine Wehmut beseitigt. Bin ich erst Eingeborener und habe mich hier häuslich niedergelassen, so ist es mit den alkoholischen Getränken doch vorbei. Milch, Eier, Wasser und Früchte sollen dann meine einzige Nahrung bilden.«

*) Die Eingeborenen, die im Innern der Philippinen leben.

Lachend hatten ihm die Umsitzenden zugehört.

Alle Engländer des ›Amor‹, die Amerikanerinnen, wie auch Kapitän Hoffmann und Herr Anders lagen hier im Schatten des mächtigen Baumes und genossen die Kühle des herannahenden Abends.

Die Gegend, wo sie sich befanden, lag nicht weit ab von Manila, der Hauptstadt der Philippinen, oder wie die Eingeborenen ihre Heimat nennen, der ›Tausendinseln‹. Hier war noch ein Stamm der Ureinwohner ansässig, der Negritos, welche immer mehr und mehr verdrängt werden und langsam aussterben, weil sie nicht die Sitten und Gewohnheiten der stärkeren Eindringlinge annehmen wollen. So stirbt jeder Stamm aus, der sich der vordringenden Kultur nicht fügt. Entweder er reibt sich im Kampfe auf, oder es wird ihm nicht die Möglichkeit gelassen, sich fortzupflanzen, weil sein Gebiet immer mehr eingeschränkt wird, und ihm die Mittel zur Erhaltung des Lebens geraubt werden. Auch die Negritos sind ein solches Volk, das in paradiesischer Unschuld dahinlebt. Die äußerst fruchtbare Vegetation der Philippinen liefert ihnen alles, was sie brauchen, Früchte, Beeren und Wurzeln, die Vögel versorgen sie mit Eiern, die Bäche mit Wasser, und ein Baum mit dichten Zweigen dient ihnen beim Schlafen als Schutz gegen Tau, der Rasen als Ruhebett. Das muss schon ein sehr fleißiger Eingeborener sein, der sich dazu aufschwingt, aus Rinde, Bambus und Binsen sich eine Art von Hütte zu bauen; es ist eher ein Schaustück, sein Reichtum, denn durch das Dach würden doch die Tautropfen dringen, und ein starker Wind würde alles über den Haufen werfen.

Möglich vielleicht, dass die Bedürfnislosigkeit der Negritos mit der vulkanischen Beschaffenheit der Insel zusammenhängt. Die Philippinen werden, ebenso wie die ganze Inselreihe bis hinauf nach den RiuKiu und Japan sehr oft von kleineren oder größeren Erdbeben heimgesucht, welche die von den Eingeborenen erbauten, primitiven Wohnhäuser völlig vernichten, und die noch tätigen Vulkane drohen täglich, alle auf die Felder verwendete Arbeit innerhalb einer Stunde nutzlos zu machen, was alle paar Jahre vorkommt.*)

*) Am 3. April 1868 fand zum Beispiel ein furchtbares Erdbeben statt, das ganz Manila in Trümmer legte. 400 Tote und 2000 Verwundete wurden gefunden. Der Schaden belief sich auf acht Millionen Dollar. Gegen 600 Gebäude waren eingestürzt. Dabei aber dauerte die Katastrophe nicht länger als eine halbe Minute!

Dadurch haben die Negritos, die Ureinwohner dieser gefährlichen Gegend, eine Art von Berechtigung, nicht für die Zukunft zu sorgen. Sie leben eben von dem, was ihnen die freigebige Natur bietet, denken nicht an den morgigen Tag, sondern sind zufrieden, wenn sie leben und den hungrigen Magen gefüllt haben.

Die Mitglieder der Gesellschaft kamen in einen Streit über die Frage, über welche schon so mancher sich den Kopf zerbrochen hat, ob ein zivilisiertes Volk, wie zum Beispiel hier die eingedrungenen Spanier, das Recht habe, den eigentlichen Bewohnern Stück für Stück ihres Besitztums wegzunehmen, das sie zur Fristung ihres Lebens nötig haben, selbst wenn dafür bezahlt wird, und dass sie die Vertriebenen auch noch zu der ihnen unbekannten Arbeit zwingen wollen.

Mit einigen Meinungsdifferenzen waren alle darüber einig, dass die Welt der Zivilisation gehört, dass man allerdings das Recht habe, ein Volk, welches den Boden nicht nach Kräften ausnutzen will, entweder dazu zu zwingen, oder, widersetzt es sich, einfach zu verdrängen, aber es wurde auch die ungestüme Art getadelt, wie einige Nationen, besonders die Spanier, dabei vorgegangen sind. Die englischen Herren waren ehrlich genug, zu gestehen, dass selbst ihr eigenes Volk von der Schuld grausamer Handlungsweise gegenüber Naturvölkern nicht freigesprochen werden kann, aber das Hausen der Spanier, zum Beispiel bei der Besitzergreifung Mexikos und der südamerikanischen Staaten, stellt ja alles Ähnliche in den Schatten.

