Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.
RGL e-Book Cover
Based on an image created with Microsoft Bing software
Einbanddeckel der Originalausgabe 1914
Über Wilhelm Bastinés Leben ist kaum etwas bekannt, außer dass er am 20. August 1885 geboren wurde, von Beruf Gymnasiallehrer (1922 Studienrat) war und neben seinem bekannten Roman Die wiedergefundene Zeitmaschine und den beiden hier ebenfalls wieder abgedruckten (an Jugendliche gerichteten) Erzählungen Die ausgenutzte Erdumdrehung und Der Schuß auf den Mond in den Jahren um 1910 mehrere kurze Erfinder-Biografien verfasst hat, so z. B. über Thomas A. Edison, Werner von Siemens und George Stephenson. Diese Bändchen im Umfang von etwa 40-50 Seiten erschienen in der von Georg Gellert in der Verlagsanstalt Ed. Rose in Neurode und Berlin herausgegebenen Reihe ›Illustrierte Helden-Bibliothek. Geistes- und Kriegshelden aller Völker und Zeiten‹. Gellert war übrigens auch Herausgeber der Knaben-Jahrbuch-Reihe ›Flemmings Knabenbuch‹, in der ebenfalls Beiträge von Bastiné erschienen sind.
Die untenstehende undatierte Fotografie zeigt Wilhelm Bastiné mit seiner Ehefrau Marie geb. Cleve.
Den Nachdrucken liegen die folgenden deutschen Erstdrucke zugrunde:
Die wiedergefundene Zeitmaschine. Romantische Erzählung von Wilhelm Bastiné. Illustrierte WeltallBibliothek. Fesselnde Erzählungen, Abenteuer u. Forschungsreisen aus allen Gebieten des Weltalls. 5. Band. Hrsg. von Georg Gellert, Berlin-Wilmersdorf, im Auftrag der Deutschen Gesellschaft zur Verbreitung guter Schriften u. Bücher E. V. Karlsruhe/Leipzig: Verlag der Hofbuchhandlung Friedrich Gutsch 1914. Kartoneinband mit aufgeklebtem Farbbild, ca. 12,0 x 17,0 cm, 159 S., vier Zeichnungen von Adolf Wald.
Die ausgenutzte Erdumdrehung. Von Wilhelm Bastiné. Mit vier Zeichnungen des Verfassers. In: Scherls JungdeutschlandBuch. 4. Jg. 1917. Hrsg. von Major Maximilian Bayer. Berlin: August Scherl o.J. [1916], S. 31-59.
Der Schuß auf den Mond. Von Wilhelm Bastiné. Mit drei Zeichnungen des Verfassers. In: Scherls JungdeutschlandBuch. 7. Jg. [1920]. Hrsg. von Karl Soll. Berlin: August Scherl o. J. [1919], S. 229-243.
Mit der erneuten Herausgabe des Romans und der beiden Erzählungen im Neusatz (die erste Auflage war 2005[1] erschienen) sollen diese 1914, 1916 und 1919 in Frakturschrift erschienenen Texte samt den dazugehörenden Illustrationen wieder allgemein zugänglich gemacht werden. Der Text wurde auf die seit 1996 geltende und danach oft geänderte »neue deutsche Rechtschreibung« umgestellt. Hierbei wurden offensichtliche Rechtschreib- oder Drucksatzfehler stillschweigend berichtigt. Im Übrigen ist der Text aber unangetastet geblieben. Das Umschlagbild und die Illustrationen zu Die wiedergefundene Zeitmaschine zeichnete Adolf Wald, ein Jugendbuch-Illustrator, über den weitere biografische Daten nicht ermittelt werden konnten. Die Illustrationen zu den beiden Erzählungen im Anhang stammen von Wilhelm Bastiné selbst.
[1] Wilhelm Bastiné: Die wiedergefundene Zeitmaschine. Romantische Erzählung. Nachdruck der 1914 erschienenen Erstausgabe sowie der 1916 bzw. 1919 erschienenen Jugenderzählungen Die ausgenutzte Erdumdrehung und Der Schuß auf den Mond. Hrsg. von Dieter von Reeken. Lüneburg/Norderstedt: Dieter von Reeken/Books on Demand 2005.
Ebenso wie schon 1908 Carl Grunert in seiner Novelle Pierre Maurignacs Abenteuer[2] knüpfte auch Bastiné 1914 an Herbert George Wells' berühmten und einflussreichen Roman The Time Machine[3] (deutsch Die Zeitmaschine[4]) an, indem er die einst mit dem anonymen »Zeitreisenden« verschollene Zeitmaschine des H. G. Wells (mit der Folge weiterer Zeitreisen seiner Romanfiguren) »wiederfinden« lässt.
[2] Carl Grunert: Pierre Maurignacs Abenteuer. In: Carl Grunert: Der Marsspion und andere Novellen. Die Bücher des Deutschen Hauses. Hrsg. von Rudolf Presber. 1. Reihe, Bd. 13. Berlin/Leipzig: Buchverlag fürs Deutsche Haus 1908, S. 29-76; u. a. enthalten in: Carl Grunert: Im Königreich Nirgendwo. Sämtliche Zukunfts-Novellen und Gedichte (1887-1914). Hrsg. von Dieter von Reeken. Lüneburg: Dieter von Reeken, 2. Aufl. 2017, S. 256-279.
[3] Herbert George Wells: The Time Machine. London: Heinemann 1895. Seit der Erstausgabe sind zahlreiche Neuausgaben erschienen.
[4] Herbert George Wells: Die Zeitmaschine. Minden: J. C. C. Bruns 1904. Seit der deutschen Erstausgabe sind zahlreiche Neuausgaben erschienen.
Wenn auch Bastinés Erzählung, wie Nessun Saprà schreibt, »an Die Reise mit der Zeitmaschine (1946) von Egon Friedell oder gar an das Original von Wells ... weder intellektuell noch sprachlich« heranreicht, ist sie »aber durch ihren hintergründigen Humor doch streckenweise recht unterhaltsam.«[5]
[5] Nessun Saprà [d. i. Klaus Geus]: Lexikon der deutschen Science Fiction und Fantasy 1870-1918. Materialien und Untersuchungen zur Utopie und Phantastik. Bd. 1. Oberhaid: Utopica 2005, S. 39f.
Die beiden Jugenderzählungen sind zwar amüsant zu lesen, aber sie enden, wie so oft bei derartigen Erzählungen, mit dem ernüchternden Erwachen aus einem Traum.
¤
Seite 1 mit dem Innentitel der Originalausgabe (unpaginiert) 1914
¤
Seite 3 der Originalausgabe (unpaginiert)
So um Ende März oder Anfang April des vergangenen Jahres erhielt ich eines Tages mit der Frühpost einen Brief, dessen Handschrift mir seltsam bekannt vorkam. Ich riss also auf und sah sogleich nach dem Schluss.
Ach, richtig, das war ja mein alter Niels, mit dem ich freilich seit Jahren nicht mehr korrespondiert hatte. Als Jungens hatten wir uns den lieben langen Tag, sobald nur die Schule uns losließ, herumgetrieben, aber hernach waren wir auseinandergekommen. Er war wohlhabend, sogar reich. Eigentlich wusste ich nicht so recht, was er später angefangen hatte; soviel mir aus Nachrichten, die hier und da gemeinsame alte Bekannte vermittelten, zugetragen worden war, hatte er studiert und lebte so ziemlich seinen gelehrten Liebhabereien. Ich hingegen hatte einen praktischen Beruf ergriffen und war Kaufmann geworden.
Das ging mir so durch den Kopf, während ich die ersten Zeilen des Briefes durchflog. Dann wurde ich aufmerksamer und las den letzten Abschnitt noch einmal, den ich nicht recht verstanden zu haben glaubte — aber doch, es stand schon so da, bloße Andeutungen, nichts Genaues — — und schließlich hinterließ mir der Inhalt einen Zustand begreiflicher Spannung, denn er lautete wie folgt:
»Lieber Freund, falle bitte nicht auf den Rücken, da ich so plötzlich wie aus einer Versenkung vor Dir auftauche. Wir sind ja, wie es im Leben so zu geschehen pflegt, in verschiedene Existenz- und Interessenkreise geraten — das heißt, Du wenigstens; denn ich bin eigentlich dauernd in gar keine ›Kreise‹ geraten, sondern sitze nach einigen Wanderjahren wieder ziemlich einsam auf dem gewohnten Boden meiner Väter.
Also wir sind getrennt worden. Aber das hat mich nicht abgehalten, und Dich hoffentlich ebenso wenig, dann und wann einmal in einem nachdenksamen Stündchen zu unseren Jugendtagen zurückzukehren.
Entsinnst Du Dich noch des merkwürdigen Ecksteins mit dem Wappen am Nachbarhaus, wo der Bäcker wohnte? Man erzählte sich, es habe da früher ein Kloster gestanden, und der eine Stein sei einzig übrig geblieben und in das neue Haus — damals auch schon eine recht altersschwache Konstruktion! — vermauert worden. Auch unterirdische Gänge sollten existieren und unter dem alten Friedhof durch zur Kirche, ja weit darüberhinaus bis ins Nachbarstädtchen führen, wo ja tatsächlich noch ein Kloster existierte.
Es muss etwas Wahres an diesen Überlieferungen gewesen sein, denn wie mein Vater die eine alte Scheune niederlegen ließ, weil er vergrößern wollte, da wurden ja wirklich solche unterirdischen Kanäle bloßgelegt. Du weißt doch sicher noch, wie wir um die geheimnisvollen Öffnungen herumstrichen! Wir begriffen nicht, wie die Erwachsenen die Sache so nüchtern behandeln konnten: Der Pferdeknecht kroch einmal mit einer Laterne etwas tiefer hinein, aber während wir noch atemlos standen, tauchte sein Gesicht auch schon fluchend und ganz rot wieder hervor, und er schwor, außer Beulen sei in dem stinkigen Loch nichts zu holen! So wurden sie wieder zugemauert, bis auf einen übermannshohen Gang, der als Kartoffelkeller Verwendung fand.
Das war das prosaische Ende! Gern hätten wir auf eigene Faust der Angelegenheit einen etwas romantischeren Anstrich verliehen, aber — es getraute sich keiner so recht, mal hineinzukriechen, und das wäre doch als Allererstes nötig gewesen! Umso mehr redeten wir davon — zumal als sie glücklich wieder zu waren! — am reichlichsten und phantastischsten der ›Christian‹ von unserm Pferdeknecht. Er hatte mal was von Labyrinthen gehört, und sein Vater hatte den Siebzigerkrieg, auch schon Sechsundsechzig mitgemacht; der hatte ja auch, wohl in einer Anwandlung verspäteter Abenteuerlust, die Expedition mit der Laterne unternommen. Die war nun freilich so imponierend nicht ausgefallen, aber die beiden erstgenannten Umstände genügten dem Christian schon reichlich. Was für Märchen hat er uns nicht aufgebunden!
Er wollte selbst ›drin‹ gewesen sein, natürlich bei Nacht, wo wir ihn nicht kontrollieren konnten — denn wir Kleinen mussten bereits um neun ins Bett, und ›Er‹, der Zehnjährige, durfte schon so lange aufbleiben wie die Erwachsenen! Ich könnte beim besten Willen nicht mehr aufzählen, was er alles zusammenreimte, mir fällt nur der Bär ein, der ihm einmal ›drinnen‹ entgegentrottete, mit funkelnden Augen, und — — ihn anredete!
Derselbe Bär beiläufig, der einst seinem verirrten Vater während des Winterfeldzuges in einem französischen Wald begegnete und ihm natürlich ebenfalls wichtige Dinge ausplauderte — —.
Ich will aufhören, ich könnte doch so lebendig nicht schildern, wiedamals alles uns war. Zwar habt ihr, Du und einige andere Freunde, wie wir so um sechzehn herum waren, öfter herhalten müssen, wenn ich Euch ›Gedichte‹ und ›Novellen‹ vorlas — für Eure Aufopferung musste ich Euch mit einem Töpfchen ›selbstgestohlenen‹ Honigs entschädigen; und ich denke heute sehr schwarz darüber, was eigentlich Euer Interesse köderte: die Süßigkeit meiner Rede oder die des Honigs, Ihr Kunstbanausen! — doch inzwischen habe ich die Poeterei gänzlich aufgesteckt, und infolge naturwissenschaftlicher Betätigung ist mir die Fähigkeit der Malerei in Worten fast verloren gegangen; ich wollte auch nur mit meinen Erinnerungen die alte Zeit heraufbeschwören und in Dir wach machen, das Fehlende wirst Du schon selbst dazutun.
Nun aber zur Gegenwart, denn aller Erinnerungszauber wird Dich nüchternen Tagesmenschen doch nicht abgehalten haben, schon längst zu fragen, wieso mich denn auf einmal das Bedürfnis überkommt, so redselig mit Dir Reminiszenzen zu tauschen.
Also es ist dies — ja, ich wage es aber doch kaum vorzubringen — wie anfangen, um es Dir plausibel zu machen?! Also werde nur nicht gleich misstrauisch, es ist etwas von heute, ganz am hellen Tag befindlich — und doch ganz phantastisch und unwahrscheinlich. Mit einem Wort: kennst Du den ›Zeitreisenden‹? — Nein, wohl kaum. Ja, wie soll ich's Dir darstellen — — natürlich hängt's doch mit den phantastischen Kindererlebnissen vorhin zusammen, es hat sie sogar eingegeben, zweifellos — das heißt, ich meine, ›ich‹ bin dadurch zu den Erinnerungen veranlasst worden, Du musst nicht glauben, dass es selbst irgend etwas mit Christians sprechen den Bären gemein habe — ach, ich sehe, ich komme nicht vom Fleck, und Du bist genau so klug wie vorhin. Ich fragte, ob Du den Zeitreisenden kennst. Kurz und gut, um den handelt es sich! Weiß der Henker, wie mir in letzter Zeit das Schreiben schwer fällt, in bin in solcher Aufregung, Du wirst begreifen, am besten — sag, kannst Du Dich nicht von Deinen Geschäften auf ein paar Tage freimachen, nur zwei oder drei, das genügt, aber ich hätte Dich so gerne hier. Ja, das ist's: komm her! Deshalb schrieb ich Dir ja eigentlich! — Du, ich verspreche Dir aber auch: wenn das wird, dann wollen wir beide noch etwas erleben! Und es muss etwas werden, es muss! Du siehst, ich wende mich an Dich, ich allein bin in solchen Dingen zu zappelig, auch — soll ich's ehrlich gestehen: ein bisschen zu ängstlich, denn es handelt sich doch schließlich dabei nicht um ein bloßes Laboratoriumsexperiment, sondern um Unternehmungsgeist, ja Wagemut — kurz, Du bist tüchtig in diesen Eigenschaften und doch nicht nüchtern alltäglich; nein, streite es nicht ab, ich spürte das auch schon damals, und von allen warst Du derjenige, der meine Verse vielleicht auch angehört hätte, ohne den Honig hinterdrein. Heute habe ich Dich sogar im Verdacht, dass Du selbst welche gemacht hast! Also komm her, ich bin aufgeregt, für heute nur dies: auf baldiges Wiedersehen!
Mit Gruß und Handschlag
Dein alter Niels.
Nachschrift: Komm doch recht bald, möglichst sofort!! Dann kannst Du's noch an Ort und Stelle des Fundes sehen! Morgen will ich‹s bereits mit Salzsäure behandeln. — Und sprich mit Niemandem (!) darüber, vorläufig; erfinde irgend eine Ausrede wegen Deiner plötzlichen Abreise!«
Das war der Brief. Was sollte ich daraus machen?! »Etwas Nüchternes — und doch Phantastisches« — ob ich den »Zeitreisenden« kenne, ich, als Kaufmann! War's ein Geschäftsreisender, berühmt in irgend einer Spezialität? — Nein, darum konnte es sich nicht handeln, denn schließlich appellierte Niels doch noch an meinen poetischen Sinn — hm, so ganz unrecht hatte er ja mit seinem Argwohn vielleicht nicht. Und ich war doch wahrhaftig auch als Geschäftsmann nicht so hoffnungslos eingetrocknet, und ein bisschen Sinn fürs Romantische hatte ich mir immer bewahrt. Freilich hieß es dann gleich darauf wieder, man wünsche meinen Unternehmungsgeist; er, Niels, fühle sich allein zu »ängstlich«. Also galt's sogar Gefahren zu bestehen? — In zwei oder drei Tagen? — — was konnte man da weiter für Abenteuer bestehen?! — — Da hatte er schon recht: Anzukommen brauchte es mir auf drei Tage nicht; war's interessant, was er vor hatte, dann durfte es sich auch ruhig acht Tage lang hinziehen; die konnte ich mir jetzt schon 'mal leisten, ich hatte sowieso lang keine Ferien mehr gehabt. Also reisen. —
Aber was konnte das Ganze nur bedeuten, er fing doch mehrere Erklärungen an, warum machte er sie nicht fertig — warum blieb er so unverständlich? Ich brachte keinen Sinn hinein — — er ist doch nicht krank — —?!
Das fiel mir schließlich wie ein Schrecken auf die Seele. Der merkwürdige Ton des ganzen Briefes — und der Schluss war augenscheinlich in größter Aufregung hingeschrieben, die Zeilen lagen schief, die Worte waren manchmal kaum zu entziffern.
Reisen, abreisen — selbst nachsehen, erfahren, aufklären!
*
Am nächsten Mittag wanderte ich bereits Arm in Arm mit Freund Niels über seine schöne Besitzung der Stelle zu, wo damals die Scheunen gestanden hatten. Während er sprach, beobachtete ich ihn noch verstohlen von der Seite. Aber er sprach zwar eifrig, ein bisschen erregt, doch das konnte ich mich erinnern, auch schon als Junge an ihm bemerkt zu haben, und alles was er sagte, hatte durchaus Sinn und Verstand: die wachsenden Schwierigkeiten, mit denen die Landwirtschaft zu kämpfen habe, die hereindringende Industrie — kurz, er hatte sich entschlossen, einen Teil seines Geländes ebenfalls zu bebauen. Davon konnte ich mich selbst überzeugen. Denn da, wo, wenn mein Ortsgedächtnis nicht trügte, früher die Scheunen gestanden hatten, war jetzt bloß noch eine, freilich die geräumigste, übriggeblieben; daneben aber war ein modernes Wohnhaus im Entstehen begriffen. Niels bestätigte: an eben der Stelle, wo fünfundzwanzig Jahre früher die unterirdischen Gänge freigelegt worden waren!
Damit waren wir zum fünften Mal bei unserer eigentlichen Angelegenheit, und ich wiederholte zum fünften Mal meine Bitte um Aufklärung.
»Du sollst sie gleich mit deinen leiblichen Augen einsaugen. — Kennst du denn den englischen Zeitreisenden nicht?«
Die Frage hatte er auf dem kurzen Weg vom Bahnhof bis zu seinem Haus, während des notdürftigen Umkleidens dort und nun auf dem Weg zu den Scheunen schlecht gezählt schon zehnmal an mich gerichtet, meine Gegenfrage aber in seinem nervösen Reizzustand ebenso oft überhört. Also dass ich nun zum elften Mal ziemlich ungeduldig antwortete:
»Nein, ich habe noch immer nicht das Vergnügen! Was bedeutet das Wort überhaupt? Ist's ein Geschäftsreisender ›in Zeit‹, so wie man sonst ›in Wein‹ oder ›in Zigarren‹, ›in Wollwaren‹ reiste, der den Grundsatz, Zeit ist Geld, umgekehrt hat zu: Geld ist Zeit? Und nun seinen überarbeiteten Zeitgenossen, denen die vierundzwanzig Stunden täglich nicht langen, seine Ware anbietet: Zeitstunden, fünfzig Pfennig pro Stück, im Dutzend billiger, bei Abnahme von hundert Stunden vier Prozent Rabatt — —. Na, deswegen allein hättest du mich doch schließlich nicht hierher zu zitieren brauchen, die Kellerlöcher hier habe ich auch in genügend pietätvoller Erinnerung, also benutzen wir den angebrochenen Tag schleunigst zu einer Partie in eure schönen Berge.«
Er lächelte, ein bisschen befangen wegen meines deutlich gereizten Tones:
»Du scherzest — und doch, wahrhaftig, man hätte so etwas haben können, ganz ähnlich, wenn der Zeitreisende —«
Er unterbrach sich, wohl, weil meine Miene bei dem Wort wieder gezuckt hatte. Und dann gab er ganz sachlich die Auskunft:
»Nun, der Schriftsteller Wells hat seine Geschichte geschrieben. Er war ein Mann, der eine Maschine konstruierte, mit der er eine erfolgreiche Reise in die Zukunft der Erde und des Menschengeschlechtes unternahm. Bei seiner zweiten Fahrt ist er verschollen.«
Er schwieg einen Augenblick und sah mich an, als ob ich etwas sagen solle. Also sagte ich:
»Du weißt, ich hatte in der Literatur nur wenig —«
Wie um abzuschneiden ließ er meinen Arm fahren, beugte sich dicht zu mir und flüsterte mit leuchtenden Augen:
»Ich habe seine Spur entdeckt!«
Wieder sah er mich erwartungsvoll an, erreichte aber bloß, dass ich nun doch wieder eine Besorgnis aufsteigen fühlte — —: Ich hatte gehört, es solle auch Geisteskranke geben, mit denen man stundenlang ganz vernünftig reden könne, ja, die ihre Obliegenheiten ganz trefflich zu besorgen verstünden — — Und seine glühenden Augen eben — —
Wir waren vor dem Neubau angelangt, bei dem nur wenige Arbeiter beschäftigt schienen. Das Erdgeschoss war schon so gut wie vollendet, nur an einer Ecke war eine offenbar absichtliche Lücke gelassen. Dahin führte Niels mich.
»Hier ist's! Ich habe das Stück der Grundmauer aussparen lassen, bis ich alles untersucht und glücklich herausgebracht habe.«
Mit ein paar Sprüngen über Stufen im Mauerwerk waren wir in der Grube drunten. Er schloss eine Brettertür auf, die provisorisch einen schmalen, kaum mannshohen Eingang versperrte. Ich sah sofort, es war der alte Kartoffelkeller. Wir zündeten die mitgebrachte Laterne an und drangen ohne Schwierigkeit etwa hundert Schritt weit vor. Nur, dass ich über verfaulte Kartoffelreste stolperte, die noch hier und da auf dem Boden lagen und keinen guten Duft verbreiteten.
»Sieh dir das an.«
Ich erkannte einige Schatten und matte Reflexe. Als meine Augen sich etwas an das Halbdunkel gewöhnt hatten, unterschied ich deutlicher ein Gestell, aus ziemlich verrosteten Eisenstangen gefügt, die einmal lackiert gewesen waren. Eine Art Sattel oder Sitz, und davor ein ziemlich kompliziert anmutendes Etwas, das mir Unbehagen bereitete, weil ich es nicht recht ins Auge fassen konnte; vielleicht auch, weil ich mit Recht in ihm das eigentliche Rätsel witterte. Physikalische und noch mehr metaphysische Rätsel und am allermeisten Verquickungen von beiden waren mir aber von jeher ein Gräuel gewesen.
»Nun, es wird ein stehengebliebenes Fahrrad sein«, äußerte ich in gleichgültigem Ton; obgleich ich selbst nicht so recht daran glaubte, wegen des komplizierten Etwas nicht.
»Es wird ein stehengebliebenes Fahrrad sein«, äußerte ich.
»Unmöglich, mein Lieber! Mein Vater ließ den Gang vor etwa zehn Jahren zumauern, weil einmal ein Strolch sich darin versteckt und arg unter unseren Wintervorräten gehaust hatte. Vorher ließ er den Gang genau durchsuchen, soweit man überhaupt vordringen konnte. Seitdem konnte Niemand und Nichts hinein — bis vor drei
Tagen, wie der Gang bei der Fundamentierung geöffnet wurde und gleich darauf der Polier zu mir kam. Der meinte natürlich auch erst, es sei ein Fahrrad. Aber das kann es gar nicht sein, überhaupt kann es nichts ›Stehengebliebenes‹ im gewöhnlichen Sinne sein, denn sieh nur genauer hin.«
Ich hatte denn auch die Merkwürdigkeit schon entdeckt, und sie schien mir in der Tat für den Augenblick unerklärlich. Nämlich das Gestell stand nicht völlig frei, sondern die Querstangen endeten an der Wand, sodass es den Eindruck erweckte, als sei es zur Hälfte darin verborgen. Sogar der Aufbau mit dem komplizierten Apparat schien seine Fortsetzung in der Steinwand zu haben. Am besten passt wohl das Bild, er sei »herausgewachsen«, denn keine menschliche Hand hätte diese zarten Rädchen und Stängelchen und Federchen so geschickt und sauber in den harten Fels einkitten können, selbst wenn jemand diese unnütze Arbeit versucht hätte.
Ich fühlte nun selbst eine eigentümliche Stimmung in mir Platz greifen; ich wusste mich so nüchtern wie nur je, konnte mir den Fund da vor mir aber auch keineswegs erklären. Also besah ich ihn mir noch einmal recht genau und ließ mich dann ziemlich willenlos von meinem Freund wieder hinaus- und hinaufführen. Er verschloss die Tür wieder, nahm den Schlüssel an sich und rief dann noch einen Arbeiter heran, mit dem er einige Worte wechselte, auf die ich nicht achtete. Denn inzwischen hatte ich allerlei nachgedacht, und ich bildete mir auch ein, es sei mir einige Aufhellung gelungen.
Als wir ins Haus zurückkehrten sagte ich:
»Also du meinst, du hast einen Apparat gefunden, den ein englischer Physiker konstruiert hat, um damit in die Zeit zu reisen, mit dem er aber gewissermaßen ›verunglückt‹ ist. Nun sage mir, wenn er damit bloß durch die Zeit reisen konnte, so muss er doch auf seinem Gestell, sagen wir in seinem Laboratorium in England, wie festgenagelt sitzen geblieben sein; wie konnte er hier in deine thüringischen Täler geraten?!«
»O, vielleicht hat er irgendwo Station gemacht und die Maschine vom Ort fortbewegt, das konnte er natürlich. Ja, auf seiner ersten Reise ist sie ihm schon einmal gestohlen worden! Vielleicht breitete sich, während er reiste, an seinem Standort ein Meer aus — England hat ja verschiedene geologische Umwälzungen erlitten — das ihm rasch bis an den Hals stieg, sodass er fliehen musste — — oder sonst eine kosmische Katastrophe, auf die wir auch gefasst sein müssen, wenn wir erst ›reisen‹, warte nur ab!«
Das eröffnete ja angenehme Aussichten: Meere, die einem plötzlich bis an den Hals steigen, oder »sonstige kosmische Katastrophen« — und man sitzt auf einem Fahrradgestell mitten drin! — — Übrigens verstand ich diese letzteren Aufschlüsse wieder nicht mehr recht. Soweit ich mir bis jetzt die Sache zurechtlegen konnte, musste mir noch ein anderes Bedenken aufsteigen:
»Du sagst, er konnte damit in die Zukunft ›reisen‹, wie soll er denn da in deinem Keller gelandet sein, vor einiger Zeit schon; das verstehe ich wahrhaftig nicht — ach was, ich verstehe das überhaupt einfach nicht! —«
Mein Freund schien beinahe auf diesen Einwand gewartet zu haben, um ihn mit Begeisterung zu widerlegen:
»Das ist ja gerade mit ein Fundament meiner Beweisführung! Jener reiste in den neunziger Jahren; entweder ist er damals in die Vergangenheit gesteuert, dann hätte man seinen Apparat in dem Keller finden müssen, denn er ist erst später geschlossen worden. Oder er ist wiederum in die Zukunft gefahren, nur um ein paar Jahre vielleicht — — und in den Keller gekommen, wie er schon zu war.«
»Aber ›in‹ der Mauer?« — —
»Der Zeitreisende hatte mit der Möglichkeit von solchen Unfällen gerechnet. Es waren die einzigen eigentlichen Gefahren bei seinem Unternehmen: Wenn er seinen Zeigerapparat auf irgend einen Zeitpunkt einstellte, so konnte er wegen der örtlichen Unbeweglichkeit im Voraus nicht wissen, in welcher Situation er sich da befinden würde, vielleicht auf dem Grund eines Ozeans oder im Innern eines Berges, im Magen eines Riesensauriers — oder eben in einem Keller.«
Mich überschlich ein Frösteln: in einem zugemauerten Keller! — — —
»Und der Zeitreisende selbst — —«
Doch mein Freund beruhigte mich:
»Du meinst, er müsse das Schicksal seiner Maschine geteilt haben? Nun, der Gedanke ist auch mir gekommen; wie du dich aber selbst überzeugt hast, ist auf dem herausstehenden Teil des Sattels keine Spur von ihm zu entdecken, und soweit ich das Mauerwerk habe untersuchen lassen, fand sich auch nichts. — Wenngleich die Moleküle der Weichteile mit denen des Felsens eine ununterscheidbare Mischung gebildet haben könnten, so müsste sich doch mindestens die knochige Substanz nachweisen lassen.«
»Den Gang hast du natürlich durchsuchen lassen, ob er etwa lebend — —«
»Sofort, wie mir die Einsicht kam, worum es sich eigentlich handelte. Er ist aber wohl vor dem Unfall abgestiegen, wenn ich mir auch nicht begründen kann, weshalb er seine Maschine im Stich gelassen hat. — Doch ich hoffe ja diese Auskunft von ihm persönlich zu empfangen, gewissermaßen eine Hilfsexpedition, wie man sie verschollen geglaubten Polarfahrern nachsandte — — —«
»Du willst — —«
»Aber freilich! Und du sollst mich dabei begleiten, deshalb bist du ja da!«
»So, also so einfach über mich verfügen möchtest du, mich fortschleppen in eine unbekannte Zeit, damit ich auf dem Grunde eines interessanten Tertiärmeeres oder im Innern eines verschütteten Steinkohlenwaldes erwache oder gar im Magen eines Sauriers mich aufs Intimste darüber informieren kann, ob die Bestie ein Vegetarier oder ein Fleischfresser gewesen sei! Was ich doch gar nicht wissen will!«
»Nun, nun, so schlimm — —«
»Hilft nichts, du selbst hast vorhin in aller Harmlosigkeit solche Eventualitäten in Aussicht gestellt. Und mein Ahnungsvermögen warnt mich, dass es noch viel besser kommen kann. Du wirst also gestatten, dass ich mich schön bedanke! — Wie willst du denn übrigens das Ding aus der Mauer freimachen, in die es so hineinverwachsen ist? Das empfindliche Werk kriegst du doch bestenfalls in Splittern raus!«
»Alles schon überlegt! Der Rahmen ist aus Metall, der ist nicht weiter wichtig und leicht ersetzbar. Die feineren Teile sind für Säure unangreifbar, ich habe es schon probiert, vermute sogar, aus gediegenem Platin!«
»Dann hat das Ding ja einen ungeheuren Wert!«
»Nun denkt der Geschäftsmensch an das bisschen Platin, wo wir eine Zeitmaschine vor uns haben, das unfassbare, märchenhafte Glück, die Möglichkeit — —«
»Nun, ich meine bloß, wenn das doch nichts werden sollte —«
»Es wird! Aber sprich mit niemandem von dem Platin, bei dem mangelhaft entwickelten wissenschaftlichen Interesse der Menschen könnte das wirklich eine Versuchung abgeben. Auch halten's die Leute hier für blindgewordene Vernickelung. Der eigentliche Apparat ist zum größten Teil aus Quarz, die Mauer aber ist aus Kalkstein. Ergo lasse ich das Ganze mit samt dem Mauerblock sorgfältig losbrechen und setze es in — Salzsäure, solange, bis es sich von selbst herausgespült hat!«
»Ach, das meintest du mit der Salzsäure in deinem Brief.«
»Das war doch klar.«
»Sehr klar!«
»Und vorhin habe ich Anweisung gegeben, dass man den Block heraufbringt, ich will noch heute mit dem Prozess beginnen. Erstens habe ich keine Ruhe mehr, dann aber auch ist's wegen der Leute, man beginnt schon aufmerksam zu werden und zu munkeln, wohl weil man merkt, dass ich der Sache solche Wichtigkeit beilege — obwohl ich mich möglichst unbefangen benehme.«
»Sehr unbefangen!«
»Ich habe bloß damit gewartet, bis du das Ding an Ort und Stelle des Fundes geprüft hättest.«
»Sehr aufmerksam! Verfahre übrigens auch bei dem ›Prozess‹ möglichst heimlich, denn sonst bist du hinterdrein bei deinen Mitmenschen hier unsterblich lächerlich. Ich als alter Freund verspreche dir Schweigen!«
Wir saßen am Tisch seit einigen Minuten einander gegenüber, und ich wollte mich bei den Worten eben erheben, um hinaufzugehen in mein Gastzimmer, mein kleines Gepäck und eine Karte holen, um den Ausflug in die Umgebung auf eigene Faust zu unternehmen. Der in Aussicht gestellte »Ausflug in die Zeit« schien mir im Augenblick doch wieder eine zu fragliche Sache! Unglaublich, auf was dieser Mensch trotz seiner fünfunddreißig Jahre noch hereinfiel!
Niels hielt mich kräftig am Ärmel fest:
»Du zweifelst noch immer? So höre auch noch, was der Polier erzählt. Ich habe dir doch gesagt, wie wir den Gang aufbrachen, war's noch nicht da. Der Polier hatte hernach irgend was drin zu tun, ganz allein. Er stand gebückt, da kriegte er auf einmal einen mächtigen Stoß in die Seite, wie von einer Stange, und er hörte ein wirbelndes Geräusch. Er fuhr zornig auf, aber es war ihm einen Augenblick wie neblig vor den Augen, wie eine kreiselnde Bewegung, sagt er, und wie er wieder klar sehen konnte — —«
Ich hatte mich schon wieder halb erhoben, mit einem Wort der Entgegnung auf den Lippen. Da schwiegen wir beide, reglos, und sahen hinauf. Denn von der Zimmerdecke, aus ihr heraus, baumelte plötzlich etwas herunter und strampelte tretend — verschwamm merkwürdig und war wieder weg. — Nichts mehr zu sehen. —
An der Zimmerdecke baumelte plötzlich etwas herunter und strampelte tretend.
»Wahrhaftig!«, sagte ich schließlich, und sah Niels an. Nun begriff ich — und glaubte ich.
»Was war das?«, hauchte er ganz entgeistert.
»Der Engländer natürlich«, erklärte ich nun im Ton größter Selbstverständlichkeit. »Hast du denn nicht seine langen Beine gesehen — und die Stiefel mit den gewölbten Kappen drauf? Er trat Pedale.«
Müllern»Meinst du wirklich —?«
Merkwürdig, wie die Menschen sind. Solange seine Phantasie vorwiegend das Feld beherrschte, war er die Zuversicht selbst. Und nun, nach der handgreiflichen Bestätigung, zweifelte er. Und ich hatte doch sogar das Streifenmuster der Beinkleider erkannt, wie es tatsächlich in den neunziger Jahren einmal Mode gewesen war, ich entsann mich genau; und sie waren von englischem Schnitt, an den Knien ein bisschen durchgedrückt, wie es bei Leuten häufig ist, die viel zu sitzen pflegen.
»Die Pedale glaube ich auch erkannt zu haben, sie wirbelten äußerst rasch und schienen ganz mit Schmutz bedeckt.«
»Ganz richtig.«
»Aber der Körper, — wenn, wie du sagst, bloß die Beine —«
»Steckte in der Decke. Hoffentlich hat sein molekulares Gefüge bei dem Aneinanderprall mit den Deckenbalken keinen Schaden genommen. Wären wir droben gewesen im ersten Stock, so hätten wir sein Gesicht sehen und ihm ›good bye‹ bieten können!«
»Er war in Eile! Sein Glück, dass sein Ziel ein anderer Zeitpunkt war, als der gegenwärtige — ob's überhaupt der Zeitreisende war?«
»Wo kriegte er die Maschine her? — So ist deine draußen doch nicht die echte!«
»Wie du gespannt blickst! Gestehe, du bist jetzt neugieriger als ich selbst!«
»Nun verlästere mich nur nicht auch noch, wenn ich den Hals riskieren soll.«
»Also du tust mit?! — Was lästern! Ich rühme mich meiner Neugier, es ist noch lange nicht meine schlimmste Eigenschaft! Deine kaufmännischen Kollegen lassen sich meistens nur locken, wenn irgend ein ›Geschäft‹ winkt. Kann ich dir also etwas Schöneres nachsagen, als ›Neugier‹, interesselose, kindliche Neugier, die nichts befriedigen will, — als nur sich selbst?! Und ich sage dir noch mal: Du, das soll etwas werden!«
Er wäre mir um den Hals gefallen, wenn nicht im Augenblick der Polier und einige Maurer das Gestell hereingeschleppt hätten. Kaum stand es, da wies Niels auf ein Zifferblatt, das auch nur halb hervorguckte, und raunte mir mit einem Wink zu:
»Daran habe ich noch gar nicht gedacht: Sieh hin, da hast du ja das Datum für das Endziel seiner letzten Reise, meine Vermutung bestätigt sich immer mehr, er wird vor Erreichung abgesprungen sein, vielleicht weil er die Gefahr rechtzeitig erkannte. Und wir werden ihn aufsuchen können!«
Ich näherte mich unauffällig. Der eine Zeiger wies auf den ersten April. Das stimmte wirklich.
Und wie die Arbeiter kaum hinaus waren, da holte der närrische Mensch seine Absicht doch nach und fiel mir um den Hals, als ob wir beide nochmals achtzehn Jahre alt gewesen wären.
¤
Ehrlich gestanden hatte mich doch die Erscheinung des englisch bekleideten Beinpaares, das so unerwartet aus der Decke zwischen uns über dem Tisch nieder baumelte und Pedale trat, dermaßen neugierig gemacht, dass ich noch am selben Abend die Geschichte des seltsamen Engländers las, trotz der fünfstündigen Bahnfahrt, die ich hinter mir hatte. Ich las bis spät in die Nacht hinein, und es wäre kein Wunder zu nennen gewesen, wenn ich von karierten Nankinghosen und durchbohrten Zimmerdecken phantasiert hätte. Doch nichts von alledem geschah, die Müdigkeit tat das ihre, und ich träumte rein gar nichts. Es ist ja auch eine oft bewährte Theorie, dass gerade die lebhaftesten Eindrücke nicht in den Traum verwoben werden, wohl aber vorübergehende, flüchtige, die nicht recht zur Auffassung und Verarbeitung gelangten.
Also ich schlief so vortrefflich, dass ich erst gegen zehn erwachte. Wie ich zum Frühstück hinunterkam, war Niels bereits nicht mehr am Tisch, ich fragte auch gar nicht erst, wo er sich aufhalte, ich wusste es sowieso.
Während ich noch bei der zweiten Tasse saß, erschien er wieder — zum zweiten Frühstück! Erstens wollte er, wie er erklärte, nachsehen, ob ich »endlich« auf und zu haben sei, zweitens verspürte er schon wieder Appetit, so mächtig hatte er gearbeitet! Fast ohne Beistand, nur mit Hilfe einer der alten Dienstmägde, die mich noch kannte, hatte er die Zeitmaschine samt dem umhüllenden Block hinaufgeschafft in sein Arbeitszimmer — dasselbe, wo er schon als Junge gehaust hatte, wie ich mich deutlich entsann. Denn wir hatten da mancherlei gemeinsam angestellt. Zum Beispiel als kleine Bengels heimlich eine Schaukel in die Holzdecke eingeschraubt, bis die Dielen glücklich brachen und einige Säcke Korn, die droben auf dem Speicher standen, uns über die erschrockenen Köpfe prasselten; und als größere Bengels ebenso heimlich algebraische Gleichungen oder französische Exerzitien voneinander abgeschrieben. Die Gleichungen lieferte Niels, die Übersetzungen ich.
In diesem Zimmer hoffte mein Freund bei seinen Manipulationen am ungestörtesten zu sein.
Wie ich hinaufkam, sah es da lieblich aus. Weiße Kalkspuren auf Treppe und Flur wiesen mir den Weg. Die Dielendecke zwar hatte man durch eine massive ersetzt, auch hatte man ein Badezimmer eingebaut, ganz neu offenbar. Die Tür hinein stand sperrangelweit offen. Mehrere halbmeterhohe geflochtene Körbe, aus denen die Hälse bauchiger Flaschen herausguckten, lagen und standen auf dem Linoleum umher. Und verräterische missfarbige Kränze auf dem Lackfußboden des Arbeitszimmers deuteten an, dass sie auch schon wo anders gestanden hatten. —
Unwillkürlich, von alter Erinnerung getrieben, warf ich einen scheuen Blick nach der Flurtür zurück, wie wir es als Jungens getan hatten, ob da nicht das gestrenge Gesicht der Frau Mutter in der Öffnung erscheine. Doch die hatte die wachsamen hellen Augen schon seit einem Jahr geschlossen. Eine Frau war bei Niels auch noch nicht eingezogen, also war er alleiniger Herr im Haus und konnte so viele Säurekringel in Linoleum- und Lackfußböden brennen, wie ihm nur Spaß machte. Denn natürlich waren es die Ballons mit Salzsäure, von denen er mir beim Gang nach dem Kartoffelkeller gesprochen hatte, mit der er den Kalkstein wegätzen und so die Zeitmaschine befreien wollte.
Die Flaschen waren am frühsten Morgen angekommen, ich entsann mich dunkel, das Rumpeln des Rollwagens auf dem Holzpflaster im leichten Morgenschlummer gemerkt zu haben. Und sie waren natürlich für Niels der ersehnte Anlass, sein Werk sofort zu beginnen. Die grünliche, stickig nach Chlor riechende Flüssigkeit füllte bereits — die Badewanne!! Und mitten darin, wie ein Fels im brandenden Meer, stand der Kalksteinmauerblock!
Freund Niels stellte sich sofort wieder daneben, er kaute noch an einem Schinkenbrot, das er sich mit heraufgebracht hatte, und sah sich kaum nach mir um, während er sprach.
»Die Beschaffung eines genügend geräumigen Troges machte mir das meiste Kopfzerbrechen, weißt du. Ich hätte ja einfach eine ausgepichte Holzkiste nehmen können, aber das Zeug hielt nicht dicht; da hinten steht sie, ich hab's probiert.«
Ich folgte seiner Kopfwendung mit dem Blick und sah die ausgepichte Holzkiste. Und sah auch von ihrem Boden einige Rinnsale über das Linoleum laufen, die an ihren Ufern einen kleinen Schaum erzeugten und sich immer noch vorwärts bewegten, niedlich verzweigten und an tiefer gelegenen »Bodensenkungen« zierliche Seen bildeten. Und das Pech der Kiste war auch nicht ganz spurlos an Wänden und Täfelung vorübergegangen.
»Es ist nicht schlimm«, fuhr er fort, wohl weil ich wieder einen besorgten Blick von der Kiste auf die kleine »salzsaure« Schöpfung am Boden und von da in die Badewanne und von da zur Tür hatte schweifen lassen, ganz unwillkürlich, einer Gewohnheit folgend, welche die Jahre überdauert hatte. »Die Salzsäure greift Emaille nicht an. Du entsinnst dich wohl noch, wie ich einmal ein RiesenChromsäureTauchElement mit hundert Ampère Stromstärke in der Badewanne machen wollte —?«
Freilich wusste ich noch! Es war in der alten Waschküche, die damals gleichzeitig als Baderaum zu dienen pflegte. Wir lagen zu vieren auf dem Boden und klopften gestohlenen Koks. Retortenkohle nämlich ist teuer. Aber Koks, ganz gewöhnlicher Koks, wie er beim Nachbar Bäckermeister haufenweise herumlag, sollte genau dieselbe Wirkung tun, wie wir in einer Beschreibung gelesen hatten, und erstaunliche elektrische Ströme entfesseln. Wenn man es nur gehörig zerkleinerte, mit Teer mischte, dann brannte und in ein Holzgestell presste.
Wegen des noch erforderlichen Zinks setzten wir unsere Hoffnung auf den Heustall, der war nämlich eben mit neuen Dachrinnen versehen worden, davon wollten wir eine »borgen« — bloß für einen Sonntagvormittag. Kalisalze waren auf dem Hof vorhanden zu Düngezwecken. Man müsste bloß den Großknecht mit einem Schnaps bestechen. — Nach drei Stunden Koksklopfen sahen wir aus wie Neger. Die Wäsche, die draußen vor dem Fensterchen zum Trocknen hing, bekam einen graubraunen Anflug, den sich die alte Kathrine hernach nicht erklären konnte; sie meinte schon, ihre Augen würden eben auch nicht jünger, und war umso glücklicher, wie die nächste Wäsche wieder in der gewohnten Weise herausgehängt werden konnte. Unsere Nasen zu schnäuzen aber gewährte noch nach drei Tagen ein physikalisch unterhaltsames Interesse, weil die schwarze Masse darin unerschöpflich schien.
Das waren so meine Reminiszenzen an das »HundertampèrigeRiesenChromsäureTauchElement«, wie wir es damals nannten, die nun bei Niels Frage deutlich wieder erstanden. Wir berauschten uns an dem gigantischen Wort. So etwas sei noch nicht da gewesen, versicherte Niels. Er wollte es in der Waschküche ausstellen, über der Tür ein Schild aufhängen mit der Inschrift: H.A.R.C.T.E.! Aus dem Erlös eines gelinden Eintrittsgeldes, sagen wir zwei Pfennig pro Person, hoffte er die Anschaffungskosten einer entsprechend mächtigen Zinkbarre decken zu können.
»Meine Mutter vereitelte es«, setzte er ein bisschen wehmütig lächelnd hinzu, als hätte er meine Gedanken erraten, und fuhr dann im Ton wissenschaftlich überlegenen Bedauerns fort: »Obwohl ich ihr versicherte, es tue der Emaillierung nichts. Aber so sind die Frauen — wenigstens die Frauen alten Schlags.«
Die »Frauen neuen Schlags« wurden wohl durch eine junge Medizinerin repräsentiert, die schon gestern in seinen Reden einige Male aufgetreten war. — —
»Solche Naturtatsachen anerkennen sie nicht gern. Es genügt ihnen, dass eine Badewanne neu emailliert ist, die muss nun ›geschont‹ werden. Du erinnerst Dich?«
Ich erinnerte mich. Und erinnerte mich auch, dass wir eine »Probefüllung« veranstalteten, sobald nur der Koks geklopft und das Kali besorgt war. Eine Probefüllung, die gleichzeitig für das hundertampèrige Riesenchromsäuretauchelement die einzige und letzte blieb. Und dass von da an die Wanne einen schmutzigbraunen Streifen am oberen Rand aufwies, der absolut nicht verschwinden wollte.
Wir, die naturwissenschaftlich Aufgeklärten, schoben ihn mit kühl sachverständigen Mienen auf das eisenhaltige Wasser. — —
Niels stützte vorgebeugt beide Arme auf den Rand der Wanne und blickte mit leuchtenden Augen in die brodelnde Masse, die von zahllos aufsteigenden Kohlensäurebläschen allmählich milchig weiß wurde, während losgesprengte Steinsplitterchen langsam auf den Boden niedersanken und dort eine Schlammschicht absetzten.
»Wie lange wird's dauern?«, fragte ich, »ich habe die Nacht vorzüglich geschlafen und fühle gerade heute Lust und Mut zu einer Abenteuerfahrt, sei es nun in die Vergangenheit oder Zukunft! Ich möchte doch gar zu gern wissen, wie einem zu Mute ist, wenn die Atome des eigenen Brustkastens sich mit denen einer Rabitzwand etwa vereinigen und durchdringen!«
»Ein Hochgenuss wird's nicht sein, fürchte ich. Sei nicht zu leichtfertig mit deinen Wünschen, die Erfüllung könnte uns teuer zu stehen kommen!«
»Hasenfuß du! Darfst hinten sitzen, da werde ich vorne mit meinem Schädel den Kampf mit jeder Rabitzwand schon aufnehmen! Also gib kund, wohin soll's gehen? Zurück in die Urzeit, bis unser Planet unter uns so glutvoll wird, dass das Platingestell schmilzt und der Sattel brenzlig riecht?! Oder in die kältestarrende Zukunft, wo die erloschene Sonne als ein Schlackeklumpen über Eiswüsten aufgeht?!«
»Du, du, das ist ja erstaunlich, was du noch für naturwissenschaftliche Vorstellungen hast!«
»Nun, du siehst, ich habe doch was bei dir profitiert!«
»Doch hoffentlich nicht das Platin, das unter uns schmilzt, noch bevor der Ledersattel brenzlig riecht!«
»Sei nicht so kritisch. Und sag endlich: nach dem Mittagessen?«
»Wo denkst du hin? Du siehst, es löst sich nur langsam ab, und es ist schon fünf Stunden in Betrieb. Es wird mindestens noch einmal fünf Stunden brauchen!«
Das »mindestens« betonte er nachdrücklich.
»Könntest du nicht ein bisschen forcieren — durch Erhitzen? Das unterstützt doch die Wirksamkeit der Säure — —«
»Du bist ja wahrhaftig ein heimlicher Chemiker! Du, ich erwarte mir immer mehr von dir als Reisegenossen. — Aber ich kann nicht gut in der Badewanne erhitzen.«
»Ich muss etwas unternehmen! Nimm's nicht übel, Niels, aber mich packt eine Unruhe — weiß nicht — wohl die Berührung mit dem Heimatboden. Helfen kann ich hier vorläufig doch nichts — übrigens, ich sehe nicht ein, warum du nicht mittun solltest, eine Wanderfahrt in die Berge? — Ausrichten kannst du ja doch schließlich auch weiter nichts.«
Mit entsetzten Augen fuhr er herum:
»Wo denkst du hin! Und ausrichten kann ich nicht?! Aber ich muss doch dabei stehen! Du siehst, ich habe das ganze untere Gestell abnehmen lassen, damit's schneller geht, das kann man ja hernach wieder ersetzen, es ist nicht wertvoll. Und auch von dem eigentlichen Apparat habe ich die größeren Steinsplitter mit dem Meißel vorsichtig abgesprengt. Aber nun heißt's aufpassen, die Maschinerie ist doch äußerst empfindlich, das begreifst du doch! Diese Quarzteile! Übrigens: wenn's noch gewiss Quarz wäre, der löst sich ja in Salzsäure nicht die Spur; allein es kommt mir so vor, als sei's gar keiner, der Engländer hat vielleicht nur flüchtig gesehen oder ist falsch berichtet. Es ist irgend etwas anderes, glaube ich; was, das weiß ich noch nicht; aber es könnte sich lösen.«
»Ergo, musst du unbedingt dabeistehen und wachen. Das stimmt.«
»Aber deswegen brauchst du dich doch nicht von deiner Wanderung abhalten zu lassen.«
Er hatte sich schon umgedreht und starrte wieder begeistert in das Spiel der leise rauschenden Kohlensäurebläschen.
Ich nahm denn auch wirklich den Pilgerstab zur Hand und zog los.
Aber wie ich am Spätnachmittag auf die Rudelsburg kam, da hatte sich der Heimathimmel, nicht achtend des Zurückgekehrten, grau in grau überzogen, und es fing an zu regnen, so ganz gleichmäßig, dass man ihm sofort anmerkte: Das wird so bald nicht wieder aufhören. — —
So geschah es, dass ich abends um neun meine nassschmutzigen Stiefel wieder auf dem Kratzeisen vor meines Freundes Tür abscheuerte. Schon von Weitem hatte ich gesehen: Oben in den beiden Stuben brannte noch Licht, sonst war alles dunkel im Haus, bis auf die Küche.
Wie ich die Tür öffnete, drehte Niels sich an der Badewanne um. Genau in derselben Haltung wie am Vormittag. Und hätte ich mich nicht schon vorher beim Hausmädchen vergewissert, ob er auch etwas zum Abend genossen habe, so hätte ich annehmen können, er habe keinen Fuß von der Stelle gerührt.
»Es geht alles gut«, sagte er, »morgen können wir fahren.«
Vorerst machte ich die beiden Fenster weit auf, um das Gemisch von Chlor und Kohlensäure hinauszulassen. Man sagt zwar den Chemikern nach, dass sie erst in einer Atmosphäre von diesen beiden mit einem Zuschuss von Schwefelwasserstoff richtig auflebten, aber Niels hatte mit seiner lobenden Anerkennung vorhin, ich sei ja ein verkappter Chemiker, offenbar vorschnell geurteilt.
»Ach, die Fenster waren zu? Ja, du hast recht. Freilich ist's kaum mehr nötig, ich habe die Säure doch erhitzt, dein Rat war vorzüglich. In fünf Minuten können wir's herausholen!«
Also auf »meinen Rat« musste ich auch noch die Chloratmosphäre zurückführen!
»Es regnet wohl draußen? Man merkt gar nichts, weil das hier so leise rauscht. Du bist wohl drunten gewesen, deine Stiefel — — ach, richtig, du wolltest ja eigentlich — ja wie kann ich nur so vergessen, lass dir nur gleich ein Paar Pantoffeln von meinen geben! Wahrhaftig, es gießt ja ordentlich! Na warte, morgen wirst du entschädigt, dann soll die Heimat uns Reize enthüllen, von denen wir nichts ahnten!«
Seine Blicke leuchteten froh, und auch mir war die Aussicht auf die kommenden Erlebnisse umso einladender, als das Mädchen eben die Pantoffeln brachte. Warum sollte ich nicht die ganze Zeitreise in bequemen Pantoffeln zurücklegen, ohne mir auch nur die Füße nass zu machen? Freilich, mir ahnte etwas von steinkohlenzeitlichen Wolkenbrüchen. — — Vielleicht war es doch ratsam, Gummischuhe und Regenschirm mitzunehmen, überhaupt die ganze Maschine möglichst hoch zu platzieren. — —
Aber es erwies sich, dass noch mancherlei in Unordnung geraten war, und wie das Ding glücklich aus der Badewanne heraus war, da mussten die Reparaturen beginnen. In mir kam wieder die Skepsis über das schließliche Gelingen auf, und selbst die aus der Decke baumelnden Beine begannen zu verblassen und ihre Beweiskraft einzubüßen.
Der Regen draußen plätscherte so ernüchternd. — —
War es nicht möglich, dass man uns eines vorgemacht hatte? Niels selbst wollte ich nicht verdächtigen, bewahre. Aber konnte nicht einer von den Leuten etwas aufgeschnappt haben von der wiedergefundenen Zeitmaschine? — — Du lieber Himmel, literarische Erzeugnisse werden heute in so weiteste Kreise verbreitet, Niels selbst hatte ›Tauchnitz‹Ausgaben in seiner Bibliothek. — — Ein paar englisch karierte Hosen sind leicht beschafft und so im Halbdunkel unerwartet von der Decke heruntergeschwenkt. — —
Ich wollte ein Auge auf die Decke haben, wenn wir wieder drunten säßen, wegen irgendwelcher Spuren. — —
Ihn ließ ich vorläufig nichts merken von meinen Zweifeln, um ihn nicht zu kränken.
Ich kam mir am folgenden Tag furchtbar überflüssig vor. Es regnete noch ernüchternder als am vorigen.
Verstehen tat ich von den physikalischen Einrichtungen des neu hergerichteten Mechanismus so gut wie nichts, es war mir auch unmöglich, den Erklärungsversuchen meines Freundes zu folgen; richtiger: Ich hatte gar nicht den ehrlichen Wunsch, remonstrierte innerlich ständig, seine Schlussfolgerungen seien willkürlich und abstrus, mochte das physikalische Detail noch so unanfechtbar sein. Denn freilich demonstrierte er mit herausgenommenen Teilen einige wunderhübsche Erscheinungen von Beugung und Interferenz, gegen die sich schlechterdings keine Skepsis sträuben konnte und die auch meine Zweifel an seiner Urteilskraft wieder sehr gewagt erscheinen ließen. Er war die Klarheit selbst.
Aber einerlei, trotz alledem, die Zeitmaschine — —
Niels hantierte so ernst und eifrig daran, dass ich wiederum beschämt wurde.
Wie ich mich mit Handreichungen ein bisschen nützlich machen wollte, da war der einzige Effekt, dass meine des Experimentierens ungewohnten Finger eines der zarten Rädchen aus Quarzmasse fallen ließen, von denen mir Niels mit hundert Gründen auseinandersetzte, dass sie unmöglich reiner Quarz sein könnten! Glücklicherweise zerbrach es nicht, es splitterte bloß ein Eckchen ab, das wir mit »Meyers Universalkitt« leicht wieder ankleben konnten. Doch blieb am Rand eine geringe Rauigkeit zurück.
Ich verdampfte im Lauf des Nachmittags vier Zigarren und lief dabei von einem Fenster zum andern, missmutig in den niederrieselnden Regen hinausstarrend, bis mir selbst die Luft im Zimmer zu dick und ungenießbar wurde; denn der Regen war dermaßen kalt, dass man gern die Fenster geschlossen hielt. Jetzt, Anfang Juni! Also hörte ich mit Rauchen auf — vorläufig. Es war so ein richtiges Wetter, um melancholisch zu werden und sich aus dieser Welt hinauszuwünschen in irgend eine andere, bessere. Leider war die Zeitmaschine, die das ja angeblich bewerkstelligen konnte, noch nicht parat. So entsann ich mich denn, dass meines Freundes Eltern früher einen guten, wenn auch bescheidenen Weinkeller zu halten pflegten. Ich tippte also dementsprechend bei Niels an, wie er wieder einmal, nach einer Stunde schweigenden Herumbastelns, eine unverständliche Bemerkung, halb zu mir, halb zu sich selbst grunzte.
»Aber natürlich, hättest du schon längst sagen sollen. Es dauert doch noch ein Weilchen, mir ist die Wirkungsweise von dem Dings hier nicht klar — und am Ende langweilst du dich.«
Das war gut: »am Ende«! — —
Doch sprang er einen Augenblick zur Tür und rief das Stubenmädchen, die wüsste Bescheid, und stürzte, das »Dings« in der Hand, an seinen Arbeitsplatz zurück:
»Wenn du ein Buch dazu lesen willst? Drüben auf dem Bord steht allerlei, gewissermaßen ›Baedeker‹ für unsere Zeitreisen.«
Bei dem Mädchen erkundigte ich mich, ob Portwein im Haus sei; ich wünschte die nordischen Nebel draußen mit südlicher Sonne drinnen zu verscheuchen. Nun hatte ich einen Zeitvertreiber gefunden. Ich störte denn auch meinen Freund mit keinem einzigen Wort mehr bei seiner konzentrierten Arbeit. Und er forderte mich zu keinem auf.
