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ALBERT DAIBER

ANNO 2222
EIN ZUKUNFTSTRAUM

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Ex Libris

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Textquelle:
"Anno 2222, die Weltensegler, Vom Mars zur Erde"
Neuausgabe der gleichnamigen zu Beginn des
20. Jahrhunderts erschienenen Romane


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Verlag Dieter von Reeken, 21337 Lüneburg
1. Auflage 2018

Diese E-Buch-Ausgabe: Roy Glashan's Library, 2026
(Mit freundlicher Genehmigung des Verlegers)

Ausgabe vom: 2026-07-23

Bearbeitung: Matthias Kaether und Roy Glashan

Link zu weiteren Werken dieses Autors


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Dr. Albert Daiber (1857-1928)

INHALTSVERZEICHNIS

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ANMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS

VORBEMERKUNG

Als ich Anfang 2004 die erste Neuausgabe der beiden Marsromane von Albert Daiber vorbereitete, war ich erstaunt, wie wenig in der mir zugänglichen Literatur einschließlich des Internets über den Menschen und Schriftsteller bekannt war.

Umso mehr habe ich mich daher über die Hinweise und Informationen gefreut, die ich zunächst von dem bekannten Sammler und Herausgeber Heinz-Jürgen Galle und dem Lexikon-Herausgeber Nessun Saprà (d.i. Klaus Geus) und später von Stefan Betsch vom Verein Pro Alt-Cannstatt e.V. erhalten habe.

Im Frühjahr 2004 hatte ich dann das große Glück, auf dem Umweg über eine knappe Antwort auf einer US-amerikanischen Ahnenforscher-Seite im Internet Nachkommen Albert Daibers ausfindig zu machen und von diesen (sie leben in Chile) sehr interessante Informationen zu erhalten. Es handelt sich um die Enkelin des Schriftstellers, Frau Laurence Daiber Etcheberry, und ihren Sohn (und Urenkel Albert Daibers), Herrn Alberto Dunker Daiber, sowie ihren Neffen (und ebenfalls Urenkel Albert Daibers), den Arzt Herrn Dr. Alberto Daiber Vuillemin. Aus den so zusammengekommenen Daten lässt sich der Werdegang des Verfassers und seiner Familie, wenn auch nur in knapper Form und nicht immer mit genauen Datumsangaben, wenigstens teilweise rekonstruieren:

ALBERT DAIBER — LEBEN UND WERK

Albert Ludwig Daiber wurde am 26. September 1857 in Bad Cannstatt (damalige Schreibweise: Cannstadt, seit 1905 Stadtteil der Landeshauptstadt Stuttgart, seit 1933 Bad) im damaligen Königreich Württemberg als Sohn des Rektors der Realanstalt der Oberamtsstadt Cannstatt, Karl Heinrich Daiber (28.10.1815-08.08.1881), und seiner Ehefrau Luise Daiber geb. Vestner (01.03.1825-22.01.1900) geboren. Carl Heinrich Daiber war nicht nur ein angesehener Schulleiter, sondern auch ein vielseitig interessierter Chronist seiner näheren Heimat, der er mit viel Liebe zugetan war. So verfasste er u.a. die 1878 erschienene und 1967 nachgedruckte Beschreibung und Geschichte der Stadt Cannstatt. Unter Berücksichtigung des Wichtigsten über die Amtsorte. Seit 1958 gibt es in Bad Cannstatt den offenbar nach ihm benannten Daiberweg. Die Eltern Albert Daibers sind in einem würdigen Grabmal auf dem Uffkirchhof in Bad Cannstatt begraben; in der unmittelbaren Nachbarschaft befinden sich die Grabstätten Gottlieb Daimlers, Wilhelm Maybachs, Ferdinand Freiligraths und anderer bedeutender Persönlichkeiten.

Nach Kindheit und Jugend in Cannstatt und dem Studium der Pharmazie und der darauf folgenden Promotion zum Dr. phil. am 9. Dezember 1889 in Zürich mit der 1890 veröffentlichten Dissertation Ueber Hydrirung des Carbodiphenylimids durch Phenylhydrazin und über Verbindungen der beiden Körper war Albert Daiber am physiologischen und bakteriologischen Laboratorium in Zürich tätig. In dieser Zeit entstanden u.a. seine Schriften Anleitung zur chemischen und mikroskopischen Untersuchung des Harns (1892) und Chemie und Mikroskopie des Harns (1894), aus der das Buch Mikroskopie der Harnsedimente (Wiesbaden: J. F. Bergmann 1896) hervorging, das 1906 eine erweiterte Neuauflage erlebte. Im gleichen Verlag erschien 1898 die Schrift Mikroskopie des Auswurfes.

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau, die den Mädchennamen von Appenzeller trug (aus dieser Ehe ist der Sohn Albert jr. hervorgegangen) heiratete Dr. Daiber, inzwischen Professor an der Universität Zürich, Hildegard Heyne, die Professorin an der Universität Basel war und sich ebenfalls schriftstellerisch betätigt hat. Im Alter von immerhin schon 40 Jahren (also in den Jahren um 1897) studierte Albert Daiber mit großem Erfolg Medizin und wurde Arzt.

Gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Hildegard unternahm er im Jahr 1900 eine Reise nach Australien und in die Südsee. Am 8. Mai 1900 trafen die Eheleute mit der »Karlsruhe« in Freemantle ein, von wo sie über Adelaide, Melbourne, Sydney (hier gab es einen längeren Aufenthalt) nach Brisbane reisten. Am 30. Juli 1900 verließen sie Brisbane an Bord des Dampfschiffes »München«, um über das Bismarck-Archipel, Neu Guinea, die Karolinen und die Marianen (damals sämtlich unter deutscher Kolonialverwaltung stehend) nach China weiter zu reisen. Ein Ergebnis dieser mit vielen Eindrücken verbundenen Reise waren die Bücher Eine Australien- und Südseefahrt (Leipzig: B. G. Teubner 1902), Geschichten aus Australien (Stuttgart: G. Weise 1902) und Geschichten aus der Südsee. Zwei geschichtliche Erzählungen für die reifere Jugend (Stuttgart: G. Weise o. J. [um 1908]).


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Reproduktion einer Abbildung (»Saipan, Marianen, Cagalenr> junge mit dem
Lasso auf seinem Ochsen«) aus dem Buch Eine Australien- und Südseefahrt
(Leipzig, B.G. Teubner 1902), gegenüber S. 306). Nach Pose und
Kleidung könnte es sich bei dem Herrn rechts um Albert Daiber handeln.


Die zweite Ehefrau Hildegard Daiber veröffentlichte — als Frucht der gemeinsamen Südseereise — die Schrift Was ist Wahrheit? Tagebuchblätter eines Mönches auf Ponape (Stuttgart: Strecker & Schröder 1905).

Weitere Sachbücher aus der Zeit nach der Australien- und Südseereise waren u.a. Elf Jahre Freimaurer! (Stuttgart: Strecker & Schröder 1905; mehrere Auflagen — insgesamt mehr als 100 000 Exemplare! — bis in die 1920er Jahre hinein), Des Lebens Werdegang und Ende. Naturwissenschaftliche Offenbarungen der Neuzeit (Stuttgart: Strecker & Schröder 1906), Aus der Werkstätte des Lebens. Der Wechsel des Stoffes im Lichte der Forschung (Stuttgart: Strecker & Schröder 1907) und Erhalte deine Lebenskraft (Stuttgart: Strecker & Schröder o.J.).

Neben seinen wissenschaftlichen Werken und den Südsee-Erzählungen verfasste Dr. Albert Daiber mehrere weitere Bücher, die sich teilweise ausdrücklich an die »reifere Jugend« richteten: Anno 2222. Ein Zukunftstraum (Stuttgart: Strecker & Schröder 1905), Jenseits der Cordillera. Zwei geschichtliche Erzählungen für die Jugend (Stuttgart: G. Weise o.J. [um 1906, weitere Auflagen um 1910 und 1931]), Juan Fernandez der Seefahrer. Eine geschichtliche Erzählung für die Jugend (Stuttgart: G. Weise o.J. [um 1907]) — diese letztgenannten Texte sind später teilweise auszugsweise in Heftform unter veränderten Titeln nachgedruckt worden — und schließlich Die Weltensegler [1] und Vom Mars zur Erde (beide Stuttgart: Levy & Müller o.J.)[2].

[1] Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Roman von Bruno Heyn (Berlin: Die Bücherwarte 1924).

[2] Siehe hierzu den Abschnitt »Bibliografische Daten der Marsromane« in diesen Anmerkungen.

Reaktionen auf das erstmals 1905 veröffentlichte sehr erfolgreiche Buch Elf Jahre Freimaurer! waren nach der Erinnerung der Nachkommen offenbar ein Grund dafür, dass Dr. Albert Daiber, nachdem er sich dort schon vorher (wahrscheinlich 1908/09) über längere Zeit aufgehalten hatte, mit seiner Frau, seinem aus erster Ehe stammenden Sohn Albert jr. und einem weiteren Sohn und zwei Töchtern um 1913/14 [3] endgültig nach Chile auswanderte. Nach der Ankunft in Valparaíso ließ sich die Familie in Puerto Octay im Süden Chiles nieder, wo Dr. Albert Daiber seinen Beruf als Arzt ausübte.

[3] Eine der beiden Töchter, Hildegard Daiber Heyne (02.12.1904-08.02.1987), die später, nach einem religiösen Erweckungserlebnis, den Ordensnamen »Maria Benedicta« annahm und später in Barcelona (Spanien) lebte und wirkte, berichtet auf einem Lesezeichen zu einem ihrer Bücher, dass ihre Eltern sich, als sie neun Jahre alt war, dauerhaft in Chile niederließen. Das wird also 1913 oder 1914 gewesen sein: »Cuando ella tenía nueve años sus padres se establecieron definitivamente en Chile«.

Sein Sohn Albert Daiber jr. (mit dem auf spanisch-chilenischem Namensrecht beruhenden Namenszusatz »von Appenzeller«, dem Nachnamen der Mutter) war als Ingenieur tätig, sein Enkel Alberto Daiber Etcheberry und sein Urenkel Alberto Daiber Vuillemin wurden wiederum Ärzte.

Dr. Albert Daiber starb am 12. August 1928 in Santiago de Chile.

ANNO 2222

Die hier als Nachdruck im Neusatz vorgelegte Erzählung Anno 2222. Ein Zukunftstraum erschien 1905 im Stuttgarter Verlag Strecker & Schröder. Eine weitere Auflage erschien noch im gleichen Jahr.

Diese erste Zukunftserzählung Albert Daibers hat viele seiner Leser verunsichert. Auch Besprechungen und Erwähnungen in jüngerer Zeit sind in Bezug auf die politische Tendenz und die handwerkliche Ausführung der Erzählung überwiegend negativ ausgefallen. Daher möchte ich hier einige Hinweise geben, die den Gegenstand der Kritik vielleicht in einem milderen Licht erscheinen lassen.

Um die Lesefreude nicht zu beeinträchtigen, möchte ich die Handlung selbst nicht in Kurzform wiedergeben; es soll der Hinweis genügen, dass eine sehr überschaubare Gruppe allegorisch-repräsentativer Personen sich im April 2222 in zwei miteinander verbundenen Handlungssträngen bewegt: Auf der einen Seite werden die Vereinigten Staaten von Europa vom Präsidenten der USA wegen einer Formalität massiv unter Druck gesetzt, auf der anderen Seite droht ein Absturz des Mondes auf die Erde. Am Ende ist die Welt, aus europäischer Sicht, wieder in Ordnung.

Man fragt sich, welches Motiv der angesehene Dr. Albert Daiber wohl hatte, diese doch recht grob gestrickte satirische Erzählung zu verfassen. Hierfür mag es zwei Gründe gegeben haben:

1. Albert Daiber, der langjährige praktizierende Freimaurer, hatte sich 1905 oder kurz davor von der Freimaurerei verabschiedet und dies in seiner erstmals 1905 erschienenen Schrift Elf Jahre Freimaurer! öffentlich gemacht. Seit einiger Zeit war er in zweiter Ehe verheiratet. Am 2. Dezember 1904 — Daiber war zu dieser Zeit immerhin schon 47 Jahre alt — war die Tochter Hildegard geboren worden. Diese prägenden Veränderungen in seinem Leben mögen ihn, wenn auch nur für kurze Zeit, in die Stimmung versetzt haben, einmal »etwas Überdrehtes« zu schreiben.

Das Thema des Herauskatapultierens eines halben Kontinents aus der Erde ohne größeren Schaden für die Betroffenen mag Jules Vernes Roman Hector Servadac (Frankreich, 1877; dt. unter dem Titel Reise durch die Sonnenwelt, Wien/Pest/Leipzig: Hartleben, 2 Bände, 1877) nachempfunden gewesen sein. Wenn wir heute über die Medien hautnah miterleben, welchen Schaden schon »nur« ein Seebeben im Indischen Ozean anrichtet, können wir uns vorstellen, dass ein Aufprall des Mondes auf der Erde wohl existenzielle Folgen bis zur Vernichtung der menschlichen Zivilisation haben würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Daiber einen solchen Vorgang ernsthaft für so harmlos gehalten hätte, wie er ihn schildert; ich kann mir aber vorstellen, dass Daiber Jules Vernes Darstellung ebenso wenig folgen konnte und hier »auf einen Schelm zwei« gesetzt hat...

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Erzählung nicht ursprünglich gar als Theaterstück konzipiert war. Die begrenzte Personenzahl, der stotternde Professor Gründlich, der gehört leichter erträglich sein würde als gelesen, und die wenigen Szenenwechsel sprechen für diese Annahme.[4] Hätte es damals schon Rundfunk und Hörspiele gegeben, wäre dies Medium wohl das geeignetste gewesen.

[4] Immerhin hatte auch ein zeitgenössischer Wissenschaftler, der Astronom M. Wilhelm Meyer (1895—1910), ein Schöpfungsdrama (Bis ans Ende der Welt) verfasst, das an mehreren deutschen Bühnen erfolgreich aufgeführt worden war. Nach einer Mitteilung von Klaus Geus existierten damals dutzendfach utopische Theaterstücke, die heute völlig unbekannt sind. Und schließlich hat ein Urenkel des Autors, Alberto Daiber, mehrere Theaterstücke verfasst (Teatro de Alberto Daiber: Maladita Elecciòn y otras obras cortas. Santiago de Chile: Eigenverlag, September 1988).

Und dass Daiber ein anderer, ein mehr dem Leben zugewandter Mann geworden ist, lässt er in der Erzählung in der Person des bisher eher spartanisch lebenden Professors Gründlich anklingen, der durch die mehrfache Ermunterung und vor allem das Beispiel des Lebenskünstlers Professor Chauvin (dieser hat eine Gruppe Ballett-Tänzerinnen mit auf die Reise genommen...) zunehmend die angenehmen Seiten des Lebens zu würdigen beginnt.

2. Das zweite Motiv dürfte Daibers Unzufriedenheit mit der damaligen deutschen Politik gewesen sein, wie er sie aus der Zeit um die Jahreswende 1904/1905 eingeschätzt haben mag:

Politische Utopien wollen in der Regel weniger »die Zukunft« schildern als den Zeitgenossen einen Spiegel vorhalten. Inhaltlich muss man die damals tagesaktuellen (und heute geschichtlichen) Ereignisse unmittelbar vor dem Jahr 1905 (russisch-japanischer Krieg, Ausscheren Großbritanniens aus der Phalanx der »weißen« Kolonialmächte durch Ausgleich mit Japan, Vorgänge um den Bau des Panamá-Kanals mit der Rolle der USA, insbesondere des damaligen Präsidenten Theodore Roosevelt und dessen Verständnis einer »erweiterten Monroe-Doktrin«) berücksichtigen, um die Gedankengänge und Beweggründe des Autors nachvollziehen zu können, ohne sie billigen zu müssen.

Theodore Roosevelt (1858-1919, Präsident der USA von 1901-1909), verfolgte eine expansionistische Außenpolitik. 1903 unterstützte er eine »Revolution« für die Unabhängigkeit in Panamá, um dann unter günstigen Bedingungen die Panamá-Kanalzone für die USA zu sichern. 1904 beanspruchte er im sog. »Roosevelt-Zusatz« zur Monroe-Doktrin für die USA faktisch die »Polizeigewalt« über Lateinamerika.

Ihm dürfte die Figur des US-Präsidenten »Jingo X.« auf den Leib geschrieben worden sein. Als »Jingo« (engl.) bezeichnete man seit dem russischtürkischen Krieg von 1878 extrem aggressive Nationalisten oder Hurra-Patrioten. Ein populärer englischer Schlager hatte den Begriff geprägt, der sich auch in den USA und in Deutschland bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hielt.

Der Jingoismus ist vergleichbar mit dem Chauvinismus, einer weiteren Form des übersteigerten Nationalismus. Dieser Begriff geht auf einen glühenden Anhänger und Verteidiger Napoléons I. zurück. Es ist allerdings erstaunlich, dass der französische Expeditionsteilnehmer Professor Chauvin sich in keiner Weise chauvinistisch verhält, sondern im Gegenteil Lebensfreude und Toleranz verkörpert, und das vor allem gegenüber dem deutschen Professor Gründlich, also einem Vertreter des damaligen »Erbfeindes«.

Es ist überhaupt im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdig, wie Albert Daiber die künftigen führenden Rollen Deutschlands und Frankreichs in den Vereinigten Staaten von Europa in der Person zweier »typischer« Vertreter ihrer Völker umschreibt. Und das Verhältnis zwischen den USA und dem »alten« Europa zeigt verblüffende Parallelen zu unserer Gegenwart der Jahre ab 2003 und wieder ab 2017. Das amerikanische Präsidentenamt ist, anders als in der Erzählung, zwar bis heute nicht erblich, aber es gibt doch zu denken, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Familie Bush schon zwei Präsidenten gestellt hat — Vater und Sohn...

Es fällt auf, dass Daiber dem »Wilhelmismus« sehr distanziert gegenüber stand, was auch bei den handelnden Personen deutlich wird. Daiber war wohl Patriot, aber in erster Linie Lokalpatriot, nämlich Schwabe, was in seinen späteren Erzählungen Die Weltensegler und Vom Mars zur Erde mehr als deutlich wird. Er macht sich über Wilhelms II. Barttracht mit den aufwärts weisenden Schnurrbartspitzen (»Es ist erreicht!«; es gibt auch noch einen protzigen Kronleuchter des Typs »Endlich erreicht!«) lustig, indem er den Redakteur Kannegießer mit einem Schnurrbart auftreten lässt, dessen »Enden der Zeitströmung gemäß senkrecht nach unten gerichtet« sind. (Als »Kannegießer« bezeichnet man nach dem Lustspiel Der politische Kannegießer des dänischen Dramatikers und Historikers Ludwig Holberg [1684-1754] übrigens einen politischen Schwätzer, einen Stammtischpolitiker.)

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Gestalt des Kapitäns Bernhard, der das Expeditionsschiff führt und einen Bart trägt, dessen Enden weder nach oben noch nach unten zeigen, sondern »neutral« an den Wangen anliegen. Er hat seinen Bart »gewissermaßen den Strömungen der Zeit angepasst, mögen diese kommen, woher sie wollen, stets schmiegt sich mein so angelegter Bart nach denselben und bleibt tadellos in Ordnung.« (S. 31). Kapitän Bernhard, der in der Erzählung eine sehr zurückhaltende und vorsichtig-diplomatische Rolle spielt, wenn es ernst wird, war vorher bei der in Schwierigkeiten geratenen »Zickzack-Linie« angestellt. Zu Recht war Daiber wohl über die erfolglose »Zickzack«Politik des damaligen Reichskanzlers (1900-1909) Bernhard (!) von Bülow (1849-1929) verärgert, die Deutschland mehr und mehr unglaubwürdig gemacht und in die Isolation geführt hat.

Am Schluss der Erzählung werden die Expeditionsteilnehmer nach ihrer Rückkehr nach Berlin mit Ehrungen überhäuft — obwohl sie eigentlich nichts geleistet haben, sondern nur Zuschauer waren. Durch die ausführliche Darstellung der mit lauter Floskeln verbundenen Ehrungen wollte Daiber mit Sicherheit deutlich machen, wie er selbst solche gesellschaftlichen Ereignisse verabscheut hat. In seinem Roman Die Weltensegler hat er dies im Kapitel »In der Heimat« noch einmal deutlich zum Ausdruck gebracht.

Wenn die Erzählung im Vergleich zu den Weltenseglern und den übrigen Erzählungen Daibers auch tatsächlich etliche Schwächen aufweist, so halte ich sie unter Berücksichtigung der dargelegten Gründe doch für wert, vor dem Vergessen bewahrt zu werden.

EDITORISCHE HINWEISE

Dem Nachdruck liegt die Erstausgabe zugrunde. Der Text wurde auf die seit 1996 geltende und danach oft geänderte »neue deutsche Rechtschreibung« umgestellt. Hierbei wurden offensichtliche Rechtschreib- oder Drucksatzfehler stillschweigend berichtigt. Im Übrigen ist der Text aber unangetastet geblieben.

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ANNO 2222
EIN ZUKUNFTSTRAUM


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Umschlagseite 1 der Originalausgabe.



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Titelseite (Seite 3, unpaginiert) der Originalausgabe.



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Seite 5 (unpaginiert) der Originalausgabe.


ERSTES KAPITEL

Aron von Katzenbuckel, Exzellenz, Inhaber sämtlicher Orden und äußerer Ehrenzeichen der Vereinigten Staaten von Europa, sitzt in seinem hohen Arbeitssaale, welcher sich im dreißigsten Stockwerke des Riesenbaues ›Die Weltposaune‹ befindet. Genanntes Haus liegt an der Straße: »Der Weltgedanke«, durch die der gewaltige Verkehr der millionenreichen Stadt Berlin, das Herz und Haupt Europas, flutet. In früheren, längst vergangenen Zeiten soll, alten Chroniken nach, die Straße »Unter den Linden« genannt worden sein.

Exzellenz Katzenbuckel, ein Milliardär, ist Herr, Gebieter und Lenker der berühmtesten, gelesensten und einflussreichsten Zeitung Europas: ›Die Weltposaune‹. In dem Hause selbst wird sie verlegt und redigiert, gleich daneben auch das hiezu nötige Papier nach modernster Technik fabriziert. Sechsmal in 24 Stunden erscheint das Blatt. Hunderte von Redakteuren, erfahren in allen Disziplinen der zu imposantem Umfange angeschwollenen Wissenschaft der Presse, lösen sich Tag und Nacht in ihrer Arbeit ab. Himmelan strebt über dem Gebäude bis zur Höhe von 500 Meter ein schlankes Eisengerippe empor, dessen Spitze sich in eine Unmenge von meterlangen, kupfernen Nadeln auflöst. Hier werden die von allen Seiten des Weltteiles dem Blatte durch die tadellos funktionierende Luftelektrizitätstelegrafie zuströmenden Depeschen aufgefangen und direkt durch kleine Kabel in die verschiedenen Zimmer der Chefredakteure geleitet.

Die Einrichtung des ganzen Hauses bis zur kleinsten Maschine herab ist ebenso praktisch wie modern. Eine Sauberkeit, die geradezu blendet, herrscht überall. Der Arbeitssaal der Exzellenz bildet eine Sehenswürdigkeit für sich. Böse Zungen behaupten zwar, dass Aron von Katzenbuckel selbst eine noch größere Sehenswürdigkeit sei als sein ganzes Haus. Sei dem nun wie ihm wolle, großartig ist der Raum, in dem die Exzellenz der Presse haust. Schon der Eingang ist eigenartig, feierliche Stimmung erregend. Durch eine massive, 3 Meter breite und 4 Meter hohe Doppeltüre aus schwarzem Ebenholz mit Platina beschlagen, auf der in goldenen Lettern das Wort: »Salve« prangt, tritt man in den Raum des gewaltigen Mannes. Das Türschloss ist aus Platin gearbeitet, die breite, geschweifte Klinke besteht ebenfalls aus diesem Metall. Sie trägt eingestempelt das Wappen derer von Katzenbuckel: zwei wild sich gegenüberstehende Kater mit gekrümmten Rücken, über deren Köpfen ein Reif als zarte Anspielung auf die ehemalige, nun aber verpönte Krone.

Im Gegensatze zu der fast düster wirkenden Türe ist in dem 7 Meter hohen, 15 Meter breiten und 25 Meter langen Raume alles licht, klar, farbenprächtig. Aus Eburit sind die Gerippe der Stühle, Tische und Schränke gefertigt. Dieses Eburit ist eine neue, das Elfenbein an Schönheit und Wert übertreffende, aus Calciumpräparaten zusammengesetzte, beinartige Masse von weißgelblichem Glanze. Die Stühle sind mit blauem Leder überzogen; die Platten der Tische bestehen aus der ebenfalls neuen, kostbaren Legierung »Wilhelmit«, einer Mischung aus Erd- mit Schwer- und Edelmetallen, die gepresst und dann poliert alles an Schönheit übertrifft, was die alte Zeit kannte, ein modernes Mosaik, in satten Farben glänzend, das ohne Aufdringlichkeit dem Auge nur wohl tut.

