Roy Glashan's Library
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RGL Edition, 2026
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Dieser Roman erzählt die Geschichte der selbstbewussten, unabhängigen Jo Mannegold, die nach fünfzehn Jahren Ehe ihren Mann Ebro Mannegold verlässt und sich in ein abgelegenes Haus in den Bergen zurückzieht. Die Familie ist entsetzt, und man schickt Tilly Ebenezer, Jos Schwägerin, um sie zurückzuholen. Tilly reist mit dem Chauffeur Vollrath in halsbrecherischem Tempo zu Jos Berghaus. Jo empfängt sie freundlich, aber mit einer irritierenden Heiterkeit und Überlegenheit, die Tilly sofort aus dem Gleichgewicht bringt. Die beiden Frauen geraten rasch in eine Mischung aus Streit, Diskussion und psychologischer Entblößung....
Das war ein Weg — wie von einem Regenwurm entworfen!
Hin und her und hin und her schraubte er sich zur Höhe hinauf — Wald rechts und links, mauerdicht, daß man nur ja nicht sah, wohin man fuhr und was einem entgegenkommen konnte. Und Vollrath nahm diese mordsüchtigen Kurven wie ein Irrer. Pausenlos ließ er die Hupe heulen und jagte immer wieder das herrische Aufjaulen des Kompressors hinein, sobald er einmal armselige zweihundert Meter klar vor sich hatte.
Tilly Ebenezer war drauf und dran, vor Nervosität aus dem Wagen zu springen. Aber sie hatte nicht darauf schwören können, daß diese Verzweiflungstat irgendwelche Bremswirkung auf Vollrath ausüben würde. Sie wußte zu genau, was diesen berühmten Fahrer des Mannegoldschen Hauses, diesen menschgewordenen Motor trieb, ununterbrochen auf höchster Tourenzahl zu laufen: weil es zu der Frau ging, zu der Frau seines Chefs, die — alle Spatzen würden es, dank Jo, in Kürze von den Dächern pfeifen! — seinem Chef davongelaufen war und die, wenn irgend möglich, zurückzuholen man sie als Schwägerin und Schwester beauftragt hatte.
Es sollte nur den Anschein einer kurzen Erholungsreise haben — daher diese nette kleine Parforcetour mit dem Wagen, in dem man weiß Gott wie in einem Himmelbett saß, der aber diesen losgelassenen Vollrath am Steuer hatte. Vollrath war ein Dämon. Eingenebelt in ein Wirrsal von Angst und Geschwindigkeitsrausch, Hilflosigkeit und atemraubender Neugier, wie Jo sie wohl empfangen würde, ließ Tilly ihre hübschen, ein wenig auf » Oh indeed!« dressierten Augen auf dem sonnenbraunen Nacken Vollraths ruhen und haßte ihn ebenso fanatisch, wie sie Jo um diesen Fahrer beneidete. Denn sie wußte sehr gut, daß ihr eigener Schofför dreißig Kilometer pro Stunde für ein völlig ausreichendes Tempo erachtet haben würde, um einem Wiedersehen mit Frau Tilly Ebenezer entgegenzufahren.
Sie schluckte ein paarmal und wischte sich mit dem Taschentuch über die nervöse kleine Hasennase, auf der Puder und Staub eine unlösbare chemische Verbindung eingegangen waren. Vor zwei Tagen, im Kranz der zahlreichen Familienmitglieder, die ihr allesamt versicherten, daß von ihrem Takt und ihrer fraulichen Geschicklichkeit das Heil des schwer angeknockten Hauses Mannegold abhinge, da war sie von einer herrlichen, prickelnden Überlegenheit gewesen. Sogar ihren Bruder, dieses Wunder der Beherrschtheit, von dessen Asphaltgesicht auch die feinste Spürnase nicht abgeschnüffelt hätte, daß ihm soeben die Frau durchgegangen war — sogar ihn hatte sie, ihre plötzliche Wichtigkeit genießend, mit lächelnden, ein wenig gönnerhaften Augen betrachtet, während er auf sie einsprach:
»Ich gebe dir Vollrath und den neuen Mercedes« — es klang wie: ›Ich stelle dir die Bank von England zur Verfügung‹ —; »vierzehn Tage genügen für eine vorgeschobene Vergnügungstour. Am fünften Juli spätestens erwarte ich, euch abends bei Tisch zu Hause vorzufinden, als wäre nichts geschehen. Ich halte es für ausgeschlossen, daß du ohne Jo zurückkommst, liebe Lilly!«
»Ich auch«, hatte sie lächelnd erwidert.
Wie kam sie eigentlich dazu —!
Jetzt, da sie ganz und gar ohne stützende Familienpfeiler von diesem tobsüchtigen Vollrath dem Wiedersehen mit Jo entgegengeschleudert wurde, jetzt begriff sie sich selbst nicht mehr. Kannte sie Jo überhaupt? Kannte irgend jemand auf der Welt diese meuterische Jo, die nach fünfzehnjähriger Ehe ihrem Mann davonlief — ohne den geringsten Grund, ohne den leisesten Anschein von Berechtigung? Lieferte man sie, die kleine, entsetzlich nervöse Tilly Ebenezer, nicht schutzlos einem Unternehmen aus, das verzweifelte Ähnlichkeit mit der topographischen Erschließung eines unbekannten Erdteils hatte?
Noch eine Minute dieser körperlichen und psychischen Folterung, und sie würde in das bitterliche Schluchzen eines überanstrengten Kindes ausbrechen —
Da zog Vollrath die Bremsen an. So plötzlich, daß Tilly wie ein Bündelchen Seidenlappen vornübertauchte. Sie hörte einen kurzen, rauhen, heißen Laut unverhohlener Mannsfreude.
Und da stand Jo am Wege.
Schön und heiter stand sie da. Und fremd — fremd ... Wodurch eigentlich? Kleid? Haar? Sonnenbräune? Oder war es das Gesicht? Dieses erhellte, ganz schwerelose, in seiner Heiterkeit gleichsam schwebende Gesicht? Aber etwas davon war doch, schon immer in Jos Gesicht gewesen ...
Tilly Ebenezer versuchte zu lächeln, ein kleines, zerknautschtes Ratlosigkeitslächeln.
»Da seid ihr«, sagte Jo und nickte Vollrath zu, der aus dem Wagen vor sie hingesprungen war. »Guten Tag, Vollrath! Guten Tag, Tillychen! Willst du nicht aus deiner Ecke herauskommen? Das letzte Stück zur Höhe mußt du schon deinen Füßen zumuten ... Auf die Minute seid ihr gekommen ... Ich habe im Regensburger Hotel angerufen, wann ihr abgefahren seid — und ich weiß, wie Vollrath fährt.«
Sie sah den Fahrer an, dessen braunes Gesicht plötzlich von einer guten Stille erfüllt schien. Es wurde fast einfältig in seinem völligen Anszielgekommensein. Der ganze Mann sah aus wie ein großer Hund, der gelobt wurde und sich nun gleich mit einem zufriedenen Seufzer in die Sonne legen wird.
»Wie geht es zu Hause, Vollrath?« fragte Jo.
Er begriff, nach wem sie fragte. Er gab seinen Bericht, wie die Frau ihn verlangte, und die Dame, die sich im Wagen aus Decken, Schals und Staubmänteln zappelte, war für ihn nicht da. Genug, daß er sie auf dem Platz hatte dulden müssen, auf dem sonst die Frau zu sitzen pflegte.
»Ich soll der gnädigen Frau recht viele Grüße ausrichten. Und es geht allen soweit ganz gut. Nur die gnädige Frau fehlt uns sehr. Und ich soll von allen sagen, die gnädige Frau möchte doch bald wiederkommen.«
»Danke, Vollrath.« Ernsthaft sahen Jos Augen in die ernsthaften Augen des Mannes. »Sie werden, wenn Sie heimkommen, alle tausendmal von mir grüßen. Und es freut mich, daß ich euch fehle. Ja, das freut mich, Vollrath. Aber ich komme nicht wieder. Nein.«
Darauf wußte Vollrath nichts zu sagen. Wenn die Frau es so beschlossen hatte, mußte es wohl richtig sein. Wortlos drehte er sich um und half Tilly Ebenezer auf die Straße herunter. Jo sah, daß ihre Schwägerin blutrot im Gesicht war. Sie lächelte und zog Tillys Hand an sich, eine kleine, widerspenstige, entrüstete, empörte Hand in von Staub mißhandeltem, kostbarem Leder.
»Jetzt schleppe ich dich in meine Höhle, Tillychen. Vollrath, ich schicke jemand, der die Koffer holt. Sie werden den Wagen in der Garage am Bahnhof unterbringen. Und dann kommen Sie auch zu mir herauf. Ich habe zwar nur eine winzige Kammer für Sie, aber ich dachte, Sie würden lieber unter meinem Dach als unter einem fremden schlafen.«
»Ja, gnädige Frau.«
Ja. Nicht: Jawohl ...
Jo hielt noch immer Tillys Hand umschlossen. Jetzt gab sie den Häftling frei und öffnete die kleine Gitterpforte, die jenseits eines schmalen, trockenen Grabens am Rande der Straße in eine lebendige Hecke geschnitten war. Was dahinter lag, konnte man nicht sehen; dunkel ansteigender Wald zog den Hügel hinauf. Jenseits der Pforte führte ein schmaler, sanft anmutender Weg unter den Bäumen aufwärts.
»Sei mir willkommen, Tillychen!« sagte Jo mit ihrer entnervenden Heiterkeit und hielt die Pforte offen.
Tilly antwortete nicht. Sie machte einen protestreichen Schritt über den Graben hinüber, ging an dem Lächeln Jos vorbei und zerrte die Handschuhe von den feuchtgewordenen Händen. Wieder saß ihr das Schluchzen der Überanstrengung in der Kehle. Eine Verrückte war sie gewesen, als sie sich breitschlagen ließ — als sie, um ehrlich zu sein, sich anbot, Jo zurückzuholen. Ja, verrückt — verrückt —! Mit gesenktem Kopfe lief sie auf ihren dünnen, hochhackigen Schuhen diesen harmlos tuenden, bösartigen Weg bergan.
»Du wirst die Puste verlieren, Tillychen«, sagte Jos Stimme ein beträchtliches Stück hinter ihr.
Tilly wandte sich um und blieb stehen. Auch dieser Weg in seiner Schmalheit hatte einen Regenwurm zum Architekten gehabt. Das schien hier landesüblich. Aber in dieser Minute kam es Tilly Ebenezer wunderbar zupaß. Sie stand oberhalb einer dieser vermaledeiten Kurven, und Jo stand unterhalb, das aufgehobene, in seiner Heiterkeit schwebende Gesicht in der Höhe von Tillys Füßen. Es schoß der kleinen Tilly durch den Kopf, irgendwo einmal gelesen zu haben, daß es in Streitfällen von unschätzbarem Vorteil sei, seinem Gegner von oben herab in die Augen zu sehen. Sie nahm diesen Vorteil wahr und allen Mut zusammen.
»Du bist unmöglich, Jo!« sagte sie halb leise und kämpfte um den Atem mit einer erbärmlichen Aussichtslosigkeit. »Unmöglich—! Einfach unmöglich —!«
»Warum, Tillychen?« fragte Jo. Sie schien von der Theorie des Höher- respektive Tieferstehens nicht übermäßig viel zu halten. Sie blieb sehr friedlich unten stehen und fing das Bild der kleinen kriegerischen Person über ihr in lächelnden Augen auf.
»Nenne mich nicht immer Tillychen! Es klingt, als wolltest du einen hysterischen Affenpinscher beruhigen! Ich bin hierhergekommen, weiß Gott nicht gern, um sehr, sehr ernst mit dir zu reden —«
»Aber doch nicht vor dem Mittagessen, Tillychen —«
»— und du empfängst mich — nein, du hast mich überhaupt nicht empfangen! Du hast den Herrn Schofför Vollrath, den schließlich und endlich mein Bruder bezahlt, eher begrüßt als mich! — Und hast dich, ohne auch nur eine Höflichkeitsfloskel an uns zu verschwenden, bei ihm nach den Dienstboten erkundigt, als seien sie dir tausendmal wichtiger als wir von der Verwandtschaft alle miteinander —«
»Das sind sie mir auch«, sagte Jo.
Frau Ebenezer stampfte mit dem Fuß auf. Sie empfand ihren erhöhten Standpunkt irgendwie als wackelig und vulkanisch, aber sie war nun einmal im Schwung und fühlte die unsichtbaren Heerscharen einer großen Familie gleichzeitig als Schutz und Anfeuerung rund um sich her.
»— und zu guter Letzt hältst du es auch noch für unbedingt notwendig, Herrn Vollrath —«
»— den schließlich und endlich dein Bruder bezahlt —«
»— dein Mann! — Er ist noch immer dein Mann!«
»Ja, Tillychen. Wir meinen beide Herrn Eberhard Mannegold. Nicht wahr? Aber siehst du, er wird noch immer dein Bruder sein, wenn er schon längst nicht mehr mein Mann ist; das ist der Unterschied und das Mirakel.«
Tilly Ebenezer brach überganglos in Tränen aus, was Jo augenblicklich an ihre Seite brachte.
»Aber Tillychen, Tillychen —!«
» _Mußtest^ du diesem Vollrath gleich damit ins Gesicht springen, daß du nicht mehr nach Hause zurückkehren willst —?! Wir alle zerfasern uns die Lippen, um den Leuten dein — dein —«
»Durchbrennen —«, half Jo aus.
»— als eine plötzliche Laune einzureden, als eine schon wieder behobene Hysterie —«
»Herzlichen Dank.« Jo schob die Hand in den Arm der kleinen Schwägerin und zwang sie milde zum Weitergehen. »Komm, Tillychen.« Der Weg war schmal, aber die beiden schlanken Frauengestalten gingen ihn nebeneinander. »Man hat dir da eine schöne Geschichte aufgehalst. Ja, ja, die liebe Familie ... Das ist schon eine tolle Erfindung. Von einer undurchdringlichen und unlogischen Logik. Von einer konsequenten Inkonsequenz. Das erste Buch Mosis berichtet uns nichts davon, wie sich Adam und Eva mit ihrem Sohn Kain wegen des Mordes an ihrem Sohn Abel auseinandersetzten. Aber wegen der unsympathischen Schwiegertöchter, die Kain aus dem Lande Nod ins Haus brachte, scheint es ernstlichen Krach in der Familie gegeben zu haben ... Zu wievielt habt ihr denn Kriegsrat abgehalten?«
»Jo, du ahnst nicht, was du der Familie angetan hast!« sagte Tilly Ebenezer flüsternd, und in ihrem Flüstern war mehr ehrlicher Kummer als in irgendeinem lauten Satz, den sie vorher gesprochen hatte.
»Doch, Tillychen.«
»Aber es ist dir ganz egal!«
»Bis in die Knochen!«
»Freilich, wenn dir das Wohlergehen der Dienstboten wichtiger ist als das deiner Familienmitglieder —«
»Tillychen«, sagte Jo bedachtsam und guckte auf den Weg, der immer sanft zwischen Bäumen und Gestein bergan stieg, »ich habe mich fünfzehn Jahre lang als wohlerzogener Mensch bei den verschiedensten Mitgliedern dieser Familie erkundigt, wie es ihnen ginge, und fünfzehn Jahre lang von jedem einzelnen zur Antwort bekommen: ›Wie soll's mir schon gehen? Mies geht's!‹ Jetzt frage ich nicht mehr, weil es herzlos wäre. Man soll die Menschen nicht immer an ihr Elend erinnern.«
»Schließlich hat ja auch jeder seine Sorgen«, sagte Tilly Ebenezer.
»Freilich, freilich. Ich habe sie alle dick und rund werden sehen bei ihren Sorgen. Auch die Frauen — bevor die Sache mit den fünf rohen Karotten und den hundert Gramm Weißkäse zum Abendbrot aufkam. Aber meine Leute ...«
Sie machte eine kleine, haschende Bewegung mit der rechten Hand, eine Bewegung, die Tilly so gut an ihr kannte. Es war, als wollte sie eben noch etwas einfangen, das ihr schon entglitt und worauf sie schon verzichtete. Tilly ging auf Jagd nach ihrem Taschentuch.
»Warum heulst du eigentlich ununterbrochen, Tillychen?«
Frau Ebenezer stampfte zum zweiten Male mit dem Fuß auf.
»Du sollst mich nicht immer Tillychen nennen«, schrie sie unter krampfhaftem Schluchzen.
»Schön — werde ich in Zukunft Mathilde zu dir sagen.«
»Nein! Das erst recht nicht!«
»Dann bleibt es also bei Tillychen. Du bist ja, wie ich immer deutlicher sehe, auch wirklich nicht mehr als ein kleiner hysterischer Affenpinscher, den man beruhigen muß. Sag mal, mein Kind, stimmt etwas bei dir nicht?«
»Du lieber Gott, was sollte denn bei mir nicht stimmen?«
»Das wirst du besser beantworten können als der liebe Gott.«
»Ich bin einfach nervös ...«
»Tillychen, es gibt keine nervösen Frauen.«
»Ach, Jo —! Du mit deinen barocken Behauptungen!«
»Meinst du paradox?«
»Ich meinte barock!«
»Verstehst du darunter etwas Aufgeplatztes? — So eine Mischung aus weißgoldenen Gewittern und ekstatischen Pellkartoffeln?«
»Ja—a, vielleicht ...«
»Dann bist du im Irrtum, Tillychen. Meine Behauptung ist so schlicht wie eine Stahlmöbelkonstruktion. Es gibt keine nervösen Frauen; aber es gibt haufenweise Frauen, bei denen Herz und Unterleib durcheinandergeraten sind.«
Tilly Ebenezer stieß mit dem Kopf gegen die Luft, als spränge sie durch einen brennenden Reifen.
»Du bist bei Gott unmöglich, Jo«, sagte sie und schluckte nach Atem. Ihre Zähne klirrten aufeinander, und vor diesen klirrenden Zähnen stand ein kleines, entblößtes Lächeln in erbarmungswürdiger Armut. Jo betrachtete sie aufmerksam.
»Und so was will mich zurückholen«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich habe mir erzählen lassen, daß gezähmte Elefanten geradezu versessen darauf sind, den Menschen beim Einfangen wilder Elefanten behilflich zu sein. Eigentlich sollte man's nicht für möglich halten, daß Elefanten pervers sind ... aber wie, in Gottes Namen, soll man das sonst bezeichnen?«
Tilly Ebenezer riß sich den Hut vom Kopf, als wollte sie sich skalpieren.
»Du verstehst es, einem heiß zu machen!« sagte sie erbittert. »Geht das noch lange so bergan?«
»Warum läßt du dein Haar so verwildern, Tillychen?«
»Findest du es verwildert?«
»Ja, schauderhaft. Man muß bei einem Stil bleiben, Tillychen. Du schminkst dich, soweit es sich noch feststellen läßt, auf Vanity fair, und um das Haar herum siehst du aus wie ein Eskimoweib aus verregnetem Heu.«
»Wie was?«
»Später, später! Was sagt Josy dazu?«
»Gott — Josy ... Ich glaube gar nicht, daß er es bemerkt ...«
Pause.
»Hm«, machte Jo.
Sie gingen.
»Übrigens«, sagte Tilly Ebenezer mit einer fahrigen Plötzlichkeit, ohne den Blick von den kleinen grauen Steinen des Weges zu heben, »er wollte mich eventuell abholen ... Das heißt: dich und mich — wenn alles in Ordnung geht ... Er würde von Wien mit dem Flugzeug herüberkommen ...«
»Das soll er auf jeden Fall tun!« antwortete Jo mit Nachdruck. Dann lächelte sie. »Aber vorläufig bist du selbst ja eben erst gekommen, Tillychen. Hast du eigentlich schon einen Blick gehabt für die Welt, in die du durch Familienratschluß gefallen bist?«
»Nein, Jo. Hinter Regensburg hat es geregnet, und sobald wir uns den Bergen näherten, ist Vollrath vor lauter Sehnsucht nach dir in einem Tempo gefahren, daß ich vor Angst nicht rechts noch links gesehen habe — — —«
»Sei mir nicht neidisch um Vollraths Sehnsucht, Tillychen.«
»Neidisch —! Na weißt du, Jo —!«
»Schsch ... Es ist etwas ganz Wunderbares um so einen Menschen, Tillychen. Er ist vollkommen in dem, wozu er berufen ist, und über diesem vollkommenen Können liegt das unnotierbare Etwas, das an den Börsen nicht gehandelt wird: der Ehrgeiz, als bester Könner den besten Verwerter zu haben. Ich kann mir vorstellen, daß dein Schofför dich eines schönen Tages umbringt, weil du ihm auch auf der Avus nie mehr als fünfundvierzig Kilometer bewilligst. Und wenn ich sein Richter wäre, würde ich ihn freisprechen. Komm, sieh mich nicht so entsetzt an, Tillychen, dein Schofför wird dich nicht umbringen — er wird dich nur nach besten Kräften betrügen und dir kündigen, weiter nichts! Und jetzt hole Atem und schau dich um! Da hast du mein Haus — und das sind meine Berge.«
Tilly Ebenezer hob den Kopf und blieb stehen.
Zwischen den beiden Giebelfenstern des Hauses, das Jo Mannegold gehörte, stand ein Wort geschrieben:
Glück.
»Bist du gar nicht abergläubisch, Jo?« fragte Tilly Ebenezer flüsternd.
»Nein, Tillychen. Ich halte den lieben Gott nicht für rachsüchtig und auch nicht für albern ... Ich kann mir sogar vorstellen, daß der liebe Gott, wenn er auf mich und dieses Haus herunterschaut, sich mit einem kleinen Aufatmen der Erleichterung abwendet und denkt: Diese Jo darf man jetzt ruhig ein Weilchen sich selbst überlassen. Glaubst du nicht, daß er mir dafür dankbar ist, der Viel-zuviel-Bemühte?«
Das Haus lag auf dreiviertel Höhe des Berges. Hinter ihm stieg der Wald nur wenig noch hinan; über den im lastenden Schmuck der Tannenzapfen goldbraun erscheinenden Wipfeln schmiegte sich blühender Wiesenhang höher und höher und verschwamm als eine feingebuckelte Grenzlinie mit dem Blust der ferneren und herberen Felshänge.
Das Haus war nicht groß. Kaum mehr als ein Bauernhaus, mit grauen Schindeln und Steinen auf dem Dach, das schützend vorsprang über den rundum laufenden Altan. Die Fenster klein und wie zersprengt von den Blumen, die sonnengierig als bunte Kaskaden nach außen stürzten. Auf dem weißen, steinernen Unterbau der schöne Hausrumpf aus ungestrichenem Holz, das von Sonne, Wind und Regen schon eine warmgoldene Färbung bekommen hatte.
Vor dem Haus ein Brunnen; aus hölzernem Rohr plätscherte das Wasser in einen hölzernen Langtrog und von dort als schmalglitzernde Lebendigkeit, des eigenen Wegwillens froh, ungefaßt und unbekümmert talabwärts.
Jenseits des schönen Tales standen die Berge groß. Sie hoben sich wie Könige über die Vasallenrücken waldtragender Hügel. Sie waren von leuchtender Herbheit, Marmor- und Felsschroffen.
Oben lag Schnee. Ewiger Schnee.
Die Sonne war längst versunken, und immer noch brannte in den jähen Hängen des Hohen Göll ein purpurnes Leuchten. Blau als ein strenger Schattenriß hob sich der Hochkalter in den durchsichtigen Himmel. Und zwischen den beiden Riesen der höchste Riese, griff der zwiefache Gipfel des Watzmann mit schönster Gebärde nach dem ersten auffunkelnden Stern.
Über das Schneefeld zwischen seinen beiden Häuptern zog eine Wolke wie ein Atemrauch. Der Brunnen wisperte.
Wenn Tilly Ebenezer die Augen senkte, konnte sie Vollraths ausruhende Schultern sehen. Er saß auf dem Brunnenrande. Seit einer Stunde saß er da. Nichts schien an ihm lebendig als zuweilen das Aufglühen seiner Zigarette.
Jos Stimme kam aus dem Nebenzimmer.
»Geh endlich schlafen, Tillychen. Oder geh wenigstens vom Fenster weg. Du bist die Luft hier oben nicht gewöhnt. Die ist über ewigen Schnee gegangen.«
Tilly Ebenezer gehorchte recht zögernd. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Noch nicht einmal zehn. Das nannte man also mit den Hühnern schlafen gehen ... Sie war nicht müde, war wunderlich erregt, als hätte sie einen Schuß Kohlensäure in den Adern. Kleine prickelnde Schauer tanzten über ihre Haut — kam das von der Luft? Von der Luft, die über ewigen Schnee gegangen war?
Sie fing an sich zu entkleiden. Sie lief dabei hin und her wie ein kleiner Hund, der die Fährte seines Herrn verloren hat. Sie brachte es fertig, mit den wenigen Belanglosigkeiten, die sie an ihrem dünnen Körperchen trug, ein ziemlich großes und methodisch eingerichtetes Zimmer in ein heilloses Durcheinander zu verwandeln. Sie richtete im Badezimmer eine Überschwemmung an. Sie fand ihre Pyjamas nicht und war wütend über ihr Haar.
»Jo!«
»Hm ...«
»Was hast du eigentlich mit dem Eskimoweib andeuten wollen — heute nachmittag?«
Jos Stimme klang etwas schläfrig.
»Frag lieber nicht, Tillychen. Es ist keine Schmeichelei.«
»Ich möchte es aber wissen!«
»... Die Bauern hier, siehst du, pflegen das Heu um kleine, sehr zierliche Holzreiter aufzuschichten — nicht höher als ich mir denke, daß Eskimofrauchen wachsen. Es ist ein sehr hübsches Bild, so eine bergansteigende Wiese mit zwanzig, dreißig und mehr solcher Heuweibchen. Wenn es dämmert oder Nebel zieht, möchtest du darauf schwören, die ganze Gesellschaft wandere den Berg hinauf, um irgendeinem Gespenstermeeting beizuwohnen ... Wenn aber die Eskimofrauchen sehr viel Regen auf ihren Heupelz bekommen und wenn der Wind sie zerzaust hat — dann bieten sie einen ziemlich desperaten Anblick. Die Schlußfolgerung ziehe gefälligst selbst ...«
Tilly Ebenezer antwortete nicht.
Sie saß auf ihrem Bett und betrachtete die Zehen ihrer spielenden Füße. Sie fand sie häßlich und seufzte. In einem plötzlichen Frieren schlüpfte sie unter die Decke. Das Licht ließ sie brennen.
»Gute Nacht, Jo.«
»Gute Nacht, Tillychen.«
Stille.
Wie hell der Himmel über den Bergen war ...
Ewiger Schnee.
Auch im glühendsten Mittsommer ewiger Schnee ...
Tilly Ebenezer wandte das zerraufte Köpfchen von einer Seite auf die andere. Ihr Herz schlug wie verrückt.
»Jo ...?«
»Hm ...«
»Was flüstert da so ununterbrochen?«
»Das ist der Brunnen, Tillychen ...«
»... Kann man den nicht abstellen?«
Jo lachte. Es klang gut und schwesterlich, aber auch ein bißchen boshaft.
»Nein, Tillychen. Das ist Quellwasser, siehst du. Eine Wasserleitung kann man abstellen. Eine Quelle nicht ... die kann versiegen, sie kann sich neue Wege suchen ... man kann sie auch verschütten ... aber abstellen kann man sie nicht ...«
Tilly setzte sich im Bett auf. Sie war so hell wach wie noch nie in ihrem Leben. Sie hatte ein Gefühl, als ob alle ihre Sinne sich verzehnfacht hätten. Sie strich mit den Fingerspitzen über die Haut ihrer Arme und wunderte sich, daß nicht kleine Funken aus der Berührung aufknisterten.
Ob Vollrath noch immer auf dem Brunnenrande saß?
Mit einem Husch war sie aus dem Bett und am Fenster, beugte sich hinaus.
Der Platz am Brunnenrand war leer. Aber gegen den Wald hinunter regte sich etwas im blassen Blau der wunderbaren Nacht wie ein sachtes, verschmolzenes Schreiten.
»Sag, Tillychen, hast du einen kleinen Klaps? Willst du sofort machen, daß du ins Bett kommst?«
Die Frau am Fenster schüttelte sich wie in einem leisen, süßen Frösteln.
»Ich kann nicht schlafen, Jo ... Vollrath anscheinend auch nicht. Wenn mich meine Augen nicht täuschen, spaziert er da mit einem deiner Mädchen wohl in den grünen Wald, juchhe — wohl in den grünen Wald ...«
»Hoffentlich hat er sich die Schönste ausgesucht. Zu gönnen wär's ihm; ich kenne seine Frau. Sie erinnert mich immer an essigsaure Tonerde: ganz nützlich, aber für einen gesunden Menschen unverwendbar.«
»Du bist sehr tolerant, Jo.«
»Das ist meine Form von Menschenliebe ...«
Tilly Ebenezer stand in der offenen Tür.
»Darf ich nicht zu dir kommen, Jo?«
»Ja, in Gottes Namen, du kleine tropfende Wasserleitung. Morgen kriegst du ein anderes Zimmer.«
»Darf ich zu dir ins Bett schlüpfen?«
»Nein, Tillychen. Ich habe augenblicklich das Bedürfnis nach sehr viel Platz im Bett und kühlen, ganz frischen Leinentüchern, die nach Sonnenbleiche duften. Pack deine Decken auf den Diwan, und wenn du gemütlich liegst, dann dreh den Hahn deiner Beredsamkeit auf, sonst bringt dich der gestaute Stoff zum Platzen.«
Tilly Ebenezer gehorchte. Sie lief auf nackten Sohlen hin und her, und sooft sie sich mit einem neuen Requisit ihrer improvisierten Schlafstatt an Jos breitem Bett vorüberschleppte, sah sie in der blauen Dämmerung der Nacht, die nicht dunkel werden wollte, Jos Augen groß und spottend auf sich gerichtet.
Jetzt lag sie also. Nicht ganz so gut wie zuvor im Bett nebenan, aber auch nicht allein in der Nacht und im Zimmer allein, während draußen der Brunnquell flüsterte. Und Menschen umschlungen mit der Nacht verschmolzen.
»Jo ...«
»Ich höre.«
»Willst du mir nun nicht endlich sagen, warum du von Ebro weggelaufen bist?«
Jo hob ihre schonen, blanken Arme und kreuzte sie über dem Kopf. Ihre Augen mußten ganz weit offen stehen und nach oben schauen.
»Du hast das einzig richtige Wort gebraucht, Tillychen ... ›weggelaufen‹ ... Ja, gelaufen bin ich ... aus allen Kräften und so weit ich konnte ...«
»Aber warum, Jo —? Warum, um Gottes willen?«
Tillys Stimme klang, als wollte sie in Weinen ausbrechen.
Jos Stimme lachte.
»Weil ich mich verliebt habe.«
»— — Verliebt? — —«
»So ist es!«
»Mein Gott, verliebt — das passiert ja schließlich jedem einmal ...« Tillys Stimme gewann bedeutend an Festigkeit. Fast hätte sie gesagt: wie kindisch du bist, Jo! ... »Deswegen läuft man doch nicht gleich von Mann und Haus davon!«
»Nein? — Aber vielleicht ist mein Fall besonders kompliziert? ...«
»Also: in wen hast du dich verliebt, Jo ...«
»In eine Frau.«
»Jo — — —!!!«
Tilly Ebenezer fuhr aus den Kissen auf, daß sämtliche Bestandteile ihres Nachtlagers zu Boden rutschten. Sie wollte danach greifen, kam selbst ins Gleiten und kauerte, halb auf den Knien, die Hände ins Heuhaar gekrampft, eine Statue des Entsetzens in fliederfarbenem Pyjama, zwischen Kissen und Decken auf der bunten Matte vor Jos kühlem, nach Sonnenbleiche duftendem Bett.
Jo wandte den braunen Kopf in ihren gekreuzten Armen. Sie sah ihre Schwägerin Tilly mit spottenden Augen an.
»Du hast es nötig, Tillychen Ebenezer vom Kurfürstendamm! Wenn man sich einmal der Mühe unterzog, euren gesprächsweisen Sexualfanfaren zuzuhören, sobald ihr Weiberchen unter euch wart und euch gegenseitig zu übertrumpfen versuchtet, da fing der salonfähige Mensch bei der Blutschande an!«
Tillys Hände fielen an ihr herunter. Sie war so tief bestürzt, so ehrlich außer sich, daß sie wie ein Flämmchen in einer zerbrochenen Laterne zitterte.
»Jo ... Jo ...« Plötzlich mußte sie an den Bruder denken, an den Mann dieser Frau, die ... (»Ich halte es für ausgeschlossen, daß du ohne Jo zurückkommst, liebe Tilly!«) ... O Gott, o Gott, in was hatte sie sich da eingelassen!
»Wer ist die Frau, Jo?« stammelte sie, schluckend in tiefem, verwirrtem Kummer. (Was wird Ebro sagen? Was wird Ebro sagen?) ... Allzu schmale Schultern duckten sich hilflos unter viel zu schwerer Bürde der Verantwortung. An der nervösen Hasennase kollerte eine Träne entlang und rieselte auf den rührenden dummen Mund.
»Das ist mein Geheimnis, Tillychen.«
»Wie hast du sie nur um Gottes willen kennengelernt?!« (Josy muß augenblicklich kommen, augenblicklich! Ich muß versuchen, ihn telefonisch zu erreichen ...)
»Durch Ebro.«
»Ausgerechnet durch Ebro —! Aber wann denn —?!«
»Bei der letzten großen Gesellschaft, die als Frau Eberhard Mannegold zu inszenieren ich die Ehre hatte.«
»Dann ... müßte ich sie doch auch kennen ...«
»Was man so kennen nennt ...«
Tilly Ebenezer rieb sich mit der umgekehrten Faust die Stirn, auf der sich die Anstrengung des Grübelns als sichtbarer Prozeß abspielte.
»Gib dir keine Mühe, Tillychen. Du kommst doch nicht drauf.«
Der fliederfarbene Pyjama seufzte. In die sehr hübschen Oh-indeed!-Augen unter dem apostrophierten Haar kam ein unsicheres Flimmern.
»Ist sie schön, deine Freundin?«
»Ich finde sie bezaubernd!«
»Und du liebst sie sehr ...?«
»Sehr, Tillychen.«
»Seid ihr —«, die Stimme des Pyjamas verhauchte zum Flüstern —, »seid ihr sehr glücklich?«
»Blödsinnig glücklich«, antwortete Jo kräftig. Sie löste die verschränkten Arme und dehnte sie hoch und weit, die braunen Hände spreizend, als faßten sie nicht genug, noch immer nicht genug von der Seligkeit, die sie umhüllte wie Luft.
»Wo ist sie jetzt?« fragte der Pyjama, beklommen auf diese durch die Dunkelheit strahlende Frau hinschauend.
»Bei mir.«
»Ach du großer Gott, Jo —! Dann wirst du sie mit mir zusammenbringen —!?«
»Tillychen, Tillychen! Man nehme ein Teil Angst, drei Teile Entrüstung und sechs Teile hoffnungsvolle Neugier — dann hat man den Ton, der aus dieser deiner Frage klang!«
»Die du nicht beantwortet hast ...«, suchte der Pyjama sich zu retten.
»Ich werde sie auch nicht beantworten, Tillychen. Lassen wir den Zufall walten ...«
»Aber ich muß sie sehen, Jo — ich muß doch Ebro ... Er hat doch keine Ahnung — keine Ahnung —!«
»Nein. Aber ist das etwas Neues? Von allem, was mich betrifft, keine Ahnung zu haben, war doch eigentlich Ebros Spezialität.«
»Du tust ihm bitter unrecht, Jo —! Ebro liebt dich!«
»Na na —!«
»Er liebt dich, Jo — Wahrhaftig! Du hast keine Ahnung, wie dein — dein Weggang ihn ins Herz getroffen hat!«
»In was?«
»Jo —!«
»Moment! War Ebro am Tage meiner Abreise in der Aufsichtsratssitzung oder nicht?«
»Gott — Jo ...!«
»Siehst du wohl! — Tillychen, glaube mir, es gibt keinen besseren Leim für gebrochene Herzen als eine Aufsichtsratssitzung. Da merkt der Mensch erst, wieviel er verschmerzen kann! Liebes Kind, ich habe dich nicht hergerufen. Ich sage dir aufrichtig, als ich deine Depesche bekam, hast du mir hundeleid getan, weil ich wußte, in was für eine himmelschreiende Blamage man dich da hineinjagte. Aber nun bist du hier und hast mich herausgefordert. Jetzt trage die Folgen!«
Sie schwang sich im Bett auf und schlang die Arme um die hochgezogenen Knie. Der schöne Bogen ihres Rückens leuchtete.
»Was willst du eigentlich von mir, Frau Tilly Ebenezer geb. Mannegold?«
»Ich —«, der fliederfarbene Pyjama bekam plötzlich ein Gesicht. Ein schlichtes, maskenloses und liebes Gesicht. (Wie sie ihrer Mutter ähnlich sieht, dachte Jo und fühlte, daß ihre Augen heiß wurden.) »Ich will dich heimholen ...«, sagte Tilly Ebenezer einfach. Jos Hand durchschimmerte die Luft wie ein auffliegender Vogel.
»Kleine Tilly, ich habe dich nie zuvor liebgehabt. Jetzt habe ich dich lieb ... Ebro war klüger, als ich dachte. Kein Mensch hätte bessere Chancen, mich wieder zu ihm zu holen, als du. Aber womit willst du mich locken?«
»Ich will dich gar nicht locken. Ich wollte dir sagen, wie es wirklich ist. Ich wollte dir sagen ...«
»Nun — was?«
»Ich wollte von Ebro sprechen, Jo ...«
»Gut, sprechen wir von Ebro. Ich will dir zugestehen, Tillychen, daß es mir heute noch immer derselbe Genuß ist, von ihm zu sprechen, wie vor fünfzehn Jahren, als ich meine Nächte zerpflückte, um zu mir selbst von ihm zu sprechen. ›Eines Hauptes länger als alles Volk‹. O ja, er war schon wundervoll ... Später hat sich das Wunder ernüchtert.«
»Hat Ebro sich so geändert, Jo?«
»Nein, er hat sich wohl nicht geändert. Menschen ändern sich nie. Sie entwickeln sich nur. Meistens nach der unvermuteten Seite. Und das pflegen wir ihnen übelzunehmen — unseren Mangel an Menschenkenntnis.«
»Wenn du so sprichst, Jo, was wirfst du ihm dann vor?«
»Ich werfe ihm gar nichts vor, Tillychen. Ich bin nur fest entschlossen, es nicht mehr mitzumachen. Du sagst, er liebt mich. Schön. Vielleicht ist meine Theorie falsch, aber ich messe die Tiefe einer Liebe nach dem Grade, in dem ein Mensch den andern braucht — notwendig — blutnötig zum Leben hat. Bei Ebro hatte ich immer eine Zwangsvorstellung: irgendeine große Gesellschaft, die wir gemeinsam abbüßen. Ich plaudere mit der Hausfrau, Ebro kommt auf uns zu — du kennst seine wunderbare Art, durch angestaute Menschen hindurchzuschwimmen —, er sieht mich an, stutzt ein wenig, grübelt und flüstert der Hausfrau zu: ›Darf ich Sie bitten, gnädige Frau, mich mit der Dame bekannt zu machen?‹ — Tillychen, wenn er nicht jedesmal, dank meiner ausgeklügelten Methoden, beim Aussteigen über meine Füße gestolpert wäre, hätte er mich bereits auf der Hinfahrt im Auto vergessen wie eine alte B. Z. ...«
»Jo, und trotzdem liebt er dich ...«
»Kann sein. Aber siehst du, ich mache mir nichts aus verborgenen Schätzen. Ich mache mir auch nichts aus Kakteen, die monatelang aussehen wie getrocknete Seeigel und plötzlich an unvermutbarer Stelle eine Blüte ausschwären, grell und alarmierend wie eine Feuerfanfare. Ich bin primitiv. Im Vertrauen gesagt, Tillychen: alle Frauen sind primitiv. Und die sich am kompliziertesten haben, das sind die allerprimitivsten! Laß eine sich gebärden, als wäre sie eine Kreuzung zwischen einem siamesischen Kater und einer Vandopsis-Orchidee — wenn der rechte Mann die Arme nach ihr ausstreckt mit der schlichtesten und ergreifendsten Gebärde aller Jahrtausende, dann ist sie nichts als ein Mund, ihn zu küssen, ein Schoß, ihn zu empfangen, ein Herz, daran er sich betten kann ... Aber gerufen werden wollen wir alle ... Und wenn der Mann die Arme nicht mehr ausstreckt nach der Frau, sondern über ihre Füße stolpert, dann soll die Frau so graziös und geschmackvoll, als sie nur irgend kann, aus dem gemeinsamen Lebenskarren steigen — ›ade, ade!‹ — und — laß ihn rollen, den Mann ohne Sehnsucht, und geh deinen eigenen Weg.«
Tilly Ebenezer hatte ihr Gesicht gegen das Fenster gewandt. Es lag ein blaubleicher Schimmer darauf. Der hilflose Mund, der halb offenstand, zerriß es auf klägliche Weise.
»Laß ihn rollen, sagst du ... Weil du nicht liebst, Jo. Sonst würdest du wohl auch versuchen, dich festzuklammern ...«
»Tillychen, die Frau, die da glaubt, Gott habe ihr zwei Arme gegeben, um den Mann damit festzuhalten, der soll man die Arme abschlagen. Denn sie hat nichts begriffen vom Sinn der Liebe.«
»Was ist der Sinn der Liebe, Jo?«
»Gerufen zu werden, Tillychen. Und dem Ruf zu antworten und freiwillig zu kommen ...«
»Aber Ebro ruft dich ja —«
»Durch dich ... Tillychen, man kann einen Menschen eventuell durch Stellvertretung rechtsgültig heiraten. Aber die Ehe vollziehen muß man schon persönlich.«
Tilly Ebenezer antwortete durch einen Seufzer.
»Willst du nun nicht endlich schlafen, armer kleiner Familienbote?« fragte Jo und klopfte beispielgebend ihr Kopfkissen zurecht.
»Ich bin nicht müde, Jo ...« Immer sprach sie zum Fenster hin. Nach einer Pause: »Gerufen werden, sagst du ... Und wenn der Mann nicht ruft?«
»Die Hirsche röhren, Tillychen, nicht die Hindinnen. Die Vogelmännchen singen, nicht die Weibchen. Und etwas des Scheußlichsten auf dieser Welt ist eine Katze, die nach dem Kater maunzt.«
»Deine zoologische Philosophie begründet, aber sie tröstet nicht, Jo. Was soll die Frau tun, wenn der Mann nicht ruft?«
»Alles außer einem, Tillychen: ungerufen kommen ...«
»Das ist schwer ...«
»Alles ist schwer zwischen Mensch und Mensch.«
»Und wenn der Mann — immer weiter weg — geht und geht ...?«
»Dann darf man — für den Fall, daß er sich doch noch einmal umdreht — unter keiner Bedingung ein verregnetes Heubündel auf dem Kopfe zur Schau tragen ...«
Tilly Ebenezer fiel vornüber in die Kissen, die am Boden lagen. Sie fiel mit der leidenschaftlichen Hemmungslosigkeit einer Anrufung fremder, tauber und als böswillig erkannter Götter. Ihr kleines hohes Weinen bettelte durch die Nacht.
Jo lief zu ihr hin und kniete bei ihr nieder. Sie hob sie auf und hielt sie in ihren Armen. Sie wiegte sie hin und her und sagte: »Der Teufel soll es holen, das ganze verdammte, angebetete Pack ...« Dann sagte sie nichts mehr. Das arme Weinen Tilly Ebenezers wurde immer leiser und klang in einem zitternden Atmen aus.
»Deine Freundin muß dich sehr lieb haben«, flüsterte sie.
»Hm ... Reden wir lieber von dir, Tillychen. Wolltest du nicht an Josy telefonieren?«
»Woher weißt du das?«
»Du bist so durchsichtig wie eine Meerqualle, Tillychen. Deine Seele gibt immerzu Leuchtsignale ab. Das Telefon steht übrigens im Gartenzimmer auf dem Schreibtisch.«
»Ich glaube nicht, daß ich meinen Herrn Gemahl in der Nacht erreiche, Jo. Ich kann nicht sämtliche Frauenzimmerlokale Wiens der Reihe nach anrufen ...«
»Armer Josy«, sagte die Schwägerin seiner Frau.
»Armer Josy! Findest du vielleicht, daß er zu bedauern ist, Jo?«
»Glaubst du vielleicht, daß er glücklich ist, Tillychen?«
Die Frage blieb ohne Antwort.
»Mir tut jeder Mensch leid, der verheiratet ist«, fuhr Jo fort. »Die Ehe ist die Erziehung zum schlechten Gewissen, und schlechtes Gewissen verdirbt den Charakter, weil wir schließlich den Menschen hassen, gegen den wir ein schlechtes Gewissen haben ...«
»Vielleicht hast du recht«, stammelte Tilly Ebenezer. Ihre Stimme klang zerquält von der physischen Anstrengung abgewürgten Weinens. »Vielleicht haßt er mich darum ... Was soll ich tun, Jo? Was soll ich tun?«
»In zwei — drei Tagen werde ich es wissen, Tillychen. Jetzt bringe ich dich zu Bett. Und werde bei dir sitzen, bis du eingeschlafen bist. Ach, du Federgewicht! Du erstaunliche Winzigkeit! Wenn Josy dich in die Arme nimmt, wo steckst du dann eigentlich? Hast du nicht Platz in seiner hohlen Hand? Kannst du nicht bequem in seiner Herzgrube wohnen? — Warum weinst du nun schon wieder, du Unglücksvogel?«
»Ach, ich sehne mich, Jo — ich sehne mich ...«
»Das tut Josy auch ... Sonst ginge er nicht so arm in die Irre. Und würde sich seinen Rausch nicht soviel Geld kosten lassen. Das bedeutet bei einem Mann wie Josy einen hohen Grad von Verzweiflung.«
»Glaubst du — hältst du es für möglich ... daß er wieder zu mir kommt, Jo?«
»Ich weiß es nicht, Tillychen —, ich kann dir nur wieder mit meiner zoologischen Philosophie kommen. Die Leuchtkäfer-Männchen, siehst du, die schwärmen in der Nacht. Ach diese schönen Gespensterchen der Sehnsucht, des Suchens ... Aber die Leuchtkäfer-Frauchen, die sitzen tief unten im Gras, im Moos, an den warmen Krumen der Erde. Leuchten und warten. Warten und leuchten. Und wenn ich ein Leuchtkäfer-Männchen wäre — ich würde das Lichtchen suchen, das am zärtlichsten leuchtet ... Bist du das, Tillychen?«
Schweigen.
Vor dem Fenster der Brunnen schwatzte in einer süßen Verträumtheit lieb vor sich hin. Die Mitternacht ging schlafen auf den Bergen.
»Hörst du?« fragte Tilly flüsternd.
Die Schritte zweier Menschen tasteten sich heim in das schmunzelnde Haus.
»Morgen«, sagte Jo Mannegold mit einem Lachen in der Kehle, »werde ich dem Mädel etwas schenken.«
»Woran willst du sie erkennen?« fragte Tilly, die Wange auf Jos Hand gelegt. »Du weißt ja nicht, welche es ist ...«
»Doch, doch«, sagte Jo halblaut, als sänge sie, »die ist es, die am frühesten auf sein und die mir den Strauß für den Morgentisch pflücken wird, und die mir den ganzen Tag am zärtlichsten dient. Und sooft wir uns anschauen, sie und ich, werden wir beide lachen.«
»Wenn du diese Methode weiter entwickelst, Jo, dann wirst du in ein paar Jahren das ganze Haus voll unehelicher Kinder haben.«
»Hoffentlich!« sagte Jo.
Die schmale Wange in ihrer Hand rührte sich ein wenig, halb wie zu einem Kopfschütteln, halb wie zu einem Kuß. Dann lag sie still. Und der leise Atem der Schlafenden verschmolz mit dem Atem der Mitternacht, der von den Bergen wehte.
Josy Ebenezer war mit dem Flugzeug von Wien gekommen. Tilly holte ihn mit Vollrath vom Landeplatz in Reichenhall ab.
Sie trug einen Strauß von kleinen, bunten Bauernblumen aus Jos Garten in der Hand, aber als der Mann in seiner breiten Größe, fast gewalttätig in seiner breiten Größe, auf sie zu kam, ohne Eile, auf dem sonderbar blutlosen Gesicht einen Doppelausdruck von Zerstreutheit und Enttäuschung, fiel ihr das Lächeln, das ihn begrüßen sollte, ins Herz zurück, und die Blumen blieben in ihren hängenden Händen.
Sie fuhren.
Der Ausdruck des Enttäuschtseins im Gesicht des Mannes steigerte sich zur Verdrossenheit.
»Ich habe, offen gestanden, von deinem Gestammel am Telefon nur die Hälfte begriffen«, sagte er und brach wieder ab.
Tilly blickte auf die Blumen in ihren Händen. Ihre Lippen formten: du pflegst ja gewöhnlich auch nur halb hinzuhören, wenn ich mit dir rede. Aber Jos Stimme warnte in ihren Ohren. Jo hatte gesagt: alles Schlimme in der Welt kommt daher, daß die Menschen nie zur rechten Zeit den Mund aufmachen und nie zur rechten Zeit halten ...
»Möchtest du dich nicht endlich etwas klarer ausdrücken — möchtest du nicht?« fragte der Mann. Wie immer, wenn ihn etwas erregte, walzte der amerikanische Akzent seine Worte breit.
»Nichts ist klar in dieser Angelegenheit, Josy.« Die Stimme der Frau war sanft und schien um etwas zu bitten, das keinen Namen hatte. »Jo hat Ebro verlassen — und dies scheint unwiderruflich ...«
»Weil sie sich in eine Frau verliebt hat —?« Das Wort ›Frau‹ klang in diesem Zusammenhang aus dem Munde des Mannes, als hätte er ›Warzenschwein‹ gesagt.
Tilly nickte.
»Das ist ja — — —« Josy Ebenezer rüttelte sich in den Schultern, als würfe er eine optische Vorstellung aus sich hinaus. Dann schwieg er. Seine schmal werdenden Lippen und die zuckende Ungeduld über seinen Brauen sagten der Frau, die sein Gesicht wie ihren Spiegel kannte, daß Josy Ebenezer es für Verschwendung hielt, mit ihr über eine Sache zu sprechen, für die sie augenscheinlich nicht reif genug war.
Aber als er in Jos Garten unter den schönen Ulmen vor Jo steht, macht er keinerlei Umschweife. Er nimmt sich nicht die Zeit, ihren Gruß zu erwidern. Er sagt, brutal und mit einer tragischen Roheit die Worte herauskauend:
»Blödsinn, Jo, diese ganze Geschichte. Hast du den Verstand verloren? Willst du uns zum Narren halten — oder was ist los?«
Jo sieht nur leicht erstaunt aus. Sie blickt auf Tilly, auf die entwerteten Blumen in Tillys Händen, blickt wieder auf den Mann.
»Um in deinem Stil zu bleiben, Josy: du hast Manieren wie ein mexikanischer Viehtreiber. Was dich etwas entschuldigt, ist, daß du miserabel aussiehst. Ist dir Wien nicht bekommen? Oder verträgst du das Fliegen nicht? Willst du dich erst einmal ausschlafen — oder was sonst?«
Tilly steht armselig und zerpflückt wie eine verregnete Anemone zwischen den beiden Menschen, die sich mit zornigen und irgendwie zornfreudigen Blicken betrachten, als wäre ein atmosphärischer Vorhang zwischen ihnen von einer Faust, der die Geduld ausging, heruntergefetzt worden und sie sähen sich zum erstenmal ganz deutlich. Jos schönes braunes Gesicht leuchtet. Es ist ein wenig vorgeneigt, und der Mund ist atmend geöffnet. Es gleicht dem Gesicht einer Läuferin am Start. Ihre Augen sind ganz furchtlos und unüberwindlich und von einer herausfordernden kriegerischen Heiterkeit durchfunkelt.
Der Mann hat seine graue Blässe wie eine Maske vor dem Gesicht, aber sie verbrennt in einem rätselhaften, weil gegenstandlosen Haß. Er hält etwas Unsichtbares zwischen seinen großen bleichen Fäusten und müht sich, ihm das Genick abzudrehen, das Rückgrat zu brechen. Jetzt hat er den entnervten Mund eines Mörders, der nur in seinen Träumen mordet, und es wird — in diesem Garten, der Jo gehört und sie umblüht, sie, die auf Antwort wartet — der Mund eines Sklaven daraus.
»Ich muß mit dir sprechen, Jo«, formt dieser Mund.
Tillys versagende Füße stottern auf das Haus zu.
»— die Blumen ins Wasser stellen —«
Hinter der guten goldfarbigen Tür lehnt sie sich an die weiße Mauer. Was geschieht mit Josy? hämmert ihr Herz. Was geschieht mit Josy? Mit mir? Mit uns?
»Ich muß mit dir sprechen, Jo ...«
»Erst wollen wir Kaffee trinken.«
Josy Ebenezer packte mit beiden Fäusten die Kante des schön gedeckten Tisches unter der Ulme. Es war, als sei es eine Erlösung für seine Fäuste, etwas zu packen, das sie hemmungslos mißhandeln konnten.
»Wenn du nicht willst, daß ich den Tisch mit allem, was darauf steht, über Bord gehen lasse ...«, er holte Atem und sah die Frau an. »Ich muß mit dir sprechen, Jo.«
»Also sprich.«
»Allein.«
»Ich habe kein Geheimnis vor Tilly.«
»Aber ich.«
»Dann möchte ich es nicht gern mit dir teilen, Josy.«
Er schwieg, und sie hob die ruhigen Augen zu seinen Augen. Sie zögerte noch. Dann ging ihr Blick zu den Bergen hinauf.
»Willst du im Auftrag von Ebro mit mir sprechen?«
»Nein.«
»Hat Tilly dich darum gebeten?«
»Nein.« Ein ungeduldiges Schulterrücken unterstrich dieses zweite Nein.
»Dann komm«, sagte Jo. Und Tilly, die noch immer an der weißgetünchten Mauer des Hausflurs lehnte, sah die beiden sich entfernen, Jo und den Mann. Und sie schwiegen, während sie gingen, als fürchteten sie, das Haus horche hinter ihnen drein.
Der Weg war so schmal, daß Jo vor dem Manne gehen mußte. Sie hörte seinen Atem hinter sich, gewaltsam, fast keuchend. Sie blieb stehen und wandte sich um.
»Dein Körper ist faul geworden, Josy«, wollte sie sagen. Sie sagte es nicht. Seine Augen, die auf ihr lagen wie Hände, waren blutgerötet, als hätte überstarkes Licht sie verbrannt.
»Ist es möglich«, fragte er, den Atem unterdrückend, »daß wir auf diesem Wege der ›Frau‹ begegnen?«
»Welcher Frau, Josy?«
»Der Frau, die — ich möchte nicht, daß sie in meine Augen kommt, Jo«, antwortete der Mann, und die Ungefügtheit und der fremde Klang der Worte, die er wählte, machten sie schwer wie Netze voller Schleppgut. »Deine Freundin.« Er spuckte die Silben vor sich hin.
Jo lächelte.
»Was hast du gegen meine Freundin, Josy? Komm, wir wollen uns setzen. Hast du jemals Wiesen so voller Blumen gesehen? Aber du siehst sie, glaube ich, auch jetzt nicht, armer Josy ... Was hast du gegen meine Freundin?«
»Ich möchte sie zertreten, Jo. Nicht erwürgen, nicht niederknallen — zertreten. Mit dem Stiefelabsatz in den Boden hinein — so! ... Wer ist die Frau, die du liebst?«
»Ich bin es.«
Der Mann, in seinen eigenen Gedankengang verbissen, konnte die Zähne nicht gleich davon losbekommen. Seine Lider zuckten heftig und hilflos. Und sein Mund stand offen.
»Jetzt siehst du aus wie Vollrath, wenn er sich gründlich verfahren hat«, sagte Jo.
Eine sehr jähe und tolle Röte versengte die Blässe im Gesicht des Mannes. Er biß die Zähne in die Lippen. Über seinen Backenknochen spannte sich die Haut.
»Eines Tages, siehst du«, plauderte Jo und nahm ihre Augen vorsichtig von dem Manne fort, »eines Tages, bei einer großen und wohlgelungenen Gesellschaft im Hause Mannegold, bin ich mir gewissermaßen zum erstenmal begegnet. Ich kam in einem Spiegel auf mich zu. Ich sah mich lange an. Ich sah mich unter dreihundert Menschen wie in eine Luftblase eingeschlossen, ganz allein. Ich sagte zu mir: Wie ist es möglich, daß wir dreiunddreißig Jahre lang aneinander vorbeigegangen sind, ohne uns kennenzulernen? Ich sagte zu mir: Was tust du eigentlich in diesem Hause, in dem du nichts bist als ein ›trüber Gast‹? Ich beschloß, meine Bekanntschaft zu machen, und ich war sehr kritisch. Man kann nicht kritisch genug sein, Josy, wenn man fühlt, daß man auf dem Wege ist, sich zu verlieben. Aber nach ein paar Wochen war ich zu der Erkenntnis gekommen, daß ich geradezu für mich geschaffen und ganz gewiß der einzige Mensch sei, mit dem ich während der nächsten dreiunddreißig Jahre leben möchte ... Aus dieser Erkenntnis habe ich die Konsequenzen gezogen. Das ist alles.«
Josy Ebenezer antwortete nicht. Plötzlich packte ihn das Lachen wie ein Krampf. Er schrie los, hinter fest zusammengebissenen Zähnen; es war, als polterten Steinlawinen von Gelächtern in seinem mächtigen Brustkasten übereinander weg. Jo sah ihm zu, einen ungewissen Ausdruck von Bedenklichkeit um Brauen und Mundwinkel.
