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Einbanddeckel der Originalausgabe
mit einer Zeichnung von Fritz Bergen.
Titelseite (Seite V, unpaginiert) der Originalausgabe.
Seite 1 der Originalausgabe.
Dr. Albert Daiber (1857-1928)
Als ich Anfang 2004 die erste Neuausgabe der beiden Marsromane von Albert Daiber vorbereitete, war ich erstaunt, wie wenig in der mir zugänglichen Literatur einschließlich des Internets über den Menschen und Schriftsteller bekannt war.
Umso mehr habe ich mich daher über die Hinweise und Informationen gefreut, die ich zunächst von dem bekannten Sammler und Herausgeber Heinz-Jürgen Galle und dem Lexikon-Herausgeber Nessun Saprà (d.i. Klaus Geus) und später von Stefan Betsch vom Verein Pro Alt-Cannstatt e.V. erhalten habe.
Im Frühjahr 2004 hatte ich dann das große Glück, auf dem Umweg über eine knappe Antwort auf einer US-amerikanischen Ahnenforscher-Seite im Internet Nachkommen Albert Daibers ausfindig zu machen und von diesen (sie leben in Chile) sehr interessante Informationen zu erhalten. Es handelt sich um die Enkelin des Schriftstellers, Frau Laurence Daiber Etcheberry, und ihren Sohn (und Urenkel Albert Daibers), Herrn Alberto Dunker Daiber, sowie ihren Neffen (und ebenfalls Urenkel Albert Daibers), den Arzt Herrn Dr. Alberto Daiber Vuillemin. Aus den so zusammengekommenen Daten lässt sich der Werdegang des Verfassers und seiner Familie, wenn auch nur in knapper Form und nicht immer mit genauen Datumsangaben, wenigstens teilweise rekonstruieren:
Albert Ludwig Daiber wurde am 26. September 1857 in Bad Cannstatt (damalige Schreibweise: Cannstadt, seit 1905 Stadtteil der Landeshauptstadt Stuttgart, seit 1933 Bad) im damaligen Königreich Württemberg als Sohn des Rektors der Realanstalt der Oberamtsstadt Cannstatt, Karl Heinrich Daiber (28.10.1815-08.08.1881), und seiner Ehefrau Luise Daiber geb. Vestner (01.03.1825-22.01.1900) geboren. Carl Heinrich Daiber war nicht nur ein angesehener Schulleiter, sondern auch ein vielseitig interessierter Chronist seiner näheren Heimat, der er mit viel Liebe zugetan war. So verfasste er u.a. die 1878 erschienene und 1967 nachgedruckte Beschreibung und Geschichte der Stadt Cannstatt. Unter Berücksichtigung des Wichtigsten über die Amtsorte. Seit 1958 gibt es in Bad Cannstatt den offenbar nach ihm benannten Daiberweg. Die Eltern Albert Daibers sind in einem würdigen Grabmal auf dem Uffkirchhof in Bad Cannstatt begraben; in der unmittelbaren Nachbarschaft befinden sich die Grabstätten Gottlieb Daimlers, Wilhelm Maybachs, Ferdinand Freiligraths und anderer bedeutender Persönlichkeiten.
Nach Kindheit und Jugend in Cannstatt und dem Studium der Pharmazie und der darauf folgenden Promotion zum Dr. phil. am 9. Dezember 1889 in Zürich mit der 1890 veröffentlichten Dissertation Ueber Hydrirung des Carbodiphenylimids durch Phenylhydrazin und über Verbindungen der beiden Körper war Albert Daiber am physiologischen und bakteriologischen Laboratorium in Zürich tätig. In dieser Zeit entstanden u.a. seine Schriften Anleitung zur chemischen und mikroskopischen Untersuchung des Harns (1892) und Chemie und Mikroskopie des Harns (1894), aus der das Buch Mikroskopie der Harnsedimente (Wiesbaden: J. F. Bergmann 1896) hervorging, das 1906 eine erweiterte Neuauflage erlebte. Im gleichen Verlag erschien 1898 die Schrift Mikroskopie des Auswurfes.
Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau, die den Mädchennamen von Appenzeller trug (aus dieser Ehe ist der Sohn Albert jr. hervorgegangen) heiratete Dr. Daiber, inzwischen Professor an der Universität Zürich, Hildegard Heyne, die Professorin an der Universität Basel war und sich ebenfalls schriftstellerisch betätigt hat. Im Alter von immerhin schon 40 Jahren (also in den Jahren um 1897) studierte Albert Daiber mit großem Erfolg Medizin und wurde Arzt.
Gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Hildegard unternahm er im Jahr 1900 eine Reise nach Australien und in die Südsee. Am 8. Mai 1900 trafen die Eheleute mit der »Karlsruhe« in Freemantle ein, von wo sie über Adelaide, Melbourne, Sydney (hier gab es einen längeren Aufenthalt) nach Brisbane reisten. Am 30. Juli 1900 verließen sie Brisbane an Bord des Dampfschiffes »München«, um über das Bismarck-Archipel, Neu Guinea, die Karolinen und die Marianen (damals sämtlich unter deutscher Kolonialverwaltung stehend) nach China weiter zu reisen. Ein Ergebnis dieser mit vielen Eindrücken verbundenen Reise waren die Bücher Eine Australien- und Südseefahrt (Leipzig: B. G. Teubner 1902), Geschichten aus Australien (Stuttgart: G. Weise 1902) und Geschichten aus der Südsee. Zwei geschichtliche Erzählungen für die reifere Jugend (Stuttgart: G. Weise o. J. [um 1908]).
Reproduktion einer Abbildung (»Saipan, Marianen, Cagalenr>
junge mit dem
Lasso auf seinem Ochsen«) aus dem Buch Eine Australien- und Südseefahrt
(Leipzig, B.G. Teubner 1902), gegenüber S. 306). Nach Pose
und
Kleidung könnte es sich bei dem Herrn rechts um Albert Daiber handeln.
Die zweite Ehefrau Hildegard Daiber veröffentlichte — als Frucht der gemeinsamen Südseereise — die Schrift Was ist Wahrheit? Tagebuchblätter eines Mönches auf Ponape (Stuttgart: Strecker & Schröder 1905).
Weitere Sachbücher aus der Zeit nach der Australien- und Südseereise waren u.a. Elf Jahre Freimaurer! (Stuttgart: Strecker & Schröder 1905; mehrere Auflagen — insgesamt mehr als 100 000 Exemplare! — bis in die 1920er Jahre hinein), Des Lebens Werdegang und Ende. Naturwissenschaftliche Offenbarungen der Neuzeit (Stuttgart: Strecker & Schröder 1906), Aus der Werkstätte des Lebens. Der Wechsel des Stoffes im Lichte der Forschung (Stuttgart: Strecker & Schröder 1907) und Erhalte deine Lebenskraft (Stuttgart: Strecker & Schröder o.J.).
Neben seinen wissenschaftlichen Werken und den Südsee-Erzählungen verfasste Dr. Albert Daiber mehrere weitere Bücher, die sich teilweise ausdrücklich an die »reifere Jugend« richteten: Anno 2222. Ein Zukunftstraum (Stuttgart: Strecker & Schröder 1905), Jenseits der Cordillera. Zwei geschichtliche Erzählungen für die Jugend (Stuttgart: G. Weise o.J. [um 1906, weitere Auflagen um 1910 und 1931]), Juan Fernandez der Seefahrer. Eine geschichtliche Erzählung für die Jugend (Stuttgart: G. Weise o.J. [um 1907]) — diese letztgenannten Texte sind später teilweise auszugsweise in Heftform unter veränderten Titeln nachgedruckt worden — und schließlich Die Weltensegler [1] und Vom Mars zur Erde (beide Stuttgart: Levy & Müller o.J.)[2].
[1] Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Roman von Bruno Heyn (Berlin: Die Bücherwarte 1924).
[2] Siehe hierzu den Abschnitt »Bibliografische Daten der Marsromane« in diesen Anmerkungen.
Reaktionen auf das erstmals 1905 veröffentlichte sehr erfolgreiche Buch Elf Jahre Freimaurer! waren nach der Erinnerung der Nachkommen offenbar ein Grund dafür, dass Dr. Albert Daiber, nachdem er sich dort schon vorher (wahrscheinlich 1908/09) über längere Zeit aufgehalten hatte, mit seiner Frau, seinem aus erster Ehe stammenden Sohn Albert jr. und einem weiteren Sohn und zwei Töchtern um 1913/14 [3] endgültig nach Chile auswanderte. Nach der Ankunft in Valparaíso ließ sich die Familie in Puerto Octay im Süden Chiles nieder, wo Dr. Albert Daiber seinen Beruf als Arzt ausübte.
[3] Eine der beiden Töchter, Hildegard Daiber Heyne (02.12.1904-08.02.1987), die später, nach einem religiösen Erweckungserlebnis, den Ordensnamen »Maria Benedicta« annahm und später in Barcelona (Spanien) lebte und wirkte, berichtet auf einem Lesezeichen zu einem ihrer Bücher, dass ihre Eltern sich, als sie neun Jahre alt war, dauerhaft in Chile niederließen. Das wird also 1913 oder 1914 gewesen sein: »Cuando ella tenía nueve años sus padres se establecieron definitivamente en Chile«.
Sein Sohn Albert Daiber jr. (mit dem auf spanisch-chilenischem Namensrecht beruhenden Namenszusatz »von Appenzeller«, dem Nachnamen der Mutter) war als Ingenieur tätig, sein Enkel Alberto Daiber Etcheberry und sein Urenkel Alberto Daiber Vuillemin wurden wiederum Ärzte.
Dr. Albert Daiber starb am 12. August 1928 in Santiago de Chile.
Es konnte leider nicht genau ermittelt werden, wann die hier als Nachdrucke vorliegenden Romane Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars. Der reiferen Jugend erzählt und Vom Mars zur Erde. Eine Erzählung für die reifere Jugend (beide Stuttgart: Levy & Müller o. J.) verfasst und wann sie zum ersten Mal erschienen sind, denn weder das jeweilige Impressum noch die bibliographischen Verzeichnisse wie z.B. das Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1700—1910 (München u.a.: Saur 1981, Band 27, S. 45) und GV 1911—1965 (München: Verlag Dokumentation 1976, Band 25, S. 83) liefern hierzu eindeutige Angaben, sondern nennen in Klammern (also geschätzt) für die 2. Auflage der Weltensegler und für die 1. Auflage von Vom Mars zur Erde das Jahr 1910.
Einige Indizien belegen allerdings, dass der Band Die Weltensegler spätestens 1909 erschienen ist, also nach dem ersten Chile-Aufenthalt Daibers: Herr Detlef Münch (Synergen-Verlag) ist nach einer Mitteilung vom 10. Januar 2018 im Besitz einer Weltensegler-Ausgabe mit Eintrag eines Namens und der Angabe »1909«.
Weiter: Die Marsreisenden besteigen auf der Nordhalbkugel des Mars u.a. einen Berg vulkanischen Ursprungs, der einen der Reisenden, den vielgereisten Dubelmeier, an den Vulkan »Villa rica« (richtige Schreibweise: »Volcán Villarrica«) im südlichen Chile erinnert. Von diesem Berg aus beobachten die sieben schwäbischen Gelehrten den Nordpol des Mars: »Kein Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, dass unsere Augen auf einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen Versuchen zum Trotz, niemandem gelang«, sprach Herr Stiller (vgl. S. 166). Da die Nachrichten über die Entdeckung des Nordpols der Erde (unabhängig von der Streitfrage, ob am 21. April 1908 durch Frederik A. Cook oder am 6. April 1909 durch Robert Edwin Peary) erst ab Anfang September 1909 durch die internationale Presse verbreitet wurden (in Deutschland z.B. ausführlich in der Zeitschrift ›Die Woche‹, Berlin, Scherl, Nr. 37 vom 11. September 1909, S. 1553ff), kann angenommen werden, dass Daiber das Manuskript beendet und abgesandt hatte, bevor er von dieser Nachricht erfahren konnte, also spätestens im Sommer 1909.
Der schon zitierte Vulkan Villarrica ist etwa 180 km von Puerto Octay entfernt, liegt also, gemessen an der mit ca. 3900 km beträchtlichen Nord-Süd-x^xAusdehnung Chiles, ungeachtet des unwegsamen Geländes in relativer Nähe. Gleiches gilt für die Orte Lumaco (ca. 150 km vom Volcán Villarrica entfernt) und Angol (ca. 40 km von Lumaco entfernt). Zwar nicht Lumaco, aber doch, ähnlich klingend, »Lumata« ist der regelmäßige Wohnort der »Weltensegler« auf dem Mars, die Nachbarstadt »Angola« ist Sitz des »Stammes der Weisen« und Ort mehrerer feierlicher Begegnungen. Diese Namensähnlichkeiten und geografischen Zusammenhänge (vgl. hierzu die untenstehende Karte) sprechen sehr dafür, dass Daiber sie in seiner Erzählung, ähnlich wie mehrfach »das liebe Schwabenland«, verarbeitet hat.
Das südliche Chile zwischen 37,5° und 45,5° südlicher Breite mit den
Orten Angol, Lumaco, Puerto Octay und dem Volcán Villarrica.
Werbeanzeige für Die Weltensegler aus dem
Folgeband Vom Mars zur Erde (S. 151, unpaginiert).
Ob der Folgeband Vom Mars zur Erde (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Jugendbuch von Hans Rosenstengel, (Stuttgart: Thienemanns 1931; Vorabdruck 1925 im gleichen Verlag im Deutschen Knabenbuch, Bd. 34) wirklich, wie im Gesamtverzeichnis angegeben, schon 1910 erschienen ist oder erst später, konnte nicht eindeutig geklärt werden: Claus Ritter spricht von »der kurz vor dem Weltkrieg erschienenen Fortsetzung« [4] und nennt in seinem Literaturverzeichnis als Erscheinungsjahr 1914. Ein Erscheinungsdatum nach 1910 erscheint realistischer als das Jahr 1910: Es kann angenommen werden, dass zwischen beiden Bänden ein längerer Zeitraum gelegen haben muss, denn in der am Ende des Buches enthaltenen Verlagswerbung (siehe die nebenstehende Abb.) findet sich auch ein Hinweis auf Die Weltensegler mit Auszügen aus in mehreren Zeitungen und Zeitschriften erschienenen Buchbesprechungen. Die Einleitung der Verlagsanzeige lässt ebenfalls auf einen größeren zeitlichen Abstand schließen.
[4] Claus Ritter: Kampf um Utopolis oder Die Mobilmachung der Zukunft. Berlin: Verlag der Nation 1987, S. 199.
Die beiden Weltensegler-Erzählungen sind übrigens auch zusammen in einem Band veröffentlicht worden, und zwar unter dem Titel Im Luftschiff nach dem Mars. Die Weltensegler & Vom Mars zur Erde (Stuttgart: Levy & Müller o. J. [etwa 1927]).
Ferner gab es eine von Catharina A. Visser übersetzte niederländische Ausgabe nur des Romans Die Weltensegler unter dem Titel Per luchtschip »De Argonaut« naar Mars (Bussum: Sleeswijk o.J. [1909]) mit sechs Bildtafeln von André Cornelis Vlaanderen. Der Roman erschien nochmals um 1923 im Amsterdamer Verlag Johannes Müller, allerdings mit nur vier Bildtafeln. Es muss allerdings erwähnt werden, dass Vlaanderen keine eigenständigen Zeichnungen geschaffen, sondern lediglich Fritz Bergens Tondruckbilder in holzschnittartige Zeichnungen umgewandelt hat (siehe die stark verkleinerte Wiedergabe der Tafel 1 auf S. 328).