Ein mächtiger, schwer vergoldeter Kronleuchter mit 50 Flammen des neuen Calciumplatinaglühlichts »Endlich erreicht!« hängt in der Mitte des Saales von der Decke herab, welche in verschiedenfarbigen Medaillons die Wappen der Staaten von Europa trägt. Der Boden, den Gesetzen der Hygiene gemäß, trägt keinen Teppich. Das Parkett besteht aus feinstem, blassrötlich gefärbtem westindischem Rosenholz, das dem ganzen großen Raume den zarten Duft nach Rosen verleiht. Mächtige Bücherregale, ebenfalls aus Eburit, ziehen sich an den Wänden hin und tragen goldgepresste Bände und Folianten. Zwischen den Regalen, in Eburitkästen, sind die Orden und Ehrenzeichen der Exzellenz, alphabetisch nach den Namen der Staaten Europas geordnet, untergebracht. Blauseidene Vorhänge an den hohen Fenstern lassen das grelle Licht des Tages in gemilderter Form in die geistige Arbeitsstätte Katzenbuckels dringen.

Dieser sitzt — man schreibt gerade den 1. April 2222 — an dem großen Tische in der Mitte des Saales, vor sich einen Folianten, dessen Lektüre dem vornehmen Herrn viel Interesse abzugewinnen scheint, wenigstens huscht über sein bartloses, glattes und volles Gesicht öfters ein Lächeln voll Hohn und Spott. Mit lautem, ärgerlichem Lachen springt Exzellenz plötzlich von seinem Stuhle auf, das Buch von sich wegstoßend. Mit hastigen Schritten durchmisst die kleine Gestalt mit ihren dünnen Beinchen den Raum. Der große, runde, völlig kahle Schädel, der wie eine Billardkugel leuchtet, ist auf die Brust gesunken; zornige Worte kommen über die wulstigen Lippen, auf welche, einem Uhrgewichte gleich, die fleischige Masse des kräftig entwickelten Riechorganes herunterhängt.

Die Gestalt ist in schwarze Seide gekleidet: Frack, Kniehosen und Strümpfe. Aus dem Schwarz des Anzuges hebt sich das blendend weiße Hemd mit weißer Krawatte wie heller Mondenschein vom dunklen Himmel ab. Die Linke, an deren Zeigefinger ein prächtiger Solitär blitzt, fuchtelt wild in der Luft herum, während die Rechte in der Hosentasche ruht.

»Es ist ganz unglaublich, einfach unfassbar, welche Narren die Menschen vor 300 Jahren waren«, ruft von Katzenbuckel laut und zornig.

»Sollte man es für möglich halten, dass unsere Vorfahren wirklich so lächerlich kurzsichtig waren, solch trübe Hornhaut hatten, wie es da in dieser Chronik von 1905 ausführlich beschrieben ist? Aber es ist so, es ist wirklich nackte, blanke Wahrheit! O heilige Einfalt! O gnadengebenedeite Dummheit!«

Die Exzellenz hebt den Billardkopf. Die kleinen, verschwommenen Äuglein, deren Farbe unbestimmbar ist, funkeln grünlich. Sie erinnern in diesem Glanze unwillkürlich an die edeln Wappentiere seines Hauses.

»Warum standen nicht damals schon die Europäer zusammen und traten rücksichtslos entschlossen dem gelben Japsen und dem ungeschliffenen, groben Uncle Sam entgegen? Nun haben wir, noch nach Jahrhunderten hinterher, die Bescherung! Am Ural klebt der Mongole und baut seinen unvermeidlichen Chrysanthemum — ein verflucht unbequemer Nachbar, in der Tat! — und drüben über dem salzigen Tümpel macht sich die rüpelhafte Herrschaft Jingos, die nichts gelernt und nichts vergessen hat, in einer Weise breit, dass sich einem vor Wut die Haare sträuben könnten, so man überhaupt noch deren besäße.«

Der kleine, schon in vorgeschrittenem Alter stehende Mann rennt in seinem Saale auf und ab. Das Laufen beruhigt ihn. Er nimmt seinen lauten Monolog wieder auf.

»Im Herzen Europas liegt Deutschland, jawohl, in Wirklichkeit hätte es schon vor 1500 Jahren das Herz des ganzen Kontinentes sein können, aber das Haupt? Brrr, Brrr!« Exzellenz von Katzenbuckel schüttelt sich bei diesem Gedanken.

»Wo war denn der nötige politische und auch sonstige Verstand in Germaniens Gauen, um die Zügel der natürlichen Leitung und Führung der übrigen zu übernehmen? Nirgends war er zu finden, weil er eben nicht vorhanden war! Lese ich da in diesem Folianten« — von Katzenbuckel weist mit dem Daumen der Linken rückwärts über die Schulter weg gegen den großen Tisch hin, auf dem das berüchtigte Buch liegt — »lese ich also da in diesem Folianten, was für Schlafmützen die Deutschen damals noch waren, was für ungeheuerlicher Dunst aus deutschen Köpfen aufstieg, was für Torheiten sie begingen, so muss ich mich beglückwünschen, gegen das Verrücktwerden rechtzeitig noch durch das antiparalytische Serum immunisiert worden zu sein. Ein Volk von Denkern wurden sie genannt, die Deutschen! Das boshafteste Lob, das man ihnen erteilen konnte; denn denkfaul waren sie fast alle, und erst nach und nach, und nicht zum kleinsten Teile durch die schmetternde Gewalt der ›Weltposaune‹, wurden sie zum Bewusstsein ihrer selbst gebracht, die alten, verlorenen, Germania schon entfremdeten Teile, die entarteten Kinder, der natürlichen Mutter wieder zugeführt. Eine heillose Arbeit war dies, aber fertig gebracht hawe mer's.«

»Was hast du gesagt, Aron?«, fragt sich, über die eigenen letzten Worte erschrocken, die Exzellenz. »Willst du vielleicht in Atavismus machen? Das gibt es nicht!« Die Rechte fährt aus der Hosentasche und fällt geballt als energischer Protest auf die Tischplatte von Wilhelmit.

»Jetzt haben wir es erreicht! Ja«, lacht fröhlich Aron von Katzenbuckel, »ha, jetzt sitzt der deutsche Michel ohne Zipfelmütze im Sattel und reitet, begleitet von den Tönen der ›Weltposaune‹, das Ross der hohen politischen Schule! Die Sonne absoluter Freiheit leuchtet; endgültig zertrümmert sind die Fesseln geistiger Knechtung, die allgemeine, jedem zugängliche Bildung hat die früher so schroffen sozialen Gegensätze in milder Weise versöhnt, und das monistische Glaubensbekenntnis, der stille Traum Weniger in den letzten Jahrhunderten, ist heute zur stolzen Tatsache geworden. Unter die Ägide des 150 Millionen starken Germaniens, des Königsvolkes, hat sich das übrige Europa freiwillig gestellt. Kein Staat konnte an Macht und Größe mehr mit uns konkurrieren; so assoziierten sie sich mit uns im eigensten Interesse und unter den Tönen meiner ›Weltposaune‹. So habe ich durch die Presse quasi als erste Großmacht Großes geleistet, das ist wahr; aber anerkennen muss ich auch, dass die Staaten sich mir gegenüber erkenntlich zeigten.« Ein zufriedener Blick streift die vielen Ehrenzeichen in den Schränken.

»Was würde dazu erst Bismarck sagen, unstreitig der größte und beste Deutsche des 19. Jahrhunderts, könnte er heute unser Werk betrachten?«, fuhr die Exzellenz nach kurzer Pause fort. »Freuen würde er sich, riesig freuen! Wie mühsam musste er erst aus einigen Landesfetzen das Deutsche Reich von 1871 zusammenflicken! Wo blieben die anderen Teile? Warum wurden sie nicht damals schon nolens volens geholt? Doch genug und weg mit dem verdammten Buch!« Ein kräftiger Stoß und die Chronik von 1905 fliegt auf die Seite.

»Lassen wir, was vergangen, und leben wir der Gegenwart, die all unsere Aufmerksamkeit erfordert. Wunder und Zeichen geschehen jetzt allenthalben; eine höchst merkwürdige Zeit!« Ächzend lässt sich Aron von Katzenbuckel auf seinen Eburitstuhl nieder.

»Das war ein langes Selbstgespräch, fürwahr«, spricht lächelnd die Exzellenz, »nun aber zur Arbeit.«

Da in diesem Augenblicke schlägt eine feine, silberne Signalglocke, welche auf dem großen Tische neben einem kleinen, trompetenartigen Gebilde steht, leise, zart an.

»Was wird gewünscht?«, ruft die Exzellenz in die Miniaturtrompete hinein.

»Professor Kannegießer wünscht Exzellenz sofort in dringender politischer Angelegenheit zu sprechen; es sind höchst wichtige Depeschen aus Amerika eingetroffen«, tönt es laut aus der kleinen Trompete.

»So mag er kommen; ich erwarte ihn hier,« entgegnet Exzellenz.

Professor Kannegießer, Chefredakteur des politischen Teiles der ›Weltposaune‹, eine Hünengestalt mit blondem Haar, wasserblauen, klug blickenden Augen, derben, aber nicht unsympathischen Gesichtszügen, steht einige Augenblicke nachher, tatsächlich aus dem Boden gewachsen, im Zimmer des Gebieters. Eine kunstvoll ins Parkett eingelassene, lautlos arbeitende maschinelle Versenkung hat Professor Kannegießer von dem siebenundzwanzigsten Stockwerk, seiner beruflichen Residenz, herauf zu Katzenbuckel gebracht. Einen Moment bleibt Professor Kannegießer auf dem Orte seiner Ankunft stehen und sucht mit den Augen die Exzellenz. Er trägt ähnliche, aber einfachere Kleidung wie der Gebieter. Die Joppe und die Kniehosen sind aus feinstem blauen Kammgarn, die Strümpfe schottisch kariert. Die großen Füße stecken in schwarzlackierten Halbschuhen. Der achtungswert große, rötlichblonde Schnurrbart ist an seinen Enden der Zeitströmung gemäß senkrecht nach unten gerichtet, als Zeichen der Zugehörigkeit des Menschen zur Mutter Erde. Diese Schnurrbartstellung wirkt schon durch ihren tiefen Sinn wohltuend, außerdem verleiht sie dem Gesichte etwas Mildes, Nachdenkliches.

»Nun, lieber Kannegießer, was bringen Sie mir?«, wendet sich die Exzellenz an den Professor, der mit raschen Schritten auf den Gebieter zueilt.

»Ich bringe aufregende Nachrichten, die soeben von Amerika eingetroffen sind!«

»So setzen Sie sich zuerst!« Kannegießer folgt der Aufforderung.

»So, also aufregend sind die Depeschen?«, fragt lächelnd von Katzenbuckel, »wir sollten nachgerade daran gewöhnt sein, von der amerikanischen Seite her uns über nichts mehr aufzuhalten, wenigstens nicht ernstlich.«

»Dieses Mal aber klingt die Sprache Jingos des Zehnten schlimmer als je!«

»Eh, nun, was will denn der Kerl?«

»Denken Sie sich, Exzellenz, die Monroedoktrin sei durch uns frech verletzt, unheilbar gekränkt worden!«

»An Größenwahnsinn leidet der Jingo schon lange; jetzt scheint die Verrücktheit all den vielen Impfungen zum Trotz in ein galoppierendes Stadium eingetreten zu sein; aber was zum Kuckuck bringt den Jingo wieder auf die uralte, ebenso alberne wie wahnsinnige Lüge seiner Monroedoktrin?«

»Der Name ›Vereinigte Staaten von Europa‹.«

»Sie spaßen wohl, lieber Freund!«

»Nein, Exzellenz.«

»Dann steht mir einfach der Verstand für 10 Sekunden still! Seit 22 Jahren und 3 Monaten führt die europäische Union diesen Titel und bis zu dieser Stunde« — Exzellenz sieht auf die prachtvolle, auf dem Tische vor ihm stehende Uhr, Europa darstellend, wie es die Zeiten bestimmt — »1. April 2222, 10 Uhr 12 Minuten morgens, ist es noch keiner Menschenseele eingefallen, uns deshalb zur Rede zu stellen. Womit will denn Jingo der Zehnte diese verspätete Reklamation begründen?«

»Gestatten Exzellenz, dass ich die eben eingetroffenen Depeschen zusammengestellt vorlese?«

»Bitte, tun Sie es!«

»Jingoville, Hauptstadt der Union, Staat Robbery, den 1. April, morgens 1 Uhr. Jingo der Zehnte, durch des amerikanischen Volkes Gnade freigewählter Präsident der Vereinigten Staaten, hat diese Nacht beschlossen, gegen die Frechheit der Bezeichnung: ›Vereinigte Staaten von Europa‹ energisch vorzugehen. Diese Bezeichnung, seit 22 Jahren allerdings schon geführt, ist eine stete Beleidigung für unser Land, eine Bedrohung, nein, noch mehr, eine Verhöhnung unserer allerheiligsten Monroedoktrin. Europa mischt sich unter einer uns in feigster Weise gestohlenen Flagge in unser intimstes Volksleben! Das darf nicht länger mehr sein! Also Hände weg! Uns selbst ist natürlich alles erlaubt, nichts aber den anderen! Wir haben die Priorität auf die Erfindung des Namens der Vereinigten Staaten, die Wichte von Europäern aber, unfähig, selbst eine Entdeckung zu machen, stahlen uns unseren tausendjährigen Namen.«

»Na, na, das ist ja hellster Wahnsinn«, wirft hier Exzellenz Katzenbuckel ein.

»Es kommt immer besser, toller!«

»Amerikaner, ihr werdet begreifen, dass wir uns dies nicht länger mehr bieten lassen können. Erschöpft ist unsere zweiundzwanzigjährige Geduld; eine Geduld, die in dieser Länge nur höheren Wesen, wie wir es sind, eigen ist. Ent oder weder! Europa muss seinen gestohlenen Namen ablegen, für die uns angetane Schmach demütig bei uns um Entschuldigung bitten, wenn nicht — dann Kampf bis zum letzten Dollar.

Ich, durch eure Gnade vollblütiger Jingo der Zehnte, bestimme daher wie folgt: An die Regierung des schuftigen Europa, Zentralsitz Berlin W., wird folgendes Ultimatum gestellt:


1. In 22 Tagen hat der Name: Vereinigte Staaten von Europa aufgehört zu existieren.

Um unsere bewährte Friedensliebe auch neuerdings wieder zu beweisen, können wir Europas Behörden und Bürgern erlauben, sich den Titel ›Europas Staatenverbindung‹ (Europe States Association) beizulegen; dies ist für diese Geistesarmen, die keinen Namen zu finden vermögen, unser weitgehendstes Entgegenkommen. Darüber hinaus aber gehe ich keinen Mikrometer.

2. Europa entschuldigt sich offiziell, was durch eine Zahlung von 10 Millionen Dollars an meine Privatkasse am besten ausgedrückt wird.

3. Europa salutiert mit 222 blinden Schüssen unsere herrliche Flagge.

4. Der Spangled Star weht 22 Tage lang über Europas ganz gewöhnlicher Flagge.

5. Letztere muss am Ende vor dem Fahnensalut hastig, fluchtartig entfernt werden.

6. Als Zeugen dieser Anerkennung unserer Überlegenheit reist eine noch zu ernennende Kommission hinüber nach Europa.

Sollte aber gegen unser Erwarten Europa von unserer Gnade keinen Gebrauch machen wollen, so gibt es kein Erbarmen mehr für diese Sorte von Europäern. Uns ist die Welt! Sie gehört eigentlich mit Fug und Recht schon lange Amerika. Ich schließe daher, indem ich rufe: Wir allein leben hoch, weg mit den anderen, Geringwertigeren!«


»Großartig, in der Tat großartig!«, erklärt die Exzellenz, als Professor Kannegießer geendet. »Ich weiß nicht, soll ich lachen oder weinen über die uns hier vorgeführte Posse.«

»Aber Exzellenz«, erwidert Kannegießer etwas betreten, »das ist keine Posse mehr, das ist blutiger Ernst.«

»Ja, ja, die Narrheit führt oft genug zum Schlimmen. Sie ist die Ursache des Zerfalls einzelner Familien wie ganzer Staatengebilde. Doch gleichviel! Wir, die Presse, die führende Macht, werden unseren Parlamentariern und ganz Europa schon klar machen, vorposaunen, was zu tun ist.«

»Und das wäre?«, fragt Professor Kannegießer.

»Amerikas Unverschämtheit gebührend abweisen! Ich betone ganz besonders den Ausdruck gebührend.«

»Diese Antwort habe ich von Exzellenz erwartet; ich werde sofort entsprechend pressartikeln lassen. Aber die Folgen?«

»Wir brauchen diesen Falstaff ohne Witz und Humor natürlich nicht ernst zu nehmen und wenn ja — nun, so wird er der endlichen Lektion, die ihm schon längst gehört hätte, nicht entgehen.«

Professor Kannegießer will aufstehen.

»Bleiben Sie noch einen Augenblick, lieber Kannegießer; der unverbesserliche Flegel von Jingo ist nicht so wichtig, dass Sie mir nicht von Ihrer Zeit noch einige Minuten abtreten könnten. Sehen Sie mal her, was ich hier habe.« Mit diesen Worten schiebt von Katzenbuckel den auf dem Tische liegenden Folianten Kannegießer zu.

»1905«, liest dieser laut vor Erstaunen.

»Jawohl, 1905«, antwortet von Katzenbuckel. Ich habe in der Vergangenheit heute Morgen ein wenig geblättert, da ich weiß, dass durch deren Kenntnis die Gegenwart besser begriffen wird. Und da habe ich Dinge hier in diesem Buche gefunden und gelesen, dass ich mich ordentlich darüber geärgert habe. Da war zum Exempel Anno 1905 ein amerikanischer Präsident, ich glaube er hieß Roosevelt, der deutlich Spuren von Dementia politica zeigte. Dem liefen unsere Vorfahren förmlich nach, streichelten ihn, suchten in solch würdeloser Weise seine Freundschaft, dass der Mann darüber geistig schließlich schwer krank wurde und vom Amte abtreten musste.«

»Ah ja, richtig, auch ich erinnere mich der Geschichte«, wirft hier Professor Kannegießer ein. »Damals schon fuchtelte Amerika mit seiner Lügendoktrin, genannt Monroe, der Welt ungestraft vor der Nase herum.«

»Und die Folgen dieser hundertjährigen Lammesgeduld, mein lieber Kannegießer, sind Ihre heutigen Depeschen! Inzwischen fraß sich der Nordamerikaner auf unsere Kosten satt. Kanada lag ihm lange in seinem nervösdyspeptischen Magen, dann kam Mexiko, Zentralamerika, die großen und die kleinen Antillen an die Reihe, Kolumbien, Venezuela, Nordbrasilien bis zum Amazonas waren die Leckerbissen, die ihm für lange Zeit den Appetit verdarben und uns etwelche Ruhe vor dem halbwilden, nun einmal keiner wahren Kultur zugänglichen Neurasthenie verfallenden Jingo gewährten.«

»Das ist wahr, Exzellenz. Schlimm und schlimmer wurde es, seitdem in der Familie Jingo die Präsidentenwürde erblich geworden ist.«

»Jetzt hat die Tollheit ihren Höhepunkt erreicht«, spricht die Exzellenz; »nur ein kräftiger Aderlass kann uns vor diesem ewig spuckenden, schimpfenden, großmäuligen und ruhelosen Narren schützen. Wir werden den Jingo gehörig versohlen, seien Sie im Voraus davon überzeugt. Sein Staatengebilde muss unter europäische Kuratel gestellt werden; nur dann haben wir Ruhe. Verkünden Sie dies laut in den politischen Leitartikeln der ›Weltposaune‹.«

»Soll nicht fehlen, Exzellenz!«

»Und um nun noch einmal nicht auf den edlen Jingo, sondern aufs Jahr 1905 zurückzukommen, so musste ich mich bei der Lektüre von dessen Chronik bass wundern, wie Europa sich damals gegen die Japsen verhielt. England war ja immer ein frecher, ungezogener Junge, der die anderen stets gerne verhetzte, um sich selbst dabei höllisch zu freuen und gütlich zu tun; dass England aber mit den Japsen sich in dieser geschichtlich nachgewiesenen, obskuren Weise abgab, sich gegen seine eigene Mutter Europa verging, ist und bleibt für mich ein unentschuldbares Vergehen. Sie sehen also, mein lieber Kannegießer, wie politisch unreif die Nationen noch vor über 300 Jahren waren, und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass wir noch heute die Folgen dieser alten Torheiten tragen müssen. — Apropos, was macht denn jetzt der Japse? Haben Sie die neuesten Nachrichten?«

»Zu dienen, Exzellenz. Des Japsen hundertjährige Bemühungen, seine Rasse durch Kreuzung mit Chinesenblut zu verbessern, sind sehr schlecht ausgefallen. Die neue gelbe Rasse ist noch gelber geworden, alle schlechten Eigenschaften der Erzeuger sind in arithmetisch vermehrtem Maße auf die Nachkommenschaft übergegangen. Die Mongolenfalte hat sich den Gesetzen des Atavismus gemäß so bedenklich entwickelt, dass jetzt weitere Kreuzungen laut diesen Morgen eingetroffenen Depeschen bei Todesstrafe verboten worden sind, um eine völlige Erblindung der Rasse in absehbarer Zeit zu vermeiden.«

»Bravo«, ruft von Katzenbuckel lachend; »hoffentlich wird dieses Verbot nicht mehr viel nützen.«

»Ein Erlass der Regierung befiehlt zur Rettung von der den Gelben drohenden Gefahr die schleunigst einzuführende Kreuzung mit den Bewohnern der Provinzen Sibirien, Kaukasien, Persien und Afghanistan.«

»Prosit!«, entgegnet die Exzellenz. »Diese armen Provinzler sind zwar sehr zu bedauern; sie opfern sich in diesem Falle quasi für uns Europäer und schützen uns unter Umständen so vor dem Erdrücktwerden durch die Gelbgesichter. Immerhin wollen wir im Interesse Europas wünschen, dass auch bei den neuen Kreuzungen die Mongolenfalte nicht ab, sondern weiter zunehmen möchte.«

Eine Handbewegung der Exzellenz, Professor Kannegießer ist entlassen und verschwindet wieder ebenso geräuschlos in sein Stockwerk hinunter, wie er aus demselben heraufgekommen war.

--*--

ZWEITES KAPITEL

Im achtundzwanzigsten Stockwerke der ›Weltposaune‹ haust Professor Doktor Gründlich, Chefredakteur der Abteilung für allgemeine, angewandte Wissenschaft. Schon äußerlich ist er das Gegenteil von seinem Kollegen Kannegießer. Letzterer ist eine stattliche, elegante, weltmännische Erscheinung, Gründlich dagegen eine hagere, magere Gestalt, mit wirrem Kopf- und Barthaar, etwas trübem, traurigem Blicke und ziemlich salopper Kleidung. Dazu kommt, dass Professor Gründlich beim Sprechen leicht anstößt. Dieser Fehler, verbunden mit dem Mangel, sich äußerlich den Gesetzen der Mode unterwerfen zu können, hat ihn veranlasst, seine Tätigkeit als Dozent an der Universität »Zum Weltall« in Berlin aufzugeben und die glänzende Offerte Katzenbuckels, in die ›Weltposaune‹ einzutreten, anzunehmen.

Professor Gründlich macht seinem Namen auch alle Ehre, trotz Vernachlässigung seiner äußeren Person. Er ist Polyhistor in des Wortes vollster Bedeutung, der Neid und Schrecken vieler sogenannter Gelehrten der zweiten Garnitur. Seine wissenschaftlichen Publikationen in der ›Weltposaune‹ haben seinen Ruhm über die ganze Erde getragen. Besonders seine Arbeiten über die quantitative Bestimmung der Gefühle, über die Lösung der Urrätsel, die Entschleierung der Geheimnisse des Zelllebens, vor allem aber sein epochemachender, einwandfreier Nachweis der Urzeugung haben ihn mit einem Schlage zum berühmtesten Mann der Gegenwart gemacht.

Augenblicklich beschäftigt sich Professor Gründlich mit geophysikalischen und astronomischen Studien, getrieben zu denselben durch die auffallenden Erscheinungen, welche sich in den letzten Monaten sowohl in, an als auf der Erde, wie auch am Himmel mit einer gewissen unheimlichen Progression bemerkbar machen. Gründlich hat es durchgesetzt, dass auf dem flachen Dache der ›Weltposaune‹ ein Observatorium für die Zwecke der Geophysik wie Astronomie errichtet und mit den allerneuesten Instrumenten ausgestattet wurde — ein weiterer Schritt auf dem Wege des Ruhmes und der Macht des Blattes.

