Roy Glashan's Library
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Der Text ist, auch hinsichtlich der Rechtschreibung einschließlich der Zeichensetzung und veralteter Schreibweisen, unangetastet geblieben. Auch im Text nebeneinander vorkommende verschiedene Schreibweisen wie z.B. »Aether« und »Äther« sowie »so daß« und »sodaß« sind beibehalten worden; lediglich offensichtliche Drucksatzfehler wurden stillschweigend berichtigt.
Umschlag der DvR-Ausgabe
August Niemann
August Niemann: Aetherio. Eine Planetenfahrt.
Regensburg: W. Wunderling's Hofbuchhandlung 1909,
Einbanddeckel mit aufgeklebten Titelbild.
August Niemann: Aetherio. Eine Planetenfahrt.
Regensburg: W. Wunderling's Hofbuchhandlung 1909,
Einband der kartonierten Ausgabe.
August Niemann: Aetherio. Eine Planetenfahrt.
Regensburg:
W. Wunderling's Hofbuchhandlung 1909, S. 1 (unpaginiert)
"Aetherio" ist ein früher deutscher Science-Fiction-Roman, der eine Mischung aus Abenteuer, technischer Spekulation und kolonial gefärbter Zukunftsvision bietet. Im Zentrum steht eine Reise zum Planeten Aether, dessen Bewohner eine hochentwickelte, aber moralisch ambivalente Zivilisation bilden. Der Roman nutzt die außerirdische Welt, um politische, soziale und technologische Fragen des späten 19. Jahrhunderts zu spiegeln.
In einem der feinsten chinesischen Restaurants Unter den Linden in Berlin saßen an einem hellen Septembertage zwei Herren beim Mittagessen. Der eine mit den Zügen eines Apoll und großen strahlenden blauen Augen war der Leibarzt der Prinzessin Fantasia, der trotz seiner Jugend schon berühmte Doktor Pratico, der andere, der in seinem Äußern den geraden Gegensatz zu dem Arzt bildete, da er mit seinem ungewöhnlich dicken Kopfe, den kleinen, halb unter den Lidern versteckten Augen und der großen Nase eher häßlich genannt werden konnte, war der Chemiker Meditor. An Alter waren sie sich annähernd gleich, beide zu Anfang der Dreißig.
»Meiner Meinung nach fahren wir besser nicht durch die Luft, sondern mit der Elektrischen,« sagte Doktor Pratico. »Die Luftschifffahrt ist doch durchaus noch nicht geregelt. Fast täglich liest man von Unglücksfällen, und große Verspätungen sind sozusagen an der Tagesordnung. Mir scheint, man hat das richtige Prinzip noch gar nicht gefunden, und ich fürchte, daß die ganze Sache wieder einschläft. Ich habe meine Aktien der Großen Berliner Aeronautik verkauft.«
»Hm!« machte Meditor.
»Die Prinzessin erwartet uns um sieben Uhr,« fuhr der Arzt fort. »In einer Stunde kommen wir hin, wenn wir vom Anhalter Bahnhof abfahren.«
»O ja,« sagte Meditor.
Doktor Pratico betrachtete forschend sein Gegenüber, dem er noch keine zehn Worte während des Essens hatte entlocken können. Er redete gern, Meditor galt für den schweigsamsten aller lebenden Menschen, doch war er berühmten großen Schweigern darin ähnlich, daß er, wenn Reden am Platze war, sehr gut und treffend sprach. Die beiden paßten recht wohl zu einander, wenn auch der Arzt seinen Freund mitunter etwas gesprächiger gewünscht hätte.
»Was ist die eigentliche Ursache, daß die Prinzessin vom Hofe verbannt lebt?« fragte er. »Sie kennen sie länger als ich, und ich erinnere mich dankbar, daß ich durch Sie zu ihr gekommen bin, lieber Meditor. Hat sie lediglich dadurch, daß sie den Großfürsten nicht heiraten wollte, Seiner Majestät Zorn erregt, oder liegt sonst noch etwas vor?«
Meditor zuckte die Achseln.
»Die Prinzessin ist liebenswürdig, geistreich schön, jung. Sie konnte ja noch immer eine andere, begehrenswerte, politisch wertvolle Partie machen, wenn sie auch die Hand des Großfürsten ausschlug. Das erklärt meines Erachtens diese Ungnade noch nicht. Ich vermute, daß ihre freie Richtung, ihre Abneigung, sich vor der Kirche zu beugen, sie bei Hofe unbeliebt macht. In der Tat ist ja eine Prinzessin, die lieber im chemischen Laboratorium arbeitet als beim Hofball kokettiert, eine ungewöhnliche und unpassende Erscheinung in der Welt des Zeremoniells und des äußeren Glanzes. Und die Geistlichen mögen wohl gegen sie intrigiert haben. Die Kirche macht ja die äußersten Anstrengungen, ihre zusammenbrechende Macht zu wahren, seitdem die Wissenschaft eine so mächtige Herrschaft über die Geister erringt.«
Ein spöttisches Lächeln zuckte um Meditors schmale Lippen.
»Worüber lachen Sie?« fragte Doktor Pratico. »Sie denken wohl, die Herrschaft über die Geister bleibe immer bei der Torheit? Sprechen Sie, was ist Ihnen über den Zwist der Prinzessin mit dem Hofe bekannt? Ich muß als Arzt doch darum wissen. Seit einem halben Jahre komme ich wöchentlich einmal ins Schloß und habe dann einen Bericht über das Befinden Ihrer königlichen Hoheit einzureichen. Was soll ich schreiben? Die Prinzessin ist gottlob kerngesund. Es ist nicht leicht, einen Krankenbericht über eine gesunde Dame zu schreiben, wenn man gar nicht weiß, was der zu lesen wünscht, der den Bericht erhält. Sie verehren doch die Prinzessin!«
Ein Blitz zuckte unter den schweren Lidern des Chemikers hervor.
»Sie verehren sie schon wegen ihres wissenschaftlichen Strebens. Sie können ihr einen Dienst erweisen, wenn Sie mir einen Wink geben, wie ich meine Berichte abzufassen habe. Ich bin der Prinzessin treu ergeben. Wessen Herz würde die Anmut einer so hochgestellten Dame nicht gewinnen?«
Jetzt öffnete Meditor die Lippen zum Sprechen. »Sie haben recht,« sagte er, »die wissenschaftliche Richtung der Prinzessin ist dem Hofe unangenehm.«
»Und das ist alles?« fragte Pratico unbefriedigt. »Darum lebt die Prinzessin abgeschlossen von der großen Welt und wird streng bewacht, wie eine Gefangene, sodaß kein Luftschiff in den Bereich ihres Parks kommen, darf? Niemand darf sie besuchen, der nicht einen Paß vom Hofmarschallamt vorzeigen kann. Das ist doch schon Gefangenschaft. Und verreisen darf sie auch nicht, denn als ich eine Marienbader Kur verordnete, nur um der Prinzessin eine Abwechslung zu verschaffen, da wurde höhern Orts erklärt, die Kur wäre auch im Park zu gebrauchen, wo man stundenlange Spaziergänge machen könnte.«
Meditor schien nichts hierauf erwidern zu wollen. Er nickte ein wenig mit seinem dicken Kopfe und verspeiste bedächtig eine Haifischflosse, die ihm der bezopfte Kellner gebracht hatte.
»Das ist doch wirklich ein Vorteil,« sagte der Arzt, indem er sich hoffnungslos einem anderen Gegenstande zuwandte, »daß man jetzt einen so guten, moussierenden Rüdesheimer zu zehn Mark die Flasche bekommt. Sonst wird alles immer teurer, und die Ansprüche des Lebens steigern sich in unerhörtem Maße, aber die Weine werden immer billiger. Mein Vater erzählte noch von den Zeiten, wo er französischen Champagner mit fünfzig Mark die Flasche hat bezahlen müssen. Jetzt trinkt kein Mensch in Deutschland mehr andern als moussierenden deutscheu Wein. Aber wie lange hat es doch gedauert, bis die Weinbauern begriffen haben, daß die Süßigkeit des Weines aus dem Kalk kommt! Jedermann wußte, daß der Ruhm des Champagners aus der Champagne stammt, die Kalkboden hat, und doch kamen die Leute nicht auf die rechte Düngung ihrer Weinberge. Übrigens erinnere ich mich, kürzlich in einer alten Schrift über Weinbau gelesen zu haben, daß ums Jahr 1890 erfinderische englische Spekulanten dem Publikum eingeredet hätten, herber Wein wäre besser als süßer. So riß zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts die englische Mode des sogenannten dry und extra dry ein; noch abscheulicher und modischer war die Sorte brut und die Sorte goût américain, die selbst den extra dry an Herbigkeit übertrafen. Die Mode kann alles, und die erfinderischen Köpfe machen damit ihr Geschäft. Als ob nicht herbe Weine stets im Überfluß vorhanden gewesen wären, und als ob nicht die Güte des Weines in seinem natürlichen Gehalt an Zucker bestände, an den das Aroma gebunden ist. Seit den Zeiten der römischen Herrschaft am Rhein sind die Winzer bemüht gewesen, den Boden zu veredeln, damit er statt Essig trinkbaren Wein hervorbringt, und doch brachten die Engländer das herbe Zeug in die Mode, sodaß die Fabrikanten der Champagne genötigt wurden, ihren guten Wein zu verderben, um ihn nur verkaufen zu können. Das ist jene rohe Zeit gewesen, — da wir gerade vom Weinbau reden — wo ungezählte Millionen und Milliarden verloren gingen, weil man in dem Wahne stand, die Reblaus wäre ein Wandertier, sodaß man die infizierten Weinberge durch Feuer vernichtete. Die krankhafte Vorstellung der Infektion war damals an Stelle des Glaubens an Zauberei getreten. Nachdem es aus der Mode gekommen war, Hexen zu verbrennen, verbrannte man Weinstöcke. Erst zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts verbreitete sich die Einsicht, daß die Phylloxera ein natürliches Produkt der Rebwurzel ist, infolge schädlicher Düngung des Bodens. Nachdem man schwefelsauren Ammoniak, Kalk und Pottasche auf den Weinberg gebracht hatte, verschwand die Phylloxera und trugen die Reben das köstliche Traubenblut, woran wir uns heute erfreuen.«
Der geschmeidige Kellner setzte die rubinroten, kristallhellen Eier auf die Tafel, die fast in ganz Europa an Stelle des Käses getreten waren, da die Landwirtschaft, mit Ausnahme weniger Landstriche, die Viehzucht aufgegeben hatte.
»Sechsjährige, aus der Normandie,« sagte er in seinem seltsam weich klingenden Deutsch.
»Ein gutes Restaurant!« bemerkte anerkennend der Arzt. »Die Chinesen sind die zuverlässigsten Wirte und Köche. Die Eingeborenen werden ja auch ganz zurückgedrängt vom Gastwirt- und Kellnergewerbe. Die zierlichen Hände der Ostasiaten sind wie geschaffen zu feiner Arbeit und zum Bedienen. Ich las in einer Statistik vom vorigen Monat, daß in Berlin nur noch etwa sechstausend Personen deutschen Stammes als Wirte und Kellner beschäftigt wären, und auch die nur in den Vororten. Im eigentlichen Berlin gibt es fast nur noch chinesische Wirtschaften. Und die Chinesen wissen es als gute Geschäftsleute auch einzurichten, daß man billig und gut speist. Fünfundsiebzig Mark für ein Essen, wie wir es gehabt haben, wobei sogar Wild gegeben wurde, ist wirklich nicht zu viel.«
Die Herren hatten in der Tat preiswürdige Speisen gehabt: Suppe aus den Nestern der Salanganen, Sterlet aus der Wolga, Kohlkeime und geräucherte Haifischflossen, Hirschrücken aus dem Böhmerwald, kandierte Rosenblätter aus Adrianopel und zum Schluß die sechsjährigen Eier. Indessen konnte man in Berlin noch viel billiger speisen. In den vegetarischen Restaurants, die neun Zehntel aller Speisehäuser ausmachten, aß man für drei Mark sehr gut zu Mittag, sodaß auch der Ärmste es bezahlen konnte.
Als die Herren zur Tür hinaustraten und auf der eisernen Brücke standen, die dem Verkehr der Fußgänger diente und in einer Breite von fünf Metern an den Häuserreihen hinlief, zeigte sich die Straße Unter den Linden im Glanze der Nachmittagssonne so belebt und prächtig, daß sie am Geländer stehen blieben, um das Schauspiel zu genießen.
Die Brücken für Fußgänger liefen in der Höhe des ersten Stockwerks an den Haustüren vorüber und waren voller Menschen. Doch nur sehr wenige weibliche Gestalten waren zu bemerken, denn die innere Stadt diente dem Geschäft, die Familienwohnungen lagen draußen in den Vororten und Villenkolonien. Das unterste Stockwerk der Gebäude wurde nicht bewohnt, sondern überall als Speicher und Warenlager eingerichtet. Von hier führten Treppen im Innern der Häuser hinauf in die Verkaufsräume.
So lebhaft der Verkehr auf der Straße auch war, ältere Leute konnten den Unterschied gegen frühere Zeiten recht gut bemerken: der Lärm, der in alten Zeiten die großen Städte erfüllte, tobte nicht. Die Räder fuhren fast völlig geräuschlos, und kein Klingeln, kein Trompeten, kein Tuten, kein Pfeifen wurde von der Polizei erlaubt. Es gab nur noch Automobile und Fahrräder, die auf ihren Gummireifen liefen, und um die Reibung möglichst zu verringern, hatte man die Straße sehr glatt gemacht. Es war ein Mosaikboden, dessen Muster dem Auge so wohlgefällig wie die Härte und Glätte dem Fahren günstig waren. Schmutz gab es fast gar nicht, denn weder erhoben sich im innern Berlin rauchende Schlote, noch kam jemals ein Pferd in die eigentliche Stadt. Pferde und Hunde gab es wohl draußen, wo reiche Leute ihre Liebhabereien trieben; in den vornehmsten Villenkolonien galt das Automobil für unfein, dem Familienverkehr dienten hier Pferde und Wagen, beides in höchster Eleganz. In der Geschäftsstadt aber liefen nur Automobile, während die elektrischen Bahnen den Fernverkehr vermittelten.
Die Straße war in der Längsrichtung durch ein Gitter in zwei Hälften geteilt, alle Wagen liefen stets rechts, sodaß kein Zusammenstoß sich begegnender Wagen möglich war. Aber auch gegen ein Ineinanderfahren der in derselben Richtung laufenden Automobile durch verschiedene Geschwindigkeit war Vorkehrung getroffen. Jede Straßenhälfte war durch weiße, in den dunklen Mosaikboden eingelassene Linien in drei Bahnen geteilt. Zunächst dem Gitter lief eine Bahn, die mit einer Schnelligkeit von vierzig bis zu sechzig Kilometer befahren werden durfte. Eine größere Geschwindigkeit war in der inneren Stadt überhaupt nicht zulässig. Wagen, die dreißig bis zu vierzig Kilometer in der Stunde machten, liefen in der zweiten Bahn; die dritte, den Häusern nächste Bahn, war für langsame Gefährte und Radfahrer bestimmt. Schutzleute hatten darauf zu achten, daß die Fahrvorschriften nicht überschritten wurden. Das Gitter, das die Straße halbierte, war mit einer phosphoreszierenden Farbe bestrichen, sodaß das Metall bei trübem, dunkeln Wetter leuchtete und so leichter zu bemerken war.
Dr. Pratico winkte einer Automobildroschke, und die Herren fuhren zum Anhalter Bahnhof. Hier bestiegen sie einen der elektrischen Wagen, die aller zehn Minuten in südlicher Richtung abgingen, mit hundertundzwanzig Kilometer Geschwindigkeit die Stunde liefen und den Verkehr mit den Vororten besorgten.
Berlin zählte zwar nur fünfzehn Millionen Einwohner, hatte sich aber so weit ausgedehnt, daß es nahezu die ganze Mark Brandenburg bedeckte. Sobald man die innere Stadt und den nächsten Umkreis der Vororte verlassen hatte, sah man nur noch vereinzelte Häuser und Häusergruppen inmitten üppiger Felder. Denn seit fünfzig Jahren verließ alle Welt die Stadt, um Ackerbau und Gärtnerei zu betreiben. Dieser Umschwung der Verhältnisse war die Folge davon, daß die Chemie endlich eine vernunftgemäße Düngung des seit tausend Jahren ausgebeuteten und verarmten Erdbodens gefunden hatte.
Als die Herren die Station verließen, zu der sie der elektrische Wagen gebracht hatte, und nun mit einem Automobil, das sie auf der Station gemietet, weiterfuhren, sahen sie unendliche Züge von kleinen Motorwagen, die, mit Mehl aus Porphyr, Dolomit,, Kainit, Phosphorit, Kieserit und andern Mineralien gefüllt, zu den Feldern fuhren, wo fleißige Hände sich ihrer bemächtigten, um das Düngungsgut über den Boden auszubreiten.
Man berechnete die Zahl der Arbeiter, die im Deutschen Reiche mit Herstellung von Düngemitteln beschäftigt waren, auf drei Millionen. In ganzen Armeen waren sie im Harz, im Riesengebirge, im Erzgebirge, im Thüringer Walde, im Taunus, im Hunsrück, in der Rhön, im Teutoburger Walde, im Schwarzwalde, im Spessart, im Odenwalde, im Rothaargebirge, im Schwäbischen und im Fränkischen Jura, wie im Hochgebirge des südlichen Bayerns und in andern Gebirgen verteilt. Sie sprengten unter der Leitung der Ingenieure die Felsen und schafften die zerkleinerten Trümmer nach den Stampfmühlen in der Nähe der Gebirge, wo sie sortiert und gemahlen wurden. Von dort führten Lastzüge das Mehl in Fabriken, wo die verschiedenen Gesteinsarten gemischt wurden, dann wurden die Mischungen je nach Bedürfnis den Landwirten, Gärtnern und Weinbauern zugeführt.
Für die Kartoffeläcker wurden hauptsächlich Porphyr, Granit und Gneis verwandt, die teils mit Phosphorit, Gips und Dolomit, teils mit Kalkmergel, Phoshorit und Kieserit, auch wohl mit Eisenvitriol und kalziniertem Glaubersalz, sowie mit andern Stoffen verbunden wurden, die von den Chemikern der landwirtschaftlichen Institute bestimmt wurden. Die Rübenäcker erhielten ebenfalls Porphyr oder Granit und Gneis, vermischt mit Kainit, Kalkmergel, Phosphorit und andern Stoffen. Den Feldern, die mit Gerste, Hafer, Roggen, Weizen und Mais bestellt werden sollten, wurden Kali, Natron, Kalkerde, Magnesia, Kieselerde, Phosphorsäure und Schwefelsäure in den verschiedensten Mischungen zugeführt, und selten verwandte man noch Stalldünger.
So war es dahin gekommen, daß bei dem billigen Preise der mineralischen Düngung der Ertrag aus der Landwirtschaft sich gewaltig gesteigert hatte. Während der Landwirt noch zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland kaum auf zwei Prozent von seinem in Landbesitz angelegten Kapital rechnen konnte, gewann er um die Mitte desselben Jahrhunderts schon sechs und jetzt bei den Fortschritten von Theorie und Praxis durchschnittlich zwölf Prozent. Der erschöpfte Boden hatte allmählich seine ursprüngliche Kraft wieder gewonnen. Noch großartiger zeigte sich der Aufschwung im Weinbau. Der Irrtum des neunzehnten Jahrhunderts, man müsse dem Erdboden überwiegend Kali, Phosphorsäure und Stickstoff zuführen, war aufgegeben und man hatte ganz einfach die Lava, also FeldspatGlasfluß, zum Vorbilde genommen, weil man erkannte, daß Lava am Vesuv und überall den besten Nährboden der Rebe bildet. So düngte man denn je nach der Bodenart des Weinbergs mit solchen Mineralien, wie sie der Boden bedurfte, um der Lava möglichst ähnlich zu werden. Es gab keinen Weinstockpilz und keine Phylloxera mehr, seitdem man mit einer Auflösung von rohem Bittersalz sprengte, im Frühjahr Gips in das Erdreich brachte und die an Phylloxera erkrankten Rebstöcke in der Weise behandelte, daß man an jede Wurzel eine Handvoll schwefelsaures Kali schüttete. Der französische Ackerbauminister Chatin war der erste hohe Beamte gewesen, der die rechte Behandlung der Rebenkrankheiten eingeführt hatte, und zwar schon zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts, aber es hatte fünfzig Jahre gedauert, bis die richtige Würdigung des Schutzmittels überall durchgedrungen war. Nunmehr aber hatten sich die Weinberge verändert, es wurden auch die kleinen Weinbauern reich. Die alten, guten Lagen standen im Flor, und bis hinunter in das mittlere Deutschland erstreckten sich an sonnigen Hängen neue Anlagen. Die fast ganz eingegangenen Weinpflanzungen an den Ufern der Elbe, bei Meißen, auch die schlesischen Weinberge blühten wieder empor, und wenn in diesen nördlichen Gegenden auch gerade kein sehr süßer Wein wuchs, weil es an dem wichtigsten Mittel, dem elektrischen Sonnenlicht, fehlte und man das Klima nicht ändern konnte, so wurde doch immerhin ein genießbares Getränk erzeugt, das besonders im Verschnitt mit bessern Sorten sehr nutzbringend für die Weinbauern wurde.
Ebenso wurde die Forstkultur nach demselben Grundsatz der Bereicherung des Bodens durch die fehlenden Mineralien auf eine Höhe gebracht, die man vor hundert Jahren noch nicht geahnt hatte. Ein ausgedehntes Netz von Bewässerungsanlagen versorgte das ganze Land mit dem notwendigen Wasser.
Die Folge solcher Fortschritte in Ackerbau, Weinbau und Forstwirtschaft war, daß unzählige Männer die großen Städte verließen. Sie konnten mehr Geld bei der Bebauung des Bodens als in den gewerblichen Betrieben verdienen. Berlin zerfaserte sich an seinen Grenzen in Dörfer, die sich immer weiter ausdehnten. Und weil die Gärten und Felder am leichtesten zu bestellen waren, wenn der Landwirt in ihrer Mitte wohnte, so stellten diese Berliner Dörfer keine geschlossenen Häusermassen dar, sondern ein loses Gefüge von einzeln liegenden Häusern und Höfen. Manches derartige Dorf hatte einen größeren Flächeninhalt, als ganz Berlin mit seinen Vororten um das Jahr 1900 gehabt hatte.
Und da es notwendig war, in den einzeln liegenden Häusern und Gehöften Wirtschaft zu führen, wurde Frauenarbeit kostbar. Alle Landwirte heirateten und bedurften der Knechte und Mägde. So gab es in der eigentlichen Stadt Berlin ebensowenig wie in den andern großen deutschen Städten noch unverheiratete Frauenzimmer. Von einer Frauenfrage war nicht mehr die Rede, und nur noch mitleidig lächelnd las wohl ein Kulturhistoriker die Artikel über Gleichberechtigung und Emanzipation des Weibes in alten Zeitungen und Zeitschriften. War doch die Frauenfrage dadurch entstanden, daß es an Häusern und Gärten gebrach, während die Mietwohnungen, das möblierte Zimmer und nun gar die Schlafstelle überhand nahmen. Damals freilich wurden Frauenhände überflüssig, sodaß das Weib in den Kampf ums Dasein gestoßen wurde und teils dem Manne in allerhand Berufen Konkurrenz machte, teils auch seine Reize vermietete, um nicht zu verhungern. Jetzt aber, wo überall in Haus, Garten und Feld lohnende Arbeit sich zeigte, war kein Weib mehr überflüssig, sondern es fehlte sogar an Frauenhänden.
Alle diese Fortschritte verdankte die Menschheit dem großen Julius Hensel, der endlich anerkannt worden war, nachdem die Kollegen ihn ein Jahrhundert lang totzuschweigen bemüht gewesen waren.
Die Herren langten an der Haltestelle an, wo eine der sogenannten Friedensstätten anfing. Friedensstätten oder auch Zufluchtsorte nannte man gewisse Gegenden des erweiterten Berlins, wo keine Automobile fahren durften, wo auch Radfahrer nicht zugelassen wurden und wo Telephone nicht erlaubt waren. Nur Briefe und telegraphische Depeschen waren gestattet,. Man hatte erkannt, daß die Verflachung bei den Gelehrten der frühern Zeiten teilweise die Folge des Verkehrs war. Es gab dafür auch noch andere Ursachen, aber hauptsächlich trugen doch das beständige Geräusch, die Hast und die häufigen Störungen der Arbeit durch das Klingeln des Telephons die Schuld, daß fast kein bedeutenderes Geisteswerk mehr zustande kommen wollte und daß die wenigen, die erschienen, nicht verstanden wurden. Nun hatte man Gebiete abgegrenzt, wo ein Forscher, Gelehrter, Dichter und Schriftsteller in seinem Hause ruhig arbeiten und sogar draußen in schöner Natur spazieren gehen konnte, ohne beständig links, rechts, vor sich, hinter sich spähen zu müssen, um irgend einem schnellen Fahrzeug zu entgehen. Jetzt konnte er beim Spaziergange den Faden seiner Gedanken weiter spinnen, ohne sein Leben in Gefahr zu bringen.
Die Friedensstätten, hauptsächlich private Villen mit Gärten, aber auch Parks zur allgemeinen Benutzung, waren sehr ausgedehnt. Hier gab es Wagen und Pferde, hier sah man elegante Equipagen, Reiter und Reiterinnen, auch viele Fußgänger, und hier war das Dasein, obwohl man dem Namen nach in Berlin wohnte, so ruhig und glücklich wie im alten Weimar zur Zeit Schillers und Goethes. Auch Theater und Konzertsäle gab es in den Friedensstätten, aber sie waren klein, so daß die Schauspieler und Sänger sich leicht verständlich machen konnten. Infolge hiervon wurden nur feinere Opern und dramatische Werke aufgeführt, es kam auch nur feinere Musik im Konzertsaal zur Aufführung: alle die lärmenden Sachen, die vor hundert und zum Teil noch vor fünfzig Jahren beliebt waren, bildeten nur noch die Zugmittel für die großen glänzenden Räume in den Vororten nahe um die innere Stadt herum, wo die Handwerker und Bauern ihr Vergnügen suchten. In der inneren Stadt gab es überhaupt kein Theater mehr; sie war Geschäftsstadt.
Es dunkelte bereits, als der Wagen, der die beiden Herren auf Befehl der Prinzessin von der Automobilhaltestelle abgeholt hatte, vor dem Parktor anlangte, aber der Park war ebenso wie die Straßen der eleganten Friedensstätte Jüterbog hell von elektrischem Licht. Als Meditor und Pratico sich dem Schlosse näherten, sahen sie seine Umrisse so deutlich, als ob es heller Tag gewesen wäre. Das Schloß bestand aus einer Gruppe von Gebäuden, und das von der Prinzessin bewohnte Hauptgebäude war nur eine größere Villa, die mehr den Eindruck der Behaglichkeit als den der Pracht hervorrief. Sie war in einem einfachen edlen Stil erbaut, der an die englische Renaissance erinnerte. Die Prinzessin liebte den jetzt für Villen beliebten ostasiatischen Stil nicht.
Die Herren wurden in den Salon geführt und warteten hier auf das Erscheinen Ihrer Königlichen Hoheit.
Der Salon war von einem halben Dutzend Wachskerzen auf einem Kronleuchter von Kristall erleuchtet, deren Licht gegen die draußen herrschende Helligkeit angenehm abstach. Die gute Gesellschaft hatte das elektrische Licht auf die Treppen und Korridore verwiesen und benutzte für die Innenräume nur noch Kerzen, und zwar in so richtig bemessener Zahl, daß sie die Schönheit der Frauen und das Funkeln ihres Schmuckes nicht überstrahlten, aber auch nicht in den Schatten stellten. Der Salon war im Geschmack englischer Villen ausgestattet, wie denn noch immer englische Mode die Sitten und Gewohnheiten des europäischen Festlandes beherrschte.
Nicht lange brauchten die Herren zu warten. Ein Diener öffnete die Flügeltüren, und die Prinzessin trat ein. Es war eine jugendlich schlanke Gestalt, in weiße Seide gekleidet, nach einer Mode, die an die Tracht der Damen am Hofe des großen Napoleon erinnerte. Ihr stolz getragenes Haupt war von rotgoldenem Haar gekrönt, aus ihren feinen und trotzdem energisch geschnittenen Zügen leuchteten die schönsten graugrünlichen Augen hervor. Doch erkannten beide Herren sogleich, daß die Prinzessin geweint hatte. Es war ihr nicht gelungen, die Spuren ihrer Tränen völlig zu verwischen.
»Sie finden mich in großer Erregung,« sagte sie, »und um so mehr freue ich mich, daß Sie gekommen sind, meine Herren. Sie selbst betrifft es, Sie, meine Herren, vorzüglich Sie, mein lieber Herr Meditor.«
»Was ist es? Was kann es sein, Königliche Hoheit,« fragte Doktor Pratico, »das imstande ist, Ihre sonst so starke Seele zu erschüttern?«
Meditor fragte nicht, aber die Blässe seines Gesichtes zeigte seine Bewegung an, und seine kleinen funkelnden Augen hefteten sich angstvoll auf der hohen Dame Antlitz.
»Der König war hier,« sprach sie. »Erst vor einer Stunde hat er mich verlassen. Er war lange hier. O Gott, daß mein Vater noch lebte! Er würde mich verstehen! Aber von meinem Oheim habe ich weder Verständnis noch Liebe zu erwarten, und meine Mutter ist nur allzu nachgiebig und hat ja auch nicht die Macht, meinem königlichen Oheim zu widerstehen. Ohne Einfluß auf den König, wie ich selbst, lebt meine teure Mutter, wenn auch bei Hofe, so doch fast so eng gefangen wie ich selbst. Wer wird mir beistehen?«
»Und was verlangte der König, meine gnädigste Fürstin?« fragte Doktor Pratico. »Gegen uns richtete sich Seiner Majestät Ungnade? Gegen meinen Freund Meditor? Wir sind doch harmlose Männer der Wissenschaft, und niemals haben wir intrigiert, niemals uns in die Politik gemischt!«
Es war dem Arzt anzusehen, daß er in lebhafter Unruhe war, und noch mehr: der aufmerksame Beobachter konnte bemerken, daß nicht allein seine eigene Stellung ihm Besorgnisse einflößte, sondern daß er in glühender Liebe zu der hohen Dame davor zitterte, von ihrem Verkehr durch königliches Machtgebot ausgeschlossen zu werden. Meditor war ein aufmerksamer Beobachter, und seine hohe Stirn furchte sich, als er die Blicke und das Benehmen seines Freundes wahrnahm.
»Der König scheint nicht zu wünschen, daß ergebene Herzen in meiner Nähe weilen,« sprach die Prinzessin. »Er sprach davon, daß mein Leibarzt nicht der Mann seines Vertrauens wäre und —«
»Königliche Hoheit!« rief Doktor Pratico, von seinem Temperament hingerissen, »da durchschaue ich den Plan Ihrer Feinde. Wenn Seine Majestät das gesagt hat, so erkenne ich, weshalb meine Berichte nicht die Zufriedenheit des Königs und seiner Berater erweckt haben. Geradezu gesprochen — denn was könnte es nützen, wenn ich jetzt noch ein Geheimnis aus dieser höchst peinlichen Sache machen wollte — also gerade heraus gesagt: es ist mir nahegelegt worden, meine Berichte so zu fassen, daß daraus auf eine Nervenkrankheit Eurer Königlichen Hoheit geschlossen werden könnte. Dieses Leiden sollte dann den Anlaß zu ferneren Maßregeln geben, deren Grausamkeit ich nur anzudeuten wage.«
»Mein lieber Doktor,« sagte die Prinzessin mit ruhiger Stimme, »Sie brauchen mich nicht zu schonen. Ich weiß, wie bequem und angenehm es meinen Feinden erscheinen würde, mich in eine Nervenheilanstalt einsperren zu können. Damit hat es zum Glück noch weite Wege. Aber vielleicht wird die Zeit kommen, wo man auch vor diesem letzten Schritte nicht zurückscheuen wird. Vorläufig fährt man damit fort, nach und nach meinen Einfluß zu beschränken und mich zu isolieren, Nicht allein Sie, lieber Doktor, sondern auch Herrn Meditor soll ich aus dem Kreise meiner Freunde entfernen. Ja, gegen Sie, Herr Meditor, zeigte mein Oheim einen besonderen Groll. Höhnisch rief er mir zu, mein Name sei bezeichnend, Fantasia habe nichts mit der Chemie zu tun. Und da er wohl nicht direkt aussprechen wollte, daß wissenschaftliches Streben ihm ein Greuel ist, so warf er mir die großen Summen vor, die ich, wie er sagte, in meinem Laboratorium verschwendet hätte.«
»Es sind große Summen,« sagte Meditor mit gesenktem Blicke.
»Ja, es mögen große Summen sein, aber aus meinem väterlichen Vermögen sind sie bezahlt worden. Die Sekundogenitur ist reich genug, um weit größere Ausgaben für die Wissenschaft zu leisten. Aber das ist es eben: mein Oheim möchte den ganzen Besitz der Sekundogenitur, alle unsere Herrschaften und Schlösser, alle unsere Sammlungen und Galerien, unser ganzes Barvermögen sequestrieren. Seitdem sein Lieblingsplan, meine Vermählung mit dem Großfürsten, gescheitert ist, behandelt er mich als ein unnützes Glied seines Hauses, das er am liebsten abschnitte, und er sucht nach Mitteln und Wegen, um mich zu beseitigen, ohne doch den befreundeten Höfen gegenüber das Odium der Ungerechtigkeit auf sich zu laden. Aber der König irrt sich in mir. So leicht gebe ich den Widerstand nicht auf. Weder den Großfürsten noch irgend einen andern Fürsten seiner Wahl werde ich heiraten, und niemals werde ich mein Laboratorium opfern, denn die physikalischen und chemischen Experimente, die ich das Glück habe, mit Ihnen, lieber Meditor, anzustellen, sind der Jungbrunnen meines Lebens.«
»Und Ihr Name, Königliche Hoheit,« sprach Meditor, »steht dem in keiner Weise im Wege. Denn die Phantasie eilt allen wissenschaftlichen Entdeckungen voraus.«
»Darf ich fragen, Königliche Hoheit, was Sie Ihrem erlauchten Herrn Oheim geantwortet haben?« fragte Pratico.
»Ich habe ihm geantwortet, daß meine Freunde keine Diener wären, denen man von heute auf morgen kündigte, und daß ich vorzöge, in ein Gefängnis geworfen zu werden, so daß mir auch nicht der Anschein der Freiheit bliebe.«
»Welch ein Verlust für das Reich,« sagte Pratico, »wenn es dem König gelänge, Sie ganz von dem geistigen Leben des Volkes abzuschließen, gnädigste Fürstin! Allen Männern der Wissenschaft sind Sie eine Stütze gewesen, und jetzt, wo die Kirche ihren letzten, verzweifelnden Ansturm unternommen hat, um dem Siege der Aufklärung mit aller Macht der Finsternis entgegenzutreten, bedeutet Ihr Zurücktreten, Königliche Hoheit, die schlimmste Niederlage und eine allgemeine Flucht der Armee des Fortschritts!«
Ein Lächeln glitt über der Prinzessin geistvolle Züge. »Täuschen Sie sich darin nicht ein wenig, lieber Doktor?« fragte sie.
»Inwiefern, Königliche Hoheit?«
»Ich habe die Vermutung, daß nicht eigentlich und nicht allein die Kirche sich den wahrhaft wissenschaftlichen Bestrebungen unserer Zeit widersetzt, sondern daß es jetzt so ist, wie es in früheren Zeiten war, daß nämlich jene große Partei der Professoren, die ererbtes Wissen für ihr Privateigentum hält, sich hinter die Geistlichkeit steckt und sie antreibt, wissenschaftlichem Fortschritt entgegenzuarbeiten, weil sie in neuen Entdeckungen und in der Verbreitung neuer Einsicht Gefahr für ihr ängstlich behütetes, sogenanntes geistiges Eigentum erblickt. Die Anhänger Darwins und Lyells sind noch immer mächtig und hassen und fürchten die Chemie. Kein Haß ist so bitter, wie der Haß des Professors, den ein Emporkömmling entthronen will.«
Ein starkes Rauschen von mächtigen Propellern und ein pfeifendes Sausen wurde hörbar, und Doktor Pratico eilte zum Fenster, um zu sehen, was draußen vorginge.
»Ein Luftschiff!« rief er. »Ist denn nicht jede Annäherung von Luftschiffen an das Schloß verboten?«
»Dieses möchte wohl die allerhöchste Erlaubnis haben,« sagte die Prinzessin, dem Arzt folgend. »Ganz recht, ich sehe schon. Es ist der Oberhofmarschall des Königs.«
Es pochte und der Kammerdiener meldete Seine Exzellenz im Auftrage Seiner Majestät.
»Untertänigst bitte ich um Eurer Königlichen Hoheit gnädigste Verzeihung,« sprach der eintretende Hofherr, »daß ich zu stören wage, aber Majestät senden mich mit dringendem Befehl.«
»Was gibt es, Herr Graf?«
»Majestät sind benachrichtigt worden, daß diese beiden Herren« — der Graf wies auf die Besucher der Prinzessin — »in das Schloß gekommen sind.«
»Ganz recht,« sagte die Prinzessin. »Ist das etwa verboten?«
»Verzeihung, Königliche Hoheit, es war zwar nicht verboten, hat aber das Mißfallen Seiner Majestät in so hohem Grade erregt, daß ich sofort den allerhöchsten Befehl erhielt, mich schleunigst hierher zu begeben und — und —«
»Was denn? Weshalb zaudern Sie? Nicht wahr, Majestät verweisen die beiden Herren aus meinem Wohnsitz?«
»Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit, es ist wirklich so. Majestät befahlen mir, zu melden, daß ein für allemal die beiden Herren —«
»Also doch! Ich bin eine Gefangene!«
»Königliche Hoheit, ich bin vollständig schuldlos, und es ist mir der größte Schmerz mich eines Auftrages entledigen zu müssen, welcher der gnädigsten Prinzessin mißfällt.«
»Mißfällt! Der Ausdruck ist gut gewählt. Die ärgste Beleidigung liegt in diesem willkürlichen Befehl. Und wenn ich erkläre, daß die beiden Herren bei mir bleiben und morgen wiederkommen werden?«
»Ich bin untröstlich, aber Majestät haben befohlen, die Herren mit Gewalt wegzuführen, falls — ich wage nicht weiter zu reden, um Königliche Hoheit nicht noch mehr zu erzürnen.«
In diesem Augenblick nahm die Prinzessin ein Zwinkern der Augen wahr, womit Meditor ihr winkte, als er ihren Blick auffing. Die Prinzessin glaubte zu verstehen.
»Ist es so eilig?« fragte sie. »Ich habe den beiden Herren noch Aufträge zu geben, bevor ich sie endgültig entlasse. Geht die königliche Gnade so weit, mir den Abschied von meinen treuesten Freunden zu gestatten?«
Der Hofherr verbeugte sich. »Darf ich nach einer Stunde fragen, was Königliche Hoheit zu tun geruhen werden?«
»Sie haben sehr artige Wendungen, Herr Graf,« entgegnete die Prinzessin, nachdem sie den Chemiker mit dem Blick befragt und sein kaum merkliches Nicken wahrgenommen hatte. »Was ich zu tun geruhen werde, das liegt wohl nicht ganz in meiner Hand. Aber wenn Sie mir eine Stunde Bedenkzeit geben wollen, so werde ich Ihnen dankbar sein.«
Der Oberhofmarschall zog die Uhr. »Es sind zehn Minuten vor neun Uhr,« sagte er. »Mit gnädigster Erlaubnis werde ich mich um zehn Uhr wieder untertänigst melden.«
»In der Zeit steht Ihnen meine Bibliothek zur Verfügung, Herr Graf,« sprach die Prinzessin, »und ich bitte auch über meine Dienerschaft zu verfügen, falls Ihnen eine Erfrischung gefällig sein sollte.«
»Königliche Hoheit sind sehr gnädig,« sagte der Oberhofmarschall und verschwand.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als Meditor sich mit festem Tone an die Prinzessin wandte: »Ziehen Königliche Hoheit die Freiheit allem vor?«
»Gewiß,« entgegnete sie.
»Sind Sie gewillt, Gefahren aller Art zu trotzen und meiner Leitung zu folgen, so werde ich Sie befreien, Prinzessin.«
Etwas Zwingendes lag in der Art, wie dieser gewaltige Kopf und diese schweigsame Zunge sich belebten.
»Ja,« sagte die Prinzessin, ihn mit Spannung beobachtend.
»Dann werden wir das Schloß sogleich verlassen.«
»Wie ist das möglich? Man bewacht uns.«
»Ich werde es möglich machen.«
»Ich folge Ihnen,« sagte die Prinzessin, und nach einer kleinen Pause setzte sie hinzu: »wenn auch Doktor Pratico uns beide begleitet.«
Der Arzt ergriff der Prinzessin Hand und drückte einen Kuß darauf.
Einen Augenblick verharrte Meditor in düsterer Erstarrung, dann raffte er sich zusammen. »So wagen wir es denn!« rief er.
»Wenn es eine Reise gilt,« sprach Pratico, »so möchte ich Ihnen einen Rat geben, Königliche Hoheit.«
»Welchen?«
»Nehmen Sie alles Geld, das Sie besitzen und Ihre Juwelen mit.«
Die Prinzessin blickte auf Meditor. Als sie in seinen Augen Zustimmung las, verließ sie das Zimmer.
Nach wenigen Minuten, während deren die beiden Herren einander stumm mit den Augen gemessen hatten, kehrte sie zurück, im Reiseanzuge, eine lederne Tasche in der Hand. »Bereit, entführt zu werden, wie ein Bürgermädchen im Roman, wie Jessica im Drama,« sagte sie lächelnd. »Nun, mein Führer, welchen Weg wählen Sie? Haben Sie etwa des Nibelungen Tarnkappe?«
»Ins Laboratorium!« sagte Meditor kurz.
Aus dem Korridor führte eine Tür in ein geräumiges Zimmer, das schon zu einem der Nebengebäude gehörte. Meditor, vorangehend, drehte an einem Knopf am Eingange und elektrisches Licht erstrahlte. Der Raum war angefüllt mit chemischen und physikalischen Apparaten. Die Prinzessin und Doktor Pratico blickten umher.
»Ich sehe keine Flugmaschine,« sagte der Arzt,
Die Prinzessin blickte vertrauend auf Meditor.
»Hierher!« sprach dieser.
Unter dem Druck seines Fingers öffnete sich eine Wandtür, und nachdem Meditor das Licht der ersten Wandkrone ausgelöscht hatte, führte er, mit einer elektrischen Handlaterne vorausgehend, durch einen Gang zu einer weitern Tür. Er wandte sich um, bevor er die Tür öffnete, und betrachtete die Prinzessin mit einem Blick, der aus übervollem Herzen zu kommen schien. Stolz und freudige Erwartung leuchteten aus den kleinen scharfen Augen.
Er öffnete die Tür und trat ein, die Prinzessin und ihr Leibarzt folgten ihm, blieben aber beide mit einem Ruf des Staunens an der Schwelle stehen.
In diesem, auch der Prinzessin bis jetzt unzugänglich gebliebenen Raume, dem GeheimLaboratorium des Chemikers, erblickten die Eintretenden einen Gegenstand, den sie zunächst für einen Kristall von ungeheurer Größe hielten.
Das Gemach war so groß, daß ein Vierspänner darin hatte wenden können, oben offen, so daß die Sterne hineinschienen, und in seiner Mitte ruhte auf einem gläsernen Gerüst der Kristall. Sechs Flächen, Spiegelscheiben gleich, von sechs Meter Höhe, stiegen senkrecht empor und trugen ein spitzes Dach von sechs einander zugeneigten Scheiben. Der sechseckige Boden, auf gläsernen Balken ruhend, hatte sechs Meter im Durchmesser, so daß das Ganze etwa Form und Rauminhalt eines großen Zeltes oder Gartenpavillons hatte. Nur waren nicht Leinwand oder Stein oder Holz die Baumaterialien, sondern der Stoff funkelte im Licht der elektrischen Lampe, die Meditor trug, wie Kristall, ja noch schöner. Er leuchtete in allen Farben des Regenbogens, bald rot, bald blau, bald grün, je nachdem das Licht ihn traf, und durchaus mit dem Feuer des Diamanten, so daß die Frage der Prinzessin, die sie nach minutenlangem Staunen fast atemlos hervorstieß, ob dies Gebäude von Diamant wäre, durchaus nicht unangebracht erschien. Auch Doktor Pratico hatte zunächst den Eindruck, hier ein Wunder zu sehen, ein Wunder von Edelgestein.
»Es ist Wasserstoff,« sagte Meditor.
»Wasserstoff?« fragte die Prinzessin, »ist das möglich? Man hat das Wasserstoffgas in kleinen Mengen flüssig machen können, aber daß es in festen Zustand zu bringen wäre, das habe ich nicht geglaubt.«
»Es ist mir gelungen, und, genau genommen, hat der Aether sich selbst in diese Form gebracht.«
»Der Aether?«
»Ja, Prinzessin, das Wasserstoffgas ist der Aether, und der Aether ist der Vater aller Dinge.«
»Nun, wenn dieser Kristall sich aus Aether geformt hat,« rief die Prinzessin fröhlich, »so nennen wir ihn Aetherio!«
Sie schien ihre eigene Lage, ihre beabsichtigte Flucht, die bevorstehenden, von Meditor erwähnten Gefahren, kurzum, alles vergessen zu haben, was ihre Person betraf. Wissenschaftliches Interesse überwog bei ihr alles andere.
»Wie ist Ihnen nur der Versuch gelungen?« fragte sie. »Lediglich durch WärmeEntziehung?«
»Nicht allein dadurch,« entgegnete Meditor, »sondern auch durch Druck.«
»Und wie haben Sie einen so ungeheueren Druck auf das flüssig gewordene Wasserstoffgas erreicht?«
»Durch Elektrizität. Diese Erfindung gedachte ich der wissenschaftlichen Welt im ChemischPhysikalischen Zentralblatt mitzuteilen, und nun bin ich genötigt, das Ergebnis praktisch zu verwerten, bevor sich noch die wissenschaftliche Erörterung darüber entsponnen hat. Ich habe sozusagen mit elektrischem Hammer die Masse geschmiedet.«
»Und wie ist Ihnen die Bearbeitung des festen Aethers zu solchen Tafeln und der Aufbau dieses Pavillons gelungen?«
»Ich habe ihn nicht aufgebaut, ich bin selbst im höchsten Maße überrascht worden, als die Masse sich kristallisierte. Eine Erklärung der wunderbar erscheinenden Tatsache möchte ich darin suchen, daß die Elektrizität formgebend gewirkt hat, und zwar in derselben Weise, wie positive Elektrizität überhaupt Formen hervorbringt und zusammenhält. Unter der Einwirkung von Wasserstoff kristallisieren sich Korund, Rubin, Saphir, Smaragd und Diamant durch positive Elektrizität, und die eigentümliche Farbenwirkung dieses Kristalls, der uns als Luftschiff dienen soll, läßt auch vermuten, daß er ein wirklicher Diamant ist, der sich unter meinen Händen gebildet hat, während ich nur dachte, einen Glaszufluß hervorzurufen, der dem Kern der Sonne analog wäre.«
»So wäre dieser Kristall massiv! Wie kann er uns dann aber mit seiner Schwere als Luftschiff dienen?« fragte Doktor Pratico, wahrend die Prinzessin voll Glauben und Zuversicht alles hinnahm, was der Mann mit dem gewaltigen Kopfe ihr vortrug.
Alsbald trat Meditor an den funkelnden Pavillon heran und öffnete eine Tür, deren Fassung unbemerkt geblieben war. Im Innern zeigte sich ein kleines, elegant eingerichtetes Gemach.
»Ich habe diese Flugmaschine zu einem ProbeAusflug hergerichtet, den ich Eurer Königlichen Hoheit heute vorschlagen wollte. Nun zwingt das Schicksal uns zur Reise ohne vorherigen Probeflug. Werden Sie mir vertrauen, gnädigste Prinzessin?«
»Hat doch schon manches Mädchen nur der Liebe wegen eine gefährliche Reise mit ihrem Geliebten unternommen,« sagte die Prinzessin lächelnd. »Wie sollte mich nicht die Liebe zur Wissenschaft mutig machen!«
Doktor Pratico sah nach der Uhr.