So sah ich schweigend, im bequemen Lehnstuhl sitzend, seiner Emsigkeit zu.
Ich hatte wieder seine warmen Pantoffeln an, die wirklich vorzüglich in ihrer Art waren. Vor mir, etwas seitlich am Tischrand, stand der Wein. Er war feurig. Immer seltener schweiften meine Blicke zu den Fenstern, deren rieselndes Grau schon merklich zu dunkeln begann. Ich zog die Uhr heraus: Es war kaum fünf!
Meine Sehnsucht, aus dieser Welt herauszukommen, schwand ganz allmählich. Warum hätte ich mich auch über sie beklagen sollen, es war ja beinahe nichts mehr von ihr zu sehen! Hätte mir nach zwei Stunden jemand versichert, dass ich das überhaupt je getan hatte, so würde ich ihm erwidert haben: nicht im Ernst, Freundchen! Nicht im Ernst — —
Offen gesagt, kann ich für das, was noch an dem Abend erfolgte, so wortwörtlich nicht einstehen. Doch denke ich, dass ich den Sinn einigermaßen getroffen habe.
Also wie ich so gemütlich am Tisch saß und wieder einmal tastend hinauflangte und dabei den Blick halb unbewusst hinüberschweifen ließ und bemerkte, dass die blaue Dämmerung vollends hereinbrechen wollte — es war an dem ganzen Tag nicht ordentlich hell geworden, und ich konnte Freund Niels bei seiner Arbeit kaum verfolgen, begreife auch heute nicht, wie er mit dem feinen Werk zustande kam, ohne sich die Augen zu verderben — also wie ich so saß, die Finger am Stengel des Glases, die Augen auf der nächtlichen Bläue im Fenster, die das regnerische Düster völlig verdrängen wollte: Da stand auf einmal Niels vor mir und sagte:
»Es ist vollendet! Hier, schau!«
Ich begriff im Augenblick gar nicht so recht, was er überhaupt meinte. Er tauchte so überraschend vor mir auf. Ich musste erst meine Gedanken sammeln und stellte das Glas wieder nieder, das ich hatte greifen wollen.
Wie ich meine Aufmerksamkeit auf die gegenwärtige Situation konzentrierte, stand da das Fahrradgestell mitsamt seinem Aufbau in der Mitte des Zimmers, ganz dicht bei meinem Stuhl. Niels daneben.
»Und ich werde heute Abend noch die Probefahrt machen, es lässt mir keine Ruhe, ich muss sehen, was dran ist! Willst du hinten aufstehen? Es ist vorläufig nur der eine Sattel da, und du begreifst, ich muss steuern — — aber morgen kommt noch ein zweiter Sitzplatz drauf — —«
Ich überlegte. — —
Das war wohl genau so, wie wenn wir als Jungens bei dem Einen, der zu Weihnachten ein Rad gekriegt hatte, hinten aufstehen durften und mitfahren. Man stand auf einem kurzen Zapfen der Radachse und musste die Balance halten.
Ich überlegte — — und argumentierte dann so:
»Ach, weißt du, Niels, weshalb soll ich schließlich heute Abend aus deinem gemütlichen Klubsessel da herauskrabbeln und auf das unbequeme Gestell. Ich bin auch ein bisschen müde, du darfst nicht vergessen, die Rudelsburg ist doch keine Kleinigkeit für mich Bewohner des norddeutschen Flachlandes.«
Er merkte in seinem Eifer gar nicht, dass ich die beiden Tage verwechselte, denn die kleine Tour hatte ich doch schon gestern gemacht und heute den ganzen Nachmittag bei seinem Wein gesessen! So gänzlich gelogen war's ja auch wieder nicht, denn die Wandermüdigkeit stellt sich ja gewöhnlich erst zwei, drei Tage später ein. Das darf man schon berücksichtigen. Niels schien es zu tun, er stand einen Moment nachdenklich.
»Ja, du hast schließlich so unrecht nicht, es dürfte vielleicht ganz zweckmäßig sein — — wenn du es nicht übel auslegen willst — —«
»Aber gewiss nicht! Alter Junge, wir sollten uns doch kennen! Ja, ganz recht, fahr du ruhig erst mal allein und berichte, wie es ist. Es ist dir ja eigentlich auch schon vertrauter.«
Hernach überlegte ich, dass es doch nicht genau dasselbe sei, als wenn wir Jungens auf ein Fahrrad hintenauf sprangen. Denn der Engländer und Niels behaupteten doch, dass die Maschine nur in der Z e i t sich bewege, nicht vom O r t sich rühre! — Es ist aber für einen erwachsenen Mann auch unter diesen Umständen nicht leicht, mit einem Fuß auf einem dünnen Zapfen zu balancieren! In Pantoffeln!! Man versuche es nur einmal! Ich habe es, wie ich hernach allein und unbeobachtet war, an jenem Abend probiert — ich suchte schleunigst wieder den schützenden Sessel auf!
Also Niels stieg endlich auf, rückte noch ein wenig im Sattel zurecht, drehte hier ein Schräubchen, zog dort eine Feder an, stellte endlich einen Zeiger — mit ein ganz klein wenig Unruhe in den Bewegungen — ich sah ihn noch, in dem düstern Zimmer, das Funkeln der Reflexe auf dem Rahmengestell, dann trat er die Pedale — — dann gab es ein unbestimmtes Schimmern, gerade, ich erinnerte mich, wie ich es in der englischen Geschichte gelesen hatte, die Umrisse verschwammen rasch, es blieb mir eben noch Zeit, ihnen mit einem Rest Portwein »gute Fahrt« zuzuprosten und ihnen ein Wölklein Tabak nachzublasen — dann war der Platz leer. — —
Ich saß eine Zeit lang allein in dem dunkeln Zimmer (die angedeuteten Gleichgewichtsversuche nahmen kaum zwei Minuten in Anspruch), ich wusste nicht recht, was ich nunmehr für theoretische Betrachtungen hätte anstellen sollen, da sich doch alles vor meinen leiblichen Augen bestätigt fand. Möglich, dass ich ein bisschen eingenickt bin, während ich auf seine Rückkunft wartete. Dann wurde ich plötzlich geweckt, die Lampe brannte, und Freund Niels saß mir gegenüber, gesund und anscheinend freudig erregt.
Ich suchte die Maschine: Die stand, ein wenig zur Seite gerückt, im Zimmer.
»Bist du schon einmal in einem Kinematographen gewesen?«
»Ist das dein Ernst?!«
»Nun ja, wir hier auf dem Land — — ich dachte nicht daran, dass du so ein Großstädter bist, für euch ist ja der ›Kino‹ längst nicht mehr ein bloßes physikalischen Kuriosum.«
»Auf der Herreise bin ich erst wieder im Abteil mit einigen zusammengefahren, Vertreter von Berliner Großfirmen, die hier in der Provinz Bühnen einrichten und Filme liefern. Es gehe flau. — —«
»Ich bin lange in keinem gewesen, und wie ich das letzte Mal drin war, da sah ich auch nicht das, was ich jetzt meine. Dazu hatte man früher öfter Gelegenheit; seit man aber seinen Ehrgeiz dort auf große Tragödien und Ausstattungsstücke spitzt, kommt man davon ab — leider. Fände man mehr Gelegenheit, derlei zu sehen, wir kämen nicht so unvorbereitet zu unseren Zeitreisen, es wären gewissermaßen Vorübungen.«
»Was meinst du denn?«
»Wie der Kinematograph eben frisch erfunden war und viele Leute ihn noch für eine amerikanische Ente hielten, da hatte man noch viel mehr Vergnügen daran, die grotesken Möglichkeiten, die in dem Prinzip lagen, auch auszuschöpfen. Also man hat doch einen Vorgang durch eine Reihe aufeinanderfolgender Momentbilder festgehalten, die werden dann in einem Projektionsapparat reproduziert, und das Auge verschmilzt die Eindrücke wieder zu einem einzigen Vorgang. Nun, da lag der Gedanke ja nahe: Was wird denn, wenn ich diese Serie in umgekehrter Reihenfolge ablaufen lasse?! — Ich sah da eine einfache Handlung, beispielsweise entsinne ich mich auf das Schälen eines Apfels, umgekehrt! Stell es dir nur einmal vor, mach es dir klar, es ist äußerst merkwürdig! Also du nimmst einen Apfel zur Hand, in die Linke, ein Messer ganz ordentlich in die Rechte; und nun drehst du den Apfel von links nach rechts dem Messer entgegen und holst die Schale herunter in einem langen Streifen, der sich auf den untergestellten Teller ringelt, fährst schließlich zweimal kreuzweise durch — und vier Schnitze liegen da! Das ist der ordnungsgemäße Verlauf des Schälprozesses. Nun kehre ihn in deiner Phantasie um, was wirst du sehen?«
Er sah mich einen Augenblick wie prüfend an, ob ich auch die Umkehrung des Prozesses in meiner Phantasie bewerkstellige. Wenn einen der Lehrer in der Schule so anguckt, und man hat gerade nicht aufgepasst, überschleicht einen ein sehr unbehagliches Gefühl. So machte ich denn, was ich schon als Schüler in solchem Fall zu machen pflegte, nämlich ein tiefnachdenkliches Gesicht, und tat dann etwas, was ich als Schüler freilich nicht hätte tun dürfen, nämlich ich langte ebenso nachdenklich in die Brusttasche und holte die letzte Zigarre aus dem Etui. Während ich sie anzündete und nun wirklich interessiert zuhörte, war Niels schon so gefällig, mit der geforderten Umkehrung des Prozesses selbst zu beginnen. Ich entsann mich übrigens jetzt, auch derlei im Kino gesehen zu haben, es machte sich wirklich höchst putzig.
»Zunächst liegen die vier Schnitze da. Nun kehre das Hinlegen um! Es bestand darin, dass du die Hand mit den Schnitzen auf den Teller senktest und dann fallen ließest. Also umgekehrt springen die Schnitze vom Teller in deine Finger und du hebst sie höher: die optische Umkehrung der Bildfolge ist wirklich auch eine Umkehrung der Handlung, aus fallen wird steigen, aus senken heben! Komischer wird schon das Zerschneiden und Schälen. Denke nur nach: du senktest das Messer in den unverletzten Apfel und zogst heraus. Umgekehrt steckst du's jetzt zwischen die Schnitzen und ziehst heraus — um einen unverletzten Apfel in der Hand zu halten! Komplizierter wird schon der Schälakt. Die Schale legt sich Ring für Ring wieder um den Apfel, wobei du eifrig das Messer immer nach rechts hin unter der sich aufrollenden Schale herausziehst! Endlich ist der Apfel wieder ganz! — Und nun denke die ganze Mannigfaltigkeit des Geschehens da rings um uns in entgegengesetzter Reihenfolge durchlaufen!«
Er sah mir strahlend dicht ins Gesicht:
»Alter Freund, was für Erlebnisse winken uns da! Wenn wir uns erst hineinwagen! Denn freilich, vorhin bei dem kurzen Versuch sah ich weiter nicht viel, als dich da sitzen, ziemlich still, gucktest bloß manchmal nach dem Fenster und manchmal nach meinen Bewegungen — und am häufigsten nach deinem Gläschen. — —«
»Wann hast du das gesehen? Ich dachte, du warst heut Mittag so absorbiert von deiner Tüftelei mit den Quarzrädchen — —«
»Doch nicht heut Mittag! Jetzt, vor fünf Minuten, bei der Probefahrt! Ich hatte auf ›Vergangenheit‹ eingestellt und erlebte diesen ganzen Nachmittag noch einmal, als Beobachter. Das ist ja das Seltsame: von mir selbst konnte ich nichts entdecken; wie ich abfuhr, war es freilich zu duster im Zimmer, aber nach und nach wurde es doch hell. Erst später kam mir die Erklärung, das müsse eine Eigentümlichkeit der Maschine sein: Der, der selbst darauf sitzt wird nicht gesehen, er existiert gewissermaßen nur als ein Loch im Raum.«
»Das ist eigentlich schade, mit der Hoffnung, sich selbst noch einmal als kleines Baby herumspielen zu sehen, mit Bählämmchen, Bauklötzchen und Rasselchen, ist es nichts! Ich soll immer so mörderisch gebrüllt haben, wenn man mich wusch. Hätte ich gern selbst mal gehört, um mir ein Urteil zu bilden. Du weißt, man lobte später meinen Bass.«
»Ja, es muss sich so verhalten, nach all meinen Beobachtungen. Ich sah genau, wie die einzelnen Werkstücke drüben auf meinem Tisch sich bewegten, die Zange klemmte, der Schraubenzieher drehte sich, die Zahnrädchen fügten sich ineinander — aber meine Hände fehlten! Dann sah ich, wir wir aus dem Badezimmer herauskamen, die Maschine schleppten, wie du bereitwillig mithelfen wolltest und das Rädchen fallen ließest — nein, das war vorher, es ist ja umgekehrt! Und wir gingen eigentlich in das Badezimmer hinein — freilich rückwärts! Hernach sah ich die Zimmertür offen stehen und du kamst einige Male herein; das war wohl, während ich an der Wanne stand und aufpasste. Dann sah ich die Tür gehen, das war wohl, wie ich heute früh hereinkam. Mich selbst sah ich aber nicht, nur die Tür bewegte sich und schloss sich wieder, und dann hob sich einer der Flaschenkörbe und ergoss seinen Inhalt in die Wanne — nein, verzeih, umgekehrt erst leerte ich die Flasche aus und dann kam ich herein! Es ist für den Anfang etwas verwirrend und man verwechselt leicht. Du musst entschuldigen.«
Ich brummte, dass ich entschuldige.
»Und einige Zeit hinterdrein, also eigentlich vorher, wie ich also noch gar nicht da war, ganz in der Frühe, da kam das Stubenmädchen, unsere gute Emma. Sah das komisch aus! Rückwärts kam sie zur Tür rein — sie ging ja eigentlich schon hinaus, du verstehst — geradewegs auf die Badewanne los, immer rückwärts, drehte sich dann um, roch hinein, zögerte etwas und trat dann zurück, ein bisschen ängstlich. Dann verlor ich sie einige Momente aus dem Gesichtsfeld, das mir durch den Türrahmen beengt wurde, weil ich ja doch hier von meinem Platz aus die Vorgänge drinnen im Badezimmer verfolgen musste. Dann tauchte sie noch mal auf, drehte sich langsam rundum, brummte verdrießlich etwas von ›Schweinerei‹ und walzte rückwärts hinaus. In der normalen Zeitfolge war natürlich das Brummen ihre erste Handlung gewesen. Angerührt hat sie nichts, was mich nur freute, denn ich hatte es ihr streng verboten.«
»Ja, sie war von je eine treue Seele, bisschen brummig, aber gutmütig. Was hätte sie wohl für'n Gesicht gemacht, wenn sie dich da bemerkt hätte, auf deinem Dreibein!«
»Aber begreife doch, sie k o n n t e mich ja doch unmöglich sehen, es war ja heute in aller Frühe, und ich schlief noch, oder zog mich gerade an!«
»Da komme der Kuckuck draus raus!«
»Höre nun weiter! Die Morgendämmerung wurde immer dichter, dann wurde es vollends dunkel, Nacht. Nun machte ich eine Probe, auf deren Gelingen ich besonders neugierig war, nämlich ich stellte die Maschine auf schnellere Gangart, um die Nacht zu ›durchrasen‹. Es wollte und wollte nicht wieder hell werden, ich wurde unruhig, weil ich doch den Mechanismus noch nicht so sicher beherrschte. Abzusteigen und Licht zu machen, um nachzusehen, getraute ich mich auch nicht, weil ich nicht voraussehen konnte, was werden würde! Denn stell dir bloß meine Situation vor: mitten in einer Nacht, mutterseelenallein im verwegensten Sinn, denn für alles Seiende war ja diese Nacht schon unwiederbringlich verflossen! Die Zeit wurde mir eklig lang. Jetzt freilich überzeuge ich mich, dass der Mechanismus einwandfrei funktionierte, diese ganze ängstliche Situation liegt nach normaler Zeit kaum eine Viertelstunde hinter mir, ich habe höchstens eine Stunde im Sattel zugebracht. Um sieben Uhr fuhr ich ab, und um acht war ich bereits wieder hier. Ich wollte dich nur nicht gleich wecken, denn du schliefst so — —«
Ich schnitt ihm energisch die Rede ab und berichtigte seine Behauptung dahin, ich hätte keineswegs geschlafen, höchstens ein wenig genickt, und er hätte nur sofort mit seinem Bericht beginnen dürfen, ich hätte ihm mit ebenso viel Interesse zugehört wie eben jetzt, und meine Phantasie angestrengt, um mir diese merkwürdigen Retrospektiven recht deutlich zu machen!
Diese Verteidigung hatte nur den Erfolg, dass er erst recht Feuer und Flamme wurde, gleich am selben Abend wollte er noch eine Tour machen, ich sollte unbedingt mit, um die Neuheit der Eindrücke selbst zu erfahren, um den Mechanismus zu erproben, der die »Reisegeschwindigkeit« nach Angabe des Engländers bis ins Schwindelhafte steigern könne, wenn man z. B. Nächte durchfuhr, wo es doch meist nichts zu beobachten gibt.
Nur mit Mühe konnte ich ihn abhalten, jetzt zu nachtschlafender Zeit noch in der Rumpelkammer irgend einen alten Sattel auszugraben und für mich aufzuschnallen, damit ich's bequem hätte. Ich musste nochmals die »Bergtour« auf die Rudelsburg vorschützen, ehe er sich zufrieden gab. Morgen wollte ich mittun, jawohl. Dann wollten wir die Maschine in sein Schlafzimmer hinuntertransportieren und die Vorgänge beim Erwachen und Zubettgehen beobachten, davon versprachen wir uns besonders lustige Effekte.
Während ich in mein Zimmer mich zurückzog, sprachen wir noch davon. Wir gingen ganz langsam, Stufe für Stufe, die Treppe hinauf, und diesmal schilderte ich, was uns bevorstand, um darzutun, dass ich in der phantastischen Umkehrung der Zeitfolge schon einige Übung erlangt hatte:
»Also zuerst wird's taghell sein, und dann wird der Morgen grauen, und du wirst ins Zimmer treten, rückwärts, aber man wird dich nicht sehen, nur die Türklinke wird schnappen, denn deine Leiblichkeit sitzt ja vor mir im Sattel; und dann wird man auf einmal einen Rock aus dem Nichts auftauchen sehen, den du nämlich vorher am Leib hattest, jetzt aber hängt er sich über eine Stuhllehne, eine Weste, Kragen und Schlips, Stiefel und Hosen folgen: Das ist dein umgekehrtes Ankleiden! Dann fährt die Bettdecke, die erst zerknüllt zurückgeschlagen lag, zu und glättet sich, weil ein imaginärer Mensch sich darunter gesteckt hat: Das ist das umgekehrte Aufstehen! Verzeih, ich habe das Waschen vergessen, das muss sich sogar besonders putzig ausnehmen! Wenn zunächst das Handtuch da hängt, auf einmal herunterfährt und in einem unsichtbaren Gesicht herumfummelt, hierauf Seife und Schwamm aus ihren Behältern springen, reiben und schäumen und sich wieder an ihren Ort niederlassen — und so weiter, und so weiter! Du siehst, ich werde gut vorbereitet sein, es dürfte kaum etwas unerwartet kommen. Dann wollen wir auch mit höchster Geschwindigkeit die Nacht durchrasen, furchtlos absteigen, wenn der Mechanismus versagt, und nachsehen, und dann deinem Zubettgehen zugucken — natürlich verkehrt. Vorläufig aber wollen wir diese Nacht noch in gewöhnlicher Weise durchschlafen. Gute Nacht Niels.«
»Ihr Flachländer seid doch durch eure ebene Gegend zu sehr verwöhnt! Also schlaf gut!«
¤
Am nächsten Morgen musste ich mit. Richtiger: Ich selbst drängte dazu. Denn draußen regnete es, regnete unaufhörlich, derartig, dass die gegenwärtige Welt einen recht unappetitlich anmutete. Vielleicht kam auch ein ganz winziger Kater hinzu. Reiner Wein zwar soll weder Kopfschmerz noch Magenbeschwerden hinterlassen, aber du lieber Himmel, wo gibt's heutzutage noch »reinen Wein«?! Ich deutete es Niels zart an, um seiner Kennerschaft nicht zu nahe zu treten, dass man ihn wohl ein bisschen beschmiert habe; aber er merkte es gar nicht, der Harmlose, er erwiderte bloß, er trinke fast nie welchen! Und wie ich alle Schuld auf die »künstliche« Panscherei schob, da sang er gar der chemischen Wunderkunst ein Loblied und stellte mir in Aussicht, dass man schon auch noch Mittel finden werde, um die »Blume« eines Weines nachzuahmen, diesen einzigen Rettungsanker des Kenners in einem Sumpf trügerischer Surrogate! Es handele sich bloß um die Synthese einiger kompliziert aufgebauter Alkohole!
Und das nannte er einen Triumph der Wissenschaft!
Gott bewahre uns vor der Sorte von Triumphen!
Also wir trugen den Apparat hinunter ins Schlafzimmer, riegelten die Türen ab und saßen auf. Der neu angebrachte Sattel war ganz bequem.
Ich fand alles wirklich so, wie Niels es geschildert hatte. Zunächst fasste mich ein leichter Schwindel, der sich steigerte, als wir die Geschwindigkeit steigerten, und mich am klaren Auffassen der Geschehnisse behinderte. Doch wuchs uns der Mut, und wir schalteten höhere Geschwindigkeitsgrade ein. Von Zeit zu Zeit erschreckte uns ein Krachen, wir dachten, es komme aus dem Apparat, konnten aber in der herrschenden Dunkelheit nichts erkennen, denn wir waren ja, wie beabsichtigt, stracks durch den Morgen in die Nacht hineingefahren, die wir eben durchschlafen hatten. Endlich kam mir die erleuchtende Idee, es sei gar nicht der überanstrengte Apparat, sondern — die Bettstelle, in der doch der imaginäre Niels bereits schlief, ich hatte ja vorher seinem Auftauchen daraus beigewohnt, das sich ganz so vollzog, wie ich es ihm abends vorher auf der Treppe beim Zubettgehen prophezeit hatte; nur dass mich, wie gesagt, die ersten Schwindelanfälle zu keinem rechten Genuß kommen ließen. Die Dunkelheit hatte aber recht wohltätig auf meine überreizten Nerven gewirkt, ich durfte mir also vom folgenden mehr versprechen.
Auf einmal krachte die Bettstelle besonders laut — man konnte diesmal deutlich erkennen, dass wirklich sie die »Schallquelle« war — wie wenn jemand so aus Herzenslust hineinplumpst, dann hörte man ein Tappen im Dunkeln und gleich darauf flammte ein Licht auf.
Das Aufflammen möge man sich vorstellen als Umkehrung des Auspustens einer Petroleumlampe.
Diese Lampe beleuchtete eine Situation, wie sie abends kurz vorm Zubettgehen sich ausbildet, die Bettdecke ist zurückgeschlagen — bloß nicht so zerknautscht, wie die da vor uns — auf Stühlen, Schränkchen, Kommode liegen mehr oder minder malerisch verteilt — —
Da musste ich laut lachen, denn an dem Tisch, wo eben die Lampe »angepustet« worden war, standen stramm aufrecht ein Paar halblanger, schwarzbaumwollener — Socken, und setzten sich jetzt rückwärts schrittweise in Bewegung vom Tisch fort!!
Das war denn doch die Höhe!
»Das kommt, weil ich heut früh die Strümpfe gewechselt habe; nun gehören die nicht zu meinem Körper hier auf der Maschine und sind selbstständig, gewissermaßen.«
Er flüsterte halblaut, und auch ich war schon über mein lautes Lachen vorher selbst erschrocken. Die ganzen Vorgänge waren doch so etwas Ungewohntes, Unheimliches, man hatte den Eindruck, ein lautes Wort müsse die Erscheinung verscheuchen. Das war natürlich Unsinn. Und sie forderten überdies die Heiterkeit geradezu heraus. Diese wandelnden Socken — — da sollte einer ernst bleiben!
Man konnte nun deutlich an der Bewegung des Paares verfolgen, wie ihr »Bewohner« all jene kleinen Geschäfte besorgte, die man meist vor Schlafenszeit zu besorgen pflegt. Etwa fünf Minuten lang bewegten sich die schwarzen Dinger ganz rhythmisch, bogen sich nach außen, nach innen, hinten und vorne — jetzt »müllerte«[1] Niels!
[1] »Müllern« nannte man das Praktizieren eines systematischen Fitness Programms, benannt nach dem Begründer, dem Dänen Jørgen P. Müller (1866-1938); D.v. R.
Dann putzte er die Zähne und frottierte sich. Sogar die Tür des Nachtschränkchens öffnete sich, wie die Socken sich davor aufstellten — na, und so weiter. Und das alles war höchst natürlich und doch wegen der Umkehrungen unglaublich seltsam anzusehen.
Nun musste gleich etwas kommen, worauf ich mich besonders spitzte, zumal ich das »Ankleiden« morgens wegen meiner Schwindligkeit versäumt hatte. Und das Auskleiden musste zudem viel merkwürdiger werden, weil man abends, wie jeder Kenner zugestehen wird, die Kleider mit viel mehr »Schwung« von sich zu geben pflegt, als man früh morgens in sie hineinsteigt.
Schon sauste denn auch das Beinkleid, das bisher friedlich über einer Stuhllehne geruht hatte, im Bogen durch die Luft, zwängte sich über die »von einem Bein aufs andere« torkelnden Socken, wuchsen in die Höhe und bekleideten die imaginären Beine, wie es ihre Bestimmung forderte. Die Träger schwappten mit einem Ruck über die Schultern nach vorne und wurden angeknöpft. Dann flog die Weste aus einer verborgenen Ecke an ihren Bestimmungsort, und schon wollte die Jacke ihr folgen — da sah ich, wie Niels vor mir heftig nach dem Zeithebel griff und ihn herumriss. Im selben Augenblick, mitten in der Luft, blieb die Jacke für eine zehntel Sekunde wie angenagelt, und kehrte dann auf demselben Weg zurück, den sie eben gekommen war, bloß mit blitzartiger Geschwindigkeit. Und alle anderen Vorgänge, die wir eben beobachtet hatten, folgten, diesmal in der richtigen Reihenfolge, doch mit derselben wahnsinnigen Hast.
»Was machst du denn?«
Mein eben noch vergnügtes Gesicht malte wohl ärgerliche Enttäuschung wegen der Unterbrechung. Kaum aber hatte ich die Frage heraus, da wusste ich auch schon Bescheid. Aber natürlich, ich hatte es ja auch nicht so erwartet; gerade das Verschwinden der Kleidungsstücke, sobald sie den Körper ihres Trägers, der jetzt da vor mir saß, berührten, hätte doch mit einen Hauptreiz bilden sollen! Aber sie waren nicht verschwunden! —
»Ich hatte gestern einen andern Anzug an.«
Da war mir alles klar. Er wollte sich doch nicht so als Kleiderpuppe herumwandeln sehen — kopflos, wie einst die Königin Marie Antoinette sich erblickte, als sie in Cagliostros Kristall ihre Zukunft enthüllt zu sehen wünschte.
Das Zeitreisen, so viel Vergnügen es mir auch schon nach dieser kleinen Probe gewährte, schien doch allerlei Begleitumstände mit sich zu bringen, an die man so vorher gar nicht dachte!
Herrlich hatte sich der Apparat bewährt! Einen ganzen Tag und eine Nacht hatten wir durchlaufen, vor- und rückwärts, und wie wir nun in der Gegenwart glücklich wieder landeten, da stellte es sich heraus, dass wir kaum eine halbe Stunde »ehrlicher« Zeit verbraucht hatten.
Das war's vielleicht, was mich noch am allermeisten erstaunte.
Übrigens schien mir jetzt, als sei Niels' Verhalten bei der Angelegenheit vorhin doch ein bisschen zu empfindsam gewesen. Gleich darauf hätte ich sehen können, wie das Binden eines Schlipsknotens verkehrt herum aussieht. Um dieses Erlebnis wurde ich durch ihn geprellt.
Das sagte ich ihm auch gerade heraus, und dass es meine ganze Freude trübe. Ich hätte ihn schon so oft kopflos gesehen, er hätte es ruhig auch mal bemerken können.
Er erwiderte, die Umkehrung des Knotenbindens entspreche genau — dem Auflösen, ich könne es also jeden Abend vorm Spiegel studieren. Nun nehme ich mir jeden Tag vor, abends das Experiment anzustellen, aber abends denkt man nicht daran, man tut's ganz mechanisch. Das ist's ja eben. Wenn der »verkehrt« geschlungene Selbstbinder einmal zur fixen Idee bei mir wird, so trägt Niels die Schuld, wegen seiner Unterbrechung meiner ersten Zeitreise damals. Denn er hatte mir zwar versprochen, es mich noch einmal sehen zu lassen, aber es bot sich mir nie mehr die Gelegenheit dazu. Die Sache behandle ich hier mit solcher Breite, weil sie mir gar nicht so harmlos scheint. Es gibt solche Kranke schon!! Man erkennt sie, glaube ich, daran, dass sie alle Augenblicke nervös an ihrem Schlips herumfingern, vermutlich, weil ihnen dann jedes Mal ihr Vorsatz einfällt, an diesem Abend aber ganz gewiss das Experiment zu machen! Niels freilich verlachte diese meine Vermutung gerade heraus. Er behauptete, er habe das Experiment einmal angestellt und die Auflösung des Selbstbinders vorm Spiegel auf all seinen Schleichwegen verfolgt; das Resultat sei gewesen, dass er von dem Tag an seinen Schlips — in der richtigen Reihenfolge nicht mehr habe schlingen können, das gehöre eben zu den Manipulationen, die »unterbewusst« geübt werden müssen, wie schlucken und schlafen!
Tatsache ist, dass seine Schlipse immer sehr mangelhaft gebunden sind. Leider kann ich mich nicht entsinnen, ob das als Junge auch schon an ihm ausgeprägt war; einmal, weil wir damals auf derlei überhaupt nicht viel achteten, zweitens, weil wir keine so komplizierten Kunstwerke trugen. Ich glaube aber ihm nachsagen zu dürfen, dass er in Bekleidungsfragen immer etwas nachlässig war.
Lassen wir es dabei bewenden, heute Abend werde ich aufpassen, und dann soll das letzte »Restchen Gröllchen« gegen Niels aus meinem Leben vertilgt sein! Denn sein Versprechen, mich zu entschädigen, hat er wirklich reichlich erfüllt. Was hatte ich schon in dieser halben Stunde für Merkwürdigkeiten erlebt! Auch mich beschlich nun ein freudiges Gefühl der Erwartung von allerlei wunderbaren Dingen.
Das heißt, Niels hatte recht, es strengte auf die Dauer an. Diese Unlogik des umgekehrten Geschehens war doch zu seltsam, man hätte sich durch einige Vorübungen, im Kino etwa, dafür trainieren sollen. Aber man gewöhnt sich wohl ziemlich rasch daran. Und dann bot sich ja noch ein Mittel: Man lief eine Zeit lang zurück und steuerte dann um; so durchlief man doch offenbar noch einmal diese Periode, wir hatten es ja vorhin schon erlebt, bloß viel zu geschwind. Wir machten die Probe langsamer, und es gelang!
Niels war vor Entzücken außer sich, er vergaß manchmal fast das Treten der Pedale, sodass wir beide in Kollision gerieten, was ebenfalls merkwürdige Effekte zeitigte.
Sofort schafften wir die Maschine wieder herauf in Niels' Arbeitszimmer, wo sich, wie bemerkt, ein gut Stück unserer gemeinsamen Kindheit abgespielt hatte. Bei einer »Erinnerungsfahrt« in die Vergangenheit durften wir also gerade an diesem Ort reiche Ausbeute erhoffen. Stören musste uns nur der Umstand, dass wir beide selbst in all den Bildern fehlten, die sich vor uns noch einmal abrollten.
Zunächst lernte ich natürlich die letztverflossene Periode kennen, die ich nicht mehr mitgemacht hatte, von der ich so wenig Eingehendes wusste, die Jahre des Selbstständigwerdens. Dann kam eine Zeit, wo auch Niels' Spuren spärlicher wurden, es blieb, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, Jahre hindurch fast leblos in seinem Zimmer. Wie er mich aufklärte, waren das die Jahre seiner Abwesenheit, der Studien. Die Unterbrechungen bedeuteten Ferien.
Natürlich wären uns diese leeren Zeiten unerträglich geworden, wenn wir sie im natürlichen Zeitmaß hätten durchleben müssen, sie wirkten sowieso manchmal beinahe unheimlich, mit ihrer Totenstille im Zimmer, ihrer Leblosigkeit. Das bisschen Hühnergegacker, das dann und wann in das hinten hinaus und abgelegene Zimmer drang, verstärkte diesen Eindruck eher noch.
Wir steigerten also das Reisetempo, so sehr die Maschine es nur aushalten konnte. Alles verlief, wie der Engländer es bereits geschildert hatte; Tage und Nächte rasten an uns vorüber als wechselnde Eindrücke von hell und dunkel, Einzelheiten waren nicht mehr zu erkennen, immer rascher ging es, immer wahnsinniger, bis ich schließlich in einem dumpfen Gefühl auch diese beiden Empfindungen kaum mehr voneinander scheiden konnte, sie verschmolzen zu einem gleichförmigen Grau.
Niels hatte den Zeitzeiger vor Augen und konnte unseren »Rückschritt« Jahr um Jahr verfolgen.
Nun flüsterte er mir zu, es müssten gleich Spuren auch meiner Existenz auftauchen. Ich strengte meine Aufmerksamkeit an, um das lästige Schwindelgefühl loszuwerden, und merkte, dass wir bedeutend langsamer fuhren. Doch konnte ich immer noch nur wenig Einzelheiten unterscheiden.
Ein durchdringendes Knattern — —
Vorbei — —
Mein Freund war zusammengefahren, wie das sprichwörtliche Schlachtross beim Klang der Trompete. Ich hatte es vorhin schon etliche Male gehört, wenn auch flüchtiger, und auf die hohe Belastung des Apparates geschoben. Niels selbst war es vielleicht entgangen, eben weil er seine Aufmerksamkeit zu sehr konzentriert hatte. Doch diesmal schien es mir nicht von der Maschine auszugehen, wenn auch nicht weit entfernt. Und Niels war keineswegs erschreckt zusammengefahren; eher freudig — —
— — — Stimmengewirr, Gepolter am Tisch, der da links von uns stand — — Lachen, Klirren von Glas und Geschirr, Gesang: So leb' denn wohl, du altes Haus — —, O alte Burschenherrlichkeit — — —
Vorüber — — —
Niels drehte sich um, wir sahen uns an: Das hatten wir beide erkannt! Das war ja der etwas verfrühte »Studentenkommers« gewesen, den wir nach glücklicher Absolvierung des Einjährigenexamens in Niels' Bude inszeniert hatten, mittags mit Kaffee und hausgebackenem Kuchen, abends mit frischem, selbstgekelterten Apfelmost, Reden und Studentenliedern — —. Damit war Niels nach Obersekunda versetzt, und ich »ging ab«, in die Lehre.
Nun kannte auch ich mich aus, fortan mussten freilich reichliche Spuren auch meiner Anwesenheit sich bemerkbar machen. Und auch das Knattern vorhin glaubte ich mir jetzt erklären zu können, und weshalb Niels so — —
Da war es wieder, scharf und langgezogen, wie Musketenfeuer.
Diesmal fuhr Niels herum und flüsterte freudig erschreckt die Worte:
»Der Funkeninduktor! Erinnerst?«
Ob ich mich erinnerte!
Da hatte er auch schon den Zeithebel still gesetzt — und da stand er leibhaftig, gleich links vorn auf dem Tisch — der Funkeninduktor: schwarz glänzend seine Rolle, dickleibig und doch schlank; am einen Ende guckte das Eisendrahtbündel ein Endchen heraus, davor stand der Unterbrecher. Und nun stellte eine unsichtbare Hand an dessen Regulierschraube, und bemaß die Funkenstrecke — ein leises Knipsen, der Strom war eingeschaltet — und wieder sprangen die knatternden glänzenden Funken — —
Niels hatte den Apparat völlig gestoppt, sodass wir diese wenigen Augenblicke noch einmal durchlebten, in der richtigen Zeitfolge. Nun aber eilten wir wieder rückwärts, neuen Erinnerungen entgegen.
Der Anblick des Induktoriums hatte mich in die richtige, aufnahmefähige Stimmung versetzt. Welch herrlicher, leidenschaftlicher Wünsche man doch so als Junge fähig ist! Es war gut, wieder einmal daran gemahnt zu werden, in dieser Tretmühle geschäftlicher oder vergnügungshungriger Interessen der »reiferen männlichen« Jahre! Niemals wieder habe ich später an Angelegenheiten — selbst meinen eigenen nicht! — so ehrlichen Anteil genommen, wie damals an »Seiner« Existenz. Er bedeutete das große Ereignis, den Gipfel von Niels' Experimentierkunst, so weit ich es mit erlebt hatte, und er ließ uns die ersten Blicke tun in jene Wunder, deren Eindruck umso stärker war, als wir selbst es uns durch Geschicklichkeit und Ausdauer errungen hatten: drahtlose Telegrafie, Teslaströme — —
Wie ein erfrischendes Seelenbad wirkte es, diesen Gedanken nachzuhängen, während wir uns fortschreitend »verjüngten«. Daran änderte es nicht einmal etwas, als nun plötzlich — das ganze Zimmer mit fürchterlichem Dunst erfüllt wurde. — —
Erst dachte ich an das Schmieröl unserer Maschinerie, das habe sich heiß gelaufen, denn es roch nach brenzligem Fett — — dann aber hielten wir uns beide die Nase zu, denn ganz dicht neben uns stieg es auf in dichten Wolken, und wir mussten lachen und zugleich husten von dem Kratzen im Hals — da war es schon vorüber — — und kam wieder — — und nochmals, ganz dicht vor mir. Doch hatte sich meine Kehle schon daran gewöhnt, und gar Niels schien es mit Wonne einzuatmen:
»Das ist Paraffin! Die Spule!«
Die Genesis des Induktors!
Ach, die Zeit, die herrliche Zeit! Die noch einmal richtig durchleben können!! — — In Niels fluteten offenbar dieselben Gedanken und Wünsche — aber das kam mir doch zu unerwartet:
»Ich werde absteigen! Im Ernst! Ich will herunter, hinein, noch einmal — —!«
Da machte er wahrhaftig Miene, abzusteigen!
Ich kriegte einen maßlosen Schrecken, denn ich dachte, so blitzschnell ich das überhaupt bei meiner Überraschung denken konnte: Was wird werden, er wird ins Nichts verschwinden, oder sonst irgend etwas Unheimliches; denn was konnte man dem Teufelsding von Zeitmaschine nicht zutrauen! Denn das war's ja doch schließlich, trotz aller schönen Eindrücke! Und jetzt offenbarte es sich klar, in Niels' wahnsinnigem Wunsch — —
Und er hatte schon stillgesetzt, ich überblickte das Zimmer im Nu: Da stand die halbfertige Spule auf dem Tisch, von unsichtbaren Händen langsam umgedreht — meinen Händen! — und Windung nach Windung des haarfeinen Kupferdrahts legte sich herum, von unsichtbaren Augen überwacht, dass keine Windung die benachbarte berühre — seinen Augen! — ich ahnte seinen Körper auf dem Stuhl davor, alles schien nur auf ihn zu warten, dass er es ausfülle — das Loch im Raum — um ihn zu verschlingen — —
Aus Leibeskräften hielt ich ihn am Rockzipfel fest, mehr konnte ich nicht tun, um nicht selbst vom Sattel zu fallen — — da hatte er schon die Pedale losgelassen, war hinabgeglitten — — zum Unglück streifte sein Rock den Zeithebel — ich zog und zog — da schnappte der Hebel, und das Räderwerk setzte sich wieder in Bewegung! — —
Schon überlegte ich, ob ich nicht auch hinunterspringen sollte, in das mir bestimmte Raumloch — denn wahrscheinlich stand ich in der Nähe, vielleicht war ich es sogar, der die Spule drehte, während Niels den Draht auflaufen ließ, wie wir es oft getan hatten — —
Mein Festhalten nützte mir nichts, ich behielt einfach den Rock in der Hand; der gehörte ja nicht mit zu seiner damaligen Existenz!
Da lag er vor mir, auf dem leeren Sattel — —
Und wie ich nun mit den Fingern in das Zeigerwerk fuhr, welches die Geschwindigkeit regulierte, um stillzuhalten und nachzusehen, was für ein Unheil geschehen sei, und die Maschine auch glücklich zum Stehen brachte, da sah ich, dass — gar kein Unheil geschehen war!
Fast wäre ich vor freudigem Schreck nun auch noch herunter geglitten, ich vergaß für zwei Augenblicke das Treten der Pedale — — denn dicht bei mir, am Tisch, den ich schon vorher bemerkt hatte, da stand — mein Niels — — als Sechzehnjähriger! — —
Ja, wahrhaftig, er war's, ich erkannte ihn genau; zuhause hatte ich ja noch ein altes Schulbild von damals beim Schreibtisch an der Wand hängen. Genau so!
Und so steht er jetzt vor mir, zum Greifen dicht, an seinem Arbeitstisch, und bosselt irgend etwas.
Als Sechzehnjähriger!
Und hier liegt doch sein Rock noch vor mir auf dem Sattel, den ich ihm eben, weil ich ihn festhalten wollte, abgestreift habe!
Leibhaftig sehe ich ihn! Doch er scheint keine Beziehung mehr zu haben zu mir auf meiner Zeitmaschine. Ich rufe halblaut seinen Namen — er hört nicht.
In seinem blauen Werkstattanzug, den er sich schon als Pennäler gehalten hatte, steht er da vorm Schraubstock, der am Tisch befestigt ist, und feilt etwas, ich höre das Knirschen, es scheint Messing zu sein — zieht eine Schraube ein, visiert prüfend über irgend etwas hin — — holt die Schraube wieder heraus, drückt und biegt — —
Und alles rückwärts, alles verkehrt, rückwärts!!
Denn die Maschine hat, während ich wie gelähmt dasaß, sich von selbst wieder in Bewegung gesetzt. Wahrscheinlich hatte ich den Hebel vorhin in der Aufregung doch nicht ganz richtig gehandhabt — —
Einerlei! Ich achte kaum darauf. In mir schießen nun die Erinnerungsbilder wie Kristalle zusammen, in großen Stücken.
Ja, natürlich, es war die Zeit »des Induktors«, die Zeit, als wir auf Untersekunda saßen und Niels — eine Ausnahme während seiner ganzen Schuljahre — ein schlechtes Zeugnis mit heimbrachte, weil er einfach über lauter Drahtwickeln die Schularbeiten etwas vernachlässigt hatte!
Das alles hatte ich in meinem späteren Leben gänzlich vergessen; aber nun taucht es wieder auf, und damit der Wunsch, diese ganze Tragikomödie noch einmal in einem Stück, auf einen Zug, zu sehen, mitzumachen! Aber nicht so in verkehrter Reihenfolge, nein, richtig, von vorne an! Nur eins bleibt bedauerlich: dass ich selbst nicht darin figurieren werde! Obwohl ich eine Rolle darin gespielt habe, werde ich nun doch »der leere Raum im Bild« bleiben müssen — —
Ich lasse zurücklaufen, immer noch zurück — —
Mit dem Weihnachtsfest fing es an, als er die drei Kilo Kupferdraht geschenkt kriegte — — nein, früher, bestimmt früher! Schon wie wir auf Tertia das Wort »Physik« zum ersten Mal hörten und ungefähr zu ahnen begannen, worum es sich dabei handle, da hatte er uns, seinen Kameraden, gleich davon gesprochen, er wolle einen elektrischen Apparat machen, um die Hertz'schen Schwingungen zu demonstrieren. Die beschäftigten damals alle Welt. Das heißt, wir Jungens hatten uns nicht damit beschäftigt; wir kannten von Elektrizität kaum mehr als den »Elektrisierapparat«; mit dem ging Sonntags irgend ein Mann in den Wirtshäusern herum, und man konnte sich für fünf Pfennige so stark elektrisieren, dass man die angefassten Dinger nicht mehr loslassen konnte und die ganze Stube über die komischen Verrenkungen lachte.
Niels fing nun an, uns über elektrische Sachen zu informieren, von denen wir bisher keine Ahnung gehabt hatten. Also diese »Elektrisiermaschine«, die der Mann da hatte, sei eigentlich gar keine! Eine Elektrisiermaschine sei etwas ganz anderes, eine Glasscheibe mit Reibkissen, und er habe versucht, sich eine zu machen, wir könnten sie daheim bei ihm sehen; sondern es sei eigentlich ein Induktionsapparat. Und einen ebensolchen Induktionsapparat brauche er für die Hertz'schen Wellen, denn er müsse hochgespannte elektrische Ströme erzeugen, viele Tausend Volt, die in Funken überspringen und so Erregerzentren für Ätherwellen liefern — Ätherwellen, die den Raum mit Lichtgeschwindigkeit durchzucken — — —
Das sagte er uns. Und ließ Kataloge von Fabriken für Apparatebau kommen. Die schickten reichlich. Denn Niels hatte sich hinter den »Techniker« des Städtchens gesteckt, welcher seine Tätigkeit zwischen Ackerbau, Büchsenmachen und spärlichen Reparaturen an Wasser- und Jauchepumpen teilte; der hatte die Postkarten unterschrieben, mit seinem unverkürzten Titel als »Installateur und Techniker«, und die Firmen rechneten auf reichliche Abnahme. Davon war freilich vorläufig gar nicht die Rede. Niels begnügte sich damit, uns den ganzen Stoß illustrierter Hefte immer wieder zu zeigen und uns den Wunderapparat zu erklären.
So »wunderbar« erschien der unseren Augen aber nicht eigentlich: glänzend schwarz der gestreckte Zylinder, dem man nicht viel ansah. Er verriet uns, es sei auch das Wichtigste innen drin, nämlich ein langer dünner Draht. Und wenn man's recht überlege, so könne so eine Spule gar nicht so unendlich schwierig herzustellen sein — — Bloß das Wickeln! Das Wickeln! Ein paar Tausend Meter haarfeiner Draht! Das wollte überlegt sein!
Die fertigen Apparate waren verflucht teuer!
Vorläufig legte er die Kataloge nachts unter sein Kopfkissen, um davon zu träumen, von prasselnden Funkenströmen, zitternden Ätherwellen und glänzenden Leuchterscheinungen — —
Das kostete ja nichts.
Bloß dass schon um diese Zeit die Klagen in der Schule anfingen, über Rückgang der Leistungen. Der Physiklehrer hielt ihm die Stange und gab ihm »Sehr gut«.
Wenn man ihm zu jener Zeit begegnete, so sagte er wie beiläufig:
»Du« — und griff dabei unfehlbar mit der rechten Hand in die linke Brusttasche seiner Jacke, wo die Kataloge steckten — »du, was meinst du wohl, was so ein Kilo Kupferdraht kostet, ein fünftel Millimeter stark und mit grüner Seide umsponnen?«
Dabei schaute er einen misstrauisch an, ob man innerlich auch nicht zu niedrig schätze; wartete die Antwort auch gar nicht ab, sondern betonte nachdrücklich silbenweise:
»FuffzehnMark! Und drei Kilo brauche ich, darunter fange ich erst gar nicht an!«
Man erwiderte nichts, denn wer seinen Alten kannte, wusste, dass er's getrost behaupten konnte: Der würde auch nicht die »fuffzehn Mark« für nur ein einziges Kilo herausrücken, und wenn er noch so schön mit grüner Seide umsponnen war!
Am nächsten Tag etwa fragte er einen:
»Du, was meinst du, was ich diese Nacht geträumt habe?«
Man antwortete nichts, denn er würde es schon gleich selbst mitteilen:
»Ich hatte einen!! — Einen kleinen, fünfundzwanzig Millimeter Funkenlänge; kostet schon dreißig Mark, musst du bedenken!! Einer, wie ich ihn machen will, mit zehn Zentimetern, kostet zweihundert!! —«
Pause ehrfürchtig staunenden Schweigens.
»Aber so ein kleiner genügt ja; der, den ich da hatte, der gab die Hertz'schen Schwingungen, fein, sage ich dir!! Denn was braucht man dazu?! — Ein elendes Drähtchen!! Weiter nichts!!!«
Er wurde ordentlich aggressiv, ereiferte sich, trat dicht an einen heran und blitzte mit den Augen, als wolle er einen verhindern, daran zu zweifeln, dass man zu den Hertz'schen Wellen nichts brauche als einen bescheidenen Funkeninduktor von fünfundzwanzig Millimetern Schlagweite, und ein elendes Drähtchen.
»Jedes Kupferdrähtchen genügt; krumm gebogen, da! Die beiden Enden dicht gegenüber: Treffen Wellen darauf, so geht ein winziges Fünkchen über, ganz winzig nur, aber im Dunkeln erkennbar! Es ist eine Resonanzerscheinung.«
Ja natürlich, auf diesen Schlusspassus entsinne ich mich wörtlich, er brauchte ihn öfter, und es klang mir immer etwas nach Lehrbuch. Auch jetzt, wie ich ihn nach Jahren noch einmal vernehme, was ich mir nicht hätte träumen lassen! Doch eine wunderbare Sache, diese Zeitmaschine! Und genau wie damals mimt er es vor, presst die Daumen beider Hände zusammen und krümmt die Zeigefinger, damit »das Fünkchen« zwischen ihren Spitzen überspringen kann, das er, ein Auge zugekniffen, mit dem anderen scharf beobachtet. Und dann schließt er, wie damals regelmäßig, halblaut:
»Ich kriege ihn schon, wartet nur!«
Eines Tages hat er wirklich einen Ring Eisendraht gekauft. Der wird nun, kaum dass er sich Zeit zum Mittagessen gönnt, gerade gezogen und in gleich lange Stücke geschnitten. Der Unsichtbare, der sie abknipst, bin wieder ich. Es dauert diesen und den ganzen folgenden Nachmittag. Schließlich ist ein dickes Bündel beisammen. Das wird noch mit einem andern Draht verschnürt, und dann verschwinden wir eine Zeit lang draußen.
Der Draht wird im Herd der Waschküche geglüht, damit er gut weich wird.
Nun folgt ein ziemlich langer Zwischenraum, denn das Taschengeld summiert sich infolge seiner Winzigkeit nur sehr allmählich. Um wenigstens etwas mit dem Induktor zu schaffen zu haben, glühen wir das Eisendrahtbündel noch ein zweites und drittes Mal im Herd der Waschküche. Diesmal kommen die äußeren Drähte schon halb verbrannt heraus, und auseinandergespreizt wie ein invalides Regenschirmgestell; denn die Kathrine, die von der Inanspruchnahme ihres Herdes zu solch wissenschaftlichen Zwecken nichts ahnte, ist mit ihrem Schüreisen hineingefahren!
So haben wir Anlass, das Bündel noch einmal auseinander zu nehmen und neu zu schnüren.
Das Eisenbündel, anderthalb Kilo wiegend, wird abends regelmäßig unters Kopfkissen gesteckt, zu den Katalogen — davon habe ich bis jetzt, wo ich Augenzeuge bin, nichts gewusst!
Um diese Zeit fängt Niels an, das Stanniolpapier zu sammeln, womit Schokoladetafeln, Tee und andere Dinge eingepackt werden. Er braucht zweihundert Stück, je mehr desto besser, für den »Kondensator«.
Wie er glücklich zehn Stück beisammen hat, legt er Papierbogen dazwischen, tränkt das Ganze mit Petroleum zur Isolation, und — fügt sie zu Eisenkern und Katalogen unterm Kopfkissen!
Natürlich steckt er diese Dinge erst abends dahin, beim Zubettgehen, und nimmt sie morgens wieder heraus. Doch dem Stubenmädchen fällt der Petroleumgestank beim Bettmachen auf, vielleicht auch etliche Ölflecken — ich kann es nicht so genau erkennen, das Bett steht im Halbduster — und die Mutter »interveniert« — —
Auch davon erfuhr ich heute zum ersten Mal!
Die künftige Behausung des Kondensators, zugleich Grundbrett des ganzen Apparates, ist ein flacher Kasten, der aus Brettern zusammengenagelt und einstweilen schön angestrichen wird — »liegen« kann man nun auf dem Kopfkissen beim besten Willen nicht mehr: es ist ein Sitzkissen geworden!
Dann erfolgen aber ein paar gute Karnickelverkäufe, aus Niels' Privatzucht, und bereits am folgenden Tag sind die zehn Karnickel in zwanzig Meter sehr dicken Kupferdraht umgesetzt, den wir als Primärspule um den Eisenkern herumwinden. Hölzerne Endscheiben werden gesägt, hübsch zugerichtet, auf die Primärspule geschoben und das Ganze auf dem Kondensatorkasten montiert. Aus Messingblech bosseln wir einen Wagner'schen Hammer zurecht, der ein bisschen gebrechlich dasteht, aber immerhin rechtschaffen zittert, wenn man an ihn klopft. Er kommt vor das herausschauende Ende des Eisenkerns auf das Grundbrett.
Und da alle konstruktiven Möglichkeiten vorläufig erschöpft sind, amüsieren wir uns jeden Abend — es ist gerade Winter — damit, den Stromunterbrecher spielen zu lassen.
Wenn man nämlich an geeigneten Stellen einer elektrischen Klingel — nachdem das Gehäuse abgenommen ist — Drähte anhängt, hat man eine sehr billige Stromquelle zur Verfügung. Denn falls die Elemente vorzeitig verbraucht werden, so macht höchstens der Vater mit dem liefernden Elektriker ein bisschen Krach, wegen vermeintlich schlechter Ware; bezahlen muss er aber trotzdem. Natürlich darf niemand die verräterischen Drähte sehen.
Also wir sitzen Abend für Abend und bewundern heimlich das Wirken von unserer Hände Werk. Drehen an der Stellschraube, und der Hammer brummt ganz nach Wunsch bald heller, bald tiefer, unermüdlich, so lang man nur will.
Bis die Kontaktstellen oxydiert sind! Denn natürlich haben wir die nicht mit Platineinsätzen versehen können. Wie sie aber mit Schmirgelpapier abgerieben werden, da ist alles wieder in Ordnung.
Trotzdem beginnt es uns zu langweilen.
Wir machen die Entdeckung, dass man sich mit dem in der Primärspule auftretenden Extrastrom schon ganz nett elektrisieren kann. Doch das hält nicht lange vor.
Niels wiederholt überzeugter denn je sein »Und ich kriege ihn doch, sollst sehen!«
Der Kondensator ist von zehn auf dreiundzwanzig Platten angeschwollen.
Wie ich jetzt sehe, wird das ganze Gestell abends nicht mehr unterm Kopfkissen verstaut. Niels ist die sitzende Lage beim Schlafen nicht bekommen.
Und zu Weihnachten kriegt er wahrhaftig von seinem Onkel, dem die Ausdauer wohl ebenso imponierte wie das wissenschaftliche Interesse, die drei Kilo Draht.
Aber blanken!
Die folgende Lebensperiode Niels', ein Jahr in der Länge, könnte man die Wickelperiode nennen. Wenn ich daran denke! Und jetzt sehe ich noch einmal alles vor mir!
Am ersten Weihnachtsfeiertage wurde ihm der Draht beschert.
Schon am zweiten Weihnachtsfeiertag wird ein Holzgestell gezimmert, um die Spule bequemer wickeln zu können. Dann wird die ganzen Ferien hindurch gewickelt. Jawohl, die ganzen Ferien hindurch! Da sitzen wir Tag für Tag und sehen aufmerksam zu, dass die dicht beieinanderliegenden Windungen sich nicht berühren. Ist eine Lage fertig, so wird Paraffin heiß gemacht, drüber gegossen, Papier herum gelegt, nochmals paraffiniert und eine neue Lage begonnen.
Zuerst haben wir mit Petroleum versucht; das soll gut isolieren, aber es gibt heillose Schweinerei. Auch erhält man keine feste Rolle, sondern alles schwabbelt. Paraffin ist leider teurer.
Wir wickeln, bis der Daumen vom scharfen Draht Rinnen kriegt und die Handgelenke steif werden. — —
Das Paraffin muss siedend sein, damit es in alle Fugen dringt, und noch mit einem heißen Blech wird es zur Sicherheit gestrichen und geglättet.
Das war der brenzlige Dunst, vorhin, bei der »Herfahrt« — — dass wir husten mussten und ich mir die Nase zuhielt. Niels aber lachte — —
Der Qualm, der sich im ganzen Haus durch Türspalten und Fenster verbreitet, lockt seine Mutter herbei; mehr als einmal erscheint sie in der Tür und droht, die Nachbarn würden nächstens zusammenlaufen und uns hinauswerfen, wenn das nicht endlich bald aufhöre! Wenn sie bloß den Onkel da hätte — —! Sogar im Schweinestall röche man es!
Worauf wir aufhören, ich meine Mütze nehme und mich zum Schein verabschiede — um durch eine Hintertür wieder herein zu kommen, oder durch das Fenster, das wir aufgemacht haben. Wir fangen wieder an — denn die Spule darf am besten gar nicht kalt werden! — und Niels philosophiert:
»Heirate nur ja nie; denn was hat der Mann für Rechte?! Geld verdienen darf er — und den Schnabel halten muss er! Du siehst's!«
Solche Aussprüche tat er öfter. Hätte ich sie mir nur besser gemerkt, es wäre mir manche unerfreuliche Erfahrung erspart geblieben. So aber standen wir unreifen Bengels dabei, wussten nicht, was damit machen; schwiegen, oder stießen uns hinter seinem Rücken an und grienten.