Ebenso jäh, wie es losgebrochen war, verstummte das Lachen des Mannes. Er fuhr sich mit der rechten Faust, die zitternd gegen seine Zähne schlug, über das ganze Gesicht, daß alle Heiterkeit darauf erlosch, und sagte, in die Welt starrend, ohne sie zu sehen:
»Wunderbar, Jo ... Das ist wunderbar ... Du kehrst nicht um, wie? Du kehrst nicht zu Ebro zurück, wie?«
»Nein, Josy.«
Er drehte die breiten Schultern, stemmte die Faust ins Gras, sah der Frau ins Gesicht, das ihm nicht zugewandt war.
»Jo, werde meine Frau«, sagte er.
Jo faltete die Hände auf den Knien. Sie holte lautlos Atem. Sie blieb still. Ihre Augen lagen wie festgeseilt auf dem Schneefeld zwischen den Watzmann-Gipfeln.
»Ich mache dir keine Liebeserklärung, Jo. Ich sage nicht: Ich liebe dich. Verdammt, das heißt nichts — für eine Frau wie du bist. Lieben! — Dich nicht lieben — das wäre — bemerkenswert. Aber ich ... Jo, ich muß dich haben, verstehst du? Wie man das haben muß, was man zum Leben braucht. So — die Luft — das Blut! — Jo, ich will dir sagen: Niemand weiß, woher ich komme. Ich bin nicht der Sohn von Lincoln Ebenezer. Ich bin — irgendwer, auf der Straße verloren oder weggeworfen. Ich habe vielleicht, was der Engländer nennt › a touch of the tarbrush‹ — Niggerblut. Ich habe nicht einen Zoll Haut an mir, den nicht der salzige Schweiß der Arbeit angefressen hätte. Seit fünf Jahren bin ich oben. Geld und mehr Geld. Dollarmillionär. Pfundmillionär. Ich fühle mich dumm von Ziffern. Geld ... Gibt es nicht ein deutsches Märchen: Eine Mühle, die ununterbrochen Geld ausmahlt? Zwischen Börse und Börse ich und mein Geld, Geld ausmahlend ... Und weißt du, wovon ich in den letzten drei Jahren, seit ich dich kenne, gelebt habe, Jo? — Davon, daß dein Name und der meine die gleiche Anfangssilbe haben. Davon, daß jeder, der mich bei Namen nannte, auch dich zu rufen schien. Jo und Josy ... davon, Jo ...«
Die Frau schwieg noch immer. Ihr ungetrübtes und gesammeltes Gesicht trug einen Ausdruck, wie ihn gewissenhafte Menschen haben, die aus einem umfangreichen Schlüsselbund gleich mit dem ersten Griff den richtigen Schlüssel herausgreifen wollen.
Der Mann nahm sein Taschentuch und trocknete sich die Stirn.
»Sag irgendein Wort, Jo«, bat er mit einer Art von seelischem Zähneknirschen.
Jo sah ihn an.
»Ich würde nie einen Mann heiraten, Josy, der buntseidene Taschentücher trägt«, sagte sie sanft.
Er betrachtete das Tuch erschreckt und feindselig. Er machte eine Bewegung, als wollte er es wegwerfen, aber dann stopfte er es in die Hosentasche, und seine Faust kam bis auf weiteres nicht wieder zum Vorschein.
»Ist das alles, was du mir antworten kannst, Jo?« fragte er heiser.
»Ja, Josy.«
Schweigen. Seine freie Faust schlug gegen sein Kinn. Er setzte zum Reden an und räusperte sich.
»Du wirst dich von Ebro scheiden lassen?«
»Vielleicht.«
»Du willst nie wieder heiraten?«
»Nie wieder.«
»Warum nicht?«
»Lieber Josy — irgendwo guckt irgendwie immer ein buntseidenes Taschentuch heraus ...«
»Ist das ein Argument gegen die Ehe?«
»Woran geht deine Ehe mit Tilly kaputt, Josy?«
Dem Mann zuckte die Faust aus der Tasche, als habe er sich darin verbrannt. Das Knurren in seiner Kehle formte sich nicht zu Worten.
»Hat sie dich betrogen? — Nein. — Hat sie dich preisgegeben? — Nein. — Ist sie krank — alt — häßlich — lieblos — bösartig — verlogen — liederlich — usw.? — Nein. Sie geht dir einfach auf die Nerven. Womit? Vielleicht mit der Art, wie sie sich die Nase pudert. Oder wie sie irgendeinen Buchstaben des Alphabets ausspricht. Oder einfach dadurch, daß sie dir begegnet, ohne daß du sie zu rufen brauchst ... Gemeinschaftsenge: das Geburtshaus des Hasses, Josy ... habe ich recht?«
»Ich kann mir die Gemeinschaft nicht denken, die mir zu eng wäre, um mit dir darin zu leben, Jo ...«
»Ja. Für sechs Wochen. Oder meinetwegen ein Vierteljahr.«
»Großer Gott — Jo, weißt du, was das heißen wurde — für mich — in meinem verdammten Leben: ein Vierteljahr ohne Hölle? Ein Vierteljahr — nach Hause kommen und den Hut in die Ecke schmeißen und — Jo, wenn ich dich träume, träume ich so: ich stehe am Fuß der Treppe in unserem Haus — ich schreie deinen Namen, wie ich nie den Namen einer Frau geschrien habe, Jo ... Oh, Verdammnis der Sprache, daß man nie sagen kann, was man in sich aus Blutstropfen bildet ... Wenn ein Mann den Namen einer Frau so schreit, dann schreit er nach vielem in einem, Jo, hörst du das, ich muß es sagen, und du mußt es hören und verstehen — verstehen, Jo: nach dem Schoß der Frau, nach dem Hals der Mutter, nach den Armen der Schwester und ja, Jo, auch nach dem Bruder und dem Freund, nach dem Handschlag von Bruder und Freund — und ich träume, wie ich so deinen Namen schreie, und du kommst die Treppe heruntergelaufen, und ich fange deinen schwingenden Körper auf an mir, und du bist alles in mir und erfüllst alles in mir ... So träume ich, Jo. Ein verhungernder Hund. Frag einen verhungernden Hund, Jo, ob er einmal sechs Wochen oder ein Vierteljahr lang nicht hungern möchte ...«
Er wollte sein Taschentuch herausziehen, um sich die Stirn, die von Schweißtropfen zerrissen war, zu trocknen — erschrak verwirrt und ließ es stecken.
Jo nahm ihr eigenes Tuch und gab es ihm ernst. Das feine weiße Gewebe blieb, ein armes Knäuel, zwischen seinen Händen. Als die Frau zu sprechen begann, schwankte die Stimme auf ihrem Atem wie ein Boot ohne Steuer auf bewegtem Wasser.
»Wir wollen es trotzdem nicht ausprobieren, Josy. Du wärst zu sehr im Nachteil. Der stärker Liebende ist immer im Nachteil.«
Er hob die Hände und ließ sie wieder fallen.
»Ich liebe dich, Jo. Sag was du willst, aber gib mir ...«
Jo lächelte.
»Gleich wirst du sagen: Gib mir eine Chance!«
»Ja«, bekannte er redlich.
»Du hast keine, Josy, Und nun wollen wir's genug sein lassen!«
Sie wollte sich erheben; da lag seine Hand auf ihrem Arm, eine wütende, vernichtende und verkrampfte Last. Und dann lagen seine Fäuste auf ihren Schultern. Sein Gesicht war vor dem Gesicht der Frau, rot, heiß und zuckend, als hätte man die Haut in Fetzen davon heruntergerissen.
»Du —!!« stieß er heraus, die Frau zusammenrüttelnd, daß ihr die Zähne gegeneinanderschlugen. »Warum wirfst du mich so weg? Was gibt dir das Recht, so kühl und so durchsichtig zu sein und so — zwischen den Fingern wegzurinnen, nicht festzuhalten wie Wasser? Bist du kalt? Bist du so armselig, daß du lächeln kannst, wenn ein anderer verbrennt? Daß dir's ein Schauspiel ist, wenn ein Mensch von seinen eigenen Teufeln gelyncht wird? Du liebst dich, sagst du —! Lüge! — Wen liebst du —? Für wen — sparst du dich auf —? Wem wirst du dich geben —? Wen, wen liebst du —?«
»Kein Mensch hat das Recht, mir diese Frage zu stellen, Josy«, antwortete die Frau. Und ihr Gesicht war vor dem seinen wie eine weiße Flamme, die gegen eine rote lodert.
»Recht ...!« Er ließ sie los. »Recht ...!« wiederholte er, als sei dies Wort das dunkelste und komplizierteste der Welt. »Recht ...« Er stemmte den Kopf zwischen die Fäuste, jeden Muskel verschiebend und verzerrend. Die Dumpfheit einer letzten, in der Sackgasse des Staunens gefangenen Ratlosigkeit weitete seine Augen und trübte sie zugleich, daß sie wie eingenebelt erschienen. Immer wieder schüttelte er den Kopf zwischen seinen gewalttätigen und machtlosen Fäusten, langsam, nichts begreifend, am Ende.
Schließlich fielen ihm die Fäuste auf die Knie. Er räusperte sich und schob die Schultern zurück. »Ich bitte dich um Entschuldigung«, sagte er heiser. »Ich war roh. Ich benehme mich nicht wie ein Gentleman. Wenn du jetzt gehen willst, Jo ... ich werde dich nicht — festhalten ...«
Sie schwieg und blieb. Ihre Augen sahen ihn weit und mächtig an. Ihre Lippen waren herb geworden. Aber allmählich blühten sie wieder auf in ihrer schönen und ruhigen Süße.
»Ich möchte ein paar liebe, friedliche Tage mit dir verleben«, sagte sie, die Hand ausstreckend.
Der Mann nahm sie, betrachtete sie, und die Art, wie er sie mit seinen Händen umschloß, kam einer letzten inbrünstigen Umarmung so nahe, daß die Frau ihr Herz aufrasen fühlte wie unter einem Kuß. Aber sie lächelte.
»Jetzt habe ich deine Hände«, sagte sie. »Jetzt lasse ich sie nicht eher wieder frei, als bis du mir etwas versprochen hast, Josy ...«
»Das könnte mich veranlassen, die Sache hinauszuziehen«, antwortete der Mann mit einem trüben Lächeln.
Jo nahm seine Hände und zog sie an ihr Herz. Sein Gesicht überlief sich mit einem Schauder wie überhitztes Metall, aber er rührte sich nicht.
»Ich will, daß du mich liebst«, sagte Jo, »ich will, daß du mich liebst — in der Frau, die ich dir bringen werde ...«
Der Mann blieb still. Seine gefangenen Hände rührten sich nicht in ihrem guten Gefängnis.
»Wen meinst du?« fragte er, und seine Stimme schwankte.
»Das ist vorläufig mein Geheimnis.«
»Gleicht sie dir, Jo?«
»Noch nicht ... Aber vielleicht, wenn sie glücklich ist, wird sie mir gleichen.«
Der Mann hob sein Gesicht gegen den schon abendlichen Himmel. Es war ein hartes, dunkles und verlorenes Gesicht.
»Nun«, sagte er nach einem langen Schweigen, »vielleicht meinst du es so, daß man Gott auch in einer Butterblume finden und lieben kann. Ist es das, Jo?«
Sie nickte. Sie biß die Zähne übereinander. Sie fühlte die Blutstöße seines Herzens durch die fiebernde Haut seiner Fingerspitzen. Er sagte:
»Ich verspreche dir, dich in allem zu lieben, was von nun an in meinem Leben sein wird — von der Sonne über mir bis zu den Steinen auf meinem Wege und in jedem Menschen, der in meinem Leben sein wird ...«
»Danke«, sagte Jo und gab seine Hände frei. Er stand auf, und seine Füße trugen ihn langsam weg von der Frau.
Sie sah ihm nach und rief ihn nicht zurück, als sie ihn quer durch die blühende Wiese davongehen sah, ohne Weg und ohne Ziel, ohne Richtung und ohne Sinn.
Aber nach einer Weile sah sie ihn stehenbleiben und sich zu irgend etwas bücken, um es lange zu betrachten. Als er sich wieder aufrichtete, hatte er eine kleine gelbe Blume in der Hand. Eine kleine gelbe Butterblume. Die nahm er mit auf den Weg.
Da machte sich auch Jo Mannegold auf, um heimzugehen.
Regen war gefallen, und Sonne war gekommen, aber Jo hatte gemeint, es würde bald wieder regnen. Denn die Nebel stiegen als schneeweiße dampfende Säulen aus den triefenden Wäldern, die in der Sonne glitzerten wie mit Goldstaub überschüttet, und aus den Betten der drei schäumenden Achen zog feinster Dunst mit ruhelosem Winde bergan.
Mochte es regnen — was fragte Tilly danach? Sie mußte diese Nacht aus sich vertreiben, diese höllische Nacht, die ohne Ende, ohne Ende gewesen war. Sie mußte laufen, laufen — gleichgültig wohin, gleichgültig, wie weit — nur die eigenen Schritte hören, um das andere nicht zu hören, das ständig in ihrem Schädel rannte: der Spuk dieser Nacht ohne Ende, der irrsinnige Rhythmus ihrer Gedanken, der Totentanz der Worte, die Jo und sie gewechselt hatten — und dazwischen, wie ein verfluchter, an die beiden halblauten Frauenstimmen gekoppelter Pendelschlag: das Auf und Ab, das Hin und Her von Josys Schritten in der Kammer über ihren Köpfen.
Gott, diese Nacht, diese Nacht ... Wie weit mußte ein Mensch laufen, um diese Nacht hinter sich zu lassen?!
Tilly Ebenezer hatte einen mühseligen Atem. Unter dem sommerbunten Kopftuch, das Jo ihr geliehen hatte und das sie fremd und sehr lieblich machte, glühte ihr Gesicht und blieb doch blaß. Dünne, scharfe Blitze stachen in ihren Lungen. Aber sie konnte nicht innehalten. Und das Erinnern lief in ihrem Kopfe mit.
Wie hatte sie in sich hineingeweint, die Zähne in ihren Arm verbissen, zusammengekrümmt auf ihrem improvisierten Bett. Aber Jo war nicht gekommen, sie zu trösten. Jo lag still in ihren kühlen Kissen und atmete friedlich. Der Regen rauschte und machte die Stunden zwischen Mitternacht und Hahnenschrei zu einer undurchdringlichen Finsternis.
Schlief Jo?
Der Mann über ihnen schlief nicht, und sie, seine Frau, schlief nicht. Es war, als träfe jeder Tritt seiner Füße ihr Herz, als müßte sie den Laut dieser Schritte in ihren Ohren tragen bis ans Ende aller Tage.
»Jo ...«
»Hm ...?«
»Was habt ihr so lange miteinander zu sprechen gehabt, du und Josy?«
Oh — diese elende, diese jämmerliche Frage, die wie ein vergifteter Bissen immer wieder hochquoll in ihrem Halse, bis sie endlich heraus und durch das dunkle Zimmer sprang ...
Wie lange Jo zur Antwort brauchte! So lange, wie Frauen niemals brauchen, wenn sie sich Lügen aussinnen, sondern nur, wenn sie die Wahrheit sagen wollen.
»Willst du das wirklich wissen, Tillychen?«
»Sonst würde ich dich ja nicht fragen.«
»Ach Tillychen, wir fragen fast niemals, was wir gern wissen, sondern was wir gern hören wollen ...«
»Ich will aber wissen.«
Eine Pause. Die große Wahrheitspause. Und dann:
»Er hat zu mir gesagt: ›Jo, werde meine Frau!‹ ...«
Warum hatte sie gefragt? Sie hatte es ja gewußt. Hatte es, wie ihr nun klar war, eigentlich immer gewußt. Aber das rettete sie nicht davor, die Bestätigung der Tatsache als einen tobsüchtigen Schmerz zu verspüren.
Jo ...
Jo und Josy ...
Ach die Qual des zufälligen Gleichklangs, der wie eine ewige, innige Liebkosung war ...
Aber nun mußte sie ja wohl weitergehen, den Kalvarienberg des Wahrheitsuchens hinauf.
»Und du? Was hast du ihm geantwortet?«
Diesmal kam die Antwort schnell wie Vogelflug.
»Daß ich's mir überlegen würde, Tillychen ...«
Eine Frau setzte sich auf im Bett und sah in ein dunkles Zimmer.
»Du willst mir meinen Mann wegnehmen —?! Wo du selbst noch nicht einmal geschieden bist —?!«
Sie hörte die eigene Stimme verkniffen und säuerlich, in einer sie selber peinigenden Spießbürgerlichkeit. Jetzt bin ich Tante Emma, dachte sie verzweifelt. Sie sah sich selbst, ganz außerhalb ihres Jammers, wie eine schlechte Fotografie von Tante Emma, sehr aufrecht auf einem steifen Stuhle sitzend, mit bösartig verklemmten Schenkeln und Knien. Die Gesetzestafel der Familie. Tante Emma, die fünf Kinder von zwei Männern hatte und doch als alte Jungfer sterben würde. Josy haßte Tante Emma und ihre saure Stimme.
Jos Stimme fragte wie ein sanfter Gong:
»Hast du ihn denn noch, deinen Mann?«
Was sollte sie für eine Antwort geben? Während über ihren Köpfen unablässig das Auf und Ab, das Hin und Her von Josys Schritten in die Nacht hinein klagte — sie verklagte ...
»Hörst du ihn, Tillychen? — Ja, jetzt hörst du ihn! Aber wie lange warst du taub? Er hat dich angebetet mit der ganzen kritiklosen Überschätzung des Ewigweiblichen, das den Amerikaner idiotisiert. Es soll noch Negerstämme geben, die ihr Gold und Elfenbein für Glasperlen und Schnaps hintauschen. Schlau, wie die Schlauheit der Familie dich erzogen hat, bist du unnahbar für ihn geblieben bis zur gesetzlichen Unterschrift: eine kleine, nicht sehr deutliche, nicht sehr gnädige Gottheit in einer Silberwolke. Und dann ist der menschliche und männliche Hunger eines Taifuns über dich hergestürzt. Der Durst eines gläubigen Giganten, der seine Göttin mit diesem verschmachteten Besitzergreifen tausendgliedrig umrankte. Und was fand er, Tillychen? Einen nassen Schwamm, wo er nach einer Quelle lechzte. Rationiertes Brot mit Kleiezusatz, wo er den Apfelbaum der Hesperiden suchte. Hast du nun das Recht, zu fordern: Durste, weil ich dürr bin? Hungere, weil ich karg bin? Nein, Tillychen. Das hieße die weibliche Anmaßung denn doch zu weit treiben!«
»Ich fordere nichts mehr, Jo! Ich fordere nichts! Ich will ihn nur nicht ganz verlieren —!«
Ja, so hatte sie betteln können in dieser grausigen Nacht, die von dem Auf und Ab, dem Hin und Her der Schritte über ihr in blutige Sekunden zerschnitten wurde.
»Ich will ihn ja auch nicht für immer haben, Tillychen. Nur für sechs Wochen oder höchstens ein Vierteljahr. Aber in diesen knapp hundert Tagen würde ein glücklicher Mann auf der Welt sein. O ja, das weiß ich! Ein ganz primitiv glücklicher Mann. Solch einer, der sich im Lift vor Ungeduld in den Stockwerken verzählt und die Wohnungsklingel demoliert, obwohl er den Drücker in der Tasche hat. Solch einer, der schon beim Öffnen schreit: Wo ist meine Frau —?! Oder, in unserem Falle: Wo ist meine Geliebte —?! Gott im Himmel allein weiß, worauf er in der nächsten Minute verfallen wird, dieser große, durchstürmte Junge ... Aber einige Dialoge höre ich voraus:
»Jo, wollen wir heut abend bummeln gehn?!«
»Ich hab' mir den ganzen Tag lang nichts anderes gewünscht, als heut mit dir bummeln zu gehn!«
»Ho, fein! Mach dich schön — mach dich bildschön für mich —!«
Damit tobt er ab ins Badezimmer. Oder:
»Jo, ich möchte die Wohnung auf den Kopf stellen! Wir wollen einen Apachenkeller aus unserer Wohnung machen!«
»Nichts leichter als das! Bunte Fetzen um die Lampen, bunte Fetzen um uns selbst, das Grammophon auf den Tango gestimmt, du weißt schon — auf den Tanz, bei dem sich die Tänzer gegenseitig auf die Seelen treten — Kirschen in Kognak, Zigarettenrauch — Cook liefert seine Apachenkeller am Montparnasse nicht um ein Jota echter!«
Oder:
»Jo, ich bin so müde! So müde wie ein kleiner Junge, der sich verlaufen hat! Komm, tröste mich! Nimm mich in deine guten Arme, Jo ...«
»Hat mein kleiner Junge sich verlaufen? Du lieber Gott! Ist mein kleiner Junge so müde, so müde ... Wie alt ist er denn in der großen, bösen Welt? Noch keine sechs Jahre alt! Noch klein genug für Mutters Schoß und Arme ... Soll ich ihm eine Geschichte erzählen, meinem kleinen Jungen?«
»Ach ja!«
»Eine Geschichte zum Einschlafen oder eine zum Munterwerden?«
Mal so, mal so ... Oder:
»Jo, du mußt mir einen Rat geben. Ihr Frauen habt einen so feinen Tierinstinkt zum Ausgleich für die mangelnden Gehirngramme ...«
Dann sitzen zwei sich gegenüber und halten Rat miteinander, und die Verantwortung des Lebens liegt auf vier Schultern leichter als auf zweien. Und eine freier atmende Stimme sagt: »Kamerad ...« Das ist für die Frau der Pour le mérite und sehr, sehr kostbar ... Ja, so würden wir leben, Josy und ich ... sechs Wochen lang oder ein Vierteljahr ... solange du ihn mir eben leihen würdest, Tillychen ...«
Eine Frau saß aufrecht im Bett und sah in ein dunkles Zimmer. Sie gab keine Antwort. Sie weinte auch nicht. Tief in ihr jammerte eine Stimme: Ich will das tun! Ich will das sein! Ich —! Ich —! Aber das wurde nicht laut.
Aus der Mitternacht klang Jos Stimme, dieser sanfte Gong:
Liebe der Frau ist, zu allem bereit sein.
Und wenn sie das nicht kann?
Dann bleibt ihr immer noch eins: zu gönnen.
»Ißt du gern Austern? — Nein. Dir graust davor. Aber Josy ißt sie mit Leidenschaft. Ich sehe noch dein angewidertes Gesicht, als du ihm das letztemal dabei zusahst. Als wäre er aus Neu-Guinea und fräße einen Missionar. Warum träufelst du ihm Chinin auf einen Leckerbissen — nur, weil du seinen Genuß nicht zu teilen vermagst? Ich nenne das eine schäbige Gesinnung. Teile oder gönne! Beglücke oder gib frei!«
»Freigeben —!« Riesengroß fuhr Tante Emmas Abbild in die Höhe. »Damit er zu den Straßenhuren lauft —!«
Sie brach in ein wütendes Schluchzen aus und biß sich in die Hände.
Jo holte ein wenig tiefer Atem als sonst. Sie sprach mit umzäunter Stimme.
»Erstens läuft er auch so zu den Straßenhuren, um bei diesem appetitlichen Ausdruck zu bleiben — und erzählt dir, daß er bis drei Uhr nachts Konferenzen und Vorstandssitzungen hat, was du glauben kannst oder bezweifeln. Und zweitens: was hast du gegen Straßenhuren? Sie geben dem Manne, was er von ihnen erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie viele der sanktionierten Bettgenossinnen dürfen das von sich behaupten?«
»Warum sprichst du für den Mann und nur für den Mann? Warum hast du Verständnis für ihn und nur für ihn?«
»Weil ich ihn liebe, Tillychen.«
»Josy —?«
»Nicht Josy! Auch Josy! Den Mann. — Verdient er nicht all unsere Liebe, unsere staunende Bewunderung und unsere zärtlichste Ritterlichkeit, dieses rätselhafte Geschöpf Mann, das nach vieltausendjährigen und, seien wir ehrlich, recht deprimierenden Erfahrungen noch immer an das Weib zu glauben vermag? Verdient er nicht dein Mitleid und behutsamstes Feingefühl, dieser große, verwirrte, von hundert Sehnsüchten gepeitschte Mann Josy, der sich vor dir, einer kleinen, kargen Gans vom Kurfürstendamm, zur Lüge erniedrigen muß, nur weil du ohne Großmut bist?«
»Du warst nie eifersüchtig, Jo ...?«
»Eifersüchtig —! Eifersucht ist das Reservat von Leuten mit Minderwertigkeitskomplexen. Bist du eifersüchtig auf ein Restaurant, das andere Spezialitäten hat als deine Küche? Bist du eifersüchtig, wenn sich dein Mann bei Larue an einem Gericht delektiert, für das dir die Gewürze fehlen?! Häng dich auf mit deiner Eifersucht. Wenn ich du wäre, ich würde mit Grazie, Takt und Tücke die Bekanntschaft des Mädels machen, bei dem sich Josy zur Zeit am liebsten von dir erholt, würde sie zum Tee einladen, mir ein bezauberndes Kleid anziehen und nach Josy telefonieren —«
»Du bist un—«
»Ja ich weiß, ich bin unmöglich, Tillychen. Aber, Herrgott, mit dem Möglichen kommt man nicht mehr weiter in dieser ausgeleierten Welt, in der alle Schrauben wackeln. Stelle dir vor: Josy tritt in dein Zimmer — in dein Zimmer, das voll Blumen ist. Vielleicht bemerkt er sie nicht; aber sie geben Atmosphäre. Dein Privat-Zoo. Der Samowar. Zwei lächelnde, hübsch angezogene, verträgliche Frauen. Ein paar Leckereien, die du persönlich nicht ausstehen kannst, die du aber eigens für Josy zubereitet hast — was manchmal eine zärtlichere und angebrachtere Liebkosung ist als ein Kuß — und die du ihm reizvoll servierst. Man kann nicht wissen — vielleicht trifft ihn der Schlag vor Überraschung — aber vielleicht ...«
»Jo, ich bitte dich — ich bitte dich, Jo —!«
Jo seufzte. Und dann, wie ein verzichtendes Achselzucken:
»Ich weiß schon, Tillychen. Du bist eben gänzlich humorlos ...«
»Ich bin nur unglücklich, Jo.«
»Das ist Josy auch.«
»Und voller Sehnsucht.«
»Das ist Josy auch.«
»Nach dir.«
»Nach Glück.«
»Das ist dasselbe, Jo ...«
Auf und ab und hin und her die Schritte über ihren Köpfen.
Tilly fühlte, wie sich ihr Gesicht verzerrte. Wie ihre Stimme heiser wurde vor Qual.
»Warum gehst du nicht hinauf zu ihm, Jo?«
»Sei nicht geschmacklos, Tillychen.«
Und dann hatten sie nicht mehr gesprochen.
Eine Frau saß aufrecht im zerwühlten Bett und sah in ein dunkles Zimmer, in dem sich langsam, langsam, zeitlupenhaft die Schwärze der Regennacht zum Grau des Nebelmorgens wandelte.
Auf und ab und hin und her die Mannsschritte über ihrem Kopfe.
Als es hell wurde, verstummten die Mannsschritte. Am Fenster waren sie stehengeblieben. An dem kleinen, umblühten Fenster, vor dem der Nebel hing. Und tasteten sich müde wieder weg, als hätten sie auch dort vergebens gesucht und angefragt. Dann rückte ein Stuhl ...
Und nun ging sie hier, zwischen Sonne und Wolkenschatten, lief und lief, steinigen Weg unter viel zu dünnen Schuhen. Und die Schritte, die ihre Nacht in tausend Fetzen zerrissen hatten, liefen mit ihr und zerfetzten ihr den Tag ...
»Wo ist Tilly?« fragte Josy Ebenezer unter der Haustür. Er war so groß wie nur je, aber sein Mörtelgesicht schien um ein Drittel schmaler geworden.
»Siehst du!« sagte Jo, die unter den Ulmen saß und mit flinken Fingern kleine schwere Purpurtrauben von Johannisbeeren streifte. »Wenn ein Mann am Nachmittag um vier Uhr merkt, daß ihm die Frau seit acht Uhr morgens abgeht, dann ist der Fall noch längst nicht hoffnungslos.«
Er kam, blieb stehen, setzte sich zögernd, weil unaufgefordert, nahe von ihr, die ganz in Beerenduft und Sonne saß und von Bienen umsummt war, denen sie nicht wehrte.
»Kannst du überhaupt noch anders zu mir sprechen als in Spott?« fragte er erbittert.
»Das hängt von dir ab, Josy.«
Er sah einer Biene zu, die von der Schläfe Jos zu ihrem Munde taumelte und endlich ihr in den Schoß fiel, eine winzige Flocke berauschtes Gold. Er wandte die Augen ab.
»Wo ist Tilly?« wiederholte er und fuhr sich mit der Handfläche über die Stirn. Sein ganzes Gesicht war feucht und von einer gleichsam unterschichtigen Kälte gemartert. Nur seine Augen und sein Mund waren trocken und zehrten sich auf in einer beizenden Glut.
»Um Tilly brauchen wir uns nicht zu sorgen. Ich hab' ihr den Hansl nachgeschickt.«
»Wer ist das?«
»Mein Fischer.«
»Ein Fischer — so ...«
Durch Josys Gehirn schwamm eine nebelhafte Erinnerung. Ein gleißend buntes, von Negermusik synkopisiertes Lokal — ein erotisch-kulinarischer Ramschladen, wie Jo es nannte, eng vor Menschen, die sich, gut gekleidet, viel Schminke, viel Schmuck, viel Geschwätz, um kleine Tische preßten, übersegelt von silbernen Platten in Kellnerhänden. Tilly — hübsch, albern, wichtig- und blasierttuerisch zugleich, ließ sich von einem diskret lächelnden Viertelgott in Frack und schwarzer Binde zu einem Bassin führen, in dem zwischen sanft rotierenden Regenbogenstrahlen und Wänden aus Opalglas Schleie und Forellen dumm ins Schicksal glotzten. Der Viertelgott im Frack nahm ein kleines Netz zur Hand und fischte die Beute von Tillys Appetitslaune, auf die sie mit spitzem, rotlackiertem Nagel wies, geschickt und ihr Sachverständnis preisend, aus der aufgeschreckten Schar der andern. Und als die kleine Frau zu ihrem Tisch zurückschlüpfte, vor Mondänheit kaum die Lider lüpfend, hatte Jo sie empfangen: »Na, Tillychen? Kommst du dir nun vor wie die selige Salome?«
Tilly hatte mit ihrem hübschen, törichten Munde gelächelt. Aber Jo war ernst geblieben.
»Dieses Verfahren, auf Kälber ausgedehnt«, sagte sie und legte ihre Serviette zusammen, »wäre das Ende des Wiener Schnitzels.«
Worauf das Gespräch für anderthalb Minuten unter Lähmungserscheinungen gelitten hatte.
Jo betrachtete den Mann, ohne ihre flinke Arbeit zu unterbrechen.
»Du siehst elend aus, Josy ...«
Er gab keine Antwort.
»Glaubst du nicht, daß ein Spaziergang dir sehr gut tun würde?«
Alle Ecken und Kanten seines Gesichts gaben Signale der Ungeduld. Seine Hand wischte etwas Unsichtbares von der Bildfläche.
»Ich bin zu einem Entschluß gekommen«, sagte er im selben Ton, mit dem er schwierige Vertragsgegner unter den Tisch zu jagen pflegte. »Ich werde Tilly bitten, sich von mir scheiden zu lassen.«
Zart und zärtlich rhythmisiert fielen die purpurnen Perlen unablässig aus den bienenumschwärmten Fingern Jos.
»Tu das, Josy — wenn du willst, daß auch wir für immer geschiedene Leute sind.«
Er zermahlte irgend etwas zwischen den gewalttätigen Kiefern. Ein Stöhnen oder einen Fluch. Oder beides. Seine geröteten Augen trotzten sie an.
»Warum willst du mir eine — Wohltat, eine — Rettung versagen, die du für dich selbst beansprucht hast, Jo?«
»Ich bin eine Frau, Josy, und du bist ein Mann.«
»Willst du damit sagen: Wenn eine Frau aus einer Ehe, die nicht mehr zu ertragen ist, davonlauft, dann hat sie recht, und wenn ein Mann das gleiche tut, dann ist er ein Lump —?«
»Es kommt hier nicht auf den Menschen an, der davonläuft, Josy, sondern auf den, der zurückbleibt.«
Er hob die Hand zum Schädel.
»Das verstehe ich nicht ... mein Gott ...«
Jo war mit ihrer Arbeit fertig geworden. Sie trug die Schüssel mit den Beeren ins Haus. Eine kleine unruhige Wolke von summendem Golde schwebte noch um ihren Platz und zerteilte sich aufschwebend zu winzigen Punkten im Blau. Jo kam zurück, ging zum Brunnen und spülte sich den Purpursaft der Beeren von den Fingern. Sie ließ das lebendige Wasser lange in die Höhlung ihrer Hände laufen, und es war, als pflegte sie Zwiesprache mit dem unerschöpflichen Quellwasser. Sie hielt ihre Hände und die blanken braunen Arme hoch in die Sonne, und wie sie so mit geschlossenen Augen und erhobenem Gesicht in Wind und Sonne stand, war auch dies eine Zwiesprache mit Wind und Sonne.
Der Mann glotzte zu ihr hin mit dem dumpfen, fast gesichtslosen Schädel eines Troglodyten.
Sie wandte sich zu ihm, kam zu ihm, bis sie ihm so nahe war, daß er den Atem anhielt.
»Ich will versuchen, dir alles klarzumachen«, sagte sie. »Auch mich, Josy ... Komm ... Wir setzen uns zusammen in den Schatten, wo er am grünsten ist ... Das Moos hier ist so ruhespendend wie ein sehr gutes Gewissen. Ich stelle meine Füße auf den Weg. Und du legst dich wie ein müder kleiner Junge, der den ersten Ferientag durchtollt hat, lang auf den Rücken und bettest deinen Kopf in meine Hände ...«
Er stand eine Weile neben ihr mit hängenden Armen und geballten Fäusten. Dann ließ er sich fallen. Sein Kopf fiel, sich einwühlend, in ihren Schoß. Seine Finger krampften sich mit weißen Knöcheln um gewolltes Nichts, aber sein Mund drängte sich in lautlosem Lechzen dahin, wo Jos Herz schlug.
Sie ließ ihn gewähren. Er sah ihre Blässe nicht und nicht die Tapferkeit ihres Lächelns. Sie streichelte sehr langsam sein Haar und seine Schläfe, die unter seinem Blutschlag platzen wollte.
»So ... so ...«, flüsterte sie, und ihre Arme schlossen sich über ihm und wiegten ihn leise. »Mein kleiner Junge ... solch ein glühender Kopf ... solch ein armes, zerschaufeltes Gesicht ... Das muß anders werden, Josy ... Und das wird auch anders werden ... Aber erst mußt du hören lernen, was mein Herz zu dir sagt ... erst mußt du mein Herz verstehen lernen ...«
Anfangs schien sein Hirn nicht aufzufassen, was sie flüsterte. Nur der Laut ihrer Stimme, Instrument der Zärtlichkeit, sank in ihn ein wie Tautropfen in ausgedörrte Erde. Dann kam ein Sinn dazu. Der wollte begriffen sein. Der Krampf, der seinen riesenhaften Körper zusammenbog, ließ nach, und alle seine Glieder schienen aufzuhorchen.
Jo schwieg. Sekunden vergingen und wurden Minuten. Der Mund des Mannes trennte sich zögernd vom Herzen der Frau. Sein Ohr löste ihn ab. Jo schwieg. Der Kopf und die Schultern des Mannes, die in ihrem Schoß, in ihren Armen lagen, wurden schwerer und immer schwerer, wie die eines Gestorbenen. Jo schwieg. Und endlich richtete der Mann sich auf. Das vollzog sich langsam und war so endgültig wie ein letzter Verzicht. Nun saß er neben der Frau, die Füße wie sie auf den Weg gestellt, die Hände zwischen den Knien baumelnd.
»Ich glaube, ich habe dich verstanden, Jo«, brachte er mit einiger Mühe zwischen den Zähnen heraus. »Ich glaube — ich habe dich verstanden ... Nicht einfach, dich zu verstehen, aber ... Verdammt, Jo, du hast — wunderliche Methoden, um dich begreiflich zu machen.« Er wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht, auf dem die Mörtelblässe von roten Furchen durchrissen war. Dann sah er Jo an und lächelte mühsam. »Keine Frau außer dir dürfte es wagen, mit einer Liebkosung zu sagen: ›Mann, ich liebe dich nicht!‹ Den Kopf eines Mannes an ihr Herz zu legen, damit er endlich begreift: die Frau, deren Herz so ruhig schlägt unter seinen bestürmenden Küssen, die liebt ihn nicht, nein, und sie wird ihn niemals lieben ... Stimmt das, Jo?«
Sie nickte stumm.
»Nun, Jo, geh weiter in deiner Lektion.«
Er faltete die Hände zwischen seinen Knien und senkte den Nacken, als sei er bereit, eine Last zu empfangen. Auch die Frau hatte die Hände gefaltet, aber ihr Gesicht war zu den grüngolden funkelnden Blättern der Ulme über ihnen aufgehoben, als läse sie von ihnen ab, was sie sprach.
»Wenn ich Ebro verlasse, Josy, was wird aus Ebro?«
Der Mann schwieg.
»Wenn du Tilly verläßt, Josy, was wird aus Tilly?«
Der Mann klärte seine Kehle mit einem Räuspern.
»Und wenn ich bei ihr bleibe, Jo, was wird aus mir?«
»Das, Josy, hättest du dich fragen sollen, bevor du sie heiratetest.«
»Habe ich damals gewußt, was aus meiner Ehe werden würde?«
»Du hättest es wissen können, Josy, wenn du deinen gesunden Menschenverstand und nicht die männliche Überheblichkeit zu Rate gezogen hättest. Jetzt will ich sprechen, Josy! Wie alt warst du, als du um Tilly warbst? Einunddreißig vollwertige, aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter bestehende Jahre! Du kamst nicht frisch aus dem Porzellanofen. Du hast das Leben gekannt wie nur ein Mann. Du hast dein Blut und deine Sinne in drei Erdteilen kochen fühlen. Und du bist weder betrunken noch hypnotisiert gewesen, als du zu der jungen Tilly Mannegold sagtest: ›Dich will ich zur Frau haben!‹ — Stimmt das?«
»Ja.«
»Sie war ein Mädel wie tausend andere. Aber du sagtest ihr: für mich bist du die eine unter tausend. Du hast dich, als die liebe Familie, Gott weiß warum, so tat, als wollte sie Schwierigkeiten machen, benommen wie ein Amokläufer. Du warst drauf und dran, das Mädel mit 280 PS zu entführen. Du bist, als man sie endlich, mit dem Segen sämtlicher Muhmen und Basen verbrämt, in deine Arme legte, vor Seligkeit fast auf die Knie gefallen, wie wenn dir Gottvater selbst das Paradies geschenkt hätte ... Wie sollte ein junges, dummes Mädel ob solcher Vergöttlichung seiner harmlosen kleinen Person nicht sein bißchen Verstand verlieren? Du hast sie — und du allein, Josy! — in deiner mächtigen Hand turmhoch über sich selbst hinausgehoben. Jetzt zieh deine Hand zurück und laß das Produkt deiner eigenen Anbetung ins Bodenlose stürzen — wenn du dich traust!«
Sie schwieg. Und der Mann schwieg. Sein harter Atem war hörbar. Seine Hände kämpften gegeneinander.
»Es hat nicht lange gedauert, da lernte ich sie sehen«, sagte er heiser. »Aber ich dachte, ich könnte sie mir erziehen.«
»Armer Josy ... Dreitausend Männer, an _einem^ Seile ziehend, ziehen eine Frau nicht aus dem Kosmos ihres Ichs. Dreitausend Männer, an _einer^ Lösung rätselnd, raten den Sinn nicht vom primitivsten Gefühl einer Frau. Frauen sind nur durch ein Ding in der Welt zu regieren: Durch ihre eigene Liebe. Durch ihre eigene Liebe. Und Tilly liebt dich. Das ist ihr uneinholbares Plus.«
»Womit sie mich verrückt macht.«
»Logisch — nachdem du sie vorher verrückt gemacht hast.«
Der Mann warf den Kopf auf und drehte ihn hin und her. Es war eine Gebärde, unter der die Frau ein wenig blaß wurde. Aber sie biß sich auf die Lippen und hielt ihre Hände fest.
»Viel verlangt, Jo, ein Leben lang dafür zu büßen, daß man ein paar Wochen lang ein Narr war.«
»Du warst kein Narr, Josy. Du hast dich nur tragisch geirrt. Du hast viel weniger die Frau geliebt als die Schönheit deiner eigenen Liebe — verstehst du? — Oder besser: du liebtest sie um dieser kostbaren Liebe willen, die sie in dir geweckt hatte. Es ist so schwer auszudrücken, Josy ... Ihr seid euch begegnet, ihr habt euch angeschaut — etwas von ihr rührte dich an — aber es war wie eine Sprengung in einem Berge —, man will eine Quelle erschließen, und plötzlich stürzen sieben Quellen von sieben Strömen aus dem sich öffnenden Stein ... Und diese sieben Ströme aus deinem eigenen Innern, Josy, du hattest bis zu diesem Augenblick selber nicht geahnt, daß sie in dir schliefen, nicht wahr ... Aber nun war es so beseligend, sie herausströmen zu lassen, sich als so reich in seiner Seele zu erkennen, sich auf den sieben Strömen des eigenen Herzens zu wiegen, in sie hinabzutauchen und sie unaussprechlich tief und hinreißend und unerschöpflich zu finden ... Aber wo ist das Weibgefäß, das sieben Ströme in sich zu fassen vermag, ohne zersprengt zu werden? Du bist über sie hinweggeflutet, die dich nicht zu fassen vermochte, und, lieber Josy, es klingt zynisch, aber es ist nicht so gemeint: jeder dieser ungefaßten Ströme sucht sich nun ein anderes Bett ...«
Er hatte sekundenlang ein trübes Lächeln um die Mundwinkel; dann war es ausgelöscht. Jo sah ihn an. Ihre Lippen zitterten ein wenig, als sie fortfuhr:
»Es sind nicht immer saubere Betten, Josy ...«
Er setzte die Zähne hart aufeinander. Und allmählich überzog sich sein Gesicht mit dem Ausdruck jener äußersten Brutalität, die der äußersten Hilflosigkeit entspringt und zuweilen nichts ist als Scham. Jo legte ihre Hand auf seine Hände. Noch war in ihr die Kühle des aufgefangenen Quellwassers und die Lindigkeit der Botschaften von Sonne und Wind. Der Mann hob diese Hand zu seinem Munde. Er sprach mit verbissenen Zähnen zu dieser Hand:
»Alles, was in mir strömt, Jo, will nur zu einem Bette, und das bist du!«
»Ich weiß, Josy ... Aber wenn du — mir zuliebe! — nachdenkst: Ist in dir nicht irgendwo noch eine sanfte, kleine, verborgene Quelle, zu der deine eigene Frau den Weg finden könnte, um daraus zu trinken?«
Noch immer war ihre Hand an seinem Munde. Die Stille um sie her war klingend rein. Der Brunnen selbst war Instrument der Stille.
»Warum«, fragte der Mann und ließ die Hand, die er liebte, frei — und die Bitterkeit seiner Frage wurde durch ihre Sanftheit nur noch bitterer —, »warum sprichst du für die Frau und nur für die Frau? Warum hast du Verständnis für sie und nur für sie?«
Jo lächelte in sich hinein. Es war ein hinterhältiges und sehr zärtliches Lächeln. Sie sagte, die Lider senkend:
»Lieber Josy, ich folge damit nur dem amerikanischen Prinzip: sich immer auf die Seite des sowieso Stärkeren zu schlagen ...«
Sein Gesicht wurde völlig ratlos. Er sah sie an, und ihr Lächeln erschöpfte seine letzten Reserven.
»Sei nicht amerikanisch, Jo«, murmelte er. »Sei du ... Hilf mir, bitte!«
Sie legte ihren Arm um seinen Nacken und drückte seine Stirn an ihre Wange. Er atmete tief, fast schluckend. Ihre Fingerspitzen sänftigten seine Schläfe.
»Ist das gut so?«
»Ja ... Das ist sehr gut ...«
Stille. Dann, nur ein Flüstern:
»Hab' ich dir vorhin weh getan, Josy?«
Er knurrte. Sie spürte an ihrer Schulter das Zusammenrucken seiner Zähne.
»Ist vorbei, Josy. Ist für immer vorbei. Du hast mein Herz gehört. Und ich das deine. Ich frage dich nichts mehr. Ich bitte dich nichts. Du wirst von selber tun, was das Rechte ist ...«
»... zwei Minuten ...« murmelte er.
Sie schwieg. Sie rührte sich nicht. Die wunderbare und vollkommene Stille um sie her umgab ihr Zweisamsein mit der Durchsichtigkeit und Dichte von Kristallwänden. Sie fühlte den Kopf des Mannes sinken. Sie trug ihn an ihrer Brust. Ihre Hand empfing ihn und hielt ihn stützend. Dieser schwere, zu Gewalttätigkeiten geformte und berufene Schädel atmete ermattet und beruhigt in der Obhut ihres Friedens.
Minuten ... Minuten ... Dann regte er sich schwer und hob sich auf und sagte mit sonderbar verzerrtem Munde:
»Ebro ist ein Ochse.«
Jos Hand flatterte hoch; er fing sie ein.
»Laß, Jo ...« Er sah zu den funkelnden Blättern der Ulmen hinauf und holte langsam Atem. »Ich habe oft davon geträumt, Jo — und weil du Jo bist und wunderbar und eine — makellose Frau, darf ein Mann dir das sagen —, ich habe oft davon geträumt, daß ich bei dir schlafen — und in deinen Armen einschlafen würde. Von diesen Träumen ist nichts zu Wirklichkeit geworden und wird nie etwas Wirklichkeit werden als die Minuten jetzt, die nun auch vorbei sind ... Trotzdem —: danke, Jo! ... Jetzt will ich gehen ... Jetzt will ich Tilly entgegengehen ...«
»Josy —?«
Der Ruf klang leise und irgendwie zögernd, als lege er keinen sonderlich großen Wert darauf, gehört zu werden. Aber der Mann, der mit gesenktem Kopfe, die Augen auf den Steinen des Weges, an seiner Frau vorbeigegangen war, hörte ihn doch, blieb stehen und kam verwundert zurück. Sie fragte, mehr höflich als beglückt:
»Suchst du mich?«
»Ja — natürlich ...«
Er sah sie etwas erstaunt an. Sie erschien ihm sehr fremd. Aber er wußte nicht, woran das liegen konnte. Der Wald war hier so dicht und grün, daß man auf dem Boden eines grünen Ozeans zu stehen schien, durch den ein schmaler Weg sich aufwärts schlängelte; in unsichtbarer Tiefe des Tales, das eng wie eine Schlucht war, brausten die Wasser eines von Gewittern geschwellten Baches. Sonst war es still, beklemmend still. Das Fallen des zarten Regens war nicht zu hören, kaum zu fühlen.
Inmitten dieser Waldwelt saß die Frau im Rahmen einer kleinen offenen Kapelle, die nicht mehr war als ein Schutzdach über vielen bunten Heiligenbildern. Sie saß auf der Schwelle, und hinter ihr, über ihrem Kopfe, zwischen welkenden und frischen Blumen, brannten — teils kaum entzündet, teils nahe am Erlöschen — fünf oder sechs schmale, ernste Wachskerzen als stille Flammen vor dem Bildwerk einer schwarzen Madonna.
Die Frau war Tilly und war Tilly nicht. Das bunte Kopftuch, das Jo ihr geliehen hatte, verbarg ihr Haar und gab dem Gesicht, das die Sonne schon getönt hatte, eine zarte, beunruhigende Fremdheit — eine Einfalt, die verwirrend wirkte. Dicht um sie her gewickelt war ein Mantel, wie ihn die Männer hierzulande trugen; er war mürb vor Alter, aber zuverlässig: in winzigen grauen Perlen lagen die Regentropfen auf ihm. Nur die Schuhe, die unter seinem Saum hervorsahen, waren Tillys Schuhe, nutzlose, erbarmungswürdige Schuhe, ganz lächerliche Schuhe, ein Gespött ihrer Umgebung.
»Ja«, sagte die Frau, die dem Blick des Mannes mit den Augen gefolgt war, »seine Schuhe konnte er mir nicht auch noch geben, sie wären mir von den Füßen gefallen ... sonst hätte er's wahrscheinlich getan und wäre barfuß heimgegangen.«
»Von wem sprichst du?« fragte Josy verwundert und leise gereizt.
»Vom Hansl.«
»... dem Fischer, den Jo dir nachgeschickt hat?«
»Ja.«
Sie sprach aus einer versunkenen Stille heraus. Es war, als spräche nicht ihr Mund, sondern ihr Lächeln. »Den mußt du kennenlernen! Der wird dir auch gefallen. Er hat ein so gutes, fröhliches Gesicht. Er hat blaue Augen — so blau wie das Wasser hier ist —, und wenn er lacht, hat er lauter Sonnenfältchen um die Lider.«
»Soso! Habt ihr viel zusammen gelacht?«
»... Sein Gesicht, seine Hände und sein Hals sind so braun wie altes Holz, und an den Knien hat er weiße Narben, die wissen allerhand zu erzählen von Gefahr und Kampf ums Dasein ...«
Eine tiefe Verdrießlichkeit bemächtigte sich Josy Ebenezers.
Atavistische Wesen sind sie, diese Frauen, dachte er. Sie leben noch in der Steinzeit. Sie haben in ihren Nüstern noch den Dunst des Blutes, das der erste Mann aus seinen Adern für das erste Weib vergoß, als ihm das Tier, dessen Pelz sie haben wollte, im Nahkampf die Hände zerbiß. Narben erschüttern sie heute noch ebenso wie zur Zeit von König Artus' Tafelrunde. Wir Männer von heute, die wir Geld für sie machen, haben keine Narben vorzuweisen. Wir bringen es höchstens auf Gallensteine. Aber das ist nichts, womit man prahlen kann ...
»... und er trägt einen wunderlichen Hut«, war Tillys Rede weitergeplätschert. »Die Krempe ist im Nacken hochgeschlagen und vorn wie ein Dach tief in die Stirn gezogen, was, wie er sagt, einen guten Abfluß für den Regen gibt — und rund um den Hut hängen kleine und große Silbermünzen mit Heiligenbildern und Sprüchen ...«
»Mir scheint«, sagte Josy Ebenezer, mit schrägem Blick das Lächeln auf dem Munde seiner Frau taxierend, »du hast dich in den Fischer verliebt ...«
Sie bog das fremde, sonnengetönte Gesicht wegabwärts wie ein Vogel, der horcht. Sie schien dem Worte nachzuträumen und es ganz in seinem Wert ausdenken zu wollen. Dann schüttelte sie den Kopf.
»Ach nein, Josy«, sagte sie sanft. »Es ist weit mehr. Es ist weit Besseres und Schöneres. Ich bin ihm so dankbar, Josy — so unaussprechlich dankbar ...«
»Wofür, wenn ich fragen darf ...«
»Ja — wofür ...? Dafür, daß er ist, daß er lebt. Daß ein Mensch wie er überhaupt auf der Welt ist ...«
Josy Ebenezer, hoch und massig über der Frau stehend, stemmte eine Hand gegen das Mauerwerk und sah mit ungewissem Ausdruck auf Tilly hinab. Er kannte sich nicht aus mit ihr. Sie hob den Blick zu ihm: Es war ein Blick aus unbegreiflicher, ganz und gar untillyhafter Ferne, und ein Blick, als besänne sie sich eben erst auf ihn.
»Willst du dich nicht setzen?« fragte sie und rückte zur Seite.
Müde wie ein Zughund gab er nach. Er lehnte den Kopf an den Balken hinter sich. Es war gut, hier zu sitzen. Von den Blumen und Wachskerzen hinter ihnen kam ein feiner, wärmender Duft, und in dem satten, feuchten Grün des Waldes badeten die Augen wie in einer Heilquelle.
Jetzt wird sie ihre Hand in meine schieben und zärtlich werden, dachte der Mann mit einem unhörbaren Seufzer. Aber Tilly tat durchaus nichts dergleichen. Sie saß ganz still und schmal in ihren Mantel gewickelt, der eines fremden Mannes Mantel war, und zwischen ihr und Josy Ebenezer blieb ein trennender Raum.
Plötzlich, aus der Stille der Frau heraus, sang gleich einem Glockenzeichen in der Luft der Name Jo.
»... Jo wußte schon, was sie tat, als sie ihn mir nachschickte ...«
Wie eine dünne Nadel drang die dunkle Silbe in das Herz des Mannes. Der süßen Bitternis des Sicherinnerns unterworfen, schwammen seine Gedanken für Sekunden fort auf dem Begriff und Namen Jo.
»Sie hat auch mich dir nachgeschickt«, sagte er heiser.
Tillys Stimme klang behutsam:
»Du liebst sie, Josy, nicht wahr?«
Irgendwie aufgeschreckt, gab er keine Antwort. Was war mit der Frau los? Das war eine fremde Frau. Gesicht, Sprache, Stimme — alles fremd. Die Wahrheit sagen dürfen, konnte freilich wunderbar sein und eine große Erlösung. Aber in den meisten Fällen und bei ungleichwertigen Gegnern war Aufrichtigkeit gefährlich wie Prahlerei ...
Sein großes, unbeglücktes Gesicht zog sich in Abwehr zusammen. Sein Mißtrauen horchte:
»Brauchst nicht ›ja‹ zu sagen, Josy! Ich weiß es auch so. Mit der Erkenntnis habe ich mich heute früh auf den Weg gemacht. Mit dem Bewußtsein deiner Liebe zu Jo. Es war kein schöner Weg, mein Josy, das kannst du mir glauben ... Aber der, den du vergangene Nacht bis zum Morgengrauen in deiner Kammer zurückgelegt hast, während es regnete, als weinte die ganze Welt, der war wohl auch nicht leichter ...«
Josy Ebenezer räusperte sich.
»Tut mir leid, dich gestört zu haben!« sagte er. »Soll nicht wieder vorkommen!«
»Du hast mich nicht gestört, Josy, denn ich schlief nicht. Aber soviel an mir liegt, sollst du es nicht mehr nötig haben, bei Nacht in deiner Kammer auf und ab zu laufen bis zum Morgengrauen ...«
Er beugte sich ruckhaft vor und sah ihr ins Gesicht. Lange ...
Wie jung sie doch war ... wie schmal ... und wie fremd — fremd ...
»Was ist eigentlich in dich gefahren, Mädel?« fragte er mürrisch. Aber Mädel sagte er doch. Und das war alles, was sie hörte. Nicht weinen! raunte Jo in ihrem Ohr. Verwundert sah der Mann, wie sie, die immer Haltlose, um die Festigkeit der Worte kämpfte, daß ihre Lippen zitterten wie zwei kleine blasse Blätter.
»Was ist los mit dir, Mädel?« wiederholte er.
»Ich habe — eine sehr seltsame — und sehr tiefe Erschütterung erfahren«, brachten ihre kämpfenden Lippen endlich heraus.
»Durch wen — durch den Fischer mit den weißen Narben an den Knien?«
»Nein, der kam erst später ... Langweilt es dich sehr, Josy, wenn ich dir erzähle, was ich erlebt habe?«
»Durchaus nicht, kleine Tilly! Aber du mußt mir versprechen, nicht beleidigt zu sein, wenn ich dabei einschlafen sollte. Ich schlafe immer ein bei Vorträgen, falls der Redner nicht zu sehr schreit ...«
»Ich werde gar nicht schreien und trotzdem nicht beleidigt sein, wenn du einschläfst, Josy.«
»Also fang an.«
Er lehnte den Kopf wieder an den Balken und hob die Augen in das Grün der Wipfel. Es regnete nicht mehr, aber die Bäume troffen noch, und ringsumher in der Stille war das liebe Geschwätz zahlloser, regengebürtiger Wässer, die den Weg zum Tale suchten. Anfangs teilte sich die Aufmerksamkeit des Mannes zwischen den Stimmen des Wassers und der Stimme der Frau. Doch die Frau trug den Sieg davon.
»... und endlich kam ich hierher, zu dieser kleinen Kapelle. Eine alte Bäuerin kniete da und zündete eine Kerze an. Ich beneidete die alte Frau. Ich beneidete alle, die vor diesen rührend abscheulichen Heiligenbildern eine Wachskerze und ihr eigenes Herz anzünden können. Wir können das nicht mehr, Josy ... Schade ... Jo sagt: Wir haben die Hand Gottes losgelassen und noch nichts anderes dafür erfaßt. Und Jo sagt: Wir haben das neunfache ›Selig sind ...‹ für ein neunzigfaches ›Unselig sind ...‹ hingegeben ...«
»Ich habe nichts gegen fromme Frauen«, sagte Josy Ebenezer. »Sie sind immer beschäftigt und untergebracht. Aber ich kannte einige Exemplare davon, an denen jeder gesunde Mann zum Mörder werden und doch vor Gericht auf Freispruch hätte rechnen können, weil er in Notwehr gehandelt hatte ... Hast du die Absicht, fromm zu werden, Tilly?«
»Nein, Josy. Ich war es vielleicht einmal. Daher kamen mir auch heute die Erinnerungen. Jetzt — bin ich gar nichts — wie die meisten von uns. Aber diese kleine Madonna da hinter dir — hast du sie dir angesehen?«
»Nein.«
»Es ist eine schwarze Madonna, Josy. Es gibt deren nicht sehr viele, und ich hätte nie geglaubt, in dieser Einöde hier oben eine so schöne schwarze Barockmadonna zu finden ...«
»Willst du sie haben?« fragte der Mann mit einer Handbewegung gegen die Stelle, wo er das Scheckbuch zu tragen pflegte.
