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ROBERT KRAFT

DIE VESTALINNEN

Cover

RGL e-Book Cover
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EINE REISE UM DIE ERDE
ABENTEUER ZU WASSER UND ZU LANDE
ERZÄHLT NACH EIGENEN ERLEBNISSEN

BAND 3

(Kapitel III.10—IV.13 der Originalausgabe)


Ex Libris


Illustration

H.G. Münchmeyer, Dresden-Niederlitz.



Illustration

H.G. Münchmeyer, Dresden-Niederlitz.


E-Buch-Ausgabe in neuer deutschen Rechtchreibung:
Roy Glashan's Library, 2026
Version vom 2026-06-16

Bearbeitung: Matthias Kaether und Roy Glashan

Basierend auf der Neuausgabe von 2026,
Verlag Dieter von Reeken, 21337 Lüneburg
(Mit freundlicher Genehmigung des Verlegers)

Korrektur: Ellen Radszat

Abbildungsnachweis
Thomas Braatz, Leipzig (Archiv):
Einbandvorderseite, Einbandrückseite und sämtliche Innenillustrationen
H. G. Münchmeyer (Verlag), Dresden-Niedersedlitz):
Einbandvorderseite, S. 2, 10 N.N. (möglicherweise Adolf Wald):
S. 10 und sämtliche Innenillustrationen
Einbandvorderseite: Die Vestalinnen. Eine Reise
um die Erde. Abenteuer zu Wasser und zu Lande
.
Erzählt nach eigenen Erlebnissen von Robert Kraft.
Illustrierte Ausgabe. Dresden-Niedersedlitz:
H.G. Münchmeyer o. J. [1903/04], Einbandillustration der
Bände I bis V; — Illustration auf S. 2 (im Original farbig):
Die Vestalinnen. Eine Reise um die Erde. Abenteuer zu Wasser und
zu Lande
. Erzählt nach eigenen Erlebnissen von Robert Kraft.
Mit bunten Bilderbeilagen. Dresden: H. G. Münchmeyer
o.J. [1895], Heft 1, Frontispiz;

Erstveröfentlichung:
H.G. Münchmeyer, Dresden-Niedersedlitz, 1895

1903/04 zweite revidierte Textfassung in 5 Bänden
(Seither ausschließlich verwendet)

Nachauflage: 1908

10-bändige kartonierte Ausgabe: 1922

Neuausgabe mit Illustrationen von Georg Hertting: 1924

Weitere 10-bändige Ausabe: 1927

Neuausgabe in 72 Heften, Hobby Nostalgie-Druck, 2004

5-bändige Taschenbuchausgabe, Jazzybee Verlag, 2015

Link zu weiteren Werken dieses Autors



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Näher und näher kam das Wassergebilde (zu Kapitel III.16).


INHALTSVERZEICHNIS

* * * * *

III.10. Ein verkannter Ehrenmann

Der letzte Tag in Manila war gekommen. Am Abend, bei eintretender Flut sollten die Anker gelichtet, und die mit ihren großen, eintönigen Häusern so ernst und mit ihrer lieblichen Umgegend so freundlich aussehende Stadt sollte verlassen werden, in der sie einige angenehme und interessante Tage verlebt hatten.

Am letzten Morgen war noch eine Bootspartie nach dem Baysee, von den Spaniern Laguna de Bay genannt, verabredet worden, und diejenigen, welche daran teilnehmen wollten, waren schon früh in Booten aufgebrochen, Damen sowohl, wie Herren, doch nicht alle.

Manila liegt an beiden Seiten des Flusses Pasig, welcher aus dem Baysee, einem mächtigen Südwassersee, entspringt, und die beiden Stadtteile sind durch eine 110 Meter lange Steinbrücke verbunden, welche sich in zehn gewaltigen Bogen über den Fluss schwingt.*) Dieser ist sehr breit, breit genug, um als geräumiger Hafen dienen zu können.

*) Jetzt gibt es auch eine Hängebrücke zwischen Binondo und Manila.

Beide Stadtteile dienen zum Aufenthalt der Europäer, meist Spanier, und haben daher auch ein solches Aussehen wie die spanischen Städte, das heißt ein ernstes und feierliches. Es stehen darin schöne Paläste, zum Beispiel der des Generalkapitäns, des spanischen Gouverneurs, das Justizgebäude, das Rathaus und andere mehr.

In den vielen Vorstädten wohnen Malaien, Chinesen, Mischlinge der Spanier mit Eingeborenen, aber hauptsächlich die chinesische Rasse ist zahlreich vertreten.

Wie schon gesagt, nicht alle der Damen und Herren hatten an der Bootspartie teilgenommen, so zum Beispiel war zum Bedauern aller Miss Petersen an Bord der ›Vesta‹ zurückgeblieben. Sie hatte in der frühesten Morgenstunde einen Brief aus Louisiana, ihrem Heimatlande erhalten. Beim Lesen desselben hatte sich ihrer eine große Traurigkeit bemächtigt, wie man selten an ihr zu sehen gewohnt war. Ihre Augen nahmen plötzlich einen sinnenden Ausdruck an, den man sonst nie an ihr fand, sie suchte Hope Staunton auf, und es war fast, als ob sie durch einige Andeutungen das junge Mädchen zu bewegen suchte, nicht an der Bootsfahrt teilzunehmen, sondern bei ihr zu bleiben, aber Hope, vor Freude über einen Ausflug auf dem Flusse strahlend, verstand die Anspielungen gar nicht, und so gab Miss Petersen den Versuch auf, die Freundin zurückzuhalten. Hope war ihr Liebling, wie der aller, und Ellen hätte es nicht übers Herz gebracht, die Freude des jungen Mädchens zu stören.

Sie selbst entschuldigte sich damit, zu sehr mit Briefeschreiben und Geschäften auf dem Hafenbüro in Anspruch genommen zu sein, denn zum Verlassen des Hafens war ein Abmelden und das Bezahlen des sogenannten Ankergeldes und so weiter nötig. Die anderen Damen, welche an der Partie nicht mit teilnahmen, gaben einfach auf die von den Herren erfolgte Einladung eine abschlägige Antwort.

Zu diesen zählte auch Johanna.

Ebenso war der ›Amor‹ nicht von allen Herren verlassen worden. Die Zurückgebliebenen beschäftigten sich an Bord teils mit Lesen und Schreiben, teils trafen sie Vorbereitungen zur Reise nach NeuSeeland oder kauften in Manila die ihnen ausgegangenen Bedürfnisgegenstände ein.

Ellen saß in ihrem Arbeitszimmer und beschäftigte sich mit dem Aufsetzen eines langen Briefes. Sie war in letzter Zeit etwas verstimmt gewesen, selbst im Beisein ihrer Freundinnen, denen gegenüber sie ihre üble Laune möglichst zu verbergen bemüht war, in der Einsamkeit dagegen mussten traurige Gedanken sie quälen, denn sie konnte oft stundenlang auf dem Sofa sitzen, das Gesicht in den Händen vergrabend und tiefe Seufzer ausschickend.

Auch jetzt zeigten ihre Züge große Bekümmernis, aber nicht mit ihrem eigenen Schicksal musste sie sich beschäftigen, während sie den Brief schrieb, denn oftmals entschlüpfte ihren Lippen ein leiser Ausruf wie — »das arme Mädchen/«, — »wie sie mir leid tut«, und einmal sogar der Seufzer: »Die arme Hope, wie sie es aufnehmen wird. Wolle Gott, dass meine Freundin zu schwarz gesehen hat!«

»So«, murmelte sie, als sie den Brief geschlossen und adressiert hatte. »Dies Schreiben soll mir Gewissheit verschaffen, ob an dem Gerüchte etwas Wahres ist oder nicht. Beruht es auf Tatsachen, so wird ihr Bruder auch nicht lange zögern, es mir mitzuteilen. Was ich dann tue, weiß ich noch nicht, es fiele mir so furchtbar schwer, das junge Mädchen, fast noch ein Kind, mit dem schweren Schicksalsschlage bekannt zu machen, der, wenn auch nicht gerade ihr Glück, so doch eine Zeitlang ihren Frohsinn stören könnte. Oder aber«, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, »ich verheimliche es ihr überhaupt, wenigstens so lange sie bei mir ist, mit dem Bruder werde ich mich schon darüber verständigen können. Nun, ich werde sehen! Vorbereiten muss ich sie aber auf jeden Fall, damit sie der Schlag nicht gleich zu hart trifft.«

»Miss Petersen«, ließ sich in diesem Augenblick die Stimme der ebenfalls zurückgebliebenen Miss Nikkerson im Gange vernehmen, »am Deck ist eine Eingeborene, ein altes Weib, und gebärdet sich wie wahnsinnig. Bitte, kommen Sie herauf.«

Sofort verließ Ellen ihre Kabine und begab sich an Deck.

Die ›Vesta‹ lag dicht an dem steinernen Hafendamm, von dem aus sie mittels eines Laufbrettes zu betreten war, etwas entfernter von ihr, aber noch in Rufweite, der ›Blitz‹; der ›Amor‹ dagegen war durch ungünstige Verhältnisse ziemlich weit draußen platziert worden. Der Zugang zu ihm konnte nur im Boot erfolgen.

Über die Laufbrücke der ›Vesta‹ war ein altes Weib, in eine zerfetzte Decke gehüllt, geeilt, hatte sich ohne weiteres den in einem Gespräch befindlichen Mädchen, Miss Nikkerson und Johanna genähert und sie mit einem Wortschwall überschüttet, dabei lebhafte Gestikulationen und ein sehr ängstliches oder vielmehr verzweifeltes Gesicht machend.

Keines der Mädchen verstand die Sprache des Weibes, welches sie als eine Negrita erkannten, von denen sie gestern einige gesehen hatten. Ellen wurde gerufen, aber auch sie wusste sich den Besuch der Frau nicht zu deuten. Dieselbe weinte, jammerte, schrie, kurz, sie gebärdete sich so, dass Miss Nikkerson ganz recht hatte, als sie sagte, dass man es vielleicht mit einer Wahnsinnigen zu tun habe.

»Was will das Weib nur?«, meinte Ellen. »Ihr Benehmen sieht doch nicht aus, als ob sie uns anbetteln wollte! Sie muss übrigens weit gelaufen sein, ihre Füße und die Decke sind voller Staub, und in Manila selbst halten sich keine Negritos auf.«

Sie entnahm ihrer Börse ein Geldstück und hielt es der alten Frau hin, aber diese schüttelte unwillig den Kopf, weinte und jammerte noch mehr, und schließlich, als die Mädchen sie nicht verstehen konnten, ließ sie die Decke fallen, und jetzt erst sahen die Umstehenden, dass ihr Rücken mit blutigen Striemen bedeckt war, wie Peitschenhiebe sie reißen. Kaum merkte sie, wie das Aussehen der Mädchen wechselte, so rannte sie auf dem Laufbrett zurück, drehte sich um, winkte, kam dann, als man ihrer Aufforderung, mitzukommen, nicht folgte, wieder zu den Mädchen und suchte sie an den Kleidern mit sich zu ziehen.

»Es ist kein Zweifel.« rief Ellen, der jetzt plötzlich eine Ahnung auftauchte, »die Frau ist geschlagen worden und ruft uns um Beistand an. Sie scheint uns mit fortnehmen zu wollen, vielleicht dass noch mehrere ihrer Gefährten grausam behandelt werden. Warum aber kommt sie gerade auf die ›Vesta‹?«

»Es wird eine von jenen Eingeborenen sein, die wir gestern besucht haben«, meinte Johanna. »Sie hat gesehen, dass wir freundlich zu ihnen gewesen sind, und fleht uns nun wegen irgend einer Sache um Beistand an.«

»Dass sie aber unsere Freundlichkeit mit Undank vergolten haben, daran scheint dieses Weib gar nicht zu denken«, warf Miss Nikkerson ein.

»Diese Leute haben kein langes Gedächtnis«, sagte Ellen, »wir wollen uns einen Malaien oder Chinesen an Bord holen, der sowohl die englische als ihre Sprache spricht, es gibt solche hier. Wenn wir sie oder ihre Gefährten vor einer Grausamkeit schützen können, so werden wir es tun, und kommen wir zu spät, so wollen wir die Schuldigen zur Bestrafung ziehen lassen. Dies Weib ist unbarmherzig geschlagen worden, die frischen Wunden bezeugen es, und gelten die Negritos bei den Spaniern auch weniger als Tiere, für uns sind sie Menschen, und Genugtuung soll ihnen werden.«

Auf die Bitte Ellens hin wollte sich Miss Nikkerson an Land begeben, um einen geeigneten Dolmetscher aufzuspüren, wurde aber von Johanna daran gehindert.

»Wir wollen lieber Kapitän Hoffmann rufen«, meinte sie. »Ich bin überzeugt, dass er das Weib verstehen kann, denn er ist in fremden Dialekten sehr bewandert, und spricht er diese nicht oder nicht genügend, so hat er unter seiner Besatzung sicher einen Matrosen, der von den Philippinen stammt. Sie setzt sich aus allen Nationen der Erde zusammen.«

»Auch Hannibal versteht die Sprache der Negritos«, sagte Miss Petersen, sich jetzt erst daran erinnernd.

»Aber er ist nicht aus dem ›Amor‹, ich habe ihn vorhin mit den Herren fortfahren sehen.«

»So bitten Sie Kapitän Hoffmann um seinen Besuch«, entschied Ellen.

Johanna schritt dem Hinterteil der ›Vesta‹ zu und machte nach dem ›Blitz‹ hinüber, auf welchem Matrosen arbeiteten, Armbewegungen, dass sie den Kapitän zu sprechen wünsche, und als dieser sofort an Deck erschien, bat sie ihn durch Semaphorieren, möglichst bald nach der ›Vesta‹ zu kommen.

Eine Minute später schritt Hoffmann eiligst den Steindamm entlang und wurde von den drei Mädchen noch vor der Laufbrücke empfangen. Das Betreten der ›Vesta‹ war ja nicht erlaubt, sobald nicht zwingende Gründe vorlagen. Auch jetzt noch ließ das alte Weib in ihren Bemühungen nicht nach, den Damen etwas verständlich zu machen, und nachdem Hoffmann von diesen das Nötigste erfahren hatte, hörte er aufmerksam ihrem jammernden Geschwätz zu.

»Sie spricht die Sprache der Negritos«, sagte Hoffmann, »leider bin ich dieser nicht derart mächtig, um sie vollkommen verstehen zu können, nur so viel höre ich aus ihren wirren Redensarten heraus, dass sie und ihre Gefährten geschlagen worden sind, und vielleicht noch andere, weil sie den von uns geschenkten Fetisch dem Spanier nicht geben wollten. Mir ist nicht klar, was sie mit dem Fetisch, das heißt, mit dem Götzen meint, doch wir werden es sofort erfahren, ich werde meinen Lehrmeister in der Sprache der Eingeborenen rufen, er stammt von den Philippinen.«

Hoffmann wandte sich um und machte nach dem »Bitz« ebenfalls Hand- und Armbewegungen, aber nicht die des Semaphors. Sie konnten von den Damen nicht verstanden werden, er hatte jedenfalls zwischen sich und seinen Leuten ein eigenes Verständigungsmittel erfunden.

Sofort kam von Bord seines Schiffes ein Mann gelaufen, jener Matrose, dessen Bekanntschaft wir schon im Arbeitszimmer des Kapitäns gemacht haben.


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Brentano konnte sich mit der Frau geläufig verständigen, er hörte ihrer Auseinandersetzung aufmerksam zu.

»Dieses Weib behauptet«, erklärte er dann, »den Mitgliedern ihres Stammes wäre von Ihnen ein Fetisch geschenkt worden, den ihnen spanische Soldaten mit Gewalt abnehmen wollten, und da sie ihn nicht herausgäben, würden sie geschlagen. Die Frau selbst hat die Peitsche bekommen, weil sie das Versteck des Fetisches nicht angab, aber sie ist entronnen und hierhergelaufen, um Sie zur Hilfe gegen diese Grausamkeit anzurufen.«

»Ein Fetisch?«, fragte Ellen verwundert. »Aber halt, jetzt klärt es sich in mir auf! Die Frau meint die Uhr, welche dem Marquis Chaushilm von den Negritos gestohlen und ihnen schließlich geschenkt worden ist. Die Diebe haben wohl verstanden, dass er sie nicht will, und rufen nun den Bestohlenen selbst um Hilfe an, damit ihnen das geraubte Gut nicht wieder abgenommen wird. Das ist eigentlich eine große Dreistigkeit, wir wollen sie aber dem kindlichen Gemüte dieses Völkchens zuschreiben,«

»Spanier wollen ihnen die Uhr abnehmen?«, fragte Kapitän Hoffmann.

Der Matrose bestätigte es.

»Ich habe noch mehr von dem Weibe erfahren. Sie ist allein von spanischen Soldaten ergriffen worden, als sie sich gerade etwas abseits von ihrem Stamme befand und sollte zum Geständnis gezwungen werden, wo die Uhr und die Geldbörse versteckt lägen. Die Soldaten haben dann die Anderen gesehen, die Fliehenden verfolgt, und somit bekam das Weib Gelegenheit, sich aus dem Staube zu machen. Sie ist direkt hierher gerannt, Ihnen dies zu erzählen und Sie um Schutz zu bitten. Sie vermutet, dass die habgierigen Spanier ihre Stammesmitglieder so lange martern und peitschen, bis sie Uhr, Kette und Geld erhalten haben.«

»In jenem Flecken liegen spanische Soldaten«, sagte Ellen, »diese werden die Verfolger sein. Ich bin fest entschlossen, einer solchen gemeinen Handlungsweise entgegenzutreten.«

»Sie können es vielleicht auch nur aus Gerechtigkeit tun, um dem Marquis seine Sachen wiederzugeben und die Eingeborenen für ihren Diebstahl zu bestrafen«, meinte Miss Nikkerson.

Niemand konnte sagen, dass diese Meinung unbegründet sei, nur das Betragen des auf den Philippinen unter der spanischen Herrschaft aufgewachsenen Brentano verneinte dies.

Er lachte kurz und höhnisch auf, und auch Hoffmann sagte, dass man den spanischen Soldaten der Philippinen, angeworbenen Söldlingen, ein solches Ehrgefühl nicht zutrauen dürfe.

»Marquis Chaushilm ist an Bord des ›Amor‹ zurückgeblieben«, sagte Ellen, zu Hoffmann gewandt. »Wollen Sie sich hinbemühen und ihn zur Begleitung auffordern? Es ist nötig, dass er mitkommt, wir bedürfen seiner unbedingt, wenn wir den spanischen Soldaten, diesen Wölfen in Schafskleidern, die sich wahrscheinlich unter dem Mantel des Rechts in den Besitz jener Wertsachen bringen wollen, zu Leibe gehen; und Sie, Miss Nikkerson, bitte ich, sich nach Manila zu begeben und dort einen Wagen zu bestellen, wo wir ihn gestern genommen haben. In fünf Minuten können wir abfahren, die Frau und den Dolmetscher nehmen wir mit, wenn es Herr Hoffmann gestattet.«

Der Ingenieur gab natürlich seine Einwilligung. Er war sogar mit Freuden bereit, die Damen zu begleiten, und ließ sich sofort nach dem ›Amor‹ rudern, während die drei Damen, Ellen, Johanna und Miss Nikkerson sich bereitmachten, die kurze Reise anzutreten.

Hoffmann traf den Marquis an Deck des ›Amor‹, wo er eben von einem malaiischen Händler Kokosnüsse kaufte.

»Ach, Kapitän«, rief er dem sich über die Bordwand Schwingenden entgegen, »es ist ja vorzüglich, dass Sie uns auch einmal einen Besuch abstatten! Sehen Sie hier diese Nuss, ist das nicht ein Prachtstück? Sie ist wert, in einem Museum ausgestellt zu werden.«

Dabei deutete er auf eine kolossal große Kokosnuss, welche er soeben von dem Malaien erstanden hatte.

»Sie ist noch grün«, sagte Hoffmann mit einem Blicke auf die Nuss, »sie muss erst etwas liegen, ehe sie völlig schmackhaft ist.«

»Weiß ich, will sie auch gar nicht essen, sondern mir als Andenken aufheben.«

»Wollen Sie sich die Kokosnuss einfassen lassen und an die Uhrkette hängen?«, lachte sein Freund Hendricks.

»Verzeihen Sie, meine Herren, wenn ich Sie unterbreche«, begann Hoffmann, »aber die Uhrkette bringt mich auf das, was mich zu Ihnen geführt hat.«

Er erzählte schnell alles, was er von der Negrita fahren hatte, und Chaushilm, wie Hendricks waren sofort entschlossen, die Damen und Hoffmann zu begleiten.

Der Marquis war vor Zorn außer sich.

»Diese Schufte«, rief er einmal über das andere, »wollen die armen Kerle bestehlen. Aber ich werde ihnen zeigen, was es heißt, jemandem etwas wegzunehmen, was ihm von Marquis Chaushilm geschenkt worden ist, ich ziehe ihnen bei lebendigem Leibe die Haut ab.«

Plötzlich schlug er sich vor die Stirn.

»Halt«, rief er, »jetzt weiß ich, wer diese Spitzbübereien angezettelt hat. Dieser krummbeinige, spanische Kapitän ist es gewesen, oder ich will mich hängen lassen. Der Kerl fragte mich so genau aus, ob ich jenen die Uhr wirklich geschenkt habe, ob sie aus Gold, wie viel sie wert und wie viel in der Börse gewesen sei. Hole der Teufel den Halunken, ich massakriere ihn! Hendricks, sind Sie fertig?«

»Ich brauche nur meine Sporen anzuschnallen.«

»Wollen Sie reiten?«, fragte Hoffmann.

»Ich fahre nie, solange ich einen Gaul bekommen kann«, war die stolze Antwort, »und wenn er auch nur drei Beine hat.«

»Stimmt!«, rief Chaushilm und nahm seine riesige Kokosnuss in beide Arme, um sie in seine Kabine zu tragen. »Ohne Pferd kein Mann, ich reite auch. Wollen Sie fahren, Mister Hoffmann?«

»Dann schließe ich mich Ihnen an«, meinte dieser; »den einzigen Wagen, den wir mitnehmen, bekommen die drei Damen und das Weib.«

Die im Hofe des Pferdeverleihers stehenden Eingeborenen und Spanier staunten nicht wenig, als die Gesellschaft in Begleitung der halbnackten Frau ankam, welche als Negrita eigentlich die Stadt gar nicht betreten durfte. Aber noch mehr wunderten sie sich, dass die vornehmen Damen die Eingeborene sogar zu sich in den gemieteten Wagen setzen ließen.

Hoffmann, Chaushilm, Hendricks und auch John Davids, welcher sich ihnen unterwegs noch angeschlossen hatte, bestiegen Pferde, ebenso der mitgenommene Brentano, und bald galoppierten sie neben dem schnell fahrenden Wagen wieder der Gegend zu, in welcher sie am vergangenen Abend das Zusammentreffen mit den Negritos gehabt hatten.

Unterwegs verständigten sie sich, wie sie sich den spanischen Soldaten gegenüber verhalten sollten, und alle waren damit einverstanden, selbst der ruhige, besonnene Ingenieur und der ernste Davids, mit der größten Energie aufzutreten und sich nicht das geringste gefallen zu lassen, sollte man auch nur vermuten, dass die Spanier auf eigene Faust handelten. Doch wurde ganz besonders Chaushilm gebeten, sich nicht zu voreiligen Handlungen hinreißen zu lassen.

Das Weib bezeichnete die Richtung, welche die vor den Spaniern geflohenen Negritos genommen hatten. Diese führte in einen Orangenwald, denselben, an welchem sie gestern gelagert, und da der Wagen durch diesen nicht fahren konnte, so mussten die Damen aussteigen und zu Fuß weitergehen.

Die Herren saßen natürlich ebenfalls ab und ließen die Pferde unter der Obhut des Kutschers zurück.

Der Eingeborenen war es leicht, die Spuren zu verfolgen, welche ihre Stammesbrüder, wie die Spanier, zurückgelassen hatten. Man hoffte nur, noch rechtzeitig einzutreffen, um die Spanier an Grausamkeiten gegen die Eingeborenen zu verhindern.

»Solche lappige Dinger«, brummte Chaushilm ärgerlich, während sich die Gesellschaft durch die Büsche wand, »sie sind gar nicht wert, dass man hier durch Büsche und Sträucher kriecht, aber diesen habgierigen Spaniern ist es zuzutrauen, dass sie ihretwegen die Eingeborenen an den Füßen aufhängen, bis ihnen Blut aus Mund und Nase fließt. Wie haben sie es denn in Mexiko und Peru gemacht!«

Was war das? Klang da nicht ein schreckliches Wehgeheul aus weiter Ferne durch den Wald?

Mit beflügelten Schritten eilten sie vorwärts; ihre Vermutung bestätigte sich also. Die Eingeborenen waren von den spanischen Soldaten gefangen worden, und sollten durch Anwendung von Gewalt, vielleicht sogar durch allerlei Martern zum Geständnis gezwungen werden.

Plötzlich teilten sich vor den Vorwärtsstrebenden die Büsche, und ein in die Uniform der spanischen Offiziere gekleideter Mann trat heraus.

»Siehe da, Capitano«, rief Chaushilm, der den krummbeinigen Spanier, der ihn gestern Abend so merkwürdig ausgefragt, erkannt hatte, »siehe da, habe ich mir doch gedacht, dass wir uns hier treffen würden!«

Der Spanier war beim Anblick der Gesellschaft, welche er wohl kannte, erschrocken zusammengefahren, umso mehr, als er das eingeborene Weib dabei erblickte. Er wusste sehr wohl oder ahnte wenigstens, was sie hierhergeführt hatte.

Doch schnell hatte er sich wieder gesammelt.

»Ah, freue mich sehr, Sie wiederzusehen«, sagte er in schlechtem Englisch, »doch verzeihen Sie mir meine Bündigkeit, ich befinde mich im Dienst und habe meine Leute zu exerzieren. Würde mich sehr freuen, wenn ich Sie zu Mittag in der Weinstube treffen könnte.«

Ein spanisches Kommando erscholl aus seinem Munde, von allen Seiten tauchten Soldaten auf, sammelten sich hinter ihrem Anführer und schwenkten auf Befehl zur Seite ab, in Reihen geordnet, so gut, als es die Bäume erlaubten, und noch mehr, soviel dies bei der lockeren Disziplin der Soldaten möglich war.

»Im Dienst!«, ließ sich aber Chaushilm mit höhnischer Stimme vernehmen und trat dem Spanier direkt in den Weg. »Darf ich Sie fragen, ob dieser Ihnen aufträgt, den Eingeborenen die von mir geschenkten Sachen abzunehmen?«

Die Freunde des Herzogs erschraken über die Ausdrucksweise desselben; er sagte dem Spanier etwas, was dieser als Beleidigung auffassen musste.

Dessen gelbbraunes Gesicht hatte plötzlich alle Farbe verloren, bleich wie der Tod starrte er den kühnen Sprecher an, mit Augen, von denen man nicht wusste, ob der Schrecken oder die Wut ihnen einen solch fürchterlichen Ausdruck gaben.

Sein Kommando rief die etwa zwanzig sich schon entfernenden Soldaten zurück; es war ihm nicht entgangen, dass einer von der Gesellschaft nach einem leisen Gespräch mit einem Herrn weiter in den Wald vorgedrungen war — es war Brentano gewesen.

»Herr«, brauste plötzlich der Spanier mit vor Wut erstickter Stimme auf, »wie soll ich Sie verstehen? Beim heiligen Sebastian, antworten Sie mir, oder Sie sollen Juarez kennen lernen!«

Die Herren wie die Damen waren zu ihrem Freunde geeilt und umstanden ihn schützend, doch Chaushilm ließ sich durch den drohenden Ton der Stimme nicht einschüchtern.

»Dieses Weib da«, er deutete auf die Eingeborene, »hat erzählt, dass Sie es durch Peitschenhiebe haben zwingen wollen, auszusagen, wer von den Eingeborenen im Besitze meiner Uhr, meiner Börse und so weiter sei. Habe ich Ihnen nicht gestern selbst ausdrücklich auf Ihre zweimalige Frage gesagt, dass ich den Leuten alles geschenkt habe?«

In diesem Augenblicke kam Brentano zurück und mit ihm noch einige Eingeborene, denen er freundlich zusprach. Sie alle zeigten mehr oder weniger Spuren von Misshandlungen, Hiebe, Beulen, sogar Stiche. Einem derselben war der Rücken von Schlägen mit einem peitschenartigen Gegenstand ganz zerfleischt worden.

Dass der Spanier durch die direkte Anschuldigung Chaushilms nicht eingeschüchtert werden würde, darüber waren unsere Freunde sich schon vorher klar gewesen, schon unterwegs hatten sie davon gesprochen, auf welche Weise sich der Spanier, welchen man bei einer Erpressung ertappte, herausreden würde.

Stolz hatte sich der Spanier emporgerichtet,

»Ich halte es nicht für nötig, Ihnen über das, was ich getan habe, Rechenschaft zu geben«, sagte er, seinen Schrecken, den er erst durch Zorn zu verdecken suchte, jetzt durch einen angenommenen verächtlichen Ton bemäntelnd, »ich handle nach meinen Befehlen. Aber da es ein Missverständnis zu sein scheint, welches Sie auf diese Weise mir in den Weg treten lässt, so teile ich Ihnen den Grund meines Vorgehens gegen die Eingeborenen mit. Ich habe von höherem Orte, wo Ihre Beraubung bekannt geworden ist, den Auftrag, den Dieben die Wertsachen wieder abzunehmen und auszuliefern. Wahrscheinlich würden Sie noch heute Ihre gestohlenen Sachen zurückerhalten haben. Dies zum Beweis.«

Ruhig griff der Spanier in die Brusttasche seiner Uniform und brachte Uhr, Kette und Börse Chaushilms zum Vorschein, sie ihm hinhaltend, aber nicht ausliefernd.

Wie schon gesagt, konnte Chaushilm durch diese Aussage des Spaniers nicht mehr verwirrt werden, dieser Fall war schon vorher als wahrscheinlich vorausgesetzt worden. Doch wusste der Marquis nicht sogleich, wie er dem Kapitän antworten sollte, ohne einfach zu neuen Beleidigungen überzugehen. Allen war klar, dass der Spanier sich selbst in den Besitz der wertvollen Gegenstände setzen wollte; die ihn begleitenden Soldaten bestach er durch eine Kleinigkeit, zu schweigen, oder hatte dies nicht einmal nötig. Schwiegen sie nicht für ein paar Flaschen Wein, so wusste ihr Kapitän jedenfalls andere Mittel, man kannte ja die Wirtschaft, welche unter dem spanischen Militär herrschte.

Dass der Kapitän, ein Offizier, einer ehrlosen Handlung fähig war, bezweifelte niemand, denn aus seinem dünkelhaften, aufgeblasenen Benehmen, seinem äußerst gemein klingenden Englisch, ja selbst aus dem Spanisch, welches er sprach — einige der Gesellschaft, wie zum Beispiel Hoffmann und Davids beherrschten diese Sprache vollkommen — hörten sie heraus, dass er nichts weiter war, als ein gewöhnlicher Soldat, ein Abenteurer, der sich zum Offiziersrange aufgeschwungen hatte. Dazu gehörte hierzulande nicht viel, ein schneidiges, oder besser gesagt, freches Auftreten, etwas Dienstkenntnis und die Hauptsache, einige Geldmittel.

Dass der Spanier jetzt also dem Marquis Uhr, Kette und Börse hinhielt, machte auf die Gesellschaft nicht den geringsten Eindruck, sie hatten Ähnliches erwartet.

Hoffmann hatte mit dem unterdes zurückgekehrten Brentano leise geflüstert. Jetzt trat er auf den Spanier zu, der mit prahlerischem Stolz die hohe Gestalt musterte, sich vollkommen seiner Unnahbarkeit bewusst.

»Kapitän«, begann Hoffmann mit ruhiger, ernster Stimme, »Sie sagen, Sie hätten den Eingeborenen die Wertsachen auf höheren Befehl abgenommen. Darf ich Sie fragen, wer diesen erließ?«

Der Spanier blieb lange Zeit eine Antwort schuldig, dann aber suchte er die Verlegenheit, die sich seiner bemächtigte, wieder durch einen mächtigen Zorn aus verletztem Ehrgefühl zu bemänteln.

»Das geht Sie nichts an!«, brauste er auf. »Beim heiligen Sebastian, meinem Schutzpatron, wer sind Sie eigentlich, dass Sie solche Fragen zu stellen wagen?«

»Wir sind diejenigen, welche Sie daran hindern wollen, den Negritos die von uns geschenkten Sachen durch niederträchtige Gewalt zu rauben«, klang es kalt aus dem Munde des Ingenieurs.

Wieder verfärbte sich der Spanier, seine Augen glühten unheimlich auf, und die zitternde Rechte legte sich an den Griff des Degens.

»Was sagen Sie da?«, stammelte er. »Wissen Sie, dass ich das Recht hätte, ja, dass meine Ehre als Offizier es erfordert, Sie wie einen Hund über den Haufen zu stechen?«

»Was ich sage?«, entgegnete Hoffmann. »Ich behaupte nochmals, dass Sie den Eingeborenen die von diesem Herrn geschenkten Sachen weggenommen haben, durch Anwendung von Gewalt. Sie haben die Leute sogar peitschen lassen und haben selbst mit geschlagen.«

»Ich habe es getan, weil ich es musste; Rechenschaft habe ich Ihnen darüber nicht abzugeben«, antwortete der Spanier stolz, »aber ich versichere Ihnen, diese Szene wird noch ein Nachspiel haben, oder ich will nicht Juarez heißen.«

»Sie haben die Sachen genommen, um dieselben für sich zu behalten«, fuhr der Ingenieur ruhig fort. »Einen Auftrag haben Sie überhaupt nicht erhalten, sondern auf eigene Faust gehandelt, und damit ich diese meine Behauptung gleich beweise, so will ich Ihnen sagen, dass Sie nur dies Wertvolle, die Goldsachen und das Geld behalten, aber die Ihnen als wertlos erscheinenden Sachen, wie Haarbürste, Notizbuch und so weiter, welche Ihnen die Eingeborenen ebenfalls auslieferten, einfach weggeworfen haben.«

Des Spaniers Munde entfuhr ein kurzer Ton, aber er war von seinen Leuten verstanden worden. Einige liefen zurück, dahin, woher sie gekommen waren, doch ebenso schnell waren die englischen Herren, sie waren von Hoffmann schon vorher instruiert worden.

Gleichzeitig mit den Soldaten langten auch sie auf dem Platze an, wo die Eingeborenen durch Hiebe und Bajonettstiche zum Geständnis gezwungen worden waren — er lag dicht nebenan, nur zehn Schritte entfernt — und ehe die Soldaten die wirklich am Boden liegenden Gegenstände aufgehoben hatten, waren diese schon in den Händen der Engländer.

Nur einem war es gelungen, das Notizbuch zu erhaschen, schon wollte er es in die Uniform schieben, aber Davids erfasste es und riss es ihm nach kurzem Ringen aus der Hand.

Der spanische Offizier war stehen geblieben, er konnte den Blick nicht von des Ingenieurs strahlenden Augen wenden, wie gebannt starrte er ihn an.

Die Engländer kehrten zurück, die gefundenen Sachen in der Hand tragend. Des Spaniers Blick streifte sie, er entfärbte sich, behielt aber noch seine Fassung.

»Was sagen Sie nun, Capitano?«, begann Hoffmann abermals. »Wissen Sie noch eine Ausflucht?«

»Diese Sachen sind mir nicht ausgeliefert worden«, schrie der Spanier. »Ich sehe sie jetzt zum ersten Male, die Eingeborenen selbst haben sie nachträglich fortgeworfen.«

»Diese behaupten das Gegenteil, sie sagen aus, dass sie auch die Haarbürste, das Messer, das Notizbuch und so weiter, für sie ebenso wertvolle Gegenstände wie die Uhr, ja wertvoller als das Geld, Ihnen ausgeliefert haben, dass Sie dieselben aber verächtlich fortwarfen.«

»Bah, diese Schufte«, rief der Kapitän, »sie lügen wie gedruckt, ein Negrito ist überhaupt kein Zeuge, man schenkt ihm hier nicht den geringsten Glauben.«

»Aber wir tun dies«, sagte Hoffmann mit Betonung, »ein Negrito ist bei uns ebenso gut ein Mensch wie Sie. Nein, die Sache ist die, Sie haben gehört, dass dieser Herr hier«, er deutete auf Chaushilm, ohne den Spanier aus dem Auge zu lassen, »keinen Anspruch mehr auf die ihm gestohlenen Sachen machte, er erklärte ausdrücklich, die Sachen nicht mehr als gestohlene, sondern als verschenkte zu betrachten, aus Gründen, die uns nichts angehen. Sie glaubten nun, sich selbst in den Besitz der Wertsachen bringen zu können, beorderten Ihre Soldaten, fingen die Eingeborenen ein und ließen sie so lange martern, bis sie Ihnen die Gegenstände herausgaben. Uhr, Kette und Börse behielten Sie für sich, das andere warfen Sie als wertlos weg.«

»Das ist eine Verleumdung, wegen der Sie sich höheren Orts zu verantworten haben werden und außerdem bei mir noch persönlich«, schrie der Spanier, noch einmal zu erkünstelter Entrüstung seine Zuflucht nehmend.

»Eher glaube ich fast, diese Engländer haben diese Sachen dahin geworfen, um mir eine Falle zu stellen, aber ich werde dafür Sorge tragen, dass eine solche Handlung ...«

Er konnte nicht weitersprechen. Chaushilm war auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Schlag ins Gesicht versetzt, der den ausgemergelten Spanier wie einen Sack ins Gras warf.

»Da, du Halunke!«, rief der Marquis. »Mit dem Rechte, mit dem du die armen Kerle hast peitschen lassen, verabreiche ich dir dieses!«

Einen Augenblick lag der Spanier am Boden, sein Gesicht ward plötzlich dunkelrot, die Augen hielt er geschlossen, dann aber sprang er mit einem heiseren Wutschrei empor, ein kurzes, abgerissenes Wort kam über seine Lippen, was mit Ausnahme eines einzigen keiner der spanisch sprechenden Herren oder Damen verstand, denn es war jedenfalls abgekürzt gesprochen worden, aber die Bedeutung desselben wurde sofort allen klar — es war ein Kommando an seine Leute gewesen.


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Diese hatten sich hinter ihrem Anführer gesammelt, mit wütenden Blicken die Fremdlinge musternd, welche es wagten, eine jener Handlungen, wie sie bei ihnen jeden Tag vorkamen, zu hindern. Versprach doch durch deren Dazwischentreten ihnen ein reiches Trinkgeld zu entgehen, denn um sonst ließen sie sich auch nicht zu einem solchen Privatgeschäft des Kapitäns verwenden.

Schon lange hatten sie sich gewundert, wie es kam, dass ihr sonst so keck auftretender Kapitän sich von diesem verfluchten Engländer auf eine solche Weise behandeln ließ; sie hatten ja durch ihre Überzahl das Recht auf ihrer Seite, und kaum erscholl das Kommando, so flogen die Gewehre von der Erde in Anschlag, die Hähne knackten, und zwanzig gespannte und geladene Gewehrläufe sahen drohend den Engländern entgegen.

Allen der Gesellschaft war bewusst, in welch kritischer Lage sie sich befanden. Der Kapitän war aus dem Bereiche der Kugeln zurückgesprungen, sie aber standen direkt vor den Mündungen, und es bedurfte nur des Wortes »Feuer«, so bedeckten ihre durchschossenen Körper den Rasen. Wer konnte dann dem Kapitän beweisen, dass er sie ermordet habe? Diese Eingeborenen? Denen wurde kein Glauben geschenkt, sie wurden nicht einmal um ihre Aussage gefragt, und der Kapitän und die Soldaten schworen natürlich, wenn sie die Leichen nicht spurlos verschwinden lassen konnten, sie hätten die Engländer, selbst die Mädchen, in Notwehr erschießen müssen. Gegenbeweise brauchten sie nicht zu befürchten. Aber einer war doch unter den Bedrohten, der das Kommando trotz seiner abgekürzten und schnellen Aussprache verstanden hatte und das Nachfolgende zu vereiteln wusste. In demselben Augenblicke, da die Gewehre emporflogen und der Kapitän aus ihrem Bereiche sprang, stürzte Hoffmann vor; ein Griff und er hatte den Spanier gepackt, ihm einen Dolch auf die Brust setzend.

»Noch ein Wort«, herrschte er ihn im geläufigen Spanisch an, sodass er auch von den Soldaten verstanden wurde, »nur eine einzige Silbe, und es ist Ihre letzte gewesen. Gewehr bei Fuß, Burschen, gehorcht!«

Der Befehl war in einem Tone gesprochen, der unbedingt befolgt werden musste. Klirrend stampften die Kolben wieder auf den Boden, die Soldaten wagten nicht, zu trotzen, sie waren völlig verblüfft.

»Kapitän Juarez«, fuhr Hoffmann fort, »Sie haben unbegründet einen Mordversuch auf unser Leben gemacht. Es wäre jetzt meine Pflicht, Sie zur Anzeige zu bringen, aber ich werde dies unterlassen, ich mag nicht Ihretwegen Unannehmlichkeiten haben. Doch so viel lassen Sie sich gesagt sein, ich werde diese Eingeborenen hier unter die Obhut eines mir befreundeten Herrn in Manila stellen, und wird ihnen von Ihrer Seite auch nur ein Haar gekrümmt, so kommt diese Geschichte zur Anzeige, und Sie sehen Ihrer Bestrafung entgegen. Verstanden?«

Der Spanier antwortete nichts, mit entsetzten Augen starrte er den hochgewachsenen Mann an, der ihn so fest an der Brust gefasst hielt.

»Gehen Sie, bitte, zu den Pferden zurück«, sagte Hoffmann, zu seinen Gefährten gewendet, »ich werde dafür sorgen, dass Ihnen keine Kugel als Lebewohl nachgeschickt wird.«

Alle sahen ein, dass dies das beste war. Hätte Hoffmann den Spanier in Freiheit gesetzt und wären sie jetzt alle zusammen zurückgegangen, so stand sicher zu erwarten, dass der Kapitän seine Leute nochmals zum Schießen kommandierte.

Chaushilm, noch immer bei seiner alten Meinung beharrend, überlieferte den Eingeborenen, zu ihrer unaussprechlichen Freude, wieder Uhr und Geld und versicherte nochmals ausdrücklich, dass es ihr Eigentum sei.

»Die Kerle haben mich so geschickt bestohlen, dass sie dafür belohnt werden müssen«, lachte er, zu seinen Gefährten gewendet, »eine jede Kunst muss überhaupt Anerkennung finden, damit sie gepflegt wird.«

Nur das Notizbuch steckte er wieder zu sich, weil es manche für ihn wichtige Bemerkungen enthielt, und schloss sich dann den anderen an, welche schon den Rückweg antraten. Ehe er ging, empfahl er sich auch dem Kapitän mit einigen höflichen, spöttisch klingenden Worten.

Als die Gesellschaft die Wagen und die Pferde bestieg, trat Hoffmann zu ihnen und trieb seine Gefährten an, sich möglichst zu beeilen.

»Schlimmer kann es nicht in der dicksten Wildnis zugehen, als hier in dem gesegneten Lande«, rief Hendricks unterwegs. »Lieber will ich unter eine Horde Indianer geraten als unter solche spanische Soldaten.«

»Werden wir wohl noch Unannehmlichkeiten von diesem Zusammentreffen haben?«, fragte Davids den Ingenieur.

»Ich glaube kaum«, entgegnete Hoffmann. »Der Kapitän wird froh sein, wenn wir reinen Mund halten. Es ist zwar nicht recht gewesen, wie wir vorgegangen sind, aber es war der kürzeste Weg. Hätten wir den Kapitän angeklagt, so wären Tage vergangen; wir wären zurückgehalten worden, bis das spanische Gericht die Sache endlich erledigt hätte. Selbst, dass Marquis Chaushilm ihn gezüchtigt, muss er ruhig hinnehmen, er kann höchstens auf eine Privatrache denken, und diese haben wir nicht zu fürchten, wenn wir vorsichtig sind.«

»Ich habe aber gehört«, meinte der vorsichtige Davids, »dass die Aussagen der Negritos hier bei den spanischen Gerichten durchaus nichts gelten, dass sie überhaupt nicht vernommen werden. Der Kapitän kann nun auf seinen Diensteid schwören, die Sachen nur zu dem Zwecke den Eingeborenen abgenommen zu haben, sie uns auszuliefern und ebenso, die anderen Sachen von ihnen nicht bekommen zu haben. Schwören auch die Soldaten, so können wir nichts dagegen machen, denn als spanische Beamte haben sie den ersten Schwur, und wir werden unnachsichtlich bestraft, weil wir uns gegen die Macht des Gouverneurs aufgelehnt haben.«

»Ich glaube nicht, dass der Kapitän auf Befehl gehandelt hat«, unterbrach ihn Ellen.

»Er kann sich leicht herausreden«, sagte Davids, »er hat eben gehört, wir seien bestohlen worden, und er hat es für seine Pflicht gehalten, die Eingeborenen zu bestrafen und uns die Sachen wieder zukommen zu lassen.«

»Quälen wir uns nicht mit solchen Mutmaßungen«, meinte Ingenieur Hoffmann gleichmütig. »Selbst, wenn wir wegen Auflehnung gegen die Staatsgewalt angeklagt werden sollten, wird es uns ein leichtes sein, den Gegenbeweis zu liefern. Uns, als Personen, welche mit eigenen Schiffen Manila besuchen, wird man mehr trauen als jenen spanischen Soldaten.«

»Aber es kann eine ewige Verzögerung unserer Abreise mit sich bringen«, rief Ellen unmutig.

»Auch das glaube ich nicht. Ich kenne in Manila Personen von hohem Rang, welche für uns gutsagen werden. Wollen die Damen und Herren ihre Freunde aufsuchen? Dieser Weg hier links ab führt nach dem Baysee, in einer Stunde können wir ihn erreicht haben.«

Alle waren damit einverstanden, diese Gelegenheit, ihre Freunde zu treffen, zu benutzen.

Bald sah man den Spiegel des mächtigen Baysees vor sich schimmern, auf dem zahlreiche Segel- und Ruderboote, vornehmen, spanischen Familien gehörend, auf- und abschwammen. Unter ihnen erkannten sie auch die Boote ihrer Freunde, dieselben unterschieden sich schon durch den graziösen, scharfen Bau und ihre geschickte Bedienung vorteilhaft von den anderen.

Es dauerte nicht lange, so war es unter den Besatzungen der vier Boote bekannt geworden, dass einige der Zurückgebliebenen am Ufer ihrer warteten; die männlichen, wie die weiblichen Matrosen, beide in ihren Seemannskostümen, wendeten die Segel und landeten.

Das von Lord Harrlington gesteuerte Segelboot war das erste, welches den Uferrand berührte.

Eben sah er, wie John Davids vom Pferde sprang, den Schlag öffnete, einer Dame die Hand reichte, und sie aus dem Wagen hob — es war Miss Petersen.

»Zum Teufel, Kapitän«, lachte Williams in seinem Boot, »Sie wollen wohl auf dem Lande segeln?«

Harrlington schrak zusammen, er hatte nicht darauf geachtet, dass sein Boot schon fast das Ufer berührte, aber es war zu spät, er konnte nicht mehr wenden, im nächsten Augenblick musste der weitausgestreckte Klüverbaum an einen dicht am Ufer stehenden Baumstamm rennen und abbrechen, es schien unvermeidlich. Im Boot selbst konnte weder durch Segel, noch durch Steuer etwas dagegen gemacht werden.

In diesem Augenblick sprang Davids auf das Boot zu, fasste mit beiden Händen die äußerste Spitze des Klüverbaumes und drängte das Boot kräftig zurück, bis eine Kollision mit dem Stamme nicht mehr zu fürchten war — der Klüverbaum war verschont geblieben.

»Das wäre bald schlimm abgelaufen!«, lachte Miss Nikkerson. »Hätten Sie den Klüverbaum gebrochen, so wäre Ihre Ehre als Seemann für immer dahingewesen. Bedanken Sie sich bei Mister Davids für seine energische Hilfe.«

Harrlington antwortete nichts, mit bitteren Gefühlen sah er, dass auch Ellen über sein Missgeschick lachte. Er ließ Davids in sein Boot steigen und stieß wieder ab.

* * * * *

III.11. Der schwarze Passagier

Können Sie mir Auskunft geben, welchen Hafen Seiner Majestät Schiff ›Victoria‹, welches vorgestern hier abgefahren ist, zunächst anlaufen wird?«

Diese Frage wurde auf dem deutschen Konsulat zu Melbourne in dem Vorzimmer an den Sekretär gestellt, welcher anfragenden, deutschen Seeleuten über nicht besonders wichtige Angelegenheiten Bescheid erteilte und in wichtigen Sachen dem Vorsprechenden die Zeit angab, wann sie von dem Konsul selbst empfangen werden könnten.

Der Sekretär blickte durch das Schiebefensterchen, welches die Verbindung seines Büros mit dem Flur herstellte, und sah einen großen, äußerst mageren Herrn von etwa vierzig Jahren, völlig in Schwarz, aber sehr elegant gekleidet, stehen. Sein Gesichtsausdruck war unangenehm zu nennen, es lag etwas Lauerndes darin, und um den fest zusammengepressten, bartlosen Mund spielte beständig ein nervöses Zucken.

Der Sekretär stand bei allen, welche seine Ratschläge schon einmal in Anspruch genommen hatten, in nicht gerade gutem Rufe, weil er sich durch eine ganz besondere Grobheit auszeichnete, die er sich durch den Verkehr mit Seeleuten angeeignet hatte. Diesem Manne aber gegenüber, der in dem schwarzen Gehrock, dem hohen Zylinder und der weißen Halsbinde den Eindruck machte, als wäre er entweder ein Missionar oder ein feiner, aristokratischer Herr, setzte er ein freundliches Gesicht auf und bemühte sich einer zuvorkommenden Höflichkeit.

»Der nächste Hafen des Schulschiffes ist Wellington«, entgegnete er auf die Frage des Schwarzrockes; »heute ist Freitag, also am Montag kann ich die Depesche seiner Ankunft erwarten. Wünschen Sie Nachricht zugeschickt zu erhalten?«

»Nein, ich bleibe nicht hier. Wellington sagten Sie?«

»Wellington.«

Der schwarze Herr räusperte sich einige Male.

»Ist es das Wellington in Tasmanien?«, fragte er dann wieder.

»In Tasmanien«, entgegnete der Sekretär, etwas erstaunt, »dort kenne ich gar keins. Nein, Wellington auf der Nordinsel von Neuseeland natürlich, die ›Victoria‹ läuft nur größere Häfen an.«

»So. Wann geht von hier ein schneller Passagierdampfer nach diesem Hafen ab?«

»Jeden Montag früh vier Uhr.«

»Teufel, also könnte ich erst am nächsten Montag fahren!«, rief der Fremde ungeduldig. »Gibt es denn keine anderen Fahrverbindungen?«

»Gewiss, es gibt noch viele Dampfer, Frachtschiffe, welche diesen Weg nehmen; täglich fahren welche von hier nach Wellington ab«, entgegnete der Sekretär und schüttelte wie spielend die blecherne Büchse, auf welcher mit großen, weißen Buchstaben geschrieben stand: »Für hilfsbedürftige, deutsche Seeleute« »und ich rate Ihnen, auf einem solchen zu fahren, sie sind alle mit Kabinen für gelegentliche Passagiere ausgestattet. Das Passagierschiff fährt auch nicht schneller als diese Dampfer; in vier Tagen erreichen sie alle Wellington. Liegt Ihnen daran, bald hinzukommen, so nehmen Sie ein solches.«

»Das werde ich auch tun. Wie lange bleibt die ›Victoria‹ in Wellington liegen?«

»So genau kann ich Ihnen dies nicht angeben, aber mindestens so lange, dass Sie das Schiff noch dort treffen, wenn Sie etwas darauf zu tun haben. Unter sechs Tagen wird es den Hafen nicht wieder verlassen.«

»Können Sie mir ein Schiff nennen, welches nach Wellington fährt?«

»Gewiss, wenigstens deutsche Schiffe. Morgen früh um acht Uhr zum Beispiel fährt der ›Mozart‹ ab, es ist ein gutes Schiff, Kapitän Häuseler.«

»Fährt nicht noch heute Abend ein Schiff ab? Es kann auch ein anderes als ein deutsches sein.«

Der Sekretär blinzelte den hartnäckigen Frager erstaunt von der Seite an. Dieser Mann musste es ja ungeheuer eilig haben. Es war fast schon fünf Uhr, das Büro sollte bald geschlossen werden, und trotzdem wollte der Mann noch heute abreisen.

»Auch darüber kann ich Ihnen Auskunft geben«, antwortete er und spielte wieder mit der Sammelbüchse; »allerdings geht um sieben Uhr ein deutsches Schiff, der ›Albatros‹, nach Wellington, aber erstens sind es bis dahin nur noch zwei Stunden Zeit, und dann hat der Dampfer viel Schafwolle an Bord geladen.«

»Was sollte mich diese hindern?«

Der Sekretär unterdrückte ein Lächeln.

»Die Schafwolle hat einen sehr üblen Geruch an sich«, entgegnete er dann, »oder auf gut Deutsch gesagt, sie stinkt ganz bestialisch. Wer einmal an Bord eines solchen Käsetrogs war, geht nicht zum zweiten Male darauf.«

»Wie heißt der Kapitän?«

»Kapitän Roller.«

»Danke.«

Vergebens rasselte der Sekretär jetzt ganz energisch mit der Sammelbüchse und hielt sie sogar zum Fenster hinaus. — Ohne sich aufhalten zu lassen oder von der Anspielung auf einen Beitrag Notiz zu nehmen, drehte sich der Schwarzrock um und rannte förmlich mit langen Schritten zum Flur hinaus.

Der Sekretär war wütend.

»So ein geiziger Lump«, murmelte er, feuerrot am Kopfe, und warf die Aktenstücke mit einer Heftigkeit in die Regale, als wären sie Schuld an seinem Zorn. »Fragt mich der aus, hält mich eine halbe Stunde über meine Bürozeit hin und läuft dann von der Sammelbüchse weg, als wollte ich ihn mit Schwefelsäure begießen! Und ich habe sie ihm doch wahrhaftig lange genug vor die Nase gehalten! Herrgott, was laufen doch für Kerle in der Welt herum, und dieser will nun gar ein Deutscher sein, ein Rheinländer war's wahrscheinlich.«

Der unwillige Sekretär warf einen Blick nach der Uhr, deren Zeiger zwar noch keine halbe Stunde, aber doch schon fünf Minuten über die Arbeitszeit zeigten — ein für jeden Büroschreiber unverzeihliches Vergehen — und verließ dann eiligst die dumpfe Aktenstube.

Der Schwarzrock hatte unterdessen den Weg zurückgelegt, der ihn nach einem dicht in der Nähe des Hafens gelegenen Hotel brachte, wo er erst heute Morgen abgestiegen war.

Dort ließ er einen Kofferträger holen, bezahlte seine kleine Rechnung, ohne dabei das finstere Gesicht des Kellners zu beachten, der von dem vornehmen Herrn ein reiches Trinkgeld erhofft hatte und nun gar keins empfing, und machte sich mit seinem wenigen Gepäck auf den Weg nach dem Kai, wo nach Angabe des Kellners der ›Albatros‹ lag.

Er traf den Kapitän Roller, wie er seine Leute die letzten Ballen Schafswolle an Bord nehmen und im Zwischendeck verstauen ließ.

Der Kapitän war sehr erstaunt, noch in der letzten Minute einen Passagier zu bekommen, aber auch wiederum sehr erfreut. Denn einmal floss das für die Überfahrt bezahlte Geld, mit Ausnahme dessen für die Verpflegung, in seine Tasche, und dann war der Kapitän auch ein Gesellschaftsmensch, der bei einem guten Glase Wein eine interessante Unterhaltung mit einem feinen gebildeten Manne liebte, und dazu war ihm hier eine Gelegenheit geboten. Bald waren beide um das Fahrgeld einig, der Kapitän machte es vor Freude noch sehr billig, und der Fremde ward als Passagier aufgenommen.

Er hatte sich als Moritz Weißbach vorgestellt, worüber das Wohlwollen des Kapitäns wuchs, denn so hatte er nicht nur einen deutschsprechenden Ausländer, sondern einen wirklichen Deutschen vor sich, ja, er hätte den in Schwarz gekleideten Weißen umarmen mögen, als dieser die erste Vermutung des Kapitäns, Missionar zu sein, Lügen strafte, indem er sich als einen ehemaligen deutschen Offizier ausgab, der jetzt zu seinem Vergnügen in der Welt herumreise.

Pünktlich sieben Uhr lichtete der ›Albatro‹ die Anker und verließ den freundlichen Hafen von Melbourne, nächst Sydney der wichtigste Hafenplatz Australiens. Während der Abfahrt hatte der gemütliche Kapitän natürlich auf der Kommandobrücke zu tun, also keine Zeit, sich um seinen Passagier zu kümmern, als aber erst der Lotse von Bord gesetzt worden war und die für die Nachtfahrt geeigneten Verhaltungsmaßregeln gegeben waren, da schickte er sich an, mit Herrn Weißbach noch ein Stündchen zu plaudern.

Aber es war vergebens gewesen, dass er den Steward, den Schiffskellner, der für die Bequemlichkeit der Offiziere zu sorgen hat, mit Kaltstellen einer guten Flasche Rheinweins beauftragt hatte, die Kabine des Passagiers war verschlossen, und auf ein leises Anklopfen des Kapitäns wurde ein unwilliges Gemurmel hörbar, wie im Schlafe Gestörte es auszustoßen pflegen.

»Herr Weißbach hat sich sofort wie ein Maulwurf in sein Loch zurückgezogen«, meinte der erste Steuermann, »und sich nicht wieder sehen lassen. Das scheint überhaupt ein sehr merkwürdiger Kauz zu sein. Entweder hat der ein böses Gewissen, oder eine Unruhe wühlt in ihm, das sieht man seinem Gesicht und noch mehr seinen Augen an. Eins aber ist gewiss, an übergroßer Höflichkeit leidet er eben nicht, Dank oder Entschuldigung kennt er gar nicht.«

Der Kapitän zuckte die Achseln und vertröstete sich auf den morgigen Tag. Herr Weißbach war jedenfalls durch die Anstrengungen der vorhergehenden Reise noch sehr erschöpft, und man konnte es ihm daher nicht übel nehmen, wenn er sich für heute der Gesellschaft des die Unterhaltung liebenden Kapitäns entzog.

Kapitän Roller trank diesmal seine Flasche Rheinwein allein aus.

Aber der neue Tag kam, und der schwarze Passagier wurde nicht geselliger. Als der Steward an der Kabine desselben klopfte und ihn zur Teilnahme am Frühstück in der Kajüte aufforderte, rief er in grobem Tone, ohne die Tür zu öffnen, er wünsche alle seine Mahlzeiten in der Kabine einzunehmen, und dem Steward blieb nichts anderes übrig, als das schon aufgetragene Essen von dem Tische des missgestimmten Kapitäns wegzunehmen und dem Passagier hineinzutragen.

Der Steward hatte aber nicht nötig, in der Kabine den kleinen Tisch zu decken — der Fremde nahm ihm alles durch die halb geöffnete Tür ab, sich selbst breit davor stellend, als wolle er dem Steward keinen Einblick in die Kabine gönnen.


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Natürlich musterte dieser nur um so schärfer das Innere des kleinen Raumes, so weit es ihm die Gestalt des Schwarzrockes erlaubte, konnte aber nichts weiter entdecken, als einen auf dem Tische liegenden, geöffneten Handkoffer, der über und über mit Briefen und sonstigen Papieren vollgepfropft war.

Das war an und für sich nichts Auffälliges, aber der Steward hielt es für seine Pflicht und Schuldigkeit, dem Kapitän alles neue, was er über seinen Passagier wusste, mitzuteilen — sonst wäre er kein richtiger Steward gewesen.

»Er ist ein Choleriker«, meinte der Kapitän, »ein Sonderling, der sich selbst das Leben verbittert, vielleicht hat er auch eine geheime Sorge. Lass ihn in Ruhe und behandle ihn gut!«

»Aber die vielen Papiere?«

»Dummkopf«, fuhr der Kapitän den mit geheimnisvoller Miene und hochemporgezogenen Augenbrauen Dastehenden an, »warum soll denn der Herr keine Briefschaften mit sich führen und diese lesen oder ordnen? Du siehst auch in jedem, der einmal in sein Notizbuch hineinschreibt, einen Spion oder Hochverräter.«

Spion! Das Wort war gefallen.

»Warum bist du nicht gleich darauf gekommen?«, dachte Wilhelm, der Steward, als er allein war, und schlug sich gegen die Stirn.

In der nächsten Viertelstunde wusste die ganze Mannschaft, Heizer und Matrosen, dass der schwarze Passagier ein Spion der gefährlichsten Sorte sei.

Was ein Spion eigentlich hier in Australien oder in Neuseeland ausforschen sollte, das konnte niemand sagen, das war auch ganz gleichgültig. Das Wort Spion hat für den Seemann so eine eigentümliche, schauerliche Nebenbedeutung, sein durch ein monotones Leben eingeschärftes Gehirn sucht nach einer Anregung, und ebenso, wie er zufällig gefundene Stückchen Zeitungspapier erst von oben nach unten, dann umgekehrt auf das sorgfältigste studiert und über jeden Satz Bemerkungen macht, mit seinen Kameraden darüber debattiert, so öffnet er auch jeder Neuigkeit willig seine Ohren, und je unglaublicher die Mitteilung ist, desto mehr gibt sie ihm Stoff, darüber zu sprechen.

Die Vermutung, dass der Schwarzrock ein Spion sei, der ein unheimliches Gewerbe treibe, fand noch Bestätigung, als beim Mittagessen der Steward im Mannschaftslogis erschien und den neugierigen Matrosen mitteilte, der Passagier habe ihm nicht einmal den Eintritt in seine Kabine zum Aufklaren, das heißt zum Reinigen und Aufräumen gestattet.

»Nimm dich in acht, Wilhelm«, meinte Jochen Voß, der älteste der Matrosen, »der Kerl steht mit dem Gottseibeiuns im Bunde! Ein ehrlicher Mensch braucht sich nicht so von aller Welt abzuschließen. Pass nur gut auf, dass er nicht einmal in der Kabine des Kapitäns und in dessen Papieren herumschnüffelt! Spione denken an nichts weiter, als an so etwas.«

Wilhelm beteuerte, dass er auf diesen Menschen ein wachsames Auge haben würde, um, sollte er einen Anschlag auf Schiff, Kapitän und Mannschaft im Sinne haben, zur rechten Zeit einem solchen vorzubeugen. Dann teilte er noch mit, dass der Schwarzrock auch das Mittagessen in seiner Kabine eingenommen habe, ihm das leere Geschirr dann einfach vor die Tür setzend, und entfernte sich dann wieder, um den Offizieren aufzudecken.

Endlich, am Nachmittag des zweiten Tages, verließ der seltsame Passagier zum ersten Male seine Kabine, schloss die Tür von außen sorgsam ab und ging dann an Deck, nachdenkend den Kopf gesenkt, die Arme ineinander geschlungen, auf und ab, das Schiff immer von vorn bis hinten durchmessend.

Den Gruß des auf der Brücke stehenden Kapitäns beachtete er gar nicht, wie seine gesenkten Augen den Mann oben noch gar nicht bemerkt hatten, und die Bemerkung des vorbeigehenden Steuermannes, dass heute ein sehr schöner Tag sei, beantwortete er mit einem unverständlichen Brummen.

Im Brummen und Murmeln konnte der Schwarzrock überhaupt Großes leisten. Fortwährend drang ein knurrender Ton durch die festgeschlossenen Lippen, denn manchmal, wenn dieses für eine Minute aussetzte, blieb der Schwarzrock plötzlich stehen, schüttelte finster den Kopf, das nervöse Zucken um die blutlosen Lippen wurde noch stärker, und mit einem Fluche oder einer Verwünschung, dabei mit dem Fuße stampfend, wandte er sich gewöhnlich kurz um und stierte dann mit gerunzelten Brauen über Bord in das Wasser.

Weder dem Kapitän, noch den Offizieren, noch dem redefertigen und sprachgewandten Steward gelang es, mit diesem schweigsamen Menschen ein Gespräch anzufangen, er wich jedem aus oder antwortete höchstens mit nichtssagenden Redensarten, welche deutlich den Wunsch verrieten, in Ruhe gelassen zu werden. Der dritte Tag, der vorletzte der Reise, verging auf ebensolche Weise, der Fremde hielt sich den ganzen Vormittag in seiner Kabine auf, aß allein darin, und nur des Nachmittags, als er wieder seinen gestrigen Spaziergang aufnahm, geschah es, dass er den Kapitän selbst aufsuchte, um sich bei ihm über etwas zu erkundigen.

Er traf denselben am Hinterteil des Schiffes, wo er seine Leute, mit Tauen, Hacken und Äxten versehen, an der Bordwand verteilte, als handele es sich um ein Manöver.

»Kapitän«, wandte sich der Schwarzrock an diesen, »wann werden wir in Wellington ankommen?«

»Behalten wir das prachtvolle Wetter, wie wir es bis jetzt immer gehabt haben, so denke ich, morgen gegen Abend«, war die Antwort. »Aber, aber, sehen Sie dort den schwarzen Wolkenrand auftauchen? Der bedeutet nichts Gutes, und das Barometer zeigt auf Sturm. Doch fürchten Sie nichts«, fuhr er freundlich lächelnd fort, als er bemerkte, wie das nervöse Zucken im Gesicht des Passagiers ungeheuer zunahm, welches vielleicht durch Angst hervorgerufen wurde, »der ›Albatros‹ ist ein wackeres Schiff, er nimmt es mit jedem Sturm auf. Wäre nicht das erste Mal, dass er einen solchen überstanden. Der ›Albatros‹ ist eben ein ›Sturmvogel‹.«

Der Fremde antwortete nichts, nur ein Lächeln umspielte zum ersten Male die schmalen Lippen, und dieses drückte Verachtung gegen die Mutmaßung des Kapitäns betreffs seiner Angst aus.

Schon wollte er sich wieder umwenden, um seinen einsamen Spaziergang von Neuem aufzunehmen, als ihn der Kapitän daran hinderte.

»Haben Sie schon einmal einem Haifischfang beigewohnt?«, fragte er. »Nicht? Das müssen Sie sehen, es ist sehr interessant. Vorhin fiel einem meiner Matrosen der Farbtopf über Bord, und schnapp, war er weg. Nun wollen wir einem jener Burschen, die unser Schiff umschwärmen, ein Stück Speck zu schlucken geben, welches er nicht verdauen kann. Passen Sie auf, jetzt wird der Köder über Bord geworfen.«

Der Schwarzrock wurde doch neugierig. Nicht jedem ist es vergönnt, einem solchen Schauspiel beizuwohnen. Er blieb in einiger Entfernung an der Bordwand stehen und schaute dem Fang eines Haifisches zu, welcher sich in der bekannten Weise vollzog.

Nach einer halben Stunde lag denn auch ein Haifisch an Deck, ein kleineres Tier, welches nach Aussage des Koches wohl noch, sauer gekocht, eine Mahlzeit für die Mannschaft abgeben könnte, das heißt, wenn von den Leuten nicht einstimmig dagegen Einwendung gemacht wurde.

Wie gewöhnlich, so war es auch das erste Geschäft des Koches, den Bauch und auch den Magen des Haifisches aufzuschneiden und ihm den Köder zu entnehmen, wobei ihm der in solchen Sachen bewanderte Jochen Voß eifrig beistand. Während der Koch den Haken aus dem Stück Speck entfernte, dieses in einem Eimer mit Salzwasser oberflächlich abwusch und dann in das Fleischfass zurückwarf, wühlte Jochen eifrig mit beiden Händen in dem Magen des Tieres herum, um, wenn auch nicht nach verborgenen Schätzen, so doch nach Kuriositäten zu spähen.

»Wahrhaftiger Gott«, rief er plötzlich, »der Kerl hat den Farbentopf verschluckt, ich kann ihn fühlen! Gleich werde ich ihn herausholen.«

Er packte den Gegenstand mit beiden Fäusten und zog kräftig daran, bis er aus einer Unmasse von Fischen und anderen Seetieren den vermeintlichen Topf hervorgeholt hatte. »Oho«, sagte er dann, »was ist denn das? Unser Topf ist es zwar nicht, aber ein anderer.«

Er spülte den von Gräten umgebenen und von Magensäure schon stark angegriffenen Gegenstand im Eimer ab und brachte dann eine wohlverschlossene Büchse von verzinntem Eisenblech zum Vorschein.

Der Kapitän nahm sie in die Hand und versuchte lange vergeblich, sie zu öffnen, der Deckel war stark eingerostet.

»Es ist eine Raketenbüchse«, meinte er, »ich kenne die Firma, welche diese Sorte liefert.«

»Herrgott«, grinste der Schiffsjunge mit pfiffigem Gesicht, »was müsste das lustig ausgesehen haben, wenn die Raketen im Bauche des Haifisches losgegangen wären.«

Alle mussten über diese Bemerkung des Jungen lachen.

Auch der Schwarzrock war hinzugetreten und sah zu, wie der Kapitän mit dem Messer den Deckel zu öffnen versuchte. Endlich war ihm dies gelungen, er sah und griff gleichgültig hinein. »Ein Seetestament«, sagte er ernst und brachte einen kleinen Zettel zum Vorschein. Auch die umstehenden Matrosen nahmen jetzt feierliche Gesichter an, den Seemann erfasst immer ein wehmütiges Gefühl, kommt er zufällig in den Besitz eines solchen Papiers, welches den letzten Willen oder auch nur die Kunde, wie und wo einer seiner Kollegen oder ein Passagier auf dem Meere sein Ende gefunden hat, enthält. Der Betreffende hat seinen unvermeidlichen Tod vor Augen gesehen und ist darauf bedacht gewesen, sich seinen eigenen Leichenstein zu setzen, so, wie es die Umstände zuließen.

»Ja, was ist denn das?«, rief der Kapitän verwundert und betrachtete den schmalen Streifen in seiner Hand. »Wer das geschrieben hat, muss entweder etwas verrückt oder betrunken oder ein sehr fideler Kerl gewesen sein, dass er noch kurz vor seinem Tode dichtet und Scherze macht. Hört nur!«

Und laut las er die deutsch geschriebenen Worte vor:

Ich, Hannes Vogel, oder auch Johannes Freiherr von Schwarzburg genannt, bin

tot. Dies allen meinen Freunden und Bekannten zur gefälligen Kenntnisnahme.


Verklungen sind nun seine Lieder,
Und niemals sieht man ihn mehr wieder.
Hip, hip, Hurra!


Trotz des Ernstes der Situation mussten alle Umstehenden laut lachen, sie hielten dieses Testament für einen Scherz, den jemand in einer etwas angeheiterten Stimmung gemacht habe.

Nur einer stimmte in dieses Lachen nicht mit ein, Jochen Voß, der Matrose. »Was«, schrie er, »Hannes Vogel ist tot? Lacht nicht, Maate, ich kenne den Jungen, es ist so seine Art und Weise, sich auszudrücken. Er ist mit einem Scherz aus dieser Welt gefahren! Zeigt her, Kapitän, ich kenne seine Schrift, habe unten noch ein Gedicht, das er mir einst abgeschrieben hat.«

Er nahm dem Kapitän das Blatt aus der Hand, und als er die ihm wohlbekannten, starken Schriftzüge sah, stürzten dem sonst so hartherzigen Matrosen plötzlich die hellen Tränen aus den Augen. Er schämte sich ihrer nicht, galten sie doch einem alten Freunde, mit dem er so manches Leid und so manche Freude geteilt hatte.

»Hannes, armer Kerl«, schluchzte er, »so bist du also auch hinüber! Kinder, hisst die Trauerflagge, mein bester Freund, der bravste Junge, der je Erbsen und Salzfleisch geschluckt hat, ist tot. Ach Gott, was war das für eine schöne Zeit, als ich mit ihm zusammen war, er war die gutmütigste Seele! Erst vor ungefähr achtzehn Monaten, als wir in London lagen, haben wir ein ganzes Dutzend von Rotröcken breiweich geklopft, und nun ist alles aus, aber er denkt noch im Tode an mich und benachrichtigt mich und alle seine Freunde.«

Der Matrose, welcher das Papier noch immer in der Hand hielt, drehte sich um nach der Bordwand, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Plötzlich aber fuhr er heftig herum und wollte den vor ihm Stehenden an die Kehle fassen — das Papier war ihm förmlich aus der Hand gerissen worden.

Der Schwarzrock hatte es getan.

Jochen machte keinen Unterschied zwischen den Menschen, es war ihm vollständig gleichgültig, ob der, der ihm das Papier aus der Hand genommen, einen Zylinder und eleganten Rock oder eine schmierige Mütze und eine blaue Bluse trug, und so wäre auch der Passagier nicht dem Schicksale entgangen, von den Fäusten des Matrosen gepackt und für seine Unverschämtheit geohrfeigt zu werden.

Aber der Ausdruck in dem bleichen Gesicht des Fremden, mit dem er auf das Blatt Papier starrte, war ein so schrecklicher, dass Jochen seine Hand nicht zum Schlage erheben konnte.

Seine Augen traten fast aus den Höhlen, so starr hefteten sie sich auf die Schriftzüge, das Gesicht hatte zu zucken aufgehört, aber es war dafür furchtbar verzerrt, wie im Krampf, doch plötzlich wechselte diese sonst an ihm nicht zu bemerkende Unruhe, das Gesicht fing mit einem Male wieder entsetzlich zu zucken an, wie noch nie vorher, nicht nur der Mund, die Augenbrauen, auch die Nase und Ohren zuckten in denselben fürchterlich anzusehenden Bewegungen, ebenso die Hände.

»Er bekommt den Krampf«, rief Kapitän Roller und sprang hilfsbereit hinzu. Aber in demselben Augenblick verließ den Fremden die Aufregung, das Gesicht bekam wieder denselben finsteren und lauernden Ausdruck, und, die Hände in die Hosentaschen steckend, wandte er sich ab, um in seine Kabine zu gehen.

Jetzt aber war Jochens Unentschlossenheit vorüber, dieser Mann hatte das Papier, das letzte Zeichen seines Freundes, in die Tasche gesteckt, und er musste es unbedingt wiederhaben.

»He, alter Freund«, rief Jochen entrüstet und vertrat dem Fortgehenden den Weg, »was ist's mit dem Papiere? Was fällt Euch überhaupt ein, so ohne weiteres einzustecken, was Euch gar nicht gehört? Heraus mit dem Zettel, sage ich, Mann!«

Der Fremde maß den mit gerötetem Gesichte vor ihm Stehenden von oben bis unten, brachte dann die Hand aus der Tasche und warf ein zusammengeballtes Stück Papier über Bord.

Das war dem Matrosen doch zu viel. Er warf dem auf den Fluten dahintanzenden, weißen Punkte doch einen Blick nach und wandte sich dann hochrot vor Zorn wieder an den Schwarzrock.

»Donner und Hagel!«, schrie er wütend. »Wie kommt Ihr dazu, das Papier über Bord zu werfen? Verflucht will ich sein, wenn ich Euch ihm nicht nachschicke. Holt mir es zurück, Ihr verdammter Halunke!«


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Er wollte dem Passagier mit beiden Fäusten zu Leibe gehen, aber seine Kollegen fielen ihm in die Arme und hinderten ihn an einer unbesonnenen Handlung.

»Holt es Euch selber«, brummte der Schwarzrock noch und schritt dann ungesäumt seiner Kabine zu.

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ er sich schwer auf einen Stuhl fallen und holte dasselbe Zettelchen hervor, welches in der Büchse gefunden worden war — er hatte es also mit einem anderen vertauscht, das er vorhin über Bord warf.

Tief aufstöhnend faltete er es auseinander und las wieder und wieder mit brennenden Augen die wenigen Worte.

»Hannes Vogel, genannt Freiherr Johannes von Schwarzburg«, murmelte er leise, »er ist es, es ist kein Zweifel. Seit fast 15 Jahren nun suche ich unablässig dessen Spur, welcher bis jetzt das letzte und einzige Hindernis, aber auch das größte war, das dem Erreichen meines Zieles entgegenstand. Also ist es doch wahr gewesen; die alte Hexe hat mich nicht betrogen, als sie sagte, das Kind oder vielmehr dessen Pflegemutter sei versehentlich in den Besitz des Geburtsscheines gekommen. Verdammte Unvorsichtigkeit der Frauen! Der Zweifel, die Unruhe, welche mich infolge dieser Vermutung quälten, haben mich die Hälfte meines Lebens gekostet, sie haben mich frühzeitig zum alten Manne gemacht und meine Gesundheit ruiniert. Sonderbar, sonderbar! Seit 15 Jahren nun durchstreife ich ganz Deutschland, ganz Europa und suche unablässig nach dem Verschollenen oder doch nach denen, die ihn aufgenommen haben, und kann weder ihn; noch den Geburtsschein finden; und hier endlich muss ich Nachricht, die erste überhaupt von ihm, im Magen eines Haifisches, vorfinden. Ich fühle förmlich, wie meine Krankheit nachlässt, nachdem ich wenigstens einen Anhaltspunkt bekommen. Also Hannes Vogel nennt er sich, und tot ist er! Ist es auch wirklich wahr? Ja, er schreibt es selbst, er hat seinem unvermeidlichen Tode entgegengesehen. Aber kann es nicht leicht der Fall sein, dass er, nachdem er diesen Zettel schon geschrieben, doch noch gerettet worden ist? Oft schon habe ich von Ähnlichem gelesen und auch erzählen hören. Wehe, wehe, meine Unruhe hört noch nicht auf, noch bin ich nicht am Ende meines Zieles! So lange ich nicht seinen Tod bestimmt weiß, werde ich keine Ruhe kennen, ist mein Lebenszweck nicht erreicht. Also er weiß seinen eigentlichen Namen, hat höchstwahrscheinlich den Geburtsschein selbst in den Händen; aber wie kommt es, dass er nicht Anspruch erhebt? Das gibt zu denken!«

Lange blickte der schwarze Passagier mit dem bleichen Gesichte sinnend vor sich hin.

»Ja, so wird es sein«, fuhr er dann in seinem Selbstgespräch fort, »er glaubt, der Geburtsschein ist nicht sein eigen, sondern zufällig in seinen Besitz gekommen. Er fürchtet sich vielleicht, diese Tatsache anders als unter Freunden bekannt zu geben, aber aus Ironie wird er Freiherr von Schwarzburg genannt. Wer ist das aber, Hannes Vogel, was ist er, wo hat er gelebt? Jedenfalls schien der Matrose, jener Grobian von vorhin, ihn gut zu kennen. Schade, dass ich ihn zornig auf mich gemacht habe!

Doch es hilft nichts«, murmelte er nach einer Pause weiter, »ich muss den Mann versöhnen, um ihn ausforschen zu können. War dieser Hannes Vogel, der Freiherr von Schwarzburg, ein Matrose, so ist er jedenfalls auf einem Schiff untergegangen, und bestätigt sich dies auf meine Nachforschung bei den Seemannsämtern, so ist schon viel gewonnen. Dann muss ich da nachsuchen, wo er gewöhnlich an Land gewohnt hat, alle seine Effekten in meinen Besitz bringen, und finde ich den Geburtsschein nicht, so ist es gut, ich nehme an, er ist mit ihm ins Meer versunken; finde ich ihn aber, desto besser, er soll bei mir gut aufgehoben sein. Dann ist es endlich Zeit, hervorzutreten und zu beweisen, dass der Freiherr von Schwarzburg, der jetzige Majoratsherr nicht der Erbe, sondern ein untergeschobenes Kind ist, dass aber der richtige Freiherr Johannes von Schwarzburg nicht mehr existiert. Zu den Zeugen, welche ich bis jetzt schon gesammelt habe, tritt dieses Papierchen als eins der wichtigsten noch hinzu, und vielleicht auch jener Matrose, welchen ich jetzt sprechen werde. Und dann, dann ist der letzte Spross des hinterlistigen, erbschleichenden Bruders vernichtet, und das stolze Majorat der Freiherrn von Schwarzburg geht wieder an den zurück, dem es gebührt, an mich!

Steward!«, rief jetzt der Mann, der sich eben als einen Freiherrn von Schwarzburg bezeichnet hatte, durch die geöffnete Türspalte.

Der Gerufene war höchlichst verwundert, diesmal sogar aufgefordert zu werden, in die Kabine einzutreten und in ihr den Schwarzrock, den Kopf in beide Hände gestützt, am Tisch sitzen zu sehen. Er machte ein Gesicht, wie der Steward es noch nie bei ihm gesehen hatte, gar nicht mehr so finster, sondern ein sehr trauriges, als wühle ein innerer Schmerz in ihm.

Mit langsamer, schleppender, sogar zitternder Stimme beschrieb Herr Weißbach dem Steward das Aussehen eines Matrosen der Mannschaft, und sofort wurde ihm gesagt, dass dieser kein anderer, als Jochen Voß sein könne.

»So bitten Sie ihn, sich zu mir zu bemühen«, bat der Mann, »sagen Sie ihm, mein voriges Betragen täte mir leid, ich wollte ihm die Gründe dazu erklären; die Nachricht von dem Tode des Hannes Vogel hätte mich so erschüttert.«

Kopfschüttelnd verließ der Steward die Kabine, um dem Auftrage nachzukommen.

Jochen Voß war sofort bereit, der Einladung zu folgen. Das war ja etwas ganz Merkwürdiges, also dieser Herr kannte auch seinen Freund und nahm sogar Anteil an dessen Schicksal. Na, dann wollte er ihm sein Betragen verzeihen; Jochen Voß trug auch ein fühlendes Herz in der Brust.

Tiefes Mitleid erfüllte den Matrosen, als er das traurige, sogar verstörte Gesicht des eben noch so stolz blickenden Mannes sah. Weißbach entschuldigte sich vielmals wegen seines vorherigen heftigen Benehmens und gab der Nachricht über den Tod von Hannes Vogel die Schuld. Dann leitete er auf diesen selbst über:

»Sie waren ein Freund von ihm?«, fragte er.

»Ja, wir waren die besten Freunde und sind immer zusammen gefahren, seit der Zeit, da Hannes das erste Mal das Deck eines Schiffes betrat. Ich fuhr damals schon als Matrose, als er noch Schiffsjunge war. Wir sind jahrelang unzertrennlich gewesen, bis wir vor etwa achtzehn Monaten auseinander kamen. Wir lagen in London, bekamen in einem Bierhause Streit mit englischen Soldaten, verhauten sie tüchtig, und die Folge davon war, dass die Polizei uns verfolgte. Hannes kam davon, ich wurde gefasst und erhielt vierzehn Tage harte Arbeit. Als ich wieder frei ward, erfuhr ich, dass es Hannes Vogel geglückt war, noch an demselben Tage, da die Prügelei stattfand, also ehe die Sache weiter bekannt wurde, auf einem deutschen Schiffe anzumustern und sich somit der Polizei zu entziehen. Ich ärgerte mich zwar etwas darüber, war aber im Herzen doch froh, dass ihm die Flucht geglückt war, denn Steineklopfen ist für einen Seemann eine verdammt harte Arbeit, mir tut der Buckel noch jetzt weh, denke ich an jene vierzehn Tage.«

»Wie heißt das Schiff, auf welchem er anmusterte?«

»Die ›Kalliope‹.«

»Wissen Sie, wo er sich zuletzt befunden hat?«

»Nein, auf der ›Kalliope‹ aber jedenfalls nicht mehr, denn ich habe dorthin vor einem halben Jahre geschrieben und den Brief vom Konsul zurückerhalten.«

»Wie kommt es eigentlich, dass Hannes Vogel sich Freiherr von Schwarzburg nannte?«, fragte der Schwarzrock, und sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an, der aber dem Matrosen nicht auffiel.

»Das war sein Spottname«, lächelte Jochen, »er hatte unter seinen Papieren einen Geburtsschein, der auf diesen Namen lautete. Weiß der Teufel, wie er zu diesem Wisch gekommen ist, er selbst hatte keine Ahnung davon. Nur meinte er, seine Mutter könnte ihn vielleicht in seine Kiste gepackt haben, als er zur See ging, aber versehentlich.«

»Seine Mutter, wer war das?«

»Es war gar nicht seine Mutter, wohl so eine Art von Hebamme oder so etwas, die uneheliche Kinder aufzieht. Hannes hat sich darüber nie Kopfschmerzen gemacht.«

»Wo wohnt diese Frau?«

»Das weiß ich nicht, und selbst Hannes hatte es vergessen«, lachte Jochen. »Er wollte einmal der Frau einen Brief schreiben, das heißt einen saugroben, denn sie hat ihn als Kind ganz scheußlich behandelt, aber da fiel ihm nicht mehr der Name der Straße ein, wo sie wohnte, und so hat er das Schreiben unterlassen.«

»Wie hieß die Stadt?«

»Weiß ich auch nicht. Woher kennen Sie aber Hannes, Herr Weißbach?«, begann jetzt der Matrose zu fragen.

»Ich kenne ihn nicht persönlich«, antwortete der Schwarzrock, »aber ich kenne seine Eltern, welche ihr verschollenes Kind suchen. Und nun, da ich endlich auf seine Spur gekommen bin, muss ich die Nachricht von seinem Tode, von eigener Hand geschrieben, erhalten.«

Der Herr vergrub sein Gesicht in den Händen und schluchzte wie ein Kind laut auf.

In des Matrosen Herz stieg es heiß auf, auch ihm rannen die Tränen über die gebräunten Backen.

»War Hannes Ihr Sohn?«, fragte er leise.

Ein leichtes Kopfnicken schien es zu bestätigen.

Plötzlich richtete Herr Weißbach den Kopf wieder empor und sagte: »Er war zwar nicht mein Sohn, aber ein naher Verwandter von mir, den ich wie meinen Sohn liebte, und den ich seit Jahren schon suchte. Doch sagen Sie mir, bitte, hat Hannes niemals erzählt oder angedeutet, wie er in den Besitz des Geburtsscheins gekommen ist? Das interessiert mich sehr.«

Der Matrose schöpfte keinen Argwohn.

»Wie ich schon sagte, hatte er selbst keine Ahnung davon. Er zeigte ihn überhaupt nur ungern, denn einmal als er dies getan, wurde er von seinen Kameraden verspottet und bekam von ihnen den Spitznamen ›Freiherr‹. Seit jener Zeit behauptete er immer, wenn einmal das Gespräch auf diesen Geburtsschein kam, er laute nur auf Johannes Schwarzburg.«

»Führte er diesen Schein immer bei sich?«

»Immer, das heißt in seiner Kleiderkiste, wir beide waren die unzertrennlichsten Freunde, was mein war, gehörte auch ihm, und umgekehrt, und so kam es, dass einer auch immer in die Kleiderkiste des anderen ging. Da habe ich denn oft das Papier liegen sehen.«

»Kommt es bei euch Matrosen nicht oft vor, dass ihr euer Zeug irgendwo am Lande zum Aufbewahren gebt?«, fragte Herr Weißbach.

»Oho, höchstens schmutzige Hemden und so weiter«, lachte Jochen. »Wenn wir Geld haben, kaufen wir aber lieber neue und ersparen so das Waschen oder das Waschgeld.«

»Papiere nehmt ihr aber stets mit?«

Dem Matrosen kamen diese fortwährenden Fragen, den Geburtsschein betreffend, noch nicht sonderbar vor.

»Ja, stets«, antwortete er, »unsere Papiere haben wir immer bei uns, weil sie uns wichtiger als alles andere sind. Mit Papieren können wir Seeleute mehr anfangen, als mit der größten Summe Geld, sie sichern uns auf jedem Konsulat Unterstützung und freie Reise nach der Heimat. Gehen sie uns verloren, so können wir sie immer wieder unentgeltlich ersetzt bekommen.«

»So ist also auch anzunehmen, dass der arme Hannes alle seine Papiere bei seinem Tode bei sich getragen hat?«

»Auf jeden Fall, wir alle tragen überhaupt unsere Papiere stets bei uns, das heißt, in der Brusttasche, wenn wir an Land gehen. Aber mit Hannes ist es etwas anderes, sein Schiff ist untergegangen und er mit ihm, er ruht jetzt auf dem Meeresgrund.«

»Woraus schließen Sie das? Sein Tod braucht ja nicht gerade auf dem Meere erfolgt zu sein.«

Der Matrose lächelte überlegen.

»Wie kommt denn sonst das Papier in die Raketenbüchse hinein, die von einem Haifisch verschluckt worden ist?«, fragte er. »Solche Büchsen gibt es nur an Bord der Schiffe, und Haifische laufen nicht auf dem Lande herum.«

»Sie haben recht«, entgegnete Herr Weißbach, durchaus nicht ärgerlich über den leisen Spott, vielmehr fast erfreut, »aber könnte ich nicht noch Hoffnung haben, dass Hannes, nachdem er schon seine letzten Worte geschrieben, errettet worden ist?«

»Diese Hoffnung ist eine sehr schwache, und gerade bei Hannes. Wir waren schon einmal in einer solchen Lage, dass ich vorschlug, die Nachricht von unserem Tode niederzuschreiben, es war nicht die geringste Hoffnung auf Rettung mehr vorhanden, nichts als Wasser und darin Haifische, die auf uns warteten. Ich tats auch, aber Hannes, Papier und Bleistift in der Hand haltend, zögerte. Ich erinnere mich noch der Worte, die er damals sprach, trotz des nahen Todes noch immer fröhlich und scherzhaft: Ich schreibe nicht eher, dass ich tot bin, als bis mich ein Haifisch ins Bein beißt, und dann wird der Kerl wohl so freundlich sein und warten, bis ich fertig geschrieben und einen Punkt dahinter gesetzt habe. Wenn Hannes also schreibt, er ist tot, so lebt er auch nicht mehr, der arme Kerl.«

Der Schwarzrock schwieg eine Weile, indem er überlegend vor sich hinblickte.

»Haben Sie eine Adresse, von welcher aus ein an Sie gerichteter Brief Ihnen nachgesandt wird?«

»Allerdings: Heuerbaas Klekam, Hamburg, Große Vorsetzen, Nummer zehn. Warum denn? Wollen Sie mir schreiben?«

»Es könnte sein, dass ich Ihre Aussagen brauche, um den Tod von Hannes Vogel oder vielmehr, um seine eigenen Worte auf dem Papier, welches ich in meinem Schmerz über Bord geworfen habe, und welches seinen nahen Tod verkündete, zu bezeugen. Wären Sie dazu bereit? Es sollte Ihr Schade nicht sein.«

»Natürlich«, rief der Matrose, »jederzeit werde ich mich einfinden, wenn Sie mich brauchen.«

»Das für Ihre Mitteilungen«, sagte Herr Weißbach, griff in seine Westentasche und wollte dem Matrosen ein Geldstück in die Hand drücken.

»Was denken Sie?«, rief Jochen, die Hand zurückziehend. »Glauben Sie, ich lasse mir so etwas bezahlen, und noch dazu, wenn es sich um Hannes Vogel handelt?«

Er wollte noch weitersprechen, brach aber plötzlich ab.

Draußen an Deck eilten hastige Schritte hin und her, der Kapitän erteilte laute Befehle, die Winden arbeiteten, Ketten rasselten, alles befand sich in Aufregung.

»Ich werde gebraucht«, sagte Jochen und griff nach der Türklinke, »schon vorhin schien es mir, als wolle ein heftiger Sturm heraufziehen, und während ich hier war, wird er wirklich eingesetzt haben. Hören Sie nur, wie es in der Takelage heult und kracht, da, ein Donnerschlag! Das wird eine böse Nacht für uns. Also nichts für ungut, Herr Weißbach! Was zwischen uns vorgefallen, ist vergessen, wir waren beide unschuldig, und wenn Sie den Jochen einmal brauchen, vielleicht als Zeugen, ich bin immer bereit. Schreiben Sie sich meine Adresse gut auf.«

Nachdem der Matrose die Kabine verlassen, änderten sich Herrn Weißbachs Züge plötzlich wieder, statt der geheuchelten Traurigkeit drückten sie jetzt die wahren Gefühle aus, die in ihm herrschten — Hohn, Freude und Triumph.

»Also tot«, jauchzte er auf, seine Stimme aber dämpfend, »und sein Nichtvorhandensein, sein Fehlen war mein böser Geist. Nun aber ist alles anders geworden, der Tag ist endlich gekommen, da ich hervortreten und den Irrtum aufdecken kann. Freiherr Moritz von Schwarzburg«, sagte er dann zu sich selbst und stand auf, »ich gratuliere. Das alte, reiche Majorat ist wieder dem zugefallen, dem es gebührt, die Erbschleicher sind bis auf den letzten vernichtet. Mein armer Vater, der du von der Schwelle deines eigenen Hauses durch die brüderliche Hand gestoßen worden bist, du kannst mit deinem Sohn zufrieden sein, er hat sein dir auf dem Totenbett gegebenes Versprechen eingelöst, deine Ehre ist wiederhergestellt — du bist gerächt.«

Die Unruhe draußen wurde immer stärker, die Kommandos und die darauffolgenden Arbeiten immer lauter. Das Schiff hatte seinen vorherigen, ruhigen Lauf verloren; es schwankte hin und her, stampfte auf und ab, und schon schlugen die schäumenden Wogen an das Kabinenfenster des schwarzen Passagiers.

Auch war es fast vollkommen dunkel geworden, dunkler, als es der Zeit nach sein sollte.

Der Schwarzrock schrak zusammen, er wusste selbst nicht warum, es wurde ihm plötzlich unheimlich in der engen Kabine, die Luft wurde ihm schwül. Er hing sich einen langen Mantel um und ging hinaus, um sich zu erkundigen, ob das zu erwartende Unwetter eine Gefahr für den ›Albatros‹ bedeute.

Aber der Schwarzrock hatte entschieden immer Unglück. Jetzt, da er den Kapitän sprechen wollte, hatte dieser keine Zeit, unnütze Fragen zu beantworten. Er stand auf der Brücke und ließ fortgesetzt Kommandorufe erschallen, welche von seinen Leuten sogleich befolgt wurden.

Die See war aufgeregt, sie ging schon hoch, aber doch nicht so hoch, wie man es bei dem heulenden Sturm hätte erwarten sollen, und dieses eben war es, was den Kapitän seine Leute zu solch schneller Arbeit antreiben ließ. Auf den Kämmen der Wogen brodelte weißer Schaum, das sicherste Zeichen, dass sich bald ihr ruhiges Aussehen verändern, dass sie sich bald in ihrer ganzen, entfesselten Wildheit, bis zur Ungeheuerlichkeit anwachsend, zeigen würden. Da eilte Jochen Voß, in jeder Hand ein Bündel Stricke, an dem Passagier vorüber, der sich wegen der heftig schlingernden Bewegung an die Wanten anklammerte, um nicht von einer Seite des Schiffes nach der anderen geworfen zu werden.

Jochen hatte Seebeine, er ging auf dem schwankenden Deck ebenso sicher umher, wie auf dem Tanzboden.

»Das gibt eine böse Nacht, Herr Weißbach«, sagte er zu dem Passagier, einen Augenblick stehen bleibend. »Gehen Sie lieber in Ihre Kabine, und legen Sie sich in die Koje! In einigen Minuten fängt es an überzudammen, und Sie werden dann ohne Ölzeug so nass wie eine Katze. Passen Sie auf, da kommt schon ein Brecher über«, rief er plötzlich und sprang neben Weißbach, sich wie dieser mit beiden Händen an den Wanten anklammernd.

Die erste große Woge kam in der Ferne angerollt, mit Gischt bedeckt, erst ganz klein aussehend, aber mit Riesenschnelle anwachsend. Plötzlich ward das Schiff auf einer Seite gehoben, als wolle es den Kiel zu oberst kehren, und ehe es seine Lage wieder eingenommen, rollte eine mächtige Sturzsee über Deck einen Kasten mit Hühnern und ein an den Mast gebundenes Schwein mit über Bord nehmend.


Illustration

Es stand zu erwarten, dass noch mehr solcher sogenannter Brecher überkamen; die See hatte sich plötzlich verändert und warf das Schiff wie eine Nussschale umher. Ehe die zweite Woge das Deck zu überschwemmen drohte, sprang Jochen davon, um den ferneren Kommandos des Kapitäns nachzukommen, nämlich alle Gegenstände an Deck und im Zwischenraum mit doppelten Stricken festzuzurren, das heißt, festzubinden, um so ein Umherschleudern oder gar Überbordspülen derselben zu verhindern.

Des schwarzgekleideten Passagiers Gesicht veränderte sich nicht, während er in die tosende See starrte; kein Zeichen von Angst war in seinen Zügen zu lesen. Er hörte nicht das entsetzliche Sausen und Heulen in dem Tauwerk der Takelage, beobachtete nicht, dass die überspritzenden Wellen ihn bis auf die Haut durchnässten — seine Brust hob und senkte sich tief, mit Entzücken sog er die feuchte, salzige Luft ein, er fühlte sich mit einem Male als ein anderer Mensch, es war ihm so zu Mute wie einem, der nach langer, beschwerlicher Wanderung zwar todmüde, aber sicher das Ziel erreicht hat.

Ein furchtbar schmetternder Ton, fast wie der einer Trompete, traf plötzlich sein Ohr und ließ ihn aus seinen Träumen erwachen. Er kam aus dem Sprachrohr, welches der Kapitän in der Hand hielt.

»Haltet euch fest!«, erklang es daraus.

Die Matrosen stoben auseinander und klammerten sich an dem ersten besten an, was sie erreichen konnten, sie kannten die Bedeutung dieses Mahnrufes.

Eine ungeheure Welle kam plötzlich mit rasender Schnelligkeit auf das Schiff zugelaufen, und ehe sie noch jemand bei sich erwartete, ergossen sich schon die Fluten über Deck, alles bis über den Kopf in Wasser einhüllend, selbst den Kapitän hoch oben auf der Brücke.

Als die Augen wieder sehen konnten, erblickten sie das Unheil, welches das wütende Element angerichtet hatte. Menschenleben waren noch nicht zu beklagen, auch die festgebundenen Fässer, Kisten und so weiter standen noch da, aber die Boote waren bis auf das letzte davongetragen worden. Die Boote sind überhaupt immer das erste, was von den Brechern über Bord gespült wird, weil sie in sogenannten Davits an Stricken hoch in der Luft hängen.

Es war jetzt keine Zeit dazu, über deren Verlust nachzudenken. Alle mussten sich krampfhaft festklammern, um durch die nachfolgenden Brecher nicht das Schicksal der Boote teilen zu müssen — an Arbeiten oder auch nur Verlassen des einmal eingenommenen Platzes war nicht zu denken.

Noch war es bis jetzt hell gewesen, man konnte wenigstens die am nächsten liegenden Gegenstände erkennen, plötzlich aber wurde alles von der schwärzesten Finsternis eingehüllt, und das in der Takelage entstehende Heulen war gar nicht mehr irdisch zu nennen; das Schiff legte sich fast ganz auf die Seite, sodass die Mastspitzen die Wellen berührten, das Hinterteil hob sich hoch heraus, dass die Schraube keinen Wasserwiderstand fand und mit furchtbarer Schnelligkeit so lange herumsauste, bis der Gang der Maschine durch den Regulator wieder gemäßigt wurde.

Das Schiff erbebte in allen Fugen, im Heizraum unten musste es jetzt schrecklich sein, wo das Wasser durch den Schornstein sich in die Feuerung ergoss, das Feuer auszulöschen drohte und die Heizer in einen erstickenden Dampf gehüllt wurden, dabei kaum noch auf den Beinen stehen könnend, und jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt, an die heißen Platten geworfen zu werden und die entsetzlichsten Brandwunden davontragen zu müssen.

»Achtung, die Parthelen lösen sich«, trompetete wieder das Sprachrohr, und den vibrierenden Klängen konnte man den Schrecken anmerken, der auch die Matrosen bei Vernehmen dieses Mahnrufes befiel.

Derselbe bedeutete ein Brechen eines Mastes.

Die Parthelen sind die Taue, welche von der Spitze des Mastes, vom sogenannten Top bis an die Bordwand laufen, nicht zu verwechseln mit den Wanten, und hier befestigt sind, sodass sie mittels einer Vorrichtung gespannt und gelockert werden können, denn auf ihnen beruht allein bei einem nur einigermaßen heftigen Winde die Standhaftigkeit der Masten. Reißen die Parthelen, so stürzt der Mast unbedingt, die schlanke Stange kann sich nicht selber aufrecht halten.

Es brauchte kein weiteres Kommando, die Matrosen wussten, was sie zu tun hatten, um ihr Leben zu retten. Sie tasteten sich der Bordwand entlang nach dem hinteren Teile des Schiffes zu, wo in einem besonderen Raume die Äxte, Sägen und Entermesser aufgehoben wurden, das sogenannte Kappwerkzeug, denn stürzen die Masten, so müssen die Taue sofort gekappt werden, sonst rammen die an diesen nachschleppenden Masten das Schiff leck.

Sie kamen nicht weit, die unglücklichen Matrosen, das Verhängnis war schneller als sie.

Das Heulen in der Takelage verwandelte sich in ein durchdringendes Pfeifen, die Taue rissen, Holzsplitter und ganze Teile von Rahen stürzten herab, das Deck durchschmetternd, die Masten bogen sich, wie schwankende Rohre, ein furchtbarer Knall, und die Parthelen waren, wie zu straff gespannte Saiten, zersprungen.

Gleichzeitig stürzten die beiden Masten, in viele Teile geknickt, nieder, im Falle die hölzerne Bordwand durchschmetternd.

Es war zu spät für die Besatzung, sie hatte weder Äxte, noch Sägen zur Hand, auch war es unmöglich, jetzt noch solche zu holen.

Donnernd rannten die Masten gegen den eisernen Schiffsrumpf, wie Widderböcke bei jedem Stoß eine neue Vertiefung bohrend, bis der mächtige Stamm durch das Eisen hindurch war und das Wasser sich in den Raum ergoss.

Ingenieur, wie Heizer stürzten mit entsetzten Gesichtern an Deck und begegneten ebensolch verzweifelten; es war keine Hoffnung auf Rettung vorhanden. Was hätten die Boote, wenn sie dieselben auch noch besessen hätten, bei diesem ungeheuren Wogengang genützt — beim ersten Herunterlassen wären sie in Atome zersplittert worden!

Auch das Ruder war gebrochen — wie konnte es anders sein? Welle auf Welle stürzte über Deck, alles mit sich fortreißend. Es gab kein Deck mehr, nur ab und zu hob es sich noch aus dem Wasser hervor, und der auf ihm stehenden Menschen wurden immer weniger. Wie die Gegenstände, an die sie sich klammerten, nach und nach von den Stricken rissen und in den Fluten verschwanden, so auch die Menschen.

Nicht einmal einen letzten Händedruck konnten sie wechseln, nicht einmal das letzte Abschiedswort einander zurufen — die tobende See verhinderte und übertönte alles. Wortlos sanken sie ins bodenlose Grab. Noch hob sich ab und zu die Kommandobrücke über das Wasser, aber der Kapitän stand schon lange nicht mehr darauf, dann verschwand auch diese für immer — der Taifun hatte seinen unzähligen Opfern ein neues hinzugefügt.

*

Der Morgen war angebrochen. Wohl tosten die Wogen noch mit fürchterlicher Gewalt, aber es war nur ein Nachspiel der Nacht; die Sonne strahlte wieder vom blauen Firmament herab, und der Wind war schwach geworden. Einige Stunden noch, und die Wellen hatten sich beruhigt, nichts hätte verraten, dass ein fürchterlicher Taifun über das Meer gebraust. Aber bald mussten die Schiffszeitungen die Berichte bringen, wie viele Opfer von ihm gefordert waren, und bald liefen in den Häfen jeden Tag Schiffe mit zerbrochenen Rahen und Masten ein, der Reparatur bedürftig.

Eine kleine Brigg war mit einigen geknickten Federn davongekommen. Am ersten Mast fehlten zwei Rahen, der Klüverbaum war gebrochen, und so konnte sie nur langsam den Weg fortsetzen. Auch bemerkte man, dass sich vor dem Sturme in der Mitte des Schiffes ein Schornstein erhoben hatte, aber nicht mehr vorhanden war.

Die Matrosen dieser Brigg standen an der Bordwand, Fernrohre in den Händen und suchten unablässig den Horizont ab. Eine tiefe Niedergeschlagenheit drückte sich in den Gesichtern aller aus, sie schienen den Gegenstand, den sie suchten, nicht erblicken zu können.

Da lenkte der Ausruf eines Matrosen die Blicke nach einer bestimmten Stelle der aufgeregten See. Dort hing an einem schwimmenden Stück Holz, dem Teile einer Rah, ein Mensch, beide Arme um dasselbe geschlungen, den Kopf tief herabgebeugt, nur den Mund über dem Wasser.

Wieder ein Opfer des Taifuns! Die Brigg setzte ein Boot aus, und in wenigen Minuten wurde dem Unglücklichen, der nur noch mechanisch seine Glieder gebrauchen konnte, an Deck geholfen. Oben angekommen, brach er bewusstlos zusammen. Mitleidig machten sich die Matrosen mit ihm zu schaffen. Ein Matrose entkleidete ihn, und als er den Rock auszog, fiel daraus eine schwarze Ledertasche.

»Wir wollen doch sehen, wer es ist«, sagte einer und öffnete die Tasche, »jedenfalls ist er ein Passagier. Hannes, trage diese Sachen hinunter in den Heizraum und hänge sie zum Trocknen auf.«

Der an Deck Liegende schlug Plötzlich die Augen auf und blickte mit starrem Auge um sich.

»Hannes, Hannes«, murmelte es. Dann schrie er laut auf:

»Wo ist Hannes?«

»Hier«, lachte der eben Fortgeschickte und kehrte zurück. »Kennen auch Sie den Hannes Vogel?«

Der Gerettete antwortete nichts, aber er richtete sich auf, riss dem Manne die Brieftasche aus der Hand, umklammerte sie krampfhaft und fiel dann wieder bewusstlos zurück.

* * * * *

III.12. Des Schicksals Fügung

Drei Schiffe lagen auf der Reede von Manila, zwei von ihnen zum Absegeln bereit, das dritte noch vor Anker. Erstere beiden waren die ›Vesta‹ und der ›Amor‹, letzteres der ›Blitz‹, welcher noch hier liegen bleiben wollte.

Unter Reede versteht man das Fahrwasser, welches sich noch vor der offenen See und dem Hafen befindet, und in welchem jederzeit Schiffe ankern können, denn es gibt nur wenige Häfen, deren Tiefe auch bei Ebbe den Schiffen gestattet, in sie einzufahren, und so müssen die tiefgehenden Fahrzeuge so lange auf der Reede liegen, bis die Flut eintritt. Desgleichen bleiben diese auch während der Ausfahrt noch einige Stunden auf der Reede, um den Lotsen an Bord zu nehmen und günstigen Wind abzuwarten.

»Wohin geht diesmal die Reise, Miss Thomson?«, rief Charles Williams nach der ›Vesta‹ hinüber.

»Das Verbot, den nächsten Hafen zu verraten, ist auf der ›Vesta‹ noch nicht aufgehoben worden«, war die Antwort.

»Fahren Sie nach NeuSeeland?«

»Ich weiß es nicht.«

»Dann will ich es Ihnen sagen«, lachte Charles, »ich werde bald das Vergnügen haben, Sie in Wellington wiederzusehen.«

»Warum fragen Sie denn erst, wenn Sie es wissen?«, rief Miss Thomson, sich entrüstet stellend. »Sie sind doch unverbesserlich, Sir Williams!«

Während sich Miss Thomson mit einer Person des ›Amor‹ unterhielt, wechselte die Kapitänin einige Worte mit dem Kommandanten des ›Blitz‹.

»Wie lange bleiben Sie noch hier liegen, Kapitän Hoffmann? Kommen Sie mit uns! Der Wind ist günstig, nur noch etwas schwach, er wächst aber von Minute zu Minute.«

»Bedaure«, antwortete Hoffmann, »ich habe noch eine Post zu erwarten. Doch hoffe ich, dass wir uns bald wiedertreffen werden, vielleicht schon morgen.«

»Good bye, auf Wiedersehen!«, erscholl es auf beiden Schiffen; Tücher wurden geschwenkt, dann schickten Kommandos die Mannschaft in die Takelage, die Segel wurden entfaltet, und bald nahmen die beiden Schiffe, von denen der ›Amor‹ einen Lotsen an Bord hatte, langsam die Fahrt auf.

Kapitän Hoffmann blickte ihnen nach, welche durch Last der vom günstigen Winde geschwellten Segel stark auf der Seite lagen, ab und zu wandte er aber auch die Augen nach dem Hafen zu, als erwarte er von dort ein Schiff oder Boot, und wie er den Blick abwechselnd nach den beiden sich immer mehr entfernenden Schiffen und dann wieder nach dem Hafen richtete, hätte man fast vermuten können, dass zwischen diesen beiden gewisse Beziehungen beständen.

Da plötzlich erweiterten sich die Augen des Deutschen, er brauchte kein Fernrohr in die Hand zu nehmen, um zu erkennen, wie aus der Hafeneinfahrt ein kleiner Dampfer herauskam und aus dem Schornstein dichte Rauchwolken ausstoßend, mit aller Kraft dem freien Fahrwasser zustrebte.

Am Heck des kleinen Fahrzeuges flatterte die spanische Kriegsflagge, es war ein Regierungsdampfer.

»Meine Bemühungen waren vergeblich, das Geld ist nutzlos ausgegeben«, murmelte Hoffmann, »aber nein, es kann nicht sein, es ist mir fest versprochen worden. Hält er sein Versprechen nicht, so hat er mich zu fürchten, und überdies kennt er mich. Da, der Kapitän signalisiert schon.«

Hoffmann ließ Ingenieur Anders zu sich rufen und sprach kurze Zeit mit ihm. Über des jungen Mannes Züge ging ein leichtes Lächeln.

Auf dem Dampfer ward durch Flaggen dem ›Blitz‹ der Befehl gegeben, Name und Nationalität zu signalisieren.

Hoffmann wusste ganz genau, dass dem Kapitän der ›Blitz‹ sehr wohl bekannt war, aber dass das Manöver nur geschah, um dem ausländischen Schiffe seine Autorität zu zeigen.

Hoffmann musste der Aufforderung nachkommen, er ließ die deutsche Flagge und die Wimpel seines Schiffes hissen.

Jetzt war der Dampfer vom ›Blitz‹ quer ab, der Kapitän, ein noch sehr junger Mann ließ die Maschine stoppen, grüßte hinüber und fragte: »Kapitän Hoffmann?«

»Felix Hoffmann, Kapitän des deutschen Vollschiffes ›Blitz‹, antwortete der Gefragte.

»Im Namen des Königs, der ›Blitz‹ verlässt die Reede von Manila nicht, bis er die Erlaubnis dazu erhält«, klang es bestimmt aus dem Munde des jungen Mannes, der die Uniform der spanischen Seeoffiziere trug.

Die Matrosen auf dem ›Blitz‹ sperrten vor Verwunderung Nase und Mund auf, sie glaubten ihren Ohren nicht trauen zu dürfen, brachen dann aber gleichzeitig in ein schallendes Gelächter aus. Doch der Bootsmann sorgte dafür, dass es noch im Keime erstickt wurde.

Doch auch die beiden Steuerleute waren bestürzt, begaben sich zu Hoffmann und baten um Aufklärung über diesen seltsamen Befehl von dem spanischen Kriegsschiffe, der einer Verhaftung ähnlich sah. Hoffmann war der einzige an Deck, der seine Ruhe vollkommen behalten hatte, ja, sogar ein spöttisches Lächeln schwebte um seine Lippen.

»Es handelt sich nur um eine Kleinigkeit«, antwortete er. »Kapitän Juarez ist von seinen eigenen Leuten wegen Erpressung angezeigt worden, weil er die ihnen versprochene Beute nicht herausgerückt hat. Nun sollen wir alle, das heißt, die Besatzung der ›Vesta‹ und des ›Amor‹, ebenso wie ich, Anders und Brentano als Zeugen vernommen werden. Daher der Befehl, dass der ›Blitz‹ die Reede nicht verlassen soll.«

»Aber die Engländer und ganz besonders die Damen werden sich verdammt wenig daran kehren, wenn ihnen der junge Kerl da zuschreit, umzukehren«, meinte der erste Steuermann lachend.

»Sie haben überdies die Reede bald verlassen«, ergänzte der zweite Steuermann.

»Sind aber noch nicht auf neutralem Gebiete«, meinte Hoffmann achselzuckend, »und ehe sie dies erreicht haben, ist der Dampfer bei ihnen und wird sie mit Gewalt zur Umkehr zwingen.«

»Teufel!« Klaus Uhlenhorst stampfte mit dem Fuße auf. »Dass wir uns wegen solch einer Lappalie aufhalten lassen! Sind wir schon so ärgerlich darüber, wie werden erst die dort aufgebracht sein. Ich glaube, sie fordern den Kapitän heraus, Gewalt anzuwenden, auch ich möchte es fast tun.«

»Das würde ihnen teuer zu stehen kommen, sie dürften nur den ersten besten Hafen anlaufen und wären sofort verhaftet, weniger darum, weil sie der im Namen des spanischen Königs gegebenen Aufforderung, zurückzukehren, nicht gefolgt sind, als vielmehr darum, weil sie die internationalen Seegesetze gebrochen haben. Das Seegericht versteht darin keinen Spaß; mit Geld wäre die Sache nicht abgemacht.«

»Konnte man denn die Sache nicht vorher gütlich beilegen«, fragte Adam Nagel, »sodass die Übrigen nicht als Zeugen aufzutreten brauchten? Diese Verzögerung wegen dieses gelben Schuftes ist doch zu schändlich«

»Ich war der einzige, welcher von der Verhaftung des Kapitäns überhaupt etwas wusste.«

»Hätten Sie sich nicht an einen höheren Beamten wenden können, damit Sie aus dem Spiele blieben?«

»Das habe ich auch getan, und ich hoffe noch immer, dass der Gegenbefehl kommt. Diese beiden Schiffe dort will ich aber auf jeden Fall vor solch einer unangenehmen Sache bewahren. Sehen Sie, der spanische Kapitän hat mit seinen Offizieren beratschlagt, die Flagge, das Haltesignal wird gehisst, und er gibt Befehl, die Fahrt hinter den beiden Schiffen fortzusetzen. Passen Sie auf!«

Es war alles so geschehen, wie Hoffmann seinen beiden Steuerleuten eben geschildert hatte.

Der spanische Kapitän drehte den Signalapparat auf der Brücke — so nahe war das Schiff am ›Blitz‹, dass die Matrosen des letzteren das Klingeln hören konnten — dem Schlote entstieg wieder eine dunkle Rauchwolke, und der Dampfer musste sich in Bewegung setzen.

»Carajo!«, schrie der Kapitän, als nichts davon zu merken war, dass sich die Schraube umdrehte. »Hört der Schuft unten im Maschinenraum nicht?«


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Er ließ den Apparat noch einmal, zweimal, dreimal das Zeichen zur Abfahrt geben, es war die höchste Zeit, die beiden Schiffe, welche zurückgebracht werden sollten, wurden immer kleiner — aber das Schiff kam keinen Zoll vorwärts. Und doch arbeitete die Maschine, das verriet einmal der aus den Ventilen strömende Dampf und dann auch die Erschütterung, die man überall spürte.

»Was ist das?«, schrie der Kapitän wütend. »Beim heiligen Antonio, ist denn der Kerl da unten behext?«

Ein anderer Offizier war nach hinten gesprungen, beugte sich über die Bordwand und spähte in das Wasser, welches hier so klar war, dass man auf dem Grunde die Seegewächse erblicken konnte.

Aber wie er auch schaute, sich die Augen rieb und wieder hinuntersah, die wunderbare Tatsache ließ sich nicht wegleugnen, die Schraube war verschwunden, oder doch die vier Flügel, ohne welche die Schraube keine solche war.

Niemand wollte glauben, was der Offizier mit grenzenlosem Erstaunen feststellte, am wenigsten der Kapitän, aber es half alles nichts — sie überzeugten sich, dass seine Behauptung eine richtige war; alle vier Flügel waren gleichzeitig abgebrochen, oder vielmehr, wie sie bald inne wurden, von den Schrauben abgenommen worden, als wären Menschenhände dabei tätig gewesen.

Die Mannschaft, abergläubische Spanier, waren über das Ergebnis ihrer Untersuchung so erschrocken, dass sie an allen Gliedern zitterten, der Kapitän nicht ausgenommen.

»Hol mich der Teufel, wenn das mit rechten Dingen zugeht!«, rief derselbe endlich. »Hat jemand je so etwas gehört, dass bei schönstem Wetter die Flügel von der Schraube losgehen, und auch noch dazu alle vier auf einmal? Wenn es Wunder gibt, so ist das eins.«

Über die Richtigkeit dieser Behauptung waren sich die anderen Spanier schon lange klar.

Bald aber verwandelte sich ihr Schrecken in den entsetzlichsten Zorn. Die Matrosen des ›Blitz‹ hatten schnell erfasst, um was es sich handelte. Sie sahen erst auf ihren Kapitän, den Hilfsingenieur und die beiden Steuerleute, welche in ein ernstes Gespräch vertieft waren, als hätten sie überhaupt nichts bemerkt, dann brachen sie, wie auf Kommando in ein schallendes Gelächter aus, welches gar nicht enden wollte.

»Der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ sind bald schon am Horizont untergetaucht«, sagte Hoffmann eben zu seinen Offizieren, »sie haben also nichts mehr zu fürchten, und ich werde schon unbelästigt davonkommen. Überdies erwarte ich noch jeden Augenblick, dass ein Gegenbefehl eintrifft.«

»Dort kommt wieder ein solch kleiner Dampfer«, rief der erste Steuermann, »der wird ihn bringen. Seiner Bauart nach scheint es ein Aviso zu sein.«

Der Aviso ist eine besondere Art von Kriegsschiffen, sie sind nach den Torpedobooten die schnellsten Fahrzeuge und hauptsächlich dazu bestimmt, unverzügliche Befehle oder Aufhebung von solchen den Schiffskapitänen nachzubringen, sie werden überhaupt immer da verwendet, wo es sich um die größte Schnelligkeit handelt.

»Er ist es«, sagte Hoffmann, das Schiff durch das Fernrohr musternd: »der Alkalde, mein Freund, hat den Gegenbefehl erwirkt. Wäre aber jenes Fahrzeug dort nicht unfähig, weiterzufahren, so würde er doch zu spät gekommen sein. Die ›Vesta‹ und der ›Amor‹ hätten umkehren müssen.«

»Ein Boot wird hinten nachgeschleppt.«

»Es ist das erwartete Postboot«, sagte Hoffmann, »auch wir können unsere Reise antreten.«

In einigen Minuten lag das neuangekommene Fahrzeug neben dem ›Blitz‹, und in aller Förmlichkeit wurde Hoffmann von dem Kapitän verkündet, dass der ›Blitz‹ ohne Hindernis die Reede von Manila verlassen könne, der vorige Befehl beruhe auf einem Irrtum.

Dann wandte sich der Kapitän an seinen Kollegen auf dem anderen Schiffe und erfuhr, dass der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ keine Aufforderung zur Umkehr erhalten hatten, und zwar infolge der rätselhaften Entfernung der Schraubenflügel, was auch die Besatzung dieses Dampfers mit namenlosem Staunen erfüllte.

Nach kurzer Besprechung der beiden Kapitäne wurde die Lage des Ortes, wo das Unglück stattgefunden, genau bestimmt, um die Flügel später durch Taucher suchen zu lassen, dann wurde der beschädigte Dampfer von dem anderen ins Schlepptau genommen und zurückbugsiert.

Unterdessen war das Boot mit der Post und einem Ruderer, welches, im Staatsdienste stehend, von dem Regierungsdampfer hierher geschleppt worden war, an den ›Blitz‹ gerudert, der Postbote hatte sich an Bord begeben und war von Georg, der Ordonnanz des ›Blitz‹, ohne Aufenthalt nach dem Arbeitszimmer des Kapitäns geführt worden.

Der Mann entnahm der Posttasche eine Anzahl Briefe und Pakete, ließ sich darüber quittieren und zog dann aus dem Rocke einen anderen Brief.

»Privat«, sagte er und händigte ihn Hoffmann aus.

»Wer gab Ihnen diesen?«, fragte der Ingenieur, den Brief betrachtend, der keinen Poststempel trug, also dem Beamten von irgend einer Privatperson zur Beförderung gegen ein Trinkgeld mitgegeben worden war. Auf dem Umschlage stand mit großen Buchstaben ›Eilig‹ mehr als dick unterstrichen.

»Ich war schon im Boot«, erzählte der Postbote, »als ein anständig gekleideter Mann, anscheinend ein Spanier — wenigstens war er so gekleidet, des Weges daherkam, und, als er uns schon abstoßen sah, zu laufen anfing. Er gab mir diesen Brief mit dem eindringlichen Bemerken, Ihnen das Schreiben ja sofort einzuhändigen; um es auf die Post zu tragen, war es zu spät. Es war ein sehr anständiger Herr.«

Diese letztere Bemerkung bezog sich wahrscheinlich auf das reichliche Trinkgeld, das der Mann von dem Herrn für diesen Gefälligkeitsdienst erhalten hatte.

Hoffmann öffnete den Brief.

Plötzlich wurde sein Gesicht leichenblass, diesmal konnte er seine Aufregung nicht verbergen.

»Beschreiben Sie mir den Herrn!«, sagte er kurz zu dem Beamten.

Dieser gab ihm eine Schilderung der Persönlichkeit aber Hoffmann konnte sich nicht besinnen, wer der Fremde gewesen sei.

»Es ist gut! Verlassen Sie das Schiff, der ›Blitz‹ fährt in einer Minute ab!«

Der Telegraf klapperte unter seiner Hand, er gab den Steuerleuten, wie dem Ingenieur den Befehl, den ›Blitz‹ so schnell wie möglich zur Abfahrt bereitzumachen.

Georg half dem Postbeamten wieder ins Boot, welches diesmal durch Rudern zurückgebracht werden musste.

»Was sagst du eigentlich zu dem allen, Georg?«, fragte ein Matrose die Briefordonnanz des Kapitäns, die gewöhnlich in die Geheimnisse ihres Herrn eingeweiht war.

»Wozu?«

»Ich meine, dass die Schraubenflügel des Dampfers so plötzlich fehlten, gerade als er den beiden Schiffen auch die Nachricht bringen sollte, nicht abzufahren, sondern umzukehren.«

Georg schmunzelte und deutete mit dem Daumen über die Schulter dahin, wo das Arbeitszimmer des Kapitäns lag.

»Der Kapitän wollte eben nicht, dass der Dampfer weiterfuhr, und da hat er denn dafür gesorgt. Verstehst du?«

»Na ja, das dachte ich mir auch. Aber wie kommt es, dass dann plötzlich der erste Befehl, wir sollten die Reede nicht verlassen, wieder aufgehoben ward?«

Georg antwortete nicht, wenigstens nicht mit Worten. Er legte die Hand auf den Rücken und machte mit den Fingern die Bewegung des Geldzählens — der Matrose hatte verstanden.

*

Der Taifun hatte sich ausgetobt, nicht nur der Wind hatte sich gelegt, nach vierundzwanzig Stunden glich auch die See wieder einem glänzenden Spiegel.

Aber was half dies dem schönen Vollschiff, welches sich so schwer von einer Seite auf die andere wälzte? Seine Takelage war fast vollständig vernichtet. Wohl streckten sich die Masten noch stolz in die Höhe, aber sie hatten das Aussehen von entlaubten Pappeln, keine Rah mehr war an ihnen zu sehen, nur noch einige Stümpfe derselben, das Fahrzeug war zum Segeln unfähig.

Weibliche Matrosen waren es, welche das Schiff während des Taifuns bedient und doch wenigstens verhindert hatten, dass es, wie so viele andere, unterging — die Vestalinnen. Aber wenn es auch noch auf dem Wasser schwamm, die Zeit war doch nicht mehr fern, da es für immer die Oberfläche mit dem Meeresgrund zu vertauschen drohte — sein Untergang schien unvermeidlich. Das bezeugte die Beschäftigung der Mädchen.

Sie hatten nur wenige Notsegel gesetzt, so viele, wie die Takelage noch erlaubte, aber sie beschäftigten sich nicht mit dieser, sondern die eine Hälfte von ihnen befand sich am mittelsten Mast, wo die Pumpe stand und setzte diese ohne Unterbrechung in Bewegung.

Die ›Vesta‹ leckte. Schon fast zwanzig Stunden bemühten sich die Mädchen, ihr Schiff, ihren Stolz vor dem Sinken zu bewahren. Sie konnten sich noch nicht entschließen, in Booten das schmucke Fahrzeug zu verlassen, in dem sie einst triumphierend wieder in den Heimathafen hatten zurückkehren wollen.

Noch hofften sie, einem Dampfer zu begegnen, der sie ins Schlepptau nehmen und nach einem Hafen bringen würde. Sie wollten schon dafür sorgen, dass das einströmende Wasser immer wieder aus dem Kielraum entfernt würde. Bluteten auch schon infolge der schweren Arbeit ihre Hände, sie ließen nicht nach. Die eine Hälfte von ihnen pumpte immer, während sich die andere von der Anstrengung ausruhte und die blutigen Hände verbunden wurden. Selbst die befreiten Mädchen waren zu dieser harten Arbeit mit herangezogen worden, und sie hatten willig der Aufforderung Folge geleistet, galt es doch die Erhaltung des eigenen Lebens.

Der ›Amor‹ war schon vorgestern Abend, gleich zu Beginn des Taifuns, außer Sicht gekommen. Möglich sogar, dass ihn schon das Schicksal erreicht, welches ihr Schiff noch erwartete, möglich auch, dass die Herren schon auf Booten in der offenen See umhertrieben, ja sogar auf dem Meeresgrund neben dem Wrack des ›Amor‹ ruhten.

»Es ist wenigstens ein Glück im Unglück, dass unser Steuerruder nicht gebrochen ist«, ermutigte Ellen ihre Freundinnen, »dadurch können wir es doch so einrichten, dass wir in eine Dampferlinie getrieben werden. Ehe wir die nächste erreichen, dauert es allerdings bei unserer äußerst langsamen Fahrt wenigstens noch fünfzehn Stunden, haben wir aber schon so lange ausgehalten, so können wir auch diese Zeit noch ertragen.«

Die Gefährtinnen antworteten nicht. Sie verbissen den Schmerz, der wie Feuer in den wunden Handflächen brannte, und drehten unablässig die Kurbel weiter.

Niemand schloss sich davon aus, und die Kapitänin ging allen mit gutem Beispiel voran.

»Was werden wir tun, wenn wir das Schiff nicht mehr halten können?«, fragte eine Vestalin.

»Dann gehen wir in die Boote«, versetzte Ellen. »Gott sei Dank, dass sie uns nicht weggespült worden sind. Unsere Lage ist noch keine so schlimme; in ihnen können wir in vier Stunden die Dampffahrlinie bequem erreichen und sind dann geborgen. Schlechtes Wetter haben wir nicht zu fürchten.«

»O, das wird herrlich«, rief Hope, »wie freue ich mich, wenn wir erst die Reise in Booten beginnen! Ist das nicht gerade wie in dem Theaterstück, welches wir in Batavia aufführten? Dann wünsche ich nur, der ›Amor‹ nähme uns auf.«

Alle mussten über das junge Mädchen lachen, dessen Frohsinn ansteckend wirkte. Hopes glückliche Natur wusste selbst aus der bittersten Blume Honig zu ziehen, das heißt, sie fand in der traurigsten Lage etwas, woran sie sich erfreute.

Vier Stunden waren vorüber, die ausgeruhten Mädchen kamen wieder an Deck, um ihre Freundinnen abzulösen. Ellen maß, wie viel Wasser im Kielraume stand, und fand, dass es dank dem ununterbrochenen Pumpen nur wenig zugenommen hatte. Dann fragte sie, wie bei jeder Ablösung, welche der Vestalinnen sich nicht mehr der Arbeit des Pumpens unterziehen wolle, sondern die Zuflucht zum Boote zu nehmen wünsche.

Niemand antwortete; alle waren entschlossen, so lange wie möglich auf der ›Vesta‹ zu bleiben, um doch noch das schöne Schiff zu retten.

Es wurde Abend, und noch war kein Segel erblickt worden; nach und nach erfasste die Herzen der Mädchen ein ungestümes Verlangen nach Befreiung von dieser harten Arbeit. Fragte Ellen bei der Ablösung, wer die ›Vesta‹ verlassen wolle, so hatte manches Mädchen schon ein ›Ich‹ auf der Zunge — und der Stimme einer einzigen musste gefolgt werden, so war von vornherein ausgemacht worden — aber keine wollte die erste sein, welche ihre Mutlosigkeit zu erkennen gab, und so trat, als die Glocke acht Glasen schlug, immer wieder die eine Hälfte der Mädchen an die Pumpe.

Die Nacht brach an.

Auf Ellens Geheiß wurden Raketen an Deck geschafft und diese in regelmäßigen Zwischenpausen in die Luft gesendet. Vielleicht, dass die weithin sichtbaren Feuergarben von einem Schiffe bemerkt wurden, das ihnen dann Rettung brachte.

Stunde auf Stunde verrann, es kam keine Antwort. Eine tiefe Verzagtheit bemächtigte sich der Mädchen, welche vergebens nach Feuern, das heißt, nach Lichtern von Schiffen ausspähten. Oft wurden sie dabei von Sternen getäuscht; manchmal brachte der Ausruf: »Ein Feuer! Ein Licht!«, die Herzen zum schnelleren Schlagen, aber immer war die Freude eine vergebliche gewesen — die Ruferin hatte einen neuen, am Horizont aufgehenden Stern für das gelbe Licht eines Dampfers gehalten, selbst der erfahrenste Seemann irrt sich oftmals auf diese Weise.

»Ein Feuer! Das Toplicht eines Dampfers!«, erschallte abermals der Ruf; es war Hope, welche zum ersten Male heute Nacht diesen Ruf ausstieß.

»Drei Raketen!«, ordnete Ellen an und fügte hinzu: »Wolle Gott, dass es sich diesmal bewahrheite.«

»Kraft meines Namens!«, entgegnete Hope freudig. »Es ist das Licht eines Dampfers.«

Zischend fuhren die Raketen in die Luft, sich oben in Leuchtkugeln zerteilend, und bald zeigte sich, dass Hope, auf deutsch die ›Hoffnung‹, wirklich ihren Namen nicht umsonst führte.

Dort, wo nach ihrer Angabe das Feuer aufgetaucht war, leuchteten ebenfalls einige helle Strahlen zum Himmel empor, sich aber nicht oben in Leuchtkugeln verteilend, sondern in einen silbernen Sprühregen, der weithin sichtbar war.

»Mein Gott«, rief Ellen, »das könnte der ›Amor‹ sein. Er führt diese Raketen an Bord, die man sonst selten auf Schiffen findet.«

Auch die anderen Vestalinnen waren der Meinung, dass dies leicht der Fall sein könnte. Der ›Amor‹ war ja mit ihnen zusammen gefahren, er musste sich in dieser Gegend aufhalten.

Aber wieder verstrichen einige Stunden, und noch konnten sie nicht erkennen, ob das Schiff der ›Amor‹ sei oder nicht, welches schon ganz dicht in der Nähe war. Wohl forderte der Dampfer — ein solcher musste es nach dem oben am Maste hängenden, weißen Lichte sein — wiederholt die ›Vesta‹ auf, ihren Namen zu signalisieren, aber diese konnte es nicht mehr; die farbigen Raketen, durch welche eine Antwort möglich, waren alle verschossen, und leider tat das Schiff nicht selbst das, was es von dem anderen verlangte. Aber sobald die ›Vesta‹ eine Rakete in die Luft sandte, tat der nahe Dampfer das gleiche, und so konnten sich die beiden Schiffe trotz der dunklen Nacht nicht verlieren.

Dass sich der Kapitän nicht sofort zur Rettung der Hilfsbedürftigen entschloss, verdachte ihm niemand. Jenes Schiff war ja ein Dampfer, und der Kapitän konnte nicht wissen, ob nicht hinter dem Wrack Taue schleppten, in die sich die Schraube verwickeln konnte. Der erste Morgenstrahl des folgenden Tages machte aber eine Verständigung möglich, und dann würde die Bergung der Schiffbrüchigen sofort erfolgen. Außerdem besaßen die Mädchen noch ein Mittel, auch jetzt das Schiff sofort herbeizurufen. Man brauchte nur das sogenannte Blaselicht, eine Fackel von Werg, welches mit Benzin oder Petroleum getränkt worden ist, hin- und herzuschwingen, so würde der Kapitän jenes Schiffes, besaß er ein rechtschaffenes Herz, sicher sofort herbeieilen.

Der zweite Morgen auf dem lecken Schiff brach an.

Es ist eigentümlich, wie schnell auf dem Meere die Nacht mit dem Tage wechselt, und ganz besonders zeigt sich diese Eigentümlichkeit in den Tropen. Eben ist es noch ganz dunkel, da übergießt mit einem Male der erste Strahl der aufgehenden Sonne das Meer mit goldenem Licht sodass man plötzlich weit in die Ferne sehen kann.

So war es jetzt auch hier.

Kaum war dieser Moment gekommen, so konnten auch die Mädchen das wartende Schiff schon ganz deutlich erkennen, und Freude erfüllte aller Herzen — es war wirklich der ›Amor‹.

Auch dieser hatte sofort, trotz der verwüsteten Takelage, die ›Vesta‹ erkannt, ein einstimmiger Freudenschrei traf das Ohr der Vestalinnen, eine Dampfwolke wirbelte aus dem Schornstein, und schnell näherte der ›Amor‹ sich dem hilfsbedürftigen Schiffe.

»Auch sie haben Havarie erlitten, aber bei weitem nicht soviel, wie wir; ihre kleine Brigg bot dem Sturme weniger Widerstand, als unser Vollschiff. Am ersten Maste fehlen nur zwei Rahen«, sagte Ellen.

»Was haben sie denn für einen seltsamen Schornstein?«, meinte ein anderes Mädchen.

Dieser war wirklich auffallend. Es war nicht mehr derselbe, wie früher, man konnte ihm beim ersten Blicke ansehen, dass er von den Händen der Heizer plump aus gerolltem Eisenblech zusammengesetzt worden war. Aber er gestattete doch, dass der Kessel gefeuert und der ›Amor‹ unter Dampf fahren konnte.

»Wollen Sie die ›Vesta‹ verlassen?«, fragte Lord Harrlington hinüber.

Die Vestalinnen berieten sich schnell, was zu tun sei. Ehe sie nach dem nächsten Hafen kamen, dauerte es wenigstens noch zwei Tage, und so lange konnten sie unmöglich das Pumpwerk in Betrieb erhalten. Es musste sein, es gab keine andere Möglichkeit, als die ›Vesta‹ ihrem Schicksale zu überlassen.

»Was liegt uns an dem Schiffe«, suchte Ellen zu trösten, »es ist ja nichts weiter, als Holz. Die uns liebgewordenen und notwendigen Gegenstände nehmen wir mit und kaufen uns einfach ein anderes, noch besseres Schiff.«

Die uns liebgewordenen Gegenstände! Ach, es war ihnen ja schon alles ans Herz gewachsen, sie liebten ja die ›Vesta‹ selbst, vom Mast bis zum Kiel.

»Ja, wir wollen die Vesta verlassen«, rief Ellen mit fester Stimme, der man aber doch einen traurigen Klang anhörte, hinüber, »und unter der Bedingung begeben wir uns auf den ›Amor‹, dass wir von hier aus sofort nach dem nächsten Hafen gebracht werden.«

»Das versprechen wir Ihnen«, war die Antwort vom ›Amor‹.

Die Mädchen eilten in ihre Kabinen, rafften alles Notwendige zusammen, die Kapitänin versah sich außerdem noch mit den Schiffspapieren, und dann bestiegen sie die Boote, welche sie nach dem ›Amor‹ bringen sollten. Das war die erste Fahrt. Das zweite Mal wurden die Boote mit dem beladen, was die Damen als Andenken mitzunehmen wünschten, und erlaubte der Wasserstand der ›Vesta‹ noch eine dritte Überfahrt, so sollten auch noch verschiedene Wertsachen, wie Instrumente, kostbare Möbel und so weiter, in Sicherheit gebracht werden.

Die Boote lagen zum zweiten Male längsseits des ›Amor‹, die Herren waren behilflich, den Mädchen die dargereichten Erinnerungsstücke abzunehmen, eben hob Williams Hopes Krokodil an Deck, von dem sich das Mädchen auf keinen Fall trennen wollte, weil sie es selbst geschossen hatte, als plötzlich auf dem ›Amor‹ ein vielstimmiger Ruf erscholl.

»Das Geisterschiff!«

Wie elektrisiert sprang alles auf. Man ließ alles stehen und liegen, das Krokodil entfiel Charles Hand und stürzte ins Wasser, wurde aber von Hope sofort wieder ins Boot gezogen, und aller Augen wandten sich der Richtung zu, von welcher das Geisterschiff kommen sollte.

»Es ist ja der ›Blitz‹«, rief ein Mädchen.

»Nun ja«, entgegnete Harrlington, »wer zweifelte denn noch in letzter Zeit daran, dass das Geisterschiff und der ›Blitz‹ eins wären?«

Seit dem Tage, da einige der Reisenden vom Bord des ›Blitz‹ aus in die Tiefe getaucht, war es allen zum Bewusstsein gekommen, dass dieser mit dem ›Geisterschiff‹ identisch sei. Kamen ab und zu noch Zweifel an der Richtigkeit einer solchen Behauptung, so hielt es jeder für gut, mit seiner Meinung betreffs dieser Sache zurückzuhalten.

Was jetzt das Mädchen zu dem Ausrufe, dass es der ›Blitz‹ sei, veranlasste, war das Aussehen des Schiffes. Es glich dem rätselhaften Fahrzeug allerdings vollkommen, aber das runde Deck fehlte. Die Farbe war zwar schwarz, aber es fuhr ebenso wie das Geisterschiff, ohne Segel und doch mit einer ungeheuren Schnelligkeit.

Mit dem Fernrohre konnte man Kapitän Hoffmann und seine Leute an Deck stehen sehen.

»Sollte es ihm nicht gelingen, die ›Vesta‹ zu retten?«, brach Ellen das Schweigen.

Niemand hielt jetzt die Gelegenheit für passend, über die seltsame Erscheinung des ›Blitz‹, den sie als solchen zum ersten Male ohne Segel mit Hilfe der Maschine fahren sahen, zu sprechen, die Situation war eine zu ernste.

»Wie könnte dies Kapitän Hoffmann bewerkstelligen?«, fragte Miss Thomson.

»Es ist anzunehmen, dass auf dem ›Blitz‹ große Pumpen vorhanden sind, wie könnte sonst die Luft in den Skaphandern zusammengepresst werden, wozu doch eine ganz gewaltige Kraft nötig ist? Der ›Amor‹ mit seiner kleinen Pumpe kann uns nicht über Wasser halten, wenigstens nicht, wenn er zur gleichen Zeit dampfen soll, und dies würde zum Schleppen doch erforderlich sein — Lord Harrlington hat es mir vorhin bedauernd mitgeteilt.«


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»All right«, rief Hope, die mit ihrem nassen Krokodil auf dem Schoße im Boote saß, »so gehen wir an Bord zurück und lassen uns von dem Zauberschiff nach Wellington bugsieren. Vielleicht zaubert Hoffmann das Leck auch zu.«

Der ›Blitz‹ war herangekommen. Aber Kapitän Hoffmann schien weder von der wracken ›Vesta‹, noch von der Ausschiffung der Damen Notiz zu nehmen. Er hatte nur Augen für den ›Amor‹, keinen Blick wendete er von diesem.

Ohne den Lauf des Schiffes zu mäßigen, ließ er ein Boot aussetzen, sprang den beiden Matrosen nach und fuhr an die Brigg. Auch hier wurde die Tatsache festgestellt, dass das Boot ohne Dampf, ja, ohne sichtbare Maschine, von einer geheimnisvollen Kraft getrieben wurde.

Im nächsten Augenblicke stand Hoffmann an Deck.

»So leben Sie noch«, rief er, und seiner Stimme merkte man an, welche Aufregung ihn beherrschte, »so brauche ich mich noch nicht zu beschuldigen, durch eigenmächtigen Eingriff in den Lauf des Schicksals Ihr Leben vernichtet zu haben? Wo ist Marquis Chaushilm? Schnell, schnell, jede Sekunde ist kostbar.«

Erstaunt betrachteten die Herren, wie auch die schon auf dem ›Amor‹ befindlichen Mädchen, den Sprecher. Der Sinn seiner Worte war allen dunkel.

»Wo ist Marquis Chaushilm?«, wiederholte Hoffmann mit einer an ihm sonst nie bemerkten Heftigkeit. »Um Gottes willen, wo ist er?«

»Hier«, antwortete der Gerufene und trat hinter dem Boot hervor, das ihn verborgen hatte.

Niemand begriff, welcher Grund den sonst so kaltblütigen Ingenieur zu solchem Ungestüm bewegte.

»Haben Sie in Manila Kokosnüsse gekauft?«, fragte Hoffmann.

Nicht nur Chaushilm, auch die Übrigen konnten bei dieser seltsamen Frage kaum ein Lächeln unterdrücken. Wie kam der Ingenieur plötzlich auf so etwas?

»Allerdings«, antwortete der Marquis, »mehrere, darunter ein wahres Riesenexemplar. Sie selbst waren ja dabei, als ich sie kaufte. Während des Taifuns sind sie wie Kegelkugeln in meiner Kabine herumgerollt.«

»Vielleicht zu Ihrem Glück, lassen Sie die große Nuss holen, oder besser, führen Sie mich nach Ihrer Kabine!«

Aber schon hatte Hannes die erste Aufforderung befolgt, er brachte die riesige Nuss in beiden Armen geschleppt.

Alle hatten sich um den Ingenieur versammelt und schauten ihm gespannt zu, wie er die Nuss vorsichtig auf ein Fass legte und äußerlich untersuchte. Sein Benehmen min ihnen einfach unbegreiflich.

Die Kokosnuss ist mit einer Art von brauner Pflanzenfaser dicht umhüllt, und diese wies, im Verhältnis zu ihrer Größe, ganz besonders lange und eng zusammenstehende Haare auf. Der Ingenieur hob dieselben sorgfältig auf, so wie man ungefähr zu tun pflegt, wenn man auf dem Kopfe einer Person eine Wunde vermutet, und untersuchte auf das genaueste die nackte Schale.

Plötzlich entfuhr ein Ruf der Überraschung seinem Munde.

»Ich bin nicht belogen worden«, sagte er ernst, »Marquis Chaushilm, Sie haben keine einfache Kokosnuss gekauft, sondern etwas ganz anderes, wie Sie gleich sehen werden.«

Er brachte ein Taschenmesser mit Schraubenzieher zum Vorschein und begann damit die Nuss zu bearbeiten, und siehe da, eine Schraube nach der anderen löste sich aus der Schale, und als die letzte herauskam, klappte der Ingenieur die beiden Hälften der Nuss auseinander.

Ein furchtbares Entsetzen bemächtigte sich der Umstehenden, als sie die Kokosnuss jetzt geöffnet vor sich liegen sahen.

»Eine Granate«, riefen sie einstimmig.

»Ja, eine Granate«, wiederholte Hoffmann ernst, »eine mit Dynamit gefüllte Granate und hier«, er grub die Hand langsam in die pulverige, graue Masse, welche das Innere ausfüllte, und zog sie sofort mit einem kleinen, runden Gegenstande zurück, »und hier die Uhr, welche sie explodieren lassen sollte. Es ist eine Höllenmaschine, ihr Äußeres ist kunstvoll wie eine Kokosnuss ausgestattet, und sie wäre explodiert, wenn man sie mit Gewalt, etwa mit einem Hammer oder mit einer Axt zu sprengen versucht hätte, ebenso, wenn die Uhr richtig funktioniert hätte, was wahrscheinlich durch das heftige Schlagen des Schiffes während des Sturmes verhindert worden ist.«

Er öffnete die Kapsel, und man erblickte darin ein Instrument, dessen Aussehen an eine Uhr erinnerte. Oben befand sich ein Stift, welcher durch eine kleine Öffnung, der Kapsel herausragte.

»Wann sind die Kokosnüsse umhergerollt, Marquis Chaushilm?«, fragte der Ingenieur. Chaushilm berechnete ungefähr die Zeit.

»Gestern, nein, vorgestern Nacht, zwischen acht und zwölf Uhr, als ich nicht in meiner Kabine war. Ich hatte sie alle in besondere Fächer gelegt, um ihr Umherkugeln zu verhindern, mit Ausnahme dieser, welche, wegen ihrer Größe, in keiner Schublade Platz fand. Als ich nach meiner Kabine kam, rollte sie auf dem Boden hin und her, ebenso einige andere, die auch heruntergefallen waren.«

»Das hat Sie und den ›Amor‹ vor dem Untergange gerettet. Sehen Sie hier«, Hoffmann wies auf die Zeiger des Zifferblattes, »zweiunddreißig Minuten vor zwölf ist das Werk stehen geblieben, und um zwölf Uhr wäre die Explosion erfolgt, wie ich Ihnen zeigen werde.«

Er hielt die Uhr von sich entfernt — die Anderen wichen scheu zurück — und drehte den Zeiger langsam weiter. Als er die Zwölf erreichte, entfuhr ein kleiner Feuerstrahl dem Stifte, der den Zünder bildete.

»Durch den Fall ist die Uhr jedenfalls stehen geblieben«, fuhr er fort, »er hätte die Granate aber ebenso gut zum Explodieren bringen können. Danken Sie Gott, dass er seine Hand gnädig über Sie gehalten hat.«

Diese feierlich gesprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Noch wagte keiner ein Wort zu sprechen, starr vor Entsetzen blickten sie auf die unheimliche Granate, deren Dynamitfüllung hingereicht hätte, um das größte Gebäude in die Luft zu sprengen.

Bei den letzten Worten Hoffmanns falteten alle unwillkürlich die Hände.

»Woher aber haben Sie von diesem neuen Anschlage Kenntnis bekommen?«, brachte endlich Harrlington hervor.

»Einer, der von dem verruchten Plane wusste, hat mir denselben verraten, eben als Sie Manila verlassen hatten. Ich fuhr Ihnen sofort nach, da aber brach unglücklicherweise, ich hielt es wenigstens damals für ein Unglück, der Taifun los und ließ mich weder den ›Amor‹, noch die ›Vesta‹ finden. Ich jagte mit dem ›Blitz‹ hin und her, vergebens, ich konnte kein Schiff entdecken, die Zeit kam immer näher, da die Explosion erfolgen musste, und ich selbst fühlte mich — doch erlassen Sie mir die Beschreibung meiner damaligen Gefühle«, unterbrach sich Hoffmann und fuhr mit der Hand über die Stirn. »Es ist mir genug, dass ich Sie jetzt gerettet weiß.«

»Wer mag uns dieses Unheil haben zufügen wollen?«, ließ sich einer der Herren vernehmen.

»Derjenige, welcher uns bisher verfolgt hat, der uns von der ›Vesta‹ trennen will«, sagte Harrlington finster.

Ellen senkte scheu die Augen zu Boden, sie wusste, um wessentwillen die Herren des ›Amor‹, die treuen Begleiter der Damen, dieser furchtbaren Gefahr ausgesetzt gewesen waren.

Aber sofort warf sie den Kopf wieder trotzig in den Nacken. Wer hieß auch den Herren, ihnen immer zu folgen? Sie erkannte zwar die oftmaligen Hilfeleistungen dankbar an, aber zur Begleitung hatte sie die Engländer niemals aufgefordert und am allerwenigsten in der letzten Zeit.

»Erlauben Sie mir, Lord Harrlington«, fragte Kapitän Hoffmann, »dass ich diese Granate und Uhr an mich nehme?«

Harrlington nickte nur.

»Dann zu der ›Vesta‹« fuhr Hoffmann heiterer fort, den Ernst gewaltsam abschüttelnd. »Meine Damen, gehen Sie an Bord zurück, ich verspreche Ihnen, Sie sicher nach Wellington zu bringen, und zwar brauchen Sie weder Notsegel zu setzen, noch zu pumpen, der ›Blitz‹ besorgt beides. In Wellington sind gute Docks, in vierzehn Tagen ist der Schaden repariert. Arg leckt die ›Vesta‹ nicht, sonst wäre sie schon gesunken. Also an Bord zurück, meine Damen! Lassen Sie den Mut nicht sinken, machen Sie wieder fröhliche Gesichter, wie ich sie immer bei Ihnen zu sehen gewohnt gewesen bin.«

Ein lauter Jubel entstand unter den Mädchen, als ihnen diese Hoffnung verkündet wurde. Eiligst wurden die schon ausgeladenen Sachen wieder zurückgebracht, und noch waren sie nicht alle an Bord, so lagen schon zwei Schläuche vom ›Blitz‹ aus im Kielraum der ›Vesta‹, und wie mächtig der › Blitz‹ pumpen konnte, das sah man den Wassermengen an, die zu beiden Seiten des Schiffes herabflossen. Die ›Vesta‹ begann sich merklich zu heben.

Als sie den gewöhnlichen Wasserstand erreicht hatte, stellten die Matrosen mittels Stahltauen eine Verbindung her und warteten nur, dass ihr Kapitän wieder auf sein Schiff zurückkehre, um das Schleppen zu beginnen.

Hoffmann ließ sich noch mit kurzen Worten erzählen, auf welche Weise jener bleiche, gerettete Mann dem sicheren, nassen Grabe entrissen worden war, der sich die ganze Zeit über in tiefstem Schweigen verhalten und auf die ihm gestellten Fragen nur kärgliche Antworten gegeben hatte. Man schonte ihn, denn man glaubte, durch die überstandene Todesangst habe sein Gehirn etwas gelitten, und ließ ihm Zeit, wieder zu sich zu kommen.

Dann fuhr Kapitän Hoffmann nach seinem Schiff zurück und gab die nötigen Kommandos. Der ›Blitz‹ setzte sich mit Hilfe der Schraube in Bewegung, nicht nur die ›Vesta‹ nach sich schleppend, sondern dieselbe auch noch durch beständiges Pumpen völlig wasserfrei haltend.

Ihnen folgte der ›Amor‹.

Im Arbeitszimmer auf dem ›Blitz‹ saß Ingenieur Anders und blickte dem Kapitän besorgt ins Gesicht. Wer mit Hoffmann immer zu verkehren Gelegenheit hatte, so wie Herr Anders, der musste finden, dass seine Züge einen leidenden Ausdruck angenommen hatten. Sie waren etwas eingefallen, und die Augenhöhlen zeigten tiefe Züge, als wenn er eine schlaflose und aufgeregte Zeit durchlebt hätte.

»Alle Ihre Furcht hat sich grundlos erwiesen«, sagte Anders und legte vertraulich seine Hand auf den Arm des vor ihm Sitzenden, »Sie haben sich umsonst mit Selbstvorwürfen gequält. Das Schicksal geht seinen Lauf, es lässt sich nicht aufhalten, und versucht man auch auf tausenderlei Weise, seine Pläne zu durchkreuzen, immer weiß es den Weg wiederzufinden, den es hat gehen wollen.«

»Es ist so«, sagte Hoffmann nachdenkend, »und doch, wie unglücklich hätte ich mich gefühlt, wenn die Katastrophe eingetreten wäre! Würde ich mich nicht mein ganzes Leben lang für schuldig an dem Tode aller dieser englischen Herren befunden haben? Ja, selbst den Tod der Damen konnte ich auf dem Gewissen haben, denn, hätte ich nicht den Alkalden bestochen, die Untersuchung niederzuschlagen, so wären die ›Vesta‹ und der ›Amor‹ in Manila geblieben, damit ihre Besatzungen als Zeugen vernommen würden, sie wären nicht in den Taifun gekommen, und ich hätte die Höllenmaschine sofort unschädlich machen können.«

»Wer bürgt Ihnen dafür«, entgegnete Anders, »dass den Schiffen in dem sonst sicheren Hafen nicht ein fürchterlicheres Unglück passiert wäre, als ihnen der Taifun schuf? Konnte nicht Marquis Chaushilm schon in Manila auf den Gedanken kommen, die vermeintliche Kokosnuss zu zerschlagen?«

Hoffmann zuckte mit den Achseln.

»Dann wäre es nicht meine Schuld gewesen«, sagte er, »ihr Tod hätte mich mit großer Trauer, aber nicht mit Verzweiflung über meine Einmischung in die Pläne des Schicksals erfüllt.«

»So will ich Sie etwas anderes fragen«, nahm der Ingenieur das Wort. »Würden Sie nicht, wenn Sie nochmals in die Lage kämen — und das steht noch oft zu erwarten — dass Sie ein Unglück oder auch nur eine Unannehmlichkeit verhindern könnten, würden Sie dann nicht wieder ebenso handeln, wie es Ihnen Ihr Verstand vorschreibt?«

»Sie haben recht.« antwortete der Kapitän und stand auf. »Was nützen uns Vernunft und Verstand, wenn wir sie nicht nach bestem Wissen anwenden? Habe ich einen falschen Weg eingeschlagen, das heißt, habe ich mich getäuscht, so kann ich mir wohl Vorwürfe machen und muss ein anderes Mal vorsichtiger sein, und wird dann mein sorgfältig angelegter und ausgeführter Plan vom Schicksal gekreuzt, so kann ich mich von allen Folgen freisprechen. Dem Schicksale gegenüber sind wir doch nur ohnmächtige Kinder.«

* * * * *

III.13. Im Innern des Vulkans

och eine Stunde hatten die Damen und Herren über Berg und Tal, durch dichte Wälder, gebildet von Kaurifichten, zu marschieren, dann erblickten sie zum ersten Male ihr Ziel ganz dicht vor sich, dessen Nähe sie schon lange vorher an der zunehmenden Temperatur gespürt hatten.

Es galt den Besuch des Tongariros, eines zweitausend Meter hohen, noch tätigen Vulkans auf der Nordinsel von Neuseeland.

Gestern Abend waren sie mittels Eisenbahn in Matchaneea angelangt, einem Städtchen, hatten daselbst unter den erbärmlichsten Verhältnissen übernachtet und waren früh beizeiten nach dem etwa zwanzig englische Meilen entfernten Vulkan aufgebrochen, ein Weg, den sie in etwa sechs Stunden zurücklegen konnten.

Sie waren so leicht, wie möglich, gekleidet, um während des Marsches keine Beschwerlichkeiten zu empfinden, führten selbst keine schweren Waffen bei sich und ließen sich einige Zelte und Mundvorräte von Eingeborenen nachtragen. Die Mitnahme von Gewehren hätte keinen Zweck gehabt, Neuseeland ist die an Tieren ärmste Gegend der Welt. Gibt es hier doch nur drei Arten von kleinen Säugetieren, und das einzige Tier, welches eine Jagd gestattet, ist der Kiwi, ein flügelloser, straußenähnlicher Vogel. Reich ist Neuseeland dagegen an Fledermäusen, von denen es ungeheuer große Arten dort gibt.

Der Weg nach dem Vulkan war schön zu nennen; er bot ganz eigentümliche Abwechslungen. Hauptsächlich war der Boden mit Wäldern von Kaurifichten bedeckt, jenen Nadelbäumen, aus welchen die Eingeborenen das Kauriharz, den HauptausfuhrArtikel Neuseelands gewinnen, und zwischen den Bäumen erhoben sich riesige Farne. Auf Lichtungen erreichten diese Pflanzen eine solche Höhe, dass die Marschierenden von ihnen vollkommen verdeckt wurden. Neuseeland ist das Land der Farne.

Je mehr man sich dem Vulkane näherte, dessen Anblick die dichten Wälder noch nicht zuließen, desto üppiger wurde die Vegetation, hauptsächlich die der Farne. Sie erreichten oft die Höhe von zwei Metern, sodass sie fast Bäumen glichen. Den Grund zu dieser Fruchtbarkeit des Bodens konnten die Reisenden selbst wahrnehmen. Die Erde fühlte sich förmlich heiß an, und dabei war die Luft mit Wasserdampf gesättigt, also herrschte hier fast jene Temperatur, unter welcher einst vor Tausenden von Jahren, in der sogenannten Urzeit, riesige Farnwälder die ganze Erde bedeckten, welche durch ein Naturereignis vernichtet wurden, und deren unzersetzbare Bestandteile jetzt die Kohlenflöze bilden. Oft findet man noch Kohlenstücke, in denen man deutlich die Abdrücke von jetzt unbekannten Farnkräutern von enormen Dimensionen wahrnimmt.

In der Nähe des Vulkans schien die Erde noch dieselben Eigenschaften zu besitzen, wie vor vielen tausend Jahren. Nicht nur die Vegetation erinnerte an jene Zeit, auch die Fauna, das heißt, das Tierreich brachte diesen Eindruck hervor. Die ungeheuren Fledermäuse, welche träge an den Ästen der Fichten hingen, den Kopf nach unten, mit den Fängen sich anklammernd und den ganzen Körper mit den Flügeln verhüllend, waren den einstigen drachenähnlichen Geschöpfen zu vergleichen, denn die Erde war zur Zeit der Farnkräuter der Tummelplatz von riesigen Amphibien, wie Krokodilen, Salamandern, Fröschen, von denen wir uns nur aus aufgefundenen Knochengerippen eine Vorstellung machen können.

Die Eidechsen, welche zwischen dem Farn umherhuschten, waren immer noch groß genug, oft über einen Meter lang, und Frösche gab es, deren Maul weit genug war, um einen Vogel verschwinden zu lassen. Schlangen dagegen fehlten völlig. Neuseeland besitzt nicht eine einzige Art dieser Reptilien.

Die Hitze in der Nahe des Vulkans ward lästig, der Schweiß drang aus allen Poren des Körpers, und da die Luft sehr feucht war, so trocknete er nicht ab, sondern rann in Strömen herunter.

»Endlich eine Quelle!«, rief ein junges Mädchen. »Mich plagt schon seit einer Stunde ein fürchterlicher Durst. Sir Hendricks«, wendete sie sich an ihren Begleiter, »Sie haben doch wohl einen Becher bei sich. Bitte, leihen Sie mir denselben, damit ich Wasser schöpfen kann.«

Der Angeredete holte sofort ein Etui aus der Tasche und entnahm demselben einen zusammensetzbaren Silberbecher, übergab ihn aber natürlich nicht der Dame, sondern begab sich selbst nach der Quelle, welche zwischen Fichten und Farnkräutern lustig hervorsprudelte.

Er bückte sich und tauchte den Becher in das klare Wasser, ließ aber mit einem Schmerzensschrei das Gerät fallen und lief, die Hand schlenkernd, hin und her, als ob er heftige Schmerzen empfände.

»Was haben Sie denn?«, rief das Mädchen ängstlich. »Hat ein Tier Sie gebissen?«

Auch die Übrigen hatten sich sofort um Hendricks versammelt, der noch immer mit kläglicher Miene an dem Rande der Quelle auf- und abrannte.

»Halten Sie nur einmal die Hand hinein«, jammerte er jetzt, »und ich wette, dass Sie mir Gesellschaft leisten werden!«

Es klärte sich bald auf, was dem armen Hendricks widerfahren war. Das Wasser der Quelle war sehr heiß, es kochte fast, und natürlich hatte er sich darin die Hand stark verbrannt.


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»Aber es dampft ja gar nicht«, meinten einige der Damen. »Die Luft ist so mit Wasserdämpfen gesättigt, dass sie keine mehr aufnimmt«, sagte Harrlington, »anders lässt sich das nicht erklären.«

»Wenn man so gegen die Sonne sieht, kann man sie doch sehr gut bemerken«, rief Charles Williams, »nur nicht im Schatten. Das ist aber wirklich famos hier auf Neuseeland! Nur müsste hier nebenan noch eine Quelle mit Rum fließen, dann könnte man sich sofort einen Grog brauen.«

»Und Fleisch und Eier kochen«, ergänzte Hannes.

Der Matrose fischte mit einem Aste den Becher wieder heraus und füllte ihn abermals vorsichtig mit Wasser, ohne sich dabei zu verbrennen.

Nachdem das Wasser sich abgekühlt hatte, wurde es gekostet, und man fand es etwas nach Schwefel schmeckend — das Becken enthielt eine heiße Schwefelquelle.

Je weiter sie drangen, an desto mehr solcher heißen Gewässer kamen sie, und je mehr diese zunahmen, desto spärlicher wurde die Vegetation, fast nur noch Farnkräuter sah man auf dem harten und immer heißer werdenden Boden, aber diese hatten noch eine enorme Höhe. Schließlich hörten auch diese auf, und der aus den Büschen hervortretende Reisende genoss einen imposanten, schauerlich schönen Anblick, wie noch nie zuvor.

Aus einem hohen Felskegel schlug eine gelbrote Flamme zum Himmel empor, über welcher schwefelgelbe Dampfwolken schwebten, die vom Winde weithin durch die Luft getragen wurden, bis sie endlich in die Farbe des Himmels übergingen. Schon aus dieser großen Entfernung konnte man erkennen, dass der Berg nicht nur Feuer, sondern auch Lava und Steine ausspie. Die Massen fielen alle nach der den Zuschauern gegenüberliegenden Seite, nach dem mächtigen TaupaSee, im Norden vom Tongariro gelegen, teils unterwegs schon erstarrend, teils in den Fluten des Sees erkaltend.

Es waren manche unter den Damen und Herren, welche schon einmal Gelegenheit gehabt hatten, einen tätigen Vulkan zu sehen, aber das Schauspiel, welches die nächste Umgebung des Berges ihnen bot, war allen neu. Der Anblick erfüllte sie halb mit Grausen, halb mit Bewunderung.

Aus allen Spalten, Rissen und Löchern sprudelte es hervor, zischte, kochte und dampfte, denn das hier entspringende Wasser war weit über den Kochpunkt erhitzt, und erst durch die Abkühlung wurde der Dampf in solches wieder verwandelt, sammelte sich am Boden und floss in Bächen ab, aber immer erst um den Berg herumlaufend und dann wahrscheinlich den Weg direkt nach dem tiefer liegenden TaupaSee nehmend.

Nur einigen wenigen Bächen war es gelungen, sich nach Süden einen Weg zu bahnen, und ein solcher war vorhin getroffen worden.

Hier, dicht am Berge, war der Boden völlig mit einer dicken Schwefelkruste bedeckt, daher fehlte auch der Pflanzenwuchs, und die schon vorher wahrnehmbare Hitze war hier sehr stark, belästigte aber noch nicht die Atmungs- und Geruchsorgane.

Die Gesellschaft zerstreute sich etwas und besichtigte die einzelnen Quellen, welche teils seitwärts aus den Felswänden oder aus dem Boden in die Höhe sprangen. Man musste sich aber vorsehen, nicht zu sehr in ihre Nähe zu kommen, denn leicht konnte eine Drehung des Windes die heißen Dämpfe ablenken und Brandwunden verursachen. Der Dampf umgab die Gesellschaft zwar auch jetzt, aber er war doch schon so abgekühlt, dass er ungefährlich war.

Die Eingeborenen, Maoris, zum Stamme der Polynesier gehörend, schlugen unterdes Zelte auf und richteten die mitgenommenen Vorräte zum Mittagessen her. Man hatte beschlossen, diesen Tag zur Besichtigung des Vulkans und seiner Umgebung zu benutzen, die Nacht im Walde zuzubringen und am folgenden Morgen den Rückweg nach dem Städtchen anzutreten. Die Ausbesserung der ›Vesta‹ und des ›Amor‹ im Dock zu Wellington nahm etwa drei Wochen in Anspruch, und daher konnte auf die vielen Ausflüge genügend Zeit verwendet werden.

An eine Besteigung des Vulkans war natürlich nicht zu denken. Einmal machte der steile Felskegel eine solche sehr beschwerlich, vielleicht sogar unmöglich, und dann wäre sie jedenfalls mit größter Gefahr verknüpft gewesen. Leicht konnten einmal die herabströmenden Lavamassen eine andere Richtung nehmen, und alles, was dieser glühende Strom erreichte, ging in Flammen auf, selbst Steine wurden durch ihn geschmolzen.

Das frugale Mittagessen war vorüber, man legte sich im Schatten der Zelte zur Ruhe nieder, um die heißesten Stunden des Tages zu verträumen. Am Nachmittag sollte ein Spaziergang um den Berg herum gemacht werden.

Hannes war der einzige, welcher keine Ruhe finden konnte.

Gleich nach dem Essen hatte er das Zelt wieder verlassen und war, als er eine Zeitlang vergebens auf Hope gewartet hatte, auf eigene Faust in der Umgebung herumgestreift. Erst nach einer Stunde kam er zurück, sehr aufgeregt, und begab sich sofort nach dem Zelte, in welchem er Sir Williams wusste.

Er rüttelte den Schläfer erst leise, dann stärker, bis Williams die Augen aufschlug und den Störenfried unwillig anblickte. Aber im nächsten Augenblick war er vollständig ermuntert, er erkannte Hannes, seinen Diener, und sofort hatte er seine sonstige Fröhlichkeit wiedererlangt.

»Was gibt es, Hannes?«, fragte er.

»Kommen Sie mit mir«, antwortete dieser, »ich habe eine großartige Entdeckung gemacht.«

Hannes war ganz aufgeregt.

»Was denn?«

Auch Charles wurde gespannt.

»Ich habe ein Loch gefunden.« Trotzdem in dem Zelte noch andere Herren lagen, welche durch die drückende Hitze in tiefen Schlaf gefallen waren, brach Williams doch in ein lautes Lachen aus.

»Ein Loch, sagst du? Wo denn, in deinen Hosen oder wo?«

»Unsinn«, rief Hannes, »in der Felsenwand. Ich bin wohl hundert Meter weit hineingegangen. Es führt ganz steil abwärts, und erst, als ich das Tageslicht nicht mehr sehen konnte, bin ich umgekehrt. Aber ich glaube, es geht tief, tief hinein. Wollen wir beide einmal den Gang oder die Höhle näher untersuchen?«

»Das können wir«, sagte Charles und stand auf. »Aber so sehr weit wird der Gang wohl nicht führen, sonst stieße er ja auf die Höhlung des Vulkans und würde ebenfalls Feuer speien.«

»Wer weiß, wie die Zugänge zu dem Krater laufen, vielleicht ganz schräg. Wir müssen den Gang auf jeden Fall untersuchen, schließlich kommen wir auf der anderen Seite der Erde wieder an das Tageslicht.«

»Du hast wohl — Sie haben wohl Bergbau studiert, dass Sie so genau wissen, wie die Krater des Vulkans laufen?«, lachte Charles. »Na, meinetwegen, ich komme mit, viel Gescheites wird wohl nicht daran sein, habe schon genug Höhlen gesehen.«

»Oho, aber so eine noch nicht. Es ist gerade, als ob man in ein Paradies käme, anfangs nicht, aber nach und nach stößt man auf immer mehr Pflanzen, besonders auf Farne.«

»Ist es denn hell darin?«

»So weit das Tageslicht hineinscheint, ja, später wird es dunkel, wir müssen Fackeln oder Lichter mitnehmen.«

»Kann man es denn vor Hitze darin aushalten?«

»Es geht mit der Hitze, es herrscht eine feuchte Wärme darin, aber sie ist erträglich.«

Charles hatte sich unterdes den Rock angezogen und steckte aus einem Proviantkasten Lichter und Streichhölzer zu sich.

»All right«, sagte er dann, »ich bin fertig, nun zeigen Sie mir Ihre sonderbare Höhle!«

Beide verließen das Zelt.

*

Eine Stunde später versammelten sich die Übrigen, jetzt wohl ausgeruht, vor den Zelten, um einen gemeinschaftlichen Spaziergang rund um den feuerspeienden Berg zu machen. Sofort wurden Williams und sein Diener vermisst, aber man nahm an, dass sie schon vorausgegangen wären, und so hoffte man, bald wieder mit ihnen zusammenzutreffen.

Nach zwei Stunden beschwerlichen Marsches über mit Steinen besäte Plateaus, gelangte man an den Ort, wo die glühende Lava nach dem Norden zu abfloß. Es war ein imposantes Bild, das sich ihnen darbot; wie eine riesige Schlange wand sich die wohl zwanzig Meter breite, schwarze und rauchende Masse in einem selbst bereiteten Bett hin, aber sie konnte auch bei größeren Eruptionen austreten und sich meilenweit erstrecken, das verriet die ganze Gegend, welche wie ausgebrannt erschien. Kein Baum, kein Strauch, nicht der kleinste Grashalm war zu erblicken, nichts als eine öde, schwarze Fläche, welche mit einer Lavakruste bedeckt war.

So weit es die ausströmende Hitze erlaubte, näherte sich die Gesellschaft diesem seltsamen Flusse. Hineingeworfenes Papier, ein Stückchen Holz gingen sofort in Flammen auf, und eine Kupfermünze, welche obenauf schwamm, sah man langsam schmelzen und sich nach und nach mit der Lava vermischen. Ebenso wäre natürlich auch ein jeder organische Körper spurlos in dem unheimlichen Elemente verschwunden.

»Wo aber mögen nur Sir Williams und Hannes stecken?«

Diese Frage warf einer der Herren auf, als sie den Rückweg antraten. Sie hatten erst vorgehabt, den Berg rings zu umgehen, aber niemandem war es eingefallen, dass der glühende Lavastrom ein unübersteigliches Hindernis bildete. Das reißendste Wasser, meilenbreit, hätten sie eher überwinden können, als diese an sich nur schmale, breiartige Masse, die ein allverzehrendes Feuer in sich barg.

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Weg zurückzumachen und entweder gleich oder am nächsten Tage die andere Seite zu besuchen, aber alle waren mit dem genossenen Anblicke schon zufrieden, die Gegend bot in ihrer Öde und Trostlosigkeit keine Abwechselung, an der sich das Auge hätte ergötzen können.

Es wurde allgemein beschlossen, es mit dieser Partie genug sein zu lassen, lieber wollte man sich noch etwa zwischen den Kaurifichten und den Farnkräutern ergehen.

»Es ist nicht anzunehmen, dass sie allein, ohne uns davon in Kenntnis gesetzt zu haben, den Lavastrom von der anderen Seite des Berges zu erreichen gesucht haben«, antwortete Harrlington auf den Ausruf des Fragers, »und wenn sie diesen Weg genommen hätten müssten wir sie unbedingt erblickt haben. Sie werden den Aufenthalt in den Zelten dieser mühseligen Reise vorgezogen haben.«

»Das sieht den beiden sonst nicht ähnlich«, meinte Miss Thomson. »Außerdem haben wir ausdrücklich noch hinterlassen, welchen Weg wir einschlagen würden.«

Der Rückmarsch ging sehr schweigsam vonstatten. Missstimmung über das Fehlen der beiden hatte sich aller bemächtigt; gerade sie waren die fröhlichsten unter der Gesellschaft, und man vermisste ihre Scherze und ihr Lachen fortwährend.

Eine große Bestürzung trat ein, als man, bei den Zelten angekommen, erfuhr, dass die beiden noch nicht zurück seien.

Die mitgenommenen Maoris, von denen nur einige als Führer gebraucht worden waren, wurden verhört, aber sie konnten keine Auskunft geben. Auch sie hatten während des heißen Mittags im Schatten geschlafen.

Da teilte Hannibal, welcher als Dolmetscher fungierte, seinem Herrn mit, dass die Maoris auch schon seit längerer Zeit die Rückkehr eines der ihrigen erwarteten. Er wäre der einzige gewesen, welcher nicht geschlafen, sondern sich zwischen den Zelten herumgetrieben hätte. Aber als die Gesellschaft fort war, sei er plötzlich wieder im Lager erschienen, habe sich mit Stricken und seinen Waffen versehen und sei dann wieder fortgegangen, oder aber, habe sich davongeschlichen, als wolle er niemanden zum Begleiter haben.

»Weiß jemand, wohin sich der Maori gewendet hat?«, ließ Harrlington, von einer plötzlichen Ahnung erfasst, durch Hannibal fragen.

Lange Zeit meldete sich niemand, aber nachdem die Frage wiederholt gestellt und das Versprechen einer Geldbelohnung erfolgt war, trat ein Maori vor.

»Ich, Herr«, sagte er. »Mir fiel es auf, dass sich Maketu vor seinem zweiten Weggange mit Stricken und Waffen versah, und dass er dann ebenso ungesehen sich fortzuschleichen suchte, wie er vorher angekommen war. Aber meinen scharfen Augen entging seine Bemühung, sich unbemerkbar zu machen, nicht, ich schlich ihm nach, um ihn zu beobachten. Er nahm erst den Weg dort in jenes Kauriwäldchen, hieb sich einige Fichtenzweige ab und lief dann dem Berge zu, ich ihm nach, mich immer versteckt haltend. Vor einem niedrigen Loche in der Steinwand blieb er plötzlich stehen, und ich sah ihn darin verschwinden. Ich wartete fast eine halbe Stunde, fasste dann den Entschluss, selbst in das Loch zu gehen, weil ich neugierig war, zu wissen, was Maketu so lange darin. Aber wie ich nur den Kopf hineinsteckte, fuhr ich erschrocken zurück, eine ungeheure Eidechse, wie ich sie noch nie gesehen habe, wollte eben das Loch verlassen. Es ist nicht gut, Herr, in solche Löcher zu kriechen, und gar noch hier im Tongariro. Unsere Götter, die wir früher verehrten, wohnen einstweilen in denselben, bis sie neue Kraft gesammelt haben, um den jetzigen Gott zu besiegen. Wehe uns dann, wenn sie den Kampf gewinnen! Wir, die wir ihnen abtrünnig geworden sind, werden dann alle im Tongariro gebraten!«

Die Maoris, ein anstelliges, in allen Handwerken geschicktes und schon sehr kultiviertes Volk, sind in letzter Zeit alle zum Christentum bekehrt worden; welche unklaren Begriffe aber in ihrem Kopfe herrschen, das zeigten jetzt die letzten Worte dieses Mannes. Er hätte noch langer von seinen alten Göttern und dem neuen Gotte erzählt, wenn nicht auf Geheiß des Lords Hannibal ihn unterbrochen hätte.

»Hast du Maketu die Höhle wieder verlassen sehen?«, musste er fragen.

»Nein, obgleich ich ziemlich lange gewartet habe.«

»Was mag er darin zu suchen haben?«

»Maketu ist ein schlechter Mensch, er will wahrscheinlich seine Götter aufsuchen und zu ihnen beten.«

»Kannst du dich nach der Höhle zurückfinden?«

Der Maori versicherte es.

Jetzt wandte sich Lord Harrlington zu den Übrigen, welche dieser Unterredung beigewohnt hatten.

»Es scheint fast, als ob Sir Williams und Hannes jene Höhle betreten hätten, in welche dann auch dieser Maketu gekrochen ist. Entweder hat letzterer die beiden begleitet und ist von ihnen zurückgeschickt worden, um Stricke und Fackeln zu holen, welche zum Vordringen in die Höhle nötig waren, oder aber, eine schlimmere Vermutung, Maketu ist ihnen in böser Absicht gefolgt. Ich werde mich unverzüglich auf den Weg nach jener Höhle machen, dieser Maori wird mich führen. Wer von den Herren will mich begleiten?«

Kein einziger schloss sich aus; die Herren, wie die Mädchen trafen sofort Vorbereitungen, in die Höhle einzudringen. Sie versahen sich ebenfalls mit Stricken und Zweigen der harzigen Kaurifichte, außerdem noch mit Lichtern und auf den Rat Harrlingtons noch mit einigen Hacken, Schaufeln, Meißeln und Hämmern und folgten dann dem vorausschreitenden Maori.

Schon nach einer Viertelstunde hatte dieser das Ziel, die Höhle, erreicht.

Diese Seite des Berges war nicht so eben, wie die andere; der Boden war nicht nur mit Felsblöcken bedeckt, er war auch von tiefen Rissen und Sprüngen durchzogen, sodass es den Eindruck machte, als wäre einst auch hier die vulkanische Kraft des Tongariro durchgebrochen.

Der führende Maori hielt vor einem kleinen Loch in der Felswand und deutete darauf. Es war so klein, dass es noch niemandem aufgefallen war.

»Hierhinein habe ich Maketu kriechen sehen«, sagte er.

»Wie, das soll eine Höhle sein?«, rief Ellen. »Das Loch erlaubt ja kaum, dass ein starker Mensch sich hindurchzwängen kann!«


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»Es ist so«, versicherte der Maori, »und ich habe gesehen, als ich den Kopf durchsteckte, dass die Höhle gleich ganz breit und hoch wird, so hoch, dass man sich aufrecht stellen kann.«

Nach kurzer Beratung beschloss man, sie zu betreten, aber da einige draußen bleiben sollten, so traten einzelne freiwillig zurück, zum Beispiel Lord Hastings, welcher bezweifelte, seine breitschultrige Gestalt durch dieses Loch schieben zu können. Gern hätten alle die Wanderung in diese Höhle unternommen, denn sie versprach, Abenteuerliches zu bieten, aber es war unbedingt notwendig, dass einige draußen warteten.

Einer nach dem anderen schlüpfte hinein, und als der letzte das Innere betreten, zählte Lord Harrlington achtzehn Herren und elf Damen. Der Maori war zurückgeblieben; alle Versprechungen hatten nicht vermocht, ihn mitzubekommen, er fürchtete sich vor den bösen Geistern, welche, seiner Meinung nach, derartige vulkanische Höhlen bewohnten. Dagegen hatte der Lord seinen Diener Hannibal mitgenommen, weil dieser bei der Verfolgung von Spuren sehr nützlich sein konnte.

Die Höhle war, wie man in dem durch das Loch einfallenden Tageslicht sehen konnte, allerdings sehr geräumig, ihre Wände waren völlig glatt, aber mit kurzem, grünen, moosähnlichen Pflanzenwuchs bedeckt, ebenso wie der Boden, auf dem eine dicke Schicht richtigen Humusbodens lag, der mit Farnkräutern überwuchert war. Die Luft war feucht und warm, aber nicht unangenehm.

Ein Ende der Höhle konnte man nicht sehen. Undurchdringliches Dunkel hinderte bald jede Aussicht, und das kam hauptsächlich daher, dass der Boden der Höhle sich jäh senkte, aber ein Gehen noch erlaubte.

Ohne das Licht einer Fackel nötig zu haben, erkannte Hannibal sofort auf dem weichen schwarzen Boden mehrere Fußabdrücke.

»Diese Spur hier«, sagte er, auf einige Abdrücke deutend, »ist die von Hannes, diese von Sir Williams, diese von nackten Füßen herrührend, die des Maori. Letzte ist viel später eingetreten, als die beiden ersteren. Hannes hat den Eingang zur Höhle dreimal passiert, zweimal hinein und einmal heraus, die Anderen sind nur hineingegangen. Alle drei befinden sich also noch darin.«

Er sprach mit der ebenfalls mitgenommenen Yamyhla, in den tiefen Gaumenlauten ihrer Heimatsprache und fuhr dann in seiner Erklärung fort:

»Williams und Hannes sind einfach geradeaus geeilt, nicht besonders schnell, aber ohne sich aufzuhalten; der Eingebogene dagegen ist vorsichtig gegangen, meist sogar auf den Zehenspitzen, und immer an den Wänden.«

»Er war nicht in Begleitung unserer beiden Freunde?«, fragte Lord Harrlington.

Hannibal schüttelte energisch den grauen Kopf.

»Nein, er ist ihnen gefolgt und hat sich bemüht, möglichst unhörbar und ungesehen vorzudringen. Er ist ihnen nachgeschlichen.«

»Meine Ahnung bestätigt sich«, rief der Lord, »der Maori hat Böses gegen die beiden im Sinne, wahrscheinlich hat er einen Raubüberfall vor. Auf, lasst uns eilen, um ihn daran zu hindern! Geben Sie gut acht, dass er nicht an uns vorbeischlüpft; hoffentlich hat die Höhle keine weiteren Ausgänge und teilt sich nicht, sodass wir uns trennen müssen.«

Der Zug ordnete sich; zuerst gingen Hannibal und Yamyhla, zwischen ihnen Harrlington, dem die Übrigen folgten, zu zweien oder dreien, sodass die äußersten dicht an den Wänden gingen, denn es kam ihnen sehr darauf an, den Maori nicht entschlüpfen zu lassen.

Die Führer hatten Fackeln angezündet, und deren Licht genügte, um auch die Nachfolgenden den Weg erkennen zu lassen.

Es war wirklich eine sonderbare Höhle, in welcher sie sich bewegten, weniger geradeaus, als vielmehr immer tiefer steigend, als sollte es nach dem Mittelpunkt der Erde gehen.

Die feuchte Wärme nahm immer mehr zu, ohne aber besonders beschwerlich zu fallen, und im gleichen Verhältnis wuchs auch die Dichtigkeit und Größe der Farne, wie man sie draußen unter dem Himmel noch nie gesehen hatte, solche breite, gezackte Blätter, diese fleischigen Stängel, an denen auch noch unten dicht über dem Boden Blätter hervorsprossten. Sie erreichten beinahe Manneshöhe.

Die Herren unterhielten sich darüber, und einige waren der festen Ansicht, dass es Farne wären, welche jetzt als nicht mehr vorhanden gälten, dass es Arten von jenen seien, die einst die Erde überwuchert hätten und dann samt und sonders durch ein Naturereignis vernichtet worden wären. Wer wusste, wie viele Jahrtausende die Farne hier in dieser Höhle schon wuchsen, abstarben, verwesten und dann wieder zu Erde wurden, denn der weiche Boden bestand nur aus den in ihre Urbestandteile zerfallenen Pflanzen.

Man bedauerte lebhaft, zu wenig Kenntnis von Geologie und Botanik zu haben. Welche Fundgrube hätte sonst diese Höhle abgegeben! Wenn wenigstens ein Gelehrter bei der Gesellschaft gewesen wäre, um seinen Erklärungen lauschen zu können.

Ebenso seltsam war das Tierreich vertreten.

Riesengroße Eidechsen von über einem Meter Länge huschten hin und her, man hätte sich vor ihnen fürchten können, wenn sie, statt immer sich schön zu verstecken, die Ankommenden erwartet hätten; ihre Haut schillerte in allen Farben, die Köpfe waren merkwürdig gebildet und die Schwänze so geschuppt, wie die von Krokodilen.

Außerdem schwirrten, vom Licht der Fackeln aufgescheucht, mächtige Fledermäuse durch die Luft, schlugen klatschend gegen die Wände, als wären sie völlig blind, ja, streiften sogar die Wanderer mit den Flügeln und warfen den Herren die Mützen vom Kopf.

Sonst war das Tierreich noch durch Spinnen und andere Insekten vertreten, aber alle zeichneten sich durch eine ganz besondere Größe aus, und es schien fast, als ob alle Pflanzen und Tiere immer größer würden, je weiter man vordrang, obgleich die Wärme immer dieselbe blieb und nicht zunahm.

Plötzlich blieb Hannibal stehen und leuchtete mit der Fackel auf den Boden. Die sich um ihn Sammelnden sahen eine wohl eineinhalb Meter lange Eidechse liegen, welche im Genick einen tiefen Stich zeigte — sie war tot.

»Der Maori hat sie getötet«, sagte einer der Herren.

»Nein«, antwortete Hannibal, dessen scharfem Auge nicht das geringste entging. »Der Stich rührt von einem Messer her, wie es die Herren bei sich tragen. Sir Williams wird das Tier getötet haben, oder auch Hannes. Der Betreffende hat dem Tiere das Maul mit dem Messer geöffnet und hineingesehen.« »Es ist Sir Williams gewesen«, rief Harrlington, »er hat eine Eidechse untersuchen wollen, wie ich es auch vorhatte.«

Er beugte sich auf das Tier herab und betrachtete es.

»Sehen Sie hier«, rief er überrascht und deutete auf den Kopf der Eidechse, »das Tier hat keine Augen, an deren Stelle sind nur knorpelige Erhöhungen zu sehen. Die Eidechsen hier sind also nicht nur von außen eingedrungen, sondern sie sind allein auf den Aufenthalt in dieser Höhle angewiesen, sie sind nicht fähig, außerhalb der Höhle zu leben.«

»Sie können auch im Laufe der Zeit erblindet sein, und so ist nach und nach eine Art entstanden, welche gar keine Augen mehr hat. Es ist nicht gesagt, dass sie eine Gattung für sich bilden«, meinte ein anderer Herr.

»Aber ihr ganzes Aussehen ist seltsamer«, stimmte Davids dem Lord bei, »als man es sonst bei Eidechsen findet. Die Zehen zum Beispiel ähneln mehr denen von Alligatoren und ebenso die kleinen Zähne im Maule, aber doch unterscheiden sie sich wieder bedeutend von diesen. Halt, ich hab's! Stellen Sie sich diese Tiere einmal zwanzigfach vergrößert vor, und Sie haben die vorsintflutlichen Rieseneidechsen vor sich, deren Knochengerüste und deren Abdrücke in Kreidefelsen man noch in Museen sehen kann.«

Der unterbrochene Marsch wurde wieder aufgenommen, und auf Harrlingtons Bitte unterhielten sich die Herren und die Mädchen nur noch in flüsterndem Tone, denn er hatte bemerkt, dass die Felswände jedes Geräusch ganz ungeheuer fortpflanzten. Die eigenen Stimmen der Wanderer klangen nicht nur wie Posaunentöne, auch sehr schwache Geräusche, wie das Anschlagen einer Fledermaus, das Rascheln einer Eidechse drangen in ihr Ohr, selbst wenn diese weit entfernt waren. Damit aber gab man dem Maori Gelegenheit, eher von der Ankunft der Fremdlinge Nachricht zu erhalten und sich zu verstecken, und seiner möglichst bald habhaft zu werden, das lag in Lord Harrlingtons Absicht.

Die drei Fußspuren waren noch immer zu sehen.

»Es ist sechs Uhr«, flüsterte Harrlington, nach seinem Chronometer sehend. »Jammerschade, dass wir außer der Uhr kein anderes Instrument mitgenommen haben, sonst könnten wir berechnen, wie tief wir schon unter der Erdoberfläche sind, denn der Weg senkt sich ja unaufhörlich. Ist den Herren und Damen aber nicht eine wunderbare Tatsache aufgefallen, an die wir bis jetzt noch gar nicht gedacht haben?«

»Gewiss«, meinte Davids, »wir müssten schon längst auf die Höhlung des Kraters gestoßen sein.« Erst jetzt fiel es den Übrigen ein, dass dies in der Tat der Fall hätte sein müssen.

»Dass wir uns ihm aber nicht nähern«, fuhr Harrlington fort, »zeigt sich schon daran, dass die Temperatur nicht zunimmt. Wohl ist die Luft noch warm und feucht genug, aber sie bleibt so, wie sie schon vor einer Stunde gewesen ist.«

Die Farne nahmen noch immer an Größe zu; sie stießen fast schon an die drei Meter hohe Decke des Ganges, und ebenso zeigten die allerdings schon spärlicher werdenden Eidechsen eine enorme Länge. Man war berechtigt, sie eher für Krokodile zu halten. Beim Nähern des Lichtes flohen sie aber immer sofort scheu in dunkle Löcher zurück.

Jetzt kam die Gesellschaft an die erste Spaltung des Weges, an zwei Gänge. Der eine, rechts abführend, war bedeutend schmäler und niedriger, als der linke, der die Fortsetzung des Weges zu sein schien.

Man brauchte nicht lange zu überlegen, welchen man einschlagen sollte, die Spuren zeigten an, dass auch die drei Männer den linken gewählt hatten, aber dieser zeigte den Nachteil, dass er sehr steil abfiel, wodurch man öfter in Gefahr kam, zu stürzen. Auch der Pflanzenwuchs hörte nach und nach auf, weil der Boden steiniger wurde, und mit diesem wurden auch die Tiere spärlicher. Zeigte sich aber ein solches, so war es von außerordentlicher Größe. Je weiter, vielmehr je tiefer man drang, desto mehr näherte sich ihre Gestalt der jener Ungeheuer, welche einst die Vorwelt bevölkert hatten.

»Wie weit mögen denn nur die beiden gelaufen sein?«, flüsterte eine Dame. »Es ist ein großer Leichtsinn von ihnen, so allein hier ins Innere der Erde vorzudringen, ohne an die Zeit zu denken. Ja, hätten sie wenigstens genügende Vorbereitungen getroffen und uns von ihrer Unternehmung benachrichtigt!«

»Ich kann mir ihre Gefühle erklären«, entgegnete Harrlington, »ich glaube, ich würde im gleichen Falle ebenso unbesonnen gehandelt haben. Bedenken Sie, welche Aufregung denjenigen befällt, welcher an dergleichen Untersuchungen Interesse findet, und ein solcher ist Sir Williams. Er hört sicher nicht eher auf, vorzudringen, als bis er das Ende des Ganges erreicht hat, höchstens, dass Hunger oder Durst ihn zur Umkehr zwingen. Ich kenne Sir Williams, der stärkste aller seiner Triebe ist die Wissbegierde, wenn dies auch nur wenigen bekannt ist, und bei Hannes, seinem Diener, ist die Neugierde eine gleich starke Triebfeder, wie die Lust an Abenteuern.«

Harrlington brach plötzlich ab und blieb stehen, er hatte an der Felswand ein seltsames Geräusch wahrgenommen, auf welches auch die Anderen bald aufmerksam wurden. Es klang wie das schwache Rauschen eines Wasserfalles.

»Wasser«, murmelte Harrlington. »Hier in einem Gange der Felswand fließt ein unterirdischer Bach. Horch, was ist das?«, rief er plötzlich fast laut. »Ist das nicht ein Klopfen, als wenn mit einem Instrument an dem Steine gemeißelt würde?«

Der Bach, welcher hier so geheimnisvoll durch bloßes Rauschen seine Gegenwart kundgab, musste heißes Wasser enthalten, denn die Felswand war warm, gestattete aber doch, dass man das Ohr an sie legte. Deutlich vernahm man, wie an der Wand gehämmert wurde, aber wo, konnte niemand sagen; vielleicht war die Entfernung noch eine meilenweite.

Hendricks kam auf den Einfall, sein Ohr an die andere Seite der Wand zu legen, und kaum hatte er dies getan, so schrie er vor Überraschung laut auf.

»Charles und Hannes!«, rief er. »Kommen Sie hierher, Sie können sie ganz deutlich sich unterhalten hören.«

Alle folgten seinem Beispiel, sie legten ihr Ohr an die andere Wand, und wirklich konnten sie die Stimmen der beiden Freunde vernehmen; kein Wort der Unterhaltung ging verloren.

Diese Steinwand hatte eine akustische Eigenschaft; sie wirkte etwa wie ein Sprachrohr, ebenso wie die andere, nur dass das Rauschen des Wassers leisere Geräusche unhörbar machte und nur das starke Klopfen durchdringen ließ.

»Hämmern Sie lieber nicht mehr«, hörten sie deutlich Williams' Stimme sagen. »Wenn die dünne Wand durchbohrt wird, so springt das Wasser heraus, und wer weiß, ob es nicht kochend oder gar über den Siedepunkt erhitzt ist. Im letzten Falle würden wir eines schrecklichen Verbrennungstodes sterben; wie aus einem geplatzten Ventil würde der Dampf hervorstürzen.«

»Ich möchte aber gar zu gern wissen, was dahinter ist«, sagte jetzt Hannes Stimme.

»Wasser, nichts als Wasser«, versicherte Charles, »aber wahrscheinlich durch einen furchtbaren Druck zusammengepresst, sodass es in unserer Atmosphäre Dampf sein würde.«

Das Pochen hörte auf, ebenso das Gespräch, und die Horchenden vernahmen Fußtritte — die beiden entfernten sich also wieder.

Die Horcher an der Wand schrien vergeblich direkt gegen dieselbe, ihre Stimmen wurden von jenen nicht vernommen. Diese hätten ebenfalls ihre Ohren gegen die Wand legen müssen, dann wäre eine gegenseitige Verständigung möglich gewesen, aber so lange sie dies nicht einmal aus Zufall taten, wodurch sie die Nachfolgenden gehört hätten, war daran nicht zu denken.

Die Herren lauschten ab und zu, einige Sekunden im Gehen innehaltend, an der Wand, und auf ein Zeichen Davids taten das alle — Williams und Hannes waren eben wieder in einer Unterhaltung begriffen.

»Wir müssen bald an Umkehr denken«, hörte man Williams sagen, »einmal wegen der späten Zeit, und dann wird es jetzt auch immer heißer, es ist ja hier gerade wie in einem Dampfbad. Ich wette, dass nicht weit von hier der heiße Bach in den Gang tritt und darin weiterläuft, sonst könnte ich mir diese plötzlich furchtbar heiße und nasse Luft nicht erklären.«

»Nur noch einige Schritte wollen wir weitergehen«, bat Hannes. »Sehe ich, dass ein Vordringen nicht möglich ist, so kehre ich willig mit um.«

Eine Zeitlang hörten die Lauscher nichts mehr, schon wollten sie ihren Posten aufgeben und weitergehen, als plötzlich ein Ruf von Charles sie wieder an die Wand bannte.

»Zurück!«, schrie Charles plötzlich, und nach einer Weile fuhr er fort: »Wir wären beinahe alle beide in das Loch gestürzt. Der Weg wird jetzt zu gefährlich, das Licht leuchtet bei dem Dampf kaum noch drei Schritte weit, und der Weg wird immer zerrissener und zerklüfteter. Wir kehren um!«

»Nur noch über diese Spalte«, hörte man Hannes. »Können wir drüben nicht weiter, so gehen wir zurück.«

»Wie aber wollen wir über dieselbe hinweg? Sie ist so breit, dass der beste Springer nicht über sie wegsetzen kann.«

»Sehr einfach«, hörte man Hannes lachen, »der Gang ist ja hier sehr schmal, man stemmt Hände und Knie gegen die Wände und rutscht wie ein Schornsteinfeger in der Esse hinüber. Sehen Sie, so wird es gemacht.«

»Um Gottes willen, Hannes!«, hörten die Lauscher Williams angstvoll rufen. »Treibe keinen Unsinn, stürzest du hinab, so bist du verloren. Komm zurück!«

Hannes musste schon im Begriff sein, die Schlucht, vor welcher sich die beiden wahrscheinlich befanden, auf die eben beschriebene Weise zu überschreiten. Der Erklärung ließ er die Tat folgen, er achtete nicht auf die Mahnung Williams', sein heiteres Lachen verriet es.

Noch hallte dieses in den Ohren derer, welche an der Wand lagen, als es plötzlich kurz abbrach, ein lauter Hilfeschrei pflanzte sich diese akustische Mauer entlang fort und erreichte die Lauscher, ebenso gleich darauf ein gellender Ruf aus Williams Munde.

Erschrocken waren die Horcher zusammengefahren. Einem der beiden musste ein Unglück zugestoßen sein, und die Erklärung ließ nicht lange auf sich warten.

»Hannes, Hannes!«, hörte man Williams rufen. »Lebst du noch? Hannes, wo bist du? Bist du verwundet?«

Nach einer Pause fuhr Williams' Stimme in angstvollem Tone fort:

»Mein Gott, mein Gott, keinen Strick und nichts bei mir. Was soll ich tun? Der Tollkühne ist hinabgestürzt! Wer weiß, wie tief die Spalte ist! Hätte ich wenigstens Fackeln mit, dass ich hinunterleuchten könnte! Ich muss so schnell als möglich zurückeilen und Hilfe herbeiholen.«

Noch mehrere Male rief er den Namen seines Dieners, und die Horchenden malten sich aus, wie er mit angsterfülltem Gesicht über den Rand des Abgrundes sich beugte und in die Tiefe blickte, vergebens nach der Gestalt dessen, den er liebte, spähend. Es war allen bewusst, dass der ewig heitere Matrose dem Baron mehr war, als nur ein Diener. Dann hörte man nichts mehr, als nur hastige, rennende Schritte — Williams lief zurück.

»Ein Glück, dass wir schon unterwegs sind«, sagte Harrlington, »wir werden mit ihm zusammenstoßen. Hoffentlich ist es uns möglich, Hannes mit Hilfe unserer Stricke lebendig wieder herauszuholen.«

»Nur schnell, schnell«, drängte die ebenfalls bei der Gesellschaft befindliche Hope Staunton und rannte den Übrigen voran, als bedeute jede Minute Verzögerung Hannes' Tod.

Man eilte so schnell wie möglich den noch immer abschüssigen Weg hinunter, ohne jetzt viel auf die Merkwürdigkeiten der Pflanzen- und Tierwelt zu achten.

Eine Viertelstunde verging, ohne dass man auf Williams stieß.

Er war doch nicht etwa einen anderen Weg gegangen? Schon zeigten sich an den Seiten des Ganges Löcher, welche an Größe stetig zunahmen, sodass sie vielleicht in gangbare Wege ausarteten. Hatte Williams aus Versehen einen solchen eingeschlagen, so konnte man nicht mit ihm zusammentreffen.

Aber das war schließlich auch gleichgültig! Trotz des steinigen Bodens war es dem vorauseilenden Hannibal noch immer ein leichtes, die hinterlassenen Spuren aufzufinden, und diese mussten ja unbedingt nach jener Stelle führen, wo Hannes abgestürzt war.

Es war ein Glück, dass Hannibal immer auf etwas geachtet hatte, woran die Anderen fast gar nicht mehr dachten, nämlich auf die Fußabdrücke des nachfolgenden Maori. Die Herren und Damen waren so mit dem Schicksale der beiden Freunde beschäftigt gewesen, dass sie des Eingeborenen, der sich denselben nachgeschlichen, ganz vergessen hatten, aber ein Ausruf Hannibals brachte ihn in ihre Erinnerung zurück.

Plötzlich blieb der Neger stehen.

»Der Maori ist zurückgekommen«, sagte er leise, »er ist sehr schnell gerannt, hier die weiteren Spuren. Aber hier hören sie auf, diese Steinplatte nahm keinen Abdruck an. Warum habe ich sie aber nicht vorher schon bemerkt?«

Niemand wusste, was der Schwarze, der sich im Scheine der Holzfackel mit pfiffigem Gesicht im Kreisel umsah, meinte. Hannibal liebte es, bei allen Gelegenheiten, wo man seiner bedurfte, sich den Anstrich der Überlegenheit zu geben.

»Was ist es, Hannibal?«, fragte sein Herr. »Sprich! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Ha«, rief der Schwarze und klatschte sich auf die Schenkel, »bis hierher ist der Maori gelaufen, aber nicht weiter. Also sitzt er dort in jenem Loche versteckt.«

Dabei deutete Hannibal auf ein dicht über dem Erdboden befindliches Loch in der Steinwand, etwa nur einen halben Meter hoch und breit.

»So rufe ihn«, befahl Lord Harrlington, »und kommt er nicht, so hole ihn heraus!«

»Rufen will ich wohl«, entgegnete Hannibal mit schlauem Lächeln, »aber da hineinkriechen? Nein, dann sticht er mich mit seiner Lanze in den Kopf.«

Die Herren besprachen sich schnell. Alle nahmen an, dass der Maori kein gutes Gewissen habe, warum hätte er sich sonst vor der Gesellschaft versteckt? Was hatte er übrigens den beiden nachzuschleichen und dann plötzlich umzukehren?

Er musste unbedingt herauskommen.

Schon raffte Yamyhla ihre Gewänder zusammen, wie immer bereit, schonungslos als erste mit ihrer Kraft und Geschicklichkeit helfend einzuspringen, aber Lord Harrlington ließ es nicht zu, dass ein Weib ein gefährliches Unternehmen beginne, so lange noch Männer vorhanden waren.

Erst ließ er durch Hannibal den Maori auffordern, die Höhle zu verlassen, als aber nach mehrmaligem Rufen des Namens Maketu dieser nicht erschien, bückte er sich kurz entschlossen und kroch selbst in das Loch. Die anderen sollten so lange auf ihn warten, bis er herauskäme. Wenn das Loch sich weit in die Wand hinein erstreckte, sagte er, so würde er sofort wieder zurückkommen, und dann müsse einstweilen jemand als Posten davor stehen bleiben, bis man auf dem Rückwege wieder vorbeikäme. Hope war über diese Verzögerung schon ganz unglücklich.

Lord Harrlington verschwand in der Öffnung.

Tief konnte sie nicht sein, denn kaum war er so weit drin, dass sein Körper nicht mehr zu sehen war, so erscholl in der Höhle ein lautes Geschrei, von dem Maori ausgestoßen, und im nächsten Augenblick erschienen auch des Lords Füße wieder.

Er kam nicht allein, er hatte den widerstrebenden Eingeborenen an einem Fuße gepackt und zog ihn einfach aus dem Loche heraus. Gegen des Lords eisernen Griff half alles Sträuben und Einstemmen gegen die Wände nichts.


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Trotzdem der Maori alle seine Waffen, einen Spieß, einen Dolch, Bogen und Pfeile in seiner Hand hielt, hatte er doch nicht gewagt, von ihnen Gebrauch zu machen, denn er wusste recht gut, dass draußen Helfer standen, bereit, ihrem Gefährten beizuspringen.

»Was hast du hier in der Höhle zu suchen?«, fragte Hannibal den Eingeborenen auf Lord Harrlingtons Geheiß, seiner Stimme einen drohenden Ton gebend.

Der Maori blieb die Antwort schuldig. Angstvoll wendete er seine Augen von einem Gesicht zum andern; seine Züge drückten unsagbare Furcht aus, seine Glieder zitterten, aber er öffnete den Mund nicht zu einer Antwort.

Es war gar kein Zweifel, zufällig war der Eingeborene nicht hierher gekommen, sein Besuch der Höhle stand mit dem der beiden Freunde im Zusammenhang.

»Ich gehe allein«, rief Hope, vor Ungeduld fast weinend. »So nehmen Sie den Schwarzen doch mit und vergeuden Sie die Zeit nicht mit nutzlosen Fragen! Dadurch wird Hannes auch nicht gerettet.«

Das Mädchen hatte recht. Der Maori wurde, nachdem man ihn seiner Waffen beraubt hatte, von einigen Herren in die Mitte genommen und musste so mitmarschieren, als er aber bei der ersten Gelegenheit einen Fluchtversuch machte, wurden ihm die Arme mit Stricken straff an die Seiten geschnürt, sodass er dadurch im Laufen sehr gehindert wurde und also leicht einzuholen gewesen wäre. Jedenfalls hatte der Mann ein böses Gewissen. Die Maoris waren keine beschränkten Wilden mehr, die sich vor einem Europäer, wie vor einem Gespenst, fürchten.

»Williams ist noch immer nicht da«, murmelte Harrlington. »Sonderbar, wie weit man mittels dieser akustischen Wand Geräusche vernehmen kann.«

Legte man das Ohr an die Wand, was die Herren ab und zu taten, so konnte man das Geräusch der eiligen Schritte Williams hören, und zwar viel deutlicher als zuerst. Er kam ihnen also schnell näher, aber niemand wusste, wie weit er sich noch von ihnen befand.

Die Luft wurde jetzt immer wärmer, ein heißer Dunst umgab sie, der die Fackeln nur matt leuchten ließ, und das Geräusch des Baches an der Seite wurde immer stärker, ein Zeichen, dass die Wand, welche zwischen ihm und dem Gange lag, immer dünner wurde.

Schließlich kam man an eine Stelle, wo man förmlich glaubte, das Wasser müsse jeden Augenblick durchbrechen, so deutlich klang das Geräusch. Die Wand konnte höchstens einen Zentimeter stark sein. Als ein Herr dieselbe betrachtete, sah er eine Stelle, an welcher kurz vorher mit einem stählernen Instrument gemeißelt worden war, denn die Fläche, von welcher kleine Steinstückchen abgesprengt worden waren, war noch ganz glänzend.