»Wenn Sie auch den zur Reise notwendigen Proviant in Ihrem Diamanten haben, so könnten wir gleich abfahren,« sagte er. »Je früher wir uns jeder Beobachtung entziehen, desto besser. Aber wie wird es mit dem Atmen, Meditor?«
»Famos!« rief er alsbald. »Hier in diesen dunklen Flaschen ist flüssiger Sauerstoff, nach dem von mir verbesserten Verfahren Lindes chemisch rein aus Luft gewonnen. Es reicht aus, um bis zum Monde und noch weiter das Atmen zu ermöglichen. Befehlen Königliche Hoheit, daß wir einsteigen?«
»Ja,« sagte die Prinzessin und trat über die leuchtende Schwelle in das Innere. —
Der Oberhofmarschall war der Aufforderung der Prinzessin gemäß in die Bibliothek gegangen, aber da er kein Verständnis für die wissenschaftlichen Werke hatte, die sich hier in einer Auswahl vorfanden, die den Kenner entzückt hätte, verließ er den Saal sehr bald, um nach der HofFlugmaschine zu sehen, worin er gekommen war. Er war kein Freund von Luftreisen, und nur der Befehl des Königs, der die größte Eile vorschrieb, hatte ihn vermocht, sich dieses Fahrzeugs zu bedienen. Er pflegte im Freundeskreise zu äußern, er wäre überzeugt, über kurz oder lang würde diese Neuerung ein gräßliches Unglück anrichten. Wenn auch Sportsleute ihren Hals riskieren könnten, wie sie wollten, so wäre es doch zu beklagen, daß sich nicht wenigstens der königliche Hof erhaben über derartige modische Experimente zeigte.
Die große Maschine mit der wappengeschmückten Gondel stand auf dem Hofe, und der Oberhofmarschall betrachtete sie mit mißtrauischem Blicke, während er sich mit dem Oberhoffahrer über die Sicherheit der Rückfahrt unterhielt.
»Es ist ein so schöner Abend,« sagte er schließlich, »daß ich es vorziehe, bis zur Elektrischen einen Wagen zu benutzen. Kehren Sie allein mit dem Luftschiff zurück, mein lieber Oberhoffahrer.
»Exzellenz verlieren viel Zeit,« warf der Lenker des Luftschiffes ein. »Die Maschine ist völlig sicher.«
»Ich weiß, ich weiß, mein Lieber, aber, wie gesagt, ich möchte den schönen Abend im offenen Wagen genießen.«
»Ah!« rief plötzlich der Oberhoffahrer, den Blick zum Dach des Schlosses erhebend.
»Was gibt es?«
»Sehen Exzellenz!« rief der Mann, mit der Hand nach oben weisend.
Der Oberhofmarschall blickte empor und öffnete vor Erstaunen den Mund, ohne jedoch ein Wort hervorbringen zu können. Er sah einen leuchtenden Körper emporsteigen, der augenscheinlich aus einem der innern Schloßhöfe kam. Dies seltsame Gebilde war von zauberhaftem Glanz. Es war nicht zu unterscheiden, ob dies eine brennende Laterne oder ein Kristall war, der das Licht der elektrischen Lampen des Schlosses reflektierte. Rote und blaue Lichtstrahlen, wie sie der Diamant verstreut, zuckten aus dem ansteigenden Körper hervor, der bald, indem er schnell in die Höhe fuhr, die ungefähre Form und Größe einer Granate mit ogivaler Spitze annahm, dann noch kleiner wurde und schließlich, einem Fixsterne an Glanz ähnlich, im schwarz erscheinenden Himmel verschwand. —
»Immer siegt der Genius!« rief der Doktor Pratico fröhlich aus, als er der Prinzessin die Hand bot, sie aus dem kristallenen Fahrzeug auf den festen Erdboden zu geleiten. Meditors Schiff, das in einer Nacht die Lüfte zwischen der Friedensstätte Jüterbog und Neapel durchschnitten hatte, stand in einem Olivenhain am Abhange des Vesuvs oberhalb Sorrents.
Erquickend blies der Seewind und füllte die Lungen der Reisenden mit salzhaltigem Dunst und Sauerstoff, so daß ihre Herzen munter und hoffnungsfreudig schlugen. Die Morgensonne übergoß den großen Krater des Mittelländischen Meeres mit lebenspendendem Lichte.
»Hier ist es schön,« rief die Prinzessin.
»Ja, Königliche Hoheit,« sagte der Doktor Pratico, »nun können —«
»Vor allem, lieber Doktor,« so unterbrach ihn anmutig lächelnd die junge Dame, »vor allem lassen Sie nun die Titulatur meiner gnädigsten Persönlichkeit weg. Hoffentlich unterhalten wir uns noch recht viel, und die Rede wird in ihrer Beweglichkeit durch die großen Titel gehemmt, als seien schwere Steine in der Kette der Worte eingeflochten. Nennen Sie mich einfach Prinzessin oder auch Fräulein Fantasia. Unser Haus ist begrenzt, wir wohnen so nahe beiander, daß es töricht wäre, uns durch lange Anreden trennen zu wollen. Nicht wahr, lieber Meditor?«
Der Arzt verbeugte sich. »Ja, Prinzessin,« sagte er, »wir sind der Gefangenschaft entronnen, die Welt liegt frei und offen vor uns. Lagern wir uns hier an diesem sonnigen Hügel und überlegen wir bei dem Frühstück, das der kluge Meditor so vorsorglich mitgenommen hat, nach welcher Richtung der Windrose wir unsere Luft- und Landpartie fortsetzen wollen.«
»Darüber hat der zu bestimmen, der als Vater unseres Unternehmens und Herrscher über den Weltenstoff unser Führer ist. Was sagen Sie, Meditor? Aber lassen Sie mich Ihnen zunächst meine dankbare Bewunderung über das wundervolle Bett aussprechen, worin ich diese Nacht so sanft geschlafen habe. Zunächst hielt mich der Anblick des sternenbesäten Himmels und der erleuchteten Ortschaften wach, und ich gedachte der schönen Verse Shakespeares von der mit lichten Kreisen eingelegten Himmelsflur und der Musik der Sphären, die wir nur deshalb nicht mehr hören, weil unsere Seelen eingeschlossen sind in schwere Leiber. Dann aber wiegte mich ein sanftes Schaukeln ein. Wie haben Sie das nur zustande gebracht, Sie moderner Dädalus?«
»Ja, es ist wunderbar,« sagte Pratico, während Meditor sich damit begnügte, zufrieden zu lächeln. »Offenbar hängen die vier kleinen Gemächer, der Salon, das Schlafzimmer der Prinzessin und unsere Zimmer an einer Achse, die infolge geschickter Verteilung beweglicher Gewichte immer in horizontaler Lage verharrt. Das war immer das Ideal der Seefahrer und Schiffbauer, aber es ist noch niemals so vollkommen erreicht worden.«
Meditor nickte. »Ich hatte einen außerordentlich geschickten Mechaniker zur Verfügung, den ich leider nicht habe mitnehmen können, weil er zur Zeit unserer Abreise nicht im Schlosse war. Er hätte im Dache wohnen können, wo auch unsere Vorräte an flüssiger Luft, flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff, die aufgespeicherte Elektrizität und die zur Ernährung notwendigen Stoffe aus der Tier- und Pflanzenwelt aufbewahrt werden. Aber ich kenne in Neapel einen Mann, der den deutschen Mechaniker ersetzen wird.«
»Die Italiener sind die geschicktesten Mechaniker nach den Ostasiaten,« sagte Pratico. »Aber ist es notwendig, einen solchen Menschen mitzunehmen?«
»Ja,« sagte Meditor, »es könnten Reparaturen notwendig werden auf unserer ferneren Reise.«
»Die fernere Reise!« rief die Prinzessin, vor Vergnügen in die Hände klatschend. »Wie ich mich darauf freue! Wir werden die ganze Welt sehen! Und immer ohne den lästigen Zwang der Etikette! Wir werden Italiens Museen durchforschen, vor allem das Aquarium in Neapel. Dann Frankreich besuchen und England. Afrika dann und Asien und das langgestreckte Amerika. Wie leicht und schön reisen wir doch in unserm Kristall aus elektrisiertem Äther!«
»Herrlich!« rief Pratico, »herrlich! Und Ihr wundervoller Geist, Prinzessin Fantasia, wird alles verklären, was wir sehen, wird den Zauber der Poesie über die Alltagswirklichkeit ausströmen.«
Es war leicht zu bemerken, daß der junge Arzt die Prinzessin leidenschaftlich liebte, und Meditor sah es ganz genau. Die Lider senkten sich ihm schwer über die kleinen Augen.
»Was sagen Sie, Meditor? Was meinen Sie, lieber Freund?« fragte die Prinzessin.
»Zunächst,« entgegnete er, »werde ich mich nach Neapel begeben und den Schlosser aufsuchen, der mir vor zwei Jahren, als ich hier war, ein ausgezeichnetes Sicherheitsschloß für meinen Koffer angefertigt hat.«
»Aber wird ein solcher Mann an solchem Wunderwerk arbeiten können?« fragte Pratico. »Er kennt doch gewiß nur die gewöhnlichen Luftschiffe, bei deren Bau und Leitung alles so schwerfällig und ungelenk und unsicher ist. Wahrhaftig, Meditor, Sie sind ein Genie ersten Ranges! Wie lange suchten die Ingenieure nach dem besten Mittel der Luftschiffahrt, ohne auf das von Ihnen verwandte Wasserstoffgas verfallen zu sein. Sie erst haben das Rechte entdeckt, die Verwendung der Gase zugleich als Triebmittel und Baumaterial.«
»Ich werde den Mann in seine Obliegenheiten einweihen,« sagte Meditor. Er schwieg eine Weile, sah dann die Prinzessin mit durchdringenden Augen an und sprach mit einer Redseligkeit, die an ihm überraschte: »Der Gedanke einer Reise um die Oberfläche der Erde mit allen ihren vom Sonnenlicht hervorgerufenen äußeren Erscheinungen ist gewiß verlockend. Aber ich müßte mich sehr täuschen, wenn Ihr hoher Geist, Prinzessin, nicht noch mehr Interesse an einer Reise nähme, die uns völlig unbekannte, noch von keinem Menschenauge erblickte Teile der Erde zeigte, nämlich ihr Inneres.«
Die Prinzessin und der junge Arzt sahen ihn verwundert an, aber der Prinzessin Augen leuchteten schon im Feuer des Wissensdranges und der Lust an Abenteuern, während Pratico sorgenvoll blickte. »In das Innere?« fragte er.
»In das Innere,« entgegnete Meditor. »Oder teilen Sie etwa das allgemeine Vorurteil, die Erde sei feurigflüssig im Innern?«
»Nein,« sagte Pratico zögernd. »Schon der Physiker Poisson hat überzeugend nachgewiesen, daß das nicht möglich ist.«
»Wie denn?« fragte die Prinzessin.
»Man hat die praktische Erfahrung gemacht, daß die Erdwärme sich etwa um einen Grad Celsius auf je dreißig Meter Tiefe steigert. Daraus hat man geschlossen, daß, den Radius der Erde zu etwa 850 geographischen Meilen Länge angenommen, im Mittelpunkte der Erde etwa 200,000 Grad Hitze herrschen müssen, vorausgesetzt, das Verhältnis der Wärmezunahme sei konstant. Bei solcher Hitze würde das Erdinnere aus glühenden Gasen bestehen, weil alle Metalle, Gold und Platina inbegriffen, ebenso wie die härtesten Felsen nicht allein schmelzen, sondern luftförmig werden müßten. Das ist die Theorie, der Kant, Laplace und andere Forscher, sowie deren ganzer Anhang von Gelehrten, gefolgt sind. Das ist die Theorie vom feurigflüssigen Erdinnern, einem glühenden Meere, das Ebbe und Flut gleich den Ozeanen hätte und Ursache der feuerspeienden Berge wäre. Poisson aber hat schon vor mehr als hundert Jahren bewiesen, daß das eine falsche Theorie ist, weil die Erdrinde solchen Explosivstoffen im Innern nicht eine Sekunde lang standhalten könnte, sondern in unzählige Scherben und Splitter zerspringen müßte. Die Lehre von der stetig zunehmenden Erdwärme muß also falsch sein, die Wärme kann nur der Erdrinde eigentümlich sein, nicht aber dem Innern. Gibt es doch auch, streng genommen, keine feuerspeienden Berge. Was man so nennt, das sind Kegel, die von ausbrechender Lava gebildet werden und oben so dünn sind, daß sie einknicken und sich als Krater öffnen. Die Lava kann recht wohl in der Erdrinde entstehen und braucht nicht aus großer Tiefe aufzusteigen.«
»Jawohl,« sagte Meditor, »da stimmen Sie ganz mit mir überein, und nun, bitte — warum sollten wir nicht in das Innere dringen können?«
»Meine Herren,« warf die Prinzessin ein. »Sie sagen, daß das Erdinnere, nicht glühend sein könne. Daraus sollte man schließen, daß die Theorie der allmählichen Erkaltung falsch sei.«
»Sie ist falsch, und sie ist auch richtig,« sagte Pratico.
»Wieso?«
»Die Erde ist allerdings erkaltet, nachdem sie glühend aus dem Zustande eines Kometen hervorgegangen war, aber sie wird niemals in der Weise erkalten, wie manche Gelehrte behauptet haben, indem sie nämlich in einen Steinhaufen zerfiele und zur Sonne stürzte, wo sie vernichtet würde.«
»Nach dem Gesetz der Gravitation jedoch,« sagte die Prinzessin, »wird die Schwerkraft sie in immer engeren Kreisen um die Sonne führen, bis sie schließlich in sie hineinstürzen muß.«
»Das Gesetz der Gravitation regiert im Raume nicht allein, sondern die Tangentialkraft herrscht mit,« sprach Meditor. »Von einer Schwere kann man eigentlich nur dann reden, wenn eine Unterlage vorhanden ist, worauf ein Körper drückt. Die Himmelskörper haben Schwere insofern, als ihr Material von verschiedenem spezifischem Gewicht ist, aber sie haben überhaupt kein Gewicht, insofern es sich um ihren Lauf durch das Weltall handelt.«
»O, ich verstehe,« rief die Prinzessin. »Wundervoll drückt das Gustav Theodor Fechner aus, wenn er sagt, daß die Gestirne Engel seien, die, mit himmlischer Vernunft begabt, den Weg gingen, der am besten der Allweisheit entspreche.«
»Ja,« sagte Pratico, »schon die alten griechischen Naturphilosophen erklärten die Gestirne für belebte und beseelte Wesen, für Götter, und Fechner hat in seinem Werk ZendAvesta diesen Gedanken mit bewundernswerter Gelehrsamkeit ausgeführt.«
»Dies alles,« sprach Meditor, »werden wir besser beurteilen können, wenn wir erst unsere Reise in das Erdinnere vollendet haben werden.«
»Wir brauchen diese Reise nicht, um von der Gravitation zu reden,« entgegnete Pratico. »Keplers und Newtons Entdeckungen stehen fest, und wir wissen, daß die Stärke der Anziehung, die ein Körper auf den andern ausübt, im geraden Verhältnis der Masse des anziehenden Körpers und zugleich im umgekehrten Verhältnis des Quadrats der Entfernung beider Körper steht. Daher verstehe ich nicht, wie Sie von einer Gewichtslosigkeit der Himmelskörper reden können.«
»Es ist da noch ein Geheimnis,« sagte Meditor. »Lassen Sie uns erst einmal das Experiment des Eindringens in den Erdball machen!«
»So wollen Sie wirklich in das Innere? Reden Sie im Ernst?« fragte Pratico.
»Und warum nicht?«
»Weil das Innere der Erde massiv ist und kein vernünftiger Mensch daran denken wird, in einen massiven Planeten eindringen zu können. Angenommen selbst, das Erdinnere wäre nicht glühend, sondern von gemäßigter Temperatur, wie wollen Sie in einen massiven Körper eindringen, der mehr als 1700 Meilen Durchmesser hat?«
»Ich glaube nicht, daß die Erde massiv ist.«
»Wenn sie nicht massiv wäre, so hätte sie nicht eine so gewaltige Anziehungskraft. Aber selbst angenommen, sie wäre nicht massiv, sondern eine hohle Kugel, wie wollen Sie die Erdrinde durchbrechen, die doch mindestens zwei bis drei Meilen Dicke hat?«
»Die Spitze unseres Fahrzeuges bohrt mit der Härte des Diamanten durch Felsen.«
»Gut für die Spitzen der Bohrmaschinen, die einen Tunnel graben! Die sind ja von Diamant, aber brauchen viele Zeit.«
»Unsere Triebkraft ist die Elektrizität.«
»Aber sie möchte doch bei einer Wand von mehreren Meilen Dicke erlahmen.«
»Ich will auch nicht durch die dicke Erdrinde bohren.«
»Es gibt da einen Roman von Jules Verne,« entgegnete Pratico kopfschüttelnd, »der das Problem des Erdinnern erörtert. Jules Vernes Ansichten in Ehren — er verstand mehr von Geographie, Geognosie und Physik als die meisten Professoren seiner und auch unserer Zeit und hat fünfzig Jahre vor Erfindung der Unterseeboote bereits das unter See fahrende Schiff in der Einbildungskraft gebildet. Aber Jules Verne ließ seine Reisenden durch den Krater eines erloschenen Vulkans in das Erdinnere hineinkriechen. Wollen Sie uns etwa durch den Krater des Vesuvs einfahren lassen?«
»Keineswegs,« entgegnete Meditor. »Unser Fahrzeug wäre der glühenden Lava nicht gewachsen.«
»Oder ebenfalls durch einen erloschenen Vulkan?«
»Jules Verne war, wie Sie richtig bemerken, ein großer Physiker, aber die Chemie hat seit seiner Zeit riesige Fortschritte gemacht. Jules Verne war in einem Irrtum befangen, als er annahm, die Erde sei im ganzen massiv, wenn auch riesige Höhlen und Meere sich in ihrem Innern befänden. Wir werden nicht durch einen Krater einfahren.«
»Im Namen der Prinzessin, protestiere ich gegen das Unternehmen,« rief Pratico gereizt. »Dieses teure Leben darf nicht bei einem wahnsinnigen Abenteuer aufs Spiel gesetzt werden.«
»Auf mich soll keine Rücksicht genommen werden, sagte die Prinzessin mit leuchtendem Blick. »Ich habe volles Vertrauen zu unserem Freunde Meditor. Wir wollen ihn nicht weiter fragen, wie er die Reise ausführen wird, sondern seiner Führung gehorsam folgen.«
»Ich bleibe bei meinem Protest, dieses Unternehmen ist Wahnsinn. Jede Art von Wißbegier kann befriedigt werden, wenn wir mit diesem herrlichen Fahrzeug oberhalb der Erde bleiben, aber hineindringen zu wollen in ihr Inneres, das ist Wahnsinn — ich bleibe bei dem Worte.«
»Es ist Ihnen unbenommen, sich von der Weiterreise auszuschließen,« sagte die Prinzessin mit sanftem, bestimmtem Tone.
Doktor Pratico sprang auf von dem Lavablock, worauf er saß. »Prinzessin!« rief er, »nicht für mich, sondern für Sie bin ich in Sorgen. Das Leben eines Mannes der Wissenschaft gehört der Forschung, und kein schönerer Tod als der auf dem Altar der Physik.«
»Und bin ich geringer als Sie? Bin ich es nicht wert, der Wissenschaft zum Opfer zu fallen? Ist ein Weib zu schlecht dazu?«
»Prinzessin, ich ergebe mich,« sprach der Arzt mit dumpfem Tone.
»Nun gut, so befehlen Sie, führen Sie, Meditor!« sagte die Prinzessin.
»Wir gehen nach Sorrent hinunter und fahren von dort nach Neapel,« sagte Meditor.
»Und was geschieht mit unserm Fahrzeug?« fragte Pratico.
»Es bleibt hier.«
»Unbewacht? Unbeschützt?«
»Es bewacht und beschützt sich selbst.«
»Wieso?«
»Ich schließe die Tür.«
»Und wenn irgendein Vagabund sie erbricht?«
»Ich habe ein Sicherheitsschloß.«
»Welches?«
»Elektrizität. Wer die Wand des Kristalls berührt, erhält einen Schlag, der ihm alle Lust benimmt, näher zu untersuchen.«
»Aber er wird doch nicht getötet?« fragte die Prinzessin.
»Nein, aber er wird einige Meter weit zurückgeschleudert, so daß er vermutlich niederfällt. Wir können in aller Ruhe tagelang abwesend sein und in Neapel die Vorbereitungen für unsere Reise in das Erdinnere treffen.«
»Gehen wir!« sprach die Prinzessin.
Die kleine Gesellschaft machte sich auf den Weg bergab, Doktor Pratico zu Anfang tief verstimmt. Es ist so — ich habe es nicht glauben wollen, sagte er sich. Sie liebt Meditor. Wie würde ein Weib sich in den wahrscheinlichen Tod zu begeben wagen, ja, in den sichern Tod, wenn sie nicht den Mann liebte, der ihr Führer ist?«
Allmählich aber siegte der Stolz in seiner Seele. Sie dürfen es beide nicht merken, sagte er sich. Und ich will dieser kühnen Frau den Beweis geben, daß ich so tapfer bin wie er — wenn auch nicht so ganz besessen von tollen Plänen. Mag doch aus mir werden, was da will! In Fantasias Gesellschaft sterben ist besser als ohne sie zu leben!
»Es ist doch interessant,« sagte er heiteren Tones, »von der Höhe aus dieses weite Becken zu überschauen, das man den Golf von Neapel nennt, und sich auszumalen, wie es damals wohl ausgesehen hat, als das Meer diesen Krater noch nicht ausfüllte. Eine alte Sage, die Platon erzählt, meldet, daß hier ein Teil der Insel Atlantis untergesunken sei, die ...«
»Sie ist nicht untergesunken, sondern davongeflogen,« warf Meditor ein.
»Meinetwegen; ich erzähle nur die von den Aegyptern zu den Griechen gedrungene Sage, daß hier festes Land war, hier und auch weiter nach Westen, über die Meerenge von Gibraltar hinaus, tief in den Atlantischen Ozean hinein, der von der sagenhaften Atlantis seinen Namen hat. Diese große Insel sei nach und nach untergegangen, erst ein Teil, dann der andere, und habe ein kriegerisches Volk, die Ahnen der Griechen aus klassischer Zeit, im Meere und im ausbrechenden Feuer begraben. Wenn ich bedenke, daß das Mittelländische Meer sozusagen eingerahmt ist von Vulkanen und daß seine Ufer so oft von Erdbeben erschüttert werden, erscheint mir die alte Sage, die Solon bei den Aegyptern gehört hat, glaubhaft.«
»Mir nicht,« sagte Meditor.
»Und was glauben Sie?«
»Atlantis ist nicht verschwunden.«
»Wo ist denn Atlantis?« fragte Pratico spöttisch.
»Wir sehen jenes Land sehr oft, wenn auch nicht immer in seiner ganzen Gestalt.«
»Was soll das heißen?«
»Wir sehen die alte Atlantis meistens sichelförmig, bei Neumond gar nicht, nur bei Vollmond ganz.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Jene alte Atlantis ist nichts anderes als der Mond.«
»Der Mond?«
»Jawohl. Es gab eine Erdrevolution, eine mächtige Explosion, die das ganze Stück Erdrinde, an dessen Stelle sich jetzt das Mittelländische Meer befindet, lossprengte und in das Weltall schleuderte. Dieses Stück, etwa den achtzigsten Teil der Erdrinde bildend, nennen wir seitdem nicht mehr Atlantis, sondern Mond.«
»Verzeihen Sie, der Mond ist doch größer! Nicht achtzig, sondern neunundvierzig Monde würden eine Erde ausmachen.«
»Nämlich, wenn der Mond eine Kugel wäre,« sagte Meditor. »Ist er aber eine Scheibe, so bildet diese ein Achtel der Erdoberfläche.«
Pratico schüttelte den Kopf.
»Wenn wirklich ein Stück Erdrinde in den Weltraum fortgeschleudert worden wäre,« sagte er, »so würden wir es nicht mehr sehen.«
»Warum nicht?«
»Weil es zu weit geflogen sein müßte. Es müßte noch heute fliegen, wenn nicht ein fremder Himmelskörper es aufgehalten und aufgenommen hätte.«
»Warum?«
»Nach Galileis Gesetz der Trägheit fliegt ein in Bewegung gesetzter Körper im Weltraum immer weiter, bis ein anderer Körper seinen Lauf hemmt.
»Dies Gesetz der Trägheit ist ein Irrtum, und Galilei selbst würde es heute widerrufen. Nur so lange die treibende Kraft anhält, fliegt der Körper. Wird die Triebkraft nicht erneuert, so verlangsamt sich der Lauf des Körpers und hört endlich auf. Das gilt für die Himmelskörper wie für jedes Projektil auf Erden. Wie eine Kanonenkugel liegen bleibt, wenn die Kraft der Pulvergase erlahmt ist, so blieb Atlantis im Raume stehen, nachdem die Explosion der Erde sie fünfzigtausend Meilen weit geschleudert hatte.
»Vielleicht,« sagte Pratico lachend, »hat die Insel Atlantis bei ihrem Fluge durch den Weltenraum auch die Vorfahren der Griechen mitgenommen, vielleicht leben auf dem Monde die Griechen, die Vettern der jetzt lebenden Hellenen.«
»Vielleicht.«
»Aber, lieber Meditor, im Ernst gesprochen: Der Mond ist entweder kreisrund oder eine Kugel. Die Astronomen erklären ihn für eine Kugel. Die Insel Atlantis aber war doch langgestreckt und vielgezackt. Wenn sie größer war als das jetzige langgestreckte und vielfach ausgebuchtete Mittelländische Meer und sich in das jetzige Atlantische Meer hineinstreckte, so wird es ihr Mühe gemacht haben, eine so regelmäßige Scheibe oder Kugel zu bilden, wie der Mond doch nun einmal ist.«
»Selbst wenn die Atlantis von NewYork bis Baku gereicht hat, ist darin kein Hindernis für ihre jetzige kreisrunde Form zu erblicken, weil die Insel sich bei ihrem fünfzigtausend Meilen weiten Fluge zusammenballen und regelmäßig runden mußte. Vergessen sie nicht, daß die Explosion der Erde die Insel Atlantis übermäßig erhitzte und erweichte, so wie ein Stück Eisenblech, das bei der Explosion eines Kessels weggeschleudert wird, stark erhitzt ist. Nach demselben Gesetz, das der glühenden Erde die Kugelform gab, mußte die glühende Atlantis sich abrunden. Und wer weiß, ob nicht die Meteorschwärme eben die bei der Abrundung weggestoßenen Zacken der alten Atlantis sind. Die Meteorsteine enthalten Kupfer, Nickel, Kobalt und Eisen, auch Schwefeleisen und Porphyr, lauter irdische Bestandteile. Wer weiß, ob diese Meteore nicht Stücke der alten Atlantis sind?«
»Niemand weiß das, da haben Sie recht, lieber Meditor. Aber das möchte ich wohl behaupten: zur Erlangung der Kugelform war der Flug von fünfzigtausend Meilen nicht weit genug. Die Erde hat im glühenden Zustande weitere Reisen gemacht. Zwanzig Millionen und Fünfzigtausend sind ein kleiner Unterschied.«
»Sie haben recht. Deshalb ist der Mond auch keine Kugel, sondern eine Scheibe.«
Doktor Pratico kam, als Meditor gegen seine Gewohnheit so ausführlich sprach, auf eine neue Idee. Seine Abneigung gegen den Rivalen verband sich mit seiner Scheu vor einer Reise in das Innere der Erde, und während er sich im Widerspruch gegen Meditors Ansichten gefiel, faßte er die Hoffnung, diesen Mann, dessen Plan er für höchst gefährlich und für den Wahnsinn eines hartnäckigen Gelehrten hielt, so zu reizen, daß er in neue Bahnen lenkte, um nur Recht zu behalten. Ähnlich den Gefährten des Kolumbus auf der Fahrt nach dem unbekannten neuen Erdteil versuchte er alle möglichen Mittel, die Reise zu vereiteln.
»Höchst unglaubhaft,« sagte er. »Das Gesetz der Trägheit werden Sie mit all Ihrem Scharfsinn nicht umstoßen.«
»Bedenken Sie, Freund Pratico, daß die Erde den Meteorschwärmen zu bestimmten Zeiten, besonders im August und November, begegnet. Wäre das möglich, wenn diese Meteorsteine, die das Volk Sternschnuppen nennt, nicht auf bestimmten Plätzen im Raume stillständen?«
»Damit ist gar nichts bewiesen, denn die Erde geht nicht immer auf derselben Bahn um die Sonne. Die Sonne bleibt ja auch nicht stillstehen, sondern läuft viel schneller noch als die Erde. Alle Planeten ziehen mit ihr, und während sie immer zwar dieselben Ellipsen beschreiben, wandern sie doch mit der Sonne in immer andere Welträume.«
»Sie schlagen sich selbst mit Ihrem Argument, lieber Pratico. Wie die Planeten, so gehen auch die Meteorschwärme im Sonnensystem mit, bleiben aber trotzdem in Bezug auf ihre Entfernung von der Erde und allen Gestirnen des Sonnensystems immer auf demselben Platze. Sonst würden wir ihnen nicht immer wieder zu denselben Zeiten begegnen.«
»Das sagen Sie!«
»Nein, das sagt die Physik. Und sie sagt ferner: wir sehen immer eine und dieselbe Seite des Mondes, und die Astronomen bringen einen Unsinn vor, wenn sie das aus einer Umdrehung des Mondes um die eigene Axe erklären, die einen Monat Zeit erfordere. Je kleiner ein Körper ist, desto schneller dreht er sich, annähernde Gleichheit des spezifischen Gewichts vorausgesetzt, und wenn die Erde sich in vierundzwanzig Stunden dreht, wird der kleine Mond nicht einen ganzen Monat nötig haben, um sich zu drehen. Ich behaupte, es ist ein Unsinn, den Mond für eine Kugel zu erklären.«
Als die Reisenden im Grand Hotel Wohnung genommen hatten, schrieb die Prinzessin auf den Rat des Doktor Pratico zwei Briefe in die Heimat. Den ersten richtete sie an ihren königlichen Oheim. Sie bat darin um Verzeihung und nachträgliche Genehmigung ihrer Reise nach dem Süden, die sie zur Stärkung ihrer angegriffenen Nerven unternommen habe. Der zweite Brief ging an den Verwalter ihres Vermögens, den Geheimen Finanzrat Pacuvius. Die Prinzessin befahl ihm, die Geschäftsleitung in ihrem Namen weiterzuführen und sich im Falle einer Einmischung von anderer Seite sogleich an die Gerichte zu wenden. Außerdem trug sie ihm auf, eine Million Mark auf ihren Namen in die Italienische Bank einzuzahlen.
Dann ließ sich die Prinzessin durch Doktor Pratico in einer Buchhandlung den platonischen Timäus besorgen. Sie wollte selbst studieren, was Platon über die Insel Atlantis und die Natur der Himmelskörper geschrieben hat.
Meditor war abwesend. Er hatte einen Mechaniker nach seinem Geschmack gefunden, den ihm der Schlosser, den er von früher kannte, empfohlen hatte, und war nach Sorrent zurückgekehrt, um ihn in die Geheimnisse des kristallenen Reisewagens einzuweihen.
Doktor Pratico gedachte die Abwesenheit Meditors zu nutzen, und hatte seine eigenen Gedanken, während er mit der Prinzessin den Timäus studierte. Er verdankte seine bevorzugte Stellung als Leibarzt einer königlichen Prinzessin weniger seiner wissenschaftlichen Bedeutung als seiner gesellschaftlichen Gewandtheit und seiner körperlichen Schönheit. Er war gewiß ein tüchtiger Arzt, aber seine Beliebtheit bei den Damen hatte ihm Zutritt in die vornehmen Kreise und endlich die Ernennung zum Leibarzt verschafft. Diese Erfolge hatten seinem Charakter geschadet, der von Haus aus edel war. Sie hatten seine Eitelkeit gestärkt und ihm Wohlgefallen an vornehmem und üppigem Dasein gelehrt. Er liebte die Prinzessin mit wahrer und echter Glut, aber da er nun sah, daß sie sich aus den Verhältnissen hinausbegeben hatte, die ihre angeborene und ererbte Sphäre bildeten, daß sie sich befreit hatte von den Vorurteilen, die aus den Regierenden eine besondere und höhere Art von Menschen machen möchten, erwachten bei ihm Hoffnungen, die durch den vertrauten Verkehr mit der Prinzessin und die gemeinsamen Abenteuer genährt wurden. Dazu kam die Eifersucht, die ihn stachelte, seitdem er gesehen hatte, daß die Prinzessin Meditor höher hielt als ihn selbst. Er fürchtete, daß nicht nur das Interesse an der Wissenschaft, sondern persönliche Gefühle bei ihr für Meditor sprächen, und er verglich empört und neidisch des Freundes Eigenschaften mit den seinigen. Es war ihm unverständlich, wie ein Mann von so wenig schöner Erscheinung wie Meditor über ihn, den Eroberer so vieler Frauenherzen, siegen könnte, und er war geneigt, ungerechterweise die Vorliebe der Prinzessin für den Chemiker mit dem großen Kopfe nicht der geistigen Bedeutung dieses Mannes, sondern einer gewissen Abirrung des weiblichen Geschmacks zuzuschreiben.
»Mir scheint doch, nun ich Platon lese, die Annahme Meditors richtig zu sein,« sagte die Prinzessin. »Denn wie tief sollte Atlantis gesunken sein? Das Mittelländische Meer hat an vielen Stellen 1200, ja sogar 1800 Meter Tiefe, an einigen Stellen sogar noch mehr. Ist es anzunehmen, daß jene altberühmte Insel sich so tief gesenkt haben sollte, daß noch 1800 Meter Wasser darüber stehen?«
»Warum nicht?« entgegnete Pratico. »Im Atlantischen Meere und noch mehr im Stillen Ozean finden sich Tiefen, die den höchsten Gebirgen an Größe gleichkommen. Zudem hat man gefunden, daß das Meer bei Sizilien sehr flach ist; dort ist es nur 60 bis etwa 12 Meter tief, und diese Beobachtung, vereint mit der Wahrnehmung, daß der Atlantische Ozean durch die Meerenge von Gibraltar mit ebenso großer Gewalt einströmt, wie das Schwarze Meer durch die Dardanellen, läßt die Gelehrten vermuten, daß ehedem Afrika mit Europa bei Gibraltar und Sizilien zusammengehangen und daß ein Sinken des Bodens die Verbindung aller dreier Meere hergestellt habe.«
»Darin liegt doch kein Beweis,« entgegnete die Prinzessin. »Im Gegenteil. Es ist festgestellt, daß der Verlust an Wasser, den das Mittelländische Meer erleidet, nicht durch den Zufluß der italienischen und spanischen Ströme Etsch, Po, Rhone und Ebro ersetzt werden kann, da er zu unbedeutend ist. Auch der Nil führt nicht die genügende Wassermenge herbei, und sonst mündet kein größeres Gewässer in das Mittelländische Meer. Der Ersatz an verlorenem Wasser wird hauptsächlich durch das Atlantische und das Schwarze Meer beschafft, und da die Strömung dieser beiden Zuflüsse sehr stark ist, möchte man schließen, daß sie immer noch nicht genügen, um ein gleichmäßiges Niveau der drei Meere herzustellen,, Die Verdunstung der Oberfläche des Mittelländischen Meeres kann unmöglich so viel betragen, obwohl manche Gelehrte es behaupten. Weshalb sollte denn dieses Meer eine verhältnismäßig viel stärkere Verdunstung haben als andere Meere? Ich möchte wohl Meditor darüber befragen, ob nicht die Erklärung darin zu finden wäre, daß das Mittelländische Meer einen unterirdischen Abfluß hat.«
Doktor Pratico hatte nur mit halbem Ohre zugehört. Die Gegenwart der Prinzessin nahm ihn so sehr gefangen, daß die Verhältnisse des Mittelländischen Meeres ihm gleichgültig waren. Er malte sich aus, wie schön es wäre, wenn er, mit der Prinzessin vermählt, das Leben auf Erden genießen könnte, ohne Reisen in das Erdinnere machen zu müssen. Warum sollte das unmöglich sein? Sie hatte sich so außerhalb ihrer Kreise gestellt, daß die Vermählung mit einem Arzt eigentlich nur noch einen kleinen Schritt weiter bildete. Wie viele unebenbürtige Ehen gab es doch in den Fürstenhäusern.
Aber der Name Meditor erweckte ihn unsanft aus seinen Träumereien. »Meditor sollte das wissen?« fragte er.
»Seine Annahme, Atlantis sei davongeflogen,« erwiderte die Prinzessin, »ist eher glaublich als Ihre Annahme, sie sei gesunken. Denn ein unterirdischer Abfluß des Mittelländischen Meeres wäre sehr natürlich, wenn wirklich hier ein Stück Erdrinde fehlte.«
»Wollen gnädigste Prinzessin mir ein offenes Wort gestatten?« fragte Pratico, gegen seine Überlegung von der Leidenschaft hingerissen.
»Aber ich bitte, mein lieber Doktor!«
»Meditor ist ein außerordentlicher Mann, ein großer Gelehrter, aber es geschieht nur zu leicht, daß die Gelehrten sich in ihre Theorie verlieben, und bekanntlich macht die Liebe blind. Da er nun einmal glaubt, die Erde sei hohl, so paßt ihm das Wegfliegen eines Stücks Erdrinde sehr gut, und er wird mit Vergnügen der geistreichen Hypothese Eurer königlichen Hoheit —«
»Habe ich nicht gebeten, mit Titeln sparsam zu sein?«
»Verzeihung! Ihre geistreiche Hypothese von dem unterirdischen Abfluß des Mittelländischen Meeres, Prinzessin, wird dem Herrn Meditor sehr gut gefallen, und er wird ihr sicherlich zustimmen, da sie in seine Theorie paßt.«
»Niemals würde Meditor so handeln. Er liebt nur die Wahrheit.«
»Gewiß, Prinzessin, und was mich betrifft, so bin ich der erste, der das anerkennt. Und niemals würde ich Meditors Ansichten widersprechen, wenn es sich um die Wissenschaft allein handelte, vorausgesetzt, daß ich diese Ansichten teilte, aber —«
»Lieber Doktor, mir scheint, Sie reden im Eifer.«
»Soll ich nicht in Eifer geraten, wenn ich sehe, daß Meditors Ansichten und Pläne ein so teures Leben, wie das Ihrige, Prinzessin, in Gefahr bringen? Ich zittere, wenn ich daran denke, wie weit Ihr grenzenloses Vertrauen zu diesem Manne Sie hinreißen wird. Es ist meine heilige Pflicht, Sie zu warnen. Diese Reise in das Erdinnere ist, ich wiederhole es, der reine Wahnsinn.«
»Denken Sie nicht an mich, lieber Doktor,« sagte die Prinzessin. »Das Leben eines Mannes wie Meditor ist viel kostbarer als das meinige. Wer bin ich? Ich liebe die Wissenschaft, bin aber kein schaffender Geist. Es scheint, als hätte die Natur überhaupt dem Weibe die Schaffenskraft versagt. Der Mann ist nach dem Willen der Natur der Erzeuger. Meditor ist ein großes Genie. Er ist der Vater unsterblicher Kinder, er schenkt der Welt fruchtbringende Gedanken.«
Offenbar hatte die Prinzessin keine Ahnung von den Gefühlen, die Pratico bewegten, und das brachte ihn so sehr außer sich, daß er aller Vorsicht vergaß.
»Er ist in diesem Falle der Vater und Erzeuger unseres Verderbens,« rief er. »Sehen Sie denn nicht, Prinzessin, daß er von einer fixen Idee beherrscht wird? Ich bin Arzt, ich kenne das. Ich werde es nicht dulden, daß Sie sich einem Monomanen zu einer Reise in das Erdinnere anschließen, die nichts anderes bedeutet als das natürliche Ende eines wahnwitzigen Unternehmens.«
»Ich fange wirklich an, besorgt zu werden wegen des friedlichen Fortgangs unserer Reise,« entgegnete die Prinzessin mit einem bei ihr ungewohnten hohen Ton und mit hochgezogenen Augenbrauen. »Was soll daraus werden, wenn Meditor auf solchen Widerstand stößt? Ich wünschte sehr, Herr Doktor, daß Sie einen bestimmten Entschluß faßten. Treffen Sie eine Entscheidung, ob Sie uns begleiten wollen oder nicht.«
Doktor Pratico erhob sich und machte eine tiefe Verbeugung. Er war so stark erregt, daß er im Augenblick keine Antwort geben wollte. Es drängte ihn, sich der Prinzessin zu Füßen zu werfen und ihr seine Liebe zu erklären. Aber die Hoffnungslosigkeit eines solchen Wagnisses in diesem Augenblick stand ihm doch zu deutlich vor Augen. Er murmelte etwas von Sorgen und Pflicht und stürmte dann hinaus.
Es wäre am klügsten, ich kehrte nach Berlin zurück, sagte er sich, auf der Straße angelangt. Ich will ruhig meine Praxis wieder aufnehmen. Soll ich im Schlepptau willenlos, einflußlos mitgezogen werden? Sie ist völlig hypnotisiert von einem Monomanen. Wie denkt sie sich nur eine Reise in das Erdinnere? Wie denkt er sie sich? Er will doch nicht mit der Spitze des Kristalls in die feste Erdrinde einbohren! Solche Verrücktheit traue ich selbst ihm nicht zu. O nein, ich ahne so etwas. Die Prinzessin sprach von einem unterirdischen Abfluß des Mittelländischen Meeres. Das hat sie nicht aus sich selbst, das hat sie von Meditor. Redete er nicht einmal von den eigentümlichen Verhältnissen der Ebbe und Flut in der Meerenge Euripus zwischen Euböa und dem griechischen Festlande? So wird es wohl sein. Er wird mit der Flut in das Erdinnere, die er vorhanden wähnt, rechnen. Er wird den Kristall im Euripus nach unten treiben lassen wollen. Und dort würde dann der Anfang und zugleich das Ende unserer abenteuerlichen Fahrt zum Hades sein. Da tue ich nicht mehr mit. Ich reise nach Berlin. Aber wie? Kann ich die Prinzessin verlassen? O unglückselige Leidenschaft, die stärker ist als meine Vernunft!
Ohne recht zu wissen, wohin er ging, wanderte Pratico am Gestade des Meeres hin und näherte sich dem Posilippo, als mehrere Detonationen an sein Ohr schlugen. Er ging weiter und sah Ingenieure und Arbeiter damit beschäftigt, einen Tunnel in den Berg zu treiben. Ein finsterer Geist kam über ihn. Er mischte sich unter die Arbeiter, sprach mit ihnen über die Richtung des Tunnels und verschaffte sich von einem der Leute, dem er ein Goldstück in die Hand drückte, drei Dynamitpatronen. Diese verbarg er in einer innern Brusttasche seines Rockes, kehrte zur Straße zurück und fuhr mit der elektrischen Bahn nach Neapel und dann sogleich nach Sorrent.
Er wollte die Flugmaschine aufsuchen und die Patronen auf das Dach werfen.
Ist dieser unheilvolle Kristall zerstört, sagte er sich, so ist es mit allen tollen Plänen zu Ende. Das Dynamit schlägt nach unten, und ich glaube nicht, daß Meditors Maschine seiner Durchschlagskraft widerstehen wird.
Er kam in Sorrent an und ging alsbald zur Höhe hinauf, wo der Kristall stehen geblieben war.
Allerhand Überlegungen kamen ihm auf dem Wege. Ob wohl Meditor und der Mechaniker oben waren? Was wollte er tun, wenn er ihnen begegnete? Waren sie etwa an dem Kristall beschäftigt, so konnte er seinen bösen Plan schwerlich ausführen. Er durfte sie nicht in Gefahr bringen, sie nicht beschädigen. So weit ging sein Haß nicht, daß er Meditor hätte töten mögen. Er mußte die beiden Männer weglocken, bevor er das Ding zerstörte. Aber dann blieb er nicht unentdeckt.
Indem er so sann, hörte er unweit des Olivenwäldchens einen Lärm. Geschrei, Hilferufe drangen an sein Ohr, er beschleunigte seine Schritte und an der nächsten Biegung des Weges, der zwischen Weinbergsmauern hinführte, erblickte er eine kämpfende Gruppe. Meditor und der Mechaniker verteidigten sich gegen mehrere Strolche.
Jetzt fiel Meditor zu Boden. Der Anblick änderte sogleich Praticos Stimmung. Seine edlere Natur siegte, er hatte nur noch die Empfindung, daß er dem Freunde Hilfe bringen müßte. Aber die Entfernung war zu weit. Bevor er dort sein konnte, hatte Meditor vielleicht schon einen tödlichen Messerstich erhalten.
Pratico griff zu seinen Patronen und schleuderte davon auf ein entfernt liegendes Stück Lava. Alsbald krachte es laut, und Pratico sah die Wirkung der Explosion auf die Strolche. Sie mochten denken, daß es ein Schuß gewesen wäre und daß Karabiniers herankämen. Einen Augenblick standen sie und blickten umher, dann aber nahmen sie Reißaus. Es waren ihrer drei. Pratico lief auf Meditor zu, und unterwegs warf er noch zweimal eine Patrone, um den Schrecken der Banditen zu vermehren.
So diente das Dynamit, das zur Zerstörung der Maschine bestimmt gewesen war, zur Errettung ihres Schöpfers.
Meditor stand schon wieder auf den Füßen, als Pratico ihn erreichte, und war gleich dem Mechaniker unverletzt. Die Strolche hatten ihnen Uhr und Börse abnehmen wollen, aber hatten ihre Messer nur zur Drohung gebraucht.
»Lieber Freund,« sagte Meditor, ohne ein Wort über den Vorfall zu verlieren, und nur durch einen Händedruck dankend, »infolge unserer Unterredung über die Insel Atlantis ist mir ein neuer Gedanke gekommen.«
»Welcher?« fragte Pratico, befangen in einer seltsamen Mischung von Empfindungen.
»Eine Reise nach dem Mond würde im wissenschaftlichen Sinne keine Verzögerung unserer Reise in das Erdinnere sein.«
»Eine Reise nach dem Mond?« stieß Pratico hervor.
»Die Schwierigkeit ist hauptsächlich ein elastischer doppelter Boden unseres Luftschiffes,« fuhr Meditor fort. »Aber der wackere Signor Peppino hält diese Schwierigkeit nicht für unüberwindlich.«
Peppino, dessen breite Schultern eine große Körperkraft und dessen blitzende Augen große Intelligenz anzeigten, ein Mann, dessen Oberstirn fast so breit wie bei Meditor war, nickte mit dem Kopfe.
Die Unterhaltung wurde Peppinos wegen Italienisch geführt.
»Kommen Sie!« sagte Meditor, und führte Pratico zu dem Kristall, der, in der Abendsonne funkelnd, einige hundert Schritte entfernt stand.
Meditor blieb stehen, als er noch etwa 50 Meter weit von dem merkwürdigen Dinge war.
»Meine Beobachtungen, besonders bei wechselnder Beleuchtung,« sagte er, »lassen mich etwas vermuten, was näherer Untersuchung bedarf. Sie wissen, wie dieser Kristall entstanden ist: gewissermaßen ohne mein Zutun. Nun vermute ich, daß ihm Eigenschaften innewohnen, die ebenfalls ohne mein Zutun entstanden sind. Er scheint mir in hohem Maße radioaktiv zu sein. Sie wissen, daß Radium den Körper, dem es innewohnt, selbstleuchtend macht. Aber noch etwas: ich vermute auch eine starke Aktinioaktivität. Die Untersuchungen der amerikanischen Physiker Baskerville und Kunz ergeben, daß Aktinium, zum Unterschiede von Radium, auch Ausstrahlungen des von ihm bewohnten Körpers bewirkt. Dieser Umstand hat offenbar zu der Entdeckung des Aktiniums durch Debierne im Jahre 1898 geführt. Was ich aber näher erforschen möchte, ist: sind Radium und Aktinium Elemente, oder sind sie vielleicht nur Zustände?« — Meditor sah, als er so sprach, den Doktor Pratico mit einem weltentrückten Blicke an, sodaß dieser beschämt die Augen senkte. Ja, er begriff die Begeisterung der Prinzessin für diesen Mann, der gewissermaßen eine Menschwerdung, Verkörperung der wissenschaftlichen Forschung war.
Meditor öffnete die Tür des Kristalls, nachdem er die elektrische Sicherung entfernt hatte, und besprach sich mit Meister Peppino über die beabsichtigten Verbesserungen der Konstruktion.