Jetzt ist Professor Gründlich mit dem Studium der Depeschen beschäftigt, die diesen Morgen aus allen Teilen der Welt eingetroffen sind. Sie betreffen all die Naturereignisse der letzten 24 Stunden. Sie müssen sehr ernst lauten, diese Berichte; denn Professor Gründlichs langes, schmales Gesicht wird beim Lesen derselben noch länger, noch trauriger der Blick der melancholischen Augen. Er ordnet die Depeschen nach den Ländern.

In dem Eifelgebiete gärt es. Der Laacher See ist plötzlich verschwunden und ein Schlammvulkan an seine Stelle getreten, aus dem der kochende Schlamm unter dumpfem Getöse Dampfwolken und Kohlensäureblasen empor sendet. Schwere Erdstöße werden aus den deutschen Alpen gemeldet. Der Rest des Matterhorns ist letzte Nacht eingestürzt; in den Pyrenäen hat sich plötzlich ein großer See mit heißem Wasser gebildet, der Mont Doré in der Auvergne ist nach tausendjähriger Ruhe wieder in Aktivität getreten und wirft mächtige Lavamassen aus. Der Pic von Teneriffa gebärdet sich wie toll und zwingt die Bewohner der kanarischen Inseln zur schleunigsten Flucht. Vesuv und Ätna, der Stromboli toben und verdunkeln durch ihren Aschenregen ganz Süditalien. Ein fürchterliches Erdbeben hat Nordafrika betroffen, einen großen Teil der Sahara zur Senkung gebracht, und in dieses mächtige Becken strömt nun in diesem Augenblicke das Meer ein. Auch auf Island spukt es. Grönlands Eis schmilzt rapide. Am magnetischen Nord- und Südpole wettert es so stark, dass der Donner der elektrischen Entladungen Hunderte von Meilen weit gehört wird. Und erst in Nord- und Südamerika und in der Südsee! Dort scheint die Welt erst recht aus den Fugen gehen zu wollen.

»Ein wahrer Hö...Höllenspektakel!«, ruft Professor Gründlich laut aus, als er all die Unglücksbotschaften durchfliegt. »Meine Be...Berechnungen stimmen auffallend ge...genau! Ja, so musste es ko... kommen, klar, klar. A...als der Biela'sche Komet u...unerwartet und unberechnet am 1. Januar dieses Jahres plötzlich e...erschien und mit dem ebenfalls a...allen Berechnungen zum Trotz erscheinenden Halley'schen Ko...Kometen zusammenstieß — hei, wa...was gab das für einen Sternschnuppenfall, was für ein Hi...Himmelsfeuerwerk, wie noch nie, nie da...dagewesen. Schon damals pro...prophezeite ich A...Ablenkungen, Störungen in der Gravitation und für u...uns selbst schlimme Folgen. Nun sind sie wirklich da! U...und was ich erst diese letzte Nacht da oben im O...Observatorium wahrgenommen, wird die Welt mit Staunen u...und Schrecken zugleich er...erfüllen. Ste... stempelt übrigens meine Vermutung zur absoluten Gewissheit. Werde mit E...Exzellenz reden, wird sich wundern, wu...wundern.«

Professor Gründlich steht auf. Seine lange Gestalt schwankt wie eine vom Wind bewegte Segelstange auf den Sprechapparat zu, der auf einem besonderen Tische in einer Ecke des geräumigen Zimmers steht.

Exzellenz Katzenbuckel ist gerade damit beschäftigt, ein Gläschen des kürzlich in Berlin nach vieljährigen Versuchen und Forschungen endlich glücklich gefundenen Elixiers zu trinken, das mit Fug und Recht das neue, wirklich echte Elixier ad longam vitam genannt wird. Nicht nur, dass dieses Elixier den Geschmackssinn äußerst angenehm anregt, beeinflusst es auch in hervorragender Weise durch seine belebenden Eigenschaften das gesamte Nervensystem. Nur sein infolge der schwierigen Darstellungsmethode noch enorm hoher Preis — eine kleine Flasche von 100 Gramm kostet 100 europäische Vereinstaler — verhindert, dass dieses wunderbare Universalmedikament nicht schon Gemeingut aller geworden ist.

Von Katzenbuckel hat sich vorgenommen, einen großen Teil seines Vermögens dem Etablissement für Elixierbereitung testamentarisch zuzuwenden, behufs Zugänglichmachung dieses modernen Nektars auch für weniger Bemittelte.

Gerade als die kleine silberne Glocke auf dem großen Tische ihren diskreten Ton hören lässt, trinkt die Exzellenz ein kleines Likörglas des Elixiers. Im Stillen die ungeheuren Fortschritte der chemischmedizinischen Wissenschaft preisend und noch einmal mit der Zunge behaglich schnalzend, wendet sich von Katzenbuckel der Signalglocke zu, die verstummt ist.

»Was will man?«, fragt er in die zierliche Trompete hinein.

»Ka...kann ich E...Exzellenz sprechen?«, tönt es aus dem Trompetchen zart zurück.

»Aha, das ist mein guter Gründlich«, spricht Katzenbuckel beim Vernehmen der Stimme lächelnd vor sich hin. »Natürlich, natürlich«, erwidert er, »kommen Sie nur auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege herauf zu mir,«

Einem Geiste gleich steigt Professor Gründlich aus der Vertiefung herauf in das lichtdurchflutete Prachtgemach Katzenbuckels.

»Stö...störe ich E...Exzellenz?«, fragt Gründlich, die müden, traurig blickenden Augen zu Katzenbuckel aufschlagend.

»Durchaus nicht! Kommen Sie nur mutig heran, mein Lieber; eine Stunde kann ich ganz gut Ihrer phänomenalen Weisheit lauschen; denn dass Sie mir hochinteressante Dinge zu berichten haben, sehe ich schon an dem schwermütigen Ausdrucke Ihres Gesichtes. Setzen Sie sich! Sie sollten nicht so viel arbeiten und sich etwas mehr Ruhe gönnen!«

Professor Gründlich setzt sich. Ein schmerzliches Lächeln umspielt seinen Mund und lässt schlecht gepflegte Zähne sehen.

»Ru...Ruhe? Ist Ruhe dem fo...forschenden Geiste verliehen? Nimmermehr!«

»Aber, mein Lieber, Menschen mit Fleisch und Blut sind wir trotz der Jahresnummer 2222 immer noch und leider! — verwünscht sei, wer da Schlechtes denkt — den Gesetzen der Vergänglichkeit immer noch bedenklich unterworfen.«

»Wird auch noch besser werden, E...Exzellenz.«

»Hoff' ich auch, mein Lieber; ich gestehe offen, dass ich mit Vergnügen lebe und gerne so 150 Jahresringe in meinem Lebensbaume hinterlassen möchte, wenn ich einst meine sogenannte Seele auf den Asphodelenwiesen des Hades spazieren führen werde.«

Beide Herren lachen.

»Das wird eine gu...gute Weile noch a...anstehen!«, ruft Gründlich belustigt.

»Was?«, fragt von Katzenbuckel.

»Nun, die E...Erfindung solch weitwirkender Le...Lebensverlängerungsmittel.«

»Es gibt aber ein solches. Sie selbst haben ja auch an der Entdeckung dieses wunderbaren Elixiers ad longam vitam mitgearbeitet.«

»Wa...wahr!«, bestätigt Gründlich, »hilft aber nur für ge...gewisse Zeit; noch muss es ver...verbessert, vertieft werden, um seinen Namen mit Ehren tragen zu dürfen.«

»Ganz recht! Einstweilen genügt und behagt mir aber dieser Nektartropfen vollkommen; um aber wieder auf Sie selbst zurückzukommen, so erkläre ich Ihnen, dass ich im dringendsten Interesse unserer ›Weltposaune‹ fordern muss, dass Sie sich ausspannen, erholen.«

Professor Gründlich schweigt bei diesen Worten der Exzellenz. Sie sind ihm unangenehm. Alles, was ihn an das gemein Körperliche erinnert, ist diesem Geistesmenschen zuwider.

»So schlage ich Ihnen die Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen vor; Ruhe und doch zugleich ein gewisses Maß von Forschung.«

»Wie ist das ge...gemeint, E...Exzellenz?«

»So machen Sie eine Forschungsreise in die Südsee. Dort scheint allen Berichten nach ein vor Jahrmillionen untergegangener Kontinent sich über die Fluten des Ozeans wieder erheben zu wollen. Das ist die Erforschung und Berichterstattung schon wert. Denken Sie nur an die möglichen paläoanthropologischen Funde!«

»Hm, hm, nicht o...ohne, wirklich nicht o...ohne«, entgegnet Gründlich, dessen Interesse erregt ist, »will mir die Sache ü...überlegen.«

»Da gibt es keine lange Überlegung. Sie reisen morgen mit unserem eigenen Schiffe ›Ägir‹ ab, das draußen vor der Stadt im Hafenbassin des Nordseekanals liegt. Alles ist schnell fertig. Aber warum lächeln Sie so sonderbar?«

E...es ist wegen des Na...Namens ›Ägir‹!«

»Wieso, mein Lieber?«

»E...er erinnert mich in seinem Klang an a...alte Zeit, a...an menschliche To...Torheit und Schwäche.«

»Gleichgültig! Die Hauptsache ist, dass das Schiff prima ist. Ich depeschiere nachher nach London und Paris und sorge für wissenschaftliche Reisebegleitung. Einverstanden?«

Professor Gründlich krümmt sich zwar noch ein wenig auf seinem Stuhle, bis er mit bitterlich süßem Lächeln seine Einwilligung gibt.

»So, das wäre erledigt. Nun berichten Sie mir, lieber Gründlich, was Ihr forschendes Gemüt bedrückt.«

Professor Gründlich gibt zunächst der Exzellenz Kenntnis von den eigngetroffenen Nachrichten über die so bedeutungsvollen Erscheinungen auf dem Erdballe.

»Da sehen Sie nun«, unterbricht von Katzenbuckel den Vortragenden, »wie gut es ist, wenn Sie sich schleunigst zu einer Forschungsreise bereit machen. Unser führendes Weltblatt ist auch dadurch in die Lage versetzt, zuerst die neuesten und besten Berichte über die wunderbaren geophysikalischen, ozeanographischen und morphologischen Vorgänge auf unserem Planeten zu bringen, bevor noch dieser Flegel von Jingo seine Faust gegen Europas Staatenbund erheben kann.«

»Wa...was ist denn mit diesem U...Urrüpel wieder los?«

»Hat es Ihnen Kannegießer noch nicht gesagt?«

»Sah den Ko...Kollegen noch nicht!«

»Nun, so fasse ich die Sache in die kurzen Worte: Jingo bedroht uns einmal wieder lächerlichster Ursache wegen. Diesmal hat er sich in seinem Größenwahnwitz bis zur Stellung eines Ultimatums verstiegen. In 22 Tagen will er von uns die Prügel entgegennehmen, die wir ihm seit undenkbaren Zeiten schon schulden. Ihre Reise, mein lieber Gründlich, kann in dieser Frist um den Globus herum ganz gut bewerkstelligt werden.«

»Ge...gewiss, E...Exzellenz!«

»Nun gut, haben Sie sonst noch etwas zu sagen?«

Herr Gründlich nickt.

»Bitte, so berichten Sie!«

Exzellenz lehnt sich in seinem Stuhl zurück, schlägt die Beinchenübereinander und legt die verschlungenen zarten Hände über das leise angedeutete Bäuchlein.

Hohl, dumpf tönt die Stimme Gründlichs: »In dieser Na...Nacht habe ich eine, nein mehrere ge...geradezu furchtbare E...Entdeckungen gemacht!«

»Wo?«, fragt Exzellenz Katzenbuckel mit sarkastischem Lächeln.

»Wo a...anders als wie im O...Observatorium«, entgegnet etwas gereizt Professor Gründlich.

»Ah so! Nun, das interessiert mich ungeheuer.«

Rasch versöhnt durch diese Worte des Gebieters, fährt Gründlich fort: »Der Mo...Mond steht nicht mehr richtig!«

»Was Sie nicht sagen, Gründlich«, erwidert die Exzellenz erstaunt.

»Ja, e...es ist so. Luna nähert sich u...unserer Erde; ihre E...Entfernung beträgt nur noch 279 987¼ Kilometer. Die Neigung der Mo...Mondbahn zur E...Ekliptik ist ebenfalls verändert; sie be...beträgt genau ge...gemessen und berechnet jetzt 9° 9' 49,75".«

»Und was folgern Sie daraus?«, fragt die Exzellenz, deren Interesse aufs Äußerste gestiegen ist.

»E...erstens, dass die Ge...Gesetze der Gravitation im Weltenraume schwere Stö...Störungen erlitten haben; bitte, denken Sie nur a... an das plötzliche, a...allen Berechnungen Hohn sprechende Auftreten der Kometen Biela und Halley.«

»Das stimmt!«, murmelt von Katzenbuckel vor sich hin.

»Dann die Be...Bewegung der Planeten, deren E...Ellipsen sich mehr der Form des Kreises nähern; a...also zweitens: dass wir, kurz und bü...bündig gesprochen, gewaltigen Ka...Katastrophen entgegengehen müssen.«

»Unglücksmensch! Haben Sie dies alles ebenfalls entdeckt?«

Professor Gründlich senkt als Zeichen der Bejahung den Kopf mit dem wirren Haar.

»›Mach deine Rechnung mit dem Himmel‹, heißt es nun wohl auch für uns in Bälde, was?«

Gründlich verzieht als Antwort schmerzlich den Mund.

»Hören Sie einmal, lieber Gründlich, die Sache wird mir entschieden zu bunt. Die Aussicht, dass meine werte Person samt der ›Weltposaune‹ in Atome zerschmettert werden könnte und nun als elender Staub im Weltenraume herumfliegen soll, ist nichts weniger als angenehm, nein, wahrhaftig nicht.«

Unmutig steht die Exzellenz auf, macht einige Schritte im Raume herum und setzt sich wieder.

»Und wann soll denn der Spektakel losgehen, Gründlich?«

»Ka...kann bald erfolgen, kann auch noch etwas länger a... anstehen. Darüber können nur fortgesetzte Be...Beobachtungen aufklären.«

»Na, ich danke für diese Art von Damoklesschwert! Haben Sie denn bei all ihren unheimlichen Forschungen und Beobachtungen nicht auch einen Hoffnungsschimmer, wenn auch noch so klein, für uns arme Sterbliche entdeckt?«

»Doch, E...Exzellenz!«

Ha, das lobe ich mir. Heraus mit der Sprache!«

»E...es ist ein großes Glück für u...uns, dass der magnetische Nordpol drüben in A...Amerika liegt. A...aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte dort die e...entscheidende Katastrophe mit Wucht einsetzen.«

»Das lässt sich schon eher hören und beruhigt mich in etwas.«

»Wa...wahrscheinlich kommen wir mit dem Le...Leben davon, wenn wir es überhaupt erleben.«

»Weise gesprochen, lieber Gründlich!«

»Im Ü...Übrigen, E...Exzellenz, liegt kein Grund zum Verzweifeln vor. A...abgeschlossen sind meine Be...Berechnungen immer noch nicht. U...und dann ist für mich das Le...Leben der Güter Höchstes auch noch lange nicht.«

»Das ist Geschmackssache, mein lieber Freund, und ›de gustibus non est disputandum‹ besteht auch heute noch zu Recht. Aber trotz all Ihrer schlimmen Prognosen oder gerade deshalb wollen wir den Augenblick doppelt ausnutzen und genießen. Auch ein spät einsetzendes Unglück kommt immer noch zu frühe. Reisen Sie trotz alledem ab, lieber Gründlich; vielleicht ändert sich unterdessen die Lage wieder; das gestörte Gleichgewicht auf Erden wie am Himmel kommt am Ende von selbst wieder in Ordnung.«

»Nur be...bedingt, mit Stö...Störungen, tiefgreifenden Veränderungen, E...Exzellenz.«

»Ich verstehe Sie nicht, Gründlich.«

Die Augen des Professors haben sich weit geöffnet, sie scheinen sich in unendlicher Ferne zu verlieren. Langsam, mit dem Tone des Sehers, spricht Gründlich: »I...irre ich mich nicht, trügt nicht a... alles, so nähert sich u...unserem Fixsternsysteme, wenn auch langsam, so doch merkbar, die Ze...Zentralsonne. Sie ist die wirkliche U...Ursache dieser a...allgemeinen A...Ablenkungen in der Gravitation. Im Sternbild des Perseus habe ich sie e...endlich entdeckt.«

Mit aufrichtiger Hochachtung blickt von Katzenbuckel an dem jetzt vom Stuhle aufgestandenen Gelehrten und Forscher hinauf.

»Das sind ja großartige Entdeckungen, welche Sie da gemacht haben, lieber Gründlich, wirklich großartig! Sie müssen noch heute in der ›Weltposaune‹ publiziert werden, um Ihnen die Priorität der Entdeckung zu sichern.«

Dankend verneigt sich der Professor.

»Was aber müssen wir von dem Auftauchen der Zentralsonne fürchten, was dürfen wir für uns selbst davon hoffen?«

»Teilweise Ver...Vernichtung, teilweise Rettung u...unseres Planeten!«

»So will ich zufrieden sein, wenn wir uns auf dem Teile desselben befinden, der bestehen bleibt. Ein Unglücksrabe aber sind Sie doch; mir haben Sie den Appetit ordentlich verdorben zu dem bescheidenen Liebesmahle, das heute Abend zu Ehren der Eröffnung des Parlamentes unserer Vereinigten Staaten im Hotel ›Zentrum von Europa‹ gegeben wird. Sie kommen doch auch noch vor Ihrer Spritzfahrt? Kannegießer fehlt sicherlich nicht!«

»E...Exzellenz müssen schon entschuldigen; ich liebe die Ge... Genüsse des Le...Lebens nun einmal nicht.«

»Na, wie Sie wollen! Vergessen Sie nur nicht, das Nötigste wegen Ihrer Reise zu regeln. Ich selbst werde, wie gesagt, alles Übrige sofort besorgen. Begeben Sie sich morgen früh an Bord. ›Ägir‹, den wir der einst so weltberühmten, nun aber endgültig verkrachten Zickzacklinie abgekauft haben, ist seebereit.«

Mit herzlichem Händedruck trennt sich Gründlich von der Exzellenz.

--*--

DRITTES KAPITEL

Professor Gründlich begibt sich mittels der unterirdischen Kabelbahn am anderen Morgen nach dem Hafen des Nordseekanals im Norden der Stadt. Als Junggeselle und äußerst bedürfnisloser Mensch hat Gründlich nicht viel Gepäck mitzunehmen; übrigens weiß auch der Professor, dass er sich auf Katzenbuckels Wort verlassen kann und an Bord alles Notwendige für die wissenschaftlichen Forschungen vorfinden wird. Dieses Bewusstsein lässt ihn auch beruhigter den verkehrsreichen Hafen betreten und den »Ägir« aufsuchen. Da liegt das schmucke Schiff vor ihm. An seinem Bug glänzt in gewaltigen goldenen Lettern der Name »Ägir«. Weiß ist das ganze Schiff gestrichen. Am hinteren Maste weht im leichten Winde des sonnendurchleuchteten Aprilmorgens die stolze Flagge der Vereinigten Staaten von Europa. Professor Gründlich strebt dem Schiffe zu, hinter ihm sein alter Diener mit einigen Bündeln bepackt. Die Form des »Ägir« gleicht der eines Riesenwales, mit dem Unterschiede jedoch, dass der Kopf spitz ausläuft. Auf den spitzen Bug folgt rasch eine auffallend starke Verbreiterung des Schiffskörpers, die dann ebenso plötzlich abfällt und sich gegen das Steuer zu mehr und mehr verjüngt. Begierig, die Einrichtung des Schiffes kennen zu lernen, steigt Professor Gründlich die breite Treppe hinauf, die den Kai mit dem » Ägir« verbindet. Oben an der Treppe steht in blauer Uniform, eine mächtige runde ebenfalls blaue Mütze auf dem blonden Haupte, Kapitän Bernhard, der mit fröhlichem Lächeln den berühmten Passagier begrüßt und ihn sofort persönlich in seine Wohnräume führt.

»Wir haben nur noch eine Truppe Berliner für Drama und Posse einzunehmen, Herr Professor, dann geht's sofort den Kanal hinunter in die See.« Mit diesen Worten, die von Gründlich nur halb verstanden werden, verlässt der Kapitän den Professor.

Dieser blickt sich verwundert in den ihm zugewiesenen, auf Oberdeck liegenden Gemächern um. Von der ›Weltposaune‹ her ist Gründlich an eine prachtvolle Umgebung gewöhnt. Was er aber hier sieht, ist eine solch angenehme Mischung aus Luxus und Behaglichkeit, von Schönheit mit allen Fortschritten des praktischen Lebens, dass er sich nach wenigen Augenblicken schon ganz bezaubert fühlt.

An sein Schlafzimmer, im Stile des zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet, stoßen Badezimmer und Toilette. Alles ist hier aus Marmor; selbst die Wände sind mit verschiedenfarbigen Marmorplatten bedeckt. Das Wohnzimmer besitzt weißgelbes, mit sattem Gold eingefasstes Getäfer[1]. In demselben sind Bilder aus der Geschichte der unglücklichen Zickzacklinie eingelassen. Die Möbel sind aus dem teuren Eburit verfertigt, Stühle und Diwan mit purpurrotem Leder überzogen. An das Wohnzimmer stößt das Studierzimmer, an dessen Wänden Instrumenten- und Bücherschränke befestigt sind. Es ist für Gründlich der behaglichste Raum. Der matte, braune Ton der Möbel wirkt auf das Auge des Gelehrten beruhigend, der altertümliche Tisch in der Mitte des Raumes, aus dem so selten gewordenen Eichenholz verfertigt, erregt besonders die Freude des Gelehrten, ebenso der aus gleichem Holze gefertigte, mit Leder gepolsterte, praktische und bequeme Studier- und Lehnstuhl. Eine mit grünem Schirme versehene, transportable Calciumplatinaglühlichtlampe steht auf dem Tische, neben ihr Papier, Schreibzeug und Schreibmaschine. Ein Lufttelegrafenapparat ist gleichfalls vorhanden und erlaubt dem Gelehrten, mit der übrigen Welt und der Schiffsgesellschaft direkt vom Studierzimmer aus zu verkehren. Exzellenz Katzenbuckel hat diesen Morgen in aller Frühe für den Professor noch ein prachtvolles Pflanzen- und Blumenarrangement gesandt, das seine Aufstellung am Fenster des gemütlichen Raumes gefunden hat. Gründlich liest eben die beigelegte Karte: »Glückliche Reise und rechtzeitige Rückkehr noch vor Weltuntergang wünscht seinem verehrten Unglücksraben die lebensfrohe KaterExzellenz.« Ein dankbares Lächeln für die Aufmerksamkeit des Herrn von Katzenbuckel huscht über Gründlichs Züge.

[1] Schweizerische Bezeichnung für »Getäfel«; D.v.R.

Den in blauer Seide und Gold strotzenden Salon würdigt der Professor kaum eines Blickes. Dies Zimmer ist schon, weil völlig überflüssig, gar nicht nach seinem Geschmacke. Mit Hilfe des Dieners hat er sich in seiner neuen Behausung bald eingerichtet. Gründlich will eben in seinen alten, ihm unentbehrlichen Schlafrock schlüpfen, um sein gewohntes Studium zu beginnen, als ihm Kapitän Bernhard gemeldet wird. Etwas unwillig über die Störung empfängt der Professor den Schiffslenker, ist aber sofort von seinem Ärger befreit, als er in das heitere Gesicht des Kapitäns blickt, aus dem zwei graue Augen keck in die Welt schauen, während ein hellblonder Schnurrbart den Mund ziert. Bernhard trägt seine Manneszierde nicht der herrschenden Mode gemäß. Rechts und links ausgezogen, legen sich die Schnurrbartspitzen direkt an die Wangen an.

Der Kapitän fängt den Blick des Professors auf, mit dem dieser seinen Bart gestreift hat.

»Sie wundern sich wohl über meine selbst erfundene Barttracht, Herr Professor?«

»Nein«, entgegnet Gründlich, »ich finde sie nur o...originell.«

»Nicht wahr? Aber das ist sie auch tatsächlich. Sehen Sie, unsereiner, der jeder Luft- und Windströmung ausgesetzt ist, kann die augenblicklichen Moden nicht immer mitmachen. So habe ich meinen Bart gewissermaßen den Strömungen angepasst, mögen diese kommen, woher sie wollen, stets schmiegt sich mein so angelegter Bart nach denselben und bleibt tadellos in Ordnung.«

»Fa...famos! E...es liegt ein tiefer Sinn in Ihrem bärtlichen Spiele.«

»Darf ich Sie zum Frühstück bitten? Unsere Berliner Truppe ist eingetroffen, und wir schwimmen bereits im Kanal. Nach dem Frühstück will ich Ihnen gerne die Einrichtung unseres ›Ägir‹ zeigen, falls Sie es wünschen.«

»Sie ko...kommen meinem Wunsche e...entgegen, Herr Kapitän. Kann ich vielleicht noch Berlin sehen?«

»Doch! Wollen Sie sich nur mit mir auf die Kommandobrücke bemühen.«

Professor Gründlich folgt dem Kapitän. In der Ferne lässt sich noch das gewaltige Häusermeer der Stadt erkennen, über das hinweg der luftige Turm der ›Weltposaune‹ stimmungsvoll sich abhebt. Im Lichte der Sonne funkeln die Kupfermassen der Turmspitzen wie flüssiges Gold, sodass Professor Gründlich für eine Sekunde unwillkürlich die Augen schließen muss.