Ja, der Niels war von jeher ein ganz verdammt gescheiter —
Fällt mir dazwischen ein: ob er denn selbst seine Weisheitssprüche so stets zur Richtschnur genommen hat — er sagte doch so von allerlei Dummheiten — —
Nun ja, er war eben auch in diesen Dingen vorwiegend Theoretiker, es genügte ihm, einen schönen Lehrsatz in klarer Fassung ausgesprochen zu haben — —
Fällt mir ferner ein: Was erfuhr denn überhaupt jener obige Satz für Anwendung auf den vorliegenden Fall?! Damals prüfte ich nicht peinlich nach; und jetzt will mir scheinen —
Ja, mir will, ehrlich gestanden, scheinen, als könne man es seiner Mutter kaum verdenken, dass sie Gott dankte, wie die heiligen Weihnachtsferien glücklich zu Ende waren, und damit die Wickelei — vorläufig.
Dieser verwünschte Paraffingestank! Ich musste schon wieder husten! Schnelleres Tempo! Vorüber! — Müssen wir damals gute Lungen und Kehlen gehabt haben! Heute würde ich's mir auch kaum mehr gefallen lassen!
Und doch hinderte das alles die gute Mutter nicht, in den Pfingstferien, da das Taschengeld verausgabt war, sogar der Vorschuss, von ihrem Haushaltungsfonds dann und wann selbst — ein Pfündchen Paraffin zu spendieren!
Schnell vorüber, höchstes Tempo! — —
Und in den nächsten Herbstferien kam das Werk zur Vollendung!
Da sitzen wir und wickeln, bis uns beinahe schlecht wird vom Dunst, und die Augen flimmern von dem endlos auflaufenden haarfeinen glänzenden Draht, und wir den Muskelkrampf kriegen vom ewigen Drehen. Da sitzen wir und stänkern zum letzten Mal, gießen den Rest Paraffin in alle Zwischenräume — und setzen unter Strom — und sind enttäuscht, denn die zehn Zentimeter langen Funken bleiben aus!
Sie sind bloß zwei Zentimeter lang und recht schwächlich anzusehen.
Niels hatte versichert und uns mehrfach gedruckt gezeigt, sie würden einen Ochsen auf der Stelle töten!
Aus Versehen kriege ich einen Schlag, freilich bloß von einem Pol — und bleibe lebendig — wenn ich's auch mit Absicht nicht gern wiederholen möchte.
Niels sagt, ein Pol sei gar nichts, das könne man sogar bei Rieseninduktoren aushalten. Aber wenn er einen Ochsen zwischen b e i d e Pole spannen — —
Erwidere ich: Draußen im Stall standen ja drei, da könne er's doch probieren.
Er fasst das als Ironie auf, schreit, wenn i c h den Schlag aushalten könne, so sei damit noch lange nicht bewiesen, ob nicht ein Ochse mindestens gelähmt würde, und überhaupt, der Unterschied zwischen mir und einem Ochsen — —
Kurzum, es kommt zu »wissenschaftlichen Diskussionen«, bei denen dem Ochsen eine durchaus unwissenschaftliche Rolle zufällt — —
Vorüber, vorüber — —
In Wahrheit lag der Grund wo anders, wie Niels bei nüchterner Überlegung auch zu allererst einsah: wir hatten einen so mächtigen Apparat gebaut, nun fehlte uns der notwendige starke Strom!
Mit unserem bisschen »abgezapften« Klingelstrom konnten wir keine überwältigenden Wunder tun. Doch reichte es wirklich, um einige recht hübsche Versuche anzustellen, nur mit dem Teslalicht wollte es nicht glücken.
Das war das Stadium, in dem wir unser Einjähriges machten und uns trennten.
Alles das durchlebte ich noch einmal, während ich auf der Zeitmaschine saß. Das Fernere interessierte mich nicht so sehr. Als Student hatte Niels wohl Gelegenheit gefunden, viel vollkommenere Apparate kennen zu lernen; er wird andern Idealen nachgejagt sein. Aber, wie schon gesagt, es dünkt mich, das übelste sei »der Induktor« noch lange nicht gewesen.
¤
Über das Schicksal meines Freundes hatte ich mich beruhigt. Wie ich ihn so jung und lebensfrisch da hantieren sah, konnte ich unmöglich mehr glauben, es sei mit ihm irgend etwas Gefährliches vorgegangen, doch hätte ich gern gehabt, wenn er jetzt wieder aufgestiegen wäre. Ich rief — — allein, es schien nicht an seine Ohren zu dringen.
Das beunruhigte mich wieder. Was sollte ich tun?
Ich ließ rückwärts laufen — richtiger: immer vorwärts! — denn ich nahm an, wenn ich zu dem Zeitpunkt zurückkehre, an dem er abgesprungen war, würde er sich wieder einfinden, mir wieder zugänglich werden. Denn man kann sich vorstellen, dass es mir eine unheimliche Empfindung einflößen musste, ihn so nahe und doch offenbar gänzlich von mir getrennt zu sehen. Er nahm nicht die geringste Notiz von mir, obwohl ich öfter still hielt und mich ihm bemerkbar zu machen suchte.
Man stelle sich das nur recht lebhaft vor!
Es war in der Tat höchst unheimlich und trübte die eben empfundene Freude.
Auf einmal, ohne dass ich recht sah, wie es zuging, saß er wieder vor mir, in seiner Jacke, die eben noch auf dem leeren Sattel gelegen hatte — genau wie vor seinem Abspringen, als wenn nichts geschehen wäre — nein, den einen Rockärmel hatte er abgestreift, und er schlüpfte eben hinein.
Ich war ziemlich rasch gefahren und hatte den ganz genauen Zeitpunkt ja überhaupt nicht einhalten können; denn natürlich war es mir vorhin nicht in den Sinn gekommen, auf die Uhr zu sehen. Aber es hatte alles seinen umkehrenden Gang ganz von selbst genommen, und im gegebenen Moment war eben Niels wieder in seinem Sattel.
Merkwürdig war der Vorgang immerhin, und wir zogen daraus für den künftigen Umgang mit der Zeitmaschine eine Lehre.
Merkwürdiger noch war, was ich von Niels auf mein, natürlich dringendes, Befragen erfuhr: Zwar besann er sich genau auf seinen Wunsch vorhin, abzusteigen, aber über das Durchlebte konnte er nur so viel sagen, es sei ihm, als habe er sehr anschaulich geträumt; er wisse doch so genau nicht, was, es komme wohl erst noch, wenn durch Einzelheiten die Erinnerung angeregt werde. Gerade bei lebhaften Träumen macht man diese Erfahrung ja oft: während des Traums selbst wundert man sich über seine Plastizität und nimmt sich vor, nichts davon bis zum Erwachen zu vergessen; aber hernach ist alles nebelhaft verflossen, und erst bei irgend einem Erlebnis des Tages durchblitzt uns plötzlich die Erinnerung: die und die, irgendwie ähnliche, Situation hast du ja heute Nacht geträumt!
Nach unserer Erfahrung also war ein Durchleben vergangener Epochen mit dem Zeitapparat bloß möglich, so lange man selbst darauf saß, als »Zuschauer«. Sobald Niels abgestiegen war, um in der Vergangenheit persönlich unterzutauchen, wurde sein Erleben traumhaft.
Wie musste es werden, wenn man zu einem Zeitpunkt abstieg, der überhaupt vor der Geburt lag? Da schienen noch seltsame, zum Teil nicht ganz ungefährlich anmutende Erfahrungen unser zu warten — —. Der englische Zeitreisende hatte von diesen Umständen meines Wissens nichts erwähnt. Mir fiel ein: er war überhaupt nur in die Zukunft gereist, und wir beide bisher ausschließlich in die Vergangenheit. Hatte er beim Absteigen wirklich »bewusst« erlebt — oder war seine Darstellung von der Zukunft des Menschengeschlechtes mehr ein traumhaftes Erinnern? —
Letztere Möglichkeit erschien mir beinahe tröstlich, denn die von ihm in Aussicht gestellte Zukunft war mir sehr unerfreulich vorgekommen!
Niels meinte, wir kennten noch nicht alle Hantierungen mit dem Apparat, es seien da so einige kleine Hebel — — auch sei es kein Wunder, wenn dies oder jenes bei der Prozedur des »Aufbauens« doch abgebrochen oder schadhaft geworden wäre.
Ich gab ihm nun einige der eben beobachteten Details, um sein Gedächtnis anzuregen. Fragte ihn auch nach dem weiteren Schicksal des Induktors. Denn ich hatte doch »später« wiederum gewaltiges Funkengeknatter vernommen, das nicht nach »Klingelstrom« sich anhörte.
Ja, er hatte einige Jahre darauf doch kräftigere Stromwellen benutzen können, und da erwies es sich, dass unsere Arbeit eine solide gewesen war: Die Spule hielt es aus und gab sechs Zentimeter lange Funken, die für Röntgenaufnahmen ausreichten. Später hatte er den Apparat für einen geringen Preis an den »Techniker« verkauft, der überhaupt ein Original und ein Liebhaber solcher physikalischer Merkwürdigkeiten war. Noch nach Jahren ging im Städtchen das Gerückt um, jener habe mit dem Apparat wichtige drahtlose Depeschen aufgefangen.
»Du musst nämlich dich daran erinnern«, fuhr er ein bisschen spöttisch fort, nachdem er mein respektvolles Gesicht drei Sekunden lang, sich im Sattel herumdrehend, betrachtet hatte, »dass zum Auffangen elektrischer Wellen ja gar kein Induktor nötig ist, sondern bloß das ›elende Drähtchen‹; heute Fritter, Kohärer, Detektor geheißen, und seit Anwendung der abgestimmten Wellen wirklich viel komplizierter geworden.«
Für den »Techniker« blieb dennoch ein gewisses Interesse in mir zurück. Ich hatte ihn ja auch gekannt. — —
Während dieser Unterhaltung hatte ich wenig auf die Umgebung geachtet. Wir fuhren äußerst rasch, und erst jetzt merkte ich, dass der Zeiger wiederum auf rückwärts stand.
Ich machte Niels darauf aufmerksam und dass es wohl besser sei »heimwärts« zu steuern; ich säße nun schon etliche Stunden im Sattel, mir täten die rückwärtigen Körperteile und alle Knochen weh.
Aber er wollte nichts davon hören, das Erlebte hatte in ihm die Lust nach Mehr geweckt.
Er wollte noch einmal absteigen, und diesmal konnte ich selbst nicht viel dagegen sagen, ließ mich auch trotz der aufkommenden Müdigkeit unschwer überreden. So fuhren wir denn zurück in die Zeit seiner ersten naturforschenden Tätigkeit, als Dreizehnjähriger. Er erzählte mit Vergnügen.
»Du weißt, wir hatten so ein altes Familienstück, ein Physikbuch, oder Realienbuch, wie man es damals nannte. Darin war alles: eine sonderbare Zoologie, zahlreiche Geschichten von der Treue des Hundes, der Großmut des Löwen, der Rachsucht des Elefanten, der Rührsamkeit des Walrosses, der Gelehrsamkeit des Papageis, der Gefräßigkeit des Krokodils, der Riesenhaftigkeit des Walfisches und derlei, es waren aber auch Pflanzen drin, ferner geografische Bilder, und schließlich chemische und physikalische Versuche und eine Gesteinskunde. Und darin hatte ich so allerlei geschmökert und konfuse Ideen von Magnetismus und Elektrizität aufgeschnappt und dass sie ›anziehen‹ — — und endlich las ich auch, man könne einen Magneten machen, wenn man ein Stück Kupferdraht um Eisen wickle und einen Strom hindurchschicke. Also wickelte ich ein Endchen Draht — es war keine zwanzig Zentimeter lang und blank! — um einen Hausschlüssel. Den Strom ›erzeugte‹ ich, indem ich ein Stück Zinkblech und einen eisernen Nagel in Salzwasser stellte, was durchaus richtig war; obwohl ich gerade an diesem Faktum am ehesten zu zweifeln geneigt war: dass so etwas Geheimnisvolles wie Elektrizität aus so kommunen Dingen kommen sollte wie Salzwasser, Nägeln und Zinkblechschnitzeln; ich dachte: na, der Mann, der das geschrieben hat — —! Aber nun hatte ich so unbestimmte Vorstellungen von der Anziehung, verwechselte den Magnetismus mit der Reibungselektrizität und machte ein elektrisches Pendel: Holundermarkkügelchen an Seidenfaden. Das stellte ich vor den bewickelten Hausschlüssel — dort drüben auf dem Stuhl war's — — da! Da ist ja die Situation offenbar schon!«
Er hielt die Maschine an.
Da standen seine beiden Schwestern, jetzt längst verheiratet, ganz klein, zwölf- und elfjährig, um einen Stuhl herum, da stand der beschriebene Apparat drauf, ganz genau so: das Glas Salzwasser, von dem zwei Drahtenden zu dem Schlüssel führten; daneben das pendelnde Kügelchen.
Jemand nahm den Schlüssel in seine unsichtbaren Hände.
Das war ja ich selbst!! Ich entsann mich genau! Die ganze Angelegenheit kam mir, hauptsächlich wegen der trivialen Materialien, verdächtig vor; und ich tat, während ich den armseligen Schlüssel betrachten wollte, die klassische Frage:
»Das Holundermark ist wohl an der ganzen Elektrizität schuld?«
Ich hatte nämlich mitgeholfen, welches suchen. Wir waren in sämtlichen Hecken, Gehölzen und Gebüschen der Nachbarschaft herumgekrochen: Es sollte und musste Holundermark sein. Niels blieb die deutliche Antwort schuldig, was meine Zweifel befestigte. Die Mädchen standen, die Hände auf dem Rücken der weißen Kleider — es war Sonntag! — ziemlich artig und ziemlich neugierig drum herum; und schon ziemlich gelangweilt, weil nichts losging.
»Fehle bloß ich noch!«, rief da Niels — und schon war er wieder unten und entriss im selben Augenblick, als leibhaftiger Dreizehnjähriger, den beargwöhnten Schlüssel meinen unsichtbaren Händen — und hielt ihn vor das Kügelchen, das infolge der Erschütterung ziemlich lebhaft pendelte:
»Das zieht der nun an! — seht ihr's? — ob ihr's seht??!!«
Die beiden Mädel bückten sich noch tiefer als vorher:
»Ich sehe — nichts — — Nein, ich auch nicht«, gestanden sie mit aller Ehrlichkeit, die man sich unter Geschwistern gestatten darf. Die gestattete sich denn auch sofort gleicher Weise, bloß männlich kräftiger, ihr naturforschender Bruder:
»Was, sehn tut ihr nix?! — Ach, ihr seid und bleibt eben dumme Gänse! Tunkt eure Näschen doch noch ein bisschen tiefer rein!«
Damit wollte er die ältere von hinten am Kopf schubsen, die schüttelte sich mit einem abwehrenden »no, du!«, — und der Stuhl wackelte, und das Glas mit Salzwasser schwappte um und auf den Boden.
»Da — da! Gänse seid ihr, dumme! Schert euch — —«, schrie Niels voll Zorn ihnen nach, als sei das Salzwasser ebenso viel unersetzliches Radiumbromid gewesen.
Die beiden Mädel liefen heulend hinaus:
»Wart' nur, wir sagen's dem Vater!«
Noch innerlich kochend wandte er sich zu mir:
»Du hast's doch gesehen?!«
Ich sagte, ja, ich hätt's deutlich gesehen; es sei sogar dran kleben geblieben — — worauf er mich misstrauisch musterte, denn er hatte eben so gut wie ich bemerkt, dass der Schlüssel vorn ein bisschen naß vom Wasser war; und mit einem nassen Schlüssel kann man ein Fisselchen Holundermark bekanntlich »anziehen«, ohne alle Elektrizität. — —
Das machte mir denn doch zu viel Spaß, ich musste bei den Szenen laut lachen, und ich steuerte noch ein Weilchen suchend rückwärts.
Da sitzen wir wieder mal beisammen — es regnet draußen — und lesen alte Bände »Fliegende Blätter«. Tritt der Knecht — wahrhaftig, es ist dem Christian sein Vater! — in die Stube:
»Ihr Buwe schafft doch nix, ihr könnt emol die Scherwele in die Kaut' fahrn.«
Auf dem Hof ist große Milchwirtschaft, es sammelt sich also immer ein Berg zerschlagener Flaschen und sonstiger »Scherwele«.
Das ist was für uns!
Kürzlich haben wir dem Hofhund, dem Sultan, das Fahren beigebracht, ihn an den kleinen Milchwagen gespannt, Feuerwehr gespielt, Leitern aufgepackt; dann das große Hoftor aufgemacht, beide Flügel — — und los ging der Sultan mit dem Wagen, wie die wilde Jagd, durch das Tor, auf die Straße. —
Bloß die Feuerleitern und die stolz darauf sitzenden Feuerwehrleute blieben — wo sie waren! Denn der tolle Hund hatte den Wagen glatt unter ihnen durchgezogen, und während er davonraste, sahen sie einander an, ganz verdutzt über diese unerwartete Wirkung des Trägheitsgesetzes. — Inzwischen haben wiederholte Proben sein Temperament gezügelt.
Also wir beide hinaus. — —
Mehr kann ich mit meinen Augen nun leider nicht verfolgen, das Zimmer ist leer. Aber ich weiß den Verlauf der Angelegenheit noch.
Die Scherben waren schon aufgeladen, und wir zogen los, durch die regenerweichten Feldwege. Eine Zeit lang ging's gut, wir führten den Sultan auf beiden Seiten. Dann musste ich mal austreten, und ich stand kaum an dem erwählten Apfelbaum, Niels war inzwischen weitergefahren — — da hörte ich schon, wie er mit weinerlicher Stimme meinen Namen schrie. Ich rannte los, kam aber doch zu spät: Das Wägelchen war schon umgekippt, die »Scherwele« natürlich mit. — —
Und schon sahen wir, um das Unglück voll zu machen, einen Flurschützen kommen, gerade der, den ich nicht leiden konnte, wegen seines ewig kläffenden Rattenpinschers.
Nun, er kannte den Niels und »schrieb uns nicht auf«, was immer das Schreckgespenst von uns Jungens war: nahm nur die Stummelpfeife für zehn Worte aus dem Mundwinkel:
»No, habt i h r die Scherwele do in de Grabe geschmisse? — No, holt sie nor widder 'raus!«
Er ging, wir bückten uns, lasen einiges aus dem schlammigen Graben auf, schielten zwischen den Beinen durch, ob er fort war, schmissen ein paar Grasbündel auf den Rest und fuhren den eigentlichen Rest, nämlich den auf dem Wagen, in die Kaute. Obwohl es kaum mehr der Mühe wert war.
Das fortwährende Zurück- und Vorwärtssteuern mit der Maschine griff die Nerven doch sehr an, und ich ermüdete nun ernstlich. Ich lief rasch und sparte mir die eingehende Betrachtung dieser Kinderzeiten für später auf.
Schon erblickte ich Niels als AbcSchützen — schon im Laufstühlchen — schon in der Wiege — und dann krank, ich wusste davon; die junge Mutter niedergedrückt an seinem Lager und eine erfahrene Nachbarin bei ihr:
»Lauft nur schnell zum Dokter, das Kind sterbt euch!«
Und noch immer steuerte ich zurück in rasendem Tempo, sah ihn an der Mutter Brust — und wer weiß, wohin es gekommen wäre, wenn ich nicht endlich Halt gemacht hätte.
Die Gelegenheit schien günstig, der Kinderwagen mit dem Säugling stand in Reichweite von meinem Platz, die Mutter war gerade draußen, es war also nichts zu riskieren; der Kleine krähte vergnügt und strampelte, denn er hatte den Tüllvorhang von seinem Wagen in die Finger bekommen und in tausend Fetzen gerissen — — da griff ich zu, zog den Kinderwagen etwas heran und hob den kleinen Niels heraus — und ließ die Arme sinken, denn im selben Augenblick hatte ich wieder den alten ausgewachsenen Niels vor mir, der noch nachhalf, um wieder ganz in den Sattel zu kommen!
Nun hatten wir aber beide vorläufig genug, und zufrieden und fröhlich steuerten wir aus dem Kinderland wieder »nach Hause«. — — —
Das heißt, meine Gedanken blieben vorläufig noch dort, erklärlicherweise, und kehrten »unterwegs« noch öfter dahin zurück.
Zu dem »Techniker«.
Natürlich hatte auch ich ihn vor Jahren gekannt, und jetzt tauchten einige merkwürdige Situationen wieder vor mir auf. Er hauste mit seinem Sohn zusammen, der zwei Jahre älter war als wir beide. Er muss damals schon Witwer gewesen sein, wenigstens entsinne ich mich nicht, jemals seine Frau bemerkt zu haben. Freilich achtete man auf solche »Nebensächlichkeiten« im kindlichen Alter wenig; überdies kam ich nicht sehr häufig in die Gegend, er wohnte draußen vorm Ort, in einem alleinstehenden Häuschen, und nur zwei Male, auf die ich mich besinne, war ich drinnen.
Der Junge besuchte mit uns die Volksschule, und ich weiß noch dunkel, was für ein Aufsehen und Gerede es gab, als es hieß, er solle nächste Ostern das Gymnasium beziehen. Das wurde dem »Techniker« beinahe für Anmaßung ausgelegt, denn er war doch weder ein reicher Bauer, noch ein richtiger Beamter. In unserem Ort gab's keine höhere Schule. Die Eltern, die ihren Söhnen bessere Bildung wollten zukommen lassen, mussten sie ins nächstgelegene Kreisstädtchen schicken. Während wir andern nun, Niels und ich und einige Kameraden, als zwei Jahre später auch an uns die Reihe kam, die Wegstunde bis dorthin mit fünf Minuten Bahnfahrt zurücklegten, benutzte »dem Techniker seiner« als Beförderungsmittel — das Pferd, das sein Vater im Stall stehen hatte! Auch diese Seltsamkeit erregte anfänglich Aufsehen, wie durchaus begreiflich ist. Wenn ich zum Nachmittagsunterricht ging, sah ich ihn mehr als einmal daherkommen, mit dem blassen strengen Gesicht, eine Brille über der etwas lang geratenen rötlichen Nase; bei Kälte dick eingemummelt und ein Petroleumlaternchen vor der Brust, um früh im Dunkeln seinen Weg zu finden; vor sich am Sattelknopf das Bündel Schulbücher, hinter sich gewöhnlich auch noch eines, das er aus Bibliotheken entliehen hatte, und den leeren grauen Leinwandbeutel, der sein Frühstück und Mittagbrot beherbergt hatte.
Auch wie wir gemeinsam in die höheren Klassen aufrückten, entspann sich doch kaum ein Verkehr zwischen uns. Er ritt auch fernerhin auf seinem Gaul, Sommer wie Winter, und wir andern fuhren mit der Eisenbahn. Bei den eigenen Klassenkameraden schien er fast ebenso isoliert dazustehen. Der Junge hatte nichts Anziehendes, er sah aus, als ob er überhaupt nicht lachen, nicht fröhlich sein könne. Auf der Straße fand man ihn nie, es hieß, dass er nur immer studiere, mit seinem Vater zusammen, in den Schmökern, die er aus der Stadt heimbrachte. Nur während seiner »Wickelperiode« hatte sich Niels ihm ein bisschen angefreundet, aus egoistischen Motiven, wie ich wusste.
Ich fragte Niels, was aus ihm geworden sei, ob er das Lachen noch immer nicht gelernt habe.
»O, der ist auf dem besten Weg, ein ›richtiger‹ Ingenieur zu werden, die nötigen Diplome hat er längst. Das war eigentlich der sehnlichste Jugendwunsch seines Vaters gewesen, selbst ein Ingenieur zu werden. Dem hat es aber an Mitteln gefehlt, und es langte bloß für einige Semester an einem Technikum. Du siehst, er hat ein begründetes Anrecht auf alle seine Titel gehabt, obwohl wir uns manchmal darüber mokierten, dass er sie so unterstrich.«
»Sie haben überhaupt allerlei Gutes gestiftet.«
»Ja, wir haben unsere ersten Buchstabierkünste an den Aufschriften seines Häuschens erprobt, und uns gestritten, ob es Installateur gesprochen werde, oder aber eu, wie in »euer« — Und wie wir hernach in die Sexta kamen, da belehrten wir die »Zurückgebliebenen«, es sei französisch und werde einfach »ö« ausgesprochen; die glaubten's uns aber nicht und meinten, wir wollten ihnen was aufbinden.«
»Und deine Kataloge hättest du auch nicht gekriegt, ohne den ›Installateur‹. Damals wäre ich beinahe eifersüchtig geworden auf die neue ›Freundschaft‹, wenn ich nicht die Beweggründe so genau durchschaut hätte.«
»Nun, nun, so pure Heuchelei ist's auch nicht gewesen. Wir waren später ein Semester lang sogar Studienfreunde, ich hatte an derselben technischen Hochschule Mathematik belegt. Er war viel zugänglicher geworden, es war bei dem Jungen wohl hauptsächlich Scheu gewesen; und vor allem fand ich in ihm einen für wissenschaftliche Dinge ehrlich interessierten Menschen, wie man sie nicht allzu oft antrifft.«
»Und der Alte?«
»Ist noch genau, was er damals war, bloß dass er fünfzehn Jahre älter geworden ist, er kann nicht mehr weit von sechzig sein. Er bestellt noch sein Äckerchen, repariert hier und da eine Flinte, aber Pumpen nicht mehr, denn wir sind ja jetzt im glücklichen Besitz einer wohlfunktionierenden Wasserleitung, und für diese Spezialität hat sich eine Konkurrenz etabliert, der er neidlos das Feld überließ. Doch hättest ihn sehen müssen, wie wir Anschluss an das Starkstromnetz der Überlandzentrale kriegten! Ordentlich jung wurde er nochmal. Und die Mehrzahl der Hausanschlüsse zu machen, das hat er sich nicht nehmen lassen.«
»Und sein Häuschen?«
»Steht noch, genau an demselben Fleck und mit genau demselben Exterieur. Natürlich sind im Lauf der Jahre noch einige Raritäten hinzugekommen. Ich erzählte dir ja schon von der drahtlosen Station, die er eingerichtet hat; von Weitem glaubst du, es müsse ein Segelschiff mit Masten und Tauen hinter den Bäumen verankert liegen, es sind aber seine Antennen. Die farbigen Gewächshäuser hast du wohl auch nicht mehr erlebt?«
»Nein.«
»Nun, er hat riesige Glaskasten über die Beete gestülpt, rote, blaue, gelbe, darin macht er seit einigen Jahren Versuche über den Einfluss verschiedenfarbigen Lichtes auf das Wachstum der Pflanzen. — Aber das Segner'sche Wasserrad hat aufgehört.«
Aha, das Wasserrad! — — Richtig, ich sollte eine Bestellung beim Techniker ausführen, so als Sieben, Achtjähriger, ihn zu irgend einer Reparatur rufen, und wollte vorher ein wenig kundschaften, was mich wohl drinnen erwarten würde. Strich also ängstlich an den Büschen vorüber, die seine Behausung umgaben, und versuchte, hindurchzuspähen, etwas von den geheimnisvollen Dingen zu bemerken, von denen es da voll sein sollte — und kriegte auf einmal zu meinem Schrecken einen ganz feinen Wasserstrahl ins Gesicht, der sprühte, und so rasch vorüber streifte, wie er gekommen war. Ich dachte, man habe mich entdeckt und für meine Neugierde strafen wollen.
Es war das Wasserrad!
Da hatte er ein horizontales Rohr mit spitzen, seitlichen Öffnungen auf einem senkrechten Ständer montiert, durch den das Wasser zufloss und in die horizontalen Arme trat. Infolge des Rückstoßes beim Ausfließen setzte es sich in Rotation und besprengte den ganzen Garten. Das Ding schwankte meist ein wenig und spritzte dann und wann auch über die Büsche hinweg einen Passanten draußen voll. Die Vorrichtung benutzt man heute ja überall zum Sprengen von Rasenflächen. Damals war sie mir natürlich absolut unbekannt. — Nichts wirkt so erschreckend wie ein unerwarteter Wasserstrahl — und so lief ich heulend unverrichteter Dinge nach Hause und erzählte, »sie« hätten mich nassgespritzt, nämlich der Alte und sein Sohn, die meine Phantasie zu einem gruseligen Ganzen zusammenschmolz.
Man belehrte mich zwar, was es sei, und er pumpe das Wasser, damit es den nötigen Druck bekomme, zunächst in ein Reservoir, irgendwo auf dem Boden des Häuschens, mit Hilfe eines Windmotors — allein ich kann versichern, dass ich mich so bald nicht wieder in die verrufene Gegend wagte, und wenn ich Gestell und Flügelrad der Windmühle schon von Weitem über den Bäumen schweben sah, dann wich ich scheu aus oder kehrte noch lieber um.
Die Jungens erzählten uns Kleinen noch ganz andere Dinge, nämlich »sie« hätten eine Bude, so ähnlich, wie man sie damals und auch wohl heute noch auf Jahrmärkten sieht, wo man mit Bällen nach phantastisch aufgeputzten Puppen wirft: trifft man, so klappt ihr Kopf nach hinten, und es steht ein Geköpfter da. Meist sind es Türken und Mohren, gegen welche die Prozedur offenbar weniger grausam erschien. Also eine solche Bude sollten die beiden Techniker, Vater und Sohn, hinter ihren Büschen eingerichtet haben, bloß mit — — lebendigen Puppen!! Und wenn sie einen kleinen Jungen erst da hätten, dann schössen sie mit ungeheuerlichen Dingen nach ihm, bis eben sein Kopf ganz und gar herunterklappe — — —!
Herrjeh, vielleicht mit — Wasserstrahlen! Das fuhr mir bei der erzählten Situation durch den Kopf, und wie gesagt, ganz aufgelöst vor Schreck floh ich zu Muttern.
Das war das e i n e Rencontre mit dem Techniker.
Der zweite Besuch fand einige Jahre später statt, ich war inzwischen vernünftiger geworden und glaubte längst nicht mehr an jene Märchen, mit denen »die Großen« einst uns »Kleinen« ins Bockshorn gejagt hatten. Ich war zehn Jahre, gehörte selbst zu den Großen und besorgte das Geschäft des Anführens bereits bei den Kleinen. Also ich ging mit meinem Auftrag furchtlos zwischen den Büschen durch, auf die Tür zu, drückte die Klinke nieder — und erschrak, dass ich beinahe wieder ein ganz Kleiner wie damals geworden wäre. Denn kaum hatte ich die Klinke berührt, da schnellte die Tür, wie von unwiderstehlichen Kräften gezerrt, sperrangelweit auf, dass ich geradezu mitflog, zugleich fing über meinem Kopf eine gewaltige Glocke zu dröhnen an — wenigstens erschien es meinen entsetzten Ohren als ein Dröhnen — und in dem düstern Korridor, ganz dicht vor mir, fiel eine weiße Hand mit großer Schnelligkeit von der Decke nieder, die aber, wie ich mich in der nächsten halben Minute mit Besinnung überzeugte, keinem Geist angehörte, sondern von emailliertem Blech war und einfach den Weg weisen sollte, wo der Techniker zu finden sei! Also folgte ich dem ausgestreckten Zeigefinger, immer noch ein bisschen zagend, und fand den alten Sonderling richtig in seiner Werkstatt.
Er war viel freundlicher, als ich ihn mir vorgestellt hatte, denn man sagte ihm nach, es gehöre persönlicher Mut dazu, bei ihm eine Bestellung anzubringen. Er zeigte mir, woran er gerade bastelte, wovon ich aber nicht viel verstand, führte mich hinaus zu seinen Hühnerställen, wovon ich schon mehr kapierte, zu den Entenhäusern, die in den merkwürdigsten Formen, als Wasserburgen, Schweizerhäuser und — ägyptische Tempel angelegt waren, alle mit mechanischen Vorrichtungen zum Herauskratzen des Schmutzes und Einfüllen des Wassers und Futters versehen. Den wirksamsten Eindruck machten mir eigentlich die lustig im Wind kreisenden Rädchen über den Beeten, welche die Spatzen verscheuchen sollten. Sie waren aus leichtem Weißblech, wohl auch aus Stanniolpapier und gleißten in der Sonne dermaßen, dass ich gern glaube, dass sie sich recht wirksam erwiesen. Am meisten freute ich mich über die kleinen Lauben, die er hoch oben in die prächtigen Bäume eingebaut hatte. Ich kletterte eines der Wendeltreppchen aus angenagelten Aststückchen hinauf und fand oben Tische und Bänke aus Brettern, alles auf den Ästen montiert und höchst zierlich und gemütlich anzusehen. Wie ich mich freilich so recht aus Herzenslust draufsetzen wollte, gab's einen Krach, dass ich gleich wieder hochfuhr, und der Techniker sah auch recht besorgt drein; für so herzhafte Benutzung waren die Kunstwerke doch nicht berechnet.
Ich sagte also rasch, ich fände alles sehr hübsch, und suchte dabei mit dem linken Fuß schon nach der ersten Sprosse, die wieder zu Mutter Erde führte; war auch beim Abstieg viel behutsamer als vorhin beim Aufstieg und übersprang die fünf letzten Stufen mit einem Satz auf den Boden, dass mir die Sohlen wehtaten und ich ins Gras fiel — dicht neben dem Springbrunnen, der natürlich auch in dem Wundergarten existierte und sein von dem Windmotor gefördertes Wasser aus einem Dutzend Röhrchen spie. Er funktionierte, wie hieraus ersichtlich, nur bei windigem Wetter, was aber wiederum die Formenschönheit seiner Strahlen beeinträchtigte. Das sind so die Unvollkommenheiten der Welteinrichtung — — wozu auch gehörte, dass die vom Wasser überrieselten Grotten und Felspartien, nach meinem heutigen Urteil, unbedingt einen feuchten Keller und muffige Luft nach sich ziehen mussten. Doch gilt ja auch von ihnen, was von der Fontäne galt: Sie lagen meistens trocken! Wenn aber Wasser da war, versicherte mir der Techniker, wirkten sie feenhaft, denn man konnte sie mit bunten Lampen und Scheinwerfern beleuchten. Er zündete einige an, auch diejenigen, welche bei Wasserfülle das Brünnlein in eine veritable Leuchtfontäne — ›fontaine lumineuse‹, wie er, mir damals noch unverständlich, es nannte — verwandelten. Und das bunte Licht gefiel mir denn wirklich ausnehmend gut und wog reichlich den enttäuschten Eindruck der »Grotten und Felsengruppen« auf, die mir nicht sehr imponiert hatten. Wie denn überhaupt all diese Anstalten einen etwas winzigen und gebrechlichen Eindruck machten.
Ich fragte Niels, ob die Lauben noch stünden. Er lachte:
»Freilich! — Er hat sogar einen — Aufzug angelegt, wie die baufälligen Treppchen um den Stamm herum allzu lebensgefährlich wurden! Das Merkwürdigste ist, dass all diese Genüsse kaum jemandem zugänglich sind, und er selbst kommt auch kaum einmal dazu, abends in einer der Baumlauben seine Pfeife zu rauchen, er hat ja immer reichlich mit der Austüftelei und der Ausführung neuer Pläne zu tun! Es scheint, dass es sich um nichts handelt, als um Befriedigung einer Art Spieltrieb, der freilich bei ihm bis zur unwiderstehlichen Leidenschaft ausgebildet ist! — da hat er sich unlängst ein sogenanntes Luftfernrohr eingerichtet, wie es früher einige Astronomen tatsächlich benutzten, er hat die Beschreibung wohl in seinen Schmökern gefunden. Ich hab's selbst gesehen und erprobt. Die Objektivlinse ist vorzüglich, sie muss ihn schweres Geld gekostet haben. Sie ist oben an einer Stange befestigt, das Okular unten, leicht zugänglich. Er erspart also das Rohr. Das war, wie er mir gestand, sein Traum langer Jahre. Aber nun da es fertig ist, was soll er damit anfangen?! Jeden Abend die Mondkrater oder die Jupitermonde beobachten, oder den Saturnsring, wenn er gerade sichtbar ist, das wird auf die Dauer doch auch eintönig. Und für mehr langt's nicht, dazu ist das Instrument schon viel zu primitiv. Auch ist das Okular viel schlechter — —«
Um Niels an einer Darlegung der Vorzüge und Nachteile astronomischer Okulare zu verhindern, fragte ich dazwischen:
»Einen Aufzug hat er zu den Bäumen gemacht? Einen richtigen Lift?«
»Selbstverständlich! Mit Handbetrieb, Flaschenzüge glaube ich; so wie es Anstreicher manchmal machen, wenn sie eine fensterlose Hauswand weißen, um sich mit ihrem leichten Brettergerüst eigenhändig aufhissen zu können. Das beste hat er sich aber doch vor ein paar Jahren geleistet, wie wir den Starkstrom kriegten, nämlich einen Lift in — sein Häuschen!! Also stellte er ein Gerüst auf für den Fahrkorb und einen mächtigen Elektromotor unten für den Betrieb. Allein bei der ersten Probe riss das Drahtseil, denn der Motor gab dem Kasten eine solche Wucht, dass er nicht im richtigen Augenblick zum Stehen gebracht werden konnte und oben das Dach einstieß. Darfst nicht vergessen: das ganze Häuslein misst vom Keller bis zum First keine sechs Meter!«
Wir lachten, und die erheiternde Schilderung ließ mich meine Müdigkeit für einige Zeit vergessen.
Dann verebbte das Gespräch, wir fuhren mit gleichbleibender Geschwindigkeit schweigend weiter — —
Ich dachte an dies und das — bis Niels sich umdrehte und fragte:
»Weißt du auch, dass wir voraussichtlich mitten in der Nacht nach Hause kommen werden?«
»Wie lange müssen wir denn noch aushalten? Ich spüre meine Beine nicht mehr — aber dafür meinen Rücken umso deutlicher, jetzt auch das obere Ende!«
»Wir absolvieren in jeder Minute ungefähr sieben Tage gewöhnlicher Zeit, wie du an dem raschen Wechsel von hell und dunkel erkennst. Zähle selbst nach: siebenmal in jeder Minute, kommst kaum bis zehn, da ist schon ein Tag und eine Nacht herum! Zwei Jahre haben wir noch zurückzulegen, macht rund zwei Stunden. Jetzt ist's Eins nachts.«
»Wär's nicht gescheiter, in der ersten besten Nacht, die wir erwischen, abzusteigen und uns ins erste beste Bett zu legen, das wir erwischen!! Ich falle bald herunter! — Da sehe ich deines durch allen Wechsel hindurchschimmern, mit einladender Deutlichkeit!«
»Ja, ich könnte schon herunter! Aber gerade du, der du am schläfrigsten bist —«
»Du kannst ja oben bleiben! Ich steige ab und krieche in deine Klappe! Einfach!«
»Nein, es ist zu gefährlich, ich kann nicht voraussagen, was wird.«
»Was soll werden?! — Schlafen werden wir! Das habe ich vor zwei Jahren doch auch jede Nacht um eins gemacht. Da war ich solide! Es müsste ein merkwürdiger Zufall sein, wenn ich eine Ausnahme anträfe.«
»Aber ob wir beim Erwachen die Zeitmaschine wiederfinden? — —«
»Wir müssen uns genau die Stelle des Zimmers merken, wo sie stand; und morgen früh hingehen und uns selbst gewissermaßen beim Wickel nehmen, so wie ich dich vorhin aus dem Kinderwagen stemmte, und in den imaginären Sattel setzen: und sofort werden wir wieder im richtigen Zustand sein.«
»Du vergisst, dass du ja gar nicht hier wach werden wirst, sondern zu Hause, in deinem Zimmer, oder sonst wo, in irgend einem Hotel, genau in der Situation, wie sie vor zwei Jahren an dem betreffenden Datum war! Ich kann es mir nicht vorstellen, wie du da den erforderlichen Kontakt mit mir und der Zeitmaschine wiederfinden sollst — nein, wir müssen morgen erst den nötigen Mechanismus suchen und ausprobieren, vorläufig ist's noch zu gefährlich!«
Ich brummte etwas, es war mir im Augenblick eigentlich furchtbar egal, was eventuell eintreten konnte.
Kreuzschmerzen, wenn sie nur mit der nötigen Intensität auftreten, erzeugen eine unglaubliche Apathie gegenüber Schicksalsschlägen — —
Schläfrig halb, halb gereizt zog ich die Uhr. Verglich sie schläfrig und halb unbewusst mit der Uhr, die Niels vor sich hatte. Diese lief mit gewöhnlicher Zeit, und Niels brauchte auf ihr bloß das Datum unserer Abfahrt einzustellen, damit wir nach einer Fahrt an der ordentlichen Stelle in den Strom der gewöhnlichen Zeit einmündeten.
Und wie ich die beiden Uhren so schläfrig und gereizt und halb unbewusst verglich, wie man's im Ärger gern zu tun pflegt, wurde ich munter — — denn sie differierten — ja, ich täuschte mich nicht: Sie differierten um siebenundzwanzig Minuten!!
Ich machte Niels darauf aufmerksam:
»Deine Uhr geht ja um siebenundzwanzig Minuten nach!«
Wie der Blitz hatte er in die Westentasche gelangt, seine Taschenuhr heraus — —
Die stand still, regungslos!
»Ich habe sie aufzuziehen vergessen, gestern Abend — — das wäre fatal. Lass sehen!«
Er nahm meine:
»Wahrhaftig, siebenund — — aber deine steht ja auch!«
»Sie lief eben noch, wie ich sie aus der Tasche zog, ich hörte sie deutlich ticken!«
»Na na, bei deiner Schläfrigkeit — —«
»Sie muss in diesem Augenblick stehen geblieben sein, von dem Ruck beim Herausziehen vielleicht — — da! sie läuft schon wieder!«
»Ja, du hast sie geschüttelt! Sie ist abgelaufen, da!«
Er hatte recht, ich zog sie bedächtig auf, sie war abgelaufen.
Aber trotzdem — — — — —
»Sie geht ja vor! Wie könnte sie denn vorgehen, wenn sie stehen geblieben wäre!?«
»Sie steht schon seit gestern. Du hast sie bereits vorgestern aufzuziehen vergessen!«, antwortete Niels kühl und sah wieder vor sich.
— — — — —
»Zu dumm, dass wir so mitten in nachtschlafender Zeit ankommen! Nicht mal fragen kann man, wegen der richtigen Zeit!«
»Beruhige deine Seele! In meinem Zimmer hängt eine Wanduhr, da können wir vergleichen!« —
— — — — —
Aber wie wir nach zwei langen Stunden ankamen und verglichen, da zeigte die Uhr — siebenundzwanzig Minuten mehr als unsere Fahrtuhr, genau »meine« siebenundzwanzig Minuten!
Niels erklärte ziemlich ungeduldig, es sei Zufall, sie sei eben auch am Ablaufen — das Mädchen habe vergessen, natürlich — und machte Ausreden: sie gehe oft falsch, er werde am nächsten Tage genaue Kontrolle üben — — es sei übrigens auch gar nichts dabei, selbst wenn — —
Ich war zu schläfrig, um die Stichhaltigkeit seiner Argumente an diesem Abend zu durchdenken und zu prüfen.
Ich kann mir nicht helfen: seit dem Abend werde ich das Gefühl nicht recht los, eigentlich siebenundzwanzig Minuten hinter der Zeit zurück zu sein. Niels hat uns zu früh abgesetzt, er ist schuld. Wenn er auch noch so unbefangen erklärt, er empfinde nichts Derartiges, die Verspätung bekomme ihm nicht schlecht.
Das Ärgerliche ist: Ich kann sie ihm nicht nachweisen! Denn er sagt, gegen zehn Uhren mit siebenundzwanzig Minuten Verspätung, die ich auftreibe, wollte er mir jederzeit zwanzig aufweisen, die ebenso viel vorgehen.
Und das wäre offenbar kein Kunststück.
¤
Wie am nächsten Morgen uns beiden das Mädchen den Kaffee auf den Tisch stellte, sagte sie, der Techniker sei am Nachmittag da gewesen und habe den Herrn Niels sprechen wollen, aber die Herren seien ja nicht daheim gewesen, und die Tür zu, und sie seien erst spät in der Nacht wiedergekommen, sie hab's gehört, denn sie sei von den Stimmen wach geworden, und die Uhr habe beim Aufziehen so gerasselt; ja, und der Techniker wollte noch mal vorsprechen, es sei wegen der Lichtanschlüsse im Neubau — —
Ich beobachtete sie, während sie sprach, und als sie hinaus war, fragte ich Niels, ob ihm nichts aufgefallen sei, dass sie uns argwöhnisch angeguckt habe — —
»Du meinst, sie merkte uns die ›Verspätung‹ an, um deine siebenundzwanzig Minuten?! Ach nein, die guckte uns wohl nicht verdächtiger an als etwa früher meine Zimmerwirtin, wenn ich als Student mal nachts um drei die Treppe raufgestolpert war und sie mir morgens den Kaffee ans Bett bringen musste, fast mit den nämlichen Worten und demselben Tonfall: ›Der Herr ist ja gestern Abend spät ausgeblieben?‹ — — —«
Hm.
Wahrhaftig, draußen regnete es immer noch!
Oben im Arbeitszimmer hörte ich's auf die Ziegel tropfen, und die Dachrinne lief plätschernd über. Der Misthaufen drunten neben dem Kuhstall sah schon ganz ausgelaugt aus, und nur seine stattliche Kompaktheit schützte ihn vorm Aufgelöstwerden.
Die alte Kathrine hupfte mit hochgehobenen Röcken über die Pfützen im Hof weg, dass man ihre krummen, wohlgenährten Waden sah und der Melkeimer, den sie in der freien Hand trug, dagegenschuckerte.
Der Nachfolger Sultans streckte seine Schnauzenspitze einen Zentimeter weit aus der Hütte hervor, zog sie aber sofort erschrocken wieder zurück, weil ihm ein besonders dicker Tropfen, vom Dachrand kommend, daraufklatschte.
Ein einziges, wagehalsiges Huhn hatte sich bis an den »kleinen Mist« durchgeschlagen, floh aber nun mit triefenden Flügeln um die spritzenden Wasserlachen herum, dem heimischen Hühnertreppchen zu und wurde vom Hahn sehr ungnädig empfangen; man hörte ihr erregtes Keifen durch das geschlossene Fenster hindurch. Bloß die Enten fühlten sich in ihrem Element und schritten, in geschlossener Reihe watschelnd, den gewohnten Weg zum Tümpel; der Enterich voran, wohlgemut und selbstbewusst mit dem Sterz hin und her wackelnd.
Und die Obstbäumchen drüben im Garten bogen sich, und die großen Linden und Ulmen rauschten im nassen Wind, der immer neue Wolkenschwaden heranfegte, unerschöpflich — —
O Heimat, Heimat, was für einen Willkommensgruß bietest du dem langentbehrten Sohn!
Mein einziger Trost noch, dass wir die Zeit — —
Da hätte ich beinahe was Schönes gedacht! Gestern schimpfte ich noch drauf, wegen der Kreuzschmerzen und der »Verspätung« und wegen der Ängste, die mir das Teufelsding um Niels' Entschwinden eingejagt hatte!
Ist ja all nicht wahr! Warum soll ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen?! Die ersten Empfindungen sind stets die ungebrochensten, ehrlichsten — und bevor ich so zu Ende überlegte, hatte ich schon einen zärtlich dankbaren Blick über »ihre« schimmernden Formen hinstreicheln lassen, denn sie war wirklich in dem Augenblick mein einziger Trost, eine Erquickung, und ich war schon darauf gespannt, mich von Neuem in die Wunderwelten führen zu lassen, die, fern der trüben Gegenwart, im Zeitenschoß verborgen und sonst unzugänglich lagen — —
Wie man deutlich merken wird, war ich, teils infolge des Regenwetters, teils infolge der Aussicht auf künftige Zeitfahrten, in eine ganz empfindsampoetische Stimmung geraten.
Eifrig beteiligte ich mich heute an der Untersuchung und weiteren Durchforschung »ihres« Mechanismus. Und ich war es, jawohl, i c h , der schließlich auf dem Schildchen, das wir längst kannten, ein verwaschenes lateinisches »P« entdeckte, und gegenüber das Bruchstück eines zweiten Schildchens gänzlich neu entdeckte, auf dem die Reste eines noch viel verwascheneren lateinischen »F« zu entziffern waren. Und auch die Deutung gab ich! Eine ganz ungezwungene Deutung, wie sofort einleuchten wird. Unter dem neu entdeckten Schildchen befand sich ein Loch; unter dem alten, auf dem also wohlgemerkt das »P« stand, der Zeigermechanismus, den Niels bei unseren Fahrten zu handhaben pflegte. Wenn man ihn abnahm, würde sich nicht ein ebensolches Loch entdecken lassen — —?
Ich legte das, mit ungefähr denselben Worten, Niels vor, in Form einer mehr rhetorisch, hypothetisch gemeinten Frage.
Er erwiderte, ein bisschen eilfertig und vorschnell: aber freilich, er habe ja doch das ganze Ding auseinandergenommen gehabt, es sei ein solches Loch da!
Ich schnitt ihm die Rede ab und ignorierte seine voreilige Auskunft, hielt ihn auch kräftig am Ärmel fest, wie er stürmisch zum Schraubenschlüssel greifen wollte. Ich wiederholte meinen Satz noch einmal, Niels bedeutungsvoll ansehend und das Hypothetische und Rhetorische darin noch deutlicher als vorhin betonend: »W ü r d e sich nicht, w e n n man — — usw.«
Denn ich wünschte mein Gebäude aus lauter scharfsinnigen Schlüssen, ohne Zuhilfenahme von aufdringlich vorgreifendem Tatsachenmaterial, aufzubauen, um, à la Sherlock Holmes, gewissermaßen mit einem Schluss den verdächtigen Nagel auf den Kopf zu treffen.
Ich fuhr in meinen Deduktionen fort. Vorausgesetzt, dass jenes Loch unter dem Schildchen mit der Aufschrift »P« existierte, so war die Bedeutung klar! Nämlich »P« bedeutete »past«, also vergangen, und das von mir aufgefundene »F« bedeutete »future«, also zukünftig.
Mit Vergnügen, Nachdruck und Klarheit fasste ich meinem Freund dieses Ergebnis philologischdetektivischer Ausknobelung zusammen. Er sah mich an:
»Du hast recht!«
Natürlich hatte er noch ein einschränkendes Aber:
»Aber das Loch hier ist leer, keine Spur einer hindurchgehenden Achse. Und auch an der Fundstelle im Neubau war nichts — es sieht aus, als ob der zugehörige Mechanismus abgenommen worden sei — — vielleicht von dem Zeitreisenden selbst — — aber aus welchem Grund — —«
Alle folgenden Ereignisse haben meine Schlussfolgerungen bestätigt: mit der Zukunft war es Essig!
Nun, ich bin von Natur nicht neugierig, am allerwenigsten auf das, was die Zukunft in ihrem Schoße bergen mag, wie man poetisch sich auszudrücken pflegt. Der Engländer hatte sie ja auch so ziemlich bis zum äußersten Ende durchfahren, bis die Menschheit unter die Erdkruste sich verkroch und ein schwieriges, verkommenes Dasein fristete; bis die Erdkruste von lauter Krustentieren bevölkert wurde, dumpfe Düsterkeit unter der sich allmählich verdüsternden Sonne herrschte; ja bis schließlich der gestorbene Erdball den großen Rückfall in die Sonne begann, um deren erloschene Glut neu aufzustochern — —
Also auf diese Zukunft war ich nicht neugierig.
Umso eifriger suchten wir nach anderen, uns noch unbekannten Teilen im Apparat. Da war eine ähnliche Öffnung, aus der man wirklich das Ende einer Achse herausgucken sah. Die eigentliche Achse war rund und lief zu einem dreikantigen Ansatz aus, wie man sie anbringt, wenn man einen Schlüssel oder Hebel daraufstecken will. Es saß aber keiner drauf, und Niels wusste auch von keinem, der sich dabei gefunden hätte. Eine Werkzeugtasche, wie sie bei Fahrrädern üblich ist, war an der Zeitmaschine nicht vorhanden.
Wir klemmten ein Stück Blech hinein und versuchten zu drehen: Es ging!
Natürlich vermuteten wir beide, es möchte die gesuchte Vorrichtung sein, um zu ermöglichen, dass wir die Maschine verlassen konnten, ohne uns zu »verwandeln« und die Maschine und damit die Gegenwart, in die wir hineingeboren waren, aus dem Auge zu verlieren. Der Engländer muss in ihrem Besitz gewesen sein, denn er bewegte sich in der Epoche, in der er landete, ebenso frei umher wie wir in der Gegenwart, erlebte allerlei Abenteuer, der Apparat wurde ihm gestohlen, er verkehrte mit den »Zeitgenossen« — ja, er verliebte sich in eine niedliche Nachgeborene; er spricht es nicht so klipp und klar aus, aber ich schloss es aus allerlei verdächtigen Andeutungen — —
Ich hatte ja schon früher hierüber spekuliert, aber es erschien mir jetzt in neuer Beleuchtung. Vielleicht hing es eben damit zusammen, dass er nur die Zukunft aufsuchte — denn in was hätte er sich da verwandeln sollen?! Es gab ja da gar keine Existenzformen, die er schon durchlebt gehabt hätte!
Also da half alles scharfsinnige Spekulieren nichts, es galt Ausprobieren.
Hingegen war über die richtige Interpretation der ersten beiden Löcher durch mich gar kein Zweifel mehr möglich. Ich bitte die Menschheit: Was soll ein lateinisches »P« und ein lateinisches »F« an einer Zeitmaschine anderes bedeuten können, als »past« und »future«?!
Nämlich Niels »aberte« immer noch: es sei doch nicht ausgemacht — — es könne doch — — und was so derlei Ausflüchte mehr sind, die, wie ich heute überzeugt bin, ihm von einer ganz kleinen Spur EntdeckerEifersucht eingegeben wurden. Er fuchtelte mit dem Schraubenschlüssel herum, bis ich ihm den sanft entwand und ihn energischer in seinen Sattel drängte: Jetzt wollten wir erst mal die »Sicherung gegen VerwandlungsUnfälle« versuchen. So hatte ich sie getauft.
Und so saßen wir denn endlich, unsern provisorischen Blechhebel in der Hand, und fuhren frischweg zurück.
Über der kleinen Balgerei um den Schraubenschlüssel hatten wir unterlassen, die Tür abzuriegeln. Aber wir würden ja nicht lange ausbleiben, wir wollten uns bloß um einen Tag entfernen, vorläufig bis zum gestrigen Nachmittag. Das musste für unser Experiment genügen.
Wie wir angelangt waren, drehten wir den Hebel aus der bisherigen Stellung in eine andere, wo er durch eine Hemmung festgehalten wurde, und Niels stieg zuerst ab, ohne die Hand vom Sattel zu nehmen. Dann ließ er los, während ich gespannt saß — bereit, ihn im nächsten Augenblick zurückzuholen, sobald ich die geringste verdächtige Veränderung merkte — —
Es geschah nichts.
Wir hatten dieses Experiment gewählt, weil es ungefährlich schien, denn da es sich bloß um einen Tag Unterschied handelte, konnte die eventuelle Verwandlung nicht tiefgreifend sein. Ich fragte ihn, ob er mich sehe: er sagte, ja, und die Maschine auch. Er spüre keine Veränderung, höchstens ein leichtes Gefühl wie von einem Zwang, aber das könne Einbildung sein. Alles schien gut, und ich stieg ebenfalls ab.
Wir gingen beide im Zimmer umher, erst mit bedächtigen Schritten, wie über unzuverlässigen Boden, und immer dicht bei der Zeitmaschine bleibend; dann etwas entfernter, aber sie scharf im Auge behaltend. Man darf mir glauben, dass ich sie mit einem Sprung erreicht hätte, wenn sie etwa Miene gemacht hätte, zu verschwinden; denn um einen ganzen Tag mich zu »verspäten« hatte ich doch keine Neigung, ich hatte genug an meinen siebenundzwanzig Minuten! — Da nichts geschah, wurden wir immer kühner. Ich wollte sogar die Tür aufmachen — sie war verschlossen.
Richtig, wir waren ja am »gestrigen« Nachmittag! Und da hatten wir das Abschließen nicht vergessen, wie heute! — Übrigens war das ja ein famoser Beleg dafür, dass wir wirklich um einen Tag im Jahr zurückdatiert hatten, denn an der übrigen Umgebung hatte sich nichts Erkennbares verändert; draußen regnete es heute wie gestern und — morgen! — — nein doch — drüben der Abreißkalender! Wahrhaftig, da hing noch das Blättchen mit dem siebenten Mai, das doch längst ordnungsgemäß im Papierkorb ruhte, als Symbol der Vergänglichkeit alles Zeitlichen — —
Doch eine großartige Sache, diese Zeitmaschine — ein bisschen unheimlich aber auch — trotz alledem. —
Währenddessen hatte ich noch immer an der Tür gestanden, die Klinke in der Hand. Wie ich jetzt den Schlüssel umdrehte und aufmachte, tauchte vor mir ein kahler Schädel in die Höhe, so als ob sein Träger am Schlüsselloch gelauscht habe und jetzt, durch das Geräusch erschreckt, auffahre.
Ich trat zurück, um Niels herbeizurufen. Der war aber ins Nebenzimmer gegangen, und wie wir wiederkamen war die Erscheinung fort.
Das Experiment schien vollauf zur Befriedigung gelungen. Das Gefühl eines Zwanges, von dem Niels gesprochen hatte, spürte ich ebenfalls, sobald ich den Sattel verlassen hatte; es schien mithin keine Einbildung zu sein, und es musste auch in Zukunft rätlich bleiben, uns nicht zu weit vom Apparat zu entfernen. Vielleicht, dass es sich mit der Gewöhnung allmählich milderte und ganz verlor — — aber das blieb ja alles abzuwarten!
Heute war ich das erste Mal in der Vergangenheit richtig »ausgestiegen!«
Doppelt vergnügt steuerten wir zurück, um den Hebel sofort durch einen solideren zu ersetzen. Denn eigentlich war es ein bisschen leichtsinnig von uns gewesen: Fiel das bloß lose eingesteckte Blechstück heraus, so schnappte die Sperrung ein — und wir konnten sehen, wo wir blieben!
Niels saß mit dem Gesicht gegen die Zimmertür, ich hinter ihm, also die Tür im Rücken. Wie wir uns dem Augenblick der Landung näherten, hörte ich hinter mir Geräusch, sah mich um — — zum Donnerwetter, da war ja wieder der blanke Schädel, eben hufte sein Träger rückwärts aus der Türspalte hinaus, ich sah gerade noch etwas Graues unter ihm schimmern, dann wurde die Tür völlig zugezogen. Diese Vorgänge waren in der normalen Reihenfolge abgelaufen, bloß dermaßen beschleunigt, dass schwierig Deutliches zu erkennen war; aber der Schädel war derselbe wie vorhin.