»Hier war es, wo Hannes vorhin gemeißelt hat, was ihm Williams verbot«, sagte Harrlington, »also müssen wir ihn bald treffen.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, so tauchte in dem heißen Nebel, der den Gang jetzt ausfüllte, ein schwaches Lichtchen auf. Es vergrößerte sich schnell, es beleuchtete ein wohlbekanntes Gesicht, ein Freudenschrei wurde hörbar, und vor ihnen stand Williams, in der Hand ein großes Wachslicht haltend.

»Gott sei Dank, Sie erscheinen wie helfende Engel«, rief er, und für einen Augenblick wurde sein Gesicht, in welchem sich eben noch Angst und Unruhe abgespiegelt hatte, vor Freude verklärt, »und Sie haben auch Stricke mit? So ist noch Hoffnung, Hannes zu retten. Er ist in eine Schlucht gestürzt, aber sie kann nicht tief gewesen sein, denn ich habe seinen Körper sofort aufschlagen hören.«

»Dann ist er tot«, rief Hope entsetzt.

»Wir wollen das beste hoffen, liebe Miss«, tröstete Charles. »Hannes kann einen ordentlichen Puff vertragen. Ich glaube er ist durch den Fall nur bewusstlos geworden, aber allerdings wären, ehe ich Hilfe herbeigeholt hätte, Stunden vergangen, und bei der dort herrschenden fürchterlichen Hitze, ist wohl anzunehmen, dass wir ihn nicht mehr lebend angetroffen hätten.«

»Dann fort!«, rief Hope und war schon den anderen um einige Schritte weit voraus. »Wie weit ist es denn noch von hier, Sir Williams?«

»In einer Viertelstunde sind wir dort«, entgegnete der Gefragte, dem Mädchen nacheilend.

»Aber Sie sind schon viel länger unterwegs, wie wir gehört haben.«

»Der Abstieg geht auch viel schneller. Was sagten Sie da? Sie hätten uns gehört?«

Dem aufhorchenden Williams wurde mitgeteilt, wie man seine Gespräche mit Hannes an der Wand belauscht hatte, und der Baronet wunderte sich natürlich höchlichst über diese akustische Eigenschaft der Felswände. Schade, dass jetzt keine Zeit war, genauere Untersuchungen darüber anzustellen.

Wirklich war noch keine Viertelstunde vergangen, als sie, nachdem sie schon mehrere Male kleine Risse übersprungen hatten, an eine breite Schlucht kamen. Die Wände traten hier sehr eng zusammen, und die Temperatur darin war schier unerträglich. Man wähnte, sich in einem Dampfbad zu befinden, so war die Luft mit heißem Wasserdampf gefüllt. Noch ehe sie den Rand dieser Schlucht erreicht hatten, blieb Hannibal stehen und sagte, die Fackel tief auf den Boden senkend:

»Hier hören die Spuren des Eingeborenen auf, er ist hinter diesen Felsblock gekrochen und hat dort auf den Knien gelegen.

»Warum? Kannst du dies auch erkennen?«, fragte Lord Harrlington, das Benehmen des Maori dabei beobachtend.

»Das muss der Maori selbst sagen«, entgegnete Hannibal, »ich kann hier nichts weiter sehen, als dass er hinter diesem Felsblock auf den Knien gelegen und sich mit einem Fuß gegen die Wand gestemmt hat.«

Harrlington unterließ es vorläufig, den Eingeborenen darüber auszuforschen, der große Unruhe, ja Angst zeigte, als er sah, wie Hannibal den Ort untersuchte, wo er vorhin gelegen hatte. Auch er war ja im Aufsuchen von Fährten nicht unerfahren, aber, da die Maoris kein Jägervolk sind, nicht so geübt, wie Hannibal, der darin Meister war, er wusste vielleicht nicht einmal, dass seine Handlung aus den Spuren bestimmt werden konnte.

Die Gesellschaft stand dicht vor dem Rande der Schlucht.

Als Williams mehrmals Hannes' Namen hinabrief, erklang unten ein dumpfes Röcheln — Hannes lebte also, er war zum Bewusstsein zurückgekehrt, wahrscheinlich aber stark verletzt.

Die über den Abgrund gehaltene Fackel genügte nicht, die Tiefe zu erleuchten, als man aber eine neue an ein Seil band und schnell hinunter ließ, da erblickte man in einer Tiefe von sechs Metern einen Felsenvorsprung, und auf diesem lag Hannes, lang ausgestreckt, das Gesicht auf der Erde.

Dieser Fels war der einzige Vorsprung, welcher über dem Abgrund zu sehen war; wäre Hannes nicht zufällig auf ihn gefallen, so wäre er ins Bodenlose gestürzt. So vorsichtig die Fackel auch angebunden worden war, das Feuer erreichte das Seil doch, sie löste sich ab, und minutenlang konnte man sehen, wie sie tiefer und tiefer sank, bis die Flamme nur noch einem glühenden Punkte glich und endlich ganz erlosch.

Harrlington ließ sich ein Seil unter die Arme binden, nahm ein anderes in die Hand und wurde so nach dem Felsvorsprung hinuntergelassen. Nach kurzer Zeit lag Hannes oben.

Noch war Harrlington nicht wieder hinausbefördert worden, als Charles, welcher den bei Bewusstsein befindlichen, röchelnden Matrosen mit der Fackel beleuchtete, einen lauten Schrei der Überraschung ausstieß.

Sprachlos deutete er auf den Hals des Unglücklichen, der auf dem Gesicht lag — hinten aus dessen Halse ragte das befiederte Ende eines langen Pfeiles heraus, das andere war, wie man sah, als man den Röchelnden, umdrehte, abgebrochen.


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Aller Blicke wandten sich nach dem Maori. Wer anders konnte den Pfeil abgesandt haben, als dieser Eingeborene! Er machte auch keine Bemühungen, sich unschuldig zu stellen. Er war auf die Knie gesunken, legte das Gesicht auf die Erde und murmelte unverständliche Worte, wahrscheinlich um Schonung seines Lebens bittend.

Charles selbst hatte keine Ahnung, dass der Sturz von Hannes, der dies lebensgefährliche Klettern über die Schlucht als eine Kleinigkeit aufgefasst hatte, durch diesen Pfeil herbeigeführt worden war. Er hatte niemanden hinter sich vermutet, den Pfeil weder fliegen sehen, noch ihn durch die Luft zischen hören.

Weinend warf sich Hope über den, den sie liebte, aber sie wurde von einer kräftigen, aber doch rücksichtsvollen Hand beiseite gedrängt. John Davids war es, der sich jetzt über den Verwundeten beugte und sich erst mit der Halswunde beschäftigte.

»Es ist nichts«, sagte er, nachdem er den Pfeil behutsam herausgezogen hatte, wobei Hannes schmerzlich zusammenzuckte, »die Luftröhre ist unverletzt, desgleichen auch die Speiseröhre, der Pfeil hat wahrscheinlich nicht einmal eine Sehne durchschnitten, denn es scheint nicht zu schmerzen, wie ich den Kopf auch hin- und herbewege. Die Wunde wird kaum eine Narbe hinterlassen.

Jetzt untersuchte er den Körper des Matrosen.

»Es ist nichts gebrochen«, fuhr er fort, »soweit ich bis jetzt erkennen kann; das Nähere werden wir erfahren, sobald er aufsteht, was bald zu erwarten ist. Sehen Sie, nur der Pfeil hat ihm Schmerzen verursacht, daher das Röcheln, jetzt, da er entfernt ist, lässt der Schmerz nach; er schlägt sogar die Augen auf und blickt um sich. Die durch den harten Fall herbeigeführte Bewusstlosigkeit hatte ihn unfähig gemacht, sich selbst von dem Pfeilschaft zu befreien.«

Wer war glücklicher als Hope! Sie beachtete nicht die Umstehenden, sie merkte nicht, mit welchem Erstaunen, in welches sich sogar Entrüstung mischte, die Damen das Mädchen betrachteten, welches sich auf den Verwundeten neigte und wieder und wieder die bleichen Lippen küsste, die schon so oft die ihren berührt hatten.

Als der unterdes ebenfalls heraufgezogene Harrlington von dem seltsamen Falle erfahren hatte, nahm er sofort den zitternden Maori ins Gebet, erhielt aber auf alle seine Anfragen, warum er den Pfeil auf Hannes abgeschossen habe, warum gerade, als derselbe über den Abgrund schwebte, da doch durch den Sturz des Opfers in die Tiefe ihm die Beute, auf die es jedenfalls abgesehen war, verloren ging, nur ein um Gnade jammerndes Winseln zur Antwort.

»Du willst nicht antworten, Bursche!«, fuhr Harrlington jetzt heftig auf. »Warte, mit dir feigem Meuchelmörder will ich kurzen Prozess machen.«

Ehe es sich der Eingeborene versah, fühlte er sich von zwei nervigen Händen in die Hüften gepackt, und er schwebte frei in der Luft über dem Abgrund. Jetzt stieß er ein lautes Geschrei aus, vermischt mit vielen Worten, deren Bedeutung Hannibal wohl verstand.

»Er will alles erzählen«, sagte der Diener des Lords, »er ist von jemandem zu der Tat gedungen worden.«

Jetzt war der Maori geständig, er wollte lieber alles verraten und der Strafe entgegensehen, als hier dem unmittelbaren Tode ins Auge blicken.

Mit Hilfe von Hannibal erfuhr man von ihm, dass er in Wellington von einem Chinesen aufgefordert worden sei, sich an der Expedition der Gesellschaft zu beteiligen und bei einer sich ihm bietenden Gelegenheit den ihm genau bezeichneten Hannes Vogel zu töten; ein Goldstück habe er schon dafür erhalten, das zweite sollte er bekommen, wenn der Tod des Matrosen durch die Aussagen der Zurückkehrenden bestätigt würde. Mekatu hatte sich nach Matchaneea begeben, und es war ihm dort wirklich gelungen, sich von der Gesellschaft anwerben zu lassen.

Er war dem Matrosen immer nachgeschlichen, ohne eine günstige Gelegenheit zu erspähen, ihn aus der Welt zu schaffen, als dieser aber erst allein, dann noch einmal mit Sir Williams die Höhle betrat, hielt der Schurke die Zeit für gekommen, sich das andere Goldstück zu verdienen.

Maketu verschob den Pfeilschuss immer wieder; das Geschoss erschien doch nicht wirkungsvoll genug, den kräftigen Mann auf der Stelle zu töten, und außerdem konnte ihm der Begleiter, der mit einem Revolver bewaffnet war, sehr gefährlich werden.

Als Hannes über der Spalte schwebte, schoss der Maori den Pfeil gegen ihn ab und durchbohrte ihm den Hals, ohne dass dies von Williams gemerkt wurde. Der Mörder sah den Matrosen stürzen und eilte dann selbst zurück, um sich in Sicherheit zu bringen.

Die Umstehenden hatten gespannt den Worten des verdolmetschenden Hannibal gelauscht. Ein von tiefem Seufzen begleiteter Ausruf des Verwundeten ließ plötzlich aller Köpfe nach ihm wenden.

»Also zwei Goldstücke bin ich doch noch wert«, stöhnte Hannes, »das macht mir wenigstens Freude.«

»Na, mit dem steht es nicht schlimm«, meinte Harrlington trocken, und es bewahrheitete sich bald.

Unter John Davids' geschickter Hand wurde dem Matrosen ein Verband um den Hals gelegt, und als sich die Herren eben berieten, wie man den zum Gehen anscheinend Unfähigen transportieren sollte, richtete sich dieser mit Hilfe Hopes plötzlich auf und erklärte, den Weg ganz gut allein zurücklegen zu können, wenn einer der Herren etwas Whisky bei sich führe.

Es stand also nicht so schlimm mit ihm, wie man fürchtete. Auf beiden Seiten unterstützt, marschierte Hannes mit der Gesellschaft den aufsteigenden und beschwerlichen Weg allein zurück.

Der Maori wurde sorgsam gebunden mitgenommen. Er hatte schon ausgesagt, wer ihn zu der Tat geworben, beschrieb das Aussehen des Mannes, so gut man dies bei einem Chinesen kann, welche sich, wie es dem Europäer wenigstens dünkt, wie eine Katze der anderen ähneln, und behauptete auch, ihn wiederfinden zu können.

Gelang es ihnen, den betreffenden Chinesen mit Hilfe des Maori aufzufinden, so sollte dieser frei sein, beruhte aber des Eingeborenen Aussage auf Lüge, so war ihm angedroht worden, ihm eine ordentliche Lektion in Gestalt von Peitschenhieben zu erteilen.

Jedenfalls verbarg die beabsichtigte Ermordung des Matrosen ein Rätsel.

* * * * *

III.14. Neue Beschlüsse

Nur noch einige Tage fehlten, dann war die ›Vesta‹ von kundigen eingeborenen Schiffszimmerleuten wieder seefähig gemacht. Die Neuseeländer sind geborene Schiffer, denn sie wagen mit kleinen Segelbooten die weitesten Fahrten auf dem Meere.

Wäre die Kultur eher zu ihnen gedrungen, so würden sie jetzt schon eine Seefahrernation sein, wie etwa früher die isländische oder norwegische; denn man muss gleichfalls staunen, wenn man davon liest, wie die Isländer und Skandinavier in ihren erbärmlichen, kleinen Segelschiffen schon Handel mit Amerika getrieben haben, lange, bevor noch Amerika von Kolumbus entdeckt worden ist. Dadurch, dass man in Amerika Steine mit Runen der alten Schrift jener nordischen Völker, entdeckt hat, ist ja erwiesen, dass Kolumbus nicht etwa der erste Europäer war, der Amerika betreten hat, dass vielmehr Isländer schon lange zuvor dieses Land kannten, ebenso zum Beispiel Chinesen, aber der kühne Genuese war der erste, welcher es wieder auffand.

Ebenso unrecht, wie Kolumbus als den Entdecker Amerikas zu bezeichnen, ist es auch, dass man das von ihm entdeckte Land, als Land für sich, nicht nach ihm benannte, sondern nach dem Namen desjenigen, welcher es eingehend beschrieb, nach Amerigo Vespucci. Erst viel später nannte man einen Staat, sowie verschiedene Städte und Flüsse nach dem spanischen Entdeckungsreisenden.

Wie gesagt, sind auch die Neuseeländer ein Schifffahrtsvolk durch und durch, nur sind sie auf einer Stufe stehen geblieben, da ihr Schiffswesen im Gegensatz zu anderen Völkern sehr vollkommen war — so zum Beispiel kannten sie weit vor uns die magnetische Wirkung der Kompassnadel und bedienten sich ihrer — da sie aber nicht weiter vorwärts schritten, so blieben sie schnell hinter den nordischen Völkern darin zurück.

Aber noch jetzt geben die Neuseeländer, werden sie von kundiger Hand geleitet, ausgezeichnete Schiffsbauer ab, und so sahen die Vestalinnen, wie auch die Besatzung des ›Amor‹ mit Freude, wie schnell die Takelage ihrer Schiffe durch Ergänzung der fehlenden Teile und Reparatur der beschädigten in früherer Vollkommenheit wiedererstand.

Die Damen hatten unter dem Vorsitz Ellens in dem Salon der ›Vesta‹ eine Versammlung abgehalten, die wichtigste von allen bis jetzt, denn es galt den Antritt der größten Seereise, die sie je unternommen hatten.

»Noch zwei Monate trennen uns von jener Zeit«, fuhr Ellen in ihrer längeren Rede fort, »da Yamyhla nach ihrer Heimat gebracht und ihr womöglich durch uns zu ihrem Rechte verholfen werden soll. Das ist der Grund, warum wir, statt erst nach Südamerika, sofort nach der Westküste von Afrika segeln müssen. Kürzer wäre natürlich die Reise, wenn wir von hier westwärts nach Afrika führen und uns dann gleich nach Amerika begäben, woselbst wir die befreiten Mädchen in ihre Heimat schickten, dann aber würde unsere Reise keiner Weltumsegelung gleichen. Gehen wir jetzt nach Südamerika und segeln längs der Ostküste nach New York, so ist dagegen die Weltumsegelung schon geschehen, und die Reise nach Afrika wäre nicht weiter nötig, sie ist nur eine Zugabe, aber wir müssen dieselbe unternehmen, denn wir haben es unserer Freundin Yamyhla versprochen, auch ohne das Geheimnis, welches sie von ihrer Heimat trennt, zu kennen, also sind wir es ihr schuldig. Darum nochmals, meine Damen, wer von Ihnen ist damit einverstanden, von hier aus direkt nach Afrika zu segeln? Das heißt, ostwärts, denn den westlichen Weg kennen wir bereits.«

Niemand stimmte dagegen. »Wie viele Meilen beträgt die Entfernung von hier bis nach der Westküste von Afrika?«, fragte ein Mädchen.

»Etwa zehntausend englische Meilen«, entgegnete die Kapitänin, »und nehmen wir an, dass die ›Vesta‹ die Stunde, sehr niedrig gerechnet, zehn Meilen macht, so hat sie diesen Weg in sechs Wochen zurückgelegt. Haben wir aber nur einigermaßen solches Glück, wie es sich bis jetzt stets an unsere Fersen geheftet hat, so segeln wir ihn bequem in vier Wochen — die längste Fahrt bisher auf unserer Reise.«

»Laufen wir unterwegs Häfen an?«, ließ sich eine andere Fragerin vernehmen.

»Es kämen nur die Häfen an der Südspitze Amerikas in Betracht«, antwortete Ellen. »Haben wir Zeit, so können wir vor Anker gehen, denn besser ist es, wir verbringen nach der anstrengenden Seereise einige Wochen in einem kühlen Lande als im heißen Afrika.«

»Wir könnten auch Kapstadt anlaufen.«

»Kapstadt ist zu der Zeit, da wir dort anlaufen würden, nicht besonders gesund zu nennen. Aber wir können dies noch unterwegs genügend besprechen.«

»Es wäre auch interessant, einmal den Polarkreis aufzusuchen, wie zum Beispiel die Falklandinseln, und da wir warme Ausrüstung in New York mitgenommen haben, vielleicht sogar Victorialand«, nahm Miss Murray das Wort.

Ellen lächelte.

»Miss Murray hat bekanntlich unter uns das heißeste Blut, obgleich sie am weitesten aus dem Norden stammt«, sagte sie. »Offen gestanden, ich bin kein Freund von zu großer Kälte; wir haben allerdings warme Ausrüstung mitgenommen, aber zum Besuche von arktischen Ländern genügt sie nicht; ohne wasserdichte Fellkleider können wir es dort nicht aushalten. Außerdem will ich den Damen gleich mitteilen, dass wir in der Nähe des Kap Horn noch oft in die Lage kommen werden, das Eis von den Rahen mit Handspeichen losklopfen zu müssen, wenn wir mit den Segeln manövrieren wollen, und da wir fast alle Kinder des Südens sind, so wird uns dies eine nicht gerade angenehme Beschäftigung sein. Je weiter südlich wir fahren, desto mehr nähern wir uns dem Pole, und desto kälter wird es natürlich, doch wünschen die Damen, solche Gegenden aufzusuchen, so bin ich damit einverstanden.«

»Ich habe nichts gesagt«, rief Miss Jessy Murray, »es war nur eine Frage.«

Auch die anderen Damen wünschten nicht, sich den Unannehmlichkeiten zu großer Kälte auszusetzen, und so wurde die direkte Fahrt nach Afrika beschlossen, höchstens, dass man Kap Hoorn, der Südspitze Amerikas einen Besuch abstattete.

»Und wohin wenden wir uns von dort?«, fragte wieder eine Vestalin.

»Unsere Weltreise wäre dann beendet; wir hätten nur noch nötig, nach New York zurückzusegeln. Engagierten wir dann noch einige Vertrauensmänner, welche unsere Schützlinge sicher in ihre Heimat brächten, so wären wir auch dieser Verpflichtung überhoben, aber Sie werden mir beistimmen, wenn ich vorschlage, Südamerika, einen Teil unserer großen Heimat, näher kennen zu lernen.«

Damit waren alle einverstanden.

»Von Afrika nach Südamerika ist zwar ebenfalls wieder eine beträchtliche Reise«, fuhr Ellen fort, »aber im Vergleich zu der, welche wir jetzt vorhaben, ein wahrer Katzensprung. Mein Plan ist folgender: Die Gegenden, aus denen die geraubten Mädchen stammen, liegen fast alle, mit wenigen Ausnahmen an der Westküste Süd- oder Nordamerikas, und wir machen es, wie bisher, das heißt, wir bringen jedes einzelne Mädchen persönlich zu den Ihrigen. Wie Sie wissen, ist es nicht immer rohe Gewalt gewesen, welche die Mädchen als Sklavinnen in die Ferne geführt hat, vielmehr sind sie oft durch Intrigen aus der Heimat vertrieben worden. Wir könnten die Sache durch Vertrauensmänner und brieflich erledigen, statt uns dieser übrigens auch sehr großen Arbeit zu unterziehen — aber es würde ein ewiges Hin- und Herschreiben, Ausstellen von Vollmachten, Protokollen und so weiter erfordern — daher will ich mich lieber den Beschwerden der Reise unterziehen und alles persönlich erledigen.«

Wieder waren alle Mädchen damit einverstanden.

»Wie wir es in Südamerika vorhaben«, setzte Ellen ihren Plan weiter auseinander, »so werden wir es auch in den südlichen Staaten von Nordamerika machen, das heißt, wir bringen die Schützlinge, von denen die meisten Kreolinnen sind, nach Texas, Mexiko und so weiter.

»Und wo bleibt die ›Vesta‹?«, unterbrach ein Mädchen die Sprecherin.

»Dieselbe folgt uns der Küste entlang. — Ob einzelne von uns oder fremde Leute sie bedienen müssen, das zu überlegen haben wir noch genügend Zeit, Bietet die Gegend keine Abwechselung, wie zum Beispiel das öde Chile, so reisen wir auf der ›Vesta‹; ist die Gegend aber schön, waldig, prärienartig, dann reisen wir zu Fuß oder zu Pferd. Ach«, schloss Ellen, und ihre Augen begannen plötzlich wunderbar zu strahlen, »wie ich mich freue, wenn ich erst wieder auf feurigem Rosse über die Prärien, durch die Pampas meines schönen Vaterlandes jagen, durch seine endlosen Wälder streifen kann, ach, wie sehne ich mich darnach, das Brüllen des Hirsches zu hören und dem melodischen Locken des Wasserhuhnes zu lauschen!«


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Erstaunt betrachteten die Vestalinnen ihre Führerin. Was war denn plötzlich mit dieser vorgegangen, dass sie eine so heftige Sehnsucht nach ihrem Heimatlande empfand, da sie doch früher immer das Meer als das Element bezeichnet hatte, auf dem sie sich wohl fühle?

»Sind Sie dieser Reise überdrüssig? Bereuen Sie die Verpflichtung, Yamyhla in ihre Heimat zu bringen, wodurch Sie noch für lange Zeit von den Ihrigen entfernt gehalten werden?«, fragte nach einer langen Pause Miss Thomson leise. »Ich glaube, niemand ist unter uns, der Sie an das Versprechen erinnert, das Sie uns gaben, als wir New York verließen, uns stets in Freud und Leid beizustehen. Treten Sie zurück, Miss Petersen, niemand wird Ihnen deshalb einen Vorwurf machen!«

Das Mädchen sprach aus der Seele aller, sie liebten ihn Kapitänin wirklich. Aber Ellen, welche während der Pause sinnend die Hand an die Stirn gelegt hatte, schüttelte unwillig den Kopf.

»Nein«, rief sie, ihre schlanke Gestalt emporrichtend, »es war nichts, eine Art Heimweh, eine vorübergehende Schwäche — denken wir nicht mehr daran! Lassen Sie uns das Verhalten besprechen, welches wir den Herren des ›Amor‹ gegenüber von jetzt ab beobachten wollen. Ist es der einstimmige Beschluss aller, dass wir den Herren auch fernerhin gestatten, uns immer zu Wasser und zu Lande zu begleiten?«

Die Damen waren eine Zeitlang über diese Frage bestürzt, mehr noch über den Ton, in welchem ihre Kapitänin dieselbe stellte. Sie sahen sich gegenseitig an, dann aber erscholl von allen Seiten zugleich ein bestimmtes Ja.

Eine Dame, Miss Thomson, erhob sich und bat um das Wort.

»Ich kann nicht einsehen, aus welchem Grunde wir den Herren des ›Amor‹ eine weitere Begleitung verbieten sollten, ja, wir haben nicht einmal die Berechtigung dazu, wir könnten sie höchstens darum bitten, uns fernerhin allein segeln zu lassen, sich aus unserer Nähe entfernt zu halten, denn laut der Wette, welche Sie selbst, Miss Petersen, mit Lord Harrlington abschlossen, haben die Herren vor der Hand noch die Befugnis, uns überall hin zu folgen. Sie sagten damals, Miss Petersen, so lange der ›Amor‹ der ›Vesta‹ nachkommen könne, sei den Herren die Begleitung erlaubt, und erst, wenn er die ›Vesta‹ innerhalb dreißig Tagen nicht wiederzusehen bekommen hätte, erlösche diese Erlaubnis, dann müssten sie als Ehrenmänner es aufgeben, uns weiter zu folgen. Außerdem wurde dann von ihnen noch verlangt, dass sie in allen Zeitungen Europas und Amerikas bekannt machten, sie wären von uns Vestalinnen auf dem Gebiet des Segelsportes geschlagen worden. Sie sollten dies noch durch ihre volle Unterschrift bekräftigen. Ich erinnere mich ganz genau an den Vertrag dieser Wette, welcher nicht schriftlich aufgesetzt worden, weil wir Personen sind, denen das Wort ebenso viel, wie ein schriftlicher Kontrakt gilt. Haben wir nun, frage ich die Damen, ein Recht, den Herren diese Erlaubnis, uns zu Wasser oder zu Lande begleiten zu dürfen, wieder zu nehmen? Nein, sage ich, wir haben es nicht, wir dürfen es nicht, ohne uns eines groben Wortbruchs schuldig zu machen; den Herren dagegen kann man es gar nicht verargen, wenn sie unsere Aufforderung gar nicht beachten, sondern uns sogar einer unverzeihlichen Handlungsweise beschuldigen. Das einzige wäre, dass wir sie bäten, auf die weitere Begleitung zu verzichten, aber nimmer dürfen wir so etwas von ihnen verlangen. Niemals werde ich wenigstens meinen Namen dazu hergeben.«

Man sah es Ellen an, wie missgestimmt sie wurde, als Miss Thomson so unumwunden ihre Meinung aussprach, und noch mehr, als sie an den Ausrufen und Mienen der Zuhörenden merkte, wie alle Damen der Rednerin Beifall zollten.

Da stand auch noch Miss Lind auf und ergriff im Interesse der Herren das Wort:

»Ich gebe Miss Thomson vollständig recht«, begann sie, »und erlaube mir nur noch, hinzuzufügen, dass es uns nicht nur nicht zusteht, die Herren aufzufordern, uns fernerhin nicht mehr zu begleiten, wir dürfen sie nicht einmal durch unsere Bitte dazu zu bewegen suchen, wollten wir uns nicht, um es geradeheraus zu sagen, einer großen Ungezogenheit schuldig machen. Wer kann es leugnen, dass sich die englischen Herren uns gegenüber stets als die treuesten Freunde gezeigt haben, welche ihr eigenes Leben hintansetzten, galt es, das unsrige zu retten? Ich brauche wohl nicht erst auf Tatsachen hinzuweisen, ich kann, obwohl ich ein gutes Gedächtnis habe, nicht alle jene Fälle aus dem Kopfe herzählen, in denen uns die Herren treu zur Seite gestanden haben, ohne dass sie es nötig hatten — sie haben oftmals ihre eigene Sicherheit vernachlässigt, galt es, uns aus einer Gefahr zu helfen. Wir können nicht sagen, dass wir durch sie auf irgend eine Weise belästigt worden sind; nie sind sie unbescheiden, anmaßend geworden, nie sind sie uns hinderlich gewesen. Wie oft aber wären wir absolut verloren gewesen, hätten nicht die Herren ihr Leben in die Schanze geschlagen, um uns zu retten! Und wer weiß, wie nötig wir sie noch oftmals haben werden, wie oft wir noch ihre Hilfe herbeisehnen und wie oft wir uns Vorwürfe machen würden, hätten wir sie durch unseren Eigensinn — es ist nicht anders zu nennen — von uns entfernt. Nein, nein und abermals nein, ich werde niemals beistimmen, sie zu bitten, ihre Begleitung fernerhin aufzugeben. Nach allem, was sie schon für uns getan haben, wäre dies, wie schon gesagt, eine Ungezogenheit von uns, eine unerhörte Beleidigung, gegen welche sich mein Herz empört; und dass die Damen, meine Freundinnen, ebenso denken, wie ich, das sehe ich aus ihren Mienen.«

Jetzt ließen sich die Mädchen nicht mehr abhalten, Johanna beizustimmen, als deren beste Freundin jede gern gelten wollte — so lieb war sie allen — sie wurden von deren Worten hingerissen. Sie brachen in ein lautes Händeklatschen und Rufe der Begeisterung aus.

Ellen gab ihren Antrag für verloren, aber sie ließ den Ärger, den diese allgemeine, stürmische Ablehnung ihres Vorschlages bei ihr hervorbrachte, nicht merken. Sie lächelte.

»Nun, nun«, beschwichtigte sie, »ich muss mich förmlich beleidigt fühlen, dass Sie mich zum Gegenstand Ihres allgemeinen Unwillens machen. Ich habe diesen Antrag aus besonderen Gründen gestellt, er ist nicht angenommen worden, und so ist die Sache ja beigelegt. Sie werden mich nicht wieder darüber sprechen hören. Aber nun etwas anderes! Sind die Damen auch damit einverstanden, dass wir dennoch versuchen, uns der Begleitung des ›Amor‹ zu entledigen, indem wir uns den Herren für dreißig Tage unsichtbar machen? Ich glaube fest, nach der vorherigen Abstimmung zu schließen, dass Sie auch jetzt mit einem Nein antworten. Aber bedenken Sie, welchen Triumph wir genießen, wenn sich die Engländer von uns Damen als besiegt erklären müssen. Dies allein ist schon wert, den Versuch einmal ernstlich zu machen, eine bessere Gelegenheit, als diese lange Seereise, finden wir niemals.«

Wieder war es Miss Thomson, die für ihre Freundinnen das Wort ergriff, aber diesmal klang ihre Rede nicht so ruhig, wie vorhin, sie war etwas aufgeregt.

»Miss Petersen«, rief sie, »ich verstehe nicht, was Sie veranlasst, auf solche Weise zu sprechen Das unwillige Gemurmel der Damen beweist, dass nicht nur ich den Sinn Ihrer Rede als eine Beleidigung aufgefasst habe. Haben wir vielleicht jemals versucht, die Herren an uns zu fesseln? Haben wir nicht immer unser Bestes getan, Sie Ihre Wette gewinnen zu lassen? Ich betone, Ihre Wette, denn Sie haben sie veranlasst, wenn ich ihr auch anfangs beigestimmt habe. Aber bald ist mir zum Bewusstsein gekommen, dass sie eine törichte war, und im Gespräch mit Freundinnen habe ich erfahren, dass auch diese meiner Ansicht sind. Da sie aber nun einmal gemacht und durch unser Wort bestätigt worden ist, so sind wir auch verpflichtet, sie zu halten, und wenn auch nur eine der Damen darauf besteht, oder, um es gleich offen herauszusagen, wenn auch Sie, Miss Petersen, nur darauf bestehen. Ich weiß nicht, welche Gründe Sie dazu bewegen, die Entfernung des ,Amor‹ immer zu provozieren, es mögen persönliche sein, die mich nichts angehen. Aber in Ihren eben gesprochenen Worten lag der Sinn, als ob wir alle wünschten, dass die Herren bei uns blieben, nicht nur darum, weil wir ihre Hilfe nötig haben, sondern es lag eine Ironie in ihnen, die ich hier nicht näher erklären will, doch haben wir alle sie herausgefunden. Miss Petersen, ich fasse dies im Namen meiner Freundinnen zugleich als eine Beleidigung auf, welche ich Ihnen nicht zugetraut hätte. Ich dächte doch, wir alle hätten uns bis jetzt als treue Freundinnen erwiesen, in Freud und Leid, in fröhlichen, sowie in gefährlichen Tagen, und deshalb dürfte zwischen uns nichts vorfallen, was auch nur einem Streite ähnlich sieht. Habe ich ihn heraufbeschworen, so will ich um Verzeihung bitten, aber vorläufig bin ich mir dessen nicht bewusst ...«

Miss Thomson war sehr erregt, sie hatte sich in Hitze geredet, die Tränen standen ihr in den Augen. Plötzlich brach sie ab, drehte sich um und wollte den Salon verlassen. Da aber war Ellen schon bei ihr und hinderte sie, durch die Tür zu gehen.

»Verzeih mir, Betty«, sagte sie innig, ihre Hand erfassend, »ich habe vielleicht etwas gesagt, was ich nicht gemeint habe. Nein, Betty, keinen Streit zwischen uns! Du hast recht, wir sind die besten Freundinnen gewesen, und leere Worte, wenn sie auch beleidigend gewesen sein sollten, können uns nicht trennen, denn ich habe sie unabsichtlich, nicht mit Überlegung gesprochen. Ich bin in der letzten Zeit etwas verbittert gewesen, du wirst es bemerkt haben, deshalb nochmals, Betty, verzeihe mir meine Worte!«

Miss Thomson war ebenso schnell wieder versöhnt, wie sie gekränkt worden war, und dasselbe galt von den anderen Mädchen.

Ellen wollte erklären, dass ihre Worte falsch verstanden worden wären, dass sie weit entfernt gewesen wäre, darauf anzuspielen, dass einige der Damen die Gegenwart der Herren aus anderen Gründen wünschten, als aus dem, Helfer in der Not zu haben, aber die Mädchen ließen sie gar nicht zum Worte kommen — die Sache war beigelegt.

Ja, die Schlichtung wollte sogar einen humoristischen Verlauf nehmen, denn als Miss Thomson es noch einmal für gut befand, zu erklären, dass sie die Anwesenheit des, ›Amor‹ gerade nun sehr nötig hätten, weil jedenfalls Kämpfe stattfinden würden, nicht aber, wie sie schalkhaft dazu bemerkte: »Weil wir mit den Herren unter Palmen promenieren wollen«, brach Hope plötzlich in ein lautes Husten aus, das gar nicht enden wollte.

Die Damen wussten recht gut, was den neckischen Kobold zum Husten gereizt hatte, aber sie waren viel zu diskret, um sich dies merken zu lassen. Doch Hope ließ nicht nach, der Kobold war in ihr erwacht, sie stieß ihre Nachbarinnen an, stellte komische Fragen wegen der Herren an sie und brachte alles zum Lachen.

Endlich, als der Ernst wieder hergestellt worden war, ging man zu anderen Gebieten über.

Es wurde beschlossen, die ›Vesta‹ noch länger in Wellington liegen zu lassen, als es die vorgenommenen Reparaturen erfordert hätten. Galt es doch diesmal eine große Seereise von vielen Wochen, und es war von Wichtigkeit, dass vor dieser das Schiff einer genauen Besichtigung unterworfen wurde. Man wollte verschiedene Teile, welche es eigentlich noch nicht nötig hatten, erneuern, so zum Beispiel das Steuerruder, die Häuschen an Deck, zum Beispiel das des Kompasses, des Ruders, das Kartenhaus und so weiter befestigen lassen, alle Parthelen anziehen, die Wanten stärker machen und so weiter. Trat während der Reise ein Unglück ein, so hätten die Vestalinnen derartige Reparaturen selbst machen müssen — einen Hafen gab es nicht — und waren sie in derartigen Arbeiten auch sehr geschickt, die Leistungen blieben doch nur mangelhaft im Vergleiche zu denen, welche im Hafen von geübten Schiffsbauern vorgenommen werden konnten.

Außerdem musste die ›Vesta‹ noch mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Kohlen versorgt werden, dann wollte die Kapitänin noch einen großen Vorrat von Segeln mitnehmen, denn es gab voraussichtlich viele Stürme zu überstehen, und so konnte der Fall eintreten, dass die ›Vesta‹ durch Verlust von Segeln manövrierunfähig wurde, und auf dem Meere gibt es keine Gelegenheit, sich neue zu verschaffen. Ein Kapitän hilft dem anderen zwar gern in derartigen Verlegenheiten aus, aber passiert es doch selbst wahrend der Reise von Deutschland nach New York, einer sehr befahrenen Linie, dass ein Segelschiff wochen, ja monatelang kreuzt, ohne einem anderen zu begegnen.

Derartigen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, war die Pflicht der Kapitänin.

»Nun noch eins, meine Damen«, schloss Ellen die Beratung. »Für übermorgen haben wir also die Besteigung des Mount Cook vor. Wir fahren mit einem gemieteten Dampfer durch die Cookstraße nach der Südinsel hinüber, besichtigen in Nelson das dem Weltumsegler dort gesetzte Monument und fahren dann weiter nach Hokitika an der Westküste der Südinsel. Die Eisenbahn bringt uns nach einem Städtchen, nur etwa fünf Meilen vom Mount Cook entfernt, von dort aus müssen wir die Besteigung des Berges zu Fuße vornehmen. Es handelt sich eigentlich nur darum, ob alle Vestalinnen damit einverstanden sind, dass uns die Herren des ›Amor‹ bei dieser Partie begleiten.«

Diese Frage war jedenfalls nötig, aber wie immer, so wurde sie auch jetzt allgemein bejahend beantwortet.

Hätten einige Damen dagegen gestimmt, so mussten diese, wenn sie in der Minderzahl waren, an Bord bleiben, fügten sie sich nicht den Stimmen der Mehrzahl. Waren aber die Verneinenden im Übergewicht, so durften die Herren nicht mitkommen, und diejenigen, welche nicht damit einverstanden waren, welche die Gegenwart der Herren wünschten, hätten zurückbleiben müssen.

Doch eine solche Spaltung trat nie ein; eine fügte sich immer dem Willen der anderen.

Aber es gab auch Fälle, wo die abschlägige Stimme einer einzigen den Entschluss hindern konnte, so zum Beispiel, wenn sie die ›Vesta‹ betrafen, wie wir gesehen haben, als es sich um das Verlassen des Schiffes handelte.

»Ich glaube, die Offiziere der in Wellington ankernden, deutschen Kreuzerkorvette, ›Victoria‹, würden gern an der Partie teilnehmen«, ließ sich da Hopes helle Stimme vernehmen, »sie haben etwas davon zu den Engländern verlauten lassen.«

»So sind sie uns willkommen, wenn die Damen damit einverstanden sind.« entgegnete Ellen.

Die Vestalinnen zerstreuten sich, sie gingen entweder an Deck, an Land oder in ihre Kabine.

»Miss Staunton«, sagte Ellen zu dem jungen Mädchen, »kann ich Sie einmal in meiner Kabine sprechen?«

*

»Wissen Sie, woher die Offiziere erfahren haben, dass wir übermorgen eine Partie nach dem Mount Cook vorhaben?«, fragte Ellen, als sie sich mit Hope in ihrer Kabine allein befand.

»Ja, von den englischen Herren.«

»Woher wissen es aber diese?«

»Von Hannes.«

»Von Hannes, dem Diener von Sir Williams? Da Sie so genau Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht auch sagen, von wem dieser davon erfahren hat?«

»Ganz genau«, entgegnete Hope ungeniert. »Ich habe es ihm selber gesagt.«

»So«, sagte Ellen und versuchte eine strenge Miene zu ziehen, »und wissen Sie nicht, dass es uns Vestalinnen streng verboten ist, über alles, was auf der ›Vesta‹ vorfällt oder beraten wird, zu sprechen? Es soll alles wie das strengste Geheimnis verschwiegen werden.«

»Ach, liebe Ellen«, sagte Hope treuherzig und fasste der Kapitänin Hand, »machen Sie nicht gleich einen solchen Kram davon. Was ist es denn weiter, wenn ich dem Hannes erzähle, ob es heute auf der ›Vesta‹ Blutwurst oder Leberwurst gegeben hat, davon wachsen uns doch keine Haare unter der Nase.«

Ellen musste ein Lächeln unterdrücken.

»Sie sollen aber nicht solchen intimen Umgang mit Hannes haben«, sagte sie dann ernst werdend.

»Warum denn aber nicht? Da ist aber doch nichts weiter dabei!«

»Doch! Es schickt sich nicht, Sie sind kein Kind mehr und gewöhnen sich Redensarten an, die nicht für Sie passen.«

»Nun erst recht«, murmelte Hope, als sie nach ihrer Kabine ging.

»Das arme Kind!«, dachte Ellen, ihr nachblickend.

* * * * *

III.15. Die Verlobung in den Wolken

Neuseeland zerfällt in zwei Teile, in die Nordinsel und in die Südinsel, welche beide durch die Cookstraße, an der schmalen Stelle nur zehn Seemeilen breit, voneinander getrennt werden.

Die Nordinsel, von den Eingeborenen TeIkaaMaui, das heißt, Schiff des Maui, genannt, ist ein mehr ebenes Land, hat aber viele Vulkane, darunter noch feuerspeiende, so zum Beispiel den Tongariro, welcher dem lieben Leser schon vorgeführt worden ist. Außerdem besitzt diese Insel viele kochende Quellen.

Die Südinsel, von den Eingeborenen mit TeWahiPunamu bezeichnet, das heißt Ort des Grünsteins, ist dagegen durchweg gebirgig, viel mehr als die Nordinsel. Ein Gebirgszug ist von den Geografen Southern Alps genannt worden, und er verdient diesen Namen, denn er wetteifert mit den Alpen Deutschlands an Schönheit und Mächtigkeit. Sein höchster Berg ist der Mount Cook, der Ahonrangio der Polynesier, 3760 Meter hoch.

In diesem Gebirge wird viel Erz gegraben, Gold findet sich häufig vor, besonders in dem Westabhange des Southern Alps, wo sie steil nach einem Plateau abfallen, welches sich bis dicht ans Meer erstreckt. Hier liegt auch Hokitika, eine Stadt, in deren Umgebung das meiste Gold gefunden wird. Außerdem hat die Insel noch zahlreiche Fundgruben von Edelsteinen aufzuweisen, ferner den Neuseeland eigentümlichen Grünstein, welcher, wenn er geschliffen ist, ein sehr schönes Aussehen hat und zur Fabrikation von Schmucksachen, Schalen, Tellern und so weiter verwendet wird, in der die Eingeborenen großes Geschick besitzen. Nach ihm haben die Maoris diesen Teil des Landes benannt.

Von eingeborenen Führern geleitet, bewegte sich ein langer Zug von Damen und Herren auf schmalen Passgängen dem Gipfel des Mount Cook zu. Sie hatten am frühen Morgen Hokitika mit der Eisenbahn verlassen, waren in der Nähe des Gebirges ausgestiegen und hatten nach Überschreitung des Plateaus den Aufstieg auf den Berg ungesäumt begonnen.

Ein wunderschönes Bild bot sich ihnen dar. Zur Linken stiegen die Felswände himmelhoch an, zur Rechten, dem Westen zu, fielen sie jäh ab und gestatteten den Wanderern einen Blick in die Tiefe, die sich vor ihnen auftat.


Illustration

Alles unter ihnen war grün, bedeckt mit Farnen und Kaurifichten, und wendete sich der Blick nach oben, so sah er nichts als Schnee, der wie mit einem Leichentuche die ganze Landschaft bedeckte. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo sich andere Berge erhoben, konnten sie genau erkennen, wie die Vegetation nach und nach abnahm, bis sie in einer Höhe von zweitausend Metern, der sogenannten Schneegrenze, völlig aufhörte.

Die Gesellschaft befand sich zwar noch unterhalb der Region des ewigen Schnees, aber man hätte dies nicht gemerkt, wenn nicht die mitgenommenen Barometer die Höhe über dem Wasserspiegel verraten hätten. Denn die Luft war an dem frühen Morgen sehr kühl, die Finger erstarrten, und der schmale Weg, auf dem sie sich bewegten, bot nichts Grünes. Höchstens, dass sich hier und da einmal ein winziges Farnkraut durch eine Spalte drängte und die wärmende Sonne zitternd erwartete, dem dummen Vogel oder dem unvernünftigen Winde zürnend, der den Samen in diese unfruchtbare Gegend getragen und somit die Existenz der Pflanze hervorgerufen hatte.

In der Mitte des Zuges gingen drei Männer und zwei Damen zusammen, so gut es die Enge des Felspfades gestattete, und suchten sich teils durch Betrachtung der Aussicht, teils durch Gespräche über die Beschwerlichkeit des steilen Weges hinwegzusetzen.

Einer der Männer gehörte nicht zu unseren Freunden. Er verdiente den Namen eines Mannes eigentlich noch nicht, wenn diese Bezeichnung nur an ein älteres Aussehen oder gar etwa an das Vorhandensein eines Bartes gebunden wäre, aber diesem bartlosen Gesichte, das einem Jüngling gehörte, sah man an dem festen Blicke, den energischen Zügen und den wettergebräunten Wangen an, dass sein Eigentümer doch ein Mann war, der gar manchen in den Schatten stellte, der älter aussah und war.

Es war Freiherr Johannes von Schwarzburg, der zwar noch nicht älteste, aber am weitesten gereiste Kadett Seiner Majestät Kreuzerkorvette ›Victoria‹ — und bei Seeleuten wird das Alter nach der Seefahrtszeit gerechnet.

Er befand sich mit unter den Offizieren, welche der Aufforderung der Damen, an dem Ausfluge teilzunehmen, nachgekommen waren. Der junge Kadett hatte sofort jene Dame, die kleine Miss, wie er sie seitdem seinen Kameraden gegenüber immer nannte, wieder herausgefunden, welche ihm einst im Garten von Batavia den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hatte, als sie ihm eine Lektion über Seemannskunst erteilte. Obgleich er nicht gerade sagen konnte, dass er damals besonders bezaubert von ihr ging, so war doch etwas, was ihn sofort wieder in die Nähe des jungen Mädchens zog.

Aber ach, der Kadett wäre am liebsten wieder umgekehrt.

Da stand auch schon ihr Kompagnon, jenen Matrose, der ihr im Erklären der Takelage noch über war. Und richtig, gerade, als er Miss Staunton begrüßen wollte, setzte ihr der Matrose ganz genau auseinander, wie man am besten die Seestiefel mit Lebertran einschmieren muss, um sie vor dem Steifwerden zu schützen und sie doch auch nicht zu geschmeidig zu machen.

»Guten Morgen, Miss Staunton«, hatte der Kadett gesagt, »darf ich mich nach ihrem Wohlbefinden erkundigen?«

»Danke sehr, fünf Unzen Lebertran, und zwei Unzen Talg sagst du, Hannes?«

Das war schon ein guter Anfang; dem Kadetten blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis Hannes das Rezept und seine Anwendung ganz genau beschrieben hatte.

Dann aber, Gott sei Dank, wurde nicht mehr so viel über solche seemännischwissenschaftliche Gegenstände debattiert, bald fand der Kadett, dass Hope, wie auch Hannes, ganz ausgezeichnete Gesellschafter waren, und wie sich gleiche Naturen immer anziehen, so dauerte es nicht lange, und Charles, sowie Miss Thomson, hatten sich zu ihnen gesellt.

Das Gespräch kam auf das jüngste Abenteuer in dem Gange des Vulkans, bei welchem Hannes eine Hauptrolle gespielt hatte.

»Merkwürdig, was Sie für eine Natur haben«, meinte der Kadett zu Hannes, diesen wirklich bewundernd, »mit einer Pfeilwunde im Halse nach acht Tagen schon wieder fähig einen Bergriesen zu besteigen.«

»Das kommt davon, wenn man statt blauen Blutes, rotes in den Adern hat, das hat mehr Widerstandsfähigkeit und heilt besser«, antwortete Hope für ihren Hannes mit einem Anfluge von Stolz.

Hannes selbst verstand nicht den Sinn dieser Worte, wohl aber die Übrigen, und am besten der Kadett, dessen Gesicht mit einer Purpurröte übergossen wurde. Hope spielte darauf an, dass die Adligen, einer Redensart zufolge, behaupten, blaues Blut in den Adern fließen zu haben, welches viel empfindlicher sei, als das der Bürgerlichen, eigentlich weniger empfindsam für Schäden des Körpers, als vielmehr für die der Ehre.

Während Hannes verwundert aufschaute, konnten die Anderen kaum ein merkliches Lachen unterdrücken.

»Oho«, entgegnete der Kadett, »Sie unterschätzen uns doch, wenn Sie glauben, unser blaues Blut, wie Sie es bezeichnen, hindere uns am Aushalten von Schmerzen. Ihnen, als Amerikanerin, kann ich so etwas nicht übelnehmen, ich kenne den Hass oder die Verachtung, welche Sie und Ihre Landsleute gegen uns Adlige alten Geschlechtes hegen, aber ich glaube, unsere Väter haben gezeigt, dass das blaue Blut nicht zu verachten ist. Kennen Sie die deutsche Geschichte, Miss Staunton?«

»Ich kenne sie«, sagte Hope. Und da es in ihrem lebhaften Charakter lag, von einem Gegenstande schnell auf einen anderen überzuspringen, fuhr sie fort: »Haben Sie auch Vorfahren, von denen Sie rühmen können, dass sie ihrem Vaterlande mit Gut und Blut gedient haben? Ich muss gestehen, mein Vaterland hat wenige solche Helden aufzuweisen, wie man ihnen beim Lesen von Deutschlands Geschichte auf Schritt und Tritt begegnet.«

»Ob ich solche Ahnen habe?«, rief der junge Kadett, und seine Wangen glühten, seine Augen strahlten plötzlich vor Begeisterung; er war stehen geblieben, die Arme nach dem Osten ausbreitend, wo die Sonne sich eben purpurrot über die Berge erhob. »Fast alle meine Ahnen sind den Tod fürs Vaterland gestorben, bis ins vierte Glied hinauf lässt sich das nachweisen, mein Urgroßvater fiel im Freiheitskampfe, und mein Großvater war der erste, welcher an seinem Herde verschied, aber reich bedeckt mit Ruhm. Das Geschlecht der Freiherren von Schwarzburg ist eins der ältesten und edelsten, sein Blut hat sich rein erhalten, mein Urgroßvater hat dafür gesorgt, dass der Sprössling, welcher unseren Stammbaum schänden wollte, abgeschnitten wurde, und so stehen wir jetzt noch so da, dass kein König sich zu schämen braucht, an unserem Tische zu essen.«

Des jungen Kadetten Begeisterung bekam aber sofort eine kalte Dusche von Hope.

»Ach, gehen Sie nur mit Ahnen und Stammbaum!«, sagte sie schnippisch. »Solcher Krimskrams gilt bei uns keinen Pfifferling. Sehen Sie, mein Vater hat in seiner Jugend Mist geladen, und als er starb, da wurden die Sternenbanner aller amerikanischen Kriegsschiffe halbstock gehisst, und mein Bruder, erst dreißig Jahre alt, ist Kommandant einer Korvette.«

Die Kriegsschiffe zeigen ihre Trauer nicht durch eine schwarze Flagge an, sondern sie hissen die Nationalitätsflagge ›halbstock‹, das heißt, sie wird nicht völlig emporgezogen, sondern nur bis zur Hälfte.

»Was sagten Sie vorhin von Ihrem Urgroßvater, Mister Schwarzburg?«, fuhr Hope fort. »Der hat den Stammbaum beschnitten? Wie hat er denn das gemacht?«

Der Kadett lächelte.

»Es ist dies nur ein Ausdruck«, entgegnete er. »Mein Urgroßvater musste seinen erstgeborenen Sohn, den eigentlichen Majoratsherrn von Schwarzburg, verstoßen, weil dieser ein nicht ebenbürtiges Mädchen heiratete. So kam das Erbe an den zweiten Sohn, von welchem ich abstamme.«

Hope war stehen geblieben.

»Das ist ja aber nichtswürdig!«, rief sie empört. »Wie kann man seinen Sohn verstoßen, weil er ein armes Mädchen geheiratet hat? Herrgott, was herrschen in Ihrem Vaterlande für barbarische Sitten!«

»Sie dürfen nicht so vorschnell urteilen«, bat der Kadett. »Einmal müssen Sie bedenken, dass dies vor fast hundert Jahren geschah, und dann meine ich, wenn ich von unebenbürtig spreche, kein armes Mädchen damit, sondern eins, durch welches der Stammbaum geschändet wird.«

»Das ist Dummheit!«, rief Hope rücksichtslos. »Warum sollen die Kinder für die Sünden ihrer Eltern büßen?«

»Das kann ich Ihnen nicht erklären, aber die Natur zeigt uns schon, dass die Kinder allerdings für die Sünden ihrer Eltern büßen müssen, durch Krankheit und so weiter. Doch bei uns war das ein anderer Fall, der Majoratsherr heiratete ein wirklich verkommenes Subjekt, welches damals in nicht geschiedener Ehe lebte, sie ließ sich erst nach der Heirat von ihrem ersten Manne, einem bekannten Schurken, scheiden. Selbst wenn mein Urgroßvater den Sohn so geliebt hätte, dass er ihm diesen Schritt verzeihen wollte, er durfte es nicht, eine Klausel in einem uralten Testament verbot es ihm. Aber dieser Sohn war es nicht wert, er war ein leichtsinniger, ungerechter Mensch, ganz aus der Art der Schwarzburgs geschlagen, der von Jugend an seinem Vater nur Kummer, Schmerz und Schande bereitete. So fiel denn das Majorat dem zweiten Sohne zu, dessen Enkel ich bin. Und wie gut daran getan war, das zeigte sich auch bald. Trotzdem es meine Verwandten sind, muss ich bekennen, dass von diesem Paare, welches die menschlichen Gesetze schändet, auch unwürdige Kinder entsprossen sind, krank an Geist und Körper.«

Der Kadett brach plötzlich ab und sah sinnend mit gerunzelter Stirn vor sich hin.

»Worüber denken Sie nach?«, konnte die freimütige Hope nicht unterlassen zu fragen.

»Vor einigen Tagen hatte ich in Wellington eine seltsame Begegnung«, antwortete nach längerer Pause der Kadett. »Ich ging des Abends mit einigen Kameraden durch die Vorstadt, in welcher hauptsächlich Chinesen wohnen. Da sah ich an einem schwach erleuchteten Fenster einen Mann, einen Europäer stehen, der mit einem Chinesen eifrig sprach. Ich blieb bei seinem Anblicke erstaunt stehen, ich glaubte, meinen Onkel, den ich aber nicht mehr so nennen darf, das Kind des verstoßenen Freiherrn, vor mir zu sehen. Ich würde mir eingeredet haben, ich hätte mich getäuscht, wenn der Mann nicht, als er mich sah, erschrocken zusammengefahren und dann eiligst davongelaufen wäre.«

»Kennen Sie den Onkel? Haben Sie ihn früher schon öfter gesehen?«

»Nur ein einziges Mal wurde er mir von meinem Vater gezeigt. ›Das ist der, an den das Majorat fällt, wenn auch Du mir vom Schicksal geraubt würdest, wie alle deine Geschwister‹ sagte er damals, und er hatte recht«, der Kadett seufzte tief auf, »ich bin der letzte meines Stammes, daher kommt es auch, dass mein Vater mich so schwer die Seeoffizierskarriere einschlagen ließ. Ich entsinne mich noch sehr gut dieses Menschen, sein Gesicht kann man nie vergessen, dieses leichenblasse Antlitz, in dem es fortwährend zerrt und zuckt, als wäre der Mann von bösen Dämonen geplagt.«

»Hei, was sagen Sie da?«, rief plötzlich Hannes dazwischen. »Ein käseweißes Gesicht, in dem es immer zuckt? Williams, das könnte unser schwarzer Passagier sein, der in Wellington so ohne Sang und Klang von Bord gelaufen ist, ohne seinen Namen zu nennen und ohne ein Wort des Dankes für unsere Hilfe auszusprechen.«

»Stimmt, mein Junge«, sagte Charles, »das könnte er sein. Der Kerl hatte überhaupt ein sonderbares Benehmen, und Sie, Hannes, schienen einen ganz besonderen Einfluss auf ihn auszuüben, als wären Sie magnetisch. Kamen Sie in seine Nähe, so hörte das nervöse Zucken plötzlich auf; er starrte Sie wie hypnotisiert an, und gingen Sie weg, so befiel es ihn mit doppelter Heftigkeit. Ich habe Euch beide während der ganzen Reise förmlich studiert; noch nie ist mir etwas Ähnliches begegnet.«

Sir Williams erzählte dem Kadetten von dem schwarzen Passagier, wie sie ihn sofort getauft hatten, als sie ihn aus den Wellen des Meeres als Schiffbrüchigen auffischten. Er konnte gar keinen anderen Namen erhalten, denn seinen richtigen nannte er nicht, wie er sich überhaupt völlig schweigsam verhielt, ja, auf die an ihn gerichteten Fragen nicht einmal Antwort gab. Erst glaubte man, dass er durch die überstandene Todesangst etwas irrsinnig geworden sei, und hatte daher ein scharfes Auge auf ihn, bald aber zeigte sich, dass er nur äußerst menschenscheu war. Man konnte nicht einmal von ihm erfahren, wie das Schiff hieß, welches durch den Taifun zu Grunde gegangen war. Nun, er befand sich unter gebildeten Menschen und nicht unter gewöhnlichen Matrosen, und so wurde er in Ruhe gelassen.

Kaum war der ›Amor‹ in Wellington angekommen, so verschwand der Fremde spurlos, ohne vorher seine Retter davon in Kenntnis zu setzen, ohne ihnen auch nur ein Wort des Dankes zu sagen. Niemand hatte ihn seitdem wieder gesehen.

Der Mann, den der Kadett jetzt eben beschrieb, war es unbedingt. So hielt er sich also noch in Wellington auf.

»Mit einem Chinesen hat er gesprochen?«, fragte Hope. »Haben Sie etwas davon verstanden?«

»Nein, mir fiel nur auf, wie schnell die beiden auseinander stoben«, entgegnete der Kadett, »gerade, als wären sie bei einem unsauberen Geschäfte gestört worden.«

»Du, Hannes«, sagte Hope und blickte ihrem Begleiter fragend in die Augen, »das wird doch nicht etwa der gewesen sein, der den Maori beauftragt hat, dir einen Pfeil in den Hals zu schießen?«

»Ach wo«, rief der Matrose, »was sollte er für einen Grund dazu haben? Ich habe dem Manne ja nichts getan, kenne ihn überhaupt nicht.«

»Aber, dass er so geheimnisvoll mit dem Chinesen sprach«, sagte Hope zweifelnd. »Der Maori sagte doch aus, von einem Chinesen dazu gezwungen worden zu sein, dich aus der Welt zu schaffen.«

»Wellington wimmelt von Chinesen, warum soll das gerade der Betreffende sein?«

»Ich weiß nicht« meinte Charles nachdenklich, »so unrecht hat Miss Staunton nicht. Erst jetzt fällt mir ein, dass der schwarze Passagier Ihnen gegenüber, Hannes, eigentlich doch ein recht seltsames Benehmen zur Schau getragen hat. Möglich, dass dieser Mann, auf alle Fälle krank und mit einem zerrütteten Nervensystem, gegen Sie aus irgend einem Grunde eine Abneigung gefasst hat und nun in seinem krankhaften Zustande der Entschluss in ihm gereift ist, Sie aus der Welt zu schaffen. Wenn auch Davids das Gegenteil behauptete, für ganz geistesnormal hielt ich ihn niemals, und jetzt befestigt sich diese Ansicht noch mehr in mir.«

»Haben Sie den Chinesen, welchen der Maori als den bezeichnete, der ihn gedungen habe, auch gefunden?«, fragte Schwarzburg.

»Nein, der Vogel war ausgeflogen«, entgegnetes Charles, »er hatte einen Trödlerladen und stand in dem Rufe, sich in allerlei dunkle Geschäfte einzulassen. Er ist jedenfalls gewarnt worden, denn als wir ihn aufsuchten, um uns seiner zu bemächtigen und ihn zu verhören, hatte er sich mit Hinterlassung seiner wertlosen Habseligkeiten aus dem Staube gemacht. Wir zeigten die Geschichte der Polizei an, haben aber bis jetzt nichts weiter von ihm gehört. Der Maori scheint doch nicht gelogen zu haben, als er den Chinesen als den bezeichnete, der ihn durch Geld zum Morde bestochen hatte.«

»Und der Maori?«

»Der ist in Händen der Polizei.«

Verlassen wir nun diese kleine Gesellschaft, und begeben wir uns nach der Spitze des Zuges, welche dicht hinter den Führern marschierte!

Sie setzte sich zusammen aus Lord Harrlington, Lord Hastings, Ellen, Miss Morgan, Miss Murray und anderen. Lord Hastings ging schweigend hinter Miss Murray und Ellen, während Lord Harrlington vom Zufall neben Miss Sarah Morgan platziert worden war. Der hier sehr schmale Weg gestattete, dass nur zwei Personen nebeneinander gingen.

Da wurde Ellen plötzlich von einer der Damen zurückgerufen; der hinteren Gesellschaft war eine Pflanze aufgefallen, über deren Vorkommen, hier, wo die Schneeregion schon begann, man sich wunderte, und Ellen interessierte sich für so etwas.

Sie eilte an Lord Hastings vorüber und blieb, ebenso wie die Anderen, zurück. Dadurch kam Hastings neben Miss Murray. Beide folgten den weitergehenden Führern, ein Verlaufen war nun auf diesem Wege nicht mehr möglich.

»Warum so schweigsam, edler Lord?«, begann Miss Murray, einen scherzhaften Ton anschlagend.

»Die Öde, welche sich hier überall unseren Blicken darbietet, ist daran schuld. Aber sie stimmt mich nicht schweigsam, wie Sie sagen, eher traurig. Ich möchte recht viel Lärm machen, singen, laut sprechen, um dieses Gefühl der Einsamkeit zu bemeistern.«

»Sie sind ein prosaischer Mensch, Lord«, scherzte das Mädchen weiter. »Gerade in dieser Einsamkeit liegt Poesie. Sehen Sie dort die Gipfel der Berge, wie sie ihr Haupt in den Wolken verbergen, sodass sie wie abgeplattet aussehen, die dampfenden Nebel, wie sie sich langsam aus den Schluchten erheben, und die Bergriesen immer mehr einhüllen! Ist das nicht schön?«

»Nein, es ist traurig.«

»Sie sind nüchtern, Sie haben keine Phantasie!«

»Und doch besitze ich solche!«, entgegnete der Lord. »Jene Berge dort, die ihre Häupter zum Himmel emporstrecken, sind große Menschen. Aus den Schluchten steigen die Nebel, welche Neid, Missgunst, Bosheit, Lug und Schmähungen repräsentieren, und umhüllen die Riesen, welche es wagen, sich über die Anderen zu erheben.«

Erstaunt sah Jessy den Lord von der Seite an.

»Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut«, rief sie, »es ist das erste Mal, dass ich an Ihnen eine poetische Ader entdecke.«

»Das erste Mal?«, sagte Lord Hastings.

»Ja, das erste Mal. Offen gestanden, ich habe Sie bis jetzt immer für einen nüchternen und prosaischen Menschen gehalten, der für Poesie nicht den geringsten Sinn besitzt.«

»Dann haben Sie sich immer geirrt, Miss«, entgegnete Hastings. »Es gibt wohl keinen Menschen, der so für romantische Poesie schwärmt, wie ich.«

»Wirklich?«, rief Jessy überrascht, »Nun ja, ich weiß, dass Sie Abenteuer lieben, wie alle die Herren des ›Amor‹ und wie wir Vestalinnen ja auch, aber Lust zu Abenteuern ist noch keine poetische Schwärmerei.«

»Und doch bin ich ein solcher poetischer, romantischer, schwärmerischer Mensch, wie Sie sagen«, behauptete Hastings. »Mein ganzes Sinnen und Trachten ist darauf gerichtet, diese Neigungen zu befriedigen. Aber in dieser Welt ist es nicht mehr möglich. Sie ist prosaisch, nicht ich.«

»Wieso? Noch immer gibt es Menschen, welche sich als Helden zeigen. Denken Sie an die Kriege, kommen da nicht Beispiele vor, dass Männer Taten vollführen, welche denen der alten Helden nicht nachstehen?««

»Diese sind vom Glücke begünstigt worden. Ich habe noch nie Gelegenheit gehabt, meinen sehnlichsten Wunsch befriedigen zu können. Ich bin als Offizier mit einer Expedition nach Brasilien geschickt worden, ich hoffte auf Kampf, träumte von Sieg und Ehre, aber kaum setzte ich meinen Fuß aufs Land, so wurde der Friede proklamiert. Ein Jahr war ich dort. Ich trank viel Kaffee, rauchte viel Zigaretten, spielte Karten, schlief des Mittags regelmäßig drei Stunden, und als ich nach der Heimat zurückkehrte, wurde ich von meinen Bekannten wie ein Held empfangen. In der Tat, ich hatte in Brasilien viele Moskitos und Fliegen totgeschlagen.«

Miss Murray musste über die Ironie des Lords lachen.

»Was für ein Leben wünschen Sie sich denn? Am Kampfe zwischen zwei Nationen beteiligt zu sein oder gegen aufrührerische Eingeborene zu kämpfen?«, fragte sie dann.

»Das ist alles nichts mehr«, war die Antwort. »Im Kriege wird jetzt mehr mit der Feder gekämpft, als mit dem Schwerte, und was ist das für eine barbarische Grausamkeit, gegen nackte, mit Lanzen und Pfeilen bewaffnete Eingeborenen Maximgeschütze speien zu lassen? Nein, die Erde hat keinen Raum mehr für ein romantisches Gemüt, es wird nicht mehr befriedigt.«

»In welchen Verhältnissen wünschen Sie denn zu leben?«, wiederholte Jessy ihre vorige Frage in anderer Form.

»Ich?«, rief Hastings, und sein Auge strahlte plötzlich vor Begeisterung. »O, ich möchte, ich lebte in jener Zeit, da man, in stählerne Rüstungen gehüllt, das schwere Schwert in beiden Händen, Brust gegen Brust mit dem Gegner kämpfte. Da gab es noch keine Kugel, welche hinterlistig in den Rücken des Streitenden drang, Schwert klirrte gegen Schwert, die Streitaxt sauste auf das helmbedeckte Haupt, die eiserne Keule zertrümmerte des Feindes Schild, und lag er von wuchtigem Schlage zu Boden gestreckt, so hing man seine Rüstung an die Wände des Prunksaales und erzählte in alten Tagen seinen Kindern von den bestandenen Taten und lehrte sie, wie sie die Waffen zu schwingen hatten, um es einst ihren Vätern gleichzutun, und neue Trophäen zu erkämpfen.«

Immer erstaunter hatte Miss Murray dem begeisterten Lord zugehört, sie hatte ihn noch nie so gesehen.

»Wirklich, Lord«, rief sie dann, »ich habe Sie verkannt, als ich Sie für eine prosaische Natur hielt! Aber Sie haben recht, ein romantischer Hauch wehte durch das Mittelalter, in dem stolze Sitten herrschten. Jeder, der nur einigermaßen Sinn für Romantik hat, wird davon angeheimelt. Kam auch oftmals Rohheit vor, im großen und ganzen waren die Männer doch von einem ritterlichen Geiste beseelt. Mit viel Vergnügen habe ich das französische Ritterleben studiert, aber auch Ihr England ist ja so reich an Gestalten, zu denen man Sympathie fasst. Was sind die Männer von heute gegen jene von damals, wenn sie die Dame ihres Herzens gefunden hatten und derselben ihre Liebe gestehen wollten! Jetzt zwängen sie sich in einen Frack, ziehen weiße Glacéhandschuhe an, setzen den Zylinder auf, fragen erst die Eltern, ob sie vielleicht gestatten, mit der Tochter in Verbindung zu treten, schicken dann ein Bouquet mit parfümduftendem Billet und so weiter. Aber damals! Da fragten sie ihre Angebetete, was sie zum Beweise ihrer Liebe verlangte, auf ihr Geheiß kämpften sie gegen Riesen, Zwerge und Drachen, der Schwache scheute nicht den Stärkeren, wenn es galt, ihn als Nebenbuhler zum Zweikampf herauszufordern, und lag er sterbend am Boden, so galt der letzte Blick seiner Geliebten; ging er aber durch seine Fechtkunst, durch die Geschicklichkeit, mit welcher er das gepanzerte Ross gezügelt hatte, als Sieger aus dem Strauße hervor, so kniete er vor seiner Dame nieder und ließ sich von ihrer zarten Hand den Ehrenkranz auf die Locken legen, und der leise Druck der Finger sagte ihm mehr als tausend Worte. Da wachte der Mann noch Tag und Nacht über seine Geliebte, er stand vor ihrem Fenster und brachte ihr seine Lieder, er trat für ihre Ehre mit seinem Leben ein und ebnete ihr den Weg, dass ihr Fuß an keinen Stein stieß.«

Ein mächtiger Felsblock versperrte den Weg, zu groß, als dass die Führer hätten darüber hinwegspringen können, sie waren langsam über ihn gestiegen, und dasselbe hätten jetzt die beiden Europäer auch tun müssen.

Da bückte sich Hastings plötzlich, fasste den wohl zwei Zentner schweren Block mit beiden Händen, hob ihn hoch empor und schleuderte ihn, wie einen Spielball durch die Lüfte in den Abgrund hinunter.

Donnernd schlug der Block an die Felswände, immer schneller prallte er von Wand zu Wand, bis er auf den Grund der Schlucht anlangte, aber noch lange hallte das Echo des Donners zwischen den Bergen nach.


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Hochaufgerichtet stand Lord Hastings vor der Dame und schaute ihr fest in die Augen.

Jessy konnte den Blick nicht ertragen, eine plötzliche Purpurröte übergoss ihr Gesicht; sie senkte die Augen, von einer namenlosen Verwirrung beherrscht.

»Mein Gott«, brachte sie endlich stammelnd hervor, um wenigstens das drückende Stillschweigen zu brechen, »woher haben Sie diese übermenschliche Kraft?«

»Sie ist mir angeboren«, entgegnete der Lord stolz, seine mächtige, herkulische Gestalt noch höher emporreckend, »in meinen Adern fließt das Blut der Plantagenets.«

»Plantagenets?«, wiederholte Jessy sinnend, ihre Verlegenheit bemeisternd und den Weg wieder aufnehmend. »Jenes französischen Geschlechts, welches einst auf dem Throne Englands saß?«

»Es ist so«, entgegnete Lord Hastings; »stammte ich väterlicherseits von ihm, so hätte ich Anspruch auf den Königsthron — aber die direkte männliche Nachkommenschaft ist ausgestorben. Sie kennen den berühmtesten der Plantagenets, jenen Helden, der in Vers und Lied von uns besungen wird, den König Richard Löwenherz. Er ist mein Ahne.«

»Wie?«, rief Jessy, abermals stehen bleibend und den Lord mit der markigen Gestalt, den offenen Zügen, den treuen, blauen Augen und den langen, blonden Locken erstaunt betrachtend. »So sind Sie ein Nachkomme jenes Helden, der uns Schulmädchen wie ein Halbgott im Wachen und Träumen vorschwebte, als uns seine Geschichte erzählt wurde? Ja, nun verstehe ich Sie, nun begreife ich Ihre Sehnsucht nach romantischen Abenteuern. Ein Enkel dieses gewaltigen Helden kann keine anderen Gefühle besitzen. Wissen Sie auch, Lord, dass Sie von Miss Staunton immer Richard Löwenherz genannt werden, aber, meint das mutwillige Mädchen, Sie dürfen mir die Bemerkung nicht übelnehmen, Lord«, fügte Jessy lächelnd hinzu, »Sie wären nur ein zahmer. Doch ich bemerke es jetzt, dass Sie wirklich dem Richard Löwenherz vollkommen gleichen, wie ich ihn mir ausgemalt habe.

»Ich heiße auch Richard«, sagte Hastings einfach, durch die aufrichtige Bewunderung des Mädchens erfreut.

»Herrlich«, rief Jessy entzückt. »So ist Richard Löwenherz aus dem Grabe erstanden. Gott, was waren das für schöne Zeiten, als wir uns mit diesen Helden Englands beschäftigten. Wir träumten Tag und Nacht von ihnen, alle Bücher, Geschichten und Romane, die von ihm handelten, wurden mit wahrem Heißhunger verschlungen, und den ganzen Tag erklang das schöne Lied:


Du stolzes England, freue dich,
Dein König geht und kämpft für dich.


Mit heller Stimme ließ Jessy das alte, bekannte Lied durch die Berge hallen.

»Ich kann es noch gar nicht fassen«, sagte sie dann und blickte den jungen Hünen an. »So sind Sie wirklich ein Nachkomme von Richard Löwenherz?«

»Wirklich, er ist mein Urahn gewesen.«

»Und Sie könnten Ansprüche auf den Thron von England machen? Ich glaubte immer, die Plantagenets wären ganz ausgestorben.«

»Sie sind es auch«, entgegnete der Lord lächelnd. »Wie ich schon sagte, stamme ich mütterlicherseits von diesem Geschlechte ab. Aber könnte ich auch Ansprüche erheben, ich würde es nicht tun, es machte mir keine Freude, auf dem Throne von England zu sitzen.«

»Warum nicht?«

»Weil, weil —«

Der Lord schwieg verlegen. Jessy schaute ihn groß an.

»Warum nicht?«, wiederholte sie.

»Weil ich mich nicht zum Herrscher eigne«, sagte Hastings kurz. »Doch der Führer dort wartet auf uns«, fuhr er schnell fort, »er scheint uns etwas sagen zu wollen.«

Jessy hatte nicht Zeit, darüber nachzudenken, was Lord Hastings erst hatte sagen wollen, eine Ahnung war plötzlich in ihr aufgestiegen und hatte ihr das Blut in die Wangen gejagt.

»Wie lange haben wir noch bis zum Gipfel des Mount Cook zu marschieren?«, fragte Hastings den Maori, welcher hinter den übrigen Führern zurückgeblieben war und auf sie gewartet hatte.

Der Felsenweg wand sich hier in unzähligen Krümmungen hin und her, sodass man die Nachkommenden, welche aufgehalten worden waren, nicht sehen konnte.

»Noch drei Stunden«, antwortete der Maori und setzte dann mit schlauem Lächeln hinzu: »Aber ich, nur ich, weiß einen näheren Weg, er geht gleich hier ab.«

Hastings verstand, der Eingeborene wollte außer seinem Führergeld noch einen besonderen Lohn haben, wenn er diesen Weg zeigte.

Der Lord überlegte, ob er dem Burschen trauen sollte. Aber sie hatten ja nichts von ihm zu fürchten, und da nahm Miss Murray das Wort.

»Führt der Pfad auch nach derselben Spitze, wohin wir wollen?«, fragte sie erst.

»Nach derselben, wohin auch dieser Weg führt. Aber er ist bedeutend kürzer, nur nicht so bequem.«

»Das ist uns gleich. So führe uns denn, aber nur uns! Lord Hastings«, wandte sie sich an diesen, »wir nehmen diesen Weg, der uns schneller hinbringt, und bereiten in dem Häuschen, das sich oben befinden soll, schon alles für die Nachkommenden vor. Wie sollen die staunen, wenn sie schon Feuer, heißes Wasser und so weiter vorfinden!«

Der Eingeborene belud sich auf Geheiß des Mädchens mit einigen Bündeln Holz, einem Kessel und Wasserschlauch — ein großes Silberstück machte ihn zu allem willig, wartete noch, bis seine Kameraden um die Ecke verschwunden waren, und bog dann schnell zur linken Hand in eine schmale Spalte ein. Die beiden folgten ihm.

»Wir haben nichts zu fürchten«, meinte Jessy, »wenn wir auch allein dem Führer folgen. Was sollte er uns beiden anhaben können? Auch macht er auf mich den Eindruck eines ehrlichen Menschen. Außerdem, was sollte mir denn zustoßen, wenn ein Richard Löwenherz bei mir ist, der mit Felsblöcken, wie mit Fangbällen wirft?«

Lord Hastings lächelte leicht zu dieser Bemerkung, er fühlte sich doch etwas geschmeichelt durch die Bewunderung, welche ihm die junge Dame entgegenbrachte.

Die Spalte erweiterte sich sofort wieder und führte dann auf einen Weg auf der anderen Seite der Felswand, der weniger Krümmungen beschrieb, aber viel steiler emporstieg und so also schneller zum Ziele, dem Gipfel des Berges, führen musste.

Jetzt befanden sie sich schon in der Region des ewigen Schnees, die hochstehende Sonne hatte nicht mehr die Kraft, denselben zu schmelzen. Aber, obgleich das Thermometer unter dem Gefrierpunkt stand, empfanden die beiden die Kälte nicht. Das Ersteigen des steilen Weges brachte das Blut in schnelleren Umlauf, ja, es trieb ihnen sogar Schweißtropfen auf die Stirn.

Sie bereuten nicht, den beschwerlicheren Weg gewählt zu haben, der nach Aussage des führenden Eingeborenen nur sehr wenigen bekannt war. Hatte man vom vorigen die Aussicht auf eine Gebirgslandschaft genießen können, so gestattete dieser hier einen Blick auf das Meer, und der war bei weitem schöner.

Man musste schon hoch, sehr hoch gestiegen sein. Die Häuser unten auf dem Plateau waren kaum noch zu erkennen, die auf dem Meere fahrenden großen Schiffe glichen Kinderspielzeugen, und die Fischerboote hoben sich nur wie dunkle Punkte von der glänzenden, spiegelglatten Wasserfläche ab.

Schon über eine Stunde waren sie schweigend nebeneinander den Weg emporgeklommen, ganz in den Anblick der wunderbaren Naturbilder versenkt. Endlich unterbrach Lord Hastings durch eine Frage an den Eingeborenen das Schweigen.

»Wie lange haben wir noch zu gehen?«

»Keine Stunde mehr«, war die Antwort.

Durch diese Unterbrechung der sonst willkommenen Stille wurde auch Jessy wieder zum Sprechen veranlasst. Sie musste sich inzwischen fort und fort mit dem beschäftigt haben, über das sie sich schon vorhin unterhalten hatten, denn sie fing wieder von den alten Rittern an, besonders von Richard Löwenherz und dessen Taten.

Lord Hastings war mit dem Leben seines Vorfahren wohl vertraut. Er wusste nicht nur alle jene Geschichten, welche über den Helden erzählt werden, er konnte dem lautlos lauschenden Mädchen noch eine Unmenge von interessanten Tatsachen aus den Fahrten und Abenteuern dieses ritterlichen Königs mit dem löwenkühnen Herzen berichten.

Er schilderte, wie Blondel, sein Sänger und Liebling, Richards unfreiwilligen Aufenthaltsort entdeckt hatte, er sang dem Mädchen mit tiefer, schöner Bassstimme jenes altfränkische Lied vor, mit welchem der Troubadour dem im Turmzimmer gefangenen Löwen seine baldige Befreiung verkündete, plötzlich aber brach er ab und schaute seine Begleiterin an.

Jessy war in Tränen ausgebrochen.

»Was fehlt Ihnen, Miss?«, fragte er bestürzt.

»Nichts, nichts«, stieß Jessy hervor und wischte, unwillig über die Tränen, mit dem Taschentuch die Augen, »fahren Sie fort, bitte.«

Hastings sang das Lied zu Ende.

Da nahm Jessy plötzlich seine Hand und drückte sie leise.

»Verzeihen Sie, Lord«, flüsterte sie, noch immer unter Tränen, »o, wir alle haben Ihnen unrecht getan. Ich habe nie eine Ahnung davon gehabt, wie es in Ihrem Innern aussieht, jetzt aber weiß ich es. Wer hätte auch gedacht, dass in Ihrem Herzen ein so großer Reichtum von Phantasie und Gemüt verborgen liegt!«

»Aber Miss«, unterbrach sie Hastings scherzhaft, »Sie übertreiben! Ich weiß recht wohl, dass ich für einen griesgrämigen Menschen gehalten werde, nun, ich bin es auch, aber das kommt nur daher, weil ich nicht in diese Welt passe. Wäre ich ein paar Jahrhunderte eher geboren, ich glaube, ich wäre ein ganz tüchtiger Ritter geworden.«

»Sie machen sich selber schlecht«, sagte aber Jessy, »Ihnen fehlt nur ein Feld, wo Sie Ihre Tatkraft zeigen können. Wären Sie Offizier, da, wo der Kampf noch einen Mann erfordert, so würden Sie Gelegenheit haben, sich als ein Nachkomme des Richard Löwenherz zu beweisen.«

Hastings schüttelte den Kopf.

»Nein, ich passe nicht für den Krieg«, sagte er, »wenigstens nicht für den, wie er jetzt auf der Erde geführt wird; ich bezeichne einen solchen als Schlächterei. Einen Gegenstand aber möchte ich haben, für den ich wirken und schaffen könnte, wie sich ihn die Troubadours und Ritter früherer Zeiten erwählten, ohne den ihr Leben keinen Zweck hatte.«

»Ja, so wie Richard Löwenherz«, entgegnete Jessy, »an der Spitze einer Nation stehen und durch seine eigene Person dem ganzen Volke ein Vorbild geben. Ich möchte, Sie hätten Ansprüche auf den Thron. Sie würden dieselben gewiss geltend machen.«

»Ich würde es nicht tun.«

»Warum nicht? Sie sagten vorhin, Sie möchten nicht König sein, weil Sie nicht zum Regenten passten. O, das ist kein Grund, es haben schon Könige ihr Volk beglückt, welche nicht mit Ihnen zu vergleichen waren.«

»Sie schmeicheln. Ich habe Ihnen aber vorhin nicht den wahren Grund gesagt, warum ich gerade kein König von England sein möchte. Er ist ein anderer.«

»Welcher?«, fragte Jessy gespannt

»Weil es mir dann nicht möglich gewesen wäre, auf dem ›Amor‹ die ›Vesta‹ zu begleiten, und ich somit nicht Gelegenheit gehabt hätte, Sie kennen zu lernen, Miss Murray.«

Es war das dritte Mal, dass das junge Mädchen, seit sie mit dem Lord allein war, bis an die Haarwurzeln errötete.

Sie wandte sich von ihm ab, dem Meere zu, und spielte verlegen mit dem Taschentuche.

Da fasste er ihre Hand.

»Miss Murray«, flüsterte er mit tiefer, weicher Stimme in ihr Ohr, »zürnen Sie mir, dass ich dies gesagt habe?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Zürnen Sie mir?«

»Nein«, flüsterte Jessy.

Der vorausgehende Maori merkte nicht, dass die beiden zurückblieben, dass der Mann den Arm um des Mädchens Taille schlang und seinen Mund dicht an ihr Ohr legte, sodass seine Lippen es berührten.

»Jessy«, flüsterte er zärtlich, »sei du die Dame, ich will dein Ritter, dein Richard Löwenherz sein. Ich will auf dein Geheiß gegen Riesen und Drachen kämpfen, ich will für deine Ehre ins Turnier gehen, ich will dir die Steine aus dem Wege schleudern, dass sich dein Fuß nicht daran stößt. Sag, Jessy, was willst du, das ich für dich tun soll?«

Sie antwortete nicht. Die Hand auf das Herz gepresst stand sie wie eine Marmorsäule da, alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Nur das stürmische Wogen des Busens verriet, dass noch Leben in ihr war.

»Sag, Jessy, was heißt du mich tun?«, wiederholte Hastings zum zweiten Male.

Da plötzlich kehrte die Röte in die Wangen zurück, und mit ihr das Leben. Sie schlang beide Arme um den Nacken des Lords und legte das Köpfchen an seine breite Brust.

»Nichts weiter sollst du tun, als mich lieben!«, flüsterte sie.

Es war das erste Mal, dass man den sonst so stillen Lord aufjauchzen hörte. Wie ein Kind nahm er das Mädchen in die Arme, presste es an seine Brust und küsste wieder und wieder die rosigen Lippen.

»Du böser Mann!«, sagte Jessy endlich, als er sie vorsichtig wieder aus den Boden gesetzt hatte und ihr der unter der heftigen Umarmung schon ausgegangene Atem zurückgekehrt war. »Du böser Mann, wie lange hast du mich denn nun schon lieb und deine Liebe mit dir im stillen herumgetragen?«

Sie schlang wieder den Arm um seinen Hals und blickte mit feuchten Augen in die seinen.

»Wie? So wusstest du schon, dass ich dich liebe?«, fragte Hastings verdutzt, »Gegen niemanden habe ich mich ausgesprochen und mir nie etwas davon merken lassen!«

»Das Auge des Weibes ist in derartigen Dingen sehr scharfsichtig«, entgegnete Jessy schelmisch. »Nicht nur ich wusste es, auch andere machten allerlei Anspielungen.«

»Wer denn?«

»So zum Beispiel Miss Thomson, Miss Staunton.«

»Wie, sie wagten es, dir von meiner Liebe zu sprechen? Ist es unter euch Mädchen denn Brauch, mit solchen ernsten Sachen Scherz zu treiben?«

»Sie wussten ja, dass auch ich dich schon lange liebe, und sie sind doch meine Freundinnen.«

»Du liebst mich schon lange?«, rief Hastings erfreut und zog das Mädchen wieder an seine Brust. »Ich habe aber doch niemals etwas davon gemerkt.«

»Weil ihr Männer eben blind seid.«

»Liebtest du mich da schon, als du mir von Balkuriri, dem Häuptlinge der Australneger, einen Speer durch den Hut jagen ließt?«

»Auch da schon«, lachte Jessy.

»Das war aber eine recht seltsame Art von Liebesgeständnis. Sie hätte mir unter Umständen das Leben kosten können.«

»O, pfui, Richard! Ich wusste ja, wie sicher der Häuptling, mein damaliger Vater, mit dem Speere umzugehen verstand. Ich hatte oft genug seine Geschicklichkeit im Werfen beobachtet.«

Plötzlich machte sich Jessy aus den Armen des Lords hastig frei.

»Der Maori sieht uns zu!«, flüsterte sie.

Der Eingeborene stand in einiger Entfernung, sich gemütlich auf seine Lanze stützend, und betrachtete mit pfiffigem Schmunzeln die Szene. Mit dem Packen auf dem Rücken nahm er sich wie ein buckliger Berggeist aus.

»Was schadet der?«, sagte Hastings. »Für ein Geldstück schweigt er. Gib mir deinen Arm, Jessy! So willst du also, dass unsere Liebe geheim bleibe?«

»Gewiss, gewiss!«, beeilte sich Jessy zu sagen, »Niemand darf davon erfahren. Um Gottes willen, wenn Ellen es wüsste! Ich schämte mich vor meinen Freundinnen und den Herren zu Tode.«

»Darin ähnelt ihr Mädchen euch alle«, lachte Hastings.

»Komm jetzt«, drängte Jessy, »wir müssen eilen! Es war ja unsere Absicht, die Nachkommenden mit Feuer und heißem Wasser zu überraschen, sodass sie sofort den Tee bereiten können. Richard, das wird eine herrliche Nacht hier oben! Wir haben Zelte mit, wollene Tücher und Decken in Unmasse, sodass uns nicht frieren wird. Hoch oben in den Wolken, erhaben über alle da unten liegenden Kleinlichkeiten, und mit dem Gedanken an dich, meine endlich gefundene Liebe, schlafen — Richard, das wird die schönste Nacht meines Lebens werden.«

Sie eilten dem Führer nach, und nicht lange dauerte es, so hatten sie den Gipfel des Mount Cook erreicht.

Derselbe bildete ein Plateau, auf dem bequem die dreifache Anzahl der zu erwartenden Personen Platz gefunden hätten. Zwischen zwei Felsblöcken befand sich eine roh aus Brettern zusammengezimmerte Hütte. Gott wusste, welche Reisenden sich diesen Luxus erlaubt hatten, auf den Rücken von Eingeborenen diese vielen Bretter hierherauf schleppen zu lassen, um in Bequemlichkeit eine Nacht zu verbringen.

Später erfuhr man durch einen der deutschen Seeoffiziere, dass hier einst eine zeitlang ein deutscher Gelehrter gehaust hatte, um über die Witterungs- und Temperaturverhältnisse Neuseelands genaue Forschungen anzustellen.

In der Hütte war nichts weiter vorhanden als eine Bank und ein aus Steinen zusammengesetzter Herd, aber mehr wollten die beiden auch gar nicht haben. Der Eingeborene wurde angewiesen, das Holz kleinzuspalten. Hastings und Jessy genossen erst den wundervollen Anblick, der sich ihnen von hier aus bot: auf zwei Seiten die imposantesten Gebirgsgruppen, im Osten grüne, blühende Landschaften und im Westen das gewaltige Meer.

Dann begaben sie sich in die Hütte, um das Holz aufzuschichten und ein tüchtiges Feuer anzumachen, während der Maori Vorbereitungen traf, dass seine nachkommenden Genossen sogleich die Zelte aufschlagen konnten.

Der arme Kerl, nur dürftig gekleidet, fror furchtbar, als er mit einem Stück Brett das Plateau von Schnee säuberte. Oft warf er einen sehnsüchtigen Blick nach dem Dache der Hütte, hoffend, dass aus dem den Schornstein vertretenden Loche bald eine dicke Rauchwolke herausdringen möchte, aber seine Hoffnung war vergeblich — das Plateau war schon rein gefegt, und noch zeigte sich kein Rauch.

Die Sache kam dem Maori bedenklich vor. Er ging nach der Hütte, öffnete die Tür und blickte hinein.

Da lag das Holz noch ebenso da, wie er es vorher hineingeworfen hatte, und die beiden Fremden saßen umschlungen auf der Bank.

»Soll ich das Feuer anmachen?«, fragte der Eingeborene.

»Nein, nein, ich wollte eben daran gehen«, erklang aus Jessys Munde die so sehr beliebte Entschuldigung.

»Frierst du?«, fragte sie dann den Lord.

»Wie soll ich frieren, wenn ich dich in meinen Armen halte«, entgegnete der Lord.

Da zuckte plötzlich Jessy zusammen und wollte sich freimachen. Eine Stimme war an ihr Ohr gedrungen. Aber Hastings hielt sie fest.

»Es ist Williams«, flüsterte er. »Wie in aller Welt kann er schon hier oben sein? Bleibe nur hier, von ihm haben wir nichts zu fürchten.«

»Prachtvoll«, hörten sie Williams Stimme rufen. »Kerl, das war ein großartiger Gedanke, dass du uns auf dem näheren Wege hierher geführt hast, so kann man doch wenigstens die Umgegend genießen, ohne von den anderen verdrängt zu werden.«

Also er war ebenfalls von einem Maori den nahen Weg geführt worden.

»Hier, Betty«, fuhr Charles fort, »12 350 Fuß über dem Meeresspiegel gebe ich dir einen Kuss, in solcher Höhe hast du noch niemals einen bekommen.«


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Draußen wurde ein lautes Schmatzen hörbar.

»Nun höre aber endlich auf, Charles«, hörte man Miss Thomsons lachende Stimme. »Du hast mich keine Minute unterwegs zu Atem kommen lassen.«

»Ja, natürlich, jeder Fuß höher hinauf musste doch durch einen Kuss markiert werden. Nun nimm das Holz, Betty, und mache dort in der Hütte ein Feuer an. Ich werde mich dann überzeugen, ob du es richtig gemacht hast, denn, wenn du kein Feuer anmachen kannst, muss ich dich erst in die Pension schicken, so heirate ich dich nicht. Alle Wetter«, unterbrach sie Williams, »hier ist ja schon der ganze Schnee weggeschaufelt — da steckt wohl jemand in der Hütte?«

Die Tür öffnete sich, und Williams erschien im Rahmen derselben, fuhr aber gleich wieder zurück.

»Entschuldigen Sie, meine Herrschaften«, sagte er, »ich habe nichts gesehen.«

»Betty«, rief er dann draußen, »gehe einmal mit einem recht feierlichen Gesicht in die Hütte und gratuliere. Und dann kannst du gleich fragen, ob die Bank bald frei wird.«

* * * * *

III.16. Die Wasserhose

Das Glück zürnte der ›Vesta‹. Ellen hatte gesagt, es sei ihnen bis jetzt immer günstig gewesen, und so stünde zu erwarten, dass es auch bei einer langen Reise den Vestalinnen treu bliebe. Diese Worte hatte Fortuna, die launische Göttin, übelgenommen; sie wollte den übermütigen Mädchen die alte Wahrheit beweisen, dass derjenige, der das Glück erwartet, vergebens darauf hofft. Fortuna sprach mit Äolus, dem Gott der Winde, und der war ihr willfährig.

Sein Machtgebot erscholl; gehorsam hörte der Nordwind auf zu wehen, mit dem die ›Vesta‹ unter schwellenden Segeln den Hafen von Wellington verlassen hatte; der Ostwind löste ihn ab, und die Folge davon war, dass die Mädchen fortwährend kreuzen mussten und doch nur sehr langsam von der Stelle kamen.

Am dritten Tage musste dieser Wind seine Kraft erschöpft haben, er wurde immer schwächer und hörte schließlich ganz auf. Bewegungslos lag die ›Vesta‹ auf der spiegelglatten Wasserfläche; nicht einen Zoll kam sie von der Stelle, ebenso der ›Amor‹, in einer Entfernung von einigen hundert Metern, sodass man die Personen auf ihm mit einem guten Fernrohr erkennen konnte. Der gleichzeitig abgefahrene ›Blitz‹ war außer Sicht gekommen.

Lord Harrlington hatte sich erboten, die ›Vesta‹ von dem ›Amor‹ schleppen zu lassen, aber eine abschlägige Antwort erhalten. Die Vestalinnen wollten einmal die wohltätige Ruhe einer Windstille erleben.

Es war auch wirklich schön: das Meer so glatt, der Himmel so blau und die Sonne warm, aber nicht drückend. Kein Lüftchen bewegte sich; eine Flaumfeder schwebte senkrecht auf das Deck nieder.

Vier Tage dauerte die Windstille, innerhalb einer Woche konnte die ›Vesta‹ also fast gar keine Reiseroute aufweisen, die paar tausend zurückgelegter Meter waren nicht zu rechnen.

Die Damen beschäftigten sich fast den ganzen Tag nach ihrem Belieben. Zu tun war nichts, denn die ›Vesta‹ war ja frisch gemalt und mit neuer Takelage aus dem Dock hervorgegangen. Man las, musizierte, angelte, arrangierte Spiele und unterhielt sich; Langeweile konnte unter den jungen Mädchen nicht aufkommen, und wenn die Windstille noch so lange gedauert hätte.

Die befreundeten Mädchen saßen im Schatten eines Sonnensegels an Deck und unterhielten sich über die schrecklichen Zustände, welche eine langanhaltende Windstille unter der Besatzung eines Segelschiffes bewirken kann. Miss Nikkerson hatte eben in einem Seeroman eine Windstille geschildert gefunden und erzählte ihren Freundinnen das Gelesene.

Einem Segelschiff drohte der mitgenommene Vorrat an Trinkwasser auszugehen, schon war die Mannschaft auf halbe Rationen gesetzt worden, alle Speisen, welche mit Wasser gekocht werden mussten, wurden vermieden, an Waschen in Süßwasser war nicht zu denken — in Salzwasser kann man nicht mit Seife waschen — und die Stunden und Minuten wurden ausgerechnet, nach denen man bei dem schwachen Winde den nächsten Hafen zu erreichen hoffen könnte. Da hörte auch dieser auf, eine vollkommene Windstille trat ein.

Die halben Rationen wurden in Viertel verwandelt, sie reichten schon nicht mehr aus, den Durst der von der Sonne fast gebratenen Matrosen zu stillen, sie murrten gegen den Kapitän, denn sie wussten wohl, dass die beiden Fässer am Eingange zu seiner Kajüte noch mit Trinkwasser gefüllt waren. Aber der Kapitän wollte diese noch nicht angreifen lassen, er und seine ihm treu ergebenen, wie auch vernünftigen Offiziere hüteten sie, wie einen Schatz und ließen sie Tag und Nacht nicht aus den Augen, denn schon hatte man von den Matrosen Andeutungen gehört, dass sie nicht neben einem vollen Wasserfass verschmachten wollten.

Schließlich waren die Mannschaftsfässer leer, die Windstille währte fort, und der Kapitän musste die beiden letzten Fässer dem Gebrauch übergeben. Er war ein gerechter Mann, aber er musste sich den Matrosen gegenüber grausam zeigen, will er ihr Leben und das seinige retten — das Wasser wird in noch kleineren Quantitäten ausgegeben; kaum genügt es noch, den trockenen Gaumen zu erfrischen.

Mit bleiernen Gliedern, glanzlosen Augen und furchtbar aufgesprungenen Lippen liegen die Matrosen an Deck herum, nicht mehr energisch genug, den glühenden Strahlen der Sonne aus dem Wege zu gehen. Ihr einziger Blick gilt den beiden Wasserfässern dort hinten, und ihr einziger Gedanke ist, trinken, trinken und trinken! Davon träumen sie Tag und Nacht, im Schlafe vermeinen sie, sie badeten sich in frischem Wasser, und in vollen Zügen könnten sie das köstliche Nass hinunterschlürfen; erwachen sie dann, so verzehrt sie ein brennender Durst. Die Schwächeren bekamen schon Anfälle von Delirium.

Und dort hinten stehen die Fässer, genug Wasser enthaltend, um noch einmal völlig den Durst löschen zu können. Was kümmern sich die Verschmachtenden darum, was später erfolgt, jetzt, gerade jetzt wollen sie Wasser haben!

Die Matrosen bedenken nicht, dass der Kapitän und seine Offiziere ebenso leiden, wie sie selbst; sie sehen in ihnen nur Tyrannen, welche ihnen das Wasser vorenthalten, mit eiserner Entschlossenheit, unerschüttert durch eigenen Durst. Demjenigen, der mit wildem Blick an sie herantritt und mit frechen Worten mehr Wasser fordert, wird kaltblütig der Revolver entgegengehalten.

»Greif die Pumpe an, und du bist eine Leiche!«

Diese Worte erklingen stündlich aus dem Munde des Kapitäns; nur denen, welche wirklich vor Wassermangel dem Tode nahe sind, gestattet er eine größere Ration; er kann sogar freigebig damit umgehen, gilt es, ein Leben zu retten.

Unter den Matrosen entsteht ein leises Flüstern, mit geballten Fäusten und rotunterlaufenen Augen hocken sie in Gruppen zusammen.


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»Wenn der Kapitän mit dem ersten Offizier in die Kajüte geht, um die Lage zu berechnen, und der zweite Steuermann die Fässer allein bewacht, dann ist es Zeit. Gebt acht auf den Pfiff«, so geht es von Mund zu Mund, und die Zunge leckt schon gierig über die Lippen, welche sich bald mit frischem Wasser benetzen sollen.

Der Kapitän nimmt mit dem ersten Steuermann die Sonne auf und geht dann in die Kajüte, um auszurechnen, ob das Schiff nicht von einem günstigen Strom erfasst worden ist, der es dem Lande zuführt. Der zweite Steuermann, die Hand in der Tasche, in welcher der Revolver steckt, sitzt auf einem der Wasserfässer.

Da wird er plötzlich von hinten mit der Kraft der Verzweiflung umschlungen, er liegt überwältigt an Deck, und gleichzeitig springen die Meuterer nach der Kajütentreppe, um die beiden Offiziere ebenfalls unschädlich zu machen.

Aber diese haben bereits durch das heftige Laufen und Stampfen an Deck gemerkt, dass nicht alles richtig ist; ahnungsvoll eilen sie nach oben und treffen, aus der Tür kommend, mit den Meuterern zusammen.

Sie können keinen Gebrauch mehr von Revolvern machen, wenn sie auch wollten; nach heftigem Ringen liegen sie gebunden an Deck.

Die Matrosen sind die Tyrannen los, wie eine Meute entfesselter, wilder Tiere stürzen sie jetzt nach den Fässern, ergreifen die Pumpen und wollen sich den köstlichen Inhalt gleich in den Mund fließen lassen, aber in ihrer Gier geht es ihnen so, wie den Haifischen, welche sich um eine Beute streiten.

Der Stärkere glaubt sich durch Kraft berechtigt, seinen Durst zuerst löschen zu können, schonungslos stößt er den Schwächeren von der Pumpe, aber auch er kommt nicht zum Trinken, denn zwei Schwache ziehen ihn, der schon den Mund unterhält, zurück, und das Wasser fließt nutzlos an Deck — es ist im verkleinerten Maßstabe ein Bild von der Gesellschaft, welche ohne jedes Oberhaupt leben zu können glaubt.

Über eine Stunde währt dieser Kampf um die Wasserfässer, dann sind sie leer. Aber die wenigsten haben etwas getrunken, die meisten gar nichts. Gesättigt ist niemand, und die ausgetrockneten Planken saugen begierig das ausgeflossene Wasser auf, welches die gierig lechzenden Zungen nicht mehr aufnehmen konnten.

Niemand hat darauf geachtet, dass die Sonne sich plötzlich verdunkelt hat, als zürne sie dem Treiben dieser Menschen, welche durch rohe Gewalt und nicht zu bändigende Leidenschaft die Vorsicht und Vernunft besiegt haben.

Erst ein greller Blitz, ein gewaltiger Donner und der durch die Takelage sausende Windstoß lassen die Matrosen die Augen aufheben, und jetzt erkennen die Unglücklichen, dass sie nur noch eine Stunde zu warten gehabt hätten, um nicht als Meuterer, sondern als freie und ehrliche Menschen weitersegeln zu können.

Der ganze Himmel ist mit einer schwarzen Wolke bedeckt, er öffnet seine Schleusen und sendet das ersehnte Nass in Gestalt von Regen herab — die Mannschaft ist vom Tode des Verschmachtens errettet.

Aber auch noch etwas anderes erblicken die Matrosen, was ihre Herzen mit Schrecken erfüllt. Dort segelt ein Kriegsschiff ihrer Nation heran, und dort liegen die mit Blut bedeckten Offiziere, von ihren eigenen Leuten gebunden. Sie durchschneiden die Banden der Gefesselten, werfen sich vor ihnen auf die Kniee und flehen um Gnade, bitten um Verzeihung, ja, halten selbst die Hände hin, um als Meuterer jenem Kriegsschiff dort ausgeliefert zu werden.

Der Kapitän gibt keinen Befehl, das Kriegsschiff heranzurufen, aber er ordnet an, über das ganze Deck große Segel auszuspannen und so den Regen aufzufangen, der bald alle Wasserfässer gefüllt hat.

Vergeben und Vergessen! Die Matrosen des Schiffes waren immer treue und brave Burschen gewesen, auf die sich der Kapitän in Gefahr verlassen konnte. Aber was ist jede andere Gefahr gegen das drohende Gespenst des Verschmachtungstodes? Ruhig segelt das Kriegsschiff vorbei, und mit strahlenden Augen und freudigem Herzen folgen die Matrosen den Befehlen des menschlichen Kapitäns, setzen die Segel und richten das Ruder des Schiffes, das sie bald dem nahen Hafen zuführen wird. —

»Schrecklich«, sagte Miss Thomson, als ihre Freundin die Erzählung geschlossen hatte. »Dieser Fall spielte in früheren Zeiten. Was meinen Sie, Miss Petersen, können solche Fälle auch jetzt noch vorkommen?«

»Warum nicht?«, antwortete die Gefragte. »Die jetzigen Segelschiffe führen auch nicht mehr Trinkwasser mit sich als früher, und auch jetzt kann es noch vorkommen, dass ein Schiff wochen, ja monatelang segelt, ohne einem anderen zu begegnen. Von der Größe des Meeres können wir uns eben keine Vorstellung machen. Jetzt liegen wir zum Beispiel schon drei Tage an dieser Stelle, welche noch eine ziemlich besuchte ist, und doch haben wir, außer dem ›Amor‹ noch kein einziges Schiff zu sehen bekommen.«

»Nun, bei uns kann ein solcher Fall, Gott sei Dank, nicht eintreten«, meinte ein anderes Mädchen, »die ›Vesta‹ ist ja auf ein Vierteljahr reichlich mit Trinkwasser versehen, und bis dahin würden wir doch ein Schiff erblicken, oder es würde einmal regnen.«

»Fordern Sie das Schicksal nicht heraus!«, sagte Ellen ernst. »Auf dem Meere kann man keine derartigen Rechnungen mit Bestimmtheit anstellen; der Wind, das Wetter und das Meer sind unberechenbar. Auch die Segelschiffe früherer Zeit waren immer reichlich mit Trinkwasser versehen. Dass damals solcher Wassermangel öfter eintrat, lag daran, dass sämtliche Wasserfässer an Deck angebunden lagen und es oft geschah, dass sie über Bord gespült wurden. Jetzt liegen die eisernen Tanks, in denen das Wasser aufbewahrt wird, im Zwischendeck, und die Gefahr ist somit verringert worden. Aber dennoch kommt es häufig vor, dass Besatzungen von Schiffen aus Mangel an Wasser zu Grunde gehen.«

Ellen hatte recht; Meer, Wind und Wetter sind unberechenbar, es können Ereignisse eintreten, welche man nicht für möglich hält, so unglaublich klingen sie. So kam im Jahre 1889 eine deutsche Barke mit fast schon verhungerter Mannschaft in Hamburg an, und doch war sie nur von Schottland nach Deutschland gesegelt. Zu dieser an sich kleinen Fahrt hatte sie nicht weniger als zwei Monate gebraucht, sie konnte kreuzen, wie sie wollte, stets drehte sich der Wind gegen das Schiff, es begegnete keinem anderen, das den ausgegangenen Vorrat an Lebensmitteln ersetzen konnte. Und wenn so etwas in der kleinen Nordsee passiert, wie leicht dann erst auf dem unendlichen Ozean!

»So lange der ›Amor‹ bei uns liegt, haben wir derartiges nicht zu fürchten«, ließ sich ein Mädchen vernehmen, »die Herren können mittels der Kessel Salzwasser destillieren und sich somit jede Quantität Trinkwasser verschaffen.«

»Da fällt mir eine andere Geschichte ein, welche der von Miss Nikkerson erzählten ähnelt«, nahm Ellen wieder das Wort. »Ein Steuermann, welcher selbst mit dabei war, hat sie mir erzählt. Die Geschichte ist eigentlich auch entsetzlich, aber sie hat einen humoristischen Ausgang, und diesen letzteren will ich besonders schildern, den ersten Teil hingegen nur flüchtig erwähnen.

»Ein englisches Segelschiff befand sich auf der Reise nach Rio, an der Ostküste von Südamerika. Das Wasser drohte ihnen auch auszugehen, aber sie befanden sich nicht mehr weit ab von ihrem Ziele und hofften, es bald zu erreichen. Da tritt jedoch Windstille ein, und die Leiden der Mannschaft beginnen, indem sofort nur halbe Wasserrationen vom Kapitän verabreicht werden. So, wie unsere Freundin eben geschildert hat, war es auch hier. Entsetzlich, ringsum von Wasser eingeschlossen zu sein, mit starrem Auge das Spiel der Fluten verfolgen zu können und doch zu wissen, dass es nicht trinkbar ist. Die Qualen des Durstes begannen sich schon zu zeigen, als in der Ferne zur unaussprechlichen Freude aller ein Dampfer auftauchte. Er fuhr dicht an dem Segelschiff vorüber, so nahe, dass eine Verständigung auch ohne Sprachrohr möglich war.

»Die Unglücklichen baten um Wasser, und was war die Folge dieses Wunsches? Kapitän und Mannschaft des brasilianischen Dampfers brachen in ein lautes Lachen aus.

»Nur ein einziges Fass mit Wasser«, flehten die englischen Matrosen, welche jene Brasilianer für grausame Menschen hielten, die für fremdes Elend kein Erbarmen hatten.

»Schöpft einen Eimer Wasser aus dem Meere, und trinkt euch satt«, rief der brasilianische Kapitän immer noch lachend.

»Eine solche Unmenschlichkeit konnten die Engländer nicht fassen, sie glaubten, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen.

»Tut nur so«, wiederholte der Kapitän des sich entfernenden Dampfers, »Ihr schwimmt auf süßem Wasser.«

»Ein englischer Matrose folgte endlich diesem Rate, ließ einen Eimer über Bord, füllte ihn mit Wasser und kostete — es war völlig trinkbar.

»Das Segelschiff befand sich nicht weit von der Mündung des Amazonenstromes«, schloss Ellen ihre Erzählung, »des mächtigsten Stromes der Erde. Er schickt seine Fluten meilenweit hinaus ins Meer, und so kommt es, dass, noch ehe das Land zu sehen ist, das Meerwasser nicht mehr salzig, sondern wirklich trinkbar ist. So wäre die Besatzung des Schiffes beinahe vor Durst verschmachtet, obgleich sie überall von trinkbarem Wasser umgeben war.«

Es wurden noch mehr ähnliche Fälle von Windstillen und damit verbundenen Gefahren erzählt, von denen die nicht die geringste ist, dass jeder Windstille gewöhnlich ein heftiger Sturm folgt.

»Sehen Sie dort«, rief Ellen und deutete nach Westen, »wie merkwürdig gelb sich der Himmel mit einem Male färbt! Wir bekommen einen ordentlichen Wind, vielleicht sogar Sturm; aber was schadet der, wenn er aus einer günstigen Richtung weht! Wir wollen dann die versäumte Zeit bald wieder eingeholt haben.«

»Aber dort im Osten sieht es ebenso schwefelgelb aus«, bemerkte Miss Nikkerson.

»Wirklich«, rief Ellen überrascht, »darauf hatte ich nicht geachtet.«

»Dann bekommen wir schließlich von beiden Seiten Wind«, meinte Hope Staunton.

»Der Fall kann auch einmal eintreten«, entgegnete Ellen, »aber wir wollen es nicht hoffen, denn dann treten immer heftige Wirbelwinde auf, welche den Schiffen sehr gefährlich werden können.«

»Wie ist das nur möglich, dass der Wind von zwei Seiten zugleich kommen kann?«, fragte ein Mädchen.

»Sehr einfach«, entgegnete Ellen, welche in solchen Sachen bewandert war. »Wenn auf eine windstille Gegend die Sonne lange gebrannt hat, so erhebt sich die heiße Luft infolge des physikalischen Gesetzes, dass die warme Luft leichter ist, als die kältere, es entsteht also ein Raum, in welchem Luft fehlt, und von den Seiten strömt kalte Luft hinzu. Sind nun zum Beispiel alle vier Seiten — man muss hier allerdings mit Entfernungen von Tausenden von Meilen rechnen — gleich kalt, so weht der Wind eben von allen vier Seiten zugleich, sonst aber strömt die Luft nur aus den kälteren Teilen zu. Im Mittelmeer zum Beispiel kann man sogar häufig beobachten, dass auf einer Seite Westwind, auf der anderen Ostwind weht, dass also zwei Schiffe mit vollen Segeln, beide mit dem Winde, aneinander vorüberfahren, und das oft in ganz geringem Abstande voneinander. Doch wir müssen Vorbereitungen treffen«, unterbrach Ellen ihre Erklärung und erhob sich von dem bequemen, mit Segeltuch überspannten Liegestuhl, »allem Anscheine nach bekommen wir bald Wind, vielleicht sogar sehr heftigen, und den wollen wir nach besten Kräften ausnutzen. Hoffen wir, dass es ein Westwind ist!«

Noch regte sich nicht das geringste Lüftchen, und doch zogen fern am westlichen Horizont schwere Wolken auf, und zwar mit einer Schnelligkeit, welche darauf schließen ließ, dass dort schon heftiger Wind wehte.

Alle hätten diese Erscheinung mit größter Freude begrüßt, versprach sie doch günstigen Wind, wenn nicht am östlichen Himmel dasselbe auch zu sehen gewesen wäre. Auch dort erschienen Wolken, leichte, aber desto mehr, und daher kam es vielleicht auch, dass sie noch schneller heranschwebten.

Eine aufregende Stimmung bemächtigte sich der Mädchen. Es war unheimlich, sich so zwischen zwei Winden, vielleicht sogar zwischen zwei Stürmen zu wissen, gegen welche alle Segelmanöver und Ruderwendungen nichts halfen. Leicht konnte es geschehen, dass dann das Schiff wie ein Spielball hin- und hergeschleudert wurde.

Auch die Temperatur hatte sich geändert. Es herrschte nicht mehr Hitze, sondern eine drückende Schwüle.

Ein Sturm selbst wäre den Vestalinnen lieber gewesen, als hier mitten zwischen zwei Stürmen, bewegungslos zu liegen — es war ein ganz unbeschreiblich beengendes Gefühl.

»Was geschieht dann, wenn beide Winde aus verschiedenen Richtungen zu wehen beginnen?«, fragte Hope die Kapitänin. »Sie können doch nicht beide gleichzeitig bestehen bleiben.«

»Nein, das können sie nicht«, entgegnete Ellen, »es ist wie überall in der Natur, selbst wie bei uns Menschen, der Schwächere muss dem Stärkeren weichen. Es wird ein förmlicher Kampf um die Herrschaft stattfinden, und wir wollen nur hoffen, dass der Kampfplatz nicht gerade hier gewählt wird, sonst kann es uns schlimm ergehen. Schön dagegen wäre es, wenn wir dem Ringen der beiden Winde um die Herrschaft aus sicherer Ferne zusehen könnten, es muss dies sehr interessant sein.«

Die Besatzung des ›Amor‹ hatte die Erscheinungen am Himmel ebenfalls bemerkt. Kapitän Harrlington ließ die Kessel heizen, und bald dampfte die Brigg an die ›Vesta‹ heran, welche noch immer bewegungslos dalag.

»Miss Petersen«, rief Harrlington hinüber, »wir bekommen Gegenwinde, welche stets von heftigen Wirbeln begleitet sind und sehr gefährlich werden können.«

»Ich weiß es«, entgegnete Ellen gelassen.

»Sollen wir in der Nähe der ›Vesta‹ bleiben?«

»Das können Sie tun, aber in gehöriger Entfernung, damit nicht eine Kollision zwischen den Schiffen erfolgt. Das wäre das Allergefährlichste.«

Harrlington dirigierte den ›Amor‹ wieder zurück und blieb in weiter Entfernung wieder still liegen; wie der dem Schornsteine entsteigende Qualm verriet, ließ er die Kessel weiterfeuern, um jeden Augenblick manövrierfähig zu sein.

Noch immer herrschte vollkommene Windstille, doch die Wolken kamen schnell näher, und jeden Augenblick war zu erwarten, dass ein heftiger Windstoß durch die Takelage pfiff, nicht allmählich, sondern plötzlich, der Vorbote des zu erwartenden Sturmes. Nun kam es darauf an, aus welcher Richtung er wehte.

Ellen ließ keine Segel setzen. Was hätten diese jetzt schon genutzt, da man nicht wusste, mit welchem Winde man es zu tun haben würde? Aber sie ließ alles vorbereiten, um die Rahen sofort zu richten und die Segel entfalten zu können.

Die Mädchen brauchten nicht mehr lange zu warten, die Entscheidung kam bald.

In der Ferne, vom Westen her, rollte mit riesiger Schnelligkeit eine Woge daher, nicht hoch, aber dafür so breit, als das Auge reichte.

»Hol an die Backbordbrassen!«, kommandierte Ellen, »Ruder hart Steuerbord, wir haben Gegenwind!«

Es war so, wie Ellen sagte. Noch ehe die Welle das Schiff hob und wieder senkte, hatte ein leichter Windstoß die von den Mädchen schnell entfalteten Segel erreicht, die ›Vesta‹ drehte gehorsam den Bug dem Norden zu und nahm die Fahrt auf. Der ersten Woge folgten unzählige andere, und mit ihnen setzte ein Windstoß nach dem anderen ein, aber sie kamen aus der Richtung, wohin die ›Vesta‹ wollte, aus Osten, und blieb der Wind so, dann hatte die ›Vesta‹ wieder unablässig zu kreuzen, kam also nur sehr langsam von der Stelle.

»Noch kann es sich ändern«, rief Ellen. »Der Ostwind trifft noch mit dem Westwind zusammen; glücklicherweise ist der Zusammenstoß nicht hier erfolgt, sonst waren wir in den Wirbel gekommen. Seien Sie auf der Hut, noch ist die Gefahr nicht vorüber!«

Da plötzlich, wunderbar, hörte der eben noch so starke Wind wieder auf; wie durch einen Zauberschlag glättete sich das Meer; aber die Ruhe war eine unnatürliche, die Mädchen fühlten, was für ein gewaltiger Druck in der Atmosphäre herrschte, er benahm ihnen völlig den Atem.

Aber diese Stille war nur um sie herum; weit, weit in der Ferne, im Westen, war sie nicht vorhanden. Mit bloßen Augen konnten die Mädchen erkennen, wie die beiden entgegengesetzten Winde, wie Giganten, um die Herrschaft rangen.

Dort war das Meer keine ruhige Fläche mehr, es schäumte, kochte und brodelte überall, wie in einem Höllenschlund, der Gischt schlug bis zum Himmel empor, für das menschliche Auge gar nicht mehr erreichbar, und in diesem Wasserschaum ließ die Nachmittagssonne Regenbogenfarben schillern.

Es war ein schönes Schauspiel für den, der die Gefahr nicht kannte, welche es in sich barg.

»Die Wirbel«, schrie Ellen, »sie nähern sich!«

Auf ihr Kommando stiegen die Mädchen wieder in die Takelage, die Brassen wurden gewendet, das Ruder gedreht und alles bereitgemacht, die entgegengesetzte Richtung einschlagen zu können, denn daraus, dass dieser Wasserstrudel sich ihnen langsam näherte, schloss Ellen, der Westwind habe die Herrschaft über seinen Nebenbuhler erhalten.

Wirklich, ein schwacher Windstoß kam schon aus Westen, und er genügte, der ›Vesta‹ die neue Richtung zu geben.

»Noch mehr solchen Wind«, rief Ellen freudig, »und die ›Vesta‹ fliegt wie eine Möwe davon. Dann mögen die Wirbel kommen, sie können uns nicht mehr erreichen.«

Ihre Freude war eine voreilige.

Wohl setzte jetzt ein gleichmäßiger, wenn auch schwacher Westwind ein, der die ›Vesta‹ vor sich hertrieb, aber der inzwischen näher gekommene Wasserbrodel zeigte sich noch immer, ein Zeichen, dass der Kampf der beiden Winde noch immer nicht ausgefochten war.

Der Ostwind setzte alle seine Kräfte daran, den Nebenbuhler zu verdrängen, aber sichtlich musste er diesem weichen.

Da plötzlich ballte sich jener gleich Wasserdämpfen anzusehende Gischt zu einer kompakten Masse zusammen, der ganze Brodel konzentrierte sich auf einen Punkt; alles drehte und kreiste wie ein Strudel, und mit einem Male entstand eine Säule, aus Wasser zusammengesetzt, sie wuchs und wuchs immer höher und höher, bis sie in den Wolken zu verschwinden schien — die Wirbelwinde hatten eine Wasserhose erzeugt, jenes rätselhafte Gebilde, welches sich wie eine Säule über der Meeresfläche halten kann.

Aber die Wasserhose blieb nicht stehen.

Der Westwind hatte gesiegt; er behielt das Feld; der Ostwind war zurückgedrängt und hatte plötzlich aufgehört.

Mit furchtbarer Gewalt kam jetzt der Westwind einhergebraust, und vor sich her trieb er die Wasserhose, die sich mit entsetzlicher Schnelligkeit gerade auf die ›Vesta‹ zu bewegte. Wohl zehn Meter unten im Durchmesser, nach oben zu sich verjüngend, die in den Wolken befindliche Spitze weit vornüber geneigt, aber vom Druck des Windes doch noch gehalten, so durchrollte sie die 1000 Meter Entfernung, welche sie noch von der ›Vesta‹ trennte.

Wohl jagte das Schiff, wie von Furien gepeitscht mit bis zum Bersten geschwellten Segel dahin, aber es war doch unfähig, dem Ungetüme zu entgehen, das es mit dem Untergang bedrohte.

Das Meer zeigte wohl hohe Wellen, aber im Gegensatz zu der Wasserhose erschienen sie klein.

»Die Geschütze nach hinten«, schrie Ellen.

Eiligst kamen die Mädchen der Aufforderung nach; auf der schwankenden ›Vesta‹ wurden die Revolverkanonen nach hinten geschafft und schon unterwegs geladen.

Es ist ein altes Mittel, mit dem sich die Seeleute gegen eine sie bedrohende Wasserhose wehren, indem sie mit Kanonenkugeln auf die Säule schießen; es gibt nichts anderes, um sie zu zerstören. Es gelingt zwar nicht immer, sie durch die Lufterschütterung zum Zusammenstürzen in sich selbst zu bringen — aber Ellen wollte es doch versuchen, obgleich die kleinen Granaten wenig Erfolg versprachen. Höchstens, dass mit vollen Kugeln die selbe Wirkung erzielt wurde.

Noch waren die Revolverkanonen nicht aufgestellt worden, als schon von dem gleichfalls unter vollen Segeln fahrenden ›Amor‹ Schüsse fielen.

Noch zeigte sich keine Wirkung, näher und näher kam das unheimliche Wassergebilde, die ›Vesta‹ mit sicherem Untergange bedrohend, da aber knallten auf beiden Schiffen mehrere Kanonen gleichzeitig, die Spitze der Wasserhose senkte sich, sie fiel herab, und im nächsten Augenblicke stürzte die Säule zusammen.


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Wohl wallte das Meer ungeheuer auf, die ›Vesta‹ wurde erst auf einen Berg von Wogen gehoben und dann wieder in ein Tal geschleudert, aber die Gefahr war vorüber.

Mit der Wasserhose zugleich war ein noch stärkerer Wind herangekommen, der die Säule vor sich hergetrieben hatte — aber er war doch kein Sturm zu nennen — der günstigste Wind, den sich die Vestalinnen hätten wünschen können, denn er gestattete, mit allen Segeln zu fahren, und kam direkt von hinten.

Ellen war außer sich vor Freude.

Jeder Lappen Leinwand wurde beigesetzt, die Masten und Rahen ächzten unter der schweren Last; das Schiff flog wie eine Seemöwe über die schäumenden Wogen, oft schien es förmlich aus dem Wasser herauszuspringen.

»Wir fahren schneller, als der ›Amor‹«, rief Ellen, »er kann uns selbst mit Hilfe der Maschine nicht folgen. Seht, wie er sich anstrengt!«

Auch der ›Amor‹ fuhr mit allen Segeln, und dem dicken Rauche sah man an, wie sehr die Heizer unten die Kessel feuern mussten, aber er war an Fahrgeschwindigkeit doch nicht diesem schlanken Vollschiff gewachsen, das in seiner ganzen Bauart nur auf Schnelligkeit berechnet war, wenigstens nicht unter diesen Verhältnissen.

Wie es manchem Kapitän ärgert, wenn er seinen Dampfer von einem Segler überholt sieht, so auch hier. Unwillig sahen die Herren, wie die ›Vesta‹ gleich einem Pfeil an ihnen vorüberflog, und sie konnten doch nichts tun, die Schnelligkeit des ›Amor‹ zu vergrößern.

* * * * *

III.17. Eine Walfischjagd

Das Mädchen, welches die Stelle eines zweiten Steuermannes vertrat, meldete der Kapitänin: »73 Grad 14 Minuten.« Sie hatten soeben die untergehende Sonne aufgenommen und waren dabei von den anderen Vestalinnen mit gespannten Mienen beobachtet worden, war doch diesmal die Bestimmung der Lage besonders wichtig.

»Meine Damen«, wandte sich Ellen an die Umstehenden, »73 Grad westlich von Greenwich, wir haben somit die Aufgabe gelöst, um die Erde zu segeln, denn New York liegt auf demselben Grade.«

Die Mädchen brachen in ein Hurra aus, das Sternenbanner wurde gehisst und die Wimpel der ›Vesta‹ entfaltet. Schade, dass weder der ›Amor‹, noch ein anderes Schiff in der Nähe war, welches diesem Triumphe hätte beiwohnen können.

»Wo befinden wir uns jetzt?«, fragte ein Mädchen.

»Etwa 500 Meilen von Kap Hoorn, mitten zwischen SüdAmerika und den FalklandInseln.«

»Daher ist es auch so kalt hier«, klagte Hope und schlug die mit dicken Handschuhen bekleideten Hände zusammen. »Mitte Oktober, und alles mit Eis und Schnee bedeckt. Bei uns kann man sich um diese Jahreszeit noch im Freien baden, und hier stößt man schon auf Eisschollen.«

Die ›Vesta‹ befand sich weit im Süden, fast an der Grenze der kalten Zone, und ihr Aussehen hatte sich sehr geändert. Vor einigen Tagen hatten sie einen schweren Sturm durchzumachen gehabt, das Wasser war nicht nur fortwährend über Deck gespült, sondern war auch über die Takelage bis an den Top des Mastes gespritzt, aber nicht wieder abgelaufen, sondern bald gefroren.

Das Meerwasser friert wegen seines Salzgehaltes erst bei vier Grad Kälte, und so kann man sich denken, wie sehr die Damen, meist Südländerinnen, unter dieser Kälte zu leiden hatten.

Alle Taue, Holzteile, Rahen, die Wanten und so weiter, waren mit einer dicken Kruste von Eis bedeckt, und wenn Arbeit in der Takelage nötig war, so konnte man nicht mit Handschuhen zufassen, das wäre nicht nur hinderlich, sondern sogar gefährlich gewesen, denn mit Handschuhen kann man sich nicht ordentlich festhalten. Also mussten sie ausgezogen werden, und die Mädchen froren tüchtig an die Hände.

War es nötig, ins Wasser zu greifen, oder waren die Taue stark mit Salzwasser bespritzt worden, so war die Kälte noch unerträglicher, denn die unter dem Nullpunkt stehende Temperatur des Wassers machte dies noch kälter, als Eis. Es ist ein fürchterliches Gefühl, lange Zeit die Hände in solches Eiswasser zu stecken.

Ellen hatte recht gehabt, als sie sagte, bei Kap Hoorn müssten die Vestalinnen öfter das Eis von den Rahen klopfen, ehe sie die Segel bedienen könnten. Dieser Fall trat jetzt täglich ein.

Glücklicherweise war immer guter Wind gewesen, sodass ein Segelmanöver nicht oft verlangt wurde, wurde es aber doch nötig, so mussten die Mädchen erst mit hölzernen Keulen, mit Handspeichen und Malspieken, kleinen, eisernen Spitzen, die steinhart gefrorenen Segel weich klopfen, sonst konnte man sie absolut nicht bewegen.

Mancher Seufzer entschlüpfte bei solch harter Arbeiten frischen Lippen der Vestalinnen; sie waren immer froh, wenn sie wieder an Deck standen und die warmen Handschuhe überstreifen konnten. Trotzdem konnte sich keines der Mädchen verhehlen, dass sie sich noch nie so gesund gefühlt hatten, wie in diesem kalten Klima, dass ihnen noch nie das Essen so gut geschmeckt hatte — ihr Appetit entwickelte sich ganz erstaunlich.

Mehr hatten unter der Kälte, welche selten weniger als fünf Grad erreichte, die befreiten Mädchen zu leiden, jetzt nur noch aus Indianerinnen, Mestizen und Kreolinnen, meistens aus südlichen Ländern stammend, bestehend. Selbst die sonst so energische Yamylha hielt sich, so oft sie nur konnte, im wohlgeheizten Zwischendeck auf. Die Negerin wurde überhaupt immer einsilbiger und stiller, je mehr sie sich ihrer Heimat näherte, aber diese Ruhe war nur eine äußerliche, denn ihren funkelnden Augen sah man an, welche Glut in ihrem Innern wohnte. Dies trat besonders hervor, wenn sie die Anzahl der Meilen erfuhr, die sie noch von ihrer Heimat Dahomeh trennte. Je geringer diese wurde, desto mehr blitzten ihre großen, schwarzen Augen auf, desto krampfhafter ballten sich ihre wie aus Erz gegossenen Fäuste zusammen.

Ihre Geschichte hatte sie noch niemandem erzählt und sie wurde auch nicht dazu aufgefordert, seit sie erklärt hatte, sie würde von selbst ihr Schicksal enthüllen, wenn die Zeit dazu gekommen wäre. Die Vestalinnen waren damit einverstanden. Das einzige, was man zur Bequemlichkeit der Mädchen tun konnte, war, dass man ihnen wärmere Kleidung gab und ihnen einen geheizten Raum im Zwischendeck zum Aufenthalte anwies. Auch die Vestalinnen hatten ihre Kleidung geändert, sie war dicker geworden, und es zeigte sich dieselbe Tatsache, welche bei den Matrosen der Marine konstatiert ist: je weniger der Hals gegen die Witterungseinflüsse geschont wird, je mehr er ihnen Trotz bietet, desto weniger empfänglich ist er für Krankheiten. Keine der Damen hatte darunter zu leiden.

Sonst war die Kleidung dieselbe geblieben, nur während der Nacht, wenn die Wache an Deck stehen musste, trugen sie lange, warme Mäntel.

In der Nacht, welche dem Tage folgte, da sie die eigentliche Erdumseglung, beendet hatten, lehnten die Damen an der Bordwand, beobachteten den Sternenhimmel, das ruhige, phosphorstrahlende Meer und unterhielten sich von der Gefahr der Eisberge, von denen sie einige in weiter, weiter Ferne zu sehen bekommen hatten.

Vielleicht stießen sie auch noch auf solche und die Gefahren, von denen sie eben gesprochen, von Zusammenstößen, von Einschließungen zwischen Eisbergen, von Zerdrückungen und so weiter, standen ihnen auch noch bevor.

Die zweite Nachtwache löste die erste ab, es war also um vier Uhr. Vor Kälte schauernd, verließen die Mädchen ihre warmen Kabinen, schlugen die langen Mäntel um sich und lösten ihre Kameradinnen ab, um nun ihrerseits vier Stunden an Deck zu verbringen, bis die Schiffsglocke sie um acht Uhr zum Frühstück rief.

»Hören Sie«, sagte Miss Murray zu einer Freundin, welche neben ihr auf der Back saß und die Füße, gleich ihr, dicht unter den warmen Mantel gezogen hatte, »was mag das sein? Klingt das nicht, wie das Brausen der Brandung am Gestade?«

»Das ist nicht möglich«, entgegnete das Mädchen, »erst vorhin sagte die Kapitänin, wir wären weit ab vom Lande.«

»Und doch ist es so«, behauptete Jessy, »hören Sie nur einmal genau hin.«

Das Mädchen lauschte, und wirklich vernahm auch sie jetzt ein seltsames Zischen und Brausen, fast wie das Geräusch eines Wasserfalles klingend, wenn an einen solchen hier auf dem Meere zu denken wäre. Höchstens, dass man nahe genug an Land war, um das Herabstürzen eines Baches ins Meer vernehmen zu können oder auch das Wüten der Brandung in einer Höhle. Letzteres konnte sogar eher der Fall sein, denn oft war es den Mädchen, als bräche das Geräusch plötzlich ab.

Doch Land war nicht in der Nähe. Die Nacht war völlig klar, die Sterne, wie der Mond beschienen die Wasserfläche und gestatteten einen weiten Umblick.

»Was ist das?«, rief mit einem Male Johanna, welche sich den beiden zugesellt hatte, und deutete mit der ausgestreckten Hand auf das Meer voraus.

Man konnte deutlich erkennen, wie dort von Zeit zu Zeit kleine Wasserstrahlen emporgeschleudert wurden, bald hier, bald da, stieg eine solche Wassersäule empor, fast wie eine Fontäne anzusehen. Von diesem musste das Zischen stammen. Noch ehe jemand eine Antwort darauf fand, kam diese schon von der Kommandobrücke. Ellen hatte das Zischen ebenfalls gehört und betrachtete jetzt die Wasserstrahlen durch ein Nachtglas.

»Walfische«, rief sie, »eine ganze Herde! Sie schwimmen in gleicher Richtung mit der ›Vesta‹, aber bedeutend langsamer. Wenn sie so weiterschwimmen, befinden wir uns in einer Stunde mitten unter ihnen.«

Der Ruf, dass eine Herde Walfische in Sicht wäre, lockte schnell alle Mädchen aus den Kojen, mit schlaftrunkenen Augen eilten sie an Deck und genossen das Schauspiel, welches sich ihnen hier zum ersten Male darbot.

In der Nähe des Südpols trifft man noch auf ungeheure Herden von Walfischen, es gibt dort bedeutend mehr solcher Tiere, als in dem nordischen Eismeere, aus dem einfachen Grunde, weil dort der Fischfang viel mehr betrieben wird. In Skandinavien, England und Nordamerika gibt es ja ganze Häfen, welche nur als Ankerplätze für Walfischfänger dienen.

Eine solche Herde von Riesenfischen schwamm jetzt vor der ›Vesta‹.

Es mochten wohl gegen hundert Tiere sein, wenigstens der Anzahl der Strahlen nach zu schließen, welche emporgeschleudert wurden. Der Walfisch atmet bekanntlich nicht durch Kiemen, wie der Name Walfisch eigentlich ganz falsch ist, denn er ist gar kein Fisch, ebenso wenig, wie der Seehund, Seelöwe und so weiter, oder eine Seeschlange etwa mit dem Namen Fisch bezeichnet werden könnte. Er besitzt nur das Aussehen eines Fisches, legt aber keine Eier, wie dieser, sondern bringt lebendige Junge zur Welt und säugt sie, ist also ein Säugetier. Sein richtiger Name ist daher auch nicht Walfisch, sondern einfach Wal, da aber der erstere schon zu sehr eingebürgert ist, so soll er auch hier ferner beibehalten werden.

Ununterbrochen spritzten die Wasserstrahlen aus den Nasenlöchern hoch in die Luft, aber die Tiere waren nicht nur mit Fütterung ihres großen Magens beschäftigt, sie hatten auch noch Zeit genug übrig zum Spielen.

Es waren bei der Herde zahllose Junge, und diese schossen hin und her, wälzten sich, wie man jetzt schon mit einem Fernrohr erkennen konnte, auf den Rücken, stießen sich gegenseitig, drängten sich an die Mütter heran und jagten sich im Wasser. Manchmal schnellte auch einer hoch aus dem Wasser heraus, sodass der unheimliche Kopf und der gespaltene Schwanz sichtbar wurden.

»Wenn sie nur nicht vor dem Tageslicht fliehen«, rief Ellen, »dann gibt es eine Walfischjagd, wie ich mir sie schon immer gewünscht habe.«

Eine lebhafte Aufregung bemächtigte sich aller Mädchen.

Sie hatten von New York eine vollständige Ausrüstung mitgenommen, um Jagd auf diese Tiere abhalten zu können, die mächtigen Harpunen waren vorhanden, ebenso die Rollen, an denen das an der Harpune befindliche Seil abläuft, und die Boote waren stark genug. Im Rudern getrauten sich die Mädchen, es mit jedem aufnehmen zu können, und was das Schleudern der schweren Harpune betraf, so war das wieder einmal eine Gelegenheit, beweisen zu können, dass ihre ungeschwächte Kraft der eines Mannes nichts nachgab, ebenso wenig, wie ihre Kaltblütigkeit. — Ach, wenn doch die Herde nicht vor Tagesanbruch scheu vor dem Schiffe flöhe!

Ellen meinte, es sei das beste, den Lauf der ›Vesta‹ zu mäßigen, um nicht in die Herde hineinzufahren. Die Walfische sind sehr sorglose Tiere, sie lassen ein Schiff oft so nahe herankommen, dass dieses an sie stößt, dann aber fliehen sie mit rasender Schnelligkeit davon, wie wäre es sonst auch möglich, dass die Walfischjäger im Boot so dicht an den Walfisch heranfahren könnten, dass sie sogar die Harpune nach ihm schleudern, ja sogar, dass sie ihm dieselbe unter Umständen in den Leib stoßen können.

Während die ›Vesta‹ langsam hinter den Tieren herfuhr, drehte sich das Gespräch der Damen natürlich um die Walfische, um die zu erwartende Jagd und um die Art, wie eine solche stattfindet.

Der Walfischfang wird jetzt weniger so betrieben, wie vor etwa zwanzig Jahren, das Zeitalter des Dampfes hat auch diesen umgestaltet, doch gibt es noch immer sehr viele Kapitäne von Segelschiffen, welche ausschließlich mit dem Fangen der Walfische beschäftigt, noch ebenso jagen, wie früher. Beim alten Prinzip werden Boote ausgesetzt mit etwa zehn Ruderern, einem Steurer und demjenigen, welchem das Werfen der Harpune obliegt, dem eigentlichen Walfischjäger, der wichtigsten und bestbezahlten Person des ganzen Schiffes.

Die Harpune besteht aus einem langen, biegsamen Holzstiel, an dessen einem Ende die Stahlspitze mit festen oder beweglichen Widerhaken sitzt, welche letztere beim Zurückziehen der Harpune auseinandergehen. Am anderen Ende desselben ist eine Leine gebunden. Diese läuft über eine Rolle, welche sich am Boote befindet, und ist sehr lang, oft über 100 Meter, und aus bestem Hanf gefertigt. Die Rolle ist am Boote befestigt und um eine Achse drehbar.

Das schlanke, scharfgebaute Boot wird nach den still liegenden oder langsam schwimmenden Tieren gerudert — bei einer Herde wird natürlich immer das Größte ausgewählt — der Jäger stellt sich im Vorderteil aufrecht, hebt die Harpune hoch über den Kopf und schleudert sie, wenn er nahe genug herangekommen zu sein glaubt, nach dem Wal. Die Zielpunkte sind verschieden, der eine Jäger zielt nach dem Herzen, der andere nach der Leber oder der Lunge.


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Von dem Augenblick an, da die Harpune in den speckigen Körper fährt, beginnen die Matrosen mit aller Kraft zu rudern, denn der Wal schießt mit Blitzesschnelle davon, nachdem er getroffen ist. Aber so schnell das Boot auch fährt, die sich ungeheuer schnell abwickelnde Leine zeigt, wie geschwind der Walfisch schwimmen kann.

Je näher das Seil seinem Ende kommt, desto schneller müssen die Riemen geführt werden, denn sofort, wenn das Seil abgelaufen ist, erhält das Boot einen furchtbaren Ruck, sodass oft genug die Insassen herausgeschleudert werden. Würde das Boot nicht in solcher Fahrt gehalten werden, so würde die Leine durch den heftigen Ruck unbedingt reißen, so wird er aber abgeschwächt — die Leine hält, und das Boot wird nachgeschleppt. Ebenso müssen auch gleichzeitig die Riemen aus dem Wasser gezogen werden, sonst brechen sie.

Es dauert nicht lange, so vermindert sich die Schnelligkeit des fliehenden Tieres, der Widerhaken der Harpune hat eine tiefe Wunde gerissen, aus welcher das Blut stromweise fließt, wie man sogar aus dem zurückgelassenen roten Streifen sehen kann, der der Spur des Wales folgt.

Viel Blut kann der Walfisch nicht verlieren, er verendet bald und kommt an die Oberfläche. Das Boot schleppt ihn an das Schiff heran, und nun beginnen die Zerleger mit der Arbeit.

Sie treten einfach auf das noch im Wasser liegende Tier und zerschneiden es, worauf die einzelnen Teile an Bord geholt werden. Dann beginnt das Loslösen des Fischbeins, der Knochen und schließlich das Auskochen des Trans.

Es sei hier erwähnt, dass das Leben auf einem Walfischfänger das schlechteste ist, was man sich nur denken kann. Durch das Auskochen des Trans verbreitet sich auf dem Schiffe ein Geruch, welcher nicht zum Aushalten ist, und die Arbeit ist die schmutzigste und ekelhafteste, wie man sie nur finden kann, wird aber infolgedessen sehr gut bezahlt. Für eine Tonne ausgekochten Speck erhält der Matrose einen gewissen Anteil am Verkauf, der direkt beim Fangen tätig gewesene die doppelte Prämie.

Aber die Unsauberkeit, der Gestank und das rohe Wesen, wie es auf einem solchen Schiffe herrscht, spotten jeder Beschreibung, und wie es mit dem Essen aussieht, kann man daraus entnehmen, dass ein Walfischfahrer gewöhnlich drei Jahre draußen bleibt, ehe er wieder einen Hafen anläuft. Wasser verschafft er sich mittels eines DestillierApparates.

Und warum bleibt er so lange von aller Welt abgeschlossen? Aus dem sehr einfachen Grunde, weil der pfiffige Kapitän, der sich auf jeder Fahrt ein Vermögen erwirbt, sehr wohl weiß, dass seine ganze Mannschaft im ersten Hafen, den er anläuft, von Bord desertiert. Der Matrose muss eine sehr gefühllose und widerstandsfähige Natur besitzen oder aber sehr geldgierig sein, der eine solche Reise zum zweiten Male mitmacht.

Jeder Seemann, der einmal an Bord eines Walfischfahrers gewesen ist, verschweigt dies sorgfältig vor seinen Kameraden, denn es wird ihm zur Schande angerechnet, als ›Trankocher‹ gefahren zu sein. Erst so und so viele Jahre Seefahrtszeit auf einem Handelsschiff kann ihn von diesem Flecken reinwaschen — so niedrig denkt der Seemann von dem, welcher aus Geldgier auf einem Walfischfänger, dem schmutzigsten Schiffe der ganzen Welt, gefahren ist.

Die zweite Art des Walfischfanges ist eine viel einfachere und gefahrlosere, denn bei ersterer kann der Fall eintreten, dass durch Umschlagen oder Zertrümmern des Bootes durch den Schwanz des Walfisches Menschenleben verloren gehen, aber sie besitzt nicht mehr die Romantik, welche dennoch die Walfischjagd umgibt.

Die betreffenden Dampfer haben eine Art von Geschützen an Bord, die mit komprimierter Luft, ja, sogar mit Pulver geladen sind und die Harpune nach dem schwimmenden Tiere schleudern. Das Tau an letzterer ist stark genug, um den Ruck auszuhalten, das Schiff wird daran noch von dem riesenstarken Wale eine Strecke fortgeschleppt, aber bald hat er ausgeblutet und wird herangezogen.

Die Vestalinnen mussten sich zur Jagd natürlich der Boote bedienen, was ja auch viel interessanter und ihrer Natur würdiger war.

Der Tag brach an, und man konnte die Tiere jetzt in einer Entfernung von etwa dreihundert Metern schwimmen sehen, unbekümmert um das Schiff, das in ihrer Nähe war. Ihr munteres Spielen hatten sie eingestellt, die riesigen Kolosse lagen still da, die Rücken wie Inseln aus dem Wasser hervorstreckend, zwei Punkte davor bezeichneten die Stelle, wo die Nasenlöcher sich befanden. Nur ab und zu spritzten noch Wasserstrahlen zum Himmel empor, sonst mussten die Tiere schlafen oder der Verdauung pflegen, denn sie lagen still. Die ›Vesta‹ näherte sich ihnen schnell.

Ellen ließ zur Seite fahren und rief die Freundinnen zu einer Beratung, denn es galt festzusetzen, wer an der Jagd teilnehmen sollte. Alle konnten nicht mitfahren, einige mussten wenigstens auf der ›Vesta‹ bleiben, und so wurde beschlossen, dass nur die Hälfte ins Boot ginge, während die Anderen zurückblieben. Gestatteten die Verhältnisse nach der glücklichen Erlegung eines Tieres noch eine Fahrt, so sollten letztere daran teilnehmen. Ellen beteiligte sich auf jeden Fall an der Jagd, damit waren alle einverstanden, und unter den anderen vierundzwanzig Mädchen entschied das Los.

»So«, sagte Ellen, als zwölf Mädchen bestimmt worden waren. »Nun gilt es noch auszumachen, wer die Harpune schleudern soll. Hier sind dreizehn Zettel, jede schreibe darauf den Namen derer, die sie dazu am befähigtsten hält.«

Als Ellen darauf die Zettel las, zeigten diese alle ihren Namen, mit Ausnahme eines einzigen, auf dem Miss Murray stand, diesen hatte Ellen selbst geschrieben.

Das größte Boot, ein Kutter, wurde mit allen erforderlichen Gegenständen ausgerüstet und herabgelassen. Zehn Ruderer nahmen darin Platz, ein Mädchen setzte sich ans Steuer, Ellen begab sich mit der Harpune nach dem Vorderteil und placierte die dreizehnte neben die Rolle für das Tau, welche sich ebenfalls vorn befand.

Noch einmal instruierte Ellen ihre Gefährtinnen, wie sie sich in allen Lagen zu verhalten hätten, schärfte den Ruderern ein, die Riemen ja sofort aus dem Wasser zu heben, weil der aus der Hand gerissene Griff des Riemens, welcher durch den Ruck nicht zerbrach, den Insassen die Knochen zerschmettern konnte, und wies dann noch ganz besonders das neben der Rolle sitzende Mädchen an.

Das Boot stieß ab, direkt auf die ruhenden Walfische zuhaltend. Nicht nur die an der Jagd Beteiligten, auch die auf der ›Vesta‹ zurückgebliebenen Zuschauer wurden von einer fieberhaften Aufregung beherrscht.

Ellen ließ das Boot nach einem der größten Burschen, welcher ihnen am nächsten lag, steuern. Aber das Tier merkte das Boot und schwamm davon, jedoch ganz gemächlich. Durch seine Bewegungen wurden auch die anderen Wale aufmerksam, spritzten Strahlen empor und entzogen sich der drohenden Nähe des Bootes.

Diese Vorsicht der Walfische kam daher, weil sie viele Jungen bei sich hatten, über deren Sicherheit die Mütter wachten.

Da entdeckte Ellen etwas außerhalb der Herde ein gewaltiges Tier, das nicht an der allgemeinen Bewegung teilgenommen hatte.

Wieder näherte sich ihm das Boot, diesmal aber erst einen großen Umweg machend und dann von hinten kommend. Ellens ausgestreckte Hand gab die Richtung an.

Richtige Walfischfänger hätten über die Mädchen gelacht, weil diese sich nämlich in flüsterndem Tone unterhielten, als fürchteten sie, durch lautes Sprechen die Wale im Schlafe zu stören.

»Holt tüchtig aus!«, rief Ellen jetzt, die Mädchen zum Rudern anfeuernd.

Sie stand schon hoch aufgerichtet im Vorderteil des Bootes, einen Fuß auf der Ruderbank, den anderen auf dem Schnabel und hielt die Harpune in der rechten Hand.

Jetzt war das Boot nur noch zwanzig Meter von dem Walfisch entfernt, von dem man nur den Rücken sehen konnte, jeder Riemenschlag brachte es näher heran. Ellen hob die Harpune hoch über den Kopf, neigte den Oberkörper zurück und schnellte ihn dann wieder vor, die Harpune mit aller Kraft in den speckigen Rücken des Tieres schleudernd, in welchen sich die mit Widerhaken versehene Spitze einbohrte.


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Zwei riesige Strahlen spritzten empor, dann verschwand der Wal unter Wasser, und die sich schnell abwickelnde Leine zeigte an, mit welcher Gewalt er davonschoss.

»Holt aus, holt aus!«, rief Ellen, und es war nötig, dass die Mädchen die Riemen mit Aufbietung aller Kraft handhabten, denn schon drehte sich die Rolle, und zwar so schnell, dass die Achse nicht nur zu rauchen begann, sondern auch schon Funken sichtbar wurden.

Das Amt des dreizehnten Mädchens nun war es, die Rolle, wie auch das Seil mittels des Eimers fortwährend mit Wasser zu begießen, um zu verhindern, dass Feuer entstand und das Seil abgesengt wurde.

Ellen hatte den Riesen gut getroffen, die Harpune musste eine tiefe Wunde gerissen haben, aus der viel Blut floss. Man konnte schon aus der zurückgelassenen, roten Spur sehen, wohin sich das Tier wendete, und obgleich das Seil noch lange nicht abgewickelt war, begann sich die Rolle doch langsamer zu drehen. Der Walfisch floh nordwärts.

»Noch einen guten Zug und hoch die Riemen!«, kommandierte Ellen. Noch einmal legten sich die Mädchen kräftig hintenüber, dann flogen die Riemen gleichzeitig außer Wasser und ins Boot. Gleichzeitig erhielt das Fahrzeug einen heftigen Ruck — das Seil war abgelaufen. Wäre das Tier nicht schon sehr erschöpft gewesen, so wäre der Ruck ein außerordentlicher gewesen, so aber hatte er keine nachteiligen Folgen.

Das Boot wurde jetzt von dem Walfisch geschleppt und durchschnitt die Wellen noch immer schnell genug.

»Uns bleibt nun nichts anderes übrig, als ruhig zu warten, bis der Tod des Walfisches durch Blutverlust eintritt«, sagte Ellen, »lange dauert dies gewöhnlich nicht.«

»Sinkt er dann unter?«, fragte ein Mädchen.

»Nein. Infolge seines Speckes schwimmt er oben«, war die Antwort.

»Was beginnen wir dann mit ihm?«

»Wir schneiden die Barten, die Walfischbeine und einige andere Körperteile als Trophäen ab und überlassen das Übrige den Seevögeln als willkommene Beute.«

Die ›Vesta‹ war noch lange nicht außer Sicht. Die im Boote befindlichen Mädchen konnten sehen, wie die Rahen gewendet wurden, sodass das Schiff einen nördlichen Kurs einschlug. Es wollte dem Boote folgen.

Von den anderen Walfischen war keiner mehr zu erblicken.

»Land!«, rief da plötzlich Ellen und deutete mit der Hand voraus. »Es ist die Küste des Feuerlandes.«

Am Horizont tauchte ein nebliger Streifen auf, welchen man eher für eine Wolke halten konnte, aber Ellens geübtes Auge hatte ihn sofort als Land erkannt.

Die Südspitze von Amerika wird bekanntlich von einer Insel gebildet, welche vom Festlande durch die Magellanstraße getrennt ist. Diese Insel heißt Feuerland, oder aber, wie sie von Geografen und Seeleuten bezeichnet wird, Terra del Fuego, was nur der spanische Ausdruck für Feuerland ist. Auf ihr befindet sich Kap Hoorn, die südlichste Spitze von ganz Amerika.

Der Südwestküste dieser Insel strebte der Walfisch zu, und bei der Schnelligkeit, mit der er die Fluten durchschnitt, konnte man vielleicht das Land in einer halben Stunde erreicht haben, doch stand zu erwarten, dass er, sobald er Land in der Nähe bemerkte, die Richtung änderte und wieder dem offenen Meere zuschwamm.

Er blieb nicht immer unter Wasser, sondern kam etwa aller fünf Minuten nach oben, steckte den Kopf etwas über die Oberfläche und verschwand dann wieder. Dies war aber kaum an der Bewegung des Wassers zu bemerken.

Schnell näherte man sich der Küste. Man konnte schon erkennen, dass sie hügelig war, aber flach ins Meer hinabfiel, auch zeigte sie viele Buchten und Halbinseln.

»Der Walfisch stirbt«, rief Ellen wieder, »er taucht schon nicht mehr unter, schwimmt aber noch immer weiter, direkt dem Lande zu. Es wäre gut, wenn wir ihn dahin bugsieren könnten.«

Der Wal hörte endlich auf in seinen Bewegungen. Matt lag er auf dem Wasser, ohne die Flossen oder den Schwanz zu bewegen, die Entfernung von ihm bis zum Lande betrug höchstens noch dreihundert Meter.

Noch wagte Ellen nicht, an ihn heranzurudern, denn der sterbende Walfisch ist gefährlich. Mit einem Schlage des Schwanzes vermag er nicht nur ein Boot zu zerschmettern, er kann dasselbe mitsamt der Besatzung hoch in die Luft schleudern.

Plötzlich stiegen aus den Nasenlöchern des Tieres zwei hohe Strahlen empor, er sprang förmlich aus dem Wasser, schlug noch ein paarmal krampfhaft mit dem Schwanze hin und her, sodass das Wasser wie bei einem Sturme Wogen warf und legte sich dann auf die Seite — er war tot.

Jetzt musste es gewagt werden, sich dem Ungetüm zu nähern und sich von seinem Tode zu überzeugen. Ellen ließ dicht heranrudern und stach es mit einem Riemen in die Seite, bohrte ein Messer in den Körper, aber es rührte sich nicht. Mit einem Sprunge stand das mutige Mädchen auf der schwimmenden Insel, dem Körper des Walfisches, und die Gefährtinnen konnten sich den Triumph nicht versagen, ebenfalls auf dem selbsterlegten Tiere gestanden zu haben. Sie folgten Ellen nach.

Das Seil wurde von der aus der Seite herausragenden Harpune abgelöst, diese selbst sollte erst später herausgeschnitten werden, dann zog man ein Tau durch den Unterkiefer des Tieres, befestigte dieses hinten an dem Boote und schleppte die Beute dem Ufer zu. Das ging natürlich nur sehr langsam von statten, und man konnte erwarten, dass die ›Vesta‹ das Boot bald einholte.

Das Schiff befand sich schon nahe an der Küste, und die Mädchen im Boote konnten sehen, wie die stellvertretende Kapitänin fortwährend loten ließ, um nicht auf eine Sandbank zu geraten und sitzen zu bleiben.

»Es ist gerade Flut«, sagte Ellen, »aber das Wasser beginnt bereits zu fallen. Wir bringen das Tier dort in eine Bucht, welche, wie ich vermute, flach ist, ziehen es so weit als möglich ans Land, und tritt dann das Wasser zurück, so liegt der Wal auf dem Trockenen, und wir können ihn gemächlich zerlegen.«

Während der Fahrt hatte niemand das Land selbst beobachtet, jetzt aber bemerkten alle, dass die ›Vesta‹ nicht das einzige Schiff in dieser Gegend war. In einem geräumigen, natürlichen Hafen lag ein stattliches Vollschiff, welches hier angelaufen war, wahrscheinlich, wie Ellen meinte, um eine Reparatur auszuführen.

Flaggen zeigte es nicht, und durch das mitgenommene Fernrohr konnte man auch seinen Namen nicht lesen, denn die auf dem Hinterteil stehenden Buchstaben waren ganz abgewaschen, als wäre das Schiff schon lange unterwegs, ohne je einen Hafen angelaufen zu haben. Die Mannschaft stand an Deck und beobachtete das herankommende Boot mit dem Walfisch. Dasselbe fuhr in die Bucht, die Leine wurde verlängert, die Mädchen ruderten an Land und sprangen auf das felsige, mit Schnee und Eis bedeckte Gestade, welches hier eben war, weiterhin aber hügelig wurde. Zahlreiche Bäche flossen in die Bucht, aber ihre Oberfläche war gefroren, nur die reißendsten hatte die Kälte nicht zum Gefrieren gebracht.

Bald erschien ein zweites Boot mit Mädchen, welche ihren Gefährtinnen zu Hilfe kommen wollten, und brachte noch mehr Taue und Stricke mit. Der Walfisch wurde an mehreren Stellen mit Schlingen umgeben, und dann machten sich die zwanzig Mädchen daran, das Tier, dessen gewaltige Länge sie jetzt erst erkannten, ans Land zu ziehen.

Ihren vereinten Kräften gelang es, den Walfisch wenigstens so weit ans Ufer zu bringen, dass sein Körper zur Hälfte aus dem Wasser herausragte. In einer Stunde musste jedoch der ganze Körper bloßliegen.

Ellen ordnete an, dass das zweite Boot noch einmal zu der ›Vesta‹ zurückkehrte, die in tiefem Wasser vor Anker lag, und Messer und Beile herbeihole, um das Tier zerlegen zu können.

Als das Boot wieder zurückkam, war das Wasser schon so weit zurückgetreten, dass man den Kadaver trockenen Fußes vom Ufer erreichen konnte. Eben machten sich die Mädchen eifrig daran, die Barten, welche das sogenannte Fischbein geben, mit Messern abzuschneiden, als ein lauter Ausruf in spanischer Sprache sie veranlasste, ihre Köpfe nach dem Ufer zu wenden.

Da standen plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, wohl 30 Männer da, alle in Seehundsfelle gekleidet, Stiefeln von demselben Stoffe an den Füßen und auf den Köpfen Pelzmützen. In den Händen trugen einige der Männer Harpunen, andere Äxte und Messer.

»Walfischfänger«, dachten die Mädchen.

Jedenfalls war es die Besatzung eines chilenischen oder argentinischen Walfischfängers, denn der Ruf war Spanisch gewesen. Das gerufene Wort hatte niemand verstanden, es mochte wohl ein Ausdruck der Überraschung gewesen sein, aber es hatte auch drohend geklungen, und beim Näherkommen der Männer konnte man erst richtig erkennen, was für schmutzige Burschen man vor sich hatte.

Die Anzüge starrten förmlich vor Schmutz und Fett, sie stanken schon aus weiter Entfernung nach Lebertran, und einen ebenso ungünstigen Eindruck, wie ihre Kleider, machten auch ihre Gesichter. Alle Männer zeigten rohe, vertierte Züge, die Gesichter waren aufgequollen, aber die Röte stammte nicht nur von Wind und Sonne, sie musste auch die Folgen starken Trinkens sein.

Besonders der Mann, welcher den Mädchen am nächsten stand, eine kleine, untersetzte aber breitschulterige Figur, zeigte ein widerwärtiges Äußere, die kleinen Schweinsaugen in dem aufgedunsenen und von Schmutz starrenden Gesicht waren blutunterlaufen. Er stützte sich auf eine lange Harpune und betrachtete mit bösem Blick das Treiben der Mädchen.

»Was wünschen Sie?«, fragte Ellen, von ihrer Beschäftigung ablassend und sich dem Manne zukehrend.

»Wie kommt Ihr Weiber dazu, den von uns getöteten Walfisch an Land zu schleppen und ihn zu zerlegen?«, sagte der Mann mit branntweinheiserer Stimme.

Gleichzeitig ließen alle Mädchen die Hände sinken und wandten sich, mehr erstaunt, als entrüstet über eine solche Frage, um.

»Ihren Walfisch?«, entgegnete Ellen, ebenfalls völlig erstaunt, »Das beruht wohl auf einen Irrtum. Wir haben diesen Walfisch gejagt, mit der Harpune erlegt, hierher geschleppt und sind nun dabei, ihn zu zerlegen.«

»Das ist nicht wahr«, rief der Mann, jedenfalls der Kapitän des Walfischfängers, »wir haben den Fisch gejagt, aber er ist uns entflohen und hat Harpune, Seil und Rolle mitgenommen. Überlasst uns das Tier.«

Die Mädchen wunderten sich, dass die Männer so wenig Staunen zeigten beim Anblick der Mädchen in Männerkleidung. Es mussten ganz vertierte Menschen sein, die sich über nichts mehr wunderten. Jedenfalls glaubten sie, die Mädchen wären Passagiere jenes Schiffes dort, das sich auf den Wellen schaukelte.

»Sie sind im Irrtume«, entgegnete Ellen, ihre Ruhe noch behaltend, »Ihnen mag wohl ein getroffener Wal entgangen sein, mit diesem verhält es sich aber so, wie ich sagte, wir haben ihn getötet, er ist unser. Sie mögen ein Walfischjäger sein, der vom Fange der Tiere lebt, aber die Jagd ist frei, und so sind wir durchaus nicht bereit, Ihnen das Tier zu überlassen.«

»Es ist nicht wahr«, rief der Mann abermals, »Ihr habt das Tier tot gefunden.«

»So«, rief Ellen, jetzt zornig werdend — die Mädchen drängten sich schützend um ihre Führerin — »gehört diese Harpune vielleicht Ihnen?«

Damit hielt sie dem Manne die bereits herausgeschnittene Harpune vor die Augen.

»Gewiss, es ist die meinige«, war die freche Antwort, und seine Gefährten bestätigten es durch Zurufe.

»So«, sagte Ellen, mehr spöttisch als ärgerlich, »und die Leine, die Rolle, gehören auch Ihnen?«

»Allerdings.«

»Wie kommt es denn, dass auf dem Schaft der Harpune, wie auch auf der Rolle, der Name ›Vesta‹, der unseres Schiffes, eingebrannt ist?«

»Den mögt Ihr eingebrannt haben, als Ihr sie gefunden habt.«

Die Mädchen brachen in Rufe der Entrüstung aus über eine solche Unverschämtheit. Es war klar, dieser Mensch wollte den riesigen Walfisch, der einen außerordentlichen Gewinn versprach, als sein Eigentum reklamieren und glaubte mit den jungen Mädchen, die er für Passagiere hielt, leichtes Spiel zu haben. Das Schiff dort brauchte er nicht zu fürchten, die Walfischjagd treibenden Schiffe sind sehr gut bewaffnet.

Aber der Mann sollte sich irren, die energische Ellen war nicht willens, sich eine Barte von dem Walfisch nehmen zu lassen. Aus Neugierde, wie weit der Kerl seine Frechheit treiben würde, stellte sie noch eine Frage:

»Können Sie nicht sehen, dass diese Harpune hier ganz anders konstruiert ist, als jene, welche Sie und Ihre Leute haben? Bei diesen sind die Widerhaken fest, aber bei der unseren sind sie an der Spitze beweglich.«

Jetzt veränderte der Mann sein Benehmen, er wollte durch Brutalität die Mädchen einschüchtern.

»Unsinn!«, brüllte er Ellen an. »Wir haben auch solche Harpunen, ihr habt den Namen erst eingebrannt. Nochmals, ihr habt den von uns getöteten Walfisch gefunden, und deshalb schert euch in eure Boote und fahrt zum Henker! Der Walfisch gehört mir, und wenn ihr es nicht glauben wollt, so werde ich es euch zeigen. Fort mit euch!«

Es war eine Eigentümlichkeit von Ellens Charakter, dass sie bei Kleinigkeiten aufgeregt wurde, in der Mitte der Gefahr, wenn es darauf ankam, aber die größte Kaltblütigkeit zeigte.

Mit einem Blick überflog sie die 30 Männer, sie führten nur Harpunen, Äxte und Messer bei sich, Schießwaffen waren an ihnen nicht zu sehen. Die Mädchen dagegen trugen alle unter den Blusen Lederetuis mit geladenen Revolvern darin.

»Wir werden euch zeigen, ob wir auf diesen Walfisch Anspruch machen dürfen oder nicht«, sagte sie ruhig, »wir haben ihn getötet und damit basta — mögen Sie es glauben oder nicht. Wir nehmen jetzt von dem Tiere, was uns beliebt. Was übrig bleibt, können Sie behalten.

»Schneiden Sie die Barten und die Kiefer aus«, wandte sie sich an die Mädchen, »den Speck wollen wir diesem galanten Herrn schenken, er braucht ihn, um seinen so schon fettigen Anzug noch mehr einzusalben.«

Der Kerl achtete nicht den Spott, der in diesen Worten lag, er sah nur, wie Ellen und auch ein Teil der Mädchen die Messer aus den Gürteln zogen und Miene machten, sich nach dem Walfisch zurückzubegeben, um ihn zu zerlegen.

Mit einem Ruck hielt er die Harpune über den Kopf, holte weit aus und schrie, nach Ellen zielend:

»Die erste, die den Fisch anfasst, durchbohre ich mit der Harpune.«

Die Mädchen wussten nicht, ob dies nur eine Drohung war, oder ob der Mann Ernst mache. Ellen kehrte sich nicht daran, sie ging nach dem Walfisch zurück und sagte kalt:

»Es könnte möglich sein, dass dies der letzte Wurf wäre, den Ihr tut.«

Sie fasste eine Barte und trennte sie mit einem Schnitt des Messers vom Kiefer, aber gleichzeitig erscholl ringsum ein Schrei des Entsetzens — der Kerl machte seine Drohung war.

Zischend durchschnitt die Harpune, von seiner kräftigen Hand geschleudert, die kaum 10 Meter weite Entfernung, die ihn von Ellen trennte, die Waffe flog direkt auf das Mädchen zu, sie musste dessen Körper durchbohren.

Aber sie erreichte ihr Ziel nicht, der Platz, wo Ellen gestanden, war leer, und die Harpune blieb mit zitterndem Schaft im Kopfe des Walfisches stecken.

So unbefangen Ellen sich auch gestellt, sie hatte den zum Wurfe ausholenden Mann nicht aus dem Auge gelassen, und als die Harpune auf sie zusauste, sprang sie blitzschnell zur Seite und war mit einigen Sätzen bei dem rohen Gesellen.

Dieser wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich erhielt er einen Faustschlag unter das Kinn, der ihn kopfüber zu Boden warf, dann fühlte er einen Fuß auf seine Brust gesetzt, und als er aufsah, vor Schrecken und von dem Schlage halbbetäubt, blickte er in das drohende Gesicht des Mädchens, nach dem er die Waffe geschleudert hatte, und in die noch drohendere Mündung eines Revolverlaufes.


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Die anderen Männer hatten Lust gezeigt, sich ebenfalls zu einem Streite oder vielmehr zum Vertreiben der Mädchen bereitzumachen, die Harpunen waren erhoben, die Äxte von den Schultern genommen und die Messer aus den Gürteln gezogen, aber schnell unterließen sie ihr Beginnen, denn zwanzig Revolver blitzten ihnen entgegen.

»Ich sollte dich wie einen räudigen Hund totschießen, denn zwischen dem und dir ist gar kein Unterschied«, sagte Ellen mit vor Erregung zitternder Stimme, »aber du bist gar keinen Schuss Pulver wert, du Raubtier ohne Herz und Gewissen. Gern möchte ich dir noch eine tüchtige Züchtigung angedeihen lassen, aber es ekelt mich schon, dass ich dich einmal mit der Hand berührt habe.«

Der Mann, aus dessen Nase das Blut zu fließen begann, hatte bis jetzt mit weit ausgestreckten Armen und Beinen, wie ein geprellter Frosch dagelegen, nun versuchte er sich aufzurichten, wurde aber durch Ellens Fuß zurückgestoßen.

»Wage nicht, etwas gegen uns zu unternehmen!«, fuhr das Mädchen fort. »Du hast gesehen, wir sind keine Weiber, die mit sich spielen lassen. Stehe jetzt auf«, sie zog den Fuß zurück, »und entferne dich mit deinen Leuten von hier! Das aber lass dir gesagt sein: ebenso wenig wie du unser Leben zu schonen gewillt warst, werden wir das deinige schonen, das heißt, derjenige, der nur Miene macht, eine Waffe gegen uns zu erheben, hat eine Kugel im Kopf. Fort jetzt mit dir und deinen Gefährten!«

Der Mann gehorchte der in drohendem Tone gegebenen Aufforderung. Noch halb betäubt erhob er sich, griff an seinen Kopf, in dem es wahrscheinlich surrte und brummte, und murmelte etwas, was fast wie eine Entschuldigung klang. Die Lektion war ihm jedenfalls sehr gut bekommen, er hätte schon längst einmal eine haben müssen, er war mit einem Male um vieles manierlicher geworden.

Die auf der ›Vesta‹ zurückgebliebenen Mädchen hatten bemerkt, dass zwischen ihren Gefährten und den dazugekommenen Walfischjägern ein Konflikt stattfand, und kurz entschlossen hatten sie die Revolverkanonen an die Bordwand gerollt, um nötigenfalls den Freunden aus der Ferne beistehen zu können.

Sie wussten aus der Erzählung Ellens, dass zwischen den Walfischfängern eines elenden Fisches wegen oft die blutigsten Kämpfe stattfinden, so geldgierig sind diese Leute. Dies hatten die Mädchen am Lande gesehen, gleichzeitig aber auch, dass sich der ›Vesta‹ eine Unmenge von kleinen Kähnen näherte, in denen dunkle Gestalten saßen; doch war jetzt keine Zeit dazu sich mit ihnen zu beschäftigen, diese ernste Situation nahm vorläufig ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Seht ihr dort die Kanonen?«, fuhr Ellen fort, zu den übrigen Leuten sich wendend, »Sie sind auf euch gerichtet, und es bedarf nur eines Winkes von mir, so fliegen die Granaten zwischen euch, und eure Leiber liegen in Stücken umher. Lasst uns allein und geht an Bord eures Schiffes!«

Willig gehorchten die Männer. Sie waren ordentlich froh, mit heiler Haut aus dem Bereiche dieser seltsamen Mädchen zu kommen, die ihren Kapitän, der einen Ochsen mit einem Schlage seiner Faust fällen konnte, wie ein Kind über den Haufen warfen, und die alle Revolver bei sich trugen. Machten dort die Kanonen Ernst, so war es um ihrer aller Leben geschehen, und sie hätten die Fässer umsonst im Laufe zweier Jahre mit stinkigem, aber wertvollen Trane gefüllt.

Der Kapitän kratzte sich hinter den Ohren, als er seine Leute eiligst zurückführte; das hätte er doch eigentlich wissen sollen, dass Mädchen, welche Hosen anhatten und einen Walfisch fingen, mit dem Satan im Bunde sein mussten. Begegnete er noch einmal solchen Ausgeburten der Hölle, so wollte er sich schön hüten, mit ihnen Streit anzufangen — das nahm er sich fest vor. Einmal wandten die Fortgehenden noch scheu die Köpfe und blickten zurück, denn ein lautes Gelächter erscholl hinter ihnen, weil eine helle Mädchenstimme ihnen einige Worte nachgesandt hatte, deren Sinn sie gar nicht verstanden.

»Wenn Ihr durchaus Tran haben wollt, ohne einen Walfisch zu fangen«, hatte Hope ihnen nachgerufen, »so legt euch selber in den Topf und kocht euch ordentlich aus. Ein Fass Lebertran kommt doch noch aus euren Kleidern.«

»Schnell, meine Damen!«, rief Ellen, als die Jäger hinter einem Hügel verschwunden waren. »Wir schneiden nur einige Barten und Flossen ab, um wenigstens ein Andenken an diese Jagd zu haben. Dann aber schleunigst nach der ›Vesta‹ zurück, denn, wie ich sehe, hat sie Besuch von Feuerländern bekommen, und die fünf zurückgebliebenen Vestalinnen können die braunen Burschen nicht abhalten. Sie sind schon aus den Booten gestiegen und haben das Deck erklettert. Da, sehen Sie, Miss Sargent hat eben einen der Kerle ins Wasser geworfen. Aber sie überfluten wie Ameisen das Deck.«

»Sind die Feuerländer friedlicher Natur?«, fragte eines der Mädchen.

»Ja, wir haben nichts von ihnen zu befürchten, nur stehlen sie, wie die Raben, alles, was glänzt und was sie essen können, und wenn es Schmierseife wäre.«

Die Mädchen stiegen eiligst in die Boote und ließen den Walfisch liegen, nachdem sie einige Jagdtrophäen als Andenken abgeschnitten hatten — er würde schon noch Liebhaber finden, entweder vier- oder zweibeinige, erstere in Gestalt von Schakalen und anderem Raubgesindel, letztere in Gestalt von Eingeborenen oder vielleicht auch jener Walfischjäger.

Als sie die ›Vesta‹ erreichten, sahen sie wohl schon gegen vierzig Boote, einfach ausgehöhlte Baumstämme, um das Schiff her liegen, und fortwährend kletterten an überhängenden Tauen, schwarze, halbnackte Gestalten auf und ab, schwangen sich über Bord und wurden von den fünf Mädchen wieder heruntergejagt, oft sogar mit Anwendung von nicht gerade zart zu nennenden Mitteln.

»Helfen Sie mir!«, rief das die Kapitänin vertretende Mädchen in halb verzweifeltem Tone. »Eine halbe Stunde kämpfe ich nun schon mit diesen Schwarzen, und ich kann sie doch nicht totschießen, sie lachen ja fortwährend und benehmen sich wie Kinder.«

»Was wollen sie denn?«, fragte Ellen, nachdem sie nebst ihren Gefährten das Deck betreten hatte.

»Betteln wollen sie, aber ich kann sie nicht verstehen, was sie haben möchten. Der eine Kerl dort erwischte eine Flasche mit Schmieröl und schwubb, war sie in die Kehle gegossen«, klagte Miss Sargent.

»Und der da hat schon ein Paket Talglichte gestohlen und ehe wir es verhindern konnten, hatten er und seine Kameraden sie schon verschluckt.«

Ellen machte kurzen Prozess, mit Hilfe aller Vestalinnen ging sie energisch gegen die Eingeborenen vor, und als diese merkten, dass es den Mädchen gleich war, wohin die mit Stöcken geführten Hiebe fielen, flohen sie eiligst in die Boote zurück, diese blieben aber alle an der ›Vesta‹ liegen, während die Leute in einer unbekannten Sprache fortwährend zu den Mädchen hinaufschrien.

Ehe die Mädchen einen weiteren Entschluss fassten, betrachteten sie genau die Boote und deren Insassen.

Erstere waren sehr lang, aber schmal und äußerst primitiv gearbeitet. Sie bestanden aus Buchenrinden, die mittels Bastes miteinander verbunden waren, aber das Wasser durchließen, sodass dasselbe fortwährend ausgeschöpft werden musste. In ihnen lagen die einfachen Schaufelruder. Das Merkwürdigste aber war, dass sich fast in jedem Boote Tonherde befand, auf denen ein kleines Feuer brannte; zur Nahrung desselben waren daneben trockene Zweige aufgehäuft. Durch diese Eigentümlichkeit, immer Feuer bei sich zu führen, sogar im Boote, haben die Eingeborenen von dem Entdecker ihres Landes, Magellan, den Namen Feuerländer bekommen.

Trotz der kalten Temperatur waren sie nur spärlich bekleidet, Männer, wie Frauen. Nur ein Fell bedeckte notdürftig ihre mageren Körper, aber in den Booten lagen noch warme Felle.

Das Feuerland liegt in einer schrecklichen Gegend. Herrscht dort nicht eine bittere Kälte, welche alles gefrieren lässt und mit Schnee bedeckt, so fällt ununterbrochen Regen, und daher erklärt sich die Angewohnheit der übrigens sehr abgehärteten Eingeborenen, stets Feuer mit sich zu führen, um durch Wärme die Glieder geschmeidig erhalten zu können.

Waffen waren durch Pfeil und Bogen und eine Art von Steinhammer mit hölzernem Stiel vertreten, den die Feuerländer mit großer Geschicklichkeit zu werfen verstehen.

»Ich weiß, was sie wollen«, sagte Ellen, »ich habe schon oft von Kapitänen über die Feuerländer erzählen hören. Von jedem Schiff, das in die Nähe ihrer Küste kommt, und das sie mit ihren Booten erreichen können, fordern sie eine Art von Tribut, bestehend aus Schiffszwieback und Öl, ihrem Lieblingsgetränk. Nun, sie sollen nicht sagen, dass die ›Vesta‹ eine Ausnahme machte.«


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Sie ließ einige der Eingeborenen an Deck kommen, ohne den übrigen dies zu gestatten, und übergab ihnen aus dem reichen Proviantvorrat der › Vesta‹ drei Säcke mit Hartbrot, und als diesem noch ein Fass mit Öl, zum Schmieren der Winde bestimmt, beigefügt ward, brach unter den braunen Gesellen ein allgemeiner Jubel aus.

Es war nicht zu erkennen, dass einer von ihnen, ein großer, kräftiger Mann, wahrscheinlich der Häuptling, entschieden Anspielungen machte, ob die Mädchen nicht auch einige Flaschen Branntwein übrig hätten, aber Ellen wollte den Naturkindern dieses Gift nicht verabreichen. Als sie dagegen merkte, wie ein Wilder mit begehrlichen Blicken die Talglichter betrachtete, die einer von ihnen schon vorher sich angeeignet hatte, und jetzt ungeniert in der Hand trug, fügte sie auch noch eine große Quantität solcher dem Geschenk hinzu.

Teils lachend, teils mit Widerwillen sahen die Mädchen, mit welcher Gier die Eingeborenen mit den weißen, prachtvollen Zähnen in die talgige Masse bissen, den Docht durchrissen und schmatzend die Delikatesse verzehrten.

Als ihre Versuche, noch mehr Geschenke zu erlangen, scheiterten, waren sie bescheiden genug, das Schiff sofort zu verlassen. Wie aber waren die Mädchen erstaunt, als der Häuptling, ehe er sich am Tau in sein Boot herunterließ, ihnen mit freundlichem Lächeln eine ganze Hand voll erbsengroßer Goldstücke anbot und nicht eher nachließ, als bis man sie ihm abgenommen hatte.

Jetzt war Ellen geneigt, den Eingeborenen noch mehr zu schenken, denn der Wert des Goldes betrug wenigstens zehnmal so viel, wie der der Geschenke, aber es war zu spät — der Häuptling saß schon im Boote, und dieses stieß ab.

Die Bäche und Flüsse des Feuerlandes enthalten viel Goldsand, aber nicht genug, um Goldsucher heranzuziehen. Die Eingeborenen sammeln die Körner, fertigen sich daraus Schmuck, halten aber im allgemeinen das Edelmetall für wertlos. Sie verschenken es für jede Kleinigkeit, aber so viel haben sie nie, dass sich ein regelrechter Tauschhandel mit ihnen lohnte.

Während die Vestalinnen die Anker lichteten, sahen sie, dass sich die Walfischjäger an Land zu dem getöteten Tiere begeben hatten und die Zerkleinerung des Wales begannen.

Sie mochten die Mädchen für rechte Dummköpfe halten, dass sie das Tier, dessen Tran ein kleines Vermögen repräsentierte, im Stiche ließen.

Zwischen den Hügeln bemerkten die Vestalinnen ferner die Eingeborenen, welche sich an Hartbrot und Talglichtern delektierten und dazu aus hölzernen Schalen Schmieröl tranken. Waren die Walfischfänger mit dem Zerlegen und dem Transport fertig, so versprachen die Überreste noch eine reiche Mahlzeit für die Feuerländer.

Die Ankunft der ›Vesta‹ hatte diesen armen Menschen zu einem Festtage verholfen.

Aber die Vestalinnen sollten doch noch Grund finden, sich über diese so harmlos scheinenden Eingeborenen zu beklagen.

Die Mädchen, deren Kabine dem Eingange zur Kajüte am nächsten lag, suchten, als sie ihre Tür öffnen wollten, vergebens nach der Klinke — der messingene Griff war abgeschraubt, und bald vermisste man noch zwei andere Klinken, einige Schlüssel und so weiter, und ebenso auch an den Maschinenteilen Schrauben und Stifte. Die wie die Raben stehlenden Feuerländer hatten alles mitgehen heißen, was in den Bereich ihrer Finger gekommen war.

Anfangs war der Ärger über diese Entdeckung ein sehr großer, bald aber beruhigte man sich. Die Eingeborenen hatten ja sozusagen ihren Diebstahl durch das Gold bezahlt.

Der Schaden war übrigens kein so schlimmer.

Jedes Schiff ist meist so ausgerüstet, dass ein Gegenstand, welcher verloren geht, ersetzt werden kann, alles ist in doppelter Anzahl vorhanden, Segel, Rahen und Taue sowohl, als auch kleinere, unbedeutendere Gegenstände, an welche ein Uneingeweihter gar nicht denken würde, wie zum Beispiel Fenster, das heißt Glimmerglasscheiben für die sogenannten Bullaugen, Teller, Messer, Gabeln, Gläser, sämtliches Kücheninventar, aber auch Klinken, Schlüssel und so weiter, und die ›Vesta‹ war in dieser Hinsicht doppelt vorsichtig ausgerüstet worden.

»Hol an die Backbordbrassen, Ruder hart Backbord«, rief Ellen. »Kap Hoorn ist umsegelt, die Fahrt geht wieder den wärmeren Gegenden zu. Morgen werden wir schon nicht so zu frieren haben, jede Stunde bringt uns der Wärme näher.«

Gehorsam drehte das Schiff, der Wind schwellte die seitwärts gerichteten Segel, es legte sich stark nach Steuerbord über, dahin, wohin der Wind wehte, oder wie der Seemann sagt, nach der Luvseite, und flog wie ein Seevogel leicht über das mäßig bewegte Wasser.

* * * * *

III.18. Der Medizinmann

Unter den sechzehn Schiffen — englischen, amerikanischen, deutschen und französischen Dampfern und Seglern — welche im Hafen von Mgwana ankerten, befanden sich auch die ›Vesta‹ und der ›Amor‹.

Es war Ellen doch nicht gelungen, so oft es auch den Anschein hatte, für dreißig Tage die ›Vesta‹ den Augen der Engländer zu entziehen. Immer wusste der Kapitän der kleinen Brigg das befreundete Schiff wieder aufzufinden, weder Wind, noch Sturm, noch Finsternis hatten vermocht, ihn von der Spur abzubringen.

Mgwana ist der größte Hafen des Negerreiches Dahomey, von den Europäern Mungana genannt.

Dahomey, ein etwa fünfzigtausend englische Quadratmeilen umfassendes Gebiet, (vier englische oder Seemeilen machen eine deutsche aus) liegt im Norden der Sklavenküste von Oberguinea, nicht weit vom Äquator entfernt, mit der Hauptstadt Abomey.

Dahomey ist wenig gebirgig, aber reich an Wäldern und Feldern. Die Eingeborenen verstehen es, den äußerst fruchtbaren Boden zu bebauen und ziehen hauptsächlich Reis, Durra, eine arabische Getreideart, Zuckerrohr, Indigo, Tabak, Melonen und Yams. Yam ist eine der Kartoffel ähnlich schmeckende, weiße Wurzel.

Ferner gedeihen noch wilde Orangen, Melonen und die Kokospalmen in Unzahl. Die ungeheuren Urwälder wimmeln von Tieren aller Art, nicht nur von Affen, Vögeln, Wildschweinen, Rehen und Hirschen, sondern auch von Panthern und anderen Raubtieren, und in dem östlichen Gebiete kommt der Löwe noch häufig vor.

Wo der Wald durch Steppe unterbrochen wird, findet man zahlreiche Gazellen, Antilopen, Gnus, Zebras und Giraffen, und von der Jagd auf das Rhinozeros, Flusspferd und den Elefanten leben viele Eingeborene. Die Ausfuhr von Elfenbein bildet sogar einen wichtigen Teil des Handels.

Die Dahomeyneger haben sich der Religion der Araber, dem Islam und noch mehr dem Christentum gegenüber immer feindlich gezeigt und sind noch dasselbe, was sie vor Jahren waren, Fetischdiener, das heißt, Götzenanbeter. Der mächtigste ihrer zahlreichen Götter ist Priope, welchem Menschenopfer dargebracht werden.

Im Jahre 1858 schaffte König Gheso, ein Herrscher, welcher sein Volk gern der Zivilisation zuführen wollte, was ihm aber nicht gelang, die Menschenopfer ab. Schon bei seinem Tode jedoch ließ sein Sohn Bahadung zur Erhöhung der Begräbnisfeierlichkeiten des Vaters nicht weniger als 8000 Kriegsgefangene hinschlachten, die Engländer machten gewaltige Anstrengungen, dies zu verhindern, aber sie konnten es nicht, und werden die Menschenopfer seitdem auch nicht mehr so öffentlich betrieben, so kommen sie doch noch häufig genug vor.

Die Dahomeyneger sind ein großer, kräftiger, kühner und überaus kriegerischer Menschenschlag. Zwar treiben sie Feldbau und fertigen Metallarbeiten, aber mit Freuden vernehmen sie den Kriegsruf im Land. Sie lassen den Hammer und den Pflug liegen und marschieren, mit Bogen, Pfeilen, Lanzen, Wurfspießen, Schwertern und dem fast zwei Meter hohen, mit Büffelhaut überspannten Schild ausgerüstet, unter Führung der Ortshäuptlinge dem Feinde entgegen. Im Kampfe sind sie bemüht, möglichst viele Gefangene zu machen, welche verkauft werden. Dahomey war früher das Land, welches die meisten Sklaven lieferte, seitdem aber im Jahre 1843 der Sklavenhandel abgeschafft wurde, werden diese nicht mehr öffentlich von den Häfen aus verschickt. Doch finden sich in den Arabern noch immer willige Abnehmer für die lebendige Ware, für das schwarze Ebenholz, denn es gibt eben Länder, deren Bewohner nicht ohne Sklaven leben können, so zum Beispiel der ganze Orient und viele Teile Afrikas und Asiens.

Die Weiber nehmen in Dahomey eine sehr untergeordnete Stelle ein, sie werden wie die Lasttiere behandelt, wie aber überall Gegensätze gern bestehen, so auch hier. Der König von Dahomey hält sich stets eine Leibgarde von 5000 Frauen und Mädchen, welche einzig und allein zum Schutze ihres Gebieters da sind und einen Rang einnehmen, wie etwa die Ritter in unseren früheren Zeiten, sie sind immer unter Waffen, ihre einzige Beschäftigung im Frieden ist das Waffenspiel, im Kriege der Kampf, und ihre Kinder, deren Väter die edelsten Dahomeyneger sind, werden von der Jugend auf einzig und allein für die Waffen erzogen, das heißt, nur wenn sie nach einer genauen Musterung dafür tauglich befunden werden.

Haben sie aber nur den kleinsten Fehler an sich, oder scheinen sie schwächlichen Körperbaues zu sein, so werden sie aus der Truppe dieser Amazonen entfernt und treten zu der anderen, verachteten Weiberklasse über. Die kriegerische Erziehung der Kinder dieser Weiber ähnelt fast jener, wie sie im alten Sparta eingeführt war, wo bekanntlich alle Kinder, wenn sie nicht schön und stark gebaut waren, in eine Schlucht geschleudert wurden und wo die gesunden und starken ausschließlich zu Kampf und Waffenspiel erzogen wurden. Im Jahre 1864 wurde diese Amazonentruppe einmal völlig vernichtet.

Bahadung hatte Abbeokuta, den König des östlich Dahomey gelegenen Reiches Jorubi, mit Krieg überzogen, aber es war ein unglücklicher Krieg gewesen. Die Angreifer wurden in der Entscheidungsschlacht geschlagen, und als schließlich Bahadung selbst in Gefahr kam, gefangen zu werden, ließ er seine Amazonen schwören, zu siegen oder zu sterben, und die Weiber hielten den Schwur.

Unter ihrer Führerin Yamyhla stürzten sie sich in die dichtesten Reihen der Feinde und hielten nicht eher ein, als bis die letzte von ihnen unter dem Schwerte der Feinde gefallen war. Der König von Dahomey hatte zwar dadurch seine Leibgarde verloren, wenigstens bis die Kinder herangewachsen waren, um die Waffen der Mütter schwingen zu können, aber der König selbst war befreit worden.

Die Würde der Anführerin ist unter diesen Amazonen erblich, das erstgeborene Mädchen folgt stets der Mutter, wenn nicht ein Fehler überhaupt ihren Tod nötig macht, und nicht lange sollte es dauern, so erfuhren die Vestalinnen endlich von der sonst zurückhaltenden Yamyhla, warum sie, anstatt die wieder vollzählig gewordene Amazonentruppe zu beherrschen, sich auf dem Sklavenmarkte befunden hatte.

Dass der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ in Mgwana zusammentrafen, war natürlich kein Zufall. Hannibal befand sich mit Yamyhla im geheimen Einverständnis, jede Stunde, die es ermöglichte, fand sie beide in eifrigem Gespräche, denn bei dem Racheakt oder zur Ausübung des Gerichtes, welches Yamyhla vorhatte, sollte Hannibal eine wichtige Rolle spielen.

Hannibal war ein Aschantineger aus dem im Westen an Dahomey angrenzenden Gebiet.

Die Vestalinnen wunderten sich nicht, dass der ›Amor‹ schon vor ihnen in Mgwauna angekommen war. Yamyhla hatte die Damen gebeten, diesen Hafen ihres Heimatlandes anzulaufen, und es war zu erwarten, dass sie auch Hannibal davon benachrichtigte. Dieser hatte es natürlich den englischen Herren erzählt, und der ›Amor‹ war von Lord Harrlington so gesteuert worden, dass er noch eher, als die ›Vesta‹ Mgwana erreichte, ohne aber dabei das Vollschiff zu verlieren. —

Es war Abend.

Die englischen, amerikanischen, deutschen und französischen Kontors — die Reihenfolge zeigt, in welchen Händen der Handel in Dahomey liegt — waren geschlossen. Die Angestellten, welche den ganzen Tag mit Arabern und Negerhäuptlingen um Elfenbein, Kokosöl, Tierhäute und so weiter gefeilscht hatten, wobei sie hundert- und aberhundertmal mit der Klugheit des Verstandes dem dummdreisten Betrug der Händler zu begegnen gewusst, eilten in ihre am gesunden Hafen liegenden, aus Steinen ausgeführten Wohnungen, während die Eingeborenen sich mit langsamen, phlegmatischen Schritten, aber mit desto mehr bewegter Zunge, das heißt schwatzend, ihre Lagerstätten im Viertel der Neger aufsuchten.

Hier waren die Hütten aus Lehm aufgeführt.

Wer etwas zu verkaufen hatte, der saß vor der Türe und pries dem Vorübergehenden unter Beteuerungen seiner Ehrlichkeit die Waren an, welche draußen ausgebreitet lagen, Eßwaren, Tuch oder einheimische Tauschartikel, und wer von der Hände Arbeit lebte, der hockte zwar ebenfalls vor der Tür seiner Hütte, begnügte sich aber, mit Gelassenheit eine Pfeife zu rauchen und höchstens einmal mit einem seiner Nachbarn ein Wort zu wechseln, ob nach der langen, trockenen Zeit nicht bald wieder ein Regen das Land erfrischen würde.


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Natürlich, wie sollte es anders sein! Nur die fremden Eindringlinge waren daran schuld, dass so lange kein Regen mehr gefallen war, denn den Göttern wurde ja nicht mehr geopfert.

Ja, wenn Bahadung die Zügel der Regierung geführt hätte, dann wäre solch eine trockene Zeit nicht eingetreten. Er sorgte dafür, dass immer genügend Menschen geopfert wurden. Dieser König hätte sich nichts daraus gemacht, ob die weißen Fremdlinge die Menschenopfer verboten oder nicht.

Die letzte Hütte des Dorfes, von den übrigen Häusern noch etwas entfernt, zeichnete sich durch ihre Größe und bessere Beschaffenheit von den anderen vorteilhaft aus, sie glich fast der des Manyara, des Ortshäuptlings, aber der in ihr Wohnende konnte sich auch mit dem Häuptlinge an Macht messen, das heißt nur, wenn ihm Mulungu, der Gott, unter welchem alle anderen Götter stehen, gnädig gesinnt war.

Es war die Hütte des Myanga, des Medizinmannes und Zauberers des Dorfes, ohne dem ein Negerdorf überhaupt nicht existieren kann.

Zu ihm kommt man, wenn unter dem Vieh Seuchen ausbrechen, wenn man von Krankheit geplagt wird, der Neger bittet ihn, dass sein Weib keine Fehlgeburt mache, und er ist sogar dafür verantwortlich, wenn das Getreide nicht gerät, wenn es zu viel regnet, sodass die Felder in Sümpfe verwandelt werden, oder wenn es gar nicht mehr regnet.

Gelingt es ihm, durch Zauberformeln, Beschwörungen und Darbringungen von Opfern das Ohr der Götter sich geneigt zu machen, das heißt, treten die eben aufgezählten Missstände und andere nicht mehr auf, so steht er bei dem Volke in hoher Gunst, selbst der Häuptling bezeugt ihm seine Ehrfurcht. Sollte es ihm aber nie gelingen, die Seuchen zu vertreiben, Krankheiten zu mildern und den Regen vom Himmel herabzurufen, so könnte es auch passieren, dass er schließlich mit Schimpf und Schande aus dem Dorfe gejagt würde, ja, dass er zur Strafe seiner Ohnmacht sein Leben lassen müsste.

Doch Nghwhalah Ngaraiso — diesen schönen Namen führte der Medizinmann von Mgwana — brauchte eine solche Absetzung nicht zu fürchten. Er war nur dem Namen nach der Zauberer dieses Dorfes, eigentlich war er der von ganz Dahomey, stand er doch bei dem Könige Mizanga im höchsten Ansehen und beherrschte alle anderen Medizinmänner.

Das kam daher, weil ihm nie eine Zauberkur missglückte, geschah dies aber doch einmal, so war Ngaraiso unschuldig, ein anderer Zauberer war schuld daran, denn Ngaraiso war schlau, so schlau, wie alle seine Landsleute zusammengenommen. Das Schönste aber war, dass er an seinen Hokuspokus selbst nicht glaubte, sondern, wenn er seine Zauberformeln hermurmelte, innerlich über die Dummheit seiner Genossen lachte, welche meinten, er könne durch Begraben eines Vogels eine Krankheit bannen, durch Fällen eines morschen Baumstammes den bösen Geist aus einer Kuh treiben, und wenn er sich, um den Himmel zum Regen zu nötigen, mit dem Messer in Arme und Beine stechen musste, so ließ er aus einem kleinen Lederbeutel bereitgehaltenes Blut über die anscheinend gestochenen Stellen fließen, aber er ritzte sich in Wirklichkeit dabei nicht einmal die Haut.

Dennoch wusste Nghwhalah Ngaraiso mehr, als alle anderen Medizinmänner, er schien wirklich im Besitze übernatürlicher Kräfte zu sein, und das kam daher, dass er in früheren Jahren einmal längere Reisen mit einem Afrikaforscher gemacht hatte, welcher an dem aufgeweckten Neger Gefallen fand und ihn über Naturkräfte und die Verwendung derselben aufklärte. Von diesem hatte er auch verschiedene Kunstkniffe gelernt, mit welchen er seine abergläubischen Brüder in Staunen setzte, und welche ihm erlaubten, dass er sich seine Taschen mit Silber, Gold und wertvollen Steinen füllen konnte.

Der Medizinmann von Mgwana war eben das, was man einen aufgeklärten Kopf nennt, wenigstens seinen Landsleuten gegenüber.

Seine Hütte war in zwei Gemächer geteilt — schon dadurch verriet er seinen besser entwickelten Geschmack.

Der erste Raum, in den man trat, sah sonderbar genug aus, so recht, wie die Hütte eines Zauberers aussehen soll, mit irdenen Töpfen und Urnen vollgepfropft, in denen sich die Asche verbrannter Tiere, vielleicht sogar von Menschen, befand, grinsende Totenschädel lagen herum, weiße Stäbchen waren in rätselhafte Arabesken geschlungen, und das Ganze wurde von einer Nachteule und einem uralten, flügellahmen Geier bewacht, welche beide auf je einer Urne hockten und den Eintretenden aus den halbgeöffneten Augen anblinzelten.

Zu diesem Raume hatten diejenigen Eintritt, welche den mächtigen Zauberer um Rat fragen wollten, selbst die mit vollen Händen kommenden Häuptlinge wurden nur hier empfangen und wenn sie auch noch so viel Reis, Durra, Gold, Perlen und Zeug als Geschenk mitbrachten, damit der böse Geist sie nicht mehr mit Rheumatismus plage, oder damit eine ihrer Frauen glücklich gebäre.

Wie es in dem zweiten Raume aussah, das konnte niemand sagen, denn niemand erhielt Zutritt zu ihm, aber so viel war sicher, dass in diesem die eigentliche Zauberkraft von Ngaraiso lag, denn der schon bejahrte, weißköpfige und freundlich, aber schlau blickende Mann hielt sich fast immer darin auf, natürlich, um mit den Göttern Zwiegespräche zu halten.

Die Nacht war angebrochen, Dunkelheit hatte sich auf die Gassen des Negerdorfes herabgesenkt, und die schwatzenden und rauchenden Bewohner hatten sich in die Hütten zurückgezogen, um die Nacht auf ihren weichen, mit Bast überzogenen Kitundas, das heißt Bettstellen, zu verschlafen.

Vor der Hütte des Medizinmannes hielten zwei Gestalten, die eine klein, die andere groß und schlank, und klopften Einlass bittend an die Tür.

Es mussten zwei reiche Eingeborene sein, welche den Zauberer um Rat fragen wollten, denn sie waren über und über, selbst die Köpfe, in Marikani, das heißt in amerikanischen Wollstoff gehüllt, und von diesem kostete doch der Meter fast einen Dollar.

Der Geier drinnen krächzte heiser auf, die Eule ließ ein knarrendes Schnarchen hören — besser als diese beiden Vögel konnte kein Wachhund anschlagen.

Die Tür öffnete sich auch sofort, und der weißwollige Kopf des alten Zauberers wurde in der Spalte sichtbar.

»Was wollt ihr noch so spät in der Nacht?«, fragte er in unfreundlichem Tone. »Ihr stört mich jetzt im Gebet, kommt morgen wieder.«

»Wir haben einen weiten, weiten Weg zurückgelegt, um dich aufzusuchen«, sagte der kleinere der Fremden in den schnalzenden Lauten der Dahomeyneger, »gewähre uns eine Stunde, um mit dir zu sprechen.«

»Woher kommt ihr denn? Seit Tagen ist keine Karawane hier eingetroffen.«

»Wir kamen mit keiner Karawane.«

»Wie denn? Habt ihr eine Uganga (Medizin), dass ihr durch die Luft fliegen könnt?«, klang es spöttisch zurück.

»Wir kamen mit dem Schiff.«

»Mit einem Schiff? Seit wann fahren denn die Dahomeys auf Schiffen? Doch sprecht und haltet mich nicht auf! Woher kommt ihr?«

»Von da, wo die Sonne aufgeht«, sagte der Kleine, »wir wollen dich, Nghwhala Ngaraiso, fragen, ob du dich noch des Kababo erinnern kannst.«

Die letzten Worte, und ganz besonders der Name, waren in flüsterndem Tone gesprochen, und wunderbar war die Wirkung, welche sie hervorriefen.

Erschrocken war der alte Zauberer zusammengefahren, im nächsten Augenblick aber öffnete er die Tür etwas weiter und flüsterte, noch einen misstrauischen Blick auf den großen Begleiter werfend:

»Kommt schnell herein, ich bin begierig, von euch Kunde zu vernehmen.«

Die beiden traten in das zuerst erwähnte Gemach, welches von einem Talglicht notdürftig erhellt wurde.

Ngaraiso suchte vergebens die Züge der Besucher und besonders die des Sprechers zu erkennen. Auch die Gesichter der Fremden waren vollständig in dem Tuche verborgen.

»Setzt euch«, sagte Ngaraiso und deutete auf zwei Schemel. »Wer bist du, Fremder, und wer ist dein Begleiter? Habt ihr den Kababu gesehen? Kennt ihr sein Schicksal? Lebt der Unglückliche noch? Ach, dass sich ein Mensch so weit vergehen konnte! Doch sagt, habt ihr den Kababo gesehen? Sprecht ohne Scheu!«

Die beiden vermummten Gestalten waren ruhig stehen geblieben, ohne der Aufforderung, sich zu setzen, Folge geleistet zu haben.

»Nicht hier«, sagte kopfschüttelnd der Kleinere, »führe uns in jenen Raum, dort wollen wir dir sagen, was uns hergeführt hat, und was wir von Kababo über dich erfahren haben.« »Über mich?«, wiederholte der Schwarze ganz bestürzt. »So kommt denn!«

Damit öffnete er schnell die Tür und ließ die beiden in das Gemach eintreten, in welches sonst kein anderer Zutritt erhielt.

Aber alle würden sehr enttäuscht gewesen sein, die hier etwas Geheimnisvolles anzutreffen erwartet hätten. Es zeigte sich wieder, dass Ngaraiso ein Fuchs war, der die Gerüchte über diese geheimnisvolle Kammer nur aufrecht erhielt, um in seiner Bequemlichkeit nicht gestört zu werden.

Die Kammer machte den Eindruck eines recht gemütlich eingerichteten Wohnzimmers, sie war mit Teppichen, ja selbst mit Möbeln, ganz nach europäischem Geschmack ausgestattet, und nichts fehlte, was man zur Bequemlichkeit vermisst hätte.

Ngaraiso hatte eben viel mit Europäern verkehrt und herausgefunden, dass die Fremdlinge in ihrer Weise bequem lebten, und da es ihm an Geld nie mangelte, so hatte er sich nach und nach auch die Vorteile der Zivilisation angeeignet.

Nur einige herumstehende Kisten verrieten, dass der Zauberer auch noch andere Gegenstände hier aufbewahrte, so zum Beispiel enthielt ein Schränkchen eine ganze Apotheke, wie sie Afrikareisende bei sich führen.

Jetzt nahmen die beiden Fremden in Lehnstühlen Platz, ohne aber ihre Gesichter zu zeigen.

»Nun sprecht, was habt ihr mir über Kababo zu berichten?«, begann wieder der Medizinmann, welcher seine sonst so imposante Ruhe, die er anderen gegenüber zeigte, ganz verloren hatte. Er schien sehr aufgeregt, sogar furchtsam zu sein. Vergebens strengte er sich an, beim Schein der Öllampe die Züge der Fremden zu erkennen.

»Wir haben allerdings Kababo getroffen«, begann der Kleine wieder nach einer kurzen Pause, »es geht ihm gut, und er hat uns versichert, dass er dir nicht zürnt, weil er für dich die Strafe erlitten, welche ihn aus der Heimat vertrieb. Er war dein Freund, ihr habt beide zusammen Blut getrunken, und so bereut er auch nicht, dir den Freundschaftsdienst geleistet zu haben, allerdings einen Dienst, den du mit Undank vergolten hast.«

Der Zauberer war, je weiter der Unbekannte sprach, immer mehr zusammengebrochen.

»Ich sehe«, sagte er endlich in ganz zerknirschtem Tone, »dass dir Kababo alles erzählt hat. Aber wer bist du, dass er dich zum Mitwisser eines Geheimnisses gemacht hat, das mir doch alles, ja, das Leben kosten kann? So sprich doch, spanne mich nicht länger auf die Folter! Wer bist du?«

Langsam enthüllte der Unbekannte seinen Kopf — das Gesicht Hannibals zeigte sich.

Mit einem lauten Aufschrei war der Zauberer in die Kniee gesunken, die Arme weit vorgestreckt, so starrte er den alten Mann wie ein aus der Erde gestiegenes Gespenst mit hervorquellenden Augen an.

»Kababo, du selbst?«, stöhnte er.

»Ich bin es«, sagte Lord Harrlingtons Diener ruhig, »doch sei unbesorgt, ich komme nicht, um Vergeltung zu üben! Was du auch getan haben magst, wie schlecht du auch meine Freundschaft vergolten hast, es soll dir alles verziehen sein. Stehe auf, setze dich und gib Antwort auf die Fragen, welche ich an dich richten werde!«

Der Medizinmann richtete sich langsam auf, er schien in dieser kurzen Minute plötzlich um Jahre gealtert zu sein. Sein eben noch so volles, wohlgenährtes Gesicht war eingefallen, und die glänzenden Augen waren erloschen.

Bevor er sich aber setzte, deutete er noch auf Hannibals Begleiter, welcher noch immer dicht verhüllt und bewegungslos dasaß, und sagte:

»Wer aber ist das? Wohl will ich dir Antwort auf alle Fragen geben. Dürfen die Ohren dieses Mannes aber auch das erfahren, was mich unglücklich machen würde?«

»Sie dürfen es«, antwortete Hannibal oder, wie er, früher hieß, Kababo, »sie müssen es sogar hören.«

»Wer ist es?«

»Ein mächtiger Mann, unter dessen Schutz ich stehe. Fürchte nichts, so sicher, wie ich mich in seiner Gegenwart fühle, kannst auch du sein! Sonst würde ich wohl nicht wagen, wieder hierher zu kommen.«

Der Medizinmann war beruhigt, er forschte nicht weiter über die Person des Unbekannten.

»Noch eins«, sagte er dann. »Warum stellst du Fragen, welche du doch selbst beantworten kannst?«

»Weil ich die Wahrheit aus deinem Munde bestätigt hören will«, antwortete Hannibal. »Dieser da«, er wies auf den Unbekannten an seiner Seite, »hat mir nicht geglaubt, er zweifelt an meiner Unschuld, wird sie aber glauben, wenn du gestehst.«

»So frage!«, sagte Ngaraiso ganz zerknirscht.