»Nein, Josy. Aber als ich sie sah, da mußte ich an das Hohelied denken —«
»An was?«
»An das Hohelied Salomonis! Kennst du es nicht?«
»Steht das in der Bibel? Ich bin nicht sehr bibelfest.«
»Es heißt darin: ›Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems ... Sehet mich an, daß ich so schwarz bin; denn die Sonne hat mich so verbrannt ...‹«
»Das kann vorkommen«, sagte Josy Ebenezer. »Aber es scheint mir kein Grund zu besonderer Erschütterung ...«
»Nein. Aber dann heißt es weiter: ›Meiner Mutter Kinder zürnen mit mir. Man hat mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt; aber meinen Weinberg, den ich hatte, habe ich nicht behütet ...‹«
Ihre Stimme erlosch. Der Mann rührte sich nicht. Die Frau faltete die Hände vor dem Kinn. Sie sprach, und die Tränen klopften in ihrem Halse:
»›Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopfet: Tue mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Fromme, denn mein Haupt ist voll Taues und meine Locken voll Nachttropfen‹ — ›Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?‹ — ›Und da ich meinem Freunde aufgetan hatte, war er fort und hinweggegangen ... Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief, aber er antwortete mir nicht ...‹«
Der Mann erhob sich mit einem sonderbaren Ruck. Er stieß sich gleichsam von Schwelle und Balken ab und stand aufrecht, aber leise schwankend, wie ein Taucher ohne Helm, in der Wildnis dieser grünen Tiefsee des Waldes.
Die leise Stimme der Frau ging ihm nach.
»Und da begriff ich plötzlich, was Jo gemeint hatte, als sie zu mir von dem einfachen und furchtbaren Gesetz sprach, unter dem alle Liebenden stehen, die trägen Herzens sind: das Gesetz der zu spät geöffneten Tür ... Ich begriff, daß ich dich nie mehr einholen, dich nie mehr errufen könnte ... Und ich wünschte mir, tot zu sein.«
»Du hattest eine schlaflose Nacht hinter dir«, murmelte der Mann.
Tilly Ebenezer lächelte mit ihrem fremden Munde, der durch den Ausdruck eines heftigen Willens zum Ehrlichsein etwas Knabenhaftes bekommen hatte.
»Ich kann mich an viele, viele Nächte erinnern, Josy, in denen du halbtot vor Müdigkeit an Wänden und Türen lehntest, um mir beim Tanzen zuzusehen. Drei Uhr ... vier Uhr ... Morgengrauen ... Damals hörte ich ihn nicht; aber heute habe ich den erschöpften und sehnsüchtigen Klang deiner Stimme im Ohr: ›Meinst du nicht, Mädel, daß wir nun schlafen gehen sollten?‹ — Nein, Josy. Auf schlaflose Nächte bin ich trainiert.«
»Ich kann mich nicht entsinnen«, sagte Josy Ebenezer in den Wald hinein, »dir jemals Vorwürfe gemacht zu haben.«
»Hab' ich das behauptet? ... Ist es eine Notwendigkeit zwischen Mann und Frau, die verheiratet sind und aufgehört haben, sich Zärtlichkeiten zu sagen, daß eins aus den Worten des anderen immer das Falsche heraushört?«
»Warum also, zum Teufel — bitte um Entschuldigung! —, wünschest du dir tot zu sein?!« fragte der Mann, aufs äußerste erbittert.
»Aber ich wünsche es mir ja gar nicht mehr, Josy.«
Er fuhr herum. Es war ihm anzusehen, daß er sich genarrt und an der Nase herumgezogen fühlte. Sein großes, graues Gesicht hing mit durchaus unfreundlichem Ausdruck über der Frau, die friedlich in der Hut ihres Mantels dasaß und die Augen mit stiller Bereitwilligkeit zu dem Manne erhoben hatte. Seine Blicke irrten ab und suchten ein anderes Ziel.
»Was ist das für ein Paket von Grünzeug da neben dir?« fragte er, sich niederbeugend.
»Faß es nicht an, Josy, es sind Brennesseln.«
»Brennesseln —?«
»Ja — und darin sind Forellen.«
»Für uns?«
»Natürlich.«
»Aber warum packst du Forellen in ein Zeug, das man nicht anfassen kann?«
»Ich kann sie schon anfassen, Josy. Der Hansl hat mir gezeigt, wie man es machen muß, um sich nicht zu brennen ...«
Er glotzte sie an.
»Aha!« sagte er. »Jetzt sind wir bei dem Fischer angelangt. Ist der Fischer schuld daran, daß du nicht mehr tot sein möchtest?«
»Ja, Josy.«
Er lehnte sich an den nächsten Baum, den Rücken dagegen prellend, daß ein Schauer von Regentropfen auf ihn niederhuschte.
»Jetzt will ich damit fertig werden«, sagte er, die Worte kauend wie kalten Hammeltalg. »Einmal wird ja wohl dieser wahnsinnige Tag ein Ende haben!«
»Es ist aber der längste vom ganzen Jahre, Josy ... Johannistag ...«
»Was heißt das ...«
»Es ist der Namenstag vom Fischerhansl.«
»Namenstag — bedeutet wahrscheinlich, daß man ihm Geld geben muß?«
»Nein, Josy. Heut ist der Hansl sehr reich. Jedes Jahr zu Johannis, an seinem Namenstag, gehört der Kalterbach ihm. Was er an dem Tag fängt, darf er behalten; das hat Jo verfügt.«
»Also hast du ihm die Forellen abgekauft?«
»Er hat sie mir geschenkt.«
»Du hast sie als Geschenk genommen —«
»Freilich. Ich hab' ihm ja auch stundenlang bei der Arbeit geholfen.«
Josy Ebenezer wischte sich übers Gesicht.
»Du hast ihm bei der Arbeit geholfen ...«
»Ach, Josy«, sagte die Frau, die kleine, schmale — fremde Frau, »ich wollte, du wärst ein Fischer, und ich könnte dir stundenlang bei der Arbeit helfen ...«
Wahrscheinlich wegen der Narben an den Knien, wollte Josy Ebenezer sagen. Aber irgend etwas in der Stimme seiner Frau hielt ihm die Worte auf der Zunge fest.
»... ich hatte ihn gar nicht kommen hören, obwohl er genagelte Schuhe trägt. Auf einmal stand er da — an den Baum gelehnt, der jetzt den Sonnenstreifen hat. Er grüßte und lachte mich an und fragte, warum ich da bei den Bildstöckln hocke und wo ich hinwolle bei dem nassen Wetter. Ich begriff ihn anfänglich kaum zur Hälfte, aber allmählich bekam ich doch heraus, daß er Jos Fischer sei und daß er seine Johannisforellen aus dem Kalterbach holen wolle und daß sein Freund, mit dem er sich hatte treffen wollen, aus Gott weiß was für einem Grunde nicht gekommen sei. Und nun suchte er jemand, der ihm half, die Fische tragen. Der ganze Johannistag drohte ins Wasser zu fallen, wenn der Hansl heute keinen fand, der ihm beim Fischen half. Verstehst du, Josy ...?«
Der Mann gab keine Antwort. Seine gespannte Kehle schluckte unwillig. Er hatte einen schmalen Mund.
»Da sagte ich: ›Ich will Ihnen gerne helfen‹, und dann gingen wir zusammen. Das war ein sonderbarer Weg, Josy. Kennst du das Lied, das anfängt: Anders wird die Welt mit jedem Schritt ... Nun, die Welt wurde anders. Das Haus verschwand für mich — verstehst du, was ich meine, Josy: das Haus als Begriff. Die Mauer. Das Dach. Plötzlich war nur Gestein da. Baumstämme. Wasser. Die Dinge, begreifst du, kehrten gleichsam zu ihrem Ursprung zurück. Und ich auch. Ich war das erste Weib, das dem ersten Mann, der eine Angel trug, zum Fischen folgte, um ihm zu helfen, die Beute heimzutragen. Aber es war nicht mehr ganz am Anfang aller Dinge. Die Güte war schon in der Welt. Das erste Lächeln zwischen Mensch und Mensch war schon getauscht worden. Die Geduld war schon erfunden und das Trösten. Und das wunderbare Aufeinander-Rücksicht-Nehmen. Er half mir nicht, wenn der Weg, der kein Weg war, schwierig wurde; er ließ mir nur Zeit, damit fertig zu werden. ›Kumm, Weibi, kumm!‹ sagte er, wenn er meinte, daß ich lang genug gerastet hätte und einer Aufmunterung bedürfe. Er teilte sein Brot mit mir, und ich lernte von ihm, Quellwasser aus der hohlen Hand zu trinken. Er schenkte mir die kurzen Sprüche seiner heiteren Fischer-Philosophie. ›Ein guter Fisch beißt gleich an — oder gar net!‹ Sprang ihm einer von der Angel, so ging er weiter: ›So san mer net, daß mer an jeden haben müssen‹ ... Und die kleiner waren als die Spanne seiner Hand, löste er zart vom Haken und warf sie wieder ins Wasser: ›Laß mer'n wachsen!‹ So wanderten wir von der Quelle des Kalterbachs droben im Latschenhang immer weiter talab und hatten schon mehr als dreißig der prachtvollsten Forellen; aber die letzten tiefen Kessel waren noch vor uns — und da geschah es ...«
»Was geschah —?«
»Ein kleines Wunder, Josy ... Ein kleines, törichtes Wunder — für mich ... Der Hansl«, sagte sie und schluckte, wie aus leisem Fieber vor sich hinredend, »der tötet die Forellen, die er gefangen hat, schnell wie der Blitz. Es ist ein einziger Griff zwischen Daumen und Zeigefinger, der ihnen das Genick bricht. Zuerst glaubte ich, es nicht mit anschauen zu können; aber Forellen sind Raubfische, Josy, und wenn man sie richtig betrachtet, sehen sie aus wie winzige Haie mit ihren bösen Augen und dem Maul voller Zähne. Und eine davon ... Du mußt wissen, Josy, ich konnte dem Hansl nicht immer bis ganz hinunter zum Bach folgen. Ich bin das Klettern noch nicht gewöhnt, und ich hatte ja nur eine Hand frei, weil ich in der andern die Fische trug, und dazu die albernen Schuhe. Darum pflegte der Hansl zu pfeifen, wenn er tief unten in den Kesseln etwas an der Angel hatte, und dann lief ich zu ihm hin, so nahe ich konnte, und er warf mir die Beute herauf ... Und die eine Forelle, ein großes und wild aussehendes Geschöpf mit blutroten Flossen und über ein Kilo schwer, die fing, nachdem sie schon eine Viertelstunde zwischen den Brennesseln in unserem Papiersack gelegen hatte, wieder an lebendig zu werden. Sie schnellte sich und schnappte, und ich schrie wie verrückt nach dem Hansl, und der kam angesprungen, mitten durch den Bach bergauf, triefnaß und entsetzt, weil er dachte, es sei mir etwas geschehen. Als er die Forelle sah — in ihren Augen war nichts von der Todesnot des Geschöpfes, Josy, nur ein giftiger Haß und ungebrochene Mordlust, da lachte der Hansl so ein trockenes, anerkennendes Lachen. Dann nahm er sie mit einem flinken Griff und schlug ihren Kopf kurz und hart gegen eine Baumwurzel ... Und da geschah es ...«
Tilly wandte sich um und sah dem Mann ins Gesicht. Aber sie schien ihn dennoch nicht zu sehen.
»Da geschah es«, wiederholte sie leise. »Im Sterben öffnete die Forelle das Raubfischmaul, und aus diesem tödlichen Rachen fiel eine kleine, dunkelgrüne Eidechse mit goldumrandeten Augen — fiel, und blieb liegen, regungslos. ›Schau‹, sagte der Hansl, ›die muß s' g'schnappt haben — grad eh s' mir an die Angel gangen is. Recht ist ihr g'schehen! Warum war s' so g'fräßig!' Und damit warf er die tote Forelle zu den andern und ging wieder an die Arbeit. Aber ich blieb bei der kleinen Eidechse sitzen. Ich weiß nicht, was mich trieb. Ich hob sie behutsam auf und setzte sie in ein ganz flaches, durchsonntes Wassertümpelchen, das der Regen im Gestein zurückgelassen hatte. Ich saß bei ihr und fühlte mein Herz zittern. Denn irgendwie ... irgendwie ... ach, wenn ich mich dir doch verständlich machen könnte, Josy! — irgendwie war ich dieses kleine Tier, das eigentlich schon tot war — irgendwie war meine eigene Seele in ihm — meine Seele aus dieser Nacht und diesem Tag. Und wer hat schon einmal gehört, daß eine kleine Eidechse gerettet worden ist, die von einer Forelle verschluckt wurde? Aber nach zehn Minuten, Josy, fing die kleine Eidechse wieder zu atmen an. Die winzigen Gliederchen regten sich ganz langsam, wie versuchend; die goldumrandeten Augen, die schon begonnen hatten, sich zu trüben, wurden tief und leuchtend schwarz und blieben ohne Furcht auf mich gerichtet. Ich lag auf den Knien vor dem kleinen atmenden Tier und hätte weinen mögen, weil ich ihm nicht begreiflich machen konnte, wie sehr ich es liebte ... Als der Hansl kam, schüttelte er den Kopf und meinte, das sei ein Wunder — und dann machte er Feierabend, denn er hatte keine Regenwürmer mehr. Sechs der schönsten Forellen hat er mir geschenkt, aber die Haiforelle ist nicht darunter, die mochte ich nicht haben. Ich bat ihn, mich hier zu lassen, in der kleinen Kapelle mit der schwarzen Madonna, und er ging, denn Jo hatte ihm gesagt, man würde mich schon holen ... Und dann kamst du ...«
Schweigen. Hauchleise:
»... Schläfst du, Josy?«
»Nein.«
»Ich bin auch gleich zu Ende.«
»Wüßte nicht, warum du dich beeilen solltest.«
»Nicht meinetwegen, Josy. Aber weil du gestern sagtest, daß du wahrscheinlich heute abend schon wieder abreisen würdest —«
»Ich habe nicht die leiseste Lust dazu. Und wenn ich sie hätte, würdest du mich ja begleiten müssen.«
»Nein, Josy.«
Das Wort fiel wie ein feiner Klöppel auf eine Silberglocke; es schien in der plötzlich durchsonnten Luft fortzuschwingen, in allen Blättern zu funkeln, an der Spitze jeder Tannennadel zu glitzern, mit den geschwätzigen Wassern zu Tal zu laufen —
Sekundenlang hörte der Mann zu atmen auf.
»... Du würdest mich nicht begleiten?«
»Nein, Josy.«
»So ... Du würdest mich nicht begleiten ... Warum nicht?«
»... Josy, der Hansl hat mir erzählt: Der Kalterbach, den du da unten tosen hörst, ist einer der wunderbarsten und reichsten Forellenbäche von Berchtesgaden. Aber für eine bestimmte Strecke in ihm — sie ist an die dreihundert Meter lang, und der Hansl kennt sie genau — da bleibt kein Fisch am Leben. Es ist dasselbe Wasser, das über dieselben Felsplatten springt; dasselbe Moos wächst da, dieselben Farne und Bäume. Das Wasser bildet ebenso herrliche Kaskaden wie oberhalb und unterhalb der toten Zone, und die Mücken spielen zu Tausenden über den tiefen Kesseln — ein Paradies für Forellen, sollte man glauben. Aber die Fische bleiben ihm ängstlich fern, und wenn man fremde junge Brut hineinsetzt, geht sie zugrunde, und niemand weiß, warum ...«
Ein kleines, krampfhaftes Lächeln ging über ihr Gesicht, als sie weitersprach:
»Der Hansl meint, vielleicht, daß irgendwo von unten her ein fremdes Wasser in den Kalterbach eindringe — ein ganz dünnes Rinnsal, das auch gleich wieder versickere, aber doch stark genug sei, den Kalterbach auf dreihundert Meter zu einem Giftwasser zu machen ...«
Sie stockte und schöpfte Atem und sagte, wahrend ihr armes Lächeln starb:
»So bin ich in dein Leben eingedrungen, Josy — ein kleines Rinnsal, das dein Leben vergiftet hat ...«
Ihre schmale, bittende Hand hob sich gegen die Faust des Mannes, die wie ein stummer Fluch in die Luft fuhr. Schwerfällig stand er auf, blieb abgewendet stehen, den Kopf, von dem der Hut gefallen war, im Nacken, die Fäuste in die Taschen bohrend.
»Ich will dein Leben nicht länger vergiften, Josy«, vollendete die Frau.
Er schwieg.
Jetzt war so viel Sonne über dem durchregneten Wald ausgeschüttet, daß die Augen das gleißende Licht nicht zu ertragen vermochten. Der Wald verdampfte Lichtsäulen, senkrecht aus dem Moos aufwölkend. Schräg in sie hineingeschleudert, zitterten Speerbündel aus silbernem Glast. Eine Ringdrossel warf ihr süßes, einsames Lied in die Stille. Sie fragte singend: Kommst du mit? — Kommst du mit?
Und immer wieder, nach einer Pause, in der sie auf Antwort zu warten schien: Kommst du mit? — Kommst du mit?
»Ich habe nichts mehr, das ich dir geben könnte, Josy«, sagte die Frau ohne Weinen. »Aber ich kann wenigstens etwas aus deinem Leben nehmen, das für dich schwer genug gewesen sein muß: daß du immerfort lügen mußtest um meinetwillen. Das wirst du nicht mehr nötig haben, Josy ...«
Der Mann dachte an Jo. Er hörte ihre Stimme in seinem Ohr: ›Und Tilly liebt dich. Das ist ihr uneinholbares Plus‹ ...
Er fing die Behutsamkeit auf, mit der die Frau sich erhob. Aber sie kam nicht zu ihm.
»Willst du mir eine Frage beantworten, Josy?«
Er nickte stumm.
»Wirst du dein Leben ... mit Jo zusammen leben ...?«
Er hob den Kopf mit einer langsamen und merkwürdigen Bewegung. Es war, als horche er in den Wald hinein. Ja, er horchte in der sonnenfeierlichen Heiterkeit des Waldes nach dem Herzschlag Jos.
»Nein, Tilly«, sagte er.
Das Lied der Ringdrossel fragte: Kommst du mit? — Kommst du mit?
»Dadurch wird vieles leichter«, sagte die Frau. Es war ihrer Stimme anzuhören, daß sie lächelte. »Laß mich hierbleiben, Josy. Damit ich — irgendwie ... Gestalt gewinnen kann ... Denn jetzt bin ich ein Nichts ... Einmal war ich etwas: die Frau, die du liebhattest. Jetzt — bin ich gar nichts mehr. Ich komme mir vor — Jo würde sagen: wie durch den Wolf gedreht. Wie durch eine Altweibermühle gewalkt. Wie die kleine Eidechse, als sie aus dem Maul der Forelle fiel. Vielleicht geschieht auch an mir und für mich das Wunder, das der kleinen Eidechse geschehen ist, Josy ...«
Der Mann schwieg. Er sah sich selbst auf einer Wiese sitzen, die golden war von goldgelben Butterblumen. Und neben ihm, da saß Jo. Jo sagte: ›Ich will, daß du mich liebst — ich will, daß du mich liebst in der Frau, die ich dir bringen werde‹ — ›Gleicht sie dir, Jo?‹ — ›Noch nicht ... Aber vielleicht, wenn sie glücklich ist, wird sie mir gleichen.‹
Süße Jo. Kluge Jo. Tückische Jo.
Er drehte sich um und sagte heiser:
»Wir wollen nach Hause gehen ...«
Es war, als sollten das die letzten Worte sein, die er an diesem Tage noch zu sprechen gedachte. Er blieb stumm für den Heimweg und stumm für die Begrüßung Jos. Stumm saß er bei Tisch vor dem lachsrosa Fleisch der Forellen. Stumm nickte er ›Gute Nacht‹, ging stumm in die Kammer hinauf, bevor noch der längste Tag des Jahres sein letztes tiefpurpurnes Glühen auf dem ewigen Schnee des Hohen Göll gelöscht hatte.
Die beiden Frauen saßen schweigend unter den Ulmen, unter dem großen Himmel, der sich tiefer und tiefer färbte und schon vom Lichte des noch unsichtbaren Mondes silbernen Schmelz gewann. Lebhaft, in Herrlichkeit funkelten die Sterne, aus dem reinen Himmel tretend, und immer süßer wurde das vertraute Geflüster des Brunnens.
Jo stellte keine Frage. Das war das Wunderbare an Jo, daß sie nie eine Frage stellte. Aber Tilly, vornübergebeugt, die Hände zwischen den Knien, von den Lippen bis zu den Fußgelenken an ein hemmungsloses Zittern verloren, hatte ein Gefühl, als seien Jo und sie und der Mann in seiner dunklen Kammer durch eine unsichtbare Hochspannungsleitung miteinander verstrickt. Die Nacht wartete. Worauf? Auf sich selbst. Die Nacht wollte sich selbst erfüllen.
Die Nacht erfüllte sich selbst.
Ein kleiner, grüner, schwebender Funken kam aus der Dunkelheit des Gartens. Eine kleine smaragdene Sehnsucht ließ ihren winzigen Scheinwerfer zwei, drei Sekunden lang über die Menschengesichter spielen — und irrte weiter, suchend, suchend. Aber plötzlich, wie von ihm entzündet, brannten auf den Bergen ringsum die Feuer der Johannisnacht, lautlos zur Erde gestürzte, große, zersprühende Sterne.
Tilly Ebenezer hob die Hände vor ihren Mund. Jo beugte sich vor.
»Hörst du nicht?« fragte sie flüsternd.
»Nein«, sagte Tilly. »Nein!« mit einem wilden Kopfschütteln.
Aber da war ihr Name, den eine Mannsstimme rief — ihr Name, rauh und ohne Federlesen in die Nacht hineingerufen aus einem lichtlosen Haus. Der Ruf war mürrisch und sehr ungeduldig und ganz ohne Zärtlichkeit. Doch es war unmöglich, ihn zu überhören.
»Lauf!« sagte Jo, und es konnte sein, daß sie lachte; aber vielleicht war sie sehr ernst. »Warum läufst du nicht? Er ruft dich, du —! Willst du Bedingungen stellen, in welcher Melodie er dich zu rufen hat?«
Tilly Ebenezer lief auf das Haus zu. Sie lief in einem kobaltblauen Nebel. Sie lief in eine tuscheschwarze Dunkelheit hinein. Eine Treppe hinauf, deren Stufen immer mehr wurden. Sie prallte gegen den Mann, der am Ende der Treppe stand. Sie wurde gepackt und in die Kammer verschleppt, wurde aufgestellt und geschüttelt.
»Warum dauert es drei Ewigkeiten, bis du kommst, wenn ich dich rufe —?«
Ihr Gesicht, zu ihm aufgehoben, schimmerte in der Nacht, fremd unter dem bunten Tuch, das noch immer ihr Haar bedeckte. Sie wollte sprechen, aber er gab es nicht zu. Er legte seine Hände um ihre Arme. Er tat ihr grausam weh, aber sie sah ihn an.
»Ich verspreche dir nichts, Tilly, hörst du?!« sagte er, als risse er sich jedes Wort einzeln aus dem Halse. »Ich verspreche dir nichts! Es ist nichts gut zwischen uns! Es gibt Dinge, haufenweise, die ich an dir hasse — und Dinge, die mir auf die Nerven fallen — und Dinge, die verflucht sein sollten zwischen Mann und Frau ... Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird, Tilly — Gott helfe mir, ich habe keine Ahnung ... Aber schließlich ... schließlich ...« und seine Hände lockerten ihren Griff und tasteten sich aufwärts nach dem zarten Halse und nach den Wangen der Frau — »schließlich«, fuhr er fort, während sein großer, zerklüfteter Kopf mit der Stirn auf ihre Stirn sank, »hast du einer kleinen dunkelgrünen Eidechse mit goldumrandeten Augen das Leben gerettet ... Es wird nichts daraus, daß du hierbleibst, wenn ich weggehe ... Hast du mich verstanden, Tilly?«
»Ja«, sagte die Frau.
Und der Mann, mit einer schweren und verwunderten Gebärde den Kopf hebend und über sie fort ins Leere schauend, horchte dem Worte nach. Denn es war, als sei dies das erste Ja gewesen, das er je von ihr vernommen hatte.
Die ganze Stadt war ein Hochofen.
Die Luft brodelte vor Hitze. Menschen und Tiere klebten im spärlichen Schatten und sahen idiotisch aus. Die Kastanien, kränkelnd und braun, wie von verirrtem Herbst vorzeitig überfallen, ließen entkräftet die verschrumpelten und ausgedörrten Blätter los. Vollrath, ohne Mütze, mit offenem Kragen und kupferfarbenem Gesicht, zerrieb sie zu Staub unter seinen Stiefeln, die im zerweichten Asphalt die unmißverständlichen Spuren ihrer breitsohligen Ungeduld hinterließen.
Seit Josy Ebenezer mit seiner Frau aus Berchtesgaden zurückgekommen war — von einem mürrischen, aber Rekorde brechenden Vollrath im Hause Mannegold sicher abgeliefert — schwang die Luft elektrisch geladen mit Reiseplänen des Chefs.
Das Personal war geschlossen der Ansicht, daß der Chef eine Ausspannung dringend nötig habe. Er sah schlecht aus. Er sah sogar ungewöhnlich schlecht aus. Daneben — Alarmsignal I — war er unpräzis in Wünschen und Anordnungen, die ihn privat betrafen (Vollrath konnte ein Lied mit zahlreichen Strophen davon singen) und — Alarmsignal II — gegen seine Familie reizbar und streitsüchtig wie ein Foxterrier.
Die Doppeltüren seines Arbeitszimmers waren auf gelegentliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Verhandlungsgegnern geeicht. Aber die Lautgewalt zweier zu gleicher Zeit explodierender Vulkane hatte außerhalb der Berechnungen des Architekten gelegen. Die Unterredung zwischen Eberhard Mannegold und seinem Schwager Josy Ebenezer blieb für das Personal also keineswegs ein Geheimnis, obwohl Fräulein Vierling, die Privatsekretärin des Chefs, die den Kriegsnamen »das Tausendgüldenkraut« trug, nach den ersten Eruptionen von Ätna und Stromboli, eine berufliche Katastrophe mutig riskierend, aus eigener Machtvollkommenheit die Leute nach Hause schickte.
Zwei Stunden später zog Josy, noch immer grollender Ätna, es vor, trotz Hochofentemperatur seinen Zorn in den Straßen des Heimwegs auszulaufen. Der Stromboli-Ebro dagegen rauchte im Wagen anderthalb Packungen schwerster amerikanischer Zigaretten und änderte viermal das Ziel der Fahrt: Flughafen — Büro — Wohnung, um endlich bei seiner Menschenmutter zu landen.
Als er wieder aus ihrem Hause trat, rauchte er nicht mehr, denn die zierliche Mutter eines zwei Meter langen Sohnes war krank, wie es hieß — und außer einem, nur schärfster Beobachtung sichtbaren Ausdruck von Bestürztsein war an Ebro Mannegold nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Aber noch ehe er im Wagen Platz nahm, sagte er, obenhin:
»Wir fahren morgen nach Berchtesgaden.«
Vollrath darauf, vor Freude unvorsichtig:
»Um wieviel Uhr?«
Und diese festnagelnde Frage rief ein leichtes Stutzen bei Ebro Mannegold hervor; die Antwort verzögerte sich und kam zuletzt im Ton einer etwas gereizten Ausrede:
»Sobald ich im Büro fertig bin —«
Und dabei war es geblieben.
Ebro Mannegold schien zeit seines Lebens nie mehr im Büro fertig werden zu wollen. Jeden Morgen um sechs Uhr füllte Vollrath den Tank mit der wohlerprobten Mischung Benzin-Benzol bis zum Platzen. Die sechsfache neue Bereifung schien ausersehen, den Tücken selbst transsibirischer Straßen zu trotzen. Der Motor lächelte vor Wohlgepflegtheit. An ihm und seinem Wagen, stellte Vollrath mit jedem Tage erbitterter fest, lag es nicht, daß der Chef die Abfahrt immer wieder hinausschob. Und dabei grenzte es an Tropenkoller, in dieser vor Hitze verblödenden Stadt zu bleiben, wenn nicht unentrinnbare Pflichten ein Muß diktierten.
Wo aber gab es ein Muß für Ebro Mannegold?
»Bilde dir doch um Gottes willen nicht ein, daß du in der Firma unersetzlich bist!« sagte Josy Ebenezer über den Schreibtisch hinüber. »Die Vierling und Hanewacker verstehen vom Karosseriebau weit mehr als du. Wer es sich leisten kann, dein Kunde zu sein, hockt Mitte Juli bestimmt nicht in Berlin. Und wenn tatsächlich irgendein Irrer käme, der sich bei dir eine Limousine mit W. C. und Reisekino bestellen möchte, so würdest du doch nicht die Konstruktion entwerfen. Was also willst du hier, du verdammter Narr?«
Fräulein Vierling, den zweiten Vorstoß wagend, bestätigte schüchtern, wenn Herr Mannegold überhaupt die Absicht habe, zu verreisen, dann sei jetzt allerdings die geeignetste Zeit. Alle Welt war in Urlaub. Die Motoren der Beziehungen nach Übersee liefen mit halber Kraft. Die Inlandskorrespondenzen jagten den Adressaten bis in die kühlen Wogen der Ozeane und bis an die Grenzen der ewigen Gletscher nach, ohne in den meisten Fällen etwas anderes zu erzielen als sommerfaule Telegramme, die eine Erledigung der Geschäfte energisch bis auf die Zeit nach den Hundstagen verschoben.
Wo also war der Diktator für Eberhard Mannegold?
»Jeder einzelne von uns wird seinem Gott auf den Knien danken, wenn er einmal in Ruhe sein Pensum aufarbeiten kann, ohne daß du deine Nase tagtäglich in jeden Quark steckst«, hatte Josy gesagt.
Die sanfte Stimme Fräulein Vierlings bat zwei Tage später:
»Versuchen Sie es doch einmal mit uns, Herr Mannegold! Wir haben doch ein so wunderbar eingearbeitetes Personal! Und ich kann ja, wenn es Ihnen lieber ist, meinen Urlaub später nehmen, wenn Sie zurückkommen oder im Winter oder irgendwann — und kann Sie jeden Tag anrufen und Bericht erstatten, und wenn wirklich etwas sehr Wichtiges ist, sind Sie doch mit Auto und Flugzeug in ein paar Stunden wieder in Berlin!«
Die Antwort hieß:
»Ich werde es mir überlegen ...«
Aber das Resultat dieser Überlegung war immer das gleiche: daß Vollrath umsonst wartete, daß die Sonne umsonst auf die kochende Stadt herunterprasselte, daß die Menschen im Büro umsonst Hitzschläge markierten und Josy Ebenezer umsonst bösartige Bemerkungen machte. Je nach der Einstellung des Beurteilers wurde Ebro Mannegold für einen Arbeitsfanatiker oder einen Idioten gehalten, für ein Opfer der eigenen Raffgier oder einen Sadisten.
Es war nichts von alledem. Er war nur erstaunt. Und es lag durchaus auf der Linie von Eberhard Mannegold, daß er zunächst nach seiner Art versuchte, mit diesem entnervenden Zustand fertig zu werden.
»Mir scheint«, sagte Josy, »du kannst es noch immer nicht fassen, daß dir, Ebro Mannegold, die Sache mit Jo passieren konnte ...«
Ebro war ihm die Antwort schuldig geblieben. Er hatte an Jo gedacht, die zu sagen pflegte: ›Nie ist ein Mensch von der Wahrheit weiter entfernt, als wenn er sie streift ...‹
Ja, etwas war nicht zu fassen bei dieser Sache mit Jo: daß ein Mensch gegenwärtig wurde durch sein Verschwinden.
Das ging wider alle Logik und jeden Verstand und durfte auf keinen Fall geduldet werden. Diese Frau, diese Jo, war durch ihr Fortlaufen viel zu sehr in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Sie, die nicht da war, bewegte die Herzen der Menschen viel zu sehr. Sie mußte wiederkommen, um wieder unwichtig zu werden, und wenn sie die Vermittlung von Schwester und Schwager ablehnte, so gab es schließlich noch andere Wege, sie zurückzurufen — bedauerliche, aber korrekte Wege, durchaus zulässig für den Chef des Hauses Mannegold.
Während Vollrath mit grimmigem Kummer die tausend haarfeinen Sprünge betrachtete, die bei dem ewigen Warten und nervenzermürbenden Auf-dem-Sprungsein von der Hitze in den Lack seines Wagens gestanzt wurden, rief ein ungeduldiges Schnarrzeichen Fräulein Vierling in das Zimmer des Chefs.
Fräulein Vierling warf einen Blick auf die Uhr: es war fünf Minuten nach sieben. Das Personal war gegangen. Das ganze übrige Haus lag in betäubter Ruhe, wie von der Sonne narkotisiert.
Ebro Mannegold seinerseits sah aus, als sei es April und 8 Uhr 30 morgens.
»Verbinden Sie mich mit Dr. Münzer«, sagte er, als Schattenkoloß im Glast des matt geschliffenen Fensters stehend.
»Dem Rechtsanwalt?« fragte Fräulein Vierling schüchtern und etwas erstaunt. Nach ihren umfassenden Kenntnissen lag für die Firma Mannegold & Co. im Augenblick kein Grund vor, sich mit Rechtsanwälten in Verbindung zu setzen. Aber der Schatten am Fenster nickte: Ja ...
»Dort wird niemand mehr im Büro sein, Herr Mannegold«, gab Fräulein Vierling zaghaft zu bedenken.
Die Regungslosigkeit des Schattens am Fenster drückte aus, daß private Meinungen nicht angefordert worden seien. Aber fünf Minuten später bestätigte die gewissenhaft zu Hilfe gerufene Aufsicht Fräulein Vierlings Meinung: im Büro Dr. Münzers meldete sich niemand mehr.
»Dann rufen Sie ihn in der Privatwohnung an ...«
Die Privatwohnung teilte mit, daß Herr Dr. Münzer mit seiner Familie gestern abend nach Westerland abgereist sei.
»Dann schreiben Sie an ihn«, sagte Ebro Mannegold lakonisch.
Fräulein Vierling setzte sich und öffnete den Stenogrammblock. Mit gesenkten Augen, den Bleistift gezückt, stumm wartend, schien sie ein Bild völligen Unbeteiligtseins. Sie war seit achtzehn Jahren in der Firma. Das übrige Personal vergötterte sie, ohne sich dadurch sein Recht, diesen winzigen Vorstand systemvoll zu hänseln, im mindesten schmälern zu lassen. Niemand wußte mehr, warum sie »das Tausendgüldenkraut« hieß. Einige sagten, weil sie für ihre Firma ein Glückssäckel sei; andere, meistens die Frauen, weil sie aussähe, als nähre sie sich ausschließlich von Kräutertee. Teeblond war jedenfalls ihr schönes und sehr gepflegtes Haar, dessen schaumiges Leuchten in diesem Augenblick Ebro Mannegold aufs höchste irritierte.
»Setzen Sie sich in den Schatten«, sagte er, den Blick abwendend.
Die Sekretärin gehorchte, durch nichts aus der Ruhe zu bringen.
In einem rasenden Anlauf begann Ebro Mannegold zu diktieren, die Worte ins Zimmer schleudernd mit der Sturzkraft und Heftigkeit eines Wasserfalls:
»Lieber Doktor Münzer! Es tut mir aufrichtig leid, daß ich Sie mit diesem Brief bis in den wohlverdienten Sommerurlaub auf Westerland verfolgen muß, aber die Sache, um die es sich handelt, duldet keinen Aufschub mehr. Um es kurz zu machen: meine Frau, mit der ich, wie Sie wissen, fünfzehn Jahre lang in bester harmonischer Ehe gelebt habe, hat mich vor ungefähr sechs Wochen ganz plötzlich und ohne den geringsten Grund verlassen. Sie hat sich in das ihr gehörende Haus in Berchtesgaden zurückgezogen und weigert sich trotz wiederholter Vermittlungsversuche von seiten meiner Familie, zu mir und ihren Pflichten zurückzukehren. Ihr Vorgehen ist um so rätselhafter, als ich mit Bestimmtheit weiß, daß beispielsweise ein Abirren ihrerseits zu einem anderen Manne nicht in Betracht kommt. Ebensowenig bin ich mir der mindesten Verletzung ihrer Rechte als Frau bewußt. Da sie sich, wie mir meine Schwester und mein Schwager versichern, der besten Gesundheit erfreut, kann es sich nur um eine weibliche Laune handeln, deren Auftreten bei meiner Frau allerdings mehr bedeutet als bei anderen Frauen. Grade aus diesem Grunde aber halte ich es für meine Pflicht als Mann, dieser Laune den entschiedensten Widerstand entgegenzusetzen und, nachdem freundschaftliche Ermahnungen nichts genützt haben, mit allem Nachdruck, den mir Ihre berufliche Unterstützung gewährleistet, meine Frau zu zwingen, sich auf sich selbst und das, was sie meinem Namen schuldig ist, zu besinnen. Ich bitte Sie darum, umgehend an meine Frau einen diesbezüglichen Brief zu schreiben. Selbstverständlich überlasse ich es ganz Ihnen, die Form dieses Schreibens zu wählen, und gestatte mir nur, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß nach den bisherigen Erfahrungen eine ziemlich energische und unzweideutige Ausdrucksweise am Platze zu sein scheint. Meine Frau darf durchaus nicht im Zweifel darüber gelassen werden, daß sie sich gegen mich und meine Familie auf durch nichts zu entschuldigende Weise ins Unrecht gesetzt hat und daß nur ihre sofortige und vorbehaltlose Rückkehr zu mir mich veranlassen kann, das Geschehene zu vergessen und mich mit ihr auszusöhnen. Sie haben wohl die Liebenswürdigkeit, mir einen Durchschlag Ihres Briefes an meine Frau einzusenden, bevor Sie das Original wegschicken, damit wir eventuell noch telefonisch über Einzelheiten Ihres Schreibens Rücksprache nehmen können. Die Adresse meiner Frau ist: Haus Glück, Berchtesgaden, Oberbayern. Mit bestem Dank im voraus und dem Wunsche, daß Sie und Ihre Familie sich recht gut erholen mögen, bin ich Ihr ergebener — — —
»Diesen Brief möchte ich heute noch unterschreiben!« schloß Ebro Mannegold, ohne Atem zu holen.
Fräulein Vierling floß spurlos wie ein versickernder Tropfen aus dem Zimmer und stand drei Minuten später wieder neben dem Schreibtisch ihres Chefs, Brief und Füllfeder dem groß in breitem Stuhle Sitzenden hinreichend. Ebro Mannegold, an verblüffende Schnelligkeit des Tausendgüldenkrauts gewöhnt, verriet kein Erstaunen über diese hexenhaft rasche Erledigung seines Auftrags; er hätte auch wahrscheinlich das Schriftstück, wie in den meisten Fällen, unterschrieben, ohne es noch einmal durchzulesen, wenn ihm nicht eine schwer zu übersehende Längendifferenz zwischen Diktat und Brief aufgefallen wäre.
»Was ist das?« fragte er unlustig.
Fräulein Vierling antwortete nicht. Die Füllfeder, die Ebro Mannegold ihr nicht abgenommen hatte, noch in den Fingern, stand sie, gleichsam ein Teil davon, neben dem Schreibtisch ihres Chefs, bei dem sie achtzehn Jahre lang gearbeitet hatte, und sah irgendwohin auf einen sinnlosen Punkt, während der Mann das Schreiben überflog. Plötzlich war sie nicht mehr jung. Plötzlich war ihr Mund schmal und von sehr müder Blässe, waren ihre Augen überanstrengt, unfreudig und nicht schön. Sogar das schaumige Gold ihres Haares schien plötzlich eingestaubt zu sein. Was keinerlei Veränderungen aufwies, war allein der in rücksichtslosen Jahrzehnten erkämpfte Ausdruck von lotrechter Energie.
Das Schreiben, das vor Ebro Mannegold lag, lautete:
Hierdurch bestätige ich Fräulein Marianne Vierling, Berlin-Steglitz, Schloßstraße 138, bei Kuhblum, daß sie mit dem heutigen Tage aus ihrer bisherigen Stellung als meine Privatsekretärin ausgeschieden ist. Ihr Austritt erfolgt auf Fräulein Vierlings eigenen Wunsch, doch im beiderseitigen Einvernehmen. Es bedeutet ein Entgegenkommen von meiner Seite, um Fräulein Vierlings privaten Zukunftsplänen nichts in den Weg zu legen. Als Zeugnis über ihre Leistungen genügt, daß sie achtzehn Jahre lang der Firma Mannegold & Co. angehört hat. Beide Parteien bestätigen, daß sie keinerlei Verpflichtungen mehr gegeneinander haben.
Ebro Mannegold hob den schweren Kopf gegen seine Sekretärin. Er sah sie an, und damit schien er sie seit unzähligen Jahren zum ersten Male wieder als lebendiges Wesen wahrzunehmen.
»Sagen Sie mal, sind Sie verrückt geworden?« fragte er, während seine Lider auf eine beängstigende Weise gleichzeitig erblaßten und anschwollen. »Was soll das heißen?«
»Das soll heißen«, sagte das schmale Fräulein Vierling straff, »daß ich Sie um meine sofortige Entlassung bitte, Herr Mannegold ...«
»Sie kündigen mir?« Ebro Mannegold schob sich mitsamt dem Stuhl vom Schreibtisch weg. »Eine Stellung wie die Ihrige werfen Sie einfach weg — mit diesem unverschämten Wisch mir vor die Füße wie eine alte Zeitung? Was ist denn eigentlich in Sie gefahren? — Was, in drei Teufels Namen, haben Sie für einen Grund? Haben Sie vielleicht die Absicht, Ihre bei der Firma Mannegold gesammelten Erfahrungen an die Konkurrenz zu verkaufen?«
»Auf diese Unterschiebung einzugehen«, sagte das Tausendgüldenkraut, blaß wie Mörtel, »verbietet mir mein Humor ... Und den Grund meiner Kündigung werde ich Ihnen nennen, Herr Mannegold, sobald Sie den Brief unterschrieben haben.«
»Darauf können Sie warten, bis Sie schwarz werden, Fräulein Vierling! Ich lasse mir keine Bedingungen stellen — noch dazu von einem Menschen, der mich um eine Gefälligkeit bittet! Um eine ungewöhnliche Gefälligkeit, Fräulein Vierling! Sie wissen ganz genau, daß gesetzlich Ihr Austritt frühestens am ersten Oktober erfolgen könnte! Seien Sie unbesorgt — ich werde Sie nicht halten! Sie können sofort gehen — heute noch —! Aber ich wünsche den Grund Ihrer Kündigung zu erfahren — ohne Bedingungen Ihrerseits, Fräulein Vierling!«
»Sie haben meine Kündigung angenommen, Herr Mannegold?«
»Ich glaube, ich habe mich deutlich genug geäußert!«
»Wir sprechen also jetzt als Privatpersonen miteinander?«
Ebro Mannegold antwortete nicht. Die schmalen Winkel seines ungewöhnlich schönen und männlichen Mundes zitterten vor Ungeduld wie unter einem elektrischen Strom.
Das Tausendgüldenkraut schraubte die Füllfeder zu. Sie legte sie auf den Tisch und stützte die Hand daneben.
»Ich haben Ihnen gekündigt, Herr Mannegold«, sagte sie, während Röte und Blässe ihr Gesicht überjagten, »weil Sie keine Sekretärin brauchen können, die sich weigert, Ihre Briefe zu schreiben ... übrigens, da ich nicht mehr Ihre Angestellte bin, darf ich mich vielleicht setzen ...«
»Bitte ...«
Das klang völlig leblos. Im Denkapparat des Mannes vollzog sich eine fast hörbare Umschaltung, und die trägen Ströme seiner Gereiztheit, in völlig falscher Richtung treibend, brauchten einige Zeit, bis sie umgeleitet waren.
Fräulein Vierling setzte sich mit Anmut. In Wahrheit fiel sie in den Stuhl, den sie sich herangezogen hatte, weil sie weder Füße noch Knie mehr besaß. So massiv gebaut der Schreibtisch war, auf den sie zuvor ihre Hand gestemmt hatte — von dem Zittern dieser ihrer schmalen Hand war aus dem großen Strauß von Rittersporn, der ihn schmückte, ein feiner kobaltblauer Regen auf die Edelholzplatte gerieselt.
»Ich nehme an, Sie weigern sich, meinen Brief an Dr. Münzer zu schreiben — warum?« fragte der Mann mit einer gewissen Steifheit. Dieses Wesen, das ihm plötzlich gegenüber saß, das auf einmal ein Gesicht hatte, anstatt oberhalb der Hände aufzuhören, war ihm fremd und doppelt fremd durch die bisherige und nun durchbrochene Vertrautheit. Es war nicht viel anders, als wenn man ihm zugemutet hätte, sich auf eine Auseinandersetzung mit dem Telefonapparat oder einer Schreibmaschine einzulassen. Ja, eine Stoewer-Rekord saß da auf dem Stahlmöbel und muckte gegen ihn auf.
»Ich weigere mich«, sagte das Tausendgüldenkraut, den Blick auf einer Schachtel Zigaretten, »weil ich nicht dazu beitragen will, daß Sie einen Fehler begehen, Herr Mannegold.«
»Meine Maßnahmen unterstehen nicht Ihrer Kritik, Fräulein Vierling.«
»Wenigstens nicht, solange ich Ihre Angestellte war. Darum habe ich Ihnen ja gekündigt. Aber kein Mensch in der Welt kann mich zwingen, Ihnen zu helfen, daß Sie sich rettungslos blamieren —«
»Fräulein Vierling —«
»Was glauben Sie wohl, Herr Mannegold, was Ihre Frau Gemahlin auf den Brief Dr. Münzers antworten wird! Ich sehe den Brief vor mir, als hätte ich ihn im Stenogramm: ›Lieber Dr. Münzer! Wie freue ich mich für Sie, daß Sie nach Ihrer anstrengenden Tätigkeit endlich einmal ausspannen dürfen und sich anstatt mit Leuten, die irgendeinen schrecklichen Krach miteinander haben, mit Ihrer bezaubernden Frau und Ihren prachtvollen Rangen beschäftigen können. Hoffentlich haben Sie ebenso herrliches Wetter wie wir und denken zwischen Sonne, Sand und Meer nicht einen Augenblick an berufliche Dinge! Was Ihren Brief vom soundsovielten betrifft, so sehe ich dem, was mein lieber Mann unter energischen Maßnahmen versteht, mit lebhaftem Interesse, um nicht zu sagen mit Vergnügen entgegen und verbleibe inzwischen mit den allerherzlichsten Grüßen an Sie und Ihre liebe Familie, Ihre Jo Mannegold‹ ... So und nicht anders wird der Brief Ihrer Frau Gemahlin lauten — und was werden Sie dann wirklich machen, Herr Mannegold? ... Bitte, darf ich mir eine Zigarette nehmen?«
Ohne die Augen von dem in sich zitternden Gesicht des Mädchens zu nehmen, beugte Ebro Mannegold das schwere Rechteck seines Oberkörpers vor und fegte die Zigarettenschachtel mit dem Handrücken fort, daß sie in den Schoß des Mädchens fiel. Eine Minute maßen sich in dem großen, leer wirkenden Raum die Atemzüge der beiden Menschen, und die des Mädchens waren die zweifach schnelleren. Das Streichholz, das sie anzündete, tanzte wie ein verrücktes Gespenst in ihrer Hand.
»Sie kennen meine Frau doch kaum«, sagte Ebro Mannegold kalt. »Woher wollen Sie wissen, wie ihre Antwort lauten würde?«
»Ja«, gab das Mädchen zu, »ich habe Ihre Frau Gemahlin höchstens vier- oder fünfmal gesehen — früher, als sie noch zuweilen hierher kam, um Sie abzuholen, bis sie einsehen mußte, daß es keinen Zweck hatte ... Ich sehe sie noch aus diesem Zimmer herauskommen und die Polstertüren hinter sich schließen ... Sie stand so ein bißchen dagegen gelehnt und sah uns Mädchen der Reihe nach an, mit so einem ganz kleinen, verlorenen Lächeln. Und dann sagte sie, als ob sie den letzten Vers eines Liedes sänge — immer mit diesem kleinen, verlorenen Lächeln —: ›Jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr!‹ Und dann nickte sie uns zu und ging, und als sie draußen war, bekam die hysterische Gans, die Giesebrecht, einen Heulkrampf ... Na, und dann ist sie ja auch wirklich ›noch einmal und dann nimmermehr!‹ gekommen, was Ihnen vermutlich entgangen ist, Herr Mannegold ...«
Fräulein Vierling blies den Rauch durch die Nase und sah ihrem Chef ins Gesicht. Ebro Mannegold machte keine Miene, sie zu unterbrechen. Seine Hand war auf dem Schreibtisch liegengeblieben und formte sich da zu einem dunklen und schweren Klumpen, der den Eindruck einer unvorstellbaren Last hervorrief.
»Später«, fuhr Fräulein Vierling fort, mechanisch von ihrem Kleid die Asche streifend, für die der Weg bis zur Keramikschale auf dem Schreibtisch zu weit gewesen war, »habe ich nur noch telefonisch mit ihr gesprochen ... Die Mädchen in der Zentrale rauften sich darum, die Verbindung für sie herzustellen. Sie versuchten immer ihre Stimme nachzuahmen, wie sie fragte: ›Kann ich vielleicht meinen Mann sprechen?‹ Es klang immer so, als müßte es etwas auserlesen Schönes sein, einmal seinen Mann sprechen zu können ... Aber sie kam ja immer nur bis zu mir, und meine eigenen Sprüche hingen mir schon zum Hals heraus: ›Es tut mir unendlich leid, gnädige Frau, aber Herr Mannegold ist grade in einer Konferenz — Herr Mannegold verhandelt mit einem Auslandskunden — Herr Mannegold ist in die Fabrik gefahren — Herr Mannegold spricht eben mit Paris — mit London — Buenos Aires‹ — dem Teufel und seiner Großmutter! Und während der ganzen Zeit habe ich mir gedacht: Wenn diese Frau es einmal müde wird, sich von Fräulein Vierling abspeisen zu lassen, wenn sie die Stimme ihres Mannes hören will, und wenn sie eines schönen Tages den Hörer ein für allemal auflegt und die Verbindung für immer unterbricht, dann bin ich der letzte Mensch, der ihr das verdenken könnte!«
Die Lider des Mannes waren halb über seine Augen gesunken. Darunter hervor blickte er auf das Mädchen, als befürchte er Kurzschluß, wenn seine Pupillen auch nur für eine Sekunde abirrten.
»Sehr interessant!« sagte er träge. »Sprechen Sie bitte weiter, Fräulein Vierling ...«
Aber das Tausendgüldenkraut erhob sich plötzlich mit einer Energie, die für Selbstmord ausgereicht hätte.
»Lassen wir das, Herr Mannegold! Was ich Ihnen auch sagen würde, es hätte doch keinen Zweck!« Sie zerdrückte den Rest ihrer Zigarette in der Aschenschale und richtete die abgeplagten, illusionslosen und verzichtenden Augen auf ihren Chef, der nicht mehr ihr Chef war. »Zwischen Ihnen und Ihrer Umwelt ist nun einmal eine Mauer, Herr Mannegold — über die kommt kein Mensch hinüber. Schön — bleibt man eben diesseits! Wir haben in Ihren Augen ja schon lange aufgehört, Menschenwesen mit Menschengesichtern zu sein. Wir sind Maschinen, die für Sie klappern, Räder, die für Sie sausen, Treibriemen, die Ihren Betrieb vorwärtsschuften. Wenn aus diesem Betrieb jemand ausscheidet, bemerken Sie's nicht, und wenn Sie einmal aus irgendeinem Grunde ›noch einmal und dann nimmermehr‹ in den Betrieb kommen sollten, wird keines der Mädel aus Ihren Büros in einen Weinkrampf ausbrechen. Standpunkt. Es geht natürlich auch so. Der Chef der Firma Mannegold & Co. kann darauf verzichten, von seinen Leuten angebetet zu werden, deswegen sind seine Karosserien doch die schönsten der Welt. Aber wenn Sie mich veranlassen wollen, Ihre Chefmethoden auch gegen das einzige zu richten, was an Ihnen anbetungswürdig ist, nämlich gegen Ihre Frau, dann mache ich nicht mehr mit — und damit guten Abend, Herr Mannegold!«
Sie machte eine Bewegung auf die Tür zu, besann sich und kehrte wieder um.
»Ihre Unterschrift, bitte!« sagte sie, die Hand ausstreckend.
Ebro Mannegold hatte sie noch immer nicht aus den Augen gelassen. Der Klumpen seiner Faust, die auf dem Schreibtisch lag, löste sich nur eben so weit, um die Entlassungsbestätigung für Fräulein Vierling packen zu können. Er zog sich wieder zusammen, ein formloses Etwas aus Papier in sich verbergend. Sonst erfolgte keine Antwort von seiten Ebro Mannegolds. Aber selbst eine in achtzehn Jahren hart erworbene Selbstbeherrschung reichte nicht aus, um Fräulein Vierlings Nerven in diesem Augenblick vor dem Versagen zu schützen. Sie brach in Tränen aus.
»Sie können mich beurteilen, wie Sie wollen«, sagte Ebro Mannegold eisig. »Aber ich hoffe, Sie halten mich nicht für dumm ... Morgen früh um acht wie gewöhnlich ... Guten Abend, Fräulein Vierling.«
»Guten Abend, Herr Mannegold«, sagte das Tausendgüldenkraut nach einer Pause, in der es seine Stimme trocknete. »Aber den Brief an Dr. Münzer schreibe ich nicht.«
Als darauf keine Entgegnung erfolgte, verließ die Sekretärin Ebro Mannegolds das Zimmer ihres Chefs, als ginge sie auf Sprungfedern. Und auf dem Wege bis zur Tür, auf diesem kurzen Wege, in einem schmalen Streifen später Sonne, hatte ihr Haar all seinen Schimmer wiedergefunden.
Vollrath sah sie aus dem Hause gehen, brummte erleichtert »Na endlich!« und schloß den Kragen.
Aber Ebro Mannegold hatte sich von seinem Platz am Schreibtisch noch nicht weggerührt. Es war, als hätte der Raum von ihm Besitz ergriffen. Er starrte auf das Häufchen Asche in der Schale. Er wollte sich kontrollieren: waren die Wände des Zimmers braun? oder rot? oder grün? — Er wußte es nicht. Eine Mauer zwischen ihm und der Umwelt. Seine Frau war hier gewesen. Wann? Vor Jahren? Vor Monaten? Vor Wochen erst? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Aber — war sie denn nicht immer noch da? War sie nicht die unterirdische Rebellion in diesem Raume, sie, die Rebellin, die ihn verlassen hatte?
Das Tausendgüldenkraut weigerte sich, einen Brief zu schreiben. Fräulein Vierling kündigte. Achtzehn Jahre unschätzbarer Zuverlässigkeit gingen einfach zum Teufel ... ›Jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr ...‹ Und Fräulein Giesebrecht bekam einen Heulkrampf. Das war unmöglich. Jo war unmöglich. Jo erzog das Personal zur Meuterei gegen den Chef.
Und Tilly?
›Jo dachte — Jo meinte — Jo wollte — Jo würde sagen — Jo würde für richtiger halten —‹ An allen Ecken und Enden Jo in Anführungszeichen.
Und Josy?
›Wenn du noch einen Rest von Verstand hast, fahre zu Jo hinunter, bitte sie auf den Knien, dir zu erlauben, daß du drei Wochen bei ihr verbringen darfst — mehr kann ihr kein Mensch zumuten, nicht einmal sie selbst — und sei dankbar für jedes Lächeln, das sie dir schenkt, und für jeden Blick aus ihren gesegneten Augen ...‹
Jos Augen ... Was hatte Jo eigentlich für Augen?
Er rief seinen Schwager über Haustelefon an und fand ihn bei Tilly. Der Mann war sehr verändert; ein Wunder, das seine Frau, wie sie behauptete, Jo zu verdanken hatte. Sehr erfreulich. Nur hätte Jo mit der Betätigung ihres Familiensinns bei sich selbst beginnen sollen ...
»Bist du etwa noch im Büro?« fragte Josy ziemlich herb. Es klang, als hätte er für den Fall der Bejahung etwas Beleidigendes für seinen Schwager im Sinn.
Ebro umging die Antwort mit einer Gegenfrage.
»Kannst du mir sagen, Josy, welche Farbe Jos Augen haben?« Und als keine sofortige Entgegnung kam: »Oder weiß es Tilly vielleicht?«
Von drüben klang ein Räuspern; darauf, nach einer Weile, die vorsichtige Erkundigung:
»Ist es die Hitze, Ebro?«
Mannegold zermurmelte etwas zwischen den Lippen.
»Es ist durchaus nicht die Hitze, und ich spreche durchaus im Ernst ...«
»Herrje! Was zahlen dir die Steifleinenfabrikanten für deine Propaganda?«
Ebro Mannegold hängte ab.
Er fuhr nach Hause, erbittert auf Vollraths Mütze starrend. Es war eine Fahrt durch die Vorhölle, so dick lag die Schwüle in den Straßen, die alle Glut des Tages rachsüchtig und überdrüssig an den Abend weitergaben. Es mußte eine Wohltat sein, den Hut abzunehmen und den nicht mehr umschraubten Kopf dem Luftzug preiszugeben. Aber der Chef des Hauses Mannegold & Co. mit windverwehten Haaren war ein Ding der Unmöglichkeit ... Steifleinenfabrikanten ... Alle Menschen wurden plötzlich aufsässig ... Ebro Mannegold zerkaute die Zigarette, die an seinen Lippen klebte. Was hatte Jo nun wirklich für Augen? Er hätte es nicht um den Preis seines Lebens zu sagen vermocht. Nach fünfzehnjähriger Ehe. Eine Mauer zwischen ihm und der Umwelt ... Hm ...
