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"Loke Klingsor," Band 3, Verlag Dieter von Reeken, 2024
Georg Wedekind und Fritz Hammer guckten nicht schlecht, je mehr sie ihre Blicke in der fremdartigen Landschaft umherschweifen ließen. »Das sind Bäume, die ich überhaupt noch nicht gesehen habe«, sagte ersterer. »Und Du weißt, Fritz, ich bin schon weit genug in der Welt herumgekommen!«
»Mir sind sie natürlich erst recht unbekannt!«, meinte Fritz. »Hast Du denn eine Ahnung, wo wir uns eigentlich befinden?«
Georg Wedekind wollte schon die Achseln zucken, besann sich jedoch.
»Eine Ahnung? Nun, die habe ich allerdings! Das heißt, mir selber will nicht in den Kopf, dass das Wahrheit sein könnte.«
»Woran denkst Du?«, drängte sein Freund.
»Nun, wir haben doch unten die Mumien gefunden. Und ich habe Dir gesagt, dass es die Könige aus Dorado sein müssten.«
»Ja, das hast Du gesagt.«
»Nun, und dieses Wunderland, in dem es so viel Gold gibt wie anderwärts Sand und Steine, soll doch in Südamerika liegen — gelegen haben!«
Da lachte Fritz Hammer.
»Natürlich sind wir in Südamerika! Oder denkst Du vielleicht, wir könnten gleich nach Afrika gekommen sein oder gar nach der Südsee?«
»Nun, ausgeschlossen wäre das nicht. Denke doch an den Dampfer, der uns beinahe rammte, den ›Telemak‹, der bloß von Sydney nach Vancouver fährt!«, erwiderte Georg.
»Ach, da hast Du Dich eben getäuscht! Das war gar nicht der ›Telemak‹! Das war ein anderes Schiff! Wie sollten wir denn von Buenos Aires1 aus in seine Linie geraten sein!«
Georg Wedekind lächelte nur über diese Bemerkung.
1 Hier und auch weiter unten wird die argentinische Haupt- und Hafenstadt Buenos
Aires am Atlantischen Ozean als Herkunftsort der beiden jungen Männer genannt.
Laut Kapitel 22 (»Das schlafende Schiff«, Band 1, S. 379 ff. der vorliegenden Neuausga
be) war allerdings die peruanische Hafenstadt Callao am Pazifischen Ozean Wohnort
und Ausgangspunkt ihrer Reise.
Er war doch an der Wasserkante aufgewachsen. Da hatte er gelernt, Schiffe zu erkennen. Das ist eine Kunst, die dort jeder kann, und da gibt es keinen Irrtum. Der echte Seemann kennt doch sofort, auch wenn er nur die Takelage sieht, den Heimathafen und den Namen eines Schiffes, an der Bauart unterscheidet er sie, und das ist noch lange nicht so schwer, wie wenn ein Schäfer unter seinen hundert und mehr Schafen jedes einzelne kennt. Ein Fremder sieht da eben nur Schafe, von denen eins dem andern vollkommen gleicht.
Nein, da gab es nichts. Wenn Georg Wedekind behauptete, das sei der »Telemak« gewesen, dann war es auch so.
»Wir wollen nicht darüber streiten«, sagte er nun. »Jedenfalls kann ich nur wiederholen, dass ich diese Bäume nicht kenne. Auch sonst mutet mich alles ganz fremdartig an.
Sieh doch einmal diesen Riesenschmetterling dort bei den handtellergroßen Blumen! Der misst doch sicher dreißig Zentimeter in der Flügelspanne! Solche Riesenschmetterlinge gibt es sonst gar nicht, ebenso wenig wie solche Blumen!«
»Und all das andere!«
»Aber wir wollen nicht lange schwatzen. Ich schlage vor, wir machen eine Entdeckungsfahrt in unser neues Reich, dann werden wir schon mit der Zeit dahinter kommen, wo wir sind.«
Fritz Hammer war gleich einverstanden.
»Da wollen wir uns erst einmal bewaffnen«, schlug er vor. »In unserem Delfin gibt es ja Waffen genug!«
Sie stiegen also noch einmal durch den noch offen stehenden Rachen in das Innere des geheimnisvollen Fahrzeuges und suchten sich dort, jeder nach seinem Geschmack, Waffen aus, vor allem jeder ein Gewehr, natürlich einen Mehrlader, und die dazugehörigen Patronenrahmen, von denen sie ganze Kisten voll vorfanden.
Dann suchten sie sich auch noch einige säbelförmige Messer aus, die sie von Buenos Aires her kannten, sogenannte Macheten, mit denen sie sich einen Weg durch das Pflanzendickicht bahnen wollten.
Revolver verschiedenen Kalibers waren auch da. Nach wenigen Minuten waren die beiden bis an die Zähne bewaffnet wie echte Räuber und mit Patronen bepackt wie Mülleresel mit Mehl.
Da dachten sie noch an nichts anderes.
»Eigentlich könnten wir noch Mundvorrat mitnehmen, natürlich keine Konserven, Georg, aber doch Tee und Kaffee finden wir hier nicht oder wenigstens nicht so, dass wir sie gleich genießen können.«
Nun, Georg Wedekind war einverstanden, sie begingen ja keinen Raub, und so schleppten die schon so schwer Beladenen erst noch eine Masse Büchsen an Land, stapelten sie dort unter einem mächtigen Baume auf, ganz kunstgerecht, immer jede Sorte für sich.
Dann suchten sie noch nach Segelleinwand, um sich ein Zelt zu bauen, denn das ihre war ja mit ihrem Kutter verlorengegangen. und da machten sie die Entdeckung. dass in einem der zahlreichen Wandbehälter, die sie ja nun schon kannten, ein regelrechtes Zelt vorhanden war, so eins, wie sie es in einem einschlägigen Geschäft gar nicht praktischer hätten kaufen können.
Auch das wurde hinausgebracht und gleich aufgestellt, und dann holten die beiden noch mancherlei aus dem Delfin heraus. Der praktisch gesinnte Georg Wedekind dachte an alles, versorgte sich mit einem guten Kompass, mit einem Sextanten und schließlich auch mit mehreren elektrischen Taschenlampen und den dazugehörigen Batterien, die, wie sich's für die Tropen gehörte, in luftdicht schließenden Blechbüchsen staken.
Endlich wussten sie aber doch nicht mehr, was sie noch brauchen könnten. Sie standen da und dachten nach, und Fritz Hammer meinte:
»Weißt Du, Georg, ich komme mir vor wie jener Hirtenjunge im Märchen, vor dem sich die Schatzhöhle im Felsen aufgetan hat. Er ist hineingelaufen und sieht die Kessel voll Goldstücke, die Schalen voll Edelsteine, und er stopft sich mit dem Zeuge die Taschen voll, aber als er nachher gehen will, da hört er eine Stimme und die mahnt ihn: ›Vergiss das Beste nicht!‹ Er denkt nach, was das sein könnte, weiß es nicht, geht hinaus, und krachend schlägt hinter ihm der Felsen zu. Da erst besinnt er sich, dass er wirklich das Beste vergessen hat: die blaue Wunderblume, mit der er sich den Felsen jederzeit wieder hätte öffnen können!«
»Und Du meinst, wir hätten ebenfalls das Beste vergessen?«, fragte Georg Wedekind. »Ich wüsste wirklich nicht, was das sein könnte und sein sollte!«
»Ich weiß es auch nicht«, bekannte Fritz Hammer. »Ich habe bloß ein so dummes Gefühl, als wäre ich wie jener Hirtenjunge, als müsste ich schnell noch etwas aus dem Delfin holen —«
»Na, da gehen wir eben noch einmal hinein und stöbern alles durch!«, schlug sein Freund vor.
Sie schritten nach dem Ufer des Sees, an welchem also noch der Delfin lag, in der Tropensonne gleißend und glitzernd, als bestände er aus purem Silber. Der Rachen stand ebenfalls noch auf, so recht einladend.
Ja, er stand noch auf, als sie nach dem geheimnisvollen Fahrzeug schritten, aber ehe sie hinkamen, tat er sich ganz plötzlich zu.
»Da haben wir's!«, stieß Fritz Hammer enttäuscht hervor »Jetzt ist die Bude zugemacht — Ladenschluss! Heute wird nichts mehr verkauft. Bemühen Sie sich, bitte, morgen wieder!«
Humor besaß der Schlingel also noch, und den verlor er auch nicht, als nun auf einmal der Delfin langsam zu sinken begann, immer tiefer in das Wasser tauchte und endlich ganz verschwand.
»Na, da leben Sie wohl!«, sagte Fritz.
Georg aber war poetischer als sein Freund. Er stimmte gleich den Gesang des Lohengrin an:
»Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!«
Dabei guckten sie beide zu, wie das wunderbare Fahrzeug in dem Wasser verschwand, bis sie es nicht mehr erblicken konnten.
»Ob er wohl noch einmal wiederkommt und uns abholt?«, fragte Fritz Hammer.
»Ob er den gleichen Weg rückwärts macht, den wir gekommen sind?«, meinte Georg Wedekind.
»Na, gleichviel!«, setzte er hinzu. »Wir sind so mit allem versehen, dass wir keine Not leiden können, und außerdem haben wir ja die Gewissheit, dass wir jederzeit beobachtet werden, dass ein mächtiger Schützer über uns wacht. Das ist auch etwas wert. Ich bin neugierig, wann er wieder von sich hören lassen wird!«
Jedenfalls machten die beiden sich keine Kopfschmerzen, krochen in das Zelt, bereiteten sich über einem Kocher, den sie ebenfalls mitgenommen hatten, erst einen guten Kaffee, aßen dazu einige Biskuits, die sie doch aus den Vorräten ausgewählt hatten, stopften sich dann die Pfeifen, brannten sie an und setzten sich vor das Zelt, um gemächlich die blauen Wolken in die Luft zu blasen.
Geraume Zeit sprachen sie nichts miteinander, hingen nur ihren allerdings recht verschiedenen Gedanken nach, bauten allerhand Luftschlösser — bis endlich Georg Wedekind nachdenklich sagte:
»Ist Dir noch nichts aufgefallen hier, Fritz?«
»Nu freilich, mancherlei!«
»Ach, das meine ich nicht. Vermisst Du hier nichts?«
Da hätte Fritz ja vielerlei anführen können, aber er tat es nicht, auch nicht scherzeshalber, er wusste doch, wo hinaus sein Freund wollte mit seiner Frage.
»Was meinst Du denn, Georg?«, sagte er.
»Nun, hat Dich bis jetzt auch nur ein Moskito umschwirrt oder gar gestochen?«
Da allerdings staunte auch Fritz. Und das war sehr erklärlich.
Die beiden waren also aus dem Wasser gekommen, saßen auch jetzt noch in unmittelbarster Nähe des Sees, und doch hatte noch kein Moskito sie belästigt.
Das war ein Wunder in dieser Breite!
Zu was für einer Plage diese Insekten werden können, ist ja genugsam beschrieben worden, sie haben schon das Scheitern so mancher aussichtsreichen Forschungsreise auf dem Gewissen. Die Moskitos zwangen die Expedition zur Umkehr, sonst wären eben alle Teilnehmer eines jämmerlichen Todes am Fieber gestorben, das durch die Stiche dieser Insekten übertragen wird.
Und was für Schutzmittel gegen sie ersonnen worden sind, sie sind doch alle nicht ausreichend. Wenn einer sich gleich in Schleier einhüllt und lieber die furchtbare Hitze unter ihnen ertragen will, ein Moskito schleicht sich doch ein, und dann ist alle Vorsicht umsonst gewesen.
Hier also fehlten die Moskitos vollständig.
Das war recht merkwürdig, sogar sehr!
Andere Insekten gab es in Menge, namentlich viele prächtige Schmetterlinge und Libellen schwärmten von Blüte zu Blüte, Riesenexemplare, aber — und da merkten die beiden Freunde, dass auch noch etwas anderes in ihrer neuen Heimat fehlte.
Es gab keine Ameisen!
Die bilden doch die nächstgroße Plage in Südamerika, Ameisen von jeder Art und Größe. Und diese Tiere sind dort nicht zu verachten, zwingen, wenn sie erscheinen, die Bewohner ganzer Niederlassungen zur schnellsten Flucht —
Sonst werden sie eben aufgefressen, gleich den Haustieren, die nicht in Sicherheit gebracht werden können!
Was den Ameisen in den Weg kommt, wird verzehrt, radikal! Da bleibt nichts verschont, und die Balken der Häuser nagen sie innen so sauber aus, dass sie von außen ganz unversehrt scheinen. Bloß, wenn man sie anrührt, brechen sie zusammen, verwandeln sich in eine Staubwolke!
Also auch Ameisen fehlten vollkommen.
»Na, da können wir ja froh sein!«, meinte Georg.
Und nun rauchten sie erst recht zufrieden.
»Ich denke, wir treten heute unsere Entdeckungsreise nicht erst noch an«, meinte Fritz Hammer. »Es wird gleich Nacht werden, und wenn wir auch nicht müde sind — ich wenigstens bin es nicht — so können wir doch erst einmal schlafen! Ach, ist das nicht herrlich, Georg, dass wir hier einmal wirklich die Entdeckungsreisenden spielen können? Auf unseren Fahrten an den Feiertagen sind wir doch nie in unbetretene Gebiete gekommen, mochten wir auch keine Menschen dort antreffen. Da gewesen waren immer schon welche, und ich habe mich allemal geärgert, wenn ich in einem unberührt scheinenden Walde eine leere Konservenbüchse fand oder einen umgehauenen Bann —
Nein, das war nicht das Rechte! Aber hier — das merkt man doch gleich — hier ist vor uns noch niemand gewesen —«
Und da zuckte er auch schon zusammen. Er bekam eine Aufklärung, die alle seine Phantasien gleich in das richtige Licht stellte.
Irgendwo krachte ein Schuss!
Zweifeln konnte er nicht, auch Georg Wedekind hatte den Knall gehört, war gleich aufgesprungen.
»Hier sind Menschen!«, stieß er hervor.
Fritz Hammer aber saß wie ein Häufchen Unglück da.
»Ach, du meine Güte! Da war es also wieder einmal nichts! Da sind wir doch zu spät gekommen!«, jammerte er.
»Hör auf!«, rief Georg. »Sag lieber, was wir tun sollen!«
»Wie meinst Du denn das?«
»Nun, ob wir einen Antwortschuss abfeuern oder nicht!«
»Wozu sollen wir denn antworten? Das tut man doch nur, wenn man gefragt wird. Und dieser Schuss ist keine Frage gewesen, da hat eben ein Jäger ein Wild erspäht und darauf gefeuert!«
»Nein, Fritz, das glaube ich nicht, denn das klingt anders. Dieser Schuss ist in die leere Luft abgefeuert worden.«
»Nanu, wie willst Du denn das hören, Georg?«
»Das kann ich Dir nicht so ohne Weiteres klarmachen, aber ich schwöre darauf, dass mit diesem Schusse kein Wild erlegt worden ist. Den hat jemand abgefeuert, um ein Signal zu geben!«
Und da krachte es noch einmal, aber jetzt aus einer anderen Gegend.
Die beiden Freunde schauten einander groß an.
»Du kannst doch recht haben, Georg«, sagte Fritz auch gleich. »Das klingt, als suchten die beiden einander, als hätten sie sich verirrt und wollten sich nur durch die Schüsse wieder zusammenfinden.«
»Und wir? Sollen wir auch schießen?«, fragte Georg Wedekind.
Ja, das war nun eine schwer zu beantwortende Frage.
In der Wildnis helfen die Menschen einander meist ohne Weiteres, gleichviel, ob das im Urwalde oder auf der See ist. Da ist ein Samariterdienst eben ganz selbstverständlich.
Aber hier war doch noch etwas anderes dabei.
Fritz Hammer sprach es aus.
»Was nützt es denn, wenn wir einen Schuss abgeben oder gleich mehrmals feuern, Georg?«, fragte er. »Wenn die Unbekannten daraufhin den Weg zu uns finden, was willst Du ihnen sagen? Kennst Du Dich vielleicht hier aus, obwohl Du kaum ein paar Stunden hier bist? Willst Du Verirrten den rechten Weg zeigen? Das kannst Du doch gar nicht!
Und außerdem — können wir nicht erst einmal sehen, um wen es sich hier handelt? Wir müssen vorsichtig sein.«
Georg Wedekind dachte nach.
»Es waren zwei Schüsse aus verschiedener Richtung«, meinte er endlich. »Wenn wir also da nachforschen wollten, so müssten wir ebenfalls nach verschiedenen Richtungen gehen, müssten uns trennen, und das wollen wir doch lieber vorerst bleiben lassen.
Außerdem«, setzte er hinzu, »hat uns Herr Klingsor nichts davon mitgeteilt, wir wissen nicht, was er mit uns vorhat, und ich bin überzeugt, zur rechten Zeit wird er sich schon wieder melden.«
»Das glaube ich wieder nicht«, entgegnete Fritz. »Wir sind nicht mehr in dem Boote, das die geheimen Vorrichtungen zu solchen Ferngesprächen enthielt. Ich denke, wir stehen jetzt auf eigenen Füßen, müssen selbstständig Entschlüsse fassen, und gerade deswegen dürfen wir uns keine Blöße geben.
Und dann — es wird sogleich dunkel werden, da können wir sowieso nicht suchen —«
»Aber Ausschau halten, ob wir nicht irgendwo ein Feuer gewahren!«, ergänzte Georg. »Du hast recht, Fritz, wir bleiben hier! Und ereignet sich während der Nacht nichts Verdächtiges, so werden wir am Morgen unsere Nachforschungen aufnehmen. Jetzt wollen wir noch eine Weile im Freien bleiben und warten, ob noch einmal geschossen wird.«
Sie setzten sich wieder, und nun waren sie, obwohl sie noch keine geübten Waldmenschen waren, doch klug und vorsichtig genug, sich nicht wieder eine Pfeife zu stopfen und sie anzurauchen. Sie sagten sich, dass der Tabaksrauch leicht zum Verräter an ihnen werden könnte.
Aus dem gleichen Grunde zündeten sie auch kein Feuer mehr an, selbst nicht in dem Zelte, aber sie beschlossen, abwechselnd zu wachen, und da gab es wegen der Reihenfolge und der Ablösung nicht erst lange Streitigkeiten zwischen den Freunden.
Georg Wedekind, als der Erfahrenere der beiden, wollte die Hundewache halten, also von Mitternacht bis gegen Morgen, Fritz dagegen sollte jetzt aufpassen.
Sie sahen nach ihren Taschenuhren, stellten fest, dass die Finsternis um sechs anbrach, und erkannten daraus mit vollkommener Sicherheit, dass sie sich unter den Tropen befanden, in der Nähe des Äquators.
Am nächsten Morgen konnten sie dann mit Hilfe des Sextanten den Ort genau bestimmen. Jetzt hatte das keinen Zweck.
»Also gute Nacht, Fritz!«, sagte Georg Wedekind, trat in das Zelt und streckte sich auf seinem Lager aus Decken aus, schlief auch gleich ein, ohne von Gedanken und Sorgen gemartert zu werden.
Fritz Hammer aber saß etwas abseits vom Zelteingang unter dem riesenhaften Baume, den Rücken gegen den Stamm gelehnt, das Repetiergewehr zwischen den Knien, den entsicherten Revolver in der Hand, in der Tasche eine elektrische Lampe, nach seiner Meinung also für alle Möglichkeiten vorbereitet.
Auch er sorgte sich um nichts, Furcht kannte er nicht, gewacht hatte er schon manches liebe Mal für den Freund.
Er saß also recht gemütlich und staunte über die riesengroßen Leuchtkäfer oder leuchtenden Nachtschmetterlinge, die seit dem Einbruch der Nacht sichtbar geworden waren. Solche Kerle hatte er noch nie gesehen, und mehr als einmal wandelte ihn die Lust an, sich einen zu fangen, aber das vereinte sich nicht mit seiner Pflicht, und so ließ er es sein.
Die übrigen Geräusche, die nun laut wurden, störten ihn nicht weiter.
In jedem Walde, auch in denen des alten Europa, beginnt es sich ja in der Nacht seltsam zu regen, und wer nicht daran gewöhnt ist, sich diese verschiedenen Laute nicht nach ihrer Ursache zu deuten weiß, der kann wohl das Gruseln kennen lernen, namentlich, wenn da plötzlich aus dem Dickicht feurige Augen hervorfunkeln, wenn ein Käuzchen dicht an seinem Kopfe lautlos vorüberschwebt, um auf einmal in den bekannten klagenden Ruf auszubrechen.
Viele, die sich rühmen, keine Furcht zu kennen, sollten erst einmal in einer stockfinsteren Nacht in den Wald geschickt werden. Da erst würde sich erweisen, ob sie wirklich so tapfer sind, wie sie behaupten. Wer das nicht an sich erfahren hat, kann nicht mitreden — oder es sind eben bloß leere Worte, die nichts gelten.
In einem solchen Tropenwalde aber ist das nächtliche Leben noch viel reger und — schauerlicher! Da gibt es viele große Tiere. die erst nachts auf Raub ausgehen, und da lässt sich doch der Wald nicht so leicht übersehen wie daheim, wo das Unterholz immer mehr ausgerottet wird. Da ist am Tage schon nur schwer etwas zu unterscheiden, da spielt sich auch das Leben der meisten Tiere nicht auf dem Boden ab, sondern hoch oben in den Zweigen.
Und hier — in Brasilien oder wo sie sonst nun waren — da hausen eben auch die Menschen hoch oben in den Bäumen, kommen nur selten herunter — Wilde natürlich, und diese Wilden sind mindestens ebenso schlau wie die Tiere, verstehen lautlos zu schleichen. Da merkt der Unerfahrene nichts, bis ihn der vergiftete Pfeil trifft, und dann ist es natürlich zu spät.
Gerade die südamerikanischen Wilden aber sind Meister in der Bereitung der verschiedensten und der furchtbarsten Gifte. Ihre Pfeile würden ja kein Wild töten, kaum einen Vogel, da müssen sie eben für ein rasch tötendes Gift sorgen, das seinen Zweck auch bei der geringsten Wunde erfüllt — ein Hautritz genügt da schon —
Das wusste Fritz Hammer natürlich ganz genau. Er wusste allerdings nicht, ob Wilde in der Nähe waren, Spuren davon hatten sie nicht gefunden, allerdings auch nicht danach gesucht, aber es war immer ratsam, anzunehmen, Feinde seien nahe, als dass er zu sorglos war.
So lauschte Fritz auf die verschiedenen Laute, die aus dem Walde zu ihm drangen, und dachte dabei, dass es doch viel herrlicher wäre, wenn sie jetzt den Delfin noch hätten. Da könnten sie ein Stück in den See hineinfahren und dort liegen bleiben, ohne irgendeine unliebsame Überraschung befürchten zu müssen.
Nun, der Delfin war eben nicht mehr da, vielleicht kam er überhaupt nicht wieder. Keinesfalls konnten sie auf den See hinausfahren.
Und als Fritz Hammer das noch dachte, da begann auf einmal vor ihm in dem Wasser ein Rauschen und Planschen, dass es ganz unheimlich zu hören war.
Tiere waren dort aufgetaucht und lieferten sich nun einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod.
Sie schrien nicht dabei, knurrten auch nicht, nur manchmal erscholl so etwas wie ein bösartiges Fauchen und Zischen —
Aber etwas anderes war umso deutlicher zu hören: Die Arbeit der Zähne!
Fritz konnte deutlich unterscheiden, wie Knochen krachten —
Oder waren es die harten Panzer der Krokodile?
Oder Riesenschildkröten, die ja auch manchmal so furchtbare Gebisse haben?
Vergebens strengte er seine Augen an, um etwas unterscheiden zu können, es war nicht möglich, und die elektrische Lampe durfte er nicht einstellen, wollte es auch nicht.
So lange diese Bestien nicht in seine unmittelbare Nähe kamen, hatte es keine Gefahr.
Aber so viel unterschied er doch: dass ein furchtbarer Kampf zwischen ganz riesenhaften Ungetümen dort in dem See stattfand.
Das merkte er auch daran, dass die Wellen, welche durch den Kampf erzeugt wurden, weit über das Ufer heraufkamen.
Es war, wie wenn ein großer Dampfer auf einer schmalen Wasserstraße dahinführe, so mächtig waren die Wellen!
Und dazu immer wieder das Knirschen der Zähne, das Bersten von Knochen!
Es war schauerlich und unheimlich genug, aber es flößte dem wackeren jungen Manne noch keine Furcht ein. Aber er schrak doch auf einmal zusammen.
Jemand stand neben ihm.
Er hatte es gar nicht gleich gehört, weil der Kampf gerade erschreckend laut gewesen war.
»Fritz, was ist das?«, hörte er da die Stimme seines Freundes ganz leise neben sich.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte er ebenso. »Irgend welche Wasserungeheuer kämpfen da miteinander. Es müssen schrecklich große Ungetüme sein! Höre nur!«
Ja, auch Georg Wedekind hörte es, war doch durch den Lärm aus dem Schlafe gestört worden, und nun stand er neben Fritz, suchte ebenfalls ganz vergeblich einen Blick auf den Schauplatz des Ringens zu werfen.
»Ob wir mal eine Elektrische aufleuchten lassen, Georg?«
»Nein, nein! Auf keinen Fall! Und jetzt ist es ja auch schon vorüber.«
Ja, so war es. Der Lärm verstummte.
Dafür aber wurden andere Töne laut, noch weit abstoßender als vorher.
Jetzt fraß der Sieger den Besiegten auf.
Das war ganz deutlich zu hören, dieses Schmatzen, das Herausreißen von großen Fleischfetzen!
»Was für Tiere mögen das sein!«, murmelte Fritz. »Ich dachte noch kurz zuvor, wie schön es gewesen wäre, wenn wir im Delfin auf dem See hätten übernachten können. Jetzt bin ich froh, dass wir nicht dort draußen sind. Da hätte uns wer weiß etwas zustoßen können!«
»Jedenfalls ist mir die Lust zum Schlafen vergangen«, erwiderte Georg. »Ich werde bei Dir bleiben und mit Dir wachen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch aus dem Walde solche Ungeheuer hervorbrechen, dass es in unserer nächsten Nachbarschaft zu wilden Kämpfen kommt.«
Er setzte sich neben den Freund, aber nur kurze Zeit sollten beide sich der ungestörten Ruhe erfreuen.
Auch hinter ihnen, neben ihnen wurde es lebendig, immer lebendiger.
Sie sprangen auf, die Gewehre schussbereit.
Doch sie brauchten nicht zu feuern.
Unweit von ihnen schien sich ein Gang in das Dickicht zu öffnen, der von den Nachttieren benutzt wurde, um an die Tränke zu kommen. Sie sahen nichts, aber sie merkten doch ganz deutlich, wie ganze Scharen von großen Tieren an das Wasser eilten, dort hastig tranken und wieder verschwanden.
»Wir können morgen früh bequem feststellen, was für Tiere hierher kommen«, raunte Georg dem Freunde zu. »Die Spuren werden es uns lehren.«
»Und ich denke, ohne Grund hat der Delfin uns nicht gerade an dieser Stelle gelandet«, bemerkte darauf Fritz Hammer. »Er hätte doch auch an einem anderen Orte empor gehen können. Gib nur acht, Georg, was wir hier noch erleben werden!«
Darauf schwiegen sie wieder.
Immer neue Tierscharen brachen aus dem Walde hervor. Die meisten tranken nur, eilten darauf zurück in das bergende Dickicht, aber manchmal wateten auch welche in das Wasser, panschten darin herum —
Es war den beiden eben ganz unmöglich, auch nur die Umrisse zu unterscheiden, und da nützte es auch nichts, dass noch immer solche riesenhafte Leuchtinsekten die Luft durchschwirrten. Die Helligkeit, die sie verbreiteten, reichte nicht aus, um den Menschenaugen ein deutliches Sehen zu gestatten.
Jedenfalls setzten die beiden sich wieder, in dem Bewusstsein, dass keins der Tiere sich bis zu ihnen verirren würde.
Sie dachten allerdings beide daran, dass es sonderbar genug sei, wie diese Tiere die Nähe der Menschen nicht scheuten, nahmen aber an, der Wind sei ihnen günstig.
Erst viel später sollten sie die wahre Ursache erkennen.
So verging wohl wieder eine Stunde.
Auf dem See regte sich nichts mehr, der Tiere, die zur Tränke kamen, wurden immer weniger, im Walde allerdings raschelte es noch überall, allerlei Töne erklangen — es störte die beiden nicht.
Und endlich wurde es ganz still.
Da wussten sie, dass es wieder dem Morgen zuging, denn die letzten Stunden der Dunkelheit werden auch von den Nachttieren verschlafen, da kehren sie in ihre Schlupfwinkel zurück.
Vielleicht aber war die nun eintretende Stille bedrückender für die beiden, als die vorhergehende Unruhe gewesen war.
Es gibt nichts Schrecklicheres, als wenn man lauscht, um etwas zu hören, und doch nichts vernimmt!
Das erfuhren die beiden Freunde hier wieder einmal, aber es kam noch etwas anderes hinzu.
Beide hatten zu gleicher Zeit das unklare Empfinden, dass sie nicht mehr allein waren.
Auch das ist ein bekanntes Gefühl, das sicher schon die meisten Menschen gehabt haben. Man empfindet auf einmal, dass jemand hinter einem steht oder sonst in der Nähe, kann nicht sagen, woher das kommt, aber wenn man sich umdreht, dann ist auch wirklich jemand da — — meist ein guter Freund, der unbemerkt eingetreten oder sonst wie herangekommen ist.
Hier war es ebenso, nur peinlicher, weil sie sich zwar umgucken, aber eben nichts sehen konnten.
Es war ihnen, als würden sie aus dem Dickicht heraus belauert, durch Augen, die unverwandt auf sie geheftet waren.
Vergebens spähten sie umher.
Sie sahen nichts Verdächtiges, keine funkelnden Augen!
Und doch wussten sie ganz genau, dass welche da waren!
Sie wussten sogar, dass diese Augen über ihnen waren!
Woher sie das wussten? Sie hätten es nicht sagen können. Jedenfalls spähten beide unterbrochen nach oben in das Ast- und Blattgewirr des Baumes, unter dem sie saßen.
»Das ist schrecklich!«, flüsterte Georg Wedekind endlich.
»Hast Du es auch gemerkt?«, fragte Fritz Hammer.
»Dass jemand uns belauert!«
»Ja, ich merke es schon die ganze Zeit. Aber es kann doch nur ein Tier sein!«
»Freilich! Woher sollte denn ein Mensch kommen?«
»Und gleich gar nicht auf den Baum!«
»Ich weiß nicht, es ist aber doch vielleicht besser, wir begeben uns in das Zelt«, schlug Georg vor.
Und da standen sie auch schon beide auf und gingen unter das schützende Obdach, schlugen den Vorhang am Eingange zu und — atmeten erleichtert auf.
Gefürchtet hatten sie sich also noch nie, wussten eigentlich gar nicht, was Furcht war, hatten sich doch auf dem Schiffe ganz wacker gehalten und erst recht auf ihrer Fahrt durch die geheimnisvolle Unterwelt.
Auch hier in der Wildnis hatten sie sich nicht gebangt, hatten sich schnell wieder beruhigt, wenn sie doch einmal stutzen mussten.
Aber jetzt?
Sie gestanden einander nichts, aber jeder spürte es kalt über seinen Rücken rinnen. Lernten sie auch die Furcht noch nicht kennen in dieser Nacht, so doch das Gruseln, und da ist doch ein Anfang zur Furcht.
Aber durften sie sich denn nun auch in dem Zelte wirklich geborgen fühlen? Es bestand doch nur aus dünner Leinwand!
Ja, das ist eben der springende Punkt. Deswegen zieht doch auch der, der sich vor einem vermeintlichen Gespenst fürchtet, das Deckbett über den Kopf, erstickt lieber, als dass er es fahren lässt!
Die Einbildung wirkt. Man ist wenigstens nicht ganz unmittelbar dem Furchtbaren preisgegeben.
Das ist ebenso, wie wenn einer im Dunkeln pfeift, um sich Mut zu machen!
Er weiß ganz genau, dass er allein ist, aber der Ton, den er selber erzeugt, noch dazu mit zitterndem Munde, der erweckt in ihm das Bewusstsein, dass er nicht allein ist, da betrachtet er den Pfeifenden als ein anderes Wesen.
Auch die beiden schüttelten das Grauen von sich ab, als sie hinter der Leinwand standen, aber weil sie den Eisesschauer auf dem Rücken nicht mehr spürten, sagten sie es auch gleich, dass sie sich doch etwas gegruselt hatten.
»Das war ein unheimliches Gefühl, Fritz!«, murmelte Georg Wedekind.
»Schrecklich!«, bekannte der andere ohne Weiteres.
»Was es nur gewesen sein mag?«
»Ich weiß es nicht!«
Und dabei blieb es, sie konnten das nächtliche Geheimnis nicht enträtseln.
Dann legten sie sich nieder, ohne einmal eine elektrische Lampe in Tätigkeit gesetzt zu haben.
»Morgen früh werden wir es wissen, Fritz!«, sagte Georg noch.
»Ja, da suchen wir die ganze Umgegend ab!«, bestätigte der andere.
Und darauf schliefen sie ein, als lägen sie in ihren Betten daheim in Buenos Aires oder gar im Vaterhause.
Die Sonne erweckte sie, und da gab es kein Zögern mehr, da sprangen sie gleichzeitig auf und traten vor das Zelt, sahen die liebe Sonne, und dann — ja, da warfen sie ab, was sie auf dem Leibe trugen, und sprangen in das Wasser des Sees, ohne noch daran zu denken, was für ein furchtbarer Kampf sich in diesem abgespielt hatte.
Sie sollten alsbald daran erinnert werden.