»Bin ich es gewesen, welcher den Kriegern Dahomeys, ehe sie in den Entscheidungskampf gegen Abbeukuta zogen, den höllischen Branntwein zu trinken gab, welcher ihre Sinne umnachtete, sodass die sonst so starken Arme die Streitkeule nicht mehr zu heben vermochten, und dass ihre sonst unfehlbaren Pfeile das Ziel nicht erreichten?«

»Nein, du warst es nicht.«

»Wer war es sonst?«

»Es geschah auf Geheiß des feindlichen Anführers.«

»Und wer brachte ihnen heimlich bei Nacht das vermaledeite Getränk?«

»Bestochene Händler von Joriba.«

»Du versuchst die Wahrheit zu umgehen«, sagte Hannibal ernst, »das aber kann mir nichts nützen. Sprich dich offen aus, und sei versichert, dass dir nichts geschieht. Niemand, weder ich, noch dieser mein Begleiter werden dich verraten. Wer war es also, der alles anordnete, um die Krieger zu betäuben?«, Der Medizinmann stöhnte tief auf.

»Ich selbst«, flüsterte er dann endlich, das Gesicht in die Hände vergrabend.

Fast schien es, als wäre der Begleiter Hannibals geneigt, sich auf den Mann zu stürzen. Seine rechte Hand fuhr unter das weite Gewand, als suche sie einen Dolch, er duckte sich wie ein Raubtier zusammen, aber er blieb, sich beherrschend, sitzen.

»Warum tatest du das?«, forschte Hannibal weiter.

»Ich war vom Gold verblendet.«

»Und warum bezeichnetest du mich als denjenigen, welcher es getan hätte?«

»Weil du Yamyhla liebtest und von ihr wieder geliebt wurdest und ich dich, seitdem dies mir zum Bewusstsein kam, darum hasste.«

»So liebtest du Yamyhla?«

Der Medizinmann nickte.

»Und wurdest du wieder geliebt?«

»Nein«, sagte Ngaraiso dumpf, »wie konnte ich, da sie dich liebte? Es ist nicht wahr, was ich vorhin sagte, dass mich das Gold verblendet hätte. Ich war unglücklich, verzweifelt, eine mir sonst nie bekannte Wut hatte mein Herz erfasst, als ich erfuhr, dass du von Yamyhla mir vorgezogen wurdest, und dieser Hass war so groß, dass er meine Freundschaft zu dir — einst eine wirkliche, heilige Freundschaft — ganz verdrängte. Aber nicht nur dich hasste ich, auch Yamyhla begann ich zu hassen, und schließlich alles, was mich an den Namen Dahomey erinnerte. Alles musste sterben, dieser Gedanke beherrschte mich vollkommen; in meiner Wut war ich blind, und so war ich es, welcher den Kriegern vor dem Kampfe den Branntwein verschaffte und ihn noch mit Äter vermischte, welcher ihre Augen umnachtete. Ach«, fuhr der Medizinmann seufzend fort, sein Gesicht drückte wirklich unsagbare Verzweiflung aus, »wie habe ich es bereut! Aber was nutzte die Reue? Zu spät, zu spät, ich kann es nicht wieder gutmachen!«

»Vielleicht doch«, sagte Hannibal freundlich. »Aber sag, Ngaraiso, hatten wir nicht Blut getrunken? Galt dir dieses Zeichen der Freundschaft nichts, ist eine solche Freundschaft nicht weit mächtiger, als die Liebe zu einem Weibe?«

Unter den meisten Stämmen Afrikas herrscht die Sitte, dass zwei Männer, welche sich Freundschaft auf Leben und Tod schwören, sich eine Ader am Oberarm öffnen und gegenseitig das Blut aufsaugen. Wer des anderen Blut getrunken, ist verpflichtet, sich für denselben aufzuopfern, und wirklich hört man oft von solchen Beispielen. Das Bluttrinken ist eine heilige und schöne Sitte.

Der Medizinmann schüttelte traurig den Kopf.

»Ich glaubte schon damals, als ich mit dir Blut trank, nicht an eine Heiligkeit dieser Handlung«, sagte er dumpf, »ich hielt sie für eine abergläubische, törichte Zeremonie, welche man ausrotten sollte, aber ich musste mir den Anschein geben, als achte auch ich sie. Sie legte mir keine Verpflichtungen auf, der Freund war ein Freund von mir, auch ohne dass ich Blut mit ihm getrunken hatte, und hasste ich ihn, so war dies kein Grund, mich von meiner Rache abzuhalten. Fluch mir«, stöhnte der alte Mann auf und schlug die Hand vors Gesicht, »dass ich so viel mit den weißen Fremdlingen verkehrte und auf ihre Lehren hörte! Ich habe zwar viel von ihnen gelernt, aber ich habe auch das Gift eingesogen. Ich glaubte schon damals, als wir uns kennen lernten, weder an unsere Götter, noch überhaupt an einen Gott; ich lachte über sie, wie der Fremdling, dem ich diente, das Gold ward mein Gott, und meine Gefühle gaben mir die Richtung an, welche ich zu gehen hatte. Jetzt denke ich anders, ich sehe ein, wie sehr ich mich geirrt habe und wie sehr ich frevelte. Aber was nutzt das jetzt. Das Geschehene kann nicht geändert werden.«

»Ich wiederhole dir, du kannst dein Unrecht in etwas wieder gutmachen«, versicherte Hannibal zum zweiten Male. »Nun aber, Ngaraiso, erzähle mir, was unterdes in Dahomey vorgefallen ist. Ich bin lange Zeit von hier abwesend gewesen. Wer ist jetzt die Anführerin der Leibgarde des Königs?«

»Simbawenni.«

»Wie kommt es, dass die Anführerin nicht mehr den Namen Yamyhla trägt?«, fragte Hannibal erstaunt. »Diese Würde ist doch erblich.«

»Die Tochter der Yamyhla, welche du liebtest, gebar ein Zwillingspaar, einen Knaben und ein Mädchen, und wie du weißt, kann hierdurch ein Wechsel in der Herrschaft eintreten, um es zu ermöglichen, dass, wenn eine Würdigere unter den Weibern existiert, diese Anführerin wird.«

»Ich weiß es«, entgegnete Hannibal, »der Sohn kann sich unter den Amazonen ein Weib wählen, dieses muss, wenn die Anführerin in ihrem zwanzigsten Jahre die Herrschaft über die Weiber antreten soll, sich mit ihr im Kampfe, den der König selbst bestimmt, messen, und die Siegerin wird Anführerin, während die Besiegte sich unwiderruflich aus Dayomeh entfernen muss. Ist dies der Fall gewesen?«

»Allerdings«, bestätigte Ngaraiso, »Simbawenni ist Anführerin geworden.«

»Wie alt war Yamyhla, als sie von Simbawenni besiegt wurde?«

»Noch keine zwanzig Jahre, aber die Mutter der Yamyhla war gestorben, im Kampfe gefallen, und so musste schon vorher der Streit um die Herrschaft geschlichtet werden.«

»So, so«, brummte Hannibal, »wann war das?«

»Etwa vor zwei Jahren.«

»Was mussten die beiden Mädchen tun?«

»Es galt, den Kopf eines Häuptlings zu holen, mit dem Matamonnbo, der jetzige König von Dayomey, in Krieg lebte. Dieser Häuptling war als ein ausgezeichneter, kriegsgewandter Mann sehr gefürchtet. Simbawenni war es, welche seinen Kopf brachte.«

»So, so«, ließ sich wieder Hannibal vernehmen, »und Yamyhla? Sollte die Enkelin jenes tapferen Geschlechtes diese Aufgabe nicht erfüllt haben? Das wundert mich sehr, dass sie so aus der Art geschlagen sein soll.«

Der Medizinmann wurde wieder unruhig.

»Ich habe dir noch etwas verschwiegen, aber ich kann es dir ja erzählen«, sagte er etwas zögernd, dann aber fuhr er offener fort: »Allerdings brachte Yamyhla auch einen Kopf mit und behauptete, es wäre der des Häuptlings, sie habe ihn im Einzelkampf getötet, als sie aber das Tuch auseinanderfaltete, da lag ein anderer darin, der Kopf eines fremden Mannes, Simbawenni dagegen hatte den richtigen.«

»Wie verhielt sich Yamyhla dabei?«

»Sie schrak zusammen und behauptete dann, sie hätte den Häuptling getötet und ihm den Kopf abgeschlagen, aber Simbawenni schalt sie eine Lügnerin und sagte dasselbe. Sie hatte ja auch den richtigen Kopf mitgebracht, der Häuptling konnte nichts mehr aussagen, bei dem Kampfe im Walde waren keine Zeugen zugegen gewesen, und so lautete der Rechtsspruch des Königs, dass Simbawenni Anführerin der Amazonen würde, vorläufig nur stellvertretende, bis die Zeit gekommen wäre, da Yamyhla zwanzig Jahre alt würde. Diese aber musste sich in die freiwillige Sklaverei begeben.«

»In die Sklaverei?«, fragte Hannibal

»Ja, so war es ausgemacht worden«, entgegnete Ngaraiso, »die Besiegte sollte sich freiwillig von der Siegerin als Sklavin verkaufen lassen, damit sich ihre Wege niemals wieder kreuzten.«

»Was sagte Yamyhla dazu?«

»Sie war außer sich, sie behauptete immer, der Kopf sei ihr gestohlen worden, sie habe den Häuptling besiegt und ihm den Kopf abgeschlagen, aber das half ihr nichts, sie musste sich dem Rechtsspruch des Königs fügen. Das Recht war auf der Seite Simbawennis.«

»Und was sagst du dazu?«

Ngaraiso zuckte die Achseln.

»Was soll ich dazu sagen?«, meinte er gleichgültig. »Was geht das mich an?«

»Wessen Tochter ist Simbawenni?«

»Die Tochter Mtambus.«

»Was für einen Zunamen führt dieser Mtambu?«, forschte Hannibal beharrlich weiter.

Der Medizinmann zögerte mit der Antwort, er wurde sichtlich verlegen.

Hannibal musste die Frage wiederholen.

»Sein Zuname ist Nghwhalay«, brachte endlich Ngaraiso hervor.

»Wie«, rief Hannibal erstaunt, »so ist Simbawenni aus deinem Geschlecht?«

»Ja«, gestand jetzt der Medizinmann, »sie ist meine Enkelin.«

Eine große Pause entstand. Niemand sprach ein Wort. Hannibal blickte gedankenvoll vor sich hin. Der Medizinmann wusste nicht, wohin er seine Augen richten sollte; unruhig rollten sie hin und her, bald das ernste Gesicht Hannibals streifend, bald scheu die verhüllte Gestalt an dessen Seite musternd, welche bewegungslos dasaß. Sie hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.


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Endlich unterbrach Hannibal die Stille. Seine Stimme klang ernst.

»Ngaraiso«, sagte er leise, »warum sagst du mir nicht die Wahrheit?«

»Ich habe nur die Wahrheit gesagt«, beeilte sich der Medizinmann zu versichern.

»Sei still! Du verheimlichst uns die Wahrheit! So gewiss, wie du einst, weil dir Yamyhla keine Liebe schenkte, mich, den Begünstigten, und alle Amazonen und Dahomeyneger ins Unglück stürzen, vernichten wolltest, so gewiss hast du auch die Rache an Yamyhlas Kindern fortgesetzt, und um zugleich Vorteil dabei zu gewinnen, hast du deine eigene Enkelin zur Anführerin der Amazonen gemacht.«

»Das ist nicht wahr«, seufzte Ngaraiso, aber die Angst, welche sich in seinen Zügen widerspiegelte, verriet, dass Hannibal das Richtige getroffen hatte.

»Leugne nicht, es ist so«, fuhr Hannibal ruhig fort. »Hast du deine Hand selbst im Spiele gehabt, als Yamyhla der Kopf des Besiegten gestohlen wurde?«

»Ich weiß nichts davon.«

»Ngaraiso«, sagte Hannibal ruhig, »gestehe es, und dir soll nichts widerfahren. Die Reue, welche du vorhin an den Tag legen wolltest, scheint nur erheuchelt gewesen zu sein. Wisse aber, dass, wenn du nicht gestehen willst, ich Mittel und Wege finden werde, dich zum Geständnis zu zwingen.«

Da versuchte Ngaraiso hochmütig aufzufahren.

»Was könntest du mir schaden? Du weißt doch recht gut, wie sehr ich bei den Dahomeynegern und besonders beim Könige Mizanza in Ansehen stehe. Es genügte nur ein Wort, und dein Leben wäre verwirkt.«

Aber Ngaraiso war seiner Sache doch nicht so sicher, scheu wich bei diesen Worten sein Auge dem festen Blicke Hannibals aus und streifte furchtsam die stumme, verhüllte Gestalt an dessen Seite.

»Du kannst mich nicht täuschen«, sagte Hannibal kalt, »ich habe Erkundigungen über dich eingezogen und bin anderer Meinung. Überdies stehe ich unter einem Schutze, ebenso wie mein Gefährte hier, unter welchem mir alle Macht deines Königs nichts anhaben könnte. Aber nimm Vernunft an, Ngaraiso«, fuhr Hannibal fort, seiner Stimme einen freundlicheren Klang gebend, »ich weiß sehr wohl, wie sehr du dich jetzt darüber ärgerst, deine Enkelin zur Anführerin der Amazonen gemacht zu haben. Du hofftest, sie würde dich unterstützen, dein Ansehen aufrecht zu erhalten, denn als Beherrscherin der Amazonen ist ihr leicht, dich zum mächtigsten Manne in Dahomey zu machen, aber du hast dich in ihr getäuscht. Sie glaubt nicht an deine Zaubereien, ebenso wenig wie du selbst, aber sie fürchtet dich, weil du um das Geheimnis weißt, durch welches sie Yamyhla gestürzt hat, und statt dich nun beim Könige in Schutz zu nehmen, sucht sie dir bei jeder Gelegenheit zu schaden, und sei versichert, Ngaraiso, sie wird nicht eher ruhen, als bis sie es fertig gebracht hat, dich beim Könige als einen Schwindler anzuschwärzen und zu stürzen.

Du selbst darfst ihr nicht entgegentreten«, fuhr Hannibal fort, »denn die Preisgabe des Geheimnisses, welches Simbawenni stürzt, kostet deinen eigenen Kopf, und sie gilt beim Könige doch etwas mehr, als du. Deshalb also, Ngaraiso, hassest du jetzt Simbawenni, du bereust, sie zur Anführerin der Amazonen gemacht zu haben und möchtest sie gern wieder entfernt sehen. Ist es nicht so, Ngaraiso? Gestehe es! Vielleicht, dass wir, ich und mein Gefährte hier, dein Schicksal ändern können. Es liegt wenigstens in unserer Macht. Ist es so?«

»Es ist so«, stöhnte der Medizinmann. »Was könntet ihr aber tun? Simbawennis Macht ist unumschränkt, ihr Spruch gilt mehr, als der des Königs.«

»Beantworte noch eine Frage!«, sagte Hannibal. »Ist es wahr, dass Simbawenni den Häuptling getötet und ihm den Kopf abgeschlagen hat?«

»Nein«, entgegnete Ngaraiso zögernd, »Yamyhla hat dies getan.«

»Wie kam es, dass Yamyhla den Kopf in der Versammlung nicht hatte, sondern einen anderen, Simbawenni dagegen den richtigen?«

»Kurz, ehe Yamyhla aufgefordert wurde, vor dem Könige zu erscheinen, ist ihr das Tuch, worin der Kopf gewickelt war, mit einem anderen vertauscht worden.«

»Und wer hat das getan?«

Der Medizinmann schwieg erst, dann aber sagte er: »Ich habe fast alles gestanden, es hilft mir nichts, noch etwas zu verheimlichen — ich bin doch jetzt auf deine Gnade angewiesen. Ich selbst bin es gewesen, ich habe meiner Enkelin den echten Kopf gebracht, der Yamyhla aber einen anderen untergeschoben. Doch sage jetzt, Kababo«, fuhr er in flehendem Tone fort, »wer ist dieser Mann, der so stumm dasitzt? Sein Schweigen ist mir entsetzlich.«

»Du sollst ihn nachher sehen«, vertröstete Hannibal, »auch ihn wirst du vielleicht kennen. Wann soll Simbawenni öffentlich als Anführerin der Amazonen anerkannt werden?«

»In vierzehn Tagen, beim Wechsel des Mondes.«

»So ist sie also noch nicht die erwählte Anführerin?«, sagte Hannibal und atmete sichtlich auf.

»Nein, sie hat zwar oft versucht, schon früher, gleich nachdem Yamyhla verschwand, als Führerin proklamiert zu werden, aber der König konnte ihr nicht nachgeben, so gern er wollte, die Dahomeyneger verlangten die Einhaltung der Frist.«

»Gut, so kommen wir noch nicht zu spät.«

»Wozu zu spät?«, fragte der Medizinmann gespannt. Er wusste nicht, was Hannibal eigentlich wollte.

»Du wirst es noch von uns erfahren«, entgegnete Hannibal mit Würde und stand auf; man erkannte in ihm jetzt nicht mehr den Diener Lord Harrlingtons. »Halte dich immer zu Hause, wenigstens für die nächsten paar Tage, und wenn du gebraucht wirst, so hoffe ich, dass du uns zu Willen bist, sonst müssten wir dich dazu zwingen.«

»Ich werde dir dienen, so gut ich kann«, versicherte Ngaraiso lebhaft, die Hand aufs Herz legend, »ich wünsche nichts sehnlicher, als meine Enkelin gestürzt zu sehen. Nur«, fügte er ängstlich hinzu, »musst du mir versprechen, mich selbst zu schützen, denn meine Geständnisse können mir das Leben kosten.«

»Du sollst gesichert sein! Doch noch eine Frage, wie heißt der Sohn der verstorbenen Yamyhla, welcher Simbawenni zur Frau wählte und ihr somit ein Recht gab, sich zur Anführerin der Amazonen aufzuschwingen.«

»Kursuri.«

»Es ist richtig«, sagte Hannibal, somit andeutend, dass er wohl in den Verhältnissen Bescheid wusste und nur ausforschen wollte, ob der Medizinmann die Wahrheit sprach.

»War es Zufall, dass Kursuri für Simbawenni Liebe empfand?«

»Nein«, gestand Ngaraiso aufrichtig; »im Einverständnis mit meiner Enkelin gelang es mir, bei ihm Liebe für das Mädchen zu erwecken.«

»Ich weiß, als Medizinmann verstehst du dich auf Liebestränke und dergleichen mehr. Was für eine Rolle spielt Kursuri am Hofe des Königs?«

»Gar keine.«

Der verhüllte Begleiter Hannibals hatte sich erhoben und wollte mit diesem die Hütte verlassen. Ngaraiso hielt Hannibal am Gewande zurück und rief in flehendem Tone: »Lass mich nicht in Angst und Zweifel zurück! Wer ist es, der unser Gespräch mit angehört hat. Durfte er es, oder soll er nur als Zeuge gegen mich auftreten?«

Die Person hatte sich dem Medizinmann zugekehrt und löste langsam das Tuch vom Kopfe — Ngaraiso blickte in ein bronzefarbenes Mädchengesicht, aus dem die Augen wie ein paar glühende Kohlen den Neger anfunkelten.


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Mit einem Schreckensschrei war Nagaraiso vor der hohen Gestalt bis in die entfernteste Ecke der Hütte zurückgewichen und dort in die Knie gesunken, die erhobenen Arme, wie abwehrend, ausstreckend.

»Yamyhla«, kam es bebend über seine Lippen — er wagte nicht, die Augen zu erheben.

»Ich bin es«, klang es dumpf aus dem Munde des Mädchens, »doch fürchte dich nicht! Ich bin nicht gekommen, um dich für deine Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Gern möchte ich zwar den Dolch in dein ruchloses Herz stoßen, aber mein Wort, dich zu schonen, hindert mich daran. Ich werde dich nur gebrauchen, um jene zu vernichten, welche mit List und durch deine Hilfe mir den Platz geraubt hat, der mir gebührt, dann kannst du gehen, wohin du willst, nur hüte dich, dass mir dein verfluchtes Gesicht je wieder unter die Augen kommt.«

»Ich bin verloren«, hauchte der zitternde Neger.

»Du bist es nicht«, sagte Hannibal, »wie ich dir schon sagte, es steht jetzt in deiner Macht, das Geschehene wieder gutzumachen. Gestehe die Wahrheit, erzähle, wie alles gekommen ist, und ich bürge dafür, dass du dann in Sicherheit gelassen werden sollst. Magst du auch die Bande der Blutsfreundschaft nicht achten, ich halte noch an dem Glauben meiner Väter fest, mir ist sie heilig.«

»Hütet Euch!«, flüsterte der Medizinmann, noch immer auf den Knien liegend. »Simbawenni ist mächtig und listig. Erfährt sie, dass Yamyhla zurückgekehrt ist, so setzt sie alles in Bewegung, um die Gehasste wieder verschwinden zu lassen.«

»Wir stehen unter mächtigem Schutze«, wollte Hannibal sagen, doch eine Handbewegung Yamyhlas brachte ihn zum Schweigen.

»Wie steht Simbawenni zu dem Könige?«, fragte sie den Medizinmann.

»Der König liebt Simbawenni«, entgegnete er, »er hat sie, trotzdem sie verheiratet ist, zu seiner Frau gemacht. Aber nicht er ist der Gebieter, sie beherrscht ihn vollkommen, er gehorcht ihrem Wink.«

»Ich dachte es mir«, antwortete Yamyhla kurz und verließ mit Hannibal die Hütte des Medizinmannes. —

Während diese Unterredung stattfand, enthüllte Ellen im Salon der ›Vesta‹ ihren Freundinnen das Schicksal Yamyhlas, welche an demselben Tage ihrer Befreierin alles erzählt hatte, was wir soeben erfahren haben, mit der Bitte, es auch den anderen Damen mitzuteilen.

Yamyhla hatte im Sinne, an dem Tage, da sie ihr zwanzigstes Jahr erreichte, an welchem zugleich die öffentliche Proklamation der neuen Anführerin der weiblichen Leibgarde des Königs in Dahomey erfolgte, dieser die Würde streitig zu machen. Sie hatte schon oft in ihrer Jugend erzählen hören, dass Kababo der Geliebte ihrer Großmutter gewesen wäre — unter den afrikanischen Stämmen herrscht kein strenges Ehegesetz, am allerwenigsten unter den Amazonen Dahomeys, welche zwar ebenfalls einen Mann haben, aber im Grunde genommen doch alle dem Könige mit Leib und Seele angehören, der die schönsten unter ihnen zu Weibern wählt — aber es wurde ihr auch gesagt, dass Kababo des Hochverrates überwiesen worden wäre, indem er den Kriegern von Dahomey vor einem Entscheidungskampfe Branntwein gegeben hätte, infolgedessen nicht nur die Schlacht verloren war, sondern auch die sämtliche Mannschaft aufgerieben wurde und die Weiber ohne Ausnahme in den Tod getrieben worden seien.

Die Anklage wegen Hochverrats war von Ngaraiso ausgegangen, welcher damals zwar noch kein Medizinmann, aber doch schon wegen seiner Kenntnisse geschätzt war. Das über Kababo gefällte Urteil lautete auf Todesstrafe, aber diese sollte nicht durch Erhängen oder auf ähnliche Weise ausgeführt werden, wodurch der Tod sofort eintrat, sondern er sollte so lange gepeitscht werden, bis er ohnmächtig wurde, dann, wenn er erwachte, wieder, u.s.w., bis der Tod ihn endlich von seinen Qualen erlöste.

Kababo beteuerte vergebens seine Unschuld. Es traten Zeugen gegen ihn auf, welche ihn als den bezeichneten, der ihnen den Auftrag gegeben hätte, den Kriegern Branntwein zuzuführen. Nur einmal wurde an dem Unglücklichen die barbarische Exekution vollzogen. Als man ihn nach einigen Stunden aus seinem Gefängnis herausschleppen wollte, um ihn zum zweiten Male zu peitschen, fand man die wohlbewachte Hütte leer. Kababo war daraus verschwunden, und man sah nie wieder etwas von ihm.

An Bord der ›Vesta‹ traf Kababo oder Hannibal, welcher durch unbekannte Freunde befreit worden war, mit der Dahomey zusammen, und aus der Ähnlichkeit erkannte er Yamyhla, die Enkelin der Amazone, welche er einst liebte. Als er seinen Namen nannte, wollte die heißblütige Amazone ihm, dem entsprungenen Hochverräter, den Dolch ins Herz stoßen, aber sie vernahm erst seine Verteidigungsrede und gelangte nach und nach zu der Überzeugung, dass Kababo unschuldig war.

Als Hannibal die Geschichte Yamyhlas erfuhr, als er hörte, dass Simbawenni die Rivalin sei, da wurde ihm klar, dass es nicht nur Argwohn sei, was schon lange seine Gedanken beschäftigt hatte.

Ngaraiso und kein anderer war es, der ihn vernichtet hatte, weil er den Geliebten der Yamyhla hasste, und der seine Enkelin Simbawenni an Yamyhlas Stelle, welche er ebenfalls hasste, bringen wollte.

Die Amazone glaubte ihm, und beide beschlossen, gemeinschaftlich nach der Heimat zurückzukehren, womöglich gerade dann, wenn Simbawenni ihre Würde antrat, und sie zu entlarven.

Ngaraiso brauchte man als Zeugen, und dieser war jetzt gewonnen. Der schlaue, aber schwachherzige, nur für seine Ruhe und Bequemlichkeit sorgende Schwarze wagte nicht, zu widersprechen.

Wären sie allein auf sich angewiesen, so hätte die Ausführung des Planes sehr viele Schwierigkeiten geboten, ja, wäre vielleicht gar nicht möglich geworden; durch das Anerbieten der Damen aber, ihnen ihre Kräfte bei dem Unternehmen zu leihen, schienen alle Hemmnisse beseitigt zu werden. Die Vestalinnen betrachteten Yamyhla als eine der ihrigen, und dass sie sich auf ihre Freundinnen verlassen konnte, das hatte sie schon oft genug gesehen.

Dazu kam, dass Ellen auch die Herren hatte auffordern lassen, an einer Expedition ins Innere teilzunehmen, sodass auch diese der ihr Recht suchenden Amazone schützend zur Seite standen.

»In spätestens vierzehn Tagen müssen wir in Abomey eintreffen«, sagte Ellen im Salon der ›Vesta‹ zu den versammelten Mädchen. »Die Erhebung der Simbawenni zur Anführerin der Amazonen wird durch Festlichkeiten aller Art, durch Waffentänze, Kampfspiele u. s. w. gefeiert, und wir werden diesen hoffentlich beiwohnen können. Zwar müssen wir wahrscheinlich störend eintreten, aber ich hoffe, dass uns der Anblick dieser Schauspiele nicht entgehen wird, nur, dass sie dann zur Ehre einer anderen Person als Simbawenni stattfinden, zu Ehren unserer Yamyhla. Nachdem, was wir bis jetzt erfahren haben, halte ich es nicht für schwer, Yamyhla zu ihrem Rechte zu verhelfen und die Nebenbuhlerin zu entlarven.«

»Wie steht diese Simbawenni zu ihren Kampfesgenossinnen?«, fragte ein Mädchen.

»Sie soll sich keiner großen Beliebtheit erfreuen. Allen wäre es damals lieber gewesen, wenn Yamyhla den richtigen Kopf gebracht hätte, und alle waren geneigt, deren Worten mehr zu glauben, als denen der Nebenbuhlerin. Aber es fehlte eben an Zeugen. Es wird nur eines energischen Auftretens bedürfen; und sicher werden die Amazonen der wiederkehrenden, rechtmäßigen Führerin zujubeln.«

»Wie weit ist es von hier nach Abomey?«

»Etwa sieben Tagereisen«, entgegnete Ellen. »Wir können uns nicht anders dahin begeben, als zu Fuß, Wagen, Esel oder Pferd, und soweit wir letztere hier auftreiben können, werden wir sie als Mittel zur Reise wählen. Eine Eisenbahn existiert nicht. Wir werden überhaupt ein noch recht wildes Land antreffen.«

»Können wir auf gute Jagd hoffen?«, fragte ein Mädchen.

»Zwischen hier und Abomey nicht«, antwortete Ellen, »auch haben wir auf diesem Wege gar nicht viel Zeit, denn wer weiß, was für Hindernisse uns entgegentreten können. Dagegen wimmelt es östlich und nördlich von Abomey von Wild, und daher, meine Damen, wollen wir, wenn Yamyhlas Angelegenheit erledigt ist, einen großen Jagdausflug ins Innere des Landes unternehmen. Eine günstigere Jahreszeit dazu, als die jetzige, hätten wir nicht treffen können.«

Unter den Mädchen brach ein allgemeiner Jubel aus, sie wurden plötzlich alle vom Jagdfieber ergriffen.

»Ein Jagdausflug in Afrika ist nicht zu vergleichen mit einem solchen etwa in Amerika«, fuhr Ellen fort, als die Zurufe verstummt waren. »Die Wege sind keine Fahrstraßen, sondern oft kaum gangbar und führen mitten durch Wälder, Dschungeln und Steppen, wir brauchen also Führer, und da wir nirgends hoffen dürfen, auf solche Bequemlichkeiten zu stoßen, wie wir sie zum Beispiel während der Nacht gern haben möchten, so müssen wir alles mit uns führen. Also brauchen wir auch Träger, Gepäckesel und so weiter für unser eigenes Gepäck und ferner für die Waren, mit welchen wir den Häuptlingen, durch deren Gebiet wir ziehen, den üblichen Tribut zahlen.

»Kurz und gut, wir müssen eine vollständige Karawane ausrüsten, wollen wir einen Jagdausflug ins Innere unternehmen. Die Herren des ›Amor‹ kommen ebenfalls mit, und da Mister Davids längere Zeit als Offizier in der Kapkolonie gestanden hat, so weiß er am besten in derartigen Sachen Bescheid und auch mit Negern umzugehen, er wird unter Beihilfe seiner Freunde die Karawane, Träger und so weiter zusammenbringen. Mgwana ist der beste Ort, von wo man aufbrechen kann, denn von hier aus gehen viele Karawanen nach dem Innern ab, und es gibt hier Kontors, welche sich nur mit dem Ausrüsten solcher Karawanen befassen.«

* * * * *

III.19. Die Ausrüstung der Karawane

Nicht weit von Mgwana lag eine Faktorei, bestehend aus mehreren großen Warenschuppen, einem großen Kontor und mehreren kleinen Häusern, in denen der Direktor und seine Leute wohnten.

Vor dem Kontor flatterte das Sternenbanner der Vereinigten Staaten, denn die Faktorei gehörte einer amerikanischen Gesellschaft, welche die nach dem Inneren reisenden Karawanen mit amerikanischen Produkten ausrüstete, wofür dann von den Negern Elfenbein und andere wertvolle Erzeugnisse eingehandelt wurden.

Die Araber, denen die Karawanen gehörten — der Handel in ganz Afrika liegt fast nur in den Händen von Arabern — erhandeln gegen bares Geld Wollstoffe, Baumwollzeug, farbige Perlen, Feuersteingewehre, Pistolen, Äxte, Messer, Pulver, Blei und andere Tauschartikel, welche das Herz eines Negers mit Entzücken erfüllen, und der Araber erhält dafür von ihnen Elfenbein und, wenn er sie unbemerkt verkaufen kann, auch Ebenholz dafür, das heißt Sklaven, Kriegsgefangene der Häuptlinge.

Die Angestellten solcher Faktoreien, welche Karawanen ausrüsten, müssen eine endlose Geduld haben, denn es gibt kein erbärmlicheres Schachervolk als die Araber.

Wenn man etwa glaubt, ein polnischer Jude kann in der Kunst des Schacherns und Feilschens nicht übertroffen werden, so irrt man sich sehr, denn er ist dem Araber gegenüber ein unschuldiges Kind. Man muss nur sehen, wie so ein ehrwürdiger Scheich mit weißem Bart, weißem Turban und weißer Toga es versteht, die armen Leute zur Verzweiflung zu bringen. Mit unendlichen ›Inschallahs‹, ›beim Barte des Propheten‹ und anderen Ausrufen schwört er, er kann nicht mehr als so und soviel für einen Doti, (ein Doti = 4 Meter) Zeug zahlen, sonst wäre er ein ruinierter Mann, ja, es kommt ihm auch gar nicht darauf an, sich auf den Boden zu werfen, zu jammern, zu weinen und sich die Haare auszuraufen, er fängt an, auf den hartherzigen Faringi zu schimpfen, und ist sein Vorrat an Schmähworten erschöpft, so beginnt wieder das Feilschen.

Der Kommis muss dabei immer die kaltblütigstes Ruhe behalten, er darf nicht mehr vom Preise abhandeln lassen, als ihm vom Direktor vorgeschrieben ist, er weiß auch ganz genau, dass der Araber schließlich doch bezahlt, aber zu einem Geschäft, das eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, braucht dieser nun eben einmal einen Tag — unter dem tut er es nicht.

Ist das Geschäft endlich in Ordnung, so geht er ans bezahlen, und abermals versucht der Araber zu handeln, Prozente abzuziehen, auf die gemeinste Art und Weise zu betrügen, er wiegt die Ware umständlich und zeigt, dass sie nicht das richtige Gewicht habe, dass er das Fehlende aber selbst gestohlen hat, sagt er natürlich nicht.

Erleichtert atmet die ganze Faktorei auf, wenn der Handel mit dem Araber fertig ist. Der Spektakel dauert aber noch einige Tage fort, denn jetzt beginnt jener die Pagazis (Lastträger) und Kirangozis (Führer) anzuwerben, und da wird dem Araber nicht kalte Ruhe entgegengesetzt, sondern er trifft auf gleiches Redner- und Schauspieltalent. Doch das geht den Kommis nichts an, sie zahlen ihr Geld und tragen die Posten in die Bücher ein.

Eines Tages aber geriet das ganze Kontor in Aufregung; so etwas war noch nie dagewesen, seitdem von Mgwana Karawanen abgingen. Mister Selby, der Direktor und seine Kommis kamen aus dem Erstaunen gar nicht heraus, diesmal waren sie es, welche die Ruhe fast verloren, während die Käufer das Geschäft mit einer Gleichgültigkeit betrieben, als handele es sich um den Ankauf einer Schachtel Spielzeug und nicht um die Ausrüstung einer ganzen Karawane.

Im Kontor erschienen einige Herren in weißen Tropenanzügen, weiße Korkhelme auf den Köpfen, sehr elegant in ihrer Erscheinung, aber mit fast schwarz gebrannten Gesichtern, als wären sie schon zehnmal quer durch Afrika marschiert, und fragten mit der größten Gelassenheit, was die Ausrüstung einer Karawane koste, aus etwa fünfzig Europäern, ebenso vielen Reittieren und Trägern nebst allen Waren bestehend, welche man ungefähr für ein Vierteljahr braucht, um überall Tribut bezahlen und Nahrungsmittel im Überfluss kaufen zu können.

Der Kommis starrte erst die Frager verblüfft an, dann überschlug er die Rechnung ungefähr und nannte eine Summe, so groß, dass ein Araber unfehlbar und auf der Stelle vom Schlage gerührt worden wäre.

»All right«, war die kurze Antwort, »in wie vielen Tagen kann die Karawane marschfähig dastehen?«

Da aber kam Mister Selby mit gesträubtem Haar hinter seinem Pulte hervorgestürzt und bat die unterhandelnden Herren um Verzeihung, er sähe, er habe es mit keiner Handelskarawane zu tun, sondern mit einem Privatunternehmen, wahrscheinlich mit einer Jagdexpedition. Der immer mit Arabern beschäftigte Kommis habe wie gewöhnlich die doppelte Summe gefordert, aber das Geschäftsprinzip des amerikanischen Hauses dulde es nicht, dass seine Kunden übervorteilt würden, hauptsächlich wenn es Gentlemen wären.

Die Überschlagssumme wurde also um die Hälfte reduziert.

Jetzt begann ein Leben und Treiben auf dem großen, eingehegten Hofe der Faktorei, wie es bisher noch nie zu sehen gewesen, und die Hauptsache war, der Direktor und seine Kommis wähnten im Himmel zu sein und mit Engeln zu handeln, mit solcher Ruhe und sogar Liebenswürdigkeit ging alles von statten. Da gab es kein Schimpfen, kein Schelten, höchstens einmal, dass einer der Herren aus Spaß einem Schwarzen mit der Eselspeitsche, einem sehr probaten Mittel gegen die Widerspenstigkeit und Faulheit der Neger, ein paar Schläge über den Rücken zog, sonst war alles Frohsinn und Heiterkeit. Das Geschäft ging, wie man sagt, am Schnürchen vonstatten.

Ohne zu feilschen, wurden die Preise der Stoffe, der Perlen, des Messingdrahtes, der Nägel, Gewehre, Messer, Äxte und so weiter vereinbart, es wurde gemessen, gewogen und aufgestapelt, ohne dass je eine Beschuldigung des Betruges gefallen wäre, und noch war kein Tag vergangen, so lagen schon die Ballen, je sechzig Pfund schwer, gepackt, fix und fertig im Hofe, bereit, auf die Rücken der Träger geschnallt zu werden.

Die Kommis waren ganz außer dem Häuschen, und Direktor Selby lachte innerlich vor Entzücken. Was bar bezahlt werden musste, bekam er in englischen Goldstücken aufgezählt, ohne Abzug von Prozenten, und für andere größere Summen erhielt er Anweisungen auf die Bank von England. Hier brauchten nicht, wie man in Afrika mit Vorliebe tut, für Anweisungen und Wertpapier fünfzehn, zwanzig, ja sogar fünfundzwanzig Prozent abgezogen zu werden, denn die ausgestellten Schecks waren so gut wie bares Geld, ja, besser als dieses, denn sie machten der amerikanischen Firma Reklame.

Die Herren, deren Namen darunter standen, Lord Harrlington, Lord Hastings, Marquis Chaushilm und so weiter hätten vermocht, ganz Mgwana und noch hundert andere solche Städte mit allem, was darin war, auf Kredit zu kaufen.

Die ganze Bevölkerung von Mgwana befand sich auf den Beinen, stand um die Fenz herum und staunte. Die Schwarzen riefen ununterbrochen ihr ›Hileh‹ und die Araber ihren ›Inschallah‹, und die Weißen in allen Sprachen Europas ebenfalls Ausdrücke der Verwunderung.

Wohlverpackt lagen die Stoffe je nach Qualität voneinander getrennt, umher, Merikani (amerikanisches Baumwollenzeug) Kaniki (blauer Stoff) Kitambi und wie sie alle heißen; in oben noch offenen Säcken konnte man die Bubus (schwarze Perlen), die Lunghios (blaue), Lakhios (rosafarbene) und so weiter sehen, ja, es waren sogar Säcke vorhanden, welche nur Sami enthielten, rote Perlen, welche im Innern mit Gold aufgewogen werden. Die Faktorei schien ihren ganzen Vorrat an besten Tauschartikeln hergegeben zu haben, um diese Expedition auszurüsten.

Der liebe Leser muss nämlich wissen, dass man, wenn man sich nur einige Meilen von der Küste ins Innere Afrikas begibt, für Geld absolut nichts bekommt, alle Werte werden nur nach Dotizeug, nach Perlen, nach Halsketten aus solchen (Khete genannt) und nach Stahlwaren, und besonders nach Messingdraht berechnet.

Nichts fehlte, was jede andere Karawane, die auf Elfenbein und Sklavenhandel ausgeht, mitnimmt, wozu diese aber Wochen, ja Monate brauchten, das hatten die Engländer innerhalb eines Tages ausgerichtet.

»Time is money«, — Zeit ist Geld — diesen Wahlspruch hatten die Engländer hier wieder einmal angewandt.

Das Wunderbarste aber war die Gesellschaft, die sich zwischen den aufgestapelten Herrlichkeiten bewegte.

Nicht nur Herren waren es, in leichte, leinene Jagdanzüge gekleidet, sondern auch ebenso viele Damen schienen gewillt, an der Expedition teilzunehmen.

Mit vor Staunen offenem Munde betrachteten die Eingeborenen die jugendlichen, graziösen Gestalten, die so gemütlich plaudernd auf- und abgingen, Arm in Arm, als gälte es einen Spaziergang, und nicht einen Marsch in die fast undurchdringlichen Wälder des Hinterlandes.

Die Damen waren in kurze, enganschließende Reitkleider gehüllt, trugen hohe Gamaschen und gelbe, wasserdichte Stiefel an den Füßen, und wie die Herren Tropenhelme, also Anzüge, die sehr gut auf der Jagd verwendet werden konnten. Nichts war an ihnen, das nicht gediegen und völlig geeignet zu einer Reise ins Innere gewesen wäre.

Um Schulter und Taille schlang sich je ein Gürtel, der mit Patronen gespickt war, an der Seite hingen das starke, acht Zoll lange Bowiemesser und die Revolver in Etuis, und solche Gewehre, welche man im Lederriemen um die Schulter hängen konnte, waren hier noch nie gesehen worden. Es waren repetierende Winchestergewehre, welche sechzehn Schuss, ohne von Neuem laden zu müssen, erlaubten.

Aber zwischen den Ballen lehnte noch ein ganzes Waffenarsenal von Flinten und Büchsen, deren ausgezeichnete Konstruktion verriet, dass sie nicht zur Bewaffnung der Führer und Askaris (Begleitsoldaten) dienen sollten — letztere sollten überhaupt nicht mitgenommen werden — sondern zum Gebrauch der Unternehmer selbst bestimmt waren, leichte Vogelflinten, schwere Jagdbüchsen, ja sogar eine stattliche Anzahl von Elefantenbüchsen, welche Sprengkugeln schießen.

Das Gerücht, dass diese Herrschaften auf eigenen Schiffen angekommen waren, hatte sich schnell verbreitet, dass sie aber die Segel selbst, wie Matrosen, bedient hatten, das wollte niemand glauben; bis sich zeigte, dass diese Leute, Herren, wie Damen doch mehr konnten, als jene Kaufleute, welche nur ihre Diener und Lastträger anzustellen wissen.

Die Herren hatten in der Faktorei noch ein zusammenlegbares Boot gekauft, um Flüsse übersetzen zu können, nach einer kurzen Beratung waren aber die Holzwände entfernt wurden, sodass nur das Gerippe stehen blieb. Einige im Segelmachen bewanderte Neger waren angestellt worden, für dieses Gerippe einen Segelbezug zusammenzusetzen, welcher, nachdem er mit Teer bestrichen, wasserdicht war.


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Eine halbe Stunde sahen die Herren und Damen der Arbeit der Neger zu, als diese aber gar nicht vorwärts schreiten wollte, schickten sie die Schwarzen fort, nahmen selbst Nadeln und Segelleinwand zur Hand, und ehe eine Stunde verstrichen war, lag der Segelbezug fix und fertig da, und als er über das Gerippe gezogen wurde, paßte er wie angegossen.

Das war geradezu unglaublich. Dass die Männer so geschickt in derartigen Handarbeiten waren, ging schon noch an, aber die Damen!

Der beste Zimmermann hätte nicht so kräftig die Axt schwingen können, wie diese schlanken Gestalten in den kurzen Reitkleidern und in den zierlichen Stiefelchen; wie spielend fügte sich wieder Rippe an Rippe des auseinandergelegten Bootes zusammen, und zauberhaft schnell entstand unter den zarten, aber doch kräftigen Fingerchen der Segelüberzug. Jeder Segelmacher würde von diesen geschickten Arbeitern und Arbeiterinnen an Gewandtheit übertroffen worden sein.

Ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, mit schelmischem Lächeln und roten Lippen, sodass die Zähne wie die Perlen einer Kette zwischen ihnen hervorschimmerten, tauchte munter den Pinsel in den Teertopf, und strich dann die Leinwand an, nicht achtend, dass das schwarze klebrige Pech die Händchen beschmutzte. Neben ihr stand eine Dame und zog einer Freundin den Patronengürtel zurecht, eine andere dicht in der Nähe stemmte sich mit der zarten Schulter an einen Zeugballen, aber ihr Körper schien doch nicht so zart gebaut zu sein, wie man ihrer Gestalt nach vermutete, denn der mächtige Ballen wich sofort und nahm den Platz ein, der ihm gebührte. Wieder eine andere rosige Erscheinung hatte sich eben in einem schauderhaften Arabisch mit einem Neger unterhalten, der ihr grinsend, mit breitgezogenem Munde sich fast in die Ohren beißend, Auskunft über die gestellten Fragen gab. Dann rief sie einen vorübergehenden Herrn an:

»Sir Williams« sagte sie, »haben Sie ein paar Zigarren für mich übrig?«

Mit einer graziösen Handbewegung brachte der Angerufene sein Zigarrenetui zum Vorschein und antwortete:

»Nur Importen, Miss Thomson. Rauchen Sie lieber schwer oder leicht? Dann rate ich Ihnen zu dieser auf der linken Seite, sie kostet zwar einen Vierteldollar das Stück, aber Ihnen gebe ich sie gern.«

»Danke«, lachte das junge Mädchen, griff mit der Hand in das Etui und reichte dem entzückten Neger etwa sechs Stück.

»Inschallah!«, riefen die Neger, welche dieser Szene zugeschaut hatten, und machten groteske Freudensprünge, »da gehen wir als Pagazi mit, und wenn wir auch nichts dafür bekommen. Die verschenken ja mehr, als uns ein Araber bezahlt. Hi—le!«

Die Leutchen sollten nicht lange zu warten brauchen, so erging an sie der Ruf, wer der Gesellschaft als Pagazi folgen wolle.

Die Nacht machte dem unruhigen Treiben ein Ende. Am folgenden Morgen beim ersten Strahl der goldenen Sonne sollten die Herren und Damen, welche jetzt süß in ihren weichen Kojen schliefen — wer wusste, wann sie wieder einmal ein solches bequemes Lager als Schlafplatz hatten — wieder mit frischen Kräften auf dem Platze sein.

Mister Selby hatte ihnen versprochen, so viele Pferde aufzutreiben, dass alle Europäer beritten würden, ferner Packesel, und dann sollte die Auswahl der Pagazi, welche zugleich die Stelle der Dolmetscher vertreten, und der Waffenträger beginnen. Es war ausgemacht worden, dass je ein Herr und eine Dame einen Neger bekam, welcher ihnen die Flinten und Munition nachtrug, zwar eine kostspielige Art des Reisens, aber auch eine sehr bequeme und sichere. Das repetierende WinchesterGewehr führte übrigens jeder bei sich.

Dieser Morgen war gekommen.

Die Herren und Damen erklärten sich mit den vorgeführten Pferden zufrieden. Dieselben wurden nicht etwa gemietet — das ließ eine Reise in Afrika nicht zu — sondern sofort gekauft unter der Bedingung des Rückkaufs, und der Betrag bar bezahlt. Jeder wählte sich das Tier aus, welches ihm gefiel, und da Mister Selby unschöne überhaupt ganz außer acht gelassen hatte, so verlief die Auswahl ohne jeden Anflug von Neid.

Dann kam das Anwerben der Führer an die Reihe.

Viel Auswahl konnte man unter ihnen nicht treffen, denn diejenigen, welche sich unter den Übrigen vordrängten und ihre Tugenden anpriesen, wurden sofort von Mister Selby als tauglich bezeichnet und auch gleich in Dienst genommen. Es waren deren sechs. Der als erster Führer Angenommene war ein riesiger Neger, dessen Schultern sich ein Herkules nicht hätte zu schämen brauchen. Er maß fast sieben Fuß, besaß den Kopf und Nacken eines Stieres, und der Körper, der mit einem Lendentuch bekleidet war, schien nur aus Knochen und Muskeln zusammengesetzt zu sein.

»Ich empfehle Ihnen diesen Mann als Hauptführer der Expedition«, sagte Mister Selby zu Lord Harrlington, »er kennt den Weg, den Sie einzuschlagen beabsichtigen, ganz genau, jeder Baum und Strauch ist ihm bekannt.«

»Wie heißt er?«, fragte Davids.

»Goliath«, antwortete der Riese mit einem selbstgefälligen Grinsen und einer so sonderbaren Aussprache dieses Namens, dass auch die Umstehenden lachen mussten, wodurch unter den Negern ein allgemeiner Jubel ausbrach. Der Mann wusste jedenfalls nicht, was der Name bedeutete, und wie gut er auf ihn paßte.

»Wir haben ihn so umgetauft«, erklärte Mister Selby, »nehmen Sie aber diesen Mann, so sind Sie auch gezwungen, David, seinen unzertrennlichen Begleiter, zu engagieren. Die beiden gehen immer zusammen, und Sie werden ihre Dienste noch schätzen lernen.«

Dabei deutete er auf eine kleine, ja zwerghafte Gestalt mit geradezu wunderbar zierlichen Gliedmaßen. Was ihr aber an Körperkraft abging, das schien seine Gewandtheit zu ersetzen; er besaß die Gelenkigkeit eines Affen, und was noch mehr für ihn sprach, das war der kluge Blick der kleinen, weit auseinanderstehenden Augen.

Goliath und David, die beiden Männer, die sich gegenseitig an Kraft, Gewandheit und Klugheit ergänzten, beide als Führer von vielen Karawanen reich an Erfahrung, wurden für einen hohen Lohn engagiert, und somit war fast die Arbeit der Europäer getan, denn sie besorgten jetzt die Auswahl der übrigen Führer, der Pagazis und der Esel.

Dieses Anmustern wäre, wenn der Unternehmer ein Araber gewesen, sehr langsam von statten gegangen, aber der kluge David brauchte gar keine Andeutung, dass den Herren die Ersparnis an Zeit lieber, als die an Geld wäre — innerhalb einiger Stunden war alles abgemacht, umso mehr, als die Pagazis förmlich ihr Leben daran setzen, um angeworben zu werden.

Der starke Goliath ließ unbarmherzig die aus Rhinozeroshaut geflochtene Peitsche auf die Rücken derjenigen sausen, welche sich zu sehr hervordrängten und mit der Anpreisung ihrer Tugenden und Vorzüge, sowie ihrer Ehrlichkeit und Treue zu viel Geschrei machten.

Bei Anbruch des dritten Tages stand die Karawane fix und fertig zum Abmarsch bereit. Schon begannen Lord Harrlington und Mister Davids, die gewählten Leiter der Expedition, den Zug zu ordnen, soweit es wenigstens die Schwarzen anbetraf, als noch eine Unterbrechung stattfand.

Ein lautes Geschrei, besonders von Kinderstimmen herrührend, veranlasste alle, die Köpfe zu wenden, und was sie da sahen, war wirklich geeignet, den kindlichen Negern solche Verwunderungs- und Schreckensrufe zu entlocken.

Von der Richtung des Hafens her kam ein Mann gelaufen, bei dessen Anblick selbst die weiße Gesellschaft kaum ein Lachen unterdrücken konnte — nur der Umstand, dass es ein Europäer, also ein empfindsamer Mensch war, ließ sie dieses zurückhalten.

Die Gestalt, welche gerannt kam, war klein und kugelrund, das heißt nämlich, sie war fast ebenso dick, wie sie groß war. Der Besitzer dieses stattlichen Schmerbauches, der ihn aber durchaus nicht an Schnelligkeit hinderte, schien eben den Laden eines Herrenschneiders verlassen zu haben. Er war mit einem nagelneuen Jagdanzug aus gelbem Leder bekleidet, dessen Hosen, die unten zierlich ausgestanzt waren, nur bis an die Knie gingen, und so die strammen, fleischigen Waden sichtbar ließen, welche durch lederne Gamaschen noch dicker erschienen. An den Füßen trug er hohe Stiefel, etwa wie sie die Jockeys tragen, und da ungeheure silberne Sporen daran befestigt waren, so musste sein Pferd auch nicht weit sein, wenn man es auch noch nicht sah. Auf dem Kopfe des Mannes saß ein Strohhut mit einer riesigen Krempe. Soweit hätte diese Gestalt nur die Lachlust der Eingeborenen erregt, dass sie aber auch Schreckensrufe ausstießen, daran war die Bewaffnung schuld, zu deren Anschaffung jedenfalls ein kleiner Büchsenschmied seinen ganzen Warenvorrat hatte hergeben müssen.

Der kleine Kerl trug in der Hand ein Gewehr, welches fast noch einmal so groß war, als er selbst, über der linken Schulter hing eine Vogelflinte, und über der rechten eine schwere Büchse, deren zollweite Bohrung an die alten Donnerbüchsen der Landsknechte erinnerte, welche beim Abschießen erst auf einen Hakenstock gelegt werden mussten. Aber diese drei Schusswaffen genügten dem Manne noch nicht, an jeder Seite des Gürtels staken noch zwei Revolver, also zusammen vier, außerdem auch eine sehr schöne doppelläufige Pistole, deren mit Steinen verzierter Kolben auf einen orientalischen Waffenschmied als Verfertiger schließen ließ; zwischen diesen Schießwaffen waren überall, wo noch Raum vorhanden, Dolche und Jagdmesser angebracht, und schließlich baumelte noch ein Schwert in metallener Scheide an der Hüfte.

Schießmaterial für diese Anzahl von Waffen war genügend vorhanden. Zwei Patronenriemen kreuzten sich über der Brust und sie waren über und über mit Patronen angefüllt, und in zwei Beuteln, welche von dem Ledergürtel herabhingen, war jedenfalls noch mehr Munition enthalten.

So kriegerisch der kleine Mann aber auch aussah, in seinen Zügen war nichts davon zu merken, dem dicken, roten Gesicht mit den Pausbacken war die Gutmütigkeit seines Besitzers abzulesen, und die blauen, lustig zwinkernden Äugelein schienen die Leutseligkeit selbst.

Der seltsame Mensch, der von einem großen Haufen von Eingeborenen umringt wurde, hatte jetzt das Ende des sich ordnenden Zuges erreicht, sprach dort mit einigen Herren und kam dann in raschem Lauf auf Lord Harrlington zu, welcher eben seinen tänzelnden Rappen neben Ellens Pferd pariert hatte. Beide befanden sich aber in der Mitte des Zuges.

»Was für ein merkwürdiges Wesen ist das?«, fragte Ellen, den Ankömmling musternd.

»Es ist der Kriegsgott Mars, der unsere Karawane besichtigen will«, lachte Hope.

Der von allen Seiten Angestaunte hatte Lord Harrlington erreicht, zog ein großes, knallrotes Taschentuch hervor, wischte sich damit das fast ebenso rote Gesicht ab, nahm dann den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn graziös einige Male durch die Luft und sagte, vor den Damen eine Verbeugung machend, in tiefem Bass:

»Habe ich die Ehre, mit dem berühmten Lord Harrlington und der noch berühmteren Miss Ellen Petersen zu sprechen?«

Diese Frage war in so affektiertem Tone und mit so theatralischer Gebärde gestellt worden, dass sich mehrere aus der Gesellschaft schnell umwenden mussten, um ihr Lächeln nicht sehen zu lassen, und Hope fasste sich plötzlich an die Nase, ein sicheres Zeichen, dass sie auf dem besten Wege sei, in ein Gelächter auszubrechen.

»Mein Name ist Lord Harrlington, und diese Dame ist Miss Petersen, aber mich berühmt zu nennen, ist doch etwas Übertreibung«, lächelte Harrlington vom Pferde herunter, sich der französischen Sprache bedienend.

»Gott sei Dank«, rief der kleine Mann und vergaß ganz, den Schweiß abzuwischen, der ihm in unaufhaltsamen Strömen von Kinn und Nase tröpfelte, »Gott sei Dank, so komme ich nicht zu spät.«

»Mit wem haben wir das Vergnügen?«

Der Kriegsgott steckte das Taschentuch unter einen Arm — die andere Hand hielt ja die Büchse — schwenkte wieder einige Male den Hut hin und her und machte nach allen Seiten Verbeugungen.

»Adolphe Josèphe Léon Jules Pontence aus Toulon«, stellte er sich vor, »Rentier und Hauptmann der freiwilligen Bürgerwehr derselben Stadt und der benachbarten Dörfer.«

Krachend stampfte der Kolben des zwei Meter langen Gewehres auf den Boden, Monsieur Pontence aus Toulon stützte sich darauf und blickte siegesgewiss im Kreise umher, den Eindruck seiner Worte beobachtend.

Hatte er erwartet, als Hauptmann der freiwilligen Bürgerwehr überall ehrfurchtsvollen Gesichtern zu begegnen, so hatte er sich allerdings getäuscht, denn selbst die Ernsteren konnten jetzt ein Lächeln nicht verbergen, aber es sei hiermit gesagt, dass Monsieur Pontence ein Südfranzose war und ihm als solchem manches abging, was die meisten Menschen besitzen, er aber dafür eine maßlose Eitelkeit, welche sich von Größenwahn nur wenig unterschied, an den Tag legte.

So hielt er denn auch jetzt das spöttische Lächeln seiner Zuhörer für ein erstauntes, freudiges. »Ja, ja«, fuhr er mit seiner Bassstimme fort, »vielleicht hatten auch Sie schon einmal Gelegenheit, von mir zu hören, denn mein Name wird in den Zeitungen von Toulon viel genannt, besonders nach jedem Preisschießen — Doch, meine Herrschaften, ich will mich nicht brüsten — Erlauben Sie mir, dass ich mich Ihrer Expedition anließe?«

»Kommen Sie getrost mit«, erklärte Lord Harrlington.

Monsieur Pontence wurde als Mitglied der Karawane aufgenommen, ebenso sein Esel, welcher auf den schönen Namen Petrarca hörte oder vielmehr nicht hörte, was etwa soviel als die ›Steinmauer‹ bedeutet, und auch sein Negerjunge, von dem poetischen Franzosen Hektor getauft.


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Kaum hatte sich Monsieur Pontence in den Zug eingereiht, so drängten sich ihm von beiden Seiten Begleiter auf. Alle waren begierig, mit diesem wunderbaren Manne Bekanntschaft zu schließen, ihn über seine Erlebnisse und über die Abenteuer, die er noch zu erleben hoffte, auszufragen. Dass er natürlich nun zur Zielscheibe des Spottes, überhaupt zum Gegenstande allgemeinen Unsinns diente, merkte der biedere Franzose nicht. Er fühlte sich als eine Person höchster Wichtigkeit.

Wer sich um Monsieur Pontence drängte, wird den lieben Leser wohl nicht interessieren, dass aber unter diesen Hope ebenso wenig, wie Hannes fehlten, ist ihm sicher erklärlich, und noch hatte der Zug sich nicht in Bewegung gesetzt, so durchlief es schon die Reihe von hinten nach vorn, dass Hope den Namen Pontence in Nonsense umgewandelt hatte, welches englische Wort auf deutsch ›Unsinn‹ heißt, und mit welchem sie ihn auch immer anredete, ohne dass der des Englischen unkundige Franzose darin eine Beleidigung fand.

Monsieur Nonsense war nun so getauft worden und behielt diesen Namen während der ganzen Reise bei — einen besseren hätte man für ihn auch nicht wählen können. Zwei Personen gesellten sich dem Zuge noch bei, die eine auf einem Maulesel sitzend, die andere zu Pferde, doch konnte man ihre Gesichter nicht sehen, denn während die Übrigen die langen und dichten Sonnenschleier noch im Nacken hängen hatten, trugen sie dieselben bereits vor dem Gesicht.

Plötzlich erschütterte eine donnernde Salve die Luft, aus den fünfzig Gewehren der Träger herrührend, dann noch eine zweite und eine dritte — Lord Harrlington hatte das Zeichen zum Abmarsch gegeben, und dieser musste unbedingt mit einigen Salven gefeiert werden. Das Salutschießen spielt überhaupt bei den Karawanen eine große Rolle, und nur zu oft kommt es leider vor, dass ein Neger dabei mit seinem scharfgeladenen Gewehr Unglück anrichtet.

Ebenso wie eine Karawane in Afrika nicht ohne Waffen marschieren könnte, ebenso wenig darf ihr auch die Fahne fehlen. Sie wird vorausgetragen, ohne sie fühlten sich die Pagazis nicht als Mitglieder der Karawane, sie lockt den ermattet Zurückbleibenden zum rascheren Gehen, sie deutet beim Sinken an, dass Rast gehalten wird, sie flattert im Lager vom Zelte des Führers, und sie führt die Krieger im Kampfe an.

Diese Karawane hatte sogar zwei Fahnen, eine englische und eine amerikanische, und wäre Monsieur Nonsense mit seinem Vorschlage durchgedrungen, auch die französischen Farben voraustragen zu lassen, so wären die Neger noch stolzer geworden, als sie es schon waren.

Den drei Salven folgte ein tausendstimmiges Geheul, die Zurückbleibenden schrien Abschiedsgrüße, und die abmarschierenden Neger antworteten mit gellendem Geschrei, was ihren Stolz ausdrückte, einer solchen Karawane mit fünfzig Weißen und zwei Fahnen anzugehören. Der frische Morgenwind ließ ihre funkelnagelneuen roten Kopf- und Lendentücher flattern, ihre kräftigen Gestalten mit den schweren Ballen auf dem Nacken richteten sich noch strammer auf, und da sich das überstolze Herz Luft machen musste, so brüllten sie in den unglaublichsten Tönen.

Auf beiden Seiten des langen Zuges der Träger ritten die Herren und Damen, und da sie, von der allgemeinen Fröhlichkeit angesteckt, mitlachten, so war dies ein Grund für die Neger, noch lauter und höher zu brüllen.

Der vorausschreitende Goliath war sich seiner verantwortlichen Stellung als Führer wohlbewusst, er suchte möglichst seine Freudenausbrüche zurückzuhalten, aber dies hatte nur zur Folge, dass alle angesammelte Freudenwut mit einem Male ausbrach.

Plötzlich stürzte der Riese auf den Fahnenträger zu, riss ihm das Sternenbanner aus der Hand, schwang es hoch in die Luft, blickte stolz links und rechts seine schwarzen Kameraden an und begann ein Lied, dessen Chor die gesamten Neger stets wiederholten.

Um nun dem lieben Leser ein Beispiel zu geben, in welcher Blüte die Dichtkunst unter den Bewohnern Afrikas steht, sei hier das Lied wiedergegeben, welches der Riese Goliath der Karawane vorsang:


Hoj! Hoj!
Chorus: Hoj! Hoj!

Hoj! Hoj!
Chorus: Hoj! Hoj!

Hoj! Hoj!
Chorus: Hoj! Hoj!

Wo zieht Ihr hin?
Chorus: Nach Abome.

Hai! Hai!
Chorus: Hai! Hai!

Wer ist Euer Herr?
Chorus: Die weißen Männer!

Und wer noch?
Chorus: Die weißen Frauen.

Uf! Uf!
Chorus: Uf! Uf!

Hiah! Hiah!
Chorus: Hiah! Hiah!


Nun denke sich der liebe Leser dieses Lied immer in einem einzigen Tone, aus hundert heiseren Kehlen gesungen oder vielmehr gebrüllt, so hat er eine Idee von einem sogenannten Karawanenlied, welches den Afrikareisenden jeden Tag erwartet. Aber er hört es gern, denn so lange es erschallt, sind seine Leute marschfähig und bei guter Laune, er selbst fordert immer zum Singen auf.

Als nach sechs Stunden schnellen Marschierens mitten auf einer prachtvollen, grünen Waldlichtung das Horn des Führers zur Rast blies, erschallte dieser melodische Gesang noch immer, nur klangen die Stimmen etwas heiser, aber an Kraft hatten sie noch nicht das geringste verloren.

* * * * *

III.20. Der Regenmacher

Ein schaudervoller Anblick bietet sich dem Reisenden, tritt er aus dem dunklen Urwalde heraus und sieht plötzlich Abomey, die Residenzstadt des Königreichs von Dahomey, vor sich liegen.

Sie wird ringsum von einem Palisadenbau eingeschlossen, der wohl sehr leicht aussieht, aber es nicht ist, denn hinter den leichten Brettern befindet sich noch ein starkes Bollwerk aus Balken und Erde; was aber selbst einem mutigen Manne das Herz mit Grausen erfüllt, das sind die Trophäen, welche überall auf den Palisaden angebracht sind — Menschenschädel, fast auf jedem Pfahl einer. Sie geben nicht nur Zeugnis davon, wie siegreich die Könige von Dahomey immer gewesen sind, sondern auch, wie schnell in diesem Lande Justiz ausgeübt wird, denn zu diesem Zierrat mussten nicht nur die Köpfe von Feinden, sondern auch die der eigenen Landesbewohner herhalten.

»Kopf ab«, so lautet der Urteilsspruch für selbst kleine Vergehen, und kaum ist das Wort gesprochen, so rollt auch schon das blutende Haupt des Schuldigen in den Sand. Was für eine seltsame Art von Bäumen steht dort auf dem freien Platze? Es sind keine Kokospalmen, und doch haben die dicken Früchte, mit denen die Bäume über und über bedeckt sind, die größte Ähnlichkeit mit Kokosnüssen.

Es sind ebenfalls Totenköpfe; noch an verschiedenen Orten kann der Reisende solche erblicken, an Bäumen hängend, auf Stangen steckend, oder zu Haufen aufgeschichtet, und wäre im Walde dem Sonnenlicht durch das dichte Laubwerk nicht der Zutritt versperrt gewesen, so hätte er schon auf dem Wege, meilenweit von Abomey, diese unheimlichen Früchte an den Bäumen hängen sehen können.

Nicht viel anders wird es, wenn man die Stadt oder das Hüttendorf selbst betritt, das heißt, wenn der Reisende durch ein anständiges Geschenk an Zeug, Perlen und Waffen sich die Erlaubnis dazu verschafft.

Auch hier wird der einzige Schmuck durch Totenköpfe gebildet, alle Hüttendächer sind mit ihnen verziert, sie hängen an langen Stangen heraus, umrahmen ein kleines Gemüsebeet vor der Hütte, wie wir es etwa mit Muschelschalen einfassen, und selbst bei den Brunnen findet man sie in großer Anzahl vertreten — Ekel vor dieser seltsamen Art von Schmuck scheinen die Leute gar nicht zu kennen.

Daher gibt es für Abomey wohl keinen besseren Namen als Schädelstadt; und wenn dieser Name auch kein geografischer ist, so wird sie doch überall genannt, und dem Reisenden fließt dieser Name unwillkürlich über die Lippen, sobald er an Abomey zurückdenkt.

Den wahren Reichtum an Schädeln zeigt Abomey aber erst, wenn man den großen Platz betritt, der in der Mitte der Hüttenstadt liegt. Hier kann man den Ausdruck Hütte eigentlich nicht mehr anwenden, denn es gibt hier schon ganz stattliche Häuser, welche diesen Platz einschließen, so das Gebäude des Königs, welches er selbst als seinen Palast bezeichnet, das aber im Grunde genommen nichts weiter als eine niedrige Kaserne ist; ferner das Haus, in dem die Ratsversammlungen abgehalten werden; die Karawanserei, zur Aufnahme von Karawanen und Gästen bestimmt; das Warenlager, das Waffenarsenal, kurz, alle Häuser von Bedeutung und öffentlichen Gebäude. Sie strotzen alle von Schädeln, nicht nur das Dach ist über und über mit ihnen bedeckt, sondern auch die Wände sind wie mit einer Verkleidung von ihnen umgeben, weil es öffentliche Gebäude sind, zu deren Schmuck ganz Dahomey beitragen muss. Die Schädel, welche die Wohnhütten zieren, muss jeder Hausvater im Kampfe erwerben, je mehr eine Hütte also aufzuweisen hat, desto tapferer ist sein Bewohner, und in umso größerem Ansehen steht er, aber einen gewissen Tribut an Köpfen muss er auch dem Könige und dem Hofe abgeben.

Der Platz ist ringsum mit diesen Zeichen irdischer Vergänglichkeit eingezäunt, und außerdem erhebt sich in seiner Mitte noch eine Pyramide von wohl zwanzig Meter Höhe, ganz aus Schädeln kunstvoll zusammengesetzt. Man kann die Säule, wie einen Turm, schon aus weiter Ferne über den Palisaden sich erheben sehen, aber nur, wenn man von der freien Seite kommt.

Da, wo der Platz von keinem Gebäude umgeben ist, steht ein Haus, welches sich weniger durch die Anzahl der Schädel — wenn diese auch noch groß ist — als vielmehr durch die eigentümliche Ausstaffierung derselben auszeichnet. Man glaubt fast, man stehe vor einem Geschäftshaus, welches Masken verkauft.

Die Schädel sind mit natürlichen oder künstlichen Haaren — letztere aus den Fasern der Kokosnuss hergestellt — bedeckt, haben ferner Schnurrbärte, ja, sogar lange Backenbärte und sind bunt angemalt, aber es sind auch Köpfe darunter, an denen noch Fleisch und Haare sitzen. Ferner gibt es da auch Masken aus Holz und falschen Haaren zusammengesetzt, und diese zeigen ein wahrhaft erschreckendes Aussehen, Fratzen mit solchen Nasen, Augen und grinsenden Mäulern, dass sich die lebhafteste Phantasie ihre Grässlichkeit nicht ausmalen kann.

Es ist das Medizinhaus, das größte Heiligtum von ganz Dahomey, und derjenige, dem dieses Haus immer offen steht, hat selbst das Recht, dem König den Eintritt zu ihm zu verwehren. Zu gewissen Zeiten ist der erste Medizinmann von Dahomey wirklich mächtiger, als der König selbst, das heißt, nur so lange, als es diesem gefällt; denn fügt sich schließlich der Medizinmann nicht seinen Wünschen, benutzt er nicht seine Macht über das abergläubische Volk, um dem König damit zu nutzen, so wird er einfach abgesetzt — ein Grund dazu lässt sich immer finden, und ein anderer Medizinmann wird als erster gewählt.

Nghwhalah Ngaraiso war jetzt der Mganga, der erste Medizinmann von Dahomey, und war seine Gunst auch bis jetzt beim König noch nicht erschüttert worden, so war die Zeit nicht mehr fern, da er in Ungnade fiel, und daran war nichts anderes schuld, als der blaue Himmel, der seit einem Monat schon von keinem Wölkchen getrübt worden war.

Mit versengender Glut hatte die Sonne Woche nach Woche vom Firmament auf Dahomey heruntergeblickt, hatte die Flüsse, Bäche und Quellen vertrocknen lassen, das reifende Getreide verdorrte, wenn nicht bald Regen fiel, und unter Menschen und Tieren mussten aus Wassermangel bald Seuchen ausbrechen. Der König hatte fast gar keine Einnahmen mehr, denn die Eingeborenen hatten nichts mehr zu geben, und bei dieser trockenen Jahreszeit wagten die Karawanen nicht, von Mgwana aufzubrechen, und diejenigen, welche von Osten her unterwegs waren, blieben ebenda liegen, wo sie Wasser gefunden hatten, und zwar so lange, bis sich des Himmels segensreiche Schleusen wieder öffneten.

Was Wunder, wenn Mizanza, der jetzige König, da missmutig gestimmt wurde? Der Zauberer von Abomey war den Göttern gegenüber ohnmächtig, er konnte sich so lange in seine Hütte einsperren, wie er wollte, er konnte zum Opfer einen fetten Hammel nach dem anderen schlachten, es fiel kein Regen, und Ngaraiso, dem er verschiedene Male nach Mgwana Boten sandte, damit dieser mächtige Medizinmann den Himmel zum Regen nötige, hatte immer auf die nächste Woche vertröstet.

Was Wunder also, wenn Mizanza dem Ngaraiso den Befehl zukommen ließ, sofort ohne Zögern nach Abomey zu kommen und womöglich gleich Regen mitzubringen, denn in zehn Tagen würde die neue Anführerin der Amazonen zu ihrer Würde erhoben; und käme er nicht gleich unter einem Regenschauer an, so sollte er unbedingt bis zu dieser Zeit Regen anschaffen, sonst ...

Ngaraiso brauchte die Drohung nicht erst aus dem Munde der beiden schnellfüßigen Boten zu vernehmen, er kannte die Bedeutung dieses ›sonst‹, sonst war nämlich sein Kopf verloren, dafür würde schon Simbawenni, seine Enkelin und Feindin zugleich, Sorge tragen.

Unverzüglich gab sich Ngaraiso auf den Weg. Innerhalb sechs Tagen hatte er Abomey erreicht, aber der Himmel strahlte noch immer in unverändeter Bläue.

Er fand Abomey in großer Aufregung.

Auf dem Schädelplatz wurden große Gerüste aufgeschlagen, auf denen der König und sein Gefolge, sowie die eingeladenen Gäste den Festlichkeiten beiwohnen sollten, welche gelegentlich der Erhebung Simbawennis zur Führerin veranstaltet werden sollten, die Eingeborenen setzten vor den Türen ihrer Hütten die Waffen instand, und schon wurden aus der Umgegend die Schlachttiere zusammengetrieben, während die Weiber Pembe und Busah, das afrikanische Bier, aus Durra und Milch brauten.

Mit Unruhe sah Ngaraiso diese Vorbereitungen treffen. Nur noch drei Tage trennten ihn von dem Feste, und hatte es bis dahin geregnet, so war er einer der Mächtigsten bei diesem Feste, er musste Simbawenni die Würde zuteilen; waren ihm aber die Götter noch immer ungünstig gesinnt, so konnte sein Kopf von einem der noch leeren Pfähle den Waffenspielen zusehen, und ein anderer bat Gott um Segen für die neue Führerin.

Noch aber war Ngaraiso der erste Medizinmann, noch begrüßten ihn die Einwohner Abomeys mit Jubelrufen und brachten ihn in Triumph nach der Medizinhütte, in deren heiligem Inneren er verblieb, bis der König ihn zu sich zu rufen geruhte.

Dieser Befehl ließ auch nicht lange auf sich warten.

In einen weiten Mantel gehüllt verließ Ngaraiso durch eine Hintertür die Zaubererhütte und betrat ebenfalls wieder durch eine Seitentür den Palast des Königs.

Mizanza war ein noch junger Mann, zwar kräftig gebaut, aber seine Züge zeigten nicht den kriegerischen Ausdruck, den man einst in den Gesichtern seiner Vorfahren sehen konnte, sie verrieten mehr Sinnlichkeit und Lust am Wohlleben, was man auch seinem Körper anmerken konnte, denn er zeigte Fettleibigkeit.

Der König empfing den Zauberer ganz gegen seine Gewohnheit allein, ohne jeden Minister und ohne seine Frauen, nur ein kleiner Diener war bei ihm, welcher dem bequemen Könige die notwendigsten Handreichungen machen musste.

Er saß in dem kühlen Räume, dessen Wände mit Lehm beworfen waren, auf einem Teppich und ließ sich von dem schwarzen Jungen ab und zu die Pfeife reichen, oder auch einen Becher mit Pembe aus einer danebenstehenden Kruke füllen.

Ngaraiso warf sich mehrere Male zu Boden, kroch schließlich auf Händen und Knien zu den Füßen des Königs und küsste ehrfurchtsvoll dieselben, dabei den Segen der Götter für ihn erbittend.


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Endlich waren die vorgeschriebenen Begrüßungen und die noch hinzuzufügenden Segenswünsche erschöpft, auf einen Wink Mizanzas durfte er sich erheben und vor dem Könige aufrecht stehen bleiben, denn als erster Medizinmann Abomeys stand er im Range eines Mangagara, das heißt eines Unterhäuptlings, wäre er ein Diwan, das heißt, ein Ortshäuptling, so hätte er sitzen bleiben dürfen, und als gewöhnlicher Eingeborener hätte er das Haupt gar nicht vom Boden erheben dürfen.

Der König war nicht so ungnädig gesinnt, wie Ngaraiso erwartet hatte, und das machte hauptsächlich das Pembe, ein berauschendes Getränk, von dem der König mehr getrunken hatte, als er vertragen konnte.

Wohlwollend blickte er aber den demütig vor ihm stehenden Zauberer eben auch nicht an.

»So hast du keinen Regen mitgebracht?«, fragte er Ngaraiso.

»Die Götter haben mein Gebet nicht erhört«, antwortete dieser, »aber der Regen ist unterwegs.«

»Wie oft hast du mir dies nun schon sagen lassen?«

»Die Götter sagen, nicht eher wird es regnen, als bis Mizanza, der mächtige König von Dahomey ihn nötig hat.«

»So, habe ich ihn etwa nicht nötig, verschmachtet nicht mein Volk? Das Getreide vertrocknet, die Karawanen bleiben aus, weil die Bäche meines Landes versiegt sind, und das Vieh stirbt aus Mangel an Wasser.«

»Noch ehe die Festlichkeit beginnt, wird es regnen.«

Des Königs Auge leuchtete auf.

»So weißt du das bestimmt?«

»Ganz bestimmt.«

»Gut denn«, antwortete Mizanza finster, »so hast du dir selbst dein Urteil gesprochen. Regnet es, so bleibst du erster Medizinmann, hast du mich abermals belogen, so bleicht bei dem Feste dein Kopf in der Sonne.«

»Es wird regnen«, beharrte der Zauberer auf seiner Behauptung.

»Warum wohnst du eigentlich in Mgwana und nicht in Abomey, du Hund?«, fragte der König zornig, welcher den Zauberer durchaus nicht als geheiligte Person betrachtete, sondern vielmehr als sein Werkzeug oder etwa als seine Wünschelrute.

»Die Götter wollen es so.«

Dagegen konnte der König nichts machen.

»Wann soll es regnen?«

»Morgen.«

»Und regnet es nicht, so hängt morgen dein Kopf am Pfahl.«

»Wie die Götter wollen.«

»Nein, du Hund«, brauste der König auf, »wie ich will.«

Mizanza schien die Götter nur soweit anzuerkennen, als sie auf Befehl des Zauberers seine Wünsche befriedigten.

Ngaraiso stand demütig da, aber im Innern verwünschte er diesen Mann. Er würde lieber gesehen haben, dass er weniger stolz und dünkelhaft, als vielmehr abergläubisch gewesen sei. Bei dem Vater hatte er leichteres Spiel gehabt.

»Simbawenni sagt, du taugtest nicht mehr zum Medizinmann«, fuhr der König fort.

»Simbawenni hasst mich, und ich weiß nicht warum.«

»Sie sagte, du würdest zu alt, und ich glaube, sie hat recht. Aber sag, Ngaraiso, was für eine Karawane ist das, welche von Mgwana aufgebrochen ist? Sollte sie sich weigern, mir den Tribut zu bezahlen?«

»Sie ist unterwegs, es sind viele, viele mächtige, reiche Männer und Frauen, die, so mächtig sie auch sind, nie sich weigern werden, dem Mächtigsten der Mächtigen den Tribut zu zahlen.«

Der König fühlte sich geschmeichelt.

»Sie sind reich, sagtest du. Sind es viele?«

»Wohl fünfzig Weiße und ebenso viel Pagazis und Esel, deren Rücken voller Geschenke sind, welche sie dir bringen wollen. Du weißt, o Herr, dass ich gut mit den Musungus (Europäern) stehe, und viel habe ich dir bei ihnen genützt. So habe ich auch mit diesen gesprochen, und durch mich, o Herr, lassen sie fragen, ob du es ihnen erlaubst, dass sie den in drei Tagen stattfindenden Festlichkeiten beiwohnen.«

»Sie dürfen es«, sagte der König, fügte dann aber eiligst hinzu, »wenn sie mir genügend Geschenke bringen.«

»Das werden sie tun, denn sie sind sehr reich. Sie müssen in ihrer Heimat mächtige Diwans sein, vielleicht sogar Könige. Sie reiten alle wunderschöne Pferde, und sie sind so freigebig, wie nur du sein kannst. Alle Pagazis haben neue Tücher erhalten und sehr gute Gewehre, welche sie nicht abzuliefern brauchen — sie sind ihnen geschenkt.«

Wieder leuchtete des Königs Auge auf, diesmal aber begehrlich.

»So haben sie viele Waffen bei sich?«, fragte er.

»Sehr viele.«

»Auch gute?«

»Sehr gute und so wunderbare, wie ich sie noch niemals gesehen habe. Sie können sechzehnmal damit schießen, ohne wieder laden zu müssen.

»Hast du sie selbst gesehen?«

»Ja, ein Musungu schoss auf eine Entfernung von hundert Metern nach einem Brett, und wie das Brett dann geholt wurde, zeigte sich, dass eine Kugel über der anderen eingeschlagen war.«

»Hi — lah«, rief Mizanza verwundert.

Dann versank er in tiefes Nachdenken und beachtete den ruhig dastehenden Zauberer nicht mehr. Seine Gedanken waren mit etwas anderem beschäftigt, und zwar musste dies etwas sehr Angenehmes sein, denn ein Lächeln überflog ab und zu seine schwarzen Züge.

Endlich blickte er auf und sah Ngaraiso noch vor sich stehen.

»Was willst du noch hier?«, herrschte er ihn an. »Doch halt«, rief er dem schon Hinausgehenden zu, »wann willst du den Himmel zum Regen zwingen?«

»Morgen.«

»Und wo?«

»Zwei Stunden von hier, am großen Ziwa (See), der noch nicht ausgetrocknet ist.«

»Warum nicht hier?«

»Gott will es.«

»Gut, ich werde mit meinem Gefolge dorthin kommen und du musst mich begleiten, Ngaraiso«, sagte der König in drohendem Tone, »wage nicht zu entfliehen! Du wirst streng bewacht, und beim ersten Versuch, dich der Regenprobe zu entziehen, fällt dein Kopf.«

Ngaraiso wusste schon längst, dass er streng bewacht wurde. Demütig, wie er gekommen, entfernte er sich wieder, und Mizanza ließ Simbawenni, seine Lieblingsfrau rufen, um sich mit ihr zu beraten — —

*

In der Nähe von Abomey dehnt sich eine mächtige Grassteppe aus, meilenweit im Geviert, und in der Mitte dieses von Wald eingerahmten Platzes liegt ein kleiner See, der aber in Dahomey, welches nicht reich an Seen ist, der größte ist, so heißt er der große Ziwa, der große See.

Er war das einzige Gewässer, welches noch nie ausgetrocknet war, so lange man sich entsinnen konnte, wahrscheinlich weil er tiefe, unterirdische Quellen besaß.

Von hier versorgten sich die in der Umgegend wohnenden Eingeborenen am Tage mit Wasser, auch die von Abomey scheuten den zwei Stunden weiten Weg nicht, denn ohne Wasser konnten sie nicht bestehen, und dass in seinen lauwarmen Fluten während der Nacht unzählige Tiere ihren Durst stillten, das zeigten die Fährten, welche jeden Morgen neu in den Schlamm eingedrückt zu sehen waren.

Noch ehe der König nach dort aufbrach, um der Prozedur, welche Ngaraiso zum Herunterrufen des Regens vom Himmel vornehmen wollte, beizuwohnen, erfuhr er schon durch Boten, dass sich an diesem See eine große Karawane gelagert habe. Aus der Beschreibung merkte er sofort, dass es jene war, welche vor einigen Tagen aus Mgwana aufgebrochen.

Die Musungus, meldeten die Boten, befänden sich auf dem Wege nach Abomey, um dort dem Könige ihren Tribut dafür zu bringen, dass sie sein Gebiet durchzogen, an diesem See aber hätten sie Rast gemacht, um während einiger Tage dem Jagdvergnügen obzuliegen.

Mizanza fand dies bestätigt.

An einer Seite des Sees, da, wo er sich am meisten dem Walde nähert, erhoben sich gegen dreißig Zelte, in denen zum Teil die Musungus, zum Teil die Eingeborenen wohnten. Rings um die Zelte waren die Felle der geschossenen Tiere aufgespannt.

Was von essbarem Wild geschossen war, das briet zwischen den Zelten über den Feuern, an Spießen, die von Schwarzen fortwährend in drehender Bewegung erhalten wurden, damit die verwöhnten Musungus keinen Grund zur Klage hatten.

Mizanza war sehr erfreut, die reiche Karawane hier anzutreffen, denn, dass er bei einer Begegnung mit den Musungus schon jetzt Geschenke erhielt, stand sicher zu erwarten.

Aus dem Zeltlager lösten sich auch schon einige Reiter, Männer und Frauen ab und bewegten sich auf den König zu, welcher eben mit seinem Gefolge und einer kleinen Abteilung von Amazonen, seiner ständigen Begleitung, aus dem Walde heraustrat.

Von den Musungus aber kamen noch zwei Abgesandte an, von denen der eine dem Könige als Gruß eine Menge Perlen, einige Doti besten Wollenstoff und einen prächtigen Dolch brachte und bat, der König solle ja nicht zürnen, dass er in seinem Gebiet auf eine Karawane stoße.

Dies war keine Ausnahme von der Regel, so musste stets verfahren werden, und so hatten es die Musungus auf den Rat Goliaths und Davids auch nicht unterlassen, Mizanza schon jetzt für sie günstig zu stimmen. Der König prüfte das Gewebe mit eigener Hand, besichtigte die Perlen und gab dies alles geringschätzend seinen Sklaven zum Tragen, den Dolch selbst steckte er sofort in den Gürtel und konnte dabei ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken — vorläufig war er mit den Geschenken zufriedengestellt.

»Sage deinem Herrn«, sprach er zu Goliath, dem Überbringer der Geschenke, »Mizanza ließe danken, und er lade ihn ein, zuzusehen, wie sein Zauberer den Himmel zum Regnen zwänge. Geh — halt«, rief er plötzlich, und Goliath kehrte um, »ist bei deiner Karawane nur ein Herr?«

Goliath war von seinem Herrn gut instruiert worden, denn hätte er gesagt, dass alle 27 Herren und 25 Damen für sich wären, so hätte der König von jedem einzelnen ein Geschenk verlangt.

»Ja, o König«, erwiderte er schnell, »es ist nur ein Herr, die anderen Musungus sind seine Askaris (Soldaten), aber die Karawane besteht aus zwei Teilen, wie du auch zwei Fahnen dort flattern sehen kannst.«

Auf seinen Wink trat schnell David hervor und überreichte Mizanza ebenfalls ein Geschenk, an Wert ebensogroß, wie das erste, und wie erstaunt war der König, als er erfuhr, dass der Herr dieser Karawane ein Mädchen und die sie begleitenden Frauen ihre Kriegerinnen wären.

Darüber war er so aufgeregt, dass er es seinem Gefolge speziell mitteilte, und hauptsächlich entstand unter den etwa zehn mitgekommenen Amazonen eine große Bewegung. So hatten die Musungus also auch Amazonen.

Auch diese Dame und ihre Kriegerinnen wurden zu der Zauberei eingeladen, und der König begab sich nach dem Platze, welcher von Ngaraiso als der bezeichnet worden war, wo er den Gott zwingen werde, Regen herabzusenden.

»Hi — loh!«, rief Ngaraiso erstaunt aus, als er den betreffenden Ort erreicht hatte, und blieb stehen, vor Schrecken anfangs wie erstarrt, »seht hier, der Opferaltar ist schon erbaut.«

Nicht weit vom Ufer des Sees war auf einer großen Fläche alles sonnenverbrannte Gras abgemäht worden und in der Mitte zusammengehäuft, sodass ein Stapel von etwa zwei Meter Höhe entstanden war.

»Du hast es schon vorher getan«, fuhr ihn der König an, in der Meinung, dass der Zauberer ihm etwas vorspiegeln wollte.

»Wahrhaftig nicht«, rief Ngaraiso, »ich habe es nicht getan, es ist ganz sicher, Gott hat sich seinen Altar selbst gebaut.«

Es wurde nicht weiter erörtert, wer den Platz vom Gras gesäubert und dieses zusammengefegt hatte, denn soeben kamen langsam die Musungus angeritten. Es fand eine feierliche Begrüßung statt, wobei die Eingeborenen besonders neugierig die wohlbewaffneten Mädchen musterten und die Weißen wiederum mit der größten Spannung besonders die Amazonen betrachteten, welche sie hier zum ersten Male sahen. Nur schade, dass sie sich nicht zu Pferde befanden und auch nicht im vollen Waffenschmuck, sondern nur mit einem bloßen Schwerte an der Seite und mit Bogen und Pfeil bewaffnet waren.

Es waren alles Gestalten, welche mit Yamyhla Ähnlichkeit hatten, groß, schlank und kräftig, mit denselben feurigen Augen und herausfordernden Blicken.

Als Ellen den Führer Goliath fragte, ob Simbawenni unter ihnen wäre, schüttelte dieser den Kopf. Diese müsse sich auf die in drei Tagen zu ihrer Ehre stattfindenden Feierlichkeiten würdig vorbereiten, sonst aber begleite sie den König immer, teils als seine Lieblingsfrau, teils um über seine Sicherheit zu wachen.

Dem scharfen Auge des Lord Harrlington entging es nicht, wie begehrlich der König die Waffen der Fremdlinge musterte, und der gefragte David teilte mit, dass Mizanza großes Interesse an Waffen hege, wie er, trotzdem er gar nicht darnach aussähe, überhaupt ein vorzüglicher Krieger und Jäger sei, und jetzt wäre sein Interesse an Schießwaffen um so größer, als er beabsichtigte, nächstens einen großen Raubzug nach dem Osten zu unternehmen; er hätte schon vielfach versucht, sich in den Besitz besserer Gewehre zu setzen, aber die Händler wollten sie ihm nicht liefern.

Für die Händler in Afrika bestehen nämlich gewisse Gesetze, und eins davon ist, dass den Negern nur Feuersteingewehre geliefert werden. Sind sie im Besitze anderer, besserer, so haben sie sich diese auf unrechtmäßige Art und Weise angeeignet.

Während sich der König mit Lord Harrlington und Ellen unterhielt und sie nochmals persönlich aufforderte, an den Festlichkeiten teilzunehmen — die Tore Abomeys stünden ihnen und ihrer Karawane offen — wobei er nicht unterließ, auf ein außer dem Tribut zu erwartendes Geschenk anzuspielen, wurde von Ngaraiso ein kleines Zelt hergerichtet, in welchem er sich für die vorzunehmende Zauberprozedur umkleidete.

Das Regenmachen findet sich nicht nur in Afrika, sondern auch ebenso in Amerika unter den wilden Stämmen verbreitet und beruht meist darauf, dass auf einem großen, freien Platze ein Feuer angebrannt und in diesem auch ein Tier geopfert wird, die Götter zu ehren, die dabei unter allerhand zeremoniösen Tänzen und Sprüngen um Regen angefleht werden. Es ist ganz merkwürdig, dass hier oft der Gott auch ganz plötzlich Wolken am Himmel entstehen lässt, nicht etwa nach und nach langsam vom Horizont heraufkommend, sondern manchmal sogar direkt über dem Platze, welche dann einen Guss herabschicken. Oft sogar ist dies der Anfang einer längeren Regenperiode. Herrscht die Trockenheit aber nur einige Tage, dann wird der Zweck gewöhnlich nicht erreicht, wohl aber, wenn lange kein Regen gefallen ist.

Diese Erscheinung beruht ebenso wenig auf Zauberei, als auf Zufall, sondern auf einem Naturgesetz, welches viele wilde Völker kennen, ohne es erklären zu können. Sehr häufig wird es zum Beispiel auch auf den Pampas von Südamerika von den Gauchos, das heißt von den Pferdehütern angewandt, wenn sie kein Wasser mehr für sich und die Tiere haben, nur dass dort einfach ein großes, möglichst schnell aufflackerndes Feuer angesteckt wird, ohne jede Vornahme irgendwelcher religiösen Zeremonie.

Große Trockenheit wird dadurch hervorgerufen, dass die Sonne alles Wasser von der Erde verdampft hat, fällt nun dieser Wasserdampf in Gestalt von Regen nicht wieder zur Erde, so kommt dies meist daher, weil keine Windströmung da ist, welche den Wasserdampf nach kalten Regionen führt.

Die Luft ist also mit Wasserdampf gesättigt, und damit dieser wieder zu Wasser wird, muss er kalt werden, dazu ist aber wiederum nötig, dass er emporsteigt, denn in den oberen Regionen ist es bekanntlich kälter, als in den unteren. Das Nachobensteigen findet zwar immer statt, weil die warme Luft leichter ist, als die kältere, aber sehr langsam. Zündet man nun ein großes Feuer an, so reißen die Flammen die warme, feuchte Luft nach oben, andere strömt ihr nach, die ganze Atmosphäre kommt in Bewegung, und wenn sich der Wasserdampf oben abgekühlt hat, so ballt er sich zusammen, das heißt, es entsteht eine Wolke und stürzt als Regen wieder herab.

Gewöhnlich ist derselbe von einem heftigen Wind begleitet, der ebenfalls durch das Feuer hervorgerufen wird, welches eben durch seine Hitze das Gleichgewicht der Luft gestört hat.

Die Wilden können sich dies natürlich nicht erklären, sie wissen um die Tatsache, aber sie halten es für eine Gunst der Götter, wenn wirklich Regen fällt. Die Prozedur gelingt ihnen nicht immer, weil sie dieselbe oft vornehmen, wenn in der Luft gar kein Wasserdampf vorhanden ist.

Wie schon gesagt, Ngaraiso war ein aufgeklärter Mann und war von seinem früheren Herrn über derartige Naturerscheinungen belehrt worden. Bis jetzt hatte er die Zeit für noch nicht geeignet gehalten, die Wunderkur zu versuchen, jetzt aber war der Augenblick da, musste da sein. Schon einmal war ihm eine großartige List geglückt, und diesmal hatte er erst Rücksprache mit den englischen Herren genommen, und diese hatten ihm Hilfsmittel gegeben, wie er sie noch nie gehabt hatte.

Von kunstgerechten Händen war der fette Hammel zerlegt, und nach vorheriger Anweisung von Ngaraiso ohne weiteres auf den Heuhaufen gelegt worden. Man hielt diesmal den Zauberer für verrückt, dass er ein paar brennenden Heuhalmen zutraute, das Opfer zu verzehren und somit die Gnade der Götter herbeizurufen, oder aber, er musste seiner Sache sehr sicher sein.

Der König, sein Gefolge und die Musungus waren schon lange nicht mehr allein auf dem Platze, das ganze Zeltlager war verlassen worden, alle Eingeborenen bis auf die Wache scharten sich um den Opferaltar, und Scharen auf Scharen von Negern kamen aus den Wäldern heraus, denn schnell hatte sich das Gerücht verbreitet, dass Ngaraiso Regen machen wollte, und dieses Schauspiel durfte sich niemand entgehen lassen.

Die Männer lehnten sich auf ihre Spieße, die Frauen, nur von den Hüften bis zu den Knien mit Röcken bekleidet, hielten mit einer Hand die großen Kinder fest und mit der anderen den auf der Schulter sitzenden Säugling; alle harrten der kommenden Dinge. Etwas gab es sicherlich zu sehen, entweder antwortete der Gott mit Regen, oder jene Amazonen dort schlugen dem Ngaraiso den pfeffergrauen Wollkopf ab.

Die schwatzende Menge verstummte plötzlich ehrfurchtsvoll; aus dem neben dem Heuhaufen stehenden Zelte kam eine sonderbare Gestalt heraus, der verkleidete Zauberer.

Er war in das Fell einer blauen Antilope gehüllt, welches nachschleppte. Zusammengehalten wurde es durch einen breiten Silbergürtel, welcher so in der Sonne glänzte, dass die Augen der Zuschauer fast geblendet wurden. In der Hand hielt er eine Art Holzkeule, mit sonderbaren Zeichen über und über bedeckt. Schauderhaft aber sah das Gesicht dieser Gestalt aus.

Es war eine wahre Teufelsfratze, die sich Ngaraiso vorgebunden hatte, ein riesengroßes Maul mit fletschenden Zähnen, langem Bart, und oben saßen die Hörner der Antilope.

Unter hüpfenden Sprüngen näherte sich der Medizinmann dem Opferhaufen, bald vorwärts, bald rückwärts springend, die Keule schwingend, und seinen Körper dabei verdrehend. Als er den Heuhaufen erreichte, begann er sich in schnellerem Tempo um denselben herumzubewegen, dazu einen monotonen Gesang ausstoßend, und sobald er den Platz erreicht hatte, von wo er den Rundtanz begann, warf er sich auf den Boden und verbarg das Gesicht auf der Erde — er betete.

Immer schneller wurden dann seine Bewegungen, er ging nicht mehr, er rannte, jagte um den Haufen, er warf sich mit Gewalt auf sein Antlitz, sein Gesang glich einem heiseren Gebrüll, und seine Fußspuren waren mit Schweißtropfen bedeckt.

Atemlos standen die Neger da und beobachteten sein Treiben. Sie hatten schon manchmal solchen Prozeduren beigewohnt, aber da war der Opferstoß, gewöhnlich ein Scheiterhaufen aus vielem trockenen Holz, schon vorher von dem Zauberer angebrannt worden, und er tanzte während des Brandes um ihn herum. Hier schien es fast, als ob der Zauberer wartete, bis dass der Gott selbst den Haufen anstecken und sich sein Opfer braten würde.

Dieses schnelle Springen des schweißbedeckten Zauberers, das monotone Geheul jedes einzelnen, hatte etwas Bannendes für die Zuschauer. Niemand wagte, ein Wort zu sprechen. Alle hielten die Augen starr auf den Zauberer und den Heuhaufen geheftet.

Da plötzlich gellte ein tausendstimmiger Schrei durch die Luft; wer dem Opferhaufen am nächsten stand, wich erst scheu zurück, drängte dann mit aller Gewalt vorwärts, warf noch einen Blick auf das Wunder und warf sich schließlich ebenfalls zu Boden, um den schrecklichen Gott nicht in eigener Gestalt sehen zu müssen.

Noch war der Himmel völlig blau, da rollte plötzlich ein furchtbarer Donner durch die Luft, man wusste nicht, woher er kam, das Getöse schien eher in dem Heu vor ihnen zu entstehen, und da zuckte auch schon ein langer Feuerstrahl aus dem Haufen zum Himmel empor, und mit einem Male stand er in Flammen.

Der Gott selbst hatte den Feuerherd angezündet, um sich sein Opfer zu schmoren.


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Selbst der König war von maßlosem Schrecken befallen worden, als der kleine Heuhaufen plötzlich in himmelhohen Flammen stand. Wie war es möglich, dass so wenig Gras diese mächtigen Flammen werfen konnte; es hätte ja schon nach wenigen Sekunden verbrannt sein müssen, und doch wuchsen seine Flammen immer höher an.

Auch der Zauberer war den heißen Flammen entwichen, hatte sich auf den Boden geworfen und stach sich fortwährend mit einem Messer in Arme und Beine, sodass das Blut hervorrann.

Die Musungus hatten ihre Kaltblütigkeit beibehalten, sie beobachteten aufmerksam den Himmel — das war ihnen interessanter, als das Gebaren des Zauberers.

Über dem Feuer bildete sich ein weißer Nebel, der sich nach und nach verdickte, immer dunkler wurde und immer höher stieg, bis er gleich einer Wolke über dem Platze hing. Dann sauste plötzlich ein Windstoß über die Fläche, und schon begannen sich am Horizont schwere, finstere Wolken zu zeigen, die mit fabelhafter Schnelligkeit aufzogen.

Ein Blitz, ein Donner, diesmal aber vom Himmel herabkommend, kündete das Gewitter an, und da wurden auch schon die Schleusen des Himmels geöffnet — ein heftiger Platzregen prasselte auf die Köpfe der Menge herab.

Lachend und schreiend flüchteten sich die Herren und Damen nach ihren wasserdichten Zelten, der Zauberer konnte sich nicht mehr in das seinige zurückziehen, denn die Opferflammen hatten es ergriffen und mit allem darin Befindlichen verzehrt, aber er wäre auch gar nicht dazu gekommen.

Kaum hatte er die Keule aus der Hand gelegt und sich der Maske hinter einem Busche entledigt, so war er wieder ein gewöhnlicher Mensch, und triumphierend und jubelnd hoben ihn die Neger auf die Schultern und trugen ihn im strömenden Regengusse nach Abomey zurück.

*

»Ngaraiso steht jetzt mächtiger da, als der König selbst«, sagte John Davids in dem größten Zelte zu denjenigen, welche unter der Leinwand Schutz gegen den Regen gefunden hatten, »Mizanza würde jetzt vergeblich versuchen, auf Bitte der Simbawenni den Zauberer zu vernichten. Er hat das Volk für sich, und dieses hat doch die eigentliche Macht. Die Dahomeyneger sind ein sehr selbstständiges Volk.«

»Ich glaube, es hätte gar nicht zu regnen brauchen«, meinte Ellen, »schon das Selbstanzünden des Opferhaufens und das anhaltende und hohe Brennen des wenigen Heues machte ja die Leute ganz unsinnig vor Schrecken. Sie sahen daraus schon, dass Ngaraiso mit höheren Kräften ausgerüstet ist oder mit seinem Gott in näherem Umgange steht.«

»Dieser Ngaraiso ist doch eigentlich ein Fuchs«, lachte ein anderes Mädchen, »er führt seine Landsleute schön an der Nase herum.«

Hannibal hatte erfahren, dass sein ehemaliger Freund Ngaraiso, der ihn schnöde ins Unglück gestürzt hatte, in Gefahr war, wenn er nicht Regen herbeischaffe, und da der Zauberer zu dem Unternehmen, welches Hannibals Herr vorhatte, unbedingt gebraucht wurde, so sprach er mit Lord Harrlington darüber, und dieser sagte seine Unterstützung zu.

Während nun Ngaraiso sich nach Abomey begab, richteten die Herren heimlich bei Nacht den Heuhaufen her, den sie ordentlich mit Petroleum tränkten und in den kurz vor der Ankunft des Königs eine Rakete mit glimmender Zündschnur und ein sogenannter Kanonenschlag gesteckt wurden.

Erstere erzeugte den Blitz, letzterer den Donner, und zugleich wurde das Heu in Flammen gesetzt. Das mächtige Feuer führte dann wirklich Regen herbei. Noch zwei Tage wollte die Gesellschaft liegen bleiben und dann nach Abomey aufbrechen, der König hatte sie ja noch besonders dazu aufgefordert. Dass der Regen anhalte, stand nicht zu erwarten, aber er lieferte doch genügende Wassermengen, um die Quellen wieder in Tätigkeit zu setzen, welche die Bäche und Flüsse speisten.

Während in Abomey Vorbereitungen getroffen wurden, um die Erhebung Simbawennis mit möglichstem Pomp zu feiern, berieten sich die Herren und Damen, wie man dies verhindern, wie man die unrechtmäßige Anführerin, die sich zur Erlangung dieser Würde unerlaubter Mittel bedient hatte, wieder stürzen könne, ohne den König dadurch zu beleidigen.

Auf Yamyhla war dabei nicht zu zählen. Das mutige Mädchen mit dem heißen Blute wollte direkt vor die Nebenbuhlerin treten und ihr die verübte Schurkerei ins Gesicht schleudern; aber es gelang endlich den Damen mit vieler Mühe, sie davon abzubringen.

Es galt ja nicht allein, die Anführerin der Amazonen, sondern auch die Lieblingsfrau des Königs zu stürzen.

* * * * *

III.21. Chaushilms Liebesabenteuer

»Wo zieht Ihr hin? Auf die Jagd! Uf! Uf! Uf! Uf!« Dieses Lied sangen nicht etwa die Neger der Karawane, sondern ein weißes Kleeblatt, bestehend aus Sir Williams, Sir Hendricks und Marquis Chaushilm.

»Gewehr über — marsch«, kommandierte Williams, und die drei Männer verließen im Gänsemarsch das Lager, während gleichzeitig aus der anderen Seite drei Damen in Jagdausrüstung aus dem Zelte traten und dem Walde zuschritten.

Diese letzte Truppe setzte sich zusammen aus Miss Thomson, Miss Murray und Miss Nikkerson.

Am Abend zuvor hatten sich nämlich diese sechs Leutchen gegenseitig vorgeworfen, dass sie in dieser Gegend doch gar kein Wild schössen, obgleich immer genug davon zu sehen war. Die in der Nähe der Stadt Nbome lebenden Antilopen, auch die Waldtiere, waren aber schon sehr scheu geworden, und so kam es, dass man selten einmal eins zum Schuss bekam. Doch die Damen, welche bis jetzt nur wenig auf die Jagd gegangen waren, die Herren dagegen immer, warfen diesen vor, sie könnten bloß nicht schießen, und so war von ihnen ausgemacht worden, der morgige Tag sollte einmal entscheiden, wer von ihnen die besseren Jäger seien, die Damen oder die Herren.

Am Nachmittage des letzten Rasttages sollte die Wette zum Austrag werden. Es wurde ausgemacht, dass die beiden Gruppen gleichzeitig aufbrächen, bei Sonnenuntergang wieder im Lager wären und als Jagdterrain den zwischen den Zelten und Abomey liegenden Wald benutzten, ohne sich dabei gegenseitig ins Gehege zu kommen. Wessen Truppe die meiste Jagdbeute mitbrächte, würde als Sieger anerkannt, und zwar sollte ein Unparteiischer den Wert der geschossenen Tiere taxieren, denn es ist natürlich leichter, zehn Wildtauben zu schießen, als eine Antilope.

Vor dem Abmarsch aus den Zelten stimmte der immer fidele Charles zur unendlichen Freude der Eingeborenen den Negergesang an, seine Freunde sangen den Chorus, und noch lange konnte man die fröhlichen Stimmen vernehmen, als sich schon die grünen Zweige der Büsche hinter den Abziehenden geschlossen hatten.

Der Regen hatte bald wieder aufgehört, die Sonne hatte das nasse Gras getrocknet und schien nun wieder warm herab — ein herrlicher Tag zu einer Jagdpartie.

Monsieur Pontence konnte es ebenfalls nicht mehr in seinem kleine Zelte aushalten, er musste wieder mit seinen drei Büchsen hinaus in den grünen Wald. Hatte dieser Nimrod auch bis jetzt nur eine wilde Ente und ein Kaninchen geschossen, so war die Jagdlust bei ihm doch noch nicht geschwunden.

»Monsieur Nonsense, nehmen Sie mich mit?«, hörte er hinter sich eine helle Stimme fragen, und sich umsehend erblickte er Hope Staunton, das Mädchen, welches sich möglichst viel bei dem komischen Männchen aufhielt, und mit dem er schon eine Art von Freundschaft geschlossen hatte.

»Soll mir angenehm sein«, antwortete der höfliche Franzose und duldete, dass außer Hope auch noch Hannes ihm auf seinem Jagdausflug Gesellschaft leistete.

Während sie dem Walde zuschritten, erzählte ihnen der gewaltige Jäger vor dem Herrn, wie er in seiner Heimat einmal einen Rehbock geschossen hatte, der sich aber dann als ein zahmes Reh herausstellte, für welches er fünfzig Franken Schadenersatz zahlen musste. Letzteres erwähnte er aber nur so nebenbei, hauptsächlich betonte er, dass es ein Kernschuss gewesen sei, der das Tier sofort zur Strecke gebracht habe.

Die drei zuerst erwähnten Herren hatten unterdes ein Revier erreicht, welches, wie häufige Spuren verrieten, eine Jagd versprach.

»Wir müssen uns hier trennen«, sagte Charles und blieb stehen, »denn es hätte keinen Zweck, wenn wir alle beisammen blieben. Sie finden sich doch nach dem Lager zurück, und außerdem können wir ja durch Schüsse immer wieder melden, wo wir uns befinden. Ich gehe hier geradeaus, Sie, Chaushilm, wenden sich zur linken Hand, und Sie, Hendricks, nehmen die Pirsch von rechts auf. Wünsche Ihnen viel Glück, meine Herren! Also seien Sie bei Sonnenuntergang im Lager, und bringen Sie möglichst viel Beute mit. Adieu!«

Charles wollte gehen, wurde aber von Hendricks am Arme zurückgehalten.

»Halt, halt«, sagte er dabei, »so schnell geht das nicht. Sie denken wohl, Sie können den mitgenommenen Maiskuchen und das Fleisch allein aufessen? Nein, die Fourage muss erst geteilt werden, sonst bleibe ich bei Ihnen.«

»Ach so, ich habe ja den Proviant in meiner Jagdtasche stecken«, lächelte Charles. »Herrgott!«, fügte er dann erschrocken hinzu, »und dort läuft Chaushilm mit der Whiskyflasche weg, der Spitzbube will sie allein austrinken. Chaushilm, he, Chaushilm!«

Der Marquis schien das Rufen nicht hören zu wollen, er ging ruhig weiter, aber die beiden rannten ihm nach und nötigten ihn, stehen zu bleiben.

»Das Essen können wir uns wohl teilen«, meinte Chaushilm, »aber, wie wir es mit dem Whisky machen wollen, weiß ich nicht, die Flasche gebe ich auf keinen Fall her, warum haben Sie sich nicht ebenfalls mit welchen versehen?«

»Oho, Sie können doch nicht den ganzen Whisky allein trinken?«, rief Hendricks.

»Wohin wollen Sie ihn denn gießen? In die Stiefel vielleicht?«

»Wir müssen umkehren und uns Flaschen holen.«

»Unsinn«, rief Charles, welcher wohl wusste, dass das alles nur Spaß war, »wir werden doch dieses Whiskys wegen nicht wieder ins Lager zurückkehren! Ich schlage vor, wir setzen uns hier und verzehren die mitgenommenen Vorräte gleich, dann hat aller Streit ein Ende.«

»Und wir brauchen sie nicht zu tragen«, fügte Hendricks hinzu.

»Einverstanden!«, rief Chaushilm und warf sich ins Gras. »Wenn wir dann schneller schießen, holen wir die Versäumnis wieder ein.«

Die drei ließen es sich vortrefflich schmecken; der frischgebackene Maiskuchen mit dem Wildbret mundete köstlich, und die Lederflasche machte unter heiteren Gesprächen und Witzen die Runde.

Da fielen nicht weit von ihnen zwei Schüsse, dann noch einer, und die Herren horchten auf.

»Die Damen sind schon beim Jagen«, rief Hendricks kläglich, »und wir essen bereits den Braten, den wir erst schießen sollten. Die Wette werden wir wohl verlieren und beim Heimkommen Spott und Schande ernten.«

In diesem Augenblicke knallte Chaushilms WinchesterBüchse, und von einem Baume in der Nähe fiel ein Eichhörnchen herab.

»Nummer eins«, sagte er und steckte das Tierchen in die Jagdtasche. »Auf, meine Herren, die Jagd hat begonnen. Ich habe eine Ahnung, dass ich heute furchtbares Glück habe. Passen Sie auf, ich schieße heute alles kurz und klein, was mir vor die Mündung kommt.«

Die Herren erhoben sich und schlugen die Richtungen ein, die Charles angegeben hatte. Bald verloren sie sich aus den Augen, und nur ein ab und zu fallender Schuss verriet, dass sie auch Jagdbares fanden, aber so lange sie sich nahe beieinander befanden, war natürlich an ein Anpirschen größeren Wildes nicht zu denken.

Doch die Knalle wurden immer schwächer, und schließlich vernahm der langsam zwischen den Bäumen und Büschen umherstreifende Chaushilm nichts mehr, als das Summen der Insekten, das Rascheln der Eidechsen im trockenen Laube, und ab und zu das Zwitschern und Zirpen eines Vogels in den Ästen. Im Übrigen herrschte Stille, denn die Tiere des Waldes hielten ihre Mittagsruhe.

Marquis Chaushilm war kein besonderer Bewunderer von Naturschönheiten, aber dieser afrikanische Urwald in seiner Mächtigkeit und Ruhe machte doch Eindruck auf ihn und veranlasste ihn fast, den eigenen Fuß vorsichtig aufzusetzen, um den Frieden der Natur nicht zu stören.

Der Wald war nicht so undurchdringlich, wie man dies sonst bei afrikanischen Urwäldern zu finden gewöhnt ist. Er bestand meistens aus Baobabs, jenen Riesenbäumen, welche unsere Eichen an Stammesdicke und an Blätterreichtum noch übertreffen, ferner aus Akazien und Mangobäumen. Das Unterholz war niedrig und spärlich, Schlingpflanzen fehlten ganz, sodass man wie in einem Parke einen weiten Blick durch die Stämme hatte.

Dies wäre zwar recht gut gewesen, wenn der Wald von Tieren gewimmelt hätte, aber so zeigte er durch den offenen Ausblick nur, dass eine Jagd wenig Erfolg versprach. Die Rehe, Antilopen und Gazellen waren hier schon zu viel gejagt worden und zogen sich beim Nahen eines Menschen sofort zurück.

Dem Marquis war es auch absolut gleichgültig, ob er etwas schoss oder nicht, er machte sich durchaus nichts daraus, wenn er mit leeren Händen zurückkam, überdies ist das Jagdglück ja sehr launisch, wenigstens das Auffinden von Wild betreffend, und so konnte er in den langen Stunden bis zum Abend vielleicht noch Büffel und Elefanten zum Schuss bekommen.

Das Gewehr über der Schulter, die freie Hand in der Hosentasche, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, schlenderte Marquis Chaushilm gemütlich durch den Urwald Afrikas, und dachte, er wäre in einem englischen Parke, um Kaninchen zu schießen.

Da plötzlich duckte er sich zusammen, nahm das Gewehr von der Schulter und kniete dann vorsichtig nieder, den Blick starr geradeaus gerichtet: vor ihm, nur zweihundert Meter entfernt, tauchte hinter einem Baobab ein stattlicher Hirsch auf, bewegte sich grasend und langsam vorwärts, dem Jäger das Hinterteil zuwendend.

So phlegmatisch der Marquis auch sonst war, in diesem Augenblick befiel ihn das Jagdfieber; jeder Nerv erbebte ihm beim Anblick des edlen Tieres mit dem stattlichen Geweih.

Der Wind kam von demselben her, so hatte er nicht zu befürchten, gewittert zu werden, und konnte mit einiger Vorsicht wohl seinen Weg fortsetzen, denn, wie er gerade stand, konnte er unmöglich schießen. Das Winchestergewehr trug zwar so weit und noch viel weiter, und der Herzog war ein guter Schütze, aber der Hirsch bot ihm kein anderes Zielobjekt als das Hinterteil, und dort hätte ein Schuss nur eine Wunde bewirkt, welche den Hirsch nicht hinderte, mit Windeseile auf Nimmerwiedersehen zu fliehen.

Mit einer Gewandtheit, die einem Indianer Ehre gemacht hätte, kroch der Herzog auf Händen und Füßen nach links, jeden Busch und Baum als Deckung benutzend und dabei immer darauf bedacht, den Hirsch nicht aus den Augen zu verlieren, noch durch ein Geräusch dessen Aufmerksamkeit zu erregen. Einmal zwar knackte ein dürrer Zweig unter seinen Knien, und trotz der großen Entfernung hatte der Hirsch den Laut gehört, er richtete den edlen Kopf hoch und sog die Luft ein, aber Chaushilm lag bewegungslos wie ein Baumstamm hinter einem Gebüsche.

Bald senkte der Hirsch das Geweih wieder und graste ruhig weiter. Chaushilm hätte wohl nach dem Haupte des Wildes schießen können, aber nur ein unerfahrener Jäger würde dies versucht haben. Er hatte Erfahrung genug, um zu wissen, dass er nur den Lauf seiner Büchse zu bewegen brauchte, um das Tier zu verscheuchen. Gerade auf die Stelle, wo er lag, schien nämlich die Sonne durch das Laub, und das Wild wird durch nichts so scheu gemacht, als durch ein helles Aufblitzen, wie es die Sonne auf dem Gewehrlaufe hervorbringt.

Chaushilm musste sein anstrengendes Kriechen also fortsetzen, und er hatte dabei großes Unglück. So oft er nämlich an die Seite des Hirsches gelangt war, und schon die Büchse an die Wange hob, wandte dieser sich stets, sodass der arme Herzog immer wieder den weißen Spiegel, das heißt das Hinterteil des Tieres mit dem Stummelschwanz bewundern konnte.

Stunde auf Stunde verrann, und der Marquis setzte noch immer seine Bemühungen fort, aber er empfand weder Müdigkeit noch Verdruss, die vergangenen Stunden däuchten ihm Minuten, so hatte ihn das Jagdfieber erfasst. Zwar fluchte er innerlich auf eine schauderhafte Weise, wenn dem erhobenen Büchsenlaufe immer wieder der Spiegel zugekehrt wurde, aber nichtsdestoweniger setzte er die Pirsch fort; einmal musste sie doch von Erfolg gekrönt werden.

Er merkte gar nicht, wie sich nach und nach der Wald veränderte. Die Bäume traten immer weiter auseinander. Das Unterholz verminderte sich mehr und mehr, und hätte Chaushilm einmal den Kopf zur Seite gewandt, so würde er auf einer Waldlichtung die Hütten eines kleinen Dorfes bemerkt haben.

Endlich befand sich Chaushilm seitlich vom Hirsch, er konnte dessen schöne Gestalt in vollkommener Ruhe bewundern. Der Zeitpunkt war günstig. Leise hob er die Büchse, legte den Lauf auf einen umgestürzten Baumstamm, zielte nach dem Blatt und feuerte.


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Ein tausendstimmiges Echo erschütterte die Luft, es donnerte und krachte zwischen den Bäumen, als wären sie samt und sonders in die Luft gesprengt worden.

Chaushilm war über dies sonderbare Krachen erst so erschrocken, dass er fast gar nicht ans Aufstehen dachte, sondern nur seine WinchesterBüchse anstarrte, von der er noch nie ein so furchtbares Knallen bemerkt hatte.

»Was ist denn das?«, dachte er. »Seit wann kracht denn das Ding so? Aber es hat doch gar nicht geschlagen?«

Jetzt fiel ihm wieder der Hirsch ein, der verschwunden, also jedenfalls gestürzt war, er stand auf und eilte nach der Stelle, wo er ihn hatte stehen sehen.

Noch hatte er die Stelle nicht erreicht, als er von der entgegengesetzten Seite einen Mann auf sich zueilen sah, eine kleine, dicke, kugelrunde Gestalt, — Monsieur Pontence, genannt Nonsense, der jetzt das zwei Meter lange Gewehr auf dem Rücken trug und dafür die zöllige Büchse mit der tulpenförmigen Mündung in der Hand hielt.

Beide begegneten sich eben da, wo der Hirsch am Boden lag.

»Das war ein Kapitalschuss, Monsieur, he?«, rief der Franzose fröhlich, stützte sich auf seine noch rauchende Büchse und deutete auf den Hirsch.

Chaushilm, ahnend, dass Pontence gleichzeitig mit ihm geschossen hatte, wollte eben sagen, dass er auf das Tier ebenfalls ein Recht hätte, aber das Wort blieb ihm im Munde stecken, als er den Hirsch jetzt betrachtete.

Das Tier war förmlich in Stücke zerrissen, der Kopf war fast vom Rumpfe getrennt, ein Hinterbein lag zehn Schritte entfernt und der übrige Körper war ein Gemenge von Fleischstücken, Hautfetzen, Blut und Eingeweiden. Erstaunt betrachtete Chaushilm bald das zerrissene Tier, bald das glücklich lächelnde Gesicht des Franzosen.

»Ja, was ist denn das?«, brachte er endlich hervor, sich langsam von seinem Staunen erholend, »Hat denn der Hirsch aus Versehen eine Dynamitbombe verschluckt?«

Der Franzose verstand ihn nicht.

»War das nicht ein Kapitalschuss?«, fragte er wieder stolz. »Es geht doch in Afrika nichts über ein Gewehr, welches Sprengkugeln schießt.«

»Was, Sie haben aus jenem Gewehre da mit Sprengkugeln nach dem Hirsche geschossen?«

»Natürlich«, nickte der Franzose, »und ist die Wirkung nicht eine ausgezeichnete?«

»Nun weiß ich«, rief Chaushilm, sich vor die Stirn schlagend, »was mir vorhin so um den Kopf sauste und pfiff. Das waren also Ihre Sprengkugeln. Wie viel hatten Sie denn eigentlich darin?«

»Nur fünf, aber ich glaube, drei hätten auch schon genügt, aber«, meinte der Franzose, den Herzog fragend anblickend, »wie soll ich wohl den Hirsch nach meinem Zelte schaffen?«

Also war Chaushilm vergebens auf allen Vieren stundenlang hinter dem Hirsch hergekrochen, damit derselbe ihm vor der Nase mittels Sprengkugeln weggeschossen würde. Dass ein anderer mit ihm zugleich geschossen, das war weiter nichts, er hätte seine Beute gern geteilt, vielleicht auch ganz auf dieselbe verzichtet, aber einen edlen Hirsch mit Sprengkugeln zu schießen, nein, ein solcher Frevel empörte sein Weidmannsherz, nicht eine Sehne sollte der Franzose haben.

»Nur gemach, Monsieur Pontence«, sagte er ruhig, »ich habe ein ebenso großes Anrecht auf den Hirsch, wie Sie, und wem er gehört, das wird sich noch entscheiden,««

»So«, rief der Franzose erstaunt, »habe ich das Tier nicht in Stücke geschossen?«

»Das scheint allerdings so, aber von wo haben Sie geschossen, von hinten?«

»Ja, von hinten.«

»Sehen Sie, ich habe mich über drei Stunden bemüht, es von der Seite zu bekommen, und habe es auch wirklich im Blatt getroffen.«

»So«, sagte der Franzose etwas pikiert, »beweisen Sie mir das doch einmal!«

»Beweisen kann ich das allerdings nicht«, entgegnete Chaushilm kalt, »denn es wäre wohl vergeblich, in diesem zerrissenen Kadaver nach meiner Kugel zu suchen, und außerdem schießt das WinchesterGewehr so scharf, dass anzunehmen ist, die Kugel ist durch und durch gegangen.«

»Ich kann aber behaupten, dass meine Kugeln ihn getötet haben«, frohlockte der Franzose. »Wie wollen Sie beweisen, dass Sie das Tier überhaupt getroffen haben?«

»Hiermit«, sagte der Marquis kaltblütig und zog aus dem Lederfutteral einen Revolver heraus.

»Haben Sie keine Angst, dass ich wegen dieses Hirsches einen Mordversuch mache«, fuhr er fort, als der Franzose erschrocken zurückgesprungen war, »aber natürlich muss es sich entscheiden, wem der Hirsch gehört, und da ist es das einfachste Mittel, wir machen es so wie in Amerika, wir schreiten zum Duell. Bitte, Monsieur Pontence, gehen Sie fünf Schritte zurück, ich ebenfalls, und bei drei schießen wir zu gleicher Zeit. Revolver haben Sie ja genügend bei sich.«

Es war dem Herzog natürlich kein Ernst mit diesem Vorschlag, er wollte den Franzosen nur einmal in Verlegenheit bringen und erreichte dies auch wirklich.

Derselbe verlor mit einem Male seine rote Gesichtsfarbe, wurde bleich und begann nervös mit dem roten Taschentuch im Gesicht zu wischen.

»Das ist gegen die Gesetze«, brachte er stammelnd hervor.

»In Afrika gibt es keine Gesetze, welche das Duell verbieten«, lächelte Chaushilm.

»Wir haben keine Sekundanten.«

»Ich brauche auch keine.«

»Aber ich.«

»Ich nicht«, beharrte Chaushilm, »und wenn Sie sich nicht mit mir duellieren wollen, so sehe ich mich genötigt, Sie über den Haufen zu schießen, denn ich behaupte, dass ich den Hirsch tödlich getroffen habe, dass er mir ebenso gut wie Ihnen gehört.«

»Ich trete Ihnen die Hälfte ab«, stöhnte der Franzose.

»Damit ist mir nicht gedient, einer von uns beiden muss ihn ganz haben.«

»Ich schenke Ihnen denselben ganz.«

»Ich nehme nichts geschenkt an, ziehen Sie den Revolver und nehmen Sie Stellung!«

»Ich gebe jeden Anspruch an den Hirsch auf«, jammerte der zur Verzweiflung gebrachte Franzose. Er konnte den kalten Blick des jungen Mannes nicht mehr ertragen.

»Gut«, sagte Chaushilm und steckte den Revolver wieder ein, »damit Sie aber später nicht sagen können, ich hätte Sie durch Einjagung von Furcht gezwungen, mir den Hirsch zu überlassen, so gebe ich Ihnen noch einmal Gelegenheit, sich in den Besitz des Hirsches zu bringen. Sehen Sie dort die drei Früchte nebeneinander an dem Baume hängen?«

Der Franzose folgte mit den Blicken der angedeuteten Richtung und bejahte, dabei erleichtert aufatmend.

Nicht weit von ihnen, dicht au der Waldlichtung, auf welcher die wenigen Hütten standen, befand sich ein Baum, an welchem nebeneinander drei Gegenstände hingen, etwa wie Kokosnüsse aussehend, obgleich der Baum keine Kokospalme war.

Die beiden kannten die afrikanische Flora nur wenig, und so zerbrachen sie sich auch jetzt nicht die Köpfe, was das für Früchte seien.

»Jeder von uns hat drei Kugeln«, fuhr Chaushilm fort, »Sprengkugeln sind jedoch ausgeschlossen, und wer die meisten von den Früchten zerschießt, dem gehört der Hirsch. Ich will Ihnen den ersten Schuss lassen. Sind Sie damit einverstanden?«

Der Franzose war es, er nahm das zwei Meters lange Gewehr vom Rücken, legte den Lauf gegen einen Baumstamm, zielte lange und schoss.

Keine Frucht bewegte sich auch nur. Sofort riss Chaushilm das Gewehr an die Wange, schoss dreimal schnell hintereinander und alle drei Früchte waren vom Baume verschwunden, sie waren in Atome zersplittert.

Die drei peitschenähnlichen Knalle des vorzüglichen Gewehrs erzeugten diesmal zwar kein solches Echo wie vorhin, dafür aber erschallte eben von da, wo der Baum mit den Früchten stand, ein entsetzliches Geheul, plötzlich sahen die beiden aus dem Grase unter dem Baume wohl zwanzig schwarze Gestalten aufspringen und mit Brüllen und Heulen auf sie zustürzen.

Der Franzose war gescheiter, als der kaltblütige Engländer, denn während dieser erstaunt die ankommenden Schwarzen betrachtete, rannte er in voller Karriere in den Wald zurück, seinen Kameraden im Stich lassend.

Es war ein Fehler von Chaushilm, dass er zu phlegmatisch war; sein Phlegma wurde für Kaltblütigkeit genommen, er machte sich aus einer Gefahr gar nichts und tat auch gewöhnlich nicht viel, um sie abzuwenden, wenigstens so lange nur sein eigenes Leben in Betracht kam.

So erwartete er auch jetzt erstaunt die brüllenden Schwarzen und grübelte darüber nach, was die Ursache dieses Schreiens wohl sein möchte. Dass sie feindliches gegen ihn im Sinne hatten, daran dachte er noch gar nicht, denn bis jetzt hatte er die Neger in Dahomey immer als friedliche Menschen kennen gelernt.

Zu spät hob er die Büchse, zu spät griff er nach dem Revolver, ehe er nur zur Besinnung kam, dass ihm diese Neger wirklich ans Leben wollten, lag er schon am Boden, bekam einige Fußtritte und außerdem wurden ihm trotz heftiger Gegenwehr die Waffen entrissen und ihm mit seinem eigenen Gürtel die Hände gebunden.

Chaushilm war unfähig, ein Glied zu rühren; wie ein Alp kniete ein riesiger Neger auf seiner Brust und hinderte ihn am Aufstehen, aber nicht am Sprechen,

»Verfluchte Halunken«, brüllte der Marquis, »wollt ihr mich loslassen! Ihr Banditen, Straßenräuber, Buschneger, Hottentotten.«

Die Neger kümmerten sich nicht um die Flüche und Schimpfworte des Herzogs, sie rissen den Gebundenen empor und schleppten ihn mit roher Gewalt nach dem Baume, auf dem die abgeschossenen Früchte gehangen hatten, und der mit den Zähnen knirschende Marquis musste es sich ruhig gefallen lassen, dass er ab und zu einen Fußtritt erhielt. Gern hätte er ihn wieder zurückgegeben, aber er hatte seine Füße nicht frei, er wurde getragen.

Ehe er nur richtig zur Besinnung kam, stand er schon unter jenem Baume auf seinen Füßen, aber mit gebunden Händen, vor ihm stand der große Neger und fuchtelte mit beiden Fäusten unter Chaushilms Nase herum und brüllte ihm mit wutverzerrten Mienen etwas zu, was der Engländer natürlich nicht verstand.

Aber er erriet, dass es nichts Gutes war, auch die Umstehenden, jetzt wohl schon dreißig Männer, zeigten grimmige Gesichter, und die aus den Hütten kommenden Eingeborenen, Frauen und Kinder nahmen, jedes Mal, wenn die ersten in die Äste des Baumes und dann auf den Gefangenen gedeutet hatten, denselben Ausdruck des Entsetzens und Abscheues an.

Aus dem entrüsteten Geschrei vernahm Chaushilm nur zwei Worte deutlich, das eine lautete Musungu, das andere Nganga, und so viel wusste Chaushilm schon, dass Musungu Europäer, Fremde bedeutete, Uganga aber Medizin.

»Medizin«, dachte er, »was habe ich mit Medizin zu schaffen?«

Der Neger vor ihm wollte eine Antwort aus ihm herausbringen, so viel war klar, nur schade, dass er die Frage nicht verstand. Dann aber, als der ungestüme Sprecher wiederholt nach den Zweigen deutete, an denen vorhin die Früchte gehangen hatten, und dabei immer das Wort Uganga aussprach, wurde es Chaushilm plötzlich klar, was für eines Vergehens er sich schuldig gemacht hatte.

An dem neben ihm stehenden Baume sah er noch ebensolche Früchte hängen, von hier aus aber konnte er erkennen, dass die vermeintlichen Kokosnüsse Menschenschädel waren, und die drei, welche er abgeschossen hatte, waren wahrscheinlich den Negern etwas Heiliges gewesen, denn alles Heilige bezeichnen diese Eingeborenen mit Medizin, mit Dowa oder Uganga.

Die Sache ließ sich nicht mehr ändern; Chaushilm zuckte mit den Achseln, als aber der Neger nicht nachließ, ihn anzuschreien, da brüllte er ihn ebenfalls recht vernehmlich an.

Die Folge davon war, dass der Neger sofort den Arm zum Schlage ausholte, um dem Musungu eins auf den Kopf zu geben. Ehe aber noch die Faust dessen Gesicht berührte, erhielt er von Chaushilm einen Fußtritt, der ihn der Länge nach ins Gras warf.

Ein furchtbarer Tumult entstand. Alle stürzten auf den Unglücklichen zu, und ehe er wusste, was man mit ihm eigentlich vorhatte, fühlte er plötzlich ein Hanfseil sich um seinen Nacken legen, und während der wieder aufgestandene Neger mit fürchterlichem Schimpfen und Schreien auf ihn zutrat, sich aber sorgfältig außer dem Bereiche der Füße hielt, kletterte schon ein Negerjunge mit dem Ende des Strickes auf den Baum.

Chaushilm hatte noch immer Hoffnung auf seine Freunde gesetzt, welche von dem Franzosen sein Schicksal erfahren mussten, jetzt aber sah er diese Hoffnung schwinden, die Strafe für das Verbrechen, eine Medizin vernichtet zu haben, sollte nicht aufgeschoben, sondern die Exekution sofort an ihm vollzogen werden.

Schon kletterte der Negerjunge auf einen Ast, schlang das Seil um denselben und warf das Ende den Untenstehenden zu, die es sofort ergriffen und daran zu ziehen begannen.

Hilfesuchend ließ der Marquis die stieren Augen im Kreise herumwandern, er blickte überall nur in schadenfrohe oder unwillige Gesichter. Doch nein, dort stand eine Gestalt, die Arme übereinander geschlagen, welche den Unglücklichen mit einem ganz seltsamen Ausdruck betrachtete. Es war ein Weib, die Brust unbedeckt und den Unterkörper nur bis zu den Knien verhüllt. So konnte man die Arme und die Schultern sehen, welche wie aus Erz gegossen waren, wunderbar ausgebildet, wie zum Körper eines Athleten gehörend, und doch harmonisch schön. In dem bronzefarbenen Gesicht lag ein seltsamer, unerklärlicher Ausdruck, halb Trotz, halb Verlangen, und die wie Kohlen funkelnden Augen waren unverwandt auf die hübschen, etwas weichen Züge des Engländers gerichtet, welche jetzt mit Todesblässe bedeckt waren, wodurch das sonst schon interessante Gesicht noch anziehender gemacht wurde.

Auch Chaushilm hatte dieses Weib gesehen, er erkannte in ihr sofort eine jener Amazonen, und plötzlich glaubte er in jenem Mädchen Yamyhla zu erkennen.

Schon fühlte er, wie die Schlinge seinen Hals würgte, seine Füße verloren den Halt — er wurde von den Negern am Aste emporgezogen.

»Yamyhla«, schrie er mit heiserer Stimme jener Gestalt zu.

Es wäre beinahe sein letztes Wort gewesen, denn schon hing er in der Luft, aber schneller als ein Gedanke sprang da plötzlich die Amazone auf ihn zu, ein Hieb mit einem blitzenden Stahl, und Chaushilm fiel wie ein Kind in des Mädchens kräftigen Arm.

Der Gerettete ward nicht ohnmächtig, er fühlte sich fest an den nackten Busen des Weibes gedrückt, als wolle es ihn schützen; er hörte, wie unter den Umstehenden erst ein unwilliges Murmeln entstand, welches dann in laute Entrüstung überging, und er sah, wie der Neger, der ihn hatte schlagen wollen, mit lebhaften Gestikulationen und Schreien auf das Mädchen zutrat, als wolle er ihm die Beute entreißen.

Da stellte die Amazone plötzlich ihren Schützling auf die Füße, ein kleines Schwert blitzte in ihrer Hand, und mit dem Satze eines Panthers stand sie mit einem Male vor dem Neger, ihn an die Kehle fassend und die Waffe zum Stoße erhebend.

Doch sie stieß nicht zu, sie ließ den Neger entsetzt zurückweichen, dann steckte sie das Schwert in den Gürtel, richtete sich hoch auf, deutete erst stolz auf sich, dann auf den Gefangenen und sprach dazu einige Worte.


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Dem unwilligen Geschrei war eine tiefe Stille gefolgt, Chaushilm sah, was für verwunderte Gesichter die Umstehenden zogen, aber plötzlich verklärten sie sich wie vor Freude, und ein vielstimmiges Jubelrufen brach los.

Einige Neger rannten nach dem Dorfe und kamen mit zwei irdenen Krügen mit langen Hälsen zurück, wovon der eine Chaushilm in die Hand gedrückt wurde, während die Amazone den anderen Krug nahm. Sie trat auf Chaushilm zu, welcher, den Krug in der ausgestreckten Hand haltend, ganz fassungslos dastand, sie hob den ihrigen, ein Schlag — und beide Krüge lagen als Scherben im Grase.

Noch einmal gellte ein unendliches Jubelgeschrei dem Herzog in die Ohren, dann hob ihn das Mädchen wie ein Kind auf den Armen in die Höhe, legte ihn so zärtlich, als wäre er wirklich ihr Kind, an ihre Brust, und eilte dann mit hastigen Schritten den Hütten zu.

Chaushilm glaubte zu träumen, jedenfalls hatte er keine Ahnung, was das alles bedeuten sollte.

Das erste, was er tat, als er einigermaßen zu sich kam, war, dass er sich aus den Armen des Mädchen zu befreien suchte, denn ein eigentümliches Schamgefühl beschlich ihn, als er wie ein Kind von dem jungen Weibe fortgetragen wurde.

Allein vergebens stemmte er sich mit beiden Händen gegen die Ebenholzschultern, das Mädchen drückte ihn nur noch fester an die Brust, und zwar mit einer solchen Kraft, dass Chaushilm nachgeben musste, wollte er sich nicht die Rippen zerquetschen lassen. Schließlich fügte er sich in die komische Situation, stellte das Zappeln und Beinstrampeln ein und saß nun wie ein artiges Kind auf den Armen des Mädchens, welches ihn, umringt von der johlenden Menge, nach dem Dorfe trug und dann mit ihm in eine Hütte trat, sich dabei tief bückend, dass der Kopf ihres Schützlings nicht mit dem Türrahmen in Kollision geriete.

Sorgsam legte sie die Last auf ein mit Bast überflochtenes Bett, und Chaushilm, von der überstandenen Todesangst und den vielfachen Abenteuern erschöpft, blieb ruhig liegen, nur flüchtig das Innere der Hütte musternd.

Sie unterschied sich auch nicht viel von denen, welche er bis jetzt in Augenschein genommen, nur dass an den Wänden mehr Waffen, und alle in sehr gutem Zustande, hingen, und dass die Lanzen, Schwerter, Bogen und Schilde alle mit Verzierungen und Stickereien geschmückt waren. Außer diesem Bett befanden sich noch einige Ochsenschädel im Gemach, vielleicht als Sitze dienend, einige Decken und einiges Küchengeschirr.

Ob hier nun dieses Weib oder auch ein Mann, vielleicht ihr Gatte, wohne, konnte er nicht unterscheiden, denn die Dahomeyneger unterscheiden sich nicht durch verschiedene Kleidung im Geschlecht, ein Stück Zeug um Unterkörper oder gar nur um die Lende, ob Mann oder Weib, ist gleichgültig, das ist alles und ihnen völlig genügend.

Die Dahomey hatte sich ebenfalls aufs Bett gesetzt und leise zu dem Engländer gesprochen, als dieser aber nicht antwortete, ergriff sie plötzlich mit der einen Hand die seinige, mit der anderen die Schulter und rüttelte ihn heftig, sodass Chaushilm veranlasst wurde, in das Gesicht des Mädchen zu sehen.

Er blickte in ein Paar feurige Augen, die ihn wie glühende Kohlen anfunkelten und vortrefflich zu diesen wilden Zügen passten. Chaushilm war ein Kenner von Frauenschönheit, und so sah er auch jetzt, dass dieses Mädchen wirklich schön war, aber der Ausdruck, der in dem bronzefarbenen Gesicht lag, war ihm zu leidenschaftlich, ihm graute vor dieser Wildheit.

»Teufel«, dachte er, während die Negerin fortfuhr, leise, aber hastig auf ihn einzusprechen, »was will sie von dir? Will sie dich zum Abendbrot verspeisen oder mit dir wie mit einer Puppe spielen?«

Letzteres schien ihm wahrscheinlicher, denn diesem starken Weibe gegenüber kam er sich wirklich wie eine Puppe vor, und plötzlich schlang die Schwarze ihre Arme um ihn, zog ihn empor und drückte ihn wieder an ihre Brust.

Chaushilm blickte ihr abermals ins Auge und bemerkte darin ein seltsames Funkeln.

War das Weib verrückt? Es begann ihm zu grauen. An Flucht war nicht zu denken, jeder Griff dieses Mädchens belehrte ihn davon, dass sie ihre Finger wie Schraubzangen verwenden konnte. Waffen hatte er nicht, und jene dort an den Wänden hängenden verstand er nicht zu gebrauchen, die Amazone aber war mit ihnen vertraut.

Das Mädchen sprach fortwährend zu ihm, bald flüsternd, langsam, bald hastig, dann wieder freundlich, und streichelte ihm zärtlich die Wangen, dabei seltsame Mundbewegungen machend, gerade, als wollte sie küssen.

Der Marquis schüttelte verneinend den Kopf und zuckte mit den Schultern, um auszudrücken, dass er nichts verstehen könne.

Da nahm des Mädchens Gesicht plötzlich einen sinnenden Ausdruck an, sie sprang auf und eilte hinaus, Chaushilm hörte aber noch, wie von außen etwas Schweres gegen die Tür gelegt wurde.

Sofort sprang auch er auf und versuchte die Tür zu öffnen, aber vergebens, sie spottete seiner Anstrengungen.

»Du lieber Himmel«, seufzte er auf, »jetzt hat das Weib vielleicht einen Felsblock vor die Tür gewälzt, sie scheint ja eine wahre Titanin zu sein. Was will sie nur von mir?«

Er blickte umher, eine Flucht war hier nicht möglich, denn brach er mit Gewalt durch die Lehmwände, so würde man ihn sofort bemerkt haben, und ebenso, wenn er den Ausweg durch das Loch in der Decke, den Rauchabzug, genommen hätte. Es war anzunehmen, dass Neugierige die Hütte umstanden und bewachten.

»Was will sie nur von mir?«, dachte Chaushilm wieder. »Mit mir spielen? Oder will sie mich gar heiraten?«

Plötzlich blieb der Herzog stehen und schlug sich vor die Stirn.

»Heiliger Gott«, rief er, »Chaushilm, du schlauer Kerl, was bist du doch für ein Esel, natürlich, so ist es, sie ist ja auch nur ein Mädchen und ...«

Chaushilm musste in seinem Selbstgespräch abbrechen, mochte es freundliche oder traurige Gedanken verraten, denn die Tür öffnete sich wieder, und die Dahomey trat ein, eine alte Negerin an der Hand nach sich schleppend.

Um nicht abermals wie ein Kind auf das Bett gelegt zu werden, setzte sich Chaushilm sofort langsam auf das Lager, neben ihm nahm die Amazone Platz und sprach zu dem alten Weibe, dabei auf den Engländer deutend.

Die Alte nickte eifrig und sagte dann zu Chaushilm in sehr mangelhaftem, aber doch verständlichem Englisch:

»Du bist Kasegoras Mann.«

Chaushilm glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.

»Wessen Mann?«, fragte er verblüfft.

»Dieser«, antwortete das Weib, auf die Dahomey deutend, »sie ist eine tapfere Manyara (Amazone) und hat dich vom Tode errettet. Du solltest gehängt werden, weil du die große Medizin entzwei gemacht hast, aber Kasegora hat dich geheiratet.«

Chaushilm konnte vor Schrecken erst gar nichts sagen, aber er hatte schnell seine Fassung wiedergewonnen, so viel sah er ein, sein Leben war nicht mehr in Gefahr, und sein angeborener Humor kam langsam wieder zurück.

»Ich soll diese Frau hier geheiratet haben?«, rief er. »Ist mir nicht eingefallen.«

Da sagte die Alte unwillig: »Du kannst eine solche überhaupt nicht heiraten. Sie hat mit dir die Krüge zerschlagen. Ist das nicht so, Fremder?«

Und geheimnisvoll fügte sie hinzu:

»Du kannst froh sein, Kasegora ist reich und mächtig, sie kommt gleich hinter Simbawenni. Freue dich, Musungu, dass sie dich liebt, sonst wärest du schon tot, denn du hast die Medizin schwer beleidigt.«

»Ich will aber nicht ihr Mann sein.«

»Du musst«, rief das Weib entschieden und sprach dann mit der Dahomey, welche mit entzücktem Lächeln der Stimme des Engländers gelauscht hatte. Aber bei der Rede der Alten zog sich ihr Gesicht in finstere Falten.

Doch gleich glättete es sich wieder, sie näherte ihr Gesicht dem Manne, legte beide Hände auf dessen Schultern und sagte etwas zu ihm.

Chaushilm blickte unruhig in ihre flammenden Augen.

»Du sollst sie küssen«, rief die Alte.

Der Herzog rührte sich nicht, auch nicht, als die nahen Augen immer drohender zu funkeln begannen.

»Seltsame Situation«, dachte Chaushilm, der Ruhe, Gleichmut, Humor und sein gewöhnliches Phlegma wiedergefunden hatte, »will doch einmal sehen, wie sich so ein schwarzes Mädchen benimmt, wenn sie keine Gegenliebe findet.«

Er beachtete nicht, wie die Dahomey den Mund wie zum Küssen spitzte. Plötzlich aber zog sie den Kopf zurück, wendete ihr Gesicht der Alten zu und sprach mit ihr.

»Kasegora fragt«, sagte die Alte zu Chaushilm, »ob du weißt, dass sie dich liebt.«

»Ja, das merke ich.«

»Ob du weißt, dass du sie küssen sollst.«

»Ja, aber sie bekommt von mir keinen Kuss.«

Wieder sprach die Alte zu Kasegora und entfernte sich auf eine gebieterische Handbewegung der Amazone aus der Hütte.

Jetzt waren beide allein, und dem armen Herzog wurde es etwas beklommen.

Das Mädchen nahm wieder dieselbe Stellung ein wie vorhin, legte ihm die Hände auf die Schultern, und näherte ihren Mund dem seinen, einen Kuss erwartend,

Chaushilm blieb sitzen ohne sich zu bewegen.

Die Amazone zog sich etwas zurück, schaute den Engländer mit seltsamem Ausdruck der Augen, halb leidenschaftlich, halb zornig an, zog dann langsam einen Dolch aus dem Gürtel und setzte die Spitze dem Marquis auf die Herzgegend, sich dabei wieder zum Kusse vorbeugend.

Es lag in dem bronzenen Gesicht eine so furchtbare Entschlossenheit, dass der Herzog sofort alles Zögern aufgab — ein lauter Knall verriet, dass die Amazone ihren Zweck erreicht hatte.

Mit einem Ruck war der Dolch wieder im Gürtel, hastig schlug das Mädchen beide Arme um den Engländer, und da der Bann nun einmal gebrochen war, so duldete er nicht nur die heißen Küsse der Negerin, sondern erwiderte sie auch.

Zum zweiten Male wollte er nicht mit der Spitze des Dolches gekitzelt werden, und da er schon von Yamyhla her den heißblütigen, entschlossenen Charakter dieser Amazonen kannte, so wagte er nicht mehr, sich den Liebkosungen zu widersetzen.

Je öfter ihn das Mädchen umschlang und ihn an ihren Busen drückte, je öfter ihre vollen Lippen die seinen berührten, umso mehr musste sich der Marquis gestehen, dass Kasegora, um in seiner Sprache zu reden, ›gar kein so unrechtes Mädel wäre‹, als Schwarze wenigstens nicht. Hätte dieselbe Figur mit den kräftigen Gliedern, den Muskeln und den wilden Zügen, den funkelnden Augen, eine weiße Haut gehabt, so hätte er einen Widerwillen gegen sie empfunden, aber so ...

Chaushilm küsste leidenschaftlich und gedachte schon mit Entzücken an spätere Zeiten, da er im Kreise seiner Kameraden, ja, sogar im Salon eleganten Ladies gegenüber von dieser süßen Schäferstunde erzählen konnte, denn wegen so etwas braucht man sich ja heutzutage nicht mehr zu schämen, man kann es ruhig bekannt geben, ohne seiner Ehre zu schaden, ja, ohne den Anstand zu verletzen.

Wie im Fluge verflossen die Stunden; Kasegora wurde nicht müde, ihren selbstgewählten Gemahl zu küssen, aber bei Chaushilm wurde das Gefühl der Liebe mit der untergehenden Sonne abgelöst — von dem des Hungers.

Leicht gelang es ihm, der Amazone verständlich zu machen, dass, nachdem das Herz gesättigt sei, auch der Magen sein Recht begehre; Kasegora nickte, pochte mit einem Lanzenschaft gegen die Lehmwand, und sofort erschien ein Negerjunge, der sich nach den Befehlen der Amazone erkundigte.

»Kasegora ist kein gewöhnliches Weib«, dachte Chaushilm mit philosophischem Humor; »sie hat Bedienung. Vielleicht nimmt sie gar etwa die Stellung einer Herzogin in Dahomey ein, und so wäre sie mir also vollkommen ebenbürtig. Hm, hm! Da hätte ich gar keine so schlechte Partie gemacht — schade, dass wir uns vorläufig nur durch Küsse verständigen können.«

Der Junge brachte Hammelfleisch, die Keule eines Hirsches, Yams, jene in Afrika überall vorkommende Kartoffelart, und eine Schüssel mit Durra, stellte alles auf den Boden und verschwand dann wieder.

Kasegora begann sogleich mit der Zubereitung des Abendessens, und nachdem sie ein Holzfeuer angemacht, und einen Kessel darauf gestellt hatte, machte sie sich an das Schälen der Yams. Chaushilm fing einen liebevollen Blick auf, und ob er ihn richtig gedeutet hatte oder nicht, er setzte sich neben seine Gemahlin und begann ebenfalls die weißen Wurzeln abzuschälen.

Zum ersten Male fielen ihm bei dieser Beschäftigung seine Freunde wieder ein.

»Was mögen sie wohl denken, wo ich geblieben bin?«, dachte er. »Sicher hat ihnen der Franzose erzählt, dass mich die Neger gefangen haben, und nicht lange wird es dauern, so werden sie hierher kommen, mich suchen, finden und abholen. Wird mich meine Frau aber auch gehen lassen?

Er warf einen Blick auf die Amazone, welche eben das Fleisch zum Braten über das Feuer hing. Es war schon dunkel, der Flammenschein das einzige Licht, und es beleuchtete die Züge Kasegoras mit wundervoller Klarheit. Alles an diesem ernsten, ja drohenden, aber doch schönen Gesicht drückte Wildheit, Leidenschaft und eine nie zu beugende Energie aus.

»Gutwillig gibt dieses Mädchen den nicht her, den es liebt«, seufzte Chaushilm.

Kasegora versuchte wieder ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, nicht achtend, dass er sie gar nicht verstand. Er hörte nur manchmal das Wort, Yamyhla, welches sie, den anderen Lauten gegenüber, ganz besonders schmelzend und lächelnd aussprach. Das Lächeln verschönte ihr Gesicht noch mehr, es gab ihr einen sanfteren, weiblicheren Ausdruck.

Chaushilm nickte lebhaft und wiederholte den Namen Yamyhla, sprach sich aber nicht näher darüber aus, er konnte sich doch nicht verständlich machen, durfte es auch gar nicht.

Dann nannte er, um seine Kenntnis zu zeigen, auch den Namen Simbawenni, und da schleuderte sie plötzlich die Axt, mit der sie eben Holz spaltete, heftig zu Boden, riss den Dolch aus dem Gürtel und trat mit so drohender Gebärde auf den Engländer zu, dass dieser unwillkürlich einige Schritte zurückwich.

Er beeilte sich, solche Gesten zu machen, welche seinen Abscheu gegen Simbawenni ausdrücken sollten, sehr richtig ahnend, dass diese eine Feindin dieses Mädchens sei, und Kasegora änderte auch sofort ihre Miene, zeigte einige Male, wie sehr sie die zukünftige Anführerin der Amazonen, das Mädchen, welches ihre Gebieterin werden sollte, hasste, und sprach dann mehrere Male zärtlich und zugleich demütig das Wort Yamyhla aus. Auf diese Weise unterhielten sie sich, bis das Abendessen fertig war, Kasegora legte dem Geliebten auf einem Holzteller die saftigsten Stücke des Hammel- und Hirschbratens vor, füllte ihn mit Maiskuchen, Durrafladen und Yamswurzeln und nötigte den Engländer zum Zulangen.

Chaushilm war völlig bei guter Laune; kamen seine Freunde nicht schon heute, so doch morgen auf jeden Fall, denn sie wollten ja der Festlichkeit der Amazonen beiwohnen. Er freute sich ganz ungeheuer auf das Wiedersehen der Freunde, besonders, wenn er daran dachte, wie sie bei der Erzählung seines romantischen Abenteuers staunen würden. Er langte wacker mit den Fingern zu und ließ sich das Essen köstlich schmecken.

Sie waren beide noch dabei, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und ein anderes Mädchen eintrat, eine zweite Amazone des Königs. Sie war kleiner, schlanker und zierlicher gebaut, als Yamyhla und Kasegora, aber dennoch kräftig, und hatte ein bedeutend schöneres Gesicht als diese beiden aufzuweisen, weniger wild, aber die Züge, die Lippen und die Augen ließen auf große Sinnlichkeit schließen.

Kasegora war bei ihrem Eintritt aufgesprungen und starrte das Mädchen an, welches, die Arme über der Brust gekreuzt, die Augen finster auf den am Boden sitzenden Engländer gerichtet hatte.

Dann begegneten sich die Augen beider Mädchen; stumm standen sie sich beide eine kurze Zeitlang gegenüber, bis die neue Amazone langsam und in bestimmtem Tone etwas zu Kasegora sagte, dabei auf Chaushilm deutend, welcher ruhig an seinem Hammelknochen weiternagte.


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Kasegora antwortete auf diese Frage oder den Befehl mit einem verneinenden Kopfschütteln, ihre Augen glühten dabei unheimlich auf, und als die Worte in noch schärferem Tone wiederholt wurden, gab sie eine heftige Antwort. Chaushilms Interesse wurde jetzt so groß, dass er das Benagen des Hammelkoteletts aufgab, denn die neue Dahomey war verschiedene Male mit Simbawenni angeredet worden. Dies war also die zukünftige Anführerin der Amazonen, der zu Ehren so großartige Festlichkeiten gegeben werden sollten, für die Tausende von Hammeln, Ziegen, Kälber u.s.w, geschlachtet wurden, auf deren Gesundheit morgen Abend, hunderttausend Dahomeyneger sich bis zur vollkommenen Besinnungslosigkeit im Pembe berauschten. Schön war sie, aber Kasegora war ihm doch lieber.

»So sind die Mädchen alle«, dachte der philosophische Chaushilm und begann wieder am Kotelettknochen zu nagen. »Simbawenni hat gehört, dass Kasegora einen schönen, jungen Mann als Geliebten bekommen, der sogar eine weiße Haut hat, und gleich wird sie eifersüchtig und will ihn haben.«

Aber das Gespräch zwischen beiden Amazonen wurde hitziger.

Simbawenni musste etwas gesagt haben, was Kasegora beleidigte; diese brauste auf, und als Simbawenni einen Schritt in die Hütte eintrat, da riss Kasegora plötzlich einen Speer von der Wand herab, holte wie zum Wurfe aus und wies gebieterisch nach der Tür. Ihr Blick war furchtbar, er glich dem der gereizten Löwin, welche ihre Jungen beschützt.

Noch einmal sagte Simbawenni etwas in ruhigem, aber energischen Tone, dabei wieder auf Chaushilm deutend, dann wandte sie sich und verließ die Hütte, die Tür hinter sich zuschmetternd.

Lauge stand Kasegora so da, den Speer erhoben, mit funkelnden Augen und wildwogender Brust. Dann schleuderte sie plötzlich mit furchtbarer Kraft den Speer gegen die Tür, sodass die Spitze durch das Holz fuhr und erst der Schaft den Wurf hemmte, und wandte sich zu ihrem Geliebten.

Sie sprach leise und schnell zu ihm, fasste ihn an der Hand, zog ihn empor und deutete nach der Tür, machte die Gebärde des Gehens und zog ihn mit sich fort.

Chaushilm hatte begriffen, er sollte mit ihr fortgehen. Doch er zögerte. Er musste seine Freunde hier erwarten.

Die Amazone gab sich keine Mühe mehr, ihn zum Fortgehen zu bewegen, sie hing sich Köcher und Pfeile um, gürtete ein kleines, krummes Schwert um die schlanken Hüften und nahm in die linke Hand ein Bündel Speere und die Lanze. Nachdem sie sich noch den hohen, mit Büffelhaut überspannten Schild auf dem Rücken befestigt hatte, wandte sie sich noch einmal an den Engländer, ihn zum Verlassen der Hütte zu bewegen. Als er abermals andeutete, hierbleiben zu wollen, umschlang sie ihn plötzlich, setzte ihn mit einem Ruck auf den Arm und verließ die Hütte, in rasendem Lauf durch die Dorfgasse jagend, dem Platze zu, wo die Pferde angepflockt standen.

* * * * *

III.22. Der nächtliche Marsch

Ehe der fliehende Franzose auf seine Jagdgefährten, Hope und Hannes, stieß, begegnete er Williams und Hendricks, welche, mit einigen Ergebnissen der Jagd beladen, eben den Rückweg antraten.

Mit fliegenden Worten schilderte der Franzose das Erlebte, aber da er nach seiner hochtrabenden Weise erzählte, so wurde die Geduld unserer beiden Freunde auf eine harte Probe gesetzt. Charles war immer daran, den Franzosen zu ohrfeigen, wenn dadurch dessen prahlerische Rede abgekürzt worden wäre.

»Marquis Chaushilm hatte also meine Forderung abgeschlagen«, erzählte der Franzose unter lebhaften Gestikulationen, »weil er bestimmt wusste, dass ich ihn beim ersten Schusse zu Boden legte — Sie kennen ja meine Sicherheit im Schießen — und dann vielleicht auch, weil er sich seines Unrechtes bewusst war, denn ich bin es gewesen, der den Hirsch zur Strecke brachte, regelrecht nach aller Weidmannskunst. Also kurz und gut, meine Herren, um die Sache kurz zu machen, ich forderte, in meiner Ehre als Hauptmann der Bürgerwehr tief beleidigt — er hatte mir zu grobe Dinge gesagt — in meiner Ehre also tief beleidigt, forderte ich ihn verschiedene Male auf, sich mit mir zu schießen, mit Büchse, Vogelflinte oder Revolver, aber ...«

»Zum Teufel noch einmal«, fuhr ihn Williams wütend an, »kommen Sie doch endlich zur Sache! Wo ist Chaushilm? Kurz und bündig!«

»Gleich, gleich, meine Herren! Wir schossen also nach den drei Kokosnüssen, welche dicht vor unserer Nase baumelten. Marquis Chaushilm hatte den ersten Schuss, zielte lange und schoss ganz unverabredeter Weise dreimal, traf aber nichts, ich schoss gleich nach ihm, ohne erst zu zielen, und natürlich — wie konnte es anders sein — zerschmetterten gleich alle drei Nüsse in tausend Stücke. Kaum war die Kugel dem Lauf des Gewehres entwichen, so erscholl ein furchtbares Geheul, wohl tausend Neger tauchten plötzlich aus dem hohen Grase auf und stürzten auf uns zu, ihre Schwerter, Lanzen und Gewehre schwingend. Ich riss natürlich sofort meine geladene Elefantenbüchse von der Schulter — Sie wissen, sie schießt Sprengkugeln — nahm den Revolver zwischen die Kniee und meinen Säbel zwischen die Zähne und erwartete die Ankömmlinge, ohne vorläufig zu schießen, denn die armen Eingeborenen dauerten mich ...«

»Chaushilm?«, fragte Williams ungeduldig. Er kannte den Franzosen viel zu genau, als dass er ihm hätte glauben sollen.

»Der tat das dümmste, was er tun konnte, er warf seine Waffen weg und ergriff die Flucht. ›Chaushilm‹, schrie ich, ›stehen Sie, stehen Sie wie ein Mann, Rücken gegen Rücken,‹ aber vergebens, er lief, was er laufen konnte. Ich sah, wie die Eingeborenen ihn einholten, umringten und zu Boden warfen, ich schlug mir eine Bresche durch die schwarze Mauer, ich ließ die Büchsenkolben auf die Wollköpfe sausen — sehen Sie, so«, und mutig schwang der Franzose die Büchse um den Kopf, »wie die Fliegen sanken die Getroffenen zu Boden, der ganze Platz war mit den von mir Gefällten bedeckt, aber retten konnte ich jenen nicht mehr. Ich sah, wie ein riesiger Schwarzer, wenigstens seine drei Meter hoch und einen Meter breit, den vor Angst bewusstlosen Herzog auf seinen Schultern fortschleppte, dann musste ich selbst die Defensive ergreifen, denn die Pfeile flogen schon so hageldicht von allen Seiten auf mich, dass ich meiner ganzen Gewandtheit bedurfte, um sie alle abzuwehren. Aber der Rückzug gelang mir, ein paar hundert mag ich noch zu Boden geschlagen haben, dann gaben sie die Verfolgung auf. Ich wandte mich nach dem Lager, um sofort alles zu alarmieren, obgleich es nicht viel helfen wird, denn jedenfalls ist der arme Marquis schon längst aufgefressen worden. Sehen Sie, diese Wunde rührt von einem Speere her, der mich beim Abwehren streifte«, schloss Monsieur Pontence und zeigte seine Hand, welche er sich ganz gering verletzt hatte, als er bei seiner Flucht über eine Baumwurzel gestrauchelt war.

»Finden Sie sich nach dem Dorfe zurück, wo Sie Ihren Heldenmut so glänzend bewiesen haben?«, fragte ihn Charles kurz, vor Zorn über den prahlerischen Franzosen innerlich kochend, sich aber beherrschend.

»Sie wollen doch nicht etwa hingehen und Ihren Kameraden zu befreien suchen?«, entgegnete der Monsieur erschrocken. »Da lassen Sie sich ja davon abraten, denn ...«

»Ich frage Sie, ob Sie uns den Weg nach dem Dorfe zeigen können!«, donnerte ihn jetzt Charles an.

»Nein«, sagte der eingeschüchterte Franzose kleinlaut, »es liegt ungefähr dort.«

»So gehen Sie nach dem Zeltlager und melden Sie, dass wir erst in der Nacht dort eintreffen werden. Aber wagen Sie ja nicht, irgend etwas zu erzählen, Ihren verrückten Unsinn — Hallo«, unterbrach sich Charles, »dort kommen Hannes und Miss Staunton, Gott sei Dank.«

In kurzen Worten teilte Charles den Angekommenen das Vorgefallene mit, aber so, wie er es sich auslegte, ziemlich der Wahrheit gemäß, und zwar auf englisch, damit der Franzose ihn nicht verstände. Er bat dann Hope, Monsieur Pontence ins Lager zu begleiten und dort alles so zu erzählen, wie er gesagt, den Franzosen aber nicht zu Worte kommen zu lassen, und das energische, junge Mädchen erklärte lachend, sie wolle schon seinen Mund verschließen, allenfalls bekäme er Schläge darauf.

Hannes schloss sich den beiden Freunden an, welche sich nach dem Dorfe begaben, das sie schon hatten liegen sehen, um sich dort über das Schicksal Chaushilms zu erkundigen und ihn womöglich gleich zurückzubringen. —

Hope erzählte im Lager alles so, wie ihr Charles aufgetragen hatte, aber sie konnte trotz aller Bemühungen und Drohungen den Franzosen nicht davon abhalten, die Geschichte nach seiner Weise auszuschwatzen.

Als Hope endlich die eine Hälfte des Lagers über das Schicksal des Herzogs beruhigt hatte und nach der anderen ging, um dort dasselbe zu tun, kamen ihr schon Damen und Herren entgegengestürzt und fragten, ob es wahr sei, dass Marquis Chaushilm geschlachtet und am Spieße gebraten sei, dass der Wald von bewaffneten Eingeborenen voll wäre, dass ganz Dahomey sich gegen die Fremdlinge erhoben hätte, dass Williams und seine Freunde den König von Dahomey einzeln zum Zweikampf herausfordern wollten und so weiter.

Wütend erklärte Hope den Franzosen für verrückt, und endlich gelang es ihr, auch hier durch ihre Erzählung Ruhe herzustellen.

Als sie aber den Monsieur wieder einer Dame sein Abenteuer erzählen sah, da ballten sich die kleinen Hände des jungen Mädchens in gerechtem Zorne zusammen, und es ging direkt auf ihn zu, um seinen Lügenmund auf eine Zeitlang zu stopfen.

Er stand gerade neben einem Loche, welches von dem kürzlich gefallenen Regen mit einem sumpfigen Brei gefüllt war. Plötzlich erhielt der Monsieur einen heftigen Stoß, er schwankte und stürzte dann kopfüber in den Sumpf, sodass nur seine gelben Schuhe heraussahen, wie, um nach dem Übeltäter auszuspähen.

Eingeborene befreiten ihn schnell aus seiner Lage, aber die Lektion hatte gewirkt, bis zur Ankunft der erwarteten drei Männer ließ sich Monsieur Pontence nicht wieder außerhalb seines Zeltes sehen.

Es war fast Mitternacht, als endlich die sehnlichst Erwarteten im Lager eintrafen, aber ohne Chaushilm, mit niedergeschlagenen Gesichtern, erschöpft, und Charles, welcher noch der Gefassteste war, sogar ohne seine WinchesterBüchse.

Schneller und kürzer, als es hier in Buchstaben geschehen kann, gab Charles Bericht über seine fruchtlosen Bemühungen.

Man erreichte die Tore jenes Dorfes erst bei Dunkelheit, aber es schien, als ob das Hüttendorf in großer Aufregung sich befände, vielleicht wegen des morgigen Festes. Sie klopften lange gegen das Tor, sie vernahmen abweisende, ja, drohende Rufe; als sie aber mit Klopfen nicht nachließen, da öffnete sich endlich das Tor, und in Begleitung einiger Amazonen erschien ein Mädchen, welches nach Yamyhlas Beschreibung Simbawenni sein musste.

Sie fragte kalt nach ihrem Begehr, sich dabei eines Dolmetschers bedienend, und erklärte dann kurz, von einem gefangenen Musungu nichts zu wissen. Als aber Williams nicht nachließ und sagte, jedes Lösegeld würde gezahlt werden, da änderte Simbawenni mit einem Male ihre Meinung.

»Gibst du mir die Büchse, die du auf der Schulter trägst, so will ich dir einen Rat geben«, sagte Simbawenni.

»Hältst du auch dein Wort?«, fragte Charles misstrauisch.

»Meine Glieder sollen verdorren, wenn ich es nicht halte«, war die Antwort.

Ohne Zögern händigte ihr Charles die wertvolle Büchse aus, natürlich in der Meinung, einen Ratschlag in Bezug auf die Wiedererlangung Chaushilms zu hören.

»Ich halte mein Wort«, sagte das listige Weib, »so rate ich Euch denn, morgen nicht nach Abomey zu kommen, denn kein Musungu wohnt meiner Einweihung bei, nicht ein einziger.«

»Und schwapp!, war das Tor zu und öffnete sich nicht wieder«, schloss Charles, »und ich stand draußen ohne Büchse — das verfluchte Weib.«

»Warum mag sie nicht die Büchsen aller drei Herren gefordert haben?«, fragte ein Mädchen so nebenbei.

»Weil sie dann mit den anderen Mädchen hätte teilen müssen«, grinste der ebenfalls gegenwärtige Goliath, »und Simbawenni ist stolz, sie will das beste Gewehr haben.«

»Was jetzt?«, fragte Hendriks.

»Lebt der Musungu noch, so ist er in Abomey«, mischte sich David ein, auf den man stets hörte, »wir ziehen morgen in aller Frühe dorthin.«

»Nein, jetzt gleich«, sagte Charles, »jede Sekunde ist unersetzbar.«

»Die Pagazis marschieren nicht während der Nacht, vor drei Stunden kann der Aufbruch nicht erfolgen«, erklärte Goliath.

»Der Teufel soll sie holen, wenn sie nicht wollen«, fuhr Charles auf, »die Peitsche wird sie schnell genug auf die Beine bringen. Harrlington, Davids, sind Sie damit einverstanden, dass zum Abbruch des Lagers geblasen wird?«

»Ja«, entgegnete Davids, »aber nichts, ohne vorher zu überlegen. So viel Zeit muss übrig bleiben.«

»Das Lager bleibt stehen, nur wir Herren, vielleicht auch die Damen gehen nach Abomey und liegen noch vor Tagesanbruch vor den Toren«, schlug Harrlington vor.

»Nein«, erklärte David, der Führer, entschieden, »kein Aufsehen erregen. Wollt Ihr jetzt schon aufbrechen, gut, versucht die Pagazis dazu zu bewegen; uns Führern allein, die Euch treu sind, ist dies eine Unmöglichkeit, wir können Euch dabei nur unterstützen. Aber wir müssen auf jeden Fall als Karawane nach Abomey kommen und nicht so, als ob wir etwas mit Gewalt zu erreichen suchten.«

Die Anwesenden, darunter auch die gewöhnlich das Wort führenden Damen, erklärten sich damit einverstanden.

»Aber wir wohnen der Vorstellung bei?«, stellte jemand die zweifelnde Frage.

»Natürlich, schon Yamyhlas wegen«, entgegnete Ellen »Zwar weiß ich noch nicht, auf welche Weise das Mädchen sein Recht geltend machen will, es sagt, erst wenn wir vor den Toren Abomeys lägen, würde es uns ihren Plan mitteilen, aber jedenfalls zählt es auf unsere Hilfe.«

»Und Chaushilm?«

»Über dessen Schicksal werden wir hoffentlich in Abomey etwas erfahren; so lange mag er Gott empfohlen sein. Reiche Geschenke werden uns die Tore der Stadt öffnen.«

Da schmetterte schon die Alarmtrompete durch das Lager, die Träger zum Abbruch des Lagers und zum Abmarsch rufend. Die Pagazis lagen alle in süßem Schlummer, sie glaubten das Signal nur zu träumen, als sie sich aber davon überzeugten, dass es wirklich die Alarmtrompete war, da entstand ein unwilliges Gemurmel im Lager.

Zum zweiten Male ertönte das Signal, und schlaftrunken eilten die Pagazis aus den Zelten und sammelten sich um den Alarmbläser, um Goliath, denn es konnte ja auch sein, dass ihnen einige Krüge Pembe gespendet werden sollten, und zu solch einer Arbeit waren sie immer bereit.

Goliath setzte die Trompete ab und hielt eine Ansprache, so wie sie gewöhnlich die Pagazis bei etwas Wichtigem zu hören bekommen.

»Worte, Worte, Worte!«, rief Goliath mit dröhnender Stimme. »Die Musungus wollen ziehen.

»Auf, Pagazis, auf, ihr Mutigen, auf, ihr Tapferen, auf, ihr Männer mit den steinernen Herzen, brecht die Zelte ab und nehmt die Ballen auf den Rücken, bei Abomey wird wieder Rast gemacht, nur wenige Stunden sind es bis dahin; für eure löwenstarken Glieder ist das nichts. Morgen gibt es Hammel, Schweine und Kälber, viel, viel, viel, und Pembe, dass ihr alle nicht mehr stehen könnt. Geht!«

Diese versprochenen Delikatessen vermochten aber nicht die faulen Pagazis lebendig zu machen, das Gemurmel hörte nicht auf, es verwandelte sich vielmehr in Schreien.

»Ist das vielleicht die Sonne dort?«, riefen sie und deuteten dabei auf den Vollmond. »Seit wann werden die müden Pagazis aus dem Schlafe gerüttelt, um zu marschieren? Wenn die Musungus gehen wollen, so mögen sie doch gehen und ihre Ballen allein tragen. Wir sind müde, wir bleiben und schlafen.«

Sie hätten vielleicht noch lange so gesprochen, aber Goliath kannte seine Leute. Mit einem Satze war er von seinem Ballen herunter, fasste den ärgsten Schreier im Genick, drückte ihn zu Boden und prügelte ihn mit der Rhinozerospeitsche, welche er plötzlich wie durch Zauberei in der Hand hielt, windelweich.

»Ist das die Sonne oder der Mond, he?«, schrie der Riese, unermüdlich seine Peitsche schwingend. »Ist das die Morgensonne, he?«

»O, au, o, ja, ja, es ist die Sonne, die Morgensonne«, schrie der sich am Boden Windende.

»Seht ihr, es ist gar nicht der Mond, sondern die Sonne«, wandte sich Goliath an die Übrigen, »fort jetzt, an die Arbeit, ihr Halunken, ihr Tagediebe, ihr Schweine, ihr Kaninchen, ihr Dominikanermönche.«

Ob die Pagazis den letzten Namen für ein Schimpfwort auffassten, weiß ich nicht, aber Goliath hielt diese aufgeschnappte Bezeichnung für ein Schimpfwort. Besser jedoch sprachen die links und rechts ausgeteilten Hiebe mit der Peitsche zu den Männern mit den eisernen Herzen und löwenstarken Gliedern, brummig, jedoch eilends machten sie sich daran, die Zelte abzubrechen.

Doch kaum aus dem Gesichtskreise Goliaths gekommen, verließ ihre löwenstarken Glieder wieder die Kraft, sie wurden so faul, dass sie kaum die Hände rührten. Die Musungus waren ja immer so gut, freundlich und zum Scherzen aufgelegt, die taten ihnen nichts, und wenn sie auch bei der Arbeit einschliefen, und Goliath und David konnten nicht überall sein. Die anderen vier Führer waren auch nicht besser als sie, die verwünschten ebenfalls aus vollem Herzen alle Arbeit zur unrechten Zeit.

Aber diesmal hatten die Leute sich bitter getäuscht.

Wenn ein Pagazi die Hände träge in den Schoß sinken ließ, dann klatschte ihm auch schon die Rhinozerospeitsche auf den Rücken, und wandte er sich heulend um, so blickte er nicht in ein schwarzes Gesicht, sondern in das eines der Herren, ja sogar in das einer Dame.

Die Musungus waren diese Nacht eben unerbittlich, überall fielen die Hiebe, überall ertönte ein lautes Schmerzgeheul, aber die Folge davon war auch, dass bereits nach einer halben Stunde die Karawane fix und fertig dastand, während dazu sonst eine Stunde gebraucht wurde.

Nun glaube der liebe Leser ja nicht, dass die hier eben geschilderte Szene in jenen Zeiten stattfand, da die Sklaverei in schönster Blüte stand. Noch heute finden tagtäglich ähnliche Szenen stand, und sie werden stattfinden, so lange Afrika von Karawanen durchkreuzt wird. Aber der liebe Leser glaube auch nicht, dass dies eine sogenannte unmenschliche Behandlungsweise der Neger sei, sie kann nicht anders sein, und der Neger selbst nimmt sie durchaus nicht übel, er ist, nachdem er gepeitscht worden ist, sofort wieder freundlich, gutmütig, scherzhaft, prahlerisch, stolz, Prügel sind ihm keine Ehrenstrafe.

Einen Neger kann man durch freundliche Worte oder Versprechungen nicht zu dem bringen, was er leisten könnte — es fehlt ihm jede Energie — ebenso wenig wie man einen faulen Esel dadurch zum Vorwärtsgehen bewegen kann, dass man ihm Schmeichelnamen gibt oder ihm ein goldenes Halsband umlegt.

Die Karawane zog mitten in der Nacht durch den finsteren Wald.

Eine Stunde mochte so vergangen sein, als die Spitze des Zuges, von den Führern gebildet, plötzlich hielt. Es musste ein Hemmnis im Wege sein. Lord Harrlington begab sich sofort dorthin und sah die Führer mit einer vermummten Gestalt in Unterredung, welche durchaus sofort mit demjenigen, dem die Karawane gehöre, sprechen wollte.

»So sprich«, sagte Harrlington, »ich bin der Leiter dieser Karawane.«


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»Wo ist dein Diener Hannibal?«, klang es dumpf hinter dem Tuche hervor. Der Mann, offenbar ein Neger, sprach ein ziemlich gutes Englisch.

Hannibal war bald zur Stelle und wurde von dem Unbekannten zur Seite in die Büsche gezogen, wo beide lange und leise zusammen flüsterten.

Als Hannibal wieder allein hervortrat, zeigte er eine bestürzte Miene. Harrlington, unwillig über den Verzug, den hierdurch der Marsch erlitt, fragte ihn, wer der vermummte Neger sei; statt aller Antwort aber legte Hannibal die Hände trichterförmig an den Mund und stieß das langgezogene, klagende Geheul des Schakals aus, dreimal hintereinander. Gleich darauf kam von hinten, wo sich die Damen befanden, ein Pferd angaloppiert, wurde vor den beiden pariert, und die auf ihm sitzende Person warf sich aus dem Sattel.

Es war Yamyhla.

Hastig wechselte Hannibal einige Worte mit ihr, wonach die ebenso wie die anderen Damen gekleidete Yamyhla, welche aber stets einen dichten Schleier vor dem Gesicht trug, dorthin ging, wo sich der unbekannte Neger noch im Gebüsch befand.

»Der Neger warnte mich, wir sollen nicht nach Abomey ziehen«, sagte jetzt Hannibal zu seinem Herrn.

»Warum denn nicht?«

»Ich weiß es nicht, aber folgt seinem Rat, Herr! Ich glaube, morgen geschieht etwas in Abomey, was keines Fremden Augen sehen dürfen.«

»Was sollte das sein?«

»Ich weiß es nicht.«

Hannibal war zu wortkarg, man konnte nichts aus ihm herausbringen. Er verschwand bald wieder im Dunkel der Bäume.

Harrlington wurde von hinten an der Schulter berührt — es war David, der Führer.

»Wollt Ihr, Herr, dass ich die beiden dort belausche?«, fragte er mit schlauem Lächeln.

Das wollte Harrlington eben nicht, aber er fragte, ob er den angekommenen Neger kenne.

»Noch nicht, doch gleich werde ich es Euch sagen können.«

Und ohne den Befehl dazu zu erwarten, schlüpfte der geschmeidige Schwarze wie eine Schlange durch die Büsche jener Stelle zu, an welcher sich der Unbekannte mit Yamyhla besprach.

Nur einige Minuten war er weg, so hörte man im Gebüsch einen drohenden Ruf, dann einen gellenden Hilfeschrei, ein kurzes Ringen folgte, schon wollte Harrlington zu Hilfe eilen, als plötzlich ein dunkler Gegenstand wie ein Ball durch die Luft flog und gerade zu des Lords Füßen auf den Weg fiel.

David war es, der jammernd am Boden lag und es nur seiner Gelenkigkeit zu danken hatte, dass er nicht sämtliche Knochen gebrochen.

»Das Mädchen, das verfluchte Mädchen!«, stöhnte der beim Lauschen ertappte David. »Aber ich weiß, wer der Schwarze ist, es ist Ngaraiso, der Medizinmann.«

David hatte die Geistesgegenwart, letzteren Namen so leise auszusprechen, dass er nur die Ohren Harrlingtons erreichte. Dieser hatte es geahnt, er musste jetzt über David lachen, dessen Spionage von der Dahomey so nachdrücklich bestraft worden war, sie hatte eben ein noch feineres Gehör als der Führer.

Dass Ngaraiso die Karawane aufgesucht hatte, musste doch eine Ursache haben, und so beschlossen Harrlington und John Davids, so lange zu warten, bis die Unterredung im Busche beendet war. Nicht lange dauerte es, so erschien Ngaraiso wieder. Er wandte sich sofort an Harrlington,

»Ändert euren Weg«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Ihr dürft nicht nach Abomey, es wäre euer Unglück!«

»Auf eine solche Warnung hören wir nicht, wenn sie nicht durch Gründe erläutert wird«, entgegnete der Lord.

»Ich kann keinen anderen Grund angeben, als den, dass unter den Kriegern in Abomey ein Aufstand droht, welcher euch gefährlich werden kann«, flüsterte Ngaraiso fast unhörbar.


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»Und Yamyhla?«, fragte Ellen.

»Sie bedarf eurer Hilfe nicht.«

»Ah!«

»Noch eins«, fragte Harrlington wieder. »Ist es der König, welcher uns den Eintritt verweigert?«

»Nein, er würde ihn euch gegen ein hohes Geschenk erlauben.«

»Wer ist es sonst?«

»Jemand, der euch fürchtet.«

In diesem Augenblick raschelte es im Gebüsch, und eine dunkle Gestalt trat, nein, sprang heraus und saß mit einem Sprunge auf dem Pferde, auf welchem vorhin Yamyhla gesessen hatte.

Es war auch wirklich Yamyhla, aber nicht mehr die in dem kurzen, hellen Reitkleide, sondern Yamyhla, die Amazone. Alles, womit die Damen sie geschmückt, hatte sie abgestreift und im Busch liegen lassen, sie war nackt bis auf ein Tuch, welches sie um die Hüften geschlungen hatte, aber ihr Gesichtsausdruck war noch finsterer als sonst, etwas furchtbar Drohendes lag darin, und ihr Auge loderte in unheimlichem Feuer.

Schnell war Ngaraiso bei ihr, sie fasste ihn an den Händen und hob ihn mit einem Ruck vor sich aufs Pferd.

»Ihr werdet von mir hören«, rief sie und gab dem Pferde die Schenkel zu fühlen, dass es jäh aufbäumte und in weiten Sätzen davonjagte. »Kommt nicht nach Abomey«, klang es noch aus weiter Ferne in die Ohren der Erstaunten.

* * * * *

III.23. Im Lager des roten Löwen

Etwa vierhundert Meilen von der Küste ab liegt am Niger, einem der bedeutendsten Ströme Afrikas, das kleine Negerstädtchen Babba, eine Zwischenstation für Karawanen und daher besonders mit reisenden Arabern Handel treibend. Es liegt zugleich am Mussondi, welcher hier in den Niger mündet und an der Grenze von Dahomey und Joruba entspringt.

Es war an einem sonnenklaren Morgen, als ein Boot mit sechs Ruderern und drei Passagieren diesen Fluss stromaufwärts fuhr. Die Ruderer waren Schwarze aus Babba, ebenso wie man auch der Form des Bootes ansah, dass es in dieser Stadt seinen Liegeplatz hatte, die drei Fremden aber waren Weiße, wenigstens Europäer, denn zwei von ihnen hatten eine so braungebrannte Haut, dass man den Ausdruck Weißer hier kaum noch anwenden konnte. Der dritte dagegen besaß eine hellere Haut, machte überhaupt einen eleganteren Eindruck als seine beiden Gefährten, die sich in ihrem ganzen Benehmen als Seeleute verrieten.

Es sind drei gute, alte Bekannte, nämlich der Seewolf, Ned Carpenter und Tannert.

Eine malerische Gegend war es, durch welche diese drei fuhren; meist lag zu beiden Seiten des Flusses allerdings die mit Büschen besetzte Steppe, oft aber drängten sich zur Rechten die Ausläufer eines Urwaldes so nahe ans Ufer, dass die Äste der Baumriesen weit über das Wasser ragten, und solche Stellen wären wohl der Bewunderung wert gewesen, aber die drei Männer waren in geschäftliche Gespräche vertieft, und solche hatten größeres Interesse für sie, als Naturschönheiten. Der Seewolf war, wie immer, kurz und brummig, und bei dieser Partie umsomehr, als sich in Babba ganz plötzlich und unerwartet Tannert ihnen angeschlossen hatte, den er in China oder Australien oder Amerika vermutete, nur nicht hier an der Westküste Afrikas. Derselbe hatte kurz erklärt, er habe hier Geschäfte vor, zu deren Erledigung er aber noch einige Wochen Zeit hätte, und wolle sich daher gern der Expedition des Seewolfes anschließen, welche ja nur einige Tage daure.

Letzterer konnte Tannert nicht ausstehen, weil dieser zu viel feineren, raffinierteren, sogenannten Geldschwindelgeschäften vom Meister verwendet wurde, und der Seewolf hasste alle diejenigen, welche sich damit befassten, weil er wohl wusste, dass diese beim Meister in hohem Ansehen standen und besser bezahlt wurden, als die ›Dreinhauer‹, wie er die Sorte von Verbrechern bezeichnete, zu der er selbst gehörte.

Da war doch Ned Carpenter ein ganz anderer Kerl, mit dem konnte er immer auskommen. Dieser wusste ebenso gut eine Pistole abzuschießen, einen Mann mit der Faust zu Boden zu schlagen, ein Schiff durch den Sturm zu lenken, wie auch einen Liter Rum mit einem Zuge hinunterzustürzen. Der war sein Freund, und wenn er auch manchmal etwas eifersüchtig auf ihn wurde, weil er ihn beim Meister nach und nach ausstach, mehr Briefe bekam und überhaupt von der ganzen Sache mehr wusste, als er selbst, so nahm er es ihm doch nicht übel, weil er eben ein ganz famoser Kerl war. Er stand in seiner Gunst zehnmal höher als Tannert, dieser zimperliche, bleichsüchtige Gesell mit den zarten Händen.

Tannert kehrte sich nicht im geringsten daran, dass der Seewolf ihn immer »abblitzte«.

Er hatte in Babba, wo er ganz unvermutet eintraf, als die beiden eben ein Boot und sechs schwarze Ruderer mieteten, einfach erklärt, dass er sich der Partie anschließen möchte, nur so zum Zeitvertreib, und deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er über den Zweck dieser Reise vom Meister selbst vollständig eingeweiht worden war.

Ned schien darüber sehr erfreut, dass er außer dem brummigen Seewolf noch einen Reisebegleiter bekam, und dieser konnte dem Gefährten nicht die Mitreise verweigern, er musste seine Einwilligung geben, aber ohne Murren und Brummen ging es natürlich nicht ab.

Es war schade, dass der Seewolf in manchen Sachen so furchtbar plump war, sonst hätte er merken müssen, wie Tannert fortwährend, gleich als sie sich noch an Land befanden, versuchte, ihn allein zu sprechen, ohne Gegenwart eines dritten, aber der Seewolf, der eben eine Abneigung gegen Tannert hatte, ging niemals darauf ein. Er verstand nicht, als Tannert zu ihm sagte, er solle mit ihm erst noch einmal nach dem und dem Hause gehen, in jener Wirtsstube noch ein Glas Palmenwein auf gute Reise mit ihm trinken, sich mit ihm dort ein Boot besehen und so weiter, der Seewolf schlug die Begleitschaft entweder ab, oder er forderte Ned zum Mitgehen auf, und dann drehte sich das Gespräch um ganz gleichgültige Sachen.

Tannert blieb zwar äußerlich immer kalt, innerlich kochte er aber vor Wut über diese Dummheit des Seewolfs, nur freute er sich, dass auch Ned zu wenig Verstandeskraft hatte und diese immer keckeren Aufforderungen, ihn einmal allein zu lassen, nicht merkte. Er ging ruhig seinen Beschäftigungen nach, rüstete das Boot aus, fuhr die Schwarzen grob an, blieb, wo er war, und kam, wenn er gerufen wurde. Nie zeigte er mit einer Miene, dass er Argwohn geschöpft hatte.

Dass Tannert den Ned Carpenter auch während der Fahrt nicht aus dem Auge ließ, merkte weder der Seewolf, noch dieser selbst, ebenso wenig, wie bei Gelegenheit Tannert immer wieder versuchte, Ned einmal zu entfernen.

»Nun zeigt einmal offene Karte«, sagte der Seewolf, während das Boot unter den Riesenbäumen dahinglitt. »Wir können ruhig miteinander sprechen, die Neger verstehen wohl etwas Spanisch, aber kein Wort Englisch. Warum wollt Ihr eigentlich mit uns den roten Löwen aufsuchen?«

»Ich erklärte Euch schon immer, dass ich dies nur aus bloßem Zeitvertreib tue«, entgegnete Tannert gleichgültig, »ich habe eben Lust, mich von einer Arbeit zu erholen, die mich sehr angestrengt hat.«

»Was für eine Arbeit?«, fragte der Seewolf neugierig.

»Ein Unternehmen, welches mir einmal missglückt ist. Aber das kann mir höchstens einmal passieren, nicht zum zweiten Male — ich habe Snatcher von Bord des ›Amor‹ abgeholt.«

Ein Ruf des Erstaunens entfuhr den Lippen des Seewolfs, und auch Ned machte ein verwundertes Gesicht. Er ahnte nicht, wie Tannert, welcher sich gemächlich an die Bordwand lehnte und eine blaue Lorgnette zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen vor den Augen hatte, ihn hinter den Gläsern scharf bewachte.

»Wie habt Ihr denn das gemacht?«

»Sehr einfach«, entgegnete Tannert und schlang spielend die Lorgnettenschnur um die Finger, »Snatcher war doch immer krank, er litt am Fieber und besserte sich nur langsam. In Mgwana war die Cholera ausgebrochen, und die gesamte europäische Bevölkerung hatte ausgemacht, dass jeder, der Symptome dieser Krankheit zeigte, an Land oder an Bord eines im Hafen ankernden Schiffes, sofort in die Baracken käme. Ich bestach einen Arzt, welcher die Untersuchung auf den Schiffen vornahm, und dieser ordnete an, dass Snatcher auch nach den Baracken geschafft wurde, natürlich kam er nicht dorthin, sondern befindet sich in Sicherheit.«

»Wo ist er denn jetzt?«, fragte der Seewolf. »Das kann ich nicht sagen«, war die kurze Antwort.

Der Seewolf brummte mürrisch und unwillig vor sich hin, er wünschte diesen Tannert zu allen Teufeln.

»Ich weiß nur so viel«, fügte Tannert schnell hinzu, als wolle er seinen Fehler wieder gut machen, »dass er bereits auf dem Wege nach Amerika ist. Ich musste ihn gleich an jemanden anders abgeben, der den weiteren Transport leitete.«

»Ach so«, sagte der Seewolf einigermaßen wieder versöhnt.

»Da ich Euch nun so offen in meine Geschäfte eingeweiht habe«, begann Tannert nach einer kleinen Pause wieder, »so könnt Ihr mir wohl sagen, was Euch hierher führt?«

»Ihr wisst es doch selbst«, knurrte der Seewolf.

»Ich weiß nur so viel, dass Ihr den roten Löwen aufsuchen und dazu anwerben sollt, die Engländer zu vernichten und die Damen womöglich alle lebendig auszuliefern. So viel erzählte mir ein Mann, welcher ein Vertrauter des Meisters ist. Ihr seht also, Heimlichkeiten brauchen wir voreinander nicht zu haben.«

»Was wollt Ihr denn sonst noch erfahren, wenn Ihr schon alles wisst?«

Tannert entnahm seiner Rocktasche eine Flasche, entkorkte sie und nahm einen kleinen Schluck, um sie dann dem Seewolf zu reichen.

»Mir ist nur nicht recht klar, wie Ihr gerade dazu erwählt seid, Euch diesem Unternehmen anzuschließen, denn es steht doch sicher zu erwarten, dass der rote Löwe einen von uns zur Seite haben muss, damit er nicht nach Willkür handelt, sondern uns in die Hände arbeitet, überhaupt etwas unter Aufsicht steht. Offen gestanden, Seewolf, zu so etwas eignet Ihr Euch nicht, Ihr passt mit Euren Seebeinen nicht in die Wälder und Dschungel. Ich weiß wohl, dass Ihr auf dem Meere Euresgleichen sucht. Niemand kann ein schlechtes Schiff so schnell segeln lassen, dass es den schnellsten Segler überholt, und niemand kann Euch in Kniffen, welche sich auf der See abspielen, gleichkommen. Aber, wie gesagt, ich halte Euch nicht für geeignet, durch Steppen zu kriechen und in Morästen herumzupatschen, da seid Ihr bald wrack gelegt.«

Während dieser langen Rede hatte der Seewolf den Inhalt der Flasche ununterbrochen in seine ausgetrocknete Kehle hinunterlaufen lassen, und als Tannert jetzt schwieg, setzte er sie endlich ab und strich sich die perlenden Tropfen schmunzelnd aus dem weißen Schnurrbart.

Er war bei seiner schwachen Seite gefasst worden.

»Da habt Ihr recht«, sagte er, die Flasche Ned Carpenter hinreichend, der sie vollends leerte. »Nein, zu so etwas passe ich, wie der Bär zum Mäusefangen, und es freut mich wirklich, dass Ihr so viel Vernunft in Eurem Hirnkasten habt, um das herauszufinden. Halt ein, halt, Ned«, er nahm dem Begleiter die Flasche vom Mund, »hättest mir auch noch einen Tropfen drin lassen sollen, aber greif da einmal hinter dir in die Kiste, da, rechts liegt noch eine andere Flasche. Ja, Mister Tannert, dazu würde ich mich schlecht eignen, wie ein Spürhund im Busch herumzukriechen, einmal habe ich das gemacht, aber nie wieder.«

»So soll der rote Löwe also auf eigene Faust hinter den Mädchen herjagen?«, unterbrach Tannert lächelnd den plötzlich redselig gewordenen Seewolf.

»Durchaus nicht. Hier, mein Kompagnon, Ned Carpenter, übernimmt diese Rolle, der versteht so etwas ausgezeichnet, besser als ein Zulukaffer kann er im Busche schnüffeln.«

»Und was habt Ihr dabei zu tun?«

»Zu zweien lässt sich so eine Geschichte besser abschließen als allein, ich bin sozusagen der Zeuge, in Wirklichkeit aber derjenige, der das Geschäft macht. Ist die Sache im klaren, das heißt, ist der rote Löwe bereit, für soundso viel uns die Mädchen zu verschaffen und die Engländer von seinen Leuten auffressen zu lassen, so zahle ich ihm die Hälfte der Summe aus, verspreche ihm die andere nach Auslieferung der Mädchen, und dann geht Ned mit diesen ab.«

»Kann Euch der rote Löwe, der doch auch nur ein Wilder ist, nicht das Geld, das Ihr bei Euch habt, mit Gewalt abnehmen?«

»Möglich wäre es natürlich, aber es muss eben gewagt werden. Wir können doch nicht gleich mit ein paar hundert Mann zu ihm rücken, und zehn Mann kann er ebenso gut morden, wie uns beide. Wir haben niemanden finden können, der den Auftrag ausrichten wollte, und so gab ich schließlich Ned nach, welcher durchaus selbst hinwollte. Übrigens ist der rote Löwe kein gewöhnlicher Neger, sondern ein Mulatte, und hat daher schon die feineren Eigenschaften eines Weißen an sich, das heißt, nicht gerade die guten, so zum Beispiel nimmt er nicht etwa Perlen, Muscheln und so weiter als Bezahlung, sondern nur bares Geld, er führt immer einen ganzen Harem mit sich herum und weiß ganz genau, was gut schmeckt; wenn er irgendwo plündert, so guckt er stets zuerst in den Weinkeller, was der Hauswirt für Sorten führt, hahaha!«

»So lebt er nur von Raub?«

»Natürlich, nur von Raub, Plünderung und Mord. Er ist so ein kleiner König ohne Land, hat aber eine größere Waffenmacht als alle übrigen Häuptlinge mit Land.«

»Aus was für Leuten setzt sich diese Truppenmacht zusammen?«

»Nun, wir könnten uns auch alle unter seine Leute anwerben lassen«, lachte der Seewolf. »Es ist nämlich nur der sogenannte Abschaum der Menschheit, hier allenfalls der Abschaum von Afrika, Schwarze, Braune, Gelbe, Weiße, Neger und Mulatten, die sich nirgends mehr sehen lassen dürfen, ohne aufgehangen zu werden,«

»Dann ist es aber gefährlich, wenn wir uns nach seinem Lager begeben.«

»O, nicht so sehr, wie Ihr denkt. Der rote Löwe besieht sich erst seinen Mann, ehe er ihn tötet. Kann er mit ihm ein gutes Geschäft machen, so tut er es.«

»Und tötet ihn dann«, fügte Tannert lachend hinzu. »Wisst Ihr auch genau, wo sich sein Lager befindet?«

»Ned hier weiß es. He, mein Junge, wie weit sind wir denn noch davon ab?«

»Wo der gelbe Fels links am Ufer liegt, müssen wir auf der anderen Seite aussteigen. Dort werden wir schon auf Vorposten des roten Löwen stoßen«, sagte dieser.

Er sprach auf spanisch mit dem Schwarzen, welcher das Boot steuerte.

»Wir sind nicht mehr weit davon ab«, sagte er dann. »Nur noch zwei Biegungen des Flusses, dann sind wir da.«

Als die erste Biegung passiert war, hielten auf einen Wink des Steuermannes die Neger plötzlich mit Rudern ein und begannen, sich lebhaft untereinander zu besprechen.

»Was gibt es, ihr Neger?«, fragte der Seewolf, dessen Augen durch den übermäßigen Genuss des spirituösen Getränkes schon zu glänzen anfingen.

»Kibokos, Herr, viele, viele Kibokos«, war die Antwort.

»Was ist das, Kibokos, ihr Halunken?«

Ned Carpenter hatte sich, ebenso wie Tannert, erhoben und blickte dahin, wohin die Neger spähten und deuteten. Sie sahen dort auf der Wasserfläche eine Menge dunkler Gegenstände schwimmen, fast gerade so, als wenn Pferde ihre Köpfe über das Wasser steckten.

»Es sind Flusspferde!«, riefen Ned und Tannert zugleich.

»Teufel«, brummte der Seewolf, »die Bestien werden uns doch in Ruhe lassen?«

Er griff nach seiner Büchse, ebenso die Anderen.

»Die Flusspferde greifen den Menschen nicht an, wenn sie nicht gereizt werden«, sagte Tannert.

Da fielen plötzlich einige Schüsse, sie sahen in einiger Entfernung am rechten Ufer Pulverdampf aufsteigen. Ein Tier musste getroffen sein, denn es schwamm schnell stromab, von den anderen gefolgt, wobei sie das Wasser in wirbelnde Bewegung brachten.

»Verdammt!«, knirschte der Seewolf. »He, Schwarzer, rudere ans Ufer!«

Der Aufforderung wurde eiligst Folge geleistet, aber die ankommenden Tiere bewegten sich so schnell vorwärts, dass sie sich in gleicher Linie mit dem Boote befanden, noch ehe dieses das Ufer erreicht hatte.

Das erste getroffene Tier schwamm unglücklicherweise gerade gegen das Boot an, es konnte nicht mehr ausweichen, und, von einer plötzlichen Wut gepackt, riss es das furchtbare Maul weit auf und wandte sich direkt gegen das Fahrzeug.

Die Neger schrien laut auf vor Schreck, einer ließ sogar das Ruder ins Wasser fallen, die drei Weißen sprangen auf und hoben die Büchsen, eben als das weit aufgerissene Maul mit den gewaltigen Zähnen das Boot am Rande erfasste und es wie ein Spielzeug aus dem Wasser hob. Drei Schüsse krachten zu gleicher Zeit, und das von drei Kugeln in den Schlund getroffene Tier ließ das Boot fahren und sank sofort unter, über sich einen wirbelnden, blutroten Schaum zurücklassend. Aber die Bordwand war von den Zähnen zertrümmert, das Boot nahm stark Wasser über und drohte zu sinken.


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Dazu kam noch, dass die übrigen Tiere unterdes auch das Boot erreicht hatten, es nun umdrängten und zu zertrümmern suchten.

Ehe es sich die entsetzten Insassen versahen, kippte das schwanke Fahrzeug plötzlich um, sie lagen im Wasser und suchten durch eilendes Schwimmen das bewaldete Ufer zu gewinnen, was den drei Weißen und sechs Schwarzen auch wirklich gelang.

Als sie aber das Ufer emporklommen, sahen sie sich plötzlich von einer Schar schwarzer Gestalten umringt. Diejenigen, welche die Gewehre gerettet hatten, konnten keinen Gebrauch davon machen, denn die Munition war ebenso, wie sie selbst, durchnässt, und im nächsten Moment lagen sie alle überwältigt am Boden.

*

In einer hügeligen Einsenkung der Steppe war ein Lager hergerichtet, so einfach, dass nur die bedürfnislosesten Neger damit zufrieden sein konnten. Es gab kein Zelt, kein Obdach, ja, nicht einmal Bäume, in deren Schatten die Lagernden Schutz gegen die heißen Strahlen der Sonne fanden, aber die Neger können eine Portion Hitze vertragen.

Und Neger und Mulatten waren es auch nur, welche hier auf Fellen lagerten und sich von der Sonne braten ließen, obwohl es mehrere unter den etwa dreihundert Männern gab, welche so viel weißes Blut in ihren Adern hatten, dass sie als Weiße hätten gelten können, wenn nicht die Sonne ihre Haut so schwarz gebrannt hätte, ihre Physiognomien und das schlichte, oft sogar helle Haar verriet ihre Abstammung. Aber sie hatten dabei die Angewohnheit der Neger schon angenommen, immer in der Sonne zu liegen, wenn dieselbe während des Mittags nicht zu heiß schien.

Der ganzen Gesellschaft war der Stempel der Rohheit und moralischen Verkommenheit aufgedrückt; ihre körperliche Beschaffenheit dagegen war eine sehr gute, ein Zeichen, dass sie sich gut nährten, um die Strapazen des Kampfes und der Reise aushalten zu können.

Unter dem einzigen Baume, welcher in diesem Tale Schatten warf, lag ein kleiner, untersetzter Mann, der durch sein Äußeres den Mulatten verriet. Er war bis auf ein Lendentuch völlig nackt, nur ein prächtiges Löwenfell hatte er in malerischer Nachlässigkeit um die Schulter geworfen, und so konnte man erkennen, dass nicht nur das wildblickende, tierische Gesicht eine sonderbare schmutzigrote Farbe hatte, sondern auch sein ganzer Körper. Er lag bequem ausgestreckt, den Kopf auf eine Hand gestützt, und bot mit seinem muskulösen und doch geschmeidigen Körper ein schönes Bild von Kraft und Ruhe.

Dies war der rote Löwe, so genannt einesteils wegen seiner Hautfarbe, anderenteils wegen des Löwenfelles, ohne welches er nie gesehen wurde. Man erzählte sich von ihm, dass er dieses Fell einem Löwen abgenommen habe, den er nur mit der Lanze getötet hatte. Er war der Häuptling der Bande von Ausgestoßenen, Verfolgten und Verbrechern, die er um sich gesammelt hatte, deren in zivilisierten Gegenden der Galgen wartete.

Mit ihnen unternahm er Raubzüge, überfiel Karawanen und schloss mit Vorliebe Bündnisse mit Häuptlingen, welche einen Nachbarstaat bekriegen wollten, um sich zu bereichern, sicherte sich aber stets den Löwenanteil, kraft seines Namens.

Er war wirklich ein mächtiger Häuptling, weil sein Volk nur aus kriegerischen, kräftigen Männern bestand, er besaß jedoch kein Land, obgleich es ihm leicht gewesen wäre, sich ein solches zu erobern.

Die Wachen, welche auf den Hügelkämmen aufgestellt worden waren, riefen einander etwas zu, und bald kam der Trupp heran, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.

Der Häuptling wurde zwar verständigt, aber er nahm nicht viel Notiz davon, er blieb in seiner bequemen Stellung liegen, und erst, als ihm der Überbringer der Botschaft meldete, die gefangenen Weißen sagten aus, sie hätten eben ihn, den roten Löwen, aufsuchen wollen, um mit ihm ein Geschäft abzuschließen, da ließ er die drei Gefangenen vor sich kommen, ohne sich zu erheben. Er betrachtete mit teilnahmslosem Blicke seiner kleinen, rotunterlaufenen Augen die vor ihn Geführten. Schnell verständigte der Seewolf seine Gefährten, dass er die Unterredung führen würde.

»Seid ihr Engländer?«, fragte der Löwe in ziemlich gutem Englisch. Er konnte also kein unwissender Schwarzer sein.

»Wir gehören keiner Nation an, wir sind Sklavenhändler«, entgegnete der Seewolf.

Der Häuptling blickte den Sprecher finster an und stieß dann einen langen, verächtlichen Ruf aus.

»Wem wollt ihr es weismachen, mir? Ihr seid Seeleute, Engländer.«

»Wir sind Seeleute, aber du weißt, Häuptling, dass eben die Seeleute den Sklavenhandel betreiben, denn diejenigen, welche dir deine Kriegsgefangenen abkaufen, sind nur Zwischenhändler, die sie wieder an uns verkaufen.«

Der Häuptling überlegte, wie er überhaupt nach jeder Antwort, die er erhielt, und ehe er etwas sprach, lange nachsann. Hinter der niedrigen, stark vorspringenden Stirn des Mulatten musste überhaupt eine gewisse Denkkraft stecken, welche man ihm sonst, dem rohen Gesichte nach, nicht zugetraut hätte.

»So sollt ihr Sklaven kaufen?«

»Ja.«

»Ich habe keine.«

»Du sollst uns welche verschaffen.«

»Darum wolltet ihr zu mir?«

»Es ist so.«

»Gut, ich verstehe euch! Ihr seid mir willkommen! Was für Sklaven soll ich euch verschaffen? Arbeiter oder leichte Ware, oder Mädchen?«

Der rote Löwe richtete sich nunmehr auf und sah den Seewolf an, ohne besondere Teilnahme zu verraten. Hatten die drei Männer gehofft, nach dieser Bewillkommnung von ihren Stricken befreit zu werden, so hatten sie sich getäuscht, der Häuptling gab seinen Leuten, welche ihn umstanden, keinen Befehl dazu. »Es sind Mädchen, welche wir als Sklavinnen haben wollen«, antwortete der Seewolf.

»Gut, ich will euch welche besorgen. Wo holt ihr sie ab?«

»Nein, nein«, beeilte sich der Seewolf zu sagen, »es sind keine Negerinnen, sondern Weiße.«

»Weiße? Die gibt es hier nicht«, entgegnete der rote Löwe gleichgültig.

»Doch, sie sind bei einer Karawane.«

»Seit wann reisen Mädchen mit einer Karawane? Vielleicht einmal eins, aber was verlohnt sich dies, weite Märsche zu machen? Schwarze könnt ihr genug bekommen.