Dann kam das Gespräch auf den Umstand, dass die Negritos äußerst diebisch sind. Der Begriff von Mein und Dein fehlt ihnen vollkommen, sie nehmen alles, was ihnen gefällt, und da dies natürlich in einem Lande, welches von arbeitenden und besitzenden Klassen bewohnt wird, nicht geduldet werden kann, so bemüht man sich einesteils durch Hinsendung von Missionaren, diesen Kindern der Natur klarzumachen, dass Stehlen eine Sünde ist, andererseits zeigt man durch Anwendung von Strafmitteln, dass Stehlen eine unerlaubte Handlung ist.

Alle waren darüber einig, dass die Stehlsucht der Eingeborenen nicht zu entschuldigen sei, möchte man sie bezeichnen, wie man wolle, nur einer nahm für diese Neigung der Negritos mit glühendem Eifer Partei — Marquis Chaushilm.

Dieser Herr fand Geschmack an allem Extremen und Sonderbaren, gefiel sich oft in den merkwürdigsten Behauptungen, und so verteidigte er auch jetzt die nackten Negritos gegen die Beschuldigung, dass ihre Neigung, sich fremde Besitztümer anzueignen, eine Sünde sei, die unnachsichtlich bestraft werden müsse.

So ernst er sich aber dabei auch anstellte, wussten doch alle, dass der Herzog nur ein scherzhaftes Gespräch anzetteln wollte, denn im Inneren war er vollkommen der entgegengesetzten Meinung. Auch er verurteilte diese Sucht zum Stehlen.

»Gehen Sie weg mit Ihren Missionaren«, rief er auf die Rede einer der Damen, dass die Missionare den Negritos auf Grund der Bibel klarzumachen suchten, Stehlen sei nicht erlaubt, »ich weiß recht gut, dass alle diese Schwarzröcke von dem Prinzip ausgehen, Nehmen ist seliger denn Geben. Wie kommen gerade diese Leute dazu, den unschuldigen Schwarzen das Gegenteil eintrichtern zu wollen?«

»Oho«, rief dieselbe Dame, »das ist doch wohl zu viel gesagt. Was Sie von den Dienern der Kirche behaupten, ist eine Beleidigung unserer gesamten religiösen Verhältnisse. Meiner Meinung nach hat die Mission bei rohen, unkultivierten Völkern immer gute Dienste getan; aus faulen Menschen sind fleißige, aus diebischen ehrliche, aus dummen und unwissenden solche geworden, die den Boden und die Schätze ihres Landes auszunutzen verstehen. Es gibt natürlich überall Ausnahmen, so auch unter den Missionaren, aber im allgemeinen muss man doch von ihnen sagen, dass sie in dem Entsagen, in dem Bestreben, gute Sitten und edle Gesinnung auszusäen, Großes geleistet haben. Wie können Sie beweisen, Marquis, dass die Missionare das Gegenteil von dem biblischen Gesetze, ›Geben ist seliger denn Nehmen‹ ausüben?«

»Wie ich das beweisen will?«, antwortete Chaushilm. »Das werde ich Ihnen gleich sagen. Der Missionar gibt überhaupt nichts, was ihm selbst gehört, sondern nur fremdes Eigentum fort, er selbst aber nimmt fortwährend. Erstens, in seiner Jugend nimmt er Unterricht in einer Missionsschule, nimmt dann eine Stellung als Missionar an; hat er, eine solche im Auslande gefunden — finden und nehmen ist manchmal kein großer Unterschied — so nimmt er ein Paar Zentner Bibeln mit, nimmt ein Schiff und fährt, nachdem er Abschied genommen hat, nach seiner Station, wo er erst seine Schutzbefohlenen in Augenschein nimmt, von ihren Sitten und Angewohnheiten Kenntnis nimmt, und erst, wenn er soviel genommen hat, gibt er die Bibeln aus, die ihm gar nicht gehören. Wo bleibt da der Grundsatz, ›Geben ist seliger denn Nehmen‹? Ich habe dies nur kurz ausgeführt, aber es mag genügen.«

Alle mussten über den sonderbaren Beweis lachen, Mit dem Marquis Chaushilm seine Zuhörer zu überzeugen suchte.

»Ich halte mich für geschlagen, Ihre Beweisführung war eine glänzende«, lachte die Verteidigerin der Missionare, Miss Thomson. »Nun aber müssen Sie auch beweisen, dass es kein Unrecht ist, wenn die Negritos alles nehmen, was in den Bereich ihrer Finger kommt.«

»Das ist nicht wahr«, rief Chaushilm mit geheuchelter Entrüstung, »die Negritos sind durchaus nicht so diebisch, wie sie immer verschrien werden. Natürlich, wenn sie Hunger haben, müssen sie denselben stillen; die Eindringlinge, ich will sie Spanier nennen, haben ihnen alles weggenommen, wodurch sie sich früher auf anständige Art genährt hatten. Den Boden, der früher die herrlichsten Früchte trug, haben sie mit stinkigem Tabak bepflanzt, die Erde, in welcher einst die saftigsten Wurzeln steckten, haben sie um- und umgewühlt, um totes, unschmackhaftes Gold und andere Erze zu finden, und so weiter und so weiter. Haben da die Eingeborenen nicht auch das Recht, den Spaniern wieder das zu nehmen, was sie brauchen? Ich für meinen Teil täte es auch so.«