»Großartig, dieses Panorama, nicht?«, fragt der Kapitän den Professor.

Dieser nickt nur stumm.

»Nichts reicht mehr an das Berlin von heute«, fährt Kapitän Bernhard fort. »Alle nennenswerten Städte des Universums hat es an Größe und Schönheit überflügelt!«

»U...und an Su...Superiorität des Geistes«, fügt der Gelehrte hinzu.

In dem großen, auf Promenadedeck gelegenen Speisesaale des »Ägir« haben sich die Offiziere, Ingenieure, Künstler und Künstlerinnen aus SpreeAthen zum Mahle eingefunden. Eine Musikkapelle ist auf der Bühne postiert, welche den Speisesaal nach rückwärts zu abschließt. Das Orchester lässt gerade seine lustigen Weisen ertönen, als Professor Gründlich mit dem Kapitän den Saal betritt.

Den Ehrensitz an der Tafel nimmt der Gelehrte ein. Rechts und links von ihm sind noch zwei Plätze frei: Sie sind für den englischen und französischen Kollegen Gründlichs reserviert.

Nach der gegenseitigen Vorstellung beginnt das Mahl. Still und tadellos funktioniert die Bedienung. In schneeiges Weiß sind die Diener gekleidet; in blendend weißen Handschuhen stecken ihre Hände. Blumen in wertvollen Vasen stehen auf der Tafel und wirken angenehm auf das Auge und die Stimmung. Letztere hebt sich unter dem Einflusse der feinen Speisen und Getränke zu allgemeiner lebhafter Unterhaltung. Nur Professor Gründlich ist stumm. Ihm behagt das laute Gebaren der Gesellschaft nicht. Der Kapitän sucht seinen berühmten Gast aufzuheitern und erzählt ihm aus seiner Vergangenheit, wie er noch bei der Zickzacklinie gewesen sei, wie diese durch Unverstand und tollste Misswirtschaft schließlich verkracht wäre.

»Ich bin nur froh«, fährt Kapitän Bernhard fort, »dass die ›Weltposaune‹ mich mitsamt dem ›Ägir‹ übernommen hat. Jetzt weht ein anderer, gesünderer Wind auf dem Schiff als früher; wir steuern, wie wir Seeleute zu sagen pflegen, wieder richtigen Kurs. Wenn auch ›Ägir‹ nur ein kleines, älteres Schiff von 15 000 Tonnen Deplacement und 56 000 effektiven Pferdekräften ist, so ist es in seiner ganzen Konstruktion doch unstreitig das beste der Zickzacklinie gewesen. Es ist ein sogenannter Drilling, das heißt, es besitzt drei mächtige Schrauben aus Bronze, läuft ruhig, sicher und außerordentlich schnell. Wir können die Geschwindigkeit auf 50 Knoten in der Stunde bringen, falls dies nötig sein sollte.«

»Ja, ja«, bestätigt Professor Gründlich, »te...tempora mu... mutantur! Die Zeit der Ko...Kohle ist vorbei für immer!«

»Darüber ist niemand glücklicher als der Seefahrer selbst. Unser Protzit ist ein wunderbares dynamisches Mittel.«

»Das will ich meinen«, erwidert Professor Gründlich zustimmend; »e...es ist eine höchst interessante, ko...komplizierte Verbindung, aus der der Protzit besteht.«

»Ist er nicht aus Chlor, Jod und Stickstoff zusammengesetzt, Herr Professor?«

»Doch! U...ungeheuer ist die in dem Protzit aufgespeicherte la... latente Bewegung, die Spannkraft, welche sich in lebendige Kraft der wirklichen Be...Bewegung u...umsetzen kann.«

»Wollen Sie vielleicht sehen, wie wir den Protzit anwenden?«

»Sehr ge...gerne!«

Die Herren erheben sich von der Tafel. Durch einen Lift, der direkt von Deck aus in den Maschinenraum führt, gelangen die Herren fast augenblicklich an die Maschine des Schiffes. Nur wenige Leute benötigt sie zu ihrer Bedienung. Kein betäubender Lärm, keine übermäßige Hitze, kein belästigender Qualm oder Rauch geht von der großen Expansionsmaschine aus, welche mittels dreier mächtiger Wellen die drei Schrauben des Schiffes dreht.

Auf Befehl des Kapitäns bringt ein Maschinist eine Protzitpatrone. Sie ist länglich, in der Form einer kleinen Granate. Der Maschinist sieht auf die Uhr an der Maschine. es ist gerade Zeit zu neuer Kraftfüllung. Rasch, fast blitzschnell wird die Patrone in einen verschlussartigen Zylinder geschoben, der dann ebenso gewandt wieder geschlossen wird. Ein leichter, von der Maschine selbst automatisch ausgeführter Zug: Eine kaum vernehmbare Detonation erfolgt; die molekulare Bewegung der Protzitpatrone hat sich in Massenbewegung, in die lebendige Kraft der Arbeit umgesetzt. Die dabei entstehende, unbedeutende Gasentwicklung wird durch einen kleinen Kamin nach außen abgeführt.

»In der Ta...Tat ingeniös«, spricht Professor Gründlich, als er den Vorgang genau verfolgt hat, »wieviel von diesen Pa...Patronen da brauchen Sie täglich, Kapitän?«

»Vier in der Stunde, Herr Professor.«

»Hamburg in Sicht, ein Viertel Geschwindigkeit!«, tönt die Stimme des ersten Offiziers durch das Sprachrohr von der Kommandobrücke herab in den Maschinenraum.

»Wollen Sie von Weitem die Stadt sehen?«, fragt der Kapitän den Gelehrten; »sie bleibt zu unserer Rechten.«

Gründlich bejaht. Mit Hilfe des Lifts ist er in wenigen Sekunden oben auf der Brücke. Im Scheine der Nachmittagssonne breitet sich in der Ferne die riesige Handelsstadt mit ihren zwei Millionen Einwohnern aus. »Ägir« fährt langsamer, um den vielen hier des Weges kommenden Schiffen auszuweichen. Trotzdem ist seine Geschwindigkeit noch derart, dass die Stadt Hamburg nach wenigen Minuten am Horizonte verschwunden ist. Mehr und mehr macht sich das nahe Meer bemerkbar. Nachdem »Ägir« noch zwei Riesenschleusen passiert hat, schaukelt er sich gegen Abend auf den Wogen der Nordsee.

Nach dem Essen will sich Professor Gründlich sofort in sein Zimmer zurückziehen. Der Kapitän aber bittet den Gelehrten um seinen Besuch im Navigationszimmer, da er an den Professor sehr wichtige, wissenschaftliche Fragen stellen wolle. Gründlich, stets gerne gefällig, folgt dem Kapitän. Als die Herren sich gesetzt haben und ihre völlig nikotinfreien, aber konzentriert aromatischen Zigarren schmauchen, bekennt der Schiffslenker seine Sorgen.

»Ich will gewissermaßen mit verbundenen Augen den Weg in den Pazifik finden, so bekannt ist er mir«, beginnt Kapitän Bernhard. »Die auffallenden Erscheinungen der Deviationen der Magnetnadel aber, die sich seit gestern schon in einer Weise bemerkbar machen, wie ich sie in meinem Leben noch nie beobachten konnte, erschweren mir, ehrlich gestanden, die Fahrt.«

Gründlich lächelt überlegen bei diesen Worten. »Ja, ja, das glaube ich ge...gerne. Dem a...aber kann sehr leicht a...abgeholfen werden.«

Kapitän Bernhard atmet auf. Eine große Sorge ist ihm genommen.

»Ich hoffe auf Ihren Beistand, Herr Professor, wie auch auf den Ihres berühmten Herrn Kollegen, des Physikers Chauvin, den wir in Paris an Bord nehmen sollen.«

»Se...selbstverständlich werden wir Ihnen beistehen. E...erfordert zwar große A...Arbeit, Tag und Nacht, in die wir u...uns eben teilen werden. Ich selbst will die Hauptlast ü...übernehmen, da ich damit auch meine Stu...Studien über den Mo...Mond verknüpfen kann. Diese Nacht bleibe ich auf der Brücke und werde die notwendigen Beobachtungen und Be...Berechnungen machen.«

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Herr Professor!«

»Nichts zu da...danken, Kapitän; wir werden auf dieser Reise ma...mancherlei er...erleben, warten Sie nur! Die von mir e...entdeckten Störungen in der Gra...Gravitation der Gestirne lassen mich mit a...aller Sicherheit auf baldigst eintretende ge...gewaltige U... Umwälzungen im Weltenall schließen.«

Mit scheuer Ehrfurcht betrachtet der Kapitän den berühmten Mann, der da so ruhig und gelassen vor ihm sitzt und wichtige Probleme behandelt, als wären sie die einfachsten Dinge unter der Sonne.

»Es ist etwas Großartiges, zur Bewunderung zwingendes, um die Wissenschaft«, erwidert der Kapitän. »Wir sind heute weit gekommen; wer hätte diese riesigen Fortschritte früher ahnen können?«

»Nu...nun, wir stehen immer auf den Schultern der a...anderen, vor uns Dagewesenen. Die Natur macht keine Sprünge, wohl aber machen u...und machten solche die Menschen in oft to...toller Weise. Was sich e...entwickelt, was kommen wird, muss aus bestimmter U...Ursache hervorgehen, muss mit mathematischer Sicherheit ko... kommen, eintreffen. In den Da...Daten können wir Sterbliche uns noch irren, verrechnen, da die Zahlen, mit denen wir o...operieren, nahezu ans U...Unfassbare grenzen, nicht aber in der Deduktion.«

Gründlich steht auf, hüllt sich in seinen Mantel und begibt sich auf die Schiffsbrücke. Die Nacht geht gut herum. Der Professor, befriedigt von seinen astronomischen und physikalischen Beobachtungen, gönnt sich gegen Morgen einige Stunden Ruhe.

London ist erreicht. »Ägir« liegt auf der unteren Themse und erwartet Professor John Mob, ebenso einen kleinen Trupp englischer Faustkämpfer und Kraftmenschen, da dem englischen Gaste an Bord des »Ägir« das gewohnte nationale Vergnügen nicht vorenthalten werden soll.

Professor John Mob, das Deutsche, die Verkehrssprache der Vereinigten Staaten von Europa, völlig beherrschend, erscheint pünktlich. Ein Dampfer bringt ihn und die Übrigen die Themse herunter an Bord des »Ägir«. Professor John Mob ist der richtige Vertreter seiner Rasse. Eine gedrungene Gestalt ist es, die, in grauem Reiseanzuge steckend, das Fallreep zum »Ägir« heraufsteigt. Auf dem Kopf sitzt eine Mütze, an deren Rändern ein kranzförmiger Streifen roten Haares hervorquillt. Das Gesicht Professor Mobs ist voll Sommersprossen und, bis auf einen kleinen, roten Backenbart, glatt rasiert. Die Nase mit großen Öffnungen ist kurz, aber energisch entwickelt; der Mund ist groß, voll breiter, künstlicher, ausgezeichnet gearbeiteter Zähne. Die hellblauen Augen sind scharf und kalt; das Kinn ist breit, vorspringend, der Hals kurz.

Professor Mob, ein Geologe und Paläontologe von Ruf, kennt Gründlich von früheren allgemeinen Gelehrtenzusammenkünften her. Die gegenseitige Begrüßung der Herren Forscher ist daher auch eine sehr freundliche.

»Eine glorreiche Idee Katzenbuckels, uns über das Wasser zu senden«, ruft Mob vergnügt. »Kommt da gestern eine lange Depesche von der ›Weltposaune‹ an mich, gerade als ich im Begriffe bin, auf eigene Faust eine wissenschaftliche Exkursion anzutreten. Darin lädt mich Katzenbuckel ein, mit Ihnen und dem alten, famosen Chauvin die heillosen chaotischen Erscheinungen der Gegenwart zu studieren. Gerne sagte ich zu und packte meine Sachen zusammen. Glorreich ist diese Idee, einfach glorreich!«, Wuchtig schüttelt Professor Mob mit diesen Worten die dürre, knochige Hand Gründlichs.

»Und Ihre Artikel, lieber Gründlich, habe ich gestern abend in den letzten Depeschen noch gelesen. Mein Kompliment! Sie eröffnen uns da ganz wundersame Perspektiven. Es kracht an allen Enden und Ecken der Erde und der Sonnenwelten, nicht zu vergessen den alten Faulenzer von Mond, der heute nicht einmal mehr als richtige Laterne nützlich ist.«

»E...Er hat sich sehr verschlechtert, das ist wahr, nicht nur in Be...Bezug auf seine Stellung zur eigenen Ba...Bahn, sondern auch zur E...Ekliptik und zu uns selbst. Doch bald dürfte seine Stu... Stunde schlagen, die ihn als ein Nichts hi...hinauswirft in die U... Unendlichkeit des Weltenraumes.«

»Am Ende wird er uns dabei noch selbst auf den Kopf fliegen, der verdammte alte, ausgebrannte Kraterhaufen. Doch, was liegt daran! Wir, als die echten, rechten Philosophen, kümmern uns um das Morgen nicht stark. Wir nehmen die Dinge, wie sie sind und kommen. Freuen wir uns, eine famose, interessante Reise machen zu können, und lassen wir dabei den gefährlichen Gesellen nicht aus den Augen.«

Professor Mob verschwindet in seiner Schiffsbehausung. Sie liegt Backbord, Gründlichs Räumen gegenüber, und ist wie diese eingerichtet.

Der »Ägir« richtet den Kiel der französischen Küste zu, die er schnell erreicht. Schon am Abend liegt das Schiff in dem kunstvoll geschaffenen Hafen von Paris, der die Stadt mit dem Ärmelmeer durch einen schnurgeraden, sehr breiten und tiefen Kanal verbindet. Das Wasserviveau desselben wird mit dem des Meeres, gleichwie beim Berliner Nordseekanal, durch Riesenschleusen reguliert.

»Ägir« übernachtet im Pariser Hafen. Professor François Chauvin hat sich durch eine Depesche entschuldigen lassen. Er will erst morgen früh an Bord kommen. Die Gelehrten bleiben auf dem Schiffe. Die Theatertruppe gibt die Posse: »Der Mensch als Affe.« Die interessante Handlung und das ausgezeichnete Spiel rufen großes Vergnügen hervor, sogar Professor Gründlichs Zwerchfell wird öfters, was sonst selten vorkommt, in gesunde, lebhafte Schwingungen versetzt. Ein Boxkampf der Engländer schließt den angenehmen Abend.

Prompt erscheint am anderen Morgen Professor Chauvin. Seine 60 Jahre trägt er mit jugendlicher Elastizität. Aus seinem frischen, rosig angehauchten Gesichte blitzen ein paar kluge, braune Augen; leicht gebogen ist seine Nase; der Mund, etwelche Sinnlichkeit verratend, ist, wie das Kinn, hübsch geformt. Ein kleiner, weißer Schnurrbart, die weißen Haare und die noch völlig schwarzen Augenbrauen verleihen dem Gesichte etwas Anziehendes, Sympathisches. Die mittelgroße, schlanke Gestalt ist sorgfältig in Schwarz gekleidet.

Die Professoren Gründlich und Mob unterhalten sich gerade miteinander, auf dem Promenadendeck des »Ägir« auf und ab spazierend, als Professor Chauvin mit lautem, fröhlichem Gruße und leichten Schrittes auf die beiden zuschreitet.

»Guten Morgen, guten Morgen!«, ruft Chauvin, Mob und Gründlich die Hände drückend. »Ich konnte gestern Abend nicht mehr abkommen, da ich noch an einem Bal paré teilnehmen musste. Verzeihen Sie also meine Verspätung, meine Herren! Wie geht es denn Ihnen, gründlichster unter den gründlichen Forschern von jenseits des Rheines?«

»Ich da...danke, gut!«, antwortet Gründlich.

»Und Sie, Mob, Britannias Stolz und Zier? Alles all right?«

»O ja, besten Dank!«

»Na, wir sind ein würdiges Trifolium«, plaudert Chauvin weiter. »Die alte Dame Erde scheint plötzlich schwere hysterische Anfälle bekommen zu haben, dass sie sich derart aufführt, dass wir zur Konsultation gerufen werden. Wollen Sie genau untersuchen, nicht wahr?«

Professor Chauvin fragt dies in so fröhlichem Tone, dass davon auch Mob und Gründlich angesteckt werden. Sie lachen.

»A...aber, was ist denn das? Wa...was für Passagiere kommen hier noch a...an Bord?«

Mit diesen Worten deutet Gründlich entrüstet auf einige junge, sehr hübsche, höchst modern gekleidete Damen, die keck auf das Deck steigen.

»Ah!«, ruft Chauvin, »das ist ja ausgezeichnet! Der Kapitän hat einen guten Einfall gehabt. Das sind Damen des Balletts! Sapristi, die kenne ich ja, das ist die Susette, die Yvette, die Nanette, Babette und Fleurette.«

»Da...das fehlt uns noch!«, knurrt Gründlich in seinen Bart.

»Freilich fehlt uns das, Sie Misanthrop«, entgegnet Chauvin. »Was ist denn die Wissenschaft ohne die Kunst? Antworten Sie, Gründlich!«

»Für diese A...Art von Kunst danke ich!«

»Ich auch, mein Lieber, nur in anderem Sinne! Für mich ist der Tanz, die rhythmische Bewegung graziöser, schöner, jugendlicher Gestalten ein herzerfreuender Anblick; denn gibt es überhaupt etwas Schöneres, Edleres als den menschlichen Körper?«

Chauvin ist in Eifer geraten. »Und Sie, Mob? Gehören Sie auch, gleich Gründlich, zu den Philistern?«

»Mir gefällt der männliche Körper, wenn seine Muskeln im Zweikampf sich spannen, entschieden besser als...«

»So schweigen Sie, Tor, der Sie sind!«, unterbricht ihn Professor Chauvin zornig. »Es ist nur gut, dass der Kapitän oder vielmehr Herr von Katzenbuckel in so liebenswürdiger und verständiger Weise auch meinen Bedürfnissen Rechnung getragen hat. Suum cuique!«

Professor Chauvin lässt seine Kollegen stehen und begibt sich zu den Balletteusen. Er wird von den lebenslustigen Damen mit lautem Hallo empfangen. Unter Schwatzen und Lachen verschwindet Herr Chauvin mit den Damen im Innern des Schiffes.

»Was sagen Sie zu dieser Bescherung, Gründlich?«, fragt Professor Mob.

Professor Gründlich zuckt die Achseln. »Chauvin i...ist immer derselbe. E...ergeben wir u...uns in das nun einmal U...Unvermeidliche mit der gewohnten Würde des Philosophen.«

Die Signalglocke des »Ägir« ertönt. Sie gibt das Zeichen zur Abfahrt. Zum Abschiedsgruße von Paris flattert die Fahne an der Gaffel mehrmals auf und ab; dann setzt sich »Ägir« unter den Klängen des von der Schiffskapelle gespielten Vereinigten Staatenmarsches von Europa in Bewegung. Sein nächstes Ziel ist Colón.

--*--

VIERTES KAPITEL

Seit einigen Tagen schon durchschneidet »Ägir« die Wogen des Atlantischen Ozeans. Professor Chauvin hat seinen ersten Verdruss rasch überwunden und teilt sich mit seinem Kollegen Gründlich bereitwilligst in die schwierige Aufgabe der Deviationsberechnungen. Nur durch dieselben ist es möglich, dass das Schiff mit voller Kraft und Sicherheit seinem nächsten Ziele, dem Panamakanal, zusteuern kann. An Bord befindet sich alles wohl. Eine richtige Arbeitsteilung, der Wechsel zwischen ernster Forschung und fröhlicher Geselligkeit, die ausgezeichnete Verpflegung, all das zusammen schafft ein angenehmes Dasein.

Nur die jeweiligen täglichen Dispute der drei Gelehrten nach der Hauptmahlzeit lassen hin und wieder erkennen, dass die Harmonie der Geister manchmal etwas zu wünschen übrig lässt. So behauptet eben Professor Chauvin, dass von Frankreich die Idee der Freiheit und Verbrüderung ausgegangen sei.

»Bei uns«, ruft er begeistert, »brach schon vor Jahrhunderten die Morgenröte der Befreiung des Menschengeschlechtes aus den tausendjährigen Fesseln geistiger Knechtung an, während bei euch Deutschen noch Götzenanbeterei, Kriecherei, schlimmster Aberglauben, kurz, die ganze schwüle Atmosphäre römischer Sumpfluft herrschte, die euch politisch sowohl wie kommerziell und moralisch zu ersticken drohte.«

»So schlimm wa...war es doch nicht ga...ganz, wenn schon ich zugeben muss, das Sie nicht ganz u...unrecht haben«, erwidert Professor Gründlich ruhig.

»Was, nicht ganz unrecht?«, schreit Professor Chauvin hitzig. »Lesen Sie einmal, bitte, die alten Urkunden, und Sie werden mir sofort zugeben müssen, dass ich mit meinen Behauptungen völlig recht habe!«

»Ze...Zentripetal- und Ze...Zentrifugalkraft, das Schlechte, Gemeine und das Gu...Gute, Schöne u...und Wahre, weiß, schwarz und rot, kämpften im zwanzigsten Jahrhundert einen schweren Ka... Kampf, nicht nur bei u...uns, sondern auch bei Ihnen, lieber Chauvin.«

»Bitte, blau, weiß, rot; das Schwarze hatten wir vor 300 Jahren schon zum Lande hinausgeworfen!«

Professor Gründlich schweigt. Das hitzige Temperament Chauvins missfällt ihm.

»Und wir Engländer haben einst Europa aus der Sklaverei gerettet«, wirft hier Professor Mob ein.

Herr Chauvin bricht in lautes Lachen aus.

»Von welcher Sklaverei sprechen Sie, lieber Mob?«

»Von der Napoleonischen!«

»Gut gebrüllt, zahnloser britischer Löwe, der wie der Krebs stets mutig rückwärts geht und ging, sobald man ihm nur energisch die Faust zeigte. Alter John Bull, du bist ja froh, dass wir dich zum Schlusse noch auf inständigstes Bitten hin in unseren Bund aufgenommen haben«, entgegnet Professor Chauvin lachend.

»Dagegen aber muss ich doch protestieren«, antwortet Herr Mob und schlägt, etwas zornig geworden, mit der geballten Faust auf den Tisch.

»Wir hatten ein Weltreich« —

»Hatten ist gut«, wirft Herr Chauvin spottend dazwischen. —

»Jawohl, hatten noch ein Weltreich und konnten daher beim Eintritt in den Bund etwas sehr Gutes, Wertvolles bieten. Um Aufnahme brauchten wir nicht zu betteln. Ihre Worte, Chauvin, verletzen mich!«

»Habe ich betteln gesagt? Sicherlich nicht! Nachdem aber Deutschland wieder in den vollen Besitz aller alten Teile seines wahren Territoriums gekommen, Berlin — dem Olymp sei's geklagt — sich zur Führerin auf dem Gebiete der Intelligenz in Europa aufgeschwungen, versöhnten wir uns endgültig und schlossen miteinander den kraftstrotzenden, verheißungsvollen Zweibund. Deutschland und Frankreich miteinander verbunden, bedeutet an sich schon die Herrschaft in Europa. Und da kam der zwar alternde, aber immer noch spekulative britische Löwe und bat:


Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte.«


»U...unser Chauvin hat recht, Mob, dagegen lässt sich nu...nun einmal nichts sagen.«

»Nun ja, verdammt auch, gebettelt ist es aber doch nicht gewesen.«

»Nu...nur ein la...lapsus linguae, lieber Mob!«

»Seien Sie vernünftig, mein lieber Mob, ich will Sie nicht beleidigen«, sucht Professor Chauvin zu besänftigen.

Professor Mob lacht. »Da wäre jeder Verkehr unmöglich, wollte man Sie allzu tragisch nehmen, lieber Chauvin; bald zerzausen Sie unseren guten Gründlich, bald mich.«

»Nun, ich folge nur dem unsterblichen deutschen Dichter Schiller, wenn ich mit erfrischendem Windesweben, kräuselnd bewege das stockende Leben.«

»Sie bewegen es schon mehr im Sinne des Sturmes«, antwortet Herr Mob.