Da war sein Haus. Kein Heim. Auch nicht darauf angelegt. Jo hatte immer behauptet, soviel Seele könne kein Mensch aufbringen, um vierzehn Räume von durchschnittlich hundert Quadratmetern damit auszuleuchten. Sie nistete sich in einer Art von Bodenkammer ein, die, ganz und gar überschrägt von riesigem Fenster, Sonne, Mond und Sterne zu Gesellen hatte, baute sich ein Badezimmer und einen Dachgarten davor und überließ das feierliche Haus der Familie als Walstatt. Niemand merkte es, als Jo fortging ...
Vielleicht, weil niemand ihr Dasein so recht bemerkte ...
Oder doch? Oder jetzt erst — in der Rückwirkung?
Das Haus umfing ihn mit Kühle. Die Raume, die Wände, die Dinge, von ihm zum ersten Male mit Bewußtsein betrachtet, sahen ihn wieder an. Schmale, hochlehnige Stühle, Folterstühle, Tante Emmas Stühle schwiegen verkniffen. Andere standen gezirkelt im Halbkreis um ihn, als wollten sie sagen: Jawohl, Herr Mannegold! Seriöse Tapeten, Teppiche, Vorhänge trugen unsichtbare, aber gut leserliche Plakate: Man bittet um Ruhe!
Ebro Mannegold entsann sich mit nicht ganz geklärten Gefühlen, daß Jo eines Tages an den überdimensionalen Bronzeleuchter des Roten Salons einen blauen Affen gehängt hatte. Er war, was sein Lächeln betraf, ein Buddha unter den Affen. Trotzdem mußte er fort.
Nicht viel später ging Jo.
Ebro Mannegold klingelte nach der Wirtschafterin.
»Es müssen irgendwo Bilder von meiner Frau sein. Wissen Sie, wo sie verwahrt sind?«
Die lavendelfarbige Seele in einem schwarzen Kleide antwortete mit gequetschter Stimme:
»Wenn nicht noch welche in der Bodenkammer sind ... Hier gibt's keine Bilder mehr von der gnädigen Frau ...« Und, als Antwort auf einen Blick des Mannes, der Zweifel ausdrückte: »Die gnädige Frau hat sie alle zerrissen, bevor sie wegging ... Ach Gott, Herr Mannegold —« Schon wankte die Stimme, vom Strom der Tränen erfaßt: »Ist es wahr, daß unsere gnädige Frau nie mehr wiederkommt?!«
»Wer sagt das?!«
»Vollrath hat's in der Küche erzählt ...« Und der Katarakt des Schluchzens riß die Stimme erbarmungslos mit sich fort.
Es gab nicht viele Dinge auf der Welt, die es fertigbrachten, den Chef des Hauses Mannegold zu entnerven; aber zu ihnen gehörten Kakerlaken und weinende Frauen. (Jo hatte in seiner Gegenwart nie geweint — ein gewaltiges Guthaben.) Frau Eberlein hatte das Unglück, an diesem Tage das zweite weibliche Wesen zu sein, das vor Ebro Mannegold in Tränen ausbrach.
»Ich gehe schon!« stammelte sie, ohne die Antwort auf ihre verfängliche Frage abzuwarten. »Ich gehe schon! Ich gehe schon! Verzeihung ...«
Ebro Mannegold bekämpfte minutenlang die Versuchung, mit seinem Schädel so lange gegen die Tischplatte zu schlagen, bis eins von beiden platzte, sein Schädel oder die Tischplatte.
Das war ja — das war ja eine Irrenanstalt, in der er seit Tagen zu leben gezwungen wurde! Die ganze Stadt war eine Irrenanstalt! Mit einer Sonderabteilung: den von Jo Besessenen. Den Jomanen. Unheilbare Narren, wie es schien. Und er als einzig Vernünftiger mitten darunter. Das strengte an. Der Brief an Dr. Münzer wurde doch geschrieben, und wenn die Vierling sich auf den Kopf stellte. Schluß mit Jo. Schluß durch Wieder-Gegenwart und damit Ausschaltung der Phantasie. Des Erinnerungskultes, dieses gefährlichsten Retoucheurs von Geschehnissen und Ereignissen. Schluß mit der Bodenkammerromantik und dem Betthimmel aus Nacht und Sternen. Schluß sogar mit dem Namen Jo. In Zukunft würde sie sich gefälligst ohne jede Extravaganz Johanna Mannegold nennen. Jo klang wie Kampfruf, wie eine Fanfare. Fanfare zur Rebellion. Eigentlich hatte er sie in Gegenwart der Familie stets nur mit Hemmungen Jo genannt.
Und Schluß auch mit Ebro. Jo hatte ihn so getauft, weil sie behauptete, bei Eberhard müsse sie immer an Den im Barte denken, der im Schwabenlande die Brunnen und Rathäuser schmücke.
›Wenn du mir versprichst, daß du in einer ganz hellen Sommernacht von zwölf bis eins mit einer eisernen Rüstung und einem zweigezipfelten Bart bis zu den Knien auf dem zauberischen Marktplatz von Tübingen spuken willst, lieber Ebro, dann werde ich dich zum Dank dafür Eberhard nennen — sonst nicht!«
Nun, in Zukunft würde sie es ohne Spuk oder sonstige Bedingungen tun ... obwohl er sich entsann — er blieb auf den Stufen der Treppe zu Jos Kammer stehen —, daß es einen sonderbaren, den Duft von bitteren Mandeln und blühenden Orangenbäumen heraufbeschwörenden Zauber gehabt hatte, wenn die Lippen Jos ganz nah an seinem Ohre »Ebro« sagten ...
Wie heiß es hier oben war ... Und die Stille — wie sehr lebendig ... Beseelte Stille ... Geruch von heißem Holz. Fast dem vergleichbar, den die Balkenwände der Hütte auf Jos Alm aushauchten, wenn die Julisonne auf die Dachschindeln brannte, daß sie glitzerten und in dem toten Holz das längst erstarrte Harz zu brodeln anfing. Vielleicht war dies der Grund — ein Heimwehgrund —, der Jo aus dem kühlen Marmor des Hauses hinauf in das warme Holz seines Daches getrieben hatte. Holz wahrte Erinnerungen treuer als Marmor.
Auch hier.
Ein Atem von merkwürdiger, durchdringender Gegenwärtigkeit schien hinter der kleinen Tür zu Jos Kammer zu atmen. Diese Klinke schien erst vor kurzer Zeit berührt worden zu sein. Das gedämpfte Geräusch von Wasserplätschern lebte jenseits der Mauer. Ein Tappen von Schritten, lässig, tierhaft leise und federnd — so wie Jo zu gehen pflegte, wenn sie auf bloßen Füßen, herrlich anzuschauen, goldbraun, ein Sonnengeschöpf, mit leisem Singen, das immer ein wenig verliebt und spöttisch klang, ihr Reich durchmaß und mit sich selbst durchdrang.
Ebro Mannegold fühlte, daß ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat.
Er drückte die Klinke nieder. Die Tür gab nicht nach; sie war verschlossen. Ein plötzlicher, rasender Fußtritt des Mannes sprengte sie auf, daß sie knallend nach innen und gegen die Mauer flog. Der brutale Krach dieser Sprengung wurde zornig zurückgewiesen von einem klingenden Schrei. Der Mann, auf der Schwelle stehend, sah jenseits der Tür, die zum Dachgarten führte, gegen das glänzende Grün überperlter Pflanzen auffunkelnd und wundervoll in der Gebärde der Flucht die Nacktheit einer Frau.
»Jo —!!«
Er stürzte rettungslos in den Namen Jo, alles wurde verschlungen und wiedergeboren und stürmisch emporgerissen zum Namen Jo. Es war sehr erschütternd und herrlich und niederschmetternd, daß alles bedeutungslos wurde neben diesem Namen ...
Aber die Frau, deren schimmernder Körper mit einem Sprung und Schwung in der Buntheit des Bademantels verschwunden war, die mitten unter Blumen, mitten im Grün unter der Kobaltbläue des Himmels stand, die Frau war schön und Jo ähnlich, aber sie war nicht Jo.
»Wer sind Sie?!«
Der Ton dieser Frage bereitete auf äußerst bösartige Schärfe des Verhörs vor, bedingt durch äußerst bösartige und noch dazu uneingestandene Enttäuschung.
»Wenn Sie zwei Minuten warten wollen, bis ich mich angezogen habe, will ich es Ihnen sagen«, antwortete das Geschöpf im bunten Mantel, ohne Überstürzung ins Badezimmer schlüpfend.
Ebro Mannegold setzte sich mit soviel äußerer Würde, als eröffne er die Hauptverhandlung des Jüngsten Gerichts. Aber innerlich war er durchaus noch nicht zu sich gekommen. Er starrte, die flachen Hände auf die Knie gestemmt, durch die offene Tür in den Dachgarten hinaus. Er fixierte glotzend eine kleine laubfroschgrüne Gießkanne, die umgepurzelt auf dem Wege lag. Sie war feucht und glänzte. Alle Blätter und Blumen des Gartens da draußen waren feucht und glänzten. Eigentlich doch eine ganz gute Idee: inmitten dieser Gluthölle aus Stein und Beton der frische, lebendige Garten. Aber wer, zum Teufel, war die Person, die, nackt wie Eva vor dem folgenschwersten Obstdiebstahl der Welt, ihn an Jos Stelle pflegte und goß? Die in Jos Kammer wohnte und jetzt, wie er mit einem schrägen Blick feststellte, in den mohnroten Schuhen Jos aus Jos Badezimmer zurückkam?
»Ist das schnell gegangen?« fragte sie munter.
Ebro Mannegold schwieg, weil er es nicht leugnen konnte. Aber es schien auch nicht allzuviel zu sein, womit der Bademantel vertauscht worden war, denn aus den roten Schuhen wuchsen die sonnenbraunen und edlen Beine in untadeliger Nacktheit schön und schlank zum Saum des Kleides empor, und aus dem Weiß dieses frischen, schmalgegürteten Kleides leuchteten Hals und Arme wie blasses Gold.
»Das bringt der Beruf so mit sich«, sagte die junge Schönheit zufrieden. »Der macht uns flink.«
Ebro Mannegold besann sich auf seine Pflichten.
»Welcher Beruf?« fragte er, leicht mit den Augen blinzelnd. Er gehörte zu den Männern, die außerstande sind, sich berufstätige Frauen im Privatleben vorzustellen.
»Mannequin.«
»Wie bitte?«
»Mannequin. Sie werden doch hoffentlich wissen, was ein Mannequin ist?«
»Sie sind Mannequin?«
»Und eines der bestbezahlten, Gott sei Dank!«
»Das interessiert mich nicht!« Ebro Mannegold wuchs aus seinem Stuhl in die Höhe, bis er fast an die Decke stieß. »Wollen Sie mir jetzt bitte umgehend erklären, mein Fräulein, wie ein Mannequin dazu kommt, in meinem Hause und noch dazu in den allerprivatesten Räumen meiner Frau zu wohnen?!«
»Erstens«, sagte das junge Geschöpf etwas unmutig, »zahle ich pünktlich jeden Monat meine Miete dafür ...«
»Das Haus Mannegold«, sagte der Chef besagten Hauses mit Würde, »hat Zimmer genug für Gäste, aber es vermietet keine Zimmer!«
»... und zweitens — wissen Sie, daß es sehr unartig ist, eine Dame zu unterbrechen? —, zweitens«, fuhr sie fort und lächelte schon wieder, »bin ich mit Jo verwandt und auf ihren ausdrücklichen Wunsch hier.«
Ebro Mannegold sah sie an.
»Sie sind mit Jo verwandt?!« Aber er brauchte das Ja der Bestätigung nicht. Das war Jos Lächeln — nein, es war gewissermaßen die Knospe ihres Lächelns, und — ja, das waren auch Jos Augen, obwohl zu ihnen im gleichen Verhältnis stehend wie ungeschliffene Edelsteine zu geschliffenen.
»Es macht nichts, daß wir verwandt sind — wir lieben uns trotzdem«, sagte das Mädchen.
»Aber dann sind Sie doch gewissermaßen auch mit mir verwandt ...«
»Gewissermaßen — ja ...«, antwortete sie zögernd. Sie schien keinen sonderlichen Wert auf die Betonung dieser Tatsache zu legen.
Ebro Mannegold fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn. Er setzte sich wieder.
»Sie müssen entschuldigen«, sagte er, »ich stehe hier plötzlich vor Neuigkeiten — ich habe bis heute nicht die leiseste Ahnung gehabt, daß sich unter meinen Verwandten auch Mannequins befinden. Ich gebe zu, daß mich diese Entdeckung etwas überwältigt!«
»Ja«, sagte das Mädchen, das im Türrahmen lehnte, die Hände auf dem Rücken, die schönen Füße gekreuzt, »ich habe mir immer gedacht, daß Sie ziemlich weltfremd sein müssen, nach allem, was man so von Ihnen hört ... Bitte, betrachten Sie meine Schuhe nicht so mißtrauisch. Es sind Jos Schuhe, aber sie hat sie mir geschenkt, weil ich sie so reizend fand. Sind sie nicht wirklich reizend?«
»Sehr reizend. — Aber wollen Sie mir nun nicht doch Ihren Namen nennen?«
»Lorenz.«
»Und der Vorname?«
»Ja, nun kommt die große Schwierigkeit!«
»Wieso?« Und bei einer Verwandten von Jo auf alles gefaßt, fragte er weiter: »Sind Sie vielleicht noch nicht getauft?«
»O doch — vor genau neunzehn Jahren. Da hat man mich wehrloses Wurm nach meinen beiden Großmüttern Auguste Konstanze genannt. Aber wagen Sie es bitte niemals, mich so zu rufen. Meine Mutter, die zärtlichste Mutter der Welt, rief mich Lore, weil ich als Kind am liebsten bei dem Gezirpe einer kleinen Spieldose einschlief, die das Lied von der Lore am Tore spielte. Mein Vater, der mich liebte bis zur Angst, der nannte mich Minne. Als ich geboren wurde, nahm er mit blindem Griff ein Buch aus dem Schrank — denn er war ein bißchen abergläubisch —, schlug es auf und legte geschlossenen Auges den Finger auf ein Wort, und das war das Wort Minne. Wie gut, daß es nicht ›Einkommensteuererklärung‹ war — nicht?«
Sprich nur weiter! dachte der Mann. Er hatte sich so weit nach vorn gebeugt, daß sein Gesicht nicht zu erkennen war. Sprich nur weiter! Wenn ich die Augen schließe, höre ich in deiner hellen Stimme zuweilen die dunkle Stimme Jos, dieselbe Melodie, von einer Geige und einem Cello gespielt.
»... und schließlich wurde Minnelore draus. Aber als meine Eltern gestorben waren und Jo mich jämmerliches Etwas in ihre Hände nahm, da meinte sie, die Zeiten seien nicht nach Minnelore, ich sollte mir den Namen lieber aufheben für später einmal, da würde ich ihn wahrscheinlich gut brauchen können. Sie selber hat mich Judica genannt, nach dem schönen Sonntag im Frühling, an dem ich geboren bin. Und meine Kolleginnen nennen mich ›Horch 8‹, weil sie wissen, daß ein Horch 8 der Traum meines Lebens ist, auf den ich spare wie ein Hamster. — Für welchen Namen werden Sie sich nun entscheiden?«
»Ich möchte fürs erste doch bei Fräulein Lorenz bleiben«, antwortete der Chef des Hauses Mannegold. Er hörte die Stimme Josys in seinen Ohren: Steifleinenfabrikant ... Er biß sich auf die Lippen. Seine Augen suchten ihre Zuflucht bei der kleinen grünen Gießkanne auf dem Wege draußen, während er weitersprach: »Wenn ich mich recht entsinne, behaupteten Sie vorhin, Sie seien auf den ausdrücklichen Wunsch meiner Frau hier ... Wie, verzeihen Sie, können Sie das belegen?«
»Trauen Sie mir nicht?«
»O doch ...«
»O nein! Was sind Sie für ein armer Teufel, Ebro Mannegold! Wie kommen Sie überhaupt mit der Welt zurecht, wenn Sie's den Leuten nicht an der Nasenspitze ansehen können, ob sie lügen oder die Wahrheit sagen? ... Glücklicherweise habe ich einen Brief von Jo. Wollen Sie ihn lesen?«
»Ich bitte darum«, sagte Ebro Mannegold steif. Er fuhr sich mit den Fingern in den Hemdkragen. Sein Kopf kochte. Konnte er diesem Mädchen sagen: Ja, ich weiß, daß du die Wahrheit sprichst, ich habe nicht einen Augenblick daran gezweifelt — aber ich will den Brief von Jo lesen, ich will ihn in der Hand haben —, natürlich nur, um zu erfahren, wie weit ihre rebellischen Absichten gehen ...?
Sie brachte den Brief und entzog ihn der unwillkürlichen Gier seines Handausstreckens mit einer schützenden Gebärde voll herber Süßigkeit.
»Nur, wenn Sie mir Ihr Wort geben, daß ich ihn wiederkriege!«
Er nickte stumm. Aber es schien ihr zu genügen. Sein Gesicht war plötzlich erschreckend fahl geworden; nur die Stirn stand im Feuer. Sie legte den Brief in seine große, sonderbar leer wirkende Hand. Sie wollte noch etwas sagen. In ihrem bräunlichen Gesicht öffnete sich schon der Mund — Jos Mund, als Jo noch ein Mädchen war. Aber im selben Augenblick schien sich Jos unsichtbare Hand darauf zu legen, und das junge Geschöpf ging stumm aus der Kammer in den goldenen Abend, in den grünen Garten hinaus.
Ebro Mannegold faltete den Brief auseinander. Wiedersehen mit Jos Schrift — wie merkwürdig ... Es war dieselbe klare Schrift, die an ihn geschrieben hatte: Leb wohl, Ebro! Ich gehe und komme nicht wieder. Jo. — Vielleicht war dieser Brief am gleichen Tag entstanden.
Meine liebe Judica!
Kündige Deine Bude in der Marburger Straße, packe Deine sieben Zwetschgen und betrachte von heute an bis auf Widerruf meine von Dir so sehr geliebte Dachkammer als Dein Heim. Ich muß es verlassen, weil ich Ebro verlasse, und ich möchte, daß dieser liebe Raum und der Garten, in dem die Rotschwänzchen nisten, von Dir gepflegt werden, Du frische Seele, damit die Dinge, die ein Teil von mir sind, nicht verwaisen und der Garten nicht verdorrt. Ich habe bei meiner Bank ein Konto ›Miete‹ eingerichtet, darauf zahlst Du jeden Monat hundert Mark ein, denn wir beide lassen uns nichts schenken, es sei denn von Liebe, nicht wahr? Niemand im Hause wird erfahren, daß Du da wohnst, außer der Eberlein. Erlaube ihr nicht, Dir etwas vorzuklönen, denn ich gehe, von einem wunderbaren Glück erfüllt. Wenn Du mir schreiben willst, schreibe nach Berchtesgaden, da will ich bleiben. Trage die roten Schuhe immer, wenn Du heimkommst. Die Strohmatten in meiner Kammer und die kleinen grauen Kiesel im Garten kennen sie und werden sich darüber freuen.
Noch eins, Judica: Wenn Du in meinem Bette schläfst, schlafe nicht auf der Fensterseite. Die ist tabu. Und muß es bleiben. Da soll auch immer die kleine rostbraune Aschenschale stehen, die darfst Du nicht benutzen. Auch nicht das kleine viereckige Kissen. Zeige, daß Du intelligent bist, und erspare Dir und mir unnötige Rückfragen.
In Liebe, Jo.
Ebro Mannegold las den Brief einmal, er las ihn zweimal. Er faltete ihn umständlich wieder zusammen und dachte: Hätte ich nur den Brief nicht gelesen ... Da draußen steht das Mädchen und wartet darauf, daß ich ihn ihr wiedergebe. Ich kann mich nicht heimlich wegschleichen mit dem Brief in der Tasche. Ich kann sie auch nicht bitten: Schenk mir diese roten Schuhe! — denn sie würde mich mit Recht für verrückt halten. Und am allerwenigsten kann ich zu ihr sagen: Laß mich heute nacht hier schlafen, auf der Fensterseite dieses breiten weißen Bettes, den Kopf auf dem kleinen viereckigen Kissen, die rostbraune Aschenschale neben mir ... Das ist komplett unmöglich ... Alles ist unmöglich, was mit dieser unmöglichen Jo zusammenhängt ...
Er stand schwerfällig auf, und das Mädchen drehte sich um, den Finger auf dem Munde.
»Kommen Sie hierher!« sagte sie flüsternd. »Aber ganz, ganz vorsichtig!«
Er gehorchte, wenn auch mit innerem Protest und darum doch nicht behutsam genug. Bei seinem Nahen flatterte das Rotschwänzchenpärchen, das aus der steinernen Wasserschale an der Mauer getrunken hatte, mit spöttischem Zwitschern auf und in die Büsche.
»Oh —!« sagte das Mädchen bedauernd. Es sah dem Manne ins Gesicht. Die Hand, die es unwillkürlich auf seinen Arm gelegt hatte, glitt herunter.
»Nun möchten Sie den Brief von Jo doch haben!« meinte es und lächelte ernst.
»Durchaus nicht, Fräulein Lorenz!« Ebro Mannegold klärte seine Kehle mit einem scharfen Räuspern. Nein, er würde der Bestrickung dieses Raumes nicht erliegen. Und auch nicht dem Zauber der roten Schuhe oder der sozusagen auf den Mann dressierten Rotschwänzchen. Und schon gar nicht diesem tückevollen Brief. (Der Brief an Dr. Münzer war natürlich die einzig richtige Antwort darauf.) »Hier haben Sie das Schreiben wieder. Ihre Berechtigung, in diesen Räumen zu wohnen, ist damit allerdings einwandfrei erwiesen. Dennoch möchte ich mir endgültige Beschlüsse vorbehalten. Ebenso hinsichtlich Ihres Berufes, Fräulein Lorenz. Eine, wenn auch noch so entfernte, Verwandte des Hauses Mannegold hat viele Möglichkeiten, sich auf eigene Füße zu stellen — aber nicht als Mannequin ...«
»Kann ich nicht finden«, sagte das Mädchen ruhig. »Mein Ziel ist, noch vor dem Horch 8, ein eigener kleiner Modesalon — Jo will mir das Kapital dazu leihen, das ich ihr natürlich verzinse —, aber vorher will ich den Betrieb von Grund auf kennenlernen und am eigenen Leibe erfahren, was die Menschen, die für mich arbeiten werden, zu leisten vermögen und was sie selber brauchen. Glauben Sie nicht, Herr Mannegold, daß es für die Arbeiter Ihrer Fabrik viel besser wäre, wenn Sie als Schlosserlehrling angefangen hätten?«
Fehlt nur noch, daß sie hinzufügt: ›hat Jo gesagt‹, dachte der Mann.
»Jedenfalls, wenn Sie länger hier wohnen bleiben sollten, Fräulein Lorenz«, sagte er, schon auf dem Rückzug zur Tür, »dann möchte ich Sie bitten ... dann wäre ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie das Dach meines Hauses nicht mit dem des Wellenbades im Lunapark verwechseln wollten!«
»Es kann kein Mensch in den Garten hereinschauen«, antwortete die junge Schönheit ruhevoll, »höchstens mal ein Flieger. Und was der von oben feststellen kann, weiß ich aus dem Preisausschreiben: Kennst du deine Heimat? mit Flugzeugaufnahmen. Jo ist auch immer da draußen herumgelaufen, wie Gott sie geschaffen hat, und er hat sie schön geschaffen, nicht wahr? Wenn nicht gerade einer kommt, der die verriegelte Tür mit einem Fußtritt aufsprengt, ist man hier oben so sicher wie in Abrahams Schoß.«
Ebro Mannegold ging die Treppen hinunter. Aus der Holz- in die Marmorregion. Die Stufen nahmen kein Ende. In der fast schwarzdunklen Halle kam ihm ein Diener zwei Schritte entgegen, sichtlich auf Anordnungen wartend. Ebro Mannegold blieb stehen. Der Ausdruck höchster Überdrüssigkeit verzog seinen Mund zur Grimasse. Er hätte ein Jahr seines Lebens darum gegeben, wenn irgendwer ihm wenigstens für vierundzwanzig Stunden die Dispositionen über sich selbst abgenommen hatte. Er stellte fest, daß er sich elend fühlte. Wahrscheinlich kam es von der Hitze. Oder er hatte ganz einfach Hunger. Aber seine Zimmer waren eisgekühlt — warum suchte er sie nicht auf? Ein Wort an den Diener, und das Essen stand auf dem Tisch, — warum sprach er das Wort nicht aus?
Ganz einfach: Ihm graute vor der Leere des Hauses ebenso wie vor der Überfülle der Erinnerungen, die es bevölkerten. Das Essen allein erschien ihm ebenso unerträglich, wie bei Tisch irgendeinem Menschen gegenüber zu sitzen, der Jo gekannt, dem Jo das Brot gereicht hatte.
Und tief zu unterst unter allen anderen Empfindungen schwelte wie der verborgene Brandherd einer verborgenen Krankheit, dumpf und ziehend, niederziehend, die dunkle, einfache Sehnsucht nach einer Frau, nach der Gemeinschaft mit einem weiblichen Körper.
Als Ebro Mannegold aus seinem Hause, das mitten in der Stadt lag, auf die Straße trat und das bedrückende Geheimnis des von Millionen Füßen getretenen Pflasters, die Unbarmherzigkeit des asphaltenen Marktes, die ans Grausame grenzende Enthüllungssucht des nachtverschlingenden, letzte Winkel aufreißenden Lichtwirbels sein Kommen empfing, dachte er an Jo, und es mischte sich in die Erbitterung des Mannes, den Jo verlassen hatte, die schiefe Genugtuung des Mannes, den Jos Nicht-bei-ihm-sein zu fremden Frauen trieb.
Er sah Vollrath an, der die Tür des Wagens für ihn offenhielt. Dieser Mensch hatte erzählt, dieser Mensch wußte also, daß Jo für immer fortgegangen war. Dieser Mensch wartete darauf, seit Tagen, seit Wochen, mit hartnäckigster Intensität der Bereitschaft, ihn, Ebro Mannegold, zu Jo zu bringen. Auch ein Besessener. Auch ein Jomane. In der Minute, da der Chef des Hauses Mannegold & Co. in wortlosem Schauen Gesicht zu Gesicht und Auge in Auge mit Vollrath, seinem Fahrer, stand, haßten sich Mann und Mann mit dem sachlichen Haß der Männer, der niemals lächelt, der aber manchmal genau in der Mitte zwischen Wut-aufeinanderhaben und Sich-gut-leiden-können wohnt.
»Fahren Sie bei Dominicus vor und warten Sie dort auf mich ...«
Vollrath schlug die Tür wieder zu.
Ebro Mannegold nahm die Straße unter seine Füße. Er entsann sich des Tages nicht mehr, da er zu Fuß eine Straße entlang gegangen war. Die Verkehrsmittel der Allgemeinheit, die elektrischen Bahnen, die Autobusse, Untergrund- und Stadtbahn, selbst Autotaxen waren ihm ebenso unvertraut wie der Tragsessel eines Negerfürsten oder japanische Rikschas. Zwischen ihm und den andern die Mauer. Mauer aus Luft. Aus Distanz. Aus Fremdheit. Wußte er, was es hieß, bei Hundewetter an einer Haltestelle auf den Autobus oder die Elektrische zu warten, die, wenn sie endlich kamen, schon mit triefenden Menschentrauben behängt waren — rücksichtslos mit den Rücksichtslosigkeiten der andern zu kämpfen, eingekeilt, von den Füßen fremder Leute getreten, selbst auf den Füßen fremder Leute zu stehen, den faden Geruch ihres feuchtgewordenen Alltags in der Nase?
›... wenn Sie als Schlosserlehrling angefangen hätten ...‹
Wie lebte ein Schlosserlehrling? Wieviel Prozent Lebensfreude vermochte sich eine Telefonistin zu kaufen? Wieviel Pfennige verdiente die alte Frau pro Abendblatt? War der Straßenkehrer satt, der die bunten Flugzettel eines neuen Nepplokals zusammenfegte — und wenn er es nicht war, hatte er Chancen, es heute noch zu werden?
Es war nicht Mitleid, das ihn grübeln machte, es war kaum Neugier; sachliche Erwägung. Er rechnete, aber es war ein Rechnen mit lauter Unbekannten.
Mit hartem, verbissenem Gesicht sah die Straße ihn an. Kaufe mich! sagte die Straße. Zeitungen — Blumen — Schnelligkeit — Luftballons — Menschen. Beste Ware, alles zu Schleuderpreisen. Junge Hunde — Tanzmäuse — Papierschlangen — Zigaretten. Liebe — Laster — Vergnügen — Verbotenheiten. Gib den Krüppeln und kaufe dir vor dem Abendbrot ein gutes Gewissen; es hilft fast so sicher wie Natron gegen das Überfressen. Zehn Pfennig die Streichhölzer und einen Platz im Himmel, wo die Barmherzigen sitzen. Zehn Pfennig die Streichhölzer ...
Schultern berührten ihn. Arme strichen an seinen Armen entlang. Willst du mich? Kaufe mich! Beste Ware, alles zu Schleuderpreisen. Wegen der Konkurrenz. Ein besonderer Jahrgang bevorzugt? Kaufe mich! sagte die Straße.
Gellendes Glockenzeichen, Hornsignale, Feuerwehr. Irgendwo brennt's. Na schön; es wird ja nicht grade bei dir sein. Hupengekreisch. Immer weg über die olle Frau. Was hat se bei Grünlicht über'n Fahrdamm zu loofen. Schupo, der zuspringt. Tüchtiger Junge. Da haste aber noch mal Schwein jehabt, Großmutter! Prima Oderkrebse. Frische Rosen, mein Herr? Erste Morgenausgabe! Kaufe mich! Kaufe mich! sagte die Straße. Kaufe mich, denn ich muß mich verkaufen, weil ich leben will, leben muß!
Ein Mädchen kam ihm beim Überqueren der Straße entgegen. Was fiel ihm an ihr auf ...? Nichts als der sichtbare Ruck, den ihr sein Anblick zu geben schien. Sie war jung, mehr zart als schlank. Gut gekleidet. Stark, aber irgendwie auf Uniform geschminkt. Nach-Mitternachts-Augen. Eine Welle im Menschenstrom, wurde sie weitergeschwemmt. Ebro Mannegold machte kurz kehrt und ging ihr nach. Jenseits des Fahrdammes blieb sie stehen und drehte sich hastig um, als ob sie den Mann, dessen Anblick sie so betroffen hatte, noch einmal mit den Augen suchen wollte. Da stand er vor ihr, so nahe, daß sich die Körper beinah berührten. Er sagte nichts. Trotz Schminke, trotz Wirrsal des Lichts, das in allen Farben ihr angestrengtes Gesicht überspülte, sah er, daß sie blaß wurde.
Seltsamerweise fühlte sich der Mann sehr erregt, fast erschüttert. Er spürte die Trockenheit seiner Kehle, die Sprödigkeit seines Mundes. Er wollte sprechen, aber ehe er noch sprechen konnte, wich das Mädchen vor ihm zurück in den großen Strom und hastete weiter. Es war nicht verlockende Flucht, es war Flucht schlechthin. Sie sah sich nicht um, und als die Signallampe über der Straße sie zum Stehenbleiben zwang, drehte sie den Kopf hin und her wie ein gestelltes Tier. Ein Blick nach rückwärts — fünf Schritte hinter ihr der Mann, dem sie zu entkommen suchte — und ohne sich zu besinnen, trotz brüllender Hupen, trotz Kreischen, Fluchen, Angstschreien, die ihr nachstürzten, warf sie sich blindlings zwischen die gleitenden Wagen, deren Scheinwerfer an ihrer Schmalheit zu fressen schienen, und entkam den Kühlern, Stoßdämpfern, Kotflügeln, Rädern, die andere Seite gewinnend und von ihr verschluckt.
Ebro Mannegold stand und biß sich auf die Lippen. Nicht gewohnt, sich selbst zu beobachten, fühlte er nichts als die eigene Verwirrung, die sich erst zum Ärger steigerte, als neben ihm ein sonderbar trockenes, halblautes Lachen aufklang und eine Stimme, die sagte:
»Da wirste keen Glück ha'm ...«
Das Du prallte gegen den Mann wie ein Stoß vor den Magen. Es machte ihn wütend, und trotzdem war es sehr reizvoll in seiner frechen und lässigen Selbstverständlichkeit. Der Mann betrachtete sie, die gesprochen hatte, und sie ließ sich betrachten mit der Traumirnicht!-Überlegenheit einer jungen, abwartenden Siamkatze.
Zwei graue, umschattete Augen, die spöttisch blickten. Das Gesicht eines frühreifen Kindes, kaum geschminkt. Ein Mund, für Zärtlichkeiten und Zynismen gleichermaßen geschaffen. Ein magerer Hals, eine billige Kette darum. Die jungen Brüste unverhohlen unter der durchsichtigen Bluse. Die nackten Arme zu dünn, und die Knochen zu stark. Die Beine, bis auf die Knöchel, schön geformt, in guten Schuhen, aber allzu glänzenden Strümpfen. Die längst erschlossenen Knie leicht geöffnet, der schmale Leib ein wenig vorgewölbt, indes die Schultern sich sanft nach rückwärts beugten. Der ganze Körper gab sich mit einer gewissen ironischen Stupidität den Blicken preis, und, seiner Schönheit und Mängel vollauf bewußt, schien er zu sagen: Für euch Pack bin ich noch viel zu schade.
»Woher weißt du das?« fragte der Mann, wider Willen gepackt.
»Weil ich se kenne.«
»Sie groß oder klein geschrieben?«
»Alle beede, Herr Mannegold«, antwortete sie mit einem boshaften Lächeln.
»Soso ...« Er war hörbar betroffen. Er schien nicht recht zu wissen, ob er sich freuen oder ärgern sollte. »Und woher kennst du mich —?«
Sie zuckte die Achseln, mit einer vagen Gebärde nach oben deutend.
»Köpfe der Wirtschaft. Karikatur des Tages. Aus der Berliner Gesellschaft. Wochenschau: Wie eine Karosserie entsteht: Generaldirektor Mannegold beim Frühstück in der Kantine seiner Fabrik. So was macht populär. Oder glauben Se vielleicht, man erkennt Se nich, weil Se ausnahmsweise mal zu Fuß hier langlatschen?«
»Also nehmen wir uns einen Wagen!« sagte der Mann ergeben.
»Wohin soll'sn gehn?«
»Abendbrot essen.«
»Na Gott sei Dank!«
Sie fuhren. Er betrachtete verstohlen und nicht ohne Vergnügen ihr junges Gesicht, das die reichen, weißen und bunten Lichter der Straße in ständigem Wechsel erhellten. Solange die Stadt um sie her war, schwieg sie und hatte die Augen halb geschlossen. Ein Ausdruck von Hunger lag um ihren ein wenig geöffneten Mund. Vielleicht hat sie wirklich Hunger! dachte der Mann, und er dachte es, obwohl er sich dessen schämte, mit einer seltsamen Freude.
Je weiter sie aus der Stadt hinauskamen, je weiter die dunstige Backofenatmosphäre des Asphalts hinter ihnen zurückblieb, je kühler und beglückender die Luft aus den Gärten zu ihnen herüberwehte, desto tiefer und gieriger atmeten diese erschlossenen Lippen, desto tiefer senkten sich die Augenlider, streckte sich der schmale, vom Wind der Fahrt mit kleinen, flinken Wellen überrieselte Körper. Etwas Berauschtes war über ihm, aber es war ein herber Rausch, an dem kein anderer teilhatte.
Ebro Mannegold räusperte sich.
»Wie heißt du, Kleine?«
»Trude«, antwortete sie, mit einer gewissen Gottergebenheit.
»Weiter nichts?«
»Nee. Trude genügt. Oder willste vielleicht mit mir aufs Standesamt?«
»Nicht unmittelbar.«
»Na siehste. Das hab' ich mir gleich gedacht.«
»Du bist eine Kratzbürste, Trude.«
»Tja ... Jeder wehrt sich, wie er kann.«
»Mußt du dich wehren gegen mich?«
Sie sah ihn von der Seite her an, mit dem sachten und gescheiten Skeptizismus ihrer Vaterstadt.
»Eigentlich nicht«, stellte sie fest. »Du mußt ja heute mächtig eins auf den Kopp jekriegt haben ...« Ihr Blick wurde sanft und von der frühen Mütterlichkeit durchwärmt, mit der in den Straßen des Nordens kleine, verkümmerte Schwestern auf ihre schlacksigen Brüder blicken. Aber das ging vorüber und machte einer leise spottenden Genugtuung Platz.
»Wie alt bist du, Trude?«
»Keene Bange. Sechzehn gewesen.«
»Da hast du früh angefangen.«
Sie zuckte die Achseln. »Was ist mir denn übriggeblieben?«
»Arbeiten!« sagte der Chef des Hauses Mannegold & Co.
»Ach nee!« Unter den langen Wimpern hervor glitt ihr schräger, ironischer Blick über sein Gesicht. »Hast du vielleicht Arbeit für mich — außer aufm Bettuch?«
Er zog für eine Sekunde die Brauen zusammen.
»Macht es dir sehr viel Freude, gemein zu sein?«
»Nee. Gar nich. Aber dämliche Redensarten kann ich nich vertragen. Arbeiten! Hab du mal 'ne Mutter, die säuft und vier kleene Jeschwister, von den' jedes 'n andern Vater hat, bloß anjemeld't is keener — un denn sieh du mal zu, ob du mit Arbeeten in der Kartonfabrik oder als Laufmädel bei Tietz so viel verdienst, daß se alle satt werden un nich verlumpen und verlausen!« Ihre zornigen Finger zerrten das Taschentuch zwischen Puderbeutel und Lippenstift hervor. »Warum haste mir eijentlich mitjenomm'? Willste mit mir in de Heilsarmee oder ins Bette?«
»Aber Mädel — Mädel ...«
»Na ja — is doch wahr! Wenn de so dußlige Sachen sagst —!«
Er sah ihre jungen Lippen heftig zittern und sich selbst unmittelbar vor die Katastrophe gestellt, daß zum dritten Male an diesem Tag eine Frau vor ihm in Tränen ausbrach. Aber die kleine Dirne an seiner Seite kämpfte wunderbar tapfer das Weinen ins Herz zurück; dafür war er ihr dankbar.
»Ich werde keine dußligen Sachen mehr sagen«, versprach er ziemlich sanft.
Unter den schönen, dichten Kastanienbäumen des Gartens von Dominicus, an denen die Früchte in ihren bestachelten Schalen gleich winzigen grünen Morgensternen hingen, schwirrten die kleinen und großen Nachtschmetterlinge wie Schneegestöber um die Bogenlampen, die, bläuliche Riesenmonde, in den Baumkronen schwebten. Musik kam aus Dunkelheit und lockte ins Dunkle. Es war noch immer sehr heiß. Nur manchmal kam vom See herüber ein kühlerer, streichelnder Windhauch, der den Duft von Jasmin mitbrachte und den Duft von den Blättern der Zaunrose.
Das Mädchen hatte den Hut vom Kopfe genommen. Mit großer Sachlichkeit kontrollierte es vor dem Handspiegel die Wellen des lockeren Braunhaares und den Puder auf der Nase. Es entschied sich ohne Zögern für Pfirsichbowle, lehnte Krebse mißtrauisch ab und erklärte Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln für sein Lieblingsgericht. Es trank durstig und mit der naiven Gier eines Kindes. Es aß wie ein junger gesunder Mensch, der Hunger hat und entschlossen ist, die Gelegenheit, sich an guten Dingen rundherum satt zu essen, nicht ungenützt zu versäumen.
Ebro Mannegold sah ihr zu. Er empfand dabei eine dumpfe, zwiespältige, aber doch unverkümmerte Freude. Mit jeder Viertelstunde, die sanft verrann, schien sich das Mädchen tiefer zu verwandeln. Der warme Abend, die süße Reinheit der Luft, Sattsein, Musik, auf bunten Kissen in behaglichem Stuhl unter großen, lebendigen Bäumen stillsitzen zu dürfen, vielleicht unbewußt und doch stärker als alles andere wirkend, die kleinen Gebärden ihr geltender Ritterlichkeit: das aufgehobene Taschentuch, die ihr zuerst dargebotene Zigarette — der Gesamtbegriff einer Stunde ohne Galle gab ihrem Gesicht und dem ausruhenden Körper den Ausdruck der Bereitschaft zu allem, was friedlich und gut war. Ihr Fuß war zwischen die Füße des Mannes geschlüpft und lag dankbar gehorsam im selbstgesuchten Gefängnis. Und einmal seufzte sie auf wie ein Mensch, der so restlos zufrieden ist, daß jede Veränderung seines Zustands, selbst die zu größerem Glück, einer Bedrohung gleichkommt.
»Ist da drüben Wasser?« fragte sie plötzlich mit der ganz hohen Stimme eines schläfrigen Distelfinken, den Kopf auf die Schulter geneigt, als horche sie weithin.
»Ja, der See ... Bist du noch niemals hier gewesen?«
Sie antwortete nicht sofort. Sie hob auch den Kopf nicht. Sie schien irgend etwas zu suchen, das fern war oder sehr tief in ihr.
»Das ist schon furchtbar lange her«, sagte sie endlich. Und der Mann begriff, daß alles, was in diesem Leben nicht Dirnenhotel, nicht Straßenpflaster bei Nacht, nicht Mühsal verkaufter Jugend, nicht Ekel hieß, daß alles das schon ›furchtbar lange her‹ war.
»Möchtest du an den See hinuntergehen?« fragte er etwas zögernd. Denn wenn sie nein gesagt hätte, wäre er sich höchst lächerlich vorgekommen. Aber sie sagte:
»Ach ja —!«
Der Weg nach dem See war sehr schmal. Sie ging vor ihm her. Sie trug ihren Hut in der Hand und sagte zuweilen ein paar Worte über die Schulter hin, die er nur zur Hälfte verstand. Er gab sich auch gar nicht die Mühe, sie zu verstehen. Je weiter sie sich aus dem Bereich von Menschen und Lampen, von Häusern, erhellten Fenstern, geöffneten Türen, von Geigen und Saxophonen, von Kellnerfräcken und Tischen mit bunten Lichtern entfernten, um einzugehen in das tiefere Reich der Sommernacht, des weiten schimmernden Sees, des Himmels mit Mond und Sternen, des Grases, des weißen Sandes, des windbewegten Schilfes, des ruhigen Waldes in seiner anbetungswürdigen Stille, desto stärker ergriff den Mann eine unentrinnbare Schwermut, die das Mädchen nicht wahrnahm (und darüber war er froh), für die aber auch er selbst keinen Grund hätte nennen können.
Die unendlich fernen, jenseitigen Ufer des Sees verdämmerten mit dem Blau des ganz reinen Himmels. Da brannten Lichter, wie silberne Nadeln fein und unruhig aus dem Duft herausstechend, und niemand hätte zu sagen vermocht, ob sie noch der Erde angehörten oder schon dem Himmel. Schneeweiße Segel, schön vom Winde geschwellt, trieben sacht den Buchten oder den Inseln zu oder ruhten fast still, wie schlafend, auf ihrem eigenen Spiegel. Grüne und rote Laternen glitten über das Wasser; aber alles war fern, wie durch unmeßbare Tiefen von dem dunklen Ufer geschieden, an dem der Mann und das Mädchen nun hinwanderten ohne Ziel. Längst war kein Weg mehr unter ihren Füßen. Nur schmaler Rasen zwischen Wald und See. Und da war kein Laut mehr zu hören als manchmal das Flüstern des Schilfes — oder das leise Glucksen einer Welle, die sich am Ufer verfing — oder der Atem des Windes — oder der eigene Atem —
Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb das Mädchen stehen und wandte sich um, und da der Mann den Schwung des eigenen Schrittes so rasch nicht abfangen konnte, waren sie Brust an Brust und Arme in Arme verschmolzen — zitternd und tief, wie ein Boot, nicht abgebremst, im Ufer sich einwühlt. Da fühlte er, da begriff der Mann die Hemmungslosigkeit einer jähen Bereitschaft, einen zitternden und doch heftigen Willen zum Untertanwerden; er gab ihr auch Antwort, indem er sich beugte und nahm. Seine Hände nahmen, sein Mund, was sich zu ihm drängte. Aber niemals in seinem Leben hatte den Mann etwas so mit letzter Traurigkeit erfüllt wie dieses sein glückloses Nehmen von etwas, das ihm gegeben wurde mit dem inbrünstigen Wunsch, ihn zu beglücken.
Mit Bitterkeit ohnegleichen empfand er die Verdammnis der ritterlichen Heuchelei eines Menschen, der den Tisch einer Bettlerin leer ißt, hungriger als zuvor davon aufsteht und sagt: ›Danke, du hast mich gesättigt!‹
Ach Reichtum, ach Fülle, daraus er nicht mehr zu schöpfen vermochte — hatte er sie denn wirklich niemals begriffen, solange sie noch sein gewesen waren?
Er wollte nicht denken, aber er mußte denken. Er ließ das Mädchen los und warf sich im Gras auf die Brust, den Kopf in die Arme wühlend. Er riß sich die Haut der Handflächen mit den Nägeln auf: nicht sich erinnern — er wollte sich nicht erinnern! Aber die großen, die feuerleuchtenden, die triumphierenden und strahlenden Erinnerungen stürzten sich auf ihn und überflammten sein Herz, das zu ersticken drohte an dem Namen, den es nicht nennen wollte und ewig nannte.
Die Stimme der kleinen Dirne schmeichelte sich in sein Ohr:
»Bist du nun froh, du?«
Armut! Armut! Armut!
Er wälzte sich auf den Rücken und streckte die Hände aus:
»Nicht sprechen ... Nicht sprechen ...«
Die Flucht ins Negative ...
Auf dem jetzt ganz kindlichen Gesicht des Mädchens, das neben ihm kniete, lag ein Ausdruck so rührenden und naiven Stolzes, daß er die Hand ausstreckte und mit abgewendetem Kopf das schmiegsame Geschöpf in seine Arme zog.
Sie lag ganz still, wie ein kleiner, zufriedener Hund. Sie schien ein wenig zu frieren. Sie zitterte leise.
Plötzlich, den Blick zum Himmel aufgehoben, der seine Sterne als ein Meer von Lichtern in die blaue Sommernacht verschüttete, plötzlich wußte er, warum ihn die Gemeinschaft mit dem Geschöpf der Straße in diesem Julibett aus grünem Gras und weißem Sand so traurig machte. Dieser armen Hand einer kleinen Straßendirne war es nicht mehr gegeben, die Tür zu öffnen, die den Garten Eden, das Paradies von Baum und Strauch umschloß. Diesen armen Füßen, an grauen Asphalt verkauft, war es nicht mehr gegeben, durch die Tür zu gehen, hinter der die Einfalt von Gras und Wellen wohnte. Diesem bleichen Körper war es nicht mehr gegeben, in dem Strom seines Blutes die Ströme rauschen zu hören, die aus den Tiefen der Erde nach oben steigen und aus denen die Ozeane der Erde trinken. Sie fand nicht mehr heim zu der Mutter, der Ackerkrume, nach der sie sich sehnte, und wenn sie in brennendem Heimweh versuchte, sich nackt an die Erde zu betten, so war sie nicht nackt, nur ein Mensch ohne Kleider, der fror.
Gedankenlos griff er nach einer Zigarette.
»Gib mir auch eine!« bettelte sie, sich neben ihm aufsetzend. Als er ihr Feuer gab und die kleine gelbe Flamme einen Augenblick lang das Gesicht des Mädchens beleuchtete, fuhr es ihm durch den Kopf: Ob sie alle so sind? bind er betrachtete die kleine gelbe Flamme, als wüßte sie um die Lösung.
»Was denkst du?« fragte das Mädchen aufmerksam und etwas gekränkt.
Er löschte das Feuerzeug aus und steckte es ein. Er zögerte. Er nahm die Zigarette aus dem Mund und heftete den Blick auf ihren roten Glutpunkt.
»Nichts Besonderes«, meinte er. »Ich mußte nur an das Mädchen denken — vorhin, auf der Straße ... du weißt schon, wen ich meine ...«
Sie schlang die Arme um die hochgezogenen Knie und rauchte erbittert. Sie sprach mit der Zigarette im Mundwinkel, ein Auge fest zugekniffen.
»Ich hab dir doch schon jesagt, bei der wirste kein Glück haben! Die hat's nich nötig! Die is Kassiererin in 'ner Bar. Und außerdem hat se 'nen Freund, der is Droschkenschofför. Warum denkste schon wieder an die —?! Jefällt se dir so viel besser —?!«
»Ich will gar kein Glück bei ihr haben. Sie hat mir auch gar nicht besonders gefallen. Ich möchte nur wissen, ja, ich möchte gern wissen«, er lächelte fast ein wenig verwundert, »warum sie vor mir davongelaufen ist ...«
Das Mädchen hatte den Kopf ganz zur Seite gebogen und bemißtraute den Mann mit schrägen Blicken.
»Weiter nischt?«
»Nein. Weiter durchaus nichts.«
»Na ...« Sie schien noch nicht völlig von seiner Aufrichtigkeit überzeugt, doch sie beruhigte sich mit einem Achselzucken. »Schließlich — ich brauch' dir ja keen' Namen zu sagen ... ich kann mir schon denken, warum sie von dir nich anjesprochen sein wollte ...«
»Nun?«
»Weil ihr Freund doch damals die Sache mit deiner Frau jehabt hat ...«
In diesem Augenblick wurde Ebro Mannegold das Opfer einer sonderbaren und durchdringenden Impression. Er hörte den Abschuß eines Riesengeschosses, das Heulen der Luft, die es durchraste, das Bersten des Aufschlags und die erdzerreißende Katastrophe der Explosion, und all das spielte sich in seinem Kopf ab, und zwar gleichzeitig, in ein und derselben Sekunde.
Betäubt, stupide, schläfrig fragte er:
»Was für eine Sache ...?«
»Na damals — die Einbruchsjeschichte ...!«
»Was für eine Einbruchsgeschichte ...?«
Sie nahm die Zigarette aus dem Mund.
»Ach so — du weißt von nischt? Deine Frau hat dicht jehalten? Find' ich knorke von ihr. Aber eigentlich sieht es ihr ähnlich ...«
Ein Gefühl von Übelkeit befiel den Mann, als habe er etwas Giftiges gegessen. Die Tradition des Hauses Mannegold und aller Bürgerhäuser gespensterte flüchtig durch sein Bewußtsein und leierte einen abgeschmackten Spruch herunter: ›Jetzt mußt du sagen: Ich wünsche nicht, daß eine Straßendirne den Namen meiner Frau in ihren Mund nimmt oder diese Dame gesprächsweise erwähnt!‹ Er sah sich selbst, wie er gegen die Tradition seines Hauses und aller Bürgerhäuser die Zähne fletschte und ihr mit einem unflätigen Gedanken den Rücken kehrte. Er sagte, nach einer neuen Zigarette fingernd und zwei zerkrümelnd, bevor er die dritte zu nehmen imstande war:
»Nein, ich weiß von nichts. Aber es würde mich sehr ... Bitte — wer hat — mit wem? ... Und um was für eine — Geschichte — handelt es sich dabei ...?«
Er beherrschte sich, so gut er es vermochte, und das war herzlich schlecht. Die kleine Dirne betrachtete ihn mit einer Art von latenter weiblicher Rachsucht. Sie sah, daß er tierisch litt, aber eigenes tierisches Leiden, meist vom Manne verursacht, hatte ihr junges Leben zu grausam gebrannt, als daß sie den Willen zur Großmut hätte aufbringen mögen. Sie lachte vor sich hin.
»Siehste, ich sag's ja immer: Du weißt nie, mit wem de schlafen jehst; aber mit wem de verheirat bist, das weißte noch weniger ... Na schön, ick wer' dir die Jeschichte erzählen. Lang is se nich, aber lehrreich wie 'n Kulturfilm. Daß eener keen Geld hat, kann vorkommen. Der Freund von meiner Kollegin — aber damals war se noch nich seine Freundin — und meine Kollegin is se ja eigentlich ooch nich, dafür sorgt schon der Emil. Wenn der bloß sieht, daß einer sich nach der Lolo umguckt, gibt er an wie 'n Pfund Sülze in der Kurve ... Na egal ... Der Emil also war fufzehn Wochen ohne Arbeit. 'n Kerl wie 'n junger Boxer und immer hungrig. Was er sich vom Stempeln jeholt hat, det langte noch nich mal fürs Fahrjeld zum Stellungsuchen. Und immer nein sagen hören, macht ooch nich satt. Also kurz, in der sechzehnten Woche macht er schlapp. Liegt bums! auf der Straße, am Sonntag, vor einem Neubau — und da kriechen zweie heraus, die geben ihm erst mal 'nen Schnaps, zwei janz jehenkte Jungen, kann ick dir sagen! — und dann reden sie dem Emil ein Loch in 'n Bauch, daß er schön doof is, wenn er arbeiten will, wo's nischt zu arbeiten gibt, aber Berufe jenug, die viel einträglicher sind als Motorenschlosser — und das Ende vom Liede war, daß mein Emil in 'ner stockdustern Nacht, versehen mit allem, was 'n guter Schränker nötig hat, ziemlich besoffen, denn er brauchte Mut, mit 'nem scharfgeladenen Revolver in der Hosentasche im Schlafzimmer von Frau Generaldirektor Mannegold stand ...«
Ein kleiner dumpfer Ton unterbrach das Mädchen. Es war nichts Besonderes geschehen; nur die eine Faust des Mannes war gleichsam von ihm ab und auf die Erde gefallen und lag da im Grase. Er hatte zu rauchen aufgehört. Sein Atem war nicht zu vernehmen. Seine Brust hob und senkte sich nicht. Sein Gesicht schien feucht, denn es schimmerte wie eine breite, metallene Maske.
»Ich möchte doch lieber nich weitererzählen«, sagte das Mädchen geängstigt und bückte sich nach seinem Hut.
»Jetzt wirst du reden«, antwortete ihr die heisere Stimme des Mannes. Die Worte waren kaum zu verstehen, als würden sie von den Zähnen festgehalten.
Das Mädchen zuckte die Achseln und schwieg verbockt. Aber dann siegte ihre Gutmütigkeit.
»Schließlich und endlich is ja jar nischt passiert ... weder Emil'n noch deiner Frau. Bloß 'n furchtbaren Schreck hat'r natürlich jekriegt. Er hat jeglaubt, se is auf ner Gesellschaft. Aber se muß janz jejen's Programm früher nach Hause jegangen sein, denn auf einmal hört 'r, wie jemand det Licht einschaltet, reißt 'n Revolver 'raus und sieht deine Frau, die aufrecht im Bett sitzt und Emil'n anstarrt. Ich kann das nich so erzählen, wie's Emil erzählt. Beim erstenmal hören is mir janz kalt jeworden. Ich weiß doch vom Kientopp, wie so was ausgeht. Entweder der Einbrecher is mies, hat keen' Kragen und Bartstoppeln, denn wird 'r hopp jenomm'. Oder er is frisch rasiert und im Frack, denn macht sie 'ne große Kiste auf und erinnert ihn an seine tote Mutter, oder er sieht ihre Spitzenwäsche, und dann blendet's ab, von wejen de Zensur, oder sie schreit um Hilfe, aber kurz eh die kommt, kriegt sie's mit dem ero... erotischen Edelmut und versteckt ihn unter ihrer seidenen Steppdecke. Wat glaubste nu wohl, daß deine Frau jemacht hat?«
Ebro Mannegold antwortete nicht. Die verlassene Hand, die in seinem Schoß lag, versuchte, die Stirn zu erreichen, um ihm zu helfen, aber sie kam nicht einmal bis zum Halse.
»Deine Frau«, fuhr das Mädchen fort, und ihre frische Stimme zwitscherte los wie eine erwachende Lerche, »deine Frau macht jar nischt von alledem. Sie kiekt bloß immer auf Emil'n mit'm Revolver. Emil is jetzt vor Schreck so nüchtern wie'n Karpfen. Emil sagt: ›Wenn Se sich mucksen, steh ick for nischt! In dem Ding sin sieben Schuß, un ick habe nischt zu valieren!‹ Deine Frau schüttelt so'n bißchen den Kopf, jar nich weiter aufjeregt, mehr so, als tät'r ihr leid, der Emil — und sagt ... Emil kann das jroßartig nachmachen ... sagt ganz ruhig und sachlich, im schönsten Berliner Tonfall: ›Nu sage mal, Mensch — haste das nu wirklich nötig?‹«
Sie seufzte und schüttelte ihrerseits den Kopf.
»Nee, ich kann's nich erzählen. Das kann bloß der Emil. Der hat die Geschichte schon dreitausendmal erzählt, und immer an dieser Stelle macht er 'ne Pause ... ich denke mir manchmal: in diesem Augenblick hat irgend jemand das Steuer von seinem Leben auf die andere Seite gedreht ... das kommt ja nich oft vor, aber vorkommen kann's ...«
Ebro Mannegold sammelte seine Hände ein, und sie schlossen sich ineinander.
»Und dann?« fragte er; seine Stimme war noch immer vollkommen heiser.