»Es sind viele, viele Mädchen, welche bei der Karawane sind, sie bilden diese selbst.«

»Geh, du lügst«, sagte der Häuptling und ließ sich wieder zurückfallen.

»Ich lüge nicht, und deshalb komme ich zu dir, Häuptling, damit du die Mädchen fängst und mir verkaufst. Ich gebe dir dafür nicht so viel, wie du von einem Sklavenhändler erhältst, sondern so viel, wie dieser von mir erhalten würde, und zwar die doppelte Summe die für ein schönes, schwarzes Mädchen gezahlt wird! Bist du damit zufrieden?«

Der Häuptling hatte sich wieder halb aufgerichtet und zog ein vergnügtes Gesicht, aber das grinsende Lächeln gab ihm ein schreckliches Aussehen.

»Das wäre einmal ein schönes Geschäft«, schmunzelte er, »aber hast du das Geld auch bei dir?«

»Nein«, war der Seewolf schlau genug zu antworten, »nur die Hälfte kannst du bald erhalten, und die andere dann, wenn du die Mädchen ablieferst.«

»Gut, ich bin damit einverstanden. Wo befindet sich die Mädchenkarawane?«

Der Seewolf nannte die Gegend, wo die Amerikanerinnen sich ungefähr aufhalten mussten, erzählte von den Engländern, in deren Gesellschaft sie sich immer befanden, und vor denen er, der Häuptling, sich ganz besonders in acht nehmen müsse.

»Du musst diese Engländer erst alle töten, Häuptling«, sagte der Seewolf, »sonst kannst du die Mädchen niemals bekommen.«

»Das werde ich auch tun«, grinste der rote Löwe. »Sieh einmal meine Leute da, wie sie nach Blut lechzen. Haben schon lange keins mehr gehabt. Sind die Männer und Mädchen gut bewaffnet?«

»Sehr gut, sie haben die besten Waffen bei sich. Du musst dich ihrer mit List bemächtigen.«

»Wie viele sind es?«

»Fünfundzwanzig.«

»Schön, und an wen verkaufst du sie wieder?«, fragte der rote Löwe.

»Ich muss mir erst noch einen Käufer suchen.«

»Zehn große Goldstücke erhalte ich für jedes Mädchen, sagtest du vorhin?«, fragte der rote Löwe nach einer langen Pause.

»Ja, zehn Goldstücke.«

»Und wie viel glaubst du für ein Mädchen zu erhalten?«

Tannert war schon lange unruhig gewesen, er hätte den Seewolf zu gern warnen mögen, nicht zu viel zu sagen. So gelassen und naiv der rote Löwe auch tat, er war jedenfalls ein ganz durchtriebener Kerl, dem nicht zu trauen war.

»Sieh dich vor, Seewolf«, zischelte Tannert seinem Gefährten zu, »er will dich aushorchen!«

So leise dies auch gesprochen war, dem Ohre des roten Häuptlings war es doch nicht entgangen, schneller als der Blitz hatte er eine neben sich liegende tönerne Wasserflasche ergriffen, eine Armbewegung — und der langhalsige Krug zerschmetterte an Tannerts Gesicht in Scherben.

»Verfluchter Hund«, schrie der rote Löwe, der sich nun wieder halb aufgerichtet hatte, »glaubst du, ich sei taub, und du, du alter dummer grauhaariger Wolf, glaubst du, ich sei ein Kind, das mit sich spielen lässt? Hahaha, ich brauche keine Zwischenhändler; das Geld, das du verdienen willst, kann ich mir auch verdienen, oder glaubst du, ich fange die Mädchen und lasse mir zehn Goldstücke geben, während ich zwanzig bekommen kann? Narr du, du bist in deiner Dummheit nicht wert, dass du lebst! He, Burschen!«

Die Neger umdrängten auf seinen Wink die Gefangenen, dieselben wurden zu Boden geworfen und bis aufs Hemd durchsucht. Gelassen nahm der rote Löwe den schweren Beutel mit Gold in Empfang, den der Seewolf bei sich getragen hatte, ebenso die Wertsachen der anderen und überließ das andere Wertlosere seinen Leuten.

Die Gefangenen wurden abgeführt.

»Haha«, lachte der rote Löwe ihnen nach, »was seid ihr Weißen doch für schlaue Leute! Nun, ihr sollt mir zeigen, wo die Mädchen zu haben und wo sie am besten zu verkaufen sind.«

Die Gefangenen wurden unter Stößen und Fußtritten nach einer Ecke des Tales gebracht, wo sie sich niederlegen mussten, und wo ihnen die Füße gebunden wurden. In ihrer Nähe lagerte sich eine Anzahl bewaffneter Neger, um einen Fluchtversuch zu vereiteln.

»Du Narr, du namenloser Tor, je weißer deine Haare werden, desto dümmer wirst du«, brachte endlich Tannert hervor, als er vor Wut Worte fand. » Ach, hätte mir doch meine Vernunft gesagt, dass sich solch ein Mensch mit Eselsverstand nicht in ein so gefährliches Unternehmen einlassen kann. Oder hättest du wenigstens mich den Sprecher machen lassen, oder meinetwegen auch Ned Carpenter, der ist noch hundertmal gescheiter, als du, du lässt dir ja vom kleinsten Kinde die Würmer aus der Nase ziehen.«

So ging es weiter, bis sich Tannerts Zorn etwas gelegt hatte, aber das dauerte lange. Der Seewolf antwortete erst nur mit einem Gebrumme, welches diesmal eher zerknirscht, als unwillig klang, dann aber ward er still, achtete nicht mehr auf die Vorwürfe, sondern begann sich seine Lage zu überlegen. Ned tat das Gleiche von Anfang an, und schließlich sah auch Tannert ein, dass sein Zorn ihn nicht aus dieser vermaledeiten Situation helfen könne, sondern allein kluge Überlegung und kühnes Handeln.

»Wir sind in einer verfluchten Patsche«, sagte er zu Ned. »Redet, Mister Carpenter! Was meint Ihr wohl, was der rote Löwe — roter Halunke sollte er heißen — mit uns vorhat?«

»Jedenfalls will er nur ...« begann der Seewolf.

»Sei still, verfluchter Graubart«, fuhr Tannert ihn an. »Schade, dass ich meinen Fuß nicht frei habe, sonst würde ich dir dein ungewaschenes Maul stopfen. Sagt, Mister Carpenter, was meint Ihr?«

Der Angeredete war der einzige, welcher seine Ruhe behalten hatte. Phlegmatisch schob er ein Stückchen Tabak im Munde hin und her und kaute darauf. Er hatte es sich kurz vorher in den Mund gesteckt, ehe er gefangen wurde, und sein einziger Trost war, dass es noch ziemlich frisch war.

»Was wir tun sollen? Fliehen!«, meinte er trocken.

»Leicht gesagt, aber wie?«

»Kommt Zeit, kommt Rat — wird es Nacht, wird es dunkel, dann wird es schon eher gehen.«

»Ihr habt wenigstens noch guten Mut, aber ich bin vor Zorn über diesen Seewolf schon ganz krank geworden.«

»Davon werdet Ihr auch nicht gescheiter«, antwortete gleichmütig Ned, der auf dem Rücken lag und den Tabakssaft in kunstvollem Bogen in den Kreis der Neger spuckte, sodass einer aufsah und den Himmel musterte, weil er glaubte, es regne.

»Ich möchte nur wissen, warum die Neger hier in der Sonne liegen und sich braten lassen«, begann Tannert nach einer kleinen Weile wieder. Er fand wenigstens Trost darin, sich mit jemandem unterhalten zu können.

»Wird wohl seinen Grund haben.«

Dieser Grund wurde auch bald aufgeklärt, denn nach etwa einer Stunde kam ein Trupp Reiter ins Tal gesprengt, welche eine Unmenge von Pferden an Halftern mit sich führten. Sie waren längs des Waldsaumes geritten, und die Tiere mussten dabei bis an die Kniee in Sumpf geraten sein.

»Seht Ihr, der Waldboden ist ganz sumpfig! Findet man häufig in Afrika«, meinte Ned.

»Woher mögen sie nur die vielen Pferde haben, das sind doch über hundert Stück?«

»Jedenfalls gestohlen.«

Einige Sekunden lagen die Gefangenen still da; der Seewolf begann zu stöhnen und forderte fluchend Wasser. Ein Neger erhob sich auch sofort und ließ nicht nur ihn, sondern auch die beiden anderen trinken.

Verschmachten sollten sie also nicht, ebenso wenig verhungern, denn bei Sonnenuntergang erhielt jeder ein großes Stück getrocknetes Fleisch, da ihnen aber die Hände nicht freigemacht wurden, die trägen Neger sie auch nicht füttern wollten, so bekamen sie die Fleischstücke einfach wie Hunde vorgeworfen.

Der Seewolf kaute an dem seinen unter Knurren und Murren, wirklich den Eindruck eines fressenden Hundes machend, Tannert verschmähte vorläufig noch auf solche Weise Nahrung zu sich zu nehmen, während Ned mit bestem Appetit die zähen Fleischstücke hinunterschluckte. Tannert betrachtete den Hungrigen bei dieser Arbeit mit großem Interesse.

»Ihr scheint noch Lebensmut in Euch zu haben«, meinte er. »Habt Ihr Hoffnung auf Befreiung?«

»Warum denn nicht? Ich fühle, dass ich meine Stricke lockern kann, wenn auch jetzt noch nicht, sondern erst bei Nacht, weil niemand die Anstrengungen sehen darf; dann stehle ich dort ein paar Pferde und huih, fort bin ich.«

»Das Pferdestehlen ist eben keine leichte Sache,«

»Wenns weiter nichts ist, ich habe dieses Geschäft gelernt, und da ich bis jetzt nicht gehangen wurde, sondern noch lebe, so ist das ein Beweis, dass ich ein geschickter Pferdedieb bin.«

Tannert betrachtete den kauenden Burschen mit immer mehr Wohlgefallen, er flößte ihm wieder Lebensmut ein. Tannert hatte in anderen Kreisen gelebt, ehe er Verbrecher wurde, wie wir einst hörten, war er Detektiv, später sogar ein hoher Gerichtsbeamter gewesen — er war also ein gebildeter Mann.

»Wisst Ihr, Ned, dass ich Euch großes Unrecht getan habe?«, begann er nach einer Pause zögernd.

»Wie soll ich das wissen? Habe nichts bemerkt.«

»Ich war der Meinung, Ihr triebt nicht ehrliches Spiel.«

Ned ließ ein Fleischstück aus dem Munde fallen und lachte laut auf.

»Ehrlich sind wir doch gerade alle nicht!«

»Nun, ich meinte, Ihr triebt ein doppeltes Spiel, Ihr gehörtet eigentlich gar nicht zur Bande des Meisters, sondern wäret so eine Art von Spion.«

»Haha, sehr gut, wie kamt Ihr auf so eine verrückte Idee? Sehe ich wie ein Spion aus?«

»Nun, ich bekam nur so einen Argwohn wegen der Briefe.«

»Was für Briefe?«, fragte Ned unschuldig, schon wieder an dem zähen Antilopenfleisch kauend.

»Na, lassen wir das! Ich hatte mir vorgenommen, Euch ein wenig zu beobachten, aber ich habe Euch bitter Unrecht getan; wie es scheint, seid Ihr ein braver Kerl, auf den man in der Not zählen kann.«

»Ihr wolltet mich beobachten? Vom Meister aus?«

»Nein, nein, es ist gut so, es war mein eigener Verdacht. Doch horcht, was ist das?«

Neue Reiter stießen zu der Bande, wieder Pferde mit sich führend, diesmal aber auch einen kleinen Wagen, auf dem sich einige Kisten, Ballen und Fässer befanden. Es mussten Proviantvorräte gewesen sein, denn bald flammten überall Feuer auf — es wurde schon dunkel — und wurde gekocht und gebraten. Dann kam das Fass an die Reihe, Kruken wurden gefüllt und machten die Runde. Auch die Wächter, welche sich ebenfalls ein Feuer angesteckt hatten, wurden mit einer Kruke bedacht, und als das Getränk ihnen zu Kopfe gestiegen war, kam sogar einer der Neger auf die Gefangenen zu und ließ sie einige Schlucke trinken, — es war nicht Pembe, sondern guter Palmwein.

Die Stimmung unter den Räubern wurde immer heiterer, sie stimmten ihre eintönigen Lieder an, dazwischen wurden andere hörbar, welche verrieten, dass unter der Bande auch solche waren, welche nicht immer in der Wildnis als Räuber gelebt hatten, und die Wächter füllten wieder ihre Kruken; sie wurden auch immer am Fasse zugelassen, wahrscheinlich, weil sie sich von der allgemeinen Fröhlichkeit ausschließen mussten, um einsam neben den Gefangenen zu hocken.

Nicht lange dauerte es, so war der Übermut gerade der Wächter aufs höchste gestiegen, und sie begannen, sich nach Gegenständen umzusehen, an denen sie ihren Witz auslassen konnten.

Ihre Wahl fiel natürlich auf die Gefangenen.

Einer von ihnen kam schwankend auf diese zu, betrachtete sie lange mit boshaftem Blick und kehrte dann wieder nach dem Feuer zurück, wo er lachend mit seinen Gefährten sprach und auf die Gefangenen deutete.


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Er war ein Mann, dem man ansah, dass er ziemlich viel Blut von Weißen in den Adern hatte, vielleicht nur solches, denn er war blond und schlicht, und außerdem trug er einen Schnurrbart. Nur die aufgeworfene Lippe und die breite Nase konnten auf eine schwarze Abstammung hinweisen.

Er kehrte abermals zu den Gefangenen zurück, diesmal von seinen Begleitern umringt.

»Ho«, rief er und gab dem Seewolf einen Fußtritt. »Seid ihr Weißen mehr als wir?«

Die Frage war auf englisch gestellt worden.

»Sprich, du Hund, seid ihr mehr?«

»Weiß nicht«, knurrte der Seewolf.

»So«, fuhr der Betrunkene fort, den Seewolf wieder mit Fußtritten traktierend. »Du weißt es nicht! Warum tragt ihr bessere Kleidung als wir auf dem Leibe? Hö! Können wir die nicht auch tragen?«

»Meinetwegen.«

»Gut, meinetwegen, sehr gut! Hört ihrs, Burschen, wir dürfen auch solches Zeug anziehen. Haha!«

Auf seinen Ruf stürzten sich die Wilden lachend über die Gefangenen her, rissen ihnen die Sachen vom Leibe, und zogen diese sich selbst an, alles, Hemd, Hosen, Stiefel, Weste und Jacke, welche sie, da sie die Hände nicht lösen durften, einfach herunterschnitten.

»So, nun friert nicht, macht euch Bewegung, dass ihr warm bleibt!«, grinste der Halbneger und drückte sich Tannerts Strohhut auf den Kopf, »wir wollen auch einmal Weiße sein, haben lange kein solches Zeug mehr auf den Leibern gehabt. Bekommt alles wieder!«

Die Wilden, von denen der eine die Hose, der andere eine Weste, wieder ein anderer nur Stiefel anhatte, gruppierten sich lachend wieder um das Feuer und suchten das Benehmen von Europäern nachzuahmen.

»Diese Hunde«, knirschte Tannert durch die Zähne, »uns hier in dieser Nacht splitterfasernackt liegen zu lassen! Mein Gott, mein Gott, dass mir so etwas passieren muss.«

»Glaubt Ihr auch noch an den lieben Gott?«, lachte Ned höhnisch. »Ich dachte, für Euch gebe es nur noch einen Teufel, und das Geld sei Euer Gott.«

»Ihr Glücklichen könnt wenigstens noch lachen«, stöhnte Tannert und wälzte sich auf die Seite, um den seltsamen Menschen zu betrachten und sich mit ihm zu unterhalten.

Es war Nacht, aber der Schein des Feuers reichte aus, um sich gegenseitig erkennen zu können.

Plötzlich erweiterten sich Tannerts Augen, er starrte wie entsetzt auf die nackte Brust des neben ihm Liegenden. Er sah da beim Flackern des unsteten Feuers ein seltsames Tier mit blauer Farbe eintätowiert.

»Ein Chamäleon«, stieß er hervor, dann aber schrie er laut auf:

»Nikolas Sharp!«

»Richtig, Nikolas Sharp ist mein Name, Mister Tannert«, sagte der nackte Mensch ruhig und blickte dem Erstarrten ins Auge, »oder kürzer: Nick Sharp.«

»Nick Sharp, der Detektiv«, wiederholte Tannert.

»Auch das. Wir waren einst Kollegen, Mister Tannert.«

Eine Zeit lang hörte man nichts weiter, als das Keuchen Tannerts, dann aber zischte er durch die Zähne:

»Verräter!«

»Meineidiger!«, gab Sharp ruhig zurück.

»Schurke!«

»Spitzbube! Weiter!«

»Dir soll dein Lohn werden.«

»Und du wirst bald am Galgen hängen, wenn du nicht vorher von den Negern gebraten wirst.«

Diese Antwort rief Tannert in die Erinnerung zurück, dass Schimpfen jetzt am unrichtigen Platz war.

»Wie kommen Sie hierher?«

»Sehr einfach, als Detektiv. Ich habe mich immer sehr um die Angelegenheit des Meisters bemüht und bin nun schon so weit, dass ich alle seine Schliche kenne, ich weiß alle eure Namen, eure Schlupfwinkel, eure Geheimnisse u.s.w., ja noch mehr, ich bin schon seit längerer Zeit sozusagen zweiter Meister. Vizemeister, ich gebe selbst Befehle, schreibe Briefe, siegle sie u.s.w., daher mag es auch kommen, dass Sie manchmal Briefe erhielten, welche Sie sich nicht mit dem sonstigen Betragen des Meisters zusammenreimen konnten. Tut mir sehr leid, aber das, was ich Ihnen auszuführen gab, passte besser in meinen Kram.«

»Schuft!«

»Halunke!«, gab der unerschütterlich ruhige Detektiv zurück. »Nun sagen Sie mir einmal selbst, ist das nicht alles fein von mir ausgeheckt?«

Tannert blieb die Antwort auf diese seltsame Frage schuldig.

»Wer ist der Meister? Wie kommt es, dass Sie seine Briefe fälschen konnten, ohne dass er es merkte?«

»Jedenfalls, weil es keinen Meister gibt«, war die spöttische Antwort. »Weil ihr euch gegenseitig immer an der Nase herumführt, ohne dass ihr es merkt.«

»Wieso?«

»Das wird Ihnen im Himmel klar werden, wenn Sie nicht von hier aus direkt als Muster ohne Wert in die Hölle geschickt werden«, antwortete Sharp.

»Weil, Mister Tannert«, fuhr er dann fort, »wir sind ja nicht mehr weit von den Pforten der Ewigkeit, und so können wir uns einstweilen noch ganz hübsch unterhalten. Sehen Sie, Sie sind auf eine falsche Bahn gekommen, Sie hätten hübsch Detektiv bleiben sollen und nicht gleich hoch oben hinaus wollen. Wenn wir beide zusammengeblieben wären, wir hätten die Welt schön in Staunen setzen können. Aber das müssen Sie doch nun zugestehen, Mister Tannert, dass ich ein bisschen klüger bin als Sie. Ich habe Ihnen nämlich manches Mal einen schönen Strich durch die Rechnung gemacht, so z. B. war ich es, der Ihnen Snatcher aus dem Fasse nahm und dafür einen alten Hund hineintat, und nun glauben Sie wohl gar, Sie hätten Snatcher an die richtige Adresse abgegeben? I, Gott bewahre, dem richtigen Manne schob ich etwas in den Weg, sodass er sich einige Tage verspäten musste, und der Kapitän, dem Sie Snatcher auslieferten, war ein von mir Angeworbener. Nein, Mister Tannert, da haben Sie sich wieder einmal getäuscht!«

Der Detektiv plauderte immer in ruhigem, freundlichen Tone, Tannert dagegen knirschte mit den Zähnen.

»Well«, fuhr Sharp fort, »schade, dass Sie dem Ende des Lustspiels nicht mit beiwohnen können, sonst würden Sie noch etwas erlebt haben! Ich kenne nun alles, was den Meister anbetrifft, es liegt nur an mir, so habe ich euch alle in der Schlinge, und wären Sie noch mit darunter, so bräche ich Ihnen ebenfalls Ihr niedliches Hälschen, schade, dass Sie schon hier daran glauben müssen.«

»Warum sprechen Sie nur von mir? Was soll es mit mir?«, knirschte Tannert,

»Nun, glauben Sie denn etwa, Mister Rotlöwe lässt Sie wieder mit heiler Haut davon? Gott bewahre, der spickt Sie und den alten, schimmligen Seewolf dort mit Pfeilen und röstet euch dann beide langsam am Feuer knusprig.«

»Und Sie, wird Ihr Schicksal etwa ein anderes sein?«

»Ich?«, fragte der Detektiv langsam und bog sich wie eine Schlange zusammen, sodass die Hände die Füße berührten. »Ich kann gehen, wenn ich will.«

»Haltet ihn!«, brüllte Tannert, aber es war zu spät.

Wie ein Gummiball schnellte Sharp plötzlich vom Boden auf und sprang auf das Feuer zu, welches direkt am Eingange zum Tale brannte.

Die betrunkenen Neger fuhren entsetzt empor, einer sprang auf den Flüchtling zu, erhielt aber sofort einen Schlag, der ihn bewusstlos in das Feuer warf, und der nackte Mann sprang weiter, das dem Neger entrissene Messer in der Faust.

Einige Wurfspeere sausten hinter ihm her, einer davon durchbohrte seinen linken Arm, mitten im Rennen zog er ihn von hinten aus demselben und stieß ihn im nächsten Augenblick einem ihm sich entgegenstellenden Neger in die Brust.

Er hatte das Tal hinter sich.

Draußen standen die Pferde angepflockt, ebenfalls von einigen Negern bewacht; aber diese konnten den nackten Mann nicht aufhalten, wie ein Aal glitt er ihnen unter den Händen durch. Wer nicht auswich, wurde zu Boden geschlagen, und wer ihn schon fest zu halten glaubte, stürzte röchelnd, mit der Todeswunde im Herzen, zu Boden.

Die Verfolger sprangen auf die Pferde, aber schon sauste der Reiter durch die Nacht, und das unter ihm galoppierende Ross war das beste der ganzen Herde gewesen. Sein flüchtiger Hufschlag ging dem Gehör der Nachsetzenden bald verloren.

Nick Sharp war frei!

Das ganze Lager war in Aufregung, und bald kamen die Verfolger erfolglos zurück.

Der rote Löwe tobte und fluchte, er verabreichte seinen Leuten Fußtritte, und als er zu den beiden zurückgebliebenen Gefangenen kam, ließ er seine volle Wut an diesen aus.

Dann wurde auch noch die verkohlte Leiche des ins Feuer geschleuderten Negers gefunden.

»Ihm nach, ins Feuer mit den Gefangenen!«, schrie der rote Löwe.

Schon sahen die Verbrecher ihren qualvollen Tod besiegelt, als der Häuptling seinen Entschluss änderte. Er ließ sie fester binden und sorgfältiger bewachen.

* * * * *

III.24. Die Amazonen

Die Karawane der fünfzig Musungus lag vor den Toren Abomeys, noch ehe die Morgensonne die Tautropfen der Steppe getrocknet hatte, aber schon war alles in der Stadt lebendig. Die Neger saßen auf den Dächern ihrer Hütten und beobachteten, die Köpfe hoch emporreckend, die Ankömmlinge, und neben den Totenschädeln auf den Palisaden tauchte hin und wieder der lebendige Krauskopf eines Negerjungen auf.

»Ich werde Mizanza Nachricht erteilen, dass Ihr darum bittet, der Festlichkeit beizuwohnen«, sagte der Torhüter von dem hölzernen Turme herunter zu John Davids, welcher durch Goliath um die Erlaubnis nachgesucht hatte.

Noch ehe er mit der Antwort zurückkam, erschien oben in dem Turmloch ein mit Tüchern verhülltes Gesicht.

»Was wollt ihr hier?«, fragte eine tiefe Stimme, die aber John Davids doch als die eines Weibes erkannte. »Ist euch nicht schon gestern Abend gesagt worden, ihr hättet heute keinen Zutritt in die Stadt?«

»Wir bringen reiche Geschenke mit«, ließ John Davids durch Goliath antworten.

»Wir brauchen eure Geschenke nicht! Wartet bis morgen!«

John Davids ließ sich jedoch nicht abschrecken, er wartete geduldig, bis der erste Wächter wiederkam. Bald erschien auch dessen Gesicht wieder in dem Fensterrahmen.

»Ihr dürft den Vorstellungen beiwohnen, wenn ihr viele Geschenke mit euch bringt.«

»Wir haben solche für den König.«

»Wie viele?«

John Davids wusste recht gut, wie er sich zu verhalten hatte. Fragte er, wie viel der König haben wolle, so verlangte der Wächter etwas ganz Ungeheuerliches, machte er aber ein Angebot, so schraubte der Vermittler es so hoch hinauf, wie ihm der König vorgeschrieben hatte, und verlangte dann noch etwas mehr für sich selbst.

Also nannte der Engländer eine Anzahl Doti von Baumwollstoff, Perlen, Draht, Gewehre u. s. w.

»Ich werde den König fragen, ob er damit zufrieden ist«, antwortete der Wächter und verschwand.

Wiederum wusste Davids, dass der Neger gar nicht zum König ging, sondern sich nur einfach hinter dem Fenster verbarg. Mizanza hätte gerade neben ihm stehen müssen, so schnell kam der Kopf wieder zum Vorschein.

»Das ist nicht genug.«

Er nannte eine bedeutend höhere Anzahl von Geschenken.

Der Handel ging hin und her, schließlich aber wurden sie einig. John Davids fügte für den Wächter noch ein besonderes Geschenk hinzu, und es wurde ihm gesagt, wenn die Tore geöffnet würden, könnten er, seine Begleiter und alle weißen Mädchen einziehen.

Außerdem aber wurde noch verlangt, dass keiner der Fremden eine Waffe bei sich trüge.

John Davids willigte ein, und eine Stunde später trugen Pagazis die wohl abgewogenen und abgemessenen Geschenke an die Tore, wo sie sofort in Empfang genommen wurden.

Einige Male kamen noch Boten, welche vom König die Nachricht brachten, das oder jenes wäre zu kurz oder zu leicht, schließlich aber war alles in Ordnung, und der letzte Bote brachte noch eine besondere Einladung, dass die Fremden als Gäste der Vorstellung beiwohnen sollten, der König ließ aber noch hinzufügen, dass die bisherigen Geschenke nicht etwa als Tribut zu betrachten seien. Dieseb würde er erst morgen in Empfang nehmen.

»Simbawenni möchte uns gar zu gern von ihrer Einweihung fernhalten«, meinte Ellen. »Ich glaube, sie fürchtet ein Eingreifen unsererseits. Der König aber ist zu habgierig.«

»Aber wie sollte sie ahnen, dass wir etwas von ihren unsauberen Geschichten wissen?«, sagte ein Mädchen.

»Sie hat eben ein böses Gewissen; vielleicht flüstert ihr auch eine Ahnung etwas ein. Nun, von uns hat sie nichts mehr zu fürchten, denn die rätselhafte Yamyhla scheint ja ihre Sache allein ausfechten zu wollen.«

Als die Tore geöffnet wurden, luden Boten des Königs die Musungus zum Betreten der Stadt ein, und ohne weitere Zeremonie traten die sechsundzwanzig Herren und fünfundzwanzig Damen in die Hüttenstadt ein; der Franzose hatte sich ihnen ebenfalls angeschlossen, nur Hannibal fehlte. Allerdings trug keines sichtbare Waffen, aber jedes hatte in der Tasche einen Revolver; und an eine körperliche Untersuchung war wohl nicht zu denken.

Mitten auf dem Schädelplatze empfingen der König und sein Gefolge die Fremden mit großer Feierlichkeit. Sie versicherten sich gegenseitig der innigsten Freundschaft, der größten Hochachtung, sie sagten sich gegenseitig die größten Schmeicheleien über ihre Macht und ihren Reichtum, kurz und gut, sie tauschten alle jene Redensarten, welche in Afrika ebenso zu Hause sind, wie in Europa oder sonst in der Welt.

Der lange, zeremonielle Empfang war vorüber, und die Gäste wurden nach dem Gerüste geführt, welches eigentlich für das Gefolge bestimmt war, das aber auf einer schnell gezimmerten, tieferen Etage placiert wurde, während der König, nur von seinen Ministern begleitet, mitten zwischen den Weißen, auf dem obersten Gerüste Platz nahm.

Der König sah zufrieden aus; das reiche Geschenk, der morgen zu erwartende Tribut und die Anwesenheit so vieler, mächtiger Musungus zauberten ein beständiges Lächeln auf seine nicht unschönen, schwarzen Züge.

Zur Feier des Tages war er sehr prächtig angezogen, und zur Ehre der Gäste hatte er noch einiges mehr getan. Das rote Gewand, welches sich um seinen Körper schlang, so, dass der rechte Arm entblößt blieb, war vom feinsten Wollstoffe; zusammengehalten wurde es von einer aus vielen Gliedern bestehenden, goldenen Kette, und auf dem wolligen Haar saß ein dicker, goldener Reifen. An Fuß- und Handgelenken klapperten bei jeder Bewegung unzählige silberne und goldene Reifen, und die Finger waren von unten bis oben mit Ringen bedeckt. Im Gürtel trug er den kunstvoll ausgelegten Dolch, das erste Geschenk der Fremden.

Sein Gefolge hatte ebenfalls die besten Gewänder angelegt, und die Eingeborenen, welche den Platz dicht umstanden oder auf den Hüttendächern saßen, wenigstens ihr bestes Lendentuch. Von den Amazonen konnte man noch nichts sehen.

Der große Platz war völlig leer, bis auf das Gerüst, welches den König und seine Gäste aufnahm, und ein anderes viel kleineres, welches vor ersterem stand. Beide erhoben sich an einer Seite des Platzes.

Lord Harrlington saß dicht neben dem Könige, und ehe die Vorstellung begann, musste er unbedingt etwas über Chaushilm erfahren, sonst hatte er keine Ruhe.

Hinter ihm war David, der Führer, als gelegentlicher Dolmetscher placiert, und durch diesen ließ er den König fragen, ob er ihm mitteilen könne, wo der entführte Chaushilm sich befände.

»Seid ohne Sorge um ihn, Bwana (Herr),« antwortete der König, »dein Freund ist zwar nicht hier, aber es geschieht ihm nichts! Eine Manyana ist bei ihm und schützt ihn. Nachher werde ich dir alles erzählen und dir sagen, wie du deinen Freund wiederfinden kannst.«


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Harrlington wurde aus dieser Rede nicht klug, er wusste nicht, dass Manyana Amazone bedeutet, aber er hatte keine Zeit, mehr zu fragen, denn der König hob den Arm und winkte — die Vorstellung begann.

Da kam zu beiden Seiten aus einer Hüttengasse ein langer Zug, der nimmer enden wollte. Es waren alles junge Mädchen und Frauen, die jüngste kaum vierzehn Jahre alt, keine aber über dreißig.

Sie waren alle in voller Kriegsrüstung. In der einen Hand trugen sie den zwei Meter hohen Schild, mit weißem Leder überspannt, in der anderen eine Lanze oder ein Schwert und auf dem Rücken Bogen, Pfeile und ein Bündel Wurfspeere.

Diejenigen, welche von rechts den Platz betraten, hatten ein rotes Tuch, die von links Kommenden ein blaues um die Hüften geschlungen, welches bis an die Knie aufgeschürzt war. Der ganze Oberkörper war nackt. Das Haar war hoch aufgetürmt und mit goldenen Bändern durchflochten, welche in der Sonne funkelten, und ebenso glänzte und gleißte Schmuck von allen Körperteilen. Die Füße und Beine trugen goldene Ringe, desgleichen die Handgelenke und Arme; um die Hüften schlang sich ein breites, goldenes Band, das Gewand haltend, und selbst die Schwertgriffe und Lanzenspitzen waren vergoldet.

Es war ein herrlicher Anblick, diese tadellosen Mädchengestalten zu sehen, an denen alles Ebenmaß und Schönheit war, und welche die Glieder den Blicken der Zuschauer unverhüllt darboten. Aber es wurde den an einen solchen Anblick nicht gewöhnten Fremdlingen fast zu viel, dieses fortwährende Hervorströmen der roten und blauen Gestalten aus den engen Gassen, dieses Gleißen und Funkeln des Goldes und der Waffen.

Schon war der Platz fast gefüllt, aber noch immer drängte es sich hervor; lautlos, still, graziös, mit leichten Schritten, Paar nach Paar kamen sie an, nur selten schlugen einmal die Schwerter aneinander.

Der Anblick war sinnbetäubend, die Gäste, besonders die Damen, fühlten einen Schwindel aufsteigen, sie konnten den Anblick dieser glänzenden Massen fast nicht mehr ertragen, einige von ihnen wurden wirklich unwohl.

Die Eingeborenen waren derartige Schauspiele schon gewöhnt. Sie klatschten oder schrien keinen Beifall, solange nicht das Zeichen dazu gegeben war, und eben diese fast lautlose Stille vermehrte den überwältigenden Eindruck.

In langsamen Schritten zogen die Blauen und Roten an der Tribüne vorüber, jedes Mal, wenn sie den König passierten, graziös das Schwert oder die Lanze zu Boden senkend, so ihre Ehrfurcht dem Gebieter, dem sie Treue geschworen hatten, bezeugend.

Dann trennten sie sich wieder und stellten sich, nach Farben geordnet, links und rechts, zu beiden Seiten des Platzes auf. »Fünftausend«, flüsterte Williams Miss Thomson zu, »ich habe sie gezählt.«

»Aber es sind verschiedene Junge eingeschoben, welche noch nicht zu der Truppe gehören«, flüsterte David, der Führer, zu Williams. »Ich vermisse einige. So müsste zum Beispiel die Anführerin der Roten, welche vor ihrer Farbe steht, Kasegora sein, aber sie ist es nicht, es ist ihre Stellvertreterin.«

»Was bedeuten die Farben?«, fragte Lord Harrlington.

»Nichts weiter. Es sind eben zwei Abteilungen, deren jede ihre Vorkämpferin hat. Über diesen beiden aber steht wieder eine, die erste Anführerin, zu der Simbawenni erhoben werden soll.«

»Ist diese schon dabei?«

»Nein, sie darf sich jetzt noch nicht zeigen. Sie erscheint erst, wenn die führerlosen Amazonen eine Beherrscherin begehren. Es ist ein Spiel, welches Sie nachher sehen und begreifen werden. Da kommt der Sprecher, schade, dass Sie nichts verstehen.«

Viele Könige Afrikas, so auch der König von Dahomey, halten sich einen Sprecher, einen des Redens besonders kundigen Mann, der das Volk begeistern kann.

Der einfach gekleidete, wirklich intelligent aussehende Mann bestieg das kleinere Gerüst und sprach zu dem lautlos lauschenden Volke und den unbeweglich dastehenden Amazonen.

Mit einem Male unterbrach ein jubelnder Schrei zum ersten Male die Stille, das Volk brüllte, und die Amazonen schlugen die Waffen zusammen, was später noch mehrmals geschah.

»Was hat er gesagt?«, fragte Williams.

»Er zählt die Heldentaten der Könige auf«, erwiderte David, der Führer, »und jetzt spricht er von den Amazonen, von ihren ruhmvollen Kämpfen, von ihrer Treue zum König, er zählt die Taten der einzelnen Mädchen auf — da, jetzt nennt er die Namen derjenigen, welche für Mizanza im Kampfe gefallen sind. Sehen Sie, wie die Amazonen die Lanzen schütteln.«

Nachdem der Redner ausgesprochen, begannen die Waffenspiele. Hier konnte man bewundern, welche Fertigkeit eine Person, auch ein Weib, erlangen kann, wenn sie von frühester Jugend an einzig und allein für die Kunst, Lanze, Schwert und Bogen zu handhaben, erzogen wird.

Es war herrlich, zwei solche schlanke, schöne Gestalten zu sehen, wie sie blitzschnell aufeinander zusprangen, die Schwerter schwangen, den Hieben auswichen, die schwarzen Leiber hin- und herwiegend, bald zum Schlage sich vorlegend, bald zum Schutze zurückweichend. Dann plötzlich hielt die Hand, welche eben noch das Schwert gefasst, einen Speer zum Wurfe erhoben, zischend sauste er durch die Luft, aber er prallte an dem schnell vorgehaltenen Schilde ab.

Der Bogen entsandte Pfeil auf Pfeil, schneller als man zählen konnte, aber stets wurden sie zur Seite geschlagen, oder mit dem Schilde aufgefangen. Dann wieder sprangen zwei Kämpferinnen mit vorgehaltenen Schilden aufeinander los, stießen zusammen, prallten auseinander und ließen dabei fortwährend die Schwerter zusammenklirren, nicht etwa nur vorsichtig, um Lärm zu machen, sondern jeder Hieb hätte genügt, den Kopf der Gegnerin zu spalten.

Doch selten nur geschah es, dass eine einmal eine leichte Verletzung davontrug, welche sie aber unbeachtet ließ und ruhig an dem ferneren Kampfe teilnahm.

Zwei Lanzenfechterinnen wurden zusammengestellt, und bei diesen konnte man besonders die Behändigkeit im Springen bewundern, denn die Lanze bedrohte meist den unteren Körper; doch immer wusste die Bedrohte mit einem Satze dem Lanzenstiche auszuweichen und fing dann wieder den für die Brust berechneten Stoß mit dem Schilde auf.

Diese Schilde der Krieger von Tahumeh sind mit dickem Büffelleder bespannt, wie die der Kaffern, oder auch wie die einiger Indianerstämme Nordamerikas; die der letzteren sind aber klein und rund, während die in Afrika gebräuchlichen zwei Meter lang und einen Meter breit sind. Das Leder ist so fest und widerstandsfähig, dass es einer Rundkugel vollkommen trotzt, aber in dem Kampfe zwischen den Kaffern und Engländern, Ende der siebziger Jahre, waren letztere nicht wenig erstaunt, auch ihre Spitzkugeln, welche sonst die Haut des Rhinozeros durchbohren, von diesen Schilden machtlos abprallen zu sehen. Die Neger wissen, ebenso wie die Indianer, dem Schilde eine schiefe Stellung zu geben, sodass selbst die Spitzkugeln ihre Wirkung verlieren und abgleiten.

Dann traten die Kämpferinnen sich zwei und zwei gegenüber und unterstützten sich im Angriff wie in der Verteidigung; oft hatte eine sich gegen zwei Schwerter oder gegen ein Schwert und eine Lanze zu schützen; ihnen gesellten sich wieder andere bei, und schließlich kämpfte eine ganze Reihe gegeneinander, wohl fünfzig Amazonen gegen fünfzig andere, ohne die Richtung zu verlieren. Die schwarzen Körper glänzten in der Sonne, der Goldschmuck funkelte, und die Schwerter und Lanzenspitzen warfen Blitze. Auf der einen Seite kämpften stets die Roten, auf der anderen die Blauen.

Die Kämpfe wurden unterbrochen. Die Amazonen, welche schon gefochten hatten, lehnten sich hochatmend auf die Lanzen und ruhten aus, die Übrigen erwarteten, mit vor Begierde funkelnden Augen, den Moment, da sie an die Reihe kämen, denn jetzt sollte bald das Schauspiel beginnen, an dem sie alle teilnahmen.

Auch die beiden Vorkämpferinnen waren bis jetzt nur Zuschauer und Schiedsrichter gewesen, sie hatten stets die Scheidenden getrennt und eine als Siegerin erklärt.

Da flog plötzlich von dem Dache der Medizinhütte ein breiter und hoher Goldring, mit Diamanten besetzt durch die Luft und fiel gerade zwischen die beiden Vorkämpferinnen. »Es ist der Kopfputz der Führerin«, flüsterte David, »wer ihn erbeutet, der wird als solche eingesetzt, aber es ist schon ausgemacht, dass ihn keine der beiden bekommt.«

Kaum lag der Kopfputz zwischen ihnen, so stürzten die beiden Vorkämpferinnen auf ihn, als wollten sie ihn aufheben, prallten aber gerade, als sie sich beide nach ihm bückten, mit den Schilden zusammen. Sie richteten sich hoch auf, sahen sich an, und im nächsten Moment klirrten beider Schwerter zusammen.

»Jetzt streiten sie sich um das Zeichen der Herrscherwürde«, erklärte David.

»Wer erhält es?«, fragte Ellen.

»Keine von beiden; sie töten sich gegenseitig, doch natürlich nur scheinbar. Passen Sie nur auf!«

Waren die Gäste schon bisher entzückt gewesen über die Kunstfertigkeit der Mädchen im Fechten, so brachen sie beim Anblick, dieser beiden Kämpferinnen in laute Rufe des Entzückens aus. Man sah gar keine Waffen mehr, nur unzählige Blitze schwebten bald über ihren Köpfen, bald um ihre Brust, bald dicht über dem Boden, je nachdem sie die Schwerter schwangen; ihr Vor- und Rückwärtsspringen geschah so schnell, dass man den schwarzen Körpern nicht mehr mit den Blicken folgen konnte, auch konnte man ihre goldenen Ringe nicht mehr unterscheiden, der Schmuck zerfloss in goldene Strahlen. Die Kämpferinnen liefen blitzschnell zurück, stürzten wieder vor, prallten mit den Schilden zusammen, fochten mit unglaublicher Schnelligkeit und sprangen wieder zurück, um einen neuen Anlauf zu machen.

Der Kampf drehte sich stets um den Ring, immer waren sie bemüht, ihn vom Boden aufzuheben, doch wurde die sich schon danach Bückende immer wieder genötigt, davon abzustehen.

Das Volk jubelte laut. Die Amazonen verhielten sich nicht mehr ruhig, sie feuerten ihre Vorkämpferinnen durch begeisternde Zurufe an und schwangen die Waffen in der Luft, und nicht nur der König und sein Gefolge klatschten vor Entzücken in die Hände, auch die Gäste wurden durch dieses Schauspiel zu ähnlichen Beifallsbezeugungen hingerissen.

Dass die blaue Kämpferin die bessere war, war nicht zu verkennen. Oft schon hatte sie ihre Gegnerin so weit zurückgedrängt, dass es ihr möglich gewesen wäre, durch einen schnellen Rücksprung in den Besitz des Ringes zu kommen, aber da dies nicht der Vorschrift des Spiels gemäß gewesen wäre, so ließ sie eine solche Gelegenheit stets vorübergehen.

»Wenn Kasegora da wäre«, flüsterte David wieder, »da hätten Sie einmal eine Fechterin sehen können! Dann wäre die Blaue diejenige, welche immer zurückgedrängt würde. Wunderbar, dass Kasegora nicht da ist, sie muss krank sein. Schade! Jammerschade!«

»Ist Kasegora eine so gute Fechterin?«, fragte Ellen.

»Eine sehr gute, fast die beste.«

»Und Simbawenni?«

»Die ist auch eine sehr gute, aber mit Kasegora kann sie sich, im Schwertkampf wenigstens, nicht messen, denn dazu gehört mehr Kunst, und Simbawenni ist weniger stark, aber sehr gewandt. Sie versteht viele Kniffe, durch welche sie gewöhnlich siegt.«

»Wie kommt es denn aber, dass Simbawenni zur Führerin gewählt wird, wenn sie nicht die beste ist?«, fragte Ellen weiter.

David lächelte schlau.

»Sie ist listig, wie keine andere, und sie ist ja auch die Lieblingsfrau des Königs. Überdies ist sie nach Kasegora die beste Fechterin.«

»Wer ist die blaue Vorkämpferin?«

»Ulimenga, sie soll eine Feindin der Kasegora sein und der Simbawenni beste Freundin. Möglich«, fügte David nachdenkend hinzu, »dass Kasegora darum nicht hier ist, weil sie mit Ulimenga nicht kämpfen will, es sei denn auf Leben und Tod. Auch soll sie die Simbawenni nicht leiden mögen und will vielleicht nicht zu Ehren von deren Erhebung fechten.«

»Ich möchte Simbawenni gern einmal fechten sehen«, sagte Ellen.

»Das wäre sehr schön, sie kann springen, wie keine zweite. Aber«, fuhr David fort, »Sie hätten Yamyhla sehen sollen, welche vor zwei Jahren in die Sklaverei gehen musste! Der konnten weder Simbawenni noch Ulimenga das Wasser reichen, sie hätte gegen die besten Amazonen zu gleicher Zeit kämpfen können.«

Die Anwesenheit Yamyhlas bei der Karawane war geheimgehalten worden, und so hatte niemand erfahren, dass die einstige Anführerin der Amazonen in ihrer Heimat sei, mit Ausnahme Ngaraisos, des Medizinmannes.

Ellen lächelte, als David im Lobe Yamyhlas überfloss und es bedauerte, sie nicht hier sehen zu können. Doch jetzt mussten sie ihre Aufmerksamkeit wieder den beiden Fechterinnen zuwenden, welche sich noch immer um den Kopfschmuck stritten, denn sicher trat bald eine Wendung ein.

Die Bewegungen der beiden Fechterinnen wurden nach und nach langsamer, die Schwerter begannen schon weniger oft zusammenzuschlagen, beide Mädchen fingen an zu taumeln, und plötzlich stürzten die Blaue sowohl, wie die Rote zu Boden, sich tot stellend.

Dies war das Zeichen für die Umstehenden.

Den Kriegsruf ausstoßend, stürzten sie plötzlich mit vorgehaltenen Schilden aufeinander los, die Roten gegen die Blauen. Wie Blitze sausten die Schwerter durch die Luft, die zusammenprallenden Schilde gaben den Donner dazu, und das gellende Kriegsgeschrei glich dem Heulen des Sturmes.

Es war ein nervenerschütterndes Schauspiel, diese fünftausend funkelnden Gestalten miteinander kämpfen zu sehen.

Der Kampf drehte sich hauptsächlich um den Platz, wo der Kopfschmuck lag. Jede versuchte, zu ihm zu gelangen, und bald löste sich dadurch auch die Ordnung der Farben. Blau kämpfte nicht mehr gegen Rot, sondern eine Farbe kämpfte gegen die eigene, eine blaue Amazone gegen eine blaue, eine rote gegen eine rote, alles löste sich in ein wildes Durcheinander auf, die Mädchen stürzten zu Boden, absichtlich oder wirklich verwundet — man wusste es nicht — über ihre Leiber hinweg stürmten die Kämpfenden, dem Ringe zustrebend, sie standen auf den Leichen und schwangen die Lanzen, bis auch sie neben jene hinfielen.

Es war schrecklich, nervenerschütternd!

Endlich, wie auf ein geheimes Zeichen, verstummte der Kampf plötzlich, über die Hälfte der Amazonen lag am Boden, die Anderen lehnten sich atemlos auf die Lanzen oder stützten sich auf die langen, krummen Schwerter. An einigen floss wirklich das Blut herab, und an verschiedenen Stellen war der Boden gerötet. Nicht alle, welche am Boden lagen, hatten sich aus Verstellung hingeworfen, manche konnten wohl nicht wieder aufstehen — so glaubten wenigstens die Gäste.

Der Ring lag noch immer auf derselben Stelle. Niemand hatte ihn aufzuheben vermocht.

Jetzt trat der Sprecher wieder auf das kleine Gerüst, diesmal sich aber nicht zu dem Volke, sondern zum Könige wendend, und hielt eine lange Rede, wobei er von den noch lebenden Amazonen oft durch Beifallsrufe unterbrochen wurde.

»Die Amazonen wünschen eine Führerin«, erklärte David, »sie sagen, keine wäre unter ihnen, welche die Führerkrone erlangen könne, sie würden sich noch alle töten, wenn der König ihnen nicht eine Herrscherin wähle, welche würdig wäre, die Krone zu tragen.«

Der Sprecher verließ das Gerüst, die Leiter herabkletternd, und sofort trat aus dem Gefolge des Königs eine Gestalt hervor und stand mit einem leichten Sprunge auf der Tribüne.

Es war Simbawenni.

Sie trug keine Waffen, sonst war sie ebenso wie die übrigen Amazonen geschmückt und gekleidet, nur dass ihr den Unterkörper verhüllendes Gewand aus roten und blauen Streifen zusammengesetzt war, somit andeutend, dass sie sowohl über die Blauen, als auch über die Roten herrschen werde.

Sie wendete sich erst zu dem Könige, verneigte, sich mit gekreuzten Armen demütig vor ihrem Gebieter und drehte sich dann den Amazonen zu, welche bis jetzt noch keine Freude zu erkennen gaben, sondern regungslos so blieben, wie sie eben standen oder lagen.

Da öffnete sich die Tür der Medizinhütte, und heraus trat eine sonderbar aufgeputzte Gestalt, in bunte, mit Malereien bedeckte Tücher gehüllt, auf dem Kopfe einen merkwürdigen Aufputz von Hörnern und Geweihen, vor dem Gesicht eine scheußliche Teufelsfratze, und in der Hand jene Zauberkeule, welcher schon einmal Erwähnung getan wurde.

»Ngaraiso«, erklärte David, »er holt jetzt den Ring und krönt damit Simbawenni. Dann erst zollen ihr die Amazonen und das Volk grenzenlosen Beifall.«

Der Medizinmann, der durch den hohen Kopfschmuck sehr groß erschien, bewegte sich hüpfend und tanzend nach dem Platze, sprang über die gefallenen Amazonen hinweg, drehte sich im Kreise und schwang dabei fortwährend die Keule umher. Als er bei dem Ringe anlangte, drehte er sich wieder mehrere Male um sich selbst und bewegte sich dann unter seltsamen Wendungen auf das Gerüst zu, auf welchem Simbawenni stand und ihn erwartete.

Der Medizinmann, in der einen Hand die Keule, in der anderen den Kopfschmuck, bestieg, ohne sich der Hände zu bedienen, die Leiter und betrat das Gerüst, sich dann unter Zaubersprüchen und Verrenkungen des Körpers um das Mädchen herumbewegend.

Jetzt blieb er vor Simbawenni stehen, ließ die Keule fallen und erhob den Ring,

Des schwarzen Mädchens Züge strahlten vor Entzücken, jetzt endlich war der Augenblick gekommen, da sie Anführerin der Amazonen wurde, eine Stellung, welche der eines Königs glich.

Schon senkte sich des Zauberers Hand, um ihr den Schmuck auf den Kopf zu drücken, da plötzlich ließ er den Ring über seinen Arm gleiten, blitzschnell griff er in ihr Haar, mit der anderen Hand in sein Gewand, ein heller Stahl sauste durch die Luft, ein Körper stürzte vom Gerüst, ein buntes Kleid und eine Maske folgten ihm nach und auf dem Gerüst stand hoch aufgerichtet — Yamyhla, in ihrer Amazonentracht, dem rot- und blaugestreiften Kleide der Führerin, in der einen Hand ein kleines krummes Schwert und in der anderen das abgeschlagene Haupt Simbawennis hoch emporhaltend, es nach allen Seiten hin zeigend.


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Dann schleuderte sie den Kopf dem Körper nach und setzte sich selbst den Schmuck auf.

Ein tausendstimmiger Schrei des Entsetzens erschallte ringsum, er wurde beantwortet von den Zuschauern auf der Tribüne, die vom Blute der Ermordeten bespritzt worden waren. Einige Sekunden blieben alle wie gelähmt stehen; nichts geschah, nichts war hörbar, dann aber, als Yamyhla mit lauter Stimme etwas gerufen hatte, kam plötzlich Bewegung in die Erstarrten. Der König stand auf, die Volksmenge wogte hin und her; am allermeisten Tumult entstand aber unter den Amazonen.

Kaum war Yamyhlas Stimme erschollen, so sprangen plötzlich wie auf Kommando alle am Boden liegenden Amazonen auf und drängten sich mit den schon Stehenden nach dem Gerüste hin, auf dem Yamyhla noch stand, nur wenige von ihnen blieben zurück, meist blaue.

Da stieß plötzlich Yamyhla das gellende Kriegsgeheul der Amazonen aus, was aus Tausenden von Kehlen Widerhall fand, war mit einem Sprunge an der Spitze der Viertausend und drang mit erhobenem Schwert auf die Übrigen ein. Was vorhin nur ein Kriegsspiel gewesen war, das wurde jetzt Wirklichkeit, das Kriegsgeschrei vermischte sich mit Wehegeheul — auf dem Platze entstand eine Metzelei, ohne dass die Zuschauer eine Ahnung davon hatten, dass dies kein Scheinkampf war.

Die überraschten Amazonen hoben zwar auch die Waffen, um den auf sie Einstürmenden zu begegnen, aber sie konnten dem heftigen Anprall nicht widerstehen, ihre Waffenkunst nutzte ihnen jetzt nichts mehr.

Wie Berserker, den furchtbaren Schlachtruf auf den Lippen, so stürzten die Amazonen auf sie los, allen voran Yamyhla, wie eine Kriegsgöttin anzusehen. Ihr Schwert glich der Sense des Todes; jeder Hieb mähte Köpfe ab, es half kein Schild, kein Gegenhieb, dem kräftigen Arme der Führerin war niemand gewachsen. Und auch die anderen Amazonen, welche Yamyhla folgten, hausten wie Würgengel.

Nach einigen Minuten war nicht eine einzige von denjenigen noch am Leben, welche sich nicht zu Yamyhla gedrängt hatten — es war alles ein verabredeter Plan gewesen.

»Entsetzlich!«, stöhnten die weißen Gäste auf dem Gerüst, die als Zuschauer diesem furchtbaren Gemetzel beiwohnen mussten.

Einige Herren und Damen waren aufgesprungen, um das Gerüst wenigstens zu verlassen, aber die Ruhigen drangen mit ihrem Rate durch, vorläufig sich ganz ruhig zu verhalten und vor allen Dingen sich teilnahmslos zu stellen, denn leicht konnte sich sonst die Wut gegen sie kehren.

Die umstehenden Neger waren unterdes nicht alle nur Zuschauer gewesen; viele hatten sich entfernt, und plötzlich starrte der Platz ringsum von Waffen, die Schilde wurden geschwenkt, und alle, welche so kriegerisch auftraten, schrien wieder und wieder jauchzend den Namen Yamyhla, damit andeutend, dass diejenigen, welche Yamyhla nicht als Führerin anerkennen wollten, dasselbe Schicksal wie die gegnerischen Amazonen zu erwarten hätten.

Ngaraiso hatte die Fackel des Aufruhrs unter die Krieger und Amazonen geworfen, er hatte von der Rückkehr Yamyhlas erzählt, und mit wenigen Ausnahmen wurde die rechtmäßige Anführerin der Amazonen von ihren Stammesgenossen mit unbeschreiblicher Freude begrüßt.

Die der neuen Anführerin feindlich gesinnten Amazonen lagen verblutet auf dem Wahlplatze, auch unter den Negern waren einige heftige Zusammenstöße vorgekommen, aber die Ruhe war wiederhergestellt.

Im Triumphe wurde Yamyhla auf den Schilden emporgehoben und den Amazonen und Eingeborenen gezeigt; ein nicht enden wollender Jubel begrüßte sie; von, Mund zu Mund ging das Gerücht, wie Simbawenni nur durch schamlosen Betrug jenen Streit gewonnen hatte, wegen dessen sie heute bald zur Anführerin gewählt worden wäre. Es wurde nicht gefragt, ob diese Gerüchte wahr seien, man glaubte ihnen. Ngaraiso behauptete es, Yamyhla sagte es, und der erschrockene König gab zu, dass Yamyhla eigentlich die Herrscherwürde über die Amazonen verdient hätte.

Er war froh, dass die zurückgekehrte Yamyhla nicht auch gegen ihn feindlich auftrat, sondern ihren Rücken demütig vor ihm beugte und sich seiner Macht unterstellte, denn heute hätte sie selbst über ihn Gewalt gehabt. Er empfing sie daher freundlich und bestätigte sie als Führerin seiner Amazonen.

Dann wandte sich die Aufmerksamkeit der Amazonen und des Volkes zugleich plötzlich von der umdrängten Yamyhla ab und den fremden Gästen zu, ein donnerndes Geschrei und helles Waffenklirren erschütterte die Luft, die wogende Menge drängte sich um das Gerüst, nicht um den König und die Großen des Hofes, sondern um den Musungus, den weißen Gästen, ihre Anerkennung zu zollen, denn von Yamyhla hatten sie erfahren, dass nur diese es gewesen seien, welche die Rückkehr der Anführerin ermöglicht hatten.

Yamyhla selbst musste die Amazonen abhalten, dass sie in ihrer Freude nicht die Gäste auf die Schilde hoben und auf dem Platze umhertrugen, aber sie konnte nicht verhindern, dass das Volk sie umdrängte und mit lärmendem Jubelgeschrei begrüßte.

Der König war unfähig, sich seinen Gästen ferner zu widmen, erst jetzt erfuhr er nach und nach von einigen aus seinen Gefolge, welcher Missmut unter seinen Leuten und ganz besonders unter den Amazonen geherrscht habe, und zwar einzig und allein Simbawennis wegen, weil diese unbeliebte Amazone Anführerin werden sollte, und weil man fürchtete, dass dieses Weib seine Macht missbrauchen würde. Wäre Yamyhla nicht plötzlich erschienen, wer weiß, ob sich die längst schon angesammelte, allgemeine Wut nicht gegen ihn selbst gerichtet hätte, gegen Simbawenni aber sicher. Aber da Yamyhla dem Könige Gehorsam zeigte, so hatte dieser nichts mehr zu fürchten, sie beherrschte Amazonen und Krieger vollkommen.

Sobald es die Umstände erlaubten, entfernten sich unsere Freunde und begaben sich nach ihrem Lager zurück. Sie waren zu aufgeregt, um der nachfolgenden Schmauserei und dem Zechgelage beizuwohnen. Wo eben tausend Menschen niedergemetzelt worden waren, da wurden jetzt ebenso viel Stück Vieh abgeschlachtet, kaum, dass der Platz von den Leichen gesäubert worden war. Das Blut der letzteren vermischte sich mit dem der ersteren.

Die Herren, wie die Mädchen wanderten unbefriedigt in ihren Zelten auf und ab.

»Keine einzige Mitteilung konnte ich über Chaushilm erhalten«, sagte Lord Harrlington zu seinen Freunden. »Niemand wollte mir Rede stehen, Yamyhla und wieder Yamyhla, das war das einzige, worüber man sich mit den Leuten unterhalten konnte.«

»Sie wird nicht lange auf sich warten lassen«, entgegnete Ellen, »sobald sie abkommen kann, wird sie ihre alten Freundinnen aufsuchen. Ein Glück ist es, dass dieser Ngaraiso ein aufgeklärter Mann ist, mit dem man reden kann; mit seiner und Yamyhlas Hilfe wird es uns leicht sein, Marquis Chaushilm wieder aufzufinden, sei er tot oder lebendig.«

Nicht lange dauerte es, so bewegte sich aus den Toren der Stadt ein schier endloser Zug von Weibern, aber keine Amazonen, welche alle Körbchen oder Holzschalen auf ihren Köpfen trugen.

»Als Dank für Yamyhlas Errettung vom König Mizanza, dem mächtigsten Herrscher des Westens, den Weißen Fremdlingen als Geschenk«, das war ungefähr der Sinn, welcher in der langen, überschwänglichen Rede des sprachgewandten Boten lag, ehe die Weiber ihre Geschenke abluden.

Die Körbe und Schalen enthielten Hammel, Ziegen- und Rindfleisch; alle Sorten Geflügel und Wild, Bohnen, Reis, Mais, Durra und andere Hülsenfrüchte, so viel, dass die ganze Karawane wohl acht Tage davon hätte leben können.

Die Weiber kehrten mit reichen Gegengeschenken an Stoff, Perlen und Draht zurück, und dann machten sich Weiße, wie Schwarze an die Zubereitung des Mahles, denn in Afrika kann man selten im Genusse des Fleisches schwelgen; Schlachtvieh ist nicht immer genügend aufzutreiben, und Wild in bewohnteren Gegenden zu schwer zu schießen, um eine ganze Karawane damit ernähren zu können.

Hatten aber die Weißen geglaubt, diese Vorräte würden eventuell acht Tage reichen, so gaben sie doch bald ihren Irrtum zu, denn hier sahen sie zum ersten Male, was ein Neger im Essen leisten kann, wenn er Überfluss davon hat. Die Vorräte wären noch in derselben Nacht vertilgt worden, hätte man den Schwarzen nicht die Reste aus den Zähnen gerückt.

Es ist eine Tatsache, dass acht Neger einen ganzen Ochsen innerhalb einer Nacht auffressen können, ohne Magendrücken hinterher zu verspüren; unsere Kolonisten in Afrika können davon zeugen.

Gegen Abend wurden auch einige Fässer Pembe ins Lager gerollt, zum Jubel der Pagazis, und je mehr diese infolge des berauschenden Getränkes zu lärmen begannen, umso mehr stieg auch der Tumult in der Hüttenstadt, nur in vergrößertem Maßstabe, denn dort fand jetzt ein Zechgelage statt.

Als das Geschrei und Geheul der tanzenden Neger in der Stadt schon gar nicht mehr menschlich klang — es war gegen Abend — erschienen im Lager zwei vermummte Gestalten, welche sich jedoch bei Eintritt in das Zeltlager sofort zu erkennen gaben — Yamyhla und Ngaraiso. Als die erste Begrüßung vorüber war, fragte Lord Harrlington nach Marquis Chaushilm.

»Der ist von Kasegora, einer Amazone und Vorkämpferin, geheiratet worden«, erklärte Yamyhla mit gewöhnlichem Ernst.

Die Herren und Damen brachen in Rufe des Erstaunens aus, sie glaubten, das Mädchen treibe Scherz mit ihnen, bis dieses es ihnen nochmals versicherte und den Hergang so erzählte, wie sie ihn selber zu hören bekommen hatte.

»Kasegora war die ärgste Feindin Simbawennis«, fuhr Yamyhla fort, »und diese wusste, dass eben dieses Mädchen sie gern stürzen möchte und es auch getan hätte, sobald Simbawenni Anführerin war. Letztere suchte immer Streit mit Kasegora, um diese zu einer unvorsichtigen Tat gegen sie selbst zu verleiten, und dann würde der König Kasegoras Haupt haben fallen lassen, denn er betrachtete Simbawenni schon als Anführerin der Amazonen, obgleich sie es noch gar nicht war. Aber Kasegora war vorsichtig und ließ sich nie etwas zu schulden kommen, denn der Aufstand gegen Simbawenni war unter den Amazonen noch nicht völlig zu stande gekommen. Da erfuhr Simbawenni, dass Kasegora einen Weißen, welcher eine Medizin, die Totenschädel von drei Zauberern, beleidigt hatte und deshalb hätte sterben müssen, durch Heirat vom Tode befreit habe; sie begab sich nach der Hütte der Feindin und forderte von ihr, sie solle den Weißen, Marquis Chaushilm, wieder verstoßen und ihn somit dem Tode überliefern. Kasegora weigerte sich; sie wurde heftig gegen Simbawenni, und schließlich entfernte sich diese, den Vorfall dem Könige anzuzeigen. Kurz entschlossen entfloh Kasegora einige Minuten vorher, ehe der König Amazonen ausschicken konnte, um sie zu fesseln.

»Und Chaushilm?«, fragte Ellen.

»Den nahm sie mit.«

»Warum?«

»Weil sie ihn liebte.«

Die Zuhörer waren sprachlos über diese Worte, welche Yamyhla ruhig, ernst und bestimmt aussprach.

»Woraus schließt du, dass Kasegora den Fremden liebte, den sie vorher noch nie gesehen hatte?«, fragte Ellen endlich wieder.

Yamyhla lächelte.

»Sonst würde sie ihn nicht durch Heirat vom Tode gerettet haben«, entgegnete sie. »Sie hätte Simbawenni nicht getrotzt und hätte Chaushilm nicht mitgenommen.«

Der Beweis war überzeugend.

»Wie kann aber Kasegora jemanden heiraten, den sie zum ersten Male sieht?«

»Die Amazone heiratet den, der ihr gefällt«, sagte Yamyhla einfach.

»Ist diese Ehe unlöslich?«, fragte Harrlington.

Yamyhla antwortete nicht, weil sie diese Frage nicht verstand, aber Hannibal erklärte, dass dies nicht der Fall sei, das Zerschlagen der Krüge bedeute zwar eine Heirat, diese könne aber jederzeit wieder aufgelöst werden.

»Und wohin mag Kasegora mit Chaushilm geflohen sein?«, fragte Harrlington weiter.

»Nach Tabua, einer Stadt im Staate Ryffi, zehn Tagereisen von hier, aber eine Karawane braucht mindestens sechzehn Tage.« »Warum glaubst du dies? Hat sie jemandem etwas davon gesagt?«

»Nein, aber ich weiß, dass Kasegora nur zwei Blutsfreunde hat, mich und den Häuptling von Tabua. Zu letzterem ist sie auf jeden Fall geflohen, sie hat zwei Pferde mitgenommen. Wenn sie gewusst hätte, dass ich zurückgekehrt sei, so hätte sie mich erwartet und wäre nicht geflohen.«

»So müssen wir nach Tabua ziehen«, wendete sich Harrlington an die Umstehenden.

»Doch sag, Yamyhla«, fragte er wieder die Amazone, »hast du gehört, ob Chaushilm ihr willig gefolgt ist? Das wäre doch sehr sonderbar.«

Yamyhla zuckte die vollen Schultern, und ein spöttisches Lächeln huschte über ihr bronzefarbenes Gesicht.

»Dann wird Kasegora den kleinen Engländer eben gezwungen haben, ihr zu folgen.«

Die Anwesenden hörten das bestürzt.

»So ist auch anzunehmen, dass Kasegora ihren Geliebten nicht gutwillig wieder ausliefern wird!«, rief Harrlington niedergeschlagen. Er sah schon eine Kette von Mühseligkeiten vor seinen Augen, deren Überwindung Tod und Vernichtung nach sich ziehen konnte.

»Ich kann nicht einsehen, warum Kasegora den Mann, den sie liebt, nicht besitzen soll«, entgegnete Yamyhla. »Aber ich war schon zu lange unter euch, um nicht gelernt zu haben, dass eine solche Heirat für den Engländer eine Unmöglichkeit ist, und daher werde ich selbst mein Möglichstes tun, um euch euren Freund ohne Anwendung von Gewalt wieder zuzuführen. Ich bin Kasegoras beste Freundin, vielleicht hört sie auf meine Bitte, und tut sie es nicht, so muss Ngaraiso seine Macht anwenden. Ich glaube nicht, dass sie dieser trotzen wird.«

»Kasegora ist sehr abergläubisch«, flüsterte der Medizinmann Harrlington zu.

»Eure Führer wissen den Weg nach Tabua«, fuhr Yamyhla fort, »so folgt ihnen, sobald ihr könnt. Ich muss unbedingt noch hier bleiben, um den ferneren Festlichkeiten beizuwohnen, aber sobald ich kann, stoße ich mit einer bewaffneten Macht zu euch. Unterdes sende ich berittene Eilboten nach Tabua, damit diese sich erkundigen, ob Kasegora dort schon eingetroffen ist, vielleicht treffen sie dieselbe noch auf dem Wege, auf jeden Fall aber erhalte ich von den Boten bestimmte Nachricht. Erfährt Kasegora, dass ich Anführerin geworden bin, so wird sie zurückkehren, und ihr werdet sie unterwegs treffen. Also seid gutes Mutes.«

Ngaraiso hatte unterdessen dem aufmerksam zuhörenden Williams erzählt, wie er den Amazonen, von denen er wusste, dass sie Simbawenni nicht als Anführerin wünschten, von Yamyhlas Rückkehr erzählt habe, und wie enthusiastisch diese Nachricht aufgenommen worden sei. Er selbst hatte noch gar keine Ahnung davon gehabt, dass nicht nur unter den Amazonen, sondern auch unter allen Kriegern von Dahomey ein förmlicher Aufstand geplant war, um die Weiberherrschaft abzuschütteln, denn Mizanza folgte einzig und allein den Ratschlägen seiner Lieblingsfrau Simbawenni.

Am Tage des Festes sollte diese Wirtschaft aufhören. Simbawenni musste fallen, mit ihr alle ihr anhängenden Amazonen, und vielleicht auch die Krieger, welche mit der Erhebung Yamyhlas nicht einverstanden waren.

Mit der Enthauptung Simbawennis gab Yamyhla das Zeichen zum Niedermetzeln der völlig Ahnungslosen, aber, sagte Ngaraiso, es wäre noch nicht so blutig abgegangen, wie es zu erwarten gewesen wäre, denn die an Simbawenni hängenden Männer hätten sich ruhig verhalten.

Die beiden Neger verabschiedeten sich herzlich von den weißen Fremdlingen. Mit dem Wunsche baldigen Wiedersehens schlugen sie die Tücher wieder um sich und verließen das Lager.

Der alte Zauberer schritt jetzt freundlich an der Seite derjenigen, welche er einst durch seine Hilfe gestürzt hatte, aber Yamyhla zürnte ihm nicht mehr, er hatte seine früheren Vergehen wieder gutzumachen gesucht. Ngaraiso stand seit dem letzten Regenfall, dem bald ein anderer nachzufolgen schien, in hoher Gunst bei dem Volke, er hätte selbst vermocht, den ganzen Aufstand zu dämpfen, ohne ihn wäre Yamyhla nicht als Führerin anerkannt worden, denn die Dahomeyneger sind maßlos abergläubisch, und selbst die Amazonen hätten ihm gehorcht, weil diese zum Waffenglück seinen Segen brauchten.

*

Als Harrlington sein Zelt betrat, fand er Hannibal auf seines Herrn Segeltuchstuhl sitzen und eine Pfeife rauchen.

»Nun, Hannibal«, redete ihn Harrlington freundlich an, »hast du keine Lust, bei deinen Landsleuten zu bleiben? Du kannst beim König leicht einen hohen Rang einnehmen und erster Minister werden.«

»Hannibal ist noch immer derjenige, welcher den Dahomeynegern den Branntwein zu trinken gegeben hat«, sagte er kopfschüttelnd, »Ngaraiso oder ich, einer von uns beiden muss getötet werden.«

»Ach was! Ngaraiso, dieser alte Fuchs wird Mittel und Wege finden, um deine Ehre wiederherzustellen, ohne sich selbst oder überhaupt jemanden zu beschuldigen. Er sagt einfach, ein Gott hat ihnen den Branntwein verabreicht, du bist unschuldig, und die Geschichte ist abgetan.«

Hannibal lächelte schlau,

»Hm«, meinte er, »Minister des Königs ist ja ein ganz schöner Posten, aber glauben Sie denn, Lord, ein Mann wie ich, mit solchen Kenntnissen und solcher Bildung, passe noch unter dieses Volk? Minister von Dahomeyh, bah, jeder dumme Junge kann das werden! Nein, nein, Lord, Sie wollen mich nur versuchen, ich weiß ganz genau, wie sehr Sie mich bei sich zu behalten wünschen, damit ich Ihnen mit meinen Kenntnissen aushelfen kann.«

Und Hannibal zog ein Futteral aus der Tasche, entnahm demselben eine riesige Hornbrille, setzte sie auf seine Nase, nahm vom Tisch ein aufgeschlagenes Buch und begann mit hochweiser Miene das Papier anzustarren, denn Lesen hatte er leider noch nicht gelernt.


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* * * * *

III.25. Jägerleben

Blicke nach Norden und Osten! Wald, Wald und nichts als Wald, ein großer, unendlicher Wald zieht sich hin, so weit das Auge von dem Bergrücken, der von Granitblöcken starrt, reicht, einem Ozean vergleichbar, denn wie das Meer hebt und senkt es sich in grünen Wellen. Hier und da erhebt sich eine mächtige Welle, von einem höheren Baume erzeugt, der sich über die anderen emporreckt, und in der Ferne nimmt man die Umrisse von belaubten Hügeln wahr. Über dem Ganzen schwebt ein warmer Nebel, der, in der Nähe durchsichtig, am Horizont sich zu einem dunklen Blau verdichtet, welcher die Hügel und Berge nur in schattenhaften Konturen sehen lässt. Das ist das Bild, welches man in Afrika immer und immer wieder genießen kann, so oft man einen Hügel ersteigt, welcher eine Fernsicht gestattet, und hat man ihn auf der anderen Seite wieder verlassen, so kann man auf zweierlei Arten von Landschaften stoßen.

Entweder hat man gar keine Aussicht, weil der Wald mit hohem, undurchdringlichen Unterholz bewachsen ist — an den Bäumen winden sich Schlingpflanzen empor, und stachlige Büsche versuchen den Reisenden von allen Seiten festzuhalten — der Boden ist meist sumpfig, und es herrscht ein ungesundes Klima — das Fieber ist hier zu Hause — oder aber man wähnt sich beim Abstieg vom Hügel in einem Parke zu befinden. Die Bäume stehen weit voneinander, sodass sich nur ihr Laubgeäst gegenseitig berührt, selbst bei Tag ein angenehmes Zwielicht hervorzaubernd, der Boden ist mit dem köstlichsten Rasen bedeckt, Büsche fehlen ganz, und erfrischende, gesunde Luft weht dem Reisenden entgegen.

Überallhin hat man freien Ausblick und sieht Herden von Antilopen, Gnus, Zebras, Giraffen, Elefanten, ab und zu auch ein einsiedlerisches Rhinozeros; die Flüsse wimmeln von Flusspferden. Viele Reisende haben Teile von Afrika mit einem Wildpark verglichen, und wer selbst eine solche Gegend gesehen hat, der gesteht, dass dieses Urteil berechtigt ist.

Hier ist das Paradies der Jäger, nur schade, dass die Reise dahin sehr kostspielig und beschwerlich ist, doch nein, es ist nicht schade, vielmehr sehr gut, sonst würde dieser Tierpark bald entvölkert werden.

Die Karawane der Herren und Damen war eines Abends an einem ziemlich breiten Fluss angekommen, der seine klaren Fluten ruhig durch diesen unendlichen Wildpark wälzte, und hatte hier Zelte aufgeschlagen.

Es war der Platz, den die Gesellschaft auf Anraten Yamyhlas wählen sollte, um die Rückkehr der vorausgeschickten Boten zu erwarten, welche vielleicht gleich Kasegora und Marquis Chaushilm mitbrachten.

Bis dahin aber mussten unbedingt noch vier Tage vergehen. Doch wo hätten sich diese den Sport liebenden Herren und Damen die Zelt besser vertreiben können, als hier, wo jeder Tag mit der Jagd ausgefüllt werden konnte?

Yamyhla hatte ihnen zwar eine große Anzahl von Schafen und Ziegen mitgegeben, welche von Negern der Karawane nachgetrieben wurden, doch diese konnten friedlich das saftige Gras abweiden und sich ihres Lebens freuen, denn jetzt brauchte man wahrhaftig nicht mit dem Fleische zu kargen. Jeder Jäger kehrte mit reicher Beute zurück, und man war nur froh, dass die mitgenommenen Fundis, das heißt die Neger, welche jede Karawane begleiten, um durch Schießen von Wild Fleisch zu verschaffen, nur wenig taugliche Feuersteingewehre besaßen, sonst hätten sie ihre Kameraden mit Wildbret gemästet. Die Fundis, also Jäger von Profession, hatte man übrigens nicht als solche, sondern als Pagazis mitgenommen, denn die Herren und Damen wollten ja selbst soviel wie möglich jagen, aber man konnte den Leuten natürlich nicht verwehren, in dem eigenen Heimatlande ihre Kunst im Jagen zu zeigen.

Übrigens wurden sie doch manchmal gebraucht, denn sie wussten den mit der Jagdweise in diesen Gegenden Unbekannten manchen nützlichen Rat zu geben.

Der erste Morgen fand die ganze Gesellschaft schon in frühester Stunde in voller Jagdrüstung außerhalb der Zelte. Einzeln oder in Gruppen begaben sie sich in den Wald mit der Verabredung, zum Frühstück wieder zurückzusein.

Das Ergebnis aber war wunderbar.

Alle kehrten zurück und erzählten, wie sie nach Tieren geschossen und dieselben getroffen hätten, aber vorläufig hatte noch kein einziger unter ihnen eine Jagdbeute aufzuweisen. Stets waren die angeschossenen Tiere durch Flucht entkommen. Endlich kam auch Monsieur Pontence zurück, und neben ihm trugen zwei keuchende Neger eine Antilope. Der Franzose war nicht wenig stolz, als er merkte, dass er der einzige war, der eine Jagdbeute aufzuweisen hatte.

Endlich unterbrach Williams das drückende Schweigen, welches alle, durch diesen Misserfolg niedergeschlagen, beobachteten. Er trat auf den Franzosen zu.

»Monsieur Pontence«, sagte er, »verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen öfter Unrecht getan habe, wenn ich Ihnen Vorwürfe machte, dass Sie Wild mit Sprengkugeln schießen. Kann ich dies auch jetzt noch nicht billigen, so viel habe ich aus Ihrem Jagderfolg gelernt, dass wir mit diesen elenden Dingern hier«, er schleuderte die WinchesterFlinte von sich, »niemals etwas schießen werden. Jetzt nehme ich meine Doppelbüchse und gehe wieder; komme ich nicht nach einigen Stunden schon mit Wild reich beladen zurück, so will ich gehangen werden.«

Williams hatte das Richtige erkannt. Das Repetiergewehr ist eine ausgezeichnete Waffe im Kampfe mit Menschen, weil sie viele Kugeln schießt, aber die Kugeln sind nur klein und werden mit solcher Kraft geschleudert, dass sie den Körper, ja, selbst Knochen ganz durchbohren. Zur Jagd auf Wild, und ganz besonders auf afrikanisches, muss man sich einer Feuerwaffe bedienen, deren Kugeln den getroffenen Knochen zerschmettern, sonst bekommt man ein Tier nie zur Strecke; verwundet flieht es noch meilenweit.

»Ich komme mit, ich komme mit Ihnen!«, rief es von verschiedenen Seiten, als Charles sich aus dem Zelte von einem Neger seine Doppelbüchse bringen ließ und sich bereitmachte, abermals sein Jagdglück zu probieren.

Alle bewaffneten sich mit den gleichen Büchsen und versuchten, den schon mit Miss Thomson forteilenden Williams einzuholen, denn jeder wollte gern bei diesem immer fröhlichen Pärchen sein.

Lachend blieb Williams stehen.

»Alle zusammen können wir nicht gehen, sonst schießen wir wieder nichts«, rief er. »Miss Staunton, Miss Petersen, Harrlington, Hannes, kommen Sie mit? Gut — marsch!«

Er schulterte sein Gewehr und verließ mit den Gerufenen das Zeltlager, gefolgt von einer Anzahl Negern, welche die Jagdbeute tragen sollten.

»Nun, Monsieur Pontence, wohin wollen Sie denn?«, fragte Miss Murray den Franzosen, der einige Neger mit Schaufeln und Hacken bewaffnete. »Sie wollen wohl die Neger zu Pionieren ausbilden?«

»Beinahe erraten, liebes Fräulein«, schmunzelte der Franzose, »aber ich darf Ihnen wirklich noch nicht sagen, was ich vorhabe. Aber morgen, dann —«

»Was dann?«, fragte das Mädchen neugierig.

»Dann werden Sie mich hoch zu Rosse sehen, ein prachtvolles Pferd will ich mir verschaffen, passen Sie auf.«

»Fangen Sie nur keinen Ziegenbock«, meinte Hastings trocken, schulterte sein Gewehr und verließ mit Miss Murray ebenfalls das Lager. Schließlich befand sich zwischen den Zelten niemand mehr, als einige zur Bewachung zurückgelassene Neger und Hannibal, der seines Herrn Anzug ausbesserte, sich aber tief verborgen hielt, dass ja niemand den gelehrten Mann bei einer so niedrigen Arbeit sähe.

Lachend und scherzend schritt die kleine Gesellschaft durch den Wald, unter sich das grüne Gras, über sich das grüne Laubzelt, durch welches man nur hin und wieder den blauen Himmel erblicken konnte.

Man musste sich erst weit vom Lager entfernen, ehe man die Jagd beginnen konnte, denn das Wild hielt sich in respektvoller Entfernung von den vielen Menschen. Heute Morgen hatten die Tiere die Jäger noch ganz dicht herankommen lassen, als sähen sie zum ersten Male Menschen, die Feuerwaffen kannten sie jedenfalls noch nicht, aber schon die ersten Schüsse hatten sie schlauer gemacht, sie flohen wenigstens, wenn sie Menschen erblickten, wenn auch nicht weit genug, dass die weittragenden Büchsen sie nicht erreichen konnten. Bald begannen sich die ersten Herden Antilopen, Zebras und Giraffen in der Ferne zu zeigen.

»Viel schöner, als diese Tiere zu pirschen, muss doch eigentlich die Jagd zu Pferde sein«, sagte Ellen, »Morgen oder übermorgen, wenn uns diese Art von Jagd überdrüssig wird, wollen wir einmal eine Hetzjagd hinter den schnellen Zebras und Giraffen machen.«

»Aber werden wir uns zurückfinden?«

»Es können uns ja Neger zu Pferde begleiten, einige können reiten. Ich finde mich übrigens stets wieder zurück. Zur Vorsicht können wir ja auch Kompasse mitnehmen.«

»Still«, flüsterte Williams, »dort weidet eine blaue Antilope.«

Sie duckten sich ins Gras, welches sie vollständig verbarg, und betrachteten das edle, geschmeidige Tier, welches etwas größer ist als ein Reh.

»Sie hat ein Junges bei sich«, flüsterte Ellen. »Ja, ein Kalulu.«

»Kalulu? Ist das nicht ein männlicher Negername?«, fragte Miss Thomson.

»Allerdings. Aber sehen Sie, dass ich schon weit in die Geheimnisse der afrikanischen Sprachen eingedrungen bin«, lachte Charles leise, »Kalulu heißt eigentlich das Junge der blauen Antilope, und nach ihm werden Kinder genannt.«

»Hasch!«, schrie er dann plötzlich laut und sprang auf.

In größten Sätzen jagte die Antilope davon, hinter ihr her das niedliche Junge.

»Ja, wollen Sie denn hinterherrennen und sie mit den Händen fangen?«, fragte Lord Harrlington verwundert.

»Das nicht, aber schießen wollte ich sie nicht lassen«, entgegnete Williams, »es war ja eine säugende Mutter. Was sollten wir mit dem Jungen anfangen?«

»Nun beginnen wir aber ernstlich mit der Jagd«, meinte Ellen, »und, Sir Williams, wenn Sie immer ›hasch‹ machen, so nehmen wir Sie beim Wort, und Sie müssen das Tier wirklich haschen.«

»Ich werde es niemals wieder tun«, versicherte Charles.

»Sehen Sie dort den großen Baum mit den seltsamen Auswüchsen auf dem freien Platze stehen?«, fragte Ellen. »Das soll unser Zusammenkunftsort sein, die Neger bleiben dort zurück, wir zerstreuen uns, und hat jemand etwas geschossen, so ruft er dieselben.«

Sie gingen nach dem Baume, der noch hundert Meter weit entfernt war.

Wieder blieb Charles stehen und deutete in die Ferne, über den Baum hinaus, wo ein Rudel von fünf Gazellen zu sehen war.

»Es sind Zwergantilopen«, sagte er, »das am schwierigsten zu schießende Wild, weil es sehr schlau ist. Wir wollen doch versuchen, ob wir uns heranschleichen können.«

Schon wollte er sich wieder ducken, aber Harrlington hielt ihn zurück.

»Warten Sie!«, sagte er. »Merken Sie nicht, dass die Tiere ein ganz auffälliges Betragen zeigen? Sie sehen immer starr hierher und nähern sich uns auch langsam.«

»Es ist aber noch viel zu weit zum Schießen.«

»Natürlich, was haben sie aber nur? Ich denke, sie sollen so sehr schlau sein.«

»Sind sie auch.«

»Diese aber nicht, sie kommen direkt auf uns zu, aber ganz langsam, Schritt für Schritt.«

»Sie sind sehr neugierig«, sagte Charles und warf sich ins Gras.

Die anderen folgten seinem Beispiel und krochen langsam auf den Baum zu, hoffend, dadurch die Gazellen in Schussweite zu bekommen.

Hope war etwas vorausgekrochen; sie richtete ab und zu den Kopf auf, um nach den Tieren zu spähen, trotz des mahnenden Zischens von Harrlington.

Plötzlich aber nahmen ihre Züge einen erstaunten Ausdruck an, sie blickte lange geradeaus, warf sich auf den Rücken und brach in ein stilles Lachen aus, dass ihr Körper förmlich erschüttert wurde.

Dadurch fühlten sich die Nachfolgenden veranlasst, ebenfalls die Köpfe zu heben, und was sie sahen, war allerdings komisch genug, um auch ihre Lachlust zu erregen.

Da stand unter dem betreffenden Baume, nicht mehr weit von ihnen entfernt, Lord Hastings, kerzengerade auf dem Kopfe, die Hände, neben denen die Büchse lag, fest ins Gras gekrallt, und mit den hoch emporgereckten Beinen strampelte er in der Luft herum.


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An dem Baumstamme, so, dass sie von den Gazellen nicht gesehen werden konnte, saß Miss Murray, die Arme in die Hüften gestemmt, und kam vor Anstrengung, das Lachen zu unterdrücken, fast um.

»Lord Hastings ist übergeschnappt«, brachte Hope unter Kichern mühsam hervor.

»Er muss schon eine halbe Stunde so stehen«, meinte Charles, »sein Kopf ist schon ganz rot. Wenn er nur keinen Schlaganfall bekommt.«

»Er produziert sich vor Miss Murray als Gymnastiker«, meinte Miss Thomson dazwischen.

Sie hatten sich alle halb aus dem Grase emporgerichtet und betrachteten erstaunt das sonderbare Benehmen ihres Freundes, der standhaft sich auf dem Kopfe hielt und wie ein Wahnsinniger mit den Beinen in der Luft herumarbeitete. Sein Gesicht war ihnen abgewandt.

Schon wollten sie auf ihn zutreten und ihn zur Vernunft bringen, als Lord Hastings plötzlich auf die Füße sprang, die Büchse an die Wange legte und schnell hintereinander zwei Schüsse abfeuerte. Das Rudel Zwergantilopen jagte davon; es bestand aber nur noch aus drei Tieren.

»Sehen Sie, Miss Murray«, wandte der Schütze sich triumphierend an das laut auflachende Mädchen, »so schießt man in Afrika die Zwergantilope, das flüchtigste, aber auch neugierigste Wild. So etwas kann weder der kluge Williams, noch die schlaue Miss Petersen machen, wenn sie es nicht erst von mir gezeigt bekommen.«

»Auf den Kopf werde ich mich allerdings nichts stellen«, ertönte hinter ihm eine Stimme.

»Ach entschuldigen Sie, Miss Petersen«, stotterte Hastings, und sein schon roter Kopf wurde noch röter, »so war das nicht gemeint,«

»Ich nehme es auch nicht übel«, lachte Ellen, »aber in der Tat, haben Sie die Tiere damit angelockt?«

»Wahrhaftig, dieselben konnten sich nicht erklären was für ein seltsamer Gegenstand das war, der in der Luft herumzappelte, sie hatten einen solchen noch niemals gesehen, und da trieb sie die Neugierde, sich davon zu überzeugen — sie kamen in Schussweite.«

Nun konnten sich alle das Betragen der Antilopen erklären, Lord Hastings fand für seinen Scharfsinn allgemeine Bewunderung.

Die Neger holten die beiden geschossenen Tierchen als erste Jagdbeute und blieben dann unter dem Baume zurück, während sich die Herren und Damen allein oder zu zweit verstreuten.

Diesmal ging es anders als am Morgen; die Neger hatten nicht viel Zeit zum Schwatzen, immer wurden sie durch Zeichen oder durch Pfiffe gerufen, um erlegte Tiere nach dem Baume zu schaffen.

Endlich hatten alle genug von der Jagd; die Hitze begann lästig zu werden, und so beschlossen sie, nach dem Lager zurückzukehren.

Unter dem Baume lagen etwa zehn Antilopen verschiedener Art, große und kleine, ein Zebra, von Harrlington geschossen, ein Gnu — das ist eine Antilope, fast ebenso groß wie ein Zebra, aber mit bedeutend schmackhafterem Fleisch — als dessen Erleger sich der glückliche Hannes bezeichnete, einige Wildschweine und eine Unmenge von Vögeln. Den Negern wurde es überlassen, die Beute nach den Zelten zu bringen.

Zum Mittagessen war die ganze Gesellschaft wieder versammelt, und die Jagdbeute war eine so große, dass man ausmachte, nicht mehr auf diese Weise zu jagen, denn es ging doch unmöglich an, dass auf jede Person, die Neger eingeschlossen, pro Tag ein Zentner Fleisch zu rechnen war. Von jetzt ab sollten höchstens die scheuesten Antilopen geschossen werden, überhaupt Tiere, welche schwer zu jagen waren. Das Erlegen anderer wurde mit empfindlichen Strafen belegt, und zwar sollten diejenigen, welche das Verbot übertraten, als Wächter im Lager zurückbleiben, denn die alleingelassenen Schwarzen hatten in den paar Stunden schön gewirtschaftet. Die Vorräte an Mehl waren fast verzehrt; allen Herren fehlten Tabak und Zigarren, und ein Neger wurde dabei ertappt, wie er sich hinter einem Baume den Unterrock einer Dame anprobierte.

Der Franzose war bei dem Mittagessen nicht anwesend, auch noch nicht, als die Gesellschaft nach einer langen Nachmittagsruhe die Zelte verließ.

Erst als sie einen Abendspaziergang antreten wollten, kam Monsieur Pontence mit seinen Negern zurück, welch letztere sehr erschöpft schienen. Unwillig schleuderten sie Hacke und Schaufel zur Seite, und nur der Umstand, dass saftige, gebratene Fleischstücke für sie bereitlagen, ließ ihre Gesichter wieder fröhlich erglänzen.

»Haben Sie Mäuse ausgegraben?«, fragte der unverbesserliche Williams.

»Morgen erfahren Sie alles«, antwortete Monsieur Pontence und eilte, ohne sich aufhalten zu lassen, in sein Zelt, kam dann mit einem Sattel wieder zum Vorschein, den er draußen sorgfältig abstäubte, und dessen Bügelleder er einölte.

Sir Williams, einige Herren und einige Damen hatten in der Kühle des Abends einen weiteren Spaziergang längs des Flusses gemacht und zu ihrem Bedauern gemerkt, dass es in diesem Gewässer auch Krokodile gab, sonst hätte sich wohl ein stiller Badeort gefunden. Als der Fluss einmal eine Biegung machte, schnitten sie den Weg ab und gingen geradeaus über einen Platz, der nur wenig von Bäumen bewachsen war.

»Was für ein merkwürdiges Ding hängt denn da am Baume?«, sagte da mit einem Male Williams und deutete voraus. »Das sieht ja fast aus wie ein Waldschutzplakat: Abpflücken von Zweigen bei Pfändung verboten! Merkwürdig.«

Er eilte voraus, prallte aber plötzlich zurück.

Jetzt konnten auch die Nachkommenden ein großes Papier sehen, das an einen Baumstamm geklebt war. Darauf war in großen Buchstaben mit Tinte geschrieben:

»Vorsicht, eine Grube!!!«

»Aha, das ist Monsieur Pontences Werk«, rief Charles, »die Grube ist nicht ungeschickt gemacht, man merkt gar nichts von ihr. Natürlich haben ihm die Schwarzen dabei geholfen, oder sie haben vielleicht alles allein gemacht.«

Man musste sehr genau hinsehen, um erkennen zu können, dass hier ein Loch in der Erde war, welches mit dürren Zweigen bedeckt, auf die der ausgestochene Rasen niedergelegt worden war.

Als die Gesellschaft um den Bau herumging, brach sie in ein unauslöschliches Gelächter aus, nicht, weil das Plakat auch an der anderen Seite des Baumes klebte, sondern weil in der Mitte der zugedeckten Grube, welche sich um den Baum herumzog, aus Ästen eine Art von Krippe hergestellt war, in welcher Gras und sogar Brotstücken lagen.

»Was will der Franzose denn eigentlich fangen?«, fragte jemand.

»Er sprach davon, sich ein Reittier zu verschaffen«, antwortete Williams, »und nun hält er die Zeit für gekommen. Na, wünsche ihm viel Glück, dass er ein Zebra fängt. Warum hat er das Plakat nur Französisch geschrieben? Ach so! Er kann ja nicht Englisch, möglich auch, dass er den Zebras Kenntnis in der französischen Sprache zutraut und glaubt, sie könnten es lesen. Ein sonderbarer Kauz, dieser Franzose.«

Lachend erreichte die Gesellschaft das Lager.

Monsieur Pontence nahm hastig das Abendbrot mit den Herren und Damen ein und verschwand dann aus der Gesellschaft, wurde auch nicht wieder gesehen. Wahrscheinlich meinte man, Mister Pontence hielte sich in seinem Zelte auf. Niemand dachte mehr an ihn.

Am frühen Morgen wurde John Davids leise am Ärmel gezupft, und als er, sich schnell ermunternd, von der eisernen Bettstelle auffuhr, sah er Hektor, den Negerjungen des Franzosen vor sich stehen.

»Monsieur noch nicht zurück«, sagte der Kleine auf Französisch, denn er war in Frankreich erzogen worden.

»Ist er schon ausgegangen?«

»Ist noch gar nicht wieder da von gestern Abend«, erwiderte der Kleine.

»Was?« Mit einem Satze war Davids aus seinem Bette.

»Er ist gestern Abend nicht im Zelte gewesen? Warum hast du mir das nicht eher gesagt?«

Doch Schelten half nichts mehr, John Davids alarmierte die Neger und die Herren, und da es sowieso Zeit zum Aufstehen war, versammelten sich bald auch die Damen draußen und vernahmen erschrocken die Kunde, dass der Franzose gestern Abend noch das Lager verlassen und dasselbe bis jetzt noch nicht wieder betreten habe.

»Er hat sich verlaufen, wir müssen ihn suchen!«, war die allgemeine Meinung.

»Halt!«, rief Charles und legte den Finger an die Nase. »Der Franzose hat eine Falle für Zebras graben lassen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er die Nacht dort zugebracht hat, um das gefangene Tier gleich zureiten zu können.«

»Sattel auch weg«, meinte der Kleine.

»Sehen Sie, ich habe recht«, fuhr Charles fort, »kommen Sie, die Fallgrube ist nicht weit von hier.«

Nach einer halben Stunde näherte man sich jener Gegend.

»Dort liegt wirklich der Sattel, dicht neben der Grube, aber vom Franzosen ist nichts zu sehen. Vielleicht sitzt er auf einem Baume. Geben Sie gut Achtung.«

»Was ist denn das? Die Grube ist wirklich eingebrochen«, fuhr Charles fort, »so hat sich also doch ein Tier gefangen.«

Er eilte als erster nach der eingestürzten Grubenbedeckung, bog sich vornüber und spähte hinunter. Plötzlich bog er sich zurück und brach in ein furchtbares Gelächter aus.

Die anderen eilten hinzu, blickten hinunter und sahen zwar kein Zebra — aber Monsieur Pontence, der vor Kälte zitternd in der nassen Grube in einer Ecke kauerte.

Bald war er mittels Stricken emporgezogen und wurde von der Gesellschaft umdrängt. Er war zwar etwas kleinlaut geworden, aber ganz konnte er den gewöhnlichen Ton doch nicht aufgeben,

»Ich wollte«, erzählte er, »gestern Abend noch einmal meine Grube besichtigen, vielleicht konnte ja schon ein Zebra hineingestürzt sein. Warum denn nicht, meine Herrschaften? Die Grube war doch ausgezeichnet konstruiert, ganz nach meiner eigenen Erfindung, die Krippe stand nicht mehr da, ich hoffte schon, sie wäre mit einem Tiere hineingefallen, aber nein, die dummen Neger hatten sie nicht richtig nach meiner Angabe gemacht, sie war zusammengestürzt. Dies war mir nun furchtbar unangenehm, denn auf jeder Fallgrube muss eine Lockspeise stehen, auf den für Löwen berechneten z. B. rohes Fleisch, am besten Ziegenfleisch, weil dieses stark riecht.«

»Kurz und gut, Sie wollten also die Krippe wieder aufrichten, sind auf die Zweige getreten und hinuntergeplumpst«, unterbrach ihn Charles ungeduldig,

»Halten Sie mich für so dumm?«, versetzte der Franzose gekränkt. »Darauftreten? So dumm bin ich doch wirklich nicht. Nein, ich legte mich auf den Bauch — Pardon, meine Damen — ich legte mich auf meine vordere Breitseite und kroch nach langem Besinnen langsam vorwärts, Zoll für Zoll. Es wäre mir auch gelungen, wenn ...«

»Wenn ich nicht hineingefallen wäre«, warf Hope dazwischen.

»Durchaus nicht, liebes Fräulein, wenn ich nicht in diesem Augenblicke einen heftigen Reiz in meiner Nase verspürt hätte, den ich aber nicht — Pardon, meine Damen — verzeihen Sie meine etwas freie Ausdrucksweise — da ich aber nicht niesen wollte, so griff ich vorsichtig in meine Beinkleidertasche, ehe ich aber das Tuch erfasst hatte, musste ich niesen und ...«

»Und als ich ausgeniest hatte, da lag ich unten in der Grube«, ergänzte Charles lachend. »Fort, Monsieur Pontence, Sie klappern ja wie ein Laubfrosch vor Kälte, und Ihre sonst so schönen Mondscheinpausbacken sind vor Hunger auch schon eingefallen. Machen Sie, dass Sie ins Lager kommen! Halt, was ist denn das? Da unten hat sich wohl, Ihnen zur Gesellschaft, noch ein Igel gefangen? Ach so, das ist Ihre Perücke. Hier; du schwarzer Halunke, hole sie herauf. So, da haben Sie Ihre Haare wieder auf Ihrem rasierten Kopf, und nun laufen Sie, damit Sie in Schweiß kommen.«

»Aber die Grube will ich doch erst wieder zudecken«, sagte der in die Enge getriebene Franzose, sich die Perücke zurechtschiebend, »vielleicht, dass sich noch heute ein Zebra fängt, und dann kann ich es gleich zureiten.«

»Nichts da, fort mit Ihnen, sonst fallen Sie nochmals hinein! Sie kennen ja den Spruch: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.«

*

Der zweite Jagdtag fand gegen vierzig Rosse gesattelt und gezäumt vor dem Zeltlager stehen, schnaubend und mit den Füßen scharrend, ihre Reiter erwartend. Die Tiere hatten sich nach den Strapazen der Reise genug ausgeruht, und so stand zu erwarten, dass sie einer Hetzjagd hinter flüchtigem Wilde, die Ellen plante, wohl fähig sein würden.

Nicht alle Mitglieder der Gesellschaft beteiligten sich an diesem Ausfluge. Einige waren keine Freunde von solchen Parforcejagden und zogen es vor, im Lager zu bleiben und nur der gewöhnlichen Pirschjagd obzuliegen. Die Pferde, welche somit frei blieben, wurden mit Negern, guten Reitern, besetzt, damit diese bei zurückbleibenden Pferden blieben und im Notfalle den Rückweg zeigen konnten, denn wer wusste, wie viele hundert Meilen bei solch einem schnellen Ritte hinter einer Antilope her zurückgelegt wurden.

Ellen führte den Zug; hier war sie in ihrem Element. Sie sagte ja selbst, dass sie auf dem Pferde groß geworden sei. Das enganschließende, helle Reitkleid wurde in der Taille wieder von jenem Flechtwerk aus Lederriemen umschlossen, welches sich einst in der Wüste als Lasso erwiesen hatte. Sie ritt ein unschönes Pferd, das unscheinbarste, welches Mister Selby zur Auswahl gestellt hatte; es war zwar groß, aber es machte keinen schönen Eindruck, weil es zu mager und eckig gebaut war. Die Knochen standen ihm überall aus dem Leibe. Die Herren selbst, welche doch auch Pferdekenner waren, hatten es als steifbeiniges Tier bezeichnet und sich sehr gewundert, dass Ellen es sofort gewählt — Weiberlaune!

Sie waren schon ziemlich weit entfernt, ohne dass Ellen ein Tier für wert gehalten hätte, die Jagd hinter ihm aufzunehmen; ihr Sinn stand nach einem Zebra oder einer Giraffe, dem schnellsten Tiere Afrikas.

Da sahen sie in der Ferne zwischen den Bäumen eine Herde Strauße grasen; es war das erste Mal, dass sie diese Vögel zu Gesicht bekamen. Die Tiere, wohl zwanzig Stück, hielten sich dicht zusammen, mit Ausnahme von zweien, welche ziemlich weit von der Truppe entfernt waren, aber ebenso dem Geschäfte des Grasens, oder, wie der Jägerausdruck dafür ist, der Äsung oblagen. Sie beugten ab und zu den hochgetragenen Kopf zur Erde, pflückten Gras ab und verschluckten es, wobei sie den Kopf immer nach links und rechts wandten. Das Gras war hier sehr hoch, dass man die langen Stelzbeine der Laufvögel nicht sehen konnte.

»Das ist ein Wild, wie ich es mir wünschte, hinter dem wir die Schnelligkeit unserer Pferde probieren können«, sagte Ellen und lenkte ihr Ross jener Richtung zu.

Da aber kam David, der Führer, der ein ausgezeichneter Fundi, das heißt, ein Jäger war, zu Ellen gesprengt und sagte:

»Die Strauße werden von Eingeborenen gejagt. Stören Sie die Leute noch nicht!«

»Wieso?«

Ellen blickte nach dem Rudel und bemerkte in diesem Augenblicke zu ihrem Erstaunen, wie ein Strauß plötzlich zusammenbrach, als wäre er geschossen worden, und zwar von einem Pfeile, denn ein Knall war nicht zu hören gewesen.

»Lassen denn die Strauße den Jäger so nahe herankommen, dass er sie mit dem Pfeile schießen kann? Ich glaubte, sie wären sehr scheu.«

»Dies sind sie auch«, entgegnete David, »aber auch sehr dumm. Sehen Sie dort die beiden allein äsenden Vögel? Das sind gar keine Strauße, sondern Neger, welche sich mit einem Straußenbalge bedeckt haben, die Bewegung der Vögel nachahmen und dabei einen nach dem anderen mit dem Pfeile zu Boden schießen. Wenn wir vorsichtig von hinten heranreiten, können wir sie vielleicht beobachten.«

Man folgte David, der die Gesellschaft in großem Bogen, möglichst so, dass sie von den Tieren nicht bemerkt wurde, und dass der Wind gegen sie war, zu den beiden einzelnen Tieren führte, und bald konnten sich alle von der Richtigkeit der Aussage des Führers überzeugen.

Zwei Schwarze waren es, welche da die Strauße auf listige Weise täuschten. Sie gingen gebückt, auf ihrem Rücken lag ein Straußenbalg, und in der einen Hand hielten sie einen Stock, an welchem der Hals mit dem Kopfe befestigt war, während sie in der anderen Bogen und Pfeile hielten.


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Es war fast lächerlich, zu sehen, wie die Neger einherstolzierten, ganz genau die Bewegungen der Strauße nachahmend, ebenso langsam und gravitätisch die Beine setzend, und wie sie ab und zu die ausgestopften Hälse zu Boden senkten, als wollten die Schnäbel Gras rupfen, sie dann wieder emporrichteten und die Köpfe mit den Glasaugen hin- und herwandten. Sie versuchten, den sich langsam von ihnen entfernenden Vögeln nachzukommen, und hielten sie einen Schuss für möglich, so klemmten sie den Stock schnell zwischen die Beine, legten einen Pfeil auf und schnellten ihn nach dem nächsten Tiere, aber nur Männchen sich aussuchend, weil diese die schöneren Federn haben. Das getroffene Tier sank, mit dem Pfeile im Herzen, lautlos nieder, und die Kameraden warfen wohl einen Blick auf den am Boden liegenden, wurden aber durchaus nicht unruhig. Sicher musste der Pfeilschuss jedoch sein, erklärte David, denn wenn das Tier nur verwundet wäre und in Zuckungen sich im Grase wälzte, so würden alle Vögel sofort erschreckt die Flucht ergreifen. Daher käme es auch, dass die Jäger so selten schössen, sondern nur, wenn sie einen Vogel ganz sicher ins Herz treffen könnten.

Die Vögel hatten die hinter Bäumen haltenden Reiter noch nicht bemerkt, wohl aber die Neger, und da, durch die Ankunft so vieler Weißer erschrocken, ergriffen die Schwarzen plötzlich die Flucht, rannten, sich aufrichtend, durch das Gras, und die Folge davon war, dass die Vögel ebenfalls sofort das Weite suchten.

»Drauf und dran!«, rief Ellen und gab dem Pferde die Sporen, dass es im weiten Bogen davonflog, den Tieren nach. Die übrigen Reiter und Reiterinnen folgten ihr.

Den Hals weit vorgestreckt, die kurzen Flügel etwas ausgebreitet, und mit ihnen schlagend, so flohen die Vögel mit Riesenschritten davon; jeder Satz war meterlang, und die Füße schienen kaum den Boden zu berühren. Anfangs hielten die Flüchtenden zusammen, dann aber bogen einzelne, nach rechts und links ab, zerstreuten sich, und die vorausjagende Ellen folgte dem größten, schönsten, aber auch schnellsten Tiere.

Der Strauß ist einem mittelmäßigen Pferde an Schnelligkeit überlegen, aber ein geübter Reiter, welcher in Hetzjagden Erfahrung hat, kann ihn dennoch einholen, einfach dadurch, dass er anfangs sein Tier schont, und erst dann, wenn der Vogel müde wird, es voll ausgreifen lässt, denn der verfolgte Strauß setzt natürlich, wie jedes geängstigte Tier, sofort seine ganze Kraft ein, der Gefahr zu entgehen.

Ellen hatte auf den heimatlichen Prärien schon den Hirsch und die noch flüchtigere Gazelle zu Pferde gejagt und kannte daher diese Jagdweise.

Alle Pferde blieben den fliehenden Straußen auf den Fersen, aber die Entfernung zwischen ihnen und den Reitern verringerte sich nicht, trotzdem die Herren und die Damen weder Sporen, noch Peitsche schonten, die Pferde zu schnellerem Laufe anzutreiben, und nun erst bemerkten sie, dass Ellen bei Auswahl ihres Pferdes doch den schärfsten Blick an den Tag gelegt hatte.

Schön sah es zwar nicht aus, wie der braune Hengst bei jedem Sprung mit den Fesseln hinten ausschlug; ein Sportsmann hätte das Tier sofort aus seinem Gestüt ausrangiert; aber es blieb doch, ohne im geringsten von der Reiterin angetrieben zu werden, an der Spitze der Schar, ja, es war sogar nicht zu verkennen, dass Ellen beständig seinen Lauf zu mäßigen suchte.

Ein Pferd nach dem anderen blieb zurück, nur Ellens Hengst hielt sich, und der einzige, der sein Ross ihm nachtreiben konnte, war Lord Harrlington, dessen kleines, feuriges Tier, ein Pony, bei jedem Sprunge mit dem Bauche fast den Boden zu berühren schien.

Weiter und weiter ging die wilde Jagd, und immer länger zog sich die Reiterschar auseinander, die hintersten gaben schon die Sache auf und zügelten die Pferde, einigen Negern zurufend, bei ihnen zu bleiben.

Die Entfernung zwischen dem Strauß und Ellen betrug ungefähr fünfzig Meter, und eine halbe Stunde mochte dieser Ritt in schnellster Karriere schon gedauert haben, ohne dass sich diese Entfernung verringerte, ja, sie hatte sich eher vergrößert. Dann aber ward der Vogel müde, er begann mehr mit den Flügeln zu schlagen und nahm die Schritte nicht mehr so groß, aber schneller, sie waren also nicht mehr so elastisch wie anfangs.

Noch eine halbe Stunde verging auf diese Weise, dann aber fiel der Vogel plötzlich ganz ab, er rannte nur noch unsicher vorwärts; Ellens Pferd dagegen behielt noch immer seine vorherige Schnelligkeit bei und näherte sich dem Vogel merklich. Als dieser die gedämpften Huftritte im Grase hörte, spannte er noch einmal seine ganze und letzte Kraft an, zu entkommen. Wie der Wind flog er dahin, aber auch Ellen gab jetzt dem Rosse Sporen und Peitsche, und während es in Karriere hinterherjagte, löste sie das Lasso von den Hüften.

Noch zwanzig Meter war sie von dem Vogel getrennt, da wirbelte die Lederschlinge um ihren Kopf, sauste durch die Luft und schlang sich um den langen Hals des Vogels. Ein Ruck, das Pferd galoppierte zur Seite, und das Tier wurde am Boden nachgeschleift. Ellen parierte, sprang ab und trat zu dem Vogel, welcher wie tot dalag, und als sie ihn berührte, zeigte es sich, dass er wirklich verendet war — er hatte das Genick gebrochen.

In diesem Augenblick kam Lord Harrlington angejagt und sprang ebenfalls vom Pferde. Von den übrigen Reitern war noch niemand zu sehen, vielleicht kam überhaupt keiner mehr nach.

»Schade, dass das Tier tot ist«, sagte Ellen, das vom schnellen Ritt erhitzte Gesicht über den Vogel beugend, ohne den Lord anzusehen. Sie hielt, wie auch dieser, ihr Pferd am Zügel.

»Mit dem Lasso werden Sie den Strauß wohl immer töten«, entgegnete der Lord, »der lange Hals wird von dem Ruck stets gebrochen werden. Hätten Sie eine Bola gehabt, so könnten Sie diese um die Füße des Tieres geworfen haben.«

Die Bola ist ein langer Lederriemen, welcher aber am Ende keine Lederschlinge, sondern drei Bleikugeln hat. Diese werden um den Kopf gewirbelt und nach dem zu fangenden Gegenstande geschleudert. Die auseinandergehenden Lederschnüre schlingen sich um ihn und verwickeln sich durch die Schwere der Kugeln so, dass sie von selbst sich nicht wieder lösen. Die Bola wird hauptsächlich in Südamerika, das Lasso in Nordamerika von Indianern und Cowboys (Pferdehirten) gebraucht.

»Die Bola zerschmettert oft selbst einem Pferde die Knochen, um wie viel mehr erst diese dünnen Beine«, sagte Ellen, »nein, ich hätte nicht rucken sollen, aber ich bin es so gewohnt.

»Bitte, halten Sie mir mein Pferd«, fuhr sie dann zum Lord fort, ohne ihn anzusehen.

Gehorsam ergriff dieser die Zügel, während sich Ellen über den Vogel beugte und ihm die schönsten Federn auszog. Der Lord konnte ihr nur zusehen, er musste ja die beiden Pferde halten, und doch wäre er so gern neben ihr niedergekniet, hätte ihre Hände ergriffen, ihr ins Auge geschaut und etwas gesagt, etwas, was ihm seit Wochen, ja, schon seit Monaten fast das Herz abdrückte. Es war das erste Mal, dass er wieder mit ihr allein war.

Er wendete den Kopf und sah in weiter, weiter Ferne eben die Köpfe einiger Reiter über dem Grase auftauchen. Jetzt oder nie, noch waren sie allein.

»Ellen«, flüsterte er hastig und doch so zärtlich, »Ellen, sag, wollen wir uns nicht aussprechen, wollen wir nicht das Missverständnis lösen, welches ...«

»Danke«, sagte Ellen, nahm ihm die Zügel aus der Hand und war mit einem Sprunge im Sattel. Im Galopp ritt sie den Reitern entgegen und gab den nachkommenden Negern den Befehl, den Strauß abzubalgen und ins Lager zu bringen.

* * * * *

III.26. Monsieur Pontence

Unter denen, welche im Lager zurückgeblieben waren, befanden sich auch Hannes und Hope. Ersterer war ein Feind vom Reiten, nur in der äußersten Not bestieg er »so ein schlingerndes und stampfendes Fahrzeug«, womit er ein Pferd meinte, »welches mit dem Klüverbaum hin- und herwackelt und mit dem Heck wedelt.«

Und da Hannes zurückblieb, so verließ auch Hope das Lager nicht, denn trotzdem sie während der ganzen Karawanenreise zusammen gewesen waren, hatten sie sich doch immer noch etwas zu erzählen.

Beide saßen jetzt auf einem Baumstamm, Hope strickte, aber nicht etwa einen Strumpf, sondern nach allen Regeln der Kunst an einem engmaschigen Netz, mit dem sie diese Nacht den nebenanströmenden Fluss auf wohlschmeckende Fische untersuchen wollte, Hannes hatte eine ebenso nützliche Beschäftigung vor, er hatte vor sich auf dem Baumstamm seinen ganzen Reichtum von angerauchten Kalipfeifen, die er während einiger Jahre sorgfältig gesammelt hatte, ausgebreitet und kratzte die treuen Begleiter seiner Seereisen mit einem Messer aus.

»Möchte nur wissen«, sagte Hannes und blickte zur Seite, wo zwischen zwei Bäumen Monsieur Pontence hantierte, »was dieser Franzose eigentlich macht. Will er mit dem Dinge da Fische fangen? Dann müssen es aber mächtig große sein, die nicht durch dieses Netz schlüpfen können.«

Nämlich Monsieur Pontence war ebenfalls im Begriff, eine Art von Netz herzustellen. Er hatte zwischen den zwei Bäumen eine Menge Stricke gespannt und versuchte nun, senkrechte Stricke hindurchzuflechten, wodurch ein Netz entstand, aber mit so großen Maschen, dass er bequem seinen dicken Kopf hindurchstecken konnte. Doch da er in derartigen Tauarbeiten ganz unerfahren war, so bekamen in der Verbindungsstelle die Stricke keinen Halt, keine Schleife hielt, und hätte er Knoten gemacht, so hinderten ihn diese, den nachfolgenden zu schürzen. Außerdem versah er sich immer im Durchstecken und musste von Neuem beginnen, kurz und gut, er kam nicht weiter.

»Ich glaube, er wollte ein Spinnennetz machen«, lachte Hope leise. »Das müsste ausgezeichnet aussehen, wenn sich das dicke Kerlchen dann hineinsetzt und an den Maschen hin- und herkriecht.«

»Ähnlichkeit mit einer Kreuzspinne hat er sowieso«, meinte Hannes, »er würde sich wirklich sehr gut dazu eignen.«

Der Franzose hatte bemerkt, dass ihn die beiden beobachteten, und blickte nun auch seinerseits manchmal hinüber. Er sah, dass Hope gleichfalls an einem Netz arbeitete, und dass ihr Hannes ab und zu Anweisung gab, wie sie den Bindfaden und die hölzerne Nadel zu führen habe. Er selbst kam mit seinem Flechtwerk durchaus nicht zustande, es wurde immer jämmerlicher. Jene aber mussten mit so etwas Bescheid wissen, die konnten ihm sicher helfen.

Monsieur Pontence kannte Hope recht gut, sie hielt sich immer viel in seiner Nähe auf, aber schließlich kam es ihm doch vor, als ob das junge Mädchen ihn nur zur Zielscheibe des Spottes mache. Seit jener Zeit hatte er Hope soviel wie möglich gemieden, er redete sich zwar aus, dass mit ihm, dem Hauptmann der Bürgerwehr, überhaupt Spott getrieben werden könne, dazu hatte er eine viel zu hohe Meinung von sich, aber es war etwas an dem jungen Mädchen, das ihn fernhielt, ohne dass er wusste, dass es einfach die geistige Überlegenheit war, die sie ihm gegenüber oft zeigte.

Mit Hannes hatte der Franzose gar keinen Umgang. Er hielt ihn für einen Seemann und für den Diener von Sir Williams, und dies bestätigte sich, je mehr er ihn für diesen Herrn Dienstleistungen verrichten sah.

Hope konnte er nicht gut bitten, ihm zu helfen, er hatte überhaupt vor diesen reichen, stolzen Amerikanerinnen einen großen Respekt, aber da war ja Hannes, wie er ihn immer rufen hörte.

»Jean«, rief der kleine Franzose also hinüber, »komm einmal her, aber schnell!«, Die beiden unterhielten sich ruhig weiter.

»Jean, hörst du nicht? Komm einmal zu mir, du sollst mir etwas helfen.«

»Hannes, der meint dich«, sagte Hope zu ihrem Gefährten, »er sieht ja dabei hierher.«

»Mich?«, rief Hannes erstaunt, der ziemlich gut Französisch verstand und sprach. »Ich denke, er ruft seinen Diener, den Negerjungen. Ist der Kerl verrückt?«

»Hölle und Teufel!«, schrie der Franzose jetzt, über seine Misserfolge sowieso schon wütend, und stampfte mit dem Fuße auf. »Komm her, Bursche, wenn ich dich rufe!«

»Alle Wetter«, sagte Hannes und stand auf, »da muss ich aber schnell machen, dass ich hinkomme, sonst frisst er mich mit Haut und Haaren auf.«

Langsam, die Hände in der Hosentasche, die Kalkpfeife im Munde, schlenderte er auf den Franzosen zu.

»Jean«, sagte dieser, »du kannst doch Netze flechten! Zeig mir einmal, wie man die Querstricke an den Dingern befestigt.«

Hannes antwortete nichts, sondern blieb ruhig stehen, und dieses Schweigen veranlasste den Franzosen, seinen Blick von dem Netz weg nach dem Gerufenen zu wenden. Er blickte in ein gar grimmiges Gesicht und in ein Paar zornige Augen, so schrecklich anzusehen, dass er erschrocken einen Schritt zurücktrat.

»Sagen Sie einmal, Monsieur Nonsense oder Pontence«, begann Hannes ganz ruhig, »Sie sind wohl heute Morgen mit dem verkehrten Beine aufgestanden, oder haben Sie kalte Füße, heh? Was fällt Ihnen denn eigentlich ein, Sie dummer Pinsel Sie, he?«

Hannes sah sich um. Niemand war in der Nähe.

»Wissen Sie, wer ich eigentlich bin?«, fuhr er dann donnernd fort, die Pfeife aus dem Munde nehmend. »Ich bin Johannes, Freiherr von, auf und zu Schwarzburg, Kaiserlich, Königlicher GeheimSekretär Seiner Hoheit des Fürsten von GreizSchleizLobenstein, und Sie haben mich einfach Exzellenz zu nennen. Und wissen Sie, was Sie sind? Sie sind in meinen Augen ein Pinsel, und haben Sie das verstanden und haben noch ein Fünkchen von Ehre im Leibe, so wissen Sie, was Sie als Kavalier zu tun haben.«

Wie versteinert, mit offenem Munde hatte der Franzose zugehört. Am liebsten hätte er vor Schreck im den Boden sinken mögen. Als sich aber Hannes jetzt kurz auf den Hacken umdrehte, um zurückzugehen, da kam plötzlich Leben in die bewegungslose Gestalt.

Um Gottes willen, das gab wieder ein Duell! Die letzten Worte deuteten es an.

Hannes wurde leise am Ärmel gezupft.

»Entschuldigen Sie, Exzellenz«, stammelte der erschrockene Franzose, »wie konnte ich wissen, dass ich es mit einer so hohen Persönlichkeit zu tun habe! Bitte tausendmal um Entschuldigung, bin Ihr alleruntertänigster Diener.«

»Wie kommen Sie denn eigentlich dazu, mich wie einen Lakaien anzuschnauzen?«, sagte Hannes, noch immer Entrüstung heuchelnd.

»Ich dachte, ich glaubte — ich dachte, weil Sie ...«

»Weil ich dem Sir Williams manchmal den Rock ausgebürstet habe?«, fiel Hannes ein. »Wir sind beide intime Freunde und haben zusammen Blut getrunken. Na, Monsieur Pontence«, und Hannes nahm eine gönnerhafte Miene an, »lassen Sie es gut sein, ich bin vielleicht auch zu heftig gewesen. Nennen Sie mich ruhig Hannes, ich reise nämlich inkognito, weil ich sonst ein großes Gefolge mit herumschleppen müsste, aber Jean dürfen Sie nicht sagen, das bitte ich mir aus, so ruft man bei uns im Hotel die Kellner. Und nun zeigen Sie einmal her, was Sie da für Unsinn zurechtgeschustert haben. Hope, komm einmal her und hilf mir!«

Das junge Mädchen war unterdessen hinter den Baumstamm gekrochen und hatte sich nach Herzenslust ausgelacht. Jetzt kam es heran, sich zum Ernste zwingend, und half Hannes, der mit geschickter Hand an dem Netze arbeitete.

Ja, jetzt konnte der Franzose begreifen, woher es kam, dass die vornehme Amerikanerin so intim mit dem jungen Mann verkehrte! Das hätte er doch gleich merken sollen, dass derselbe kein Diener war. Von jetzt ab wollte er aber nähere Bekanntschaft mit dem Manne machen, der solche Titel aufzuweisen hatte, und ihn mit der ausgesuchtesten Höflichkeit behandeln.

»Was wollen Sie denn mit diesem Netze beginnen?«, fragte ihn Hannes.

»Ich will damit Krokodile fangen, Exzellenz — Pardon — Monsieur Annes«, antwortete der Franzose höflich.

»Krokodile? Donnerwetter, Sie haben aber immer große Rosinen im Kopfe. Wie stellen Sie sich das nun ungefähr vor?«

»O, das ist sehr einfach! Sehen Sie, Monsieur Annes, so, das Krokodil fährt hier mit dem Kopfe durch, schwabb, und es kann nicht wieder zurück. — Au!«

Monsieur Pontence war mit seinem dicken Schädel durch eine Masche gefahren, und da Hope in diesem Augenblicke die beiden Stricke unten festzog, so legten sich diese hinter die Ohren des Franzosen und hinderten ihn am Zurückziehen des Kopfes.

Er musste eine Weile zappeln, ehe er wieder befreit wurde.

»Sie haben aber merkwürdiges Unglück«, lachte Hope. »Sie graben eine Grube für Zebras und fallen selbst hinein, machen ein Netz für Krokodile und fangen sich selbst darin.«

»So«, sagte Hannes und zog den letzten Knoten zu, »das Netz ist fertig. Heute abend können Sie Krokodile fangen, das heißt, wenn die Tiere wollen. Was fangen Sie denn mit ihnen an?«

»Ich lasse mir aus der Haut Satteldecken für die Zebras fertigen, welche ich fangen werde; das muss wunderhübsch aussehen, nicht?«

»Gewiss, wenn Sie erst welche haben. Kommen Sie jetzt mit? Wir beide gehen etwas auf die Jagd.«

»Soll mir eine große Ehre sein, Sie begleiten zu dürfen«, antwortete der Franzose und lief in sein Zelt, um sich die Büchse über die Schulter zu hängen.

Alle drei verließen das Zeltlager und begaben sich in den Wald, um noch vor dem Mittag ein Wild zu schießen.

Sie waren bereits eine Weile gegangen, ohne etwas entdeckt zu haben, weil das Wild aus der Nähe des Lagers bereits vertrieben war, als der Franzose das erste vierbeinige Tier erblickte.

»Da«, flüsterte er und deutete voraus, »ein wilder Esel!«

»Wahrhaftiger Gott«, sagte Hannes, »ein wilder Esel, der erste, den ich hier in Sicht bekomme.«

Die Entfernung war noch zu groß, um schießen zu können.

»Sind die Tiere sehr scheu?«, fragte Hope.

»Ja, wir müssen uns vorsichtig anpirschen. Sie, Monsieur Pontence, kriechen von Backbord heran, und wir beide von Steuerbord. Sollte er uns dennoch wittern, so suchen wir uns ihn gegenseitig zuzutreiben. Aber bitte, Monsieur Pontence, verschonen Sie uns mit Ihren Kugeln. Blei kann mein Magen schlecht verdauen.«

Monsieur Pontence hatte sich schon auf Hände und Knie geworfen und kroch nach links ab, während Hannes und Hope den Weg nach rechts einschlugen. Schnell konnten sie sich durch das hohe Gras dem Tiere nähern, ohne von ihm gesehen zu werden. Als sie in Schussweite gekommen waren, richteten sie sich hinter einem Baume auf, um erst den wilden Esel einmal in Freiheit zu betrachten.

Er weidete ganz ruhig das Gras ab, völlig sorglos, ohne auch nur einmal den Kopf zu heben, bewegte die Ohren und schlug sich mit dem Quastenschwanze die Fliegen weg.

»Ich dachte, die wilden Esel sähen ganz anders aus«, meinte Hope, »aber er ähnelt doch fast ganz unseren Eseln.«

»Ich habe noch keine gesehen, sondern nur davon erzählen gehört«, entgegnete Hannes. »Wenn wir ihn erst haben, machen wir uns Salamiwurst.«

Das Eselsfleisch wird besonders in Italien viel zur Bereitung von Salamiwurst verwendet.

»Dort kommt schon der Franzose angeschlichen«, flüsterte Hope. »Schnell, Hannes, er legt schon an, und wie er jetzt steht, schießt er uns gerade an.«

»Er wird doch den Esel nicht mit Sprengkugeln schießen wollen«, sagte Hannes, warf sich aber doch schnell hinter einen Baum.

Da krachte schon ein Schuss, der Esel stieß ein langes, misstönendes Schmerzgeheul aus und stürzte zu Boden, und gleichzeitig eilten Hannes und Hope darauf zu, von der anderen Seite kam langsam der glückliche Schütze.

»Ein Kapitalschuss, heh, was, Monsieur Annes?«, rief der Franzose schon von weitem.

»Sie haben den Esel wieder schön in Stücke geschossen«, meinte Hannes, plötzlich aber fuhr er erstaunt fort: »Ja, was ist denn das? Der Esel hat ja einen Zaum um.«

In diesem Augenblick stürzte hinter einem Baume ein kleiner Negerjunge hervor in roter Hose und blauer Jacke, warf sich vor dem Esel auf die Kniee und umschlang dessen blutigen Hals.

»Petrarca«, schluchzte er und küsste den Esel aufs Maul, »du armes, armes Tierchen, o, o, du tot sein. O ciel, Hektor Schläge bekommen, mein Petrarca tot sein. Komm mach aufstehen.«

Monsieur Pontence stand in sprachloser Verwunderung vor der Leiche. »Ja, ja, Monsieur Nonsense«, nahm Hannes das Wort, das ihn anwandelnde Lachen zurückdrängend, »da hilft nun kein Weinen, wie Williams sagt. Sie haben eben Ihren eigenen Esel in die Luft gesprengt.«

Endlich machte sich des Franzosen Verwirrung dadurch Luft, dass er den Jungen als den Unglücksanstifter bezeichnete.

»Du verwünschter, schwarzer Schlingel du«, fuhr er den weinenden Jungen an, »was hast du hier mit dem Esel zu tun?«

»Hier fettes Gras sein«, meinte Hektor, »und Petrarca liebt Fett.«

»Da soll doch gleich ...«

»Lassen Sie es gut sein!«, sagte Hannes und zog den Franzosen fort, der große Lust zeigte, den Jungen zu schlagen. »Wissen Sie was, wir stellen heute Abend Schlingen, ich verstehe mich auf solche Sachen, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht ein paar Zebras fangen. Dann haben Sie gleich Ersatz für Ihren Esel.«

»So, meinen Sie, dass man das Zebra auch als Lasttier verwenden kann?«, fragte der Franzose, der das Unglück sofort vergessen hatte, sobald er auf sein Lieblingsthema gebracht wurde.

»Lügst du, so lüge ich auch«, dachte Hannes und erzählte dem Franzosen, wie die Indianer in Südamerika — wo es gar keine Zebras gibt — solche Tiere fingen und zum Lasttragen verwendeten, zur Verwunderung des Franzosen und zum Ergötzen Hopes.

»Nun haben wir so lange von Zebras gesprochen, bis sie kommen«, unterbrach sie plötzlich den Erzähler. »Dort steht ein ganzes Rudel.«

Man erblickte in der Ferne wirklich eine stattliche Anzahl dieser prachtvollen Tiere, deren gelbes Fell mit den schwarzen Querstreifen dem des Panthers ähnelt.

»Nun verteilen wir uns wieder so wie vorhin«, meinte Hannes, »und nicht wahr, Monsieur Nonsense, Sie schießen diesmal nicht mit Sprengkugeln?«

»Nein, nein«, rief der Franzose, der beim Anblick der langersehnten Tiere ganz Feuer und Flamme wurde, »wenn ich keins fangen kann, dann schone ich wenigstens das Fell. Mon dieu, wenn ich so ein Reitpferd hätte!«

Sie krochen in verschiedenen Richtungen davon.

Hope und Hannes lagen schon längst in Schussweite bei den Tieren, als sie den Franzosen noch weit entfernt, wie einen großen, gelben Frosch durch das Gras kriechen sahen. Er benahm sich dabei so ungeschickt, dass zu befürchten war, die Zebras würden ihn bald entdecken und die Flucht ergreifen.

»Er verscheucht uns noch die Tiere«, sagte Hannes und machte die Büchse schussbereit, »Wir warten nicht auf ihn.«

Es war eigentlich schade, solch ein schönes Geschöpf zu schießen, wenn man nicht gerade seines Fleisches bedarf, aber die Jagdlust ist eine mächtige Leidenschaft, welche nicht leicht zu bändigen ist.

»Lass mich schießen«, bat Hope, »ich habe noch kein größeres Tier als eine Antilope erlegt!«

Hannes ließ die schon erhobene Büchse sinken.

Hope zielte lange und schoss; der stattlichste Hengst stürzte wie vom Blitz getroffen nieder.

»Das war einmal ein Schuss, prachtvoll, nicht gezuckt hat er mehr«, jubelte Hannes und eilte mit Hope nach dem erlegten Tiere, wo sie mit dem ebenfalls herbeieilenden Franzosen zusammentrafen.

»Nun, was meinen Sie, Mister Nonsense«, fragte Hope stolz, »ist das nicht schöner, als wenn man mit Sprengkugeln den ganzen Körper zerrissen hätte?«

»Er blutet ja gar nicht«, meinte Pontence verwundert.

»Die Kugel ist durch den Hals gegangen«, sagte Hannes, das Zebra untersuchend, »und hat wahrscheinlich die Wirbelknochen zerschmettert.«

»Mister Pontence«, lachte Hope, »Sie wollen ja gern auf einem Zebra reiten. Nun, setzen Sie sich einmal darauf, und versuchen Sie, ob es weich ist.«

Das Tier lag nicht auf der Seite, sondern mit zusammengeknickten Beinen auf dem Bauche, den Hals weit vorstreckend. Halb mit Gewalt zwangen Hannes und Hope den Franzosen, sich rittlings auf den Rücken zu setzen, weil sie nämlich gerade die zurückkehrenden Hatzreiter ankommen sahen und diesen die komische Situation des Franzosen zeigen wollten. Monsieur Pontence ließ sich nicht lange nötigen, er streckte die dicken Beinchen über den Rücken des Zebras und ließ sich darauf nieder.

In diesem Augenblick trat die vom Pferde abgesessene Ellen an das Zebra.

»Das ist ein Nackenschuss«, rief sie plötzlich erschrocken, »herunter mit Ihnen!«

Die Warnung kam zu spät; das Zebra sprang plötzlich mit einem Satze auf die Füße, und ehe die Umstehenden nur einen Entschluss fassen konnten, jagte es schon mit Windeseile davon, den Franzosen auf dem Rücken, der sich fest mit angezogenen Beinen anklammerte und die Hände in die Mähne krallte, so den lächerlichen Eindruck eines großen Affen machend, wenn seine Lage nicht so furchtbar ernst gewesen wäre.


Illustration

Spottet in Amerika ein Pferd aller Anstrengungen der Jäger oder Pferdehirten, es mit Lasso oder Bola zu fangen, weil es sie nie nahe genug herankommen lässt, so gibt es noch ein Mittel, um es zu fangen. Der beste Schütze schleicht sich an das Pferd heran und versucht, ihm einen Schuss beizubringen. Die Kugel muss am Hals einen Wirbel streifen. Glückt es, so wird das Tier augenblicklich gelähmt, die Kugel schnell herausgeschnitten, und das Pferd trägt weiter keinen Schaden davon als am Halse eine Narbe. Das ist der Nackenschuss, und Ellen hatte an der Stellung des liegenden Zebras sofort bemerkt, dass hier ein solcher vorlag.

Nur Hannes und Hope hatten Gewehre bei sich, auch des Franzosen Elefantenbüchse lag am Boden, ehe aber jemand daran dachte, von ihr Gebrauch zumachen, war das Zebra schon längst außer Schussweite, den Franzosen noch immer auf dem Rücken.

»Er hat Revolver bei sich«, sagte Harrlington, »er wird doch das Tier niederschießen.«

»Nehmen wir lieber an, er tut es nicht«, rief Ellen und saß schon wieder auf dem Pferde, gab ihm die Sporen und jagte davon, dem Zebra nach.

Wer meinte, dass sein Pferd von dem langen Ritt noch nicht zu erschöpft sei, folgte ihr.

Denselben Weg, der schon zweimal gemacht worden, ging es abermals zurück; wieder brauste die ganze Kavalkade dahin, und wieder führte Ellens Pferd den Zug. Harrlingtons Pony blieb zurück, es hatte seine ganze Kraft erschöpft.

Wie Schatten flogen die Bäume an Ellen vorüber; sie durfte ihr Tier diesmal nicht schonen, sie gab ihm den einen Sporn, dass das Blut aus der Seite floss, denn es galt, das Zebra so schnell wie möglich einzuholen. Ihr Pferd war müde, es hielt nicht mehr lange aus, das Zebra dagegen hatte sich vorher ausgeruht und wurde überdies durch die ungewohnte Last des Reiters zur doppelten Anstrengung angetrieben. Wäre Ellen wenigstens in Schussweite gewesen, sie hätte mit dem Revolver schießen können, aber statt kleiner zu werden, vergrößerte sich die Entfernung.

Doch sie hielt in der Verfolgung nicht ein. Sie wollte dem Zebra wenigstens auf der Spur bleiben, vielleicht dass sich der Franzose doch noch ermannte und ihm eine Revolverkugel durch den Kopf schoss, wenn er seine Waffen nicht schon unterwegs verloren hatte.

Bis jetzt saß er noch immer zusammengekauert da, sich krampfhaft anklammernd. Dass er sich nicht fallen ließ, konnte ihm Ellen nicht verdenken, denn ein Sprung hier zwischen den Bäumen hätte seinen Tod bedeutet, er wäre unfehlbar zerschmettert worden. Da, was war das? Jagte da nicht fast neben dem Zebra ein schwarzer Schatten her, fast wie ein Mensch anzusehen? Doch nein, es war nicht möglich, so schnell konnte kein Mensch laufen.

Plötzlich verschwand der Schatten wieder, das Zebra jagte eben über eine Lichtung, da machte es plötzlich einen furchtbaren Sprung in die Höhe, der unfreiwillige Reiter wurde in großem Bogen herabgeschleudert, und das Tier selbst stürzte zusammen.

Ellen galoppierte hinzu, und als sie nach einigen Minuten die Stelle erreichte, fand sie Monsieur Pontence, dem sie die erste Aufmerksamkeit schenkte, im Grase sitzen und mit verwundertem Gesicht um sich schauen.

»Haben Sie etwas gebrochen?«, rief ihm Ellen zu.

»Mon dieu, nein, ich glaube nicht«, antwortete er, stand auf und reckte die Glieder, »hat mich die Kanaille also doch abgeworfen! Verfluchte Blamage.«

Ellen ließ den merkwürdigen Menschen weiter räsonieren und wandte sich nach dem Zebra. Diesmal lag das Tier auf der Seite, und wie erstaunt war Ellen, als sie aus dem Herzen des Tieres den befiederten Schaft eines Pfeiles hervorragen sah.

Der Schuss hatte das Tier augenblicklich getötet.

Ellen zog den Pfeil heraus und besah ihn. Er stammte aus dem Köcher eines Eingeborenen. Wo die Federn begannen, hielt ein kleiner, kupferner Ring das gespaltene Ende zusammen. Derselbe zeigte eine Anzahl kleiner Vertiefungen in seltsamer Zusammenstellung.

»Haben Sie jemanden gesehen, der den Pfeil abgeschossen hat?«, fragte sie den Franzosen.

»Welchen Pfeil?«

»Den hier, der das Zebra getötet und Sie gerettet hat.«

»Das Tier ist geschossen worden?«, rief der Franzose verwundert. »Ich habe es doch nicht knallen hören.«

»Natürlich, Pfeil und Bogen knallen nicht«, entgegnete Ellen unwillig. »Haben Sie auch niemanden neben sich herlaufen sehen?«

»Niemanden, höchstens meinen Schatten.«

Ellen fragte nichts mehr, sondern steckte den Pfeil in den Gürtel und wartete, bis die Übrigen nachkamen. Sie erklärte kurz, auf welch seltsame Weise das Tier geschossen worden sei, wie sie ganz deutlich neben dem Zebra einen Menschen mit ungeheurer Schnelligkeit habe laufen sehen, und trat dann mit ihren Freundinnen den Rücktritt an. Die Neger mussten das Tier nach dem Lager besorgen, und einer von ihnen trat dem Franzosen sein Pferd ab.

Da zeigte es sich, dass Monsieur Pontence im Sattel recht unsicher war, und schließlich, als der Zug zu galoppiere begann, glaubte er wahrscheinlich, sich wieder auf dem Zebra zu befinden, denn er ließ die Zügel fahren und klammerte sich an der Mähne des Pferdes fest. Ein Glück war es, dass dieses seinen Kameraden einfach folgte; aber der Franzose musste noch manches Spottwort über seine Reitkunst geduldig hinunterschlucken.

Schon hatte man das Lager fast erreicht, als wieder eine Unterbrechung des Rittes stattfand.

»Monsieur Pontence«, wandte sich Ellen plötzlich an den Franzosen, »hatten Sie heute Morgen nicht Ihre Zebrafalle wieder zudecken lassen?«

»Allerdings, Gnädigste, nach meiner eigenen Angabe.«

»Nun, sie ist schon wieder eingebrochen.«

Als man sich nach der Grube begab, fand man zum größten Erstaunen, dass sich wirklich ein Zebra darin gefangen hatte.

»Herr Gott«, rief Charles, »haben Sie aber ein Glück? Da können Sie ja noch heute Abend das Zebra zureiten.«

Der Franzose antwortete nichts, sondern sah nachdenklich in die Grube, in welcher eine prächtige Stute stand und ängstlich mit den Hufen scharrte.

»Schnell Stricke herbei«, rief Ellen den Negern zu, »damit wir das Tier herausholen können!«

Die nach dem Lager geschickten Neger brachten Stricke, und das erste war, dass dem Tiere eine Schlinge ums Maul gelegt und zugezogen wurde, denn die Zebras sind sehr bissig.

Nach langen Versuchen gelang es auch, zwei Schlingen unter den Leib zu bringen; die Enden wurden um einen gerade über der Grube befindlichen Ast geworfen, und den Anstrengungen aller gelang es endlich, das Tier heraufzuziehen. Ein Bein nach dem anderen wurde angebunden, die Stricke angezogen, und nach Verlauf einer Stunde lag das schöne Tier gebunden und geknebelt am Boden.

»So«, sagte Ellen zu Monsieur Pontence ironisch, »es gehört Ihnen. Wann wollen Sie es zureiten? Heute Abend noch, oder erst morgen früh?«

Der Franzose kratzte sich bedenklich hinter den Ohren.

»Mademoiselle«, sagte er endlich, »ich bin Ihnen großen Dank schuldig, denn Sie sind heute hinter mir hergeritten. So gern ich auch ein Zebra als Reitpferd haben möchte, ich verehre Ihnen dieses hiermit, und wenn Sie es haben gut zureiten lassen, so erlauben Sie mir wohl auch einmal, es ein Stündchen zu benutzen.«

»Danke schön«, entgegnete Ellen lächelnd, »ich nehme das Geschenk an. Morgen Abend sollen Sie es probieren können.«

Sie ordnete an, dass über Nacht einige Neger als Wache bei dem gefesselten Zebra blieben, um Raubtiere abzuhalten, und begab sich nach dem Lager, wo sie mit den Vestalinnen in einem Zelte eine lange Beratung abhielt.

»Will sie wirklich das Zebra zureiten lassen?«, fragte einer der Herren Harrlington.

»Nein, sie will es selbst zureiten.«

»Donnerwetter, das glaube ich kaum, dazu gehört viel!«

»Miss Petersen wird es wohl verstehen, sie hat sich schon von Mister Davids einen Herrensattel geben lassen.«

»Wo ist denn Ihr Netz?«, fragte am anderen Ende des Lagers Hope den Franzosen.

»Ja, wo ist es! He, ihr Kanaillen«, wandte er sich an die umstehenden Neger, »wo ist mein Netz?«

Hope erklärte den Negern, was der Franzose wollte, und lachte dann laut auf.

»Die Neger haben es wieder aufgemacht und die Stricke dazu verwandt, Ihr Zebra aus der Grube zu holen und zu fesseln.«

»Hölle und Teufel!«, fluchte der Franzose.

»Fluchen Sie nicht, bedenken Sie lieber, wie merkwürdig das ist! Mit dem Krokodilnetz haben Sie ein Zebra gefangen«, scherzte das mutwillige Mädchen. —

Am anderen Morgen waren die Herren verwundert, fast gar keine Dame im Lager zu sehen, und die wenigen, welche zurückgeblieben, erklärten, Ellen wolle das Zebra zureiten, wo, erfuhr aber niemand.

So viel war gewiss, das Zebra war schon am frühesten Morgen verschwunden, und Ellen hatte einen Herrensattel mitgenommen.

»Wo mag sie nur sein?«, wurde die Frage aufgeworfen.

»Jedenfalls an einem verborgenen Platz«, war die Antwort.

»Aber warum so heimlich? Es wäre doch recht schön, wenn wir der Bändigung des Tieres zusehen könnten.«

»Wenn Miss Petersen das Zebra zureitet«, erklärte Charles, »so wird sie sich nicht im Damenkostüm befinden, sonst hätte sie keinen Herrensattel mitgenommen, und unseren profanen Augen gestattet sie keinen anderen Anblick.«

Den ganzen Tag ließ sich keine der Damen sehen, und auf alle Fragen hatten die Zurückgebliebenen nur ein Lächeln als Antwort. Gegen Abend erblickte man in der Ferne eine stattliche Kavalkade von Reitern, unter ihnen auch die Damen, und an der Spitze ritt Ellen auf dem Zebra, welches sehr demütig war und willig dem Zügel gehorchte.

Die Reiterschar betrug weit über hundert Mann, jene schwarzen Gestalten aber, die da rittlings aus den Pferden saßen und ihre Lanzenspitzen in der Sonne funkeln ließen, waren keine Männer, sondern Weiber — Amazonen von Dahomey, und neben Ellen ritt Yamyhla.

Diese hatte Ellen auf einer Lichtung des Waldes getroffen, wo sie das Zebra zuritt. Sie war in Begleitung von hundert wohlbewaffneten Amazonen, um der Karawane nach Tabua das Geleit zu geben, wenn die Boten die Nachricht brachten, dass Kasegora und Chaushilm sich dort befanden.

Der erste, welcher den Zug empfing, war der Franzose, der sein Zebra bewunderte. Wie gesagt, es war ziemlich demütig, aber sein wilder, heimtückischer Blick verriet doch, dass es nur zu gern seine Reiterin abgeschleudert hätte, doch es wagte keinen Versuch. Da es mit Staub und Schmutz bedeckt war, so musste es sich oft gewälzt haben, aber wenn Ellen ihre Hand auf den Hals des Tieres legte, so zitterte es vom Kopf bis zum Schwanz, ein Zeichen, wie übel ihm diese mitgespielt hatte, auch die blutbefleckten Weichen zeigten das.

»Haben Sie Lust, einmal ein Stündchen auf ihm spazieren zu reiten?«, fragte Ellen den Franzosen lächelnd.

»Es wird wohl nicht still halten, wenn ich mich darauf setze«, entgegnete der Franzose nachdenklich.

»Das glaube ich auch«, lachte Ellen.

Die Amazonen wurden im Lager von den Herren und zurückgebliebenen Damen herzlich begrüßt.

Noch ehe Ellen abgestiegen war, erhielt sie schon von einem Mädchen eine schlimme Nachricht. Miss Sargent hatte bereits heute Morgen das Lager allein verlassen, um zu jagen, und war bis jetzt noch nicht wieder zurückgekehrt. »Womit war sie bewaffnet?«, fragte Ellen.

»Mit der Doppelbüchse und dem WinchesterGewehr.«

»Warum das?«

»Sie wollte mit letzterem Vögel schießen. Wir, die Herren und die Neger, haben schon heute Nachmittag verschiedene Male nach ihr gesucht, sie aber nicht gefunden.«

Ellen rief rasch die Vestalinnen zusammen und hielt eine Beratung ab, was hier zu machen sei. Da Miss Sargent eine mutige, entschlossene Dame war, welche es vielleicht sogar übelgenommen hätte, wenn man nach ihr suchte, weil sie bei einer Jagdpartie einen Tag oder eine Nacht ausblieb, so wurde beschlossen, erst am Morgen nach ihr zu forschen, falls sie bis dahin noch nicht zurückgekehrt sein sollte. Yamyhla versprach ihre Beihilfe.

Die Zahl der Personen im Lager war jetzt plötzlich verdoppelt worden, aber die Amazonen kannten den Luxus von Zelten nicht; sie kampierten einfach im Freien, und nur die vielen Lagerfeuer verrieten, wie sehr die Karawane sich vermehrt hatte. Überall flackerten die Feuer auf, dunkle Gestalten lagen darum und beobachteten die Fleischstücke, welche über den Flammen brieten, daneben standen, an Bäume gebunden, die Pferde.

Im Zelte Ellens befand sich Yamyhla und der gleichfalls mitgekommene Ngaraiso.

»Wir wollen noch zwei Tage hier warten«, sagte erstere. »Sind bis dahin die Boten aus Tabua noch nicht zurückgekehrt, so reisen wir ihnen entgegen, und ist deine Freundin morgen früh nicht wieder hier, so benutzen wir den morgigen Tag, um sie aufzusuchen. Uns ist es nicht schwer, die Vermisste wiederzufinden.«

Ellen erzählte die jüngst passierten Abenteuer und sprach auch von dem seltsamen Pfeilschuss, durch welchen der Franzose von seinem Reittier befreit wurde.

»Ob der dunkle Schatten, welchen ich neben dem Zebra herlaufen zu sehen meinte, wirklich ein Mensch war, kann ich nicht behaupten«, schloss Ellen. »Hältst du es für möglich, Yamyhla, dass ein solcher mit einem laufenden Zebra gleichen Schritt halten kann?«

»Warum nicht? Wir Amazonen jagen die Antilope zu Fuß und nur mit dem Speer«, sagte Yamahla einfach, »wir stechen das eingeholte Tier nieder. Doch sag, hast du den Pfeil aufgehoben?«

Ellen zeigte ihr denselben, den Yamyhla kaum in die Hand genommen hatte, als sie schon erstaunt rief:

»Der Pfeil einer Amazone, die Pfeilspitze wird nur bei uns so eingefügt.«

Dann betrachtete sie aufmerksam den kupfernen Ring.

»Wahrhaftig«, rief sie dann wieder, »es ist das Zeichen von Kasegora, sie und keine andere hat ihn abgeschossen. Eine Stunde ist das Zebra gelaufen? Gut, so kann sie selbst nicht so weit sein, wir werden sie suchen.«

* * * * *

III.27. Der weiße Neger

Nur einige Tage waren verstrichen, seit die Karawane der Herren und Damen von Mgwana aufgebrochen war, als in den Hafen ein großes, schwarzes Vollschiff einlief — der ›Blitz‹.

Fast sofort, nachdem Hoffmann den Hafenvorschriften genügt, das heißt, sein Schiff angemeldet und das Ankergeld bezahlt hatte, jenes Geld, für welches der Hafen von der Behörde in Ordnung gehalten und verwaltet wird, erschien bei ihm an Bord einer der Heizer des ›Amor‹, welcher den Kapitän zu sprechen wünschte. Der Mann wusste ja, dass Hoffmann ein Freund der englischen Herren war, und, in einer Angelegenheit Rat wünschend, wandte er sich an ihn.

Während die Unterredung im Arbeitszimmer des Kapitäns stattfand, standen der Bootsmann und Georg, die Briefordonnanz, am Fallreep und stellten Betrachtungen über die Neger an, welche in schmalen, aber sehr langen Ruderboten im Hafen hin- und herfuhren, vor den Schiffen hielten und Früchte, Durra und Erzeugnisse der einheimischen Industrie den Mannschaften anboten. Unter letzteren spielen hauptsächlich Goldwaren eine Hauptrolle denn die Westküste von Nordafrika ist ziemlich reich an diesem Edelmetalle, wie ja auch der Name ›Goldküste‹ besagt, und die Neger sind geschickt in der Verarbeitung dieses Metalls.


Illustration

Dass aber die dort wohnenden Schwarzen sich auch schon die Vorteile der Zivilisation zu nutze gemacht haben und auszubeuten suchen, das verriet das Gespräch, welches zwischen dem Bootsmann und dem schlauen Georg stattfand, welch Letzterer nicht mit blinden Augen in der Welt herumfuhr, sondern vielmehr alles mit recht scharfem Blicke und klarem Verstande anzusehen gewohnt war.

Eben hatte ein Neger, der ihnen dicke Goldringe mit eigentümlichen Eingravierungen zu verkaufen gesucht hatte, den ›Blitz‹ verlassen. Einige der Mannschaft wären vielleicht nicht abgeneigt gewesen, die schönen und dabei billigen Fingerringe zu kaufen, darunter auch der Bootsmann, aber Georg hatte sofort, als er die Ware des Negers gesehen, diesen von Bord gejagt.

»Die Ringe waren aber doch wirklich aus echtem Gold«, sagte der Bootsmann erstaunt, »und noch dazu sehr schön gearbeitet! Warum sollten unsere Leute nicht ein paar solche Dinge kaufen? Es ist doch ganz hübsch, wenn man aus fremden Ländern Andenken mitbringt. In unserer Heimat müssen wir für solche ausländische Sachen wenigstens das Doppelte bezahlen.«

»Da seid Ihr gewaltig im Irrtum, Bootsmann«, lachte Georg, »wenn Ihr glaubt, diese Ringe seien von den Negern geschmiedet. Wisst Ihr, woher diese Schmucksachen kommen? Meistenteils aus England, aber die Neger verkaufen sie als einheimische.«

»Es ist nicht möglich!«, rief der Bootsmann erstaunt. »Und doch ist es so«, versicherte Georg, »ich weiß es genau. Es gibt in England Fabriken, welche sich nur mit Anfertigung von Sachen beschäftigen, die dann in den fremden Hafenstädten als Erzeugnisse der Eingeborenen verkauft werden, nicht nur Industriegegenstände, sondern sogar Waffen, Pfeile, Bogen und Lanzen. Ich wette, dass manches Stück, welches ein Reisender für schweres Geld im Auslande erworben hat, und das jetzt in irgend einem Museum hängt, in demselben Land, ja vielleicht in derselben Straße gefertigt ist, in der sich das Museum befindet. Ich war einmal auf einem Schiffe, auf dem sich ein solcher Agent befand, der derartige Geschäfte machte. Er fuhr auch hierher und brachte den Negern ganze Kisten voll Ringe. Das Gold ist schlecht, die Gravierungen sind Fabrikarbeit, und wenn man sie kauft, so glaubt man doch, die Neger haben die selben mit der Hand eingeschnitten, und daher bezahlt man viel mehr, als der Ring eigentlich wert ist.«

»Aber die Neger hier sollen doch gute Goldarbeiter sein?«

»Gewiss, aber wir Matrosen bekommen solche Sachen gar nicht zu sehen. Die Häuptlinge, Sultane und wie die Kerle alle heißen, behalten sie für sich, verschenken oder verkaufen sie auch, aber nicht an uns, solche Schmucksachen können nur Reiche kaufen. Da kommt schon wieder ein Schwarzer angefahren«, unterbrach Georg seine Erklärung, »was mag der denn wieder wollen?! Ware hat er nicht im Boot. Lasst ihn nicht an Bord, Bootsmann, er will doch nur betteln oder stehlen.«

Ein Boot, in dem sich nur ein einziger Neger befand, wurde an den ›Blitz‹ gerudert, indem der Mann geschickt das Wasser mit einem Schaufelruder hinter das Fahrzeug drückte, und ans Fallreep gebunden. Der Ankömmling kletterte dieses hinauf.

»Nichts da!«, rief ihm der Bootsmann entgegen und machte eine zurückweisende Handbewegung, »wir, wollen euch Gesindel nicht an Bord haben.«

Der Neger nahm keine Notiz davon, sondern war mit einem Sprunge über der Bordwand und stand an Deck. Er war zwar nicht groß und auch nicht breitschultrig, sondern eher schmächtig und zierlich gebaut, aber der Körper, nur von einem Lendentuch bedeckt, zeigte eine so ausgebildete Muskulatur, wie man sie an derartigen Gestalten gar nicht zu sehen gewohnt war. Bei der kleinsten Bewegung spielten die Muskeln und schwollen zu einer unglaublichen Größe an. Der Mann musste entweder sehr schwere Arbeit verrichten, oder er war vielleicht ein Gymnastiker, anders konnte man sich diese Vereinigung von Zierlichkeit und Kraft, beide in einem Körper verbunden, nicht erklären. Seine Hautfarbe war schwarz, das Haar war wollig, aber nicht so hart wie das anderer Neger, und auch sein Gesichtsausdruck war kein abstoßender.

»Massa Hoffmann an Bord?«, fragte er in mangelhaftem Englisch.

»Zurück in deinen Kahn«, rief der Bootsmann ärgerlich, aber doch erstaunt die wie aus Erz gegossene, schlanke Gestalt von oben bis unten musternd, als erwäge er, wie ein Handgriff an dieser schwarzen Gestalt wohl aufgenommen werden würde.

In diesem Augenblick kam der Heizer aus Hoffmanns Kajüte, und der Schwarze, welcher von dem Bootsmann schon gepackt werden sollte, schlüpfte plötzlich wie ein Aal unter den Händen desselben durch, an dem Heizer vorüber und war mit einem Sprunge aus der Kajütentreppe verschwunden.

Als sich der Bootsmann von seiner Entrüstung erholt hatte, wollte er nacheilen, da aber erschien schon Hoffmann auf der Treppe.

»Es ist gut, Bootsmann«, rief er dem Aufgebrachten zu. »Ruft den Heizer des ›Amor‹ noch einmal zurück!

»Ihr braucht in dieser Angelegenheit nichts mehr zu tun«, sagte Hoffmann zu dem Zurückgekehrten, »ich habe mir die Sache anders überlegt. Bleibt an Bord und kümmert Euch nicht mehr um die Sache Snatchers.«

Hoffmann ging wieder hinunter.

»Was soll denn das bedeuten?«, fragte der Bootsmann den Heizer. »Habt Ihr denn Snatcher schon wieder?«

Der Heizer zuckte die Achseln. »Ich verstehe das auch nicht«, meinte er. »Eben sagte mir noch der Kapitän Hoffmann, ich solle ihn in einer halben Stunde abholen, wir wollten beide zusammen nach dem Konsulat gehen und Anzeige machen, und jetzt denkt er mit einem Male ganz anders, er ist plötzlich über Snatcher beruhigt. Daraus werde ein anderer klug.«

»Sollte der Schwarze damit etwas zu tun haben?«, meinte der Bootsmann.

»Wer weiß? Der Kapitän muss ihn kennen, sonst würde er doch den nackten Kerl nicht in seiner Arbeitsstube dulden, und der Neger muss seines Auftrages sehr sicher sein, dass er sogleich zum Kapitän hineinläuft.«

Am Maste ertönte ein Klingeln, welches Georg zum Kapitän rief. Als er wieder auf Deck kam, gab er dem Koch verschiedene Aufträge und wandte sich dann wieder zum Bootsmann.

»Merkwürdig«, sagte er, »der Neger sitzt unten ganz bequem beim Kapitän im Lehnstuhl und raucht Zigarren, und jetzt muss ich dem Koch den Auftrag geben, das Beste herzurichten, was es an Bord gibt und, sagte der Kapitän lachend, genug, dass es für drei Personen reicht.«

Noch einige Male wurde Georg gerufen, nachdem die Platten und Schüsseln mit den schnell bereiteten Gerichten von ihm unten aufgetragen worden waren.

»Potz Element«, rief er zum Bootsmann, »das ist ja ganz kurios, jetzt muss ich auch noch Wein für den Neger servieren! Aber, Bootsmann, Ihr solltet einmal unten zusehen können, so etwas habt Ihr Euer Leben lang noch nicht gesehen. Der Kapitän sitzt und lacht nur immer, und der Neger greift in die Schüsseln hinein, als hätte er wenigstens vier Wochen nichts gegessen. Als ich jetzt unten war, schluckte er ein halbes Huhn mit einem Male hinunter, Messer und Gabel benutzt er gar nicht, und die fettigen Finger wischt er sich immer im Haar ab. Das ist ja ein sonderbarer Gast, möchte nur wissen, was hinter dem steckt. Ein nackter Neger, raucht des Kapitäns feinste Zigarren, trinkt den besten Wein und schluckt dann den Braten und das Geflügel nur immer so hinunter.«

»Sprechen sie denn nichts zusammen?«, fragte der Bootsmann neugierig.

»Freilich sprechen sie zusammen, den Neger habe ich wenigstens immer schwatzen hören, sobald ich aber eintrete, hört er auf und fängt mit verdoppeltem Eifer an zu kauen.«

Wenn aber Georg auch den Neger hätte sprechen hören, er würde selbst dem Bootsmann, seinem besten Freunde, nichts wiedererzählt haben, dazu war er seinem Kapitän viel zu treu.

Der sonderbare Schwarze musste wirklich einen ganz furchtbaren Hunger haben; Appetit war es schon gar nicht mehr zu nennen, mit solcher Hast räumte er die aufgetragenen Platten ab. Hoffmann sah zu und musste oft lachen, wenn der Neger immer wieder eine geleerte Schüssel zur Seite schob und eine neue heranzog, wobei es ihm gar nicht auf die Reihenfolge der Speisen ankam, sondern er aß eben, wie die Gerichte der Reihe nach kamen: erst Braten, dann einen Teller voll Brot, dann Geflügel, dann leerte er wieder eine Schüssel mit Gemüse und griff hierauf zu einer anderen Fleischsorte. Der Kapitän hörte aber zugleich auch zu, denn während des Kauens stieß der Neger Worte hervor, welche Hoffmann sehr interessieren mussten. Der Neger sprach jetzt nicht mehr ein so mangelhaftes Englisch wie vorhin, als er an Bord kam, sondern ein sehr gutes.

»So haben Sie also den Weg von 350 Meilen in zwei Tagen zurückgelegt?«, fragte Hoffmann. »Wenn ich Sie nicht kennte, würde ich dies einfach für eine Unmöglichkeit halten! Da müssen Sie aber Tag und Nacht geritten sein. Haben Sie in dieser Zeit gar nicht geschlafen?«

»Doch«, erwiderte der Neger und stürzte ein großes Glas Wein hinunter, »einmal habe ich geschlafen, etwa drei Stunden, an einen Baumstamm gelehnt, und zwar, als mein Pferd zum Reiten untauglich wurde. Das Tier konnte die Anstrengung nicht mehr aushalten, es taugte nichts, und so bin ich dann zu Fuß weitergerannt. Zuletzt habe ich mir ein Boot gestohlen und bin einige Stunden auf dem Flusse gefahren, das Boot liegt noch draußen.«

»Warum haben Sie sich aber nicht einen ordentlichen Anzug verschafft? Sie trafen doch sicherlich unterwegs auf Besitzungen, wo Europäer wohnen!«

»Habe ich auch einmal versucht, aber der nackte Mann wurde so ausgefragt, dass er gleich die Geduld verlor und weitergaloppierte.

»Mein Pferd brach in der Nähe eines Negerkrals zusammen, ich schlich in der Nacht in eine Hütte, stahl dieses Lendentuch hier, färbte mich mit dem Safte einer Pflanze, die ich kannte, vom Kopf bis zu den Füßen schwarz, das Haar ebenso, schlief etwas und rannte dann weiter. Wenn ich als Weißer durch bewohnte Gegenden gelaufen wäre, so hätte das natürlich großes Aufsehen erregt, und so war die Umwandlung nötig.«

»Konnten Sie sich nicht wieder ein Pferd verschaffen?«, fragte der Kapitän lächelnd den kauenden Mann. »Da Sie es nicht so genau mit dem Eigentum anderer nehmen, so konnten Sie ja auch ein solches von der Weide nehmen.«

»Der Weg führte durch Wälder und Dschungel, und in diesen kommt ein Fußgänger schneller fort als ein Reiter«, war die Antwort.


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Hoffmann stellte seine Fragen ein, bis der Mann vor ihm gesättigt war, denn da schließlich selbst der furchtbarste Heißhunger gestillt werden kann, so hörte auch der Fremde nach und nach auf, die vor ihm stehenden Schüsseln aufzuräumen; seine Kauwerkzeuge arbeiteten langsamer, und schließlich lehnte er sich mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung in den Lehnstuhl zurück, brannte sich eine Zigarre an und blickte, die Hände über dem angefüllten Magen gefaltet, mit wahrhaft glücklichem Gesichtsausdruck den bläulichen Rauchwölkchen nach.

»Da ich annehmen kann, Mister Sharp«, begann Hoffmann wieder, »dass Sie nun eher zum Sprechen disponiert sind als vorher mit leerem Magen, so ersuche ich Sie um Aufklärung alles dessen, was Sie bis jetzt, sei es im Interesse von Lord Harrlington, oder in Ihrem eigenen getan haben. Ich habe Ihnen meine Hilfe versprochen, und soviel in meinen Kräften steht, werde ich Sie unterstützen. Aber natürlich ist es nötig, dass ich auch in Ihre Pläne Einblick erhalte, denn Sie wissen, Mister Sharp, ich bin nicht der Mann, der sich als willenloses Werkzeug gebrauchen lässt.«

Mister Sharp, der diesmal die Verkleidung oder — da von Kleidern nicht viel zu sehen war — das Aussehen eines Negers angenommen hatte und einen solchen bei nur oberflächlicher Betrachtung auch wirklich sehr gut vorstellte, blickte lange sinnend vor sich hin, nahm die Zigarre aus dem Munde und lehnte sich noch bequemer in den Stuhl zurück.

»Wir haben uns das letzte Mal in China gesehen«, sagte er dann, »als ich Ihnen mitteilte, dass ich von Lord Harrlington verabschiedet worden wäre, wenigstens der Form nach. Ist es nicht so?«

Hoffmann bejahte.

»Wissen Sie, womit ich mich bis jetzt beschäftigt habe?«, fragte Nick Sharp weiter.

»Lord Harrlington erzählte mir, Sie wären willens, sich eben jener Verbrecherbande anzuschließen, durch welche die englischen Herren wie die amerikanischen Damen fortwährend belästigt werden; aller Wahrscheinlichkeit nach bemüht sich diese, die Damen in ihre Gewalt zu bekommen.«

»Sonst nichts weiter?«

Hoffmann lächelte. »Lord Harrlington sagte mir auch noch so nebenbei«, fuhr er fort, »das heißt, ohne Sie im geringsten anklagen zu wollen, dass Sie von der Ihnen gegebenen Vollmacht, in seinem Namen Summen zu erheben, in etwas großem Maßstabe Gebrauch gemacht haben. Sie sollen einen Scheck über dreißigtausend Dollar ausgeschrieben haben.«

»Habe ich auch, und Lord Harrlington ist darüber von mir benachrichtigt worden«, entgegnete der Detektiv gleichgültig, »diese Benachrichtigung ist ihm wahrscheinlich aber erst zugegangen, nachdem er Ihnen dies erzählt hat. Gut aber, dass Sie das zuerst erwähnen, denn von da fängt meine Lebensperiode als Seeräuber an, wenn ich auch wenig Gelegenheit gehabt habe, in Praxis aufzutreten — danke, Kapitän, ich trinke keinen Wein mehr, Kognak befördert die Verdauung besser. Ich wusste, dass der Mann, welcher Seewolf genannt wird, in großer Verlegenheit war, weil er sein Schiff verloren hatte und auch keine Aussicht besaß, wieder ein solches zu bekommen. Der Kapitän ohne Schiff lag mit seiner Mannschaft in Yokohama und wartete vergebens darauf, von seinem Herrn, dem sogenannten Meister, wieder ein Schiffchen geschenkt zu kommen. Meine damalige Meinung war nun schon, dass dieser Meister nicht so schnell im Schenken sei, und als ich später mit dem Seewolf intimer wurde, erfuhr ich wirklich, der Meister hätte ihm ziemlich deutlich gesagt, dass er, habe er durch Ungeschicklichkeit sein Schiff verloren, sich selbst ein solches wieder anschaffen solle. Ich war in dem Besitz des Stempels des Meisters, ferner auch in dem einiger seiner Briefe, und so war es mir also leicht, einen solchen zu fälschen.«

»Wie kamen Sie zu dem Stempel des Meisters?«, fragte Hoffmann erstaunt.

Sharp erzählte kurz, wie er in Indien denselben kopiert und sich danach ein Petschaft angefertigt habe.

»Damals in Yokohama wurde die ganze Mannschaft eines Schiffes gehenkt, welches auf Seeräuberei betroffen worden war. Ich weiß nicht, ob Sie davon gehört haben?«

»Ja, es ist mir bekannt.«

»Wissen Sie auch, dass einer aus dem Gefängnisse entsprang und nicht wieder gefangen wurde?«

»Ja, wenn ich nicht irre, hieß jener Mann Ned Carpenter.«

»Richtig! Doch erlassen Sie mir, zu erzählen, wie alles kam, ich müsste zu weit ausholen — kurz und gut, jener entflohene Ned Carpenter war gar nicht der richtige Mann, der war schon längst tot, sondern ich bin der Mann gewesen, ich habe mich ins Gefängnis sperren lassen, und so bin ich es auch gewesen, der daraus entfloh — alles, um den Seewolf und die ganze Sippschaft zu täuschen.«

Sharp beachtete nicht das verwunderte, fragende Gesicht des Kapitäns, sondern fuhr fort:

»Als Ned Carpenter brachte ich dem Seewolf einen Brief des Meisters, den ich also mir selbst geschrieben hatte, worin dem Seewolf mitgeteilt wurde, dass er mir folgen sollte, denn ich könnte ihm wieder ein Schiff verschaffen. Wer war froher als der Seewolf und seine Leute! Noch in derselben Nacht nahmen sie unter meiner Führung ein Schiff, welches in Yokohama ohne Mannschaft lag, sie glaubten zwar, es wäre nur zufällig ohne Bewachung, und sie staunten über meine Kühnheit, wie ich so ohne weiteres aus einem großen Hafen ein Schiff mit voller Ausrüstung entführte, aber — das alles war eine Vorspiegelung, ich hatte vorher das Schiff für die dreißigtausend Dollar gekauft. Mein doppeltes Ziel hatte ich jedoch erreicht, der Seewolf besaß wieder ein Schiff, und ich stand bei ihm wegen meiner Schlauheit und Verwegenheit in großem Ansehen, seine Mannschaft betete mich wie einen Gott oder auch wie den Teufel an, und so konnte ich manches von ihm erfahren, was ich zu wissen wünschte, umso mehr, als mich der Seewolf für eine dem Meister sehr nahestehende Person hielt. Wie wäre ich sonst zu solch einem wichtigen Auftrage gekommen? Haben Sie nun noch irgend eine Frage zu stellen, Mister Hoffmann? Da alle meine Handlungen wohl überlegt waren, da ich immer nach einem Plane arbeite, so kann es leicht vorkommen, dass ich etwas mir als ganz selbstverständlich Erscheinendes überspringe, was aber für Sie ein Rätsel bleibt.«

»Ja, manches ist mir allerdings vollständig rätselhaft«, entgegnete Hoffmann. »Der Meister hat doch sicher erfahren, dass der Seewolf durch Sie zu einem Schiffe gekommen ist, und ferner, dass Sie letzterem einen Brief gebracht haben, welcher Sie als Bevollmächtigten erklärte. Sollte der Meister ein so kurzes Gedächtnis besitzen, um nicht zu wissen, dass er Ihnen gar keinen Brief geschrieben, denselben Ihnen auch gar nicht ausgehändigt hat? Es wäre doch merkwürdig, wenn der Meister von diesem Betruge nichts erfahren haben sollte!«

»Richtig, das muss ich Ihnen erst noch erklären. Ich bin nämlich zu der Ansicht gekommen, dass die Person des Meisters gar nicht existiert, dass es vielmehr eine ganze Menge von Leuten gibt, welche alle unter dem Namen des Meisters arbeiten und sich seines Siegels, des Galgens mit der Umschrift, bedienen. Die Briefe weisen nämlich verschiedene Handschriften auf, nicht gerade die, welche eine einzelne Person nach und nach empfängt, sondern solcher verschiedenen, geschäftlichen Inhalts, die also an verschiedene, für den Meister arbeitenden Männer ergehen.«

»Dies ist aber noch kein Beweis«, unterbrach ihn Hoffmann, »dass der Meister selbst nicht existiert. Es könnte ja sein, dass er eine Art Kontor besitzt, in welchem mehrere Männer arbeiten, von denen jeder eine besondere Branche zu besorgen hat. Verstehen Sie, wie ich das meine?«

»Wohl, aber es ist dies nicht so. Nein, es liegt dem Ganzen zwar ein gewisses System zu Grunde, aber so ausgebildet, wie Sie annehmen, ist es durchaus nicht. Ich behaupte nochmals, einen Meister gibt es nicht, das heißt, also eine einzige Person, welche alles dirigiert, sondern es sind verschiedene Menschen, durch welche die Banden geleitet werden, und sie stehen untereinander wohl in Fühlung, aber sie handeln nach eigenem Ermessen, und oft ohne dass einer von dem Plane des anderen etwas weiß. Ich habe mich, ehe ich selbst in die Bande eintrat, einige Male von der Richtigkeit dieser Annahme überzeugt, ich handelte dabei so, dass ich in keine Gefahr kam. Ich fälschte nämlich Befehle, welche den Interessen des Meisters ganz zuwiderlaufen mussten, aber sie wurden doch ausgeführt, ohne dass der Betreffende Unannehmlichkeiten hatte, und später, nachdem ich selbst als Verbrecher beim Seewolf Aufnahme gefunden, dirigierte ich das ganze Schiff durch Befehle, welche ich dem Seewolf in die Hände zu spielen wusste. Natürlich machte ich es so, dass sie nicht in direktem Widerspruch mit denen standen, welche der Seewolf ab und zu noch außerdem empfing. So viel weiß ich jetzt bestimmt, dass der Meister nicht eine einzige Person ist, sondern dass unter diesem Namen verschiedene Männer arbeiten, welche nicht voneinander abhängig sind, und von denen der eine oft nicht einmal die Pläne des anderen kennt, vielleicht nicht einmal die Aufträge, die er austeilt. Es ist eben eine schlecht organisierte Gesellschaft, die ihr Unwesen treibt.«

Der Ingenieur schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Ich finde dies alles sehr merkwürdig und unglaublich. Wenn wirklich, wie Sie sagen, eine ganze Gesellschaft existiert, welche diese Verbrecherbande leitet, so ist doch anzunehmen, dass es eine ganz raffinierte Schwindlerbande ist, die nicht so plump operiert.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Hoffmann«, unterbrach ihn der Detektiv, »ich habe doch nicht gesagt, dass sie sich plump benimmt. Nein, im Gegenteil, sie operiert äußerst geschickt; wie wäre es denn sonst möglich, dass sie diese Hunderte und Tausende von Menschen, welche sie beschäftigt — und ich versichere Ihnen, es gibt darunter sehr pfiffige Köpfe — dass alle diese der festen Meinung sind, es gäbe nur einen Meister, der allmächtig ist, vor dem sie nicht nur Respekt, sondern auch eine grenzenlose Angst besitzen, weil er jeden Verrat fast im voraus wittert und mit dem Tode bestraft, gleichgültig, ob der Verräter im Zuchthaus, auf dem Meere oder in der Wildnis ist. Nein, nein, der Plan, nach dem sie arbeiten, ist äußerst geschickt angelegt, aber doch nicht geschickt genug — als dass ich — verzeihen Sie mein Eigenlob — als dass ich nicht sein Gewebe erkenne. Ich habe für so etwas aber ganz eigentümlich scharfe Augen. So zum Beispiel kommt das, dass es niemandem auffällt, dass diese Briefe von verschiedener Hand geschrieben werden, einfach daher, dass erstens einmal die eine Person nur immer Briefe in derselben Handschrift bekommt und ferner, dass die Briefe bei Todesstrafe sofort immer verbrannt werden müssen. Übrigens sind nicht alle Briefe mit der Hand geschrieben, sondern mit Hilfe einer Schreibmaschine, wahrscheinlich von Leuten, welche einen Verrat durch ihre Handschrift befürchten, denn diese kommen besonders an solche Verbrecher, welche einst bessere Zeiten gesehen haben und eine gewisse Erfahrung haben. Beim Seewolf braucht so etwas nicht befürchtet zu werden, er kann die Handschrift eines Kindes nicht von der eines Advokaten unterscheiden.«

»Aus was für Leuten mag sich die an der Spitze stehende Gesellschaft zusammensetzen? Haben Sie davon schon eine Ahnung?«

»Nein, aber mein Verstand sagt mir, dass es reiche, angesehene, intelligente Leute sind, die ihre Fähigkeiten in unrechter Weise anwenden.«

»Und wie ist es möglich, dass Sie Briefe fälschen können, ohne dass dieser Betrug bemerkt wird?«

»Das kommt jedenfalls von der Art ihrer Einrichtung. Die Leute sind alle für sich. Jeder hat vielleicht auch eine besondere Bande, die für ihn arbeitet, aber es ist auch gestattet, dass einer die Bande des anderen benutzt, wenn er sie gerade gebraucht, und es ist ihm das erlaubt, wenn seine Befehle denen des ersteren nicht gerade zuwiderlaufen und störend auf dessen Pläne einwirken.«

Der Ingenieur blickte lange sinnend durch das Fenster, welches ihm die Aussicht auf Mgwana bot.

»Sie mögen recht haben«, sagte er dann, »dass der Meister in Person gar nicht existiert. Haben Sie schon eine Ahnung, wer diese Leute sind?«

»Nein, das zu erfahren, soll meine jetzige Aufgabe sein, und ich werde nicht eher ruhen, als bis ich sie kenne. Bis jetzt habe ich mich über die Werkzeuge orientiert, über welche sie befehlen, das heißt, über die Leute, welche in ihrem Dienste stehen, ebenso über die ihnen zu Gebote stehenden Mittel, und ich bin da wirklich auf großartige Resultate gestoßen. Aber soviel ich auch über die Person des Meisters zu erfahren suchte, ich hörte nichts weiter als Mutmaßungen oder auch Gerüchte, welche mit Ammenmärchen Ähnlichkeit haben. Ich brauche wohl jene Vorstellungen nicht erst wiederzugeben, die man sich über den Meister gebildet hat; es sind eben Ungeheuerlichkeiten, wie sie leicht in dem beschränkten, phantasiereichen und abergläubischen Kopfe eines Menschen entstehen können. Vor allen Dingen habe ich mich also dieses Snatcher versichert, denn es ist zehn gegen eins zu wetten, dass der Mann doch noch dem sorglosen Harrlington aus den Händen gezogen wird, weil der Mann jedenfalls einer Person, welche mit zu jener Gesellschaft gehört, gefährlich werden kann. Ich habe ihn vorläufig an einen sicheren Ort gebracht und werde Lord Harrlington davon benachrichtigen. Dieser Snatcher gab mir den ersten Anhaltspunkt, in wem ich eine der als Meister bezeichneten Personen zu suchen habe; durch den Seewolf habe ich dies bestätigt gefunden.«

Der Detektiv sah nachdenkend den Rauchwölkchen seiner Zigarre nach.

»Und dann?«, fragte der Kapitän. »Wie gedenken Sie weiter vorzugehen, und inwiefern kann ich Ihnen dabei nützlich sein? Sie dürfen auf mich zählen!«

»Lassen Sie mich erst kurz berichten, was ich seit jener Zeit getrieben habe, da ich unter die Flagge des Seewolfes trat. Es ist nicht viel davon zu sagen. Unsere Aufgabe bestand nur darin, ganze Banden von Verbrechern von einem Hafen nach dem anderen zu bringen, verfolgte Personen zu verstecken, kurz und gut, Kleinigkeiten — mit den Vestalinnen hatten wir nichts zu tun, bis vor einigen Wochen, als wir den Befehl erhielten, in ein Hafenstädtchen, nicht weit von hier, zu segeln, dann den roten Löwen aufzusuchen, von dem ich Ihnen schon vorhin erzählte, und diesen dahin zu bringen, dass er die Mädchen fängt und an den Meister verkauft. Um dieses zu verhindern, bin ich in solcher Eile hierhergelaufen, erfahre aber nun von Ihnen, dass eine Hilfe von Ihrer Seite unnötig ist, weil die Damen und Herren schon unter mächtigerem Schutze stehen, als Sie gewähren könnten, unter dem Schutze der Amazonen. Gut, ich sehe ein, dass ein Abmarsch Ihrer Mannschaft unnütz wäre.«

Dann führte der Detektiv weiter aus, wie er von Tannert erkannt worden war, sagte aber, dass dies nichts weiter zu bedeuten habe, denn einmal würde der rote Löwe weder den Seewolf, noch Tannert lebendig aus den Händen lassen, und übrigens hätte er auch gar nicht mehr die Absicht, unter den Verbrechern zu bleiben.

»Meine Bemühungen sollen nun darauf gerichtet sein«, fuhr er fort, »jene Gesellschaft ans Tageslicht zu bringen, welche in geheimer Weise alle diese Verbrecher beherrscht, und dazu werde ich mich eines Mittels bedienen, welches vielleicht nicht sofort Ihre Beistimmung finden wird, dessen Vorteil Sie aber bald einsehen werden.«

»Und was ist das?«

»Lassen Sie mich etwas weiter ausholen! Die Verbrecherbande, der ich bis jetzt angehörte, hat als Hauptaufgabe die Gefangennehmung der Vestalinnen bekommen, alles Übrige betreibt sie nur so nebenbei, hauptsächlich solche Geschäfte, welche direkt Geld einbringen. Nun frage ich Sie, Herr Hoffmann: warum sollen wohl die Damen gefangen werden?«

»Diese Verbrecher scheinen sich überhaupt viel mit Mädchenhandel abzugeben«, entgegnete der Gefragte. »Warum sollten sie da nicht einmal nach weißer Ware trachten? Europäerinnen werden genug an asiatische Fürsten verhandelt; um schöne Mädchen in ihre Harems zu bekommen, zahlen diese jeden geforderten Preis.«

»Ich glaube doch, Sie sind auf einer falschen Fährte, wenn es auch möglich ist, dass die Damen wirklich als Sklavinnen verhandelt werden sollen. Wir müssen ins Auge fassen, dass die an der Spitze der Bande stehenden Leute sicher solche aus sogenannten besseren Kreisen sind, und dass sie sich nicht solche unglaubliche Mühe geben würden, wenn sie durch den Verkauf der Mädchen nur Geld herausschlagen wollten. Meinen Sie nicht?«

»Wohl, Sie haben recht, aber was anderes sollen sie bezwecken?«, fragte Hoffmann nachdenkend.

»Alle Verbrechen entspringen, wenn man den Wahnsinn als Grund ausschließt, aus zweierlei Ursachen: aus Liebe und Sucht nach dem, was man nicht hat, sei es Geld, Ruhm oder sonst etwas, beleidigte Ehre und das Rachegefühl, das daraus entspringt, sind auch darunter zu rechnen. In den meisten Fällen werden die Verbrechen jetziger Zeit aus Geldgier vollführt, Rechnen wir also nun einmal mit der Liebe und mit der Geldgier. Könnte es nicht der Fall sein, dass die Mädchen gar nicht verkauft werden sollen, sondern dass die betreffenden Männer sie für sich selbst behalten wollen?«

»Das ist eine Annahme!«, warf Hoffmann ein.

»Ja, weiter nichts, aber es scheint mir fast, als ob ich bei dieser Annahme nicht so sehr weit an dem Ziele vorbeigeschossen hätte, denn einige Aussagen vom Seewolf, wie besonders auch von Snatcher, lassen mich vermuten, dass diejenigen, welche die Mädchen beständig verfolgen, diesen sehr nahe stehen.«

»In der Tat«, rief Hoffmann überrascht, »dann bringt dies allerdings Licht in die Sache!«

»Ferner müssen wir noch damit rechnen«, fuhr Sharp fort, »dass jene Leute die Mädchen nicht nur einfach als lebende Ware behandeln; sie wissen jedenfalls recht gut, vielleicht besser als wir, wie es mit ihren Familienverhältnissen steht. Nun sagen Sie einmal, Herr Hoffmann, was geschieht denn mit dem Vermögen aller dieser reichen Damen, wenn ihr Schiff einmal untergeht und sie alle spurlos verschwinden?«

»Die Damen werden vor ihrer Abreise wohl Testamente hinterlassen haben, wenn sie keine rechtmäßigen Erben besitzen.«

»Die haben sie nicht«, entgegnete Sharp bestimmt. »Die Damen stehen mutterseelenallein in der Welt, sonst würden sie wohl ein so verrücktes Unternehmen überhaupt nicht begonnen haben. Nur zwei Ausnahmen gibt es: die eine ist Miss Staunton, welche einen Bruder hat, und die andere Miss Petersen, welche einen Stiefvater besitzt, der aber keinen Anspruch auf ihr Vermögen machen kann, sondern nur auf einen kleinen Pflichtteil.«

»Sie sind recht genau über die Verhältnisse der Damen orientiert«, lächelte Hoffmann.

»Gewiss, ich kann Ihnen sogar mitteilen, dass Miss Petersen ihren Stiefvater nicht im Geringsten bedacht, sondern ein fremdes Kind, das sie liebt, als Erbin eingesetzt hat.«

»Ich weiß nicht, wo hinaus Sie wollen«, sagte Hoffmann etwas ungeduldig.

»Nun, ich will verdammt sein, wenn es weniger auf die Damen selbst abgesehen ist, als vielmehr auf ihr stattliches Vermögen«, rief der Detektiv bestimmt. Kapitän Hoffmann blickte überrascht auf, er hatte verstanden.

»Ah so« sagte er gedehnt, »das wäre allerdings möglich!«

»Das ist nicht nur möglich, sondern es ist so, ich wette meinen Kopf darum. Die Mädchen werden nur als Zugabe mitgenommen, aber ich täusche mich wohl nicht, wenn ich glaube, dass diese sauberen Herren die schönsten für sich behalten wollen und die anderen einfach verschwinden lassen werden.«

»Verschwinden?«

»Nun ja, entweder sie kommen in die Sklaverei, oder sie werden auch ganz stumm gemacht, und letzteres glaube ich eher, denn eine Flucht aus der Sklaverei ist sehr leicht möglich und für diese energischen Mädchen eine Spielerei. Nein, unschädlich sollen sie gemacht werden, aber nicht getötet.«

»Wie das?«

»Es ist ein Ort bestimmt worden, wohin sie gebracht werden sollen, und von dem es wahrscheinlich keine Rückkehr gibt — nehmen jene Männer wenigstens an.«

»Wo ist dieser?«

»Ich werde Ihnen denselben aufschreiben und bitte Sie, sich darüber nicht so sehr aufgeregt zu zeigen.«

Sharp nahm Bleistift und Papier vom Arbeitstische und begann zu schreiben.

»Ist der Name so sehr schwer auszusprechen, dass Sie ihn aufschreiben müssen?«, fragte der Kapitän lächelnd.

»Es ist gar kein Name, der Ort besitzt überhaupt keinen solchen. Ich kann nur seine geografische Lage in Zahlen wiedergeben, welche ich mir gemerkt habe. Hier sind sie.«

Er reichte dem Kapitän den Papierstreifen, und obgleich Sharp ihn vorher auf eine Überraschung vorbereitet hatte, sprang Hoffmann doch beim Lesen der Zahlen, welche die geografische Lage eines Ortes ausdrückten, vor Staunen vom Stuhle auf.

»Ist es möglich«, rief er, »also dorthin sollen sie gebracht werden? Das ist allerdings wunderbar!«

»Dieses Wunder kommt uns sehr zu statten«, antwortete der Detektiv, »denn darauf gründet sich mein Plan, durch dessen Ausführung ich die ganze Sippschaft kennen lernen werde.«

»Erklären Sie mir diesen Plan! Jetzt sehe ich ein, wie nützlich ich Ihnen sein kann, und ich stelle mich Ihnen vollkommen zur Verfügung, sobald ich die Zweckmäßigkeit Ihres Vorschlages einsehe.«

»Nun, wie gedenken Sie wohl am leichtesten die an der Spitze Stehenden zu entlarven?«


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»Sprechen Sie sich aus!«, entgegnete Hoffmann, der die Art und Weise des Detektivs kannte, gern Fragen zu stellen und die Antwort als nicht richtig zu erklären.

»Was meinen Sie, ob wohl diese Herren in die Öffentlichkeit träten, wenn sie ihren Zweck erreicht hätten, das heißt, wenn die Damen plötzlich Schiffbruch litten, die ›Vesta‹ mit Mann und Maus unterginge und der Tod jener beglaubigt würde?«

»Sicher, wenn diese Leute wirklich die Absicht haben, in den Besitz des Vermögens der Damen zu kommen! Aber wie sollten sie das erreichen? Ich wüsste nicht, wie sie das anfangen wollten.«

Der Detektiv brach in ein herzliches Lachen aus.

»Verzeihen Sie, Herr Hoffmann«, sagte er, »aber, sehen Sie, wenn ich so ein offenes, ehrliches Gesicht vor mir sehe, das mit naivem Munde mir so etwas sagt, dann wandelt mich immer ein Lachen an. Denn sehen Sie, ich, der ich immer mit Verbrechern zu tun habe, habe fast ein ebensolches Gemüt bekommen, wie so ein Schuft. Sie verstehen wohl, wie ich es meine. Um in den Besitz eines Vermögens zu kommen, gibt es hundert Mittel, eins immer raffinierter als das andere, und dass diese Leute so fein arbeiten, wie nur irgend einer, daran ist doch gar kein Zweifel. Sie haben eine ungeheuer große Auswahl davon und noch dazu eine langjährige Praxis.«

»Ich gebe zu, dass ich in solchen Sachen unbewandert bin«, sagte der Ingenieur, und es schien fast, als schäme er sich vor dem Detektiv, »meine Kenntnis des Verbrechertums beschränkt sich fast auf das, was ich den Zeitungen entnehme, und die meisten Geschichten hielt ich eher für Übertreibung. Erst Sie haben mir die Augen geöffnet.«

»Gut also, die Leute würden jedenfalls mit gefälschten Testamenten hervortreten und die Erbschaft in Empfang nehmen.«

»Wir wollen nicht wünschen, dass das Schicksal der Damen so etwas möglich macht.«

»Hm, mein Plan ist aber dem doch etwas ähnlich. Was meinen Sie nun ferner, Mister Hoffmann, was diese Leute wohl mit den Damen beginnen würden, wenn sie dieselben wirklich in ihre Gewalt bekämen?«

»Sie würden sie entweder verkaufen oder selbst behalten.«

»Letzteres glaube ich auch. Und wie wäre es, wenn wir diese Leute einmal auf die Probe stellten, was sie mit den Damen anfangen würden? Nun, Herr Hoffmann, was meinen Sie dazu?«

Der Kapitän blickte den Sprecher, der listig mit den Augen blinzelte, erstaunt an.

»Was für eine Absicht haben Sie?«, fragte er dann.

Der Detekiv rückte seinen Stuhl näher an den des Kapitäns und begann leise und eindringlich zu sprechen. Hoffmanns Gesichtszüge wechselten fortwährend den Ausdruck, bald zeigten sie Überraschung, bald Unwillen, bald Sorge; das Erstaunen war aber immer vorherrschend.

Endlich schwieg der Detekiv wieder und blickte sein Gegenüber gespannt an.

»Nun, sind Sie einverstanden?«, fragte er.

Hoffmann war so erregt, dass er aufstand und im großen Zimmer auf- und abzugehen begann.

»Nein«, sagte er, »dieses Spiel ist zu gewagt. Ich will nicht behaupten, dass der Erfolg unmöglich wäre, aber bedenken Sie die Damen! Es sind dies keine gewöhnlichen, ungebildeten Personen, sondern gefühlvolle Menschen, und diese würden die Lage, in welche Sie sie bringen wollen, sehr schmerzlich empfinden.«

»Bah, so viel für ihre Gefühle.« Der Detektiv schnippte mit den Fingern. »Die Damen haben bis jetzt gezeigt, dass sie sehr wenig Gefühl besitzen,«

»So? Ich dächte, sie hätten gerade bewiesen, dass sie sehr gefühlvolle Naturen sind. Hätten sie sich sonst der Sklavinnen so angenommen? Sind sie nicht stets eingetreten, wenn sie ein Recht bedroht sahen?«

»Halt«, rief der Detektiv, »wir sprechen von zwei verschiedenen Dingen. Ich meinte, sie haben bis jetzt nicht gezeigt, dass sie besonders empfindsam für Unglück sind, was man heutzutage als solches bezeichnet. Sie schlafen im Freien, trinken aus der Hand, essen von Blättern, wohnen in Erdlöchern, marschieren wochenlang zu Fuß; ob es schneit oder regnet, oder ob sie durch Flüsse müssen, ist ihnen ganz egal. Nun, zum Teufel, wenn sie dabei nicht gejammert, sondern nur gescherzt und gelacht haben, dann werden sie auch so etwas ertragen können!«

»Das ist etwas anderes.«

»So darf ich nicht auf Ihre Hilfe rechnen? Das ist mir sehr unangenehm, denn dann werde ich allein handeln, und es ist sehr die Frage, ob die Damen nicht besser daran sind, wenn Sie mir helfen.«

Der Kapitän hatte sich bei diesen Worten gerade am weitesten entfernt von dem Sprecher befunden, jetzt blieb er plötzlich stehen, drehte sich um und sah den Detektiv forschend an.

»Es ist Ihr fester Entschluss, diesen Plan zur Ausführung zu bringen?«

»Ja. Anders ist es nicht möglich, die Gesellschaft zu fassen.«

»Bleiben Sie hier? Ja? Gut, so bitte ich Sie, bis morgen auf meine Entscheidung zu warten, ob ich Ihnen helfe oder nicht. Aber haben Sie auch an die englischen Herren gedacht? Diese müssen auf jeden Fall benachrichtigt werden —«

»Auf keinen Fall«, unterbrach ihn der Detektiv und sprang auf, »das würde den Anschlag vollkommen unnütz machen. Alle Achtung sonst vor diesen Herren, sie haben während ihrer Weltreise mein Vertrauen erworben, aber so gewiss wie zweimal zwei vier ist, dürfen sie mit keinem Warte von diesem Unternehmen erfahren.«

»Warum denn nicht? Sie nehmen an den Damen ebenso viel und vielleicht noch mehr Anteil als wir.«

»Eben darum! Sie würden alles zuschanden machen. Es gibt unter ihnen doch einige, welche ihre Zunge nicht im Zaum halten können, und wenn sie auch schwiegen, schon das Andeuten, dass man ein Geheimnis besitzt, gleicht fast dem Verrate desselben. Glauben Sie mir, Herr Hoffmann, ich bin ein Menschenkenner — sie würden nicht schweigen, es ist eine Unmöglichkeit, dass so viele Menschen ein Geheimnis besitzen.«

»Sie haben recht, ich sehe es ein. Was aber sollen wir den Herren sagen?«

»Überlassen Sie das mir! Ich werde Mittel finden, sie zu beruhigen.«

»Wenn sie aber die Verfolgung der Damen nicht aufgeben wollen?«

»Sie werden es müssen. Doch nun, Herr Hoffmann, noch eine Frage: Haben Sie irgendwo ein Geheimnis, welches zu erfahren für andere von großer Wichtigkeit wäre, von solcher Wichtigkeit, dass der Betreffende keine Anstrengung, keine Geldkosten, und wenn es Millionen wären, scheut, um in den Besitz dieses Geheimnisses zu kommen?«

»Ich?«, sagte der Kapitän erstaunt. »Nein, ich habe — doch ja«, unterbrach er sich, die Hand auf die Stirn legend, »das könnte allerdings sein.«

»Haben Sie schon gemerkt, dass jemand sich bemüht, dieses Geheimnis zu erfahren?«

»Georg hat mir erzählt, dass der Inder, der ihn in Bombay gefangen hielt, seltsame Fragen an ihn stellte, die den ›Blitz‹ betrafen. Sonst nichts weiter.«

Der Detektiv nickte vor sich hin.

»Wie kommen Sie zu dieser Frage?«, fragte Hoffmann.

»Sie wissen doch, dass es bekannt geworden ist, wo der ›Blitz‹ erbaut wurde!«, sagte Sharp.

»Ich weiß, die Zeitungen erzählten es. Dabei ist aber nichts weiter. Ich habe nicht für nötig gehalten, die Spuren meiner Werft vollständig zu vernichten.«

»Wissen Sie auch, dass eine Person den Meeresgrund, wo sich die schwimmende Werft befunden, von Tauchern hat untersuchen lassen?«

»Auch das ist mir zu Ohren gekommen.«

»Wissen Sie auch, dass die gefundenen, leeren Farbentöpfe und so weiter zerschlagen, dass der Inhalt herausgekratzt worden ist und dass man diesen ganz genau untersucht hat, um die Bestandteile dieser Farbe zu erfahren?«

»Ich weiß alles«, lächelte der Ingenieur, »aber ich weiß auch, dass man nichts Außergewöhnliches gefunden hat. Was veranlasst Sie, so geheimnisvoll zu fragen?«

»Ich kalkuliere, dass dieselbe Person, welche alles dies ins Werk setzte, sich nicht damit zufrieden gibt, nichts gefunden zu haben, sondern dass sie weiterforschen wird.«

»Wie sollte sie das tun?«

»Leicht möglich, dass sich der Betreffende an eben dieselbe Gesellschaft wendet, welche die Damen verfolgt, in der Hoffnung, diese könnte ihr das Rätsel lösen.«

Hoffmann schaute den Detektiv forschend an.

»Ist dies nur eine Vermutung, oder haben Sie so etwas aus sicherer Quelle vernommen?«

»Die Fragen des Inders ließen zuerst die Vermutung in mir aufsteigen; eine Unterredung des Seewolfs mit einer geheimnisvollen Person, die mit zu dem Bunde des Meisters gehört, bestätigte diese.

»Sehen Sie sich vor, Kapitän Hoffmann. Dieser Meister, wer er auch sein mag, scheut vor nichts zurück, wenn er gut dafür bezahlt wird.«

Die letzten Worte hatte der Detektiv mit erhobener Stimme gesprochen, aber sie machten auf den Ingenieur keinen Eindruck, er blieb mit verschränkten Armen vor Sharp stehen und blickte denselben lächelnd an.

»Ich habe nicht zu fürchten, dass mir mein Geheimnis geraubt wird«, sagte er, »denn wenn Sie behaupten, dass dadurch schon ein solches halb verraten ist, dass man gesteht, eins zu besitzen, so trifft dies bei mir nicht zu.«

»Haben Sie dieses Geheimnis schriftlich fixiert? Da ist es doch immer noch möglich, dass es Ihnen abgenommen wird.«

»Verzeihen Sie mir, wenn ich mich zu Ihnen darüber nicht im Geringsten aussprechen kann.«

»Haben Sie es vielleicht hier?«

Sharp tippte mit einem Finger leicht gegen die Brust des Ingenieurs, und es war fast, als ob der große, herkulische Mann einen Faustschlag gegen die Brust erhalten hätte, so schnell trat er einen Schritt zurück, und auch sein Antlitz erbleichte.

»Wie kommen Sie auf eine solche Vermutung?«, fragte er ganz bestürzt.

»Nun, wenn man ein Geheimnis nicht schriftlich besitzt, so trägt man es gewöhnlich im Herzen«, sagte der Detektiv leichthin. Hoffmanns Gesicht flammte plötzlich purpurrot auf, dann drehte er sich kurz um und nahm mit großen Schritten wieder die Wanderung im Zimmer auf.

»Seien Sie offen!«, sagte er dann, vor Sharp stehen bleibend. »Wissen Sie etwas?«

»Ja, jetzt! Bis vor einer Minute wusste ich nichts davon, aber Ihre plötzliche Fassungslosigkeit verriet mir, dass Sie wirklich etwas besitzen, auf das Sie großen Wert legen. Sie tragen ihr Geheimnis nicht, wie ich vorhin fügte, im Herzen, sondern auf dem Herzen, und, Kapitän Hoffmann, seien Sie vorsichtig, ich sage Ihnen nochmals, die Person, welcher der Raub dieses Geheimnisses aufgetragen worden ist, bebt vor nichts zurück, in den Besitz desselben zu kommen. Es ist ja so einfach, einem Menschen etwas abzunehmen, was er bei sich trägt, besonders, wenn sein Leben dabei nicht in Betracht kommt. Also nochmals, Herr Hoffmann, seien Sie vorsichtig! Noch weiß niemand etwas davon, aber es ist leicht möglich, dass andere dasselbe ahnen, wie ich.

»Und nun«, fuhr Sharp nach diesen in ernsthaftem Tone gesprochenen Worten in seiner gewöhnlich heiteren Weise fort, »nun gestatten Sie mir, wieder einen Europäer aus mir zu machen.«

»Mein Kleiderschrank steht Ihnen zur Verfügung«, sagte der Ingenieur.

»Danke«, lachte der Detektiv, »ich werde den von Georg gebrauchen müssen, denn bin ich auch imstande, mein Gesicht nach Belieben zu ändern, den Körper zu kürzen oder gar länger zu machen, das ist selbst für Nick Sharp zu viel.«

* * * * *

III.28. Die Nebenbuhlerinnen

Miss Sargent, das stille Mädchen mit dem feurigen Herzen, war zur Jagd aufgebrochen. Sie hatte nicht weit vom Lager am Flusse eine stattliche Anzahl von Pelikanen, jener eigentümlichen Vögel mit der Beuteltasche am unteren Schnabel, gesehen und wollte wenigstens einen davon ausgestopft in die Heimat bringen.

Als sie die betreffende Stelle erreichte, sah sie aber zu ihrem Bedauern keinen einzigen dieser seltsamen Vögel, und so weit sie auch den Fluss aufwärts ging, es wollte ihr keiner zu Gesicht kommen.

Schon wollte sie den Rückweg antreten, als sie plötzlich in dem weichen Uferschlamm Spuren wahrnahm, welche sie veranlassten, mit angehaltenem Atem und heftig klopfendem Herzen stehen zu bleiben, die doppelläufige Büchse schussbereit zu machen und nach allen Seiten vorsichtig umherzuspähen.

Die Spuren rührten von einem Raubtier her, und so wenig Erfahrung Miss Sargent in dieser Hinsicht noch hatte, so sagte sie sich doch, dass diese mächtigen Tatzen nur einem Löwen gehört haben konnten. Er hatte hier seinen Durst gelöscht, war noch einige Schritte am Ufer weitergelaufen und dann wieder ins Gras zurückgekehrt. Sollte das Mädchen wagen, die Spuren allein zu verfolgen?

Man konnte sie deutlich im Grase erkennen, das stark vom Nachttau befeuchtet war; jeder Schritt des schweren Tieres hatte es niedergedrückt, und so lange die Sonne dasselbe nicht trocknete, richtete es sich nicht wieder auf.

Es war eine kühne Idee, die Verfolgung des Löwen allein aufzunehmen, aber bei der Jagd spielt die Ehrsucht eine große Rolle; je größer die Gefahr ist, um so lieber geht der Jäger allein, das heißt, ein wirklicher Jäger, den ein unsagbares Gefühl zum Jagen treibt und zwingt.

Miss Sargent entschloss sich kurz; sie nahm die Doppelbüchse schussbereit in den Arm — das WinchesterGewehr hing ihr über der Schulter — und ging vorsichtig den Spuren nach, welche in kleinen Abständen vor ihr herliefen, ein Zeichen, dass der Löwe gemütlich gegangen war.

Dann aber, als das Mädchen etwa eine Viertelstunde vorwärtsgekommen war, änderte sich plötzlich das Aussehen der Spur, das ganze Gras war niedergedrückt; also war der Löwe auf dem Bauche gekrochen und zwar jedenfalls, dachte das Mädchen, weil er sich an eine Beute schleichen wollte.

Es dauerte auch nicht lange, da fand sie dies bestätigt. Der Löwe war gesprungen, und da, wo er den Boden wieder berührt hatte, war das Gras mit Blut getränkt, und eine rote Spur bezeichnete den weiteren Weg, den das Raubtier genommen hatte.

Was für ein Tier es gewesen, welches sich der König der Wälder und Wüsten zum Frühstück auserkoren, wusste die Jägerin nicht, es konnte ebenso gut eine Zwergantilope, wie ein Gnu sein, denn der Löwe ist ja fähig, mit einem jungen Rinde im Maul über eine zwei Meter hohe Fenz zu springen, seine Kraft ist schier unglaublich groß.

Miss Sargent brauchte nun nicht mehr so Schritt vor Schritt weiterzubringen, die Verfolgung des Wildes war weniger gefährlich, denn es war anzunehmen, dass der Löwe seine Gegenwart durch das Zerkrachen der Knochen verriet, die er mit den scharfen Zähnen zermalmte, und außerdem stößt dieses Tier, wenn es beim Verzehren seiner Beute ist und ein verdächtiges Geräusch hört, stets ein Brüllen aus, ein warnendes Zeichen, dass es nicht gestört sein will.

Rüstig schritt das mutige Mädchen durch das hohe Gras vorwärts, nur ab und zu blieb es stehen, um zu lauschen. So sehr Miss Sargents Herz auch vor Erregung klopfte, ihre Hand, welche sie manchmal zur Probe ausstreckte, zitterte nicht im geringsten, und so brauchte sie als ausgezeichnete Schützin nicht zu fürchten, dass ihre Kugel das Auge des Löwen verfehlen würde.

Plötzlich zuckte sie zusammen und sank hinter einem Baumstamm auf die Kniee. An ihr Ohr war das Knacken der brechenden Knochen gedrungen, und da sah sie auch schon, wie sich die Spitzen der hohen Grashalme bewegten. Dort musste der Löwe sich befinden und seine Beute verzehren.

Wie aber sollte sie das Tier zu Gesicht bekommen? Dazu wäre es nötig gewesen, dass sie bis dicht an seinen Platz vordrang, denn das hohe Gras hinderte jede Aussicht.

Aber nein, es gab ein anderes Mittel. Der Baum, hinter den sie sich duckte, teilte sich dicht am Boden in mehrere Stämme, und einer davon war ganz schräg gewachsen, sodass sie auf dem über einen halben Meter im Durchmesser haltenden Stamme sicher, wie auf einem Brette, emporsteigen konnte, fast ohne die Hände dabei zu gebrauchen.

Schnell entschlossen lehnte sie das WinchesterGewehr, als ganz nutzlos, an den Stamm und begann die Reise in die grünen Zweige des Baumes. Kaum befand sie sich über dem Grase, so konnte sie schon den Löwen sehen. Es war ein großes, erwachsenes Männchen mit prachtvoller Mähne. Es lag langgestreckt auf seiner Beute, einer gehörnten Antilope, und riss aus dem aufgeschlitzten Leibe derselben große Fleischstücke heraus, die er langsam, als wolle er rechten Genuss dabei haben,, verschlang, die starken Rippenknochen dabei wie Eierschalen zermalmend.

Er kehrte dem Mädchen den Rücken zu und war so in sein Mahl vertieft, dass er das leichte Geräusch, welches Miss Sargent beim Ersteigen des Baumes nicht vermeiden konnte, gar nicht bemerkt hatte.