»Lassen wir das ununtersucht, lieber Mob! Freuen wir uns, dass wir, die einst so feindlichen Brüder, heute durch das feste Band gemeinschaftlicher Interessen verbunden sind!«

»U...und dass u...uns endlich der politische Star gestochen u... und wir zur rechten Zeit noch he...hellsehend geworden sind.«

»Es lebe Europa!« Mit diesem Rufe steht Herr Chauvin auf.

»Musik, die Nationalhymne!«

Machtvoll brausen die Akkorde der Vereinigten Staatenhymne durch den Saal. Die ganze Versammlung ist dem Beispiele von Professor Chauvin gefolgt und hört stehenden Fußes das nationale Lied an. Als die Musik geendet, spricht Professor Chauvin: »Meine Damen und Herren! Ich proponiere, dass wir die soeben gehörte herrliche Musik noch einmal spielen lassen und dieselbe dann durch den Gesang des Textes, wenigstens der drei ersten Strophen, begleiten.«

»Bravo«, wird von allen Seiten gerufen.

»Also angefangen«, kommandiert Herr Chauvin.


Stimmt an vom großen Vaterland
Das neue Lied, das euch bekannt,
Ja, machtvoll ward, was einstens klein,
:,: Nicht Berg, noch Strom darf Grenze sein,
Das Vaterland muss größer sein :,:

Deutschland, Frankreich und Engelland,
Die reichen sich die Bruderhand.
Begraben liegt der alte Neid,
:,: Hass, Groll und alle Kleinlichkeit
Und was gemahnt an alte Zeit :,:

Seitdem die Spektrumsflagge weht,
Europa unterm Fortschritt steht;
Stolz blickt auf das, was wir getan,
:,: Wir steh'n zusammen wie ein Mann,
Wer könnte noch an uns heran? :,:«


Allgemeine Begeisterung herrscht, als Musik und Gesang geendet.

»Her an meine Brust, Gründlich!« Gründlich umarmt bewegt seinen Freund Chauvin.

»Und auch Sie, Mob, umarmen Sie Ihren Chauvin!«

»Meine Damen!«, beginnt Professor Chauvin zu reden, »Sie sehen uns alle riesig gerührt. Benutzen Sie diese Gelegenheit, uns durch die Schönheit Ihrer Körper zu entzücken! Eilen Sie auf die Bühne, machen Sie ohne alle Fasson Toilette und führen Sie das reizende Ballett auf: ›Europa à la Dornröschen wird von den Grazien aus tausendjährigem Schlummer zu neuem Leben erweckt‹.«

Gefällig eilen die jungen Künstlerinnen auf die Bühne. Professor Gründlich will sich unbemerkt drücken. Aber Professor Chauvin entdeckt diese Absicht noch rechtzeitig und hält den deutschen Kollegen am Rock zurück.

»Bleiben Sie doch, lieber Gründlich!«

»I...ich muss die A...Ablenkungen, die Deviationen berechnen!«

»Lassen Sie sich hier einmal ablenken, mein Lieber!« Herr Chauvin deutet auf die Bühne: »Das dort tut Ihnen auch ganz gut. Was Magnetismus! Was Kompass! Hier haben Sie genug menschliche Attraktion und Deviation! Ob unser Kahn nach rechts oder links ein paar Grade abweicht, weil Sie unterdessen noch eine halbe Stunde länger hier sitzen, ist prinzipiell gleichgültig. Wir korrigieren nachher den entstandenen Fehler schnell wieder. Sehen Sie nur einmal, wie reizend sich die Yvette als Göttin der Anmut macht, und gar die Babette als Dornröschen! Sapristi!« Professor Chauvin schmunzelt vor Vergnügen. —

Professor Gründlich bleibt wohl oder übel sitzen.

Er muss sich, die große Brille auf der Nase, wirklich gestehen, dass der sich ihm bietende Anblick höchst anziehend und lieblich ist. Auf sein Junggesellenherz wirkt das Spiel der Damen eindrucksvoll, umso mehr als es das erste Mal ist, dass er dieser Art die Reize des schönen Geschlechtes vor Augen geführt bekommt.

Auch Professor Mob sieht, den großen Mund zu freundlichem Grinsen verzogen, dem Tanze zu. »Ein verdammter Kerl ist er doch, dieser Chauvin«, denkt er; »man muss es ihm lassen, die Kunst des Lebens versteht er besser als wir alle, auf jeden Fall besser als Gründlich und ich.«

Der Abend schließt angenehmer, als er begonnen.

Wieder sind einige Tage mehr vorbeigerollt. Mit wachsender Sorge und wiederholtem Kopfschütteln betrachtet Professor Gründlich unterdessen oft seine Berechnungen, die er in der Stille seiner Studierkabine über die Bewegungen des Mondes anstellt.

»E...es ist einfach u...unfasslich, sollte ich mich am E...Ende doch getäuscht haben? Diese Frage stellen, heißt sie auch gleich be... beantworten! U...und doch habe ich leider recht — eine Täuschung ist ausgeschlossen! Somit ist die Ka...Katastrophe mit u... unheimlicher Geschwindigkeit näher gerückt. Schweigen wir, u...um die anderen nicht allzu früh zu ä...ängstigen. Mich wundert aber nur, dass dieser alte Leichtfuß von Chauvin nichts merkt von dem, wa... was sich zusammenbraut. Aber der jagt dem Ver...Vergnügen nach. E...er ist trotzdem ein recht netter Mensch, a...aber ein gefährlicher U...Umgang für einen, der auf strenge Zu...Zucht und Sitte hält. Das mit dem Ka...Kantus und Ba...Ballett vorgestern hat er gut gemacht!«

Professor Gründlich lächelt bei dieser Erinnerung unwillkürlich vor sich hin. Da klopft es an die Türe. Auf den Hereinruf erscheint der Diener, um Professor Gründlich im Namen der Herren Chauvin und Mob zu bitten, noch eine Abendstunde ihrer Gesellschaft auf Promenadendeck widmen, den herrlichen Abend, die weiche Luft des nahenden Tropengürtels mit ihnen zusammen genießen zu wollen.

Professor Gründlich sagt zu und erscheint auf Deck. Seine beiden Kollegen begrüßen ihn herzlich. Eine aus Rohr geflochtene, bequeme Chaiselongue wird herbeigebracht. Herr Gründlich legt sich, dem Beispiele seiner Freunde folgend, auf den Stuhl.

»Wissen Sie, was wir soeben besprochen haben?«, fragt Professor Chauvin.

»Nu...nun?«

»Die Flagge unserer Vereinigten Staaten.«

»A...an dieses Thema hätte ich allerdings zuletzt ge...gedacht.«

»Mein lieber Gründlich, man kann nicht immer in den höchsten Sphären forschender Wissenschaft schweben. Übrigens hat die Flagge auch wissenschaftliche Basis; die Wissenschaft oder, wenn Sie wollen, ein Gelehrter, der dem Komitee der Flaggenfrage angehörte, hat sie gewissermaßen geboren.«

»Waren Sie es am Ende selbst, Chauvin?«, forscht Mob.

»Doch, und ich darf sagen, dass mir schließlich der sublime Gedanke kam, wie die Frage der Flagge, die nachgerade kein Ende mehr nehmen wollte, gelöst werden könnte.«

»Ah, das ist ja höchst i...interessant, was Sie da er...erzählen. Wollen Sie u...uns nicht die ganze Sache zum Be...Besten geben?«

»Ich bitte auch darum«, fügt Professor Mob bei.

»Mit dem größten Vergnügen, meine Herren! Seit 22 Jahren sind wir ja glücklich unter einen Hut gebracht. Damals war ich 38 Jahre alt — o goldene, glückliche Jugend! — und Professor am physikalischen Institute in Paris. Ich wurde als wissenschaftlicher Beirat in die Kommission gewählt, die aus Mitgliedern aller europäischen Völker bestand. Zuerst tagten wir in Paris, dann in London, schließlich in Berlin. Die Monate waren herum gegangen, endlose Debatten geführt worden, alles, alles resultatlos. Die Farben weiß und schwarz sollten absolut nicht preisgegeben werden, verschiedene der Völker wollten wenigstens die eine oder die andere ihrer geliebten, seit undenklichen Zeiten gewohnten Landesfarben in der neuen gemeinsamen Flagge vertreten sehen.

Ein heilloses Durcheinander herrschte. Die vielen wirren Reden hatten schließlich auch mich verwirrt, Der tolle Unsinn, den ich täglich anhören musste, wirkte zuletzt stumpfsinnig, geistestötend; ich begann ernstlich für die Gesundheit meines Verstandes zu fürchten. Missmutig liege ich da eines Tages in meinem Zimmer im Hotel. Auf meinem Schreibtische befand sich ein ganz gewöhnlicher, aus Glas geschliffener Briefbeschwerer, in Form oder vielmehr in der Spielerei eines Prismas. Es ging gegen Abend. Die Sonne wirft zum Abschiede ihre Strahlen in mein Zimmer, dessen Fenster offen stehen. Der Zufall, der nun einmal in der Welt existiert, will es, dass diese Sonnenstrahlen gerade meinen Briefbeschwerer für einen Moment treffen. Ein schwaches Aufleuchten: Das Farbenspiel des Spektrums erscheint für ein paar Sekunden auf dem Papier. — ›Ich hab's gefunden! Heureka!‹, brülle ich so laut und wie es schien mit solch entsetzlicher Stimme, dass die Dienerschaft des Hotels schreckensbleich herbeigestürzt kommt, um nach dem vermeintlichen Unglück zu sehen, das sich ereignet. Man fragt mich, was passiert sei. ›Beglückwünschen Sie mich, ich habe etwas entdeckt‹, antworte ich den verdutzt dastehenden Menschen. ›Bringen Sie mir zur Feier dieses hehren Augenblickes trotz allen Alkohols eine Flasche meines heimatlichen, feurig perlenden Weines aus der Champagne! Bitte, eilen Sie!‹ Die Leute gehen ab, und ich höre noch, wie einer zum anderen auf der Treppe sagt: ›Nanu, verrückt sein se immer noch, diese Gelährten.‹ Dieser Ausspruch stimmt mich kannibalisch lustig. Wartet, sage ich zu mir, wartet, ich will euch allen morgen im Kongresse meine sogenannte Narrheit so gründlich — Pardon, lieber Gründlich, ich wollte nicht anzüglich sein! — so schlagend — ja dieses Wort ist besser, — vor Augen führen, dass ganz Berlin trotz Intelligenz, Europas Fahnenkomitee einen Augenblick an die eigene Dummheit glaubt, unter Ausschluss meiner werten Person. Diese Gedanken bewegten mich mächtig, als ich auf mein persönliches Wohl und den glücklichen Zufall die Flasche des heimischen Weines leerte. Dann rannte ich ins Freie, um mich innerlich zu sammeln.

Der nächste Tag brach an. Um 10 Uhr morgens begann, wie gewohnt, die Sitzung der hohen Fahnengesellschaft. Ich muss gleich bemerken, dass diese Sitzungen in der kolossalen Aula der neuen Universität: ›Zum Weltall‹ stattfanden. Ich melde mich beim Präsidenten in dringender Angelegenheit zum Wort und bin auch so glücklich, dasselbe als erster Redner zu erhalten.

Ich beginne meine Rede. ›Seit Monaten schon‹, so führte ich aus, ›brüten wir über einer einheitlichen Flagge. Sie, meine Herrn, hier in der Mitte dieser hochachtbaren Versammlung, haben sich auf die schwarze Farbe verschworen; Sie wollen partout Ihr geliebtes Schwarz. Ja, Sie schwören nicht höher als auf schwarz‹ — ›oho, schreit man mir entgegen, oho!‹ — ›ja auf schwarz, die charakterloseste aller Farben; denn sie ist im Grunde genommen gar keine Farbe.‹ Jetzt beginnt ein Toben, das nicht zu beschreiben ist.

›Chauvin hat recht‹, rufen viele; ›schwarz mit seiner schlimmen Vergangenheit muss abgetan sein‹, rufen die anderen. ›Ein frecher Kerl ist Chauvin‹, toben die in der Mitte. ›Raus, rrraus mit den Schwarzen‹, brüllen die auf den Bänken der Linken; ›sie gehören nicht mehr in unsere neue Zeit, die verdammten Fortschrittsbremser‹, schreien die auf der Rechten. Hüte fliegen, Arme heben sich, Faustkämpfe entwickeln sich. Machtlos ist der Präsident diesem tollen Treiben gegenüber.

Nur ich allein stehe unbewegt, wie der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, auf der Rednertribüne und schaue gelassen auf den wüsten Lärm. ›Schämen Sie sich dieser Rückfälle in alte Barbarei und jämmerlichste Uneinigkeit!‹, rufe ich nach einer Weile mit Stentorstimme in den Saal hinein. Diese Worte wirken wie Öl auf sturmgepeitschte Wellen. Nach und nach tritt Ruhe ein. Die erhitzten Gesichter werden mit dem Taschentuche bearbeitet.

›Fahren Sie fort‹, ersucht mich der Präsident.

›Und was die Farbe der Unschuld anbelangt, das Weiß, meine Herren, das Sie ja allgemein so hoch schätzen, so tut es mir unendlich leid, auch hier vom Standpunkte des Physikers aus wieder sagen zu müssen, dass es mit dieser Unschuldfarbe auch nicht weit her ist. Ein gewöhnlicher Mischmasch aus allem!‹ — Bei diesen Worten knurrt ein großer Teil der Versammlung sehr laut. — ›Ich will Sie in Ihren heiligsten Gefühlen nicht verletzen‹ — höhnisches Lachen da und dort — ›aber als Mann der Wissenschaft habe ich die Wahrheit höher zu stellen als die Rücksicht auf törichte Vorurteile.

Ich appelliere an Ihren Verstand, an Ihre öfters schön gezeigte geistig klare Erkenntnis‹, rufe ich hastig, als ich sehe, wie die Herren in der Mitte und auch einige rechts und links sich anschicken wollen, die Lärmszene von vorhin wieder zu beginnen. Verstand, klare Vernunft will aber jeder haben, auch der unverbesserlichste Narr; so beruhigen sich die Schwarzen und die Weißen wieder durch meinen Appell.

›Das erhabenste Licht ist nun unbestreitbar das der Sonne, für uns Erdgeborene nämlich‹, fahre ich fort. — ›Was hat dies aber mit der Frage der Flagge zu tun?‹, schreien viele, mich wieder unterbrechend, ungeduldig gereizt. — ›Sehr viel, meine Herren, haben Sie nur noch ein wenig Geduld, mich anzuhören. — Zerlegen wir dieses Sonnenlicht in seine Bestandteile, so tritt uns das bekannte, wunderbar schöne Farbenspiel des Spektrums entgegen.‹

›Wahr, wahr, bravo, Chauvin‹, schreien viele; ›jetzt wissen wir, wohin er zielt!‹, rufen andere.

›Spektralfarben gibt es nun in ungeheurer Menge. Kein Name kann sie alle bezeichnen. Wo ist der Anfang, wo das Ende der feinen Übergänge? Es sind Akkorde voll Harmonie an Farbentönen! Fassen wir nur die sieben Hauptfarben zusammen: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett. Diese allein schon dürften uns völlig genügen.

Ich schlage Ihnen daher eine Flagge vor, die diese Farben führt, eine Spektralflagge, wie sie einfacher in ihrer Ursache und doch großartiger zugleich in ihrer Pracht nicht gedacht werden kann. Begraben liege dann für immer die Streitaxt des langen, unerquicklichen Farben- und Flaggenkrieges, und das Vereinigte Europa möge unter dem neuen Farbensymbol, das unserem Planeten von dem Urquell alles Seins, der Sonne, sozusagen zudiktiert wird, die strahlende und kraftvolle Beherrscherin der ganzen Welt werden!‹

Ich verbeuge mich und trete von der Rednertribüne ab.

›Das Ei des Kolumbus, meine Herren‹, erklärt der Präsident. ›Wren wir denn alle mit Blindheit geschlagen, mit alleiniger Ausnahme von Professor Chauvin, dass wir nicht selbst schon längst auf diese simple Idee verfielen? Ich stelle den Antrag, dass Professor Chauvins Vorschlag angenommen werden soll und eröffne die Diskussion hierüber. Wer meldet sich zum Worte?‹ Da sich niemand meldet, alle beschämt über ihren eigenen Mangel an Witz schweigen, so wird mein Vorschlag zur Abstimmung gebracht. Er erhält die absolute Mehrheit und Europa endlich seine Bundesflagge. Und nun segeln, vielmehr sausen wir unter ihr über die Weltmeere«, schließt Herr Chauvin seine Erzählung.

»Was Sie uns hier soeben erzählten, lieber Chauvin, war mir in groben Zügen bekannt. Immerhin hat es mich interessiert, von Ihnen, als der Hauptperson, in der Sache Ausführlicheres über die Entstehung unserer Flagge zu hören. Ich danke Ihnen!«

»Diesem Da...Danke schließe auch ich mich a...an!«

Professor Chauvin verneigt sich höflich gegen seine beiden Kollegen. Eine längere Pause tritt ein. Professor Gründlich nimmt endlich die Unterhaltung wieder auf.

»E...es ist doch merkwürdig, wie la...lange die Menschheit gebraucht hat, um sich aus dem Wu...Wuste falscher Überlieferungen herauszua...arbeiten, e...endlich die offene, blanke Wahrheit, ihr eigenstes na...natürliches Wohl zu erkennen! Wie u...unendlich viel Ka...Katastrophen, Jammer und Elend verursachte früher nicht jeder noch so kleine Fo...Fortschritt! Auch u...unsere Staatenbildung vollzog sich erst nach manchen blutigen Zu...Zusammenstößen, nach grenzenlosem U...Unglück aller Art.«

»Sehr richtig, mein lieber Gründlich! Schuld daran aber war nur die durch Jahrtausende hindurch getriebene Züchtung der Dummheit und der Lüge. Was waren schon die alten Griechen für hellsehende Köpfe, prächtige Philosophen, zum Teil Pantheisten in des Wortes vollendetster Bedeutung, und wie düster stach die spätere Zeit, vom Mittelalter an bis in unsere letzten Jahrhunderte hinein, dagegen ab. Wir gingen durch entsetzlich lange Zeiten hindurch den verkehrten Weg. Wir fütterten unsere Jugend mit unverdaulicher Speise und machten sie der Natur und deren allereinfachsten Gesetzen gegenüber fremd«, spricht Professor Chauvin.

»Und um das Körnchen Wahrheit herum, so leicht auffindbar, so leicht sichtbar für jeden, der nur sehen wollte, bauten unsere Vorfahren mit einer Ausdauer, die wahrlich einer besseren Sache würdig gewesen wäre, ganze Festungswerke von Vorurteil, Unwahrheit, systematischem Blödsinn und verschrobenster Lebensauffassung!«

»Famos gesagt, lieber Mob!«

»Da darf es uns unter diesen Umständen nicht wundernehmen, wenn wir dem Guten, Wahren und Schönen, von dem die Vergangenheit immer faselte, tatsächlich aber doch nichts davon begriff oder begreifen wollte, erst nach so beschämend langer Zeit, nach Kämpfen, die oft genug in keinem Verhältnis zum Werte der Sache standen, in Europa wenigstens endlich zum Siege verholfen haben. Ihre Anregung, lieber Gründlich, — wofür übrigens noch meinen speziellen Dank! — hat uns unsere Unterhaltung diesen Abend würdig schließen lassen. Auf morgen, meine Herren!«

Professor Chauvin, der diese Nacht den mathematischen Dienst an Bord hat, verabschiedet sich mit freundlichem Händedruck von seinen Kollegen.

--*--

FÜNFTES KAPITEL

Nach einer Überfahrt von 7 Tagen erreicht »Ägir« glücklich Colón, den Eingang zu dem großen Panamakanal. Amerikanische Befestigungen sperren den Zugang zu der Wasserstraße. Kapitän Bernhard begibt sich ans Land, um die Gebühren für die Durchfahrt zu erlegen. Nachdem diese bezahlt sind, will Herr Bernhard, um allem möglichen Unangenehmen mit den Amerikanern vorsichtig aus dem Wege zu gehen, schleunigst wieder an Bord seines Schiffes zurück.

Der Hafenkapitän Monkey, ein kleines amerikanisches Vollblut, springt aber gerade in dem Augenblicke in das Boot, als dasselbe vom Kai abfahren will.

»Ich will eure drei gelehrten Häupter an Bord persönlich kennen lernen, kann mir auch deren elendes, unpraktisches Wissen natürlich nicht imponieren, so kommt es eben hier nicht alle Tage vor, dass drei ähnliche Kerls auf einmal meinen Weg kreuzen.«

Kapitän Bernhard schweigt zu dieser herausfordernden Rede des Herrn Monkey.

Von der weiland Zickzacklinie her noch an eine gewisse Bevormundung und Unselbstständigkeit gewöhnt, hält er eine gewisse freundliche Unterwürfigkeit für den besseren Teil der Tapferkeit.

»Holla, alter Bursche«, schreit Monkey grob, »habt ihr nicht drüben unser Ultimatum erhalten?«

»Ich nicht«, antwortet Herr Bernhard.

»Glaub's wohl, aber eure sogenannte Staatenregierung.« Monkey spuckt bei diesen Worten verächtlich rechts und links über das Boot hinaus ins Wasser.

»Es ist möglich.«

»Was möglich? Unser Jingo Nummer zehn hat's großartig gemacht! Wir alle sind voll Jubel darüber. Noch ein paar Wochen habt ihr minderwertigen Kerls von Europäern Zeit, euch zu besinnen, und gebt ihr nicht in gewohnter Weise klein bei, so werden wir euch die Überlegenheit amerikanischer Fäuste und Kultur gehörig fühlen lassen.«

Kapitän Bernhard schweigt. Das Boot ist unterdessen am Fallreep des »Ägir« angelangt.

»Ihr habt's noch eilig gehabt, vor Torschluss herüberzukommen«, höhnt Monkey beim Aufstieg an Bord, »ob wir euch aber bei eurer Rückkehr hier wieder durchlassen, ist eine andere Frage.«

»Wer ist denn dieser freche Mensch, den Sie da mitbringen, Kapitän?«, fragt Professor Chauvin, der die letzten Worte des Amerikaners noch gehört hat und eben mit seinen Kollegen auf Deck spazieren geht.

»Um Himmels willen, nicht so laut! es ist der amerikanische Hafenkapitän.«

»Was schert uns der? Mich empört schon die ganze äußere, arrogant widerliche Haltung dieses Burschen!«

Yvette, Susette und Nanette kommen gerade in reizender Morgentoilette auf das Promenadendeck getänzelt.

»Ei, zum Henker!«, ruft bei deren Anblick Monkey lüstern, »diese alten Burschen haben sich da verdammt hübsches Spielzeug auf ihre Reise mitgenommen.«

Monkey eilt auf die drei jungen Damen zu, die laut aufschreiend vor dem hässlichen Fremden flüchten.

Jetzt bricht Herr Chauvins Zorn los. »Kapitän, lassen Sie sich das alles ungestraft bieten?«, fragt er Bernhard erregt, und ohne dessen Antwort abzuwarten, geht er auf Monkey zu und herrscht ihn an: »Herr! Wie können Sie sich erfrechen, sich in dieser skandalösen Weise bei uns einzuführen?«

»Das geht Sie gar nichts an! Ich, als Yankee, kann tun und lassen, was mir beliebt! Verdammt auch noch!«

»Das mag Ihr persönlicher Glaube sein, mein Herr. Hier, auf diesem Schiffe aber sind Sie nicht bei Ihresgleichen, sondern auf europäischem Boden und haben sich dem gemäß anständig zu betragen. Verstehen Sie mich?«

Monkey verzieht bei diesen Worten des Gelehrten höhnisch den Mund. »Auf euer Europa spucke ich. Mir wie meinen Landsleuten imponiert es nicht im Geringsten, ebenso wenig imponieren Sie mir selbst, altes Huhn! Warum lauft ihr uns denn immer bettelnd nach, da wir doch nichts mit euch zu tun haben wollen? Hier sind Sie in Amerika und nicht drüben im verlotterten Europa. Wenn es Ihnen nicht passt, was ein freier Amerikaner in seinem eigenen Lande spricht und macht, dann bleiben Sie doch zu Hause!«

Professor Chauvin ist starr über diese unverschämte Antwort.

»Holla, Kapitän Bernhard, sind dies vielleicht die drei gelehrten Burschen, die ich sehen wollte?«, klingt roh die Frage Monkeys, der mit der Hand auf die Herren zeigt.

Der Kapitän nickt. Monkey bricht in lautes Lachen aus: »Das hat sich wirklich nicht gelohnt, deshalb an Bord zu gehen, um solch fade Gesellen zu sehen. Die laufen bei uns, von drüben importiert, in großen Mengen herum. Da lob' ich mir schon die Damen. Sind noch mehr da?«

»Noch zwei«, antwortet leise der Schiffslenker des »Ägir«.