Georg war ein Stück von dem Freunde fortgeschwommen, da sah er etwas auf dem Wasser treiben, strebte darauf zu und hielt nach kurzer Zeit ein graues Etwas in den Händen.
»Fritz, was ich hier entdeckt habe!«, rief er.
Sein Freund war bald bei ihm, guckte sich das graue Ding an.
»Das ist ein Stück Haut«, sagte er.
»Ganz schuppig!«, fügte Georg hinzu.
»Und blutig!«
»Das rührt von einem der Tiere her, die hier miteinander gekämpft haben!«
Ja, daran war kein Zweifel.
Als sie das Stück Haut näher betrachteten, fanden sie auch gleich die Spuren gewaltiger Zähne daran. Und im gleichen Augenblick verging beiden die Lust am Baden in diesem unheimlichen See.
Das brauchte gar keine Feigheit zu sein. Sie hatten doch keine Waffe bei sich.
Jedenfalls schwammen sie wie auf Verabredung dem Ufer wieder zu.
Dabei sprachen sie nicht miteinander über ihre seltsame Entdeckung, nur ihre Gedanken arbeiteten, und Georg hielt das Stück Haut noch in der Hand. Das wollte er in aller Ruhe am Ufer untersuchen.
Noch aber waren sie nicht weit gekommen, hatten von den hundert Metern, die sie in den See hinausgeschwommen waren, keine zwanzig zurückgelegt, als sie beide plötzlich laut aufschrien und mitten in den Schwimmbewegungen unwillkürlich innehielten.
Von dem Baume herunter, unter dem sie während der Nacht geweilt hatten, kam es — Affen! Riesenhafte Menschenaffen!
Die beiden hatten wohl schon Schimpansen gesehen, vielleicht auch einen OrangUtan, sie wussten auch sonst, wie Menschenaffen aussahen — aber diese Kerle dort!
Wie schon gesagt, sie konnten vor Schreck und Überraschung gar nicht weiter, hielten im Schwimmen inne und blickten nach dem Ufer hinüber.
»Die mausen unsere Sachen!«, schrie da auch schon Fritz Hammer.
Und so war es!
Die rothaarigen Ungeheuer, sicher jedes anderthalb Meter hoch und in den Schultern ebenso breit, liefen nach der Stelle, wo die beiden sich entkleidet hatten, waren natürlich viel schneller dort, als die beiden das Ufer zu erreichen vermocht hätten.
Und da sahen die beiden, wie die Affen die Kleidungsstücke einzeln aufhoben.
Jeder nahm nur ein Stück.
Aber wenn die beiden nun dachten, die Affen würden versuchen, diese Sachen anzuziehen, würden, wenn ihnen das nicht gelang, allerhand Unfug damit treiben und endlich damit beginnen, sie zu zerfetzen, so irrten sie sich.
Die Tiere nahmen die Kleider mit sich, kehrten nach dem Ort zurück, wo sie auf den Boden herabgekommen waren.
Und dort stand jetzt ein anderer Affe!
»Georg, hast Du schon einmal ein solches Ungeheuer gesehen?«, rief Fritz Hammer, abermals im Schwimmen innehaltend.
»Nein, Fritz«, gab der andere zurück. »Der sieht auch gar nicht aus wie ein Affe — das muss ein Waldmensch sein — gucke doch bloß den feuerroten Bart, den er hat!«
Auch Fritz Hammer hatte das schon gewahrt, und dass die beiden sich über diese Wahrnehmung unterhielten, das bewies doch, dass sie sich vor den Tieren an sich noch nicht fürchteten, einmal, weil sie ja noch im Wasser waren, in das Affen nie gehen, dann aber auch, weil sie sich sagten, dass diese Tiere sich wohl bald in ihre Baumverstecke zurückziehen würden. Mit den Kleidern konnten sie ja nicht viel anfangen, sie höchstens zerfetzen, was allerdings nicht besonders angenehm gewesen wäre, aber eben auch nicht sehr schlimm, weil es doch hier keine Moskitos gab, die einen nackten Menschen gleich ganz zerstochen hätten. Und andere Kleider ließen sich leicht beschaffen, da brauchten sie nur einen Hirsch zu schießen oder sonst ein Tier. Aus dem Fell verstanden sie sich einen Anzug zu bauen, das hatten sie, wenn sie so auf Abenteuer gingen, schon einige Male versucht, hatten das aus solchen Reisebüchern und Jugendschriften gelernt.
Also die beiden sorgten sich nicht groß, Angst hatten sie auch nicht, aber desto mehr staunten sie über das, was sie sahen.
Der riesenhafte Affe mit dem feuerroten Barte hatte nämlich wirklich ein fast menschliches Gesicht, wenn auch mit flacher Nase und stark zurückweichender Stirn, aber das findet man ja auch bei manchen niedrigstehenden Naturvölkern oft genug.
Dazu kam, dass er sich ohne Zuhilfenahme eines Baumastes aufrecht hielt, wie alle die übrigen Affen auch. Sie marschierten schwerfällig, aber doch ganz richtig, dahin.
Jeder trug dabei nur eins der den beiden Freunden gehörigen Kleidungsstücke, der eine eine Jacke, der andere einen Stiefel, und jeder hielt es mit ausgestreckten Armen vor sich hin.
Fritz Hammer hatte die Affen gezählt.
»Achtundzwanzig sind es!«, rief er nun.
Und da sahen sie wieder etwas, was sie nicht für möglich gehalten hätten!
Die Affen näherten sich mit unverkennbaren Zeichen von Ehrerbietung dem mit dem roten Barte, stellten sich im Kreise um ihn auf, und dann trat einer nach dem anderen vor und reichte dem unter dem Baume, was er mitgebracht hatte.
Dieser rotbärtige Affe war also das anerkannte Haupt der anderen, schien über einen höheren Verstand zu verfügen als sie, nahm die dargebotenen Kleidungsstücke, schien sie genau zu untersuchen —
»Er fährt sogar in die Taschen!«, rief Georg Wedekind außer sich.
Ja, auch Fritz konnte das sehen, und da auf einmal kam ihm der Gedanke, eine Erinnerung.
»Georg, denkst Du an das Bild, das uns gezeigt wurde? Wo das schöne Weib unter den Affen war? Das hier sind sie, und das sind keine Affen, keine Menschenaffen, das sind Affenmenschen! Georg, wir sind die ersten Menschen, die diese sagenhaften Geschöpfe zu Gesicht bekommen!«
»Die ersten wohl nicht, wenn sie wirklich schon ein Weib entführt haben«, erwiderte Wedekind, und daraus, dass er das so ruhig sagte, ging wieder hervor, dass er noch keinerlei Furcht empfand.
»Außerdem muss ich Dich an die Schüsse von gestern Abend erinnern. Menschen sind hier, und sicher haben sie ebenfalls schon die Bekanntschaft dieser Geschöpfe dort drüben gemacht, wie diese s i e kennen —
Fritz, Fritz, jetzt weiß ich, warum uns in der Nacht so unheimlich zumute war! Da sind wir fortgesetzt von diesen Kerls belauert worden! Wir haben unter dem Baume gelegen, auf dem sie hockten — —
Mein Gott, wie nahe sind wir da einem schrecklichen Tode gewesen!«
Ja, jetzt erst kam ihm das zum Bewusstsein, auch Fritz Hammer erschrak.
Sie brauchten sich doch bloß vorzustellen, dass plötzlich aus dem Zweigwerk eine solche haarige Riesenfaust nach ihnen gegriffen, ihren Hals umklammert hätte!
Was hätten sie da tun können? Sie wären erwürgt worden!
Gegen die Kraft eines solchen Tieres waren sie doch vollkommen wehrlos! Sie hatten genug darüber gelesen, was für furchtbare Gegner ein Gorilla oder ein OrangUtan sind, wie diese Menschenaffen furchtlos den Kampf mit dem Jäger aufnehmen und auch durch Schüsse nicht ohne Weiteres getötet werden können.
Jetzt erst graute den beiden, und mit weit offenen Augen sahen sie zu, was am Ufer geschah.
Da gab es freilich keinen Zweifel mehr, auch nicht den geringsten, dass das nicht Menschenaffen waren, sondern wieder eine Stufe höher standen, dass es wirklich Affenmenschen waren, wie Fritz ganz richtig erkannt hatte.
Der rotbärtige Riese in der Mitte des Kreises ließ die Kleidungsstücke nacheinander fast verächtlich zu Boden fallen, und dann hob er an, zu sprechen —
Die Laute, die er hervorstieß, klangen freilich noch nicht wie die von Menschen gesprochenen Worte, aber auch nicht wie das Schnattern der Affen, das die beiden ja oft genug gehört hatten, und dabei wussten beide, dass selbst dieses Schnattern von einigen Gelehrten schon für eine Art Sprache gehalten wurde, die man auch zu erforschen gesucht hatte.
Hier aber handelte es sich um Töne und Laute, die von dem Schnattern der Affen ganz verschieden waren.
Der Anführer dieser Affenmenschen redete mit den Untergebenen, gab ihnen sein Missfallen zu erkennen, schwenkte auf einmal den rechten Arm und deutete nach dem Zelte, das sie bis jetzt noch nicht beachtet und betreten hatten.
Und sofort setzten die achtundzwanzig anderen sich dorthin in Bewegung
Jetzt aber war ganz deutlich zu sehen, dass sie das nicht so ohne Weiteres taten. Sie folgten einem wohlüberlegten Plane, verteilten sich, bis sie eine Kette bildeten, umzingelten das Zelt, lauschten, gingen vorsichtig weiter, bis sie es erreicht hatten, hielten wieder an, lauschten anscheinend abermals —
Und da raunte Georg Wedekind seinem Freunde zu:
»Fritz, sie denken, wir sind noch drin, sie haben uns noch nicht hier entdeckt, und sie dürfen auch nicht wissen, dass wir hier sind! Wir wollen uns ducken, dass sie uns nicht sehen!«
Das war nun allerdings schwer zu machen, da sie mit den Füßen noch keinen Grund erreichten, aber sie waren doch in solchen Sachen geübt, traten Wasser, sich dabei duckend — und beobachteten mit angehaltenem Atem, in immer größeres Staunen geratend, das Treiben der Affenmenschen drüben.
Der eine gab dem anderen ein Zeichen mit der Hand.
Alle duckten sich sofort wie zum Sprunge.
Der erstere aber hob nun ganz langsam den Vorhang am Zelteingang, spähte hinein, sich vorbeugend, riss ihn plötzlich ganz zurück und drang in das Innere.
Er hatte entdeckt, dass das Zelt leer war, dass die Bewohner fehlten!
Und da folgten ihm auch schon die anderen.
Aber diesmal nahmen sie nicht an sich, was sie fanden.
Einer von ihnen rannte nach dem Baume, unter dem noch der Anführer stand, meldete ihm, was entdeckt worden war, und nun begab sich auch der Rotbärtige zu dem Zelte, verschwand darin.
Alle achtundzwanzig hatten in dem engen Zelte keinen Platz, aber alle waren schon darin gewesen. Nun kamen auch die letzten heraus, der Anführer war allein noch darin.
Die Freunde konnten natürlich nicht sehen, was er darin machte, aber sie zitterten doch um ihr Eigentum.
»Wenn er nur wenigstens die Gewehre liegen lässt und sie nicht ruiniert!«, rief Fritz halblaut.
Da kam auch der Anführer schon wieder heraus.
Sofort umringten ihn die anderen, wieder sprach er auf sie ein —
Und plötzlich begannen die Affenmenschen das Buschwerk in der Nähe des Zeltes zu untersuchen. Es war ganz klar, dass sie nach den Bewohnern forschten.
»Dumm sind sie also doch!«, meinte Georg. »Sie müssten aus den Spuren, die wir im Sande hinterlassen haben, sofort merken, dass wir ins Wasser gegangen sind, aber anscheinend verstehen sie nichts vom Fährtenlesen —«
Da verstummte er auch schon.
Einer der Affenmenschen hatte seine Gefährten zu sich gelockt, zeigte auf den Boden —
Und da liefen auch schon alle den Spuren nach, welche die beiden Freunde erzeugt hatten, als sie über den Sand ins Wasser geeilt waren.
Die beiden hatten doch nicht daran denken können, dass diese Fußabdrücke in dem nassen Sande ihnen gefährlich werden könnten.
Und nun sahen sie, wie die Affenmenschen bis an das Wasser kamen, wie sie es zwar nicht betraten, aber dafür auf die Fläche des Sees hinausspähten —
Und da waren sie auch schon entdeckt!
In ihrer Überraschung hatten sie gar nicht daran gedacht, zu tauchen und sich wenigstens für einige Zeit unsichtbar zu machen.
Ein lautes, drohendes Geschrei erhob sich.
Wieder lief einer der Affenmenschen zu dem Anführer zurück, der noch bei dem Zelte stand, kam mit ihm an den See, deutete hinaus —
»Na da!«, sagte Georg Wedekind.
Jetzt hatte es doch keinen Zweck mehr, Verstecken zu spielen, und zu fürchten brauchten sie hier im Wasser ihre Gegner auch nicht, sie sahen ja, wie wasserscheu diese waren, wie sie sich hüteten, auch nur einen Fuß einzutauchen!
Da trat der Führer der Affenmenschen dicht an das Ufer.
Jetzt erst sahen die beiden Freunde sein Gesicht ganz deutlich. und vor allem die unter den wulstigen Stirnknochen liegenden kleinen Augen!
Ein furchtbar drohender, überaus tückischer Ausdruck war in ihnen, und dazu kam nun, dass dieses Ungeheuer auf sie einzureden begann, heftig mit beiden Armen in der Luft herumfahrend, dass er dabei das Gebiss zeigte —
»Herrgott, Georg, wenn der einen beißt, da gehen die Knochen gleich in Stücke!«, flüsterte Fritz.
Ja, der Führer der Affenmenschen sprach zu ihnen, sie konnten es gar nicht anders nennen, und sie verstanden zwar nicht die Worte, aber doch die Gesten.
»Wir sollen sogleich an Land kommen!«, erklärte Georg Wedekind.
»Oder auch nicht«, brummte Fritz.
»Ja, der kann lange warten!«, meinte Georg.
»Und wenn uns nun ein solches Seeungeheuer zwingt, doch ans Ufer zu schwimmen?«, fragte Fritz.
»Vorläufig ist noch keins da. Jetzt wollen wir erst einmal sehen, was die Kerle nun anfangen. Ins Wasser wagen sie sich nicht, das sehe ich nun schon«, gab Georg zurück.
Er hatte recht.
Der Führer der Affenmenschen fuchtelte immer mit den Armen in der Luft herum, schrie immer wilder, musste aber bald erkennen, dass die beiden ihm nicht gehorchten.
Da ließ er das Schreien und die Armbewegungen, verhielt sich eine Zeit lang ganz still, anscheinend nachdenkend, wendete sich plötzlich um und gab seinen Untertanen einen Befehl.
Zwei davon liefen fort, zu dem Baume neben dem Zelte, schwangen sich hinauf, verschwanden in dem grünen Dickicht und blieben ziemlich lange aus.
Währenddessen aber ließen die anderen die beiden Freunde nicht aus den Augen, und da zeigte sich nun erst, was für unerschrockene Jungen die beiden waren.
Anstatt sich zu fürchten, begannen sie allerhand Schwimmkunststückchen in dem Wasser auszuführen, tauchten, reckten die Beine empor, quirlten mit ihnen in der Luft umher, schwammen ein Stück dem Ufer zu, wendeten blitzschnell — und lachten dabei.
Fritz Hammer hob sogar einmal beide Hände und machte dem Herrn »König«, wie er den Führer der Affenmenschen dabei spöttisch anredete, eine lange Nase.
Da aber sahen sie etwas, was sie doch wieder verblüffte.
Die beiden Affenmenschen kamen von dem Baume wieder herab, blieben unter ihm stehen —
Und da tauchte in dem Geäst noch ein Wesen auf.
»Das ist sie! Georg, die haben wir schon gesehen! Das ist die, die auf der Geige gespielt hat!«, rief Fritz Hammer außer sich.
Und so war es!
Von dem Baume sprang ein junges Weib herab, ein sehr schönes schwarzlockiges Mädchen, genau dasselbe, was sie schon gesehen hatten, vermittels des Zauberspiegels!
Die beiden Affenmenschen fingen sie sorgsam auf, sie sprang auf die Füße, schaute sich verwundert um, als sie die Kleidungsstücke sah, dann auch das Zelt gewahrte — aber die beiden Freunde konnten doch nicht sehen, wie das braune Gesicht plötzlich tödlich erblasste —
Sie sahen nur, wie die beiden Affenmenschen sie vorsichtig, fast zärtlich an den Armen fassten, sie mit sich zogen —
Und dann stand sie neben dem rotbärtigen Anführer an dem See, blickte in die Richtung, die er mit ausgestrecktem Arme andeutete und sah die beiden Köpfe über dem Wasser.
Zugleich hörten die beiden Freunde, wie der Kerl auf das junge Weib einsprach, offenbar etwas von ihm verlangte, und dann sahen sie, wie es ihm heftig zuwinkte, wie er sich anscheinend weigerte, ihr zu gehorchen, wie die Schwarzlockige zornig mit dem einen Füßchen auf den Sand stampfte —
Und da gab der Rotbärtige nach, wich mit seinen Untertanen ein großes Stück vom Ufer zurück.
Die Unbekannte aber trat umso dichter an dieses.
»Wer sind Sie?«, rief sie nunmehr auf Spanisch. »Wie kommen Sie hierher? Und wenn Sie mich nicht verstehen, ich spreche auch andere Sprachen —«
»Wir verstehen Sie vollkommen«, erwiderte da Georg Wedekind. »Wir sind zwei Deutsche aus Buenos Aires, aber wie wir hierher gekommen sind, das können wir Ihnen nicht so schnell erklären, nur so viel, dass wir in einem — Boote gestern dort drüben gelandet sind —«
»In einem Boote? Das ist doch unmöglich, ganz ausgeschlossen!«
»Es ist aber doch Tatsache«, erwiderte nun auch Fritz Hammer.
»Nein, nein, das kann nicht sein, es gibt doch gar keinen Zugang hierher, dieses Gebiet ist gegen die übrige Welt streng abgeschlossen —«
»Sie sind doch aber auch hier, Señorita!«, bemerkte da Georg Wedekind.
»Ich? Ja, ich bin hier. Wir sind über den Felsenwall gekommen oder vielmehr hindurch —
Aber wir wollen uns nicht mit solchen Dingen aufhalten. Wann sind Sie gekommen?«
»Gestern gegen Abend.«
»Und in einem Boote?«
»Wie wir schon sagten.«
»Wo ist es denn jetzt? Warum besteigen Sie es nicht?«
»Weil es fort ist — nehmen Sie an, es sei untergegangen«, antwortete Georg, der überhaupt die Antworten gab, das ganze Gespräch führte.
»Das wäre sehr schlimm. Dann sind Sie verloren!«, stöhnte die Unbekannte.
»Na, so schlimm wird es ja nicht gleich werden, es sind doch auch noch andere Menschen hier. Wir haben wenigstens gestern Schüsse gehört —«
»Das waren meine Freunde, die mich suchen! Antonio Almeida der eine, Manuel García der andere. Ich selbst bin die Ravelli —«
»Ah!«, stießen die beiden Freunde da gleichzeitig hervor. »Die berühmte Geigenkünstlerin?«
»Jaja! Sie kennen mich?«
»Wir haben Ihren Namen gehört, haben Sie aber bisher nur im Bilde gesehen«, erwiderte Georg. »Und da Sie sich vorgestellt haben, ich heiße Georg Wedekind, das hier ist mein Freund Fritz Hammer.«
»Was suchen Sie denn nur hier?«
»Nichts! Wir sind eben hergekommen.«
Georg Wedekind konnte doch nicht gleich erzählen, was sie beide erlebt hatten.
»Und nun haben die Affenmenschen Sie entdeckt, verlangen, dass ich Sie zum Verlassen des Sees auffordere!«, ächzte die Ravelli.
»Diese Kerls haben Sie entführt?«
»Ja, nachts — es war schrecklich, aber sie tun mir nichts zuleide, ich habe meine Geige bei mir, muss ihnen vorspielen —«
»Das wissen wir schon, haben es mitangesehen«, sagte Georg.
»Wie? Sie haben —«
»Ja, Signorina, wir haben Sie spielen sehen, aber da waren wir noch weit von hier. Sie können das ja nicht verstehen, und ich kann es Ihnen noch nicht erklären. Wir wissen selbst noch nicht recht, woran wir eigentlich mit alledem sind. Ein gewisser Loke Klingsor —«
»Loke Klingsor?«, schrie da die Künstlerin auf.
Verdutzt schauten die beiden sie an.
»Sie kennen diesen Namen, Signorina?«, fragte Georg Wedekind alsbald.
»Loke Klingsor!«, stöhnte da die Ravelli noch einmal. »Ja — oder nein — ich kenne ihn noch nicht — aber ich —«
Sollte sie den beiden offenbaren, was sie hierher geführt hatte?
Nur einen Moment zögerte sie. Hinter ihr grunzten die Affenmenschen. Sie wurden ungeduldig.
»Nein, ich kenne diesen Loke Klingsor nicht, aber ich suche ihn — und nun hören Sie mich! Wenn er Ihnen helfen kann, dann rufen Sie ihn, er muss Sie retten, sonst sind Sie diesem Kalasura, dem König der Affenmenschen, verfallen —«
»Kalasura heißt er? Und das sind wirklich Affenmenschen?«, rief Georg.
»Jaja, Wesen, von denen wir Menschen uns nichts haben träumen lassen, Sie hausen hier in diesem abgeschlossenen Gebiete, sind furchtbar grausam — ach, um Himmels willen lassen Sie sich nicht fangen! Kommen Sie ja nicht an Land! Sie würden sofort umgebracht — erwürgt — oder ich weiß nicht, was sie mit Ihnen anfangen würden —«
»Nein, nein, wir haben gar keine Lust, an Land zu kommen«, erwiderte Georg. »Wir haben doch schon gemerkt, dass die Kerle wasserscheu sind, aber sagen Sie uns nun, wo wir Ihre Freunde finden können. Wenn wir uns mit ihnen vereinigen, dann können wir Sie befreien, der Gewalt dieses Kalasura entreißen —«
»O, was Sie denken! Niemals können Menschen diese Geschöpfe besiegen! Niemals! Und wenn Sie Ihr Leben lieb haben, dann fliehen Sie, warnen Sie auch meine Gefährten — ich selber — ah, ich werde wohl bis an mein Ende hier bleiben müssen — dieser schreckliche Kalasura — o —«
Sie scheute sich, auszusprechen, was ihr drohte, aber so jung die beiden Deutschen auch waren, sie konnten sich den Rest schon denken.
Sie hatten doch auch schon davon gelesen, dass solche Menschenaffen Weiber entführten, dass die Eingeborenen sie deswegen besonders fürchteten.
Und nun handelte es sich hier um Wesen, die noch eine Stufe höher standen als OrangUtan und Schimpanse, nicht um Menschenaffen, sondern um Affenmenschen! Da war so etwas erst recht verständlich.
»Der Kerl soll es nur wagen!«, murmelte Georg Wedekind und ballte ingrimmig die Hände.
»Wenn wir bloß unsere Gewehre hier hätten!«, seufzte Fritz Hammer.
Da kam ihm ein Einfall.
»Signorina Ravelli«, rief er, »wir helfen Ihnen natürlich. Dieser rotbärtige Affenkönig soll Ihnen nichts zuleide tun dürfen, aber dazu müssen wir unsere Waffen haben. Sie liegen dort drüben bei dem Zelte. Können Sie nicht bewirken, dass die Affenmenschen sie liegen lassen? Dass sie sich überhaupt so bald wie möglich wieder entfernen, ohne uns einen Hinterhalt zu legen?«
»Die Waffen interessieren Kalasura gar nicht, er kennt sie nicht, weiß nichts von Feuergewehren und ihrer Wirkung«, erwiderte die Italienerin sogleich. »Aber hoffen Sie nicht, dass Sie mit diesen Waffen etwas gegen ihn ausrichten können. Sie ahnen ja nicht, wie riesenstark diese Geschöpfe sind! Mit den Händen werden sie die Gewehre mittendurch brechen! Mit ihren Zähnen beißen sie nicht nur das stärkste Holz durch, sondern sicher auch Eisen und Stahl —«
»Na, das kann ich nun zwar doch nicht ganz glauben«, wendete hier Georg Wedekind ein, »immerhin sehe ich selbst, dass unsere Feinde nicht zu unterschätzen sind, aber es sind doch eben noch Affen, wenn auch hochstehende, und denen ist der Menschengeist überlegen! Was uns an Kraft des Körpers fehlt, das haben wir an Geisteskraft vor ihnen voraus.
Nein, Signorina, wir fürchten diese Affenmenschen nicht, unterschätzen sie freilich auch nicht, und wir werden selbstverständlich Ihre Befreiung nur dann wagen, wenn wir eines Erfolges sicher sind. Wir könnten Ihnen sonst mehr schaden als nützen, Sie vielleicht erst recht in Gefahr bringen —
Aber mein Freund hat schon recht, die Waffen möchten wir wiederhaben, und wenn Sie uns da helfen könnten, so wären wir recht froh —«
Ehe die Ravelli etwas erwidern konnte, entstand unter den Affenmenschen hinter ihr eine Bewegung, eine Unruhe —
Die beiden Freunde, die immer zu ihnen hinüber geschaut und sie beobachtet hatten, merkten wohl, wie bald dieses und bald jenes der Ungeheuer lauschte, wie einige in das Dickicht eindrangen —
Jetzt aber näherten sich zwei dem etwas vor den anderen stehenden König Kalasura, wie die Ravelli ihn genannt hatte.
Es sah geradezu unheimlich aus, wie diese Tiere, die sie doch noch waren, sich an das Ohr ihres Herrn beugten, ihm etwas zuraunten —
Die Mitteilung brachte eine grässliche Wirkung hervor.
Kalasura fletschte das furchtbare Gebiss, seine tiefliegenden Augen funkelten, seine Fäuste trommelten gegen die gewaltige Brust — wie ein dumpfer Donner klang es —
Und ehe die beiden Beobachter im See noch erraten konnten, was ihn so erregte, winkte der Affenkönig rückwärts.
Sofort verschwanden alle die haarigen Geschöpfe in dem Dickicht, schwangen sich mit bewundernswerter Gewandtheit auf die Äste —
Kalasura aber war mit einigen Sprüngen bei der Ravelli, berührte sie an einer Schulter, schnatterte hastig auf sie ein, deutete ebenfalls nach dem Dickicht —
Die beiden Freunde sahen, wie das schöne Weib ihnen einen verzweiflungsvollen, hilfeheischenden Blick zuwarf — sie faltete auch die Hände über der Brust — sie aber dann die Hand des Affenkönigs von ihrer Schulter schob, sich stolz aufrichtete und langsam dem mächtigen Baume zuschritt, von dem sie vorher herabgehoben worden war.
Kaum war sie dort angelangt, als auch schon aus dem Blätterdickicht haarige Arme nach ihr griffen, sie streckte ihre Arme aus, wurde emporgezogen und tauchte ebenfalls in dem Astgewirr unter.
Kalasura aber blieb noch einen Augenblick stehen, hob drohend die zu kurz geratenen Arme, fletschte die Zähne und trommelte noch einmal aus aller Kraft auf dem mächtigen Brustkasten, zugleich ein Brüllen ausstoßend, dass den beiden Freunden graute.
Kalasura aber blieb noch einen Augen-
blick stehen und hob drohend die Hände.
Dann schwang auch er sich auf den Baum und folgte seinen Untertanen.
Minutenlang noch starrten Georg und Fritz nach der Stelle, wo das Ungeheuer verschwunden war.
»Georg, wenn wir lebend von hier fortkommen, dann sind wir beide mit einem Schlage weltberühmte Leute«, flüsterte da Fritz Hammer.
»Du meinst, weil wir die ersten Affenmenschen entdeckt haben? Ja, das ist allerdings etwas, was Aufsehen erregen wird. Die Gelehrten suchen ja schon so lange vergebens nach diesem Zwischenglied zwischen Mensch und Affe — aber —«
»Aber? Was meinst Du denn? Sprich Dich doch aus!«
»Aber ich gäbe den ganzen Ruhm, der unser harrt, gerne hin, wenn ich bloß dieses arme, schöne Mädel aus der Gewalt dieses Kalasura befreien könnte!«, erwiderte Georg Wedekind. »Wir dürfen an nichts anderes denken, an gar nichts sonst, als wie wir sie befreien können, und deshalb müssen wir jetzt gleich die Gelegenheit benutzen und unsere Waffen holen, müssen sehen, dass wir einen Platz finden, wo diese Affenmenschen uns nicht überfallen können —
Ach, mir läuft noch jetzt ein kalter Schauder über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, dass sie uns nachts überfallen und vielleicht fortgeschleppt hätten!«
Fritz Hammer aber schüttelte den Kopf.
»Nein, Georg, das hätten sie nicht gewagt, das hätten wir nicht zu fürchten brauchen«, sagte er ernst. »Vergisst Du denn ganz, wer uns hierher geschickt hat? Dass über uns einer wacht, der gewiss längst davon Kenntnis hatte, was wir hier finden würden?
Ich kann nicht anders, ich muss diesem Loke Klingsor vertrauen. Er wird uns schon beistehen und eine Möglichkeit zeigen, wie wir diese Ungeheuer besiegen und die junge Italienerin befreien können. Jetzt aber wollen wir wirklich erst sehen, ob wir unser Eigentum sichern können.«
Georg Wedekind nickte.
»Du magst recht haben, Fritz«, gab er zu.
Dann wollte er sich in das Wasser werfen, zu schwimmen anfangen, da merkte er erst, dass er noch das graue Stück Haut in der einen Hand hielt.
Er betrachtete es noch einmal.
»Wie mag das Tier aussehen, das eine solche Haut besitzt?«, murmelte er. »Ob es eine riesenhafte Wasserschlange ist?«
»Auch das werden wir vielleicht noch erfahren«, meinte Fritz. »Jetzt lass uns nicht zögern! Wirf das Ding weg, es mag im See begraben liegen — wir haben Wichtigeres zu tun!«
Und die beiden schwammen dem Ufer zu, das sie auch bald genug erreichten.
Ehe sie es jedoch betraten, berieten sie noch einmal miteinander, und das Ergebnis war, dass sie beide fast in Streit geraten wären.
»Ich laufe jetzt hinüber und hole erst mal eins der Gewehre und die nötigen Patronen!«, sagte Georg Wedekind. »Das bringe ich Dir, und dann wachst Du über mich, während ich alles andere berge. Brechen die Affenmenschen nochmals aus dem Walde hervor, so feuerst Du auf sie —«
»Oder umgekehrt, Georg!«, erwiderte Fritz. »Ich laufe hin, hole das Gewehr, und Du wachst über mich!«
Keiner wollte nachgeben, bis endlich Georg rief:
»Ich bin der ältere von uns beiden, und deshalb hast Du mir zu gehorchen! Außerdem ist es das Dümmste, wenn wir uns hier streiten. Es kommt doch gar nicht darauf an, wer hier die größere Gefahr auf sich nimmt, sondern nur, dass wir beide der Signorina helfen können, und je länger wir zögern, desto weiter wird sie schließlich entführt, wir finden ihre Spur nicht mehr —«
Da war Fritz Hammer einverstanden.
»Lauf nur, Georg!«, sagte er. »Aber sei vorsichtig!«
Und schon war Wedekind auf den Strand geklettert, lief geduckt über diesen und kam bis zu dem Zelte.
Im Nu hatte er eins der Gewehre ergriffen, die Patronen dazu, sich selbst aber vorläufig mit einem Revolver bewaffnet, und nach wenigen Minuten schon hatte Fritz Hammer die Waffe in der Hand.
»Nun sollen die Kerls sich bloß noch mal von dem Baume wagen!«, murmelte er grimmig, während er lud. »Ha, ich will ihnen einen Gruß zuschicken —«
»Du schießt nicht ohne die höchste Not!«, rief jedoch Georg Wedekind. »Nur, wenn Du mein Leben in Gefahr siehst, Fritz! Bedenke, dass der Schrecken, den ein Schuss erzeugt, unser bester Helfer ist! Das müssen wir ausnutzen! Nur dadurch können wir die Feinde verblüffen und die Italienerin vielleicht befreien —«
»Du hast abermals recht«, gab Fritz zu.
Und Georg Wedekind lief schon wieder nach dem Zelte, raffte nun zuerst die Kleidungsstücke auf, die weit umhergestreut waren, immer wieder einmal lauschend stehen bleibend, während Fritz unausgesetzt den verdächtigen Baum beobachtete.
Doch nichts geschah, was die beiden hätte beunruhigen können.
Die Affenmenschen schienen nicht mehr in der Nähe zu sein. Georg konnte die Kleider an das Ufer tragen, die beiden Freunde konnten sich anziehen, und dann begaben sich beide wieder nach dem Zelte.
Auch Georg ergriff nun ein Gewehr, sie räumten zusammen, was umherlag, überlegten einen Augenblick, ob sie auch die Konservenbüchsen fortschaffen sollten, entschieden sich aber dahin, dass diese einstweilen an Ort und Stelle bleiben könnten.
Nur das Zelt wollten sie später fortschaffen. Vorläufig aber fassten sie einen Plan, der ihrem Mute alle Ehre machte.
»Jetzt sehen wir erst einmal, ob wir die Affenmenschen verfolgen können«, sagte Georg Wedekind. »Ich denke, sie werden dort oben einen richtigen Weg angelegt haben, und wenn wir den verfolgen können, dann finden wir sicher bald ihr Lager —«
»Vielleicht haben sie sogar schon Hütten!«, musste Fritz Hammer gleich bemerken.
»Kann sein, aber das ist mir jetzt ganz egal, die Hauptsache ist, dass wir wissen, wo wir sie zu suchen haben!«
Er trat unter den Baum und blickte in dessen Astwerk empor.