»Die hungernden Schwarzen mögen arbeiten, sie sehen hier überall, dass ein arbeitender Mensch nicht nur sich sättigen, sondern auch nach getaner Arbeit für seine Bequemlichkeit sorgen kann.«

»Arbeiten!«, rief Chaushilm verächtlich und streckte behaglich die Glieder ins Gras. »Ich arbeite auch nicht und hungere weder, noch vermisse ich eine Bequemlichkeit. Nein, lassen Sie mir meine schwarzen Brüder in Ruhe. Sie säen nicht, auch ernten sie nicht, und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch — diese Wahrheit der Bibel muss auf sie angewendet werden — und sie sind glücklich dabei. Übrigens, was ist denn so Schlimmes dabei, wenn diese unschuldigen Leutchen einmal ein paar Tabaksblätter vom Felde stehlen, aus einem unverschlossenen Schranke ein Brot nehmen oder untersuchen, welche Sorte Arrak der reiche Haziendero in seinem Weinkeller liegen hat — Brot, Tabak und Branntwein, das sind der heutigen Menschheit eben unentbehrliche Bedürfnisgegenstände; wären die Missionare nicht hergekommen, so wären diese auch nicht hier bekannt — und heißen sie einmal eine Ente mitgehen, die sich nicht genügend legitimieren kann, na, deswegen gehen weder die Philippinen unter, noch macht Spanien bankrott.«

»Aber Entenbraten gehört doch nicht zu den unentbehrlichsten Bedürfnissen«, meinte Charles Williams, der behaglich der ManilaZigarre bläuliche Rauchwölkchen entlockte.

»Wie, auch Sie, Williams?«, rief Chaushilm. »Gerade bei Ihnen hoffte ich, Beistand zu finden; für Sie habe ich das Wort ergriffen, denn Sie haben doch die Absicht, Hut, Stiefel, Kleider und so weiter beiseite zu werfen und sich hier als Negrito niederzulassen. Und nun reden Sie gegen mich.«

»Ich muss es mir erst noch einmal überlegen«, entgegnete Williams, »die Sache hat doch einen Haken. Einmal kann ich nicht auf Steinen barfuß gehen, als echter Negrito muss ich dies aber unbedingt, und dann bin ich kein Freund von süßen Früchten. Ich liebe Erdbeeren, Ananas, Pfirsiche und Apfelsinen nur, wenn sie in Bowle schwimmen, daher muss ich mich erst einmal erkundigen, ob die Negritos diesen Fortschritt der Kultur auch schon kennen.«

»Dann würden Sie unter den Negritos eine weiße Schwalbe sein«, lachte Miss Thomson.

»O«, meinte Charles trocken, »bei Vermeidung von Seife würde schon eine Änderung meiner Hautfarbe eintreten.«

»Dort kommt schon einer der Eingeborenen auf uns zu, er will Sie wahrscheinlich als Bruder begrüßen«, sagte ein anderes Mädchen.

Unter einem Orangenbäumchen hatte eine Gruppe von Eingeborenen gelegen, Männer, Weiber und Kinder, die ersteren nackt, bis auf einen winzig kleinen Schurz, ja sogar, um an den Urzustand im Paradies zu erinnern, bis auf ein an einem Bindfaden hängendes Blatt. Die Kinder aber waren selbst ohne dieses Kleidungsstück. Es waren große, wohlgebaute Gestalten, denen man ansah, dass sie zur Arbeit wohl befähigt gewesen wären, aber durch Untätigkeit waren ihre Arme schwach geblieben, sie zeigten Anlagen zur Muskulatur, aber die Muskeln waren nicht ausgebildet; die Männer besaßen die zarten Glieder der Weiber, die ebenso wenig arbeiteten wie sie.

Sie waren von den weißen Fremdlingen mit Zigarren beschenkt worden, hockten im Schatten des Baumes und rauchten phlegmatisch, die Weiber und Kinder ebenso, wie die Männer, und beobachteten neugierig die lustige Gesellschaft.

Jetzt näherte sich einer von ihnen der Gruppe unter dem Granatbaume.

»Sehen Sie, er will zu Ihnen, weil er weiß, dass Sie ihn und seinen Stamm so warm verteidigt haben«, meinte Charles, als der Eingeborene langsam, aber ohne Scheu zu verraten, auf Chaushilm zuschritt, »entweder er bedankt sich bei Ihnen für Ihre Verteidigungsrede, oder er bettelt Sie an.«

Das letztere war natürlich das Richtige. Der Eingeborene blieb vor dem im Grase liegenden Marquis stehen, steckte den Finger in den Mund, saugte daran, stieß die Luft aus den aufgeblasenen Backen und schaute dabei bittend den Daliegenden an.