Wie wir uns gänzlich »verfestigt« hatten, war längst alles fort. Der Betreffende musste vor schätzungsweise einer Viertelstunde — normale Zeit! — hinausgegangen sein.
Ich wollte Niels die beiden »Visionen« — denn so erschienen sie mir beinahe — berichten, aber der war schon am Werkzeugkasten; und mir kam wieder eine Spekulation dazwischen, nämlich was wohl geschehen wäre, wenn ich die Tür »gestern« wieder zugeschlossen hätte, ob sie dann auch heute zu gewesen wäre und ob das überhaupt nicht eine Geschichtsfälschung darstellte, dass ich sie überhaupt geöffnet hatte, und ob überhaupt — — ach was, ich hatte an diesem Tag gerade genug spekuliert und Probleme gelöst! — Also ich sagte Niels von meinen Begegnungen nichts, und hernach im Eifer der Tätigkeit dachte ich erst recht nicht mehr daran. Denn Niels entwickelte gleich einen Plan, als Anwendung der Neuerung, der auch mir vielversprechend schien und uns beide absorbierte: er wollte eine Fahrt in die Vergangenheit unternehmen, draußen, wo die mittelalterlichen Reste, die unterirdischen Gänge und Mauertrümmer sich befanden! Da konnten wir mit Sicherheit allerlei Interessantes erwarten!
Auf einem bestand ich: Unbedingt musste vorher der Mechanismus für schnelle Fahrt verbessert werden! Gestern die Fahrt war doch zu beschwerlich gewesen, und gar eine noch längere Reise musste unerträglich werden! Lieber etwas Schwindel, wie ich es bei der allerersten Schnellfahrt empfunden hatte, als diese elenden Kreuzschmerzen!
Nachmittags waren wir so weit fertig, dass wir zufrieden sein durften. Dann saßen wir noch ein bisschen und ruhten aus, um uns für das Kommende zu stärken. Auch war es unsere Absicht, erst nach Eintritt der Dunkelheit abzufahren. Dann wollten wir den Apparat möglichst unbemerkt nach dem Neubau schaffen und dort in dem Keller, dem ehemaligen unterirdischen Gang, aufstellen, um die Abenteuerfahrt anzutreten. Auf meinen Rat hin schrieb er einen kurzen Brief, den er an einer Stelle deponierte, die nicht gleich sichtbar war, aber doch aufgefunden werden musste, für den Fall, dass uns ein Unfall zustoße und wir nicht zurückkehren sollten.
Wie das Mädchen nach dem Abendbrot den Tisch räumte, sagte ihm Niels, wir beide würden noch einen Spaziergang miteinander machen — — ich verbesserte rasch: ins Wirtshaus, ungezählte Skate dreschen, und erst spät heimkommen, voraussichtlich!
Einen Spaziergang!! — — bei dem scheusaligen Wetter!! — — Hätte uns doch kein halbwegs zurechnungsfähiger Mensch geglaubt! Das hatte mein zerstreuter Niels wieder mal nicht überlegt. Das Mädchen griente denn auch bedenklich.
Die Dunkelheit war schon hereingebrochen. Drunten im Hof wurde es noch früher still als sonst. Sofort packten wir den ziemlich schweren Apparat und trugen ihn die Treppe hinunter. Es ging nicht ganz ohne Gepolter, und wie vorauszusetzen, öffnete sich sofort die Küchentür einen Spalt breit, und ein neugieriges Gesicht guckte heraus — verschwand aber wieder, wie es uns erkannte. Wir stolperten weiter, platschten durch die Pfützen und stapften durch den Lehm, dass er kiloweise in Klumpen an den Stiefeln kleben blieb.
Wir mussten nunmehr ein Treppchen von wenigen Stufen hinunter, das von außen in den neuen Keller führte. Ich ging voran, also rückwärts, weil wir die Zeitmaschine zwischen uns trugen und die Treppe sehr schmal war. Niels stand noch auf der obersten Stufe, während ich schon mit den Füßen die letzte und den dunklen Boden darunter abtastete. Die mitgenommene Fahrradlaterne hatten wir bisher nicht angezündet, denn es war eine Azetylenlampe, und ihr helles Licht wäre zu sehr aufgefallen.
Da, wie mein lehmiger Fuß eben den gesuchten Halt spürt, regt sich etwas neben mir im tiefschwarzen Schatten — ich sehe auf aus meiner vorgebeugten Stellung — und hätte vor Bestürzung, oder sagen wir ehrlich: Schreck, die kostbare Last beinahe fallen lassen: Das war ja wieder der kahle weiße Schädel von heut und gestern Mittag — mit dem grauen Schimmer darunter, den ich schon bemerkt hatte, wie er aus der Tür verschwand!
In dem Schädel leuchteten ein Paar Augen, unbestimmt, von irgend einem fahlen Widerschein draußen — —. Gleich darauf sprach eine Stimme: »Guten Abend, die Herrn«, — — und eine elektrische Taschenlampe knipste — d e r Ton war doch nicht zu missdeuten! — und flammt auf, uns blendend, dass ich Schädel und Schimmer und Augen sofort nicht mehr unterscheiden konnte. Doch kam mir die Stimme bekannt vor:
»Ich bin's!«
»Ach, der Techniker«, fiel Niels ziemlich gleichmütig ein, »kriechen Sie noch hier in den Anschlüssen rum? Ist doch längst Feierabend!«
»Ja, da drunten stimmte was nicht, das wollte erst noch in Ordnung gebracht sein.«
Der Techniker! — —
Fast haarlos war sein Schädel geworden, mit der großen intelligenten Stirn, und der gebliebene Kranz herum lichtgrau. So auch sein Bart, und der Schnurrbart, der in zwei stumpfen Zapfen seitlich von den Mundwinkeln niederhing und mit dem Backenbart zusammenfloss. Wie ich ihn jetzt betrachtete, in Ruhe, kam mir dennoch vor, als könne ich die Züge des Mannes darin wiederfinden, wie ich sie fünfzehn Jahre früher in mich aufgenommen hatte, ja, die schmal geschnittenen forschenden Augen, die slawisch anmutende unbedeutsame Nase; und auch die Stimme, die jetzt fortfuhr:
»Nun, wollen die Herren vielleicht die neuen Anlagen angucken? Da ist's ja gut, dass ich — —!«
Niels unterbrach:
»Nein, nein, jetzt nicht, wir wollen nicht die Neuanlagen sehen, sondern — ja, wir sind bloß hergekommen — — ja — — sehen Sie sich doch mal meinen Begleiter an, das muss doch ein alter Bekannter von Ihnen sein!«
Jener knipste und richtete die forschenden Augen auf mich, aber er erkannte mich nicht, und auch mein Name machte weiter keinen Eindruck, obwohl er ihn, suchend nach Erinnerung, halblaut wiederholte.
Niels hatte noch immer auf der zweiten Treppenstufe gestanden, sein Ende der Maschine in der Hand. Nun stellte er es hin und trat ganz herunter.
Der Techniker musste an uns vorbei, wenn er hinaus wollte.
»Nun, ich will heim. Die Herren haben wohl was Anderes vor, was Besonderes, da möchte ich nicht stören.«
»Sie stören durchaus nicht, nein, wir haben da — wir haben nur — wir haben vor — —«
»Ja, ja, irgend etwas Geheimnisvolles, wo ich nicht dabei zu sein brauche. Es ist was im Gang, ich merk's wohl. Wie ich gestern bei Ihnen war, wegen der Sicherungen für die neuen Anschlüsse, jetzt hab' ich sie schon allein angemacht, wie mir's richtig schien — ist Ihnen doch recht?«
»Sie werden's schon gut gemacht haben. Ich war gerade aus gestern, ich weiß.«
»Ja, aber das Mädchen, die Kathrine, sagte erst, Sie wären daheim, aber es machte niemand auf, und die Tür war zu. Da habe ich durchs Schlüsselloch geguckt, und es kam mir vor, als ob sich drinnen etwas bewegte, etwas Seltsames; da habe ich der Kathrine gesagt, nein, die Herren seien wohl ausgegangen, und bin selbst fortgegangen, aber geglaubt habe ich nicht dran — nichts für ungut.«
Aha, das war die erste »Vision« des Kahlkopfes! — —
»Und heut Mittag, wie ich da war, um mit Ihnen doch über die Sicherungen zu reden, für die neuen Anschlüsse, Herr Niels, ich hatt's der Kathrine gestern zurückgelassen, sie sollt's Ihnen sagen, ich wollt' wiederkommen, aber sie wird auch alt, die Kathrine, sie hat's wohl vergessen — — ja so, wie ich heut Mittag deswegen da war, ging ich gleich hinein, fragte gar nicht erst. Wissen Sie, ich war auch ein bissel neugierig, müssen Sie wissen! Weil ich mich doch für so Sachen interessiere — so wie der Apparatus, den Sie da neulich hier herum ausgegraben haben — —«
Er deutete hinter sich, man hörte es am Ton; sehen konnte man nichts, denn wir standen noch immer ohne Laterne. Man ahnte mehr sein Gegenüber, und nur die Augen glommen unbestimmt.
»Und wie ich klopfte und niemand machte auf, da ging ich hinein, nichts für ungut: Ich dachte halt, Sie wären nebenan im Badezimmer. Es war aber alles leer. Aber wie ich just zur Tür raus wollte, da merke ich wieder die Bewegung, so als ob die Luft an einer Stelle zittert, wie in der Wärme, und ich hatte ein seltsames Gefühl, dass ich mich doch nicht recht getraute, zu bleiben, obwohl ich's gern getan hätte — —«
Also das war die zweite Vision des Kahlkopfes! — —
Der Techniker knipste — —
Niels sah mich fragend an. Er hatte offenbar nicht übel Lust, den alten Sonderling ins Geheimnis zu ziehen. Oder er wusste keine Ausrede und wünschte, dass ich ihm zu Hilfe käme; im Schwindeln war er nie groß gewesen, man denke an den Versuch vorhin.
Der Techniker hatte diese wortlose Zwiesprache mit den Augen zwischen uns wohl beobachtet und schlug Kapital daraus:
»Ja, ja, die Herren haben eben ein Geheimnis! Gern sehen tät ich ja den Apparatus wohl, aber wenn Sie schon nicht wollen — — das ist's doch wohl, was Sie da hingestellt haben?«
Und wieder knipste er mit seiner Blendlaterne und beleuchtete mit dem Lichtkegel scharf unsere Zeitmaschine. Der Bogen Papier, den wir zum Schutz gegen den Regen darüber gedeckt hatten, war längst heruntergerutscht und vom Wind fortgeweht.
»Ei, ei, das ist eine feine Arbeit! Muss ich sagen!«
Und sofort bückte er sich, dass ich wieder den kahlen hellen Schädel vor mir sah, und begann mit Hilfe seines Lämpchens die Einzelheiten zu inspizieren.
»Und was stellt's vor, wenn ich fragen darf?«
Da musste Niels lachen:
»Wir wollen's ihm nur sagen, der alten Neugier! Sonst hat er doch keine Ruhe und schläft nicht mehr gut.«
»Aber dazu wollen wir ein Stückchen weiter hineingehen, hier im Gang spritzt der Regen immer so herein, der Herr Niels ist schon ganz nass am Ärmel — und der schöne Apparatus auch!«
Damit hob er die Maschine ganz allein mit kräftigen Armen hoch, dass man doch zugleich merkte, er verstehe mit so etwas umzugehen, und tappte voran, etwas weiter ins Dunkel hinein. Dann leuchtete er uns mit einigen Knipsern auf den Weg, dass wir ihm in den Keller folgen konnten.
»Es ist eine englische Zeitmaschine«, sagte ich nun, mit einem Blick auf das Objekt, »die hat man unlängst hier gefunden und ausgegraben.«
»Hab' ich's mir doch gleich gedacht! Der Polier hat mir davon erzählt — müssen Sie wissen.«
»Hat er doch geschwätzt, der Polier! Und mir hat er unverbrüchliches Stillschweigen mit Handschlag bekräftigt.«
»Nun, nun, er hat mir weiter nichts gesagt, als dass sie da so ein merkwürdiges Gestell gefunden hätten, halb in der Mauer tat's stecken, und der Herr Niels sei sehr besorgt drum gewesen und hätt's mit heimgenommen.«
»Nun halten Sie aber wenigstens reinen Mund, Techniker! Was ich Ihnen jetzt sage, braucht nicht gleich aller Welt bekannt zu werden. Also es ist eine Zeitmaschine.«
»Ja, was ist denn das, davon habe ich ja in allen Büchern noch nichts gelesen!«
»Man kann sich damit in die Vergangenheit zurückversetzen!«
Er schien sofort zu begreifen, was mich beinahe beschämte. Denn mir war's vor vier Tagen viel schwerer geworden, wie ich von Niels immer die gleichlautende mysteriöse Antwort bekam, die ich selbst dem Techniker gegeben hatte: Es ist eine »Zeitmaschine!« — —
»Da haben Sie's ja gut getroffen, da sind Sie hier an der rechten Quelle und Stelle! Wissen Sie, wo Sie hier stehen? An demselben Platz, wo vor dreihundert Jahren oder noch länger der Alchimist gehaust hat, ich hab's in alten Chroniken gelesen!«
»Woher wissen Sie, dass es genau hier der Platz ist?«, fragten Niels und ich beinahe gleichzeitig und mit denselben Worten dazwischen. Das wäre doch interessant!
»Es muss hier gewesen sein, denn der verschnörkelte Mauerrest da drüben in der Ecke« — er knipste und schickte sein Strahlenbündel hinüber ins Dunkel — »das ist gewiss der Zug von seinem Feuerherd gewesen, eine Gebläseeinrichtung vermutlich. Zum Herd hat's gehört, das möchte ich beschwören, die Mauerreste sind noch schwarz! Und ich will's Ihnen nur gestehen, weil Sie ja auch so offen gegen mich gewesen sind: Heut' Abend just bin ich hier gewesen — das vorhin mit den elektrischen Anschlüssen, das war bloß eine Ausrede, auf die hat mich der Herr Niels selbst gebracht, mit seiner Frage — also ich bin hier herumgekrochen mit meinem Laternchen, um den Kamin oder was es ist genauer zu untersuchen; und ich habe auch einiges auf dem Grund gefunden, es muss ja mancherlei dem Alchimisten hineingefallen sein, das ist ja klar; ich halt's für Eisenstückchen, und auch Blei ist dabei.«
Er fuhr mit der Linken in die große Rocktasche und beleuchtete dann mit der Rechten einige Krümel, die er auf dem flachen Handteller ausgebreitet hatte. Wir befühlten sie, es schien Metall drunter zu sein.
»Sie haben da an der Uhr einen kleinen Kompass«, wandte er sich an mich, »halten Sie den dran, — Sie sehen, er wird abgelenkt. Also Eisen!«
»Wo das wohl herstammen mag«, fuhr er nachdenklich fort und ließ das Laternchen wieder verlöschen, »und was er wohl damit gemacht haben mag, der Alchimist — — wenn ich daran denke — und mir das vorstelle — —«
»Das können wir ja ma— —«, platzte ich heraus, biss mir aber mitten im Wort auf die Lippen. Schon aber hatte der Techniker verstanden — es waren ja seine eigensten Gedanken! — und mich ins Auge gefasst. Voll Lebhaftigkeit fuhr er fort:
»Aber das ist's ja, was Sie haben! Sie haben doch den Apparatus da, um in die Vergangenheit zurückzukommen — — und Sie können — — und ich könnte da nicht mal mit?«
Seine letzten Worte klangen bittend im herrschenden Dunkel.
Niels und ich sahen uns einen Augenblick lang an, das heißt, wir fühlten es mehr, als dass wir's konstatieren konnten. Aber wir wussten: Wir stimmten beide überein, und Niels sprach es kurz aus:
»Sie kommen mit, Techniker! Mit auf die Zeitmaschine!« — — — — — — — —
Sein Lämpchen zitterte vor Erregung, wie er uns leuchtete, als wir die Maschine in Ordnung brachten. Aber da entstand die Schwierigkeit, dass bloß für zwei Leute Sitze da waren. Also hätte sich der Techniker, wenn er mitwollte, doch hintenauf stellen müssen, wie wir es als Jungens machten und ich bei der ersten Fahrt versucht hatte, vorvorgestern, nach dem Regennachmittag mit Portwein — —
Er zögerte keinen Augenblick: Ei freilich, es werde schon gehen, er sei noch rüstig, seine Beine nicht wackelig! — Aber wie der alte Mann nun so hinter mir stand, sich auf meine Schultern stützte und ich bemerkte, wie es ihm doch schwer werden musste, die Balance zu halten — mehrere Stunden lang vielleicht — da konnte ich nicht anders, ich stieg ab, sagte, er solle sich in meinen Sattel setzen, ich wolle selbst hintenauf steigen. Er sträubte sich absolut, aber schließlich gab er nach, wir könnten ja unterwegs öfter wechseln und uns ausruhen! Wegen des Absteigens bestand ja jetzt keine Schwierigkeit mehr.
Sein bisschen Werkzeug nahm der Techniker mit: eine Lötlampe und derlei, das er bequem in der rechten Rocktasche unterbringen konnte.
Merkwürdig: Ich spürte trotz der rasenden Fahrt diesmal den Schwindel nicht so wie das erste Mal; vielleicht weil meine Aufmerksamkeit durch die Notwendigkeit, Gleichgewicht zu bewahren, heilsam abgelenkt wurde.
Kaum waren wir losgegangen, da schwand die Decke über uns und wir standen im Freien, denn der Keller des Neubaues war ja kaum einen Monat alt. Auch tüchtig nass wurden wir von einigen Regenschauern, die schnell — hernieder huschten hätte ich beinahe gesagt, — aber da wir gegen den Strom der Zeit fuhren, kamen die Tropfen ja vom Boden, aus den rasch entstehenden Pfützen, herauf und sausten in die Wolken empor! Die enorme Geschwindigkeit erzeugte eine solche Wucht, dass die zahllosen kleinen Geschosse uns empfindlich schmerzten, zumal wenn Hagelkörner dabei waren. Ein anderer Übelstand war dieser, dass die dicht einander folgenden Wasserpartikel einen geschlossenen Strom bildeten, der sich von unten in unsere Hosen und Jacken hineinergoss.
Man wird mir deshalb glauben, dass wir froh waren, wieder ein Dach über uns zu spüren, worunter wir ziemlich rasch trockneten. Doch nahmen wir uns vor, als nächste Verbesserung an unserer Maschine einen zusammenklappbaren Regenschirm anzubringen.
Wir befanden uns zunächst in einem engen Gang, nicht viel breiter als die unterirdischen waren, in die wir Jungens »beinahe« hineingekrochen waren und wo Christian damals dem sprechenden Bären begegnete. Der blendende Wechsel von Tag und Nacht hörte auf, die Eingangsöffnung, die wir erst noch gesehen hatten, verschwand, und es wurde völlig dunkel; wir befanden uns in einem geschlossenen Raum, die Luft wurde so muffig, dass ich schon glaubte, Niels um Umkehr bitten zu müssen, weil ich sonst in Ohnmacht zu fallen drohte. Es war wohl die Zeit, als die alten Scheunen noch standen. Eine merkwürdige Vorstellung, dass die da jetzt über unseren Köpfen droben wieder existieren sollten, mit ihren Heuställen und dem »Hahnenbalken«, auf den wir als Jungens, verbotenerweise, hinaufkletterten; denn es war der höchste Balken in der Scheune, dicht unterm Dach, nur durch die an den Seitenwänden senkrecht hinaufführenden Leitern zu erreichen. Und oben hatte man das gruselige Gefühl, dass man, wenn man stürzte, gerade auf die darunter befindliche harte Tenne aufschlagen musste. Das war freilich nicht der Grund, weshalb wir heimlich hinaufkrabbelten — wenn die seitlichen Heuspeicher gefüllt waren, dann war's leichter! — sondern wir wollten den Schwalben in die Nester gucken, die an den runden Fensterlöchern nisteten, deren je eines die beiden spitz zulaufenden Giebelmauern ganz hoch oben durchbohrte.
Ich meinte deutlich einen dumpfen Futtergeruch, nach Klee oder Runkelrüben, zu spüren, der sich der muffigen Kellerluft beimischte. Nicht unmöglich, dass er durch den Lehmboden durchdrang, der in nicht allzu dicker Schicht uns von der Oberwelt trennte. Und jetzt — kein Zweifel — das war Heu!
Aber dann mussten ja — schoss mir sofort durch den Sinn — wir beide dabei sein! Heustampfen! Mit den Füßen festtreten, dass der Staub nur so wirbelte und unsere Nasen ähnlich dauerhaft imprägniert wurden, wie beim Koksklopfen später für das RiesenChromsäureTauchelement: dass wir nämlich noch nach acht Tagen schwarzen, unverfälschten Heustaub schnäuzten.
Doch zu merkwürdig: sollten wir beide da droben als neunjährige Buben herumtoben und saßen doch hier unter der Erde als leibhaftige Dreißiger, auf der Fahrt ins Mittelalter begriffen. — Seltsam, höchst seltsam — — das hätte ich mir damals wohl kaum träumen lassen — oder etwa doch? Wie kann ich heute kontrollieren, wovon ich damals träumte!
Wahrscheinlich, dass die Erinnerung an die Leistungsfähigkeit meiner neunjährigen Lungen die meiner dreißigjährigen wohltuend kräftigte, wenigstens fiel ich nicht, wie ich einen Augenblick lang gefürchtet hatte, in Ohnmacht, obwohl es noch immer schlimmer wurde mit unserer lokalen Atmosphäre.
Dann aber wurde es bedeutend freundlicher, Luftzug strich herein, dunkel blieb es vorläufig noch. Vielleicht war jetzt droben das Kloster? — —
Schließlich wich sogar die Finsternis, wir befanden uns offenbar in helleren, weiteren Räumlichkeiten, obwohl ich bei der rasenden Fahrt nichts unterscheiden konnte. Zweimal war mir so, als streiften lebende Wesen dicht vorbei. Was die wohl in dem Augenblick empfanden? — — Ob sie ahnten, was es war, ob sie erschraken? — — Ob auch schon an mir, an Niels, an dem Techniker solche Zeitreisende mit ihrem Apparat vorbeigestreift sind, mit einer leichteren oder derberen Berührung? — — Warum sollte unsere Zeitmaschine das einzige Exemplar in der Welt sein?! Gewiss existierten noch andere, und sie hatten mich auch schon gestreift, bei ihren Flügen in Vergangenheit oder Zukunft — — — man hat manchmal solche Empfindungen ...
Hundert Jahre waren gleich zurückgelegt, wie ich auf dem Zeigerwerk konstatieren konnte, und noch rotierte der Zeiger weiter, eine Jahreszahl nach der anderen mit seiner Spitze überstreichend. Wegen meiner schwierigen Stellung konnte ich nicht viel auf die Umgebung achten, sah aber doch, dass die Mauern um uns schwanden. Der Gang, in dem wir uns befanden, stieg scheinbar. In Wahrheit wird es wahrscheinlich so gewesen sein, dass der Boden, sei es infolge von zerfallendem Schutt oder künstlicher Aufhöhung, im Laufe der Jahrzehnte stieg, sodass man schließlich den Tunnelgang hindurchbohren konnte.
Wir befanden uns wieder im Freien.
Die Tagesläufe der Sonne schlossen sich zu einem feurigen Reif zusammen, der im Wechsel eines Jahres über den Horizont bis zu den Wendekreisen sich hob und wieder senkte. Die Umläufe des Mondes formten einen ähnlichen, bloß lichtschwächeren Kreis, der zudem mit monatlicher Periode ganz verschwand, um allmählich stärker werdend wieder aufzutauchen.
Zum erstenmal sah ich jetzt diese Phänomene, genau so, wie sie bereits der englische Zeitreisende beschrieben hatte. Die Sterne bildeten ein Gewirr von unter sich parallelen Kreisen, die aber recht schwach waren, weil nur selten völlig klare Nächte, und dann nur wenige hintereinander, eintraten. Sehr merkwürdig wirkte auch die Ablösung der Jahreszeiten, bei unserer schnellsten Gangart war es nur mehr ein Ineinanderfließen von warm und kühl, grünlich und weißlich. Man muss bedenken, dass wir da ein Jahr kaum in einer Zeitminute absolvierten, in einer einzigen Sekunde also verflossen sechs Tage, vollendeten Sonne, Mond und alle Gestirne sechs Umläufe!! Frühling, Sommer, Herbst und Winter war kaum je fünfzehn Sekunden Frist für Werden und Entschwinden gegönnt, und für ein ganzes Jahrhundert war bei Einhaltung des genannten Tempos etwas über eineinhalb Stunden erforderlich!
Leider konnte ich mich dieser beispiellosen Rekordfahrt nicht lange freuen, der leidige Schwindel fasste mich wieder mit großer Heftigkeit. Die Wechsel von hell und dunkel — sechs pro Sekunde! — mochten irritierend auf meine Kopfnerven wirken, vielleicht auch der Luftzug, ich weiß es noch immer nicht. Mein Hausarzt, dem ich später die Sache vortrug, konnte auch nichts Gewisses sagen. Begleiterscheinungen von Zeitfahrten, wie man sie von Autofahrten, Glasblasen und anderen anstrengenden Berufstätigkeiten genau kennt und studiert hat, werden eben zurzeit den jungen Medizinstudierenden in den Universitätskliniken noch nicht vorgeführt.
Außer dem Schwindel fühlte ich jetzt auch eine gewisse Starre durch meine Glieder kriechen. Das war schließlich kein Wunder, hatte ich doch nun reichlich anderthalb Stunden auf einem Bein gestanden — weniger als das: auf einem Fuß! auf einem kleinen Teil des Fußes, so viel, wie gerade nötig ist, um den dünnen Zapfen zu bedecken, wie er über die hintere Achse eines Fahrrades hervorzuragen pflegt. Dieses Symptom war also, medizinisch gesehen, weiter nicht abnorm und besorgniserregend, es gehörte nicht als charakteristische Begleiterscheinung zu einer Zeitreise, sondern dieser Krampf hätte sich höchst wahrscheinlich auch fühlbar gemacht, wenn ich anderthalb Stunden, die Balance wahrend, in gebeugter Haltung auf dem Hinterzapfen eines ganz gewöhnlichen Zweirades zugebracht hätte.
Aus allen diesen Gründen fragte ich den vor mir sitzenden Techniker freundlich, ob wir jetzt einmal wechseln wollten. Allein dessen kahler Schädel rührte und regte sich nicht. Auch als ich die Frage dringender wiederholte, dicht an seinem Ohr, hörte er nichts. Ob aus Verzückung über das Ungewohnte der Fahrt oder weil auch ihn der Schwindel befallen hatte, konnte ich nicht entscheiden. Ich rief also dem ganz vorne sitzenden Niels zu, zu halten, der auch erst nach zweimaligem Ruf, dass mir schon ganz ängstlich und kläglich wurde, beim dritten, aus Leibeskräften ausgestoßenen, reagierte.
Es war weiter nichts passiert, nur hatte die Fahrt uns alle drei in einen merkwürdigen Stimmungszustand versetzt, eine Art seelischer Starre oder Starrsucht. Bei mir kam noch eine so hochgradige körperliche Starre hinzu, dass ich kaum aus meiner Lage, aus der ich mich doch so heraussehnte, nun auch wirklich herauskonnte. Man musste mir förmlich das eine Bein, dessen Knie ich leicht gekrümmt gehalten hatte, gerade biegen; und wie es nun wirklich wieder gerade und senkrecht zum Erdmittelpunkt hin gerichtet von meinem Leibe abstand, wie es doch die Ordnung ist, da fiel ich längelang hin, so ungewohnt war ich des Stehens auf zwei Beinen geworden! Trotz dieses Missgeschicks blieb mir doch Zeit übrig für diese Reflexion: dass mein Fall ein famoses Belegbeispiel biete für die Anpassungslehre, dass Gewohnheit alles mache, sogar das Abnorme normal. Sowie die noch allgemeineren Gedankensplitter: dass meine Situation das Erdendasein des Menschen überhaupt symbolisiere; ewig lamentiert er über Zwang und allerlei Unbequemlichkeit, und nimmt ihm ein gütiges Geschick die Quälgeister weg, dann offenbart es sich, dass gerade der Zwang ihn formte und aufrecht hielt und die verhasste Tätigkeit ihm Inhalt gab. Nun sind sie fort — plumps liegt er da!
Also wir hielten, und ich saß da auf der hundert Jahre älteren — nein jüngeren! — Erde, wie der vom Himmel gefallene neue Erdenbürger auf dem bekannten Bild, und sah mich um. Meine Gefährten standen. Rings dehnte sich ein freier Platz, nicht allzu groß, mit ungepflegtem Gras bewachsen. Auf drei Seiten war er von einer niedrigen Mauer eingefasst, in deren Ecke stand eine Gruppe von Bäumen — Trauerweiden?
Ja. Und in ihrem Schutz und Schatten mehrere Stein- und Eisenkreuze, mit verwelkten Kränzen.
Also ein Friedhof, in der Entstehung begriffen. Und vielleicht hatte die Asche der hier zur Ruhe Gebetteten nicht unwesentlich dazu beigetragen, im Lauf eines Jahrhunderts den Boden so zu erhöhen, wie ich es vorhin als Notwendigkeit geschlossen hatte.
Wir hatten die ganze Genesis eines Totenackers durchfahren, zeitweise mitten drin steckend. — —
Mit fiel ein, dass wir als Jungens bei dem ScheunenNeubau mit zugesehen hatten, wie die Arbeiter Totenschädel und Gebeine aus den Baugräben herauswarfen. Den einen oder anderen davon hatte ich selbst befühlt, ein bisschen zögernd. Vielleicht bekam ich seinen lebendigen Träger heute noch zu Gesicht. —
Rechts die vierte Seite des Ackers war bis auf den schmalen Eingang von gewölbten Bogengängen abgeschlossen, dahinter ragte eine höhere fensterlose Wand auf, mit einem turmartigen Anbau: Das war wohl das Kloster. Links hin, gerade gegenüber den Gebäuden, war hinter dem Mäuerchen das freie Feld zu sehen, zwischen den Stämmen einiger Bäume hindurch.
Mir waren die Beine vom Stehen, dem alten Techniker vom Sitzen etwas steif geworden. Eben machte er, mit Niels' Hilfe, die nötigen Vorversuche, um hintenauf zu stehen, und ich guckte mit einigem Vergnügen dem Beginnen zu — da hörte ich Stimmen — und war sofort auf den Beinen!
Es nahten Menschen — einige — wohl Bauern; hinter dem Mäuerchen draußen bogen sie um die Ecke des Klosters und kamen uns näher. Schon hatten sie die fremde Erscheinung entdeckt, stutzten — der vorderste, ein junger Bursche, machte Miene, über das Mäuerchen zu setzen — —
»Schnell!«, rief ich dem Techniker zu, gab ihm einen ermunternden Schubs, sprang selbst in meinen Sattel, griff rückwärts nach oben, zerrte ihn hoch — — Niels hatte bereits den Zeiger wieder in Umlauf gebracht, langsam zunächst — —
Und schon begann die Umkehrung: der Bursche zog das Bein zurück, das er zum Schwung auf die Mauer gesetzt hatte, zurücktretend schloss er sich der Gruppe wieder an — und langsam, immer schneller werdend, huften sie rückwärts auf die Mauerecke zu, hinter der sie verschwanden, wie sie gekommen waren — eine höchst drollige Szene!
Nach wenigen Sekunden hatte unser Apparat wieder seine Höchstgeschwindigkeit erlangt.
Warum war ich eigentlich so erschrocken aufgesprungen und hatte warnend »schnell« gerufen, als ob eine Rotte Abbruzzenräuber auf uns losstürzte?! Und waren doch unsere eigenen Vorfahren von vor hundert Jahren! Zeitgenossen Goethes! Er wohnte ja garnicht weit von hier, kam gewiss manchmal vorüber auf seinen Ritten. Vielleicht kannten sie ihn — hatten dem »Minister für Wegebauten« geholfen, das Feuer im benachbarten Dorf löschen — —?
Und dieser Eine, der schon das Bein auf die Mauer gesetzt hatte, war vielleicht mein leiblicher Großvater, als junger frischer Bursch? — — Ich hatte ihn als alten Mann gekannt und geliebt — gewiss hätte ich mich auch mit dem gleichaltrigen Kameraden vertragen!
Also weswegen waren wir ausgerissen, als wären wir deutsche Militärflieger, die in der Nachbarschaft von ElsassLothringen zu einer Notlandung gezwungen sind und die französische Landbevölkerung »zur Begrüßung« heranrücken sehen?
Eben, eben, es gibt doch — unbestreitbar! — unter Bauern auch arge Rüpel, und wussten wir denn, wer jene waren, die da um die Ecke bogen?! Vielleicht wäre es dem einen und andern, unerachtet aller Zeitgenossenschaft mit Goethe, doch ein Vergnügen gewesen, uns »Städter« mal tüchtig zu verbläuen und uns unsere Maschine kaputt zu machen — —
Hätte denn der Zwanzigjährige dem graubärtigen Techniker geglaubt, wenn dieser ihn als — seinen Großvater begrüßt hätte?! Hätten sie sich vertragen? Der Techniker war ein Querkopf. Von irgend jemandem wird er es geerbt haben. Am häufigsten sind bekanntlich, unter Überspringung der Eltern, Rückschläge in die großelterliche Generation.
Ergo — — — —
Das waren etwa meine stillen Betrachtungen, während wir weiterrasten. Sie führten, wie man merkt, zu einer Ungewissheit, aber auch, daraus erblühend, einer tröstlichen Aussicht: Ist nicht eine der Aufgaben der einander folgenden Geschlechter, steigende Verträglichkeit zu schaffen? — —
Der Alte hinter mir hielt sich aus Leibeskräften fest, indem er die Arme um mich presste, dass mir beinahe die Luft ausging. Es wurde immer schlimmer, je mehr er ermüdete. Die kleine Bequemlichkeit, dass ich nun sitzen konnte, wurde dadurch illusorisch gemacht, und als wieder hundert Jahre vorüber waren, da spürte ich, dass es Zeit war, nochmals zu halten. Sonst bestand Gefahr, den alten Mann in irgend einem entlegenen Dezennium zu verlieren — —
Wir befanden uns immer noch inmitten freien Feldes, genau gesprochen standen wir hart am Rand eines frisch umgepflügten Ackers.
Aber wo das Kloster gestanden hatte, in nur etwas größerer Entfernung, da erhob sich jetzt ein burg- oder schlossartiges Gebäude. Es war nicht sehr groß, aber die Reste mächtiger Mauern, die sich bis in unsere Nähe erstreckten, deuteten an, dass es früher einen imponierenden Umfang gehabt haben müsse. Offenbar hatte man auf ihnen, als Fundamenten, in späterer Zeit das Kloster gegründet, wo wir vorhin gehalten hatten. Neugierig war ich, was sich früher über diesen anscheinend unzerstörbaren Quadern erhoben haben mochte. Der jetzt noch stehende Bau war lang gestreckt, ein bisschen schmalbrüstig, mit wenigen Fenstern in den Breitseiten, Schießscharten und einem Burgfried an der nordöstlichen Ecke. Auf der uns abgewandten Seite standen mächtige Rüstern, deren Wipfel über das Dach herüberschauten. Auf der uns zugekehrten Seite aber, so weit wir sehen konnten, zog sich ein Graben drum herum, der unseren Platz mit umschloss, und der Bach, der ihn vermutlich füllte, floss ganz dicht in unserer Nähe murmelnd vorüber.
Das Schloss da vor uns war uralt, das sah man auch den noch stehenden Teilen an. Ob sie überhaupt noch bewohnt waren?
Der Techniker freilich erklärte bestimmt, es sei bewohnt, er wisse es aus seiner Chronik. Im Mittelalter sei eine weit und breit berühmte Schule darin gewesen, in welcher Lernlustige zusammenströmten, vor allem auch der Adel bis Pommern und Ostpreußen hinunter und Bayern hinauf; denn die hervorragendsten Lehrer hätten dort ihre Schätze dargeboten, vor allem hätten ein griechischer Gelehrter und ein Mathematikus geglänzt: der eine wegen seiner umfassenden Kenntnis des klassischen Altertums, der andere wegen seiner tiefgründigen Untersuchungen über algebraische Gleichungen und Kurven dritten Grades. Er versuchte sogar die Namen zu buchstabieren: Euringos oder ähnlich — das klang ja ganz griechisch und müsste wohl ?????ß?s geschrieben werden, wenn mich meine Sekundanerweisheit nicht gänzlich verlassen hat. Den Namen des Mathematikers aber kriegte er nicht mehr zusammen. Letzterer habe vermutlich den Anlass zur Bildung der AlchimistenFabeln gegeben, denn er sei zugleich ein großer Naturforscher und Schüler des Albertus Magnus gewesen. Der Techniker war freilich der Meinung, schon aus chronologischen Gründen, dass da eine Verwechslung und Zusammenschmelzung zweier Persönlichkeiten vorlag, die in Wirklichkeit getrennt existiert hatten, wie es ja bei Sagen- und Legendenbildung öfter der Fall ist. Er selbst hielt fest an der Existenz des »Alchimisten« und seines Laboratoriums.
Diese große Schule sei dann allmählich eingegangen, und die wenigen gebliebenen Lehrer, meist Mönche, hätten sich in kleineren Räumen, die sie auf den Trümmern der früheren erbauten, angesiedelt: Das war das kleine »Kloster«, das wir vorhin gesehen hatten.
Mochte nun die Anlage da vor uns bewohnt sein oder nicht, jedenfalls war sie schon in einem weit fortgeschrittenen Stadium des Verfalls begriffen und hatte ihre Glanzzeit längst hinter sich. Es war auch nicht die Spur eines lebenden Wesens zu entdecken. Im Rücken freilich war uns die Aussicht stark beschränkt durch die Weiden und Erlen, welche den Lauf des Baches in dichten Beständen säumten. — Aber dort, wo er uns entschwand, was da über die Bäume herüberragte — das kam mir ja so bekannt vor! Ich wies Niels darauf hin.
Nicht zu verwechseln! Das war ja der alte Turm, der jetzt noch stand, in dem die Gemeinde ihr Spritzenhaus untergebracht hatte! Als Jungens hatten wir allerlei Laufspiele um seine breite Basis herum arrangiert.
So alt war also dieser Herr schon, zweihundert Jahre! Noch mehr, denn er war ja auch in diesem Augenblick nicht mehr jung, wie sein gebräuntes Aussehen bewies. Merkwürdig, dass uns vorhin beim ersten Halt seine vertraute Silhouette entgangen war; die nahe Klosterwand hatte ihn wahrscheinlich verdeckt, er stand gerade in dieser Richtung.
Wir hielten nun schon fünf Minuten lang, und noch immer regte sich nichts, abgesehen von dem murmelnden Wasser und dem Wind, der leise die Weidenblätter bewegte — und den zahlreichen Lerchen, die von den Äckern in die Luft wirbelten. Und jetzt klang der vertraute Laut entfernteren Hundegebells herüber — so der richtige Dorfköter, der vermutlich neben einem Wagen hersprang. Ich sah ihn förmlich.
Und jetzt kam auch ein Knarren von ungefügen Rädern näher. Doch hörte man bloß das Geräusch der Achse, es war, als ob der Radumfang auf weicher Unterlage laufe.
Der Burggraben war längst nicht mehr gut in Stand; sein Rand war verborgen unter üppig wuchernden Sträuchern und Wasserpflanzen, die sich in einzelnen Gruppen bis zu unserem Standort heranzogen. Sie mussten voller Mückenbrut stecken, die jetzt, bei sinkender Sonne, bereits anfing uns lästig zu werden. In immer dichteren, singenden Schwärmen ließen sie sich auf uns hernieder.
Das ganze Gelände war sumpfig. Ich hatte es sofort gemerkt, denn das frisch umgebrochene Erdreich war schwarz und naß. Und um meine Sohlen, da wo ich stand, zog sich Wasser zusammen und begann schon feucht hindurchzudringen — —
Ich sah die Beine unseres Apparates an: aber ja, die waren im besten Zug, zu versinken, zumal da Niels noch auf seinem Platz saß!
Schleunigst machte ich ihn darauf aufmerksam, er sprang ab, wir zogen die Ständer heraus, rückten sie etwas seitwärts — und noch ehe sie Zeit hatten, von neuem zu sinken, waren wir droben, ich diesmal wieder hinten auf »Stehplatz« — und der Zeiger setzte sich in Rotation.
Gerade im Augenblick, wie der schwarze Spitz, den ich vermutet hatte, tatsächlich kläffend hinter dem Erlengebüsch hervorkam, um in gestreckter Karriere sofort auf uns loszusausen.
Nun musste er wieder zurück; wie auch der Ochse, der seinen dicken Kopf mit dem Stirnholz in wiegendem Rhythmus schon hinter demselben Gebüsch hervorzuschieben begann.
Diesmal erreichten wir das schnellste Tempo nicht, denn wir sanken — sanken — —
Der sumpfige Morast berührte schon meine Fußspitze, wenn ich mein unbeschäftigtes Bein frei hängen ließ.
Wir hielten einen Augenblick, denn es schien zu gefährlich, einfach weiterzurasen.
Der Techniker meinte, es sei eigentlich unmöglich, wie könne da Sumpf gewesen sein, wo doch das Alchimistenzimmer gestanden haben müsse!
Nun, das schien mir so unmöglich nicht. Der Sumpf brauchte sich ja nur zeitweise ausgebreitet zu haben, vorhin hatten wir ja auch nichts von ihm gemerkt, da war er also schon wieder zurückgetreten gewesen. Ebenso durften wir in der vor uns liegenden Vergangenheit — man merkt, wie sich mein begriffliches Denken an die Bedingungen des Zeitreisens schon gewöhnt hatte! — also ebenso durften wir hoffen, in der vor uns liegenden Vergangenheit wieder festen Boden unter den Füßen zu finden.
Meine Überlegung wurde bestätigt, viel rascher, als ich selbst erwartet hatte: sofort!
Kaum trödelten wir ganz langsam, sodass wir die Umgebung im Auge behalten konnten, fünf Jährchen weiter — zehn Minuten auf jedes Jahr! — da waren wir zwar nur noch tiefer in den Humus geraten, und die Fliegenschwärme schossen während der nur sekundenlangen sonnigen Sommernachmittage und Abende wie richtige Schrotladungen uns um die Köpfe, besonders mir, der ich am exponiertesten stand — — Aber da hatte auch schon mein linkes Auge, denn das rechte war von zahllosen Mückenstichen verschwollen, es erspäht, dass in kaum einem Meter Abstand von unserem Platz das Land fest war.
Also nun konnten wir ohne Gefahr wieder lossausen, und nach einer starken Viertelstunde begannen wir wieder zu steigen — heißt natürlich: Die Umgebung sank, denn unser Apparat blieb während der Fahrt immer »absolut« an seinem Ort, in so und so viel Meter Meereshöhe! — und stiegen eine Viertelstunde lang, und die Mückenschwärme verschwanden, und mein rechtes Auge taute wieder auf.
Und wie wir nun Halt machten, da taute auch mein eingeschlafenes rechtes Bein auf, und wir stiegen ab, und es war uns ein leichtes, die Maschine völlig aus dem lockeren Boden zu ziehen, in dem sie doch noch etwa siebzehn Zentimeter tief drinsteckte.
Wir hatten auf dieser Etappe, obwohl sie länger als die früheren, reichlich zwei Stunden, dauerte, doch nur an fünfzig, sechzig Jahre zurückgelegt. Das schlechte Gelände war schuld, weil wir da so langsam und vorsichtig hatten fahren müssen.
Es musste gegenwärtig der Dreißigjährige Krieg toben — —
¤
Das Schloss stand noch. Ein flügelartiger Anbau in der Richtung auf uns zu war vorhin noch nicht da gewesen. Nur auf Andeutungen des Grundrisses glaubte ich mich zu besinnen: Steinhaufen, die ich zwischen den Busch- und Pflanzengruppen hatte hervorleuchten sehen in der Dämmerung des Nachmittags. Er war wohl in der Zwischenzeit zerstört worden, baufällig genug sah er aus.
Es machte den Eindruck, als sei er einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Ein paar Dachsparren, drüben wo er ans Hauptgebäude stieß, ragten so verdächtig in die Luft. Die verkohlte Kruste konnte im Laufe der Jahre herabgewittert sein. Die Fensterhöhlung darunter trug unverkennbare Brandspuren. Und in der winkligen Ecke, wo die Seitenwand des Flügels mit dem Mittelbau zusammenstieß — —
Da hatte der Techniker es schon entdeckt:
»Hatte ich nicht recht?! Das ist's, es sind nur die Brocken, aber hier hat's gestanden! Wir können keine fünfzig Jahre mehr davon entfernt sein!«
Die letzten Worte rief er uns schon von der Stelle aus zu, die er nach einigen kletternden Sprüngen über umherliegende Mauertrümmer erreicht hatte.
Nämlich der Bau stand etwa einen Meter erhöht auf einer mit Erde hinterschütteten Mauerböschung, deren Reste bereits bei unserem vorigen Halt meine erstaunte Neugierde geweckt hatten: was wohl ihre richtige Bestimmung gewesen sein mochte. Eine Wand des Raumes war, wie gesagt, ganz, eine zweite teilweise eingestürzt, dass die Reste des Daches beinahe frei in der Luft schwebten. Die herabgefallenen Ziegelsteine und Kalkbrocken waren es, die uns in der immer noch sumpfigen Umgebung, ganz dicht beim Graben, festen Boden unter den Füßen verliehen.
Da hinauf war der Techniker geklettert, und nun hockte er in der bezeichneten Ecke vor einem ziemlich gut erhaltenen steinernen Aufbau, der schon von unten einem Herd glich. Nun rief er uns mit lauter Stimme zu sich.
Ich folgte ihm, während Niels zur Sicherheit bei unserer Maschine zurückblieb und uns gleichzeitig riet, nicht zu laut zu werden, denn man könne nicht wissen, wer in der Nachbarschaft sei, ob Freund oder Feind — Wallensteiner oder Schwedische! —
Der Rat war durchaus angebracht, denn der Techniker schien den Dreißigjährigen Krieg, überhaupt unsere ganze etwas fragwürdige und deplazierte Situation, vergessen zu haben, natürlich weil er glaubte, den ersehnten Herd des Alchimisten gefunden zu haben, und ließ uns am Fortschritt seiner Erkundungen und Schlüsse im lautesten Selbstgespräch teilnehmen.
Erst wie ich hinaufkam und ihn beschwichtigte, wurde er vorsichtiger.
Wortlos wies er auf einige zusammengestellte Steine, die deutlich geschwärzt waren, sodass es wirklich aussah, als ob sie ein Feuerloch oder einen Aschenraum gebildet hätten.
Ebenso wortlos wies ich auf die Wände, die an vielen Stellen ebenso geschwärzt waren, um die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit einer allgemeinen Feuersbrunst anzudeuten.
Wie zur Bestätigung fiel ein ansehnliches Stück schwarz verkohlter Dachsparre herunter, hart an unseren Köpfen vorbei — —
Aber er schien die Spürkraft eines Archäologen entwickeln zu können, deutete auf eine gusseiserne Platte, die halb aus dem Boden herausragte und irgend ein mir rätselhaft bleibendes Relief erkennen ließ; wies dann auf die Wand über dem vermeintlichen Herd, mit einer Bewegung beider Arme ein spitz zulaufendes Dreieck andeutend, das wirklich, in Ruß geschwärzt, deutlich da zu erkennen war: der Rauchfang!
Und schließlich konnte er sich doch nicht mehr halten und versicherte mir, er habe schon mit den Händen zwischen den Steinen auf dem Boden hinuntergewühlt, so weit er konnte: es sei das Stück Rauchfang in Niels' Neubau, und er habe es ja gleich gewusst, es sei genau die Stelle! Wenn ich's nicht glaubte, bräuchte ich bloß nachzugraben!
Natürlich war meine Opposition bloß ein Mittel gewesen, um ihn triftigere Argumente vorbringen zu lassen, und so gab ich mich gern gefangen.
Er geriet in einen Zustand fieberhafter Aufregung, nur mit Mühe konnten wir ihn von dem Ofenloch wegholen, um uns zu helfen, den Apparat hier herein und herauf zu transportieren, wo er noch geschützter stand und außerdem eine interessante Entwicklung der Dinge für uns zu erhoffen war. Und noch mehr Mühe kostete es, ihn glücklich in den Sattel zu befördern, obwohl doch dies allein ihn der Verwirklichung seiner Wünsche näher bringen konnte!
Eigentlich wäre ja jetzt die Reihe an mir gewesen, zu »sitzen«; aber mit Rücksicht auf den Zustand des Technikers okkupierte ich wieder den Stehplatz hinten. Wir wären doch nie sicher gewesen, dass er uns während der Fahrt nicht absprang, um die Entwicklung des »Schmelzofens« näher zu beaugenscheinigen. Und das hätte endlose Scherereien gegeben, ihn wiederzufinden; denn während der Fahrt selbst war stets der »Verwandlungshebel« umgelegt, sodass wir der Umgebung unsichtbar blieben, beim Verlassen des Apparates aber auch selbst in der Umgebung verschwunden wären.
Wenn ich ihn so vor mir hatte, konnte ich seine Bewegungen besser kontrollieren, und zur Sicherheit legte ich meine Arme noch fester um seine breite Brust, als er es vorhin bei mir getan hatte.
Er schien es kaum zu spüren, seine Lebensgeister schienen sich umso kräftiger zu regen, je länger wir fuhren, und wenn er doch abgesprungen wäre, aus dem Sattel, so wäre der Effekt höchstens der gewesen, dass er mich mit heruntergeworfen hätte!
Sein Kopf fuhr nach rechts und links, und seine Augen waren überall, dass ihnen nur ja nicht das Geringste entgehe.
Merkwürdig genug war ja auch, was nun kam, und wenn ich heute an diese Phase unserer Fahrt zurückdenke, so kriege ich eine Gänsehaut.
Hätten wir mit etwas mehr Überlegung gehandelt, so hätten wir es voraussehen müssen und wären nicht so unklug gewesen. Aber der Techniker hatte uns mit seiner Aufgeregtheit auch angesteckt.
Es dauerte nicht lange, so begann es um uns herum sich zu regen — —
Das heißt: nicht von Menschen oder sonstigen Lebewesen — ich hatte nichts als ein paar Eidechsen angetroffen, die sich auf den Steinen sonnten — vielmehr begann es, was viel unheimlicher war, in der toten Materie um uns herum! — — —
Denn was da jetzt in Schutt und Moder lag, das musste ja, da wir rückwärts fuhren, nun alles wieder — »werden!«
Wir fuhren langsamer, um zu sehen, was es sei, denn wir durchschauten die wahre Ursache nicht gleich.
Niels erkannte sie zuerst und die drohende Gefahr. Sofort setzte er still und wollte wieder aus dem Raum hinaus, ins Freie, wo wir zuerst gewesen waren.
Darüber war der Techniker, der seinen Ofen aus den Augen verlieren sollte, untröstlich; und eigentlich erschien es auch mir nicht allzu heikel, man konnte ja erst einmal abwarten, wie arg es kommen würde, und dann immer noch fliehen. Vorderhand sah es harmlos und recht lustig aus. Mit den Dachsparren fing es an.
Das frei daliegende Bruchstück, das vorhin heruntergefallen war, schoss auf einmal, kaum dass es sich erst ein bisschen zurechtgerückt hatte, senkrecht in die Höhe, pfeilgeschwind, und vereinigte sich droben mit dem überstehenden Rest!
Andere folgten mit unglaublicher Schnelligkeit, und ehe wir uns versahen, war ein gutes Stück Dach wieder restauriert!
Der verbindende schwere Querbalken hatte unter unserer Maschine gelegen, von kleinem Gebröckel bedeckt, das inzwischen auch verschwand, wie es im Laufe der Zeit dahingeweht war. Wir ahnten nichts schlimmes, guckten belustigt in die Höhe, dem Zauberspuk zu — — da wollte auch d e r sich erheben — — mit unwiderstehlicher Gewalt kippte er die Maschine auf die Seite, dass wir drei beinahe heruntergeflogen wären — — doch kamen wir wieder ins Gleichgewicht, standen bloß fortan ein bisschen schief.
Wie wir verdutzt hinaufsahen, war er droben, in etwas gewagter Stellung freilich; nur schwer konnten wir uns von dem Eindruck losmachen, er müsse wieder herunterprasseln — — es ging ja doch jetzt alles verkehrt zu!
Mir hatte das Holz beim Vorübersausen einen ekligen Denkzettel hinterlassen, in Gestalt eines blauen Flecks am Schienbein, welches Bein bekanntlich besonders empfindlich gegen so unsanfte Berührung ist.
Es blieb mir nicht viel Zeit, um zu reiben und das Gesicht zu verziehen — denn beinahe im selben Moment kriegte ich einen derben Schlag gegen den Ellbogen, von einem Dachziegel, der seinen Ort in der Höhe suchte. Andere Steine, welche die Mauern gebildet hatten, folgten, fügten sich aufeinander, die Türöffnungen säuberlich offen lassend, auch ein Fenster war bereits »gewachsen«. Hart hinter uns begann eine dünnere Zwischenwand samt Tür aus dem Boden zu steigen und das Gemach abzutrennen, in dem wir uns befanden. Ich musste meinen Fuß rasch zurückziehen, sonst hätte ich jetzt Gelegenheit gehabt, zu erfahren, wie es tut, wenn sich die Fußmoleküle mit denen einer Backsteinwand durchdringen — —
Vielleicht noch ungemütlicher wurde es, als nun der Wand- und Deckenbewurf sich vom Boden erhob. Die d i c k e n Geschosse ließen nach, aber — —
Jiiiiij! — — Das tat nicht gut! Wie auf Kommando zogen wir die Beine hoch und schnitten schmerzlich erschrockene Gesichter.
Wie beim Beginn der Fahrt der in Wasserfluten »heraufströmende« Regen, so suchte nun der hinaufstrebende Mörtel seinen Weg durch — unsere Hosenröhren! Er hat uns allen Dreien die Haut eklig zerschunden, denn die beigemengten Kies- und Sandpartikel wirkten wegen der enormen Fixigkeit wie eine Kombination von Schmirgelpapier, Raspel und Reibeisen! Schnellstens banden wir die Hosen unten mit Schnüren zu.
Es war jetzt freilich kaum mehr nötig. Dieser eine Schub muss aller Kalk gewesen sein, der an der Stelle von der Decke heruntergefallen war. Wir stimmten aber alle drei in der Meinung überein, es müsse ein ganz besonders dicker Kalkklumpen ausgerechnet über uns gehangen haben.
Ein fürchterlicher Staub wirbelte um uns herum, dicke Wolken — die aber, wenn man sie näher beobachtete, von Wänden und Boden in breiten Flächen sich ablösten und sich nach den Stellen hin zusammenzogen und verschwanden, wo gleich darauf ein Stück Holz oder Stein seine Fahrt entgegen der Schwerkraft begann! Alles umgekehrt!
Aber Staub, erstickender Staub war es, trotzdem er uns nicht beschmutzen konnte, weil ja jedem Stäubchen sein Ort schon vorher zugewiesen war! Und auch das Gerappel der Dachziegel, die sich jetzt in einem wahren Regen nach oben vom Boden aufhoben, war genau so ohrenbetäubend, als wenn es in richtiger Reihenfolge sich vollzogen hätte!
Es herrschte ein fürchterliches Tohuwabohu von kreisenden Holzstückchen, die noch immer massenhaft aus dem Schutt des Bodens auftauchten, fliegenden Steintrümmern und Dachpfannen, Staub und Lärm — — und da — das war doch kein Staub, das biss ja in der Nase — wie Rauch!
Und schon sah ich durch den dichter werdenden Qualm ein düsteres Rot, hierhin und dorthin huschend, auf dem Boden, von den noch reichlich da liegenden Holzhaufen ausgehend — und schon züngelten Flämmchen, flogen brennende Scheite uns um die Köpfe, sengten uns Kleider und Haar — —
Da schlugen große Flammen auf, auch über uns — — die Feuersbrunst!
Jetzt aber halt — — und hinaus!
Wir hielten.
Ja, wenn wir jetzt noch hinaus gekonnt hätten! Es war zu spät, die Mauern waren schon viel zu hoch gediehen, auf allen vier Seiten! Die einzige Tür, die ins Nebenzimmer führte, war vom Qualm versperrt, der ganze Boden mit glühenden rauchenden Trümmern übersät — — wir hätten nicht einmal von unserer Zeitmaschine herunter gekonnt, wir durften froh sein, dass sie so hohe Ständer besaß!
Und dann hörten wir ein Geräusch, das uns beinahe noch größeren Schrecken einjagte als die prasselnden Flammen ringsum: Kriegslärm draußen — einen verzweifelten Schrei — noch einen — — — lärmendes Getrampel von Soldaten, Flüche, dazwischen Schüsse, die näher kamen, mit dem Rumpeln einer großen Trommel — —
Einzelne Gestalten tauchten in der Türöffnung auf — ein ganzer Klumpen — flüchtig, denn die Glut brannte schmerzhaft — jemand tat einen Schritt herein, ein phantastisch aufgeputzter Krieger, spähte umher, bückte sich dann flink, etwas ergreifend, etwas Glänzendes — aber wie er sich eben erheben wollte, da war schon einer von hinten an ihn getreten, fasste ihn derb an der Kehle, griff nach dem Fund. Der Erste nestelte sein Seitenschwert heraus, stach nach oben — jener gab ihm einen Stoß, dass er hereinflog, gerade gegen unsere Maschine zu — —
Ganz mechanisch hatte da Niels bei dieser Szene schon das Zeigerwerk in Bewegung gesetzt, schnellste Gangart — und wir sausten hinein, mitten in die Lohe!
Wir fuhren hinein, mitten in die Feuersbrunst.
Wie mit einem Schlag erhob sich plötzlich in einer Feuersäule der ganze brennende Boden rings um uns und fuhr hinauf — das Dach bildend. Und dies begann zu glühen und zu krachen, dann schlugen die Flammen heraus.