Jetzt saß sie oben in den Zweigen, ohne eine Gelegenheit zum Schießen zu bekommen, denn der Löwe musste ihr wenigstens die Seite zukehren.

Doch dem war leicht abzuhelfen.

»Hallo, alter Kater, sieh einmal hierher!«, rief plötzlich eine helle Stimme, und schneller konnte nicht der Blitz sein, als sich der Löwe mit einem Satze herumdrehte, ein furchtbares Geheul ausstieß, auf der zerfleischten Antilope stehend, das blutige Maul halb geöffnet, die eine Tatze etwas erhoben, mit glühenden Augen in die Zweige des Baumes starrte, welche den Störer verbargen.


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Nur einen Augenblick aber stand er so da. Kaum war das Gebrüll verstummt, als ein Knall ertönte, ein Schmerzensgeheul, das in ein Todesröcheln überging, ward hörbar, und leblos rollte der Löwe über die Antilope hinweg auf den Boden — die sichere Kugel hatte ihren Weg durch das rechte Auge in das Gehirn gefunden.

Hochaufatmend stand Miss Sargent neben dem von ihrer Hand gefällten Löwen. Sie hatte den König der Wildnis besiegt; sie durfte stolz darauf sein, denn sie hatte ihr Leben eingesetzt, um ihm das seine zu nehmen, und sie fühlte, wie dieser Stolz ihr das Herz zum Springen schwellte.

Aber nun galt es schnell zurückzueilen und Neger herbeizurufen, welche das Tier ins Lager schafften. Sie hing sich das WinchesterGewehr über die Schulter und machte sich auf den Rückweg, den Spuren nachgehend.

Die Sonne war unterdessen gestiegen, und wenn sie auch das dichte Laubgewölbe nur an wenigen Stellen zu durchdringen vermochte, so erwärmte sie doch schnell die Luft im Walde, und die Folge davon war, dass der Tau rasch trocknete und sich somit das niedergelegte Gras wieder aufrichtete.

Immer schwerer wurde es der Jägerin, die Spuren zu erkennen, ihr Auge war ja nicht so geübt, jedem niedergedrückten Grashalm anzusehen, ob er von dem Tritt des Löwen oder vom eigenen Gewicht am Boden lag, und so kam es, dass ihre anfängliche Eile bald nachlassen musste.

Den Kopf vornüber geneigt, den Oberkörper gebeugt, so schritt sie vorwärts, sorgsam achtend, dass sie die Spur ja nicht verlor, denn Miss Sargent musste sich gestehen, dass sie sich nicht getraute den Weg zum Lager ohne Hilfe der Spur wiederzufinden, es sei denn durch Zufall. Einen Kompass hatte sie nicht bei sich, und sich nach der Sonne zu richten, war zwar sehr einfach für den, der darin bewandert ist, aber fast unmöglich für jemanden, der in der Stadt aufgezogen wurde, weil jede Steigung der Sonne eine Veränderung der Richtung bedeutet.

Aber sie musste ja an den Fluss kommen!

Richtig, der Fluss! Miss Sargent blieb plötzlich stehen, richtete sich auf und sah nach der Uhr. Was war denn das? Nun befand sie sich bereits wieder über eine Stunde auf dem Wege und hatte den Fluss noch nicht erreicht, während sie vorhin doch höchstens eine halbe Stunde gebraucht hatte. War denn das auch wirklich die Löwenspur? Ja und nein, eine Spur mochte es wohl sein, wenn sie auch kaum noch die Abdrücke wahrnehmen konnte, ob aber gerade die des Löwen, das war sehr zweifelhaft, sogar unmöglich, sonst hätte sie unbedingt auf den Fluss stoßen müssen.

Es war tatsächlich nicht die Löwenspur, sondern eine andere, welche diese gekreuzt hatte, und der sie versehentlich gefolgt war. Miss Sargent war nicht das Mädchen, das sich lange trüben Gedanken hingab; sie überlegte sich, wo sich ungefähr der Fluss befinden müsse, und nahm dann ungesäumt diese Richtung auf.

Aber ach! Sie hatte fast die entgegengesetzte gewählt, und wenn sie es auch nicht gleich merkte, nach Verlauf von einer Stunde musste sie sich doch gestehen, dass sie sich verlaufen hatte; sie änderte daher die Richtung nochmals, immer in der Hoffnung, das Lager zufällig zu erreichen, und tat somit das Törichtste, was, ein Verirrter tun kann, was er aber in den meisten Fällen macht.

Als die Sonne ihren höchsten Standpunkt erreicht hatte und somit für einige Stunden überhaupt keinen Anhalt mehr gab, nach dem man sich hätte richten können, befand sich Miss Sargent noch immer auf ihrer Irrwanderung, hatte das Lager auch noch nicht erreicht, als die Sonne sich wieder dem Horizont zuneigte, und machte sich keine Hoffnungen mehr, dasselbe noch an demselben Abend zu erreichen.

Da fiel ihr etwas ein, an das sie bisher noch gar nicht gedacht hatte. Sie war schon mehrere Male genötigt worden, über kleine Bäche zu springen, und es war sicher anzunehmen, dass alle diese Bäche in ein Hauptgewässer, wahrscheinlich sogar in den Fluss eilten, an welchem das Lager stand.

Folgte sie einem solchen Bach stromabwärts, so musste sie wenigstens auf Menschen stoßen, vielleicht sogar auf das Lager. Morgen wollte sie den Versuch machen, heute war es zu spät.

Sie zündete sich ein großes Feuer an, trockenes Holz war genügend vorhanden, und legte sich sorglos zum Schlafen ins weiche Gras nieder. Ihre Lage war durchaus nicht schlimm; Munition hatte sie wenigstens für hundert Schuss, und in diesem wild- und wasserreichen Walde brauchte sie weder Hunger noch Durst zu leiden. In wenigen Minuten war sie entschlummert und schlief trotz des Geheuls der Schakale und Hyänen, welche, allen Behauptungen zum Trotz, den Menschen nie angreifen, ununterbrochen bis zum Morgen.

Beim ersten Sonnenstrahl erhob sie sich, schüttelte den Tau von den Kleidern und begab sich wieder auf den Weg. Bald hatte sie einen Bach erreicht, und nach kurzer Rast, während welcher sie sich einen erlegten Wasservogel gebraten, machte sie sich auf, dem Bach stromabwärts zu folgen.

Wieder war sie einige Stunden marschiert, niemals sich von dem Gewässer trennend, und wenn es auch noch so große Biegungen machte, als sie plötzlich, nicht mehr weit entfernt von sich, etwas erblickte, was sie zum Nachdenken bewog, ehe sie sich selbst dem betreffenden Objekt näherte.

Was da vor ihr lag, war eine Hütte, einfach aus Zweigen und Schilf, welches am Bache wuchs, hergestellt, wie sie die Neger errichten, wenn sie auf Jagdausflügen längere Zeit an einer Stelle verweilen.

Miss Sargent hoffte einen Menschen hier zu treffen und beschloss, die Hütte aufzusuchen. Es konnten ja höchstens zwei oder drei hier wohnen, und Miss Sargent hätte mit ihrem WinchesterGewehre ein ganzes Dutzend Schwarze nicht zu fürchten brauchen.

Langsam schritt das Mädchen längs des Baches auf die Hütte zu, welche den Eingang auf der anderen Seite hatte. Beim Näherkommen erkannte sie, dass die Hütte doch nicht so leicht hergestellt war, wie es die Neger gewöhnlich zu tun Pflegen; junge, armdicke Baumstämme waren dicht nebeneinander in den Boden gerammt, und wäre dieser Aufbau nicht mit Zweigen zugedeckt gewesen, so hätte er eher den Eindruck eines Blockhauses gemacht, als den einer Jagdhütte. Die Ritzen zwischen den einzelnen Stämmchen waren sorgfältig mit Binsen zugestopft.

Schon hatte das Mädchen die Hütte fast erreicht, als es plötzlich erschrocken seinen Schritt hemmte, und doch hätte das, was ihr Ohr erreichte, sie vor Freude aufschreien lassen sollen. Aber war es denn möglich? Ja, die Worte, welche aus dieser Hütte drangen, waren englisch, es war keine Täuschung, und, heiliger Gott, was war denn das? Wurde da nicht mit schwacher Stimme ihr Vorname gerufen?

Leise schlich sich Miss Sargent näher und lauschte. In der Hütte sprach wirklich ein Mann mit schwacher, leiser, aber hastiger Stimme; die Worte wurden unzusammenhängend hervorgestoßen, nach jedem Satze trat eine Pause ein. Es war wirklich so, der Mann sprach mit einer Frau, welche auch den Vornamen Maud hatte, ebenso wie Miss Sargent. Aber hatten denn diese Worte eigentlich einen Sinn?

»Maud«, flüsterte die Stimme drinnen, »Maud, kommst du endlich — ich warte schon lange auf dich — kennst du mich denn nicht mehr — weißt du noch, wie wir zusammen am Bache saßen — wo die Forellen sprangen — die Sonne spiegelte sich im Wasser — die Blätter rauschten über uns. — Ach, Maud«, der Mann stöhnte tief auf, »kennst du mich nicht mehr?«

Seine flüsternde Stimme verwandelte sich plötzlich in ein gellendes Schreien: »Nein, ich kenne dich nicht mehr — — geh weg, du Ungeheuer, du bist ja ganz schwarz — deine Augen funkeln wie Kohlen — fort, fort, du Ungeheuer, du erdrückst mich — du tötest mich — ich kann den Druck nicht aushalten — dein Atem verbrennt mich — Wasser, Wasser, bringe mich ans Wasser — dann kannst du mich töten — aber erst Wasser!«

Wachte oder träumte das Mädchen denn? Sie wollte schon um die Hütte gehen und den Eingang suchen, denn so viel war ihr jetzt klar, der Mann drinnen, jedenfalls ein Engländer, war krank und verlangte von dem Wesen, das bei ihm war, Wasser. Aber noch einmal blieb sie wie gebannt stehen und lauschte.

»Maud, töte das Pferd nicht!«, klang es drinnen weiter. »Ich kann nicht mehr gehen — aber wenn ich sterben muss — bring mich ans Wasser — Wasser!«

Mit ein Paar Schritten stand Miss Sargent in der kleinen Tür und überflog mit einem Blick das Innere der Hütte. Da lag auf einem Lager von Binsen eine Männergestalt und schaute das Mädchen mit gläsernen Augen an. Sonst war niemand in der Hütte.

Entsetzt tat Miss Sargent einen Schritt zurück, trat aber im nächsten Augenblick wieder an das Lager des Mannes heran. Er trug die Jagdkleidung der englischen Herren und — war es denn möglich — dieses eingefallene Gesicht, dem der Tod schon den Stempel aufgedrückt zu haben schien, diese gläsernen Augen mit den blauen Ringen, tief in den Höhlen liegend, gehörten sie wirklich Marquis Chaushilm?

Ja, es war kein Zweifel. Miss Sargent stand an dem Lager des Verschwundenen, wahrscheinlich an seinem Sterbelager.

Der Marquis hatte sich etwas aufgerichtet.

»Fort, fort, Kasegora«, schrie er mit lauter Stimme, »fort, du schwarzes Ungetüm, du willst mich töten — verdursten lassen — du hast mich verlassen — aber gib mir einen Tropfen Wasser — nur einen einzigen — und ich will sterben!«

Dem Mädchen traten die Tränen in die Augen. Das war Marquis Chaushilm, den sie vor einigen Tagen noch als einen gesunden Menschen, in der vollen Blüte seiner Manneskraft gesehen hatte, strotzend vor Lebenslust und Lebensmut, und jetzt — dem Tode nahe.

Aber jetzt war keine Zeit zum Trauern oder zum Grübeln, auf welche Weise der Herzog hierher gekommen, wo Kasegora, die ihn entführte, verschwunden sei! Rasch nahm das Mädchen eine neben dem Lager stehende Kürbisflasche und eilte nach dem Bache. Während sie Wasser schöpfte, beschäftigten sich ihre Gedanken nur damit, wie sie den unglücklichen Chaushilm vom Tode retten oder doch wenigstens nach dem Lager bringen könne, denn er war jedenfalls vom Fieber ergriffen worden, von dem furchtbaren Mukunguru der Neger, und Chinin war das einzige Mittel, welches half. Hier in dieser Wildnis wäre er gestorben, und wenn ihn zwanzig Ärzte umstanden hätten, ohne dass ihm Chinin verabreicht wurde.

Aber wie ihr auch blitzschnell die Gedanken durch den Kopf schossen, keiner war darunter, der ihr einen Ausweg gezeigt hätte, wie sie den Marquis nach dem Lager bringen könnte. Sie konnte ihn nicht tragen, und wenn sie es vermocht hätte, sie wusste den Weg nicht, er starb unterwegs in ihren Armen.

Kasegora allein konnte helfen.

Mit langen Zügen schlürfte der Durstige den kühlenden Inhalt der Flasche hinunter, mit seiner fleischlosen Hand dabei die, welche das Gefäß hielt, umklammernd, und das Mädchen wurde von tiefem Mitleid ergriffen, als es mit der anderen Hand den Puls, der vom heftigsten Fieber gejagt wurde, fühlte. Sie konnte nicht anders, sie musste die abgemagerte Hand, welche nur noch aus Haut und Knochen bestand, liebkosend streicheln, und sie konnte den Lauf der Tränen nicht hemmen, wenn sie in dieses fahle Gesicht blickte, um welches wirr die Haare hingen.

Was hatten wenige Tage aus diesem Jüngling gemacht! Die Weltreise hatte ihm den Tod gebracht.

Jung, reich, schön, der Erbe eines berühmten Namens, musste er hier in der Wildnis sterben, und niemand kam an sein Grab, um ihn zu betrauern. Nur Schakale heulten darum her, und Hyänen stießen wie zum Spott ihr heiseres Lachen aus.

Aber nein, was sollten diese Visionen bedeuten, noch lebte er ja — weg mit solchen Gedanken! Miss Sargent hatte für Marquis Chaushilm nie eine besondere Teilnahme gehegt, wie überhaupt keine der Damen, denn er war als ein etwas flatterhafter Charakter bekannt, aber zugleich auch als ein sehr gutmütiger und als Freund sehr zuverlässiger Mensch, allgemein beliebt, unter den Herren sowohl als den Damen, aber zur Liebe für diesen Mann hatte sich wohl keine so leicht aufschwingen können.

Doch die eigentliche Natur der Frauen ist ja Teilnahme, diese ist bei ihnen viel vollkommener entwickelt als bei den Männern, sie liegt im tiefsten Inneren ihres Wesens. Selbst mehr zum Leiden, als zum Handeln geboren, müssen sie auch fremden Schmerz eher lindern, als der unempfindsamere Mann, und das Leben lehrt, wie bei ihnen die Erregung des Mitleids auch andere Seiten in ihrem Herzen anzuschlagen und zum Klingen zu bringen weiß.

So war es kein Wunder, dass Miss Sargent beim Anblick dieses sich im Fieberdelirium windenden Mannes, den sie in seiner Gesundheit nicht beachtete, neben dem Mitleid plötzlich ein Gefühl in ihrem Herzen spürte, welches sie sich nicht zu erklären wusste, aber es sagte ihr, dass sie gern ihr Leben hingeben würde, könne sie das seine dadurch retten.

Der Kranke hatte die Flasche geleert, ohne nach mehr Wasser zu verlangen, und von der Anstrengung des Aufrichtens und Trinkens erschöpft, sank er auf sein Lager zurück, ohne die Hand des Mädchens dabei freizugeben. Leise versuchte Miss Sargent sich von dem festen Griff zu befreien, aber so zart sie es auch tat, der mit geschlossenen Augen Daliegende merkte es, er richtete sich mit einem Ruck wieder auf und umklammerte die pflegende Hand noch fester.

»Bleib hier, Maud, bleib hier!«, flüsterte er, und auf den eingefallenen Wangen entstanden plötzlich rote Flecke. »Gehe nicht von mir, schütze mich vor ihr — sie will mich töten — sie saugt mein Blut aus — da, da ist sie«, schrie er gell auf und umschlang mit beiden Armen die Knie des Mädchens, »schütze mich vor ihr, rette mich! Siehst du sie dort nicht?«

Miss Sargent glaubte, er spräche im Delirium, aber sie wandte doch den Kopf, und da sah sie wirklich in der Tür eine schwarze Frauengestalt stehen — Kasegora, die mit unheilvoll drohenden Augen das weiße Mädchen beobachtete und jedenfalls schon lange eingetreten war.

»Bleibe bei mir, Maud«, phantasierte der Fieberkranke weiter, »sie will mich töten.«

Er umschlang mit seinen kraftlosen Armen das Mädchen noch enger, und als ob sie plötzlich die Pflicht fühlte, dass sie ihn gegen die Negerin schützen müsse, legte auch sie die Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich, die Augen fest auf Kasegora gerichtet.

Langsam kam diese näher, schleuderte die Gazelle, welche sie auf den Schultern getragen hatte, in die Ecke und trat nun, in der einen Hand die Lanze, auf dem Rücken Bogen und Köcher, dicht vor das weiße Mädchen hin, dieses mit glühenden Augen anschauend.

Immer drohender zogen sich die schöngeschwungenen Augenbrauen der Amazone zusammen, aber Miss Sargent fürchtete sich nicht im geringsten. Fest blickte sie der Zürnenden ins Antlitz und hielt den wimmernden Chaushilm schützend umschlungen.

Die Negerin sagte etwas, was das Mädchen nicht verstand, wohl aber verstand es die Handbewegung nach der Tür: sie sollte die Hütte verlassen. Ein stummes Kopfschütteln war die einzige Antwort, die Maud gab.

Da ergriff die Schwarze plötzlich ihre Hand und riss sie so heftig von Chaushilm fort, dass dieser loslassen musste, aber noch gelang es ihm, ihre andere Hand zu erfassen, und er bemühte sich unter Stöhnen und Jammern, sie wieder zurückzuziehen, und da auch Miss Sargent alle Kräfte anstrengte, so musste die Negerin nachgeben. Der Kranke sank wieder zurück, aber im nächsten Moment sprang die Schwarze wie eine Tigerin auf das Mädchen zu und suchte es an der Hüfte zu umschlingen, um es aus der Hütte zu schleppen, aber sie traf auf energischen Widerstand. Miss Sargent befreite sich selbst von dem Kranken und stieß beide Hände vor die Brust der Amazone, sodass diese zurücktaumelte.

Dann hatten sich beide gepackt und rangen miteinander, Weib gegen Weib, Brust an Brust. Jede suchte die andere vom Krankenlager weg und zur Hütte hinauszudrängen. Lange konnte der Kampf nicht dauern, denn er war ungleich. Wie eiserne Zangen pressten der Schwarzen Arme den Leib des Mädchens zusammen, sie umschlang es mit einem Arme, fasste mit der freien Hand an die Kehle der Gegnerin, schnürte sie zusammen und bog den Kopf des Mädchens hintenüber.

Miss Sargent röchelte, sie sah vor sich das triumphierende, höhnisch lachende Gesicht der schwarzen Gegnerin, die sonst schönen Züge durch Leidenschaft entstellt. Sie konnte nicht mehr Gebrauch von ihrem Revolver machen, denn ihre Arme lagen fest an den Körper gepresst, sie war unfähig, sich zu bewegen.

Schon fühlte das weiße Mädchen den Erstickungstod eintreten, als der würgende Griff nachließ. Sie war frei, und diejenige, welche sie eben noch zu töten versucht hatte, stand einem Manne gegenüber, der die Hütte betreten wollte.


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Es war ein Neger oder Mulatte, ein Löwenfell hing ihm über den Nacken und ließ die schmutzigrote Hautfarbe des ganzen Körpers sehen — es war der rote Löwe, allen an der Nordwestküste wohnenden Negern wohlbekannt.

Der nur mit einer Keule bewaffnete Häuptling sprach zu Kasegora, erst nach dem weißen Mädchen, dann nach Chaushilm deutend. Kasegora antwortete mit einigen drohenden Worten, plötzlich hielt sie die vorher entfallene Lanze hoch in der Hand, aber ebenso schnell war der rote Löwe hinter einen schützenden Baumstamm getreten, von wo aus ein höhnisches Lachen erschallte.

»Was wollte er?«, fragte Miss Sargent.

Kasegora warf ihr einen Blick zu, begab sich dann zu Chaushilm, hob ihn auf und legte ihn so, dass er von der Tür aus nicht mehr gesehen werden konnte. Als sie damit fertig war, näherte sich der Hütte ein anderer Mann, der in der Hand einen grünen Zweig, das Zeichen des Friedens, schwang. In ziemlich weiter Ferne blieb er stehen und hob die Hand zum Zeichen auf, dass er zu sprechen wünsche. Sonst war niemand weiter zu sehen, auch der rote Löwe hielt sich noch versteckt.

Ehe Kasegora in die Tür trat, stellte sie den Bogen so an die Wand, dass er ihr zur Hand war. Dann trat sie an die Tür und hörte den Neger an, der ihr in langer Rede etwas auseinandersetzte, worauf die Amazone immer nur ein einziges Wort erwiderte und manchmal ein spöttisches Lachen hören ließ. Der Mann hatte ausgesprochen. Noch einmal sagte er etwas in drohendem Tone, ebenso antwortete Kasegora, aber kürzer, der Mann lachte laut und höhnisch auf, aber in diesem Augenblick hielt die Amazone den Bogen in der Hand, die Sehne gespannt, ein Pfeil schnellte ab, und mit durchschossenem Herzen fiel der Mann, der das Friedenszeichen getragen hatte, lautlos zu Boden. Ein hundertstimmiges Wutgeschrei erschallte bei diesem Friedensbruch hinter den Bäumen. Überall stiegen Rauchwölkchen auf, und mit dem Donner der Salve schlugen die Kugeln hageldicht in die Hütte.

Kasegora hatte sich sofort nach Absendung des Pfeiles hinter die Tür geworfen, instinktiv hatte Miss Sargent ebenso gehandelt, und nur diesem Umstände hatten sie zu danken, dass sie nicht von Kugeln getroffen wurden. Die Hütte war aus frischen Baumstämmen zusammengesetzt, welche von den aus schlechten Gewehren abgeschossenen Kugeln nicht durchbohrt werden konnten.

Hastig rief die Dahomey dem weißen Mädchen etwas zu, und es war fast, als ob diese in dem Augenblick der Gefahr deren Sprache plötzlich verstände. Schnell riss sie aus einer Spalte die Binsen heraus, sodass ein Loch gleich einer Schießscharte entstand, und steckte das WinchesterGewehr hindurch, eben als der ganze Wald von Wilden zu wimmeln begann, welche hinter Baumstämmen hervorsprangen und nun mit gellendem Geschrei auf die Hütte zustürzten, Gewehre, Lanzen, Keulen und Speere schwingend.

Sechzehnmal entfuhr der Mündung ein Feuerstrahl, ebenso viele Neger machten einen Luftsprung und blieben als Leichen im Grase liegen; vier Pfeile wurden von Kasegoras Bogen abgeschleudert, und ebenso viele Herzen wurden durchbohrt — und der Wald, noch eben dicht bevölkert, war mit einem Male wie ausgestorben. Die überlebenden Angreifer standen mit entsetzten Gesichtern hinter den Bäumen und erwarteten, dass diese feuerspeiende Hütte noch weiter Tod und Verderben unter sie sende. Zwei Weiber und zwanzig Tote — das war zu viel für diese abergläubischen Wilden.

Ohne Zaudern warf Miss Sargent der Amazone, welche auf der anderen Seite der Tür stand, die Doppelbüchse nebst Munition zu, sie zum Gebrauche derselben auffordernd. Die beiden Nebenbuhlerinnen, welche eben noch mit Aufgebot aller Kräfte um den Besitz des Kranken gerungen und gegenseitig sich das Leben zu nehmen gesucht hatten, waren mit einem Male Kampfgenossen geworden. Galt es doch, sich und den, für den die eine Liebe, die andere vorläufig ein noch unbestimmtes Gefühl hatte, gegen einen hundertfachen Feind zu verteidigen.

Marquis Chaushilm lag unbeweglich mit geschlossenen Augen da, er wusste wahrscheinlich nicht, welch heißer Kampf um ihn her entbrannte. Er lag vor den Kugeln geschützt. Die Amazone fing das zugeworfene Gewehr auf, betrachtete die Konstruktion und die Patronen und nickte befriedigt mit dem Kopfe. Sie stellte eine Schießscharte her, lud die Büchse und schob die Mündung derselben durch das Loch.

Noch einmal wurden die Neger durch eine lange Rede des roten Löwen zum Sturm auf die Hütte angefeuert. Man hörte seine Stimme hinter einem Baume schallen und wie die Gewehre wieder geladen wurden, dann stieß der Häuptling das Schlachtgeheul aus. Aus wenigstens zweihundert Kehlen fand es Beantwortung, und ebenso viele Gestalten stürzten hinter den Bäumen vor und rannten der Hütte zu, unterwegs ihre Büchsen abschießend. Abermals feuerte Miss Sargent; aber sie wartete diesmal, bis ihre schwarze Waffengefährtin wieder geladen hatte, ehe sie das Magazin ihres Gewehres erschöpfte, und die Amazone hatte dieses Manöver sofort verstanden, sie sparte ihre Schüsse auf, bis das weiße Mädchen laden musste.

Schuss krachte auf Schuss. Jede Kugel warf einen Neger zu Boden, aber dieselben ließen nicht im Sturme nach, denn der rote Löwe stand hinter der Linie und trieb die Zurückweichenden wieder unbarmherzig vorwärts. Gern hätte ihn Miss Sargent mit einer Kugel bedacht, aber sie musste erst die nächsten niederschießen, denn höchstens noch eine Minute konnte es dauern, dann hatten die Wilden die Hütte erreicht.

Sie hatte noch ihren Revolver bei sich, mit diesem wollte sie erst noch sechs Angreifer zu Boden werfen, dann begann der Kampf mit dem Messer, und wenn Zeit dazu war, so konnte sie auch den Revolver wieder laden. Die Amazone eignete sich besser zum Nahkampf, das ahnte sie. Dieselbe würde Schwert und Lanze ordentlich zu gebrauchen wissen, aber der Masse musste auch sie bald erliegen.

Da hatte der erste Neger die Tür erreicht. Miss Sargent riss den Revolver heraus; aber schon sank der Mann mit der Lanze der Amazone in der Brust nieder, ihm folgte ein zweiter, ein dritter, dann schwang die Amazone das Schwert durch die Luft, sich vor die Tür stellend, und hinter ihr sandte das weiße Mädchen ihre Revolverkugeln in die Reihen der vor ihr Stehenden, mit denen die Amazone focht.

Es war ein Glück, dass die Neger vorher die Gewehre abgeschossen hatten, aber doch fiel noch ein Schuss, und mit diesem zugleich stürzte die Amazone unter die Feinde und wütete wie der Tod, der seine Sense schwingt. Ohne sich zu besinnen, sprang ihr Miss Sargent nach, sie wollte ihre Gefährtin nicht verlassen. In der einen Hand das Messer, in der anderen den Revolver, hielt sie sich zur Seite der Amazone.

Jetzt waren beide dicht umringt, von allen Seiten bedrohte sie der Tod durch Lanzen, Speer und Keule, als plötzlich Pferdehufe den Boden erschütterten. Wohl hundert Reiter jagten zwischen den Bäumen heran, und Kasegoras Schlachtgeheul fand hundertstimmigen Widerhall — die Amazonen kamen ihrer Vorkämpferin zu Hilfe.

Noch ehe Miss Sargent erkannt hatte, dass dicht hinter den Amazonen ihre Freundinnen und die englischen Herren folgten, waren von ersteren die Feinde auseinandergejagt. Sie warfen die Waffen weg und suchten sich durch Flucht zu retten und zu ihren entfernt stehenden Pferden zu kommen, aber es war vergebens. Wie Wetterstrahlen sausten die krummen Schwerter der schwarzen Weiber durch die Luft, zuckten die Lanzenspitzen, und das Wehegeheul der Getroffenen vermischte sich mit dem Schlachtruf der Amazonen.

Nach wenigen Augenblicken war der Boden mit Leichen bedeckt. Verwundete gab es nicht, nur einem einzigen wäre es fast gelungen, die Pferde zu erreichen, dem roten Löwen, aber kurz vorher holte ihn Kasegora ein; der Häuptling schwang die Keule, doch ein Dolchstoß warf ihn ins Gras. Langsam kehrte Kasegora nach der Hütte zurück, aus welcher Chaushilm bereits herausgetragen worden war. Die Damen und Herren umstanden ihn.

»Mukunguru«, sagte Yamyhla bedauernd, »er hat das Fieber, es wird ihn töten.«

»Hat einer der Herren Chinin bei sich?«, rief Lord Harrlington. »Das ist das einzige, was ihn retten kann.«

Niemand hatte daran gedacht, diese wichtige Medizin mitzunehmen, mit Ausnahme von John Davids, welcher ja schon in Afrika gewesen war und dieses kostbare, nicht zu ersetzende Mittel gegen Fieber stets bei sich führte.

Schnell wurde das weiße Pulver, in Wasser gelöst, dem Kranken zu trinken gegeben. Wenn das Fieber noch nicht so weit vorgeschritten, dass sich das Blut zu zersetzen begann, so war bei sorgsamer Pflege Rettung noch möglich, erklärte John Davids, er wolle den Kranken nach besten Kräften behandeln. In kurzen Worten teilte Miss Sargent ihren Freunden das Vorgefallene mit, konnte aber natürlich nicht erklären, warum sich Chaushilm und Kasegora ohne Pferde hier befanden, und so wandten sich jetzt aller Augen letzterer zu, auf welche Yamyhla bereits lebhaft einsprach.

»Wird sie den Marquis gutwillig seinen Freunden überlassen?«, fragte Miss Thomson leise.

»Sie muss«, entgegnete Ellen bestimmt. »Gibt sie nicht gutwillig nach, so wird sie dazu gezwungen, es geht nicht anders. Aber Yamyhla erzählt ihr erst von ihrer Erhebung zur Anführerin, es wundert mich aber sehr, dass Kasegora nicht mehr Freude zeigt, ihre Freundin wiederzusehen, ein schwaches Lächeln, das ist alles. Sehen Sie, jetzt spricht Yamyhla zu ihr von Chaushilm, sie deutet auf den Kranken — Kasegora nickt beistimmend mit dem Kopfe.«

Yamyhla sprach wirklich mit Kasegora über Chaushilm, denn sie deutete auf diesen, und Kasegoras eben noch glückliches Lächeln verschwand Plötzlich, ihre Züge nahmen einen traurigen Ausdruck an. Sie heftete ihre Augen erst auf Miss Sargent, die neben Chaushilm stand, dann auf diesen selbst, mit einem unsagbar schmerzvollen Blick. Langsam nahm sie die Lanze von der Schulter und stützte sich darauf, und als Yamyhla endlich schwieg und sie fragend anschaute, da rannen aus ihren Augen langsam zwei schwere Tropfen, vielleicht die einzigen, welche je ihre Wangen benetzten.

Fast wie beistimmend senkte sie den Kopf, aber auch den Oberkörper bog sie vor, ein Zittern durchlief die kräftige Gestalt — und lautlos stürzte Kasegora zu Boden, die Wimpern mit Tränen befeuchtet.

Sofort kniete Yamyhla neben ihr nieder, und wie von einer Ahnung erfüllt, schlug sie das lederne Gewand zurück, welches Kasegora quer über der Brust trug. Die Ahnung der Amazone fand sich bestätigt; der Lederstreifen harte das Blut bisher zurückgehalten, jetzt quoll es in dunklen Strömen aus der Brust. Yamyhla legte die Hand aufs Herz Kasegoras und stand dann auf.


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»Tot«, murmelte sie dumpf. »Eine Amazone stirbt im Stehen.«

Auch John Davids kniete neben ihr und untersuchte sie.

»Sie ist tot« sagte er. »Mich wundert, dass sie noch so lange gelebt hat. Eine Kugel hat die Lunge getroffen, dieselbe ist schon ganz mit Blut angefüllt.«

* * * * *

III.29. Die Doppelgänger

Wo sind die fehlenden Damen und Herren, wo die anderen Amazonen?«, fragte Miss Sargent Ellen, als sich der Reiterzug wieder dem Lager zu bewegte.

Sie führten eine Tote mit sich, denn die Leiche Kasegoras sollte so schnell als möglich nach Abomey gebracht werden, um dort mit allen Feierlichkeiten begraben zu werden, und wäre sie auch unterwegs verwest — so hatte Yamyhla angeordnet. Chaushilm lag auf einer Tragbahre, die zwischen zwei Pferden hing.

»Ich muss Ihnen zunächst erklären, wie wir Sie gefunden haben«, antwortete Ellen der Fragerin. »Als Sie heute Morgen noch nicht im Lager waren, brachen wir mit Yamyhla und den hundert Amazonen, die zu uns gestoßen waren, auf, um sie zu suchen. Den eingeborenen Weibern war es ein leichtes, Ihrer Spur zu folgen, und so trafen wir zuerst auf den von Ihnen getöteten Löwen. Ich ritt voraus und erblickte neben der Leiche des Männchens eine Löwin, welche um dessen Verlust trauerte. Bei unserer Ankunft ergriff sie die Flucht, und da merkten wir, wie sie ein Junges vor sich hertrieb, durch Tatzenschläge es zu schnellerem Laufe nötigend. Als sie sah, dass sie unseren Pferden nicht entkommen konnte, wandte sie sich gegen uns. Das Tier war furchtbar gereizt. Yamyhla meinte, es wäre eine zum ersten Male säugende Mutter, die ihre anderen Jungen durch ihre Unachtsamkeit verloren habe, dies versetzte sie bei der Verteidigung in eine furchtbare Wut. Sie fiel durch meine Kugel, das Junge ließ ich ins Lager schaffen — ein reizendes Tierchen, wie Sie sehen werden — und wir verfolgten die Spur von Ihnen weiter, welche in großem Bogen herumlief, sich aber immer weiter vom Lager entfernte. Gleichzeitig fand Yamyhla auch Spuren von Kasegoras Anwesenheit, und ferner teilten uns als Kundschafter ausgesandte Amazonen mit, dass der rote Löwe, ein gefürchteter Räuber, mit etwa zweihundert Mann nicht weit von uns sich aufhielte. Später kam die Nachricht, dass dieser Häuptling mit der Hauptmacht seiner Leute weiterzöge, fast mit uns gleiche Richtung haltend, und dass er etwa zwanzig zurückgelassen habe, welche einen weißen Gefangenen bei sich hätten. Dreißig Amazonen, einige Damen und Herren bogen ab, um letzteren zu befreien, wir folgten Ihrer Spur weiter und kamen im rechten Augenblick hinzu, Sie aus den Händen des roten Löwen zu retten, der Sklaven und Sklavinnen macht, wenn er kann, welches Los auch Ihnen beschieden gewesen wäre.«

»Wo treffen wir mit der Abteilung zusammen, welche den Weißen befreien wollte?«

»Erst im Lager. Yamyhla behauptete, diese Expedition wäre ganz gefahrlos. Schon der unerwartete Anblick der Amazonen würde genügen, die feigen Räuber in die Flucht zu treiben, und ich glaube dies gern.«

»Welche Damen haben sich diesem Zuge angeschlossen? « fragte Miss Sargent wieder, sich umsehend. »Es können nicht viele sein.«

»Nein, es sind auch nicht viele, darunter zum Beispiel Miss Morgan. Uns war ja die Hauptsache, Sie erst wiederzufinden; die Anwesenheit des roten Löwen in dieser Gegend ließ uns Schlimmes befürchten. Die Bewegungen dieser Räuber sind sehr schnell, weil sie alle beritten sind, und es wäre doch schrecklich gewesen, wenn Sie von ihm gefangen worden wären. Weit waren Sie auch nicht davon entfernt.«

»Ich hätte den Tod vorgezogen«, antwortete Miss Sargent.

Sie musste jetzt ausführlicher ihr Abenteuer erzählen, sie schilderte das Wiedersehen mit Chaushilm, das seltsame Betragen Kasegoras, ihren Zweikampf, das in ihrer Liebe sich beleidigt glaubende Weib und stellte dann die Frage, wie es wohl käme, dass Kasegora und Chaushilm hier in einer Hütte wohnten, da sie von Abomey doch auch mit Pferden aufgebrochen sein sollten.

»Das kann ich Ihnen wohl erklären«, entgegnete Ellen. »Nicht weit von hier trafen wir auf die von Raubtieren schon abgenagten Skelette zweier Pferde, und Yamyhla glaubte schon damals, das könnten die von Kasegora und Chaushilm sein. Jetzt können wir dies auch wirklich annehmen. Ferner sagte Yamyhla, der Verlust von Pferden in diesen Gegenden könnte sehr leicht durch die Tsetse bewirkt werden, jene Fliege, an deren Stich Pferde und Rinder unwiderruflich sterben. Es ist ein Glück, dass sie hier schon seltener aufritt. Ich hatte schon Angst um unsere Pferde, denn passierte uns solch ein Unglück, so bliebe ich die einzige Reiterin, und es ist doch kein schönes Gefühl, wenn ich reiten, und dabei meine Freundinnen zu Fuße gehen sehen soll. Ich würde dann vorziehen, ebenfalls zu Fuße zu marschieren.«

»Wie das?«, fragte Miss Sargent verwundert.

»Warum sollte gerade Ihr Pferd von dem Stiche der Tsetse verschont bleiben?«

»Sie vergessen«, entgegnete Ellen, »dass ich im Lager ein zugerittenes Zebra besitze, und die Tsetse schadet diesem nichts,«

»Glauben Sie, dass Marquis Chaushilm am Leben erhalten bleibt?«, fragte Miss Sargent nach einer Weile wieder. »Es wäre doch schrecklich, wenn der Marquis sterben sollte.«

»John Davids hegt die größte Hoffnung. Er sagt, der widerstandsfähige Körper des Marquis hätte noch länger die schauderhafte Pflege des schwarzen Mädels ertragen. Das beste für ihn ist außer Chinin und geeigneter Nahrung frische Seeluft, und die Herren wollen auch unverzüglich nach Mgwana zurück und an Bord des ›Amor‹ gehen.«

»Schauderhafte Pflege sagen Sie? Sollte ihn das Weib, welches, ihn liebte, nicht sorgsam gepflegt haben?«

»Nun ja, nach ihrer Weise, Sie hat ihn jedenfalls mit zähem Antilopenfleisch halbtot gefüttert, während ein Fieberkranker nur die notwendigste Nahrung zu sich nehmen darf, ihn in warme Decken gehüllt, wenn er fror, und ihn mit Wasser begossen, wenn er schwitzte. Ein Schwarzer mag solch eine Pferdekur aushalten, aber ein Europäer kann das nicht, und wenn er der gesündeste Mensch wäre. Ich bin gespannt, was Chaushilm uns erzählen wird, wenn er wieder gesund ist.«

»Ich auch«, erwiderte Miss Sargent nachdenklich. Nach kurzer Zeit schimmerten die weißen Zelte des Lagers zwischen den Bäumen durch, und das Leben, das dort herrschte, verriet, dass der kleinere Trupp schon wieder zurückgekehrt sein musste.

Miss Sargent hatte nach und nach mit allen Freundinnen einige Worte gewechselt und ritt jetzt gerade neben Johanna.

»Wie werden sich die anderen Damen freuen«, sagte letztere, »wenn sie nicht nur ihre Freundin, sondern auch Marquis Chaushilm wiedersehen!«

»Was für ein Herr ist das dort?«, fragte Miss Sargent, nach dem Zeltlager deutend.

»Welchen meinen Sie?«

»Den, welcher neben Miss Morgan steht und sich mit ihr unterhält. Da — jetzt gehen sie auseinander. Er trägt die übliche Kleidung der Herren, ist aber keiner der Unsrigen.«

»Wahrhaftig«, rief Johanna erfreut, »er ist der befreite Gefangene. Der Mann kann von Glück sagen, dass wir zufällig hierhergekommen sind, sonst könnte er sein Leben in der Sklaverei beschließen, wenn ihm nicht der Tod beschieden war.«

Miss Sargent wurde mit ungeheurem Jubel begrüßt, wieder musste sie kurz ihre Erlebnisse zum besten geben, und dadurch wandte sich die Aufmerksamkeit auf den armen Chaushilm, dessen Zustand alle mit tiefster Teilnahme erfüllte.

Ellen, Johanna und die meisten der Neger waren unterdes in das Lager geritten und wurden von Miss Morgan empfangen, die Bericht erstattete.

Was Yamyhla vorausgesetzt hatte, war eingetroffen. Die Räuber hatten beim Anblick der Amazonen sofort die Flucht ergriffen, aber diese hatten ihre Schwerter nicht eher ruhen lassen, als bis keiner mehr am Leben war. Den Gefangenen hatten sie gefesselt vorgefunden, nur mit einigen Lumpen bedeckt, ihn nach dem Lager mitgenommen, und dort habe ihm einer der Herren einen Anzug mit allem Nötigen zur Verfügung gestellt. Es sei ein sehr anständiger, gebildeter Mensch, schloss Miss Morgan ihren Bericht, von Beruf Detektiv, doch, dort stünde er selbst und wünsche die Anführerin zu sprechen. Bisher habe sie sich mit ihm nur über seine ausgestandenen Leiden unterhalten.

»Ein Detektiv?«, fragte Ellen halb erstaunt, halb unwillig. Sie hatte nun einmal ein ganz besonderes Vorurteil gegen Leute dieses Berufes.

»Ja, Miss«, antwortete der befreite Mann selbst und trat vor Ellen, welche, wie die Anderen, vom Pferde gestiegen und die Zügel einem Neger übergeben hatte.

Der Gerettete hatte ein wirklich einnehmendes Äußere; der geliehene Anzug saß ihm gut, und ein Rasiermesser hatte das Gesicht wieder glatt gemacht.

»Mein Name ist Anderson, und ich bin Detektiv«, fuhr er fort, den Hut lüftend. »Es scheint, Sie sind von diesem Geständnis unangenehm überrascht; sollte mir sehr leid tun, wenn Sie glauben, mit der Befreiung eines Detektivs einen Missgriff getan zu haben.«

»Durchaus nicht«, beeilte sich Ellen zu sagen. »Verzeihen Sie mir den Ton, in welchem ich eben sprach. Es freut mich, dass ich einen Menschen aus den Händen jener schrecklichen Männer befreit sehe. Doch, wie kommt es, dass Sie, als Detektiv — ich nehme Ihrer Aussprache des Englischen nach an, dass Sie Amerikaner sind — wie kommt es, dass Sie unter Räuber gefallen sind, welche ihr Wesen nur in der Wildnis treiben? Hat Ihr Beruf das mit sich gebracht?«

»Allerdings, Miss«, entgegnete der Mann, der sich als Anderson vorgestellt hatte. »Meine Aufgabe bestand darin, einen Kassierer, welcher unter Mitnahme bedeutender Geldsummen flüchtig geworden ist, zu verfolgen. Seine Spur führte mich nach der Nordwestküste Afrikas und von da ins Innere. Weiß der Himmel, was er hier zu suchen hatte, wollte wahrscheinlich einmal eine kleine Jagdpartie unternehmen, er ist immer so ein Leichtfuß gewesen. Die Expedition, welche ich gemietet hatte wurde gesprengt, die meisten Mitglieder getötet, ich selbst und ein anderer Weißer von jenem Häuptlinge gefangen genommen, welcher der rote Löwe genannt wird. Das ist in Kurzem die Geschichte der Ereignisse, durch welche ich als Gefangener hierhergekommen bin.«

»Wo ist der andere Gefangene?«

»Es gelang ihm, zu entfliehen. Wir sind fast eine Woche lang umhergeschleppt worden; der andere ist gleich in den ersten Tagen geflohen, ich habe nichts wieder von ihm gesehen. Möglich, dass er in dieser pfadlosen Wildnis zu Grunde gegangen ist.«

Der Mann, der kein anderer als Tannert war, hatte die Wahrheit gesprochen. Seinem Mitgefangenen, dem Seewolf, war es gelungen, durch List seine Wächter zu täuschen und zu entkommen. Auch Tannert hätte mehrmals Gelegenheit dazu gehabt; da er aber merkte, dass sein Leben geschont wurde, er übrigens auf Befehl des roten Löwen mit mehr Rücksicht behandelt wurde, so beschloss er, seine Flucht auf später zu verschieben. Erst wollte er sehen, was mit den gefangenen Vestalinnen begonnen werden sollte, das heißt, wenn der rote Löwe sie erst in seiner Gewalt hatte.

»Sie sind amerikanischer Detektiv?«, forschte Ellen etwas misstrauisch weiter.

»Jawohl. Ich war längere Zeit in der Nähe der großen Seen tätig und kam dann — — Mein Gott«, rief er plötzlich aus — sein Blick war auf Johanna gefallen — »Sie auch hier, Miss Sharp? Finden sich denn alle Detektive der Welt in Afrika zusammen? Führt Ihr Beruf auch Sie hierher?«

Er ging mit ausgestreckter Hand auf Johanna zu, die ihn kalt von oben bis unten ansah.

»Ich kenne Sie gar nicht«, sagte sie ruhig, ohne die dargebotene Hand anzunehmen.

»Wie? Sie kennen mich nicht? Erinnern Sie sich doch! Wir arbeiteten am Oberonsee zusammen, ich stellte den Lakai, Sie die Kammerzofe jener russischen Gräfin vor, die sich dann dank unserer Bemühungen als Schwindlerin entpuppte. Erinnern Sie sich nun des Anderson? Ich wurde Rudolf, Sie Jeannette gerufen. Wir haben manch hübsches Stündchen im Bedientenzimmer verlebt.«

»Sie sind im Irrtum. Ich kenne weder Sie, noch bin ich jemals von einer russischen Gräfin Jeannette gerufen worden«, erwiderte Johanna kalt und wandte sich ihrem Zelte zu.

Bestürzt hatten alle anwesenden Damen und Herren diese kurze Unterredung angehört; stumm sahen sie der Fortgehenden nach und blickten dann auf den Detektiv, welcher selbst verlegen geworden zu sein schien.

»Wirklich«, murmelte er, »ich scheine mich getäuscht zu haben. Aber selten ist mir eine solche frappante Ähnlichkeit vorgekommen. Zug für Zug, das Haar, die Haltung gleichen vollkommen der Miss Sharp, der Schwester des berühmten amerikanischen Detektivs Nikolas Sharp.«

Unter den Zuhörenden war Ellen die erste, welche das Wort ergriff. Sie wandte sich an den Detektiv.

»Sie werden im Irrtum sein«, sagte sie ruhig. »Miss Lind ist keine Detektivin, sie ist unsere Freundin.«

Auch sie ging in ihr Zelt, welches am Eingange zum Lager stand und von ihr allein bewohnt wurde, weil in diesem alle jene Sachen aufbewahrt wurden, welche sie unter eigener Aufsicht haben wollte, und daher fast überfüllt war.

Unter den Mädchen bildeten sich Gruppen. Man sprach über diese rätselhafte Begegnung. Bald aber waren sich alle darüber klar, dass hier ein großes Missverständnis obgewaltet habe.

*

Miss Petersen saß beim hellen Scheine einer kleinen Lampe am Zelttisch und blickte, den Kopf auf die Hand gestützt, mit trüben Augen in die Flamme.


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»Sollte Miss Morgan sich auch geirrt haben«, flüsterte sie vor sich hin, »als sie mir einst sagte, Johanna sehe der Schwester dieses Nick Sharp zum Verwechseln ähnlich? Ich habe von dieser Detektivin erzählen hören; sie soll die besten Männer dieser Berufsart oft in den Schatten gestellt haben. Sie erfreut sich beim Publikum einer großen Gunst, und doch, eine Detektivin, ein Mädchen, das Unschuld heucheln und dabei die raffiniertesten Sachen behandeln muss — pfui, das ist noch viel schlimmer als ein Detektiv!

»Ware es möglich, dass Johanna wirklich diese Detektivin ist? Ja, warum nicht? Nick Sharp war von Lord Harrlington bereits dazu engagiert, mich zu beobachten, warum sollte er nicht auch seine Schwester angeworben haben? Und wäre sie eine Detektivin, hätte ich Grund, sie zu bestrafen? Nein, das kann ich nicht, sie muss ja für Geld arbeiten. Aber hätte ich Grund, sie aus meiner Nähe zu stoßen? Gewiss, auf jeden Fall. Das wäre ja köstlich, wollte ich dulden, dass man mich mit Spionen umgibt, mich beobachten lässt und mich wie ein Kind beschirmt. Es ist wahr, ich schulde Johanna viel Dank. Oft hat sie mir das Leben gerettet, oft das Ihrige für das meine eingesetzt, so zum Beispiel als sie damals mich von den Schlingpflanzen befreite, die mich unter Wasser festhielten. Aber schließlich tun Detektive für Geld alles. Nein und abermals nein, wenn sie eine Detektivin ist, so muss sie aus meinen Augen, sie oder ich, eine von uns beiden verlässt die ›Vesta‹, und sollte ich auch die treueste Freundin verlieren. Von einem Manne, der mich betrügt, mag ich nicht mit Spionen umstellt werden, die ihm jede meiner Handlungen melden.«

Träumend blickte Ellen in das flackernde Licht der Lampe. Trübe Gedanken mussten es sein, die hinter dieser offenen, faltenlosen Stirn ihr Wesen trieben, denn ihr Auge umflorte sich immer mehr; immer schmerzlichere Linien zeichneten sich um den feingeschnittenen Mund.

Sie zog eine Uhr aus dem Busen.

»Neun Uhr«, murmelte sie. »Jetzt wird er kommen. So oder so, es muss zu einem Abschluss kommen.«

In diesem Augenblick wurde der Zeltvorhang zurückgeschlagen; Mister Anderson trat mit einer Verbeugung herein und blieb am Eingange stehen.

»Ihrer Aufforderung gemäß, finde ich mich pünktlich bei Ihnen ein«, sagte er. »Befehlen Sie über mich, ich stehe Ihnen zu Diensten.«

»Bitte, nehmen Sie Platz!«, erwiderte Ellen mit erzwungener Freundlichkeit, eine Handbewegung nach dem zweiten Stuhle des Zeltes machend.

Der Detektiv nahm auf dem zusammenlegbaren Stuhle, Ellen gegenüber, Platz.

»Ich habe Sie zu mir gebeten«, begann sie, »um Auskunft zu bekommen über jene Dame, welche Sie vorhin mit Miss Sharp anredeten. Ist diese Dame wirklich Miss Sharp, die Schwester des Detektivs Nikolas Sharp?«

Sie heftete den Blick gespannt auf das Gesicht des vor ihr Sitzenden, der eine geringe Verlegenheit nicht verbergen konnte, aber dieser Detektiv brachte dieselbe absichtlich hervor. Er war zu sehr Schauspieler, als dass er nicht seine vollständige Ruhe hätte bewahren können, wenn er es wollte.

»Geehrtes Fräulein«, antwortete er, »ich habe jene Dame zwar als Miss Sharp begrüßt, aber ich kann mich natürlich geirrt haben, und ich glaube das auch jetzt, da jene Dame selbst behauptet, mich nie gesehen zu haben.«

»Sieht sie derselben wirklich so ähnlich?«

»Sie ist die vollständige Doppelgängerin derselben, sie gleicht ihr Zug für Zug. Das reiche Haar hat bei beiden dieselbe nussbraune Farbe, über den braunen Augen dieselben langen Wimpern, der kleine Mund; in der Tat, wenn jene Dame nicht selbst sagte, dass sie nicht Miss Sharp sei, so könnte ich ruhigen Herzens darauf schwören.«

»Wo lernten Sie Miss Sharp kennen?«

»Erinnern Sie sich der Skandalgeschichte der russischen Gräfin, welche in den Gegenden der großen Seen einst eine Rolle in der Gesellschaft spielte?«

»Nein, ich habe nichts davon gehört.«

»Nun, jene Gräfin stand im Verdacht, eine französische Schwindlerin zu sein. Ich wurde von der Polizeibehörde abgesandt, sie zu beobachten, nahm bei ihr Dienste als Lakai und traf dort Miss Sharp, welche von ihr als Kammerzofe engagiert worden war, und die sich in die intimeren Verhältnisse der Gräfin einzuweihen suchte. Anfangs wussten wir nicht, dass wir beide Detektive waren; an gewissen Zeichen erkannten wir uns aber bald.«

»Wohin ging Miss Sharp von da?«

»Kurz vor der Katastrophe des Dammdurchbruchs am Oberonsee gelang es uns, die Gräfin zu entlarven. Wir trennten uns; ich blieb am Oberonsee und sah Miss Sharp bei jenem Dammdurchbruch wieder, wo sie sich, wie es gewöhnlich Ihre Art war, mit heldenmütiger Bravour benahm. Ich sah mit eigenen Augen, wie sie siebenmal zwischen die Eisschollen sprang und jedes Mal mit einem Menschen wieder ans Ufer kam.«

Ellens Augen vergrößerten sich, starr blickte sie den Detektiv an.

»Wissen Sie bestimmt, dass diese Person Miss Sharp hieß?«, fragte sie leise.

»Ganz bestimmt. Wenn wir nicht hier in Afrika, sondern in Amerika wären, so könnte ich Ihnen genug Zeugen dafür bringen.«

»Aber haben Sie nicht in den Zeitungen gelesen, dass die Retterin Miss Jane Lind genannt wurde?«

»Das macht nichts aus«, sagte Anderson gleichmütig, »wir Detektive ändern jeden Tag unseren Namen. Dass Miss Sharp sich damals, als sie von Zeitungsreportern um ihren Namen gefragt wurde, einen anderen gab, wundert mich gar nicht, denn Miss Sharp war immer bescheiden und ganz und gar nicht ehrsüchtig. Wäre ihr wirklicher Name damals bekannt geworden, so hätte ihr das großen Schaden gebracht, denn sie wurde von vielen Leuten gesehen und bewundert. Selbst die Vorgesetzten von der Polizei hätten dies nicht gern gesehen. Wir Detektive sind zu bedauern, wir gehören nicht uns selbst, sondern unseren Vorgesetzten.«

Lange schwieg Ellen, ihre Augen nicht von der flackernden Flamme wendend. Es war ihr, als hätte plötzlich eine kalte Hand ihr Herz berührt.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie endlich. »Bitte, betrachten Sie sich, so lange Sie hier sind, als im Lager zu Hause, Sie genießen dieselben Vorrechte wie wir. Ich hoffe, dass Sie auch die Rückreise mit uns antreten werden.«

»Ich bin gezwungen, Ihre Hilfe jetzt in Anspruch zu nehmen, und kann Ihnen dieselbe mit nichts anderem vergelten als mit meiner Dankbarkeit«, erwiderte Mister Anderson, stand auf, verneigte sich gegen Ellen und verließ das Zelt.

»Also doch!«, murmelte Ellen. »Mit einer Detektivin haben wir fast zwei Jahre lang als Freundin verkehrt, sie als die Unsrige betrachtet, sie in unsere tiefsten Geheimnisse eingeweiht, und sie hat unsere Vertrauensseligkeit dazu benutzt, uns unter der Maske der Demut und Bescheidenheit auszuhorchen, damit sie es wiedererzählen könne. Wem? Nun, wem anders als Lord Harrlington? Jetzt kann ich mir auch erklären, wie es kommt, dass der ›Amor‹ uns immer wiederzufinden wusste, und auch wenn ein noch so unbekannter Hafen bestimmt wurde.«

Sie trat vor den Zelteingang.

Das Lager bestand aus zwei Hälften, in der einen wohnten die Herren, in der anderen die Damen. Trotzdem es schon Nacht war, herrschte zwischen den Zelten noch Leben; man ging plaudernd spazieren und freute sich der schönen, kühlen Nacht.

»Miss Dulwich«, rief Ellen ein vorübergehendes Mädchen an, »würden Sie die Freundlichkeit haben, Miss Murray in mein Zelt zu rufen; ich möchte sie sprechen.«

Sie trat wieder ins Zelt.

»Es wird die höchste Zeit, dass dieses gefährliche Element aus unserer Mitte entfernt wird«, murmelte sie leise. »Sie hätte verdient, dass die Gesetze der ›Vesta‹ gegen sie angewendet würden, aber eben, weil sie der ›Vesta‹ nicht würdig ist, soll keine Anwendung davon gemacht werden; selbst das ist eine Schande, wenn eine solche Person diese Strafe überhaupt versteht. Ich glaube, ich werde bei den Damen auf einigen Widerstand stoßen, denn Johanna ist sehr beliebt, aber ich werde ihn zu besiegen wissen. Vor allen Dingen gilt es, die Damen vorzubereiten, sie mit dem Charakter Johannas vertraut zu machen, ohne dass diese etwas davon merkt, sonst ist die schlaue Detektivin imstande und schmiedet Gegenpläne. Dazu ist es nötig, dass ich mit den Damen spreche, welche über die Vestalinnen eine gewisse Macht haben. Das wären Miss Murray, Nikkerson, Thomson und vielleicht auch Miss Sargent. Letztere ist in letzter Zeit sehr beliebt geworden. Diese Damen mögen die anderen so vorbereiten, dass ich beim Verkünden des Ausschlusses von Miss Lind, respektive Miss Sharp, auf keinen Widerstand stoße. Je schneller die Sache erledigt wird, desto besser.«

Ohne irgendwelche Überraschung oder Unwillen zu zeigen, hörte die Angekommene die Auseinandersetzungen Ellens an und versprach beim Verlassen des Zeltes, die Freundinnen über Johannas Charakter aufzuklären.

»Bitten Sie Miss Nikkerson, zu mir zu kommen, auch sie möchte ich persönlich sprechen«, rief Ellen der Hinausgehenden nach.

Miss Nikkerson konnte jedenfalls nicht gleich gefunden werden, denn es verging ziemlich lange Zeit, ehe sie ins Zelt trat.

Auch sie hörte die Erklärung Ellens völlig ruhig an, ja sie erwiderte nicht einmal ein Wort und verließ das Zelt mit dem Auftrage, Miss Thomson zu rufen.

»Seltsam«, dachte Ellen, »ich glaubte, die Damen würden diese Nachricht ganz anders aufnehmen. Ich ahne fast, dass sie mit meinem Vorschlag, Miss Sharp auszustoßen, nicht sofort einverstanden sind.«

Da wurde der Vorhang zurückgeschlagen, aber nicht nur die gerufene Miss Thomson trat ins Zelt, sondern sie hatte ihren Arm in den Johannas gelegt, und hinter ihr folgten Miss Murray, Miss Nikkerson, Miss Sargent und noch andere Damen — das Zelt war mit Personen ganz angefüllt.

Bestürzt heftete Ellen die Augen erst auf Johanna und ließ ihre Blicke dann über die anderen Freundinnen schweifen.

Ohne Umschweife nahm Miss Thomson das Wort.

»Sie haben mich rufen lassen, Miss Petersen«, sagte sie, »um mir mitzuteilen, dass Miss Lind hier, meine Freundin« — sie betonte das letzte Wort — »eine Detektivin ist, eigentlich Miss Sharp heißt und die Schwester des Detektivs Nikolas Sharp ist, und dass sie als solche nicht würdig wäre, fernerhin unter uns und auf der ›Vesta‹ zu bleiben. Sie hätten recht, Miss Petersen, wenn dem so ist, aber von wem haben Sie denn diese Mitteilung? Von einem wildfremden Manne, den keine von uns kennt, den wir halbnackt als Gefangenen gefunden haben, ich betone, als einzigen Gefangenen unter den verworfensten Menschen, die nie eine zivilisierte Gegend betreten haben.«

Ellen wollte die Sprecherin unterbrechen, aber Miss Thomson machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und fuhr schnell in der Rede fort:

»Ich bemerke ausdrücklich, dass ich nicht nur für meine Person spreche, sondern im Namen aller Vestalinnen, Sie ausgenommen, und dies zu bezeugen, sind diese Damen hier. Ich soll Ihnen hiermit sagen, dass Sie, ehe Sie noch einer anderen Dame Ihre Mutmaßung über Miss Lind mitteilen, diese selbst fragen, ob an der Aussage des Detektivs etwas Wahres ist, oder nicht, denn« — Miss Thomson erhob ihre Stimme — »ehe wir die Aussagen dieses uns wildfremden Menschen glauben, trauen wir vielmehr denen von Miss Lind, welche seit fast zwei Jahren unsere Freundin ist und sich stets als solche benommen hat.«

Miss Thomson schwieg.

Anfangs hatten sich Ellens Züge immer mehr verdüstert; schnell wandelte ihr Auge von Gesicht zu Gesicht, und das, was sie da wahrnahm, sagte ihr, dass jetzt ein Entscheidungsmoment gekommen war. Diese Mädchen traten alle für Johanna ein. Blieb sie bei ihrer Aussage, so war eine Scheidung nicht zu umgehen, die ›Vesta‹ hatte aufgehört, Freundinnen zu beherbergen, so lange sie sich auf dem Schiff befand, selbst wenn Johanna freiwillig ausgeschieden wäre.

Da begegnete ihr Blick dem Auge Johannas, diesem freundlichen, gütigen, treuherzigen, braunen Auge, das jetzt mit einem so traurigen Ausdruck auf ihr ruhte, und plötzlich wurde Ellens Stimmung umgewandelt, sie wusste mit einem Male, dass dieses Mädchen keine Detektivin war.

»Sie haben recht, Miss Thomson«, sagte sie, »ich habe nicht recht gehandelt, als ich den Aussagen des fremden Mannes sofort Gehör schenkte. Miss Lind«, wendete sie sich an diese, »wären Sie eine Detektivin, so könnte ein Nebeneinanderleben zwischen uns nicht mehr möglich sein, und die Vermutung, dass dem so sei, dass wir fast zwei Jahre lang eine Detektivin als Freundin betrachtet hätten, brachte mich in eine übereilte, missmutige Stimmung. Beantworten Sie mir meine Fragen, und ich werde Ihren Antworten glauben.

»Sind Sie Miss Sharp?«

»Nein«, entgegnete Johanna offen und fest, »mein Name ist Johanna Lind.«

»Sind Sie die Schwester des unter dem Namen Nikolas Sharp bekannten Detektivs?«

»Nein.«

»Kennen Sie oder haben Sie den Mann schon einmal gesehen, welcher Sie als die Detektivin Jane Sharp bezeichnete?«, fragte Ellen weiter.

»Nein.«

»Oder«, fuhr Ellen fort, die Augen fest auf Johanna gerichtet, »sind Sie überhaupt Detektivin?«

»Nein«, versetzte Johanna ruhig, dem Blick der Fragerin ebenso fest begegnend.

»Dann war meine Annahme ein Irrtum«, sagte Ellen und streckte dem Mädchen die Hand entgegen. »Vergessen Sie das Vorgefallene! Ich bitte Sie herzlich darum! Sie haben eine Doppelgängerin, mit der Sie verwechselt worden sind.«

*

Die gute Stimmung unter den Vestalinnen war schon längst wiederhergestellt, aber es herrschte doch noch im Lager der Damen Aufregung, trotzdem es schon spät war. Wieder standen die Damen in Gruppen zusammen, und hastiges, geheimnisvolles Flüstern herrschte unter ihnen. Dann schieden sich einzelne ab und begaben sich nach den Zelten der Herren.

Unter den etwa zehn Damen befand sich auch Hope, und als sie sich den Zelten der Herren näherte, rief diese plötzlich leise aus:

»Dort steht er, er geht nach den Pferden, und der Kuckuck soll mich beißen, wenn er nicht soeben mit Miss Morgan gesprochen hat.«

Man sah zwischen den Zelten eine dunkle Gestalt verschwinden, welche wohl wie ein Weib aussah, aber fest behaupten konnte man das wegen der Finsternis doch nicht.


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Die kleine Gesellschaft sprach unterwegs mit einigen ihr begegnenden Negern und begab sich dann ebenfalls dahin, wo die Pferde angebunden standen. Dort trafen sie auf Mister Anderson, der die Pferde zu mustern schien. »Schöne Pferde, nicht wahr?«, redete ihn Thomson an.

»Es sind wirklich einige sehr schöne darunter«, war die Antwort, »wie man sie selten in Afrika findet. Afrika hat nicht viel schöne Reittiere aufzuweisen, und gute, importierte verderben schnell; an eine Fortpflanzung edler Rassen ist nicht zu denken.«

»Sie scheinen Pferdekenner zu sein!«

»Allerdings, ich war früher ein großer Sportsmann und bin auch jetzt noch ein guter Reiter.«

»Welches Pferd würden Sie sich aussuchen, wenn Ihnen die Wahl freistände?«, fragte Miss Murray.

»Dieses dort ist das schönste«, antwortete Andersons auf eine Schecke deutend.

Er wunderte sich nicht wenig, als ein Neger diesem Pferde sofort einen Sattel auflegte.

»Wollen Sie heute Nacht noch ausreiten?«, fragt er erstaunt, »Ach so, es ist ja ein Herrensattel!«

»Ja, ein Herrensattel«, sagte da plötzlich Miss Sargent und trat dicht vor den völlig verblüfften Mann »und nun setzen Sie sich darauf, und reiten Sie dem Führer nach, der Sie begleiten wird, er hat Proviant genug für Sie und sich, damit Sie beide die Küste erreichen können. Ja, nur los, zögern Sie nicht«, fuhr Miss Sargent den Mann an, der seinen Ohren nicht trauen zu dürfen glaubte, »steigen Sie auf den Schecken und reiten Sie davon, wir schenken Ihnen das Tier.«

Mister Anderson merkte, dass es den Damen ernst war; überall blickte er in finstere, entschlossene Gesichter — er wusste wohl, was man gegen ihn vorhatte. Wortlos bestieg er das Ross und der ihm als Führer bestimmte Neger das seine.

»Und, Mister Anderson«, nahm Miss Thomson noch einmal das Wort, »bemühen Sie sich nicht, noch einmal unseren Weg zu kreuzen. Ich habe nämlich einen Feind, den ich bis zum Tode hasse, und der sieht Ihnen so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Es sollte mir leid tun, wenn ich meine Wut an seinem unschuldigen Doppelgänger auslassen würde. Good bye!«

* * * * *

III.30. Die Heiratsvermittlung

Mister Selby, der Direktor jener Faktorei, welcher die Karawane unserer Freunde ausrüstete, hatte ein Zimmer seiner Villa Miss Petersen für einen Nachmittag zur Verfügung gestellt. Diese Dame hatte ihn um diese Gefälligkeit gebeten, weil in ganz Mgwana kein öffentliches Haus existierte, in welchem eine Private Unterhaltung stattfinden konnte, und eine solche hatte Miss Petersen heute mit einem Herrn vor, welcher zu diesem Zwecke eigens aus Kapstadt gekommen war.

Mister Selby hatte den Wunsch der Dame, mit der er ein so gutes Geschäft abgeschlossen, sofort erfüllt, und nun befanden sich Miss Petersen und der fremde Herr in einem der elegantesten Zimmer der Villa.

Dieser Herr war Macdonald Staunton, der Bruder Hope Stauntons, dessen Schiff jetzt in Kapstadt lag, und welcher, ehe er Miss Petersen aufgesucht, dieser von seiner baldigen Ankunft geschrieben und zugleich gebeten hatte, seiner Schwester nichts von seiner Reise zu sagen, weil die von Ellen gebetene Besprechung jene beträfe.

Ellen hatte ihn selbst von dem Postdampfer abgeholt und, ohne erst Worte zu verlieren, sofort nach Selbys Villa geführt. Sie kannten sich beide schon von früher; sie hatte seine Bekanntschaft schon in New York gemacht.

»Es ist ein sehr unangenehmer Fall, welcher mich zu Ihnen führt«, begann der in Zivil gekleidete Marineoffizier, als nach der ersten förmlichen Begrüßung im Hafen eine herzlichere im Salon stattgefunden hatte. »Ich habe lange gesonnen, wie ich es Ihnen mitteilen soll, aber schließlich habe ich eingesehen, dass der kürzeste Weg der beste ist: eine offene Aussprache.«

»Betrifft diese Hope, Ihre Schwester?«, fragte Ellen.

»Ja, und es ist eben das Schlimmste für mich, dass ich meiner Schwester eine Nachricht bringen muss, die sie betrüben wird. Ich habe das eigentlich nicht nötig, sie brauchte nicht alles zu erfahren, was ihr junges Herz erschrecken würde; aber dennoch ist es nötig, ihr zu sagen, dass sie ferner nicht mehr auf der ›Vesta‹ in Ihrer Gesellschaft bleiben kann.«

»Warum nicht?«, fragte Ellen lächelnd.

»Weil es zu kostspielig ist«, entgegnete Staunton offen.

»Ich weiß alles, was Ihnen zu sagen so schwer fällt«, kam Ellen ihm zu Hilfe, ohne auf das erstaunte Gesicht des Offiziers zu achten. »Eine Freundin von mir, welche sehr gut über Ihre Verhältnisse orientiert —«

»Wie wäre dies möglich?«, unterbrach Staunton sie etwas unwillig.

»Sehr einfach, diese Freundin ist die Tochter des Bankiers, bei welchem das Vermögen Ihres Vaters deponiert war, und da sie selbst eine Freundin Hopes ist, so teilte sie mir den Verlust dieses Vermögens mit der Bitte mit, es Hope zwar nicht zu sagen, aber sie doch von der weiteren Teilnahme an der Reise fernzuhalten, sie nach New York zu schicken, wo sie sehr bequem von dem leben könne, was ihr gerettet worden ist. Ist es nicht so?«

»Nein, es ist noch schlimmer geworden. Von einem Vermögen war eigentlich nicht die Rede, sondern jener Bankier besaß nur Aktien, welche zwar sehr viel einbrachten, aber unter Umständen auch ganz wertlos werden konnten. Dieser Fall ist nun eingetreten. Das letzte, was davon noch übrig geblieben, ist auch weg, Hope ist ein armes Mädchen, welches nichts besitzt, als einen Bruder.«

»Das ist sehr traurig, aber Hope bekam in letzter Zeit immer noch Anweisungen zugeschickt!«

»Sie hatte mich darum gebeten, und ich habe diese von meinem Gehalte bestritten.«

»Sie wurden in New York allgemein für einen sehr reichen Mann gehalten«, sagte Ellen.

»Mein Vater war auch reich«, erwiderte Staunton, »er hatte sich den Reichtum durch eigene Kraft erworben, keinen Cent geerbt, und so hielt er sich denn auch berechtigt, nach Gutdünken mit dem Gelde zu wirtschaften. Das heißt, er ist nicht leichtsinnig mit dem Gelde umgegangen, er hat nur zu stark spekuliert und viel dafür ausgegeben, sich einen Namen zu verschaffen, was er ja auch erreicht hat. Als er starb, waren die Kapitalien aufgebraucht, er hinterließ uns Aktien, welche sich damals ausgezeichnet rentierten. Ich schlug die Offizierskarriere ein und hatte von Geschäften soviel wie gar keine Kenntnis. Hope war ein Kind, und unser Vormund ließ uns in dem Glauben, wir wären wirklich sehr reich, während wir doch nur von der Dividende lebten, welche die Aktien abwarfen. Diese verloren immer mehr an Wert, ohne dass ich dies wusste. Es lagen auf unseren Grundstücken fast ebenso viel Hypotheken, wie sie wert waren, vom Vater bei augenblicklicher finanzieller Verlegenheit selbst aufgenommen, sie wurden vom Vormund, einem etwas leichtsinnigen Manne, nicht wieder gedeckt; kurz und gut, vor einigen Monaten erfuhr ich, dass wir so gut wie ruiniert waren; ich machte noch einmal verzweifelte Anstrengungen, etwas zu retten, aber die Folge einer genauen Ordnung unserer Verhältnisse war nur die Einsicht, dass überhaupt nichts mehr zu retten war. Jetzt bin ich nur noch auf meinen Gehalt angewiesen, und der genügt nicht, um Hope auf diese Weise weiterleben zu lassen.«

»Wollen Sie Hope über diese Verhältnisse aufklären?«, fragte Miss Petersen.

»Nein, es wäre grausam, das junge Mädchen plötzlich damit bekannt zu machen«, antwortete der Offizier, »mein Gehalt reicht aus, dass sie in New York ein standesgemäßes Leben führen kann, wenn sie sich unter Aufsicht befindet, welche verhindert, dass sie sich Extravaganzen erlaubt, zu welchen sie leider sehr geneigt ist. Aber dies kommt eben daher, weil sie sich für ein reiches Mädchen hält und daher den Wert des Geldes nicht kennt.«

»Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, Kapitän«, sagte Ellen, »so lassen Sie Hope noch so lange bei mir, bis diese Reise beendet ist.«

»Dies erlauben meine Mittel nicht.«

»Ich meine, sie bleibt als meine Freundin bei mir. Sie verstehen mich.«

»Das geht auf keinen Fall«, rief der Offizier energisch. »Ich verstehe vollkommen, was Sie meinen, und nur, weil Sie es so zart andeuten, beleidigt mich dieser Vorschlag nicht. Doch wir können ja offen sprechen«, fuhr er ruhiger fort. »Ich weiß, Sie sind eine wirkliche Freundin von Hope, und ich schätze Ihre edle Denkungsweise. Sie wollen also, um Hope des Vergnügens dieser Reise nicht zu berauben, die Mittel aus eigener Tasche bezahlen. Das nehme ich auf keinen Fall an, um so weniger, da ich Offizier bin.«

Ellen schwieg verlegen.

»Und Hope selbst würde entrüstet sein, wenn sie später einmal erfahren sollte, dass sie ohne ihr Wissen und ihren Willen durch die Mittel anderer Vergnügungen genossen hat«, fügte der Offizier hinzu.

»So müsste Hope unsere Gesellschaft verlassen.« sagte Ellen seufzend.

»Ja, es geht nicht anders. Sie muss in ihre Heimat, nach New York zurück.«

»Wie wollen Sie aber bewirken, dass sie sich Ihrem Willen fügt, wenn Sie Ihre Schwester nicht mit der Ursache davon bekannt machen? Haben Sie großen Einfluss auf Ihre Schwester? Hope ist ein sehr, sehr gutherziges Mädchen, aber sie kann auch sehr eigensinnig sein.«

»Ich habe bereits einen Vorwand gefunden, und zwar keinen erdichteten. Hope hatte in jüngeren Jahren eine Freundin, die sie innig liebte; ihr Bruder ist Leutnant auf meinem Schiffe, sein Name ist Murray. Dieser hat nun vor einigen Tagen einen Brief erhalten, mit der Nachricht, dass seine Schwester schwer erkrankt ist, und, wie es oft eine Eigentümlichkeit von Kranken ist, dass sie Tag und Nacht nach Hope begehrt. Leutnant Murray selbst wird in den nächsten Tagen nach New York abreisen, und ich will Hope veranlassen, mit ihm zu gehen. Wenn Sie mir Ihre Unterstützung zusagen, Miss Petersen, so wird es leicht sein, Hope dazu zu bewegen, denn sie hat ein gefühlvolles, weiches Herz.«

»Gern will ich dabei tun, was ich kann«, antwortete Ellen. »Es ist sogar gut, dass Sie sich erst an mich gewendet haben, denn ich habe großen Einfluss auf Hope. Ich glaube, sie würde selbst, ohne Angabe eines Grundes, auf meine Bitte hin, Ihrem Wunsche entsprochen haben, doch ist es besser so.«

»Ich danke Ihnen herzlich«, sagte der Offizier und schüttelte der Dame warm die Hand. »Eine Zentnerlast ist mir von der Brust genommen. Wann meinen Sie, dass wir Hope alles mitteilen sollen? Je eher, desto besser ist es; ich schlage vor, noch heute.«

»Heute ist es wohl nicht gut möglich, denn Hope hat heute Morgen mit mehreren Damen eine kleine Reise nach einem nicht weit von hier entfernten Hafen angetreten, wo nach Schwämmen getaucht wird, und die Gesellschaft wird vor Abend nicht zurückkehren.«

»So sagen wir morgen«, entgegnete Kapitän Staunton. »Auf meine Bitte wird mich Mister Selby für diese Nacht beherbergen. Wo soll die Unterredung stattfinden?«

»Wieder hier! Morgen früh um zehn Uhr schlage ich vor. Ich bringe Hope mit.«

»Einverstanden«, rief der Offizier.

Er spielte einige Zeit verlegen an seiner Uhrkette, hob dann den Kopf und sagte: »Noch eins, Miss Petersen. Sie waren innerhalb zweier Jahre nun beständig in der Nähe von Hope, und so können Sie mir die beste Auskunft geben über eine Frage, deren Beantwortung mir von größtem Interesse ist und mich zugleich bedrückt.«

»Bitte, fragen Sie! Allerdings kennt wohl niemand Hope so gut, wie ich.«

»Sehen Sie«, begann Staunton sichtlich zögernd, »die ›Vesta‹ ist in ständiger Begleitung des ›Amor‹ gesegelt. Die Damen haben alle ihre Ausflüge in Gesellschaft der englischen Herren gemacht, sie sind oft wochenlang in engem Verkehr mit ihnen gewesen, und Hope ist achtzehn Jahre alt, da ...«

»Ah, ich verstehe«, unterbrach ihn Ellen lächelnd. »Sie wollen wissen, ob Hope zu einem der Herren eine tiefere Neigung gefasst hat?«

»Es ist so.«

Gespannt hingen des Offiziers Augen an Ellens Munde, als wolle er schon jetzt die Antwort ablesen.

»Nein, das ist nicht der Fall«, fuhr Ellen fort, »Sie können sicher sein, dass nicht einmal eine heimliche, flüchtige Liebelei vorgekommen ist. Einmal habe ich auf Hope ein wachsames Auge gehabt, und dann ist sie auch eine Person, welche nicht das kleinste Gefühl verbergen kann. In ihren Zügen, in ihren Augen kann man offen lesen, was in ihrem Herzen vorgeht.«

»Hat auch keiner der englischen Herren ein Auge auf das hübsche Mädchen geworfen und ihr zu verstehen gegeben, dass er Neigung für sie hege? Junge Mädchen können sich leicht einen Gedanken in den Kopf setzen, sie bilden sich ein Ideal, das sie um keinen Preis der Welt fahren lassen.«

»Auch das nicht«, sagte Ellen kopfschüttelnd, »ich wüsste nicht einmal, dass Hope auch nur irgend einem Herrn jemals besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

»Doch ja«, fuhr sie lächelnd fort, »aber es ist eigentlich lächerlich, dass ich Ihnen dies mitteile. Einer der Herren hat einen Diener, einen früheren Seemann, mit dem Hope gern und viel verkehrt, weil sie für alles, was das Seemannswesen betrifft, schwärmt und dieser Mann ihr genügend Material für ihren phantastischen Sinn liefert.«

»Das ist nichts«, lachte Kapitän Staunton. »Hope hat als Kind stets für die Reitknechte ihres Vaters geschwärmt, weil diese größere Sporen, als der Vater selbst, trugen.«

»Warum sollte aber Hope nicht die Werbung eines dieser englischen Herren annehmen, wenn eine solche wirklich vorläge?«, fragte Ellen. »Es sind alles ehrenwerte, zuverlässige Menschen, von denen keiner mit Hope spielen würde. Keinem einzigen traue ich so etwas zu. Aber ich glaube fast«, Ellen lächelte und warf dem Kapitän einen prüfenden Blick zu, »nach Ihren vorsichtigen Fragen zu schließen, ob Hopes Herz auch frei ist, gehen Sie noch mit einem anderen Plane um. Habe ich recht? Spielen Sie die Rolle eines Heiratsvermittlers?«

»Ihr Scharfsinn hat Sie nicht getäuscht; ja, ich gehe damit um, Hope zu verheiraten«, entgegnete Kapitän Staunton offen.

»Hope zählt achtzehn Jahre und ist alt genug, um sich zu verloben. Der Mann, welcher sie liebt, schon seit Langem liebt, weiß von ihren Vermögensverhältnissen, aber wenn er auch nicht selbst ein bedeutendes, sicheres Kapital besäße, so würde er sich doch nicht im mindesten um Hopes Armut kehren. Er liebt sie, nicht ihr Vermögen, und das ist heutzutage sehr, sehr selten.«

»Darf ich fragen, wer dieser Herr ist?«

»Leutnant Murray, der Bruder jenes Mädchens, welches Hope an ihr Krankenlager ruft.«

»Ah!«, rief Ellen überrascht, »Sie hat mir oft von diesem Leutnant Murray erzählt.«

»Das freut mich«, sagte Staunton. »Wie hat sie sich über ihn ausgesprochen?«

»Sie zählt ihn zu ihren Freunden, sie sprach oft davon, wie er als Kadett, als sie noch ein Kind war, sie mit Aufmerksamkeiten überhäuft hat, sie spricht von ihm mit Hochachtung, mit warmen Worten, aber, dass sie ihn liebt, glaube ich nicht.«

»Das ist auch nicht nötig«, rief Staunton erfreut, »das wird schon noch kommen, wenn sie ihn näher kennen lernt, länger in seiner Gesellschaft gewesen ist, und dazu bietet die Reise beider in die Heimat die beste Gelegenheit. Sagen Sie selbst, Miss Petersen, wir Seeleute sind als plumpe, ungeschliffene Gesellen verschrien, welche mit der Tür immer gleich ins Haus fallen, macht diese von mir eingeleitete Verbindung nicht dem feinsten Diplomaten Ehre?« Kapitän Staunton strahlte vor Vergnügen, und lachend musste Ellen ihm beistimmen.

»Leutnant Murray ist ein junger, schöner Mann mit außerordentlichen Vorzügen«, fuhr Staunton fort, »er stammt aus einer der besten Familien, ist ein guter Mensch, er liebt Hope, und warum sollte also diese Ehe nicht die glücklichste auf Erden werden? So lange ich selbst ledig bin, kann ich wohl Hope standesgemäß auftreten lassen, viel lieber wird es ihr aber sein, wenn sie unabhängig an der Seite ihres Mannes steht.«

»Ihr letzter Satz war nicht logisch«, lächelte Ellen. »Sie sagten, so lange Sie selbst ledig wären ... nur fehlte in dem Satze das ›Aber‹.«

»O, Sie wissen? Hope hat Ihnen gewiss davon erzählt«, sagte der Offizier, leicht errötend.

»Allerdings, ich weiß, dass Sie verlobt sind. Also«, Ellen stand heiter lachend auf, »unter uns gesagt, etwas Eigennutz Ihrerseits ist auch dabei, wenn Sie Hope bald verheiraten wollen, damit Sie freier werden.«

Sie schnitt dem Offizier das Wort ab und fragte ihn, ob sie zusammen die Faktorei von Mister Selby einmal besichtigen wollten.

»Ich erzähle Ihnen dabei alle unsere Abenteuer, ernste und heitere, bei welch letzteren sich Ihre Schwester, wie gewöhnlich, besonders hervorgetan hat, und zeige Ihnen die Pferde, auf denen wir gejagt und gekämpft haben. Wenn in meiner Erzählung jenes Abenteuer vorkommt, wo ein Franzose einen unfreiwilligen Ritt auf einem Zebra machte, so werde ich Ihnen jenes Zebra zeigen, welches ich selbst zugeritten habe; es steht vorläufig hier, bis ich es nach New York schicke. Und morgen werde ich Ihnen einmal Miss Juno vorstellen, eine junge Löwin, die ich mit eigenen Händen gefangen habe. Sie befindet sich an Bord der ›Vesta‹ und wird jetzt gerade ihr Vesperbrot einnehmen; in einigen Tagen soll dieses Kind unter großartiger Feierlichkeit getauft werden.«

Als die beiden plaudernd zwischen den Faktoreigebäuden spazierten und den arbeitenden Negern zusahen, kam ihnen ein Herr entgegen.

»Sir Williams«, rief ihm Ellen schon in einiger Entfernung zu, »was fehlt Ihnen denn? So habe ich Sie noch gar nicht gesehen. Wirklich, Sie sehen ja förmlich verstört aus.«

Sir Williams begrüßte den Kapitän als einen alten Bekannten aus Yokohama.

»Verstört sehe ich nicht aus«, sagte er dann, »wohl aber ärgerlich. Mit Hannes, meinem Diener, ist es bald nicht mehr auszuhalten, der Junge ist ein Nagel zu meinem Sarge.«

»Ist dies jener Hannes, von dem Sie vorhin sprachen?«, fragte der Kapitän Ellen.

»Eben derselbe«, antwortete diese. »Ja, denken Sie nur«, fuhr Charles fort, »seit einiger Zeit ist der Kerl völlig verrückt, und seit wir in Mgwana sind, ist es mit ihm gar nicht mehr auszuhalten. Frage ich ihn, so gibt er verkehrte Antworten, befehle ich ihm etwas, so sagt er einfach: Machen Sie es selber, und dabei pfeift er Tag und Nacht einen Parademarsch nach dem anderen, als hätte er Mehlwürmer verschluckt; der Kopf brummt mir, so hat er die ganze Nacht gepfiffen. Gestern Nachmittag gebe ich ihm meine Stiefeln zum Wichsen, und wie ich nach seiner Kammer gehe, weil er nicht wiederkommt, da steht der Bengel da und treibt mit vier Stiefeln nach den Klängen der Marseillaise ein Kugelspiel.«


Illustration

»Was hat er denn nun schon wieder gemacht, dass Sie so aufgeregt sind?«, fragte Ellen.

»Gemacht hat er diesmal nichts, aber fort ist er seit heute Morgen, rein verschwunden, und seine Kammer hat er abgeschlossen. Der Junge hat vor einigen Tagen ein paar tausend Mark Bergungsgeld bekommen und nun ist er ganz aus dem Häuschen. Er hat hier auf der Faktorei einen alten Freund getroffen, einen früheren Seemann, und ich glaube fast, diesen hat er aufgesucht, um mit ihm das Geld durchzubringen. Ich wollte einmal fragen, ob dieser Freund jetzt hier ist, wenn nicht, so ist Hannes wirklich mit ihm in irgend eine Spelunke gegangen.«

Unter Bergungsgeld versteht der Seemann das Geld, welches ihm ausgezahlt wird, wenn er durch seine Bemühungen ein Wrack vor dem Sinken bewahrt und in einen Hafen gebracht hat. Der Eigentümer der Ladung ist gezwungen, dem rettenden Schiffe gewisse Prozente des Wertes auszuzahlen, und diese werden unter die Mannschaft verteilt. Die Auszahlung des Bergungsgeldes geschieht gewöhnlich nach sehr langer Zeit, oft nach Jahren, weil das Seemannsgericht die Entstehung des Unglücks und so weiter erst genau untersucht.

»Aber ich würde mir von meinem Diener so etwas doch nicht gefallen lassen«, sagte Kapitän Staunton, als Sir Williams seine Jeremiade beendet hatte.

»Jawohl, gefallen lassen. Zwischen Diener und Bedienten ist ein Unterschied, den ich mir früher nicht habe träumen lassen. Hannes ist nur ein Bedienter, das heißt, er lässt sich von seinem Herrn bedienen. Doch adieu, Miss Petersen, ich muss eilen, sonst werden die paar tausend Mark noch alle. Adieu, Kapitän, sehe Sie hoffentlich heute noch wieder, bitte, besuchen Sie uns auf dem ›Amor‹.«

Sir Williams ging eilig weg.

Nach einer Stunde begaben sich Miss Petersen und der Kapitän nach dem Strande zurück. Da kamen auf einem Seitenwege einige Damen auf sie zu.

»Dort kommen jene Damen, welche den Ausflug unternommen haben«, sagte Ellen schnell. »Wollen Sie, dass Sie jetzt schon von Hope gesehen werden? Sonst müssen Sie schnell hier einbiegen.«

»Warum denn nicht?«, entgegnete der Kapitän. »So können wir ja gleich mit ihr sprechen,«

»Aber Hope ist ja nicht unter ihnen!«, rief Ellen bestürzt. »Was soll das bedeuten?«

Nachdem die flüchtige Begrüßung stattgefunden, fragte Ellen, wo Hope geblieben wäre.

»Hope?«, fragte ein Mädchen erstaunt. »Ja, die ist doch gar nicht mitgekommen.«

»Natürlich, sie ist ja mit Ihnen nach dem Landungsplatz gegangen, wo das Schiff lag, mit dem Sie nach jenem Hafen fahren wollten.«

»Allerdings, aber ehe das Schiff abging, erklärte sie, aus irgend einem Grunde nicht mitfahren, sondern nach der ›Vesta‹ zurückkehren zu wollen. Ist sie nicht dort?«

Bestürzt schauten sich Ellen und der Kapitän an, und auch die anderen Damen wurden unruhig, als sie hörten, dass Hope gar nicht an Bord zurückgekehrt sei.

Noch standen sie alle sprachlos da, ohne einen Entschluss fassen zu können, als eilig eine Vestalin daherkam. Sie trug einen Brief in der Hand.

»Die Post ist angekommen«, rief sie schon von Weitem, »und dazwischen ist ein Brief, welcher Miss Stauntons Handschrift trägt. Ich fand dies so merkwürdig, dass ich Ihnen denselben sofort bringen wollte, Miss Petersen, aber ich musste Sie sehr lange suchen.« Hastig erbrach Ellen das an sie adressierte Schreiben und überflog es.

Beim Lesen desselben wurde sie erst purpurrot, dann erbleichte sie, und schließlich begannen ihre Hände so zu zittern, dass sie den Brief kaum halten konnte.

»Lesen Sie«, sagte sie mit bebender Stimme zu Kapitän Staunton, »und treffen Sie Ihre Maßregeln! Ich bin für nichts verantwortlich zu machen.«

Dann wandte sich die leicht erregbare Ellen schnell ab, um ihre hervorstürzenden Tränen zu verbergen.

In diesem Augenblicke kam auch Sir Williams an.

»Ich weiß alles«, sagte er, »Hannes hat auch mir geschrieben und das Geld beigelegt, welches er sich bei mir nicht abverdient hat. Ich gebe dem Jungen meinen Segen, er ist rechtschaffen von mir gegangen.«

Kapitän Staunton wandte sich mit blassem Antlitz an Sir Williams.

»Hannes, Ihr Diener, dem Sie vorhin ein so schlechtes Zeugnis in Betreff seines Charakters ausgestellt haben?«, sagte er vorwurfsvoll.

Sir Williams wurde plötzlich sehr ernst.

»Wenn ich vorhin ungünstig über ihn gesprochen habe«, sagte er, »so geschah dies mehr aus Scherz. Es tut mir leid, wenn Sie die Ironie nicht verstanden haben. In meinen Augen ist Hannes ein Mann, in den ich in jeder Weise Vertrauen setzte.«

*

Der deutsche Paketdampfer ›Urania‹ teilte mit scharfem Bug die Wellen. Schon hatte er das schmutzigblaue Grundwasser hinter sich und fuhr über azurne Tiefen; der Kapitän signalisierte Volldampf. Eine dicke Rauchwolke wirbelte aus dem Schlot, und mit ganzer Fahrt strebte die ›Urania‹ dem Westen zu. In vier Wochen konnte sie Hamburg, ihren Heimathafen, erreicht haben.

Am Heck des Schiffes standen zwei Passagiere eng umschlungen und schauten nach der sich immer mehr entfernenden Küste. Es waren ein Herr und eine Dame, beide noch sehr jung. Ihre Gesichter strotzten vor Gesundheit, und ihre Augen strahlten voller Hoffnung. Der Mann war sehr einfach in einen blauen Anzug gekleidet, die schlanke Gestalt der Dame wurde von einem grauen, schmucklosen Reisekostüm umschlossen.

»Ich weiß nicht. Mir wird doch manchmal recht wehmütig«, sagte das junge Mädchen, »wenn ich an meine Freundinnen denke. Ist es denn recht, dass ich so ohne Abschied von ihnen gegangen bin, vielleicht für immer? Ich habe Freud und Leid mit ihnen geteilt, und nun ein kurzer Brief, ein Gruß an alle, eine Entschuldigung, das ist alles.«

»Es ging nicht anders«, sagte der Mann. »Glaube mir, sie hätten dich nicht gehen lassen, du wärst auf tausend und abertausend Schwierigkeiten gestoßen. Nein, so war es das beste. Das einzige, was mich besorgt macht, ist, was dein Bruder sagen wird.«

»O, der ist gut«, erwiderte das Mädchen rasch,« er wird ja erst erstaunt sein, aber schließlich liebt er mich und hat nur mein Glück im Auge. Werden wir aber auch nicht Unannehmlichkeiten haben, wenn wir nach Deutschland kommen? Dort soll alles so genau genommen werden, und wir sind beide noch so jung«, fügte sie etwas ängstlich hinzu.

»Ich bin mündig, und du bist eine Amerikanerin, so steht unserer Verbindung nichts im Wege. Ach, das wird herrlich werden«, fuhr der junge Mann mit strahlender Miene fort, »wenn wir erst zusammenleben!«

»Wirst du die Stelle gleich bekommen?«

»Ich hoffe bestimmt so. Mein Freund auf dem Lotsenamt hat mir fest versichert, dass er den Platz für mich offen hält, bis ich eintreffe.«

»Dann wird es herrlich!«, rief das junge Mädchen fröhlich. »O, wie ich mich auf dieses Leben freue! Wenn wir erst unser kleines Haus haben und ich wirtschafte darin herum und warte auf dich, und du kommst dann abends nach Hause, das Essen steht auf dem Tisch, du erzählst mir, was du für Schiffe hereinbugsiert hast, von den fremden Passagieren und ob du nicht einmal bekannte Gesichter darunter gesehen hast. Vielleicht kommandierst du als Lotse gar einmal den ›Amor‹ und die ›Vesta‹. Und weißt du, wenn es draußen stürmt und schneit, dann wärme ich dir deine Pantoffeln am Ofen und stopfe dir schon vorher die Pfeife. Aber das sage ich dir, den Schnee musst du schon draußen abschütteln, nicht etwa in der Stube.«

Der junge Mann lachte.

»Du kannst die Zukunft schön ausmalen«, sagte er dann ernst, »aber sag, wenn nun alles nicht so kommt? Ein halbes Jahr können wir uns wohl über Wasser halten, aber was dann? Du weißt, ich nehme nichts von dir an.«

»Wenn du nur nicht so stolz sein wolltest«, sagte das Mädchen und strich den jungen Mann zärtlich über das Gesicht, »dann könntest du so leicht dein Steuermannsexamen ablegen. So müssen wir erst furchtbar lange sparen, bis wir das Geld zusammen haben. Wenn du auch nur ein einfacher Matrose oder ein Arbeiter bleibst, das schadet nichts, darum bist du mir ebenso lieb, wir wollen uns schon mit ganz Wenigem gemütlich einrichten, und haben wir einmal gar nichts, nun, dann teilen wir das eben auch zusammen,«

»Wirst du nicht recht oft an deine früheren Verhältnisse zurückdenken, vielleicht mit Schwermut? Es könnten doch solche Zeiten kommen!«

Da schlang das Mädchen ihren Arm um seinen Hals und legte ihren Mund an sein Ohr. »Weißt du noch, wie das Lied heißt, welches ich dir einst in Batavia vorsang?«

Und leise sang sie:

Gern geb' ich Glanz und Reichtum hin

Für dich, für deine Liebe!

* * * * *

III.31. In der Andachtsstunde

England ist das Land der Frömmelei. In keinem Teile Europas steht dieselbe in so schöner Blüte wie dort. Aber die von England nach Amerika getragene Bigotterie hat dort noch seltsamere Auswüchse gezeitigt. Amerika hat das Mutterland darin noch überflügelt, und wer Neigung oder Bedürfnis fühlt, auf offener Straße vor Tausenden von Zuhörern, natürlich Arbeitslosen oder Faulen, zu predigen, zu gewissen Zeiten mitten auf dem Trottoir auf die Kniee zu sinken, um zu beten, sich vor die Theater zu stellen und die Besucher derselben vor den Fallstricken dieser Welt zu warnen und so weiter, der gehe nach den Vereinigten Staaten, dort wird ihm dies alles gestattet, er findet Gleichgesinnte, er findet auch Bewunderer.

Ganz besonders lieben es die amerikanischen Damen, sich mit ihrer frommen Andacht zu brüsten, oder, wie sie sogar sagen, mit ihrer Heiligkeit, und wie immer und in jedem Lande die größten Gegensätze herrschen, so findet man wiederum unter den amerikanischen Damen gerade die ärgsten Freidenker, die schlimmsten Emanzipierten und die am freiesten Sprechenden und Handelnden.

Zu der ersteren Kategorie gehörten auch die Mitglieder eines sogenannten Andachtsklubs, das heißt eines Vereines junger Damen, welche an gewissen Tagen zusammenkamen, beteten, sangen, aus der Bibel vorlasen — und hinterher die Tagesereignisse durchklatschten, wobei eine große Menge Tee konsumiert wurde, damit der Geist die nötige Spannkraft erhielt, um aus der kleinsten Mücke einen Elefanten machen zu können, und damit das Mundwerk nicht erschlaffe. Die Mitglieder des Andachtsklubs setzten sich aus Töchtern der höheren Kreise und der Geldaristokratie von New York zusammen. Bis vor einem Jahre hatte sich die Unterhaltung hauptsächlich um Stadtneuigkeiten, ab und zu auch um die Besatzung des ›Amor‹ und der ›Vesta‹ gedreht. Die in den Zeitungen über diese Schiffe erscheinenden Artikel wurden besprochen und den Vestalinnen etwas am Zeuge zu flicken versucht, bis einst in diesen Klub ein neues Mitglied aufgenommen wurde, welches nach der Andachtsstunde eine ganz andere Unterhaltung aufbrachte, die bald in eine wahre Manie, in eine Sucht ausartete.

Dieses neue Mitglied war Miss Emmy Waible, jene Freundin Hopes, welche dieser nach Australien einen Brief schrieb, der von Hope beantwortet wurde, und später fand nochmals zwischen beiden ein Briefwechsel statt, ohne dass dessen besonders Erwähnung getan worden wäre.

Als einst wieder das Gespräch auf die Vestalinnen gekommen und deren Beziehungen zu den englischen Herren durchgehechelt waren, sprach Miss Emmy davon, dass sie selbst im Besitze einiger Briefe einer Vestalin sei.

Allgemeine Aufregung entstand. Emmy musste die Schriftstücke mitbringen, sie wurden von vorn nach hinten, von hinten nach vorn gelesen, buchstabiert und studiert, und da sie aus der Feder der zur Übertreibung neigenden Hope stammten, so kann man leicht begreifen, dass die Andachtsstunde um zwei Stunden verlängert und dass dreimal soviel Tee, wie gewöhnlich, getrunken wurde.

Plötzlich erinnerten sich alle vierzehn Mitglieder des Andachtsklubs, dass sie doch auch diese oder jene Dame der ›Vesta‹ kannten, einige sogar gleich zwei und drei, und ebenso gut wie Emmy mit Hope korrespondierte, konnten sie doch auch einen Briefwechsel mit einer Vestalin beginnen. Welch prächtigen Stoff gab dies zur Unterhaltung nach der Andachtsstunde!

Am nächsten Tage musste der Postdampfer vierzehn Briefe expedieren, welche alle die Adresse ›Vesta‹ »Amerikanisches Konsulat«, trugen.

Nun ist es natürlich, dass, wenn jemand sonst keine Verwandten oder Bekannten hat, mit denen er sich schreibt, er gern die Gelegenheit ergreift, einen Brief zu beantworten, denn jeder spricht sich gern einmal einem Bekannten gegenüber aus, den er kennt und nicht jeden Tag sieht.

Kurz und gut, nach einer schönen Andachtsstunde griff eine Dame in ihr Nähkörbchen und sagte so nebenhin:

»Ich habe jüngst Miss Nikkerson geschrieben; ich hatte gerade einmal Zeit, und sie hat mir auch sofort geantwortet. Ein sehr hübscher Brief, aber, aber ...

»Wie wunderbar«, sagte eine Zweite, »auch ich bekam neulich den Einfall, an Miss Petersen zu schreiben! Sie wissen, ich lernte sie auf dem Eise kennen.«

»Und da sagt die Welt, es gäbe keine Wunder mehr?«, ließ sich eine Dritte vernehmen und brachte aus ihrem Häkeltäschchen ebenfalls einen Brief zum Vorschein, »ist das nicht ein sicherer Beweis? Vor einigen Wochen ...!«

Und so ging es in verschiedenen Variationen weiter bis endlich vierzehn Briefe aus Taschen, Beuteln, Körbchen und Strickstrümpfen erschienen waren. Alle waren sie von der ›Vesta‹ und alle waren sie Antworten auf zufällig in einem freien Augenblick geschriebene Briefe.

Das Vorlesen der Schreiben begann. Mit hoher, tiefer, heller, rauer oder knarrender Stimme wurde ihr Inhalt von den Empfängerinnen zum besten gegeben, jedem einzelnen schloss sich eine kurze Kritik an, und nach dem Verlesen sämtlicher Briefe erfolgte eine lange Debatte Aus diesen Briefen konnte man das Leben der Vestalinnen haarklein erkennen, es lag wie ein offenes Buch vor den Augen der scharfsinnigen Mädchen, und leider mussten alle gestehen, dass dieses Leben als ein sehr gottloses zu bezeichnen war.

In den nächsten Andachtsstunden sollte der Weltumseglerinnen im Gebet gedacht werden, damit ihre unsterblichen Seelen nicht verloren gingen, wenn sie sich mit schwarzen Heiden und gottlosem Gesindel abgäben. Heute war es schon zu spät. Die Equipagen warteten schon vier geschlagene Stunden auf das Erscheinen der jungen Damen, und während diese oben die Abschiedshymne sangen, fluchten unten die Kutscher.

Diese segensreichen Andachtsstunden mit solchen Effekten wiederholten sich noch öfter, fast jeden Monat einmal. Immer höher wurde der Stapel von Briefen, immer mehr beteten die Mädchen um Errettung der Seelen der armen Verirrten, und immer grimmiger wurde das Fluchen der wartenden Kutscher.

Trotz der Verschwiegenheit, welche jede dieser Damen beteuerte, dauerte es nicht lange, so wurde in weiten Kreisen von New York bekannt, mit wem die frommen Mädchen in so eifrigem Briefwechsel standen. Manche neugierige Frage ward hörbar, aber sie wurde immer energisch abgewiesen, weil jedes Mädchen verschwiegen war wie das Grab — mit Ausnahmen. Ja, ein unverschämter Reporter des ›New York Herald‹ hatte einmal die Frechheit, eine Dame zu fragen, ob ihm die Briefe der Vestalinnen nicht für einige Tage geliehen werden könnten. Seine Zeitung würde zehntausend Dollar in die Armenkasse zahlen. Nun, dieser Mensch gehörte eben zu jener Klasse von Menschen, welche den Hyänen und Aasgeiern gleichen. Je mehr etwas anrüchig ist, desto mehr werden sie davon angezogen.

Dieser Briefwechsel entwickelte sich unter den Damen zu einer Art von Sport, jede suchte die andere durch die Anzahl von Briefen, die sie von der ›Vesta‹ empfangen, zu überflügeln, und wer die meisten aufzuweisen hatte, war stolz und wurde von den anderen beneidet. In der Andachtsstunde wurde nicht mehr so viel gesungen wie früher. Man sah oft nach der Uhr, und kaum war das ›Amen‹ gesprochen, so packte man die alten, die neueren und neuesten Briefe aus, die letzteren wurden unter Ausrufen des Entsetzens oder der Entrüstung vorgelesen — das Wort ›Shocking‹ ward unzählige Male hörbar — dann wurden die neueren Briefe mit den älteren verglichen, und stets fanden die frommen Mädchen, dass die armen Seelen der Vestalinnen sich mit rasender Schnelligkeit dem Orte näherten, wo Heulen und Zähneklappern ist. Wie konnte dies auch anders sein, wenn diese armen, betörten Mädchen — der Ausdruck frivol wurde umschrieben — sich der Gefahr aussetzten, mit Männern tagelang durch Wildnisse zu marschieren, in Zelten dicht nebeneinander zu schlafen, ja, sogar in einem einsamen Hause, mitten in der Wüste, zu. tanzen — ›Shocking‹.

Gott sei Dank, dass ein aus reinem Mädchenherzen aufsteigendes Gebet erhört wird, vielleicht, dass die Vestalinnen noch vor dem ewigen Verderben gerettet werden konnten. —

Der Andachtsklub hatte Versammlung bei Miss Emmy Waible, welche, obgleich noch die jüngste, bereits vor langer Zeit schon mit frommer Hand die Oberherrschaft über den Klub an sich gerissen hatte. Sie konnte beim Vorlesen aus der Bibel durch den Tonfall der Stimme, durch ein eigentümliches Vibrieren derselben und durch feuchten Augenschimmer bei rührenden Stellen die Zuhörer am besten zum Weinen bringen. Keine andere wusste so, wie sie, die dunkelsten Bibelstellen zu erklären, und in ihren Gebeten wechselten blumenreiche Ausschmückungen mit poetischen Wendungen — die Herzen der Mitbetenden wurden direkt bis in den Himmel erhoben.


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Miss Emmy Waible, eine hübsche Blondine mit träumerischen Augen, ließ unter ihrer Aufsicht von zwei Stubenmädchen den Teetisch ordnen und deutete dabei einer der Zofen, einer neu engagierten, oftmals mit sanften Worten an, dass sie besser in einen Gänsestall passe als in ein Teezimmer.

Eine Equipage kam nach der anderen angerollt, ihre schönen Fahrgäste schälten sich im Vorzimmer aus Pelzen und warmen Umhüllungen — es war Winter — bis sich ihre erst unförmlichen Gestalten wieder in schlanke verwandelt hatten; die Dienstmädchen zogen den Ankommenden die Überschuhe von den Stiefelchen, und dann begaben sich alle nach dem Teezimmer, wo sie von Miss Emmy mit sanftem Lächeln und noch sanfteren Augenaufschlag begrüßt wurden.

Als zwölf Gäste erschienen waren, hielt Emmy die Zeit für gekommen, die Mitglieder des Andachtsklubs mit einer entsetzlichen Tatsache bekannt zu machen.

»Miss Cook und Miss Vincent haben für heute abgesagt«, teilte sie mit. »Erstere hat sich einen starken Fieberanfall zugezogen — wir wollen nachher im Gebet der Schwester gedenken, und Letztere macht einen Besuch im Hospital.«

Die Gefahr war angedeutet; ein vielstimmiger Schreckensschrei verriet, wie scharfsinnig dieselbe überall sofort erkannt worden war.

»Gott sei uns gnädig, so sind wir ja zu dreizehn am Tisch«, ertönte es von allen Seiten.

»Ich habe Vorsichtsmaßregeln getroffen«, lächelte Emmy, »Sie sehen, es sind vierzehn Tassen vorhanden.«

»Wer ist denn die vierzehnte Besucherin?«

»Mein neues Stubenmädchen Hedwig«, erklärte Emmy. »Sie ist noch ein sehr junges Ding, erst vierzehn Jahre alt. Ich habe sie mir vom Lande kommen lassen und hoffe, aus ihr noch eine wahrhafte Christin zu machen. Denken Sie sich nur, neulich hat mir Hedwig gestanden, dass sie das »neue Testament« noch gar nicht gelesen hat, sondern nur einen Auszug davon, und die Offenbarung Johannis versteht sie gar nicht. Sie lachte immer, als ich von dem siebenköpfigen Tiere vorlas und sagte, das sei wohl eine Missgeburt.«

Zwölf Rufe des Entsetzens ertönten.

»Ich erteile ihr täglich eine Bibelstunde«, fuhr Emmy fort, »und suche sie durch Sanftmut und gutes Beispiel zu einer tugendhaften Christin zu erziehen. Ich glaube, ihre Bekehrung ist nicht mehr fern. So wird es ihr nur von Vorteil sein, wenn sie an unserem Teetisch teilnimmt. Manches gute Samenkörnlein wird in ihr Herz fallen und dort Wurzel schlagen.«

Die Damen bewunderten den Bekehrungseifer ihrer lieben Schwester.

»Hedwig ist ein heidnischer Name«, meinte eine, »er erinnert mich immer an Götteropfer.«

»Ich werde sie umtaufen, sobald sie sich dem Heiland ergibt«, entgegnete Emmy.

»Aber, liebe Emmy«, ergriff ein anderes Mädchen das Wort, »die Gegenwart Hedwigs am Teetisch ist ja ganz vortrefflich, doch wie soll das nachher in der Andachtsstunde werden? Wir können doch unmöglich in unserem Kreise eine unbekehrte Person dulden, unser Gebet würde ja an Kraft verlieren. Könnten wir da vielleicht einen ...«

Emmy unterbrach die Sprecherin

»Auch dafür ist gesorgt. Heute wird ein fremder Gast in unserer Mitte sein.«

»Ein Gast? Wer ist die Dame? Kennen wir sie?«, ertönte es überall.

»Es ist keine Dame.«

»Keine Dame? Ein Kind also! O, wie herrlich, ein unschuldiges, frommes Kind.«

»Es ist auch kein Kind.«

»Auch kein Kind? Um Gottes willen, es ist doch nicht etwa ein Mann?«

Es lag ein furchtbares Entsetzen in diesem Ausruf.

»Ich bitte Sie, meine Schwestern, nehmen Sie erst Platz am Tische und stärken Sie sich durch eine Tasse Tee zu unserem kommenden Werke«, sagte Emmy und rückte die Stühle. »Dabei werde ich Ihnen erklären, wer dieser Mann ist, der nicht nur unserer Versammlung beiwohnen, sondern auch vorlesen und vorbeten wird, denn er ist kraft seines Glaubens nicht nur befähigt dazu, sondern ich trete ihm gern die Ehre ab, ich bin nicht würdig, dass ich ihm seine Schuhriemen löse.«

Nach dieser demütigen Rede nahmen die Damen Platz, der kommenden Erklärung harrend. Hedwig wurde hereingerufen und musste sich zwischen Emmy und der Frömmsten der Frommen niedersetzen. Jetzt fand erst eine Stärkung mit Tee, dann die Andachtsstunde und schließlich das eigentliche Teegelage statt, wobei die Hände strickten, stickten oder häkelten, meist warme Sachen für Negerkinder, und wobei sich der Mund rhythmisch zum Klappern der Strickenden bewegte.

Hedwig, das unbekehrte Mädchen mit dem heidnischen Namen, ein in der Entwicklung begriffener Backfisch, zeigte einen wahrhaft unchristlichen Heißhunger. Die eine ihrer roten Hände versenkte sich gewöhnlich in die Zuckerdose, die andere lag auf dem Kuchenteller.

»Nun erklären Sie aber, liebe Emmy, wer jener Mann ist, der heute unserer Andacht beiwohnen wird, und von dem Sie mit solcher Ehrfurcht sprechen«, begann eine Dame die Unterhaltung, mit dem Löffel in der Tasse rührend.

»Es ist doch nicht etwa so ein bezahlter Prediger?«, warf eine andere Dame dazwischen. »Und wenn es ein Erzbischof wäre, ich mag mit solchen Leuten nichts zu tun haben. Schon von weitem riecht man denen die Scheinheiligkeit an. ›Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst sollt ihr es wiedergeben‹, sagt die Bibel, und wer dies nicht tut, steht tief in meiner Achtung.«

»Nein, nein«, wehrte Emmy ab, »jemand anderes ist es. Sie alle werden sein Erscheinen mit großer Freude begrüßen. Kennen Sie Mister Chalmers?«

»Wie, Mister Chalmers, George Chalmers, der Straßenprediger? Der nur für andere lebt, der sein Vermögen den Armen geschenkt hat? Der dem Bischof auf offener Straße die Mütze vom Kopfe geschlagen hat? Ach, das ist ja reizend, das ist entzückend!«

So tönte es durcheinander. Eine allgemeine Begeisterung ergriff die Damen. Sie jauchzten auf, die Teekanne begann plötzlich zu zischen, die Teelöffel klapperten, und der hohe Kuchenaufbau stürzte mit einem Male in sich zusammen — weil die unbekehrte Hedwig das größte Stück unten entdeckt und es rücksichtslos herausgezogen hatte.

Emmy hatte in dem Briefe an Hope Chalmers erwähnt. Sie nannte ihn damals das Ehrenmitglied zahlreicher pietistischer Gesellschaften, einen von Gott begnadeten Ausleger der heiligen Schrift, dessen Geist, losgelöst von der Erde, sich nur mit dem Himmel beschäftige und so weiter, während Hope ihm, das heißt, nur in Gedanken, den wenig ästhetischen Namen ›altes Teegesicht‹ beigelegt hatte.

Nun, dieser Mann war seitdem noch bedeutend in der Gnade gewachsen.

»Wann kommt er denn?«, fragte ein Mädchen, nachdem die Begeisterung ein wenig nachgelassen.

»Pünktlich um vier Uhr«, entgegnete Emmy, »wenn unsere Andachtsstunde beginnt. Er hat es mir fest zugesagt.«

»Kennen Sie ihn denn persönlich? Davon haben Sie uns ja noch gar nichts gesagt.«

»Gewiss kenne ich ihn schon lange«, entgegnete Emmy mit vor Begeisterung glühenden Wangen. »Er verkehrte früher, als er noch in besseren Verhältnissen lebte, viel auf den Besitzungen meines Vaters, dort lernte ich ihn kennen. Er war schon damals ein guter Bibelvorleser. Meine Mama lud ihn oft zu sich ein, wenn sie Freundinnen bei sich hatte, und sie einer Erbauung bedürftig waren. Seit dem Verluste seines Vermögens hat er sich vollkommen Gott hingegeben.«

»Er hat sein Vermögen nicht verloren«, versicherte eine Dame eifrig. »Er ist gegen Arme so furchtbar freigebig gewesen, ich weiß es ganz genau, dass er sich bankerott gemacht hat. Stehen doch im Hospital allein drei Freibetten, die seinen Namen tragen.«

»Aber er bezahlt sie nicht mehr, wie mir der Arzt jüngst sagte«, warf eine Dame ein, welcher von Chalmers einmal auf der Straße das Beten verweigert worden war, weil es schon zu spät gewesen.

»Das macht nichts, der Wille war da, und das ist die Hauptsache.«

»Aber er hatte doch ein ganz beträchtliches Vermögen, und da muss er den Armen sehr viel geschenkt haben. Es ist ja wahr, er wird oft von den Armenvätern erwähnt, aber immerhin, so eine Million Dollar verschwindet doch nicht spurlos.«

»Ich weiß, wohin sein Vermögen gekommen ist«, sagte ein Mädchen geheimnisvoll. »Er hat einen Bruder, der in Europa lebt, sein Geld verloren und eine große Familie zu ernähren hat. Dem hat der edle Chalmers sein Vermögen vermacht.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Ganz, ganz bestimmt. Sein eigener Rechtsanwalt hat es mir erzählt.«

»Dann bitte ich um Entschuldigung«, sagte die Dame, welche auf Chalmers nicht gut zu sprechen war.

»Ach, er ist wirklich ein entzückender Mensch«, seufzte eine schwärmerische Schwester. »Mir geht es durch und durch, wenn er auf der Straße steht, umgeben von einer nach Hunderten zählenden Menge, die nach Gottes Wort lechzt, wie der Hirsch nach frischem Wasser; wenn er so die Hände emporhebt, die Augen zum Himmel aufschlägt und mit mächtigen Worten den Ungläubigen, die sich nicht im Blute des Lammes gewaschen haben, die Folgen ihrer Sünden vorhält, die Qualen der Hölle herzählt, wie sie mit feurigen Zangen gezwickt und mit flüssigem Schwefel übergossen werden. Ich denke manchmal, der Himmel muss sich öffnen und Schwefel herabregnen lassen. Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich bei ganz heiterem Himmel den Regenschirm aufspannte, so war ich hingerissen worden.«

»Ja, und wenn er dann wieder die Freuden des Paradieses beschreibt«, warf eine andere ein, »wie wir Schafe auf den himmlischen Fluren werden und die Böcke uns hilfesuchend anblöken. Ich weine dann immer vor Entzücken.«

»Er ist wirklich ein von Gott begnadeter Mensch«, meinte eine dritte.

»Ein mächtiges Werkzeug in der Hand Gottes«, rief eine vierte.

»Wie haben Sie es eigentlich gemacht, liebe Emmy, dass Mister Chalmers unsere Andachtsstunde besuchen will?«, wandte sich eine der Damen an Emmy. »Seine Zeit ist doch sonst sehr in Anspruch genommen.«

»Ich traf ihn neulich auf der Straße«, antwortete Emmy. »Wir begrüßten uns als Jugendfreunde, und das Gespräch kam auf Hope, welche wir beide kannten. Er fragte mich, ob ich mich mit ihr schriebe, und als ich dies bejaht hatte, kam ich darauf zu sprechen, dass unser Andachtsklub überhaupt viel mit den Vestalinnen korrespondiere. Er war Feuer und Flamme, als er von unseren Zusammenkünften erfuhr. Er forschte über alles nach, wie wir die Stunde abhielten, welche Lieder wir sängen, und so bat ich ihn, ob er nicht einmal einer solchen mit beiwohnen wolle. Mit Freuden sagte er sofort zu. Aber auch für den Andachtsklub interessierte er sich. Er fragte, ob wir viele Krankenbesuche abstatteten, und riet mir hauptsächlich, durch Briefe auf die Seele Hopes zu wirken. Ferner, als ich ihm die Damen der ›Vesta‹ nannte, mit denen Sie korrespondieren, sagte er, er würde selbst ...«

»Mister Chalmers wartet im Vorzimmer«, unterbrach die eintretende Kammerzofe die Sprecherin.

Die Teetassen wurden klirrend hingesetzt, Stühle gerückt, und alles begab sich nach dem Zimmer, wo die Andachtsstunde abgehalten werden sollte. Nur Hedwig blieb zurück, langte sich erst noch von jenem Teller zu, welcher ihr wegen des besonders teuren und feinen Gebäcks nicht gereicht worden war, und entfernte sich dann durch die andere Tür nach ihrem Schlafzimmer, damit die Samenkörnlein, welche während dieser Stunde in ihr Herz gefallen waren, in Ruhe Wurzeln schlagen konnten.

In dem dunkel gehaltenen Vorzimmer mit brauner Tapete und Vorhängen wurde Mister George Chalmers von den versammelten Damen empfangen und nach flüchtiger Vorstellung durch Händeschütteln begrüßt.

Mister Chalmers war eine hohe, magere Gestalt mit bleichem, eingefallenen und bartlosen Gesicht, weißen Händen, schlanken Fingern und kurzgeschorenem Haar. Er mochte erst fünfundzwanzig Jahre zählen, doch machte sein Gesicht, wenn er die Lider über die Augen fallen ließ, was er fortwährend tat, den Eindruck eines Totenschädels. Er trug einen schwarzen Anzug und eine weiße Halsbinde und machte somit einen sehr salbungsvollen Eindruck, wie er sich überhaupt sehr bedachtsam und wohlüberlegt benahm.

Er war keine unangenehme Erscheinung, wenn sein bleiches Gesicht nur nicht einen so müden Ausdruck gehabt hätte. Für dieses Aussehen hatte man eigens eine Erklärung gefunden. Die für ihn schwärmenden Damen sagten, er habe sich »überbetet«.

Ohne weitere Umstände wurde die Andacht begonnen. Nach einigem Nötigen übernahm Mister Chalmers das Amt Emmys. Er sprach das Eröffnungsgebet, schlug das zu singende Lied vor, las den Text und erklärte ihn.

Wirklich, Emmy war gegen ihn ein Schulkind, wusste sie ihre Zuhörerinnen nur zu Tränen zu rühren so konnte Mister Chalmers nach Belieben unerschöpfliche Tränenströme hervorzaubern, sie wieder eintrocknen lassen und die Augen der Damen vor Freude über die Verheißungen aufleuchten lassen.

»Was für ein Mann!«, flüsterte Emmy ihrer Nachbarin zu. »Und der hat als Kind alles gestohlen, was er liegen sah, erzählte mir meine Mama. Was vermag die Bekehrung alles aus dem Menschen zu machen!«

Das Schlussgebet war gesprochen, die Damen empfingen den Segen, die ausgespreizten Krallenfinger schwebten segnend über den Häuptern, dann erhob man sich und begab sich nach dem Teetisch zurück, an welchem Hedwig diesmal nicht zu erscheinen brauchte. Die Zahl vierzehn war voll.

Mister Chalmers war nicht nur ein frommer Mann, er war auch ein gewandter Weltmann; er wusste die Unterhaltung geschickt zu führen, ohne dadurch den Heiligenschein, der um sein Haupt schwebte, zu verletzen. So zum Beispiel verflocht er, als er aufgefordert wurde, von seinen Missionsarbeiten auf der Straße zu erzählen, diese Schilderungen immer mit interessanten Anekdoten über seine frommen Zuhörer, die Straßenpassanten, ohne jedoch im geringsten anstößig zu werden. Im Gegenteil, alles sah er nur von dem Gesichtspunkt aus, dass der unbekehrte Mensch schon hier auf der Erde verloren, der bekehrte Mensch das Kind Gottes sei, dem alles zum besten diene.

Hierauf schilderte er, wie er jüngst einen Kampf mit dem leibhaftigen Gottseibeiuns, der ihn in seiner Schlafstube besucht, siegreich ausgefochten habe, wie der böse Geist in Gestalt eines schwarzen Katers mit glühenden Augen zum Fenster hinausgeflüchtet sei, und lenkte dann das Gespräch auf den Briefwechsel der frommen Schwestern mit den Vestalinnen.

Hier kam er auf eine unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung.

Alle Briefe wurden ihm vorgelesen — die Damen trugen stets den ganzen Vorrat bei sich. — Chalmers teilte heilsame Lehren daran, ließ sich die Schreiben zeigen, gab sie zurück, empfing neue, forderte die alten nochmals, um zu beweisen, dass die Vestalinnen von Woche zu Woche sich immer mehr den Pforten der Hölle näherten; er gab weise Ratschläge, wie man ihnen den Weg des Heils zeigen könne, und schließlich waren sich alle Damen darüber einig, dass die ›Vesta‹ unbedingt nächstens mit ihrer gottlosen Besatzung ins Meer versinken müsse, und mit ihr zugleich der ›Amor‹, damit die Herren und die Mädchen bis zum jüngsten Gericht in ihrer verwerflichen Gemeinschaft leben müssten, wenn nicht beide Schiffe mit vollen Segeln direkt in die Hölle führen.

Stunde auf Stunde verstrich, die Nacht kam, die Kutscher knallten unten ungeduldig mit der Peitsche, und noch immer erklärte Mister Chalmers aus den ihm gereichten Briefen die Sündhaftigkeit der Vestalinnen sowie der englischen Herren und prophezeite ihren baldigen Untergang.

Schließlich aber erklärte der heilige Mann, er müsse gehen, denn er habe noch in einer Straße, wo der Teufel ganz besonders zu hausen scheine, Traktätchen zu verteilen. Das ließ sich natürlich nicht verschieben. Die Damen verabschiedeten sich von Mister Chalmers, ihn bittend, recht oft, womöglich immer, der Andachtsstunde beizuwohnen, und fuhren dann in ihren Equipagen davon.»

Mister Chalmers nahm einen Mietswagen und fuhr nach jener Straße, in welcher, wie er sagte, der Teufel sein Quartier aufgeschlagen habe.

Darin hatte er recht, denn so einfach und solid diese Straße auch aussah, so war von ihr doch bekannt, dass gerade in ihr sich einige Häuser befanden, in welchen die jungen, leichtsinnigen Söhne der Geldaristokratie zusammenkamen und dem verbotenen Vergnügen des Hazardspieles huldigten.

Chalmers stieg am Anfang der Straße aus dem Wagen und schritt zu Fuß weiter. An einem sehr ehrbar aussehenden Hause blieb er stehen, klingelte und betrat durch die sich öffnende Tür das Innere.

Hier also wollte er sein Missionswerk, das Austeilen der Traktätchen beginnen. Wahrlich, den Bewohnern und Besuchern dieses Hauses tat es sehr not, Gottes Wort zu hören.

Er stieg eine Treppe empor. Niemand schien in dem Hause zu sein, aber aus einem Zimmer in der ersten Etage drang dem frommen Manne ein dumpfes Stimmengewirr entgegen.

Lauschend blieb er an der Tür stehen.

»Rot hat gewonnen«, hörte er eine Stimme drinnen ausrufen, »zehn, zwanzig, hundert Dollar. Richtig, meine Herren? Gut, setzen Sie weiter!«

Der Lauscher hörte ein seltsames Knistern — es war das Springen der Elfenbeinkugel in der Roulette. Drinnen wurde Hasard gespielt. Ha, wie wollte der Mann Gottes diese Sünder andonnern, wie wollte er das Gold vom Tische werfen, den Roulettetisch umstürzen und diesen elenden, vom Teufel besessenen Menschen das Wort Gottes unter die Augen halten, dass sie erbleichten und in wilder Flucht die Spielhölle verließen! Aber er wollte sie nicht entkommen lassen, er wollte ihnen nach eilen und nicht ruhen, als bis sie erkannt, wohin ihre Seelen einst fahren würden, wenn sie nicht das Wort Gottes und den Heiland annähmen.

»Le jeu est fait, das Spiel ist gemacht«, hörte er wieder drinnen die Stimme rufen.

Klänge, als würden Goldstücke gezählt, wurde hörbar.

»Halt, das geht nicht, Spurgeon!«, rief jemand, »Sie dürfen nicht mehr setzen.«

»Oho, warum nicht, Chalmers hat gestern auch noch tausend Dollar gesetzt.«

»Und sie verloren«, lachte ein anderer.

Da wurde die Tür geöffnet, der Mann Gottes trat herein.

»Chalmers!«, riefen ihm alle entgegen. »Endlich. Wir haben mit Schmerzen auf Sie gewartet.«

Das Spiel ist die mächtigste Leidenschaft, aber so mächtig sie auch sein mag, sie war nicht stark genug, um diese Gesellschaft zu halten, als Chalmers eintrat.

Das Geld wurde vom Roulettetisch zusammengerafft und man umringte den Neuangekommenen.

Es waren sechs Herren, alle jung, aber in ihr Zügen stand geschrieben, dass sie die Kraft ihrer Jugend schon vergeudet hatten. Dass sie alle den feinsten Kreisen der Gesellschaft angehörten, verriet weniger die elegante Kleidung — die kann jeder anlegen — als vielmehr die nachlässig sicheren Bewegungen, die wohlgepflegten, goldfunkelnden Hände und die Sprache, wenn diese sich auch nicht immer in den gewähltesten Ausdrücken bewegte.


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»Haben Sie Erfolge von Ihrer Andachtsstunde gehabt?«, fragte einer der Herren Chalmers hastig.

»Natürlich«, antwortete dieser, ging an einen Nebentisch, füllte sich ein Glas mit Wein und stürzte es hinter. »Pfui Teufel, mir ist ganz weichlich geworden von all diesem Plärren, Singen und Beten! Der Teufel soll diese Betschwestern holen, auf der Straße zu sprechen ist mir tausendmal lieber. Doch ja, ich habe Erfolge gehabt. Hier, Kirkholm«, er zog zwei Briefe aus der Tasche, »sind zwei neue Handschriften, die eine davon ist sehr kraus, ich glaube, sie ist von der Murray. Werden Sie sie nachmachen können?«

»Ich danke«, lachte der Angeredete, der die Briefe prüfte, »ich habe schon andere Schriften als diese geschrieben. Sind das die einzigen, die Sie haben?«

»Ja, die anderen besitzen wir schon. Ich habe aber die Mädchen ermahnt, auch den anderen Vestalinnen zu schreiben, damit deren Seelen gerettet werden, und so kann ich Ihnen bald mehr Handschriften verschaffen.«

»Sonst noch etwas gehört, was die Vestalinnen machen?«, fragte einer.

»Nichts Neues, was wir nicht auch schon wüssten«, antwortete Chalmers, »wir sind besser orientiert als die Damen.«

»Was nutzt uns das alles, so lange wir die Mädchen selbst nicht fest haben«, sagte ein Herr, »wir arbeiten und bereiten vor, und ich sehe schon, am Ende kommen sie doch wieder nach Hause, und wir stehen mit langer Nase da.«

»Das glaube ich nicht«, ließ sich da eine sonore Stimme vernehmen, »Wetten wir, Spurgeon, dass die Mädchen innerhalb eines Monats verschwunden sind?«

»Flexon!«, riefen die Herren und umringten den hochgewachsenen Mann, der eben in das Zimmer getreten war und den Mantel abwarf.

* * * * *

III.32. Das Medaillon

Der letzte Abend in Afrika war gekommen, und wie es die Besatzungen des ›Amor‹ und der ›Vesta‹ gewöhnlich zu tun pflegten, wenn sie ein Land verließen, so sollte auch diesmal der Abschied durch ein Fest gefeiert werden, zu welchem jeder geladen wurde, der die Damen und Herren unterstützt oder sonst wie Teilnahme für sie gezeigt hatte.

Als der Ort des Festes war die Faktorei von Mister Selby auserkoren worden, der bereitwilligst Hof, Garten und Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatte, umso mehr, als, wie er selbst lachend erklärte, doch er den größten Nutzen von dem Besuche hatte. In Mgwana gab es weder ein Hotel, noch größere Kaufmannsläden. In afrikanischen Städten werden beide meist nur durch Faktoreien vertreten, und so musste Mister Selby auch den Wein, das Flaschenbier und sämtliche Delikatessen liefern, die er vorrätig hatte. Ein mit Geldmitteln gut versehener Afrikareisender kann mitten im schwarzen Erdteil also ebenso gut Steinpilze, Spargel, Kompott, junges Gemüse aller Art und so weiter essen, wie im feinsten Hotel Europas, das heißt, wenn ihm die Pagazis mit den Sachen nicht weglaufen, oder wenn es einem Negerhäuptling nicht beliebt, diese köstlichen Gerichte für sich zu beanspruchen.

Niemand war bei dem Feste vergessen worden, der bei der Expedition geholfen oder sich daran beteiligt hatte. Den fünfzig Pagazis war der Hof eingeräumt worden, und dort feierten sie unter der Aufsicht von Goliath und David den Abschied der Musungus, aber die beiden Führer brauchten heute die Rhinozerospeitsche nicht anzuwenden, denn die Neger ließen sich nicht lange nötigen, die Unmenge von gebratenen Schafen, Ziegen und Kälbern, von Pembe und Wein zu vertilgen. Um die Verdauung zu fördern, oder vielmehr, um sich wieder neuen Hunger zu machen, wurde von Zeit zu Zeit gesungen und getanzt, wozu die schwarzen Dorfschönen herangezogen wurden.

Fast ebenso laut und fröhlich, wenn auch etwas sittsamer und weniger gierig, ging es in den Gemächern der Villa und besonders im anschließenden Garten zu.

Hier hatten sich die Vestalinnen, die Herren des ›Amor‹ und die Beamten versammelt, um die morgige Abfahrt der beiden Schiffe würdig vorzubereiten. Kapitän Hoffmann hatte sich mit seinen Steuerleuten und Ingenieur Anders ebenfalls eingefunden, und spät des Nachts erschien auch Yamyhla nebst einigen befreundeten Amazonen auf schaumbedeckten Pferden.

Berittene Boten hatten schon Tage zuvor diese kriegerischen Weiber eingeladen.

Es wurde lebhaft bedauert, dass Marquis Chaushilm an dem Feste nicht teilnehmen konnte, aber immerhin war man doch schon vergnügt darüber, dass jede Lebensgefahr für ihn vorüber war, und auf der See, in frischer Salzluft, würde er sich nach Aussage eines Arztes sehr schnell erholen.

Über Hope und Hannes zu sprechen, war streng verboten worden. Die Missstimmung, welche die Flucht der beiden jungen Leute erzeugt hatte, war vorüber. Kapitän Staunton hatte gesagt, er wolle sein möglichstes tun, um die beiden heißblütigen, unbedachtsamen Leutchen an einer Heirat zu hindern, und so galt die Sache, vorläufig wenigstens, für erledigt. Zur Benutzung während der Abendstunden war für die Beamten im Garten eine Kegelbahn errichtet worden, und jetzt belustigte sich eine Gesellschaft von Herren und Damen damit, beim Scheine von Laternen die Kugeln zu werfen. Die Herren hatten es sich bequem gemacht, ihre Oberröcke ausgezogen und kegelten in Hemdsärmeln. Sie hatten sich den Damen gegenüber schon oft in anderer Toilette gezeigt, durch zwingende Not veranlasst, warum sollten sie es jetzt nicht auch einmal tun, wo es galt, die Damen zu überwerfen, und außerdem ist das Ablegen des Oberrockes in England sehr gebräuchlich, selbst in Damengesellschaft tut man es nach erhaltener Erlaubnis.

Die Partie, welche zu Gunsten der Herren ausfiel, neigte sich dem Ende zu. Einige der letzteren brauchten schon nicht mehr zu werfen. Da kam ein Neger gelaufen, der mit bei der Expedition gewesen war, fragte nach Mister Davids und überreichte ihm ein kleines Billet.

John Davids las es, steckte es in die Westentasche, nahm seinen Rock vom Nagel, zog ihn an und verließ die Gesellschaft.

Gleich darauf tat Lord Harrlington seinen letzten Wurf, und, vom Spiel erhitzt, zog auch er seinen Rock an und entfernte sich, um durch Spazierengehen im Garten sich abzukühlen.

Dieser war mit Palmen und anderen exotischen Gewächsen bepflanzt; aber diesem Teile schloss sich ein anderer an, welcher das Aussehen eines Waldes hatte oder wirklich ein solcher war, nur dass das Unterholz abgeschlagen und dadurch ein wohlgepflegter Park entstanden war.

Hierher lenkte Harrlington seine Schritte.

Träumerisch wandelte er in dieser Säulenhalle von alten Stämmen, er achtete nicht, wie es sonst sein für Naturschönheit empfängliches Gemüt tat, auf die Leuchtkäfer, die durch die Blätter huschten, gegen die Bäume stießen und wie feurige Funken zu Boden fielen, dann im Grase weiterkriechend, auf das monotone und doch so melodische Zirpen der Heimchen, von denen Afrika ganz andere Arten aufzuweisen hat als Europa; er achtete auch nicht auf das fröhliche Lachen und Scherzen, welches zu ihm herüberdrang, sondern sein Ohr hatte nur Aufmerksamkeit für den traurigen, klagenden Ruf eines Nachtvogels, denn dieser passte zu den Gedanken, die ihn durchwühlten.

Ach, wo waren sein Übermut, seine Lebenslust geblieben? Mit welchen Hoffnungen hatte er diese Weltreise angetreten, wie unaussprechlich hatte er sich gefreut, als ihm damals Ellen erlaubte, ihr nachzusegeln, als sie ihm in Konstantinopel so warm die Hand gedrückt, sich bei ihm herzlich bedankt hatte!

Und nun? Vorbei, vielleicht für immer!

War er daran schuld? Nein, er hatte sich wohl einmal schwach gefühlt; aber dafür war er ein Mensch, er hatte die Schwäche überwunden, bereut und sie durch sein ferneres Handeln wieder gut zu machen gesucht. Wenn sie ihm nur einmal, einmal eine Unterredung gewähren wollte, dann würde alles wieder gut werden! Ja, er durfte den Mut nicht verlieren. Er war ein Mann, fühlte sich frei von jeder Schuld, und noch hatte er Aussicht, Ellen zu gewinnen. Warum auch nicht? Er liebte sie mit aller Kraft seiner Seele, sie hatte ihn auch geliebt, und wer wusste, vielleicht liebte sie ihn noch jetzt, sie zeigte dies nur nicht, weil sie sich einst hintergangen glaubte — sie hatte ihr Unrecht eingesehen, schämte sich aber, sich ihm wieder zu nähern — des Weibes Herz ist ja unberechenbar.

Plötzlich sah Lord Harrlington das liebliche Spiel der Leuchtkäfer. Sein Ohr hörte wieder das fröhliche Lärmen seiner Freunde, und sein Herz begann sich auch plötzlich mit Lebenslust und Hoffnung zu füllen.

Da huschte hinter einem Baume plötzlich eine Weiße Gestalt hervor, auf den einsamen Spaziergänger zu.

»Endlich«, flüsterte eine Stimme, »ich fürchtete schon, Sie hätten das Billet nicht erhalten, Mister Davids. Es hat doch niemand etwas davon erfahren?«

Wie erstarrt stand Lord Harrlington da, er fühlte, wie eine eiskalte Hand in sein Herz griff und das wieder tötete, was nach langem Winterschlaf die ersten Keime zu treiben begann. »Sie sind im Irrtum, Miss Petersen«, sagte er kalt, »ich bin nicht Mister Davids.«

»Entschuldigen Sie, Lord Harrlington, ich habe Sie verkannt«, klang es ruhig dem Abgehenden nach.

»Ihr Bäume, zersplittert und stürzt über mich! Fort, fort, nur fort aus ihrer Nähe!«

Wie ein Wahnsinniger stürzte Lord Harrlington davon, wie ein Feuermeer glühten die Glühwürmer vor ihm, wie Posaunenschall drang ihm das Zirpen der Heimchen ins Ohr, und jener Jubel dort war das Hohngelächter der Hölle. Harrlington presste beide Hände gegen den Kopf, der ihm zu springen drohte; es flimmerte ihm vor den Augen, er sah nichts mehr, er fiel, raffte sich wieder auf, rannte gegen einen Baumstamm und blieb endlich erschöpft auf einer kleinen Waldblöße liegen.

Nach und nach kam er wieder zu sich, er fühlte, dass er jetzt eben dem Wahnsinn nahe gewesen war. Wäre dies doch geschehen, denn in dem sich aufhellenden Gehirn tauchten Gedanken auf, die ihn abermals an den Rand des Wahnsinns brachten.

»Ellen! Ellen!« Das war sein einziger Gedanke.

»Habe ich das um dich verdient, Ellen, dass du mich beiseite wirfst, um einen anderen vorzuziehen?«

Gern wäre er wieder aufgesprungen, aber die Glieder versagten ihm den Dienst, er war wie gelähmt. Und das war ein Glück, er konnte nicht mehr den Schmerz durch wahnsinniges Rennen im finsteren Walde dämpfen; ein Tränenstrom brach aus seinen Augen und erleichterte ihm das Herz.

»Ellen«, schluchzte er. »Also so weit sind wir gekommen! Das ist das Ziel, das ich auf dieser Reise erreicht habe! Ist es denn nur möglich? Ängstigt mich nicht ein furchtbarer Traum? Nein, ich bin in Afrika, im Garten der Faktorei, dort, dort stand Ellen und erwartete einen anderen, begrüßte mich mit fröhlicher Stimme als diesen. ›Endlich‹, rief sie, ja, ›endlich, endlich!‹ Und das ist meine Ellen, der ich Jahr und Tag nachgefolgt bin, die ich gehütet habe wie meinen Augapfel, der zuliebe ich mir das Fleisch Stück für Stück mit glühenden Zangen vom Körper reißen lassen will, ehe ihr nur ein Haar gekrümmt wird; das ist jene Ellen, für die ich Tag und Nacht gesorgt habe, an welcher alle meine Gedanken hängen! Ist es nur möglich?«

Vor seinen Augen tauchte sie auf, die schlanke, prächtige Gestalt mit den junonischen Schultern, dem herrlichen Nacken, dem kleinen, stolz getragenen Kopf, den kalten und doch so tiefblickenden Augen, in denen ein Meer von Glück und Wonne liegen konnte, wenn sie lachte.

Er hatte ja eine Fotografie Ellens bei sich, jene, welche ein Straßenräuber in Konstantinopel verloren. Sie hatte ihm dieselbe geschenkt; kein anderer konnte sich rühmen, ihr Bildnis zu besitzen, er hatte es wie einen Talisman auf dem Herzen getragen.

Ach, das war noch eine glückliche Zeit gewesen!

Langsam griff der auf der Waldlichtung im Mondenschein liegende, weinende und schluchzende Mann in die Brusttasche, um die Fotografie hervorzuziehen.

Da — was war das, — da zuckte plötzlich seine Hand zurück, als wäre in seiner Brust eine Schlange gewesen und hätte ihn in die Hand gebissen. Doch schnell griff er abermals hinein, und diesmal brachte seine Hand ein kleines Medaillon an einer goldenen Kette zum Vorschein.

Wie kam dieser Gegenstand in seine Tasche? Harrlington brauchte nicht lange nachzusinnen, bald hatte er die Lösung gefunden.

Richtig, er hatte schon öfter bemerkt, dass John Davids um seinen Hals eine goldene Kette trug, man sah sie manchmal blitzen, wenn er sich bückte. Einige behaupteten, an dieser trüge er das, was ihn so ernst und tiefsinnig stimme.

Vorhin sah nun Harrlington beim Kegelspiel, wie Davids nach einem Wurfe plötzlich mit der Hand an den Hals griff, sich umdrehte und etwas von der Brust zog. Niemand sollte es sehen, aber zufällig hatte es Harrlington doch wahrgenommen.

Dann ging Davids dahin, wo sein Rock hing und steckte etwas in die Seitentasche; es war das Medaillon mit der gesprungenen Kette gewesen.

Nun entsann sich Harrlington, dass Davids ganz genau denselben Überrock trug wie er selbst, und so hatte er also das Medaillon versehentlich in Harrlingtons Rock gesteckt. Dann hatte Davids den seinen angezogen, ohne den Irrtum gemerkt zu haben.

Jetzt hielt Harrlington den Gegenstand in der Hand, welches die Ursache des geheimen Leidens John Davids enthalten sollte. Harrlington lächelte, besaß er nicht auch ein Herzleiden? Aber das konnte nicht in ein Medaillon gefasst werden.

Mein Gott, Davids!

Jetzt zuckte es Harrlington erst wieder durch das Gehirn, dass es ja dieser Mann war, den Ellen ...

Wie durch eine geheimnisvolle Kraft getrieben, musste Harrlington die goldene Kapsel öffnen. Einmal, zweimal glitten die zitternden Finger ab, dann aber knackte es, der Deckel öffnete sich, und der bleiche Mond beleuchtete das Bild — Ellens.

Noch bleicher als das Mondlicht wurde Harrlingtons Antlitz. Mit entgeistertem Auge starrte er in die lieblichen Züge, die ihn aus einem zierlichen, in Öl gemalten Miniaturbild entgegenlächelten. So hatte sie gelächelt, als sie dem Besitzer des Medaillons das kleine Bild gegeben hatte.

Plötzlich umnachtete sich wieder das Auge des Lords, und wie Posaunenschall schmetterte ihm Miss Morgans Stimme die Worte ins Ohr: »Er ist ein Mann, welcher keine Leidenschaft kennt, alles an ihm ist Ruhe, Kälte und Überlegung, und so liebt er auch das Mädchen, welches die gleichen Eigenschaften besitzt. Er beobachtet nur, hat er aber gefunden, dass das Mädchen seiner Wahl für ihn geeignet ist, so geht er direkt auf sein Ziel los, besiegt alle Schwierigkeiten, alle Hemmnisse und ruht nicht eher, als bis er es erreicht hat. So unschuldig Mister Davids auch scheinen mag, er ist ein für Frauen ganz gefährlicher Charakter. — Beobachten Sie ihn, und vor allen Dingen beobachten Sie Miss Petersen selbst!«

Da löste sich von einem Baum ein dunkler Schatten los und kam mit elastischen Schritten über die Lichtung gegangen. Lord Harrlington sprang auf und stand mit einem Satze vor dem Manne, mit dem er sich eben in Gedanken beschäftigt hatte, vor John Davids.

»Lord«, sagte Davids leise und hastig, »ich habe Sie belauscht, Sie irren sich, ich ...«

»Schweigen Sie«, herrschte Harrlington ihn an, »kennen Sie dies Medaillon hier?«

Damit hielt er ihm die Kette vor die Augen. Davids änderte plötzlich sein Benehmen, er richtete seine Gestalt hoch auf, und seine Stimme klang ruhig und kalt, als er antwortete:

»Es ist das meine.«

»Wie kommen Sie zu dem Bilde?«

»Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig!«

Harrlington knirschte die Zähne aufeinander.

»Was hatten Sie vorhin mit Miss Petersen zu tun?«, stieß er mit finsterer Stimme hervor.

»Ich finde Ihre Frage sehr sonderbar, Lord, doch will ich keine Beleidigung darin sehen.« Mit zuckender Hand fuhr Harrlington in die Tasche, Davids sah einen Gegenstand in seiner Hand blinken und sprang auf Harrlington zu, ihm in den Arm fallend.

»Beherrschen Sie sich Lord«, raunte er ihm zu, »ich beschwöre Sie! Begehen Sie keine Torheiten, es liegt ein Irrtum vor.«

Aber mit eiserner Kraft befreite sich Harrlington aus der Umfassung und packte Davids.

»Schurke, verräterischer Schuft!«, zischte Harrlington, während beide mit der Kraft der Verzweiflung Brust an Brust rangen. »Gib mir Ellen wieder, du hast mir sie geraubt. Du oder ich, einer von uns muss bleiben.«

Ein Schuss krachte, Harrlingtons Arme fielen schlaff herab, er taumelte einige Schritte zurück und sank dann zu Boden. Zwischen beiden lag ein noch rauchender Revolver.


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Im nächsten Augenblicke kniete Davids neben den mit geschlossenen Augen im Grase Liegenden.

»Lord«, flüsterte er hastig und schüttelte ihn an der Schulter, »kommen Sie zu sich. Ich erkläre Ihnen, wie ich zu dem Bilde gekommen bin — es liegt ein furchtbarer Irrtum vor — beim allmächtigen Gott, ich schwöre Ihnen, ich bin Ellen mit keinem Worte zu nahe getreten — sie liebt mich nicht — wir lieben uns nicht — ich will Ihnen etwas sagen, was Sie mit Jubel erfüllen wird — Ellen liebt Sie, mehr denn je — James, ermannen Sie sich — lassen Sie uns Freunde sein — einen treueren als mich finden Sie nicht.«

»Hallo, was ist los, was gibt's hier?«, ließen sich da Stimmen vernehmen, und aus dem Walde traten zwei Gestalten.

John Davids war schnell aufgestanden.

»Sir Williams, Sir Hendricks«, rief er leise, »gut, dass Sie kommen.«

»Wie?«, rief Williams, den Revolver am Boden erblickend. »Sie haben sich wohl duelliert? Lord Harrlington!«, rief er erstaunt.

»Nicht so laut«, warnte Davids, »wir haben uns nicht duelliert. Lord Harrlington zeigte mir seinen Revolver, eine Patrone war stecken geblieben, ich nahm ihn, und während ich ihn untersuchte, wurde Harrlington plötzlich unwohl, fiel zu Boden, stieß mich, und der Schuss ging los. Das ist alles.«

Williams warf dem Sprecher einen seltsamen Blick zu, dann beschäftigte er sich mit dem bewusstlosen Lord, ebenso wie Hendricks.

»Ist er verwundet?«, fragte er leise.

»Nein, nein, nur bewusstlos, er hat eine starke Nervenerschütterung gehabt. Bitte bringen Sie ihn an Bord!«

Lord Harrlington kam schnell wieder zum Bewusstsein, er stand auf und blickte verstört um sich.

»Ist Ihnen besser, Lord?«, fragte Davids, ruhig auf ihn zutretend.

»Ja. Begleiten Sie mich an Bord, Sir Hendricks«, murmelte er.

»All right, stützen Sie sich auf mich«, sagte dieser und bot ihm seinen Arm.

Obgleich die beiden zuletzt Gekommenen nicht wussten, was eigentlich vorgefallen war, stellte doch keiner eine Frage.

Schwer lehnte sich Harrlington auf den Arm seines Freundes und ging einige Schritte. Dann blieb er plötzlich stehen und wandte sich um.

»Davids«, sagte er leise.

Sofort kam der Gerufene auf ihn zu, ergriff die dargebotene Hand und schüttelte sie herzlich.

»Sie haben verstanden, was ich vorhin zu Ihnen sagte?«, fragte er.

Lord Harrlington nickte nur.

»So gehen Sie an Bord und erholen Sie sich, Sie haben schwer gelitten. Ich bleibe hier, gesprochen wird nichts darüber.«

Harrlington raffte sich auf und entfernte sich dann mit Hendricks.

»Ist er nicht verwundet worden?«, fragte Williams, als beide verschwunden warm.

»Nein«, antwortete Davids, streifte den linken Rockärmel zurück und hielt den entblößten Arm Williams hin. »Bitte verbinden Sie mir den Arm!«, Wortlos nahm Williams sein Taschentuch und legte den Verband an.

Dann bückte sich Davids, hob vom Boden den Revolver und eine Kette auf, steckte beides zu sich und sagte dann zu seinem Freunde:

»Kommen Sie, Sir Williams, wir wollen die Gesellschaft aufsuchen. Ich erkläre Ihnen später alles, wenn Zeit dazu ist.«

»Ich hätte nicht geglaubt, dass Lord Harrlington eine so schwache Natur hat«, meinte Charles kopfschüttelnd.

»Eine schwache Natur hat er, sagen Sie? Ich glaube, nur wenige hätten das aushalten können, was er ausgehalten hat, ohne wahnsinnig zu werden. Ich hätte es nicht ertragen können.«

Eben hatten die beiden die Gesellschaft erreicht, als einige Böllerschüsse ertönten, und es plötzlich von allen Seiten zu prasseln und zu zischen begann. Überall fuhren Raketen in die Höhe, auf dem Waldboden, im Garten, auf dem Hofe sprangen feurige Frösche herum, an den Bäumen drehten sich Feuerräder, und die Nacht wurde von bengalischen Flammen erleuchtet.

Die Neger gebärdeten sich wie unsinnig, fast rannten sie sich selbst die Köpfe ein, dann warfen sie sich auf den Boden und heulten vor Entsetzen.

»Wer hat das Feuerwerk arrangiert?«, wurde die Frage laut.

»Mister Davids und ich«, entgegnete Ellen fröhlich, »wir haben vereint daran gearbeitet. Ich wollte nur einmal die entsetzten Gesichter der dummen Neger dabei sehen.«

* * * * *

III.33. Verrat

Lebe wohl, Afrika, lebt wohl ihr alle, die ihr uns treu zur Seite gestanden habt — es geht der Heimat zu!« So rief Ellen und schwenkte auf der Kommandobrücke das weiße Taschentuch, ebenso wie an Deck die übrigen Damen. Am Lande standen die Beamten der Faktorei und winkten Abschiedsgrüße, die Neger schwangen die Arme in die Luft und sandten lachend und brüllend den Damen Kusshändchen nach, und auf dem ›Amor‹ lehnten die Herren an der Brüstung und riefen: »Auf Wiedersehen!«

»Es scheint doch so, als ob wir die Wette verlieren«, meinte die neben Ellen stehende Miss Murray. »Bis an die Westküste von Südamerika haben wir etwa 14 Tage zu segeln, und innerhalb dreißig Tagen soll uns der ›Amor‹ nicht erblicken.«

»Ich habe doch noch Hoffnung«, entgegnete Ellen. »Einmal können wir die Fahrt länger ausdehnen, und sind wir ihnen einmal, nur ein einziges Mal aus den Augen, dann ändern wir unseren Kurs, und sie finden uns nicht wieder. Da wir ausgemacht haben, jetzt in der Nacht ohne Laternen zu fahren, so soll uns dieses ein Leichtes sein. Da, jetzt lichtet auch der ›Amor‹ die Anker.«

»Es ist aber gefährlich und verboten, in der Nacht ohne Lichter zu fahren.«

»Wir müssen es eben einmal riskieren.«

»Und wenn wir ihnen nun entkommen sind, was dann?«, fragte Jessy.

»Dann fahren wir direkt nach einem kleinen Hafen Südamerikas und erkundigen uns, wo der ›Amor‹ vor Anker liegt. Nach Ablauf der dreißig Tagen fahren wir hin, und dann«, lachte Ellen, »lassen wir uns zu der gewonnenen Wette gratulieren.«

»Sie wissen also noch nicht, welchen Hafen wir anlaufen wollen?«

»Doch, aber ich habe den Namen noch nicht bekannt gemacht, weil eine oder die andere Vestalin ihn doch versehentlich ausplaudern könnte. Denn sagen Sie selbst, Miss Murray, ist es nicht geradezu wunderbar, dass die Engländer uns immer finden, wo wir auch liegen, und zwar nicht erst tagelang später, so, dass sie unseren Ankerplatz in irgend einem anderen Hafen erfahren haben könnten. Woher mag dies kommen?«

Miss Murray zuckte mit den Achseln.

»Es ist sonderbar, aber ich kann es mir nicht erklären. Manchmal sind wir zusammen gesegelt, manchmal haben wir ihnen den Namen selbst gesagt.«

»Aber manchmal konnten sie auch keine Ahnung von dem Bestimmungsorte haben, denn wir machten ihn erst unterwegs aus, wechselten sogar oft den Beschluss, und trotzdem fanden sie uns wieder. Nun, diesmal will ich es noch versuchen, indem ich ihnen erst entkomme und dann solch einen Hafen aufsuche, der gar nicht den Namen eines solchen verdient. Er besitzt weder Seeamt, noch Post, noch sonst etwas, auch auf den genauesten Karten ist er nicht angegeben.«

»Was für einer ist es?«

»Vor dem Frühstück, wenn die Wachen wechseln, werde ich die Vestalinnen zusammenrufen und ihnen den Namen verkünden. Ach, liebe Jessy, Sie glauben nicht, wie ich mich freue, die Heimat wiederzusehen!«

»Wir sind noch weit ab von New York«, lächelte Jessy.

»Ich bezeichne ganz Amerika als meine Heimat«, sagte Ellen. »Dort kenne ich den Namen jedes Tieres, jedes Baumes, jeder Pflanze, ich kenne alle Sprachen, alle Gewohnheiten der Bewohner, der Eingeborenen, ich kann mich mit Indianern in ihrem eigenen Idiom unterhalten und habe in allen Gegenden gute Bekannte.«

»Sie sind also froh, dass diese Weltreise zu Ende geht? Wirklich, von Ihnen hätte ich das am allerwenigsten gedacht, wenn ich auch schon manchmal Ähnliches gemerkt habe.«

»Liebe Jessy«, antwortete Ellen, tief aufatmend, »ich fühle, dass ich als Kapitänin der ›Vesta‹ eine Last auf meine Schultern gelegt habe, unter deren Bürde ich manchmal, besonders in letzter Zeit, zusammenzubrechen drohe. Was ist der Kapitän eines Handelsschiffes gegen mich? Ihm ist es gleichgültig, ob er während der Reise einige seiner Leute einbüßt oder nicht, er mag wohl anfangs etwas Mitleid haben, das ist aber auch alles. Und ich? Ich zittere oft bei dem Gedanken, dass durch ein Unglück gar manche Vestalin die Heimat nicht wiedersehen dürfte. Zwei Damen haben uns schon verlassen, und ach, eine sogar, gerade die, welche ich liebte, ist ohne ein Wort des Abschiedes heimlich von mir geflüchtet.«

»Denken Sie nicht mehr daran«, tröstete Jessy ihre Freundin, »Sie haben keinen Grund, solche Sorge um uns zu tragen. Wir sind alle freiwillig an Bord gegangen, ich betone, Sie haben uns nicht veranlasst, Ihnen zu folgen, sondern wir haben Sie als Kapitänin gewählt, und stößt uns ein Unglück zu, so müssen wir es geduldig ertragen, denn wir alle haben es uns selbst zuzuschreiben. Wie sich jemand bettet, so liegt er, Sie aber können sich von jeder Verantwortung freisprechen.«

»Ich habe aber nun einmal das Gefühl, als hätte ich doch eine solche auf mich genommen«, entgegnete Ellen, »und so oft ich mir dies auch ausrede, es gelingt mir nicht. Ich will herzlich froh sein, wenn wir erst amerikanischen Boden unter unseren Füßen haben. Dort drohen uns weniger Gefahren, wir können überallhin mit der Eisenbahn fahren, Militär steht uns überall zur Verfügung, was sollte uns also dort für ein Unglück zustoßen?«

»Der Krieger, welcher von keinem Feinde zu besiegen ist, der aus jeder Schlacht wohlbehalten und siegreich hervorgeht, kann durch einen zufällig vom Dach herabfallenden Ziegelstein erschlagen werden«, antwortete Jessy nur, dann schwieg sie.

Sie wusste recht gut, was Ellen die Reise verleidet hatte, sie kannte den Schmerz, welcher deren Innerstes durchwühlte, aber keine der Vestalinnen konnte sich dazu aufschwingen, Ellen zu trösten, denn alle wussten, dass sie an ihrem Schmerz die Hauptschuld, ja, einige sagten sogar, die alleinige Schuld trug. Dort auf dem nachsegelnden Schiffe war die Ursache ihres Elendes, und wie leicht hätte sie dieses in Glück und Freude verwandeln können, aber Ellen hatte nun einmal einen Charakter, in dem maßloser Stolz vorherrschte. Jede Andeutung, dass sie sich versöhnen sollte, wies sie mit Entschiedenheit, ja sogar mit Heftigkeit zurück. So kam es, dass niemand auch nur den Versuch machte, mit ihr über den wunden Punkt zu sprechen.

Lord Harrlington wurde allgemein bedauert, noch nie hatte er die Sympathie der Damen so besessen wie jetzt, da man ihm ansah, wie sehr er unter der Entzweiung mit Ellen litt. Gar manche der Vestalinnen wäre bereit gewesen, seinetwegen Ellen die Freundschaft zu kündigen, wenn man nicht hoffte, das Missverständnis würde sich noch lösen.

»Ich bitte die Damen, sich um das Steuerrad zu versammeln«, rief Ellen, als um acht Uhr — es war morgens — alle Damen an Deck erschienen, um sich abzulösen.

Eine Hauptversammlung wurde stets am Steuerrad abgehalten, damit die an demselben Stehende dabei sein könne.

»Es gilt, den Hafen zu bestimmen, welchen wir als Ziel festsetzen wollen«, begann Ellen und erklärte, warum sie jetzt erst den Namen nenne.

Dass man während der Nacht immer ohne Lichter segeln wollte, hatte Ellen schon früher vorgeschlagen, und es war ihr beigestimmt worden. Es war nun einmal Ellens Wunsch, dem ›Amor‹ zu entkommen, und wenn auch die meisten Vestalinnen es lieber gesehen hatten, wenn derselbe immer bei ihnen geblieben wäre, so fügten sie sich doch dem Wunsche der Kapitänin.

Und dann war es ja auch ganz hübsch, wenn man die Wette gewann, wenn sich die englischen Herren öffentlich von den Damen als besiegt erklären mussten. Später traf man wieder mit ihnen zusammen, wenn man nach Ablieferung der befreiten Mädchen New York erreicht hatte.

Und dann? Ja, dann würde wohl so manches ans Tageslicht kommen, was während der Reise im Dunkeln gesponnen worden war. Denn so sehr es die Mädchen auch manchmal, wenn sie im engeren Kreise zusammen waren, einander abstritten, innerlich waren sie doch anderer Meinung, und gar manche dachte: Auf zwei oder drei Jahre Priesterin, der ›Vesta‹ zu sein ist ja ganz hübsch, aber immer? Nein, das wäre auf die Dauer langweilig, selbst Ellen, so sehr sie sich auch den gegenteiligen Anschein gibt, denkt im Herzen doch nicht anders als ich.

»Der Name dieses kleinen Hafens«, fuhr Ellen fort, »welcher so versteckt liegt, dass ihn sogar die Geografen noch nicht auf den Karten verzeichnet haben, ist Guanosaca, einige Meilen südlich von Arauco, welchen Hafen Sie wohl alle kennen. Wie der Name schon andeutet, wird dort Guano gestochen, fremde Schiffe kommen nur sehr selten dahin, ich meine, zu außergewöhnlicher Zeit, die Dampfer und Segler, welche dort anlaufen, um Guano zu laden, fahren regelmäßig und kehren direkt von dort wieder nach Europa oder Amerika zurück. Eine Postverbindung gibt es nicht, und so brauchen wir nicht zu fürchten, dass unser Aufenthalt dort verraten wird. Wir begeben uns in kleinen Seebooten nach Arauco, dort werden uns schon die Herren wiederfinden, und behaupten dann, die ›Vesta‹ sei gescheitert, bis die dreißig Tage vorüber sind. Sind die Damen mit diesem Vorschlag einverstanden?«

Alle waren es.

»Guano ist doch der Unrat von Vögeln, der sich mit der Zeit angesammelt hat«, ließ sich ein Mädchen hören, »und so ist anzunehmen, dass in Guanosaca nicht eben eine angenehm duftende Luft weht.«

Die Damen mussten lachen, selbst Ellen stimmte mit ein.

»Nein, Guano riecht nicht«, erklärte sie dann, »der VerwesungsProzess ist völlig vorüber, sonst würde Guanosaca ein sehr ungesunder Ort sein, während er im Gegenteil sehr gesund ist. Übrigens werden Sie mir wohl nicht zutrauen, dass ich Sie nach einem Hafen führe, in dem es, mit Erlaubnis zu sagen, stinkt«, schloss Ellen lächelnd.

»Na, na«, flüsterte ein Mädchen einem anderen zu, »um dem ›Amor‹ zu entgehen, würde Miss Petersen noch einen ganz anderen Ort aufsuchen.«

Die Damen waren also mit den Vorschlägen einverstanden, sie zerstreuten sich wieder, um ihrer Arbeit nachzugehen. Johanna hatte das Amt des ersten Steuermannes übernommen und begab sich auf die Kommandobrücke.

Ellen war überzeugt, dass sie ihrer Freundin bitter unrecht getan hatte, als sie diese für eine Detektivin hielt, und suchte dieses Versehen durch doppelte Freundlichkeit wieder gut zu machen. Kein Wort wurde über jene Verwechselung verloren, auch über den, der den Irrtum herbeigeführt hatte, und den man seit jenem Abend nicht wieder gesehen, wurde nicht mehr gesprochen.

Den Führer desselben traf man in Mgwana, er erzählte, Mister Anderson hätte ihn in der Nähe der Küste entlasten und wäre allein weitergeritten.

Die beiden Mädchen unterhielten sich also über die noch an Bord befindlichen Schützlinge. Ellen fragte Johanna um Rat, wie man die Wege am besten zu wählen habe, um alle so schnell als möglich nach ihren entfernt voneinander liegenden Geburtsorten zu bringen. Sie nahmen dabei die Karten zu Hilfe, und wieder musste Ellen einsehen, welch einen klaren und scharfsinnigen Kopf ihre Freundin besaß. Obgleich dieselbe noch nie in Südamerika gewesen war, wie sie sagte, wusste sie doch ebenso gut und noch besser als Ellen dort Bescheid, rechnete mit allen möglichen Hindernissen, schloss aus den Sitten der Eingeborenen, deren Gebiete sie zu passieren hatten, auf etwaige Unannehmlichkeiten und wusste immer das richtige Mittel, um diese zu verhüten.

»Bitte, Johanna«, sagte Ellen nach Beendigung dieser Unterredung, »wollen Sie einmal hinunter in den untersten Raum gehen und nachsehen, ob die Wasserfässer gut angelascht (angebunden) sind? Es ist leicht möglich, dass wir diese Nacht einen heftigen Seegang bekommen, wodurch die Fässer ins Rollen geraten können.«

In Mgwana waren die alten Fässer durch neue ersetzt worden, und Johanna sollte sich nochmals davon überzeugen, ob sie gut angebunden waren. Die ›Vesta‹ schlingerte nur leicht, aber schon jetzt musste zu erkennen sein, welche Fässer nicht genug angelascht waren, schon jetzt mussten sich an diesen die Stricke gelockert haben und sie sich etwas hin- und herbewegen.

Johanna nahm eine Laterne und begab sich in das Zwischendeck, unter welchem sich der Raum befand, in dem gewöhnlich der Wasservorrat aufbewahrt wird. Das Mädchen schloss einen Lukendeckel auf, hob ihn vom Boden empor und stieg langsam eine Treppe hinunter, die in diesen Raum führte.

Hier war es völlig dunkel. Die Laterne beleuchtete die eisernen Tanks und die Fässer, in denen sich das Wasser befand.

Tanks sind große, eiserne Behälter, Reservoire, welche jetzt alle Schiffe mit sich führen. In ihnen wird das Wasser aufgehoben, welches zum Waschen diente während die Holzfässer das Trinkwasser enthalten, denn das Wasser hält sich in Tanks nicht so gut wie in Holzfässern, es nimmt zu sehr den Eisengeschmack an. Da die ›Vesta‹ viel Wasser brauchte und auch viel mitnehmen konnte, da sie sonst keine Ladung barg, so waren hier mehrere große Tanks und viele Fässer vorhanden.

Als Johanna von der Leiter herab in den Raum trat, fiel das Licht der Laterne plötzlich auf eine Gestalt, die ihr entgegenkam.


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»Miss Morgan«, rief sie erstaunt, »wie kommen Sie hierher?«

»Ich hörte im Zwischendeck unter mir ein Rauschen. Ich fürchtete, ein Tank oder Fass möchte gebrochen und das Wasser ausgelaufen sein und wollte mich sofort davon überzeugen«, antwortete Miss Morgan.

»Aber die Luke war doch oben zugeschlossen«, sagte Johanna verwundert.

»War sie das? So hat eine Dame sie offen gefunden, glaubte wahrscheinlich, sie wäre versehentlich offen gelassen worden und hat sie zugedeckt. Das wäre eine schöne Geschichte gewesen, wenn man mich eingeschlossen hätte«, fügte sie lachend hinzu.

»Nun, Sie hätten ja nur zu klopfen brauchen«, meinte Johanna gleichgültig und begann die Untersuchung der Fässer, welche sie alle in gutem Zustande fand.

Während dieser Beschäftigung blieb Miss Morgan immer bei ihr, unterhielt sich mit ihr über dieses und jenes und begab sich mit Johanna wieder nach oben.

Diese teilte weder der Kapitänin, noch irgend einer anderen mit, dass sie Miss Morgan unten in der Wasserlast — so lautet der seemännische Ausdruck für diesen Raum — eingeschlossen gefunden, fragte auch nicht, wer die offenstehende Luke zugeschlossen habe.

Ganz anders verhielt sich Miss Morgan.

Sie beklagte sich bei Ellen, dass man sie in der Wasserlast eingeschlossen habe, als sie sich von dem vermeintlichen Wasserrauschen überzeugen wollte, vielleicht hätte sie stundenlang, ja tagelang dort stecken können, wenn ihr Klopfen nicht gehört worden wäre.

Ellen ließ die Vestalinnen zusammenrufen und fragte, wer die Luke wieder zugedeckt habe.

Es erfolgte keine Antwort. Jede behauptete, nichts davon zu wissen.

Die Sache wurde fallen gelassen, man nahm an, dass eine der Damen in Gedanken den Lukendeckel aufgesetzt und verschlossen habe. Niemand dachte daran, dass hier eine Absichtlichkeit vorliegen könnte. Es wäre ein kindischer Spaß gewesen, jemanden in der Wasserlast einzuschließen, und die Person, welche am allerwenigsten an so etwas glaubte, war — Johanna.

Um zwölf Uhr kam Miss Morgan an die Reihe, die ›Vesta‹ zu steuern, und Johanna wurde abgelöst.

Kaum stand Miss Morgan am Steuerrad, so verließ Johanna den Salon, wo das gemeinschaftliche Mittagsmahl eingenommen wurde, und begab sich in den Gang, von welchem aus man die einzelnen Kabinen betrat.

Niemand war auf demselben zu sehen, die Wache befand sich an Deck, die Freiwache im Salon beim Mittagessen. Die Speisen wurden nicht durch den Gang getragen, sondern mittels eines Aufzuges von der Kombüse aus direkt in den Salon hineingelassen.

Vor der Tür, welche in Miss Morgans Kabine führte, blieb Johanna stehen, klinkte am Schloss und versuchte zu öffnen.

Die Tür war verschlossen.

Einen Augenblick blieb Johanna nachdenkend stehen, dann zog sie einen seltsam gebogenen Haken aus der Tasche und betrachtete das Schloss. Die Kapitänin besaß einen Schlüssel, welcher alle Kabinentüren öffnete, aber mit diesem Instrument war auch Johanna imstande, das Schloss zu öffnen, und wenn es noch so kompliziert gearbeitet gewesen wäre.

Schon wollte sie den Haken ins Schloss stecken, als sie wieder einhielt, etwas vor sich hinmurmelte, den Schlüssel in der Tasche verbarg und die Tür verließ.

»Miss Morgan ist zu schlau«, murmelte sie, »sie hat ein unmerkliches Zeichen, wenn jemand die Tür öffnet, und vielleicht finde ich nichts in der Kabine.«


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Johanna begab sich nach jener Luke, welche nach der Wasserlast führte, öffnete den Deckel und stieg zum zweiten Male die Treppe hinunter.

In diesem Augenblicke kam Ellen durch den Gang.

»Johanna«, rief sie erstaunt, »wir vermissen Sie bei Tisch! Was wollen Sie unten? Funktioniert die Pumpe nicht?«

Das Wasser wird von unten durch mehrere Pumpen an Deck befördert.

»Ich wollte noch einmal nach einem Fasse sehen«, entgegnete Johanna, »die Stricke des einen sind etwas schwach, und da das Schiff jetzt stärker schlingert, so könnten sie doch noch nachgeben.«

»Sie sind zu diensteifrig«, lachte Ellen der in der Luke Verschwindenden nach.

»Besorgt ist das richtige Wort«, tönte es von unten herauf.

Johanna setzte die mitgenommene Lampe in Brand und ging, die Augen auf die niedrige Decke geheftet, nach einer bestimmten Stelle in der Wasserlast und musterte dort noch schärfer die Decke. Sie bemerkte nichts Außergewöhnliches.

»Gerade hier darüber befindet sich die Kabine von Miss Morgan«, murmelte sie.

Sie stieg auf ein Fass, welches auf dieser Stelle lag, und berührte mit dem Kopfe die Decke, wenn sie sich aufrichtete, sie musste also gebückt stehen. Aufmerksam betrachtete sie die eingesetzten Bretter, dieselben beleuchtend, aber auch jetzt konnte sie nicht das geringste Verdächtige bemerken. Nun setzte sie die Lampe auf das Fass, stemmte beide Arme gegen ein Brett und versuchte, es aufzuheben, vermochte aber dieses ebenso wenig wie die anderen hochzustemmen, obgleich sie in ihrer jetzigen Lage eine bedeutende Kraft entwickeln konnte.

Johanna hatte sich vorher über die Lage von Miss Morgans Kabine orientiert; sie konnte hier unten ganz genau angeben, wie weit der Fußboden dieser Kabine reichte, aber wie sie auch jedes einzelne Brett untersuchte und emporzuheben sich bemühte, keine Planke zeigte eine Spur, noch bewegte sie sich im mindesten in ihren Fugen.

»Und doch möchte ich darauf schwören«, flüsterte sie, »Miss Morgan hat ihren Weg in die Wasserlast durch den Fußboden ihrer Kabine genommen; eine Ahnung, oder wie man es sonst auch nennen mag, sagt es mir, und noch nie hat mich eine solche getäuscht. Aber was mag sie hier unten zu suchen gehabt haben?

»Ihre Aussage war eine leere Ausflucht, sie hat hier etwas ganz anderes gesucht. Aber was? Warum hat sie sich einen geheimen Eingang zur Wasserlast verschafft? Das einzige wäre, dass sie hier ein Versteck hat, und ist ein solches da, so werde ich es finden.«

Sie stieg vom Fass, nahm die Laterne und begann eine Untersuchung des Raumes.

Die Wasserlast war leicht zu übersehen. Es standen vier eiserne Tanks darin, dicht an der Wand, und zehn Fässer, ziemlich weit voneinander entfernt. Johanna untersuchte alles gründlich, und zwar mit dem Auge des Detektivs. Nichts wäre ihrer Aufmerksamkeit entgangen, aber sie fand keinen Anhalt für ihren Verdacht. Sie besah die Verschlüsse der Tanks — die Schrauben waren fest angezogen, die Spunde der Fässer waren nicht angetastet worden; Johanna kroch unter die letzteren, den dunkelsten und entferntesten Fleck beleuchtete und befühlte sie; ab und zu klopfte sie mit dem Finger an die Wand oder den Fußboden, aber es war vergeblich.

»Ich muss Miss Morgan noch genauer beobachten«, dachte sie, »einmal werde ich sie schon fassen. Vielleicht habe ich auch eine günstige Gelegenheit, in ihre Kabine zu kommen.«

Sie stieg wieder ans Zwischendeck und suchte im Salon ihre Freundinnen auf.

*

Die Nacht brach an, Dunkelheit lagerte sich über das Meer; auf dem ›Amor‹ waren schon die grünen und roten Seitenlichter, wie auch die Toplaterne angezündet worden, aber auf der ›Vesta‹ traf man keine Vorbereitungen dazu. Ebenso wenig wie die Brigg von der ›Vesta‹ gesehen werden konnte, sondern nur die Lichter, so konnten die Engländer auch nicht mehr das Vollschiff sehen, selbst nicht mit dem besten Nachtfernrohr, denn mittels desselben ist nur eine kleine Entfernung zu überblicken.

Das Nachtfernrohr besitzt im Inneren zwei kleine Spiegel, von denen der eine einen Lichtstrahl auffängt und ihn nach dem anderen Spiegel wirft, von welchem dieser Lichtstrahl weiter durch das Fernrohr geht und den Gegenstand beleuchtet, den man beobachten will. Es gehört eine große Übung dazu, das Fernrohr immer so zu drehen, dass das Licht der hinter dem Beobachter stehenden Flamme immer gerade dahin reflektiert wird, wohin man sehen will.

Das Nachtfernrohr ist eine schöne Erfindung, aber im Gebrauch recht mangelhaft. Man kann den Gegenstand, den man vor sich hat, wohl erkennen, es ist aber unmöglich, einen Gegenstand, von dem man nicht weiß, wo er ist, in der Nacht damit zu finden. Über das Nachtfernrohr wird viel erzählt, was auf Übertreibung beruht.

»Jetzt oder nie wird es uns gelingen«, sagte Ellen, »dem ›Amor‹ zu entkommen. Es ist eine stockfinstere Nacht, der Mond geht erst des Morgens für eine Stunde auf. Wer hat um zehn Uhr das Steuerrad zu bedienen?«

»Ich«, entgegnete Miss Morgan, »an mir ist heute die Reihe.«

»So steuern Sie, wenn Sie das Rad übernehmen, direkt Westen, wir sind genug südlich gefahren. Morgen nehmen wir den alten Kurs wieder auf. Will doch sehen, ob der ›Amor‹ uns diesmal wiederfinden kann. Also Westen, Miss Morgan.«

»Ich wollte Sie bitten, mich für heute Abend durch eine andere Dame vertreten zu lassen«, sagte Miss Morgan schnell, »ich fühle mich etwas unwohl.«

»Wer von den Damen will Miss Morgan vertreten?«, fragte die Kapitänin die Umstehenden.

»Hier!«, rief ein Mädchen und trat hervor.

»Gut, so nehmen Sie also um zehn Uhr den neuen Kurs auf. Es fehlen nur noch zehn Minuten bis dahin.«

Die Damen zerstreuten sich, um sich vorzubereiten, das heißt, die Wache löste nur unter sich ab, nämlich der Ausguck, auf der Back stehend und etwaige Schiffe meldend, und der Posten am Steuerrad.

Die Wache, zu welcher Johanna gehörte, kam erst um zwölf Uhr an Deck.

Miss Morgan ging nach dem Hinterteil des Schiffes und legte sich, ohne erst Vorbereitungen zu treffen, einfach auf Deck nieder.

»Wollen Sie nicht lieber zur Koje gehen?«, fragte Ellen, als sie bei einem Rundgang an Miss Morgan vorüberkam.

»Nein, ich muss an der frischen Luft bleiben, in der Kabine ist es mir zu schwül. Der Schwindelanfall wird schnell vorübergehen«, antwortete das Mädchen und drehte sich auf die Seite.

Ellen ging; auf der ›Vesta‹ hatte jedes Mädchen freien Willen, genötigt wurde nicht.

Kaum war Ellen fort, so kroch jedoch Miss Morgan leise vorwärts, legte sich dann glatt hin und drückte das Auge fest auf eine bestimmte Stelle des Decks. Gerade darunter befand sich die Kabine von Johanna.

Diese Kabine lag nicht, wie die anderen, an der Seite des Schiffes, sondern am Heck, ebenso wie noch eine zweite nebenan. Die Auswechslung der Posten war vor sich gegangen, die an Deck Befindlichen unterließen jedes unnötige Geräusch, hauptsächlich alles Stampfen, um die in ihren Kabinen Schlafenden nicht zu stören.

Ellen stand allein auf der Kommandobrücke und beobachtete den ›Amor‹, dessen drei Hauptlichter man immer noch deutlich erkennen konnte, ebenso wie die erleuchteten Bullaugen, also die Fensterchen am Rumpf, bald aber musste man durch die neue Richtung so weit entfernt sein, dass die Lichter nicht mehr zu sehen waren.

Da huschte plötzlich von hinten eine weiße Gestalt nach der Kommandobrücke, war mit einem Satze die Treppe hinauf und stand vor Ellen. Es war Miss Morgan, mit fieberhaft gerötetem Gesicht und funkelnden Augen.

»Sie wollten bewiesen haben, dass Miss Lind eine Detektivin ist und im Bunde mit den Engländern steht«, flüsterte sie hastig, ehe Ellen noch den Mund auftun konnte, »Kommen Sie, ich werde den Beweis liefern!«

Mit einem Sprunge war sie im Kartenhaus, riss den großen Spiegel von der Wand, war wieder bei Ellen, fasste sie am Arm und riss sie mit sich fort, die Treppe hinunter, dann nach dem Heck eilend.

Ellen wusste nicht, wie ihr geschah. Willig ließ sie sich mit fortziehen, dabei ebenso leise auftretend, wie ihre Führerin, obgleich die leichten Segeltuchschuhe sowieso auf dem Holz das Geräusch der Schritte dämpften.

Miss Morgan eilte ans Heck, ließ dort Ellen los, nahm den Spiegel unter dem Arm hervor, lehnte sich so weit als möglich heraus und hielt den Spiegel etwas schräg in den ausgestreckten Händen.

In dem Spiegel konnte man das Bullauge von Johannas Kabine erblicken und sehen, wie an dieses bald ein Tuch angehalten, bald wieder weggezogen wurde, sodass sich das Fenster bald verdunkelte, bald erhellte.

»Was sehen Sie?«, flüsterte Miss Morgan.

»Es wird signalisiert«, gab Ellen erstaunt zurück.

»Ja, es ist erst der Anfang. Nun beobachten Sie den ›Amor‹.«

In diesem Augenblick wurde die Toplaterne auf dem ›Amor‹ heruntergelassen, blieb eine halbe Minute unten und wurde dann wieder gehisst, als wäre sie an Deck nachgesehen worden.

»Es war das Verstandenzeichen«, flüsterte Miss Morgan wieder, »nun passen Sie auf, was Miss Lind signalisiert.«

Das Tuch wurde nicht mehr wie vorhin gleichzeitig angehalten und abgenommen, sondern so, dass das Bullauge einmal nur einen Augenblick, dann wieder für längere Zeit erleuchtet blieb, und da dies in verschiedener Reihenfolge stattfand, so entstand dadurch eine Zeichenschrift, auf der See viel angewandt, deren Zeichen mit den Punkten und Strichen der Telegrafie verglichen werden können. Dadurch ist eine vollkommene Verständigung möglich.

Ellen blickte mit starrem Auge in den Spiegel und begann abzulesen:

»G—u—a—n—o—s—a—c—a, Guanosaca«, flüsterte sie mit bebender Lippe, »b—e— i, bei A—r—a—u ...«

Sie las nicht weiter, sie hatte genug verstanden. Sie fühlte, wie ihr plötzlich das Blut in den Kopf stieg, ein Zittern überlief ihre Glieder, dann jagte sie zurück nach dem zum Zwischendeck führenden Eingang, sprang mit einem Satz die Treppen hinunter und lief, nein, stürzte nach der hintersten Tür, welche zu Johannas Kabine gehörte.

Sie brauchte nicht erst die Türe zu öffnen — sie wäre doch verschlossen gewesen — so heftig war der Lauf Ellens gewesen, dass sie, als sie mit der Schulter an die Tür anprallte, das Schloss aufsprengte, die Tür flog zurück — und vor Ellen stand Johanna, die wie vom Blitz getroffen, auf ihrem Sofa zusammensank.

Hochaufgerichtet stand Ellen in der Tür, das bleiche Gesicht mit den rollenden Augen auf die Dasitzende gerichtet, die sie wie entgeistert ansah.

»Sie haben nach dem ›Amor‹ signalisiert?«, fragte Ellen mit vor Aufregung zitternder Stimme.

Die Antwort blieb aus.

»Sprechen Sie«, fuhr Ellen das Mädchen an und trat auf sie zu, »Sie haben dem ›Amor‹ den Namen des ausgemachten Hafens zusignalisiert. Gestehen Sie, Ihr Leugnen würde Ihnen jetzt nichts mehr helfen.«

Da sprang Johanna plötzlich auf und schaute der Kapitänin voll in die Augen.

»Ja, ich habe es getan«, rief sie, »meine Rolle ist hier ausgespielt. Gott sei gedankt, dass ich Ihretwegen nicht mehr zu lügen brauche!«

* * * * *

III.34. Über Bord

Die ›Urania‹ war schon acht Tage unterwegs. Mit unveränderter Schnelligkeit durchschoss sie die Fluten des Atlantischen Ozeans; die schwarzweißrote Flagge an der Fahnenstange war immer nur von einem mäßigen Winde bewegt worden, also war auch kein Seegang vorhanden, und schon konnte man an der abnehmenden Temperatur merken, dass man sich in der gemäßigten Zone befand, denn in den nördlichen Gegenden herrschte jetzt der Winter.

Daher kam es, dass die Passagiere alle so munter und bei guter Laune waren! Wie konnte es bei dem herrlichen, sonnigen Wetter anders sein! Fälle von Seekrankheiten waren nur ganz wenige und diese ganz vorübergehend aufgetreten, eben wegen des ruhigen Laufes der ›Urania‹, und außerdem befinden sich auf einem von Afrika nach Europa fahrenden Schiffe nur selten Passagiere, die noch keine Seereise gemacht haben, also nicht ›seefest‹ sind, wenn auch das einmalige Überstehen der Seekrankheit nicht die Wiederholung derselben ausschließt.

Auf einem Schiffe lässt sich leicht Bekanntschaft schließen; der wochenlange, enge Aufenthalt in steter Gesellschaft bringt dies ja mit sich; ja, sogar Freundschaften werden viel geschlossen, aber merkwürdig ist es, dass diese fast stets erlöschen, sobald das Schiff sein Ziel erreicht hat. Dann beginnt nämlich unter den Passagieren ein Hasten und Drängen, um erst einmal aus dem vollgepfropften Gepäckraum seine Koffer und Kisten herauszubekommen und dann an Land zu bringen, sie von sich anbietenden Trägern fortschaffen zu lassen, ist nicht immer ratsam. Oftmals sieht man weder den Träger, noch sein Gepäck wieder.

Mit aller Kraft reißt der Passagier an seinem im Gepäckraum zu unterst liegenden Koffer, hilfesuchend sieht er sich um. Gott sei Dank, da steht ja sein neuer Freund. Er ruft den Herrn, der glücklicher war als er und mit dem Koffer in der Hand schon wieder an Deck geht, an, ihm zu helfen — jawohl, der Freund ist im Hafen plötzlich taub geworden, er hört nicht auf die Rufe, sondern denkt: Selbst ist der Mann.

Ferner wäre es interessant, wenn man auf einem Passagierdampfer fortwährend zwischen Hamburg oder Bremen und New York hin- und herführe, die während jeder Reise stattfindenden Verlobungen feststellte und dann konstatierte, wie viele der Pärchen auch noch am Lande Hand in Hand durchs Leben gingen. Da könnte man zu erstaunlichen Resultaten kommen.

Doch es ist natürlich, dass sich auf einem Schiffe zwei Seelen schneller finden, als auf dem Lande, wo größere Auswahl vorhanden ist, sei es nun zur Gesellschaft, zur Freundschaft oder selbst aus dem Gefühle der Liebesbedürftigkeit.

Solch eine Sehnsucht, sich einem Menschen anzuschließen, hatte auch ein einsamer Passagier der ›Urania‹. Es war schon ein ältlicher Mann, mittelgroß, untersetzt und breitschulterig, einfach, aber anständig gekleidet. Sein Gesicht war ein ganz gewöhnliches, nicht schön und nicht hässlich, der ins Graue spielende Backenbart wohlgepflegt, die Augen ruhig geradeaus blickend — einfach ein Alltagsmensch.

Er ging den ganzen Tag an Deck spazieren, die Pfeife im Munde, die respektablen Fäuste in den Hosentaschen, und gab diesen Spaziergang nur auf, wenn die Glocke zum Essen rief oder wenn es Zeit war zum Schlafen.

Am frühen Morgen nahm er wieder den einsamen Gang an Deck auf, begrüßte jeden oben erscheinenden Passagier mit einem »Good Morning«, wechselte aber sonst mit keinem Menschen ein Wort, wahrscheinlich, weil ihm keiner der Menschen an Bord gefiel, mit Ausnahme von zwei Personen, die aber wieder seine Unterhaltung nicht wünschten.

Diese beiden waren ein Herr und eine Dame, welche stets zusammenstanden oder saßen, an Deck sowohl wie unten an der Tafel, sich immer unterhielten und sofort schwiegen, wenn ein Fremder sich ihnen nahte, also, wie ein deutsches Wort es so recht schön ausdrückt — ein Pärchen.

Dieses Pärchen waren Hope und Hannes, die sich liebenden Flüchtlinge.

Gerade diese beiden Personen mussten für den einsamen Spaziergänger eine besondere Anziehungskraft besitzen. Gleich am ersten Tage hatte er sich ihnen zu nähern gesucht und eine Unterhaltung angeknüpft, natürlich über das Wetter.

»Schönes Wetter heute«, sagte er auf Englisch.

Hannes, der mit Hope an der Brüstung stand und dem Spiele der Wellen zusah, drehte sich um, blickte den Mann zerstreut an und antwortete:

»Ja, ja, schönes Wetter!«

»Ob es wohl bald regnen wird?«

»Weiß ich wahrhaftig nicht.«

»Wolken sind noch nicht zu sehen«, fuhr der Fremde beharrlich fort.

»Kann nichts dafür — was sagtest du, Hope?«, wandte sich Hannes an das Mädchen.

Nach diesem interessanten Gespräch nahm der Fremde seine einsame Wanderung wieder auf. Acht Tage waren nun schon vergangen; er hatte immer noch einmal versucht, ein Gespräch mit den beiden anzufangen, aber das Resultat war stets dasselbe gewesen; er erhielt nur zerstreute, kurze und schließlich gar keine Antworten.

Die Nacht vom achten zum neunten Tage war etwas stürmisch gewesen, aber der Morgen hatte wieder einen hellen Tag und wenig Wind gebracht. Der Fremde war schon wieder einige Stunden unterwegs, immer von vorn nach hinten und von hinten nach vorn an Deck, als Hannes heraufkam, diesmal aber allein, sich auf eine Bank setzte, eine Pfeife stopfte und zu rauchen begann. Eine Zeitlang wanderte der Fremde ruhig an der Bank vorbei, dann aber musste er einen Entschluss gefasst haben, er blieb vor Hannes stehen, bat um ein Streichholz und setzte sich, während er seine Pfeife anzündete, neben diesen.

»Thank you«, sagte er, als er das Streichholz wegwarf.

Diesmal war es Hannes, welcher ein Gespräch anfing, jedenfalls zur heimlichen Freude des Fremden.

»Ich kalkuliere, Sie sind ein Deutscher«, sagte Hannes auf Deutsch, den Fremden lächelnd anblickend.

»Allerdings«, rief dieser erstaunt in derselben Sprache, »woran merken Sie das gleich?«

»Ich höre es an der Aussprache Ihres ›Danke‹ und habe es schon früher gemerkt, als wir uns über das Wetter unterhielten.«

»Ich hätte nicht geglaubt, dass Sie kein Engländer sind«, entgegnete der Fremde, »Sie sprechen doch mit Ihrer Dame immer Englisch.«

»Ja, warum denn nicht? Sie ist eine Amerikanerin. Haben Sie ihr das nicht angehört?«

»Nein, ich bin noch nicht so weit, einen Engländer von einem Amerikaner unterscheiden zu können. Die Dame ist doch nicht unwohl«, fügte er besorgt hinzu, »sonst ist sie um diese Zeit doch gewöhnlich an Deck?«

»Doch, sie ist in der Nacht etwas seekrank geworden und zieht es vor, in der Koje zu liegen, statt an die frische Luft zu gehen.«

»Wie, seekrank? Bei dem geringen Seegang, den wir hatten? Das hätte ich nicht geglaubt — die Arme!«

»Was sagen Sie denn aber erst dazu? Die Dame ist zwei Jahre lang ununterbrochen auf einem Schiffe gewesen, und noch dazu auf einem Segler, der viel stärker schlingert, als ein Dampfer, und ist dort nur im Anfange etwas seekrank gewesen«, sagte Hannes lachend.

»Ist nicht möglich«, sagte der Fremde verwundert. »Ich habe nur zweimal eine Seereise gemacht, bin aber schon vollkommen seefest.«

»Prahlen Sie ja nicht so mit Ihrer Seefestigkeit«, entgegnete Hannes spöttisch. »Die Seekrankheit ist nämlich ein eigentümliches Ding, just wie das Heimweh. Sehen Sie, ich habe zwar keine Heimat und kenne daher auch kein Heimweh, aber ich habe Menschen kennen gelernt, die viele, viele Jahre fern von den Ihren waren, ohne nur davon eine Idee zu haben, was Heimweh überhaupt ist, hauptsächlich auch darum, weil es ihnen zu Hause nicht gut gegangen ist, und da, nach zehn Jahren, werden sie plötzlich von dieser Krankheit befallen, sie fangen an zu weinen, zu jammern, zu lamentieren und ruhen nicht eher, als bis sie den heimatlichen Boden wieder unter den Füßen haben. Ist das nicht merkwürdig?«

»Ja. Wie mag das Heimweh entstehen?«

»Es ist eben unberechenbar. Ein Bild, ein Wort, ja nur ein plötzlicher Gedanke kann eine unbestimmte Sehnsucht erwecken, man weiß nicht, wonach man sich eigentlich sehnt — so ist mir erzählt worden — und schließlich merkt man, dass es das Heimweh ist. So habe ich es mir wenigstens zurechtgelegt.«

»Sie meinen, dass es sich mit der Seekrankheit ebenso verhält?«, sagte der Fremde.

»Ganz genau so«, versicherte Hannes. »So zum Beispiel gibt es alte Seebären, die nur einmal in der Jugend seekrank gewesen sind, die sich gar nicht mehr darauf besinnen können, und andere, die vielleicht diese Krankheit überhaupt nicht gehabt haben. Das Schiff mag noch so schlingern und hüpfen, sie gehen auf den tanzenden Planken wie auf dem Lande. Da, bei ganz schönem Wetter kommt der Wind mit einem Male von der anderen Seite, das Schiff beginnt aus einer anderen Richtung zu schlingern nur ganz wenig, und der alte Seebär beginnt plötzlich zu stöhnen und zu jammern, dass der Schiffsjunge sich über ihn halbtot lachen muss — er ist seekrank geworden. Wie kommt das?«

»Das muss lustig sein, wenn die Passagiere alle gesund sind, und der Kapitän wird plötzlich seekrank«, lachte der Fremde.

»Ja, das kann aber vorkommen. Ebenso ist es, wenn jemand auf einem Segelschiffe gefahren ist und kommt dann auf einen Dampfer. Dieser bewegt sich ganz anders als ein Segler, er stampft viel mehr, weil er sich nicht über die Wellen erhebt, sondern sie mit Gewalt durchbricht. Und dann macht auch das Zittern der Schraube viel aus. Daher ist die Dame auch seekrank geworden.«

»Sie sagten vorhin, das Fräulein sei zwei Jahre ununterbrochen auf einem Segelschiffe gewesen. Wie soll ich das verstehen? Ist sie die Tochter eines Kapitäns?«

»Nein«, entgegnete Hannes. »Haben Sie von der ›Vesta‹ gehört?«

»Ei gewiss«, rief der Fremde, »wer sollte nicht von diesem Schiffe gehört haben? Sie ist doch nicht eine von den Damen, welche auf der ›Vesta‹ fahren?«

»Gewiss«, nickte Hannes, »bis vor acht Tagen war sie eine Vestalin.«

Der Fremde blickte einen Augenblick nachdenklich vor sich hin, es musste ihm plötzlich einfallen, dass die Vestalinnen alles reiche, vornehme Damen waren, und dass dieser Mann, der so intim mit einer von ihnen verkehrte, kein gewöhnlicher Mensch sei, so einfach er auch angezogen war und sich benahm. Er hielt es plötzlich für nötig, sich vorzustellen.

»Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe«, sagte er und nahm den Hut ab, »mein Name ist Renner, Max Renner aus Frankfurt.«

»Und ich heiße Hannes Vogel«, antwortete Hannes, der in der Kunst des Vorstellens nicht sehr bewandert war, und wollte auch den Hut ziehen, brachte die erhobene Hand aber nur bis an die Tabakspfeife, die er aus dem Munde nahm.

»Darf ich fragen«, begann Herr Renner wieder sehr höflich, »ob diese Dame Ihre Gemahlin ist? In diesem Falle müsste ich um Entschuldigung bitten, von ihr als Fräulein gesprochen zu haben.«

»Meine Frau ist sie noch nicht, aber lange wird es nicht mehr dauern«, entgegnete der offene Hannes.

»Sie haben sie doch nicht von der ›Vesta‹ entführt?«, scherzte der Mann an seiner Seite.

»Doch, ich habe sie entführt, wie man so sagt — aber das heißt«, unterbrach sich Hannes schnell, der unter Entführung eigentlich etwas anderes verstand, »Gewalt habe ich dabei nicht angewendet, sie ist mir freiwillig gefolgt.«

»Das glaube ich auch«, sagte Herr Renner, »man kann Ihrer Braut wahrlich nicht anmerken, dass sie gezwungen worden ist, Ihnen zu folgen.«

»Also Renner heißen Sie«, nahm Hannes wieder das Wort. »Wissen Sie auch, dass dieser Name sehr schlecht bei mir angeschrieben steht? Wenn ich ihn nennen höre, möchte ich immer gleich zuschlagen.«

Erschrocken brachte der Herr die beiden Hände aus der Hosentasche, von denen schon vorher gesagt wurde, dass sie sich zu recht ansehnlichen Fäusten ballen konnten.

»Wieso?«, rief er verblüfft. »Wie kommen Sie darauf?«

»Nun, nun«, sagte Hannes und musste über das erschrockene Gesicht seines Nebenmannes lachen, »ich meinte das ja ganz anders.«

Er erklärte ihm, was der Seemann unter einem Renner versteht, und wie schlecht ein solcher bei ihm angeschrieben ist.

Jetzt musste auch der Herr über seine augenblickliche Angst lachen.

Plötzlich nahm er eine nachdenkliche Miene an, blickte lange starr auf eine Decksplanke und sagte dann langsam:

»Wie ist mir denn, habe ich Ihren Namen, Vogel, nicht schon einmal irgendwo gehört?«

»Wohl möglich, Vogel ist kein so seltener Name.«

»Aber, wenn ich nicht irre, war es Hannes Vogel.«

»Vielleicht Johannes Vogel, der Name mag oft genug vorkommen. Warum nicht?«

Der Mann drehte den Kopf Hannes zu und musterte ihn.

»Ich darf wohl als richtig annehmen, dass Sie Seemann sind?«, fragte er. »Ihre Ausdrücke, Ihre ganze Art lassen darauf schließen.«

»Jawohl, ich bin Seemann, bin neun Jahre in allen Himmelsrichtungen als Matrose gefahren«, entgegnete Hannes.

»Dann irre ich mich nicht, ich habe schon einmal von Ihnen erzählen hören, etwa vor zwei oder drei Jahren, es war in einem kleinen Hafenort.«

»Ach so, Sie haben aus dem Munde eines Matrosen meinen Namen gehört? Ja, dann ist es möglich, dass er mich gemeint hat«, rief Hannes. »Wissen Sie nicht, wie der Mann geheißen hat?«

»Er hieß — warten Sie einmal.«

Renner legte die Hand auf die Stirn. »Jochen — Jochen ...«

»Jochen Voß doch nicht etwa?«, fragte Hannes mit gespannter Miene.

»Richtig, Jochen Voß war sein Name.«


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»Himmel, Hölle, Bramstange und Klüverbaum«, schrie Hannes und sprang von der Bank empor, sodass Herr Renner erschrocken zusammenfuhr, »und das sagen Sie mir jetzt erst?«

»Ich hatte keine Ahnung davon, dass Sie dieser Hannes Vogel waren«, lächelte jener.

»Vor drei Jahren, sagen Sie? Nein, das kann höchstens vor zwei Jahren gewesen sein. Nicht wahr?«

»Ja, das mag stimmen, ich war damals in einem kleinen Hafen bei Kiel, ich kehrte in einer Schenke ein, wo Matrosen logierten. Mit dem einen schloss ich für diesen Abend Freundschaft, und er verkürzte mir die Zeit durch seine Erzählungen. Er sagte, er wäre vor einer Woche erst aus dem Londoner Gefängnis gekommen, weil er ein paar Soldaten ...«

»Das ist er, das ist er«, jubelte Hannes auf und schien Lust zu haben, dem Manne um den Hals zu fallen. »Hat er von mir erzählt, seinem Kompagnon?«

»Natürlich, immerwährend hat er von Ihnen erzählt, er fing ja gleich damit an, wie er mit Ihnen zusammen die englischen Soldaten verprügelt hat, wie Sie entflohen, er aber gefasst worden ist.«

»War er recht böse darüber, dass ich mich nicht freiwillig gestellt habe, während er eingesteckt wurde?«

»Durchaus nicht«, lachte Renner, »er freute sich sehr, dass Sie dem Steineklopfen entgangen sind.«

»Ja, ein braver Kerl war er immer«, sagte Hannes stolz, »nicht ein Fünkchen Eigennutz hatte er im Leibe. Was hat er sonst noch von mir erzählt?«

»Ich sage Ihnen, den ganzen Abend und die halbe Nacht. Ich wurde nicht müde ihm zuzuhören, und er nicht müde zu erzählen. Das sind ja tolle Streiche gewesen, die Sie beide da immer zusammen ausgeführt haben.«

»Ja, wir waren riesig fixe Kerls, so ein Paar kommt nicht leicht wieder zusammen. Ich wollte, ich wäre jetzt bei ihm, da wollten wir wieder schöne Streiche aushecken. Ach so«, unterbrach sich Hannes und kratzte sich verlegen hinter den Ohren, »ich bin ja bald Ehemann, da ist es mit den Streichen vorbei, sonst schimpft die Frau.«

»Na, lustig können Sie deshalb auch noch bleiben«, tröstete Renner.

»Ei und ob«, lachte Hannes, »wir wollen schon lustig sein, meine Frau macht immer mit, aber nur nicht solche Sachen, wofür man eingesteckt wird. Ich kann ja von meiner Frau später nicht verlangen, dass sie Steine klopft — dann hört ja der Respekt auf.«

Herr Renner musste lachen.

»Ja«, sagte er dann, »das war damals ein lustiger Abend, ich habe nie bereut, dass ich, statt in einem dumpfigen Hotelbett zu liegen, ihn in einer so heimisch nach Teer duftenden Schifferstube zugebracht habe. Ungezählt waren die Abenteuer und Streiche, die Jochen von Ihnen und sich zum besten gab. Ich entsinne mich auch, dass er, wenn er von Ihnen sprach, sich gern eines anderen Namens bediente. Er nannte Sie oft den — Baron glaube ich. Nicht wahr, so wurden Sie von ihm genannt?«

»Der Spitzbube«, lachte Hannes verlegen. »Nein, Baron war es nicht, vielleicht Freiherr?«

»Stimmt!«, rief Renner. »Er sagte meistenteils nicht: mein Freund Hannes, sondern: mein Freund, der Freiherr. Wie kommen Sie eigentlich zu dieser Bezeichnung? Sind Sie Freiherr?«

»Gott bewahre. Was sollte ein Freiherr wohl als Matrose zur See machen? Es ist nur ein Spitzname, den ich einmal vor Jahren bekommen habe.«

»Nun, nun«, meinte Renner, »wie ich gehört habe, findet man unter Seeleuten oft Adelige, denen es zu Hause nicht gefallen hat und die fortgelaufen sind.«

»Mag sein, bei mir ist so etwas nicht der Fall«, entgegnete Hannes kurz.

Der Fremde warf einen prüfenden Blick auf Hannes.

»Ich weiß doch nicht recht«, sagte er dann bedächtig mit respektvoller Miene, »es ist etwas an Ihnen, welches mich doch glauben macht, dass ich die Ehre habe, mit einem Freiherrn zu sprechen.«

»Unsinn!«, rief Hannes etwas ärgerlich. »Ich bin froh, dass ich kein solcher bin, der sich mit Dienern und Lakaien herumärgern muss, danke vielmehr Gott jeden Morgen, dass ich ein freier Mann bin, der nichts hat, als seine gesunden Glieder, und dem die ganze Welt gehört.«

»Da haben Sie recht«, stimmte Renner ihm bei. so sind Sie wohl der Verwandte eines Freiherrn? Denn wie wäre es sonst möglich, dass Sie den Namen bekommen haben!«

Hannes ärgerte sich sehr, dass der Fremde in seinen Vermutungen nicht nachließ, und da er keinen Grund hatte, etwas zu verheimlichen, so teilte er ihm mit, dass er im Besitz eines Geburtsscheines sei, der ihm zu dem Spottnamen »der Freiherr« verholfen habe. Er hoffte, dass damit die Neugierde des Herrn Renner befriedigt sei, aber er hatte sich getäuscht.

»Ach, das ist ja interessant!«, rief dieser. »Ich kenne die Familie des Freiherrn von Schwarzburg, es ist ein mächtiges Adelsgeschlecht am Rhein, und wenn ich nicht irre, so existiert auch ein Sohn mit dem Namen Johannes. Er dürfte in Ihrem Alter sein, und es ist leicht möglich, dass diesem der in Ihrem Besitz befindliche Geburtsschein abhanden gekommen ist. Dürfte ich ihn einmal sehen? Ich kenne ungefähr das Datum, wann dieser Johannes geboren ist.«

»Ich habe ihn nicht bei mir«, entgegnete Hannes, der das ihm unangenehme Gespräch auf jeden Fall abbrechen wollte.

»So haben Sie ihn schon abgeliefert?«

»Nein, nein, er ist unten im Koffer, ich trage nur meine notwendigsten Papiere bei mir. Aber jetzt, Herr Renner, hören Sie endlich mit Ihrer Fragerei auf! Donnerwetter, Sie müssen doch nun gemerkt haben, dass mir dieses Thema keine Freude macht.«

Nach diesen freimütigen Warten wagte der neugierige Herr nicht mehr, über den Geburtsschein zu sprechen. Er lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand, der für Hannes mehr Interesse haben musste, auf Hope.

»Das Fräulein wird Ihre Gegenwart schwer vermissen«, sagte er. »Es wird unsereinem schon sauer genug, einsam in der Koje zu liegen und seinen düsteren Gedanken nachzuhängen, um wie viel mehr so einer jungen Dame, wenn sie den Gegenstand ihrer Liebe nicht weit von sich weiß.«

»Wer aber seekrank ist, ist allein am besten aufgehoben«, versetzte Hannes und klopfte seine Pfeife aus; »selbst wenn meine Braut mich wünschte, würde ich nicht zu ihr kommen, die Stewardess kann ebenso gut ihre Wünsche befriedigen, wie ich.«

»Ach, wie können Sie so hartherzig sein!«

»Ich bin durchaus nicht hartherzig und am allerwenigsten gegen meine Braut, das können Sie sich wohl denken. Aber ich weiß Seekranke zu behandeln, ich habe genügend Gelegenheit gehabt, sie zu beobachten. Die Seekrankheit greift nämlich nicht nur den Körper, sondern auch die Seele an.