Im Innern des sechseckigen Baues war eine Kugel aufgehängt, die vier Zimmer in zwei Etagen enthielt. Diese Zimmer fügten sich aneinander, wie längliche Bohnen in einer runden Hülse zusammenliegen, und die ganze, aus Aether geschmiedete Kugel hatte einen Mittelpunkt des Schwungs, um den die Kugel sich in solcher Weise drehte, daß bei jeder Richtung und Lage des Fahrzeugs die Zimmer aufrecht standen. Die Fußböden lagen unter allen Umständen wagerecht, wie das Wasser in einer Wasserwage stets einen horizontalen Spiegel zeigt, mag das Gefäß auch noch so schief stehen. Auf diese Weise wurde es ermöglicht, daß die Bewohner der Zimmer immer den Kopf oben behielten, selbst wenn das Gebäude mit der Spitze des Daches nach der Erde zeigte. Der Mechanismus des Umschwungs arbeitete fehlerlos, so weit überhaupt technische Vorkehrungen fehlerlos sein können, denn die Achsen liefen wie bei Chronometern auf Rubin, der dem Einfluß der Temperatur weder durch Ausdehnung noch durch Zusammenziehung nachgab. Es war ein künstlich hergestellter Edelstein, der dem natürlichen weder an Feuer noch an Härte nachstand.
Das Zimmer der Prinzessin und der Salon lagen unten, darüber die Zimmer der beiden Herren, durch eine zierliche Wendeltreppe aus Aluminium mit dem Salon verbunden. Im Dache befanden sich eine elektrische Maschine und allerhand Vorräte, namentlich eine große Menge flüssiger Luft, flüssigen Sauerstoffs und flüssigen Wasserstoffs. Nun wollte Meditor noch einen zweiten Boden unter das Gebäude legen lassen, der eine Art von Keller, zwei Meter tief, hervorbringen sollte. Dieser Keller sollte hauptsächlich zur Aufnahme des Wasserstoffs dienen, den Meditor als Triebkraft verwenden wollte.
Meister Peppino war begeistert von der Feinheit der Arbeit und zeigte sich so intelligent, daß Meditor volles Vertrauen zu ihm faßte. Auch zeigte der Mechaniker sich mutvoll, denn er erklärte sich bereit, für einen guten Lohn jede Art von Reise mitzumachen, bei der Meditor ihn mitnehmen wollte.
Als die Herren am Abend wieder in das Grand Hotel zurückgekehrt waren, lag es dem Doktor Pratico am Herzen, der Prinzessin zu zeigen, daß er mit Meditor auf dem besten Fuße stände, und so fing er an, das Gespräch auf ein wissenschaftliches Thema zu leiten, wobei er Meditor zuzustimmen Gelegenheit hätte.
»Sie erinnern sich vielleicht, Prinzessin,« sagte er, »daß ich Ihnen gegenüber einmal von dem Franzensbader Moor sprach und die starke Heilwirkung dieses eisenhaltigen Moors auf seine Radioaktivität schob, obwohl man das Radium als solches in dem Moor noch nicht gefunden hat. In ähnlicher Weise scheint Meditors aus Äther erbautem Kristall Radioaktivität und, wie er meint, auch Aktinioaktivität innezuwohnen. Meditor hält Radium und Aktinium für Zustände.«
»Aber man hat doch Radium und Aktinium als Elemente erkannt,« antwortete die Prinzessin »Ich habe beides in der Hand gehalten. Was verstehen Sie in diesem Falle unter Zuständen?«
,,Ja,« sagte Pratico, »was verstanden Sie unter Zuständen, lieber Freund?«
»Alle Elemente sind eigentlich keine Elemente, sondern Zustände,« entgegnete Meditor. »Es gibt nur ein einziges Element, den Äther.«
»Wenn es nur ein einziges Element gibt, so ist überhaupt alles, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen, nur ein Zustand,« sagte die Prinzessin.
»Der römische Dichter Ovid,« antwortete Meditor, »war ein großer Seher, wie es alle wahren Dichter sind; er gab seiner prachtvollen, in glänzenden Versen geschriebenen Naturphilosophie den Namen ›‹. Das Buch ist noch immer nicht recht verstanden, man hält es für mythologische Spielerei. Aber Ovid bezeichnete wissenschaftlich richtig alle Erscheinungen als Metamorphosen einer einzigen Urkraft. Es gibt nur eine einzige Kraft, nur einen einzigen Stoff und alles, was wir wahrnehmen, Himmel und Erde, Menschen, Tiere, Pflanzen und Gesteine sind nur Metamorphosen dieser Urkraft.«
»Und welche Urkraft ist das?« fragte die Prinzessin.
»Es ist der Wasserstoff.«
»Der Wasserstoff?«
»Ja, das Wasserstoffgas oder Hydrogen ist der Äther, den Ovid in seinen Metamorphosen als die Urkraft und den Urquell alles Lebens bezeichnet.«
»Und inwieweit hat er recht?«
»Äther ist der passendste Name für das Gas, das wir Wasserstoff nennen, aber richtiger Ölstoff nennen könnten. Dieses Äthergas ruft alle Erscheinungen der Bewegung und des Lebens hervor, auf Erden und im Himmel. Es erfüllt den unermeßlichen Weltraum, und alle Gestirne laufen auf seiner elastischen Bahn. Alle Gestirne sind Metamorphosen des Äthers, und alle Grundstoffe, die wir Elemente nennen, sind Zustände dieser alles erfüllenden Urkraft.«
Zögernd, denn er fürchtete der Prinzessin Mißfallen, sagte Pratico: »Das Vorhandensein dieses Äthers, ob Sie ihn nun Hydrogen oder Ölstoff nennen, ist nicht bewiesen.«
»Zweierlei Beweise gibt es,« entgegnete Meditor. »Die eine bessere Art ist die durch den Vernunftschluß, die zweite, geringere und minder zuverlässige, ist die sogenannte exakte, der Beweis durch das Experiment. Mir ist das Vorhandensein des Äthers durch Vernunftschluß bewiesen, aber unsere Reise nach dem Monde soll den Beweis durch das Experiment geben.«
»Die Reise nach dem Monde?« fragte die Prinzessin überrascht.
»Ja, erwiderte Meditor, ich schlage sie vor.«
»Herrlich!« rief die Prinzessin.
»Gefährlich!« sagte Pratico.
,,Auf unsern ferneren Reisen,« sagte Meditor, »wird uns immer ein Zustand umgeben, den man Gefahr zu nennen pflegt. Das heißt, wir werden bei fehlerhafter Berechnung unserer Kräfte und des zu erwartenden Widerstandes der Elemente zu Tode kommen.«
»Ah!« rief Pratico.
»Wenn wir diese Gefahr vermeiden wollen, so müssen wir unsern Versuch aufgeben. Aber zu Tode kommen wir ja doch einmal, und deshalb schieben wir den uns bevorstehenden Zustandswechsel nur auf, wenn wir der Gefahr aus dem Wege gehen.«
»Sehr richtig!« rief Pratico mit erzwungenem Lachen.
»Gerade die Reise nach dem Monde,« fuhr Meditor fort, »birgt insofern wenig Gefahr in sich, als wir bei etwaiger falscher Berechnung, also beim Scheitern des Experiments, einen leichten, ich möchte sagen unmerklichen Tod finden würden.«
»So?« fragte Pratico.
»Wir brauchen, in die obere Luftschicht oder den Ätherraum gelangt, nur die Tür zu öffnen und über die Schwelle hinaus ins Freie zu treten.«
»Sie meinen, daß wir dann sofort am Schlagfluß sterben?«
»Erörtern wir das nicht weiter!« sagte die Prinzessin. »Herr Meditor wird uns sicher führen. Ich bin entzückt, zum Monde aufzusteigen, und diese Reise lockt mich mehr als die Reise ins Innere der Erde. Wissen ist Leben, und ich bin überzeugt, unsere Seele wird nach dem Tode ihre Forschungen fortsetzen. Das wird ihr um so leichter werden, als sie dann nicht mehr vom Körper beschwert wird, und so, hoffe ich, schwingt sie sich zu tiefer Einsicht in die Welt empor.«
Meditor schüttelte den Kopf. »Was wir Seele nennen, ist auch nur ein Zustand,« sagte er.
»Ein Zustand des Menschen?« fragte Pratico.
»Ein Zustand aller Erscheinungen, die wir belebt nennen.«
»Also der Menschen!«
»Auch der Tiere, auch der Pflanzen und aller Gesteine.«
»Die Gesteine bewegen sich nicht,« sagte Pratico, »und Bewegung ist das Kennzeichen des Lebens.«
»Die Gesteine bewegen sich nicht? Die Gesteine bewegen sich mit allen den chemischen und physikalischen Kräften, aus denen Pflanzen und Tiere und Menschen entstehen.«
»O,« sagte die Prinzessin, »Camille Flammarion sprach ein schönes Wort, als er sagte, wir Menschen seien Seelen, die mit Luft bekleidet wären.«
»Es ist etwas Wahres daran,« erwiderte Meditor. »Denn wir bestehen aus Äther.«
»Nun also!«
»Aber wir haben uns zu sehr gewöhnt, die Seele als etwas rein Geistiges zu betrachten. Es gibt keinen Geist ohne Form.«
»Und was ist der Mensch?« fragte die Prinzessin.
»Der Mensch ist eine vom Licht geformte Metamorphose des Äthers.«
»Vom Licht geformt?«
»Ja. Das Licht ist die formengebende Kraft der Welt.«
»Nein!« rief die Prinzessin, »der göttliche Geist offenbart sich im Licht. Er ist die Urquelle und Urkraft des Alls.« —
Die Reise nach dem Monde war beschlossene Sache. Meister Peppino hatte den Umbau vollendet, und zwölf Meter hoch stand nunmehr der aus Äther gebildete Kristall im Olivenwäldchen bei Sorrent.
»Wir dürfen uns wohl keiner zu großen Hoffnung hingeben,« sagte Pratico. »Wenn unsere Reise auch glücklich abläuft, so werden wir doch der Wissenschaft damit keinen Vorteil bringen. Erstlich wird es nicht leicht sein, den Mond zu finden. So lange wir auf der Erde bleiben, macht es uns ja keine Schwierigkeiten, zu sagen, wo er ist. Aber wenn wir erst einmal mit einer uns noch unbekannten Geschwindigkeit im Weltall dahinfahren, während der Mond ebenfalls in sausender Bewegung ist, fragt es sich doch sehr, ob wir ihm überhaupt nahe kommen werden. Wer weiß, ob wir ihn jemals zu Gesicht bekommen. Ich denke mir, daß wir uns in völliger Finsternis befinden werden, sobald wir den Luftkreis der Erde verlassen haben.«
Meditor zuckte die Achseln.
»Gesetzt aber, wir fänden den Mond und wir könnten seine Anziehungskraft aufheben, indem wir unsern Flugapparat in entgegengesetzter Richtung schlagen ließen, so daß wir nicht zerschmettert auf den Mond geschleudert würden — was dann? Landen könnten wir vielleicht, aber nicht aussteigen. Wir würden sofort ersticken, weil der Mond keine Atmosphäre besitzt.«
»Mir würde es genügen, die Form des Mondes zu erkennen,« sagte Meditor. »Zu gewissen Zeiten leuchtet der Stern Aldebaran durch den Mond hindurch, so daß wir von der Sternwarte aus inmitten der silbernen Mondscheibe den goldenen Aldebaran erblicken. Kepler erklärte diese auffallende Erscheinung daraus, daß der Mond einen breiten Riß habe, durch den der Stern hindurchscheine. Aber wenn der Mond eine Kugel wäre, so würde diese richtige Erklärung schwerlich passen. Ich möchte annehmen, daß Kepler richtig erklärt hat, obwohl er nicht sagt, der Mond sei eine Scheibe. Möglicherweise hat der Mond auch eine große durchsichtige Stelle, die also aus Glasfluß bestehen müßte.«
Während ihres Aufenthaltes im Grand Hotel erfuhr Prinzessin Fantasia, daß ihr Oheim ihr Vermögen mit Beschlag belegt und daß ihr Bevollmächtigter deshalb einen Prozeß angestrengt hätte. Außerdem erfuhr sie, daß ihr Oheim sich ihretwegen mit der italienischen Regierung in Verbindung gesetzt hätte und den Plan verfolgte, sie für geistesgestört erklären und in einer Nervenheilanstalt internieren zu lassen. Dies bestärkte sie in ihrer Absicht, sowohl die Reise nach dem Monde, als auch, wenn diese glücklich beendigt sein würde, die Reise in das Erdinnere anzutreten. Der Reisekristall erschien ihr als der sicherste und sorgenfreieste Aufenthalt auf Erden wie im Himmel.
Am 5. Oktober nachmittags bestiegen die Reisenden ihr Fahrzeug. Meditor und Peppino nahmen in dem vier Meter hohen Dache an dem elektrischen Apparat Platz, die Prinzessin und Doktor Pratico setzten sich in den Salon, dann ließ Meditor die Maschine schlagen — ein Stoß von ungeheurer Gewalt, und mit der Schnelligkeit einer abgeschossenen Granate stieg der Ätherio in die Luft.
Die Bewegung war so schnell, daß nur ein traumhaft vorüberziehender Eindruck von der anscheinend niederstürzenden Landschaft und dem glänzenden Spiegel des Mittelländischen Meeres in der Wahrnehmung der Reisenden zurückblieb. Die Wände waren vollkommen durchsichtig, aber die Hoffnung auf schöne Fernsichten konnte sich bei so raschem Aufstieg natürlich nicht erfüllen. Dabei schien das Fahrzeug vollkommen ruhig zu stehen.
Praticos Züge waren gespannt, seine Stirn gefaltet. Die Prinzessin bewahrte ihre heitere Ruhe. Ihre Augen glänzten in sanftem Feuer und etwas Überirdisches, Feenhaftes lag in ihrem Blick. Allmählich verlor auch Praticos Miene ihre Spannung. »Wir sind wohl schon an der Grenze der irdischen Atmosphäre oder darüber hinaus,« sagte er. »Indessen gewahre ich vorläufig noch keine Schwierigkeit des Atmens. Freilich sind wir hermetisch abgeschlossen, und Meditor hat unsere Atemluft gut gemischt.«
»Er ist der hervorragendste Geist der Zeit,« bemerkte die Prinzessin.
»Es ist ein Problem,« sagte Pratico, »das vielleicht von Meditor gelöst wird. Die bedeutendsten Höhen, die bis jetzt mit einem Ballon oder Luftschiff erstiegen worden sind, werden zu etwa 10 000 Meter berechnet. Hier stellten sich die größten Atembeschwerden ein. Freilich sind alle Forscher in freier Luft gewesen.«
»Schon in der Höhe von 5000, 4000, 3000 Meter,« sagte die Prinzessin, »haben sich bei Bergbesteigungen solche Beschwerden eingestellt, und das ist ja auch natürlich, weil der Sauerstoffgehalt der Luft in den Höhen abnimmt und damit auch die Spannung des Atemgases.«
»Jawohl. Und die Physiologen sind sich nicht klar über den Vorgang, weil man die Wirkung und den Einfluß des Stickstoffs der geatmeten Luft nicht kennt. Die Wirkung des Sauerstoffs, der etwa ein Fünftel der Luft ausmacht, während der Stickstoff etwa vier Fünftel beträgt, ist bekannt. Er dient zur Verbrennung, aber wie der Stickstoff der Luft wirkt, weiß man nicht, und es gibt darüber nur Hypothesen.«
»Sind nicht auch Kohlensäure und Wasserdunst Bestandteile der Atemluft?«
»Allerdings, aber in sehr geringen Mengen.«
»Meditor sagte mir, der Mensch bedürfe anscheinend nur des Sauerstoffs zum Atmen, und demgemäß versorgt er uns mit Sauerstoff, den er in großen Mengen mitgenommen hat.«
»Vorläufig haben wir daran ja auch wirklich genug,« entgegnete Pratico. »Atmosphärische Luft dringt schon nicht mehr in unsere Lungen. Aber sehr zweckmäßig ist es von Meditor, daß er einen reichlichen Vorrat schönen LuccaÖls mitgenommen hat. Ich möchte empfehlen, halbstündlich einen Eßlöffel voll davon zu nehmen. Das Gas, Öl und der Sauerstoff bieten uns den besten Stoffwechsel und die gesundeste Ernährung.«
»Wie schnell fliegen wir?« fragte die Prinzessin.
»Das läßt sich nur annähernd schätzen. Ich denke, daß wir die Geschwindigkeit der Erde nicht viel übertreffen werden. Wir werden meiner Schätzung nach zu Anfang etwa vier Kilometer in der Sekunde zurückgelegt haben, jetzt aber, wo der Widerstand der Atmosphäre aufgehört hat, viel schneller fahren. Die Erde legt bei ihrer elliptischen Rundreise um die Sonne etwa 4¹/10 Meilen in der Sekunde zurück. Da wir die Anziehungskraft der Erde überwinden müssen, bedürfen wir einer größeren Geschwindigkeit als die Erde sie entwickelt, also schätze ich die Schnelligkeit, die Meditor und Peppino dort oben am Fahrzeug geben, auf etwa 4½ Meilen in der Sekunde. Demgemäß kämen wir in der Stunde etwa 16 200 Meilen weit und bedürften demnach etwa drei Stunden Zeit, um die Entfernung bis zum Monde zurückzulegen. Diese Entfernung ist nicht konstant. Der Mond läuft, wenn er am weitesten entfernt ist, in einer Distanz von etwa 54 500 Meilen von der Erde, aber nähert sich dann wieder bis auf etwa 48700 Meilen. Meditors Geschicklichkeit wird auf die stärkste Probe gestellt werden, wenn wir in die Nähe des Mondes kommen. Denn dann muß er, auf der Grenze der Anziehungskräfte, der Erde einerseits, des Mondes anderseits, das Gewicht unseres Fahrzeuges völlig in der Hand haben.«
»Ich spüre nichts von Kälte,« sagte die Prinzessin. »Man glaubt doch, daß der Weltenraum von ganz unberechenbar niedriger Temperatur sei, weil die glühende Erde sich darin abgekühlt habe.«
»Das ist nicht der einzige Grund, weshalb man — und, wie ich glaube, mit Recht — den Weltenraum für eisig kalt hält. Aber wenn wir keine Kälte spüren, so kommt das wohl daher, daß Meditor heizt.«
»Er heizt mit Elektrizität?«
»Ja, durch Elektrizität heizt er mit Wasserstoff.«
»Er ist unsere Vorsehung!« rief die Prinzessin.
»Die Luft ist diatherman,« sagte Pratico, »das heißt, sie läßt die Sonnenwärme durch. Deshalb ist es auf hohen Bergspitzen im Sonnenlicht doch kalt. Erst wenn die Sonnenstrahlen von der Erdrinde aufgehalten und sozusagen aufgespeichert werden, entsteht Wärme. Übrigens hat man konstatiert, indem man Thermometer bis zu 25 000 Meter Höhe in Ballons aufsteigen ließ, daß keineswegs eine regelmäßige Wärmeabnahme in den höchsten Luftschichten stattfindet, sondern daß Strömungen von Wärme und Kälte in der Atmosphäre wie im Ozean herrschen. Als GayLussac am 9. September 1804 zu einer Höhe von 7016 Meter anstieg, beobachtete er für je 174 Meter Steigerung eine Abnahme der Temperatur um 1 Grad. Man hat daraus geschlossen, die Kälte stiege konstant, aber man ist später anderer Ansicht geworden. Es gibt Wärmeströmungen in den höheren Luftschichten. Diese Wärmeströmungen in der Höhe von 15, 20 und 25 Kilometer kann man sich nicht erklären.«
»Es werden elektrische Bewegungen des Äthers sein,« sagte die Prinzessin.
»Ja, wenn wirklich der Weltenraum mit Äther angefüllt ist,« entgegnete Pratico.
In diesem Augenblick ertönte Meditors Stimme durch das Telephon. »Ich sehe den Mond!« rief er.
»Den Mond sehen Sie?« fragte Pratico zurück. »Wir können nichts wahrnehmen.«
»Nehmen Sie das Teleskop. Er ist nicht hell,« sagte Meditor.
»Wir sind indes bei Vollmond aufgeflogen,« entgegnete Pratico.
»Ganz recht, aber der Gesichtswinkel hat sich geändert.«
Pratico nahm das Doppelglas aus der berühmten Zeißschen Fabrik zur Hand und durchspähte das seltsam klare, wie von Magnetismus durchleuchtete Meer, worin der Kristall schwamm. »Ich sehe!« rief er. »Ich sehe! Wie merkwürdig. Der Mond leuchtet nicht mehr, aber ich sehe die volle Scheibe.«
»Wir sehen ihn ohne direktes Sonnenlicht,« antwortete Meditor.
Pratico überreichte das Glas der Prinzessin.
Mit einem Ruf des Erstaunens setzte sie das Glas wieder ab, nachdem sie einige Sekunden hindurchgesehen hatte. »Welche Veränderung!« rief sie. »Welch ein Glanz!«
Auch Pratico war erstaunt. Binnen der kürzesten Zeit hatte sich der Anblick des Himmels geändert, er war aus dem Zustande der Erleuchtung in den eines Strahlenmeeres übergegangen. Die Sonne, die seitwärts und hinter der dunkeln Erdscheibe stand, erschien nicht mehr wie ein begrenzter rotglühender Kreis, ähnlich dem Bilde, wie es auf Erden im menschlichen Auge entsteht, sondern bildete ein fast grenzenloses, den größten Teil des Himmels beherrschendes Strahlenmeer, so daß es unmöglich war gerade zur Sonne zu blicken.
»Eben noch konnte ich zur Sonne sehen,« sagte die Prinzessin. »Sie erschien rot wie kurz vor dem Untergange und nun —«
»Wir haben offenbar die Atmosphäre gänzlich verlassen,« entgegnete Pratico: »Die Sonne erschien rot, weil die Atmosphäre zwischen unsern Augen und dem Sonnenkörper lag, gleich einem gefärbten Glase.«
Meditors Stimme ertönte durch das Telephon. »Beobachten Sie die Sonne?« fragte er.«
»Jawohl,« antwortete Pratico.
»Ich finde einen Beweis für das Vorhandensein des Äthers im Sonnenbilde,« sagte er.
»Wieso?«
»Die Sonne schwimmt in einem Meere von glühendem Gase und dieses Gas ist das besondere Wasserstoffgas, ist Äther. Wir können das erkennen, weil die Atmosphäre der Erde das Bild nicht mehr für unsern Blick trübt.«
Alle Gestirne, die man mit wechselnder Deutlichkeit bis jetzt gesehen hatte, waren im Sonnenglanz verschwunden. Nur noch die Erde und den Mond konnte man sehen. Die Erde erschien als eine dunkle Scheibe von so gewaltiger Größe, daß sie fast den vierten Teil des Horizonts bedeckte. Der Mond erschien doppelt so groß als gewöhnlich und glänzte jetzt, wo die Erde nicht mehr zwischen der Sonne und ihm stand, gleich poliertem Metall von rötlicher Farbe.
»Ich fühle eine schreckliche Aufregung,« sagte die Prinzessin. »Mir ist, als sollte ich die Tür öffnen und in die Welt springen.«
»Trinken Sie Öl, Prinzessin, trinken Sie Öl!« sagte Pratico. »Es ging mir ähnlich wie Ihnen, und das Öl bekam mir gut.«
Er holte ein Fläschchen herbei, und beide tranken von dem Öl, das ihnen wie ein belebender starker Wein schmeckte, während noch in Neapel die Prinzessin eher Widerwillen gegen den Ölgeschmack empfunden hatte.
»Wir leiden an Sthenie, fast schon Hypersthenie,« sagte Pratico, »und das ist die Folge der künstlichen Atmung. Wahrscheinlich bekommen wir zu viel Sauerstoff. Das Öl ist da die beste Arznei, weil es der allzu raschen Verbrennung unserer Substanz entgegentritt.«
Wenige Minuten später ertönte Meditors Stimme von oben. »Wir bleiben stehen,« sagte er, »die Erde hält uns fest.«
»Können Sie nicht neuen Antrieb geben?« fragte Pratico.
»Das könnte ich, aber ich fürchte, unsere Basis zu sprengen.«
»Bitte, kommen Sie herunter, wenn es möglich ist,« sagte die Prinzessin.
Meditor erschien im Salon. »Ich habe Peppino die Führung überlassen,« sagte er. »Es ist jetzt nicht viel zu tun. Bei dem jetzigen Druck des elektrischen Stromes werden wir nicht zur Erde zurückgerissen.«
»Und was geschieht mit dem Fahrzeug?« fragte Pratico.
»Es verharrt auf dem Platze. Das heißt, es ist in rasender Bewegung, aber wir merken das nicht, weil wir uns mit der Erde drehen.«
»So gehen wir also weder höher noch tiefer?«
»Der Kristall folgt als Trabant der Erde den kosmischen Gesetzen. Wir legen in der Sekunde mehr als vier geographische Meilen zurück, aber scheinen still zu stehen, weil wir uns im Banne der Anziehungskraft der Erde befinden.«
»Was soll daraus werden?« fragte Pratico.
»Ich sehe vorläufig keinen Ausweg aus unserer Lage,« antwortete Meditor.
»Sie wollen keine neue Stoßkraft anwenden?«
»Ich könnte Knallsäure in Knallgas auflösen. Mit diesem potenzierten Explosionsstoff könnte ich die Maschine weiter treiben, indem ich den Zug der Erde überwände, aber ich fürchte, wie gesagt, den doppelten Boden des Kristalls zu zerreißen.«
Pratico zog den Kollegen beiseite, damit die Prinzessin nicht höre, was er sagen wollte.
»Wenn wir keine neue Triebkraft anwenden,« sagte er, »so können wir in Ewigkeit als Trabant der Erde umherfliegen, und dann gingen wir Menschen bald zu Grunde, wenn auch das Fahrzeug unverletzt weiterflöge. Wir werden an Auszehrung sterben durch die Sauerstoffatmung, bevor wir Zeit haben, zu verhungern.«
»Eine andere Gefahr liegt näher,« entgegnete Meditor.
»Welche?«
»Wenn unsere Triebkraft sich erschöpft — und unser Vorrat ist nicht unerschöpflich —, so zieht uns die Erde an sich und wir werden mit immer steigender Schnelligkeit stürzen, bis wir auf der Erdrinde zerschmettern werden.«
»Wie weit sind wir von der Erde entfernt?«
»Ich schätze die Entfernung auf 20 000 Meilen.«
»Der Sturz ist allerdings tief genug, um uns in Atome zu zersplittern.«
In diesem Augenblick bemerkten die Herren, daß das großartige Schauspiel des sie umgebenden Himmels sich wandelte. Die Prinzessin rief: »Der Himmel dreht sich!«
Die dunkle Erdscheibe, die rotglühende Mondscheibe und der ungeheure Strahlenkranz der Sonne bewegten sich und fingen an, sich im Kreise um die erstaunten Reisenden zu bewegen. Erst langsam, dann immer schneller, endlich in schwindelerregendem Rundtanz kreisten diese Himmelskörper, neben denen kein anderes Gestirn zu erblicken war, um das kleine Menschenwerk und dessen halb betäubte Bewohner.
Meditor gewann zuerst die Fassung wieder. Trotz des Schwindels, der ihn umfing, kletterte er zum Dache empor, und es währte nicht lange, so wurde das Kreisen langsamer und hörte nach einigen Minuten ganz auf.
Meditor erschien wieder im Salon. Die Prinzessin, die totenbleich gewesen war, gewann ihre Farbe wieder.
»Was ist geschehen?« fragte Pratico.
»Unser Peppino ist ein Genie,« entgegnete Meditor.
»Was hat er gemacht?«
»Er hat das Kugellager, worin unsere Wohnung hängt, in der Weise gestellt, daß die innere Kugel nicht mehr die Drehung des Kristalls mitmacht.«
»Ich verstehe nicht ganz,« sagte Pratico.
»Seitdem wir nicht mehr weiter fliegen, hat der Kristall angefangen, sich um seine Längsachse zu drehen. Das erzeugte für unsere Augen die Täuschung, als kreisten die Gestirne. Der Kristall, die äußere Wandung unseres Fahrzeugs, dreht sich auch jetzt noch weiter, aber die innere Kugel macht die Drehung infolge der ingeniösen Erfindung Peppinos nicht mehr mit, und so haben wir den Eindruck, als ständen wir still.«
Erleichtert blickten die Reisenden wieder hinaus zu dem großartigen Schauspiel. Die dunkle Erde stand wie zuvor, aber die Entfernung zwischen ihr und der Sonne wurde nach und nach größer. Über die Mondscheibe glitten farbige Lichter hin, wie man sie bei geschmolzenem Silber im Tiegel sieht.
Meditor versank in tiefes Brüten.
»Was ist Ihnen?« fragte die Prinzessin. »Denken Sie über Mittel und Wege nach, uns aus unserer Lage zu befreien? O, gewiß werden Sie sie finden!«
»Ich denke über die Ursache unserer Drehung nach,« entgegnete Meditor, »und ich glaube sie gefunden zu haben.«
»Und welche Ursache ist es?«
»Wäre unser Fahrzeug eine vollständig glatte Kugel, ohne jede Kante, Ecke oder Unebenheit, so würde es sich nicht drehen.«
»Warum nicht?« fragte Pratico.
»Was ist die Ursache, warum die Erde sich um ihre Achse dreht? Daß sie sich um die Sonne dreht, ist aus dem Zusammenwirken von Tangentialkraft und Schwerkraft zu erklären, aber die Umdrehung um die eigene Achse ist rätselhaft, wenn wir nicht folgende Ursache annehmen.«
Er versank wieder in Sinnen.
»Welche Ursache?« fragte die Prinzessin.
»Wir haben schon gelernt, die Ursache der Sonnenwärme auf der Erdoberfläche darin zu erkennen, daß die Sonnenstrahlen auf Widerstand treffen und sich aufspeichern. Aber diese Strahlen haben noch eine andere Wirkung.«
»Welche denn?«
»Sie bewirken die Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse.«
»In welcher Weise?«
»Ebenso wie sie jetzt unser sechskantiges Fahrzeug zum Drehen bringen. Die Sonnenstrahlen treffen auf die Flächen unseres Kristalls, sammeln sich und wirken in derselben Weise, wie Wasser wirken würde, wenn es auf die Fläche fiele. Das Wasser würde den Kristall umtreiben, indem die sechs Flächen eine nach der andern dem Druck des Wassers nachgäben. So wird ja das Mühlenrad umgetrieben, indem die Speichen dem Anprall des Baches ausweichen. Die Sonnenstrahlen, die von einer polierten Kugel abgleiten würden, verbleiben auf der geraden Fläche, speichern sich auf und bringen endlich die Fläche zum Nachgeben. So treiben sie Fläche nach Fläche zum Ausweichen, und der Kristall dreht sich demgemäß um seine Längsachse.«
»Aber die Erde ist kein Kristall mit geraden Flächen und kein Mühlrad,« sagte Pratico. »Sie ist eine Kugel.«
»Doch keine polierte Kugel, Freund Pratico, sondern ein Sphäroid mit vielen Unebenheiten. Die Himalayas, die Kordilleren der Anden und sämtliche Gebirge bis zu den kleinsten Hügeln fangen die Sonnenstrahlen mit ihren geneigten Hängen auf, wie die Radspeichen das fallende Wasser des Baches. Und so treiben die Sonnenstrahlen die Erde um sich selbst mit unablässiger Wärmekraft.«
»Aber das ist ja Unsinn!« rief Pratico ärgerlich und eifersüchtig. »Bei der Entfernung der Erde von der Sonne, die doch etwa 148 Millionen Kilometer beträgt, kann doch selbst die größte Erhebung eines Gebirges, die im Himalaya etwa 8 Kilometer beträgt, keinen Unterschied machen. Im Verhältnis zur Erdoberfläche kommt ja nur ein Millimeter höchste Zahnhöhe auf 1717 Meter Fläche!«
»Kein Unterschied? Wie meinen Sie das, höflicher Freund? Vergessen Sie nicht, daß ein großer Unterschied besteht zwischen der Temperatur im Tal und auf der Höhe des Gebirges! In den Himalayas liegen alle Klimate zwischen dem Fuß und dem Haupte des Gebirges. Und bedenken Sie ferner, daß die Erde ein in siderischer Hinsicht gewichtsloser Ballon ist! Läge sie auf einer festen Unterlage oder auf dem Wasser, so würde die von der Sonne aufgespeicherte Wärme freilich nicht genügen, sie zu drehen, aber sie schwebt doch im elastischen Wasserstoffgase, im himmlischen Äther!«
»Meine Herren,« rief die Prinzessin, »sehen Sie da! Die Erde beginnt sich zu erleuchten!«
In der Tat fing eine Veränderung der dunkeln Erdscheibe an vor sich zu gehen. Die Sonne war so weit seitwärts gerückt, daß sie die Erde nicht mehr nur auf der den Reisenden abgewandten Seite beschien, sondern auch den östlichen Teil mit ihren Strahlen traf. Und nun erschien in großem Maßstabe das, was im kleinen Maßstabe beim Monde regelmäßig stattfindet, wenn ein Teil von ihm auf Erden sichtbar wird. Eine dünne Sichel von rötlichem Glanz erschien auf der Ostseite der gewaltigen Kugel. Allmählich nahm diese Sichel an Stärke zu, und es war ein so wunderbares, nie gesehenes Schauspiel für die Reisenden, den Fortgang des Lichtes auf der Erde zu beobachten, daß sie stundenlang in den Anblick vertieft blieben, ohne ihrer eigenen wunderbaren und wunderlichen Lage eingedenk zu werden. Sie konnten mit ihren ausgezeichneten Gläsern die Gegenstände auf der Erde, die vom Sonnenlicht getroffen wurden, so deutlich unterscheiden, daß die einzelnen Kontinente und Meere wie auf einer Landkarte gezeichnet dalagen. Aber allmählich, als die Sonne den größeren Teil der riesige Scheibe überstrahlte, gingen Veränderungen in Farbe und Glanz der Erdscheibe vor sich, die am schönsten erschienen, wenn sie nicht durch das Glas, sondern mit bloßem Auge betrachtet wurden. Wie schwingende Regenbogen zuckten die Lichter über die Erde hin, und am Mittag, als die Sonne so hoch gestiegen war, daß sich die Reisenden zwischen Sonne und Erde befanden, wurde das Bild ruhig und vollkommen klar.
Die Reisenden gewannen zu dieser Zeit ein natürliches und gewohntes Gefühl ihres Daseins wieder. Es kam ihnen so vor, als wären sie ganz einfach wieder, wie oft vorher, im Ballon oder Luftschiff emporgestiegen von der Mutter Erde und sähen die Herrin des Planetensystems auf dem Weltenthrone über sich. Nur mit dem Unterschiede, daß sie jetzt nicht einen kleinen Horizont von einigen hundert Meilen, sondern den gewaltigen Umkreis von etwa fünftausend Meilen der Erdoberfläche überblickten. So genossen sie in einer Art von Sicherheit, die auf gefälliger Sinnestäuschung beruhte, den herrlichen Anblick der Erde. Sie erschien nämlich nicht gleich einem großen Monde als metallene Scheibe, sondern sie schwamm dort im schwarzen Himmel wie ein riesiger Edelstein.
Die Meere und die Prärien, Wälder, Felder, Wiesen und Wüsten, vorwiegend grün gefärbt, wurden gleichsam durch eine riesige Linse gesehen, weit die atmosphärische Luft sich wie ein bläulich gefärbtes Glas über die Erde hin erstreckte, und so erschien diese als ein zauberisch leuchtender Smaragd. Der Anblick war überwältigend. Nur noch Erde und Sonne gab es für die Reisenden; vom Monde war nichts mehr zu entdecken.
Meditor verschwand, er beredete sich mit Peppino.
Nach längerer Weile erschien er wieder im Salon. »Prinzessin,« sagte er, »ich muß zu meinem Bedauern erklären, daß unsere Reise nach dem Monde gescheitert ist.«
»Endgültig?« fragte sie.
»Ich weiß kein Mittel, die Reise fortzusetzen. Ich sehe ein, daß es viel leichter ist, ein Glied vom menschlichen Körper abzutrennen, als einen Menschen von der Erde zu entfernen. Wir sind fester mit der Erde verwachsen als mit uns selbst.«
»Wie schade!« rief die Prinzessin.
Pratico atmete erleichtert auf.
»Im wissenschaftlichen Sinne ist unsere fernere Reise nicht mehr notwendig.«
»Wieso?«
»Sie könnte nur der Befriedigung der Neugierde dienen, denn die Resultate, soweit sie überhaupt erreichbar erscheinen, sind schon jetzt gegeben.«
»Erklären Sie, lieber Meditor!« sagte die Prinzessin.
»Meine Absicht war, so weit in die Nähe des Mondes zu gelangen, daß ich ihn von der Seite sehen könnte. Denn meine Ansicht war, er müßte eine Scheibe sein von höchstens zwei Meilen Dicke. Das weiß ich jetzt auch ohne Autopsie. Die Drehung unseres Kristalls hat es mir bewiesen, denn wenn selbst ein so winziger Körper wie unser Kristall sich dem Einfluß der treibenden Strahlen nicht entziehen kann, sondern sich um sich selbst dreht, wie viel weniger könnte dann der Mond, der mit seinen Gebirgen den Sonnenstrahlen viel größere Speichen bietet, ohne Drehung um die eigene Achse sein. Wäre er eine Kugel, so würde er sich binnen einer halben Stunde um seine Achse drehen und den Erdbewohnern immer wechselnde Ansichten zeigen. Er dreht sich einfach deshalb nicht, weil er sich nicht drehen kann. Er ist eine flache Schale, wie ein Uhrglas, und schwimmt auf und nieder, bald von der Sonne, bald von der Erde angezogen und abgestoßen. Es ist eben ein Stück Erdrinde, das bei einer großen Explosion weggeschleudert wurde. Aber da die Erde nichts losläßt, was ihr gehört, so läßt sie auch dieses abgesprengte Stück nicht los und würde es wieder zu sich heranziehen, wenn die Sonne es erlaubte.«
»Ich bin überzeugt,« sagte die Prinzessin, »aber es hätte mich doch interessiert, zu sehen, ob lebende Wesen auf dem Monde sind.«
»Die Annahme, der Mond müsse ohne lebende Wesen sein,« sagte Meditor, »rührt von dem Vorurteil her, daß es eine organische und eine anorganische Materie gäbe. Aber es ist keine Grenze zwischen den Naturreichen, sondern alles lebt, und die lebendigen Gesteine erzeugen lebendige Pflanzen und Tiere und Menschen.«
»Das wäre Urzeugung,« sagte Pratico.
»Jedermann ist durchdrungen von der Dichtigkeit der Urzeugung, selbst Darwin war es, obwohl er ihr zu widersprechen scheint. Er leitet alle lebenden Wesen von einer Urzelle ab, also hat er doch auch Urzeugung. Nur verstand dieser emsige Forscher nicht genug Chemie, um die Entstehung des ersten Protoplasmas erklären zu können.«
»So denken Sie, daß Menschen auf dem Monde leben?« fragte Pratico.
»Ich weiß nicht, ob man die dortigen höchsten Lebensformen Menschen nennen kann.«
»Wie stellen Sie sich diese Formen vor?« fragte die Prinzessin.
»Da es keine Luft dort gibt, werden sie keine Lungen haben. Da es keinen Schall gibt, werden sie ohne Gehör sein. Deshalb werden sie auch nicht sprechen können. Da die Temperaturwechsel sehr schroff sind, können sie unsere Knochen und unser Fleisch nicht haben. Leiber wie die unsrigen würden bersten, brechen und schmelzen. Vielleicht sind es Fettkugeln, aber ohne Augen, weil Augen das Licht auf dem Monde nicht ertragen könnten. Fettkugeln, mit zäher Leimsubstanz umhüllt und durchwachsen, wären die geeignetsten Mondbewohner.«
[1] Das als das sechste bezeichnete Kapitel ist in der Originalausgabe deutlich umfangreicher als die übrigen Kapitel. Das hat seinen Grund darin, dass auf dies sechste nicht das siebte, sondern das neunte Kapitel folgt. Hier ist also aus nicht nachvollziehbaren Gründen, vielleicht versehentlich beim Schriftsatz, die Unterteilung in ein siebtes und achtes Kapitel unterblieben. Für die Neuausgabe sind daher an zwei als geeignet erscheinenden Stellen zusätzliche Kapitelüberschriften in eckigen Klammern eingefügt worden.
Ich habe das Gefühl übermäßiger Wärme,« sagte die Prinzessin. »Sie haben ein wenig zu stark geheizt, lieber Meditor,« meinte sie lächelnd, »oder sind wir in eine heiße Gegend des Äthers gekommen?«
»Wir haben draußen eine Temperatur von Minus 12 Grad Celsius, wie mein Thermometer anzeigt,« entgegnete Meditor, »und ich habe vor einer Viertelstunde den Heizapparat abstellen lassen, weil ich es auch warm genug fand. Unsere Innentemperatur hat sich durch die schnelle Umdrehung unseres Luftschiffs erhöht.«
»Wie ist das möglich bei 12 Grad Kälte?«
»Bewegung erzeugt Wärme, nach dem Robert Mayerschen Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wir drehen uns außerordentlich schnell, wenn wir das auch in der innern Kugel nicht bemerken.«
»Sonderbar!«
»Durchaus natürlich. Die Wellen des stürmischen Meeres haben ja auch eine höhere Temperatur als die ruhigen, und die wohltätige Wirkung des Wellenschlags im Seebade beruht doch zum größten Teile auf der Energie des bewegten Wassers. Ich sehe in solchen Erfahrungen die Bestätigung meiner Annahme, daß die Erdwärme nicht allein eine Folge der Bestrahlung durch die Sonne ist, sondern hauptsächlich von der schnellen Umdrehung der Erde um ihre Achse herrührt.«
»Sie glauben?« fragte Pratico. »So glauben Sie also nicht an eine allmähliche Abkühlung des Erdballs?«
»Ursprünglich hat eine Abkühlung der Erdmasse im kalten Weltenraum stattgefunden, aber seit die Erde in Kugelform um sich selbst gedreht wird, erzeugt sie immer neue Wärme durch ihre schnelle Bewegung.«
»Aber die Fachleute haben doch nachgewiesen, daß die Erde allmählich erkalten muß, daß eine Eiszeit wiederkommen wird, und daß die Erde endlich als kalter Steinhaufen in die Sonne fallen muß.«
»Haben die Fachleute das wirklich bewiesen?« fragte Meditor lächelnd.
»Sie glauben es wenigstens bewiesen zu haben. Die letzten Menschen würden erfrieren, sagen sie. Ich habe auch Bilder gesehen, die darstellen, wie die letzten Sterblichen, von Schnee und Eis umgeben, dahinsinken.«
»Fachleute können es wohl nicht gewesen sein, die das geschrieben und gezeichnet haben, sondern nur Astronomen, Geologen und andere Leute ohne rechte Kenntnisse in der Physik und Chemie, obwohl die Chemie ja die Grundlage der Geologie sein soll. Die Erde steht auch unter dem Gesetz der Erhaltung der Kraft, und ein ewiger Kreislauf von Bewegung und Wärme, die einander gleichwertig sind, die eines in das andere übergehen, herrscht bei den Vorgängen auf Erden.«
»Das ist wahr!« rief die Prinzessin. »Es gibt keinen Untergang, es gibt keine Vernichtung, sondern ein unendlicher Kreislauf der Elemente trägt das ewige, unvergängliche Leben!«
Doktor Pratico zog die Uhr. »Wir sind jetzt vierundzwanzig Stunden lang auf der Reise,« sagte er. »Man kann nicht behaupten, daß es Abend würde, denn wir werden im hellsten Sonnenschein bleiben, mit Ausnahme der kurzen Zeit, wo die Sonne hinter der Erde stehen wird. Aber ich schlage vor, Abendbrot zu essen und zu Bett zu gehen.«
Praticos Vorschlag wurde angenommen. Die Reisenden genossen Sardinen in Öl, vorzüglichen kalten Puter aus neapolitanischer Küche und Käse. Dazu tranken sie eine Limonade, die Pratico aus eisenhaltigem Wasser mit etwas Ischiawein und Ameisensäure hergestellt hatte.
Alsdann wollte die Prinzessin sich zur Ruhe begeben, aber es traten Ereignisse ein, die sie daran hinderten.
Meditor hatte Messungen angestellt, um die Entfernung des Kristalls von den Gestirnen zu bestimmen, und erklärte, die Entfernung von der Erde wäre viel größer, als er bis jetzt angenommen hätte, und betrüge etwa 35 000 Meilen.
»Was schließen Sie daraus?« fragte Pratico.
»Wir nähern uns der Grenze der Anziehungskraft der Erde,« entgegnete er, »und zwar zu einer Zeit, wo der Mond fast im Zenith steht.«
»Nun? Da würde die Anziehungskraft des Mondes wirken.«
»Wenn sie jetzt noch nicht wirkt, so wird sie es binnen kurzer Zeit,« sagte Meditor.
»Aber Sie hatten doch berechnet, unglückseliger Mann,« rief Pratico, »daß die Anziehungskraft der Erde so stark wäre, daß wir trotz unseres an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangten Wasserstoffs nicht weiter kämen!«
»Es schien mir so,« entgegnete Meditor.
»So haben Sie sich geirrt!«
»Aber was würde es denn schaden, wenn wir vom Monde vorwärts gezogen würden?« fragte die Prinzessin.
»Wir laufen Gefahr, auf dem Monde zu scheitern!« rief Pratico.
»Falls nicht die Tangentialkraft unseres Fluges,« sagte Meditor nachdenklich, »uns zu einem Planeten, einem Nebenmonde des Mondes macht.«
»So wäre also doch unsere Reise nach dem Monde nicht gescheitert!« sagte die Prinzessin mit freudigem Ton.
»Nicht unsere Reise, aber wir selbst,« sagte Pratico düster.
»Inwiefern? Entweder langen wir auf dem Monde an oder wir kreisen um ihn herum. Auf jeden Fall können wir die interessantesten Beobachtungen machen.«
»Die Anziehungskraft des Mondes wird für uns entweder ein zerschmetternder Sturz werden, Prinzessin,« sagte Pratico, »oder sie wird eine beständige Gefangenschaft bis zu unserm Tode bedeuten.«
»Sie meinen, wir würden unsere Rolle als Nebenmond niemals zu spielen aufhören können?« fragte ganz heiter die Prinzessin.
»Ich will wünschen, Prinzessin, daß Ihre gute Laune von langer Dauer sein möge,« sagte Pratico.
Jeder Gedanke an Schlaf war verschwunden.
Meditor stieg zum Dache empor, besprach sich mit Peppino und stellte den elektrischen Strom ab, der die Maschine trieb.
»Wir sind vollständig den kosmischen Gesetzen untertan,« sagte er, als er wieder in den Salon kam. »Ich treibe den Kristall nicht und halte ihn nicht zurück.«
»Daran tun Sie wohl,« sagte Pratico mit einiger Bitterkeit, »denn wo man nicht weiß, was man tun soll, da tut man am besten gar nichts.«
»Ein vorzüglicher Grundsatz für Krankenbehandlung,« sagte Meditor trocken.
»Gewiß, und wir sind krank,« entgegnete Pratico. ,,Wir sind todkrank, denn unser Ende ist nahe.«
»Ich vertraue auf unsern Führer und Leiter,« sagte ruhig die Prinzessin.
»Sehen Sie den Mond!« rief Pratico. »Er wird mit jedem Augenblick größer. Er steht gerade über uns. Ich möchte wetten, daß wir mit einer Schnelligkeit von vier Meilen in der Sekunde auf ihn los eilen.«
»Aber Freund Meditor rechnet doch auf die Tangentialkraft!«
»Prinzessin,« entgegnen Pratico, »die Tangentialkraft wird in unserem Falle nicht genügen,, uns seitwärts zu treiben. Wir sind nicht schnell genug heraufgekommen. Vierundzwanzig Stunden lang sind wir schon unterwegs. Es ist, als kämen wir mit einer Postkutsche oder mit einem Kurierzug aus alten Zeiten an.«
Meditor betrachtete sinnend den Stand der Gestirne. Die Sonne bewegte sich langsam der Erde zu und mußte binnen einer Stunde hinter der Erde verschwinden. Schon nahm die Erde ab, indem ihre helle Scheibe gleichsam einschrumpfte und ein Bild bot wie der abnehmende Mond, von der Erde aus gesehen. Nur behielt die Erdsichel ihre smaragdene Färbung und war viel größer als man jemals von der Erde aus den Mond sieht. Der Mond dagegen stand erschreckend groß und hell oben am Himmel. Er war so nahe, daß Meditor ohne Glas die Ringgebirge und selbst kleine isolierte Bergkegel deutlich erkenne konnte. Von den übrigen Gestirnen war nichts zu sehen. Die Helligkeit der Sonne und die glänzende Mondscheibe ließen den Himmel schwarz erscheinen.