»Ja dann ... dann hat se ihm erst mal was zu essen gegeben — un hat sich erzählen lassen und hat'n jefragt, was er is, von Beruf, usw., und allens janz friedlich. Un schließlich hat se jesagt: ›Sieh mal, mein Junge, bei mir haste ja Glück jehabt. Ich bin nich sehr schreckhaft, un mir liegt auch nich so furchtbar viel am Leben, daß ich 'n großes Geschrei drum gemacht hätte. Aber nimm nu mal an, daß ich sehr jeschrien hätte, und du, in deiner Angst, entdeckt zu werden, du hättest auf mich jeschossen, bloß um mich still zu machen — was für'n Unfug wäre daraus entstanden! Also wenn de mal wieder einbrechen mußt, dann nimm erstens keen Revolver mit, denn der setzt dich ins Unrecht — und zweitens, mein Junge, informier dich besser! So'ne Sache wie heute, das is 'ne Schlamperei!‹ Und denn hat se'n wechjeschickt un hat jesagt, er soll am nächsten Tag wiederkommen, da und da hin, und da wird se auch sein. Se war auch da. Un denn hat se'm det Jeld für 'ne Autodroschke jegeben — das heißt: nee, erst hat'r mit ihr 'ne Probefahrt machen müssen, weil se jesagt hat, se will erst mal sehen, wen se da auf de Menschheit loslassen will. Aber der Emil is 'n sehr juter Fahrer, der hat die Prüfung richtig mit Glanz bestanden. Er und die Lolo, die eigentlich Annemie heißt, die wollen später, wenn se verheirat' sind, 'ne Wirtschaft aufmachen mit 'ner Tankstelle bei, un womöglich 'ner Autoreparaturwerkstatt. Un wenn dann wat Kleenes kommt, hat Emil jesagt, denn wird es Jo genannt, janz wurscht, ob Junge oder Mädel; dat hätt' se um ihn vadient, deine Frau.«
Sie nahm ihren Hut und zog ihn über den Kopf.
»Un jetzt will ick dir auch sagen«, fuhr sie fort mit einem fast knabenhaft herben Klang in der Stimme, »warum ich dich jestern abend anjequatscht habe. Ob de mir's nu glaubst oder nich: wegen deiner Frau! Ick kenn se, der Emil hat se mir mal jezeigt. Und ick hab mich nich schlecht jewundert, wie ick dir auf'm Fleischmarkt jesehen hab. Aber ick hab mir jedacht: wenn er schon fremd geht, der Herr Mannegold, denn wenigstens mit'm Mächen, das garantiert prima jesund is! So! Nu weeßte warum!«
Eine lange Stille folgte. Aus sehr, sehr vagen Erinnerungen tauchten Worte auf im Gehirn des Mannes: Und nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge bis ans äußerste Meer, so wärest du auch da, und wenn ich mir ein Bett in der Hölle suchte, auch in der Holle würde ich dir begegnen ... Hat es Zweck, zu versuchen, dir zu entkommen, Jo? Nein, es hat gar keinen Zweck ... Was will ich also? Ich will meinen Frieden mit dir machen, Jo ...
Er fragte mit einer Stimme, die klang, als sei er betrunken:
»Kleine Trude, möchtest du auch eine Wirtschaft haben — mit einer Tankstelle dabei?«
»Och ... nee ... ich hab andre Pläne ...«
»So —? Was denn für Pläne? — Möchtest du heiraten?«
»Nee.«
»Warum nicht?«
Sie zuckte die Achseln.
»Ein Mann, wie ich mir einen wünschen würde, der heirat' keen Mädel, das auf'n Strich geht. Un 'n andern ... nee, danke, Komma. Nich jeschenkt ...«
»Also was möchtest du haben, kleine Trude?«
Sie schob den Fuß hin und her, hielt den Kopf gesenkt.
»Entweder 'ne Animierkneipe in Sankt Pauli oder 'n Milch- und Buttergeschäft in Berlin ...«
»Dazu bist du doch noch viel zu jung ...«
»Ich würd's ja auch nich allein machen. Meine Freundin, die Cläre, die is viel älter als ich und kennt den Zimt aus'm Effeff, die sagt immer: 'n gut jeleiteter Puff und 'n Lebensmitteljeschäft, das sind todsichere Kapitalsanlagen. Warum? — Weil das lebenswichtige Betriebe sind. Na, ich persönlich würde ja nu 'n Milchjeschäft vorziehen. Mit 'n Mächens, das is so 'ne Sache. Die meisten sind faule Schweine. Die meisten Menschen sind Schweine, nich nur die Mächens. Aber so'n Milchjeschäft ... Sauber! ... Ich hab so gern saubere Sachen. Ganz weiße Kacheln un Nickel und Jlas, und ich selber von morjens bis abends so weiß wie'n Schneeglöckchen. Zu mir müßten die Kunden kilometerweit kommen, bloß wejen die Sauberkeit ... Na ja ... jeder Mensch hat sein Vogel, sagt man. Das hier is meiner ...«
»Kleine Trude«, sagte der Mann, »was kostet ein Milchgeschäft?«
Das Mädchen riß den Kopf hoch. Es sah dem Mann ins Gesicht. Es sagte nach einer Weile, mit einem zugleich nachdenklichen und listigen Lächeln:
»Ick kann mir ja täuschen ... aber ich glaube, du beneidest deine Frau um die Sache mit Emil ...«
»Bei Gott, du hast recht, kleines Mädchen!« sagte der Mann.
Eine Viertelstunde später klopfte vor dem Eingang zu Dominicus der Motor einer Autotaxe wie ein Menschenherz. Ein Mann stand neben der Tür. Ein Mädchen sah zu ihm auf.
»Das Ganze is doch bloß 'n dummer Witz!« sagte es zornig und zitterte wie ein Hälmchen.
»Nein, Kind — Herrgott, paß doch auf, was ich dir sage! In diesem Umschlag ist der Scheck und die Bestätigung, daß er dir rechtmäßig gehört. Morgen früh um neun, d. h. eigentlich also heute — gehst du zu meiner Bank und hebst dir das Geld ab — ist das klar?«
»Ja ...«
»Dann leb wohl, kleine Trude. — Ich danke dir für die Nacht ...«
»Aber, lieber Gott ...« Ihre Hand lag ratlos in seiner Hand, »wenn du jeder Nutte von Groß-Berlin 'n Milchjeschäft schenken willst —«
»Keine Angst vor der Konkurrenz, kleine Trude ... du wirst die einzige bleiben!«
Er schüttelte ihr die Hand und ging. Zu Vollrath. Vollrath öffnete ihm die Tür. Ebro Mannegold sah nach dem Himmel, nach der Uhr.
»Gleich halb drei ... wenn wir geradewegs losfahren — Vollrath — —«
»— — Jawohl — —?«
»— — wann können wir dann in Berchtesgaden sein?«
Vollraths Gesicht überlief sich dunkelrot.
»Wenn nicht zu viel Straßen gesperrt sind — heut abend gegen sechs ...«
Das hieß, am Abend bei Jo sein ...
»Also los!«
Zwei Türen flogen ins Schloß. Der Motor sprang an. Mit einem erschütternden Freudengeheul bemächtigte sich das Lied des Kompressors der Straße.
Die Straße war herrlich. Die Straße führte zu Jo.
Ebro Mannegold hatte den Hut vom Kopf genommen. Der Luftzug durchpfiff ihm die Haare. Er gab sich ihm hin. Er hielt die Augen geschlossen und hörte das sonderbar scharfe, fast zischende Vorüberflitzen an den Straßenbäumen. Hundertzehn Kilometer durchgehaltenes Tempo. Vollrath war unvergleichlich und tat sein Bestes. Denn es ging zu Jo.
Was Jo wohl sagen würde? Und wie ihn empfangen? Sie würde lachen, natürlich ... Und sie nicht allein ...
Schon Vollrath lachte. Vor Freude, gewiß. Aber ob nicht auch — ganz verstohlen — über ihn? Über das gymnasiastenhafte Ungestüm dieses Losfahrens? Im Grunde genommen, war es ja auch ein Irrsinn. Es wäre sehr viel vernünftiger gewesen, in aller Ruhe zuerst nach Hause zu fahren, das Nötigste einzupacken, Josy zu verständigen und die Vierling. Es war sogar unerläßlich notwendig, die beiden zu verständigen ... Er konnte freilich von unterwegs anrufen, aber wie sollte er die Jäheit seines Entschlusses, den Unfug dieser Überstürzung begründen? — Es gab keine Begründung. Er hatte völlig blind und triebhaft aus dem Impuls heraus gehandelt, und wie ein Vakuum saugte dieser Impuls ihn auf ... ›Ich wollte zu Jo. Ich wollte heut abend bei Jo sein ...‹ Das war alles, was er zu seiner Rechtfertigung aufbrachte.
Josy würde grinsen und die Vierling lächeln. Einige würden wahrscheinlich den Kopf schütteln ... Nein, so ging es nicht. Wenn er jetzt nach Hause fuhr und seine Vorbereitungen mit etwas mehr Haltung traf — das bedeutete schlimmstenfalls eine Verzögerung von einigen Stunden, und er konnte noch immer am Abend bei Jo sein ...
Von Minute zu Minute bemächtigte sich der anbrechende Alltag gründlicher seiner Straße.
Hundertdreißig Kilometer.
Es war Verschwendung von Betriebsstoff, wenn er noch weiter fuhr, im Innern doch schon entschlossen, nicht weiter zu fahren.
Es ging nicht. Nein, es ging wirklich nicht. Außerdem war es eine unverantwortliche Rücksichtslosigkeit, auf und davon zu jagen, ohne sich wenigstens von der Mutter zu verabschieden, die ja noch immer sehr krank war ...
Vorsichtig rief er den Fahrer an. Aber der hörte nicht. Wollte er nicht hören?
»Vollrath —!«
Ein leichtes, aufhorchendes Rucken des Nackens.
»Kehren Sie um! Wir fahren zuerst noch einmal nach Hause ...«
Einen Augenblick lang sah es aus, als wollte der Wagen mit dem rasenden Schwung, den er hatte, eine Telegraphenstange hinaufklettern. Dann stand er. Pochte. Vollrath rührte sich nicht. Er saß mit zusammengezogenen Schultern da, als hätte er einen Schlag auf den Schädel bekommen. Ebro Mannegold strich sein zerflattertes Haar zurück und setzte den Hut auf. Er war graublaß im Gesicht. Zwischen entfärbten Lidern hervor, die Lippen zwischen die Zähne gezogen, sah er auf Vollrath.
Mit einem Atemzug, der kein Ende nahm, richtete Vollrath sich auf. Die weich wendenden Räder prägten ihr Muster scharf in den Sommerstaub. Ebro Mannegold drückte sich in die Ecke zurück, in der er saß, und plötzlich war er sehr müde.
Aus Feldern, aus Wäldern, aus Wiesen, die alle Verheißungen schönerer Felder, Wälder und Wiesen waren, ging es zurück in die Stadt, die ihn gleichgültig aufnahm.
Dreihundert Meter von seinem Hause entfernt sagte Ebro Mannegold — und sonderbarerweise klang seine Stimme bei zweiundzwanzig Grad Morgentemperatur, als ob er fröre:
»Fahren Sie mich zu meiner Mutter, Vollrath ...«
Stumm machte Vollrath kehrt.
Aber als er vor der Gartentür der alten Frau Mannegold den Motor abgestellt hatte, schob er sich aus dem Fahrersitz heraus und seinem Chef in den Weg.
»Herr Mannegold —«
Schweigend, verhalten, ein Aufblick.
»Heut ist der 15. Juli ...« Atemholen. »Ich bitte um meine Entlassung zum 1. August.«
Keine Antwort.
»... und es wäre mir lieb, wenn ich noch heute aus dem Dienst gehen könnte ...«
Ebro Mannegolds Schultern schoben sich langsam hoch. Sein Mund verquerte sich im graublassen Gesicht.
»Schert euch zum Teufel — alle miteinander«, sagte er heiser. Er kehrte Vollrath den Rücken. Als er die Gartentür zum Hause seiner Kindheit öffnen wollte, wußte er nicht mehr, ob sich die Klinke rechts oder links befand. Vollrath sprang zu und schob die Tür vor ihm auf.
Aber der Chef des Hauses Mannegold & Co. drehte sich um und ging hastig die Straße entlang; das sah aus, als liefe er auf seinem eigenen Schatten.
Jo las im Gehen Tillys Brief, den ihr der Postbote unterwegs ausgehändigt hatte. Sie las ihn langsam, kostete seine Worte durch, wollte auf den Grundgeschmack kommen. Es war der gleiche wie in allen Briefen Tillys seit ihrer und Josys Abreise.
Bittersüß. Bittersüß.
»Ich bin krank vor Heimweh nach Dir und dem Haus, den Bergen, den Bäumen, den Tagen, den Nächten. Ach Jo, ich bitte Dich, ich bitte Dich aus tiefster, lauterster Selbstsucht: Verteidige Dein Haus, das geliebte, frevlerische Haus, das Du ›Glück‹ genannt hast, verteidige das Haus und Dich! Man wird Euch nicht in Ruhe lassen, und Josy und ich brauchen die Gewißheit, daß Du und das Haus unerschütterlich auf dem alten Fleck stehen, damit wir zu Euch kommen können, wenn wir die Sehnsucht nach Euch nicht mehr ertragen können. Es geht etwas vor in der Familie. Ich weiß nicht, was. Man vermeidet es ostentativ, mich ins Vertrauen zu ziehen. Begreiflich, nach dem Erfolg meiner diplomatischen Sendung. Jo, was hast Du aus mir gemacht? Eine fremde Frau sieht mich aus dem Spiegel an. Ich glaube, ich bin voller Werden. Es ist Juli, aber ich fühle in mir April, den späten April, wenn die Walpurgisnacht schon in den Windstößen spukt. Ich habe mir das Heuhaar kurz geschnitten. Was nachwächst, pflege ich, wie ein Chemiker seine kostbarsten Bazillenkulturen pflegt. Muß auch sein, weil Josy vielleicht bald wiederkommt. Ja, Josy ist weg. Komisch, fünf Millionen Menschen laufen in dieser Stadt herum. Und wenn einer weg ist, sind alle andern von den fünf Millionen auch nicht mehr vorhanden. Die Stadt ist leer, leer. Er ruft mich jede Nacht an. Manchmal ist Musik da, wo er spricht. Ich glaube, er will, daß ich sie höre. Es macht nichts. Beinahe nichts. Verzeih die Flecken, ich bin ein bißchen blödsinnig. Einmal hat er mich umsonst angerufen, weil ich bei der Mutter war, die noch immer recht leidend ist. Aber das wußte niemand. Um vier Uhr morgens toste er mich aus dem Schlaf und machte einen Höllenkrach. Es war herrlich, Jo. Es war ein großes Erlebnis. Ich stand geduckt und still am Telefon und hörte zu, wie er tobte. Ich mußte an Deine Ulmen im Gewitter denken, wie sie unter den Blitzen im Platzregen zitterten und leuchteten. Er schrie: ›Du hast zu Hause zu sein, bis ich mit Dir gesprochen habe, zum Teufel noch einmal! Ich will wissen, wo ich dich suchen kann mit meinen Gedanken!‹ Ja, Josy! Gut, Josy! Wie du willst, Josy! Ich bin mir bewußt, zu lächeln wie eine Idiotin. Aber wie eine glückliche! Im übrigen spricht er wenig. Er sagt: ›Mädel ...‹ Er sagt: ›Du ...‹ Kein Grund zum Weinen, nicht wahr? Aber ich weine, weil ich rettungslos verloren bin in meine ans Licht gehobene Liebe, und küsse (entschuldige die Flecken, ich heule schon wieder), scheußlich unhygienisch, das Telefon. Manchmal klingt seine Stimme lustig. Manchmal sehr müde. In jedem Falle liebe ich sie bis zur Verblödung. Am Schluß sagt er: ›Gute Nacht, kleine Eidechse! Schlaf gut!‹ Ich weiß, Jo, Du machst Dir nichts daraus, aber Gott segne Dich! Auch dafür, daß die Familie jetzt mit mir böse ist. Ich habe plötzlich für die wunderbarsten Dinge Zeit. Ebro habe ich seit unserer Abrechnung nach meiner Rückkehr nicht wiedergesehen. Er arbeitet wie ein vom Teufel Besessener. Was ich Dich fragen wollte: Hatte er eigentlich schon graue Haare an den Schläfen, als Du weggingst? Jedenfalls, jetzt hat er sie. Und sie stehen ihm ausgezeichnet.«
Als Jo, an dieser Stelle angekommen, unwillkürlich die Augen von dem Brief erhob, um vor sich hin zu schauen, sah sie mitten in ihrem Wege, nicht mehr als fünf Schritte entfernt, die Jungfer ihrer Schwiegermutter stehen, schwarz, schmal und mißbilligend wie immer, ehrerbietig grüßend wie immer.
Jos Füße schlugen Wurzel in der Betonstraße.
»Hallo —!« sagte sie halblaut. Sie steckte Tillys Brief in die Jackentasche. Das Gefühl, das ihr schönes Gesicht mit langsamer Röte überzog, war ein Vetter von Ärger und ein Bruder von Zorn. Sie fragte, sattsam Atem holend, obwohl sie die Antwort kannte: »Warten Sie hier auf mich, Melitte?«
»Jawohl, gnädige Frau.«
»So.« Ein Blick nach oben. »Meine Schwiegermutter ist also auch hier?«
»Die alte Frau Mannegold erwartet die gnädige Frau im Hotel.«
»Im Hotel«, wiederholte Jo, den Ortsbegriff festnagelnd. Sie nahm die Kriegserklärung ruhig zur Kenntnis, doch ihre Augenbrauen wölbten sich in einem plötzlichen blonden Hochmut.
»Die alte Frau Mannegold hat es so angeordnet«, sagte Melitte. Es klang wie ein Achselzucken. Doch sie fügte, vor den kühl und kriegerisch gespannten Bogen über Jos Augen sich plötzlich verwirrend, hinzu: »Wir haben bei der gnädigen Frau angerufen, und man sagte uns, die gnädige Frau sei ins Dorf gegangen und müsse jeden Augenblick zurückkommen ...«
»Da bin ich also«, sagte Jo, das eckige Mädchen ansehend. »Sie können umkehren, Melitte, und mich der alten Frau Mannegold melden.«
Tillys Brief knisterte in der Jackentasche unter den Fingern ihrer linken Hand, als sie das Zimmer betrat, in das man sie führte. Sie blieb an der Tür stehen, weil ihre Augen zunächst nichts unterscheiden konnten. Die Fenster standen weit offen, aber die dreifachen Vorhänge waren zugezogen, so daß schwimmende und beklemmende Trübe den Raum erstickte. Dann kam eine wohlvertraute Stimme sanft auf sie zu.
»Danke, Jo, daß du mich nicht hast warten lassen. Und entschuldige, wenn ich dir nicht entgegengehe. Ich hatte eben nur noch so viel Willenskraft, um bis in dies Zimmer und auf dieses Sofa zu kommen.«
Jo ging der Stimme nach. Sie hielt sich wunderbar aufrecht und senkte den Kopf auch nicht, als sie vor der ausgestreckten Gestalt auf dem Sofa stand. Ihre Augen waren zwei große Lichter im braun erhobenen Gesicht, als sie ruhig fragte: »Findest du das fair play, Mutter?«
»Nein. Nicht ganz. Meine Schwester Berta, die immer auf Seiten der Opposition steht, sagte: ›Man schmeißt nicht mit Müttern nach davongelaufenen Schwiegertöchtern.‹ Trotzdem: Setze dich, Jo. Ich bin hier, weil ich nicht anders kann, genau so, wie du hier bist, weil du nicht anders konntest. Vielleicht war es gut und richtig, daß ich zu dir gefahren bin, und vielleicht war es das Kopfloseste, was ich zeit meines Lebens getan habe. Und ob das, was du getan hast, gut und richtig oder ein wenig kopflos war, darüber wollen wir sprechen, Jo — dazu bin ich hergekommen. — Aber willst du dich nicht setzen?«
»Nein, Mutter. — Mutter, warum bist du gegen dich und mich nicht ehrlich? Weiß Ebro, daß du zu mir gefahren bist?«
»Nein, Jo.«
»Du hast es also ganz auf dich genommen. Du kennst mich und hast mich immer geliebt und mußtest darum wissen: wenn ich von Ebro weglief, so hatte es Gründe in letzten Menschentiefen, und falsch oder richtig, kopflos oder verständig spielte in diesem Spiel keine Rolle mehr. Aber es geht dir auch nicht um Grund und Erkenntnis, Mutter. Du willst mich einfach zur Rückkehr bewegen. Du willst es, weil du einfach Mutter bist, eine Mutter, die es nicht erträgt, daß ihrem Sohn ein Schaden zugefügt wird — und als einen beschämenden Schaden siehst du es an und er selber, die Familie und Gott und die Welt, daß ihm nach fünfzehnjähriger Ehe die Frau davonläuft. Ist es so, Mutter, oder ist es anders?«
Ihre Augen hatten die Trübheit im Zimmer überwunden und konnten das Antlitz der Mutter Ebros erkennen. Es war wie ein Antlitz aus blassestem Elfenbein.
»Würdest du so freundlich sein und Melitte aus dem Nebenzimmer rufen?« fragte die Mutter Ebros, mit ihrer Stimme umgehend wie mit einem kostbaren, aber rettungslos gesprungenen Glas.
Jo öffnete die Tür. Das eckige Mädchen trat ein.
»Geben Sie mir meine Tropfen, Melitte, und legen Sie mir zwei Tabletten neben ein Glas Wasser auf den Tisch«, sagte die alte Frau.
Schweigend kam das Mädchen den Anordnungen nach. Jos Nasenflügel bewegten sich witternd. Dieses Mädchen schien eine Aura von medizinischem Kräutergeist um sich zu haben. Ihre Bewegungen waren vollkommen lautlos, und ihre Lider blieben stets gesenkt. In der Verkniffenheit ihrer blassen Mundwinkel war ein Ausdruck letzter Abneigung gesammelt.
»Danke, Melitte. Ich werde Sie in den nächsten zwei Stunden nicht benötigen. Wenn Sie einen längeren Spaziergang machen wollen, steht dem nichts im Wege.«
Jo sah dem Mädchen nach, das die Tür hinter sich zuzog. Sie blickte auf die alte Frau. Sie ging zu ihr hin und nahm ihr das Glas aus ganz durchsichtigen Fingern. Sie wollte sprechen, aber vor der Bitterkeit ihrer eigenen Worte erschrak ihr eigener Mund und hielt sie in Haft.
»Ich weiß, was du denkst, Jo«, sagte die alte Frau. »Du denkst: So will sie mich fangen, die Mutter Ebros! Sie zeigt mir, wie krank und wie zerbrechlich sie ist, und wird mich mit ihren Tränen einweichen und schluchzen: Bringst du es übers Herz, Jo, mich alte, kränkliche Frau, der nur die Liebe zu ihrem einzigen Jungen die Kraft gegeben hat, vom Bett aufzustehen (und wieviel trägst du an ihrer Krankheit schuld?) — mit leeren Händen, unverrichtetersache, beschämt und kläglich wieder heimzuschicken? Bringst du es übers Herz, dir auszumalen, wie sie vor ihrem Sohne stehen wird, ein kleiner, armer, trauriger Mutterschatten, kopfschüttelnd, ratlos: ›Sie wollte nicht kommen, Ebro! Ich habe sie aus tiefster Seele gebeten! Ich habe alles versucht, sie umzustimmen! Ich habe zu ihr gesagt: Ich bin sehr krank, Jo. Ich lebe nicht mehr lange. Halte bei Ebro aus, bis ich nicht mehr bin! Dann tu, was du mußt! Dann kann ich es nicht mehr hindern! ... Aber sie wollte nicht kommen. Sie hat Nein gesagt!‹ ... Das denkst du, Jo, nicht wahr? Nein, sprich nicht — warte ...«
Das kleine Elfenbeinantlitz hob sich aus den Kissen und schien den zarten Körper, der Ebro geboren hatte, durch magisch gebietende Kraft mit sich emporzuheben, bis er auf Füßen stand. Dieser zarte Körper streckte eine Hand, weiß wie das Blatt einer Magnolienblüte, aus und legte sie auf Jos Arm.
»Laß dir sagen, Jo, daß du recht hast mit dem, was du denkst. Ja, ich zeige dir voller Absicht mein Kranksein und meine Gebrechlichkeit. Ja, ich spiele ein unfaires Spiel, das Spiel der spekulativen Bettelei. Ja, ich weiß, denn ich kenne dich und habe dich immer geliebt: die Gründe, die dich von Ebro weggetrieben haben, müssen Gründe aus letzten Menschentiefen sein, wie du sagst, und dennoch kümmere ich mich um diese Gründe nicht, denn ich bin Ebros Mutter und will nicht und kann's nicht ertragen, daß ihm Schaden und Spott widerfährt — all das ist wahr, und all das hast du erraten. Aber was du nicht weißt, Jo — was du nicht weißt, mein Kind ...«
Sie stand still und schwieg und hatte ein weinendes Lächeln. Jo nahm die Mutter Ebros in ihre Arme.
»Nein, sorge dich nicht, nein, habe nur keine Angst!« sagte die alte Frau. Ihre feinen Blütenblatthände legten sich ein paar Herzschläge lang um Jos Wangen. Ihre alten, ausgebleichten Augen sahen in Jos Augen.
»Kinder«, sagte sie. »Ach, ihr Kinder!«
Sie ließ sie los und ging in das Zimmer hinein, hierhin und dorthin, immer von Jo gewandt. Sie war sehr klein von Gestalt und erinnerte durch die erschöpfte, gleichsam hinsinkende Art ihrer Haltung an eine Traueresche, die im Herbst in einem verlassenen Garten um den Sommer klagt oder sich über einen frischen Hügel beugt, den sie liebkosen möchte.
»Was ist das, was ich nicht weiß, Mutter?« fragte Jo und setzte sich, die Hände auf den Knien faltend.
»Was eine Mutter ist, Jo«, antwortete die alte Frau.
Jo schwieg.
Die Mutter Ebros sprach in den Schatten hinein.
»Laß mir nur Zeit, Jo ... Ich fühle, daß ein Gewitter kommt ... Melitte wird naß werden ... Ich habe viel wach gelegen in den vergangenen Wochen. Wenn man Schmerzen hat und etwas Geduld, dann lernt man sehen in den langen Nächten. Es ist, als rieben die Schmerzen in uns die Fenster klar, durch die wir die Welt um uns betrachten sollten ... Ich wollte dir soviel sagen ... Ja ... Du kennst Berta, meine Schwester Berta, du hast sie immer Tante General genannt. Sie hat ihre eigenen Theorien über Mütter. Sie ist Ärztin, wie du weißt ... Eine wunderbare Ärztin ... Und nur den Müttern gewidmet ... Aber ich fürchte, sie ist in ihrem Wirkungskreis eine Art von angebetetem Schrecken. Ja, ja, ich glaube, die Verehrung, die ihr die armen Weiber entgegenbringen — und sie steckt von früh bis Mitternacht in einem Strudel solcher armen Weiber —, die ist wohl etwas Ähnliches wie Teufelsanbetung. Entsinnst du dich an Tante Berta, Kind?«
»Ja, Mutter. Sehr genau.«
»Nun, sie sagt ... sie steht übrigens auf deiner Seite, Jo, das mußt du wissen ... Sie sagt: ›Sieh sie dir an!‹ (Das war, als sie mich das letztemal durch ihre Mutterheime schleifte!) ›Ich bitte dich, sieh dir diese Idiotinnen an, wie sie in Rührung über ihre Mißgeburten zerschmelzen. Du brauchst nur fünf Minuten lang das Gespräch dreier Mütter über ihre Söhne mit anzuhören, und du begreifst, daß schließlich auch Kain, Marat und Haarmann Mütter hatten.‹ Sie sagt: ›Im Augenblick, wenn eine Frau Mutter wird — und für die mütterliche Frau ist das nicht der Augenblick der Empfängnis oder der Geburt ihres Kindes, sondern der, in dem sie den Mann zu lieben beginnt — in diesem Augenblick‹, sagt Berta, ›muß im Gehirn der Frau eine Ganglie platzen.‹ Ja, ungefähr so drückte sie sich aus. Sie sagt: ›Ich muß und muß herausbekommen, in welcher Gehirnwindung sich dieser heilige Wahnsinn entwickelt, der die gescheitesten Frauen zu Närrinnen werden läßt, dem wir's verdanken, daß es auf Erden nur zweierlei Kinder gibt: die unerhört begabten, bezaubernden, anbetungswürdigen — das sind die eigenen — und die schlecht erzogenen, vorlauten, unausstehlichen, das sind die fremden‹.«
Die Mutter Ebros wandte sich um und lächelte mit ihrem mattweißen Elfenbeingesicht.
»Kann sein, daß sie recht hat, die Tante General mit den wundertätigen Händen, die außer sich sind, wenn es ihnen gelingt, einer schreienden Mutter ihr halbblödes Kind zu retten ... Ich weiß, ich bin eine solche Mutter, Jo ... Nein, natürlich, ich habe keine Mißgeburten in die Welt gesetzt, ich hoffe es wenigstens, aber die Sache ist: wenn es der Fall wäre, Jo, es würde für mich nichts ändern. Ich würde es wohl nicht sehen, Jo. Die Ganglie, verstehst du? Der heilige Mutterwahnsinn. Ich weiß nicht, was ich für Kinder habe. Ich weiß nur, daß ich ihre Mutter bin. Und jetzt weiß ich vor allem, daß ich Ebros Mutter bin ...«
Ihre Stimme glitt fort und versank. Jo sprang auf die Füße. Aber es war, als wollte die Mutter Ebros den Weg, den sie sich vorgezeichnet hatte, bis an den letzten Stein allein gehen, gleich einer Wallfahrt, die sonst nicht gültig gewesen wäre. Mit kleinen, hastigen Schritten der Willenskraft näherte sie sich dem Tisch, auf dem das Glas Wasser stand, verschluckte die Tabletten und trank, eilig, gehorsam gegen den fernen Arzt und demütig in ihrer großen Entschlossenheit.
»Mutterchen ...«
»Warte, Kind, warte ... ich bin gleich soweit. Ich will mich nur setzen ... Hast du ›Mutterchen‹ zu mir gesagt? Du schöne Jo, du schöne, schöne Frau ... ja, ich will um dich kämpfen, du siehst, ich bin ganz ehrlich ... Und was ich vorhin sagte, daß ich jetzt vor allem Ebros Mutter sei ...«
Sie legte ihre Hände auf den Rand des Tisches, an dem sie saß und schien auf etwas in sich selbst zu horchen. Sie sah Jo an ...
»Du mußt verzeihen, daß ich soviel spreche, Jo ... Ich kann nur heute, nur jetzt, nur dieses einzige Mal mit dir sprechen, dann niemals mehr ... und ich habe Angst, zu wenig zu sagen, oder etwas Wichtiges zu vergessen ... Mein Kopf ist nicht sehr zuverlässig jetzt ... Siehst du, es gibt Frauen auf der Welt, die spielen schon in der Wiege oder worin immer sie ihre Säuglingstage verbringen, mit ihren kleinen Füßen Mutter und Kind. Und wenn sie gestorben sind, dann kann man es nicht glauben, daß ein Sarg und ein Grab imstande sind, sie festzuhalten, wenn auf der Erde eines ihrer Kinder hungert oder friert. Wenn aber eins der Kinder vor seiner Mutter stirbt oder wenn sie sehen muß, wie ein lebendiges leidet ...«
Sie nahm ihre Hände an sich und hielt die Gelenke umklammert.
»Sieh, Jo, ich habe vier Kindern das Leben gegeben. Als meine Mutter das erste aus meinem Schoß hob, sagte sie: ›Jetzt beginnt meine gute Zeit!‹ Ich fragte: ›Warum, Mutter?‹ Sie sagte: ›Das wirst du lernen, meine kleine Tochter! Die Kinder entwachsen uns und laufen davon, aber die Enkel geben uns alles Süße der Kinder, und dann sind wir's, die davonlaufen; wir lassen ihnen nicht Zeit, uns auch zu verlassen. Wir sind dann listig geworden und sterben beizeiten ...‹ Sie ist nun lange tot, die klug lächelnde Frau ...«
Sie sank ein wenig zusammen und raffte sich auf.
»Zwei meiner Kinder hast du nicht gekannt, Jo. Es waren Zwillings-Söhne, und ich säugte sie an meinen Brüsten, die, wie Quellen der Liebe, unerschöpflich waren. Ich weinte, als ich sie entwöhnen mußte. Ich hatte von wilden Völkern gelesen, deren Mütter die Kinder noch säugen, wenn sie längst laufen können, wenn sie, zwei Jahre alt und älter, vom Spielen heiß und durstig kommen und selber betteln: ›Ich will bei dir trinken, Mutter!‹ Ich habe sie so beneidet, diese Mütter. Nun, meine beiden starben am gleichen Tag. Wahrscheinlich hat sie die gleiche Granate zerrissen. An irgendein Kreuz in den Kreuzwäldern vor Verdun hat man ihre Namen geschrieben. Das ist alles, was übrig blieb. Aber, Jo, wenn ich an sie denke, dann träum' ich, sie sind wieder klein, ich habe sie wieder und halte sie in den Armen und lasse sie wieder an meinen Brüsten trinken, die kleinen, dunklen Köpfe, die kleinen Fäuste, und doch sind sie zugleich erwachsen und tot, und ich bin nur eine Gespenster-Mutter und säuge Gespenster in einem großen Wald von hölzernen Kreuzen, der so furchtbar wirkt, weil er so ordentlich ist ... Ich glaube, eine Mutter hört nie auf, ihr Kind zu säugen. Und ›Tod‹ will nicht viel heißen, wenn eine Mutter zu ihrem Kinde will ...«
Sie lächelte vor sich hin, und in ihrem Lächeln war ein Ausdruck von listiger Fröhlichkeit, als rechne sie nach, wie oft ihre Träume dem Tod ein Schnippchen geschlagen hatten. Dann seufzte sie auf.
»Ja ... später kam Josy und nahm mir die Tochter fort. Ich habe recht Angst um sie gehabt. Doch Töchter sind anders als Söhne. Sie sind wohl selbständiger, scheint mir. Und vielleicht sind sie auch schon Mütter in ihren Herzen, sobald sie lieben, und hegen den Mann in sich, wie Mütter mit ihren Kindern tun, und lassen sie nicht bekritteln. Ich weiß, wie trotzig ich gegen meine Mutter war ... Aber da ist nun Ebro.«
Sie beugte sich vor und sah in die Augen Jos.
»Nun habe ich so viele Worte gesprochen, Jo, und es ist nicht eins darunter, das Gewicht hat, das weiß ich. Deine klaren Augen sehen mich mitleidig an. Aber wenn ich dich jetzt bitte: Komm zu Ebro zurück, Jo! — dann wirst du den Kopf schütteln, nicht wahr, Jo?«
»Nein, Mutter.«
»Nein ...?« Das kleine Elfenbeinantlitz rötete sich unter einer jähen, fast bestürzten Freude. Hoffen und Zaghaftigkeit lächelten mit verweintem Munde. »Nein, Jo ...? Du sagst: Nein ...? Du willst mit mir kommen?«
»Ich werde das tun, was du für richtig hältst, Mutter, wenn ich nun auch zu dir gesprochen habe.«
»Ach Jo, für mich gibt's kein Richtig und kein Falsch. Ebros Frau ist von ihm fortgegangen. Ebro will seine Frau wiederhaben. Und ich bin seine Mutter. Das ist alles.«
»Ebro will seine Frau wiederhaben ... Aber wer ist Ebros Frau?«
Die Augen der Mutter, noch weinend und erschrocken, blickten auf Jo.
»Bist du es denn nicht mehr?«
»Nein, Mutter.«
»Ach mein Gott — hast du einen andern lieb?«
»Ja.«
»Wer ist der andere, Jo — kannst du mir das sagen?«
»Der andere, Mutter, ist Ebro ... Es ist noch Ebro ...«
Die alte Frau erhob sich. Auch Jo stand auf. Die alte Frau machte mit ihrer durchsichtigen Hand ein Zeichen: Bleib sitzen, Jo ... Ihr Elfenbeingesicht war tiefstes Lauschen, höchste Aufmerksamkeit.
»Sag, Mutter, hat Ebro Sehnsucht nach mir?«
»Ja, Jo!«
»Warum kommt er dann nicht zu mir? Warum holt er mich nicht?«
»Er findet den Weg nicht, Kind ...«
»Dann hat er auch keine Sehnsucht. Ich meine nicht die nach der Gemeinschaft von Tisch und Bett. Ich meine die andere, die einzige, die Wert hat, die nur aus einem kommt: aus Innewerden und Niemehrlassenkönnen ... Aber wo keine Sehnsucht ist, da ist auch kein Weg. Aller Wege erster und letzter Sinn ist Sehnsucht. Das ist wie in den tiefen Märchen, Mutter, wo der Mann ein heiliges Gebot verletzt hat und sein Weib ihn verlassen muß, obwohl sie ihn liebt. Dann bleibt ihm auch nichts anderes übrig, als sein Königreich im Stich zu lassen und ohne Abschied von Vater und Mutter sich auf den Weg zu machen und sein Weib zu suchen, sei's auch jenseits von Sonne und Mond und am Ende der Welt. Auf diesem Wege muß er viel Kämpfe bestehen, viel Ungeheuer erlegen, viel Leid ertragen. Und niemand vermag ihm zu helfen als seine Sehnsucht. Aber die ist wirklich so stark, daß sie immer ans Ziel kommt. Dann bringt er, ein wissender und verwandelter Mensch, die Frau, die er liebt und wiedergefunden hat, heim in sein Reich, und — so schließen die Märchen — ›von nun an lebten sie zusammen in großer Glückseligkeit!‹ ... Glaubst du, Mutter, daß solche Sehnsucht nach Liebe, solch ein Wille zur Liebe in Ebro lebendig ist?«
Die alte Frau wollte reden, aber sie schwieg. Das kleine blasse Elfenbeingesicht schien von einem bösen Schabmesser zerstört zu werden.
»Das ist gut, daß du ehrlich bist gegen mich, Mutter. Denn siehst du, wenn du mich jetzt belogen hättest, ich hätte dir vielleicht sogar geglaubt. So stark ist Sehnsucht in mir selbst — nach Ebro. Nach Ebro, wie er war. Aber glaube mir, die beiden Söhne, die du verloren hast, die sind dir nicht so entrissen, wie Ebro mir. Ja, wenn deine armen toten Söhne zu mir aus dem Grabe kämen, ich würde an ihrer Seite nicht so bis ins Mark hinein frieren wie neben Ebro, der lebt und die rechte Sehnsucht nicht hat.«
Die alte Mutter weinte in ihre Hände.
»Wie ist es nur möglich«, klagte sie verzweifelt, »daß es zwischen euch so weit hat kommen können?«
Jo glättete mit der Hand ihre grübelnden Brauen.
»Vielleicht war er meiner immer allzu sicher. Vielleicht bin ich ihm immer zu nahe gewesen. Das allzu Sichere schätzt man nicht sehr hoch ein, und das allzu Nahe übersieht man leicht.«
»Und glaubst du nicht, Jo — du hörst, ich kann es nicht lassen, nach Wegen zu suchen und nach Möglichkeiten, das mußt du der Mutter in mir zugute halten —, glaubst du nicht, daß in Ebro doch einmal wach wird, was du die rechte Sehnsucht nennst?«
»Vielleicht ...«
»Willst du dann nicht Geduld mit ihm haben, Jo? Willst du dann nicht zu ihm kommen und darauf warten?«
»Ich kann nicht wieder zu dem Ebro von heute kommen, Mutter, denn ich würde ihn, wach wie ich jetzt bin, vom Tage meiner Rückkehr an betrügen — und sei es auch nur mit ihm selbst!«
»... Das verstehe ich nicht ...«
»Es ist ganz leicht zu verstehen. Siehst du, Mutter, wenn ein Mann von der eigenen Frau, die er liebt, zu fremden geht, so ist das, weil ihn etwas Neues lockt. Etwas Unbekanntes, einfach anderes. Er geht der Verheißung ins Garn, nicht der Erfüllung. Ich bin kein Mann, aber ich könnte mir vorstellen, daß der Mann überhaupt nichts sucht als das Spiel von Lockung, Anklopfen, Fragen, Tasten: Wie bist du, wenn ... Wie reagierst du auf ... Und daß er fünfzig von hundert Malen das Spiel nur bis zu Ende treibt, bis zur Besitzergreifung, um die Frau nicht zu kränken: rein aus Höflichkeit. Er sucht die einzelnen Strahlen vom Prisma der Liebe und sättigt sich hier an Rot, da an Violett, da an tieferem Blau, dort an hellerem, und all das hat mit Liebe nichts zu tun. All die fremde Buntheit ändert nichts daran, daß die all-einzige Liebe zu der all-einzigen Frau ganz strahlend weiß ist, ungebrochen weiß. Verstehst du mich, Mutter?«
»Fast ... Sprich weiter, Kind ...«
»Aber die Frau ist anders ... Die Frau, die liebt, ist anders ... Sie sieht die Welt allein durch den Geliebten. Die Melodien der Schöpfung verrauschen ihr ungehört, wenn sie sie nicht mit dem Ohr des Geliebten hört. Das Prisma der Welt, der Regenbogen Gottes zerspringt, wenn die Liebe der Frau in Stücke geht. Und meine Liebe ist in Stücke gegangen. Was würde mir übrigbleiben, Mutter, als von nun an den gleichen armseligen Weg zu gehen, den alle enttäuschten Frauen gehen müssen? Ebro ist nicht mehr Ebro; aber Hans hat manchmal, in ganz bestimmter Beleuchtung, das Lächeln Ebros, darum küßt man den Hans. Und Heinz, der sonst so fremd ist wie ein Malaienidiom, der hat, wenn er traurig ist und die Wimpern senkt, einen Zug um die Brauen, den Ebro hatte und der an Ebro so herzaufwühlend wirkte. Muß eine Frau da nicht alles tun, um Heinz traurig zu machen und dann seine Brauen mit den Fingerspitzen zu liebkosen und dabei, tief innerlich weinend, an Ebro zu denken? Und Lutz, der im allgemeinen ein Ekel ist, Lutz hat im Profil das Kinn und die Stirn von Ebro. Nur im Profil; wenn er sich zu einem wendet, möchte man ihn erschlagen vor Ungeduld. Aber man kann es nicht lassen, die Ähnlichkeit mit Ebros Profil an ihm zu lieben, und das Unglück ist nur, daß es keinen Lutz auf der Welt gibt, der das nicht mißverstünde und sich nicht einbildete, er würde von Kopf bis zu Füßen geliebt, der arme Narr. Und Ebros Hände — ja, Mutter, ich kann mir schon denken, daß man die Hände von Willy und Felix und Klaus, von Mohammed, Buddha und Luzifer nimmt und liebkost, um das eine Umschließen, den einen Gegendruck noch einmal zu fühlen, unter dem unser Herz in Ebros Händen stillstand. In hundert Männern sucht man den einen Mann wieder. Den zersprungenen Regenbogen. Das zersprengte Prisma. Und kein bittrerer Haß ist in der Welt als der Haß der Frau, die in trauriger Tollheit den Mann, der nicht mehr der einst geliebte ist, betrügt, um ihn sich stückweise wieder zusammenzusuchen in anderen Männern. Willst du, daß dieser Haß in mir aufwacht, Mutter?«
In das fahle Schweigen, das auf die Worte Jos folgte, polterte ungeschickt der erste mürrische Donner.
»Wie furchtbar mutig ihr seid, ihr Frauen von heute!« sagte die alte Mutter und senkte den Kopf.
Ohne Laut lachte Jo vor sich hin. Und von diesem Lachen blieb eine Blässe auf ihren Lippen zurück.
»Nein, Mutter. Nein. Sie sind noch lange nicht mutig. Aber gnade Gott, wenn sie es einmal werden! Ich sage dir, Mutter, es hat auf der Welt noch keine Revolution gegeben, die diesen Namen verdiente, und es wird keine geben bis zu dem Tage, an dem die Frau jedes Wort, mit dem die Dichtung des Mannes sie aus Haß oder Liebe terrorisiert, in endlichem Sattsein der Lüge als Lüge entlarvt. Die schöne Gemeinschaft der Geschlechter geht daran zugrunde, daß die Frau es einfach nicht schafft, dem tausendjährigen Unfug der Literatur über sich zu entsprechen oder ihn zu entkräften. Der Mann stellt die Welt auf den Kopf und dichtet sich eine Gottheit, die gleichzeitig Jungfrau und Mutter ist. Von der Valkyrie bis zum Vamp, von der großen Kurtisane bis zur kleinen Geisha: der Gesamtkomplex Weib ist erlogen. Der Mann hat gedichtet, die Frau sei schamhaft. Kein Wort davon wahr. Die Frau ist schamhaft, wenn sie liebt oder wenn sie häßlich ist; sonst ist sie die geborne Exhibitionistin, mal oben, mal unten, mal vorn, mal hinten, mal hundertprozentig, das ist Sache der Mode — und so unschuldig schamlos wie ein Tier. Aber in einem ... ja, in einem ist die Frau voller Scham und stumm in der Scham, und der Mann soll sein Bestes tun, daß die Frau in diesem Punkte niemals die Scham von sich wirft und den Mund auftut, um zu reden ...«
Windstoß. Auffliegende, geblähte Gardinen. Schwefliger Schein. Nachsetzender trockener Donner. Jo ging durch das Zimmer hin und schloß die Fenster. Sie kam zu der alten Frau zurück und beugte sich, lange schweigend, über sie.
»Wenn jemals in deinem Leben eine Stunde war, Mutter«, sagte sie leise, »wo du dich eingeschlossen hattest in dir selbst, und der Mann brach dich auf und brach in dich ein wie ein Dieb, berechtigt zum Einbruch laut Paragraph soundsoviel ... und wenn jemals in deinem Leben eine Stunde war, Mutter, wo dein Mann dich, verzaubert von deinem Geschlecht, umarmt hielt, und du wußtest genau, seine Seele war nicht bei dir ...«
Zwei Hände griffen hoch nach dem Munde Jos.
»Ich bin schon still«, sagte Jo.
Der Regen schlug an die Scheiben.
Jo fragte:
»Soll ich mit dir nach Hause fahren — zu Ebro?«
Der Regen schlug an die Scheiben.
»Nein, mein Kind.«
Der Regen schlug an die Scheiben.
Die Mutter Ebros fragte mit lautloser Stimme:
»Wirst du ihm treu bleiben, Jo?«
Der Regen schlug an die Scheiben.
»In das Haus da oben«, sagte Jo, als spräche sie aus dem Traum, »hat mich Ebro getragen, von der Straße hinauf bis ins Haus, den langen, hochsteigenden Weg, auf seinen Armen. Den Weg hinauf und über die Schwelle ins Haus. Es ist kein Winkel in diesem Hause, keine Stufe an seinen Treppen, kein fußbreit Diele, wo mich nicht seine Küsse gesegnet haben. Die Balken haben unser Lachen gehört. Die Ulmen fingen uns auf in ihrem Schatten. In hundert Nächten waren die Wiesen das Bett, wo wir uns in den Blumen liebten, vor Liebe weinend. Wir haben die Sonne über den Bergen aufgehen sehen, daß sie sich in unsern Augen spiegelte, und die Stimme eines Vogels zwang uns, mit geschlossenen Lidern uns an den Händen zu halten wie Kinder oder Verzückte. Solange Ebro für mich Zeit hatte — und ich weiß: Glück und Liebe sind oft nur Fragen des Zeithabens —, so lange haben wir hier unsere Sommer gefeiert. Wirst du mir nun deine Frage noch einmal stellen, Mutter?«
Der Regen schlug an die Scheiben.
Sonst war es still.
Im rauschenden Regen ertrank der ferne Donner.
Es regnete noch, als Jo nach Hause ging.
Es regnete noch, als Jo nach Hause ging.
»Das ist gut«, sagte Jo, »das ist gut ...«
Es war kein trockener Faden an ihrem Leibe. Schirm und Mantel zu nehmen, hatte sie abgelehnt. Der Brief von Tilly war im Hut geborgen, der zusammengerollt unter der Jacke im Rockbund steckte. Sie wollte sich baden im Gewitterregen. Das Haar lag glatt und gestrafft wie eine Fliegerkappe um den Kopf, der, mit offenen Lippen atmend, die ungestüme Reinheit der Regenluft in sich trank. Das große, gleichmäßige Rauschen des Regens, der Tannen und Ulmen überschüttete, verlockte den Mund, dagegen anzusprechen.
»Das ist gut ... das ist gut ...«
Man war versucht, zu erproben, ob diese rauschende, von quellenlosem Licht durchperlte Regenluft nicht stark genug sei, einen Menschenkörper zu tragen, wenn er in ihr die Arme zum Schwimmen ausbreitete und in sachtem Abstoß sich von der Erde trennte. Jo hob die Hände mit einer sich ganz hingebenden, von jeder Schwere erlösten Bewegung voll zärtlicher Langsamkeit. Ihr Kopf lag tief im Nacken. Ihr erhobenes Gesicht empfing die kühle Wärme des Regens mit Stirn und Wangen, mit Augenlidern und mit Lippen, die lächelten, als küßten sie sich, die Frau und der Regen, als feierten sie eine geheimnisvolle, an Süße nur ihnen bekannte und nur ihnen mögliche Vermählung.
Aber als die Regentropfen ihre Ohrmuscheln kitzelten, brach sie in Lachen aus und schüttelte sich wie ein nasser Hund, und dann kamen mit lautem Geschrei und durchdringendem Jammern ihre Mädchen vom Haus her gelaufen, kopflos in den Regen hinein, ohne Schutz für sich und die Frau, als treibe sie ein närrischer Ehrgeiz, nun ebenso naß zu werden, wie Jo es war.
»Ins Haus, ihr Hühner!« rief Jo, in die Hände klatschend. Das besorgte Gegacker der Mädchen vermochte nicht, sie zur Eile zu bewegen, obwohl das Wasser aus ihren Schuhen schwappte. Vom Kuß des Regens wunderbar berauscht, gab sie sich ganz der Beglückung des Heimgehens hin und zögerte das Ende des Weges hinaus, anstatt es zu verkürzen.
Wie gut das war, heimzugehen! Wie gut das wartende Haus! Wie gut, zu denken, daß man die Tür hinter sich zuschließen konnte, Gastfreundschaft nur dem gewährend, den man selber rief. Das Lächeln des Willkomms unverzerrt, die schöne Gebärde der entgegengestreckten Hand nicht leer noch verlogen, sondern beglückt und beglückend durch die Wahrhaftigkeit des Herzens, das den Impuls dazu gab.
Haus! Haus! Ich liebe dich! sagte Jo, als sie sah, wie die roten Geranienblättchen vor ihren Fenstern unter den Silbertropfen des Regens nickten.
»Wünscht euch etwas, ihr Mädchen!« sagte sie fröhlich.
Das Haus umfing sie.
Die warme Dusche umbrauste ihre Haut. Sie stellte sie plötzlich auf kalt. Die Mädchen schrien, mit den gewärmten Tüchern in die Ecken flüchtend. Das Wasser war Quellwasser, hatte knapp zwölf Grad. Auch Jo mußte schreien. Sie beugte sich vor und zurück, empfing das Wasser, einen Sturzbach von eisigen, aufgelösten Aquamarinen, mit jedem Quadratzentimeter ihrer zitternden, sonnenbraunen Haut. Und endlich doch in die Flucht geschlagen, lachend, betäubt, vom Kopf bis zu den Füßen summend wie eine starkschwingende Saite, fiel sie in die Arme ihrer scheltenden Mädchen, dankbar und faul sich ihnen überlassend.
Wie es regnete! Wie es regnete! Es klang und sah aus, als sei der Regen heute erst auf seine eigene Schönheit gekommen und könne sich nicht davon trennen. Jo sah ihm zu, auf dem Holzaltan stehend, ganz Atem, ganz Liebe zum Jetzt.
Was hinter ihr lag, hatte weh getan. Es war vorbei. Der Regen hatte es mit fortgespült. Die Erde schluckte es ein und begrub es in ihren guten, verwandelnden Krumen. Als irgend etwas würde es auferstehen. Als irgendeine überwindende Kraft ... eine Wurzel vielleicht ... vielleicht ein Wassertropfen ...
Plötzlich fühlte Jo: ein Mensch sah sie an.
In ihre milde Gemeinschaft mit sich selbst und mit den Dingen, in das wärmend Kühle, kühlend Warme der wesenvollen Natur, die vollkommen und selbstverständlich war und ganz ohne Schmerz, stahl sich der Blick eines Menschen, der — nicht fern, nicht nah, mit halblautem Ruf noch eben zu erreichen — unbeweglich im Regen stand und sie ansah.
Im Augenblick, da sein Bild in ihr Bewußtsein vordrang, wußte Jo: da hatte der Mensch schon gestanden, als sie heimkam. Da führte der schmale Pfad, den nur Bauern und Jäger gingen, mitten durch ihre Wiesen bergauf, um sich jenseits des Waldes hoch oben im Fels zu verlieren. Der Mensch, der da stand, war weder Jäger noch Bauer. Er trug eine Regenhaut und einen durchweichten Hut, darunter ein Bartgesicht und den Körper von einem, den fröstelt. Er mochte sehr müde sein, aber nicht erst vom heutigen Tage. Rund um ihn her erschien der Regen als eine gegen den einzelnen Menschen gerichtete Unfreundlichkeit, auf die er nicht einging, weil ihm Unfreundlichkeiten von herberer Art vertraut waren.
Jo, warmfrottiert, gefönt, in trockenen Kleidern und Schuhen, unter dem schützenden Dach, das sie liebte — Jo ging bis zur Treppe.
»Aber kommen Sie doch herein!« rief sie, und es war ein Ton von freundlicher Ungeduld in ihrer Stimme. Ein Mensch, der im Regen stand — vor ihrer Tür! Sie wartete auch nicht ab, ob er ihrem Ruf gehorchen würde, denn das schien selbstverständlich. Sie lief in die Diele und kauerte sich am Kamin auf die roten Fliesen, um den schon geschichteten Scheithaufen anzuzünden. Beschäftigt und von den aufknisternden Flammen geblendet, bemerkte sie das Eintreten des fremden Menschen nicht, bis das Gefühl, ein unendlicher Schatten erfülle plötzlich den Raum, sie veranlaßte, noch auf den Knien sich umzuschauen.
Der fremde Mensch stand in der offenen Tür. Er hatte den Hut noch auf, den Mantel noch um. Sein Gesicht war nicht zu erkennen. Als der Blick der knienden Frau sich ihm zuwandte, nahm er langsam den Hut vom Kopf. Ein zerfranster Heiligenschein vorzeitig ergrauten, schütteren Haares umgab einen Schädel, der zu zwei Dritteln aus Stirn zu bestehen schien.
»Legen Sie doch ab!« sagte Jo und kniete noch immer am Feuer. »Sie müssen ja ganz durchweicht sein, trotz der Regenhaut.«
Sie wollte noch weiter sprechen, aus dem harmonischen Hort ihrer Eintracht mit sich und dem Tag freundliche, gute Worte für den fremden Menschen hervorholen. Aber ein Gefühl, dessen Ursprung sie nicht zu nennen vermocht hätte, schloß ihr mit sanfter Strenge unerbittlich den Mund. Sie fühlte, während sie sich leise erhob und der fremde Mensch den triefenden Hut und den Mantel über gekippte Stühle des Altans hängte: zu diesem Manne sprechen war gleichbedeutend mit einem Schwerverwundeten die Hände schütteln. Stille war nötig. Leise sein. Schweigsamkeit.
Auf lautlosen Füßen ging sie zum Teetisch und schaltete den Wasserkessel ein. Vor seiner gewölbten Blankheit stehend, sah sie darin verzerrt und grotesk verspiegelt das Tun des Mannes. Er kam fast tappend herein. Seine Hände froren. Er rieb sie, doch so verstohlen, als sei schon diese Gebärde zuviel an Gegenwartsäußerung von ihm. Er war nicht sehr groß noch breit, aber er schien, was an Größe und Breite ihm zugeteilt war, noch selbst zu beschränken durch seine sich engende Haltung. Er kam bis zur Mitte des Raumes. Da blieb er stehen und schaute sich zögernd um. Dann ging er, mit jedem Schritt um Erlaubnis für den nächsten fragend, gleichsam erstaunt, daß sie ihm bewilligt wurde, auf den Kamin zu und blickte ins Feuer.
Jo wandte sich um.
Sie wollte sagen: Setzen Sie sich doch! Sie sagte es nicht. ›Laß ihm Zeit!‹ sprach ihr kluges und großmütiges Herz. Das trug seinen Sieg davon. Nach langen Minuten, in denen das Feuer seine maßlose Heiterkeit, seine Helle und Wärme zu dem Fröstelnden hinaufgeschickt hatte, setzte er sich — nicht, als täte er es selbst, sondern niedergezogen und nachgebend auf den äußersten Rand eines Stuhles, faltete die Hände zwischen den Knien und neigte sich gegen das Feuer, dem er die nassen Schuhe näher und näher schob.
Jo bereitete den Tee. Sie versuchte, den Mann einzuschätzen. Zucker? Ja. Nichts an ihm deutete auf einen Raucher. Wenn er rauchte, würde es eine verstohlene Zigarre sein, das Symbol der Männer, die jenseits der Zigarette, des feinen Erotikons aus Tabak, stehen. Männer, die Zigarren rauchen, träumen von Beschaulichkeit, von In-Ruhe-gelassen-Werden, von reichlichem Auskommen, von Geschäftserfolgen — wenn es eine Importe ist (die hier gar nicht in Frage kam), sogar von Überfluß —, kurz, von allen guten Dingen des Lebens außer von Küssen. Also kein Raucher. Darum wahrscheinlich ein Freund von Süßigkeiten. Folglich Zucker in den Tee. Aber nicht zuviel, denn jenseits von zwei Stücken fing für diese Schuhe und für diese Krawatte schon die Verschwendung an. Zitrone? Nein. Zitrone gab es im Reiche dieses Mannes nur als heiße Limonade gegen Erkältung, falls deren Auswirkung in Hustenform die Umgebung störte. Also keine Zitrone. Nichts, sozusagen, aus der Apotheke. Hingegen Rum. Rum war gewiß das Freundliche, das erwärmende Mehr über dem Notwendigen. Also Rum in den Tee. Nicht soviel, daß die Lyrik der kleinen Teeblätterseelen darin ertrank, aber genug, um diese kleinen Seelen in einen zärtlichen Schwips zu versetzen.
Dies schien Jo eine mit Logik komponierte Tasse Tee zu sein.
Sie brachte sie dem fremden Mann zum Kamin. Sie stellte sie ohne Wort auf den kleinen Glastisch ihm zur Hand. China und Jamaika dufteten süß beschwipst durch den Waldruch des harzigen Holzes im Kamin. Der Mann hob den Kopf. Aber Jo war schon wieder fort. Warum sollte er sprechen müssen ...