Links: Einbanddeckel der einbändigen Ausgabe mit beiden Marsromanen; — rechts: Illu-
stration von A.C. Vlaanderen in der niederländischen Ausgabe des Romans Die Weltenseglers
(Per luchtschip »De Argonaut« naar Mars; Amsterdam: Johannes Müller o.J. [um 1923]
Einbanddeckel (links) und Titelblatt (rechts) der niederländischen Ausgabe
des Romans Die Weltensegler (Amsterdam: Johannes Müller o. J. [um 1923]
Reproduktion einer fotografischen Aufnahme des ersten Starts des
Luftschiffes »Zeppelin II« am 30. November 1905 vom Bodensee
(Unser Jahrhundert im Bild. Gütersloh: Bertelsmann 1964, S. 97)
Die »Weltensegler«, das sind sieben Professoren von der schwäbischen Universität Tübingen, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem gleichnamigen Luftschiff eine Reise zum Mars unternehmen, wobei sie den Mond passieren und kurz vor der Landung noch den Marsmond Phobos streifen. Auf dem Mars, wo sie menschenähnliche Wesen (Marsiten) antreffen, die nach Kleidung und nach den von ihnen bewohnten Gebäuden an Menschen der Antike erinnern, verbringen die »Weltensegler« zwei (nicht etwa drei; vgl. S. 330) Jahre, die sie nutzen, um die aus ihrer Sicht ideale Lebensweise der Marsiten zu studieren und den Planeten zu erkunden. Schließlich kehren sechs der Reisenden auf die Erde zurück, während einer von ihnen, der Professor der Ethik und Theologie Fridolin Frommherz, beschließt, auf dem Mars zu bleiben. Seine Erlebnisse und schließliche Rückkehr zur Erde sind Gegenstand des Fortsetzungsbandes Vom Mars zur Erde.
Das für die »reifere Jugend« bestimmte Buch ist, was die technischen und astronomischen Erkenntnisse angeht, schon seit langem überholt: Das Luftschiff war Anfang des 20. Jahrhunderts, besonders angesichts der spektakulären Flüge des Grafen Zeppelin (im Sommer 1909 flog er übrigens mit dem LZ III nach Berlin, wo er, wie übrigens auch schon früher über dem Cannstatter Wasen [!], von einer begeisterten Menschenmenge empfangen und vom Kaiser begrüßt wurde), zwar sehr populär, war und ist als Fahrzeug für eine Reise durch den Weltraum zu einem anderen Himmelskörper aber ebenso wenig geeignet wie ein sonstiges Flugzeug oder auch ein aus einer Riesenkanone abgeschossenes Projektil, wie es Jules Verne thematisierte. Man sollte dem Verfasser Albert Daiber aber zu Gute halten, dass die Kenntnisse über die Grundlagen der wissenschaftlichen Astronautik erst Anfang der 1920er Jahre publiziert worden sind: Konstantin E. Ziolkowskis Schrift Die Erforschung des Weltraums mit Reaktionsapparaten erschien erst 1903 in der Moskauer ›Wissenschaftlichen Rundschau‹ und wurde — wie seine weiteren Schriften — erst wesentlich später und auch nur teilweise im Ausland bekannt, Robert H. Goddards Schrift A Method of Reaching Extreme Altitudes erschien erst 1919 als Institutsschrift und hatte nur eine geringe Verbreitung; erst Hermann Oberths grundlegendes Werk Die Rakete zu den Planetenräumen (München: R. Oldenbourg 1923) präsentierte eine in sich geschlossene und wissenschaftlich begründete Theorie der Astronautik, an der sich spätere Schriftsteller messen lassen mussten.
Sieht man von diesen naturwissenschaftlich-technischen Rahmenbedingungen ab, so bietet das Buch auch heute noch ein unterhaltsames Lesevergnügen. Und Claus Ritter betont: »Vom gegenwärtigen Stand der Utopieforschung aus gesehen ist Dr. Albert Daiber der einzige Autor, welcher das im Württembergischen vom Grafen Zeppelin erfundene Starrluftschiff dazu benutzte, um die frohe Botschaft von einer unkriegerischen hochzivilisierten Menschheitsordnung den Erdenkindern einzufliegen.«[5]
[5] Ritter, wie Anm. 5, S. 206.
Daiber hat viel Herz und Gemüt in die Handlung gelegt, so schon zu Beginn, wenn er den Start des »Weltenseglers« vom »Cannstatter Wasen«, einem Volksfestplatz am Neckar in Bad Cannstatt (heute Teil der Landeshauptstadt Stuttgart), erfolgen lässt, und auch ansonsten, wenn er die Hauptfigur des Romans, Dr. Siegfried Stiller, Professor an der Tübinger Landesuniversität, der ein Haus in Cannstatt bewohnt, mehrfach das »liebe Schwabenland« loben lässt. Die Vor- und Nachnamen der sieben »Weltensegler« (Wer denkt da nicht gleich an die »Sieben Schwaben«?) beginnen übrigens sämtlich mit jeweils gleichem Buchstaben: Es sind, außer dem geistigen Vater und Leiter der Expedition, Professor Dr. Siegfried Stiller (Astronomie, Physik und Chemie), die Professoren Dres. Paracelsus Piller (Medizin und allgemeine Naturwissenschaft), David Dubelmeier (Jurisprudenz), Bombastus Brummhuber (Philosophie), Hieronymus Hämmerle (Philologie), Theobald Thudium (Nationalökonomie) und schließlich Fridolin Frommherz (Ethik und Theologie).
Der Untertitel lautet zwar »Drei Jahre auf dem Mars«, doch dauert der Aufenthalt nach dem Handlungsablauf nur zwei Jahre: Das Luftschiff startet an einem 7. Dezember. Der Rückflug wird zweieinviertel Jahre später, am 7. März (»am zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars«) angetreten und endet mit der Landung auf der Erde (übrigens auf Matupi, einer Insel des in deutschem Kolonialbesitz befindlichen BismarckArchipels, das Daiber 1900 selbst bereist hat, wo die Reisenden von einem schwäbischen Landsmann empfangen werden) am 31. August. Der Expeditionsleiter, Professor Stiller, spricht in einem Telegramm folgerichtig auch von zwei Jahren Auf enthalt. Die Reise insgesamt hat also zwei Jahre und neun Monate gedauert, also nahezu drei Jahre, der Aufenthalt auf dem Mars dagegen genau zwei Jahre. Dies bestätigt Daiber selbst, indem er auf der Originalseite 114 des Folgebandes Vom Mars zur Erde die Inschrift eines Gedenksteins auf dem Cannstatter Wasen zitiert: »Nach nahezu dreijähriger Abwesenheit und zweijährigem Aufenthalt auf dem Mars...« (siehe S. 288).
Spiegeln sich in Fridolin Frommherz und Siegfried Stiller
Albert Daiber und sein Vater Karl Heinrich Daiber?
Während sechs der sieben »Weltensegler« auf die Erde zurückgekehrt sind, ist einer von ihnen, der Professor der Ethik und Theologie Fridolin Frommherz, auf dem Mars geblieben.
Seine Erlebnisse auf dem Mars und seine Rückkehr zur Erde nach fast 14 Jahren sind Gegenstand des Fortsetzungsbandes Vom Mars zur Erde. Daiber hat offenbar auch sich selbst gespiegelt, indem er den ein wenig verzagten Fridolin Frommherz auf dem Mars (in Chile?) innerlich wachsen lässt.
Bei jeder Interpretation besteht die Gefahr, mehr in einen Text hinein zu »geheimnissen«, als der Verfasser — bewusst oder unbewusst — hinein gegeben hat. Dennoch ist es nicht nur ein unbestimmtes Gefühl, das in dem unvollkommenen, suchenden Fridolin Frommherz den von der Freimaurerei enttäuschten, aber (mit immerhin etwa 57 Jahren) noch immer suchenden Albert Daiber und im väterlichweisen Professor Siegfried Stiller und dem weisen Marsiten Eran den verehrten und in der Heimat hoch geachteten Vater Karl Heinrich Daiber zu erkennen glaubt: Fridolin Frommherz und Albert Daiber haben beide am 26. September Geburtstag.
Möglicherweise dienten die beiden Marsromane Daibers dem Drehbuchautor Sophus Michaelis als Vorlage oder Anregung für den 1918 uraufgeführten dänischen Stummfilm Himmelskibet (deutsch: Das Himmelsschiff).[6]
[6] Sophus Michaelis: Das Himmelsschiff. Roman nach dem dänischen Film Himmelskibet (1918). Lüneburg: Dieter von Reeken 2017. Neuausgabe mit zahlreichen Standbildern aus dem Stummfilm.
Den Nachdrucken der Marsromane liegen die Erstausgaben zugrunde. Die Texte wurden auf die seit 1996 geltende und danach oft geänderte »neue deutsche Rechtschreibung« umgestellt. Hierbei wurden offensichtliche Rechtschreib- oder Drucksatzfehler stillschweigend berichtigt. Im Übrigen ist der Text aber unangetastet geblieben.
Ihren besonderen Reiz erhielten die beiden Marsromane durch die insgesamt 12 Vollbilder, die der damals sehr populäre Illustrator Fritz Bergen (1871-1941), der Vater des bekannten Marinemalers Claus Bergen (1885-1964), für die Reise der Tübinger »Weltensegler« gezeichnet hat. Die Einbanddeckelabbildungen und die Vignetten jeweils am Anfang und Ende der Texte sind zwar nicht namentlich gekennzeichnet, dürften aber ebenfalls von Fritz Bergen gezeichnet worden sein: Dies lässt sich daraus schließen, dass die Vignette am Schluss des Folgebandes Vom Mars zur Erde die Initialen »F B« (= Fritz Bergen) enthält.
Der glänzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. Über Groß-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und Abertausende von Sternen am Firmamente auf, und als weißlich schimmernder Gürtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden Weltkörper scharf und deutlich die Milchstraße ab. Aus ihr heraus blickte das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit so viel Torheit erfüllte Mutter Erde, und der Große Bär mit seinen sieben hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so merkwürdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des gewaltigen Himmelsgewölbes die aus der Urzeit stammende, treubewährte Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmäßiger Verteilung, in verschiedenartiger Helligkeit und Größe lagen die übrigen Sterne dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze.
Langsam schritt die Nacht vor. Im Süden stieg das prachtvolle Sternbild des Orion über dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius, der glänzendste unter den glänzenden Sternen des Himmels. Für all diese Schönheit der Nacht, für all diese Großartigkeit jener fernen, selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten zugänglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berühmte Astronom, Lehrer an der durch Alter wie Überlieferung gleich ehrwürdigen Universität Tübingen, ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten ärgerlich auf dessen Seitenlehne trommelnd. Er saß in einem großen, mit einer Kuppel bedeckten Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu erkennen war. Ein mächtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer Öffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht.
Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhöhe bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr fern vom lauten studentischen Leben und Treiben der Universitätsstadt umso ungestörter der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunächst umschließt, Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so große Liebe zu dem fernen Planeten, dass in Professor Stiller der Gedanke immer festere Wurzeln fasste, mit dem Mars in direkte Verbindung zu treten, mit anderen Worten — ihn zu besuchen.
Gerade jetzt stand Mars wieder in Erdnähe, und seine augenblickliche Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen Zeit der großartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der elektromagnetischen Strömungen im Universum und ihrer Ausnutzung, vor allem aber der so hoch entwickelten Luftschifffahrt hatte der Gedanke eines Besuches des Mars, einer Reise dahin, absolut nichts Befremdendes mehr. Im Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatsächlich die Möglichkeit, die kühne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausführen zu können.
Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich beschäftigten. Aber zu ihnen waren auch ärgerliche Vorkommnisse getreten und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr diskretes Licht auf einen Stoß von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwärts lagen. Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken über die hohe, gedankenschwere Stirn.
»Diese lächerlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich nicht wert, dass ich mich noch länger über sie ärgere. Dem Himmel Dank, dass ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem Kleinlichen, Ärgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein!« Der Gelehrte stand auf. »Ja, ja«, fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort, »ja, jetzt ist er in der Erdnähe, mein alter, rötlich strahlender Freund. Für meine Ungeduld, ihn heute Abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spät. Und doch ist er der Pünktliche, nie Fehlende!«
Professor Stiller sah auf seine Uhr. »11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden, und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das Instrument!« Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der über dem östlichen Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzücken betrachtete Professor Stiller die ihm zugewandte Fläche des Planeten, auf der sich scharf und deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten.
»Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich schneidenden Kanäle sind es, die in ihrer Künstlichkeit am deutlichsten und unzweideutigsten für das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben sprechen«, kam es laut über die Lippen des Gelehrten. »Der Mars besitzt trotz seiner Atmosphäre verhältnismäßig geringe Wassermengen. Daher sind die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch künstliche Veranstaltungen nach Möglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig auszunutzen, dass, wenn ein Distrikt bewässert ist, die kostbare Flüssigkeit einem andern zugeführt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen als Erklärung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanäle in Tübingen vom Katheder herunter verkündigt!«, rief Professor Stiller voll Begeisterung. »Ja, ein Volk mit hoher Kultur muss auf dem Mars wohnen, denn nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende Bauten auszuführen«, fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort. »Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem Schmelzen der Eismassen an seinem Süd- und Nordpole beeinflusst. Und dieses aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten zum Zweck der Befruchtung jene Wesen dort oben in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanäle. Welch herrlicher, üppiger Pflanzenwuchs muss sich da längs der Kanäle, an ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mögen sich dort oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung überallhin geführt wird! Und was das wohl für ein Menschenschlag sein mag, der den Mars bewohnt, uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus! Unmöglich wäre dies nicht. Ich muss sie kennen lernen wie den Boden selbst, auf dem sich die Existenz dieser Wesen abspielt.«
Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurück. Aber das lebhafte Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch wieder an das Instrument. So verfloss Stunde auf Stunde mit astronomischen Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblassten allmählich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudämmern, als der Professor endlich seinen Posten verließ und sich in sein warmes Heim zurückzog, das sich in unmittelbarer Nähe der Sternwarte befand.
Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über GroßStuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloss der dünne Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem Rotenberge passte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser strömen ließ.
Ein großer, freier und ebener Platz, halb Park, halb Wiese, der durch die Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war von diesem nur auf einer Seite durch den Fluss scharf abgegrenzt. Am oberen Ende dieses mehrere Kilometer langen, von elektrischen Bahnen durchschnittenen Parkes erhob sich ein gewaltiger Bretterbau.
»Luftschiff für die Mars-Expedition«, stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die üblichen Worte: »Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!«
Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein Zeichen, dass die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht schon beendet war.
Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund mathematischer Berechnungen zu überwachen und im Übrigen als wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen, die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung übertragen worden.
Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen, doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es aber bekannt wurde, dass ein Professorenkollegium der Tübinger Universität auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen habe, auf Kosten des stattlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller geeilt.
Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig mit dem »Weltensegler«, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach. Er tröstete sich damit, dass von den übrigen für den Bau des »Weltenseglers« in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Garantie für das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie er selbst.
So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei »engeren Stuttgarter« zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der rücksichtslosen Energie Professor Stillers war es zuzuschreiben, dass sich nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruss mit Blieder und Schnabel der Bau des »Weltenseglers« im Großen und Ganzen in den Formen hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben.