Der mutigste Mensch wird feig, und der gutmütigste wird zänkisch. Darum vermeide ich es, mit meiner Braut zu sprechen, so lange sie seekrank ist. Ist der Unfall vorüber, dann kommt sie schon von selbst an Deck, mich aufzusuchen, und es ist keine Disharmonie zwischen uns entstanden.«

»Sie sind ein Diplomat«, lachte der Fremde.

Die Glocke rief zur Tafel. Der Platz an Hannes Seite war diesmal leer, Hope verschmähte jede Nahrung.

Aber am Nachmittage kamen beide Arm in Arm an Deck. Hope sah bleich und angegriffen aus, war aber trotzdem äußerst guter Laune, denn ihr Unwohlsein war überstanden. Das kam hauptsächlich daher, dass die ›Urania‹ jetzt ganz ruhig lief.

Der Wind hatte sich vollständig gelegt, auch der Seegang hatte sich mit einem Male beruhigt, aber am Horizont stiegen schwere Wolken auf. Die Passagiere freuten sich des ruhigen Wetters; Kapitän und Mannschaft dagegen musterten besorgt die dunklen Wolken, die einen Sturm versprachen.

Hope, noch sehr erschöpft, ward von Hannes gegen Abend wieder in ihre Kabine geführt, er selbst kam gleich wieder an Deck und wurde sofort von Herrn Renner aufgesucht, welcher das Pärchen unbehelligt gelassen hatte.

»Ich kalkuliere, wir bekommen heute eine böse Nacht« sagte Hannes zu Renner.

»Ich glaube auch«, versetzte dieser, »ich habe zwar zu wenig Erfahrung, um als Wetterprophet auftreten zu können, aber ich lese in den besorgten Mienen der Matrosen, dass etwas im Anzuge ist. Ihre Behauptung bestätigt dies.«

»Ja, diese Ruhe ist eine trügerische, sie geht einem heftigen Sturm voraus. Aber ich freue mich wieder auf einen solchen, habe schon lange keinen mehr mit durchgemacht. Wissen Sie, was ich in dieser Nacht anfangen werde? Ich ziehe meinen alten Ölanzug an, stelle mich ans Heck und lasse die Wellen über mich weggehen. Das ist herrlich, sage ich Ihnen, so etwas verjüngt mich stets um ein ganzes Jahr.«

»Da haben Sie dieselbe Passion, wie ich«, rief Renner erfreut, »auch ich kenne kein größeres Vergnügen, als meine Brust dem Sturme darbieten zu können. Da fühlt man erst, dass man ein Mann ist, die Knochen füllen sich mit Mark, und der Wind bläst alle Krankheiten aus dem Körper heraus. Dann werden wir uns heute Nacht wohl wieder an Deck treffen, Herr Vogel?«

»Haben Sie aber auch Ölzeug? Sie werden ohne das durch und durch bis auf die Haut nass.«

»Das macht nichts«, lachte Renner, »es ist ja warm. Gegen Erkältung bin ich gefeit. Im schlimmsten Falle kann ich mir ja von einem Matrosen Ölzeug borgen.«

*

Es war eine stockfinstere Nacht; kein Mondstrahl, kein Stern konnte die schwarzen Wolken durchdringen, die, vom heftigsten Sturm gepeitscht, über den Himmel flogen.

Der Sturm heulte, die Masten und Rahen ächzten wie in Todesangst, und Welle auf Welle übergoss das Deck der ›Urania‹, für einige Augenblicke einen dampfenden Gischt zurücklassend, bis eine neue Woge an den Schiffsrumpf donnerte und gebrochen über das Deck rollte.

Kein Matrose war an Deck zu sehen, alle hatten Verstecke aufgesucht, wo sie vor den durchnässenden Wogen sicher waren, und der Kapitän hielt den Kopf nur bis zu den Augen über die schützende Leinwand, welche zu beiden Seiten der Kommandobrücke aufgespannt war. Er sah nichts weiter als ein ungeheures Hügelfeld, auf welches das wackere Schiff bald emporkletterte, bald hinabfuhr, dann jedes Mal den Bug tief im Wasser vergrabend. Es war keine Gefahr vorhanden, die Takelage war in bester Ordnung, alles an Deck, im Zwischendeck und unten im Raum festgebunden, von ihm selbst geprüft, und so konnte er getrost den Ausgang des Sturmes abwarten.

Für die Sicherheit der beiden Personen, welche hinten am Heck standen und sich an die Bordwand klammerten, war er nicht verantwortlich, denn es waren keine Frauen oder Kinder, denen er den Aufenthalt an Deck bei Sturm verbieten musste, sondern kräftige Männer, wahrscheinlich Seeleute, sonst hätten sie es wohl nicht gewagt, dem ungestümen Spiel der Wogen zuzuschauen.

Da plötzlich gellte ein Schrei durch die Nacht, ein Mann stürzte von hinten der Luke zu, glitt aus und rollte über Deck. Matrosen sprangen von allen Seiten zu und fingen ihn auf.

»Was ist los?«, hörte der Mann auf der Brücke rufen, während sein Steuermann schon die Treppe hinuntersprang, um sich von dem Tatbestand zu überzeugen. Der Kapitän selbst durfte unter keinen Umständen die Brücke verlassen, und wenn das Schiff in Stücke ging.

»Mann über Bord!«, heulte in diesem Augenblicke die Stimme eines Matrosen. Der Kapitän stand schon am elektrischen Signalapparat.

»Stopp — Gegendampf«, klingelte es im Maschinenraum. Das Zittern der Schraube hörte plötzlich auf, um dann aber desto heftiger zu werden — die ›Urania‹ dampfte rückwärts.

»Wer ist es?«, fragte unten der Steuermann den an allen Gliedern zitternden Mann mit dem aschfahlen Gesicht.

Stumm deutete er nach hinten.

Die Matrosen stürzten nach hinten, den Mann mit sich reißend.

»Er ist über Bord gewaschen«, stöhnte er, »hier hat er sich festgehalten.«

Eine eiserne Stange lief auf der hölzernen Bordwand um das ganze Schiff herum, da, wo sich der Unglückliche festgehalten haben sollte, war sie krumm gebogen — so ungestüm ist die Kraft des entfesselten Ozeans.

Einige Passagiere hatten sich um Renner versammelt und hörten seiner Unglücksbotschaft zu, sich dabei an irgend etwas festklammernd.

»Wer war es?«, fragte der Steuermann.

»Er hieß Hannes Vogel.«

»Zurück vom Boot!«, rief der Kapitän. »Seid Ihr toll, jetzt ein Boot aussetzen zu wollen?«

Doch gleich sah er seinen Irrtum ein, die Gestalt die auf ein Boot zugesprungen und Anstalten machte, die Taue zu lösen, war kein Matrose — ein Weib hielt sich an dem Taue fest.


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»Haltet sie, sie will über Bord«, schrie ein Matrose, sprang an die Bordwand und bekam eben noch eine Frau zu fassen, welche sich ins Wasser stürzen wollte.

»Lasst mich«, flehte das Weib und rang mit dem Matrosen, »ich muss ihm nach, ich muss.«

Vier kräftige Arme zwangen die Wahnsinnige, von ihrem Versuche abzustehen, schafften sie in ihre Kajüte, schlossen die Tür ab und ließen einen Posten davor. Es war nicht das erste Mal, dass ein Weib einem über Bord Gespülten nachsprang — aber der Kapitän war verantwortlich dafür, dass so etwas nicht geschah.

»Lasst mich ins Boot, oder lasst mich ins Wasser springen«, schrie die Unglückliche und pochte unausgesetzt an die Tür.

»Hannes«, gellte es dann noch einmal auf, und ein dumpfer Fall erfolgte. Das Mädchen musste ohnmächtig zusammengebrochen sein.

Auf der Kommandobrücke standen mehrere Matrosen mit großen Lampen, an denen Spiegel angebracht waren. Die ›Urania‹ dampfte in weitem Bogen um die Unglücksstelle, die reflektierenden Strahlen beleuchteten auf weite Ferne das Meer, aber das Auge erblickte nur eine wüste Wasserfläche, himmelhohe Berge und tiefe Täler.

»Volldampf, alten Kurs!«, kommandierte der Kapitän eine Viertelstunde später. »Die Wogen haben ihn sofort verschlungen. Ich habe meine Pflicht getan«, fügte er leise hinzu.

* * * * *

III.35. Die Gesetze der ›Vesta‹

Nur selten kommt es vor, dass ein Dampfer, wenn er zum Dampfen fähig ist, die Fahrt unterbricht, auf offenem Meere still liegt, und noch seltener geschieht es, dass ein Segelschiff, dessen Takelage und Ruder in Ordnung sind, und welches auch nicht leckt, mit aufgerolltem Segel und festgebundenem Ruder auf dem Wasser schaukelt, ohne den günstigen Wind zu benutzen.

Dann muss gerade eine Arbeit vorliegen, bei der alle Kräfte der Mannschaft heranzuziehen sind, sodass kein Matrose mehr übrig ist, um das Schiff zu beaufsichtigen, wie gesagt, man trifft nur selten einmal auf ein solches stilliegendes Schiff.

Das Fahrzeug aber, welches mit eingezogenen Segeln und festgebundenem Ruder träge von dem frischen Winde getrieben wurde, hatte keine derartige Arbeit zu besorgen. Alles war in Ordnung. Niemand stand an Deck, um Beobachtungen der Wasserfläche oder des Meeresgrundes zu machen, keine Pumpen wurden gedreht, sondern alle die in Matrosenkostümen gekleideten Mädchen standen um den Hauptmast herum und hörten der Erzählung der Kapitänin zu.

Je länger sie sprach, desto unwilliger wurden die Mienen der Umstehenden. Laute der Entrüstung wurden hörbar, und nur sehr, sehr wenige gab es unter ihnen, welche an der Wahrheit der Rede ihrer Kapitänin zweifelten, sie kämpften noch mit sich selbst, ob sie deren Worten Glauben schenken sollten oder nicht.

Jedenfalls, sagten sich die wenigen, wollen wir nicht urteilen, ehe wir sie nicht selbst gesehen und ihre Verteidigung gehört haben, und wenn sie irgend einen genügenden Entschuldigungsgrund vorbringen könnte, so wollten sie, ihre Freundinnen, für sie mit aller Kraft eintreten.

»Führen Sie jetzt Miss Lind, wie sie sich nennt, vor«, sagte die Kapitänin zu einer Dame.

Diese ging und kam gleich darauf mit Johanna zurück.

Glaubten die Vestalinnen, eine schuldbewusste Person mit ängstlichem Gesicht und niedergeschlagenen Augen vor sich geführt zu bekommen, so hatten sie sich getäuscht. Noch nie trug Johanna den Kopf so hoch, nie strahlten ihre Augen in solch freudigem Glanze, wie jetzt, da sie sich wegen des an der ›Vesta‹ geübten Verrates verantworten sollte. Kein Zucken in ihrem Gesicht zeigte, dass sie irgendwelche Angst fühle vor Strafe; ruhig trat sie in die Mitte der einstigen Freundinnen, denen sie ansah, dass sie dieselben nicht mehr als solche betrachten dürfe. Nur auf wenigen Gesichtern konnte sie noch eine Spur von Teilnahme erblicken, alle Übrigen sahen die Verräterin mit Hass oder Verachtung oder mit Abscheu an. Mit ernster Miene und Stimme begann die Kapitänin das Verhör, Teilnahme kannte sie nicht mehr.

»Haben Sie diese Nacht dem ›Amor‹ den Namens des Hafens zusignalisiert, welchen wir kurz vorher unter uns als unser nächstes Ziel ausgemacht hatten?«, fragte sie Johanna.

»Ich habe es getan«, war die ruhige Antwort.

Ein Murmeln ging durch die Reihen der umstehenden, Johanna hatte ihr Vergehen gestanden, eine Entschuldigung war nicht mehr möglich.

»Warum?«

Johanna blieb die Antwort schuldig. Sie schien weder diese nochmals wiederholte Frage Ellens zu hören noch die Umstehenden zu bemerken, ihr braunes Auge war in die Ferne gerichtet, auf das blaue unendliche Meer, als sehne sie sich dorthin oder erwarte von dort Rettung.

»Wollen Sie meine Frage beantworten?«, sagte Ellen, als sie nochmals vergeblich das »Warum« wiederholt hatte.

»Nein, es hat doch keinen Zweck«, entgegnete Johanna, die Augen wieder nach Ellen wendend. »Bestrafen Sie mich so, wie es die Gesetze der ›Vesta‹ für meinen Fall vorschreiben. Ich habe die Strafe verdient und werde sie ohne Murren ertragen.«

Erstaunt hörten die Vestalinnen diese demütigen Worte; in den Herzen einiger stieg Mitleid wieder auf.

»So schnell geht das nicht«, sagte aber Ellen, »wir bestrafen Sie nicht, ehe wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben. Sie kennen doch übrigens den Paragrafen, nach dem wir Sie bestrafen müssen, wollen wir nicht selbst unser Wort brechen, und Sie kennen auch die Strafe, welche Ihrer harrt? Ich frage Sie deshalb, weil Sie die Sache sehr leicht zu nehmen scheinen.

»Ich weiß, was für eine Strafe ich zu gewärtigen haben.« antwortete Johanna ruhig.

Ellen ließ sich von einer Nebenstehenden ein Ledermappe reichen, nahm daraus einen Bogen Papier und las vor:

»Paragraf acht: Wer ein schon bestimmtes Reiseziel verrät, sodass es bekannt wird, oder überhaupt Mitteilungen über etwas macht, was zwischen Vestalinnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit ausgemacht wird, wird an den Mast gebunden, erhält so viele Geißelhiebe, als die Vestalinnen für gut befinden, und wird im nächsten Hafen an Land gesetzt.«

»Ist dies Ihre Unterschrift?«, fuhr Ellen fort, Johanna das Papier hinhaltend und auf eine Stelle deutend.

»Es ist die meinige.«

Immer erstaunter wurden die Vestalinnen über das rätselhafte Benehmen Johannas, welche mit solcher Ruhe, ja Freudigkeit alles zugab.

»Einen Augenblick, Miss Petersen«, rief da Miss Thomson und trat vor Johanna, »gestatten Sie mir, einige Fragen zu stellen.«

»Johanna«, redete sie das Mädchen an, das Papier nehmend, »Sie haben sich hier mit Johanna Lind unterzeichnet. Ist dies auch Ihr wirklicher Name?«

Alle verstanden sofort, was Miss Thomson vorhatte. So schwach der Plan auch war, nach welchem Betty die Verteidigung der Angeklagten führen wollte, die Mädchen waren unter sich und nicht von einer höheren Gerichtsbarkeit abhängig. Doch war es möglich, dass Betty, welche unter den Mädchen das meiste Ansehen genoss, dadurch die Strafe Johannas lindern konnte. Sie wusste, dass einige, zum Beispiel Miss Murray und Nikkerson, auf ihrer Seite standen.

Aber Johanna war es selbst, welche diese keck aufgegriffene Verteidigung zu nichte machte.

»Ich habe mich Johanna Lind unterzeichnet«, entgegnete sie, »und dieses ist mein Name. Geben Sie sich keine Mühe, Miss Thomson, meine Strafe zu lindern. Ich habe sie verdient.«

Bestürzt ließ Miss Thomson das Papier zu Boden fallen und blickte lange in die braunen Augen der vor ihr Stehenden..

»Johanna«, sagte sie dann leise, »warum wollen Sie sich denn durchaus ins Unglück stürzen? Merken Sie denn nicht, wie ich bemüht bin, Sie zu retten? Seien Sie doch nicht so trotzig! Ihre Lage ist wirklich eine sehr ernste.«

Johanna ließ ihre Augen lange auf den Zügen der einstmaligen Freundin ruhen, die sie jetzt noch zu retten suchte. Ihr früherer Glanz erlosch plötzlich; tiefe Wehmut umschleierte sie, und dann füllten sie sich mit Tränen.

Aber kaum benetzten diese ihre Wangen, so schüttelte sie unwillig den Kopf, dass die Tropfen abgeschleudert wurden, und mit fester Stimme sagte sie:

»Ich will nicht gerettet sein, ich will bestraft werden, damit ich die ›Vesta‹ verlassen kann.«

Ihr Benehmen, ihre Worte waren den Vestalinnen unbegreiflich. Entweder hatten sie es hier mit jemanden zu tun, dessen Geist nicht ganz richtig war, oder ein Geheimnis lag vor.

Achselzuckend trat Miss Thomson zurück, ihren Freundinnen einen bedeutsamen Blick zuwerfend. Diejenigen, welche gehofft hatten, Johanna zu retten, gaben dies jetzt auf. Höchstens konnten sie die Strafe noch lindern.

»Wie ich schon sagte«, nahm Ellen wieder das Wort, »ich will erst wissen, ehe Sie bestraft werden, warum Sie den Namen des Hafens verraten, ob Sie dieses schon früher manchmal getan haben, und mit wem wir es eigentlich zu tun, wen wir so lange auf der ›Vesta‹ als Gefährtin beherbergt und als Freundin behandelt haben.«

»Bestrafen Sie mich!«, sagte Johanna einfach. »Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen auf derartige Fragen Antwort zu geben. Mein sehnlichster Wunsch ist nur, aus Ihrer Nähe entfernt zu werden und zwar sobald als möglich.«

Ellens Augenbrauen zogen sich finster zusammen.

»Gut«, sagte sie, »ich werde Sie nicht mehr fragen, sondern die Antwort auf eine andere Weise mir zu verschaffen suchen. Wer von den Damen damit einverstanden ist, die Papiere dieser Person zu untersuchen, welche uns verraten hat«, wandte sie sich an die Umstehenden, »bitte ich, die Hand zu erheben. Es steht zu erwarten, dass Miss Lind, wie sie sich nennt, nicht diesen einzigen Verrat ausgeübt hat, ja, dass sie sogar ganz andere Pläne verfolgte, als sie sich an Bord der ›Vesta‹ aufnehmen ließ.«

Die meisten Hände flogen in die Höhe; es war nicht nur Neugier, welche die Mädchen zu dem Wunsche veranlasste, die Effekten Johannas zu untersuchen. War sie wirklich eine Detektivin, dann mussten sich interessante Tatsachen ergeben, dann war Johanna wahrscheinlich eine ganz gefährliche Intrigantin.

»Ein Zählen der Hände ist nicht nötig«, sagte Ellen, »nur wenige haben sie nicht aufgehoben. Bitte, holen Sie die Koffer von Miss Lind, welche deren Papiere enthalten!«

In kurzer Zeit kamen die fortgeschickten Mädchen wieder mit den Koffern Johannas, zu denen sich Ellen gestern Abend von der Eigentümerin die Schlüssel hatte geben lassen. Diese selbst war nicht mehr in ihrer Kabine geblieben, sondern musste gleich nach der Entdeckung in ein besonderes Gemach gehen, wo sie bis zum folgenden Morgen streng bewacht worden war.

Unter den abgesandten Mädchen befand sich auch Miss Morgan; diese trug eine kleine Stahlkassette.

Teilnahmslos sah Johanna zu, wie ein Koffer nach dem anderen durchsucht wurde, ohne dass man etwas anderes darin fand, als Kleidungsstücke und Andenken an die Reise.

»Die Papiere werden wohl in dieser Kassette sein«, meinte Miss Morgan und gab Ellen das stählerne Kästchen mit dem sorgfältig gearbeiteten Schloss.

Sie beobachtete dabei Johanna scharf, ebenso taten dies auch die anderen Vestalinnen, doch die Verdächtige zeigte keine Unruhe. Träumerisch blickte sie hinaus auf das blaue Meer.

Ellen suchte an dem Schlüsselbund und hatte bald den richtigen Schlüssel gefunden. Der Deckel sprang auf und den Blicken der Damen zeigte sich eine Menge zusammengefalteter Schriftstücke.

»Diese werden uns Auskunft über das geben«, sagte sie dabei, »was uns Miss Lind nicht sagen will.«

Sie setzte die Kassette auf ein Fass und begann, ein Schreiben nach dem anderen herauszunehmen, zu entfalten und durchzulesen.

»Ist dies Ihr Geburtsschein, welcher auf den Namen Johanna Lind lautet?«, fragte sie dann.

»Ja.«

»Sie heißt also wirklich Johanna Lind und nicht Sharp«, flüsterten die Umstehenden.

»Nicht so schnell, meine Damen«, entgegnete Ellen, »hier ist ein Papier, welches von der Kriminalpolizei der Vereinigten Staaten für eine Miss Johanna Sharp ausgestellt ist und die Besitzerin dieses Papieres berechtigt, bei einem Sittlichkeitsverbrechen als Detektivin vorzugehen und bei den Behörden Hilfe zu requirieren. Sind Sie diese Miss Johanna Sharp?«, wandte sie sich mit unheilverkündender Stimme an Johanna. »Sie haben mir zwar schon einmal gesagt, Sie heißen nicht Sharp, aber jetzt, da ich dieses Papier bei Ihnen gefunden habe, will ich dieselbe Frage noch einmal stellen.«

»Ich heiße auch Johanna Sharp«, entgegnete das Mädchen ruhig, »es ist ein angenommener Name.«

Rufe der Entrüstung wurden laut. So hatte Johanna also alle belogen, ihre besten Freundinnen getäuscht. Selbst diese konnten jetzt ihren Unwillen nicht unterdrücken.

»Und Sie gestehen jetzt, dass Sie Detektivin sind?«, fuhr Ellen fort.

»Ja, ich bin Detektivin von Beruf«, antwortete Johanna gleichgültig, ohne eine Spur von Aufregung zu zeigen.

Unter den Damen änderte sich das Urteil schnell. Die man eben noch für ein bescheidenes Mädchen gehalten, beschuldigte man jetzt als eine freche Person, ohne jedes Gefühl von Ehre.

»Und Sie befinden sich auf der ›Vesta‹ im Amte einer Detektivin?«, fragte Ellen gespannt.

Johanna antwortete nicht mehr, ihre Augen waren wieder starr auf den blauen Ozean gerichtet.

»Nun, diese Papiere werden uns ja darüber aufklären«, sagte Ellen und fuhr mit dem Durchsehen der Schriftstücke fort. »Ein Papier ist für Miss Johanna Sharp, das andere für Miss Jan Sharp ausgestellt, alle aber zu dem Zwecke, dass sie als Detektivin jemanden beobachten soll. Hier ein anderes: Miss Johanna Lind, genannt Sharp, soll sich als Kammerzofe von einer vermeintlichen russischen Gräfin mieten lassen, behufs Beobachtung ihres Umganges. Aha, meine Damen, ich glaube, Sie haben Mister Anderson bitter unrecht getan, als Sie ihn mitten in der Wildnis dieser Person wegen fortjagen.«

»Wer konnte das ahnen?«, riefen die Vestalinnen, deren Unwille von Minute zu Minute wuchs.

»Haben Sie die Kühnheit, jetzt noch zu leugnen, dass Sie die Schwester des berüchtigten Detektivs Nicolas Sharp sind?«, wandte sich Ellen an Johanna.

»Ich hätte Ihnen nicht geantwortet, wenn Ihre Ausdrucksweise nicht eine ganz unziemliche wäre«, entgegnete Johanna. »Ich bin allerdings die Schwester des Detektivs Nikolas Sharp, aber mein Bruder ist unter diesem Namen nicht berüchtigt, sondern bekannt, und zwar ist er mit Männern befreundet, welche an Ansehen noch weit über Miss Petersen stehen.«

»Genug«, sagte die Gereizte und wühlte mit zitternden Händen in der Kassette, »wir werden sehen, inwieweit sich Ihr Geschäft einer Detektivin mit der Ehre der ›Vesta‹ verträgt. Hier, was ist das?«, rief sie plötzlich und betrachtete ein kleines Stückchen Papier. »Meine Damen, mir ahnt, dass wir auf etwas stoßen, was wir alle nicht vermutet haben. Hier steht zuerst mein Name, meine Adresse, die des Bankiers, der mein Vermögen verwaltet, und dahinter die Summe, wie hoch mich Miss Lind finanziell taxiert. Und ich bin wirklich erstaunt, wie weit es eine Detektivin bringen kann, denn die Zahl stimmt ganz genau. Aber nicht nur ich bin auf diesem Zettel vermerkt, der Name keiner einzigen Vestalin fehlt. Alle stehen darauf, ihre Adressen, Bankiers, Rechtsanwälte und so weiter, und hinter jeder steht ebenfalls eine Zahl, wahrscheinlich auch die Summe von Dollars angebend, über welche die betreffende Person zu verfügen hat. Hm, meine Damen, was meinen Sie dazu?«


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»Fragen Sie die Angeklagte, was das zu bedeuten hat!«, rief ein Mädchen aus der Menge.

»Wir wollen erst sehen, ob sich noch mehr Interessantes vorfindet«, antwortete Ellen und fuhr im Durchstöbern der Papiere fort.

Johanna beachtete weder die Entdeckungen Ellens, noch den in den Worten liegenden Hohn, noch die entrüsteten Ausrufe. Mit müdem Ausdruck starrte sie auf das Meer hinaus, wie ein Verbrecher, der seinem Richter überliefert ist, aber noch eine lange Rede anzuhören hat, dabei aber nichts sehnlicher wünschend, als dass diese beendet ist, und dass sich die schwere Kerkertür hinter ihm schließt.

Plötzlich erbleichte Ellen; ihre Hände zitterten noch heftiger als zuvor. Sie hielt einen Brief, dessen Adresse aus Lord Harrlingtons Feder stammte. Mit fest zusammengepressten Lippen durchflog sie den Inhalt. Immer starrer hefteten sich die Augen auf dieses Papier, und dann warf sie Johanna einen Blick zu, in dem Zorn und Abscheu zugleich lagen.

»Also mit solchen Geschäften geben Sie sich auch ab«, bebte es von ihren Lippen — sie steckte den zusammengeballten Brief in ihre eigene Tasche, »eine Kupplerin haben wir zur Freundin gehabt. Pfui Teufel«, brauste sie plötzlich auf, »ich finde keinen Ausdruck, um diese Gemeinheit zu bezeichnen.«

»Ich weiß nicht, wodurch ich solchen Schimpf verdient hätte«, sagte Johanna, welche Ellen während des Lesens beobachtet hatte.

»Wie, Sie finden auch noch Entschuldigungen, um diese Gemeinheit bemänteln zu wollen?«

»Ich wüsste nicht, welcher Gemeinheit ich mich schuldig gemacht hätte«, war die ruhige Antwort.

»Wie bezeichnen Sie das Geschäft einer Kupplerin?«, fragte Ellen.

»Als gemein. Aber ich habe mich nicht mit Kuppelei abgegeben.«

»Leugnen Sie nur!«, lachte Ellen bitter. »Wir sind Ihre Lügen schon gewöhnt.«

»Verschonen Sie mich wenigstens mit solchen unbegründeten Vorwürfen«, sagte Johanna tonlos. »Sie müssen eingesehen haben, dass ich mich nicht entschuldigen will. Legen Sie mir die Strafe auf, welche ich verdient habe, und lassen Sie mich sonst in Ruhe. Unsere Wege werden sich nicht wieder kreuzen. Noch weiß ich einen Ort, wo es mehr Gerechtigkeit gibt, als auf der ›Vesta‹, und noch weiß ich eine Person zu finden, welche besser von mir denkt, als diese Damen, und insbesondere Sie, Miss Petersen.«

»Das wird jedenfalls ein Detektiv sein, das glaube ich. Erst aber wollen wir weitergehen, was sich hier vorfindet. Nach diesem einen Beweise Ihrer Tätigkeit an Bord der ›Vesta‹ vermute ich, dass ich noch mehr finden werde. Ja, gewiss, hier sind sie schon.«

Ellen brachte ein ganzes Paket Briefe zum Vorschein, alle mit der Adresse Johannas versehen, aber alle in verschiedenen Handschriften geschrieben. Sie entnahm den Umschlägen die Briefe, und je mehr sie las, desto entrüsteter wurde sie, bis sie zuletzt einen unsagbaren Ausdruck von Zorn, Abscheu und Ekel zeigte.

»Meine Damen«, rief sie, ohne Johanna anzusehen, »ich wage kaum, Sie mit dem Inhalte dieser Briefe bekannt zu machen. Aber ich muss es tun, um Sie über den Charakter dieser nichtswürdigen Person aufzuklären. Es ist geradezu empörend, was Miss Lind unter der Maske der Freundschaft getrieben hat. Denken Sie sich nur, sie spielte zwischen Ihnen und den Herren des ›Amor‹ die Kupplerin, nicht nur zwischen mir und Lord Harrlington, sondern zwischen fast jeder von Ihnen und einem der Herren. Dadurch können Sie sich gleich einen schönen Begriff von diesen Herren machen. Dieselben tragen hier Miss Lind förmlich und höflich auf, jeder einzeln, ihn bei der betreffenden Dame, die er zu lieben vorgibt, in ein möglichst gutes Licht zu bringen, und bitten Miss Lind zugleich, ihnen mitzuteilen, ob Miss so und so günstig über ihn denkt. Kurz und gut, sie spielt die Rolle einer Kupplerin. Nun kann ...«

»Das ist nicht wahr!«, schrie Johanna plötzlich dazwischen, und fast schien es, als wolle sie sich auf Ellen stürzen. »Nie habe ich derartige Briefe empfangen. Meine einzige Korrespondenz führte ich mit Lord Harrlington.«

Unter Ausrufen der namenlosesten Entrüstung sprangen einige Mädchen Johanna entgegen und hinderten sie, Ellen die Briefe zu entreißen. Ihre Glaubwürdigkeit war vollständig dahin.

»Schweigen Sie!«, fuhr Ellen sie an. »Fügen Sie Ihren früheren Lügen keine neuen hinzu. Hier sind die Beweise«, sie hielt ihr die Briefe hin, »dass Sie mit fast allen Herren in Verbindung gestanden haben.«

»Diese Briefe sind gefälscht und mir untergeschoben worden«, entgegnete Johanna, die ihre Ruhe schon wiedergefunden hatte, fest.

»Haben Sie diesen Zettel geschrieben, der unsere Namen, Adressen und Vermögensverhältnisse enthält?«

»Ich habe ihn geschrieben, nicht aber jene Briefe empfangen, die Sie da halten.«

»Es ist gut. Kupplerinnen pflegen sich gewöhnlich gewissenhaft über die Vermögensverhältnisse derjenigen zu orientieren, welche sie an den Mann bringen wollen. Außerdem fragt Sie Lord Harrlington noch öfter in Briefen, wohin die ›Vesta‹ segelt, und es ist anzunehmen ...«

»Es ist nichts anzunehmen, sondern ich habe ihm wirklich stets mitgeteilt, welches unser nächster Hafen war«, unterbrach sie Johanna, »denn ich bin von Lord Harrlington engagiert und bezahlt worden, ebenso wie mein Bruder, bekannt als Nikolas Sharp, über Sie nach Kräften zu wachen. Machen Sie es kurz, Miss Petersen, fällen Sie Ihr Urteil, meine Damen, ich habe nur einen Wunsch, möglichst schnell bestraft zu werden, damit ich das Schiff verlassen kann, auf dem ich mit Ihnen, Miss Petersen, zusammenleben muss.«

Die Damen waren empört, nicht eine schien mehr gewillt zu sein, für Johanna Partei zu ergreifen.

»Es soll kurz gemacht werden, verlassen Sie sich darauf«, entgegnete Ellen. »Die Planken der ›Vesta‹ sollen nicht lange mehr von Ihren Füßen geschändet werden. Beantworten Sie zuvor nur noch einmal meine Fragen, damit alles in rechtmäßiger Form vor sich geht! Gestehen Sie, von Lord Harrlington dazu angeworben zu sein, immer den nächsten Hafen zu verraten, brieflich oder durch Signal, damit der ›Amor‹ der ›Vesta‹ folgen kann?«

»Gestehen Sie, überhaupt den Herren, oder ich will sagen, Lord Harrlington alles verraten zu haben, was zwischen uns gesprochen wurde?«

»Nein, sondern nur das, was ich ihm zur Sicherheit Ihrer Person zu sagen für nötig hielt.«

»Gut, es ist dasselbe. Ich will mich nicht länger damit aufhalten, da Sie die Sache ja so schnell als möglich erledigt haben wollen. Glauben Sie, dass eine dieser Damen ein persönliches Vorurteil gegen Sie hegt? In diesem Falle müssten wir erfahren, warum Sie dies glauben, die betreffende Dame könnte eventuell als Richterin ausgeschlossen werden.«

Einen Augenblick zögerte Johanna. Ihr Blick streifte Miss Morgan, deren Augen den ihren begegneten, aber sofort gesenkt wurden.

»Nein«, sagte Johanna, »ich bin mit allen Damen als Richterinnen einverstanden.« »Meine Damen«, wandte sich Ellen an die Vestalinnen, »die Strafe der Miss Lind besteht darin, dass sie an den Mast gebunden, gegeißelt und im nächsten Hafen an Land gesetzt wird. Nun kommt es darauf an, zu entscheiden, wie viel Peitschenhiebe sie empfangen soll.«

»Halt!«, rief Johanna. »Gewähren Sie mir eine Bitte!«

»Sprechen Sie«, sagte Ellen, hoffend, dass Johanna um Gnade bitten würde, da sie sich über den Gleichmut der zu Verurteilenden schon immer geärgert hatte. Sie fühlte plötzlich einen wahren Hass gegen Johanna.

»Geißeln Sie mich, so lange es Ihnen beliebt«, war die kalte Antwort, »meinetwegen bis zum Tode, aber verlangen Sie nicht, dass ich auch nur eine Minute länger an Bord dieses Schiffes bleibe, welches Sie befehligen. Geißeln Sie mich, und geben Sie mir dann ein Boot, in dem ich mich von der »Vesta‹ entfernen kann, oder ich schwöre es Ihnen, ich springe über Bord.«

»Tun Sie das«, hätte Ellen fast erwidert, aber sie unterdrückte diese Bemerkung und sah sich fragend im Kreise der Damen um.

»Nein, das können wir nicht erlauben«, sagte Miss Nikkerson, energisch eintretend. »Wir sind Hunderte von Meilen von Land entfernt, ein Aussetzen gliche einem Morde, Johanna — Miss Lind hat diese Strafe nicht verdient, und ich gebe meine Stimme nicht dazu her.«

Die Mädchen traten außer Hörweite Johannas zusammen und berieten sich, es ging heftig dabei zu, eine Gegenpartei entstand, aber sie unterlag.

»Geißelung und Aussetzung im nächsten Hafen«, teilte Ellen der Schuldigen nach Schluss der Beratung mit.

»Sie wollen mich also nicht sofort aussetzen?«, rief Johanna verzweifelt. »Gut denn, so erkläre ich Ihnen hiermit öffentlich, ich habe auch das Gelübde der Keuschheit gebrochen.«

Wie erstarrt vernahmen die Vestalinnen diese Worte, dann aber machten sie ihrer Entrüstung Luft in Schmähungen über die Ehrlose.

Da stürzte Miss Thomson auf Johanna zu.

»Sind Sie denn wahnsinnig, Johanna?«, rief sie unter Tränen, »Sehen Sie denn nicht, wie ich und einige Freundinnen uns bemühen, Sie vor dem schrecklichen Schicksale zu bewahren, das Sie bedroht? Und, Vestalinnen«, sie wandte sich zu den Damen um, mit einem Gesicht, dass die ihr zunächst Stehenden entsetzt zurückwichen, so schrecklich blitzten ihre Augen, »bei Gottes Tod, allen Gesetzen der ›Vesta‹ zum Trotz, erkläre ich hiermit, dass niemand auch nur eine Hand heben wird, um Johanna zu schlagen.«

»Sie haben die Gesetze unterschrieben«, unterbrach Ellen sie zornig, mit purpurrotem Gesicht.

»Wohl habe ich es getan, aber ich werde mein Wort nicht halten, und sollte auch ich fernerhin für eine ehrlose Person gelten, Johanna war nicht nur meine Freundin, sie hat sich auch wie eine solche betragen, und nimmer werde ich dulden, dass man sie schlägt, weil sie etwas getan hat, was mit ihrem Pflichtbewusstsein nicht im Einklang stand. Niemals, sage ich, und wer es wagt, Johanna zu nahe zu treten, bekommt es mit mir zu tun.«

»Und mit mir«, erklang es noch von vier Stimmen, und Miss Murray, Miss Nikkerson und zwei andere Mädchen stellten sich schützend vor die Bedrohte.

»Nun, wer will Johanna an den Mast binden? Der Weg zu ihr geht über uns.«

Ellen ward aschfahl, aber sofort gewann sie ihre Fassung wieder.

»Meine Damen, ich lege das Kommando als Kapitänin der ›Vesta‹ nieder. Da!«, sie zerriss das Papier, welches die Gesetze der ›Vesta‹ enthielt, »die ›Vesta‹ hat aufgehört, zu existieren.«

Da war es wieder Johanna, die in die wie gebannt dastehende Masse, welche, etwas Entsetzliches fürchtend, kaum zu atmen wagte, Leben brachte.

Ihre Kraft war gebrochen, weinend stürzte sie Miss Thomson zu Füßen und umklammerte deren Knie.

»Betty«, schluchzte sie, »haben Sie wenigstens Erbarmen mit mir! Begreifen Sie denn nicht, dass ich nur von hier fort will, nur fort, fort von diesem Schiffe, auf dem ich ein fluchwürdiges Dasein gelebt habe. Geben Sie mir ein Boot, nur ein Boot, ohne Segel, ohne Kompass, ohne Ruder, ohne Proviant, ohne Wasser, nur ein Boot, in dem ich die ›Vesta‹ verlassen kann. Haben Sie Erbarmen mit mir, Betty!«

Sie sprang auf und stürzte nach einem kleinen Boote, riss die Taue ab und ließ es ins Wasser.

»Halten Sie ein!«, rief Betty und sprang zu ihr. »Sie sind nicht bei Sinnen!«

»Ich bin's, ich weiß nur das eine, dass ich von hier fort muss! Helfen Sie mir, ich bitte, ich beschwöre Sie, bei unserer Freundschaft, helfen Sie mir, dass ich ins Boot komme. Ich werde den Weg an Land finden, und finde ich ihn nicht, so soll es mir auch gleich sein, aber helfen Sie mir, ins Boot zu kommen!«

Es lag so eine tiefe Verzweiflung in dem Tone des Mädchens, dass Betty ihr unwillkürlich gehorchte. Sie löste das Tau und ließ mit Hilfe einer anderen Dame das Boot ins Wasser, während die übrigen drei, welche zu Johanna gehalten, schon Segel, Riemen, Kompass und Proviant getragen brachten. Auch sie mussten dem Verzweiflungsrufe gehorchen; wie ein Zwang lag es auf ihnen allen, die Bitte der Unglücklichen zu erfüllen.

»Ich danke Ihnen«, sagte Johanna und wollte sich schon über die Bordwand schwingen, um ins Boot zu steigen, als Miss Thomson sie noch einmal zurückhielt.

»Sprechen Sie«, drang Betty in sie. »Sie sind nicht so schuldig, wie Sie scheinen und scheinen wollen. Sie haben eine Feindin, welche Sie verleumdet. Sprechen Sie, noch ist es Zeit, alles wieder gut zu machen. Zählen Sie auf mich. Haben Sie eine Feindin unter uns, die Sie vernichten will?«

Johanna ließ die Augen im Kreise herumwandern, bis sie denen von Miss Morgan begegneten.

»Haben Sie eine Feindin?«

Johanna wollte etwas sprechen, aber tonlos bewegten sich nur die Lippen, kein Wort ward hörbar.

»Johanna«, drängte Betty, »so sprechen Sie doch nur!«

»Nein, ich habe keine Feindin«, sagte sie endlich.

»Aber Sie sind unschuldig, Sie sind keine Detektivin?«

»Ich bin Detektivin«, entgegnete Johanna und richtete sich, auf der Bordwand stehend, hoch auf, »aber ich bin unschuldig, und so gewiss, wie ein Gott über uns wohnt, werden Sie meine Unschuld noch erfahren, später oder schon hier auf Erden!«

Wie schwörend hob sie die Hand zum Himmel empor. Atemlos lauschten ihr die Vestalinnen, es war ihnen allen, als hörten sie eine Prophetin sprechen.


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»Und auch Sie, Miss Petersen«, fuhr Johanna fort, »werden einst noch einsehen, was für Unrecht Sie mir zugefügt haben, mir, der treuesten Freundin, die Sie je gehabt haben. Auch Sie werden einst noch erkennen, welches Unrecht Sie Lord Harrlington getan haben, diesem edlen Menschen, der Tag und Nacht für Sie sorgt, der mich beschworen hat, Sie wie meinen Augapfel zu behüten, dem ich in die Hand geschworen habe, nicht von Ihnen zu weichen, und wenn es meinen Tod herbeiführen solle. Wohl bin ich Detektivin und als solche, Ihrer kleinlichen Meinung nach, eine verwerfliche Person, aber denken Sie daran, was ich Ihnen sage: einst werden Sie es bitter bereuen, mir solche Schmach zugefügt zu haben, und wünschen, alles ungeschehen zu machen. Und dann werde ich Ihnen zeigen, dass ich edler denke, als Sie, ich werde Ihnen verzeihen, wenn Sie eingesehen haben, dass ich ganz ausschließlich nur Ihretwegen mich zur Spionin erniedrigt habe, weil ich Mitleid mit Lord Harrlington fühlte. Schon längst hätte ich meinen Posten mit einer Lage vertauschen können, in der ich die Glücklichste aller Sterblichen gewesen wäre, aber ich habe sie ausgeschlagen, weil ich Lord Harrlington helfen wollte, seinen Schatz zu behüten, doch nun kann ich nicht mehr, meine Kraft ist zu Ende, ich gehe vom Bord der ›Vesta‹ als eine Ausgestoßene, doch die Zeit wird vielleicht bald kommen, da Sie, Miss Petersen, mich mit Freuden wieder bewillkommnen werden.«

Johanna richtete sich noch höher auf, sie streckte die Arme, und ihre Stimme klang feierlich.

»Ich sehe in die Zukunft; meine Ahnung trügt mich nie. Um Ihretwillen, Miss Petersen, müssen alle diese Mädchen noch viel Ungemach erdulden, und nicht eher werden Sie befreit werden, als bis Sie Ihr Unrecht eingesehen haben und geläutert wurden. Bis dahin hoffen Sie nicht, Glück auf Ihrer Reise zu haben, mit mir verlässt dasselbe die ›Vesta‹. Nicht ein Fluch soll es sein, mit dem ich scheide, ich will Sie nur auf die Zukunft vorbereiten.« Sie winkte noch einmal freundlich Miss Thomson zu und sprang dann ins Boot.

* * * * *

III.36. Im Laboratorium

Mister Elias Kinnaird bewohnte am Ende einer Sackgasse in New York ein kleines Häuschen, dessen zwei Frontfensterchen in die Gasse selbst blickten, dessen Hinterfensterchen aber auf einen Teil des Hafens ging. Aber nach keiner Seite genoss man eine schöne Aussicht, vorn standen zerfallene Häuser, vor deren Türen schmutzige Kinder in der Gasse spielten, und hinten lag eine enge Wasserstraße, in welcher elende, verankerte Kähne schon seit Ewigkeit lagen und wohl noch liegen mussten, bis sie einst in dem trüben Wasser versanken. Aber Mister Elias Kinnaird brauchte auch keine Aussicht, denn man sah ihn niemals am Fenster, man sah ihn überhaupt nicht, mit Ausnahme eines Tages der Woche, auf einige Stunden. Eine Frau vom Hause nebenan besorgte für ihn alles, was er zum Lebensunterhalt brauchte, und der einzige Schornstein des Hauses verriet, dass er Fleisch und Gemüse nicht roh verzehrte, sondern eigenhändig zubereitete. Die einzige Stunde, wo man den kleinen, buckligen Kinnaird mit dem uralten Gesicht das Haus verlassen sehen konnte, war Freitags nachmittags.

Dann ging er nach einem nicht weit entfernten Kräutergewölbe, wo er sich erst mit dünner, krächzender Stimme die Chemikerzeitung erbat, sich aus ihr einige Notizen machte und dann für einige Dollars einkaufte: Schwefel, Salpeter und andere Chemikalien, die er selbst nach Hause schleppte oder, wenn das Paket einmal zu groß wurde, sich von einem Jungen nachtragen ließ.

Elias Kinnaird war Chemiker, und er zeigte schon im Gesicht, dass er viel mit Säuren und explosiven Stoffen zu tun hatte, denn es war nur eine einzige Brandnarbe, wodurch natürlich seinen Zügen jede Schönheit genommen war. Alles waren unnatürliche Runzeln, die Augen kaum zu sehen, der Kopf ganz kahl — kurz, Kinnaird besaß ein geradezu abschreckendes Gesicht, und die kleine, buckelige Gestalt machte völlig den Eindruck einer giftgeschwollenen Kreuzspinne, wenn man den Ausdruck gebrauchen darf, da die arme Kreuzspinne nun doch einmal als giftig verschrien wird.

Wovon Elias Kinnaird eigentlich lebte, wusste niemand, aber selbst die Leute in dieser elenden Sackgasse waren viel zu pfiffig, um etwa zu glauben, dass in jenem Häuschen Gold gebraut würde. Gold wird nur in der Erde gefunden oder durch Arbeit gewonnen, davon ist der Yankee überzeugt und hört nicht auf Ammenmärchen, dass man Gold auch aus unedlen Metallen erzeugen könne.

Jedenfalls besaß Kinnaird ein kleines Vermögen und verwendete dieses dazu, irgend ein Patent zu erfinden, etwa eine neue Nahrung aus Kartoffelschalen herzustellen, oder Tinte aus Abflusswasser, oder einen delikaten Wein aus Bierneigen zu brauen — alles Sachen, welche in Amerika nicht zu den Unmöglichkeiten zählen — dass aber ein Mann mit einem kleinen Vermögen nur seiner Bequemlichkeit oder der Wissenschaft leben sollte, ohne zu spekulieren, das geht so leicht in keinen Yankeekopf hinein.

Weiter aber ging das Gerücht, dass Kinnaird doch ein ganz smarter Kerl sein müsse, der Haare auf den Zähnen hätte, denn einst kam vor sein Haus eine Equipage gerollt, ein feingekleideter Herr stieg aus, verschwand in dem Häuschen und kam erst nach einigen Stunden wieder heraus. Diese Besuche wiederholten sich noch oft, und des Nachts wurde verschiedene Male mit dem eisernen Klopfer an die Tür des Chemikers gepocht.

Seit jener Zeit wurde die Gasse noch mehr als früher von einem säuerlichen Duft durchzogen, der den Atem versetzte und die kupfernen Gegenstände der Hausfrau schwarz und die eisernen rot machte, und wären silberne vorhanden gewesen, so hätten diese eine schwefelgelbe Farbe angenommen, aber Gott sei Dank war in den Häusern kein Silber zu finden, welches in Gefahr gekommen wäre, und die silbernen Dollarstücke wurden, um sie nicht erst einer solch furchtbaren Gefahr auszusetzen, möglichst schnell in trinkbare Sachen umgesetzt.

So viel stand aber fest, Elias Kinnaird war kein gewöhnlicher Mensch, er war ein pfiffiger Kerl, der wohl wusste, wie Geld zu verdienen war — was in Amerika erst den Menschen über das Tier erhebt — und als gar einer, der in einer Seifenfabrik arbeitete, im Bierhaus seine unumstößliche Meinung dahin aussprach, dass Elias Kinnaird ›annelistrierte‹, womit der gelehrte Mann Analysieren meinte, da bekam jeder vor Mister Kinnaird ganz gewaltigen Respekt.

Dem Chemiker war es wahrscheinlich ganz gleichgültig, was über ihn gesprochen wurde, ja, er erfuhr nicht einmal davon, dass er innerhalb kurzer Zeit in der Sackgasse ein berühmter Mann geworden war, denn er kam ebenso wenig wie früher aus dem Hause, nahm der Frau den Proviantkorb ab, heizte mittags den Kochofen, den ganzen übrigen Tag aber den Destillierkolben und Schmelzofen, in dem er wahrscheinlich höllische Suppen zusammenkochte. Die schädlichen Dämpfe leitete er nach dem Hofe zu ab und genierte dadurch seine Nachbarn nur wenig.

Eines Nachts, als alle Bewohner der Sackgasse schon, ermüdet von harter Arbeit, schliefen, näherte sich dem letzten Hause ein schneller Schritt, und vor der Tür hielt eine Gestalt, die mehrmals leise den eisernen Klopfer ertönen ließ.

Es dauerte lange, ehe die Tür geöffnet wurde, aber der Unbekannte, ein großer, in einen langen Mantel gehüllter Mann, ließ sich das Warten nicht verdrießen, klopfte auch nicht noch einmal, musste also ganz sicher sein, dass der Bewohner des Häuschens noch wache, obgleich die beiden Fensterchen nicht erleuchtet waren.

Sein Warten wurde auch von Erfolg gekrönt, denn nach etwa fünf Minuten ertönte in dem Hausflur ein von abgetretenen Pantoffeln herrührendes Schlürfen. Man hörte, wie eine Laterne auf den Boden gesetzt wurde, dann ein Ruck, die Tür sprang auf, und dahinter stand die eingeschrumpfte Gestalt von Elias Kinnaird, der eine große Spritze gleich einer Handkanone schussbereit dem Fremden entgegenhielt.

Doch dieser fürchtete sich vor der seltsamen Waffe nicht, sondern trat schnell in das Haus und zog die Tür hinter sich zu.

»Weiß Gott, Kinnaird«, lachte er leise, »Sie jagen mir immer einen Schreck ein, wenn Sie so plötzlich die Tür aufreißen und mir die Spritze entgegenhalten. Wenn Sie mich nun einmal für einen Einbrecher ansähen, was wäre dann mein Los?«

»Dann bekämen Sie eben die ganze Ladung Schwefelsäure ins Gesicht«, kicherte der Alte krächzend.

»Teufel«, sagte der Andere erschrocken, »also Schwefelsäure haben Sie in Ihrer Klistierspritze. Das gäbe einen beißenden Empfang! Was machten Sie denn, wenn Sie Ihren Freund mit solch höllischer Mixtur verbrannt hätten?«

»Dann steckte ich Sie einfach in ein Fass mit Natronlauge und würde Sie neutralisieren«, kicherte der Alte weiter.

»Hören Sie auf«, rief der Fremde, sich schüttelnd, »sonst stecken Sie mich noch in einen Destillierkolben und lassen mich zu einem anderen Menschen umkristallisieren.«

»Das ginge nicht, dazu wäre erst nötig, dass Sie aufgelöst würden. Doch kommen Sie, wir wollen hier nicht stehen bleiben.«

Dann nahm der Alte die Laterne vom Boden auf und humpelte dem Fremden voran durch den Gang, an einer Treppe vorbei.

»Gehen wir heute nicht hinauf?«, fragte der Fremde.

»Nein, ich habe unten einen chemischen Prozess zu beaufsichtigen«, krächzte der Alte, »und hier sind wir auch ungestört.«

»Waren wir das oben nicht immer?«, fragte der Fremde misstrauisch.

»Doch, doch, früher wenigstens. Seit einigen Wochen hat aber die Frau, welche mich versorgt, einen neuen Logierherrn bekommen, dem traue ich nicht. Ich denke, er will spionieren.«

Sie waren unterdes eine Treppe hinuntergestiegen, bei deren schlechter Konstruktion man auf den Gedanken kommen konnte, der Alte wäre selbst der Erbauer gewesen, da die übrigen Häuser überdies gar kein Kellergeschoss hatten, und traten dann in einen hohen Raum, der sehr plump mit rohen Ziegelsteinen ausgemauert war, und dessen Decke auf Balken ruhte.

Dies war das Laboratorium des Chemikers, und beim Eintritt wähnte man sich in das Arbeitszimmer des Doktor Faust versetzt.

Der ganze Raum war vollgepfropft mit Retorten, Ballons, Glasröhrchen, Destillierkolben und anderen Instrumenten, wie sie in jedem Laboratorium gebraucht werden, auf Regalen längs den Wänden standen sie herum, ein großer Tisch war mit ihnen bedeckt, desgleichen mit Spirituslampen, Schläuchen, Flaschen und Phiolen, auf anderen Regalen wieder standen nur Flaschen und Büchsen, zwar alle ohne Aufschrift, aber sehr sauber gehalten.

Auf einem Nebentisch befand sich ein mächtiger Destillierapparat, und die tönerne Retorte lag über einem Ofen, dessen Holzkohlenfeuer den Inhalt derselben verdampfen ließ.

Der Raum wurde am Tage von zwei Fensterchen erhellt, die dicht über dem Wasser lagen, jetzt aber mit Läden verdeckt waren. Der Raum wurde dürftig von einer Petroleumlampe erleuchtet. Durch die Fenster konnten Röhren gelegt und vor ihnen Glaskästen aufgestellt werden, und ebenso, wie diese Vorrichtung, verriet auch eine gläserne Maske, dass dieser Chemiker viel mit Giften zu tun hatte.

Elias Kinnaird setzte sich auf einen Stuhl vor dem Destillierapparat. Sein Begleiter legte den Mantel und den tief über die Stirn hängenden Schlapphut ab, und nachdem er sich als Mister Eduard Flexan entpuppt hatte, nahm er nicht weit von dem Chemiker Platz, eine große Ledermappe auf den Knien haltend.


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»How is business?« (Wie geht's mit den Geschäften.) Mit dieser, in Amerika sehr beliebten Frage begann Mister Flexan das Gespräch, wahrscheinlich, wie jeder Yankee, von dem Grundsatze ausgehend, dass, wenn das Geschäft gut geht, der Mensch sich überhaupt wohl befindet.

»Herzlich schlecht«, krächzte der Alte, mit einem Blasebalge das Feuer anfachend.

»Haben Sie schon Erfolge mit Ihren Analysen gehabt?«

Unter Analyse versteht der Chemiker das Zerlegen irgend einer festen, flüssigen oder gasförmigen Substanz in ihre Elemente, in die Urstoffe, welche nicht weiter zu zerlegen sind.

Der Chemiker schüttelte unwillig den brandroten Kopf, und seine schon fast völlig verschwindenden Augen kniffen sich noch mehr zusammen.

»Was sagt der Ingenieur zu Ihren Misserfolgen? Will er Ihnen die gefundene Substanz nicht abnehmen und sie einem anderen Chemiker zum Analysieren geben?«

»Pah«, rief der Chemiker verächtlich, »Mister Boxter weiß recht gut, dass, wenn Kinnaird dies nicht kann, auch kein anderer Chemiker es vermag.«

»Vielleicht ist es gar nicht die betreffende Substanz?«, meinte Flexan.

»Natürlich ist sie es.«

»Woraus schließen Sie dies?«

»Eben daraus, dass sie sich nicht weiter zerlegen lässt.«

»Nun, es könnte noch ein anderes Element geben, das sich durch Säuren oder Feuer nicht zerlegen lässt.«

Der Chemiker öffnete einen kunstvoll geschnitzten Wandschrank, entnahm daraus ein Holzkästchen und diesem wieder eine dünne, gummiähnliche Platte.

»Ich habe sie schon gesehen«, sagte Mister Flexan, einen Blick darauf werfend, »aber mir deuchte, das vorige Mal, als Sie mir die Platte zeigten, wäre sie größer gewesen.«

»Mister Boxter hat die Hälfte mitgenommen.«

»Sehen Sie! Er wird die andere Hälfte einem anderen Chemiker zur Analyse geben.«

»Nein«, antwortete Kinnaird bestimmt, »Ingenieur Boxter ist selbst ein scharfsinniger Chemiker, da er diese Substanz aber nicht analysieren konnte, so wandte er sich nur noch an mich. Die Hälfte, die er mitnahm, will er als Kuriosität für sich behalten.«

Mit wehmütigem Blick betrachtete der Chemiker die dünne Platte.

»Ich habe alles mit ihr angefangen, was ich nur konnte«, sagte er niedergeschlagen. »Tag und Nacht habe ich an ihr gearbeitet, keine Säure, keine Lauge unversucht gelassen, aber alles kann ihr ebenso wenig anhaben, wie das stärkste Feuer. Selbst, dem Königswasser gegenüber, welches doch Gold auflöst, verhält sie sich neutral, und stundenlang habe ich sie heißen Dämpfen der Kieselsäure ausgesetzt, bis ich selbst dem Tode nahe war, ohne dass sie im geringsten davon angegriffen worden ist.«

»Haben Sie es schon mit Elektrizität versucht?«, rief Flexan dazwischen.

Wieder lachte der Chemiker verächtlich über diese Zwischenfrage des Laien. »Der stärkste Strom konnte der Substanz nichts anhaben«, entgegnete er. »Aber bei diesem Versuche ist mir doch klar geworden, dass es die Substanz ist, welche das ganze Geheimnis in sich schließt. Passen Sie auf!«

In demselben Wandschrank stand eine elektrische Batterie, von welcher zwei Drähte herabhingen. Der Chemiker nahm die Enden derselben, hielt sie an zwei verschiedene Seiten der Platte und leitete einen schwachen Strom hindurch. Sofort änderte sie die Farbe.

Die erst schwarze Platte wurde mit einem Male silbergrau, kaum aber entfernte er die Drähte, so nahm die Platte wieder die frühere Farbe an.

»Das ist sie«, rief Flexan, »ebenso kann sich auch der ›Blitz‹ verändern. Also daher kommt es, dass der ›Blitz‹ einmal schwarz, dann wieder grau aussieht. Nun weiß ich es: gewöhnlich ist die Färbung des ›Blitz‹ schwarz, wird aber durch die Farbe ein elektrischer Strom geleitet, so sieht er grau aus.«

»Es ist so«, stimmte der Chemiker bei, »und zu gleicher Zeit ist diese Substanz auch dasjenige Medium, was durch Reibung mit den Meereswogen Elektrizität erzeugt. Aber aus was besteht sie? Ich weiß es nicht. Ich kann das Geheimnis nicht lösen.«

»Vielleicht kommen wir auch ohne Analyse auf die richtige Spur«, lachte Flexan. »Aber Mister Boxter soll dann natürlich nicht in den Besitz des Resultates kommen, sondern wir wollen eine hübsche Summe durch den Verkauf desselben herausschlagen.«

»Wie wollen Sie das machen?«, fragte der Chemiker mit gierig zwinkernden Augen.

»Ich will es Ihnen nachher mitteilen«, entgegnete Flexan und öffnete die Ledermappe, »erst wollen wir die Geschäfte erledigen, derentwegen ich hergekommen bin. Hier«, er händigte dem Chemiker zwei Schreiben ein, »sind zwei Briefe, deren Schrift Sie bis auf den untenstehenden Namenszug zu vernichten haben, wie gewöhnlich, sodass man ...«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn grinsend der Alte, »dass man auf dem Papier wieder schreiben kann. Natürlich, so etwas versteht der alte Kinnaird ausgezeichnet. Hihi.«

Er betrachtete die Schriftstücke.

»Immer noch von den Mädchen?«, sagte er. »Sind Sie damit noch immer nicht fertig? Das dauert ja schrecklich lange diesmal.«

»Ja, es ist auch eine heikle Arbeit, wir gehen sehr, sehr vorsichtig dabei zu Werke, aber nicht lange mehr wird es dauern, so sind unsere Bemühungen mit Erfolg gekrönt. So einen fetten Bissen haben wir lange nicht mehr gehabt, und es tut auch not, denn in unserer Kasse ist bereits manchmal tiefe Ebbe.«

»Wird auch etwas für mich von dem fetten Bissen abfallen?«, schmunzelte der Alte.

»Sie bekommen Ihre gewöhnlichen Prozente ausgezahlt.«

»Habe aber viel Arbeit damit gehabt mit den Tintenklecksen, Stempelätzungen und so weiter.«

»Und werden Sie dafür nicht ganz ungeheuer hoch bezahlt?«, sagte Flexan entrüstet. »Für jeden Brief, dessen Schriftzüge Sie verwischen, verlangen Sie hundert Dollar und für jeden Stempel das doppelte.«

»Dafür riskiere ich auch meinen Kopf, und meine Kunst muss auch bezahlt werden.«

»So, Ihren Kopf? Was soll ich denn da sagen?«, rief Flexan. »Von allen habe ich doch jedenfalls die schwerste Arbeit übernommen. Ich befinde mich fast Tag und Nacht auf der Reise, auf dem Schiffe und auf der Eisenbahn, zu Wagen, zu Pferde, zu Fuß. Ich schlafe oft genug im Freien wie ein Indianer, krieche in Wildnissen herum, in Spelunken und so weiter. Keiner von Ihnen allen setzt so wie ich Leben, Freiheit und Gesundheit aufs Spiel, und ich habe auch nicht mehr als die Anderen.«

»Und die Reisespesen?«

»Die muss ich natürlich vergütet bekommen, das ist selbstverständlich.«

»Dabei wird sich wohl ein hübsches Sümmchen ersparen lassen«, kicherte der Alte,

»Jawohl, ersparen«, rief Flexan entrüstet. »Zusetzen muss ich noch oft genug. Wenn ich natürlich so wie Sie, alter Geizhals, leben könnte, der seine Geldhaufen immer vergrößert, dann ginge es wohl, aber ich muss nobel auftreten und manchen Mund mit Gold verschließen, was ich nicht mit auf die Rechnung setzen kann.«

Der Chemiker war unterdessen nicht müßig gewesen.

Er hatte aus verschiedenen Flaschen Flüssigkeiten in eine Phiole gegossen und das Glasgefäß mittels einer Holzzange über eine Spiritusflamme gehalten. Die erst helle Flüssigkeit wurde, als sie sich erwärmte, erst gelb, dann rötlich, und als sie zu kochen anfing, purpurrot, wobei sich zugleich ein Bodensatz ausschied. Der Chemiker filtrierte die klare Flüssigkeit ab und goss wieder eine Säure hinzu, wodurch die rote Färbung völlig verschwand.

Als die Substanz kalt war, nahm er das erste Schreiben und befeuchtete es mit ihr, sorgfältig aber darauf achtend, dass die Unterschrift nicht nass wurde. Dann hing er das nasse Papier, dessen befeuchtete, mit Tinte geschriebenen Schriftzeichen immer mehr erblassten, zum Trocknen auf und machte sich daran, den zweiten Brief ebenso zu behandeln.

»Wie geht es mit Tannert?«, fragte der Chemiker, die Buchstaben sorgsam betupfend.

»Sie stecken hier wie ein Fuchs in seiner Höhle und können natürlich keine Ahnung haben, was draußen vorgeht«, versetzte Flexan, »Sie werden staunen, was Tannert, Ihr Liebling, alles erlebt hat. Er hat geschrieben oder vielmehr seine Berichte regelmäßig eingereicht.«

Nun erzählte er dem erstaunten Chemiker Tannerts Abenteuer in Afrika.

»Also Nick Sharp ist auch wieder aufgetaucht und bemüht sich, diesem geheimnisvollen Meister auf die Spur zu kommen?«, kicherte der Alte. »Na, dann lassen Sie sich gratulieren, Mister Flexan! Dieser Sharp ist ein pfiffiger Patron und wird schon auf die Spur des Meisters kommen. Hihi.«

»Seien Sie ohne Sorge!«, sagte Flexan gleichmütig, Weiß ich erst einmal, dass wir mit Sharp zu tun haben, so ist alles schon so gut wie gewonnen, das heißt, man zählt ihn schon nicht mehr zu den Lebenden. Dieser Tage erwarte ich die Nachricht von seinem Tode.«

»Kann ich Ihnen mit einem Fläschchen Zyankali unter die Arme greifen? Hihi.«

»Nein, danke«, lachte Flexan. »Bei diesem Burschen ist ein Dolchstich oder eine Revolverkugel besser angebracht, sein Magen könnte schließlich selbst Zyankali vertragen. Aber einige Gifte und Schlafmittelchen muss ich mir nachher mitnehmen. Erinnern Sie mich daran!«

»Nun, Zyankali wird er wohl kaum vertragen können«, meinte der Alte, »ich kenne Sharp gut, dem ist nicht so leicht in den Rücken zu stechen oder zu schießen, wie Sie meinen. Aber so ein kleines Gläschen Branntwein, wie er es liebt, mit einer Spur von Zyankali darin, das wirkt, sage ich Ihnen. Keine Sekunde zappelt er mehr.«

»Will es mir überlegen.«

»Und der Seewolf ist also auch wieder glücklich an der Küste angekommen?«

»Ja, und hat sein Schiff wieder übernommen. Glückt es ihm aber diesmal nicht, den ihm befohlenen Handstreich gegen die Damen auszuführen, so muss er hängen. Es ist alles so sorgfältig vorbereitet worden, dass es ihm gar nicht missglücken kann.«

»Wie wollen Sie denn die Damen verschwinden lassen?«, fragte der Chemiker,

»Ich weiß noch nicht«, entgegnete Flexan, den kleinen auf ihn gerichteten Augen des Fragers ausweichend.

»Müssen Sie ...?«

Der Chemiker machte eine bezeichnende Bewegung nach der Kehle.

»Wahrscheinlich, ja!«

»Na, dann gibt es in Amerika wenigstens keine großen Trauerszenen. Die Damen sind ja alle ledig und ohne Anhang.«

»Darum ist es eben das beste, wenn sie für immer still gemacht werden«, gab Flexan zu. »Es ist ein Glück, dass wir keine nachspürenden Verwandten zu fürchten haben.«

»Aber die englischen Herren?«

»Die müssen wahrscheinlich auch daran glauben.«

»Könnte ich mit denen nicht auch ein Geschäftchen machen? Ich bin jederzeit bereit, auf Briefen nur die Unterschrift stehen zu lassen, alles andere aber wegzubringen«, schmunzelte der Chemiker.

»Wollen sehen, was sich tun lässt! Verlohnen wird es sich allerdings bei ihnen.«

Der Chemiker hing das zweite Papier auf und nahm das erste von der Glasstange herunter, es war getrocknet. Jetzt brachte er eine kleine Maschine zum Vorschein, an welcher zwei Gummiwalzen durch eine Kurbel zur Bewegung gebracht werden konnten. Der erste Brief wurde zwischen die eng zusammenstehenden, rauen Walzen gebracht und mehrmals hin- und hergedreht, wodurch das, durch die chemische Flüssigkeit glatt gewordene Papier wieder eine raue und faserige Fläche annahm, geradeso, wie es erst gewesen war.

So war ein völlig weißes, wie neu aussehendes Papier entstanden, welches nichts enthielt als einen Namenszug, der nicht gelitten hatte.

»Was ist es für eine Tinte?«, fragte Flexan. »Haben Sie schon geprüft, dass da nicht etwa etwas vorfällt.«

»Nehmen Sie die Tinte Nummer vier«, entgegnete der Chemiker, »es ist dieselbe wie früher. Die Vestalinnen benutzen ja alle nur ein und dieselbe Tinte.«

Der Chemiker machte sich daran, auch dem zweiten Briefe sein ursprüngliches Aussehen wiederzugeben.

»Wie steht es mit den Leuten?«, fragte er während dieser Beschäftigung. »Sind noch keine Meutereien wieder vorgekommen, wie damals in Australien?«

»Nein, dafür ist gesorgt. Sie werden mehr denn je in Furcht gehalten, mehr denn je ist mit dem Stempel des Meisters gearbeitet worden. Sie können nächstens einige neue herstellen, die alten sind fast abgenutzt.«

»Ist an so vielen ein Exempel statuiert worden?«, rief der Kleine erschrocken.

Flexan nickte ernst.

»Auf meiner Reise habe ich allein mit eigener Hand zwei Männer aufgehängt, die ich beim Verrat ertappte, und ihnen den Stempel eingeätzt, oder, wie die Leute glauben, eingebrannt. Die Säure greift den Gummi etwas an, Alter.«

»Neulich hörte ich, in London sei ein Sträfling, der in der Tretmühle arbeitete, mit diesem Zeichen an der Stirn erdrosselt im Bett gefunden worden. Ist das wahr?«

»Allerdings«, entgegnete Flexan, »wir haben ja Harrison dort. Auf zehn Jahre lautet ja sein Kontrakt, sechs hat er nun schon hinter sich.«

»Man sollte kaum glauben, dass jemand freiwillig ins Zuchthaus geht!«

»Warum denn nicht? Kommt er nach zehn Jahren heraus, so ist er ein reicher Mann. Übrigens führt er im Zuchthaus kein schlechtes Leben, er ist Aufseher, sonst wäre es ihm wohl auch nicht gelungen, so energisch dafür zu sorgen, dass keiner unserer Leute, die ins Zuchthaus kommen, plaudern kann. Wir haben in jedem Zuchthaus und in jeder Strafanstalt solche, welche nur darum ein Verbrechen begangen haben, damit sie als Sträflinge aufgenommen werden und für uns wirken können. Die Nachfrage nach diesen Posten ist eine sehr große. Es lockt kolossal, dass sie nach einigen Jahren reiche Leute sind.«

»Ehe ich nur eine Woche in der Tretmühle arbeitete, nähme ich lieber Gift«, rief der Chemiker mit Nachdruck.

»Sie würden diese Arbeit nicht einmal eine Woche aushalten können«, meinte Flexan nachdenkend, »Es ist eine ganz höllische Beschäftigung. Zehn Minuten muss man treten. Tritt man nicht, so wird man herausgeschleudert, und fünf bis zehn Minuten kann man aussetzen, je nachdem das Strafmaß ist. Abends ist der Körper wie gerädert, früh ganz steif, und gerade früh muss man mit den lahmen Knochen schnell treten, und tut man dies nicht schnell genug, so wird das Trittrad an eine Maschine gespannt, die nachhilft. Dann heißt es entweder treten, oder dein Körper wird zerfetzt. Schrecklich!«

»Wie lange konnten Sie denn die Zwischenpausen ausdehnen?«, kicherte der Alte.

»Ich?«

Flexan fuhr erschrocken vom Stuhle auf.

»Wie kommen Sie zu dieser Frage? Ich hatte noch nicht das Vergnügen, in der Tretmühle zu arbeiten.«

»So, ich dachte, weil Sie so damit Bescheid wissen und über alles orientiert sind.«

»Mir ist oft genug davon erzählt worden.«

»Hat Ihr Herr Vater Ihnen erzählt, wie es in der Tretmühle hergeht?«, kicherte wieder der Chemiker.

»Mister Kinnaird, hüten Sie Ihre Zunge«, rief Flexan drohend, »denn sonst könnte Ihr Kopf Bekanntschaft mit der Retorte machen, in der es kocht.«

»Es wäre nicht das erste Mal, dass mein Kopf heiße Säure zu kosten bekommen hat«, lachte der Alte. »So — der zweite Brief ist auch fertig. Wie neu geworden, nicht? Nun operieren Sie weiter so geschickt mit ihnen, wie ich es getan habe, und Sie werden Erfolg damit haben. Wollen Sie sonst noch etwas gemacht haben? Ich stehe Ihnen zu Diensten.«

Flexan holte einen Zettel hervor.

»Hier diese Gifte und Schlafmittel«, sagte er. »Haben Sie noch Chloroform da?«

»Habe erst gestern welches fabriziert. Sie könnten es jedoch künftig in einer Apotheke kaufen. Seine Herstellung macht mir immer mehr Schwierigkeiten, als die ganze Geschichte wert ist.«

»Aber ich bekomme es in der Apotheke nicht so stark und so gut, wie von Ihnen«, entgegnete Flexan.

Der Chemiker fühlte sich geschmeichelt. Er füllte mehrere Fläschchen mit den gewünschten Substanzen und bereitete die, welche ihm fehlten, in Gläsern, Retorten und Mörsern erst zu.

»Sagen Sie mal, Mister Kinnaird«, begann Flexan wieder, »können Sie ebenso gut, wie Sie analysieren, also einen Stoff in seine Substanzen zerlegen, auch ein Gemenge nach Rezept zusammenbrauen?«

»Wenn's weiter nichts ist!«, lachte der Chemiker. »Das ist doch viel leichter als analysieren, das kann jedes Kind.«

»Auch etwas, was Sie nicht analysieren können?«

»Ich kann alles analysieren«, entgegnete der Chemiker stolz.

»So?«, fragte Flexan spöttisch. »Etwa auch die Gummiplatte da? Sie haben doch bewiesen, dass Sie das nicht können.«

»Das ist etwas anderes«, sagte der Chemiker ruhig. »Es gibt Stoffe, welche nicht zu zerlegen sind.«

»Würden Sie aber denselben gummiartigen Stoff machen können, wenn Sie das Rezept dazu haben?«

»Ah«, rief der Chemiker erstaunt, »jetzt verstehe ich, wo hinaus Sie wollen. Ja, das kann ich, denn Kinnaird ist ebenso klug, wie der Mann, der den Stoff gemacht hat. Er kann aber sein Präparat selbst nicht wieder zerlegen.«

»Das ist möglich. Sie getrauen sich also, wenn Sie das Geheimnis dazu haben, die Substanz, Farbe, oder was es ist, mit welcher man Elektrizität erzeugen kann, auch zusammenzumischen?«

»Auf alle Fälle! Nur ist anzunehmen, dass ein Rezept von solcher Wichtigkeit in geheimer Schrift geschrieben ist.«

»Erstens glaube ich das nicht, und dann lässt sich doch jede Geheimschrift, und wenn sie noch so kompliziert ist, entziffern.«

»Wissen Sie, ob ein solches Rezept existiert? Es ist natürlich anzunehmen, dass der Kapitän des ›Blitz‹ es besitzt, aber ebenso leicht möglich ist es, dass er es nicht schriftlich, sondern nur in seinem Kopfe bei sich trägt.«

»Nein, wir haben die Vermutung, dass dieser Hoffmann es schriftlich besitzt und sogar bei sich führt.«

»Hoh, das wäre einmal ein Fang«, rief der Chemiker ganz erregt. »Verschaffen Sie mir das Rezept! Ich bereite die Substanz, und ich garantiere Ihnen, wir schlagen Millionen und Abermillionen Dollar aus der Erfindung.«

»Das glaube ich auch«, lachte Flexan, »und bekommen wollen wir das Rezept schon. Es handelt sich nur darum, ob Sie es zu benutzen verstehen.«

»Ich wiederhole Ihnen nochmals«, rief der Chemiker eifrig, »ich kann alles, was ein anderer Chemiker kann.«

»Hoffmann muss aber ein ganz immens geschickter Chemiker sein, dass er solch eine Substanz, die Ihnen ganz unbekannt ist, überhaupt erzeugen kann.«

»Das mag sein«, entgegnete Kinnaird nachdenkend, »Gewiss, er muss ein scharfsinniger Chemiker sein, aber, wie es in allen Fällen ist, so ist auch hier anzunehmen, dass er die Erfindung zufällig gemacht hat, oder dass sie ihm von jemandem anders mitgeteilt worden ist, der auch nur durch Zufall zu ihr gekommen ist. Pulver und Porzellan sind auch nur so zufällig erfunden worden. Trotzdem aber, kenne ich die Urbestandteile dieser Masse, so will ich Ihnen dieselbe sofort zubereiten, und sei dies noch so schwierig.«

»Ich glaube Ihnen, ich zweifle auch durchaus nicht an Ihrer Kunst. Sie haben schon oft genug Beweise davon geliefert.«


Illustration

»Wer ist nur eigentlich dieser Kapitän Hoffmann? Ein deutscher Ingenieur? Es ist ganz merkwürdig, dass solch ein Mann, der ein gelehrter Chemiker sein muss, zum Vergnügen auf einem Schiffe herumfährt. Ich würde aus einer derartigen Erfindung eine Summe herausschlagen, welche mich zum schwerreichen Mann machte, reicher als die Silberkönige von Amerika zusammengenommen.«

Flexan lächelte geheimnisvoll, als er antwortete:

»Reicher als die Silberkönige von Amerika, sagen Sie? Hören Sie mir zu, ich werde Ihnen erzählen, wer dieser Hoffmann eigentlich ist, ich habe genaue Erkundigungen über ihn eingezogen.«

* * * * *

III.37. Ein Geständnis auf dem Sterbebett

In Mgwana hatten sich, wie schon früher erwähnt wurde, Symptome von Cholera gezeigt, und die Europäer des Hafens waren mit ihrem Vorschlag durchgedrungen, dass jeder, zu Lande oder an Bord, sei er Schwarzer oder Weißer, der auch nur eine Spur dieser schrecklichen Krankheit zeige, sofort nach Borronkon geschafft werde, wo er von Ärzten und Krankenpflegern beobachtet wurde.

Als der wöchentliche Postdampfer, der die ganze Westküste von Afrika entlang fährt, von Kapstadt ankam, entstand zwischen dem Kapitän des Schiffes und einem Sanitätsbeamten von Mgwana Streit wegen eines Passagiers.

Dieser Mann war unterwegs erkrankt, und wenn auch nicht gerade an Cholera, so war sein von heftigem Fieber zerrütteter Körper doch der Ansteckung besonders ausgesetzt. Der Kapitän erklärte, der Passagier habe nach Mgwana gewollt und dafür bezahlt. Er sei im Besitze von großen Geldmitteln, und so stehe nichts im Wege, ihn an Land zu bringen, wohin, das ginge ihn, den Kapitän, nichts an. Der Arzt wollte den kranken Mann nicht an Land haben, aber es blieb ihm schließlich doch nichts anderes übrig, als sich dem Willen des Kapitäns zu fügen.

»Wissen Sie, was der Zweck der Reise des Kranken ist?«, fragte der Arzt den Kapitän.

»Nein, ich konnte nichts aus ihm herausbekommen; sofort als er den Anfall des Fiebers bekam, verfiel er ins heftigste Delirium, er wird ohne Zweifel sterben. Ich gebe Ihnen sämtliche Effekten mit, darunter seine Papiere, und Sie können dann nach Gutdünken handeln. Glaube, er ist ein Gentleman.«

»Er kommt natürlich nach den Baracken und muss eine zweiwöchentliche Quarantäne (Beobachtungszeit) durchmachen. Aber auch ich glaube kaum, dass er noch einige Tage leben wird«, sagte der Arzt und ließ den besinnungslosen Kranken von einem Krankenträger in das Boot bringen, welches die weiße Flagge mit dem roten Kreuz führte, die internationale Sanitätsflagge.

Da trat ein noch junger Herr, welcher ein Billet besaß, laut dessen er die ganze Küste von Afrika befahren konnte, auf den Arzt zu.

»Gestatten Sie mir«, sagte er höflich, »dass ich diesen Herrn in Privatpflege nehme? Es ist ein Mann von Ansehen und Bedeutung, dessen Familie unglücklich sein würde, wenn sie erführe, dass er hier krank und verlassen im fremden Lande liegt.«

»Kennen Sie ihn?«, fragte der Arzt misstrauisch.

»Ich kenne ihn, wenn ich auch nicht mit ihm befreundet bin. Er ist ein Deutscher, gleich mir.«

Der Arzt sann einen Augenblick nach. »Nein, es geht nicht«, entschied er dann, »ein jeder Kranker, wer er auch sein mag, muss in die Baracken. Gestatte ich einmal eine Ausnahme, so folgen bald mehrere. Tut mir leid, mein Herr, dass ich Ihre Bitte abschlagen muss.«

Der junge Mann versuchte noch einmal, den Arzt zu bewegen, dass er die Pflege des Kranken übernehmen könne, aber schließlich musste er seine Bemühungen als fruchtlos aufgeben.

Der Kranke wurde ins Boot gebracht und an Land gerudert, aber auch der junge Herr teilte dem Kapitän sofort mit, dass er hier das Schiff zu verlassen wünsche, und brummend musste der Kapitän den Befehl geben, ein Boot auszusetzen, um den Passagier an Land zu bringen.

Der Herr nahm seine beiden kleinen Koffer und erreichte das Ufer, nachdem das Sanitätsboot schon längst gelandet und der Kranke nach den Baracken gebracht worden war. Bei den Krankenträgern erkundigte er sich, wo jene lägen, und eilte ungesäumt dahin, sein Gepäck dem Schutze eines Hafenbeamten überlassend.

Die Baracken, lange, hölzerne, luftige Gebäude, lagen etwa eine halbe Stunde von Mgwana entfernt, auf einem Hügel, also so gesund wie möglich. Obgleich der Kranke sicher nicht sehr schnell getragen werden konnte, gelang es dem jungen Deutschen doch nicht mehr, den Transport zu erreichen. Er sah nur noch aus der Ferne, wie sich das hölzerne Barackentor hinter der Tragbahre schloss.

Fünf Minuten später stand er atemlos vor demselben und bat den Pförtner um Einlass, da er den soeben eingelassenen Kranken unbedingt sprechen müsse, aber die Erfüllung des Wunsches wurde ihm in unhöflichem Tone rundweg abgeschlagen.

»Außer den Beamten kommt kein Gesunder in die Baracken«, lautete die Antwort.

»So möchte ich den Anstaltsarzt sprechen«, rief ärgerlich der junge Mann.

»Das hat gar keinen Zweck, er verbietet Ihnen den Zutritt erst recht, und dann ist seine Sprechzeit schon längst vorüber.«

Der Herr war sehr ärgerlich; man sah ihm an, von welcher Wichtigkeit es ihm sein musste, den Kranken noch einmal zu sprechen, ehe derselbe die Reise ins Jenseits anträte, was auch nach Aussage des Schiffsarztes bald erfolgen musste.

Der Pförtner musterte mit pfiffigen Augen den elegant gekleideten Fremden von oben bis unten, und dadurch fiel diesem plötzlich ein, wie er sich wohl auf diese oder jene Weise den Eingang zu den Baracken ermöglichen könne.

»Hier, guter Freund«, sagte er und drückte dem Manne ein, großes Silberstück in die Hand, »gestatten Sie mir den Zutritt zu dem eben hereingeschafften Kranken. Ich muss ihn auf alle Fälle vor seinem Tode noch einmal sehen und sprechen.«

Jetzt hellte sich das Gesicht des braunhäutigen Gesellen plötzlich auf, weniger wegen der freundlich gesprochenen Worte, als vielmehr wegen des Silberstückes.

»Ich kann Ihnen den Zutritt nicht erlauben ohne die Genehmigung des Arztes, und dieser erteilt sie nicht, aber«, fügte der Torhüter hinzu, »gehen Sie nach dem englischen Konsulat und holen Sie sich dort eine Bescheinigung, dass Sie den Kranken sehen müssen, so bekommen Sie den Zutritt, denn die Baracken stehen unter der Aufsicht des englischen Konsuls. Der Kranke hat nicht die Cholera, sonst könnten Sie ihn auf keinen Fall sehen, er hat nur einen Nervenschlag bekommen und liegt im heftigsten Fieber. Er wird wohl bald draufgehen.«

»Schon gut«, unterbrach der Fremde rasch den redseligen Mann. »Wo befindet sich das Konsulat?«

Der Pförtner beschrieb ihm die Lage desselben.

»Also in der Stadt selbst!«, rief der Deutsche und war schon auf dem Wege dorthin.

»Der hat es ja furchtbar eilig«, brummte der Torhüter in seinen Bart, »aber ehe er den Erlaubnisschein hat, wenn er ihn überhaupt bekommt, ist der Kranke schon längst gestorben; er lebt höchstens noch ein paar Stunden.«

Der junge Deutsche eilte so schnell wie möglich nach der Stadt zurück, die Umständlichkeit verwünschend, die er erst zu besiegen hatte. Eine halbe Stunde rechnete er hin, eine halbe Stunde zurück, und eine Stunde auf dem Konsulat; wer wusste, ob der Kranke noch so lange zu leben hatte!

Aber er sollte für seine Entschlossenheit belohnt werden.

Noch hatte er nicht das Vierteil des Weges nach der Stadt zurückgelegt, als er auf einem kleinen Seitenpfade einen Spaziergänger erblickte, einfach gekleidet, einen Strohhut auf dem Kopfe.

Schon wollte er flüchtig an dem Manne vorübereilen, der eben den Weg erreicht hatte, als dieser selbst auf ihn zukam und ihn anredete.

»Oskar«, rief der Mann mit dem Strohhute auf Deutsch. »Plagt mich der Teufel, oder bist dus wirklich? Willst du dich hier in Afrika zum Schnellläufer ausbilden, dass du so unsinnig rennst?«

Erstaunt blickte der Deutsche dem Unbekannten ins Gesicht, er wusste noch nicht, wen er vor sich hatte.

»Gib dir keine Mühe, mich erkennen zu wollen!«, klang es etwas spöttisch. »Da ich sehe, dass du es sehr eilig hast, so will ich dich nicht lange raten lassen. Ich nannte mich, als ich in Deutschland mit dir zusammen arbeitete, Mister Lind aus Philadelphia.«

»Was, Nick Sharp, du bist es?«, rief der mit Oskar Angeredete erfreut und schüttelte dem Detektiv herzlich die Hand. »Ich brauche nicht zu fragen, wie du hierher kommst, du treibst dich ja in aller Herren Länder herum, manchmal sogar«, fügte er scherzend hinzu, »in einigen Ländern zur gleicher Zeit. Komm mit mir, ich will dir unterwegs erzählen, was mich hierher führt, denn ich habe wirklich keine Zeit zu verlieren.«

Oskar Bergler war Detektiv in einem deutschen Unternehmen, welches privatim die Beobachtung von Personen, die Verfolgung von Flüchtlingen und das Auffinden von Vermissten besorgte. Er hatte Sharp in Deutschland kennen gelernt, als dieser einen nach dort geflohenen, amerikanischen Verbrecher auf den Hacken saß. Beide waren Freunde geworden.

»Du willst nach dem englischen Konsulat, um dir den Eingang zu den Baracken zu verschaffen?«, rief Sharp nach den ersten Worten des Freundes. »Dann brauchst du dich nicht so sehr zu beeilen, jedenfalls kannst du den Konsul heute nicht mehr sprechen, und vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden erhältst du den Erlaubnisschein auf keinen Fall.«

»Aber ich muss einen Kranken, dessen letzte Stunde bald geschlagen hat, unbedingt vor seinem Tode sprechen«, rief Oskar halb verzweifelt.

»Das hättest du mir eher sagen sollen«, antwortete Sharp und drehte sich sofort um. »Ich kann dir den Eingang in die Baracken sofort verschaffen, und wenn der Mann von zehn Seuchen zugleich befallen wäre, kraft meiner Vollmachten, die mir überall die Tore öffnen.«

»Gott sei Dank«, rief Berger erfreut, »so erscheinst du mir ja wie ein rettender Engel!«

»Was für ein Mann ist das, den du da sprechen willst, ehe er stirbt? Hat er ein großes Geheimnis zu verraten?«

»Ich glaube, ja. Es ist ein sehr vornehmer Herr, den zu beobachten, mir vorgeschrieben ist, aber ich folge ihm nun fast durch die ganze Welt nach, ohne zu erfahren, was ich erstrebe. Jetzt oder nie ist mir also die Gelegenheit geboten, zu hören, was ich wissen will. Der Mund eines Sterbenden ist eher bereit, ein Geheimnis auszuplaudern, als der eines Lebenden. Jener Mann ist ein Freiherr, er heißt Freiherr von Schwarzburg.«

»Freiherr von Schwarzburg!«, rief Sharp erstaunt.

»Kennst du ihn?«

»Ja und nein! Fahre erst fort!«

»Die Freiherren von Schwarzburg sind ein mächtiges, deutsches Adelsgeschlecht, welches ...«

»Ich weiß, weiter!«, unterbrach ihn Sharp,

Berger kannte den Detektiv zur Genüge, und so fuhr er fort:

»Vor etwa fünfzig Jahren fiel das Majorat nicht an den ersten Sohn, weil dieser eine Ehe mit einem verworfenen Subjekt geschlossen hatte, sondern an den zweiten Sohn. Jener nicht standesgemäßen Ehe entsprang ein Sohn, Emil von Schwarzburg, der Mann, welcher jetzt wahrscheinlich im Sterben liegt, der Ehe des zweiten Sohnes, welcher nun das Majorat besitzt und den Stammbaum führt, Rudolf von Schwarzburg. Außer den beiden Brüdern existiert noch eine Schwester, welche — merke wohl auf, Nick — von dem harten Vater auch verstoßen wurde, sodass er also zwei Kinder verstoßen hat. Später aber erkannte er, dass er unrecht gegen sie gehandelt. Es war zu spät, den getanen Schritt rückgängig zu machen, die Tochter war und blieb verschwunden. Kurz darauf starb der Erstgeborene und hinterließ den obengenannten Emil. Wir haben nun Ursache, anzunehmen, dass dieser Emil von Schwarzburg alles versucht, um wieder in den Besitz des Majorats zu kommen; denn es ist nur nötig, dass Johannes von Schwarzburg, welcher Seekadett ist, stirbt, so ist Emil wieder Majoratsherr, respektive sein Sohn Konrad. Hast du das verstanden, Nick?«

»Ja, weiter.«

»Emil von Schwarzburg hat einen bösartigen, niederträchtigen, habgierigen Charakter; es ist dem Majoratsherrn Rudolf vorgekommen, als ob derselbe Böses gegen ihn im Sinne habe, und er hat deshalb die Gesellschaft, der ich diene, beauftragt, ihn zu beobachten. Ich bin der erwählte Beobachter. Emil reist fortwährend in der Welt herum, und zwar reist er dem Schiffe nach, auf welchem sich der Seekadett, Freiherr Johannes von Schwarzburg, befindet, und so ist anzunehmen, dass er nach dessen Leben trachtet, umso mehr, als er öfter Umgang mit verdächtigen Elementen hat. Er arbeitet wahrscheinlich weniger für sich, als vielmehr für seinen Sohn Konrad, denn er selbst ist ja schon ein alter und sehr kranker Mann.«

»Was willst du aus dem Munde des Sterbenden erfahren?«, fragte Sharp den Erzählenden.

»Ich komme gleich darauf. Emil war zuletzt in NeuSeeland und begab sich dann nach Kapstadt, wo er den Dampfer wechselte und diesen nahm, den er krank verlassen hat. Ich hatte und habe auch jetzt keine Ahnung, warum er sich hierher begab, vielleicht, dass ich es nun erfahre. Eine Zeitlang hatte ich seine Spur verloren, fand sie endlich in Neu Seeland wieder und verfolgte sie bis hierher. In Kapstadt empfing er einen Brief aus Deutschland — ich bemerkte, dass er überhaupt äußerst zerrüttete Nerven besaß — las ihn und brach dann, von einem Nervenschlag getroffen, plötzlich zusammen. Ich hielt mich, wie sein Schatten, immer in seiner Nähe, war der erste, der ihm zu Hilfe eilte, und las schnell den Brief, der solchen Eindruck auf ihn gemacht. Er enthielt die Nachricht, dass sein Konrad, ein Bengel von zweiundzwanzig Jahren, wegen bedeutender Wechselfälschungen verhaftet worden war und mehrere Jahre Zuchthaus zu erwarten hatte.«

»Aha, ich fange an zu begreifen«, brummte Sharp.

»Ich wüsste nicht, was du schon ahnen solltest.«

»Fahre nur fort!«

»Gut, ich bin gleich zu Ende. Nun möchte ich aus seinem Munde erfahren, ob er den Aufenthalt Gertruds kennt, welche durch Intrigen seines Vaters verstoßen wurde, oder ob er wenigstens weiß, was ihr Schicksal gewesen ist. Vielleicht, dass sie Kinder hat, deren sich Rudolf von Schwarzburg annehmen will!«

»Sollte Emil darüber Papiere besitzen?«

»Es ist nicht anzunehmen, dass über so etwas irgend welches Schriftliche existiert, wohl aber, dass der Vater, durch den die Tochter verstoßen, dem Sohne mitgeteilt hat, wie er dies bewerkstelligte, und zwar nur, um seinem Sohne zum Majorat zu verhelfen. Es ist dem MajoratsHerrn Rudolf nämlich zu Ohren gekommen, dass Emil seinem Vater hat schwören müssen, nicht eher zu ruhen, als bis er sich das Majorat wieder angeeignet hat.«

»Das Geheimnis, welches du erfahren willst, bezieht sich also hauptsächlich auf Gertrud, die unschuldig Verstoßene?«

»Ja, es ist aber auch möglich, dass der von seinem Sohne so schwer gedrückte Vater diesen nun gar nicht mehr als Majoratserben für würdig hält, bei einem Zuchthäusler wäre dies auch gar nicht mehr möglich, und daher die Pläne verrät, die er gesponnen hat, um dem Sohne das Majorat wieder zu verschaffen, und die eventuell auch nach seinem Tode weitergegangen wären.«

»Da sind wir«, sagte Sharp, auf eine Nebentür der unterdes erreichten Baracken deutend. »Du musst mir erlauben, dass ich der Vernehmung beiwohne, denn ich bin mehr für die Schwarzburg'schen Verhältnisse interessiert, als du glaubst, vielleicht kann ich dir später sogar eine wichtige Erklärung abgeben. Noch eins aber: hast du den Kranken nicht schon an Bord gesprochen?«

»Nein, der Arzt ließ mich niemals zu ihm, darum wollte ich ihn hier gern in Privatpflege geben.«

Sharp zog die Klingel, erhielt aber von dem Pförtner denselben Bescheid, wie vorhin sein Freund: außer den Beamten dürfe kein Gesunder die Baracken betreten.

»Hole den Arzt, aber schnell!«, sagte Sharp.

»Er hat jetzt keine Sprechstunde«, war die Antwort.

Sharp nahm eine Karte aus der Brusttasche, schrieb einige Worte darauf und gab sie dem Pförtner. »Innerhalb einer Minute wird der Hauptarzt diese Karte haben«, sagte er dabei kurz und bestimmt.

Es lag etwas in seinen Worten, was den Torhüter veranlasste, die Karte zu nehmen und sich sofort auf den Weg nach der Stube des Arztes zu machen. Unterwegs studierte er die Karte.

»Ein Kriminalbeamter«, murmelte er. »Das ist allerdings etwas anderes.«

In fünf Minuten stand Sharp vor dem Arzt, sprach mit diesem, und gleich darauf führte derselbe die beiden Freunde nach der Baracke, wo der Freiherr lag.

»Es ist ein Glück, dass du mich getroffen hast«, sagte der Detektiv unterwegs, »es soll schlimm mit ihm stehen, jede Minute kann er seinen letzten Seufzer tun.«

»Was fehlt ihm eigentlich?«

»Sein Nervensystem soll schon seit langer Zeit vollständig zerrüttet sein. Die Nachricht von dem Streiche seines sauberen Sohnes hat ihm den Rest gegeben; er geht seiner Auflösung entgegen.«

»Dann wollen wir eilen, dass wir nicht zu spät kommen!«

In dem hölzernen Gebäude lagen oder saßen wohl gegen fünfzig Personen, welche der Cholera verdächtig waren und scharf beobachtet wurden. Nur einige waren aber wirklich krank.

Der einzige, welcher schwer krank war, war der zuletzt Angekommene, Emil Freiherr von Schwarzburg.

Er lag bewegungslos auf seinem Bett. Das nervöse. Zucken hatte sein Gesicht jetzt verlassen, aber dasselbe war vollständig eingefallen, die glanzlosen Augen lagen tief in den Höhlen, und nur ein leises Stöhnen verriet, dass er noch lebte und die letzten Stunden unter heftigsten Schmerzen zu verbringen hatte. Er war so schwach, dass er sich nicht mehr bewegen und seinen Schmerz nur durch Zuckungen äußern konnte.

Neben seinem Bett standen zwei Krankenwärter mit einer Bahre, und so rücksichtslos ging es hier zu, dass sie schon Vorbereitungen trafen, den Leichnam wegzutragen. Sie warteten nur, bis der Kranke den letzten Atemzug getan hatte.

»Beeilen Sie sich!«, drängte der Arzt. »Er ist gerade bei Besinnung, ein sicheres Zeichen, dass er bald sterben wird.«

Schnell trat Berger ans Bett.

»Emil Freiherr von Schwarzburg«, sagte er laut, sich über den Kranken beugend, »sind Sie im Stande, mich zu verstehen und mir Antwort zu geben?«

Der Kranke öffnete langsam den Mund, klappte ihn aber gleich wieder zu. Doch konnte man in seinen Augen, die er auf das Gesicht des Sprechenden gerichtet hatte, lesen, dass er ihn verstanden hatte.

»Ihr Vetter Rudolf fragt, ob Sie wissen, wo sich Ihre Tante Gertrud befindet.«

Da öffnete der Kranke den Mund wieder, und leise, fast unhörbar, drang es stoßweiße daraus hervor:

»Nein — ich weiß — es nicht — ich sterbe — hört Ihr mich ...?«

»Wir verstehen Sie, sprechen Sie!«, drängte Berger, sich noch dichter über den Mund des Kranken beugend, wahrend Sharp auf der anderen Seite dasselbe tat. Sie ahnten, dass er wirklich ein Geständnis machen wollte.

»Ich sterbe — so hört denn — was ich meinem Vetter — sagen lasse — Johannes, der Kadett — ist gar nicht — sein richtiger — Sohn ...«

»Nicht sein Sohn?«, schrie Berger fast auf. »Um Gottes willen, machen Sie nicht noch im Sterben eine Lüge!«

»Es ist keine Lüge — Johannes — ist nicht sein Sohn.«

»Wer denn? So sprechen Sie doch!«

»Still!«, mahnte Sharp. Aber der Kranke öffnete den Mund nicht mehr. Eine Schwäche hatte ihn übermannt. Da bog sich Sharp noch weiter über ihn. »Ist der Mann, welcher den Namen Hannes Vogel trägt, das legitime Kind?«, fragte er zum namenlosen Erstaunen seines Freundes.

Der Freiherr nickte, gleichzeitig fand er die Sprache wieder. »Ja«, flüsterte er tonlos, »Hannes Vogel — ist Johannes Freiherr von Schwarzburg — der Kadett ist ein untergeschobenes Kind.«

»Beweise! Wo sind die Beweise?«, drängte Sharp, welcher das Leben des Kranken erlöschen sah.

»Er hat — den Geburtsschein.«

»Ich weiß es, aber ich brauche mehr Beweise.«

»Die Frau, welche ihn — erzogen hat — hat sie — ich ließ — ein anderes Kind — unterschieben.«

»Sprecht Ihr die Wahrheit, Mann?«, rief Sharp.

»Ich — verfluche — meinen Sohn — ich sage mich — von ihm los — Hannes Vogel — ist der Majoratsherr.«

Plötzlich richtete der Sterbende sich mit einem Ruck im Bett auf und fuhr mit seiner letzten Kraft, so schnell wie er früher gesprochen, fort, auch sein Gesichtszucken hatte sich wieder eingestellt.

»Es ist zu spät«, stöhnte er mit heiserer Stimme. »Hannes wird nicht nach Hause kommen — wenn Ihr nicht schnell ihm nacheilt — an Bord des Schiffes, auf dem er sich befindet — ist ein Mann mit dem Auftrage — ihn zu töten — von mir angeworben — eilt — sonst wird Konrad — doch noch — Erbe — des ...«

Er vollendete den Satz nicht, sank hintenüber und verschied.


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Die Unterhaltung war deutsch geführt worden. Keiner der anwesenden Beamten hatte die Worte verstanden, aber Berger sah erstaunt seinen Freund an, der solche Kenntnis von dieser Sache besaß.

»Wer ist dieser Hannes?«, fragte er.

»Ich kenne ihn«, antwortete Sharp, »er ist vor einigen Tagen mit der ›Urania‹ abgefahren, und wir müssen eilen, wollen wir ihn noch am Leben finden.«

Er zog Berger eiligst mit sich aus dem Sterbezimmer.

»Aber so sprich doch, wer ist denn dieser Hannes, und wie willst du ihn retten, wenn es wahr ist, was der Mann eben gesagt hat? Wir können das Schiff doch nicht mehr einholen.«

»Komm, komm!«, drängte Sharp und nötigte den Freund zum Schnellergehen. »Wir können dies doch vielleicht noch ermöglichen. Eilen wir zunächst so schnell wie möglich nach dem Hafen, dann gehst du nach den Baracken, bringst dich in Besitz der Effekten des Freiherrn und dann wollen wir sehen, was geschehen kann, um Hannes zu retten.«

Im Eilschritt erreichten sie den Hafen; Sharp sprang in ein Boot, sein Begleiter ihm nach, und beide ließen sich nach einem großen, schwarzen Vollschiffe rudern. In aller Kürze teilte Sharp dem Kapitän Hoffmann mit, was sie aus dem Munde des Sterbenden vernommen hatten. Ohne auf Berger zu achten, fragte Sharp den Kapitän des Vollschiffes:

»Werden Sie die »Urania« noch einholen können?«

»Wann ist sie abgefahren? Vor drei Tagen, nicht wahr?«

»Ja.«

Hoffmann nahm ein Buch aus dem Schranke und blätterte darin. Es enthielt sämtliche eingetragenen Schiffe mit Angaben des Tonnengehaltes und der Schnelligkeit.

»Sie fährt nur sechzehn Knoten«, sagte er dann. »Ja, ich könnte sie in drei bis vier Tagen erreicht haben.«

»Wollen Sie helfen, Hannes, den Majoratserben, zu retten?«

»Dann müssen wir aber das andere, was wir ausgemacht haben, aufschieben.«

»Vorläufig! Das schadet nichts weiter.«

»Gut, ich bin bereit, der ›Urania‹ nachzufahren«, entgegnete Hoffmann. »Wir wollen hoffen, dass wir nicht zu spät kommen, um eine Freveltat zu verhindern. Aber, meine Herren«, fügte der bedächtige Ingenieur hinzu, »bedenken Sie, was Sie tun wollen. Johannes, der Seekadett glaubt, er sei der Freiherr. Durch Ihre Aussagen aber wird er aus seiner Position entfernt. Hannes, unser Matrose, ist ein glücklicher Mensch, und ich glaube kaum, dass ihm Ihre Mitteilung viel Freude bereiten wird — er passt besser zum Kapitän als zum Freiherr«, Ihn zu retten, will ich wohl versuchen, wäre es aber nicht besser, Sie ließen die Verhältnisse so, wie sie sich einmal gestaltet haben?«

»Derartige Rücksichten dürfen wir nicht nehmen«, entgegnete der Detektiv, »dann dürften wir nie ein Unrecht aufdecken, weil dadurch die Ruhe einiger Personen gestört wird. Außerdem existiert Konrad, der Sohn, der sicher von den Plänen seines Vaters weiß, ferner die Pflegemutter von Hannes, vergessen Sie das nicht! Diese beiden Personen ziehen Vorteile aus der Verwechselung, und das dürfen wir nicht dulden. Nein, die Sache muss unbedingt aufgedeckt werden!«

»Und denken Sie auch an den alten Freiherrn, an seinen Schmerz, wenn er erfährt, dass er bis jetzt einem fremden Kinde seine Vaterliebe zugewendet hat!«

Diesmal nahm Berger das Wort:

»Rudolf von Schwarzburg ist zu gerecht, als dass er selbst eine solche Verwechselung dulden würde«, sagte er, »aber es ist auch nicht nötig, ihn davon in Kenntnis zu setzen. Vor acht Tagen erhielt ich die letzte Nachricht über ihn, und zwar, dass er auf den Tod krank liegt, und wenn Sie, Mister Sharp, und Sie, Kapitän Hoffmann, die Sie beide Hannes Vogel kennen, mir Ihren Beistand zusagen, so wird es mir ein Leichtes sein, Licht in diese Sache zu bringen und den eigentlichen Erben einzusetzen, womöglich ohne dass der alte Freiherr es erfährt.«

»So sei es denn!«, entgegnete Hoffmann. »In zwei Stunden ist der ›Blitz‹ seebereit. Ich erwarte Sie noch kurz vorher an Bord, meine Herren.«

*

Ein feuriges Ungetüm schoss bald nach dieser Unterredung geisterhaft durch das Meer, den Sturm nicht achtend, der es von vorn in seinem Laufe zu hemmen suchte. Schäumend stürzten die Wogen mit aller Macht über das rätselhafte Fahrzeug, als wollten sie versuchen, die im Innern brennenden Flammen zu löschen, aber so oft und so lange sie den großen Körper auch vollständig überfluteten, immer tauchte er wieder auf und sandte seine Strahlen weit hinaus aufs Meer. Die Wellen vermochten nicht einmal ihre Wut an irgend einem Gegenstande auszulassen, denn das völlig leere und öde Deck bot ihnen keinen Widerstand, und mit unverminderter Stärke beleuchteten die aus einigen Glasfenstern dringenden weißen Strahlen das tobende Meer.

Oft, wenn das Schiff, dessen Schornstein keine Rauchsäule entstieg, den Bug tief in die Wellen steckte, das Heck aber hoch in die Luft hob, gleich einer riesigen Tauchente, konnte man sehen, was dem Schiffe die ungeheure Schnelligkeit erteilte. Dann wurden zwei mächtige Schrauben sichtbar, so groß, wie sie kein Kriegsschiff, kein Passagierdampfer aufzuweisen hat, und ihre Umdrehungsgeschwindigkeit war eine rasende.

Da fiel einer der bleichen Lichtstrahlen plötzlich auf einen Gegenstand, der als Spielball der Wellen hin und hergeschleudert wurde, und so intensiv war das Licht, dass man trotz der dunklen Nacht sehen konnte, dass dieser Gegenstand lebte. Es war ein Mensch, der verzweifelt mit den Wogen rang.

Die Hilferufe dieses Unglücklichen wären vergeblich gewesen, auch wenn viele Retter in der Nähe gewesen wären, das Heulen des Sturmes hätte es keinen Meter weit hören lassen, aber auf diesem sonderbaren Schiffe mussten sich wachsame Augen befinden, die fortwährend das Meer nah und fern absuchten. Kaum war der Mensch, gerade auf einem hohen Wellenkamme schwebend, in den Bereich eines der Strahlen gekommen, so verminderte sich die Schnelligkeit des Schiffes bedeutend, die Schrauben hörten auf zu arbeiten, und im Inneren begann ein Hin- und Herlaufen von Schritten.

Wieder wurde der wackere Schwimmer in einen wirbelnden Strudel gezogen; lange dauerte es, ehe er wieder an der Oberfläche erschien, als er aber nochmals auftauchte, da sah er plötzlich ein graues Boot, fast wie ein Ei geformt, auf sich zuschießen, und ehe er wieder, vielleicht das letzte Mal, in den fürchterlichen Strudel gezogen wurde, fühlte er sich von einem kräftigen Arme gepackt und dem nassen Grabe entrissen.


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* * * * *

III.38. Der Geist der Amazone

Lord Harrlington stand am Bug des ›Amor‹ und blickte unverwandt hinaus in die Nacht. Noch vor einer halben Stunde hatte er die ›Vesta‹ sehen können, aber als bei Anbruch der Dunkelheit keine Seitenlichter aufgesteckt waren, da dauerte es nicht lange, und der weiße Schiffsrumpf war seinen Augen entschwunden.

Doch gab er seinen Posten nicht sogleich auf; erst nach einer Stunde verließ er ihn und entgegnete den Herren, welche ihr Bedauern darüber aussprachen, wieder einmal die ›Vesta‹ verloren zu haben, ebenso sicher wie schon oft zuvor:

»Sorgen Sie sich nicht, wir werden sie wiederfinden.«

»Haben Sie durch Ihre geheimnisvolle Verbindung den nächsten Hafen wiederum erfahren?«

»Ja, ich werde ihn erst auf der Karte suchen und dann Ihnen den Namen mitteilen,«

Die Herren wussten, dass Lord Harrlington stets von einer Dame benachrichtigt wurde, wohin die ›Vesta‹ fuhr, aber nicht, wie er die Nachricht erhielt, noch wer die Verräterin sei. Übrigens wurde auch niemals darüber gesprochen.

Ehe Lord Harrlington das Kartenhaus aufsuchte, wurde er von Williams beiseite gezogen. »Ich wollte Ihnen nur sagen«, redete ihn der immer zu Spaßen aufgelegte Engländer leise an, »das Guanosaca nahe bei Arauka liegt und dieses etwa auf dem 38. Grade an der Westküste von Südamerika.«

Lord Harrlington lächelte.

»Sie haben also gemerkt, auf welche Weise mir die Nachricht signalisiert worden ist. Nun, so bitte ich Sie nur, nicht weiter darüber zu sprechen.«

»Es soll mein Geheimnis bleiben«, versicherte Charles.

Harrlington trat ins Kartenhaus, um die Lage des bezeichneten Hafens genau zu bestimmen. Er fand in dem Häuschen schon John Davids, den zweiten Steuermann, in dem Hauptatlas blätternd.

Seit dem Abend, da sich zwischen beiden der unerquickliche Vorfall ereignet hatte, war Harrlington seinem vermeintlichen Nebenbuhler, der den linken Arm in der Binde trug, immer ausgewichen, als fühle er sich schuldbewusst, jetzt aber ließ sich das Zusammentreffen nicht vermeiden.

John Davids blickte auf und begegnete ruhig den auf ihn gerichteten Augen Harrlingtons.

»Wünschen Sie den Atlas?«, fragte er, stand auf und wollte das Kartenhaus verlassen, als hinter ihm leise sein Name gerufen wurde.

»Davids«, sagte Lord Harrlington und trat mit vorgestreckter Hand auf ihn zu, »ich habe Sie noch um Verzeihung zu bitten.«

»Nein, das haben Sie nicht mehr nötig, denn wir haben uns schon gestern Abend versöhnt«, entgegnete Davids, nahm aber trotzdem die dargebotene Hand und drückte sie.

»Ich gestehe, ich habe furchtbar unbesonnen gehandelt, wie ein Schuljunge habe ich mich durch meine Leidenschaft hinreißen lassen und musste dann doch einsehen, wie grundlos meine ...«

»Ich bitte Sie, lassen Sie die Sache ruhen«, unterbrach ihn Davids herzlich. »Wenige hätten an ihrer Stelle anders gehandelt, ich selbst wahrscheinlich auch nicht. Dass ich mit Miss Petersen eine Unterredung hatte, haben Sie erfahren, und auch, dass diese nur das Feuerwerk betraf. Was das Bild anbelangt, welches ich im Medaillon bei mir trug, so versichere ich Ihnen, dass Miss Petersen selbst keine Ahnung davon hat. Ich bin bereit, Ihnen zu erklären, was mich veranlasste, das Bild malen und in Gold fassen zu lassen.«

»Nein, nein, Davids«, rief Harrlington, »lassen wir die Sache nun vollständig ruhen! Ich muss mir immer wieder zürnen, dass ich in meinem besten Freunde einen Feind gefunden zu haben glaubte. Ich nehme keine weitere Erklärung an, ich bin mit Ihrem Wort vollständig zufrieden.«

Die Sache war wirklich damit zwischen beiden abgemacht, nie wurde ihrer wieder Erwähnung getan, ja, die Folge des kurzen Streites war sogar, dass das Verhältnis zwischen beiden intimer wurde und Davids Harrlington gegenüber etwas von seiner sonstigen Verschlossenheit verlor.

Am nächsten Morgen war die ›Vesta‹ nicht mehr zu sehen, der ›Amor‹ begann zu suchen, d. h. mit Hilfe der Schraube große Bogen zu fahren. Es verging Tag um Tag, aber die ›Vesta‹ war und blieb verschwunden.

Hatten die Herren den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit nicht vor sich, so begannen sie sich meist bald zu langweilen, denn den an Zerstreuungen gewöhnten jungen Herren gefiel es durchaus nicht, immer nur zu lesen, zu musizieren oder zu plaudern; sie dachten oft mit Sehnsucht an die Annehmlichkeiten, die sie verlassen hatten, um der ›Vesta‹ zu folgen, nur so lange diese oder die Damen in Sicht waren, tauchten derartige Gedanken nicht auf. Trat eine solche niedergeschlagene Stimmung ein, dann war es Sir Charles Williams, welcher im Gegensatz zu seinen Freunden immer lustiger wurde, jede Gelegenheit benutzte, um sich und die Genossen zu erheitern, weil er es nun einmal sowieso abgeschworen hatte, grundlos den Kopf sinken zu lassen, und dann auch, weil er es geradezu als seine Pflicht betrachtete, jede üble Laune unter seinen Freunden durch seine witzigen Einfälle zu verscheuchen.

Einen großen Teil des Tages verbrachte er in der Kabine Chaushilms, der zwar langsam, aber sicher der Genesung entgegenschritt, las diesem vor und blieb auch des Abends bei ihm, bis der Kranke eingeschlafen war, weil derselbe während des Abends oft vom Fieber heimgesucht wurde. Die übrige Zeit verweilte Charles nur selten in seiner Kabine, um zu lesen, sondern trieb sich an Deck herum, scherzte mit seinen Freunden, erheiterte sie durch die unerschöpfliche Fülle seines Humors oder ging auch einmal in das Zwischendeck zu den Heizern, um bei ihnen, wie er sagte, Musterung abzuhalten.

Arbeit in der Takelage gab es fast gar nicht; der Kurs war direkt nach Guanosaca, und da der Wind immer gleichmäßig von der Seite kam, so blieben die Segel mit wenigen Ausnahmen so stehen, wie sie am ersten Tage gestanden, da Harrlington den Kurs angegeben.

Der ›Amor‹ war erst einige Tage von Mgwana unterwegs, als Charles eines Morgens, wie er eben seine Kabine verließ, in dem nebenanliegenden Aufenthaltsort der Heizer ein schreckliches Zetergeschrei vernahm.

Schnell sprang er durch den Gang, stieß die Verbindungstür auf und sah, wie ein großer, starker Heizer einen kleineren Kameraden nach allen Regeln der Kunst erst zu Boden boxte und dann ihn auch noch mit den Füßen treten wollte.

»Halt ein, Thomas!«, schrie Charles und packte den Wütenden am Genick. »Wie kannst du hier solchen Lärm verursachen? Habe ich euch nicht oft genug gesagt, ihr sollt euch ruhig verhalten, damit Marquis Chaushilm nicht im Schlafe gestört wird? Und du bringst durch deine Hiebe deinen Gefährten zum Schreien, dass das ganze Schiff in allen seinen Fugen zittert!«

Charles war nicht nur bei den Heizern sehr beliebt, sondern stand auch wegen seiner entschlossenen Bündigkeit in großem Ansehen bei ihnen. Niemandem folgten sie so gern und ohne Murren wie ihm.

Thomas ließ sofort sein Opfer los und strich sich mit allen Zeichen der Verlegenheit durch sein vom Raufen zerzaustes Haar.

»Das ist schon wahr«, antwortete er, »aber dem Jimmy tat schon lange einmal eine Portion Prügel not.«

»Was ist denn vorgefallen?«

»Der Kerl maust wie ein Rabe, und jetzt habe ich ihn endlich dabei ertappt, wie er ein Stück Fleisch aufaß, was ich mir von gestern Abend aufgehoben hatte.«

»Das ist nicht wahr«, verteidigte sich der unterlegene, ausgestandene Heizer, der sich die blutende Nase hielt.

»Was ist nicht wahr?«

»Ich habe das Fleisch nicht gestohlen, ich glaubte, es wäre meins; erst hinterher habe ich eingesehen, dass es Thomas gehörte, und habe meinen Irrtum gleich eingestanden.«

»Und darum hast du Jimmys Gesicht wie ein rohes Beefsteak behandelt, weil er sich versehentlich an deinem Essen vergriffen hat?«, sagte Charles streng. »Pfui, Thomas, das ist nicht schön von dir, wegen eines lumpigen Stückes Fleisch das Ebenbild Gottes blau zu schlagen.«

»Es ist aber nicht das erste Mal, dass Jimmy stiehlt«, verteidigte sich Thomas. »Fast jeden Tag fehlt uns etwas am Essen, entweder Butter oder Fleisch oder Brot.«

»Ich bin es aber nicht gewesen«, rief Jimmy beleidigt.

»Auch die anderen Heizer sagten, dass jetzt immer Nahrungsmittel, die sie sich vom Abend zuvor aufgehoben, während der Nacht verschwänden.

»Wir glaubten anfangs, die Katze wäre es«, fügte Thomas hinzu, »aber wir hatten uns aus Mgwana ein Schock Eier mitgenommen, und in voriger Nacht sind zehn davon verschwunden. Die Katze frisst aber doch keine rohen Eier samt den Schalen.«

»Das kommt auf einen Versuch an«, meinte Charles, was die Heizer veranlasst«, die Mäuler grinsend zu verziehen. »Jedenfalls aber fangt ihr deshalb keine Schlägerei an, sondern meldet mir, wenn nochmals so etwas vorkommt, ich werde die Sache dann näher untersuchen. Wer hier noch einmal schlägt, wird von mir mit eigener Hand gekielholt. Verstanden?«

Unter dem Lachen der Heizer verließ Charles das Logis.

Kielholen ist eine ganz barbarische Strafe, welche von Seeleuten in früheren Zeiten oft angewendet wurde, gewöhnlich auf eigene Faust und oft sogar zum bloßen Vergnügen. Der zu Bestrafende wird an ein Tau gebunden, welches unter dem Schiffe hinläuft, auf der einen Seite ins Wasser geworfen, und unter dem Kiel weg auf der anderen Seite wieder herausgezogen. Geht die Prozedur nicht schnell genug vonstatten, so muss der Betreffende natürlich ertrinken, jedenfalls kommt er im besten Falle halbtot an Deck zurück.

Charles begab sich zu Chaushilm und fand diesen schon wach.

Der Marquis hatte sich wahrend der Krankheit sehr verändert: er war viel stiller geworden, ging nicht mehr auf Charles' Scherze ein, und von seinem früheren Lieblingsgespräch, die Vestalinnen betreffend, wollte er nichts mehr hören. Charles hatte selbst öfter angefangen, von den Damen zu sprechen, ja, er hatte den Kniff nicht verschmäht, zu fragen, ob Chaushilm schon seine neueste Eroberung bemerkt habe. Aber der nervöse Kranke hatte sich ein für allemal dieses Thema verbeten. »Derartige Kindereien habe ich hinter mir«, hatte er heftig erklärt, und Charles nahm sich vor, nicht wieder darauf zurückzukommen. War Chaushilm erst gesund, dachte er, so wird er schon von selbst wieder auf seinem Steckenpferde reiten.

Chaushilm lag über und über mit weichen Kissen zugedeckt in seiner Koje und behielt beim Eintritt seines Freundes ein ernsthaftes Gesicht, während er Charles sonst stets mit einem freundlichen Lächeln einen Gruß zurief.

»Wie geht's, Marquis?«, fragte Charles und rückte einen Stuhl neben die Koje.

»Schlecht«, flüsterte der Kranke mit schwacher Stimme.

»Ach, gehen Sie, das ist Einbildung!«, sagte Charles ermunternd. »Davids, unser Arzt, sagte mir gestern, ich sollte Sie nicht mehr an Deck führen, Sie müssten jetzt schon allein gehen. Fieber haben Sie auch kaum noch, Appetit haben Sie wie ein Scheunendrescher, wie können Sie also sagen, es ginge Ihnen schlecht?«

Der Marquis schüttelte traurig den Kopf.

»Ich glaube doch nicht, dass ich aufkommen werde.«

Erschrocken sprang Charles vom Stuhle auf.

»Weisen Sie solche Gedanken von sich«, rief er. »Nichts ist einem Kranken schädlicher, als sich mit derartigen Grillen herumzutragen. Was wetten wir, dass wir beide in spätestens acht Tagen zusammen auf den höchsten Rahen herumrutschen?«

»Ich werde es nicht mehr tun, ich weiß, dass mein Ende nicht mehr fern ist.«

»Donnerwetter, Chaushilm, seien Sie ein Mann! Haben Sie Fieber?«

»Nein.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Nein.«

»Schmeckt Ihnen das Frühstück?«

»Ja.«

»Haben Sie gut geschlafen?«

»Nein.«

»Sehen Sie, das ist es. Sie haben Fieber gehabt.«

»Nein, ich habe ganz ruhig und vernünftig mit offenen Augen dagelegen. Charles, mein guter, alter Freund, es hilft alles nichts, ich muss sterben!«

»Zum Teufel, Marquis, schwatzen Sie doch keinen Unsinn! Wie kommen Sie nur auf eine so verrückte Idee?«

»Kommen Sie her, ich will Ihnen sagen, woher ich die Nähe meines Todes so bestimmt weiß.«

Charles neigte seinen Kopf vor, sodass des Kranken Mund sein Ohr berühren musste. Er glaubte, Chaushilm würde ihm sagen, dass er ein innerliches Leiden spüre, und wurde sehr ängstlich.

»Kasegora war diese Nacht bei mir.«


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Charles Gesicht nahm mit einem Male einen ganz sonderbaren Ausdruck an; er wurde sehr ernst, sah dem Marquis besorgt in die Augen und versuchte dann, unbemerkt dessen Puls zu fühlen.

»Bemühen Sie sich nicht«, sagte Chaushilm jedoch und entzog ihm die Hand. »Ich habe nicht das geringste Fieber, sondern bin ebenso vernünftig wie diese Nacht.«

»Wer war bei Ihnen?«, fragte Charles langsam.

»Kasegora, wie sie leibte und lebte.«

»Chaushilm, bedenken Sie, was Sie sprechen, und gestehen Sie dann, dass Sie geträumt haben, das ist ein gutes Zeichen. Ich habe mit eigenen Augen Kasegora sterben und unter großem Pomp begraben sehen. Glauben Sie mir das?«

»Wohl glaube ich Ihnen. Aber es war auch nicht Kasegora selbst, die mich besuchte, sondern ihr Geist.«

Charles wusste nicht, was er sagen sollte. Er fürchtete, Chaushilm hätte einen Rückfall bekommen.

»Wie sah sie denn aus?«, fragte er, um nur etwas zu sagen. »Wie im Leben; sie trug ein Tuch um die Hüften, sah aber sehr mager und elend aus.«

»Sie wollen also nicht zugeben, dass Sie nur einen Traum gehabt haben?«

»Wie sollte ich denn? Ich war so wach wie jetzt, völlig ohne Fieber, ich sah Kasegora ebenso deutlich, wie ich jetzt Sie sehe.«

»Und daraus schließen Sie, dass Sie sterben müssen?«

»Ganz bestimmt; Kasegora will mich holen.«

»Um was wetten wir, dass Sie wohlbehalten in London ankommen? Besinnen Sie sich noch auf die braune Fuchsstute mit den weißen Fesseln, die Sie immer zu solcher Bewunderung nötigte?«

Des Marquis Augen leuchteten auf. Wie alle Engländer, schwärmte auch er für Pferde, und gerade für das Tier, dessen jetzt gedacht wurde, hatte er früher Charles große Summen angeboten, aber immer vergeblich.

»Nun, wenn Kasegora Sie abholen sollte, dann schenke ich Ihnen die Fuchsstute, damit Sie neben der Amazone in den Himmel reiten können.«

Nach diesen Worten verließ Charles seinen Freund und suchte John Davids auf, dem er von Chaushilms angeblichem Gespensterbesuch erzählte. Davids meinte ebenso, dass die Halluzination eine Folge des stark erregten Gehirns wäre, und bat Charles, dem Kranken nicht mehr vorzulesen, sondern ihn dafür öfter an Deck zu führen und ihn in Unterhaltung mit den Herren zu bringen.

Charles wollte diesen Rat sofort befolgen, stieß aber auf energischen Widerstand Chaushilms. Er wollte in Frieden sterben, sagte er, in der Einsamkeit.

Charles gab daher vorläufig die Hoffnung auf, ihn zur Vernunft zu bringen.

Aber am anderen Morgen war sein erster Gang wieder zu Chaushilm, und er erwartete sicher zu hören, dass der Kranke das Phantom abermals gesehen habe.

»Wie geht's, Chaushilm?«, fragte er. »Haben Sie eine gute Nacht gehabt?«

»Nein, ich habe nicht schlafen können.«

»Hat Kasegora Sie wieder besucht?«

Chaushilm schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe sie die ganze Nacht erwartet, aber sie ist nicht gekommen.«

»Und darüber sind Sie wohl gar traurig?«, fragte Charles entrüstet.

»Wenn sie mich nun einmal zu sich holen will, dann soll sie es wenigstens bald tun!«, entgegnete der Marquis.

Charles wurde von tiefem Mitleid ergriffen, wie er die abgezehrte Gestalt seines Freundes sitzen sah, der sich mit solchen sinnlosen Hirngespinsten abquälte, über welche er früher gelacht hätte. Doch Charles wurde wieder von den Heizern in Anspruch genommen, diesmal beklagte sich Jimmy, dass ihm sein Tee während der Nacht weggetrunken sei, und gleich darauf erschien ein anderer Heizer, dem Zucker gestohlen war, dann ein dritter, und Charles wusste sich schließlich keinen anderen Rat, als alle sechs Mann aus seiner Kabine hinauszuspedieren. Da die Heizer aber in ihn drangen, denjenigen herauszufinden, der die Diebstähle beginge, so fällte Charles endlich das salomonische Urteil, dass derjenige, der sein Essen nicht gleich ganz aufzehre, sondern etwas für den Morgen aufhebe, auf schmalere Rationen gesetzt werden würde.

Er glaubte, dass einer der Leute ebenso viel wie der andere Schuld an den Vorkommnissen wäre, und dass alle diese harmlosen Stehlereien auf Scherz beruhten.

Wie gewöhnlich, so besuchte Charles auch am nächsten Morgen den Kranken, sobald er ein Geräusch in dessen neben der seinigen liegenden Kabine vernahm.

Chaushilm sah noch bleicher aus als gewöhnlich, seine Augen aber glänzten fieberhaft, und zugleich lag in ihnen ein Ausdruck, wie von Freude.

»Kasegora war heute Nacht wieder bei mir«, rief er dem Eintretenden entgegen.

»Teufel, Chaushilm, sind Sie noch immer nicht von Ihrem Wahne kuriert?«

Jener lächelte schwermütig und überlegen zugleich.

»Halten Sie mich für wahnsinnig?«, sagte er. »Ich kann Ihnen fest versichern, dass sie hier in meiner Kabine war; ich sah sie so deutlich, wie ich Sie jetzt sehen kann, und ebenso wie die Schwelle knarrte, als Sie jetzt eintraten, so knarrte sie auch bei ihrem Eintritt.«

Charles zog mit einem Male ein ganz merkwürdiges Gesicht und stieß einen leisen Pfiff aus.

»Alle Wetter«, dachte er vor sich hin, »der Geist hat also ein gewisses Gewicht, sonst würde die Schwelle nicht knarren. Hm, die Sache gibt zu denken! Doch nein, Chaushilm hat sich daran gewöhnt, dass, wenn jemand in seine Kabine kommt, die Schwelle knarrt, und träumt er nun, es öffnet jemand die Tür und tritt auf die Schwelle, so ist die unabwendbare Folge davon, dass er auch das Knarren zu vernehmen glaubt. Chaushilm hat also nur vermöge seiner aufgeregten Phantasie die Gestalt gesehen.«

»Was hat sie Ihnen denn erzählt, Herzog?«, fragte er den Kranken.

»Kein Wort hat sie gesprochen,«

»So! War sie lange bei Ihnen?«

»Nur eine halbe Minute.«

»Erzählen Sie mir doch einmal, wie sie sich benimmt, wenn Sie Ihnen einen Besuch abstattet.«

»Ich weiß nicht, wann es gewesen ist, vielleicht gegen Mitternacht, als sich plötzlich die Tür leise öffnete und ...«

»Hatten Sie vorher geschlafen?«, unterbrach ihn Charles.

»Etwas, aber ich wache in der Nacht stets einige Male auf und liege dann mit offenen Augen da. Da kam plötzlich eine dunkle Gestalt herein, die Augen starr auf mich gerichtet, und bewegte sich langsam, Schritt für Schritt, dort nach der Kommode zu, ohne auch nur einmal die Augen von mir zu wenden. Ach, lieber Williams, ich hätte mir so gern weisgemacht, dass ich träumte, aber es war alles Wirklichkeit, denn ich bin seitdem nicht wieder eingeschlafen. Es lag auf mir, wie ein drückender Alp, ich konnte mich nicht bewegen, ja, der Atem stockte sogar, aber endlich, als Kasegora dort die Kommode erreicht hatte, gelang es mir, einen Seufzer auszustoßen. Sofort wandte sie sich um und war verschwunden, spurlos, ohne dass ich sie weggehen sehen konnte.«

»Sie ging nicht zur Tür hinaus?«

»Nein, sie zerfloss in Nebel.«

»Brannte die Lampe?«

»Ja, Sie haben dieselbe ja erst ausgelöscht. Sie brannte niedrig, aber hell genug, um Kasegoras Züge erkennen zu lassen. Ein schwarzes, hübsches Gesicht, große Augen und wolliges Haar. Ist das nicht schrecklich, Charles, dass mich das Weib durchaus besitzen will, selbst nach dem Tode? Ich fühlte schon, dass ich wieder ziemlich gesund war, und nun kommt diese Kasegora und will mich zu sich holen.«

Wehmütig betrachtete Charles den armen Freund, der ganz von seiner phantastischen Vorstellung beherrscht wurde.

»Wissen Sie was, Herzog«, sagte er endlich, hoffend, auf diese Weise den Fieberkranken trösten zu können, »ich werde einmal mit Kasegora sprechen, wenn sie Sie besucht, was sie eigentlich von Ihnen will, und werde sie höflich ersuchen, sich nach einem anderen Geliebten umzusehen, Sie sähen Ihr Verhältnis mit ihr für gelöst an.«

»Tun Sie das, tun Sie das«, rief Chaushilm, »ich wäre herzlich froh, wenn sie sich überreden ließe, mich nicht mehr zu besuchen.«

»Sein Verstand hat doch etwas gelitten, aber es wird sich schon wieder geben«, dachte Charles, als er dem Freunde die Chinin enthaltende Medizin gab.

Am nächsten Morgen war Charles‹ erste Frage, ob Kasegora wiedergekommen wäre, und als Chaushilm verneinte, rief er:

»Sehen Sie, sie hält Wort. Ich habe diese Nacht vor Ihrer Tür gestanden, und als Kasegura kam und Sie besuchen wollte, habe ich ernstlich mit ihr gesprochen. Sie sagte, sie wollte Sie gar nicht abholen, sondern Sie nur dann und wann wiedersehen, da sie aber hörte, dass Sie noch immer sehr krank wären, versprach sie mir fest, gar nicht wiederzukommen.«

»Gott sei Dank«, seufzte Chaushilm, »so habe ich also doch noch Hoffnung, zu genesen. Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen, Charles.«

Dieser war wohl froh, dass er den Kranken durch seine List anscheinend von der phantastischen Vorstellung befreit hatte, aber hundertmal lieber wäre es ihm gewesen, Chaushilm hätte ihn für einen albernen Menschen erklärt, der solchen Unsinn wohl Kindern vorschwatzen könne, aber nicht ihm, Chaushilm.

Ein gutes Zeichen war solche gläubige Vertrauensseligkeit jedenfalls nicht.

Es vergingen einige Tage, und jeden Morgen erklärte Chaushilm von Neuem, Kasegora hielte Wort, sie käme seit jener Zeit nicht mehr zu ihm. Wenn Chaushilm nicht immer wieder davon angefangen hätte, so hätte Charles die Geschichte jedenfalls bald vergessen, ebenso wie die anderen Herren, welche natürlich auch davon erfuhren, da aber wurde sie mit einem Male von anderer Seite aufgefrischt.

Eines Nachts vernahm Charles ein heftiges Pochen an seiner Tür. Fluchend sprang er aus der Koje, denn er glaubte nicht anders, als dass er wegen irgend einer Arbeit an Deck müsse. Zu seinem Erstaunen aber fand er vor seiner Tür zwei Heizer stehen, bleich, mit zitternden Gliedern und mit vor Angst sich sträubenden Haaren.

»Was ist denn los? Habt ihr ein Gespenst gesehen?«, fragte Charles, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.

»Kasegora«, brachte Thomas nur stammelnd hervor, und der andere Heizer nickte dazu bestätigend.

»Seid ihr verrückt, dass ihr, gesunde und kräftige Männer, auch Gespenster seht? Ihr habt wohl gestern Abend zu viel Grog getrunken?«

»Kasegora war es«, wiederholte Thomas. »Wir haben nicht geträumt, Sir, wir beide haben sie ganz deutlich gesehen, so, wie sie noch auf Erden herumwandelte.«

»So«, sagte Charles trocken, wahrend er sich anzog, »wie sah sie denn aus?«

»Schwarz.«

»Natürlich, weil sie eine Negerin ist, aber wie sonst? Klein, dick?«

»Ja, sie war klein und dick.«

»Seht ihr wohl, ihr Lügenbolde!«, donnerte Charles die Erschrockenen an, »Kasegora war groß, sogar sehr groß und schlank. Habt ihr denn Kasegora überhaupt früher einmal gesehen?«

»Nein«, gaben die beiden Heizer kleinmütig zu.

»Ihr wäret wert, dass man euch wegen eurer Dummheit in Eisen legte«, sagte Charles und wollte sich schon wieder ausziehen.

»Aber, Sir Williams, wir schwören Ihnen, wir haben eine schwarze Gestalt gesehen, eine Negerin, die am Sirupfass stand und mit einem Löffel daraus aß.«

Charles besann sich plötzlich anders, er zog sich völlig an und begab sich mit den Heizern ins Logis.

»Wenn Kasegora Sirup ißt, dann wird die Sache doch ernsthaft«, dachte er. »Jetzt muss die Sache näher untersucht werden, vielleicht hat Chaushilm doch kein Gespenst gesehen.«

Beim ersten Blick nach dem Sirupfass sah Charles etwas, was mit einem Male Licht in die Sache zu bringen schien. Die Person, welche aus dem Fasse gegessen hatte, musste mit der Hand zu tief in den Sirup gegriffen haben, denn deutlich konnte man auf dem Deckel des Fasses den Abdruck von Fingern sehen.

Auf englischen, sowie auch auf einigen deutschen Schiffen steht der Mannschaft immer Sirup zur Verfügung, mit dem des Morgens die Hafergrütze, das gewöhnliche Frühstück auf englischen Schiffen, versüßt wird.

Ohne Weiteres weckte Charles die übrigen Heizer und unterzog die Hände aller einer genauen Prüfung, konnte aber keine Spur von Sirup finden, auch nicht, dass sich einer die Hände erst kurz vorher gewaschen oder abgewischt hätte.

Die Sache gab zu denken. In derselben Nacht noch durchstreifte Charles mit einer Laterne das ganze Schiff von oben bis unten, ohne etwas zu finden. Sollte sich, wie er jetzt fest glaubte, in Mgwana eine Person, vielleicht ein Neger, im Schiff versteckt haben, um freie Fahrt nach irgend einem anderen Hafen zu bekommen, was wanderlustige Individuen oft tun, so war dieselbe nicht so leicht zu finden, denn auf einem Schiffe gibt es unzählige Verstecke, jedes leere Fass bietet ein solches, an dem man des Tages über hundertmal vorübergeht, bis man durch Zufall endlich merkt, dass schon lange jemand darunter gesteckt hat.

Am anderen Tage erzählte Charles den Herren seine Wahrnehmung, und eine allgemeine Reinigung des Schiffes ward beschlossen, denn dabei konnte man den etwaigen blinden Passagier am besten entdecken.

Das ganze Schiff ward unter Wasser gesetzt, keine Ecke, kein Winkel entging dem Scheuerbesen, jedes Fass wurde umgekippt, kein Kasten und keine Kiste blieb stehen, aber alles war umsonst, kein Schwarzer wurde gefunden.

Und dennoch behauptete abermals ein Heizer, dass das Gespenst dem Logis wieder einen Besuch abgestattet habe und mit einem halben Schinken verschwunden sei.

»Aber warum hast du es denn nicht gepackt?«, rief Lord Harrlington ärgerlich.

»Ich werde mich hüten, den Klabautermann anzugreifen«, rief der Heizer erschrocken.

Aus Kasegora war also bei den Heizern der Klabautermann geworden, jenes Gespenst der Seelente, welches dem Schiff, auf dem es sich befindet, immer Glück bringt. Wird es aber gesehen, wie es seine Kleiderkiste packt, als wolle es das Schiff verlassen, dann gibt es immer bald ein Unglück.

Der ›Amor‹ war nicht mehr weit ab von der Ostküste Amerikas, und da man um Kap Hoorn fahren musste, um nach der Westküste zu gelangen, so musste man südlich segeln, und zwar bedeutete dies eine Fahrt gegen den Wind. Das erste Mal wurde während derselben die Maschine benutzt, die Heizer begannen ihre Tätigkeit, karrten Kohlen aus den Bunkers (Kohlenräumen) und warfen sie dann unter die Kessel ins Feuer.

Da stürzte eines Nachmittags ein rußbedeckter Heizer an Deck und schrie Zeter und Mord — er hätte den Klabautermann in einem Kohlenbunker sitzen sehen, derselbe hätte ihn mit feurigen Augen angefunkelt und sich nicht von der Stelle gerührt, sei aber plötzlich verschwunden.

Ohne Verzug begaben sich alle Herren, die gerade an Deck waren, allen voran Charles, nach dem bezeichneten Kohlenbunker. Der Raum hatte keinen weiteren Ausgang, und der geflüchtete Heizer hatte sofort die Tür hinter sich zugeschmettert. Konnte das Gespenst also nicht in Rauch aufgehen oder durch das Schlüsselloch kriegen, so musste es sich noch zwischen den Kohlen befinden.

Vorsichtig wurde die Tür aufgemacht — nichts war zu sehen. Nun begann ein emsiges Suchen, die mächtigen Blöcke, die erst mit der Hacke zertrümmert werden mussten, wurden umgangen oder umgewendet, die Herren scheuten sich nicht, in zufällig entstehende Höhlen zu kriechen, aber alles ohne Erfolg.

Da hörte man Plötzlich von da, wo der am weitesten vorgedrungene Charles sich befand, eine Kinderstimme weinen, und im nächsten Augenblick erschien Charles, am Kragen eine kleine, über und über mit Kohlenstaub bedeckte Gestalt haltend.

»Was hast du hier zu suchen? Wie kamst du hierher, Schlingel?«, fuhr Charles den Entdeckten an, von dem man noch nicht sagen konnte, ob er ein Neger oder nur ein vom Kohlenstaube Geschwärzter war, denn seine Haut war ebenso schwarz, wie die paar Tücher, die um seinen Körper hingen.


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»O, o, Massa«, wimmerte der Kleine unter den Fäusten Charles', »Massa Pontence mich zu viel geschlagen, ich weggelaufen, ich gehen nach Amerika.«

»Hektor«, rief Charles überrascht, »das ist ja der Diener des Franzosen, der in Afrika geblieben ist.«

Hektor erzählte unter vielen Tränen, wie der Franzose trotz aller scheinbaren Gutmütigkeit ein ganz grausamer Herr gewesen sei, der ihn manchmal fast zu Tode gequält und ihn oft genug grausam geschlagen hätte.

Zuletzt habe er von einem Neger einen großen Affen gekauft, um ihn zu zähmen und Versuche anzustellen, wie weit er ihn den Menschen ähnlich machen könne. Hektor bekam das Tier zum Warten, er sollte es des Morgens waschen, kämmen und so weiter, aber der Affe hatte sich dies nicht gefallen lassen, sondern mit seiner zehnfach überlegenen Kraft den armen Hektor oftmals übel zugerichtet, und dann hatte dieser auch noch Schläge von seinem Herrn dazu bekommen.

Da war der Junge kurz entschlossen eines Tages auf- und davongelaufen und hatte sich auf dem ›Amor‹ versteckt, weil er erfahren hatte, dass die Herren bald nach Amerika segelten. Dort wollte er sein Glück probieren.

Er hatte sich während der Fahrt immer in dem Bunker aufgehalten, auf gestohlenen Decken geschlafen und sich des Nachts Essen aus dem Logis oder den Kabinen besorgt.

»Bist du einmal dabei ertappt worden, als du in eine Kabine gingst?«, fragte ihn Charles.

»Nein, die Herren schliefen immer ganz fest, nur einmal, glaube ich, hat mich einer gesehen, denn er machte die Augen auf und seufzte tief, aber er schrie nicht. Er glaubte sicher, er hätte geträumt.«

Charles erklärte, da ihm Hannes entsprungen wäre, so würde er von jetzt ab Hektor als Diener annehmen und an ihm seine Erziehungskunst probieren. Die Herren waren damit einverstanden, denn Hektor schien ein guter, williger Junge zu sein.

Am meisten freute sich Charles Chaushilms wegen. Als er diesem erzählte, wer die vermeintliche Kasegora gewesen sei, brach der Marquis plötzlich in ein unbändiges Gelächter aus, er ließ sich Hektor zeigen, und als er die kleine, schmutzige Gestalt mit den verschmitzten Augen sah, da brach seine Heiterkeit nochmals los, und dann erklärte er plötzlich, er habe nun das Bettliegen satt, er wolle an Deck gehen und versuchen, ob er nicht etwas arbeiten könne.

»Hektor ist kein schöner Name für einen Neger«, meinte Chaushilm, als ihm sein Freund beim Anziehen half, »ich liebe nicht, klassische Namen auf Leute anzuwenden, die ihrer unwürdig sind.«

»Da haben Sie recht«, entgegnete Charles, »ich habe ihn auch schon umgetauft. Er heißt von jetzt ab Kasegorus.«

* * * * *

III.39. Gefangen

Ellen stand nach wie vor auf der Kommandobrücke und leitete die Manöver der ›Vesta‹, ebenso wie früher wurde ihren Befehlen willig gehorcht, aber dieselben wurden nicht mehr mit so heller Stimme gerufen, und die Mädchen verrichteten die Arbeit nicht mehr unter Scherzen und Lachen. Beides war auf der ›Vesta‹ verklungen, der Frohsinn hatte das Schiff verlassen und einer ernsten, wenn auch nicht missvergnügten Stimmung Platz gemacht.

Der sehnlichste Wunsch aller war, Amerika sobald als möglich zu erreichen, die befreiten Mädchen in die Heimat zu bringen und dann auf dem Landwege nach New York zurückzukehren, weil dieser ein schnelleres Reisen gestattete. Die ›Vesta‹ mochte verkauft werden oder sich selbst überlassen bleiben. Seit der Aussetzung Johannas hatte das Schiff seinen Reiz für die Mädchen verloren.

»Ist dort nicht Land?«, rief Miss Morgan, die neben Ellen auf der Kommandobrücke stand, und deutete in die Ferne. Ellen nahm das Fernruhr zur Hand.

»Es ist die erste der JuanFernandezInseln, einer unbedeutenden Gruppe«, entgegnete sie,

»Sind sie bewohnt?«

»Ich glaube kaum; sie liegen zu weit ab vom Festland und sind zu klein, als dass sie irgendwelche Bedeutung erlangen könnten. Sie sollen wohl fruchtbar sein, weil sie reich an Wasser sind, ich habe aber nicht gehört, dass sie von Schiffen besucht würden.«

Die Glocke läutete zum ersten Frühstück, Ellen, wie das den Steuermann vertretende Mädchen, nahmen dasselbe auf der Brücke ein. Eine Vestalin brachte beiden ein Präsentierbrett mit Kaffee und Brot.

Ellen schenkte sich ein, hatte aber kaum von dem Kaffee gekostet, als sie sich mit allen Zeichen des Ekels nach der Bordwand wandte und den Kaffee wieder ausspucke.

»Die Köchin hat den Kaffee wohl mit Salzwasser gemacht«, rief sie halb ärgerlich, halb lustig, »dieser hier ist wenigstens ungenießbar.«

Gleich darauf machte auch Miss Morgan dieselbe Wahrnehmung, auch sie musste den genossenen Kaffee eiligst ausspucken, wollte sie nicht in eine noch unangenehmere Lage kommen.

Bald erschienen auch die Vestalinnen, welche im Salon das Frühstück hatten einnehmen wollen, umdrängten lachend die Kombüse und warfen dem heute als Köchin beschäftigten Mädchen vor, dass es den Kaffee mit Salzwasser bereitet hätte.

Entrüstet wies das Mädchen die Beschuldigung von sich, sie hätte das Wasser nicht aus der Salzwasserpumpe, sondern aus der Fasspumpe genommen, aber beim Kosten des Kaffees überzeugte auch sie sich, dass derselbe ganz bittersalzig schmeckte.

Ellen pumpte aus dem Fass, welches die Köchin als das bezeichnete, welches sie benutzt hatte, und fand wirklich, dass das ganze Fass verdorben war — das Wasser schmeckte noch bitterer als Salzwasser.

»Hat jemand heute Morgen schon Wasser getrunken?«, fragte sie die Vestalinnen.

Einige bejahten, behaupteten aber, keinen schlechten Geschmack wahrgenommen zu haben.

Ellen begab sich mit einigen Mädchen in die Wasserlast und untersuchte das Fass, aber nichts wurde gefunden, was verraten hätte, auf welche Weise das süße Wasser plötzlich ungenießbar geworden sein könnte.

»Hat jemand von Ihnen schon ein Unwohlsein verspürt?«, fragte Ellen weiter.

Niemand hatte etwas davon bemerkt, sie hatten ja auch den Kaffee nur eben gekostet.

»So steht nicht zu befürchten, dass wir uns vergiftet haben. Wir müssen eben ein anderes Fass anschlagen.«

Ein volles Fass wurde entspundet, die Pumpe hineingesteckt, noch ehe aber die Mädchen an Deck kamen, wurde ihnen schon zugerufen, dass das neue Fass ebenfalls bitter sei.

»Das ist nicht möglich!«, rief Ellen sofort. »In der Pumpe steckt nur noch altes Wasser. Pumpen Sie das erst einmal heraus und kosten Sie dann wieder.«

Es wurde gepumpt und gepumpt, aber das Wasser bekam keinen anderen Geschmack, es war ebenfalls verdorben. Schließlich begab sich Ellen abermals in die Wasserlast und kostete den Inhalt des Fasses direkt — es war bitter, dann prüfte sie auch die anderen Fässer und fand zu ihrem Entsetzen, dass das Wasser aller, ohne Ausnahme, selbst das in dem Tank enthaltene, salzig wie das Meer und bitter wie Galle — völlig ungenießbar war.

Ellen verbreitete diese Nachricht an Deck, und sie erregte unter den Vestalinnen nicht weniger Entsetzen, als bei ihr — wirkliches Entsetzen, denn was war ein Schiff auf dem Ozean ohne Trinkwasser? Ebenso gut hätten die Damen ohne Luft leben können.

Aber wie war diese Umwandlung zustande gekommen?

Diese Frage fand keine Antwort. Niemand konnte sich das Rätsel erklären, bis endlich Ellen ihre Meinung dahin aussprach, dass das in Mgwana eingenommene Wasser schädliche Stoffe enthalten habe, die sich nach und nach entwickelt und das Wasser zur Fäulnis gebracht hätten. Aber was nun? Die mitgenommenen Vorräte an Bier und Wein schützten die Besatzung der ›Vesta‹ wohl einige Tage vor dem Durst, aber kochen und waschen konnte man gar nicht mehr, und wenn jene ausgingen, ehe man einen Hafen erreichte, was dann? Ein ihnen begegnendes Schiff gab ihnen wohl etwas Wasser ab, aber nicht viel.

»Ist jene Insel der JuanFernandezGruppe nicht reich an Wasser?«, fragte da Miss Morgan Ellen.

Man konnte noch immer das Eiland wie einen schwachen Nebelstreifen am Horizont erblicken.

»Ich dachte auch schon daran, dass wir diese Insel anlaufen müssen«, entgegnete Ellen. »Ich weiß nämlich zufällig, dass dieselbe fast nur von Schiffen besucht wird, welche Wasser brauchen. Vorhin habe ich Ihnen dies nicht gesagt. Aber es ist so, man kann dort das Wasser unter sehr günstigen Bedingungen erreichen, sodass die Übernahme desselben nicht sehr lange Zeit in Anspruch nimmt.«

Die Insel lag gerade in der Richtung des Windes, man konnte also gut auf sie zuhalten. Die Rahen wurden gedreht, das Ruder gelenkt, und mit allen Segeln steuerte die ›Vesta‹ jener kleinen Insel im Atlantischen Ozean zu. Die Mädchen freuten sich sogar auf die zu erwartende Arbeit, welche gar nicht so leicht und schnell vonstatten gehen konnte, denn erst mussten die Fässer ausgepumpt, dann an Deck gewunden und an Land geschafft werden, wo sie gereinigt wurden. Lagen sie dann wieder in der Wasserlast, dann wurde das Wasser in Eimern von Hand zu Hand gereicht, man bildete eine Kette, bis die Fässer voll waren. Ebenso wurden die Tanks behandelt, nur dass man diese unten in der Last aufscheuern musste. Ein Tag würde wohl vergehen, ehe die Arbeit vollbracht war. Aber immerhin — es war doch eine Abwechselung, und wieder einmal Land, und noch dazu ein schönes, unter den Füßen zu haben, darauf freuten sich die Mädchen.

Wahrend die ›Vesta‹ noch auf die Insel zusegelte, wurden schon die Fässer und Tanks leergepumpt, und das in Mgwana mitgenommene Wasser rann in Strömen über Deck. Die Sonne stand zwar noch nicht hoch am Himmel, sandte aber schon sengende Strahlen herab, und so war es nicht wunderbar, als ein Mädchen den Pumpenschwengel plötzlich fallen ließ und rief:

»Mich plagt schon seit einer halben Stunde ein furchtbarer Durst, ich kann nicht mehr arbeiten, wenn ich nicht trinke.«

»Ich auch, ich auch«, erklang es von allen Seiten; die Pumpwerke hörten auf zu arbeiten, und es wurden Flaschen mit Bier verteilt.

Eine Flasche brachte aber keine Linderung des Durstes, sie steigerte ihn nur, und Ellen wurde so lange gedrängt, bis sie weitere Flaschen zur Verfügung stellte. Sie sprach sich offen darüber aus, dass dieser nicht zu bändigende Durst von dem Kosten des Wassers gekommen wäre, und da keine der Vestalinnen das zu tun unterlassen hatte, so war der Durst bei allen gleich stark.

Ellen bat vergebens, ihren eigenen Durst soviel als möglich bemeisternd, nicht zu viel von dem spirituösen Getränk zu sich zu nehmen, in einer halben Stunde hatte man ja die Insel erreicht und könnte sich am frischen Wasser laben — der Durst ließ sich nicht bändigen, und einer Bierflasche nach der anderen wurde der Hals gebrochen. Ellen schloss sich endlich selber den trinkenden Mädchen an.

Es wurde sorgsam gelotet, um die ›Vesta‹ so nahe wie möglich ans Land bringen zu können, und glücklicherweise fand sich eine Bucht, wo die ›Vesta‹ dicht am Ufer vor Anker gehen konnte. Boote auszusetzen, war nicht nötig, ein Laufbrett stellte die Verbindung zwischen Schiff und Land her.

Es war ein schönes Eiland, welches sich ihren Blicken darbot, mit echt afrikanischer Vegetation, üppigem Graswuchs und mächtigen Bäumen, unter denen die Fruchtbäume zahlreich vertreten waren. Ein Bananenstrauch ließ seine köstlichen Früchte direkt über Deck hängen.

Wasser war zwar von Bord aus noch nicht zu entdecken, aber wo solche üppige Vegetation herrscht, da gibt es auch Quellen. Ob die Insel bevölkert war, konnte man noch nicht sagen, denn kein Mensch, keine Hütte, kein Rauch waren zu bemerken.

»Wer begleitet mich auf der Suche nach Wasser?«, rief Ellen.

Es entstand ein ungestümes Drängen. Jede wollte die Kapitänin begleiten; aber die ›Vesta‹ durfte nicht allein gelassen werden, und so wurden nur zehn Damen ausgewählt, die übrigen vierzehn sollten einstweilen alle Vorbereitungen treffen, um sofort das Wasser übernehmen und die Behälter füllen zu können.

»Bringen Sie uns eine Probe des Wassers mit!«, rief ein Mädchen den Abgehenden nach.

»Ich habe schon einen Eimer bei mir«, entgegnete Miss Morgan und hielt denselben in die Höhe. »Sobald wir Wasser gefunden haben, bringe ich ihn voll zurück.«

Die an Bord Gebliebenen waren fleißig damit beschäftigt, eine bequeme Brücke herzustellen, auf der man mit den schweren Wassereimern sicher hin- und hergehen konnte.

»Wenn die Quelle nur nicht weit abliegt«, sagte Miss Thomson während dieser Arbeit zu Miss Nikkerson, »sonst kann es lange dauern, ehe wir die Behälter voll bekommen. Einige tausend Eimer haben wir wenigstens nötig.«

»Wenn wir ununterbrochen tragen, dann ist diese Arbeit nicht so schlimm«, antwortete das andere Mädchen. »Vierundzwanzig Menschen können viel leisten. Aber wenn sich die Eimer nur langsam und halb füllen lassen, was leicht eintreten kann, wenn die Quelle nur spärlich fließt, was dann?«

»In diesem Falle wüsste ich ein Auskunftsmittel«, lächelte Miss Thomson, »und Ellen wird wohl auch darauf kommen. Dann wird einfach ein Loch gegraben, in das die Quelle ihr Wasser ergießt.«

Miss Nikkerson , dass sie an dieses einfache Mittel nicht gedacht hätte.

»Aber ich wollte doch, die Arbeit wäre schon vorüber«, begann sie nach einer Pause wieder, »meine Glieder sind mir schon so schwer, ich bin so müde, dass ich mich am liebsten hinlegen und für einige Stunden schlafen möchte.«

»Das Bier und der Wein sind daran schuld«, entgegnete Betty lachend, »ich fühle mich wirklich betrunken, das erste Mal in meinem Leben! Auch ich möchte lieber die Arbeit bis morgen verschieben und heute schlafen. Sehen Sie da, den anderen Damen behagt das Brettertragen auch nicht, es sieht immer aus, als wollten sie hinfallen, um nicht wieder aufzustehen.«

»Da kommt Miss Morgan schon«, rief Miss Thomson, »sie winkt, sie hat Wasser.«

Mit Freuden ward Miss Morgan begrüßt, die mit hochrotem Gesicht den Eimer hinstellte und sich die Stirn trocknete.

»Wasser ist im Überfluss vorhanden«, sagte sie. »Wir können zwei Eimer immer zu gleicher Zeit füllen. Eine himmlische Gegend ist es ...«

Die Mädchen hörten jedoch nicht auf die Beschreibung der Naturschönheiten, sie liefen davon und kamen mit Gläsern zurück, die sie in die Eimer tauchten.

»Ich hole noch mehr«, sagte Miss Morgan und nahm einen anderen Eimer, »vergessen Sie aber die braunen Mädchen im Zwischendeck nicht, die haben auch Durst.«

Den Vestalinnen schmeckte das frische Quellwasser köstlich. Glas nach Glas schlürften sie davon, bis Miss Thomson erklärte, der Rest müsse den Sklavinnen verabreicht werden.

Bald machten sie sich wieder an die Arbeit, aber schon nach Verlauf einer Minute warf ein Mädchen nach dem anderen den Hammer oder das Brett hin, das sie gerade in der Hand hielten, legten sich ins Gras und erklärten, nicht weiterarbeiten zu können.

Selbst die widerstandsfähige Miss Nikkerson konnte die Schwäche nicht überwinden, sie ließ das Brett plötzlich fallen, welches sie mit Betty zusammen getragen hatte, und setzte sich hin.

»Meine Glieder sind wie Blei«, lallte sie mit schon schwerer Zunge, »ich kann nicht mehr — ich muss — schlafen — sonst ...«

Sie sank zurück und schlief ein, so wie sie lag.

»Auch ich kann mich vor Müdigkeit kaum aufrecht halten«, klagte Betty und setzte sich neben die Freundin, »das Bier, das frische Wasser, meine Augen fallen zu.«

»Mein Gott«, rief sie plötzlich und sprang noch einmal auf, »was ist denn das, alle Damen schlafen ja schon! Das geht aber nicht — wir dürfen — nicht — schlafen.«

Doch ihre Augen fielen von selbst wieder zu, sie stürzte zu Boden, einmal glaubte sie, einen Schuss zu vernehmen, gewaltsam suchte sie sich aufzurichten, dann senkte sich ein tiefer Schlaf auf sie — die Besinnung schwand.


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*

Die zehn Vestalinnen waren unter Führung Ellens ins Innere der Insel gewandert. Sie waren nur mit den sechsschüssigen Revolvern bewaffnet, die sie stets bei sich trugen. Munition führten sie nicht mit sich. Die Insel sah ja so friedlich aus; wilde Eingeborene gab es hier nicht, das wusste Ellen bestimmt, und im Falle der Not konnten sich die Mädchen mit ihren sechzig Schuss genügend verteidigen, außerdem wären ihnen ihre Freundinnen beim ersten Schuss sofort zu Hilfe geeilt. Gefahr war also nicht zu fürchten. In gemäßigtem Tempo drangen die Mädchen vorwärts, die Reize der idyllischen Insel bewundernd.

»Ach, wie schön wäre es doch«, rief Miss Murray, »könnten wir für immer hier wohnen! Früh mit den Vögeln aufstehen, im tauigen Grase sich ergehen, Früchte essen und Wasser trinken, gesund an Leib und Seele.«

»Warum können Sie das nicht?«, fragte Miss Sargent lächelnd.

»Sie sind ja frei und unabhängig. Es liegt nur an Ihnen, so können Sie sich hier häuslich einrichten und ein Leben wie Robinson führen.«

»Warum ich das nicht kann?«, erwiderte Miss Murray schwermütig. »Weil ich eben nicht so erzogen worden bin, dass ich ein solches Leben auf die Dauer ertragen könnte, leider nicht, ich weiß es sehr wohl. Es ist sehr schwer, sich in der Einsamkeit für immer glücklich zu fühlen. Ich könnte wohl ein halbes Jahr, auch ein Jahr einsam hier leben, dann aber würde sich der Wunsch wieder in mir regen, in Gesellschaft zu sein, und diese Sehnsucht würde zuletzt so gebieterisch befehlen, dass ich nachgeben müsste.«

»Aber Sie könnten ja diese Insel in Gesellschaft bewohnen.«

»Ich könnte, ja, doch würde nicht bald Disharmonie zwischen uns eintreten? Und mit der ersten wäre die Idylle für immer zerstört.«

»Ach Gott, auch ich möchte solch eine Insel bewohnen, abgesondert von aller Welt, in der man nur tagaus, tagein nach nichtigen Dingen jagt, und ist man zu der Einsicht gekommen, dass der innere Friede das wahre Glück ist, und bestrebt man sich, diesen zu erhalten, dann sieht man zugleich ein, dass in der Welt ein solcher Frieden nie zu finden ist. Miss Morgan«, wandte sich Miss Sargent an diese, »wie hieß doch gleich das irische Lied, welches diese unnennbare Sehnsucht nach einem stillen, friedlichen Lande ausdrückt?«

»Meinen Sie dies?«, fragte Miss Morgan lächelnd und deklamierte mit melodischer Stimme:

»O hätten ein Eiland wir, schimmernd und hehr, Verlassen und einsam in bläulichem Meer, Wo nie auf dem Baum welkt das blühende Laub, Wo die Blumen ...«

»Bitte, seien Sie still«, unterbrach Ellen die Sprecherin plötzlich und blieb stehen.

Alle Mädchen sahen erstaunt auf die Führerin, welche diese Worte heftig, ja, unhöflich hervorgestoßen hatte.

»Ich glaube, ich höre eine Quelle murmeln«, fügte Ellen, hochrot im Gesicht, hinzu und schlug eine andere Richtung ein.

Wortlos folgten ihr die Mädchen, und sie merkten bald, dass Ellen sich nicht getäuscht hatte: auch sie hörten jetzt das leise Murmeln. Bald hatten sie eine Quelle erreicht, die fröhlich ihr kristallklares Wasser zwischen grasbewachsenen Ufern dahinrieseln ließ.

»Herrlich!«, rief Miss Murray entzückt. »Wir sind im Paradies!«

»Und ich werde erst die zurückgebliebenen Damen mit diesem Lebenswasser versehen«, lächelte Miss Morgan, kniete nieder und füllte den Eimer.

Sie musste vorsichtig dabei sein, damit der Eimer nicht den Sand aufwirbelte, aber es gelang ihr doch, den Behälter bis zum Rande zu füllen.

»Wollen Sie das Wasser von hier aus tragen lassen?«, fragte sie, sich aufrichtend, Ellen.

»Nein«, entgegnete diese, »es würde zu lange dauern. Einen Eimer kann man wohl füllen, aber nicht tausend, dann würden wir schlammiges Wasser bekommen. Wir müssen weiter gehen und einen passenden Ort suchen.«

»Warum dies?«, fragte ein Mädchen.

»Weiterhin wird das Land hügelig, und vielleicht finden wir einen kleinen Wasserfall, wo sichs schon bequem schöpfen lassen würde, finden wir keinen solchen, dann müssen wir ein Loch graben, in dem sich das Wasser ansammelt; hat es sich geklärt, so können wir mit der Schöpfarbeit beginnen.

»So gehen Sie einstweilen«, sagte Miss Morgan, »ich komme gleich wieder, es sind nur zehn Minuten bis zum Schiff.«

Sie ging mit dem vollen Eimer davon.

»Ich finde, Miss Morgan wird in letzter Zeit immer liebenswürdiger«, meinte Jessy, als das Mädchen zwischen den Bäumen verschwunden war.

»Ist Miss Morgan nicht immer freundlich gegen uns gewesen?«, fragte Ellen verwundert.

Jessy zuckte die Achseln, schwieg aber.

Das Wasser bekam wirklich ein immer stärkeres Gefälle, woraus man schließen konnte, bald auf einen Wasserfall zu stoßen, und noch nicht lange waren die Mädchen gegangen, so hörten sie auch schon das Rauschen eines solchen.

Bald erreichten sie denselben.

Der kleine Bach stürzte etwa einen Meter hoch von einem Plateau herunter, und der silberklare Strahl eignete sich vortrefflich zum Füllen der Eimer. Der Weg zum Schiffe war auch nicht sehr weit, und so konnte, wenn zwanzig Mädchen unterwegs waren, wenn eins immer für volle Eimer sorgte und die Übrigen die Behälter füllten, das Schiff bald wieder mit Trinkwasser für vier Wochen versehen sein. Die noch leeren Tanks versorgte der erste Regentag mit Reservewasser.

»Erst aber will ich trinken, wir müssen das Wasser doch kosten«, rief Ellen und ließ sich auf die Kniee nieder. Mit vollen Zügen schlürfte sie das erquickende Nass. Die anderen Damen folgten ihrem Beispiel.

Da ertönte plötzlich neben Ellen ein lauter Schrei, dann noch einer, Ellen blickte auf und sah schon drei Damen in der Gewalt einiger Männer, welche lautlos hinter einem Hügel vorgeschlichen waren und die trinkenden und ahnungslosen Mädchen überrascht hatten. Immer mehr Männer sprangen hinter der Hügelkette hervor, stürzten auf die Mädchen zu, und ehe diese nur die Lage erfasst hatten, waren sie schon in der Gewalt der Unbekannten.

Ellen war die einzige, welche noch nicht ergriffen worden war; den Händen des ersten Räubers war sie ausgewichen, und als der zweite auf sie zusprang, hielt sie schon den Revolver in der Hand, ein Schuss krachte, und der verwildert aussehende Kerl fiel zu Boden.

Wohl drangen von allen Seiten Männer auf Ellen ein, um sie zu fassen, aber geschickt wich sie ihnen aus und rannte in der Richtung davon, wo das Schiff lag.

Hinter ihr her jagte der Schwarm der Verfolger, aber keiner konnte sich an Schnelligkeit mit dem leichtfüßigen, in der Prärie aufgewachsenen Mädchen messen.

»Nach dem Schiff!«, war Ellens einziger Gedanke. Dort lag die Rettung für sie und auch für die Anderen. Widerstand mit dem Revolver in der Hand wäre vergeblich gewesen, sie hatte die Zahl der Piraten — für solche hielt sie die Männer — auf zwanzig geschätzt, die Freundinnen konnte sie mit ihren fünf Schüssen nicht mehr befreien; so galt es also die ›Vesta‹ zu alarmieren.

Ellen ließ die Verfolger schnell hinter sich. Gebrauch von Schießwaffen machten sie nicht, obwohl sie solche besaßen; noch ein Weilchen, dann erblickte sie zwischen den Bäumen die ›Vesta‹.

Aber plötzlich blieb sie vor Schrecken stehen.

Auf dem Schiffe war es lebendig, aber nicht Vestalinnen liefen an Deck hin und her, sondern Männer, und so nahe war Ellen schon, dass sie sehen konnte, wie diese Männer ihre Freundinnen fortschleppten.

Alles schien verloren — die ›Vesta‹ war in der Gewalt der Seeräuber.

Da deutete ein Mann an Bord nach der Richtung, wo Ellen stand, sofort rannte ein Trupp auf sie zu — sie war entdeckt worden. Vor ihr die neuen Feinde, hinter ihr die Verfolger, Ellen schien verloren, noch aber gab sie die Hoffnung nicht auf. Sie rannte, den Revolver schussbereit in der Hand, seitwärts, fest entschlossen, ihr Leben bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen.

In wilder Flucht jagte sie durch die Büsche, hatte aber schon die Verfolger auf ihrer Spur.

Da sah sie plötzlich sich eine Gestalt entgegenkommen.

»Miss Morgan«, jauchzte sie förmlich auf, »sind noch mehr gerettet?«

»Nein«, schrie das Mädchen, zu ihr hinspringend, »wir sind vollständig umzingelt.«

»Dort ist der Weg noch offen«, rief Ellen, fasste die Freundin an der Hand und wollte sie nach einem Engpasse zwischen den Hügeln mit sich ziehen.

»Es ist zu spät«, antwortete Miss Morgan, einen Blick auf Ellen werfend, die mit hochrotem Gesicht und sprühenden Augen sich umschaute und den Revolver in der Hand trug. »Ist Ihr Revolver noch geladen?«

»Noch mit fünf Schuss. Ziehen Sie den Ihren, wir wollen Rücken gegen Rücken die Angreifer erwarten.«

Die Verfolger waren herangekommen, auch der vom Schiff sich nahende Trupp hatte die Mädchen erreicht, aber aus dem Engpasse kamen keine Feinde. Doch es war jetzt zu spät, dorthin zu fliehen; die beiden Mädchen waren schon rings umstellt.


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»Zurück!«, schrie Ellen, den Revolver emporhebend und auf die Verfolger zielend.

Die ersten prallten zurück, aber nur einen Augenblick stockten sie, staunten die beiden sich verteidigenden Mädchen mehr an, als dass sie sich vor den Revolvern fürchteten, dann aber brachen sie in ein lautes Gelächter aus.

Miss Morgan hatte sich mit dem Rücken gegen Ellen gestellt, kaum aber hob diese den Revolver und rief die drohende Mahnung, so schleuderte das Mädchen die Waffe blitzschnell weg, drehte sich um und umschlang Ellen von hinten mit beiden Armen, deren Revolver herunterdrückend.

Ellen dachte nicht mehr an Gegenwehr, sie kannte die Hände, welche fest verschlungen über ihrer Brust lagen, es waren die ihrer Freundin.

»Da habt ihr sie«, schlug Miss Morgans Stimme triumphierend an ihr Ohr.

»Verraten!«, stöhnte Ellen laut auf, dann ließ sie sich von den hohnlachenden Piraten ergreifen.

Miss Morgan hatte ihre Verräterrolle gut gespielt.

* * * * *

III.40. Felix Hoffmann

Eduard Flexan und Elias Kinnaird saßen noch immer in dem Laboratorium des letzteren in der Unterhaltung über den Kapitän des ›Blitz‹ begriffen.

»Sie wollen wissen, wer dieser Felix Hoffmann eigentlich ist«, fuhr Flexan fort, »nun, ich kann Ihnen ganz genaue Auskunft darüber geben. Alles, was Sie über ihn erfahren werden, wird Sie zu der Überzeugung bringen, dass Hoffmann ein ganz außerordentlicher Mensch ist. Es ist der größte Fehler, wenn man die Vorzüge seines Feindes unterschätzt, nur dumme Menschen tun dies und ziehen dann meist den Kürzeren dabei.«

»Sehr richtig«, gab der Chemiker zu. »Wer seinen Feind unterschätzt, ist ihm gegenüber stets im Nachteil. Betrachten Sie Hoffmann aber als Feind?«

»Nicht als persönlichen. Ich hasse nur alle Menschen, denen vom Glück Reichtümer in den Schoß geworfen worden sind, oder denen es durch Verschlagenheit gelungen ist, sich in den Besitz solcher zu bringen, während mein Vater und ich von Jugend auf nach denselben gerungen haben und doch noch mit leeren Händen dastehen.

Mag diese Denkungsweise moralisch sein oder nicht, die meisten Menschen teilen sie. Aber ich begnüge mich nicht damit, sondern suche das Glück zu zwingen. Ich bin nicht als ein moralischer Mensch erzogen worden, und Gewissensbisse kenne ich daher nicht. Dass wir berechtigt sind, jeden in uns aufsteigenden Wunsch zu befriedigen, ist meine Anschauung, die mir schon in der Jugend eingeimpft worden ist.«

»Das ist auch meine Ansicht«, entgegnete der Chemiker, »nur haben sich meine Wünsche im Laufe der Jahre etwas geändert.«

»Ich weiß es, Ihr einziger Wunsch ist, Ihre Geldhaufen möglichst schnell anwachsen zu lassen, alles andere haben Sie in Ihrem Herzen ausgerottet. Warum nicht? Jeder nach seinem Geschmack! Doch nun lassen Sie uns auf Felix Hoffmann zurückkommen; der Tag wird bald anbrechen, meine Zeit ist kurz.

Der Vater Felix Hoffmanns war ein Deutscher«, begann Flexan seine Erzählung, »und als Ingenieur in einer Maschinenfabrik beschäftigt. Einst bekam diese Fabrik den Auftrag, auf einer Zuckerplantage im unteren, spanischen Kalifornien eine Maschine aufzustellen, und obgleich Karl Hoffmann der jüngste Techniker in dem Etablissement war, wurde er doch als leitender Monteur dahin gesandt, einmal, weil er der einzige war, welcher vollkommen Spanisch sprach, und dann auch, weil der Besitzer der Fabrik ihn trotz seiner Jugend für den fähigsten Kopf hielt. Daraus können Sie sehen, dass schon dieser ein tüchtiger Mensch gewesen ist.

Der junge Ingenieur reiste also nach SpanischKalifornien, stellte dort die Maschine zur vollsten Zufriedenheit auf und wollte sich schon wieder nach der Heimat einschiffen, als plötzlich das Gerücht auftauchte, dass ein deutscher Mühlenbesitzer in Kalifornien beim Bau eines Wassergrabens auf eine ungeheure Goldmine gestoßen sei.

Es war dies der erste Goldfund im Lande, infolgedessen jenes Goldfieber entstand, welches eine Völkerwanderung bewirkte, wie man sie selten gesehen hat.

Karl Hoffmann war als erster an dem Orte, und, im Bergbau bewandert, erkannte er sofort aus der Bodenbeschaffenheit des Landes, dass ganz Kalifornien von Goldadern durchzogen sein müsste.

Wiederum war er der erste, der mit Spitzhacke und Schaufel hinauszog in die Berge, und dank seinem Glück und seinen Kenntnissen war er nach einem halben Jahre im Besitze eines Vermögens von rund einer Viertelmillion Dollar.«

»Was für schöne Zeiten müssen das gewesen sein!«, seufzte Kinnaird, und seine kleinen Augen funkelten wie Kohlen.

»Sie sind vorüber und werden in Kalifornien nicht wiederkommen«, entgegnete Flexan gleichgültig. »Aber noch gibt es Goldadern genug in der Welt, welche der Geschickte ausbeuten kann, wenn auch nicht mit Spitzhacke und Schaufel. Karl Hoffmann war also ein reicher Mann geworden, er hielt sich damals wenigstens für einen solchen, denn eine Viertelmillion Dollar bedeutete für den armen Techniker ein unermessliches Vermögen, während es seinerzeit in Kalifornien als eine Summe galt, die man am Spieltisch während eines Abends ohne Gewissensbisse verlor.

Hoffmann reiste nach San Francisco, um sich von den harten Arbeiten des letzten halben Jahres zu erholen. Frisco*), erst ein unbedeutendes Hafenstädtchen, war bereits wie durch Zauberei zu einer großartigen Stadt geworden. Die Häuser wuchsen wie Pilze aus dem Boden, und darunter waren nicht die wenigsten Vergnügungslokale, Spielhöllen und so weiter, in denen nicht nur Goldgräber und Abenteurer zusammenkamen, sondern welche auch von Plantagenbesitzern der Umgegend dann und wann besucht wurden. Es entstanden prächtige Hotels, in denen die reichen Leute von Kalifornien und Mexiko, die südamerikanischen Industriegrößen und Grundbesitzer aus den umliegenden Staaten mit ihren Familien sich monatlich einfanden, um wenigstens einmal etwas Abwechslung in ihr sonst so eintöniges Leben zu bringen, wenn sie sich auch gesondert hielten und in ihre Kreise keinem zweifelhaften Subjekte Zutritt gestatteten.

*) San Francisco wird in Amerika fast allgemein Frisco genannt.

Karl Hoffmann genoss alles, was ihm Frisco bieten konnte, aber mit der dem Deutschen eigenen Vorsicht: er wusste stets Maß zu halten, spielte, ohne viel zu gewinnen oder zu verlieren, und mischte sich in jede Gesellschaft, ohne sich näher mit ihr einzulassen. Ob er es gewollt hat oder ob es Zufall war, weiß ich nicht, aber er fand auch Zutritt in die angesehensten Kreise, und der junge Deutsche, der sich vom gewöhnlichen Goldgräber im Äußeren nicht unterschied, ward bald der Löwe des Tages. War er nicht im Salon, so stockte die Unterhaltung, und die glutäugigen Schönen hörten nicht auf die Schmeicheleien der Herren, sondern sahen nur nach der Tür, ob der Vermisste nicht bald einträte.

Mister Kinnaird«, sagte Flexan lächelnd zu dem Chemiker, »haben Sie viel Verkehr mit Damen gehabt?«

»Ich? Nein«, rief der Chemiker erstaunt mit aufgerissenen Äuglein. »Ich habe nie Zeit gehabt, mich mit Liebelei abzugeben, und ich glaube, mein Buckel hätte mich auch sehr daran gehindert. Wie kommen Sie auf diese seltsame Frage?«

»Sehen Sie«, sagte Flexan, »Sie glauben, es gibt Substanzen, welche nicht zu analysieren sind, und doch wäre das noch eher möglich, als dass man das Herz eines Weibes analysieren kann. Wer es so weit gebracht hat, dem gegenüber halte ich den scharfsinnigsten Chemiker für ein unwissendes Kind.«

»Mag sein«, brummte Kinnaird und beugte sich auf das Holzkohlenfeuer herab, sodass sein brandrotes Gesicht wie ein Karfunkel leuchtete.

»Nach allen Beschreibungen nämlich«, fuhr Flexan fort, »die ich über den Vater unseres Hoffmann bekommen habe, muss er ein richtiger Grizzlybär gewesen sein, in Gestalt sowohl als auch im Betragen. Über sechs Fuß hoch, mit ungeheuren Tatzen statt Händen, welche von Schwielen durchzogen waren, mit einem Büffelkopf, einer Stumpfnase in dem kupferroten Gesicht, einem furchtbaren Raubtiergebiss — wasserblauen Augen — so zog er in die aristokratische Gesellschaft ein, hatte schon am ersten Tage alle spanischen, amerikanischen und mexikanischen Herren in die Ecke gestellt und war der erklärte Günstling aller Damen, jung und alt.

Weiß der Teufel, was diese an ihm so besonders anziehend fanden, das weibliche Herz ist eben ein Rätsel. Einen gröberen, flegelhafteren Gesellschafter soll es in Frisco gar nicht gegeben haben als Hoffmann. Sein Umgang hätte eher für Bären gepasst als für zartnervige Schönen. Einem Herrn, welcher sich am ersten Abend auf dem Klavier produzierte, erklärte er ganz öffentlich, seine Leistungen seien Stümpereien, mit denen er die Zuhörer verschonen sollte. Einer Dame warf er die Geschmacklosigkeit ihrer Kleidung vor, die sie sich erst hatte aus Paris kommen lassen. Seiner Tänzerin trat er mit Vorliebe auf die Füße, und als er von einem Mexikaner gefordert wurde, weil er diesen des falschen Spiels beschuldigte, prügelte er denselben mit seinem Stocke halbtot und setzte ihn dann vor die Tür.

Ob ihn diese Heldentaten so beliebt machten, oder ob es die Damen reizend fanden, dass er sich gern rittlings auf den Stuhl setzte, den Gebrauch der Serviette verschmähte, oder weil er die früheren Löwen der Gesellschaft ganz ungeniert ›Pomadenbengel‹ titulierte, weiß ich nicht, genug, die Damen schwärmten für diesen deutschen Grobian, und die Herren mussten ihn also nicht nur in ihrer Mitte dulden, sondern ihn sogar mit Achtung behandeln, denn das schwache Geschlecht führt nun einmal das Regiment in der Gesellschaft. Nach einem Vierteljahr war Karl Hoffmann verlobt und, aller Sitte zum Trotz, nach drei Tagen verheiratet.«

»Wer war die Glückliche, die er als Frau in seine Bärenhohle führte?«, kicherte der Alte. »Gewiss ein ähnlicher Charakter, wie er selbst.«

»Es war die Tochter des Don Pedro José Altascarez«, sagte Flexan langsam und mit Nachdruck.

Flexan hatte nicht ohne Absicht so gesprochen, er beobachtete den Eindruck dieser Worte.

Der Chemiker wollte eben aus einer, großen Flasche Säure in die Retorte gießen, aber seine Hände begannen plötzlich zu zittern, die beizende Flüssigkeit gelangte nicht in den Hals des Gefäßes, sie floss ihm über die Hände, und wären diese nicht schon total verbrannt und mit einer Hornhaut versehen gewesen, er hätte die Flasche vor Schmerz fallen lassen müssen. So aber stellte er sie langsam auf den Tisch und schaute den Sprecher an.

»Don Pedro José Altascarez«, flüsterte er. »Die Töchter des Silberkönigs?«

»Eben dieselbe«, entgegnete Flexan, »nur dass damals Altascarez diese Bezeichnung noch nicht verdiente, denn er war nur Plantagenbesitzer.«

»So ist Felix Hoffmann Mitbesitzer jener unzähligen Minen, welche unter dem Namen des Altascarez die Welt mit Silber überschwemmen?«

»Davon später! Wie gesagt, damals war Altascarez nur Plantagenbesitzer in NeuMexiko, aber auch schon ein sehr reicher Mann, Er besaß zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Letztere, Manuela, war, mit kurzen Worten gesagt, ein Püppchen, so zart und niedlich, dass ein Hauch sie umwehen konnte, aber eben zu ihr fasste der deutsche Riese eine besondere Zuneigung, und Manuela flog ihm aus Liebe an die Bärenbrust. Die beiden verlobten sich, und der Vater gab seinen Segen dazu.«

»Das wundert mich«, unterbrach ihn der Chemiker, »Don Altascarez soll ein harter, stolzer Mann gewesen sein, der einem Abenteurer nicht so leicht die Hand seiner Tochter gab.«

»Ja, aber er war auch ungeheuer geldgierig, und Hoffmann wusste ihn für sich zu gewinnen. Derselbe hatte nämlich, während er in der Gesellschaft verkehrte, sich in ein Geschäft eingelassen, wegen dessen er von aller Welt für einen verrückten Narren erklärt wurde.

Er kaufte fast alle verlassenen Claims auf, die kein Gold mehr lieferten — Sie wissen, die Löcher, in denen Gold gegraben wird, nennt man Claims — nicht nur die in der Nähe von Frisco liegenden, sondern er machte auch manchmal kleine Reisen, um entfernter liegende, ausgenutzte Claims sich anzueignen, die er für ein Spottgeld erhielt.

Was er mit ihnen wollte, wusste niemand. Als ihm aber die Hand Manuelas von deren Vater kurz abgeschlagen wurde, weihte er diesen in seinen Plan ein mit den Worten: Entweder Sie geben mir nun Ihre Tochter, und ich mache Sie nach einigen Jahren zum reichsten Manne Amerikas, oder ich nehme Ihnen Ihre Tochter, und Sie können zusehen, wie ich die gekauften Gruben auszunutzen verstehe. Don Altascarez nahm ersteres an, er gab dem deutschen Ingenieur seine Tochter, und dieser hielt Wort.

Sie haben gehört, dass damals alles, was nicht Gold war, einfach unbenutzt liegen blieb, und dies war hauptsächlich ein goldglänzendes Gestein, welches oftmals lächerliche Verwechselungen hervorrief. Man nannte es Katzengold. Hoffmann hatte es untersucht und gefunden, das es sehr viel Quecksilber enthielt, und er hatte außerdem noch eine Methode entdeckt, durch welche es leicht herausgezogen werden konnte.

Zum Ausbeuten dieser Quecksilbergruben brauchte er aber eine bedeutende Menge Arbeiter, und diese waren in jener Zeit in Kalifornien nicht aufzutreiben, denn alles wollte in kurzer Zeit auf eigene Faust reich werden, für hundert Dollar den Tag bekam man damals keinen Arbeiter.

Hoffmann beschloss, ruhig zu warten, bis die Goldgruben, welche offen am Tage lagen, versiegt sein würden. Er sah voraus, dass dies nicht lange mehr dauern könne, und benutzte nun einstweilen die Zeit, alles Land aufzukaufen, und als seine Geldmittel erschöpft waren, fand er Unterstützung von dem Schwiegervater, der auf den Vorschlag des Ingenieurs einging.

Hoffmanns Prophezeiungen hatten sich binnen zwei Jahren erfüllt: Kalifornien war von Goldgräbern überschwemmt, die geringe Ausbeute lohnte sich bei den enormen Preisen der Lebensmittel nicht mehr recht, und bald fanden Anfragen nach Arbeit von den hungernden Goldgräbern statt, sie wollten jetzt gern anderweit beschäftigt werden. Jetzt entstanden die Aktienunternehmen und Gesellschaften, von denen das unter dem Namen Altascarez das größte wurde, dessen Inhaber nur Altascarez selbst und Hoffmann waren.

Noch immer brauchte man zum Entlohnen der Arbeiter ein ungeheures Kapital; das Vermögen der Altascarez, obgleich sehr groß, reichte nicht aus, um alle Claims auszubeuten; aber sie fingen klein an, erst mit einigen Gruben. Die Quecksilberausbeute rentierte sich kolossal, sie stießen auf Silber und Gold, Silber wurde vorherrschend. Sie kauften immer mehr Boden an, vor Nordamerika bis hinunter nach Südamerika, und während die übrigen Leute noch den sogenannten Raubbau weiterbetrieben, das heißt, die Erde nach Gold untersuchten, verstanden diese beiden, aus den für wertlos gehaltener Steinen mittels eines chemischen Prozesses Quecksilber und Silber zu ziehen. Gold fanden sie nur so nebenbei.

Jetzt stehen die ›AltascarezGruben‹ ohne Beispiel da, und dass man so wenig von ihnen hört und spricht, kommt eben daher, weil das Ganze kein Aktienunternehmen ist, sondern einem Privatmann gehört, der ganz stillschweigend seine Gruben verwalten lässt, ohne sich viel darum zu kümmern, und jährlich nur einmal Einsicht in die Geschäfte nimmt.«

»Und dieser Mann ist Felix Hoffmann, der Kapitän des ›Blitz‹?«, fragte der Chemiker atemlos.

»Jetzt komme ich erst zu diesem«, entgegnete Flexan. »Als sich Karl Hoffmann einmal mit seiner Gemahlin zum Besuch in Deutschland befand, wurde ihm sein erster Sohn geboren, den er Felix nannte. Es soll eine richtige Bärenbrut gewesen sein, dieser Säugling, und seine Mutter, diese zarte, puppenähnliche Person, musste bei der Geburt dieses großen Kindes ihr Leben lassen. Hoffmann reiste mit seinem Sohne nach Amerika zurück. Kennen Sie Felix Hoffmann, Mister Kinnaird?«

»Nein«, antwortete der Chemiker. »Ich habe ihn wenigstens niemals gesehen.«

»Nun, er hat die vollständige Figur seines Vaters geerbt, nur dass er etwas schlanker geworden ist, daran ist wahrscheinlich die Mutter schuld, und von dieser hat er auch ein gefälliges Gesicht mit zur Welt bekommen. Der Neid muss ihm lassen, dass er ein Mann von recht angenehmem Äußeren ist.

Der Junge verbrachte fünf Jahre auf der Hazienda des Don José Altascarez und wurde dann von seinem Vater nach Deutschland geschickt, wo er erzogen werden sollte. Dabei muss ich eines Zuges des alten Hoffmann Erwähnung tun, der ihn so recht als einen pedantischen, närrischen Kauz charakterisiert, wie man solche besonders oft unter den Deutschen findet.

Der fünfjährige Felix kam nämlich in Deutschland unter die Aufsicht einer Familie, von welcher er aufgezogen und in der Meinung erhalten wurde, er sei der Sohn eines nicht sehr bemittelten, deutschen Ingenieurs, der als Beamter an einer Grube von Altascarez angestellt sei, und als der Sohn eines solchen verbrachte er seine Jugend, wenn auch nicht gerade in Armut, so doch in äußerster Beschränkung. Und in dieser Meinung wurde er bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre erhalten.

Was sagen Sie dazu, Kinnaird?«, fragte Flexan den Chemiker. »Ein Mann, der nicht weiß, wie hoch er sein Vermögen schätzen soll, der jährlich Millionen Dollar an seine Arbeiter allein auszahlt, lässt seinen Sohn als ein armes Kind erziehen.«

Der Chemiker zuckte mit den Achseln.

»Für eine gute Erziehung wird er wohl gesorgt haben«, meinte er dann.

»Natürlich. Der Mann, von dem ich das alles zumeist erfahren habe, erzählte mir, der Vater habe bemerkt, dass in seinem Sohne ganz ungewöhnliche Talente lägen, deren Entwicklung unter kleinen Verhältnissen mehr begünstigt würde, als unter glänzenden. Meiner Meinung nach ist dies aber kein Grund, dem Menschen das zu entziehen, was zu genießen ihm vom Glück gestattet worden ist. Nun, das sind Ansichten!

Als Felix die unteren Schulen hinter sich hatte, studierte er in Berlin auf Wunsch seines Vaters erst Ingenieurwissenschaft, warf sich dann hauptsächlich auf Chemie, machte auch sein Examen als Schiffbauingenieur und beschäftigte sich viel mit Elektrizität, Er muss ein sehr kluger Kopf gewesen sein, denn er soll zweimal Angebote als Lehrer an hohen Schulen bekommen haben, und zwar für ganz verschiedene Fächer, das eine Mal als Lehrer der Elektrizität, das andere Mal als Lehrer der neueren Sprachen. Er schlug diese Angebote aus und begann etwas, was ihm den Ruf eines überschnappten Gelehrten einbrachte.

Felix zog sich nämlich fast auf ein Jahr an eine abgelegene Küste der Nordsee zurück, bewohnte dort eine Fischerhütte und verbrachte fast den ganzen Tag damit, ein kleines, selbstgemachtes Segelschiffchen auf dem Meere schwimmen zu lassen, so wie es Kinder zu tun pflegen.

Wie gesagt, man hielt ihn damals für verrückt, für überstudiert; ich glaube aber, dass er sich schon damals mit jener Erfindung beschäftigte, die er jetzt beim ›Blitz‹ angewendet hat. Während der fünfundzwanzigjährige Mann an der Nordsee mit einem Schiffchen spielte, starb sein Vater in Kalifornien — eine von ihm selbst erfundene Maschine zerquetschte ihn zu Brei. Felix erfuhr von dem Tode seines Vaters, aber ehe er die Aufforderung erhielt, nach Amerika zu kommen und dort die unermessliche Erbschaft anzutreten, war er spurlos verschwunden. Man sagte, er habe sich als gewöhnlicher Matrose auf einem Segler eingeschifft, einige meinten, weil er sich arm glaubte und die Kosten einer Reise nach Amerika sparen wolle, andere, er habe das Gemüt seiner Mutter ererbt — er hatte dies auch wirklich, zugleich aber auch den kalten Verstand des Vaters — und abermals andere sagten, er sei einfach verrückt.

Viele Jahre lang blieb Felix verschollen und muss ein rechtes Abenteuerleben geführt haben, wie Sie gleich sehen werden. Der alte Altascarez ließ nichts unversucht, den Erben des alten Hoffmann, der ja eigentlich der Hauptbesitzer der Gruben gewesen war, zu entdecken, aber alle Anfragen und alles Annoncieren blieb fruchtlos. Nur soviel erfuhr man, dass Felix wirklich eine lange Seereise als Matrose gemacht habe, dann aber verlor man auch diese Spur.

Da kamen im Bighorn-Gebirge die Crow-Indianer wieder einmal auf den Gedanken, dass das Land, auf dem die Weißen hausten, doch eigentlich ihr Eigentum wäre. Sie gruben den rostigen Tomahawk aus, und in den eben noch friedlichen Tälern erscholl plötzlich ihr Kriegsruf, Weiberzetern und Kindergeschrei — die Indianer mordeten und schlachteten alles, was einen Skalp auf dem Kopfe hatte.


Illustration

Im Bighorn-Gebirge besaß Don Altascarez nur eine schon sehr alte Mine, die nicht nur eine seiner ertragsfähigsten war, sondern — in deren Nähe auch er, sein Sohn und dessen Familie wohnten. Als der alte Altascarez einst gerade in der Mine war, überfielen die Crow-Indianer sein Haus, machten alles nieder und wandten sich nach der Mine.

Don José Altascarez war zu schlau, um sich in der Mine einschließen und aushungern zu lassen; er floh mit einigen seiner Leute und wurde von den Indianern hart verfolgt. Er war fast schon verloren, als er auf einen Trupp Indianer eines anderen Stammes traf.

»Nun muss ich noch erwähnen, dass damals in ganz Nordamerika die Sage ging, unter den Indianern lebe ein Weißer als Trapper, Jäger, oder sonst etwas, der unter allen Rothäuten sich des größten Ansehens erfreute. Er war innerhalb zweier Jahre durch ganz Amerika marschiert, jeder Stamm, den er verlassen hatte, sollte ihn wie einen Gott verehren und der nächste ihn schon wie einen solchen erwarten. Von dieser rätselhaften Person, deren Vorhandensein bestritten wurde — er führte einen verteufelt seltsamen Namen, den ich nicht behalten konnte — wurde jener Trupp geführt, um die aufrührerischen Crow-Indianer zu unterdrücken. Altascarez drehte mit ihnen um; unter den Aufrührern entstand ein furchtbares Gemetzel, und am Schlusse desselben erkannte Don Altascarez in dem sechs Fuß hohen, in Felle gekleideten Kerl den Sohn seines Kompagnons, seinen Enkel, Felix Hoffmann. Kurz darauf drückte dieser dem alten Silberkönig die Augen zu und war nun alleiniger Besitzer aller AltascarezGruben.«

»Eine Frage«, unterbrach der Chemiker den Erzähler. »Was hatte Felix Hoffmann, ein gebildeter Ingenieur, als Jäger im Wilden Westen zu tun?«

»Er hatte sich zwei Jahre allerdings als solcher dort aufgehalten, kehrte aber nicht etwa arm zurück, sondern im Gegenteil, er trug allein in den Taschen seines alten, schäbigen Pelzrockes eine ganz ansehnliche Menge Goldstaub verborgen, und außerdem hatte er noch überall Verstecke, in denen er die gefundenen oder ihm von Häuptlingen geschenkten Schätze an Gold verbarg. Was jetzt dem fleißigsten, glücklichsten Goldgräber nicht mehr gelang, nämlich sich innerhalb einiger Jahre zum reichen Mann zu machen, das war ihm durch sein unstetes Wanderleben gelungen. Wahrscheinlich hatte er es verstanden, durch Experimente die Indianer für sich einzunehmen; vielleicht auch, dass die damaligen Gerüchte wahr waren, dass er wirklich ein so großer Jäger vor dem Herrn gewesen, kurz und gut, er herrschte unter ihnen, und die Indianer, die Hüter der Schätze der Ureinwohner Amerikas, teilten ihm freigebig von ihrem Golde mit.

Jedenfalls hatte sich Hoffmann nur ein beträchtliches Vermögen sammeln wollen, um zwecks Ausbeutung seiner Erfindungen nicht auf die Hilfe anderer Leute angewiesen zu sein, weil dabei der eigentliche Erfinder stets mit fast leeren Händen das Nachsehen hat.

Nicht wahr, Mister Kinnaird, das haben Sie auch schon selbst erfahren?«, schob Flexan lächelnd in seine Erzählung ein.

Ein leiser Fluch war die einzige Antwort.

»Jetzt brauchte Felix Hoffmann nicht mehr nach Schätzen zu suchen. Das launische Glück hatte ihm solche in unermesslicher Fülle in den Schoß geworfen. Er war nun der Silberkönig. Silberkönige, wie man sagt, gibt es gar nicht, sondern nur einen einzigen, und das ist Felix Hoffmann. Aber man glaubt, dass seine Direktoren, welche an der Küste, im Inneren Amerikas, in Wildnissen die Minen leiten, die eigentlichen Besitzer seien, weil sie jede Vollmacht haben. Der Gewinn jedoch fließt in Hoffmanns Kasse, und wie hoch dieser ist, kann er selbst nicht angeben.

Der junge Silberkönig besichtigte nur schnell seine Minen, nahm einige Verbesserungen darin vor, bei denen er sich als Meister des Bergbaues zeigte, ließ sich die Rechnungen vorlegen, fügte den alten Minen neue hinzu, die er während seiner Irrfahrten entdeckt, und machte sich dann an die Erfüllung seines Lieblingswunsches.

Für ihn begann ein Jahr der fieberhaftesten Tätigkeit. Er reiste von Land zu Land, von Amerika nach Europa und wieder zurück, besuchte alle größeren Städte und besonders viel Maschinenfabriken, ohne dass dies auffiel oder dass man sich um ihn bekümmert hätte.

Und doch ging er mit einem großartigen Plane um, den er aber so geheim ausführte, dass der Welt wenig davon bekannt wurde.

An der Nordostküste von Schottland wurde auf einer einsamen Insel eine Werft gebaut, und dorthin kamen nach und nach alle jene Dinge, die Hoffmann schon längst in Maschinenfabriken bestellt hatte. Panzerplatten, Maschinen und so weiter, alles nach seinen eigenen Zeichnungen und in verschiedenen Ländern angefertigt, sodass man in dem einen Lande nicht wusste, was man da eigentlich für ein seltsames Ding zu schmieden habe, ganz ohne jede Übersicht der Konstruktion, weil in dem anderen Lande nämlich das Zubehör, welches die betreffende Maschine erst ergänzte, gefertigt wurde. Hoffmann lässt sich eben nicht in die Karten sehen. Die einzelnen Teile wurden auf der einsamen Werft im Meere zusammengestellt, und der ›Blitz‹ war fertig. Dann entfernte der deutsche Ingenieur alle Leute, die er bisher beschäftigt hatte, und ging mit einigen Maschinenarbeitern, die auch jetzt noch an Bord sind, an die letzte Arbeit: Das Schiff wurde von oben bis unten mit schwarzer Farbe gestrichen, eben jene Substanz, die Sie nicht analysieren können.«

»Es kann keine Farbe sein«, behauptete der Chemiker, »eine solche müsste sich auflösen, und diese Substanz löst sich auch nicht in der stärksten Säure auf.«

»Sagte ich vorhin, er bestrich das Schiff mit Farbe«, entgegnete Flexan, »so mag ich nicht den richtigen Ausdruck gebraucht haben, ich verstehe mich nicht auf solche Sachen. Sicher aber ist, dass eben diese schwarze Substanz, mit welcher der ›Blitz‹ über und über bedeckt ist, dem Schiffe jene wunderbare Kraft verleiht, durch welche es die ganze Welt in Staunen setzt.«

Der Chemiker stimmte bei.

»So ist es, daran ist kein Zweifel«, sagte er, »denn dem elektrischen Strome ausgesetzt, nimmt sie eine graue Farbe an. Aber wie zum Teufel mag sie auf das Schiff aufgetragen worden sein?«

»Diese Frage kann ich Ihnen nicht lösen. Dieses Geheimnis wird ebenfalls das Rezept enthalten, welches ich Ihnen geben werde.«

»Wann?«, fragte der Chemiker gespannt.

»Sobald ich es habe«, entgegnete Flexan einfach.

»Wissen Sie, wo er es aufbewahrt?«

»Wir nehmen an, er trägt es stets bei sich.«

»So müssten Sie es ihm also stehlen lassen! Aber nach allem, was Sie mir von Hoffmann erzählt haben, ist er nicht der Mann, der sich etwas wegnehmen lässt.«

»Durch List kann man jede Schwierigkeit besiegen«, entgegnete Flexan, »und können wir ihm das Geheimnis nicht abnehmen, so muss er sterben.«

Der Chemiker hatte das letzte Fläschchen gefüllt, versah jetzt alle sorgsam mit Glasstöpseln und stellte außerdem noch aus Guttapercha einen luftdichten Verschluss her. Dann stellte er die Fläschchen zu einem Paket zusammen und händigte dies Flexan ein.

»So«, sagte er grinsend. »Ist dieses Gebräu alles an den Mann gebracht, so leben einige Menschen weniger auf Erden. Macht nichts, sind genug vorhanden.«

»Der Tag beginnt zu grauen«, entgegnete Flexan mit einem Blick durch die Kellerfenster.

Schüttelnd hüllte Flexan sich in seinen Mantel und reichte dem Chemiker die Hand zum Abschied.

»Wohin gehen Sie jetzt?«, fragte der Chemiker. »Müssen Sie wieder reisen?«

»Wo denken Sie hin, Mann, ich will schlafen, schlafen und träumen, dass ich nicht mehr Nächte zu durchwachen brauche, mein Gehirn mit Plänen martern und wie ein Flüchtling mich den beschwerlichsten Reisen unterziehen muss. Vielleicht bekomme ich schon jetzt die Nachricht, dass eine andere Zeit für mich anbricht, dann noch ein Monat mit harten Mühen, und dann, Mister Kinnaird, wollen wir die Früchte derselben genießen.«

Die Kellertür schloss sich hinter ihm.

* * * * *

IV.1. Der neue Freiherr

Das Land war damit beschäftigt, sich aus den Gerüchten, welche täglich die Zeitungen brachten, ein Ganzes zusammenzusetzen, aber aus den Gerüchten wurden Tatsachen, und man erfuhr, dass nichts erlogen war.

Am meisten war dabei eine große, blühende Stadt am Rhein interessiert, denn der sensationelle Roman, wie er nicht besser erdacht werden konnte, spielte sich unmittelbar in ihrer Nähe ab, auf jenem Schlosse, welches hoch auf dem Felsen den Rhein übersah, dessen Besitzer einst die Schutz- und Schirmherren der Stadt gewesen waren, ein edles und beliebtes Geschlecht.

Wochen auf Wochen waren vergangen, ehe der Roman zum Abschluss kam, schließlich aber lag alles offen vor den Augen der Welt, und amtliche Berichte bestätigten die anfänglichen Mutmaßungen.

Freiherr Rudolf von Schwarzburg war gestorben, sein Sohn Johannes, der bei der Kaiserlichen Marine als Kadett die Seeoffizierskarriere begonnen, hatte an seinem Sterbebette gestanden und den letzten Segen empfangen; die Stadt trauerte um ihren Schirmherrn, aber vergebens erwarteten die Bürger den neuen Freiherrn, um ihm zujauchzen zu können — er ließ sich nicht sehen.

Und doch war es nicht der Schmerz um den verlorenen Vater, welcher den Sohn zurückhielt! Woher das Gerücht kam, wo es entstanden war? Man wusste es nicht. Aber mit Blitzesschnelle durchlief die Nachricht die Stadt, Johannes sei gar nicht der Sohn des alten Freiherrn, er sei ein untergeschobenes Kind. Oben im Schlosse befände sich ein Mann, welcher dies haarscharf bewiese und Zeugen anführe, welche dies eidlich bekunden würden.

Noch war man sich nicht darüber einig, ob man dies glauben sollte oder nicht, als schon wieder ein neues Gerücht unter die Menge gesprengt wurde.

Eine Karosse war vor das Schloss angejagt gekommen, einige ältliche Herren ihr entstiegen, einen jungen Mann, der sich zu sträuben schien, mit sich schleppend, und wenige Minuten später hatte sich schon wieder die Nachricht verbreitet, der richtige Sohn des Freiherrn wäre gefunden, in einigen Wochen würde erwiesen sein, dass er wirklich Anrechte auf das Majoratserbe des Freiherrlichen Geschlechts derer von Schwarzburg zu erheben habe.

Diese einigen Wochen waren vorüber, und es hatte sich alles bewahrheitet. Nach und nach erfuhr man das Staunenswerte vollkommen, ohne dass noch Zweifel aufsteigen konnten.

Emil von Schwarzburg, dessen fluchwürdiger Sohn wegen Wechselfälschung im Zuchthaus saß, dieser Auswuchs des edlen Geschlechtes, hatte die Amme von Johannes bestochen, ihm ein anderes Kind unterzuschieben und ihn in Pflege einer Frau zu tun, welche Kinder dunkler Herkunft aufzog.

Diese Pflegemutter lebte noch, und vor Gericht machte sie Aussagen, welche den Betrug bestätigten. Ebenso fand man Papiere bei dem in Mgwana verstorbenen Freiherrn Emil, aus denen die Wahrheit ersichtlich war.

Die Amme selbst war zwar noch nicht aufzufinden, vielleicht war sie tot, vielleicht nur verschollen, doch brauchte man sie nicht, um Hannes Vogel, den Matrosen, als Majoratsherrn proklamieren zu können; er hatte warme Freunde, die energisch für ihn auftraten.

Kein Streit war zwischen den beiden Rivalen entstanden.

Als der ehemalige Freiherr, der Seekadett, noch tiefbetrübt über den Tod seines vermeintlichen Vaters, von dem wirklichen Sachverhalt erfahren, war er wohl eine Zeitlang niedergeschlagen, dann aber nahm er die dargebotene Hand des neuen Freiherrn und erwiderte den herzlichen Druck derselben. Er war ein Mann, kein empfindsames Kind, das über eine Laune des Schicksals in Tränen ausbricht.

Der Seekadett verwünschte nicht seine Geburt, er bejammerte nicht sein Los, auch zürnte er nicht dem jungen Manne, der nun an seine Stelle trat, noch dessen Ratgebern, er zürnte höchstens den Personen, welche sich mit frevelnder Hand in sein Schicksal gemischt hatten. Doch derjenige, der die Hauptschuld daran trug, war tot, er lag in fremder Erde, gleich einem Abenteurer, der hinter einem Busch sein Leben aushaucht, und das Herz des Seekadetten war edel, es verzieh auch diesem irrenden Manne.

Die beiden jungen Männer, die sich einst schon in Batavia im Garten des Holländers als Rivalen gegenübergestanden und dann noch einmal bei der Ersteigung des Berges in Neuseeland, während deren es dem Seekadetten zum Bewusstsein gekommen war, dass er diesem fröhlichen Matrosen gegenüber keine Hoffnung bei der jungen Amerikanerin zu erwarten habe, befanden sich lange allein in einem Zimmer, und als sie dasselbe wieder verließen, da gingen sie Arm in Arm, und ihre Züge waren ernst und heiter zugleich — innerhalb einer halben Stunde waren sie Freunde geworden, die sich offen aussprachen, und von denen der eine vom anderen ein Geschenk anzunehmen, sich nicht schämte.

Johannes blieb Seekadett, und so lange er Unterstützung gebrauchte, erhielt er dieselbe vom neuen Freiherrn. Das offene Anerbieten von Hannes, alles miteinander zu teilen, schlug er dagegen energisch aus.