Die Stelle, wo die Affenmenschen herabgekommen waren, war nicht ohne Weiteres zu entdecken, konnte erst festgestellt werden, nachdem die beiden auf dem Boden die Spuren gefunden hatten, und da sahen sie allerdings gleich wieder, dass es sich um wirkliche Affen handelte.
Die Abdrücke bewiesen, dass diese Geschöpfe hier zwar fast menschliche Füße hatten, dass sie aber auf diesen so liefen wie die meisten Tiere es tun — auf der Außenseite nämlich.
Immer waren nur die äußeren Zehen deutlich abgedrückt, fast niemals ein Abdruck des Daumens zu sehen.
Georg Wedekind schaute wieder empor, das Gewehr schussbereit in der Hand.
Während die beiden noch standen und überlegten, wie sie hinaufkommen könnten, da die untersten Äste doch immerhin recht hoch über dem Boden waren, krachte plötzlich wieder ein Schuss —
Blätter und kleine Äste kamen aus dem Baume herab.
»Das galt uns!«, rief Georg Wedekind und war schon hinter den dicken Stamm gesprungen, den Freund mit sich reißend.
Ja, es war kein Zweifel möglich.
Die Kugel, die diesmal noch unschädlich in das Laub des Baumes gefahren war, hatte ihnen gegolten, sie waren gesehen worden —
Aber wer konnte sie abgefeuert haben?
Sie sollten alsbald Aufklärung erhalten.
Hinter dem Baumstamme hervorlugend, sahen die beiden Freunde deutlich die Stelle, wo der Schuss abgefeuert worden war. Jenseits des Sees erhoben sich anscheinend Felsen, ebenfalls dicht bewachsen — oder waren es nur so ungeheuere Bäume?
Dann musste der Schütze sich in der Krone eines von ihnen verborgen halten, von dort aus geschossen haben.
Was sollten die beiden nun tun?
»Es war sicher einer von jenen Männern, die mit der Italienerin hierher gekommen sind!«, sprach Georg Wedekind leise zu seinem Gefährten. »Er ahnt noch nichts von den Affenmenschen, denkt, wir haben die Signorina geraubt —«
»Da müssen wir ihm eben diesen Irrtum nehmen!«, erklärte Fritz.
»Ja, das müssen wir, bleibt bloß die Frage, wie es geschehen soll. Schreien dürfen wir nicht, weil wir die Affenmenschen dadurch wieder herbeilocken würden, feuern auch nicht —«
»Dann müssen wir versuchen, uns hinüberzuschleichen«, meinte Fritz.
Denselben Gedanken hatte auch Georg gehabt, und doch zögerten sie, ihn auszuführen. Es galt zu entscheiden, was wichtiger war: die Vereinigung mit den beiden Gefährten der Ravelli oder die Verfolgung der Affenmenschen.
Lange überlegten die beiden, bis sie es endlich doch für besser hielten, sich den Beistand der beiden Männer zu sichern.
»Das sind doch gewiss beides erfahrene Jäger«, sagte Georg Wedekind. »Wir selber haben zwar schon manche Abenteuerfahrt unternommen, aber wenn wir auch manchen Zusammenstoß mit wilden Tieren gehabt haben, mit Menschen — und seien es auch nur Affenmenschen — haben wir noch nicht gekämpft. Da können wir leicht eine Unvorsichtigkeit begehen. Außerdem ist es immer besser, wir sind zu viert, als dass wir zu zweit vorgehen —
Komm, Fritz, wir wollen sehen, dass wir hinüber gelangen!«
Das war nun freilich eine Aufgabe, die schwer zu lösen war.
Sie mussten sich doch immer in Deckung halten, durften sich nicht der Gefahr aussetzen, noch einmal beschossen zu werden. Aber das Dickicht war derart verwachsen, dass sie keine Möglichkeit sahen, sich hindurchzuzwängen, sie kamen auch mit Hilfe der Haumesser nicht vorwärts, hätten nicht nur Stunden, sondern gleich Tage gebraucht, bis sie nur hundert Meter weiter waren —
Und außerdem drohte ihnen in der grünen Wildnis doch immer die Gefahr, dass sie von oben her durch die Affenmenschen überfallen werden konnten.
Noch standen sie ratlos da und dachten schon daran, nun doch nach einem Wege zu suchen, der oben in den Bäumen sicher vorhanden war, da machten sie eine Entdeckung.
Auf dem See tauchte ein Fahrzeug auf.
Es war ein plumpes Ding, wohl nur ein von den Ästen befreiter Baumstamm.
Die beiden gewahrten deutlich, dass auf ihm zwei Männer hockten, die das Ungetüm mittels belaubter Zweige vorwärtstrieben, immer wieder innehaltend, nach dem Ufer spähend.
Zu unterscheiden waren die beiden nur erst als kleine Gestalten, noch kein Gesicht zu erkennen, dazu war der See zu breit, aber so viel sahen die Freunde doch, dass es sich nur um die Gefährten der Ravelli handeln könne. Andere Menschen konnten ja auch gar nicht in der Nähe sein.
»Gott sei Dank!«, murmelte Georg Wedekind. »Das erspart uns eine ungeheure Mühe!«
An eine Gefahr, die ihm von den beiden drohen konnte, die doch schon nach ihnen geschossen hatten, dachte er also nicht mehr.
Auch Fritz Hammer kannte keine Furcht.
Gespannt beobachteten sie beide, wie die Männer den Baumstamm vorsichtig immer näher trieben, aber sie mussten lange warten, bis sie endlich auch die Gesichter der beiden unterscheiden konnten.
»Sie sind es!«, flüsterte Georg seinem Freunde zu. »Ja, ich könnte jetzt schon sagen, wer von den beiden der Almeida ist, wer der García —«
»Ja, Georg! Und die Hauptsache ist, dass wir sie anrufen können!«, erwiderte Fritz.
Ja, das war ein glücklicher Gedanke, der die Gefahr auf das geringste Maß herabminderte.
Wenn die Freunde die beiden beim Namen anriefen, dann mussten diese doch nicht nur stutzen, sondern auch gleich merken, dass es sich nicht um Feinde handelte.
Die einzige Gefahr war, dass sie durch diesen Ruf wieder die Affenmenschen anlockten.
So warteten sie nur noch, bis der Baumstamm etwa bis an jene Stelle gekommen war, wo sie vorher selbst im See geweilt hatten, also etwa hundert Meter vom Ufer entfernt.
Dann richtete Georg sich auf.
»Du beobachtest jetzt den Baum über uns, Fritz!«, sagte er. »Wenn sich dort oben etwas Verdächtiges rührt, dann müssen wir natürlich gleich ins Freie springen —«
»Und dann werden wir abgeschossen wie Hasen!«
»I wo! Wir werfen uns sofort nieder! Gib nur acht! Ich rufe!«
Und indem er beide Hände als Schalltrichter an den Mund legte, rief er:
»Señores Almeida und García!«
Sofort stutzten die beiden drüben auf dem Stamm. Sie hoben die Gewehre und spähten aufmerksam nach der Stelle, von welcher der Ruf erklungen war.
»Wir warten hier sehnsüchtig auf Sie!«, fuhr Georg fort. »Wir wollen gleich Ihnen die Signorina Ravelli befreien!«
Da richtete der eine der beiden drüben sich empor, denn beide hatten sich gleich nach dem ersten Rufe lang auf dem Stamme ausgestreckt.
»Wer ruft dort?«
»Freunde, Senhor Almeida! Kommen Sie rasch! Wir haben die Spur der Geraubten —«
Und schon tauchten die beiden drüben ihre armseligen Ruder wieder in das Wasser. Die beiden Freunde sahen sie angestrengt arbeiten. Nach kurzer Zeit schon lag der Einbaum am Ufer, und während die beiden auf den Strand sprangen, eilten Georg und Fritz aus ihrem Versteck hervor —
Da freilich stutzten die beiden Männer abermals.
Jünglinge hatten sie nicht zu finden erwartet.
Aber schon waren diese bei ihnen.
»Sie sind Senhor Almeida? Und Sie Señor García?«, rief Georg Wedekind. »Ich habe Sie gleich erkannt, Signorina Ravelli erzählte —«
»Sie haben sie gesehen, mit ihr gesprochen?«, riefen die beiden anderen gleichzeitig.
»Ja, ja, und wir waren eben daran, ihr zu folgen, da krachte Ihr Schuss —«
»Ah, das war ich! Entschuldigen Sie, Señores! Ich sah hier etwas sich bewegen, wollte nicht treffen — sonst — Dio, was hätte ich da beinahe angerichtet!«
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, mein Herr! Aber so ist es schon besser, und ein Glück ist es vor allem zu nennen, dass wir die Signorina sprachen, Ihre Namen erfuhren, wir hätten uns sonst vielleicht bekriegt — und müssen doch alles aufbieten, um die Dame zu befreien —«
»Sie ist also doch gefangen? Von wem?«
»Von Affenmenschen!«, erwiderte Georg.
»Also doch!«, stieß Senhor Almeida hervor.
»Ich wollte es nicht glauben«, ergänzte García.
»Nun, Sie werden uns alles erzählen, wir Ihnen!«, unterbrach Georg dieses Hin und Her.
Sie setzten sich, wo sie gestanden hatten, aber nun wussten sie wieder nicht, wer den Anfang mit Erzählen machen sollte, bis endlich Antonio Almeida sagte:
»Wir beide suchen die Signorina, uns ist sie geraubt worden, also ist es an uns, zu berichten, wie dies alles kam!«
Und er erzählte, was sie erlebt hatten.
Es braucht nicht wiederholt zu werden, nur zu ergänzen ist, dass die beiden unter unsäglichen Strapazen versucht hatten, eine Spur der Verschwundenen zu finden, immer vergebens.
Und die beiden Freunde konnten nun Aufschluss darüber geben, warum das nicht möglich gewesen war.
Dann aber mussten sie selbst berichten, wie sie hierher gelangt waren, und da mussten sie natürlich den Namen dessen erwähnen, der ihnen das Unterseeboot geschickt und sie auf so seltsame, geheimnisvolle Weise geführt hatte.
»Loke Klingsor schickt Sie hierher?«, fragte Manuel García.
Er schien noch etwas hinzusetzen zu wollen, unterließ es aber nach einem raschen Blick auf seinen Gefährten.
Doch dieser kannte nun keine Bedenken mehr.
»Gerade dieses Mannes wegen sind wir hier, wir suchen ihn! Auch die Signorina schloss sich uns aus diesem Grunde an. Und nun sagen Sie, dass er Sie hierher gebracht hat, damit Sie die Dame retten! Wie stehen wir nun da!? Ah, schämen müssen wir uns — von ganzer Seele schämen!«
Die beiden Freunde verstanden das nicht, erhielten jedoch nunmehr die Erklärung, konnten nur von Neuem staunen über das, was sie da zu hören bekamen.
Nicht minder aber staunten Almeida und García. dass die Freunde in einem Unterseeboote aus dem Wasser emporgetaucht waren.
Nur ihre Entdeckung der Höhle mit den Mumien verschwiegen Georg und Fritz. Sie waren der Meinung, dass dieses Geheimnis nicht für die anderen bestimmt sei. Jedenfalls gab es so viel zu erzählen und zu fragen, dass die Zeit wie im Fluge verging.
»Und nun haben wir ganz vergessen, was doch die Hauptsache ist!«, rief Georg endlich. »Wir müssen unbedingt der Dame folgen —«
»Aber erst einmal etwas essen!«, ergänzte Fritz Hammer. »Mein Magen hängt mir bis an die Kniekehlen!«
Den anderen erging es nicht besser, und da die Konservenbüchsen genug enthielten, was auch ohne besondere Vorbereitung verzehrt werden konnte, so aßen alle rasch, aber doch bis sie satt waren.
Dann wurden die Spuren unter dem Baume von den beiden Jägern untersucht, die nun zum ersten Male wirklich greifbare Beweise dafür enthielten, dass es tatsächlich Affenmenschen hier gab. Bis dahin hatten sie ja nur vermuten können, dass gewaltige Affen als Entführer der Künstlerin in Frage kamen, sie hatten das aus den rötlichen Haaren geschlossen, die sie gefunden hatten.
Ja, die beiden Jäger wussten, dass in solchen Urwäldern ein Vorwärtskommen nur auf den Bäumen möglich ist, nicht unter ihnen, und schon hatte Manuel García das Ende seines Lassos um einen der Äste geschlungen; sie stiegen daran empor, nachdem sie sich mit genügender Munition versorgt hatten.
Auf den Ästen der Bäume konnten sie entlang wandern, natürlich nicht etwa so bequem wie auf einer Straße, aber doch viel schneller, als wenn sie sich erst mit dem Haumesser hätten Bahn schaffen müssen.
Manuel García machte den Führer, und da freilich lernten die beiden Deutschen einmal kennen, wie ein solcher Waldmensch eine kaum sichtbare Spur zu verfolgen versteht, wie er bald hier, bald dort auf ein Zeichen aufmerksam machte, das ihnen sicher entgangen wäre.
Jedenfalls betrug dieser Brasilianer(1) sich genau so wie ein guter Jagdhund, und da hätte auch keiner der vielgerühmten amerikanischen Trapper oder ein Indianer an ihn herangekonnt. Es mag hier nur erwähnt werden, dass zum Beispiel an vielen Orten Südamerikas der Polizei sogenannte Diebsriecher unbezahlbare Dienste leisten, Menschen, meist Eingeborene, aber von weißer Rasse, die eine Spur auch dort noch zu verfolgen vermögen, wo selbst ein Hund versagen würde. Ihr Name »Diebsriecher« sagt alles, und diese Menschen leisten so Erstaunliches, dass niemand, der sie nicht bei ihrer Tätigkeit beobachtet hat, an ihre Leistungen glauben kann. Wenn man davon einem Europäer erzählen wollte, würde man nur als Aufschneider gelten.
(1) Hier wird Manuel García als Brasilianer bezeichnet. Im Kapitel 21 wurde er aber ausdrücklich als Spanier eingeführt. Diese Änderung ist wahrscheinlich auf die Bearbeitung durch Johannes Jühling zurückzuführen.
Die vier kamen schneller vorwärts, als sie geahnt hatten.
Und da entdeckte Manuel García auch etwas, was ihnen erst recht bewies, dass sie auf der rechten Fährte waren.
In der Rinde eines der mächtigen Bäume stak etwas Blitzendes. Es hätte nicht nur einem geübten Jäger sofort auffallen müssen.
»Da!«, flüsterte Manuel García und deutete auf die Stelle. »Sie, Senhor Almeida, werden es gleich kennen.«
»Das ist eine Nadel, die ich bei der Signorina Ravelli oft genug gesehen habe«, erwiderte der Angeredete. »Sie ist mir aufgefallen, weil die Dame sonst gar nichts von Schmuck an sich trug, keinen Ring. Diese Nadel aber, die ich bei ihr sah, besteht aus zwei verschlungenen Buchstaben, einem V und einem E, was den Anfangsbuchstaben des Namens Vittorio Emanuele entspricht. Von ihrem König hat sie die Nadel bekommen, wie sie mir selbst erzählte, und ich weiß von anderer Seite, dass sie sich lange hat nötigen lassen, ehe sie diese so bescheidene Auszeichnung annahm. Geboten worden ist ihr ganz anderes! Der rote Stein, der zwischen dem Gold leuchtet, ist freilich ein Rubin, mindestens zehnmal so viel wert wie ein gleichgroßer Brillant vom reinsten Wasser!
Ja, ja, das ist die Nadel der Signorina!«
War das nicht eine etwas lange Erklärung für eine solche Gelegenheit und in einer solchen Lage, wie dieser hier?
Antonio Almeida war sonst kein Schwätzer, das lag nicht in seiner Art, und als Jäger wusste er doch erst recht, dass er auf der Verfolgung einer Fährte jedes überflüssige Wort vermeiden musste.
Manuel García schaute ihn denn auch immer verwunderter an.
Und da gewahrte er, warum sein Gefährte so gegen die erste Regel der Wildnis verstieß.
Er sah, dass Almeida während des Sprechens nach einer bestimmten Stelle blickte, nicht auf ihn, nicht auf einen der beiden Deutschen, sondern schräg nach oben.
Ohne sich umzuwenden, suchte er ebenfalls zu erspähen, was da zu sehen war, und er brauchte nicht lange zu suchen.
Zwischen Ästen und Laub lugte etwas hervor, was nicht dorthin gehörte — ein Fell — ein Tier hielt sich dort verborgen.
Ihm selber war schon aufgefallen, dass sie während ihrer Wanderung über die Baumzweige keinem Tiere begegnet waren, keines ausgescheucht hatten, was doch nur natürlich gewesen wäre. Sie hatten doch mindestens damit rechnen müssen, dass einmal eine Affenherde schnatternd entwich, ein Flug Papageien kreischend davon stob.
Nichts von alledem war der Fall gewesen. Nicht einmal Insekten waren vorhanden, die in dieser grünen Wildnis doch nie fehlen.
Schon immer hatte Manuel García darauf aufmerksam machen wollen, hatte es aber immer wieder unterlassen, der Gefahr bewusst, in der sie alle doch ständig schwebten.
Jetzt schien sich eine Lösung dieses Rätsels gefunden zu haben.
Hatten die Menschenaffen oder Affenmenschen in diesem Dickicht Wachen ausgestellt, Späher?
War das dort einer?
Dann aber ward doch das Nahen der Menschen sofort verraten, war schon verraten! Sie brauchten nicht mehr so zu schleichen!
Antonio Almeida aber hatte gegen seine Gewohnheit so viel gesprochen, um zu prüfen, ob er belauscht würde, hatte vielleicht darauf gewartet, dass der Träger des roten Felles dort oben sich heranschleichen würde.
Das war nicht der Fall und auch nicht zu erwarten gewesen, denn die Affenmenschen verstanden sicher nicht die Menschensprache.
Nein, nicht deshalb hatte Senhor Almeida geschwatzt, sondern nur, um den Späher dort sicher zu machen, um ihn in den Glauben zu versetzen, er sei noch nicht entdeckt.
Manuel García ging darauf ein, wusste, was sein Gefährte vorhatte, und so erwiderte er:
»Sie hat uns ein Zeichen geben wollen. Wir wissen nun, dass sie auf diesem Wege gegangen ist. Wir müssen ihr folgen —«
»Aber das wussten wir doch auch so«, wendete da Georg Wedekind ein. »Wir haben doch gesehen, dass sie —«
Eine Handbewegung Antonio Almeidas gebot ihm Schweigen.
Zugleich deutete der Jäger mit den Augen wieder nach oben.
Da gewahrte auch Georg das rote Fell und erschrak.
»Ein Menschenaffe!«, rief er, lauter, als ratsam war. Dabei hob er auch schon das Gewehr.
»Halt! Nicht schießen!«, gebot Almeida. »Wir wollen uns erst überzeugen, ob es wirklich einer dieser Affenmenschen ist, und trifft das zu, versuchen, ihn lebendig in unsere Gewalt zu bringen.«
Gern hätte nun Georg Wedekind gefragt, wie er das andrehen wollte, aber er unterließ es, und nachdem Manuel García die Nadel rasch an sich genommen hatte, gingen sie alle weiter.
Jetzt aber spähte nur der Führer auf den Weg selbst, die Folgenden beobachteten das geheimnisvolle Tier, warteten darauf, dass es ihnen nachkommen würde.
»Wir müssen es umgehen«, zischelte der Brasilianer seinem Gefährten zu.
»Ja, bleiben Sie unbemerkt zurück. Sie« — er wendete sich an die beiden Deutschen — »warten hier. Sie schießen nur, wenn es die höchste Not erheischt. Vorher aber rufen Sie! Verstanden?«
Die beiden nickten. Ihre Pulse gingen rasch. Das war doch ein Abenteuer, wie sie es sich schon lange ersehnt hatten! Furcht kannten sie nicht.
Aber es sollte doch nicht zu der Beschleichung kommen.
Noch ehe Antonio Almeida sich hatte entfernen können, gellte aus nächster Nähe ein ohrenbetäubendes Geheul.
Die vier hoben sofort die Gewehre, ganz unwillkürlich, so gut dies auf der schmalen Fläche ging, ein Karree bildend.
Und da ward es auch schon rings um sie her lebendig.
Überall knackten Äste, rauschten Blätter, ein Huschen und Springen war — und so tapfer diese vier Männer auch waren, jetzt gefror ihnen allen doch fast das Blut in den Adern.
Jetzt erst erkannten sie, dass sie trotz aller Vorsicht in einen Hinterhalt getappt waren!
Alle Bäume um sie her waren mit Affenmenschen besetzt!
Und sie hatten nur den einen gesehen, auch ihn erst in letzter Minute!
Wie verschlagen mussten diese Geschöpfe sein, dass sie diese geübten und erfahrenen Jäger so hatten überlisten können!
Doch zu einer derartigen Erwägung war jetzt wahrhaftig keine Zeit.
Die vier standen schussbereit da. Sie wussten, dass es einen furchtbaren Kampf geben würde, aber sie waren auch überzeugt, dass ihre Gewehre dabei den Ausschlag geben mussten.
Sie sollten keinen einzigen Schuss abfeuern müssen!
Jetzt nicht!
Die Affenmenschen dachten an keinen Angriff.
Unter fortwährendem furchtbarem Heulen und Brüllen sprangen sie zwar dicht neben den Menschen durch die Zweige, aber sie stürmten alle nach vorn —
»Ihnen nach!«, rief Antonio Almeida, als es schon wieder ruhig um sie her geworden war, das Gebrüll der Affenmenschen sich weiter und weiter entfernte.
»Gott sei Dank!«, murmelte da Fritz Hammer. »Das sind ja ganz schreckliche Bestien!«
Er hatte es auf Deutsch gesagt, war also von den beiden Jägern nicht verstanden worden, und er wurde auch gleich ganz rot, als sein Freund ihn erstaunt anschaute.
Aber er wurde nicht getadelt, es war gar keine Zeit dazu, denn die beiden Jäger eilten schon mit bewundernswerter Gewandtheit vorwärts, und da mussten die beiden Freunde ihnen eben nach —
Merkwürdig plötzlich hörte der halsbrecherische Weg auf. Die Bäume waren zu Ende.
Affenmenschen waren nicht mehr zu sehen gewesen —
Die beiden Jäger standen lauschend still, schickten sich eben an, sich mit äußerster Vorsicht weiterzuschleichen, eine neue List der Affenmenschen vermutend.
Da brach es los!
Was war das Brüllen und Heulen, das sie vorhin im Walde gehört hatten, gegen den Höllenlärm, der nun anhob!
Das ist ja eigentlich ein Ausdruck, der im Grunde gar nichts sagt. Noch kein Mensch hat einen Höllenlärm hören können, weil eben noch kein Mensch in der Hölle gewesen ist, aber darauf kommt es auch nicht an, sondern darauf, dass man sich eben einen Ort denkt, an welchem die Seelen sündiger Menschen von erbarmungslosen Teufeln in jeder erdenklichen Weise gefoltert und gemartert werden. Man braucht sich nur einmal eine mittelalterliche Darstellung solcher Höllenqualen anzusehen, dann kann man sich auch einen Begriff machen, wie die derart Gepeinigten schreien müssen.
Jedenfalls dachten die vier Menschen hier auf den Bäumen sofort, dass da vor ihnen die Hölle alle ihre Teufel ausgespien haben müsste. Georg Wedekind und Fritz Hammer hielten sich gleich die Ohren zu —
Auch die beiden Jäger zuckten zusammen, doch sie schüttelten das Grauen bald wieder ab.
Da bei dem Lärm eine Verständigung durch Worte unmöglich war, bedeutete Antonio Almeida den beiden Deutschen, zurückzubleiben. Er wollte mit seinem Gefährten allein vor.
Doch damit waren die beiden Freunde nicht einverstanden.
Georg deutete auf sein Gewehr.
»Wozu habe ich denn das?«, fragten seine Blicke.
Auch Fritz wollte nicht zurückbleiben.
Da hatte Almeida nichts mehr einzuwenden, und so näherten sich alle vier dem Ende des Waldes, um zu sehen, was die Ursache dieses entsetzlichen Gebrülls sei.
Sie hatten einen Anblick, den sie zeitlebens nicht wieder vergessen konnten.
Vor ihnen erstreckte sich wiederum ein See. Vielleicht war es auch nur ein Teil jenes anderen, den sie bereits kannten, es kam ja gar nicht darauf an.
Viel wichtiger war, dass sie jenseits dieses Wassers Felsen erkannten, die anscheinend ganz glatt und unersteiglich in die Höhe ragten.
Zwischen dem See und dem Waldrande zog sich, gerade wie drüben, wo noch das Zelt stand, ein ziemlich breiter Uferstreifen hin.
Und auf diesem wimmelte es jetzt von den riesenhaften Affen.
Immer mehr kamen noch aus dem Walde. Sie zu zählen, war ganz unmöglich, aber sicher waren es gegen tausend, wenn nicht noch mehr —
Und alle diese furchtbaren Geschöpfe hatten sich bewaffnet, entweder mit großen Steinen oder mit dicken Ästen, alle drängten gegen den See vor —
Und nun erst kam das Wunderbarste.
Auf diesem See schwammen viele fast zierlich anzusehende Kanus, anscheinend nur aus Rinde gefertigt, alle mit Menschen besetzt, meist nur mit zweien — und diese Menschen waren merkwürdig klein, dabei aber wohlgebaut, durchaus nicht plump, wie das meist bei Zwergen der Fall ist. Die Glieder und Körper waren gertenschlank, und da sie alle bis auf Lendenschurze nackt waren, so war zu sehen, dass ihre Haut in der Färbung fast der der nordamerikanischen Indianer glich. Auch das straffe schwarze Haar, das lang auf den Rücken herabhing, erinnerte an jene, und noch mehr die Bewaffnung.
Alle diese kleinen Männer waren mit Bogen und Pfeil bewaffnet, nur ganz wenige hatten außerdem noch einen Speer —
Und mit diesen Waffen wehrten sie sich gegen die riesenhaften Affenmenschen mit äußerster Tapferkeit.
Die Zuschauer hier oben auf den Bäumen wussten doch sofort, um was es sich bei diesem Kampfe handelte.
Die Affenmenschen und die Zwerge waren Todfeinde.
Die Späher der ersteren hatten beobachtet, wie die Indianer den See verließen, wahrscheinlich, um im Walde zu jagen, und dass sie dazu in so großer Zahl ausgerückt waren, ließ schon darauf schließen, dass sie mit einem Angriffe ihrer Feinde gerechnet hatten.
Sicher aber hatten auch sie Wachen ausgestellt gehabt, hatten damit gerechnet, dass sie nach rechtzeitiger Warnung schnell in die Kanus fliehen könnten, und auf dem See wären sie vor jeder Verfolgung geschützt gewesen.
Nun aber mochte es anders gekommen sein. Die Affenmenschen hatten schon das Landen ihrer Feinde beobachtet, hatten sie aber aussteigen lassen. Darauf hatten sie die ausgestellten Wachen überrumpelt, ihnen mit den gewaltigen Händen die Kehle zugeschnürt, dass sie starben, ohne einen Warnruf ausstoßen zu können, hatten ihrem König Kalasura Meldung erstattet, und da war die ganze Macht der Affenmenschen unversehens über die Zwerge hergefallen.
Jetzt tobte dort unten eine entsetzliche Schlacht.
Die Affenmenschen hatten einen Teil ihrer Feinde von dem See abgeschnitten und wüteten mit den Steinen und den Knüppeln, mehr noch aber mit Zähnen und Fäusten unter den Unglücklichen.
Die Menschenzwerge schossen zwar noch Pfeil auf Pfeil ab, aber die Geschosse hatten nicht die geringste Wirkung oder diese zeigte sich wahrscheinlich erst später, wenn die Pfeilspitzen, wie anzunehmen war, mit Gift getränkt waren. Jedenfalls konnte es gar nicht mehr lange dauern, und das nur noch kleine Häuflein war ganz überwältigt, lag zerfetzt auf dem Sande.
Und da konnte es auch nicht viel nützen, dass die anderen Zwerge, die sich doch noch in die Kanus hatten retten können, ganze Wolken von Pfeilen ans Ufer schickten, immer unter die Herde der Affenmenschen hinein —
Aus je größerer Entfernung diese Pfeile kamen, desto geringere Wirkung schienen sie zu haben. Wahrscheinlich vermochten sie nicht einmal durch das dichte, rothaarige Fell der Affenmenschen zu dringen, nicht ihre Haut zu ritzen.
Minutenlang sahen die vier auf den Bäumen dieser Schlacht oder vielmehr diesem Abschlachten regungslos zu, wie gelähmt.
Sie verstanden ja gar nicht, was sie da sahen, woher diese Zwerge kamen, woher diese Affenmenschen — beides Geschöpfe, von denen die Menschheit sich gar nichts träumen ließ, namentlich nicht von diesen Affenmenschen!
Dann aber schüttelten sie den Bann ab.
»Wir müssen helfen!«
Georg Wedekind hatte es so laut geschrien, dass seine Gefährten ihn verstehen mussten. Seine Augen flammten vor Entrüstung, er wollte natürlich für die Schwächeren kämpfen, hasste diese Affenmenschen, die ja auch schon die Signorina Ravelli entführt hatten —
Er hob das Gewehr, suchte unter der Schar der rothaarigen Ungetüme dort unten den König Kalasura.
Den wollte er zuerst durch einen Schuss niederstrecken.
Auch Fritz Hammer machte sein Gewehr schussfertig.
Die beiden Jäger aber dachten anders.
Plötzlich wurden die Gewehre der beiden Deutschen niedergedrückt, neben jedem stand einer der beiden Jäger, und diese beiden hatten sich nicht erst lange zu verständigen brauchen, sie hatten sofort gewusst, was hier zu tun war.
So kam es, dass jeder einem der beiden Freunde fast die gleichen Worte zuraunte, sich dicht zu ihm beugend:
»Nicht schießen! Wir müssen die Gelegenheit nutzen, um die Gefangene zu befreien, müssen sogleich nach ihr suchen!«
Da freilich waren Georg und Fritz sogleich einverstanden.
Noch einen Blick warfen sie auf die Kampfstätte hinunter.
Die Affenmenschen mussten unbedingt binnen kurzer Zeit mit dem Reste der Zwerge aufgeräumt haben, aber sie schlugen die noch lebenden jetzt nicht mehr nieder, zerfleischten und erwürgten sie nicht mehr, sondern nahmen sie gefangen.
Es war keine Zeit, weiter auf sie zu achten, die vier hatten eine viel wichtigere Aufgabe zu erfüllen, und ohne Weiteres krochen die beiden Jäger in dem Astgewirr der Bäume dahin, sich sorgsam deckend, immer umherspähend, ob auch keine Affen in der Nähe seien.
Da aber verstummte der Lärm.
Die Schlacht war zu Ende.
Sofort machten Manuel García und Antonio Almeida halt, krochen nicht mehr vorwärts.
»Jetzt dürfen wir uns auf keinen Fall entdecken lassen!«, raunte der letztere den beiden Deutschen zu. »Die Affenmenschen kommen sicher wieder hier herauf, bringen ihre Gefangenen fort, und dann müssen wir ihnen folgen! Verstanden?«
Georg Wedekind, an den diese Worte gerichtet waren, nickte schweigend.
Zwischen den Blättern hindurch konnte er noch nach dem See hinausschauen und gewahrte, dass die Indianer, wie er diese Zwerge nannte, eiligst in ihren Kanus davonruderten, also jeden Versuch aufgegeben hatten, ihren gefangenen Gefährten zu helfen. Sie wussten sicher aus langer Erfahrung, dass das ganz zwecklos gewesen wäre und nur neue Opfer gekostet hätte.
Die Affenmenschen aber kümmerten sich nicht im Geringsten um die auf dem Strande liegenden Toten, sondern trieben eine Schar von vielleicht zwei Dutzend Gefangenen vor sich her, dem Walde zu.
Und dann kam es genau so, wie Antonio Almeida vorhergesagt hatte.
Die vordersten Affenmenschen waren im Nu auf die Bäume geklettert. Von dort streckten sie ihre haarigen Pfoten nach unten, nahmen die Gefangenen nacheinander in Empfang. Die anderen Affenmenschen folgten, und nach wenigen Minuten war keiner mehr von ihnen zu sehen.
»Jetzt nach!«, rief Manuel García halblaut, und indem er selbst davon kroch, hielten die anderen sich dicht hinter ihm.
Die Affenmenschen bewegten sich mit solcher Gewandtheit in dem ihnen vertrauten Revier, dass die Verfolger nirgends einen Zweig sich bewegen sahen, kein noch so leises Geräusch vernahmen, das sie hätte leiten können.
Aber sie hatten auch gar nicht damit gerechnet, hatten keine solche Hilfe nötig, sie hatten doch gesehen, wo die Affenmenschen aufgebäumt waren. Dorthin krochen sie jetzt.
Das war freilich viel schwieriger als vorher auf dem doch immerhin vielbenutzten Wege. Manchmal konnten die Verfolger nur weiterkommen, nachdem sie mit den scharfen Messern vorsichtig Äste und Schlingpflanzen abgesäbelt hatten. Hauen durften sie ja nicht, mussten jedes Geräusch vermeiden, die Ohren dieser doch noch den Tieren näher als den Menschen stehenden Geschöpfe waren sehr fein, und keiner der vier verhehlte sich auch nur im Geringsten, dass sie verloren waren, wenn die Affenmenschen sie hier oben überraschten.
Das Leben stand also auf dem Spiele.
Aber nur die beiden Jäger wussten, welch furchtbare Gegner diese Affenmenschen waren, nur sie hatten schon Beweise dafür gesehen —
Endlich, endlich sah Manuel García vor sich einen neuen solchen Baumpfad, ohne Zweifel den, den die Affenmenschen jetzt benutzt hatten.