»Die verhältnismäßig hohe Temperatur im Weltenraum,« sagte Meditor, ohne auf die drohenden Gefahren zu achten, »kann ich nicht von der Sonne herrühren, wenigstens direkt nicht.«
»Woher rührt sie denn?« fragte die Prinzessin.
»Von der Bewegung des Äthers. Die erhitzten und verdünnten Schichten des Äthers erregen eine unaufhörliche Bewegung in den kältern und dichtern Lagen. Wie der Ozean im kleinen, so bewegt sich das Hydrogen des Weltenraums im großen. Ebbe und Flut, Ruhe und Sturm wechseln im Äther ab.«
»Aber gibt es denn überall solche erhitzte Schichten?« fragte die Prinzessin weiter.
»Es wird deren überall geben, wo Fixsterne sind. Unsere Sonne ist, wie die Gelehrten berechnet haben, von glühendem Hydrogen umgeben, das sich bis auf fünfzigtausend Meilen weit von ihren flammenden Protuberanzen erstreckt. Diese Hülle, die infolge der rasenden Umdrehung der glühenden Metalle des Sonnenballs ebenfalls glühend ist, stellt eine ungeheuere Menge Äther dar, dessen Hitze sich unberechenbar weit erstreckt und jedenfalls auf der Erde, trotz ihrer Entfernung von zwanzig Millionen Meilen, unter dem Äquator sehr fühlbar wird. Man hat die Menge des glühenden Äthers, der die Sonne umgibt, trägt und gewichtlos macht, da der so stark erhitzte und verdünnte Äther einen nahezu luftleeren Raum darstellt, auf fünfmal so groß wie den Inhalt der Sonne selbst berechnet. Denn diese hat etwa achthundert Billionen Kubikmeilen Inhalt, der sie umgebende glühende Äther aber viertausend Billionen Kubikmeilen.«
Die Stimme Peppinos vom Dache her unterbrach das Gespräch. »Wir schießen direkt in den Mond hinein!« rief er.
In der Tat war der Mond jetzt groß geworden, daß er die Himmelsdecke beinahe ganz einnahm, und er war nicht mehr glänzend, sondern zeigte die Farbe einer gelbbraunen Wüste, aus der viele Gipfel hervorragten. Es war erschreckend, zu sehen, wie diese Wüste den Horizont so weit umfaßte, daß nur ein schmaler schwarzer Saum ringsum den Ätherraum anzeigte. Zudem veränderte sich das Bild insofern, als jetzt oben und unten sich unmerklich vertauschten. Der Mond lag unten, die Erde oben, die Sonne ebenfalls oben in der Nähe der schwach beleuchteten Erde und das Hinauffliegen hatte jetzt das Ansehen eines Sturzes.
Peppino erschien im Salon. »Nichts mehr zu tun,« sagte er.
Seine Miene war nicht gerade heiter, doch hatte er das Ansehen eines entschlossenen Mannes, der das Unvermeidliche mit Würde tragen will.
»Ist denn keine Möglichkeit, den Sturz aufzuhalten?« fragte Pratico. »Haben Sie keine Vorrichtung zum Hemmen?«
»Diese Vorrichtung ist gegenüber der Anziehungskraft des Mondes zu schwach,« entgegnete Meditor.
»Es wäre besser, ein wirksameres Steuer zu haben,« sagte Pratico. »Setzen Sie doch ein Memorandum auf, Freund Meditor, worin Sie für künftige Unternehmer solcher Fahrten einen Wink geben, wie man die Maschinen besser lenkbar machen könnte, denn Ihr Steuer, wie es jetzt beschaffen ist, genügt offenbar nicht.«
Pratico redete nur, um sich zu zerstreuen und zu ermutigen. Er war in verzweifelter Stimmung. Auch antwortete ihm niemand, denn sowohl die Prinzessin wie Meditor merkten, in welcher Erregung er sich befand. Sie selbst gewannen im Angesicht des scheinbar unvermeidlichen Untergangs jene erhabene Ruhe, die beim Nahen des Todes edlen Seelen eigen ist.
»Es kann keinen Tod geben,« sagte die Prinzessin, den weltfremden Blick ihrer durchgeistigten Augen in die Ferne richtend. »Niemals kann die Seele untergehen, sondern sie wechselt nur ihr Kleid.«
»Ich denke gleich Ihnen, Prinzessin,« entgegnete Meditor, »wenn ich auch nicht an das persönliche Bewußtsein und die persönliche Erinnerung nach dem sogenannten Tode glaube.«
»Wie können Sie denn gleich mir denken?«
»Insofern als ich sage: es gibt keinen Tod. Der Kreislauf des Lebens, der nun unsere Körper vergehen lassen will, wird neue Formen erzeugen, in denen wir lebendig bleiben.«
»Nein, nicht so denke ich. In der neuen Form wird mein persönliches Bewußtsein weiterleben. Körperlos, aber mit denselben Interessen wie jetzt werde ich die Welt fernerhin beobachten, und ich bin überzeugt, mein Freund, daß in einer Stunde oder schon früher, je nach der Schnelligkeit unserer Katastrophe, ich Sie fragen werde: Lieber Freund, habe ich recht gehabt? Stimmen Sie mir jetzt zu, wenn ich von der persönlichen Fortdauer rede? Ohne Lippen, nur mit dem Geiste werde ich Sie fragen.« — Meditor antwortete nicht.
In feierlichem Schweigen sahen alle vier Personen dem nahen Untergange entgegen. Peppino hatte ein Bild der Mutter Gottes an einem silbernen Kettchen aus seiner Bluse hervorgezogen und betrachtete es andächtig. Er hatte längst geglaubt, ein Freigeist zu sein, denn seine Beschäftigung mit Maschinen entfremdete ihn der Welt des Unsichtbaren und versenkte ihn in die sichtbaren Ursachen und Wirkungen. Jetzt aber, wo er den Kristall in reißender Umdrehung um sich selbst mit unhemmbarer Gewalt gegen die feste Mondscheibe stürzen sah, erwachte in ihm der Glauben und kam die Erinnerung an das längst vergessene, nur gewohnheitsmäßig getragene Madonnenbild.
Pratico schlürfte Ischiawein, um seinen Nerven Halt zu geben, und bemühte sich, der Prinzessin gegenüber keine Schwäche zu zeigen.
Die Prinzessin selbst und Meditor hatten sich tief versenkt in die Probleme des Lebens und des Todes. Bei ihnen stand der Augapfel ruhig und unbewegt.
Plötzlich wurde es dunkel.
»Ist das schon der Tod?« fragte sich Pratico.
Aber fast unmittelbar auf die Finsternis folgte ein mattes Licht. Eine kaum merkliche Erschütterung bewegte das Fahrzeug. Peppino rief laut: »Wir stehen still!«
Wie aus einem Traum erwachend, blickten die Reisenden um sich.
Über sich sahen sie den gestirnten Himmel. Der Sirius sandte seinen feurigen Schein unter allen Sternen am deutlichsten herab. Nach unten und ringsum zeigte sich eine matt beleuchtete Ebene. Der Kristall stand ruhig auf festem Boden.
Peppino eilte zur Tür und schien sie öffnen zu wollen, aber Pratico sprang auf und faßte ihn am Arm »Öffnen Sie nicht!« rief er.
»Wo sind wir?« fragte die Prinzessin.
»Es kann nicht anders sein,« erwiderte Meditor nach einer Pause, »als daß wir auf dem Monde sind.«
»Aber wir sind nicht zerschmettert!« rief Pratico. »Ist denn der Mond von Luft?«
»Schwerlich. Ich habe eine Ahnung, aber will sie noch nicht aussprechen,« entgegnete Meditor.
»Was ahnen Sie?«
»Wir stehen auf festem Boden. Da sind Steine, da ist Erde, und doch —«
»Was meinen Sie?« fragte die Prinzessin.
»Wir können nicht auf der konvexen Seite des Mondes sein,« sagte Meditor.
»Wieso?« fragte Pratico.
»Wenn wir auf der der Erde zugewandten Seite des Mondes stünden,« entgegnete Meditor, »so wären wir zerschmettert. Der Kristall und unsere Körper würden in unzählbare Bruchstücke zersprengt und zerquetscht worden sein, wenn wir auf die konvexe Fläche aufgeschlagen wären.«
»Was meinen Sie mit der konvexen Fläche?« fragte Pratico. »Der Mond ist doch ringsum konvex. Oder was erwarten Sie von einer Kugel?«
»Meine Ansicht ist schon lange, daß der Mond überhaupt keine Kugel ist.«
»Jawohl, ich weiß. Sie denken, er sei eine Scheibe. Aber was ändert das an der Tatsache, daß wir auf dem Monde sind und zwar lebend und gesund. Das Wunderbare ist doch, daß wir nicht beim Sturze zerschmettert wurden.«
»Eben darüber wundere ich mich auch.«
»Sie sprechen von einer Ahnung,« lieber Meditor, sagte die Prinzessin.
»Ich ahne, daß wir auf der konkaven Seite des Mondes sind, aber ich begreife nicht, wie wir dahin gekommen sind. Was denken Sie, Signor Peppino? Wir sind nicht dort, wo wir anzukommen glaubten. Wie sind wir auf diese Seite des Mondes gekommen?«
»Exzellenz, ich nehme an, daß wir den Mond durchbrochen haben.«
»Durchbrochen? Den Mond durchbrochen, Peppino?« fragte Pratico. »Das ist wohl nicht möglich.«
»Die drehende Spitze dieser Maschine hat schärfer gebohrt als ein Diamantbohrer bei Tunnelbauten,« sagte der Neapolitaner.
Meditor schüttelte den Kopf. »Ich habe eine bessere Erklärung,« sagte er. »Freilich werde ich erst morgen am Tage feststellen können, ob sie richtig ist.«
»Geben Sie sie vorläufig bei Nacht als Hypothese,« sagte Pratico, der seine gute Laune wiedergewonnen hatte.
»Nun, ich erinnere wiederum an den Astronomen Kepler, der die Vermutung ausgesprochen hat, das Erscheinen des Sternes Aldebaran im Monde selbst würde dadurch bewirkt, daß jener Stern durch einen Riß im Monde auf die Erde niederschiene. Diese Keplersche Erklärung ließ man auf sich beruhen und hat sie in wissenschaftlichen Werken zwar nicht ignoriert, jedoch auch nicht für wichtig gehalten, sondern einfach erwähnt. Man hält sie für eine bloße Hypothese von geringer Wahrscheinlichkeit, weil der Mond, wenn er eine Kugel ist, wie die Astronomen noch heutzutage annehmen, schwerlich einen Riß hat, der so gerade durch den ganzen Körper hindurchgeht, daß ein Stern durchblicken kann. Hätte die Kugel einen Sprung, was gar nicht wahrscheinlich ist, so würde er wohl eher im Zickzack gehen.«
»Nun ja, Freund Meditor, also der Mond hat keinen Sprung oder Riß!« sagte Pratico.
»Allerdings hat er meiner Ansicht nach einen Riß, und wenn er eine Scheibe ist, so leuchtet mir das als leicht erklärlich ein. Eine durch das Weltall fliegende erhitzte Scheibe kann leicht in der Mitte einen Sprung erhalten, indem der Rand zuerst erkaltet. Erinnern Sie sich, daß wir für eine Sekunde oder zwei Sekunden im Finstern waren! Das war die Zeit, während wir durch den Riß hindurchfuhren. Der Riß muß gerade inmitten der Scheibe sein, und wir sind, der Anziehungskraft folgend, ohne das von Ihnen vermißte wirksame Steuer natürlich gerade auf die Mitte des Mondes gekommen.«
»Und warum sind wir denn nicht weiter geflogen?«
»Weil auf der konkaven Seite des Mondes wiederum seine Anziehungskraft uns festhielt. So sind wir ganz sanft am Rande des Risses gelandet. Aber erst wenn die Sonne uns wiederum hinreichendes Licht gibt, werden wir hierüber Gewißheit erlangen. Sie glauben es nicht, Signor Peppino?«
»Entschuldigen Sie, Exzellenz, ich glaube nicht, daß der Riß so entstanden ist, wie Sie meinen.«
»Wie meinen Sie denn?«
»Ein Riß mag da sein, aber wenn der Rand einer Metallscheibe sich abkühlt, so zieht er sich zusammen.«
»Eine Metallscheibe war das Stück Erdrinde nicht, das einmal bei einer Explosion davonflog und zum Monde wurde.«
»Eine Scheibe wird niemals einen Riß in der Mitte bekommen, wenn der Rand sich abkühlt, Exzellenz. Der Riß wird bei der Explosion entstanden sein und der Mond hat ihn erhalten, bevor er noch Mond wurde.«
»Sie können recht haben, Meister Peppino. Morgen wollen wir die Sache untersuchen, so gut wir können. Aber freilich dürfen wir unser Glashaus nicht verlassen, weil wir in der luftlosen oder doch luftarmen Umgebung sofort sterben müßten.« —
Die Ruhe der Nacht war den Reisenden höchst erquicklich. Sie waren körperlich wie geistig erschöpft, und da tat ihnen die absolute Stille sehr wohl. Nicht der leiseste Ton, kein Rauschen eines Blattes, kein Geplätscher lebendigen Wassers, nicht das Wehen des Windes, kein Zirpen eines Insekts, kein Geräusch einer beseelten Natur drang zu ihnen. Am späten Morgen erst erwachte die Prinzessin. Ihre Begleiter waren schon länger auf, aber hatten sich aus Schonung für den Schlummer der hohen Dame ganz ruhig verhalten.
Im Sonnenlicht gebadet stand der Kristall da, und mit der höchsten Begierde spähten die Reisenden hinaus.
Was sie zunächst erblickten und was ihre Aufmerksamkeit am meisten fesselte, waren merkwürdige Gestalten, die in ganzen Scharen um den Kristall versammelt waren und in lautloser Bewegung umherschwirrten. Es war unmöglich, sie in irgendeine Klasse von Geschöpfen, wie sie auf Erden leben, einzuordnen. Es war unmöglich, zu sagen, ob sie Pflanzen oder Tiere oder was sie sonst wären. Sie waren dem Kaktus nicht unähnlich, aber Seesternen noch ähnlicher. Wenn sie nicht umhergehüpft und umhergerollt wären und nicht offenbar das leuchtende Gebilde aus einer andern Welt neugierig betrachtet hätten, so hätte man sie für Pflanzen halten können. Sie bildeten Kugeln mit vielen Auswüchsen, die den Armen des Seesterns glichen, von Farbe waren sie weiß, und bekleidet waren sie mit zarten Blättchen oder Schuppen. An Größe waren sie sehr verschieden, die größten mochten etwa zehn Kilogramm wiegen und waren etwa so groß wie ein Stachelschwein.
Siehe die Anmerkung auf S. 63.
»Was sind das für Geschöpfe!« rief die Prinzessin.
»In einem Zoologischen Garten müßten sie Furore machen,« sagte Pratico. »Was sagen Sie, Meditor?«
»Tyrosin,« sagte Meditor, dessen Augen vom Eifer des Forschens blitzten.
»Tyrosin? Ein Produkt der Fäulnis? Was meinen Sie?«
»Das Tyrosin bildet seidenglänzende Kristallnadeln, die konzentrisch zu kugelförmigen Haufen zusammenwachsen. Die Atome dieser Substanz sind unsymmetrisch gelagert. Diese hüpfenden Stachelkugeln zeigen das charakteristische Bild der Tyrosinkristallisation.«
»Aber diese Geschöpfe leben!«
»Warum sollte Tyrosin nicht leben? Sobald es sich mit Leucin und phosphorsaurem Ammoniak verbindet, springt der Lebensfunke daraus hervor. Ich sehe die wie Atlas glänzenden weißen Schuppen des Leucins auf der Oberfläche dieser Geschöpfe.«
»Und woher kommen solche Erscheinungen hier auf dem vom Wasser entblößten Monde?«
»Vielleicht findet sich noch eine Erklärung. Bis jetzt weiß ich es nicht. Auch sehe ich noch nicht den hypothetischen Riß, durch den wir heraufgekommen sind. Nur das bemerke ich, daß wir auf dem Boden einer runden Scheibe stehen. Wenn wir aufsteigen, werden wir diese Schale besser erkennen.«
Mit der Erlaubnis der Prinzessin gab Peppino dem Kristall einen mäßigen Antrieb und, vom Hydrogen getrieben, stieg das Fahrzeug langsam empor. Kaum bewegte es sich, als alle die Tausende kleiner und großer Geschöpfe umher in wilder Flucht auseinander stoben. Und da sie im Sonnenschein glänzten, sah es fast so aus, als würden riesige Schneeflocken von einem Windstoß auseinandergetrieben.
»Sie haben also Intelligenz, diese seltsamen Wesen!« rief die Prinzessin. »Sie fürchten sich, können also unterscheiden zwischen Ruhe und Bewegung, Sicherheit und Gefahr! Wie ist das möglich? Haben sie denn ein Gehirn?«
»Möglicherweise haben sie ein Gehirn,« entgegnete Meditor, »aber die Intelligenz bedarf keines Gehirns.«
»Ist denn nicht das Gehirn der Sitz der Vernunft, das Werkzeug des Geistes?«
»Bei uns Menschen, Prinzessin. Aber die Natur ist nicht begrenzt in der Wahl ihrer Formen. Ist doch das Gehirn der Ameisen nur winzig klein, während ihre Intelligenz groß ist.«
»Sie scheinen einander Mitteilungen machen zu können, diese zackigen Dinger!« sagte die Prinzessin. »Sie gruppieren sich, sie beobachten, die Kleinen gehorchen den Großen. Nun liegen sie alle still und warten ab, was wir tun werden. Haben sie denn eine Sprache?«
»Sie haben keine Sprache in unserm Sinne und vermögen nicht einmal Töne gleich irdischen Tieren hervorzubringen, weil es hier keinen Schall gibt. Darum können sie aber doch eine Sprache haben.«
»O welche Wunder!« sagte die Prinzessin. »Gottes Macht erscheint mir immer reicher. Unsere fünf Sinne gehorchen unter irdischen Bedingungen unserer Vernunft, aber diese menschliche Vernunft ist ein Teil der göttlichen Vernunft, und diese findet auf dem Monde andere Ausdrucksmittel als auf der Erde. Wie töricht, wenn wir glauben, unsere fünf Sinne seien eine Notwendigkeit der Erkenntnis. Für uns wohl und auch nur für die normalen und gesunden Menschen, aber nicht für die göttliche Natur. Denn die Blinden und Tauben erkennen auch, und wenn ein Sinn erlahmt, ersetzen ihn die andern Sinne. Oft habe ich mich gewundert, wenn ich sah, wie Blinde sich mit dem Gehör und dem Gefühl gut zurechtfanden. Und sicherlich haben alle Tiere eine Sprache, womit sie sich untereinander ebensogut verständigen, wie wir mit Deutsch, Französisch oder Italienisch. Wie könnten sonst die Scharen der Ameisen und Bienen richtige Staatsordnungen bilden? Und wie würden die Scharen der Zugvögel gelenkt? Die göttliche Vernunft lebt in allem, und es ist eine Torheit, zu sagen, Gott sei unsichtbar, denn alles, was wir sehen, ist Gott.«
Der Kristall stieg bis zu einer Höhe von 1500 Metern auf und wurde dann angehalten.
Die Reisenden durchforschten Himmel und Mond mit ihren Ferngläsern. Sie konnten in der von ihnen erreichten Höhe den ganzen Umfang des Mondes überschauen, und die Sonne erleuchtete die unter ihnen ausgebreitete Fläche mit solcher Klarheit, daß sie die Beschaffenheit des Bodens hinsichtlich der Höhen und Tiefen wie der Farben genau zu beobachten vermochten.
Die Farben waren durchaus einförmig und blieben in den Abstufungen von Gelbbraun bis zu hellem Gelb. Es waren die Farben einer Wüste ohne Vegetation. Dagegen waren in der riesigen Schale, deren Rand um mehrere tausend Meter über die mittlere Fläche emporragte, tiefe Abgründe zu erkennen.
In der Mitte der Schale aber klaffte ein Riß, der nach Meditors Berechnung sechsundzwanzig Kilometer lang und an der weitesten Stelle zwei Kilometer breit war. Die Reisenden stimmten in der Annahme überein, daß ihr Fahrzeug durch diesen Riß getrieben worden wäre, dessen Seitenwände sie auf zwanzig Kilometer Dicke schätzten. Weiter geflogen waren sie deshalb nicht, weil die Flugkraft auf dieser Mondseite sofort durch die Anziehungskraft des Mondes gebrochen worden war.
Pratico entfaltete eine Karte der konvexen Mondfläche, wie sie auf der Erde gesehen und gezeichnet wird.
»Sie haben recht, Meditor,« sagte er, »die Vertiefungen, die wir sehen, während keine einzige Erhöhung vorhanden ist, entsprechen den Erhöhungen, die als Ringgebirge und einzelne Berge hier schraffiert sind. Die Schale ist von getriebener Arbeit, wie der Schild des Achilles. Was auf der einen Seite erhaben, das ist auf der Rückseite vertieft.«
»Nach dieser Form des Mondes zu schließen, leben die Bewohner der konkaven Seite auf ewig getrennt von den Bewohnern der konvexen Seite,« sagte die Prinzessin.
»Wenn überhaupt die konvexe Seite Bewohner hat, bemerkte Pratico. »Übrigens wäre es doch nicht unmöglich, durch den Riß hindurchzukriechen oder auch aus den offenen Kratern der Vulkane oder um den Rand herum mit Steigeisen wie die Bergkletterer in den Alpen.«
»Sie sprechen von offenen Kratern der Vulkane?« fragte Meditor.
»Nun, man glaubt doch erloschene Vulkane auf dem Monde zu sehen, das ist die allgemeine Annahme der Wissenschaft.«
»Niemals hat es Vulkane ans dem Monde gegeben,« sagte Meditor, »sondern diese Erhöhungen, die wie Berge und Krater von Vulkanen aussehen, sind unter dem Drucke des Erdinnern entstanden, bevor der Kessel sprang, das heißt, bevor dies Stück Erdrinde davonflog. Stellenweise sind diese Erhöhungen an der Spitze vom treibenden Gase aufgerissen, wie ja die ganze Schale aufgerissen worden ist, eben dort, wo der lange Sprung sich zeigt.«
»Wir wollen diesem Sprung einen Namen geben,« sagte die Prinzessin. »Die Wissenschaft soll ihn in Zukunft Meditorium nennen.«
»Ich danke Ihnen, Prinzessin,« sagte Meditor lächelnd.
»Es fängt an, recht heiß zu werden,« sagte Pratico, der nicht in der besten Laune zu sein schien.
Natürlich,« entgegnete Meditor. »Wir befinden uns in stark verdünntem Hydrogen, denn die Sonne scheint glühend in die Mondschale hinein.«
»Müssen wir denn noch lange hier verweilen?«
»Nur noch kurze Zeit, es wäre mir erwünscht, die Abgründe noch eine Weile zu betrachten. Ich glaube in ihnen die Erklärung der Entstehung der Mondbewohner zu finden.«
»Wie denken Sie denn darüber?« fragte die Prinzessin.
»Mit Ihrer Erlaubnis fahren wir in die Nähe eines Ringgebirges, sodaß wir in den Schlund hineinsehen können.«
Peppino ließ das Fahrzeug hinabsteigen und hielt es am Rande eines Schlundes an, der kilometerweit klaffte. Meditor richtete sein Fernglas hinein.
»Ich sehe die Skelette von ungeheuren Walfischen,« sagte er.
»Von Walfischen? Hier, wo es kein Wasser gibt?« fragte Pratico.
»Ja, von Walfischen, die der Erde angehört haben.«
»Ich bitte, erklären Sie das!« rief die Prinzessin.
»Sehen Sie selbst, Pratico,« sagte Meditor. »Hier das Glas!«
»In der Tat, es scheinen Walfischskelette zu sein.«
»Es sind auch solche, und meine Ansicht, Prinzessin, ist folgende: Bei der Explosion, die die sogenannte Insel Atlantis und einen Teil des Ozeans wegriß, flogen Walfische in unberechenbarer Zahl mit fort. Die meisten gingen im Weltenraum unter, zu Atomen zerspalten, aber eine Anzahl von ihnen wurde in die Höhlen hineingedrückt, die durch die Kraft der Gase in dem losspringenden Stück Erdrinde entstanden. So kamen sie 50 000 Meilen weit und steckten unzerstört im Monde. Sie verfaulten in den Abgründen, und aus ihrer zerfallenden Substanz bildeten sich die Maden, die wir dort als kristallisierte Fäulnisprodukte umherhüpfen sehen.«
»Da würden Ihnen viele Gelehrte widersprechen, Freund Meditor, und Ihnen sagen, daß ohne vorher gelegte Eier keine Maden entstehen könnten.«
»Freilich gibt es noch immer eine Partei, die der alten Mode anhängt,« entgegnete Meditor. »Es ist seltsam, wie viel Zeit erforderlich ist, Vorurteile auszurotten und neue Einsicht zu verbreiten.«
»Aus der Fäulnis entstehen also intelligente Wesen?« fragte die Prinzessin.
»Gewiß, die Fäulnis ist die Mutter organischen Lebens. Sie ist eine Metamorphose. Wenn der letzte Rest von Elektrizität aus dem sterbenden Körper verschwunden ist, so beginnen die Gruppen der Leibessubstanz auseinanderzufallen, und ihre Belegung ist der Beginn neuer Lebensformen. Wenn ein Teil der freiwerdenden Kohlenwasserstoffe, etwa Kapronsäure, sich mit etwas Ammoniak und Phosphorsäure verbindet, so ist sofort tierisches Protoplasma vorhanden. Und meiner Ansicht nach sind verwesende Walfischleiber nicht nur hier auf dem Monde der Entstehungsboden organischen Lebens gewesen, sondern auch auf Erden.«
Die Prinzessin lächelte. »Proteus, der Sohn des Okeanos,« sagte sie, »der bei jedem Auftauchen und Untertauchen seine Gestalt änderte und bald Schwein, bald Panther, bald Schlange war, kurz, alle möglichen Formen annahm, wäre dann wohl eigentlich ein Walfisch gewesen!«
»Das Protëin, Prinzessin, wird seinem Namen nach von jenem Meergott abgeleitet. Der Walfisch ist auch nur eine Form des Protëins. Aber ich habe ihn erwähnt, weil ich glaube, daß er der erste Bewohner der Erde gewesen ist.«
»Kann ein Walfisch auf festem Boden leben?« fragte Pratico.
»Gewiß nicht, wohl aber im Meere, und die Erde ist anfänglich fast ganz mit Meer bedeckt gewesen. Als bei jener Explosion vor 20 000 Jahren die erhitzten Gase des Erdinnern den jetzigen Mond losrissen, da flog auch das Meer mit in den Weltenraum und nahm die Walfische mit.«
»Vor 20 000 Jahren?« fragte Pratico.
»Ich glaube nicht, daß unsere Erde viel älter ist. Die Revolutionen, denen sie ihre jetzige Gestalt verdankt, haben wohl nur Wochen oder Monate gedauert.«
»Wie diese kristallinischen Vettern sich wieder um uns versammelt haben!« sagte Pratico, auf die hellen Stachelkugeln deutend, die in Scharen rings um den Kristall hockten.
»Leider ist es unmöglich, mit ihnen in Verkehr zu treten,« sagte die Prinzessin. »Wie gern möchte ich einige mitnehmen!«
»Sie würden sich nicht halten. Die Atmosphäre der Erde würde sie zusammenpressen und töten,« entgegnete Pratico.
»Keine Spur von Wasser in diesem weiten Becken. Ein trostloser Aufenthalt!« sagte die Prinzessin.
»Für uns gewiß,« antwortete Meditor. »Deshalb frage ich: was wollen wir tun? Sollen wir zur Erde zurückkehren?«
»Da müßten wir wohl durch das Meditorium hindurchfahren und die andere Seite des Mondes gewinnen,« meinte Pratico.
»Noch ein Einwurf!« sagte die Prinzessin. »Vorhin, lieber Meditor, sprachen Sie vom Aufhören der Elektrizität im sterbenden Körper. Wie ist das zu verstehen?«
»Schon Edison hat vor mehr als hundert Jahren nachgewiesen, daß der menschliche Körper eine Elektrizitätsmenge enthält, die genügt, um ein Licht von drei bis vier Normalkerzen zu unterhalten. Der Tod besteht im Erlöschen dieses elektrischen Lebenslichtes.«
»Wir müßten uns also erheben und in den Riß niedersinken,« sagte Pratico, der ganz von der Idee der Rückkehr erfüllt war. »Alsdann wäre es unsere Aufgabe, möglichst langsam die Atmosphäre der Erde zu durchfahren, um ohne Sturz auf dem Erdboden zu landen. Halten Sie das für ausführbar, Meditor?«
»O ja!«
»Aber als wir zum Monde stürzten, versagte Ihre Hemmvorrichtung!«
»Ich habe neue Erfahrungen gemacht, und die irdische Luft wird es uns erleichtern, im Zickzack zu fahren, wie die Schiffe, wenn sie lavieren.«
»Meine Herren,« sagte die Prinzessin, »ich habe eine ganz andere Idee für unsere Weiterreise. Ich möchte noch nicht zur Erde zurück. Die Frage der Bewohnbarkeit der Gestirne ist mir immer interessant erschienen. Nun sehe ich diese widerlichen Geschöpfe auf dem Monde und fühle mich im Innersten abgestoßen. Mit diesem unangenehmen Eindruck möchte ich nicht nach Hause kommen. Ich sage mir, daß herrliche Wesen auf anderen Sternen wohnen werden, und brenne vor Begierde, sie kennen zu lernen. Camille Flammarion schreibt in seinem Werke Urania so entzückend von den Marsbewohnern. Aber das sind nur Gestalten seiner Einbildungskraft, er ist nicht auf dem Mars gewesen. Wir wollen selbst sehen, wir wollen den Mars besuchen. Haben Sie Vertrauen zu dieser Reise, lieber Meditor? Glauben Sie, daß wir dorthin gelangen könnten?«
»Ich bitte, Prinzessin,« rief Pratico tief erschrocken, »lassen Sie es der tollkühnen Unternehmungen genug sein! Wir müssen es dankbar anerkennen, daß wir noch lebendig sind. Versuchen wir nicht das Schicksal!«
»Halten Sie die Reise für so gefährlich?«
»O Prinzessin, der Mars ist ja unendlich weit entfernt. Mit der Reise nach dem Mars verglichen ist die Reise zum Monde ja nur ein kleiner Ausflug gewesen. Der Mars ist viele Millionen Meilen von der Sonne entfernt.«
»Was sagen Sie, Meditor?«
»Es wäre sehr interessant, den Mars zu besuchen, und wir hätten dort den großen Vorteil, aussteigen zu können, weil der Mars eine Atmosphäre hat. Allerdings würde es eine lange Reise sein, wir würden uns, eine durchschnittliche Schnelligkeit von vier Meilen in der Sekunde angenommen, fast drei Monate lang unterwegs befinden.«
»Mehr als genug Zeit,« sagte Pratico, »um bei bloßer Sauerstoffatmung an der Auszehrung zu sterben. Meine Pflicht, Prinzessin, da ich die Ehre habe, Ihr Leibarzt zu sein, ist, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie nicht noch eine Woche leben können wie jetzt, ohne in die schwerste Krankheit zu verfallen.«
»Wenn das Ihr einziges Bedenken ist, Doktor ...«
Pratico ließ Meditor nicht weiter reden. »Mein einziges Bedenken?« rief er. »Ich dächte, dieses eine genügte!«
»Und wenn ich es beseitigte?«
»Herrlich!« rief die Prinzessin.
»Wir werden einfach flüssige Luft wieder luftförmig werden lassen.«
»Unser Vorrat an flüssiger Luft wird sich bald erschöpfen,« warf Pratico ein.
»Ich weiß noch ein Mittel.«
»Welches?«
»Wir brauchen zum Atmen das Gemisch von Stickstoff, Sauerstoff, Kohlensäure und Wasserdunst, das die Natur uns gibt. Ich habe Versuche mit Peppino gemeinsam angestellt, zum Zwecke der Herstellung von Erdenluft. Signor Peppino, ich behaupte, daß Sie ein Genie sind.«
Der Neapolitaner legte die Hand auf das Herz zum Zeichen seiner tiefgefühlten Dankbarkeit für das Kompliment.
»Meister Peppino ist auf den Gedanken verfallen, Stickstoffoxydul in Stickstoff und Sauerstoff zu zerspalten. Die Hälfte des Sauerstoffs verbrannte bei dem Experiment, der Rest mit dem übrigen Stickstoff aus salpetersaurem Ammoniak hat uns ein Gas geliefert, das zwar nicht völlig der irdischen Atmosphäre gleich ist, aber sich noch so verbessern läßt, daß es zum Atmen genügt.«
»Lassen Sie uns versuchen,« sagte die Prinzessin.
Peppino stieg in den Keller hinab und gleich darauf spürten die Reisenden mit Erleichterung und Wohlgefühl ihre Lungen in anderer Weise beschäftigt als vorher. Peppino ließ das Surrogat der Erdenluft durch ein Ventil in den Salon steigen.
»Jetzt reise ich unbedenklich,« sagte hocherfreut die Prinzessin.
»Vorausgesetzt, daß Ihr Vorrat reicht, verehrter Freund,« warf Pratico ein.
»Er wird ausreichen.«
Während dieser Unterhaltung fing ein eigentümliches Schauspiel an, die Reisenden zu beschäftigen.
Unter den Mondbewohnern machte sich eine Bewegung kund, die nicht auf Rechnung ihrer Neugierde wegen des glänzenden Fremdkörpers zu setzen war, der jetzt in hellster Bestrahlung durch die hochstehende Sonne gewiß in wunderbarem Feuer, einem ungeheuren Diamanten gleichend, erstrahlte.
Eine allgemeine Unruhe war zu erkennen, indem mächtige Scharen von Tausenden der im Sonnenlicht wie Schnee glitzernden Geschöpfe sich zusammenballten, während aus der Ferne lange Reihen ebensolcher weißer Stachelkugeln herannahten.
»Das sieht ja wie ein bevorstehender Kampf aus,« sagte Pratico. »Hier schließt sich die eine Partei in Phalanxen zusammen, während dort eine in Linie aufmarschierte Macht gleich der Armeen Friedrichs des Großen zum Angriff vorgeht.«
»Nicht wie eine Friedericianische Armee,« sagte Meditor, »sondern jene greifen nach der Idee Moltkes bei Sedan an. Ich sehe ringsum von vier Seiten glänzende Schlachtreihen vorrücken.«
»Wenn es nicht etwa ein großes Fest, eiu Nationalfest, ein großes Ballett ist, das diese merkwürdigen Lunarier aufführen wollen,« sagte die Prinzessin. »Denn ich möchte nicht glauben, daß Krieg und Mord auch hier auf dem Monde wohnen, den die Liebenden auf Erden mit schwermütigem Seufzen als die Stätte heitern Friedens ansehen.«
Aber die Prinzessin täuschte sich. Bald wurde es klar, daß eine Schlacht im Gange war. Offenbar hatte ein feindliches Volk die Zeit benutzt, wo die Anwesenheit des irdischen Fahrzeugs die Aufmerksamkeit der Bevölkerung dieser Gegend beschäftigte, und war zu einem Überfall ausgerückt. Von allen Seiten schloß sich der Ring der Angreifer zusammen, und als die Umringten dies bemerkten, wurden sie von einer wahren Panik erfaßt. Sie rannten hin und her, indem sie auf ihren elastischen Stacheln wie auf kurzen Beinen hüpften, aber auf Beinen, die ringsum saßen, so daß die Fortbewegung einem Rollen glich. Und als sie bemerkten, daß sie nach keiner Seite entfliehen konnten, warfen sie sich in Verzweiflung dem Feinde entgegen. Nun entstand ein furchtbarer Kampf, der um so schrecklicher und unheimlicher anzusehen war, als kein Kampfgeschrei, kein Waffenklirren hörbar wurde, sondern alles in lautloser Stille vor sich ging. Waffen hatten diese Geschöpfe außer ihren natürlichen ja nicht, sondern sie waren auf Umarmen und Zerquetschen angewiesen. Und nun zeigte sich auch der wahrscheinliche Zweck des Angriffes, denn die Sieger fingen sofort an, die Besiegten zu verzehren. Gleich Spinnen saßen sie auf den Unterlegenen, und diese nahmen sichtbar an Substanz ab. Der Besiegte wurde aufgesogen.
»Schrecklich!« rief die Prinzessin. »Ich mag das nicht mehr sehen!«
»Naturgesetz!« entgegnete Pratico. »Ich vermute, daß diese Geschöpfe überhaupt keine andere Nahrung haben als die Körper ihrer Feinde oder Sklaven.«
»Entfernen wir uns!« sagte die Prinzessin.
Meditor ließ den Kristall in die Höhe steigen, anfänglich langsam. Das Schauspiel des niedersinkenden Mondes war großartig. Bald verschwanden alle kleinen Gegenstände, und nur eine gewaltige orangenfarben glänzende Scheibe war zu erblicken, deren Ränder sanft wogten, so daß sie bald etwas breiter, bald etwas schmaler aussahen.
»Die Libration des Mondes,« sagte Pratico, »hat gewiß noch kein Erdenbewohner von der konkaven Seite aus beobachtet, wenigstens finde ich in der wissenschaftlichen Literatur keine Angabe darüber.«
»Das will ich glauben,« bemerkte lächelnd die Prinzessin, »aber wunderlich erscheint es mir, daß diese Libration, von der konvexen Seite aus beobachtet, noch bei keinem Forscher die Vermutung geweckt hat, der Mond könne keine Kugel, sondern müsse eine Scheibe sein.«
»Wie kommt es,« fragte Pratico, »daß wir so langsam steigen? Das Bild des Mondes bleibt jetzt schon seit zehn Minuten fast unverändert.«
»Das hat verschiedene Gründe,« entgegnete Meditor. »Erstlich fahren wir mit halber Kraft, damit wir diese alte Insel Atlantis länger beobachten können, zweitens aber kommt der Mond hinter uns her.«
»Er kommt hinter uns her?«
»Ja, er steigt empor. Die Sonne glüht in seiner konkaven Seite und verdünnt das Hydrogen, das ihn umgibt. So wird der Mond gewissermaßen leichter und schwebt empor zur Sonne. Der Unterschied zwischen seiner Erdnähe und Erdferne beträgt etwa 5000 Meilen.«
»Ja, das ist richtig. Ich denke, er wird deshalb auch nicht stark anziehen.«
»Wir verbrauchen nur wenig Hydrogen und elektrische Kraft. Aber das wird nicht lange so bleiben.«
»Sie sind so nachdenklich, Prinzessin,« sagte Pratico.
»Ja, dieser Kampf auf dem Monde macht mich melancholisch.«
»Wirklich? Was hätte menschliches Empfinden mit ihm gemein?«
»Sehen Sie,« erwiderte die Prinzessin, »wir beobachteten gemeinsame chemische und physikalische Gesetze im großen wie im kleinen. Eine allgemein gültige Ordnung trennt und vereinigt die Elemente im Weltall. Aber ich bin überzeugt, daß auch auf dem geistigen Gebiete bestimmte allgemeine Regeln herrschen. Es gibt eine Menge von Fähigkeiten und Antrieben im Menschen, die man aus der angeborenen Natur einerseits, aus dem freien Willen anderseits erklären möchte. Aber das ist falsch. Die elektrische Maschine auf der Erde halten wir für ein Produkt der menschlichen Kunst. Aber auf andern Sternen, wo dieselben Bedingungen der Existenz wie auf der Erde herrschten, würde dieselbe elektrische Maschine gebaut werden. Diese Maschine also halten wir fälschlich für ein Kunstprodukt, denn sie ist vielmehr ein mit Notwendigkeit auftretendes Naturprodukt.«
,,Ich wage nicht zu widersprechen. Dieselben Ursachen, dieselben Wirkungen.«
»Wenn also diese Kinder verwester Walfische Krieg führen, so tun sie es gemäß dem Kampftrieb,« fuhr die Prinzessin fort, »und dieser Kampftrieb, der auch beim Menschen notwendig ist, wird durch keine vernünftigen Vorstellungen beseitigt werden, ebensowenig wie der Trieb der Ernährung des eigenen Körpers. Und waren jene kleinen weißen Ungeheuer nicht auch neugierig und wißbegierig, furchtsam und tapfer? Ganz wie Menschen und Tiere auf Erden?«
»Sie rühren da an ein großes Problem, Prinzessin,« sagte Pratico. »Ich freue mich, daß wir einige Dialoge von Platon mitgenommen haben. Wir haben ja Zeit zum Lesen, bis wir zum Mars kommen, und so hoffe ich, Ihnen zeigen zu können, daß diese Gesetze oder Triebe, oder wie wir sonst sagen wollen, eben die platonischen Ideen sind. Der große Weise hat von dem Geheimnis des Weltalls den verhüllenden Schleier mit seiner Ideenlehre an einer Ecke gelüftet.«
»Ja,« rief die Prinzessin, »ewig und unvergänglich als Eigenschaften Gottes sind die Ideen von Platon dargestellt.«
»Und für Reisende wie wir,« sagte Pratico, »die wir doch schon mehr gesehen haben als die Mehrheit der Menschen, wäre es sehr töricht und geradezu lächerlich, wenn wir an dem alten Satze der Theologen festhielten, Gott sei unsichtbar.«
»Lieber Freund,« fiel Meditor ein, »es ist hübsch von einem fürstlichen Leibarzt, sein wissenschaftliches Glaubensbekenntnis auch theologisch formulieren zu können. Ihre Ansicht war bis jetzt doch ebenso wie die meinige der Atheismus!«
Pratico zuckte zusammen. So hatte Meditor noch niemals zu ihm gesprochen, spitze Redensarten waren immer nur von Praticos Zunge gekommen. Er fühlte Meditors Eifersucht, und nun drohte sobald nach dem Beginn einer weiten Reise eine heftige Szene. Aber die Prinzessin war in der Kunst, eifersüchtige Verehrer zu versöhnen, so gewandt wie nur irgend eine Dame, die im Salon herrscht und sich um die Gestirne nicht kümmert.
»Meine Herren,« sagte sie, bevor noch Pratico zu Worte kam, »es ist ein unbestrittener Satz, daß zwei Ansichten, die mit einer dritten Ansicht übereinstimmen, auch unter sich nicht verschieden sind. Die Ansicht meines Leibarztes ist auch die meinige, und Meditors Worten stimme ich zu, als hätte ich sie selbst gesprochen. So sind wir glücklicherweise alle drei eins, denn auf Haarspaltereien werden wir nicht verfallen. Atheismus in Meditors Auffassung bedeutet die Verbannung jenes Gottes, der außerhalb der Welt steht und zu ihrer Bewegung eine Kurbel dreht.«
»Er dreht aber eine Kurbel,« murmelte Meditor.
Pratico ward der Ansicht, daß Meditor zu lange reinen Sauerstoff geatmet hätte und dadurch einer bedenklichen Hypersthenie erlegen sein müsse. »Nehmen Sie Öl und Ischiawein!« sagte er zu ihm. »Wie? Er dreht eine Kurbel? Gott dreht eine Kurbel? Was meinen Sie jetzt, lieber Meditor?«
»Er dreht den Sirius, und der Sirius wiederum treibt mit seinen Strahlen die Sonne um.«
Die Prinzessin wünschte das Thema zu ändern.
»Vor nun fast dreihundert Jahren,« sagte sie, »stand ein französischer Schriftsteller in hohem Ansehen, mit Namen Voltaire. Kennen die Herren die kleine Erzählung Mikromegas von Voltaire?« Und da die Herren sie nicht kannten, erzählte die Prinzessin: »Ein junger Gelehrter vom Sirius, fünf Meilen lang und mit vierundsechzig Sinnen ausgestattet, macht eine Forschungsreise durch die Welt und begegnet einem anderen jungen Gelehrten vom Saturn —«
»Vom Saturn? Der muß ein Fisch oder ein Albatros gewesen sein,« sagte Meditor.
»Also Voltaire erzählt so. Der Saturnier ist nur ein Zwerg, ist nur eine Meile hoch und hat nur fünfzehn Sinne. Die beiden kommen auf die Erde, setzen sich auf die Kordilleren und unterhalten sich über die Bewohnbarkeit dieses kleinen Planeten. Er ist nicht bewohnt, sagt kopfschüttelnd der Saturnier. Und was ist dies? fragt der Sirier, indem er ein französisches Kriegsschiff auf dem Nagel des kleinen Fingers fängt und durch die Lupe betrachtet. Gott ist groß, auch im unendlich Kleinen. Die Franzosen glauben gestrandet zu sein und klettern auf den Nagel des Siriers hinab. Mehrere Gelehrte sind darunter, und nach und nach entspinnt sich ein philosophisches Gespräch zwischen ihnen und dem Sirier Mikromegas, bis ein Jesuit sich vordrängt und ruft: Die ganze Welt ist der Erde wegen geschaffen worden, die den Mittelpunkt des Alls bildet. Wie er das hört, fängt Mikromegas zu lachen an und dabei rutscht das Kriegsschiff mit den Gelehrten und dem Jesuiten vom Nagel und fällt in eine Westenfalte. Beide Fremden suchen eifrig, können aber weder die Menschen noch das Schiff wiederfinden.«
Die Herren lachten über die Erzählung und der Friede war wieder hergestellt.
Mit sausender Schnelligkeit fuhr der Kristall jetzt durch den Äther, das schönste Bild am Himmel war die grün leuchtende Erde.
Meditor richtete die Reise so ein, daß der Kristall, dem die Prinzessin den Namen Ätherio gegeben hatte, nach Verlauf von 54 Tagen in den Himmelsregionen ankäme, wo der Mars zu erwarten war. Die Schwierigkeit lag in der geschickten Vermeidung von siderischen Konstellationen, die den Ätherio ablenken könnten. Namentlich durfte der Ätherio nicht der Sonne zu nahe kommen, weil er von den die Sonne umflutenden glühenden Gasen wahrscheinlicherweise verzehrt werden würde.
Die lange Reise wurde erleichtert durch Peppinos vorzügliche Technik. Er hatte einen Kochofen eingerichtet, der zugleich Eisschrank war, und lieferte mit der Geschicklichkeit eines neapolitanischen Kochs viele gute Gerichte, mit Ausnahme von Sardinen lauter vegetarische Gerichte, und dazu jeder Zeit frisches Wasser, des er binnen wenigen Sekunden herstellen konnte.
An geistiger Nahrung war auch kein Mangel, wo wissenschaftlich interessierten Menschen täglich neue Himmelsbilder aufstiegen. Veränderte sich doch der Anblick des Planetensystems bei einer so schnellen Reise beinahe stündlich. Besonders lebhaft empfanden die Reisenden auch das allmähliche Verschwinden der ihnen durch ihre irdische Geburt anhaftenden und anerzogenen Begriffe von oben und unten, so wie von Zeit und Raum. Langsam fingen sie zu begreifen an, daß Zeit und Raum durchaus nicht, wie Kant behauptet, Idealitäten sind, durchaus nicht gewissermaßen Linsen, durch die der Menschengeist zu blicken gezwungen ist. Sie erkannten in Zeit und Raum die Äquivalente für die Kraftäußerungen des Äthers.
»Zeit und Raum,« sagte die Prinzessin, »sind die Intervalle der Schwingungen, die den Ton von Gottes Stimme begleiten.«
»Ja,« sagte Meditor, »der Raum bedeutet eine Kraft, die der Schwerkraft das Gleichgewicht hält, und die Zeit entspricht der Bewegung des Lichts; Schwerkraft und Licht aber sind Metamorphosen des Äthers.«
Eine eigentümliche Erscheinung fing an, den Ätherio zu begleiten, nachdem er mehrere Millionen Meilen zurückgelegt hatte. Es war, als zögen sich leuchtende Wolken um ihn zusammen, die den Fernblick beschränkten. Zunächst glichen sie roten Flecken, die kamen und gingen, dann aber, nach Verlauf mehrerer Tage — soweit in diesen Regionen noch von Tagen gesprochen werden kann — wurden sie dichter und umhüllten den Ätherio wie ein stetiges Nordlicht. Die Erscheinung war von zauberischer Schönheit, aber der Ausblick auf die Gestirne wurde dadurch behindert und schließlich ganz gestört. Damit aber hörte auch die Lenkung des Luftschiffes auf. Meditor war nicht mehr imstande, den Lauf der Reise nach bewußten Zielen zu lenken, sondern mußte sich damit begnügen, den Antrieb des Fluges konstant zu erhalten. Die Reisenden waren damit ganz der Anziehungskraft der Gestirne und der Tangentialkraft des mit unmeßbarer Geschwindigkeit dahinsausenden Kristalls hingegeben.