Wir standen lebendig in einem Glutofen. Hinaus konnten wir nicht, obwohl jetzt der Weg zur Tür frei war, denn von draußen schallte Geheul und Kampfestoben verstärkt herein. Die Maschine zurückdrehen konnten wir auch nicht; all das glühende Zeug, das glücklich droben hing, wäre uns ja wieder auf die Köpfe gefallen. Ja, vorhin, da hätten wir das tun sollen, aber da hatte Niels ganz instinktiv gehandelt, es hatte keiner von uns dreien an diese Möglichkeit auch nur gedacht, wir waren viel zu entsetzt über die unerwarteten Kriegsgräuel.
Schon war auch das Ärgste überstanden, immer mehr füllten sich die Lücken oben im Dach, die Flammen verdrängend; und wo sie
gänzlich erloschen, da zeigten sich — reinliches, ungeschwärztes Mauerwerk, ohne Spalten und Löcher, solides Gebälk, das die gut geweißte Decke durchzog — — und schließlich standen wir in einem kühlen, fertigen Gemach.
Das Feuer war aus — vielmehr noch nicht an! Auch die Soldateska war fort — vielmehr noch nicht da!
Aufatmend hielten wir einige Minuten still. Zu unserer nicht geringen Verwunderung hatten wir kaum Schaden genommen, wenn wir von einigen Brandwunden absahen und mehreren Beulen und blauen Flecken, welche Balken und Steine beim Aufwärtssausen ausgeteilt hatten. Unsere Kleider rochen versengt, es ist wahr.
Ja, so ist der Mensch: kaum fühlt er sich in einiger Sicherheit und Gewissheit, gleich regt sich der Widerspruchsgeist der Verneinung in ihm. Also fragte ich den Techniker nicht ohne Spott, ob er jetzt genau wisse, woher die Brandspuren rührten?!
Die Blamage für diesen meinen Vorwitz musste ich sofort einstecken, denn — er brauchte bloß den Arm auszustrecken, um die Tatsachen für sich sprechen zu lassen: Da stand der Herd, ein Rauchfang spitzwinkelig darüber — —!
Freilich, von einem Alchimisten war nichts zu merken, weder von Tiegeln noch Retorten. Nicht einmal Feuer war auf dem Herd, obwohl doch das ganze Häuschen eben noch lichterloh gebrannt hatte! Überhaupt sah es noch keineswegs wohnlich aus, was mir ein Trost war: so war es doch bei dem Überfall unbewohnt gewesen! An den Wänden fehlte der Bewurf quadratmeterweise, von Anstrich gar nicht zu reden. Die Fenster waren nackte Löcher. Aber während wir mit mäßiger Geschwindigkeit noch einige Jahre durchfuhren, da reihte sich Kalkpartikel an Kalkpartikel, unmerklich, aber die stumpfen Ecken der Wände und Nischen schärften sich, und wohlgerahmte Fenster fügten sich an ihre Stellen. Deren Wiederentstehung hätte mich besonders interessiert, aber unser Tempo war für die Aufnahme von Details doch immer noch zu rasch, ich hörte nur mehrmals ein Klirren wie von zersplitterndem Glas. Vielleicht war da die entsprechende Umkehrung am Werk.
Wir verzögerten unser Tempo noch mehr und merkten bald an allerlei Lauten, dann und wann vorüberhuschenden Bewegungen, dass der Raum nunmehr bewohnt sei. Einmal streifte jemand dicht an mir vorüber, es war beinahe, als ob er durch mich hindurchgegangen sei, ohne dass ich doch etwas Festes spürte! Es ist kein Grund einzusehen, weshalb dies nicht wirklich der Fall gewesen sein sollte.
Niels ließ noch langsamer laufen und hielt endlich an.
Es war Nacht.
Den Techniker duldete es fast nicht mehr in seinem Sattel, er wollte hinunter, hinein, hinaus, zum Alchimisten, ins Laboratorium, das er da endlich vor sich glaubte.
Schade nur, dass es so dunkel war, man konnte keine Hand vor den Augen sehen. Natürlich hätte er gern »geknipst«, er hatte schon in die Rocktasche gelangt, nach dem Lämpchen, aber wir hatten ihn rechtzeitig verhindert. Wir wollten etwas vorsichtiger verfahren; übrigens musste der Mond bald aufgehen.
Er glitt trotzdem schon wieder herunter — Niels fand gerade noch Zeit, den Verwandlungshebel herumzulegen — und wir hörten ihn im Dunkel des Zimmers tappen.
Doch ging jetzt der Mond auf.
Von dem einen Fenster links fiel sein helles Licht durch die kleinen, oft geteilten Scheiben herein, zog einen breiten bleichen Strich schräg über den Boden, über das Stück Wand an der Ecke und über ein Bett, das da stand. Daneben war die Tür ins anstoßende Zimmer. Dem ersten Fenster gerade gegenüber war ein zweites, nicht größer, beide in den tiefen Nischen der dicken Mauern, dass für die eigentliche Länge des Zimmers doch kaum mehr sechs Meter übrig blieben; in der Breite maß es etwa drei Meter. Der Ofen stand in seinem Winkel, aber nach Alchimistenküche sah es trotzdem nicht aus, so viel der Techniker auch schnupperte und suchte. Ein paarmal war er schon ziemlich laut gestolpert, über Stiefel, einen Stiefelknecht, einen derben Stuhl.
Jetzt stand er vor dem Bett. Er schien noch gar nicht recht erkannt zu haben, was es war, oder er vermutete hinter dem Vorhang die vermissten Goldmachergeräte, kurzum, er wollte die beiden Hälften eben zurückschlagen, um doch mit seinem Laternchen die Finsternis zu durchdringen — — da taten sich diese auf, im Streifen Mondlicht deutlich erkennbar — — und eine Schlafzipfelmütze erschien, und ein kreideweißes Gesicht konnte ich unterscheiden, das entsetzte Augen auf den Graukopf vor sich heftete:
»Der — der — Alchimiste! Alle guten Geister — — was — wollt — Ihr — von mir?«
Er schlug ein Kreuz, zwei, drei Kreuze, war aber gleich aus dem Bett.
Der Techniker hatte über diese groteske Verwechslung, dass nun er, der den Alchimisten suchte, selber dafür gehalten wurde, einen mindestens ebenso großen Schrecken gekriegt.
Im Nu war er drüben bei uns und wieder im Sattel, also für den armen Erschrockenen spurlos verschwunden.
Der starrte noch eine Zeitlang ins leere Dunkel, dann prüfend ins Mondlicht — rieb sich die Augen — ging ans Fenster — machte mit Stahl und Schwamm sehr geschickt ein Talglicht an, leuchtete unters Bett, probierte den Riegel an der Tür — und legte sich endlich zögernd wieder nieder. Das Licht ließ er brennen.
Nach fünf Minuten tauchten seine große Nase und die gutmütigen Äuglein, im Licht zwinkernd, nochmals in der Vorhangsspalte auf. Für drei Sekunden.
Der Schlafende war noch jung, wohl ein Zögling der berühmten Schule, die dann auch, wie so vieles Gute, in der verwünschten Narrheit des Dreißigjährigen Krieges zu Grunde ging.
Bei dem Halbdämmer der Kerze konnten wir uns ein wenig umsehen. Die Wände waren düster grün gestrichen. Die Einrichtung war so simpel wie möglich. Am luxuriösesten sah noch das Bett aus, wegen des Kattunvorhangs. Tisch, Stuhl und Kleiderhaken waren von derber schmuckloser Arbeit.
Wir fuhren langsam noch ein Weilchen »mit« der Zeit, um zu sehen, was der Überfallene am nächsten Morgen machen würde. Ich sah ihn auch auf einmal dicht neben mir. Er hatte mit einer Hand seine kräftige Nase gefasst, die Gurgel darbietend, und in der andern hielt er ein blankes Messer — —
So sah ich ihn — wir fuhren mit etwa zehnfacher Zeitgeschwindigkeit! — blitzschnell griff ich nach vorne, über den Techniker und Niels hinweg, um still zu setzen. Ich erwartete nichts anderes, als der junge Mensch werde sich im nächsten Moment, wegen des Vorfalles heute Nacht — die Kehle abschneiden!
Er war aber bloß im Begriff, sich zu rasieren — —
Recht stoppelig sah er schon aus.
So steuerten wir wieder rückwärts, in die Vergangenheit, und begleiteten unseren ersten »mittelalterlichen Menschen« — denn er lebte vor dem Dreißigjährigen Krieg — noch ein ganzes Stück weg, auch einige seiner Mitschüler und Vorgänger, aber so rasch, dass von ihrem Dasein bloß ein Wirrwarr uns als Eindruck blieb.
Der Techniker war nun fest überzeugt, dass wir noch ein ganzes Ende zurück mussten bis zum Alchimisten. Er lachte selbst, dass er ihn hier schon erwartet und gesucht hatte; der Gefundene mit der Nase war ganz gewiss keiner.
Ich vergaß zu bemerken, dass ich noch immer stand. Das brennende Haus hatte ich hinten auf dem Zapfen stehend durchfahren, mit e i n e m Bein! Sich in solcher Situation zu beherrschen, da nicht abzuspringen oder wenigstens auszuweichen, sondern unentwegt Balance zu wahren! Ohne mich rühmen zu wollen darf ich sagen: es war eine Leistung!
Der Techniker schien sich auf seinem Sitz heimisch und äußerst wohl zu fühlen und dachte nicht ans Wechseln!
Wir fuhren etwa fünfzig Jahre durch und hielten dann.
Es war wieder gerade Nacht, aber ein Lämpchen brannte, von der im Düster verschwindenden hohen Decke herunter, an drei Eisendrähten aufgehängt, die aus einzelnen Gliedern mit Ösen zusammengefügt waren. Sein Docht wurde vermutlich mit Rüböl gespeist und strahlte ein für uns verwöhnte Neuzeitler nur höchst dürftiges Licht aus — man konnte es kaum »strahlen« nennen. Wir brauchten einige Zeit, um uns zurecht zu finden.
Wortlos standen wir und strengten die Augen an.
Es war derselbe Raum, aber er war jetzt wirklich eine Alchimistenküche. Zweifellos. Mörser mit dicken Stößern standen umher, Felle, Mumien und Gerippe hingen an Wänden und Decke.
Hinten im Herd brannte Feuer; eine bauchige Tonretorte, einem Dudelsack nicht unähnlich, war darüber aufgehängt, deren Hals in eine ebenfalls aus Ton geformte kugelige Vorlage mündete. Auch roch es sehr chemisch. Und ein Mann stand dabei, wir sahen von hinten nur seinen langen schön geblümten, schlafrockähnlichen Mantel mit einem mehrfach herumgeschlungenen Strick samt Quasten, alles anscheinend aus sehr gutem Material. Eine merkwürdig geformte Mütze hatte er auf, an die Jakobinermütze der französischen Revolution erinnernd. Eine Zeit lang stand er gebückt am Herd, den Aufbau dort beobachtend, und drehte sich dann um.
Ob das »der Alchimist« war?!
Es war ein noch junger Mensch mit hübschem Gesicht, aber unbedeutend, wie mir vorkommen wollte. Jedenfalls hatte ich mir einen Alchimisten anders erwartet. Seit Habit stand ihm vorzüglich, er sah eigentlich »furchtbar modern« darin aus, so gar nicht in diese abenteuerliche Umrahmung passend — oder doch, wie ich mich sofort berichtigte, eigentlich sehr wohl hinein passend! Gibt's nicht heute reiche Herren, die sich so ein Raritätenkabinett zusammenkaufen, sich dann auf einer CookReise in Algier, Tunis oder Palästina oder auch im OrientBasar einen PaschaDress erstehen oder noch einfacher bei ihrem Schneider neu bestellen — und sich dann zu ihren Teppichen, Schlangenhäuten, Eberzähnen, Tigerfellen, Ritterrüstungen, Töpfen aus Troja, Vasen aus Pompeji, Bibeln vom Sinai, Rosen aus Jericho usw. usw. setzen, um eine »Upman« zu rauchen?!!
An eben diesen Typ erinnerte mich unser Alchimist.
Er begann im Zimmer hin und her zu gehen, bedächtig, vor sich niederblickend und die Hände in weiten Taschen seines Schlafrocks vergrabend. Dabei wich er jedes Mal einer gewaltigen Krokodilshaut aus, die gerade in der Mitte des Zimmers von der Decke bis tief hernieder hing, ebenfalls an gegliederten Eisendrähten wie das Lämpchen.
Es musste eigentlich recht unbequem sein, aber es schien ihm bereits zur zweiten Gewohnheit geworden.
Wir folgten ihm mit den Augen, wobei uns das herunterhängende Krokodil ebenfalls störte, wie er nach jeder zweiten, dritten Tour vor einem Gestell, dem Herd gerade gegenüber, stehen blieb. Er diente wohl statt des Tisches, denn ein solcher war nicht mehr da; bloß ein breitarmiger, bequemer Stuhl, davor ein raffinierter Schreibtisch mit auffallend viel Papier, in dem Regal dahinter abgegriffene Schweinslederne.
Also vor dem Gestell machte der Wandelnde nach Intervallen halt, nahm die Hände aus den Taschen, legte sie um einen darauf stehenden deckellosen Krug, wie man sie als irdene Einmachtöpfe auch heute noch kennt, und murmelte etwas, das nicht lateinisch und nicht chinesisch klang. Wahrscheinlich irgendwelcher Hokuspokus.
Wie er sich wieder in Bewegung setzte, stieß mich der Techniker an und deutete auf das Gestell, das rechterhand von mir stand.
Außer dem Krug waren da noch einige unförmige Retorten, feisten Schinken nicht unähnlich; ferner ein halbmeterhoher Mörser, auf dem Boden daneben, denn er wog mit dem Stößer zusammen gewiss drei Zentner — ja, richtig, und eine einfache Waage, wie sie heute die Apotheker noch benutzen, die Waagschalen aus Horn an drei grünen Schnüren aufgehängt. Etwas Besonderes fiel mir weiter nicht auf, in den engen Krug konnte ich unmöglich gucken, so sehr ich auch den Hals reckte. Deshalb kehrte mein Blick fragend zu dem Techniker zurück. Er klärte mich auf:
»Was da auf der Waagschale liegt! Können Sie nicht erkennen, was es ist?«
Ich wippte mich auf die Spitze meiner großen Zehe — man erinnert sich, dass ich noch immer hinten auf unserer Zeitmaschine auf einem Bein stand, das nun doch allgemach einzuschlafen begann — reckte den Hals noch weiter vor: Ja, es war etwas Glänzendes, Metallisches; wenn ich nur zehn Zentimeter näher — — —
Der Alchimist war inzwischen wieder herangetreten und hatte die Hände aus den Schlafrocktaschen genommen.
Da hatte ich mich schon zu weit vorgebeugt, verlor das Gleichgewicht und konnte mich nicht mehr halten: mit einem kleinen Gepolter war ich unten.
Nun, man kann es wahrhaftig nur mit Mühe nachfühlen, wie dem armen Kerl da in seinem fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhundert zumute gewesen sein muss, wie auf einmal ein städtisch gekleideter Zwanzigstjahrhunderter rein aus dem Nichts vor ihm »erschien« — — Ich trage zudem den Schnurrbart à la »Es ist erreicht!!« — —
Gerade hatte er wieder seine Beschwörungsformel gemurmelt und die Arme gegen den Krug, d. h. in meiner Richtung ausgebreitet — als ich, wohl mit ziemlich großen Augen, vor ihm stand!
Er verstummte und hielt die Hände noch einen Augenblick ausgestreckt, wie um mich zu umfangen. Zischte dann — entsetzt, erschrocken, zweifelnd besessen, giftig, fragend, beseligt, abweisend, bewundernd, was weiß ich:
»Satanas — Sa — ta —nas!«
und ließ die Arme langsam sinken, mich mit ebenso runden Augen anstarrend, wie ich ihn.
Es muss ein Bild gewesen sein! — — —
Da fühlte ich aber auch schon, wie Niels mich von hinten packte — der Verwandlungshebel war nicht umgelegt worden! — er tastete einen Moment, hatte dann meinen Kragenzipfel fest in der Hand und zog mich heran, wobei ich gleich des Technikers kräftige Faust spürte, dass ich auf irgend einen Querbalken unserer Maschine zu liegen kam: rücklings.
Da fühlte ich schon, wie Niels mich von hinten packte.
Und um die Wirkung voll zu machen, stieß ich auf diesem tumultuarischen Rückzug irgend einen Topf um, der da neben dem Gestell gestanden hatte, eine Flüssigkeit ergoss sich daraus über den Boden, über ein Häufchen unscheinbares Pulver, das da gelegen hatte — — und — —
Ja, diesen Geruch würde ich noch kennen, und wenn ich bereits tausend Jahre aus Sekunda entlassen wäre, wo man mir zum ersten Mal das Geheimnis seiner Entstehung beigebracht hat und wir das neuerworbene Wissen gleich zur Bereitung einiger liebenswürdiger Überraschungen für vielgeärgerte Mitmenschen ausnutzten: Schwefelwasserstoff!
Für den Alchimisten war ich hiermit verschwunden, wir aber sahen ihn noch stehen. Nun sperrte er auch den Mund auf. Dieser effektvolle Abgang hatte ihn vollends überzeugt und er rief halblaut:
»Satanas! Er selber war es! Mit Gestank ist er zur Hölle niedergefahren!«
Alle Zweifel, die etwa mein unhöllisches Exterieur und mein guter wohlgepflegter Schnurrbart noch in ihm zurückgelassen haben mochten, schienen geschlagen; verzückt schaute er mir nach, ins Leere, dass er die umgestürzte Flasche auf dem Boden gar nicht sah, und setzte froh und selbstbewusst hinzu:
»Er wird wiederkommen, meine Beschwörung hat ihn gezwungen!«
Erst dann wandte er sich ab und hielt sich die Nase zu, wahrscheinlich, damit Satanas es nicht sehen und übel nehmen sollte! Wir drei hielten uns ebenfalls die Nasen zu, ich immer noch in der unbequemen Lage auf dem Rücken, wie ein Mehlsack auf dem Esel.
Der dumme Kerl ahnte nicht, dass wir in der folgenden vorhergehenden Nacht in seiner Küche leise halt machten, abstiegen und Plätze wechselten. Hätte er wenigstens auf dem Boden nachgesehen, von wo der Gestank herkam, so hätte er noch eine chemische Entdeckung machen und etwas lernen können. Dafür war er viel zu faul, der dumme Kerl!
Es dauerte geraume Zeit, bis aller süßlichfaulige Geruch aus unseren Nasen und Kleidern so weit vertrieben war, dass wir wieder frei atmen konnten. Und lachen! Denn unsere bisherigen Abenteuer im Alchimistenzimmer waren doch zu komisch! Erst wird der Techniker selber für den Alchimisten gehalten, und nun gar ich, der ich mich im Allgemeinen für einen leidlich gut gearteten Menschen ausgebe, für Satan in Person!
Nach zwanzig Jahren hielten wir wieder still, denn wenn der »Alchimist« eben einen älteren Vorgänger gehabt hatte, so durften wir diesen jetzt anzutreffen erwarten.
Das Gemach war ziemlich unverändert, Herd und Gestell, Retorten, Gläser, Mörser, Pulverbüchsen, Lesepult, Bücherregal, Gerippe und Präparate. Bloß die Krokodilshaut und viele andere Raritäten waren fort, sodass wir umso freier Umschau halten und alle Vorgänge ohne Schwierigkeit verfolgen konnten.
Im Herd brannte Feuer. Ein zehnjähriger Junge in roter Jacke mit Bauschärmeln und gelben, eng anliegenden Kniehosen stand daneben, hielt sich an einem in der Wand befestigten Ring fest, um nicht zu fallen, und setzte mit beiden Füßen abwechselnd tretend das Gebläse in Gang, dass die Bälge fauchten, die Flammen in dem geschwärzten Trichter des Rauchfangs prasselten und ein in den Kohlen stehender Tiegel hellrot glühte. Eine Retorte von derselben Machart wie die vorhin stand dabei auf eisernem Dreibein am Herd, und braune, stickig riechende Dämpfe krochen aus dem abwärtsgekehrten Hals hervor. Der Techniker schnupperte:
»Stickoxid!«
Ich war sprachlos! Der schien ja auch chemische Kenntnisse zu haben!
Zuerst war nichts Lebendiges im Raum, außer dem Bälge tretenden Knaben, dem prasselnden Feuer und der rauchenden Retorte.
Dann regte sich etwas, in der Richtung, wo der Junge bei seiner Beschäftigung unverwandt hinschaute.
Ja natürlich, da saß ja ein Etwas hinter dem hölzernen Lesepult, das hier die Stelle des eleganten Schreibtisches vertrat; auf einen gewaltigen Folianten niedergebeugt, dass es beinahe dahinter verschwand — — und jetzt richtete es sich eine Handbreit auf — ein Schädel — — und ich wäre gewiss heruntergefallen, wenn ich jetzt auch noch »hinten« gestanden hätte — — :
Das war ja derselbe Kahlschädel von mächtigem Umfang, der mir schon in zwei Visionen — kurz: es war unser Techniker, wie er leibte und lebte, bloß in etwas veralteter Ausgabe! Diese Ähnlichkeit! Sie fiel auch Niels sofort auf, denn er drehte sich gleichzeitig mit mir um; wir wollten uns vergewissern, ob »er« noch da stand.
Er sah aber auch etwas erstaunt drein — mehr als erstaunt. Es malte sich in seinen Augen eine Regung, die ich jetzt noch nicht zu deuten vermochte.
Derselbe haarlose Schädel, dasselbe rundliche Gesicht mit den schmalgeschnittenen Augen, der unbedeutenden slawischen Nase; derselbe in zwei dicken Zapfen von der Oberlippe niederhängende Bart, der mit dem Backenbart zusammenfloss. Bloß dass der Haarkranz um den Kopf hier gänzlich fehlte und der beim Techniker grau melierte Bart beim Alchimisten silberweiß gebleicht war. Dass wir jetzt »den Alchimisten« aus der Chronik vor uns hatten, war über allen Zweifel sicher.
»Das ist er«, sagte der Techniker wie zur felsenfesten Bestätigung.
»Wir dürfen ihn nicht so überrumpeln wie den armen Vorgänger«, setzte Niels hinzu, mich mit einem Blick streifend.
»Ich werde diesmal absteigen«, erklärte der Techniker. Ich sah mich um, ihn an.
»Ich werde hinausschleichen, aus der Tür, und wieder hereinkommen, mich als Schüler vorstellen!«
Er sagte das mit einer Ruhe und Sicherheit, als ob es sich um die alltäglichste Sache von der Welt handle. Vor Verwandlungen schien er sich nicht zu fürchten, denn als Niels den Verwandlungshebel umlegen wollte, meinte er, dann müsse man ihn ja sehen, er wolle so hinunter. Doch ließ sich Niels auf derlei Gewagtheiten nicht ein und stellte den Hebel um.
Wir warteten nun bloß auf einen günstigen Moment. Der Alte hatte wieder den Kopf tief aufs Buch niedergebeugt und sah und hörte gewiss nichts. Der Junge stand am Herd, der Tür den Rücken zukehrend, und trat seine Bälge, offenbar mit viel Vergnügen an der Bewegung und ohne sich viel dabei zu denken. Hören konnte er ein leises Geräusch schon deswegen nicht, weil Luft und Feuer zu starkes Getöse machten. Auch begann der Tiegel jetzt mächtig zu sieden und zu zischen.
Diese Situation war dem Techniker günstig.
Er glitt hinunter, schritt lautlos zur Tür und öffnete diese mit einem kleinen Ruck, als ob ein Windstoß sie aufgemacht habe. Wir konnten das Knacken des Riegels nicht hören.
Doch war nun einem kleinen Windzug der Weg geöffnet, den der Alte bald spürte.
»Es ist ein Luftzug hereingeblasen«, brummte er, ohne aufzusehen. Wir hatten die Worte kaum verstehen können, ihren Sinn mehr erraten. Aber der Junge drehte sich sofort um, sah die halboffene Tür und lief hin, sie zu schließen.
Kaum war sie zu, da klopfte es.
Der Junge, ein bisschen erstaunt, wartete erst einen Augenblick, ob es zum zweiten Mal klopfe, er meinte wohl, sich getäuscht zu haben in dem Lärm des brausenden Feuers.
Gleich wiederholte es sich deutlich und so kräftig, dass mir das Herz im Leibe lachte und ich mich wieder wunderte und freute über diese Kühnheit des Technikers.
Da er hinter mir fort war und sich nicht mehr an mir festhielt, saß ich nun so freier und konnte alle meine Aufmerksamkeit den Vorgängen drunten schenken. Niels war ebenso gespannt wie ich, das sah ich ihm von hinten an.
Der Junge öffnete und ließ den Techniker mit einer höflichen Handbewegung ein. Er war viel weniger überrascht, als ich erwartet hatte. Er war wohl an fremdartige Erscheinungen gewöhnt. Überdies wirkte der Ankömmling so fremdartig gar nicht, sein Arbeitsanzug, in dem wir ihn ja mitgenommen hatten, hatte etwas die Zeitalter und Moden siegreich Überdauerndes an sich!
Auch dem Jungen fiel sofort die Ähnlichkeit mit seinem Meister auf. Bloß der Alte selbst merkte nichts davon, er hatte die letzten fünfzig Jahre sicherlich in keinen Spiegel gesehen, und vielleicht vorher auch nicht oft.
Ich hatte gefürchtet, die Hauptschwierigkeit werde die Verschiedenheit der Sprachen darbieten. Es zeigte sich aber, dass die mittelalterliche Sprechweise gar nicht so sehr verschieden war von unserem gewohnten heimischen Dialekt! Den benutzte denn auch der Techniker einfach, und der Alchimist glaubte ihm gern, einen Fremden vor sich zu haben, der weit hergereist sei, um bei ihm in den geheimen Künsten der Alchimie sich unterweisen zu lassen. Er hieß ihn einen Augenblick warten, und jener hatte Zeit, sich umzusehen.
Davon machte denn auch der Techniker, wie wir mit stillem Vergnügen verfolgten, ausgiebigen Gebrauch. Er roch und guckte ziemlich in alle Töpfe, die da herumstanden, ja einmal hätte er sich beinahe verraten und in eine besonders tiefe Steinkruke, deren Inhalt ihm dunkel blieb, hineingeknipst. Er zuckte schon nach der Rocktasche, wo das Laternchen steckte, ich kannte nun die Bewegung!
Der Schalk! Er spielte den Belehrung suchenden Scholaren und gedachte doch dem alten Alchimisten selbst etwas von modernerer Kunst vorzuführen. Gerade hatte er bei uns auf seinem Rundgang Halt gemacht, um Niels mit zufriedenem Lächeln etwas zuzuflüstern, da erhob sich der Alte hinter seinem Lesepult und trat näher.
Wahrhaftig, er hatte auch die Größe des Technikers, dieselbe Statur, ein wenig gebeugter; aber auch jener ging vornüber gebeugt, vom vielen Sitzen und Basteln und Schmökern. In Gang und Haltung, Sprechweise und Gesten: die auffallendste Übereinstimmung. Bis aufs Äußerlichste erstreckte es sich, die Kleidung! Denn der Alte trug nicht den abenteuerlichen Mantel, wie sein Nachfolger vorhin, sondern eine einfache, in der Farbe unbestimmte Jacke — mit auffallend großen Taschen! Ich hätte fast erwartet, ihn hineinlangen zu sehen, um das elektrische Knipslaternchen herauszuholen. Soweit erstreckte sich aber die Ähnlichkeit doch nicht.
Es war, als habe dasselbe Wesen sich verdoppelt, und wenn sie sprachen, konnte man manchmal nicht unterscheiden, wer sprach. Überhaupt geriet ich beim weiteren Verlauf in eine merkwürdige Stimmung, sie flossen zusammen, ich konnte nicht mehr sagen: war es mein alter Bekannter, bei dem ich einst als Siebenjähriger zwei denkwürdige Visiten gemacht hatte — oder war es der Mittelalterliche — —
Solange sie noch so in Ruhe einander deutlich gegenüberstanden, der Junge, von einem zum andern blickend, dazwischen, ging es noch. Aber hernach — —
Ohne viele Umschweife begann der Alchimist seine Lektion.
»So wisse denn die Kunst, wie sie uns überliefert ist von den alten Meistern, von Aristoteles dem Hellenen, Geber dem Sarazenen, Rhazes dem Arzt, Avicenna, dem Meister der Meister, von Albertus Magnus und vielen anderen!
Erfahre, dass es sieben metallische Stoffe gibt, sieben Minerale und sieben zusammengesetzte Dinge. Alles dieses merke wohl zur rechten Ausübung der Kunst. Die roten Materien sind gut zur Bereitung des Goldes, die weißen Materien zur Bereitung des Silbers!«
Er pausierte bei dieser wichtigen Enthüllung einen Augenblick und sah sein gegenüberstehendes Ebenbild an. Sie machte aber anscheinend wenig Eindruck — und mir wollte es so scheinen, als ob der Alchimist es selbst nicht so recht glaube. Es sollte wohl bloß eine den Appetit reizende Einleitung liefern. Ich versuchte dem Techniker einen Wink zu geben: fragen!
Er verstand:
»Mein Meister hat gewiss diese Kunst in großen Stücken gefördert und Reichtum dadurch erworben?«
Aber der Alte wich geschickt aus:
»Es gibt weißes Blei und schwarzes Blei; und doch ist's in beiden dasselbe Blei. Wer aber den Mercurius philosophorum, das ist verdeutschet Stein der Weisen, hätte, der würde das Blei gänzlich weiß tingieren: so wäre es Silber!
Desgleichen gibt es rotes Kupfer von Zypern, gelbes, das ist Bronze, und weißes, aus dem die Scheidekunst das Zinn abscheidet. Wer aber den Mercurius philosophorum besäße, der würde von dem gelben Kupfer das gelbe Gold abtrennen!«
Ich begreife nicht, was Niels bei diesem abstrusen Gerede fand, denn er flüsterte mir zu, jetzt sei ihm erst die innere Rechtfertigung der Goldmacherei aufgegangen! Offenbar wollte der schlaue Alchimist doch bloß den unbequemen Frager abfertigen. Er fuhr denn auch dementsprechend fort:
»Die Angelegenheit ist jetzt noch zu fürwitzig. Erst vernimm und lerne die Regel in der rechten Ordnung. Sieben sind der metallischen Stoffe, diese aber heißen: Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Zinn, Blei, Quecksilber.
Merkurius, Sulphur, Arsenicum, Sal Ammoniacum aber sind Geister, und du kannst den Spiritus heraustreiben durch Kochen. Es gehören hierher aber auch Realgar und Operment, sind beide Arsenica; der Schwefel aber ist gelb, rot oder weiß, also dass es sieben Geister zusammen sind, wie sieben Metalle.
Der Minerale sind ebenfalls sieben, merke die Markasite oder Kiese, die Vitriole und die Salze. Und wieder sieben Markasite gibt es, nach den Metallen: goldenen, silbernen, eisernen, kupfernen; sieben natürliche Salze und sieben künstliche, sieben Alaune und sieben Boraxe, das sind auflösende Mittel, zudem sieben Präparate, wie Kalk, die Gläser, auch der Grünspan.
Sieben merke, denn Sieben ist die Zahl der Wandelsterne und Wochentage, der Sakramente und der Arme am Leuchter im Allerheiligsten!
Es ist alles kundgemacht, wenn du erfährst die Siebenzahl der Operationen, mit Cucurbita und Alembicum, die Erhitzung und Kochung, die Sublimation — —«
Er wäre in diesem Ton, etwas leiernd und ohne seinen Schüler anzusehen, als ob er zu sich selber spräche, wohl noch eine Weile fortgefahren, aber der Techniker unterbrach ihn:
»Ich habe sehr wohl, o Meister, gemerkt, was die Alten uns berichten. Aber sage mir nun, was du dort in der Cucurbita destillierst, ich sehe schon lange den Geist braun hervorströmen, dass er beinahe mich zu ersticken droht!«
Wir beide klopften uns auf die Schenkel vor Vergnügen, wie er das so geschickt herausbrachte! Und recht hatte er auch! Wenn das Ding nicht gerade unter dem Rauchabzug gestanden hätte, wäre ich umgekommen. Gerade dieses Stickzeug, erinnerte ich mich, soll Gift für die Lunge sein.
Der Alte antwortete:
»In dem Buch des Hermes lesen wir ein Kapitel über die Scheidewässer, als da sind Essig, verwester Urin, Alaunlösungen und Laugen aus Pflanzenasche, mit Kalkmilch der Kochung unterworfen. Auch haben uns die Väter aus Italien in der Wissenschaft gefördert, und ich kenne die Operation, die Meister Johannes in seinem ›Buch der zwölf Wässer‹ anwendet. Ich habe das saure Wasser, das den Schwefel enthält, der Kochung unterworfen mit dem Sal Nitrum — —«
Er wurde von seinem Spiegelbild wieder unterbrochen:
»So gestatte, Meister, dass ich die Kunst vollende, denn ich habe als erfahrener Scholar die Meister in Italien gehört und zu ihren Füßen gesessen. Gestatte nur, dass ich meinen Genius befrage.«
Das mit den »Meistern in Italien« und dem »fahrenden Scholaren« war nun geflunkert, wie ich bestimmt wusste — halt! — was wusste ich schließlich über diesen Mann, es musste mir, wie er da unten dem Alchimisten gegenüberstand, rein alles plausibel erscheinen! — Gut vorgebracht hatte er es jedenfalls! Und das mit dem Genius! Das war nämlich — Niels, zu dem er jetzt herantrat und sich unterhielt; der Alchimist musste es für Selbstgespräch halten.
Alles verstand ich nicht. Einmal klopfte der Techniker auf sein Lämpchen in der Tasche. »Sie muss aber stark sein!«, rief Niels ihm noch nach, wie er schon drüben am Herd stand.
Soviel verstand ich noch von Chemie und konnte ich auch die Worte des Alten deuten: In der Retorte war Salpeter und Schwefelsäure, es musste also Salpetersäure überdestillieren.
Der Techniker legte eine Vorlage vor, um sie aufzufangen. Endlich hörten die Dämpfe auf!
Um in der Zwischenzeit den Alten zu unterhalten, nahm er die mitgebrachte Lötlampe heraus und — eine Schachtel Zündhölzer! Es waren noch — weiß der Kuckuck, wo er die aufgetrieben hatte! — alte Phosphorhölzer. Er konnte also eines am Hosenboden anreiben und den Strom verdunstenden Benzins, der aus der Lampe strömte, entzünden.
Machte der Alte Augen! — Der »Schüler« gab ihm ein Zündholz in die Hand, und er probierte nicht ohne Geschick, es kunstgerecht anzureiben: es gelang! Und der Gebläsejunge lief neugierig hinzu, um das aus dem Hosenboden seines Herrn geriebene Feuer zu betrachten. Der alte Mann zeigte ihm das Flämmchen, lächelnd, etwas befangen, wie ein Kind.
Der Techniker schenkte ihm zwei Hölzchen, als Gruß der italienischen Brüder.
Und erst die Stichflamme!
Der Techniker nahm Eisenfeile und Schwefel, die er beide vorher schon ausgekundschaftet hatte, mischte sie, tat sie in einen kleinen Tiegel und erhitzte mit seiner Lampe. Bald hörte er auf, und der Alte sah gespannt zu, wie der Glühprozess sich von selbst durch die graue Masse fortsetzte: ein Klumpen Schwefeleisen war fertig!
Hernach lag das Zeug achtlos da. Ich sah es zufällig, und mir wurde eine Aufklärung: aha, das war's wohl, worüber ich die Salzsäure gegossen hatte — Schwefelwasserstoff — — !
Aber dann hätte das Schwefeleisen ja zwanzig Jahre liegen bleiben müssen — —
Der Techniker gewährte nicht lange Muße zum Nachdenken. Er kam heran:
»Aluminium! Ich müsste ein Stückchen Aluminium haben! Thermitverfahren!«, setzte er, mehr zu Niels gewendet, erklärend hinzu.
Nun bestand ja ein großer Teil unserer Maschine aus Aluminium; aber wie es in solchen Fällen meist geht: es wollte sich nichts ablösen lassen! Wir machten alle Anstrengung, schon wurde der alte Alchimist aufmerksam und kam heran, um der »Unterredung mit dem Genius« aus größerer Nähe beizuwohnen — — da im letzten Augenblick kam Niels der rettende Einfall: die Azetylenlaterne! Er schraubte sie mit drei Griffen los und gab sie dem Techniker. Der brach unschwer ein Stück ab, zündete sie dann an. Während der Alchimist das blendende Licht bewunderte, kam er nochmals:
»Fahren Sie doch rasch zurück, bitte, in den zerfallenen Flügel, da sah ich einen Pferdeschädel liegen, ich brauche Knochen! Phosphor!«
Nun, das war leicht gesagt, aber getan? Noch mal durch die Feuersbrunst?! Doch Niels meinte, nun wüssten wir, was uns bevorstehe, wir könnten schnellste Gangart anwenden — —
»Aber es sind hundert Jahre, hin und zurück zwei Stunden!«, warf ich ein.
Das war doch zu lang, Niels winkte dem Techniker und teilte es ihm mit. Aber es waren ja auch Knochen und Gerippe genug da! Da mochte er sich eines auswählen!
Inzwischen hatte der Techniker das Aluminium mit einer Feile bearbeitet und im Mörser völlig zu Pulver zerstampft. Mischte dann das dreifache Quantum Eisenoxyd dazu, trocknete am Herd, stopfte alles fest in einen Tiegel und entzündete wieder mit seiner Benzinflamme.
Es gab ein furchtbar grelles Licht. Der Alte, der sich schon vor dem Azetylen bekreuzigt und die Augen mit der Hand beschirmt hatte, floh erschreckt in eine Ecke und bezeigte wenig Neigung, wieder hervorzukommen.
Der Junge machte Miene, zur Tür hinauszulaufen; und aus einem Winkel der ewig düsteren Decke wurden zwei Fledermäuse durch die emporblitzende Helle aufgeschreckt. Sie gerieten in den Lichtkegel der Azetylenlaterne und flatterten da noch hilflos herum, als die Thermitmischung längst erloschen war.
Die eine kam dicht an meinen Kopf, und es wäre beinahe eine Katastrophe daraus entstanden. Denn ich mag Fledermäuse nicht besonders gern, und nun gar der Gedanke, dass so eine durch meinen Kopf hindurchgehen, ihre Moleküle mit meinen, wenn auch nur für wenige Augenblicke — — ich mag nicht fortfahren.
Vermutlich sind nur sehr wenige nervenstarke Leser, die bei Ausmalung einer solchen Eventualität sich n i c h t schütteln!
Es ging glücklich vorüber, und anderes fesselte mich wieder:
Ja, in diesem Augenblick, wie der Techniker so allein im Zimmer stand, zwischen den seltsamen Geräten im grellen Widerschein der verschiedenen Gluten und Flammen: da war mir ganz, als sei jetzt er selbst der Alchimist. Er schien uns, seine Begleiter, auch gänzlich vergessen zu haben.
Schließlich holte er aber doch den Alten, der noch immer das Gesicht mit den Händen beschattete, aus seiner Ecke, zerschlug den Tiegel und hielt ihm den Klumpen Eisen hin, der sich gebildet hatte.
Der Alte hatte genug und über genug an diesen neuen Künsten, doch der Techniker ließ ihm keine Ruhe, er schien vom Furor gepackt.
Er raffte etwas Holz, Leder, Tuchfetzen und sonstige Abfälle, die da lagen, zusammen, stopfte alles in eine Retorte und stellte es auf den Herd. Nach kurzer Zeit schon quoll Wasserdampf heraus, und dann hielt er einen brennenden Holzspan daran: es fing Feuer!
»Die Geister des Holzes, Leders, Tuches, Talges«, sagte er zum Alchimisten gewandt, »du hast sie mir unter den sieben Geistern nicht genannt!«
Ohne zu fragen holte er irgend ein Affengerippe oder was es sein mochte, herunter, schlug ihm ein paar Knochen entzwei, warf sie ins Feuer, dass sie weiß zerbrannten, pulverte die Asche im Mörser und goss von dem »sauren schwefelhaltigen Wasser« darüber, dass die Kohlensäure rauschend aufbrauste, mischte dann mit Kohlenpulver und setzte es in einer Retorte aufs Feuer. Nach einiger Zeit löschte er alle Lichter, die er so üppig entzündet hatte: die Stichflamme und das Leuchtgas, auch die Azetylenlaterne. Das Ölfunzelchen an der Decke störte nicht — — und im Dunkeln sahen wir aus dem Retortenhals magisch leuchtende Dämpfe aufsteigen: Phosphor!
»Der Geist der Knochen!«
»Die Brüder in Italien haben große Fortschritte gemacht, aber ich will sie alle deutlich merken«, versicherte der Alte.
Der Andere tat Zink in eine Flasche, goss eine Flüssigkeit dazu, dass es zischte und wallte. Dann fragte er:
»Hast du nie Fette oder Öl mit Lauge der Kochung unterworfen?«
»Noch gestern, hier steht das Produkt« — er zeigte auf einen gläsernen Topf, der eine schmutzig gefärbte schmierige Masse enthielt.
»Also Seife«, konstatierte der Techniker, tauchte den Finger in die darüber stehende wässerigklare Flüssigkeit und — leckte! Wahrhaftig, er schmeckte es mit der Zunge!
»Süßlich, also Glyzerin«, schloss er befriedigt.
Diese Chemiker! Unappetitliches scheinen sie nicht zu kennen. In das fürchterlichste Zeug, wenn sie's erst in ihren Retorten haben, stecken sie ungeniert den Finger hinein und nehmen eine »Substanzprobe!« — —
Von dem Schmier, das er Seife getauft hatte, nahm er ein Flöckchen, netzte es mit Wasser und tropfte es auf die Öffnung der Flasche: sofort blähte sie sich zu Blasen auf. Als er einige dieser mittelalterlichen Seifenblasen glücklich in der Luft hatte, rieb er wieder ein Schwefelhölzchen an und hielt es darunter. Sie entflammten mit durchdringend scharfem Knall, dass wir alle uns erschreckt die Ohren zuhielten: Knallgas!
Nun schien aber bei dem Alten die Gegenreaktion einzusetzen, er wurde sichtlich warm:
»Du hast mir, o Fremdling, viele neue Geister und Feuerkünste der Brüder in Welschland gezeigt. Erlaube, dass ich dir jetzt das griechische Feuer demonstriere!«
Leider konnte ich nicht mit Bestimmtheit erkennen, was er dazu nahm, Niels meinte, es sei ungelöschter Kalk, denn er hatte dem Jungen einen unscheinbar grauen Stein gegeben, um ihn in die Glut zu legen, und der war weiß gebrannt hervorgekommen. Inzwischen hatte er Hanffasern, Werg, wie er es nannte, mit öligem Fett getränkt, mengte alles gut durch, knetete einen Ball daraus, zündete ihn an und warf ihn in einen Kübel Wasser: das Zeug brannte zu meiner Verwunderung lustig weiter!
»Ich brauche von deinem Merkur!«, verlangte der Chemiker — Techniker wollte ich sagen, nachdem er einen Augenblick zugeschaut hatte. Der Alte stutzte, lief dann aber doch und kam mit einer kleinen Kruke zurück. Etwas ängstlich sah er zu, wie jener einige Tropfen von dem Quecksilber, seinem kostbarsten Schatz, herausperlen ließ in eine Schale. Dann endlich nahm der Techniker die Vorlage von der Retorte weg, die noch immer am Herd langsam brodelte, und setzte wenig von der Salpetersäure hinzu: Binnen kurzem war das Metall aufgelöst.
»Ich brauche von deinem Alkohol!«
Aber diesmal hatte er gut fordern, der Alte verstand ihn ebenso wenig, wie wenn er vorhin einfach »Seife« verlangt hätte.
»Weingeist!«, blies ihm Niels helfend ein.
»Also Geist des Weines!«
Es war welcher vorhanden. Er wurde zu dem gelösten Quecksilber getan, es entstand in der kleinen Schale eine wahre Höllenbrodelei von braunen giftigen Dämpfen. Als alles sich beruhigt hatte setzte der Techniker Wasser hinzu, und bald sahen wir, wie sich weißliche Kristalle abschieden. Einen ganz kleinen fischte er heraus und legte ihn auf die Herdplatte zum Trocknen, fasste ihn dann mit einem Hölzchen, rief laut: »Ohren zu!« — und ließ fallen.
Die Warnung war am Platz, denn wenn die Detonation ein paar Fensterscheiben zertrümmern, einen auf dem Boden stehenden Mörser umwerfen und Quadratmeter Kalkbewurf von den Wänden herunterblasen konnte: so wäre sie gewiss auch imstande gewesen, unseren Trommelfellen Schaden zu tun.
Trotz des Schreckens schien der Alchimist entzückt über diese neue Eigenschaft seines sowieso wegen seiner wunderbaren Fähigkeiten angestaunten »Merkurs«. Er schwieg einen Augenblick und sagte dann, mit noch etwas bebenden Lippen, aber schmunzelnd:
»Der knallende Merkur!«
Das war doch etwas anderes als sein »griechisches Feuer«. Er warf einen beinahe verächtlichen Blick darauf, wie es noch immer in seinem Wasserkübel schwächlich brannte. Er wollte noch mehr Neuigkeiten. Freilich wehrte er ab, als der Techniker sofort wieder ans Werk gehen wollte: Er sei ein alter Mann, es sei zu anstrengend.
Das glaubte ich ihm gern, denn sogar ich hatte genug und war froh, wie er abwinkte. Der Techniker wäre imstande gewesen, die ganze Bude samt Insassen in die Luft zu sprengen, in aller Harmlosigkeit, um »ein hübsches Experiment zu machen«. Ich kannte das von Niels her. Da war man empört, wenn er einem so nebenbei einen Spritzer Schwefelsäure auf die Hose gab — und er begriff die Empörung nicht, es war ja doch so »interessant«, wie die getroffenen Stellen sich erst rot färbten, um schließlich herauszufallen — —
Eine der zerbrochenen Scheiben hätte ich eben im Nu schon auf den Kopf gekriegt, und der Kalk stäubte mir in die Augen! Ich hatte genug, fast hätte ich dem Alchimisten laut meinen Beifall gezollt.
Also der Techniker musste sich jetzt mündlich explizieren, das schien harmloser:
»Nimm Salmiaksalzlösung —«
Der Alte fuhr mit der hohlen Hand hinters Ohr, wie um besser zu hören. Er hatte nicht verstanden.
»Sal Ammoniacum; löse es in Wasser, bis zur Konzentration, und zersetze es einfach mit dem elektrischen Strom — ja so — —«
Der Alte hatte dieselbe Geste wiederholt, begreiflicherweise. Elektrischer Strom! Im Mittelalter!
»Ich kann es dir nicht erklären, es ist eine Substanz dabei, welche mir die Meister nicht genannt haben. Auch widerrieten sie mir das Experimentum. Ein Bruder verlor bei der Herstellung das Auge und zwei Finger, und die Meister Davy und Faraday wurden in Lebensgefahr dadurch gebracht!«
»Doch sind sie genesen? So grüße die beiden Meister, wenn du nach Welschland zurückkehrst, und ich lasse den Namen der Substanz erbitten. Sagtest du nicht Elektrum? Doch das war's wohl nicht, mein Gehör ist schwach vom Alter, vielleicht gar«, fügte er scherzend hinzu, »von deiner großmächtigen Feuerskunst vorhin, mit dem knallenden Merkurio. Aber das darf dich nicht abhalten, mir noch mehr zu zeigen.«
Also nun sollte die Knallerei doch weitergehen!
Der Techniker ließ es sich nicht zweimal sagen! Er nahm sofort von der frischbereiteten Salpetersäure und goss in einer Vase ungefähr gleich viel Schwefelsäure hinzu. Dann sah er sich eine Sekunde lang wie ratlos um und sprach nur dieses eine Wort:
»Baumwolle!«
Aha, Schießbaumwolle sollte es werden! Ja, da war guter Rat teuer, denn die australische Baumwollausfuhr hatte ja noch nicht begonnen, hier war noch alles echt, unverfälscht — — und was so diese meine schadenfrohen Gedanken noch mehr waren. Aber dieser vert — — Niels hatte es schon:
»Taschentuch!«
Ohne einen Moment zu zögern hatte der Techniker das Rotgetupfte heraus, riss einen Streifen ab und tunkte ihn als Knäuel in die Säuremischung. Nach zehn Minuten etwa fischte er ihn mit einem Tonstängel wieder heraus, spülte in Wasser eifrigst aus und breitete es zum Trocknen auf der warmen Herdfläche aus, weit genug vom Feuer; denn wie Niels ihm warnend noch zugeflüstert hatte, durfte die Temperatur lange nicht die von siedendem Wasser erreichen! Nachdem die Wolle trocken war, formte er daraus einen langen Faden, den er quer durch das Zimmer spannte; am Ende stellte er ein Talglicht darunter, so hoch, dass sein Docht den Faden eben berührte. Mit einem glimmenden Holzspan betupfte er das andere Ende der Schnur — wie ein Blitz zuckte es auf, der Faden war fort, aber das Licht am nicht berührten Ende brannte.
Von dem übrig gebliebenen Säuregemisch nahm er einen Teil und goss aus seiner Lötlampe ein paar Tropfen Benzin hinzu; hielt es dann dem Alchimisten unter die Stumpfnase; der roch, erst etwas misstrauisch vorsichtig, dann aus Herzenslust:
»Du bist wahrhaft ein Zauberkünstler! Hieraus duftet ein gar köstlich Gewürz, dünkt mich: die Frucht vom Mandelbaum, insonderheit die bittere Frucht.«
Zu dem noch bleibenden Rest goss der Chemiker — schon habe ich mich wieder versprochen! Aber verdiente er den Namen nicht auch?! — Also er goss die Flüssigkeit hinzu, die über der Seife stand; Glyzerin sei es, hatte er vorhin gesagt. Mit einer gewissen Feierlichkeit reichte er dann das ölige Produkt dem Alchimisten.
»Nitroglyzerin! Wenn du im härtesten Fels ein Loch bohrst, dieses Wasser hineinfüllst und entzündest, so birst der Fels. Trage also große Vorsicht mit dem Wasser!«
Ein nettes Gastgeschenk! Es erschien mir etwas leichtfertig, und ich gab dem Techniker einen Wink. Er merkte natürlich nichts! Nun, meine Hoffnung ist, dass es mit diesem Nitroglyzerin beschaffen war wie mit dem, das wir als Sekundaner machten — denn natürlich gehörte die Fabrikation von Dynamit, wie die von Schwefelwasserstoff, zu den ersten und bevorzugten Experimenten, die wir aus eigenem Antrieb versuchten — nämlich: es »funktionierte« nie!! Aber besser noch, von einem Gast glauben, er habe ein klein wenig aufgeschnitten, als ihm den Vorwurf machen müssen, er habe uns beim Abschied eine Nihilistenbombe in die Hand gedrückt!
Der Alte nahm das Schälchen mit der ihm gebührenden Ehrfurcht und stellte es vorsichtig irgendwohin. Es war ein Schachzug des Technikers. Er fragte nun:
»Ich habe die Proben meiner Kunst gezeigt; willst du mich nun noch immer nicht in die geheime Kunst einweihen? Schon viele Meister haben es mir zugesagt, aber von keinem habe ich die Erfüllung gesehen: unedles Metall in edles zu wandeln, den König der Metalle zu gewinnen: das gelbe Gold!«
Der Alte schien peinlich berührt, er strich dreimal durch seinen Bart, brummte etwas, und sagte dann mit verlegenem Lächeln:
»Es ginge schon, Fremdling, nur fehlt mir ein Ingrediens — — —«
Niels sah sich nach mir um und schmunzelte. Er glaubte die peinlich berührte Miene und das verlegene Lächeln mit Hilfe seiner studentischen Erfahrungen deuten zu können: So lächelt man im Vollgefühl eines leeren Portemonnaies, in dem entscheidenden Augenblick, da man einen Pump anlegen will.
Der Techniker merkte nichts. Also musste der Alchimist deutlicher werden:
»Wer die Kunst besäße, der hätte Reichtümer in Fülle; aber solange er noch danach sucht, bringt die Kunst wenig ein. Den Merkur besitze ich bereits, wie du dich überzeugtest; es fehlt nur noch Eines — — —«
»Das Gold«, ergänzte Niels, dem Techniker vernehmbar.
Da war guter Rat teuer, denn dem hatte »die Kunst« bisher auch nur Geld gekostet und wenig eingebracht, er brauchte erst gar nicht pro forma in die großen Rocktaschen zu greifen, er förderte bloß das Knipslaternchen zutage und gab dem Kollegen vor lauter Verlegenheit — eine »Erleuchtung!«
Nun lächelte er genau so.
Ich suchte und holte ein Zehnmarkstück heraus, funkelnagelneu, Jahreszahl 1913. Das steckte ich dem Techniker zu.
Wie der Alte es sah und untersucht hatte, brummte er zufrieden, jetzt sei alles da, um die Kunst zu zeigen.
Das glaube ich! Kunststück!
Er holte wieder seinen Merkur und goss davon in einer Schale drüber:
Das funkelnagelneue Goldstück verschwand! Es tat mir in der Seele weh! Der Alte konstatierte sehr zufrieden:
»Du siehst, es ist ein weißer Merkur daraus geworden! Nun, wer den richtigen Mercurius philosophorum fände, der könnte daraus auch wieder das edle Gold abscheiden, es bedarf bloß der Destillation!«
Er wollte ans Werk gehen, Niels winkte ab:
»Wegen der giftigen Quecksilberdämpfe«, sagte er rückwärts zu mir »du opferst wohl den Goldfuchs auf dem Altar der Wissenschaft!«
Nun, ich hätte mir die Destillation des Amalgams ganz gern angesehen, das »Experimentum« war doch eigentlich nicht fertig! Wenn das die Goldmacherei sein sollte — — !
Der Techniker erklärte sich zufrieden, nun wisse er die Kunst. Und der Alte nickte erleichtert.
Sollte aber ein Archäologe bei seinen Forschungen in einem mittelalterlichen Laboratorium ein goldenes Zehnmarkstück mit der Jahreszahl 1913, Münzzeichen »A« antreffen, das doch dort gänzlich deplaziert ist, so wolle er bitte nicht unterlassen, es seinem rechtmäßigen Eigentümer wieder zuzustellen.
*
Ich redete oben von Abschied, denn ich glaubte, die feierliche Überreichung des Schälchens voll Nitroglyzerin eben solle das Ende dieser »Soiree« andeuten!
Keine Spur! Der Techniker sah sich unternehmungslustig nach neuen Möglichkeiten um, und der »Kollege« schien nichts dagegen zu haben! Er schien mit der Vertauschung der Rollen von Meister und Scholar ganz einverstanden zu sein, hatte sich wieder hinter sein Pult gesetzt und wartete, soweit wir das überhaupt noch erkennen konnten, die kommenden Dinge mit zufriedener Miene ab.
Der Techniker griff nach dem Krug mit Sal Nitrum, also Salpeter, füllte daraus in eine kleinere Schale und erhitzte auf dem Dreifuß, dass das Salz knisterte und schmolz.
Nach einigen Minuten machte er einen Holzspan glühend und näherte ihn: Der flammte hell auf.
Ich sah nach dem Alchimisten hinüber: Er rührte sich diesmal nicht; ich hatte sein kindlich fröhliches Lachen erwartet über den lustigen Span.
Der Techniker warf ein Bröckchen Holzkohle in die Schmelze: Es glühte auf und verbrannte mit Sprühen, hell leuchtend.
Der Alchimist regte sich nicht. Auch hatte ich keinen Widerschein in seinen blanken Äuglein bemerkt, wie vorhin mehrmals.
Der Techniker warf einige Schwefelkrumen hinein: Sie flammten auf, fast glänzend wie das Thermit.
Nun blickte auch er hinüber, abwartend. Ich konnte die Stirn hinter dem Pult nicht mehr sehen, sie schien tief herabgebeugt — —
Der alte Mann war eingeschlafen — —
Er atmete nur mit ganz leisen Zügen.
Da stiegen auch wir beide ab, ich machte gleich einen der kleinen Fensterflügel auf, damit frische Luft hereinkönne, all diese »Verbrennungsprodukte« zu vertreiben. Mehr zu öffnen getraute ich mich nicht, um den Schlafenden nicht zu wecken.
Wir bewegten uns ganz frei, denn nun sahen wir, dass wir allein im Zimmer waren. Der Junge hatte sich in einem geeigneten Augenblick gedrückt, wohl da es keine Bälge mehr zu treten gab.
»Weil er sich langweilte«, meinte Niels; »ich will wetten, dass der Bengel mit dem bunten Habit und der eleganten Pose einmal der Nachfolger hier wird! Es ist derselbe Fatzke im geblümten Schlafrock, dem du als Satan erschienen bist! Er sieht jetzt schon ganz danach aus, als ob er später mal solche Begegnungen haben würde!«
Ich wollte wegen der Logik dieses Ausspruches eine Einwendung machen, aber Niels fuhr nicht ohne gewisse Erregung fort:
»Ach, sei nur ruhig! Ich sehe schon den üblichen Entwicklungsgang. Erst leistet einer, der mit Forscherdrang, ehrlicher Begeisterung, hochgestimmter Seele, starkem Naturgefühl begabt ist, etwas, und hernach drängeln sich die Schüler heran, treten erst seine Bälge, wenn er tot ist in seine Fußstapfen, das heißt: Sie bekleiden sein Amt, setzen sich eine bedeutungsvolle Mütze aufs Schädelchen, schreiten gravitätisch daher, hängen eine Krokodilshaut auf, schaffen sich einen Schreibtisch an, nähren sich von den Lorbeeren des Vorgängers, schwatzen und schreiben und bringen doch nichts fertig, trotz aller Teufelsbeschwörungen! Mich packt eine rechte Lust, ihm eins auszuwischen!«
»Das kannst du ja später auf der Rückfahrt haben, ihm einen Schabernack antun«, antwortete ich, ohne mir viel dabei zu denken, denn mir gingen andere Dinge durch den Kopf. Das ganz Seltsame unserer Situation fiel jetzt so recht auf mich, da ich mich mit diesen meinen Füßen durch das Laboratorium eines mittelalterlichen Alchimisten bewegte, mit diesen meinen Händen die Retorte da, das Meerkatzenfell dort betastete. Und die Rolle, die unser Techniker dabei gespielt hatte! Er lehnte jetzt, etwas erschöpft zu Boden blickend, an unserem Apparat, und da der Alchimist nicht zu bemerken war, konnte man wieder denken, er sei hier Herr. Was er wohl dachte, empfand, in diesem Augenblick — — träumte — —? Ich lugte verstohlen nach ihm hin, er stand noch regungslos, die eine Hand in der Rocktasche, den anderen Ellbogen auf einen Sattel gelehnt, die Beine leicht vorgestellt und übereinander geschlagen, schweigend niederblickend auf den Steinboden.