Chaushilm hatte verstanden, aber er tat, als könne er den Wunsch des Negrito, ihm eine Zigarre zu schenken, nicht begreifen, um zu sehen, was er weiter tun würde. Der Eingeborene war durchaus nicht verschämt im Betteln, im Gegenteil, er gebärdete sich sehr zudringlich. Er kniete neben Chaushilm auf den Boden, strich mehrmals schmeichelnd über dessen Kniee, machte die bittenden Handbewegungen der Kinder, und schließlich, als der Marquis noch immer nicht in die Brusttasche griff, versuchte er sogar, ihm liebkosend die Wange zu tätscheln. Dabei machte er wiederholt die Gebärde des Rauchens.

»Geben Sie ihm nur eine Zigarre«, lachte ein junges Mädchen, »sonst fällt er Ihnen noch um den Hals und küsst Sie ab.«

»Würden Sie dann eifersüchtig werden?«, fragte Chaushilm, den Eingeborenen von sich haltend.

»Wenn eine jener schwarzen Damen dort den Herzog um eine Zigarre gebeten hätte«, sagte Charles, »so würde er sich schneller erweichen lassen. Ich habe vorhin gesehen, wie er einer eine ganze Hand voll Zigarren und auch noch Streichhölzer gegeben hat. Das Weib dampft schon seit einer Stunde wie ein Postdampfer mit 30 Knoten Fahrt.«

»Übertreiben Sie nicht«, rief Chaushilm, etwas ärgerlich darüber, dass alle über Williams Worte lachten, »ich gab ihr nur einige zerbrochene Zigarren. Und du, schwarzer Spitzbube«, wandte er sich an den Eingeborenen, »kannst du nicht arbeiten, wenn du rauchen willst? Musst du gleich alles in die Luft paffen?«

»Herzog, an Ihnen ist ein Advokat verloren gegangen«, meinte Williams unter dem Gelächter der anderen. »Sie machen es ja gerade wie ein Verteidiger, der einen des Diebstahls angeklagten Gauner als den ehrlichsten Menschen schildert, der unter Gottes Sonne existiert und ihm selbst dabei nicht weiter traut, als er ihn sehen kann.«

»Sie haben recht, ich habe unüberlegt gesprochen. Nein, mein lieber Freund«, wandte er sich wieder an den Negrito, der ihm noch immer die Wangen zu streicheln versuchte, »vergib mir meine harten Worte, du sollst auch die größte Zigarre haben, die ich bei mir trage, auf die Qualität kommt es dir doch weniger an.«


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Chaushilm hatte schon lange seiner Tasche eine Zigarre entnommen und sie in seiner Hand verborgen gehalten. Des Eingeborenen scharfem Auge war dies nicht entgangen, sonst würde er sich gar nicht so lange bei Chaushilm aufgehalten, sondern seine Bettelei bei einem anderen versucht haben, aber der Engländer wusste dies nicht.

Er wollte sich mit dem Negrito einen Spaß machen. Bei seinen letzten Worten griff er dem Eingeborenen an die Nase, zog daran und brachte dann plötzlich in der geöffneten Hand eine Zigarre zum Vorschein.

»Der Tausend!«, rief er. »Deine Nase ist wohl ein Zigarrenetui? Was bettelst du mich denn an, wenn du selbst Zigarren bei dir hast?«

Der Eingeborene verstand diese auf Englisch gesprochenen Worte nicht, aber er hatte doch kapiert, dass ihm Chaushilm die Zigarre aus der Nase gezogen.

Er machte ein verblüfftes Gesicht.

»Und hier im Ohr steckt ja noch eine andere«, sagte Chaushilm und brachte aus einem Ohre des Schwarzen wieder eine Zigarre zum Vorschein.

Der Eingeborene machte ein furchtbar dummes Gesicht, sprang auf, griff sich in die Nase und Ohren und suchte darin vergeblich nach anderen Glimmstängeln.

Die Zuschauer brachen in ein unauslöschliches Gelächter aus, als der Mann mit seinen Bemühungen nicht einhielt, bald auf das eine Bein, bald auf das andere sich stellte und auf den Boden stampfte, um die vermeintlich versteckte Zigarre aus den Ohren zu schütteln.

Auf einen Wink Chaushilms war sein Freund Hendricks zu ihm gerutscht.

»Was hast du denn eigentlich alles in deiner Nase, mein Junge?«, sagte der Marquis, griff wieder an die Nase des Eingeborenen und brachte eine Schachtel Streichhölzer zum Vorschein. »Eine Apfelsinenniederlage hast du auch darin«, fuhr er fort und zog eine Frucht nach der anderen hervor.

Der Negrito schien das alles nicht begreifen zu können; er zog ein unbegreiflich dummes Gesicht, in dem sich halb Angst, halb Bewunderung vor diesem Zauberer ausdrückte. Dann plötzlich begann er im Kreise herumzutanzen, immer um Chaushilm herum, blieb wieder stehen, griff in Nase und Ohren und begann wieder seine Sprünge, dabei ein lautes Geschrei ausstoßend.

Die anderen Eingeborenen waren, teils durch das Gelächter der Herren und Damen angezogen, teils durch das Geschrei ihres Genossen herbeigerufen, näher herangekommen und umringten ebenfalls den Engländer, der ihnen Zigarren und Früchte aus Nase und Ohren ziehen konnte.