Lange sicherte er, spähte nach allen Seiten, ehe er sich hinauswagte.
Dann aber winkte er zurück.
Er selber kroch hinaus, konnte auf dem neuen Wege geduckt stehen, und schon gesellten sich die Gefährten zu ihm, wollten mit ihm weiter, da schaute Fritz Hammer noch einmal auf den See hinaus.
Beinahe hätte er einen lauten Ruf ausgestoßen. Gerade noch zur rechten Zeit besann er sich.
Aber hastig und krampfhaft umklammerte er den linken Arm Georg Wedekinds.
Dieser schaute ihn verwundert an.
»Was hast Du denn, Fritz?«, fragte er.
»Dort! Dort! Auf dem See!«, raunte Fritz ihm zu, auch hinausdeutend auf die Wasserfläche.
Und da sah auch Georg Wedekind, dass aus dem Wasser eben ein schwarzer Gegenstand auftauchte, anscheinend ein Fisch —
»Der Delfin!«, murmelte er.
Noch hatten die beiden Jäger nicht bemerkt, dass die beiden Deutschen zurückgeblieben waren, sie waren aber auch nicht weitergegangen, hatten vielmehr erst von der Höhe aus nach dem Boden unter den Bäumen gespäht, um festzustellen, ob sie dort unten in der weichen Erde vielleicht auch Fußabdrücke der Signorina entdecken könnten.
Das war nicht der Fall.
»Sie haben sie schon vorher in Sicherheit gebracht!«, raunte eben Manuel García seinem Gefährten zu, und dieser nickte.
Da sahen sie die beiden jungen Leute nach dem See hinausspähen, gewahrten nun auch sofort den mächtigen Körper dort draußen, den sie ja für einen Fisch halten mussten.
»Madre de Dios!«(2), murmelte Antonio Almeida. »Ein Delfin.«
(2) Als Brasilianer würde Antonio Almeida wohl portugiesisch ›Mãe de Deus‹ gerufen haben.
»In einem Binnensee!«, fügte Manuel García hinzu.
Freilich, das war ein Anblick, den sie hier nicht erwarten konnten, auch nicht nach all dem Seltsamen, was dieses abgeschlossene Gebiet ihnen schon beschert hatte.
Wie aber staunten sie erst, als Georg Wedekind ihnen nun zuraunte:
»Das ist kein Fisch! Es ist das Unterseeboot, in welchem wir hierher gekommen sind!«
»Ein Unterseeboot?«, wiederholte der Brasilianer. »Ich habe davon gehört, aber noch keine gesehen. Haben sie alle diese Fischgestalt?«
»Nein doch, es ist ein ganz besonderes Fahrzeug, wie es wohl kein zweites mehr gibt«, erwiderte Georg.
»Und woher kommt es? Wer steckt drin?«, fragte García.
Georg schüttelte den Kopf.
»Ich weiß es nicht«, konnte er nur erwidern.
Dann sahen sie, wie der Delfin dem Ufer näher kam, immer genau mit den Bewegungen, wie auch dieser Fisch(3) sie gemacht haben würde.
(3) Ebenso wie Wale sind auch Delfine keine Fische, sondern Säugetiere.
Dicht am Strande blieb er regungslos liegen.
»Wir müssen hin und sehen, was das zu bedeuten hat!«, stieß Fritz Hammer nunmehr hervor. »Komm, Georg, lass uns eilen!«
Dieser nickte. Aber ehe er ging, wendete er sich an die beiden Jäger.
»Senhores«, sagte er, »Sie werden verstehen, dass wir allein zu dem Unterseeboote gehen müssen. Ich bitte Sie, hier auf uns zu warten und uns den Rücken zu decken.«
»Gehen Sie!«, gab Antonio Almeida zurück. »Und seien Sie unbesorgt! Wir werden gute Wache halten!«
Da kletterten die beiden von dem Baume herab, standen alsbald auf dem Boden, sahen sich nur flüchtig um, ob auch keiner der Affenmenschen mehr in der Nähe sei, und liefen dann so schnell, wie sie nur konnten, nach der Stelle am Seeufer, wo der Delfin regungslos lag.
In dem Augenblick, als sie ihn erreichten, tat sich, wie sie es nun schon gewohnt waren, der Rachen des Tieres auf. Sie schauten wieder in das geheimnisvolle Innere, aber sie brauchten es nicht zu betreten.
»Nehmen Sie diesen Kasten hier an sich. Kehren Sie damit auf den Baum zurück, öffnen Sie ihn dort und studieren Sie die inneliegende Gebrauchsanweisung. Sie ist in deutscher Sprache gehalten. Den Grund brauche ich Ihnen nicht erst zu erläutern. Ihre beiden Gefährten sollen nicht wissen, welche Bewandtnis es mit diesem Kasten hat!«
Das war die herrliche, sonore Stimme, die die beiden Freunde nun schon kannten, und sie sahen auch den gar nicht großen schwarzen Kasten stehen, aber ehe sie ihn an sich nahmen, wagte Georg Wedekind eine Frage.
»Herr Klingsor?«, rief er halblaut.
»Was wünschen Sie?«
»Werden wir mit Hilfe dieses Kastens die Dame aus der Gewalt der Affenmenschen befreien? Doch verzeihen Sie, diese Frage war töricht! Sie hätten ihn uns nicht gebracht, wäre es nicht so —
Aber sind denn das wirklich Affenmenschen?«
»Davon werden Sie sich alsbald überzeugen können«, lautete die Antwort.
»Und Sie werden uns in dem Unterseeboote wieder von hier fortbringen?«
»Nein!«
»Ja, wie —«
»Die Zukunft wird Ihnen antworten! Für jetzt Schluss! Nehmen Sie den Kasten und tun Sie, wie Ihnen geraten wird!
Nur noch eins! Sie haben sehr recht getan, dass Sie dem Brasilianer nicht meinen Namen sagten!«
»Das wissen Sie auch schon?«, rief Georg Wedekind in erklärlichem Erstaunen.
»Sie hören es ja. Ich überwache Sie ständig oder lasse Sie überwachen, höre jedes Wort, das Sie sprechen, sehe alles, was Sie tun! Und nun genug! Verschweigen Sie meinen Namen auch fernerhin, denn diese beiden Jäger suchen mich, sind vorläufig noch meine Feinde!«
Da die Stimme schwieg und keiner der beiden Freunde noch eine Frage wagte, nahm Georg Wedekind den schwarzen Kasten aus dem Rachen des Delfins, und kaum war dies geschehen, da klappte die Öffnung zu, das wunderbare Unterseeboot bewegte sich vom Strande nach der Mitte des Sees zu und versank dort ziemlich rasch.
Die Ursache dieses raschen Versinkens aber sollten die Freunde auch noch erkennen, ebenso natürlich die beiden Jäger, welche doch die ganze Szene mit immer wachsendem Staunen beobachtet hatten.
Von jenseits des Sees kamen bereits wieder unzählige Kanus eiligst heran, alle mit solchen zwerghaften Indianern bemannt, und da konnte kein Zweifel sein, dass auch sie den großen »Fisch« erblickt hatten und nun herbeieilten, ihn zu jagen.
Da freilich konnten die beiden Freunde ebenso wie die Jäger nur den Heldenmut und die Kühnheit dieser Zwerge bewundern, die doch eben erst eine furchtbare Niederlage erlitten hatten und doch nicht vor einem Kampfe mit einem ihnen so fremden Seeungetüm zurückschreckten.
Aber es war keine Zeit, sich weiter um sie zu kümmern, zu beobachten, ob sie nun etwa wieder an den Strand kamen, wo sie doch auch die Menschen gewahrt haben mussten, die ihnen sicher ebenso unbekannt sein mussten wie der Delfin.
Die beiden Freunde kehrten so schnell, wie sie gekommen waren, nach dem Baume zurück, schwangen sich an den Lassos, die ihnen herabgelassen wurden, empor und standen bald wieder neben den beiden Jägern.
»Was haben Sie da mitgebracht?«, fragte der Brasilianer in höchster Neugier. »Wir hörten Sie mit jemand sprechen. War das der Führer des seltsamen Bootes? Und wohin hat es sich nun wieder begeben?«
Georg Wedekind schaute den Frager an.
»Es tut mir leid, dass Sie mich in die Verlegenheit bringen, Ihnen jede Auskunft verweigern zu müssen«, sagte er. »Ein strenges Verbot bindet uns. Ich denke, das wird genügen?«
»Dann allerdings!«, versetzte García, unter der braunen Haut tief errötend, und es wäre gar nicht nötig gewesen, dass er noch hinzusetzte: »Sie werden sich bisher nicht über meine Neugier zu beklagen gehabt haben, sollen es auch in Zukunft nicht wieder nötig finden.«
»Verzeihen Sie, Senhor, so waren meine Worte nicht gemeint —«
»Schon gut! Es war ungehörig von mir.«
Damit war die Sache abgetan, die beiden Jäger wollten weiter, da aber hob Georg Wedekind die eine Hand.
»Wir haben den Befehl bekommen, dieses Kästchen hier zu öffnen und eine darin liegende Gebrauchsanweisung durchzulesen«, sagte er. »Ich selbst ahne noch nicht, um was es sich handelt. Ich werde es aber gleich wissen.«
»Wenn es nicht lange dauert?«, meinte Antonio Almeida, der also die Neugier, die doch auch in ihm wach geworden sein musste, meisterhaft beherrscht hatte.
Georg Wedekind zuckte nur die Achseln, er wusste ja selbst nichts weiter, und nun guckte er nach, wie er das Kästchen öffnen könnte.
Eine Art Druckknopf war an der Stelle, wo er nach einem Schloss suchte, und als er ihn mit einem Finger nur leicht berührte, sprang der Behälter auf.
Die vier sahen aber vorläufig nichts weiter als eine schwarze Platte, die gleichsam als zweiter Deckel den übrigen Inhalt des Kästchens verbarg.
Auf ihr lag ein Blatt Papier, mit einer sehr schönen Handschrift beschrieben — in deutscher Sprache.
Georg Wedekind nahm es heraus, Fritz Hammer stellte sich neben ihn, und nun begannen beide zu lesen.
Die ersten Worte waren bereits wieder ein Verbot:
Was ich Ihnen hier mitteile, ist nur für Sie beide bestimmt. Ihre Gefährten dürfen
kein Wort davon erfahren! Und nun hören Sie! Sobald Sie aus diesem Kästchen
ein feines Klingeln hören, öffnen Sie es wieder, heben die obere schwarze Platte
sorgsam heraus, greifen hinein und werfen das, was Sie finden, über sich. Was Sie
dann tun, ist Ihre Sache!
Das war alles, nicht eine Zeile mehr stand auf dem Papier, und während Georg Wedekind dieses noch nachdenklich in der Hand hielt, geschah das neue Wunder.
Das Papier war auf einmal spurlos zwischen seinen Fingern verschwunden!
Ganz verblüfft schaute er auf seine Hand, auch die drei anderen starrten darauf, und der etwas abergläubische Brasilianer schlug gleich die üblichen Kreuze.
»Das ist Teufelsspuk!«, murmelte er.
Georg Wedekind aber hatte sich schnell wieder gefasst. Er schlug den Deckel des Kästchens zu, schob dieses unter seiner Jacke auf die Brust, schloss die Knöpfe wieder und war sicher, dass es nun gut verwahrt sei. Herausfallen konnte es nicht, da er einen Gürtel um den Leib hatte.
»Nun kann es weitergehen, Senhores!«, sagte er.
»Und Sie haben uns nichts zu sagen?«, fragte Manuel Gacía.
»Nein, Senhor!«, lautete die Antwort.
Da wendete sich der Brasilianer schweigend um. Nur einen kurzen, eigentümlichen Blick warf er auf die beiden »Ketzer«, die ja die Deutschen in seinen Augen waren. Dann schritt er geduckt auf dem Baumpfade weiter, hinter ihm Georg Wedekind und Fritz Hammer. Antonio Almeida machte den Beschluss.
Nach dem See hinaus konnten sie nun nicht mehr schauen, das dichte Laub hinderte jeden Ausblick, und so gewahrten sie nicht, dass die Indianerzwerge tatsächlich noch einmal den blutgetränkten Strand betraten, die Leichen der Erschlagenen aufhoben und in die Kanus trugen.
Die vier Menschen aber schlichen sich Schritt um Schritt vorwärts, und immer wieder deutete der vorausgehende Manuel García bald hier bald da auf ein rötliches Haar, das einer der Affenmenschen beim Durchkriechen des Dickichts zurückgelassen hatte.
Wohl eine halbe Stunde mochte vergangen sein, da schien der Weg ein Ende zu haben.
Deutlich gewahrte der vorausgehende Manuel García, dass eine Felswand durch das Laubwerk schimmerte. Er wusste, dass sie nun wieder an dem Felsenwall angelangt waren, der dieses Gebiet rings umgrenzte.
Vorsichtig schlug er die Zweige auseinander.
In dem Gestein war eine Öffnung, ähnlich jener, die die beiden jenseits gewahrt hatten.
Er hob den einen Arm, dann schlüpfte er in die dunkle Höhle hinein, verschwand darin, und die anderen folgten ihm, einer nach dem anderen.
Stehen bleiben und warten konnte der Vorauskriechende nicht.
Der Gang, in dem sie sich befanden, war kaum einen Meter hoch, und da war natürlich nicht möglich, dass sie aufrecht oder auch nur geduckt gingen, sie mussten sich gleich niederlegen und auf dem Leibe dahinkriechen.
Das wäre an sich nicht schlimm gewesen, hätte der Gang nicht ziemlich steil aufwärts geführt und wäre der Boden nicht so sehr glatt gewesen.
Aber auch dies wurde überwunden, und schneller, als sie es erwartet hatten, zeigte sich über ihnen ein heller Schimmer — das Tageslicht — das Ende des Ganges.
Nun erst kam der gefährlichste Teil der Aufgabe.
Jetzt galt es, hinauszuspähen und sich die Gewissheit zu verschaffen, ob Affenmenschen den Ausgang bewachten.
Ganz, ganz vorsichtig schob Manuel García seine Ledermütze, die er auf den Gewehrlauf gestülpt hatte, aus der Öffnung hinaus.
In atemloser Spannung warteten alle, dass jetzt eine haarige Hand nach dieser Mütze greifen, dass gleichzeitig ein Warnungsschrei erschallen würde.
Sie warteten vergebens.
Die Mütze wurde nicht gepackt, kein Schrei erklang!
Immerhin nützte ihnen das noch nichts. Es konnte sich auch um eine List handeln.
Die Affenmenschen konnten warten, bis der Eigentümer der Mütze selbst sich zeigte.
Oder — und das war das Nächstliegende — der Wächter kannte dieses Ding natürlich nicht, hatte noch keine solche Mütze gesehen.
Doch es half nichts. Hinausspähen musste Manuel García.
Und er tat es.
Ganz, ganz langsam hob er den Kopf.
Seine Augen tauchten über den Rand der Öffnung.
Und da stemmte er sich auch schon mit den Armen ein, schob sich ganz hinaus, verschwand im Freien.
Sofort folgte Georg Wedekind. Auch die anderen beiden krochen hinaus.
Sie standen wieder inmitten eines Dickichts, aber wieder sahen sie vor sich einen offenbar von den Affenmenschen gebahnten Pfad, und wenn sie im Zweifel gewesen wären, dass sie noch auf der richtigen Spur seien, so wäre dieser sofort behoben worden.
Gleichzeitig hörten sie ein merkwürdiges Geräusch, das sie fast an jenes erinnerte, was sie während ihres Lebens in den Städten oft genug gehört hatten. Es klang wie das gedämpfte Murmeln einer vielköpfigen Menge, die in einem Theater oder in einem Konzertsaale des Beginnes der Vorstellung harrt.
Die Affenmenschen konnten gar nicht weit vor ihnen sein. Höchste Vorsicht war geboten.
Noch standen die vier unentschlossen da.
Plötzlich schraken sie zusammen.
Wieder gellte ein entsetzliches Geheul in ihre Ohren, das sie nun schon kannten.
Was hatte das zu bedeuten?
Antonio Almeida und Manuel García errieten es.
»Sie schleudern die Gefangenen in die Tiefe, auf die Bambusse!«, murmelte ersterer erblassend.
Manuel García nickte nur.
Auch er erschauerte, seine dunklen Augen glühten auf, seine Hände ballten sich.
»Diese Bestien!«, setzte er halblaut hinzu.
Verwundert lauschten die beiden Freunde, aber sie erhielten keine Erklärung, sollten sie auch gar nicht nötig haben.
Als sie hinter den beiden Jägern, die sich jetzt dicht nebeneinander hielten, herschlichen, brauchten sie nicht lange, und sie sahen, was auch sie mit Grauen und Empörung, aber auch zugleich mit neuem Staunen erfüllte.
Sie schauten aus ihrem Dickicht auf eine ziemlich weite Blöße, deren Boden der nackte Fels bildete.
Ihnen gerade gegenüber erhob sich ein mächtiger Baum, wohl eine Sykomore, und unter dieser saß auf einer Art aus knorrigen Ästen geformten plumpen Stuhle Kalasura, der König der Affenmenschen.
Jetzt erst konnten die Freunde ihn genau sehen, und sie mussten sich gestehen, dass ein kalter Schauder ihnen über den Rücken lief.
Was für ein Ungeheuer war das!
Der behaarte Körper glich ja dem eines Menschenaffen, aber das Gesicht war viel grässlicher, der Ausdruck der kleinen Augen viel wilder, und der lange rote Bart, der ihm auf die Brust herabhing, gab ihm erst recht ein abscheuliches Aussehen.
Lange freilich schauten sie nicht auf dieses Ungeheuer. Das Schauspiel, das sie sonst noch sahen, nahm ihre Aufmerksamkeit ganz gefangen.
In weitem Kreise um ihren König hatten sich die übrigen Affenmenschen aufgestellt, aber es waren jetzt viel mehr als unten am See, und es waren nicht nur Männer, sondern auch Weiber, schreckliche Geschöpfe, alle mit dem furchtbaren Ausdruck grausamer Wut in den Augen, auch bei denen, die Kinder auf den Armen trugen — oder sollten diese haarigen Wesen als Junge bezeichnet werden?
Und inmitten dieses Kreises von Affenmenschen standen unweit des Königs die gefangenen Indianer.
Die vier hatten angenommen, es seien insgesamt zwei Dutzend gewesen. Jetzt aber war diese Zahl schon vermindert, sie zählten nur noch sechzehn.
Und jetzt sahen die Zuschauer, dass diese Zwerge wirklich sehr schön gebaut waren, dass ihre Gesichter fast edle Züge aufwiesen, in denen sich aber durchaus keine Todesfurcht ausprägte. Nur unsägliche Verachtung war aus ihnen zu lesen, und als jetzt zwei der Affenmenschen einen von ihnen aus der Gruppe der übrigen hervorzerrten, hielt der Unglückliche sich stolz aufrecht, zuckte nicht, als eins der Ungeheuer sich bückte und mit dem scharfen Gebiss die wahrscheinlich aus einer Schlingpflanze hergestellten Fesseln durchbiss, dass sie zu Boden fielen.
Dann rissen die beiden ihr Opfer nieder, einer packte es an den Händen, riss diese zurück, der andere packte die Füße, sie hoben den Indianer empor, setzten den Körper in Schwingungen nach beiden Seiten, und als diese ihnen genügend erschienen, schleuderten sie ihn nach links hin in die Luft.
Eine Sekunde schwebte der Körper über der Tiefe, dann verschwand er in dieser, und zugleich brachen die Affenmenschen in das entsetzliche Triumphgeschrei aus. Alle drängten an den Rand des Felsens, starrten in den Abgrund und heulten, mit den Fäusten auf die haarige, breite Brust schlagend, dass es dumpf dröhnte.
»Das ist ihr letztes Opfer gewesen!«, knirschte Antonio Almeida zwischen den vor Grimm aufeinandergebissenen Zähnen hervor. »Senhores, mag uns der Tod drohen, wir dürfen das nicht dulden! Jeder nehme sein Ziel —«
Er sprach nicht weiter.
Ein ganz leises Klingeln ertönte.
Sofort öffnete Georg Wedekind den Kasten, den er rasch unter seiner Jacke hervorgeholt hatte, hob die schwarze Platte ab, griff hinein, hielt etwas in der Hand, was er nicht zu unterscheiden vermochte —
Auch Fritz Hammer griff in das Kästchen, packte ebenfalls etwas.
Und dann hielten sie beide gleichzeitig dieses geheimnisvolle Etwas über den Kopf.
Es war ihnen, als ränne etwas über sie hinweg, da erklang auch schon ein halblauter Ruf des Staunens.
»Wohin sind Sie denn verschwunden, Senhores?«, hörten sie die beiden Jäger gleichzeitig fragen.
»Wir stehen doch noch hier, unmittelbar neben Ihnen«, erwiderte Georg, selber aufs höchste verwundert.
»Aber ich sehe Sie nicht!«, versetzte der Brasilianer.
»Ich auch nicht!«, sagte Antonio Almeida.
»So wären wir unsichtbar geworden?«, hörten die beiden da Georg wieder sprechen. »Strecken Sie doch einmal die Hand gerade vor sich hin, Senhor García! Sie müssen mich ja berühren?«
Der Brasilianer gehorchte, aber kaum hatte er die Finger vorgestreckt, da wurde er durch eine unsichtbare Gewalt zur Seite geschleudert, dass er in das Dickicht fiel —
Er blieb liegen, wo er lag.
»Teufelsspuk!«, ächzte er.
Georg Wedekind aber und Fritz Hammer staunten zwar nicht schlecht, wussten jedoch sofort, was das alles sollte —
»Bleiben Sie, wo Sie sind, Senhores!«, sagte ersterer, immer natürlich nur flüsternd. »Wir werden nicht nur die Gefangenen retten, sondern wahrscheinlich auch Signorina Ravelli —«
»Schießen Sie nicht!«, setzte Fritz Hammer noch hinzu. »Wir gehen jetzt mitten unter die Affenmenschen!«
Und die beiden Jäger, die sich noch gar nichts zu erklären vermochten, blieben wirklich, wo sie waren, duckten sich und schauten hinaus auf die Blöße, wo eben die beiden Henker wieder einen der Indianer gepackt hatten, ihn in Schwingungen versetzten.
Mit wenigen Schritten standen beide Freunde neben den Kerlen.
Sie wussten selbst nicht, wie sie sich verhalten sollten. Sie hatten ja ihre Gewehre bei sich, aber von ihnen wollten sie keinen Gebrauch machen —
Und sie brauchten sich auch nicht lange den Kopf zu zerbrechen.
Kaum waren sie — jeder neben einen der Henker — vorgetreten, als beide Affenmenschen mit furchtbarer Wucht nicht nur zu Boden, sondern gleich seitwärts über den Rand des Felsens hinweggeschleudert wurden.
Unbeschädigt aber fiel der Indianer nieder.
Zugleich aber mit diesen doch offenbar elektrischen Schlägen waren auch grelle, blitzähnliche Feuererscheinungen aufgetreten, und sie hatten eine bedeutend größere Wirkung als jene.
Affen fürchten das Feuer, sie fürchten auch den Blitz, denn die Erfahrung lehrte sie, dass so ein vom Himmel niederzuckender feuriger Strahl eben imstande ist, einen ganzen Urwald in ein Feuermeer zu verwandeln, und dass es aus einem solchen Feuer kein Entkommen mehr gibt.
Auch diese Affenmenschen kannten natürlich Blitz und Feuer und fürchteten beide.
Aber bei ihnen schien noch etwas anderes hinzuzukommen.
Während Georg Wedekind und Fritz Hammer selbst noch ganz überrascht dastanden, schien es wie eine von höchster Furcht erzeugte Lähmung über die rothaarigen Wüteriche zu kommen.
Noch eine Sekunde lang standen alle regungslos, mit vor Schrecken unnatürlich weit geöffneten Augen. Auch Kalasura starrte entsetzt nach der Stelle, wo der Indianer auf dem Boden lag.
Dann aber warfen alle diese Affenmenschen sich nieder, das Gesicht auf das Gestein pressend — geradeso wie Gläubige in einem Heiligtum, wenn sich ihnen die unsichtbare Gottheit naht, ihre Gegenwart durch ein Wunder anzeigend.
Kalasura nur erhob sich langsam.
Die beiden Freunde sahen, wie eine unbeschreibliche Furcht sich in seinem wilden Gesicht ausprägte, wie er nur ganz, ganz langsam herankam — aber er näherte sich ihnen doch, und dabei stieß er seltsam grunzende Laute aus, die im Klange an die Töne erinnerten, die auch ein Gorilla von sich zu geben vermag, die aber hier doch offenbar Worte waren.
Sprach dieser König der Affenmenschen etwa schon eine Art Gebet zu einer Gottheit, die sie sich geschaffen hatten?
Regungslos standen die Freunde da.
Sie wunderten sich nicht, dass auch die Indianer sich niedergeworfen hatten, dass also auch ihnen die Feuererscheinung Furcht einflößte, sie wunderten sich mehr über das, was sie eben fertiggebracht hatten.
Unsichtbar waren sie geworden und dabei mit einer furchtbar starken Elektrizität geladen —
War das nicht wirklich ein Teufelsspuk?
Vorläufig aber konnten sie noch nicht miteinander darüber reden, wie sie es gerne getan hätten, durften keinen Laut von sich geben, mussten die furchtbare Gottheit weiterspielen.
Dabei vermochten sie selbst doch ein gewisses Grauen nicht zu unterdrücken, als dieser König der Affenmenschen nun auf sie zukam, als sie sahen, was für ein entsetzliches Ungetüm das war!
Und den sollte die Signorina Ravelli zum Manne nehmen?
Ha, solche Gelüste wollten sie ihm austreiben!
Wenn sie nur jetzt die Sprache dieser Affenmenschen verstanden und beherrscht hätten! Dann hätten sie diesem Ungetüm doch sofort befohlen, seine Gefangene herbeizuholen, sonst würden sie alle seine Untertanen töten!
Aber so mussten sie schweigend stehen und warten, was nun geschehen würde.
Kalasura nahte sich ihnen immer langsamer.
Das riesenstarke Ungetüm schien seine Furcht nicht überwinden zu können, und plötzlich wendete es sich, nachdem es einen Augenblick stehen geblieben war, um und rannte, sich zuletzt sogar auf alle viere niederfallen lassend, nach der mächtigen Sykomore zurück, unter welcher er zuvor gesessen hatte.
Dabei stieß er ein dröhnendes Gebrüll aus, immer dieselben Laute — offenbar immer dasselbe Wort — vielleicht einen Namen?
Und fast hätten die beiden Freunde laut aufgeschrien vor freudiger Überraschung, als nun auf einmal aus dem Dickicht hinter dem Baume Signorina Ravelli hervorkam.
»Jetzt, Fritz!«, raunte Georg Wedekind kaum hörbar dem Freunde zu.
Der antwortete nicht, fasste nur schweigend die eine Hand Georgs, und das genügte ja.
Dann aber sahen sie, wie Kalasura sich vor der Ravelli niederwarf, ganz in der Haltung eines verzweifelten Menschen, der eine dringende Bitte ausspricht, wie er nach ihnen deutete und in fliegender Hast etwas erzählte.
Die Italienerin schien jedes Wort zu verstehen.
Erst stutzte sie, glaubte wohl nicht recht, was sie da hörte, sah aber doch alle diese Affenmenschen regungslos daliegen, auch die gefangenen Indianer — schaute nach der Stelle, von der Kalasura zu ihr sprach — wo die unsichtbare schreckliche Gottheit stehen sollte —
Und plötzlich huschte etwas wie ein Lächeln über ihr Gesicht.
Sie richtete eine Frage an den König.
Und nachdem er hastig eine Antwort gegeben hatte, schob sie ihn mit einer ihrer kleinen Hände zur Seite.
Sie kam auf die Freunde zu.
Da aber suchte Kalasura sie zurückzuhalten, fasste nach ihr.
»Er soll sie nicht berühren!«, stieß Georg Wedekind außer sich hervor, und ehe sein Freund ihn hatte hindern können, lief er vorwärts, wich der ihm entgegenkommenden Italienerin vorsichtig aus und stand alsbald neben Kalasura.
Nur leicht streckte er die eine Hand aus, aber es genügte, um den Affenmenschen mit furchtbarer Gewalt in das Dickicht hineinzuschleudern, und wieder zuckte dabei ein greller Blitzstrahl hervor.
Laut brüllte Kalasura auf.
Größer noch als sein Schmerz erschien seine Wut.
Er rief seine Untertanen zum Angriff auf.
Deutlich war zu sehen, wie sie empor zuckten, wie sie aber doch noch nicht wagten, sich ganz aufzurichten, sie sahen ja keinen Feind vor sich, den sie hätten angreifen können.
Da aber geschah schon etwas, was der Sache eine andere Wendung gab.
Als die Ravelli sah, wie ihr Peiniger durch einen Blitzstrahl ins Dickicht geschleudert wurde, war sie zwar auch erschrocken, dann aber sofort weitergeeilt.
»Retten Sie mich, Senhores!«, rief sie und strebte dem jenseitigen Waldrande zu.
Sie musste dabei auf Fritz Hammer stoßen, und dieser wusste doch, dass dann ein elektrischer Schlag erfolgen, dass dieser sie vielleicht in den Abgrund schleudern würde.
Das durfte nicht sein. Lieber wollte er sich selber der höchsten Gefahr aussetzen.
Und indem er über sich griff, wollte er das abwerfen, was ihn unsichtbar machte, was er als Quelle der Elektrizität ansehen musste —
Er spürte unter seinen Fingern zwar etwas, sah aber nichts — doch als er nun die Arme hob, um es von sich zu schleudern, wurden seine Füße sichtbar, seine Unterschenkel, seine Knie —
Die Ravelli sah das, sie stutzte — sie wagte sich nicht weiter vor —
Und das war ja auch erklärlich, jedem anderen Menschen wäre es wie ihr ergangen, wenn da plötzlich der Unterkörper eines Menschen dasteht, der Oberkörper aber noch fehlt —
Daran hatte Fritz Hammer nicht gedacht, aber er tat etwas, was die Furcht der Ravelli bannte — er rief:
»Laufen Sie geradeaus, Signorina! Dort stehen die beiden Jäger!«
»Sie sind die Fremden vom See?«, fragte die Ravelli.
»Jaja, aber eilen Sie jetzt! Wir decken Ihren Rückzug! Rasch hinein in das Dickicht!«
Da zögerte die Italienerin nicht.
Mit wenigen Schritten war sie hinter den dichtbelaubten Zweigen verschwunden. Fritz Hammer hörte zwei freudige Rufe, sah Georg wieder neben sich, der ihm rasch zurief, dass er sich unsichtbar machen sollte, verstand das zwar nicht gleich, ließ aber doch die Arme wieder sinken, und dann fühlte er sich von dem Freunde mit fortgerissen — bis an den Eingang des schmalen Pfades, den sie gekommen waren.
Es war höchste Zeit gewesen.
Die Affenmenschen hatten die fremde Stimme gehört, sie hatten auch den halben Körper gesehen.
Jetzt glaubten sie vielleicht nicht mehr an die Nähe ihrer unbekannten Gottheit — oder die wilden Befehle ihres Königs peitschten sie auf —
Unter entsetzlichem Geheul sprangen sie auf, wollten sich auf die jetzt wieder unsichtbar gewordenen Feinde stürzen, hörten die beiden Rufe aus dem Dickicht und sahen, wie nun auf einmal die gefangenen Indianer sich ebenfalls aufrafften und im eiligsten Laufe der Gefangenen nachliefen —
Noch einmal blieben sie vor Überraschung stehen, dann jedoch warfen sie sich unter noch viel wilderem Gebrüll vorwärts —
Georg Wedekind und Fritz Hammer hatten die Indianer noch an sich vorübergelassen, ehe sie beide an den Eingang des Pfades traten.
»Fliehen Sie, Senhores!«, riefen sie nun. »Nehmen Sie sich auch der Indianer an! Wir folgen Ihnen, jetzt decken wir Ihren Rückzug!«
»Wir gehen nicht ohne Sie!«, gab Antonio Almeida da zurück.
»Unnötig! Geben Sie doch bloß acht, wie leicht wir mit diesen Ungeheuern fertig werden!«
Und in der Tat brauchten sie keine Hilfe.
Die vordersten Affenmenschen waren heran, wollten in das Dickicht eindringen und auf dem bekannten Pfade den Flüchtlingen folgen.
Da aber wurden sie durch furchtbare Blitze zurückgeschleudert, dass sie mit aller Wucht gegen die hinter ihnen Nachdrängenden geschleudert wurden.
Diesmal aber schienen die elektrischen Entladungen stärker gewesen zu sein als die bisherigen.
Die beiden Freunde sahen, wie die Getroffenen sich nicht nur vor Schmerzen krümmten, sondern auch, wie auf einmal das zottige Fell in Flammen stand.
In höchster Qual sprangen die über und über brenneneden Affenmenschen auf, suchten sich durch die Flucht zu retten, prallten gegen ihre Gefährten, setzten auch deren Fell in Brand —
Und als nun Georg Wedekind und Fritz Hammer langsam vorrückten, die Arme vorgestreckt, als abermals grelle Blitze aufzuckten und andere Affenmenschen niederschmetterten, dass sie sich grässlich brüllend am Boden wälzten, da gab es für die anderen kein Halten mehr.
Heulend und brüllend wälzten alle sich zurück, dem jenseitigen Dickicht zu, und was noch dazu imstande war, das schwang sich behände in die Bäume hinauf, dort oben in wilder Hast die Flucht fortsetzend.
In wenigen Minuten war die Blöße von den Affenmenschen geräumt, nur die toten und in Todesqualen sich Windenden lagen noch umher.
Die beiden Freunde schauten einander an, ihre Augen leuchteten, aber auf ihren Gesichtern sprach sich doch auch das Entsetzen aus, das sie selbst empfanden.