Mir kam die Erinnerung, was Niels von dem Spieltrieb sagte, der ihn eigentlich beherrsche, mit der Kraft einer Leidenschaft — — Sollte er nicht vererbt sein, dieser Trieb, durch Generationen hindurch — — könnte nicht in einer Familie — —
Wieder lugte ich hinüber: die Ähnlichkeit!
Etwas hatten wir unterlassen: den Namen des Alchimisten zu erkunden. Oder ob der Techniker ihn kannte, aus seiner Chronik?
Ich trat an das geöffnete Fensterchen und beugte mich etwas hinaus. Die Front des Hauptgebäudes war als dunkle Wand zu erkennen, ein Fenster schimmerte noch trübe: Ein fleißiger Scholar? Oder ein sich kasteiender Mönch?
Die mächtigen Bäume wiegten sich fast lautlos im Nachtwind. Einer stand ganz nahe vor unserem Fenster, dessen Bild zeichnete sich, von dem Lämpchen gemalt, auf dem dicken Stamm.
Zwischen dem Astwerk tauchte eine Sternschnuppe aus dem Dunkel — und erlosch nach kurzem Flug.
Da trat Niels an mich heran und sagte, wir müssten fort.
Ohne Abschied von dem Alten? Wirklich war es so vielleicht besser, dann mochte er morgen denken, es sei ein Traum gewesen. Das Schälchen Nitroglyzerin hatte er bestimmt vergessen.
Der Techniker beteiligte sich mit keinem Wort an unserer Erörterung darüber, ob wir noch weiter in die Vergangenheit zurück oder wieder der Gegenwart näher fahren wollten.
Ich wurde allmählich müde und war für Heimkehr. Der Techniker verhielt sich indifferent. Was Niels bewog, war der Wunsch, dem »Fatzken« noch eins auszuwischen. Wahrhaftig, er fing noch einmal davon an:
»Du, das machen wir, das gibt einen Ulk! Hab sowieso die ganze Fahrt vor meinem Zeigerwerk gehockt, höchstens eben den Einbläser gespielt, ich möchte auch mal persönlich in Aktion treten! Also an mir ist jetzt die Reihe!«
Meinetwegen!
¤
Zwanzig Jahre rückwärts — nein vorwärts, in der gewöhnlichen Zeitrichtung. Natürlich suchen wir uns wieder einen späten Abend aus und halten still.
Die Situation ist beinahe unverändert. Der junge Mensch geht auf und ab und umarmt auch wieder einen Krug, breitet die Arme aus, murmelt Beschwörungen und starrt dabei genau in die Richtung, wo wir stehen, als könne er uns sehen. Es irritierte mich beinahe. Niels lachte.
»Haha, er erwartet den Satanas aus dieser Richtung — und der will nicht kommen! Nur noch ein Weilchen Geduld, so ist er da — sogar ein anderer als das erste Mal! — ehe du's ahnst!«
Mit diesen Worten holte er ein Gefäßchen mit Salmiak unter seinem Sitz hervor, das er wohl aus der Alchimistenküche hatte mitgehen heißen, ebenso wie einige Brocken Kalk, die er nun hineinwarf. Vom Techniker borgte er sich die Lötlampe — — ach, es bedurfte des Erhitzens gar nicht, mir tränten die Augen schon so! Und dieses infernalische Gebräu hielt er nun — wir saßen noch auf der Maschine, waren folglich unsichtbar — dem Dastehenden direkt mit ausgestrecktem Arm unter die Nase, dass ihm dichte Ammoniakschwaden sofort ums Gesicht wehten!
Dies infernalische Gebräu hielt er dem Dastehenden direkt unter die Nase.
Er fuhr herum, gebeugt von dem stechenden Schmerz in Mund und Nase und rieb sich die Augen wie wild.
Ehe er wieder sehen konnte, war Niels schon herunter, schoss in dem engen Lokal herum wie ein wahrhaftiger böser Geist, hatte mit ein paar Griffen Salpeter in eine Schale getan, stellte es auf die Herdplatte zum Trocknen, riss ein Stückchen Holzkohle aus der Glut und — drückte dem Überraschten, der sich noch immer wand und ihn kaum mit seinen verschwollenen Augen anzublinzeln wagte, den Stößer in die Hand: die solle er im Mörser pulvern! Holt inzwischen Schwefel, wägt an der Wage: ein Teil Schwefel, zwei Teile Kohle, acht Teile Salpeter, wirft alles zusammen, mischt, stößt's noch einmal im Mörser durch, trocknet — wirft die Hälfte in eine Schale, hält einen glimmenden Holzspan daran — bifff!
Macht der Kerl Augen — so gut er's kann! — über dies Höllenfeuerwerk!
Den Rest ließ Niels in dem Mörser, steckte aber eine brennende Zündschnur hinein und warf eine der schweren kugeligen Tonretorten darauf, als Geschoss — —
Im nächsten Moment war er bei uns, ich hatte ihn schon erwartet und das Zeigerwerk in Gang gebracht.
»Passieren wird ihm nichts«, beruhigte Niels, selbst ganz atemlos, »höchstens das Dach wird durchschlagen. Aber es wohnt ja niemand sonst in dem Häuschen, wie wir wissen! Wenn auch ein paar Mauern umfallen! Und die Lappen von der Decke runter! — Der wird den Satan nicht mehr beschwören!«
»Hast deine Rolle übrigens täuschend ähnlich gespielt, bist herumgerast wie ein veritabler Satan!«
Nun, sieh mich doch an! Meinst, i c h habe das vertrackte Ammoniakzeug nicht gespürt?! Das musste schon fix gehen, sonst war der Satan schließlich blamiert und ergriff vor seinem eigenen Gestank die Flucht!«
Eigentlich bedauerlich, dass wir die Wirkung nicht abwarten konnten. Aber es schien doch etwas zu gewagt!
»Schließlich wird er behaupten, er habe das Pulver erfunden!«, meinte der Techniker; es war sein erster Ausspruch die ganze Zeit über.
»Sollte mich gar nicht wundern! Und ich habe es ihm doch gemischt. Also dürft ihr beide jedenfalls künftig nicht behaupten, dass ich das Pulver n i c h t erfunden habe!«
Diese Bemerkung wurde im heiteren Ton vorgebracht, aber ich widersprach Niels doch ganz energisch, um keine Überhebung in ihm aufkommen zu lassen. Die Gefahr lag, wegen der Erfolge der Zeitmaschine, sowieso nahe, und ich betrachtete es für meine Pflicht als Freund und Kamerad, ihr beizeiten zu steuern. Also ergriff ich nun, obwohl ich ja auch gar keinen Narren an dem »Assistenten« gefressen hatte, doch seine Partei, sagte, wenn er sich nun die Mühe gäbe, herauszukriegen, was es für Ingredienzien gewesen seien — —
Niels unterbrach: die kenne man schon lange!
Ich ignorierte die Unterbrechung. Wenn er also die richtigen Mischungsverhältnisse mit vieler Mühe, durch zahllose verfehlte Experimente herauskriege und zudem über Widerwärtigkeiten und alle Fehlschläge hinweg für Verbreitung der Kenntnis des Schießpulvers sorge: so könne man mit Fug und Recht behaupten, er sei der Erfinder! Jedes Patentamt werde dies bestätigen! — Vielleicht sei er eben jeder Berthold Schwarz, ein Mönch sei er doch wohl gewesen, das stimme also schon!
Der Techniker lieferte mir auch noch ein Argument an die Hand: er wisse aus seiner Chronik, dass das Schloss bei einer Belagerung sich wunderbar gehalten und unter den Feinden auffallend starke Verheerrungen angerichtet habe. Wer weiß, ob da nicht dem Pulver eine Rolle — —
Niels machte sich darauf die Sache leicht, er lachte und sagte, wir seien beide Phantasten!
Mir fällt ein, ich will bei der Gelegenheit doch einmal im Lexikon genauer nachschlagen, wegen der Erfindung des Pulvers. Da lese ich denn:
Um 1250 entstand bereits in Konstantinopel das »Feuerbuch« des Marcus Graecus, das im Mittelalter hochberühmt war. Es enthält eine Beschreibung des »Griechischen Feuers«, des »Fliegenden Feuers«, der »Römischen Kerzen« und der mannigfaltigsten Feuerwerkskünste. Um dieselbe Zeit verfasste der Araber Hassan el Rammah ein Feuerwerksbuch, das die Verwendung des Salpeters als des wichtigsten pyrotechnischen Materials beschreibt. Es gibt schon die Herstellung von Raketen, Schwärmern, Kanonenschlägen, bengalischen Flammen usw. Letzterer Name freilich stammt erst aus dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als die Engländer ihre Kriege in Indien führten. Treibmittel waren Gemische von Salpeter, Kohle und Schwefel. Viele der Bezeichnungen weisen nach China als Ursprungsland, so der »chinesische Pfeil«, die »chinesische Feuerlampe«. Die Chinesen sind ja bis auf den heutigen Tag große Feuerwerker, sie brauchen es bei ihren Festen und religiösen Anlässen, z. B. wenn es sich bei Sonnenfinsternissen darum handelt, den bösen Drachen zu scheuchen, der das Tagesgestirn verschlingen will. Ob sie explosive Gemische, wie die hierzu erforderlichen, auch in ihrer Kriegstechnik verwendeten, ist zweifelhaft. Auch in dem arabischen Buch »Von der Kriegskunst Mohameds« ist von derartiger Anwendung nicht die Rede.
Aus den genannten oströmischen und arabischen Werken haben die großen Polyhistoren des abendländischen Mittelalters, Roger Bacon und Albertus Magnus, geschöpft. Ersterer gibt ein Rezept, wonach man Kohle, Salpeter und Schwefel zusammenmischen solle, um Donner und Blitz zu erzeugen. Das war im Jahr 1242. Der Mönch Berthold Schwarz kann also nicht der »Erfinder« genannt werden, wohl aber bleibt ihm das Verdienst — wenn man es ein »Verdienst« nennen will — die Triebkraft des Pulvers zuerst benutzt zu haben, um, in eiserne Röhren eingeschlossen, ein Geschoss herauszuschleudern und ihm noch eine genügende Durchschlagskraft mit auf den Weg zu geben.
Die erste Notiz über den Schwarzen Berthold — Niger Bertholdus — findet sich im Kölner Büchsenmeisterbuch aus dem Jahr 1444. Als sein Todesjahr ist dort 1388 angegeben. In der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts stellten die Engländer die ersten Kanonen ins Feld, bei Crécy gegen die Franzosen. Diese nie vorher gesehenen Feuerschlünde, aus denen todbringender Blitz und Donner fuhr, machten auf die französische Ritterschaft einen so niederschmetternden Eindruck, dass sie völlig zersprengt wurden. Denn was sollten sie mit ihren Rüstungen, Pferden, Lanzen und Schwertern bei aller Bravour dagegen ausrichten?! Auch haben wir aus derselben Zeit schon unzweifelhafte Nachrichten über die Verwendung von grobem Geschütz im Belagerungskrieg.
Während der sechs Jahrhunderte seiner Verwendung ist die Zusammensetzung des Schwarzpulvers nahezu unverändert geblieben. Napoleon verwendete es noch in seinen Kriegen. Aus der Zeit kurz vorher stammt eine hübsche Anekdote. Nämlich als nach der Revolution die junge französische Republik in etwas übermütiger Laune so nach und nach mit ganz Europa Streit angefangen hatte, da verboten diese Länder die Ausfuhr von Salpeter nach Frankreich — und bald herrschte dort schlimme Pulvernot! Dem Wohlfahrtsausschuss blieb nichts übrig, als an die einheimischen Gelehrten zu appellieren, sie möchten helfen — obwohl derselbe Wohlfahrtsausschuss kurz vorher den Chemiker Lavoisier auf die Guillotine geschickt hatte, mit der Begründung, die Gelehrten seien fortan überflüssig! — Wirklich trat ein Naturforscher und Mathematiker, Monge, auf, der entdeckt hatte, dass man mit Hilfe von Mist und Kalk den Salpeter in »Plantagen« künstlich züchten könne.
Heute ist Chile der Salpeterlieferant, und nächstens werden wir ihn — aus der Luft beziehen, aus den unerschöpflichen Stickstoffmengen, die uns da zur Verfügung stehen.
Die Triebkraft des Schwarzpulvers versagte gegenüber den Panzern, wie sie zum ersten Mal im amerikanischen Bürgerkrieg auftraten. Als man die Ladungen vermehrte, barsten die Geschützrohre: es explodiert zu rasch, noch ehe das Geschoss sich völlig in Bewegung setzen kann! Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts beginnen dann die Konkurrenten aufzustehen und einander zu drängen, die Schießbaumwolle, die Nitrozellulose und das Nitroglyzerin, die damit getränkte Kieselgurerde oder Dynamit. Kommt noch hinzu die Pikrinsäure. Aus diesen Materialien in verschiedensten Mischungsverhältnissen und mit allerhand Beimengungen setzen sich die heute gebräuchlichen Pulversorten zusammen: das englische Lyddit und Cordit, das französische Melinit, Kresylit und BPulver, das österreichische Ekrasit, das italienische Filit, die japanische Schimose usw. — — —
Das war in großen Zügen, was ich über die Geschichte des Pulvers las.
Anscheinend hat also keiner von uns Dreien recht gehabt bei unserem Streit während der Rückfahrt aus dem Alchimistenzimmer. Denn als Zeit der Wirksamkeit des Schwarzen Berthold war die Jahreszahl 1313 angesetzt, und — so weit waren wir mit der Maschine damals ganz gewiss nicht zurückgelangt. Es ist wahr, und ich bedauere es jetzt, dass ich mich auf dem Zifferblatt damals nicht genau vergewissert habe, aber das kam davon, dass ich meist — hinten stand!
Nein, im dreizehnten Jahrhundert waren wir nicht, es konnte also auch keiner von uns das Pulver erfinden, noch jemandem die Erfindung nahe legen!
Einerlei, ein Gewinn bleibt mir doch aus meinen Spekulationen: ob nicht diese Hypothese eine Erklärung für die sogenannten Taten der Genies abgäbe, dass sie nämlich einfach ihre großen bahnbrechenden Einfälle von fortgeschritteneren Nachlebenden beziehen, die — auf einer Zeitmaschine sie besuchen kommen?!
Mich dünkt, diese Hypothese, die ich mit allem Vorbehalt ausspreche, wäre nicht von der Hand zu weisen! — das Glück, wenn mir selbst einmal ein derartiger Besuch zuteil würde — so in der Mitte einer Nacht — — —
Ich trage mich mit der ernsten Absicht, eine diesbezügliche »Rundfrage« — wie das ja eben nichts Außergewöhnliches ist — an die anerkannten Genies unter unseren Zeitgenossen zu richten; das Ergebnis wird in einer erstklassigen Monatsschrift publiziert werden.
Ich habe mich auch schon mit einem Redakteur deswegen in Verbindung gesetzt, der meint freilich, es würden sich wohl nur wenige Genies auftreiben lassen, welche der Wahrheit die Ehre gäben und sagten: ja, der und der Einfall ist nicht mir selbst geworden, so von oben herab, sondern — —
Ich muss aber — leider! — bemerken, dass dieser Mann, der sich für einen Menschenkenner hält, durch und durch ein arger Skeptiker ist. Dem aufmerksamen Leser ist gewiss nicht entgangen, dass diese letzteren Spekulationen und Gedankensplitter teilweise den Stempel der Ermüdung, teilweise sogar der Gereiztheit an sich tragen.
Der Gereiztheit! — Das wäre wahrhaftig entschuldbar, denn ich armer Pechvogel musste natürlich bei der Rückfahrt wieder auf einem Beine stehen! Den Techniker dazu aufzufordern, brachte ich nach dem Vorhergegangenen unmöglich über mich. Und Niels — je nun, Niels m u s s t e doch vorne sitzen und die Karre lenken, um uns aus der Düsternis des Mittelalters glorreich wieder in die strahlende Gegenwart heraufzuführen! — — —
Der Ermüdung: Das wäre noch erklärlicher, denn man möge berücksichtigen, dass wir drei nun schlecht gezählt vierundzwanzig Stunden im Sattel — mit der verschlimmernden Einschränkung für mich und den alten Techniker! — zugebracht hatten!
Nur die in rascher Reihenfolge sich drängenden Sensationen hatten uns bisher so lange munter gehalten, nun reichte aber auch, wie gesehen, die Erheiterung über den letzten Streich von Niels nicht mehr aus, dieser Zustand wurde allmählich unnatürlich, der Rückschlag für die überanstrengten Nerven musste umso übler werden — kurzum, ich erklärte energisch, ich sei todmüde, wir wollten irgendwo »landen!« Ich machte auch gleich einen diesbezüglichen positiven und, wie mir schien, brauchbaren Vorschlag:
»Der Techniker soll noch einmal Alchimist spielen und den Schüler, ihr wisst, aus seinem Bett graulen, dann kann ich mich hineinlegen.«
»Du bist schlau!«, meinte Niels, »und wir?«
»Nun, ihr beide habt doch kein Tönchen von Müdigkeit laut werden lassen, also nahm ich an, dass ihr auch keine spürt.«
»Du irrst — aber wahrhaftig, seine Idee ist nicht übel. Das Bett war breit, sehr breit, es füllte beinahe die Breite der Kammer. Und Bettzeug ist wahrscheinlich für dreie drin, es war so hoch, dass ich mit einer Leiter hineinsteigen müsste. Der Dicknasige war ein geübter Turner.«
Nun, was soll ich weiter sagen, ich bemerkte ja bereits, dass die Ermüdung meine Aufmerksamkeit getrübt hatte. Also ich weiß nicht viel mehr, als dass schließlich der arme Kerl mit seiner Zipfelmütze ziemlich bedröppelt auf einem Stuhl saß — das Bild hat sich mir unvergesslich eingeprägt! — und ich in seinem Bett lag, aus dem wir tatsächlich einen Berg von Laken, Kissen, Decken, Matratzen herausgegraben hatten, sodass sich für jeden ein Nest herrichten ließ. Der Techniker schlief wohl bei mir im Bett, mir ist so, als habe ich im Halbschlummer einmal seinen kahlen Schädel neben mir aufleuchten sehen — der Mond schien ja! — es ist aber auch möglich, dass ich es bloß geträumt habe.
Niels erzählte mir später, er habe dem überfallenen Scholaren gesagt, wir seien Kommilitonen, fahrende Schüler, und so sei er auf den Scherz glimpflich eingegangen. Am nächsten Morgen sollte er uns wecken, und er weckte uns auch, in aller Frühe, wie wir ihm zur Vorsicht anempfohlen hatten.
Wie ich endlich munter wurde, schien Niels schon eine richtige Freundschaft mit ihm geschlossen zu haben. Sie saßen, auch der Techniker, am Tisch, und ich setzte mich zu ihnen, das heißt, ich blieb einfach auf der Bettkante hocken, denn es war ja nur der eine derbe Stuhl da, auf dem freilich zwei Personen Platz fanden.
Der Scholar hatte sich einen Eimer umgestülpt. Seine Nachtmütze hatte er noch auf, und er guckte von seinem etwas niedrigen Sitz zu uns empor, das Abenteuer fing an, ihm Vergnügen zu machen. Niels hatte offenbar keine Schwierigkeit gehabt, ihn zu gewinnen, denn es war ein seelenguter Kerl, das sah man ihm auf den ersten Blick an. Er heiße Guilelmus Stegius Luebeckensis, verriet er uns bereitwilligst.
»Also aus Lübeck?«, fragte Niels, »dort bin ich durchgekommen.« Und er nannte die Namen einiger ihm bekannter Familien dort, von denen er dreist annehmen durfte, dass sie auch schon vor dreihundert Jahren geblüht haben. Das machte den Guilelmus völlig kirre, er trug uns Grüße auf, wenn wir wieder durchkämen.
Wie lange er denn noch hier aushalten müsse?
Ach, leider, noch bis zum Christfest, dann komme der Vater vorbei und nehme ihn mit zu Mutter und Geschwistern. Er könne ja zwar allein reisen — ohne Zweifel! — aber die Wege seien doch weit, der Poststationen so viele! Da könne man beim Wagenwechsel so leicht falsch einsteigen! Und statt im ersehnten Lübeck lande man schließlich in Prag oder Straßburg! Es sei zu unsicher! Deshalb harre er die drei Monde noch aus, bis zum nächsten Christfest.
Um seine betrübt gewordenen Mienen aufzuheitern, fing Niels noch mal von Lübeck an: vom Stadtpark mit seinen schattigen Kieswegen und schönen Denkmälern, und dass das Holstentor doch unleugbar verschandelt sei durch die Elektrische — —
Er hielt ein, weil ich ihm unterm Tisch mit aller Gewalt auf die Zehen getreten hatte! Das war wieder der echte Niels!
Guilelmussens Mienen waren denn auch aus der Betrübnis zu wachsendem Stutzen und Staunen übergegangen: »Stadtpark« — »Denkmäler« — »verschandelt« — »Elektrische« — —? im Lübeck des sechzehnten Jahrhunderts!
Niels merkte nicht einmal den Fauxpas, und ich musste rettend etwas von »Neuerungen, schneller Entwicklung, möglichem Irrtum« und derlei flunkern.
Worauf Guilelmus erwiderte, dass er freilich kaum eines Mondes Frist von dort weg sei, aber ja, ja, die Zeit sei eben raschlebig, und die Lübecker zumal seien gar muntere und regsame Leute — —
Um noch energischer abzulenken, brachte ich die Rede auf seine Studien. Das half!
O, der Vater werde mit seinem progressus in studiis wohl zufrieden sein! Das sei ja auch kein Wunder, wenn man einen so vortrefflichen Philologus zum Magister habe. Er nannte wahrhaftig den griechischen Namen, den wir aus des Technikers alter Chronik schon wussten! Und das sei nicht bloß ein gelehrter Mann, sondern auch ein sehr gütiger Mann, und wenn er mal in grammaticis oder in orthographicis einen Schnitzer sich zuschulden kommen lasse, wie er wohl dann und wann unterlaufe, so schelte er nicht gleich, sondern lache wohl, und rühme es gar den andern, dass die auch lachen müssten!
Wie es denn in in mathematicis beschaffen sei, fragte der Techniker, und erhielt ganz bald den erwarteten Namen des großen Mathematikus. Aber das sei ein gar gestrenger Mann, und man könne ihm insonderlich in arithmeticis schier nicht genug tun! Und es sei doch so schwierig, multiplizieren und addieren immer ordentlich auseinanderzuhalten! Hinwieder sei er wohl zufrieden mit seiner Anwendung der Reguladetri, der Kunst der sconti und procente. Und sein Vater sage, das sei die Hauptsache, denn er wolle ihn aufs Kontor nehmen!
Wie weit er denn mit der Lektüre der auctores fortgeschritten sei?
O, weit genug, um — seinen Namen latinisieren zu können: Guilelmus Stegius Luebeckensis!
Er wiederholte den Namen zu öfteren Malen, betonte ihn herausfordernd, wie mir schien. Er wollte wohl erreichen, dass wir uns auch endlich offenbarten.
Wir schwiegen aber fein stille. Schließlich hätten wir bei der Umtaufung unserer bürgerlichen Namen derartige Schnitzer gemacht, dass wir uns vor einem so gewiegten Kenner wie unser Guilelmus da mit der Zipfelmütze kompromittiert hätten.
Das durfte nicht geschehen, wir mussten Prestige wahren. Wir mussten ferner Guilelmussen ausreden, uns jetzt gleich seinen Lehrern vorzustellen, was er durchaus wollte. Der Techniker war gar nicht abgeneigt, das Abenteuer zu wagen!! Freilich wollte er nicht zum Philologus, wie Guilelmus wünschte, sondern zum Mathematikus, woran wieder diesem nicht viel gelegen schien.
Der Techniker bemerkte halblaut zu uns, wir brauchten dazu ja den Guilelmus auch gar nicht! Wir könnten uns einfach dem Mathematikus vorstellen, und wenn er wirklich auch der Physikus sei, wie die Chronik berichte, werde er unseren Wert wohl bald abzuschätzen wissen.
Niels redete es ihm aus:
»So gelehrte und berühmte Herren wirken aus der Entfernung oder der Schilderung einer Chronik stets viel angenehmer als im persönlichen Umgang! Wir dürfen einen denk- und zungengewandten Kopf erwarten, an scholastischen Spitzfindigkeiten geschult. Was meinen Sie, wenn wir dem die Abenteuer mit unserer Zeitmaschine berichten?! — — Der ist imstande, sie uns vor der Nase wegzudisputieren! Oder meinst du«, — das galt mir — »der glaubt dir, der Riss da auf deiner Backe rühre von einem Dachziegel her, der im künftigen Dreißigjährigen Krieg, von unten nach oben, hier vom Boden zum Dach an deinem Kopf vorbeigeflogen ist?! — Oder wenn ich ihm erzähle, gestern Abend, vor der Ankunft, aber ein Jahrhundert früher, habe ich hier an Ort und Stelle seinem Kollegen das Pulver vorerfunden?!«
»Und ein Loch in die Decke geschossen!«, fügte ich bei.
»Er wird sagen, davon müsse man doch etwas wissen! Es seien aber keine beglaubigten historischen Nachrichten vorhanden!«
»Ja«, half ich wieder drein, »er wird fragen, ob wir denn das Loch schon bei der Herfahrt in der Decke gesehen haben, das wir später selbst hineinschossen — — und überhaupt, wenn wir jetzt noch mal hinführen, ob wir uns dann auch selbst dabei treffen würden, oder wenn ein anderer hinführe, mit einer Zeitmaschine — — kurzum, er könnte uns auseinandersetzen, der ganze Begriff einer ›Vergangenheit‹ sei dadurch aufgehoben!«
»Aber wenn ich ihm meine Chronik herhole«, meinte der Techniker, »da steht er selbst doch drin, samt Todesdatum, Nachfolger, alles!«
»Er ist imstand und ernennt uns zum Trotz einen andern Nachfolger, lässt jenen vergiften — oder bringt sich selbst vor dem richtigen Zeitpunkt um! Kurz, wir machen uns der gräulichsten Geschichtsfälschung schuldig!«
Es ist merkwürdig, ich fuhr noch eine ganze Weile so fort mit Argumenten; und das Einfachste wäre doch gewesen, den Mathematikus, falls er überhaupt zweifelte, was wir ja noch gar nicht wussten, mit auf die Maschine zu nehmen! Da mochte er sich überzeugen! Darauf verfielen wir nicht. Es bleibt eben seltsam, sobald ich von der Maschine herunter war, hatte sie ihre Kraft wie eingebüßt; alle Bedenken, die in mir selbst verborgen hausten, wurden wach, das ganze Unwahrscheinliche, Unlogische, Unmögliche, Widersprechende unseres Unternehmens überfiel mich wieder — und ich war mit Niels für schleunigen Aufbruch.
Schon wollten wir uns zur Tür wenden — nur zum Schein! denn natürlich hätten wir uns in der nächsten Sekunde in die Sättel geschwungen, Niels hatte schon die Hand am Zeigerwerk und ich hob das Bein; wir warteten bloß auf den alten Techniker, der diesmal hinten stehen sollte, weil das Aufsteigen da leichter war. Also im letzten Augenblick betrachtete uns unser Guilelmus, wie wir da standen, noch mal von oben bis unten und meinte dann:
»Das ist doch seltsam, ihr Herren Kommilitonen, fast hätte ich's übersehen und nicht gemerkt, aber gestern Abend, als ihr bei mir eindranget, war's dunkel, und heute früh habt ihr am Tisch gesessen, halb verborgen, doch nun, da ihr vor mir steht, um allzu raschen Abschied zu nehmen, fällt es mir auf — —«
Mir wurde ungeduldig wegen der langatmigen Einleitung, aber so war der Guilelmus: ein bisschen weitschweifig mit Nebensächlichkeiten! Ich dachte schon, das Ende vom Lied würde sein, dass er eine Ähnlichkeit entdecke zwischen dem Kahlschädel des Technikers und dem Geist, der ihm gestern im Schlaf erschienen war. Der Schuldige mochte dasselbe fürchten und verdoppelte seine Anstrengungen, in den »Stand« zu kommen! — Aber nein, Guilelmus schien eher uns beiden andern seine Aufmerksamkeit zu widmen, er streifte uns wiederholt von oben bis unten:
»Es ist ein Fremder da, der sieht gerade so gekleidet aus wie ihr. Bloß reden tut er anders. Wie ihr eben euch unterhieltet, in der Sprache eurer Heimat, gar rasch, unterschied ich nicht ein Wörtlein. Der Fremde spricht langsam und doch anders«, — — sein Gesicht glänzte vor Vergnügen, wie er's uns vormachte — »er redet so, genau so, wie wenn er immer etwas verschlucken müsste — ja, wie wenn er — einen Kloß im Mund hätte!« — Er lachte fröhlich auf.
»Goddam!«, entfuhr mir, und Niels und ich sahen uns an. Der Techniker war nicht so rasch im Bild. Guilelmus aber quiekte und schluckte vor Vergnügtheit:
»Eben denselben Laut stieß der Fremde wiederholentlich aus! Er kam wegen einer Verwundung hierher, glaube ich, Heilung zu suchen.«
»Hat er karierte Hosen?«
»Ja! — Ihr seid also doch seine Landsleute?!«
Sofort solle er uns zu ihm bringen! Ob er das unbemerkt könne?
Gewiss! Es war ja noch grauer Morgen, und nur die Dienstleute waren im Gange.
Es ging aus dem Gemach ein kleines Stück über den Hof, an den alten Bäumen vorüber, durch die Tür ins Hauptgebäude. Die breite Treppe hinauf, über einen geräumigen Flur mit vielen weißgestrichenen Türen zu einem Treppchen, an dessen unterstem Pfosten ein holzgeschnitzter Engel Wache hielt. Man schien zu glauben, dieser Schutz genüge, und hatte einige Sprossen der Stiege derart zerfallen lassen, dass ich bei dem herrschenden Halbdunkel beinahe hindurch und hinunter gestürzt wäre. Meine aufgeregte Eile trug auch mit Schuld, ich will nur ehrlich sein.
Aber wer wäre bei solcher Sache nicht eilig und aufgeregt gewesen!
Es ging noch ein Stück Wegs durch finsteres Gelände, mit Gestolper über Balken und Gerümpel und Bücherhaufen, dass man hätte meinen sollen, es sei das Lager eines heutigen Verlegers! Ich hätte so etwas von Büchern im Mittelalter nicht für möglich gehalten! Da m u s s t e doch auch Aufklärung — hopp — hier durfte man nicht kulturhistorischen Vergleichungen nachhängen, sonst hatte man gleich einen Balken oder ein Stück Brett vorm Kopf. Es war wohl der Dachboden.
Eine Treppe wieder hinunter — keine Seele war uns begegnet — und Guilelmus klopfte an eine Tür, ebenso weiß gestrichen wie die andern.
Er klopfte noch einmal — kräftiger. Dann kam es:
»Ich bin nicht länger zu sein gesprochen zu mir! Ich habe just gefallen schläfrig — you understand!«
Niels rief nur das eine Wort:
»Time travelers!«
Dann wurde die Tür geöffnet — und Guilelmus war wenn möglich noch vergnügter als vorher, weil er glücklich vier »Landsleute« zusammengebracht hatte.
Der Engländer schloss die Tür und unterrichtete uns rasch über das Wichtigste: Er war vor fünf Tagen bei der Suche nach seinem verlorenen Apparat in unsere Zimmerdecke geraten und hatte sich bei dem Zusammenprall schlimm verletzt. Mit extremster Geschwindigkeit fuhr er rückwärts, um sich zu befreien, was auch gelang. Doch musste er, wie wir ja wussten, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt zurück, ehe er Obdach und ärztliche Hilfe finden konnte. Die Wunden waren nicht so schwer, wie er erst geglaubt hatte, und dank der guten Verpflegung konnte er heute fort; er hatte sich eben noch durch einen ausgiebigen Schlaf dafür kräftigen wollen.
Natürlich stellten wir ihm sein Eigentum, die gefundene Zeitmaschine, zur Verfügung, und unter einem Vorwand kehrten wir mit Guilelmus nochmals in dessen Kammer zurück.
Der Apparat war fort! Wo er hingeraten ist, weiß ich heute noch nicht. Niels hatte vorhin mit den Fingern in dem Zeigerwerk herumgespielt, vielleicht — —
Es war auch leichtsinnig gehandelt, jemand von uns hätte dabei bleiben sollen.
In zuvorkommendster Weise bot sich der Engländer sofort an, uns nach Hause zu bringen. Der Techniker erklärte mit einer Bereitwilligkeit, die mich erschreckte, ihm sei an der Rückkehr nichts gelegen, er — man denke! — wolle zum Bürgermeister Guericke von Magdeburg gehen, sich dem als Assistent anzubieten!!
Ich erinnerte ihn an seinen Sohn, den er doch gewiss wiedersehen, dessen Fortschritte er verfolgen wolle. Er erwiderte, er habe diesen so erzogen, dass er seinen Weg allein finden könne. Lange würden sie, nach dem Naturverlauf, doch nicht mehr zusammen sein:
»Er wird das fortsetzen, was wir begonnen haben.«
Wir?
Wen meinte er damit? Hätte ich mich doch nach dem Namen des Alchimisten erkundigt!
Doch nun hielt Niels es für an der Zeit, ein energisches Wort zu reden:
»Techniker, ich, i c h , habe Sie mit hergenommen, ich nehme Sie also auch wieder mit heim! Ihre Kuriositätensammlung zu Hause ist mindestens ebenso reichhaltig wie die des Bürgermeisters von Magdeburg, wir sind viel weiter. Denken Sie an die Künste des Alchimisten; war's damit sehr weit her?! Na also! — Und endlich und überhaupt: Sie können doch hier nicht als lebendiger Anachronismus herumlaufen!«
Dieses letzte Argument schien mir schlagend, und ich redete gut zu. Wir wollten beide heim; Niels sorgte sich, wenn er auch den Brief zurückgelassen hatte.
Der Engländer schien schon Bescheid zu wissen, er ging hinaus, alles Nötige zu ordnen, und kehrte gleich zurück. Dann gingen wir zu fünfen hinunter, seine Maschine holen, die er verpackt in einen Schuppen gestellt hatte. Ich bewunderte im Stillen die Sicherheit seines Auftretens, man merkte ihm an, er hatte im Zeitreisen reichliche Erfahrung; wir hätten uns auf dem fremden Boden doch noch viel unbeholfener benommen.
Obwohl man unseren Leistungen eine gewisse Achtung nicht versagen wird!
Mit Hilfe eines Tagelöhners brachten wir den Apparat eine Stunde Wegs weit fort, denn da hatte der Engländer einen »Zeitweg« ausgekundschaftet, auf dem man in die Gegenwart zurück konnte, ohne durch Brandstätten und ähnliche Annehmlichkeiten des Dreißigjährigen Krieges hindurch zu müssen.
Guilelmus war mitgegangen. Ehe wir uns verabschiedeten, konnte ich mir eine Anspielung nicht verkneifen. Ich fragte ihn, ob er gehört habe, dass in dem Schloss ein Alchimist gehaust hätte, sogar, wenn ich nicht irrte, in dem nämlichen Zimmer, wo er jetzt schlafe.
Er fühlte sich offensichtlich unbehaglich, weil nun auch ich, der Fremde, von der Sache anfing. Denn, jawohl, die Kameraden hatten es ihm erzählt, und der Alchimist spuke des Nachts und werde ihm einmal erscheinen; aber so hatten sie gewisslich nur gesprochen, um ihn bange zu machen. Und etwas zögernd versicherte er mir noch, er fürchte sich aber nicht!
Das bekräftigte ich denn:
»So ist's lobenswert, Guilelmus! Und den Rat hinterlasse ich dir zum Dank für die Herberge, denn ich habe in deinem Bett geschlafen wie noch nie, was viel heißen will: falls der Alchimist doch einmal erscheint, so halte ihn dreist beim Kragen fest! Alchimisten sind nie gefährliche Leute, und wenn sie doch einmal jemanden durch Gespenstern erschrecken oder mit einer Pulverladung versehentlich in die Luft blasen, so geschieht das nicht aus Bosheit, sondern bloß, um — ein interessantes Experiment zu machen! Musst dir nur gegenwärtig halten, dass gar nichts Unheimliches dabei ist, es gibt genau so alchimistischgespenstisch aussehende lebendige Menschen, zum Beispiel — —«
Dabei deutete ich auf den Techniker, der gerade in vorteilhaftester Positur, tief gebückt, dastand, um die provisorischen Sitze auf der Maschine befestigen zu helfen.
Guilelmus machte ein außergewöhnlich verdutztes Gesicht — griff nach dem Kopf, wohl um sich zu fragen — und hielt die Nachtmütze in Händen!
Und mit diesem Gesicht ließen wir ihn stehen.
In rasender Fahrt, wirklich ohne jeden Zwischenfall, ging es zurück — nein vorwärts.
Wir landeten in einem Dörfchen in Niels Nachbarschaft, hinter einem Gebüsch am Weg.
Der Engländer kehrte stracks um. Er hatte es noch weit, weit. Wie er versicherte, hatte er sich eine Höhle in der Eiszeit wohnlich eingerichtet, um da in einem nahegelegenen See Eiszeitfische zu angeln und das Mammut und den Höhlenbären zu jagen.
Er gab eine anschauliche Schilderung seines Aufenthaltes, ich sah ihn deutlich im Geist des Abends vor seinem Eingang stehen, mit verschränkten Armen wider die Felsen gelehnt, den Nasenwärmer zwischen die Stockzähne gepresst, blaue Tabakwölkchen in die abendliche Eiszeitatmosphäre blasend.
Dahin wollte er jetzt gleich zurück.
Übrigens regnete es immer noch, was den Abschied beschleunigte. Der Weg nach Hause war aufgeweicht.
Wie wir drei Ankömmlinge durch das Hoftor traten, war das erste, was ich erblickte, die alte Kathrine. Sie hielt den einen Schürzenzipfel vors Gesicht und trocknete die Tränen des Schmerzes und der Sorge um Niels. Wie sie mich aber sah, ergriff sie den andern, um damit die Freudentränen zu trocknen, die nun hervorquollen. Und wie sie gar Niels lebendig hinter mir drein folgend ansichtig wurde, nahm sie wortlos beide Zipfel.
Den Brief hatte sie nicht gefunden und vier Tage und Nächte mit Fackeln alle unterirdischen Gänge nach den Verschollenen durchsucht.
»Begreife ich nicht«, sagte Niels, »ich habe den Brief doch so gelegt, dass — —«, aber er fand ihn selbst nicht wieder.
Ich sagte: »Sieh mal in deiner Brusttasche nach — —«
Da steckte er denn auch.
Echt Niels!
¤
¤
Beginn des Original-Erstdrucks der Jugenderzählung
Aufrichtig gestanden: Klaus Lütkes war heute in entsetzlich fauler Stimmung.... Kein Wunder, bei fünfundzwanzig Grad Hitze, schlecht gemessen! Abends um halb acht im »kühlen« Schatten des Zimmers! Und dabei am Tisch hocken, büffeln, mit dem reizenden Bewusstsein, dass währenddessen die lieben Angehörigen sich im kühlen Seesand wälzen und den Sonnenuntergang betrachten! Ein bisschen viel verlangt!
Missmutig schob der Geplagte den Schmöker ein Ende von sich weg, packte den ganzen Blätterwust und ließ ihn geräuschvoll vom Daumen abschwirren. Mit einem Jammerlaut begleitete er das Gähnen, das ihn bei dieser Beschäftigung überfiel, und ächzend drückte er sich in den Hintergrund seines Stuhls, möglichst weit weg von Tisch und Buch. Nach fünf Minuten gähnte er zum zweiten Mal, noch ausgiebiger als zuvor. Und nach weiteren fünf Minuten wollten eben seine Kinnladen zur dritten Maulsperre ausholen — da klopfte es kräftig an die Tür. Schläfrig rief Klaus »herein«. Die Tür öffnete sich, und in ihrem Rahmen erschien ein staubgrauer Mann, der sofort mit beweglichen Worten auf den dasitzenden Jüngling einzureden begann. Der hörte kaum hin, sondern unterbrach plötzlich den Wortschwall mit der seltsamen Frage: »Glauben Sie, dass die Erde sich dreht? Haben Sie vielleicht etwas davon bemerkt auf Ihrer Wanderschaft, he? Wie ein Kreisel? Glauben Sie das?«
Schwerlich erwartete er eine Antwort. Aber zu seiner Überraschung ging der Fremde sofort mit Lebhaftigkeit darauf ein: »Oh, ich werde mich hüten! Sehen Sie, lieber Herr, wo ich zuletzt in Arbeit war, da war ein Geselle in der Werkstatt, ja, der wollte eine Erfindung machen, dass alle Eisenbahnen sollten überflüssig werden! Ja, wahrhaftiger Gott! Also nämlich, wenn die Erde sich dreht, meinte er, wahrhaftig sich dreht, dann könnte er die Erfindung machen, sonst nicht. Aber er hat die Arbeit vernachlässigt darüber und ist ins Saufen geraten und überhaupt halb verrückt geworden. Und derweilen wohl ganz übergeschnappt. Denn es ist schon lange her, lieber Herr, dass ich dort in Arbeit gewesen bin, und die ganze Zeit keinen Verdienst gehabt. Und wenn doch der liebe Herr ...«
Damit war er wieder bei dem eigentlichen Zweck seines Besuches. Klaus langte in die Tasche und gab dem Walzbruder ein Geldstück. Wie er zur Tür hinaus wollte, fiel ihm auf, dass er einen riesigen Regenschirm unter den Arm geklemmt trug: »Was wollen Sie denn mit dem Regendach bei dem heiteren Wetter?«
Der Mann wandte den Kopf und lächelte, sagte aber nichts und zog die Tür hinter sich zu. Draußen hörte ihn Klaus die Treppe schwerfällig weiter hinaufsteigen, dann auf halbem Weg umkehren, weil sie zum Dachboden führte.
Für ein paar Minuten hielt das kleine Erlebnis ihn aufrecht. »Verrückt werden, überschnappen«, dachte er; »das also ist das Schicksal, das mir von diesem Buch blüht«, ... und stöhnend griff er trotz seiner offenbaren Gefährlichkeit von Neuem nach dem Band.
Im Zimmerchen dämmerte es bereits. Zahlen und Buchstaben verschwammen schattenhaft.
Nicht lange, so kam das Mädchen herein, machte Licht und deckte sein Bett ab. Als sie gegangen war, zog er gähnend die Uhr und schielte nach dem »Schlummerkahn«, der weiß und kühl seitlich hinter ihm stand und einladend winkte.... Nein, er wollte der Verlockung mindestens noch zwei Stunden lang widerstehen. Von neuem senkte sich seine Nase über den gelehrten Text, zeitweilig verdächtig tief, um mit einem Ruck plötzlich hochzufahren.
Eine Stunde lang hielt er es recht und schlecht aus, dann war alle fernere Anstrengung vergebens. Im Stuhl zurückgelehnt, starrte er träumend über das dickleibige Buch hin. Gott, so abgrundtief gleichgültig wie heute Abend war ihm das Kopernikanische Weltsystem noch nie gewesen. Kuriose Leute, diese Astronomen und Physiker! Was kümmerten ihn ihre grauen Theorien!? Wenn es auf ihn angekommen wäre in diesem wurschtigen Augenblick, so hätte man die ganze öde Erdumdrehung und was drum und dran hing kurzweg abgeschafft, jawohl! — oder zum mindesten alle lästige Wissenschaft davon verboten!
Tausend Kilometer Geschwindigkeit! — wie sich das protzig anhörte! Damit warfen sie überhaupt im Weltraum nur so um sich. Und keine Seele hatte was davon, außer dem Schwitzen beim Auswendiglernen! Wenn er bloß halb so viel greifbar zur Verfügung hätte, dann wüsste er, wo er binnen einer Viertelsekunde wäre! An einem angenehmeren Ort als hier in der dumpfen Bude! Unerträglich! Die Luft und die Hitze! Übrigens musste wohl zehn vorbei sein, man konnte eigentlich wirklich daran denken ... und aufs Neue spähte er, indem er gleichzeitig gähnend in die Westentasche langte, nach dem Kühlung versprechenden Lager. Das lockte mit unbezwinglicher Gewalt — zu schlafen — — zu träumen — —
Im selben Moment tat die Stubentür einen schrecklichen Krach und flog auf, und ehe noch der Faulpelz aus seinem Lehnstuhl fahren konnte, glitt er mit den Füßen auf dem Boden aus und empfing einen wuchtigen Stoß seitlich gegen den ganzen Leib. Der Stoß war nicht hart, eher weich, wie von unsichtbarer Watte, aber mächtig genug, um ihn schräg hintenüber zu werfen, mit einem schwungvollen Purzelbaum glücklicherweise stracks in das offene Bett hinein, wohin er sich just eben gesehnt und umgedreht hatte.
Nur ganz verwirrt konnte er in der Geschwindigkeit rasch noch vermuten, das Haus werde einstürzen; oder es sei ein rasender, glühender Stein- und Eisenmeteor vom Himmel ausgerechnet auf sein Dach heruntergeplumpst; oder man plane eine mörderliche Gewalttat, für die er keine Gründe zu finden wusste, weil er niemand etwas zuleide getan hatte.
Nun, er musste ja gleich erleben, ob die Mauern bersten, erstickender Staub und giftige Kometengase ihm in den Mund dringen oder habgierige Räuberfäuste ihm an die Kehle fahren würden, während er hilflos da lag ...
Es geschah aber gar nichts weiter.
Als er sich von dem lähmenden Schreck und der Anstrengung seines unfreiwilligen Zirkuskunststücks einigermaßen erholt hatte, richtete er sich in den zerknüllten Federn auf und blickte mit verstörten Augen hinüber, begierig wegen der wahren Ursache der urplötzlichen Katastrophe.
Der Stuhl, auf dem er bei dem Überfall studierend gesessen, lag halb umgestürzt, zwischen Tisch und Bett geklemmt.
Die Lampe war nicht ausgegangen, was ihn wunderte. Die Tür stand noch offen, sperrangelweit. In ihrer Richtung aber, wenig seitwärts, erblickte er jemand, der an der Grenze des Dämmerscheines stand, das beleuchtete Profil ihm zugekehrt, und mit sichtlicher Anstrengung sich abmühte, einen gewaltigen altväterischen Regenschirm zusammenzuklappen. Der Eindringling nahm von Klaus nicht die geringste Notiz. Die Drahtsparren des Regendachs spreizten sich lange störrisch, einige schienen verbogen. Endlich aber lagen sie alle, wie es sich gehörte, nebeneinander, und der emsige Unbekannte fing an, den Überzug mit feierlicher Umständlichkeit zu wickeln. Hierauf packte er die unförmige Schirmwalze samt ihren Tuchzipfeln an dem oben daraus ragenden Stock, stellte sie vor sich auf den Boden und ließ sie langsam um ihre Achse drehen, als wolle er das Gleichgewicht prüfen, wobei er ihr von allen Seiten wohlgefällige Blicke zuwarf. Erst als alles zu seiner Zufriedenheit in Ordnung schien, drehte sich der Jemand herum und sah ruhig lächelnd wie selbstverständlich auf seinen überraschten Quartierwirt herunter, der, die Arme beiderseits in nachgiebige Kissenwülste gestemmt, offenen Mundes lautlos sein seltsames Tun eben und nun ihn selbst musterte ...
Seine Kleidung entsprach in keiner Weise der Mode. Sie war genau so altertümlich wie der Riesenschirm, doch hätte man nicht bestimmt sagen können, aus welcher Zeit sie stammte. Ähnlich erging es überhaupt mit der ganzen, freundlich unheimlichen Persönlichkeit des Ankömmlings; vergebens mühte sich der Student, ihr ein gewisses Alter zuzuweisen. Erst meinte er es mit einem bejahrten Mann zu tun zu haben; der altväterische Schirm, die umständliche Wickelei, der hohe Spitzhut, dessen er sich von Urväterbildern entsann.... Dann hielt er ihn wieder für einen jungen Menschen; dazu mochten die Kniehosen und Halbschuhe verführen und die offene zurückgeklappte Jacke mit den faltigen Spitzenmanschetten. Aber der weiße Bart wiederum war eher der eines Greises, obgleich er nicht umfangreich war und kaum die Wangen vom Ohr abwärts bis zum Kinn in zwei schmalen Streifen bedeckte. Auch die scharfen, dunklen Augen machten ihn irre, die jugendlich aufglänzten, als das Gesicht sich freundlich zu verziehen begann oder vielmehr das Auge, denn nur das schien lebendig, das andere blieb merkwürdig starr und bewahrte seinem Besitzer eine unheimliche Note, auch während des wohlwollenden Lächelns.
So also sah die einzig wahrnehmbare Ursache der schreckenerregenden Katastrophe aus; es handelte sich weder um Meteorsteine noch um Räuber, obwohl es dem Studenten kaum in den Kopf wollte. Was mochte das alles nur bedeuten? ...
So also sah die einzig wahrnehmbare Ursache
der schreckenerregenden Katastrophe aus.
Als der Fremde schätzte, er habe jenem genügend lange Zeit gegönnt, damit er sich eine mehr oder minder zutreffende Meinung über ihn bilden konnte, tat er noch einen Schritt bis ganz dicht heran und streckte ihm, während er die Linke standhaft auf der Schirmkrücke ruhen ließ, die rechte Hand hin, teils um ihn zu begrüßen, teils um ihm aufzuhelfen.
Der immer noch Ratlose nahm vorläufig an und griff herzhaft zu. Der Altväterische tat einen ebenso herzhaften Ruck ... und sie standen einander so eng gegenüber, dass sie sich beinahe auf die Stiefelspitzen traten. Klaus war nun des Kommenden gewärtig. Er war sehr neugierig, was für Sprachlaute er zu hören kriegen würde. Er musste sich noch zwei Sekunden gedulden, dann sagte der Fremde: »Ich habe Sie erschreckt.« Es kam weniger im Ton einer Frage und klang weder altmodisch noch völlig modern.
»Das kann man wohl sagen«, bestätigte munter der Student, froh, dass das unheimliche Schweigen gebrochen war. Der kräftig helfende Handdruck eben hatte ihm schon ein gut Teil seiner Zuversicht zurückgegeben.
»Es war nicht meine Absicht«, äußerte jener bedauernd, und als Klaus ihn verständnislos darob anblickte, fuhr er erklärend fort: »Die Landung geschah wider Willen zu tief.«
»Landung? — Zu tief? — —«
»Ja, ich muss einen Fehler beim Einsetzen in die Formeln begangen haben, ein Versehen in den Vorausberechnungen.«
»Berechnungen?« ... Dem Jüngling begannen die Haare sich zu sträuben! Nun redete der a u c h von Formeln, Berechnungen, Einsetzen, Fehlern und Versehen.... Er merkte schon, er hatte einen Professor vor sich, womöglich einen Mathematikprofessor.... Natürlich! Was er da auf dem Kopf hatte, das war ja ein Doktorhut! Daher auch all das absonderliche Wesen ... der Zipfelschirm. Er warf ihm einen wehmütigen Blick zu ...
Der Beargwöhnte hatte den Blick offenbar erspäht:
»Ja, der hier, der hat mich vor dem Äußersten bewahrt ... S i e übrigens ebenfalls.«
»Der Parapluie ... ? Mich ... ?«
Mit runden Augen guckte er zu, wie der »Professor« beinahe zärtlich das zusammengewickelte Ungetüm tätschelte.
»Es gelang mir glücklicherweise, ihn rechtzeitig nieder zu klappen; so bekamen Sie bloß den Luftzug ab.«
»›Bloß?!‹ Es genügte mir vollständig«, protestierte der unsanft Überrumpelte, Schultern und Rippen reibend.
»Kein Wunder, ich kam mit gut und gern zweihundert Sekundenmeter an, müssen Sie wissen. Wenn ich da ungehemmt auf Sie geprallt wäre, gar mit der Stockspitze, ich hätte Sie glatt durchbohrt, — — wie eine Granate!«
Also, es hätte bös ablaufen können, vorhin. Mehr verstand Klaus Lütkes vorläufig nicht von den »Erklärungen« des Abenteuers. Das aber hatte er beinahe allein gewusst, denn der Schädel brummte ihm noch immer von der schwungvollen Unterbrechung seiner schläfrigen Stimmung.
Der Fremde schien zu spüren, dass er deutlicher werden müsse. Er rückte den Schirm vor sich, dass er dicht zwischen ihnen stand und ihm bis an die Brust reichte, stützte beide Hände darauf und begann halblaut, sich noch vorbeugend, als sei es ihm darum zu tun, ein wichtiges Geheimnis zu hüten: »Ohne Umschweife, Sie sollen gerade heraus erfahren, worum es sich handelt. Vielleicht ist es kein Zufall, sondern Fügung, dass die falsche Berechnung mich an Ihr Gestade verschlug. Es ist ein Wink des Schicksals, dass Sie eingeweiht werden sollen, vielleicht mich fördern, mir helfen. Sie studieren ja sogar Naturwissenschaft, wie ich sehe.« Er streckte den linken Arm aus und durchblätterte das unter der Lampe aufgeschlagene Buch auf dem Tisch.
Der Jüngling nickte ungeduldig bejahend, denn er war begierig, wohin diese mit der Versicherung »keiner Umschweife« begonnenen Umschweife eigentlich führen, worin er »eingeweiht«, wobei er »helfen« sollte. Der jugendliche Alte mit weißen Koteletten, Kniehosen, Zuckerhut und Biedermeierhalsbinde war doch nicht etwa ein bloßer Narr mit fixen Ideen, der in seine Stube eingebrochen? Schon wurde der schwarzseherische Gedankengang abgelenkt.
»Vielleicht bin ich Ihnen auch bereits bekannt. Ich wohne hier im Haus, jawohl, noch ein Stockwerk höher als Sie.«
Der Student prüfte ihn zögernd; er hatte nie auch nur ein annähernd ähnliches Wesen erblickt. Und über ihm gab es doch gar keine Wohnräume mehr. Er selbst hauste ja unterm Dach! — Doch, ja freilich, er entsann sich, gelegentlich gehört zu haben, dass da oben in einer der Bodenkammern noch jemand existiere, ein einsiedlerischer Sonderling; das hier war er also ...
»Ja«, nickte der, als habe er Klausens Gedanken erraten. »Ja, da wohne ich. Und beschäftige mich mit allerlei absonderlichen Studien. Sie wissen doch«, fuhr er unvermittelt fort, »Sie wissen doch, dass die Erde sich dreht, das wissen Sie doch?«
»Natürlich«, antwortete Klaus, ohne viel Überlegung, nur aufs Neue verwundert, dass Frage und Antwort sich auf etwas bezog, was ihn heute den ganzen Abend beschäftigt hatte.
»Natürlich, Sie wissen es. Hm. Vielmehr: Sie glauben es«, betonte er mit gutmütiger Bosheit, »denn gesehen, mit Ihren leiblichen Augen beobachtet, haben Sie es ja eigentlich nicht. Oder doch? Nein; aber man hat es Ihnen so versichert, und Sie nahmen es an als wahr.«
»Allerdings. Aber immerhin ...«
»Schon gut. Andere haben es wahrhaftig gesehen, es ist schon richtig; Sie dürfen es glauben. Und mit welcher Geschwindigkeit sie sich dreht, das wissen Sie doch?«
Dreihunderttausend Kilometer ... zweihundertdreiundsiebzig ... allerlei physikalisch bedeutungsvolle Zahlen huschten Klaus durchs aufgescheuchte Gedächtnis, aber er wusste nicht, welche er herausgreifen sollte, ohne sich zu blamieren.
»Nun, es lässt sich leicht ausrechnen«, fuhr der Frager bereitwilligst fort, als er merkte, wie der Gefragte verlegen mit der Antwort zögerte. »Ja, es lässt sich leicht ausrechnen. Der Erdumfang misst genau vierzigtausend Kilometer, das ist klar, denn man hat ja umgekehrt jene Dicke gemessen und den vierzigmillionsten Teil davon gemessen und einen mètre getauft. Das wissen Sie doch?«
»mètre? ...«
»Die Franzosen haben es so gemacht, kürzlich, und das Wort geprägt.«
»Kürzlich? ...«
»Ah ...« Der Professor stutzte und wurde rot, wie bei einem Versehen ertappt. »Vor hundert Jahren, will ich sagen; und sie haben das neue Maß den anderen Nationen zur Annahme empfohlen. Aber rechnen wir an unserem Exempel weiter. Diese vierzigtausend Kilometer müssen sich binnen vierundzwanzig Stunden einmal um ihre Drehungsachse wälzen. Macht für die Stunde eine Vorbeifahrt von wie viel Kilometer?«
Er sah ihm mit schräg gehaltenem Kopf ins Gesicht und wartete.
»Vierzigtausend durch vierundzwanzig, oder zehntausend durch sechs ... Das gibt ja — — 1666 Kilometer....«
»Richtig!«
»So viel?«
Ungläubig beargwöhnte Klaus seine eigene Rechnung.
»Die Zahl überrascht Sie durch ihre Größe? Obwohl Sie sie doch gewiss schon gekannt haben?«
»Es ist mir nie so aufgefallen«, gestand er ehrlich erstaunt.