Sie setzte sich still ans Fenster. Sie nahm kein Buch zur Hand — (ich möchte jetzt nicht gestört sein) — sie nahm keine Arbeit zur Hand — (sieh her, wie tüchtig ich bin) — sie saß in atmender Ruhe, die Hände im Schoß, gegen das Grün des Gartens, das der Regen zum Silbergrau dämpfte.
Der fremde Mensch nahm die Tasse, aber er trank nicht. Er hielt die durchwärmte Form in beiden Händen; es war eine Gebärde verwunderter Dankbarkeit. Jo dachte: Wie gut, daß er zum Essen und Trinken die Lippen öffnen muß, sonst wären sie ihm vielleicht schon zugewachsen.
Nie hatte sie einen Menschen gesehen, den inbrünstiger nach Schweigsamkeit zu verlangen schien als diesen Mann, den ein Gewitterregen zu ihrem Gast gemacht hatte.
Nun trank er. Langsam. In unverhehltem Genuß die Augen schließend. Schluck. Und wieder ein Schluck. Der Tee war gut erklügelt, das merkte die Frau. Nun die Tasse zurück auf den Tisch. Sparsam sein mit dem Köstlichen. Natürlich, es konnte noch eine zweite geben, aber die zweite war die zweite. Und die erste war das Wunder aus Wärme, Süße und Duft, aus Gastlichkeit und Verstehen.
Wie die gute Stille den ganzen Raum erfüllte. Nur das Feuer sprach mit dem Regen, der draußen bleiben mußte.
Der Fremde atmete tief ...
War er eingeschlafen?
Nein. Seine Augen standen offen und groß. Es waren Augen, die sich den Tag hindurch auf sein Ende freuten und nachts nicht schlafen konnten. Es waren Augen, die seit Jahren und Jahren auf Dinge blicken mußten, die böse zurückblickten. In diesem mageren Schädel saß ein Gehirn, das seit Jahren und Jahren auf dem Umweg über das wehrlose Ohr Dinge aufnehmen mußte, die es zersetzten. Dieser Mund war stumm geworden, aber erst, nachdem seine Zunge und seine Lippen sich bis aufs äußerste an Bitten und Argumenten erschöpft hatten. Lächeln? Wie fremd ... Lachen? Wie macht man das? Nur eins war vertraut und geübt bis zur Vollkommenheit: das eigene Schweigen. Das eigene große Verstummtsein.
Der letzte Schluck aus der Tasse.
Sollte sie aufstehen und ihm eine zweite bringen? Nein. Nichts wiederholen. Der fremde Mensch am Kamin litt weder Hunger noch Durst. Er fror auch nicht. Er brauchte nur Stille. Das Wunder der Stille. Und das umgab ihn. Jo bewachte es.
Der Tag war des Regens müde. Er schickte ihn fort. Die Nebel sanken, und Wind bedrängte sie. Die Ulmen rauschten und schüttelten ihre Blätter, die schon im kommenden Licht zu funkeln begannen. Jo dachte an Tillys Brief. Eine Amsel lief über den Weg, nach Futter suchend. Ihr Schnabel war so goldgelb wie ein reifes Maiskorn.
Plötzlich war Sonne an einem tiefblauen Himmel.
Leise erhob sich Jo und ging aus der Diele.
Als sie nach einer halben Stunde zurückkam, war das geschehen, was sie sich und dem fremden Menschen gewünscht hatte: Er war gegangen. Nichts zeugte von seinem Dagewesensein als die Dinge: ein zurückgeschobener Stuhl; eine leere Tasse; ein erloschenes Feuer. Ein Mensch war hereingekommen und wieder gegangen. Und niemand außer ihm hätte zu sagen vermocht, um wieviel reicher er sein Herz davontrug, als er es hereingetragen hatte.
Der nächste Tag ging ohne ihn vorüber. Aber am dritten war er wieder da. Jo, die im Garten saß und an Tilly schrieb, hörte die kleinen grauen Steine des Weges unter zögernden Schritten knistern und wußte: Nun kam er, der fremde Mensch. Sie hob die Augen und sah dem Mann entgegen.
Da stand er, den Hut in der Hand. Aus seinem der Sonne und Jos Augen preisgegebenen Gesicht war unverhehlbar in trauriger Ehrlichkeit zu lesen, was es den Mann an Kraft gekostet hatte, einen ganzen Tag und darüber dem Garten, dem Haus und der Frau fernzubleiben.
Jo lächelte nicht einmal. Ein Lächeln, schien ihr, wäre schon zuviel Belastung gewesen. Sie zeigte dem fremden Menschen den Frieden ihres Gesichts nur eben so lange, daß er erkennen konnte, sie nahm sein Dasein zur Kenntnis und blieb in ihrem Frieden unbeirrt. Dann nickte sie, als sei es gut und selbstverständlich, daß er gekommen war, und fuhr im Schreiben fort. Doch zwischen Satz und Satz folgten ihre Augen ihm nach, und sie sahen, wie der fremde Mensch auf eine sehr langsame und immer auf Ablehnung vorbereitete Art mit ihrem Garten Bekanntschaft schloß.
Er stand in der Sonne, noch immer den Hut in der Hand. Er war ja ein Fremdling und vielleicht ein Bittender. Alle Dinge um ihn schienen reicher zu sein als er.
Da waren Bäume mit zarten Nadeln, schlanke, sehr hohe Bäume, nach den Gesetzen der Jahre die Äste breitend. Sie schienen geschaffen, auf den Spitzen ihrer Wipfel die Sterne der Nacht zu tragen, wenn die Drosseln ihr letztes Lied gesungen hatten.
Da waren andere Bäume, große, herrliche Bäume mit zackigen Blättern. Es war sehr köstlich, in ihren Schatten zu treten. Sie atmeten Kühle, Schutz und Kraft aus, diese Bäume, deren goldgefleckte Stämme an der Wetterseite dicht mit smaragdgrünem Moos bewachsen waren. Man konnte ganz nahe an sie herantreten; man konnte sie mit den Händen anrühren; man konnte die Stirn an die glatte Rinde pressen — lange ... wenn man den Mut dazu fand. Aber den fand man freilich nicht bei der ersten Begegnung.
Da war ein Brunnen. Fließende Ewigkeit. Man konnte die Hand hineintauchen. Man konnte, Wunder der Wunder, mit Menschenhand aus dem Brunnquell des Ewigen schöpfen, mit Menschenhand davon trinken. Aber noch nicht. Noch nicht. Noch war man nicht so vertraut. Noch war nur die Sehnsucht nach solcher Vertrautheit in dem Fremdling, der mit Jos Garten Bekanntschaft schloß.
Jo pflegte keine langen Briefe zu schreiben. ›Das Haus steht auf dem alten Fleck und wartet auf Euch. Ich auch. Wann kommt Ihr? Ich liebe und grüße Euch beide. Jo.‹
Das hatte sie schreiben wollen und auch geschrieben. Der Brief war fertig, doch sie schrieb noch immer, Worte sinnlos aneinanderfügend ...: blauer Himmel, weiße Wolken, Schwalben am Dachfirst, Malven, Bienen, der Zug pfeift, Echo, Marienkäfer ... nur um den fremden Menschen nicht scheu zu machen auf seinem Weg zu den Dingen, nur um ihn glauben zu lassen: du störst mich nicht. Erst als sie ihn, versunken wie ein Beter, in Andacht vor den Bienenstöcken sah, erhob sie sich leise und trug ihren Brief ins Haus, ein gutes, wenn auch ein wenig verwundertes Gefühl im Herzen mit sich nehmend.
Von nun an kam der Fremde jeden Tag, aber niemals zu der gleichen Stunde. Jos Wachsamkeit, die ihn mit vorsichtiger Neugier umtastete, glaubte zu verstehen, warum: er suchte das Gesicht der Stunden zu ergründen wie zuvor das Gesicht der Dinge, und er warb auf die scheueste und sehnsüchtigste Art um ein Lächeln auf den Gesichtern der Stunden, von denen er bisher vielleicht nicht einmal geahnt hatte, daß sie auch lächeln konnten.
O heilige Stunde, wenn der junge Morgen das Wunder des Sonnenaufgangs zelebrierte! O große Stunde, wenn der Abendhimmel, ein selbst ergriffener Priester, das Gloria in excelsis an die Wolken schrieb! O betäubende Stunde des Mittags, Stunde Pans, wenn die Hitze als flimmernder See über den regungslosen Wäldern schlief und die Blumen ihren Atem so maßlos verströmten, daß man glaubte, ihr Duft müsse sichtbar wie der Atem glühenden Weihrauchs aus den weit aufgetanen Kelchen wölken.
Und die Stunden der Nächte folgten den Stunden der Tage, diese azurnen Stunden ohne Dunkelheit. Das erregte Gefunkel der Sterne schien jede Sekunde bereit, vom Himmel herab auf die Erde zu springen, und die Berge hielten den funkelnden Himmel fest, ihn zu sich zwingend in den heimlichen Stunden zwischen Mitternacht und Hahnenschrei.
Jo hörte die Schritte des fremden Menschen in ihrem Garten. Eine kleine Weile lag sie still, als hätte sich eine Hand auf ihr Herz gepreßt. Dann setzte sie sich auf im Bett und sah, die Arme um die hochgezogenen Knie geschlungen, zu dem kleinen Fenster hinüber, das offenstand und in seinen dunklen Scheiben die Sterne des Himmels spiegelte. Sie fühlte ihr Herz schlagen in einer unerklärlichen, schweren, süßen Traurigkeit, während sie auf diese mutlosen, an irgendeiner Sehnsucht krankenden Schritte lauschte, die um ihr Haus her irrten in der Nacht. Zuletzt erhob sie sich, öffnete lautlos die Tür ihres Schlafzimmers und lockte Hüter, den Hund, herein, der von seiner Matte in der Diele aufgestanden war und mit einem ungewissen Wedeln gegen den Garten horchte. Nichts sollte den fremden Menschen da draußen stören, nicht einmal die tolerante Wachsamkeit des Hundes, der ihn kannte und noch nicht liebte, aber duldete.
Die Hand auf dem Kopf des Hundes, lag sie dann unbeweglich, die Augen blicklos gegen das braune Holz der Decke gerichtet. Der erste süße Drosselschlag drang noch in ihr stilles Herz, das nun von einem milden Glück erfüllt war. Dann fielen ihr die Lider zu.
Am Morgen kamen die Mädchen zu ihr gelaufen. Die Sonne stand noch jenseits der hohen Berge; der Tag war noch knospenjung, war strahlend schön. Die Mädchen hatten den fremden Mann gefunden, wie er im Gartenzimmer lag und schlief.
»Ich hoffe, ihr habt ihn nicht aufgeweckt!« sagte Jo.
Sie sah die Augen der Mädchen auf sich gerichtet, verwirrt und liebend, bereit, auch da zu gehorchen, wo sie nicht begriffen; doch sie begriffen bald. Das ganze Haus schlich auf Zehenspitzen, bis der fremde Mann erwacht war und ohne Gruß noch Dank noch Abschied seines Weges ging.
Jo rief den Hund zurück, der ihm folgen wollte. Da wandte der Mann sich um, und sie sah sein Gesicht. Es war nicht mehr das Gesicht des Mannes, den sie aus stürzendem Gewitterregen zu sich ins Haus gerufen hatte. Niemals zuvor, dachte Jo, hatte sie einen erlösten und entrückten Menschen gesehen, bis dieser Mann an diesem gesegneten Morgen sich zu ihr wandte und sie ihm in die Augen sah. Sie gab ihm ihr gutes Lächeln mit auf den Weg; dann trat sie ins Haus zurück. Aber er, tief atmend, daß seine von Klammern befreite Brust sich hob, ging zum Brunnen und bückte sich zu ihm — oh, mit dem Brunnen war er schon sehr vertraut! — und seine Hände füllend mit der strömenden Frische, trank er aus seinen Händen die Kühle des Morgens, das Quellblut der Ewigkeit, die Güte der Welt. Dann richtete er sich auf, und seine Hand lag einen Augenblick lang auf dem Rande des Brunnens, und diese Gebärde wirkte, als hätte er sein Herz auf den Brunnenrand gelegt, hoffend, daß sie, der es vermeint war, kommen und es an sich nehmen würde.
Drei Tage später war Jo auf den See hinausgerudert, als ihn das erste Abenddämmern schon mit feinem Duft aus Silberblau behauchte. Das letzte der starken weißen Motorboote hatte die letzten wandermüden Menschen vom südlichen Ufer geholt; das Tucken der letzten Maschinen war verstummt.
Nun wurde der See erst schön, und das wußte Jo.
Kein Menschenlaut, kein Lied, kein Lachen mehr, kein Schuß, das Echo zu wecken, kein Hörnerruf. Nur Stille. Stille. Tiefste Einsamkeit. Unhörbar stäubten die Wasserschleier der fernen Bäche zum See hinab, der grün war wie Malachit. Ohne Regung standen die Wälder der Falken- und Rabenwand. Nichts, nichts war zu hören als das zärtliche Wispern der kleinen Wildenten, die, braune Federbällchen mit gelben Füßchen und Augen wie schwarze Diamanten, eilfertig hinter ihren Müttern herruderten, um nach den Brotkrumen zu haschen, die Jo für sie ausstreute.
Hüter beobachtete sie, den schönen Kopf auf den Rand des Bootes gelegt, ohne daß auch nur ein Zucken seiner Ohren verriet, was diese großmütige Neutralität ihn kostete. Aber plötzlich hob er den Kopf und windete nach dem Ufer; und dann klopfte seine buschige Rute freundlich gegen die Bootsplanken.
Jos Augen brauchten länger als die des Hundes, um die Gestalt des Mannes aus dem Gestein zu lösen, in dem er pfadlos, seltsam verloren stand. Er rief nicht, er winkte nicht, er stand nur da. Jo sah zu ihm hinüber. Sie zögerte lange. Als sie endlich die Ruder nahm und zum Ufer lenkte, lag auf ihrem braunen Gesicht ein tiefer, fast strenger Ernst, nur durch Schönheit gemildert.
In einer wunderbaren Ergriffenheit sah der Mann dem Boot und der Frau darin entgegen. Sie richtete ihre stillen Augen auf ihn. Ihre Lippen formten:
Wenn du schweigen willst wie bisher, du fremder Mensch, dann komm! Da sah sie, daß er die Hände gefaltet hatte, und ihre Worte blieben ungesprochen. Mit der Linken in das unterwaschene Gewurzel eines Baumes greifend, hielt sie das schwanke Boot im Gleichgewicht, aber sie streckte die Rechte nicht aus, um dem Manne zu helfen. Sie wartete, bis er ihr gegenübersaß, dann trieb sie das Boot von neuem zur Mitte des Sees.
Hüter lag zufrieden zwischen den beiden Menschen und hatte den Kopf auf die Füße des Mannes gelegt.
Der Mann saß still, schien nicht einmal zu atmen. Sein Gesicht, das zu den Bergen erhoben war, trug den Ausdruck einer so ekstatischen Inbrunst, daß es aussah, als müsse diese Ekstase die Form des Menschen, der sie in sich trug, zersprengen. Er glich einem Beter, der Gott ein Leben lang vergebens gerufen hat und im Augenblick des letzten Verzichts hört, wie die Stimme Gottes ihm Antwort gibt: Hier bin ich!
Noch brannten die Gipfel der Berge ringsum in männlichem Feuer, und der Spiegel des Steinernen Meeres tauchte in nie erfüllter Sehnsucht nach dem Geheimnis des smaragdenen Wassers. Aber je tiefer die Schatten des Abends wurden, desto zarter schienen sich die Formen der Berge vom Irdischen loszulösen, desto schwebender griffen die schimmernden Gipfel nach dem unendlichen Himmel, dem makellosen.
Die Fische sprangen.
Jo zog die Ruder ein; von dem braunen Holz fielen Tropfen mit leisem Klingen zurück in den See.
Das Brennen der Berge erlosch. Es wurde Nacht. Das Boot lag unbeweglich, vom Schweigen umschlossen, auf dem Spiegel des nächtlichen Himmels und seiner Sterne.
Der Mond kam über die Berge, den schlafenden See mit seinem frommen Glanze übergießend. Die fast unmerkliche Trift des Wassers trug das Boot, in dem die beiden schweigenden Menschen saßen, wie auf dem nicht fühlbaren Strom der Minuten und Stunden dem nördlichen Ufer zu.
Jo nahm die Ruder und lenkte das Boot an der schlafenden Insel mit dem steinernen Heiligen vorbei nach dem Steg am Bootshaus, das ihr gehörte. Musik und Licht war über dem Landeplatz, und Menschen lachten, weil sie fröhlich waren. Jo hielt das Boot mit der Hand am Pfosten fest. Das Boot hieß: ›Du und Ich‹. Der Mann stieg aus. Jo wartete noch, die Ruder unbeweglich, denn sie wollte das Boot verwahren, doch nicht, daß der Fremde ihr half. Der Mond lag auf ihrem Gesicht. Sie sah zu dem Manne auf, der gebückt und dunkel, ein Schatten gegen Himmel- und Erdenlicht, am Ufer stand.
Nun sprach er doch. Er sagte:
»Gute Nacht ...«
»Gute Nacht«, sagte Jo.
Er hob mit einer kleinen scheuen Gebärde die Hand und ließ sie auf halbem Wege wieder sinken. Aber Jo begriff, daß er, wie damals am Brunnen, in dieser Hand sein Herz gehalten hatte, um es ihr zu geben.
»Danke!« sagte er leise. Und noch einmal: »Danke!«
Dann ging er und schien auf seinen Schultern und Armen eine Last von Glück zu tragen — eine so große Last von Glück, daß er darunter schwankte und zitterte.
Jo durchwanderte ihr Haus.
Sie hatte die Mädchen fortgeschickt, denn es war ein Feiertag; Glocken warben von allen Türmen.
Schon seit dem Morgen hatte Jo das Gefühl, daß dieser Tag etwas Besonderes von ihr verlangen würde. Sie war davon erwacht, daß ihr Herz gleichsam ein Rufzeichen bekommen hatte — einen feinen, summenden Schlag, dem sie lange betroffen nachhorchen mußte. Sie kannte diesen zarten Alarm ihres Herzens. Es rief ein Mensch nach ihr, ein Mensch, der sie brauchte. Welche Ferne suchte ihre Nähe, suchte Gemeinschaft mit ihr?
Sie ging durch ihr Haus, das sie ›Glück‹ genannt hatte, als bespräche sie sich mit einem Verbündeten. Sie streichelte die guten Mauern und das wesennahe Holz in einem immer neuen, guten Besitzergreifen. Sie sang mit leiser Stimme vor sich hin, von seligem Alleinsein ganz umsponnen.
Als sie in die Diele kam, schlug das Telefon an. Sie nahm den Hörer. Vermittelnder Eifer sagte:
»Sie werden aus Wien verlangt.«
Und Josys Stimme prallte gegen ihr Ohr:
»Ich will Frau Mannegold sprechen.«
»Hier bin ich, Josy.«
»Du —!«
Das Herz der Frau setzte aus. Sie schloß die Augen. Sie dachte: Dunkelstes Wort der menschlichen Sprache: Du —: Stärkste Beschwörung ... Was will dieses ›Du —!‹ von mir? Hat das mich geweckt?
»Jo, hörst du —?«
»Ja ... Grüß dich Gott, Josy!«
»Bist du allein, du —? Jo —! Bist du allein?«
»Natürlich, Josy!«
»Das ist durchaus nicht natürlich —«
»Was willst du, Josy?«
»Was ich will, lieber Gott ... Ich möchte bei dir sein ... Ich möchte zu dir kommen ... Darf ich das?«
»Natürlich, Josy!«
»Verdammt mit deinem ›natürlich‹ —! Warum sprichst du nicht, Jo?«
»Ich warte auf das, was du mir sagen willst ...«
»Sagen ... ich habe dir nichts zu sagen, Jo, — nichts, was du nicht schon wüßtest ...«
»Warum willst du dann kommen?«
»Ich möchte dir etwas zeigen ... Etwas für Tilly ... Ich habe es hier gekauft. Es soll sehr alt sein. Ich verstehe nichts davon. Darf ich's dir bringen und zeigen?«
»Natürlich, Josy!«
Er murmelte etwas, das beklemmende Ähnlichkeit mit einem Fluch hatte. Jo lächelte behutsam vor sich hin.
»Dann bin ich morgen bei dir. Ich komme im Flugzeug.«
»Gut, Josy.«
Pause. Summen. Eine ferne Stimme sagte erinnernd:
»Drei Minuten ...«
»Ich spreche weiter. — Jo, bist du anders als sonst?«
»Wieso denn anders?«
»Ich weiß nicht ... Du bist so — fern —«
»Ich bin wie immer, Josy ...«
»Hm ... Ist es dir recht, daß ich komme?«
»Natürlich, Josy!«
»Sag mal etwas anderes, Jo!« Und nach einem Schweigen: »Ich bilde mir ein, ich kann dich atmen hören ... Lächelst du, Jo?«
»Ja, Josy ... Ich freue mich, daß du kommst ...«
»Sag das noch einmal!«
»Hast du mich nicht verstanden?«
»Doch ... Danke! ... Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen!«
Sie legte das Telefon zurück. Der Strom war unterbrochen. Doch unhörbar war er noch da und erfüllte den Raum. Jo sah vor sich hin. ›War ich anders als sonst? Nein. Aber Josy war anders. Was ist mit Josy? Da schwingt eine neue Saite ... Ich muß mich rüsten für Josy, der morgen kommt. Was aber will das Heute noch von mir?‹
Als sie den Weg durch ihr Haus fortsetzen wollte, war die Melodie verloren, die sie gesungen hatte, und sie konnte sie nicht wiederfinden. Der Tag war verändert. Er hatte ein neues Gesicht.
Aufhorchend hob sie den Kopf.
Ein Mensch kam durch den Garten auf das Haus zu gelaufen. Er lief wie ein junger Sturm. Jo kannte ihn nicht. Sie sah ihm durch die Tür zum Garten entgegen.
Was für ein seltsamer Zorn stob da zu ihr her! Was für Erbitterung und was für ein schwerer Entschluß! Eine sechzehnjährige Not mit blaßbraunem Gesicht, mit Augen voll traurigem Haß und verratenem Munde — mit einem Munde, den man gezwungen hatte, ein Gift zu trinken, das ihn für immer verzerrte —, das flog auf das Haus zu und nahm die Treppe vom Garten mit einem einzigen Sprung und stand atmend da, den Raum mit sonnegeblendeten Augen durchsuchend.
Jo sagte freundlich:
»Sie wollen gewiß zu mir ...«
Er fuhr herum. Dieser fliegende Atem war nicht sofort zu bändigen; auch der härteste Wille konnte das junge gehetzte Herz nicht hindern, wie toll in der Kehle zu schlagen. Und es schien, als schlüge dieses gehetzte Herz auch in den Augen des Jungen, als er zu sprechen begann.
»Ja«, stammelte er, »zu Ihnen ...« und fügte schluckend hinzu, in einem Ton, als sei damit alles erklärt: »Ich bin Peter Hünemann ...«
»Wer ich bin, werden Sie wissen«, sagte Jo. »Bitte, nehmen Sie Platz!«
Er schüttelte den Kopf so heftig, daß die starken blonden Haare ihm in die Augen fielen. Er strich sie fort.
»Ja«, sagte er. »Ich weiß, wer Sie sind! Und weil ich es weiß, werde ich von Ihnen und in Ihrem Hause bestimmt keinen Stuhl annehmen!«
Jos feine Brauen wölbten sich ein wenig.
»Warum nicht?« fragte sie mit ihrer stillsten Stimme. »Aber Sie sollten jetzt lieber nicht sprechen. Wie alt sind Sie?«
Überrumpelt antwortete ihr ein wohlerzogener Junge:
»Ich werde sechzehn ...«
»Dann darf ich Sie noch Peter nennen, nicht wahr? — Sie sollten nicht sprechen, Peter, solange Ihr Herz so schlägt, daß ich seine Schläge an dem Hemd über Ihrer Brust zählen kann. Ich möchte nur, daß Sie mir eine Frage beantworten: Wer hat Sie zu mir geschickt?«
»Mich hat niemand geschickt —«
»Das ist eine große und ritterliche Lüge, und ich glaube Ihnen nicht. Mit sechzehn Jahren erstürmt man nicht das Haus einer Frau, die man nicht kennt, um ihr böse und beleidigende Dinge zu sagen — und das haben Sie doch vor, nicht wahr? Sie sollen sie mir auch sagen, ich will sie hören. Aber ich will wissen, in wessen Namen Sie sprechen, junger Peter. Wer hat Sie zu mir geschickt?«
Die hilflosen, haßvollen Augen des Jungen sahen sie an. Er zitterte vom Kopf bis zu den Füßen.
»Die Mutter — meine Mutter ... der Sie den Vater gestohlen haben ...!« Und, an der Doppeldeutigkeit der Worte sich verwirrend, fügte er hinzu: »... den Mann ...!« Aber er schien diese armen zwei Silben nur mit einem Schauder aussprechen zu können.
»Wer ist Ihr Vater?« fragte Jo aufmerksam.
Die Knabenstimme antwortete schneidend und hohnvoll:
»Professor Dr. Andreas Hünemann ... Sie scheinen den Namen nicht zu kennen, gnädige Frau ...«
»Ich habe ihn eben zum ersten Male gehört.«
Der Mund des Knaben — ›was haben sie nur mit deinem Munde gemacht, mein armes Kind!‹ dachte Jo — verzog sich zur Grimasse.
»Sehr glaubhaft, gnädige Frau! Sehr glaubhaft, daß Sie nicht einmal den Namen eines Mannes kennen, der zu jeder Tages- und Nachtzeit in Ihrem Hause aus und ein geht, als gehöre er dazu — mit dem sogar Ihr Hund so vertraut ist, daß er ihm nachläuft und auf der Straße von Herrn Hünemann zurückgeschickt werden muß, damit er Sie und ihn nicht kompromittiert!«
Jo, friedlich im Stuhl am Fenster sitzend, schüttelte den Kopf.
»Was für ein antediluvianischer Ausdruck, Peter ... Sie leben nicht in Berlin, wie? — Das hab' ich mir gleich gedacht ... Kommen Sie, lassen Sie uns in Ruhe miteinander reden! Glauben Sie mir, junger Peter: Spion sein ist kein glückbringender Beruf —, man blamiert sich zu leicht damit, und er ist auch nicht sonderlich ehrenvoll im Privatgebrauch —«
Das Knabenantlitz überzog sich mit einer so krankhaften Blässe, daß Jo verstummte.
»Lieber ein Spion sein«, sagte er, an dem Worte würgend, »als das, was mein Vater ist ...«
Jo sah ihn an. Auf ihrem nachdenklichen Gesicht erlosch das Lächeln und machte dem Kummer Platz.
»Sie hassen Ihren Vater«, sagte sie leise.
Er schwieg; aber unter seinen Augen, die man seit langem um den gesunden Schlaf seiner sechzehn Jahre gebracht hatte, zuckten die Nerven und Muskeln und die blaßbraune Haut.
»Finden Sie das nicht ein bißchen altmodisch, Peter?« fragte Jo, mit äußerster Vorsicht sprechend. »›Vaterhaß großkariert‹ ist eigentlich nicht mehr modern ... Man trägt jetzt entweder ›Armer alter Mann!‹ in gedämpften Farben oder ›Hallo, alter Herr!‹ in etwas lebhafteren Mustern ...«
»Sie höhnen!« sagte der verratene Mund. »Wie billig!«
»Ich höhne durchaus nicht, Peter. Ich schwatze nur, damit Sie ruhiger werden und wieder zu Atem kommen ...«
»Ich brauche nicht so viel Atem, gnädige Frau, um Ihnen zu sagen, was gesagt werden muß! Vielleicht nehmen Sie mich nicht ernst, weil ich so jung bin —«
»Im Gegenteil, Peter. Ich nehme nur junge Menschen ernst. Das sind die einzigen, die es verdienen.«
»Wenn das Ihre Überzeugung ist, warum lügen Sie mich an und behaupten, Sie kennten den Namen meines Vaters nicht?!«
»Warum glauben Sie mir nicht, Peter, wenn ich Ihnen sage, ich habe ihn heute zum ersten Male gehört?«
»Hat er Ihnen vielleicht einen falschen Namen genannt?«
»Nicht einmal das —«
»Und Sie haben ihn auch nicht gefragt, wie er heißt?«
»Warum hätte ich das tun sollen, Peter?«
Sie wartete auf eine Entgegnung. Sie wartete lange. Zu dem ratlos schweigenden, unüberzeugten Knabengesicht, dessen Augen über sie wegschauten, fuhr sie mit sanfter Stimme zu sprechen fort:
»Wenn ein Mensch, den Sie nicht kennen, schutzlos in strömendem Regen vor Ihrer Tür steht — und damit, junger Peter, fing es an! —, fragen Sie ihn dann erst nach seinem Namen, bevor Sie ihn unter Ihr Dach rufen?«
Peter Hünemann schwieg.
»Und wenn der Mensch, den Sie nicht kennen, dem Rufe folgt, an Ihrem Kaminfeuer sitzt, sich trocknet und wärmt und seinen Namen nicht nennt —, aus keinem anderen Grunde, wie's Ihnen scheinen will, als um die seltene, ganz ungewohnte Kostbarkeit der Stille um sich her nicht zu zerbrechen —, würden Sie sich dann verpflichtet fühlen, den Inquisitor zu spielen und Ihrem schweigsamen Gast den Paß abzufordern?«
Peter Hünemann fuhr sich mit der Faust über die Stirn.
»Nein«, murmelte er. »Die Schuld liegt natürlich an ihm. Sie konnten nicht wissen, daß er verheiratet ist.«
»Das hätte mich auch nicht gestört, junger Peter, und außerdem: ich wußte es nicht, aber ich habe es mir gedacht. So bis auf den letzten Knochen zermalmt und zermahlen sehen nur verheiratete Männer aus.«
»Geht das vielleicht gegen meine Mutter?«
»Nein, noch nicht. Vorläufig nur gegen das System, auf das sie sich stützt und das Menschen heimlich zu fremden Türen treibt und sie zwingt, sich ein wenig Glück als Diebsgut zu stehlen ...«
»Meine Mutter ist auch nicht glücklich —«
»Das kann ich mir denken. Aber ich vermute, sie gehört zu den Frauen, die ich die silbernen nenne ...«
»... silberne Frauen ...?«
»Ja —: Frauen, die reden. Im Gegensatz zu den goldenen Frauen, die schweigen. Es gibt auch silbervergoldete: ich, beispielsweise, bin, glaube ich, eine davon; aber das gehört nicht hierher ... Die silbernen Frauen brauchen nie ganz zu verzweifeln; ihnen gab ein Gott — oder ein Teufel — zu sagen, was sie leiden. Und davon machen sie meistens ausgiebig Gebrauch. Die Luft um sie her summt von dem Wörtchen Ich. Sie wird ganz undurchsichtig durch all seine mannigfaltigen Verwandlungsformen. Die Wände dröhnen davon —, die Erde, die Welt scheinen nur noch aus Ich, Meiner, Mir, Mich zu bestehen. Der liebe Gott selber hat in seinem großen Universum keinen Platz mehr neben dem Wörtchen Ich. Haben Sie mal einen Oktopus gesehen?«
»Ja — im Aquarium ...«
»Nun sehen Sie — das Wörtchen Ich ist ein Oktopus, so groß wie Europa und Asien zusammengenommen. Woran Sie auch denken, wovon Sie auch sprechen — aus dem unvermutbarsten Winkel ringelt es seine scheußlichen Saugnäpfe auf Sie zu. Es senkt sich als wolkiger Lappen über Sie, ist ein greulicher Vorhang zwischen Ihnen und allem, woran Sie sich freuen könnten, wenn Ich nicht wäre —«
»Wollen Sie meine Mutter vielleicht mit einem Oktopus vergleichen, gnädige Frau?«
»Aber Peter! — Finden Sie irgendwelche Ähnlichkeiten?«
»Natürlich nicht ...«
»Nun, um so besser. Möchten Sie sich nun nicht doch endlich setzen, Peter? Ich weiß, ich weiß, Sie sind sehr böse auf mich, und es ist kein Friede zwischen uns. Aber wenn ich Ihnen verspreche, daß ich es keinesfalls als Zeichen der Schwäche oder gar der Versöhnung auffassen werde, wenn Sie von mir in meinem Hause einen Stuhl annehmen —, wollen Sie es dann tun?«
Er rührte sich nicht. Er sah hilflos gequält aus. Jo wappnete ihr Herz gegen sich und ihn.
»Hat Ihre Mutter es Ihnen verboten, Peter?«
Die Stirn voll Falten, nahm er den nächsten Stuhl. Seine mageren braunen Hände umkrampften sich.
»Sie wissen doch gar nichts von Mutter«, sagte er mit einer gewissen umschaltenden Plötzlichkeit. »Warum nehmen Sie gegen sie Partei? Ist es wahr, daß Frauen gegeneinander nicht gerecht sein können?«
»Oh, was das betrifft, junger Peter —, das liegt wohl daran, daß wir Frauen alle zur gleichen Verschwörergilde gehören und uns gegenseitig durchschauen wie Glas. Frau A wird nie begreifen, daß Mann X so dumm ist, Frau B auf den Leim zu gehen — den, nebenbei bemerkt, Frau A in ihrer weiblichen Alchimistenküche nicht um ein Jota anders kochen würde. Aber das Thema ist heikel, ich glaube, wir lassen es lieber ... Und mein Parteinehmen, Peter — ist das so schwer zu verstehen? Wer hat denn im Regen vor meiner Tür gestanden — Ihr Vater oder Ihre Mutter?«
»Freilich, mein Vater — aber Sie wissen auch nicht, daß wir auf Mutters Kosten gereist sind, gnädige Frau, und daß Vater seinen Urlaub nicht hier verbringen könnte, wo es ihm anscheinend so gut gefällt, wenn Mutter nicht alles bezahlte ...«
»Das ist allerdings schlimm ...«
»Sie sagen das so, als sei es schlimm für Vater —«
»Sie sind sehr feinhörig, Peter.«
»Und Sie sind sehr ungerecht — ja, verzeihen Sie, gnädige Frau, Sie sind sehr ungerecht!«
»Sind Sie gerecht, Peter?«
Der Kopf des Jungen fiel in seine Hände.
»Ich weiß es nicht, mein Gott — ich weiß nur, daß Vater alle fünf Minuten zu Ihnen läuft und sich durch Sie gegen Mutter aufhetzen läßt!«
»Einen Augenblick, Peter!« sagte Jo. »Ich habe Sie heute schon einmal bitten müssen, mir etwas Unglaubwürdiges zu glauben: da handelte es sich um den Namen Ihres Vaters. Jetzt handelt es sich darum, daß ich bis zu dieser Minute nicht mehr als zwei Worte zu ihm gesprochen habe. Halten Sie es für möglich, Peter, daß ich Ihren Vater gegen seine Frau aufhetzen konnte, indem ich, ohne auch nur seine Hand zu berühren — ohne überhaupt jemals seine Hand berührt zu haben —, ›Gute Nacht!‹ zu ihm sagte?«
Die Augen des Jungen richteten sich auf die Frau und blieben auf ihr liegen. Diese überwachen, geröteten Augen, in denen die Gier nach Erkenntnis brannte, wurden zu einer fast körperlich fühlbaren, brennenden Last, gegen die sich die Frau vielleicht unmutig gewehrt hätte, wenn es nicht dennoch die unwissenden und hilfesuchenden Augen eines Knaben — wenn es nicht die Augen Peter Hünemanns gewesen waren.
Sie schob ihr Lächeln zwischen sich und ihn.
»Halten Sie das für möglich, junger Peter?«
»Ja!« sagte der Sechzehnjährige trotzig und atemlos. Es war, als zerbisse er ein Schluchzen zwischen seinen Zähnen. »Seit ich weiß, wie es klingt, wenn Sie ›junger Peter‹ sagen, seitdem halte ich das für sehr gut möglich! Aber haben Sie überhaupt Worte nötig, um zu erreichen, was Sie wollen? Sie sind ja so viel mächtiger als Mutter! Um so viel großmütiger sollten Sie auch sein! Was sucht mein Vater eigentlich bei Ihnen —?!«
»Vielleicht ein bißchen Ruhe, Peter.«
»Dies können Sie mir nicht erzählen, gnädige Frau! Nein, nein! Was er in Ihrem Hause findet, muß etwas ganz Besonderes und über alle Maßen Herrliches sein, denn seitdem — seitdem ist es, als wäre er für die Stimme, für das Schreien meiner Mutter nicht mehr zu erreichen ... — in seinem Gesicht ist seitdem etwas, das mich verrückt macht —«
»Kind — Kind!«
»Was Kind —! Ich bin kein Kind mehr —!« schrie er zornig. »Ich habe meinen Vater aus Ihrem Hause kommen sehen, neulich, am Morgen — Sie standen an der Tür —, Sie haben ihm nachgesehen ... Ich wußte bisher nicht, daß eine Frau einem Manne so nachsehen kann, von dem sie nicht einmal den Namen weiß ... und Sie haben gelächelt ... Ich glaube, meine Mutter hat niemals in ihrem Leben so gelächelt wie Sie an dem Morgen ... Und die Sonne lag auf Ihrem Haar ... Ach Gott ... Meine Mutter hat mir so oft ihre grauen Haare gezeigt — sie hat so verzweifelt trauriges, graues Haar ... Aber«, sagte er bitter genug, »meine Mutter schleicht sich auch nicht wie ein Dieb in fremde Häuser, um Glück zu stehlen, das ihr nicht zukommt —«
»Und doch hat sie gestohlen«, sagte Jo.
Das Gesicht Peter Hünemanns wurde aschenfarben.
»Meine Mutter —!«
»Ja!« Die Frau und der Knabe maßen sich mit Blicken, die funkelten, und das Blut, das aus seinen Wangen weggesunken war, schien ihr in die Augen zu steigen. »Sie hat zum mindesten ihrem Manne etwas gestohlen, das ihm vielleicht mehr wert als sein Leben war —«
»Was —?«
»Seinen Sohn!«
Peter Hünemann lachte böse.
»Jetzt haben Sie sich verrechnet, gnädige Frau! Wenn meine Mutter nicht wäre, würde ich überhaupt nicht bei meinem Vater sein!«
»Natürlich nicht — sie hat Sie ja geboren!«
»Sie hat mich nicht geboren! Ich bin nicht ihr leibliches Kind! Ich bin, da Sie sich so lebhaft für das Schicksal der Hünemanns zu interessieren scheinen, der Sohn meines Vaters und irgendeines Mädels — einer fremden Frau Niemand, die im Kindbett starb —, und sie, die Frau meines Vaters, erfuhr es durch Zufall, ging hin und holte mich aus dem Waisenhaus —«
»Ihr armer, armer Vater!« sagte Jo.
Er stockte. Er starrte sie an, in tiefer Verwirrung heftig errötend.
»Ich begreife nicht —«, stammelte er.
»Aber ich«, sagte Jo. Sie stand auf und ging durch das Zimmer. »O ja — nun begreife ich alles!« sagte sie. Sie blieb von dem Knaben abgewendet stehen und sah sich auch nicht um, als sie nach einem langen Schweigen fast bittend sagte: »Gehen Sie, junger Peter!«
Ein Stuhl wurde weggerückt. Eine Kehle schluckte. Eine kämpfende Stimme fragte sehr verstört:
»Wollen Sie, daß ich gehe, weil Sie — weil Sie auf meinen Vater warten, gnädige Frau?«
»Ich warte nicht auf deinen Vater, Peter — auf Ihren Vater, verzeihen Sie! ... und wenn ich Ihnen jetzt sage: Gehen Sie! — so geschieht es nur, weil ich Ihnen gegenüber in der Sache Hünemann contra Hünemann ganz loyal sein möchte und nicht mehr lange dazu imstande bin!«
»Warum nicht?« fragte der Sechzehnjährige.
»Weil in mir langsam eine Wut aufsteigt gegen die Frau, die Sie zu mir geschickt hat und die Sie Mutter nennen!«
»Sie haben doch meine Mutter niemals gesehen!«
»Nein — aber Ihren Vater, und das genügt mir!«
»Lieben Sie meinen Vater —?!«
»Du großer Gott —!!«
»Also warum —? Warum —?«
Jo gab keine Antwort.
Die zitternde Hand des Jungen durchsträubte sein Haar.
»Warum sagen erwachsene Menschen immer nur halbe Worte? Immer hört man sie hinter geschlossenen Türen in Nebenzimmern reden, und manchmal reißt jemand die Tür auf, und dann schreit einer irgendein Wort, ein dunkles Wort, einen Satz, von dem man nicht loskommt ... Und wenn man dann fragt, dann heißt es: ›Das verstehst du nicht!‹ — Wir verstehen schon! Man zwingt uns ja früh genug dazu! Wir wollen nichts sehen und hören von all dem Dreck und müssen doch — und schließlich denken wir: alles, was schön ist im Leben, das ist gelogen, und nur das Gemeine ist wahr ... Ist das wirklich so?«
Jo wandte sich um.
»Warum fragen Sie nicht Ihre Mutter? — Warum fragen Sie mich?«
Er drehte den Kopf hin und her. Das sechzehnjährige Gesicht stand brennend in seinem Blute. Aber da war kein Ausweg, den Augen Jos zu entkommen.
»Wie soll ein Mensch mir helfen«, sagte er rauh, »der sich selbst nicht zu helfen weiß — der die Nächte hindurch an meinem Bett sitzt und weint und sich und sein Leben verwünscht ... Neulich war ich so müde, daß ich über ihrem Gerede ... über ihrem Reden fast eingeschlafen wäre. Da klagte sie, das sei nun der Dank für ihre Barmherzigkeit ...«
»Ja, ja!« nickte Jo erbittert. »Wenn Sie doppelt so alt sind, Peter, werden Sie wissen: neunundneunzig Prozent aller sogenannten Barmherzigkeit hat der Teufel erfunden ... Man soll keine seelischen Schulden machen, Peter! Seelische Gläubiger haben eine besondere Art von Infamie: sie geben dem Schuldner nur in ganz seltenen Fällen die Möglichkeit, das Kapital an sie zurückzuzahlen — und wo Menschenseele Schuldnerin einer Menschenseele ist, da muß man ein Vanderbilt des Herzens sein, um die geforderten Zinsen aufbringen zu können.«
»Was hat diese Theorie, sie mag falsch oder richtig sein, mit meiner Mutter zu tun?«
»Viel, Peter ... alles! Die Frau, die Sie Mutter nennen, hat Ihren Vater gezwungen, sich bei ihr in untragbare seelische Schulden zu stürzen, und nun geht er zugrunde am Wucher der weiblichen Großmut und Barmherzigkeit. Oh, man kann auch quittierte Rechnungen einrahmen und an die Wand hängen; Schlafzimmer sind dafür ein besonders geeigneter Ort! Addieren Sie selbst die Summen, junger Peter: eine fremde Frau, eine heimliche Liebe zu ihr, ein Kind dieser heimlichen Liebe zu einer fremden Frau —«
»Hat irgendwer meinen Vater gezwungen, die eigene Frau zu betrügen?«
»Das weiß ich nicht, Peter, und würde mir nie anmaßen, darüber zu urteilen; aber eins weiß ich gewiß: Fleisch und Brot stehlen nur die Hungrigen, nicht die Satten — außer es handelt sich um Kleptomanie.«
»Gibt es Kleptomanen der Liebe?«
»Sicherlich, Peter! Don Juan war einer von ihnen und jeder aus seinem Blute, die großen Irrfahrer der Liebe, die ewigen Sucher. Aber Ihr Vater gehört gewiß nicht dazu. Der hat wohl nur einmal gestohlen — vor sechzehn Jahren, wahrscheinlich im Hungerdelirium des Herzens, im Durstdelirium der Sinne —, und dafür ist er lebenslänglich ins Zuchthaus gekommen.«
Er wurde blaß vor Zorn.
»Was Sie Zuchthaus zu nennen belieben, gnädige Frau«, sagte er mit schwankender Stimme, »hat weder Handschellen für meinen Vater, noch unübersteigbare Mauern, noch Starkstrom in den Türgriffen. Warum bleibt er bei meiner Mutter? — Aus Pflichtgefühl? — Ich glaube, wenn er sie ganz verlassen würde, das wäre für sie auch nicht schlimmer und schwerer zu tragen, als was er ihr früher angetan hat und noch antut! Warum also bleibt er?!«
Jo lächelte traurig.
»Weil er Sie liebt, Sie Kind!«
Aus dem Munde Peter Hünemanns kam ein Laut, wie ein Mensch ihn ausstößt, der im Traume stürzt und stürzend aufwacht. Hohn, der sich selbst verletzte, laut spottender Widerspruch suchten nach starken Worten, die Worte der Frau zu entwerten; aber sie fanden sie nicht, und die Lider des Sechzehnjährigen zitterten plötzlich wie unter einer jähen und nicht zu ertragenden Blendung.
»Mich —?« murmelte er, und tiefste Betroffenheit flüchtete sich in kopfschüttelnde Ironie. »Ich habe ihm bei Gott keinen Grund dazu gegeben!«
»Wenn Sie einmal erfahrener sind in der Grammatik der Liebe, Peter«, sagte Jo, und nie hatte ihre Stimme sanfter geklungen, »dann werden Sie wissen, daß die beste Liebe immer ›trotz‹ liebt und fast niemals ›wegen‹ ... Das Zuchthaus der Liebe, in dem Ihr Vater wohnt, hat Wände, die mit alten Schuldverschreibungen tapeziert sind, und die Luft darin ist wie Giftgas durch Klagen und Vorwürfe. Wer Ihren Vater kennt — doch es kennt ihn kaum jemand, er ist ja so einsam! —, der kann nicht begreifen, warum der Mann nicht schon längst aus dieser Lemurenwohnung geflüchtet ist. Ich weiß es, Peter! Soll ich es Ihnen sagen? In dieser Wohnung gibt es ein Zimmer, darin wächst ein Kind heran. Seine Mutter ist tot. Aber einmal war sie heißes und zärtliches Leben, war ein Lachen, ein Weinen, ein Trösten — war immer Glück. Wenn sie wüßte, die tote Frau, daß das Kind ihrer Liebe ausersehen wurde, seinem Vater ein nie verstummender Vorwurf zu sein, sie würde an diesem Kummer noch einmal sterben. Hoffen wir, daß sie es nicht weiß, Peter — wie?«
Er schwieg, die Zähne in die Lippen gegraben.
»Der Mann, der Ihr Vater ist, würde es niemals wagen, in das Zimmer einzudringen, in dem sein Junge heranwächst. Aber wenn er daran vorübergeht, streichelt er heimlich die Tür. Manchmal bleibt er auch stehen, wenn er sicher zu sein hofft, daß man ihn nicht überrascht, und horcht auf die Stimme des Jungen, der eigentlich sein ist und den man ihm jeden Tag ein Stück mehr entfremdet — wollten Sie etwas sagen, Peter?«
Kopfschütteln.
»Solange der Junge gesund war, ging alles ganz gut. Aber als er krank wurde, kamen grausige Tage und Nächte. Da wich der Mann, der Ihr Vater ist, nicht von der Tür, hinter der sein geliebter Junge im Fieber lag. Er wurde immer mehr zum Schatten an dieser Tür; aber ganz verjagen ließ er sich nicht. Das Fieber seines Jungen kochte ihm in den Adern. Er war eine Glocke und der Schmerz der Klöppel darin; der schwang hin und her, daß die Glocke zu springen drohte. Der Arzt — die Ärzte machten ein ernstes Gesicht. Eine Frauenstimme jammerte: ›Nun hat man den Jungen mit soviel Selbstverleugnung und Schmerzen großgezogen!‹ Den Schatten an der Tür hörte und sah niemand. Vielleicht hörte und sah ihn Gott, denn der Junge wurde gesund. Doch die Süßigkeit der Genesung vertrieb den Schatten des Vaters von seiner Tür. Der Widerschein des ersten, noch müden Lächelns fiel auf alle Gesichter, außer auf das seine ... War es so, Peter?«
Schweigen. Dann:
»Ich weiß es nicht. Kann sein ...«
»Ich möchte«, sagte die sanfte Stimme der Frau, »daß Sie darüber nachdenken, junger Peter, ob es so war ...«
Peter Hünemann irrte in der Diele hin und her, die um ihn immer enger zu werden schien. Sein Mund klaffte offen, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Große Tropfen standen auf seiner Stirn. Er wischte sie ab. Der ganze Mensch wurde von einem inneren Zittern durchschüttert.
Jo stand am Fenster und sah in den Garten hinaus.
»Wenn mein Vater mich so sehr liebt, wie Sie sagen, gnädige Frau«, sprach endlich die heisere Stimme des Sechzehnjährigen weit hinter ihr im Raum, »dann könnte er doch vielleicht um meinetwillen der Mutter das Opfer bringen und nicht mehr zu Ihnen gehen ... er könnte dann doch vielleicht darauf verzichten ... wenn es auch sicher sehr schwer ist, gnädige Frau ... wenn ich auch selbst nicht weiß, wie er es aushalten sollte ...«
Jo wandte ihr stilles Gesicht in den Raum zurück.
»Sie können Ihren Vater gleich darum bitten, Peter«, sagte sie. »Er ist schon im Garten, er ist auf dem Wege hierher. Ich bin sicher, wenn Sie zu ihm sagen: ›Um meinetwillen, Vater, geh mit mir weg von hier und komm nie wieder!‹ — dann wird er es tun ...«
Es war, als würde der Körper des Knaben auf die Tür zugeschleudert. Doch mitten im Weg blieb er stehen. Die Frau trat neben ihn. Sie legte die Hand mit einem sanften, vorwärtstreibenden Druck auf seine Schulter.
»Gehen Sie, junger Peter«, sagte sie.
Aber er ging nicht. Er starrte auf seinen Vater, der, ein Mensch voll Frieden, mit lichterfülltem Gesicht, nicht zögernd noch eilend durch Sonne und Schatten ging.
Gemessenen Schrittes, aber mit freundlichem Wedeln kam ihm Hüter entgegen und schob den verständigen Kopf in die Hand des Mannes, der ihn begrüßte, als sei er dankbar, ein Wesen getroffen zu haben, mit dem er Liebe um Liebe tauschen konnte.
Er hob den Kopf, als er zu dem Haus hinaufsah. Auf seinem erlösten Gesicht lag eine fast anbetende Liebe. Er konnte die Menschen, die im Dämmer des Raumes standen, nicht gewahr werden, denn zwischen ihnen und ihm war zuviel Sonne. Er empfing nur das Bild des Hauses in seinen Augen, aber es schien ihm vollauf zu genügen. Er liebte es, grüßte es und wandte sich ruhevoll ab. Von Hüter begleitet, ging er weiter auf dem sanften Weg, der zur Höhe führte und auf dem er gestanden hatte, als Jo ihn zum erstenmal sah.
»Worauf warten Sie, junger Peter?« fragte die Frau. Ihre Hand lag noch immer auf der Schulter des Knaben, der, vorgebeugt stehend, am ganzen Körper bebend, die Fäuste geballt, dem Vater nachsah, bis er seinen Blicken entschwunden war.
Mit einem rasenden Ruck befreite er seine Schulter. Er zerbiß sich die Lippen. Er starrte auf die Frau. Seine Augen funkelten in wütenden Tränen. Er schüttelte sie ab. Doch das Schluchzen hielt ihn gepackt und durchstürmte ihn, daß er sich bog wie ein ganz junger Baum.
»Ich halte das nicht mehr aus —!« sagte er zwischen den Zähnen. »Ich halte das nicht mehr aus —! Ich werde verrückt —!«
Er sah in die Augen Jos und sah sie in Tränen stehen. Seine jungen Hände griffen blind in die Luft.
»Ach lieber, lieber Gott!« sagte Jo ganz leise.
Dann streckte sie die Arme aus und fing das Chaos dieser schluchzenden sechzehn Jahre an ihrem lieben Frauenherzen auf.
Der dritte Brief lag mitten in den Rosen.
Wahrscheinlich war er, ebenso wie die beiden andern, vor Jos Schlafzimmerfenster gelegt worden, aber der Wind oder die eigene Schwere hatten ihn in den Garten fallen lassen, und da fand ihn Jo, am lichten Nachmittag. Als sie sich bückte, um ihn aufzuheben, war ihr einen Augenblick lang zumute, als beuge sie sich über eine Räucherschale — mit so fast greifbarer Fülle hob sich der Duft der Rosen, in ihren Kelchen bereits zur Essenz verdichtet, zu ihr empor. Aber der Ausdruck von leiser Betäubtheit, der das Gesicht der Frau wie ein ganz dünner Schleier bedeckte, kam nicht von der Sonne und nicht von den glühenden Rosen.
Unwillkürlich mußte sie lächeln, als ihr zum Bewußtsein kam, wie sie da mit dem Brief in beiden Händen unter der ausgeschütteten Sonne stand: wie ein Mensch mit einer auf unbekannte Zeitzündung eingestellten Höllenmaschine. Sie setzte sich behutsam auf die Steinbank unter den Ulmen, öffnete den Brief und legte die unzähligen, von Schriftzügen überjagten Blätter vor sich hin auf den Tisch. Die Stirn in die Handflächen gebettet, begann sie zu lesen, und es wurde ihr so schwer, dabei Atem zu holen, als stünde sie preisgegeben unter der Wucht eines Sturzbaches.
»Dies ist der dritte Brief. Die Kerze ist niedergebrannt. Eine Lampe habe ich nicht. Meine Mutter will nicht, daß ich bei Nacht lese. Sie sagt immer, es sei wegen meiner Augen. Aber jetzt, einmal wissend geworden, erkenne ich den eifersüchtigen Haß, mit dem sie meine Bücher verfolgt. Der Haß gegen das Untötbare muß wohl der heftigste von allen sein, weil er der ohnmächtigste ist. Und nicht zu erlösen. Denn Haß kann doch eigentlich nur an Mitleid sterben — oder ist es anders? Ist die Geburtsstunde des Mitleids, das heißt des Gnadenbegriffs, die Geburtsstunde der Menschheit? Das Geschöpf, das, bedeckt mit dem Haarkleid des Tieres, bewaffnet mit dem Todesgebiß des Tieres, seinen Feind zu Boden warf, aber ihn nicht tötete, sondern begnadigte und von ihm ging, vielleicht in dumpfem Staunen über sich selbst, aber zum ersten Male aufrechten Ganges, war das der erste Mensch? Die Welt ist voll Fragen und Schwere. Ich bin aus Dunkelheit in Helle getreten und vermag nichts zu erkennen. Meine Mutter umwittert mich. Nicht meine Mutter, ›die Frau, die Sie Mutter nennen‹, haben Sie gesagt. Sie ändern die Sprache der Menschen. Sie geben ihr erst einen Sinn. Alle Worte sind neu und erstmalig, wenn Sie sie aussprechen. Ich habe nie meinen Namen gehört, bis Sie ihn nannten. Ich habe nie gewußt, was das Wort ›Mutter‹ heißt. Ich habe es böse verschwendet, und nun ist mir, als müßte ich durch die ganze Welt wandern, um die Frau zu suchen, die meine Mutter ist. Ich weiß, sie ist tot, aber irgendwo muß sie doch sein? Irgendwo muß sie doch auf mich warten? Irgendwo muß ich sie doch einmal finden?
Meine Kammer ist glühend heiß, obwohl die Fenster weit offen stehen.
Nun bin ich aus dem Fenster geklettert und bin durch den Garten und über die Wiesen gegangen, bis dahin, wo ich Ihr Haus zu sehen vermag. Ich habe mich lange an einen Baum gedrückt und nach Ihrem Hause hinübergesehen. Das Mondlicht teilt es scharf in Schwarz und Weiß. Der Schatten des Daches wandert. Eine Zeitlang war in Ihrem Schlafzimmer Licht. Dann wurde es ausgelöscht. Etwas in mir zerriß sehr schmerzhaft.
Ich schreibe auf meinen Knien. Die Blätter sind feucht vom Tau. Auch ich bin ganz feucht vom Tau und zittre so sehr, daß ich fürchte, Sie werden den Brief nicht lesen können. Aber ich friere nicht, mein Kopf brennt. Ich habe auch kein Fieber, das schreibe ich, weil Sie vielleicht denken könnten, ich hätte Fieber. Nein. Ich bin auch nicht krank. Verbieten Sie mir bitte nicht, in den Nächten an Sie zu schreiben. Womit soll ich meine Nächte sonst hinbringen? Mit Schlafen? Ja, wenn ich da liegen könnte, wo Hüter seinen Platz hat. Empfinden Sie es als Frevel und Anmaßung, wenn ich Ihnen schreibe, ich sehne mich wie verrückt danach, meinen Mund auf die Tür zu drücken, hinter der Sie schlafen? Es ist nicht Frevel. Es ist nicht Anmaßung. Es würde nur Unsägliches bedeuten, sehr verehrte gnädige Frau, liebe gnädige Frau, ach bitte, bitte! Nicht wahr, Sie wissen, daß ich um nichts bitte! Aber schicken Sie mich nicht weg! Verbieten Sie mir nicht, Ihnen zu schreiben! Vielleicht lesen Sie meine Briefe nicht. Vielleicht bin ich Ihnen lästig. Aber gestern haben Sie mich doch in Ihre Arme genommen? Gott, warum bin ich nicht gestorben, als Ihre feuchten Augen über mir waren und Sie mit Ihrem himmlischen Lächeln sagten: Das ist jetzt mein Peter, und meinem Peter darf keiner was tun. Warum sind wir Menschen so arm und kraftlos im Wünschen? Als Ihre Hände auf meiner Stirn lagen und Ihre Fingerspitzen, die so herrlich kühl sind, meine Augen zuschlossen, da wünschte ich mir, daß ich Sie entrücken könnte aus dieser qualvollen Nachbarschaft mit dem Unerwünschten in eine edengleiche Einsamkeit. Ich wünschte es mir so sehr, daß ich glaubte, ich müßte an diesem Wünschen in Flammen aufgehen. Aber nichts geschah. Und was bin ich Ihnen? Was kann ich Ihnen sein? Ein sechzehnjähriger Junge, der zu Ihnen gekommen ist, um Sie anzupöbeln — oh, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse die Menschen und alles, das Leben, die Welt, nur Sie nicht! Sie nicht, liebe gnädige Frau! Sie liebe ich, darf ich das sagen? Ich liebe Sie. Alles ist schöner und leichter, nachdem ich das gesagt habe. Nehmen Sie mir das Wort nicht weg! Es ist eine große Erlösung, zu einem Menschen sagen zu dürfen: Ich liebe Sie! Es ist wie besser werden, reiner, brennender. Man glaubt wieder an etwas, wenn man auch nicht sagen kann, woran, sobald man sagen darf: Ich liebe.