Sie dachten beide in diesem Augenblick an den geheimnisvollen Mann, der ihnen diese vernichtende Kraft verliehen hatte, der sogar verstand, sie unsichtbar zu machen — aber sie kamen noch nicht dazu, über all dieses Wunderbare nachzudenken.
»Senhores, sind Sie noch da?«, fragte Georg Wedekind.
»Ja, wir sind noch hier«, erwiderte sofort Antonio Almeida und trat auch schon aus dem Dickicht, dessen Anfang die beiden Freunde freigegeben hatten.
»Warten Sie noch eine kleine Weile!«, bat Georg. »Wir wollen erst feststellen, ob die Affenmenschen sich wirklich ganz zurückgezogen haben, ob uns von ihnen keine Gefahr mehr droht!«
»Bom!«, gab Almeida zurück. »Wir warten!«
Da liefen die beiden Freunde bis unter die große Sykomore, spähten in das dichte Gezweig hinaus, lauschten, sahen und hörten aber nichts mehr.
»Und nun wollen wir das Ding abstreifen, was uns unsichtbar gemacht hat, Fritz«, sagte Georg. »Wir wollen es wieder in das Kästchen tun. Ist das nicht wunderbar, was wir eben erlebt haben? Kannst Du denn das alles fassen, Fritz?«
»Nein, Georg, mir steht der Verstand still«, gab Fritz Hammer zurück.
»Senhor García hat vielleicht recht gehabt, als er es einen Teufelsspuk nannte. Ich fasse es noch gar nicht, dass wir unsichtbar gewesen sind, aber einander sehen konnten!«
»Und diese elektrischen Schläge! Die Blitze! Nein, Fritz, das können wir nicht fassen, das vermag kein Mensch! Aber ich denke, wir dürfen uns jetzt darüber nicht den Kopf zerbrechen. Der, der uns dieses Kästchen gab, wird uns schon noch über alles aufklären!«
»Loke Klingsor!«, sagte darauf Fritz Hammer noch ganz leise. »Georg, das soll doch ein Zauberer gewesen sein. Du hast ja sicher von ihm gelesen!«
»Ja, das habe ich, aber das kümmert mich jetzt nicht! Herunter mit dem Tarnhemd, Fritz!«
Sie streiften beide das unsichtbare Etwas ab, was Georg ganz richtig als Tarnhemd bezeichnet hatte, waren im gleichen Augenblick wieder sichtbar, sahen die beiden Jäger und Signorina Ravelli auf sich zukommen, schoben die Tarnhemden in den schwarzen Kasten, schlossen ihn und Georg barg ihn wieder auf seiner Brust.
»Mein Gott, sind Sie denn Hexenmeister?«, rief da auch schon die Ravelli, ihnen aber die Hände in überquellender Dankbarkeit entgegenstreckend.
»Wir nicht, aber vielleicht ist es der, der uns Ihre Befreiung auf so wunderbare Weise ermöglichte«, erwiderte Georg.
»Von wem sprechen Sie?«
»Von einem, dessen Namen wir nicht nennen dürfen.«
»Dem Sie aber meinen Dank, meinen unauslöschlichen Dank melden werden!«, rief die Ravelli. »O, und auch Ihnen —«
»Wir haben keinen Dank verdient, haben nur einen empfangenen Auftrag ausgeführt«, wehrte Georg ab.
»Und Ihre Seele dem Satan verkauft!«, sagte da Manuel García, die beiden mit seltsam scheuen, aber auch drohenden Blicken messend.
Da mussten die beiden laut auflachen.
»Wir haben noch keinen Teufel zu sehen bekommen, Senhor«, meinte Fritz denn auch heiter. »Wie alles zugegangen ist, wissen wir ja selbst noch nicht, aber das besagt gar nichts, denn es gibt vielleicht doch Menschen, die tiefer als wir in die Geheimnisse der Natur eingedrungen sind, die über Kräfte gebieten, von denen wir uns nichts träumen lassen. Zerbrechen wir uns doch darüber nicht den Kopf —«
»Sie werden diesen schwarzen Kasten jedenfalls sofort wegwerfen!«, unterbrach ihn da Manuel García. »Ich fordere es, ich will meine Seele nicht in Gefahr bringen!«
Das klang bereits drohend, aber die beiden ließen sich nicht einschüchtern.
»Das Kästchen gehört nicht uns«, erwiderte denn auch Georg nunmehr. »Wir haben es von jemand erhalten, der uns helfen wollte und uns geholfen hat, und wir werden es ihm zurückgeben, wegwerfen aber auf keinen Fall.
Im Übrigen wollen wir uns jetzt nicht streiten, sondern lieber beraten, was nun zu tun ist!«
Manuel García aber schien mit dieser Antwort noch nicht zufrieden zu sein, er wollte noch etwas sagen, er kam nicht dazu.
Aus dem Dickicht hervor kamen die geretteten Indianer, eilten auf die beiden Freunde zu, warfen sich vor ihnen nieder, und einer ergriff den linken Fuß Georgs und setzte ihn sich aus den Nacken, also das Zeichen tiefster Unterwürfigkeit damit gebend.
Rasch bückte sich der junge Mann, der glühend rot geworden war, und hob den schlanken Burschen auf, ihn leicht an sich ziehend und ihm über das schwarze Haar streichend.
Da sprach der Indianer zu ihm, halblaut, aber mit recht wohlklingender Stimme. Nur schade, dass keiner der vier verstand, was er wollte.
»Er redet eine auch mir ganz unbekannte Sprache«, sagte Antonio Almeida. »Ich kenne die Dialekte der bisher erforschten Naturvölker dieser Gegend fast alle, aber, wie gesagt, dieser hier ist mir fremd. Vielleicht indessen versteht er mich. Ich will es versuchen.«
Er sprach auf den noch jungen Mann ein. Dieser hörte ihm in sichtlicher Ehrerbietung zu, schüttelte dann jedoch den Kopf, zeigte auf sich, dann in die Richtung, in welcher der See lag, und deutete an, dass man ihm folgen möchte.
Diese Gebärden waren leicht verständlich, und doch wusste man nicht, was man nun tun sollte.
»Es ist vielleicht das Beste, wenn wir mit ihm gehen«, meinte da die Ravelli. »Diese Menschen, die doch viel höher stehen als diese schrecklichen Affen, kennen vielleicht einen Weg, der aus diesem seltsamen Lande hinausführt. Vor allem aber reizt es mich, sie näher kennen zu lernen, und außerdem haben wir doch auch hier noch unsere Aufgabe zu erfüllen.«
»Sie haben recht, Signorina«, erwiderte Antonio Almeida.
Da niemand einen Einspruch erhob, war diese Sache also erledigt, aber die beiden Freunde konnten sich doch nicht versagen, noch einen Blick in den Abgrund zu tun, in welchen die Affenmenschen vorhin ihre Gefangenen geschleudert hatten.
Sie traten zu dem Rande des Felsens, wollten hinabspähen, sahen auch die hoch emporragenden Spitzen der Bambusse, wurden aber schon von Almeida und der Ravelli zurückgerissen.
»Um Himmels willen, zurück, zurück!«, rief die Italienerin. »Dort unten wartet Ihrer ein entsetzlicher Tod!«
Und hastig berichtete sie, was sie bei ihrer Ankunft dort unten gesehen hatte.
Da freilich lief es den beiden Freunden kalt über den Rücken.
»Diese Bestien!«, dachten sie.
»Wir erzählen Ihnen alles, sobald wir einigermaßen zur Ruhe gekommen sind!«, fügte die Ravelli hinzu. »Jetzt aber wollen wir diesen Platz verlassen, wo mich immer von Neuem ein Grauen beschleichen will —«
Sie winkte dem jungen Indianer, als Führer voranzugehen, und so verließen sie die Blöße, wanderten wieder auf dem engen Pfade dahin, glitten in die dunkle Höhle, kamen jenseits an, legten auch den Weg auf den Baumästen zurück und erreichten endlich jene Stelle wieder, wo die Schlacht zwischen Affenmenschen und Indianern stattgefunden hatte.
Keine Leichen lagen mehr umher, nur Blutlachen erinnerten noch an das Gemetzel, aber auch der Delfin war noch nicht wieder aufgetaucht.
Doch schon legte der Führer der Indianer beide Hände an den Mund und stieß einen langgezogenen Ruf aus. Sofort wurde es am jenseitigen Ufer lebendig.
Aus den vielen Höhlen im Gestein, die nur als dunkle Punkte zu erkennen waren, kamen Hunderte von Menschen hervor, die infolge der weiten Entfernung noch zwerghafter erschienen, als sie an sich schon waren.
Sie schienen zu stutzen, dann aber gellte ein Freudengeschrei über den See. Alle die Indianer eilten an das Ufer, sprangen in die auf dem Wasser liegenden Kanus und ruderten in größter Hast über den See.
Nach kurzer Zeit schon legten die ersten Kanus an, ihre Insassen sprangen heraus, eilten auf den jungen Indianer zu, warfen sich ihm zu Füßen und bezeigten auf jede mögliche Weise eine geradezu rührende Freude.
Und alle die Nachkommenden taten dasselbe, alle warfen sich vor dem noch jungen Manne nieder, wogegen sie die anderen Befreiten kaum beachteten.
»Er ist sicher ihr Häuptling«, sagte da Antonio Almeida. »Und indem wir ihn retteten, haben wir uns die Dankbarkeit dieser Menschen gesichert. Wir dürfen ihnen getrost vertrauen und mit ihnen gehen.«
Da nahte sich ihnen schon wieder der junge Häuptling, blieb vor ihnen stehen, sprach einige Worte zu seinen Untertanen, deutete auf Georg Wedekind und Fritz Hammer —
Und sofort waren die beiden von den Indianern umringt, hundert Hände streckten sich nach ihnen aus, aus all den dunklen Augen strahlte die reinste Freude, leuchtete unauslöschliche Dankbarkeit, und immer wieder erschollen Rufe, immer dieselben Worte:
»Taba Maru! Taba Maru!«
Keiner der Weißen wusste, was es zu bedeuten hatte, aber als der junge Häuptling sie nun durch eine anmutige Handbewegung aufforderte, ihm zu folgen, da taten sie es, schritten zu dem See hinab und wollten in die Kanus steigen, wie es gerade kam.
Doch schon hatte der Häuptling Georg und Fritz an je einer Hand gefasst und führte sie zu einem besonders schönen Fahrzeug, nötigte sie einzusteigen und folgte ihnen.
Dann stiegen noch drei Indianer ein, zwei ergriffen zierlich geschnitzte schaufelförmige Ruder, der dritte stellte sich in den Bug, und fort flog das leichte Boot über das vollkommen unbewegte Wasser des Sees, dem jenseitigen Ufer zu, an dem es von anderen Indianern wimmelte, die lebhaft winkten.
Und diese neue Schwierigkeit, die sich mir hierdurch bietet, zu überwinden, alles zu besiegen, das eben ist ja meine Lust!« So hatte Loke Klingsor gesprochen, als die junge Madonna mit ihrem Knaben vor ihm in wildem Entsetzen geflohen war.
Und vorher hatte er noch etwas anderes gesagt:
»Nun sind Dir die Augen geöffnet worden, und ich weiß, was ich nun zu tun habe. Immer fliehe vor Deinem Gatten! Als Loke Klingsor wirst Du ihn wiederfinden, er weiß auf Deinen Spuren zu bleiben, ihm kannst Du Dich nicht entziehen!«
Niemand hatte ihn dabei belauschen können, niemand in der großen Mietskaserne hatte sich um das gekümmert, was in der Wohnung des Versicherungsbeamten vor sich ging, niemand hatte etwas von der Flucht der jungen Frau gewahrt.
In solchen Häusern kümmert sich der Nachbar nicht um den Nachbar. Da hat jeder mit sich gerade genug zu tun.
Übrigens, was hätten Neugierige denn auch hier belauschen können?
Nichts, gar nichts!
Der Mann, der so selten heimkam, war wieder einmal eingetroffen, hatte sich einmal mit seiner Frau gestritten — so etwas konnte schon vorkommen — was war denn weiter dabei?
Nein, Loke Klingsor brauchte nichts zu fürchten, als er nun den kleinen Pudel Whiteboy aufhob, der wieder einmal als Gummipuppe auf dem Boden lag, weil er doch keine Ahnung hatte, wie er sich jetzt benehmen sollte.
Loke Klingsor hob das Tierchen auf, steckte es wieder in das Kästchen, dem er es entnommen hatte, schaute sich noch einmal in dem Raume um, der das ganze Glück einer jungen Frau umschlossen hatte — und lächelte sein mephistophelisches Lächeln.
Ja, jetzt war er wieder einmal ganz der boshafte Teufel, namentlich, als seine Blicke auf das Bild fielen, das ihn selbst darstellte — diesen kleinen bürgerlichen Versicherungsbeamten mit dem Mopsgesicht, der angeblich immerfort unterwegs sein musste, sich jährlich kaum einmal dazu aufschwang, nach Frau und Kind zu sehen.
Aber dieses teuflische Lächeln schwand bald wieder aus dem schönen Gesicht.
Die dunklen Augen feuchteten sich.
»O, Angela, Angela!«, sprach die tiefe, sonore Stimme fast wehmütig. »Warum nur habe ich Dich dieser furchtbaren Prüfung ausgesetzt! Hast Du das um mich verdient? Gibt es in dieser Riesenstadt noch ein einziges Weib, das gleich Dir ihrem fernen Gatten so die Treue gewahrt hätte, wie Du es getan hast? Das Entbehrungen ertrug, selbst unermüdlich arbeitete, um nur den nötigen Lebensunterhalt zu schaffen, das sich nichts gönnte, keine Vergnügungen ersehnte, wie Du es getan hast?
Ich weiß, die Versucher sind auch Dir genaht, haben Dich berücken wollen, aber sie sind umsonst gekommen! An Deiner reinen Seele prallten alle ihre Lockungen wirkungslos ab. Du warst mir treu, wirst mir treu bleiben — auch jetzt noch — oder Du stirbst! Nur mit Deinem Leben kann auch Deine Liebe zu mir enden!
Zu mir?
Sie liebt diesen biederen Mops dort, nicht Loke Klingsor!
Ah, was sorge ich mich! Wahre Liebe erkennt den Geliebten in jeder Gestalt! Fäden schlingen sich von Seele zu Seele, unsichtbar, aber auch unzerreißlich —
Und jetzt will ich eilen, dass ich Dir zuvorkomme!
Ich weiß ja, wohin Du Dich wenden wirst!«
Einen letzten Blick warf er auf den bescheidenen Raum, trat noch einmal zu dem Bettchen, in dem sein Sohn geschlafen hatte, strich über die jetzt zerwühlten Kissen, und ebenso tat er bei der Nähmaschine, an welcher die fleißige Angela so unermüdlich gearbeitet hatte.
»Lebt wohl!«, sagte er dabei in einer Rührung, die diesem Mann doch sonst ganz fremd war.
Dann aber zog Loke Klingsor seine Uhr, ließ verschiedene Deckel springen, bis er den gewünschten hatte, drückte auf einen Knopf und sofort meldete sich eine Stimme.
»Sorgen Sie dafür, dass aus meiner Wohnung in London das Prisma verschwindet!«, befahl Loke. »Ich werde nicht mehr hierher kommen.«
»Wird geschehen!«, lautete die Antwort.
»Im Übrigen bleibt es bei den von mir getroffenen Dispositionen. Von morgen früh zehn Uhr ab bin ich in Montana, unterwegs im Luftschiff ›Schwan‹ zu erreichen.
Und noch eins! Welche Nachrichten sind aus Ceylon eingelaufen?«
»Die beiden Herren haben die Insel schon betreten! Vorläufig schlafen sie in aller Ruhe.«
»Alle Wetter, das ist etwas zu schnell gegangen!«, entfuhr es Loke Klingsor. »Ich kann unmöglich — doch es wird sich machen lassen. Entfernungen spielen ja keine Rolle. Es ist gut!
Aber merken Sie! Ich werde wahrscheinlich noch in dieser Nacht eins unserer Unterlandboote abgehen lassen, mit einer jungen Frau und einem Knaben. Sie sollen auf der Insel ein bequemes Unterkommen finden. Richten Sie alles darauf ein.«
»Wird geschehen!«, lautete abermals die Antwort.
»Gut! Und was ist unterdessen betreffs des Abdel Dschelil beobachtet worden?«
»Die beiden Trapper sind an Ort und Stelle eingetroffen, haben sich auch bereits verständigt. Die Falle ist gestellt.«
»Und Enak?«
»Ist ebenfalls schon dort!«
»Recht so! Weiter habe ich jetzt nichts. Schluss!«
Wieder drückte er auf den Knopf, ein leises Klingelzeichen erscholl, die Uhr wurde zugeklappt und eingesteckt, dann aber näherte sich Loke Klingsor einem der Fenster, öffnete es, schwang sich auf die Brüstung und trat in die leere Luft hinaus.
Gleich darauf war er spurlos verschwunden, und einige Minuten später stand vor der Eingangstür eines netten Landhäuschens, wie sie ja für die Umgebung Londons und für ganz England charakteristisch sind, ein Mann in Seemannskleidung, mit Pijacke und Schirmmütze, die Hände in den Jackentaschen vergraben.
Da es in dieser einsamen Gegend keine Straßenbeleuchtung gab, war sein Gesicht nicht zu erkennen, er machte aber keine Miene, die Klingel in Tätigkeit zu setzen, also Einlass zu fordern. Er schien noch auf etwas zu warten.
Vielleicht war der Matrose, der ihm den Koffer hatte nachtragen sollen, zu weit zurückgeblieben, er wollte ihn erst herankommen lassen —
Und da erklangen auch schon auf der Straße hastige Schritte.
Jemand kam in höchster Eile heran.
Aber es war auch für ein halbwegs geübtes Ohr gleich zu unterscheiden, dass das kein Seemann sein konnte, die pflegen keinen solchen leichten Gang zu haben, gleich gar nicht, wenn sie nach langer Fahrt zum ersten Mal wieder das Land betreten.
Nein, das musste eine Frau sein, die sich irgendwie verspätet haben mochte und nun eilte, um nach Hause zu kommen.
Von verbrecherischem Gesindel hatte sie ja kaum etwas hier zu fürchten. Das wusste schon, dass sich hierher keine reichen Leute verirrten. Die Häuser hier draußen wurden nur von sogenannten »kleinen« Leuten bewohnt, da gab es nichts zu holen.
Wohl aber konnte es sein, dass sie von einem Schürzenjäger belästigt wurde, an denen ja nirgends Mangel ist und die jede einzelne Frau, die ihnen in den Weg läuft, als Freiwild betrachten.
Jedenfalls lauschte der Seemann sogleich auf diese hastigen Schritte, trat auch wieder ein Stück von der Pforte weg, als sei er bereit, der Verspäteten seinen Schutz angedeihen zu lassen, falls es notwendig würde.
Dann sah er sie kommen.
Jawohl, es war eine Frau, und sie schien etwas zu tragen, was sie sorgsam an sich presste.
Was das war, konnte der Seemann ebenfalls schon erraten.
Ein Kind! Und es weinte!
Die Frau, offenbar also doch die Mutter, sprach mit leiser Stimme beruhigend auf das Kind ein.
Da sah sie den Seemann stehen, machte unwillkürlich Halt.
Da sah sie den Seemann stehen
und machte unwillkürlich Halt.
Er aber ging auf sie zu und sagte schon von Weitem:
»Fürchten Sie sich nicht, liebe Frau! Ich wohne hier, hörte Sie kommen, und weil ich merkte, dass Sie so schnell liefen, dachte ich, Sie würden verfolgt, wollte Sie beschützen — nun gestatten Sie wohl, dass ich Sie bis nach Ihrer Behausung bringe! Ich bin Steuermann Glane!«
»Steuermann Glane?«, klang es da in dem Tone höchster Überraschung zurück. »O, das ist ja herrlich. dass ich Sie hier finde! Zu Ihnen wollte ich gerade!«
»Zu mir? Sollte das nicht ein Irrtum sein, Frau? Sie wollten gewiss sagen, dass Sie zu meiner Frau gehen möchten!«
»Nein, nein, ich kam hierher, um den Steuermann Glane zu sprechen, und wenn Sie das sind, wie Sie sagten, so bitte ich Sie, mir ein paar Minuten zu schenken, ich muss Sie etwas Wichtiges fragen —«
»Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung. Bitte, kommen Sie mit in mein Haus! Ich bin soeben von einer ziemlich langen Fahrt in den Hafen zurückgekehrt, meine Frau wird mich zwar erwarten, aber das schadet nichts, Sie stören nicht, wir können das Wiedersehen ja noch auf einige Minuten verschieben. Nach einer Abwesenheit von Monaten können sie nicht in Frage kommen —«
»Ich weiß doch nicht — — vielleicht komme ich dann lieber morgen — ich möchte Ihre Frau nicht berauben — — sie wird sich nach Ihnen gesehnt haben. Ich kenne das. Auch mein Mann ist infolge seines Berufes ständig unterwegs, kann uns nur selten besuchen, aber dann —«
Wie ein unterdrückter Jubel klang es aus der weichen Stimme.
»Ich versichere Ihnen nochmals, dass Sie nicht stören werden, und warum wollen Sie denn morgen nochmals den weiten Weg machen? Sie wohnen sicher in der Stadt selbst — also bitte!«
Eine einladende Handbewegung, die Frau kam näher.
Es war Angela, mit dem kleinen Loke auf dem Arm, sorgsam in ein Tuch eingehüllt. Das Kind verhielt sich jetzt ganz ruhig.
»Wenn Sie meinen!«, sagte sie. »Sie sind sehr gütig, und ich will Ihre Zeit gewiss auch nicht länger in Anspruch nehmen, als unbedingt nötig ist.«
Der Steuermann Glane, wie er sich genannt hatte, hob schon die Hand, wollte auf den Klingelknopf drücken, besann sich nochmals, griff in eine Tasche und zog einen Schlüssel hervor, den er in das Schloss schob und darin umdrehte.
Dann öffnete er die Tür, ließ die Frau vor sich eintreten, schloss wieder hinter sich, und dann mochte er wohl auf einen anderen Schalter gedrückt haben, denn plötzlich war der Weg, der durch den Vorgarten nach dem Hause führte, hell erleuchtet.
So konnten sie beide diesem zuschreiten und erreichten eben die Eingangstür, als diese rasch geöffnet wurde.
Eine ebenfalls noch junge Frau im Nachtgewand kam heraus und warf sich mit einem Jubelrufe an die Brust des Seemannes.
»Roger! Endlich bist Du wieder da! Endlich! Ach, wie habe ich mich —«
»Verzeih, Gladys!«, unterbrach er sie. »Ich bringe Dir eine Besucherin mit oder vielmehr, diese Dame möchte mich gleich sprechen — in einer dringenden Angelegenheit. Bitte, lass mich so lange mit ihr allein! Ja?«
»Aber gerne, Roger!«, lautete die Antwort, und aus dem Klange der weichen Stimme war sogleich zu hören, dass diese Versicherung nicht bloß eine Redensart war.
Die junge Frau löste ihre Arme von dem Gatten und trat zur Seite.
»Bitte, treten Sie nur ein, Mistress —«
»Ich kann Ihnen meinen Namen jetzt nicht nennen«, sagte da die Fremde. »Ich habe einen bestimmten Grund —«
»O, bitte! Ganz, wie Sie wollen —«
Und Glane selbst nötigte sie in den Flur.
Auch dort war es hell, und nun sahen die beiden Gatten in das schöne Madonnenangesicht Angelas, aber nicht neugierig, eben nur, wie man eine so späte Besucherin anschaut.
Ja, es war Angela, und ihr Gesicht sah nicht etwa mehr verstört aus, wie es doch der Fall gewesen war, als sie in hastiger Flucht aus ihrer Wohnung gestürmt war. Jetzt zeigte sich nur ein bittender Ausdruck auf den schönen Zügen. Allerdings stand auch eine feste Entschlossenheit in ihnen zu lesen.
Dass sie ihren Namen nicht nennen durfte, stand bei ihr fest. Aus Liebe zu dem Manne geschah es, der sie doch eben noch so furchtbar erschreckt hatte. Was er ihr auch angetan hatte, auf ihn selbst durfte kein Makel fallen — oder sie hätte ihn eben nicht wahrhaft geliebt!
Die Glanes fragten nicht ein zweites Mal, die junge Frau hatte sich schon zurückgezogen, und nun geleitete der Steuermann seine Besucherin in ein Zimmer zu ebener Erde, gleich links.
Dort liegt in den englischen Häusern meist der sogenannte »drawing room«, was etwa einem deutschen Besuchszimmer entspricht, wenn es nicht vornehm »Salon« genannt wird, also bei kleinen Leuten die »Gute Stube«.
Hier war auf einmal eine Ausnahme gemacht worden, hier befand sich das Herrenzimmer im Erdgeschoss, und dass ein Seemann es bewohnte, das war natürlich auch gleich zu sehen. Allerlei Erinnerungen an Fahrten in ferne Weltgegenden waren aufgestellt, hingen an den Wänden, auch Schiffsmodelle und so —
Aber die Besucherin hatte keinen Blick dafür.
Sie schaute nur wie gebannt auf ein Glasprisma, das von der Decke herabhing, genau wie in ihrem Zimmer — und nun allerdings prägte sich auf ihrem schönen und lieblichen Gesicht doch etwas wie Furcht aus, wenn nicht gar Schrecken.
Sie blieb dicht neben der Tür stehen.
Steuermann Glane aber rückte schon einen bequemen Sessel zurecht und wendete sich ihr nun wieder zu.
Jetzt schaute Angela ihn an, prüfend und lange, und er hielt lächelnd diesen Blick aus.
Er konnte es. In seinem Gesicht war nichts, was seine Besucherin hätte abstoßen können, es war das eines Seemannes, wie man es doch kennt: rotgebeizt vom Salzwasser, das auch den vielleicht ursprünglich dunkleren Bart fast weiß gefärbt hatte, ausgelaugt — es war nur ein Schnurrbärtchen und ein kleiner Kinnbart, ebenfalls bei Seeleuten üblich, wenn auch sonst vielleicht an den Backen noch Haare genug wachsen mochten — jedenfalls wusste Steuermann Glane, was sich Damen gegenüber gehört, hatte sich also erst rasieren lassen, ehe er sein Heim betrat.
Die Augen waren von unbestimmter Farbe, wohl eher grau als blau, aber genau war das eben nicht zu sagen, jedenfalls hatten sie einen recht gutmütigen Ausdruck, und das fand auch Angela gleich heraus.
»Ich kann und will Ihnen vertrauen, Steuermann Glane«, sagte sie, ohne sich auf den angebotenen Stuhl niederzulassen
Ehe sie aber weitersprechen konnte, trat Frau Glane ein, brachte heißen Tee, stellte das Geschirr auf den Tisch, nahm aus einem Wandschränkchen die Keksdose, stellte sie ebenfalls hin und huschte lautlos wieder hinaus.
Erst, nachdem sie hinaus war, wurde Frau Angela bewusst, dass die junge Frau sich in aller Eile umgezogen hatte.
»Setzen Sie sich doch erst, bitte!«, sprach da der Steuermann. »Ich werde mir erlauben, Ihnen ein Glas Tee zurechtzumachen. Ihr Kind können Sie, wenn Sie es nicht inzwischen meiner Frau anvertrauen wollen, dort auf den Diwan betten — aber bitte, legen Sie nun jede Scheu ab. Ich hoffe, Sie sind überzeugt, dass ich Ihnen gern und in jeder mir nur möglichen Weise dienen werde!«
»Das bin ich, Mr. Glane!«, lautete die sofortige Erwiderung, und nun zögerte Angela auch nicht länger, sondern bettete ihren Knaben auf dem Diwan, wo er ruhig weiterschlummerte, und setzte sich auf den angebotenen Stuhl, nippte auch von dem Tee, verschmähte jedoch das Gebäck.
Dann schaute sie ihr Gegenüber von Neuem an.
»Mr. Glane«, begann sie, »Sie sind sehr gütig und rücksichtsvoll, dass Sie mich jetzt noch anhören wollen —«
»Bitte, kommen Sie nicht mehr darauf zurück! Was bedrückt Sie? Bitte, sprechen Sie ohne alle Scheu, aber verschweigen Sie mir auch nichts. Vielleicht kann ich Ihnen doch helfen.«
Angela nickte eifrig, als sei sie davon vollkommen überzeugt. Dabei schien sie aber doch verlegen, wie sie anfangen sollte.
Noch einmal schaute sie den Steuermann an. Dann sprach sie:
»Ich habe Ihren Namen kürzlich von einer Verwandten gehört, will sie wenigstens als solche bezeichnen. Es ist eine ganz brave Frau, aber sie hat auch einen schlimmen Fehler. Sie kümmert sich viel zu sehr um ihre Mitmenschen, belauert sie und belauscht sie, fragt alle Welt aus, und was sie da erfährt, das erzählt sie weiter.
Noch bedauernswerter aber ist sie deshalb, weil sie bei allem, was geschieht, nur das Schlechte herausfindet, weil sie keinem Menschen etwas Gutes zutraut, es gar nicht kann, das liegt so in ihrem Charakter. Ich habe sie lange nicht gesehen, doch kürzlich kam sie einmal zu mir, und da erzählte sie mir allerhand, was ich gar nicht hören mochte.
Diese Frau nannte auch ihren Namen, Mr. Glane.«
»So?«
»Ja, aber Sie werden nicht erwarten, dass ich berichten soll, was sie erzählte.«
»Nein, danach sehen Sie nicht aus, liebe Frau.«
Angela errötete leicht.
»Ich muss aber doch davon sprechen, weil —«
Sie wusste nun doch nicht, wie sie weiter auf das kommen sollte, was ihr so sehr am Herzen lag. Klatschen wollte sie nicht, konnte sie auch gar nicht.
Aber sie musste doch reden. Und so schaute sie zu dem seltsamen Glasprisma empor.
Steuermann Glane lächelte, als er diesen Blick gewahrte.
»Man hat mich wohl als Hexenmeister verschrien? Ja, das tun die Nachbarn gern, obwohl sie eigentlich gar nicht viel wissen können.«
Nun hätte Frau Angela doch den Namen der Zofe nennen müssen, aber sie wollte das Mädchen nicht in Verlegenheit bringen, ihm nicht schaden. Und sie hatte ja auch einen Anknüpfungspunkt gefunden.
»Mein Mann sprach von Ihnen, Mr. Glane. Er ist heute von einer weiten Reise zurückgekommen und brachte meinem Kinde etwas mit, was er ihm bei dem letzten Besuch versprochen hatte. Sie kennen doch diese kleinen Gummitiere, die man durch Druck auf einen Gummiball, mit dem sie durch einen Schlauch verbunden sind, lebendig machen kann?«
Ja, Steuermann Glane kannte sie, nickte aber nur, und Angela erzählte nun, was sie erlebt hatte.
»Der Hund wurde lebendig, bellte, fraß ein Stück Zucker, aber sonst bewegte er sich doch nur wie eben ein solches Gummihündchen, legte sich immer wieder regungslos hin, und seine Glieder bewegten sich auch so —
Und auf einmal war aus dem Gummihündchen ein wirkliches Hündchen geworden, ein kleiner Pudel —
Da habe ich mich freilich sehr wundern müssen, aber doch nicht an Hexerei gedacht. Mein Mann hat doch mit solchen Dingen nichts zu tun.
Ja, das habe ich geglaubt, musste aber doch erkennen, dass er vielleicht schlechten Umgang gehabt hat —«
»Mich also?«, fragte Steuermann Glane lächelnd.
»Ich kann nicht anders als ja sagen«, bekannte Angela.
»Das tut mir allerdings sehr leid«, bemerkte darauf der Hausherr.
»Mein Mann wollte sich heute mit Ihnen treffen, muss also gewusst haben, dass auch Sie heimkommen würden.
Mr. Glane, werden Sie heute Nacht noch einmal ausgehen?«
Das war nun freilich eine recht sonderbare Frage, man hätte sie für aufdringlich ansehen können, doch Mr. Glane schien das nicht zu finden.
»Ja, ich wollte noch einmal ausgehen«, gab er ohne Weiteres zu, auch, ohne dabei zu lächeln.
Die Augen Angelas wurden groß.
»Sie gehören einem Klub an?«, forschte sie weiter.
»Jawohl, und diesen wollte ich heute noch besuchen, obwohl ich lieber daheim bliebe.«
»Können Sie mir den Namen dieses Klubs sagen, Mr. Glane?«
»Gewiss! Er nennt sich Klub der Teufelsanbeter.«
Da zuckte Angela leicht zusammen, schien sogar aufspringen zu wollen.
Sie blieb jedoch sitzen, faltete nur die Hände.
»Das ist ein schrecklicher Name«, murmelte sie. »Fürchten Sie sich nicht vor der Gotteslästerung?«
Die Augen des Steuermannes leuchteten auf, aber nur eine Sekunde, dann hatten sie wieder den gewöhnlichen Ausdruck großer Güte.
»Ihr Mann gehörte ebenfalls zu diesem Klub?«, fragte er.
»Er sagte es.«
»Und Sie haben nie, nie gemerkt, dass er etwas Schlechtes tat?«
»Nein, er war stets der beste Gatte, der liebevollste Vater.«
»Und doch gehörte er diesem gottlosen Klub an?«
»Ja, ich verstehe Sie schon, Mr. Glane, ich weiß, was diese Frage bedeuten soll. Ich habe doch auch schon gemerkt, was für ein guter Gatte Sie sind, denn sonst würde Ihre Frau sich nicht so gefreut haben, als Sie heimkehrten, und dass sie Ihnen rückhaltlos vertraut, das hat sie doch auch gleich bewiesen. Nicht jede Frau würde es fertig bringen, ihren Mann mit einer fremden Frau ankommen zu sehen und die beiden nachher auch noch allein zu lassen.