»Marquis Chaushilm«, rief Lord Harrlington, »Sie bekommen Beschäftigung. Zeigen Sie Ihre Kunst noch an einigen anderen, und ich wette, Sie werden von den Negritos zum Proviantmeister erwählt.«

»Öffnen Sie nur Ihre Zigarrentaschen«, ließ sich Williams vernehmen. »Sehen Sie nur, Miss Thomson, wie die Schwarzen alle ihre Nasenlöcher hinhalten, das alte Weib dort stößt sich bald mit den Fingern das Trommelfell durch, so tief greift es ins Ohr hinein.«

»Marquis Chaushilm«, rief Ellen dazwischen, »Sie haben in Batavia bei der Vorstellung Ihre Künste in keiner Weise gezeigt, sind uns also noch Ihr Auftreten schuldig. Nun produzieren Sie sich einmal hier den Eingeborenen gegenüber als Zauberkünstler!«

Ein Bravorufen stimmte dem Vorschlag Ellens bei, Chaushilm musste als Zauberer auftreten.

Der Marquis besaß wirklich einige Fertigkeit in Taschenspielerkunststückchen, und zwar hatte er sich mit seinem Freunde Hendricks einige Tricks eingeübt, mit denen er bei schlechtem Wetter den Herren oft im Salon die Zeit vertrieb. Sie wirkten weniger überraschend, denn Chaushilm besaß nicht die nötige Übung, um sie natürlich erscheinen zu lassen, als vielmehr erheiternd, weil er sich bei den ausführenden Kunststückchen immer absichtlich versah, vergriff, sich selbst anführte und dergleichen mehr, worauf Chaushilm und Hendricks sich gegenseitig die Schuld zuschoben und dadurch immer die Lachlust ihrer Freunde erweckten.

Jetzt aber wollte er seine Fertigkeit anwenden, um die unwissenden, abergläubischen Eingeborenen in Staunen zu setzen. Diese merkten sicher nicht so bald den unschuldigen Betrug, der allen seinen Kunststückchen zu Grunde lag.

Es waren die einfachsten Sachen, die Chaushilm vor den Augen der Eingeborenen ausführte, aber er setzte sie in das grenzenloseste Erstaunen. Das erste war, dass er allen wieder Zigarren aus Nase und Ohren zog und ihnen diese gab, da er ihr Eigentum nicht behalten wollte — fügte er wenigstens erklärend zu den Herren und Damen hinzu — was zur Folge hatte, dass wieder ein allgemeines Suchen nach dem köstlichen Kraute begann, das zur Trauer aller aber erfolglos war. Ebenso brachte er noch Kupfer- und Silbermünzen zum Vorschein, ließ aus der Nase eines Eingeborenen einen wahren Regen von Kupferstücken in seine Hand fallen, warf Apfelsinen in die Luft, wo sie spurlos verschwanden, und ließ sie dann in die Tasche eines der Herren wandern, füllte seinen Hut mit Apfelsinen, und als er ihn umstülpte, fiel keine heraus. Er stach sich das Messer in die Hand, aß sein Taschentuch auf, verbrannte es sogar und behauptete dann, ein Wilder säße darauf, was sich auch wirklich als richtig erwies. Kurz und gut, er machte dieselben Sachen, die man von jedem Zauberkünstler auf dem Jahrmarkt oder beim Vogelschießen ausgeführt sehen kann.

Das Erstaunen der Schwarzen wuchs immer mehr und mehr, je übernatürlicher das Verschwinden und Wiedererscheinen der Gegenstände wurde. Aber nicht nur Freude malte sich in ihren Mienen, sie drückten auch Ehrfurcht, ja sogar Scheu aus vor diesem weißen Fremdling, der so mir nichts, dir nichts, überall, wohin er auch greifen mochte, Apfelsinen, Zigarren, Geld und Tücher zum Vorschein brachte und alles auf Kommando verschwinden lassen konnte, auf dessen Geheiß unsichtbare Hände die Sachen wegnahmen und anderswo hinlegten.

Außerdem war es eine gewaltige Ehre für sie, von diesem vornehm gekleideten Weißen so behandelt zu werden, es schmeichelte ihnen ungemein, wenn der Engländer so ungeniert ihren schwarzen Körper berührte, denn von den Spaniern, den Beherrschern der Philippinen, waren sie nur gewohnt, mit Abscheu, schlimmer als Tiere, behandelt zu werden. Scheu senkten sie die schmutzigen Hände auf Chaushilms Geheiß in die Tasche seines eleganten Rockes und brachten dann die vermissten und verzauberten Gegenstände zum Vorschein.

Die Zuschauer amüsierten sich köstlich über die Eingeborenen und über die komische Feierlichkeit, welche Chaushilm an den Tag legte, selbst dem ernsten John Davids wurde ab und zu ein Lächeln abgenötigt. Ebenso wie dieser, war auch Kapitän Hoffmann der einzige, welcher nicht in das laute Lachen mit einstimmte, aber auch er lächelte fortwährend, und zwar sehr heiter, nur schien es, als ob er sich weniger über die Gesichter und das Benehmen der Eingeborenen amüsierte, als vielmehr über den Zauberkünstler selbst und die Zuschauer. Es musste ihm unangenehm sein, dass er immer lächelte, denn wiederholt fuhr er mit dem Finger über den Mund, als wolle er das Lachen wegwischen, oder hielt sich selbst das Taschentuch vor den Mund.