Aber gestern Mittag, als Professor Stiller die Baustätte besuchte, um sich von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu überzeugen, an dem seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter), da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen müssen, wie gerade einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern übersehen worden waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, musste wieder von Neuem aufgenommen werden, und von Neuem flickte man am »Weltensegler« herum. Dadurch verzögerte sich natürlich der Aufstieg, unter Umständen stand sogar das Gelingen der Expedition in ernster Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem Mars zu fahren!
Wütend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um seinen Grimm zu meistern und sein gestörtes seelisches Gleichgewicht wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten Wünsche, und nun von Neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer vermag. Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, dass er, unfähig zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte, sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den Ärger zu überwinden.
Jetzt saß der Gelehrte, eingehüllt in einen bequemen, molligen Schlafrock, in seinem von der Sonne durchfluteten geräumigen Studierzimmer, die Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Resultat war sehr günstig. Jetzt oder für lange Zeit, vielleicht für viele Jahre nicht mehr, war es möglich, von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist. Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnähe erreicht und befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition durfte daher nicht mehr lange gesäumt werden; jeder beträchtliche Zeitverlust musste auf das Pinlichste vermieden werden. Wollte man den sich rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausnutzung der gerade bestehenden günstigen Gravitationsverhältnisse, der natürlichen, gesteigerten Anziehungskraft überhaupt erreichen, so musste mit jeder Stunde gerechnet werden.
»Und da müssen gerade in diesem so überaus günstigen Augenblick die beiden Langohre da unten« — Professor Stiller schaute bei diesen Worten von seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt — »einen kleinen Strich durch meine Rechnung machen!« Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem Professor gegen den Kopf.
Da wurde an die Tür den Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und Schnabel. »Lupus in fabula!«, lächelte Professor Stiller vor sich hin, erinnerte sich aber plötzlich, dass er gestern auf dem Wasen die beiden Herren zu sich bestellt habe und zwar für heute auf zwölf Uhr mittags. Ein Blick auf die Uhr bewies die Pünktlichkeit der Besucher. Der Professor erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzuführen.
»Pünktlichkeit ist Höflichkeit!« Mit diesen Worten begrüßte Professor Stiller die Eintretenden. »Nehmt Platz«, fuhr er fort, »und sagt mir sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gerügten Ausstände am ›Weltensegler‹ in Ordnung gebracht werden können; denn nächste Woche müssen wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.«
»Ich wüsste wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den Aufstieg des Luftschiffes hindern könnte«, meckerte Blieder mit seiner blechernen Stimme.
»Was?«, schrie der Professor erbost, »muss ich dir altem Baumeister, dem vor lauter Genialität allerdings nichts einfällt, nochmals das wiederholen, was ich dir gestern tadelnd sagte?«
An Stelle der Antwort begnügte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken.
»In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das könntest du wissen, umso mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte«, entgegnete der Gelehrte.
»Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein...«
»Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die Gondel eingesetzten Spiegelgläser sind hart und spröde, den gewaltigen niederen Temperaturen im Ätherraume gegenüber völlig widerstandslos. Also hinaus mit den Gläsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen, widerstandsfähigen Glimmer. Der hält alle Temperaturen über und unter Null gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen muss die Änderung gemacht sein.«
»Aber wenn...«, begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor unterbrochen.
»Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, dass ich dir in Anbetracht der Kürze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige Sache muss noch korrigiert werden. Du dachtest ferner nicht mehr daran, obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, dass eine Gondel, die während einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum für eine mehrköpfige Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe für allerlei Abfallstoffe haben muss. Wir benötigen ein Paar solcher doppelten, auf das dichteste schließende Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am Boden.«
»Dort wären sie aber am einfachsten anzubringen.«
»Glaube ich«, erwiderte spöttisch lächelnd Professor Stiller, »wir wünschen aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen, wenn irgend möglich, heil und gesund den Mars erreichen.«
»Aber im Innern längs der Gondelwand sind die Provianträume, unter diesen die Akkumulatoren und...«
»So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu dir, Schnabel! Wovon meinst du, dass unsere Expedition unterwegs leben soll?«
»Natürlich von den mitzuführenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen«, antwortete schmunzelnd der mit einem hübschen Bäuchlein ausgestattete, ess- und trinkbare Mathematiker.
»Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was lebt denn sonst noch der Mensch außer von Speise und Trank?«
»Nun, von Luft!«, entgegnete Schnabel etwas gereizt über diese Frage.
»Gewiss! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen sollen. Im Ätherraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hält leider auch nicht lange vor.«
»O zum Kuckuck! Es ist die Anlage für die feste Luft, die ich vergaß anbringen zu lassen.«
»So ist es! Mache deinen Fehler so rasch wie möglich gut. Blieder soll dir dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthält, werde ich dann selbst noch prüfen; denn du wärest imstande, sogar die Füllung zu vergessen. Wie ich dir gestern Mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes direkt auf die Aluminiumschraube übertragen.«
»Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige!«, brummte Schnabel.
»Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch offenkundigen Unsinn zeitigt!«, entgegnete zornig Professor Stiller. »Ich trage die Verantwortung für die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr irgendwie vermehren kann, muss ich energisch zurückweisen, alles dagegen willkommen heißen, was zu ihrer Sicherheit und zum möglichen Gelingen beizutragen vermag.«
»Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan hätten, was du von uns verlangst! Aber natürlich, euch Allerhöchsten von der Universität ist selten etwas recht zu machen.«
»So scheint es wirklich zu sein«, bestätigte seufzend Blieder.
»Darüber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wäre eine höchst zwecklose Sache. Sorgt lieber dafür, dass der ›Weltensegler‹ nächste Woche segelfertig ist. Höchste Zeit dafür ist es, soll die Reise überhaupt gelingen. Seit Tagen schon drängen mich deshalb meine Kollegen in Tübingen, denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben hatte und zwar als längsten Termin. Nun entsteht wieder eine Verzögerung. Die Sache muss rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der allgemeinen Lächerlichkeit, der wir uns aussetzen würden, wenn die Abreise immer von Neuem wieder verschoben wird, laufen wir überhaupt Gefahr, die uns gebotenen günstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausnutzen zu können. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.«
Wie lange wird die Reise dauern?! fragte Schnabel neugierig und bestrebt, der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben.
»Das hängt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir früher fahren können«, entgegnete Professor Stiller. »Die für die Korrektur der gerügten Fehler eingeräumten weiteren vier Tage bedeuten für uns eine höchst unliebsame Verlängerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner Annäherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit jeder Minute. Wie lange unter diesen Umständen die Reise im Ätherraume dauern wird, lässt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir glücklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise außerordentlich rasch vonstatten gehen trotz der kolossalen Distanzen, die wir zurückzulegen haben. Dank der gewaltigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen Strömungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens täglich auf zwei Millionen Kilometer einzuschätzen ist. Immerhin rechne ich auch im günstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht halber nehmen wir aber für drei Monate Proviant mit uns.«
»Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise misslingt, was dann?«, forschte Schnabel.
»Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns gegangen ist und auch nach uns noch gehen wird: Wir sind die Opfer, die Märtyrer der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als wir beschlossen, die kühne Fahrt zu unternehmen. Glücklicherweise sind sämtliche übrigen Teilnehmer gleich mir keine Familienväter, sondern der Mehrzahl nach jüngere Männer, die diesen Schritt in das Ungewisse, Geheimnisvolle wagen, vor ihrem Gewissen verantworten können. Ich persönlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den Triumph der Wissenschaft.«
»Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und unser Neckartal, wo so kühne Pläne vor ihrer Verwirklichung stehen, und kommt ihr einst mit dem ›Weltensegler‹ glücklich wieder zurück, so werdet ihr in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen vor euch geschah«, warf Blieder ein.
»Zuerst müssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir überhaupt an eine Rückkehr denken können«, entgegnete Professor Stiller lächelnd, »Einige Jahre dürfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch außergewöhnliche Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der auf jenem fernen Weltkörper haust. Wie ihr wisst, beweisen uns unsere teleskopischen Beobachtungen, dass es ganz besonders hochstehende Wesen sein müssen, die dort wohnen. Wer weiß, ob sie uns nicht geistig wie körperlich weit überragen.«
»Oder uns gegenüber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmöglich wäre«, bemerkte Schnabel hochmütig. »Auf keinen Fall möchte ich mit.«
»Du bleibst auch besser unten auf der Erde«, entgegnete Professor Stiller. »Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen werde ich auf den Wasen kommen und mich überzeugen, ob die gerügten Anstände in Ordnung gebracht sind. Nächste Woche muss die Abreise des ›Weltenseglers‹ unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet für mich und mein an sich schon aufgeregtes Nervensystem eine fürchterliche Qual. Sie zu vermindern, liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdruss bereitet, macht also, dass ich ohne allzu großen Groll von euch und dieser Erde scheiden kann.«
Mit diesen Worten entließ der Professor seine Besucher.
Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem Cannstatter Wasen in der Werkstätte des »Weltenseglers« herrschte wieder rege Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf den großen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte eine länglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene Gondel. Infolge dieser Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des großen, gewissermaßen wie Mutter und Kind.
Die Länge des Luftschiffes oder Ballons betrug, von einer Spitze zur andern gemessen, zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter.
Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren. Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber doch so, dass auch jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel tragen konnte. Es war so zu sagen ein dreifach übereinander gestülpter Ballon.
Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte Widerstandsfähigkeit und enorme Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt in dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem prozentualem Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium beigegeben war. Diese Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das Geringste einzubüßen. Aus diesem Blech nun wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf das Sorgfältigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen Gase Argonauton gefüllt.
Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh verstorbenen Esslinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Bewunderung der gesamten Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so miteinander verknüpft, dass sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer Glätte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt, dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, wie er aufnahmefähig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas vollständig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht wegen das Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese endlich die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in Tübingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem Überzuge eine einer Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch Anwendung größter äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon repräsentierte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes.
In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, dass auch nach einem etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war, auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbstständiges Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.
Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.
Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze (+1350°), noch durch größte Kälte (—500°) irgendwie in seinem Aggregatzustande beeinflusst oder gar verändert zu werden. Es war zurzeit noch das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der Gelehrtenwelt.
Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem Überzuge aus Weckerle'schem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht worden war. Außerdem trug sie noch eine dicke Isolierschicht aus Asbest. Im Innern aber war die Gondel dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es doch, dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur auf 120 bis 150° Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht. Ihr Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck. An den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel befanden sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den verschiedenartigsten Nahrungsmitteln.
Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate für Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten es möglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem verhältnismäßig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem »Weltensegler« möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer umgesetzten Form als Licht und Wärme nicht nur die Existenz der Gondelbewohner ermöglichen, sondern auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung des Luftschiffes selbst dienen sollten. Für letztere Zwecke waren am Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links, Luftschrauben angebracht, die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Tätigkeit gesetzt werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit dem imprägnierten Weckerle'schen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht einstellbare große, mit Suevitröhren eingefasste Flächen. Dadurch war eine Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch vertikal.
Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im Augenblicke ihres Kontaktes oder der Berührung mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge, ebenfalls nicht allzu viel Raum und Gewicht in Anspruch.
So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Resultate führen konnten. Seit sich der »Weltensegler« im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten zusagenden Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem Selbstgefühl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht allein GroßStuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen das große Los zuteil, allgemein mit Respekt behandelt zu werden. Unter den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und noch Halbwilde, Männer, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon durch Zeitungen und Spezialberichte überall, diesseits wie jenseits der Ozeane, bekannt geworden, dass das große, unerhört kühne Wagnis einer Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes aus zur Ausführung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel mussten daher in die fernsten Winkel des Erdballes getragen werden als die kühnen Schöpfer des kühnen Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Räume des Weltenäthers durchschnitt.
Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des Aufstieges des »Weltenseglers« langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden wurden die Fremden geschätzt, die nach GroßStuttgart geströmt waren, um das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen werden musste. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten enorme Preise für ihre Unterkunft. Wer mit den Goldstücken nicht verschwenderisch um sich werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf besetzt, nein, auch die Häuser von Privaten waren gefüllt. Noch niemals hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom, noch niemals aber auch einen solchen Goldregen erlebt wie in diesen Tagen.
Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich. Überall war ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte so nahe wie möglich an den »Weltensegler« gelangen, an dieses Wunder der Technik, dieses stolze Produkt wissenschaftlicher Berechnung. Alle wollten das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch befühlen und einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen; sollte diese doch für viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben Gelehrten sein, die ohne Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand.
Die Meinungen über das Gelingen oder Misslingen der Expedition waren beim Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, dass das Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte, was die Welt bisher gesehen, und dass die Männer der Expedition an Mut und Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.
So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem nachmittags Punkt vier Uhr der Aufstieg des »Weltenseglers« stattfinden sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am »Weltensegler« beschäftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller gerügten Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der Professor da und dort noch entdeckte, korrigierten die Arbeiter sehr rasch. Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten Arbeiter.
Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt worden war, wurden vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der »Weltensegler« gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit Staunen und lauter Bewunderung den Evolutionen des Luftschiffes folgten. Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts flog der »Weltensegler«, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über Stuttgart hin, kehrte wieder über den Ort des Aufstieges zurück und ließ sich langsam und majestätisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es ausgegangen war.
Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel mehr unterliegen, dass ein wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares Luftschiff wie der »Weltensegler« den höchsten aeronautischen Anforderungen genügen, dass die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem günstigen Resultate führen musste.
Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so lange genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und Schnabel wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen verabschiedete. Gern übersah er deshalb auch, dass Erbauer und Kontrolleur des »Weltenseglers« eigentlich nur die Handlanger bei der Ausführung des Produktes seiner eigenen Geistesarbeit waren, und gönnte ihnen den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos überließ er seine alten Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum, das diese mit Glückwünschen zu dem genialen Bau und der entzückenden Probefahrt des »Weltenseglers« überschüttete.
Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein halb vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von GroßStuttgart zu läuten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des bevorstehenden ernsten und zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem Tale des Nesenbaches heraus wie aus dem des Neckars verkündete der laute, eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem Menschengeist, der sich über den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde das hoffnungslose Sehnen und Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war. Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden, der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, dass die gesamte Welt mit atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine solche Großtat vollbracht werden sollte.
Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die Depeschen der Berichterstatter. Ein großes ambulantes Depeschenbüro war für diesen Zweck in unmittelbarer Nähe des »Weltenseglers« errichtet worden. Auf dem Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs Höchste gestiegen. Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr die Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.
Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten wie Abschied nehmend an dem »Weltensegler« und ließen das gewaltige, kaum sich bewegende Luftschiff wie mit einer Aureole umgeben erscheinen.
Da ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und wurden zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen stieg brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse in ungezählten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten folgende Fächer:
Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,
Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,
Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,
Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,
Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie,
Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie,
Prof. Dr. Fridolin Frommherz, Ethik und Theologie.
In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des »Weltenseglers« zu. Ernst und voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am »Weltensegler« angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete Rednertribüne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste Umgebung zu richten.
»Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Projektes ist Ihnen ja allen bekannt. Heute ist es realisiert insofern, als es uns gelungen ist, ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch — und dies ist der springende Punkt — den Ätherraum selbstständig durchfliegen soll. Alle hier in Frage kommenden, enorm verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen, die vorher erfüllt werden mussten, um unsere Reise nach dem Mars zu ermöglichen, will ich nicht weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu weit führen. Aber für meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde des Abschiedes laut und offen zu erklären, dass möglicherweise unsere Reise von manchen Faktoren ungünstig beeinflusst, durch diese ›Unbekannten‹, die wir hier auf unserem Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann. Diese Erkenntnis schützt uns vor Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklärung ist es, der uns unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen Forschung stellen lässt.
Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine Rührung). Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber ebenso gut ist es möglich, dass wir Ihnen einmal später von den Wundern einer andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr Erscheinen hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.«
Beifallssalven ertönten, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte und nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel stiegen. Professor Stiller war der Letzte, der die Strickleiter zur Gondel hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schloss sich die kleine Tür. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Kappen der Taue. Der »Weltensegler« hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der mächtige Ballon, größer und größer die Entfernung zwischen ihm und der Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurückgebliebenen, die sich schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach zerstreuten.
Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des »Weltenseglers«, in dem glänzend erleuchteten, prachtvoll dekorierten Kasino am Cannstatter Sulzerrain, dem sogenannten alten Kursaal, ein prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten Leuchten ihrer Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren über die gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines getrunken und den Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja immer dabei, wenn es gilt die Verdienste anderer zu schmälern.
Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger Lorbeerkranz gepresst wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, dass Herr Architekt Adolf Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei dem kühnen Bau des »Weltenseglers« aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt seien. Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des Stuttgarter Stadtmarsches schloss die erhebende Feier erst um die mitternächtliche Stunde.
Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des »Weltenseglers«. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der Erdatmosphäre. Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der Gondel fühlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor, zunächst einen bescheidenen Abendimbiss einzunehmen, wohl den letzten in der Nähe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige Billigung. Die Herren ließen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch- und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hieß der mitgenommene gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten keine Abstinenzler waren.
Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten zugewandt. Diese zeigten an, dass die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei, mithin der Eintritt in den unermesslichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol gefüllten Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42° unter Null an, und die Barometer registrierten eine Höhe von 19 950 Meter. In der Gondel wurden die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, dass jeder der Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art war für den Einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für gewisse Zeit allein zu übernehmen.
Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume vorüber. Unterdessen war der Ballon rapid gestiegen. Morgens um 7 Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90 723 Meter erreicht. Die Thermometer an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte von 120°. Tiefe Dunkelheit umgab den »Weltensegler«. Kein einziger Sonnenstrahl fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend. Gegen Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die kolossale Entfernung von 220 000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so musste der »Weltensegler« im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis dahin, um 90° nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden würde.
Mit der Annäherung an den Mond erhielt der »Weltensegler« dann wieder das Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des sie umgebenden Weltraumes wie eine allzu lange Nacht. Sie begannen sich darüber zu äußern.
»Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne, und empfinden sofort deren Mangel«, sprach Professor Dubelmeier.
»Das ist wohl wahr«, bestätigte Fridolin Frommherz, »alles Licht, auch das unserer Seelen, kommt von oben.«
»Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber«, ergänzte Professor Hämmerle.
»Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen, und wer weiß, ob dies nicht sehr gut ist«, entgegnete Frommherz.
»Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings um sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für längere Zeit«, warf Professor Stiller ein.
Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der »Weltensegler« begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen. Das Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel.
»Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?« Diese Fragen kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten.
»Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde, liebe Freunde«, besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen Gefährten. »Es scheint, dass wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom des Mondes gelangt sind, auf den der ›Weltensegler‹ mit seiner eigenen elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches Erzittern«, fuhr Herr Stiller fort. »Nun seht, er beruhigt sich und treibt wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts, ein Beweis für die Richtigkeit meiner Vermutungen.« Mit diesen Worten trat Stiller von seinem Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen.
Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die Insassen der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke von 4500 Kilometern.
»Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?«, fragte Professor Piller den Kollegen.
»Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen Berechnungen erwartet hatte.«
»Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen, macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt alles, selbst die kühnste Rechnung«, warf Brummhuber ein.
»Sie übersehen dabei die ungeheuren Distanzen, die wir zurückzulegen haben, um unser Ziel zu erreichen«, entgegnete Professor Stiller. »Doch ich hoffe, dass es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst«, fügte er etwas gezwungen lächelnd hinzu, »mit allzu großer Verspätung auf dem Mars an.«
»Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle«, antwortete Thudium.
Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch — Hilfe...
So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise. Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Distanz 324 000 Kilometer. Die Geschwindigkeit des »Weltenseglers« hatte also doch etwas zugenommen, dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin abgegebenen elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden. Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach musste der »Weltensegler« noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes gelangen.
Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand des Ballons zu ergründen. Staunende Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten Augenblick so lähmend auf die Insassen der Gondel, dass sie minutenlang wie gebannt in stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute Begeisterung Bahn.
»Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der Mond, der Mond!«, so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft zerrissene, wild zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten von wunderbarer, ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten Tausende von Metern tiefe Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater schob sich zwischen die Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger Vulkane umkränzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend höher als das außerhalb der Wälle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort kegelförmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig schönen Schattenbildern, überhaupt der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so völlig verschieden von dem, was die Herren von der Erde her kannten, dass sie einen Vergleich damit absolut nicht zu ziehen vermochten.
Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom, kein wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen, dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung desjenigen Teiles des Mondes hingeben können, der von der Gondel aus sichtbar war. Der »Weltensegler« fing an langsam zu fallen.
»Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm erfrieren«, rief Professor Stiller. »Wir müssen also schleunigst aus seiner wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den Weltäther.«
Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel der Schraube drehten sich, und der »Weltensegler« entfernte sich schneller und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde.
Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, dass nach Kreuzung der Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der »Weltensegler« bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der Erde noch am meisten genähert hatte. Diese Erdnähe musste begreiflicherweise die natürliche, auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, dass, wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn beispielsweise der »Weltensegler« darstellte, in den Bereich dieser Anziehung gelangte, er in dem Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand als der Erde.
Von der Erde war nun der »Weltensegler« jetzt genau — nach Passage der Mondbahn — 386 492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel unterliegen, dass der »Weltensegler« bereits unter der Anziehungskraft des Mars stand, die Stiller'sche Rechnung somit stimmte, denn der Ballon flog mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen Richtung weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft der Sonne konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der »Weltensegler« befand sich auf dem richtigen und direkten Wege zu seinem Ziele.
Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu schützen.
Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite, aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer wollte der Flug des »Weltenseglers« kein Ende nehmen.
Eines Tages — es war in der vierten Woche der Reise — begann die Stille des Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen.
»Was ist denn los?«, fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller.
»Ich kann es mir nicht erklären«, entgegnete dieser. »Weder unsere Uhren noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden Rasselns sein. Und doch muss diese hier innen zu suchen sein, da der Weltäther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.«
Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr und mehr verstärkenden Lärmes.
»Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos. Aber halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst, die den Schall überträgt, dessen Ursache draußen im Weltraume liegen muss.«
»Dann ist es vielleicht irgend ein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt sind«, warf Professor Hämmerle besorgt ein.
In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären.
»Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!«, brüllte Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln erstarb seine Stimme.
Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die sieben Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen unmöglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang, schlossen die Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder Versuch, sie zu öffnen, erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den Universitätsferien stets bei sich trug und die er wohlverpackt in einem Futterale mitgenommen und in irgend eine Tasche seines Rockes gesteckt haben musste. Vorsichtig tatstete er den Rock von außen ab. Richtig, da fühlte er einen länglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht. Geschützt durch die dunkeln Gläser, vermochte er nun seine Augen zu öffnen. Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Männer.
Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermesslichen Weltraum. Aber welch grandioses Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem Naturschauspiele da draußen völlig gefangen genommen.
Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da musste sofort Professor Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte durch ihn noch eine dem »Weltensegler« drohende Gefahr abgewendet werden. Professor Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern herab, trat dann auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase und rüttelte ihn aus seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich wiedergekehrtes Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille seines Freundes und folgte dessen stummer Pantomime. Er zog die Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen, versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen Rasselns, der Erscheinung überhaupt klar. Der »Weltensegler« war auf seiner Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch den Weltäther dahinsausenden Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine direkte Gefahr für den »Weltensegler« war bei der immerhin noch großen Entfernung und der ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens nicht für die nächsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der einzigartigen Erscheinung, verließ Herr Stiller das Fenster.
Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so dass jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach abzunehmen begann.
Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille.
»An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, dass ich auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel an Verlass auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen Dienst geleistet.«
»Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf die Idee, eine Gletscherbrille in den Luftballon mitzunehmen?«, fragte Professor Piller neugierig.
Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, dass er sich nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er in der stillen Hoffnung, solche auch auf dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine Gletscherbrille eingesteckt.
»Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe ich nichts!«, forschte Professor Brummhuber.
»Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in Tübingen gelassen«, antwortete Herr Dubelmeier.
»Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet«, lachte Professor Stiller. »Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.«
Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber auf die Vorwärtsbewegung des »Weltenseglers« selbst ungünstig eingewirkt. Bei genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller mit Schrecken, dass sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der »Weltensegler« wieder in die frühere Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine unliebsame Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter Umständen noch recht fatale Nachwirkungen haben konnte.
An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen und geistigen Wohlbefindens, war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile, der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen, eingeschlossenen Raume fing an zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der Mangel an körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung.
Alle allgemein wie speziell interessierenden wissenschaftlichen Themen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so vielseitig und so oft besprochen worden, dass sie längst ihren Reiz verloren hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre Pelzmäntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor Kurzem noch so heiter und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweiten Male eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten, warmen Imbiss oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht, was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing, herumwälzten.
Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja berauschend, die gesunden klaren Sinne benebelnd, war sie ihnen zuerst erschienen, wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen, schmalen Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in ihrer Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten Zeit der Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz ausgezeichneter Esslust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwünschte im Stillen sich, seine Genossen, den »Weltensegler«, das ganze Universum, besonders aber den Verführer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in Tübingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem Stammtisch im »Bären«, im »Walfisch«, in der »Krone«, in der »Wolfsschlucht« und in andern, ach, so trauten, anheimelnden Räumen der alten Universitätsstadt in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke gesessen, so erfüllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise überhaupt unternommen zu haben.
»Hol' der Teufel den Mars!«, kam es einmal laut über die Lippen von Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte.
»Das wollen wir nicht wünschen«, erwiderte in etwas herbem Tone Herr Stiller. »Dass die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren. Solche Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde!, heißt es für uns.«
»Wahr gesprochen!«, bestätigte Bombastus Brummhuber. »Aber schließlich muss auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.«
»So warten Sie doch erst ab, was kommt!«, rief Professor Stiller zornig.
»Aber sie sagten doch, dass die Reise nicht länger als einige Wochen dauern werde«, warf Frommherz ein, »und nun ist diese Zeit herum und...«
»Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz«, unterbrach Stiller den Gelehrten. »Im Übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe darüber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren Wochen im allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch, dass die Reise sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend nötig.«
»Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!«, tönte es von verschiedenen Seiten.
»Nun, ich denke, dass es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen wollte: Wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft alle Anforderungen stellt.«
»Wie groß ist die Distanz noch?«
»Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!«
»Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!«, stöhnte Professor Dubelmeier.
»Wie soll das enden!«, seufzte Frommherz.
»Hoffen wir gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen«, spottete Professor Stiller, dem nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.
Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten, schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer strengen Selbstkritik zu unterziehen.
Mehr als einmal schon hatte er es im Stillen verwünscht, diese Reise nicht allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine direkten Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm nur allzu deutlich, dass das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen ließen wie im Anfange.
Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig langsame Flug des »Weltenseglers«. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet, dass der Ballon, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde, und nun musste er sich eingestehen, dass er sich hierin ganz gehörig getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: Die Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und mussten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen.
Um das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs hatte er sich über ihre Esslust gefreut, in dem sichern Bewusstsein, der »Weltensegler« werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen auch noch die Sorge um die Ernährung.
Wohl oder übel musste schon jetzt, von heute ab eine Reduktion in der Abgabe der täglichen Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu erschreckende Lücken auf.
So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster, in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte. Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte, seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Reduzierung ihrer täglichen Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen, ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar.
»Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der Vorwärtsbewegung des »Weltenseglers« sich verdoppeln möchte, dann wäre ich mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!«, dachte Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der »Weltensegler« bewegte sich gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des Geschwindigkeitsmessers durch den Professor.
»Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen — wahrhaftig, wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten! Was nützt es schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung das bisschen Freude zu verderben, das ihnen der Genuss von Speise und Trank noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum!« Zu diesem Entschluss kämpfte sich nach langem, trübem Sinnen der Professor endlich durch.
Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert, der früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen worden war. Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft bemächtigt, und benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen.
»Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten«, äußerte sich eines Tages Professor Fridolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren kopfnickend bei.
Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des »Weltenseglers« erschienen ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als höchst überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise nachzusinnen.
»Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges und einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheim fällt. War ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich?«, fragte Professor Stiller sich. »Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem Verlust eines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit allerdings wertvoll war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt wurde?«
Die großartige Idee dieser Reise, der ingeniöse Bau des »Weltenseglers«, der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der Möglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll Mut und Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren. Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da? Eine Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art des Unterganges seiner würdig: Sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und seiner Gefährten Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume verschollen waren, für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte und der Wissenschaft als kühne, wenn auch unglückliche »Weltensegler« eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost, und zwar ein großer, stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von Neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen, mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmählich über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken und überlegen. Zunächst begann er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das Sorgfältigste festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des »Weltenseglers« vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den »Weltensegler« konnte von diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloss, einen Teil der gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieses Experiment, wie Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: Es verringerte den für die Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben, nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, dass die Opferung eines großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige Möglichkeit der Rettung des Lebens sowie das Gelingen der Expedition in sich schließe. Es war ein VabanqueSpiel, aber es musste unter diesen Verhältnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl.
Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm, nahezu gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft.
»Stiller, was machen Sie da?«, fragte man den Professor aus den verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen.
»Ich arbeite an unserer Rettung«, entgegnete kurz der Gefragte.
»Fürwahr, ein löbliches Werk!«, bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme.
»Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!«, bat Professor Dubelmeier.
»Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine Auseinandersetzungen müsste ich mit so vielen Zahlen belegen, dass Ihnen der Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer Schonung.«
»Stiller hat recht!«, entschied Professor Piller. »Reichen Sie mir lieber aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines. Ich will wieder Lethe trinken, Lethe.«
»Piller, Sie trinken entschieden zu viel«, mahnte Dubelmeier, entsprach aber doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten »Zuckerle« hinüberreichte. »Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.«
»Meinetwegen!«, gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. »So, das hat geschmeckt. Es geht eben doch nichts über einen guten Tropfen«, brummte Piller. »Und nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind ebenfalls nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut's freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise mobil zu erhalten.« Nach diesen Worten schloss Professor Piller wieder die Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in den alten lethargischen Zustand zurück.
Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Experimentes beobachtet. Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung der Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, — da trat ein neues Ereignis ein.
»Was, Teufel, ist denn wieder los?«, fragte Piller, plötzlich aus seiner Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in der Gondel hören ließ.
»Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer mit sich führt«, warf der bergkundige Dubelmeier ein.
Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf. Erregt sprang Professor Stiller auf.
»Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so ist ein kosmischer Regen im Anzuge.«
Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite kommender, kurzer, prasselnder Regen ging über den »Weltensegler«, mehr noch über die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet, als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare Erschütterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz getroffen, der nun stöhnend und blutüberströmt auf dem Boden der Gondel lag.
Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden, dass eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit hörte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten, ruhigen Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor Stiller konnte annehmen, dass der » Weltensegler« auch aus dieser Gefahr unerwartet glücklich hervorgegangen sei.
Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, dass die Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte.
»Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz«, spottete Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte.