»Weil Sie es jetzt selbst berechnet haben, kommt es Ihnen anschaulicher als beim flüchtigen Drüberweglesen zum Bewusstsein, was das heißt: 1666 Kilometer Stundengeschwindigkeit! So ging es mir auch; es erschreckte mich geradezu, als sie mir zum ersten Mal gewissermaßen lebendig gegenüberstand, als Größe, die bezwungen werden musste ... damals, als ich meine praktischen Versuche zur Ausnutzung der Erdumdrehung begann.«
»Praktische Ausnutzung der Erdumdrehung?« ... Seltsam, höchst seltsam! Klaus wurde es beinahe wieder unheimlich. Das war ja fast, als ob man ihm die sorgsamst gehüteten Gedanken aus der Brust holte und mit deutlichen Worten aussprach! Denn wahrhaftig, darüber hatte er doch auch gelegentlich schon nachgedacht, ob nicht ...
»Ja, sech—zehn—hundert—sechs—und—sechzig«, unterbrach sein Besuch, jede Silbe betonend, und stampfte des noch größeren Nachdrucks wegen mit dem Schirm auf den Boden; »sekundlich macht es vierhundertdreiundsechzig Meter, eine unvorstellbare Geschwindigkeit, nur mit fliegenden Geschossen zu vergleichen. Nun, für unsere Breite verringert sich die Zahl etwas, die Umdrehungsgeschwindigkeit nimmt ja notwendig vom Äquator nach beiden Polen hin ab; das ist doch klar!« Zum Überfluss kramte er einen winzigen Globus aus der Rocktasche, die im Verhältnis zu dem enganliegenden Jackett unförmlich geräumig war und deren Geschwollenheit noch einen Vorrat von allerhand ähnlichen Dingen vermuten ließ. Durch Entlanggleiten auf dem rechten Rockärmel gab er dem Modell einen Anstoß; beide Hände hatte er ja nicht frei, weil er mit der einen ständig den Schirm umklammert hielt, der ein äußerst kostbares Möbel für ihn bedeuten musste. Er ließ ihn keinen Augenblick los.
»Sehen Sie her.« Er brachte die wirbelnde Kugel vors Gesicht und deutete mit der Nasenspitze auf den schwarzen Kreisstrich, der diese Miniaturerde als Äquator in zwei gleiche Hälften schied; »da ist jeder Punkt in einem Höchstmaß der Schnelligkeit begriffen; nach oben und unten hin nimmt sie ab, und die Pole sind eben die ›ruhenden Pole in der Erscheinungen Flucht‹, wie der Dichter es ausspricht. Genau ausgedrückt ist die Geschwindigkeit dem Kosinus der geografischen Breite proportional«; flink ließ er den Globus in der Tasche verschwinden, griff ein Stück Papier auf dem Tisch und entwarf, immer mit der Linken zeichnend, eine flüchtige Skizze: »Hier, es ist Ihnen doch fasslich?«
»Ganz und gar.«
»Nun, wir leben hier«, ... wiederum holte er den Globus heraus und piekte mit der Nasenspitze auf den winzigen Fleck unseres Deutschland ... »Wir leben hier ungefähr unter dem dreiundfünfzigsten Breitengrad. Der Kosinus von dreiundfünfzig, ich habe ihn oft genug in den Tafeln aufgeschlagen, ist fast genau drei Fünftel; damit müssen wir die vorhin gefundene Zahl multiplizieren, um die wahre Geschwindigkeit für unseren Standort zu finden. Das macht fast genau tausend Kilometer stündlich, oder über zweihundertsiebzig Meter sekundlich. Zwei—hundert—siebzig Meter, junger Mann! ...« Er geriet in Erregung, stampfte mit dem Schirm und packte Klaus mit der Linken am Ärmel.
»Ja, ja doch«, besänftigte der.
»Zweihundertsiebzig Meter«, wurde ihm halblaut nochmals ins Gesicht gezischt, »machen Sie sich deutlich, was es besagt! Das ist zehnmal rascher, als die modernen schnellsten Schnellzüge fahren! Wer da aufspringen könnte! —«
»Auf einen Schnellzug?«
»Nein doch.« ... Sein lebendiges Auge funkelte aufgeregt, und ungeduldig bearbeitete er mit dem Schirmstock den Boden, dass es dröhnte: »Auf die vorbeifahrende Erde, meine ich ... ohne Schwindel ...«
»Unheimlich. Und Sie haben das probiert, da aufzuspringen?«
»Sollte sie denn so unbenutzt in der Welt sein, diese feine Geschwindigkeit?, sagte ich zu mir selbst, als ich meine Versuche begann.«
Klaus hatte gespannt aufgehorcht:
»Ganz meine Meinung! Ich habe oft genug dasselbe gedacht! Wahrhaftig, noch vorhin, wie Sie so überraschend —«
»Ach, gehen Sie, Sie haben es gedacht! Sie Superkluger!«, winkte der Spitzhutige plötzlich wie ernüchtert ab. »Es ist ja alles bloß Theorie! Wenn! Ja wenn die Erde sich wirklich dreht! Deshalb lege ich Ihnen ja gleich die Frage vor, ob Sie es denn gesehen hätten.«
»Nein, freilich nicht. Aber wie Sie selbst sofort mich beruhigten —«
»Gut, gut. Man hat es gesehen. Ich habe es gesehen. Und Sie sollen es ebenfalls sehen.«
Klaus wusste nicht, was er zu der seltsam klingenden Versicherung sagen sollte. Jener ließ ihm nicht lange Bedenkzeit, ergriff ihn beim Ärmel und zerrte ihn mit sich, an dem umgefallenen Stuhl und dem Tisch vorbei gegen die noch offen stehende Tür. Dabei hatte er die trippelnde Eile eines feinen alten Herrn, dass man wieder über seine Jahre unsicher werden musste. Wohin mag er wollen, dachte der Student, während er halb gutwillig, halb gewaltsam aus seiner Bude sich hinausziehen ließ. Auf dem Flur blieb der Alte einen Moment stehen, immer dringlich redend: »Sie haben es bisher bloß geglaubt, wie die weitaus größte Zahl Ihrer Mitmenschen es bloß glaubt. Sie schwatzen es nach, weil man es ihnen in der Schule so beibrachte. Und wenn Sie den gemeinen Mann prüfen, gleich können Sie ihn unsicher machen in seinem Glauben. ›Schönsprechen Sie zu ihm, die Erde dreht sich und du mit. Aber wenn du nun hochspringst, guter Freund, einen winzigen Moment bloß, da müsste sie sich doch dir unter den Füßen fortdrehen, nicht wahr?!‹ Zweihundertsiebzig Meter Fortschreitung in der Sekunde haben wir vorhin berechnet, das wäre doch wahrhaftig kein Pappenstiel, sollte ich meinen! Der leiseste Hopser ... und gleich müsste ich drüben am Wasserturm sein!« Er lugte dem Jüngling ins nachdenklich gewordene Gesicht und spottete gutmütig: »Gestehen Sie nur, Sie haben das selbst schon gedacht!«
Klaus lachte, er konnte nicht leugnen.
»Aber probieren Sie nur, springen Sie hoch! Hopsa! Immerzu!«
Klaus wusste im Voraus, dass sich nichts rühren, dass es auf einen gewöhnlichen Sprung hinauslaufen musste. Man stellte das »Experiment« ja ganz unabsichtlich tagtäglich viele tausendmal an, bei jedem Schritt! Und sogar ein Glück musste man es wahrhaftig nennen, dass es nie gelang, denn sonst würde es wild und gefährlich hergehen auf Erden und alles Lebendige und Bewegliche durcheinander purzeln wie Erbsen in einem geschüttelten Sieb! — Sei es aber aus Höflichkeit gegen den gelehrten nächtlichen Besuch, sei es, dass eine Art Zwang in dessen spaßhaft dringender Aufforderung lag oder in Klaus die verschwiegene Hoffnung keimte, es möchte in dieser geheimnisvollen Stunde doch vielleicht anders als am gewöhnlichen Alltag sich ereignen: kurz, er sprang hoch — und wäre beinahe die Treppe hinuntergefallen!! An diesem Effekt war aber die Erdrotation gänzlich unschuldig. Mit den errechneten zweihundertsiebzig Metern geschah die »Fortschreitung« längst nicht, zum Glück für seine heilen Knochen, und er befand sich auch keineswegs mit einem Schlag an den nächtlich einsamen Wasserturm vorm Städtchen drüben versetzt. Nein, nichts von alledem. Sondern er hatte sich einfach nicht genügend vorgesehen, war zu dicht am Treppenrand hochgesprungen und, vielleicht infolge der losen Pantoffeln, die er trug, etwas seitlich daneben herabgekommen. So landete er stolpernd im wohlbekannten Treppenhaus, und der alte Herr mit der Schirmwalze stand oben auf dem Podest und rief ihm, den unfreiwilligen Abstieg gänzlich verkennend, laut mahnend nach: »Nicht da hinunter, junger Freund, ich wohne ja oben!« — —
»Ja, ja, ich weiß«, gab Klaus beschwichtigend zurück, denn im unteren Stockwerk hauste eine Dame, die vom vielen Klavierspielen unglaublich nervös gegen Geräusche geworden war, die von fremden Menschen herrührten, sodass sie beim geringsten Anlass ihren Kopf durch den Türspalt zu stecken und ihrer Meinung über solche rücksichtslose Störungen kraftvoll Ausdruck zu geben pflegte. Auf ihr Erscheinen war er auch jetzt gefasst, wegen des lauten Gebummers bei seinem experimentellen Missgeschick. Der Gedanke, ihr just vor die Füße zu kollern, war ihm äußerst unbehaglich; deshalb sammelte er hastig die verlorenen Schlappen und strebte schleunigst wieder empor. Die Tür blieb diesmal aber verschlossen, und unangefochten folgte er seinem Führer die steile Bodentreppe hinan, in immer dichter werdende Düsternis, denn dort brannte kein Flurlicht mehr.
Sie tappten einen schmalen winkligen Gang entlang, dann blieb der vorausgehende Alte stehen und tastete im Finstern an der Wand herum, die Klinke zu seiner Stubentür suchend, die er auch glücklich fand; er öffnete die Tür, und vor ihnen gähnte ein dunkler Raum, in dem nichts zu erkennen war. Bloß durch das gerade gegenüberliegende Fenster schimmerte eine wahre Sternenpracht herein. Man musste hier bei Tag eine großartige Aussicht über das ganze Städtchen genießen, bis hin zum hügligen Waldrand; den dicken Schattenriss des Wasserturms auf seiner Anhöhe konnte Klaus vom klaren Nachthimmel sich dunkel abheben sehen. Er wollte geraden Wegs auf die glitzernde Fensteröffnung zuschreiten — da hielt sein Führer, der ihn hergebracht, ihn fest:
»Halt! vergessen Sie nicht, wo Sie sind« ...
Ein wenig betroffen kehrte Klaus sich um, konnte aber von den Mienen des gebieterischen Sprechers nicht viel wahrnehmen.
»Sie sind in meinem Laboratorio, will sagen, in der Anfangs- und Endstation für Rotationsfahrten, der ersten und einzigen derartigen Station, die es vorläufig auf Erden gibt« ...
Klaus riss unwillkürlich die Augen auf, was ihm indessen wenig half. Es war und blieb eine finstere Dachstube mit einem offenen Fenster.
»Sie werden daher auch begreifen, dass ich kein Licht mache, denn ich möchte Ihnen doch nicht alles verraten und meine verborgensten Geheimnisse vor Ihnen entschleiern.«
Der kecke Jüngling hätte nicht ungern etwas Erhellung gewünscht, gerade wegen der »Geheimnisse«! Bisher war er guten Mutes gewesen, der erste Schreck hatte sich völlig in Harmlosigkeit aufgelöst. Nun aber konnte er gegen ein Unbehagen nicht ankämpfen, das ihn beschlich. In welcher Lage befand er sich eigentlich? Einem wildfremden Menschen, der unter den allerverdächtigsten Umständen spät abends bei ihm eindrang, war er an diesen Ort gefolgt. Das Abenteuer konnte weniger harmlos ablaufen, als die phantastischen Vorspiegelungen des Einäugigen glauben gemacht hatten. — Kein Licht wollte er anzünden? Vielleicht war das bloß Vorwand; wer mochte wissen, was die lauernde Finsternis rings um ihn verbarg.... Halb beklommen, halb erinnernd sagte er deshalb:
»Von der Erdumdrehung werde ich da aber nicht viel sehen können, wie Sie doch versprochen haben.«
»Sie sollen mehr als bloß sehen, sollen erleben, sollen eine Umdrehungsfahrt mitmachen, was noch keinem Sterblichen vor Ihnen beschieden war, außer mir!«
»Es ist auch außerordentlich liebenswürdig von Ihnen«, beeilte sich Klaus mit sauersüßer Stimme zu versichern und erwog im stillen, ob er nicht diese Gelegenheit benutzen und sich mit höflichem Dank aus der dunklen Geschichte ziehen könnte. Nun sollte er gar Umdrehungsfahrten mitmachen! Er musste an das »Experiment« vorhin denken, im Treppenhaus, das sollte er womöglich hier oben wiederholen, fünf Stiegen hoch, zum Fenster hinaus ... und sich den Hals dabei brechen! Und der Irrsinnige würde hinter ihm drein lachen! Es überlief ihn heiß und kalt, indem er sich diese Möglichkeit vorstellte. Der Mensch war doch offenbar verrückt! Und er allein mit ihm zu nachtschlafender Zeit, im stockdunklen Dachboden!! — Doch blieb ihm keine Muße, seine Besorgnisse in schickliche Worte zu kleiden oder gar stillschweigend das Dunkel zu nutzen und sich ohne Gruß aus der Tür zu drücken; denn als hätte der Verdächtigte seine verschwiegenen Absichten erraten, griff er ihn fest am Arm und riss ihn vorwärts gegen die sternprangende Öffnung:
»Strecken Sie die Hand hinaus!«
Da half nun kein Sträuben, fast gelähmt von Furcht tat er es gehorsam ... und erschrak. Denn er empfand einen ähnlichen Stoß gegen Hand und Arm wie vorhin drunten gegen den ganzen Leib. Sie wurden beiseite gefegt wie von einem unwiderstehlichen Windstrom, bloß noch viel zarter, unfühlbarer. Einen Augenblick stand er angewurzelt, dann siegte die natürliche Neugier; er wollte genauer hinschauen, was es sei und auch den Kopf hinausstrecken.
»Vorsicht«, mahnte da die Stimme neben ihm aus dem Dunkel. So brachte er das Gesicht bloß bis an die Öffnung. Es war kein Fenster, wie er jetzt bemerkte, sondern das herausgehobene Oberlicht einer Tür. Sie führte aufs Dach, auf eine Art Vorbau, der auf einer Seite von einer mannshohen Wand eingefasst war.
»Vorsicht, sonst fliegt Ihnen der Kopf fort!«, mahnte nochmals sein Begleiter und zog ihn bei der Jacke etliche Schrittchen zurück, um die Tür vollends öffnen zu können. »Hier dieses ist die eigentliche Station«, erklärte er, indem er sorgfältig vermied, auch nur die Nasenspitze über den Türrahmen hinauszustrecken. »Sie ist genau ostwestlich orientiert, denn das muss sie, weil wir uns ja auf Parallelkreisen bewegen, wie Sie sich doch entsinnen werden?«
»Gewiss«, bestätigte einsilbig Klaus, der bei der Erinnerung an die Bewegungsformeln und den kreiselnden Globus seine Kaltblütigkeit mehr und mehr wiedergewann.
»Ich zweifle freilich nicht, dass es mir mit Hilfe des Parallelogramms der Kräfte gelingen wird, auch in beliebiger Richtung quer über die Erdoberfläche hinzufahren. Geringfügige Abweichungen habe ich schon erzielt.«
»Wie haben Sie das?«, fragte Klaus, in dem Erregung zitterte. Doch war es nicht allein die bald überstandene Angst, sondern Begierde, endlich zu erfahren, was es mit der Sache auf sich habe, von der er soeben vielversprechende Proben gespürt hatte. Was für eine seltsame Kraft hatte seine Hand beiseite gefegt und vorhin drunten seinen ganzen Körper über den Haufen geworfen ...
»Und was hat der riesige Schirm damit zu schaffen?«, setzte er seinen Gedankengang laut redend fort, denn im bleichen Sternenlicht gewahrte er, dass der vermeintliche Mathematikprofessor, statt seine ungestüme Frage zu beantworten, das umfangreiche Regendach sorgfältig von neuem auseinandergewickelt und, indem er es durch den engen Türrahmen steckte, unter allerhand Vorsichtsmaßregeln draußen aufgespannt hatte.
»Im Schutz und Schatten dieses Schirmes können wir ohne Gefahr hinaustreten. Folgen Sie mir. Aber gemach, gemach!« ...
Die Warnung kam zu spät. Klaus hatte kaum das Bein gehoben, um den Fuß über die Schwelle zu setzen ... huii, da schien sein linker Pantoffel von wildem Leben erfüllt, riss sich gewaltsam von seinem Träger los und flog davon. Horizontal über den Boden hingleitend, verschwand er mit unglaublicher Schnelligkeit im Dunkel der Nacht ...
»Sie können ihm nicht nach, er hat die zweihundertsiebzig Meter«, tröstete trocken der Schirmträger, als er sah, dass der verblüffte Klaus einen vergeblichen Versuch machte, den Flüchtling zu haschen. »Da hilft kein Bücken und Suchen. Er ist fort und wird so weit fliegen, wie ein Projektil mit eben dieser Anfangsgeschwindigkeit schießen würde, also ein ganzes Ende. Nun bleiben Sie aber hübsch unter meinem Schirm, sonst ergeht es Ihnen nicht besser als dem ausgerissenen Pantoffel.«
Man begreift, dass Klaus dieser Aufforderung schleunigst und gewissenhaft Folge zu leisten trachtete. Ja, im Übereifer griff er sogar nach dem Schirmstock, um ihn hübsch senkrecht genau zwischen sich und seinem Nebenmann aufzupflanzen; erstens, weil er meinte, dessen schwachen Kräften einen Dienst zu leisten, zweitens, weil er seine eigene Sicherheit zu erhöhen glaubte. Der Alte aber ließ nicht locker, sondern wehrte jede Hilfe dankend ab. Seine Aufforderung eben, unter dem Schirm sich zu halten, war nicht ganz wörtlich gemeint, vielmehr blieb er sichtlich immer bemüht, den Schirm hinter seinem Rücken zu halten, und den jungen Mann zog er dicht neben sich. So standen sie eng aneinandergedrängt der Bretterwand gegenüber, zwischen ihr und der Schirmwand, in einer Art Kämmerlein.
»Die Sache ist einfach genug erklärt. Dass die Erde von Westen nach Osten kreist, das wissen Sie ja?«
»Vorausgesetzt, dass es wahr ist«, gab Klaus zur Antwort, nun seinerseits den kühlen Ungläubigen spielend.
»Dass sie beim Hochspringen nicht unter unseren Füßen sich fortdreht, wissen Sie ebenfalls«, ging es ernsthaft weiter, seinen Einwurf nicht beachtend.
»Wenn man das Experiment nicht gerade neben einem Treppenabsatz macht«, erwiderte lustig Klaus, der sich in dem Schirmkämmerlein äußerst wohl und fidel zu fühlen begann. Er starrte gegen die schwarze Wand, ob daran nichts zu entdecken sei, und dann nach oben, wo zwischen ihr und dem ausgebogten Schirmrand einige Sternlein hereinblinzelten. Anfänglich war er noch gegen die Unterlage des Vorsprungs misstrauisch gewesen, die aus losen Brettern bestand, wie er an ihrem Schaukeln und Wippen merkte. Aber halsbrecherische Luftsprünge, wie ihm vorhin seine Einbildungskraft vorgegaukelt, begehrte anscheinend niemand von ihm. Und wenn schon, die Sache kam ihm nicht halb so gefährlich mehr vor! Die frische Nachtluft mochte es wohl sein, die hauchte ihm so unsägliches Mutgefühl in die Seele, dass es ihn selbst verwunderte. Es war bloß noch Erwartung des Außerordentlichen in ihm, das ihm hoffentlich bevorstand. Da wollte er gern etwas wagen und schon einige Gefahr in Kauf nehmen. Um verbrecherische Anschläge handelte es sich nicht, um reine Narrheit ebenso wenig, davon durfte er jetzt überzeugt sein. Oder — ob es am Ende bloß Taschenspielerei ...? Doch selbst dieser neue Zweifel erheiterte ihn jetzt. Einerlei, mochte es immerhin Taschenspielerei sein! Am liebsten wäre er gleich losgeschossen, hinter seinem fortgeflogenen »Schlappen« drein, und er bedauerte fast, dass sein Schirmträger sich in pedantischer Gelehrsamkeit noch immer nicht genug tun konnte: »Also, es dreht sich alles, was auf Erden kreucht und fleucht, Vögel in der Luft wie Fische im Wasser, mit ihr herum. Das wissen Sie. Aber warum alles sich dreht, das wissen Sie nicht?«
»Ich denke wegen des Trägheitsgesetzes« ...
»Trägheitsgesetz«, ... höhnte es verächtlich dicht an seinem Ohr. »Das ist bloß ein gelehrter Ausdruck für die Tatsache, dass sich alles seit Uranfang mitdreht und voraussichtlich in Ewigkeit mitdrehen wird. Aber es ist keine Erklärung, warum es gerade so ist und nicht anders!«
»Darüber habe ich noch nie nachgedacht, warum es nicht so ist, wie es nicht ist!«
Der Alte stutzte, Klaus spürte es deutlich an dem Ruck seines Ellbogens.
»Nun, es ist leicht zu erklären. Es muss so sein, kann gar nicht anders sein. Nämlich es muss um die Erde herum ein Fluidum geben, nennt es Äther oder wie ihr wollt, das sich mit ihr bewegt, in dem aber alles Lebendige unbeweglich fest darin steckt. Darin steckt, zwar so verstanden, dass wir trotzdem uns darin frei regen können, weil es infolge seiner Feinheit unser Gefüge gänzlich durchdringt, unsere Körper, unsere Gliedmaßen, unsere Augen, unser Gehirn, ohne dass es uns im Geringsten beschwert. Aber es lässt uns nicht locker, und wenn wir hochspringen, so springen wir in ihm und werden von ihm mitgerissen, von Westen nach Osten. Sie verstehen mich doch?«
»Hm.«
»Zum Schutz gegen dieses Fluidum nun habe ich einen Schirm erfunden.«
»Ach« ...
»Ja.«
»Wie ein gewöhnlicher Regenschirm gegen den gewöhnlichen Regen schützt?«
»Ja. Besser stimmte wohl der Vergleich mit einem Sonnenschirm, der gegen das Sonnenlicht schützt; das heißt, ich habe eine Substanz entdeckt, mit der ich zum Beispiel diese Wand bestrichen habe. Sie geht gegen Osten, und das Fluidum brandet gewissermaßen an ihr, wie die Meereswogen bei Flut an der Steilküste branden. Oder man könnte auch sagen, die Wand wirft einen Schatten, in welchen das Fluidum nicht hinkommen und wirken kann, daher hineingeratene Gegenstände scheinbar nach Westen getrieben werden, weil sie einfach die Erdrotation nicht mehr mitmachen, wie vorhin Ihre Hand und Ihr Pantoffel. Die Erklärung ist doch einfach?«
»Bestechend einfach.«
»Und es ist Ihnen alles klar?«
Klaus begnügte sich, stumm zu nicken. Der Alte wünschte auch gar keine langen Einwände, er hatte es ersichtlich eilig, um mit seinen Erklärungen zu Ende zu kommen:
»Nun, mit eben derselben Substanz habe ich diesen Schirm hier bestrichen. Halte ich ihn hinter unseren Rücken gegen Westen, wie jetzt, so hebt er die Wirkung der Wand auf. Ich brauche ihn aber nur nach Osten herumzuschwenken, und sofort schweben wir gewissermaßen im absoluten Raum, weil das alles fortreißende Fluidum uns nicht mehr greifen kann, und die Erde rotiert mit der berechneten Geschwindigkeit unter uns fort. Anders ausgedrückt: wir selbst sausen mit zweihundertsiebzig Metern auf einem Parallelkreis gegen Westen. Es ist Ihnen doch einleuchtend?«
Die Wahrheit zu gestehen, war es ihm keineswegs »einleuchtend«, und er hätte vieler ins einzelne gehender Erläuterungen bedurft. Er hatte allerlei vom Weltäther gelesen, vom absoluten Raum und Relativität, aber es wäre ihm nie eingefallen, irgend welche praktischen Folgerungen daran zu knüpfen, dafür waren ihm diese Dinge viel zu grillenhaft und unzuverlässig erschienen.
»Ich denke, die Gelehrten streiten noch darüber, ob eigentlich der Äther sich mitbewegt oder ruht« ...
»Ach was, die Gelehrten streiten! Lassen wir sie streiten! Behaupte ich denn, dass es ausgerechnet der Äther sein müsste?! Was ich Ihnen sagte, war auch nur eine Theorie. Aber hier sind Tatsachen! Hier die Station, hier der Schirm, unter dem wir stehen!«
Er schüttelte ihn am Stock, dass der Student es unsanft spürte und oben in der Öffnung die Sterne ruckweise tanzten.
»Schwenke ich ihn herum, so schießen wir unfehlbar los.«
Klaus lugte noch einmal nach der schützenden Wölbung, die solche Wunder wirken sollte. Er hatte doch dem vierschrötigen Gestell auf den ersten Blick angemerkt, dass es von besonderer Art sei. Ihm schien, als verbreite sich ein sanfter Schimmer um es herum, offenbar das Fluidum....
»Immer los mit der Rotation«, forderte er übermütig, bereute aber gleich diese Vermessenheit, als er sah, dass der Alte wahrhaftig Miene machte, das bisherige Kämmerlein mittels der angedeuteten Schwenkung zu öffnen. Mit einem Schlag fühlte er, wie die schwanken Bretter unter seinen Füßen in ein merkwürdiges Schweben gerieten ... die gegenüberliegende Wand begann sich sachte zurückzuschieben ...
Ein unbezwingliches Verlangen überkam ihn, mit einem »Halt!« jenem in den Arm zu fallen ...
»Ich habe ja bloß einen Pantoffel an«, wollte er rufen, »damit kann ich mich doch unmöglich auf Rotationsweltreisen begeben«....
Zu spät! — Der unheimliche Alte hatte wahrhaftig den Schirm herumgeschwenkt, sich selbst gedreht und ihn mitgezerrt. Klaus wurde es schwarz vor den Augen, trotz der Nacht.
»Zum Teufel, machen Sie keine Dummheiten«, rief sein Nebenmann ärgerlich erschrocken und packte ihn derb beim Schlafittchen. Denn Klaus hatte im äußersten Augenblick doch noch seinem Naturtrieb folgen und auf den rettenden Balkon zurückspringen wollen, als dieser ihm wie im Nu unter den Beinen hinwegflitzte. Er erwartete nichts anderes, als dass er im nächsten Moment ohne jeden Halt im freien Luftraum schweben und Arm in Arm mit dem närrischen Professor in Höhe des vierten Stockwerks zwischen Himmel und Erde hängen würde, gänzlich die Rolle eines losgelassenen Geschosses spielend ... Er kam sich beinahe vor wie sein eigener, entschwundener Schlappschuh....
Er irrte. Nein, die Planke, auf die er vorhin getreten war, machte die Reise mit, sie war gewissermaßen ihr Schiff und Fahrzeug, der Riesenschirm aber war das treibende Segel. Und der Alte, der ihn gepackt hielt, Kapitän und Steuermann zugleich, stand unerschütterlich, scharf mit seinem einen Auge in die Nacht vorausblickend. Ganz dicht schmiegte und klammerte Klaus sich an ihn, die Unterlage vollführte mehrere Schwankungen und legte sich abwechselnd auf beide Seiten, wie ein Boot bei einem missglückten Sprungversuch. Es galt, mit Beinstellungen und Kniekrümmen zu manövrieren, um nicht herunterzurutschen, denn von Geländer war anscheinend keine Spur da. Auch eine Sitzgelegenheit vermisste er....
»Der Wasserturm!«, schrie Klaus entsetzt auf, wie dessen behäbige Gestalt mit Blitzesschnelle dicht unter ihrem Schirmboot vorbeihuschte. Er hatte nicht anders geglaubt, als sie würden in voller Wucht dagegen prallen und mit Krachen zerschellen.
»Keine Sorge«, kam es beruhigend, und er fühlte sich noch kräftiger als zuvor festgehalten; »wir fliegen hoch genug. Es ist alles vorausberechnet. Meine Station liegt höher als irgend einer der Punkte auf der ganzen Strecke, die wir überfliegen werden.«
Zuerst hatte ihn das Schaukeln der Planke sehr geängstigt; er fürchtete, jeden Augenblick seekrank zu werden und in die unbekannte schwarze Tiefe zu stürzen. Aber als die Schwingungen kleiner und kleiner wurden und sich allmählich beruhigten, war der Aufenthalt weiter nicht unangenehm. Wenn Klaus die Augen schloss, merkte er kaum, dass sie sich überhaupt mit so schießender Eile fortbewegten. Er tat es, machte die Augen zu und hockte sich nieder. Das Schirmzelt schützte ihn vor Luftzug, bloß um die baumelnden Beine spürte er eine blasende Kälte, und ein Rockzipfel des Professors flatterte über seinem Kopf im Wind. Er musste an die ausgehängte Stubentür denken, mit der er und andere Jungens auf den überschwemmten Wiesen herumgegondelt waren. Auf einer ebensolchen gondelten sie nun durch das grenzenlose Äthermeer, bloß unendlich viel geschwinder. Nach und nach gewöhnte man sich aber auch an diese Art von Beförderungsmittel. Er öffnete die Augenlider und begann sogar, einige Beobachtungen zu machen, soweit die herrschende Finsternis und die rasende Schnelligkeit das überhaupt gestatteten.
Langsam schob sich die halbe Mondscheibe über den Horizont, dem sie entgegensteuerten. Daheim war sie bereits untergegangen. Hier über diesen westlicheren Gefilden war sie noch sichtbar und verbreitete spärliche Helle.
Schnell aufblitzende Wasserläufe, dunkle Wäldermassen, auch die wirren Häuserhaufen von Dörfern und Städtchen huschten mit Kirchtürmen, Giebeln und Schornsteinen zu Füßen der Rotationsfahrer vorbei.
Schnell aufblitzende Wasserläufe, dunkle Wäldermassen, auch Kirchtürme,
Giebel und Schornsteine huschten zu Füßen der Rotationsfahrer vorbei.
»Wir sind gleich da.« Mit diesen Worten begann der Schirmträger sein Äthersegel gemächlich zusammenzuklappen. Klaus spürte im selben Tempo ihre Bewegung sich verzögern, als sei eine sanft wirkende geräuschlose Bremse angelegt. Er unterschied spitze Ziegeldächer, Straßenzüge, die Wipfel von Baumalleen, freie Plätze mit brennenden Laternen gesäumt. Schließlich tauchte ganz langsam eine vierschrötige schattenreiche Masse vor ihm auf, ein Turm, der immer näher und größer wuchs ...
»Wir sind am Ziel. Achtung, halten Sie sich ruhig, bis wir ganz still liegen.«
Der Professor hielt den Schirm wieder gewickelt in Händen.
Die Planke schob sich sanft auf eine Art Galerie. Wäre es Tag gewesen, Klaus hätte nicht ohne Gefahr in den Abgrund hinunterblicken dürfen. Es schwindelte ihm bei dem bloßen Gedanken daran, und er eilte, von dem schwanken Schifflein herunterzukommen, um an dem erwünschten Geländer Halt zu fassen. Sie befanden sich auf dem äußeren Umgang eines hohen Turmes, doch lange nicht auf dessen Spitze, denn unabsehbar hohe Säulen verloren sich noch nach obenhin in der klaren Finsternis des Nachthimmels.
»Wo sind wir?«
»In Hamburg.«
»Hamburg? Da bin ich geboren, das ist meine Vaterstadt.«
»So wissen Sie doch auch, dass man da berühmte Fallversuche angestellt hat, um die Erdrotation zu messen? Das wissen Sie doch? Nein?«
Diese ewig gleichlautende Frage! Was man nicht alles wissen sollte! Trotzdem fühlte sich Klaus ein wenig beschämt, dass er verneinen musste.
»Und auf was für einem Turm wir sind, wissen Sie auch nicht?«
»Es ist ja so duster; ich sehe nur Säulen, anscheinend korinthische.«
»Die müssen Sie doch wiedererkennen. — Also wir sind auf dem MichaelisKirchturm.«
»Ist denn der nicht abgebrannt?«
»Was heißt abgebrannt?! Wir sind einmal da!«
Sie ließen die Planke, die sie hergebracht, liegen, wo sie lag und schritten um die nächsten Eckpfeiler herum. Dort sah Klaus gerade noch den letzten Strahl des Mondes verschwinden, der seine regelrechte Westwärtsbewegung, sobald das Ätherschiff stillstand, wieder angenommen und fortgesetzt hatte.
»Achtung!«, mahnte der Führer. »Hier an einer herausstehenden Regenröhre habe ich bei der ersten Versuchsfahrt das Auge eingebüßt, weil ich zu spät bremste. Es war ein Berechnungsfehler daran schuld.«
Einen Moment blieb Klaus stehen und schauderte. Doch war keine Zeit zu entmutigenden Betrachtungen.
»Achtung, Kopf weg!«, warnte die Stimme des Vorausgehenden schon wieder. Und die Mahnung war durchaus angebracht, denn das Türchen, durch das sie ins Turminnere traten, war so niedrig, dass der schlankgewachsene Jüngling sich bücken musste, um nicht mit dem Schädel gegen den oberen Querpfosten zu rennen. Drinnen war es stockfinster, doch schien sein Führer genau Bescheid zu wissen. Er langte irgendwo in eine dunkle Ecke und holte eine Laterne hervor, die schon brannte. Den Docht schraubte er höher, das Flämmchen flackerte ein paarmal, und Klaus erkannte graues, mit Spinnweben überzogenes vermorschtes Balkenwerk. Dazwischen, nebeneinander hängend, die Umrisse von vier oder fünf birnenförmigen Massen, die im schwachen Licht mattkupferig glänzten: Sie befanden sich auf dem Glockenstuhl ...
Aus einem Verschlag tönte kräftig rhythmisches Ticken, zeitweilig unterbrochen von einem Schleifen, Schnurren und Rasseln: das Gangwerk der Turmuhr ...
Wortlos begann der Professor, nachdem er seinen Ätherschirm in den beschatteten Winkel zwischen zwei Pfeilervorsprüngen gestellt hatte, mit der Laterne in der Hand eine Leiter hinanzuklimmen, und wortlos folgte ihm sein Gast. Droben, über dem Glockenstuhl, war wiederum ein bretterbelegter Boden. Dumpf klangen ihre Schritte zwischen den Sparrenwänden wider, welche die Turmbedeckung trugen. Noch eine steile Leiter ging es so hinauf, und dann eine enggewundene Wendeltreppe, die um den hohlen Mittelpfeiler sich herumwand, in so unzählig vielen Schlingungen, dass es Klaus beinahe wieder schwindelig wurde. Was ihn aufrecht und bei Besinnung hielt, war eine schnurgerade flimmernde Linie, die ihn zur Linken ständig begleitete und jedes Mal hell aufglänzte, wenn zufällig der begrenzte Lichtschein der Laterne darauf fiel: »Ein silberner Draht«, erklärte sein Vorgänger, als habe er die fragenden Gedanken erraten, »der von oben nach unten durch alle Stockwerke hindurchläuft.«
Damit war die Teilnahme des Studenten geweckt, gern hätte er sich weiter erkundigt, ob das schon mit den berühmten Versuchen zusammenhinge. Er unterließ es, um den alten Mann beim Treppensteigen nicht zu überanstrengen. Doch der schien von solchen Beschwerden nichts zu spüren, gänzlich unaufgefordert fuhr er gleich fort: »Der Baumeister Sonnin hat ja den Turm so angelegt, als sei er eigens für physikalische Versuche bestimmt, indem er die ganze Achse des Turmes freigelassen hat. Man braucht bloß die Falltüren zu öffnen, die sich in allen Böden finden, um eine senkrechte Bahn von dreihundertvierzig Pariser Schuh zu haben. Diese Höhe übertrifft um volle hundert Fuß die, deren sich in Bologna Riccioli und neuerdings Guglielmini zu ihren Versuchen über den Fall der Körper bedient haben, und selbst in Sankt Paul zu London hatte Desaguliers nur eine Höhe von zweihundertfünfundfünfzig Pariser Fuß, die mithin um 85 Fuß geringer war. Ich glaube, dass es in ganz Europa keine größere zu Versuchen brauchbare Fallhöhe gibt als diese hier im Hamburger Sankt MichaelTurm!«
»Der Eiffelturm«, ... schwirrte es Klaus durchs Bewusstsein. Aber der Gedanke ging wie in plötzlicher Vergessenheit sofort unter. — Wieder wunderte er sich, mit welcher Leichtigkeit der alte Mann während der atemberaubenden Kletterei sprechen konnte. Er selbst musste tüchtig schnaufen, als sie in dem balkenverstellten Raum unter der Kuppel angelangt waren. Dann sah er sich um. In der Mitte, gerade über der Öffnung, aus der sie emportauchten, erblickte er eine Art Tisch und ging darauf zu. Sein Führer befriedigte sofort seine fragende Miene: »Es ist eine besondere Maschine zum Loslassen der Kugeln. Die Kugel, die fallen soll, hängt an einem geplätteten Pferdehaar« ...
»Warum das?«
»Weil die Haare hohle Röhren sind, so kneift die Zange, die sie hält, die Wände zusammen. Um dieses zu vermeiden, habe ich die Haare zuvor zwischen zwei heißen Eisen durchgezogen, wodurch sich ihre Wände flach aneinanderlegen.«
Klaus hatte sich »Fallversuche« viel einfacher gedacht: man stellt sich hin, einen Stein zwischen den Fingern, und lässt los ... Nachdenklich blickte er nun vornüber gebeugt in das Schachtrohr hinunter, dessen Windungen er vorhin hinabgestiegen war: »Und was ist dort unten, ganz dort unten, wohin ich nicht mehr sehen kann, um die Kugeln aufzufangen?«
»Dort unten liegt ein Brett von dem so sehr zähen Pockholz. Denn weil ich hier oben das Aufschlagen der Kugeln nicht mehr hören konnte, musste ich ihre Ankunft an dem Auffliegen der Bretter erkennen. Sie haben in der Mitte ein kleines Loch, durch welches das Lot des Aufhängepunktes der Kugel geht. Hier der Silberdraht ist es, der so endlos neben Ihnen herlief. Er stellt das Lot dar. Es reicht genau senkrecht bis hinunter in das runde Loch auf dem Boden. In seiner Mitte durchkreuzen sich zwei Linien, von denen die eine der Meridian und die andere der Breitenkreis des Ortes ist. Die fallende Kugel schlägt einen scharf bestimmten runden Kreis in das Pockholz. Es wird dann der Abstand des Mittelpunktes von beiden Linien gemessen.«
»Prallen sie denn nicht genau in der Mitte auf, wenn nur das Lot schön senkrecht hängt?«
»Das eben tun sie nicht, junger Freund! Stünde die Erde still, so würde freilich die Kugel genau senkrecht am Lot entlang herabfallen. So aber hat sie hier oben eine größere westöstliche Geschwindigkeit als drunten, weil sie weiter vom Dreh- und Mittelpunkt absteht; folglich, wenn sie drunten anlangt, wird sie etwas östlich der Erde vorauseilen!«
»Und diese Annahme bestätigt sich?«
»Die Theorie verlangt 46/10 Linien* Abweichung vom Lot, und da mir die Versuche die Abweichung nach Osten bis auf die Dezimale der Linie genau mit der Theorie übereinstimmend gaben, so ist der Beweis wohl bündig geliefert, und ich durfte Ihnen mit Fug sagen, Sie sollten sehen, mit Ihren leiblichen Augen sehen, wie die Erde sicht dreht!« ...
* Eine »Linie« im vor-metrischen Maß etwa = 2 Millimeter.
»Könnten wir nicht einen Fallversuch anstellen?«, fragte Klaus und schaute begehrlich zwischen zwei beengenden Mikroskopen hindurch, an dem Silberdraht entlang, der sich drunten in der dämmerigen Finsternis des unübersehbaren Schachtes verlor.
»Ich habe hier vierzig Kugeln, die mit aller Sorgfalt gedreht, geschliffen und poliert sind. Sie haben zwei Zoll im Durchmesser und wiegen anderthalb Pfund. Sie enthalten neun Teile Blei und einen Teil Zinn.«
»So lassen Sie doch eine oder zwei fallen, bitte«, bettelte Klaus.
»Es ist nicht so geschwind getan, wie Sie glauben. Bevor die Kugel fallen kann, muss sie völlig still an ihrem Faden hängen. Das aber dauert jedes Mal über eine Stunde, obgleich mit bloßem Auge schon nach zwanzig Minuten keine Schwingungen mehr zu sehen sind. Hier aber, diese beiden Kreuzmikroskope, in deren gemeinsamen Brennpunkt das Pferdehaar spielt, zeigen noch lange danach mikroskopische Schwingungen, die hinreichen würden, eine viel größere Abweichung vom Lot hervorzubringen, als die zu messende beträgt.«
»Lassen Sie schon eine fallen«, bettelte Klaus ausdauernd mit bestechendster Liebenswürdigkeit. »Sie haben doch versprochen, ich solle alles sehen!«
»Gut, ich willfahre Ihnen. Hier diese Kugel hängt wohl einigermaßen ruhig.« Er streckte die Hand aus, ein leiser Druck öffnete die feinpolierten Schneiden der haltenden Zange ... und die Kugel verschwand in der runden Öffnung des Tisches. Vergebens aber strengte der ungeduldig Wartende sein Gehör an, um irgendetwas von dem Aufprall drunten zu erhaschen. Nichts drang bis herauf, es war, als habe die Nacht die Kugel verschluckt.
»Wenn Sie etwas von den Wirkungen sehen wollen, müssen Sie sich schon hinunterverfügen.«
Das ließ sich Klaus nicht zweimal sagen. Ohne nach der Laterne zu greifen, stolperte er zur Treppenöffnung und begann den Abstieg durch die Finsternis, über gewundene Stufen und steile Leitern, oft mehr fallend als kletternd, wenn er in der Hast daneben trat oder zwei, drei Stufen übersprang. Morsches Holz krachte unter seinem Tritt, Staubwolken wirbelten auf, und gescheuchte Fledermäuse streiften flatternd seinen Kopf. Als er durch den Glockenstuhl kroch, hob unter gewaltigem Rasseln und Dröhnen die Turmuhr gerade zum Schlagen aus. Die Luft bebte vom Widerhall, die Balken zitterten. Es hätte einen jeden Menschen zu Tode erschrecken können. Klaus aber beachtete es nicht, er kam eigentlich erst wieder zur klaren Besinnung, als er in einem begrenzten viereckigen Raum zu ebener Erde landete. Aus mehreren Löchern in der Decke baumelten die Stricke, die zum Läuten der Glocken gezogen werden. Gleich links führte ein verschlossenes zweiflügliges Tor offenbar aus dem Turm auf den Kirchplatz hinaus. Der Raum war von einer dastehenden Laterne spärlich erleuchtet, aber hell genug, damit Klaus beim Eintreten eine gebückte Gestalt erkennen konnte, die sich in der Mitte des Raumes zu schaffen machte. Er blickte hinüber und hinauf zur dämmerigen Decke. Da hing zwischen den Glockenseilen aus der mittelsten, größten Öffnung auch der feine Silberdraht herab, der durch alle Stockwerke hindurch aus der Kuppel bis hier herunter reichte.
Der Raum war spärlich erleuchtet, aber hell genug,
dass Klaus eine gebückte Gestalt erkennen konnte.
Klaus sah genauer hin: Der Draht hing nicht ruhig, sondern war in pendelnder Bewegung begriffen. Ganz langsam, kaum merklich, schwang er hin und her, wie von einem leisen Anstoß getrieben, so langsam, dass man Sekunden brauchte, um sich von der Veränderung zu überzeugen. Nachdem er dem schweigenden Walten der Naturkräfte und den ebenso schweigsamen Hantierungen des einsamen Mannes eine Weile wortlos zugeschaut hatte, tat er den Mund auf: »Was bedeutet das hier?«, fragte er halblaut, aber vernehmlich. Der Jemand, der die Schwingungen des Silberdrahtes sorgsam beaufsichtigte, schien nicht sonderlich erstaunt, dass plötzlich menschliche Worte seine nächtliche Emsigkeit unterbrachen. Ohne sich nur umzudrehen, mehr zur Erde hin gewandt als zu dem Frager, antwortete er: »Ich kontrolliere die Schwingungsdauer dieses Pendels.«
Überrascht trat Klaus einen Schritt näher. War das ein Doppelgänger des Schirmträgers, der ihn hergebracht? Die Stimme, die er eben gehört, war ganz dessen Stimme. Wahrhaftig, auch die Kleidung so altertümlich unbestimmbar, der schwarze Spitzhut, die Kniehosen. Oder war er es selbst — war, während er, Klaus, die beschwerlichen Leitern hinuntergeklettert, auf bequemerem Weg hierher gelangt? ... Oder war wieder eine rätselhafte Beförderung im Spiel? ... Klaus hatte im Laufe weniger Stunden so viel Seltsames erlebt, dass es ihm auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankam. Er versuchte, dem Gebückten seitlich ins Gesicht zu spähen, nach den Bartkoteletten, und ob er das starre Auge erkennen könne. »Dabei bedienen Sie sich wohl einer Pendeluhr?« — Er wies, um jenen zu einer Kopfbewegung zu veranlassen, auf eine solche, die an der Wand stand und behäbig tickte.
»Nein, die dient nur zum Vergleich. Die Messungen geschehen hier mit der Tertienuhr. Es ist die der Göttinger Sternwarte, die ich durch die Freundlichkeit des Professors Ebeling leihweise erhielt. Sie gibt sechzigstel Sekunden an. Es ist die nämliche, mit der in Göttingen die Schallversuche von Hofrat Meier und Oberstleutnant Müller gemacht worden sind.«
»Die Versuche liegen doch wohl schon lange zurück«, wandte Klaus ein, ohne Beachtung zu finden.
»Da diese Versuche sehr wichtig sind, und man so selten Gelegenheit hat, sie anzustellen, muss man schon mit möglichster Genauigkeit verfahren, obwohl das beständige Herauf- und Heruntersteigen im Turm, um die Tertienuhr zwischen den Beobachtungen immer mit Repsolds Pendule da an der Wand zu vergleichen, meinem Alter sehr beschwerlich fällt.«
»Ich hätte das nicht geglaubt«, wagte Klaus zu zweifeln.
»O doch, zumal ich einen weiten Weg von zu Hause bis hierher zurückzulegen habe. Ich will denn auch nicht leugnen«, — sein Ton bekam etwas trocken Scherzendes, er wandte sich halb um, Klaus schaute gespannt hin, nach dem Auge — »dass ich gelegentlich des Abends beim Beobachten einschlief. Da ich nun nicht einsah, was das Schlafen im Freien für einen Nutzen für die Wissenschaft haben könne, so beobachtete ich in der zweiten Hälfte des Frühjahrs gar nicht, wodurch eine Verzögerung des Ganzen entstand. Ich habe aber jetzt eine Reihe von etlichen hundert bewährten Versuchen beisammen und darf hoffen, der Erfolg werde mit der Mühe im Verhältnis stehen.«
»Man sollte gar nicht meinen, dass Fallversuche so schwierig sein könnten.«
»Sie gehören mit zu den feinsten, die es in diesem Teil der Physik gibt. Aber sie beweisen auch, wenn sie gelingen, die Achsenumdrehung der Erde ebenso unmittelbar, wie die Abirrung des Lichtes die Bewegung der Erde in ihrer Bahn um die Sonne beweist!«
»Und wozu dient denn das schwingende Pendel? Ich denke, es müssen Kugeln fallen«, erinnerte Klaus, der sich mit einem Mal wieder entsann, dass die Erwartung dieses Schauspiels ihn ja vom Söller des Turms heruntergelockt hatte.
»Nicht so rasch, junger Freund. Fast bei allen physikalischen Arbeiten tappt man erst ein wenig herum, ehe man heimisch darin wird und sich einen festen Plan entwerfen kann. Ich habe dieses bei den Sternschnuppen erfahren, und nun bei den Versuchen in Sankt Michael. Wichtig wurden diese Pendelversuche für mich vor allem dadurch, dass sie zeigten, welche Zeitteile sich mit der Tertienuhr bestimmen lassen, wenn man eine große Menge von Versuchen anstellt. Mehr als einmal wichen die Ergebnisse aus verschiedenen Versuchsreihen nicht um den sechshundertsten Teil einer Sekunde voneinander ab!«
»Es ist in der Tat erstaunlich.«
»Das ist es. Zuerst aber brauchte ich die Methode, welche Galilei in Pisa anwandte, um die Höhe der Kirchen durch Schwingungszeiten der Lampen zu bestimmen, zum selben Zweck auch hier in Sankt Michael und ließ Pendel von 339 Fuß Länge schwingen. Ich glaube nicht, dass je auf Erden längere geschwungen haben« ...
Sinnend schwieg er und gab seinem jungen Zuhörer Zeit, mit der gehörigen Andacht einige Pendelungen zu verfolgen, welche die zolldicke Bleikugel am Ende des haarfeinen Silberdrahtes vollführte. Mit leisem Schwung hob sie sich zu ihrer äußersten Höchstlage, wo sie einen Augenblick stillzustehen schien; begann dann der Schwere gehorsam den Abstieg, durchlief die tiefste Lage mit der größten Geschwindigkeit, um allmählich abklingend ihre äußerste Höhe auf der anderen Seite zu erreichen, von wo sie herabsinkend das Spiel im gleichen Taktmaße wiederholte.
»Sie braucht zu jedem Hin- und Hergang volle zehn Sekunden, dreiunddreißig Tertien« ...
Das harmonische Steigen, Schwingen und Fallen mit seiner einfachen Regelmäßigkeit wirkte in dieser Umgebung bei dem nächtlichen Schweigen unter den Augen des altertümlichen Forschers in der Tat feierlich. Klaus hätte wohl längere Zeit ohne weiteres Unterhaltungsbedürfnis dem an sich so simplen alltäglichen Vorgang zuschauen können. Die Erwähnung Galileis, des Mannes, welcher die heimliche Harmonie von Pendelschwingungen zuerst aufdeckte, tat das ihrige, um die Stimmung würdig zu erfüllen.
»Nimmt man die Länge des Hamburger Sekundenpendels zu 440½ Pariser Linien an, so würde sich rechnerisch, aus der Schwingungszeit, die Pendellänge zu 327 Fuß ergeben.«
»Sind das nicht 12 Fuß weniger, als Sie wirklich am Draht gemessen haben?«
»Ganz richtig, der Draht misst 339 Fuß, wie ich Ihnen verriet, und über die Ursache der Abweichung bin ich mir noch nicht klar.«
»Ist es denn überhaupt für die Fallversuche erforderlich, diese Schwingungszeiten und Längen von Pendeln so peinlich genau zu wissen?«
»Zuvörderst war es bei meinen Versuchen über die Achsendrehungen der Erde notwendig, das Gesetz des Widerstandes der Luft auf frei fallende Körper genau zu kennen.«
»Ich denke, der Widerstand ist nach Newton dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional?«
»Aber dieses Gesetz war durch die von Newton selbst schon angestellten Pendelversuche und mehr noch durch Robins Messungen an geschossenen Kugeln sehr zweifelhaft geworden, obgleich dieses Gesetz mit Hawksbees und Desaguliers Versuchen in der Sankt Pauls- Kirche in London zusammenstimmte. Sie hatten freilich nur mäßige Geschwindigkeiten. Das Ergebnis meiner Versuche war, dass Newtons Gesetz schon beträchtlich von der Erfahrung abzuweichen anfängt, sobald die Geschwindigkeit bis auf hundert Fuß in einer Sekunde steigt und dass bei Fallhöhen von 321 Pariser Fuß der Widerstand auf anderthalbzöllige Bleikugeln gerade noch einmal so groß ist, als die Theorie ihn angibt!«
»Aus solchen Höhen müssen aber auch die Kugeln mit fürchterlicher Geschwindigkeit herabkommen«, ... sagte Klaus und blickte dabei erwartungsvoll nach oben zur Öffnung in der Decke. Hatte man denn dort nicht vorhin eine Kugel fallen lassen? Wie konnte ihm das bloß aus dem Gedächtnis entschwinden! Es war nicht das erste Mal diesen Abend, dass diese Vergesslichkeit ihn selbst überraschte, es war, als halte die Schläfrigkeit von vorhin noch immer seine Sinne mit Dumpfheit umfangen, aus der sie nur zeitweilig zu voller Klarheit erwachten.
Wirklich glaubte er jetzt ein näherkommendes Geräusch zu vernehmen, sodass er darauf rechnen durfte, seine Neugier werde endlich befriedigt.
Der Professor hatte, noch während er sprach, das Silberdrahtpendel völlig zur Ruhe gebracht; es hing wieder lotrecht aus der Deckenöffnung herab, aber etwas seitlich, mit seinem Mittelpunkt nicht mehr genau über den sich kreuzenden Linien am Boden. Nun trat er von dem Brett zurück, schon erfüllte ein Geheul wie von Kanonenkugeln die Luft des engen Raumes, dass Klaus sich erschrocken zusammenduckte und die Augen zukniff, und gleich darauf flogen ihm unter Krachen einige Splitter von den getroffenen Kistenbrettern um die Ohren. Als er hinzusehen wagte, kniete der Gelehrte schon darübergebeugt, um den Abstand des genau hineingeschlagenen Loches vom Fußpunkt des stillstehenden Lotes mit Hilfe von Zirkel und Lupe zu messen. Ohne zu fragen oder sich näher zu drängen, ließ Klaus ihn gewähren, bis er befriedigt nickend sich erhob: »Ich dürfte mich kaum beklagen, wenn alle Versuche so gut geraten möchten. Sonst aber misslingen wegen des ungünstigen Ortes von sechs Versuchen durchschnittlich fünf. Und um diese sechs guten zu erhalten, habe ich etwa vierzig Kugeln fallen lassen.«
»Aber im Durchschnitt stimmt die Abweichung nach Osten mit dem Betrage überein, wie die Theorie ihn fordert?«
»Überraschend gut, bis auf die Dezimale der Linie. Bloß noch eine Abweichung von anderthalb Linien nach Süden ist da, von der Laplace, Gauß und Olbers versichern, dass in der Theorie keine Ursache zu finden sei, die sie veranlassen könne. Olbers vermutet, dass vielleicht in dem Turm deswegen eine Abweichung nach Süden stattfinde, weil die Luft an der Südseite infolge der Sonnenstrahlung immer wärmer als an der Nordseite sei. Dieses müsse teils eine regelmäßige Strömung der Luft im Turm veranlassen, teils nehme die Dichtigkeit der Luft nach Norden zu, so wie ihre Temperatur abnehme.«
»Das kann aber doch nur sehr wenig betragen.«
»Freilich; aber die Ursache braucht auch nur sehr gering zu sein, die bei einer Fallhöhe von 339 Fuß eine Abweichung von anderthalb Linien macht! Meine Versuche auf der alten Rosskunst werden jedoch über diese südliche Abweichung gültig entscheiden.«
»Was ist denn das?«
»Die alte Rosskunst? Ein leerer Bergwerksschacht im Westfälischen, wo keine störenden Luftwirbel mich täuschen sollen.«
»Man ist doch wohl schon früher auf diesen Gedanken gekommen, die Erddrehung mit Hilfe von Fallversuchen nachzuweisen?«
»Es sind jetzt 123 Jahre her, dass Newton zuerst diese Versuche vorschlug. Man hat sich in England, Italien und Frankreich mit ihnen beschäftigt, aber immer ohne rechten Erfolg. Im Jahre 1679 war es wohl, als Jener, unser aller Meister, zuerst empfahl, Fallversuche aus beträchtlichen Höhen anzustellen und nachzusehen, ob nicht ein Körper, der in der Höhe vermöge der Achsenumdrehung der Erde eine größere Geschwindigkeit erhält als der senkrecht darunter liegende Punkt des Erdbodens, beim Fall diesem scheinbar vorauseilen, das heißt von der Vertikallinie etwas nach Osten abweichen würde; und Hook glaubte dieses wirklich durch einige Versuche gefunden zu haben, die jedoch zu grob waren, da es sich um so winzige Beträge handelt. Flauguergues hat 1795 zu Viviers ähnliche Versuche unternommen, es fehlten ihm aber die nötigen Mittel, um sie gehörig auszuführen.«
»Und wer war Guglielmini, dessen Namen ich aus Ihrem Munde bereits hörte?«
»Ein junger Bologneser Gelehrter, der 1789 zu Rom berechnete, die Abweichung eines Körpers, der von der Sankt PaulsKirche oder der Sankt PetersKirche herabfalle, müsse über einen halben Zoll von der Vertikallinie betragen. Neugierig, die Erfahrungen mit diesen Resultaten seiner Rechnung zu vergleichen, ließ er 1790 und 91 in dem AsinelliTurm zu Bologna mit großer Sorgfalt sechzehn Kugeln aus 241 Pariser Fuß Höhe herabfallen und bestimmte ihre Abweichung während des Falles durch ein angebrachtes Bleilot. Er veröffentlichte darüber 1792 eine kleine Schrift ›De diurno terra motu‹, die sehr selten geworden ist.«
Er begann in einem dastehenden Wandschrank zu suchen und brachte ein Heft zum Vorschein, das er Klaus hinhielt. Der nahm es und begann zu blättern, während er weiter zuhörte.