Warum habe ich es Ihnen gestern nicht gesagt, als ich meinen Kopf an Ihre Schulter legen durfte, als ich heimlich, Sie haben nichts davon gemerkt, meinen Mund auf den kleinen weißen Kragen preßte, aus dem Ihr Hals sich hebt. Sie sprachen zu mir, ich hörte Ihre Stimme, aber ich habe kein Wort verstanden in dieser Minute, in der die doppelte Betäubung des Opfers und des Opfernden mich überwältigte. Ich wünschte mir, vor Ihnen hinfallen zu dürfen, nicht auf die Knie fallen, das wäre zu wenig, nein, hingeschüttet sein — aber es ist alles zu wenig. Hätte ich nur in diesem Augenblick zu Ihnen gesagt: Ich liebe Sie! Sie hätten mich schon verstanden. Aber es war nicht möglich. Ich war zu sehr erfüllt, es war alles zu groß.
Ist Anbetung mehr als Liebe? Dann bete ich Sie an. Aber wenn Liebe mehr ist als Anbetung, dann liebe ich Sie, gnädige Frau.
Ich sehne mich nicht danach, in Ihrem Garten zu sein, den ich deutlich erkennen kann. Es ist viel schöner, hier zu sitzen, das ferne Bild Ihres Hauses ganz in den Augen zu tragen und sich zu sehnen, in ihm, bei Ihnen zu sein. Wenn die Menschen in Wahrheit wüßten, was Sehnsucht ist, sie würden sich nur nach der Sehnsucht sehnen.
Jetzt ist der Mond so tief hinabgewandert, daß Ihr Dach keinen Schatten mehr auf die Hauswand wirft. Ich weiß: dort atmen Sie. Dort schlafen Sie. Schauder der Fremdheit: ich kann Sie mir nicht schlafend vorstellen. Ihre Augen schließen sich nicht vor mir. Sie strahlen mich weit offen und undurchdringbar hell an aus Ihrem Gesicht, das ich nur vor mir und über mir zu denken vermag, aber nicht unter mir, nicht in Kissen gebettet. Ich sehe Sie gehen, sich umkehren, stehen bleiben, sich setzen. Das alles sind Sie, unverwechselbar Sie. Aber wenn ich Sie schlafend denke, verwirrt sich Ihr Bild, verschwimmt mir, ich kann Sie nicht mehr erkennen. O qualvoll! O warum tun Sie mir das an? Ich finde mich nicht mehr zurecht in den eigenen Gedanken, ich irre und irre, ich sehe mich selbst, wie man sich im Traume sieht. Ich taste mich durch ein Zimmer, in dem kein Licht ist. Das muß Ihr Zimmer sein. Ihr Schlafzimmer. Ich kenne es nicht und erkenne es doch. Da liegt eine Frau in einem Bett und schläft. Aber das sind nicht Sie, das ist eine fremde Frau. Ich will sie nicht. Ich sehe ein unerträglich fremdes Antlitz mit einem unerträglich fremden Lächeln. Flach auf dem Rücken liegend, hebt sie die Arme. Ich will sie nicht. Ich zittere vor Haß. Ich hasse ihr nacktes Lächeln, ich werde etwas sehr Böses tun, etwas, das nie mehr gutzumachen ist, ich erreiche sie fast, und, wie im Traume stürzend, erkenne ich nichts mehr —
Ich bitte, ich bitte Sie vielmals, gnädige Frau, ich bitte Sie, helfen Sie mir! Sie müssen mir helfen! Ich will meine Augen so mit Ihrem Bilde füllen, daß nichts anderes sonst mehr Raum darin hat! Ich will keine bösen Träume, keine bösen Gedanken mehr haben. Ich will fromm sein. Ich will nur Ihnen gehören! Sie haben gesagt: ›Das ist jetzt mein Peter, und meinem Peter darf keiner was tun.‹ Ich verlasse mich darauf, ich verlasse mich darauf, gnädige Frau! Ein Wort ist ein Wort, nicht wahr, und Sie werden mir helfen, auch gegen mich selbst.
Die Nacht ist vorüber, der Morgen kommt herauf. Alle Täler sind voll hellgoldener Nebel. Ich muß die Blätter des Briefes in der Sonne trocknen.
Was soll ich tun, um nie von Ihnen fortzumüssen? Ich werde versuchen, krank zu werden, mit einer Lungenentzündung wird man mich doch hierlassen? Mein Vater und seine Frau sollen abreisen, aber ich bleibe, wo Sie sind, und warte darauf, daß Sie kommen und fragen, wie es mir geht. Oder ich breche mir einen Arm oder ein Bein — ein Bein ist besser, da muß man länger stilliegen und darf nicht transportiert werden. Ob Sie kommen würden? O ja, Sie würden kommen. O gute, gute, barmherzige, gütige Frau! Ich bin Ihr Eigentum. Ich liebe Sie. Amen.
Mein Herz ist ganz leicht. Ich bin glücklich. Die Nacht ist vorüber, und der Tag ist da. Zu irgendeiner Stunde dieses Tages werde ich Sie wiedersehen.
Jetzt liegt die Sonne schon auf Ihrem Haus. Ich liebe Sie. Ich bin Ihr Peter. Ihr Ihnen ganz und gar ergebener
Peter Hünemann.«
Jo hob den Kopf aus den Händen. Noch lag ihr Blick auf den Blättern des Briefes, den sie gelesen hatte, aber die leise Betäubung der Gefühle, die zuvor ihr Gesicht wie mit einem dünnen Schleier übertaute, war einer lächelnden Versunkenheit gewichen. Sie atmete aus tiefer Brust wie ein Mensch, der auf dem Gipfel eines hohen Berges steht und mit freiem und seligem Blick das weite Land betrachtet, das in morgendlicher, unverhohlener Schönheit bis an die fernsten Grenzen sich ihm erschließt. Von diesen fernen Grenzen war ihr Blick noch nicht zurückgekehrt, als neben ihr die Stimme Josys aufklang:
»Beschäftigt, Jo?«
Sie sah ihn träumend an. Dieser große Mensch mit dem großen Paket unterm Arm ... Kein Mann auf der Welt hatte eine so abwürgende Art, Pakete zu tragen, wie Josy. Das war also Josy.
»Guten Tag, Josy.«
»Nett, daß du mich wiedererkennst. Was hast du da eben gelesen?«
»Einen Brief.«
»Nicht möglich. Sieht aus wie die handschriftliche Lebensbeschreibung vom alten Rockefeller. Von wem ist der Brief?«
»Von einem, der mich lieb hat, Josy.«
Er beglotzte sie mit den melancholischen Wutaugen eines Kaffernbüffels.
»Kann ich den Brief lesen?«
»Gern, Josy — wenn ich dafür dem Schreiber die Geschichte deiner Liebe zu mir erzählen darf.« Sie horchte ein wenig. »Ist das, was du unter dem Arm trägst, zerbrechlich, Josy?«
»Ja, einigermaßen ...«
»Nun, bei Gott ist kein Ding unmöglich, vielleicht ist es ganz geblieben, aber besser wäre es doch wohl, du stelltest es hier auf den Tisch.« Sie legte sorglich die Blätter des Briefes zusammen und barg sie wieder im Umschlag. Sie sah dem Mann ins Gesicht und lächelte, wunderbar sanft. »Fang mit mir keinen Krieg an, Josy, du weißt, ich bin stärker als du. Warum bist du überhaupt so grimmig gelaunt?«
»Erstens, weil du mir den Fischerhansl geschickt hast, anstatt mich selber vom Flugplatz abzuholen — —«
»Aber ich kann dir doch nicht deinen Handkoffer tragen, Josy.«
»— — und zweitens —« er stellte das große Paket auf den Tisch und sah böse den Brief an, den Jos Hände umschirmten. »Ich hab' mich so wahnsinnig auf dich gefreut, Jo —« seine Augen kamen unglücklich zu ihren Augen — »ich hab' mir eingebildet, du freust dich auch auf mich — und statt dessen liest du im selben Moment, wo ich komme, einen kilometerlangen Liebesbrief von irgend so einem verdammten grünen Jungen.«
»Woher weißt du, daß dieser Brief von einem verdammten grünen Jungen ist?«
Er zuckte schwer und verdrossen die Achseln.
»Der Brief hat keine Marke. Der Schreiber wohnt also hier. Dreißig Seiten lange Briefe an eine Frau zu schreiben, die mit einem am gleichen Orte wohnt — dazu muß man sehr jung sein, Jo — beneidenswert, hoffnungslos jung ...«
»Ich habe gar nicht gewußt, daß du ein so guter Psychologe bist, Josy.«
»Ein viel besserer noch, als du glaubst«, sagte er, zornig atmend. »Denn ich habe schon gestern am Telefon gespürt, daß du anders warst als sonst, Jo! Ich möchte wetten, mein Anruf aus Wien hat dich in der Lektüre eines ähnlichen Dokuments gestört!«
»Wette nicht, Josy. Den Schreiber dieses Briefes habe ich erst fünf Minuten nach deinem Anruf aus Wien kennengelernt. Wenn ich also wirklich schon gestern am Telefon verändert war, so ist das unbedingt dem Einfluß noch eines anderen Mannes zuzuschreiben ...«
Er stemmte die Fäuste breit auf den Tisch.
»Jo«, fragte er heiser, »hast du die Absicht, mich verrückt zu machen?!«
»Im Gegenteil, Josy — ich möchte dich gern zum Lachen bringen.«
»Zum Lachen? — Du willst mich mit solchen ... solchen Geschichten zum Lachen bringen?!«
»Fall nicht auf dein Paket, Josy, wenn es wirklich zerbrechlich ist ... Ich will dich daran erinnern — ich will nicht, ich muß! — daß es dich nicht das geringste — aber auch nicht das geringste angeht, wen ich liebe, Josy, und von wem ich mich lieben lasse. Ich dachte, mit diesem Kapitel wären wir schon im Juni fertig geworden!«
Er sah sie noch immer an, unentwegt, mit auf den Tisch gestemmten Fäusten, ein leises, vibrierendes Zittern in den Gesichtsmuskeln.
»Fertig geworden ...« wiederholte er leise. »Gestern nachmittag lernt dich ein dummer Junge kennen. In der Nacht darauf ist er vielleicht zum Dichter geworden. Aber ich soll mit dir fertig geworden sein, zwischen Juni und August ...«
Er wandte sich ab und ging mit seinen langen, breitspurigen Schritten auf das Haus zu, das ›Glück‹ hieß. Das Paket hatte er auf dem Tisch liegen gelassen. Jo sah dem Manne nach, der im Dämmer der Halle verschwand. Der Fischerhansl kam mit dem Handkoffer Josys. Jo schickte ihn in die Küche. Sie nahm den Brief und steckte ihn in den Gürtel. Sie nahm das Paket, das für seinen Umfang sehr leicht war, und ging damit in die Diele, wo Josy wie ein großes, verräumtes, zweckloses Möbelstück stand.
»Ist dies das Geschenk für Tilly, das du mir zeigen wolltest?« fragte sie freundlich.
Er nickte stumm vor sich hin.
»Darf ich es auspacken?«
»Bitte.«
Während sie sorglich die vielen Schnüre löste, fuhr sie mit sachtem Plaudern fort:
»Wie geht es Tilly?«
»Danke, gut.«
»Wann hast du zuletzt mit ihr gesprochen?«
»Gestern.«
»Ich glaube, sie ist sehr glücklich, Josy ...«
»Das freut mich.«
»Ich habe ihr einige Male geschrieben ...«
»Das weiß ich. Sie hat mir deine Briefe geschickt.«
»Ich wünschte, du würdest die ihrigen lesen, Josy ...«
Er schwieg.
Aus einem Wirrsal von Segeltuch, Bindfaden, Papierschnitzeln und Watte hoben Jos Hände das hölzerne Bildwerk einer schwarzen Madonna. Sie stellte es auf einen kleinen Tisch nahe am Fenster, beugte sich lange zu ihm und sagte endlich mit fast ergriffener Stimme:
»Das ist wunderschön, Josy ...«
Unter der Krone, in deren verblichenem Gold kleine, erblindete Edelsteine und schon erloschene Perlen schliefen, war das schwarze Antlitz, barock und schwärmerisch, halb erhoben, halb zur Seite geneigt, als wollte es sich selbst aus dem Mittelpunkt rücken. Die in sanfter Ekstase ausgebreiteten Hände boten das Kind auf dem Mutterschoße der Welt.
»Gefällt sie dir wirklich?« fragte der Mann etwas rauh.
»Ja. Sehr.«
»Dann ist sie ihr Geld wert ... Und du glaubst, daß sich Tilly darüber freuen wird?«
»Sie wird weinen vor Freude ...«
Der Mann zuckte die Achseln.
»Merkwürdig, was für ein atavistischer Zauber von diesem Gerümpel ausgeht ... Dabei möchte ich wetten, wenn man heute durch eine allgemeine Rundfrage feststellen wollte, wer der berühmteste und populärste Jude der Welt ist, so käme es zur Stichwahl zwischen Christus und Charlie Chaplin.«
»Sagst du das, Josy, damit ich nicht hören soll, daß dir die Kehle zum Sprechen zu eng ist?« Sie trat neben ihn, zögerte, sah seine Reglosigkeit, sah die geballten Fäuste in seinen Taschen.
»Josy«, sagte sie und lächelte, während ihr die Tränen in die Augen stiegen, »erwartet Tilly ein Kind?«
Nach einer Weile nickte er. Noch später sagte er, kaum verständlich:
»Sie freut sich unsinnig darauf ...«
»Josy — und du nicht auch?«
Er drehte sich um. Er sah auf sie hinab. Er sah ihre feuchten Augen, den schönen, ergriffenen Mund. Plötzlich riß er die Fäuste aus den Taschen, drückte die Finger in die Schultern der Frau.
»Wenn dieses Kind in deinem Schoß wüchse ... wenn du es mir schenken würdest, Jo ... ja dann!«
Jo sagte, tapfer lächelnd, das Schüttern des Mannes in allen Nerven:
»Und ist es nicht wirklich mein Kind?«
»Ach Jo ... Darf ich es zu dir bringen?«
»Ja.«
»Darf ich auch Tilly zu dir bringen?«
»Ja.«
»Darf sie das Kind in diesem Hause zur Welt bringen, da oben in der kleinen Kammer mit den roten Geranien vor den Fenstern?«
»Ja, Josy ... Aber die Geranien werden dann noch nicht blühen ...«
»Was blüht dann?«
»Die Hyazinthen und die Narzissen.«
»Das sind auch schöne Blumen«, sagte er, halb getröstet.
»O ja, und sie haben einen viel süßeren Duft ...«
»So?«
»Freilich!«
Die Hände auf ihren Schultern, sah er sie an. Sein großes dunkles Lächeln wurde friedlich und dankbar. Einen Augenblick lang schien es, als wollte er sie küssen, wie ein Bruder seine verständige Schwester küßt, die ihm aus schwerer Klemme geholfen hat. Aber plötzlich riß er den Kopf hoch, und Jo sah sich um. Ein gläserner Laut zerklirrte die Stille des Raumes. Die Tür zum Garten war gegen die Mauer geschlagen. In ihrem Rahmen lehnte sonderbar, wie verrenkt, Peter Hünemann und starrte auf den Mann und die Frau.
Ein Schweigen von vielen Sekunden war zwischen drei Menschen.
Jo faßte sich zuerst. Sie nahm die Hände Josys von ihren Schultern und ließ sie mit sanftem Druck los. Er schob sie, unzufrieden knurrend, wieder in die Taschen, schob mit geschlossenem Munde den Unterkiefer vor, stand breitbeinig da, kein Anblick, der Zutrauen weckte.
»Peter«, sagte Jo. »Guten Tag, Peter! Kommen Sie doch herein!«
Er antwortete nicht. Und obwohl es die Frau war, die mit ihrem Dasein den Raum erfüllte, schienen die Männer jetzt in ihm allein zu sein und von den Männern nichts als Blicke und Atem.
»Peter!« sagte die rufende, zu sich rufende Stimme der Frau, »wollen Sie mir nicht die Hand geben?«
Sie ging auf ihn zu. Er wich vor ihr zurück, einen Ausdruck des Entsetzens in den Augen. Noch immer wirkte sein Körper wie verrenkt.
»Nein«, sagte er. »Verzeihung. Ich möchte nicht stören.«
»Aber Peter, was sind das für Reden — Sie stören doch nicht. Kommen Sie, ich möchte Sie gern bekannt machen —«
Da war er schon jenseits der Tür, stieß, rückwärts gehend, fast einen Stuhl um, stolperte, hatte die Augen noch immer auf Jo.
»Ich kann nicht«, sagte er. »Verzeihen Sie bitte — ich kann nicht —«
Und torkelte über die Stufen zum Garten hinunter, nach rechts, nach links und endlich blind gradeaus —
Die Frau sah ihm nach.
Josy Ebenezer räusperte sich.
»Darf ich rauchen, Jo?« Er nahm Pfeife und Tabaksbeutel aus der Tasche. »Jo — darf ich rauchen?«
»... was sagst du?«
»Ich fragte dich, ob ich rauchen darf.«
»... ob du was?«
»Ob ich rauchen darf.«
»... natürlich, Josy.«
Er setzte sich breit und begann, sich die Pfeife zu stopfen. Seine Blicke wanderten zwischen ihr und der Frau hin und her, die noch immer an der verlassenen Türe stand.
»Der Briefschreiber — wie?«
Jo nickte zum Garten hin.
Der Mann riß ein Streichholz an der Schuhsohle an und steckte mit großer Sorgfalt den Tabak in Brand.
»Wenn der Junge heut nacht allein bleibt«, sagte er langsam, zwischen den einzelnen Zügen, »dann wird er in seinen Träumen drei Morde begehen: einen an mir, einen an dir — außerdem Selbstmord und den vielleicht nicht nur im Traum.«
Jo wandte sich duldsam nach ihrem Schwager um.
»Du sagst manchmal so erheiternde Dinge, Josy.«
Er zuckte die Achseln.
»Ich registriere lediglich meine Eindrücke.«
»Und damit ist der Fall für dich gestorben?«
»Was sollte ich sonst tun?«
»Ihm helfen, dem Jungen!«
»Dem kann kein Mann helfen, Jo. Dem hilft nur eine willige Frau.« Er lächelte mit dem grinsenden Munde eines Gefolterten. »Willst du vielleicht diese Frau sein?«
»Und wenn ich das wollte«, sagte Jo zornig, »dann sei versichert, daß ich dich nicht um Erlaubnis fragen würde!«
»Trotzdem gestatte ich mir, dir abzuraten.«
»Warum?«
»Weil ich den Jungen kaltblütig umbringen würde.«
»Mit welchem Recht, wenn ich dich fragen darf?«
»Mit welchem Recht?« wiederholte der Mann, unbeschreiblich erstaunt. »Mit gar keinem! — Kennst du irgend etwas in dieser verlausten Welt, das freiwillig dem Recht zuliebe getan wird? — Unfug! — Ich würde ihn ebenso umbringen, wie er mich, wenn er mich in dem Bette fände, in dem er selbst sein möchte. Kein Mann, der ein Mann ist, gönnt einem andern die Frau, nach der er sich selber sehnt. Und selbst, wenn er sich nicht mehr nach ihr sehnt — einem andern gönnt er sie doch nicht. Das ist wie bei einem Tier, das einen Knochen in seine Höhle geschleppt hat. Er kann so abgenagt sein, wie er will, und dem Besitzer bei jedem Schritt im Wege sein, sobald ein anderer ihm den Knochen wegnehmen will, legt er die Pranke darauf und knurrt wütend.«
»Siehe Brehms Tierleben!«
»Schön — siehe Brehms Tierleben! Du bist doch, soviel ich weiß, eine Tieranbeterin. Wundert dich beim Menschen, was dir beim Hirsch und Auerhahn selbstverständlich ist?«
»Allerdings, denn das Tier liebt instinktiv und rauh nach Gesetzen der Arterhaltung —«
»Der Mensch auch.«
»Jetzt hör aber auf, Josy! Du willst mir einreden, daß du, wenn du eine Frau umarmst, an die Erhaltung der Art denkst?«
»Wenn ich eine Frau umarme«, sagte Josy Ebenezer langsam, »dann denke ich entweder möglichst gar nichts — oder an dich. Ja, ja, ich weiß — sage nichts, Jo — ich weiß, es ist Schändung! Aber was, in des Himmels Namen, bleibt uns denn übrig —?! Oder bildest du dir vielleicht ein, der Junge, der dich im Blut hat wie eine unheilbare Krankheit, der wird dich nicht mit seinen Gedanken schänden, sobald er ein Mädel findet, das ihn zum Manne macht? Was glaubst du denn, woher sie alle kommen, die großen Zyniker und Pamphletisten, die großen Verneiner und Höhner, die ewig verrenkten Männer — das Wort ist blödsinnig, aber du weißt schon, was ich meine! — wenn nicht aus dem ersten Ekel, dem ersten leeren Grauen, das sie statt Verzückung in der ersten Umarmung gefunden haben? Vom Augenblick an, da so ein Junge begriffen hat, daß es neben ihm ein anders gestaltetes Geschlecht gibt, ist er auf der Suche nach dem vollkommenen Traumbild, denn er meint, was die Welt regiert seit Beginn der Welt und aus Männern Narren, Heroen, Verbrecher macht, das muß etwas sein, das zu suchen sich lohnt — und er landet zuletzt mit Dankbarkeit bei der Dirne, die am wenigsten von den zerfetzten Resten seiner Illusionen zerstört. Das kannst du einem glauben, der es am eigenen Leibe erfahren hat und weiß, daß er einer unter Millionen ist. Sieh den Dingen ins Gesicht, Jo, und spiele nicht Vogel Strauß!«
In der Nacht, die diesem Tage folgte, konnte Jo nicht schlafen. Sie lag, die Arme unter dem Nacken gekreuzt, und hörte die Schritte Josys über sich in der Kammer. Dann wurden die Schritte still. Die Nacht war sehr hell. Das Rauschen der Ache klang ganz fern herauf, und das Rauschen der Wälder war wie das Atemholen eines friedvoll Träumenden. Der Brunnen schwatzte, aber kaum vernehmbar, und die Blätter der Ulmen flüsterten miteinander.
Sie dachte: Peter ... Sie dachte: Junger Peter ... Ob du jetzt wieder aus deiner lichtlosen Kammer hinausgeklettert bist in die weite Nacht, um den Schatten auf meinem Hause wandern zu sehen? Ob du wieder, zitternd und feucht vom Tau, auf Blätter toten Papiers, die der Tau durchfeuchtet und die unter deinen Fingern zittern, dein lebendiges Herz ausschüttest, um es mir vors Fenster zu legen?
Geschlossenen Auges suchte sie sich der Worte zu erinnern, die aus drei rührenden, törichten Briefen zu ihr aufgestammelt hatten: Ich liebe Sie ... Aber die Worte strömten übereinander, sich gegenseitig verdrängend wie Wellen nachquellenden Wassers. Sie wollte die Briefe holen, um sie noch einmal zu lesen, richtete sich auf im Bett und blieb regungslos —
Eine lautlose Stimme sagte zwischen Brennen und Frieren:
»Erschrecken Sie nicht, gnädige Frau ...«
Nein, Jo erschrak nicht. Sie hatte nur genau das gleiche Gefühl wie bei ihrer ersten Gipfelbesteigung, als sie, an schroffer Wand klebend, den Abgrund lotrecht zu Füßen, einen Schritt tun mußte, ohne zu sehen, wohin sie trat. Das Mondlicht erfüllte mit silberblauer Flut das Zimmer. Mitten im Licht stand Peter Hünemann, ein wenig vorgebeugt, ein wenig schwankend, ein wenig wie ein im Fluß Ertrunkener, den eine Laune der Strömung aufrechthält. Die geballten Fäuste lagen dicht an seinem Körper, und hinter den offenen Lippen schimmerten schmal die zusammengepreßten Zähne. Eine ungeheuerliche Anstrengung schien seine Lider offenzuhalten; die Augen glänzten fahl, aber sie hatten keinen Blick.
Jo fuhr sich mit beiden Händen über die Stirn.
»Peter!« sagte sie, angesichts dieser lebendigen Gespenstererscheinung den Atem verlierend, »sind Sie wahnsinnig geworden?«
Er schien dem Worte nachzugrübeln, bevor er Antwort gab.
»Vielleicht«, sagte er dann, während seine Zähne in einem plötzlichen Schüttelfrost gegeneinanderschlugen.
»Was um des Himmels willen wollen Sie hier —?!«
»Gnädige Frau«, sagte er, und das Entsetzlichste an diesem gespenstischen Jungen war, daß er trotz allem so wohlerzogen wirkte, »wer ist dieser Mann?«
Nein, weder Entrüstung noch Angst war hier am Platze und unter gar keinen Umständen eine Lüge.
»Das ist mein Schwager, Peter.«
»Ihr Schwager?«
»Ja.«
»Der Mann Ihrer Schwester?«
»Der Schwester meines Mannes.«
»Aber er liebt Sie doch ...«
»Vielleicht, Peter. Nein — gewiß, er liebt mich, und ich bin ihm von ganzem Herzen gut. Aber ich liebe ihn nicht. Und das war es doch, was Sie wissen wollten, nicht wahr, Peter?«
»Ja, gnädige Frau«, sagte der Junge.
»Und nun gehen Sie nach Hause«, sagte Jo, »und versuchen Sie zu schlafen, Peter.«
»Ja«, antwortete er gehorsam. Aber er rührte sich nicht vom Fleck.
»Sie wollen mir noch etwas sagen, Peter?«
»Ja.«
»... Etwas beichten?«
»Ja.«
»Also sprechen Sie, junger Peter.«
»Ich habe«, sagte der Junge, als hole er die Worte einzeln wie schwere Steine aus sich herauf, »an Sie einen Brief geschrieben. Einen furchtbaren Brief. In diesem Brief habe ich Sie beschimpft und beleidigt. Das mußte ich Ihnen sagen. Das sollten Sie wissen. Verzeihen Sie mir, gnädige Frau ...«
»Von Herzen, Peter.«
Sie beugte sich vor im blauen Licht des Mondes, damit er ihr Lächeln deutlicher sehen konnte.
»Kommen Sie zu mir, Peter«, sagte sie.
Er stolperte vorwärts. Er fing sich wieder ein und stand sehr aufrecht in einer Helligkeit, die ihn fast durchsichtig machte.
»Was haben Sie da an Ihrer linken Hand, Peter?«
»Nichts, gnädige Frau.«
Jo sah ihm ins Gesicht, das entfärbt und entstellt war.
»Sie lügen mich an, Peter?«
Er schüttelte krampfhaft den Kopf.
»Dann zeigen Sie mir Ihre Hand ...«
Er gehorchte mit zusammengebissenen Zähnen und abgewendeten Augen.
Jo hatte wunderbare Nerven; die bewährten sich jetzt. Sie faßte die Hand des Jungen oberhalb des Gelenks wie etwas Zerbrechliches und beugte sich tief darüber.
»Was haben Sie mit Ihrer Hand gemacht, Peter?«
Sie hörte sein schweres Atmen und wartete stumm, das Zittern ihrer Finger gewaltsam unterdrückend.
»Ich habe den Brief an Sie darin verbrannt«, sagte er endlich heiser in verzweifelter Scham. Jo schwieg. Er fuhr fort, die Worte überstürzend: »Es war nichts, gnädige Frau. Ich habe es im Freien getan. Der Wind hat mir die brennenden Blätter aus der Hand geweht, bevor sie verkohlten ...«
Jo ließ ihn los und sagte mit ruhiger Stimme:
»Gehen Sie bitte in die Diele nebenan, Peter, und warten Sie dort, bis ich Sie wieder rufe.«
Er ging. Die Tür schloß sich mit leisem Tappen hinter ihm. Jo stand auf. Eine Sekunde lang schwankte sie auf den Füßen. Sie rieb sich die Schläfen mit den Fingerspitzen. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so sehr danach gesehnt, haltlos weinen zu dürfen, wie in diesem Augenblick. Sie zog sich an und nahm aus dem kleinen Schrank im Badezimmer, der die Hausapotheke enthielt, Brandbinde, Schere und Mull für einen Verband. Sie dachte: Ich träume ... Hoffentlich träume ich ... Aber das Wasser, mit dem sie sich die Hände wusch, war Wirklichkeit, und darum war alles wirklich.
Sie öffnete die Tür zur Diele. Sie wollte sagen: Kommen Sie, Peter! Aber nur ihre Lippen bewegten sich. Sie hörte die leisen, suchenden Schritte des Jungen und wie er auf der Schwelle stehenblieb. Sie setzte sich auf den Stuhl am Fenster und deutete stumm auf den Schemel neben sich. Als er sich darauf niedergelassen hatte, nahm sie seine linke Hand und legte sie behutsam auf ihren Schoß. Aber sie vermied es, ihn dabei anzusehen. Wortlos und mit unendlicher Vorsicht verband sie die blasigen Wunden.
»Wahrscheinlich«, sagte sie, zweimal zum Sprechen ansetzend, »wahrscheinlich werden Sie Narben davon behalten.«
»Ach hoffentlich!« sagte der sechzehnjährige Junge.
»Peter —!«
Da lag sein Kopf in ihren Händen.
Nein, es gab nichts in diesem Augenblick, das sie berechtigt hätte, ihm ihre Hände zu nehmen. Er grub sein ganzes Gesicht in diese Hände. Mit seinen heißen, durstigen Lippen ergründete er in Küssen ohne Maß und ohne Zahl das süße Gnadenwunder ihrer Handflächen, die zarten und festen Gelenke ihrer Finger. Er drückte diese Hände auf seine Augen. Er lag auf den Knien und betete sie an. Er wollte nichts, begehrte nichts als nur diese Hände, die alles wußten, alles begriffen und lösten.
Die Hände der Frau gaben ihm mildeste Antwort. Sie umschlossen sein brennendes Gesicht und kühlten es. Sie hoben seinen Kopf zu der Schulter der Frau, wo er schon einmal begnadigt gelegen hatte. Sie betteten ihn so nahe an ihrem Halse, daß zwischen dem Schlag ihres Pulses und seinen Lippen nur Raum für ein Blütenblatt gewesen wäre.
Plötzlich sagte er leise, mit geschlossenen Augen, in Dankbarkeit und Triumph, beseligt und zitternd:
»Ich weiß nun — ich weiß nun für alle Ewigkeit, wie Sie aussehen, wenn Sie schlafen, gnädige Frau ...«
Ihr ruhevolles Lächeln war über ihm.
Der Mond sank hinter die Berge. Tiefere Dunkelheit bemächtigte sich des Zimmers.
»Nun müssen Sie gehen, junger Peter«, sagte die Frau.
Er erhob sich, auf dem tief erblaßten Gesicht den Ausdruck eines Verzückten und Berauschten. Sie führte ihn durch die lichtlose Diele zum Garten. Sie hörte ihn neben sich atmen, nach Worten suchen —
»Gnädige Frau ...«
»Ja, Peter.«
»Bleibt Ihr Herr Schwager sehr lange hier?«
»Nur noch ein paar Stunden.«
»Wie schön ... Verzeihen Sie ...«
»Gute Nacht, junger Peter!«
»Gute Nacht, gnädige Frau ... und vielen, vielen Dank.«
Wie schwer es war, diese Schwelle zu verlassen ...
»Sie sind mir nicht böse?«
»Nein.«
»Darf ich wiederkommen?«
»Ja, Peter, sobald Sie ausgeschlafen haben ...«
»Und wenn ich nicht schlafen kann?«
»Versuchen Sie's mir zuliebe, Peter!«
»Ja, gnädige Frau ... Gute Nacht!«
»Gute Nacht, junger Peter ...«
Er ging. Jo sah ihm nach, bis ihn die zwiefache Dunkelheit der Stunde und des Waldes aufgenommen hatte. Dann stand sie noch lange, den Kopf in die Hände gedrückt. Und zuletzt ging sie zum Telefon und gab eine Depesche auf.
Jo kam von der Riesseralmhütte, die vom Fischerhansl am Tag zuvor nach ihrer Weisung instand gesetzt worden war. Ihre liebevoll kritischen Blicke hatten nichts zu tadeln entdeckt und nichts vermißt — nicht einmal den frischen Strauß im blauen Steinkrug unter dem Herrgottswinkel. Sie war die Leiter zum Heuboden hinaufgeklettert und hatte die Liegestatt da oben so weich wie Daunen gefunden. Sie hatte, obwohl es nicht nötig gewesen wäre, mit eigenen Händen die Kissen und Decken des Bettes, das blau wie der Himmel bemalt und mit gelben Aurikeln und roten Herzblumen verziert war, schön aufgeschüttelt und wieder glatt gestrichen und sich an dem derben weißen Leinen gefreut. Hinter dem Herd war das Holz in trockenen Scheiten gestapelt; die Zündhölzer lagen griffbereit auf dem Bord, der die bunten Schüsseln, Teller und Krüge trug. Die Eisenpfannen waren frisch gescheuert, die kleine Vorratskammer wohl gefüllt.
Neben der Hütte der Brunnen, der das Quellwasser gefaßt hielt. Auf den riesigen Huflattichblättern, die den Silberfaden des Baches überschatteten, saßen grüngolden schillernde Käfer wie Edelsteintropfen.
Jo hatte den Schlüssel zur Hütte ins Fenster gelegt, und nun ging sie, die Blicke am Boden, froh-eilig bergab. Sie trug den Hut zusammengerollt im Gürtel, sie fühlte mit Freude das Federn ihrer Sprunggelenke, den Rhythmus des leichten Schreitens auf schmalem, von Wiesen bald und bald von Wäldern umsäumten Pfad. Das einfache Glück, zu sein, erfüllte sie mit einer seltenen leuchtenden Innigkeit und machte sie dankbar gegen alles, was sich ihr auf diesem Wege schenkte: gegen die Fülle der Düfte aus Kräutern und Holz — gegen die sanften Augen einer Kuh, die ihr gemächlich nachgetrottet kam, um in der gebefrohen, vertrauten Frauenhand mit liebem großen, nassen Maul und rauher Zunge nach Salz zu suchen — gegen das emsig feilende Zirpen der Grillen — gegen freundlichen Menschenzuruf und Menschengruß.
Mitten im Wege, in glühendem Beerenhang, zwei Stunden über dem Dorfe, fand sie ein Kind, ein kleines Mädel von sechs oder sieben Jahren. Neben ihm, umgeworfen, lag ein Steinkrug, aus dem ein paar rote Beeren verschüttet über den Weg gekollert waren.
Jo kannte jedes Kind bergauf und talab.
»Grüß dich Gott, Burgei!« sagte sie. »Was machst du denn hier?«
Ein kleines heißes Gesicht hob sich zu ihr auf, um sich gleich wieder unlustig in den Armen zu vergraben.
»Bin müd«, wisperte das Stimmchen aus seinem Versteck.
»Und da mußt du dich ausgerechnet mitten in die Sonne legen? Warum gehst du denn nicht in den Schatten, du kleiner Depp?« schalt die Frau zärtlich und bückte sich über das Kind.
»Bin müd«, wiederholte das wispernde Stimmchen, und schon war ein Ton von Greinen darin vernehmbar.
Jo nahm das kleine Wesen auf ihre Arme.
»Komm, Burgei-Maus, gehn wir schlafen — ich bring dich heim!«
Das braunblonde Köpfchen sank schlafsüchtig gegen Jos Schulter, die Augen verkrochen sich zwinkernd am Halse der Frau. Behutsam trug Jo ihre hastig atmende Last zu Tale, und da sie auch nicht vergessen hatte, den Steinkrug mitzunehmen, blieben auf dem Platz, wo sie das Kind gefunden hatte, nur die verschütteten roten Beeren zurück, die in der Sonne wie Blutstropfen leuchteten.
Die Wastlmüllerin, eine mit Kindern reichlich gesegnete Frau, machte verdutzte Augen, als Jo, hochrot im Gesicht und das flatternde Herz im Halse, mit der Burgei auf den Armen in ihre Milchkammer trat.
»Ich hab mir eh schon gedacht, es geht mir eins ab«, sagte sie, ihre prächtigen Zähne zeigend.
Jo meinte, das Kind habe Fieber; ob es nicht ratsam sei — da sie ohnehin auf dem Wege nach Haus bei ihm vorüber müsse —, daß sie dem Doktor Eck Bescheid sage. Aber die Bauernmutter, durch mancherlei Erfahrungen an einem reichlichen Dutzend abgehärtet, sagte, es werde so arg nicht sein: Kinder fieberten leicht, und nach dem Doktor zu schicken, sei immer noch Zeit — und damit und einem Vergeltsgott trug sie die Burgei, die, ihre Augen versteckend, vor sich hin weinte, in das schöne weiße Haus, das knallblaue Fensterläden hatte.
Zur selben Zeit stand auf dem Bahnsteig, den der Zug aus Freilassing mit Lärm und mit Menschen erfüllte, ein großer, barhäuptiger Junge und sah mit sprödem Gesicht einem großen, barhäuptigen Mädel entgegen, das sich suchend und sichtlich enttäuscht nach allen Seiten umsah. Ihre Augen begegneten sich; sie sahen sich an. Auf dem Munde des Mädchens, erschien ein kleines erstauntes Lächeln, während der Junge eine äußerst herbe Art von Verbeugung zelebrierte.
»Sind Sie Fräulein Judica Lorenz?« fragte er, und es klang irgendwie ärgerlich.
»Ja«, nickte sie und sah ihn mit Augen an, die unzweifelhaft mit Jos Augen verschwistert waren. »Und wer sind Sie?«
»Ich bin Peter Hünemann. Frau Mannegold schickt mich, um Sie abzuholen.«
»Jo ist doch um Gottes willen nicht etwa krank?!« rief Judica mit so heißer Angst in der Stimme, daß Peter Hünemann ihr einen Augenblick lang verzieh, daß sie ein Mädchen, auf der Welt und auf diesem Bahnhof war und einen Handkoffer trug, den man ihr abnehmen mußte.
»Nein, sie ist nicht krank. — Haben Sie großes Gepäck?«
»Gott bewahre, nein! — Aber warum ist sie denn nicht selbst gekommen, um mich abzuholen? Das hat sie doch immer getan!«
»Ja, ich weiß es auch nicht. Sie hat mich beauftragt, Sie abzuholen und Ihnen zu sagen, daß sie sich unbändig auf Sie freue. — Das sind Frau Mannegolds Worte«, fügte er hinzu und biß sich, ohne zu wissen warum, auf die Lippen.
In Judicas Augen begannen die Lichter zu funkeln.
»Also gehen wir! — Sie begleiten mich doch hinauf?«
»Ja. Bis uns der Fischerhansl begegnet. Dann kriegt der Ihren Koffer.«
Judica machte sich auf den Weg, als führe er zum Tanze. Sie ging auf dem schmalen Pfad vor dem Jungen her, und er lief hinter ihr drein, die Augen am Boden, die feuchte Stirn in grübelnde Falten verzogen. Einmal, als sie unvermutet stehenblieb, um die Aussicht zu betrachten, rannte er ihr den Koffer in die Kniekehlen, daß sie gegen den Zaun flog. Aber sie lachte so herzlich (mit der Stimme Jos), daß in seinem ergrimmten Gesicht nicht einmal der Ausdruck von Zorn und Scham standzuhalten vermochte, wenn auch ein erstes Lächeln sich noch vergebens bemühte, den herb geschlossenen Knabenmund zu erobern.
Nebeneinander gingen sie friedlich weiter, er mit dem Blick am Boden, sie ihn unverhohlen betrachtend.
»Peter —«
»Jawohl, Fräulein Lorenz.«
»Ach du lieber Gott, muß ich Sie etwa Herr Hünemann nennen?«
»Das können Sie halten, wie Sie wollen, Fräulein Lorenz.«
»Na, dann sage ich also Peter!«
»Bitte sehr.«
»Peter, zählen Sie immer die Steine auf Ihrem Weg, wenn Sie spazierengehen?«
Er sah sie an, und unter dem sonderbar schweren, abweisenden Blick seiner übernächtigen Augen wurde ihr frohes braunes Gesicht fast ernst. Da er keine Antwort gab, fuhr sie leiser fort:
»Ich habe es früher nämlich auch getan, Peter ... Auf dem Weg zur Arbeit, der über viel Steine ging ... bis Jo kam und sagte, das habe keinen Zweck, die richtige Zahl bekäme man doch nie heraus, man sollte sich einfach mit einem Pauschale begnügen ...«
»Ich zähle überhaupt keine Steine«, sagte Peter Hünemann steif.
»Na, dann entschuldigen Sie! ... Was haben Sie denn mit Ihrer linken Hand gemacht?«
»Nichts! ... Verbrannt! ...« Und er legte die eingebundene Hand auf den Rücken.
Unwillkürlich schüttelte das Mädchen den Kopf, und in fliegende Röte getaucht, mit Worten, die übereinander wegstolperten, sagte er, plötzlich bittend, plötzlich ein Knabe:
»Sie werden Frau Mannegold nicht danach fragen, nicht wahr?«
»Nein, Peter.«
»Ehrenwort?«
»Ehrenwort!«
»Da ist sie!« sagte er mit zitterndem Atem.
Jo stand an derselben Stelle wie damals, als sie Tilly erwartete. Sie ging Judica nicht entgegen; sie hielt nur lächelnd die kleine Pforte offen und ließ das auserlesene junge Geschöpf, das sie gerufen hatte, auf sich zukommen.
Judica stob wie ein frischer Wind aus Norden über die Straße und warf sich ungestüm in die Arme der Frau.
»Jo — wunderbare Jo! — geliebte Jo! — ich sehe aus wie ein Schornsteinfeger, aber ich kann dir nicht helfen, ich muß dir einen Kuß geben!«
Jo hielt sie fest, doch ihre Augen lagen auf dem Jungen.
»Vielen Dank, Peter, daß Sie Judica abgeholt haben! Hat er mich gut vertreten, Judica?«
»Wunderbar!« antwortete das Mädchen an der Schulter Jos.
»Fräulein Lorenz sagt, was sie nicht denkt.« Peter Hünemann stellte den Koffer hinter die Gartentür. »Soll ich das Gepäck noch nach oben tragen — oder kommt der Fischerhansl und holt es hier ab?«
»Sie brauchen den Koffer nicht nach oben zu tragen, Peter«, sagte Jo und lächelte, das Mädchen streichelnd. »Sie hätten ihn auch nicht von der Bahn bis hierher schleppen müssen ... Aber eine andere Bitte hab' ich an Sie.«
Seine hungrigen Augen, die unablässig an ihr hingen, wurden sanft und dankbar, bekamen einen Schimmer von Glück.
»Wollen Sie Ihrem Vater einen Brief von mir bringen?«
Seine Wimpern senkten sich bis fast auf die Wangen. Er wurde sehr blaß. Er sah plötzlich unsagbar allein aus, auf der Straße stehend, vor den beiden Frauen, die sich umschlungen hielten. Er holte Atem und fragte:
»Wo ist der Brief?«
»Hier, Peter ...«
Sie legte das Schreiben in die Hand des Jungen. Er wurde glühend rot. Der Umschlag war offen.
»Ich werde den Brief nicht lesen, gnädige Frau!«
»Daran habe ich nicht einen Augenblick gezweifelt. Aber Sie sollten jedenfalls die Möglichkeit dazu haben.«
Er schob den Brief in die Tasche und ging stumm davon. Judicas Lachen war nicht mehr zu bändigen.
»Das ist der bezauberndste Grobsack, der mir je vorgekommen ist!« strahlte sie, ihre prachtvollen Haare schüttelnd. »Wo hast du den aufgegabelt, Jo — und was hast du mit ihm vor —!«
Jo lächelte.
»Heut abend wirst du es wissen, Judica — und heut abend wirst du vielleicht nicht mehr über ihn lachen ... Jetzt sind wir noch nicht so weit. Jetzt erzähle von dir!« Sie rüttelte leise das atemlose Gesicht, das zwischen ihren Händen leuchtete. »Bekenne, du schönes Mädel«, sagte sie, »wieviel Opfer sind auf der Strecke Berlin—Berchtesgaden geblieben?«
»Ach Gott, Jo, ich weiß nicht — wenn du die Schaffner mitrechnen willst, alles in allem ungefähr ein Dutzend. Einer hat mich nach Ischl eingeladen, einer nach Brindisi, einer wartet in München am Zuge nach Kufstein auf mich. Die Männer sind eingebildet — das ist nicht zu beschreiben! Ja, Fischerhansl, grüß Gott — von Ihnen hab' ich heut nacht geträumt, so hab' ich mich auf Sie gefreut —, wann gehen wir wieder zusammen Forellen fangen? Nein, mehr Gepäck hab' ich nicht — Schuhe kauf ich mir hier, solche, wie du hast, Jo: mit denen man ein kleines Krokodil tottreten könnte. Ich bin ja so irrsinnig glücklich, bei dir zu sein, Jo! Wie dein Telegramm kam, bin ich fast vom Dach gefallen vor Freude! Ich hab' mich auch ganz gut freimachen können, jetzt ist sowieso kein Mensch in Berlin, und der Chef war sehr nett — vierzehn Tage kann ich bleiben, wenn du mich solange behalten willst! Darf ich mich bei dir einhängen, Jo? Herr mein Gott, hier ist es noch viel schöner, als ich's in der Erinnerung hatte! Du hast depeschiert, du brauchst mich, Jo — ist das wirklich wahr? Brauchst du mich für dich selbst? Laß dich anschauen, Jo! Du bist braun gebrannt und wunderschön wie immer, aber ich weiß nicht, sei mir nicht böse, ich kann nicht finden, daß du besonders wohl aussiehst! Fühlst du dich nicht gesund? Ist es wieder das Herz, das meutert?«
»Wie holst du eigentlich Atem, Judica?«
»Durch Kiemen. Jo, so entkommst du mir nicht! Was ist los? Wahrscheinlich hältst du mich für verrückt, aber wenn dein Hund dich nach langer Trennung begrüßt, dann denkst du auch in den ersten fünf Minuten, du hast es mit einem Tobsüchtigen zu tun. Jetzt ist der Paroxysmus vorüber. Jetzt bin ich wieder vernünftig. Sieh mich an, Jo! Du lächelst ... Was kann ich für dich tun?«
»Viel, Judica.«
»Wie schön ... Und was? Und wann?«
»Wir wollen langsam gehen; ich hab' in den letzten Nächten kaum geschlafen und war heute früh schon auf der Riesseralmhütte, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist —«
»Wer soll darin hausen, Jo?«
»Du.«
»Ich? — Mit dir?«
»Nein. Nicht mit mir. — Komm, gehen wir rechts, das schneidet den Weg ab. — Wir sind übereingekommen, Judica, einen gewissen Namen nicht mehr zu erwähnen. Bist du mir böse, wenn ich es heute doch tue?«
»Nein, Jo, durchaus nicht.«
»Du hast die Sache mit Georgieff also völlig verwunden?«
»Sehe ich aus wie ein Mensch, der an einer unglücklichen Liebe laboriert?«
»Ich kann es nicht ausstehen, Judica, wenn man eine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet. Ich tue es auch zuweilen, denn es ist sehr bequem, aber ich finde, es ist eine milde Form von Unterschlagung.«
»Murre nicht, Jo. Ich will dir nichts verschweigen. Die Sache mit Georgieff hat viele Endphasen durchgemacht, bevor ich so weit kam, wie ich heute bin. Zuerst wollte ich mich bekanntlich umbringen. Das hast du mir ausgeredet. Dann wollte ich mich verludern. Das hast du nicht zugelassen. Dann habe ich seiner neuen Freundin die Krätze gewünscht. Die hat sie nicht gekriegt. Lauter negative Dinge. Und dann kam er ahnungslos mit ihr in unsern Salon. Als er mich sah, hat ihn fast der Schlag getroffen. Wenn ich nie schön war, Jo — an dem Tag war ich schön. Er hat sämtliche Modelle gekauft, die ich vorgeführt habe. Ich freue mich schon, wenn er sie an der Ziege wiedersieht. Das wird meine große, ausgleichende Rache sein. Er hat mir danach zwei oder drei Briefe geschrieben. Ich habe sie nicht einmal aufgemacht. Später habe ich ihn dann noch einmal flüchtig gesehen und mich an den Kopf gefaßt, weil ich's einfach nicht begriff, daß ich mich wegen dieses melancholischen Zwetschgenheinrichs einmal umbringen wollte. Aber Liebe ist wohl überhaupt etwas, das man nur begreift, solange man liebt. Und das ist der Schlußpunkt hinter der Sache mit Georgieff.«
»Und wen liebst du jetzt, du neunzehnjährige Weisheit?«
»Keinen, Jo.«
»Keinen?«
»... oder alle, wie du willst ... Ich bin so ... Ich warte ... Verstehst du, was ich meine? Ich liebe einfach das Leben. Ich weiß, irgendwo, irgendwann kommt eine Stunde, da wird das Spiel von neuem beginnen. Ich bin wie ein Tier, das schon einmal in einer Falle gefangen war. Aber das hilft nichts, ich äuge schon wieder hinüber. Es lockt mich, ganz zärtlich, und ich fühle das auch. Ich weiß auch, daß ich wieder in die Falle gehen werde und daß es sehr süß und sehr schrecklich sein wird ... Aber ich hab' es nicht eilig, verstehst du? Ich kann es erwarten ... Ich lasse mir die Sonne auf den Pelz scheinen und bin ganz tief in mir wie berauscht, nur vom Atemholen. Dumm — nicht wahr?«
»Nein, Judica. Schön.«
»Aber warum fragst du mich — so ...«
»Weil ich dein freies Herz brauche ...«
»Du brauchst mein Herz? ... Und für wen?«
»Für Peter ...«
»Für Peter ...?«
»Ja.«
»Aber«, sagte das Mädchen, stehenbleibend, mit einem wunderbaren, knospenden Lächeln, »das ist doch ein Junge ... Das ist doch fast noch ein Kind ...?«
»Komm, Judica ... Ich denke, du wirst zuerst ein Bad nehmen wollen, und dann essen wir unter der Ulme. Ich warte auf dich ...«
Schön war der Tisch gedeckt, auf den die Ulme das erste goldgefleckte herbstliche Blatt auf gaukelndem Windhauch schickte. Jo nahm es in die Hand. Es war, als spräche sie nur zu diesem Blatt, als sie Judica die Geschichte von Peter erzählte. Und Judica hörte zu und vergaß darüber, daß sie erklärt hatte, hungrig wie ein Wolf im Dezember zu sein. Mit Augen, die nichts sahen, beobachtete sie die Vögel, die vertraut um ihre Füße flatterten und sich mit lautem Zwitschern um die Brotkrumen stritten, die sie ihnen hinstreute, ohne es zu wissen.
»Und das war die Nacht«, schloß Jo, »in der ich dir depeschierte, daß ich dich brauchte und daß du kommen möchtest ...«
»Nun bin ich gekommen«, sagte Judica leise.
»Ja ...«
Eine plötzliche Stille war zwischen den beiden Frauen, und sie vermieden es, sich anzusehen. Die Fingerspitzen des Mädchens zitterten sehr, als sie die letzten Krumen von ihrem Kleid auf den Weg hinunterstrichen. Jo beugte sich vor und stemmte die Ellbogen auf die Knie. Sie legte die Hände wie zwei Schalen zusammen; darin ruhte das goldgefleckte Ulmenblatt.
»Man hat mir immer versichert, Judica«, sagte sie endlich mit einem leisen Lächeln, »daß ich unmöglich sei. Tante Emma hat mich zuerst so genannt, als ich sagte, nach den üblichen Todesanzeigen sei's gar kein Wunder, daß die Welt immer miserabler würde, denn es stürben ja immer nur die liebevollen Gattinnen und Gatten, die treusorgenden Mütter und unvergleichlichen Väter, und der Auswurf der Menschheit schiene unsterblich zu sein. Oder hat man schon jemals in Todesanzeigen gelesen: Heut endlich hat mich der allbarmherzige Gott von meinem giftigen Satan von Weib erlöst —? Oder: Allen Verwandten und Freunden die hochbeglückende Nachricht, daß mein Mann, die ewig versoffene Kanaille, heut nacht zwischen zwei und drei vom Teufel geholt worden ist, so daß ich nun endlich hoffen kann, meine Kinder in Frieden ernähren und erziehen zu können ...? Tante Emma schien zu befürchten, daß ich für sie die Grabschrift komponieren würde, und nannte mich ›höchst frivol und völlig unmöglich‹ ... Heut bin ich fast ihrer Meinung. Denn ich habe dich zu mir gerufen, Judica, um dich zu bitten, falls dein Herz keinem andern gehört, die Geliebte Peter Hünemanns zu werden.«
Sie öffnete ihre Hände und ließ das Ulmenblatt fallen. Es gaukelte sacht zu Boden und blieb dort liegen, als wollte es einschlafen. Jo sah Judica an.
»Wenn du nein sagst, Judica, wird zwischen dir und mir nicht der leiseste Schatten eines Schattens stehen, und wir werden nie mehr auf dieses Thema zurückkommen ...«
»Aber«, sagte das Mädchen, »er will mich ja gar nicht ... Er ist ja zu mir wie ein gereizter Igel ... Seine ganze Sehnsucht, Jo, strebt doch zu dir ...«
»Seine ganze Sehnsucht, Judica, strebt zu der Frau mit dem Antlitz der Mutter und dem Leib der Geliebten. Und welch eine Sehnsucht ist das, Judica! Als in der Nacht damals sein Kopf an meiner Schulter lag und ich das Atmen seines heißen Mundes an meinem Halse fühlte, da dachte ich, daß kein Kampf in der Welt so tödlich und so heroisch sei wie der Kampf, den solche hilflose Jugend mit sich selber auskämpft. Denn es ist, als müsse jeder einzelne, der zum Manne wird, den ungeheuren Weg, den die Menschheit seit ihrem Bestehen zurückgelegt hat, den Weg vom Tier zum Menschen, noch einmal gehen, noch einmal durchleiden — nein, zehnmal, hundertmal —, immer wieder zurückgeworfen in die Dumpfheit des Tieres — und noch dazu durch eine verfluchte Barchentmoral mit dem Unwürdigsten behaftet, was den Kulturmenschen ziert: mit einem schlechten Gewissen.«
Das Mädchen lächelte bitter, aber es schwieg.
»Ich kann«, sagte Jo, »nicht die Fensterscheiben von sämtlichen muffigen Buden der Welt einschmeißen. Ich kann nicht die Weltanschauung von sämtlichen menschlichen Dinosauriern über den Haufen rennen. Ich kann nur etwas versuchen — und auch nur, wenn du mir hilfst —: diesen Einzelmenschen, dieses Einzelgeschöpf, das eine Welle des Schicksals mir in die Arme geworfen hat, von sich selbst zu erlösen durch Selbstverständlichkeit. Ich kann zu dir sagen: Hier taumelt ein junger traumwandelnder Mensch auf messerschmalen Graten, zwischen lauter zu Gipfeln getriebenen Gefühlen hin — und wenn das dumpfe, halbschlafende Blut in ihm erst zu schreien beginnt, dann wacht er auf und stürzt —, wohin? Eins ist gewiß: in eine unauslöschliche Erinnerung. Diese Erinnerung, Judica, sollst du sein. Ewiges Leuchten durch ein ganzes Leben. Ewige, unverlierbare Süßigkeit. Glück ohne Bitternis. Rausch ohne Ekel. Und schließlich, wenn es sein muß, ein Abschied, so tapfer, so klar und gut, daß er dir schon allein für den Abschied sein Leben lang danken müßte. — Kannst du das, Judica — und vor allem: Willst du das?«
Das Mädchen war aufgestanden, und abgewendet hielt es den schönen, joähnlichen Kopf gesenkt. Es schob mit dem Fuß kleine Steine hin und her. Der schmale, goldbraune Nacken war blutüberflammt.
»Willst du mir eine Frage beantworten, Jo?« kam ihre Stimme endlich von sehr weit her.
»Jede, wenn ich kann.«
»Du weißt, dieser Junge liebt dich ... Er ist dir so wert, daß du wirklich fast das Unmögliche tust, um sein Leben vor einer gefährlichen Klippe zu bewahren ... Stimmt das?«
»Gewiß.«
»Warum schenkst du dich ihm nicht selbst?«
»Das will ich dir sagen, Judica ... Komm her ...« Sie sah dem Mädchen, das vor ihr stand, in die Augen. »Ich will dir ein großes Geheimnis anvertrauen ...« Ein Schimmer von süßem Spott durchklang ihre Stimme. »Sag's keinem weiter, Judica: Ich liebe meinen Mann.«
»Ebro ...«
»Sehr richtig: Ebro. Herrn Eberhard Mannegold, um ganz sachlich zu sein. Ich will dir nichts vormachen, Judica: Wäre das nicht der Fall, stünde in mir nicht der große wachsame Engel mit dem großen erhobenen Zeigefinger auf Posten, ich würde aus mir und allem, was ich an erfreulichen Dingen habe, ein großes etwas verfrühtes Weihnachtspaket machen, und diesem Jungen, diesem Peter bescheren, nur um ihn glücklich zu machen und glücklich zu sehen, aus schönstem Altru-Egoismus der Liebe. Aber so, wie die Dinge nun einmal liegen, mein Herz, könnte es leicht geschehen, daß ich blind vor Tränen erwachen würde, weil ich im Traum bei Ebro gewesen wäre, und ich weiß nicht, ob ich aus diesem Traum und diesem Erwachen je wieder den Heimweg zu mir selber fände. Schatzgräber der Liebe, Judica, dürfen so wenig nach rückwärts schauen wie die Goldschatzgräber: sonst war der Weg vergeblich und der Schatz bleibt ungehoben. Eine untröstlich verheulte erste Geliebte wäre für Peter Hünemann aber noch viel schlimmer als eine, die er mit fünf Mark bezahlt und die sich schon in seinem Bett die Lippen nachschminkt. Siehst du das ein?«
Das Mädchen nickte stumm.