Chaushilm wollte seine Vorstellung schließen, zuletzt aber noch ein Glanzstück zum Besten geben. Er ließ sich von einem Eingeborenen eine frische Apfelsine vom Baume pflücken, schälte sie langsam ab, und, o Wunder, aus den Schalen flog ein kleiner Vogel zwitschernd hervor und verschwand in den Zweigen des Baumes. Gott weiß, wie Hendricks den Vogel gefangen, jedenfalls aber hatte er ihn in die auf den Rücken gehaltene Hand des Freundes gesteckt.

Die Eingeborenen waren außer sich über diese Wundertat des Marquis, unbedingt, er war ein mächtiger Zauberer, dem man sich nicht mehr auf einen Meter nähern dürfe. Ihre Scheu verwandelte sich aber in Entzücken, als ihnen Chaushilm andeutete, alle die auf einen Haufen aufgestapelte Zigarren, Früchte, Goldstücke und so weiter — von sämtlichen Herren und Damen zusammengesteuert — seien ihr Eigentum.

Eiligst rafften sie die Schätze auf und waren bald im Walde verschwunden, ohne nur ein Wort des Dankes zu sagen.

»Das war einmal billig amüsiert!«, rief Chaushilm lachend. »Weiß Gott, solch dankbares Publikum habe ich noch nie versammelt gesehen. Sehen Sie wohl, meine Herrschaften, dass ich recht hatte, als ich dieses Völkchen als ein unschuldiges, heiteres und glückliches bezeichnete! Ich brauche ihnen nur eine Zigarre aus der Nase zu ziehen, so lachen sie im ganzen Gesicht, und schenke ich sie ihnen, so stellen sie sich vor Freude auf den Kopf. Wirklich, so wie heute habe ich mich noch niemals amüsiert, und so billig dazu auch noch nie.«

Es wurde noch einiges über das Erlebte gesprochen, dann beschloss man, nach Manila znrückzukehren, denn die Sonne stand schon tief am Himmel, die Dunkelheit musste bald eintreten.

Chaushilm knöpfte den Rock auf, um nach der Uhr zu sehen. Plötzlich nahmen seine Züge einen bestürzten Ausdruck an.

»Meine goldene Uhr und Kette«, stammelte er, »sie sind verschwunden.«

Unter den Anwesenden entstand bei diesem Ausruf eine allgemeine Bestürzung, welche sich noch mehrte, als Chaushilm, mit den Händen in den Taschen wühlend, fortfuhr: »Auch meine Geldbörse, mein Notizbuch, mein Messer, meine Haarbürste, alles ist weg!«

Da trat Hoffmann heran und ging auf Chaushilm zu, der noch immer, mit den Händen bald in diese, bald in jene Tasche greifend, dastand.

»Haben Sie die Sachen nicht vorher weggelegt?«, fragte Hoffmann.

Ein Kopfschütteln des vor Überraschung Sprachlosen war die einzige Antwort.

»Dann muss ich Ihnen sagen«, fuhr Hoffmann fort, »dass die Negritos Ihnen alles gestohlen haben. Ich muss mir Vorwürfe machen, Ihnen nicht schon eher gesagt zu haben, dass diese Eingeborenen die geschicktesten Diebe auf der ganzen Erde sind, ebenso auch die gewandtesten Taschenspieler. Ich wunderte mich schon immer darüber, dass sie bei den von Ihnen gezeigten Kunststückchen Staunen heuchelten, denn so etwas kann hier das kleinste Kind, aber ich hielt es mehr für einen Ausdruck der Freude über Ihre Vertraulichkeit. Dass sie dieses Staunen aber nur vorgaben, um Ihnen gemütlich alle Wertsachen stehlen zu können, habe ich natürlich nicht ahnen können, sonst würde ich Sie gewarnt haben.«

Ein erschütterndes Lachen unterbrach den Sprecher. Es rührte von Williams her, der sich ins Gras zurückgeworfen hatte und lachte, dass ihm die Tränen über die Backen liefen und der Atem auszugehen drohte.


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»Chaushilm — Herzog — das war ein — billiges Amüsement«, brachte er in Zwischenpausen hervor und hielt sich die Magengegend, »diese unschuldigen — harmlosen — glücklichen — Kinder der Natur — köstlich — hahaha — ich kann nicht mehr, ich platze vor Lachen — armer Chaushilm!«

Von diesem ungeheuren Lachen wurden die Anderen mit angesteckt, die Situation war auch eine zu komische, und schließlich lachte Chaushilm selbst aus vollem Halse mit.