Nach den Ursachen der leuchtenden Begleitung befragt, meinte Meditor, daß die Schnelligkeit des Fluges und die elektrische Beschaffenheit des Kristalls magnetische Erscheinungen erzeugten. »Die Elektrizität,« sagte er, »könnte man die Mutter des Magnetismus nennen.«
»Wir fahren wie im Flammenwagen durch den Himmel,« sagte die Prinzessin.
»Und wissen nicht, wohin,« entgegnete Pratico.
»So ist diese Fahrt ja das beste Bild des menschlichen Lebens,« sagte die Prinzessin. »Freilich ist nur das Leben der großen Menschen mit einer leuchtenden Reise zu vergleichen, das Dasein der Gewöhnlichen ähnelt nur dem schwachen Licht der Glühwürmchen.«
So sehr hatten sich die Reisenden schon an das Außergewöhnliche gewöhnt, daß die Vorstellung der Todesgefahr, wenn etwa der Ätherio, von irgend einem Gestirn mächtig angezogen, zerschellen sollte, sich kaum noch ihrer Seele bemächtigte. Und nicht nur die Gewöhnung, sondern auch eine neue Kraft sprach hierbei mit. Eine Art von ekstatischem Zustande war unter den überirdischen Bedingungen ihres Daseins über sie gekommen, und die Prinzessin kleidete diese Empfindung in die Worte, daß es ihr so vorkomme, als sei sie bereits gestorben und lebe das Leben körperloser, himmlischer Geschöpfe.
Wachen und Schlafen der Reisenden stand nicht mehr unter dem Gesetz der Umdrehung der Erde, sondern sie gaben sich dem Bedürfnis des Schlafes zu ziemlich unregelmäßigen Zeiten hin, und die Männer fügten sich darin der Lebensweise der Prinzessin, indem sie namentlich Wert darauf legten, die Mahlzeiten mit ihr zusammen einzunehmen. Eines Morgens — wenn man so sagen darf — nach dem Frühstück verschwand plötzlich die rotleuchtende Wolke, die das Fahrzeug einhüllte, und unmittelbar darauf war ein klatschendes Geräusch zu hören, gleich als wenn der Ätherio in Wasser gestürzt wäre. In der Tat war dies der Fall; jetzt erhob sich der Kristall und schwamm, deutlich sahen die Reisenden an den durchsichtigen Scheiben herunterrieseln.
»Wir sind wieder auf der Erde!« rief Doktor Pratico mit dem Ausdruck freudigen Erstaunens.
»Nicht möglich!« sagte nachdenklich die Prinzessin.
Siehe die Anmerkung auf S. 63.
»Es muß so sein! Dieses Meer, dieser graublaue Himmel, diese Wolken! Wir sind durch eine seltsame Kurve zur Erde zurückgekehrt, und dieses Meer hat uns vor dem Schicksal bewahrt, zerschmettert zu werden. Wir sind vielleicht tausende von Metern tief in die salzige Flut hereingeschlagen, das feuchte Element hat uns gerettet und wird uns zu einem Hafen tragen, vielleicht nach NewYork, vielleicht nach Edinburg.«
»Was meinen Sie, Meditor?« fragte die Prinzessin. »Sind wir wirklich auf der Erde?«
»Wenn ich den Himmel sehen könnte,« erwiderte Meditor, »so würde ich sagen können, ob wir auf der Erde sind. Aber die Wolken verdecken Sonne und Sterne.«
»Halten Sie es denn für möglich?«
»Für möglich wohl. Seit Wochen fahren wir in leuchtenden Wolken und konnten unsern Kurs nicht berechnen. Peppino soll in einer bestimmten Himmelsrichtung mit voller elektrischer Kraft fahren, dann werden wir über kurz oder lang an die Küste kommen.«
Er stieg zum Dach empor, die Prinzessin und Pratico aber blieben im Salon und erfreuten sich an dem Spiel der Wellen, das ihnen wie heimatliche Behaglichkeit erschien. Das Rauschen um den Ätherio herum, das sanfte Anklatschen der Wasserkämme war ihnen eine erinnerungsvolle Musik.
Der Ätherio rollte, die Spitze schräg nach vorn geneigt, mit der Schnelligkeit eines Torpedobootes durch das Meer. Er lag drei Meter tief in der Flut und drehte sich wie ein Kreisel um seine Längsachse.
So dauerte die Seefahrt einige Stunden, bis die Reisenden Land bemerkten. Eine kleine Insel, grün bewachsen und mit Gebäuden am Strande, zeigte sich ihren Blicken, und sie konnten nun nicht mehr im Zweifel sein, wo sie sich befänden. Die Häuser waren durchaus irdischer Natur, ebenso die Bäume und Sträucher. Peppino mäßigte die Fahrt, sanft legte sich der Ätherio an den weißen Sand, und ohne Bedenken öffnete Meditor die Tür, um die köstliche Luft atmen zu können, die der Erdenkinder erstes und köstlichstes Gut ist.
Tief aufatmend stiegen die Reisenden aus und blickten umher, ungewiß, in welchem Lande und in welchem Erdteil sie sich befänden, als ein alter Herr, ungefähr wie ein Chinese gekleidet, doch ohne Zopf, sich ihnen näherte, sie mit augenscheinlicher Verwunderung betrachtete und in der Weise der Inder begrüßte, indem er die rechte Hand an die Stirn legte und abwärts schwenkte. Dazu redete er unverständliche Worte.
Der Alte erweckte das Zutrauen der Reisenden, obwohl sie seine Sprache nicht verstanden. Er war klein von Wuchs und doch von imponierender Erscheinung, weil seine Gebärden gemessen, seine Stirn hoch und breit, seine Augen groß und durchdringend waren.
Er wies mit der Hand auf den Ätherio, den Peppino aufrecht auf den Strand gestellt hatte, und fragte mit Zeichen, die wohlverständlich waren, nach der Herkunft des Kristalls.
Wie gern hätten die Reisenden sich mit dem alten Herrn, der offenbar ein Gelehrter war, unterhalten, sich erkundigt, in welchem Teile der Erde sie sich befänden, und über ihre Reiseerlebnisse mit ihm gesprochen, aber sie verstanden kein Chinesisch, auch nicht Malaiisch und nicht Indisch.
So standen sie einander in verlegener Stummheit gegenüber, bis der Alte auf das nächste Haus wies und sie mit einer Handbewegung einlud, ihm dorthin zu folgen.
In diesem Augenblick trieb ein Windstoß die Wolken auseinander, und die Sonne blickte durch. Meditor hemmte seinen Schritt, beschattete die Augen mit der Hand, blickte umher und rief mit dem Tone des höchsten Erstaunens: »Wir sind nicht auf der Erde!«
»Nicht auf der Erde?« fragte Pratico ungläubig.
»Unmöglich. Niemals ist die Sonne auf Erden so groß, niemals steht sie an dieser Stelle des Himmels.«
Erschreckt schauten die Reisenden umher, scheu blickten sie auf den alten Herrn in chinesischem Gewande. Nein, sie konnten nicht auf der Erde sein. Des alten Herrn Gewand war auch von ganz eigentümlichem Schnitt, seine Augen blickten so fremdartig — sie standen einem Menschen einer fremden Welt gegenüber.
Jener bemerkte ihr Staunen, ihre Verwirrung, ihm selbst schienen die Fremden unheimlich zu sein. Er sah nachdenklich vor sich nieder und machte keinen weitern Versuch, sie in sein Haus zu führen.
»Wo wir auch sein mögen,« sagte die Prinzessin, »dieser Planet hat eine so große Ähnlichkeit mit der Erde, daß ähnliche Erscheinungen in allen Stücken der lebenden Bewohner beider Gestirne stattfinden müssen. Die platonische Idee der Menschengestalt sehen wir schon in der uns ähnlichen Figur dieses Alten hervortreten, sicherlich werden wir die Idee der Sprache auch auffinden, denn die Sprache ist nichts Willkürliches, sondern der Ausdruck der in den Dingen lebenden Ideen. Versuchen wir es mit dem Griechischen, und zwar mit der reinen Sprache Platons, die der Idee der Sprache am nächsten kommen möchte, wenn nicht etwa das Sanskrit ihr noch näher kommt. Aber vom Sanskrit verstehe ich leider nur wenig.«
»Sanskrit vermögen der Kollege Meditor und ich auch nicht zu sprechen. Versuchen Sie es doch einmal mit Altgriechisch, Hoheit,« sagte Doktor Pratico.
Alsbald wandte sich die Prinzessin in dieser Sprache an den alten Herrn und sagte ihm, sie und ihre Begleiter wären von der Erde gekommen und sehr begierig, zu erfahren, welchen Planeten sie besucht hätten.
Der Alte lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, es ging wie ein heller Schein über sein Gesicht und bald antwortete er wirklich griechisch.
»Ich kenne den Namen nicht, den Du dem Planeten gibst, dem ihr entstammt,« entgegnete er, »aber ich zweifle nicht, daß es der helle grüne Stern ist, den wir oft in der Nacht bewundern. Er ist der einzige Stern, der diesem Planeten gleich gebildet ist, und ihr könntet hier nicht leben, wenn ihr nicht aus denselben Stoffen beständet, wie wir.«
»Und ich weiß jetzt, wo wir sind,« sagte Meditor. »Es gibt nur einen Planeten, der fast ganz dasselbe spezifische Gewicht hat wie die Erde und deshalb aus denselben Stoffen wie die Erde, mit einem kleinen Unterschiede, bestehen muß.«
»So wären wir also auf der Venus,« warf Pratico ein.
»Auf der Venus, ganz recht,« sagte Meditor, »und um darüber ganz sicher zu sein, wollen wir den alten Herrn befragen. In wie viel Zeit, hochverehrter Freund, dreht sich euer Planet um seine eigene Achse?«
»In 23 Stunden 21 Minuten,« entgegnete der Alte.
,,Die Venus!« rief Pratico. »Und wie groß ist der Durchmesser eures Planeten?«
»1676 Meilen.«
»Die Venus!« sagte Pratico. »Und wie viel Zeit braucht ihr für eure Ellipse um die Sonne?«
»224 Tage 16¾ Stunden.«
»Die Venus! Und wie weit seid ihr von der Sonne entfernt?«
»Etwa 15 Millionen Meilen. Das Verhältnis schwankt nur wenig.«
»Kein Zweifel, die Venus! Und wie weit seid ihr von dem grünen Planeten entfernt, den w i r Erde nennen?«
»Die kleinste Entfernung beträgt 5¼, die größte aber 36 Millionen Meilen. Hier schwankt das Verhältnis natürlich sehr stark.«
»Ohne Zweifel, wir sind auf der Venus,« sagte Pratico. »Es ist fast gerade so, als wären wir wieder zu Hanse, nur daß unsere Heimat um etwa ein Zehntel größer ist als die Venus.«
Inzwischen hatten sich die Reisenden dem Hause des alten Herrn genähert, und er bat sie unter höflichen Verbeugungen, einzutreten. Drei junge Mädchen erschienen in der von Säulen getragenen Vorhalle, kreuzten die Arme und verneigten sich tief. Sie waren in ähnlicher Weise wie der alte Herr gekleidet und hätten ihrer Hautfarbe nach für Japanerinnen gehalten werden können.
Der Alte gab den hübschen, zierlichen Geschöpfen einen Wink, und sie verschwanden.
»Wer sind diese jungen Mädchen?« fragte Pratico.
»Es sind Dienerinnen, mein hochangesehener Freund. Ich lebe zurückgezogen mit einem Diener und diesen Mädchen auf dieser einsamen Fischerinsel. Glaube mir, das Leben ist nicht angenehm auf der Venus, wie ihr unsern Stern nennt, und ein Mann, der die Wissenschaft liebt, hat vielen Ärger. Glücklich, wenn er so viel Vermögen besitzt, daß er in bescheidener Zurückgezogenheit fern vom Gezänk der Professoren leben kann.«
Das Haus hatte Ähnlichkeit mit den Häusern, die man in Pompeji ausgräbt. Um einen Hof herum lagen die vier Flügel des einstöckigen Gebäudes, und vom Hofe aus, der schön mit farbigen Steinplatten belegt war, führten Türen in die Zimmer. Die Reisenden ließen sich auf Polstern im Hofe um den Springbrunnen herum nieder und freuten sich der frischen Luft an diesem Platze, denn seitdem die Wolken sich zerstreut hatten, war es heiß geworden. Die schlanken Mädchen erschienen wieder und brachten Erfrischungen: wunderbar große Trauben, Bananen, Mandelkuchen und geeiste Limonade.
»Ich brenne vor Begierde, von euch zu lernen,« sprach der alte Gelehrte. »Wie in einem schönen Traume sehe ich euch Bewohner einer bessern, höhern Welt. Welche Wonne muß es sein, auf der Erde zu leben! Gewiß weilt dort ein seliges Geschlecht, das hohe Stufen des Wissens erklommen hat, das über Streit und Krieg erhaben ist. Einen Beweis dafür gibt mir schon euer wundervolles Fahrzeug, mit dem ihr das Weltall durchreist. Uns armen Venusbewohnern ist so etwas Herrliches unerreichbar. Ach, ihr hattet Glück, daß ihr den Kopf des Kometen bildetet.«
Bei diesen letzten Worten ihres Gastfreundes sahen die Reisenden einander verwundert an. Nur Meditor nickte verständnisvoll, aber Pratico fragte: »Was meinst du mit dem Kopfe des Kometen?«
»Aber mein hochverehrter junger Freund,« antwortete jener, »solltest du das nicht ebensogut wie ich wissen? Dieses ganze Planetensystem ist doch bei einem Ausbruch der Sonne entstanden, der sich als Komet wochenlang im Raum umschwang, bis er in seine Teile zersprang.«
»Nun wahrhaftig,« rief Pratico, »wenn ihr auf der Venus so viel wißt, seid ihr klüger als wir auf der Erde.«
Der Gelehrte schüttelte den Kopf. »Sollten wir im Irrtum sein?« fragte er. »Doch nein, hierin sind meine Berechnungen wohl richtig, und eure körperliche Beschaffenheit, die auf Verwandtschaft mit uns schließen läßt, zeigt deutlich, daß Venus und Erde ehedem vereinigt waren. Nur habt ihr den Kopf des Kometen gebildet, während die Masse der Venus den Anfang des Schweifes bildete.«
»Den Anfang?« fragte Pratico. »Und wo ist das Ende?«
»Das Ende enthielt die schweren Metalle: Gold, Silber, Blei, Zinn und Quecksilber, mit Arsenik und Schwefel verbunden. Dieses schwere Ende blieb zurück, rollte sich zur Kugel zusammen und bildete einen Planeten, dessen spezifisches Gewicht mehr als anderthalbmal so groß ist als das der Erde, jenen Planeten, der nur 684 Meilen Durchmesser hat und sich in 87 Tagen 23¼ Stunden um die Sonne bewegt.«
»Das ist der Merkur,« sagte Pratico. »Aber wie kommst du darauf, hochverehrter Venusvetter, daß die Erde den Kopf des Kometen gebildet habe?«
»Ihr seid schwerer durch den Porphyr, ihr verhaltet euch zu uns wie 10 zu 9. Wir bildeten beide eine Masse von Sand, Schieferschlamm, Wasser, Schwefelerzen, Salzen und GlassplitterGesteinen, aber die kompakte Glasflußmasse flog als Kopf voraus, und wir trennten uns, als durch Absorption von Wasserstoff das lockere Gefüge des Kometenschweifs schwerer wurde und zurückblieb.«
»Wie mag es denn nur kommen,« fragte die Prinzessin, »daß die Erde und die Venus, wenn sie doch aus den gleichen Stoffen bestehen, in der Entfernuug so verschieden aussehen? Denn die Erde erscheint als ein grüner Stern, die Venus aber, von der Erde aus gesehen, hat ein weißes Licht.«
»Ich vermute,« entgegnete der Gelehrte von der Venus, »daß eure Vegetation vorwiegend grün und auch eure Meere von grüner Farbe sind. Bei uns gibt es auch grüne Bäume und grüne Gewächse, aber die weiße und gelbe Farbe überwiegen bei weitem bei unserer Vegetation und auch bei unsern Meeren. Die chemische Zusammensetzung der Elemente entscheidet auch über die Färbung. Ja, sogar« — der alte Herr lächelte — »wenn ihr es auch vielleicht nicht glauben werdet, die Farbe der denkenden Bewohner ist bei uns nicht überall dieselbe, sondern sie ist verschieden, je nach dem Ursprunge der Rassen. Wir sind nicht alle weiß und gelblich, sondern es gibt auch braune und schwarze Rassen.«
»Auch bei uns gibt es verschiedenfarbige Rassen,« sagte die Prinzessin. »Aber was meinst du mit dem Ursprunge der Rassen? Inwiefern hat er die Farbe beeinflußt?«
Der alte Gelehrte wurde nervös, wie man an dem Zittern seiner Hände sehen konnte. »Daran liegt es,« sagte er eifrig. »Das ist die Ursache meiner Einsamkeit. Ich habe darüber eine Ansicht, die von der Ansicht der herrschenden Autoritäten abweicht, und weil ich die Wahrheit vertrete, deshalb werde ich, Lesneh, der ich einstmals einen Namen als Physiologe hatte, verspottet. O, es ist nicht angenehm, auf der Venus zu leben, wenn man nicht mit der Mode geht.«
»Und was ist deine Ansicht?« fragte die Prinzessin.
»Bei uns sind einige fleißige Sammler zur Herrschaft in der Wissenschaft gelangt, die von der Gegenwart auf die Vergangenheit schließen, ohne zu berücksichtigen, daß bei der Bildung unseres Planeten Katastrophen notwendig waren. Sie sagen, es habe von Anfang an eine langsame Entwicklung stattgefunden, geradeso wie heute. Ich aber sage, daß die Venus glühend heiß gewesen ist und sich unter furchtbaren Gewittern und Explosionen gebildet hat. Damals, als die Meere noch heiß waren, sind die Rassen entstanden, und sie sind von verschiedener Farbe, weil die Gewässer, aus denen sie entstiegen, von verschiedener chemischer Zusammensetzung waren. Jetzt freilich entsteigen den erkalteten Meeren keine Menschen mehr, sondern jetzt pflanzen sie sich in ihrer eigenen Art von Eltern zu Kindern fort. Aber sage mir, du, die du ein Weib bist, wie ist es möglich, daß du mit leuchtenden Augen zuhörst, wo Weiber sonst gelangweilt wegschauen? Glückseliger Planet, wo selbst die Weiber wissenschaftlich interessiert sind!«
»Diese Dame macht eine Ausnahme,« sagte Pratico.
»Und wer bist du, wundersames Weib?«
»Diese Dame ist eine Fürstin, eine Prinzessin Königstochter,« sagte Pratico.
»O wunderherrlicher Planet, wo die Töchter von Königen dadurch groß sind, daß sie geistig hervorragen!« Tief verneigte sich der alte Herr.
In der Vorhalle des Hofes erschien, während das Gespräch über die Beschaffenheit des Planetensystems weiterging, Peppino mit Gebärden der Verwirrung und Bestürzung. Er war hinausgegangen, weil er an der Unterhaltung nicht teilnehmen konnte und lieber den Ätherio bewachen, als stummer Zuschauer im Hause sein wollte.
»Ich werde noch verrückt werden,« sagte er wild zu Pratico, der ihm entgegenging. »Ich weiß nicht, ob ich noch meine fünf Sinne habe. Diese Reise macht mich toll. Lebe ich oder lebe ich nicht? Bin ich auf der Erde oder wo bin ich? Mir wirbelt der Kopf! Schlagen Sie mich tot, damit ich endlich weiß, was geschieht!«
»Bester Freund,« sagte Pratico, in seine Tasche greifend, »nehmen Sie dies Pulver. Ihre Nerven sind erregt. Dies wird sie beruhigen. Kein Wunder, wenn solche Erlebnisse den Kopf wirblig machen.«
»Es ist keine Zeit, Pulver zu nehmen,« antwortete Peppino. »Kommen Sie an den Strand und sehen Sie selbst! Gespenster oder böse Geister treiben auf der See ihr Wesen. Heilige Mutter Gottes, Maria, und du mein Schutzpatron, heiliger Joseph! wenn ihr in diesen Gegenden noch Macht habt und mich hören könnt, steht mir bei!«
»Nehmen Sie immerhin dies Pulver,« sagte Pratico, ihn nötigend, »für alle Fälle beruhigt es. Wir wollen sogleich an den Strand gehen und untersuchen, was es gibt.«
Eilig begaben sich die Reisenden, von Lesneh, dem Gelehrten der Venus, begleitet, hinaus, und nun bot sich ihnen ein Schauspiel, das sie zugleich in Erstaunen und Schrecken setzte. Das Meer war von Schiffen bedeckt, die einander bekriegten, aber der Kampf war fast lautlos. Nur das Geschrei Verwundeter und das Krachen einschlagender Kugeln drang von fern her schwach zu der Insel herüber, aber kein Kanonendonner war zu vernehmen, und so war das Bild wahrhaft unheimlich für Bewohner der Erde.
»Was ist das?« fragte die Prinzessin. »Was bedeutet dies?«
»Es ist schrecklich,« erwiderte Lesneh mit resigniertem Ton. »Unser Planet wird von Kriegen verwüstet, die seine Bewohner unter sich führen, anstatt gemeinsam an der Entwickelung der Kultur zu arbeiten. Dort sind die Kriegsflotten der Noibla und der Reillag im Kampf. Und um was kämpfen sie? Um Streifen Landes, um Reichtum und Macht, während sie doch alle mit der Zeit sterben müssen und nichts mit sich nehmen können von der Siegesbeute. Um geistigen Gewinn kümmern sich unsere Fürsten nicht. Wie ganz anders und glücklich wird das auf der Erde sein!«
»Wo ist der Ätherio?« fragte Pratico.
»Ich habe ihn in dem Gebüsche dort versteckt,« antwortete Peppino, »weil ich fürchte, daß der Kampf sich hierher wendet.«
»Das ist gut. In der Tat, es könnten Schiffe hier landen,« sagte Pratico. »Sage doch, verehrter Freund Lesneh, wie kommt es, daß weder Lärm zu uns herüberschallt, noch Pulverdampf und Rauch die Flotten einhüllt?«
»Ehedem gab es das in den Schlachten,« antwortete Lesneh, »aber jetzt wird mit komprimierter Luft geschossen. Ja, wir machen Fortschritte im Morden.«
Für einen Seemann und Soldaten wäre der Anblick der Schlacht gewiß lehrreich gewesen. Denn es kämpften zwei Flotten so verschiedener Art miteinander, daß der Fachmann hätte Studien machen können. Die Flotte der Reillag bestand aus etwa fünfzig großen Fahrzeugen, von denen zwölf sehr stark gepanzert waren gleich den Linienschiffen zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf Erden. Die Flotte der Noibla aber zählte etwa dreihundert kleine, ungepanzerte Schiffe, von denen ein jedes nur zwei Geschütze sehr schweren Kalibers trug. Die großen Panzerschiffe richteten zunächst eine wahre Verwüstung unter den Noibla an. Sie rannten die kleinen Feinde zu Dutzenden über den Haufen, und das Meer war weithin bedeckt mit Schiffstrümmern und schwimmenden Mannschaften. Aber nach und nach gewannen die kleinen Fahrzeuge die Oberhand. Sie gingen ungemein tapfer vor, und ihre schweren Kugeln zerschlugen die Flanken der großen Schiffe. Endlich ergriffen die Reillag die Flucht. Von den Panzerschiffen retteten sich nur wenige, da sie zu langsam waren, von den übrigen kamen etwa dreißig davon, aber fast alle waren stark beschädigt. Die Noibla jagten hinterher.
Bei diesem Kampf waren die Fahrzeuge beider kämpfender Parteien zum Teil so nahe an die Insel herangekommen, daß man hier deutlich das wilde Hurrah! Hurrah! hören konnte, den triumphierenden Schrei der siegreichen Noibla. Und als die Schlacht zum Ende neigte, kam eine Menge kleiner Schiffe heran, die verwundete Krieger an Land bringen wollten. Endlich aber, als es schon zu dunkeln begann, brachten zahlreiche Boote eine starke bewaffnete Mannschaft, und die Reisenden sahen eine große Schar von Kriegern heranmarschieren, an deren Spitze ein vornehmer Herr mit silbernem Brustpanzer einherschritt.
Zahllose Fackeln gossen rotes Licht über die vordem so stille Insel aus, und das Klirren der Waffen ertönte ringsum.
Mich deucht, es ist Zeit, abzureisen,« sagte Pratico. »Abzureisen?« fragte die Prinzessin. »Ja, wir gehen zum Ätherio und heben uns davon, bevor diese siegestrunkenen Krieger uns beachten!«
»Da würden wir die schönste Gelegenheit verlieren, die Menschen der Venus zu studieren,« entgegnete die Prinzessin. »Nein, bleiben wir und kehren wir zum Hause unseres Gastfreundes zurück!«
Lesneh zeigte sich nachdenklich und besorgt, aber als die Prinzessin ihren Wunsch aussprach, blieb er der aufmerksame, gefällige Wirt, der er von Anfang an gewesen war, und die Gesellschaft kehrte zu seinem Hause zurück. In der Erwartung kriegerischer Gäste ließ Lesneh Tische bereitstellen, die mit Erfrischungen bedeckt wurden, und zahlreiche elektrische Lichter und Fackeln zeigten von fern schon den Siegern an, daß sie hier Freunde und Aufnahme finden würden.
In der Tat erschien nach kurzer Zeit der vornehme Mann im Brustpanzer mit seinem Gefolge vor dem Hause, und Lesneh lud ihn mit Verbeugungen und Glückwünschen zum Eintreten ein.
Alle diese Leute, die jetzt den Hof füllten, auch der Anführer selbst, waren von kleinem, zierlichem Wuchse, etwa so wie die Japaner der Erde, und ihre Hautfarbe war gelblich. Der Anführer, ein Mann von etwa vierzig Jahren, war von stolzem, gemessenem Wesen, offenbar ein Herr, den hohe Geburt und die Gewohnheit des Befehlens verwöhnt hatten. Er winkte gnädig mit der Hand, als ihn Lesneh ehrerbietig einlud, den Ehrensitz einzunehmen, ließ sich den Panzer abnehmen und trank von dem ihm gereichten Wein. Seine Kleidung war von kostbarem Seidenstoff, und auf dem Kopf trug er einen niedrigen roten Turban mit Diamantagraffe.
Der Blick seiner schwarzen Augen richtete sich gar bald auf die Prinzessin, und er fragte in einer für die Irdischen unverständlichen Sprache nach ihrer Herkunft. Lesneh gab ihm Auskunft.
Pratico beobachtete alle Vorgänge mit Besorgnis. Er hatte die eigentümliche Art von Mut, die so sehr mit Vorsicht gepaart ist, daß sie zuweilen der Furcht ähnlich sieht. Sein scharfer Blick entdeckte überall Gefahren, doch war er dabei immer auf die beste Abwehr bedacht, und wo es unvermeidlich war, wußte er kämpfend standzuhalten. So überlegte er jetzt die zweckmäßigsten Schritte für den Fall, daß der siegreiche Fürst seinen Leidenschaften freien Lauf lassen wollte. Und er hielt es für geraten, Peppino als Wache zum Ätherio zu entsenden.
»Meister Peppino,« sagte er zu ihm, »der Ätherio ist für uns höchst wichtig und vielleicht das einzige Mittel, einer großen Gefahr zu entrinnen. Es wäre gut, wenn Sie ihn bewachten. Zwar schützt der Kristall sich selbst durch elektrische Schläge, aber ich glaube, daß wir nicht lange mehr hier im Hause bleiben werden, und dann wäre ein zuverlässiger Mann in der Nähe des Ätherio sehr wertvoll.«
»Ich werde wachen,« sagte der Neapolitaner. »Ich bin in der Nähe des Ätherio im Gebüsch, und ich habe Revolver und Dolch bei mir.«
»Hoffentlich werden die Waffen unnötig sein,« bemerkte Pratico, während Peppino aufstand und sich in unauffälliger Weise unter die zahlreichen Offiziere mischte, die ab- und zugingen, um vom Oberbefehlshaber Anweisungen zu holen und ihm Meldungen zu machen.
»Große Herren sind gemeiniglich so sehr erfüllt mit wichtigen Angelegenheiten der Flotte und des Staates,« sagte Lesneh zu Pratico, »daß sie keine Muße finden, sich mit Kunst und Wissenschaft abzugeben. Dieser Herzog hat von dem Vorhandensein eines Planeten Erde keine Ahnung, und als ich ihm sagte, ihr wäret auf der Reise durch das Weltall, lächelte er mit der Unwissenheit des Weltmannes, der die Intriguen der Höfe und die Politik der Minister und Monarchen für das Wichtigste auf der Venus hält.«
»Warum sprachest du ihm von der Erde?«
»Er fragte nach eurer Herkunft. Er sieht, daß ihr von anderer Rasse seid, aber denkt, ihr wäret von der Venus. Er kann sich zu dem hohen Genusse der Erkenntnis eures wunderbaren Hierseins nicht erheben.«
»Und was will der Herzog? Immerfort wirft er glühende Blicke nach der Prinzessin.«
»Sehen Sie nur, Doktor Pratico,« sagte in diesem Augenblick die Prinzessin, die gar kein Auge für die Gefahr hatte, in der sie schwebte, »sehen Sie doch die platonischen Ideen. Der Farbensinn dieser Venusbewohner ist derselbe wie der irdische. Die Idee des Blau, des Rot, kurz aller Farben, ebenso wie die Idee des polierten Metalls ist hier dieselbe wie bei uns, und diese Kostüme würden auf einer irdischen Bühne für durchaus geschmackvoll gelten.«
»Der Herzog,« flüsterte Lesneh ihm von der anderen Seite zu, »ist wie leider sehr viele Fürsten der Venus ein gewalttätiger Mann, und mir scheint, daß er die Prinzessin mit begehrlichem Blicke betrachtet.«
Jetzt redete der Herzog den alten Gelehrten in der den Irdischen unverständlichen Sprache an, und dieser antwortete unter tiefen Verbeugungen.
»Fremdling,« sprach Lesneh dann zu Pratico, »es ist so, wie ich befürchtet habe. Der Fürst hat Gefallen an der irdischen Prinzessin gefunden, und er beauftragt mich, euch zu fragen, was er euch zum Gegengeschenk für die Prinzessin geben soll.«
»Zum Gegengeschenk?« ,
»Ja. Der Fürst ist freigebig und großmütig. Obwohl er die Dame in seiner Gewalt hat, will er sie euch doch nicht nehmen, sondern will euch fürstlich entschädigen.«
»Edler Gastfreund,« entgegnete Pratico, »die Unterhandlungen hierüber müssen wir beide unter uns im geheimen führen, denn der Vorschlag entspricht so wenig unsern irdischen Sitten, daß die Prinzessin außer sich geraten würde, wenn sie davon erführe.«
»Ich ersehe auch hieraus wieder,« sagte Lesneh, »wie weit die Erde der Venus voraus ist. Denn hier bei uns werden die Weiber gekauft und verkauft. Allerdings haben nur die Vornehmen und Reichen einen Harem, und die meisten begnügen sich mit einer Frau. Aber ohne Geld und Gut ist keine Ehe zu schließen und keine Familie zu gründen. Ein armer Mann findet schlechte Aufnahme bei den Leuten, deren Tochter er zum Weibe begehrt.«
»Also denkt euer NoiblaFürst die Prinzessin in seinen Harem zu führen,« sagte Pratico, mit Mühe seine furchtbare Wut unterdrückend.
»So ist es, Fremdling. Und du willst also nicht auf den Vorschlag eingehen?«
»Wenn die Prinzessin davon hört, wird sie dem Herzog ihre Verachtung und ihren Zorn in so deutlicher Weise ausdrücken, daß unser Leben gefährdet ist. Sie darf nichts erfahren, und wir müssen eine List ersinnen, um zu fliehen, ohne daß euer Herzog es bemerkt.«
»Das wird unmöglich sein.«
»Es muß versucht werden. Antworte du dem Herzog, daß wir gern bereit sind, ihm die Prinzessin auszuliefern, wenn er eine entsprechende Gegenleistung bietet.«
Lesneh redete mit dem Herzog und berichtete dann, daß dieser eine Schaluppe voll Seidenstoffe und Silbergerät geben wolle.
»Gut,« sagte Pratico und wandte sich dann an die Prinzessin. »Der fremde Fürst,« sagte er, »möchte den Ätherio kennen lernen, und wenn Sie erlauben, werden wir ihm den Kristall zeigen.«
Die Prinzessin nickte freundlich, und der Herzog, der die beiden beobachtete, machte ein fröhliches Gesicht.
»Sage dem Herzog, die Prinzessin sei sehr zufrieden, einen so berühmten Helden zum Herrn zu bekommen,« sagte Pratico dann zu Lesneh, »und füge hinzu, es sei Sitte in unserem Lande, daß die Frauen dem Manne, dem sie folgen wollten, ihr schönstes Schmuckstück überreichten. Deshalb wolle die Prinzessin zu ihrem Fahrzeug gehen und es holen.«
Lesneh übersetzte Praticos Rede dem Herzog.
»Der Herzog ist erfreut und will eurer Sitte folgen,« sagte er dann zu Pratico. »Aber er will ganz sicher gehen und hat mir deshalb befohlen, euch mit sechs seiner Trabanten zu begleiten, die euch dann hierher zurückführen sollen. Er ist nicht mißtrauisch, aber er will als geübter Feldherr keine Vorsicht versäumen.«
»Ich verstehe,« sagte Pratico, indem er sich erhob. »Prinzessin, geruhen Sie, mit mir zu kommen, und Sie, Meditor, gehen Sie auch mit zum Ätherio. Der Herzog mit seinem Gefolge wird binnen kurzem sich ebendort einfinden.«
Die Prinzessin und Meditor erhoben sich gleichfalls, und mit ihnen gingen Lesneh und die sechs Trabanten. Nahe dem Gebüsch, worin der Ätherio zwischen hohen Bäumen verborgen stand, sagte Pratico. »Hoheit, wir sind in Gefahr, als Gefangene behandelt zu werden. Gehen Sie schnell mit Meditor hinein, ich folge Ihnen mit Peppino.«
»Wirklich? In Gefahr? Diese Leute sind doch so freundlich!« sagte die Prinzessin verwundert.
»Es ist so. Die höchste Gefahr!«
Jetzt war die kleine Gesellschaft am Ziel angelangt. Peppino stand bereit.
»Meister Peppino,« sagte Pratico, »wir steigen ein und fahren davon. Wir beide müssen verhindern, daß diese Leibgarde uns im letzten Augenblick festhält.«
Peppino trat breitbeinig an die Tür.
»Lesneh, gütiger Gastfreund,« sagte Pratico, »wir fliehen. Lebe wohl und habe herzlichen Dank!«
Lesneh war zum Tode erschrocken, denn er hatte den Plan der Flucht nicht ernst genommen, sondern war geneigt, zu glauben, daß die Irdischen den Wünschen des Herzogs schließlich doch nachgeben würden. »Der Herzog wird mich umbringen!« rief er. »Wenn ich euch nicht wiederbringe, so bin ich ein verlorener Mann!«
»So fahre mit uns!«
»Mit euch? Wohin?«
»Wir wissen es selbst nicht. Ins Weite!«
»Ein so plötzlicher Entschluß! Meine Instrumente! Meine Manuskripte! Meine Dienerschaft!«
Der alte Herr rang die Hände. Die Trabanten umringten die Gesellschaft, denn die Szene kam ihnen verdächtig vor. Doch schon waren die Prinzessin und Meditor über die Schwelle getreten.
»Zurück!« rief Pratico und stieß die Trabanten von der Tür weg.
»Zurück!« rief Peppino und warf mit überlegener Kraft und Gewandtheit drei der Venuskrieger nieder.
Einige Sekunden lang überlegte Lesneh noch, dann eilte er zu der Prinzessin in den Salon des Ätherio. Pratico stieg ihm nach, als letzter folgte Peppino, und sofort erhob sich der Ätherio leuchtend wie ein Diamant in unerreichbare Höhen.
Nicht ohne Mitgefühl sahen die Irdischen auf den Venusbewohner, der in ihrer Gesellschaft im Salon saß und eine Zeitlang wie betäubt vor sich hinstarrte. Die Prinzessin redete ihn einige Male an, ohne daß er antwortete. Sie verstand den Vorgang nicht, sie hatte keine Ahnung davon, daß der Herzog um sie geworben hatte, sondern vertraute ganz der Führung Praticos und glaubte seinen Worten.
»Ich begreife,« sagte sie entschuldigend zu den Herren. »Losgerissen von allem, was sein eigen war, von seinem Besitz, seinen Freunden, seinen Verwandten, ja von seinem Planeten, muß er sich völlig vereinsamt und in fremder Welt verloren vorkommen.«
»Er hat doch das Beste behalten,« sagte Meditor.
»Das Beste? Was meinen Sie damit?«
»Das eigene Wissen, Prinzessin.«
»Sie haben recht. Er nimmt seine Erkenntnis mit sich. Aber er scheint doch seinen Entschluß zu bereuen. Wißbegierde hat ihn getrieben, uns zu folgen, aber nun hat ihn das Heimweh überfallen.«
»Ich werde versuchen, ihn zu trösten,« sagte Meditor.
In griechischer Sprache wandte er sich an Pratico.
»Es wäre schade,« sagte er, »wenn wir uns gar so weit und schnell von der Venus entfernten. Peppino kann uns auch in mittlerer Höhe fahren lassen, damit wir einen Blick über die Oberfläche der Venus erhalten. Wenn so wenig Porphyr ist, wie Herr Lesneh sagt, so wird es wohl kaum Gebirge geben.«
»Wir haben Gebirge,« sagte Lesneh, aus seiner Betäubung erwachend. »Sehen Sie, es ist hell genug, um zu erkennen, daß dort Kreidefelsen liegen. Ausgedehnte Kreidegebirge erfüllen einen Teil der Oberfläche und sind nur an wenigen Stellen mit Vegetation bestanden, so daß diese hellen Gebirge zu dem weißen Licht der Venus beitragen, von dem ihr sprachet.«
»Richtig,« entgegnete Meditor. »Ich sehe diese gewaltigen weißen Flächen.«
»Euer Herzog der Noibla wird sehr erzürnt sein,« sagte Pratico.
»Das wird er, gewiß. Und es war notwendig, daß ich mit euch ging, ganz notwendig. Ihr glaubt gar nicht, wie herrschsüchtig die Könige und Fürsten der Venus sind. Er würde mich haben hinrichten lassen, wenn er meiner hätte habhaft werden können. Bedenkt: einem großen Herrn wird sein Anschlag vereitelt, noch dazu ein solcher Anschlag.«
»Wieso!« fragte die Prinzessin. »Ich verstehe gar nicht.«
»Jetzt kann ich Ihnen eine Erklärung geben, Prinzessin,« sagte Pratico, eine neue Erfindung vorbringend, weil er sich scheute, die reine Seele der Prinzessin zu kränken. »Unsere Abreise ward deshalb überstürzt, weil der siegreiche Fürst uns gewaltsam hatte mitnehmen, gleichsam als Siegeszeichen in der Residenz hatte zeigen wollen.«
»Aber wie denn? Ich habe nichts davon bemerkt. Ich verstehe noch immer nicht. Der Fürst war doch sehr freundlich und wollte den Ätherio besuchen.«
»Das war nur eine List, Prinzessin. Mit Mühe sind wir der Gefangenschaft entschlüpft. Nicht wahr, Herr Lesneh?«
»Ja, es ist wahr, und wenn ich das bedenke und mir die Roheiten und den Mangel an Wahrheitsliebe ins Gedächtnis zurückrufe, die den Charakter der Venusbewohner schänden, so bedauere ich es nicht, daß ich den Planeten verlassen habe. Nur hätte ich gern noch ein Werk herausgegeben, das ich nahezu vollendet habe und worin ich meine Gegner auf dem Gebiete der Venographie, Venognosie und verwandter Wissenszweige überzeugen und zum Eingeständnis ihrer Irrtümer zwingen würde.«
»Geben Sie sich keinen Illusionen hin, Herr Lesneh,« sagte Pratico lächelnd, »Männer der Wissenschaft werden umso eigensinniger, je mehr sie eines Irrtums überführt werden.«
»Freilich, freilich,« entgegnete Lesneh nickend. »Umsonst leuchtet die Wahrheit den Blinden. Gleichwohl hoffe ich noch zu triumphieren und alle Neider zu beschämen.«
»Wie wollen Sie das anfangen?« fragte Pratico verwundert.
»Sehen Sie, in folgender Weise,« sagte Lesneh mit großem Eifer: »wir kommen doch auf dieser Fahrt über die Atmosphäre hinaus in das die Welt allgemein erfüllende leichte Gas. So werde ich den experimentellen Beweis für meine Theorie von der Entstehung der Winde finden. Sie müssen nämlich wissen, daß man auf der Venus ständig Versuche anstellt, den Gang der Winde zu erklären und das Wetter vorauszusagen. Nun ist man aber völlig unwissend in diesem Wissenszweig, und unsere berühmtesten Gelehrten verstehen von Wind und Wetter nicht so viel wie ganz einfache, ungebildete Schiffer. Die herrschende Theorie bei uns ist, obwohl von berühmten Namen gestützt, weiter nichts als eine alte Tradition dessen, was tüchtige Schiffskapitäne vor mehreren Jahrhunderten schon gesagt haben, daß sich nämlich bestimmte Wirbel von einem Pol zum andern fortpflanzten, die teils regelmäßige, teils unregelmäßige Luftströmungen sowie kalte und warme, trockene und feuchte Zeiten hervorriefen. Woher diese Wirbel stammen, weiß niemand zu sagen. Meine Theorie aber zeigt, daß Ausdehnung und Zusammenziehung des Weltgases auf die Atmosphäre der Planeten wirken und sie in Bewegung setzen. Hierüber habe ich viel Anfeindung erfahren und bin von den Gelehrten verhöhnt worden, indem sie sagten, ich wüßte nichts von dem Weltgase, sondern bildete es mir nur ein; bevor ich nicht ein Stück herunterholte und ihnen zeigte, könnten sie an das Vorhandensein eines solchen Gases nicht glauben,«
»Ihre Theorie ist vollständig richtig, Herr Lesneh,« sagte Meditor.
Vor Glück strahlend sah Lesneh ihn an. »Ihr seid bewundernswerte Geschöpfe, ihr Menschen von der Erde!« rief er. »Ihr liebt die Wahrheit und ihr habt nicht, wie unsere Venusgelehrten, etwas, was sie exakte Forschung nennen, nämlich eine Art von bornierter Technik zum Niederschlagen des strebenden Geistes.«
»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung von den irdischen Gelehrten, Herr Lesneh,« sagte Pratico, »aber ich versichere Ihnen, daß es auch bei uns mehr Schnecken und Krebse als Adler gibt.«
»Das kann ich mir kaum vorstellen, denn dieses Luftschiff, das ihr erbaut habt, ist so wundervoll, daß die Konstrukteure erhabene Geschöpfe sein müssen.«
»Sehr verbunden, mein Herr, aber was unsere Gelehrten im allgemeinen betrifft, so haben sie doch viel Ähnlichkeit mit denen der Venus. Und seien Sie überzeugt, Herr Lesneh, wenn Sie wirklich ein Stück Weltgas, das wir Äther nennen und wonach wir dieses Luftschiff Ätherio getauft haben — wenn Sie wirklich den Äther herunterholten vom Himmel und den Gelehrten zeigten, so würde Ihnen das nichts helfen. Denn auf der Venus wie auf der Erde gibt wohl bei den Gelehrten die Mode den Ausschlag, und wenn die Mode gegen den Äther ist, so werden die Gelehrten sich auch nicht durch das Experiment für den Äther überzeugen lassen. Bedauern Sie es deshalb nicht, daß Sie Ihren Kollegen infolge Ihrer Abreise keine Beweise für die Richtigkeit Ihrer Ansichten geben können.«
Nachdenklich versank Lesneh in sich selbst. »Meine Theorie,« sagte er dann, »ist, daß das Gas, das ihr Äther nennt, nicht allein das Weltall, sondern auch die Planeten füllt, die wie Ballons schweben.«
»Unser Kollege Meditor wird Ihnen begeistert zustimmen,« sagte Pratico.
»Nämlich die Venus,« fuhr jener fort, »ist meiner Überzeugung nach eine hohle, mit Gas gefüllte Kugel, deren Wände etwa fünfzehn Kilometer dick sind.«
,,So sagt Meditor von der Erde.«
»Herrlich!« rief Lesneh. »Die Zustimmung eines Gelehrten ist das schönste Labsal für den Forschergeist.«
Alsdann schwenkte er die Hand und rief: »Laßt uns weiter ziehen! Laßt uns andere Sterne aufsuchen! Ich mag diese kreidige Oberfläche nicht länger sehen, die so viel Ungerechtigkeit, so viel Lüge, so viel Mord und Blut erzeugt. Ich hasse die Venus.«
»Sie können noch immer nicht vergessen,« antwortete Pratico. »Vergessen Sie, verehrter Venussohn! Der wahre Forscher darf nicht auf Anerkennung rechnen.«
»O, ich möchte zur Erde, mein Freund, dieser grüne Planet muß das Paradies der Gelehrten sein.«
Pratico lächelte.
»Sie möchten zur Erde?« fragte Meditor. »Mein Wunsch wäre, zunächst noch weiter zu reisen. Aber die Prinzessin hat darüber zu entscheiden.«
»Wenn wir weiter reisen,« sagte Lesneh, »so möchte ich vorschlagen, den Merkur zu besuchen.«
»Warum den Merkur?«
»Um zu sehen, ob meine Annahme richtig ist, daß der Merkur sich aus dem letzten Teile des Kometenschweifes zusammengerollt hat. Und dann habe ich noch einen andern Grund. Wenn er wirklich, wie ich annehme, aus den schwersten Metallen besteht, so könnte ich einen Haufen Gold von dort mitnehmen.«
»Was wollen Sie mit dem Golde?«
»Gold ist überaus wertvoll auf der Venus. Komme ich als Millionär zurück, so kann ich viel für die Verbreitung meiner Schriften und die Anerkennung meiner Theorie tun.«
»Sie wollen also nicht vergessen,« sagte Pratico.