»O Himmel, das fehlte gerade noch!«, stöhnte der Verwundete, als Piller die Nadel durch die Wundränder stieß. »Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl für mein Leiden?«
»Bah«, entgegnete Herr Piller trocken, »Unmensch hin, Unmensch her! Danken Sie Ihrem Schöpfer, dass Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen sind. Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser länglich rote Streifen.«
»Was wird man dann von mir denken?«
»Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser getränkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die Sache hat ein Ende.«
»Ach, wäre es nur erst vorüber!«
»Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal aber muss diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so«, brummte der Medizinmann unmutig in den Bart.
Das Schlimme war, dass der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar, funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses fatale Ereignis zog einen bösen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert. An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung. Diese aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor.
Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, dass trotz der geringen Esslust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten musste. Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in Schrecken erregender Weise ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für wenige Tage Licht und Wärme erhalten, so musste sofort mit der Abgabe der elektrischen Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren Herzens stellte daher der Gelehrte die Kommunikation nach außen hin ab.
Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische Licht in der Gondel fing an schwächer zu werden, eine empfindliche Kälte, die sich trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ, machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand hatte sich aller Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art von Bewusstlosigkeit überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß. Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu überschlagen. Die armen Männer in der Gondel flogen übereinander, schlugen gegenseitig aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen.
Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange entbehrte Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich alle Lethargie von ihnen gewichen.
Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert über eine mögliche Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache des Zusammenstoßes des »Weltenseglers« mit einem andern, fremden Körper zu erforschen; denn dass ein solcher stattgefunden haben musste, war dem Gelehrten sofort klar.
»Hurra! Hurra!«, rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen Gefährten zu. »Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond Phobos, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe, vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab, da unten, da unten liegt der Mars. Gerettet, ge...« Professor Stiller fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn.
Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den Bewusstlosen dem Leben zurückzugeben.
»Wo sind wir?«, fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer Stimme.
»Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und noch nicht auf festem Boden«, antwortete Professor Piller.
»So müssen wir die Ventile öffnen und den »Weltensegler« langsam und vorsichtig zum Fallen bringen«, entschied Stiller.
»Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen übernehmen zu können?«
»Es muss einfach sein!« Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des Ballons zu orientieren.
Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom »Weltensegler« entfernt, hob sich scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine dunkelgrüne, subtropische Vegetation umrahmte den Flusslauf. Dazwischen eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute Felder und Gärten. Eigenartige, von Weitem blendend weiß erscheinende Bauten bewiesen die Nähe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die kühnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfasst hatte, machte hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt hatte, von ihrer Gondel auf die märchenhaft schöne Landschaft hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge näher kamen.
Vom Mars aus — denn er war es wirklich — hatte man den Ballon schon längst bemerkt. Als er sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff niederging. Der »Weltensegler« hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um den Ballon festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast, aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors entsprochen worden. Nun lag der Ballon fest und sicher vor Anker.
Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen Schwabenlande stiegen nach einander an ihr herab, um als die ersten Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins, unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als sie nach so vielen Wochen zum ersten Mal wieder festen Boden unter ihren Füßen spürten. Ja sie mussten sich selbst erst überzeugen, ob es wirkliche Erde sei, auf der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden, um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend, abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des Glückes, der reinsten Freude liefen den hartgeprüften Männern über die bärtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren.
»Donnerwetter, wie sehen wir aus!«, rief voll Entsetzen Professor Piller, als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete.
Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne betrachteten.
»Sauberer, größer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten wir am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen sein?«, bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt und die Brille auf die Nase gesetzt hatte.
»Warum das?«, fragte Professor Dubelmeier.
»Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese prachtvollen Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken Gewänder!«
»Der Vergleich hat entschieden viel für sich«, antwortete Professor Stiller, »aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem Mars; diese Tatsache schon mag Sie aus Ihrer Illusion reißen, lieber Hämmerle.«
Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde.
»Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn das sie das sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.« Mit diesen Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgend ein Zeichen des Erstaunens an sich herankommen ließen.
»Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?« Diese etwas banale Frage richtete er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht begriffen zu haben.
»Die können nicht Deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von vornherein selbst sagen müssen, Stiller«, warf Professor Hämmerle tadelnd ein.
»Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle. Vielleicht gelingt es Ihnen mit Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit den Leuten hier eine Verständigung möglich ist.«
Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: »Freunde, wir grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen sind, um euch zu besuchen.« Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und dasselbe Lächeln als Antwort.
»Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint«, sprach Hämmerle, ärgerlich geworden über die Resultatlosigkeit seiner ersten Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele.
»Das fängt gut an!«, murrte Professor Brummhuber.
»Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen«, bemerkte Thudium.
»Wahr gesprochen!«, bestätigte Frommherz.
»Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?«, rief Dubelmeier.
Ein älterer Mann von imponierender Gestalt, mit weißem Haar und Bart, ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine übrigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle mit purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen edlen Körper ein. Um die Hüften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den nackten Füßen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht machten ihm seine Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande erkannten daraus sofort, dass ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer Stellung entgegentrat.
Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine Blicke über den »Weltensegler« gleiten, dann richteten sich seine klaren, dunkelblauen Augen, aus denen ebenso viel Geist wie Herzensgüte sprach, auf die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er hin und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen durch eine freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen.
Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen. Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an, die beim Niedergange des »Weltenseglers« so bereitwillig hilfreiche Hand geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend und einer Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen an all dem Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande bestreuten, mit prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefassten schattigen Pfad. Dieser führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die von einander getrennt und von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe nach zu urteilen, schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben.
Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen hatten. Rosen, lilien, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde Vögel ließen von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen.
»Ein Paradies, in das wir gelangt sind«, sprach Professor Stiller leise zu dem neben ihm schreitenden Professor Piller. »Ich muss meinen Gefühlen Luft machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch ein Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?«
»Na, na!«, entgegnete Piller trocken. »Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf dem Mars gar nicht übel. Im Übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag. Wussten Sie das nicht, Stiller?«
»Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig. Woher aber wissen Sie das?«
»Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr in der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig außer den üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage. Wir haben heute Sonntag, den 7. März.«
»Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch weiter schirmend und schützend umgeben!«, rief Professor Stiller.
»Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk, das frischt die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als Ihre Siebenzahl. Wir haben in unsrer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und an einen richtigen Herd zu gelangen.«
»O, Sie ewig Prosaischer!«, erwiderte lächelnd Professor Stiller. »Hungern und dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den Früchten da drüben!«
Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung. »Donnerwetter!«, entfuhr es seinen Lippen. »Sollen diese kolossalen Beeren, die da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?«
»Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.«
»Dann leb' wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!«, rief Herr Piller so laut, dass ihn die andern Kollegen hörten. »Leb' wohl, Zuckerle, denn den Tropfen, den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren presst, der muss ja einem wie flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu freudigstem Lebensgenuss erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.«
»Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden«, flötete Frommherz.
»Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt«, antwortete Piller.
Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mussten sie sich überzeugen, dass die Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten, nichts anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus weißen, sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe, säulengetragene Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und von der Vorliebe der Bewohner für frische Luft und für freie und uneingeengte Räume Zeugnis ablegten. Für das warme Klima waren solche offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen führten zu ihnen empor und dienten blühenden Kindern, die nur mit einem hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel um die Lenden festgehaltenen Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich stimmungsvoll zwischen den Bögen der Hallen ab. Alles atmete ruhige Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die Reisenden.
Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistöckigen, palastartigen Gebäude, das rings von üppigster Vegetation umgeben war und in seiner Pracht einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das dieser den Fremdlingen zur ausschließlichen Benutzung anwies. Auf breiten Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen, offenen, großen Hof, in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein Wasser rauschen ließ. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren Türen auf den Hof hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein von vier Meter Länge. Sie führte zu einem Absatze mit einem großen Fenster. Von diesem Absatze führten weitere zwanzig Stufen in den oberen, geschlossenen Korridor, der durch große Fenster erhellt wurde und mit einer prächtigen Kassettendecke geschmückt war. Vom Korridor aus gelangte man in eine Reihe von Prunkgemächern, an die sich Schlafkabinette und Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit.
Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach mit den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen Gästen durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen. Darauf verließ er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine Kleider und Sandalen, ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade.
»Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird«, sprach Piller lachend zu Professor Stiller. »Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht nüchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, dass alles, was ich hier bis jetzt erlebt und gesehen habe, nichts anderes als ein tolles Spiel meiner Phantasie ist.«
»Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht, im Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken. Wahrscheinlich wird für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars.«
»Mit Speise und Trank«, ergänzte Piller den Freund. »Jawohl, Stiller, wenn Sie Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und fest auf seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem Mars. Also bis nachher!« Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem Badezimmer. Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und plätscherten wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser ihrer geräumigen marmornen Badewanne.
Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen, luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug farbenprächtige Gemälde in Medaillonform, die Fenster wiesen edle Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den Tisch.
»Das nenne ich fürstliche Pracht«, rief entzückt Frommherz, nachdem er im Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. »Hier, Freunde, wollen wir uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem Paradiese nahe!«
»Nun, Sie scheinen mir ganz in Ekstase geraten zu sein«, meinte lächelnd Hämmerle.
»Lassen wir unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das Essen gespannt«, sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne Piller. »Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande des Neckars.«
»Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin«, entschied Brummhuber, als Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern Kollegen niederlassen wollte.
»Natürlich!«, pflichtete Professor Piller bei. »Ehre, wem Ehre gebührt! Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor.« Mit diesen Worten goss er sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein und hielt ihn prüfend an die Nase.
»Hm... hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel... hat feines Bouquet.« Vorsichtig nahm er einen Schluck.
»Es ist Wein, tatsächlich Wein, und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder«, entschied Piller, nachdem er getrunken. »Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein Zuckerle ist entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen.«
»Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, dass Sie überhaupt etwas zu trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem fernen Mars gekommen!«, warf Professor Dubelmeier ein. »Ihr ewiger Durst und ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten auf der Erde festhalten sollen.«
»Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!«, rief Piller voll Grimm. »Was verstehen Sie denn von...«
Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich. »Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehendem Mahle. Weihen wir unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie Ihre Pokale und tun Sie mir Bescheid!«
»So, das lass ich mir gefallen«, brummte Piller, »Stiller ist wirklich ein vernünftiger Knabe.«
»Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!« Nach dem Beispiele des Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände. und herein traten sieben Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren langten tüchtig zu. Alle waren darüber des Lobes voll, dass die Fischspeise ausgezeichnet geschmeckt habe.
Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft zubereitete Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk.
Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und stand auf.
»Silentium, meine Herren!« Die laute, anregende Unterhaltung der Herren verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. »Meine lieben Freunde und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht«, hub Piller an, wurde aber plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her zuerst unendlich zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in mächtige Akkorde übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und schön, dass die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren Plätzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Geräusch die ergreifenden Töne zu stören, die mit ihren Klängen aus der Gegenwart emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten Freude. Leise, einem Flüstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde.
»So empfängt uns der Mars!«, rief in heller Begeisterung Professor Stiller, als die Musik geendet hatte. »Kann es einen schöneren und zugleich erhebenderen Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche Saitenspiel?«
»Nein, gewiss nicht!«, erwiderten die Gefährten einstimmig und voll Enthusiasmus. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten.
»Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben«, foppte Dubelmeier den Freund.
»Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der eben gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, dass ich auf Ihre Provokationen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie — Sie unverbesserlicher Wasserphilister.«
Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde ihres Herzens trotz aller Reibereien sehr zugetan waren.
Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste, ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, respektvoll vor ihm standen. Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie diesen Morgen gekommen waren.
»Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen sind«, bemerkte besorgt Professor Frommherz.
»Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen«, erwiderte Professor Stiller. »In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen worden.«
Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der »Weltensegler« kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu verstehen, dass sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr verschiedene Dinge herab, die den Erdenmenschen gehörten. Nun begriffen diese den Greis.
»Sehen Sie, dass ich recht hatte?« Mit diesen Worten wandte sich Stiller an seinen Kollegen Frommherz. »Man kommt doch nicht von der Erde zu so freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein scheinen, um gleich wieder Kehrt machen zu müssen. Übrigens könnten wir in unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht denken.«
»Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!«, antwortete Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.
Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klar zu machen. Aber der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum ersten Mal erblickte.
»Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte, und zwar in nächster Nähe!«, rief Stiller erfreut. »Freunde, da müssen wir noch heute Abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.«
Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des Mars, auf diesen selbst, endlich auf den Ballon. Ein lauter Ton des Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller vollkommen verstanden und reichte ihm zum ersten Mal mit Worten, die wie ein herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm drückte.
Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden, die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu schwelgen.
Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen gebotenen kulinarischen Genüsse wollten sich die Herren gerade von der Tafel erheben, als sie eine neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, dass sie ihre große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus den Augen.
»Darauf muss ich noch einen Schluck nehmen«, erklärte Piller, seinen Pokal füllend. »Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun Sie mir lieber Bescheid!«
»Bewahre mich der Himmel davor, diesen hohen Augenblick durch Alkohol zu entweihen!«
»Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!«, erwiderte Piller gegen seine sonstige Gewohnheit milde.
Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem Spaziergang zu benutzen und die Gegend etwas näher kennen zu lernen, die voraussichtlich längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem Spaziergange wurde es ihnen mehr und mehr klar, dass ihr Luftschiff in der Nähe einer viel größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt hatten. Es musste eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich standen, dass hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein müsse.
In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt antrafen. Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen auf der Erde ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten, erschien ein gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut musste hier unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu peinliche Sauberkeit.
Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute in der Frühe des Tages vom Ballon aus gesehen hatten. Es musste einer der berühmten Marskanäle sein; denn so weit sie sehen konnten, war der Strom kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches Meisterwerk, führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: Auch die klaren, hellgrünen Gewässer des mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf ihrem Rücken eine Menge elegant gebauter Schiffe.
An der Brücke lag ein Schiff, auf dem einige Männer Platten verschieden gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften, und zwar mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend wirkte. Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte verfügen, eine Art Athleten sein?
»Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal genauer hin!« Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. »Es ist mir heute früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein dürfte«, fuhr Piller fort.
Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und versuchte, eine der Steinplatten zu heben.
»Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine andere Art von Stein sein als bei uns?«, rief er fragend seinen Gefährten zu. Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine.
»Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn und die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!«, entgegnete Piller nach eingehender Prüfung.
»Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Granit, oder ich müsste geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen«, warf Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte.
»Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!«, entschied Piller.
»Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so leicht zu heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht die Ursache, Stiller?«
»Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des Mars, die nur 0,7 von der der Erde beträgt«, antwortete Herr Stiller.
»Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen«, fügte Thudium bei. »Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.«
»So ging es auch mir«, bestätigte Stiller.
»Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?«, forschte Frommherz. »In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger hier oben als unten.«
»Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von mäßiger Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so verwendbar, dass wir zu absolut sichern Vergleichen und Schlüssen kommen könnten«, entgegnete Stiller.
»Sei dem wie ihm wolle. Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklären: Anpassung der Lungen an die äußeren Lebensbedingungen. So werden sich auch in derselben einfachen Weise auch andere Eigentümlichkeiten der Marsleute erklären lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden«, erwiderte Piller, sich in Marsch setzend, während die übrigen Herren seinem Beispiele folgten.
»A propos, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen Augen unserer Marsmenschen bewundert?«, fragte Piller im Weiterschreiten.
»Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der Seele bei unsern Marsleuten hervor.«
»Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in dieser vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus- und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.«
»Nicht wahr?«, rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung. »Körperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die Marsbewohner zu sein.«
»Für diese Gegend wenigstens scheint ihr Urteil zu stimmen nach dem, was wir heute erfahren haben«, erwiderte Stiller.
Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten, um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch unterwegs, als die Nacht ihre dunkeln Schwingen über die Landschaft auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend.
»Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet«, erklärte Professor Stiller seinen Gefährten. »Wenige Augenblicke nur, und Sie werden den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in direkte Berührung gekommen sind.«
Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen. »Welch prachtvolles Schauspiel!«, rief voll Entzücken Stiller. »Wahrlich, die Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch gleich zwei Himmelsleuchten.«
»Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!«, entgegnete Piller, einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte.
»Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlass für Sie zu trinken, Piller«, spottete Dubelmeier.
»Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel Bewunderungswürdiges zu geben, dass die Anlässe zum Trinken sich denn doch zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten griechischen Weisen: Nichts zu viel!«
Dubelmeier lachte laut auf.
»Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst lieber diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.«
»Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten unser Trabant«, bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend.
»Nur Täuschung, mein Lieber!«, erklärte Stiller. »Die Monde des Mars sind beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend näher am Hauptplaneten, als dies bei unserem Monde der Fall ist. Phobos hier ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos sogar nicht mehr als etwa 23 520 Kilometer entfernt. Daher kommt es, dass diese Trabanten des Mars so übermäßig groß erscheinen.«
Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe Gestalt des Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das lange, wallende weiße Haar noch silberner, glänzender.
»Sieht er nicht aus, wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?«, fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz.
»Wahrhaftig, Sie haben recht!«, entgegnete dieser. »Nennen wir unsern Alten, dessen Name uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung passt famos auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden Schutz genommen.«
Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne nach dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch eine Art von Wald voll großer, wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen, glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft unter den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung begriffener Sternchen. Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken führten, kreuzten oft den Weg.
Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch genommen. Das in Form einer Rotunde angelegte Gebäude trug in seinem Erdgeschoss eine Reihe Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite Stufen führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige Männer bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch musste mit ihnen bereits Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein, ihre Plätze einzunehmen.
Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu, prüfte es kurz und gestand sich, dass dessen Linsen an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser Beziehung überhaupt bis jetzt kennen gelernt hatte. Welch eine Summe von Intelligenz musste auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen ermöglichte!
Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da funkelnd im unermesslichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der auffallenden Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin sorgfältig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank den unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts ließen sich sogar die Umrisse der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da — ja, jetzt hatte er es — was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, musste die Heimat, musste dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein.
Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung.
»Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art! Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die Heimat«, rief Hämmerle begeistert.
»Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich«, äußerte Thudium.
»So ist es auch«, bestätigte Piller.
Die Astronomen vom Mars und der Patriarch warfen nun ebenfalls nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wussten ja schon, woher die sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes leicht schließen, dass dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse.
»Es ist jammerschade, dass wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei heraus!«, sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede das Observatorium verließen.
»Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die conditio sine qua non für uns und unsere Forscherzwecke«, antwortete Hämmerle.
»Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!«, erwiderte Piller, und auch die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe.
Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand, zog der große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und einzig in seiner Art, dass die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und genossen in vollen Zügen die Wunder einer Marsnacht.
Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in angenehmem Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden waren aufs Eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf brachten sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den Schlüssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr langsam und mühsam von statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die große Mühe wieder, die sie für ihr Studium aufwenden mussten.
Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich doch unschwer davon überzeugen, dass die Bewohner des Mars eine ganz bedeutende Höhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Produkt einer jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte.
In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts schritten, wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder Beziehung so hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die Überzeugung auf, dass die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gäste sie waren, in idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde nur die Besten und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten.
Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn überall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles atmende Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den Stempel vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos musste eine weise Regierung dieses große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das Geringste wahrnahmen.
Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten, seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung musste aber immer wieder verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf hinaus, dass man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man sich ein abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag eben alles anders als auf der Erde.
Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich wohl, so wohl, dass sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber. Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe, alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft wurde ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, dass sie die Empfindung von etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zum frohen Genusse förmlich einlud.
Auch der »Weltensegler« hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden. Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der der Ballon niedergegangen war. In dieser Halle war das Luftschiff untergebracht worden. Die verschiedenen großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, dass Herr Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem Mars so viel Wissen und Können offenbarten, wie es die schwierigen Reparaturen des »Weltenseglers« erforderten, um wie viel verblüffender mussten die Resultate der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verführerisches, dass Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefährten den näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen, bringen sollte.
Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen könnten, beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar, dass sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie beschlossen daher, sich später in irgend einer Weise, jeder nach seinem Berufe, den Marsiten nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie werde sich möglicherweise eines Tages von selbst ergeben.
Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie feststellen, dass ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der 15° nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die gemäßigte Zone des Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum fünfunddreißigsten Breitengrade. Über diesen Grad hinaus begann die kühle Region. Während diese nur spärlich und nur von einer bestimmten Klasse von Marsbewohnern bevölkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fünfunddreißig Breitengrade nördlich und südlich vom Äquator. Es war also ein verhältnismäßig kleiner Raum des Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er genügte aber vollständig, um der auf nur zweihundertfünfzig Millionen geschätzten Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren.
Dass diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur Gewissheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen.
Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der diesen Planeten umschloss, im Allgemeinen weniger Wasserdampf oder Feuchtigkeit als die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige Luft, die die fernsten Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief dunkelblauer Himmel waren die natürlichen Folgen dieser Tatsache, gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es in den herrlich kühlen Nächten so reichlich, dass dadurch die Vegetation in schönster Frische erhalten wurde, aber dieser wässerige Niederschlag allein genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzenwelt an Wasser. So waren die Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natürlichen Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten enormen Eismassen nach allen Richtungen hin leiteten.
Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den Gemeinsinn der Marsbewohner.
Die Regulierung des Wassers war genau dem Bedarf und der Jahreszeit angepasst. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die sich überall abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die Folge davon war jene üppige, prachtvolle Vegetation, die die Schwaben immer und immer wieder bewundern mussten. Dazu kam das völlige Fehlen wilder Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in das die Erdensöhne geraten waren und auf das die Worte Homers trefflich passten:
Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt:
Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen,
Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen
Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.
Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner unter einander. Kein Wunder daher, dass sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte. Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden Schiffe verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine. Sämtliche Fahrzeuge, mochten sie nun für den Personen- oder Lastentransport bestimmt sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise.
Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und elegant eingerichteten Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur flüchtig kennen gelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das verstärkte nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung, sich in einem großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der Zonen überall gleichartig — d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen auch unter ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder in Lumata, wie die Kolonie hieß, in der die Herren aus dem Schwabenlande angesiedelt waren, — sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des Besitzes auf, und sie empfanden das absolute Fehlen wirklicher Dürftigkeit oder Armut sehr angenehm.
Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber, die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der der Erde übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller Art: an Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus denen Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen sind) und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden und liefernden Gasquellen) war auch kein Mangel.
Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder größere Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen lagen. Nur an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu, hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war eine größere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten, die sich an regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von Palästen, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht ihrer öffentlichen Gärten.
Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so viel herausbekommen, dass dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den neugierigen Herren, dass er sie später selbst einmal nach Angola führen werde, um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach dem Mars längst unterrichtet seien.
Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem Niederschreiben ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrücke und dem Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen. Aber nach und nach begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so großem Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege Tätigkeit gewöhnt, kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem Mars mehr und mehr wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der Herreise verblassten immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem Mars befanden.
Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen Erde der Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier oben in Lumata ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit, in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgerücktere bezeichneten.
War es nur Zufall, dass die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte sich diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie festgestellt zu haben.
Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet umfasste ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig Tagen. Die einzelnen Perioden hießen:
1. Die Zeit des Erwachens.
2. Die Zeit der Saaten.
3. Die Zeit des Knospens und der Blüten.
4. Die Zeit der Früchte.
5. Die Zeit der Garben.
6. Die Zeit der Ernten oder Freuden.
7. Die Zeit der Ruhe.
Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der Marssprache gemacht, dass sie nun auch gründliche Einblicke in die staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen enthüllte sich immer mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste. So stellte sich das Staatswesen als eine zwar große, aber doch wieder engverbundene Familie voll schönster Eintracht dar. An der Spitze des gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.
Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme:
1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.
2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten).
3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen).
4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler).
5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende).
6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende).
7. Stamm der Findigen (Industrielle).
Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber den geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme.
Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden.
Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein ausgenommen, wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fähigkeit entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Termin stattfinden. Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen Berufsarten zu sein.
Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten, beherrschte dies Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen wach, sondern regulierte es auch in gesunder Weise.
Da auf dem Mars kein Geld zirkulierte, so gab es auch nicht das widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des Einzelnen wurden durch Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet, wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten vermögen.
Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfüllung seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die über die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den Inhaber in fortgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein hoch verehrten Stamm berechtigten.
Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur dadurch möglich, dass es unter dem ausschließlichen Zeichen der Solidarität stand. Der allgemeine Grundsatz, dass das einzelne Individuum alles tun muss, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt.
Dabei wurde die Eigenliebe, ein gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis machtvoll gefördert, dass vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene Wohl und Wehe abhänge, dass das Blühen und Gedeihen der andern das eigene Blühen und Gedeihen mit einschließe, und dass ihr Elend gleichbedeutend mit dem eigenen ist.
Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus) führt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und das Schlechte meiden lässt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die Quelle aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von Gesetzesparagraphen nötig machte, existierte beim Marsvolke nicht. Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen Egoismus völlig aus.
Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein, wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend. Wie klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die Pfeiler kennen lernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und private Leben der Marsiten so fest ruhten! Und diese festen Pfeiler waren hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten allgemeinen und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, — hier auf dem Mars begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung.
Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich kräftiger zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen. Der Unterricht beschränkte sich daher nicht nur auf die einfacheren, elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einführung in die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der Unterricht in der allgemeinen Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der den Altersstufen der Jugend entsprechend angepasst war.
Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu den verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen.
»Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben. Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier hellster Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht die so gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des Marsvolkes!«, äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade beim Mahle saßen.
»Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, dass wir hier oben Wesen von hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, dass meine Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind«, antwortete Stiller.
»Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar nichts. Und das drückt mich persönlich schwer«, warf Thudium ein.
»Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit? Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!«, rief in ehrlicher Entrüstung Professor Piller.
»Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht«, bestätigte Professor Stiller. »Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil werden wird.«
»Ob es wohl je dazu kommen wird?«, seufzte Frommherz.
»Daran ist nicht zu zweifeln«, entgegnete Hämmerle. »Mars hat ohne Zweifel einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur bedeutend älter.«
»Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen — ich betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! — die Höhe der Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!«, schrie Piller und suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen.
»Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer«, tadelte Dubelmeier.
»Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?«
»Darüber debattiere ich nicht mit Ihnen!«
»Oho! Also insultieren wollen Sie mich, wie es scheint?«
»Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie alter Alkoholikus. Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.«
»Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen«, warf hier Stiller ein. »Piller, nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!«
»Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr das Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.«
»Wer's glauben mag!«
»Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist auch meine felsenfeste Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.«
»Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht noch mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, dass ich hier oben in dem reizenden Lumata sitzen darf.«
»Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede, meine lieben Freunde!«, rief Frommherz.
»Einverstanden!«, fügte Brummhuber bei.
Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran, der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste und lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen. Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige Söhne von dem Stamme der Weisen offiziell empfangen. Vollzählig hatten sie sich hier versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger interner Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand, Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander auszutauschen.
Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her durch den ungeheuren Weltraum nach dem »Lichtentsprossenen«, wie die Marsiten ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses.
Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor Stiller die verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des »Weltenseglers« und zu der kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt bestimmt hätten. Er erzählte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren Heimat, von den Völkern Europas und von der Erde überhaupt. Letztere war den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihrer außerordentlich scharfen Instrumente und ihrer Vorstellungskraft zu machen verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wussten die Marsgelehrten, dass das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste Bande geschlagen haben, und dass die Oberfläche der Erde von über siebzig Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch dass die Erdatmosphäre reich an Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des Festlandes zu den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung um sich selbst wie um das »Ewige Licht«, die Sonne, und dergleichen mehr.
Ja auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und diese gingen sogar so weit, dass sie eine Reihe einzelner größerer Länder oder Gebiete zu unterscheiden vermöchten. Um so weniger schwer war es daher den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen auf der Erde spazieren zu führen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen. Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren waren.
Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als sie vernahmen, dass die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der Ernsten unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen, vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu beleuchten, das heißt die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der Erde und bei ihrem Volke ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine Wunsch ausgedrückt, die Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit den bestehenden Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte.
Es wurde ausgemacht, dass jeder der Professoren an einem bestimmten Tage abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen sachlich und den andern über das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren kulturelle Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in meisterhafter Weise. Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturländern der Erde, besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die politischen und sozialen Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle im Leben der übrigen Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet würden, und erklärten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der Bezeichnung »Diplomatie« alles verstanden werde.
Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung der notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen, sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe. Unumwunden räumten sie ein, dass dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt würden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen, dass die Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien.
Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde bei den Kulturnationen — von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu schweigen — nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht, bei mächtigeren Personen anzustoßen und dadurch seine Existenz zu gefährden. Die Empfindungen würden daher auch selten mit den Handlungen in Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger großer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der Heuchelei geborene Lüge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch sehr viele auf die Dauer doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen, ungesunde, unvernünftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle direkt feindlich gegenüberstehende Zustände weiter bestehen.
Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet, und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so heiß angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen.
In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu.
Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen und übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute waren die langen Vorträge unterbrochen worden.
Als Stiller den Schluss der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben Schwaben ausgeschlossen waren. Das Resultat dieser Beratung aber sollte ihnen später bekannt gegeben werden.
»Was die nur vorhaben?«, fragte besorgt Frommherz.
»Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben, wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind«, antwortete Stiller.
»Und uns dann den Laufpass geben, passen Sie auf«, fügte Brummhuber bei.
»Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig«, entgegnete Piller, »obwohl ich nicht bestreiten will, dass die Marsiten zu einer Einladung, unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen, ein gewisses Recht hätten.«
»Warten wir ab, was kommt!«, entschied Dubelmeier.
»Bleibt uns auch nichts anderes übrig«, seufzte Frommherz, der seiner religiöskirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen hatte.
Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand.
Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt, in dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, ein Hüne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder in herzlichen Worten die Eingeführten.
»Meine lieben Freunde!«, sprach er weiter zu ihnen. »Wir alle haben gestern mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt. Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen ausgelöst, sodass wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine Antwort auf das Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer Beratung unter uns zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie Märchen an. Wir würden sie auch als solche auffassen, wären wir nicht von dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in Lumata beobachtet. Das Resultat dieser Beobachtung war unsere Einladung hierher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte unserer Vergangenheit geblättert, solch barbarische, von der Unwahrheit beherrschte Zustände im Leben der Einzelnen wie der Völker, wie sie bei euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie gekannt. Gewiss, es fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren Enttäuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den Lebensverhältnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig, weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, dass unsere erste Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße Aufklärung kommen, die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich machte.
Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach und nach die Wege kennen gelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses hohe Ziel zu erreichen. Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, dass wir es mit unserem Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk, während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben, die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen Verwirrungen nicht zu überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so fürchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen.
Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein brüderlicher Gemeinsinn existiert bei uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres Bewusstseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt bei euch dieses mächtige Gefühl der Solidarität oder ist zum Mindesten noch nicht in dem Maße vorhanden, wie zum Wohle des Ganzen so dringend nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens nach in dem Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben so vorteilhaft beeinflusst.
Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch der kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten Existenzen führt. Und doch — ihr selbst sagtet es ja — es muss und wird einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei euch nach eurem eigenen Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere, brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der Einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung empfindet — dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! — so bedenkt, dass die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung eurer Mitmenschen nicht euch, sondern euren Nachkommen zu gute kommen werden.
Unser Rat lautet dahin: »Kehrt zurück auf die Erde« — »O Himmel, ahnte ich es doch!«, klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor sich hin. — »Schweigen Sie, Jammerseele«, herrschte ihn unsanft Piller an. — »Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.« — »Dem Himmel Dank!«, murmelte hier Frommherz. »Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich spreche hier die Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der Hauptpunkt, das Resultat unserer Verhandlung. Im Interesse unseres Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch — ich betone nochmals ausdrücklich, dass ihr uns werte, liebe Gäste und Freunde seid — nein, überhaupt; denn wir haben keine Garantie dafür, dass nicht auch einmal Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der Höhe der Anschauung stehen wie ihr, und deren Benehmen bei längerem Aufenthalte wahrscheinlich dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer gewaltsamen Entfernung von hier führen müsste. Das wollen wir uns aber sparen.
Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die strikte Weisung gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts. Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern«, — mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten, — »ruft mit mir: Glück und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen Gästen!«
Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück. Sollten sie auf dem Mars bleiben, oder sollten sie gehen? Das war die ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten beschäftigte.
»Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht direkt den Stuhl vor die Tür gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben, dass wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen«, äußerte sich eines Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller.
»Sie haben recht! Und ich muss Ihnen auch aufrichtig erklären, dass mir dieses unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende Gastfreundschaft, für die wir uns auch nicht im Geringsten erkenntlich zu zeigen vermögen, zuwider zu werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier oben sitzen bleiben.«
»Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr schwer. Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so graut es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muss stattfinden, darüber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den Zeitpunkt. Warten wir's noch ab!«, antwortete Piller.
»In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus, lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht so viel wie möglich jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.«
»Glaub's wohl«, lachte Piller laut auf. »Unser lieber Freund Fridolin ist überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hier bleiben möchte. Aber aufhören muss einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist klar. Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.«
»So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres »Weltenseglers«, für Anlage des geeigneten Proviantes usw. Langsam, aber gründlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.«
»Und vergessen Sie mir nicht den famosen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel.«
»Soll geschehen, Sie ewig Durstiger«, entgegnete lächelnd Stiller.
In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke, in kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloss die Zeit nur zu rasch. Auf einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der eigentlichen Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen und schönen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch den Eindruck einer alpinen Landschaft.
Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen Brüder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, dass ähnliche kleine Kolonien auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die Kolonisten hießen die »Vergessenen«, weil ihre Namen vorübergehend oder auch dauernd von den Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien.
»Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der Übrigen ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?«, fragte Dubelmeier.
»Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter«, wurde dem Frager erklärt.
»Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus«, antwortete Dubelmeier. »Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?«
»In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.«
»Da müsste man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen, und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die größte Verlegenheit«, rief Piller voll Erstaunen.
»Wir sind auch nicht auf eurem Planeten«, antwortete mit überlegenem Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung.
»Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen«, warf Hämmerle ein.
»Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind nur wir allein maßgebend«, entgegnete Varan ernst.
»Ohne Zweifel!«, gab Stiller zu.
»Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?«, forschte Frommherz.
»Gewiss! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns doch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen Zeit der Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur Wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht unser Bruder ohne Namen es für gewöhnlich vor, da zu bleiben, wo er hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der Übrigen zu widmen.«
»Worin besteht diese Arbeit?«, fragten die Herren.
»In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle: eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter Erfüllung unsre Gesamtexistenz abhängt.«
»Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?«
»Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr. Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits jetzt genaue Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr«, schloss Varan seine Auseinandersetzungen.
»Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben, wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze«, rief Stiller voll Enthusiasmus. »Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch höchst bescheidenen, Genugtuung, dass auf dem Mars dieses Lebensbild voll Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, dass es auch nicht absolut vollkommen ist.«
»Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf der Erde geformt haben und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf die Zustände hier oben nicht anwenden dürfen«, antwortete Dubelmeier.
»Sehr richtig!«, bestätigte Frommherz. »Mir persönlich kommt hier oben alles vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies gefunden, von dem man bei uns träumt.«
»Sie Schwärmer!«, erwiderte lachend Piller. »Besser ist die Marswelt entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen, wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber, lieber Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder hinunter nach Tübingen.«
»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller«, stotterte Frommherz erbleichend.
»Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende, nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!« Professor Piller musste sich nach diesen Worten heftig schnäuzen.
»Aber die entsetzliche Reise!«, jammerte Frommherz. »Haben Sie denn schon so vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?«
»Lieber Frommherz, es m u s s sein«, entgegnete Stiller. »Wir sind nun bald zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen. Übrigens wissen Sie auch ganz genau, dass die Marsbewohner mit unserer Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl und auch unsere Dankbarkeit erfordern, dass wir den Mars verlassen und zwar bald. Gewiss, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch anstrengender für uns werden als die Herfahrt, aber — es muss sein!«
»Aber — aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?«
»Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen, und wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle, Sie leider ausgenommen, sind darüber einig, dass wir gehen müssen, obgleich uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird, denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuss reinste Zeit unseres Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben«, entschied Stiller.
Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort, ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle verlauten; er verschloss sie von jetzt ab fest in seiner Brust. In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas abgestumpften Spitze aus musste man eine großartige Fernsicht genießen. Bei diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des Bergsteigens wieder geweckt.
»Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir vielleicht dort oben eine außerordentlich schöne Aussicht haben«, sprach Dubelmeier zu seinen Gefährten.
»Ich komme mit«, entschied Stiller kurz entschlossen.
»Ich auch!«, erklärte Piller. Wie heißt der Berg, Varan?«
»Der Berg des Schweigens.«
»Ein merkwürdiger Name!«, meine Stiller. »Wer kommt sonst noch mit?«
Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon zurück. Man kam überein, dass sie hier die Rückkehr der drei Freunde abwarten sollten. Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane und vergaß auch nicht die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen erforderlichen Gegenstände. In Begleitung von drei Marsiten reisten die Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß des Berges, der sich beim Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte. Dubelmeier schätzte seine Höhe über der Talsohle auf dreitausend Meter.
Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in ermüdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die gesunkenen Kräfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mühsamen Stampfen durch den lockeren Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu halten.
Während die Marsiten einen Imbiss herrichteten, betrachteten die drei Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton, der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches. Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln absoluter Stille geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht.
Auch die Erdensöhne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken beschäftigt, starrte jeder der Männer vor sich hin.
»Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das Panorama da unten vergleichen soll«, unterbrach Stiller das Schweigen.
»Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile. Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz ähnlich ist der Ausblick auf grüne Waldungen und hellglitzernde Seen und Wasserstraßen. Dazu kommt noch hier wie dort die transparente Luft, die satte Bläue des Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur«, entgegnete der vielgereiste Dubelmeier.
»Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns als eine hehre Offenbarung entgegen«, rief Stiller begeistert.
Bei diesen Worten seines Kollegen schnäuzte sich Piller wieder einmal sehr kräftig.
»Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel gegen — na, sagen wir Gemütsattacken.« Damit ergriff Piller eine Flasche, schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem Schluck leer.
Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe Rubintinten am östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als Schwabens Söhne endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten. Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre Strahlen über Berge und Täler. Ein Rundblick von überwältigender Großartigkeit lohnte die Männer für die Strapazen des Aufstiegs.
Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend. Er war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin schweiften die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstände schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerückt. In weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit Hilfe der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße, bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich schimmernden Horizont ab. Die Herren wussten zunächst nicht, wofür sie diese eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloss, halten sollten.
»Das ist ja der Nordpol des Mars!«, entfuhr es plötzlich den Lippen Stillers.
Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: Der Hauch der Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Resultat der Fernsicht hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die deutlich wahrnehmbare Abrundung.
»Kein Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, dass unsere Augen auf einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen Versuchen zum Trotz, niemandem gelang«, sprach Herr Stiller. »Wie wird dieses Bild erst bei Nacht sein!«
»Wie meinen Sie das?«, forschte Dubelmeier.
»Nun, ich denke an die feurigen elektromagnetischen Polausströmungen«, erwiderte Stiller.
»So bleiben wir so lange hier«, entschied Piller. »Aber sehen Sie einmal, meine Freunde, was ist denn da unten?«
Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans ein See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine Ufer.
»Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt sich das?«, fragte Piller. »Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins andere zu fallen!«
»Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!«, entgegnete Stiller lächelnd. »Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte.«
Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und die Vegetation einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, dass der Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack ließ den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem tiefroten Teppich bedeckt erschien.
»Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier hineingeschüttet worden wäre«, äußerte sich Piller zu seinem Kollegen Stiller.
»Es scheint Eisenoxid zu sein, das sich auf dem Boden des Sees niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark eisenhaltig«, entgegnete Stiller.
»Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem Wasser erklärlich.«
Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.
Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater und bedauerten nur, dass die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker. Schließlich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild von vollendeter Schönheit.
»Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluss unserer Expedition nach dem Berge des Schweigens«, sprach Stiller zu seinen Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen hellleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde.
»Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle, selbst die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der Monde da unten hervor!«
Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der Tiefe des Berges emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers ihr neckisches Spiel trieben.
Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren.
Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, so oft es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für sich allein spazieren und genoss in stillem Entzücken den eigenartigen Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden, und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzu große Bedeutung beizulegen.
Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola mitteilen lassen, dass er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten.
Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die darstellenden und bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten, wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen.
In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen warfen die großen Spiegel des Saales unzählige Male gebrochen zurück. Es war im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete. Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen hinauf in den Saal. Im leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die Ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken in die traumhaft schöne Szenerie.
»Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht«, sprach leise Piller zu dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. »Frommherz hat recht. Ist dies hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?«
»Ohne Zweifel!«, antwortete Stiller. »Es ist ein Eden, so recht beschaffen für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.«
»Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?«
»Heimatlos, jawohl!«, erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: »Glauben Sie denn, wir würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind, wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.«
»Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!« Piller musste sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark schnäuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein ein und leerte es auf einen Zug.
»Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn wir m ü s s e n ja fort. Aber« — ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des Sprechenden — »ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher Weise verwirklicht angetroffen haben.«
Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die Hand.
Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war, begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben. Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen.
Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. »Meine Brüder und Schwestern«, hub er zu sprechen an, »die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen. Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin zurück. Mögen sie heil und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch keinen Misston getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir beschlossen, als weiteres Dokument dieses ersten und letzten Besuches von Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis in die fernsten Zeiten.
Und nun, meine lieben Freunde«, Anan wandte sich mit diesen Worten an die sieben Schwaben, »haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht willst, dass dir getan werde. Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen gewesen sein!« Anan setzte sich.
Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte. Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem Irrtum seien sie befreit worden.
»So habe ich unter anderem auch geglaubt, dass ohne den rohen Kampf ums Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, dass der rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur die Signatur der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese fehlt bei uns leider noch in hohem Maße.
Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder Einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen integrierenden Bestandteil des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der Einzelne, so gedeiht auch das Ganze, ist dagegen der Einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!
Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber da! Und doch, es muss und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennen gelernt haben. Unsere Reise zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen durften! Schweren Herzens, mit dem Bewusstsein, hier bei euch unsern inhaltsreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der Erinnerung treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt zurück, was ihr entsprossen.
Niemals, bis zu unserm letzten Atemzuge, werden wir vergessen, was ihr uns geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde! Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuss des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.«
Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küsste, da ertönte im Saal ein Sturm des Beifalles.
»Mein Bruder, edler Sohn deines Landes«, antwortete Anan, »habe Dank für das, was du eben gesagt. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des Lichtentsprossenen, den Bruderkuss und ziehe glücklich heim mit deinen Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.«
Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um den Ballon beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf eine lange Zeitdauer der Rückreise gefasst, trotz der stärkeren elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um nahezu das Doppelte größeren Planeten.
Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter Wasen waren nahezu drittehalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometern betragende Distanz von der Erde entfernt und war von dieser heute nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete aus, dass sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, dass kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des »Weltenseglers« störe. Waren er und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen?
Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen, das musste auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken. Aber Stiller schüttelte alle trüben Gedanken energisch ab und freute sich über die großartigen technischen Kenntnisse der »Findigen«, die ihm nicht nur ein ähnliches Gas zur Füllung seines Ballons bereiteten, wie es das Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Konservierung der wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden. An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der »Weltensegler« führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den geringsten Verdruss war die Instandsetzung des Ballons vor sich gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahren ab! Dank der hohen Intelligenz, der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der »Weltensegler« in so vortrefflichem Zustande, dass die gefahrvolle Reise jederzeit angetreten werden konnte.
Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem Laufenden zu halten. Er verschwieg den Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefasst und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen anfingen.
Der »Weltensegler« war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall. Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden. Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot der Pflicht.
Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es niemand besonders aufgefallen, dass Frommherz verschwand. Als nach dem Schlusse des Mahles, das sich bin in die ersten Morgenstunden des neuen Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische seines Zimmers lag. »An meine Freunde und Gefährten«, lautete die Adresse.
Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. »Wir haben es leider mit einem Abtrünnigen zu tun«, erklärte er den besorgten Genossen. »Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst nieder, und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.«
Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit den Seinen zurück und ließ die Herren allein.
»Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, dass Frommherz fahnenflüchtig werden würde«, begann Piller zornig. »Lesen Sie einmal die Epistel vor, Stiller!«
»Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, dass ich euch eine schmerzhafte Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit euch nach der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs Schwerste habe ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt ihr doch auch nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der >ehrwürdige Anan selbst in Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.
Wohl weiß ich, dass ich Euch durch meinen Entschluss kränke, aber ich kann wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, dass Ihr allein, ohne mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, dass ich mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei.
Macht keine Anstrengungen, mich zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Fridolin Frommherz.«
In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem Stiller den Brief vorgelesen hatte.
»Der elende Drückeberger!«, hob Dubelmeier zu knurren an. »Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so sonderbar benommen hat.«
»Blamiert sind wir, heillos blamiert!«, schrie Piller. »Wie stehen wir nun da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?«
»Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen. Der findet den Ausreißer gewiss«, riet Hämmerle.
»Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen«, fügte Thudium bei.
»Es geht doch nicht an, dass wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!«, fügte Brummhuber bei.
»Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör«, bat Stiller die aufgeregten Gefährten. »Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung über das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben absolut kein Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben nicht das Geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also allein, ohne ihn! Ja ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?«
»Nein, gewiss nicht!«, ertönte es fünfstimmig.
»Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: Wir empfehlen den Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.«
»Das fehlte noch!«, wetterte Piller.
»Warum nicht?«
»Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!«
»Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, dass unser Freund nach unsrer Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch bewiesenen Mangel an Solidaritätsgefühl möglicherweise nach den Gefilden der Vergessenen verbannt werden könnte.«
»Was ihm ganz recht geschehen würde!«, warf hier Brummhuber ein.
»Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen Bedingungen wie bisher hier weiter leben. Dieses Bewusstsein lässt uns später mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.«
»Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl — der Beste von uns!« Piller schnäuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten.
»O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, dass ich von ihnen etwas gelernt habe.«
»Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es, Stiller!«, rief begeistert Hämmerle.
»Lassen wir das!«, wehrte Stiller ab. »Und nun will ich mit Eran Rücksprache nehmen.« Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den Bericht Stillers.
»Auch ich finde, dass du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen, die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Lass ihn aber nur hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde. Wir werden mit Fridolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.«
»Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.«
»Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder einlegen. Aber eine kleine Strafe muss sein. Ich habe bereits über ihre Art nachgedacht.«
»Worin soll sie bestehen?«, fragte neugierig geworden Stiller.
»Fridolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu brauchen wir aber ein Wörterbuch.«
»Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Fridolin wird die ihm gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.«
Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von dem Resultate der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von Neuem die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.
Nach der Zeitrechnung der Erde, die auch auf dem Mars von Stiller unter genauester Berücksichtigung der Differenzen in den täglichen Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt worden war, war heute der siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.
Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum » Weltensegler« zu begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen, der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der »Weltensegler« in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages schaukelte.
»Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der Trennung durch weitere Worte!«, sprach Eran, einen der Schwaben nach dem andern umarmend. »Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt glücklich in eurer Heimat an!«
Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gekappt, langsam und stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Fridolin Frommherz daher. Die Menge machte ihm Platz.
»Lebt wohl, Freunde!«, rief er mit lauter Stimme. »Nochmals: verzeiht mir, dass ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre. Reist glücklich und grüßt mir mein teures Schwabenland!«
Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge entfernte sich der »Weltensegler« von dem wunderbaren Planeten und schwebte bald im dunkeln, kalten Weltenraum.
Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne Schwabens um Jahr und Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob sie wirklich den Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltraume. Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt.
Nach dem Aufstieg des »Weltenseglers« wurde anfänglich in Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher debattiert, und Fragen aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an das märchenhafte Unternehmen.
Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar mit ihrem Ballon, dem »Weltensegler«. Im ersten Augenblick wollte kein Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten Scherz. Als sie aber unter dem amtlichen Mitteilungen im ›Staatsanzeiger für das Königreich Württemberg‹ erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der Wahrheit der Nachricht überzeugt.
In lakonischer Kürze lautete der telegrafische Bericht:
MATUPI, 31. AUGUST, NACHTS.
WELTENSEGLER VOM MARS ZURÜCK, HIER NIEDERGEGANGEN. STILLER, PILLER, BRUMMHUBER, HÄMMERLE, DUBELMEIER, THUDIUM RELATIV WOHLAUF.
BEZIRKSHAUPTMANNSCHAFT.
In der ersten, großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, dass in der Depesche nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung hierüber war rasch gefasst. Frommherz musste während der Reise zweifellos gestorben sein.
Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten!
Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel ganz erträglich. Nach Herrn Stillers Ausspruch befand sich der »Weltensegler« auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde. Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz.
Aber schließlich muss ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tage weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der »Weltensegler« durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig! Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an.
Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefährten mitteilte, dass sie soeben in die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem »Weltensegler« direkt nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal, alles körperliche Unbehagen.
»Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!«, erklärte Piller. Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt gewesen.«
»Piller hat recht«, stimmte Thudium bei.
»Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem fürchterlichen Käfig«, entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier und Brummhuber bei.
»Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist«, antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. »Wir müssen aber Sorge dafür tragen, dass wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den offenen Ozean geraten.«
»Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller«, entschied Piller. »Und nun, Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck unserer Freude über die glücklich vollendete Reise. Dubelmeier, zu meiner innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt vom Saulus zu einem Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen Wein gesetzt. Also trinken wir!«
Während die übrigen Herren den Pokal, eine wundervolle Marsarbeit und ein Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des Ballons gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der »Weltensegler« fiel rasch abwärts.
»Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über der australischen Ostküste«, sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem Gondelfenster geworfen hatte. »Wir werden bei Brisbane in Queensland landen.«
»Famos, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da nehmen Sie auch einen Schluck!«
Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem Ballon in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel zu Boden, und die Herren selbst mussten sich an den nächsten festen Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert zu werden.
»Wir sind im letzten Moment in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum häufig sind«, schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. »Nun heißt es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.«
In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene, zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mussten sich schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos trieb der Ballon dahin, wohin ihn der rasende Sturmwind trug. Es war ein tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große Gefahr, dass der »Weltensegler« ins offene Meer treiben und die Expedition, die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde.
Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch, dass der »Weltensegler« gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, dass der Ballon in eine weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern.
Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des »Weltenseglers«, als er gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der Eingeborenen bei, die bald schreiend und gestikulierend um den Platz herumstanden, den sich der »Weltensegler« in ihrem Palmenwalde geschaffen hatte. Aus der Gondel heraus tönten die Stimmen der Reisenden.
»Ha, das scheinen ja Deutsche zu sein!«, rief einer der herbeigeeilten Männer, eine stattliche Gestalt mit blondem Vollbart und blauen Augen.
»Ja, das sind wir«, antwortete Stiller aus der Gondel. »Bitte, helfen Sir mir den Ballon festmachen. Hier ist das Kabel mit dem Anker.«
»Mit Vergnügen!«, entgegnete der Herr. »Helft, Burschen, macht den Anker fest!« Mit diesen Worten wandte er sich an die herumstehenden Schwarzen. Diese gehorchten dem Befehle, und bald lag der übel zugerichtete »Weltensegler« fest verankert im Palmenwalde.
»Wo sind wir denn?«, fragte Piller zum Gondelfenster heraus.
»Auf deutschem Boden!«
»Seit wann wachsen denn Kokospalmen im Deutschen Reiche?«
»Seitdem wir Kolonien haben«, tönte es lachend zurück. »Sie sind im BismarckArchipel, auf Matupi.«
»Ach so, also auf deutschem Besitz. Na, das nenn' ich Glück bei allem Pech des Abstieges«, lachte Brummhuber.
»Wahrlich, beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte nicht mehr«, meinte Dubelmeier.
»Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet«, brummte Piller.
»Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen Boden!«, drängte Stiller.
Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der hilfsbereite Weiße als Sebastian Scheufele von CannstattStuttgart vor, seit drei Jahren kaiserlicher Bezirkshauptmann auf Matupi.
»Wir sind ja auch Schwaben«, entgegnete Stiller lächelnd. »Wir sind Professoren an der Universität in Tübingen und sind seinerzeit vom Cannstatter Wasen aus mit dem Ballon aufgestiegen. Schwaben scheint man ja überall in der Welt zu treffen. Sollten Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen engeren Landsmann antreffen.«
Der Bezirkshauptmann starrte etwas verwirrt den Sprecher an, den er nicht recht begriffen hatte.
»Sie kommen mit Ihrem Ballon von Cannstatt her?«
»Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.«
»Ah — ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich klingenden Reise einst im ›Schwäbischen Merkur‹ gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die sieben Schwaben? Aber ich sehe ja nur sechs, die...«
»Erdenmensch und engerer Landsmann«, unterbrach Piller den Zweifelnden, »glauben Sie denn, dass sechs ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen? Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben geblieben ist. Mensch und Mann, begreifen Sie endlich, oder soll ich Ihnen handgreifliche Beweise schon in diesem Augenblicke darüber liefern, dass wir die sind, für die wir uns ausgeben? Im Übrigen heiße ich Paracelsus Piller.«
»Nein, nein!«, rief Scheufele. »Entschuldigen Sie, ich glaube Ihnen aufs Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten.«
»Nun, wir üben gern Gnade, vorausgesetzt, dass Sie uns, die seit bald einem halben Jahre keine warme Suppe mehr gesehen haben, mit warmer Speise und einem guten Trank erquicken wollen.«
»Aber natürlich! Gewiss! Mit größtem Vergnügen! Bitte, kommen Sie, meine Herren!«
»Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif geworden«, erklärte Stiller dem Bezirkshauptmann, als er etwas mühsam neben ihm dessen naher Behausung zuschritt. »Wir sind am 7. März von oben abgefahren. Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!«
Wie stolz bin ich darauf, dass Sie gerade hier bei uns landen mussten!«
»Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt, und niemand hätte dann die Resultate unserer Reise erfahren. Doch einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.«
»Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der Erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm auf deutschem Boden bietet. Entschuldigen Sie, dass ich diese Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.« Scheufele schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel heruntergefallenen Gäste blickten.
Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern das Anerbieten des freundlichen Bezirkshauptmanns an, die schwere Reisekleidung gegen leichte, weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die er den Herren in einem Nebenzimmer auflegen ließ. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit.
Unterdessen sorgte Scheufele für einen stärkenden Trank. Gekühlter Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den Herren kredenzt.
»Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen«, sprach Piller zu Scheufele, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es nun zum zweiten Male füllen ließ.
»Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?«, antwortete Scheufele erstaunt.
»Und was für einen guten!«, schmunzelte Piller. »Sogar mein sonst nur Wasser trinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen Göttertropfen besiegt worden.«
»Nur durch die Gewalt der Umstände«, wehrte sich Dubelmeier.
»Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!« Die Gläser klangen zusammen.
»Ein hipp, hipp, hurra unsern hochverehrten Gästen!«, lud Scheufele die Beamten von Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer. Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine rege Unterhaltung.
»Ich werde Ihre Ankunft sofort nach Stuttgart kabeln«, erklärte Scheufele. »Welch kolossale Überraschung wird diese Mitteilung in der Heimat erregen!«
»Bitte, tun Sie das«, entgegnete Stiller. »Ich denke, dass wir mit dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.«
»Wir haben vierzehntägige Dampfverbindung zwischen hier und Singapur. Dort können Sie dann sofort Anschluss nach Europa finden. Aber ich bin glücklich darüber, dass vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere willkommenen Gäste sein müssen«, sprach Scheufele lächelnd. »Sie haben wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?«
»Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte werden Bände füllen«, erwiderte Stiller.
»Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für Ihre gastliche Aufnahme«, fügte Piller bei, »denn wenn wir Ihnen alles mündlich erzählen wollten, was wir erlebt, so müssten wir manchen Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder heimzukommen.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante Sachen vom Mars mitgebracht haben?«
»Gewiss! Morgen sollen Sie Verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten Begriffe verwirklichen«, erwiderte Stiller. »Zum zweiten Male möchten wir aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst, sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, dass wir die Reise hin und her im Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und heute Morgen, als wir über Queensland schwebten und gerade im Begriffe waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf uns hierher.«
»Das ist allerdings sehr zu bedauern, dass Sie zum Schluss Ihrer ungeheuren Reise noch in den Zyklon geraten mussten. Wie ich vernahm, hat der Sturm drüben auf den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.«
»Sie schmeicheln, lieber Scheufele«, entgegnete Piller, »aber jetzt wäre ich Ihnen aufrichtig dankbar, wenn Sie uns ein Bett anweisen wollten. Wir haben ein solches lange schmerzlich entbehrt.«
Die Reisenden wurden in den Häusern der verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht gab Scheufele die Depesche nach Stuttgart auf.
Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort auf die Depesche von Stuttgart ein: Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten, warmen Willkomm aus der Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war.
Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin ge
glückt. Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stutt
gart einzutreffen. Stiller.
Mit Staunen betrachteten Scheufele und die Beamten von Matupi die geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt wurde. Noch mehr aber staunten sie über die aus Silber und Gold ausgeführten Kunstprodukte und über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten. Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel geschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht umso weniger gedacht werden, als auch die Papuas für den Wert des Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So musste angenommen werden, dass das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltraum gefallen sei. Ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über alle trüben Gedanken.
Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor im Leben getrunken zu haben.
Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer »Venus« in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des gleichen Tages von Matupi ab.
»Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!«, sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten. »Vom Mars kommen wir, auf der ›Venus‹ fahren wir durch die blauen Wogen der Südsee und die ›Stuttgart‹ erwartet uns, wie Herr Scheufele sagte, in Singapur, um uns nach Genua zu bringen.«
»Tücke des Objektes, wie unser Vischer sich einst ausdrückte«, sagte Piller lachend, »aber eine ganz angenehme Tücke.«
Eine Woche später traf der Dampfer in Singapur ein. Schon bei der Einfahrt in den geräumigen Hafen war die »Venus« mit ihren berühmten schwäbischen Passagieren der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf die malaiischen Praus und chinesischen Dschunken herunter war alles festlich geschmückt. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als die »Venus« langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr.
In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und Konsuln Singapurs begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt. Die sechs Herren waren froh, dass sie nach all dem Festtrubel und der glühenden Tropenhitze Singapurs glücklich auf Deck der »Stuttgart« saßen, die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und die Straße von Malakka hinauf dampfte.
»Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel der Unwahrheit tragen?«, fragte Piller seinen Freund Stiller.
»Es geht mir wie Ihnen«, erwiderte Stiller. »Mit der würdigen und harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, dass all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig auf den niederprasseln, der einen nennenswerten äußern Erfolg gehabt hat, vielfach wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.«
»Sie sprechen genau meine Meinung aus!«, bestätigte Dubelmeier, der dem Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. »Auch ich gestehe, dass mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind, nachdem sie kaum begonnen haben.«
»Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille unseres Studierzimmers arbeiten dürfen«, antwortete Piller.
»Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, dass wir auf dem Meere noch eine Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!«, entgegnete Dubelmeier.
Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten Schwabensöhne, und als die »Stuttgart« in Suez eintraf, bat die ägyptische Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich, nach zweitägigen Festlichkeiten, waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein. Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum ersten Mal wieder den Boden Europas.
Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten Blumenschmuck. Vertreter des Hofes, der Tübinger Universität, die Väter der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden.
Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des Bahnkörpers. Ein brausendes Hurra empfing den blumenbekränzten Zug, als er am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die vereinigten Musikkapellen von Stuttgart intonierten eine Begrüßungshymne, die eigens für diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war. Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach dem fernen Planeten angetreten hatten.
Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die sechs Zurückgekehrten, Riesenbuketts von Blumen in den Händen. Langsam ging es durch die sich drängende, schreiende Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber mussten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen.
In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen flutenden Menschenmenge wurden die Gelehrten nach der neuen, imposanten Liederhalle geleitet. In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus den ersten Kreisen der Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als sie in den Saal traten.
Der Vorsitzende, Graf von Neckartal, begrüßte in warmen Worten die kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst dadurch ehren, dass an dem Orte ihres einstigen Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise eingraviert seien.
Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt worden, dass während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen.
»Verehrte Anwesende! In meinem und meiner treuen Gefährten Namen danke ich Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkommens, den Sie uns zuteil werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel, wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir getan, war ja nur dadurch möglich, dass uns ein seltenes Glück zur Seite stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her, als Sie selbst vielleicht annehmen.
Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung, rückhaltlosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs, da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere Bitte.
Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, dass wir unsere Erlebnisse in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles Wünschenswerte selbst nachlesen können. — Nach der Abfahrt von Cannstatts Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als Ideal des Lebens geträumt, — dort oben auf jenem Sterne ist es in die schönste Wirklichkeit übersetzt. Dort oben lebt ein Geschlecht von Menschen, das uns an Reife der Entwicklung um Jahrtausende voraus ist, dort oben ist ein wirkliches Eden, dort oben ist tatsächlich das menschenwürdige Dasein zur Wahrheit geworden, vom dem bei uns hier unten seit Jahrtausenden nur gefabelt wird.
Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern auch Ihre freudige Stimmung anlässlich unserer Rückkehr zu vermindern. Das möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Resultate unserer Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit Recht fragen: ›Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen soll?‹ Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben fortgezogen. Nicht dass man uns direkt fortwies, nein, man stellte uns Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber sahen, dass wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, dass wir zur Erde zurückkehrten, zu der Mutter, von der wir entstammten.
Nur Herr Fridolin Frommherz konnte sich nicht entschließen, die Rückreise anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola, in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.«
Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus, als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte, als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande geblieben. Das war die Ansicht Vieler, die in später Nachtstunde von dem Bankette nach Hause gingen.
Schlussvignette auf Seite 148 der
Originalausgabe des Romans »Die Weltensegler«.
Roy Glashan's Library
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