Dann war das Nächste, was der Kadett tat, dass er seine noch lebenden Eltern aufsuchte, einfache, in ärmlichen Verhältnissen lebende Handwerksleute, die ihren ersten Sohn als Säugling auf rätselhafte Weise verloren hatten.


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Sie wurden auf den Empfang des wiedergefundenen Sohnes vorbereitet. Wohl jauchzte das Herz der Mutter beim Gedanken auf, den lange beweinten Sohn wieder in die Arme schließen zu können, und doch wurde sie von einem ängstlichen Gefühl befallen, erinnerte sie sich daran, dass der Erwartete zwanzig Jahre lang Freiherr tituliert worden und jetzt Offizier des Kaisers war.

Noch ängstlicher war der Vater. Je näher die Stunde des Wiedersehens kam, um so öfter betrachtete er unruhig seine harten Arbeitshände, und um so nervöser zupfte er an dem ungewohnten, steifen, leinenen Kragen, der den braunen Hals umschloss. Die jüngeren Kinder waren eher neugierig, als verlegen, machten aber durch ihre fortwährenden Fragen, ob Hans einen großen Säbel trage, ob er zu Pferd käme, und ob er Orden auf der Brust hätte, die Eltern noch unruhiger.

Da öffnete sich die Tür; jetzt musste der Erwartete eintreten; ratlos standen die guten Leutchen da.

Aber es kam kein sternbesäter Offizier mit einem Säbel herein, ein einfacher, junger Mann war es, welcher mit ausgebreiteten Armen auf die bleiche Frau zuging, sie umarmte, wieder und immer wieder küsste und sie Mutter nannte, so zärtlich, dass ihr die Tränen unaufhaltsam aus den Augen stürzten. Vorbei war alle Zaghaftigkeit. Die Mutter lag weinend und lachend an der Brust des stattlichen Sohnes, sie schämte sich nicht, ihn mit Kosenamen zu überschütten, die ihm in seiner Kindheit aus ihrem Munde zu hören versagt blieben; der Vater war außer sich vor Freude und zugleich stolz darüber, dass die Hand seines Sohnes weder an Härte, noch an Kraft der seinen nachgab, obgleich er als Freiherr gelebt hatte, und dass sein braunes Gesicht dem des Sohnes gegenüber an Farbe noch weiß zu nennen war.

Und der Seekadett? Eben noch eine Waise, saßen ihm jetzt rechts zur Seite die Mutter, links der Vater, auf beiden Knien die Geschwister, und um alles in der Welt hätte er nicht mehr mit dem neuen Freiherrn auf dem verlassenen Schlosse getauscht, er lachte und weinte und war glücklich.

*

Zu derselben Zeit stand im Schlosse von Schwarzburg ein in Schwarz gekleideter Herr an einem Fenster und schaute hinaus auf die Landschaft, die sich vor ihm eröffnete. Es war ein weißes Leichentuch, welches der Winter über Felder und Fluren gebreitet hatte. Etwas weiter erhob sich der mächtige Wald, dessen Bäume unter der Last des Schnees die Zweige neigten, und am Fuße des Felsens floss der Rhein. Er war noch nicht zugefroren; aber lange konnte es nicht mehr dauern, dann bedeckte eine dicke Eiskruste den Strom, denn schon trieben große Eisschollen denselben hinab, stauten sich am Ufer und zogen sich immer mehr der Mitte zu.

Die Aussicht war jetzt zwar traurig genug, aber im Sommer, wenn die Felder im Ährenschmuck prangten, die Wiesen, vom Rhein bespült, in frischem Grün, und wenn im herbstlichen Wald das Jagdhorn lustig erschallte, dann musste es hier prächtig sein, umso mehr, als der Besitzer dieses Schlosses, welcher jetzt durch das Fenster schaute, alles Land, das er übersehen konnte, als sein Eigentum betrachten durfte.

Für ihn wurde das Feld im Tale bestellt, für ihn weideten drunten die Herden auf den Wiesen, wurde das Wild im Walde gehegt; die Berge dort in der Ferne, mit Weinreben bedeckt, gehörten ihm, und die Schiffe, welche hier anlegten, um die Erzeugnisse des Bodens einzuladen, zahlten ihm den Preis dafür.

Der junge Mann ließ lange das blaue Auge sinnend auf den weißen Fluren ruhen, dann seufzte er tief auf; im nächsten Augenblicke aber huschte ein flüchtiges Lächeln über sein hübsches, tiefbraunes Gesicht. Er wandte sich um und ließ sein Auge über die gegenüberliegende Wand schweifen, welche mit Gemälden bedeckt war, seine Ahnen vorstellend; am rechten Flügel Ritter in eisernen Rüstungen, dann kamen einige in RokokoKostümen, mit bauschigen Ärmeln und hoher Halskrause, nach und nach passte sich die Kleidung mehr der jetzigen Mode an, und schließlich blieben die Blicke des jungen Mannes auf dem linken, letzten Bilde haften, einem alten Herrn mit weißem Vollbart und ernsten, aber milden Augen darstellend.

Langsam ging der Einsame auf das Bild zu, stellte sich mit gekreuzten Armen ihm gegenüber hin und blickte ihm fest in die gemalten Augen.

»Was siehst du mich so ernst an?«, murmelte er nach einer Weile. »Bist du nicht zufrieden, dass ich dein Nachfolger geworden bin? Warst du mein Vater, dann musst du es sein, und dass ich bisher nur Matrose gewesen bin, dafür kann ich wahrhaftig nichts. Armer, alter Mann, du hast Schweres durchmachen müssen! Ein Glück ist es, dass du nicht noch das Letzte erfahren hast, dass der, den du geliebt, gar nicht dein Sohn gewesen ist. Armer Mann! Ich soll dich betrauern, und doch, ich kann es nicht. Aber man hat mir gesagt, die schwarze Kleidung schon drücke die Trauer aus, nun, die kann ich dir zu Gefallen schon tragen. Ich habe zwar noch nie getrauert, aber ich glaube, hätte ich es je getan, ich würde mich nicht deswegen anders angezogen haben.«

Seufzend blickte der junge Mann nach der leeren Stelle neben dem letzten Bilde.

»Dort also soll ich einmal hängen, als Freiherr Johannes von Schwarzburg, einstiger Matrose, der nun von allen als Herr Baron angeredet wird. Hätte ich es mir doch nicht träumen lassen, als ich einst in Alexandrien von den Eselsjungen immer mit Herr Baron angeredet wurde, weil ich viel Geld in der Tasche hatte und freigebig war, dass die Kerle die Wahrheit sagten. Dies also sind meine Vorfahren, und dort«, er sah nach der anderen Wand, wo nur Frauengestalten hingen, »dort baumeln meine Urgroßmütter. Mein Platz ist noch frei, aber der Nagel zum Bild ist schon eingeschlagen, und dort zu den Frauenzimmern soll einst meine Frau hinkommen, Freiherrin Hope vom Schwarzburg. Hm, klingt ganz hübsch, wenn ich sie nur erst gefunden hätte.«

Der junge Freiherr hatte vergebens gesucht, sich in einen scherzhaften Ton hineinzureden; aus den letzten, leise gesprochenen Worten klang ein tiefer Schmerz hervor.

Er wandte sich wieder dem Fenster zu und blickte auf den Rhein, in dessen Wasser sich die Nachmittagssonne spiegelte, und dessen Eisschollen die Strahlen derselben reflektierten.

Eben fuhr ein kleiner Kahn stromab, und so groß die Entfernung auch war, die scharfen Augen des einstigen Seemanns konnten deutlich wahrnehmen, was auf dem kleinen Fahrzeug vor sich ging.

Der Kahn war gedeckt. Vorn entquoll einer Esse dünner Rauch, die Schiffersfrau bereitete dem Manne also unten in dem engen Raume den Kaffee, und der Schiffer selbst saß am einfachen Steuerbaum. Hannes sah, wie der Mann seine Pfeife ausklopfte, in die Tasche griff, einen Beutel zum Vorschein brachte, frisch stopfte und den Tabak anzündete.

Hannes blickte dem kleinen Fahrzeug nach, so lange er konnte, bis er nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ob die Rauchwolke dem Schlot oder der Pfeife entquoll.

Plötzlich überflog die Züge des jungen Mannes ein halb glückliches, halb pfiffiges Lächeln. Noch einmal schaute er sich in dem reich möblierten, mit weichen Teppichen belegten Salon um, dann fuhr er mit den Händen in die Hosentaschen und wühlte darin herum, aber er musste nicht finden, was er suchte, denn er zog die Hände mit einem unwilligen Gebrumme wieder heraus und begann die anderen Taschen zu untersuchen.

»Freiherr, Baron oder Matrose«, murmelte er, »ist mir ganz Wurst, der Geschmack bleibt doch immer derselbe, und wenn ich auch auf dem feinsten Smyrnaer Teppich stehe. Ach so«, unterbrach er sich und zog die Hände aus den Rockschößen, »daran habe ich ja gar nicht gedacht. Na, brauche ja nur zu klingeln, dann kommen meine Diener.«

Er ging an die Tür und setzte einen Klingelzug in Bewegung. Er mochte aber wohl zu heftig daran gerissen haben, denn die golddurchwirkte Borte löste sich ab und fiel ihm auf den Kopf.

»Alle Mann an Deck«, lachte der Freiherr und zog den Kopf ein, »die Takelage kommt von oben.«

Er öffnete die Tür.

»August, Johann, Friedrich oder wie du heißt«, schrie er hinaus, »fix einmal herein, die Takelage kommt von oben.«

Ein eiliger Schritt ward auf dem Korridor hörbar, ein betresster Diener trat in den Salon und blieb nach einer Verbeugung an der Tür stehen, die Befehle des neuen Freiherrn erwartend.

»Wie heißt du, mein Sohn?«, fragte Hannes, während er die Borte vom Boden aufhob und das obere Ende und die Stelle, wo sie losgerissen, prüfte.

»Georg, Herr Baron«, antwortete der backenbärtige Diener, der Hannes' Vater sein konnte.

»So, also Georg — hatte einmal einen Bootsmann, der so hieß. — Sag mal, Georg, das ist ja ein merkwürdiges Gerümpel hier im Hause, vorgestern breche ich mit dem Tische zusammen, auf den ich mich setzen wollte, gestern trete ich durch einen Rohrstuhl, und jetzt kommt hier dieses Zeug von oben. Hol der Teufel das ganze Haus, zuletzt fällt es mir noch über dem Kopf zusammen!«

»Es wird sofort repariert werden, Herr Baron«, antwortete der Diener, ohne eine Miene zu verziehen.

»Unsinn, ich will es lieber selbst machen, dann hält es wenigstens. Bring mir mal eine Malspike und zöllige Drahtstifte, und dann, Georg, gehe in das Zimmer, wo meine Lumpen liegen, welche ich hier auszog, in der Büx an Steuerbordseite steckt mein Pip und greifst du an derselben Seite in meinen Flaus, so findest du eine Tüte mit swartem Krusen, das bringe alles her, und dann kannst du mir helfen, denn ich habe schon gesehen, ihr faulen Schlingel lungert den ganzen Tag im Bedientenzimmer herum und scharwenzelt mit den Dienstmädchen.«

Stumm stand der Bediente wie eine Statue in der Tür und schaute den neuen Freiherrn fragend an.

»Nun, was gibt es noch?«

»Ich habe den Herrn Baron nicht verstanden.«

»So! Habe ich mich dir nicht deutlich genug erklärt?«

»Ich weiß nicht, was eine Malspike ist, und auch das andere ist mir nicht bekannt, Herr Baron.«

»Du weißt nicht, was eine Malspike ist?«, fragte der Baron erstaunt. »Herr Gott, du bist wohl in gar keine Schule gegangen? Ach so, ihr Landratten habt für alles eine andere Bezeichnung.«

Nun erklärte er, dass er Hammer und Nägel haben wolle, dass ›Steuerbord‹ rechts, ›Büx‹ Hose, ›Flaus‹ Jacke und ›Pip‹ Pfeife heiße, und dass ›schwarzer Krauser‹ seine Lieblingssorte Tabak wäre.

Bald brachte der Diener das Verlangte, das Handwerkszeug in der einen Hand, die Kalkpfeife und den Tabak auf einem silbernen Teller in der anderen tragend.

Erfreut griff der junge Baron nach der schmutzigen Kalkpfeife, stopfte sie schmunzelnd und sog mit wonnigem Behagen den Dampf ein.

»Haha, das ist ein Tabakchen, nicht?«, rief er, und blies dem Diener die grauschwarzen Rauchwolken ins Gesicht, sodass dieser zu niesen anfing und scheu zurückwich. »Ja, ja, wenn den einer raucht, dann fallen zehn Mann um.«

»Nun rücke einmal mit mir diesen Bücherschrank hierher«, kommandierte der Baron, »dann werde ich wohl hinauflangen können; den Hammer kannst du einstweilen an Deck legen! Herr Gott, Mensch, stell dich doch nicht so ungeschickt an! So kannst du ihn doch nicht heben, unten musst du ihn anfassen. So, eins — zwei — drei — hoch!«

Krach, ging es in diesem Augenblicke.

»Was war denn das?«, fragte Hannes, setzte den Schrank wieder hin und ging zum Diener. »Na, deine Hose sieht gut aus, die ist ja hinten von oben bis unten geplatzt!«

»Auch Ihr Beinkleid hat Schaden gelitten, Herr Baron«, meldete der Diener.

Hannes besah sich im Spiegel und lachte.

»Wir sehen beide famos aus«, lachte er, »gerade wie kleine Kinder, denen das Hemdchen hinten heraushängt, macht aber nichts, besser als ein Bein gebrochen.«

Der Schrank wurde an die bestimmte Stelle gerückt.

»Nun stelle dich hierher«, fuhr Hannes fort, »ziehe den Kopf etwas ein, und wenn ich auf dich springe, dann brich nicht zusammen. Pass auf: eins — zwei — drei — hopp!«

»Au«, rief der Diener und sank in die Knie, aber der Baron stand schon oben auf dem Schranke.


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»Himmel, Donnerwetter«, fluchte jetzt Hannes, »hier sinkt man ja bis an die Knöchel in Staub ein! Na wartet, morgen lasse ich die gesamte Mannschaft mit Besen an Deck treten. Das ganze Schloss wird von oben bis unten unter Wasser gesetzt, und so lange ich irgendwo auch nur ein Spinngewebe entdecke, bekommt ihr nichts zu essen. Ich will euch schon kriegen, euch faules Pack! Jetzt hole mir einmal einen Eimer mit Wasser und einen Lappen.«

Während der Diener das Verlangte holte, trieb der Baron mit wuchtigen Schlägen die Nägel in die Wand und befestigte die Klingelschnur so daran, dass sie drei Männer getragen hätte.

Dann begann der Freiherr mit eigener Hand sämtliches Inventar abzuwischen, wobei der unter seiner Last seufzende Diener oft als Leiter dienen musste.

»Herr Berger«, meldete ein anderer Diener dem mit herabhängenden Beinen auf einem hohen Schranke sitzenden Baron.

»Immer herein«, rief Hannes fröhlich.

Herr Berger, der Detektiv und Freund von Nick Sharp, trat herein und war nicht wenig erstaunt, den neuen Freiherrn in einer solchen Situation zu finden.

Mit einem Sprunge war der Baron vom Schrank herunter und stand vor dem Eintretenden, ihm die staubige Hand entgegenstreckend.

»Nur keine langen Komplimente«, rief er, als Herr Berger sich verbeugen wollte. »Gott sei Dank, dass ich wieder einmal jemanden habe, mit dem ich vernünftig sprechen kann, ohne Baron hinten und Baron vorn zu hören. August oder Gustav, nimm den Eimer heraus und komme nicht wieder herein, ich mag deine pomadisierte Haarfrisur nicht mehr sehen.«

»Ist sie gefunden?«, fragte er dann, als er Herrn Berger gegenübersaß.

»Ja und nein«, antwortete dieser.

»Wie soll ich das verstehen?«

»Sie war gefunden, ist aber wieder entschlüpft. Ich muss Ihnen ausführlicher erzählen, Herr Baron, was sich alles seit der Ankunft der ›Urania‹ ereignet hat, damit Sie ein klares Bild erhalten.«

»Dann fangen Sie an, vermeiden Sie aber das Wort Baron«, sagte Hannes, »ich denke immer, man will mich damit höhnen.«

»Unser Telegramm hatte die Polizeibehörde in Hamburg vorbereitet«, begann Berger, »um beim Einlaufen der ›Urania‹ Herrn Renner wegen Mordversuchs zu verhaften und sich zugleich Miss Stauntons zu vergewissern und ihr mitzuteilen, dass Sie am Leben wären.«

»Das weiß ich. Ich war ja selbst mit dabei, als Sie das Telegramm in Sierra Leone*) aufgaben.«

»Wie ich nun erfahren habe, machte die Verhaftung des Herrn Renner bedeutende Schwierigkeiten, er war ein baumstarker Mann, und die ganze, nach der ›Urania‹ abgesandte Polizei musste eingreifen, um denselben zu bändigen; daher konnte niemand ein Auge auf Miss Staunton haben, und als man das junge Mädchen suchte, hatte es mit dem wenigen Gepäck das Schiff bereits verlassen. Alle Nachforschungen innerhalb Hamburgs während einer Woche nach ihr blieben erfolglos.

»Da kam mit einem Schnelldampfer ein Bevollmächtigter ihres Bruders

*) Ein Staat an der Westküste Afrikas. an — gleich nach uns — und während wir damit beschäftigt waren, ihre Legitimität zu beweisen, gelang es diesem Herrn unter Aufwendung großer Geldmittel, den Aufenthalt Miss Stauntons zu erfahren. Sie wohnte unter einem angenommenen Namen in einem Hotel Hamburgs.

»Entweder war nun dieser Bevollmächtigte ein sehr schlechter Diplomat, oder Kapitän Staunton hat ihm sehr schlechte Ratschläge gegeben, wie er das junge Mädchen ihrem Bruder wieder zuführen sollte. Ich kenne Miss Staunton zwar nicht, aber ich glaube, dass kein Mädchen, welches liebt, unter solchen Angeboten einen Fehltritt bereut und wieder gutzumachen sucht, indem es zurückkehrt.«

»Hope hat keinen Fehltritt begangen, Mister Berger«, unterbrach ihn Hannes unwillig.

»Ich weiß, das Wort war falsch gewählt«, fügte der Erzählende schnell hinzu. »Ich meinte, kein liebendes Mädchen würde unter solchen Bedingungen seiner Liebe entsagen.«

»Was für Bedingungen waren es?«

»Zuerst erklärte ihr der Bevollmächtigte des Bruders rücksichtslos, dass sie ein armes Mädchen geworden wäre, welches nichts weiter besäße, als dasjenige, was es mitgenommen habe, ein paar Hundert Dollar und dann ...«

Der Sprecher zögerte plötzlich.

»Und dann?«, fragte Hannes unruhig.

»Und dann gab der Bevollmächtigte Hope zu verstehen, dass sie nur für den Fall Unterstützung bei ihrem Bruder fände, wenn sie gewillt wäre, dem Leutnant Murbay, der sie liebe, die Hand zu reichen.«

»Verdammt«, platzte Hannes heraus und sprang mit geballten Fäusten auf.

»Er verstand sehr gut, dem jungen Mädchen die Vorteile der reichen Heirat auszumalen.«

»Was entgegnete ihm Hope?«, stieß Hannes mit funkelnden Augen hervor.

»Miss Staunton entgegnete ihm stolz, auf solche Vorschläge würde sie nie eingehen. Sie würde niemals heiraten, um in bessere Vermögensverhältnisse zu kommen, sie wäre sich selbst genug, Unterstützung brauche sie nicht und nähme von jetzt ab nicht einmal solche von ihrem Bruder mehr an.«

»Bravo«, schrie Hannes freudig, »daran erkenne ich Hope, sie konnte nicht anders antworten. Sprach dieser Bevollmächtigte nicht auch von mir? War es Hope nicht schon zu Ohren gekommen, dass ich noch lebte und Aussicht besaß, Freiherr zu werden? Damals war es doch bekannt geworden.«

»Allerdings, er sprach von Ihnen, sagte auch, dass Sie als Freiherr anerkannt wären, aber Miss Staunton wusste dies schon.«

»Und was sagte sie dazu?«

Berger zögerte etwas und sagte dann:

»Sie brach plötzlich in Tränen aus und bat den Vermittler, sie allein zu lassen.«

»Sie weinte?«, rief Hannes erstaunt. »Ja, aber warum denn? Sie sollte sich doch darüber gefreut haben.«

»Der Vermittler wird ihr etwas gesagt haben, was sie sehr gekränkt hat.«

»Was sollte das gewesen sein?«

»Etwas, was sie vielleicht auch schon gedacht hat und was von diesem unklugen oder vielmehr boshaften Vermittler grausam bestätigt wurde.«

»So sprechen Sie doch«, drängte Hannes.

»Er hat ihr angedeutet, dass Sie als Freiherr, reich, mächtig und bald viel umschwärmt, nichts mehr von dem verarmten Mädchen wissen wollten.«

»Donner und Doria«, schrie Hannes und rannte mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. »So ein Halunke, so ein Spitzbube; ich suche ihn auf, ich reise ihm nach, und habe ich ihn, so prügle ich ihn windelweich.«

»Geben Sie dem Manne nicht alle Schuld«, sagte Berger schnell, »ich glaube, Sie täten ihm unrecht. Ich vermute, dass Miss Staunton selbst schon Derartiges gedacht hat.«

Wie erstarrt blieb Hannes stehen, und seine Stimme bebte, als er nach einer stummen Pause fragte: »Woraus schließen Sie das?«

»Aus ihrem Benehmen und dass sie bei dieser Andeutung in Tränen ausbrach; ja«, fügte Berger leise hinzu, »sie gab es selbst zu. Sehen Sie, Miss Staunton hielt sich für eine reiche Erbin, Sie für einen armen Matrosen, und sie war stets stolz darauf, dass sie Ihretwegen alles aufgab. Sie selbst haben es erzählt, dass sie gern Anspielungen darauf machte, natürlich ganz unschuldig, sie freute sich eben darüber wie ein Kind, welches ein Spielzeug mit Freuden verschenkt — dieser Stolz war nichts Unrechtes. Nun erfährt sie aber plötzlich, wie töricht ihr Benehmen gewesen ist, und nun, da Sie reich geworden, schämt sie sich, arm zu Ihnen zu kommen. Wie wäre es sonst übrigens möglich, dass Miss Staunton sich Ihnen noch nicht genähert hat, da Ihr Aufenthaltsort doch bekannt ist?«

Lautlos und unbeweglich hatte Hannes dem Sprecher gelauscht, dann aber musste sich sein Herz Luft machen, ein unbeschreiblicher Jammer übermannte ihn. Wie ein Rasender begann er plötzlich durchs Zimmer zu laufen.

»Das also hat mir mein Freiherrntitel eingebracht«, rief er dabei. »Zum Teufel mit dem Freiherrn, zum Teufel mit dem Baron, ich bin Hannes Vogel, der Matrose, und wer mir dies von jetzt an abstreiten will, den prügele ich tot. Mein Gott«, rief er plötzlich, blieb stehen und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, »Hope, wie kannst du so kleinlich von mir denken, da ich dir gern alles opfern würde, da ich dir zuliebe betteln gehen wollte! Ich soll deiner jetzt nicht mehr gedenken, weil ich einen Titel und Geld bekommen habe!«

»Halten Sie ein«, sagte Berger, der zu ihm getreten war und ihm sanft die Hand auf die Schulter legte, »noch ist ja nichts verloren! Wie können Sie zürnen, dass Gott Ihnen Macht und Reichtum beschert hat? Sie sollten sich darüber freuen, denn ein um so angenehmeres Leben können Sie Ihrer Geliebten dadurch verschaffen.«

»Hope, was gilt mir alles, wenn ich dich verloren habe!«

»Sie ist Ihnen doch nicht verloren«, sagte Berger freundlich, »sie lebt ja. Denken Sie nur an das Wiedersehen! Wie sich das junge Mädchen freuen wird, wenn Sie es wiedergefunden haben und als Freiherrin auf Ihr Schloss führen! Wie wird es sich in seinem Glücke schämen, dass es auch nur einen Augenblick an Ihrer Treue hat zweifeln können.«

Ein Hoffnungsstrahl blitzte in Hannes' Seele auf; fragend schaute er den Sprecher an.

»Glauben Sie, dass ich Hope finden kann?«

»Aber warum denn nicht?«, rief der Tröster fröhlich. »Es ist doch in Deutschland eine Kleinigkeit, jemanden aufzufinden, der sich verbirgt. Selbst die abgefeimtesten Personen findet man, um wie viel mehr ein unschuldiges Mädchen! Bei Ihrem Ansehen und Ihren Mitteln ist es Ihnen ein Leichtes, den Aufenthaltsort von Miss Staunton zu erfahren, ja, ich will sie auf eigene Faust bald gefunden haben, und sicher ist es doch, dass, wenn Sie öffentlich nach ihr suchen lassen, sie sich bald einstellen wird, denn daraus erkennt sie doch Ihre Liebe! Aber unterlassen Sie dies, erlassen Sie keinen öffentlichen Aufruf! Lassen Sie das junge Mädchen nur einige Zeit in dem Glauben, Sie kümmerten sich nicht um es, das schadet dem kleinen Trotzkopf gar nichts. Und habe ich den Aufenthaltsort gefunden, so kommen Sie unvermutet, holen es fort, und dann passen Sie auf, was das für eine Freude sein wird.«

Hannes' Züge hatten sich bei diesen Worten immer mehr aufgeklärt.

»Einverstanden«, rief er und schüttelte dem Detektiven die Hand, »ja, so wird es gemacht. So lange wir sie nicht gefunden haben, mag sie für ihren Eigensinn zappeln, dann aber hole ich sie als Freiin von Schwarzburg heim, und dann soll in diesen alten Räumen ein Leben beginnen, dass meine Ahnen und Großmütter dort an der Wand Tag und Nacht lachen.«

Berger musste über den neuen Burgherrn lachen; er wusste schon, wie wenig derselbe zu dieser Würde passe.

»Haben Sie schon Besuch empfangen?«, fragte er. »Als Freiherr haben Sie Pflichten übernommen, von denen Sie vorher wohl wenig Ahnung hatten.«

»Ach, wenn ich nur von diesen Besuchen verschont bleiben wollte«, rief Hannes in komisch verzweifeltem Tone. »Denken Sie nur, fast jeden Tag erhalte ich Besuch von irgend so einem Grafen oder Baron oder Von aus der Nachbarschaft, meist noch ganz junge Burschen mit pomadisierten Köpfen und nach Parfüm duftenden Schnurrbärten, gekleidet sind sie wie Harlekins, blau oder rot oder grün, und die heulen mir dann mit schnarrender Stimme die Ohren voll, wie sehr sie sich freuten, mich als Kameraden begrüßen zu können; von etwas anderem aber, als von Pferden, ist mit ihnen gar nicht zu sprechen, und ich bin gewöhnlich so grob gegen sie, dass sie froh sind, wenn sie die Tür von draußen wieder zumachen können.«

»Hat Ihnen der alte Haushofmeister nicht schon etwas erzählt?«, fragte Berger.

Hannes wurde etwas verlegen.

»Ich glaube«, sagte er dann kleinlaut, »ich habe den alten Mann sehr gekränkt. Er wollte mir nämlich eine Lektion im Anstand geben, und da wurde ich furchtbar grob und gab ihm deutlich zu verstehen, ich brauche keinen Hofmeister mehr, und auf seinen Vorschlag, in den nächsten Tagen alle adeligen Nachbarn einzuladen, männliche und bezopfte, verbat ich mir dies ganz energisch. Ich sagte, ich würde die Schlossbrücke aufziehen und ›Verbotener Eingang‹ daranschreiben lassen.«

»Sie müssen sich aber Ihren Nachbarn vorstellen und später auch noch andere Besuche machen, werden wahrscheinlich selbst um eine Audienz beim Landesfürsten nachsuchen müssen.«

»Unsinn«, rief Hannes energisch. »Lassen Sie mich nur erst einmal Hope gefunden haben, dann ade Schloss Schwarzburg. Glauben Sie etwa, ich könnte es hier an Land aushalten? Gott bewahre, ich muss sofort wieder aufs Meer, sonst werde ich krank. Jetzt habe ich Geld, ich kaufe mir ein fixes Schiff, besorge eine tüchtige Mannschaft, und dann fahren wir beide, Hope und ich, wieder in der Welt herum. Das Schifferexamen zu machen habe ich nicht mehr nötig, die Sonne aufnehmen kann ich, Hope ebenso, und noch vieles mehr, was mancher Kapitän nicht kann. Wir werden uns wieder dem ›Amor‹ und der ›Vesta‹ anschließen und denen einmal zeigen, wie ein richtiges Segelschiff bedient werden muss.«

»Mein Freund Sharp hat mir schon von diesem Ihren Lieblingsplan erzählt. Also das Leben, welches Sie jetzt führen, hat für Sie keinen Reiz?«

»Ganz und gar nicht, ich fühle mich als Matrose auf einem Schiffe am wohlsten. Das Meer ist nun einmal meine Heimat geworden. Ich werde schon wehmütig, wenn ich auf den Rhein dort unten blicke.«

»Nun, Herr Baron«, sagte Berger und stand auf, »ich werde also mein möglichstes tun, um Miss Staunton zu finden, und sobald ich ihren Aufenthalt weiß, teile ich Ihnen denselben mit.«

»Tun Sie das und scheuen Sie keine Ausgabe! Eilen Sie, als gälte es Ihre Seligkeit zu retten! Und wissen Sie, was ich einstweilen tun werde? Ich habe meinen Entschluss geändert, ich werde diesen adeligen Leutchen einmal zeigen, dass ein Matrose sich auch in den feinsten Salons zu benehmen weiß; ich werde Besuche empfangen und erwidern, sonst denken sie, ich sei so ein ungelenker Kerl, dem beim Anblick einer Dame gleich das Herz in die Hosen fällt.«

»Der Haushofmeister wird Ihnen mit Winken zur Seite stehen.«

»Bah«, sagte Hannes verächtlich, »den brauche ich nicht. Bücklinge mache ich sowieso nicht, na, und tanzen kann ich wie nur irgend einer. Wenn ich aber mit der Sprache ins Holpern komme, dann fang ick plattdütsch to snacken an, darin bin ick en Düvel.«

* * * * *

IV.2. Eingemauert

Ellen war von dem Mädchen, das sie für ihre Freundin gehalten, den Verfolgern ausgeliefert worden. Einen verzweifelten Blick warf sie noch auf die Verräterin, dann ließ sie sich willenlos die Hände binden; eine furchtbare Trostlosigkeit hatte sich plötzlich ihres Herzens bemächtigt. Wie ein Schleier fiel es von ihren Augen, ja, eine Ahnung stieg in ihr auf, dass sie Johanna doch vielleicht unrecht getan habe.

Sie wurde nach dem kleinen Wasserfall geführt, wo die anderen acht Mädchen bereits, gleich Ellen, gebunden, mit niedergeschlagener Miene ihrer Kapitänin warteten.

Da entfuhr Ellens Lippen ein Ausruf des Erstaunens, denn der Mann, der jetzt auf sie zutrat, war niemand anders als Mister Anderson, der Detektiv, den sie in Afrika befreit hatten, und der zuerst Johanna anschuldigte.

Er war besser gekleidet als die übrigen Männer, welche sich in Anzug und Benehmen als Seeleute verrieten; auch versuchte er einen höflichen Ton anzuschlagen.

»Es tut mir leid, Miss Petersen«, begann er, »dass ich den mir von Ihnen geleisteten Dienst mit Undank vergelten muss. Gern würde ich Ihnen als Helfer entgegentreten, aber ich bin gezwungen, zu handeln ...«

»Lassen Sie die Entschuldigungen!«, unterbrach ihn Ellen heftig. »Ich sehe, Sie sind im Einverständnis mit diesen Piraten und jedenfalls selbst ein solcher. Zu beklagen ist nur, dass ich Sie damals nicht Ihrem Schicksal überlassen habe, wenn Ihre Gefangennahme nicht auch nur eine Komödie war.«

Tannert zuckte die Achseln.

»Ich bitte Sie, fügen Sie sich geduldig in ihre Lage. Es ist das einzige, was ich Ihnen raten kann, weil ich dadurch nicht genötigt werde, Gewalt anzuwenden. Im Übrigen ist Ihr und der anderen Damen Schicksal kein so schlimmes, wie Sie glauben. Ihr Leben ist gesichert, und Sie werden sich über nichts zu beklagen haben. Jede Ungehörigkeit, welche sich diese Leute zu schulden kommen lassen, melden Sie mir, und«, Tannert griff an seinen Revolver und sah sich im Kreise der Piraten um, »es wird Ihnen Genugtuung werden.«

»Versuchen Sie nicht, als Ritter aufzutreten«, entgegnete Ellen höhnisch. »Wohl gibt es Wegelagerer zu Land und zu Wasser, denen Ritterlichkeit nicht abzustreiten ist, diese vergelten aber eine gute Tat nicht mit Undank. Sie rechne ich zu der Kategorie ganz gemeiner Räuber.«

Tannert wurde durch diese Worte nicht gereizt.

»So folgen Sie unbedingt meinen Befehlen«, sagte er kalt. »Sie werden jetzt dort zwischen die Hügel geführt und von dieser Dame«, er deutete auf Miss Morgan, »genau nach Waffen untersucht werden. Versuchen Sie keinen Widerstand, und sinnen Sie nicht auf Selbstbefreiung, ein Ruf dieser Dame holt sofort Hilfe herbei, und ich würde mich dann genötigt sehen, Gewalt anzuwenden, was ich aber möglichst vermeiden möchte.«

»Was soll mit uns geschehen?«, konnte Ellen sich nicht enthalten, zu fragen.

»Sie kommen wieder an Bord Ihres Schiffes und werden nach einem Orte gebracht, wo Sie ihr ferneres Schicksal erfahren werden«, antwortete Tannert, lüftete etwas den Hut und wandte sich ab.

Die neun Mädchen wurden wirklich in eine kleine Schlucht geführt und dort mit Miss Morgan allein gelassen. Diese hatte bis jetzt kein Wort mit ihren früheren Kameradinnen gesprochen, auch die auf sie gerichteten, teils entsetzten, teils verächtlichen Blicke nicht beachtet, sondern sich mit gleichgültiger Miene mit einem alten, grauhaarigen und einäugigen Burschen unterhalten, dem Seewolf, der Tannerts Auftreten mit missgünstigen Augen und unter zornigem Brummen beobachtete.

Jetzt wandte sich Ellen zum ersten Male zu ihr.

»Miss Morgan«, sagte sie, »wie soll ich mir Ihr Benehmen erklären?«

Die Gefragte lachte laut und höhnisch auf.

»Sind Sie darüber noch im unklaren?«, entgegnete sie. »Ich dächte doch, meine Stellung Ihnen gegenüber läge nun offen zu Tage: In die Falle gelockt habe ich Sie und Ihre Freundinnen, und Sie sind hineingegangen, wie die Maus an den gebratenen Speck. Nun muss ich bitten, Miss Petersen, sich von mir eine Durchsuchung ihrer ganzen Kleidung gefallen zu lassen; doch es wird schnell gehen, ich weiß ja, wo die Vestalinnen ihre Waffen zu verbergen pflegen. Seien Sie froh, dass ich dazu auserkoren bin. Die Männer dort würden mit Freuden eine derartige Untersuchung an Ihnen vornehmen.«

Nach dieser frivolen Rede begann sie, einem der Mädchen nach dem anderen Revolver und Dolch aus der Tasche zu ziehen und außerdem noch durch Betasten des Körpers sich davon zu überzeugen, dass keine anderen Waffen verborgen waren. Sie beachtete dabei weder die wütenden, noch verächtlichen Blicke, noch die Ausdrücke des Abscheus, welche von allen Seiten an das Ohr der Verräterin schlugen. Wurde ihren handgreiflichen Untersuchungen Widerstand entgegengesetzt, so lachte sie stets höhnisch auf, und zwang die gebundenen Mädchen, sich dieselben doch gefallen zu lassen. Mit Spott verschonte sie die Wehrlosen vorläufig noch. Als sie dem letzten Mädchen die Waffen genommen und beiseite gelegt hatte, lagerte sie sich neben dem aufgestapelten Haufen ins Gras und betrachtete schadenfroh ihre Opfer.

»Nun, meine Damen«, begann sie, nachdem sie sich genügend an diesem Anblicke geweidet hatte. »Sind Sie nicht begierig, zu erfahren, auf welche Weise ich Sie hierher gelockt habe?«

Keine der Damen antwortete, sie wandten der Sprecherin verächtlich den Rücken, mit Ausnahme von Ellen und Miss Sargent.

Erstere blickte das Mädchen fragend, aber stumm an, letztere mit einem seltsamen Ausdruck im Auge. Miss Morgan kannte dessen Bedeutung. In dem Mädchen kochte es, aber sie brauchte dessen Wut nicht mehr zu fürchten.

»Es war mein Werk«, fuhr Miss Morgan fort, »dass das Wasser in der Nähe dieser Insel ungenießbar wurde, ich habe in der Nacht vorher alle Fässer und Tanks versalzen, mit Wissen dieser Männer hier, welche Sie sehnsüchtig erwarteten.«

»Schlange!«, stieß Ellen hervor.

»Ja, zischen Sie nur«, lachte das satanische Mädchen, »es nutzt Ihnen doch nichts. Sie können nicht mehr beißen. Ein Glück für mich war es, dass Sie Miss Lind aussetzten, dieselbe hätte bald meinen Anschlag zuschanden gemacht.«

»Johanna?«, fragte Ellen entsetzt.

»Jawohl, Johanna! Sie haben Ihre Klugheit verleugnet, als Sie Ihren Schutzengel von sich stießen.«

»Mein Gott«, stöhnte Ellen auf, »so bestätigt sich meine Ahnung!«

»Ihr Seufzen kommt zu spät«, lachte Miss Morgan wieder, »das arme Mädchen kann froh sein, aus Ihrer Gesellschaft befreit worden zu sein. Aber es war auch die höchste Zeit für mich, dass sie ging, denn sie sah mir zu scharf auf die Finger. Was sagen Sie übrigens zu meinem Briefstil, Miss Petersen? War er dem der englischen Herren nicht vortrefflich nachgeahmt, desgleichen die Handschrift?«

»So waren die Briefe in der Kassette Johannas von Ihnen geschrieben?«

»Natürlich! Johanna war überhaupt ganz unschuldig, ebenso Lord Harrlington. Er hat niemals an mich geschrieben, sondern ich selbst habe mir die Briefe geschickt und sie Ihnen in die Hände gespielt. Ist das nicht köstlich? Der arme Lord, wie er sich grämt, dass Sie ihm zürnen, während er sich gar keiner Schuld bewusst ist.«

Miss Morgan hätte noch lange mit teuflischem Behagen Ellens Herz mit Dolchstößen gemartert, wenn sie nicht unterbrochen worden wäre.

»Sind Sie fertig, Miss Morgan?«, ließ sich Tannerts Stimme hinter dem Hügel vernehmen, und Miss Morgan verschwand für einige Minuten.

»Sprechen Sie nicht mehr mit diesem elenden Weibe«, sagte Miss Sargent zu Ellen, »jedes Wort ist verschwendet. Sie ist die teuflischste Kreatur, die mir je vorgekommen ist.«


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Ellen antwortete nicht, sie war vollkommen niedergeschmettert von dem, was sie eben erfahren. Und das waren nur Andeutungen, was mochte ihr erst ein offenes Geständnis alles enthüllen!

Miss Morgan kam zurück und mit ihr ein Trupp Piraten. Die Vestalinnen wurden in die Mitte genommen und nach ihrem Schiffe gebracht.

Die übrigen Piraten waren bereits damit beschäftigt, die Fässer und Tanks zu reinigen und mit Wasser zu füllen, die ›Vesta‹ war also entweiht, Männer, und noch dazu der Auswurf der Menschheit, befanden sich auf ihren Planken.

Von den übrigen Vestalinnen war nichts zu sehen, entweder weilten sie gar nicht an Bord, sondern waren anderswo hingeschleppt worden, oder sie lagen gebunden im Zwischendeck. Doch darüber sollten sie bald von Tannert aufgeklärt werden, welcher den Damen gegenüber überhaupt den Sprecher machte, während sie von seinen Kameraden vollkommen unbelästigt blieben.

Als die neun Mädchen an Deck standen und mit traurigen Blicken dem Treiben der Männer zusahen, trat Tannert zu ihnen.

»Sie sollen während der jetzt vorzunehmenden Reise eine gute Behandlung an Bord der ›Vesta‹ haben, meine Damen«, begann er, »wenn Sie keinen Widerstand versuchen oder Anstalten treffen, die Freiheit wiederzuerlangen, was Ihnen auch nicht gelingen würde. In dem Raume, wo Sie und Ihre Freundinnen untergebracht werden, finden Sie Ihre Koffer mit Kleidern, ziehen Sie Ihre Damenkostüme an, wie es sich schickt«. Ellen wollte ihn heftig unterbrechen, doch beherrschte sie sich.

»Fügen Sie sich in das Unvermeidliche«, fuhr Tannert lächelnd fort. »Wie gesagt, Sie werden über nichts zu klagen haben, weder über Verpflegung, noch über Behandlung, allerdings müssen Sie sich gefallen lassen, dass Sie beobachtet werden, um Ihre eventuellen Pläne rechtzeitig entdecken zu können. Doch soll die Beobachtung so viel als möglich durch Miss Morgan geschehen. Bitte, folgen Sie jetzt mir in den Ihnen zum Aufenthalt angewiesenen Raum.«

»Wollen Sie nicht sagen, was mit uns geschehen soll?«, fragte Ellen noch einmal.

»Ich weiß es selbst nicht, nur so viel, dass Sie von einigen Personen verlangt werden, die sich lebhaft für Sie interessieren. Sie können über Ihr Schicksal beruhigt sein.«

»Die englischen Herren!«, durchzuckte es Ellens Gehirn, doch gleich verwarf sie diesen Gedanken wieder.

Sie wurden in einen Raum gebracht, der früher als Aufbewahrungsort für Proviant gedient hatte. Jetzt waren die Fässer und Kisten herausgeräumt und dafür Möbel und Betten hineingebracht worden, desgleichen die notwendigsten Garderobenbehälter der Damen. Beim Öffnen derselben fanden diese, dass man dieselben vorher genau untersucht hatte, wahrscheinlich unter Aufsicht von Miss Morgan, damit keine Waffen in die Hände der Damen kämen.

Ja, selbst die Betten und Möbel hatte man genau untersucht, denn die Vestalinnen waren als energische und kühne Mädchen bekannt, welche sicher auf Befreiung sannen und im Besitze von Waffen das Äußerste versucht hätten.

Der Seewolf und seine Mannschaft konnten genug davon erzählen.

Aber nicht genug damit, nicht einmal allein sollten die Mädchen bleiben. Aus der Tür wurde eben ein viereckiges Stück herausgesägt, sodass die Damen beständig beobachtet werden konnten, und kaum war die Tür hinter den neun Gefangenen ins Schloss gefallen und der Schlüssel herumgedreht worden, so erscholl schon Miss Morgans Stimme am Guckloch, ihnen zurufend, sie sollten warten, bis die Bewusstlosen aus ihrem Rausche erwacht wären und dann sich von diesen befreien lassen.

Auf den Sofas, Betten und in den tiefen Stühlen lagen nämlich die übrigen Vestalinnen in festem Schlafe, hervorgerufen durch das Narkotikum, welches ihnen Miss Morgan in das Trinkwasser gemischt hatte.

Doch dauerte es nicht lange mehr, so kam eins der Mädchen nach dem anderen zum Bewusstsein, schaute sich erst mit starren Augen um und brach dann in Verwünschungen über die treulose Verräterin aus.

Nachdem sich die Wut gegen jenes Weib, welches dort durch das Guckloch ihnen zusah und höhnische Worte nicht sparte, etwas gelegt hatte, befreiten sie ihre Freundinnen von den Fesseln, indem sie die Knoten mühsam mit den Fingern lösen mussten.

Auf einen Wink Ellens, welche ihre Ruhe wiedergewonnen hatte, zogen sich alle in die entfernteste Ecke des geräumigen Gemaches zurück, damit ihre Unterhaltung nicht von der Beobachterin an der Tür gehört werden konnte, und berieten sich in flüsterndem Ton miteinander.

»Wir sind in die Hände derselben Piraten gefallen«, sagte Ellen, »welche als Schiffbrüchige in der chinesischen See an Bord der ›Vesta‹ kamen, um uns zu fangen, was durch Mister Youngpig vereitelt wurde, ich erkenne die Burschen alle wieder. Es sind auch dieselben, welche uns fortwährend verfolgt haben, der alte grauhaarige, weißäugige Kerl hat mich in Kairo in der Tragbahre fortgebracht und in Konstantinopel rauben wollen, er entführte auch Miss Staunton. Sie sind eben gedungen, uns irgend jemandem auszuliefern, und wenn wir die Sache kaltblütig überlegen und uns keinen Illusionen hingeben wollen, so müssen wir gestehen, dass diesmal ihr Anschlag gelungen ist.«

»Sehr scharfsinnig gesprochen, Miss Petersen«, lachte Miss Morgan an der Tür, »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, es verhält sich alles wirklich so.«

»Wir müssen noch leiser sprechen«, sagte Ellen, im Gesicht dunkelrot werdend, »kommen Sie noch näher zusammen!«

»Sollten die englischen Herren ...« brachte ein Mädchen zögernd hervor.

»Auf keinen Fall!«, flüsterte Miss Murray unwillig. »Wie kann auch nur eine solche Vermutung in Ihnen auftauchen?«

Auch die anderen Vestalinnen verwarfen diesen Gedanken.

»Was mich anbetrifft«, flüsterte Ellen wieder, »so glaube ich bestimmt zu wissen, dass man nach meinem Leben trachtet.«

»Aus welchem Grunde?«, fragte Miss Thomson.

»Um in den Besitz meines Vermögens zu kommen.«

»Dann ist anzunehmen, dass dies bei uns allen der Fall ist. Wir sind alle ohne Ausnahme Waisen. Sterben wir, so fällt unser Vermögen an sehr entfernte Verwandte, die wir kaum kennen, und die kein Anrecht auf unser Vermögen haben. Ich zum Beispiel habe in meinem Testament ihnen wohl eine Summe ausgesetzt, den Hauptteil aber, wenn ich, ohne verheiratet zu sein, sterben sollte, zur Errichtung eines Erziehungshauses für Seemannswaisen bestimmt.«

So sprach Miss Thomson, und fast alle Damen stimmten ihr bei und bemerkten, dass sie ähnlich gehandelt hätten. Sie waren auf der richtigen Spur, wenn sie glaubten, ihre Gefangennahme wäre von Verwandten ausgegangen, welche nach ihrem Vermögen Sehnsucht hatten.

»Um dieses zu erlangen, müssten wir aber getötet werden«, sagte Miss Sargent. »Ich bin jedoch fest überzeugt, dass dies nicht unser Los ist.«

»Warum nicht?«

»Weil niemand wagt, in unsere Nähe zu kommen.«

»Sprechen Sie deutlicher! Wir verstehen Sie nicht«, sagte Ellen.

»Angenommen, jenes Weib dort würde in dieses Gemach treten«, erklärte Miss Sargent ruhig, »so könnte ich doch schwören, dass sie es lebendig nicht wieder verlässt, wenn ich nicht durch Gewalt davon abgehalten werde, meine Hände um ihren Hals zu legen und sie so lange zu würgen, bis sie den letzten Atemzug getan hat. Dasselbe würde ich wahrscheinlich mit dem ersten Piraten machen, der dieses Gemach beträte. Da nun aber niemand hereinkommt, so fürchten sie uns wahrscheinlich und wagen nicht, vor uns zu erscheinen, weil sie sonst Gewalt anwenden, und, um ihr Leben zu sichern, vielleicht sogar mit den Waffen in der Hand uns gegenübertreten müssten.«

»Es liegt etwas Wahres in dieser Annahme«, entgegnete Ellen nachdenkend. »Ja, wahrhaftig, sie wollen unser Leben schonen, sonst würden sie uns ganz anders behandeln. Aber warum? Jedenfalls müssen sie uns erst irgendwo abliefern, wo wir vielleicht gezwungen werden sollen, Unterschriften oder etwas Ähnliches auszustellen. Nun, meine Damen, ich brauche Ihnen wohl nicht erst Mut einzusprechen, dass Sie keine derartigen Bedingungen eingehen, und wenn Sie zu Tode gemartert werden sollten! Denn sofort, wenn die Schurken in den Besitz dessen gelangt sind, was sie von uns haben wollen, sind wir erst recht verloren; so lange wir ihnen aber nicht willfährig sind, ist noch Hoffnung vorhanden, dass wir dem Leben erhalten bleiben und auf Rettung sinnen können. Daher, meine Damen, keine unnötigen Weigerungen und Widersetzlichkeiten! Wir müssen vorläufig gute Miene zum bösen Spiele machen, dabei aber nichts außer acht lassen, was uns Hilfe bringen könnte. Nur so können wir hoffen, den Piraten abermals zu entgehen.«

Es wurde noch lange unter den Gefangenen hin- und herberaten, was ihr Los sein könne und wie es abzuwenden möglich sei, ferner wurde ausgemacht, die Piraten und besonders jenes Weib, welches von allem Anfang an ihre Feindin gewesen und im Einverständnis mit ihren Verfolgern gearbeitet hatte, völlig zu ignorieren, bis Miss Morgan die Mädchen abermals aufforderte, ihre MatrosenKostüme abzulegen und Damenkleider anzuziehen.

Eingedenk der Ermahnung Ellens führten die Mädchen den gegebenen Befehl sofort aus — sie zogen sich um.

Dann rief ihnen Miss Morgan weiter zu, sie sollten sich jetzt ruhig an dem Platze verhalten, wo sie eben ständen, sonst würde ihnen kein Essen verabreicht werden, und gleich darauf wurde die Tür halb geöffnet, einige Schüsseln mit Essen hereingeschoben und der Raum schleunigst wieder verschlossen. Man sah deutlich, dass die Mädchen gefürchtet wurden und dass die Piraten zugleich von höherer Stelle den Befehl bekommen hatten, sie in Ruhe zu lassen und jeden Gewaltakt zu vermeiden. Für ihre Sicherheit war wahrscheinlich Mister Anderson, jener angebliche Detektiv verantwortlich.

Obgleich die Damen wenig Hunger verspürten, folgten sie doch schließlich dem guten Beispiele Ellens und langten tapfer von den wohlbereiteten Gerichten zu, indem sie einsahen, dass durch Zurückweisung der Nahrung ihre traurige Lage noch hoffnungsloser werden musste.

Das Hin- und Herwandern von Schritten an Deck dauerte noch bis tief in die Nacht fort, die Piraten füllten anscheinend sämtliche Tanks und Fässer ohne Ausnahme, und noch in derselben Nacht wurden die Anker gelichtet. Die ›Vesta‹ stach in See.

Die Vestalinnen hatten unterdes jenes Schiff gesehen, mittels dessen die Piraten auf der Insel gelandet waren, eine Bark, die gegen Nachmittag die ›Vesta‹ passierte und gegen Norden kreuzte. Es mochten nur zehn Matrosen an Deck stehen, um die Takelage bedienen zu können, während die auf der ›Vesta‹ Befindlichen wohl auf dreißig zu schätzen waren.

Die ›Vesta‹ fing an, auf der See zu schlingern, aber die Mädchen wussten nicht, wohin der Kurs ging, denn das Auge entdeckte durch das Fenster an dem bewölkten Himmel keine Sterne, die natürlichen Wegweiser des Seemanns.

An Deck wurde die ganze Nacht gearbeitet. Fortwährend erschallten spanische Kommandos, Fluchen und Schwören, Hin- und Herlaufen, und schwere Gegenstände fielen heftig auf. Als die niedergeschlagenen Mädchen gegen Morgen in einen unruhigen Schlummer verfielen, hörten sie noch im Traum dieses Hasten und Arbeiten, und als sie bei hoher Sonne erwachten, hatte es auch noch nicht nachgelassen.

An dem Schiffe wurde gezimmert, so viel hatten die Gefangenen herausbekommen. Was aber hätte an der ›Vesta‹, diesem prachtvollen, immer in gutem Stande erhaltenen Schiffe, repariert werden sollen?

Der Tag verging ohne besonderes Vorkommnis. Die Damen wurden gut verpflegt und bis auf einen Beobachter an der Tür völlig in Ruhe gelassen. Diesen Posten nahm meistenteils Miss Morgan ein, nur selten und für kurze Zeit erschien ein bärtiges Gesicht an der Öffnung.

In der Stimmung der Mädchen war unterdes ein bedeutender Umschlag erfolgt. Die Niedergeschlagenheit war geschwunden. Es wurde noch einmal ernst erwogen, was ihr Los sein könne, und nach der Ansicht der meisten bestand es in Sklaverei. Einige der Mädchen entwickelten sogar wieder Humor. Eine erklärte, einmal in die Sklaverei zu kommen, wäre ihr gar nicht so unangenehm, denn erstens hätte man dann eine herrliche Gelegenheit zu einer kühnen Flucht, und zweitens könne man nach Gelingen derselben etwas erzählen, was sonst nur in Romanen zu lesen sei. Dieses Beispiel von guter Laune steckte an, es wurde bloß noch von Abenteuern gesprochen, die einer Sklavin, und noch dazu einer schönen Weißen, warteten, und die Folge war, dass die Spannung, welche zwischen den Vestalinnen seit der Aussetzung Johannas geherrscht hatte, vollkommen schwand, neue Freundschaft entstand, und von Neuem das Gelübde wiederholt wurde, in Leben und Tod treu zusammenzuhalten.

Die Nacht brach wieder an, und die Mädchen genossen diesmal einen tiefen Schlaf, nach dem sie gestärkt und erquickt an Körper und Seele erwachten.

»Land«, sagte Ellen und deutete auf eine felsige Insel in der Ferne, »und wir segeln auf dasselbe zu.«

»Wissen Sie, zu welcher Gruppe diese Insel gehört?«, fragte ein Mädchen.

»Ich sehe nur diese einzige Insel«, entgegnete Ellen, »und es scheint mir, als sei sie eines jener Felseneilande, welche, Spiele der Natur, mitten im Ozean einsam daliegen, wahrscheinlich durch vulkanische Eruptionen des Meeresgrundes entstanden. Ich wage aber nicht einmal anzudeuten, wo wir uns befinden.«

Das Eiland, auf welches die ›Vesta‹ zusegelte, erhob sich mit hohen Felsen aus dem Wasser, ohne irgend eine langsam ansteigende Küste zu zeigen. Man trifft im Meere oftmals auf solche sich jäh erhebende Inseln.

»Was mögen die Piraten auf dieser Insel wohl zu suchen haben?«, äußerte ein Mädchen fragend. »Dieselbe scheint völlig unbewohnt, ja, sie sieht aus, als könne man nicht auf sie gelangen, denn die Felsen verwehren den Zutritt. Man müsste denn mit Leitern und Tauen sich den Eingang erzwingen.«

»Jener Anderson sagte, wir sollten an einen sicheren Ort gebracht werden«, meinte Ellen. »Könnte dieser jene Insel sein? Es wird schon irgendwo ein Zugang existieren.«

Die ›Vesta‹ hatte sich der Insel so weit genähert, dass man die zerklüfteten Felsen und die in den Höhlen wütende Brandung erkennen konnte. Die Piraten fuhren um das Eiland herum, ohne dass ein Platz zu sehen war, von welchem ein Besteigen der Insel möglich gewesen wäre. Zuletzt aber entdeckten die Mädchen doch eine wie von vulkanischer Kraft erzeugte Bresche in dem Felsen, und auf diese hielt die ›Vesta‹ zu.

»Wir sollen also doch hier gelandet werden!«, rief Ellen. »Nun denn, meine Damen, so werden wir Robinson spielen müssen!«

»Das wäre das Schlimmste noch nicht«, entgegnete ein Mädchen. »Aber dem äußeren Aussehen nach ist die Insel nichts weiter als ein Felsenriff, die Bresche in dem Gestein eröffnet dem Blick ein völlig kahles Plateau ohne jede Vegetation.«

»Und doch kommen wir darauf! Hören Sie, die Boote werden ins Wasser gelassen!«

Da wurde die Tür geöffnet, und zum ersten Mal betrat ein Mann den Raum — es war Tannert. Er hatte sich davon überzeugt, dass die verwegenen Vestalinnen nicht gewillt waren, einen Befreiungsversuch zu unternehmen, vorläufig wenigstens nicht, und so hielt er sich für sicher.

»Meine Damen«, begann er höflich, »ich bin damit beauftragt, Sie auf dieser Insel, welche Sie durch das Fenster sehen können, auszusetzen. Ich bitte Sie dringend, nichts zu unternehmen, was einem Fluchtversuch oder einer Verteidigung ähnlich sieht, sonst wäre ich genötigt, Gewalt anwenden zu lassen.«

»Wir sollen auf dieser verlassenen Insel ausgesetzt werden?«, rief Ellen entrüstet. »Das gleicht einem Morde!«

»Sie irren, die Insel ist zwar unbewohnt und besteht nur aus Felsen, aber es sind bereits alle Vorkehrungen zu Ihrem Lebensunterhalt getroffen worden. Sie werden Zelte, Wasser, Lebensmittel, Bücher und so weiter drüben vorfinden. Nichts ist unterlassen, um Ihnen den unfreiwilligen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Ich bitte Sie also nochmals, bei der Überfahrt keinen Widerstand zu leisten. Je ruhiger Sie sich verhalten, desto schneller sind Sie wieder sich selbst überlassen und von der Gegenwart der Piraten befreit.«

»Und wer ordnet dies alles an?«, fragte Ellen mit klopfendem Herzen.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, einfach darum, weil ich es selbst nicht weiß«, entgegnete Tannert lächelnd, welcher immer bemüht war, sich in ein möglichst gutes Licht zu setzen.

Die Damen hatten natürlich keine Ahnung davon, welch strengen Befehl Tannert unter dem Siegel des Meisters empfangen hatte, die Damen mit ausgesuchtester Höflichkeit zu behandeln und alles zu vermeiden, wodurch die Mädchen zum Widerstand gereizt werden konnten, sodass man sie mit Gewalt zum Gehorsam zwingen müsste. Furchtbare Drohungen schlossen den Brief, wenn den Damen auch nur ein Haar gekrümmt würde, wenn man ihnen auch nur mit einem Worte zu nahe träte, und wäre Miss Morgan darin nicht vergessen worden, so hätte auch diese die einstigen Freundinnen ganz anders behandeln müssen.

Tannert zitterte bei dem Gedanken, dass die Mädchen sich nicht fügen würden, denn, musste er zur Schonung seines eigenen Lebens den Damen Schaden zufügen, so war sein Kopf verloren.

Aber glücklicherweise versicherte ihm Ellen aufrichtig, sie würden nicht widerstreben, jene Insel zu betreten, nur sollte er möglichst schnell machen und ihnen dann noch eine Unterredung gönnen.

Tannert bat darauf, dass je vier Damen zugleich den Raum verließen.

Ellen befand sich unter den ersten der vier Mädchen, welche das Deck betraten.

Ach, wie hatte sich die ›Vesta‹ verändert! Ihre früheren Besitzer konnten sie kaum noch erkennen, zugleich aber konnte Ellen nicht die Bewunderung verhehlen, mit welcher Geschicklichkeit die Piraten das Aussehen eines Schiffes zu verwandeln verstanden.

Das einst völlig weiße Schiff war gelb angestrichen worden, das Deck dunkel gebeizt, der Schiffsrumpf aber war, wie sie vom Boote aus bemerkten, mit einer schwarzen Farbe versehen worden.

Selbst die Masten und Rahen hatten den gelben Anstrich erhalten.

Das waren aber nur Äußerlichkeiten, denn das Schiff selbst hatte eine andere Form erhalten.

Es waren nicht mehr an jedem Mast sechs Rahen angebracht, sondern deren nur fünf, die obersten fehlten; die Masten waren gekürzt worden. Das Häuschen am Ruder hatte einem anderen Platz machen müssen. Die Kombüse war nicht mehr zu erkennen, der Klüverbaum war kürzer geworden, und das Heck hatte einen Aufbau erhalten, dass das ganze Aussehen der ›Vesta‹ total verändert wurde. Die Mädchen selbst konnten ihr eigenes Schiff nicht wiedererkennen. Sie hätten geglaubt, sich auf einem anderen zu befinden, wenn sie nicht wussten, dass sie die ›Vesta‹ gar nicht verlassen hatten.

Der Seewolf weidete sich am Erstaunen der Mädchen, das seine Kunstfertigkeit bezeugte. Er stand vor der Front von zwanzig Matrosen, welche so postiert waren, dass die vier Damen auf dem Wege nach dem Fallreep zwischen zwei Reihen hindurch mussten. Bei dem geringsten Zeichen zur Widersetzlichkeit wären sie sofort überwältigt worden.

Die Damen stiegen in das Boot, in dem sich außer acht Matrosen Tannert befand. Es stieß ab und erreichte nach wenigen Ruderschlägen die Bresche zwischen den Felsen, dem einzigen Zugang zu dem Inneren der Insel.

Die Damen stiegen gelassen aus.


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»Nehmen Sie Besitz von der Insel und Ihrem Eigentum«, rief ihnen Tannert beim Abstoßen des Bootes zu, »dies jungfräuliche Eiland gehört Ihnen.«

Die vier Mädchen befolgten seinen Rat. Wohl zwanzig Meter mussten sie durch die schmale Felsspalte gehen, dann tat sich vor ihren Augen ein weites Plateau auf, welches völlig nackt war, wenigstens seiner Natur nach, jetzt aber standen in weitem Kreise fünfundzwanzig Zelte herum, in denen die Mädchen ihre eigenen wiedererkannten.

»Es sind schon vorher Vorbereitungen getroffen worden, uns zu empfangen«, rief Ellen erstaunt. »Das hat wahrscheinlich jenes Schiff getan, welches schon vorher an uns vorbeigefahren ist.«

Sie eilten von Zelt zu Zelt und fanden die Aussagen des Mister Anderson bestätigt. Ein jedes enthielt die vollständige Garderobe jeder einzelnen Dame, alles, was sie auf der ›Vesta‹ zu ihrer Toilette gebraucht hatten, nichts war vergessen worden, aber nicht nur dies, sondern auch die gesamte Bibliothek war vorhanden, in den einzelnen Zelten verteilt. Selbst das Klavier hatte man ausgeladen und in einer geräumigen Höhle aufgestellt, deren in den Felswänden noch unzählige vorhanden waren.

Als die Damen einzeln dieselben besichtigten, fanden sie diese zu ihrem grenzenlosen Erstaunen mit fast allen Möbeln ausgestattet, die sich auf der ›Vesta‹ befunden hatten, selbst Geschmack war entwickelt worden. Eine jede Höhle zeigte eine andere Einrichtung; unter den Piraten musste es einen Mann mit künstlerischem Blick geben. Vor den Eingängen zu den Höhlen waren Portieren in schönem Faltenwurf angebracht und die Wände, ebenso wie der trockene Boden mit Teppichen belegt.

Der Befehl des Meisters in Verbindung mit seinen furchtbaren Drohungen musste diese Leute zu einer fabelhaften Schnelligkeit anspornen.

»Das ist ja wirklich reizend«, rief ein Mädchen förmlich entzückt, »das ist ja fast so ein Eiland, wie es sich einige Damen gewünscht haben, um darauf ihr Leben zu beschließen, wenn es auch keine paradiesische Schönheiten aufzuweisen hat.«

Es kamen nach und nach immer mehr Damen an, und alle waren anfangs sprachlos vor Staunen.

Sie untersuchten eine Höhle nach der anderen, und immer fanden sie alles, was sie auf Jahre hinaus zum Leben nötig hatten. Fässer mit Trinkwasser, gesalzenes Fleisch, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, eine Unmenge von Büchsen und Konserven, ferner einen ungeheuren Vorrat von kleingespaltenem Holz und Kohlen.

Bald aber bemerkten die Mädchen, dass der Anführer der Piraten, Tannert, bei Auswahl aller dieser Gegenstände eine ganz besondere Vorsicht hatte walten lassen; so viel sie unter den Vorräten auch suchten, außer Löffeln, kleinen Gabeln und Tischmessern fanden sie nichts, was einer Waffe geglichen hätte, nicht einmal eine Axt wurde vorgefunden, und zum Öffnen der Fässer waren nur ein Meißel und ein Holzhammer vorhanden.

Alle zweiundzwanzig Mädchen waren an Land gebracht worden, und zu ihrer Verwunderung wurden auch noch die dreizehn befreiten Sklavinnen gelandet.

Mit dem letzten Boote begab sich auch Tannert ans Land und trat unbefangen unter die Vestalinnen, während die Matrosen in der Felsspalte beschäftigt waren, aber da diese eine starke Krümmung machte, von den Mädchen nicht bemerkt werden konnten.

»Haben Sie Ihre Vorräte untersucht, und haben Sie sonst noch einen Wunsch?«, fragte Tannert.

»Wir möchten erfahren, wem wir diese Vorsorglichkeit zu danken haben«, entgegnete Ellen, »und wer es ist, der uns hat fangen lassen, um uns hier auszusetzen. Die Insel gleicht einem Gefängnis. Wir können sie nicht verlassen, wenn Sie wegfahren, also beraubt man uns der Freiheit. Von wem geht dies aus und was wird dabei bezweckt?«

»Ich darf Ihnen diese Fragen nicht beantworten und kann es auch nicht; es hat keinen Zweck, wenn Sie weiter fragen. Aber ich versichere Ihnen, meine Damen, bald werden Sie alles erfahren. So viel haben Sie wohl schon gesehen, dass man Ihnen wohl will, und sollten Ihnen diese Vorräte ausgehen, so werden dieselben erneuert werden. Not brauchen Sie also niemals zu leiden. Vertreiben Sie sich die Zeit, so gut Sie können, ich bin der festen Überzeugung, dass sich jemand von Zeit zu Zeit nach ihrem Ergehen erkundigen wird, dem sie eventuelle Wünsche mitteilen können. Und nun lassen Sie es sich gut gehen, meine Damen, ich glaube, Sie können meinem Betragen Ihnen gegenüber nur das beste Zeugnis ausstellen.«

Schnell wandte sich Tannert um und war im nächsten Augenblick in der Felsspalte verschwunden, ehe er noch von einem der Mädchen zurückgehalten werden konnte.

Erstaunt sahen sich diese an.

»Was soll man davon denken?«, rief endlich Ellen. »Sollen wir denn hier, abgeschlossen von aller Welt, für immer gefangengehalten werden? Wir wollen schnell noch einmal nach der Küste eilen und sehen, was aus der ›Vesta‹ wird, und ob sie abgesegelt.«

Sie gingen nach der Spalte, Ellen voran.

Da prallte diese entsetzt zurück.

»Wir werden eingemauert«, rief sie erschrocken.

Die Piraten hatten, während die Damen mit der Besichtigung der Vorräte beschäftigt gewesen waren, in die Boote eine Menge Steine geworfen, ausgeladen und zu einer sechs Meter hohen Mauer aufgetürmt, welche sich am Wasserrand erhob. Wie stark sie war, konnten die Damen nicht berechnen, aber jedenfalls stark genug, um ein Durchbrechen mittels der schwachen, zurückgelassenen Messer nicht zu gestatten. Auf dieser Mauer, welche noch immer wuchs, standen einige Matrosen und gossen aus Eimern, welche ihnen von unten zugereicht wurden, dünnflüssigen Zement über das Steingefüge. Die Masse drang in die Fugen und stellte so eine feste Verbindung her. Die unteren Schichten waren schon erstarrt und fest.


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»Warum mauert man uns hier auch noch ein?«, rief Ellen den Matrosen zu.

Diese antworteten nicht. Sie gossen die letzten Eimer Zement in die Fugen der Mauer und verschwanden auf der anderen Seite. Die Mädchen hörten, wie sie in das Boot sprangen, wie die Riemen auf die Bordwand fielen und ins Wasser klatschten. Ein Kommandoruf erscholl, und das Boot setzte vom Ufer ab.

Ellen rannte mit Wucht gegen die Steinmauer, als wollte sie dieselbe niederreißen, aber sie spottete aller Anstrengungen, auch der vereinigten Kräfte der Mädchen. Dieselben waren gefangen, denn die natürlichen Felswände rings um das Plateau erhoben sich senkrecht. An ein Ersteigen derselben war nicht zu denken, selbst wenn sie Stricke und Hacken gehabt hätten, und die künstliche Mauer mit ihrer Zementverbindung bot ein weiteres unübersteigliches Hindernis.

Noch standen die Mädchen da, selbst wie versteinert auf dieser steinernen Insel, noch konnten sie ihr Schicksal nicht fassen, als über der Mauer die äußersten Spitzen von Masten erschienen. Sie gehörten der ›Vesta‹, welche die Anker gelichtet hatte und sich von der Insel entfernte.

Da brach bei einigen Mädchen eine Art von Verzweiflung aus. Sie stürzten stöhnend zu Boden. Ein unnennbares Gefühl von Verlassenheit war über sie gekommen.

»Mut, meine Freundinnen«, rief da Ellen, »wir wollen uns nicht der Verzweiflung hingeben! Es ist besser, die Piraten verlassen uns, als dass wir uns in ihren Händen befinden. Die Zeit wird uns schon zeigen, wem wir dies alles zuzuschreiben haben. Ich erwarte ganz sicher einen Besuch von ihm.«

* * * * *

IV.3. Schiffbruch

Kap Hoorn! Schrecklicher Name für einen Seemann. Es gibt wohl schwerlich einen Menschen, der sein Gewerbe auf dem Meere betreibt, der beim Klange dieses Namens nicht an den Verlust eines teuren Kameraden denkt.

Es ist, als ob auf der Südspitze Amerikas ein Fluch läge, als ob dieser Weltteil nicht wolle, dass er umsegelt werde, denn zahllos sind die Schiffe, welche bei dem Versuch, um die Landspitze zu kommen, zu Grunde gegangen sind, und nicht immer ist die Mannschaft gerettet worden.

Nicht allein der dort fast immer hausende Sturm, verbunden mit schneidender Kälte und Schneegestöber, undurchdringlicher als Nebel, ist an der Dezimierung der Schiffe schuld; gerade hier treten meist Unfälle ein, welche sonst nur selten den Schiffen drohen. Diese sind: Explosion von feuergefährlicher Ladung, Selbstentzündung von Kohlen, Umsturz des Ballastes, wodurch das Schiff kentert u. s. w.

Gerade letzteres ereignet sich bei Kap Hoorn häufig.

Die Westküste von Südamerika versorgt fast die ganze Welt mit Salpeter; ungezählte Schiffe nehmen dort denselben als trockene, pulverige Masse ein, und zwar so, dass er einfach in den Kielraum bis an das Deck hinauf aufgeschichtet wird. Man stampft den Salpeter nicht zusammen, sondern er bleibt eben liegen, wie er fällt. Es entsteht dadurch eine Ladung, welche unten das ganze Schiff ausfüllt, oben aber in einem Kamme spitz zuläuft. Der trockene Salpeter zieht Wasser an, wird aber dadurch nicht weich, sondern im Gegenteil ganz hart, und bildet eine feste Kruste.

Bricht der Kamm der Masse während der Fahrt ab und stürzt an der Seite herab, so muss das Schiff unwiderruflich kentern, so beträchtlich wird das Gleichgewicht gestört. Doch dieses kommt natürlich sehr selten vor, sonst würde man den Salpeter sorgfältiger laden, etwa in Säcken und diese gleichmäßig verstauen. Passiert es aber doch, dann ist fast immer die Nähe von Kap Hoorn als Unglücksstätte ausgewählt. Nirgends in der Welt wüten so heftige Stürme wie dort, und nirgends findet man einen so heftigen und ungleichmäßigen, oft von allen Seiten zugleich kommenden Seegang wie dort.

Wieder einmal hatte ein furchtbarer Sturm das Meer bis in die Tiefe aufgewühlt, und zum zweiten Male dampfte der ›Amor‹ mit geknickter Takelage, wie ein flügellahmer Vogel anzusehen, seinen Weg nach Norden hinauf.

Gestern hatte er noch stolz die Landspitze umsegelt; der Morgen, der ihn dem Norden und Guanosaca zuführen sollte, fand ihn als ein halbwrackes Fahrzeug — Kap Hoorn hatte der Brigg einen Denkzettel mitgegeben.

Erschöpft standen die Herren an Deck, die Hände von allzu schwerer Arbeit blutend, einige mit Binden um den Kopf, denn die herabfallende Takelage, Stücke von Rahen, Segel und Stricke hatten manchen der Herren verletzt, aber kein Menschenleben war zu beklagen, die Verwundungen waren unbedeutend, und so war auch die Stimmung keine niedergedrückte.

Das ist einmal das Los, welches jedem droht, der sich auf die See wagt; so lange man noch mit ungebrochenen Gliedern aus dem Sturm hervorgeht, hat alles andere nichts zu bedeuten.

Das einzige, was die Engländer bedrückte, war die Unkenntnis über das Schicksal der ›Vesta‹. Sie hatten das Vollschiff nun schon seit zwei Wochen nicht gesehen, aber es war doch anzunehmen, dass es sich auch in diesen Breiten befand, also auch in die Regionen des Sturmes gekommen war, und als Segelschiff mit ungeheuer hoher Takelage, im Vergleiche zu der die des ›Amor‹ verschwand, musste es ungleich härter mitgenommen worden sein als dieser.

Gar manchem Segler begegnete der ›Amor‹ am Tage nach dem Sturm, aber ach, wie sahen alle die stolzen Schiffe ohne Ausnahme aus!

Die Masten waren bis zum Rumpf gekürzt. Einige hatten überhaupt keine Rahen mehr. Notsegel waren aufgezogen, und oft glich das Deck einem glatten Tanzboden, kein Haus, kein Boller, kein Steuerrad mehr darauf, alles von der See abgewaschen, das Ruder musste mühsam mit Stricken regiert werden, und nur zu oft bekamen die Engländer fernerhin Schiffe in Sicht, deren Mannschaft an den Pumpen standen und hastig die Räder drehten, um das Schiff wenigstens so lange über Wasser zu halten, bis der nächste Hafen erreicht worden war.

Aber die Engländer warteten vergebens darauf, von so einer hilfsbedürftigen Mannschaft um Aufnahme gebeten zu werden. Ein Kapitän gibt nicht so schnell sein Schiff und die wertvolle Ladung auf, besonders nicht hier, in der Nähe der Küste, und das Schleppen durch einen Dampfer kostet immer schweres Geld.

Langsam wie die Schnecken krochen die beschädigten Schiffe der Küste entlang, dem nächsten Hafen zustrebend, und immer bereit, wenn das Wasser im Kielraum zu sehr steigen sollte, sodass ein Sinken des Schiffes nicht mehr zu umgehen war, auf Grund zu laufen.

»Was wird das Los der ›Vesta‹ sein?«, dachte mancher der Engländer seufzend. »Werden die Mädchen den Sturm glücklich überstanden haben, und wenn von ihnen doch eine den Elementen zum Opfer gefallen sein sollte, welche wird es sein?«

Wieder kam dem ›Amor‹ ein Schiff entgegen, ein holländischer Segler. Dass es ein solcher war, konnte man an keiner Flagge sehen, denn die Fahnenstange war abgebrochen, aber einmal verrieten die Bauart, die eigentümliche Form des Rumpfes und mehr noch als dieses die Konstruktion der Pumpen, die Herkunft des Schiffes. Die Holländer haben nämlich an ihren Pumpen stets eine Windmühle angebracht, welche das Umdrehen des Rades besorgt und somit das Wasser auspumpt, ohne dass Mannschaft dazu nötig wird. Auch die skandinavischen Schiffe haben oft dieselbe Einrichtung, die holländischen aber durchweg, und es ist sonderbar, dass die Schiffe anderer Nationen diese sinnreiche Einrichtung nicht ebenfalls anwenden.

Es ist zu bemerken, dass die hölzernen Schiffe allesamt immer etwas lecken, weshalb man jede Woche mindestens eine Stunde pumpen muss — eine dem Matrosen sehr lästige Arbeit, die er manchmal verflucht. Bei hohem Seegang leckt das Schiff mehr, als bei ruhigem Wetter, nach einem Sturme am allermeisten, ohne dass es gerade undicht geworden zu sein braucht. Nach und nach schließen sich meist die entstandenen Fugen wieder, tun sie es nicht, dann erst sagt man, das Schiff habe ein ›Leck‹.

Die holländische Bark war vom Sturme etwas mehr verschont geblieben, als andere Schiffe. Ihr Vormast stand noch. Keine Rah fehlte. Nur der Besanmast, der hinterste, war etwas gekürzt, und der mittelste Mast, der Großmast, war abgebrochen, vielleicht von der Mannschaft selbst gekappt worden, um dadurch das Schiff retten zu können.

Im Fallen hatte er die eine Seite der Bordwand zerschmettert, sonst war das Schiff unbeschädigt und vollkommen segel- und manövrierfähig.

Es lief mit dem Winde, gegen welchen der ›Amor‹ anzudampfen hatte.

»Er heißt am Vormast Flaggen«, rief Lord Harrlington, »er will uns ein Signal geben.«

Das Signalbuch ward aus dem Kartenhaus geholt und die Verstandenflagge auf dem ›Amor‹ hochgezogen, das Zeichen, dass man bereit sei, das Signal abzulesen.

Auf dem Holländer flatterten eine Reihe von Wimpeln in der Luft.

»Kommt in Rufweite, es fehlen uns Flaggen!«, las Harrlington ab.

»Der Holländer ist nicht mehr im Besitz aller Flaggen«, erklärte Harrlington, »der Sturm wird ihm die betreffende Kiste geraubt haben. Er will uns aber eine Mitteilung machen; wir müssen also an ihn heranfahren.«

Er gab die geeigneten Befehle. Der ›Amor‹ änderte etwas den Kurs und dampfte auf die Bark zu. Zu weit durfte er sich dem Schiffe nicht nähern, denn der Seegang war noch immer sehr hoch, aber eine deutliche Verständigung mittelst des Sprachrohrs doch möglich, als der ›Amor‹ querab von dem Holländer lag, Gegendampf gab und rückwärts fuhr, mit der Bark gleiche Fahrt haltend.

Der Kapitän stand auf der arg beschädigten Kommandobrücke, das Sprachrohr in der Hand; die Matrosen waren an Deck mit Reparaturen beschäftigt, nähten Segel, und einige unterstützten auch noch die selbsttätige Pumpe. Die Bark musste also stark lecken.

»Was für ein Dampfer ist das?«, drang es in jenem eigentümlichen, durch Luftschwingungen erzeugten Tone aus dem Sprachrohr zu Lord Harrlington herüber.

»Der ›Amor‹, Lustfahrzeug des englischen Jachtklubs ›Neptun‹, Insel Wight«, erwiderte Harrlington.

Der Kapitän lüftete die Mütze, eine Frage nach dem Führer dieser Brigg war nicht nötig. Derartige Lustfahrzeuge haben keinen Kapitän von Profession, der befähigteste Mitbesitzer des Schiffes wird als solcher gewählt — das war ihm wohlbekannt.

»Bark ›Marie‹, Amsterdam, Kapitän Niedenbrock«, stellte der Kapitän sein Schiff und sich selbst vor. »Wir kommen von San Blas mit Holz. Heute Morgen 6 Uhr 15 Minuten sahen wir in der Morgendämmerung westlich von uns Raketen aufsteigen und hörten das Nebelhorn heulen. Der Sturm hatte nachgelassen, aber es war neblig und der Seegang hoch; ich versuchte nach dem hilfsbedürftigen Schiffe zu kreuzen, konnte aber bei dem Nordwinde nicht aufkommen. Nach einer Stunde gab ich den Versuch auf. Der ›Amor‹ ist das erste Schiff, dem ich begegne. Kapitän, ich bitte Euch, dampft nach der Stelle, welche ich Euch jetzt so genau wie möglich angeben werde.«

Harrlington griff nach Papier und Bleistift und erklärte sich bereit, das Schiff aufsuchen zu wollen.

»Ich konnte den Ort nicht genau bestimmen«, fuhr der Kapitän durch das Sprachrohr fort, »kann Euch also nur meine Fahrt angeben. Passt auf: Zehn Minuten nach 7 Uhr nahm ich die Fahrt nach Süden wieder auf und steuerte direkt südlich, aller Viertelstunden loggend. Die ›Marie‹ fuhr erst 9 Knoten, dann, 10, 10, 9, 8, 8 und jetzt wieder 9 Knoten. Was ist die genaue Uhrzeit jetzt?«

»Zwei Minuten vor neun Uhr«, antwortete Harrlington.

»Stimmt mit meiner Uhr«, erscholl es wieder vom Holländer herüber, »rechnet aber nicht 14 Knoten, sondern 15. Nach Osten sind wir einen Viertelstrich abgetrieben. Genügt das, um den Ort ungefähr finden zu können?«

»Es genügt, danke Euch, Kapitän! Wohin fahrt Ihr, damit ich Euch Nachricht geben kann, ob mir die Rettung geglückt ist?«, rief Harrlington.

»Wir laufen den Hafen von Adelaide an und gehen dort in Dock. Bitte, benachrichtigt mich!«

»Braucht Ihr Hilfe?«

»Nein, die ›Marie‹ hat Holz geladen, sie kann nicht sinken. Beeilt Euch! Wie ist Euer Name?«

»Lord Harrlington, England.«

»Dann Gott befohlen, möge er Euch vergelten, dass Ihr meinen Kameraden beistehen wollt!«

Noch einmal grüßte der Kapitän mit der Hand, die englischen Herren schwenkten die Mützen, dann stoppte die rückwärts arbeitende Schraube des ›Amor‹, und schon nach einigen Minuten hatte die Brigg das holländische Schiff hinter sich gelassen.

»Loggen«, kommandierte Harrlington, den Apparat mit welchem man die Schnelligkeit eines fahrenden Schiffes misst, hinten am Heck befestigend und als Kurs Norden mit einer kleinen Abweichung nach Westen angebend.

Die LoggVorrichtung besteht aus einer Leine, einer Rolle, einem Brettchen und einer sogenannten Sanduhr. Die Leine ist durch eingeschlagene Knoten geteilt, und je ein Teil bezeichnet eine Meile oder, wie der Seemann sagt, einen Knoten. Vorn ist ein Brettchen befestigt, welches unten mit Blei beschwert ist, sodass es, wenn es ins Wasser geworfen wird, in demselben senkrecht schwimmend steht, es folgt demnach nicht dem wegfahrenden Schiff, sondern bleibt an einer Stelle. Die Leine läuft an einer Rolle, und so viele Knoten, wie dem Matrosen durch die Hand gleiten, während der Sand der Sanduhr in den leeren Glasbehälter rinnt, so viele Knoten macht das Schiff. Es ist keine Umrechnung nötig, die Sanduhr und die Leine sind so gearbeitet, dass die Menge der Knoten in der Leine sofort die richtige Zahl der zurückgelegten Meilen in der Stunde angibt.

Eine neuere Einrichtung ist die, dass an einer Leine eine Schraube, nach Art der Schiffsschrauben konstruiert, im Wasser nachschleppt. Dadurch setzt sich die Schraube in Umdrehung, mit ihr die Leine, diese endigt in einer Uhr, welche nun durch Zeiger die zurückgelegten Meilen anzeigt.

Eine Vorrichtung letzterer Art besaß auch der ›Amor‹.

»Wir fahren 14 Knoten in der Stunde«, meinte Harrlington zu Hastings, dem ersten Steuermann, nach Besichtigung der Logguhr. »In einer Stunde müssten wir uns ungefähr da befinden, wo die ›Marie‹ die Raketen hat aufsteigen sehen. Da aber das hilfsbedürftige Schiff, wenn es noch auf dem Wasser schwimmt, vom Winde uns entgegengetrieben wird, so können wir darauf rechnen, es schon eher zu sehen. Wir wollen daher schon jetzt scharf Ausguck halten. Hoffen wir, dass es der Mannschaft gelungen ist, sich über Wasser zu halten, und dass wir das Schiff finden, wenn es auch nur ein Wrack ist.«

»Die Leute müssen in einer gefährlichen Lage gewesen sein, sagte Lord Hastings, »sonst hätten sie nicht Raketen steigen lassen. Es ist auch leicht möglich, dass die Mannschaft, da sie keine Hilfe erhielt, ihre Rettung in den Booten versucht hat und wir ein leeres Wrack oder auch dieses nicht mehr finden.«

»Wir wollen uns nicht mit Befürchtungen quälen«, entgegnete Harrlington, »sondern das tun, was in unserer Kraft liegt. Stoßen wir auf ein Wrack ohne Mannschaft, dann suchen wir heute und auch noch diese Nacht unter Aussendung von Raketen das Meer ab, um die in den Booten befindliche Mannschaft zu retten; sehen wir auch kein Wrack mehr, dann wollen wir ebenfalls noch suchen, in der Hoffnung, dass sich die Leute doch in Boote gerettet haben, das Schiff aber gesunken ist. Mehr können wir nicht tun, das andere muss Gott überlassen bleiben. Wir haben nichts zu versäumen. Einen Tag können wir also zum Suchen der Schiffbrüchigen opfern, vielleicht, wenn wir es für gut befinden, auch noch mehr.«

Alle Herren wurden an Deck verteilt und mussten mit Hilfe von guten Ferngläsern den Horizont abspähen. Der Nebel war gefallen, der klare Morgen gestattete eine weite Fernsicht, und es war nicht so leicht möglich, dass den scharfen Augen der jungen Sportsleute ein Wrack entging, ja, selbst schwimmende Schiffsplanken hatten ihre Aufmerksamkeit erregt.

»Hier ungefähr hat die ›Marie‹ die Raketen aufsteigen sehen«, rief eine Stunde später Harrlington. »jetzt aufgepasst!«

Der ›Amor‹ dampfte langsamer, und die Herren strengten ihre Augen noch mehr an.

Eine Viertelstunde verging, und noch war nichts bemerkt worden. Die Herren tauschten schon untereinander Bemerkungen aus, dass das Schiff entweder bereits von einem anderen Dampfer weggeschleppt worden oder vielleicht auch gesunken war.

»Wir müssen Bogen fahren«, erklärte Harrlington und ließ den ›Amor‹ in weitem Bogen dampfen, bald nach links, bald nach rechts, wodurch eine viel weitere Umschau ermöglicht wurde.

Aber auch dies war vergeblich, nichts war zu erblicken.

»So bleibt uns nur noch übrig, nach den Booten zu suchen«, sagte Harrlington niedergeschlagen, »und zwar müssen wir östlichen Kurs einschlagen, denn wenn die Mannschaft sich in Booten gerettet hat, so versuchten sie sicher, die Küste zu gewinnen. Lassen Sie Osten steuern, Lord Hastings!«

»Halt«, rief da plötzlich Sir Hendricks, »ist das dort ein toter Fisch, der mit den Rückenflossen aus dem Wasser heraussieht, oder ein anderer Gegenstand?«

Aller Augen wandten sich der bezeichneten Richtung zu und sahen etwas aus dem Wasser ragen, was wirklich den Flossen eines großen Fisches ähnlich sah, etwa denen eines sehr großen Haies.

»Es ist der Kiel eines gekenterten Bootes«, rief jedoch Lord Harrlington, welcher nicht so getäuscht wurde, wie es fast immer bei denen geschieht, welche ein gekentertes Boot zum ersten Male sehen.

Der ›Amor‹ durchfuhr die Strecke von einigen hundert Metern und setzte ein Boot aus. Sir Williams befestigte einen Haken an einem Tau, und mit Hilfe der Winde wurde das Boot durch die vereinten Kräfte der Herren emporgezogen.

Kaum ragte es zur Hälfte aus dem Wasser heraus, so entfuhr fast gleichzeitig ein Schreckensruf den Lippen aller. Das Boot war weiß angestrichen, und hinten stand in goldverzierten Buchstaben der Name ›Vesta‹.

»Ein Boot der ›Vesta‹«, stammelte Harrlington mit bleichen Lippen, »und ohne Korkfassung.«

Die Boote der ›Vesta‹ konnten ebenso, wie die des ›Amor‹ mit einem Korkgürtel umgeben werden, um bei hohem Seegang das Boot vor Kenterung zu bewahren, gewöhnlich war aber diese Schutzvorrichtung nicht daran, denn sie hinderte die Schnelligkeit der Fahrt.


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Lange Zeit wagte niemand zu sprechen. Alle starrten sprachlos, entsetzt das weiße Boot an, welches zur Hälfte in der Luft hing und beim Schlingern des ›Amor‹ jedes Mal dröhnend an den Schiffsrumpf schlug. Sie konnten die Augen nicht von den schwarzen Buchstaben ›Vesta‹ wenden.

»Die ›Vesta‹ hat Schiffbruch erlitten«, murmelte endlich Lord Hastings.

»Ziehen Sie das Boot völlig an Deck!«, sagte dann Harrlington. »Wir wollen es untersuchen.«

Es wurde hochgewunden, die Davits, in denen die Boote hingen, eingeschwungen und das Fahrzeug lag an Deck. Es enthielt nichts weiter, als die Sitzbretter, alles andere war heraus, die kupfernen Dollen, in denen die Riemen bewegt wurden, das Steuerruder und jede andere Ausrüstung.

»Die Damen haben es bei dem Sturme versucht, sich in Booten zu retten«, sagte Harrlington mit zitternder Stimme. »Es ist der Kutter der ›Vesta‹ den wir hier vor uns haben. Er wurde von den Damen mit zwölf bis vierzehn Personen besetzt, also muss noch ein anderes Boot bemannt worden sein. Und beim Himmel«, rief Harrlington laut und sich emporrichtend, »ich will nicht eher ruhen, als bis ich dieses andere Boot gefunden habe.«

Die plötzliche Energie, welche Harrlington entwickelte, vermochte nicht die übrigen Herren in eine andere Stimmung zu bringen. Bis zum Tode erschrocken über das Resultat ihrer Untersuchung waren sie alle. Die Herzen einiger wurden aber von einer namenlosen Verzweiflung erfasst, und derjenige, welcher sonst jedes Unglück als unabwendbar gleichmütig ertrug, brach diesmal wie gebrochen zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen — Charles Williams. Er war außer sich, er wollte nicht auf die Trost- und Hoffnungsreden hören, er glaubte vor Schmerz vergehen zu müssen.

»Tot — tot«, murmelte er wieder und wieder unter hervorbrechenden Tränen, »alles dahin!«

Aber es musste schnell gehandelt werden. Vielleicht trieb das andere Boot, vielleicht deren mehrere — denn die Vestalinnen hatten die Sklavinnen sicher nicht im Stich gelassen — auf offener See umher, und die Insassen warteten sehnsüchtig auf ein nahendes Schiff.

Wieder begann der ›Amor‹ unter der Leitung Harrlingtons große Bogen zu fahren, jetzt aber mehr auf die Westküste Südamerikas zuhaltend, von der sie dreihundert Meilen entfernt waren.

Noch einmal stießen sie auf eine weißgestrichene Tonne, welche ebenfalls, wie alles an Bord dieses Schiffes, den Namen ›Vesta‹ eingebrannt führte. Es war dieses wieder ein Zeichen, dass die ›Vesta‹ gesunken war, und zwar in dieser Gegend, und um jede Hoffnung auszuschließen, fand man auch noch einige Planken des Schiffes auf dem Meere.

In einigen Herren, darunter auch in Harrlington, war als letzter Hoffnungsstrahl der Gedanke geblieben, dass das Boot nur durch Wogen losgerissen worden wäre, besonders, weil die Korkeinfassung an demselben fehlte, jetzt aber durfte man sich keiner solchen Hoffnung mehr hingeben, und als Männer sprachen die Engländer offen ihre Vermutung über die ›Vesta‹ und das Schicksal der Damen aus.

Die ›Vesta‹ war jedenfalls, wie es oft geschieht, von den eigenen Masten leck gerammt worden, welche der Sturm über Bord geworfen hatte und deren Taue von der Mannschaft nicht schnell genug gekappt werden konnten. Das Schiff sank rasch, es war keine Zeit mehr, die Boote mit dem Kork zu bekleiden, sie wurden einfach ins Wasser gelassen und notdürftig ausgerüstet. Die Mädchen nahmen in den schwankenden Nussschalen die Fahrt nach der Küste auf.

Eins der Boote hatten die Herren bereits gefunden. Es war gekentert, und die unglücklichen Insassen mussten ertrunken sein, denn selbst wenn das andere Boot in der Nähe gewesen wäre, war bei dem hohen Seegang doch eine Aufnahme der im Wasser Schwimmenden nicht möglich gewesen.

Hatte sich das andere Boot oder die anderen Boote gehalten? Oder war ihr Suchen fruchtlos, ruhten die jungen Mädchen auch schon auf dem Meeresboden? Diese Fragen schnürten die Brust der Engländer zusammen, während der ›Amor‹ dem Osten der Küste zustrebte.

Unablässig spähten die Herren durch Fernrohre den Horizont ab, jedes ihnen begegnende Schiff wurde gefragt, ob es ein bemanntes Boot ›aufgefischt‹ oder ein leeres, gekentertes oder ob sie überhaupt eins gesehen hätten, es war alles vergeblich — weder entdeckte der Amor die Schiffbrüchigen, noch erfuhr man von fremden Schiffen über den Verbleib derselben.

Die Nacht brach an und fand die trostlosen Männer noch immer bei ihrer Arbeit. In der Finsternis wurden Raketen zum Himmel aufgeschickt. Bei Nebel ertönte ununterbrochen die Dampfpfeife, um dem Boote ein Zeichen zu geben — nichts. Am Morgen sahen sich die Männer mit bleichen Gesichtern an, sie wussten, sie durften keine Hoffnung mehr haben, aber keiner sagte es dem anderen; sie trösteten sich gegenseitig.

Und wieder wurde den ganzen Tag das Meer abgesucht, ebenso die kommende Nacht, und am anderen Morgen beleuchtete die Sonne ein wildes, zerklüftetes Gestade — die Küste von Chile.

Das bloße Auge schon konnte dort ein kleines Dorf liegen sehen, wahrscheinlich ein Fischerdorf, denn zahlreiche bemastete Fahrzeuge schaukelten sich in einer Bucht. Dahin beschlossen die Herren erst einmal zu fahren.

»Es könnte sein«, hatte Lord Harrlington gesagt, »dass das Boot die Küste erreicht hat — hoffen wir es! Es wäre zwar wunderbar, aber diese Fischer, welche weit längs der Küste fischen, können vielleicht erfahren haben, dass irgendwo ein Boot mit Schiffbrüchigen angelaufen ist, so etwas pflanzt sich schnell an der ganzen Küste fort. Hören wir hier nichts, so fahren wir direkt nach Valdivia, gehen zum englischen Konsul und setzen eine Summe aus für die Mitteilung, dass irgendwo ein Boot mit Schiffbrüchigen landen gesehen worden ist. Für eine schnelle und weite Verbreitung der Ausschreibung müssen wir Sorge tragen. Das ist das einzige Mittel, wie wir am schnellsten erfahren können, ob ein Boot gerettet worden ist. Der Konsul wird das Seinige dazu tun, dass alle Seemannsämter der Welt veranlasst werden, jedes Schiff zu fragen, ob es ein Boot mit Damen aufgenommen hat. Dann müssen wir in Valdivia warten, bis wir die Depeschen erhalten.

In dem kleinen Fischerdorfe, welches die Herren in Booten besuchten, erfuhren sie nichts. Die Fischer hatten bei dem letzten Sturm selbst Kameraden verloren und trauerten um dieselben. Man hinterließ ihnen, dass sie sofort nach Valdivia berichten sollten, wenn sie noch etwas erführen, Gutes oder Schlimmes, wenn zum Beispiel die Leichen der Mädchen an die Küste getrieben würden. Ein reiches Geschenk veranlasste die armen Fischer zu der Beteuerung, sie wollten die ganze Küste von Chile absuchen und von jetzt ab nur noch mit den längsten Netzen fischen — eine Bemerkung, welche die Herren erschaudern machte.

Der ›Amor‹ steuerte nach Valdivia.

Sie waren nicht mehr weit ab von diesem chilenischen, großen Hafen. Sie glaubten, gegen Abend den Leuchtturm desselben sehen zu können, als sie von einem spanischen Fischerfahrzeug, das sich dem ›Amor‹ zu sehr genähert hatte, beinahe am Heck gerammt worden wären.

Ein Zusammenstoß wäre für den aus Stahl gebauten ›Amor‹ ohne jede Bedeutung, für das hölzerne Fahrzeug aber verderblich gewesen. Doch gelang es den beiden im Boote befindlichen Fischern noch rechtzeitig, durch ein geschicktes Segelmanöver des Klüvers das Boot frei zu bekommen.

Lord Harrlington stand am Heck, beugte sich weit über die Brüstung und beobachtete mit Interesse das kühne, schnelle Handeln der beiden Männer.

»Nehmt euch in acht vor der Schraube«, rief er auf spanisch hinunter, denn das Boot geriet in die Strudel, welche jedem Dampfer nachfolgen, und es fing an, stark zu schwanken.

»Ay, Ay, Señor«, lachte der eine Mann unten fröhlich, »hat nichts zu bedeuten.«

Dann sprang der Fischer, dem nach überstandener Gefahr sofort sein Geschäft wieder einfiel, hinter ins Boot und hob einen Eimer empor, der mit Fischen angefüllt war.

»Makrelen, Señor, frischgefangene Makrelen, zart wie Milch«, rief er.

Wie außer sich stürzte Lord Harrlington plötzlich nach dem Sprachrohr und schrie dem Heizer zu, die Maschine stoppen zu lassen. Der Eimer, der ihm entgegengehalten worden, war weiß angestrichen, und an der Seite stand der Name der ›Vesta‹.

»Komm an Bord«, sagte der Lord zu dem Fischer mit vor Aufregung bebender Stimme, »ich will die Fische kaufen. Nein, nein«, rief er dem Manne zu, welcher die Fische in ein Netz schütten wollte, »bringe den Eimer mit herauf!«

Verwundert schaute der Fischer auf, kam aber dann der Aufforderung nach. Er schwang sich an einem zugeworfenen Tau an Deck des stilliegenden Dampfers und zog den Eimer mit Fischen nach.

Mit klopfendem Herzen umstanden die Herren dieses neue Andenken an die Vesta! Würde man jetzt etwas von dem Verbleibe der Damen erfahren? Vielleicht aus dem Munde dieses spanischen Fischers?

Lord Harrlington sagte dem Spanier, der seine Ware mit geläufiger Zunge anpries, dass er die Fische kaufen würde, doch erst sollte er ihm erklären, wie er zu diesem Eimer käme.

»Heute Morgen sah ich ihn auf dem Wasser schwimmen, als ich fischte«, war die Antwort.

»Hast du nichts weiter gefunden?«

»Nein.«

»Kannst du diesen Namen lesen?«, fragte Harrlington, auf die schwarzen Buchstaben deutend.

Der Spanier schüttelte lächelnd den Krauskopf, er verstand diese Kunst nicht.

»Er heißt ›Vesta‹«, erklärte Lord Harrlington, »hast du vielleicht gehört, dass ...«

»Ay, ›Vesta‹«, rief der Spanier mit allen Zeichen des Erstaunens, »gewiss, die Señorita ist auf der ›Vesta‹ gewesen, die Stephano aus den Wellen gezogen hat.«


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Atemlos hatten die Umstehenden diese Worte vernommen, ihre Herzen gedachten zu zerspringen. Fast wäre Harrlington auf den Spanier zugestürzt, um ihn zu packen, weil dieser tat, als wolle er das Schiff wieder verlassen.

Aber er war nur an die Bordwand getreten.

»Wo ist die Señorita, wer ist Stephano?«, stieß Harrlington mühsam hervor.

»Stephano da kann's erzählen«, antwortete der Fischer, auf seinen Kameraden im Boot deutend.

Nach wenigen Augenblicken stand der Gerufene an Deck.

»Hast du eine Dame aus dem Wasser gerettet? Wann? Wie hieß sie? Wie sah sie aus? Lebt sie noch? Wo ist sie?«, So klang es von allen Seiten gleichzeitig, bis Lord Harrlington das Verhör übernahm und erfuhr, dass Stephano vor zwei Tagen, nach einer sehr stürmischen Nacht, weit draußen im Meere gefischt habe.

Da sah er mit einem Male auf den Wogen einen Menschen treiben, der sich an ein Stück Mast klammerte. Nach langem Bemühen gelang es Stephano, an den Schwimmenden heranzusegeln, ohne dass sein gebrechliches Fahrzeug von dem Maste gerammt wurde. Als er den Menschen im Boote geborgen hatte, bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass es ein in einen Männeranzug gekleidetes Mädchen war.

Jetzt konnten die Herren ihre Zungen nicht mehr im Zaume halten, sie unterbrachen den Erzähler, fragend, wie das Mädchen ausgesehen hätte.

Der Fischer lächelte verlegen.

»Eben wie ein Mädchen, sie hatte lange Haare, kleine Hände und Füße.«

»Wie sah das Haar aus?«, fragte Harrlington ungeduldig.

»Hellblond, und wenn ich nicht irre, hatte sie tiefblaue Augen.«

»War sie klein?«, fragte Williams hastig.

»Nein, eher groß.«

»Ihr Name, ihr Name?«, drängte Harrlington.

Der Fischer griff bedächtig unter das auf der Brust offene Hemd.

»Ehe sie mit ihrem Freunde, den sie traf, nach Villa Rica abreiste, schenkte sie mir ein Andenken und sagte, sie würde es einst wieder einlösen. Ich glaube es ihr, denn ihr Begleiter gab mir zehn Goldstücke, nur so zum Geschenk, damit ich mir ein neues Boot kaufen könne. Also muss die schöne Senorita sehr reich sein.«

Der Spanier brachte eine kleine goldene Kapsel zum Vorschein.

»Miss Petersen«, riefen zwei Stimmen zugleich, und zwei Hände streckten sich gierig nach dem Kleinod aus. Doch ehe sie es noch erfasst hatten, blieben sie mitten in der Bewegung halten, und die beiden Besitzer der Hände sahen sich an — es waren Lord Harrlington und John Davids.

Wie hatte sich letzterer seit drei Tagen verändert! Lord Harrlington erkannte es mit Entsetzen. Die Augen lagen tief in den Höhlen, die Züge waren eingesunken, die Backenknochen traten weit hervor — das ganze Gesicht zeigte etwas Gespensterhaftes.

»Es ist das Medaillon von Miss Petersen, welches sie immer an der Uhrkette trug«, sagte Davids, sich zur alten Ruhe zwingend, und zog die Hand zurück.

Harrlington kannte diese herzförmige Kapsel sehr gut. Im nächsten Augenblick hielt er sie in der Hand, ein Druck auf die Feder, und der Deckel sprang auf.

Plötzlich wurde der Lord purpurrot im Gesicht, aber zugleich schoss ein Strahl von Seligkeit über dasselbe; er griff mit der Hand an sein Herz und schlug die Augen zum Himmel auf, das Medaillon enthielt sein eigenes Bild, mit Ölfarbe in Miniatur gemalt.

Dann trat er auf Davids zu und zog ihn etwas abseits.

»Mister Davids«, sagte er, »ein ebensolches Bild besitzen Sie von Ellen. Wollen Sie mir jetzt erklären, wie Sie in den Besitz desselben kamen? Sie boten mir oft an, diese Erklärung zu geben, ich aber schlug sie stets ab.«

»Sie können es erfahren«, entgegnete Davids. »Ich selbst habe dieses, Ihr Bild gemalt, auf Wunsch von Miss Petersen, welche es besitzen wollte. Als Dank bat ich um die Gunst, auch sie malen zu dürfen, um ein Andenken von ihr zu haben. Sie gestattete es mir, unter der Bedingung, dass sie das Bild jederzeit von mir zurückfordern könne.«

Erschüttert trat Lord Harrlington zu dem Fischer zurück und hörte dessen weiteren Erzählungen zu. Es war allen anfangs unbegreiflich, dass Miss Petersen nach einer Hazienda in der Nähe von Villa Rica gereist sei, ohne sich vorher um das Schicksal ihrer Freundinnen gekümmert zu haben. Doch der Fischer gab die nötige Aufklärung.

»Die Señorita war vollständig erschöpft, als ich sie in mein Boot nahm, und auch, als ich dort in jener Nebenbucht, wo mein Fahrzeug immer liegt, landete, war sie noch ohne Bewusstsein, lebte aber.

»Sehen Sie dort das schöne Haus stehen?«, fuhr der Fischer fort, auf einen weißen Punkt fern im Lande deutend, wo schon die grüne Vegetation anfing. Es musste ein Haus sein, denn die Sonne brach sich in den Fensterscheiben. »Dorthin brachten wir die ohnmächtige Señorita, und ein Herr, der dort zum Besuch war, nannte sie eine alte Bekannte. Am anderen Tage brachen beide nach der Hazienda des Don Alappo auf, welche bei der Villa Rica liegt. Ihr Freund wohnt dort.«

»Wie heißt dieser Herr, den du als Freund der Señorita bezeichnetest?«, fragte Harrlington.

»Ich weiß seinen Namen nicht, Ihr könnt ihn in jener Villa erfahren.«

»Hat jene Bucht dort genügend Wasser, um dieses Schiff einzulassen?«

»Genug, und wenn die Brigg noch einmal so tief ginge.«

Das Fischerboot stieß mit seinen beiden Insassen Vom ›Amor‹ ab. — Der ›Amor‹ steuerte der Küste zu.

»Bei den Wunden Christi«, lachte Stephano, als sich die Brigg weit genug entfernt hatte, dass er nicht mehr gehört werden konnte, »das nenne ich einen Handel! Ich hatte nie geglaubt, dass man durch Lügen so viel verdienen kann. Nun halte reinen Mund, Giuseppe, diese Goldquellen werden noch nicht so bald versagen.«

* * * * *

IV.4. Der springende Panther

Die Westküste von ganz Amerika, die nördliche Hälfte sowohl wie die südliche, wird von einem mächtigen Gebirge durchzogen, welches niemals durchbrochen wird, auch nicht in der Landenge von Panama, höchstens, dass Pässe den Durchgang gestatten. Die Bezeichnungen für dieses Gebirge sind in den einzelnen Gegenden verschieden, aber das Gebirge selbst ist dasselbe. In Nordamerika wird es im Allgemeinen Rocky Mountains oder Felsengebirge genannt, in Südamerika werden die einzelnen Gebirgszüge im Allgemeinen als ›Anden‹ bezeichnet.

Ab und zu überragt ein himmelhoher Berg noch den Gebirgsrücken, und gerade dort findet man gewöhnlich die Pässe.

Chile und Argentinien, diese beiden, in ewigen Reibereien befindlichen, benachbarten Republiken werden durch die Anden voneinander getrennt, und nur Pässe erlauben das Überschreiten dieser natürlichen Grenze. Chile ist ein langes, aber kaum hundert englische Meilen breites Land, und sehr fruchtbar, wie die zahlreichen, besonders am westlichen Abhange der Anden liegenden Haziendas beweisen. Hazienda heißt in Südamerika ein großes Landgut, der Besitzer derselben Haziendero.

Gelangt man durch einen Paß nach Argentinien hinüber, so wechselt das Bild. Dem Auge bieten sich nicht mehr blühende Landschaften dar, sondern unermessliche Grassteppen, Pampas genannt, auf denen Indianer noch ein zügelloses Reiterleben führen, von der Jagd und Kriegsbeute lebend.

Der gesamte Stamm der auf den Pampas hausenden Indianer zählt zu dem der Araukaner, und der zahlreichste, tapferste und daher auch mächtigste Unterstamm davon ist der der Penchuenchen. Diese beherrschen die Pampas im südlichen Teile Südamerikas.

Dieselben sind gleich den Prärien Nordamerikas, ungeheure Grasebenen, nur dass auf ihnen noch weniger Baumwuchs vorkommt, als auf jenen. Trifft man auf Baumgruppen, so bestehen diese meist aus Apfelbäumen, aus deren Früchten die Indianer berauschenden Most herzustellen wissen.

In dem mannshohen Grase schleicht der blutgierige Panther die Antilope an. Die buntschillernde Schlange lauert auf die Rohrdommel, und in Sumpf und Fluss wartet der Alligator auf seine Beute. Unzählige Herden wilder Mustangs, das sind Pferde, tummeln sich auf dem unermesslichen Spielplatz, und die Indianer fangen die schönsten Tiere und reiten sie zu.

Die Penchuenchen sind neben den Cowboys, den Ochsen- und Pferdehirten Nordamerikas, und den diesen gleichenden Vaqueros, welche die Büffelherden an der Ostküste Argentiniens beaufsichtigen, die besten Reiter der Welt. Sie wachsen auf den Pferden auf und sterben auf den Rücken derselben. Schon ihr eigentümlich schleppender Gang verrät, dass sie lieber zu Pferde als zu Fuß sind, und sie scheinen sich auf ebener Erde in allen ihren Bewegungen unsicher zu fühlen. Aber, wie gesagt, es scheint nur so, denn gerade die Penchuenchen sind die besten Läufer und Springer. —

Auf der Hazienda des Don Alappo war große Festlichkeit, denn die Hochzeit seines Sohnes mit der Tochter eines benachbarten Hazienderos wurde gefeiert.

So großer Pomp war selten bei einer solchen Gelegenheit entwickelt worden. Keiner der geladenen Gäste konnte sich entsinnen, jemals einer ähnlichen beigewohnt zu haben; nicht etwa darum allein, weil die immer gefüllte Börse des Don ihm einen großen Luxus erlaubte, sondern weil die Hazienda gerade ungeladene Gäste bekommen hatte: Einquartierung vom chilenischen Militär. Unter den fünfzig Mann waren allein zwanzig Musiker, welche nun dazu beitragen mussten, die Feststimmung zu erhöhen, und die sechs Offiziere drehten sich nach den feurigen Klängen mit den glutäugigen Schönen.

Außerdem war noch ein Gast erschienen, bei dessen Ankunft eine allgemeine Aufregung entstanden war, und welcher bald der Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft wurde.

Der Aufseher der Hazienda, der in Geschäften an der Küste gewesen, war gerade dazugekommen, wie zwei Fischer am Ufer landeten, welche eine Schiffbrüchige aus dem Wasser gerettet hatten — so erzählte er — und wunderbarerweise kannte er die Dame. Es war Miss Ellen Petersen, auf deren Farm er vor Jahren als Verwalter tätig gewesen war.

Es gelang ihm, die Bewusstlose ins Leben zurückzurufen; sie erkannte ihn und ging dann auf seinen Vorschlag ein, ihm nach Don Alappos Plantage zu folgen und so lange dort zu bleiben, bis ihre von dem Schreck angegriffene Gesundheit wiederhergestellt sei. Während Miss Petersen einstweilen noch in einer am Strande gelegenen Villa blieb, reiste der Aufseher nach dem nicht weit entfernten Valdivia, ordnete dort an, dass nichts unversucht bleibe, um noch andere Schiffbrüchige der ›Vesta‹ dem Tode in den Wellen zu entreißen, und nahm dann Miss Petersen mit nach der Hazienda.

Diese Miss Petersen war freilich ebenso wenig von dem Fischer aus dem Wasser gezogen worden, als Fernando jemals auf ihrer Plantage als Aufseher gewesen war.

Don Alappo und seine Familie nahmen die Unglückliche mit offenen Armen auf, und alle waren bemüht, der Tiefniedergeschlagenen ihr Los vergessen zu machen. Auch hier interessierte man sich für die kühnen Vestalinnen. Die Zeitungen hatten Abbildungen von ihnen gebracht, und Miss Petersen glich im großen und ganzen jenem Bilde, welches eine englische Zeitung in einem nicht gerade guten Holzschnitt von ihr gegeben hatte.

Der Tag des Festes war angebrochen und wurde mit Schmausen und mit Festlichkeiten aller Art verbracht. Der Nachmittag hatte die ganze geladene Gesellschaft im Garten der Hazienda zum Tanz versammelt.

Die zwanzig Musiker saßen auf der Veranda und spielten feurige, spanische Weisen, und die Herren und Damen drehten sich auf den kurzgeschorenen Rasenplätzen nach deren Klängen. Die Spanier sind leidenschaftliche Tänzer; dabei kennt diese sonst so stolze Nation keinen Klassenunterschied; arm tanzt mit reich, und so durften auch hier die Offiziere wagen, trotz der Anwesenheit vornehmer Damen mit den auf der Hazienda bediensteten Mädchen zu tanzen, während die Damen von malerisch gekleideten, langbespornten Vaqueros aufgefordert wurden. Keiner war vom Feste ausgeschlossen worden, und wäre er noch so gering gewesen; heute, am Tage der Freude war alles ebenbürtig — darauf hielt Don Alappo.

Nur wenige waren nicht am Tanze beteiligt, sondern standen von dem Rasenplätze entfernt und schauten den sich Drehenden zu. Dazu gehörten Pedro, der Sohn Alappos und seine junge Frau, welche in kosendem Geplauder unter einem Granatenbaume standen, der Aufseher, der sich mit Miss Petersen leise unterhielt, und der alte Don Alappo, der mit dem Capitano, dem Hauptmann des einquartierten Militärs, ein Gespräch führte.

Der Capitano erzählte ausführlicher, was ihn eigentlich hierher geführt habe — bis jetzt war dazu noch keine Zeit gewesen, der Vater zu glücklich, um so etwas Geschäftliches geduldig anzuhören.

»Es war ein Zufall«, fuhr der Hauptmann fort, »dass ich mit den Musikern zusammentraf, in deren Begleitung sich vier Offiziere befanden. Wie mir der führende Offizier erzählt, werden Sie schon morgen früh Ihre lästige Einquartierung los werden, ich dagegen, Don Alappo, werde wohl noch einige Tage mit meinen dreißig Mann hier liegen bleiben müssen.«

»Ihre Anwesenheit hier soll mir stets angenehm sein«, erklärte der Haziendero höflich. »Betrachten Sie mein Haus als das Ihre. So sind also wieder Streitigkeiten mit den Indianern zu befürchten?«, fuhr er besorgt fort. »Zwei Jahre haben wir nun Frieden mit ihnen gehabt; es ist doch zu schrecklich, dass wegen einiger Pferde von Neuem der Kriegsruf erschallen soll.«

»Es hilft nichts; das Recht muss gewahrt werden«, entgegnete achselzuckend der dicke Kapitän. »Fordern wir diesen räuberischen Penchuenchen nicht unter Drohung von Waffengewalt die gestohlenen Pferde wieder ab, so hören diese Pferdediebstähle nicht auf, sie vermehren sich dann in einem geradezu schrecklichen Maße.«

»Sie werden mit Ihren paar Mann nicht viel ausrichten können«, meinte Don Alappo mit einem Blick auf die bunt uniformierten Männer, die sich auf dem Rasenplatze drehten.

»Ich erwarte jeden Tag noch mehr Leute; vorläufig haben wir ja auch nichts Feindliches vor, und so lange der Krieg noch nicht erklärt ist, sind diese dreißig Mann schon eine ganz stattliche Kriegerzahl, welche es mit einem Stamm von hundert Indianern recht wohl aufnehmen kann.«

»Unterschätzen Sie diese nicht. Sie sind tüchtige Krieger, besonders die Penchuenchen. Die letzten Kämpfe haben dies gezeigt«, ermahnte der vorsichtige Haziendero.

»Don Alappo«, sagte der Kapitän stolz, richtete seine kleine, dicke Gestalt stramm auf und legte die Hand an den Degengriff, »ich habe mich schon einmal mit den Penchuenchen gemessen, sie kennen meine Klinge und fürchten sie.«

Der Haziendero antwortete nichts; ein bitteres Gefühl stieg plötzlich in ihm auf. Allerdings hatte dieser Mann einst seinen Degen mit dem Blute von Indianern gerötet; aber es waren nur unschuldige Weiber und Kinder gewesen, die er und seine Leute hingeschlachtet hatten, als sie das verlassene Indianerdorf angriffen. Die Penchuenchen draußen in den Pampas spotteten ihrer Verfolgung; auf den weiten Grasebenen waren sie sicher; als sie aber von der scheußlichen Metzelei erfuhren, da hatten sie sich furchtbar gerächt. Dieser Kapitän war ihrer Rache entgangen, weil er bald darauf versetzt wurde, aber er hätte nicht nach jenem, tausend Meilen von hier entfernten Gebiet kommen dürfen, die Indianer dort dürsteten nach seinem Blute.

»Welcher Stamm ist es, welcher die für die Kavallerie bestimmten Pferde beim Transport geraubt haben soll?«, fragte er dann.

»Sein Häuptling wird ›der springende Panther‹ genannt«, sagte der Kapitän.

»Der ›springende Panther‹? Nimmermehr!«, rief der Haziendero energisch. »Ich zähle diesen Häuptling zu meinen Freunden. Ich erwarte ihn bald, ich habe ihm den Auftrag gegeben, mir Pferde zu liefern, und er hat sich bis jetzt immer ehrlich und zuverlässig erwiesen.«

»Es ist gut, dass Sie hinzufügen ›bis jetzt‹«, sagte der Kapitän spöttisch, »eine Rothaut ist nie ehrlich, es liegt in ihrer Natur, sie kann sich höchstens einmal so stellen.«

»Und doch behaupte ich, der Indianer ist ehrlich, wenn man ihn rechtschaffen behandelt. Vom Springenden Panther bin ich wenigstens davon überzeugt. Ich glaube nicht, dass er diese Pferde geraubt hat.«

»Er hat es getan«, versicherte der Hauptmann, »er verheimlicht es gar nicht.«

»Haben Sie die Pferde gekauft gehabt?«

»Allerdings. Die Regierung hat sie gegen Tauschmittel von den Indianern eingehandelt.«

»Vom springenden Panther?«

»Nein, von einem Stamme weiter östlich.«

»Und der springende Panther soll sie beim Transport durch sein Gebiet den begleitenden Soldaten abgenommen haben?«

»Es ist so! Er behauptet, es wären seine Pferde, sie wären ihm erst von einem benachbarten Stamme gestohlen worden.«

»Ah«, rief Don Alappo, »dann ist es etwas anderes, dann wäre der Häuptling in seinem Rechte!«

»Er wäre in seinem Rechte?«, fuhr der Hauptmann mit gerunzelten Augenbrauen finster auf. »Seit wann sprechen die Spanier so? Sind die Pferdeherden nicht eigentlich unser? Ist es nicht nur eine Gnade, dass wir die Indianer als Hüter dieser Herden überhaupt in den Pampas lassen?«

»Da sind wir verschiedener Ansicht«, entgegnete der Haziendero achselzuckend, »aber jedenfalls wäre es besser, Sie ließen dem springenden Panther die paar Pferde, ehe Sie Blutvergießen heraufbeschwören. Gutwillig gibt dieser kriegerische Häuptling sein Eigentum nicht auf.«

»So nehmen wir es ihm mit Gewalt!«, rief der Kapitän. »Ich handle übrigens im Auftrage der Regierung und nicht nach eigenem Ermessen. Gibt der springende Panther die Pferde nicht heraus, so drohe ich ihm mit Krieg, und ist es mir möglich, so bemächtige ich mich seiner Person. Dann kann er im Gefängnis von Valparaiso nachdenken, ob es recht oder unrecht ist, von der Regierung gekaufte Pferde zu rauben.«

»Und wenn er wieder frei ist, so lässt er den Kriegsruf erschallen, und in die jetzt so friedliche Hazienda wird die Brandfackel geschleudert«, fügte Don Alappo bitter hinzu. »Weiber werden weggeschleppt, Säuglinge an den Mauern zerschmettert und die Köpfe der Väter an den Lanzenspitzen der Indianer befestigt.«

»Was haben jene Schufte mit den friedlichen Hazienderos zu tun? Wir Soldaten sind es, mit denen sie kämpfen sollen.«

»Ist dem Indianer Unrecht zugefügt worden, so rächt er sich an dem Weißen, und es ist ihm gleichgültig, ob er Freund oder Feind den Kopf abschneidet; die Rasse ist es, die er hasst.«

»Aber wir werden dafür sorgen, dass die Hazienderos und ihre Familien und Angestellten ruhig schlafen können«, sagte der Kapitän stolz. »Die Zeiten sind vorüber, da das Militär mit Indianern förmliche Kriege führte. Eine kleine Metzelei, weiter nichts, eine Reiterattacke, und die Indianer sind in alle Winde gesprengt. Doch beenden wir dieses unerquickliche Gespräch, welches doch zu keinem Schlusse kommt, weil wir anderer Ansicht sind«, fuhr der Kapitän höflicher fort. »Sehen Sie dort Ihren Sohn und seine junge Gemahlin, sie werden aufgefordert, ein Solo zu tanzen.«

Die Neuvermählten waren vermisst worden, man hatte sie gesucht, sie in einem Gebüsch auf einer Bank gefunden und zog sie jetzt lachend und scherzend nach dem Rasenplatz. Da sie sich so lange von dem allgemeinen Vergnügen ausgeschlossen hatten, sollten sie jetzt zur Strafe ein Solo tanzen, während die Übrigen zusahen.

Die Spanier kennen viele Einzeltänze, wie wir sie nicht haben. Höchstens das französische Menuett und allenfalls unser Kontre sind mit ihnen zu vergleichen; aber es tanzen dort stets nur zwei zusammen, ein Herr und eine Dame.

Auf öffentlichen Bühnen kann man öfter einen spanischen Nationaltanz sehen, etwa die Esmeralda, Castagnette, besonders häufig die Tarantella; aber es ist vollkommen falsch, wenn man glaubt, diese auftretenden Tänzer ahmten mit ihren unnatürlichen Beinverrenkungen und grotesken Sprüngen einen spanischen Nationaltanz nach; dies sind selbsterfundene Phantasietänze; der spanische Zigeuner tanzt wohl einmal für Geld so, aber niemals der wirkliche Spanier.

Alle spanischen Einzeltänze sind eher Schritttänze, die Bewegungen sind langsam und gemessen, es kommt dabei nur auf Grazie an, und die Spanier und Spanierinnen sind darin unerreichbar. Jeder Schritt wird mit einer unnachahmlichen Zierlichkeit gemacht, der Körper graziös hin- und herbewegt, ein Tuch dabei wellenförmig geschwenkt, und das gegenseitige sich Nähern und Entfernen, wie bei unserem Kontre, hat viel mehr Bedeutung, als bei diesem, denn die Bewegungen drücken bald Liebe, bald Zorn, bald Widerwillen aus, und selbst in den Zügen lässt man dies erkennen.

Aber nie sieht man in Spanien jenes unnatürliche Beinwerfen, welches in Theatern endlosen Applaus hervorruft, und wer den wirklichen Spanier hat tanzen sehen, dem ist dieser natürliche Tanz tausendmal lieber, als jener phantastische.

So drückten jetzt Donna Mercedes und Don Pedro alles noch einmal im Tanz aus, was sie seit einem Jahre erlebt und erlitten hatten; wie er sich jetzt langsam mit ihr im Kreise drehte, so hatte er mit ihr vor einem Jahre zum ersten Male in der Villa ihres Vaters getanzt.

Wie Donna Mercedes jetzt plötzlich Don Pedros Hände von sich stieß und ihm den Rücken kehrte, so hatte sie es gemacht, als er in einem Nebenzimmer ihr auf den Knien seine Liebe gestand; wie er dann der langsam sich Zurückziehenden mit ausgebreiteten Armen folgte, so war er seitdem der Scheuen gefolgt, und wie er sich im Kreise um sie herum bewegte und unter das vor das Gesicht gehaltene Tuch zu spähen versuchte, um einen Blick aus ihren schwarzen Augen zu erhaschen, so war er bei Tag und bei Nacht um das einsame Haus gestrichen, um ab und zu die Geliebte zu sehen zu bekommen.

Endlich hielt er ihre Hand fest, aber nochmals entschlüpfte ihm die graziöse Tänzerin, nicht hastig, — das hätte Flucht bedeutet — nein, verschämt und doch scheu, doch Pedro ließ nicht eher nach, als bis er Mercedes gefangen hatte.

Beifallsrufe belohnten die beiden Tänzer. Noch hielt er sie in seinen Armen, da wand sich Mercedes noch einmal, diesmal aber hastig aus den Armen des Geliebten — es gehörte nicht zum Tanz — und deutete mit einem Rufe der Überraschung nach dem Eingange zum Garten.

Aller Augen wandten sich dorthin, die eben noch lebhaften Gruppen verstummten, und die Musik brach plötzlich mit einem disharmonischen Tone jäh ab.

An der Gartentür lehnte eine dunkle, hohe Gestalt, ein Indianer, der wahrscheinlich schon lange unverwandt dem tanzenden Paare zugeschaut hatte, denn noch jetzt hingen seine schwarzen Augen wie gebannt an Mercedes, welche unter diesem glühenden Blicke plötzlich erschauerte.

Der Oberkörper des Wilden war nackt und ließ die sehnigen Muskeln sehen, und die Arme, mit denen er sich auf den Gartenzaun stützte, verrieten eine furchtbare Kraft. Er trug lange, lederne Beinkleider, unten weit und ausgefranst, an den Nähten ebenfalls mit Fransen geschmückt, und die durch einen Gürtel gehalten wurden, in welchem ein Messer stak. Die Füße waren mit zierlich gestickten Mokassins bekleidet.

Der Indianer war nicht zu Fuß gekommen; nicht weit von ihm stand sein Pferd an einen Baum gebunden, ein prachtvoller Mustang, und an demselben Baume lehnte die Lanze, ein langes Bambusrohr, an welchem mit Lederschnüren ein langes Messer gebunden war.

Alle Hochzeitsgäste hatten so vertieft dem Tanz des jungen Paares zugeschaut, dass niemand die Ankunft des Eingeborenen bemerkt hatte.

»Der springende Panther«, rief Don Alappo und flüsterte noch schnell dem neben ihm stehenden Kapitän, der neugierig die schwarze Gestalt musterte, zu:

»Er ist mein Gast, ich bitte Sie, ihn unbehelligt zu lassen, solange er sich auf meiner Hazienda befindet, denn die Gastfreundschaft ist mir heilig.«

Dann eilte er nach der Gartentür, schob den Riegel zurück, öffnete sie, und streckte dem Indianer die Hand entgegen.

»Es freut mich, dass der springende Panther mich besucht«, sagte er. »Tritt ein, Häuptling, und nimm teil an dem Feste, welches zur Feier der Hochzeit meines Sohnes stattfindet.«

Der Häuptling nahm die Hand, drückte sie, schüttelte aber den Kopf.

»Der springende Panther kann deine Einladung nicht annehmen«, entgegnete er auf spanisch, »seine Krieger warten auf ihn; auch kann er dir keine Pferde geben.

»Warum nicht, hast du keine? Ich brauche sehr notwendig welche, meine Rinderherden müssen ohne Aufsicht weiden, weil ich keine schnellen Pferde habe.«

»Die Krieger der Penchuenchen brauchen ihre Pferde selbst«, sagte der Häuptling finster.

Verwundert horchte der Haziendero auf, so finster hatte er den Häuptling, mit dem er in Frieden lebte, noch nie gesehen.

»Wozu? Habt ihr nicht genug, die ihr zureiten könnt?«

»Wir brauchen Tiere, die dem Zügel gehorchen, damit sie vor den grünen Reitern nicht fliehen.«

Mit den grünen Reitern meinte der Häuptling die auf der Hazienda liegenden Dragoner, die grüne Uniformen trugen. Also wusste der Häuptling schon, dass diese Soldaten seinetwegen hier waren. Das konnte schlimm werden. Jetzt galt es vor allen Dingen, sich der Freundschaft des Indianers zu versichern.

»Du bist sicher bei mir«, sagte Don Alappo freundlich. »Komm in mein Haus und stärke dich mit Speise und Trank.«

»Der weiße Häuptling ist falsch«, entgegnete der Indianer, »der springende Panther traut ihm nicht.«

»Fürchtest du dich vor ihm?«, rief Don Alappo, und durch diese Frage hatte er den Widerstand beseitigt.

»Der springende Panther jemanden fürchten?«, lächelte der Häuptling spöttisch und betrat den Garten.

Unterdes hatten sich die Gäste um den Häuptling versammelt und betrachteten ihn neugierig, denn nicht alle hatten ihn schon gesehen. Nur die Soldaten hielten sich entfernt und besprachen sich leise, besonders die Offiziere und der Kapitän blickten dabei mehrmals angelegentlich nach dem Indianer.

Donna Mercedes hatte überhaupt noch keinen wilden Penchuenchen gesehen; sie kannte sie nur vom Hörsagen, und betrachtete daher am gespanntesten die dunkelhäutige Gestalt. Indianer waren ihr nichts Neues, aber an der Küste hielten sich solche nur als Bettler und Landstreicher auf, verkommene Subjekte; hier bot sich ihr ein Urbild der Rasse dar.

»Die Frau meines Sohnes«, sagte Don Alappo lächelnd, weil er sah, wie der Häuptling mit durchdringendem Blicke die schlanke Gestalt Mercedes' musterte.

»Die Libelle tanzt schön, sie erfreute das Herz des springenden Panthers«, sagte der Indianer mit der seiner Rasse eigentümlichen Höflichkeit, welche diese Fremden, besonders Frauen gegenüber, stets beobachten.


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»Was meint er mit der Libelle?«, fragte verwundert Donna Mercedes. »Doch nicht etwa mich?«

»Gewiss«, bestätigte Don Pedro, ihr Gemahl, lachend.

»Die Indianer geben jedem, den sie zum ersten Male sehen, sofort einen Namen, der ihr Aussehen und ihren Charakter ausdrückt. Und er hat recht, wenn er dich mit einer Libelle vergleicht.«

Donna Mercedes streckte lachend dem Häuptling die Hand hin, und ehrfurchtsvoll erfasste er dieselbe mit den Fingerspitzen, dieselbe nicht zu drücken wagend. Dann ließ er seinen Blick über sie hinwegschweifen, nach zwei Personen, welche etwas entfernt standen — dem Aufseher und Miss Petersen. Beide hatten die Augen fest auf den Häuptling gerichtet, und dieser blinzelte unmerklich mit den seinen, zwischen den dreien fand also eine Verständigung statt.

»So komm jetzt ins Haus!«, nötigte Alappo nochmals, und als Mercedes den Häuptling an der Hand fasste, um ihn fortzuziehen, fügte er hinzu: »Das ist recht, Mercedes, zeige dem springenden Panther einmal, dass auf der Hazienda unter deiner Leitung dieselbe Gastfreundschaft herrschen soll, wie unter der meinigen. Bewirte ihn selbst, so ist es alter, spanischer Brauch.«

Mit unverhohlener Bewunderung ließ der Häuptling sein Auge auf dem wunderbar schönen Gesicht des jungen Weibes, wie man sie so häufig unter den spanischen Kreolen findet, ruhen und folgte willig dem Drucke der kleinen Hand.

Mercedes führte ihn ins Hans, ließ ihn in einem der Säle, in welchem der Speisetisch noch gedeckt war, Platz nehmen und war ganz damit beschäftigt, darauf für den neuen, hungrigen Gast zu decken. Es war das erste Mal, dass Mercedes hier als Hausfrau schaltete, und der Gast ihres Schwiegervaters soll nicht in den Hütten seines Dorfes erzählen, die neue Haziendera wäre zu stolz gewesen, den roten Mann selbst zu bedienen.

Dann eilte sie hinaus, um Essen zu bestellen, und lange blickte der Häuptling mit düsteren Augen nach der Tür, durch welche sie verschwunden war. Da öffnete sich die Tür abermals, schnell sah er wieder geradeaus, denn nichts gilt den Indianern als schimpflicher, denn Neugier, Teilnahme, Freude und andere Gefühlsstimmungen zu verraten.

Aber nicht Mercedes war es, die hereintrat, sondern Fernando, der Aufseher, der mit dem Häuptling gut bekannt war. Er sah sich schnell um und trat zu dem Indianer.

»Hast du das Mädchen gesehen?«, fragte er diesen.

»Ja«, entgegnete der springende Panther, »aber ich werde sie nicht rauben lassen. Deine Geschenke werde ich dir zurücksenden.«

»Warum nicht?«, flüsterte Fernando unwillig. »Du warst doch bereits dazu entschlossen.«

»Weil ich glaubte, Don Alappo sei mir feindlich gesinnt.«

»Er ist es auch.«

»Du lügst«, entgegnete der Indianer finster. »Don Alappo ist redlich, sein Mund spricht so, wie sein Herz denkt. Er würde den springenden Panther nicht bewirten, wenn er ihm feindlich gesinnt wäre.«

»Was hat das mit dem weißen Mädchen zu tun? Entführe sie, sie folgt dir willig, und liefere sie dann mir aus.«

»Ich kann es nicht, weil sie ein Gast des Don Alappo ist. Wäre sie es nicht, so würde ich deinen Wunsch erfüllen, den ich zwar nicht verstehe, aber ich frage nicht darnach, denn ich bin dir Dank schuldig.«

Fernando hatte einst bei einem Jagdausflug den Häuptling aus Lebensgefahr gerettet. Er hatte das Raubtier, welches den Häuptling schon verwundet, erschossen, und der springende Panther war ihm dankbar dafür.

»Das ist kein Grund für mich.«

»Aber für mich«, fugte der Häuptling stolz. »Gib dir keine Mühe mehr, der springende Panther hat gesprochen.«

Mit einem wütenden Blick auf den Indianer verließ Fernando das Zimmer, denn draußen erklangen Schritte. Mercedes trat ein und hieß die nachkommenden Mägde die Schüsseln auf den Tisch setzen, schenkte selbst den roten Wein ins Glas und setzte sich dem Häuptling gegenüber, ihm zuschauend und bedienend.

Ohne sich nötigen zu lassen, langte der Indianer zu. Himmel, was konnte dieser Mensch essen! Ohne dass er sich der Gabel oder des Tischmessers bediente, verschwand ein Gericht nach dem anderen in den grundlos scheinenden Magen, die prachtvollen Zähne zermalmten die stärksten Knochen, als gehörten sie wirklich dem Gebiss eines Panthers an, und jedes Mal, ehe er ein Glas Wein hinuntergoss, wischte er sich die fettriefenden Finger in dem langen, straffen Haare ab, das ihm wild und ohne Schmuck um den Kopf hing.

»Habt Ihr lange nichts gegessen?«, fragte Mercedes teilnahmsvoll und schenkte ihm das Glas wieder voll.

»Seit zwei Tagen und zwei Nächten haben die Lippen des springenden Panthers nichts berührt.«

»Armer Mann, dann kann ich mir Euren Hunger und Durst erklären.«

»Der springende Panther hungert nie«, entgegnete der Indianer einfach, »er isst, wenn er Essen hat, und braucht keins, wenn er nichts hat.«

»Wenn Ihr in Eurer Hütte seid, sorgt aber doch Eure Frau dafür, dass Ihr genug zu essen habt.«

»Der springende Panther besorgt sich seine Mahlzeit selbst«, entgegnete er, »seine Hütte ist leer — er besitzt keine Squaw, die für ihn sorgt.«

Mercedes betrachtete den Mann ihr gegenüber jetzt genauer und musste sich gestehen, dass etwas Schönes in seinen ehernen Zügen war. Es lag etwas Herausforderndes neben der unbändigen Wildheit darin, und das große, schwarze Auge musste in der Leidenschaft furchtbar blitzen können.

»Ist es wahr, dass die Penchuenchen weiße Mädchen rauben?«, fragte sie dann schüchtern.

»Nur ihren Feinden, aber jetzt leben wir mit den Weißen in Frieden.«

»Aber wie kann ein Mädchen den Mann lieben, der sie mit Gewalt entführt?«

Der Häuptling stand auf. »Der springende Panther ist ein großer Häuptling, das Mädchen würde ihn lieben lernen«, war die selbstbewusste Antwort, »und wenn es ihn nicht liebt, so würde er es zur Liebe zwingen.«

Mercedes schrak zusammen. Sie sah plötzlich, mit welcher Glut das Auge des Häuptlings auf ihr ruhte; eben, als er die letzten Worte sprach, schloss die Musik draußen mit einem leidenschaftlichen Crescendo — die wilde, dunkle Gestalt vor ihr — sie begann sich in dem Zimmer zu fürchten.

»Geht in den Garten, ich bitte Euch«, sagte sie ängstlich, »Don Alappo erwartet Euch.«

Ein düsteres Lächeln umspielte die schmalen Lippen des Häuptlings, als er der Aufforderung gehorchte. Er ging nach der Tür, welche ins Freie führte, und betrat den Garten. Auf den ersten Blick sah er, dass sein Pferd nicht mehr draußen, sondern im Garten angebunden stand und die Lanze sich nicht in der Nähe befand.

Neben dem Pferde stand Don Alappo und besprach sich eifrig mit dem dicken Hauptmann. Eine Menge Soldaten lagerten um sie her. Trotz der eintretenden Dunkelheit entging dem Häuptling nicht, dass die Soldaten ihre Lassos in den Händen zum Wurfe bereit trugen.

Die an den Grenzen der Indianergebiete liegenden Soldaten tragen alle Lassos, in Nordamerika sowohl, wie in Südamerika, und sie wissen sie fast ebenso gut zu gebrauchen, wie die Indianer selbst, einfach daher, weil diese Menschen meist selbst in der Nähe von Indianern aufgewachsen sind, früher auch oft Vaqueros oder Cowboys gewesen sind.

»Die Schuld falle auf Sie!«, rief Don Alappo heftig. »Ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Er hörte nicht mehr die spöttische Bemerkung des selbstbewussten Hauptmanns, sondern wandte sich kurz um und ging nach dem anderen Teile des Gartens. Den Häuptling hatte er nicht aus der Villa heraustreten sehen.

Langsam, ohne Unruhe zu zeigen, schritt der springende Panther auf sein Pferd zu. Er beachtete weder die erwartungsvoll dastehenden Gäste, noch die Soldaten, die sich um das Pferd drängten.

Da trat ihm der dicke Hauptmann entgegen.

»Springender Panther«, rief er, die Hand am Degen, »du bist mein Gefangener, versuche keinen Widerstand!«

Doch schnell sprang er erschrocken zur Seite, in der hochemporgehobenen Hand des Häuptlings funkelte das Messer. Mit einem Satz war derselbe unter den Soldaten, die ebenfalls erschrocken zurückwichen, und im nächsten Augenblick saß der Häuptling im Sattel. Ein Schnitt mit dem Messer, das Pferd war frei, es fühlte den Schenkeldruck seines Herrn, bäumte sich hoch auf und wollte die Reihen der Soldaten mit flüchtigem Huf durchbrechen.

Da schallte ein vielstimmiges Gelächter durch den Garten, aus den Kehlen der Soldaten kommend, der springende Panther war einer ihrer Listen zum Opfer gefallen. Er hatte in dem hohen Grase nicht bemerkt, dass an den Hinterfüßen seines Pferdes eine Schlinge befestigt war, welche einige Soldaten in der Hand hielten. Wohl machte das Ross einen Satz nach vorwärts, dann aber wurde die Schleife zugezogen, und Ross und Reiter wälzten sich am Boden.


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Noch ehe der springende Panther den Boden berührte, hatten sich die Soldaten schon über ihn geworfen, und ehe er von dem Messer, seiner einzigen Waffe, Gebrauch machen konnte, war er von den in derartigen Sachen geschickten Soldaten der Wildnis schon gebunden.

Hilflos lag er am Boden.

»Der springende Panther macht seinem Namen keine Ehre«, lachte der dicke Hauptmann, sich über ihn beugend. »Na, Bursche, jetzt wirst du die Pferde wohl hergeben müssen, sonst hast du die Pampas zum letzten Male gesehen. Diesen neuen Kniff kanntest du wohl noch gar nicht, he?«

Der Häuptling beachtete den Spott nicht, er sah gleichgültig vor sich hin, und als Don Alappo auf ihn zugeeilt kam und ihm beteuerte, dass diese Gefangennahme wider seinen Willen vorgenommen worden wäre, wandte er dem Sprecher verächtlich den Rücken.

Er wurde in eine hochgelegene Kammer der Villa gebracht und von zwei Soldaten scharf bewacht, welche niemandem den Zutritt erlauben sollten, selbst dem Hausherrn nicht, weil der Hauptmann von diesem einen Befreiungsversuch fürchtete.

* * * * *

IV.5. Das Wiederfinden

In der kleinen Werkstatt für Damenkonfektion der Frau Werner arbeiteten fünf Mädchen, und eines davon war erst seit etwa vierzehn Tagen neu angenommen worden, eine junge Person, fast ebenso kränklich aussehend, wie alle jene Mädchen, die sich ihr Brot mühsam mit Nähen in dumpfer Stube verdienen müssen, aber braun im Gesicht und an den Händen, denen man es ansah, dass sie einst schwere Arbeit hatten tun müssen.

Martha Erdmann hatte sie sich genannt, eine in Amerika geborene Deutsche, die ihre Verwandten hatte besuchen wollen, weil sie drüben niemanden mehr besaß, der ihr in Liebe begegnete, aber auch in Deutschland die Verwandten nicht mehr am Leben fand.

Frau Werner war nicht nur eine Schneiderin, welche ihre Kunden, nur aus guten Kreisen, stets zur völligen Zufriedenheit bediente, sondern sie verstand auch, die sie besuchenden Damen durch ihre Unterhaltung zu fesseln. Während sie Maß nahm und anprobierte, wusste sie die sämtlichen Neuigkeiten der Stadt zu erzählen, und da dieselbe ziemlich groß war, so war die Skandalchronik mannigfaltig und pikant genug, um die Kunden zu fesseln, ja sogar, sie eigens nach der Werkstatt zu führen, nur um die Fortsetzung der interessanten Plaudereien zu vernehmen.

Auf eine Annonce von Frau Werner hin hatten sich wohl fünfzig junge Mädchen gemeldet, um bei ihr zu arbeiten, und da sie gern nach dem Äußeren ging, so besah sie sich erst alle gründlich, ehe sie eine Wahl traf. Sofort fiel ihr ein Mädchen durch ihr fremdartiges, zurückhaltendes Wesen auf, und zu ihrem Erstaunen musste sie bei ihrer ersten Frage hören, dass diese Person gar nicht ordentlich Deutsch sprach — es war eine Amerikanerin, wenn auch von deutschen Eltern abstammend.

Das war ja herrlich, eine Amerikanerin! Frau Werner engagierte sie sofort, vorläufig drei Tage auf Probe, sagte sie wenigstens, aber in ihrem Herzen war schon beschlossen, dass diese Amerikanerin für immer bei ihr arbeiten sollte. Die zweite Frage war nämlich gewesen, ob Martha Erdmann jene Damen kenne, welche auf einem Schiffe um die Welt führen, und auf die Antwort, sie kenne einige derselben persönlich, ward sie engagiert, und wenn sie auch keinen Stich hätte nähen können. Dazu kam noch, dass die neue Schneiderin sofort auf den Vorschlag einging, bei Frau Werner zu wohnen, und somit einen längstgehegten Wunsch derselben erfüllte. Bis jetzt war es der Frau Werner nämlich noch niemals gelungen, ihr leerstehendes Zimmer an eine bei ihr arbeitende Schneiderin zu vermieten, weil sie als eine gar strenge, gottesfürchtige Person verschrien war, die scharf auf Hausordnung hielt, und eine Fremde wollte sie auch nicht bei sich wohnen haben.

Martha Erdmann war also als Schneiderin und Mieterin zugleich bei Frau Werner angenommen.

Schon am ersten Tage zeigte sich, dass die neue Schneiderin nicht eben sehr gewandt im Anfertigen von Damenkleidern war, wenn sie auch die Nadel schnell genug zu handhaben wusste. Sie machte die Stiche zu groß und wusste vom Zuschneiden so viel wie nichts, wodurch sie auf den Gesichtern ihrer Mitarbeiterinnen manches spöttische Lächeln hervorrief.

Doch das machte nichts. Frau Werner war mit ihr zufrieden, denn sie konnte in ihrem gebrochenen Deutsch viel von den Vestalinnen erzählen, welche sie in New York kennen gelernt und deren Ruderübungen sie beigewohnt hatte, ja, sie war sogar bei einer von ihnen in Dienst gewesen, wie ein Zeugnis bewies.

Schade war nur, dass Martha sehr traurig und niedergeschlagen und sehr schwer zum Erzählen zu bringen war. Jede Antwort musste aus ihr erst herausgezogen werden, und es schien fast, als ob sie nur ungern den Zeitungsberichten über die Vestalinnen — Frau Werner war eine eifrige Zeitungsleserin — nähere Erklärungen hinzufügte. Erheitert wurde sie jedenfalls dadurch nicht, sondern im Gegenteil immer trauriger.

Doch mit dem, was aus ihr herauszubringen, war Frau Werner auch schon zufrieden, es wurde noch etwas ausgeschmückt und dann den Kunden aufgetischt, und wenn die vornehmen Damen verwundert fragten, woher sie so genau über die Vestalinnen und deren Schiff orientiert sei, so deutete Frau Werner auf ihre neue Schneiderin, erklärte, sie sei eine Amerikanerin und kenne jene Damen ganz genau, ja, mit einigen sei sie sogar befreundet.

Die gute Frau merkte nicht, wie unangenehm dies alles dem jungen Mädchen war, warum sollte dies denn auch ein Thema sein, welchem es gern aus dem Wege ging?

Nebenbei drehte sich die Debatte auch unter den Schneiderinnen selbst noch um einen anderen Gegenstand, und als man für längere Zeit nichts mehr über die ›Vesta‹ erfuhr, weil das Schiff nach Amerika zurücksegeln wollte und nun unterwegs war, nahm dieser zweite, ebenso interessante Gegenstand die Zeit und Aufmerksamkeit aller in Anspruch.

Es handelte sich um den neuen Freiherrn Johannes von Schwarzburg.

Martha war ein solides Mädchen, sie ging zur unaussprechlichen Freude der Frau Werner nie aus, und so kam es, dass sie mit der ohne Familie dastehenden Frau in intimeren Umgang trat und von ihr mit allem vertraut gemacht wurde, was ihr am Herzen lag.

Dazu gehörte ihre Meinung über die neuesten sensationellen Zeitungsberichte, die frühmorgens, noch vor Beginn der Arbeitszeit, mit Martha erläutert und über welche dann am Tage die Schneiderinnen um ihre Meinung befragt wurden, und daher kam es, dass Frau Werner ihre Kundinnen über alles so genau informieren konnte.

Für dieses zweite Thema empfand Martha mehr Interesse als für das erstere, sie selbst stellte oft neugierige Fragen, aber sie wurde noch trauriger als früher, ohne dass sich die scharfsinnige Frau Werner die Ursache hierzu erklären konnte.

Der neue Freiherr von Schwarzburg hat beschlossen, diesen Winter auf seinem

Schlosse zu verbringen,

las Frau Werner beim Kaffeetrinken ihrem neuen Schützling vor.

Die inneren Räumlichkeiten werden vollständig renoviert. Es steht zu erwarten,

dass sich in Schloss Schwarzburg bald die höchsten Kreise versammeln werden,

Johannes ist bereits allgemein beliebt geworden. Der auf dem Meere aufgewachse

ne Baron versteht es, die Herzen für sich einzunehmen, es geht ein urnatürlicher

Hauch von ihm aus, wie man ihn so liebt und doch so selten findet. Gestern

wohnte er den Festlichkeiten im Schlosse Hohenfels bei.

»Ja, ja«, fügte Frau Werner mit einem Blick auf die stumm dasitzende Martha bei, »der junge Mann hat Glück gehabt, und ich kann es ihm gar nicht verdenken, wenn er nun mit vollen Zügen sein Leben genießt. Als Matrose wird er wohl auch keine schöne Zeit gehabt haben, das ist ein saures Brot. Meinst du nicht, liebes Kind?«

»Ich weiß nicht«, sagte Martha leise. »Haben Sie den Freiherrn schon einmal gesehen?«

»Ei gewiss, schon öfter. Er fährt ja oft genug durch die Straßen.«

»Wie sieht er denn aus?«

»Er ist ein hübscher, schlanker Mensch mit einem kleinen Schnurrbart und blauen Augen. Aber du solltest doch einmal ausgehen und ihn dir selbst ansehen, auch hängt in jedem Bildergeschäft seine Fotografie. So etwas muss ein gebildeter Mensch wissen.«

»Sieht er gesund aus?«, fragte Martha weiter.

»Gesund wie ein Fisch«, entgegnete Frau Werner. »Der arme Junge ist nur zu sehr von seinem früheren Berufe verbrannt, und so eine braune Hautfarbe sieht gar nicht fein aus. Mancher wird seine Nase darüber rümpfen.«

»Ist er immer recht fröhlich?«

»O ja, vorgestern sah ich ihn in einer Equipage fahren, und neben ihm saß Gräfin Haugwitz. Er erzählte ihr etwas, und das muss etwas sehr Lustiges gewesen sein, denn trotzdem Gräfin Haugwitz sonst eine sehr distinguierte Dame ist, lachte sie doch laut auf, und das mitten auf der Straße.«

»Und was tat der Baron?«

»O, der lachte auch mit, der lacht überhaupt immer, und seine Augen strahlten vor Freude. Man munkelt ja, er soll der Tochter der Gräfin Haugwitz sehr den Hof machen. Das ist aber auch ein reizendes Mädchen, kaum fünfzehn Jahre alt, aber schon die richtige Dame, so klug kann sie sprechen.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Gewiss, die Erzieherin der jungen Gräfin ließ bei mir arbeiten, kurz, ehe du kamst, und sie erzählte es mir. Die junge Gräfin soll schon eine vollkommene Weltdame sein, so schlau und listig, wie nur irgend eine.«

»Ach, nein, ich meine, ob er ihr wirklich den Hof machen soll?«

»Das habe ich als ganz bestimmt von dem Bruder meines Schwagers gehört, der Kammerdiener bei der Haugwitz ist. Der Baron soll den ganzen Abend nur immer mit ihr getanzt haben. Aber wie siehst du wieder bleich aus, Martha«, unterbrach sich Frau Werner schnell, »du darfst frühmorgens keinen Kaffee mehr trinken, der macht bleich, lieber Schokolade. Fühlst du dich krank?«

»Nein, mir ist ganz wohl«, entgegnete Martha, stand auf und räumte das Frühstücksgeschirr vom Tisch.

Die anderen Nähmädchen kamen, die Arbeitszeit begann und mit ihr wieder die Unterhaltung. Es war ja nicht zu verlangen, dass die jungen Mädchen bei ihrer mechanischen Arbeit sich still verhielten, und hätten sie nicht von selbst angefangen, so wären sie von Frau Werner dazu aufgefordert worden.

»Wissen Sie schon, dass der neue Freiherr wieder auf dem Meere fahren will?«, begann eines Morgens ein Mädchen die Unterhaltung.

»Nicht möglich«, erklang es, wie aus einem Munde.

»Doch, ich habe es von einer ganz sicheren Person erfahren«, behauptete die Sprecherin. »Freiherr von Schwarzburg hat in Hamburg ein großes Schiff mit drei Masten gekauft und die Matrosen gleich mit dazu.«

»Ist er in Hamburg gewesen?«, warf Martha dazwischen.

»Nein, aber er soll früher auf demselben Schiffe gefahren sein, und jetzt ist es in Hamburg angekommen.«

»Wissen Sie, wie das Schiff getakelt ist?«, fragte Martha.

»Wie es was ist?«

»Ich meine, ob das Schiff ein Vollschiff, eine Bark, Brigg, Schoner oder Brigantine ist. Oder es ist doch nicht etwa eine Bark, die am Großmast eine einfache Bramstange und hinten eine Gaffel führt?«

Verwundert schauten die Mädchen auf die ins Feuer geratene Kameradin.

»Ei«, rief Frau Werner erstaunt, »du weißt ja gerade wie ein Kapitän von den Schiffen zu sprechen! Wo hast du denn das gelernt?«

Martha wurde etwas verlegen, ihr blasses Gesicht wurde purpurrot, und sie beugte sich tief auf ihre Arbeit.

»Bei uns in Amerika lernt jedes Kind in der Schule Schiffsbau«, sagte sie dann.

»Das ist ja merkwürdig«, riefen die Mädchen.

»So genau kann ich Ihnen das nicht sagen«, beantwortete die erste Sprecherin die Frage Marthas, »ich habe den Namen wohl gehört, ihn aber vergessen.«

»Heißt er vielleicht ›Kalliope‹?«

»Ja!«, rief das Mädchen erstaunt. »Woher kennen Sie dieses Schiff denn?«

»In amerikanischen Zeitungen wurde einmal von Hannes Vogel gesprochen, weil er doch, wie Sie wissen, mit auf dem ›Amor‹ fuhr«, erklärte Martha, »und dort hieß es, er sei lange Zeit auf der ›Kalliope‹ gewesen.«

»Der Freiherr hat angeordnet, dass das Schiff neue Masten bekommt und neue Segel, und hat deswegen schon einen Schiffsbaumeister kommen lassen, um mit ihm darüber zu sprechen.«

Unter solchen Gesprächen verging nicht nur dieser Tag, sondern einer nach dem anderen. Von der ›Vesta‹ erfuhr man nichts mehr, ebenso wenig von dem ›Amor‹, denn beide Schiffe waren unterwegs, also außer Bereich der Zeitungsreporter. Desto mehr erfuhr man aber von dem Freiherrn: es hieß, er ginge wirklich mit der Absicht um, ein eigenes Schiff auszurüsten und auf diesem als Kapitän wieder zur See zu fahren.

Frau Werner schüttelte immer bedenklicher den Kopf, wenn sie ihren Schützling verstohlen von der Seite betrachtete. Das Mädchen war krank, man sah es ihm an, und die Krankheit wurde immer schlimmer. Doch behauptete es stets, es sei gesund, aber Frau Werner kam schließlich zu der Überzeugung, dass Martha von einem Seelenleiden geplagt werden müsste.

Sie hatte schon manchmal ganz deutlich gehört, wenn sie des Abends lauschend vor der Thür von Marthas Schlafzimmer stand, wie drinnen leise geweint wurde, und wenn sie dann das junge Mädchen blass, mit rotgeweinten Augen und eingefallenen Wangen am Kaffeetisch sitzen sah, bat Frau Werner es oft mütterlich, doch immer vergebens, ihr das Herz auszuschütten. Martha behauptete, den rotgeweinten Augen zum Trotz, von keinem Schmerze, weder physischen, noch seelischen, zu wissen, und versuchte sogar, zu lächeln, was ihr aber nie recht gelang.

Sie wurde immer trauriger und verschlossener, und an dem Gespräch in der Werkstatt beteiligte sie sich immer weniger, obgleich sie demselben volle Aufmerksamkeit schenkte, aber nur, wenn es sich um den Freiherrn von Schwarzburg und dessen in Aussicht stehende Unternehmung handelte.

»Man sagt, auf dem Schiffe sollen auch Damen mitfahren«, meinte eines Tages ein junges Mädchen, »es werden alle Vorbereitungen dazu getroffen, dass solche beherbergt werden.«

»Wer sollte das wohl sein?«

»Auch ich habe davon gehört«, erklärte Frau Werner, »der Freiherr soll von einigen Damen mit Bitten bestürmt worden sein, mit ihnen eine Seereise zu unternehmen. Es soll also eine zweite ›Vesta‹ werden.«

»Die Damen wollen auch als Matrosen arbeiten?«, fragte ein Mädchen zweifelnd.

»Nein, dazu eignen sich unsere deutschen Damen wohl nicht«, lächelte Frau Werner. »Zu so etwas sind nur Amerikanerinnen fähig. Aber immerhin, sie wollen doch auf einem Segelschiff Reisen unternehmen, und der Freiherr will das Schiff kommandieren.«

»Wie wird dasselbe wohl heißen?«

»Auch das habe ich schon erfahren, der Freiherr sprach neulich davon, als meines Schwagers Bruder im Salon war, dass er es ›Hoffnung‹ taufen werde.«

»Hoffnung!«, schrie da plötzlich Martha mit glühenden Wangen auf.

»Nun ja, was ist denn da weiter dabei?«, sagte Frau Werner verwundert. »Der Name ist wahrscheinlich mit Recht erwählt worden. Es steht zu erwarten, dass die junge Gräfin von Haugwitz ebenfalls mitfährt, und da ist wohl Hoffnung dazu vorhanden, dass aus der Fahrt gleich eine Hochzeitsreise werde.«

»Ach, das muss reizend sein, so in der Welt herumfahren zu können!«, seufzte eine bleichsüchtige Schneiderin und schob eine duftige Bluse unter die Maschine.

»Und noch dazu als Freiherrin«, fügte eine andere hinzu.

Eines Sonntags wurde Martha von Frau Werner aufgefordert, mit ihr ins Freie zu gehen; es war das erste Mal, dass Martha am Tage das Haus verließ, sonst hatte sie ihre Besorgungen nur des Abends in Begleitung der geschäftigen Frau Werner gemacht und die Einladung sonntags ausgeschlagen.

Doch heute war der prachtvolle Wintertag zu einladend, und die gutmütige Frau Werner ließ mit Bitten nicht eher nach, als bis das junge Mädchen einwilligte, sie zu begleiten.

Deren Haus lag mitten in der Stadt, und ehe sie ins Freie gelangten, hatten sie menschenbelebte Straßen zu durchwandern.

Martha hüllte sich dicht in ihren warmen Mantel ein und versteckte den Kopf in die Kapuze, sodass ihr Gesicht gar nicht zu sehen war, aber sie achtete auch nicht auf das fröhliche Treiben in den Straßen, stumm schritt sie am Arm ihrer Begleiterin daher, den Blick zu Boden gesenkt.

Vergebens suchte Frau Werner sie auf die wenigen, auch am Sonntag geöffneten Schaufenster aufmerksam zu machen, ihr einige bekannte Personen zu zeigen, meist vornehme Damen, für welche sie arbeitete oder gearbeitet hatte. Martha zeigte keine große Teilnahme.

Da kam eine Equipage hinter ihnen hergerollt.

Frau Werner drehte den Kopf und hatte kaum einen Blick auf das prächtige Zweigespann geworfen, auf den elegant livrierten Diener, der die feurigen Rosse zügelte, als sie rief:

»Da kommt er, der Freiherr von Schwarzburg! Nun hebe aber einmal dein Köpfchen und betrachte ihn, Martha!«

Wie gebannt blieb das junge Mädchen stehen, hob die Kapuze etwas und wandte sich der Straße zu, ihr Gesicht offen zeigend.

In der Equipage saßen der Freiherr, ein Offizier und eine junge Dame. Ersterer sprach eifrig zur letzteren, und die Dame musste die Unterhaltung sehr anziehend finden, denn sie bog sich weit vor, um kein Wort des Sprechers zu verlieren.

»Das ist Gräfin Haugwitz, und der Offizier ist ihr Bruder«, erklärte Frau Werner.

Jetzt wandte der Freiherr den Kopf und neigte sich der Dame zu, um sie bei dem Wagengerassel verstehen zu können. Dabei fiel sein Blick auf das Trottoir, er streifte die beiden weiblichen Gestalten, welche regungslos dastanden, und plötzlich sprang der Freiherr mit einem Freudenausruf auf und wollte Miene machen, den Schlag zu öffnen, wandte sich dann aber nach dem Kutscher um und rief diesem etwas zu.

»Was hast du, Martha?«, fragte Frau Werner verwundert das junge Mädchen, das sie am Arme fasste und gewaltsam in eine Nebenstraße zog.

»Fort«, flüsterte diese mit bebender Stimme. »Ich bekomme einen Schwindelanfall, ich muss mich setzen.«

Erschrocken fasste Frau Werner die schon halb Bewusstlose unter den Arm und führte sie oder schleppte sie vielmehr nach einem Café, in welchem sich Martha langsam von dem Anfall erholte.

»Du kommst zu wenig in die frische Luft«, sagte die besorgte Frau Werner. »Du musst von nun ab mehr spazieren gehen.«

Aber Martha schüttelte den Kopf und verließ seitdem das Haus gar nicht mehr. Doch ihr Gesundheitszustand ward immer schlimmer, ihre Wangen immer bleicher und magerer, und das Mädchen, welches vor vier Wochen noch als eine recht stattliche, wenn auch immer schlanke Person zu Frau Werner gekommen war, glich jetzt nur noch einem Schatten.

Frau Werner ließ einen Arzt holen, aber Martha weigerte sich, sich untersuchen zu lassen. Sie erklärte ganz entschieden, gesund zu sein. Aber die gute Frau wusste es besser. Sie sah das Mädchen, welches sie liebgewonnen hatte, mit schnellen Schritten dem Tode zueilen.

Eines Tages trat eine Dame in die Werkstatt, welche noch nie hier gewesen war, und begehrte Frau Werner zu sprechen. Nachdem sie den Wunsch ausgesprochen hatte, sich ein Kleid machen zu lassen, wurde sie in ein Nebenzimmer geführt und zugleich Martha herbeigerufen, weil diese der Frau während des Maßnehmens Handreichungen leisten musste.

»Das junge Mädchen ist keine Deutsche?«, fragte die Dame, als Martha einmal auf einen Augenblick hinausgeschickt wurde, um etwas zu holen.

»Nein, sie ist eine Amerikanerin«, erklärte Frau Werner und begann das Schicksal ihres Zöglings zu erzählen, obgleich Martha wieder ins Zimmer getreten war.

»Martha Erdmann?«, sagte die Dame sinnend. »Wie ist mir denn, war das nicht eine Deutsche, welche mit ihren Eltern vor etwa zehn Jahren nach Amerika auswanderte? Sie sind doch nicht etwa das junge Mädchen?«

Sie blickte dabei die bleiche Näherin fest an und sah, wie das blasse Gesicht plötzlich wie eine Purpurrose zu glühen begann.

»Nein«, stammelte sie, »ich bin in Amerika geboren.«

»Es kann auch gar nicht sein«, fuhr die Dame kopfschüttelnd fort, »denn so viel ich weiß, ist jene Martha Erdmann drüben gestorben, als sie bei einer gewissen Familie Staunton in Dienst stand.«

Die Dame beeilte sich, das Anprobezimmer verlassen zu können, und verabschiedete sich von Frau Werner, ohne die immer noch furchtbar verlegene Martha, die an allen Gliedern zitterte, zu beachten.

Kaum war sie hinaus, als Martha plötzlich der alten Dame zu Füßen stürzte und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach, ihr Gesicht in die Schürze der Erschrockenen verbergend.

»Aber was hast du denn?«, rief Frau Werner bestürzt und suchte die Kniende aufzurichten.

»Lassen Sie mich fort!«, schluchzte das Mädchen. »Jetzt gleich, ich kann nicht mehr bleiben! Ich werde verfolgt; ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen!«

»Um Gottes willen«, rief Frau Werner und trat entsetzt einen Schritt zurück. Ein fürchterlicher Gedanke stieg plötzlich in ihr auf, sie glaubte es mit einer Verbrecherin zu tun zu haben.

Da tönte draußen ein hastiger Männerschritt, die Tür ward aufgerissen, und ein Herr stürzte in das Zimmer herein.

Martha hatte sich mit entgeisterten Augen aufgerichtet, und kaum hatte sie den Mann erblickt, so flüchtete sie sich, wie von einer entsetzlichen Angst erfasst, durch die Tür, welche in die Werkstatt führte, aber der Herr eilte ihr nach, und als das aufschreiende Mädchen auch die Werkstatt mit flüchtigem Fuße verließ und den Weg nach ihrem Zimmer nahm, ließ der Herr trotzdem mit seiner Verfolgung nicht nach.

Oben ward eine Tür zugeschlagen, dann war alles wieder still.

Sprachlos vor Staunen schauten Frau Werner und die fünf Näherinnen sich gegenseitig an.

»Freiherr von Schwarzburg«, rief eine andere. »Was will er von Martha? Kennt er sie? Wo ist sie?«

Mit großen Schritten eilte Frau Werner die Treppe hinauf nach dem Schlafzimmer Marthas, hinter ihr her die neugierigen Mädchen, welche um keinen Preis der Welt zurückgeblieben wären.


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Es war schon eine geraume Zeit vergangen, ehe sie sich zu dieser Handlung aufraffen konnten. Lauschend blieben sie an der Tür stehen. Sie hörten drinnen ein leises Schluchzen, ein noch leiseres Flüstern, eine vorwurfsvolle Frage und eine weinerliche Entgegnung. Dann lachte die helle Männerstimme fröhlich auf, und plötzlich sang dieselbe Stimme in jubelndem Tone:


Gern gäb' ich Glanz und Reichtum hin
Für dich, für deine Liebe!

* * * * *

IV.6. Der Überfall der Indianer

»Wehe Ihnen«, rief Don Alappo, außer sich vor Entrüstung, als er dem kaltlächelnden Hauptmanne gegenüberstand. »Das Blut, welches wegen dieser Ihrer Handlung fließen wird, komme über Sie! Sie bringen Unglück über mich und mein Haus, denn der springende Panther glaubt, ich habe meine Hand zu Ihrem Streiche geboten.«

»Seien Sie unbesorgt und machen Sie nicht so viel Aufhebens wegen der Festnahme eines erbärmlichen Indianers!«, entgegnete der Hauptmann. »Vorläufig bleibe ich mit meinen Leuten bei Ihnen und gehe nicht eher, als bis ich die Ruhe wiederhergestellt habe. Frisch, Musikanten, spielt auf, wir wollen uns in unserem Vergnügen nicht stören lassen!«

Die militärischen Musiker waren an dergleichen Fälle gewöhnt, sie mussten ja auch während der Schlacht spielen. Aber so lustig die Klänge auch durch den Garten schmetterten, der Frohsinn war gelähmt, die Gäste konnten nicht mehr auf dem Rasenplatze tanzen, sondern standen in Gruppen zusammen und besprachen flüsternd das Vorgefallene.

Don Alappo eilte nach der Kammer, wo der Häuptling gefangen lag, und wollte die Tür öffnen. Sie war verschlossen.

»Aufgemacht!«, schrie der in seinem Rechte verletzte Hausherr und donnerte gegen die hölzerne Tür.

»Wir haben den strengen Befehl, niemanden zu dem Gefangenen zu lassen«, antwortete drinnen einer der Soldaten.

»Was, ihr wollt mir, dem Besitzer dieses Hauses, den Zutritt in meine Räumlichkeiten verweigern?«, rief der Haziendero empört. »Bei allen Heiligen, öffnet, oder ich lasse die Tür sprengen und euch durch meine Diener aus dem Fenster werfen.«

Diese Drohung wirkte; die beiden Soldaten wussten, dass Don Alappo keine leere Drohung sprach. Sie öffneten die Tür, und der Haziendero trat ein.

»Häuptling«, redete er den auf einer Bank bewegungslos liegenden Indianer an. »Bei dem Gott meiner Väter, ich bin unschuldig, dass du gefangen worden bist. Glaubst du mir das?«

Der Indianer antwortete nicht, rührte sich nicht, öffnete nicht einmal die Augen, auch dann nicht, als Don Alappo ihn an der Schulter rüttelte. Er stellte sich schlafend, schlief aber natürlich nicht. Die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden, die Füße waren frei.

Noch mehrmals versuchte Don Alappo, den Indianer zu überzeugen, dass er an dessen Gefangennahme unschuldig war, dass sie gegen seinen Willen ausgeführt worden sei. Aber der Häuptling schien ihn nicht zu hören. Schließlich musste der Haziendero seine Bemühungen aufgeben, wohl wissend, dass er jetzt in dem Häuptling einen Feind für immer bekommen habe. Gern verließ er das Zimmer, denn er fürchtete schon immer, dass, wenn der Häuptling zu sprechen anfinge, er von dem sich als Freund ausgebenden Manne fordern würde, ihm die Bande zu zerschneiden und die Freiheit zu schenken; dies zu tun, ging aber über die Macht des Hazienderos.

Durch die Befreiung des Gefangenen ward er selbst straffällig, denn der Häuptling war von einem Beamten der Regierung gefangen genommen worden, und der Befreier wurde geächtet.

In gedrückter Stimmung verließ er das Gemach und begab sich in den Garten zurück, nachdem er den beiden Soldaten vorher noch mit recht deutlicher Stimme befohlen hatte, sodass es der Häuptling hören musste, es dem Gefangenen an nichts fehlen zu lassen.

Auch diese List war vergeblich gewesen, der Indianer lag bewegungslos wie ein Block auf der Bank.

Im Garten traf Alappo zwei Männer, welche sich eben von ihren Rossen, halbwilden Mustangs, schwangen und diese am Gartenzaun anbanden.

Der eine der Männer war groß, knochig und sehr mager, fast wie ein Gerippe anzusehen, aber dabei äußerst kräftig gebaut, der schmale Mund, die eigentümlich geschlitzten und doch großen Augen und besonders das straffe, schwarze Haar verrieten, dass er von einem Indianer, ebenso aber die helle Haut, dass er auch von einem Weißen abstamme. Er war also ein Mestize, das Kind eines Spaniers und einer Penchuenchin.

Hätte er nicht noch ein Jagdhemd über dem Oberkörper getragen, so wäre er wie ein Indianer bekleidet gewesen. An die Mokassins hatte er riesige, stählerne Sporen geschnallt, an Waffen führte er nur einen Revolver und das Messer im Gürtel. Über die Schulter schlang sich ein kunstvoll geflochtenes Lasso, das fast doppelt so lang war wie die gewöhnlichen.

Sein Genosse war ebenso ausgerüstet, nur trug er ein einfaches Lasso. Er war von kleinerer Statur, machte aber einen ritterlicheren Eindruck, als sein knochiger Gefährte.

Der größere hatte soeben von einem Gaste, einem benachbarten jungen Haziendero, das Vorgefallene erfahren, brach in ein kurzes, raues Lachen aus und wünschte dann mit einem Fluche alle hier versammelten Dummköpfe, wie er sich ungeniert ausdrückte, zur Hölle. Dann wandte er sich an seinen Begleiter und sprach leise mit diesem.

»Wer ist dieser ungehobelte Kerl?«, fragte der Hauptmann den Sohn Alappos.

Dieser warf dem Frager einen finsteren Blick zu.

»Juba«, antwortete er, »ein Mestize, von den Indianern Riata genannt, wegen seiner Geschicklichkeit im Lassowerfen. Seinen Begleiter kenne ich nicht, sehe ihn überhaupt hier zum ersten Male.«

Der Hauptmann wollte noch mehr Fragen an Pedro stellen; dieser wandte sich jedoch kurz ab und ging zu der ängstlich gewordenen Mercedes.

Riata ist in Südamerika der Ausdruck für Lasso, vom spanischen Mata kommend, was so viel wie Strick, Schlinge bedeutet.

Don Alappo eilte auf die Ankömmlinge zu.

»Ein Glück, dass du gerade jetzt hierher kommst, Juba Riata«, rief er, »du hast schon erfahren, was passiert ist? Gehe zum Häuptling und beschwichtige ihn! Sage ihm, dass seine Gefangennahme nur von kurzer Dauer sein soll, ich werde mich für ihn verwenden, er soll mich auch fernerhin für seinen Freund halten.«

Juba Riata, der Lassowerfer, stand mit den Indianern auf vollkommen freundlichem Fuße, er hatte bei einem Stamme sogar eine Hütte stehen, aber er lebte für sich, fast nur von der Jagd, und diente gelegentlich auch reisenden Weißen als Führer. Er war ein Mann, der ungebundene Freiheit über alles liebte; nicht einmal das Leben unter den Indianern bot ihm freie Bewegung genug. So lebte er ganz unabhängig für sich, überall, bei Weißen, wie bei Indianern in hohem Ansehen stehend, alle bewarben sich um seine Freundschaft.

»Die Pest über euch alle zusammen«, rief der Schwarzhaarige, »wenn ich eine Dummheit gemacht habe, so muss ich sie auch allein auslöffeln. Juba Riata wird sich hüten, sich einzumengen; das Lasso der Regierung ist ihm zu lang, er geht ihm aus dem Wege. Komm, Don«, wandte er sich an seinen Gefährten, »unter solche Dummköpfe passen wir nicht.«

Er war mit einem Satze auf seinem Pferde, sein Kamerad folgte ihm.

»Gib mir wenigstens einen Rat, wie ich den Häuptling versöhnen kann«, bat Don Alappo, welcher vor seinem Auge schon ein schreckliches Unglück aufsteigen sah.

»Befreie ihn, nimm die Soldaten gefangen und liefere sie ihm aus, dann ist er versöhnt«, entgegnete Juba Riata vom Pferde herab.

»Wie könnte ich das?«

»Dann töte den springenden Panther und seinen ganzen Stamm, nur so bist du vor seiner Rache sicher. Glaubst du, ich würde den nicht strafen, in dessen Hause ich gefangen wurde, ohne dass er mir beisteht? Caramba, ich würde ihn nicht lange am Leben lassen.«

Er gab seinem Mustang die Sporen und verschwand mit seinem Gefährten zwischen den Apfelbäumen im Dunkel des Abends.

»Da sehen Sie, was Sie angestiftet haben!«, sagte der Haziendero vorwurfsvoll zu dem Hauptmann.

Dieser zuckte die Achseln.

»Das ist ein Mann, welcher die Sitten der Indianer genau kennt, er selbst ist einer.«

»Bah«, entgegnete der dicke Kapitän geringschätzend, »ein Schwarzseher und ein feiger Patron ist er, weiter nichts. Militär der chilenischen Regierung wird sich vor Indianern fürchten — lächerlich!«

Er gab den Befehl, wieder zu spielen, und dank der Bemühungen der chilenischen Offiziere, welche keck auftraten und nicht die geringste Besorgnis verrieten, sondern über alles Vorgefallene scherzten, gelang es, wieder Leben in die Gruppe zu bringen.

Es wurden Lanzen mit Fackeln um den Grasplatz herum aufgestellt, und als nur einmal der erste Tänzer sich wieder zu drehen begann, wurde die Fröhlichkeit nach und nach wiederhergestellt, wer noch niedergedrückt war, ließ es sich nicht merken, sondern schloss sich den anderen an.

*

Der springende Panther lag noch immer bewegungslos auf der Bank. Er schien weder die Musik unten im Garten zu vernehmen, noch das Gespräch der beiden Soldaten, die ihm als Wächter beigegeben waren.

Diese waren äußerst übler Laune. Ihre Kameraden unten vergnügten sich bei Tanz und Wein, und sie saßen hier oben und schienen vergessen zu sein. Der einzige Besucher war Don Alappo gewesen, und der hatte auch nicht daran gedacht, ihnen Speise und Trank zu senden. Das Fenster war vergittert und führte außerdem auf einen menschenleeren Hof hinaus. Die Stube zu verlassen wagten sie nicht. Der Kapitän war ein gar strenger Mann, der an seinen Leuten wegen Verletzung der Disziplin nur zu gern ein Beispiel statuierte. Als die Nacht anbrach, wurde es den beiden Soldaten aber doch etwas einsam.

»Ich gehe hinunter und schlage Lärm«, sagte einer, »und wenn es mir den Hals kostet. Sollen wir hier vielleicht verschmachten? Carajo!«

»Geh wenigstens bis an die Treppe und sieh zu, ob du nicht eine Hausdirne vor die Augen bekommst. Sei nicht zu laut, du weißt, der verdammte Kapitän versteht keinen Spaß.«

»Unsinn«, brummte der erste mürrisch. »Kein vernünftiger Mensch kann verlangen, dass wir dieses roten Halunken wegen verdursten.«

»Es ist wahr, ein verdammter Streich ist es. Warum hat Gott nur diese Spitzbuben geschaffen«, philosophierte der zweite. »Das Gesindel kann nichts weiter als stehlen und rauben, das beste wäre, man schickte alle Indianer mit einem Male zur Hölle.«

»Ja, wenn das so schnell ginge; die Regierung wäre wohl auch damit einverstanden.«

»Wenn's weiter nichts ist«, sagte der zweite Sprecher, »ich wüsste wohl ein Mittel. Man ladet einmal alle Indianer zusammen zu einem Trinkgelage ein; kannst dich darauf verlassen, es fehlt kein einziger, denn Schnaps saufen sie gar zu gern, und man mischte ihnen eine ordentliche Dosis Gift hinein.«

»Hahaha«, lachte der erste. »He, springender Panther, was meinst du zu diesem Vorschlag? Würdest du wohl noch springen können, wenn du eine Unze Arsenik im Bauche hättest?«

Er rüttelte den Indianer roh an der Schulter, aber dieser rührte sich nicht.

»Du bist wohl noch betrunken von dem, was dir Doña Mercedes kredenzt hat?«, rief der Soldat. »Natürlich, da hast du dich gleich toll und voll gesoffen. Pfui, du altes Vieh!«

Er verabreichte dem Häuptling einige derbe Fußtritte. Der Indianer schrie nicht, er veränderte auch sein Gesicht nicht, keine Muskel zuckte, aber er wurde durch die Fußtritte aus seiner alten Lage gebracht, er lag jetzt so, dass er mit dem Rücken, also auch mit den Händen der Wand zu lag.


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»Ich gehe«, sagte der erste Soldat nochmals, »ich muss etwas zu trinken haben, oder ich verdurste.«

»Denke an mich!«, rief der Andere ihm nach, als jener die Tür öffnete und hinauslauschte.

In diesem Augenblicke heulte draußen ein Schakal zweimal auf. Unmerklich zuckte der Indianer zusammen.

»Huh, wie das Tier schreit«, sagte der Zurückgebliebene.

»Das ist nichts. Er streitet sich mit seinem Weibchen«, entgegnete der, welcher den Kopf zur Tür hinausstreckte, und verließ das Zimmer.

Noch einmal ertönte das Heulen des Schakals. Der Indianer stöhnte tief auf, wälzte sich etwas auf die Seite und zog die Beine an.

»Na, dir wird's wohl ungemütlich?«, spottete der Soldat. »Möchtest du zu deinem Kollegen draußen, du Kojote?«*)

*) Ein Kojote ist der Steppenhund Südamerikas.

Der andere Soldat kam wieder herein, in der einen Hand einen Krug, in der anderen eine brennende Lampe haltend.

»Hier, trink!«, sagte er. »Ich habe Glück gehabt. Unten traf ich den Verwalter, Fernando, glaube ich, heißt er. Er wusste schon, warum ich kam und holte mir den Wein hier, sagte auch, er würde gleich selbst heraufkommen und uns Essen und Karten bringen.«

»Wenn wir nur abgelöst würden!«, knurrte der zweite Soldat, sich den Mund wischend.

»Dafür will er auch sorgen, und dann wollen wir das Versäumte nachholen.«

Die Musik spielte unten noch immerfort, man hörte Lachen, Rufe von tiefen Männerstimmen und Weiberkreischen — der Wein begann seine Wirkung zu tun — und auf der anderen Seite, welche dem Gebirge zu lag, erscholl ein lautes Heulen und Krächzen von Schakalen.

»Carajo«, fluchte der eine Soldat, »die Schakale sind vor Liebe toll, gerade so, wie die Menschen da unten.«

Er trat ans Fenster, sein Kamerad mit ihm, und beide blickten hinaus in die vom Mond schwach beleuchtete Nacht.

»Wahrhaftig, da unten schleichen sie herum. Hätte nicht geglaubt, dass sie sich so nahe an die Hazienda ...«

»Heranwagten«, wollte er sagen, da aber legten sich um den Hals der beiden Soldaten zugleich zwei eiserne Hände, und die Köpfe wurden mit furchtbarer Gewalt zusammengeschlagen, noch einmal und zum dritten Mal. Lautlos, mit zerschmetternden Schädeln, sanken die Soldaten zu Boden, ihr brechendes Auge sah nur noch einmal in das vor Leidenschaft glühende Auge des Häuptlings, den sie verspottet und getreten hatten — er hatte sich wieder in den Panther verwandelt.

Da zuckte der Indianer zusammen und duckte sich wie zum Sprunge, die Tür öffnete sich, aber der springende Panther schnellte nicht dem Eintretenden entgegen, um ihn zu erwürgen, denn der Verwalter erschien im Türrahmen.

Entsetzt prallte dieser zurück und ließ die in der Hand gehaltene Schüssel mit kaltem Fleisch und Brot zu Boden fallen.

»Jesus Christus!«, stieß er mit bebenden Lippen hervor.

Hochaufgerichtet stand der Häuptling vor ihm.

»Der springende Panther hält sein Wort«, rief er. »Die weiße Señorita soll dein sein, und er holt sich das Weib, das ihm gefällt.«

Mit einem Satze stand er am Fenster und stieß den schrecklichen Kriegsruf der Penchuenchen aus, mit der Hand schnell auf den Mund schlagend und dadurch einen tremolierenden Ton erzeugend.

Fernando hatte den Kriegsruf der Penchuenchen schon oft gehört, aber noch nie in solcher Nähe. Bleich vor Schreck musste er sich an die Wand lehnen.

Der Ruf des Häuptlings fand ein hundertstimmiges Echo. Überall tauchten wilde Reiter auf, auf flüchtigen Rossen der Hazienda zufliegend.

Der springende Panther nahm die Lampe und zerschmetterte sie am Boden, das Petroleum ergoss sich über die Bretter, fing Feuer, und im Nu standen die ausgedörrten Planken des Zimmers in Flammen. Der Indianer stürzte zur Tür hinaus, dabei den Verwalter mit fortreißend.

»Zeige dich nicht auf dem Hofe, sonst bist du verloren«, schrie er ihm ins Ohr, dann sprang er mit einem Satze die Treppe hinunter.

»Die Penchuenchen kommen«, gellte unten entsetzt der Schrei.

»Ins Haus hinein, zu den Waffen«, ertönte der Ruf des Kapitäns, aber alles wurde noch übertönt durch den Kriegsruf der Wilden.

Mindestens hundert Rosse waren es, welche von einer Seite gestürmt kamen und mit kühnem Sprunge über die hohe Fenz des Gartens setzten. Auf ihnen saßen wilde Gestalten mit fliegenden Haaren, in den Händen die langen Lanzen mit funkelnden Messern als Spitzen, und fort und fort tönte aus ihrem Munde jenes schreckliche, nervenerschütternde Gellen.

Mit Ausnahme der Soldaten dachte niemand an Verteidigung. Wohl wissend, wie sich die Indianer bei einem solchen Überfall verhielten, suchte alles Rettung in eiligster Flucht, aber nicht in das schon brennende Haus hinein, sondern in den nahen Apfelbaumwald. Denn ebenso schnell wie die Indianer kamen, verschwanden sie auch wieder. Was sich ihnen in diesen wenigen Augenblicken von Männern in den Weg stellte, wurde niedergemacht. Die Weiber wurden quer über die Pferde geworfen, und fort ging es dann wieder, in die Pampas zurück.

Kreischend eilten Frauen und Männer dem schützenden Walde zu, während die Soldaten in das Haus zu dringen versuchten, um in den Besitz ihrer Waffen zu kommen und Gebrauch davon machen zu können.

Aber den Wenigsten gelang es.

Wie der Blitz waren die Penchuenchen über ihnen, und unter ihnen wie durch Zauberei der springende Panther auf seinem eigenen Mustang. Im Mondstrahl zuckten die Lanzenspitzen, und bei jedem Aufblitzen stürzte ein Soldat röchelnd zu Boden, mit seinem Blute das Gras färbend, auf dem er eben noch getanzt hatte.

Der springende Panther brauchte keine Waffen, wie der Wind fegte er über den Rasen, hinter ihm her eine Bande von Indianern. Er erreichte den Waldessaum, als eben eine Frauengestalt mit fliegenden Haaren in den Schutz der Bäume eilen wollte. Der Häuptling beugte sich herab, ohne den Lauf seines Rosses zu mäßigen, schlang das schwarze Haar der Fliehenden um die Hand, und bog sich noch weiter herab — ein Griff mit der anderen Hand, und das Mädchen lag quer über seinem Sattel. Zugleich drückte er die Flanken des Rosses so mit den Schenkeln zusammen, dass es sich aufbäumte, sich auf den Hinterfüßen herumwarf und zurückgaloppierte.

»Mein Weib«, gellte da plötzlich eine Stimme, und ein Mann warf sich dem Pferde entgegen. »Gib mir Mercedes wieder, Räuber!«

Ein Revolver blitzte dem Häuptling entgegen, aber in demselben Augenblick stürzte Don Pedro, von der Faust des Indianers mächtig an den Kopf getroffen, zu Boden. Die Hand des springenden Panthers brauchte keine Waffe im Kampfe, sie glich einer furchtbaren Tatze.

Zurück jagte der Häuptling und mit ihm seine Genossen. Fast jeder hielt ein Mädchen in seinen Armen, die schönste Beute, welche sie machen konnten.

Da griff der springende Panther plötzlich an den Sattel und wirbelte im nächsten Augenblick eine an einem kurzen Lederriemen befindliche Kugel um seinen Kopf. Eben hatte der dicke Hauptmann das Haus erreicht, da brach er, wie vom Blitz getroffen, im Türrahmen zusammen — eine Leiche. Die von der nie fehlenden Hand des Häuptlings geschleuderte Kugel hatte ihm die Wirbelsäule zerschmettert.

Schnell, wie sie gekommen, waren die Wilden wieder verschwunden, noch ehe das brennende Haus die Gegend weithin mit seinen Flammen erleuchtete. Einige Schüsse wurden ihnen nachgesandt, ein Indianer verlor die Zügel und neigte sich mit gesenktem Kopfe schwer auf die Seite, als wolle er aus dem Sattel stürzen, aber auf einen Ruf des springenden Panthers waren ihm schon zwei andere zur Seite und hielten ihn, denn die Indianer lassen ihre Toten nicht in den Händen der Feinde.


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Der Verwundete starb auf dem Pferde, ohne durch das leiseste Stöhnen seine Schmerzen verraten zu haben.

Nach und nach kamen die Geflüchteten wieder aus dem Wäldchen heraus, aber ach, welcher Jammer, als die Anwesenden gezählt wurden; gar viele wurden vermisst, und zwar hauptsächlich Mädchen. Pedro war trostlos, er hatte seine jungfräuliche Frau verloren; und das Eintauschen der geraubten Mädchen von den Indianern ist keine leichte Sache.

Auch die eben erst gerettete Miss Petersen war in den Händen der Entführer.

Aber wo waren denn die tapferen Soldaten, auf deren Schutz man sich verlassen und von denen man wenigstens eine sofortige Verfolgung erhofft hatte?

Nur kurze Augenblicke hatten die Verfolger sich sehen lassen, aber nur wenige Soldaten waren den tödlichen Lanzenstichen entgangen, und die waren auch noch in dem brennenden Hause umgekommen, als sie nach ihren Waffen gesucht hatten. Außer zwei Soldaten waren alle tot oder lebensgefährlich verwundet, desgleichen zwei Gäste, vier zur Bedienung gehörende Männer, geraubt waren sieben Mädchen.

Außerdem vermisste man noch Fernando, den Verwalter, er war weder unter den Toten, noch unter den Lebenden zu finden.

Noch standen alle in ratloser Verzweiflung da, ohne einen Entschluss fassen zu können, als eine Reiterschar durch das Gartentor auf den freien Rasenplatz gesprengt kam.

Bei dem Bilde, das ihnen die Flammen des dem Einstürzen nahen Gebäudes zeigten, parierten sie entsetzt die Pferde.

Es waren Lord Harrlington, Hastings, Williams, Hendricks und John Davids, welche unter der Leitung eines Führers hierher gekommen waren, um Miss Petersen aufzusuchen. Die übrigen Herren waren in Valdivia zurückgeblieben, die Erfolge der Expedition ihrer Freunde abwartend.

In kurzen Worten wurde ihnen mitgeteilt, was geschehen war — Miss Petersen war also abermals der Fürsorge der Herren entgangen; die letzte der Vestalinnen war in der Gewalt der rohen Indianer.

»Ließ sich Miss Petersen ohne jeden Widerstand von den Räubern fortschleppen?«, fragte Lord Harrlington den Erzähler, einen Beamten der Hazienda, der nicht, wie fast alle die Übrigen, den Verlust einer geliebten Person zu beklagen hatte.

»Ich kann es nicht sagen. Jeder dachte in dem Augenblick nur an seine eigene Rettung«, war die Antwort.

Verächtlich musterte Harrlington die vor ihm stehende Gestalt und auch die anderen Spanier; in seinem eigenen Schmerz beachtete er nicht den Kummer des trauernden Vaters und des jungen Ehegatten. Es war ihm unbegreiflich, dass diese jetzt jammern konnten, anstatt Vorbereitungen zur Verfolgung der Indianer zu treffen.

»Wer schließt sich mir an, die Indianer zu verfolgen und Miss Petersen zu befreien?«, wandte sich Harrlington an seine Begleiter.

Diesmal war es der sonst so schweigsame Lord Hastings, welcher das Wort nahm.

»Ich spreche für meine Freunde«, sagte der auf einem mächtigen, schwarzen Wallach sitzende Lord. »Uns alle hält nichts mehr ab, unser Leben zu schonen, wir stellen es in dem Dienste der Miss Petersen Ihnen zur Verfügung, James.«

Die Stimme des Lords klang seltsam, fast klagend.

»Ich danke Ihnen! Und wer von Ihnen will sich mir anschließen?«, wandte sich Harrlington an die Spanier.

»Auch wir wollen natürlich die Räuber verfolgen«, nahm Don Alappo schmerzerfüllt das Wort, »aber so schnell geht das nicht. Wir müssen erst militärische Hilfe erwarten und uns Tauschartikel verschaffen. Ohne diese können wir nichts gegen die Indianer ausrichten.«

»Ich bin anderer Meinung«, entgegnete Harrlington unwillig, »wir brechen sofort auf.«

Die Herren stimmten ihm bei und machten keinen Versuch mehr, die Spanier zum Mitkommen zu überreden.

»Kannst du uns den Weg führen, den der springende Panther mit seiner Beute eingeschlagen hat?«, fragte Harrlington den mitgenommenen Führer.

»Auf so etwas lasse ich mich nicht ein«, erwiderte dieser erschrocken, »außerdem bin ich nur Führer zwischen der Küste und dem Gebirge. Im Gebiete der Penchuenchen, in den Pampas, will ich nichts zu tun haben.«

»Feigling!«, murmelte Hastings in den Bart.

»Seht ab von diesem Versuche«, warnte Don Alappo, und die Anderen wollten ihm beistehen, wurden aber unterbrochen.

»Wah!«, schrie in diesem Augenblick eine raue Stimme an der Gartentür, und man sah Juba Riata neben seinem Begleiter zu Pferde halten. »Der springende Panther hat sich schneller gerächt als ich dachte. Liegt dort nicht der dicke Capitano, Don? Dem Fettkloß ist recht geschehen, allen heimtückischen Schuften soll es so ergehen.«

»Das ist der Mann, den Ihr braucht, Señor«, flüsterte der Führer Harrlington zu.

Die Herren ritten sofort zu ihm und fragten ihn, ob er als Führer in den Pampas dienen wolle.

»Ich diene nie«, war die stolze Antwort.

»Ihr sollt uns führen.«

»Gut. Habt Ihr Tauschwaren bei euch?«

»Nein, doch wir haben Freunde, welche uns nachfolgen und Tauschwaren mitbringen werden.«

Riata besprach sich mit seinem kleinen Gefährten, den er Don nannte.

»Ich traue euch«, sagte er dann laut, »und ich bin bereit, euch zu führen. Was wollt ihr vom springenden Panther, meinem Freunde?«

»Eine Dame, die er geraubt hat.«

»Nur eine?«

»Ja, auf diese kommt es uns hauptsächlich an.«

»Wenn ihr dem springenden Panther Tauschwaren versprecht, so werde ich für euch gutsagen, werdet ihr aber auch euer Wort mir gegenüber halten?«

»Wir werden es.«

»Gut, ich traue euch«, wiederholte Riata und besprach sich abermals leise mit dem Don.

»Was für Waffen habt ihr bei euch?«, fragte er dann und überzeugte sich selbst davon, dass dieselben in Revolvern, Jagdmessern und WinchesterBüchsen bestanden.

»Wollt ihr mir unbedingt folgen, und mir auch gehorchen, selbst wenn ihr die Zweckmäßigkeit des Befehls nicht einsehen könnt?«

»Ja.«

»Gut, so steige dieser Señor ab«, er deutete auf John Davids, der ein weißes Ross ritt, »und tausche sein Pferd um. Don Alappo wird ihm ein anderes geben. Schimmel sind in den Pampas nicht zu gebrauchen. Sie werden zu weit gesehen.«

John Davids stieg gehorsam ab, und Don Alappo verschaffte ihm ein anderes Pferd.

»Ich schreibe meinen Freunden, zweiundzwanzig Mann, dass sie nachkommen und Tauschartikel mitbringen«, sagte Harrlington zu dem Mestizen.

Wieder besprachen sich die beiden Jäger leise.

»Tu so«, war dann die kurze Antwort.

Harrlington riss ein Blatt Papier aus seinem Notizbuch, schrieb darauf, was hier vorgefallen war, und bat seine Freunde, mit Tauschwaren, welche der Überbringer des Schreibens bestimmen würde, sofort nachzukommen. Wenn auch nicht alle sich der Expedition anschlössen, möchten doch einige dem Lord als Freunde beistehen.

»Wer soll dieses Schreiben überbringen?«, fragte Harrlington den Mestizen.

Dieser musterte mit durchdringendem Blicke den Führer.

»Der Mann da«, sagte er, nahm ihn zur Seite und sprach lange mit ihm, hauptsächlich wegen der mitzunehmenden Geschenke.

»Und wenn du hier wieder angekommen bist«, schloss Riata, »bist du deines Amtes enthoben; du feiger Schlingel, wagst dich doch nicht in die Pampas. Ein anderer Führer wird dich ablösen. Aber wage nicht, mich zu hintergehen. Du kennst mich und weißt, dass ich nicht eher ruhen würde, als bis mein Lasso dich erreicht hätte und ich dich hinter meinem Pferde schleifte.«

Demütig versicherte der Führer, dass er sein Möglichstes tun werde, alles schnell auszurichten.

»Getrauen sich die Señores noch heute Nacht zu reiten?«, fragte Riata die Herren.

»Jede Minute Verzögerung ist schädlich, wir sind bereit!«, riefen alle gleichzeitig.

Riata ließ sich einige Ledersäcke mit getrocknetem Fleische geben, ferner Vorräte von Tee, Salz, Tabak und so weiter, auch einige Töpfe, verteilte alles gleichmäßig, und die kleine Kavalkade verließ die Hazienda, von den erstaunten Blicken der Spanier begleitet.

* * * * *

IV.7. Unsichtbare Hände

Den ersten Tag hatten die auf der Felseninsel eingemauerten Vestalinnen untätig verbracht. Sie konnten sich noch nicht in ihre Lage finden; sie glaubten, es sei ein böser Traum, dass sie hier gefangen saßen.

Teilnahmslos gingen sie aneinander vorüber, bereiteten sich das Essen einzeln, oder die eine aß von dem, was die andere gekocht hatte. Unterhaltung fand gar nicht statt, und am Abend legten sie sich alle zur Ruhe in die Zelte, mit solchem Bedürfnis nach Schlaf, als hätten sie den ganzen Tag schwer gearbeitet — so waren sie seelisch ergriffen.

Doch der nächste Morgen brachte neuen Mut.

»Wir wollen die Mauer erklettern«, schlug Ellen vor, »und sehen, ob wir vom Meere Hoffnung auf Befreiung zu erwarten haben.«

Die Ersteigung der Mauer war keine schwere Arbeit. Es wurde ein Fass hingerollt, umgestürzt und ein Stuhl darauf gesetzt, und der Mauerrand war erreichbar. Aber ein Sitzen darauf war sehr unangenehm, denn die Matrosen hatten die Mauer oben scharf zugehen lassen, und der Rand war durch den Zement so fest geworden, dass weder mit den Händen, noch durch Schläge mit einem Stuhlbein etwas davon abgebröckelt werden konnte.

Die Mauer fiel jäh zum Wasser ab.

»Ein Floß oder etwas Ähnliches herzustellen, wäre ganz unnütz«, sagte Ellen, »denn wir können es nicht ins Wasser lassen. Diese Mauer bietet uns also mehr Schwierigkeiten, als ich erst glauben wollte.«

»Wie sollten wir übrigens ein Floß herstellen?«, entgegnete Miss Murray. »Holz hätten wir in Gestalt von Kisten und Fässern wohl genügend, aber wir haben kein Werkzeug, denn die Gabeln und Messerchen sind doch ganz unbrauchbar.«

»Aus den Fassreifen würden schon schneidende Instrumente herzustellen sein, und Steine müssten Hämmer vertreten. Aber ich schlage vor, erst einmal ruhig abzuwarten, was uns die nächste Zeit bringen wird. Mit uns soll noch etwas ganz Besonderes geschehen, vermute ich, und ich bin wirklich neugierig, was dies ist.«

»Sagte nicht jener verräterische Anderson, wir würden Besuch zu erwarten haben?«

»Ja, das sagte er«, entgegnete Ellen, »und ehe wir diesen nicht bekommen haben, bin ich gar nicht gewillt, die Insel zu verlassen, ich brenne vor Neugier.«

Es wurde beschlossen, sich in die häuslichen Geschäfte zu teilen und überhaupt recht fleißig zu arbeiten, so viel es ging, nach dem alten Grundsatze, dass nichts die Zeit so schnell vergehen lässt und nichts den Menschen so sehr befriedigt wie Arbeit.

Die Zelte wurden anders geordnet, die Mädchen quartierten sich in Gruppen zusammen. Die Sklavinnen wurden auf die einzelnen Zelte verteilt. Man richtete die Höhlen noch bequemer ein, entfernte das Steingeröll von dem Plateau, und wirklich erlangten die Mädchen bald ihre gute Laune wieder.

Was war es denn weiter, als ein Abenteuer mehr zu den schon erlebten, und zwar fast das interessanteste? Ans Leben ging es ihnen nicht. Not brauchten sie nicht zu leiden, also darum nur frischen Mut bewahrt! Ihr einziger Traum galt der ›Vesta‹, dem Schiffe, welches sie geliebt, an dem ihr Herz gehangen hatte.

Doch kommt Zeit, kommt Rat, die ›Vesta‹ existierte noch, vielleicht, dass sie doch noch auf ihr die Heimreise nach New York antreten konnten!

»Unser Wunsch ist in Erfüllung gegangen«, meinte Miss Murray einmal, »jetzt haben wir ein Eiland, verlassen und einsam im bläulichen Meer.«

»Das Laub welkt auch nie am Baum, weil es keins gibt«, fügte eine andere lachend hinzu.

Der Abend fand die jungen Mädchen lachend und scherzend um drei große Küchenfeuer versammelt, über denen es in Töpfen zischte und brodelte. Während der Mahlzeit, aus Salzfleisch und Kartoffeln bestehend, wurden großartige Pläne geschmiedet. Morgen wollte man an der Felswand aus Steinen einen Backofen bauen, Mehl war in Überfluss vorhanden, und so sollte es fortan nie an Brot fehlen.

»Wir müssten uns ja schämen«, scherzte ein Mädchen, »wenn wir Besuch bekämen und könnten ihm nicht einmal ein Stück Kuchen vorsetzen. An Schiffszwieback dürften sein Magen und seine Zähne nicht gewöhnt sein.«

Bei völlig wolkenlosem Himmel hatten sie sich schlafen gelegt, aber während der Nacht zogen schwere Wolken auf, grelle Blitze und fürchterlicher Donner schreckten die Schläferinnen auf, und ehe sich diese noch vergegenwärtigten, dass ein Gewitter über ihrer Insel schwebte, prasselte schon ein klatschender Platzregen auf die Leinwandzelte herab.

Diese waren zwar in New York als wasserdicht gekauft worden, aber welche Leinwand widersteht wohl einem Tropenregen? Es regnete nicht mehr in Tropfen, sondern endlose Wasserstrahlen stürzten senkrecht vom Himmel herab, alles im Nu durchnässend.

Einige der Mädchen liefen nach den Höhlen, wo sie Schutz fanden, wurden aber von Ellen aufgefordert, in denselben alles zu bergen, was vom Wasser Schaden erleiden konnte und durch Trocknen nicht wieder seine alte Beschaffenheit erlangte.

Das waren die Fässer mit Schiffszwieback, die man im Freien hatte stehen lassen, und dann ganz besonders die in den Zelten befindlichen Bücher und Schriftsachen.

Ehe dies alles in Sicherheit geschafft war, brach der Morgen an. Der Regen ließ nach und hörte plötzlich auf. Der Himmel strahlte wieder in gewöhnlicher Bläue, doch die Damen selbst waren bis auf die Haut durchnässt, und die zum wechseln nötigen Kleider waren ebenfalls feucht geworden.

Doch was galt dies Menschen, welche über zwei Jahre lang in Sonnenschein, Sturm und Regen an Deck gestanden hatten, denen oft genug die Meereswogen über den Kopf gegangen waren, und welche es nicht immer für nötig befunden hatten, die nassen Kleider zu wechseln, sondern sie einfach am Körper trocknen ließen.

Man zog die am wenigsten feuchten Kleidungsstücke an und legte die nassen auf das Plateau in die Sonnenstrahlen zum Trocknen, denn es zeigte sich wieder einmal, dass die Damen doch nicht mit allem versehen waren, was sie brauchten, so zum Beispiel mit Stricken, die sie als Trockenleinen hätten benutzen können, oder aber auch — zum Zusammenbinden eines Flosses und Erklettern der Felsen.

»Jetzt erst einmal Feuer anmachen und Kaffee kochen«, meinte Ellen. »Ist einmal der Magen gewärmt, so schadet die nasse Kälte weniger.«

Einige Damen machten sich sofort daran, unter einem vorspringenden Felsen auf dem Platz, der schon vorher als Feuerherd gedient hatte, einen Holzhaufen aufzutürmen.

»Sind Sie krank?«, fragte Miss Murray, Ellen besorgt in die Augen sehend, denn diese zeigte eine seltsame Unruhe und ein schlechtes Aussehen. Ihre Augen glänzten merkwürdig, und auf den Wangen machten sich rote, scharf abgegrenzte Flecken bemerkbar.

»Nicht im mindesten«, entgegnete Ellen, »ich habe schlecht geschlafen, oder vielmehr gar nicht, der Regen hat auch nicht gerade dazu beigetragen, mich heiter zu stimmen und ebenso wenig die nächtliche Arbeit. Ich lechze jetzt nach einer Tasse Kaffee.«

Sie ging in eine Höhle, um die dort untergebrachten Vorräte zu ordnen. Gleich darauf kam ein Mädchen zu ihr und fragte sie, ob sie Streichhölzer unter den Vorräten habe, die, welche sie bis jetzt benutzt hätten, seien durchnässt worden.

Ellen öffnete eine große Kiste, welche nur Streichhölzer enthielt, aber, o weh, die Schachteln waren alle ohne Ausnahme feucht, die Hölzer fingen kein Feuer.

Alle Mädchen wurden zusammengerufen, ein sorgfältiges Suchen nach diesem wichtigen Bedarfsartikel, dessen Wert man erst schätzen lernt, wenn man ihn nicht besitzt, begann; aber alle gefundenen Streichhölzer hatten unter der Nässe gelitten, sie fingen kein Feuer.

»Haben die Piraten uns nicht irgend einen optischen Apparat dagelassen, in welchem sich Vergrößerungsgläser befinden?«, fragte ein Mädchen. »Mittels eines Brennglases könnten wir Feuer anzünden.«

Ellen verneinte. Die Piraten hatten es nicht für nötig gehalten, die Damen mit Ferngläsern, Mikroskopen oder dergleichen zu versehen.

»Oder wir können auch durch Reiben von Holz Feuer erzeugen«, schlug ein anderes Mädchen vor.

Trotz ihrer nervösen Laune musste Ellen über diesen Vorschlag lachen.