Nein, Mr. Glane, darin ähneln Sie wohl meinem Manne. und ich weiß, dass er keines Unrechtes fähig ist, aber —«
»Er hat Ihnen etwas gezeigt, was Sie sich nicht erklären konnten, hat sich einen Scherz mit Ihnen erlaubt — ich kann mir schon denken, was vorgefallen ist, und das hätte freilich nicht geschehen dürfen«, versetzte Glane.
»Ihr Gatte besaß ein solches Glasprisma?«, fragte er dann.
»Ja, das hat er einst mitgebracht und an der Decke aufgehängt.«
»Und dieses Prisma ist das Zeichen, dass er zu dem Klub oder vielmehr Bund der Teufelsbrüder gehört.«
»Also doch!«
»Aber es ist nichts Teuflisches dabei. Ich will es Ihnen gleich erklären. Bitte, liebe Frau, rücken Sie doch einmal ganz nahe an den Tisch heran — so — noch etwas —«
Angela gehorchte ohne das geringste Misstrauen, sah, wie der Steuermann einen kleinen Spiegel zur Hand nahm, der wohl auf dem Tische gelegen hatte, wie er ihn gegen ein Buch lehnte, und zwar derart, dass die Glasfläche schräg nach oben gekehrt war, gegen das geheimnisvolle oder nunmehr unheimliche Prisma hin.
»Bitte, schauen Sie jetzt fest in dieses Glas!«, fuhr Glane fort. »Sie wissen nicht, wo meine Frau sich jetzt befindet, was sie tut?«
Verwundert schaute Angela auf.
»Nein«, sagte sie aber nur, ohne jedes weitere Wort.
»So werden Sie es gleich wissen. Also bitte, blicken Sie in diesen Spiegel! Wenden Sie den Blick nicht davon ab!«
Angela gehorchte, schaute in den Spiegel und wunderte sich von Neuem, weil sie eben gar nichts darin sah, nicht einmal ihr Gesicht, das sie doch ganz dicht darüber beugte, auch nichts von der Zimmereinrichtung, die sich doch hätte in dem Dinge spiegeln müssen.
Sie sagte indessen nichts, aber sie schrak zusammen, als ganz plötzlich in diesem Spiegel ein leuchtender Punkt auftauchte und als sie erkannte, dass es die Spiegelung jenes seltsamen Prismas an der Decke war.
Gerade, wie es bei ihr in der Wohnung geschehen war, begann es jetzt in einem eigenartigen, milden Lichte zu strahlen, und im gleichen Augenblick gewahrte Angela auch ein Bild.
Sie blickte in ein Wohnzimmer, sah darin eine junge Frau, die sie gleich erkannte.
Es war Frau Glane.
Sie stand vor einer der Wände, hatte eben ein sonst dort hängendes Bild herabgenommen, hielt es zwischen ihren beiden Händen und schaute mit Blicken innigster Liebe darauf.
Es war das Bild ihres Gatten.
Damit aber nicht genug.
Nun beugte sie sich nieder und küsste den gemalten Mund, und Angela wusste nicht, was sie denken sollte, als sie auf einmal auch eine Stimme hörte, die sie ja nun schon kannte, die Stimme der Frau Glane.
»Ach, John, wie ich Dich liebe! Du edler, Du guter Mann! Ich verstehe ja heute noch nicht, wie Du gerade mich mit Deiner Liebe beglücken konntest! Was bin ich denn Dir gegenüber? Aber ich will's Dir danken mit jedem Atemzug. Mein ganzes Dasein soll nichts weiter sein als Dankbarkeit —«
Ganz deutlich hörte Angela diese Worte, und sie wusste, dass die junge Frau sie ebenso halblaut sprach, wie sie hier erklangen.
Und sie tat, was bei ihr eben ganz natürlich war.
Plötzlich hielt sie ihre linke Hand über den Spiegel, dass sie nichts mehr sehen konnte, und sagte:
»Lassen Sie es genug sein, Mr. Glane! Das darf ich nicht sehen und nicht hören!«
Und wieder traf sie sekundenlang ein Blick aus den Augen Glanes.
Er nahm ihre Hand von dem Spiegel, gab ihr diesen.
»Sehen Sie etwas Besonderes an dem Spiegel?«, fragte er.
Angela schüttelte den Kopf.
Nein, es war einer jener billigen Taschenspiegel, wie man ihn in jedem einschlägigen Geschäft kaufen konnte.
»Und doch vermögen Sie in ihm alles zu sehen, was jetzt in diesem Hause vorgeht«, erklärte der Seemann.
»Mittels jenes Prismas dort an der Decke?«, fragte Angela.
Er nickte.
»Dann hat mein Mann mich auch immer sehen können, wenn er es wollte?«
»Immer und überall«, bestätigte Glane.
Da freilich schoss eine jähe Röte in das Gesicht der Madonna.
»Und dieses Prisma erhalten alle Mitglieder vom Bunde der Teufelsanbeter?«, fragte sie verwirrt.
Wieder nickte Glane, aber dann setzte er hinzu:
»Lassen Sie sich durch diesen Namen nicht schrecken, liebe Frau. Was verstehen wir Menschen denn unter dem Teufel? Wir stellen ihn uns so vor, wie die Kirche ihn schildert, wie die Phantasie irregeleiteter, unwissender Mönche im Mittelalter oder noch früher ihn ersann.
Da Gott das Herrlichste ist, was Menschen ersinnen konnten, so musste der Teufel, als sein Widersacher, das Hässlichste sein, er musste Hörner auf den Kopf kriegen, einen Pferdefuß, einen Schweif und was alles noch — eben ein Schreckbild! Und die Hölle wurde ein Ort der äußersten Qual, wiederum, damit die Menschen ja recht fromm bleiben sollten.
Was aber hat denn das alles geholfen? Ist etwa aus Furcht vor dem Teufel und vor den Höllenqualen das Böse aus der Welt verschwunden?
Ja, die Menschen sagen, wenn sie sündigen, der Teufel habe Gewalt über sie gewonnen — und lügen dabei — sie wissen es sogar, denn ihr Gewissen hat sie vorher gewarnt, und sie haben doch den bösen Trieb, der in ihnen wohnt, die Oberhand gewinnen lassen.
Was Böses geschieht, wird dem armen Teufel zugeschrieben und ist doch nur etwas aus dem Menschen selbst Geborenes. Haben Sie nicht in der Bibel gelesen, dass auch der Teufel einst eine Lichtgestalt war, ein Engel?
Und wie wird er noch jetzt genannt? Luzifer! Das heißt doch aber Lichtträger! Und das ist dieser gefallene Engel — ist es noch jetzt — wobei ich immer bemerken muss, dass er an sich gar nicht existiert, dass sich in ihm nur alle die Naturkräfte verkörpern, die sich scheinbar gegen die Schöpfung Gottes auflehnen, also gegen die von Gott gewollte Weltordnung.
Aber nicht d i e Untertanen sind die besten eines Staates, die alle obrigkeitlichen Anordnungen unbesehen als gut hinnehmen, sondern jene, die sie prüfen und verwerfen, wenn sie sie nicht für recht halten.
Menschen zwingen durch ihren Einspruch die Obrigkeit, den Staat, das zurückzunehmen, zu verbessern, was sie falsch machten, sie bewirken, dass beide wirklich Gutes schaffen, so weit Menschen das vermögen.
Und wenn Sie sich nun vorstellen könnten, dass auch Gott irren kann, dass nicht alles, was er tut, den Menschen nützt, dass diese also ein Recht hätten, die Annahme zu verweigern, sich aufzulehnen gegen seinen Willen, dann müssten sich diese Menschen folgerichtig Teufel nennen, denn das eben ist das Prinzip des Teufels, dass er sich gegen Gott auflehnt.
Und solche Teufel sind wir, die wir uns in dem Bunde der Teufelsanbeter vereinigt haben.
Ich will es Ihnen klarmachen. Die Bibel erzählt vielfach von Wundern, sogar von Zauberern und Hexen, und die Priester sagen, diese hätten sich dem Teufel verschrieben. Viele Hunderttausende sind auf dem Scheiterhaufen und in den Folterkammern unter entsetzlichen Qualen gestorben, weil sie als Hexen galten — und es doch nicht waren!
Wenn damals einer gekommen wäre und hätte der Menschheit die Lokomotive geschenkt oder ein anderer, der die Elektrizität entdeckt hätte, so wären sie als Hexenmeister verbrannt worden, nicht minder der Erfinder der Luftschifffahrt — und doch haben diese Menschen nur Naturkräfte entdeckt und sie der Menschheit dienstbar gemacht. Der Teufel hat ihnen nicht dabei helfen können, schon aus dem Grunde nicht, weil es gar keinen solchen boshaften, gehässigen Teufel gibt, der sich freut, wenn die Menschen sündigen.
Alles, was man früher Hexerei nannte, was die Menschen von heute nicht verstehen können, das ist doch das Ergebnis ernsten Denkens und sorgsamen Forschens, also angestrengter Geistesarbeit, und solche Geistesarbeit leisten wir im Bunde der Teufelsanbeter, suchen Naturkräfte zu erkennen, von denen unsere Mitmenschen noch nichts ahnen, und da haben wir allerdings schon sehr viel erreicht. Wenn wir unsere Entdeckungen und Erfindungen der Menschheit offenbaren wollten, so würde sie weiterkommen als in all den vergangenen Jahrtausenden, aber — und das liegt eben so in der Menschennatur — sie würde auch gleich wieder vom Teufel und von Hexerei schwatzen —
Haben Sie das verstanden, Frau Angela?«
Mit glänzenden Augen hatte diese dem Sprecher zugehört, und so begeistert war sie, dass sie sogar überhörte, dass er sie jetzt beim Namen nannte, obwohl sie ihm diesen verschwiegen hatte.
»Ja, das habe ich verstanden, Mr. Glane, und es war wie eine Offenbarung für mich!«
Dann aber hob sie auch gleich beide Arme gegen die Decke, an welcher das jetzt nicht mehr leuchtende Prisma hing.
»Wenn Du mich siehst und hörst, Geliebter, dann verzeih mir den Zweifel, den ich hegte, und vernimm meinen Schwur: Ich will Dir künftig rückhaltlos vertrauen, wie ich es freilich immer getan habe. Du weißt ja alles, kennst vielleicht sogar meine innersten Gedanken, und da wirst Du keiner Versicherung bedürfen, dass sie alle nur Dir gelten — Dir und Deinem Sohne!«
Sie war also fest überzeugt, dass auch ihr Gatte sie jetzt sehen könnte, dass er ihre Worte hörte.
Und Steuermann Glane schaute mit leuchtenden Augen auf diese Frau, bis er die Lider senkte.
»So ist es recht«, sagte er. »Ich habe Sie nicht gefragt, wie Sie heißen, ich brauche es nicht, denn auch ich weiß alles von Ihnen, ich hätte Ihnen vorhin, ehe Sie mir etwas erzählten, alles selbst sagen können. Ich habe Sie sprechen lassen, denn — —
Doch genug davon! Frau Angela, Sie werden nicht mehr in Ihre bisherige Wohnung zurückkehren, denn Sie werden dort Ihren Gatten künftig vergebens erwarten —«
»Er kommt nicht mehr zu mir? Als Strafe dafür, dass ich an ihm zweifelte?«
Wieder überhörte sie, dass er sie beim Namen nannte. Und das war ja auch kein Wunder.
Sie sollte ihren Mann nicht wiedersehen, der für sie alles Erdenglück bedeutete!
»Als Strafe? O, nein, Frau Angela! Sie haben ja eben diese letzte allerdings etwas grausame Prüfung Ihrer Liebe bestanden, sollen dafür belohnt werden, und ich bin berufen, Ihnen diesen Lohn zu verkünden.
Frau Angela, Sie werden in Zukunft immer bei Ihrem Gatten sein, werden sich nie mehr oder doch nur auf kurze Zeit von ihm trennen müssen —«
»O, mein Gott«, konnte die junge Frau nur stottern.
Dann aber sprang sie plötzlich auf, lief zum Diwan, auf dem ihr Kind friedlich schlummerte, riss es an sich, dass es erwachte, und rief ihm zu, wahrend Tränen aus ihren Augen rannen:
»Kind, hast Du es gehört? Ach, Du kannst es ja noch nicht fassen, dieses Herrliche! Unser Vater soll immer bei uns bleiben! Wir sollen nicht mehr auf ihn warten, uns nach ihm sehnen müssen!«
Der Knabe schaute aus großen Augen seine Mutter an, griff nach den glitzernden Tropfen, die über ihre Wangen rannen — es war das erste Mal, dass er Tränen sah, er hielt sie für Spielzeug —
Und doch waren sie nichts anderes als weißes Blut, das aus der Seele dieser Mutter strömte!
Hastig trocknete Angela ihre Wangen, sie wendete sich wieder an den Steuermann.
»Ach, ich weiß ja gar nicht, wie ich Ihnen danken soll!«, rief sie. »Mein Herz war so schwer, als ich mich entschloss, Sie aufzusuchen. Ich war voll törichter Angst — und nun — Gott ist ja so gut, viel besser, als ich es verdient habe!
Sagen Sie mir, was ich tun soll, Mr. Glane, und führte mich der Weg zu meinem Gatten durch eine Wüste, deren Ende ich nicht erschauen könnte, ich wollte sie doch durchwandern —«
»Nicht durch eine Wüste wird er Sie führen, wohl aber über das Weltmeer, Frau Angela!«, sagte Glane
Jetzt erst stutzte sie. Jetzt erst ward ihr bewusst, dass er sie schon mehrmals beim Namen angeredet hatte.
»Sie kennen mich?«, fragte sie.
Aber dann fuhr sie selbst gleich fort:
»Ja, das ist ja selbstverständlich, ich bin immer noch so töricht! Verzeihen Sie nur! Und nun sprechen Sie! Und wenn Sie es können, lassen Sie mich ihn sehen!«
Zum dritten Male blitzten die Augen des angeblichen Steuermanns so seltsam auf, aber wieder senkten sich alsbald die Lider über sie.
»Ich will es tun, Frau Angela. Sie sollen ihn sehen.«
Und plötzlich brachte er einen anderen Spiegel hervor, jenen, den Loke Klingsor benutzt hatte, als er dem Rechtsanwalt Maxim Iron einen Beweis seiner Kunst gegeben hatte.
Frau Angela aber staunte nicht über das seltsame Ding, sie beugte sich nur vor und spähte in das Glas, über welches Glane jetzt aus einem goldenen Fläschchen einen Tropfen einer grünen Flüssigkeit schüttete, die sich sofort über die Spiegelfläche verteilte, sie erst wie mit einem feinen Schleier überzog, dann aber —
»Ich sehe ihn!«, jauchzte die junge Frau schon auf. »Ja, das ist er —
Ach, wenn doch mein Knabe ihn sehen könnte!«, setzte sie leise hinzu.
Dann jedoch beugte sie sich wieder vor.
Und Steuermann Glane sagte:
»Frau Angela, Sie kennen Ihren Gatten nur in dieser Gestalt, so, wie Sie ihn jetzt vor sich sehen. So lieben Sie ihn. Und doch ist das nicht sein wahres Gesicht.«
»Wie soll ich das verstehen?«, fragte sie, ohne aufzublicken.
»Wir Teufelsanbeter haben die Fähigkeit, unser Aussehen nach Belieben zu verändern«, erklärte Glane.
»Sie verkleiden sich also zeitweise?«
»Man könnte es so nennen, aber es ist doch etwas anderes. Wir können nach Belieben ein Aussehen annehmen, das uns gerade brauchbar erscheint, und ich muss Sie fragen: Wollen Sie Ihren Gatten in seiner wahren Gestalt sehen?«
»Aber es ist mein Mann?«
»Er ist es.«
Da zögerte Angela nur einen Augenblick, ehe sie weitersprach:
»Ich habe ihn nie anders gekannt. Er ist der Vater meines Kindes, aber wenn er sich mir unter einer falschen Gestalt nahte, dann muss diese nunmehr schwinden.
Nichts als Wahrheit darf zwischen uns sein — ja, ich will ihn sehen, wie er ist!«
»So blicken Sie in den Spiegel!«
Und als Angela hineinschaute, sah sie etwas, was sie erbeben ließ.
Ihre Augen weiteten sich, ihre eine Hand streckte sich vor.
»Den habe ich schon gesehen!«, stammelte sie.
»In Ihren Träumen!«, ergänzte Glane.
»Ja, ja! Oft habe ich diesen Mann gesehen, immer wieder tauchte er in meinen Träumen auf, aber jetzt sehe ich, was ich damals nicht gesehen habe — ja, das sind seine Augen — das ist mein Mann!«
Und das letzte jauchzte sie schon wieder, ganz selig.
»Wie herrlich er ist! Wie stolz! Und —«
Sie verstummte einen Augenblick.
»Und dieser Mann soll mich lieben?«, fragte sie dann doch ganz leise.
Die Antwort kam sogleich, aber nicht aus dem Munde des Steuermannes.
Auch jetzt klang aus dem geheimnisvollen Spiegel selbst eine Stimme, und hätte Angela noch gezweifelt, dass dieser Mann, den sie jetzt vor sich sah und der ja kein anderer war als Loke Klingsor, ihr Gatte war, so musste beim Klange seiner Stimme die Gewissheit unumstößlich werden.
»Angela, meine Angela!«, hörte sie das Bild sprechen, und ihr ging doch gleich das Herz auf, als sie das hörte!
Ach, diese Stimme! Wie sie sie liebte, immer geliebt hatte!
Ja, und jetzt tauchte in ihrem Unterbewusstsein ganz leise eine Erkenntnis auf, die ihr schon manchmal hatte kommen wollen, die aber immer wieder von ihr unterdrückt worden war.
Jetzt gab sie vor sich selbst zu, dass ihr Mann, wie sie ihn kannte, doch wirklich keine Schönheit gewesen war, sie sah das Mopsgesicht wieder vor sich.
Und sie hatte ihn trotzdem geliebt, weil eben die wahre Liebe nicht nach solchen Äußerlichkeiten geht, weil ihre Seelen sich gegrüßt hatten, weil ihre Seelen aufeinander gewartet hatten und erst ihr Glück hatten finden können, nachdem auch die beiden Menschen zueinander gekommen waren, in denen sie wohnten.
Angela war selig.
»Er!«, murmelte sie und dann schaute sie auf, gewahrte indessen nicht mehr, dass der vermeintliche Steuermann Glane seine Blicke bisher unverwandt hatte auf ihr ruhen lassen — genau so, wie damals Loke Klingsor den Rechtsanwalt angeschaut hatte.
»Hört er mich, wenn ich jetzt zu ihm spreche?«, fragte sie schüchtern.
»Ja, er wird Sie hören!«
Und da rief Angela auch schon:
»O, Du! Wohin bist Du denn gegangen? Wo kann ich Dich finden, dass ich Dir Deinen Knaben bringen kann?«
»Angela, weit, weit bin ich von Dir entfernt.«
»Aber Du warst noch vor Kurzem bei mir!«, wendete sie ein.
»Ich war es, ich könnte auch jetzt bei Dir sein, ich bin es sogar, und doch liegt zwischen Dir und mir eine weite Ferne. Ich bin« — er zögerte einen Augenblick — »ja, ich will es Dir sagen, ich bin eben auf dem Wege nach Nordamerika, wo ich eine Bärenjagd halten will.«
»Ach! Eine Bärenjagd? Es wird Dir doch nichts geschehen?«
»Ohne Sorge, Angela! Und morgen schon muss ich nach Indien.«
Da hätte doch diese einfache Frau nun einmal staunen und fragen müssen. Sie tat es nicht, wohl aber fragte es aus dem Spiegel:
»Du wunderst Dich nicht, Angela? Ja, ich habe Dir die Wahrheit gesagt, als ich Dir erzählte, dass ich immer unterwegs sein müsste, freilich nicht als Geheiminspektor einer Versicherung, aber das wollen wir hier nicht erörtern. Wie ich das möglich mache, heute in London zu sein, morgen in Nordamerika und dann noch am selben Tage in Indien, das wirst Du gleich selbst erleben. Sage, Angela, willst Du zu mir kommen?«
»Ja, ja! Ach, wie gerne!«
»Und alles aufgeben, was Dir bisher lieb war? Dein Stübchen mit den Bildern, die ich von Dir gemalt habe — mein Bild —«
»Ach, ach, jetzt machst Du Dich doch lustig über mich! Du warst doch das gar nicht, Du gefällst mir jetzt auch viel besser —«
»O, das lässt aber tief blicken! Dir soll doch kein anderer Mann gefallen, Angela!«
»Ja, bist Du denn ein anderer, als der, den ich immer geliebt habe und noch liebe?«
Da hatte er sein Teil, dass er nichts mehr erwiderte, sondern gleich wieder auf das vorige Thema kam.
»Also, Du willst sogleich zu mir kommen? Nun, dann lass Dich von dem Mr. Glane führen. Er wird Dich zu einem Fahrzeug bringen, das Dich zu mir führt. Du vertraust ihm doch?«
»Wie Dir!«, erwiderte Angela, und wenn es dem Leser nicht schon aufgefallen ist, so muss erst hier einmal darauf aufmerksam gemacht werden.
War es nicht sonderbar, dass Angela ihren geliebten Mann nicht ein einziges Mal bei seinem Vornamen ansprach, dass sie das stets vermied?
Ja, sie wollte eben seinen Namen auch jetzt noch nicht preisgeben, trotzdem sie eben versichert hatte, dass sie diesem Mr. Glane vollkommen traute. Und da beherrschte sie sich so sehr, dass sie ihn gar nicht mit diesem Namen ansprach, also wieder ein Zeugnis für den Charakter dieser Frau.
»Nun, dann sehen wir uns morgen, und dann werden wir uns nie mehr trennen, aber, Angela, das muss ich Dir auch gleich jetzt noch sagen: Wenn Du hierher kommst, dann wirst Du noch eine letzte Prüfung zu bestehen haben, schwerer als alle, die Du bereits bestanden hast —«
»Und ich werde auch sie bestehen!«, rief Angela zurück. »Stelle mich nur immer auf die Probe. Du weißt doch, dass meine Liebe zu Dir nicht wankt!«
»Ich weiß es, meine Angela! Und deshalb soll Deiner Liebe zu mir auch der herrlichste Lohn werden. Und nun lebe wohl, bis wir uns wiedersehen! Was Du sonst wissen musst, das wird Dir Mr. Glane sagen!«
Das Bild verschwand aus dem Spiegel. Steuermann Glane löste seine Blicke von dem Haupte Angelas, und diese schaute ihn an.
»Sie haben alles gehört«, sagte sie.
»Ja, alles, und ich werde Sie sogleich noch nach der Stelle bringen, wo das Fahrzeug bereitliegt, das Sie zu Ihrem Gatten bringen soll.«
»Ich dürfte dieses Opfer von Ihnen nicht annehmen, aber ich muss es«, sagte Angela. »Nur eines müssen Sie mir gestatten —«
»Ich weiß, was es ist, und da ist auch meine Frau schon!«
In der Tat kam eben Mrs. Glane herein, schon eilte Angela auf sie zu, umschlang sie und rief:
»O, Sie sind ebenso glücklich wie ich! Auch Sie haben einen Mann, auf den Sie stolz sein können! Und weil ich ihm nicht danken darf für das, was er mir schon getan hat, und für das, was er noch tun will, so will ich Ihnen danken — darf ich Sie küssen? Ich habe Sie lieb wie eine Schwester!«
»Und ich Sie!«, klang es zurück.
Die beiden küssten einander, schauten sich innig in die Augen und drückten einander die Hände.
»Ich werde Sie wiedersehen!«, sprach Angela noch bewegt.
»Ja, wir werden uns wiedersehen!«, erwiderte Gladys Glane.
Und sie beide achteten dabei nicht auf den abseits stehenden Mann, der sich über die Augen strich, nun aber vortrat.
»Bitte folgen Sie mir, Frau Angela!«
Er schritt der Tür zu, und sie beide verließen das Haus, um hinüber nach der Stelle zu gehen, wo die Themse ihre Wasser der Riesenstadt zuwälzte.
Es war sehr finster da drüben und ganz menschenleer, aber Steuermann Glane fand doch die Stelle, wo ein langes, schmales Fahrzeug lag, von dem nicht viel zu erkennen war.
Auf dieses führte er Angela, deutete auf eine Luke, in welcher eine Treppe sichtbar war, und als sie hinabstieg und die Luke sich hinter ihr schloss, da senkte das Fahrzeug sich auch schon und verschwand unter Wasser.
Schon war der Graf an Chlorindes Seite. Sie brauchten nur wenige Schritte zurückzugehen und standen vor der Ursache des Getöses. Der überhängende Felsblock war herabgestürzt, füllte den ganzem Gang aus, von dem Tageslicht draußen war keine Spur mehr zu sehen.
»O Gott, wo ist Loke?!«, war Chlorindes erster Gedanke, dem sie auch gleich Ausdruck verlieh.
»War er schon in der Höhle?«, fragte der Graf nicht minder erschrocken.
»Ich weiß es nicht —«
»Wenn der jetzt unter dem Felsblocke läge! Ganz breitgequetscht!«
»Hören Sie auf, hören Sie auf!«, flehte Chlorinde, eben weil sie sich dasselbe ausmalte.
»I wo, dem passiert nischt«, wurde sie aber beruhigt. »Wenn der darunter zu liegen gekommen wäre, dann doch so, dass er sich ganz gemütlich ausstrecken und warten könnte, bis er wieder hervorgeholt wird.«
Er stemmte sich gegen den Felsblock. Aber er strengte seine Riesenkraft vergebens an, das Hindernis wich nicht.
»Loke, Looookööö!!!«, fing der Hüne jetzt zu brüllen an, dass es zwischen den engen Felswänden ganz unheimlich dröhnte.
Und der Ruf sollte gehört werden, die Antwort nicht ausbleiben.
Klingsor war also hinter Chlorinde gewesen und hatte es nicht so eilig gehabt, ihr in die Höhle hinein zu folgen.
Breitbeinig auf dem Aste stehend, der ja dem Fuß noch genug Platz bot, die Hände in den Hosentaschen, den Zylinder noch immer schief auf dem Kopfe, in seinem salonfähigen Frackanzuge stand er da.
Jetzt richtete er sich auf, zog seine Taschenuhr, ließ aber den Deckel nicht aufspringen, drückte sie gleich so gegen sein Ohr.
»Hallo, bist Du's, Tankred?!«, schrie auch er, dabei aber die Uhr am Ohr behaltend, doch sicher als Telefon, um auch anderes vernehmen zu können, was er sonst nicht hörte.
»Lebst Du noch, Loke?«, ließ sich wieder die Grabesstimme vernehmen.
»Ja, ich lebe noch! Die ganze Decke ist eingestürzt. Wo ist Chlorinde?«
»Die ist hier bei mir.«
»Unverletzt?«
Die Antwort ließ etwas auf sich warten. Jetzt erkundigte sich der Graf also erst, und auch das musste Klingsor wohl hören durch sein Telefon, er nickte zufrieden.
»Nein, Chlorinde hat es nichts geschadet!«, wurde dann wieder gebrüllt.
»Und Dir?«
»Mir erst recht nichts.«
»Na, dann ist ja alles gut!«, entgegnete Klingsor mit ausdrucksvoller Erleichterung im Tone und grinste dabei wie der leibhaftige Teufel, der einmal in vergnügtester Stimmung ist.
»Du bist draußen, Loke?«
»Ja, ich stehe noch hier auf dem Aste.«
»Ein Glück, dass Du mir nicht gefolgt bist!«, wurde jetzt eine etwas höhere und gerade dadurch gut verständliche Stimme vernehmbar.
»Ja, ich wollte gerade eindringen, da prasselte die Decke herab.«
»Wie sieht es von dort draußen aus?«
»Der ganze Gang ist verschüttet.«
»Du kannst es nicht wegräumen?«
»Nein. Zwischen dem Schutt sind große Blöcke dazwischen — da wage ich mich nicht daran.«
»Gerade so ist es hier. Den Ausweg versperrt uns sogar ein riesiger Felsblock. Wir haben uns dagegen gestemmt. Alles vergebens.«
»Und ich kann Euch von hier auch keine Hilfe bringen, nicht allein, muss solche erst herbeiholen, mindestens Werkzeuge, Hacke und Brecheisen.«
»Eine schöne Geschichte!«
»Ja, eine sehr schöne.«
»Jawohl, spotte nur!«
»Na, bin ich denn etwa besser dran als Ihr?«
»Du bist wenigstens draußen und atmest frische Luft.«
»Ist es bei Euch da drin stickig?«
»Nein, die Luft ist ganz gut atembar«, entgegnete Chlorinde.
»Jetzt muss ich also allein mit dem Bären fertig werden?! Ihr seid mit Luftschiffen gekommen? Wo liegen die?«
Beide gaben eine Beschreibung, wo ihre Luftschiffe lagen, so genau, dass Klingsor sie finden musste, obgleich sie für das Auge sonst unsichtbar waren.
»Habt Ihr denn gar kein Mittel, Euch mit den Euren zu verständigen?«
Nein, das hatten sie nicht.
»Die warten also Eure Rückkehr ab?«
Ja, so hatten die beiden es ausgemacht.
»Und gesetzt nun den Fall, Chlorinde, Du wärst im Zweikampf gefallen — wie lange hätte denn da Dein Luftschiff auf Dich gewartet?«
»Bis morgen früh.«
»Und dann?«
»Dann wird nach mir geforscht.«
»Das ist zu lange. Bis dahin mag ich nicht warten.«
»Ja, Loke, auf welche Weise willst denn Du zurückkommen?«
»Auch ich würde abgeholt werden.«
»Wann?«
»Das, liebe Chlorinde, möchte ich mein Geheimnis bleiben lassen. Es handelt sich dabei überhaupt um etwas ganz Besonderes, was ich hier nicht erörtern kann. Jedenfalls kann ich mich mit meinen Leuten jetzt nicht verständigen, habe von ihnen keine Hilfe zu erwarten.«
»Dann musst Du Dich also erst von dem Bären befreien und dann mein oder Tankreds Luftschiff aufsuchen.«
»Anders ist es nicht möglich.«
»Bist Du fähig, das mit dem Feuerbrander allein zu machen?«
»Selbstverständlich.«
»So gehe ans Werk!«
»Sofort! Nur noch eine Frage: Ihr habt in dem Höhlengange da Stufen gefunden?«
»Jawohl. Es sind von Menschenhand mit dem Meißel in den Stein gehauene Stufen«, ließ sich des Grafen Stimme wie aus weiter Ferne wieder vernehmen.
»Wohin führen sie?«
»Abwärts in eine größere Höhle, die man schon mehr eine Halle nennen möchte. Weiter sah ich im Schein meiner kleinen Laterne noch nichts.«
»Das ist ja sehr merkwürdig! Da machen wir hier vielleicht noch eine große Entdeckung. Seht Euch unterdessen nur etwas weiter um!«
»Das tun wir.«
»Es besteht keine Gefahr, dass noch mehr zusammen stürzen kann?«
»Wir haben daraufhin die Felswände schon untersucht. Sie sind alle fest; nur am Eingange mögen Sprünge gewesen sein.«
»Dann vorläufig Schluss. Ich treffe meine Vorbereitungen für den Bären.«
»Schluss!«
Der Mann mit den Teufelsaugen nahm die Uhr vom Ohr und steckte sie in die Westentasche zurück, dann rieb er sich erst einmal schmunzelnd die Hände.
»Famos!«, murmelte er. »Die Sache klappt besser, als ich zu hoffen wagte.«
Er balancierte über den Ast zurück und sprang leichtfüßig von Ast zu Ast bis in die »zweite Etage« hinab.
»Enak, das hast du ja ganz vortrefflich gemacht«, rief er hier, ehe er zum Sprunge auf den letzten, untersten Ast ansetzte, »ich bin sehr zufrieden. Besonders wie du die Rinde abgefledert hast — solch einen furchtbaren Tatzenhieb hätte ich dir gar nicht zugetraut. Nun, Enak, wollen wir das Weitere besprechen.«
Er hatte den untersten Ast erreicht und dann den Boden.
Enak nannte er den Bären, mit dem er aus Scherz solch ein Gespräch führte, als könne das Tier ihn verstehen.
Fürwahr, das war der richtige Name für den ungeheuren Grizzly!
Also Klingsor war vom letzten Aste vollends auf den Boden herabgesprungen, ganz sorglos, die Hände in den Hosentaschen.
Im Nu erhob sich der Bär, mit einer für seinen mächtigen, plumpen Körper wunderbaren Schnelligkeit, zuckte empor, stand sofort aufrecht auf den Hinterfüßen, hatte im nächsten Augenblick das Menschlein erreicht und es in seine Umarmung genommen.
Im Nu erhob sich der Bär und attackierte Loke Klingsor.
Das Nächstfolgende lässt sich kaum beschreiben.
Es ging alles viel zu schnell. Auch schon dieses Aufrichten, Näherkommen und Umklammern.
Klingsor machte in dieser Umarmung, wobei er auch hoch in die Höhe gehoben wurde, ein recht eigentümliches Gesicht.
Erst prägte sich darin ein maßloses Staunen aus, das sich aber sofort in ganz ehrlichen Schreck oder sogar Entsetzen umwandelte.
Zu diesem musste er ja freilich auch allen Grund haben.
Er hatte den Boden unter den Füßen verloren und spürte, dass im nächsten Augenblick der ganze Brustkorb eingedrückt sein musste; schon hörte er seine Rippen krachen.
Wehren konnte er sich nicht, er hatte ja die Hände in den Hosentaschen gehabt, also waren ihm die Arme durch die Umklammerung fest an den Leib geschnürt — und er war ohne jede Waffe.
Der Mann mit den Teufelsaugen war ein Kind des Todes.
Schon sperrte er weit den Mund auf, eine Folge der zusammengeschnürten Umklammerung, die ihm alle Luft auspresste.