»Und sagst du nein oder ja?«
»Ich weiß es nicht, Jo ... Ich weiß nicht, ob ich dem, was du von mir verlangst, gewachsen bin. Das ist ja kein Spiel ..., das ist ja so bitter ernst ... Diese arme, dumme, verbrannte Hand ... Die Briefe ... Erlaubst du mir, diese Briefe zu lesen?«
»Du sollst sie lesen«, sagte die Frau und stand auf. »Es ist freilich ein Sakrileg. Es ist das Belauschen eines Beters. Aber ich will sie dir geben, und du sollst sie lesen. Vielleicht macht es dich selber gläubig und fromm.«
Als Jo allein wieder aus dem Hause trat, sah sie Peter Hünemann durch den Garten heraufkommen und ging ihm entgegen.
»Schon eine Antwort, Peter?« fragte sie, ihn herzlich anschauend. »Wie erhitzt Sie sind! Warum sind Sie so gelaufen?«
Seine Augen fragten sie ernst: Das weißt du nicht? Seine Lippen sagten:
»Ich dachte, es sei sehr eilig ...«
Sie nahm ihm den Brief aus der Hand und öffnete ihn. Sie lächelte und reichte ihn dem Jungen. Es war ihr eigener Brief. Er lautete:
Sehr geehrter Herr Professor!
Wollen Sie mir Ihren Sohn Peter auf zehn bis vierzehn Tage für eine Bergwanderung anvertrauen? Ich bitte Sie, mir die Antwort auf diese Frage auf meinem eigenen Brief durch Peter zu schicken.
Ihre Jo Mannegold.
Darunter hatte die Hand des Vaters geschrieben:
Verehrte gnädige Frau!
Für jetzt und immer! In Dankbarkeit
Prof. A. Hünemann.
Peter hatte gelesen. Er hob die Augen zu Jo. Er hatte ein unsicheres Kindergesicht.
»Ich hoffe, Sie wissen«, sagte Jo, den Brief in die Tasche steckend, »was Ihr Vater mit diesen vierzehn Tagen auf sich genommen hat ...«
»Ja«, sagte der Junge betäubt, »das weiß ich ... Aber das andere ...: Warum haben Sie ihm geschrieben, er möchte Ihnen die Antwort auf Ihrem eigenen Brief schicken?«
»Um Ihretwillen, Peter«, sagte Jo. »Ich wollte nicht, daß Sie sich unnütz quälen.«
Er schloß die Augen und stand regungslos. Er stand, wie Jo ihn damals in der Nacht gesehen hatte, als ihn das Mondlicht so gespenstisch zeigte: ein wenig schief, ein wenig schwankend, die Arme dicht an den Körper gepreßt.
»Heute nacht, Peter«, sagte Jo, »brennen Sie durch. Sie nehmen Wäsche, Strümpfe und noch ein Paar Schuhe mit — wie Sie das fertigbringen, ist Ihre Sache —, und wenn Sie kommen, werfen Sie mir ein Steinchen ans Fenster. Ist es noch dunkel, finden Sie ein Bett im Gartenzimmer. Ist es schon hell, dann ziehen wir in die Küche und kochen Kaffee. Können Sie Kaffee kochen? — Nun, das macht nichts. Wir bringen es Ihnen schon bei ...«
Sie schwieg, weil sie einsah, daß er kein Wort verstand. Er tat einen kleinen, tappenden Schritt auf sie zu und blieb wieder stehen. Er sagte:
»Gnädige Frau ...«
Dann drehte er sich um und lief davon, als habe er einen Stoß in den Rücken bekommen, lief, ohne sich umzuschauen, sprang wie ein Hirsch ...
Jo ging ins Haus. Da waren die Räume voll Dämmer. Im Schlafzimmer Jos saß Judica am Fenster, tief über die Briefe gebeugt, die ihr im Schoße lagen. Ohne sie zu berühren, hielt sie die zahllosen Blätter mit den Armen umschränkt und hatte die Hände gefaltet.
»Du wirst dir die Augen verderben«, sagte Jo und wollte die Hand nach dem Schalter ausstrecken. Aber die Stimme des Mädchens kam ihrer Bewegung zuvor.
»Ich brauche kein Licht«, sagte sie. »Ich bin fertig mit Lesen ...«
Jo ging zu ihr hin und beugte sich über sie. Sie fand das Gesicht des Mädchens von Tränen überströmt. Sie nahm sie in die Arme und küßte sie.
»Ach —!« sagte Judica, in heftiges Schluchzen ausbrechend und ihr Gesicht an der Brust der Freundin verbergend, »wir Menschen sind nie gut genug zueinander!«
Peter Hünemann lag, so lang er war, im weichen, kurzen Gras vor der Riesseralmhütte auf dem Rücken und sah in den Himmel hinauf, der sich vertieft mit allen seinen langsam ziehenden goldenen Wolken in den Augen des Jungen spiegelte. Wenn er — die Stirn zu einem Wellblech verrunzelnd, was er oft tat und was Judica jedesmal veranlaßte, ihm mit ihrer festen kleinen Faust die Stirn wieder glatt zu rubbeln — den Kopf ganz weit nach rückwärts bog, sah er noch eben die weißglitzernde Schlankheit der Dresinger Spitze, auf deren äußerster Höhe Judica und er vor sieben Stunden gesessen hatten, Rücken an Rücken gestemmt, die Beine, an denen die brummenden Füße baumelten, über dem aus Schneeweiß und Marmorrot zu Dunkelgrün hineinsinkenden Abgrund, eines den Blutschlag des andern fühlend, beide schweigend, zufrieden und wunderbar still in sich selbst.
Es wanderte sich gut mit Judica, das war nicht zu leugnen. Mit Jo zu gehen, war natürlich tausendmal herrlicher, aber um Jo hatte man immer Angst. Sie war leichtsinnig — so etwas von Leichtsinn! Sie schien fest davon überzeugt zu sein, daß die Luft selber sie schwesterlich auffangen würde, wenn es ihr einfallen sollte, ins blaue Nichts zu treten.
»Glaubst du eigentlich an Schutzengel, Jo?« hatte Judica sie gestern gefragt, als Jo auf einem Felsband spazierenging, das eine Bergziege mit Mißtrauen betrachtet hätte. Peter Hünemann hatte deutlich gesehen, wie die Lippen Judicas bei dieser Frage zitterten.
»Aber nein!« antwortete Jo überrascht. Und dann lächelte sie, diese wunderbare, einen zur Verzweiflung treibende Jo. »Doch ich glaube unerschütterlich an die Magie von guten Nerven.«
»Nun, unsere Nerven ruinierst du jedenfalls, wenn du uns zwingst, dir zuzuschauen!« sagte Judica zornig, und eigentlich war es schön, daß sie ›wir‹ und ›unsere‹ sagte. »Was du da machst, ist Trickfilm, liebe Jo! Und außerdem weißt du ganz genau, daß du auf dein Herz aufpassen sollst! Leute mit interessanten Herzfehlern haben mit sich selber keine Experimente zu machen!«
Jo schüttelte den Kopf und fragte:
»Wie kommt in dieser reinen Firnenluft ein Rußfleck auf deine Nase, Judica?«
Nein, es war ihr nicht beizukommen. Jo, die sich in acht nahm, war nicht Jo. Aber Judica brauchte sich nicht in acht zu nehmen. Judica schleppte ihren Rucksack so gut wie ein Junge und war auch brüderlich verständig wie ein Junge, wenn man sich mit ihr über die Wanderkarte beugte und Pläne schmiedete — Pläne genug, um ein Jahr damit auszufüllen, nicht knappe vierzehn Tage, von denen acht bereits verflossen waren.
Peter wandte faul den Kopf im Grase, ohne ihn zu heben, und spähte nach Judica. Sie saß auf dem Brunnenrand und ließ das silberne Wasser über ihre nackten Füße und Beine plätschern. Sie massierte sachverständig die rosigen Fersen und die bronzen getönten Knöchel und hielt den Kopf dabei so tief nach vorn gebeugt, daß von ihm nichts zu sehen war als die schimmernde Wolke des vorgeschütteten Haares, das rhythmisch in der Bewegung des Körpers schwang.
Peter schloß die Augen. Die schöne Anstrengung des Tages summte noch in seinem ruhenden Körper fort, und eigentlich war es wie ein Schweben, so still zu liegen und zu denken, daß die Erde einen trug, wahrend sie selber wiederum in der Schale der Unendlichkeit schwebte — und die Unendlichkeit ... die Unendlichkeit ... ja, worin ruhte die Unendlichkeit?
»Judica ...«
»Ja, Peter?«
»Glaubst du an Gott?«
Denn ›Fräulein Lorenz‹ und ›Sie‹ lagen irgendwo in einem grünen Bergsee, von dem Jo gesagt hatte, daß er keinen Toten je wieder hergab.
Judica kam über das grüne Gras herangeschlendert, in jeder Hand einen baumelnden Schuh. Sie blieb vor dem Jungen stehen und sah auf ihn hinab, ohne zu lächeln.
»Ich weiß nicht genau«, sagte sie. »Vielleicht — zuweilen ...«
In Peter Hünemann meldete sich eine lange Reihe von professoralen Ahnen.
»Man glaubt nicht zuweilen!« sagte er ärgerlich. »Entweder man glaubt — oder man glaubt eben nicht!«
»Ach!« sagte das Mädchen, aus fast geschlossenen Augen auf ihn hinunterblickend, »der Begriff des Zweifels existiert also nicht für dich ...«
Er raufte einen Grashalm aus und nahm ihn zwischen die Zähne. Er sah die Wolken des hohen Himmels an, wie sie langsam, langsam von Osten nach Westen zogen, goldene Wolken, Purpurwolken — und ihnen entgegen, hoch, hoch im Blau, ein Flieger, so fern, daß das Brummen seiner Motoren kaum noch zu hören war.
»Gefühle«, sagte das Mädchen, »hat man doch nicht als unverlierbaren Besitz wie die Farbe seiner Augen ... Oder hast du noch nie einen Menschen geliebt und gleichzeitig so gehaßt, daß du geglaubt hast, wenn er dir vor die Finger kommt, sprühst du elektrische Funken?«
Peter Hünemann dachte an eine Nacht vor zehn Nächten und schwieg.
»Siehst du!« fuhr Judica fort, sein Schweigen ganz richtig deutend. »Mit Gott geht es mir nicht viel anders. Zuweilen bin ich ihm gut. Zuweilen weiß ich nicht, wo ich ihn suchen soll, und in den meisten Fällen tut er mir leid.«
»Gott tut dir leid ...?«
»Ja«, sagte das Mädchen versonnen. »Oder glaubst du, Peter, daß Gott glücklich ist?«
»Das kann ich mir eigentlich nicht denken«, sagte der Junge fast traurig.
»Ich auch nicht ... Ich glaube, wir Menschen sind besser dran. Wir haben doch immer irgendein Wesen, an das wir uns halten können, und wenn es auch nur ein Hund ist. Aber an wen soll Gott sich halten, wenn er ganz einsam ist?«
Sie schwiegen beide. Der silberne Flieger verschwand hinter dem schon abendlich erstrahlenden Gipfel des Hohen Göll. Der Wind spielte leise mit den schönen Haaren des Mädchens. Es strich sie zurück, und diese schlichte Gebärde war seltsam ernsthaft und keusch.
»Es ist wahr«, sagte Peter mit einem tiefen Seufzer, den Grashalm aus dem Munde nehmend, »wenn wir Menschen Gott nicht glücklich machen, dann muß er verzweifeln. Wir sind die Gradmesser Gottes ... Wie sonderbar ... Wenn ich erst ein berühmter Baumeister bin, werde ich ihm Kirchen bauen — ganz neue Kirchen.«
»Das laß nur Jo nicht hören!« warf Judica ein. »Als Jo einmal aufgefordert wurde, zum Bau einer neuen Kirche beizutragen, hat sie gesagt, sie fände es frevelhaft, daß man kostbare Hauser baue für ein Wesen, von dem wir doch eine recht vage Vorstellung hätten und das außerdem das gesamte Universum als Wohnstatt zur Verfügung habe — solange es Menschen gäbe, die unter Stadtbahnbögen, in Erdhöhlen und verlausten Baracken wohnen. Und die herrlichste Orgel der Welt sei für sie wie das Quietschen von ungeschmierten Wagenrädern, solange Kinder vor Hunger weinten und ihre Mütter mit den leeren Brüsten sie vor Verzweiflung mit dem Gasschlauch stillten.«
»In meine Kirche würde Jo schon kommen«, sagte Peter Hünemann triumphierend. »Meine Kirche wäre kein religiöser Luxusbau. Meine Kirche wäre eine kleine Stadt, eine Stadt aus lauter kleinen, vergnügten Häusern mit kleinen Gärten und Wiesen und Bäumen dazwischen — mit Häusern für alte Männer und alte Frauen, mit Krankenhäusern und Wöchnerinnenheimen und Heimen für junge Menschen, die mit sich selbst nichts anzufangen wüßten — für alle, die mühselig und beladen sind — für alle, über die Gott — wenn es Gott gibt — unglücklich wäre ...«
»Sehr schön«, sagte Judica. »Und wer, wenn ich fragen darf, soll das alles bezahlen?«
Der Junge setzte sich auf, zog die Füße an sich und legte die Arme um die verschrammten Knie.
»Warte nur«, sagte er. »Meine Stadt ist ja damit nicht fertig. Denn nebenan — verstehst du? —, gleich daran anschließend, müßte so etwas wie ein riesiger Rummelplatz sein, ein Lunapark, wie es vorläufig noch keinen auf der Welt gibt: Monte Carlo gekreuzt mit Palm Beach, Montmartre und Yoshiwara —«
»Punkt.«
»Nein, kein Punkt, es müßte noch viel, viel mehr sein. Das werde ich alles erst später wissen — ich weiß ja noch gar nichts —, nur aus Bildern und so ... Und jetzt käme die Gegenrechnung: ›Der Herr belieben? Alt-Venedig? Neu-Florida? Japan? Honolulu? Frauen, Essen, Trinken, ein Schwimmbad in Milch!‹ Oh, du lachst, Judica! — Der Mann würde nicht lachen, denn wir wären sehr teuer. Ein Schwimmbad in Milch beispielsweise würde nicht unter einer Sommerreise für ein lungenkrankes Kind abgegeben, und der Schmetterlingstanz einer jungen Japanerin würde ausreichen, um eine Wöchnerin samt ihrem Baby sechs Wochen in unserem Heim zu versorgen — und weiter: wenn einer, weiß der Himmel, wofür, sonst ins Gefängnis gewandert wäre, hier könnte er sich freiarbeiten an meiner Kirche. Und wenn einer, der Himmel weiß, wofür, Gott danken wollte — hier könnte er seinen Dank zum Ausdruck bringen: in Betten samt Zubehör, in Kinderkleidern und Schuhen, in Büchern, Stipendien, Freiwohnungen und Badeanstalten. Oh, wir würden nicht in Verlegenheit kommen mit Vorschlägen für den Mann. Das wäre meine Kirche, Judica! Das ist ein hauchblasses Bild davon! Glaubst du, daß Jo in meine Kirche kommen würde?«
»Du Junge«, sagte das Mädchen.
»Ja oder nein?«
»Ja, Peter.«
»Dann ist es gut!«
Zufrieden ließ er sich wieder auf den Rücken fallen, ein Knie auf dem andern, die Hände unter dem Nacken.
Jetzt war der Himmel schon wie in Feuer getaucht, und das Blau dazwischen hatte den Ton von Türkisen.
Judica wandte sich ab und ging nach der Hütte. Peter hörte sie kramen, aber er sah sie nicht.
»Was machst du?« fragte er.
»Ich packe die Rucksäcke aus.«
»Warum? Wir müssen ja doch gleich aufbrechen ...«
»Wohin?«
»Wohin —! Nach Hause — hinunter, zu Jo!«
»Wir gehen doch heute nicht mehr hinunter, Peter ...«
Mit einem Ruck und Schwung setzte er sich auf.
»Wir gehen nicht mehr hinunter —?«
Sie stand vor der Hütte, die Hand auf der Türklinke.
»Wollen wir denn nicht morgen früh in die Röt hinauf?«
»Ja freilich —«
»Na, dann sind wir doch hier auf dem halben Wege! Wenn wir in die Röt wollen, müssen wir über die Riesseralm. Da hat es doch keinen Sinn, drei Stunden hinunter zu laufen und wieder drei Stunden später sich unausgeschlafen aus dem Bett werfen zu lassen, um müd und verdrossen — denn das kenn' ich, mein Lieber! — denselben Weg durch den halbdunklen Wald und über langweilige Almen hier herauf zu tippeln.«
»Das hat natürlich keinen Sinn ...«
»Siehst du! Hier können wir uns ordentlich ausschlafen — und sobald es hell ist, ziehen wir los und sind in der Röt, bevor es noch glühend heiß wird.«
Er gab keine Antwort.
»Bist du einverstanden, Peter?«
»... Ja ... natürlich ...«
»Du schläfst auf dem Heuboden, und ich schlafe hier unten — aber wenn es dir lieber ist, können wir's auch umgekehrt machen; ich hab' den Heugeruch gern, und du kriegst vielleicht Kopfschmerzen davon ...«
»Ich hab' in meinem ganzen Leben noch keine Kopfschmerzen gehabt«, sagte Peter Hünemann gereizt.
»Na, da hast du ja noch etwas vor dir, worauf du dich freuen kannst«, meinte Judica und verschwand in der Hütte.
Peter lag regungslos, die Augen im Himmel. Er schluckte. Da oben tauchte der erste Stern auf. Dann kam der zweite und mehr — und immer mehr kamen. Es wurde dunkel, und der Wind wurde kühl. Ein Frösteln lief dem Jungen über den Körper. Er warf sich zornig herum und biß mit den Zähnen ins Gras.
Aus der offenen Tür, aus den kleinen Fenstern der Hütte floß mildes, vertrautes Licht. Das Mädchen hatte die Lampe über dem Tisch angezündet. Ihre schmale Gestalt ging fraulich hin und her, und er hörte sie singen, halblaut und unbewußt, verstummend, sooft sie sich bückte oder die Arme hob, um etwas von der Erde auf- oder vom Bord herunterzunehmen. Aus dem niedrigen Schornstein der Hütte zog blauer Rauch; es roch nach Harz und nach Wacholderzweigen.
»Hast du Hunger, Peter?« fragte die Stimme des Mädchens.
»Nein«, sagte er heiser.
»Oder Durst?«
Er antwortete nicht. Sie trat in das Goldlicht der Tür und legte die leicht erhobenen Hände rechts und links an die Pfosten; das sah aus, als breite sie die Arme, um jemand darin zu empfangen. Aber sie selbst war ganz dunkel, Geheimnis, undeutbar in ihrem stillen Dastehen.
»Frierst du nicht?« fragte sie nach einem langen Schweigen. »Es fällt schon Tau, und der Wind kommt über den Firn ...«
Er schwieg auch jetzt. Er schloß die Augen, um sie nicht mehr so stehen zu sehen. Er warf sich wieder auf den Rücken und grub die Fingerspitzen der ausgestreckten Hände tief in die Erde. Er dachte: Ich will doch lieber hinuntergehen ... Die Nacht ist so klar ... Ich finde den Weg durch den Wald ... Er öffnete die Augen weit, sah die Sterne funkeln und wußte schon: Er würde den Weg wohl finden — aber nicht suchen ...
Ruhig schwebte die unvollkommene Scheibe des Mondes empor.
Was sang in der Nacht? Das Mädchen? Der Brunnen? Die Stille?
Glocken ...? Aus welchen Tiefen? Aus welchen Höhen?
Warum war er plötzlich so unerträglich allein in dieser von Stimmen erfüllten, nächtlichen Welt?
Aber da stand das Mädchen neben ihm und deckte ihn mit seinem Mantel zu.
»Willst du nicht doch lieber in die Hütte kommen?« fragte sie mit der dunklen Stimme Jos.
Er schüttelte den Kopf. Er wollte sagen: Bleib bei mir ... Und schwieg ... Doch als sie sich zum Gehen wendete, rief er sie:
»Judica ...«
Sie kam zurück. Sie stand hoch über ihm, wie aus der schönen Nacht herausgetreten — eine dunkle, sanfte, fragende Gestalt.
»Du —!« sagte er beschwörend und doch kaum hörbar. »Du ... hast du gar keine Angst —?«
Sie fragte leise:
»Wovor, Peter?«
»Vor der Nacht ... Vor dem Dunkel ... Vor dem Leben ... Vor allem, was so ... so unlösbar rätselhaft ist ...?«
Er sah, wie sie sacht den Kopf schüttelte.
»Nein, Peter ... Und du brauchst auch keine Angst zu haben. Wer Kirchen bauen will, wie du sie bauen willst, der braucht sich nicht zu fürchten ... Der kommt ans Ziel.«
»So fest glaubst du an mich?«
»Ja, Peter. Ja.«
Er biß die Zähne zusammen. Seine ausgestreckte Hand tastete nach ihr. Aber da war sie schon wieder fort. Von der Hütte her kam ihre leise, herzliche Stimme:
»Ich gehe jetzt schlafen, Peter ... Ich lösche die Lampe aus ... Wirst du dich denn im Dunkeln zurechtfinden?«
»... Geh nur ...«
Der goldene Schein in Fenstern und Tür erlosch. Die ganze Hütte war mit der Nacht verschmolzen. Die Erde war dunkel und fremd. Der Himmel war fern. Von einem jähen, unwiderstehlichen Schluchzen zerrissen, lag der Junge an die schweigende Erde geschmiegt und drückte die Zähne in seine verkrampften Hände.
Sein Herz rief: Jo ... Sein Herz rief: Judica ... Wußte er noch zu sagen, nach wem sein Herz rief? Aber irgendeine Antwort mußte er haben ...
Er erhob sich und stolperte auf die Hütte zu. Er stand in der offenen Tür und hörte ein Atmen — zitterndes Atemholen in großer Stille.
»Judica«, sagte er — doch es kam keine Antwort. »Judica!« sagte er heiser und sehr unglücklich, »muß ich unbedingt auf dem Heuboden schlafen?«
»Aha —!« klang ihre Stimme spottend und zärtlich und froh. »Jetzt hat er vor den Kopfschmerzen Angst gekriegt!«
Wütend kehrte er sich ab, um nach der Leiter zu tappen, und rannte im Dunkeln gegen einen Tisch. Irgend etwas krachte mit Getöse zu Boden.
»Macht nichts«, sagte Judica. »Das war der leere Spirituskocher. Tritt ihn nicht ganz tot, Peter — wir können ihn morgen noch brauchen!«
Er fuhr herum. Ein sonderbar kindischer und zugleich mörderischer Laut kam aus der jungen Kehle. Aber plötzlich waren Judicas schlanke Arme nach ihm ausgestreckt. Er sah sie wie durch einen Nebel schimmern. Er sah ihr Gesicht im Dunkeln wie eine helle Blüte.
»Peter!« sagte sie. »Du dummer Peter! Du lieber, dummer Peter! Komm zu mir!«
»Laß die Läden zu, Enzi!« sagte Jo und drehte den Kopf zur Seite. »Ich möchte kein Licht haben, mir tun die Augen weh ...«
Es war an sich schon eine Seltenheit, daß Jo später als ihre Mädchen aufstand, und daß man sie wecken mußte, weil sie gar so lang schlief. Aber daß sie der Sonne auswich, war noch nie vorgekommen. Emmerenz stand im Zimmer wie ein erschrockenes Huhn.
»Soll ich gnä' Frau das Frühstück ans Bett bringen?«
»Laß mich in Ruh mit dem Frühstück. Ich will nichts essen ...«
»Darf Hüter herein?«
»Nein. Hüter soll draußen bleiben ...«
Lauter erstaunliche Dinge. Emmerenz kam um zwei Schritte näher und reckte plötzlich den Hals.
»Mei' — wie schaut die gnä' Frau aus ... Wo hat die gnä' Frau sich bloß so zerstechen lassen!«
»Wieso zerstechen —«
»Das muß ja rein eine Spinne gewesen sein, die der gnä' Frau übers Gesicht gelaufen ist ...«
»Pfui Teufel!« sagte Jo. »Gib mir einen Spiegel!«
Sie richtete sich auf und betrachtete sich. So dämmergrün auch das Zimmer war, die dichten roten Flecken an ihrem Gesicht und ihren Armen waren deutlich zu sehen. Und fremd und entzündet blinzelten ihre Augen.
»Wie lieblich!« murmelte Jo. »Daß ihr euch nicht untersteht und irgendeinen Menschen zu mir herein laßt! Und wenn die zwei Kinder kommen, die Judica und der Peter — dann sag ihnen ...«
»Was denn, gnä' Frau?«
»Sag ihnen, was du willst — aber laßt mich in Ruh!«
Den Spiegel fortschiebend, schloß sie die Augen wieder und wandte den Kopf ins Dunkle. Sie hörte das Mädchen zur Tür hinausschleichen. Sie hörte draußen das leise Winseln von Hüter, der zu ihr wollte, und dann ein Geräusch, als würde der Hund am Halsband unter gütlichem flüsternden Zureden weggeschleift. Dann lag sie in tiefer Ruhe. Und das tat gut.
Krank? Unsinn. Sie war nicht krank. Sie war nur müde. Sie wollte nur ruhig liegen und sich nicht rühren. Und nicht die Augen öffnen. Licht biß in die Augen. Sie hätte gern noch geschlafen. Aber wo war der Schlaf? Schlaf suchen ... Wo wohnte der Schlaf? Hinter sieben Bergen ... Ihr Herz war ein bißchen verrückt geworden, wie es schien. Lieber Gott, hatte ihr Herz es eilig ... Wen wollte es einholen? Es konnte niemand einholen. Es war in ihrer Brust gefangen. Da lief es auf und ab. Es war lächerlich, so zu laufen. Kleine Uhren waren auch immer ein bißchen lächerlich mit ihrem Biereifer ... Ticktickticktickticktickticktick ..., so schnell konnte man gar nicht denken ... Und die Minuten konnten sie auch nicht schneller aufhaspeln als die großen bedächtigen Uhren, die gemessen und würdevoll gingen wie alte Ratsherren. So ein alter Ratsherr hatte jetzt seine Amtsstube in ihrem Hirnkasten aufgeschlagen. Davon war ihr der Kopf so schwer, daß sie ihn nicht mehr zu heben vermochte ...
Auf dem Tisch neben ihrem Bett stand ein Glas mit frischem Quellwasser. Das wußte sie ganz genau. Es mußte herrlich sein, dieses frische Wasser zu trinken. Aber wie zu ihm gelangen? Sie konnte sich doch nicht rühren ... So viel Willenskraft brachte sie nie und nimmermehr auf, sich umzuwenden und die Hand auszustrecken, das Glas zu fassen und an den Mund zu heben ... Wieviel wog ein Glas Wasser? ... Wieviel wog ihre Hand? ... So ein Unsinn ... Sie selbst schien nicht schwerer als eine Flaumfeder zu sein, und ihre Hand allein hatte Zentnergewicht ...
Jemand stiefelte laut durch ihr Zimmer und brummte dabei. Oder war das der alte Ratsherr in ihrem Kopfe? Das verbat sie sich ... Lassen Sie das gefälligst, mein Herr ... Jetzt faßte der Kerl auch noch nach ihrem Handgelenk ...
Sie riß die Lider auf, so weit sie konnte, und kniff sie wieder zusammen. Oh, Licht tat weh ... Seit wann war Licht so schmerzhaft? ... Sie blinzelte träge. Ein bärtiges Brillengesicht war über ihr.
»Hm«, sagte das Brillengesicht. »Guten Tag, gnädige Frau ... Wie geht es?«
»Wer sind Sie überhaupt?« fragte Jo. »Sind Sie nicht Dr. Eck?«
»Ganz recht — Dr. Eck ...«
»Was wollen Sie denn bei mir?« Sie hörte ihre eigene Stimme ganz kindisch hoch und verquollen. Warum hielt dieser Mann ihre Hand fest? Sie sagte: »Ich bin doch nicht krank ... Ich bin doch nur müde ...«
»Hm ... Darf ich mal einen kurzen Augenblick Licht machen, gnädige Frau?«
Vielleicht, wenn sie ja sagte, ging er um so schneller. Wer hatte ihn eigentlich hereingelassen? ... Na warte, Emmerenz ... Sie fühlte das schmerzhafte Licht ihre Lider durchdringen. War es noch nicht genug? — Und was dieser alte Mann für Fragen stellte ...
»Sind Sie in letzter Zeit viel mit Kindern zusammen gekommen, gnädige Frau?«
»Zwischen sechzehn und neunzehn, Doktor — sind das noch Kinder?«
»Nicht unbedingt — nein ... Ich meinte, kleinere Kinder.«
»Ich weiß nicht ... Doch, ja ... So ein kleines süßes Ding ... Ist Ihnen mit sieben Jahren besser gedient, Doktor?«
»Wer war dieses Kind?«
»Die Burgei vom Wastlmüller. Die hab' ich heimgetragen ...«
»Soso ... Die Burgei ... Na! — Wann war das, gnädige Frau?«
Einem müden Menschen so dämliche Fragen zu stellen ...
»Das kann vielleicht — so zehn Tage her sein, Doktor ...«
»Hm.« Er beugte sich über sie. Er war merkwürdig zart.
»Bitte das Thermometer recht festzuhalten ...«
Gehorsam drückte sie den Arm über die Brust.
»Möchten Sie mir nicht verraten, lieber Herr Doktor, was dieser ganze Klimbim bedeuten soll?«
»Der bedeutet, meine verehrte gnädige Frau, daß Sie die Masern haben.«
Jo blinzelte ihn an.
»Was habe ich?!«
»Die Masern.«
Jo bekam einen Lachkrampf.
»O Gott, das sieht mir ähnlich!« sagte sie. »Tante Emma hat vollkommen recht: Ich bin unmöglich ... Ist denn die Burgei wenigstens wieder munter?«
»So ziemlich, ja. Dafür liegen fünf von ihren Geschwistern.«
»Die armen Würmer ... Und was machen wir nun mit mir?«
»Sehr einfach, gnädige Frau: Wir machen Sie wieder gesund.«
»Wird das lange dauern?«
»Bewahre ...« Er nahm das Thermometer, ging damit näher zum Fenster und nickte befriedigt, das Quecksilber herunterschlagend. »In einigen Tagen ist alles in schönster Ordnung.«
Er setzte sich und schrieb auf ein Rezeptformular.
»Verordnen Sie mir Lakritzensaft mit Zucker?« fragte Jo schläfrig.
»Etwas Ähnliches, gnädige Frau.«
Das Rezept ging als Telegramm an Ebro Mannegold und hieß: Ihre Gattin an Masern erkrankt, Komplikationen infolge alten Herzfehlers nicht ausgeschlossen; empfehle Herkommen. Dr. Eck.
Aber fünf Stunden später jagte das zweite Telegramm hinterher: Zustand leider verschlimmert. Toxische Form. Schleunigstes Herkommen ratsam. Dr. Eck.
Beide Telegramme wurden von einem sorglichen Diener ungeöffnet und ordentlich auf den großen Schreibtisch in der Privatwohnung Ebro Mannegolds gelegt, und der Mann, den sie rufen sollten, war nach Altheide gefahren, um seine Mutter und ihr erschöpftes Herz persönlich in die Obhut des Arztes zu geben.
Er hatte den Morgenzug nicht mehr erreicht und kam abends in einem von schweren Gewittern durchfegten Berlin am Görlitzer Bahnhof an.
Das erste, was er sah, war das gespenstische Gesicht der Vierling, die ihm, zwei offene Depeschen in der Hand, auf dem Bahnsteig entgegengeisterte. Ihr Mund bewegte sich, aber es kam keine Silbe heraus. Ebro Mannegold riß ihr die Papiere aus der schlotternden Hand. Er las. Er begriff kein Wort. Er starrte auf die blauen, blödsinnigen Druckzeichen: Masern ... wie albern ..., eine Kinderkrankheit. Und toxische Form ... toxische Form ..., was zum Teufel hieß toxische Form ... Konnte der Ignorant von Arzt sich nicht deutlicher ausdrücken? ... Toxisch — hatte das etwas mit Gift zu tun? Aber wie kam Gift zu Masern, um Himmels willen ... Zustand verschlimmert ... Schleunigstes Herkommen ...
Plötzlich brüllte er los wie ein Tier:
»Was wollen Sie denn —?!! Was zerren Sie so an mir herum —??«
Worte — Worte — galoppierende Worte — unverständliches Zeug ... Vielleicht, wenn ein Wunder geschah — den Zug noch erreichen ...
Was für einen Zug? ... Und Wunder — seit wann gab es Wunder? ...
»Lieber, lieber Herr Mannegold — um Gottes, um Gottes willen — nehmen Sie sich doch einen Augenblick zusammen! Hören Sie mir doch zu —! Der letzte Zug nach München, der Anschluß nach Berchtesgaden hat, geht in sechzehn Minuten —! Ich habe für alle Fälle die Karte hier, und wenn der liebe Gott ein Einsehen hat, dann erreichen Sie den Zug noch —! Aber Sie dürfen nicht eine Sekunde verlieren —! Sie dürfen nicht so hier stehenbleiben —! Es handelt sich vielleicht um den Bruchteil von einer Sekunde, Herr Mannegold —!«
Jetzt hatte er begriffen. Jetzt lief er. Jetzt rannte er. Ein Mann in blauer Jacke keuchte neben ihm her.
»Ihr Gepäck, Herr —! Was soll mit Ihrem Gepäck —?«
Die Vierling riß Geld aus der Tasche und schrie etwas ...
Die Sperre. Ein Mann ihm im Wege.
»Ihre Fahrkarte, Herr —?«
Er rannte ihn über den Haufen. Er brach wie ein Tank durch geknäulte und aufbegehrende Menschen. Er kam über einen im Wege stehenden Karren fast zu Fall. Er lief auf die Straße hinaus. Es goß in Strömen. Sein Wagen stand, unter dem Motor zitternd, und der neue Fahrer grüßte, die Tür aufreißend.
Äh! — das fremde Gesicht in diesem Augenblick ...
Wärst du nur damals zu ihr gefahren — nach jener Nacht! Du warst auf dem halben Wege und bist umgekehrt —! Vollrath, die Vierling, Josy — alle wollten, daß du zu ihr fahren solltest — und du selbst auch —! Und bist doch wieder umgekehrt — und jetzt ist sie krank ... Komplikationen infolge alten Herzfehlers ... toxische Form von Masern ...
»Zum Anhalter Bahnhof —!« schrie die Vierling und stieß den Mann in den Wagen hinein, stolperte selbst ihm nach. Der Wagen schoß vorwärts. Aber die Straßen glitschten unter den Rädern weg, und der da am Steuer saß, war ein guter Fahrer, aber er war kein Vollrath — war weit entfernt von Vollrath.
Die Vierling plapperte unausgesetzt. Sie schien nicht schweigen zu können. Sie haspelte rasende, stammelnde Worte herunter, halb auf die Knie geschleudert, mit nassen Fingern an nassen Handschuhen zerrend. Hörte der Mann überhaupt?
»... erst als ich heut früh zufällig in Ihre Wohnung komme, gibt mir dieser Idiot die Telegramme, hat mich nicht angerufen, nichts! Bis ich Altheide bekam, waren Sie schon wieder weg — und was sollte ich jetzt tun? Unterwegs hätten Sie doch keine gute Verbindung gehabt, selbst wenn ich Sie zugtelegrafisch erreicht hätte ... Ich habe bei Dr. Eck angerufen. Er wartet auf Sie wie ein Verzweifelter. Das Fieber steigt und stürzt und steigt und stürzt ... und das Herz ist so matt, es kann das Fieber nicht meistern ... Daß ich Ihnen das sagen muß, du lieber Gott ... und wir kriegen den Zug nicht mehr ... Er schafft es nicht ... Nein, nein, er schafft es nicht ... Es hat gar keinen Sinn, es noch zu versuchen!«
Ein Flugzeug ...
Unmöglich, Herr Mannegold — unmöglich!
Jede Summe für die Gesellschaft. Jede Prämie für den Piloten.
Unmöglich, Herr Mannegold. Vollkommen unmöglich! Der beste und kühnste Pilot konnte nicht dafür garantieren, bei diesem Wetter, bei diesen Gewitterböen — Regen über Mitteldeutschland, Nebel im Gebirge —, bei Nacht zu fliegen und die Orientierung nicht zu verlieren und auf so schwierigem Platze sicher zu landen. Das mußte man einsehen, nicht wahr ... Bedauern unendlich ...
Ebro Mannegold starrte der Vierling ins Gesicht. Der Regen pladderte gegen die Telefonzelle. Bis morgen warten? Bis morgen war er verrückt. Nein. Nicht bis morgen warten. O nein ... o nein ...
»Vierling ...«
»Herr Mannegold ...«
»Wie ist die Adresse von Vollrath?«
Dem Tausendgüldenkraut stürzten die Tränen aus den Augen.
»Ach Gott, Herr Mannegold — hätte ich's nur gewagt! Ich habe die ganze Zeit dran denken müssen —!«
»Wie ist die Adresse von Vollrath, Fräulein Vierling?«
»Wollen Sie ihn nicht erst anrufen, damit er schon fertig ist, wenn Sie ihn abholen?«
»Sie glauben — er wird fahren?«
Sie sah ihn fassungslos an.
»Der Vollrath, Herr Mannegold? ... Wenn Ihre Frau krank ist und Sie zu ihr wollen ...? Da soll der Vollrath nicht fahren ...? Wenn Ihre Frau krank ist ...?«
Ebro Mannegold drehte sich plötzlich gegen die Glaswand der winzigen Zelle, die kaum Platz genug hatte für ihn und die schmächtige Vierling. Er drückte den Schädel gegen das kalte Glas, an das der Regen peitschte. Er hob seine Hände gegen den Mund, hinter dem ein pfeifendes Winseln saß. Er hörte die Vierling sprechen, beherrscht wie immer. Er hörte sie fragen:
»Vollrath? Am Apparat? — Einen Augenblick, hier kommt Herr Mannegold ...«
Sie drückte ihm den Hörer in die Hand. Jetzt sollte er sprechen. Da drüben horchte ein Mensch. War der Mensch wirklich noch da, nachdem er begriffen hatte, wer mitten in der Nacht zu ihm reden wollte?
Ja, er war noch da. Er hörte den Menschen atmen.
»Vollrath ...«
»Herr Mannegold?«
»Meine Frau ist sehr krank ...«
Von drüben kein Laut. Nur Atmen. Ebro Mannegold sagte, als risse es ihm die Kehle auseinander:
»Der Arzt depeschiert, der Zustand hat sich verschlimmert. Wahrscheinlich ist Lebensgefahr. Ich habe den Zug nicht erreicht. Ein Flugzeug bekomme ich nicht ... Wollen Sie mich fahren, Vollrath?«
»Jawohl, Herr Mannegold.«
»Sofort?«
»Jawohl.«
»Ich hole Sie ab.«
»Jawohl, Herr Mannegold.«
»Ich danke Ihnen, Vollrath ...«
Keine Antwort mehr.
Vierzig Minuten später überraste der Wagen, ein zischender Meteor der Ungeduld, die Stelle, an der Ebro Mannegold seinen Fahrer Vollrath in einer Nacht, die beide Männer nie vergaßen, zur Umkehr gezwungen hatte.
Ebro saß neben Vollrath, mit ganzem Leibe zusammengekrümmt über der abgeblendeten Taschenlampe, den B.-Z.-Karten und dem Conti-Atlas. Er wußte sehr gut, Vollrath brauchte die Karten nicht. Er kannte die Strecke so genau wie den Motor seines Wagens. Aber er selber, er brauchte das langsam kriechende, aber doch unaufhaltsame Vorwärtskommen mit dem Bleistift auf dem gesteiften Papier, von Kreuzung zu Kreuzung, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Vor ihm zitterte die Nadel des Geschwindigkeitsmessers kaum schwankend zwischen hundertfünfundzwanzig und hundertdreißig. Ebro Mannegold rechnete, Kilometer um Kilometer. Er handelte mit Viertelstunden und Minuten. Wann konnten sie ankommen ... Wann konnten sie endlich ankommen ...?
Es regnete noch immer, strömend dicht. Sie fuhren noch immer in einem Tunnel von Wasser. Das leise rhythmische Jaulen des elektrischen Scheibenwischers riß an den Nerven. Aber der Regen fegte wenigstens die nächtlichen Straßen leer. Das Leben hockte verscheucht hinter triefenden Mauern. Nur aus den Schloten der Arbeit wehte es dunkelrot.
»Wann wollen Sie Rast machen, Vollrath?«
»Nur, wenn ich tanken muß. Oder —« er spuckte aus, »wenn ein Reifen platzt ...«
Hinter den Männern im Wagen hockte die Vierling, einen Zipfel des Taschentuchs zwischen den klappernden Zähnen. Diese Fahrt war für sie eine Fahrt durch alle Vorhöfe der Hölle; aber sie wäre lieber gestorben als zurückgeblieben.
Aus dem Nest, wo Vollrath tankte, riefen sie durch Blitzgespräch Berchtesgaden an.
Dr. Eck, der Jo nicht mehr verließ, ging selbst an den Apparat.
Als er wieder das Zimmer betrat, in dem die Frau und das Fieber miteinander kämpften, fand er Jo, die er dämmernd verlassen hatte, hellwach und klar.
»Mit wem haben Sie eben gesprochen, Doktor?«
»Mit einem Patienten.«
Jo lächelte sonderbar.
»Sie praktizieren durch Ferngespräche? Wie fortschrittlich, Doktor ... Oder ist Ihr Patient vielleicht taub, weil Sie so geschrien haben?«
»Liebe gnädige Frau ...«
Sie sah ihn mit den schönen, vom Fieber getrübten Augen an und schüttelte ernst den Kopf.
»Ein so guter Arzt und ein so schlechter Schwindler! ... Sie haben es also doch für nötig gehalten, meinen Mann zu verständigen ...«
»Nein, aber ich dachte, es würde Sie freuen, ihn hier zu haben ...«
»Und er kommt?«
»Er ist schon unterwegs.«
»Wo ist er jetzt?«
»Weit hinter Gera.«
»Er kommt mit dem Wagen?«
»Ja.«
Sie seufzte und legte den müden Kopf auf die Seite.
»Bei dem Schweinewetter ...«, murmelte sie. »Armer Vollrath ...« Und nach einer Weile fügte sie leise murrend hinzu: »Die toxischen Masern, oder wie das Zeug heißt, hab' ich kriegen müssen, bevor er sich aufgerafft hat, zu mir zu kommen, der Bock ...«
Sie flüsterte noch, aber es war nicht mehr zu verstehen. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, als horche sie auf den Regen oder auf etwas, das noch viel ferner als der Regen war. Mit einem Lächeln verdämmerte ihr Bewußtsein. Und sie erwachte erst wieder, als draußen in der Diele die Schritte des Mannes aufklangen, dem sie gehörte.
Ebro Mannegold schleuderte Hut und Mantel weg. Die Mädchen liefen verstört auf ihn zu — er stellte nicht einmal eine Frage. Er sah nichts als nur eine Tür — die Tür zu Jo, die vor ihm offenstand. Und eine Stimme war da. Eine Stimme aus grünem Dämmer. Die rief nach ihm ...
Ein Mann — das war wohl der Arzt? — sagte, fast nur hauchend:
»Ich bitte um äußerste Vorsicht, Herr Mannegold ...«
Aber Jo hatte es doch gehört. Ihre kleine verschlafene Stimme sagte vom Bett her:
»Laß dir nichts weismachen, Ebro — der Doktor hat keine Ahnung!«
Und dann sah er sie wieder, sah ihr Lächeln wieder —
Er hatte sich vorgenommen, Haltung zu bewahren. Er wollte stehenbleiben. Er wollte mit seiner ruhigsten Stimme sagen: ›Guten Tag, meine liebe Jo — wie geht es dir?‹ Aber da stieß es ihn einfach um, und er lag auf den Knien, beide Arme über das Bett geworfen, stöhnend, stöhnend, nur den Namen stöhnend ...
»Komm mir lieber nicht allzu nahe«, sagte die Frau. »Der Doktor meint zwar, ich sei nicht mehr ansteckend, aber du weißt ja, was von den Ärzten zu halten ist. Und am Ende bekommst du mir auch noch die Masern ...«
»Ach, Jo — wenn ich sie doch von dir bekäme!« sagte der Mann mit einer solchen Sehnsucht, daß die Frau, unter Tränen lächelnd, den Kopf von ihm abwandte.
»Ebro, das ist das süßeste Liebeswort, das du je zu mir gesagt hast!« meinte sie. »Aber nun kommt jedes liebe Wort zu spät für uns beide ... Wie schade, Ebro ... wie schade ... Nein, du brauchst den armen Dr. Eck nicht mit so wilden Augen anzusehen. Er hat getan, was menschenmöglich war. Aber ich habe nun mal den Ehrgeiz, an Masern zu sterben. Unmöglich — wie? Wenn irgendein Kind im Dorf mit Ziegenpeter behaftet wäre, hätte ich mir als Todesursache wahrscheinlich Ziegenpeter ausgesucht ...«
»Du stirbst nicht, Jo —!«
»Doch!« sagte sie fast streng. Und dann stieg das Fieber wieder und jagte ihr Herz, daß sie keuchte, und der Mann stand dabei, sah ihr zu und biß sich die Knöchel blutig.
Der Arzt, über sie gebeugt, kontrollierte ununterbrochen den Puls. Sie sah ihn nicht, sah durch ihn hindurch. Ihre blassen, trocknen Lippen flüsterten ... flüsterten ...
»Können Sie verstehen, was sie flüstert?« fragte Dr. Eck lautlos.
Ebro Mannegold, auf der anderen Seite des Bettes in sich zusammengekrümmt, gab keine Antwort. O ja, o ja, er verstand ihr Flüstern sehr gut! Er verstand jedes Wort, und jedes Wort war für ihn ein Messer, das in einer Wunde herumgedreht wurde. Es war ein dummes, kleines, lächerliches Gedicht, das er einmal für sie gemacht hatte — das einzige Gedicht seines grausam nüchternen Lebens, entstanden in einer Nacht auf dem See, in dem Boot, das sie ›Du und Ich‹ genannt hatte. Jetzt flüsterte der arme Fiebermund es unablässig vor sich hin:
Um den See, den wir am meisten lieben,
stehen sieben
Berge her, die schweigend Wache halten,
Schild bei Schild, versteinte Gottgestalten.
Über uns, in grenzenlosen Weiten
seh ich freundlich Stern um Stern entbrennen,
und wir gleiten,
uns und unserm Boot vertrauend,
aufwärts schauend
zu des Lichts gebenedeiten
Ewigkeiten,
über Tiefen fort, die wir nicht kennen.
Über Tiefen fort, die wir nicht kennen ... über Tiefen fort, die wir nicht kennen ... In welche Tiefe, großer Gott im Himmel, entglitt sie ihm jetzt, wenn sie starb —? Wo fand er sie wieder? In welche Tiefe hinein mußte er sich und sein Leben werfen, um irgend etwas von ihr zu behalten oder zurückzugewinnen —?
›Du und Ich‹ ... Ihr Gesicht, das sich über den Rand des Bootes beugte und seinem Spiegelbild zulächelte ...
›Du und Ich‹ ... Ihre Hand, die das Wasser streichelte, ihm kleine, zärtliche Liebkosungen mitgab auf den Weg zu seiner Hand, die ins Wasser tauchte ...
Alles Nichtigkeiten. Alles Köstlichkeiten. Alles unwiederbringlich, unwiederbringlich verloren ...
Waren alle Menschen denn wahnsinnig, daß sie sich einbildeten, Herren auch nur der nächsten Minute zu sein, daß sie es wagten, von morgen und übermorgen zu sprechen und von dem Größenwahnsinn, Zeit zu haben, Zeit, etwas nachzuholen, — etwas gutzumachen, Zeit zum Besserwerden, Zeit nur zu einem Wort und einem Kuß —?
Ein Kind hat Masern. Eine Frau steckt sich an. Die Frau hat einen Herzfehler; die Ärzte nennen es eine ›Überdehnung des Vorhofes‹ ... was verstand er davon ... Aber plötzlich gab es für ihn keine Zeit mehr. Kein Tag gehörte mehr ihm, von der ganzen großen, unausdenkbaren Ewigkeit nicht ein einziger Tag. Und morgen vielleicht schon keine Stunde mehr — und keine Minute — aus ...
Nein, das war nicht möglich — das war nicht möglich!
»Doktor — — ist sie zu retten? Sie muß zu retten sein!«
Ein Achselzucken. Und eine vergrämte Stimme:
»Wenn Sie beten können, dann beten Sie ... Vielleicht hilft's ...«
Am anderen Morgen kam Josy, den die Vierling benachrichtigt hatte. Ganz plötzlich stand er wie ein Halbirrer in einem Kreis von Halbirren. Er fragte nichts, sagte nichts. Jo schien zu schlafen. Aber in der vollkommenen Lautlosigkeit, deren Mittelpunkt Josy war, mußte ihr sterbendes Herz noch einmal, zum letztenmal, das feine summende Rufzeichen vernommen haben, das ihr sagte: Da schreit ein Mensch nach dir ... Sie schlug die Augen auf und sah Josy an. Sie grübelte über sein entstelltes Gesicht, das nicht einmal mehr die Kraft zur Lüge des Lächelns hatte. Aber sie lächelte, als sie ihn erkannte.
»Nun, Josy?« fragte sie mit großer Anstrengung. »Hat sich Tilly gefreut?«
Er starrte sie an, vollkommen verständnislos. Die Möglichkeit, daß ein Mensch sich auf dieser Erde noch über etwas freuen sollte, schien ihm unfaßbar zu sein.
»Über die schwarze Madonna!« erinnerte Jo.
»Ja«, sagte er heiser. »Du hast ganz recht gehabt: sie hat vor Freude geweint.«
Jos Lächeln vertiefte sich. Ihre Augen wanderten weiter. Sie fanden Ebro, den Kopf in den Händen vergraben. Sie fanden den Fischerhansl, die Mädchen und Vollrath, ein Klumpen Verzweiflung, gegen die Tür gedrückt. Jo horchte und flüsterte:
»Laßt doch den Hund herein ...«
Sie sah in der andern Tür, die zur Diele führte, den Menschen stehen, den sie vor ein paar Wochen aus strömendem Regen in ihr Haus gerufen hatte. Aber das war schon kein Mensch mehr. Das war nur noch ein Schatten. Jos Augen sahen ihn lange durchdringend an. Dann sagte die Frau — und alle hörten die Worte, doch nur einer verstand sie:
»Ja. Ja. Es ist gut. Es ist gut.«
In dem Gesicht des Schattens keimte ein Lächeln.
Jos Augen wanderten weiter. Sie fanden den Arzt und die Vierling. Sie fanden zuletzt, was sie am innigsten suchten: Peter und Judica, einander umschlungen haltend, die vom Weinen ganz verschwollenen Gesichter Wange an Wange geschmiegt.
»Komm zu mir, Judica!« sagte Jo. Sie sah das Mädchen lange, lange an, hob mühsam die Hand, strich über ihr schönes Haar und über die Schultern, die im verbissenen Schluchzen zitterten. »Kleine Judica!« flüsterte sie. »Kleine Minnelore ...« Sie zog den Kopf des Mädchens nahe an ihre Lippen. »Du wirst Ebro sagen, kleine Minnelore, nicht jetzt, nicht gleich, denn noch verstünde er's nicht ... aber du wirst es ihm eines Tages sagen, daß ich ihm diesen Jungen als mein Vermächtnis hinterlassen habe. Versprichst du mir das?«
»Ja, Jo ... geliebte Jo ...«
Nach einer kleinen Weile sagte die Frau mit klarer Stimme, ohne die Augen zu öffnen:
»Ich möchte in meinem Garten begraben werden, unmittelbar in meiner geliebten Erde! Den Sarg könnt ihr euch schenken, hörst du, Ebro?«
»Ja«, antwortete eine Stimme, die nicht mehr aus einer menschlichen Kehle zu kommen schien.
Der Arzt stand über Jo gebeugt. Er hielt ihr Handgelenk umspannt. Keiner im Raum holte Atem. Jo regte sich nicht.
Aber plötzlich schlug sie die Augen auf, sehr groß und überklar. Ihr ganzes Gesicht war plötzlich überklar und aus sich selber leuchtend, hell und heiter. Sie sah die Menschen um sich her der Reihe nach an — und brach in ein strahlendes Gelächter aus.
»Wenn ihr eine Ahnung hättet, wie ihr ausseht —!« rief sie, ganz außer sich vor Vergnügen. »Wie eine Versammlung von wohnungslosen Gespenstern!«
Es war die Stimme Josys, die aufbrüllend in das Gelächter hineinschlug.
»Du bist bei Gott unmöglich, Jo —!! Jo, lache nicht —!! Uns ist nicht nach Lachen zumute —! Nimm etwas mehr Rücksicht auf uns —!!«
»Das ist ja das Unglück —!« sagte die lachende Jo. »Ihr habt eben keinen Humor —!«
»Jo — bitte nicht! Bitte nicht —!!«
Ebro Mannegold fiel neben seiner heiteren Frau auf die Knie. Sein Kopf schlug gegen die Bettkante. Seine Hände tasteten sich vorwärts, streckten sich aus nach der Frau ...
Da war alles auf einmal ganz still. Ganz still. Kein Lachen mehr. Kein Wort. Kein Atemzug. Nur, in der beklemmenden Stille, jäh und jammervoll, das Aufheulen Hüters.
Ebro hob den Kopf.
»Seien Sie tapfer, Herr Mannegold«, sagte der Arzt, Dr. Eck.
Tapfer. So. Tapfer. Natürlich, tapfer. Was dachte der Arzt von ihm? Daß er in Ohnmacht fallen würde? Oder zu schreien anfangen, ganz tierisch losgelassen zu schreien anfangen — Gott, müßte das eine Erlösung sein —! Aber er würde nicht schreien. Er wollte nur ... ja, was denn eigentlich?
Seine dunkelgeröteten Augen irrten durch das Zimmer, ohne auf einem Menschen haftenzubleiben.
»Ich möchte mit meiner Frau allein sein«, sagte er.
Und als er allein war, setzte er sich auf den Rand des Bettes, in dem sie schön und schlafend lag, faltete die Hände auf ihren verschlungenen Händen und sagte, das tiefste Geheimnis seines Lebens, das er der lebenden Frau nie ganz preisgegeben hatte, nun endlich der toten schenkend:
»Ich liebe dich, Jo ... Ich liebe dich, meine Jo ... Ich habe nie etwas lieb gehabt außer dir ... Ich weiß, ich habe es nie zur rechten Zeit gesagt ... Aber nimm es auch jetzt noch an, du All und Eines ... Meine liebe Frau ... Meine geliebte Frau ... Ich liebe dich, Jo ... Ich liebe dich, meine Jo ...«
Dann stand er auf und öffnete weit die Fenster, damit der Tag zu Jo hereinkommen konnte.
Das Echo eines Schusses lief an den Hängen entlang, rollte tief in den Felsen und war verklungen.
Das war das einzige Mal, daß der stille Mann, der Andreas Hünemann hieß, einen Lärm verursacht hatte.
Der Fischerhansl fand das leere Boot, das mitten auf dem See trieb. Das Boot hieß ›Du und Ich‹ und hatte Jo gehört. Da gab man das Suchen auf. Der See war tief. Und auch er gab keinen Toten jemals wieder.
An diesem Tage begriff Peter Hünemann, was die Worte bedeutet hatten: Ja. Ja. Es ist gut. Es ist gut.
Ja, es war gut ...
Die fröhliche Jo war begraben worden, wie sie es sich gewünscht hatte: in ihrem Garten, in ihrer geliebten Erde, zu der die schönen Berge herüberschauten.
Bei diesem Begräbnis hatte Peter Hünemann gefehlt.
Doch eines Morgens, sehr früh, als Ebro Mannegold zu der letzten Kammer Jos gegangen kam, fand er Peter neben dem Hügel im Grase, schon reisefertig, einen Zettel in der Hand.
Sie grüßten sich stumm. Noch war zwischen Mann und Knaben die Brücke nicht gefunden. Aber es gab eine Brücke. Eines Tages würden sie sich freiwillig darauf begegnen; das wußten sie.
»Was haben Sie da geschrieben, Peter?« fragte Ebro.
»Nichts Besonderes ... eine Art Grabschrift für Jo ...«
»... Darf ich sie lesen?«
Der Junge zuckte die Achseln. Er stand auf und legte den Zettel auf das Grab der Frau, es herb dem Manne überlassend, ob er ihn nehmen würde oder nicht. Ebro Mannegold nahm ihn. Und las:
Hier schläft
JO MANNEGOLD
bis an den Jüngsten Tag.
Sie starb 33 Jahre alt,
3333 Jahre jung.
Gott schenke uns
die Ruhe ihrer Seele!
»Amen!« sagte Ebro Mannegold heiser.
Der Junge gab keine Antwort. Die Fäuste in den Taschen, ging er langsam und ohne sich umzuschauen davon, und als er zehn Schritte weit weg war, begann er zu pfeifen.
»Auf Wiedersehen, Peter!« rief Ebro Mannegold ihm nach.
Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
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