»War die Uhr ein Andenken?«, fragte eins der Mädchen mitleidig,

»Das nicht«, entgegnete Chaushilm. »aber ich denke noch an die vierzig Pfund Sterling, die ich für sie bezahlt habe.«

»Und die Börse? War viel drin?«

»Ach, das ist Nebensache, mich ärgert es nur so furchtbar, dass mich diese schwarzen Bestien so blamiert haben. Tun sie, als wollen sie vor Staunen auf den Rücken fallen, und dabei, während ich sie aus meinen Taschen Apfelsinen ziehen lasse, heißen sie Uhr, Kette, und alles mitgehen. Es ist rein zum Tollwerden!«

»Gehen Sie schnell den Leuten nach und verlangen Sie die Sachen zurück«, riet Harrlington.

»Leicht gesagt, nachgehen und zurückverlangen«, entgegnete der Marquis, »die Kerle sind spurlos verschwunden, und wo soll man diese dunkelhäutigen Spitzbuben in der Finsternis finden? Schließlich stehlen sie mich noch dazu, ich traue ihnen jetzt alles zu.«

»Selbstverständlich gehen wir mit«, riefen einige Herren und machten sich sofort bereit, die Verfolgung der Diebe aufzunehmen. Während sich die Anderen nach dem Flecken zurückbegaben, von wo aus sie mittels Wagen Manila erreichen wollten, eilten diese trotz der bald anbrechenden Dunkelheit in den Orangenwald, und wirklich hatten sie das Glück, eben dieselben Leute, mit denen sie sich vorhin belustigt hatten, wiederzufinden. Dieselben bereiteten sich gerade unter Bäumen und Büschen ihr Nachtlager.

Hannibal, der den Dialekt der Eingeborenen einigermaßen sprach, war ebenfalls mitgenommen worden, und so fand eine Verständigung ohne viel Schwierigkeiten statt. Das Verhör wurde zuerst mit demjenigen vorgenommen, welcher Chaushilm um Zigarren angebettelt hatte, aber bald sahen die Herren die Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen ein.

Was nützten bei diesem Volke alle Vorstellungen, Bitten, Drohungen, Versprechen von Finderlohn und so weiter, sie beteuerten ihre Unschuld, sogar Tränen standen ihnen zur Verfügung. Sie sagten, man solle sie doch untersuchen, und als Sir Williams über die Aufforderung, ihre nackten Körper nach den Gegenständen zu untersuchen, lachen musste, stimmten sie sofort alle in sein Gelächter ein.

»Weg ist weg«, sagte Chaushilm phlegmatisch. »Lassen Sie die Kerle in Ruhe, die wollen auch einmal ein Vergnügen haben. Hier, mein Junge«, wendete er sich an den ersten Schwarzen, den er im besonderen Verdachte des Diebstahls hatte, »hier hast du noch den Uhrschlüssel dazu, du hast ihn mitzunehmen vergessen. Rechts herum wird aufgezogen, aber hübsch langsam, sonst bricht die Feder.

»Behalte die Uhr als ein teures Andenken von mir, mein Name steht inwendig eingraviert, und wenn du sie einmal versetzen solltest, so fordere getrost zehn Pfund, sie ist es wert.«

»Sie wollen die Uhr ihnen wirklich überlassen?«, fragte Harrlington erstaunt.

»Ja, hiermit vermache ich meine Uhr, die Geldbörse mit etwa zehn Pfund Sterling, mein Notizbuch und alles übrige, was mir auf eine mir unerklärliche Weise abhanden gekommen ist, diesen Negritos hier«, entgegnete Chaushilm feierlich. »Habe ich sie erst mit aller Kraft verteidigt; habe ich behauptet, ihr Stehlen sei keine Sünde, weil dieser Begriff in ihrem Lexikon fehlt, so will ich meine Aussage nicht durch meine Handlungsweise Lügen strafen. Überdies«, fuhr er fort, »was bleibt mir denn anderes übrig? Gott weiß, wohin diese Kerle die Sachen versteckt haben, in hohle Baumstämme, vergraben, oder vielleicht gar verschluckt. Eine Nachforschung wäre vergeblich, und sie durch Gewalt zum Geständnis zu bringen, dazu bin ich viel zu sehr Mensch. Ich betrachte auch die Negritos als meine Nächsten.«

»Ich kann es Ihnen nicht verdenken, wenn Sie sich mit den schmutzigen Geschöpfen nicht einlassen wollen«, sagte Sir Hendricks. »Gehen Sie noch heute Abend zur spanischen Polizeibehörde in jenem Flecken, wo unsere Pferde stehen, und übergeben Sie der die Geschichte. Passen Sie auf, die Spanier werden Ihnen die Uhr bald wieder verschaffen, ich weiß, wie diese Leute mit solchem Gesindel umspringen.«