»Sie werden darin eine Widerlegung der Einwände finden, welche Bondi und andere ihm gemacht haben. Gleichzeitig teilt er die Ergebnisse seiner schwierigen Versuche mit, welche mit der Theorie sowohl in der Abweichung nach Osten wie in der nach Süden vollkommen übereinstimmen.«
»Er hatte ebenfalls eine Abweichung nach Süden?«
»Ja. Indes zeigte Laplace, dass sich in Guglielminis Theorie ein Fehler eingeschlichen habe und gab zu bedenken, dass Versuche, welche mit einer fehlerhaften Theorie so genau übereinstimmten, notwendig selbst unrichtig sein müssten! Ich vermutete, dass der Fehler nur in einem Nebenumstand gelegen habe, nämlich in der ungenauen Bestimmung der Verzögerung, welche die Kugeln während des Falles in der freien Luft erleiden. Guglielmini konnte sie, da er keine Tertienuhr hatte, mit seinem bloßen Schätzen der kleinen Zeitteile nicht genau genug bestimmen. Inzwischen habe ich jedoch einen Brief erhalten, worin er die erbetene Nachricht von seinen Versuchen und die Ursache ihres Misslingens mitteilt. Das Mauerwerk des Turms hatte sich während der Versuche etwas gezogen, ohne dass dieses von ihm war bemerkt worden. Erst später entdeckte er die Krümmung und konnte seine Lotlinie berichtigen. Trotz dieses Missgeschicks verdient er den Dank der Physiker. Denn er hat die Achsendrehung der Erde durch den Newton'schen Beweis, den man zuvor noch nicht zustande gebracht hatte, obgleich mehrmals davon die Rede war, außer Zweifel gesetzt.«
Klaus blickte eine Weile sinnend auf den Fixpunkt am Boden, über dem wieder die Lotkugel ruhig schwebte. Ihm fiel sein Experiment mit dem Hochspringen ein: Nein, er hatte nun einen Begriff bekommen, weshalb es nicht gelingen konnte! — Das Schriftchen hielt er noch in Händen, nun wünschte er es mit Dank zurückzugeben; der Alte lehnte ab: »Er hat mir drei Exemplare in seinem Brief beigefügt. Behalten Sie jenes als Andenken.«
Klaus verneigte sich, und um wenigstens durch etwas seinen ehrfürchtigen Dank auszudrücken, sagte er: »Ich zweifle nicht, dass Sie alles, was etwa noch fraglich sein könnte, durch Ihre Versuche auf der alten Rosskunst ins Klare bringen werden, jedweder Mühen und Beschwerden ungeachtet.«
In dem Gesicht des alten Herrn erschien ein glückliches Lächeln: »Es gibt ein eigenes Gefühl«, sagte er langsam, sich aufrichtend, »diesen Teil der Physik zu bearbeiten. Er ist der erste, der durch die Anstrengungen einiger seltenen Menschen aus der Finsternis hervortritt, nachdem Aberglaube und Unwissenheit jahrhundertelang die Erde bedeckt hatten. Er ist der, welcher der Physik unserer Tage die Bahn öffnete und das Ansehen der Aristotelischen Philosophie stürzte. Hier ist die Grenzscheidung zwischen Licht und Finsternis, und auf der Grenze steht der Name Galilei« ...
Eine Weile blieb es still. Der weißhaarige Mann hatte sich wieder abgewandt und prüfte mit Hilfe von Visierinstrumenten, ob das Lot wieder in die genaue Ruhelage zurückgekehrt sei, für neue Experimente. Klaus schaute zu und steckte das geschenkte Schriftchen in die Rocktasche, vorsichtig, um nicht geräuschvoll zu knittern ...
Da wurde die Stille durch lautes Pochen gegen das Turmtor unterbrochen. Der Emsige fuhr von seiner Beschäftigung auf: »So werde ich nach Hause gehen müssen.«
Nach Hause ... Klaus fiel das Wort in die Seele und machte ihn munter. Er wandte den Kopf, blickte hinauf über sich und sah in dem kleinen Glasfenster der oberen Türhälfte, dass draußen der Tag graute. Nach Hause ... musste er nicht ebenfalls nach Hause? Wo befand er sich denn eigentlich, bei wem? Der Alte da vor ihm war doch nicht der Schirmträger. Wo war der? Wahrhaftig, er hatte ihn gänzlich vergessen. Er musste ihn aufsuchen, sofort, damit er ihm heimhalf! Unverzüglich, ohne sich zu verabschieden, wie von blindem Trieb geführt, als ließe er bloß unwirkliche Schatten und Traumbilder hinter sich, jagte er wieder die Treppen hinauf, über Bretterböden und Leitern, bis auf den Glockenstuhl. Da war es schon morgendlich hell, durch die Schalllöcher schien rötlich die aufgehende Sonne, und er hörte das zwitschernde Jubilieren der erwachenden Vögel draußen. Er glitt durch das Türchen, durch das sie gestern Abend gebückt eingeschlichen waren. Bevor er aber den Umgang betrat, sah er in einem Winkel den Ätherschirm stehen, den der Professor in der Dunkelheit hierhin gestellt hatte. Ohne sich viel dabei zu denken, nahm er ihn an sich und ging dann hinaus auf die Galerie, von wo die Säulen emporwuchsen. Es waren acht Stück, korinthischen Stils, genau wie er gestern Abend beim Sternenlicht vermutet hatte, und zwölf Meter hoch überragten sie noch seinen Kopf, um dann erst die Kuppel zu tragen ...
Eine Zeit lang starrte er hinauf zum Gesimse, auf den Schirm gestützt. Dann blickte er hinab. Ob es nun eine Abart des Schwindels war oder eine Wirkung des Morgenwindes, der sanft brausend um seine Ohren zu flattern begann, kurz, ein toller Leichtsinn ergriff ihn plötzlich wie im Rausch. Er trat an den Rand des Turmes und fing mit hastigen Fingern an, das schwerfällige Gerippe des Schirmes aufzuspannen! Flink fuhr der Wind in die Falten und blähte sie vollends auf ...
Kaum war der Schirm offen, da begann er augenblicklich seine schützende Wunderwirkung gegen das alles mit sich reißende Fluidum zu äußern....
Zu spät kam Klaus die Besinnung, schon schwebte er in der Luft! Ohne jegliche schützende Planke unter seinen Füßen sauste das schwarze Riesenrad mit ihm davon, im Licht des aufgehenden Tagesgestirns.... Aber o Schreck! Er erblickte dessen Glanz nicht vor sich, wie es doch hätte sein müssen; nein, er erkannte an der Beleuchtung der Häuser und Bäume drunten, an dem fliehenden verzerrten Schatten, den er selbst samt dem Schirm über die Straßen, nun über neblige Wege und tauglänzende Felder warf, dass die strahlende Morgensonne hinter seinem Rücken heraufkam! Also nach Westen trieb er, immer weiter nach Westen.... Wie konnte es denn auch anders sein? Hatte es ihm nicht der Professor weitläufig auseinandergesetzt, dass scheinbar nach Osten die Erdwölbung sich unter ihnen hinwegdrehen müsse, dass sie also nach Westen sich bewegen würden?! Hatten sie nicht gestern Nacht die abenteuerliche Fahrt auf dem Parallelkreis gemacht? Ihm fiel ein, was jener vom Parallelogramm der Kräfte gesagt, daheim in der Station für Rotationsfahrten: dass es ihm gelungen sei, die Richtung schon ein wenig abzubiegen....
Mehr instinktiv als auf Grund von Überlegung versuchte er es damit, dass er den Schirm vom Rücken ein wenig auf die Seite drehte. Das war nicht so leicht, bei dem pfeifenden Luftzug, frei zwischen Himmel und Erde hängend. Aber als er ihn nach und nach ganz herumzuschwenken trachtete, in der Hoffnung, er könne sein rasendes Schiff vollends umsteuern, dem ersehnten Heimathafen zu, da war die einzige Wirkung diese, dass er beängstigend zu schaukeln und schließlich zu fallen begann....
Das wollte er um keinen Preis. Denn unter ihm, gar nicht mehr weit entfernt ... was schimmerte da in stumpfem nebligem Glanz ... war das nicht Wasser ... war das nicht das Meer ...
Er war nach Nordwesten abgetrieben! ... die Nordsee, weit und grau und stürmisch ...
Seine Bemühungen hatten gewirkt, aber nur zum Teil und höchst unerwünscht.
Die Nordsee! Wo seine Angehörigen in Ferien hausten! Was würden die sagen, wenn sie ihn so ankommen sähen, in Luft und Wolken segelnd, an einem armseligen Schirmgestell hängend, den Elementen und Naturkräften preisgegeben, auf Gnade und Ungnade der Erdrotation ausgeliefert, von einem unfassbaren Fluidum hilflos und jämmerlich nach Westen getrieben, traurig und zugleich lächerlich ... über das Weltmeer ... in die unendliche dunstige Ferne ... vielleicht rund um die Erde herum ...
»Vielleicht«, — das war noch eine Hoffnung! — »vielleicht« wieder bis zum Ausgangspunkt zurück! Zur ersten und einzigen Station für Rotationsfahrten in der heimatlichen Dachkammer!! ...
Zweihundertsiebzig Meter sekundlich — wie viele Sekunden, Minuten und Stunden machte das, bis er eine Erdumsegelung vollbracht haben würde? ... Ach, wenn er bloß die Zahlen besser behalten wollte, die dummen Zahlen. Es fiel so entsetzlich schwer, sie aufmarschieren zu lassen, sie miteinander zu multiplizieren, zu dividieren; in seiner Lage, darf man nicht vergessen, von dem unheimlichen Fluidum gezerrt und geschoben, vom Sturm gepeitscht und betäubt, an einem gebrechlichen Fallschirm baumelnd, mit nur einem einzigen lockeren Pantoffel mehr an den Füßen, der die deutliche Absicht bekundete, jeden Augenblick treulos abzufallen....
Nun begann gar der gegnerische Seewind ihm um den Kopf zu brausen, und die Gedanken brausten drinnen, ohne dass er sie zu sammeln vermochte. Es wurde ihm ganz wirr zu Sinn bei der Anstrengung. Und schon lag deutlich tief zu seinen Füßen der Strand ... ja natürlich: Wälzten sie sich nicht dort wohlig im Sand, wie er sich zu Hause vorgestellt hatte, nach dem ersten Frühbad in der Sonne sich wärmend? ... Er hätte heulen mögen — er tat es auch — schrie laut und schüttelte und zerrte krampfhaft an dem verhexten Schirm, an dem er nur noch mit einer Hand sich festhielt. Der schlotternde Schlappen glitt von seinen Zehen und fiel ... er achtete sein nicht, schüttelte und schrie und schrie ...
Sie hörten ihn, sahen empor mit runden Augen nach dem Schauspiel des schiffbrüchigen gejagten Luftfahrers ... erkannten ihn ... Die Arme streckten sie aus, vier Paar Arme auf einmal, nach der ersten stockenden Bestürzung, Mutter und Vater und beide Schwestern.
O, du vermaledeiter Ätherschirm, Teufelswerk fahr' hin! Mochte werden, was wollte, er ließ den Griff los....
»Oh, du vermaledeiter Ätherschirm, Teufelswerk fahr' hin!«
Mochte werden, was wollte, er ließ ihn los.
Er stürzte hinunter durch die Luft, fiel und fiel hinter dem Pantoffel her, dem gelben weichen Sand entgegen.... Schon sah er ganz nahe die empfangenden acht Arme — und erwachte. Halb im Bett lag er noch, genau wie gestern Abend, als der wunderliche Unbekannte mit dem dumpfen Luftstoß ihn über den Haufen rannte.... Wo war denn der? Oder war gar kein wunderlicher Unbekannter bei ihm eingedrungen?
Die Stubentür war fest zu, auch der Stuhl war nicht umgefallen, bloß schiefgerückt. Kein Mathematikprofessor war zu sehen, kein vertrackter altväterischer Schirm. Sein einer Hausschuh war ihm vom Fuß geglitten, dass er die Kühle des Fußbodens spürte, trotz aller Sommerwärme.
Rasch ermannte er sich. Das Petroleumlämpchen brannte noch und kämpfte ermattend gegen die Sonne, die schon zum Fenster herein zu lachen begann. Es würde wieder heiß werden. Man merkte es in der frühen Morgenstunde bereits. Ja richtig, er war gestern Abend von der Schwüle so müde gewesen, hatte sich ein bisschen auf dem Bettrand geräkelt und war wohl eingeschlummert. Das mit der Ätherfahrt und der Kletterpartie im Hamburger Michaelisturm und dem Sturz in den Nordseesand war bloß Einbildung.
Der Einäugige....
In der Dämmerung hatte ja der Bittsteller bei ihm angeklopft, mit einem Sehschaden auf dem einen Auge. Der hatte ihm allerhand von den Gefahren seines Berufes erzählt und von dem verrückten Kollegen mit der Erfindung.... Der Mann hatte einen großen Regenschirm bei sich, was ihm wegen des trockenen Sommerwetters besonders aufgefallen war. Er war dann vor ihm die Bodentreppe hinaufgegangen, und er hatte ihm nachgerufen oder nachrufen wollen, dass da oben niemand mehr wohne ...
So waren die Anlässe beschaffen, aus denen sein phantastischer Traum sich gewoben. Er griff in die linke Brusttasche nach dem Schriftchen Guglielminis, das ihm der Professor geschenkt hatte, während er den Pendelversuchen zusah.
Nein, kein Heftchen war da. Aber der zusammenfassende Bericht über Benzenbergs historische Fallversuche 1802 im Turm der alten Hamburger Michaeliskirche lag noch aufgeschlagen unter der Lampe, samt allen dummen Zahlen, die im Traum ihm nicht hatten einfallen wollen.
¤
Beginn des Original-Erstdrucks der Jugenderzählung.
»Wir müssen heim, es dunkelt«, sagte der ältere Georg zu seinem jüngeren Begleiter Franz, »ich habe noch zu tun.« Nur zögernd folgte Franz der Aufforderung und warf beim Umkehren noch einen nachdenklichen Blick auf die Mondscheibe, die blassrot und rund immer höher hinter dem Bergrücken sich am Abendhimmel empor schob. Davon hatten sie gesprochen auf ihrem einsamen Spaziergang: vom Mond.
Georg hatte aus der Fülle seines Wissens gar seltsame Dinge über den stummen Begleiter der Erde auf ihrer sonnenweiten Fahrt durch den Weltraum zu erzählen gewusst, und Franz hatte zugehört, nur dann und wann durch Fragen ihn unterbrechend. Zu Hause aber auf seinem Stübchen, nachdem die Pflichtarbeiten erledigt waren, kramte er den Atlas heraus und betrachtete aufmerksam die Mondkarte auf der ersten Seite. Das alles hatte man also am Fernrohr herausgebracht, diese Gebirge und Meere, die freilich gar keine Meere seien, wie Georg ihn belehrt hatte, sondern ausgedörrte Wüsten. Schon glaublich. Wenn die Mondscheibe so groß und klar am Himmel hing, wie heute Abend, da meinte man ja beinahe mit bloßem Auge Einzelheiten unterscheiden zu können. Im Atlas war eine Fotografie beigegeben, da sah man deutlich die großen Kratertrichter samt den schwarzen Schatten, welche das Sonnenlicht hineinwarf. So lebendig wirkte der Anblick, als schaute man leibhaftig in ihre Höhlungen, als müsse jeden Augenblick ein feuriger Ausbruch daraus hervorbrechen mit Qualm, Rauchwolken, fließender Lava und hoch empor geschleuderten Gesteinsbrocken. — Und doch sollte das alles tot sein, längst erstarrt und ausgebrannt zu kalten Schlacken, wie die Gelehrten auf Grund ihrer Beobachtungen behaupteten.
Immerhin, Franz konnte heimliche Zweifel nicht unterdrücken. Ihm schien, es müsste schon einmal jemand persönlich hinüberreisen, um diese Fragen zu entscheiden.
»Dreihundertsechzigtausend Kilometer!«, hatte Georg statt jedes weiteren Einwandes ausgerufen, als er eine hierauf bezügliche Andeutung gewagt hatte. Dagegen wäre eine Erdumsegelung mit ihren lumpigen vierzigtausend Kilometern das reine Kinderspiel! Selbst ein Flugzeug mit 150 Kilometer Stundengeschwindigkeit würde 2400 Stunden oder hundert Tage brauchen, das war leicht zu überschlagen.
»So muss man eben schießen! Wozu hat die Artillerie im vergangenen Krieg solche erstaunlichen Fortschritte gemacht!«
Auch hierzu lachte Georg bloß gutmütig: »Probier's nur!«
Franz mochte aber nun mal den Plan nicht so rasch aufgeben, er hatte doch Geschichten gelesen — freilich, das waren erfundene Geschichten. Franz geriet ins Abenteuern. Schließlich blies er das Lämpchen auf dem Tisch aus, Mondlicht flutete breit und schimmernd in seine Stube. Vielleicht war das mit Schuld, wenn ihm so seltsame Einfälle kamen, ihm war zumute, als stehe ihm heute Nacht noch Absonderliches bevor. Das Gestirn draußen lockte, zog ihn geheimnisvoll an. Leise stand er auf, die Eltern schliefen wohl schon. Behutsam öffnete er die Tür, und lautlos schlich er die Treppe hinunter. Im Flur nahm er die Mütze vom Haken und trat hinaus ins Freie.
Den Weg schritt er zurück, den sie heute Nachmittag gegangen waren, dem Gebirge zu. Doch jetzt kehrte er nicht so bald um, immer weiter schritt er, einen Hohlweg hinan, der Kammhöhe zu. Nun musste er diese bald erreicht haben, es wurde schon recht öde um ihn, merkwürdig öde. Franz schien es, als habe das Gebirge noch nie einen so verlassenen, schauerlichen Eindruck auf ihn gemacht. Sicherlich war daran die Einsamkeit der Mitternacht schuld, die Stille und das Mondlicht, das alle Dinge mit ungewissem Glanz überfloss und hinter jeden Felsblock, ja, jede Baumwurzel und jeden Steinbrocken einen gespenstischen Schattenklecks setzte. Es war, als sei ein Stück des Mondes selber, wie er es vorhin im Bilde geschaut hatte, auf die Erde heruntergefallen.
Und dort drüben — war da etwa der »Mann im Mond« lebendig geworden? Franz erschrak, denn mitten auf der kahlen Bergkuppe regte sich eine menschliche Gestalt. Es war kein Irrtum, das schwärzliche Wesen bewegte sich emsig hin und her, bald gebückt, bald aufrecht stehend. Franz zögerte einen Augenblick, dann trieb die Neugier ihn vorwärts. — Ach, es war wohl ein Köhler, fiel ihm plötzlich ein, den sein Geschäft bis in die Nacht hinein festhielt. Nun bemerkte er nämlich, was ihm beim ersten Anblick seltsamerweise entgangen war, dass da ja ein spitz zulaufender Meiler emporragte; freilich riesig hoch dünkte ihn das Gebilde für einen Kohlenmeiler, und es stand ein wenig schief, aber das war vielleicht beides bloß Augentäuschung infolge der unsicheren Beleuchtung. Franz trat näher heran, der Schwarze schien ihn bis jetzt nicht bemerkt zu haben.
Mitten auf der kahlen Bergkuppe regte sich eine menschliche Gestalt.
»Guten Abend«, grüßte er. »Guten Abend«, gab der Unbekannte freundlich zurück, ließ sich aber in seiner Tätigkeit nicht stören.
»Sie sind gewiss ein Köhler?«, fragte Franz nach einer Weile.
»Jawohl, Köhler ist mein Name, Professor Köhler.«
Franz staunte und trachtete jenem ins Gesicht zu spähen: »Was tun Sie denn hier, Herr Professor?«, erkundigte er sich keck.
»Ich schieße auf den Mond.«
»Also doch!«, rief Franz vergnügt. »Das habe ich mir nämlich längst gedacht, dass das gehen müsse, obwohl mein Freund Georg mich deswegen auslachen wollte. Das Ding dort ist zweifellos Ihre Kanone, jetzt errate ich's, oder Ihr Mörser....«
»Haha.« — Franz stutzte, das klang ja, als ob man ihn wiederum auslachte! »Natürlich müssen Sie mit Schießbaumwolle schießen, oder mit Nitroglyzerin, gewöhnliches Pulver hätte nicht genügend Triebkraft; ich weiß wohl, um den Mond zu erreichen, müsste das Projektil mit achttausend Meter Geschwindigkeit aus dem Rohr fliegen, eher noch mehr, wegen der Luftreibung. Das ist aber zehnmal so viel, wie unsere mächtigsten Geschütze leisten.«
»Haha«, lachte wiederum kurz der Schwarze, »du weißt ja ordentlich Bescheid, mein Bester. Aber hast du nicht gehört, dass Nitroglyzerin eher das dickste Rohr sprengt, als dass es auch nur einen Korken daraus hervorschleudert? Diese Explosivstoffe wirken viel zu plötzlich, sie zerschmettern ihre Umgebung, aber sie bewegen nichts. — Hier, besieh dir das Pulver, mit dem ich schieße!« Er wies auf ein am Boden sich hinziehendes armdickes Seil.
»Das sieht ja beinahe aus wie ein Starkstromkabel.«
»Ist es auch, denn meine Kanone ist eine elektrische! Komm mit, ich will sie dir erklären!«
Er schritt voran, Franz folgte ihm zu einer Art Hütte, die unten um die Kanone herumgebaut war. Nachdem ein Türchen geöffnet und Licht angeknipst worden war, erwies es sich als recht wohnlich. Ein Tisch stand gegen die ungeheure Rundung des Rohrschaftes gelehnt, darauf waren allerlei Apparate zu sehen. Professor Köhler griff nach einem: »Hier hast du ein Modell meiner Kanone.«
Franz vermochte vorderhand keine große Ähnlichkeit mit dem schwarzen »Meiler« draußen aufzufinden, es waren grünumsponnene Kupferdrahtrollen, in einem Gestell übereinandergestapelt, darunter stand ein runder Eisenbolzen:
»Ich werde durch die niedrigste Spule elektrischen Strom schicken.« — Er tat es, und wie von unsichtbaren Fäden gezerrt, hob sich das Eisen mit plötzlichem Ruck in die Spulenöffnung hinein und blieb frei schweben.
»Du weißt, dass es der Zug magnetischer Kraftlinien ist. Jetzt werde ich die darüber befindlichen Spulen einschalten«
Er knipste wiederholt, und jedes Mal sah Franz, wie das Eisen sich um ein Stück höher hob. »Betätige ich die Spulen nun rasch hintereinander, so wird natürlich jede folgende die Wirkung der vorhergehenden vermehren.«
Er ließ, indem er so sprach, den Kontakthebel über das Schaltbrett gleiten, und der Erfolg war, dass das Eisenstück mit ziemlicher Wucht aus der obersten Mündung herausfuhr.
»Ich verstehe«, rief da Franz. »Aber mich wundert, dass Ihr Kanonenrohr nicht noch viel länger ist, denn um acht Kilometer Geschwindigkeit zu erzeugen, scheint mir, dass sehr viele Drahtspulen ihre Wirkungen summieren müssen.«
»Es ist auch viel länger! Was draußen hervorragt, ist bloß das Oberteil, die Hauptsache habe ich in die Erde hineingebaut. Komm mit!«
Noch während er redete, war er auf eine Luke im Boden zugeschritten, wo eine endlos lange Wendeltreppe hinabführte ins Erdinnere. »Es ist eine hohle Riesensäule von lauter Drahtspulen, um die wir uns jetzt herumwinden«, hörte Franz ihn sagen, während er hinter ihm drein in den Schacht hinabkletterte, vorsichtig, um auf den winkligen Stufen nicht auszugleiten. Der Weg dünkte ihn endlos, ihm wurde schon ganz wirblig zu Sinn. Das musste ja wahrhaftig ein furchtbares Rohr sein. Endlich hörte er seinen Führer sagen:
»Und hier ist auch der Eisenkern, das Geschoss.«
Sie waren in einem Kellerraum angelangt, wo Licht brannte. Der Professor hatte zu seinen Worten auf ein zuckerhutförmiges Gehäuse hingewiesen.
»Merkwürdiges Geschoss«, dachte Franz in seinem noch ganz verdrehten Sinn, denn an der Vorderwand befand sich eine Panzertür, die offen stand, sodass er ins Innere blicken konnte. Es war geräumig genug, um einige Personen zu fassen. »Tritt nur hinein, mein junger Freund«, forderte der Professor freundlich auf, indem er auch drinnen eine Lampe entzündete.
»Das sieht ja beinahe aus, als gedächten Sie dem Mond einen persönlichen Besuch abzustatten«, erkundigte sich Franz und deutete auf ein dastehendes bequemes Bänkchen.
»Allerdings!«
»Sehen Sie!«, jubelte Franz los. »Was wird nun Freund Georg sagen, wenn ich ihm das erzähle! Er hat mich nämlich ausgelacht, weil ich sagte, die Astronomen hätten kein Recht, das Leben auf dem Mond zu leugnen, bloß weil sie mit ihren armseligen Fernrohren nichts der Art haben wahrnehmen können! Würden sie gescheiter einmal hinüberfahren, oder fliegen, oder schießen, so würden ihnen dafür die Mondmenschen zum Spott vielleicht Nasen drehen!«
»Haha«, lachte wieder der alte Herr gutmütig über diesen Erguss, »Mondmenschen erwarte ich freilich nicht gleich dort, mein Lieber, der Mond hat keine Atmosphäre, höchstens mag sich noch die giftige Kohlensäure auf ihm finden, und vielleicht halten sich in Klüften und Felsspalten und in Höhlungen des Innern auch noch Spuren von Pflanzenleben verborgen. Aber mit irdischen Lebensformen dürften die wenig Ähnlichkeit haben. Doch wenn du anderer Meinung bist, magst du einfach mitkommen, um selbst nachzusehen.«
Bei dieser unerwarteten Zumutung verließ leider Franz seine bisherige Keckheit merklich, er kriegte einen Schreck, und rasch warf er einen Blick nebenher auf die Panzertür; solange die noch offen stand, drohte keine Gefahr. — So mir nichts dir nichts sich auf den Mond schießen lassen? Diese Zumutung mache sich einer erst klar! Nein, das wollte doch ein wenig überlegt sein. Um einstweilen abzulenken, fragte er: »Können Sie denn überhaupt von hier drinnen abfeuern?«
»Nur die unterste Spule errege ich elektromagnetisch, die übrigen schaltet dann das vorrückende Geschoss selbsttätig ein.«
Entsetzt fuhr Franz an dieser Stelle herum, denn mit lautem Klapp war soeben die Panzertür hinter seinem Rücken zugeflogen. Mit raschem Griff wollte er des Professors Arm haschen, der sich nach einem Hebel hin ausgestreckt hatte — zu spät! Er empfing einen derben Schlag in die Kniekehlen, sodass er hilflos zu Boden sank. Als er aus kurzer Betäubung erwachte, sah er den Professor neben sich ebenfalls am Boden kauern und sich die Schultern reiben: »Ich hätte auch an den ersten Ruck wahrhaftig denken sollen«, klagte er. Da Franz merkte, dass bei ihm weiter nichts entzwei sei, war er rasch auf den Beinen und half auch dem alten Herrn. Dieser löschte das elektrische Licht, es wurde aber nicht dunkel, denn durch mehrere runde Fenster der Decke strömte Mondlicht in das kleine Gemach.
»Wo sind wir?«, fragte Franz verwirrt, denn ihn überkam wieder eine Neigung, nach der Klinke der Panzertür zu tasten.
»Hunderttausend Meter über der Erdoberfläche — oder jetzt vielleicht schon hundertfünfzigtausend, denn während ich rede, verstreichen die Sekunden, und jede bringt uns zehntausend Meter höher dem Mond entgegen.«
Franzens Blick hatte sich inzwischen schon von selbst den Fenstern zugekehrt, die auch am Boden angebracht waren, wo er die zurückgelassene Erdoberfläche liegen sehen konnte. »Rund 400 000 Kilometer ist unser Weg lang«, sagte er, »da würden wir also rund 40 000 Sekunden für die Fahrt brauchen, oder 11 Stunden.«
»Du vergisst, dass unsre Geschwindigkeit rasch abnimmt, wie bei jedem Geschoss, wir werden viel länger brauchen!«
»Wenn uns da bloß die Zeit nicht lang wird«, dachte Franz, denn bloß zusehen, wie da unten die bleiche riesige Erdscheibe ferner und ferner zurückschwand, das musste auf die Dauer langweilig werden — ganz abgesehen von dem unsicheren Gefühl, das einen dabei beschlich.
»Könnte man nicht eines der Fenster ein bisschen aufmachen?«, fragte er, »mir kommt die Luft hier drinnen recht dumpf vor.«
»Um Gottes willen, Junge, du vergisst, dass man schon auf dem Gaurisankar mit seinen lumpigen acht Kilometern Nasenbluten kriegt vor Luftmangel, und wir sind jetzt beinahe ebenso viele hundert hoch! Nein, bis hierher reicht die Atmosphäre nicht; die Luft, wenigstens soweit unsere Lungen und unsere Barometer noch etwas davon merken können, klebt als wenige Kilometer starke Hülle dem zwölftausend Kilometer dicken Erdball an, nicht viel anders als die Schale dem Apfel. Wir sind längst darüber hinaus. Gegenwärtig bewegt unser Gehäuse sich durch eine Leere, die dünner ist, als das Innere einer Röntgenröhre, die man mit der besten Quecksilberluftpumpe leergepumpt hat.«
»Woher wissen Sie das übrigens so genau«, fragte Franz ziemlich gereizt, »dass wir uns in achthundert Kilometer Höhe befinden?«
»Ich könnte es durch Anvisieren einer bekannten Größe trigonometrisch berechnen. Ungefähr kannst du es leicht schätzen. Unsere Heimat, über der wir senkrecht schweben, ist vom Ozean etwa achthundert Kilometer entfernt. Dort siehst du, wenn du aufmerksam hinschaust, die französische Küste eben auftauchen, und zwar unter einem Depressionswinkel von 45 Grad. Wir haben also ein gleichschenklig rechtwinkliges Dreieck unter uns, dessen einer Schenkel, nämlich unsere Höhe über der Erde, gleich dem andern ist, also ebenfalls achthundert Kilometer!« —
Franz musste dieser einfachen Überlegung seine Zustimmung geben. Der Professor knipste Licht an und wies auf einen einfachen Apparat, eigentlich bloß eine Spiraldrahtfeder, woran ein Gewichtstück über einer Skala baumelte: »Hier diese Federwaage gestattet mir ohne jede Rechnung den Betrag unserer Höhe abzulesen, sie leistet für Reisen im Raum dasselbe wie das gewöhnliche Barometer für Bergbesteigungen innerhalb der Lufthülle, denn in dem Maße wie wir uns von der Erde entfernen, nimmt das Gewicht dieses Hundertgrammstückes ab.«
»Wie, ein Hundertgrammstück sollte keine hundert Gramm mehr wiegen?«, rief Franz verdutzt, dem das allen Begriffen zu widersprechen schien.
»Das Hundertgrammstück hat zwar eine unveränderliche Masse«, wurde er belehrt, »deren Gewicht aber ist eine Folge der Erdanziehung, die in der doppelten Entfernung nur noch mit einem Viertel ihrer ursprünglichen Kraft wirkt. Die Feder gewinnt die Übermacht, und du siehst, sie hat es schon beträchtlich vom Nullpunkt, wo es auf Erden stand, in die Höhe gezogen. Wenn wir erst sechstausend Kilometer hoch sind, wird es nur noch fünfundzwanzig Gramm wiegen, denn da sind wir von der Erdoberfläche einen Erdradius entfernt, vom Erdmittelpunkt also ums Doppelte, und folglich beträgt die Schwere nur noch ein Viertel. Doch bis dahin werden wir uns noch eine Weile gedulden müssen.«
Er knipste sofort das Licht wieder aus, um »Strom zu sparen«.
»Aber wir fahren ja gar nicht dem Mond entgegen!«, rief Franz, sobald es wieder dunkel war, und deutete in ehrlichem Schreck gegen eins der Deckenfenster. Ihm war mit einmal eingefallen, dass er den Mond ja gar nicht sehen durfte, wenn sie ihm genau entgegenfuhren, denn die Spitze ihres »Geschosses« war selbstverständlich undurchsichtig. Das Gestirn stand aber ein ganzes Ende seitwärts.
»Alles mit Überlegung«, erwiderte lächelnd Professor Köhler. »Die Matrosen auf einem Kriegsschiff dürfen auch nicht genau ins Ziel schießen, sondern müssen ein wenig vorausholen, weil ja das Ziel sich fortbewegt, während das Geschoss fliegt. Wohlweislich hatte ich also mein Geschützrohr dahin gerichtet, wo der Mond sich befinden wird, wenn wir dort ankommen. Ich dachte, du hättest das schon drunten bemerkt, es stand ja schräg.«
»Ach so ...« Franz fühlte sich ein wenig beschämt, eigentlich hätte er sich das auch allein sagen können.
Nun fesselte aber wieder eine Erscheinung in dem Bodenfenster seinen Blick. Deutlich war jetzt schon die Kugelgestalt der Erde zu erkennen, gleich einer ungeheuren gelblichen Wölbung ragte sie aus dem umrahmenden blauschwarzen Himmel, reichlich ein Viertel davon bedeckend. Die Atmosphäre war unbewölkt, Franz konnte deshalb Ebenen und Gebirge im schönsten Vollmondlicht mit scharfem Schlagschatten liegen sehen. Freilich, die Heimat erblickte er längst nicht mehr, seit Stunden waren sie ja bereits unterwegs, inzwischen hatte die Erdkugel um ihre Achse von Westen nach Osten sich ein gutes Stück unter ihren Füßen fortgedreht, gegenwärtig schwebten sie über dem Atlantischen Ozean.
Es war ein fesselndes Schauspiel, dem Vorbeigleiten der schlafenden Länder zuzuschauen, Franz vergaß darüber den eigenen Schlaf und die Langeweile. Nun begann aber der Ostrand sich rosig zu färben, farbiger Schein schoss vom schwarzen Abgrund herauf, und nicht lange, so musste er die Augen schließen vor dem dort hervorbrechenden Glanz: Die Sonne ging auf! Ganz langsam schob sie sich hinter der dämmerigen Erdscheibe hervor und stand alsbald, von keinem Luftschleier gemildert, in unvergleichlichem Glanz daneben am Himmel, der im Übrigen so nächtlich schwarz blieb wie zuvor. Franz wusste die Erklärung hierfür. Was wir gewöhnlich Tageslicht nennen, ist ja eine Folgeerscheinung der allseitigen Zerstreuung des Sonnenlichtes an den Luftteilchen; hier, wo sie jetzt schwebten, gab es keine Luft mehr, also auch kein Tageslicht. Grell, gänzlich ohne Strahlenkranz — denn auch die Strahlen sind ein Erzeugnis des Luftdurchganges — stand der weißglühende Sonnenball am samtschwarzen Himmel, winzig zwar im Verhältnis zu der riesigen Erdscheibe, von der er allmählich abrückte, aber mit seinem reinen Glanz sie verdunkelnd. Es war, als blickte man durch ein kreisrundes Loch mitten in die Hölle selber hinein.
»Verdirb dir nicht die Augen. Betrachte lieber einmal die Federwaage.« Franz tat es und überzeugte sich, dass wahrhaftig das Hundertgrammstück derweilen drei Viertel seines Gewichtes eingebüßt hatte. Dann kehrten seine Augen zu dem Schauspiel zu seinen Füßen zurück. Die Erdscheibe lag nun aschfahl da, an ihrem Ostrand aber hatte sich eine schmale, helle Sichel gebildet, eine Phase, wie er es bisher beim Mond auf Erden beobachtet hatte. Er warf einen Blick auf den Mond durch die Deckenfenster: Nein, der erfreute sich noch seiner ungeschmälerten Rundheit, etwas völliger geworden schien er auch, aber nicht sehr merklich. Aus dem Sichtbarwerden der Sonne schlussfolgerte Franz ganz richtig, dass sie nicht genau auf der geraden Linie, Sonne—Erde—Mond, letzterem zustrebten, sondern ein wenig seitwärts davon, den Absichten des Professors entsprechend. Franz freute sich des Umstandes, denn sonst hätte er keine Gelegenheit gefunden, die Erdphase zu beobachten.
Dort drunten, wo die Sichel im Sonnenglanz aufglühte, da hielt jetzt der Tag seinen Einzug, die Menschen erwachten. Auch seine Heimat hatte längst dem Osten und der Sonne sich zugewendet, seine Angehörigen würden aufstehen und ihn vermissen! Einen Augenblick wollte dieser Gedanke sich schwer auf seine Seele wälzen, doch schüttelte er ihn ab. Ei was, wenn die wüssten, dass er, während sie Kaffee tranken, aus zehntausend Kilometer Abstand auf sie herabschaute! So hoch musste das Geschoss zur Stunde wohl gestiegen sein. Franz überlegte. Zehntausend Kilometer gegen vierhunderttausend — es blieb doch noch ein verflucht langes Ende übrig. Er seufzte unbehaglich. Auf der Erde gab es jetzt auch nicht mehr viel Abwechslung. Sie rückte ferner und wurde undeutlicher, der Vollmond kam gegen die Sonne nicht mehr auf, man musste sich in acht nehmen, ihr Licht nicht ins Auge zu bekommen. Einen besonderen Genuss bot ihm noch der Anblick des Sternenhimmels, gerade um beide Gestirne schlang sich eine funkelnde Girlande, die Milchstraße, wie er sie in solcher Pracht im Dunstkreis der Erde nie geschaut hatte.
In Betrachtung versunken, blieb er lange Zeit — vielleicht hatte er sogar ein Weilchen geschlafen. Es musste wohl so gewesen sein, denn er schreckte erst auf, als Professor Köhler ihm auf die Schulter tippte:
»Spürst du nichts?«
Wohl spürte Franz etwas! Ihm war so leicht am ganzen Körper, als könne er fliegen. Seine Muskeln dehnten sich wie von selbst, ihm schien, als seien ihm im Schlaf Riesenkräfte gewachsen ... Ach so, er wusste Bescheid! Natürlich erging es ihm genau so wie des Professors aufgehängtem Hundertgrammstück, und in dem Maße, wie sie sich der Schwerkraft der Erde entzogen, wurde auch er selbst leichter! Unternehmungslustig stand er von seinem Sitz auf, klammerte sich aber schleunigst an den Professor an, denn es war kein Aufstehen, sondern ein federndes Springen, das ihn beinahe gegen die Decke des Gehäuses stoßen ließ!
»Vorsicht, Vorsicht!«, mahnte der Professor, denn seine eigene Standhaftigkeit war ja ebenfalls nicht weit her, und beim erschreckten Umhertappen nach irgendeinem Halt hätte Franz beinahe wieder ein großes Unheil angerichtet, weil auch alle übrigen Dinge, die in dem Raum standen, ihr Gewicht zur Hälfte und mehr eingebüßt hatten. Glücklicherweise hatte der Professor den Tisch, das Bänkchen sowie sämtliche Apparate daheim vorsorglich festgeschraubt, aber auf dem Tisch hatte er, während Franz döste, das Geschirr zu einem kleinen Imbiss aufgestellt. Alle diese Dinge waren so federleicht, so unheimlich beweglich geworden, als spürten sie demnächst Neigung, ihre Plätze überhaupt aus freien Stücken gänzlich zu verlassen, und dieser Augenblick war in der Tat nicht mehr allzu fern. Der Professor hatte der besseren Umschau wegen wieder Licht gemacht, denn das vom Boden hineinfallende Sonnenlicht blendete eher mit seinen scharfen Reflexen und Schatten.
Es war überhaupt eine eigene Sache, so frei im pechrabenschwarzen Raum schwebend, die Sonne zu Füßen, ringsum von Sternen angefunkelt, von oben der Mond, dazu das seltsame Gefühl der Gewichtslosigkeit des eigenen Körpers und aller fremden Dinge! Franz war klug genug, sich rasch wieder an seinem Bänkchen festzuklammern. Von da sah er zu, wie der Professor den Höhenmesser prüfte.
»Aber wir steigen ja gar nicht mehr!«, rief er aus.
»O doch, bloß immer langsamer.« — »Aber viel zu langsam, wenn wir den Mond erreichen wollen«, beharrte Franz, dem es mit einmal Angst wurde, er könnte so kurz vor dem ersehnten Ziel noch Schiffbruch erleiden. »Sehen Sie doch, er ist ja noch beinahe so weit weg wie auf der Erde!«
»Du täuschst dich. Wir sind gegenwärtig viel dichter am Mond als an der Erde, infolgedessen hat die Erde gewaltig an Größe abgenommen, der Mond hat freilich nicht im selben Maße zugenommen, weil er eben an sich kleiner ist. Immerhin genügt ein Vergleich mit dem Fensterrahmen, um dir zu zeigen, dass er wirklich etwa zehnmal dicker geworden ist, während die Erde nur noch halb so dick ist wie der Mond.«
Franz folgte der deutenden Handbewegung und konnte den Angaben nicht widersprechen. »Werden wir auch wirklich hinkommen mit dieser Schneckengeschwindigkeit? Vielleicht war Ihre Kanone doch zu schwach? Wenn wir nur nicht wieder auf die Erde zurückfallen!«
»Keine Sorge, junger Freund«, tröstete ihn der Professor, »ich brauchte mit meiner Kanone gar nicht ganz bis auf den Mond zu schießen, sondern bloß bis zu jener Stelle im Weltraum, wo die Anziehungskräfte beider Weltkörper sich das Gleichgewicht halten. Meine Federwaage verrät mir, dass wir bald so weit sind.«
»Wahrhaftig, das Hundertgrammstück ist bis zur Null hinaufgestiegen!«
»Sobald wir diesen Punkt erreicht haben —«
»Fallen wir ganz von selbst auf den Mond hinunter!«, unterbrach ihn Franz eifrig, um sein volles Verständnis des Sachverhalts zu beweisen, sprang aber unwillkürlich wieder auf, alle Vorsicht vergessend, und musste es mit einem großen Erschrecken büßen. Er blieb nämlich richtig in der Luft schweben, jedenfalls dauerte es eine ganze Weile, ehe er den Boden berührte. Dabei hatte er ein höchst sonderbares Gefühl, von dem er nicht recht wusste, ob er es lustig oder unbehaglich nennen sollte. Ihm war nämlich, als hätte er ebenso gut sich auf den Kopf stellen und auf der Zimmerdecke landen können, mit einem Wort, ihm war so wunderlich, als könne er die Wände hinauflaufen...
Der Mond draußen schien von der selben Unsicherheit gepackt ... er machte eine mächtige Schwenkung, es war wirklich zum Erschrecken ... »Jetzt gibt's ein Unglück«, dachte Franz, »der Professor hat sich gewiss verrechnet ...« Der aber saß abwartend still da, den Blick auf sein Hundertgrammstück geheftet.
»Brav, brav«, murmelte er und nickte mit dem Kopf, als sei er mit dem, was um ihn herum vorging, höchst zufrieden.
»Was ist denn bloß los, Herr Professor, das ist ja wie in der Hexenschaukel«, jammerte Franz, als er wieder einigermaßen auf den Beinen stand.
»O ganz einfach, unser Fahrzeug hat sich umgedreht«, sprach jener seelenruhig ...
Richtig, es dauerte nicht lange, da sah der verblüffte Franz zwischen seinen Beinen, die er der Sicherheit halber noch gespreizt hielt, den Mond durch die Bodenfenster auftauchen, und wie er emporschaute, grüßte ihn von oben die Erde, von der nun die Sonne schon ein solches Ende abgerückt war, dass man ungestraft hinschauen konnte. Sie war klein geworden, aber doch noch immer dreimal größer als der Mond gewöhnlich aussieht. Leider war nur die schmale Sichel deutlich, alles übrige blieb mit Nacht bedeckt, die nur der Widerschein des Mondes sanft erhellte.
»Verkehrte Welt«, murmelte Franz, »das hätte ich mir auch nie träumen lassen, dass ich den Mond zu meinen Füßen sehen würde, und die Erde über mir dicht neben der Sonne.«
»Hast du keinen Hunger?«, unterbrach der Professor sein Sinnen. O, Hunger hatte er schon, sogar reichlich, wie er jetzt spürte, da er das Wort hörte und den Duft einer Leberwurst und frischen Brotes roch, die beide sein freundlicher Wirt eben ausgepackt hatte. Leider war die löbliche Absicht nicht so leicht zu verwirklichen. »Die Gabel lass lieber liegen«, riet der Professor, nachdem er einem missglückten Versuch zugesehen hatte, wobei Franz sich in die Lippe stach, weil beim Zugriff gleich die Gabel, wie von eigenem Leben erfüllt, hochgefahren war. Er wollte die Wunde betupfen — es glich einer Ohrfeige! »Ja, daran müssen wir uns gewöhnen«, lachte der Professor, »auch wenn wir hernach ganz drunten auf dem Mond sind, ist die Schwerkraft noch immer siebenmal schwächer als auf Erden, und wir werden nette Bocksprünge machen!«
Auch Franz lachte. Hier oben, in der Nähe des neutralen Punktes, war die Schwere vollends Null, was sich in komischster Weise äußerte. Er brauchte seine Wurststulle gar nicht festzuhalten, sie blieb ihm vorm Munde schweben, nachdem er sie erst dahingehoben hatte! Ja, mehr noch: Sie hob sich, wenn auch leise, vom Teller hoch und schwebte!
Franz war sprachlos. Wie soll ich mir das erklären?, fragte sein ratloser Blick.
»Nun, du darfst nicht vergessen, dass wir jetzt im Begriff sind, auf den Mond zu fallen, mit genau derselben Geschwindigkeit, wie alle Dinge hier drinnen im Gehäuse, ob sie auf einer Unterlage ruhen oder nicht. Sie üben aber auch auf ihre Unterlage keinen Druck aus, und wenn kein solcher da ist, schweben sie eben, wie da deine Wurststulle. Weil unser Geschoss noch mit einem Rest, einem Überschuss von Geschwindigkeit ins Anziehungsfeld des Mondes eingetreten ist, so eilt es dem Fall sogar voraus, das heißt, ein Stein, oder hier dein Teller, den ich fallen lasse, bleibt hinter unserer fliegenden Wohnung zurück und steigt aufwärts, umso mehr, da der Fall mondwärts einstweilen nur erst wenige Millimeter in der Sekunde erreicht.«
»Und das wird nun während der ganzen Zeit so bleiben«, fragte Franz, »bis wir drunten anlangen?« —
»Selbstverständlich«, antwortete bestimmt der Professor, »also sei nur hübsch vorsichtig ...«
Er hatte seine Warnung noch nicht beendet, da fuhr Franz vom Tisch hoch und gleich gegen die Decke. »Autsch!«
»Weshalb bist du so stürmisch?«
»Herr Professor«, schrie Franz, während er sich den Schädel rieb, mit aufgerissenen Augen, als sähe er etwas Schreckliches vor sich geschehen, »Herr Professor, denken Sie denn gar nicht daran, wenn wir nun drunten ankommen?!«
»Was weiter?«
»Nun, das wird doch mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit geschehen, ein paar tausend Meter sicherlich ...«
»Es ist leicht auszurechnen, denn es sind natürlich genau so viel, wie erforderlich wären, um vom Mond auf die Erde zu schießen. Mondbewohner, vorausgesetzt, dass es solche gäbe, hätten es viel leichter, dieses interessante Experiment anzustellen, denn es sind bloß etwa viertausend Meter —«
»Bloß, bloß?!«, unterbrach Franz stürmisch seine gelehrte Auseinandersetzung. »Sicherlich genug, um uns zu Brei zu zerquetschen, wenn wir damit auf den Mond prallen. Oder ist dessen Oberfläche etwa gefedert?«
»Schwerlich, denn sie ist hart wie Glas. Aber vielleicht besitzt unser Fahrzeug eine Art Federung? Mach dir einstweilen keine Sorgen!«
Vielleicht treffen wir nicht genau auf, sondern daneben, tröstete Franz sich selbst und deutete gegen die Bodenfenster, wo in der Tat die Mondscheibe, nun schon zwanzigmal größer als der Vollmond auf Erden, nicht genau in der Mitte des Gesichtsfeldes sich zeigte, sondern etwas seitwärts. In dem Maß, wie der Fall sich beschleunigte, wuchs ihre Ausdehnung. Franz konnte nun beinahe schon so viel Einzelheiten erkennen wie auf seiner Fotografie im Atlas.
»Sicherlich sind diese Krateröffnungen doch viel riesiger als die unserer irdischen Vulkane, des Vesuvs oder des Ätna.«
»Es gibt solche von zwanzig Kilometer Öffnung«, bemerkte der Professor. »Am seltsamsten sind aber eigentlich die zahllosen kleinen, womit die Mondfläche wie übersät ist.«
»Wie mögen die entstanden sein?«, fragte Franz. Statt aller Antwort ergriff der Professor eine flache Pfanne, rührte Leimwasser mit etwas Gipsmehl darin zu Brei und setzte es auf die Heizung. Alsbald fing die zähe Masse von unten an zu brodeln, Dampfblasen stiegen auf, durchbrachen den Brei und platzten leise zischend an der Oberfläche, wobei sie zierliche trichterförmige Löcher hinterließen, die hernach erstarrten und in der kaltgewordenen Masse zurückblieben.
»Ach so«, sagte Franz, der dem Spiel aufmerksam zugeschaut hatte. Der Professor hielt die Pfanne schräg, damit die Sonnenstrahlen die entstandenen Erhabenheiten und Vertiefungen streiften, und wahrhaftig, es war verblüffend, wie genau der Anblick der runden Pfanne der des Mondes glich.
»Es sind dennoch Unterschiede vorhanden«, erklärte der Professor. »Es gibt auf dem Mond Gebilde, die wir so ohne Weiteres nicht nachahmen können. Die Krater sind ja höchst wahrscheinlich durch furchtbare Explosionen aus dem Innern entstanden, so wie du es eben im Kleinen in der Pfanne mit dem Gipsbrei gesehen hast, zu einer Zeit, als die Mondkugel noch glutflüssig war und die Gase und Dämpfe des Innern, von der Hitze gedrängt, sich Auswege zur Oberfläche hin schafften. Aber da sind die sogenannten Ringwälle und Ebenen, kreisrunde Gebiete, die von Gebirgswällen rings wie eingezäunt erscheinen. Sie sind zu riesig, als dass man sie für die Reste zerplatzter Breiblasen halten könnte. Der Ring des Ptolemäus z. B., den du hier unten beinahe in der Mitte der Mondscheibe erblickst, hat hundertfünfzig Kilometer Durchmesser, das ist fünfmal so viel, wie der Ätna an seinem Fuß hat.«
»Mir scheint«, meinte Franz, nachdem er sich die bezeichnete Stelle aufmerksam angesehen hatte, »als liege das Innere dieses Riesenzirkus tiefer als seine Umgebung.«
»Ganz richtig; wenn die Sonne schräg hineinschiene, könntest du es an der verschiedenen Länge der Schatten noch auffallender bemerken, und dieser Umstand gibt uns einen Wink für die Art ihrer Entstehung. Es sind da wahrscheinlich ganze Schollen der Mondrinde eingebrochen, weil Hohlräume sich darunter befanden, und an den Bruchspalten am Rand quoll wiederum das glutflüssige Gestein hervor und erstarrte zu jenen Felswällen.«
»Wie hoch sind denn die Mondgebirge eigentlich?« fragte Franz.
»Sie erreichen mit 8000 Metern beinahe die Höhe unserer Erdgebirge.«
»Also sind sie im Vergleich zur Dicke des Mondes viel höher. Und doch sieht man an der Mondkugel keine Auszackungen.«
»Das darf dich nicht wundern. Du hast sie vorhin an der Erdkugel ja auch nicht wahrgenommen. Was besagen die paar Kilometer Berghöhe gegenüber dem Durchmesser jener Weltkörper!«
»Das ist wohl wahr. Aber wie hat man denn ihre Höhe gemessen?«
»Mit Hilfe der scharfen Schlagschatten, die sie werfen, sobald die Sonne sie von der Seite bescheint.«
Franz sprang vorsichtig auf, seine Absicht war bloß, ein wenig zu schweben, denn vom Boden ging eine unangenehme Kälte aus: »Man könnte denken, der Mond sei eine Eiskugel«, sagte er fröstelnd.
»Die alten Völker glaubten wirklich«, belehrte ihn sein Begleiter, »das silberne Nachtgestirn ströme Kälte aus. Das ist aber nicht gut möglich, weil sein Licht erborgtes Sonnenlicht ist, also auch Wärmestrahlen enthalten muss. Doch ist es erst in neuester Zeit mit den allerempfindlichsten Instrumenten gelungen, sie wirklich nachzuweisen.« Er hatte unterdessen die mitgenommene Heizvorrichtung betätigt, denn es wurde wirklich ungemütlich kalt. Vorhin, solange der glatte Bodenteil des Geschosses der Sonne zugekehrt gewesen war, hatte er sich ganz angenehm durchwärmt. Nun aber, da der Boden dem Mond sich zuwandte, prallten die Sonnenstrahlen am spitzen Vorderteil ab, sodass es wirklich schien, als ströme der Mond ihnen Kälte entgegen.
»Die Heizung ist kaum zu spüren«, klagte Franz.
»Kein Wunder, der Raum um uns herum hat 273 Grad unter Null! Aber bleibe am Boden und gedulde dich kurze Zeit, so wirst du die Heizung schon spüren.«
Franz tippte mit dem Zeigefinger leise gegen die Deckenwölbung, was genügte, um ihn auf den Boden zurückzubefördern, wo er an der Fensterluke kauern blieb. Die Mondscheibe vergrößerte sich nun zusehends, offenbar weil das Geschoss mit stetig zunehmender Fallbeschleunigung sich ihr näherte.
»Jetzt werden auch die Schlagschatten länger!«, rief Franz, der mit Entzücken wahrnahm, wie die von der senkrecht stehenden Sonne bisher ziemlich gleichförmig erleuchtete Fläche sich durch die hineinfallenden Schatten zu beleben begann. Am rechten Rand hatte die volle Scheibe sich geschwärzt, ganz schmal nur, aber die dunkle Sichel drängte die helle Kreisscheibe alsbald merklich zusammen: der Vollmond war im Begriff, in sein Viertel überzugehen!
»Schauen Sie, wie der Zackenkamm des Gebirges dort am Rand jetzt scharf absticht, als seien es Schneefelder und Gletscher, und von einigen Bergen, deren Fuß bereits im Dunkeln liegt, leuchten noch die Gipfel im Sonnenschein wie Silber!«
Er wandte sich nach seinem Begleiter um, da bemerkte er, wie dieser mit besorgter Miene zur Decke empor starrte. Franz folgte seinem Blick, und es fiel ihm auf, dass die Deckenöffnung völlig schwarz war, bloß einige Sterne glitzerten herein. Dafür sah er die grelle Sonnenscheibe in einer der seitlichen Fensteröffnungen auftauchen. »Wir weichen von der gradlinigen Bahn ab«, murmelte der Professor.
»Das ist ja ein Glück«, entgegnete Franz leichthin, »sonst bekäme ich die Mondgebirge nicht in so guter Beleuchtung zu sehen. Der ewige Anblick der vollen Scheibe war mir schon beinahe zuwider.«
Damit wollte er wieder dem anziehenden Schauspiel des abnehmenden Mondes zu seinen Füßen sich zuwenden, aber der Professor sagte: »Wenn wir so fortfahren, müssen wir unser Ziel verfehlen und an ihm vorüber an der anderen Seite in den unendlichen Raum hinausfliegen.«
»Ins Unendliche?«, fragte Franz.
Die am Rande der Mondebene auftauchende Erdkugel.
»Das wohl nicht, vermutlich würden wir in einer Schleife denselben Weg zurückkehren.«
»Auf die Erde?«
»Vielleicht, im günstigsten Fall. Wahrscheinlicher ist, dass das Spiel des Hin- und Herfliegens in elliptischer Bahn sich immer wiederholen würde — es wäre entsetzlich!«
Bei diesen Worten sah Franz ihn eine entschlossene Bewegung machen, auf irgendeinen bisher unbeachteten Apparat hin. »Was wollen Sie tun?«, rief Franz und sprang auf.
»Die Anziehungskraft ändern, unsere Richtung verbessern.«
Franz war in schrecklichem Zwiespalt. Sollte er ihm in den Arm fallen, ehe er den Apparat betätigte? Wenn sie am Mond vorbeifuhren, würden sie ewig zwischen einem Punkt jenseits desselben und der Erde hin und her pendeln, andernfalls aber würden sie mit der rasend wachsenden Geschwindigkeit von viertausend Meter sekundlich geradenwegs auf den Mond prallen und dort zweifellos zerschellen! Er warf einen angsterfüllten Blick auf das Bodenfenster, wo die schwarzgetupfte, gelbe Fläche furchtbar rasch näher schwoll und zugleich mit drehender Bewegung vorüberhuschte. Gerade schwebten sie über ein zackiges Gebirge einer weiten Ebene zu. Franz staunte und vergaß seine Angst für kurze Zeit, denn am Rand jener Ebene sah er, was er bisher zu seinen Häupten gesehen hatte: die Erdkugel! Immer tiefer sank sie, ihre eine Hälfte mit Nacht bedeckt, dem Horizont entgegen und bot ihm, ein Riesenmond über dieser seltsamen Landschaft, schließlich das Schauspiel ihres Unterganges. Da, als sie hinter den fernen Mondbergen jenseits der Ebene hinabschwand, packte Franz ein unsägliches Heimweh. Ihm schien alles verloren, drunten warteten Sturz und Tod. Mit einem Sprung war er beim Richtapparat: zu spät, er erreichte bloß eine geringfügige Schwenkung, das Geschoss stürzte unaufhaltsam. Zu Füßen gähnte schwärzlich eine Rille, eine jener rätselhaften Spalten, die kilometerbreit und Hunderte Kilometer lang die Mondrinde an vielen Stellen aufreißen. Ihr unheimlicher Rachen würde sie verschlingen, schon unterschied er im Helldunkel des geborstenen Randes die Schichten erstarrter Lavaflüsse, auf ihrem Grund schimmerte etwas weißliches — Kohlensäureschnee? Es war Franz im Augenblick sehr gleichgültig, auch ob etwa Mondmenschen oder irgendwelche lebende Kreaturen drunten in Höhlen noch von Resten einer Atmosphäre ihr kümmerliches Dasein fristeten. Er wusste nur, dass sie stürzten, ins Mondinnere hinein, und dass sie zerschellen müssten — jetzt prallten sie zusammen. —
Das Geschoss stürzte unaufhaltsam.
Da erwachte er, denn er war vom Stuhl gesunken, auf dem er noch immer an seinem Tisch saß, vor dem aufgeschlagenen Atlas. Im Mondlicht sah er, dass das Zifferblatt seiner Uhr gleich zwölf zeigte. Da schlüpfte er rasch ins Bett. — Ein Glück, dass morgen Sonntag war, so konnte er wenigstens von seinem anstrengenden Traum gründlich ausschlafen.
Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.