»Zum Henker! Das sind ja modernste Mormonen«, erwidert Monkey widerlichen Tones.

Die Professoren halten eine kurze Aussprache miteinander. Als Resultat derselben verlangt Professor Chauvin von dem ängstlichen Kapitän Bernhard die sofortige Entfernung des Amerikaners. Professor Mob ist inzwischen im Schiffsinnern verschwunden.

»Der Kerl muss fort von hier, und zwar auf der Stelle. Wir werden unser Hausrecht wohl noch zu wahren imstande sein, Kapitän!«

»Ich bleibe, so lange es mir gefällt«, schreit Monkey wütend. »Dass sich niemand unterstehe, in meiner Person die Monroedoktrin zu verletzen!«

»Diese hat allerdings Ihre ganze Nation unheilbar verrückt gemacht«, bemerkt Herr Chauvin spöttisch. »Auch Sie selbst sind nichts anderes als ein Narr; denn so wie Sie führt sich nur ein Tollhäusler auf.«

»Alter Bursche«, brüllt Monkey, rasend vor Wut, »alter Bursche, warte, dir komme ich!«

Monkey will sich auf Herrn Chauvin stürzen. Da wirft sich einer der von London mitgenommenen Athleten unversehens auf den Wütenden, packt ihn, dass dessen Knochen laut krachen und wirft den Tobenden, Schreienden, vergeblich sich gegen die fürchterliche Umklammerung Wehrenden das Fallreep hinunter ins Boot.

»Das ist europäische Antwort auf amerikanische Flegelei; wir sind quitt, mein Herr!«, ruft Professor Chauvin dem mehr tot als lebendig im Boote liegenden Monkey von oben herab zu.

»Und nun, Kapitän, die Flagge hochgezogen, mit aller Kraft der Maschine hinein und durch den Kanal! Unmöglich wäre es ja nicht, dass die Yankees hier herum uns etwelche Unannehmlichkeiten bereiten könnten, wenn sie erfahren, wie wir ihren Monkey gegerbt haben. Bei solchen Verrückten ist alles möglich; das beweist zur Genüge die neueste Herausforderung ihrer alten Mutter Europa!«

»Sie haben recht, lieber Chauvin«, antwortet Herr Mob, »ich frage mich oft mit Bangen, wohin dieser offenkundige, seit Hunderten von Jahren kumulierte Größenwahn Amerikas noch führen soll, da man eine solch große Anzahl von Millionen von Narren nicht einsperren, unschädlich machen kann. Doch Sie lächeln, lieber Gründlich, was haben Sie uns zu sagen?«

»Der a...arme, närrische Kerl von Monkey, der wü...würdige Vertreter seiner Nation, verdient eigentlich mehr Mi...Mitleid als Hass u...und Prügel.«

»Das finde ich nun ganz und gar nicht, Gründlich!«, entgegnet etwas gereizt Professor Chauvin.

»Nu...nun, ich gebe ja zu, dass A...Amerika u...unerträglich insolent sich uns gegenüber aufführt; bitte a...aber bedenken zu wollen, wie sehr gerade dieser Ko...Kontinent bei den teils schon herrschenden, teils noch drohenden E...Erdrevolutionen exponiert, ja direktest gefährdet ist. Dies sollte doch meines E...Erachtens zur Milde und Nachsicht stimmen.«

»Mein lieber Gründlich«, entgegnet Herr Chauvin, »diese edlen Gefühle ehren Sie, besänftigen aber nicht meinen Zorn. Sie spielen auf den Mond, auf dessen veränderten Stand, auf seine rapide Annäherung an unseren Planeten an, ferner an die augenblicklich noch bestehenden Erdrevolutionen. Nun wohl, die Mondgefahr existiert. Sie bedroht aber nicht bloß den Yankee, sondern sie bedroht uns ebenso gut in Europa. Übrigens ist es nicht ausgeschlossen, dass die alte, ausgebrannte Blendlaterne noch im letzten Augenblicke, gezwungen durch den Einfluss der restituierten Gravitation, den Rückweg an den alten Ort wieder antritt.«

Professor Gründlich schüttelt das Haupt. »U...unmöglich!«

»Ah bah«, antwortet Herr Chauvin leichthin, »sprechen Sie mir nur dieses Wort in unserer Zeit nicht aus. Unmöglichkeiten gibt es, genau besehen, überhaupt nicht! Doch komme, was da wolle, wir werden bestrebt sein, der Sache alles Interesse abzugewinnen und unsere Berechtigung zum Leben energisch zu wahren suchen.«

Vier der Damen vom Ballett haben diesem ernsten Gespräche der Gelehrten aus diskreter Entfernung zugehört. Jetzt erblickt sie Herr Chauvin.

»Ah, sieh da! Kommen Sie schleunigst heran, meine schönen Damen, und vertreiben Sie uns durch Ihren leichten, liebenswürdigen Sinn die schweren Sorgen des Geistes! Lassen Sie uns noch etwelche Lebensfreude aus Ihrer holden Anmut schöpfen, bevor wir als Schatten in den Hades steigen.«

Die Damen klammern sich lachend an die beiden Arme des Professors.

»Meine lieben Kinder! Mein Herz hat zwar Raum für viele, meine Arme aber genügen nicht für viere. Fleurette, Susette, bitte, erbarmen Sie sich meiner Freunde.«

Die Damen folgen dem Rate des Professors.

Bald spaziert die ganze Gesellschaft auf dem Promenadendeck auf und ab. Voraus schreitet Herr Chauvin, am linken Arm Yvette, am rechten Nanette führend; hinter ihm kommt Herr Gründlich mit Susette und Herr Mob mit Fleurette.

Professor Chauvin ist fröhlichster Stimmung.

»Da fällt mir ein uraltes Liedchen ein, das ein Wiener einmal, ich glaube vor 350 Jahren, gedichtet oder gar noch komponiert hat:


Glücklich ist, wer vergisst,
Was nicht mehr zu ändern ist!


Heißt es nicht so, lieber Gründlich?«

»I...ich weiß es nicht.«

»Na, gleichviel, aber es passt vortrefflich auf unsere gegenwärtige Lage.«

Professor Chauvin summt die Melodie vor sich hin und begleitet sie durch leichte Bewegungen des Körpers.

»Ach was, das ist langweilig«, ruft er. »Tanzen wir den Vereinigten Staatenwalzer von Europa hier in dem aus Atlantik und Pazifik gemischten Gewässer!«

Bald erklingt die Musik, auf deren Töne hin Fräulein Babette herbeieilt.

Herr Chauvin dreht sich mit Yvette im Reigen, Professor Mob tut sein Möglichstes, um mit Fleurette das Tanzbein zu schwingen, und sogar Professor Gründlich bemüht sich, angesteckt durch die anderen, deren Beispiel zu folgen. Er versucht, sich mit Susette zu drehen, die an der langen Gestalt des Gelehrten angeschmiegt ist wie ein verschüchtertes Vögelchen. Kapitän Bernhard walzt mit Fräulein Babette, der erste Offizier mit Nanette. Trotz tropischer Wärme ist die Gesellschaft so munter wie noch nie.

»Das war brillant, wirklich famos, nicht?«, fragt Professor Chauvin, als der Tanz beendet und die Gesellschaft pustend auf den Rohrstühlen sich niederlässt.

»Bringen Sie den Damen Eis zur Erquickung und nachher stark gekühlten Champagner«, wendet sich Herr Chauvin an den Oberkellner des »Ägir«. »Wir wollen die Einfahrt in den Pacific festlich begehen.«

»Ägir« saust unterdessen mit voller Kraft durch den Kanal. Nur durch schleunigstes Ausweichen der anderen, die breite Wasserstraße passierenden Schiffe können Zusammenstöße vermieden werden. Die vielen Haltesignale der Amerikaner ignoriert »Ägir« stolz, und eine Stunde schon nach dem Tanze rast das Schiff an Panama vorüber hinaus in den wogenden, blauen Pazifik. Aber hier beginnen sofort größere Schwierigkeiten für die Berechnung des Kurses. Die Magnetnadeln aller an Bord befindlichen Kompasse versagen den Dienst. Wie Uhrräder schwirren sie in ihren Gehäusen herum. Ratlos stehen die Gelehrten diesem merkwürdigen Phänomen gegenüber da. In der Stille seiner Kabine ringt Kapitän Bernhard verzweiflungsvoll die Hände. Er sieht Welt- und Schiffsuntergang voraus. »Ägir« fährt direkt Westen zu. Soweit sich mit aller Mühe berechnen lässt, ist das Schiff in der Nähe des Äquators.

Das in der Gegend der Linie sonst so ruhige Meer ist ohne äußeren Grund aufgeregt. Wild schäumen seine Wogen. Einen schreckenerregenden Anblick bietet der Stille Ozean von Bord aus; es ist, als ob er koche. Tote Fische schwimmen da und dort in Masse auf dem Wasser. Sie deuten an, dass in dessen Tiefe Prozesse bedenklichster Art vor sich gehen müssen.

»Wir nähern uns entschieden dem im Pazifik auftauchenden, größeren Kontinente«, erklärt Professor Mob seinen Kollegen. »Dieses aufgeregte, kochende Meer, die Unmengen toter Fische sind die natürlichen Folgeerscheinungen der Wirkung des Magmas.«

»Hm, hm, Sie mögen recht haben, Mob. Damit würden sich auch teilweise wenigstens die abnormen physikalischen Erscheinungen der magnetischen Strömungen ungezwungen erklären lassen«, fügt Herr Chauvin bei.

»Si...sicherlich«, bestätigt Professor Gründlich. »Der größere Teil der E...Erscheinungen aber fällt auf Ko...Konto der gestörten Gravitation. Diese Störungen scheinen jetzt ihren Ku...Kulminationspunkt erreicht zu haben. Wir stehen am A...Anfang des E...Endes!«

»Verzwickt ist die Lage, das ist keine Frage. Man möchte aus der Haut fahren!«, ruft Herr Chauvin.

Professor Gründlich lächelt trübe: »U...unmöglich, lieber Chauvin, so wenig Sie dies Wort lieben, u...unmöglich ist es nicht, dass wir nicht nur aus u...unserer Haut, sondern auch aus u...unserem Planeten hinaus fahren.«

»Nun ja!«, schreit Herr Chauvin hitzig, »meinetwegen, wenn es eben nicht anders gehen soll; einmal muss ja doch die Posse, die wir Leben nennen, ein Ende nehmen! Aber nichtsdestoweniger, solange ich hienieden noch spazieren darf, will ich auch dem Leben so viel wie möglich angenehme Augenblicke zu rauben suchen. Klang- und sanglos soll Chauvin nicht im Weltenraum verschwinden.«

»E...ernst, zu ernst, mein lieber Chauvin, ist der Augenblick. Ich will Ihrer Le...Lebensphilosophie, die soviel Verführerisches hat, gewiss nicht entgegentreten, möchte Ihnen a...aber doch noch einige meiner Spezialbeobachtungen mitteilen, an die wir einige praktische Ra...Ratschläge a...anschließen können, vielleicht mit Aussicht auf E...Erfolg.« Hier, bei diesen letzten Worten, seufzt Herr Gründlich mehrmals tief und traurig auf.

»So sprechen Sie, mein lieber Freund und Genosse ins Nirwana!«

Professor Gründlich erklärt nun seinen Kollegen, wie er seit Wochen schon die geophysikalischen Erscheinungen des Planeten Erde auf das sorgfältigste beobachtet, die Ablenkungen in den Gesetzen der Gravitation nach und nach erforscht und als Ursache derselben das Erscheinen der Zentralsonne im Sternbild des Perseus festgestellt habe. Die schlimmste, direkteste Gefahr aber drohe der Erde durch den Mond. Gewaltige Einsenkungen und Substanzverluste hätten auf demselben stattgefunden, die verändernd auf dessen Dichte und materielles Gewicht gewirkt. Er habe sich dem Umfange nach vermindert, zusammengezogen, sei geschrumpft und als ganz naturgemäße Folge davon sei auch seine Stellung zur eigenen Achse sowohl wie auch zur Erdbahn bedenklich verschoben worden. Durch die Störungen in der Gravitation, besonders aber durch die infolgedessen bedingte verringerte Anziehungskraft der Sonne wie Planeten rücke der Mond mit einer mathematisch berechenbaren Geschwindigkeit den Polen der Erde näher.

Dies sei auch die primäre Ursache der geradezu phänomenal auftretenden elektromagnetischen Erscheinungen der jetzigen Tage. Ein Zusammenprall des gegenwärtigen Mondes, der seine Rolle ausgespielt, mit der alten Mutter Erde, aus der er entsprossen, sei in den allernächsten Tagen mit absoluter Gewissheit sogar zu erwarten, wofür er, Gründlich, seinen Kollegen mit zahlenmäßigem Material dienen könne. Sollte die Erde bei dem Aufprall des Mondes sozusagen mit dem Leben davonkommen, — was ja immerhin unter die Möglichkeiten gerechnet werden dürfe — so könnte dies natürlich nur unter der Voraussetzung einer Einbuße an materieller Substanz sein; möglicherweise unter Bildung eines neuen Trabanten aus der verlorenen Masse.

»Bravissimo, Gründlich, Ihre Hypothesen sind gottvoll, brillant!« Herr Chauvin klatscht in die Hände. »Auf Ihre mathematischen Beweise, an deren Richtigkeit weder Mob noch ich zweifeln, verzichten wir; was nützen uns öde, langweilige Zahlen da, wo die Wirklichkeit so handgreiflich kalt und roh uns gegenüber steht. Nein, mein Lieber, trösten Sie uns lieber durch die Forschungsprodukte Ihres Geistes und beantworten Sie mir, bitte, folgende Fragen: Zunächst ad 1: Sie proklamieren die Katastrophe in allernächster Zeit stehend. Wie lange geben Sie uns noch Zeit — genau auf Tag und Stunde?«

Herr Gründlich zieht die Uhr, rechnet leise vor sich hin und antwortet: »4 Tage, 12 Stunden u...und — —«

»Die Minuten schenken wir Ihnen«, unterbricht Chauvin seinen Freund.

»Verdammt kurz, nicht?«, wendet sich Herr Chauvin an Professor Mob. Dieser nickt nur stumm mit dem roten Kopfe.

»Dann die zweite Frage: Wo, das heißt an welchem Pole unseres Planeten erwarten Sie den Zusammenstoß?«

»A...am Nordpole, u...und zwar meiner Berechnung nach zwischen dem 90. und 100. Grad östlicher Länge u...und dem 70. bis 75. Breitengrad; so, so in der Ge...Gegend zwischen Baffinsbai und Me...Melvillesund.«

»Großartig, wirklich großartig, diese genaue Ortsbestimmung!«

Die Herren Chauvin und Mob rufen dies wie aus einem Munde.

»Die Amerikaner bekommen die alte Mondkugel direkt auf die Kappe«, fügt Herr Chauvin hinzu. »Doch halt, da fällt mir noch ein, Sie, lieber Gründlich, zu fragen, ob Sie sich etwa vorstellen können, in welcher Richtung der Mond nach dem Zusammenprall seinen verderblichen Flug oder Weg nimmt? Ob er unsere Erde aus ihrer Bahn hinauswirft in das unendliche Weltenall? Ob unsere Erde als geborstener, zerschmetterter, in Atome aufgelöster Körper zum Schlusse der Vorstellung noch in die Sonne hineinfliegt, die von diesem feinen terrestrischen Sprühregen kaum berührt würde, oder ob ferner noch ein anderer Weg der Passage durch, an oder bei dem Erdballe vorbei für diesen gefährlichen, bleichsüchtigen Gesellen möglich wäre?«

»Das sind ver...verschiedene Fragen auf einmal! Schon vorhin i... in meiner a...allgemeinen Erklärung erwähnte ich die Möglichkeit, dass u...unsere Erde bei diesem Zusammenstoße mit dem Le...Leben davonkommen könne. Die ins U...Ungeheuerliche gestiegenen e... elektromagnetischen Spannungen gewähren u...unserem Planeten einen ge...gewissen Schutz.«

»Sie haben recht«, antwortet Professor Chauvin, »vollkommen recht! Wie töricht, dass ich selbst nicht auf diesen so naheliegenden Gedanken kam und Sie daher mit meinen Fragen belästigte! Jetzt begreife ich, wie Sie sich die Sache vorstellen: Der Mond fällt an dem Orte auf, den Sie in so meisterhafter Weise durch Berechnung gefunden haben. Gut! Die Möglichkeit, nein, die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass der eo ipso höchst brüchig gewordene Mond beim Aufprall einen Teil seiner Masse verliert, den Pol durchschlägt, und, angezogen durch die Wucht der polaren Strömung, unter dem ganzen Kontinent von Amerika durchsausend, diesen quasi von unserem Planeten abtrennt, abschneidet und dann am Südpol heraus als Aerolith im Universum verschwindet.«

»Sie sprechen meine Ve...Vermutung in klassischer Weise aus, lieber Chauvin!«

»Hoffen wir in unserem eigensten Interesse und dem von Europa, dass sich unsere Hypothese als richtig erweist. Sie ist sehr bedauerlich in ihren Folgen für den Yankee und sein Land, aber auch wir in Europa und den übrigen Teilen der Erde dürften die Folgen der Katastrophe nachdrücklich verspüren.«

»Sehr wahr«, wirft hier Professor Mob ein. »Wir selbst dürften aus allernächster Nähe Zeugen des merkwürdigsten Vorganges sein, den die Welt bisher erlebt.«

»Lieber Mob, ich fürchte für dieses Zuschauen par distance von unserer Nussschale aus. Ja, säßen wir oben auf einem anderen Planeten und könnten in behaglicher Ruhe und absoluter Sicherheit unserer werten Personen dieser Vorstellung beiwohnen, so wäre dies was ganz anderes. Meinen Sie nicht auch, Gründlich?«

»Ge...gewiss! Ha...Haare werden wir auch im allergünstigsten Falle auf dem ›Ägir‹ la...lassen müssen.«

»Nun wohl! Sie wollten uns aber noch Ratschläge geben, wie wir uns vielleicht am besten gegen die Gefahr zu schützen vermöchten. Jetzt ist Zeit nicht mehr Geld, sondern Rettung!«

»Die Ra...Ratschläge will ich Ihnen nicht vorenthalten, meine Herren. Zu...zunächst müssen wir versuchen, mit a...aller Gewalt der Maschine nach Nordwesten zu steuern, u...um dem gewaltigen Strudel zu entgehen, der sich nach A...Amerikas Loslösung zwischen Pazifik und Atlantik unbedingt bilden muss.«

»Sie sind ein kühner, praktischer Denker, Gründlich. Recht, hundertmal recht haben Sie wieder. Mein Kompliment!«

Professor Gründlich verbeugt sich gegen Herrn Chauvin.

»Dann ra...rate ich dem Kapitän, an Bord a...alles zu bergen, die Boote u...und dergleichen ins Innere des Schiffes zu bringen, alle Luken hermetisch zu verschließen und u...unser Schiff als eine A...Art von U...Unterseeboot einzurichten.«

Glorreiche Idee!«, ruft Professor Mob begeistert, »nur ein Deutscher vermag solch weitschauende Sorgfalt zu entwickeln.«

Kapitän Bernhard wird herbeigerufen und ihm das Resultat der wissenschaftlichen Beratung mitgeteilt. Er verspricht gewissenhafteste Ausführung aller ihm empfohlenen Maßregeln.

Schwer arbeitet sich »Ägir« durch die erregten Wogen des Weltmeeres auf Geratewohl Nordwesten zu. Eine ernste, gedrückte Stimmung herrscht an Bord. Nur den Tröstungen des Herrn Chauvins gelingt es, die Damen in leidlicher Verfassung des Geistes zu erhalten.

So gehen die nächsten Tage herum. Da bricht der kritische Tag an. Es ist der 13. April. Eine undurchdringliche Dunkelheit herrscht, die nur zeitweise furchtbarem, blendendem Wetterleuchten Platz macht. Die Maschine des »Ägir« ist gestoppt. Heulend, pfeifend kommt der Sturm aus Norden. Die gewaltigen Wellen schlagen klatschend über »Ägir« zusammen. Die schäumende, brüllende See ist aus Rand und Band. Von Minute zu Minute steigert sich die Wut des Orkanes. Das Steuer des »Ägir« bricht wie Glas; krachend fliegt ein Teil des eisernen Mastes, wie Holz zersplittert, über Bord. Ein Teil der Relings wird weggerissen. Die entfesselten Elemente scheinen dem Gebilde der Menschenhand Untergang geschworen zu haben.

Plötzlich wird das Schiff unter fürchterlichem, donnerartigem Getöse hoch emporgeschleudert, um dann in einem ungeheuren Wellentale zu versinken.

--*--

SECHSTES KAPITEL

Wie lange »Ägir« unter Wasser war — kein Mensch an Bord vermag es zu sagen. Sämtliche Chronometer sind stehen geblieben. Alle Zeitrechnung der letzten Tage und Stunden ist verwischt. Nur seiner außerordentlich festen Konstruktion hat es das Schiff zu danken, dass es nicht in dem unerhörten Aufruhr der Elemente vernichtet, zertrümmert wurde. Aber übel mitgespielt haben die entfesselten Naturgewalten dem einst so schönen, stolzen »Ägir«.

Da treibt er dahin auf den endlich wieder geglätteten Wogen des Ozeans, plan, ziellos. Kapitän Bernhard sucht mit Hilfe der drei Gelehrten den ungefähren Ort zu berechnen, wo sich das Schiff befinden mag. Eine verzweifelt schwere Arbeit! So viel ergibt endlich die Berechnung, dass das Schiff völlig aus seinem Kurs verschlagen und südwärts, über den Äquator hinaus, getrieben worden sein müsse.

Augenblicklich möge sich »Ägir« auf dem 140. Grad westlicher Länge und dem 22. Grad südlicher Breite befinden. — Zur allgemeinen Freude zeigt die genaue Untersuchung des Schiffskörpers durch die Ingenieure, dass von den drei Schrauben des »Ägir« zwei noch brauchbar sind, mithin eine relativ rasche Fahrt und Steuerung des Schiffes mit Hilfe der Schrauben selbst erlauben.

Da die Gelehrten darüber einig sind, ihre Forschungen durch weitere Beobachtungen abzurunden, so wird beschlossen, die Reise Westen zu fortzusetzen, umso mehr als »Ägir« immer noch halbwegs seetüchtig und genügend mit Proviant versehen ist. An der Ausbesserung der Schäden wird mit allem Eifer gearbeitet. Steuer und Mast können aber auf der Reise nicht ersetzt werden.

Die hellstrahlende Sonne des Nachmittags lockt die Gesellschaft auf Deck. Neue Lebenslust und Freude zeigt sich auf allen Gesichtern. Die persönlichen Erlebnisse der letzten Tage werden besprochen. Die Damen haben besonders seelisch viel zu leiden gehabt. Ihr bleiches Aussehen spricht noch hiefür. Sie alle aber sind körperlich unversehrt. Die durch ihren Beruf erworbene große Elastizität ihrer Glieder kam ihnen bei der Überstehung der Gefahren sehr zustatten. Anders verhält es sich mit den Gelehrten. Professor Gründlich trägt den linken Arm in der Schlinge. Sein Kopf ist verbunden. Er hat eine Verrenkung und eine große Wunde des Kopfes davongetragen durch einen Fall in seinem Zimmer. Ebenfalls durch Fall hat sich Herr Mob die Nase verletzt, die infolgedessen noch stark geschwollen ist. Eine reponierte Luxation des Unterkiefers bereitet dem armen Herrn noch große Schmerzen. Bissig und grimmig sieht er in dieser Stunde in die Welt. —

Herr Chauvin hinkt auf beiden Beinen. Trotz aller Gegenreden des Schiffsarztes und des Herrn Gründlich behauptet er, dass eine Gefäßzerreißung in den unteren Extremitäten vorliegen müsse, obgleich die Herren Professor Chauvins luxiertes Steißbein eingerichtet haben. Herr Chauvin schimpft auf alles. Unfähig zum Sitzen, erklärt er, dass er nun, verdammt zum Humpeln und seitlichen Liegen, sich vorkomme wie ein schwanzloses Känguruh.

Aber aller Jammer, alle Klagen der durcheinander schwatzenden Menschen verstummen sofort, als von der Kommandobrücke herab der Ruf ertönt: »Land!«, Alle strömen nach vorne, dem Bug zu. Richtig, da, in der Ferne, taucht ein langer, dunkler Streifen aus dem Wasser auf.

»Was ist das für Land, Kapitän?«, fragt Herr Chauvin.

»Mir gänzlich unbekannt; meinen Karten nach sollte ich überhaupt hier herum im Pazifik kein Land antreffen«, entgegnet Kapitän Bernhard.

»Dann muss es der neue Kontinent oder ein Teilstück desselben sein, der sich aus dem Meere emporgehoben hat«, erklärt Professor Mob.