»Den Merkur zu erreichen,« sagte Meditor, »würde uns bei der jetzigen Konstellation nicht allzu schwer sein. Er ist gegenwärtig nur etwa fünf Millionen Meilen von uns entfernt, und wenn wir richtig steuern, so kreuzen wir seine Bahn und treffen wohl schon in drei Wochen mit ihm zusammen. Aber der Merkur ist der letzte Planet, dem ich einen Besuch abstatten möchte.«
»Warum?«
»Weil es zu gefährlich wäre.«
»Gefährlich? Weshalb?«
»Er hat eine zu starke Anziehungskraft. Ich teile nämlich Ihre Ansicht, daß er aus Silber, Gold und anderen schweren Stoffen besteht. Sein spezifisches Gewicht verhält sich zu dem der Erde wie 1,6 zu 1. Er hat keine Gebirge, er ist eine glatte Kugel, er dreht sich langsam um die eigene Achse. Wir würden auf die metallene Kugel aufschlagen und zerschmettert werden. Sollten wir aber auch diesem Schicksal entgehen und glücklich landen, so liegt die Gefahr vor, daß die starken elektrischen Strömungen des Merkurs unsere eigene Elektrizität zerstören.«
»Gut,« antwortete Lesneh, »ich werde nur Beobachter sein, ich will Ihrer überlegenen Einsicht in keiner Weise in den Weg treten.«
Die Herren berieten sich nun über die Richtung, die sie einschlagen wollten, während der Ätherio schon, von Peppino gelenkt, mit der gewöhnlichen Schnelligkeit von vier Meilen in der Sekunde von der Venus wegflog. Die Prinzessin hörte zu und sagte alsdann: »Mein Wunsch bleibt es, den Mars kennen zu lernen.«
»Nach dem Mars zu reisen, wäre allerdings höchst interessant,« sagte Pratico, der es allmählich aufgab zu widersprechen. »Die Kanäle seiner Oberfläche haben seit langer Zeit durch ihre Regelmäßigkeit die Vermutung erweckt, daß denkende, zielbewußte Wesen auf diesem Planeten leben und tätig sind.«
»Ja, wie hat nur Camille Flammarion so poetisch über den Mars geschrieben,« sagte die Prinzessin. »Ich muß gestehen, daß dieser Franzose mir die größte Lust gemacht hat, den Mars zu sehen. Er meint, wenn ich mich recht entsinne, daß wir erst nach dem Tode als Geister dort wohnen könnten, aber freilich hatte er keine Ahnung von einem Luftschiffe wie dem Ätherio.«
»Schiaparelli hat zuerst die dunklen Streifen auf dem rötlichen Mars als Kanäle bezeichnet,« sagte Meditor. »Aber eine wissenschaftliche Sicherheit dafür, daß es wirklich Kanäle sind, die zur Verbindung von Meeren und Seen dienen, ist noch nicht vorhanden. Der Mars ist nur wenig größer als die halbe Erde, denn sein Durchmesser ist etwas länger als der Halbmesser der Erde, und seine Dichtigkeit ist viermal so groß als die Dichtigkeit des Wassers, so daß seine Masse nur ein Zehntel der Erdmasse beträgt. Er dreht sich um die eigene Achse ein klein wenig langsamer als die Erde, nämlich in 24 Stunden 37 Minuten. Da der Mars eine Atmosphäre hat, so möchte die Reise dorthin lohnen. Wir könnten aussteigen und gründliche Forschungen anstellen. Möglicherweise hat der Amerikaner Lampland Recht, der im Jahre 1905 vom FlagstaffObservatorium und mit einem Refraktor Aufnahmen gemacht hat, der 386 Zoll Brennwette und 24 Zoll Öffnung hatte. Er will deutlich Kanäle erkannt haben, und seine Karte zeigt ein Erythräisches und ein Adriatisches Meer, wie er sie nennt, die eine Insel Hellas umschließen.«
»Verehrtester Freund,« fragte Pratico, »wie kommt es denn, daß der Mars sich so langsam dreht? Nach Ihrer Theorie drehen sich doch die kleineren und leichteren Körper schneller als die größeren und schwereren.«
»Aber natürlich,« entgegnete Meditor. »Der Mars hat wenig Gebirge! Wenn er hohe Gebirge hätte, so würde er sehr eilig getrieben werden.«
»Hypothese! Ihre LieblingsHypothese, teurer Freund! Der Merkur ist viel kleiner als die Erde und er dreht sich äußerst langsam.«
»Gewiß. Sehr erklärlich. Seine Oberfläche ist, wie unser Kollege von der Venus behauptet, beinahe ganz eben. Er ist eine glatte Metallkugel, wahrend der Mars doch wohl einige Unebenheiten aufweist. Auf dem Merkur finden die Sonnenstrahlen fast gar keine Speichen. Dazu kommt seine Schwere. Bei einer glatten Kugel von Gold und Silber ist eine langsame Achsendrehung ganz natürlich.«
»Besteht der Merkur wirklich aus diesen edlen Metallen,« fragte Pratico, »so muß man den feinen Instinkt der alten Dichter bewundern, die den Gott Merkur zum Schutzgott der Handelsleute und Spitzbuben gemacht haben.«
»Die Dichter sind immer die Vorläufer der Erkenntnis gewesen,« sagte die Prinzessin. »Sie sehen mit begeistertem Auge die Wahrheit, ehe der mühsam forschende Gelehrte sie findet.«
Die Reise ging weiter, der Ätherio stürmte mit der Geschwindigkeit eines Planeten durch das All, und die Reisenden wurden teils durch ihre eigenen Beobachtungen und den Reichtum ihres Wissens, teils auch durch die Worte Lesnehs unterhalten, der die höchste Wissenschaft des Planeten Venus in einer originellen Form, wie sie dem Geiste der Venus entsprang, in die irdische Erkenntnis mischte. So verlief ihnen die Zeit in der anregendsten Weise, sie langweilten sich keinen Augenblick, obwohl sie wochenlang in einem verhältnismäßig engen Raume eingeschlossen und von dem Verkehr mit der großen Gesellschaft der Erdenbewohner und der Kinder der Venus ausgeschlossen waren.
Nur machte es ihnen Sorge, daß sie nach einiger Zeit wieder von magnetischem Gewölk umgeben waren, das sich zwar stellenweise lichtete, aber ihnen doch die Möglichkeit genauer Beobachtung ihres Kurses benahm. Indessen war Beruhigung über sie gekommen, weil sie schon den größten Gefahren glücklich entgangen waren, und der frohe Glaube der Prinzessin an eine göttliche Vorsehung teilte den Männern eine Zuversicht mit, die der Sorge nur geringen und vorübergehenden Einfluß ließ. Von der Prinzessin strahlte eine Seelenschönheit aus, die dem schlimmsten Feinde des Menschen, der Furcht, den Zugang verwehrte.
Eines Tages zerriß das leuchtende Gewölk um den Ätherio, und als es dann völlig zerflatterte oder vielmehr unter hellrotem Zucken verblaßte, so daß der Ausblick in den Sternenhimmel ringsum frei wurde, bot sich den Reisenden ein überraschender und ganz wunderbarer Anblick. Die Hälfte des Himmels war von schneeweißem Leuchten erfüllt und bald unterschieden sie auch ohne Glas, mit bloßem Auge einen Zentralkörper, um den sich leuchtende Ringe und einzelne kleine strahlende Kugeln bewegten.
Der Ätherio flog geradeswegs auf diese riesigen strahlenden Körper zu, die allmählich ihr weißes Licht veränderten, indem sich immer wechselnde Regenbogen sowohl über die Ringe als auch über den mittelsten Teil der Erscheinung legten und bald hierher, bald dorthin tanzten.
Zuerst waren die Reisenden stumm, denn ihre Sinne wurden wahrhaft berauscht von der Farbenpracht der übermächtigen Erscheinung. Dann sagte Pratico: »Es ist der Saturn.«
»Ja,« erwiderte Meditor, »wir fliegen dem Saturn zu, und binnen zwölf Stunden können wir ihn erreichen.«
»Und was wird aus dem Ätherio werden?« fragte Pratico.
»Der Saturn,« sagte Meditor, »besteht aus einer so leichten Materie, daß der Ätherio keinen Schaden nehmen wird.«
»Mein Satz ist richtig,« rief Lesneh. »Ich habe die Annahme verfochten, daß der Saturn aus Eis besteht. Er ist eine gefrorene Wasserblase, und seine beiden Ringe ebenso wie seine Monde sind ebenfalls Wasserblasen, die im kalten Äther zu Eis erstarrt sind.«
»Ich halte diese Annahme für durchaus richtig,« sagte Meditor, »und zwar aus verschiedenen Gründen. Der Saturn ist tausendmal so groß wie die Erde, dennoch dreht er sich in zehn Stunden und vierzehn Minuten um die eigene Achse. Er dreht sich also mit einer Leichtigkeit und Schnelligkeit, wie sie nur einem ganz leichten Körper, etwa einer Seifenblase oder einer Eiskugel mit ganz dünner Wandung möglich ist. Von dieser schnellen Drehung, die am Äquator etwa hundert Meilen in der Minute beträgt, rührt auch die starke Abplattung an den Polen her; sein Durchmesser am Äquator verhält sich zur Länge seiner Achse wie 10 : 9, ist um fast zweitausend Meilen länger als die Achse.«
Früher noch, als sie gedacht hatten, kamen die Reisenden mit dem nächsten der leuchtenden Ringe in Berührung. Der Ätherio ward von einem funkelnden Gestöber umgeben, ähnlich dem Schneesturm. Alle Farben spielten in den kleinen Kristallen, die zu Millionen die Wände des rasch vordringenden Luftschiffs umtanzten und mit unaufhörlichem Geknister von den glatten, diamantharten Facetten des Ätherio abprallten. Wohl zwei Stunden lang dauerte dies Spiel, dann trat der Ätherio wieder in den freien Raum, und die Reisenden sahen hinter sich wie vor sich ein unendliches weißes, von farbigen Lichtern umspieltes Meer.
Der äußerste Ring war durchbrochen, strahlende Kugeln der verschiedensten Größe, die Monde des Saturn, durchrollten den Raum. Einige erschienen sehr groß, so daß Meditor ihren Durchmesser auf hundert Meilen schätzte, andere waren klein, so daß sie kaum einige Kilometer dick sein konnten. Wie Kugeln, mit denen der Jongleur spielt, so schwangen sich diese leichten himmlischen Bälle im Äther um.
Und wiederum tauchte dann der Ätherio mit der sich drehenden und sich einbohrenden Spitze in eine Flut von zerspringendem Eis. Offenbar war auch der innere Ring des Saturn gleich dem äußern ein Körper von begrenzter Form, ein riesiger Eisring, aber so dünn, daß der Stoff beim Andrang des Ätherio zersprang. Das Splittermeer bezeugte, wie weit die Sprünge und Risse in den Eisring hineingingen.
Wiederum gelangten die Reisenden in einen von Monden durchtanzten freien Raum, und dann stürmten sie auf die wunderbar leuchtende Kugel des Planeten los.
Die Beweguugen vollzogen sich mit einer blitzähnlichen Geschwindigkeit, denn der Saturn äußerte so wenig Anziehungskraft, daß er die Richtung des Ätherio kaum merklich ablenkte, während er selbst in seiner planetarischen Bahn verblieb. So kam es, daß der Ätherio die Kugel selbst nicht berührte, sondern seitwärts dicht an ihr vorüber strich. Eben war die immense Figur noch dicht vor den Augen der Reisenden gewesen, so daß sie erwarteten, in den Planeten einzubrechen, und siehe da — schon wich sie zur Seite und zeigte ihre unabsehbaren leuchtenden Flächen zur linken Hand der Reisenden.
Aber nicht nur öde weiße flächen erblickten sie, sondern auch noch andere Erscheinungen, die ihre Seelen mit seltsamer Scheu erfüllten, wie sie durch nie gesehene und ungeahnte großartige Dinge erweckt werden. Dunkle Streifen, dunkel im Vergleich mit den eisigen, blauweiß strahlenden Flächen, zeigten sich, und diese Streifen erschienen bewohnt. Zunächst zeigten sich ungeheure Vögel, den Seeadlern und Sturmvögeln der irdischen Meere ähnlich, aber viel größer und von schattenhaftem Aussehen. Die Reisenden erkannten diese fliegenden Geschöpfe durch ihre scharfen Gläser. Die Vögel erhoben sich mit riesig weit ausgespannten Flügeln, flatterten umher und ließen sich wieder nieder, ganz nach der Art irdischer Vögel. Aber noch andere Bilder zeigten sich. Gestalten von menschenähnlicher Bildung waren zu sehen. Aber an Größe übertrafen sie Menschengestalten vielfach. Sie riefen bei den Reisenden die Erinnerung wach an die Sagen der Edda, an die Götter Walhallas, an Thor mit dem Hammer, Wotan und Frigga. Man konnte ihre Länge auf zwanzig Meter schätzen. Dazu hatten sie offenbar keine festen Körper, wie die Erdbewohner, sondern waren schattenhaft gleich den Riesenvögeln. Sie trieben sich auf den dunklen Streifen umher, und es schien, als erhöben sie sich ohne Flügel vom Boden.
Aber schnell wie ein Traum zogen diese Bilder vorüber, und im blendenden Glanz der Eisflächen verschwand nach wenigen Minuten dies ganze Bild des Lebens.
Starren Auges sahen die Reisenden umher, und erst als der Planet selbst verschwunden war und der Ätherio wiederum die splitternden, funkelnden Ringe jenseits der großen Kugel durchbrochen hatte, kamen sie zu einem Austausch ihrer Gedanken.
»Kein Zweifel, daß dies der Saturn war,« sagte Meditor, »und ich halte dafür, daß er nicht ganz aus Eis besteht. Die dunkeln Streifen sind meiner Ansicht nach Ansammlungen von Schieferschlamm und anderen festen Bestandteilen am Äquator. Denn am Äquator müssen sich durch die Schleuderkraft des rasend rotierenden Planeten alle festen Teile ansammeln. Außerdem möchte dort auch Wasser zu finden sein. Das Eis wird am Äquator stellenweise aufgetaut sein. Und daher rühren auch die organischen Bildungen von Tieren und Menschen auf den dunkeln Streifen, freilich von Tieren und Menschen, die entsprechend den Lebensbedingungen des Saturns geformt sind. Es müssen Geschöpfe von ganz geringem Wärmebedürfnis ohne feste Knochen und auch ohne den Saft sein, den wir Blut nennen.«
»Ja, und doch ähnlich den Geschöpfen, die die Erde erzeugt,« sagte die Prinzessin, »und so sehen wir wiederum die Erscheinung, die den platonischen Ideen entspricht.«
»Ich erblicke hierin einen neuen Beweis für die Richtigkeit meiner Theorie,« bemerkte Lesneh. »Der Saturn ist eine Eisblase, die damals entstanden ist, als Venus, Merkur und Erde sich getrennt hatten. Wahrscheinlich hat eine Explosion des Kometenkopfes einen Ozean in das Weltall hineingeschleudert, und dann ist der dahinfliegende Ozean gefroren und hat den Saturn und wahrscheinlich auch noch den Jupiter und den Neptun gebildet.«
»Ich stimme Ihnen zu,« versetzte Meditor, »aber ich behaupte, daß der Kometenkopf schon die Kugelform der Erde hatte und wirklich die Erde war, als jene Explosion, von der Sie reden, stattfand. Kurz vorher, wahrscheinlich nur Stunden oder Tage, bevor der Mond von der Erde abgeschleudert wurde, ist ein großer Teil der Ozeane unserer Erde davongeflogen.«
»Aber wie kommen wir denn zurück?« fragte Pratico. »Der Saturn ist der drittletzte von allen Planeten. Wir sind der Grenze des Reiches der Sonne nahegekommen. Wäre es nicht Zeit, umzukehren? Wir können doch nicht die Milchstraße durchwandern. Ich muß gestehen, ich habe Heimweh.«
Pratico sprach in scherzendem Tone, aber er meinte es ernst.
»Mein lebhafter Wunsch, wie ich schon früher geäußert habe,« entgegnete die Prinzessin, »wäre, den Mars zu besuchen. Halten Sie es für möglich, lieber Meditor, dorthin zu gelangen?«
»Seit geraumer Zeit,« entgegnete Meditor, »sind wir den Einflüssen von Sonne und Planeten dahingegeben, ohne einen von uns gewählten Weg zu verfolgen. Und ich möchte nicht bestimmt versichern, daß es uns gelingen wird, mehr Herrschaft als bisher über den Lauf des Ätherio zu gewinnen.«
»Unsere Reise,« sagte Pratico, mit dem Tone der Ergebung, »vollzieht sich ja überhaupt unter Bedingungen, die etwas ungewöhnlich sind. Aber nach dem, was wir bis jetzt erlebt haben, halte ich es doch für sehr möglich, daß unser weiser Freund Meditor mit Hilfe des vortrefflichen Peppino das Ziel erreichen wird, das unserer durchlauchtigsten Fürstin als wünschenswert vorschwebt.«
»Nun gut,« sagte heiter die Prinzessin, »nehmen wir den Kurs der Himmelsgegend zu, wo wir erwarten können, dem Mars zu begegnen! Sind wir erst einmal in den Bereich seiner Anziehungskraft gelangt, so wird dieser Planet uns hoffentlich ebenso wohlgesinnt sein, wie es die Venus gewesen ist, und unsere Bestrebungen einer glücklichen Landung hilfreich unterstützen.«
Infolge dieser Unterredung berechnete Meditor den gegenwärtigen Standort und Lauf des Mars und gab dem Ätherio eine Richtung, die ihn diesem Planeten entgegenführen mußte.
Aber wiederum stellte sich die Erscheinung der magnetischen Wolke ein, die den Kristall allerdings mit einer leuchtenden Hülle umgab, so daß alle Räume gleichmäßig hell blieben, der weiteren Umsicht im Weltenraum jedoch ein unüberwindliches Hindernis bereitete. Wiederum waren die Reisenden also der Führung stärkerer Gewalten ausgeliefert.
Allmählich, nachdem der Ätherio etwa eine halbe Million Meilen, vom äußersten Trabanten des Saturn aus gerechnet, zurückgelegt hatte, verschwand die magnetische Wolke, und die Reisenden entdeckten die Ursache dieser Veränderung. Ein ganz leichter Nebel erfüllte den Äther. Es war kein Nebel, wie die Feuchtigkeit der Erde ihn erzeugt, sondern augenscheinlich ein aus trockenen Gasen bestehendes Gewölk von außerordentlicher Feinheit. Die örtliche Ausdehnung dieses Nebels war unberechenbar. Er schien den ganzen Himmel zu erfüllen. Er war durchsichtig, so daß die Sonne und alle Gestirne durchschienen, und in unendlichen Fernen zeigte er zuckende Blitze gleich dem Wetterleuchten bei irdischen Gewittern. Unter dem Einfluß dieses Nebels hatte sich der vom rasenden Fluge des elektrischen Ätherio erzeugte Magnetismus des Weltwasserstoffgases verloren, aber von welcher Beschaffenheit der Nebel selbst war, blieb den Reisenden eine Zeitlang verborgen.
Endlich nach langem Sinnen erklärte Meditor: »wir befinden uns im Schweife eines Kometen.«
»Eines Kometen?« rief Pratico.
»Ich kann mir diese Himmelserscheinungen nicht anders erklären,« sagte Meditor. »Die Schweife der Kometen bestehen aus einer äußerst dünnen Substanz, obwohl ich nicht behaupten möchte, daß sie in allen ihren Teilen dünn wären. Jedenfalls ist der Teil, der uns jetzt umgibt, gasförmig.«
Lesneh schüttelte den Kopf. »Nach meiner Theorie,« sagte er, »ist ein Kometenschweif durchaus nicht von dünner Substanz. Der Schweif, der den Planeten Merkur als sein letztes Ende verlor, ist von schweren Substanzen gebildet gewesen.«
»Ganz recht,« erwiderte Meditor, »aber Sie werden mir recht geben, wenn ich sage, daß selbst jener Schweif, der den Merkur und die Venus abstieß, von einer gasförmigen Hülle umgeben gewesen sein wird. Und wer weiß, ob jenes ferne Wetterleuchten nicht innerhalb festerer Substanzen stattfindet, während wir gegenwärtig offenbar in der Gashülle schwimmen.«
»Dann gebe ein gütiges Geschick,« sagte Pratico, »daß wir immer in der Gashülle bleiben, bis wir wieder ins Freie gelangen!«
»Wir können steuern,« entgegnete Meditor. »Wir werden uns bemühen, in diesem schwimmenden Nebel zu bleiben.«
Weiter ging der rasende Lauf, und gespannt beobachteten die Reisenden die sie umgebenden, oft wechselnden Himmelserscheinungen. Gleich Fächern breiteten sich oft entfernte hellere Partien des Nebels aus, dann wieder erschienen rote Wolken, dann spielende buntfarbige Lichter, den Feuerwerkskörpern ähnlich. Endlich zeigte sich ein bleibendes Licht, das den halben Himmel bedeckte.
»Dies ist, was die irdischen Astronomen die Koma nennen,« sagte Meditor. »Sie bezeichnen mit dem Worte die Lichtfülle, die den Kern des Kometen umgibt. Es sind die brennenden Gase, die den feurig flüssigen Kern umgeben. Mir scheint dieser Komet aus der Sonne ausgebrochen zu sein. Eine der Explosionen, die wir auf Erden Sonnenfackeln nennen, hat Sonnensubstanz in das Weltall geschleudert, und dieser Komet wird zu einem neuen Planeten werden. Ich will Vorkehrungen treffen, daß wir uns von jener Koma entfernen; jetzt ist es noch Zeit, noch gehorcht der Ätherio dem Steuer.«
Er stieg zum Dache empor, und bald bemerkten die im Salon Zurückgebliebenen, daß die Koma schwächer an Glanz wurde, daß also der Ätherio sich wieder mehr der Peripherie des Kometenschweifes näherte.
Als Meditor wieder erschien, zeigte er eine heitere Miene. »Der Komet ist uns günstig,« sagte er. »Er trägt den Ätherio auf der richtigen Bahn, und wir nähern uns dem Mars mit vermehrter Schnelligkeit.«
»Und was würde geschehen, wenn der Komet uns entgegengekommen wäre?« fragte Pratico.
»Ich vermute, daß er nicht allein unsere Fahrt verlangsamt, sondern sie vielleicht zum Stillstand gebracht haben würde, da die Elektrizität des Kometen unsere Elektrizität hätte aufheben können. Sie scheint nämlich negativer Art zu sein, da sie den vom Ätherio erzeugten Magnetismus zerstört hat.«
»Hoffentlich können wir noch lehrreiche Beobachtungen machen,« sagte Lesneh. »Die Astronomen der Venus sind der Ansicht, daß die Kometen mit unregelmäßigem Kurs das Weltall durcheilen und in unberechenbaren Zeiträumen ihre Bahnen zurücklegen.«
»Meiner Ansicht nach,« sagte Meditor, »gibt es nur wenige Kometen, die zweimal oder mehrere Male gesehen werden. Denn fast alle beenden ihr Dasein schnell und werden zu Planeten. Wenige nur behalten die ursprüngliche Gestalt lange Zeit. Die chemischen Prozesse unter den Bestandteilen der Kometen sind von entscheidendem Einfluß für ihre Formen und für ihre Existenz.«
»So sind wohl neu entdeckte Planeten,« fragte Pratico, »meistens nicht sowohl neu entdeckt als vielmehr neu entstanden?«
»Zweifellos. Nicht allein die Sonne arbeitet beständig und wird zu einer himmlischen Bruthenne, die immer neue Planeteneier in Kometenform legt, sondern auch andere Gestirne sind in schaffender Tätigkeit. Ja, es sind wohl alle Gestirne schöpferisch. Doch möchte ich nicht annehmen, daß unser Sonnensystem von siderischen Körpern anderer Sonnensysteme besucht werden könnte. Unmöglich freilich wäre das nicht. Ich vermute, daß alle Kometen aus der Sonne stammen, will aber nicht leugnen, daß viele Kometen auch zur Sonne hinzustreben scheinen. Möglicherweise wären das Besuche aus anderen Sonnen. Oft beobachten die Astronomen ein Aufblitzen am Himmel und sie vermuten dann die Vernichtung eines Sterns. Aber vielmehr möchte dies Aufblitzen die Geburt eines neuen Kometen bedeuten. Oder es möchte auch ein explosives Gewitter auf einem Stern anzeigen, das eine neue Periode der Entwicklung einleitet, wie es denn auch Gewitter mit ungeheuren Blitzen gewesen sind, die die Schöpfungskraft unserer Erde entfesselt und nicht allein Pflanzen, sondern auch Tiere und Menschen aus der Erdoberfläche und aus den Ozeanen haben hervorgehen lassen.«
Pratico lächelte. »Eine Art himmlischer Froschlurche scheinen darnach die Kometen zu sein, die den Ruderschwanz rückbilden.«
»Nun,« sagte die Prinzessin, »das Kleine und das Große entsprechen ja einander in ihren Lebensformen. Wenn ich Meditor recht verstanden habe, so ist die Sonne ähnlich einem Ei, dessen Schale nicht von Kalk, sondern von Gold und Silber ist, und so ist auch unser Gehirn ein Ei in Knochenschale, das sich zum Rückgrat verlängert. Unsere Gehirne aber werden von der Gottheit geformt und gelenkt, so daß wir in Wahrheit göttliche Marionetten sind.« —
Vorsichtig und tatkräftig lenkte Meditor den Ätherio, so daß es ihm gelang, bis in die Nähe des Mars zu kommen. Als der Ätherio nur noch etwa zwei Millionen Meilen von diesem Planeten entfernt war, ward er aus dem Nebelstrom des Kometenschweifes hinaus gesteuert und näherte sich dem Mars bis auf hunderttausend Meilen. Der Mars schimmerte in rosafarbenem Licht und erschien dreimal so groß wie der Mond, wenn er von der Erde aus gesehen wird. Die Reisenden konnten ihn gut beobachten, denn sie befanden sich noch in den Ausstrahlungen des Kometen, die eine neue Bildung von magnetischen Wolken verhinderten. Deutlich erkannten sie, indem der Mars sich drehte, daß nach den Polen hin der rötliche Glanz zum Weißen überging und der Planet dort noch heller war als auf der übrigen Oberfläche, deutlich erkannten sie auch das Netz der Seen und der sie verbindenden Kanäle. Deutlich sahen sie auch die beiden kleinen Monde Deimos und Phobos, die den Mars umkreisten.
»Die Gebirge sind nur niedrig,« sagte Pratico nach längerer Beobachtung durch das Fernrohr.
»Deshalb dreht sich der Mars auch so langsam,« sagte Lesneh. »Er gebraucht 24 Stunden 37 Minuten Umdrehung um die eigene Achse, obwohl er so klein und leicht ist.«
»Ja, sein Durchmesser beträgt nur wenig mehr als der Radius der Erde, 6770 Kilometer,« bemerkte Pratico, »und sein spezifisches Gewicht ist 4,19. Unser Freund Lesneh hat darüber eben dieselben Angaben gemacht, die wir aus irdischen Berechnungen herleiten.«
»Ich bin sehr gespannt, zu erfahren, ob Schiaparelli recht hat,« sagte Meditor. »Er hat eine Karte des Mars entworfen.«
»Lieber Meditor,« sagte Pratico, »wir sind jetzt stark in der Anziehungskraft dieses schönen rosafarbenen Planeten und demgemäß wieder in der Gefahr eines verderblichen Anpralls. Könnten Sie nicht einen der Monde, die gewiß nicht mehr als zehn Kilometer Durchmesser haben, als Hemmschuh benutzen?«
»In welcher Weise meinen Sie?«
»Steuern Sie so, daß wir zwischen einem der Monde und dem Planeten selbst zum Mars gelangen. Dann wird der Mond uns etwas zurückhalten.«
»Ich will es versuchen. Aber ich halte die Gefahr nicht für groß, weil erstens der Mars aus leichtem Stoff gebildet und zweitens die Hemmvorrichtung des Ätherio sehr verbessert worden ist. Ich gebe eine starke elektrische Strömung nach der dem Planeten abgewendeten Seite hin, so daß wir rückwärts fliegen müßten, wenn nicht der Mars so gewaltig anzöge.«
Als der Ätherio näher sauste, entdeckte Meditor eine große glitzernde Stelle auf der Oberfläche des Mars und bestrebte sich, dorthin zu steuern, weil er diese Stelle als ein Meer oder einen großen See erkannte. Es gelang ihm auch, das Wasser zu erreichen, und ebenso wie bei der Landung der Venus schwächte das Wasser den Aufschlag des Ätherio. Einem Meteor gleich fuhr der Kristall hinein und tauchte nach einer halben Minute schwimmend wieder auf.
Ein wunderbares Bild bot sich den Reisenden jetzt, als sie umherblickten. Die Oberfläche des blauen Wassers, das von der Sonne hell beleuchtet war, wimmelte von großen und kleinen Barken mit Flaggenschmuck. Der Sturz des Ätherio hatte sie offenbar erschreckt, denn sie waren flüchtend in Gruppen zusammengeballt, aber als die Insassen der Schiffe den Kristall nur ruhig schwimmen sahen, beruhigten sie sich, und viele Schiffe kamen näher. Wenn aber die lebenden Wesen auf den Fahrzeugen erstaunt waren und voller Neugierde nach dem funkelnden Ätherio blickten, so waren die Reisenden nicht minder erstaunt über die Erscheinungen in den zierlichen, bunt bemalten, mit Blumen und Fahnen geschmückten Schiffen.
Beim Näherkommen sahen sie nämlich Gestalten, die ganz wie die Feen in den Märchen aussahen. Ungemein zierliche, anmutige Geschöpfe bewegten sich in den Schiffen. Sie waren von sehr heller, beinahe durchsichtiger Haut, zwar von menschenähnlicher Gestalt, aber schlanker und biegsamer als Menschen sind, so daß sie sich gleich Blumen, die vom Winde geschaukelt werden, in den Fahrzeugen bewegten. Sie waren menschlich gekleidet, aber die buntfarbigen Gewänder glichen den Kleidern, die im alten Aegypten von den Tänzerinnen der Pharaonen getragen wurden.
»Ein sehr mildes Klima scheint hier zu herrschen,« sagte Pratico.
Jetzt näherte sich das größte der Fahrzeuge, ein langes, von zwanzig Ruderern bewegtes offenes Boot, das schön bemalt und am Bordrand vergoldet war. In seiner Mitte erhob sich ein Thron, der mit purpurroten Teppichen bedeckt und von herrlichen Blumen umkränzt war. Viele elfenartige Wesen in golden schimmernder Kleidung füllten das Boot und bildeten den Hofstaat einer vornehmen Persönlichkeit, von der die Reisenden nicht gleich wußten, ob sie ein Mann oder eine Frau wäre. Sie war von außerordentlicher Schönheit, prächtig gekleidet und mit einem Diadem geschmückt, das von Edelsteinen funkelte. Langes schwarzes Haar fiel in Ringeln herab, das Antlitz war edel geschnitten, große schwarze sanfte Augen glänzten, und eine unbeschreibliche Zartheit der Erscheinung vereinigte sich mit hoheitsvollem Wesen.
»Sie ist die Königin,« sagte Pratico, dessen Herz trotz seiner leidenschaftlichen Liebe zu der Prinzessin seltsam bewegt wurde, als er diese einem Traumbilde zu vergleichende Erscheinung sah.
Jetzt befand sich die Barke ganz in der Nähe des Ätherio, und auf ein Zeichen der hoheitsvollen Frauengestalt warfen mehrere Leute vom Hofstaat Blumen herüber, die von den Wänden des Ätherio abglitten und ins Wasser fielen. Diesen Blumengruß begleitete eine sanfte Musik, die ein Willkommen ausdrückte.
»Sollte man nicht meinen, Mozarts Geist lebte hier auf dem Mars?« fragte die Prinzessin.
Die Reisenden verneigten sich mehrmals, legten durch Gebärden ihre Dankbarkeit an den Tag und folgten dann der sich langsam wieder entfernenden Barke. Denn die Gebieterin dort hatte ihnen einen einladenden Wink gesandt. Alle übrigen Fahrzeuge schlossen sich an, und von melodiöser Musik begleitet, fuhr der Zug dahin, einer Insel zu, die aus dem Wasser auftauchte.
Von fern her schon grüßten helle Gebäude aus lichtgrünen Baumgruppen hervor, und in der Nähe erblickten die Reisenden eine verschwenderische Pracht fremdartiger Blumen, deren süßer Duft die Insel umwogte.
Als der Ätherio am Staden anlegte, wurde er von einer prächtig gekleideten Schar empfangen, die die Reisenden zum Aussteigen einlud. Sie folgten dem mit freundlichem Schwenken von Blumen und Tüchern gegebenen Wink. Vor sich sahen sie die Herrin mit zahlreichem Gefolge einem naheliegenden weißen Palast zuschreiten.
Als sie ihr Fahrzeug verließen und die untersten Stufen der breiten weißen Treppe betraten, die zum Strande hinführte, wurden die Reisenden angenehm überrascht durch eine milde, weiche Luft, die sie nun mit Wonne atmeten, nachdem sie solange künstlich mit Sauerstoff genährt worden waren. Denn so gut auch Meditor und Peppino die Zusammensetzung der irdischen Atmosphäre nachgeahmt hatten, es fehlte immer noch ein gewisses Etwas, wie denn ja menschliche Geschicklichkeit auch weder mit künstlichen Zähnen, noch mit Augen, noch mit Händen und Füßen, mögen sie noch so gut gearbeitet sein, die Vollendung natürlicher Körperteile erreicht. Schon auf dem Wasser hatte der Duft der Blüten seinen Weg zu ihnen gefunden, nun aber in freier Luft, genossen sie viel stärker noch die fast berauschenden Wohlgerüche der glücklichen Insel. Aber noch andere Dinge fielen ihnen auf, sobald sie den Fuß auf festes Land gesetzt hatten. Ihre Körper, die doch schwerer, größer und fester waren als die der zarten Marsbewohner, kamen ihnen seltsam leicht vor. Es war ihnen, als ob der Boden sie nicht recht festhielte, sondern als müßten sie emporspringen und davonfliegen. Sie betrachteten die weiße Treppe; das schimmernde Material war merkwürdig weich. Es war kein Alabaster, kein Marmor, kein Gips; was für eine Steinart mochte es sein?
»Ich sehe, was es ist, und ich fühle es,« sagte Pratico. »Ich kann diesen Stoff ja mit dem Fingernagel ritzen. Die Treppe ist aus Meerschaum.«
»Ja, und sehen Sie den Strand,« setzte Meditor hinzu. »Das ist kein Sand, wie er sich auf der Erde findet. Es ist alles Meerschaum.«
Wie versteinert blickte Lesneh um sich und faßte hastig Meditors Arm. »Wären doch ein Dutzend Professoren von der Venus hier!« rief er. »Sie würden sich meiner Beweisführung nicht verschließen können. Der Mars besteht aus Meerschaum. Meerschaum ist kieselsaure Magnesia, und damit war das Wasser bedeckt, nachdem die Flußsäure die Glastrümmer des Granits und Porphyrs zerätzt hatte, die der Kern des Kometen mit sich führte, als er sich rundete. Bei den Explosionen, die die Hälfte des Wassers in den Weltraum schleuderten, flog auch der Meerschaum davon, aber nicht soweit wie das Wasser, weil er schwerer ist. Hier sehen wir den Meerschaum wieder.«
»Wenn wir nur wüßten, in welcher Sprache wir mit diesen reizenden Marsbewohnern reden könnten,« sagte Pratico.
Kaum hatte er so gesprochen, als ein von Gold schimmerndes Wesen, einen langen weißen Stab tragend, die Reisenden anredete. Die Rede enthielt eine höfliche Begrüßung. Im Namen der Königin wurden die Fremden willkommen geheißen und zum Besuch des Palastes eingeladen.
Das Erstaunen der Reisenden war grenzenlos. Sie verstanden jedes Wort: Der Zeremonienmeister sprach englisch, ein reines und feines, nur etwas fremdartiges Englisch.
»Wunderbar! Unfaßlich!« murmelte Pratico. »Sollte es wirklich auf den Planeten überall dahin kommen, wohin es schon auf der Erde gekommen ist? Ist die englische Sprache die Weltsprache?«
Es war außerordentlich hell und sehr warm, doch war dem Lichtmeer, das von der Sonne ausstrahlte, auch ein Meer von Wasserdünsten beigemischt, so daß den Reisenden binnen kurzem zumute war, als befänden sie sich in einem Treibhause.
»Die Astronomen haben richtig beobachtet,« sagte Meditor, sich den Schweiß von der hohen Stirn wischend. »Sie haben Wolkenbildungen auf dem Mars beobachtet, die weit häufiger und stärker waren als die irdischen.«
»Ich bin gespannt, zu erfahren, welcher Art die Krankheiten hier sind,« bemerkte Pratico. »Feuchte Wärme leitet die Elektrizität des menschlichen Körpers ab und erschlafft ihn. Man wird hier Cholera und Pest haben wie in Bombay und Kalkutta.«
»Das ist die Frage,« entgegnete Meditor. »Die Menschen haben etwas Blumenartiges. Sie sind dem mütterlichen Boden gemäß anders gebaut als die Irdischen, und die feuchte Wärme scheint ihnen gut zu bekommen.«
Es konnte nicht fehlen, daß die Reisenden auf ihrem Wege zum Palast Gegenstand der größten Neugier der Marsbewohner wurden. In unübersehbaren Scharen drängte sich das Volk. Doch zeigte sich die Schaulust nicht in zudringlicher und frecher Weise, wie das bei irdischen Volksmassen häufig ist, sondern rücksichtsvoll und zart waren diese Mengen, von denen die Reisenden nicht wußten, ob Männer oder Weiber nach ihnen blickten. In der Tat mußte schon die irdische Kleidertracht zum Unterschiede von der Marsmode auffallen. Dazu kam dann noch der Bau, die Gestalt. Gewissermaßen hatten die Reisenden allein wirkliche Körper, und selbst der Prinzessin schlanke Gestalt und ihr feines Gesicht bekamen etwas Massives und Derbes unter diesen Blumengestalten.
Die Reisenden wurden in Gemächer geführt, die im Erdgeschoß des leuchtend weißen Palastes lagen, und es wurde ihnen von den Zeremonienmeistern gesagt, daß sie diese als ihre Privatgemächer betrachten möchten und daß der Beginn der Abendmahlzeit ihnen gemeldet werden würde. Unter Führung Peppinos begaben sich die Diener zum Ätherio, um das Gepäck zu holen. Die Reisenden wünschten die leichten Kleidungsstücke zu erhalten, die sie in Neapel getragen hatten, obwohl sie sich sagten, daß selbst diese Kleidung noch zu schwer für den Mars sein würde.
Die Zimmer waren hoch und weit, in jedem erhob sich ein Springquell aus einem Bassin von Meerschaum, die Wände waren mit hellem Holz getäfelt und ungemein zart und fein bemalt. Die Wandgemälde waren gleichsam aus Duft gewoben. Die Möbel waren von weiß lackiertem Holz, und die Reisenden trugen einige Scheu, sich niederzusetzen, weil sie besorgten, die Sessel möchten zusammenbrechen, aber sie erwiesen sich doch fester, als sie aussahen. Das Holz war sehr ähnlich dem Bambusrohr. Schnell wie in den Tropen auf Erden wurde es dunkel, und die Diener brachten Fackeln, die sie in weißen Ringen an den Wänden befestigten.
»Diese Beleuchtung,« sagte die Prinzessin, »gefällt mir recht gut, sie ist vornehmer als Gaslicht und elektrisches Licht. Welch feiner Duft strömt von den Fackeln aus, und leicht verliert sich der schwache Ranch durch die breiten Öffnungen in der Decke.«
Ein prächtig gekleideter Hofbeamter erschien und lud der Königin Gäste zum Mahl. Kein Zweifel mehr. Er sprach von der Königin. Dies Reich stand unter der Herrschaft einer Frau.
Die Reisenden folgten ihm in einen hohen, weiten Saal, der ihnen nicht allein sehr vornehm, sondern auch ungemein poetisch erschien. Das machte die Fülle der Blumen und das eigentümliche Licht, das von Fackeln an den Wänden und von großen Schalen erstrahlte, aus denen Flammen emporzüngelten. Die Wände waren mit Gemälden bedeckt, die in Flachrelief von glänzender Bemalung allerhand den Reisenden unverständliche Geschehnisse darstellten. Zwischen den Gemälden befanden sich Ornamente von verwickelter Art und reichem Geschmack. Um die Schäfte der schlanken weißen Säulen, die die Decke trugen, zogen sich Darstellungen in bemaltem Flachrelief, und die Kapitelle der Säulen bildeten Blütenknospen.
Im Hintergrunde erhob sich ein Thron auf blumengeschmückter Estrade. Hier saß die Königin, von den vornehmsten Personen umgeben. Von der Estrade gingen zwei lange Tafeln durch den Saal, und hier saßen Hunderte von Gästen. Den fremden Reisenden aber wurde am oberen Ende, zwischen den Tafeln, nahe dem Thron ein besonderer Tisch angewiesen. Scharen von Dienern in leichten, kurzen Gewändern eilten geräuschlos durch den Saal, brachten den Gästen Blumen, gossen ihnen aus rosigen Krügen wohlriechende Essenzen in die Hände und stellten sich mit großen Fächern hinter ihre Stühle, um ihnen Kühlung zuzufächeln.
Jetzt erhob die Königin eine funkelnde Schale und führte sie an die Lippen. Ihr Blick streifte dabei den Doktor Pratico. Alsbald ertönte mächtiges Jubelgeschrei, und ein Musikkorps, das dem Thron gegenüber auf erhöhtem Platze saß, stimmte eine triumphierende Musik an, der ein feierlicher Gesang folgte. Wohl hundert Sänger, die unterhalb der Kapelle saßen, ließen einen Hymnus erschallen, den die Reisenden verstanden. Die Wohltätigkeit, edle Gesinnung und Weisheit der Königin wurden gepriesen.
»Merkwürdig, daß gar nicht von Friedensliebe oder den Segnungen des Friedens in dem Hymnus die Rede ist,« sagte Pratico.
Die Diener füllten die Gläser mit edlem, duftendem Wein und boten Speisen an. Sehr neugierig sah Pratico in die Schüsseln. Es gab allerhand frische und geröstete Früchte, die den Bananen ähnlich waren, Ragouts, deren Zusammensetzung nicht zu erkennen war, aber unter den mannigfaltigen Speisen erschien nicht ein einziges Stück Fleisch oder Fisch.
»Kein Wunder, daß diese Leute so dünn sind,« sagte Pratico kopfschüttelnd. »Das Eiweiß fehlt.«
»Es kommt noch etwas anderes in Frage,« entgegnete Meditor. »Eisen und Mangan fehlen gewiß auf dem Mars oder sind nur in geringer Menge vorhanden. Und wie mag es mit dem Kalk stehen? Wenn der phosphorsaure Kalk fehlt, können die Marsbewohner keine festen Knochen haben.«
»Aber Salz ist in Menge da,« sagte Lesneh, »und das ersetzt vieles. Meine Theorie ist durchaus richtig. Wie bedaure ich, daß keiner meiner Gegner hier ist.«
Die Musik fuhr fort, und liebliche Melodien erfüllten den Saal. Tänzer und Tänzerinnen traten auf. Die Tafeln waren in einer Weise gedeckt, daß alle Gäste, ohne sich umzudrehen, in das Innere des Saales blicken konnten. Nur die äußere Seite der Tische war besetzt.
Mit durchsichtigen, kurzen Gewändern bekleidet, traten die Tänzerinnen in die Mitte vor den Thron. Blüten schwankten über ihrer Stirn, Perlen schmückten Hals, Arme und Fußgelenke. Ihre großen Augen glänzten zwischen bemalten Lidern, die Zähne schimmerten zwischen den roten Lippen, wenn sie lächelten. Zuerst führten sie in langsamem Schritt anmutige Gruppierungen aus, dann begannen sie schnellere Tänze und drehten sich endlich wie vom Wirbelwind getrieben.
»Ich sehe gar keine metallenen Spangen und überhaupt kein Metall an diesen Tänzerinnen,« sagte die Prinzessin.
»Es scheint tatsächlich Mangel an Metall auf dem Mars zu sein,« entgegnen Pratico. »Unsere Messer und Gabeln sind aus feinem Holz, Waffen habe ich überhaupt noch nicht gesehen.«
»Das Metall ist auf dem Merkur,« sagte Lesneh.
»Das meiste,« bemerkte Meditor. »Die Erde birgt viel davon, aber im Vergleich mit dem Merkur mag auch die Erde wohl sehr arm an Metall sein.«
Nach dem Tanz kam eine akrobatische Vorstellung zur Unterhaltung der Festgenossen. In eng anschließenden Gewändern traten ein Dutzend Personen auf, kleine Helme auf dem Kopf, mit schwarzen Riemen um den Leib, barfüßig. Sie bogen sich, krümmten sich zusammen, berührten den Boden mit dem Hinterkopf, ohne die Stellung der Füße zu verändern, spielten mit Kugeln und führten Luftsprünge aus. In allen diesen Kunststücken zeigten sie sich irdischen Gauklern weit überlegen, und besonders ihre Sprünge waren von unglaublicher Höhe.
»Ein leichtes Volk,« bemerkte Pratico.
»Meerschaumgeborene, ähnlich der dem Wellenschaum entstiegenen Aphrodite,« sagte die Prinzessin.
Plötzlich ertönte heftiger Donner, so stark, daß der Palast erbebte, andere Donnerschläge folgten, und mächtiges Rauschen wie von übermäßigem Regen war zu hören. Die Marsbewohner schienen an derartige Naturereignisse gewöhnt zu sein, denn die Festlichkeit ward nicht unterbrochen, Musik und Tanz dauerten ungestört fort. Pratico aber ging hinaus, um das Gewitter zu beobachten.
»Das ist ein Regenguß, wie er selbst in den Tropen bei uns selten vorkommt,« sagte er, zurückkehrend. »Das Wasser, das hier in zehn Minuten fällt, braucht bei uns in Deutschland ein Vierteljahr, um herunterzukommen. Die Straße ist ein Fluß geworden, und wenn das Schloß nicht so hoch stände, würde dieser Saal ein See werden.«
»Mir scheint hierin eine Erklärung der Kanäle auf dem Mars zu liegen,« bemerkte Meditor nach einigem Nachdenken. »Sie dienen zur Verhütung von Überschwemmungen. Aber es möchte wohl noch andere Gründe geben, weshalb man das von Schiaparelli beobachtete Netz von Wasserstraßen angelegt hat.«
Die Königin erhob sich und gab damit das Zeichen zur Beendigung des Festes. Jetzt erst lud ein Zeremonienmeister die Fremden ein, der Königin zu folgen.
In einem kleinen Saale, der mit feinem Holze getäfelt war, versammelte sich die Auslese der Gesellschaft um die Königin. Die Reisenden nahmen mit den Prinzen und Prinzessinnen auf Polstern Platz, die mit Seide überzogen waren, Limonade und süßes Gebäck wurden gereicht, und die Unterhaltung begann in verschiedenen Gruppen.
Die Königin bat Pratico, neben ihr Platz zu nehmen, und fragte ihn, woher der wundervolle Kristall gekommen wäre, den sie hätte in das Meer stürzen sehen. Nach Art vornehmer Personen wartete sie Praticos Antwort nicht ab, sondern fuhr sogleich fort: »Ihr seid gewiß Geister. Wir wissen, daß der Äther mit Geistern angefüllt ist und daß auf fernen Sternen Geister wohnen. Auch wir Marsbewohner verwandeln uns, wenn wir sterben, und ziehen zur Läuterung in den Himmel ein. Gewiß seid Ihr aus der Geisterwelt.«
»Majestät halten zu Gnaden,« antwortete Pratico, »wir sind keine Geister. Unser Gliederbau ist ja fester als bei all den liebenswürdigen Marsbewohnern, die ich bis jetzt gesehen habe.«
»Eben deshalb,« sagte die Königin.
»Eben deshalb?« sagte Pratico verwundert. »Geister sollten doch körperlos oder mit einem ganz feinen Körper bekleidet sein!«
»Wie Ihr nur redet!« sagte die Königen. »Wollt Ihr mich verspotten? Unsere Natur ist im Leben so leicht, daß sie, falls sie sich mit dem Tode verändert, doch notwendigerweise schwer werden muß.«
Pratico schüttelte den Kopf. »Eure Majestät sind so erleuchtet,« sagte er, »daß ich mit meiner wirklichen Ansicht offen hervortreten will. Eure Majestät werden meine Irrtümer verzeihen und berichtigen. Es wäre mir ja leicht zu schmeicheln, indem ich sagte, Majestät wäre so ätherisch, daß eine Verfeinerung gar nicht eintreten könnte. Aber ich glaube, daß Schmeicheln eine Majestätsbeleidigung ist. Also meine Ansicht —«
»Ich muß Euch unterbrechen, Fremdling, denn ich verstehe Euch gar nicht. Inwiefern wäre es denn eine Schmeichelei, wenn Ihr mir sagtet, ich sei ätherisch?«
»Wie verschieden doch die Anschauungen auf den verschiedenen Planeten sind!« sagte Pratico in großer Verlegenheit. »Bei uns auf der Erde kommt uns der menschliche Körper grobsinnig vor, und in der Verfeinerung sehen wir einen Fortschritt. Daher haben wir die Theorie, daß wir nach dem Tode Geister, d. h. körperlose Wesen, werden. Ich für meine Person allerdings glaube das nicht, weil ich überhaupt nicht an Geister glaube.«
Die Königin sann ein wenig nach. »Ihr seid also von einer anderen Welt?«
»Jawohl, Majestät!«
»Wie wunderbar! Ist die Frau in dem weißen Seidenkleide und den Spitzen Eure Gattin?«
»O nein, Majestät, die Dame ist eine Fürstin und ich bin nur ihr Arzt.«
Der Königin Miene wurde ersichtlich heiterer. »Sind alle Frauen auf der Erde so schön?« fragte sie.
»O nein, Majestät, diese Fürstin ist die schönste Dame, die ich auf Erden jemals gesehen habe.«
Die Königin machte ein sehr ernstes Gesicht. »Ich möchte die Fürstin bitten, sich zu mir zu setzen,« sagte sie und winkte Doktor Pratico Entlassung.