Oder öffnete er aus einem anderen Grunde so weit den Mund?
Aber da mit einem Male entquoll diesem weitgeöffneten Menschenmunde ein Feuerstrom, gerade in den Rachen und in das Gesicht des Bären hinein.
Sofort gab der Grizzly die Umklammerung auf und ließ sein Opfer fallen, prallte mit einem unbeschreiblichen Geheul zurück und saß einige Sekunden wie betäubt da, sich nur immer mit den Tatzen den Kopf wischend, das Gesicht, die Schnauzhaare waren tüchtig verbrannt.
Klingsor war beim Niederfallen auf die Füße zu stehen gekommen.
Der Ausdruck des Entsetzens war aus seinem Gesicht gewichen, hatte dem des höchsten Staunens Platz gemacht.
»Ja, Enak, bist Du denn des Teufels, dass Du gegen Deinen Herrn und Meister so handgreiflich wirst, die Spielerei so in Ernst verdrehst?«, rief er.
Aber Enak verstand ihn nicht oder wollte ihn nicht verstehen, war heute nicht zur Spielerei aufgelegt — —
Schnell hatte er sich wieder erholt, die furchtbare Wut und Beharrlichkeit, die dem Grizzly eigentümlich ist, brach von Neuem hervor — — schon hatte er sich wieder erhoben, richtete sich abermals empor, diesmal aber mit einem Wutgebrüll, und so stürzte er sich zum zweiten Male auf den Gegner.
»Enak, Enak, Du bist toll geworden!!!«
Doch bei diesem Vorwurfe beließ es Klingsor nicht; seinem Munde entquoll ein zweiter Feuerstrom, dem Bären wieder direkt ins Gesicht.
Der prallte abermals heulend zurück, ärger verbrannt als das erste Mal.
Aber sofort ging er wieder zum Angriffe vor.
»Bei allem was lebt, das ist gar nicht Enak — — das ist ein richtiger Bär!!«, schrie Klingsor, zog blitzschnell aus seinem rechten Hosenbein etwas heraus, was man zuerst für einen Gummiknüppel hätte halten können.
Aber ein solcher ist doch immerhin ziemlich stabil und starr. Das Ding hier hatte nur die Form und das grauschwarze Aussehen eines Gummiknüppels, war aber eher ein schlaffes, dickes Seil zu nennen — oder ein Tauende, das man sich um die Hand hätte wickeln können. Mit einem Male aber ward es ganz starr, blieb in Klingsors Hand horizontal in der Luft stehen, und nicht nur das, sondern es veränderte plötzlich auch seine Form, wurde breiter und daher viel dünner, zugleich entstand eine Spitze, außerdem wurde die dunkle Farbe viel heller, fast weiß — — kurz und gut, plötzlich hielt Klingsor ein regelrechtes breites und spitzes Schwert von mehr als einem halben Meter Länge in seiner Hand, nur dass es nicht wie blanker Stahl glänzte.
Also auch wieder eine Erfindung, die nach Skaldengesetz auf diesem neutralen Gebiete nicht benutzt werden durfte und die Klingsor dennoch, obgleich er der Königin von Thule das Gegenteil versichert hatte, bei sich trug.
Der Bär also ging zum dritten Angriff über.
Klingsor erwartete ihn in Fechterstellung, bereit, ihm das Schwert in die Brust zu stoßen. Würde es ihm gelingen? Wohl der Stoß selbst, aber ein solcher auch direkt ins Herz war nicht sofort tödlich, und dann würde er unbedingt einen blitzschnellen Tatzenschlag erhalten, der ihm entweder den Kopf zertrümmerte oder ihm mindestens den ganzen Leib aufschlitzte.
Doch es sollte gar nicht zu einem Stoße kommen.
»Zurück! Zurück! Gehorche mir, ich befehle es Dir, erkenne in mir Deinen Herrn und Meister, gehorche mir, zurück!!!«
Klingsor hatte dies nicht etwa gerufen oder auch nur geflüstert. Allein seine Augen drückten diesen Befehl aus.
Die dämonischen Blicke bohrten sich fest in die des Bären. Das Schwert ward nur für den Fall bereitgehalten, dass das Experiment nicht gelang.
Aber mit einem kläglichen Heulen ließ sich der aufrecht stehende Bär auf die Vorderfüße fallen, wandte unruhig den Kopf hin und her, wich erst etwas zurück, dann schwenkte er herum und trabte davon.
Der starke Wille eines Menschen hatte die Tollwut der tierischen Bestie besiegt!
Schnell sprang Klingsor vor, überholte den Bären, stellte sich ihm wieder entgegen.
»Zurück! Zurück! Blicke mich an! Dreh dich nicht um! Weiche mir nicht aus! Zurück!!«
Und tatsächlich wich der Bär zurück, ohne sich noch einmal herumzuwerfen, ohne den Kopf abzuwenden, die rotglühenden Augen immer starr auf das Menschlein geheftet.
Gern tat er dies freilich nicht. Heulte immer kläglich, brummte auch manchmal grimmig oder röchelte, wollte vor Wut laut aufbrüllen und konnte nicht, wie er auch immer den Kopf abwenden und sich ganz herumwerfen wollte, es aber gleichfalls nicht vermochte. Das Ungeheuer stand ganz unter dem Banne der Willenskraft dieses Menschen, es musste ihm gehorchen, war wie verzaubert.
Und so drängten die Teufelsaugen den Grizzly bis an die Felswand zurück, und zwar gerade dorthin, wo Graf Tankred seine Waffen abgelegt hatte.
»Ich könnte dich lebendig fangen. Nur ein winziger Stich mit diesem meinem Schwerte; das darin enthaltene und daraus hervorspritzende Gift würde dich im Moment lähmen. Dann könnte ich dich in meinen Mammutpark bringen. Ich möchte auch gar zu gern solch ein stattliches Exemplar von einem Grizzly in meinem Tierpark haben, das fehlt mir noch, aber... ich bin ein schwacher Mensch, der leider gar zu oft seinen Gelüsten unterliegt... eine regelrechte Bärenjagd kann ich mir doch nicht versagen, ich muss mit dir auf Leben und Tod kämpfen, ich muss... doch nicht mit dieser höllischen Skaldenwaffe will ich dich töten, eine ganz gewöhnliche soll es sein, wie jeder andere Mensch sie besitzt...«
Diesmal hatte Klingsor die Worte wirklich geflüstert, den Bären immer fest im Auge behaltend — — und bei dem letzten Worte hatte er sich blitzschnell gebückt, ergriff mit der linken Hand den daliegenden Gürtel des Grafen, riss das daran hängende Jagdmesser aus der Scheide; gleichzeitig hatte er auch schon mit der anderen, rechten Hand sein eigenes breites Schwert wieder im Beinkleid verschwinden lassen, wobei es abermals einen runden Durchmesser annahm und ganz schlaff wurde.
Wiederum setzte er sich in Fechterstellung, aber statt des Schwertes das Jagdmesser in der Faust, und zwar in der linken, zum Stoße zurückgezogen, den rechten Arm wie zur Abwehr vorgestreckt, den einen Fuß zurückgesetzt, auf diesem die Last des Körpers ruhen lassend, also den ganzen Oberkörper zurückgebeugt.
»Nun komm an, Tommy! Mann gegen Mann! Brust gegen Brust! Gleich gegen gleich! Komm an, Tommy!«
Und der Bär gehorchte. Mit wütendem Gebrüll richtete er sich empor und stürzte sich auf das Menschlein, versuchte nicht erst eine Umklammerung.
Ein furchtbarer Tatzenhieb zielte nach dem Kopfe des Gegners.
Mit blitzartiger Schnelligkeit war der Schlag geführt worden; aber noch schneller war Loke Klingsor.
Ein Ducken, ein Zucken, und der Mann im Frackanzug stand plötzlich auf einer anderen Stelle, einen großen Schritt von seinem ersten Standpunkte entfernt, ohne dass man ihn eigentlich hatte springen sehen. So schnell war diese Bewegung gewesen.
Gleichzeitig aber war auch das Dolchmesser wie ein bläulicher Blitz durch die Luft gezuckt, hatte den Bären mitten in die Brust getroffen.
»Nicht das Herz! Noch nicht das Herz! Langsam, nur immer langsam!«, erklang es dabei wie ein jauchzender Jubelschrei.
Ein roter Blutstrahl spritzte seitwärts auf, ein furchtbares Brüllen, ein schnelles Drehen des scheinbar so plumpen Riesenleibes; ein zweiter Tatzenhieb folgte —
Wiederum ins Leere, und da stand der Gegner auch schon wieder auf einer anderen Stelle, hatte unterdessen das Messer aus der linken Hand in die rechte genommen, und bis zum Heft drang der Stahl dem Bären in die Seite, konnte recht wohl noch die Lunge erreichen.
Ein Blutstrahl spritzte auf.
Noch aber wankte das zottige Ungeheuer nicht; zum dritten Male stürzte es sich auf den Pygmäen, diesmal den Rachen noch viel weiter aufreißend als zuvor.
»Willst du es bei mir einmal mit deinen Zähnen versuchen! Recht so! Da — — und da!!«
Zweimal war das Messer in den roten, röchelnden Rachen, aus dem der heiße Atem hervorquoll, hineingetaucht, so blitzschnell, dass der Bär keine Zeit gehabt hatte, den Rachen zu schließen.
Ein entsetzliches Brüllen, ein Schmerzgeheul! Dem Rachen entströmte ein Blutquell.
Aber noch immer ein Angriff, ein Stürzen des ganzen Leibes, um den Gegner unter sich zu bekommen, ihn zu zerdrücken.
»Auf diese Weise? Dann so — — und so — — und das — —«
Das war auch für einen Grizzly zu viel. Er brach zusammen, suchte sich noch einmal aufzuraffen — es gelang ihm nicht mehr. Die letzten Stöße hatten sein Herz getroffen, es ganz zerfleischt, in einer Weise, die auch kein Grizzly vertragen kann, und wäre er sonst auch zählebig wie ein Aal.
Regungslos lag das zottige Ungetüm am Boden, tot.
Der Mann im eleganten Gesellschaftsanzug warf das blutige Messer weg, griff in die Brusttasche, zog ein seidenes Tüchlein hervor, weiß mit farbiger Kante, schob den Zylinder etwas zurück, wischte sich die Stirn und wedelte sich Kühlung zu — obgleich er gar nicht erhitzt zu sein schien.
»O, o, o, das macht warm!«, sagte er dennoch.
Das Tüchelchen zurückgesteckt und an sich hinabgeblickt.
Er konnte es ruhig, war noch immer tadellos salonfähig.
Nur mit seinem rechten Lackschuh war er nicht zufrieden. An dem war der Schnürsenkel aufgegangen. Er bückte sich und brachte das in Ordnung.
Dann befragte er auch noch einen Taschenspiegel, und was er da zu sehen bekam, das befriedigte ihn nun freilich ganz und gar nicht.
»O, o, o, ich ungeschickter Tölpel, kann ich mich denn gar nicht ein bisschen vorsehen?«
Die Brust des Vorhemdes zeigte nämlich einen roten Spritzer, der weiße Schlips sogar gleich zwei Blutströpfchen.
Es hatte nicht viel zu sagen. Aus der oberen Westentasche ward ein Fläschchen gezogen; an dem Kork befand sich gleich ein Schwämmchen; mit diesem wurden die Blutstropfen betupft, und sie waren sofort spurlos verschwunden.
Nachdem Klingsor so seine Toilette wieder in Ordnung gebracht, an sich nichts mehr auszusetzen hatte, betrachtete er nachdenklich das erlegte Ungeheuer.
»Hm. Ich hätte ihn doch lieber lebendig fangen und in meinen Mammutpark verpflanzen sollen. Aber freilich, dieser Zweikampf war auch ganz nett. Und ich bin eben ein schwacher Mensch. Bärentatzen, Bärenlunge und ein Bärenrippenstück sind schließlich auch etwas Gutes, was unsere Kochkünstler vergebens nachzuahmen suchen.
»Ja, aber zum Teufel, wo steckt aber nun Enak? Warum ist der eigentlich nicht gekommen, wie ich ihm befohlen habe?!«
Er zog die Taschenuhr und benutzte sie als Telefon.
»Wo bist Du, Enak?«
Keine Antwort erfolgte, ob Klingsor nun sprach oder tickte.
»Der Kerl ist entweder tot oder kann sein Telefon nicht — —«
Da kam aus einer Schlucht abermals ein Grizzlybär hervorgetrabt, ein Kerl, der dem toten an Größe und furchtbarem Aussehen nichts nachgab, nur dass er nicht gleich so in voller Karriere ankam und kein Brummen hören ließ.
Schnell steckte Klingsor die Uhr wieder ein, um dafür die Hand dort anzulegen, wo sich der Griff seines seltsamen Hosenbeinschwertes befinden musste.
»Das Weibchen, das eventuell zu erwarten wäre, ist das nicht. Wiederum ein männlicher Bär! Ja, ist das nun Enak oder ein ganz waschechter Grizzly? Zu unterscheiden ist das ja gar nicht, und die Möglichkeit, dass Enak durch einen richtigen Bär abgelöst werden könnte, hatte ich leider nicht in Berechnung gezogen.«
Der Grizzly trabte heran, fiel beim Näherkommen sogar in Schritt.
»Nein, das ist Enak. Ein echter Grizzly würde nicht so herangebummelt kommen. Enak, bist Du's? Wo hast Du denn gesteckt? Hast Du denn nicht meine telefonische Order bekommen?«
Nur noch fünf Schritte von Klingsor entfernt blieb der Bär stehen und richtete sich auf den Hinterfüßen empor, nicht nur, dass er sich darauf setzte, und erreichte so eine Höhe von weit mehr als zweiundeinhalb Meter.
»Ach, Herr, was mir passiert ist!«, erklang es da mit menschlicher Stimme, und zwar mit recht kläglicher, aus dem geöffneten Rachen hervor.
»Was denn?!«
»Gestattet Ihr, dass ich erst das Ding vom Kopfe nehme? Ich halt's wirklich nicht mehr aus, ich ersticke in dem Gestank, der aus dem Bärenmaule strömen muss.«
»Diese Raubtieratmosphäre kann Deine empfindsame Nase doch gar nicht belästigen, wirkt doch nur nach außen.«
»Es geht auch nach innen, ich muss den bestialischen Duft immer einschlucken.«
»Dann ist an dem Kopfe etwas nicht in Ordnung Nimm ihn ab!«
Es geschah, die Bärentatzen hoben ihn mit leichter Mühe von den Schultern.
Ein menschlicher Kopf kam zum Vorschein, der wollige Schädel eines tiefschwarzen Negers, der also eine Leibeshöhe von noch etwas mehr als zweiundeinhalb Meter haben musste.
Nun, wenn in Schaubuden menschliche Riesen von zweiundeinhalb Meter Höhe gezeigt werden, so wird es irgendwo auf der Erde auch noch größere geben, und die Bewegungen eines Bären sind nicht so schwer nachzuahmen.
»Gut! Schadet nichts weiter«, sagte Klingsor, nachdem er den Bericht Enaks vernommen hatte. »Du bleibst jetzt gleich hier und bist mir behilflich, eine Bande abzufangen, die sich meiner und der Königin von Thule bemächtigen will. Wir werden diesen Leutchen einen Streich spielen, dass ihnen die Augen übergehen sollen, und das am meisten dem, der diesen Plan ausgeheckt hat.«
So, nun sind wir vorläufig allein«, sagte Graf Tankred, die Flamme seiner Taschenlampe etwas höher schraubend, nachdem das Gespräch mit Loke Klingsor beendet worden war.
Chlorinde hatte wohl etwas antworten wollen, besann sich, wandte sich ab und ging wieder nach hinten.
»Wohin wollen Sie?«
Keine Antwort kam.
»Immer noch Luft für Sie? Na meinetwegen! Aber Eure Majestät gestatten doch wohl, dass ich mich Ihnen bei Untersuchung der Höhle anschließe und Ihnen dabei etwas leuchte? Dass Sie nicht etwa fallen und sich etwas brechen!«
Chlorinde hatte sich jetzt doch eines anderen besonnen, wandte sich ihm wieder zu.
»Graf Tankred!«
»Sie wünschen, o, Königin?«
»Wir sind hier beide in einer Höhle eingeschlossen und wissen nicht, wie lange wir hier eingeschlossen bleiben werden.«
»Hoffentlich nicht länger, als unser Magen es für gut findet!«
»Inzwischen werden wir untersuchen, wohin die Stufen führen, die auch ich vorhin erblickt habe.«
»Werden wir tun.«
»Ich habe kein Licht bei mir.«
»Meine Lampe ist frisch gefüllt und hält zehn Stunden aus.«
»Ohne Ihre Lampe wäre ich im Finstern.«
»Das würde dann zutreffen.«
»Um hier auskundschaften zu können, will ich nicht im Finstern stehen bleiben, muss ich mich Ihrer Lampe bedienen.«
»Sie leuchtet ja genügend für uns beide.«
»Das ist es eben, weshalb ich jetzt zu Ihnen spreche. Ich kann doch nicht verlangen, dass ich Ihre Lampe nehme und auf Entdeckungsreisen ausgehe, während Sie im Finstern zurückbleiben.«
»Befehlen Sie es, und ich folge Ihnen nicht!«, antwortete der Graf jetzt höflich —
»Nein! Wie die Sache nun einmal liegt, müssen wir beide jetzt zusammenhalten.«
»Fest und treu!«, rief Tankred schon.
»Dabei werden wir doch wohl manchmal miteinander sprechen müssen«, sagte Chlorinde.
»Ich freue mich auf diese angenehme Unterhaltung mit Ihnen; sie war mir schon lange nicht mehr vergönnt.«
»Eben deshalb! Nein, wir werden uns nicht unterhalten!
Graf Tankred! Wir werden jetzt gemeinsam diese Höhle erforschen. Sie scheint sich ja noch weit zu erstrecken, und wer weiß, was wir alles entdecken werden. Spuren deuten an, dass hier Menschen hausen oder einst gehaust haben.
Vielleicht kommen wir in Gefahren, aus denen wir uns gegenseitig helfen müssen, und auf meinen Beistand dürfen Sie sich natürlich verlassen. Aber ich trete diese Entdeckungsreise mit Ihnen zusammen nur an, wenn Sie mir versprechen, dabei ganz geschäftsmäßig zu bleiben. Wir reden nur über das, was zur Sache gehört, sonst kein Wort.
Wenn Sie mir das nicht versprechen, so gehen Sie allein! Dann ziehe ich vor, hier im Finstern zu bleiben.«
»Sie haben daraufhin mein Ehrenwort, o, Königin«, entgegnete der Graf.
»Das genügt, dann ist es gut. So wollen wir zunächst untersuchen, wohin die Stufen führen!«
Sie drangen in die Höhle ein, um jene Ecke oder Biegung herum. Nach wenigen Schritten beleuchtete der Blendstrahl der Lampe die hinabführende Treppe, aber diese ging nicht einfach durch eine Öffnung in den Boden hinab. Die Sache verhielt sich anders.
Der nur enge Höhlengang erweiterte sich zu einer Halle, deren Ausdehnung sich nicht erkennen ließ. Der Blendstrahl reichte nur etwa zehn Meter weit, und da waren die jenseitigen Wände eben noch nicht zu erkennen.
Diese Erweiterung galt auch für unten. Von dem ebenen Höhlengange ging plötzlich eine schräge Fläche abwärts, zu steil und auch viel zu glatt, als dass ein Mensch sie hätte betreten dürfen. In diese schräge Fläche waren in Meterbreite Stufen eingehauen worden, deren Ende sich wiederum nicht absehen ließ.
Chlorinde nahm zuerst das Wort, um die Entdeckung näher zu besprechen.
»Das ist eine normale Treppe.«
»Gewiss!«
»Mit ganz normalen Stufen, meine ich.«
»Was wollen Sie damit sagen? Warum sollen es keine normalen Stufen sein? Was verstehen Sie darunter?«
»Wissen Sie nicht, dass vor den sogenannten Indianern, welche die ersten Europäer vorfanden und die es ja auch heute noch gibt, ein anderes Volk in Amerika gehaust hat, eine ganz andere Menschenrasse, die zwerghaft klein gewesen sein muss?«
Ja, Graf Tankred wusste es, musste nur daran erinnert werden.
Die Indianer, eine ganz charakteristische Rasse für sich, müssen dereinst über die Beringstraße von Asien her in Amerika eingedrungen sein. Das kann man heute, wenn den Indianern selbst auch die Erinnerung daran verloren gegangen ist, mit ziemlicher Sicherheit nachweisen.
Sie fanden schon ein anderes Volk vor. Ein Kampf auf Leben und Tod entstand, der Jahrhunderte gewährt haben muss und sicher noch andauerte, als die ersten Europäer in Nordamerika landeten. Besonders der Portugiese Cornudo, der im Jahre 1540 in die Gegend des jetzigen New Yorks kam, berichtet noch über diesen Verzweiflungskampf der eingeborenen Bevölkerung gegen wilde, rotbraune Männer, die von Westen her vorgedrungen waren.
Das ist damals aber das letzte Ende dieses Völkerringens gewesen.
Was von der Urbevölkerung noch übrig blieb, das wurde immer mehr nach Norden gedrängt, flüchtete sich in die Eiswüsten des nördlichsten Kanadas und noch höher hinauf — — es sind die heutigen Eskimos.
Das ist auch der Grund der Todfeindschaft zwischen Indianern und Eskimos. Dieser Hass ist instinktiv. Der Eskimo ist sonst der gemütlichste, harmloseste Mensch von der Welt. Aber wo er mit Indianern zusammentrifft, wie es im hohen Norden Kanadas oft genug vorkommt, da hört diese Gemütlichkeit auf.
Wenn Eskimos ein von den Kriegern verlassenes Indianerlager finden, dann schlachten sie unbarmherzig die Frauen und Kinder ab.
Wo sie es konnten, haben diese Ureinwohner Nordamerikas in Höhlen gehaust. Überall in den Gebirgen, ganz besonders in Arizona, findet man Höhlenbauten. In Arizona sind ganze, mächtige Felsen siebartig durchlöchert, oder vielmehr wie riesenhafte Ameisenhaufen durchtunnelt, nur dass es immer treppauf, treppab geht. Diese Gänge wurden durch Sprengung geschaffen, wie bei allen Naturvölkern üblich, die in Höhlen wohnen — natürlich nicht durch Sprengung mit Pulver, sondern durch Anwendung entweder von Kälte oder von Hitze. Wenn man zur Winterszeit in den Felsen ein Loch meißelt, es mit Wasser füllt und mit einem Holzkeil gut schließt, so sprengt das gefrierende Wasser, das sich im Momente des Erstarrens ganz bedeutend ausdehnt, bekanntlich auch den härtesten Stein auseinander. Dasselbe wird erreicht, wenn man den Felsen durch Feuer erhitzt und plötzlich Wasser dagegen spritzt. Bei einiger Übung kann man die Richtung der Sprünge sogar sehr gut lenken. So haben auch die Ureinwohner Amerikas gearbeitet. Dann hatte vielleicht noch ein Meißel aus einer härteren Gesteinsart nachgeholfen, der auch die Treppen schuf.
Alle diese Felsenwohnungen fallen durch außerordentliche Niedrigkeit und Enge auf, die Treppen durch die Enge ihrer Stufen, wie überhaupt alles Hausgerät, das man noch gefunden hat, durch seine Kleinheit. Diese Ureinwohner Nordamerikas müssen sehr kleine Menschen gewesen sein, wie man ja auch an den vorgefundenen Knochen und Skeletten erkennt. Und so sind ja auch die Eskimos Kanadas fast zwerghaft klein, besitzen außerordentlich kurze Beine.
Dies alles war dem Grafen bekannt.
»Dann scheint diese Treppe hier nicht von jenem prähistorischen Volke geschaffen worden zu sein.«
»Nein. Es sei denn, hier hat ein Riese gehaust, den es doch wohl auch unter diesem Volke gegeben haben wird — wenn dieser Riese auch nicht größer war als heute ein normaler Mensch.«
Chlorinde nahm dem Grafen die Lampe aus der Hand und beleuchtete die Stufen.
»Sagten Sie nicht vorhin zu Klingsor, die Stufen hier seien gemeißelt worden?«
»In der Tat, ich entsinne mich.«
»Hier ist aber doch gar keine Spur von Meißelhieben zu erkennen. Wie kamen Sie da zu jener Behauptung?«
»Sie war leichtfertig gemacht, aber wohl verzeihlich. Ich sah diese Treppe, das sind doch nicht etwa von der Natur geschaffene Stufen, und so sah ich im Geiste auch gleich den von Menschenhand geführten Meißel, der sie in den Stein gehauen hat.«
»So. Nun, untersuchen wir, wohin die Treppe führt!«
Sie stiegen hinab, zählten vierunddreißig Stufen und befanden sich in einer sehr weiten Höhle, von etwa zwanzig Meter Durchmesser, mit kreisrunden, ziemlich glatten Wänden, denen man aber doch gleich ansah, dass Menschenhände hier nicht viel nachgeholfen haben konnten.
Der Treppe fast gegenüber, am Boden der Wand, zeigte sich eine Öffnung, groß genug, um einen Menschen bequem einzulassen! Außer jener Treppe der einzige Eingang in diese Höhle.
Sie drangen sofort ein.
Es war ein horizontaler Gang, eben und ziemlich regelmäßig, immer ungefähr einen Meter breit bis zwei Meter Höhe, wenn auch Verengerungen und Erweiterungen vorkamen; aber durch kamen sie überall, brauchten sich niemals zu bücken — höchstens, dass der riesenhafte Graf manchmal den Kopf etwas ducken musste.
»Hier hat Wasser gespült und gewaschen«, sagte die mit der Lampe vorangehende Chlorinde schon nach den ersten Schritten.
»Es scheint so.«
»Alle Unebenheiten sind weggeschliffen, aber sicher nicht von Menschenhand, sondern von Wasser.«
»Ja, die große Höhle wird ein mächtiges Wasserbecken gewesen sein; hier war ein Ausfluss.«
Sie drangen vorwärts.
Hundert Schritte hatte Chlorinde schon gezählt, für ein Weib sehr große Schritte, und der Gang war noch nicht zu Ende. Seitengänge gab es nicht.
»Jetzt wird die Sache unheimlich«, meinte Graf Tankred.
»Inwiefern?«
»Na, dann meinetwegen interessant.«
»Es ist nichts weiter als ein unterirdischer Wasserlauf, und bei einem solchen spielen sechzig Meter, die ich mit hundert meiner Schritte genau mache, doch gar keine Rolle.«
»Und jene Treppe, von Menschen geschaffen?«
»Allerdings! Weiter!«
Doch nur ein Dutzend Schritte brauchte Chlorinde zu zählen, da änderte sich die Sache.
Der Tunnel verengte sich immer mehr und ward plötzlich ganz niedrig, war kaum noch einen Meter hoch.
Ohne ein Wort zu verlieren, ließ sich Chlorinde auf die Knie nieder, um kriechend ihren Weg fortzusetzen.
»Lassen Sie mich voran!«, bat hinter ihr Graf Tankred.
»Weshalb?«
»Jetzt geht es erst recht ins Ungewisse, und ich bin ein Mann — —«
»Still! Ich verbitte mir jede Bevormundung.«
Sie kroch in das Loch hinein; denn etwas anderes war das jetzt nicht mehr.
Aber dieses Loch setzte sich immer noch als Tunnel fort, nur dass die beiden jetzt mehr rutschen als kriechen mussten.
Doch Graf Tankred brauchte seinen mächtigen Körper nur eine kurze Strecke durchzuquetschen, da sah er schon vor sich im Scheine der wenigen Lichtstrahlen, die an seiner Vorgängerin noch vorbeikonnten, wie diese sich wieder aufrichtete.
»Aaah!!«, klang es erstaunt aus ihrem Munde.
»Was gibt es?«
»Sehen Sie es nur selbst!«
Schnell war Tankred an ihrer Seite, sich wieder zu voller Größe aufrichtend, und da staunte allerdings auch er.
Es war eine ziemlich geräumige Höhle, wenn auch nicht so groß wie die vorige, aber ganz vollgepfropft, und zwar mit ganz wunderlichen Sachen.
Der herumwandernde Blendstrahl beleuchtete nichts anderes als eine Zigeunerwohnung, höchstens konnten die beiden noch an die Niederlage eines Trödlers denken.
Überall hingen und lagen alte Kleider aller Art herum, allerdings nicht etwa eine Sammlung von Kostümen, sondern Männeranzüge, wie sie in Amerika heute getragen werden, auf der Straße und beim Sport und auf der Jagd, nur dass sie alle mehr oder weniger gebraucht waren; ebenso Waffen der verschiedensten Art, alle modern, zum Teil freilich verrostet, was auch von dem Handwerkszeug galt, Hämmern und Äxten und Sägen. An der mit Brettern, Teppichen, Decken und Lumpen verkleideten Wand hing eine Mandoline, dort eine Violine mit gesprungenen Saiten, dort stand ein großer Petroleumofen, dort das verschiedenste Koch- und Essgeschirr, gesprungene Kochtöpfe ordinärster Sorte und kostbares Silberservice; dort wieder zwei Lagerstätten, zu deren Herstellung sowohl Felle, wie Lumpen, wie seidenes Bettzeug benutzt worden waren — — und nun dazwischen aufgebaut eine Unmenge von Kästen und Kisten und Fässern und Säcken, die, wie die beiden zum Teil gleich erkennen konnten, meist Proviant enthielten, Mehl und Hülsenfrüchte, Biskuits und Salzbutter und dergleichen mehr. Von Präservendosen waren ganze Stapel vorhanden.
»Wir sind in ein Räubernest geraten!«, flüsterte Chlorinde.
»Ja, das scheint mir auch bald so«, brummte der Graf, gleich nach einem langen Messer greifend, mit der anderen Hand aber auch nach einer meterlangen Zervelatwurst, die zwischen Schinken und Speckseiten von der niedrigen Decke baumelte.
Allerdings hatte er die Wurst nur einmal befühlen wollen, ließ sie einstweilen hängen, untersuchte dafür lieber einen Revolver, fand ihn scharf geladen, die Sicherung in Ordnung, steckte ihn in die Hosentasche.
»Räuber, die hier ihren Schlupfwinkel haben, ihre Beute hier aufspeichern!«, fuhr Chlorinde fort.
»So ist es.«
»Ist kein anderer Ausgang vorhanden?«
Nein, der war nicht zu erblicken.
Nun sahen die beiden sich aber auch die Öffnung näher an, durch die sie gekrochen waren, und gewahrten, dass auch für einen Verschluss gesorgt worden war.
Eine kleine, eiserne, sehr starke Tür — oder nur eine Klappe — die zu etwas ganz anderem bestimmt gewesen sein mochte, aber doch Angeln und Scharniere besaß, war in die Öffnung eingelassen worden, sehr geschickt von kundiger Hand.
Tankred probierte einmal, ob sie sich drehen ließ. Es ging ganz gut.
Als er noch weiter drehte, bis sie die Steinwand berührte, schnappte es.
»Nun haben Sie uns eingeschlossen, wir können nicht wieder heraus!«, rief Chlorinde.
Dieser Gedanke lag sehr nahe, weil die eiserne Tür keine Klinke und kein Schloss, nichts dergleichen besaß.
Tankred probierte, fand aber nicht einmal etwas, woran er die Platte hätte packen können, gab seine Bemühungen auch gleich wieder auf.
»Ach, die werden wir schon wieder aufkriegen, wenn wir nur wollen«, meinte er sorglos.
Ebenso fasste Chlorinde den Fall auf; auch sie tastete und drückte einmal, dann kümmerte sie sich nicht weiter darum.
»Ja, die wollen wir schon wieder aufsprengen, wenn es sein muss, Werkzeug dazu ist ja hier genug vorhanden.«
Sie schauten sich um, untersuchten, mit wirklichem Interesse, hatten auch die von der Decke herabhängende Petroleumlampe angebrannt.
»Gepökelte Ochsenzungen!«
»Feinste Sardinen in Öl!«
»Chesterkäse, und was für ein ungeheurer Laib!«
»Chlorinde, hier könnte man es aushalten«, schmunzelte der Graf.
»Ach hier, diese Würste!«
»Hier ein ganzer Sack mit Kaffee!«
Und so ging es noch einige Zeit weiter.
»Es scheinen zwei Männer hier zu hausen«, wurde dann die Betrachtung auf ein anderes Gebiet gelenkt.
»Ja, den Lagerstätten nach, und auch die ganze Einrichtung spricht dafür, das Essgeschirr.«
»Ob sie noch hier hausen? Ob wir ihre Rückkehr zu erwarten haben?«
Es war nicht so leicht erkenntlich, ob alle diese Sachen noch benutzt wurden. Jedenfalls aber konnte nicht seit Wochen alles verlassen worden sein, höchstens seit Tagen. Dazu war alles noch zu frisch. So etwas wie frischbackenes Brot, aus dem man nähere Schlüsse hätte ziehen können, gab es allerdings nicht. Aber da waren Konservendosen geöffnet, deren Inhalt noch ganz gut war. Nach einer Woche schon hätte er verdorben sein müssen, obwohl es in dieser Höhle ziemlich kühl war.
»Ob sie den Weg immer durch den Tunnel nahmen, den wir benutzt haben?«, meinte Chlorinde.
»Sicher!«
»Das stimmt doch nicht so ganz.«
»Weshalb nicht?«
»So müssten sie doch auch jenen Baum benutzen, an ihm immer hinauf- und hinabklettern.«
»Natürlich!«
»Dass sie das öfters getan haben, war nicht zu bemerken.«
»Wir haben uns nur nicht nach solchen Spuren umgesehen.«
»Klingsor würde sie entdeckt haben.«
»Oder auch nicht, falls er nicht gerade nach irgendwelchen Spuren Umschau gehalten hat.«
»O, seinen Augen entgeht nichts«, entgegnete Chlorinde mit größter Bestimmtheit.