»Aber mein Gott«, rief der Marquis, »wie können Sie nur so hartherzig sprechen, Hendricks! Ich versichere Ihnen allen Ernstes, es ist mein Wille, dass dem Eingeborenen die Uhr bleibt. Was soll ich denn wegen eines solchen lappigen Goldgehäuses erst Grausamkeiten heraufbeschwören? Übrigens ist es nicht das erste Mal, das mir die Uhr gestohlen worden ist, und niemals habe ich sie wiederbekommen, mich aber trotzdem nie darüber gekränkt. Ehe sie aber ein englischer Gauner stiehlt, der das Geld dafür mit liederlichen Frauenzimmern durchbringt, gönne ich sie diesem naiven Kinde, das sie doch nur als ein Spielzeug betrachtet. Ich bitte Sie, meine Herren, sprechen Sie nicht mehr darüber, damit diese Geschichte nicht weiter ruchbar wird, ich von törichtem Mitleid verschont bleibe und die Negritos keine weiteren Unannehmlichkeiten haben.«

Kopfschüttelnd gaben die Herren dem Wunsche ihres Freundes nach. Sie kannten schon die seltsame Art des Marquis, aus der Mücke einen Elefanten zu machen, etwas Großes dagegen gleichgültig und von oben herab zu behandeln.

Da er nun einmal gesagt hatte, diese Eingeborenen seien unschuldige, naive Menschen, denen man das Stehlen nicht übelnehmen könne, so wollte er jetzt auch bei dieser Behauptung bleiben und sie durch sein Verhalten bekräftigen, selbst da er der Geschädigte war.

Die Herren machten sich auf den Rückweg und erreichten bald die kleine Ortschaft, von welcher aus sie den Besuch der Ureinwohner unternommen hatten. Sie waren hier teils zu Pferde, teils zu Wagen angekommen und wollten nun nach Manila zurückkehren.

Noch einmal musste Chaushilm förmlich Spießruten laufen, so wurde er über den Erfolg seiner Nachforschung ausgefragt, besonders von den neugierigen Damen. Aber er fand kein Bedauern, wie er vorhin vermutet, im Gegenteil, an diesem Abende musste er eine dicke Haut besitzen, um allen Spott und alle Witze ertragen zu können. Dies war um so schlimmer, als sich Chaushilm wirklich durchaus nichts aus dem Verluste machte, und dies war auch der Grund, dass so schonungslos mit ihm verfahren wurde.

Die Gesellschaft hatte sich noch für eine Stunde in dem Garten niedergelassen, welcher sich einer spanischen Weinschänke anschloss, und trank von dem schweren, roten, einheimischen Weine.

In dieser Vorstadt Manilas lag eine kleine Abteilung spanischer Soldaten und ihr Hauptmann, der Capitano, der sich gerade in jener Weinstube befunden, hatte bald Bekanntschaft mit einigen Herren gemacht und das Missgeschick des Herzogs erfahren.

Der kleine, etwas krummbeinige Spanier mit den feurigen Augen und der Habichtsnase war außer sich.

»Carajo, bei meinem Schwert«, rief er und schlug theatralisch an seinen Degenknopf, »Diese Schufte sollen dafür büßen! Morgen unternehme ich eine Razzia und ruhe nicht eher, als bis alle Negritos dieser Gegend hinter Schloss und Riegel sind.

»Ich habe ihnen die Uhr geschenkt«, sagte Chaushilm ruhig und maß den hitzigen Spanier mit einem kalten Blick. »Haben Sie keinen anderen Grund, gegen die Eingeborenen vorzugehen, so können Sie meine Angelegenheit jedenfalls nicht als solchen gebrauchen.«

»Geschenkt?«, lächelte der Spanier ungläubig. »So würden Sie also keine Ansprüche mehr auf die Uhr machen? Sie belieben wohl zu scherzen, mein Herr!«

»Durchaus nicht, selbst wenn sie ein Eingeborener mir jetzt wiederbrächte, würde ich sie nicht wieder annehmen, ebenso wenig wie das Geld. Ich habe einen starren Kopf.«

»Geld war auch dabei?«, rief der Spanier. »Davon habe ich ja noch gar nichts vernommen. Wie viel war es denn?«

»Eine Kleinigkeit, zehn bis zwölf Pfund Sterling«, antwortete Chaushilm gleichgültig.

Des Spaniers Augen funkelten beim Hören dieser Summe auf, es war etwas mehr, als seine Monatsgage betrug.

»Und Sie machen auf dieses Geld auch keine Ansprüche mehr?«, fragte er wieder.

Chaushilm sah ihn groß an.

»Nein«, antwortete er langsam, »aber was veranlasst Sie, diese Frage, ob ich auf die mir gestohlenen Sachen noch Anspruch mache, immer zu wiederholen? Ich erkläre Ihnen hiermit, dass ich alles den Eingeborenen überlassen habe, und bitte Sie, in dieser Angelegenheit keine weiteren Schritte zu tun; sie ist erledigt.«

Chaushilm machte eine Verbeugung und eine entlassende Handbewegung mit einem so unnachahmlichen Stolz, dem selbst der spanische Offizier nicht gewachsen war, obgleich sonst die Spanier bekanntlich auch in theatralischen Gesten Meister sind.

Aber Chaushilm fühlte sich heute als ein ganz anderer Mensch, es war ihm, als hätte er eine große Tat vollführt, über die ihn alle Welt anstaune, er fühlte sich so glücklich, großmütig und edel — weit erhaben über die kleinlichen Ansichten der anderen Menschen.

* * * * *

ENDE


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