»Gnädigste Prinzessin,« sagte Pratico zu der angebeteten Herrin, »die Königin bittet Sie um eine Unterredung.«
Prinzessin Fantasia erhob sich und trat vor die Königin. Diese lud sie ein, sich zu ihr zu setzen.
»Ihr seid eine Fürstin,« sagte sie, »wie kommt es, daß Ihr in ferne Welten reiset? Wer regiert Euer Land in Eurer Abwesenheit?«
»Ich bin glücklicher, als Ihr denkt, Königin. Ich habe kein Land zu regieren, sondern bin frei.«
Die Königin lächelte, ein sanftes Licht strahlte aus ihren großen schwarzen Augen. »Ein schöner Planet muß die Erde sein, wenn die Fürstinnen dort ihren Neigungen folgen dürfen. Dann darfst du, liebe Schwester, auch wohl frei Deinen Ehegatten wählen, ohne auf die Staatsraison Rücksicht nehmen zu müssen?«
»Ebendiese Staatsraison hat mich aus meiner Heimat vertrieben. Ich sollte einen Fürsten heiraten, den ich nicht liebe, da habe ich mich in ein größeres Reich geflüchtet, als die Erde es bieten kann.«
»Du meinst das Weltall, Schwester,« sagte die Königin mit fragendem Blicke.
»Ich meine das Reich der Wissenschaft.«
»Und jener Mann dort, mit dem ich sprach, ist ein König im Reiche der Wissenschaft?«
»Der König ist jener andere. Er ist ein Genie, und er hat das glänzende Fahrzeug erbaut, mit dem wir hierher gekommen sind in das Reich, das du mit sanfter Hand regierst und glücklich machst.«
Die Königin blickte nachdenklich auf Meditor und schien ihn mit Pratico zu vergleichen.
Trotz des seidenweichen Lagers, das die müden Glieder der Reisenden im Meerschaumschlosse umfing, trotz der lautlosen Stille, in die den schlafenden weißen Palast eine sternhelle Nacht einhüllte, schloß ihre Augen kein erquickender Schlummer. Pratico erklärte ihren schlechten Schlaf daraus, daß die Luft auf dem Mars zwar wegen ihres starken Gehalts an Feuchtigkeit irdischen Nerven gut bekäme, daß aber die geringe Anziehungskraft des Planeten einen Mangel an positiver Elektrizität hervorriefe und deshalb aufregend wirkte.
Die Königin hatte eine festliche Ausfahrt für den Morgen angesetzt, und die Sonne schien so hell, daß die Reisenden sich mit Vergnügen zu Schiff begaben. Es war nämlich eine Wasserfahrt vorbereitet worden, bei der den Reisenden die Arbeiten an benachbarten Kanälen gezeigt werden sollten.
Wohl hundert Fahrzeuge lagen am weißen Quai vor dem Schlosse. Sie waren von verschiedener Größe und sowohl für Segel wie für Ruder eingerichtet, ähnlich den Schiffen, mit denen die alten Griechen das Mittelländische Meer befuhren. Besonders herrlich war die königliche Barke mit bunten Farben und reicher Vergoldung, sowie mit Blumengewinden geschmückt. Die Königin lud ihre Gäste ein, mit ihr zu fahren, und da ein frischer Seewind wehte, wurden die weißen Segel ausgespannt.
Es war eine herrliche Fahrt im hellen Sonnenschein auf dem glitzernden Meere bei Blumenduft und sanfter Musik.
Nach einer Stunde bog die Flotte in einen Kanal ein, der das Wasser vom Lande her zur See führte. Der Kanal war so breit wie die Elbe an ihrer Mündung, und je vier Barken zogen zur Seite des königlichen Schiffes. Früchte, Backwerk und süßer Wein wurden der Gesellschaft von zierlichen Mädchen gereicht.
Bald war die Mündung eines Seitenkanals erreicht, und nun hatten die Reisenden Gelegenheit, die von Schiaparelli vorausgesetzten Arbeiten zu beobachten. Tausende von Männern, die nur mit einem braunen Schurz bekleidet waren, gruben zu beiden Seiten des Kanals. Sie hatten eiserne Werkzeuge, mit denen sie unter Leitung von Ingenieuren den Boden aushoben. Die Arbeit ging ungemein schnell und leicht von statten, sodaß offenbar der Boden wenig Widerstand leistete.
Ein Ingenieur auf der königlichen Barke erklärte den Reisenden die Art der Arbeit: »Es handelt sich um Verbreiterung des Beckens, weil der Zufluß des Wassers aus dem Innern des Landes zu stark geworden ist, sodaß wir Überschwemmungen befürchten. Die Arbeiter heben den Boden in solchen geradlinigen Stücken aus, daß diese sogleich als Bausteine verwandt werden können.«
»Und woher kommt der starke Zufluß?« fragte Pratieo. »Ich sehe doch gar kein Gebirge, sondern das Land ist beinahe ganz eben.«
»Gerade das ist es,« antwortete der Ingenieur. »Wir haben fast gar keine Erhebungen des Bodens auf dem ganzen Planeten. So müssen wir denn ein künstliches Gefälle herstellen, um das Wasser, das vom Himmel fällt, in die Seen und Meere zu leiten. Es würde sonst stillstehen und Epidemien verursachen. Auch kann ein starker Gewitterregen Überschwemmungen zur Folge haben, wenn wir nicht genügend Abflüsse haben.«
»Gibt es denn nur einen einzigen Staat auf dem Mars?« fragte Pratico. »Herrscht eure Königin über den ganzen Planeten, sodaß sie überall die Arbeiten organisieren lassen kann?«
»O nein, es gibt vielerlei Reiche, und die große Aufgabe der Regierenden ist, mit allen anderen Reichen in Verbindung zu bleiben, damit alle Arbeiten nach einem einzigen zweckmäßigen Plane ausgeführt werden können. Träte hierin eine Versäumnis ein, sodaß ein Reich ohne Rücksicht auf die Nachbarn und entfernte Länder graben ließe, so könnte leicht ein Land ganz zu Grunde gerichtet werden.«
»Man sieht den Nutzen der Gebirge auf der Erde,« sagte Pratico. »Bei uns bedarf es nur selten der Verabredungen zwischen den verschiedenen Regierungen, weil die Gestaltung des Geländes gebieterische Gesetze gibt und die Wassergebiete von einander scheidet.«
»Noch einen anderen Nutzen sieht man deutlich,« setzte Meditor hinzu: »Die schnelle Umdrehung der Erde mit ihrem Einfluß auf das Klima, dann aber die Festigkeit des Bodens, der den Bewohnern Kraft gibt.«
»Wie sehr wünschte ich doch,« sprach Lesneh seufzend, »daß meine Kollegen von der Venus diese Reise mitmachten! Kunstreicher Ingenieur — so wandte er sich an den erklärenden Herrn — könnt Ihr mir sagen, wie es mit dem Innern des Mars beschaffen ist? Ist sein Kern feuerflüssig?«
Der Ingenieur schüttelte den Kopf. »Gas und Wasser,« sagte er, »sind im Innern des Planeten. Das sehen wir an verschiedenen Orten, wo kochendes Wasser aus dem Boden hervorspritzt und heiße Dämpfe emporsteigen.«
Kaum hatte er dies gesagt, als ferner Donner ertönte, und nun zog mit derselben Schnelligkeit wie am vorigen Abend ein Gewitter herauf. Schwarzen Wolken voran, vom Sturmwind getrieben, flogen Scharen weißer Möven. Bald rauschte dichter Regen hernieder, und Blitze umzuckten die Flotte, deren Ruderer sich bemühten, dem Sturm und den herandrängenden Wassermassen standzuhalten.
Die Königin und ihre Gäste hatten sich in die Kajüte begeben, deren Dach vom prasselnden Regen erschüttert wurde, und der Kapitän versicherte, daß das Unwetter bald vorüber sein würde. Da, mit einem Male ertönte ein so furchtbarer Schlag, daß Pratico sich sofort sagte, ein Blitz müsse das Schiff getroffen haben. Mehrere Personen vom Gefolge der Königin fielen betäubt nieder. Brandiger Geruch machte sich bemerkbar, und alle stürzten hinaus aus der Kajüte auf das Verdeck, das ein Schauplatz der Verwüstung geworden war. Nur der starke Regen verhinderte die schnelle Verbreitung des vom zersplitterten Mast ausstrahlenden Feuers.
In dieser Not zeigte sich die Ergebenheit des Volkes für seine Königin. Eine Menge von Barken eilte trotz der eigenen Gefahr heran, um dem königlichen Schiffe zu helfen. Behende Matrosen kletterten an Bord, um die Herren und ihr Gefolge herunterzugeleiten in die kleinen Fahrzeuge.
Pratico befand sich dicht neben der Prinzessin und war im Begriff, sie auf seinen Armen die Fallreepstreppe hinunterzutragen, als sie ihm sagte: »Die Königin! Helfen Sie der Königin, ich kann mir selbst helfen!«
Pratico erblickte die Königin, wie sie bleich und schwach, entfernt von der Treppe, dastand, und er gehorchte widerstrebend dem Gebote der Prinzessin. Bevor noch die Matrosen bei ihrer Herrscherin waren, ergriff und umschlang er die leichte Last der zierlichen Königin und eilte mit ihr hinunter in die nächste Barke, die alsbald von einem Windstoß getroffen wurde, sodaß das haltende Tau riß und das Fahrzeug davongetrieben wurde. Er sah noch, daß die Prinzessin auf den Armen des starken Peppino, der für sich allein es mit einem Dutzend von Marsbewohnern aufnehmen konnte, in ein anderes Boot getragen wurde, dann verwischten Regengüsse das Bild, und er merkte, daß das kleine Fahrzeug, worin er sich mit der Königin und sechzehn Ruderern befand, sehr schnell auf dem stürmisch aufgeregten Kanal davongetrieben wurde.
Schnell wie das Gewitter gekommen war, verzog es sich wieder. Binnen kurzer Zeit brach die Sonne hervor und machte Wasser und Land hell und leuchtend. Die Matrosen lenkten aus den unruhigen Gewässern des breiten Kanals in einen engen ein, der zur Bewässerung der umliegenden Felder diente, und hielten auf Geheiß der Königin in der Nähe eines Gebäudes aus Meerschaum, das von dichten Baumgruppen umgeben war. Pratico half der Königin an das Ufer, und beide schritten dem lieblichen Orte zu, der ihnen als Zuflucht winkte. Sie waren bis auf die Haut durchnäßt, und das Wasser triefte aus der leichten Gewandung der Herrscherin zu Boden, aber die Sonnenstrahlen waren so heiß und die Kleider so dünn, daß das frostige Beben der zierlichen Gestalt schon nach hundert Schritten aufhörte.
Das Gebäude war eine zierliche Villa, doch von der Herrschaft verlassen. Nur Dienerschaft fand sich, und diese berichtete, daß Herr und Herrin sich zur Lustfahrt der Königin begeben hätten.
»Gebe Gott, daß ihnen nichts Böses widerfahren ist auf dieser unglücklichen Ausfahrt!« rief die Königin.
Die Diener hatten die Herrscherin gleich erkannt, führten sie in die besten Gemächer, bemühten sich um sie und trugen dann Erfrischungen für sie und ihren Begleiter auf, dessen hohe Statur sie bewundernd betrachteten.
Die Königin trank etwas Wein, kostete ein wenig von den Früchten, war aber schweigsam und schien zerstreut zu sein. Sie erhob sich bald und ging, auf Praticos Arm gestützt, hinaus in den Park. Dort war ein schöner Platz, wo fünf Lauben aus weißem Gegitter, von Rosen umrankt, in regelmäßiger Figur inmitten eines Palmendickichts lagen. Meerschaumbänke in den Lauben luden zum Sitzen ein.
Die Königin ging zu der Laube in der Mitte und hieß Pratico sich neben sie setzen. Sie pflückte eine der stark duftenden Blüten und gab sie ihrem Begleiter. Er küßte ihre Hand, und sie heftete einen durchdringenden Blick ihrer sammetnen Augen auf ihn.
Pratico wurde von wechselnden Gefühlen bestürmt. Er hatte auf der Reise viel Schmerzliches erduldet, wenn er sehen mußte, daß Prinzessin Fantasia seine innige Neigung nicht erwiderte, sondern ganz von Meditors Geist gefangen war. Er fand die Königin wunderschön und reizend, und er war nicht frei von der Schwäche der Erdenmenschen, von Fremdartigem besonders stark angezogen zu werden. Seine Eitelkeit und sein Hang zu Neuem wurden von der Wahrnehmung erregt, daß diese MarsKönigin innigen Anteil an ihm nahm. Es lag etwas wie Rache für die Kälte der Prinzessin in der Ahnung dieser königlichen Liebe. Dazu kam, daß die Fahrt durch den Äther und der unter den größten Gefahren ausgeführte Besuch der Planeten die gewohnte Bahn der Gedanken in Praticos Gehirn gestört hatten, sodaß auch die wunderbarsten Ereignisse ihn nicht mehr befremdeten. Er konnte sich in dieser Lage vorstellen, daß er als einflußreicher und mächtiger Mann auf dem Mars eine bedeutendere Persönlichkeit sein würde, als er jemals in der ärztlichen Praxis auf Erden werden könne.
Als ihm nun die Königin ihre Liebe erklärte und ihm sagte, auf dem Mars bestände die Sitte, daß die Frauen die Männer wählten, da wurde sein Herz weich.
Sie sagte ihm, überall auf dem Mars, in allen Reichen, herrschten Königinnen, es wäre die Pflicht der Königinnen, sich Gatten auszusuchen, sie aber hätte noch keinen Mann gesehen, der sich so gut zu ihrem PrinzGemahl eignete, als er, Pratico.
Pratico versank mit seligen Empfindungen in diese Erklärungen. Er hatte auf den westindischen Inseln und in Südamerika Kreolinnen gesehen, er hatte die zarten Schönheiten in Paraguay bewundert, aber ihm schien diese Königin noch feiner und reizender zu sein als alle jene etwa ihr ähnlichen Frauengestalten.
Er schloß sie in seine Arme und küßte sie auf die blühenden Lippen.
»Ich trotze allen Vorurteilen,« sprach sie. ,,Mag man es tadeln, daß ich einen Gatten wähle, der nicht von unserm Planeten stammt, es soll mir gleichgültig sein, wenn Du mich nur liehst. Auch nehme ich an, daß Du von vornehmem Geschlechte bist, denn sonst würdest Du wohl nicht der Freund einer Prinzessin sein.«
»Da muß ich Dich berichtigen,« entgegnete Pratico, »ich bin nur der Leibarzt der —«
Sie ließ ihn nicht ausreden, sondern schloß ihm den Mund mit ihrer weichen Hand. »Ich will nichts davon hören,« sagte sie lächelnd. »Du bist von der Erde, wie Du sagst, und so bist Du vom höchsten Adel. Du wirst der einzige Deiner Art hier auf dem Mars sein, und alles, was selten ist, ist kostbar. Ein Kaiser bist Du, wenn Du der einzige Deines Geschlechts auf einem Planeten bist. Die andern werden wieder abreisen, und Du bleibst hier!«
In den Armen der schönen Königin verflog jeder Gedanke an die Zukunft, und als er sie nun seiner Liebe und Treue versicherte, wurde sie überaus heiter und glich einer berauschten Blume. Sie herzte und küßte ihn, umwand ihn mit geschmeidigen Gliedern und kehrte glückstrahlend mit ihm zu der Barke zurück.
Im Schlosse angekommen, fand Pratico zu seiner Freude, daß die Prinzessin und ihre Begleitung wohlbehalten zurückgekommen waren, aber er selbst war so erregt durch sein Abenteuer, daß er sich nicht enthalten konnte, mit Meditor über seine Pläne zu reden.
Diese Eröffnung bot sich ihm um so leichter, als er vernahm, daß die Prinzessin den Mars wieder zu verlassen gedenke. Das Klima bekam ihr nicht, und auch Meditor, Peppino und der gelehrte Lesneh klagten darüber. Alle empfanden mit Unbehagen die geringe Anziehungskraft dieses leichten Planeten.
»Ich kann nicht sagen, daß mir der Mars sonderlich Beschwerden verursacht,« sagte Pratico.
»Vielleicht haben Sie als Arzt Mittel gefunden, das Gleichgewicht Ihrer Konstitution wieder herzustellen,« entgegnete Meditor, »oder sie besitzen so viel vitale Elektrizität, daß Sie ein gut Teil Ablenkung vertragen können.«
»Vielleicht,« sagte Pratico. »Mir gefällt es hier recht gut, und ich habe, offen gestanden, keine große Lust, mich noch auf weitere Expeditionen einzulassen.«
»Verstehe ich Sie recht?« fragte Meditor erstaunt. »Sie würden hier bleiben wollen, wenn wir den Mars verließen?«
»Ich überlege mir die Sache.«
»So ist Ihre Ergebenheit für die Prinzessin nicht so groß, wie ich glaubte annehmen zu dürfen.«
»Reden wir offen!« sagte Pratico »Ich bin der Prinzessin sehr ergeben, aber nur unter der Bedingung, daß meine Ergebenheit der hohen Dame auch erwünscht und notwendig ist.«
»Zweifeln Sie daran?«
»Lieber Freund, ich habe mehr und mehr die Überzeugung gewonnen, daß die Prinzessin — ich will lieber sagen, daß ich der Prinzessin nicht unentbehrlich bin.«
»Welche Laune wandelt Sie an?«
»Es ist keine Laune. Ich bin überhaupt nicht launisch. Aber ich sehe doch, welche Rolle Sie bei der Prinzessin spielen. Ich bin das fünfte Rad am Wagen.«
»Sie wären nicht launisch?«
»Durchaus nicht.«
»Dann hat der Wechsel der Umgebung und des Klimas Ihnen noch mehr geschadet als uns. Er hat Ihre vernünftige Überlegung geschwächt. Wie? Von allen Beziehungen mit dem Planeten, der Sie erzeugt hat, und dem Sie angehören, völlig losgelöst, wollten Sie leiblich und geistig vereinsamt auf dem Mars Ihr Leben verbringen?«
»Es ist nicht so schlimm,« sagte Pratico. »Das Planetensystem ist überall des Herrn.«
»Diese fromme Wendung in Ihrem Munde ist mir höchst verdächtig,« sagte Meditor.
»Nun, kurz und gut,« rief Pratico unwirsch, »ich werde auf dem Mars bleiben. Er ist ein Paradies, hier leben die wahren Weisen, die Leute, die kein Fleisch essen, sondern ihren Körper zu erhabener Geistigkeit verfeinern.«
In diesem Augenblick trat Lesneh mit einem Mannskript in das Gemach.
»Meine Herren,« sagte er, »ich will Ihnen, wenn Sie erlauben, vorlesen, was ich geschrieben habe. Ich habe meine wissenschaftlichen Beobachtungen außerordentlich erweitert und bringe hier eine kurz gefaßte Abhandlung über die Beschaffenheit des Mars, nicht allein über den Aufbau des Planeten selbst, sondern auch über seine Stellung im Sonnensystem.«
»Enthält die Handschrift da diese kurze Abhandlung?« fragte Pratico.
»Allerdings. Ich habe eine sehr feine und große Art von Palmblättern entdeckt, die sich vorzüglich zum Beschreiben mit Tusche eignet.«
»Aber das sind mehr als hundert Blätter!« rief Pratico.
»Ist Ihnen das zu viel?« fragte Lesneh stirnrunzelnd.
»Gelehrter Freund von der Venus« sagte Meditor, »unser Kollege Pratico interessiert sich jetzt für andere Dinge.«
»Ah!« rief Lesneh.
»Er will seine wissenschaftlichen Forschungen abschließen und Lotos essen.«
»Unmöglich!« rief Lesneh.
»Fragen Sie ihn selbst.«
»Ich habe nur gesagt, daß ich keine Lust verspüre, weiter zu reisen. Ich denke, daß vierzig bis fünfzig Millionen Meilen genug sind. Ich will meine Ruhe haben und hier auf dem Mars bleiben.«
»Unglücklicher!« rief Lesneh. »Und die Wissenschaft?«
»Läßt mich kalt.«
Lesneh schlug die feinen magern Hände über dem Kopfe zusammen. »Aber wenn Sie zurückkommen zur Erde,« sagte er, »können Sie ja alle Ihre Gegner vernichten, können alle Gelehrten in Erstaunen setzen.«
»Es liegt nicht in der Natur der Gelehrten, über die Kenntnisse der Kollegen zu staunen.«
»O, o!« rief Lesneh, »ein Mann, der die Wissenschaft nicht liebt, ist tot! Das Wissen ist das Leben, denn wir sind geistiger Art, und das Wesen des Geistes ist die Erkenntnis. Unglücklicher Forscher, wie nachteilig ist für Sie das erschlaffende Klima des Mars geworden! Besinnen Sie sich, besinnen Sie sich auf sich selbst! Kehren Sie in sich selber ein und suchen Sie nach der Flamme, die Sie erwärmt und erleuchtet! Wenn der Tod Sie leiblich heimsucht, so sterben Sie nicht, sondern läutern sich nur für eine Erkenntnis, die zu hoch ist, um von dem mit dem Körper beschwerten Geist erfaßt zu werden, aber wenn Sie die Wissenschaft verlassen, so verläßt sie der Geist, und Sie sind tot, selbst wenn Sie noch zu leben scheinen. O, Pratico, hören Sie auf die Stimme eines Venusbewohners, der Sie liebt und schätzt, und der Sie vom Tode erretten möchte!«
Pratico war erschüttert. Es zuckte in seinem Antlitz. Sein Gemüt war stürmisch bewegt. Jetzt tauchte die reizende Königin mit all der Macht und dem Glanz vor ihm auf, die sie ihm verleihen konnte, jetzt wieder erblickte er den lautern Schimmer all der Wissenschaften, der Chemie und Physik, der Mathematik und Astrophysik, der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapeutik, deren Gesetze ihm auf seiner Reise um so vieles klarer geworden waren.
Er sprang auf. »Lesneh, Sohn der Venus, Götterbote!« rief er, den alten Gelehrten umarmend, »Ihr habt recht, ich folge euch!«
Aber Pratico hatte doch, obwohl der wissenschaftlichen Forschung zurückgegeben, eine schlaflose Nacht, und als am andern Tage die Königin ihn zu sich beschied, trat er mit Herzklopfen in ihr blumengeschmücktes Gemach ein.
»Ich habe erfahren,« sprach sie, »daß die Prinzessin sich zur Abreise rüstet. Sie hat um eine Audienz gebeten, und ich glaube annehmen zu müssen, daß sie sich verabschieden will.«
»Es kann wohl sein,« entgegnete Pratico.
»Und Du?« fragte die Fürstin. »Es wird Dir schwer werden, der Prinzessin zu erklären, daß Du zurückbleibst. Besser ist es wohl, Du begibst Dich auf einen meiner Landsitze und hältst Dich verborgen, bis Deine Freunde abgereist sind. Ich werde selbst der Prinzessin sagen, daß Du von nun an mir gehörst.«
Die Königin war bleich, und dunkle Schatten unter ihren herrlichen Augen zeigten an, daß sie leidend war.
Pratico verstand die Besorgnis der zierlichen Dame. »Königin,« sagte er, »es steht einem Erdenbewohner nicht an, sich mit Täuschungen und Lügen um eine schwierige Sache herumzuwinden. Wir sind Freunde der Wahrheit und Offenheit.«
»Du meinst, Dein Stolz erlaube Dir nicht, Dich zu verbergen. Du willst persönlich Abschied nehmen von der Prinzessin und Deinen Freunden.«
»Verzeih, erhabene Herrscherin, eine andere Pflicht liegt mir ob. Meine Ehre gebietet mir, bei der Prinzessin zu bleiben. Ich bekenne mich schuldig. Dein süßer Reiz hat mich verführt, Dir meine Liebe zu gestehen. Ich war trunken in Deinen Armen. Aber nun ich erwacht bin, muß ich mich der Verräterei gegen Dich schuldig bekennen. Meine Ehre gebietet mir, Dir die Wahrheit zu gestehen. Ich will als Arzt der Prinzessin treu bleiben.«
Die Königin richtete sich hoch auf und maß Pratico mit einem Blick, der ihm wie ein Dolch ins Herz drang. »O,« sagte sie mit hoheitsvoller Gebärde, »es bedarf durchaus keiner Entschuldigungen, Erklärungen und Vorwände. Sage einfach, daß Du gehst, und geh! Verlaß mich! Dein Anblick entwürdigt meine Hoheit!«
Pratico verneigte sich tief und eilte gedemütigt ans dem königlichen Boudoir.
Obwohl beschämt und unruhig, fühlte Pratico doch Genugtuung wegen der Geschicklichkeit, womit er seiner Meinung nach eine schwierige Erklärung zu Ende geführt hätte, als zu seinem Erstaunen, während er den Koffer packte, ein Page bei ihm erschien, der ihm gebot, Sofort zur Königin zu kommen.
Zerrissen in seinen Empfindungen, erschien er wieder in dem Gemach, das er vor einer Viertelstunde verlassen hatte, und sah die Königin, den Kopf aufgestützt, in den Kissen ihrer Chaiselongue liegen.
Er blieb wartend an der Schwelle stehen.
»Du bist noch nicht weg?« fragte sie mit einem Tone, der scharf sein sollte, aber von Lippen kam, die nicht scharf sein konnten.
»Erhabene Fürstin, ich erwarte der Prinzessin Befehl, und sie hat sich noch nicht von Dir verabschiedet.«
»Was ist das für eine Ehre, deren Du Dich rühmtest? Hattest Du diese Ehre schon gestern? Ist das Deine Ehre, daß Du in der einen Stunde Ja sagst und in der andern Nein?«
»Königin,« entgegnete Pratico verlegen, »ich habe mich schuldig bekannt. Ich bin Dir gegenüber schuldig und erbitte Deine gnädige Verzeihung.«
»So!« rief sie, »und damit glaubst Du, sei die Sache erledigt. Du konntest ja vorhin nicht schnell genug aus meinem Zimmer kommen. Es war eine eilige Flucht wie vor einem Ungeheuer. Bin ich so abscheulich?«
»Du bist die entzückendste Königin, die ich je gesehen habe.«
»Da lügst Du wieder. Du behauptest, ihr Erdenbewohner liebtet die Wahrheit, und dabei lügst Du mir dreist ins Gesicht. Wenn Du Deine Prinzessin nicht über alles und viel mehr liebtest als mich, wenn Du Deine Prinzessin nicht viel schöner fändest als mich, so würdest Du ihr doch nicht folgen wollen. Es ist ja wahr, daß sie viel schöner ist, als ich bin, aber Du solltest doch wenigstens den Mut haben, es zu gestehen. Aber wie ein rechter Feigling machst Du mir Komplimente, während Du Dich danach sehnst, mich zu verlassen.«
Pratico blickte ratlos vor sich nieder.
»So antworte doch wenigstens! Warum bleibst Du stumm? Gestern, ja, da konntest Du reden! Da fandest Du Worte und Schwüre. Da hattest Du auch noch nicht diese strenge Ehre, die Du heute plötzlich entdeckt hast. Da warst Du zärtlich, da warst Du ergeben. Deine Seele ist ganz schwarz und treulos, und ich freue mich, daß Du mich verlassen willst, denn welches entsetzliche Schicksal würde meiner an der Seite eines so elenden, ehrlosen, verräterischen Gatten warten! Aber Glück wirst Du nicht erleben auf Deiner Heimreise. Ich weiß nicht, was für Götter ihr auf Erden verehrt, aber ich denke doch, daß überall und auf jedem Planeten Götter herrschen, die den Meineid und die Treulosigkeit bestrafen. Und wenn auch wirklich von außen her kein Unglück über Dich kommt, sondern euer Luftschiff unbeschädigt auf der Erde landet, so wird die Rache der Himmlischen doch nicht von Dir genommen sein, sondern in Deinem Herzen wird ein Rächer wohnen, der Dir immer wieder mit spitzer Zunge ins Ohr flüstert: ›Du bist ein Verräter!‹ Ich könnte ja selbst Rache nehmen. Ich könnte euer Luftschiff festhalten lassen, sodaß Du gezwungen wärest, hier zu bleiben. Die Macht habe ich dazu. Aber ich bin zu stolz. Reise! Reise! Reise mit Deiner Schmach!«
Pratico fühlte sich sehr unglücklich. Er bedauerte jetzt, seinen ersten Gedanken nicht nachgegeben zu haben, nämlich dem Plane einer heimlichen Abreise. Freilich hätte das große Schwierigkeiten gehabt, weil die Prinzessin nicht leicht hätte bewogen werden können, das Land ohne Abschied zu verlassen. Sie hatte bereits Geschenke für die Königin, ein Armband mit Diamanten und eine goldene Halskette, bereit gelegt, die sie ihr bei der Abschiedsaudienz überreichen wollte. Aber vielleicht hätte seine Erfindungsgabe, die ihn jetzt der Königin gegenüber im Stiche ließ, etwas erdacht, was die Prinzessin zur Abreise vermocht hätte, ohne daß sie etwas von seinem Verhältnis zur Königin ahnte. Denn davon durfte sie auf keinen Fall etwas erfahren.
Als er, in Überlegung versunken, lange mit niedergeschlagenen Augen dastand, erhob sich die Königin von ihrem Lager, kam auf ihn zu und ergriff ihn bei der Hand. »Es ist ja nicht möglich,« sagte sie mit schmelzendem Tone, »es ist ja nicht möglich, daß Du mich verlassen willst. So hart und grausam können ja selbst Erdenbewohner nicht sein. Sag mir ein Wort, daß Du Dich übereilt hast, daß ein Befehl Deiner Prinzessin Dich verwirrt hat. Sage mir, daß Du mich noch liebst.«
Tränen strömten aus ihren schönen Augen, sie sank ihm zu Füßen und umklammerte seine Knie.
Pratico erging es jetzt so, wie es irdischen Männern oft ergeht: die Liebe der reizenden Frau, ihre Tränen, ihre Umarmung erweichten sein Herz, er hob sie auf, küßte sie, und das Ende der zärtlichen Szene war, daß er gelobte, für immer auf dem Mars zu bleiben.
Die harmlose Seele der kindlichen Königin aber war nun ganz beruhigt, sie fürchtete keinen neuen Treubruch mehr und ergriff keine der Vorsichtsmaßregeln, die eine irdische Frau gewiß nicht verabsäumt haben würde.
Sie stellte keine Wachen am Ätherio auf und empfing noch an demselben Tage die Prinzessin zur Abschiedsaudienz. Mit großer Freude nahm sie der Prinzessin Geschenke entgegen, die etwas höchst Seltenes und Kostbares auf dem Mars darstellten, und gab zum Gegengeschenk eine Perlenkette von so außerordentlichem Wert für irdische Verhältnisse, daß die Prinzessin sich beschämt gefühlt haben würde, wenn sie nicht gewußt hätte, daß Perlen auf dem Mars nur den Wert von Edelsteinen auf der Erde haben.
Pratico fühlte sich so elend, wie er sich in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatte. Es war bei ihm zur Überzeugung geworden, daß er auf dem Mars nicht leben könnte, es war nach wie vor seine Absicht, sich heimlich zu entfernen, und er wollte vergehen vor Scham, als er wahrnahm, wie leicht ihm die vertrauende Königin seine Flucht machte. Sie vertraute ihm unbedingt. Er hatte ihr vorgestellt, sie dürfte der Prinzessin nichts von seinem Zurückbleiben und der bevorstehenden Vermählung sagen. Er hatte ihr gesagt, die Sitte geböte, daß er die Prinzessin bis zum Luftschiff begleite, und auch das hatte sie in ihrer blinden Liebe geglaubt.
Er aber hatte schon sein Gepäck zum Ätherio schaffen lassen, um im letzten Augenblick einzusteigen und zu fliehen.
Die Prinzessin begab sich mit ihrer Begleitung am Nachmittag zum Staden, wo sich der Ätherio sanft auf den Wogen schaukelte. Eine kleine Brücke von Silberpappelholz führte zur Tür des Kristalls.
Die Königin selbst gab den Fremden das Geleite, und Hunderte von vornehmen Personen folgten ihr. Eine sanfte, klagende Musik brachte die Gefühle der Wirte bei der Abreise lieber, geehrter Gäste zum höflichen Ausdruck.
Pratico stand an der Landungsbrücke und ließ die Prinzessin, Meditor, Lesneh und Peppino vorangehen. Er fühlte den auf ihm ruhenden Blick der Königin und klammerte sich im Geist an den Gedanken, es wäre seine Pflicht, die Königin zu betrügen, weil sie sonst den Ätherio festhalten und die Abreise der Fremden überhaupt verhindern könnte. Dieser Gedanke war sein einziger Trost in seiner gegenwärtigen Zerknirschung.
Jetzt waren die Prinzessin und seine Freunde sicher im Ätherio, und nun, mit plötzlicher Bewegung, sprang auch Pratico hinüber, stieß die leichte Brücke mit dem Fuß weg und rief mit heiserer Stimme: »Auf! Peppino!«
Der Ätherio stieg leuchtend empor, und vom Staden ertönte der Aufschrei einer gekränkten, verzweifelnden Frau. Die Fremden sahen hinab: die schöne Königin fiel ohnmächtig in die Arme ihrer Hofdamen.
Aber blitzschnell verwischte sich das Bild, denn der Ätherio stieg mit der Geschwindigkeit von einer Meile in der Minute zum Himmel auf. Starr und kalt, unbeweglich saß Pratico im Salon. Ein durchdringender Blick der Prinzessin traf ihn, aber sie sagte nichts. Pratico bemerkte den prüfenden Ausdruck in der Miene der Fürstin und wußte von diesem Augenblick an, daß die Gesinnung der edlen Frau gegen ihn eine Änderung erfahren hatte, die ihm für immer jede Hoffnung rauben mußte.
Es ist wahr, sagte sich Pratico, seinen Freund Meditor betrachtend, er verdient die Liebe der Prinzessin mehr als ich: er ist besser als ich, er hätte sich anders als ich gegen die Königin benommen.
Er sann weiter nach. Ganz schändlich muß ich der Armen erscheinen, warf er sich vor. Als ein feiger Lügner und Betrüger. Und sie hat recht, wenn sie mich so schilt — ich bin nichts Besseres. Indessen, was hätte ich tun sollen? Konnte ich denn als höflicher Mann eine so schöne und vornehme Dame zurückstoßen? Sie kam mir doch huldvoll entgegen. Hätte ich das nicht verstanden, so würde ich ihr als Tölpel erschienen sein. Es ist so unendlich schwer, im Umgange mit schönen Frauen galant und doch weise zu sein. Amare et sapere vix deo conceditur. In dieser Hinsicht bin ich zu entschuldigen. Aber, aber — wie ist es nur möglich, daß ein Gentleman sich schurkisch benehmen kann? Allerdings deutet schon der alte Dichter Simonides an, daß ein wackerer Mann sich bald schlecht, bald wieder auch edel zeigt. — Immer edel sein — — und wie hätte ich aus dem Dilemma herauskommen können? Welche Verlegenheiten und Gefahren konnten für die Prinzessin und meine Freunde entstehen. Sollten Sie unter meiner Wahrheitsliebe leiden?
Dennoch wird mir diese Geschichte ein ewiger Vorwurf bleiben, wenn nicht etwa stärkere Eindrücke späterhin siegen. Ach, wie elend fühle ich mich! Plutarch sagt, die von der Natur verliehenen Vorzüge glichen glänzenden, doch vergänglichen Blumen, die Tugend aber sei als eine Pflanze von unvergänglichem Wohlgeruch und balsamischer Heilkraft für Wunden zu betrachten. Mir sind wohl die Blumen beschieden, Meditor die Pflanze. Wenn ich es jedoch reiflich überlege, muß ich mir das Zugeständnis machen, daß ich wie ein besonnener, vorsichtiger Mann gehandelt habe. Deutlich merkte ich schon den erschlaffenden Einfluß des Klimas und der Diät. Allerdings sagt Plutarch, es sei heilsam, den Magen an das Hungern, wie die Seele an den Schmerz zu gewöhnen. Aber ohne Fleisch kann ich nicht leben. Binnen kurzem wäre ich krank geworden. Dann aber wäre ich nicht mehr imstande gewesen, den neuen und großen Aufgaben nachzukommen, die mir auf dem Throne erwachsen wären. Ich hätte die Königin unglücklich gemacht und wäre in Verachtung gefallen. Wozu bin ich denn Physiologe, wenn meine Wissenschaft mir selbst nichts nützt?
Solche Erwägungen stärkten Praticos Selbstbewußtsein wieder und als Meditor ihn nun heranzog zu Ortsbestimmungen und siderischen Berechnungen, vergaß er bald seine Sorgen und wurde wieder der Pratico von ehedem. —
Der Stand des Ätherio im Weltraum war der Rückkehr zur Erde günstig. Die Erde stand zu dieser Zeit im Scheitelpunkt eines sehr stumpfen Winkels zwischen Mars und Merkur. Die drei Planeten befanden sich nahezu in einer geraden Linie und waren einander so nahe, wie sie überhaupt nur kommen können, oder wenigstens in einer Stellung, die binnen vier Tagen zur größten Nähe führen mußte. Wenn der Ätherio direkt auf den Merkur zusteuerte, so mußte er binnen acht Tagen zur Erde gelangen, die in ihrem Weiterlauf zwischen Mars und Merkur hindurchging und dem Ätherio in dieser Weise entgegenkam. Pratico stimmte mit Meditor überein, daß dies der beste Weg wäre, und sie beschlossen, das Steuer in dieser Weise zu stellen und die Richtung auch dann nicht zu ändern, wenn etwa wieder magnetisches Gewölk die Fernsicht hemmen sollte.
Indessen stellte sich zunächst ein solches Gewölk nicht ein, und ungehindert schweifte der Blick vom Ätherio aus durch die Sternenwelt. Der Mars erschien, in der Ferne gesehen, wieder in seinem prachtvollen rötlichen Licht, und deutlich erkannten die Reisenden an den Polen weiße Gebiete. Hier zeigte sich der Meerschaum, ohne durch eine üppige Vegetation bedeckt zu sein, weil die klimatischen Verhältnisse hier der Pflanzenwelt nicht günstig waren.
»Die magnetischen Wolken scheinen nicht wieder zu kommen,« sagte Lesneh nach einigen Tagen, als die Fahrt inmitten klaren Himmels weiterging und bereits die Erde anfing, ihre Gestalt für den Blick der Reisenden zu vergrößern.
»Noch sind wir nicht sicher davor,« entgegnete Pratico.
»Aber mir scheint der Ätherio mit außerordentlicher Leichtigkeit dem Steuer zu gehorchen,« sagte die Prinzessin, »so daß ich hoffe, wir werden ohne Schwierigkeit auf der Erde landen.«
»Ja,« antwortete Meditor, »die Hauptsache dabei ist, daß wir imstande sind, der Anziehungskraft der Erde in hinreichendem Maße zu widerstehen, und mir kommt es auch so vor, als hätte der Mechanismus sich eingeübt, wenn ich das Wort gebrauchen darf.«
»Das liegt offenbar im Gehorsam der leblosen Dinge gegenüber dem Willen des Lebendigen,« sagte die Prinzessin.
»Wie meinen Prinzessin das?« fragte Pratico.
»Eigentlich meine ich es so, daß ich den Unterschied zwischen dem Leblosen und dem Lebenden nicht anerkenne. Mich deucht, daß alles lebendig ist.«
»Wenn ich bedenke,« sagte Meditor, »daß im Grunde genommen unsere Unterscheidung zwischen Organischem und Anorganischem hinfällig ist, so möchte ich Ihnen zustimmen, Prinzessin. Aber in welchem besondern Sinne meinen Sie es in bezug auf die Lenkbarkeit des Ätherio?«
»Ich habe wohl von Musikern gehört, daß es nicht gleichgültig für die Beschaffenheit des Instruments sei, ob ein geschickter oder ein ungeschickter Spieler, ob ein feiner Künstler oder ein bloßer Handwerker es in Gebrauch habe. Es ist ja bekannt, daß Geigen an Schönheit des Tons dadurch gewinnen, daß ein feinfühliger Künstler sie spielt. Mein Klavierlehrer in Berlin sagte mir einmal, er wollte lieber auf einem alten schlechten Klavier spielen, das einem feinsinnigen Pianisten gehört hätte, als auf einem neuen und kostbaren Flügel, der im Besitz eines gewöhnlichen Virtuosen gewesen wäre. Er meinte, daß die Instrumente Gedächtnis, Erinnerung hätten, so daß sie unter sympathischen Fingern anfingen, sich zu beleben und mit dem Wohlklang zu tönen, der ihnen in früheren Zeiten unter dem beseelten Spiel eines Meisters entströmt wäre. Und so, denke ich mir, hat der Ätherio auch von der Meisterhand eines Meditor gelernt.«
»Vergessen wir nicht Peppinos Geschicklichkeit,« sagte Meditor, bescheiden abwehrend.
Nur wenige Millionen Meilen trennten den Ätherio noch von der Erde, die in smaragdenem Glanze groß, imponierend inmitten des Himmels vor den Reisenden stand, eine Herrscherin in diesem ganzen Gebiete der Gestirne.
»Welche Kraft kann es nur gewesen sein,« sagte die Prinzessin, »die imstande gewesen ist, wie Lesneh behauptet und wie auch Sie, lieber Meditor, annehmen, von der Erde hinweg Materie so weit zu schleudern, daß sich Gestirne auf viele Millionen Meilen Entfernung daraus bilden konnten? Wenn ich die ungeheuren Räume bedenke, die wir durchfahren haben, kommt mir das wunderbar vor. Besonders der Saturn, den wir in der Nähe gesehen haben, ist doch so weit entfernt, daß man sich nicht vorstellen kann, er könnte einmal zur Erde gehört haben.«
»Gleichwohl,« entgegnete Meditor, »werden Sie, gnädigste Prinzessin, doch auch der Ansicht sein, daß er eine hohle Eiskugel ist, der ein klein wenig Tonerde und Leuzit anhaftet.«
»Allerdings.«
»Er besteht also aus Wasser und ein wenig Erde.«
»Ganz recht.«
»Beides sind Bestandteile des Planeten, zu dem wir jetzt zurückkehren.«
»Gewiß, aber welche Kraft könnte diese Bestandteile so weit weggeschleudert haben? Der Luftdruck einer vulkanischen Explosion?«
»Der Luftdruck wohl kaum. Der Luftdruck pflanzt sich in konzentrischen Kugelschalen fort und wird also nach dem Quadrat der Entfernung abgeschwächt. Es kann nur die Schleuderkraft auf ihrer geradlinigen, tangentialen Bahn gewesen sein. Und ich möchte auch nicht von einer vulkanischen Explosion sprechen, die eine solche Schleuderkraft gehabt hätte. Vulkane entwickeln keine so gewaltige Kraft.«
»Wie wollen Sie die Explosion denn bezeichnen?«
»Ich stimme mit Lesneh darin überein, daß es das Wassergas gewesen ist, das sich infolge einer Konvulsion der ganzen Erde bis zu den äußersten Grenzen des Sonnensystems verloren hat. Wir beobachten bei Kesselexplosionen, daß die Fensterscheiben sehr entfernt stehender Gebäude eingedrückt werden, die dem Explosionsherd zugewandt liegen. Und zwar können wir berechnen, daß der Luftdruck nicht so weit reichte, so daß wir die Tatsache nur aus dem Ansturm des Wassergases erklären können, das wegen seiner Leichtigkeit und Elastizität der Schleuderkraft unterliegt, ohne sich durch eigenes Schwergewicht dagegen stemmen zu können.«
»Und jene Konvulsion der Erde? Worin bestand sie?«
»Lesneh beschreibt sie in einer Weise, die mich völlig befriedigt. Er sagt, die Erde hätte damals, als die ersten Blitze der lebenerweckenden Gewitter das Knallgas der irdischen Atmosphäre entzündet hätten, einem Kessel geglichen, der zerspringen will. Er berechnet die Menge des damals auf Erden befindlichen Explosionsstoffes auf hundert Millionen Zentner Knallgas und Knallsäure. Vom Blitz entzündet, zerschmetterte das Knallgas die Knallsäure, und diese Explosion schleuderte alle überhitzten Produkte der Erde, nämlich das heiße Wasserstoffgas, das heiße Stickstoffgas, das heiße Kohlenoxyd und das heiße Wassergas in den Äther hinaus. Dabei nahmen sie aber das Dach des Maschinensaales mit, nämlich das kochende Meer mit allem darauf schwimmenden Meerschaum, mit allen Kohleninseln der westlichen Halbkugel, mit allen gekochten Walfischen, mit allem Phosphor- und Schwefelwasserstoff, die im Meere aufgelöst waren, und vielen anderen Materien, aus denen jetzt die Meteorschwärme bestehen.«
»Wenn aber das Meer davonflog, woher kommen die jetzt vorhandenen Ozeane der Erde?«
»Nur das Meer zu beiden Seiten der Kordilleren wurde hinweggerissen. Als aber nun die Erde sich exzentrisch umschwang, stürzten die Gewässer der östlichen Hemisphäre herbei und füllten das leere Bett aus. Vor jener Explosion standen die Ozeane auf Erden hundert Meter höher als heutzutage, wie man an den Spuren im Gebirge sehen kann. Die erratischen Blöcke in den europäischen Ebenen sind ein Beweis für die Wucht des heranstürmenden östlichen Wassers, das vom Ural Felsblöcke losriß und bis in die Mark Brandenburg trug.«
»Hoffentlich gelingt es uns, beim Landen auf der Erde wieder auf Wasser zu treffen,« sagte Pratico.
»Der Atlantische Ozean und der Pacifische sind so ausgedehnt,« entgegnete Meditor, »daß ich hoffe, bei unserer Ankunft in eines der beiden Meere hineinsteuern zu können.«
»Sehen Sie!« rief die Prinzessin, »wie unsere Heimat mit jeder Stunde schöner wird!«
»Schöner ist die Erde heute gewiß als zu jener Zeit, wo die entsetzlichen Umwälzungen stattfinden, von denen Meditor und Lesneh uns erzählen.«
»Sagen Sie das nicht, Pratico,« erwiderte Meditor. »Es muß vor zwanzigtausend Jahren ein großartiges Schauspiel gewesen sein. Und dann bedenken Sie die balsamische Luft nach den großen Gewittern, die herrlichen Wohlgerüche, die aus den warmen Meeren nicht allein Tiere, sondern auch Menschenkinder hervorriefen.«
»Sie bleiben also bei der Urzeugung des Menschengeschlechts?«
»Ganz gewiß. Lesneh hat mich völlig überzeugt, wo ich etwa noch schwankte. Schon Moses erzählt so, und seine Schöpfungsgeschichte wird von der Wissenschaft bestätigt. Seine im Prophetenstil gehaltenen Sätze sind mit Hilfe der Physik und der Chemie zu beweisen.«
Das wunderbare Bild der scheinbar naher rückenden Erde — denn die Reisenden verspürten keine Bewegung des im Äther rasend daherstürmenden Ätherio — nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Eine sanft dahinfließende Landkarte mit grünen Ebenen und blauen Meeren zeigte sich dem Fernrohr, und allmählich wurde der ganze Himmel im Westen von dieser Landkarte bedeckt. —
»Ist das Heimweh?« fragte freudig lächelnd die Prinzessin. »Mir klopft das Herz.«
»Wir haben wohl eben so viel geistige wie leibliche Verwandtschaft mit der Erde,« entgegnete Meditor.
»Ja, es muß so sein, denn warum ist mir zumute, als kehrte ich zum väterlichen Hause von langer Reise zurück? Warum denke ich nicht an die Gefahr?«
»Ja, Prinzessin, es ist das väterliche Haus, und oft habe ich auf dieser weiten Reise nach entfernten Planeten daran denken müssen, daß wir wohl nur ein Teil, daß wir einzelne Zellen des Erdkörpers sind.«
»Der geistvolle Fechner,« erwiderte sie, »meinte, das Menschengeschlecht sei als Gehirn der Erde zu betrachten, und sie selbst als ein Engel. So wären wir denn als einzelne Gehirnzellen der Erde in der Tat zu enge mit dem riesigen Engel verwachsen, um uns jemals im Leben oder im Tode von ihm trennen zu können.«
»Wenn das Klima auf einem andern Planeten vollkommen mit unserer Beschaffenheit übereinstimmte,« sagte Pratico, »so wäre es doch nicht undenkbar, daß ein Mensch dort leben könnte. Sehen Sie Herrn Lesneh! Er ist auf dem Wege zur Erde und wird schwerlich jemals den Rückweg zur Venus nehmen können. Wir wünschen und hoffen aber doch, daß der würdige Gelehrte sich bei uns wohl befinden wird. Dann wäre eine Zelle vom Gehirn des Engels Venus in das Gehirn des Engels Erde eingedrungen und gleicherweise könnte wohl einer von uns auf der Venus leben.«
»Ja,« entgegnete Meditor, »vielleicht ist Fechners poetisches Bild, so groß es auch ist, immer noch zu klein.«
Der Ätherio setzte seinen Flug fort, der immer mehr die Gestalt eines Falles annahm. Mit der Spitze nach unten — dem äußern Schein nach wenigstens — sauste er auf die Erde zu, und Meditor, vereint mit Peppino, steuerten auf die Mitte des Stillen Ozeans zu, indem sie zugleich die elektrische Hemmvorrichtung gebrauchten.