Sie wusste, wie schwer es ist, auf diese Weise Feuer zu gewinnen. Es gehören dazu Hölzer von ganz besonderer Art, eins davon muss weich, das andere hart sein, und zum Reiben gehört die Geschicklichkeit und Ausdauer eines Wilden. Höchstens der Feuerbohrer kann von einem Uneingeweihten benutzt werden; aber das passende Holz zu wählen, bleibt dabei die Kunst, ohne welche man nie Feuer erhält, und wenn man auch stundenlang riebe.

»Ich bin imstande, ein Brennglas herzustellen«, sagte Ellen, »aber es wird zu schwach sein, um bei dem niedrigen Stande der Sonne das Holz in Brand zu setzen, erst gegen Mittag wird es kräftig genug wirken. Doch können wir jetzt schon einen Versuch anstellen, vielleicht entzündet es Papier.«

Sie legte solches in die Morgensonne, damit es möglich trockene, und ließ sich dann zwei gleiche Uhrgläser geben. Die Taschenuhren waren ihnen von den Piraten gelassen worden. Diese gewölbten Uhrgläser wurden mit Wasser gefüllt, soweit dies möglich war, und die Strahlen der Sonne wurden durch diesen Apparat wirklich so konzentriert, dass ein schwaches Brennglas hergestellt wurde.

Nun wurde versucht, das Papier in Brand zu setzen, doch es gelang nicht; es sengte wohl, fing aber kein Feuer.


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»Wir müssen warten, bis die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat«, meinte Ellen. »Wirkt es dann noch nicht kräftig genug, so müssen wir fortan auf warme Speisen verzichten und das Fleisch durch Klopfen verdaulicher machen.«

Enttäuscht sahen die umstehenden Mädchen den vergeblichen Versuchen zu.

»Kann man die Streichhölzer nicht trocknen?«, fragte eine.

»Nein, sie fangen nie wieder Feuer, wenn sie einmal nass geworden sind.«

Da stieß ein Mädchen, welches sich umgewendet hatte, einen lauten Schrei der Überraschung aus und deutete dorthin, wo die Holzstapel unter dem Felsen aufgeschichtet worden war. Der Holzstoß stand in lichterlohen Flammen.

»Wer hat das getan?«, fragte Ellen, halb freudig, halb unwillig darüber, dass eine Vestalin den Besitz von Streichhölzern verheimlicht und Ellen unnötig bemüht hatte.

»Ich nicht«, erklang es einstimmig und bestimmt.

Man besichtigte den lustig brennenden Holzhaufen, aber nichts verriet, wodurch er in Flammen gesetzt worden war.

Der Vorgang war und blieb allen ein Rätsel.

»Wenn die Insel keine übernatürlichen Wesen beherbergt, welche durch ihr Machtwort Feuer hervorrufen können, so muss hier außer uns noch ein Mensch existieren«, so dachten einige, darunter z. B. Miss Murray und Miss Thomson, und machten sich daran, die einzelnen Höhlen genauen zu untersuchen, ohne an das Kaffeetrinken zu denken. Diesmal war Ellen wunderbarerweise nicht unter den Wissbegierigen, sie saß auf einem Steine und sah teilnahmslos der Zubereitung des Morgentrunkes zu.

Das Suchen war erfolglos gewesen, die Höhlen waren leer und hatten das Aussehen, als waren sie noch von keinem Menschen betreten worden. Höchstens fand man Spuren, dass hier einst zahlreiche Vögel gehaust hatten.

Miss Murray kehrte wieder zu Ellen zurück und teilte ihr das Ergebnis der Untersuchung mit.

»Was ist Ihnen denn?«, unterbrach sich die Sprecherin plötzlich und schaute Ellen erschrocken an.

Das auf dem Steine sitzende Mädchen, dessen Wangen noch eben fast unnatürlich rot gewesen, verlor plötzlich alle Farbe und griff mit beiden Händen in die Luft. Dann schloss sie die Augen und glitt besinnungslos vom Steine herab.

Auf dem Schreckensruf Miss Murrays sprangen noch einige andere Mädchen hinzu und trugen die Bewusstlose in eine Höhle, wo sie auf ihr Bett gelegt wurde. Ihr Puls hatte fast aufgehört zu schlagen, sie glich einer Toten.

»Auch das noch«, jammerten ihre Freundinnen, indem sie Ellen durch Reiben wieder zum Bewusstsein zu bringen suchten.

Ein Mädchen sollte die Schiffsapotheke bringen, von der man bestimmt voraussetzte, die Piraten hätten sie ihnen gelassen, die Abgeschickte kehrte aber bald mit der Bestürzung verbreitenden Nachricht zurück, der Medizinkasten sei nicht unter den Vorräten.

Alles Suchen nach ihm war fruchtlos.

Das Einzige, was man tun konnte, war, dass man Ellens Kleider öffnete, ihr so mehr Luft verschaffte und kalte Umschläge anwendete. Wirklich kam sie bald wieder zu sich, aber das sonst so kräftige Mädchen war mit einem Male so schwach geworden, dass es kaum sprechen konnte.

»Um Gottes willen, liebste Ellen«, flehte Jessy, »was fehlt Ihnen? Sagen Sie es! Fühlen Sie Schmerzen irgendwo, oder ist es nur ein plötzliches Unwohlsein?«

»Ich weiß nicht, was es ist«, entgegnete Ellen mit matter Stimme, »ich fühle mich unsäglich schwach, mein Kopf ist mir zentnerschwer.«

»Sie haben sich diese Nacht in den nassen Kleidern erkältet.«

Ellen lächelte; es wäre das erste Mal gewesen, dass sie sich erkältet hätte. Nein, die Aufregung, welche seit einigen Tagen fortwährend ihre Seele in Spannung hielt, hatte das Leiden hervorgerufen. Die sonst so starke Natur des Mädchens hatte diese nicht mehr aushalten können, je mehr die Unruhe um ihr künftiges Schicksal wuchs, desto größer wurde diese seelische Spannung, bis sie endlich bewusstlos zusammengebrochen war.

Ein heftiges Fieber war im Anzug, wie es an Stärke nur in tropischen Gegenden die Menschen heimsucht. Schon jetzt begannen die Pulse der Kranken furchtbar zu jagen, und der Kopf glühte. Innerhalb eines Tages musste das Fieber bereits seinen höchsten Punkt erreicht haben, und wurde die Krisis nicht zu Gunsten des Lebens abgewendet, so war Ellen dem Tode verfallen.

Noch wusste dies jetzt zwar weder Jessy, noch ein anderes Mädchen, aber jede ahnte, dass diese Krankheit nicht leicht zu nehmen war.

»Wir können die Apotheke nicht finden«, klagte Jessy.

»Ich weiß es«, lispelte Ellen, »sie ist nicht auf die Insel gebracht worden. Machen Sie mir kalte Umschläge, liebe Jessy, damit mir mein Kopf nicht springt. Oder nein, unterlassen Sie es, das hat doch keinen Zweck.«

Ellen selbst also fühlte, trotz ihres bewusstlosen Zustandes, dass sie wenig Hoffnung auf Genesung hatte.

Man tat alles, was man konnte. Die Höhle wurde mit Portieren verhangen, sodass das helle Tageslicht den angegriffenen Augen nicht wehtat; den ganzen Tag wechselten die Damen in der Pflege ab, aber immer blieb nur eine in dem Raume, um jedes Geräusch zu vermeiden. Ununterbrochen wurden die nassen Tücher auf dem Kopf gewechselt und der Trinkbecher an die heißen Lippen der Durstigen gehalten.

Es war alles umsonst. Das Fieber nahm stetig zu, denn alles fehlte, womit ein derartig Kranker behandelt werden muss, vor allen Dingen Chinin, jene nicht zu ersetzende Medizin, ferner Eis und dann leichte Nahrung, hauptsächlich Milch, Fleischbrühe und höchstens Reis. Das schwere Salzfleisch und Hülsenfrüchte sind für Fieberkranke Gift, und auch Präserven können von dem schwachen Magen nicht verdaut werden.

Gegen Abend schon nahmen die Kräfte Ellens sichtlich ab. Sie lag entweder in heftigen Phantasien oder bewusstlos da, doch kam sie einmal zur Besinnung, so sprach sie der trostlosen Freundin, die gerade bei ihr war, Mut ein. Sie sollte ihretwegen nicht verzagen, sei sie nicht mehr am Leben, dann würden die übrigen Mädchen auch aus dieser Gefangenschaft befreit werden.

Es war in der Nacht, als Miss Thomson bei der Kranken Wache hielt. Mit angehaltenem Atem und klopfendem Herzen lauschte sie den Phantasien Ellens. Diese sprach fortwährend von ihrem Stiefvater, von einem Vetter, von Eduard, und beschuldigte beide des Mordes. Dann rief sie wieder mit gellender Stimme nach Harrlington, flehte ihn an, er solle sie nicht verlassen, solle sie vor dem Stiefvater schützen, und bat darauf Johanna um Verzeihung. Ein leises Wimmern löste diese wilden Phantasien ab, und endlich lag die Kranke stumm und bewegungslos da, die plötzlich ganz weiß gewordenen Hände über der Brust gefaltet.

Da wurde draußen vor der Höhle leise Miss Thomsons Name gerufen. Sie begab sich hinaus, und ein Mädchen teilte ihr mit, sie habe, auf der Mauer sitzend, geangelt und einen großen Fisch gefangen. Ob die Kranke davon essen könne? Es wurde hohe Zeit, dass Ellen etwas zu sich nahm. Salzfleisch und die vorhandenen Hülsenfrüchte wagte man ihr nicht zu geben, ebenso wenig Kartoffeln und Brot. Die süße, präservierte Milch aber verschmähte die Kranke unter Zeichen des Widerwillens.

Betty bejahte und ordnete an, dass man den Fisch gleich abkochen sollte. Erwachte die Kranke, so sollte sie zu essen bekommen. Das Feuer war immer unterhalten worden.

Als Betty die Höhle wieder betrat, fand sie Ellen erwacht, bei Besinnung und ganz merkwürdig gut gelaunt.

»Sie haben den Medizinkasten gefunden?«, rief sie der Eintretenden entgegen.

Betty verneinte.

»So hat eine der Damen Chinin bei sich gehabt?«

Betty verneinte abermals verwundert.

»Aber soeben hat mir doch jemand Chinin mit einem Teelöffel eingeflößt«, sagte Ellen, »ich glaubte, Sie wären es gewesen.«

»Ich war in diesem Augenblick gar nicht bei Ihnen, Sie haben geträumt, Miss Petersen ...«

»Wie soll ich geträumt haben«, rief diese, fast unwillig, »ich habe ja noch den bitteren Geschmack im Munde, habe die Person, welche mir es gab, neben mir stehen sehen und weiß noch ganz bestimmt, dass ich etwas von dem Chinin verschüttet habe. Überzeugen Sie sich davon, ob nicht etwas auf der Bettdecke liegt.«

Zu ihrem unaussprechlichen Erstaunen fand Betty wirklich etwas weißes Pulver auf der Bettdecke liegen, sie kostete es — es war Chinin; Ellen hatte nicht geträumt.

Betty ließ Ellen nichts von ihrem Erstaunen merken, aber sie musste hinauseilen und es ihren Freundinnen verkünden, zugleich fragend, ob jemand Ellen Chinin eingegeben habe. Wie am Morgen beim Anzünden des Feuers, so behauptete auch jetzt eine jede, nichts davon zu wissen. Wer das Feuer angemacht hatte, gab Ellen auch das Chinin ein — ein unbekannter Inselbewohner.

Schnell eilte Betty wieder in die Höhle, nahm eine Lampe vom Tisch und untersuchte jeden Winkel, fand aber nichts, was darauf schließen ließ, dass diese einen anderen Zugang hätte, als den von vorn. Sie war ziemlich tief, die Wände erschienen rau, aber durchaus nicht zerklüftet.

Das Mädchen stand vor einem Rätsel, doch die Hauptsache war, dass Ellen Chinin erhalten hatte. Vielleicht wurde sie auch noch fernerhin von dieser geheimnisvollen Person mit Medizin versehen, dann konnte Rettung erhofft werden, sonst nicht, denn eine einmalige Dosis hielt die Krankheit wohl auf, vermochte aber nicht, sie zu beseitigen.

Gedankenvoll saß Betty neben der schon wieder phantasierenden Kranken. Ein seltsam unheimliches Gefühl überschlich sie, wenn auch nicht das der Furcht. Dieser zweimalige Beweis der Anwesenheit eines Wesens, sei es eines übernatürlichen oder natürlichen Ursprungs, das Anteil an dem Schicksal der Vestalinnen nahm, hatte doch etwas Aufregendes für das Mädchen.

Als Betty abgelöst wurde, übergab sie nur ungern die Wache einem anderen Mädchen, denn die Kranke phantasierte wieder heftiger, denn je, das Fieber hatte bedeutend zugenommen, und eine Krisis stand unmittelbar bevor.

Doch sie durfte sich nicht weigern, der Freundin den Platz abzutreten, denn die Pflege Ellens wurde als heilige Pflicht betrachtet.

Mit sorgenschwerem Herzen verließ Betty die Höhle und begab sich zum Schlafen in ihr unterdes getrocknetes Zelt.

Noch hatte sich am Morgen die Sonne nicht über den Felsrand erhoben, noch herrschte eine unsichere Dämmerung, als sich die Vestalinnen schon vollzählig um den Eingang zur Höhle versammelt hatten.

Dass das Feuer in der Nacht erloschen war, weil die Mädchen, durch die Aufregungen der letzten Zeit zu ermüdet, vergessen hatten, regelmäßig Holz nachzulegen, darauf achtete vorläufig niemand. Ellen hatte etwas gekochten Fisch zu sich genommen, das war die Hauptsache, und außerdem brannte auch noch die Lampe im Krankenraum.

Jetzt war man begierig, zu erfahren, wie es mit der Kranken stände.

Mit niedergeschlagener Miene trat die Krankenpflegerin aus der Höhle und verkündete, dass es mit Ellen schlimmer wäre denn je, sie käme fast gar nicht mehr zum Bewusstsein.

»Wir wollen das Gebot aufheben, dass nur eine die Höhle betreten darf«, sagte Miss Murray, »kommen Sie, wir wollen zusammen die Kranke besichtigen.«

Ein trauriger Anblick bot sich ihnen dar. Ellen ging wirklich mit raschen Schlitten ihrer Auflösung entgegen; jede Stunde konnte dieselbe bringen.

»Chinin müssen wir haben«, rief Jessy, »sonst stirbt sie uns unter den Händen. Wenn die Person, welche der Kranken schon einmal Medizin eingeflößt hat, ein Herz hat oder doch Anteil an uns nimmt, so wird sie, so muss sie zum zweiten Male helfen. Hörst du es, rätselhafte Person?«, rief Jessy laut in den Hintergrund der Höhle.

Die Umstehenden schauerten zusammen, es war ihnen, als wohnten sie einer Geisterbeschwörung bei, und wirklich glich das Verhalten von Miss Murray einer solchen Handlung.

In der Höhle blieb es still, es zeigte sich weder ein Gesicht, noch eine unheimliche Gestalt, nur Ellen stöhnte tief auf und wälzte sich auf ihrem Lager.

Doch Jessy nahm ihre Geisterbeschwörung völlig ernst, sie versuchte es noch einmal.

»Wenn du willig bist, uns zu helfen, so gib uns ein Zeichen«, rief sie in die Höhle hinein.

Da schraken die Mädchen plötzlich zusammen, ein unterirdisches Rollen, verbunden mit leisem Donner, erschütterte den Boden der Insel, und gleichzeitig erscholl draußen ein seltsames Prasseln und Knattern.

Die Mädchen stürzten, von Entsetzen erfasst, zur Höhle hinaus, sie glaubten nicht anders, als die Vulkane der Insel begännen ihre alte Tätigkeit wieder, als sie aber draußen standen, glaubten sie ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Unter dem Felsvorsprung, wo das ausgebrannte Feuer lag, war ein neuer Holzstoß aufgerichtet worden, und eben züngelte die Flamme daran empor.

Das erste Wunder hatte sich wiederholt, aber wiederum ließ sich niemand sehen.

Während alles noch sprachlos vor Staunen dastand, eilte Miss Thomson, von einem Instinkt getrieben, in die Höhle zurück und blieb beim Anblick der Kranken wie gebannt stehen.

Auf dem Kopfe Ellens lag eine Eiskompresse, jener Gummibeutel, in dem Eis aufbewahrt werden kann, ohne dass das Wasser herausläuft.


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Dann stürzte Betty plötzlich schnell nach dem Tische, nahm die noch brennende Lampe und eilte nach dem Hintergrunde der Höhle. Es war ihr, als hätte sie dort eine dunkle Gestalt gesehen.

Da, wirklich — sie erkannte eine in dunkle, lange Frauengewänder gehüllte Gestalt.

»Wer du auch seiest«, rief Betty außer sich, aber furchtlos, »steh, und zeige dich!«

Sie sprang vorwärts, aber in diesen: Augenblicke durchstrich ein kalter Luftzug die Höhle, die Lampe erlosch, und Betty stand im Dunkeln. Dennoch tastete sie vorwärts, doch wohin sie auch griff, sie fühlte nur die raue Felswand. Die Höhle war so eng, dass die eben gesehene Gestalt sich nirgends verbergen konnte. Aber sie war verschwunden. Und doch hätte Betty auf ihre Seligkeit schwören wollen, kein Gebilde ihrer Phantasie gesehen zu haben.

Schnell verständigte sie die unterdes wieder hereingekommenen Freundinnen; die Lampe wurde wieder angezündet und damit die Höhle beleuchtet. Die Wände wurden ganz genau untersucht, aber es wurde nichts gefunden. Die Wand zeigte keine Fuge, keine Spur, dass hier eine geheime Tür vorhanden war, und um nach Fußabdrücken forschen zu können, waren die Damen nicht erfahren genug.

»Wissen Sie, wen ich zu erblicken glaubte?«, sagte Betty. »Die Gestalt war zwar dicht verschleiert, aber die Figur und hauptsächlich der Gang erinnerten mich an Johanna, dass ich diese ganz bestimmt vermutete. Jedenfalls ist es jetzt über allen Zweifel erhaben, dass diese Insel von einem Wesen bewohnt ist, welchem übernatürliche Kräfte zur Verfügung stehen oder doch solche, welche wir uns nicht zu erklären vermögen. Wie könnte sie sonst aus dieser Höhle ohne Ausgang spurlos verschwinden?«

»Und woher bekommt sie Eis?«, fragte ein Mädchen.

Man betrachtete die Kompresse. Sie war wirklich mit Eis gefüllt, es musste hier in dieser heißen Gegend natürlich künstlich hergestellt oder durch das Machtgebot eines Gottes entstanden sein.

»Was steht denn hier unter dem Bett?«, rief plötzlich ein Mädchen, deren Fuß an etwas Hartes gestoßen hatte, bückte sich und zog zwei Kästchen hervor, die vorher nicht unter dem Lager gestanden hatten.

Da war ein Mahagonikasten, den Damen vollständig unbekannt, d. h., er gehörte nicht zu dem Inventar der ›Vesta‹. Er enthielt eine kleine, aber vollständige Apotheke, und als man die Flasche aufhob, welche beim Hervorziehen des Kastens von demselben heruntergefallen war, da leuchtete in den Strahlen der Sonne den Damen in großen Buchstaben die Aufschrift »Chinin« entgegen. Der andere, eiserne, schwere Apparat mit einem Handkübel war eine Eismaschine, mittels welcher man mit Leichtigkeit Eis erzeugen kann, indem man durch Luftverdünnung Kälte erzeugt.

Ellen konnte ihren Freundinnen erhalten bleiben.

* * * * *

IV.8. Dem Ziele nahe

Pustend und schnaubend sauste der Pacificzug durch die Fluren des Südens von Nordamerika, mit Windeseile an den goldigen Feldern vorüberfliegend, dann in den Schatten der Urwälder einlaufend und dann wieder über Prärien mit verbranntem Graswuchs jagend. Scheu hob der wilde Indianer den mit Federn geschmückten Kopf über das hohe Gras und schüttelte drohend den Tomahawk dem dampf- und feuerspeienden Ungetüm nach.

Immer weiter drangen die eisernen Schlangen, die Eisenbahnschienen in das Gebiet des roten Mannes hinein, und wo der Dampfwagen erschien, da musste jener seinen Wigwam abbrechen und mit Weib und Kind auswandern, denn das Wild konnte die lärmende Erfindung der Kultur nicht vertragen. Es floh vor dem unheimlichen Zischen und Heulen, und wohin es sich wendete, dahin nahm auch der Indianer seinen Weg, denn seine Existenz hängt von dem Wildreichtum ab.

Einige Herden blieben wohl noch in der Nähe der Schienenstränge, weil sie sich nach und nach daran gewöhnt hatten, denn schon stießen sie überall auf solche, aber der Indianer konnte sich nicht mehr sättigen, er musste häufig den großen Geist um fette Büffel bitten, und dazu kam noch, dass aus den Waggons oft genug weiße Männer mit langen Büchsen stiegen, welche unter den den Indianern gehörenden Herden fürchterliche Metzeleien anrichteten, nur um ihre Jagdlust zu befriedigen.

Durch Nordamerika geht nicht mehr nur eine einzige Pacificbahn, es existieren jetzt vier, sie durchkreuzen den Erdteil von Osten nach Westen, von Norden nach Süden, nichts gibt es, was den Bau der Eisenbahnen zu hindern vermocht hat. Der Ingenieur der Gegenwart weiß jedes Hindernis zu beseitigen.


Er lacht und spricht:
Geht dieses nicht,
So geht doch das!


Er überbrückt die Flüsse und die Meere ... und nirgends bewies er dies so, wie bei dem Bau der Pacificbahn von Nordamerika.

Bald führen himmelhohe, schwankende Brücken über schwindelnde Abhänge, bald bohrt die eiserne Schlange schier endlose Kanäle durch Gebirge, die Eisschollen der Ströme suchen vergebens mit donnerndem Anprall die soliden Steinsäulen zu zerstören, auf denen die mächtigen Bogen liegen — sicher rast der Zug darüber, und hat dies dem Ingenieur besser gefallen, so führt gar ein Tunnel unter dem Strome durch, und der Passagier kann mit klopfendem Herzen das Getöse der zornigen Wogen über seinem Haupte vernehmen.

Die Pacificbahn kennt keinen Unterschied von Tag und Nacht; in rasender Geschwindigkeit jagt die Lokomotive dahin, gleichgültig, ob es hell oder dunkel ist, ob die Sonne scheint oder ob eisige Winterstürme das Blut des Personals erstarren machen. Mit ihrem Cowcatcher, zu deutsch Kuhfänger, einer vor der Lokomotive angebrachten Vorrichtung, wirft sie alles rücksichtslos beiseite, was ihr in den Weg kommt, meist Kühe und Ochsen, welche in ihrer Dummheit dem Ungetüm blind entgegenrennen. Ganze Herden von Schafen werden oftmals von ihr vernichtet, aber früher kam es auch vor, dass ein Indianer, der in dem feuerspeienden Ungeheuer den Verderber seines Volkes sah, ihm mit geschwungenem Tomahawk entgegensprang und als zerfetzter Leichnam zur Seite geschleudert wurde.

Die von der Lokomotive nachgeschleppten Wagen sind so eingerichtet, dass die Passagiere die Reise durch ganz Amerika machen können, ohne nötig zu haben, nur einmal auszusteigen. Nichts fehlt darin. Speiseräume, Schlafcoupés, Toiletten, Rauch- und Spielzimmer — alles ist vorhanden.

Alles ist glänzend eingerichtet, und doch ist die Reise durchaus nicht kostspielig, und zwar rührt das von der Konkurrenz her, denn die einzelnen PacificLinien suchen sich gegenseitig totzumachen.

Die beiden Herren, welche in einem eleganten Coupé erster Klasse im Pacificzug saßen, der von New York über Philadelphia, Knoxville nach Tuscalosa fuhr und hundert Meilen hinter dieser Station direkt nach Westen abbog, hatten wenig Interesse für die reichen Naturszenerien, welche im raschen Wechsel an den Fenstern vorbeiflogen. Nur ab und zu ließen sie teilnahmslos das Auge darauf haften. Viel lieber blickten sie den blauen Wölkchen ihrer Zigaretten nach oder verkürzten sich die Zeit durch geschäftliche Gespräche.

Es waren Yankees, also keine für die Natur begeisterten Menschen — sie konnten höchstens für Geld schwärmen und dachten bei Ansicht eines Waldes nur an den Gewinn, den man aus dem Verkauf dieser mächtigen Bäume ziehen konnte.

Am Morgen hatte der Zug Jackson verlassen, drei Stunden später in dem achtzig Meilen davon entfernten Vicksburg weniger als eine halbe Minute gehalten und hastete nun mit rasender Eile, nach Überschreitung des Mississippi, von den Indianern ›der Vater der Gewässer‹ genannt, dem Staat Louisiana zu.

»Hundertundzwanzig Meilen noch, und wir müssen den Red River passieren«, sagte einer der Herren, zum Fenster hinaussehend.

Sie fuhren durch eine prärienartige Gegend.

Der andere Herr antwortete nichts, er gähnte laut auf. Das eben Gehörte war ihm ganz gleichgültig.

»Der Red River mündet in den Mississippi«, fuhr der erste fort, »und ungefähr an der Mündung liegt Miss Petersens Besitzung.«

»Ah«, rief jetzt sein Gegenüber, sich interessiert aus seiner bequemen Stellung erhebend und ebenfalls durch das Fenster blickend. »Kommen wir an der Besitzung vorüber?«

»Nein, aber sehen Sie dort in der Ferne die dunkle Linie? Es ist der Waldgürtel, etwa zehn Meilen breit, welcher das Besitztum Miss Petersens begrenzt. Es liegt zu beiden Seiten des Red River, ist ungefähr achtzig Meilen lang und fünfzig Meilen breit, hat also den Umfang von etwa viertausend Quadratmeilen.«

»Nicht möglich, Spurgeon«, rief der Herr und richtete sich mit einem Male stramm auf, »dann wird ja Flexan ein Mann, dessen Land dem manches Fürsten in Europa gleichkommt.«

»Allerdings, Kirkholm«, entgegnete der mit Spurgeon Angeredete gleichgültig. »Zwar ist nicht alles bebauter Boden, denn es gehört ein selbst für Amerika ganz ansehnlicher Wald dazu, in dem Indianer noch Hirsche jagen, und weite Prärien liegen dazwischen, aber auf diesen tummeln sich Herden von Pferden und Rindern in unglaublicher Anzahl, und alle tragen ein und dieselbe Brandmarke. Deren Wert allein ist einfach unschätzbar. Den Ertrag der Felder will ich gar nicht rechnen.«

Die beiden Männer sahen gedankenvoll vor sich hin. Spurgeon sowohl, wie Kirkholm gehörten bekanntlich zu jener Gruppe von Herren, welche sich beim Hasardspiel amüsierten, während ihr Freund Chalmers, der von Gott begnadete Redner und bibelfeste Mann, im Andachtsklub die jungen Mädchen erbaute.

»Ich weiß nicht«, begann Spurgeon nach einer Weile wieder, »mir gefällt das Vorgehen Flexans nicht.«

»In betreff der Vestalinnen?«

Spurgeon nickte.

»Warum nicht?«, fragte Kirkholm.

»Mir wäre es tausendmal lieber gewesen, wenn Flexan die Weiber spurlos hätte von der Erde verschwinden lassen, anstatt sie auf einer Insel auszusetzen. So einsam und verlassen diese auch liegen und so wenig ein anderes Schiff auch Grund haben mag, sie aufzusuchen, eine Rückkehr von dort ist doch immer möglich.«

»Zum Verschwindenlassen ist noch immer Zeit«, lachte sein Gefährte.

»Das gebe ich zu, aber warum hat er sie nicht sofort dem Meere überliefert, sondern nur den Schiffbruch der ›Vesta‹ und den Untergang der Besatzung ausgesprengt?«

»Flexan wird seine Gründe dazu haben.«

»Gut, welcher Art mögen aber dieselben sein?«

»Ich kenne sie nicht, aber ich ahne sie«, entgegnete Kirkholm.

»Flexan liebt Ellen Petersen und will erst versuchen, ob sie ihm willfährig ist. Geht sie auf seine Bedingungen ein, das heißt, ergibt sie sich ihm in Liebe, heiratet sie ihn, so setzt er sie auf freien Fuß, und beide kehren als Mann und Weib auf Miss Petersens Besitzung heim.«

»Und die anderen Mädchen? Sollen wir uns etwa wegen Flexans Liebe die endlich erjagte Beute aus den Zähnen rücken lassen?«

Kirkholm lachte höhnisch auf.

»Torheit! Die werden einfach nach Hause geschickt und auf dem Wege geht ihr Schiff unter und sie mit ihm, diesmal aber wirklich. Einer Dynamitgranate werden seine Planken wohl nicht widerstehen können.«

Spurgeon sann einen Augenblick mit einem teuflischen Gesichtsausdruck nach.

»Ich traue diesem Flexan aber doch nicht«, sagte er dann. »Er handelt mir überhaupt viel zu eigenmächtig. Er ist der einzige, welcher sein Recht auf die Plantage nicht mit falschen Papieren beweist, sondern dieselben durch die Heirat zu erlangen sucht, und im Falle dieses missglückt, eine Erbin eingesetzt hat, Martha, glaube ich, heißt sie, welche Ellen liebt, und die wiederum ihn zum Erbantritt berechtigt, denn Martha ist Eduard Flexans rechtmäßiges Kind. Er kann sich darüber legitimieren.«

»Mein Gott, Spurgeon«, verteidigte Kirkholm Flexan, »wenn wir solche Mittel in der Hand hätten, würden wir doch auch nicht anders handeln! Eduard ist ja wirklich ein sehr naher Verwandter Ellens, und dass er die Erbschaft dereinst nicht bekommen würde, liegt ja nur daran, dass das eigensinnige Mädchen ihn nicht leiden kann. Solche Intrigen kommen doch heutzutage überall vor. Übrigens hält er treu zu uns, und sollte er abfallen, so haben wir ihn in der Hand. Er ist der in unsere Geschichten am meisten verwickelte Mann, und die Entdeckung eines von uns angestifteten Verbrechens zieht auch Flexan mit ins Verderben. Es ist also unmöglich, dass er verräterisch handelt, und er ist ja gerade der gewesen, der am meisten dabei getan hat, nicht nur für sich, sondern auch in unserem Interesse. Das muss man ihm lassen, er ist unermüdlich tätig gewesen.«

Spurgeon musste dem beistimmen.

»Auch gefällt mir nicht«, sagte er trotzdem, »dass Flexan gar zu unersättlich ist. Nun lockt er wieder die englischen Lords ins Innere von Südamerika, um sie dort vernichten zu lassen. Sollten wir nicht mit unserer Beute zufrieden sein, anstatt uns von Neuem in Verwickelungen und Unannehmlichkeiten aller Art zu stürzen?«

»Das betreibt Flexan auf eigene Faust«, entgegnete Kirkholm. »Wir werden, wenn der Plan gelingt, was ich gar nicht bezweifle, keinen Anteil von der Beute bekommen. Die Sache ist nicht schlecht angelegt. Durch jene vorgebliche Miss Petersen werden die Herren immer weiter ins Innere gelockt und schließlich von den Eingeborenen vernichtet werden.«

»Dadurch zieht er aber immer neue Personen ins Spiel, die um seine Pläne wissen und die er erst wieder verderben muss, damit sie später nicht zu Verrätern werden.«

»Mitnichten«, lächelte Kirkholm, »sein Plan mag wohl bekannt sein, einigen wenigstens, aber nicht seine Person selbst, ebenso wenig wie die unsrige, dafür hat Flexan, der schlaue Fuchs, schon gesorgt. Die Indianer werden nur aufgehetzt, die Engländer zu töten, und haben sie das aus Sucht nach Beute getan, so werden sie von der Regierung dafür aufgehängt. Das ist alles und für Flexan vollkommen ungefährlich.«

»Wenn Flexan nun aber Miss Petersen wieder als sein Weib auftauchen lässt, was wird dann aus der Doppelgängerin?«, fragte Spurgeon zweifelnd.

»Sehr einfach«, lachte sein verbrecherischer Genosse, »dann verschwindet diese Person, oder Flexan lässt sie verschwinden, seine Macht befähigt ihn dazu.«

»Aha, und im anderen Falle verschwinden beide, desgleichen die Engländer, und Flexan beginnt wieder Testaments- und ähnliche Schwindeleien.«

»So ist es«, bestätigte Kirkholm.

»Ein gefährliches Spiel, viel gefährlicher, als das Vermögen der Vestalinnen zu erschleichen, denn sie sind alle ohne Ausnahme unabhängig, sie können über ihr Vermögen frei verfügen, diese englischen Lords aber nicht, sie haben noch Eltern.«

»Nicht alle, und wenn nur etwas abfällt, so ist schon viel dabei gewonnen.«

»Dann operiert also Flexan ebenso wie bei den Vestalinnen?«, fragte Spurgeon.

»Gewiss. Er selbst setzt Erben unter der Bedingung ein, dass sie so und so viel jährlich abgeben. Verrat ist dabei nicht zu befürchten; die eingesetzten Erben dürfen nicht versuchen, mehr Ansprüche zu machen, sonst sind sie verloren, denn sie wissen nicht, wer sie zum Erben eingesetzt hat. Alles ist genau so, wie bei den Vestalinnen.«

»Hahaha«, lachte Spurgeon laut auf, »die Gesichter der Verwandten möchte ich sehen, wenn ihnen das Testament verkündet wird und sie hören müssen, dass sie nur mit einer kleinen Summe bedacht sind, während einer ihnen vollständig unbekannten Person die ganze Erbschaft zufällt, und wenn sie dann weiter wüssten, dass dieser Erbe gar nicht der eigentliche Besitzer ist, sondern sozusagen das Vermögen nur für einen anderen verwalten muss und dafür einen hübschen Gehalt erhält.«

»Ja, wir haben diesmal ein glückliches Los vom Schicksal gezogen. Verwandt sind wir acht Mann alle mit den Vestalinnen, das kann uns nicht streitig gemacht werden, und die Summe, welche wir jährlich von dem Erbe der übrigen vierzehn Damen erhalten, beträgt an sich schon jedes Mal ein Vermögen, von dem es sich bequem leben ließe. Wir können uns dann an Reichtum mit dem Silberkönig messen.«

»Apropos, Kirkholm«, unterbrach ihn Spurgeon, »wie weit ist Flexan mit Hoffmann gekommen? Hat er schon eine Ahnung, mit welchen Erfindungen Hoffmann sein Schiff ausgerüstet hat? Flexan soll sich doch in den Besitz des Geheimnisses zu bringen suchen.«

Kirkholm zuckte mit den Achseln und sagte, seine aufgerauchte Zigarette zum Fenster hinauswerfend, kurz:

»Weiß nicht, Flexan lässt sich nicht in seine Karten blicken.«

Er wusste mehr von diesem Vorhaben, als er gestehen wollte, denn er selbst war dabei mit Flexan im Bunde.

Eben passierte der Zug einen Strom, einen Nebenfluss des Mississippi. Von der schwindelnden Höhe der stählernen Hängebrücke herab sah man einige Dampfboote den Fluss befahren, und obgleich die Schiffe Nussschalen glichen, war die Luft so klar, dass man selbst die Besatzung und die Passagiere darauf noch erkennen konnte, wenn sie auch nur sich bewegenden Punkten glichen.

Gedankenvoll blickte Kirkholm auf die Dampfer dort unten, dann wandte er sich mit einem Ausdruck des Abscheues in seinem bleichen Gesicht vom Fenster weg und sagte zu seinem Freunde:

»In der nächsten Zeit wird der Totenacker auf dem Meeresboden mit vielen bevölkert werden, und die Haifische werden sich mästen können.«

»Wieso?«, fragte Spurgeon, über den eigentümlichen Ton des Sprechers erschrocken.

»Flexan wird dafür sorgen, dass wir keine Mitwisser haben, denn obgleich unsere Helfer uns gar nicht kennen, darf keiner von ihnen am Leben bleiben, es ist dies Flexans ernster Vorsatz.«

»Wie? So sollen alle jene, welche seit Jahren für uns gearbeitet haben, als Dank für ihre Mühe und Arbeit mit dem Tode belohnt werden? Es sind einige Hunderte!«

Selbst der hartgesottene Spurgeon schauderte bei diesem Gedanken, aber Kirkholm erwiderte gleichgültig:

»Was macht's? Sie waren in unseren Händen nur tote Werkzeuge; wir werfen sie fort, wenn wir sie nicht mehr gebrauchen, und das beste ist es auch für die Burschen, dass sie von der Erde verschwinden. Der Galgen ist doch ihr Los, und sofort, wenn sie sich selbst überlassen sind, bricht Hader unter ihnen aus. Überall entstehen Verräter, weil sie die Hand eines geheimnisvollen Allmächtigen nicht mehr fühlen, und der Galgen rückt mit einem Male dicht vor sie. Angesichts des Todes könnten sie aber doch noch etwas ausplaudern, was für uns nicht zum Vorteile wäre. Also fort mit ihnen!«

Der Zug verließ die einsame Prärie, die Gegend zeigte schon hier und da angebaute Felder, die mühsam dem grasigen Boden abgerungen waren. Man sauste an Farmen vorüber, und schließlich sah man in der Ferne die Kirchtürme einer Stadt sich über die Bäume erheben.

Das war Shreveport, eine bedeutende Stadt, auf deren Station der unermüdliche Pacificzug aber ebenfalls nur eine halbe Minute hält.

Innerhalb einer Viertelstunde musste der Ort erreicht sein.

»Sie steigen hier aus?«, fragte Kirkholm.

»Ja«, antwortete Spurgeon und griff nach seinem leichten Handgepäck — das Übrige lag im besonderen Gepäckraum und wurde auf der Station, nach welcher es signiert war, herausgeworfen. »Ich habe von hier den bequemsten Weg nach Miss Thomsons Plantage, weil ich ein gutes Stück des Weges auf dem Flusse zurücklegen kann. Was meinen Sie, werde ich besondere Schwierigkeiten beim Antreten der Erbschaft vorfinden?«

Er stellte die letzte Frage zwar lächelnd, man sah ihm aber an, dass es ihm doch nicht geheuer war.

»Warum?«, entgegnete Kirkholm. »Es ist ja alles in Ordnung, und Sie sind ja außerdem ein naher Verwandter der Thomson.«

»Aber die Texaner sollen ein heißblütiges Volk sein. Diejenigen, welche auf die Plantage gehofft haben, werden nicht so ohne weiteres den Verlust überwinden können.«

»Bah, fürchten Sie sich etwa?«, sagte Kirkholm verächtlich.

»Sie haben das Recht auf Ihrer Seite und können jederzeit gesetzliche Hilfe in Anspruch nehmen. Mein Stand im Staate Colorado ist viel gefährlicher, denn einmal wohnt dort wirklich ein rauer und tatkräftiger Menschenschlag, halb Indianer, halb Weiße, und außerdem ist Miss Murray die einzige, welche Verwandte hat, die gerechten Anspruch auf die Erbschaft erheben können. Ich darf nicht so, wie Sie, einfach hervortreten und sagen: hier sind meine Legitimationen, meine Urkunde, und dort der Rechtsanwalt, der alles beglaubigt, sondern ich muss mich erst aufs Spionieren legen, worüber vielleicht lange Zeit vergehen kann.«

»Kennen Sie einen dieser Verwandten?«

»Nur insofern, dass er Verwandter jenes Altascarez ist, dem einst alle Silberminen in Amerika gehörten. Aber die Verwandtschaft soll eine sehr weitläufige sein. Miss Murray ist ein Schwesterenkelkind des alten Altascarez.«

»Und der Verwandte, der Ihnen gegenübertreten kann?«

»Ich kenne ihn noch nicht, weiß nicht einmal seinen Namen.«

»Und wenn er Ihnen gegenüber nun den Sieg zu behaupten scheint?«, fragte Spurgeon lauernd.

Kirkholm drehte sich eine neue Zigarette und antwortete:

»Dann gibt es noch Mittel, um diesen Verwandten der Miss Murray aus dem Wege zu räumen.«

Die Lokomotive stieß einen schrillen Pfiff aus. Sie näherte sich der Station von Shreveport.

Spurgeon nahm sein Gepäck in die Hand.

Der Zug brauste mit außerordentlicher Gewalt daher, ein Knirschen, ein Ruck, alles flog an die Wand, und Spurgeon riss die Tür auf.

»Success — guten Erfolg«, klang es noch einmal aus Spurgeons Munde, dann sprang er hinaus.

»Good luck, viel Glück«, rief Kirkholm ihm nach.

Eine halbe Minute verstrich, aber der Zug setzte sich noch nicht in Bewegung. Die wenigen Leute, die ihn benutzen wollten, waren schon längst eingestiegen, die ausgestiegen waren, hatten den Perron schon verlassen, nachdem sie ihr herausgeworfenes Gepäck zusammengesucht, die Schaffner standen bereits auf den Trittbrettern, denn beim Pacificzug gibt es kein Nachspringen, aber der Stationsvorsteher zögerte, das Abfahrtszeichen zu geben.

Neben dem Coupé von Kirkholm klammerte sich ein Schaffner, wie die Anderen, an das Messinggeländer und blickte erwartungsvoll nach hinten.

Kirkholm steckte den Kopf zum Fenster hinaus.

»Was ist los?«, fragte er. »Es sind nun schon fünf Minuten verstrichen.«

»Ein Herr wird noch erwartet«, entgegnete der Beamte.

»Und darum wartet der Zug?«, fragte Kirkholm erstaunt. »Seit wann nimmt die Pacificbahn denn solche Rücksicht?«

Der Beamte antwortete nicht; er lächelte schlau und machte nur mit den Fingern die Zeichen des Geldzählens.

»Ach so.« Kirkholm hatte sofort verstanden. »Das ist aber ein teures Vergnügen. Was kostet denn die Minute, welche der Zug für jemanden auf Bestellung wartet.«

»Zehn Sekunden hundert Dollar, jede Sekunde mehr gilt für voll.«

»Alle Wetter«, lachte Kirkholm, dem es gleichgültig war, ob er früher oder später sein Ziel erreichte. »Das macht ja schon dreitausend Dollar aus.«

»Den, der das Warten des Zuges bestellt hat, geniert das nicht weiter«, sagte der Schaffner geheimnisvoll.

»So, wer ist es denn? Vielleicht ein Aktionär von der PacificEisenbahn?«

»Weit vorbeigeschossen, so einer überlegt es sich reiflich, ehe er für zehn Sekunden hundert Dollar bezahlt, das bringt's ihm denn doch nicht ein. Nein, der Silberkönig soll es sein, habe ich munkeln hören.«

»Alle Wetter!«

In diesem Augenblick kam gemächlichen Ganges ein großer, starkgebauter Herr mit langem, blonden Vollbart auf den Perron, in der einen Hand einen kleinen, eisernen Kasten tragend, und hinter ihm her ein herkulischer, breitschultriger Neger, welcher seines Herrn ziemlich gewichtige Effekten nachschleppte, als hätte er Federkissen auf der Schulter.


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»Da hinein, Cäsar«, rief der Herr, auf den Gepäckwagen deutend. Gib gut acht auf den Lederkoffer und setze dich nicht auf den Rohrkorb! Halt, den gelben Koffer nehme ich selbst mit.«

Er nahm dem Schwarzen den Koffer ab und wandte sich dann an den Stationsvorsteher.

»Hat sich jemand beschwert?«

»Durchaus nicht«, versicherte der Beamte mit einer Verbeugung, »die Verspätung wird ja wieder eingeholt.«

»Wie viel Minuten habe ich gebraucht?«

Der Mann zog die Uhr.

»Fünf Minuten vierzig Sekunden.«

»Danke, ich hinterlege die Summe auf meiner Endstation. Nein«, sagte er, als der Vorsteher ihm ein leeres Coupé öffnen wollte, »ich liebe auf der Reise Gesellschaft.

Er stieg in den Wagen, an dessen Fenster soeben noch Kirkholms Kopf zu sehen gewesen war.

»Kapitän Hoffmann«, hatte dieser beim Anblick des Reisenden in unsagbarer Verwirrung gemurmelt, »also hatte Flexan doch recht, obwohl ich ihm nicht glauben wollte. Kapitän Hoffmann ist der Silberkönig. Was will er hier?«

Der Herr stieg zu ihm ein.

»Ready«, riefen die Schaffner und verschwanden in ihren Abteilungen, die Lokomotive pfiff, und im nächsten Augenblick hatten die Räder schon ihre normale Umdrehungsgeschwindigkeit erreicht, um die Verzögerung wieder einzuholen, und die Aktionäre der Pacificbahn konnten sich in die Summe von dreitausendvierhundert Dollar teilen, welche sie innerhalb fünf Minuten und vierzig Sekunden verdient hatten.

Gegenüber Kapitän Hoffmann — denn dieser war es wirklich — saß Kirkholm, und blitzschnell jagten dem jungen Manne die Gedanken durch den Kopf.

Das also war der Silberkönig, Kapitän Hoffmann, dessen Bild er von Flexan, gezeigt bekommen hatte; aber er hätte ihn schon aus dessen Beschreibung erkannt.

Dies war der hohe, athletische Wuchs, der lange, goldig strahlende Vollbart und das lockige Haar, die hohe, weiße Stirn, die scharfe, gerade Nase und die strahlenden, tiefblauen Augen, die zierlich geschwungenen Lippen und die kleinen Füße und Hände, die Erbschaft der Mutter; er hätte ihn erkannt, auch wenn dieser Mann oberhalb der rechten Augenbraue nicht die kleine Narbe gehabt hätte, die von einem Streifschuss herstammte.

Also hatte Flexan doch recht gehabt, Kapitän Hoffmann war der Silberkönig, der Nachfolger von Altascarez und der Besitzer jener Silberminen, welche ihm seinen Titel eintrugen.

Was wollte er hier? Nun ja, er machte eine Inspektionsreise nach seinen Gruben.

Sonst nichts weiter?

Miss Murray war eine entfernte Verwandte von Altascarez, Kapitän Hoffmann ein naher Verwandter, wenn sich beide auch vielleicht nicht kannten. Er, Kirkholm, war auf dem Wege nach Colorado, wo die Besitzungen des Mädchens lagen.

Und Hoffmann? Konnte er nicht dieser Verwandte sein, dessen Namen er noch nicht erfahren hatte, der die Erbschaft antreten wollte?

Krampfhaft umspannten Kirkholms Finger den Revolver, den beständigen Begleiter der Reisenden in Amerika, den jeder ohne Ausnahme in der Rocktasche trägt.

Der junge Mann hatte seinen furchtbarsten Feind vor sich, der alle seine seit Jahren geschmiedeten und kunstvoll angelegten Pläne zuschanden machen konnte. Es war nicht Zufall gewesen, dass sich nach Abreise der Vestalinnen die acht jungen Männer zusammengefunden hatten, die alle etwas verwandt mit den Damen, aber Wüstlinge im vollsten Sinne des Wortes waren.

In New York, der Metropole Amerikas trieben sie ihr Wesen oder vielmehr ihr Unwesen, sie kannten sich schon vorher, und nach und nach hatten sie sich, erst durch Blicke, dann mit Worten zu verstehen gegeben, welcher Gedanke sie beherrsche, nämlich: wie schön es wäre, wenn die Mädchen nicht wieder zurückkehrten und sie die Erben würden.

Dann waren sie in die Hände Eduard Flexans geraten, eines Menschen, der von Jugend auf als Verbrecher tätig gewesen, ja, als solcher erzogen worden war.

Er hatte ihnen gesagt, wie es zu machen wäre, um gefahrlos und sicher in den Besitz des Erbes der Mädchen zu kommen. Jahrelang hatten sie daraufhingearbeitet, in Angst und Sorge, und nun sie endlich dem Ziele nahe waren, kam dieser Mann und wollte Kirkholms fein angelegte Pläne zunichte machen.

Oho, er wollte sich seine Beute nicht so ohne weiteres entreißen lassen.

Und dann noch eins!

Vor Kirkholm saß jener Mann, welcher das Geheimnis auf der Brust trug, nach dessen Besitz sich Flexan sehnte. Kirkholm selbst sollte in dem Plane, den Flexan zu dessen Erlangung vorhatte, tätig sein, und glückte dies dem unermüdlichen Flexan, dann hatte er seinem Freunde eine Prämie von zweitausendfünfhundert Dollar versprochen.

Was mochte also erst dieses Geheimnis selbst wert sein! Der Chemiker Kinnaird, ihr verbrecherischer Genosse, sollte es enträtseln, das hatte Kirkholm erfahren.

Seine Finger umspannten noch fester den elfenbeinernen Kolben des Revolvers.

Ein Ruck, ein Druck hätte genügt, und Hoffmann läge ihm als Leiche gegenüber. Kirkholm hätte ihn nicht mehr als gefährlichen Nebenbuhler zu fürchten brauchen und wäre im Besitze des Geheimnisses gewesen.

Aber würde die kleine Revolverkugel dieses Riesen Lebenslicht sofort ausblasen können? Wäre ein solcher Angriff nicht gewesen, als schösse ein Kind mit einem Blasrohr nach einem Löwen?

Kirkholm fürchtete immer, diese blauen, strahlenden Augen, welche jetzt teilnahmsvoll in die schöne Landschaft blickten, könnten sich auf ihn wenden, und sie müssten seine Gedanken auf der Stirn lesen, so sehr schien dieser scharfe Blick Verborgenes erforschen zu können.

Es war ein gewagtes Spiel, diesen Mann mit dem Revolver in der Hand anzugreifen, und hier im Waggon unmöglich.

War Hoffmann denn überhaupt der, welcher sich um die Erbschaft von Miss Murray bemühte? Das war erst noch die Frage.

War dies der Fall, so konnte sich Kirkholm ihm als Begleiter anbieten, er hätte sich als einen Handelsmann ausgegeben, der in Colorado Geschäfte abzuwickeln habe, und auf dem Wege durch die unwirtlichen Wildnisse dieses Staates gab es hundertfache Gelegenheit, diesen Mann aus dem Leben zu schaffen und sich seines Geheimnisses zu bemächtigen.

Aber Vorsicht, erst ausspionieren, wohin Hoffmann wollte! In Amerika ist es schwer, jemanden über Ziel und Zweck seiner Reise auszufragen, oder nach seiner Beschäftigung, denn selbst unter den ärmlichsten Arbeitern gilt ein solches ›Ausholen‹ für unanständig.

Ein Gespräch zwischen zwei Reisenden im Coupé dreht sich hauptsächlich ums Wetter, um die Gegend, um die Verhältnisse der Bewohner und um alles andere; nur über private Angelegenheiten wird nicht gesprochen; nicht die kleinste Andeutung darüber, weder eine Frage, noch Antwort kommt vor, es sei denn durch Zufall, wenn etwa die Bequemlichkeit in Betracht kommt.

Doch Hoffmann selbst begann das Gespräch, welches Kirkholm ersehnte.

Nach einer Einleitung, das Wetter betreffend, fragte Hoffmann, ob die Betten im Schlafwagen gut seien.

»Nicht besonders«, antwortete Kirkholm, »die Federn sind nicht sehr gut, und man verspürt daher selbst im Schlafe das Rütteln des Wagens. Sie bedürfen der Reparatur.«

»Eine solche Reise von einer Küste zur anderen ist schrecklich; wenn man den Wagen verlässt, ist man wie gerädert.«

Kirkholm stimmte bei.

»Nun, ich habe glücklicherweise nur eine Nacht in dieser unangenehmen Lage zu verbringen; morgen früh acht Uhr habe ich erst mein Ziel erreicht«, sagte Hoffmann lächelnd.

Ha, das war's ja, was Kirkholm hören wollte, auch er musste um dieselbe Zeit den Zug verlassen, um die Reise hinauf nach dem gebirgigen Colorado anzutreten.

Hoffmann war also derjenige, welcher ihm die Erbschaft streitig machen wollte; noch einmal drückte Kirkholm die Finger krampfhaft um den Revolver, dann zog er die Hand aus der Tasche und führte die Unterhaltung liebenswürdig fort. Aber dabei schoss blitzähnlich noch einmal sein ganzes Leben an ihm vorüber.

Ein heiteres Knabenalter, bewacht von treuen, ehrlichen und wohlhabenden Eltern, dann deren Tod, schlechte Gesellschaft, Nächte in Saus und Braus, am Spieltisch, mit Balletteusen, eine Zeit, welche den kräftigen Jüngling entnervte, und dann kam der Ruin seines Vermögens, und dann — ja dann kam der Teufel, welcher ihm wieder aufhalf, aber unter Bedingungen — Eduard Flexan.

Das wüste Leben fand seinen Fortgang, Geldmittel waren immer vorhanden, manchmal im Überfluss, manchmal mangelhaft, aber immer genügend, um die Nächte durchzubringen und die Tage im weichen Bett zu verschlafen.

Flexan brauchte Kompagnons, welche Handschriften nachahmen konnten, welche in den Gesetzen der Vereinigten Staaten zu Hause waren, welche die Kunst der Bestechung kannten, welche auf die Herzen der Menschen einwirken konnten und so weiter, und Kirkholm war in diesen Künsten bewandert, er schwor zur Fahne Flexans.

Bis jetzt waren seine Hände noch rein von Blut, aber an diesem Manne da vor ihm wollte er zum ersten Male probieren, ob er sich auch zum Mörder eigne.

Eine halbe Stunde später war er mit Kapitän Hoffmann, den er gar nicht zu kennen vorgab, einig, dass er ihn auf seiner Reise durch Colorado begleite. Zu zweit reist es sich angenehmer, besonders, wenn der Weg nicht recht geheuer ist.

* * * * *

IV.9. Der Besuch

D ie Röte der Gesundheit begann Ellens bleiche Wangen wieder zu färben, aber lange hatte es gedauert, ehe ihre starke Natur den Sieg über die Krankheit errungen hatte.

Das Leiden stammte aus dem Herzen; der beständige Kampf des Stolzes mit der Liebe hatte es hervorgerufen, und letztere hatte gesiegt.

Ja, trotzdem Ellen äußerlich gesund war, zermarterte sie sich mit Vorwürfen, welche sie innerlich zu verzehren drohten. Lord Harrlington und Johanna, das waren die Personen, mit denen sie sich beschäftigen musste und die ihr des Nachts im Traume erschienen, aber niemals zürnend, sondern immer gütig, manchmal traurig, so wie sie dieselben zuletzt im Leben gesehen hatte.

Ach, wäre Ellen doch nie von dieser Krankheit genesen, wäre eine Höhle der Felseninsel doch ihr Grab geworden, wo sie, durch Steine von ihren Freundinnen getrennt, niemals mehr die mahnende Stimme des Herzens vernommen hätte, die ihr fort und fort vernehmlich zuflüsterte:

»Du hast Lord Harrlington zeitlebens unglücklich gemacht, du hast Johanna, welche Tag und Nacht über dein Leben gewacht hat, um dich dem Geliebten zu erhalten, auf dem endlosen Meere dem Tode ausgesetzt und vielleicht für immer, weil du im frevelndem Übermut sie einst zu diesem Wagnis herausgefordert, die Begleitung der treuen Engländer beständig abgelehnt und schließlich der warnenden Stimme Johannas kein Gehör geschenkt hast. Dich, dich allein trifft die Schuld, und die Freundinnen denken ebenso, wenn sie es dir gegenüber auch nicht merken lassen, weil sie dein Unglück nicht vergrößern wollen. Durch Anschuldigungen wird ihre Lage nicht gebessert, sie sind zu edel, um es dir fühlbar zu machen.«

Solche Gedanken waren es, welche Ellen fort und fort quälten, und welche sie nicht mehr wagen ließen, offen den Blicken ihrer Freundinnen zu begegnen. Sie vermied dieselben, wo sie nur konnte, war meist allein mit ihren schrecklichen Gedanken und redete sich immer aus, wenn die Damen mit aller Kraft versuchten, sie aufzuheitern und sie ihrem Trübsinn zu entreißen.

Die jungen Mädchen dachten freilich gar nicht daran, Ellen Vorwürfe zu machen, niemals war ihnen Ähnliches eingefallen, aber Ellens Trübsinn malte ihr dies vor. Sie war eine Kopfhängerin geworden.

Fast den ganzen Tag saß sie in der Höhle und suchte die peinigenden Gedanken dadurch zu verscheuchen, dass sie über die geheimnisvollen Kräfte der Insel nachbrütete, von denen sie gleich am Anfang selbst eine Probe gesehen, das Erlebnis während ihrer Krankheit hatten ihr die Freundinnen erzählt, und in der letzten Zeit war etwas geschehen, was die geheimnisvollen Kräfte in ein noch zauberhafteres Licht setzte.

Ellen hatte ein Geschenk erhalten — wer konnte sagen, von wem — und wenn dieses Geschenk nur hätte sprechen können, dann wäre das Geheimnis der Insel gelüftet gewesen.

Acht Tage nach Überstehung der Krisis kam die Kranke erst wieder völlig zur Besinnung, die sie bisher nur von Zeit zu Zeit erlangt hatte. Während dieser Periode gebrauchte die Rekonvaleszentin hauptsächlich leichte, angemessene Nahrung, und wunderbar war es, wie für diese von jenem geheimnisvollen, unsichtbaren Bewohner der Insel gesorgt wurde.

Neben den in einer Höhle aufgespeicherten Vorräten fand man eines Morgens Kisten, welche alles enthielten, was eine Fieberkranke zur Nahrung nötig hatte, und zwischen den Fässern gackerte eine stattliche Anzahl von Hühnern herum, deren Fleisch das beste ist, was ein Kranker genießen kann.

Neues Staunen unter den Vestalinnen, weniger über die Art und Weise, wie dies alles hierher gekommen, daran waren sie schon gewöhnt, als vielmehr über die Vorsorglichkeit, mit der alles ausgewählt worden war. Ein Arzt musste die Speisen ausgesucht haben.

Aber das Staunen der Damen steigerte sich noch.

Das Mädchen, welches die Kranke zu pflegen hatte, wollte ihr das Frühstück bringen, aber entsetzt fuhr sie zurück, als sie die halbdunkle Höhle betrat.

Da lag auf Ellens Bett, quer über der Brust der Kranken, ein gelbes Tier und starrte die Eintretende mit grünlich funkelnden Augen an.

Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte die Krankenpflegerin die Tasse mit Schokolade fallen lassen, denn mit einem Satze war das etwa zwei Fuß hohe, katzenähnliche Tier von dem Bett herunter und sprang außer sich vor Freude, bald an dem Mädchen empor, bald wieder nach der schlafenden Ellen zurück.


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»Juno«, schrie da plötzlich das Mädchen, setzte die Tasse auf den Tisch und nahm das Tier Ellens, das sich während der kurzen Fahrt in die Herzen aller einzuschmeicheln gewusst hatte, auf den Schoß.

Die junge Löwin, die erst mit der Milchflasche aufgezogen werden musste, hatte sich während des Aufenthalts bei den Vestalinnen — drei Wochen — prächtig entwickelt, und, nach einer Trennung von zehn Tagen, konnte man ein deutliches Wachstum bemerken.

Innerhalb zweier Monate hatte sie schon die volle Größe erreicht, sie versprach ein prachtvolles Tier zu weiden.

Bekanntlich sind weibliche Löwen völlig zähmbar, das heißt, ohne jede Gefahr für den Menschen, den sie kennen, bleiben aber immer Raubtiere solchen gegenüber, auf welche sie gehetzt werden. Bei männlichen Löwen kann die angeborene Wildheit dagegen immer wieder hervorbrechen, besonders während der Brunstzeit, und sie werden dann selbst ihrem Herrn gefährlich.

Juno hatte die kleinen Kunststücke noch nicht vergessen, die ihr Ellen beigebracht hatte, sie stellte sich auf Befehl tot und nahm die ihr gereichten Leckerbissen nur auf ein bestimmtes Wort aus der Hand, wie sich das Mädchen und ihre herbeigerufenen Freundinnen auf der Stelle überzeugten.

Wie kam Juno hierher? War sie von allem Anfang hier gewesen und hatte sie sich nur versteckt? Das war nicht möglich, das zarte Tier wäre verhungert, hätte sich überhaupt nicht von den Damen und besonders Ellen, an der es mit großer Zärtlichkeit hing, entfernt halten können.

Ja, wenn das kleine Maul mit den spitzen Zähnchen hätte erzählen können, dann wäre die Neugier der Mädchen wenigstens in etwas befriedigt worden.

Juno hätte gesagt, dass sie von den rohen Piraten über Bord geschleudert wurde, weil sie einem Manne, der sie in den Schwanz kniff, empfindlich in die Finger gebissen hatte, wie sie gleich nach dem Sturz ins Wasser wieder aufgefischt worden war und auf dieser Insel schon mehrere Tage, und zwar recht schöne verlebt hatte.

Sie erkannte Ellen sofort wieder, als sie dieselbe sah, liebkoste sie auf ihre Art, und wunderte sich, dass diese Liebkosungen nicht erwidert wurden. Destomehr aber fand dies jetzt vonseiten der übrigen Mädchen statt.

Die junge Löwin trug noch dasselbe goldene Schuppenhalsband, welches Ellen an der Küste sich von einem in dergleichen Arbeiten bewanderten Neger hatte anfertigen und auf dem sie den Namen ›Juno‹ hatte eingravieren lassen. — Der gebissene Pirat hatte nicht gewagt, dem nach seiner Hand schnappenden Tiere diesen Schmuck abzunehmen — aber es wurde darunter kein Zettelchen gefunden, welches Aufklärung in die Sache gebracht hätte, wie man zuerst noch hoffte.

Juno war da, und man empfand wenigstens Trost, dass es sich immer mehr zeigte, dass auf dieser Insel noch jemand lebte, der wohlwollenden Anteil an den Mädchen nahm. Es war allen eine Beruhigung, man fühlte sich nicht verlassen und baute auf dieses Mächtigen Schutz.

Hauptsächlich freute man sich Ellens wegen, wenn diese davon vernahm, denn sie hatte das Tier wirklich geliebt und war trostlos gewesen, als sie bemerkte, dass die Piraten ihren Liebling mitgenommen hatten.

Ellen empfand auch wirklich eine unaussprechliche Freude beim Wiedersehen ihrer Juno, sie lachte seit langer Zeit zum ersten Male wieder, und als ob das Tier Einfluss darauf gehabt hätte, besserte sich ihr Zustand zusehends.

Sie ließ es nicht mehr von sich, es schlief zu ihren Füßen, es nahm mit ihr seine Mahlzeit ein, und die Hauptbeschäftigung Ellens bestand jetzt darin, ihren Liebling abzurichten.

Wie gesagt, sie mied den Umgang mit ihren Freundinnen, denn seit ihr kräftiger Körper die Krankheit besiegt hatte, war eine Umwandlung in ihrem Herzen vor sich gegangen. Sie fühlte sich schuldig, wohin ihre Erinnerung auch schweifte. Sie konnte den Anblick der Mädchen nicht mehr ertragen, weil sie in deren Blicken Vorwürfe zu lesen glaubte.

Stundenlang konnte sie in der Höhle sitzen, mit der Löwin spielen, sie Kunststücke lehren und nebenbei darüber nachdenken, auf welche Weise sie wohl hierher gekommen sei. Nur dadurch gelang es ihr, die Stimme des Gewissens zu betäuben. Wohl gestattete sie, dass ihre speziellen Freundinnen, wie Miss Thomson und Miss Murray, sich mit ihr unterhielten, aber da man es ihr ansah, wie viel lieber sie allein war, so entfernten auch diese sich meist bald wieder.

Was die Mädchen vornahmen, um sich den Aufenthalt in dem Felsengefängnis zu erleichtern, wie sie sich die Zeit vertrieben, das alles ließ Ellen gleichgültig. Sie zeigte nur Teilnahme, wenn ihr berichtet wurde, wie wieder die geheimnisvolle Hand ihnen mit irgend etwas behilflich gewesen war, was ziemlich oft passierte.

Es brauchte nur etwas zu fehlen, und die Mädchen hatten nur nötig, den Wunsch auszusprechen, dass sie es besitzen möchten, so konnten sie darauf rechnen, es am anderen Morgen zu finden. Aber niemand wurde dabei gesehen. Nur einmal behauptete ein Mädchen, eine weibliche Gestalt in einer Höhle gesehen zu haben, ebenso wie das erste Mal Miss Thomson, aber in einer anderen, doch ebenso wenig, wie vorher, konnte man eine Spur von ihr finden oder eine Tür in jener Höhle entdecken.

Solchen Berichten lauschte Ellen gern. Sie grübelte darüber nach und sagte gelegentlich zu ihren Freundinnen, sollten sie wirklich einen Besuch bekommen, so dürfe diesem nichts verraten werden, dass außer den Vestalinnen noch ein anderes oder andere Wesen die Insel bewohnten, durch welche sie unterstützt würden. Selbst die Spuren der Geschenke müssten dann schnell beseitigt werden.

Dieser von Anderson angedeutete Besuch war es, der Ellen in nervöser Aufregung hielt. Sie wusste nicht, ob sie ihn ersehnte, oder ob sie sich vor ihm fürchtete, aber sie ahnte, dass er eine Entscheidung bringen musste, und sie, Ellen, würde diese herbeiführen.

Woche nach Woche verging. Ellens nervöse Spannung steigerte sich, und schon fürchteten ihre Freundinnen einen Rückschlag der Krankheit, als endlich die Prophezeihung des Piraten in Erfüllung ging — der Besuch kam.

Eines Morgens erblickten die Vestalinnen hoch über den Felsspitzen der Insel eine Rauchwolke schweben, erst zusammengeballt, dann aber sich im blauen Äther auflösend, sie veränderte fortwährend ihren Standpunkt, aber immer strömte der zerfließenden Wolke neuer Rauch nach.

Bald waren die Damen zu der Ansicht gekommen, dass dieser von einem Dampfer herrühren müsste, welcher der Insel zustrebte, denn die Wolke ward immer dichter. Ein Mädchen erkletterte die Mauer, sah aber nichts, denn das Schiff näherte sich von der anderen Seite.

Ellen war von der Ahnung durchdrungen, dass dieses Schiff den versprochenen Besuch brächte, und bat, nicht mehr nach ihm auszuschauen.

Es dauerte auch nicht lange, so konnten die Damen an der Lücke in der Felswand die beiden Masten eines kleines Dampfers vorbeigleiten sehen, dann hörte man Kommandos erschallen, Ketten rasseln und ein Plätschern im Wasser — der Dampfer ging an der Insel vor Anker, er war ihretwegen hierher gekommen.

Der Tag verging jedoch, ohne dass man ein Lebenszeichen von der Mannschaft erhielt, das Schiff konnte man von der Mauer aus auch nicht sehen, und so blieb nichts anderes übrig, als geduldig zu warten.

Die Mädchen standen zusammen und unterhielten sich. Es war seit einem Monat das erste Mal wieder, dass Ellen sich unter ihnen befand. Was sie in dieser Zeit über das rätselhafte Wesen der Insel und seine Hilfe sich zurecht gelegt hatte, teilte sie jetzt ihren Freundinnen mit und fand deren völlige Beistimmung.

»Derjenige«, sagte sie, »welcher uns auf dieser Insel ausgesetzt, hat selbst keine Ahnung davon, dass die Insel außer uns noch bewohnt war, sonst hätte er es uns jedenfalls mitgeteilt und gesagt, wir sollten uns, im Falle uns etwas fehlte, an diesen Helfer wenden. Im Gegenteil. Anderson sagte, es würde von Zeit zu Zeit ein Schiff kommen, das uns mit allem Nötigen versehen würde, und wenn uns etwas fehlte, so sollten wir es ihm gleich oder bei seiner Rückkehr sagen.« Die Freundinnen stimmten ihr bei.

»Da sich das geheimnisvolle Wesen, welches jedenfalls im Innern der Insel wohnt, uns nicht selbst zeigt«, fuhr Ellen fort, »so will es jedenfalls auch nicht, dass wir den Piraten davon erzählen oder überhaupt durch irgend etwas andeuten, dass über uns jemand wacht. Haben Sie daher jede Spur vernichtet, welche die fremde Hilfe verraten könnte?«

Die Mädchen versicherten, dass nichts zu finden sei, weder Kiste, noch Fass, noch Huhn, noch sonst etwas, was im Laufe der Zeit zu ihnen gekommen war. Alles war sorgfältig in eine entlegene, schwer zugängliche Höhle versteckt worden.

»Dass meine Annahme richtig ist«, sagte Ellen wieder, »zeigt sich mir noch in einem anderen, ebenfalls ganz sonderbaren Umstand. Ich hatte Juno in eine Kiste gesperrt und diese in dem äußersten Winkel meiner Höhle versteckt. Kurz darauf wollte ich noch einmal nach dem Tier sehen, um es mit Futter zu versehen, aber zu meinem größten Erstaunen fand ich die Kiste leer und Juno spurlos verschwunden. So zeigte mir das geheimnisvolle Wesen also selbst an, dass es nicht verraten sein will.«

Ein Mädchen eilte plötzlich nach jener Höhle, in der alles andere versteckt worden war, und kehrte mit der Staunen erregenden Nachricht zurück, dass die Gegenstände ebenfalls spurlos verschwunden wären.

»Es ist ein deutliches Zeichen, wie sehr sich dieses Wesen für uns interessiert«, rief Ellen, zum ersten Male wieder freudig. »Was uns nun auch bevorstehen mag, wir haben einen Helfer zur Seite, von dessen Macht ich überzeugt bin. Wer einen nassen Holzstoß aus der Ferne anzünden kann, der wird wohl auch imstande sein, uns vor unrechtmäßigen Handlungen zu schützen.«

»Und dann«, rief Miss Murray, »sind wir auch nicht die Personen, welche sich ohne weiteres einem Befehle fügen, welcher uns nicht passend erscheint. Haben wir auch keine Waffen, so sind wir doch noch im Besitze unserer Arme und Hände, und in denen sollen selbst die kleinen Messer zu furchtbaren Waffen werden.«

»Trotzdem bitte ich die Damen dringend«, entgegnete Ellen, »sich zu keiner voreiligen Handlung hinreißen zu lassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Besuch mir gilt. Lassen Sie den Betreffenden, der mich vielleicht sprechen will, zu mir und ruhig bei mir bleiben! Ich vertraue auf die Hilfe der unsichtbaren Person, des Schutzgeistes, welcher mir das Leben gerettet hat und mir wohl auch fernerhin zur Seite stehen wird. Und im Falle der höchsten Not, kann ich ja auch auf Sie zählen. Aber tun Sie nichts, was eine Unterredung stören könnte, ich bitte Sie darum.«

Die Damen versprachen dies.

Da tönte in der Felsenbresche ein Schuss, hundertfach brach sich das Echo an den Steinwänden, und die Mädchen sahen durch den Schatten des Abends einen Mann langsam auf sich zukommen.

»Seinem Gange nach ist es Mister Anderson, der angebliche Detektiv«, flüsterte Miss Sargent. »Er kündigt durch den Schuss an, dass er Waffen bei sich führt. Wirklich, das ist sehr vorsichtig von dem Manne.«

»Bleiben Sie hier«, flüsterte Ellen ihren Freundinnen zu, »ich werde ihm etwas entgegengehen, damit er nicht Misstrauen schöpft und erst lange Unterhandlungen wegen der Sicherheit seiner Person anfängt. Ich werde so laut sprechen, dass Sie alle es verstehen können.«

Sie ging dem Ankommenden entgegen und blieb zehn Schritte vor ihm stehen. Er stand ebenfalls.

»Wer ist es, der diese Insel betritt?«, fragte Ellen laut.

Der Mann räusperte sich verlegen, dann erwiderte er ebenso deutlich.

»Sie kennen mich, ich nannte mich Ihnen gegenüber Mister Anderson. Sie sehen, ich komme in friedlicher Absicht, verhalten Sie und Ihre Gefährtinnen sich ebenfalls friedlich, und nichts soll Ihnen geschehen. Im anderen Falle aber werde ich mich verteidigen, und auf meinen Schuss strecken sich Ihnen dort über die Mauer zwanzig Gewehrläufe entgegen.«

»Schon gut«, unterbrach Ellen den Sprecher, »wir werden in Frieden miteinander verhandeln. Sie haben uns ja keine Waffen gelassen. Was führt Sie hierher?«

Anderson war verblüfft und verlor die Fassung. Er hatte sicher geglaubt, die Mädchen entweder im Zustande der tiefsten Niedergeschlagenheit und Zerknirschung anzutreffen oder in einem Grade der Verzweiflung, der sie zu allem fähig machte. Nicht ohne Besorgnis hatte er auf Befehl diesen Gang unternommen; wie leicht konnten die Mädchen sich auf ihn stürzen und durch nichts zu halten sein, denjenigen, der sie in diese trostlose Lage gebracht hatte, mit bloßen Händen zu erwürgen.

Dass aber Ellen ihm entgegnete, als wäre sie Gebieterin dieser Insel, und die übrigen Mädchen sich wie eingeschulte Soldaten verhielten, die nur das Kommando zum Angriff erwarteten, beunruhigte ihn nur noch mehr. Doch er musste antworten.

»Sie haben also nicht die Absicht, irgend etwas Feindseliges gegen mich und die, welche mir folgen werden, zu unternehmen?«

»Nein, wenn wir nicht gezwungen werden, uns zu verteidigen.«

»Auf Ihr Ehrenwort?«

»Auf mein Ehrenwort.«

Der Unterhändler war zufrieden.

»Als ich Sie vor fünf Wochen auf dieser Insel Ihrem Schicksal überließ, kündigte ich Ihnen an, dass Sie von einem Herrn aufgesucht werden würden.«

»Ich wüsste nicht, dass Sie von einem Herrn gesprochen hätten, Sie sagten nur von einem Besuch.«

»Ich meinte meinen Herrn damit. Dieser ist nun angekommen und wünscht mit Ihnen, Miss Petersen, eine Unterredung. Wollen Sie ihm dieselbe gewähren?«

»Ja.«

»Ohne einen Versuch zu machen, sich seiner zu bemächtigen?«

»Dieser Herr scheint sehr ängstlicher Natur zu sein«, sagte Ellen spöttisch.

»Da irren Sie sich«, entgegnete Tannert oder Mister Anderson, »aber er würde sich natürlich nicht fangen lassen, damit Sie an ihm Ihr Mütchen kühlen könnten, sondern er würde sich wehren, Hilfe würde sofort erscheinen, es würde Gewalt angewendet werden, und das will er vermeiden.«

»Wo soll die Unterredung stattfinden?«

»Auf dieser Insel.«

Ellen atmete erleichtert auf, und unter den lauschenden Mädchen entstand eine Bewegung. Sie hatten schon gefürchtet, Ellen sollte von ihnen entführt werden, was sie allerdings nicht geduldet hätten, ebenso wenig, wie Ellen eingewilligt hätte.

»Ich bin bereit, ihn zu empfangen«, sagte Ellen.

»Wo auf dieser Insel wünschen Sie ihn zu sprechen?«

»Auf demselben Platze, wo wir jetzt stehen.«

»Das geht nicht. Die Unterredung soll eine geheime sein, kein fremdes Ohr darf Zeuge derselben sein. Versprechen Sie, dass die anderen Damen dem Gespräch nicht zuhören?«

»Ich verspreche es Ihnen im Namen meiner Freundinnen«, sagte Ellen schnell. »Sehen Sie dort rechts die vierte Höhle? In dieser werde ich den Herrn erwarten, dort soll er mit mir allein sprechen können.«

Tannert freute sich, dass er sich seines Auftrages so schnell erledigen konnte.

»Wer ist der Herr?«, fragte Ellen.

»Ich kenne ihn nicht.«

»Wann wird er kommen?«

»Erwarten Sie ihn um 10 Uhr nachts.«

»Gut, ich werde ihn dort empfangen, und sagen Sie ihm, dass seine ihm so überaus wertvolle Person gesichert bleiben soll«, sagte Ellen spöttisch, »denn wir verschmähen es, unsere Hände durch die Berührung jemandes zu besudeln, den wir für ehrlos halten. Wer unschuldige Menschen ohne Grund ihrer Freiheit beraubt, ist in unseren Augen ein Schurke. Sagen Sie ihm das und zugleich, dass er sich nicht zu fürchten braucht, so lange er sich höflich benimmt.«

»Haben Sie sonst noch etwas hinzuzufügen?«, fragte Tannert, der nichts sehnlicher wünschte, als die Unterredung mit dem Mädchen abzubrechen, in dessen Nähe es ihm unbehaglich wurde, weil es wie eine Königin auftrat und ihn wie einen Diener behandelte.

»Nein.«

»So gehe ich und werde alles ausrichten, bis auf Ihre letzten Worte; also um 10 Uhr, rechts die vierte Höhle«, sagte Tannert, verbeugte sich höflich und ging dem Eingange der Bresche zu.

»Bestellen Sie Ihrem Herrn getrost auch die letzten Worte«, rief Ellen ihm noch nach.

»Endlich«, sagte Ellen, als sie sich ihren Freundinnen wieder zugesellt hatte, »endlich wird sich alles aufklären, was mich während zweier Jahre unzählige Male bedrückt hat; der Moment ist gekommen, da sich zeigen wird, warum wir stets und ständig, zu Wasser und zu Lande, von bösen Menschen verfolgt worden sind, die uns zu fangen, ja, selbst zu töten suchten.«

Und nun begann Ellen von ihrem Stiefvater zu erzählen. Es war das erste Mal, dass sie sich ihren Freundinnen betreffs dieser Sache aussprach.

Sie schilderte, wie dieser Mann sie hasste, weil er alle seine Bemühungen, in den Besitz ihres Vermögens zu kommen, scheitern sah; sie erzählte, wie er versucht habe, durch eine Heirat mit seinem Neffen sich dasselbe zu sichern, und bezeichnete ihn als denjenigen, welcher sie während der ganzen Reise verfolgen lassen und oft zu töten versucht habe.

Dass darunter die anderen Mädchen gleichfalls leiden mussten, wäre ihr erst später zum Bewusstsein gekommen, jetzt aber müsse sie sich schwere Vorwürfe deswegen machen. Ellen zweifelte nicht, dass der alte Flexan, ihr Stiefvater, sie fangen und hier aussetzen ließ, um eine Unterschrift von ihr zu erlangen, und sie zweifelte auch nicht, dass er selbst mit ihr sprechen würde.

Die Freundinnen wiesen energisch die Behauptung zurück, dass Ellen allein an ihrem Unglück Schuld trüge, sie waren vielmehr nach und nach zu der Ansicht gekommen, dass es auf sie alle abgesehen wäre.

»Wie dem auch sei«, sagte Miss Murray, »gewähren Sie dem Mister Flexan die Unterredung und hören Sie ihn ruhig an. Natürlich müssen wir von Ihnen verlangen, Miss Petersen, dass Sie in keine Bedingung willigen, welche Ihrer Ehre zuwiderliefe, nur darum, um unser Schicksal zu mildern. Ebenso wenig, wie ich etwas Derartiges tun würde, verlange ich es von jemandem anders, und am allerwenigsten von einer Freundin, denn was dieser geschieht, geschieht auch mir.«

»So gehen Sie in Ihre Zelte oder in Ihre Höhlen«, entgegnete Ellen, ohne auf die Ermahnung der Miss Murray zu achten, »die Zeit bis 10 Uhr ist kurz. »Ich bitte sie nochmals, uns allein zu lassen, ich teile Ihnen das Gespräch später mit. Einmal traue ich auf den Schutzgeist der Insel, ich bin fest überzeugt, dass er mir auch diesmal hilfsbereit zur Seite stehen wird, und brauche ich dennoch Hilfe, um mich eines Angriffes zu erwehren, so wird mein Ruf Sie immer noch rechtzeitig erreichen.«

Die Damen versprachen was von ihnen verlangt wurde, und begaben sich in ihre Zelte oder Höhlen, gespannt die Zeit erwartend da der Unbekannte, wahrscheinlich also Ellens Stiefvater, die Insel betreten würde.

Ellen schritt ungeduldig, fieberhaft erregt, in ihrer Höhle, die sie allein bewohnte, auf und ab. Sie glaubte, das Herz müsse ihr zerspringen, so pochte und hämmerte es gegen das enge Kleid.

Was mochte ihr die nächste Stunde bringen?

Ellen war fest entschlossen, nicht nachzugeben und lieber den Tod zu ertragen, als in Bedingungen zu willigen, wodurch sie diesen Mann, den sie immer mehr zu hassen begann, an das Ziel seiner ehrgeizigen Pläne brächte.

Aber was würde dann aus ihren Freundinnen? Sollten diese ihretwegen zur ewigen Gefangenschaft auf dieser Insel, ja, vielleicht dem Tode geweiht sein?

Nein, das ging auch nicht! Heiliger Gott, gab es denn nur gar keinen Ausweg?

Da wurde die Portiere zurückgeschlagen, und eine hohe Gestalt trat herein, in einen dunklen Mantel gekleidet, der selbst das Gesicht verhüllte.

Er schritt auf Ellen zu — der den Erdboden bedeckende Teppich dämpfte seinen Schritt — und blieb vor dem Mädchen stehen.

Es musste der Stiefvater sein, dies war seine Gestalt.

Langsam entfernt der Mann die Umhüllung vom Gesicht, und mit einem Schrei taumelte Ellen zurück.


Illustration

Das schwache Licht der Lampe beleuchtete nicht ein altes, sondern ein junges, leidenschaftlich erregtes Gesicht; die Augen hingen begehrend auf ihren Zügen. Auch ihn hasste sie, sie hatte es ihm oft gesagt, sie verabscheute seine Liebe, seine Person, und doch kam er aus keinem anderen Grunde, als um abermals ihre Liebe zu begehren. Es war Eduard Flexan.

* * * * *

IV.10. Liebe oder Tod

»Mister Flexan«, hauchte Ellen mit bebenden Lippen, »träume ich oder wache ich?«

»Ich bin's, Eduard Flexan«, entgegnete der Mann ruhig, »derjenige, der Ihnen schon einmal seine Liebe gestanden hat, die Sie aber abgewiesen haben, der nur immer an Sie gedacht hat, und der jetzt noch einmal vor Ihnen steht, Sie um Erhörung anflehend.«

Ellen war einen Schritt zurückgetreten und hatte die Hände abwehrend vorgestreckt. Sie wollte nicht noch einmal in dieses vor Leidenschaft glühende Gesicht sehen; sie wandte sich halb ab.

»Gehen Sie weg von hier!«, sagte sie mit dumpfer Stimme. »Diese Insel hat nicht Platz für uns beide. Jetzt erkennen meine Augen mit einem Male mit furchtbarer Klarheit, wem wir all unser Unglück, das, welches früher schon öfter über uns hereinbrach, und dieses neue zu verdanken haben. Sie, Elender, sind es gewesen, der uns unermüdlich hat verfolgen lassen, gedungene Straßen- und Seeräuber auf unsere Spur gelenkt und uns endlich auf dieser Insel ausgesetzt hat.«

Doch plötzlich fühlte Ellen, wie ihre Knie umschlungen wurden; Flexan lag ihr zu Füßen. Vergebens versuchte sie sich ihm zu entwinden, es gelang ihr nicht.

Willenlos musste sie dulden, dass Flexan sie immer fester umschlang und ihr heiße Worte zuflüsterte.

»Ellen, habe Erbarmen! Was habe ich dir getan, dass du mich von dir stößt? Bin ich dir jemals anders als höflich oder liebevoll entgegengetreten? Du aber nahmst meine Liebe stets für Zudringlichkeit, du wiesest mich kalt ab, doch ich ließ mich nicht abschrecken, ich folgte dir immer, ich zürnte dir auch nicht, als du mich damals auf der Plantage mit Spott und Schmach überhäuftest, als du mich in den Sumpf locktest. Meine Liebe zu dir blieb immer dieselbe. Ich sah, du verachtetest mich, aber trotzdem musste ich dich lieben. Ich folgte dir auf deiner Reise, ich erspähte jede Gelegenheit, dich in meinen Besitz zu bekommen — warum sollte ich es jetzt verleugnen — aber es gelang mir nicht — bis jetzt! Endlich, Ellen, endlich habe ich dich. Himmel und Hölle, — jetzt endlich musst du mir gehören; du musst mir sagen, dass du mich liebst, nur ein einziges Mal, oder —«

Flexan hielt inne; Ellen gab plötzlich ihre Anstrengungen, sich zu befreien, auf, sie beugte ihr purpurrotes Gesicht zu dem Knienden herab und fragte leise:

»Oder was?«

»Oder du wirst deine Liebe niemals einem anderen schenken können.«

»Ist das alles?«, lachte Ellen bitter. »Ich sehne mich gar nicht so nach der Liebe eines Mannes.«

»Du forderst meinen Hass heraus«, fuhr der nach Atem ringende Flexan fort.

»Ich habe ihn nicht zu fürchten.«

»Ellen«, flehte Flexan, »sprich nicht so! Ich vergehe vor Liebe, und du sprichst von Hass. Meine Liebe zu dir ist stark, sie überwindet alles, aber fürchte meinen Hass, er könnte noch gewaltiger sein! Alles, was du mir bis jetzt getan, deine Verachtung, dein Hohn konnten ihn nicht erwecken, noch liebe ich dich. O, Ellen, spiele nicht mehr mit meiner Liebe!«

Er umklammerte Ellens Knie noch fester, da aber gelang es dem Mädchen, sich durch eine verzweifelte Anstrengung zu befreien.

»Ich sehne mich nach Ihrem Hasse mehr, denn nach Ihrer Liebe, und da bisher nichts vermochte, Sie davon abzubringen, so wird vielleicht dies es bewirken, Elender.«

Ehe Flexan ahnte, was Ellen vorhatte, fühlte er einen Schlag auf seiner Wange brennen, und derselbe war so kräftig gewesen, dass der auf den Knien Liegende, hintenüber fiel.

Ein Wutschrei gellte durch die Höhle. Einen Augenblick blieb Flexan am Boden liegen, als hätte ihn der Schlag getötet, dann aber sprang er zähneknirschend auf. Schaum stand ihm vor den Lippen.

»Weib«, schrie er, »das sollst du mir büßen!«

Ellen stand im Hintergrunde der Höhle, das Gesicht bleich und die Augen fest auf den Wütenden gerichtet. Sie brauchte sich nicht zu fürchten, sie verstand es, auch waffenlos einem Bewaffneten zu begegnen und ihm den Dolch aus der Hand zu ringen.

Flexan trat auf sie zu, er hatte sich wieder etwas beruhigt, sein Gesichtsausdruck war höhnisch aber furchtbar, als er sagte:

»So, du glaubtest, dadurch würdest du mich los? Hahaha, törichtes Weib, ich habe die Macht, dich zur Liebe zu zwingen, wenn du sie mir nicht freiwillig gibst, und ich werde von dieser Macht Gebrauch machen.«

»Ich verabscheue Sie«, sagte Ellen verächtlich.

»Immerzu, je mehr du dich sträubst, desto besser wird der Sieg mir schmecken. Die Liebe wird besser, wenn man sie erzwingt.«

»Versuchen Sie es nicht, es wäre Ihr Tod.«

»Und du?«, lachte Flexan. »Wisse denn, dass du, wenn du dich weigerst, mir gehorsam zu sein, dem Tode verfallen bist!«

»Ich ziehe denselben Ihrer Liebe vor.«

Flexan geriet durch diesen Widerstand außer sich. Er wollte sich auf das Mädchen stürzen, aber er sah in die fest auf ihn gerichteten Augen und in die energischen Züge und besann sich im letzten Augenblicke eines anderen. Dieses Mädchen zu zwingen, war doch nicht so leicht.

»Ellen«, sagte er nochmals in flehendem Tone, »nimm Vernunft an, ich bitte dich! Auch diese neue Schmach, die du mir zugefügt hast, will ich dir verzeihen. Du und deine Freundinnen, ihr seid in meiner Gewalt, es bedarf nur eines Wortes von mir, so fliegt die Insel mit allem, was darauf ist, in die Luft; Vorbereitungen dazu sind getroffen. Ich verlange ja nichts Ungebührliches von dir; sei mein Weib, folge mir nach, ich selbst bin vermögend, ich brauche deinen Reichtum nicht. Oder gehe mit mir in deine Heimat, ich will nichts haben, nichts annehmen, was dir gehört, ich will dich nur als mein Weib haben!«

»Aber ich will Ihr Weib nicht sein!«, entgegnete Ellen fest.

»Und ich halte mein Wort; folgst du mir nicht, so bist du mit deinen Freundinnen verloren; niemals werdet ihr in eure Heimat zurückkehren; kein Mensch wird jemals erfahren, wo ihr geblieben seid. Schon jetzt geltet ihr als verschollen; man glaubt, die ›Vesta‹ sei untergegangen und ihr mit.«

»Wir haben Freunde, welche nicht eher ruhen werden, als bis sie uns gefunden haben.«

»Denkst du an Lord Harrlington und seine Freunde? Da irrst du. Sie haben euch längst schon als Tote beweint. Sie sind nach Südamerika gegangen, um auf dem Landwege nach eurer Heimat zu kommen und das Unglück selbst zu verkünden, sind aber samt und sonders in einem Indianeraufstand zugrunde gegangen.«

»Sie lügen, wie Sie immer gelogen haben«, fuhr Ellen hastig auf.

»Ich lüge nicht, es ist so«, behauptete Flexan.

Ellen glaubte ihm aber doch nicht.

»Kommst du als mein Weib mit mir«, fuhr Flexan fort, »so bist du frei und mit dir alle deine Freundinnen. Noch diese Nacht, jetzt gleich werden sie auf das Schiff gebracht, welches euer harrt, und wir fahren dorthin, wo die ›Vesta‹ liegt. Sie können dann gehen wohin sie wollen, du aber bleibst bei mir und folgst mir.«

»Trauen Sie mir auch, wenn ich Ihnen verspreche Ihnen anzugehören?«

»Ich traue dir, denn eine Rückkehr wäre nicht mehr möglich. Noch ehe ihr diese Insel verlasst, würde ich von dir mehr als ein Versprechen fordern.«

»Ich verstehe, ich verstehe«, unterbrach ihn Ellen, wieder purpurrot werdend, mit unheimlich glühenden Augen. »Für was halten Sie mich? Glauben Sie, mein Leben sei mir lieber als meine Ehre? Von Ihnen ist so etwas zu erwarten, aber nimmermehr von Ellen Petersen.«

»Oho, es wird dir noch klar werden, dass meine Liebe angenehmer ist, als der Tod«, entgegnete Flexan, »du bist in meiner Macht, vergiss das nicht! Dein Leben gehört nicht mehr dir, sondern mir, ebenso wie das deiner Freundinnen.«

Der Mann gewann immer mehr seine Fassung wieder, seine Worte, wie seine Züge wurden immer teuflischer.

»Nochmals, ich ziehe den Tod vor!«

»So würdest du es ertragen können, zu sehen, wie deine Freundinnen hier auf dieser Insel langsam den Hungertod sterben? Erschrick nur nicht, ich spreche nicht von dir, sondern von deinen Freundinnen, die du doch zu lieben vorgibst. Wie wäre dir denn zu Mute, wenn du selbst im Überflusse in einem Käfig säßest und zusehen müsstest, wie deine Gefährtinnen langsam verhungern, wie sie nach deinem Überfluss schmachten und du doch unfähig bist, ihnen etwas zu geben, und wenn dann der Hunger über die Menschlichkeit siegt, wenn sie sich gegenseitig mit lüsternen Blicken betrachten, wenn sie übereinander herfallen und die aufessen, die sie früher Freundin genannt? Nun, Ellen, würdest du auch dann nicht bereuen, meine Liebe mit schnöden Worten abgewiesen zu haben?«

Ellen war starr. Sie fühlte, wie sich ihr Haar sträubte, als dieser Mensch ihr solche Bilder vor das Auge führte.

»Sie Teufel in Menschengestalt«, sagte sie endlich leise, »solcher Handlungen wären Sie fähig?«

»Warum nicht?«, versetzte Flexan kalt, die Arme übereinander kreuzend. »Um dich zu erlangen, scheue ich kein Mittel. Mein bist du doch, dagegen hilft kein Widerstreben, nur durch Selbstmord könntest du mir entgehen. Aber wisse, legst du Hand an dich selbst, so müssen deine Freundinnen für dich büßen. Einzeln, langsam lasse ich sie zu Tode martern, damit sie dir und deiner Hartnäckigkeit noch mit dem letzten Atemzuge fluchen. Weigerst du dich, mir als Weib zu folgen, muss ich Gewalt anwenden, um das zu erlangen, was ich besitzen will, so ist der Tod ebenfalls ihr Los, ich kenne kein Erbarmen mehr. Bist du aber mein Weib, dann, Ellen, dann bist du frei. Du kehrst mit mir in deine Heimat, nach Louisiana zurück, und auch deine Freundinnen sind frei, es steht ihnen nichts im Wege. Jetzt wähle, Ellen! Entweder du liebst mich, und ihr seid frei, oder ich zwinge dich, und euer Tod ist unvermeidlich. Bedenke, außer deinem Leben liegt noch das von einundzwanzig jungen Mädchen in deiner Hand, sie hoffen, dass du mir willfahrest. Bin ich ein so hässlicher Mann, dass du mich nicht leiden magst, glaubst du nicht —«

»Genug«, unterbrach ihn Ellen, »malen Sie mir das Leben an Ihrer Seite nicht weiter aus!«

Flexan wartete eine Antwort ab, während Ellen wie geistesabwesend vor sich hinstarrte und unverständliche Worte murmelte. Sie musste zusammenbrechen, so griff dieser Kampf der Ehre mit der Liebe zu ihren Freundinnen sie an, aber die Kraft der Verzweiflung hielt sie aufrecht.

»Entscheide dich«, begann Flexan wieder, die Uhr ziehend, »sei mein Weib, oder zwinge mich zur Gewalt, welche den Tod deiner Freundinnen nach sich zieht.«

»Nie kannst du mich zwingen, Scheusal!«, stieß Ellen hervor.

»So gehst du mit deinen Gefährtinnen unter; aber erst sollst du an ihnen die Folgen deiner Torheit sehen. Du wirst sie sterben sehen.

»Gut denn«, fuhr er nach einer Pause fort, als Ellen nicht antwortete, »ich gehe. Meine Leute werden dich auf das Schiff schleppen und sich deiner Freundinnen bemächtigen.«

Er wandte sich zum Gehen, doch Ellen stürzte auf ihn zu, wurde aber von den kräftigen Händen des jungen Mannes an den Gelenken gepackt und zu Boden gedrückt.

»Lass mich«, schrie Ellen. »Ja, meinetwegen sei es, ich will dein Weib sein, aber befreie meine Freundinnen jetzt gleich, und lass sie mir nie, nie wieder vor die Augen kommen. Nimm mich hin, aber bringe erst die Mädchen von der Insel.«

»Ellen!«, jauchzte Flexan und stürzte auf das bleiche, mit geschlossenen Augen an der Wand lehnende Mädchen zu, um es zu umarmen.

»So wahre ich Lord Harrlingtons Rechte«, ließ sich da eine Summe vernehmen, und der Rasende erhielt einen Stoß gegen die Brust, der ihn zu Boden warf.

Neben Ellen stand eine andere weibliche Gestalt, den Arm weit ausgestreckt. In der Hand blitzte ein Revolver, während die zürnenden Augen den bestürzt am Boden Liegenden anfunkelten.

»Johanna!«, schrie Ellen auf: sie hatte die Retterin sofort erkannt, und mit einem Male verstand sie das Rätsel dieser Insel.

»Nein, Elender«, fuhr sie dann fort, sich eines anderen besinnend, »freue dich noch nicht! Hinaus mit dir! Scheusal, tue, was du willst, aber erwarte nie, dass ich dir angehören soll. Hinaus, hinaus«, schrie sie, außer sich vor Zorn, und trat den noch immer Daliegenden mit dem Fuße, »oder ich jage dich samt deiner Sippschaft mit Steinwürfen davon!«

Flexan meinte nicht anders, als diese plötzlich auftauchende Gestalt sei eine Vestalin, die sich versteckt gehalten habe, und der es gelungen sei, bei der Untersuchung einen Revolver zu verbergen.


Illustration

Er sah die Gefährlichkeit seiner Lage ein; diese Mädchen verstanden keinen Spaß. Mit einem Satze war er hinter der Portiere verschwunden, draußen ertönte ein gellender Pfiff, die Piraten stürzten aus der Bresche hervor, ein allgemeiner Tumult entstand, den sich die Vestalinnen, welche in einer Höhle versammelt waren, nicht zu erklären vermochten.

Dann sahen sie Ellen über das Plateau eilen, welches von Männern wimmelte, sie eilten in die Zelte, schlugen Ellen zu Boden, und ehe die Freundinnen, welche vollkommen fassungslos waren, Ellen zu Hilfe eilen konnten, stürzten die Piraten wieder zurück, der Bresche zu, die dreizehn Sklavinnen auf den Armen tragend. Im Vorbeilaufen sah man noch, wie sie blitzschnell die Wasserfässer mit Steinen zerschmetterten, sodass sich das Wasser über das Plateau ergoss. Dann waren sie in der Bresche verschwunden.

Noch einmal ertönte ein höhnisches Lachen.

»Ich komme wieder, wenn du anders gesonnen bist«, erschallte eine Stimme, es war die Flexans. »Hunger und Durst werden euch schon demütiger stimmen.«

Ellen war nicht bewusstlos geworden von dem Schlage, den sie von einem Manne mit einem harten Gegenstande erhalten.

Sie teilte den Freundinnen mit, was vorgefallen war; sie verschwieg nichts, und die Mädchen stimmten ihr vollkommen bei. Sie wären empört gewesen, wenn Ellen nachgegeben hätte.

Man eilte in die Höhle, wo Johanna aufgetaucht war, aber ebenso plötzlich, wie Johanna erschienen, war sie auch wieder verschwunden. Kein Suchen half; man wusste jetzt nur, dass Johanna jene Person war, welche den Vestalinnen bisher geholfen hatte.

Aber auf welche Weise sie hierher gekommen, wo sie sich verbarg, woher sie die Gegenstände, mit denen sie die Vestalinnen beschenkt hatte, genommen, das blieb allen ein ungelöstes Rätsel.

Man besichtigte den Schaden, den die Piraten angerichtet hatten, und fand, dass die Wasserfässer bis auf ein einziges alle zertrümmert waren. Den festen Nahrungsmitteln hatten sie bei der Schnelligkeit, mit der alles vor sich gegangen, natürlich nichts anhaben können. Aber von diesen waren nur noch wenig vorhanden. Sie hielten höchstens für eine Woche vor, etwa so lange, wie das noch vorhandene Wasser reichte. Aber was schadete das?

Jetzt war es ja klar, dass man Hilfe zu erwarten hatte — nicht von den Piraten oder Flexan, denn diese würden nicht eher wieder zurückkehren, als bis er die Mädchen halb verschmachtet glaubte, um dann seine Forderungen noch einmal zu wiederholen, aber man hoffte auf Hilfe von Johanna, jenem Schutzgeiste, der Undank mit guten Werken vergalt.

Warum hatten die Piraten die befreiten Mädchen mit sich genommen, was wollten sie mit ihnen beginnen?

Man wusste es nicht; jedenfalls sollten sie verkauft werden, wie es erst beschlossen worden. Die Sklaverei wartete ihrer, oder die Piraten behielten sie für sich.

Als Ellen sah, wie leicht ihre Freundinnen die Sache nahmen, wie sie sich freuten, dass Ellen diesem Manne nicht zum Opfer gefallen war, und überhaupt gar nicht mehr an ihr eigenes Schicksal dachten, zog wieder Freudigkeit in ihr Herz ein.

Sie begann zu hoffen, dass alles doch noch ein gutes Ende nähme. Johanna war bei ihnen wahrscheinlich mit anderen im Bunde, die über sie wachten. Die Zukunft würde das Rätsel lösen.

Lord Harrlington lebte, daran zweifelte Ellen nicht, und war sie erst von dieser Insel fort und stand Lord Harrlington gegenüber, dann wollte sie das Unrecht wieder gutmachen, welches sie ihm zugefügt hatte.

»Wir müssen uns einschränken«, sagte sie dann, an die Zukunft denkend, »denn wir dürfen nicht auf unsere Schutzgeister rechnen, wenn wir auch bestimmt hoffen, dass sie uns nicht verlassen. Das Wasser reicht noch für acht Tage, desgleichen die Nahrungsmittel. Die Räuber waren so unhöflich, uns nicht nur keine neuen Vorräte mitzubringen, sondern auch noch die uns gebliebenen zu zerstören. Sie sollen der Strafe nicht entgehen.«

Mit seltsamen Empfindungen legten sich die Mädchen schlafen.

Sie waren noch mehr denn je geneigt, zu glauben, dass ein Gott auf dieser Insel wohne. Es hätte nicht viel gefehlt, so würden sie Dankgebete und Bitten um fernere Unterstützung zu ihm emporgesandt haben.

Am meisten ward Ellen von dieser Empfindung beherrscht.

Dazu kam noch, dass sie, als sie ihr Lager aufsuchte, auf demselben Juno schon vorfand, die ihre Herrin schnurrend empfing.

Die ganze Nacht träumte Ellen, sie ränge mit Flexan, aber immer, wenn sie zu unterliegen drohte, berührte Johanna sie mit einem Ölzweige, und eine wunderbare Stärke erfüllte dann jedes Mal ihre Glieder.

* * * * *

IV.11. Ein Wiedersehen auf dem Meere

Einen besseren Namen als ›Swift‹ — hurtig, geschwind — konnte die Kreuzerfregatte nicht führen, welche mit vollen Segeln gegen den Wind aufluvte. Trotzdem dieser fast von vorn kam, von Norden, fuhr das wie ein Vollschiff getakelte Fahrzeug ihm doch schnell genug entgegen, und jedes Mal, wenn die Rahen gewendet wurden, was alle Stunden geschah, flogen diese mit einer wunderbaren Schnelligkeit herum; das Schiff legte sich auf die andere Seite, und wieder ging es mit zwölf Knoten Fahrt dem Norden im Zickzack entgegen.

Wie der Name ›Kreuzerfregatte‹ schon sagt, war es ein Kriegsschiff; man hätte dies schon an der Bauart, an den durch die Bordwand lugenden Kanonenmündungen erkannt, auch wenn nicht am Großmast der lange Kriegswimpel geweht hätte, das Zeichen, dass die Kanonen geladen waren, dass sich das Schiff in Kampfbereitschaft befand.

Als Kreuzerfregatte führte der ›Swift‹ natürlich eine Maschine, aber sie wurde trotz des ungünstigen Windes nicht benutzt, denn Kapitän und Mannschaft verstanden es, ihr Schiff auch gegen den Wind schnell segeln zu lassen; es musste ihrem Willen gehorchen; sie waren Meister in der Kunst des Segelmanövers.

Der Matrose auf dem Ausguck meldete ein Segel, das vom Norden her der Fregatte entgegenkam.

»Eine Bark«, sagte der aus der Kommandobrücke stehende Kapitän, der das Schiff durch das Fernrohr gemustert hatte, zu den beiden wachestehenden Offizieren.

»Sie ändert ihren Kurs, als fürchte sie ein Zusammentreffen mit uns«, rief sofort einer der letzteren.

»Kurs Nordost zu Ost«, rief der Kapitän den steuernden Matrosen zu und wandte sich dann wieder an seine Offiziere.

»Sie weicht uns sichtlich aus, was mag sie dazu veranlassen? Sollten wir abermals einen Fang machen?«

Die Fregatte war von der nordamerikanischen Regierung ausgeschickt worden, den Sklavenhändlern das Handwerk zu legen, weil zwischen Afrika und Brasilien wieder einmal ein lebhafter Handel mit schwarzer Ware entstanden war.

Der ›Swift‹ kreuzte als sogenannter Sklavenjäger an der brasilianischen Küste.

»Die Bark sieht nicht verdächtig aus, sie ist zu sauber.«

»Der Schein trügt oft«, erwiderte der Kapitän, »jedenfalls scheint es ein schnellsegelndes Schiff zu sein.«

Das stimmte allerdings, denn die Bark flog wie ein Pfeil vor dem Winde dahin, den sie seit der neuen Wendung etwas von links bekam. Da aber auch der ›Swift‹ seinen Kurs geändert hatte, musste er der Bark den Weg abschneiden.

»So treffen wir gerade mit ihr zusammen«, sagte der Kapitän. »Bin begierig, was für ein Schiff es ist, segelt prachtvoll. — Alle Wetter!«, rief er plötzlich aus.

Nur noch einige hundert Meter waren sie von der Bark entfernt; schon konnten sie deutlich die Matrosen auf Deck arbeiten und den Kapitän und noch einen anderen Mann auf der Kommandobrücke sehen, als plötzlich gleichzeitig alle Rahen auf der Bark herumschwenkten. Die Matrosen warfen das Besansegel am hintersten Maste nach Steuerbord, und sofort fiel das Schiff nach der anderen Seite ab und schoss, ehe der amerikanische Kapitän noch ein Kommando geben konnte, in einer Entfernung von hundert Metern am ›Swift‹ vorüber:

»Er will uns entschlüpfen«, rief der Amerikaner »Hisst die Flagge — wir wollen seinen Namen haben!«

Das Sternenbanner der Vereinigten Staaten stieg an dem Flaggenstock empor, aber die Bark gab keine Antwort, sie zeigte weder ihre Nationalität, noch ihren Namen an. Mit unveränderter Schnelligkeit schoss sie dahin und hatte bald den ›Swift‹ weit hinter sich gelassen.

Das merkwürdigste aber war, dass das Heck der Bark mit einem großen Segel verdeckt war, durch das der Name des Schiffes verhüllt wurde.

Doch im nächsten Augenblick donnerte ein Kanonenschuss vom ›Swift‹ hinüber, welcher dem ungehorsamen Kapitän sagen sollte: ›Halt, oder wir bringen dein Schiff mit Gewalt zum Stillstand!‹

»So etwas ist mir doch noch nicht vorgekommen«, rief der Amerikaner. »Es ist das erste Mal, dass mir ein Schiff Trotz zu bieten wagt. Hollah, Jungens, jetzt bietet eure ganze Kraft auf, es gilt eine Wettfahrt! Wir entern die Bark.«

»Hip, hip, Hurra!«, jauchzte es aus dreihundert Kehlen auf.

Das war so etwas für die amerikanischen Blaujacken, eine Wettfahrt, ohne die Maschine zu gebrauchen, nur mit den Segeln die Schnelligkeit ihres Schiffes zu zeigen.

Wie die Eichhörnchen jagten sie die Wanten hinauf, enterten auf die Rahen, spannten die Segel straffer und ließen sich nicht in ihrer Arbeit stören, wenn sie auch wie Bälle in der Luft herumgeschleudert wurden.

Der ›Swift‹ flog herum; es wurden noch mehr Segel gesetzt, und wie ein Pfeil schoss die Fregatte der Bark nach, um ihr zu zeigen, dass ein Handelsschiff es nicht mit einem schnellsegelnden Kriegsschiffe aufnehmen könnte.

Aber schon nach den ersten fünf Minuten zeigte sich, dass die Bark ein vorzüglicher Segler war und unter der Führung seines Kapitäns wohl mit der Fregatte an Schnelligkeit wetteifern konnte.

»Fünf Minuten warte ich noch«, sagte der Amerikaner, die Uhr in der Hand. »Zeigt sich dann, dass wir noch nicht naher kommen, so lasse ich Dampf aufnehmen.«

»Schicken Sie ihm eine Kugel in den Bauch, das wird ihn mürbe machen«, schlug ein Offizier vor.

Der Kapitän schüttelte den Kopf.

»Ich habe noch niemals zu einem solchen Mittel gegriffen und werde es auch jetzt nicht tun«, erwiderte er. »Es ist mir immer, als wäre jedes Schiff ein lebendes Wesen, welches gleich uns Schmerz empfindet. Was kann das Schiff dafür, wenn es mit verbotener Fracht beladen wird? Es müsste ebenso unschuldig leiden, wie das Pferd, welches erschossen werden sollte, weil es von einem Räuber genommen worden war. Aber fangen wollen wir es und den Kapitän und die Mannschaft für ihren Ungehorsam büßen lassen.«

»Die Bark manövriert wieder«, unterbrach ihn ein Offizier plötzlich.

Matrosen waren aufgeentert und beschäftigten sich mit den Segeln. Schon wollte der Fregattenkapitän den Befehl geben, die Kessel heizen zu lassen, als auf der Bark plötzlich einige Segel eingezogen wurden, wodurch ihr Lauf bedeutend verringert wurde.

Schnell näherte sich ihr die Fregatte.

»Klar zum Entern!«, kommandierte der Kapitän.

In einigen Minuten musste sein Schiff an Steuerbord der Bark liegen.

Da aber, fast hatte man die Bark schon erreicht, die YankeeMatrosen legten schon die Enterhaken bereit, schwenkte das verfolgte Schiff plötzlich nach Osten herum, die Segel rollten herunter, und schnell wie der Wind fuhr es in der neuen Richtung davon, während der ›Swift‹ über sein Ziel hinausschoss und einige vorzeitig geworfene Haken sogar ins Wasser klatschten.

»Damn it«, schrie der Kapitän, war aber doch erstaunt über die Geschicklichkeit, mit welcher der fremde Schiffer sein Fahrzeug lenkte.

Das Manöver grenzte fast an Zauberei.

Die Offiziere und die Matrosen fluchten laut; die Mannschaft auf der Bark dagegen schwenkte die Mützen, und man konnte noch ihr fröhliches Lachen hören.

»Sie halten uns zum Narren. Ein Sklavenhändler ist er nicht; er spielt nur mit uns. Aber jetzt wollen wir einmal Ernst machen. Dampf auf!«

Dem Schlot der Korvette entstieg eine wirbelnde Rauchwolke; bald durchzitterte die tätige Maschine den Schiffsrumpf des ›Swift‹. Jetzt gab es kein Entkommen mehr, die Bark musste eingeholt werden.

Aber dennoch war es nicht so leicht, sie zu nehmen. Bald sprang sie mit dem Winde von hinten wie ein Känguru übers Wasser, und hatte die Fregatte sie schon erreicht, so entschlüpfte sie schnell zur Seite, aber endlich war ihr der Wind abgeschnitten worden, sie konnte nicht mehr am ›Swift‹ vorbei, nicht mehr gegen den Wind ansegeln und musste in kürzerer oder längerer Zeit doch an den Enterhaken liegen.

Der Kapitän der unbekannten Bark sah dies ein, doch wollte er sich nicht fangen lassen, sondern tat so, als ergäbe er sich seinem Schicksal. Auf sein Kommando rollten die Segel auf, die Barke legte bei, und einige Minuten später befand sich der ›Swift‹ dicht an ihrer Seite.

Mit dem gezogenen Degen in der Faust, vor Zorn dunkelrot im Gesicht, sprang der Kapitän als erster an Bord der Bark. Ihm nach folgten zwei Offiziere und ein Trupp Matrosen, alle den blanken Stahl in der Hand.

Doch sie trafen auf keinen Widerstand, die Matrosen des genommenen Schiffes standen auf der anderen Seite an der Bordwand und sahen den Drohenden lächelnd entgegen. Einige stopften sich sogar nach der harten Arbeit eben gemütlich eine Pfeife. Der Kapitän stand nach wie vor auf der Kommandobrücke und betrachtete ruhig die Szene da unten, nur den Kopf über der Schutzvorrichtung sehen lassend.

»Im Namen der Vereinigten Staaten von Nordamerika«, rief der Korvettenkapitän, über den Gleichmut noch mehr aufgebracht, »wo ist der Kapitän dieses verdammten Schiffes?«

»Hier ist der Kapitän dieses verdammten Schiffes«, antwortete da eine lustige Stimme, und hinter der Treppe der Kommandobrücke trat eine hell gekleidete Frauengestalt hervor. »Hätten Sie nicht Dampf aufgemacht, würden Sie uns doch nicht bekommen haben. Meinen Sie nicht, Kapitän Staunton?«

Salutierend legte die junge Dame die Hand an die Mütze, die keck auf dem blonden Lockenkopf saß.


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Sprachlos starrte der Angeredete in das lachende Gesicht der Sprecherin, desgleichen seine Offiziere und Leute, und die Matrosen der Bark verzogen die Mundwinkel von einem Ohre bis zum anderen.

»Jesus Christus und General Jackson«, brachte der Kapitän endlich hervor, »nun bleibt mir aber der Verstand stehen.«

Dann warf er plötzlich den Degen weg und lief mit ausgebreiteten Armen auf die Dame zu.

»Hope«, rief er jubelnd, »hole mich dieser oder jener! Bist du es, oder bist du es nicht?«

»Gewiss bin ich es«, lachte das übermütige Mädchen und flog dem Offizier in die Arme. »Aber nun sage erst einmal, hättest du uns bekommen, wenn der ›Swift‹ keinen Dampf aufgemacht hätte?«

»Nein denn, zum Teufel, wenn du es so gerne hören möchtest, aber wo steckt denn dein Mann? Ist es denn möglich, ist das wirklich die ›Hoffnung‹, mit dem Freiherrn von Schwarzburg als Kapitän an Bord?«

»Gewiss, siehst du Hannes nicht da oben stehen, wie er sich über dein dummes Gesicht halbtot lachen will?«

Schmeichelhaft war diese Antwort eben nicht, aber sie veranlasste den Kapitän doch, sein Auge nach der Kommandobrücke zu wenden, und er entdeckte dort wirklich ein Gesicht, das vor unterdrücktem Lachen ganz rot war.

Mit einem Satze sprang ein junger Mann die Treppe herunter und streckte dem verblüfften Kapitän die Hand entgegen.

»Schwager, ich und meine Frau sind Ihre Gefangenen«, rief er, »verfahren Sie gnädig mit uns!«

»Freiherr von Schwarzburg«, entgegnete Kapitän Staunton, die Hand an die Mütze legend, »habe ich die Ehre?«

»Nichts da«, unterbrach ihn Hannes, »ich bin einfach Kapitän Schwarzburg; das Meer und der Wind machen sich den Teufel daraus, ob ich Freiherr bin oder nicht; sie reden mich auch nicht mit ›Baron‹ an, wenn sie mit mir Fangball spielen. Und das hier«, er deutete auf Hope, »ist der erste Steuermann; er leitete die Manöver, durch welche die ›Hoffnung‹ Ihnen entkommen wäre, wenn Sie nicht Dampf angewandt hätten.«

»Macdonald, zürnst du mir?«, wandte sich Hope in bittendem Tone an ihren Bruder.

»Meine liebe Schwester, hast du nicht die Depesche erhalten, die ich dir nach Hamburg sandte?«

»Nein.«

»Sie enthielt meinen Glückwunsch zu eurer Hochzeit und zugleich die Versicherung, dass der Vermittler ganz und gar nicht meinen Instruktionen nach gehandelt hat, wie ich später erfuhr. Er handelte nach eigenem Ermessen; nie würde ich meiner Schwester solche harte Worte haben sagen lassen. Du weißt ja ...«

»Ich weiß, wie sehr du mich liebst«, sagte Hope zärtlich, »ich besann mich auch später, dass du mir so etwas sicher nicht hättest sagen lassen, es wäre zu hart gewesen.«

»Wie kommt es aber, dass ihr die Depesche nicht erhalten habt? Ich erfuhr von eurer Hochzeit zwei Tage zuvor und gab das Telegramm sofort auf, es muss euch doch also noch am Tage der Hochzeit erreicht haben?«

»Wir hatten aber keine Zeit mehr«, lachte Hannes. »Der Boden brannte uns unter den Füßen. Wir mussten wieder auf schwankenden Planken stehen. Kaum hatte der Pfaffe Amen gesagt, so rannten wir gestreckten Laufes nach dem Hafen, die ›Hoffnung‹ war fix und fertig, uns aufzunehmen; meine Matrosen, alles alte Freunde, hatten sie prachtvoll ausgeschmückt, sage ich Ihnen, alles mit Tannenreis und Flaggen deklariert ...«

»Dekoriert«, verbesserte ihn Hope.

»Richtig, dekoriert«, fuhr der Baron fort. »Als unser Boot das Schiff erreichte, lagen schon die Anker an Deck; die Leute am Ufer schrien Hurra, meine Matrosen schwenkten ihre funkelnagelneuen, roten Schnupftücher, die sie sich extra gekauft hatten, weil meine Frau an Bord kam; ich brauchte bloß zu pfeifen, die Segel flogen 'runter, und fort ging's, die Elbe herunter und hinaus!«

»Und wohin geht die Fahrt jetzt?«, fragte Kapitän Staunton, im stillen über diesen freimütigen, tatkräftigen Freiherrn lächelnd.

»Wir suchen die ›Vesta‹ auf«, sagte Hope lachend.

»Wissen Sie noch nicht, dass dieselbe untergegangen sein soll?«, wandte sich Staunton an Hannes.

»Erfahren haben wir es. Wir sind über ihr und des ›Amor‹ Schicksal ganz genau unterrichtet worden«, antwortete dieser, »aber Sie haben recht, wenn Sie das ›soll‹ betonen. Ich glaube noch lange nicht, dass die ›Vesta‹ untergegangen ist. Die Mädchen sollten das Boot ohne Korkfassung ausgesetzt haben? Glaube ich nicht, dazu war immer noch Zeit, und wenn das Deck schon unter Wasser stand. Sie sagen, die Korkfassung könne von der Brandung abgerissen worden sein? Geht nicht, ich kenne die Boote der ›Vesta‹ so genau wie meinen Wachstuchhut hier. Nein, der Schiffbruch ist nur simuliert. Die Vestalinnen wurden stets verfolgt, eine Bande Schurken versucht beständig, sie zu fangen, und das ist ihr nun auch gelungen; sie haben die Boote ausgesetzt, vielleicht auch ein paar Planken von der ›Vesta‹ abgerissen, um die Welt glauben zu machen, sie sei untergegangen. Aber, ob ich nun Freiherr oder bloß Hannes Vogel bin, glauben tut das keiner; ich kalkuliere, die ›Vesta‹ lebt noch, ebenso wie ihre Besatzung. Und wir werden sie suchen und auch finden, oder ich will Freiherr von Matz heißen.«

»Ich werde Ihnen auf die Spur helfen können«, sagte Staunton. »Wir haben heute Morgen nämlich einen seltsamen Fang gemacht, Personen, welche Sie kennen werden und die Ihnen mehr Aufschluss geben können.«

Nun erzählte Kapitän Staunton den aufmerksam Zuhörenden, wie er, als er an der Küste von Brasilien kreuzte, einem Schiffe begegnet sei, dem er als Sklavenhändler schon lange auflauere. Dasselbe verhielt sich auch sehr verdächtig, es wendete sich und fuhr zurück, steuerte dann aber wieder denselben Kurs, das heißt, es kam dem ›Swift‹ entgegen.

Eine Untersuchung an Bord ergab nichts; das Schiff musste freigelassen werden.

Als der ›Swift‹ den alten Kurs weiterfuhr, entdeckte er plötzlich ein Boot auf dem Meere schwimmen, voller Menschen, und zu seinem Erstaunen fand Staunton in diesen Personen Mädchen, meist Kreolinnen und Mestizen aus Südamerika.

Die dreizehn Mädchen waren äußerst ängstlich, nur schwer konnte man aus ihnen etwas herausbringen, aber man erfuhr so viel, dass sie diejenigen waren, welche einst von den Vestalinnen befreit wurden.

Wie sie hierherkamen, konnte man nicht verstehen. Staunton sagte, sie sprächen ganz ungereimtes Zeug zusammen. Bald schwatzten sie von den Vestalinnen, von einer Insel, auf der es Geister gäbe, von Löwen, von Piraten, die ebenfalls auf der Insel wohnten, dann wieder von einem Überfall, abermals von der Insel und Geistern, kurz und gut, sie sprachen solchen Unsinn zusammen, dass man annehmen könne, schloss Staunton, sie seien geistesgestört.

»Sie sind es«, rief Hope, »unsere befreiten Sklavinnen! Leben sie, dann leben auch noch die Vestalinnen! Sind sie an Bord, Macdonald? Schnell, führe uns zu ihnen, damit wir sie ausfragen können, mich kennen sie und werden vernünftiger antworten.«

»Gemach, gemach«, unterbrach ihr Bruder sie. »Sie sind allerdings drüben an Bord, und ihr könnt sie nachher sprechen. Erst lass mich weiter erzählen. So viel erfuhr ich doch, dass sie auf demselben Schiffe gewesen waren, welches ich eben durchsucht hatte. Der schlaue Sklavenhändler hatte mein Schiff entdeckt und als eins erkannt, welches auf seinesgleichen Jagd macht. Er wusste, dass er mir nicht entkommen konnte und setzte deshalb seine Ware in einem Boote aus. Ich fuhr sofort zurück und begann ihn zu suchen, konnte ihn aber nicht finden. Deshalb lief ich den nächsten Hafen an, gab Namen und Signalement des verdächtigen Schiffes an und fuhr weiter. Mehr konnte ich nicht tun.«

»Wird nicht viel Erfolg haben«, meinte Hannes. »Diese Sklavenhändler verstehen ausgezeichnet, das Äußere ihrer Schiffe zu ändern. Ich wette, dass es niemals wieder in irgend einem Hafen erblickt wird. Solche Schufte haben immer genügend falsche Papiere bei sich.«

»Möglich. Ich konnte nichts anderes tun.«

»Wo befinden sich die Mädchen jetzt?«

»Im Zwischendeck, sie schlafen. Ich traf sie in einem sehr erschöpften Zustande; der Sklavenhändler wird ihnen übel mitgespielt haben. Ich habe ihnen einen abgeschlossenen Raum angewiesen, damit sie von der Mannschaft nicht belästigt werden.«

»Kapitän«, sagte Hannes, »wollen Sie mir diese Mädchen überlassen?«

»Die Mädchen? Nein, das geht nicht«, rief Staunton, »es ist meine Pflicht, sie abzuliefern.«

»Sie sind doch unumschränkter Herr Ihres Willens. Warum sollten Sie uns die Befreiten nicht überlassen, wenn wir Sie davon überzeugen, dass dies einmal für die Mädchen selbst und dann auch für die Vestalinnen von größtem Vorteil ist?«

»Wie meinen Sie das?«

»Sehr einfach! Erst vernehmen wir einmal die Mädchen, wann sie die Vestalinnen verlassen haben.«

»Das können Sie auch an Bord meines Schiffes tun«, erwiderte ihn Staunton.

»Das wohl, aber wir brauchen die Mädchen auch fernerhin. Ich kalkuliere nämlich, die Vestalinnen sind auf einer Insel, und die Sklavinnen sind ihnen von dort entführt worden, wie es schon öfter passiert ist. Nun gilt es, diese Insel aufzusuchen, und zwar mit Hilfe der Aussagen dieser Mädchen.«

»Das ist ein schwieriges Geschäft.«

»Aber nicht unmöglich! Jedenfalls müssen die Befreiten noch viel genauer vernommen werden, als es von Ihnen geschehen ist. Täglicher Umgang mit ihnen ist nötig, und zwar ein ganz vertraulicher. Hope wäre dazu geeignet, um so mehr, als sie diese kennen. Gelingt es uns aber dennoch nicht, die Vestalinnen zu finden, so gebe ich diesen Plan vorläufig auf und schaffe die Mädchen, wenn ich alles erfahren habe, was sie aussagen können, einzeln in ihre Heimat, führe also die Absicht aus, welche die Vestalinnen schon vorhatten. Wollen Sie mir die Mädchen jetzt noch vorenthalten?«

Kapitän Staunton sah die Richtigkeit des Planes ein, zögerte aber noch, einzuwilligen.

Da nahm Hope das Wort.

»Bruder«, sagte sie, »bedenke doch, diese Mädchen sind dem Schutze der Vestalinnen nur entzogen worden; du hast den Räubern ihre Beute wieder abgenommen, aber keine Zeit, sie den Damen zurückzugeben, weil die Pflicht dich an der Küste von Brasilien hält. Nun kommen wir, die wir die Vestalinnen aufsuchen wollen; ich selbst war oder bin sogar noch eine Vestalin und fordere dir die Mädchen ab. Traust du uns etwa nicht?«

Staunton lächelte.

»Es ist aber keine gewöhnliche Ware, es sind Sklavinnen, Menschen«, sagte er.

»Ja, doch das bleibt sich gleich. Dich kann kein Gerichtshof der Welt verurteilen, wenn du uns die von dir befreiten Sklavinnen überlässt. Hast du sie überhaupt befreit? Nein, du hast sie nur gefunden, vielleicht sind es Schiffbrüchige, und solche uns zu überlassen, wirst du dich wohl nicht weigern. Also liefere sie uns aus!«

Es wurden noch mehr Gründe vorgebracht, und schließlich sah der bedrängte Kapitän ein, dass er wirklich ohne Gewissensbisse die dreizehn Mädchen an Bord der ›Hoffnung‹ bringen könnte.

Aber er verlangte, dass Freiherr von Schwarzburg und dessen Frau ein Protokoll unterschrieben, in dem die ganze Sache dargelegt wurde, sodass Staunton keiner Pflichtverletzung beschuldigt werden konnte. Die Offiziere seines Schiffes, sowie der zweite Steuermann der ›Hoffnung‹, früher der erste Steuermann der ›Kalliope‹, fungierten als Zeugen.

Die Schiffe blieben bei dem ruhigen Wetter nebeneinander liegen, während die Sache an Deck der ›Hoffnung‹ vorschriftsgemäß abgemacht wurde. Die dabei nicht gerade beteiligten Personen gaben sich unterdes der Freude des Wiedersehens hin, es gab ja noch so viel zu erzählen.

»Also habe ich wirklich alles durchgebracht?«, lachte Hope sorglos, als ihr Bruder mit eigenem Munde bestätigte, dass von dem Vermögen des Vaters nichts mehr vorhanden wäre.

»Du hättest mich eher über die Verhältnisse aufklären sollen, damit meiner leichtsinnigen Verschwendung ein Ziel gesetzt wurde.«

Der Bruder versuchte vergebens, ihr eine andere Ansicht beizubringen; Hope hielt sich nun einmal für schuldig an dem Familienruin, fügte dann aber auf ihre gewöhnliche, naivgutmütige Art hinzu:

»Na, Macdonald, wenn du einmal in Verlegenheit bist, dann komme nur zu uns. Wir beide zerbrechen uns schon manchmal den Kopf, wie wir das viele Geld auf eine möglichst anständige Weise durchbringen sollen. Aber sag, was macht Leutnant Murbay, er hat die Sache doch nicht etwa tragisch genommen und den verschmähten Liebhaber gespielt?«

»Er hat sich wie ein Mann benommen«, antwortete Staunton einfach, »indem er sich in das fügte, was nun einmal nicht mehr zu ändern war.«

»Und seine Schwester ist auch ohne mich gesund geworden! Es ist ein Glück, dass ich nicht zu ihr ging, ich hätte sie mit meinen Launen doch nur zu Tode gequält.«

Hannes rief die Geschwister an den Tisch. Nach einigen Minuten war alles erledigt.

»Was hätten Sie gemacht, wenn ich mich unserer Verwandtschaft nicht erinnert, sondern Sie, Hope und die ganze Mannschaft in einem nordamerikanischen Hafen zur Bestrafung wegen Ungehorsam gegen ein Kriegsschiff ausgeliefert hätte? Würden Sie sich das ruhig haben gefallen lassen?«

»Warum denn nicht?«, lachte Hannes, »viel kann dies Vergehen doch nicht kosten.«

»Außer einer Geldstrafe gibt es immer ein paar Monate Gefängnis.«

»Wenn's weiter nichts ist! Das wäre nicht das erste Mal, dass ich wegen eines Vergehens gegen die Gesetze im Loche säße, manchmal war ich schon unschuldig darin: viel schöner ist es aber doch, wenn man sich schuldig weiß. Sind Sie schon einmal eingesperrt worden, Schwager?

Staunton bedauerte lächelnd, dieses Glück noch nicht genossen zu haben.

»Das ist prachtvoll, sage ich Ihnen, wenn so die ganze Mannschaft, sogar der Kapitän mit, in einem Loche zusammensitzt. Ganz wunderbare Sachen werden da ausgeheckt, um die Langeweile nicht aufkommen zu lassen, wie man sie am Lande gar nicht kennt. In Valparaiso wurde einmal die ganze Besatzung der ›Kalliope‹ eingelocht, weil wir den Lotsen gekielholt hatten.«

»War dies nicht früher die ›Kalliope‹?«

»Es ist dasselbe Schiff noch, ist nur lange in Dock gewesen. Ein schönes Schiff, nicht? Auch die Mannschaft ist fast noch dieselbe. Weißt du noch, Bootsmann, wie wir in Valparaiso dem schlafenden Posten Gewehr und Hirschfänger gestohlen haben und ihm dafür einen Besen in den Arm und einen Löffel in den Gurt gesteckten?«


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Der Bootsmann, ein alter Bekannter aus dem ›Schiffsanker‹ zu Sidney, hatte, etwas seitwärts stehend, der Unterredung seines jungen Kapitäns mit dem Offizier gelauscht. Jetzt antwortete er:

»Ja, und als der revidierende Offizier kam, präsentierte der Kerl mit dem Besen. Ich glaubte schon, jene goldenen Zeiten wären vorbei, jetzt scheinen sie aber wiederzukommen. Mit der ›Hoffnung‹ ist wieder ein Schiff jener Art entstanden, die wie Schwäne das Meer befuhren, wie Möwen sich vom Sturme treiben ließen, ohne die Segel zu bergen, und die noch keinen Dampfer kannten, welcher sie in den Hafen schleppte. Ob Vor- oder Achterwind, wir segeln in den Hafen und bergen die Leinwand erst, wenn der Anker sich in den Grund bohrt.«

»Wir vergessen über dem Gespräch unsere Aufgabe«, unterbrach Hope. »Wir wollen die Mädchen jetzt an Bord der ›Hoffnung‹ nehmen.

»Noch eins«, sagte Hannes zu seinem Schwager. »Mir kam die Nachricht zu, die Herren des ›Amor‹ hielten sich im Innern von Südamerika auf. Wissen Sie vielleicht, was sie dazu veranlasst?«

»Auch ich bin darüber noch nicht aufgeklärt worden«, entgegnete der Fregattenkapitän. »Ich bin schon lang auf der See, und in dem Hafen, welchen ich heute Morgen anlief, erfuhr ich nichts auf meine Erkundigungen hin. Was wissen Sie darüber?«

»Nur so viel, dass die Engländer die Küste abgesucht haben, wo der Schiffbruch der ›Vesta‹ stattgefunden haben soll. Es verlautete ja, das Schiff wäre dort an einem Felsenriff zerschmettert worden. Ich hoffe, wenn ich nach Chile komme, alles zu erfahren, vielleicht auch schon eher, in einem anderen großen Hafen; die Berichte darüber müssen ja nun heraus sein. Ich vermute bestimmt, es liegt wieder eine Teufelei vor, die vielleicht den Zweck hatte, die Herren ins Innere zu locken und sie nach und nach aufreiben zu lassen. Bestätigt sich das, so werde ich den Engländern beistehen.«

»Sie haben viel vor.«

»Eins nach dem anderen; erst will ich den Aufenthalt der Vestalinnen aufspüren. Also bitte, lassen Sie die Mädchen an Deck kommen!«

Mit niedergeschlagenen Gesichtern kamen die jungen Geschöpfe nach oben; sie meinten nicht anders, als neues Ungemach harre ihrer. Sie kamen aus dem Unglück nicht heraus. Glaubten sie sich schon sicher, so wurden sie wieder fortgeschleppt und fielen abermals in fremde Hände.

Ach, was für Freude entstand unter ihnen, als sie in Hope eine der Vestalinnen erkannten, eine ihrer Retterinnen! Neue Hoffnung tauchte in ihnen auf, abermals schien ihnen der Weg in ihre Heimat geöffnet zu sein. Der Kapitän, der sie aufgenommen hatte, war also kein Pirat gewesen. Hope unterhielt sich ja liebevoll mit ihm.

Das junge Paar, Hope und Hannes, verzichtete jetzt darauf, aus den Mädchen irgend etwas herauszubringen. Dieselben waren in ihrer Freude zu aufgeregt, um klare Antworten geben zu können.

Es wurde ihnen an Bord der ›Hoffnung‹ ein bequemer Aufenthaltsort angewiesen. Später erst sollte Hope versuchen, alles von ihnen zu erfahren, was das Schicksal der Vestalinnen betraf. Es war schwer, von diesen Mädchen, denen jede Kenntnis einer Ortsbestimmung abging, die Lage einer Insel zu erforschen, aber vielleicht war es doch möglich, dass Geduld zu einem guten Resultate führte.

Die Offiziere beider Schiffe nahmen voneinander Abschied. Nach einer herzlichen Umarmung wurden die Enterhaken gelöst, der ›Swift‹ gab Dampf, um sich von der Bark freizumanövrieren, aber ehe noch die Schraube sich drehen konnte, war es der ›Hoffnung‹ schon gelungen, nur unter Anwendung der Segel abzusetzen.

Noch einen Abschiedsgruß, ein Tücherschwenken, und die beiden Schiffe verloren sich in der Weite des Ozeans. Der ›Swift‹ steuerte nach Norden, die ›Hoffnung‹ nach Süden.

Hope konnte ihre Neugier nicht unterdrücken. Sie befragte noch an demselben Tage die Mädchen und erfuhr überraschende Neuigkeiten: die Aussetzung Johannas, die Geschichte mit dem ungenießbaren Trinkwasser, von Miss Morgans Verrat, von der Felseninsel mit ihren Wundern und dem Besuch der Piraten auf derselben.

So unklar die Erzählung der Mädchen auch war, man konnte doch allerlei Schlüsse aus ihr ziehen.

Hannes erkundigte sich so genau wie möglich, wie lange die ›Vesta‹ gefahren war, ehe sie wegen Wassermangel eine kleine, schönbewaldete und wasserreiche Insel angelaufen sei, besprach sich hierauf lange mit Hope und dem zweiten Steuermann und gab dann den Kurs nach den JuanFernandezInseln an.

* * * * *

IV.12. Durch die Pampas

Die sieben Reiter hatten, Juba Riata an der Spitze noch in derselben Nacht den Pass von VillaRica, den einzigen Weg durch das Gebirge, passiert und erst am frühen Morgen mitten zwischen riesigen Bergen einige Stunden im Freien der Ruhe gepflegt.

»Zwei Tage müssen wir unsere Gäule in scharfem Trab halten«, hatte der mürrische Juba erklärt, »ehe wir das Dorf des springenden Panthers erreichen«, das heißt, wenn es sich noch dort befindet, wo ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Unter Umständen können wir aber auch noch zwei Wochen galoppieren, ehe wir ihn finden.«

»Sollten wir ihn nicht einholen können, wenn wir unseren guten Pferden die Sporen zu kosten geben?«, fragte Harrlington.

Juba warf ihm einen spöttischen Blick zu.

»Warst du schon einmal im Westen Amerikas?«, fragte er gelassen.

»Nein.«

»Dann weißt du auch nicht, wie Indianer reiten. Versuche eher, den Sturmwind einzuholen, als einen Indianer, solange er ein Pferd zwischen den Beinen hat und einen Vorsprung.«

Damit streckte sich der lange Mestize gemächlich neben dem Feuer aus, welches die kühle Morgenluft erträglich machte, zog eine Pfeife aus dem Gürtel und begann in langen Zügen den Rauch in die Lunge zu ziehen, ihn dann in dunklen Wolken aus Mund und Nase zugleich wieder ausstoßend. Nachdem er sich so einige Minuten dem Genusse des Rauchens hingegeben hatte, wickelte er sich in seine Decke, die er vor dem Sattel auf das Pferd geschnallt trug, und lag in der nächsten Sekunde in tiefem Schlaf.

Sein Gefährte, Don, hatte gleich von vornherein auf unsere Freunde einen besseren Eindruck gemacht, als der grobe, aber aufrichtige und treue Juba. Er hatte eine einnehmende Physiognomie, redete auch, was aber bisher nur ein einziges Mal geschehen war, die Herren auf Englisch an und zeigte überhaupt in seinem ganzen Benehmen ein gebildeteres Wesen, als man bei einem wilden Pampasjäger vermuten sollte. Jetzt rückte er zu den Herren an das Feuer, welche sich noch unterhielten, und sagte:

»Nehmt nichts für ungut, Juba ist ein braver Kerl, nur etwas ungeschliffen! Er hat aber recht, einen Indianer kann man bei einem Vorsprung schwer einholen. Wisst Ihr, wie wir in Amerika über die Reiter denken?«

»Nun?«, fragte Hendricks, den dieses Thema ganz besonders interessierte.

»In ganz Amerika gilt dasselbe Gesetz, gleichgültig, ob es Nord- oder Südamerika ist: der weiße Mann im Osten reitet sein Pferd so lange in schnellster Gangart, bis es zusammenbricht; der Mann des Westens jagt sein Pferd so lange, bis es stürzt, reißt es wieder auf und reitet weiter, bis es abermals zusammenbricht; der Indianer aber spornt seinen Gaul so lange zum schnellsten Jagen an, bis das Tier krepiert; Mitleid kennt er weder mit sich, noch mit irgend einer anderen Kreatur. Die Beschaffenheit des Landes mag einen solchen Unterschied hervorbringen, der raue Westen erzieht derbere Menschen, als der mildere Osten.«

Nicht ohne Erstaunen hatten die Engländer dem Jäger zugehört; sie glaubten einen Philosophen vor sich zu haben, wie man sie oft unter Leuten, welche beständig in der Einsamkeit leben, vorfindet.

»Ich glaube, Ihr seid nicht immer Jäger gewesen«, meinte Charles Williams. »Seid Ihr Amerikaner?«

»Ich bin Amerikaner«, sagte der junge Mann. »Amerika ist mein Vaterland, welches ich in unbeschränkter Freiheit durchstreife, ich kenne keine Grenze, ich nenne kein Haus mein eigen, kein Bett, keine Familie; der ganze Erdteil gehört mir, und ich bin glücklich. Ich bin einst zu etwas Besserem erzogen worden, aber ich durchkreuzte die vorsorglichen Pläne meines Vaters und bereue nicht, dies getan zu haben. Ich bin glücklich, denn — ich — bin — frei!«

Beim Sprechen der letzten Worte hatte sich der Mann hintenüber fallen lassen, und kaum war die letzte Silbe verklungen, so schnarchte er schon mit Juba Riata um die Wette. »Er ist wirklich ein glücklicher Mensch«, seufzte Charles Williams, wickelte sich in seine Decke und versuchte ebenfalls, die wenigen Stunden schlafend zu verbringen, denn der kommende Pampasritt erforderte die Kräfte eines ausgeruhten Mannes.

Durch den Ruf: ›Hallo, Jungens‹, wurden einige Stunden später die Schläfer geweckt, und sahen, noch traumumfangen, Juba Riata bereits neben einem frisch angemachten Feuer sitzend, den Kessel mit dampfendem Kaffeewasser behütend, während Don die spärlichen trockenen Zweige von Büschen zusammensuchte, um dem Feuer neue Nahrung zu geben.

Gedrückt schlürften die Herren den in Blechtassen gereichten Kaffee und kauten das zähe, getrocknete Fleisch. Müde und niedergeschlagen, wie sie jetzt waren, mundete ihnen das Picknick durchaus nicht.

Dann ging es weiter; die ausgeruhten Pferde tänzelten unter den Reitern, aber nicht zu besonderer Freude der englischen Herren. Von dem Schlafe auf feuchter, harter Erde schmerzten ihnen die Glieder.

Die beiden Führer ritten stumm nebeneinander durch das kniehohe Gras, selten einmal ein Wort wechselnd, und die Herren verhielten sich gleichfalls schweigsam.

Als die Sonne schon bald den Zenit erreicht hatte, zügelte Don sein Pferd und blieb neben den Engländern, während Juba, stumm und finster, wie gewöhnlich, zehn Meter vorausritt und nur ab und zu seinem Pferde eine Liebkosung sagte. Das Tier war das einzige, welches trabte, schon dadurch seine Güte zeigend. Man sieht in Amerika nur wenige, einst wild gewesene Tiere, welche sich diese Gangart angeeignet haben, denn der Mustang bewegt sich nur im Schritt, Galopp oder Karriere, der Trab ist ihm fremd.

»Das sind die Pampas«, sagte Don, sein Ross neben die Engländer lenkend, und beschrieb mit dem Arm einen Kreis.

Es kam den Freunden vor, als wolle er mit diesen Worten und dieser Bewegung ihnen das Gebiet bezeichnen, über welches er wie ein König zu befehlen habe, jenes ungeheure, jetzt noch wellenförmige Steppenland, bei dessen Anblick die eigene Person plötzlich zu einer unsagbaren Kleinheit, zu einem Nichts zusammenschrumpft.

Die sieben Männer waren die einzigen lebenden Wesen in dieser Graswüste, die durch die grünen Halme huschenden Insekten abgerechnet, wenigstens schien es so. Die Tiere in den Pampas sind ungeheuer weitsichtig, sie erkennen den Menschen schon, wenn sie selbst diesem nur wie Punkte erscheinen, und ziehen sich scheu vor ihm zurück oder verstecken sich.

Es gehören schnelle Rosse dazu, das Wild der Pampas zu jagen, Schusswaffen werden wenig nutzen. Die Indianer bedienen sich weder des Pfeils und Bogens, noch des Gewehres, wenn sie jagen; die Bola und ihr halbwilder Mustang, der mehr dem Schenkel, als dem Zügel gehorcht, genügen ihnen.

Mit der Bola fangen sie Pferde, Gazellen, den Kasuar — das ist der amerikanische Strauß — und selbst den Panther. Die Bleikugeln werden mit nie fehlender Sicherheit geschleudert. Auf was der Indianer zielt, das ist im nächsten Augenblick von den drei Riemen umschlungen.

Am Abend erreichten die Reisenden einen breiten Strom, und ohne sich auch nur umzusehen und ein Wort zu sprechen, lenkte Juba Riata sein Ross in die Fluten. Willig begann dieses die Schwimmtour durch das reißende Gewässer.

»In den Pampas gibt es keine Fährleute«, wandte sich Don lächelnd an die Herren, »auch wir müssen dem Beispiele Jubas folgen. Schwimmen Eure Pferde gut?«

Man hatte noch keine Probe damit gemacht, aber es zeigte sich, dass sie das Wasser nicht scheuten. Die Pferde von Südamerika sind an derartige Reisen schon gewöhnt. Wacker kämpften sie gegen die Strömung und hatten nach einer Viertelstunde das jenseitige Ufer erreicht, sie waren allerdings weit abgetrieben worden.

Das Unangenehmste für die Reiter war, dass sie die Waffen beständig über Wasser halten mussten, was für eine Viertelstunde eine große Anstrengung bedeutete. Juba wie Don hatten es sich bequem gemacht, sie trugen Revolver wie Munition mittels ihrer Lassos auf den Kopf gebunden.

Mit triefenden Kleidern wurde weitergeritten, doch Don teilte den Engländern mit, dass Juba bald einen geeigneten Lagerplatz wählen würde. Es wehte ein kalter Wind, der an Heftigkeit immer zunahm, und am Horizont stiegen schwere Wolken auf. Juba Riata wollte daher hügeliges Terrain erreichen, von dem man mehr Schutz vor dem Winde erwarten konnte.

Aber dem Regen konnte man nicht entgehen, wenn er wirklich fiel. Das konnte eine nasse Nacht geben.

Eine Stunde später flackerte zwischen zwei Hügeln ein prächtiges Feuer, an welchem sieben Männer ihre nassen Kleider trockneten und die durchfrorenen Glieder wärmten. Man befand sich ziemlich weit im Süden, und die Nächte waren daher kalt.

Juba hüllte sich, wie gewöhnlich, in seine Decke, brannte die Pfeife an und fühlte sich nun in einer recht gemütlichen Stimmung, was man daraus ersah, dass er gesprächiger wurde. Er hatte bis jetzt den Herren kein Wort gegönnt, nicht einmal einen Blick, sondern war immer ernst und schweigsam zehn Meter vorangeritten, unablässig die Pampas abspähend, ohne aber etwas entdecken zu können. Wenigstens hatte er niemals etwas davon gesagt.

Harrlington brachte aus seinen mitgenommenen Vorraten eine wohlgefüllte Flasche mit Brandy zum Vorschein, und schon beim bloßen Anblick dieses Belebungsmittels verzogen sich die sonst so grimmigen Züge des Lassowerfers zu einem schmunzelnden Lächeln. Weder er, noch Don verschmähten dieses Produkt der Zivilisation. Mit Wohlbehagen ließen sie den belebenden Trank durch die Kehle laufen.

»Das wärmt besser, als die dickste Decke«, schmunzelte Juba, die am Schnurrbart hängengebliebenen Tropfen mit der Zunge sorgsam ableckend. »Der Brandy ist doch ein bedeutend besserer Stoff, als der verdammte Äpfelwein der Indianer, nach dem man noch acht Tage lang Leibschmerzen verspürt.«

»Müssen die Trinkfeste jetzt nicht bald beginnen?«, fragte ihn sein Gefährte.

»Die Äpfelquetschen arbeiteten schon vor vierzehn Tagen«, war die Antwort, »und hätte ich nicht gewusst, dass wir jetzt gerade zu den Zechgelagen eintreffen, so hättest du mich wohl schwerlich bei dieser Jahreszeit zu einem Ritte durch die Pampas verleiten können.«

Juba leckte abermals mit der Zunge über die bärtigen Lippen, der Gedanke an eine Trinkerei in Äpfelwein musste ihm doch nicht so unangenehm sein, wie er gesagt hatte, wenigstens verschmähte er das saure Getränk nicht, so lange er kein anderes hatte.

»Was für Festgelage sind das, von denen Ihr sprecht?«, wandte sich Harrlington an den gefälligeren Don; doch Juba war guter Laune, er selbst übernahm die erwünschte Erklärung.

»Sieh, Fremder«, sagte er, »ein jedes Volk in ganz Amerika kann irgend ein Getränk bereiten, nach dem man sich leicht fühlt, als müssten einem Flügel anwachsen, und welches das Herz fröhlich macht. Ich bin weit herumgekommen, aber überall wird etwas gebraut, entweder aus Wurzeln, Beeren, Früchten, Blättern oder sonst wie; ja, mir erzählte einmal ein Indianerhändler, oben im Norden machten sie aus Kuhmist einen lieblichen Schnaps. Alle Indianer lügen zwar furchtbar, würde ihm dies auch nicht glauben, wenn ich nicht dort«, — Juba deutete nach Nordosten — »selbst einmal bei einem Volke gesehen hätte, welches in großen Wäldern lebte, pfundschwere Ringe in Nase und Ohr trug und durch ein hohles Rohr Pfeile blies, wie es sich einen noch viel ekelhafteren Trank bereitete, nach dem sie aber wie angeschossene Fischreiher herumtaumelten. Alte, hässliche Weiber saßen um eine große Schüssel herum, kauten Brot klein und spuckten dieses in das Becken, dann kam Milch darüber, das Gebräu blieb einige Tage stehen und wurde getrunken. Die Leute sagten, der Speichel dieser alten Weiber schmecke süßer als Honig, und tranken dieses eklige Gebräu mit dem größten Behagen. Faktum ist es aber, dass sie furchtbar betrunken wurden.«

»Es waren Botokuben«, unterbrach Williams den plötzlich redselig gewordenen Mestizen, »Eingeborene von Brasilien. Der menschliche Speichel hat die Fähigkeit, einige Substanzen zur Gärung zu bringen, wodurch Alkohol entsteht.«

Der Mestize spuckte nachdrücklich aus, um seinen Ekel zu zeigen, obgleich er gar nicht wählerisch war, wie die Herren später erfahren sollten.

»Wie kamt Ihr nach Brasilien?«, fragte ihn Davids.

Einem anderen hätte Juba Riata vielleicht geantwortet: »das geht dich nichts an«, dem ernsten Manne gegenüber mit den festgeschlossenen Lippen, die sich fast niemals öffneten, und der immer so kalt und besonnen blickte, benahm er sich höflicher.

»Hatte mich einer Expedition angeschlossen«, knurrte er, »bin aber desertiert, denn das Schleichen im Walde gefiel mir nicht, musste zu oft zu Fuße gehen.«

Der Mestize sah nachdenkend vor sich hin, dann lachte er mit einem Male auf.

»Dachte damals, die Leute mit den Brillen, die an jeder Blume herumschnüffelten und über jeden Vogel stundenlang stritten, könnten doch nicht ordentlich reiten. Im Walde waren die Pferde sowieso überflüssig, und so band Juba Riata eines Nachts zehn Pferde an seinen Lasso und juchhei, fort war er, auf Nimmerwiedersehen. Kaufte mir für die zehn Pferde eine Frau von den Penchuenchen, habe den Kauf aber bereut, die Pferde wären mir jetzt lieber, als eine Frau, die nicht genug arbeiten kann.«

Das offene Geständnis gab unseren Freunden zu denken.

Juba hatte die Expedition also bestohlen, er schämte sich nicht einmal, es zu gestehen, sondern prahlte noch damit. Doch was half's, sie brauchten ihn jetzt. Überdies machte der Mestize trotz alledem einen günstigen Eindruck auf sie, und noch mehr sein Gefährte Don. Auf letzteren hätten sie sich unbedingt verlassen; auch ersterer war jedenfalls treu, nur über die Begriffe von Gut und Böse war er sich nicht völlig klar.

Behandelte man ihn gut, oder fügte man sich ihm vielmehr, so war von ihm nichts Schlechtes zu erwarten, aber die Dienste eines Dieners durfte man nie von ihm verlangen.


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»Die Indianer der Pampas brauen sich Wein aus Äpfeln?«, begann Harrlington nach einer Weile wieder.

»So ist es«, nickte der Mestize, der in seine alte Schweigsamkeit gefallen war, wahrscheinlich, weil er sich voll und ganz mit seiner Pfeife beschäftigte.

»Und die Trinkgelage beginnen jetzt?«, wandte sich der Lord an den höflicheren Don.

»Sie müssen bald anfangen.«

»Ihr wollt die Indianer, welche sich jetzt am Trinken ergötzen, aufsuchen und an den Zechereien teilnehmen?«, fragte Harrlington weiter, und eine böse Ahnung stieg in ihm auf.

Der Pampasjäger lächelte.

»Wir müssen die Häuptlinge aufsuchen, durch deren Gebiet wir reiten«, antwortete er dann, »sonst würden wir sie bald auf unseren Fersen haben und ihre Lanzenspitzen vor uns sehen. Wo aber ein Zechgelage stattfindet, müssen wir auf die Einladung hin daran teilnehmen, oder wir dürfen nie auf die Unterstützung hoffen, die wir gebrauchen. Der Indianer ist nie empfindlicher, als betreffs der Gastfreundschaft; wer sie verschmäht, ist sein Todfeind.«

Dagegen ließ sich also nichts machen.

»Ihr könnt Euch leicht denken, wie besorgt wir um das Schicksal der Dame sind, zu deren Befreiung wir uns hier befinden«, sagte Harrlington zu Don, hoffend, von diesem eher, als von dem brummigen Riata etwas über das zu erfahren, was die Herren stetig mit Besorgnis erfüllte. »Sie ist eine Freundin von uns. Werden die Indianer sie gegen ein gutes Geschenk ausliefern?«

»Hätten wir, Riata und ich, uns sonst als Führer von Euch anwerben lassen?«, war die einfache Antwort. »Wir sind vielleicht rohe Menschen, aber ehrlich, allerdings nach unserer Weise, die Ihr nicht immer verstehen werdet. Nie hätten wir uns zu diesem Unternehmen dingen lassen, wenn wir uns keinen Erfolg versprachen. Für Lohn allein arbeiten wir nicht, wir müssen Erfolg in Aussicht haben, sonst fehlt uns der Antrieb.«

Die Herren, welche erwartungsvoll der Antwort des Jägers entgegengesehen hatten, denn diese Frage brannte schon lange auf ihren Zungen, atmeten freudig auf.

Aber noch eins mussten sie erfahren, ehe sie ihre Unruhe bemeistern konnten.

»Wie behandeln die Penchuenchen ihre weiblichen Gefangenen? Sie rauben die Mädchen doch, um sie zu ihren Weibern zu machen. Gebrauchen sie, um das zu erreichen Gewalt?«

Noch hatte Harrlington diese in verzagtem Tone gestellte Frage nicht völlig ausgesprochen, als Hendricks leise seinem Freunde Williams zuflüsterte:

»Was zum Teufel lacht dieser Kerl nur immer? Dies Lachen bei einer so ernsten Sache gefällt mir nicht.«

»Ich kann es mir auch nicht erklären«, gab Charles ebenso leise zurück, »mir scheint fast, als hätte Don etwas zu sagen, womit er nicht heraus will. Mir kommt es manchmal vor, als amüsiere er sich über uns.«

»Seid ohne Sorge um ihr Schicksal!«, entgegnete Don, der wirklich ein sehr heiteres Gesicht gemacht hatte.

»Die Penchuenchen machen allerdings die gefangenen Mädchen zu ihren Weibern, aber nicht so schnell, wie Ihr vielleicht glaubt. Der Penchuenche ist nicht roh, er versucht erst, die Liebe eines Mädchens zu erlangen, und solange er dies nicht erreicht, betrachtet er sie nur als Sklavin, dass heißt, er lässt sich von ihr bedienen. Ein Glück ist es immer für die Geraubten, dass es für einen Krieger sehr schimpflich gilt, seine Leidenschaft nicht im Zaume halten zu können. Der Indianer weiß übrigens, dass ein weißes Mädchen ihn doch nicht so liebt, wie ein rothäutiges, und er zieht es vor, ein Lösegeld für sie zu erhalten. Wird dieses nicht geboten, so kann es allerdings vorkommen, dass er sie wirklich zu seinem Weibe macht, aber dies sind Ausnahmen und ereignen sich nicht oft.«

»Was wird dann aus dem Mädchen?«

»Sie bleibt seine Sklavin und ist unglücklicher, als wäre sie sein Weib, denn sie muss dieselbe schwere Arbeit verrichten, wie die Indianerinnen, wird aber noch dazu verachtet. Der Indianer, dem sie ihre Liebe verweigert hat, straft sie auf diese Weise. Selten braucht er Gewalt, dann aber niemals sofort, es vergehen Wochen, ja Monate, ehe dies geschieht. Ich kenne die Penchuenchen, glaubt meinen Worten!«

»Gott sei Dank!«, seufzte Harrlington auf. »Auch den übrigen Männern fiel eine Zentnerlast vom Herzen, und John Davids' bis jetzt so furchtbar finsteres Gesicht klärte sich seit langer Zeit zum ersten Male wieder auf.

Die Nacht hatte sich vollkommen herabgesenkt, der Wind hatte sich gelegt, aber kein Stern zeigte sich am Firmament. Der Himmel wurde von einer dunklen Wolkenschicht vollkommen bedeckt. Das Feuer drohte zu erlöschen.

Juba Riata erhob sich von seiner Decke, klopfte die Pfeife an einem Stein aus und winkte Don. Beide entfernten sich in die Nacht hinaus, kehrten aber bald zurück, jeder einen großen Arm voll Reisig tragend, mit dem sie das Feuer wieder anschürten, den Rest schichteten sie daneben auf.

»Es ist die letzte Nacht, die wir an einem Holzfeuer zubringen«, sagte Juba. »Morgen schon feuern wir mit Pferdemist, den wir jeden Abend sammeln müssen. Wird das die Herren auch nicht genieren?«

Es sollte Spott in diesen Worten liegen, aber Harrlington antwortete ruhig:

»Wir kennen das. In den Gegenden, wo Kamele existieren, also in Sandwüsten, kann auch nur von deren Unrat Feuer gemacht werden.«

»Gib mir noch einmal deine Flasche«, wandte sich Juba an den Lord und musterte den Himmel, »wenn man sich innerlich angefeuchtet hat, empfindet man die äußerliche Nässe weniger.«

Der Pampasjäger prophezeite also Regen. Das konnte eine böse Nacht werden, ohne Zelte, ohne Schutz, ohne trockene Kleider — nur die wollenen Decken zum Einwickeln.

Jeder suchte sich einen geeigneten Platz zum Lager aus; die Nähe des Feuers wurde nicht beachtet, die schnell verbrennenden Ästchen lieferten nicht genug Wärme, sie diente nur zur Bereitung des Abendbrotes. Gefahr war nicht zu fürchten, sie stammte denn von Menschen, und diese ließen sich auch von einem Feuer nicht abschrecken.

Juba und Don verschwanden wieder in der Finsternis, sie suchten sich einen Schlafplatz abseits, und ebenso gingen Hendricks und Williams etwas vom Feuer ab, weil sie eine Bodensenkung gefunden hatten, in der sich mit Hilfe der Decke ein recht angenehmes Bett machen ließ.

Bald lagen die beiden Engländer nicht weit voneinander entfernt am Boden und waren mit ihrer Schlafstelle auch ganz zufrieden.

»Wie schön wäre es«, seufzte Williams, ehe er nach dem ermüdenden Ritte einschlummerte, »könnten wir hoffen, alle die wiederzufinden, für welche wir zwei Jahre lang gesorgt haben. Ach, nur eine einzige ist davon übrig. Warum wartete sie nicht auf uns? Konnte sie sich nicht denken, dass wir vor Angst um sie vergehen? Nein, dieses Mädchen muss sich natürlich sofort wieder von den Indianern rauben lassen!«

»Wirklich, es ist herrlich hier«, sagte Hendricks nach einer kleinen Weile, um seinen in letzter Zeit sehr niedergeschlagenen Freund auf andere Gedanken zu bringen, »es ist das erste Mal, dass ich eine kalte Nacht im Freien verbringe, aber sie ist wirklich so schön, wie eine tropische, wo man vor Hitze nicht schlafen kann. Unter meiner Decke fühle ich mich ganz behaglich. Wenn es nur nicht regnet; das könnte eine schöne Geschichte werden! Was meinen Sie, Williams, werden wir verschont bleiben?«

Doch Williams antwortete nicht mehr; er musste entweder schon schlafen oder hing wieder trüben Gedanken nach, sich schlafend stellend, um nicht darin gestört zu wenden.

»Wenn es nur nicht regnet«, dachte Hendricks nochmals, wickelte sich fester in die Decke, sodass nur Augen und Nasenspitze heraussahen, warf noch einen besorgten Blick nach dem trüben Himmel und war gleich darauf sanft entschlafen.

Auch Williams hatte sich nicht nur verstellt; er schlief wirklich, und der Traumgott zauberte ihm Bilder vor, nach deren Verwirklichung der arme Charles sich sehnte. Der Traum musste ihm Ersatz für das Leben bieten

Ihm träumte, er befände sich mit einer Person in einem Boote und fuhr auf dem blauen Meer, das Herz voll Glück und Ruhe, die Arme fest um die andere Person geschlungen, und er konnte nichts weiter als deren Namen nennen, Betty! Aber in diesem einen Worte lag alles, was er zu sagen gehabt hätte. Ja, es war Miss Thomson, die bei ihm war; er wunderte sich nicht darüber, dass er sich in einem Boote auf dem Meere befand; er sorgte sich auch nicht darum, dass sie weder Wasser, noch Nahrungsmittel bei sich hatten; er dachte überhaupt nicht an die Zukunft, sondern er stammelte nur den Namen des Mädchens, das er liebte, und lauschte dann wieder dem Worte, welches sie lispelte: Charles. Es klang ihm wie himmlische Musik, er wurde nicht müde, es zu hören.

Da aber mischte sich ein anderer Klang in diese Engelstimme; es war ein dumpfer Donner, und als er erschrocken aufblickte, sah er, dass sich der Himmel unterdes mit finsteren Wolken überzogen hatte, aus denen fortwährend unter Donnergekrach die Blitze zuckten.

Noch war ihm die Größe der Gefahr nicht zum Bewusstsein gekommen, als schon das Meer, obgleich gar kein Wind vorhanden war, furchtbar zu wüten begann; die Wellen zischten schrecklich, aber noch schrecklicher war, dass sich das Boot mit Wasser zu füllen anfing und Charles vergebens versuchte, die Arme von dem geliebten Mädchen zu lösen. Es schien mit ihm verwachsen zu sein, er konnte also nichts tun, um das Wasser aus dem Boot zu schöpfen.

Das kleine Boot sank schnell. Schon fühlte Charles das Wasser an seinen Füßen, schnell kam es höher und benetzte bereits seinen Leib.

»Charles!«, rief Betty noch immer. Sie schien keine Angst zu fühlen.

Die Wellen drohten schon des Mannes Mund zu verschließen; mit der letzten Anstrengung, sich über Wasser zu halten, rief er laut:

»Halte dich fest, ich will dich retten, aber bewege dich nicht, sonst müssen wir ertrinken.«

»Schwimmen Sie schon?«, rief da plötzlich eine männliche Stimme über Charles. »So weit ist es bei mir noch nicht, mir reicht es erst bis an die Knie. Aber so stehen Sie doch auf, Williams, Sie liegen ja noch immer am Boden. Gerechter Gott, was für einen Schlaf haben Sie. Sie liegen ja wie in einer gefüllten Badewanne.«

Erschrocken fuhr Williams auf. Hendricks rüttelte ihn am Arm und half ihm auf. Das Wasser ging dem am Boden Liegenden schon über den ganzen Körper weg. Himmel, was für ein Regen war das!

Es regnete nicht. Es goss wie mit Eimern herab, immer einen Strahl nach dem anderen, und dazu zuckten die Blitze wie feurige Schlangen durch die Luft, und der Donner rollte unaufhörlich.

»Wo sind unsere Gefährten?«, rief Charles, seine Decke, die nur noch ein nasser Lappen war, aufraffend.

»Ertrunken oder weggeschwemmt«, stöhnte Hendricks, im Wasser herumpatschend.

Alles Rufen war vergebens.

»Wie lange sind Sie schon wach? Regnet es schon lange?«, schrie Charles seinem Freunde zu.

»Bin auch eben erst erwacht«, war die Antwort, »als Sie mich aufforderten, ich solle mich an Sie anklammern. Lange kann es aber noch nicht regnen, sonst wäre ich sicher eher aufgewacht.«

»Unsinn«, schrie Charles und patschte weiter ziellos im Wasser herum, »es muss schon lange regnen, das Wasser steht ja schon einen halben Meter hoch.«

»Der Regen lässt nach.«

»Was hilft das, wenn die ganze Gegend innerhalb einer Viertelstunde überschwemmt ist? Himmel, Herrgott, ich bin wie aus dem Wasser gezogen!«

»Sind wir auch«, gab Hendricks kleinlaut zu, »und keine Aussicht, vor morgen früh trocken zu werden.«

Das Gewitter dauerte noch lange an, aber der Regen hörte bald auf. Kein Tropfen kam mehr vom Himmel, doch das Wasser fuhr fort, unter ihnen zu rauschen. An ein Niederlegen war nicht zu denken, und so weit sie auch gingen, sie fanden keinen trockenen Boden.


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Schließlich blieben die beiden Durchnässten ruhig stehen und ließen sich das Wasser um die Füße spülen. Charles fand sogar seinen Humor in dieser verzweifelten Lage wieder, wenn ein Blitz die traurige Figur seines Freundes beleuchtete.

»Durch und durch nass«, jammerte Hendricks, »wie zum Teufel sollen wir nur die Füße trocken bekommen, wenn die ganze Pampas unter Wasser steht?«

»Stellen Sie sich immer auf einen Fuß und lassen Sie den anderen trocknen«, riet ihm Charles. »Ohne Regenschirm wage ich mich aber niemals wieder in die Pampas, und ein zusammenlegbares Boot nehme ich das nächste Mal auch mit.«

Es war ein Glück, dass die beiden schon lange geschlafen haben mussten, ehe sie zur Einsicht ihrer verzweifelten Lage kamen, denn nur eine halbe Stunde standen sie so da, als sich die Nacht zu lichten begann.

Bald musste der Morgen anbrechen, und sie konnten sich dann wenigstens darüber orientieren, ob ihre Freunde noch da waren.

Noch ehe es so hell wurde, dass sie die Gegend erkennen konnten, hatte sich das Wasser zu ihren Füßen verlaufen, sie standen wieder im Trockenen, doch das Wasser rann noch aus ihren Kleidern.

Beim ersten Morgenstrahl erkannten die beiden Freunde gleichzeitig zwei Gestalten, die auf sie zukamen. Es waren Lord Harrlington und Hastings.

»Das war ein Schauer diese Nacht«, rief ihnen der letztere als Morgengruß zu. »Ein Glück, dass er nur einige Minuten gedauert hat und unsere Decken Wasser ziemlich gut abhalten, sonst wären wir durch und durch nass geworden.«

»Nun hört doch alles auf«, schrie Hendricks in voller Wut, »Sie tun ja gerade, als wären Sie allein vom Regen verschont geblieben.«

»Das gerade nicht«, sagte Harrlington lächelnd, »tüchtig genug hat es geregnet, aber nur für wenige Minuten. Meine Decke hat den kurzen Regen abgehalten.«

»Stand bei Ihnen das Wasser nicht einen Meter hoch?«

»Nein. Sind Sie denn nass geworden?«

»Na, sehen Sie einmal her«, entgegnete Charles und rang den Zipfel seines Rockes aus.

»Das kann ich mir nicht erklären. So schlimm war es bei uns nicht«, rief der Lord erstaunt.

»Dann sind wir gerade in einen Strichregen gekommen«, klagte Hendricks in komischer Verzweiflung.

In diesem Augenblicke tauchten in der Dämmerung Don und Juba neben den beiden Lords auf. Mit einem Blick hatten diese die Situation erkannt.

»Weh«, rief Juba und tat, als wäre er ganz erstaunt, »Ihr habt doch nicht etwa in dieser Regenrinne geschlafen?«

Die beiden Durchnässten blickten sich in dem jetzt heller werdenden Morgenlicht um. Don aber brach plötzlich ungeniert in ein lautes Gelächter aus; auch Harrlington und Hastings konnten das Lachen nicht unterdrücken, und die beiden Unglücksraben hätten vor Wut und Scham in den Boden sinken mögen, in den Boden der Regenrinne, in welcher das in der Umgegend angesammelte Wasser über sie hinweggeflossen war.

»Da möchte man sich doch gleich selbst ohrfeigen«, rief Charles und kletterte neben seinen Unglücksgefährten aus der Senkung heraus.

Die beiden Jäger machten sich daran, ein Feuer zum Bereiten des wärmenden Tees anzuzünden, wobei sie mit Bewunderung von den Engländern beobachtet wurden. Wie es ihnen gelang, das völlig nasse Holz nur mit Hilfe eines erbärmlichen Feuerzeuges in Brand zu bekommen, war den Zuschauern ein Rätsel, aber es gelang doch. Endlose Geduld war das Zauberkraut, mit dem sie die Nässe des Holzes überwältigten. Hundertmal schlug Don den Stahl an den Feuerstein, sodass ein Funke in den mit Pulver eingeriebenen Lappen sprang, aber hundertmal erlosch der schon glimmende Zunder unter den feuchten Zweigen, obgleich Juba Rita seine Lunge wie einen Blasebalg arbeiten ließ. Doch die beiden gaben nicht nach, der eine nicht mit Funkenerzeugen, der andere nicht mit Blasen, bis ein lustiges Feuer flackerte.

Eine Viertelstunde später schlürften alle heißen Tee, der die Körper wieder durchwärmte.

»Die nächste Nacht schlafen wir unter Dächern«, wollte Juba trösten, »und es ist gut, dass wir gerade zum Weintrinken kommen, denn dann kann man in den Zelten wenigstens ruhig schlafen.«

»Wieso?«

»Im nüchternen Zustande kann nur ein VollblutIndianer in seinem Zelte schlafen, von Fremden verlangen die springenden Gäste Tribut«, lachte Don.

Der heitere Jäger musterte nachdenklich die verstimmten Gesichter seiner Schutzbefohlenen, als sie die Pferde bestiegen; es schien fast, als ob er mit Lord Harrlingtons Schmerz Mitleid empfände.

Plötzlich ritt er dicht an diesen heran und flüsterte ihm zu:

»Verzagt nicht, Señor, Ihr werdet bald freudigere Nachrichten bekommen; vor allen Dingen fügt Euch uns.«

Ehe der erstaunte Lord noch fragen konnte, galoppierte Don schon wieder an der Spitze des Trupps.

* * * * *

IV.13. Raubmord

Durch den Engpass, welcher die Sierra Madre, einen Teil des Felsengebirges, unterbricht und dadurch NeuMexiko mit Colorado verbindet, bewegten sich drei Reiter. Zwei von ihnen ritten nebeneinander. Ihre kräftigen Pferde hatten nichts weiter als ihre Herren und deren Felleisen zu tragen, während der dritte, ein riesiger Schwarzer, noch allerlei Gepäck auf seinen knochigen Gaul geschnallt hatte. Außerdem trieb er vor sich noch ein Maultier, welches an jeder Seite einen Koffer vom Rücken herabhängen hatte.

Die Reiter waren Kapitän Hoffmann und Kirkholm, mit des ersteren Diener Cäsar, beide auf dem Wege nach Colorado.

Kirkholm hatte sich für einen Handelsmann ausgegeben, der in der Nahe von Cayenne Geschäfte abzuschließen habe, und war von Kapitän Hoffmann gern als Reisebegleiter angenommen worden.

Von der Station, in welcher sie die Pacificbahn verlassen, hatten sie die regelmäßige Postverbindung benutzt, mit welcher sie innerhalb vier Tagen nach Santa Fé gekommen waren.

Hier aber hätten sie wenigstens drei Tage warten müssen, ehe die Post weiter nördlich ging. Der Weg, den sie durch das Gebirge zu fahren hat, ist überdies schrecklich zerklüftet, steil, jäh abfallend und halsbrecherisch, besonders in einem schlechten Postwagen mit einem rücksichtslosen Kutscher, und so hatte Hoffmann vorgeschlagen, diesen Weg auf Pferden und ohne weitere Begleitung zurückzulegen.

Kirkholm ließ sich die Freude nicht merken, die ihn bei diesem Vorschlag beseelte. Endlich also konnte er einmal mit diesem Manne allein sein, denn die Postkutsche wäre stets mit Passagieren besetzt gewesen, wodurch nicht nur jeder Plan, sondern auch fast jede intimere Unterhaltung unmöglich wurde.

Was er tun musste, wusste Kirkholm noch nicht; die Hauptsache war, dass er erst einmal mit seinem Nebenbuhler allein war. Eine Gelegenheit zur Ausführung der finsteren Pläne würde sich schon finden, und je länger Kirkholm in der Gesellschaft Hoffmanns war, mit desto furchtbarerer Entschlossenheit grub sich der Vorsatz in seinem Herzen ein, allein das Ziel dieser Reise zu erreichen.

Cäsar war zwar ebenfalls mitgekommen, aber das durfte ihn nicht hindern — der Schwarze musste eben seinem Herrn in die Ewigkeit nachgeschickt werden.

Die Pferde waren bald von dem in alle Verhältnisse des Weges eingeweihten Hoffmann besorgt worden, und noch vor Tagesanbruch verließ die kleine Karawane Santa Fé, um auf eigene Faust das Gebirge zu durchqueren.

Wild türmten sich zu beiden Seiten des Pfades die Felsmassen auf; grundlose Spalten gähnten zu den Füßen der Reisenden; Wasserfälle stürzten rauschend von hoch oben herab, das zerstäubende Wasser benetzte noch die Gesichter der Wanderer, und schwankende Stege, eben stark genug, um die Postkutsche tragen zu können, führten über grausenerregende Schluchten. Es waren jene wildromantischen Bilder, an denen der Westen Nordamerikas so überaus reich ist, Szenerien, bei deren Anblick der Reisende bald mit Schauer, bald mit Bewunderung erfüllt wird, während er sich selbst unendlich klein vorkommt.

Stunde auf Stunde verging; aber noch immer ritten die beiden Reisenden wortlos nebeneinander. Kirkholm war ganz in Gedanken versunken, nur mit seinem Vorhaben beschäftigt, ohne die Landschaft zu beachten, während Hoffmann völlig in Betrachtung derselben versunken zu sein schien. Ja, als Cäsar hinter ihnen einmal ein lustiges Lied zu pfeifen anfing, verbot er ihm dies streng. Die Gassenhauer entweihten dies schöpferische Kunstwerk Gottes. Endlich musste Kirkholm das Schweigen doch brechen; er hielt es nicht länger aus.

»Werden wir diese Nacht in einer Poststation bleiben?«, fragte er.

Hoffmann war zu höflich, um auf eine Unterhaltung seines Gefährten nicht einzugehen, er riss sich von der Bewunderung der Naturschönheiten los.

»Es kommt darauf an, ob Sie Bequemlichkeit der Romantik vorziehen«, sagte er und wandte das lächelnde Gesicht Kirkholm zu.

»Ich füge mich Ihrem Vorschlag.«

»Wir haben die Wahl, in einer dumpfigen, zugigen Poststation zu bleiben, wo wir die Nacht auf Bärenfellen und vielleicht in Gesellschaft von rohen, trinkenden und rauchenden Menschen verbringen, oder in einem kleinen Blockhaus, zwar nur auf einem selbstbereiteten Blätterlager, vielleicht auch nur in unsere Decken gehüllt, auf ebener Erde, aber allein und inmitten der herrlichsten Natur. Am nächsten Morgen könnten wir als einzige Zuschauer den prächtigsten Sonnenaufgang genießen.«

Kirkholm horchte auf, Hoffmann kam ihm entgegen.

»Letzteres wäre Ihr Wunsch?«

»Ja, ich ziehe das einsame Blockhaus der Station vor, wenn Sie damit einverstanden sind. Wie Sie wissen, habe ich mich in Santa Fé genügend verproviantiert, ich brauchte überhaupt nirgends einzukehren, sondern bin mit allem Nötigen versehen.«

»Ich bin gern dabei, mich Ihnen anzuschließen, wenn Sie auch mir Ihren Proviant zur Verfügung stellen; ich bin mit wenigem zufrieden«, lächelte Kirkholm. »Wo ist dieses Blockhaus gelegen?«

»Abseits vom Wege; aber nur wenigen ist der Pfad bekannt, der zu ihm führt. Am Nachmittag müssen wir einige Stunden schneller reiten, dadurch passieren wir die Poststation noch vor Sonnenuntergang. Wir reiten an dieser vorüber und begeben uns nach der Blockhütte, wo wir Abendbrot essen und eine herrliche Nacht und einen noch herrlicheren Morgen genießen werden.«

»Und Cäsar kommt mit?«

»Nein, er bleibt auf der Poststation. So gern ich auch sonst den braven und treuen Burschen um mich habe, in solchen Fällen bin ich lieber allein oder in Gesellschaft einer Person, deren Gemüt gleicher Empfindungen fähig ist, wie das meine. Cäsar ist ein prosaischer Mensch, er zieht in kalter Nacht einen heißen Grog der schönsten Natur vor. Wir versehen uns in der Station mit allem, was wir brauchen, und reiten dem Blockhaus zu.«

»Wie weit ist es von der Station?«

»Noch zwei Stunden. Sind Sie schwindelfrei? Sonst dürfte ich Sie nicht zur Begleitung auffordern.«

»Ich habe Schwindel nie gekannt. Warum fragen Sie das? Ist der Weg gefährlich?«

»Allerdings, sehr, wenn wir keine Gebirgspferde und keine schwindelfreien Köpfe haben. Der ganze Weg führt auf einem kaum meterbreiten Grat entlang, zu dessen beiden Seiten grundlose Tiefen gähnen. Das Blockhaus liegt auf einem Vorsprung, es ist einst von Jägern erbaut worden.«

»Und dann reiten wir nach der Station zurück und nehmen den alten Weg auf?«

»Nein. Der Grat führt noch einige Stunden fort, dann aber stößt er wieder auf die Poststraße. Gegen Mittag würden wir diese wieder erreichen.«

»So treffen wir also dort wieder mit Ihrem Diener zusammen?«

»Auch nicht; so lange mag ich Cäsar nicht vermissen, denn er führt sehr wertvolles Gepäck bei sich. In der Station ist er während der Nacht gut aufgehoben, aber gerade von der Station aus wird die Poststraße sehr unsicher, es kommen sehr oft räuberische Überfälle vor. Er reitet des Morgens nach der Blockhütte, wo wir ihn erwarten. Auf dem schmalen Grat ist sein Leben nicht gefährdet; eine Begegnung mit einem Feinde auf ihm braucht der kräftige Schwarze nicht zu fürchten, und eine Kugel aus dem Hinterhalt hat keinen Zweck, denn sie wirft den Getroffenen samt seinen Schätzen bedingungslos in die unzugängliche Felsschlucht, die Beute ginge den Räubern daher verloren. Sind Sie also mit meinem Vorschlage einverstanden?«

Kirkholm war es.

Sein Herz pochte ungestüm; er fürchtete fast, er könnte seine Freude dem Manne an seiner Seite verraten. Hätte er es bester treffen können?

Zwar hatte Hoffmann noch durch kein Wort verraten, dass er sich auf dem Wege nach Miss Murrays Plantage befand, um dort eine Erbschaft anzutreten, aber Kirkholm war fest davon überzeugt, und selbst wenn er nur eine Ahnung davon gehabt hätte, hätte dieser Mann sterben müssen.

War es nicht möglich, sich zugleich des Geheimnisses zu bemächtigen, welches Hoffmann auf der Brust trug, dessen Besitz ihm Millionen einbrachte? Sie schliefen beide allein in einem einsamen Blockhause, weit abgelegen von der Verkehrsstraße, von jedem menschlichen Wesen! Wie leicht war es dort, dem ahnungslos Schlafenden einen Schuss beizubringen, ihm das Geheimnis abzunehmen und ihn dann in die Schlucht zu stürzen. Und Cäsar? Bah, was galt des Negers Leben, der Kirkholms Ansicht nach überhaupt kein Mensch war?

Wild jagten die Pulse des jungen Verbrechers; sein Entschluss stand jetzt bei ihm felsenfest.

Die Mittagsstunden verbrachten die beiden lang hingestreckt unter dem Schatten eines alten Baumes. Die Landstraße war wie ausgestorben; nur ein einziges Mal waren sie einem Wagen mit vier Pferden begegnet, der Reisende beförderte, sonst keinem menschlichen Wesen.


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Cäsar bediente die Herren, und es zeigte sich, dass Hoffmann auf solchen Reisen nicht schlecht zu speisen gewöhnt war. Der Neger brachte aus den geheimnisvollen Tiefen des Mantelsackes immer neue Delikatessen hervor, denen die beiden volle Würdigkeit angedeihen ließen; gebratenes Wildbret und Geflügel, Pasteten und eine Flasche französischen Rotweins — besser konnte man in einem Hotel ersten Ranges nicht dinieren, als hier inmitten eines unwirtlichen Gebirges.

Kapitän Hoffmann war nicht schwatzhaft, aber er wusste nicht, warum er nicht mit jemandem über etwas plaudern sollte, was diesen eigentlich nichts anging. Er war ja ein Deutscher und kein Yankee, der alles, was seine Person betrifft, in tiefes Geheimnis hüllt. Der Wein löst überdies die Zunge.

Der schlaue Kirkholm merkte das, und geschickt wusste er das Gespräch auf den Zweck von Hoffmanns Reise in diese Gegend zu bringen. Es war das erste Mal, dass dieses Thema von ihm berührt wurde, und Hoffmann ging darauf ein.

Mit angehaltenem Atem lauschte der junge Mann, als sein freundlicher Wirt ihm unverhohlen erzählte, dass er wegen Regelung einer Erbschaft in Colorado zu tun habe. Ob er schon von den Vestalinnen gehört habe. Ja? Nun, dann wisse er wohl auch, dass alle diese Damen ihren Übermut mit dem Leben gebüßt hätten; die ›Vesta‹ sei untergegangen, und die amtlichen Berichte hätten den Tod der Damen bestätigt.

Er, Hoffmann sei mit einer dieser Damen verwandt, mit einer gewissen Miss Murray; ihr Besitztum stamme von Altascarez ab, und kraft einer alten Urkunde müsse dieses stets wieder an die Familie der Altascarez oder deren direkten Nachkommen zurückfallen; Miss Murray könne überhaupt kein Testament aufsetzen, oder wenn sie es täte, so hätte ein solches überhaupt keine Gültigkeit, so lange ein Blutsverwandter der Altascarez existiere. Er, Hoffmann, sei ein solcher, und er sei nicht geneigt, den Stammsitz seines Großvaters in andere Hände kommen zu lassen.

»Man hat mir schon gesagt«, schloss der Erzähler, »es existiere noch ein anderer Verwandter von Miss Murray, aber ich kenne ihn ebenso wenig, wie ich Miss Murray gekannt habe, obgleich ich mit ihr zusammengetroffen bin. Es gibt eben viele Familien mit dem Namen Murray. Ob diese Verwandten nun Ansprüche machen oder nicht, ist mir gleichgültig, sie sind unberechtigt, ja, selbst ein Testament von Miss Murray zu seinen Gunsten wäre ungültig, so lange ich lebe. So viel habe ich aus sicherer Quelle erfahren. Miss Murray wird von diesen Bestimmungen wenig Ahnung gehabt haben; sie soll sich mit derartigen Geschäften nie befasst, sondern alles ihrem Rechtsanwalt überlassen haben.«

Hoffmanns Tod war nun erst recht beschlossen; während er seinem Gaste das Glas vollschenkte, überlegte dieser kaltblütig, wie er ihn am leichtesten aus dem Wege räumen könnte, ohne der Anklage des Mordes ausgesetzt zu werden.

Am Nachmittage wurden die Pferde öfter zu einem Trabe genötigt, und die Folge davon war, dass man noch weit vor Sonnenuntergang die Poststation erreichte. Hoffmann ließ sich von Cäsar den Mantelsack hinten aufs Pferd schnallen; der Schwarze blieb zurück, und die beiden Weißen ritten weiter.

Als Kirkholm an der Station vorüberkam, aus deren Fenstern mehrere Männer sahen, wandte er sein Gesicht zur Seite und betrachtete angelegentlichst die Landschaft zur linken. Er wünschte nicht, dass sein Gesicht zu genau beobachtet würde.

Doch im Westen Amerikas wird wegen des Verschwindens einer Person wenig Aufhebens gemacht. Steht nicht eine hohe Belohnung auf der Entdeckung des Mörders, und zwar ausgesetzt von einem Verwandten oder Bekannten, so kümmert sich kein Mensch um die Sühne, nicht einmal die Polizei. Amerika ist das Land des Selbstschutzes. Wer sein Leben nicht verteidigen kann, ist nicht wert, dass er es hat. Überall lauert hier der gewaltsame Tod: auf der Landstraße, auf der Eisenbahn, im eigenen Hause. Der Morde sind so unzählige, dass sie nur wenig Beachtung finden.

»Hier ist der Weg«, sagte Hoffmann zu seinem Begleiter und deutete zur Rechten auf einen schmalen Pfad, der von der Landstraße abzweigte, aber sofort in einem Felsen zu enden schien.

»Führt er denn weiter?«, fragte Kirkholm verwundert.

»Nicht wahr«, lachte Hoffmann, »es sieht gerade aus, als ob er gleich wieder aufhörte? Wie Sie an dem Felsgeröll sehen werden, ist es auch kein richtiger Weg, sondern durch ein Spiel des Zufalls erzeugt. Hier ist einmal ein Felsen abgestürzt und dadurch die Öffnung entstanden. Kommen Sie, bald erreichen wir den Grat.«

Es zeigte sich, dass der Weg allerdings eine Fortsetzung hatte.

Man konnte um die Steinwand biegen und befand sich mit einem Male in einem Felsenkessel, durch den ein meterbreiter Grat führte; zu beiden Seiten öffnete sich ein schwindelnder Spalt, und dieser wurde wieder von himmelhohen Bergen eingefasst.

»Geben Sie die Zügel frei«, sagte Hoffmann, als er sein Pferd zuerst auf diesen schmalen Weg lenkte, »es geht so sicherer. Seien Sie unbesorgt, diese Pferde sind im Gebirge geboren, ihr Tritt ist ganz sicher, solange sie sich selbst überlassen bleiben.«

Schaudernd blickte Kirkholm in die Tiefe und dann wieder auf den Vorreiter, der so ahnungslos seinem Tode entgegenritt. Schon hier hätte der Schurke mit Leichtigkeit seinen Zweck erreichen können, es wäre nicht einmal nötig gewesen, den Revolver loszudrücken; er hätte nur das Ross vor ihm durch einen Hieb zu reizen brauchen, und es rollte mit seinem Reiter in den Abgrund.

Aber das Geheimnis auf der Brust wäre dann mit verloren; in diese Schlucht gab es keinen Abstieg.

Nein, nur Geduld; in der Hütte war bessere Gelegenheit dazu.

»Geben Sie acht auf den morgigen Sonnenaufgang«, plauderte Hoffmann weiter, »er wird großartig; wir bekommen einen schönen Tag. Wir haben nicht einmal nötig, zeitig aufzustehen, denn es dauert lange, ehe die Sonne den Gipfel der Berge erklommen hat. Nie habe ich ein herrlicheres Schauspiel gesehen, als wenn die Bergspitzen in der Morgensonne in goldenem Glanze strahlen.«

»Waren Sie schon öfter hier und haben diesem Schauspiel beigewohnt?«

»Nur ein einziges Mal, vor vielen Jahren, aber immer hat es mich verlangt, mich noch einmal diesem Genusse hingeben zu können.«

»Wird das Blockhaus auch noch stehen?«

»Erst vor wenigen Monaten erzählte mir ein Freund, der diesen geheimen Weg auch kennt, dass er es vorgefunden hätte. Hier im Gebirge zerstört man überhaupt nicht so leicht etwas, was dem Reisenden zum Schutze oder zur Bequemlichkeit dient.«

Kirkholms letzte Besorgnis schwand.

Dem Sonnenuntergang hatte man nicht beiwohnen können, der feurige Ball war schon hinter den Bergen verschwunden, ehe man diesen Weg betrat. Aber es blieb noch lange hell; denn so lange die Sonne nicht wirklich unter dem Horizonte verschwunden war, wurde die Gegend noch immer vom Licht übergossen.

Nach zwei Stunden erblickte man in der Ferne auf dem Grate einen dunklen Punkt. Es war die Blockhütte. Da, wo sie stand, verbreiterte sich der Weg, sodass er an der einen Seite die Felswand berührte, und an diese Steinmauer lehnte sich das aus Brettern aufgeführte Häuschen.

Vor ihm und zu beiden Seiten tat sich aber noch immer der bodenlose Abgrund auf. Das Plateau war zehn Meter im Quadrat, also vollkommen groß genug, um auch die Pferde aufzunehmen. Aus Ritzen an dem Felsen wuchs sogar genügend Gras hervor, dass die Tiere Futter fanden; es wäre also gar nicht nötig gewesen, dass Hoffmann für dieselben Hafer mitnahm.

Die beiden Reiter sprangen von den Pferden und betraten, die Tiere sich selbst überlastend, die Hütte.

Sie war nur klein und enthielt nichts weiter, als eine rohgezimmerte Bank und einen Tisch. Es musste große Mühe gekostet haben, das zum Bau nötige Holz hierher zu schleppen. Wahrscheinlich hatte hier einst ein äußerst menschenscheues Wesen seine Wohnung aufgeschlagen, um sein Leben in Gesellschaft von Geiern und Adlern zu verbringen.

»Jetzt wollen wir uns erst gemütlich ausruhen«, meinte Hoffmann, öffnete sein Felleisen und zog ein Paket Lichter hervor, von denen er zwei anzündete, denn in der Hütte war es bereits dunkel. Darauf brachte er aus demselben Sack noch eine Menge von appetitlichen Sachen hervor, und außerdem noch einige Flaschen Wein, sodass eine Tafel entstand, welche der am Mittag durchaus nichts nachgab.

»Der Portwein wird uns Wärme für die kalte Nacht geben«, fuhr Hoffmann fort, zwei rotgekapselte Flaschen auf den Tisch stellend. »So, nun nehmen Sie Platz und langen Sie ungeniert zu!«

Zum zweiten Male war Kirkholm Hoffmanns Gast, aber seine Gedanken wurden dadurch nicht geändert, er brütete noch immer darüber, wie er am besten und gefahrlosesten den Deutschen aus der Welt befördern konnte.

Der Wein, den Hoffmann in zinnerne Becher schenkte, war gut, aber auch stark. Der Deutsche schien eine reichliche Quantität dieses Getränkes zu seinen Mahlzeiten gewohnt zu sein, er schenkte sich fleißig ein und nötigte auch Kirkholm wiederholt zum Trinken.

Die Nacht begann wirklich empfindlich kalt zu werden. Kirkholm hatte sich zwar vorgenommen, mäßig zu bleiben, aber diese Kälte zwang ihn doch, mehr von dem Getränk zu sich zu nehmen, als er vertragen konnte.

Er fühlte nach und nach, wie sein Kopf immer schwerer wurde, die Zunge wurde unbeholfen, und die Gedanken begannen unklar zu werden. Weit entfernt von Trunkenheit, merkte er doch, dass er nicht mehr der Alte war; der schwere Wein begann langsam seine Wirkung zu tun.

Das Essen war vom Tisch verschwunden, die Kerzen niedergebrannt. Hoffmann zündete zwei neue an, entkorkte eine Flasche Portwein und forderte seinen Gast auf, den Schlaftrunk zu sich zu nehmen, um, die Nacht in gesegneter Ruhe auf der Bank zubringen zu können.

»Trinken Sie nur«, wiederholte er, »ich garantiere Ihnen, dass Sie morgen ohne Kopfschmerzen erwachen werden. Er ist unverfälscht, direkt aus Oporto bezogen.«

Dabei blitzte Hoffmann sein Gegenüber mit den blauen, strahlenden Augen an, und Kirkholm trank.

Das Gespräch hatte sich bis jetzt nur um gleichgültige Sachen gedreht, nun aber kam Hoffmann wieder auf das vorige Thema, auf die Erbschaft.

Kirkholm begann zu fühlen, dass er betrunken wurde, es drehte sich alles in der Hütte, er selbst mit, aber immer blitzten ihn die blauen Augen an, welche das einzige in dieser Hütte waren, das sich nicht bewegte. Alles andere drehte sich um diese leuchtenden Punkte, wie die Gestirne um ein Sonnensystem.

Der junge Mann wusste genau, dass er dummes Zeug schwatzte, er nahm sich hundertmal vor, nicht mehr auf die so harmlos scheinenden Fragen zu antworten, die der Deutsche an ihn richtete, er war fest davon überzeugt, dass er manchmal etwas sagte, was er nicht gesagt hätte, wenn er nüchtern gewesen wäre. Nein, redete er sich dann wieder vor, du bist nicht betrunken, du bist ja ganz nüchtern, nur diese strahlenden Sterne, diese verdammten Augen haben es dir angetan.

Kirkholm wehrte und sträubte sich, er fluchte innerlich über seine Dummheit, aber er antwortete trotzdem immer wieder auf die an ihn gestellten Fragen, und daran waren nur die strahlenden Augen schuld.

Kirkholm glaubte, er träume einen beängstigenden Traum. Er fürchtete die Augen und trachtete nur danach, sie nicht zu erzürnen.

Er befand sich in einer seltsamen Aufregung.

Einmal, als Hoffmann den Kopf zur Seite wandte, bekam Kirkholm einen lichten Moment, doch wurde er noch vom Wein beherrscht.

»Mister Hoffmann«, lallte er mit schwerer Zunge, »ich glaube, Sie sind Hyp—Hypnotiseur.«

Da waren die strahlenden Sterne, die ihn faszinierten, schon wieder auf ihn gerichtet.

»Hypnotiseur?«, klang es lachend in sein Ohr. »Ich habe mich niemals mit solch brotlosen Künsten befasst. Jetzt, Mister Kirkholm, trinken Sie ihr Glas aus und legen Sie sich schlafen. So — Sie sind nicht recht fest auf den Beinen, warten Sie, ich werde Ihnen helfen.«

Hoffmann bereitete ihm sorgsam, wie einem Kinde, das Lager und hüllte ihn in eine Decke.

Noch einmal war es dem schon im Halbschlafe Befindlichen, als höre er ein Murmeln in seinem Ohr, das bald zu einem donnernden Geräusch anschwoll, er sah wieder zwei funkelnde Sterne in der Luft schweben, diesmal aber riesengroß, schrecklich anzusehen, dann wurde ihm plötzlich unwohl, er fühlte sich mit einem Male furchtbar beengt, geängstigt, er wollte schreien, konnte aber nicht, dann verlor er das Bewusstsein, er lag in tiefem Schlafe.

Wie lange er so geschlafen hatte, wusste er nicht, es deuchte ihm, als er erwachte, es wäre nur ein Augenblick gewesen, den er in solch traumlosem Schlaf zugebracht. In der Hütte herrschte schon die Morgendämmerung, und der erste Blick Kirkholms fiel auf den Deutschen, welcher auf der Bank neben dem noch voller Weinflaschen stehenden Tisch lag.

Plötzlich fiel Kirkholm alles wieder ein, was er sich gestern vorgenommen hatte, sein Vorsatz stieg wieder mit eiserner Gewalt in ihm auf, und leise, wie eine Katze, sprang er plötzlich von der Bank auf und stand, ehe er sich noch recht besinnen konnte, schon vor Hoffmann.

Dieser schlief ruhig. Der Deutsche schien das Bedürfnis einer Decke gar nicht zu kennen, wie Kirkholm jetzt merkte, hatte er die seinige ihm noch übergedeckt, er lag auf der harten Bank und hatte auch noch die Jacke ausgezogen, welche er sich unter den Kopf gelegt hatte.

Selbst das Hemd hatte der gegen Kälte unempfindliche Nordländer aufgeknöpft, Kirkholm sah, wie die weiße Brust sich ruhig hob und senkte. Alles an dem Schläfer deutete Ruhe und Sorglosigkeit an, auf den sein geschwungenen Lippen lag ein leises Lächeln.

Da nahmen Kirkholms Augen plötzlich einen teuflischen Ausdruck an, auf der entblößten Brust sah er ein Ledertäschchen liegen, das von einem Riemen um den Hals gehalten wurde.

Dort ruhte das Geheimnis, welches Flexan erstrebte, um damit Millionen zu erbeuten.

Kirkholms Hand griff nach dem geladenen Revolver. Jetzt oder nie, tönte es in seinem Innern, nie bot sich ihm wieder eine solche günstige Gelegenheit.

Aber erst musste er sich überzeugen, dass sich niemand in der Nähe befand, dass nicht etwa gerade Cäsar, der Neger, daherkam.

Nein, kein lebendiges Wesen war zu sehen.

Mit einem Schritte stand Kirkholm wieder vor der Bank, die Waffe in der Hand. Ein Zittern durchlief seinen Körper, aber im nächsten Augenblick beherrschte er sich, seine Hand hielt mit festem Griff die Waffe umklammert.

Hoffmann atmete tief und ruhig, er träumte nicht einmal, dass der Mann, den er gestern bewirtet hatte, jetzt vor ihm stand, fest entschlossen, ihn zu töten.

Kirkholm hob den Revolver und brachte die Mündung ganz nahe an die Herzgegend des Schlafenden, die nicht einmal von einem Hemd geschützt wurde. Doch berührte er den Körper nicht, er hätte ihn wecken können.

Noch einen Augenblick zögerte Kirkholm, dann plötzlich ein Druck, ein Knall, ein leises Stöhnen, ein krampfhaftes, letztes Zucken des gewaltigen Körpers, er stürzte von der Bank — und Kirkholm stand vor der Leiche seines Gefährten, er war sein Mörder.

Jetzt kannte Kirkholm keine Rücksicht mehr, der erste Schritt war getan.

Mit fester Hand drehte er den Toten um, öffnete die Ledertasche und hielt ein mit seltsamen, ihm unbekannten Schriftzeichen bedecktes Pergament zwischen den Fingern — das Geheimnis des ›Blitz‹.

Im nächsten Augenblick war es in seiner Brusttasche geborgen, der Revolver eingesteckt, Kirkholm schleppte den Leichnam hinaus und warf ihn in den Abgrund. Ein teuflisches Hohnlachen begleitete den fallenden Körper.

Diesem nach folgte dann alles, was Hoffmann gehört und mitgebracht hatte: Flaschen, Gläser, der Mantelsack — alles wurde hinabgeschleudert. Erst als der Mörder die Hand nach der eisernen Kassette streckte, zögerte er eine Sekunde.

Hoffmann hatte diese immer sehr sorgsam behandelt, sie musste stets neben ihm stehen, er vertraute sie selbst dem treuen Diener nicht an. Sie musste also wertvolle Papiere enthalten, denn sie war nur so schwer, als etwa ihr eigenes Gewicht betragen mochte.

Aber was konnte ihr Inhalt Kirkholm jetzt nutzen? Die Hauptsache besaß er.

Von einem plötzlichen Wahnsinn erfasst, schleuderte er mit einem Fluche auch den Kasten in den Abgrund, und schon erhob er den Revolver, um auch des Gemordeten Pferd seinem Herrn nachzuschicken, als er sich Cäsars erinnerte.

Halt, dieser musste getäuscht werden. Er konnte jeden Augenblick kommen, und wenn er seines Herrn Pferd nicht sah, hätte er leicht Argwohn schöpfen können.

Da war es Kirkholm, als sähe er weit, weit entfernt, wo der Grat nur so breit wie ein Messerrücken erschien, sich einen dunklen Punkt bewegen.

Das konnte nur Cäsar sein. Schnell war Kirkholm wieder in die Hütte geschlüpft und spähte, den Revolver schussbereit in der Hand, durch das offene Fenster, den Reiter erwartend.

Dieser kam zwar schnell näher, aber es dauerte Kirkholm doch zu lange. Das Pferd sollte als Zielscheibe dienen, dies war sicherer.

Endlich hatte Cäsar bald das Plateau erreicht, hinter ihm kam das Maultier.

»Hallo, Mister Hoffmann«, schrie der Schwarze fröhlich — es war sein letztes Wort.

Ein Schuss krachte, das Pferd bäumte sich wild auf, schlug hinten aus, traf das Maultier, und beide Tiere und der Neger stürzten in die Tiefe. Ein Schrei gellte noch herauf, dann war alles wieder still.


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»Nun du nach«, knirschte Kirkholm zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor und zielte auf Hoffmanns Pferd, welches dicht am Abhange graste. Wieder entlud sich der Revolver.

Getroffen sprang der Hengst zur Seite und verschwand in dem Abgrunde.

Kirkholm blickte mit blutunterlaufenen Augen um sich; er und sein Pferd waren die einzigen lebenden Wesen hier. Mit der größten Ruhe, als nähme er eine ganz alltägliche Verrichtung vor, untersuchte er die Hütte, ob noch irgend etwas darin wäre, was die Anwesenheit Hoffmanns verraten konnte; er schleuderte noch einen Pfropfenzieher in die Tiefe, dann war er überzeugt, nichts vergessen zu haben.

Als er aus der Hütte heraustrat, hatte die Sonne eben den Gipfel der Berge erreicht und beleuchtete sie blutigrot. Es mochte wohl ein wunderschöner Anblick sein, aber nicht für jemanden, der eben einen doppelten Mord begangen hat. Der Mann dachte an etwas anderes.

»Blut«, murmelte er durch die Zähne und steckte den Revolver in die Seitentasche.

Wie gebannt hing sein Auge an dem purpurroten Streifen, er konnte es nicht abwenden.

»Auf dieses Schauspiel hatte er sich gefreut«, flüsterte er, »nun kann er sich dort unten daran ergötzen. Der Tor, hahaha!«

Er brach in ein krampfhaftes Lachen aus, das nicht enden zu wollen schien.

Plötzlich aber brach er ab und wurde aschfahl; ein furchtbarer Schwindel befiel ihn, die Knie schienen ihm brechen zu wollen, nur mit der größten Anstrengung konnte er sich noch in die Hütte schleppen, ließ sich dort auf die Bank fallen, wo er die Nacht geschlafen hatte, und sank sofort in einen bewusstlosen Schlaf.

Als er wieder zu sich kam, konnte er nicht sagen, wie lange er so gelegen hatte; in seinem Kopfe wütete ein entsetzlicher Schmerz, die Kehle war ihm wie ausgebrannt, und er zitterte am ganzen Leibe.

»Das war ein furchtbarer Traum«, murmelte er, den Kopf in beide Hände stützend. »Noch jetzt liegt mir der Schreck in allen Gliedern. Zwei Menschen ermordet, entsetzlich, wie kann ich nur solchen Unsinn zusammenträumen! Richtig, der Wein war zu schwer, und ich habe zuviel davon getrunken. Wein — Wein?«, fragte er dann erstaunt. »Richtig, Mister Hoffmann, wir haben gestern zusammen gezecht.«

Er blickte auf und sah sich um, sprang dann aber mit einem Schreckensruf auf. Die Hütte war leer. Hoffmann war fort, sein Gepäck auch, und auf dem Plateau weidete nur noch sein eigenes Pferd. Auf dem Tische standen keine Flaschen mehr.

»Ja, wie ist mir denn, träume ich, oder wache ich?«, Er schlug sich vor die Stirn. »Es ist dies alles doch kein Traum gewesen? Ich, ich hätte Hoffmann ermordet, und Cäsar, seinen Diener, auch mit?«

Seine Miene wurde immer entsetzter, stier blickte er um sich, aber er sah niemanden.

»Habe ich wirklich dreimal geschossen? Erst Hoffmann, dann Cäsar, und dann Hoffmanns Pferd? Unsinn, dann müsste ich das ja an meinem Revolver sehen können!«

Er zog die Schusswaffe hervor, untersuchte sie und ließ sie vor Schreck zu Boden fallen.

Drei Patronen waren abgeschossen worden.

»Mein Gott«, murmelte er schreckensbleich, »so ist dies alles kein Traum gewesen? Noch zweifle ich an der Wahrheit! Bah, das Pergament, von dem ich träumte, habe ich das vielleicht in der Tasche?«

Er verzog die bebenden Lippen zu einem Lächeln, als er in die Brusttasche griff, aber es erstarb sofort wieder — in der Hand hielt er wirklich ein mit seltsamen Zeichen bedecktes Pergament, das Geheimnis des ›Blitz‹.

Starr blickte der Mann auf das Blatt in seiner Hand, immer finsterer wurden seine Augen, immer drohender runzelte sich seine Stirn zusammen.

»Und wenn ich es getan habe, was schadet es?«, stieß er mit heiserer Stimme hervor. »Jetzt besinne ich mich auf alles, ich habe nicht bloß geträumt, die Aufregung hat mich dies glauben lassen. Nein, Hoffmann ist wirklich tot, von mir ermordet liegt er dort unten in der Schlucht, zu der es keinen Zugang gibt, und mit ihm sein Diener, sein Gepäck und sein Pferd. Und ich, hahaha«, Kirkholm lachte gell auf, »ich bin den Nebenbuhler los; Miss Murrays Plantage gehört mir, ich bin der rechtmäßige Erbe, und hier halte ich das Geheimnis in den Händen, aus dem ich Millionen ziehen kann. Ein Narr wäre ich, wollte ich Flexan zum Mitwisser davon machen.

Haha, ich glaubte, es sei alles nur ein Traum gewesen, diese Ausführung des Planes, mit der ich mich in letzter Zeit Tag und Nacht beschäftigt habe. Der erste Mord hat mich etwas angegriffen, meine Gedanken verwirrten sich. Jetzt aber fort von diesem Platze, oder ich werde wahnsinnig. Glückauf, Kirkholm, der Weg zum Glück ist dir jetzt geebnet, du hast es dir mit Gewalt dienstbar gemacht.«

Immer noch lachend schwang sich der Raubmörder auf sein Pferd und ritt den Grat entlang, von dem blutigroten Scheine der über den Beigen schwebenden Morgensonne beleuchtet.


ENDE


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