»Sie ha...haben recht!«, bestätigt Professor Gründlich.

»Das ist ja brillant, meine Herren!«, ruft Herr Chauvin voll Enthusiasmus. »So finden wir plötzlich, unvermittelt, nach unserer verfluchten Odyssee der letzten Tage, das, was wir suchen. Das nenne ich Glück, wirklich tadelloses Glück!«

»Halten Sie, bitte, auf das Land zu, Kapitän!«

Dieser kommt dem Wunsche nach. Unter vorsichtigem Loten nähert sich »Ägir« der Küste des geheimnisvollen neuen Landes, das er auch gegen Abend erreicht. In eine weite, offene Bucht, einen natürlichen Hafen, steuert das Schiff. Der Anker rasselt in die Tiefe, der »Ägir« liegt still.

Da die Sonne inzwischen untergegangen ist, so wird der Besuch des Landes auf den kommenden Tag verschoben. Die Damen fühlen sich angesichts der nahen Küste und im Schutze der Bucht so geborgen und glücklich, dass sie, ganz unvermittelt, zur größten Genugtuung Herrn Chauvins einen Tanz aufführen, den sie mit fröhlichem Gesang begleiten. Als dieser beendet, ertönt das Signal zum gemeinschaftlichen Diner, dem ersten wieder seit den kritischen Momenten des 13. April.

Die warme, angenehme Nacht lässt die Herren Professoren wieder an Deck gehen. Lachen und Schwatzen der wieder fröhlichen Schiffsgäste, vermischt mit den Tönen des Orchesters, klingen aus dem Speisesaale gedämpft herauf zu den Gelehrten und lösen bei denselben freundliche Gefühle der Behaglichkeit aus.

Plötzlich, wie an den Boden angewurzelt, bleibt Professor Gründlich stehen. Starr, unverwandt ist sein Blick nach Osten gerichtet. Seinem Beispiele folgen unwillkürlich die beiden anderen Herren. Doch diese können trotz angestrengten Sehens noch nichts Auffälliges erblicken.

»E...entschuldigen Sie einen Moment! Mit diesen Worten stürzt Herr Gründlich, entgegen seiner sonstigen Gelassenheit, merkwürdig aufgeregt fort. Bald darauf kommt er mit einem großen Instrumente zurück, hinter ihm sein Diener mit einem mächtigen Stativ.

Schweigend stellt Herr Gründlich das große Teleskop auf. Lange betrachtet er durch dasselbe einen mehr und mehr im Osten aufsteigenden, rötlich glänzenden Himmelskörper.

Auch die Professoren Mob und Chauvin werden nachgerade durch die nun deutlich sichtbare Erscheinung in höchste Aufregung versetzt. Trotzdem aber wagen sie es nicht, ihres Kollegen Beobachtung durch Fragen zu unterbrechen. Endlich wendet sich dieser von seinem Instrumente ab und seinen Freunden wieder zu. Ein eigenartiges Leuchten geht von dem Gesichte des Herrn Gründlich aus. Diese Ruhe ist bei ihm an die Stelle der ersten Erregung getreten. Er hat sich rasch wiedergefunden und gesammelt.

»E...es ist richtig, wie ich vermutet habe, liebe Ge...Genossen«, spricht er, »was dort im O...Osten aufsteigt, ist ein neuer Trabant u...unseres verkleinerten Planeten. A...Amerika ist es, das da a...als neuer Mond u...um unsere Erde kreisen muss. Für i...immer verschwunden ist die a...alte Luna.«

»Mensch, das können Sie so ruhig und gelassen sagen, als ob es sich um einen Teller Suppe handeln würde?«, entgegnet Professor Chauvin erregt.

Herr Gründlich lächelt überlegen.

»Und woraus schließen Sie, lieber Gründlich, dass dieser neue Satellit aus dem amerikanischen Kontinent gebildet sein soll?«, fragt Professor Mob, ungläubig, immer noch im Zweifel.

»So se...sehen Sie, bitte, selbst!«

Soweit es Professor Mobs geschwollene Nase erlaubt, versucht dieser, sein rechtes Auge ans Teleskop zu drücken. Professor Chauvins Ungeduld wird durch seines Kollegen lange Betrachtung aufs Äußerste getrieben.

»Na, so lassen Sie mich doch endlich auch einmal an das Glas heran!«, knurrt Herr Chauvin laut.

Kopfschüttelnd macht Herr Mob seinem französischen Freunde Platz.

»Glorreich, einfach glorreich«, murmelt Professor Mob vor sich hin, »wer hätte eine solche Lösung für möglich gehalten?«

»I...ich selbst war es, lieber Mob, der die Mö...Möglichkeit dieser Bildung, dieses Re...Rettungsweges für u...unseren Planeten zuerst bestimmt aussprach.«

»Sie sind ein wunderbarer Mann, Gründlich! Meine allervollkommenste Hochachtung! Jetzt erst können wir auch die entsetzlich große Gefahr ermessen, in der wir selbst, die ganze übrige Welt, in den letzten Tagen schwebten, gleichzeitig uns aber einen vorläufigen Begriff machen von den tiefeinschneidenden Veränderungen, welche die Erde betroffen haben.«

»Famos, exquisit famos! Es ist genau so, wie unser Gründlich sagt. Ha, da kann ich, trotzdem das Gestirn sich in der Quadraturstellung befindet, gewisse Orte noch scharf unterscheiden. Oben im Norden die Hudsonbai, die Stellen der großen Seen, in der Mitte das schmale Band von Zentralamerika, und unten, am südlichen Ende, Feuerland mit Kap Horn.« Herr Chauvin ist voll Begeisterung.

»Unser Panamakanal ist also glücklich jenseits der Welt mitsamt dem rohen, roten Monkey. Großartig, in der Tat großartig! Gründlich, Freund und Bundesbruder, Sie sind einfach ein genialer Mensch! Mein Kompliment für Ihre Hypothese, die nun so durchschlagend richtig bewiesen ist! Endgültig ist die amerikanische Frage gelöst.«

Professor Chauvin spricht dies alles, während er immer noch durch das Instrument sieht. Dann wendet er sich ab und lässt den Kapitän rufen.

Herr Bernhard eilt sofort herbei. Ihm ist das neue Gestirn ebenfalls schon aufgefallen. Eine befriedigende Erklärung hierfür kann er sich aber nicht geben und ist froh, eine solche von den Gelehrten entgegennehmen zu dürfen.

»Bitte, Kapitän, sehen Sie einmal durch das Instrument hier und beobachten Sie den neuen Körper am Himmel.«

Herr Bernhard folgt Professor Chauvins Aufforderung.

»Nun, mein Lieber, was können Sie entdecken?«

»Eine verzweifelte Ähnlichkeit in der Form mit Amerika.«

»Sie haben richtig gesehen. Es ist Amerika, das fortgeschleudert wie ein Blatt vom Baume, sich im Weltenraume zwar nicht verloren hat, sondern gezwungen durch die ewigen, unerbittlichen Gesetze der Anziehung als neuer Mond um unsere Erde kreisen, sie auf ihrem Wege um die Sonne begleiten muss. Um den amerikanischen Kontinent ist unser Planet reduziert. Hier steht der Mann« — Herr Chauvin zeigt auf Professor Gründlich — »der diese furchtbare Lostrennung voraussah, ja, sogar auf die Stunde hin mit mathematischer Genauigkeit vorausberechnet hat, und dessen Vermutung, dass eben durch diese Art und Weise der Gebietsverringerung unsere Erdkugel gerettet werden könnte, sich glänzend bestätigt hat.

Teilen Sie dies, bitte, den Gästen, Offizieren und Beamten des ›Ägir‹ mit. Lassen Sie daraufhin Champagner, meinen Lieblingswein, kredenzen und in einem einzigen, aber um so feurigeren Hurra unseren hochgeachteten Freund Gründlich gebührend ehren. Ich habe gesprochen.«

Herr Chauvin wackelt auf Professor Gründlich zu und umarmt ihn.

»Halt! Noch eins, Kapitän!«

Dieser kehrt wieder um. »Sie wünschen, Herr Professor?«

»Ich hätte in meiner Freude bald vergessen, Ihnen zu sagen, schleunigst Projektionskarten auf Grund des jetzigen Standes unserer Erdkugel anfertigen zu lassen. Globus minus Amerika! Sie verstehen mich? Die neue Einteilung ist natürlich sehr wichtig, schon um den Rückweg nach Europa mit positiver Sicherheit antreten zu können.«

»Gewiss, gewiss, Herr Professor! Vielen Dank für die Anregung.«

Höher und höher steigt das neue Gebilde am nächtlichen Himmel. Mit staunendem Interesse betrachten es die Gelehrten.

»E...es ist etwa u...um ein Viertel weiter entfernt a...als der alte Mond.«

»Das kommt mir auch so vor«, bestätigt Herr Mob.

»Bedeutend kleiner als der Alte scheint der Junge zu sein«, fügt Herr Chauvin hinzu.

»Das stimmt. Größere E...Entfernung, die ich gelegentlich ge... genauer feststellen will, ge...geringere Masse, die ebenfalls be... berechnet werden muss, sind die natürlichen U...Ursachen dieser Verkleinerung.«

»Glauben Sie, lieber Gründlich, dass die Amerikaner bei ihrem unfreiwilligen Flug hinaus in das Weltall mit dem Leben davongekommen sind?«, fragt Professor Chauvin.

»Diese Frage ka...kann mit ja u...und nein beantwortet werden. Ich selbst neige mich zu de...deren Bejahung. Die A...Abtrennung ist rasch, u...unerwartet, plötzlich erfolgt. Die A...Atmosphäre mit ihrer u...unbedeutenden Höhe war im Nu passiert, im Ä...Ätherraume aber gibt es keinen störenden, vernichtenden Luftdruck. So denke ich mir die Re...Rettung.«

»Bravo, bravissimo!«, ruft Professor Chauvin. »So wenig ich die Amerikaner, speziell die Yankees, liebe, so sehr würde ich trotzdem deren schreckliches Schicksal beklagen. Ihre diesbezüglichen Erklärungen trösten mich, lieber Freund. Bitte, fahren Sie fort, König unter den Denkern.«

»Weiter spricht zu Gu...Gunsten meiner Auffassung, dass der neue Mond, eingestellt durch die Ge...Gesetze der Gravitation an seinen neuen O...Ort tatsächlich eine A...Atmosphäre besitzt, mithin die Bedingungen zum Le...Leben erfüllt.«

»Ein weiterer Trost für mich! Doch woraus schließen Sie auf die Gegenwart einer Atmosphäre?«

»E...erstens durch den relativ schwachen Glanz des reflektierten Sonnenlichtes u...und zweitens, durch die E...Entdeckung einer A...Art von Dunsthülle durch den Polarisationsfotometer. Sie kö...können sich selbst davon ü...überzeugen, meine Herren.«

Die Herren Chauvin und Mob sehen nacheinander durch das am Teleskop angebrachte astrofotometrische Instrument.

»Gründlich hat wiederum recht«, erklären die beiden Herren, als sie dessen Angaben sorgfältig nachgeprüft haben.

»Aber sagen Sie, lieber Gründlich«, beginnt Professor Chauvin, »wie stellen Sie sich denn die Umformung des einstigen Weltteiles in die kugelförmige Gestalt eines Gestirnes vor? Ich gestehe aufrichtig, dass mir kühnes, klares Denken immer noch schwer wird. Sie wissen, die verdammte Gesäß, nein, pardon, Gefäßzerreißung, das heillose Durcheinander, diese Anarchie der Schreckenstage, kurz Gründe en masse, um ein sonst normales Gehirn in seinen Funktionen vorübergehend zu stören.«

»I...ich begreife dies alles, mein lieber Freund, u...und bedaure Sie aufrichtig. Was nun Ihre Frage a...anbelangt, so ist dieselbe so u...unschwer zu be...beantworten, dass ich mich nur wundere, wie Sie dieselbe ste...stellen möchten. Denken Sie nur, bitte, an die Ze... Zentripetalkraft!«

»Sie beschämen mich, Gründlich! Wahrhaftig, ich bin temporär blödsinnig geworden! Natürlich spielt diese Kraft die Hauptrolle und dank ihr und der Rotationsbewegung musste die riesige Ländermasse des amerikanischen Kontinentes, gleich allen übrigen Himmelskörpern, eine Sphäroidform oder abgeplattete Kugelgestalt annehmen! Wie unfassbar für mich selbst, dass ich fragen musste, wo doch die Erklärung auf der Hand lag.«

»Nu...nun, umso treffender beantworteten Sie die Frage. Ich hätte für die Sa...Sache auch keine a...andere, bessere E...Erklärung geben können!«

»Mein lieber Gründlich! Sie sind ebenso gründlich gütig wie liebenswürdig. Da ich nun heute abend einmal mit offenkundiger Blindheit geschlagen bin und mein Wissensdurst noch nicht völlig gestillt ist, so möchte ich noch die Frage aufwerfen, ob an einen Verkehr unserer Planetenbewohner mit denjenigen der Luna americana zu denken ist, und zwar mit Hilfe der Ätherwellentelegrafie?«

»Diese Frage ist entschieden zu bejahen«, wirft hier Professor Mob ein.

»Der Ver...Versuch ist wenigstens zu machen; e...er dürfte möglicherweise gelingen.«

»Das wäre einfach großartig, wenn wir mit den uns plötzlich so ferne gerückten Brüdern uns in geistigen Kontakt setzen könnten. Welch neue Perspektiven würden sich nicht dadurch unseren wissenschaftlichen Forschungen eröffnen! Es ist eine wahre Lust wieder zu leben, trotz seiner 60 Jahre und körperlicher Schmerzen!«

»Und welche Schätze an geheimnisvollen Funden mag uns erst das neue, vor uns liegende Land aufbewahrt haben! Vielleicht setzen die Resultate dieser Untersuchung unserer Reise noch die Krone auf«, fügt Herr Mob hinzu.

»Hoffen wir das, lieber Mob! Auf morgen, meine Freunde, auf morgen! Ich fühle mich etwas angegriffen und will versuchen, durch Ruhe meinen affektierten Gang malgré moi etwas zu korrigieren.«

Mit diesen Worten humpelt Professor Chauvin seinen Kabinen zu.

Am anderen Morgen, in aller Frühe, lassen sich die drei Gelehrten, die sich körperlich wieder bedeutend besser fühlen, auf das Land übersetzen. Die Herren sind mit ihren geologischen Hämmern und Instrumenten bewaffnet.

Die Ruhe des Grabes weht die Forscher an, als sie ihren Fuß auf den Boden des geheimnisvollen Landes setzen. Nicht das geringste organische Leben ist bemerkbar. Mächtige Sedimentschichten, durch die Gewalt der hebenden Kräfte geborsten, auseinandergerissen, liegen unverhüllt, offen vor den staunenden Blicken der Forscher. Diese Schichten verraten durch die zahllos vorhandenen Nummulites nummularis die Tertiärzeit; sie bilden ein offen aufgeschlagenes Buch der Vergangenheit. Da und dort schieben sich in diese Schichten plutonische Gesteinsmassen hinein. Das Ganze ist wie geputzt und so auffallend rein, sauber, ohne die geringsten Spuren von Schlamm und jüngeren Ablagerungen, dass im ersten Augenblicke die Herren eine Erklärung für diese merkwürdige Erscheinung suchen müssen.

Professor Mob findet den Schlüssel zu dem Rätsel: »Bei der Hebung des einst vor Äonen versunkenen Landes haben die Wogen des wild erregten Ozeanes alles abgespült, weggerissen, was noch nicht in den Zustand des absolut Starren übergegangen war.

Diese Ansicht wird zur größten Wahrscheinlichkeit«, fährt Professor Mob fort, »wenn man sich erinnert, wie wir selbst mit dem ›Ägir‹ durch ungezählte Stunden hindurch unter den Wellen des Meeres förmlich begraben waren. Wo solche Sturmfluten aber einsetzen, wie wir sie aushalten mussten, braucht es uns nicht mehr zu wundern, wenn ihre ungeheure Wucht, ihre lebendige Kraft, über das relativ niedere neue Land wegfegend, alles zertrümmerte, mit sich riss, was der kurze Zeitraum von ein paar tausend Jahren unter Wasser auf den alten Gesteinen von Lemuravida deponierte.«

»Wie sagen Sie, Mob, Lemuravida?«

»Ja, so will ich, einer glorreichen Idee folgend, dieses wiederauferstandene Land nennen.«

»Fa...famos; ich hoffe nur, dass u...unsere Funde diesen Na... Namen rechtfertigen.«

»Diesem Wunsche schließe auch ich mich an; im Übrigen habe ich gegen den neuen Namen nichts einzuwenden, er klingt gut und hat wissenschaftliche Basis.«

»Er stammt aus einem alten Systeme der Primaten, lieber Chauvin.«

»Weiß ich, weiß ich, Mob, dass aber gerade Sie darauf gestoßen sind, macht Ihrem Spürsinn alle Ehre.«

»Spürsinn muss ein Geologe heutzutage mehr haben als je«, lacht Herr Mob. »Doch beim ewig unverbesserlichen Kuckuck, was ist denn das?«

Mit diesem Ausrufe ist Herr Mob plötzlich vor den entsetzten Augen seiner Kollegen verschwunden. Eine morsche Sandsteinplatte, auf der Professor Mob stand, hat nachgegeben, und der Gelehrte ist in ein breites, tiefes Loch gefallen, glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen.

»Na, lieber Mob, wie geht und steht es?«, fragt teilnehmend von oben herab Professor Chauvin.

Von unten her erfolgt keine Antwort.

»So klettern Sie doch wieder zu uns herauf, wenn Ihnen weiter nichts zugestoßen ist. Kommen Sie doch! Oder müssen wir Ihnen behilflich sein?«

»Nein, nein«, schreit endlich Professor Mob voll Aufregung von unten her. »Klettern Sie lieber zu mir herunter, meine Freunde! Tausendfältigen Dank dem himmlischen Zufall, dass er mich in diese Spalte der Urwelt fallen ließ!«

»Sie machen uns wirklich neugierig, lieber Mob.«

Professor Gründlich und Chauvin klettern zu ihrem Kollegen hinunter. Herr Chauvin erreicht nur unter schwerem Ächzen das höhlenartige Verlies.

»Mob, wenn Sie uns zum Narren gehabt haben, wenn hier wirklich nichts von riesigem Werte zu sehen ist, dann...«

Herrn Chauvin bleiben die weiteren Worte vor Überraschung in der Kehle stecken.

Auch Professor Gründlich ist stumm vor Erstaunen über den sich ihm bietenden Anblick.

Eingebettet in die lockeren Gesteinsmassen der Höhle zeigen sich eine Anzahl tadellos erhaltener, prachtvoll petrifizierter Knochen und Schädel, ganze Skelette von Menschen.

»Mob, Sie haben ein unverschämtes Glück!«, ruft Professor Chauvin, nachdem er sich von seinem Staunen erholt hat, aufgeregt aus. »Wenn das hier nicht pithecoide Menschenschädel sind, so will ich ein Ochse sein.«

Unterdessen ist es Professor Gründlich gelungen, mittels seiner Instrumente einen Schädel aus dem morschen Gestein herauszuschälen. Kritisch betrachten die drei Herren den wunderschön versteinerten, wie künstlich präparierten Schädel.

»E...es unterliegt keinem Zweifel; wir haben hier den U...Urmenschen gefunden. Der Na...Name Lemuravida, a...ahnungsvoll von Ihnen ausgesprochen, lieber Mob, ist glänzend ge...gerechtfertigt.«

»Keine Frage, es ist unser Urahn, dessen Kopf wir hier in unseren Händen halten«, erklärt Herr Chauvin. »Sehen Sie nur, meine Freunde, diese auffallende Einschnürung am Schläfenteil des Stirnbeines — es ist der oft genug schon deduktiv beschriebene Kopf des Pithecanthropus, wie er leibte und lebte. Wir haben hier eine seit Jahrhunderten vergeblich gesuchte und, wie mir scheint, sehr reiche Fundgrube, in die Sie, Mensch und Freund Mob, wie ein Blinder hineinpurzeln mussten.«

Professor Mob lacht gutmütig: »Freuen wir uns dieses Fundes ohne Hintergedanken!«

»Das tu...tun wir auch. Die e...empfindliche Lücke in der bis jetzt immer noch hypothetisch ge...gewesenen Progonotaxis des Menschen e...existiert von diesem Augenblicke an nicht mehr. Vor der Wu... Wucht der Tatsachen verschwindet jeder u...unzureichend bewiesene E...Erklärungsgrund.«

Herr Gründlich schweigt einen Moment und fährt fort: »Seitdem es eine e...ernste, exakte Wissenschaft gibt, wurde dieser Ma... Mangel eines vollkommen einwandfreien Bi...Bindegliedes zwischen A...Affen und Menschen schmerzlich, ja sehr schmerzlich von a... allen ernsten Fo...Forschern empfunden. Ich gratuliere Ihnen daher i...innigst zu Ihrem Fu...Funde, lieber Mob.«

Herr Gründlich schüttelt Professor Mobs Rechte.

»Ich gratuliere ebenfalls, speziell zur nichtgewollten Höhlenentdeckung. Doch Scherz beiseite! Wir müssen sofort mit aller Energie an die Hebung und Bergung dieser urweltlichen Schätze hier gehen, die in Europa ungeheures Aufsehen erregen werden.«

Die Gelehrten kehren auf das Schiff zurück, um Leute und geeignetes Werkzeug für ihre Zwecke zu holen. Die Arbeiten werden sofort begonnen. Professor Mob stellt fest, dass in überraschender, geradezu idealer Form die hier liegenden Sedimentschichten die Cänozoische oder Tertiärzeit, vom Beginn der eozänen bis zum Ende der pliozänen Periode erkennen lassen.

Nicht nur der Pithecanthropus erectus wird in zahlreichen Exemplaren im Pliozän gefunden, sondern auch im Miozän viele Anthropoiden.

Die Gelehrten schwimmen über ihr unerhörtes Glück förmlich in Wonne. Die Bindeglieder in der Abstammungsgeschichte des Menschen liegen so handgreiflich und in solch reicher Zahl jetzt vor, dass selbst die noch vorhandenen verbohrtesten Gegner der Abstammungslehre und ihrer Anwendung auf den Menschen ihres letzten Einwandes endgültig beraubt sind. Dazu kommt auch noch der enorme materielle Wert dieser Sammlung.

»Dass wir hier auf Lemuravida die Wiege des Menschengeschlechtes angetroffen haben, ist so klar, dass es nicht bestritten werden kann. Wir brauchen uns diesen uralten, nun wieder aufgetauchten Kontinent nur durch schmale Landbrücken mit den übrigen, so nahen Erdteilen verbunden zu denken, und können uns dann in der allernatürlichsten, einfachsten Weise deren Besiedelung durch die von Lemuravida aus einwandernden Menschen erklären.«

»Ganz meine Meinung, lieber Mob«, bestätigt Herr Chauvin. »Sie geben Ihre Erklärung tadellos ab. »Ich möchte ihr noch hinzufügen: Durch die Überproduktion an Nachkommen, den Mangel an Nahrungsmitteln für das Plus wurden diese ersten Menschen aus genau denselben Gründen zur Auswanderung veranlasst, wie wir sie heute noch in Europa in Wirkung sehen.«

»Sehr wa...wahr!«

»Wie würden sich unsere alten berühmten, und so oft schwer angefeindeten Naturforscher vergangener Jahrhunderte gefreut haben«, spricht Herr Chauvin weiter, »wenn sie bei Lebzeiten auch nur einen Bruchteil von dem hätten sehen können, was uns nun in so reichem Maße zu finden beschieden ist. Eine verspätete, aber glänzende Rechtfertigung ihrer kühnen Theorien!«

»Ja, ja, e...es ist ein eigen Ding u...um die A...Anerkennung. U... unsere Zeit hat es hierin entschieden leichter a...als die vergangene. Welch schwere Kämpfe, A...Anfechtungen persönlichster Art mussten nicht die echten Fo...Forscher von einst aushalten, ertragen für das, wa...was sie als Wa...Wahrheit erkannt und vertreten hatten.«

Eine Menge Kisten werden mit den vielen paläontologischen Funden aus Tier- und Pflanzenwelt gepackt und an Bord des »Ägir« geschafft. Während die Gelehrten mit dieser Arbeit beschäftigt sind, machen einige Offiziere des Schiffes mit einem Schraubenboote Entdeckungsfahrten an Lemuravidas Küsten. Sie stellen dabei den inselartigen Charakter des Landes fest, ebenso dass der neue Kontinent aus einer Anzahl von größeren und kleineren Inseln besteht, die durch seichte Wasserstraßen miteinander verbunden sind. Eine eingehendere Erforschung dieses Archipels soll späterer Zeit vorbehalten bleiben. So viel aber ist bereits konstatiert, dass viele der besuchten Inseln geologisch denselben Bau zeigen wie das große Lemuravida.