Sie rechneten darauf, etwa unter dem 46. Grad südlicher Breite und 140. Grad westlicher Länge, wo der Ozean zwischen 5000 und 6000 Meter Tiefe hat, in das Wasser zu fahren, sodaß der Anprall durch das Meerwasser gemildert würde. Pratico meinte, sie würden etwa 3000 Meter tief eintauchen und dann nach etwa zehn Minuten wieder emporgekommen sein.
Aber die Berechnung schlug fehl, weil sich in der Entfernung von etwa zwanzigtausend Meilen die Nacht über den sich scheinbar langsam drehenden südwestlichen Teil der Kugel legte, und so kam der Ätherio in die Gegend der Sandwichinseln.
Die Reisenden erkannten plötzlich unter sich einen roten Schein, der in dem schwach vom Monde beleuchteten weiten Meere nicht größer da lag als etwa, vom nahen Hügel gesehen, ein Kartoffelfeuer auf dem Acker, und nach wenigen Sekunden sahen sie sich ganz vom Feuer umringt, fühlten für eine unmeßbar kurze Zeit intensive Wärme, wie wenn ein heißer Hauch über sie hingestrichen wäre, und befanden sich alsdann in völliger Finsternis, umgeben von einem dumpf donnernden Rauschen.
Als die Reisenden sich von der ersten Überraschung erholt hatten und das von Peppino entzündete elektrische Licht die nötige Helligkeit zur Ortsbestimmung gab, stellte Meditor fest, daß der Ätherio sich unterhalb der östlichsten der Sandwichinseln befand und hier festlag. Er war jedoch nicht etwa zwischen Gestein festgekeilt, sondern hatte eine gewisse Bewegung, wie wenn er im Sande arbeitete. Ein Schürfen und Schieben machte sich bemerklich, wie wenn der Kristall sich mit der diamantharten Spitze durch einen weichen Grund hindurchbohren wollte.
»Ich bin mir ganz klar über unsere Landung,« sagte Meditor. »Die östlichste der Sandwichinseln trägt den Vulkan Kilauea. Dieser ist jedoch kein Vulkan wie der Ätna oder der Vesuv, sondern ein feuriger See. Es ist kein Berg mit gelegentlichen Ausbrüchen, sondern ein beständig mit glühender Lava angefüllter Krater von 400 Meter Breite und 1500 Meter Länge. Die Lava steigt oft bis zum Rande des Kraters, fällt dann aber wieder um etwa 50 Meter, sodaß man gleichsam Ebbe und Flut dieses Feuersees beobachtet, zwar nicht zu regelmäßig wiederkehrenden Zeiten, sondern unter unregelmäßigem Andrang von Wasserdämpfen aus der Tiefe. Wasserdämpfe durchbrechen dann den feurigen See, sodaß Lavazungen mit dem Wasserdampf zugleich emporlecken. Niemals zeigt sich Asche wie bei anderen Vulkanen. Wir sind in den Feuersee hinabgefahren und haben ihn glatt durchbohrt, da wir mit der Schnelligkeit von einem Kilometer in der Sekunde herankamen. Jetzt stecken wir in dem von Wasserdampf bewegten Untergrunde des Lavasees.«
»Wie ist das zu verstehen?« fragte Pratico. »Woher rührt denn der Wasserdampf? Wir müßten doch, nachdem wir die Lava durchschnitten haben, in der festen Erdrinde stecken, oder, wenn wir auch diese durchbrochen hätten, im Innern der hohlen Erde, angenommen, sie wäre hohl.«
»Ganz recht,« entgegnete Meditor, »vorausgesetzt, Ihre Voraussetzung wäre richtig.«
»Welche Voraussetzung?«
»Sie nehmen doch an, der Kilauea züngle mit seinen Flammen aus einem Becken von festem Gestein empor.«
»Jedenfalls ist der Rand des Kraters aus fester, erkalteter Lava gebildet.«
»Ja, der Rand, aber die Sohle des Beckens, der Untergrund des Sees ist nicht fest, sondern eine bewegliche Schicht. Diese Schicht, die der glühenden Lava zur Unterlage dient, mag einige hundert oder auch einige tausend Meter dick sein, und sie besteht meiner Ansicht nach aus Sand. Denn wenn sie aus Felsen bestände, wäre sie nicht beweglich.«
»Ganz gut, aber ich möchte eben wissen, woher der Wasserdampf kommt, der Ihrer Meinung nach diesen Untergrund des Kraters bewegt.«
»Der Wasserdampf ist vorhanden, daran ist nicht zu zweifeln, denn man sieht ihn aus der Lava hervordringen. Er kann nur aus dem Erdinnern kommen, und er würde die Lava wahrscheinlicherweise noch stärker bewegen, wenn nicht die sandige Unterlage seinen Druck abschwächte. Wäre diese Unterlage felsig, so würde sie entweder den Wasserdampf überhaupt nicht durchlassen, oder sie würde, falls der Druck zu stark wäre, zerspringen. Und was dann aus der Lava würde, kann man nicht genau wissen, aber jedenfalls würde sie nicht so ruhig ebben und fluten wie jetzt.«
»Es gibt noch eine andere Möglichkeit,« warf Pratico ein. »Der Boden des Kraters könnte felsig sein, aber Risse haben, wie der Erdboden auf Island oder in Böhmen, wo die heißen Quellen entspringen. Dann könnte Wasserdampf durch die Risse aufsteigen und die Lava in Bewegung setzen.«
»Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, aber beachten Sie doch nur, Freund Pratico, wie der Ätherio arbeitet. Es ist, als läge er in Triebsand und versänke, ähnlich den Fußgängern und Reitern, die am Meeresstrande auf lockern Boden gekommen sind. Allerdings sind wir von unablässigem Knirschen und Reiben umringt. Der Ätherio mag ein Gewicht von hundert Zentnern haben. Mit diesem Gewicht, die Spitze nach unten gekehrt, kann er in losem Boden weit kommen.«
»Und was nennen Sie in diesem Falle weit?«
»Er wird die Erdschale durchbohren und in das Innere des Planeten eindringen.«
Lesneh schrieb emsig an seinem Tagebuch. Er hatte dem Gespräch aufmerksam gelauscht und machte nun wieder seine Aufzeichnungen.
»Sie sind ja so fleißig, Herr Kollege,« sagte Pratico. »Selbst der Durchbruch durch die Erdenhaut hält Sie nicht auf.«
Mit leuchtenden Augen antwortete Lesneh: »Ich will meine Theorie hier auf Erden verbreiten. Hat man mich auf der Venus verkannt, so wird man auf der Erde doch gerecht und verständig sein. Hier auf diesem glücklichen Planeten, der solche Forscher wie Euch erzeugt hat, werde ich verstanden werden.«
»Wir wollen das Beste hoffen,« sagte Pratico, der den alten Herrn nicht enttäuschen wollte. »Und wir wollen ferner hoffen, daß wir noch einmal das Tageslicht wieder erblicken, um Maßregeln zur Veröffentlichung Ihres Manuskripts treffen zu können.«
,,O, der Erfolg wird unser sein! Meister Meditor wird uns wieder auf die Oberfläche führen. Aber bitte, sagen Sie mir, großer Meister, woher kommt denn die Lava, die den Krater Kilauea füllt, und wie ist es möglich, daß sie nicht erkaltet?«
»Lava ist Basaltglas,« erwiderte Meditor, »und niemals erscheint das Basaltglas ohne Wasserdampf auf der Erdoberfläche. Der als Stifter der geologischen Wissenschaft bekannte Professor Werner in Leipzig erklärte demgemäß die Entstehung des Basalts aus Wasser, sein Schüler, Leopold von Buch, aber erklärte sie aus Feuer. Beide hatten recht: das Basaltglas entsteht aus brennendem Knallgas, dieses erzeugt unter Feuererscheinung Wasser. Lava enthält immer viel Eisen, wodurch ihre Leichtflüssigkeit bedingt ist. Der Kratersee über uns enthält in seiner Lava etwa 60 Prozent Kieselerde, 20 Prozent Eisenoxyduloxyd, Tonerde und Manganoxyduloxyd, 20 Prozent Kali, Natron und Kalkerde. Das sind die am leichtesten schmelzbaren und am längsten flüssig bleibenden Mineralien. Ich vermute, daß vor zwanzigtausend Jahren, als die Erde ihre jetzige Form annahm, jenes Stück PorphyrGlasfluß, das zwischen den Anden und den Rocky Mountains fehlt, hierher geströmt ist. Dieses Stück wird flüssig erhalten durch elektrolytisch erzeugtes Knallgas unter dem Kratersee.«
»Dann müßten wir verbrennen,« sagte Pratico.
»Wir sind sehr schnell hindurchgefahren und stecken im nassen Sande,« entgegnete Meditor. »Übrigens hört das Knirschen jetzt auf, und wenn mich nicht alles täuscht, so werden wir binnen kurzem die Eierschale durchbrochen haben und im Innern sein.«
»Im Eiweiß oder im Dotter?« fragte Pratico, den der Vorgang nervös machte.
»Wir werden es erfahren,« sagte die Prinzessin mit einem strengen Blick, vor dem Pratico die Lust zu ferneren Scherzen verging.
Peppino hatte während der weiten Reise durch vielfältige Übung und Erfahrung eine solche Geschicklichkeit im Handhaben der treibenden und hemmenden Kräfte des Ätherio erworben, daß es ihm jetzt auf Meditors Anweisung gelang, unter Berechnung der nun im Erdinnern eingetretenen Fallgesetze und elektrischen Strömungen eine Schnelligkeit von 50 Metern in der Sekunde einzuhalten. Aber es war unmöglich, einer neu auftretenden Kraft entgegenzuwirken, die alsbald, nachdem der feuchte Sand durchbrochen war, den Ätherio empfing. Die Reisenden fühlten, obwohl sie es nicht sehen konnten, daß ein Strom von heißem Wasser den Ätherio aufgenommen hatte und ihn wie ein Schiffchen trug.
Ganz übermächtig erschien die Gewalt des Stromes, und es brauste und donnerte um die Reisenden so laut, daß sie sich nur mit Mühe einander verständlich machen konnten. Es war dasselbe Geräusch, das sie bereits gehört hatten, als sie unterhalb des Lavasees den Sand durchbohrten. Nur war es jetzt um vieles stärker. Der Ätherio hatte die dünne Wand durchbrochen, die sie von dem heißen Strome trennte, und nun waren sie inmitten seiner Fluten, ohne zu wissen, woher sie kamen, noch wohin sie gingen. Als ein leuchtender Punkt schwammen sie in einem dunkeln Meere, denn der Ätherio war von innen erleuchtet, aber um ihn her war alles finster. Wie ein Glühwürmchen, das ertrinken muß, konnte der dahingetriebene Kristall den Geistern der Tiefe erscheinen.
Aber nicht lange dauerte die Fahrt in der Nacht. Plötzlich zerriß ein Blitz die Schleier der Finsternis, und in schwefelgelbem Licht glänzten die Wogen des unterirdischen Meeres, das brausend seine Bahn verfolgte. Ein stärkeres Donnern und wildes Aufkochen des Wassers folgten dem Blitz, in unaufhörlicher Reihe zuckten unzählige Blitze auf und ein wildes Getöse von Donnerschlägen umbrüllte das rasend einhergetriebene kristallene Schiff. Die ringsum emporzischenden Wogen erschienen als ebensoviele Feuerberge, von innerm Glühen erfüllt und mit flammenden Kämmen.
Es war unmöglich, ein verständliches Wort im Innern des Ätherio hervorzubringen. Die Prinzessin saß mit blassem, aber gefaßtem Gesicht im Salon, der ja dank der Technik Peppinos in seinen Bewegungen stets dem Wasser in der Wasserwage glich und selbst bei völliger Umdrehung der kristallenen Form des Fahrzeuges nicht auf den Kopf gestellt wurde, sondern seine Lage beibehielt. Mit zusammengebissenen Zähnen saß Doktor Pratico neben ihr und trank von Zeit zu Zeit ein Glas Kognak. Lesneh schrieb an seinen Memoiren und ließ sich dabei durch keine Gefahr aus der Arbeit bringen. Meditor aber stieg zum Dache empor, um sich mit Peppino zu verständigen.
Seiner Ansicht nach war der Ätherio in einen Strom gekommen, der im Erdinnern durch den eindringenden Ozean erzeugt wurde. Meditor sah die schlimmste Gefahr darin, daß der Ätherio bei seiner jetzigen Fahrt gegen einen Felsvorsprung geschleudert werden könnte, der etwa in das Erdinnere hereinragte. Dann wurde der Kristall zerschmettert und die Reisenden mußten umkommen. Keine Kunde von den merkwürdigen Erlebnissen der schönen Prinzessin und ihrer treuen Begleiter würde dann jemals zur Kenntnis der Menschen kommen, unbekannt mußten die Memoiren des Venussohnes bleiben. Die Leichen der kühnen Weltfahrer würden allmählich aufgelöst und zerrieben werden im tosenden Strome, falls nicht etwa Teile von ihnen im Geyser auf Island oder auf Stromboli oder im Karlsbader Sprudel wieder auf die Oberfläche der Erde geworfen wurden.
Meditor verständigte sich durch Zeichen mit Peppino, und alsbald gab dieser dem Ätherio die Richtung auf den Mittelpunkt der Erde und den stärksten elektrischen Antrieb, dessen die Maschine fähig war. Gleich einem edlen Rosse bäumte sich der Ätherio auf und begann den Kampf mit der rasenden Strömung. Zischend und krachend schlug das Wasser an die kristallenen Wände, und einige Sekunden lang hegte Meditor die Befürchtung, daß der Ätherio dem Anprall nicht widerstehen könnte. Aber er hielt es aus. Jetzt hatte er gesiegt und pfeilschnell bohrte er sich seinen Weg nach dem Innern. Sobald aber der seitwärts treibende Andrang des Wassers nachließ, verringerte Peppino die Kraft des elektrischen Stromes.
Nach und nach hörte das donnernde Brausen auf, jetzt erscholl es nur noch von fern, die Gewässer verliefen sich, und plötzlich war der Ätherio von einer ruhigen Klarheit umflossen.
»Wir sind bis zur Region des Äthers durchgedrungen,« sagte Meditor freudig zur Prinzessin.
»Des Äthers?« fragte sie. »Doch ja, ich verstehe Sie. Der Äther erfüllt nicht nur den Raum, worin die Planeten kreisen, sondern auch das Innere der Planeten.«
»Freilich,« rief Lesneh begeistert. »Das ist ja die Theorie, die ich vergeblich auf der Venus vertreten habe. Äther erfüllt die Venus, wie er die Erde ersfüllt.«
»Wirklich,« sagte Pratico, »die GlobusFabrikanten wissen selbst nicht, wie richtig sie arbeiten, wenn sie hohle Kugeln aus Holz oder Papiermachee herstellen und mit Karten bekleben. Sie machen das so, weil es billiger ist als die Herstellung einer massiven Kugel, und weil die hohle Kugel sich leichter als eine massive auf dem Gestell bewegen und drehen läßt, aber sie denken nicht daran, daß sie auf diese Weise ein ganz zutreffendes Bild der Erde geben, die sich ja auch nicht so leicht drehen ließe und so schnell nm die Sonne kreiste, wenn sie massiv wäre.«
»So sind wir in der Gegend,« sagte nachdenklich die Prinzessin, »die von den Alten Hades genannt wurde, und wirklich sind wir auf einem Strome getrieben worden, bevor wir hierher gelangten. Die Alten scheinen eine Ahnung gehabt zu haben, daß der Ozean sich in das Erdinnere ergießt.«
»Sonderbar,« sagte Pratico, »daß alle Vorstellungen von der Unterwelt sich mit denen des Feuers verbinden. Was die Spätern Hölle genannt haben, ist doch der alte Hades, und in der Hölle brennen nach mittelalterlichen Ideen die Seelen der Verdammten.«
»Das Einfachste ist so schwer zu begreifen,« sagte die Prinzessin. »Daß die Hölle gleich dem Himmel in ihrer eigenen Brust liegt, das leuchtet nicht allen armen Menschenkindern ein.«
Der Ätherio tauchte mit ständig steigender Geschwindigkeit in das Innere der Erde ein, indem er dem Gesetze der Gravitation folgte. Als er aber den Mittelpunkt der Erde erreicht hatte, blieb er nach kurzem Auf- und Niederschießen ruhig stehen. Er ruhte nun unbeweglich, die Spitze dem Nordpol zugekehrt, in der leuchtenden Stille. Abgesehen von dem Wege, den er als zur Erde gehörig um die Sonne zurücklegte, war keinerlei Bewegung an ihm wahrnehmbar.
»Dies wäre ein schöner Zufluchtsort für einen Mann, der seinen Studien ungestört obliegen möchte,« sagte Pratico. »Stiller kann es wohl nirgends sein. Im Segelschiffe auf dem Wasser plätschert auch bei ruhigem Wetter die Welle am Kiel, im Walde hört man den Wind in den Zweigen und die Stimmen der Vögel, selbst in der Wüste erzeugen die Bewegung der Luft und der Austausch von Kälte und Wärme mannigfache Geräusche und bringen Felsen und Sand zum Tönen. Aber hier im Mittelpunkt der Erde hört jedes Geräusch auf, hier ruht alles, und selbst die Magnetnadel im Kompaß arbeitet nicht mehr.«
Kaum hatte Pratico so gesprochen, als ein langhin hallender Donner erscholl. »Ein Erdbeben!« rief er. »So ist denn nirgends Ruhe, weder auf der Erde noch im Himmel.«
Die Klarheit des Äthers blieb unverändert. Es war, als ob eine elektrische Bogenlampe mit ihrem weißen Licht den Riesenkuppelsaal des Erdinnern erleuchtete. Nur daß der Kuppelsaal rundum Kuppel war, ähnlich dem Pantheon in Rom, das vom Architekten als Kugel gedacht war, aber als eine Kugel, deren untere Hälfte im Erdboden steckt, während nur die obere Hälfte wirklich erbaut wurde. Hier war die Kugel vollkommen, und auch nirgends war ein Platz zu entdecken, wo das Licht befestigt gewesen wäre, sondern überall strahlte die ruhige Helligkeit.
»Dieses Licht ist magnetischer Art,« sagte Meditor, »ähnlich dem Licht, das wir durch raschen Flug im Himmel erzeugten. Hier entsteht es durch den Druck, den der Äther inmitten der Erdenschale erleidet. Denn der Äther rund um uns her ist offenbar nicht dünn, wie in den Himmelsräumen, sondern kondensiert. Die Wölbung der Erde würde wohl, bei ungleicher Schichtung der Felsenmassen, einstürzen, wenn nicht der Äther, stark verdichtet und gespannt, sie trüge. Der Äther möchte entfliehen, die Erdenschale durchbrechen und sich mit dem himmlischen Äther vereinigen. Doch die starke Rinde hält ihn zurück und wird selbst ausgedehnt und in Spannung erhalten durch den Druck von innen.«
»So halten Sie den Äther für die Ursache der Erdbeben?« fragte Pratico.
»Nein. Ein von diesem Äther verursachtes Erdbeben würde die Erde sprengen. Die fleißigen Forscher von Seebach und von Lasaulx haben schon nachgewiesen, daß die Tiefen der Erdbebenzentren unbedeutend sind. Die Ursache der Erschütterung hat niemals tiefer als 39 Kilometer gelegen, wenn man ihren Berechnungen glauben darf. Meiner Meinung nach kann man dieselben nur teilweise als richtig annehmen, denn auch die Tiefe von 39 Kilometer ist viel zu groß berechnet. Ich glaube nicht, daß die Ursache des Erdbebens jemals tiefer liegt als 15 Kilometer unter der Erdbodenfläche. Das Erdbeben entsteht jedesmal infolge lokaler Explosionen, die eine Folge chemischer Vorgänge sind und meistens mit dem Eindringen von Wasser in Hohlräume der Erdrinde zusammenhängen. Alle Vulkane werfen mit ihrer Lava auch die Produkte der Verbindungen des Wasserstoffs mit Schwefeleisen und Chloreisen aus, auch Schwefel, Kohlensäure und Borsäure. Unterscheiden wir doch Fumarolen, bei denen Borsäure hervordringt, von Mofetten, die Kohlensäure emporschleudern, und von Solfataren, die Schwefel, Schwefelwasserstoff oder schweflige Säure speien. Wo aber die Ventile der Vulkane nicht genügen, die Explosionsstoffe hinauszuschaffen, da wird die Erdrinde weithin von ihnen erschüttert, und das dumpfe Rollen zeigt den Forschern schon seit langem, daß die Erde hohl ist, denn in einem massiven Körper gibt es keinen Klang und Widerhall.«
»Ganz schön,« sagte Pratico, »aber da wir doch nicht immer hier im Mittelpunkte der Erde bleiben können, so möchte ich wohl wissen, lieber Meditor, auf welche Weise Sie uns wieder an die Oberfläche zu bringen gedenken.«
»Ja,« rief Lesneh, dessen Augen in heller Begeisterung strahlten, »das große Ziel ist erreicht. Wir haben den Beweis für die Richtigkeit meiner Theorie erbracht. Nun wollen wir auf die Oberfläche dieses gesegneten Planeten zurückkehren und eine Schrift drucken lassen, die allen Professoren die Augen öffnet.«
»Ja, teurer Lesneh,« sagte Pratico, »das ist ja sehr wünschenswert, aber wie denken Sie sich denn den Rückweg?«
»Ich habe keine Ahnung, wie das zu machen sein wird,« antwortete Lesneh, »aber ich vertraue auf unseres Meisters Erfindungsgabe, Scharfsinn und Kunst.«
Die Prinzessin nickte dem alten Gelehrten von der Venus freundlich zu.
»Dieser Beweis Ihres Vertrauens schmeichelt mir, aber drückt mich auch nieder,« sagte Meditor, »denn ich weiß durchaus nicht, auf welche Weise wir zurückkehren könnten. Wir sind wiederum, wie schon mehrere Male während unserer Reise, auf unser gutes Glück angewiesen.«
»Sagen Sie: auf die Vorsehung!« warf die Prinzessin ein.
»Könnten wir denn nicht,« fragte Lesneh, »auf demselben Wege zurückkehren, auf dem wir gekommen sind?«
»Was ist das für ein Weg?« fragte Pratico.
»Nun, wir steigen auf, bis wir wieder in den Wasserstrom gelangen und folgen ihm, bis wir zu der Stelle gelangen, wo er in die Erde eindringt.«
»Da müßten wir gegen den Strom schwimmen, und das ist noch niemandem gut bekommen,« entgegnete Pratico.
»Auch ich halte das für unausführbar,« sagte Meditor. »Es ist fraglich, ob wir das Gewässer wiederfinden würden, unmöglich, ihm bis zur Stelle des Eindringens entgegenzuarbeiten.«
»Wenn wirklich, wie Sie sagen, verdichteter Äther von innen die Erdwölbung spannt und stützt,« sagte Pratico, »so begreife ich nur nicht, wie Meerwasser eindringen kann. Der Druck von innen müßte doch jedes Einströmen verhindern, jede Spalte in der Erdrinde hermetisch verschließen.«
»Vergessen Sie nicht die Schwerkraft, die einsaugend wirkt,« sagte Meditor. »Jeder feste und auch jeder flüssige Gegenstand auf Erden möchte in den Mittelpunkt der Erde stürzen. So wird denn wohl an dünnen und lockern Stellen der Erdrinde das Meerwasser eingesogen, obwohl ein Druck von innen, nämlich der Druck des gespannten Wasserstoffgases, der Anziehungskraft entgegenwirkt; er verhindert das eingedrungene Wasser daran, bis in die Tiefen, bis zum Erdmittelpunkt zu fallen, und so treibt es sich, immer dem stärksten Antrieb folgend, innerhalb der Erdrinde umher und kommt an vielen Orten wieder auf der Oberfläche zum Vorschein.«
»Und in welcher Weise also,« fragte Pratico, »denken Sie unter diesen Umständen unsern Ätherio wieder an die Außenseite des Ballons Erde zu bringen? Denn das ist für uns wohl ohne Zweifel die wichtigste Frage, da wir unmöglich für immer hier im Mittelpunkt der Erde schweben bleiben können.«
»Das kann ich selbst auch nicht sagen, Freund Pratico. Ich sehe keinen andern Weg als den, hinanzusteigen bis an die innere Wandung der Erde und dann tastend nach einem Ausweg zu suchen, durch irgendeine Spalte, einen Ritz, durch einen erloschenen Vulkan oder wo sich sonst eine gute Gelegenheit finden wird.«
»Meine Herren,« sagte Prinzessin Fantasia, »wir haben eine lange Reise hinter uns, die uns so viele Gefahren gebracht hat, daß wir sie ohne die Wunder göttlicher Gnade nicht hätten überstehen können. Wir haben einen Blick in die Beschaffenheit des Sonnensystems tun können, wir haben erkannt, daß wir Sonnenkinder sind und daß unsere Mutter Erde wiederum andere Planeten erzeugt hat. Der Mars besteht aus dem Meerschaum, den eine Erdrevolution ins Weltall geschleudert hat, zu derselben Zeit, als ein Ozean der Erde sich in noch größerer Entfernung zu den Riesentropfen Saturn, Jupiter, Uranus und Neptun bildete. Wir haben uns überzeugt, daß die Venus unsere Schwester ist, die sich von uns getrennt hat, als der Komet, dessen Kopf wir waren, sich zu verschiedenartigen Gestirnen auflöste und zusammenballte. So können wir unsere Reise als beendet ansehen, und es bleibt, nachdem wir nun auch bis zum Mittelpunkt der Erde gelangt sind, nichts mehr übrig, als zurückzukehren. Die wissenschaftliche Aufgabe, die wir uns gestellt haben, ist gelöst, und ich zweifle nicht, daß Gott, der aller Wissenschaft Ursache und Zweck ist, uns diese Rückkehr ermöglichen wird. — —«
Ein wundervolles Land ist das am oberen Lauf des Sambesi liegende ehemalige Reich der Matabele. Die Oberfläche der Erde ernährt in Fülle allerhand Wald und die Viehherden der Farmer, sie trägt reiche Äcker, die auch ohne Düngung Weizen, Mais und alle Arten von Feldfrüchten hervorbringen, Gärten voll der köstlichsten Obstbäume. Aber auch unter der Oberfläche liegen reiche Schätze an Kohlen und allerhand Metallen, namentlich an Gold.
Deshalb war auch das schöne und reiche Land ringsum von Engländern bewohnt, die hier Landsitze hatten. Die meisten waren mit Ackerbau, Viehzucht und Bergbau beschäftigt, aber an den schönsten Plätzen erhoben sich Schlösser und Villen reicher und vornehmer Leute, die ihre eigenen Luftschiffe zur Verfügung hatten, um zur Saison nach London zu fahren, während sie sonst das ganze Jahr hindurch das herrliche südafrikanische Klima genossen.
In der Nähe eines der vielen Nebenflüsse des Sambesi lag inmitten grüner Weiden, wo Rinder englischer Zucht unter der Aufsicht schwarzer Hirten ihr Futter fanden, eine kreisförmige öde Strecke. Hier hatte es niemals gelohnt, zu säen, und hier fand sich auch kein Weidegrund. Der Boden hatte sich als unfruchtbar erwiesen. Da sahen eines Morgens die Neger eine merkwürdige Begebenheit. Inmitten der öden Strecke fing der Erdboden an sich zu bewegen und zu heben, gleich als ob ein riesiger Maulwurf dort wühlte. Und bald darauf erschien eine glänzende Spitze, die sich wie ein Bohrer drehte, in der aufgewühlten Erde.
Die schwarzen Hirten schrien laut: »Morimo! Morimo!«, womit sie sagen wollten, daß eine dämonische Macht ihnen Gefahr drohe, und trieben die gleichfalls erschrockene Herde eiligst aus der Nähe der unheimlichen Erscheinung. Die glänzende Spitze aber bohrte weiter und erhob sich immer mehr, nach kurzer Zeit tauchte der Ätherio in seiner ganzen Größe und funkelnden Pracht aus dem Erdboden auf und ließ sich neben der trichterförmigen Öffnung nieder, die er hervorgebracht hatte.
Dann öffnete sich die Tür des Ätherio, und, mit Wonne atmend, traten nach und nach Signor Peppino, Prinzessin Fantasia, Meditor, Pratico und Lesneh aus dem Kristall hervor, blickten umher und drückten einander die Hände, um sich Glück zu wünschen.
»Wo sind wir?« fragte Prinzessin Fantasia.
»Ich kann es nicht sagen,« antwortete Meditor, »ich muß erst meine Berechnungen sprechen lassen. Doch ein wunderschönes Land ist dies.«
»Jedes Land muß uns wohl prächtig vorkommen,« sagte Pratico, »nachdem wir so lange im Hades geweilt haben.«
,,Also ist dies die Erde!« rief Lesneh begeistert. »O, ich habe nicht zu viel erwartet, dies ist ein herrlicher Planet! Diese wonnige Luft, dieses klare Licht!«
Lesneh hatte auf Rat Praticos die Reisezeit dazu benutzt, Englisch zu lernen, als die auf der Erde nützlichste, weil verbreitetste Sprache.
Meditor holte seine Meßinstrumente aus dem Ätherio hervor, während die Prinzessin mit strahlendem Antlitz auf- und niederging, froh, daß sie ihre Füße wieder auf irdischen Rasen setzen und eine heilsame Bewegung haben konnte nach langer wissenschaftlicher Gefangenschaft. Lesneh ging ebenfalls umher, merkte jedoch eine gewisse Schwere in den Beinen, weil für seine Natur die Anziehungskraft der Erde etwas zu stark war. Peppino holte das Madonnenbild hervor und sprach ein kurzes Dankgebet für seine Rettung.
Pratico beschäftigte sich anders. Er hatte die öde Stelle, die der Ätherio durchbrochen hatte und die etwa tausend Schritt im Umfang groß war, nicht verlassen. Der Ort selbst und die trichterförmige Öffnung fesselten seine Aufmerksamkeit so sehr, daß er der Prinzessin bei ihrem Spaziergange auf dem grünen Rasen nicht folgte
Er fing an, mit den Händen in der vom Ätherio aufgeworfenen Tonerde, die eine bläuliche Farbe hatte, herumzuwühlen, und er wurde dabei so eifrig, daß er eine Anrede Meditors überhörte. Zuerst steckte Pratico mehrere harte Gegenstände, die er in dem blauen Grunde gefunden hatte, in die Tasche, dann holte er seinen Wäschesack aus dem Schlafzimmer und begann ihn zu füllen.
»Aber was machen Sie denn nur?« fragte Meditor, der herangetreten war und ihm die Hand auf die Schulter legte.
Pratico sah auf und heftete einen fremden, beinahe verstörten Blick auf den Gefährten. »Sehen Sie dies!« sagte er und hielt Meditor einen Stein vor die Augen.
Meditor betrachtete den Stein und betastete ihn. »Ein Diamant!« rief er erstaunt.
Pratico lachte auf. Sein Lachen hatte einen wilden Ton. »Ich bin der Entdecker,« sagte er. »Ich wahre alle meine Rechte auf diesen Platz. Welche Regierung hier auch sein mag, sie muß mein Recht auf diese Mine anerkennen.«
»Es wird die englische Regierung sein, denn wir sind in Südafrika,« entgegnete Meditor, »aber ich muß mich billig wundern, Freund Pratico, daß ein Mann der Wissenschaft wie Sie in diesem Augenblick so ganz hingenommen sein kann vom Funde elender Diamanten.«
»Elende Diamanten!« rief Pratico höhnisch. »Ich habe da in meinem Wäschesack für mindestens hunderttausend Pfund Sterling. Es ist ein Stein darunter, der ungeschliffen seine sechshundert bis siebenhundert Karat wiegt und ganz unschätzbar ist.«
»Reichtum! Reichtum! O, mein Freund, ich bedaure Sie. Diese Diamanten ersticken in Ihnen die Liebe zur Wissenschaft.«
»Binsenweisheit,« sagte Pratico verächtlich. »Was habe ich denn vom Leben? In der Liebe habe ich kein Glück.«
»Welche Liebe meinen Sie?« fragte Meditor verwundert, »Ich dächte doch, Sie könnten jetzt das merkwürdigste Buch schreiben.«
»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Pratico, indem er von neuem Diamanten in den Sack warf.
Kopfschüttelnd entfernte sich Meditor und schritt der Prinzessin zu, die leichten, elastischen Ganges sich des Daseins auf Erden freute und mit tiefen Atemzügen nicht allein die Luft, sondern auch das belebende Licht einsaugen zu wollen schien.
Meditor stattete der Prinzessin Bericht über das Ergebnis seiner Messungen ab, als ein schneller, von vier Zebras gezogener Wagen herankam.
Ein Herr lenkte die Tiere vom Bock, und ein Diener saß hinter ihm. Der Wagen hielt in der Nähe, und als nun der Herr die Prinzessin sah, wurde er so betroffen von ihrer aristokratischen Erscheinung, daß er absprang, dem Diener die Zügel zuwarf und mit abgezogenem Hut ehrfurchtsvoll vor sie trat. Er war ein stattlich aussehender Mann in Sportkostüm mit bartlosem Gesicht von energischen Zügen.
Er redete die Prinzessin englisch an, sagte, er hätte von seinem Verwalter gehört, eine ungewöhnliche Begebenheit sei in dieser Gegend vorgefallen, sodaß die Hirten geflohen wären, und stellte sich als Lord Privilege vor.
»Ah, Lord Privilege,« sagte die Prinzessin. »Ich kenne den Namen. Die Privileges haben seit langer Zeit eine große Rolle in der englischen Geschichte gespielt.«
»Ich bin stolz darauf, daß Sie meinen Namen kennen,« antwortete der Lord, indem er die Prinzessin mit unverhohlener Bewunderung betrachtete. »Darf ich fragen, woher Sie kommen und wie Sie Ihre Reise hierher gemacht haben? Ich sehe weder Wagen, noch Automobil, noch Luftschiff.«
»Sehen Sie dort, Mylord,« sagte lächelnd die Prinzessin, nach dem Ätherio weisend. »Das ist unser Luftschiff.«
»In der Tat, ich habe schon von weitem dieses glänzende Gebäude entdeckt,« sagte der Lord. »Es scheint eine neue Erfindung zu sein.«
»Dieser Herr hat es gebaut,« sprach sie, auf Meditor weisend.
Mit einemmale erhob sich der Ätherio, der mehr als einen Kilometer weit entfernt war, und kam in sanft geschwungenem Bogen herangeflogen. Pratico hatte die Equipage bemerkt und war, weil er die Annäherung von Fremden an die Diamantmine fürchtete, mit Peppino und Lesneh emporgestiegen. Der Ätherio senkte sich neben der Prinzessin nieder, und die drei Männer stiegen aus.
Der Lord ließ sein Erstaunen nicht merken. Die Gewohnheit, nichts zu bewundern, beherrschte ihn, und er blieb äußerlich gelassen, obwohl er in höchstem Maße interessiert war. Er hatte so etwas nie gesehen, er begriff nicht, wie so etwas möglich war, beschloß aber, um jeden Preis hinter das Geheimnis zu kommen. »Sehr hübsch,« sagte er, »ein sehr hübsche Erfindung. Hatten Sie eine angenehme Überfahrt?«
»Sehr angenehm,« sagte die Prinzessin.
»Wollen Sie das Frühstück mit mir nehmen?« fragte der Lord. »Mein Haus ist in der Nähe.«
,,Mit Vergnügen,« sagte die Prinzessin.
»Mein Wagen steht zu Ihrer Verfügung, gnädige Frau!«
Die Prinzessin nahm im Wagen Platz, und nach ihr stiegen Meditor und Lesneh ein, während Pratico und Peppino beim Ätherio blieben. Auf Wunsch des Lords sollte der merkwürdige Kristall, den der Lord näher kennen zu lernen brannte, nach seinem Landsitz gebracht werden.
Das Zebragespann eilte dahin, vom Lord selbst geleitet, die Prinzessin saß neben ihm auf dem Bock.
Pratico schaute starren Blicks auf Peppino. Er war wieder auf sicherm Erdboden, er besaß einen Sack voll Diamanten, er kannte die Lage der noch von keinem Unternehmer entdeckten Grube, er konnte fliegen, wohin er wollte. Er wunderte sich über Peppino, der die Diamanten doch auch gesehen hatte, aber scheinbar ungerührt blieb. Pratico konnte den Ätherio nicht allein lenken, er bedurfte der Hilfe des Neapolitaners. Wie, wenn er Peppino bewog, mit ihm davonzugehen? Er konnte mit ihm nach Neapel fliegen, die Heimat mußte doch etwas Anziehendes für Peppino haben. Und dann konnte er selbst als reicher Mann tun, was er wollte. Er entging der Qual der Eifersucht, er konnte alle seine Wünsche und Neigungen befriedigen, leben, wo es ihm gefiel, und seine Liebe zur Prinzessin Fantasia betäuben und vergessen.
Indem er darüber nachdachte, starrte er Peppino so lange an, daß dieser schließlich verwundert nach der Ursache fragte und hinzufügte: »Es ist Zeit, dem Wagen zu folgen, er ist schon nicht mehr zu sehen. Aber wenn wir aufsteigen, werden wir entdecken, wo er ist, und wir können immer noch ebenso früh ankommen, wie die Prinzessin.«
»Sie wollen der Prinzessin also fernerhin folgen?« fragte Pratico.
Ganz erstaunt sah Peppino ihn an. »Wie meinen Eure Exzellenz?« fragte er.
»Nun, ich wundere mich, daß Sie noch nicht genug von der Reise haben. Wer weiß, ob die Prinzessin nicht von neuem in das Weltall emporfliegen und vielleicht andere Sonnensysteme kennen lernen will.«
»Aber, Exzellenz, wenn die Prinzessin das will,« rief der Neapolitaner mit blitzenden Augen, ,,so werde ich glücklich sein, den Ätherio auch fernerhin in ihren Diensten steuern zu dürfen. Ich habe weiter keinen Wunsch als den, der erhabenen Dame zu dienen, und ich würde glücklich sein, mein Leben für die schöne und gütige Fürstin opfern zu dürfen.«
Tief getroffen von diesen Worten des einfachen Mannes, den er zwar für einen tüchtigen Mechaniker, aber für nichts anderes gehalten hatte, sah Pratico ihm in die Augen und dann vor sich hin. Wie? Er bildete sich ein, die Prinzessin zu lieben, und wurde von diesem Mietling aus Neapel an edlen Gefühlen und reiner Gesinnung übertroffen? Auch der deutsche Arzt erwachte in ihm. Wie? Er war Leibarzt der Prinzessin, und er hatte nur einen Augenblick daran denken können, sie ohne Erlaubnis zu verlassen? »Kommen Sie!« sagte er zu Peppino. »Sie haben scharfe Augen. Lassen Sie den Ätherio aufsteigen und den Zebras folgen.«
Währenddessen hatte der Lord seine Gäste zu seinem Schlosse gefahren und allerhand Gedanken in seinem Kopfe umhergewälzt. Er wußte nicht, wer die merkwürdigen Fremden waren. Die Prinzessin hatte durchaus fürstliche Gewohnheiten, und als Lord Privilege sich ihr vorstellte, lag es ihr fern, auch ihrerseits ihren Namen zu nennen. Und da sie nicht sagte, wer sie war, hatte auch Meditor keine Veranlassung, sich zu nennen, von Lesneh gar nicht zu reden, der die irdischen Höflichkeiten nicht kannte und das Benehmen Meditors und Praticos nachahmte.
Lord Privilege aber war vom ersten Augenblick an überzeugt, daß er einer vornehmen Dame begegnet war.
Sein gesellschaftlicher Instinkt täuschte ihn nicht. So wie Prinzessin Fantasia konnte sich nur eine Dame der besten Gesellschaft bewegen. Aber wer sie war, das ahnte er nicht. Er glaubte, sie wäre eine reiche Sportdame, und hoffte, sie würde ihm den Kristall Ätherio verkaufen. Er besaß alles, was Geld verschaffen kann, Pferde und Wagen, Automobile und Luftschiffe neuester Konstruktion, eine Jacht auf dem Meere, Schlösser in England und Afrika, aber ein Fahrzeug wie der Ätherio fehlte ihm.
Nachdem er seinen Gästen ihre Zimmer hatte anweisen lassen, betrachtete er den im Schloßhofe angelangten Ätherio von allen Seiten und hatte auch große Lust, hineinzutreten und die Konstruktion zu untersuchen. Aber Pratico erlaubte das nicht und machte den Lord darauf aufmerksam, daß der Kristall unnahbar war, indem er elektrische Schläge austeilte. Pratico fürchtete für seinen Sack voll Diamanten.
Lord Prtvilege wurde dadurch immer eifriger, seine Neugier wurde fieberhaft, und nach der Mahlzeit machte er der Prinzessin ein Angebot. Er war mit ihr allein in einem hochgelegenen Zimmer, von wo sich eine schöne Aussicht über den Park bot.
»Gnädige Frau,« sagte er, »ich möchte gern Ihr Luftschiff besitzen. Wenn Sie es mir überlassen wollen, so zahle ich Ihnen hunderttausend Pfund dafür.«
»Mylord,« entgegnete sie, »ich habe nicht die Absicht, das Luftschiff zu verkaufen.«
»Ich zahle Ihnen zweihunderttausend Pfund.«
Die Prinzessin lächelte. »Ich sagte Ihnen schon, Mylord, daß ich es nicht verkaufen will.«
Der Lord überlegte einen Augenblick. »Ich nehme an,« sagte er, »daß das Luftschiff Ihr Eigentum ist.«
»Es ist von einem Manne erbaut worden, den ich so hoch verehre, daß ich sein Kunstwerk niemals verkaufen werde, obwohl ich es als mein Eigentum betrachten kann.«
»Ist es der Mann mit dem dicken Kopfe?«
»Ja, es ist mein Freund Meditor, der den Ätherio erbaut hat.«
»Er ist Ihr Freund? Aber Sie sind nicht mit ihm verheiratet?«
»Nein, ich bin nicht verheiratet.«
»Und die andern Männer, das sind auch Ihre Freunde?«
Die Prinzessin ward belästigt durch das Examen, das Lord Privilege mit ihr anstellte. »Der andere Herr, der Doktor Pratico, ist mein Arzt. Der starke, breitschulterige, Peppino, ist ein Mechaniker aus Neapel, und der alte Herr ist ein Gelehrter von der Venus.«
»Sie sagen von der Venus? Was wollen Sie damit sagen? Ich verstehe Sie nicht.«
»Als wir die Venus besuchten, schloß sich der Herr, dessen Name Lesneh ist, als Reisegefährte an. Er ist ein Forscher, der wundervolle Entdeckungen über die Natur des Sonnensystems gemacht hat.«
»Sie sind auf dem Planeten Venus gewesen?«
»Ja, und wir haben auch noch andere Planeten besucht. Gerade jetzt kommen wir aus dem Innern der Erde.«
Lord Privilege sprang auf. Seine gewohnte Selbstbeherrschung gab nach, und beinahe wäre er in Aufregung geraten. Es zuckte um seinen Mund, als er jetzt sagte: »Wollen Sie mir die Ehre erweisen, Lady Privilege zu werden?«
Abweisend und doch sanft entgegnete Prinzessin Fantasia: »Mylord, ich habe nicht die Absicht zu heiraten. Ich danke Ihnen, ich weiß Ihren Antrag zu schätzen, aber ich will mich niemals an einen Gatten binden, sondern frei bleiben.«
Ganz verwirrt blickte der Lord in das stolze Antlitz, das er jetzt noch schöner fand als vorher. »Darf ich Sie fragen, wer Sie sind?« stammelte er.
»Es ist kein Geheimnis,« entgegnete sie, »ich bin eine deutsche Prinzessin und heiße Fantasia.«
,,Ich bitte um Verzeihung,« sagte der Lord mit tiefer Verbeugung, wollen Eure Gnaden mir auch mitteilen, aus welcher hohen Familie?«
»Ich bin aus königlichem Blut, aber ich habe Gründe, keine näheren Mitteilungen zu machen.«
»Ich bitte Eure Königliche Hoheit um Verzeihung, daß ich gewagt habe, ...«
»Nicht meine Königliche Hoheit ist es, die mich verhindert, Ihren Antrag anzunehmen, Mylord, sondern ich habe andere Gründe, und diese genügen mir, um niemals zu heiraten. Ich bin eine Freundin der Wissenschaft, ich liebe die Wahrheit, die aller Wissenschaft Ziel und Ursache ist. Wer aber die Wahrheit liebt, der muß frei sein. Mein Lebenselement ist die Freiheit. Bin ich frei, durch keine Fessel gebunden und beschwert, so schwinge ich mich empor zu den Sternen und sehe die Wahrheit. Darum bin ich die Freundin nicht nur der Poeten, sondern auch der Männer der Wissenschaft, die ja Poeten sind, insofern sie ahnen und schaffen.«
Lord Privilege verstand nur unvollkommen, aber was er verstand, das genügte ihm, sich demütig zurückzuziehen. Aber er beschloß, da er weder den wunderbaren Kristall noch die Prinzessin selbst gewinnen konnte, der ergebene Freund und Diener dieser herrlichen Erscheinung zu werden. Zu diesem Zweck trachtete er danach, die Prinzessin in seiner Nähe zu behalten.
Als einflußreicher Mann verschaffte er dem Doktor Pratico von der Regierung die Erlaubnis zur Ausbeute der von ihm entdeckten Diamantgrube und half ihm, einen Landstrich an der Grenze seiner eigenen Besitzung zu erwerben. Hier nun ließ Pratico einen prächtigen Landsitz erbauen, wo die Prinzessin ihren Aufenthalt nahm.
Den größten Teil der Räumlichkeiten erhielt Meditor, damit er seine Experimente und Konstruktionen fortsetzen konnte.
Pratico war von der Zeit an nicht mehr eifersüchtig auf ihn, wo er erkannte, daß die Prinzessin ihn nicht heiraten, sondern in jeder Beziehung frei bleiben wollte. Er war ein sehr reicher Mann geworden, aber dabei vernachlässigte er nicht seine Praxis, sondern gewann im Gegenteil auf viele Meilen im Umkreise reiche und arme Leute als Patienten, und er machte glückliche Kuren, indem er seine Erfahrungen mit Sauerstoff verwertete.
Meditor arbeitete an einem Kristall von noch größerer Leistungsfähigkeit als der des Ätherio, und bei dieser schwierigen Aufgabe wurde er von Peppino tatkräftig unterstützt.
Lesneh, der Venussohn, fühlte sich nicht so befriedigt von seinem Dasein, wie seine irdischen Freunde ihm wünschten. Zwar bekam das Klima ihm gut, und auch die Diät sagte ihm zu, doch wurde sein literarischer Ehrgeiz nicht befriedigt. Sein Werk über das Sonnensystem, das in englischer Sprache veröffentlicht wurde, fand nur wenig Verständnis. Es war so gelehrt, daß die Kritik in den Fachblättern dahin lautete, es wäre nicht ernst zu nehmen.
Melancholisch sagte Lesneh zu seinen Freunden: »Auf der Venus habe ich geglaubt, andere Planeten würden mir Anerkennung spenden, nun aber auf der Erde sehe ich ein, daß das Publikum überall dasselbe ist. Meine einzige Hoffnung ist noch die Zukunft. Wenn ich tot sein werde, dann dürften die Gelehrten den Wert meiner Schriften erkennen.«
»Zerbrechen Sie sich doch nicht den Kopf über solche Dinge,« sagte Pratico. »Betrachten Sie die Prinzessin Fantasia! Freuen Sie sich des Umgangs mit ihr! Dieses schöne, heitere Antlitz ist für uns der wahre Mittelpunkt unseres Sonnensystems und der ganzen Welt!«
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