»Ägir« wendet den Kiel Europa zu. Freude herrscht darüber überall an Bord.

Professor Gründlich gibt sich wieder mit astronomischen Studien ab. Ganze Nächte verbringt er zu diesen Zwecken oben auf dem Sonnendeck. Seine neuen Beobachtungen bestätigen nur die Richtigkeit seiner alten, schon in Berlin gemachten, mit dem Unterschiede jedoch, dass mit der gewaltsamen Abtrennung Amerikas, dem Verschwinden des alten Mondes, ein gewisser Stillstand in den gewaltigen Umwälzungen der Erde wie der übrigen Himmelskörper eingetreten ist. Auf wie lange?

»Se...Sekunden an der U...Uhr der leuchtenden Weltensonnen sind Jahrtausende i...in der Zeitenrechnung der armen Sterblichen!«, spricht Herr Gründlich bei dieser Frage leise vor sich hin.

Die Bahn der Erde um die Sonne hat sich gleich der der übrigen Planeten etwas mehr der Form des Kreises genähert. Ebenso steht die Achse der Erde zur Achse der Ekliptik nicht mehr in einem Winkel von 23½ Grad, sondern hat sich um mehrere Grade nach oben zu, unter dem Einflusse der Zentralsonne, verschoben. Die natürliche Folge davon muss sein, dass die früher kalten und gemäßigten Teile der Erdoberfläche einer längeren, intensiveren Bestrahlung durch die Sonne ausgesetzt sind, ferner dass der ehemals oft so schroffe Wechsel zwischen kalt und warm in Europa einem gleichmäßigeren, allgemein besseren und angenehmeren Klima, für Zentral- und Südeuropa sogar einem ewigen Frühling weichen muss.

»Für u...unsere alte, ge...geschrumpfte Mutter E...Erde beginnt ein neuer, letzter Frühling!«, lächelt Professor Gründlich, als er bei seinen Berechnungen, dieselben nochmals sorgfältig durchgehend, zum Schlussresultate gelangt.

Professor Chauvin ist fröhlich und guter Dinge, ganz besonders in der Gesellschaft der Damen, die durch ihren leichten, heiteren Sinn in des Forschers Herz so sehr verwandte Saiten zum Klingen bringen. Die Aussicht, bald wieder zu Hause zu sein, das Pflaster von Paris wieder treten zu dürfen, lässt Herrn Chauvin zu keinem ernsten Studium mehr kommen.

Den Gegensatz hierzu bildet Professor Mob. Dieser ist von seinen paläontologischen Funden, von denen er einen Teil für private Zwecke in seinen Zimmern aufgespeichert hat, kaum noch zu trennen. Ja, diese Funde absorbieren sein Interesse derart, dass er selten mehr zu den Mahlzeiten im Speisesaale erscheint.

Lissabon, die erste Station in Europa, ist erreicht. Auf dem ganzen Wege durch den großen, aus Pazifik und Atlantik gebildeten Ozean hat »Ägir« kein Schiff angetroffen. Kapitän Bernhard hält auf Lissabon zu, um Depeschen von dort nach Berlin aufzugeben und solche von dorther wieder zu empfangen. Mit Jubel wird »Ägir« in der Hauptstadt des lusitanischen Bundesstaates aufgenommen. Überall in Europa galt das Schiff als verloren.

Eine Begrüßungsdepesche trifft, übermittelt durch den Luftelektrizitätstelegrafen, eine halbe Stunde nach Ankunft des »Ägir« in Lissabon ein. Sie ist von der ›Weltposaune‹ und zugleich auch die Antwort auf Kapitän Bernards Anzeige von seiner glücklichen Rückkehr. Sie lautet: »Heil und Segen ›Ägir‹ und seiner tapferen Besatzung, die es verstanden, dem fast sicheren Untergang und Tode zu entgehen. Glück und Ruhm aber dem Trifolium der Geistesheroen, die, die Revolution der Elemente vorhersagend, diese selbst, allen Gefahren zum Trotze, überwunden haben. Berlin wünscht, dass Europas berühmteste Söhne in seinen Mauern die Reise beendigen, wo ihnen der Lohn für ihre Taten werden soll.« Gezeichnet: von Katzenbuckel, Exzellenz.

In Lissabon erfahren die Gelehrten, dass Europa bei dem fürchterlichen Aufprall des Mondes auffallend gut weggekommen ist. Island ist allerdings dabei untergegangen, die Küsten Englands, Frankreichs und Spaniens litten durch starke Flutwellen. Holland ist zum Teil noch jetzt unter Wasser gesetzt. Sonst aber lief alles wider Erwarten gut ab.

An der afrikanischen Küste aber wütete das Meer besonders unheilvoll. Vollständig unter Wasser gesetzt ist die Sahara, aus der nur noch die Höhenzüge der Gebirge, den Masten eines untergegangenen Schiffes gleich, hervorragen. Das Mittelmeer flutet bei Tripolis mit dem Ozean in breiter Front zusammen.

»Dieser E...Erscheinung verdanken wir in Europa e...enorm viel«, erklärt Herr Gründlich seinem Kollegen Chauvin, »sie wirkt re...regulierend, a...abkühlend auf u...unseren wärmer gewordenen Kontinent.«

»Abkühlung haben wir alle nötig, mein lieber Gründlich. Sie schützt am besten vor Torheiten. Würde der Boden unserer Vereinigten Staaten noch wärmer, als er schon ist, so müssten wir vielleicht eine andere Katastrophe befürchten, die unseren politischen Bund in Frage stellen könnte.«

»Sie haben recht! Wie wu...wunderbar hat sich nicht a...alles zum Besten für u...uns angelassen!«

»Allerdings, ganz ohne Verdienst und Würdigkeit, nicht für uns, beileibe nicht, Gründlich — Sie brauchen deshalb nicht sofort ein solch schiefes Gesicht zu machen! — sondern für die große Masse, die ihr Glück trotz alledem nicht voll zu würdigen weiß.«

»Wa...wann wird die Masse einmal u...unseren Begriffen gemäß wirklich ver...vernünftig? Sie verlangen auch zuviel, lieber Chauvin!«

»Ich möchte dies selbst gar nicht einmal, dieses völlige Vernünftigwerden«, lacht Chauvin, »eine gewisse liebenswürdige Unvernunft, wie sie sich zum Beispiel bei unseren Balletteusen so hübsch, so anziehend äußert, hat auch seine guten Seiten. Meinen Sie nicht auch, lieber Freund?«

»Ge...gewiss! Selig der, der ki...kindliches Gemüt sich bewahrt. Die Wi...Wissenschaft aber zerstört leider viele u...unserer Ideale.«

»Na, mein lieber, das Reale kann man auch wieder ein wenig idealisieren. Sehen Sie mich zum Beispiel an. Weiß ich nicht zu leben, das Angenehme, Pikante, auch das Schöne, mit dem Nützlichen, dem Realen zu verbinden? Alt ist nur der, der für des Lebens Freuden abgestumpft ist. Diese Freuden aber lassen sich ganz gut mit allem persönlichen Wissen und Können vereinigen. Nehmen Sie mich zum Vorbild, mein lieber Gründlich. Sie werden nicht übel dabei fahren, und glauben Sie mir, es wird Ihnen auch überdies noch ganz famos bekommen!

Sieh da, unsere fidele Gesellschaft! Wahrhaftig, die haben sich noch mehr Genossinnen vom Lande hergeholt!« Professor Chauvin winkt von Bord aus seinen Freundinnen zu, die in einem Boote mit einigen anderen Damen dem Fallreep des »Ägir« zusteuern.

Die Damen erwidern den Gruß des verehrten und galanten Professors herzlich.

»Er ist unverbesserlich, der gute Chauvin«, denkt Professor Gründlich. »Sehen wir einmal nach Mob, was er macht.«

Professor Mob hat sich in den letzten Tagen nicht mehr blicken lassen. Sein Essen ließ er sich auf sein Zimmer bringen. Herr Gründlich betritt die Schiffsbehausung seines Kollegen. Professor Mob sitzt am Tische, in der ihm als Studierzimmer dienenden großen Kabine. Seinen Kopf stützt er mit den Händen. Stier ist sein Blick auf einen vor ihm liegenden Schädel des Pithecanthropus gerichtet. In dem früher so sauberen, eleganten Raume herrscht wirres Durcheinander: Petrefakten aller Art, Bücher, untermischt mit Wäsche- und Kleidungsstücken liegen überall herum.

Erschrocken über den sich ihm bietenden Anblick bleibt Professor Gründlich zögernd einen Augenblick unter der Türe der großen Kabine stehen. Für ihn besteht kein Zweifel, dass Herr Mob, sonst so peinlich ordnungsliebend und genau, krank sein muss. Voll Teilnahme geht er auf den Kollegen zu und legt seine Hand auf dessen Schulter.

»Wa...was fehlt Ihnen, lieber Mob?«

Dieser springt plötzlich voll Erregung vom Stuhle auf.

»Ha«, schreit er wild, »ich bin der leibhaftige Pithecanthropus erectus!«

»Wa...waren wir alle einmal, das heißt u...unsere Vorfahren in a...altersgrauer Zeit«, sucht Herr Gründlich Professor Mob zu beruhigen.

»Aber ich bin es wirklich! Ich bin der letzte noch lebende Pithecanthropus erectus.«

Mit diesen Worten springt Herr Mob auf den Tisch, von diesem wieder herab, von dem Boden wieder auf die Stühle, dann auf das Sofa. Er gebärdet sich wie toll, fletscht die Zähne, rollt die Augen, schreit und tobt. Mit tiefem Schmerze muss sich Herr Gründlich gestehen, dass seines Freundes Geist momentan umnachtet ist.

Als nun gar Herr Mob den auf dem Tische liegenden Pithecanthropusschädel ergreift und gegen Professor Gründlich schleudert, sodass dieser mit knapper Not dem Wurfe durch schleunigstes Ausweichen entgehen kann, da zieht sich Herr Gründlich, traurig gestimmt, zurück. Der vereinten Anstrengung des Schiffsarztes und Herrn Gründlichs gelingt es endlich, den Unglücklichen zu bändigen und ihn in eine andere Kabine überzuführen, die für diesen Zweck in aller Eile eingerichtet worden ist.

Auch Professor Chauvin ist traurig berührt, als er durch seinen Freund die Erkrankung des Herrn Mob vernimmt.

»E...es sind die Folgen der geistigen Ü...Überanstrengung; u... unser lieber Mob steht u...unter der Herrschaft einer fixen Idee. Die Pro...Prognose muss u...unter diesen U...Umständen als dubia bezeichnet werden.«

»Leider, leider«, bestätigt Herr Chauvin. »Es ist merkwürdig, wie unsere angelsächsischen Bundesbrüder immer noch an der Prädisposition für Paranoia leiden, trotz aller Versuche, diese Disposition auf dem Wege der Immunisierung zu mildern.«

»Ja, die Wi...Wirkung des Serums ist eben auch hier meist eine in...individuelle. Immerhin hoffe ich, dass der Zustand u...unseres Mob durch dessen wiederholte A...Applikation in Berlin bedeutend ge...gebessert werden wird.«

»Dies will ich recht gerne wünschen«, entgegnet Professor Chauvin. »Es ist bedauerlich, dass das fatale Vorkommnis auf die Freude unserer Rückkehr einen so trüben Schatten werfen muss. Wir teilen es daher auch Herrn von Katzenbuckel einstweilen noch nicht mit. Es ist übermorgen, wenn wir in Berlin eintreffen, noch früh genug.«

Professor Gründlich pflichtet Herrn Chauvin bei. Auf dem »Ägir« selbst ist die gehobene Festesstimmung durch Professor Mobs Erkrankung etwas herabgedrückt, gedämpft worden. Ballett, Theater, Orchester und Kraftmenschen feiern[2]. So fährt »Ägir« ohne Sang und Klang in den Hafen der Hauptstadt von Europas Staatenbund ein.

[2] Das Wort »feiern« hat hier die Bedeutung von »nicht arbeiten«; D.v.R.

Eine riesige Menschenmenge begrüßt das sich nähernde Schiff mit ohrbetäubenden Hurrarufen. Langsam bewegt es sich an den ihm zugewiesenen Platz.

Der Senat der Universität »Zum Weltall« ist in corpore erschienen, um seine neuen akademischen Ehrenbürger — die Herren Gründlich, Mob und Chauvin — zu begrüßen und sie zu ihrer erfolgten Promotion zu beglückwünschen. Die feierliche Übergabe der betreffenden Diplome sowie der für die berühmten Gelehrten extra gestifteten goldenen Medaillen »Für Wissenschaft und Forschung im Dienste Europas« soll nachher in der Aula stattfinden.

Exzellenz von Katzenbuckel als Präsident des Vereins »Europas Staatenpresse« ist mit Vertretern derselben ebenfalls erschienen. Alle sind »gedresst«. Feststimmung liegt auf jedem Gesichte. In feierlichster Würde steigen eben die Koryphäen der Wissenschaft und Presse die Treppe hinauf, die gerade vom Kai des Hafens aus auf das festgemachte Schiff geschoben worden ist.

Kaum haben die Herren das Deck betreten, als Professor Mob, einen unbewachten Augenblick benutzend, aus seinem Zimmer eilt und auf die Herren der Deputation stößt.

»Hier ist der berühmte Herr Mob«, sagt Exzellenz Katzenbuckel leise zu dem neben ihm stehenden Professor Kannegießer, »merkwürdig, er kommt mir etwas verwahrlost vor.«

»Ha«, brüllt der Kranke, als er der Herren ansichtig geworden ist, »ha, kommen die Affen, ihren Urahn zu begrüßen? Ich bin noch der einzig Überlebende aus dem Geschlechte des Pithecanthropus erectus, den ihr Narren so lange vergeblich gesucht habt!«

Im ersten Augenblicke lähmt bei diesen Worten Entsetzen die hohen Besucher, um aber rasch tiefem Bedauern Platz zu machen. Da eilen die Herren Gründlich und Chauvin mit den Dienern des Unglücklichen herbei, und ihren Anstrengungen gelingt es, den armen Kranken wieder in sein Zimmer abzuführen.

»Entschuldigen Sie, hochverehrte Herren«, beginnt nachher Professor Chauvin, »dass Ihr erster Eindruck bei unserer Bewillkommnung ein so peinlicher sein musste. Wir haben allerdings, wie Sie aus unseren näheren Berichten entnehmen können, Unglaubliches durchgemacht, überstanden. Unser liebenswürdiger Kollege Mob, der tatsächlich zuerst auf Lemuravida, dem neuen Kontinente im fernen Meere, den Pithecanthropus erectus gefunden hat, ist durch geistige Überanstrengung in seinem Nervensystem schwer alteriert worden. So hat sich in ihm die fixe Idee herausgebildet, dass er selbst in Person derjenige sei, den er in versteinerter Form so glücklich war anzutreffen. Ich hoffe nur, dass ihn, den bedeutenden Mann, die heutige Therapie wieder retten und ihn noch recht lange dem Leben, der Wissenschaft und uns erhalten möge.«

»Bravo!«, tönt es von allen Seiten.

»Und nun, hochverehrte Herren, spreche ich Ihnen im Namen des großen Gründlich und des kleinen Chauvin den schönsten, besten Dank für die Ehre aus, die Sie uns durch Ihren Besuch an Bord erweisen, schon im Augenblicke des Festlegens des Schiffes.«

»Die Ehre ist auf unserer Seite, ganz auf unserer Seite, Herr Professor Chauvin, wenn wir solche Männer und Forscher, wie Sie und Herr Gründlich es sind, bei ihrer Rückkehr in das gemeinsame, große Vaterland eiligst zu begrüßen kommen. Todesmutig sind Sie, meine Herren, ausgezogen, um den Schleier von den Geheimnissen der gewaltigsten Naturerscheinungen zu lüften, die unsere Erde je betroffen haben. Ich sage absichtlich todesmutig«, fährt Exzellenz von Katzenbuckel fort, »da Sie vor Ihrer Reise schon wussten, wie gefahrvoll sich dieselbe gestalten müsse. Und so heiße ich Sie, Herr Professor Gründlich und Herr Professor Chauvin, in Europas Hauptstadt im Namen der gesamten Presse willkommen. Hoch sollen unsere Forscher leben, fünfmal hoch!«

Als das Hoch ausgeklungen, tritt der Senatspräsident der Universität, Herr von Schnatterer, vor und spricht: »Verehrte, beneidenswerte Kollegen! Mit freudigem Stolze zähle ich Sie zu unseren Leuten und beglückwünsche Sie zu Ihrer Rückkehr. Wo solch gewaltige Leistungen vorliegen, wie es die Ihren sind, da darf auch mit der sonst so sparsamen Anerkennung, mit dem vollen Laudo, Laudamus nicht gegeizt werden. Sie haben summa cum laude als echte Forscher dem drohenden Unheil die Stirne geboten. Auf jeden von Ihnen trifft daher auch der goldene Satz zu: ›Tu ne cede malis, sed contra audentior ito!‹ Auf Grund Ihrer epochemachenden Reise und deren Resultate haben wir Sie einstimmig zu Ehrenbürgern unserer Alma mater ernannt, und es wird uns eine große Genugtuung sein, Ihnen nachher neben dem Diplome auch die große goldene Medaille für forschende Wissenschaft überreichen zu dürfen. Für den armen Kollegen Mob, dem ich gleich nachher unsern ersten Serumtherapeuten, Herrn Professor Spritzer, senden will, werden wir Diplom und Medaille aufbewahren.

Auch ich bringe auf Sie, verehrte, beneidenswerte Kollegen zwar nur ein einziges, aber desto feurigeres Lebehoch aus und lade Sie ein, uns gleich nach der Aula begleiten zu wollen.«

»Und von dort werden wir ins Hotel ›Zentrum von Europa‹ fahren zum gemeinschaftlichen Festessen«, fügt Herr von Katzenbuckel hinzu, die Herren Gründlich und Chauvin umarmend.

Während für die übrige Schiffsgesellschaft an Bord großartige Festlichkeiten inszeniert werden, ziehen die Deputationen mit den Herren Gründlich und Chauvin vom »Ägir« ab.

Am Kai stehen elegante Wagen. Diese besteigen die Herren und fahren unter dem Beifallsjubel der Berliner nach dem Gebäude der Universität.

In feierlicher Sitzung werden die Bürgerrechtsurkunden und die goldenen Medaillen, letztere an breitem seidenem Bande in den Spektrumsfarben den beiden Forschern übergeben, die für diese Ehrung mit kurzen Worten danken.

Dann geht der imposante Zug in das Hotel »Zentrum von Europa«. Viele Reden zu Ehren der Forscher werden gehalten; rasch eilen die Stunden dahin. Die Stimmung ist gehoben, die Unterhaltung allgemein, voll Witz und Geist.

Da klopft Herr Professor Gründlich mit der Klinge eines Messers kraftvoll an sein Glas.

»Stille, meine verehrten Herren«, ruft Exzellenz von Katzenbuckel, Präsident des Bankettes, »Herr Professor Gründlich wünscht zu sprechen.« Lautlose Stille tritt sofort ein, als Herrn Gründlichs lange Gestalt am Tische auftaucht.

»Ho...hochverehrte Versammlung! Be...bewegten Herzens haben wir, mein lieber Freund Chauvin, mein Ge...Genosse auf dunkeln Pfaden und ich, I...Ihre E...Ehrungen empfunden, u...und danken Ihnen hiefür auf da...das Aufrichtigste. Viele Wo...Worte zu machen, ist und kann ja auch nicht die Aufgabe des Ge...Gelehrten sein; denn dieser muss seinen persönlichen We...Wert durch die Ta...Tat, nicht durch Reden beweisen.«

»Sehr wahr!«, ruft bei diesen Worten die erhabene Gesellschaft.

»Die Wa...Wahrheit aber zu ko...konstatieren, ho...hochgeehrte Herren, rücksichtslos zu o...offenbaren, ist Pflicht und Aufgabe des redlichen Fo...Forschers.«

»Goldene Worte!«, tönt es von allen Seiten.

»U...und so müssen wir, mein Freund Chauvin wie ich selbst be... bekennen, dass die Idee, der Ge...Gedanke an u...unsere Reise, die so merkwürdige Resultate ergab, nicht von u...uns selbst ausging, sondern von E...Exzellenz von Katzenbuckel. Ihm ge...gebührt eigentlich die E...Ehre, die Sie uns heute in so reichem Ma...Maße erweisen. Ge...gestatten Sie mir, ho...hochgeehrte Herren, einen Teil dieser äußeren E...Ehrung wenigstens dadurch für E...Exzellenz zum Ausdruck zu bringen, dass ich Sie einlade, nach u...uralter Sitte einen Sa...Salamander auf das Wohl und Glück u...unserer ausgezeichneten E...Exzellenz zu reiben.«

Unter brausenden Beifallsrufen wird der Bitte des Herrn Gründlich entsprochen.

Als das Exercitium Salamandri vorüber, wischt sich Exzellenz von Katzenbuckel, aufgelöst in Rührung, die verschwommenen Äuglein mit dem weißseidenen Taschentuche.

»O Gründlich, edler Mensch«, schluchzt von Katzenbuckel, »Sie sind die Selbstverleugnung nicht nur in Person, in einfacher Größe, nein, sogar in Potenz, im Quadrat.«

Als sich Herr von Katzenbuckel nach einiger Zeit wieder völlig beruhigt hat, werden die Glückwunschdepeschen verlesen, die von allen Seiten der übrig gebliebenen Welt eingetroffen sind. Dieses Verlesen erfordert große Geduld der Zuhörer. Gegen Abend und den Schluss des Mahles erhebt sich Exzellenz von Katzenbuckel, um das Ende des Festes offiziell anzuzeigen.

»Hochverehrteste Versammlung, geehrteste Herren und Freunde! Wie alles in der Welt leider nur von beschränkter Dauer ist, so geht auch unser heutiges, herrliches Zusammensein in wenigen Augenblicken seiner Auflösung entgegen. Die Arbeiten und Pflichten des Lebens lassen uns nur hin und wieder dessen Freuden in solch ungetrübter Weise genießen wie heute. Als eine wirklich reine Freude muss ich es auch bezeichnen, dass unser verehrter Professor Mob, wie man mir soeben mitteilt, durch Herrn Spritzers sofort eingeleitete antiparalytische Serumbehandlung auf dem Wege augenfälliger Besserung ist. Er betrachtet sich bereits nicht mehr als Pithecanthropus erectus, sondern schon eine Stufe höher, als Homo loquacis. Noch einige wenige Injektionen, wie Herr Professor Spritzer versichert, und Herr Mob ist auf die alte Stufe des Homo civilisatissimus wieder heraufgestiegen. So ist uns dieser Tag der Freude wirklich zu einem doppelten Freudentage geworden.«

»Das wollen wir glauben!«, rufen die Herren einstimmig, voll Begeisterung.

»Und ich war daher auch berechtigt, von ungetrübter Freude am Anfang meiner Rede zu sprechen.

Was mich besonders bewegt, das ist die Rede unseres hochverehrten Professors Gründlich, meines teuren Freundes und Mitarbeiters. Es ist richtig, was er gesagt hat, wie alles richtig und klar, ohne den leisesten Schatten ist an diesem wunderbaren Manne; aber trotzdem muss ich voll und ungeschmälert den Lorbeerkranz auf die Stirne dieses großen Denkers und Forschers setzen; kein Blatt kann und will ich davon für mich beanspruchen. Im Gegenteil! Gerade Herrn Professor Gründlichs geophysikalische und astronomische Forschungen und Beobachtungen waren es, die mich veranlassten, ihn zu bitten, eine Reise anzutreten, welche ihm auch noch etwelche körperliche Erholung bringen sollte. Ohne dass wir von den fürchterlichen Gefahren die richtige Vorstellung hatten, die die Expedition bedrohten, ging der mutige Mann in antiker Heldengröße dem Unbekannten, ja dem fast sicheren Tode entgegen. Als treueste Freunde standen ihm die trefflichen Männer und Gelehrten, die Herren Mob und Chauvin, zur Seite. Ehre, Ruhm und Heil daher auch ihnen!

Eine ungeheuerlich große Katastrophe hat unseren Planeten getroffen. Durch dieselbe ist für immer die amerikanische Frage gelöst. So sehr auch vom menschlichen Standpunkte aus das Schicksal Amerikas bedauert werden mag, so muss uns doch das Wohl und Wehe der übrigen Welt, das Interesse der größeren Menge höher stehen, als dieses Bedauern für die kleinere Anzahl.

Für unsere beträchtlich verkleinerte Mutter Erde aber beginnt jetzt durch den April 2222, dessen letzter Tag heute ist, ein neuer Lebensfrühling. Vereinigen wir uns daher alle zum Zeichen des Dankes gegen das Geschick vor dem Auseinandergehen in den donnernden Ruf:

»Es lebe der April 2222!«


ENDE


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