Der Graf warf ihr einen Blick zu, weil sie gar so begeistert von jenem Manne gesprochen hatte, sagte aber nichts weiter.
»Und überhaupt«, fuhr sie fort, nachdem sie sich einmal umgesehen hatte, »wie sollen die Räuber denn solche große Gegenstände wie zum Beispiel dort die Kiste oder gar das Fass durch den Tunnel gebracht haben, durch den wir eben auf Händen und Knien kriechen konnten?«
Das musste Tankred allerdings zugeben.
»Also muss noch ein anderer Ein- und Ausgang existieren. Suchen wir ihn!«
Sie taten es — — fanden ihn nicht.
»Rätselhaft! Wie haben die nur die großen Kisten und Fässer hereingebracht? Nun, so müssen wir die Türe öffnen.«
Es war leichter gesagt als getan. Werkzeuge aller Art waren vorhanden, aber die Sache sollte nicht so schnell gehen, wie sie es sich gedacht hatten.
Die Tür war in ganz eigentümlicher Weise eingelassen, den Fugen und Scharnieren war nicht beizukommen, und das dunkle Gestein, dessen Art sie nicht weiter kannten, war so außerordentlich hart, dass es auch dem scharfen Meißel, den sie fanden, und selbst den kräftigsten Hammerhieben trotzte. Nur Splitterchen konnten abgeschlagen werden.
»Ehe wir auf diese Weise die Klappe herausbekommen, können Tage vergehen!«, seufzte Chlorinde, die zuletzt den Hammer geschwungen, nachdem auch Graf Tankred schon seine Kraft probiert hatte.
Jetzt suchte er wieder nach einem zweiten Ausgange, indem er die verschiedenen Felle und Decken an den Wänden hob und Kisten und Fässer rückte.
»Dann bleiben wir eben einige Tage hier«, meinte er. »Zu leben haben wir ja genug, und Klingsor wird uns schon befreien.«
Jäh wandte sich das junge, stolze, walkürenhafte Weib gegen ihn um.
»Empfinden Sie denn nur gar nicht die Schmach, die darin liegt, dass wir zu unserer Befreiung auf die Hilfe eines anderen warten müssen?!«
»Nee. Sie sagten doch vorhin nichts von einer Schmach.«
»Das war etwas ganz anderes.«
»Wieso denn?«
»Eine höhere Naturgewalt brachte uns in die Lage, jetzt aber sind wir in eine von Menschen gebaute Falle gelaufen. Wir selbst haben die Klapptür zuschnappen lassen. Sie sind es gewesen. Sie haben die Schuld!«
Graf Tankred schien es einzusehen und duckte sich etwas.
»Ich bitte um Entschuldigung, es geschah nicht mit Absicht, ich war ein Tölpel«, murmelte er demütig.
Dieses Eingeständnis schien Chlorinde gleich zu besänftigen.
»Na, machen Sie sich nichts daraus, wir werden uns schon allein befreien, wenigstens wieder aus dieser Falle«, tröstete sie. »Haben Sie nicht auch etwas Trinkbares gefunden? Denn wenn das nicht vorhanden ist, dürften wir rettungslos verloren sein.«
»Dort steht eine ganze große Kiste mit Limonaden- und Selterwasserflaschen.«
»Aaah, das ist ja gut! Ich lechze nämlich schon lange nach einem Trunk, jetzt darf ich es gestehen.«
»Hätten Sie es doch gleich gesagt, und fast wünschte ich, es gäbe hier nichts zu trinken.«
»Weshalb wünschen Sie denn das?«, fragte Chlorinde verwundert.
»Ich würde Ihnen mein Blut anbieten, würde mir eine Ader aufschneiden«, entgegnete der Riese mit schwärmerischem Aufschlage seiner großen blauen Kinderaugen.
»Ach, um Gottes willen, werden Sie nicht galant, es steht Ihnen gar nicht!«, rief Chlorinde ärgerlich, musste aber dabei lachen, was sogar ganz heiter klang.
Sie trank eine Limonade, leerte noch eine der Flaschen, die hundertweise vorhanden waren.
»Aaaah, das schmeckt köstlich!«, atmete sie freudig auf. »Wollen Sie nicht auch trinken, Graf?«
»Nee, keine Limonade!«
»Dann Sodawasser!«
»Habe keinen Durst!«
»Graf, Sie sind ein Brummbär!«, lachte sie.
»Aber wenn ich keinen Durst habe?«, meinte er unwirsch.
»Aber wenn ich Ihnen ein Glas anbiete?«
Sie füllte dasselbe schöngeschliffene Wasserglas, aus dem sie getrunken hatte, mit Selterwasser, reichte es ihm.
Das schlug er freilich nicht ab, er trank gehorsam.
»Schmeckt es?«
»Ja, besonders, weil ich meine Lippen dort ansetzte, wo die Ihren das Glas berührten.«
»Na, das werden Sie sich wohl nicht so genau gemerkt haben, Sie haben ja gar nicht zugesehen, als ich trank«, lachte sie.
»Doch. Nein, ich hab's gerochen, wo Sie Ihren Mund dran hatten.«
»Graf, hören Sie auf mit Ihren Komplimenten, Sie verunglücken immer!«, lachte sie wieder.
Und der Graf war so prosaisch, gleich wieder mit einer Zungenwurst zu liebäugeln, in ganz auffälliger Weise.
»Wollen Sie nicht etwas essen, Königin?«
»Nein, Hunger habe ich nicht.«
»Dann gestatten Sie wohl, dass ich es tue.«
»Haben Sie denn schon wieder Hunger?«
»Schon wieder?«, fragte er verwundert zurück.
»Sie haben doch erst vorhin gefrühstückt.«
»Das ist mindestens schon eine Stunde her.«
»Eine Stunde? Das glaube ich kaum. Eine halbe Stunde! Länger hat die ganze Geschichte doch nicht gedauert. Erlebt haben wir freilich in dieser halben Stunde ja genug.«
Sie öffnete ihr Täschchen, zog eine Uhr, deren Zifferblatt in zehn Teile geteilt war.
»Was, gar erst eine Viertelstunde wäre vergangen? Noch nicht einmal, nur zehn Minuten, gewöhnliche Minuten? Nein, das glaube ich selbst nicht!«
Sie hielt die Uhr gegen das Ohr.
»Richtig, jetzt ist das Ding vollends stehen geblieben. Die Uhr ist in letzter Zeit immer unregelmäßig gegangen. Sie scheint vorhin die Kletterei nicht vertragen zu haben. Haben Sie eine Uhr bei sich, Graf?«
»Nein.«
»Na, wir können auch ohne Uhrzeit warten. Also essen Sie! Ich werde zusehen. Vielleicht bekomme ich dabei Appetit, so wie es Klingsor geht, wenn er Ihnen zuschaut.«
Aber der Graf hatte es doch nicht so eilig.
»Soll ich Ihnen vielleicht eine Tasse Kaffee kochen?«
»Kaffee? O ja, den tränke ich ganz gern. Können Sie denn aber Kaffee kochen?«
»Weshalb denn nicht? Kaffee ist vorhanden, der sogar einen ganz frischgebrannten Eindruck macht, einen Petroleumofen haben wir; er ist gefüllt, wie ich am Glasbehälter sehe. Sonst wird dort in dem großen Glasballon Petroleum sein.«
»Ich meine, ob Sie überhaupt Kaffee kochen können.«
»Ja selbstverständlich! Sie etwa nicht?«
»Nein.«
»Sie haben noch niemals Kaffee gekocht?«
»Noch nie.«
»Nun, die Kaffeebohnen müssen natürlich erst gemahlen werden«, entgegnete der Graf, schon nach einer entdeckten Kaffeemühle greifend.
»Haben Sie sich denn noch nie selbst einen Topf Kaffee zubereitet?«
»I wo, wie soll ich! Bei welcher Gelegenheit denn? Ja, Graf, wo haben Sie denn dies alles gelernt?«
»Nun, als Jäger muss man sich doch oft genug auch als Kochkünstler betätigen, da macht man sich doch auch Tee und Kaffee. Haben Sie denn noch nie selbst gekocht, am Lagerfeuer?«
»Noch nie.«
»Waren Sie denn niemals allein, ohne Gefolge, das für Sie sorgte?«
»Das wohl, dann aber nährte ich mich von dem Proviant, den ich in der Jagdtasche hatte, oder ich habe eben gehungert.«
»Na, da will ich Ihnen erst einmal zeigen, wie man Kaffee kocht! Passen Sie auf!«
Tankred entzündete den Petroleumofen, füllte einen der ganz neuen Emailletöpfe, die nur ausgewischt zu werden brauchten und in ganzen Sätzen vorhanden waren, ebenso wie Porzellangeschirr, mit drei Flaschen Selterswasser, stellte ihn auf die Doppelflamme und mahlte die Kaffeebohnen.
Wohl schaute ihm die schwarzlockige Walküre mit größtem Interesse zu, hatte aber zunächst doch andere Fragen zu stellen.
»Woher mögen die Räuber, die hier hausen, alles dieses Zeug so massenhaft bekommen haben? Überfallen sie Postkutschen, Frachtwagen? Möglich, dass hier noch eine alte Poststraße in der Nähe vorüberführt. Ich habe so etwas in der Camera obscura gesehen.«
»Ich auch«, bestätigte der Graf, die Kaffeemühle zwischen den Knien drehend. »Ich sah sogar einen langen Wagenzug darauf.«
»Wie weit war diese Landstraße, wohl ein Gebirgspass, von dieser Gegend entfernt, wo wir uns treffen wollten?«
»Das kann ich freilich nicht angeben, das Bild wurde fortwährend verschoben, bis wir nur die Kesselschlucht mit näherer Umgebung auf der Platte hatten.«
»Aber einige Meilen war die Straße doch sicherlich entfernt.«
»Ja, das war sie sicher.«
»Nördlich von hier?«
»Direkt nördlich.«
»Und weiter nördlich ging ein Eisenbahnstrang.«
»Noch viel, viel weiter nördlich. Das ist die NordPacificBahn.«
»Jawohl. Haben Sie südlich eine Eisenbahn gesehen?«
»Nein. Die dürfte es hier auch nicht geben. Oder wir hätten die Camera viel genauer einstellen müssen.«
»Haben Sie einen Kompass bei sich, Graf?«
»Nein.«
»Ich leider auch nicht, habe auch die Sonne nicht weiter beobachtet.«
»Was meinen Sie damit?«
»Nicht wahr, die Araucanafichte stand auf der Nordseite des Kessels?«
»Jawohl.«
»Dann habe ich mich nicht geirrt. Denn in der Camera, zumal wenn man das Bild auf den Tisch projiziert, um den man immer herumgehen kann, lässt sich das schwer bestimmen, und ich habe die ganze Führung des Luftschiffes natürlich dem Kapitän überlassen, der brachte mich schon sicher an Ort und Stelle. Ja, was ich sagen wollte — — also auch die Höhlung, in die wir drangen, befand sich auf der Nordseite des Felsens.«
»Nein, auf der Südseite!«
»Na ja natürlich — — ich meine, wir sind nach Norden zu hineingekrochen. Sind Sie der Überzeugung, dass wir uns beim Vordringen auch immer in nördlicher Richtung gehalten haben?«
»Das kann ich nicht so bestimmt behaupten.«
»Sie meinen nicht?«
»Der Gang machte doch gleich eine scharfe Biegung nach rechts — —«
»Und zuletzt wieder eine nach links.«
»So ist es.«
»Im Allgemeinen müssen wir uns aber nördlich gehalten haben.«
»Allerdings.«
»Nun, wir haben uns ja nur ungefähr achtzig Meter von jener Fichte entfernt. Aber gerade diese geringe Entfernung ist es, die mir etwas zu denken gibt.«
»Was denn?«
»Die nächste Landstraße in nördlicher Richtung, oder überhaupt von hier, wo die Räuber Frachtwagen überfallen können, ist also mindestens mehrere Meilen von hier entfernt. Sollen die aber solche große, schwere Kisten und Fässer so weit transportieren, bis hierher? Wie machen sie das?«
»Königin, wir stellen vielleicht ganz falsche Vermutungen auf.«
»Wieso?«
»Es handelt sich gar nicht um Räuber. Es sind Diebe, die ihre Beute hier aufhäufen.«
»Wo sollen sie denn stehlen?«
»Haben Sie in der Camera nicht die Häuser gesehen, die sich gar nicht weit von hier befinden?«
»Nein.«
»Ich schenkte ihnen auch keine Aufmerksamkeit. Es scheint eine Ansiedelung zu sein, die sich zwischen jener Landstraße und hier befindet, uns ganz nahe, noch um mehr als die Hälfte der Strecke.«
»Führte ein Weg dahin?«
»Natürlich, einen Verbindungsweg mit der Hauptstraße müssen die Ansiedler wohl haben.«
»Haben Sie ihn in der Camera gesehen?«
»Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert.«
»Da bleibt aber immer noch das Rätsel bestehen, wie die Räuber — oder Diebe — ihre Beute, die auch aus so großen Kisten und Fässern besteht, hierher gebracht haben.«
»Die werden schon Mittel und Wege dazu gekannt haben«, meinte der Graf, jetzt das Kaffeepulver in das kochende Wasser schüttend und auf das nochmalige Aufwallen achtend.
»Gut! Aber wie bringen sie diese großen Sachen hier herein?«
»Das ist dabei allerdings das größere Rätsel.«
»Doch nicht über die Fichte hinauf.«
»Schwerlich! Da hätten wir doch wohl deutliche Spuren dort erkennen müssen.«
»Und der Gang ist doch überhaupt viel zu eng dazu. Also muss hier noch ein anderer Ein- und Ausgang vorhanden sein. Wir müssen nochmals nach ihm suchen.«
»Wir werden es dann tun. Jetzt trinken Sie Kaffee. Hier ist Zucker, hier auch Milch.«
»Milch?«
»Kondensierte in Büchsen. Hier haben Sie auch Biskuits. Wenn Sie essen, wird es mir umso besser schmecken«, sagte der Graf und machte sich über Wurst und Schinken her.
»Wenn nur Brot vorhanden wäre! Ich will ja nicht gerade frisches verlangen, aber wenigstens ungezuckerte Biskuits. Es gibt jetzt überhaupt auch konserviertes Brot. Ich will doch einmal nachsehen — —«
Er brauchte nicht lange unter den Dosen zu suchen, da sollte sich sein Wunsch erfüllen.
»Pumpernickel! Wahrhaftig, echt westfälischer Pumpernickel, der sich jahrelang in den Dosen ganz frisch erhält!«, jauchzte er.
»Graf, merken Sie nicht etwas?«, fragte da Chlorinde.
»Nein, was denn?«
»Ich werde plötzlich recht müde.«
»Ja, Sie bekommen mit einem Male ganz kleine Augen.«
»Sie sind nicht müde?«
»Ganz und gar nicht.«
»Ich werde mich etwas hinlegen.«
»Tun Sie es! Ich werde für Sie wachen.«
»Ich verstehe mich allein zu schützen«, entgegnete die Skaldenfürstin vielsagend, von ihrer Kiste aufstehend und sich auf einem der Lager niederlassend.
»Und wenn die Banditen in ihren Schlupfwinkel zurückkommen?«
»Dann wecken Sie mich!«
»O, ich kann sie auch allein empfangen.«
»Wecken Sie mich lieber, falls ich nicht von allein aufwachen sollte.«
Sie schloss die Augen und schien sofort eingeschlafen zu sein.
Als sie wieder erwachte, ohne geweckt worden zu sein, glaubte sie, einige Stunden ganz ausgezeichnet geschlafen zu haben. Und wenn sie sich recht entsann, so hatte sie von einer Bärenjagd geträumt, das Ungeheuer, das sie angefallen, hatte immer gebrüllt, aber in ganz eigentümlicher Weise, so röchelnd — oder schnarchend.
Oder hatte sie sich in der Zeit geirrt? Dort unter der Hängelampe saß wie zuvor Graf Tankred auf einem Fasse, vor sich eine höhere Kiste als Tisch, und löffelte noch immer.
»Wie lange habe ich geschlafen, Graf?«
»Ah, Sie sind erwacht? Na — auf zehn Stunden schätze ich es mindestens. Genau kann ich es nicht sagen, ich habe ja keine Uhr.«
»Was, zehn Stunden?!«
»Ich glaube sicher.«
»Und Sie essen noch immer? Sie haben doch nicht während der zehn Stunden ununterbrochen gegessen?!«
»O nein, auch ich habe inzwischen eine gute Tour weggeschlafen.«
»Ah so!«
»Eine Stunde nach Ihnen habe auch ich mich hingelegt, und sechs Stunden habe ich geschlafen, das kann ich ziemlich bestimmt beurteilen. Da ist mein Magen ein ganz zuverlässiger Zeitmesser. Und dann sind meiner Schätzung nach wieder drei Stunden vergangen. So kommen die zehn Stunden heraus, die Sie geschlafen haben.«
»Wonach schätzten Sie diese letzte Zeit ab?«
»Ich habe unterdessen vier Zigarren geraucht, die ich dort gefunden habe, einige Kisten — — ein sehr lobenswertes Kraut. Zu den vier Zigarren werde ich drei Stunden gebraucht haben, das weiß unsereins doch.«
Ja, dass er geraucht, hatte Chlorinde bereits gerochen, obwohl der Qualm in der Höhle ganz mäßig war.
»Was haben Sie sonst unterdessen gemacht?«
»Ich? Nichts!«
»Nicht versucht, jene Falltür zu öffnen?«
»Nein, da hätte ich meißeln müssen, und das hätte Sie doch gestört.«
»O, ich bin nicht so empfindlich. Haben Sie nach dem anderen Ausgange gesucht?«
»Nee, ooch nich. Ich habe geraucht und so an dies und jenes gedacht.«
Chlorinde hatte sich erhoben.
»Nichts gehört, dass Klingsor als Befreier schon unterwegs sein könnte?«
»Gar nichts habe ich gehört.«
»So müssen wir wieder versuchen, dort die Tür zu öffnen.«
»Müssen wir unbedingt?«
»Ja, selbstverständlich. Oder den zweiten Ausgang finden. Was denn sonst?«
»Ich könnte für immer hier bleiben — — mit Ihnen zusammen.«
»Herr Graf!«
»Na was denn?«
»Erinnern Sie sich, was Sie mir versprachen? Unter welchen Bedingungen ich mit Ihnen ging?«
»Ich erinnere mich, aber ich bleibe bei meiner Behauptung, dass ich hier mein ganzes Leben aushalten könnte.«
»Bis die Würste und Schinken und Konserven aufgegessen sind, wollen Sie wohl sagen«, fragte Chlorinde lachend.
»Und noch länger!«
»Was würden Sie dann machen?«
»Sie auffressen.«
Chlorinde achtete nicht aus den doppelten Sinn dieser Bemerkung.
»So wollen wir wieder abwechselnd meißeln und einen anderen Ausgang suchen. Wir haben noch lange nicht sorgfältig genug geforscht. Da stehen noch so viele Kisten und Fässer an der Wand, die wir noch nicht weggerückt haben und die vielleicht — —«
»Die Banditen können die aber doch nicht von draußen hier innen heranrücken.«
»Das stimmt schon, doch wir haben noch nicht einmal alle die Bretterwände genügend — — horch!«
Auch Graf Tankred hatte es gehört: Das dünne Gekläff eines Hundes, dem auch ein Kratzen folgte.
»Ein kleiner Hund! Dort an der Wand kratzt er! Von draußen!«, flüsterte Chlorinde.
»Jetzt können wir uns darauf vorbereiten, die Kerls zu empfangen«, meinte der Graf, aber ohne eine Waffe handbereit zu machen.
»Der Hund wird doch den Banditen gehören.«
»Das ist anzunehmen.«
»Er scheint aber allein zu sein.«
»Oder er ist seinen Herren nur vorausgelaufen, kann den Eintritt nicht erwarten, kratzt und bellt schon.«
»Sei dem, wie es sei«, entschied Chlorinde, »der Hund ist draußen, jenseits des Ganges, durch den wir gekommen sind, und er kann nur durch eine ganz dünne Wand von uns getrennt sein, es klingt gar so deutlich. Sehen wir nach, was für eine Wand das ist, ob sie sich nicht öffnen lässt!«
Sehr bald war die Stelle genau ermittelt, wo sich das Kratzen noch immer hören ließ.
Die Wand war dort mit einigen Brettern verkleidet, von Querleisten zusammengehalten, an denen Kleidungsstücke hingen.
Die Sache war sehr einfach. Man brauchte die zusammengefügten Bretter nur beiseite zu schieben, woran die beiden bisher eben nicht gedacht hatten, so blickten sie wieder in einen Gang.
An diesen Brettern hatte der Hund allerdings nicht gekratzt; dahinter kam noch eine Wand, die sich aber eben so leicht beseitigen ließ.
Und da sprang der kleine Hund, ein Pinscher, schon herein, stutzte beim Anblick der beiden fremden Menschen, wollte knurren, besann sich, wurde gleich ganz zutraulich.
Gefolgt war ihm niemand. In dem Tunnel, in den der Graf den Blendstrahl seiner schnell wieder entzündeten Lampe schickte, war nichts zu erblicken — nur nackte Felsenwände.
»Kommst du allein nach Hause? Wo ist dein Herr?«, fragte Chlorinde den Hund.
Der Pinscher, die unter den Stirnhaaren kaum sichtbaren, aber jedenfalls sehr klugen Augen auf die Sprecherin heftend, bewegte lebhaft den Stummelschwanz; eine andere Antwort konnte sie von ihm nicht verlangen.
»Bist du hier zu Hause? Wo schläfst du?«
Sofort sprang der Pinscher auf eins der Lager, legte sich am Fußende nieder.
»Ein sehr kluges Tier! Er zeigt uns, wo er schläft — zu den Füßen seines Herrn.«
»Ich dächte, wir untersuchten, wohin dieser Gang führt!«, meinte der Graf.
»Vorher aber wollen wir uns bewaffnen.«
Wie der Graf wählte auch Chlorinde eine Winchesterbüchse und einen Revolver, die am wenigsten verrostet waren. Munition war massenhaft vorhanden, auch Patronentaschen und Gürtel und was sonst noch gebraucht wurde, um gewappnet einen Kampf Mann gegen Mann zu bestehen.
»Blutvergießen wollen wir vermeiden.«
»Immer lebendig fangen!«, bestätigte der Graf. »Und was machen wir dann mit den Kerls?«
»Wir lassen sie wieder laufen. Was geht es uns an, wodurch sich diese Menschen ernähren.«
»Gut, ich werde gehorchen! Nun aber erlauben Sie wohl, dass ich die Führung übernehme.«
»Nein, ich gehe voran!«, trumpfte das herrische Weib schon wieder auf.
»Gut, gehen Sie voran! Ich werde sogar zehn Schritte zurückbleiben, um nicht von einer Kugel getroffen zu werden, aber meine Lampe bekommen Sie diesmal nicht, ich will auch einmal eigensinnig sein.«
»Na da gehen meinetwegen Sie voran!«, rief Chlorinde leise lachend.
Sie drangen in den finsteren Gang ein; der Pinscher sprang freudig voraus.
»Den sollten wir zurücklassen und dafür sorgen, dass er uns nicht folgen kann; er könnte uns verraten.«
»Ach was verraten!«, entgegnete der Graf. »Er nur mitkommen.«
Es war ein langer Weg, den sie zu nehmen hatten, machte manchmal Bogen, führte der Hauptsache nach aber doch immer nach ein und derselben Richtung, in nördlicher, wie sie annahmen, immer breit und hoch genug und ohne andere Hindernisse, sodass die großen Fässer und Kisten hier recht wohl transportiert worden sein konnten.
»Ach, wenn wir doch hier das Freie erreichten!«, flüsterte Chlorinde hinter dem Grafen einmal, »dass wir von dort unsere Luftschiffe besteigen können, dass nicht etwa unübersteigliche Felswände dazwischen sind.«
»Dann brauchte Klingsor uns nicht erst zu Hilfe zu kommen.«
»Gerade darüber würde ich mich freuen! Dass er uns dann nicht mehr vorfände, wir ohne ihn unsere Luftschiffe erreicht hätten!«
»Wenn Klingsor nur nicht etwa — — hallo, jetzt heißt es aufpassen!«
Sie waren — besonders der vorausgehende Tankred immer mit der nötigen Vorsicht — wieder um eine Krümmung gebogen, und da schimmerte ihnen plötzlich schwaches Licht entgegen.
»Tageslicht?«, meinte Chlorinde auf des Grafen diesbezügliche Bemerkung. »Kann denn das sein?«
»Warum denn nicht?«
»Wenn wir, wie Sie meinen, zehn bis zwölf Stunden in jener Höhle zugebracht haben?«
»Ach so! Richtig! Wir betraten sie gegen Mittag. Dann wäre es jetzt Mitternacht.«
»Oder es ist Mondschein.«
»Wir haben Neumond. Sind Sie imstande, vierzehn Stunden hintereinander zu schlafen?«
»O ja, wenn ich so müde bin, wie ich es vorhin war, als ich einschlief. Ich habe sogar einmal vierundzwanzig Stunden hintereinander geschlafen.«
»Dann könnte es doch sein, dass das der grauende Morgen wäre.«
So war es denn auch. Sie überzeugten sich davon, als sie ins Freie traten.
Der Felseingang mündete in eine Schlucht, welche die in diesem Gebirge übliche Vegetation zeigte.
Die Sonne mochte eben erst aufgegangen sein, stand also noch hinter den Bergen; kein Mensch war zu sehen, auch sonst nichts Auffälliges.
»Der Eingang zu diesem Schlupfwinkel liegt recht offen zu Tage«, meinte Chlorinde, »durch kein Gebüsch und nichts verdeckt!«
»Wer weiß, wo wir uns hier befinden, wie schwierig nun wieder diese Schlucht aufzufinden ist«, entgegnete Graf Tankred. »Auch Spuren können hier ja nicht hinterlassen werden.«
Nein, den Grund bildete fester, ziemlich ebener Steinboden. Dort, wo die Vegetation besonders üppig wucherte, floss durch die Schlucht ein Bach, ganz verdeckt, man hörte ihn plätschern, und diese Stellen konnte eben jeder vermeiden, der keine Spur zurücklassen wollte.
Fröhlich kläffend sprang der kleine Hund an den beiden empor, lief davon und kam wieder, immer kläffend.
»Wenn der Hund das Räubernest nicht verraten will, darf er aber nicht so bellen«, meinte der Graf.
»Er will uns offenbar veranlassen, ihm zu folgen.«
»Jawohl, zu seinem Herrn, dem Räuber!«
»Dem ist vielleicht etwas zugestoßen. Der Hund weiß es. Wo ist dein Herr?«, fragte Chlorinde das Tier.
Und wirklich führte es, indem es vorausrannte und immer wieder zurückkam, wie Hunde, die nicht gerade zur Jagd abgerichtet sind, es tun.
Sie wandten sich nach links, nach Osten, wo über der nächsten Felsenwand, die den Weg zu versperren schien, schon ein roter Schimmer sichtbar ward — die aufgehende Sonne.
Vorher aber zweigte sich doch eine Seitenschlucht ab, in die der Hund führte, und dann wieder in eine linke hinein und dann wieder in eine rechte, und so immer fort.
»Das ist ja das reine Labyrinth von Schluchten und Spalten«, sagte Chlorinde.
»Das ist es.«
»Haben Sie dieses Schluchtenlabyrinth in der Camera beobachtet?«
»Nein, ich habe auf solche Nebensachen, die für uns nicht in Betracht kamen, nicht geachtet.«
Wohl zehn Minuten vergingen; der Hund führte noch immer kreuz und quer.
»Würden Sie sich nach dem Räuberneste zurückfinden, Graf?«
»Offen gestanden: nein.«
»Ich auch nicht.«
»Und Sie sollen doch eine sehr fährtenkundige Jägerin sein.«
»Man sagt es mir nach. Aber dieser Steinboden nimmt ja keine Spur an.«
»Und Ihr Orientierungssinn?«
»Der hat mich jetzt vollends verlassen.«
»Mir kommt es fast vor, als wenn der Hund uns jetzt zurückführe.«
»Mir auch.«
Die Felswände wurden immer höher, sodass die beiden vorläufig auch nicht mehr das Morgenrot sahen, also nicht einmal mehr die Himmelsrichtungen bestimmen konnten, bis die Sonne mit einem Male über einem niedrigeren Gebirgskamm in aller Pracht am tiefblauen Himmel stand. Und gleichzeitig hatten die beiden auch einen anderen wundersamen Anblick.
In geringer Entfernung vor sich sahen sie ein Gebäude, drei Etagen hoch, mit zahlreichen Säulen, die zwischen den Fenstern emporstrebten, auch sonst von großer architektonischer, wenn auch strenger Schönheit.
Diese Säulen wie alle anderen Bildhauerarbeiten waren aber reliefartig nur zur Hälfte — und noch nicht einmal — an der Felswand herausgearbeitet worden. Gesetzt den Fall, es handelte sich um ein wirkliches Haus, so war es eben in den Felsen hineingemeißelt worden, außen hatte man eine Fassade in Relief gegeben.
»Ein spanisches Kloster!!«, rief Chlorinde sofort.
»Ein spanisches Kloster?«, wiederholte der Graf verwundert. »Wie soll denn das hier in das Felsengebirge von Montana kommen?«
»Dabei ist gar nichts Wunderbares. Wissen Sie denn nicht, dass die Spanier einst den ganzen Westen von Nordamerika beherrscht haben, wie sie ja auch heute noch in Kalifornien festsitzen, wo die spanische Sprache und überhaupt das spanische Element vorherrscht? Im 16. Jahrhundert aber waren sie noch viel weiter nach Osten vorgedrungen. Spanische Mönche, die es auf die Bekehrung der Indianer abgesehen hatten, legten zu diesem Zwecke überall Klöster an. Damals war unter ihnen eine Vorliebe für Bildhauerei vorhanden, sie standen noch unter dem Einfluss der maurischen Architekten ihrer Heimat, und so suchten sie sich für ihre neuanzulegenden Klöster hauptsächlich Felsengegenden aus, wo sie nach Herzenslust meißeln konnten. Das ist solch ein spanisches Kloster aus jener Zeit! Ich erkenne es gleich an dem maurischbyzantinischen Stile, der damals herrschte.«
»Ob das Kloster noch bewohnt ist?«, meinte der Graf.
Das war schwerlich der Fall. Keinesfalls kamen Bewohner in Frage, die das Gebäude in Ordnung hielten. Das war gleich zu erkennen.
Verfallen konnte ja das Gebäude nicht; der harte Stein hatte den wenigen Jahrhunderten Trotz geboten; von Verwitterung war kaum etwas zu bemerken, und bei der Fassade fehlten vorspringende Schnörkel und dergleichen; da konnte nicht viel abgesprungen sein.
Aber andere Anzeichen sprachen dafür, dass das Kloster schon seit langer Zeit verlassen sein musste.
Die Schlucht verbreiterte sich hier zu einem kleinen Kessel, in diesem gedieh eine andere Vegetation als die beiden bisher zu sehen bekommen hatten, herrlich blühende Zierbüsche waren vorhanden — — sicher der ehemalige Klostergarten, der aber jetzt total verwildert war. Eine einzige Familie, die hier hauste, ein Einsiedler schon, hätte auf diesem fruchtbaren Fleckchen Erde in der Felsenwildnis doch etwas anderes geschaffen.
Ein Erdgeschoss fehlte, so weit ersichtlich. Die untere Fensterreihe — sehr kleine, längliche Öffnungen — begann erst im ersten Stockwerk, immer noch sehr hoch, wohl zehn Meter über dem Boden.
Eine Treppe führte hinauf, die sich durch einen Torweg im Inneren verlor. Auch sie war in den Felsen gehauen, aber an den Stufen hatte die Verwitterung arbeiten können, Regenwasser konnte wirken, und so war diese Treppe mit ziemlicher Vegetation überwuchert, selbst ansehnliche Büsche hatten dort schon Wurzel gefasst, und diese hatten ziemliche Stücke von den Felsenstufen abgesprengt.
»Wir gehen doch einmal hinein?«, fragte Chlorinde.
»Das ist doch sicher!«
»Wo ist unser Hund?«
Der war nicht mehr zu erblicken. Während sie in Betrachtung der Fassade versunken gewesen waren, musste er sich entfernt haben. Sie achteten nicht weiter darauf. Er war eben wieder einmal vorausgelaufen, würde schon wiederkommen, um sie zu holen, falls er sie weiterführen wollte.
Sie erstiegen die Treppe, die bei aller Verfallenheit noch recht gut gangbar war. Nur manchmal mussten sie sich zwischen Gebüsch hindurchdrängen.
Besonders Chlorinde achtete sorgsam auf Spuren, die etwa ein Mensch hinterlassen hätte, konnte aber keine erkennen.
»Wir sind die ersten Menschen, welche seit langer, langer Zeit hier eindringen.«
Die Treppe machte oben eine Ecke, führte durch jenes Tor, dessen Angeln, ebenfalls aus dem Felsen herausgehauen, noch vorhanden waren, in eine Art Hof, der jedoch oben geschlossen war, eine Decke besaß.
Es war eine Halle, die nach hinten sehr breite und hohe Fenster besaß oder eigentlich nur Säulen mit breiten Zwischenräumen. Doch hinten befand sich wieder eine Schlucht, die sehr tief hinabging, durch die von oben schon das Tageslicht hereinflutete, ohne dass man unten den Grund erkennen konnte.
Von dieser Halle führten Türen ab, alle offen, zwei Treppen gingen hinauf und eine hinab.
»Hier geht es in den Keller!«, sagte der Graf.
»Wenigstens zunächst in das Erdgeschoss, das keine Fenster besitzt, nicht nach außen. Besichtigen wir erst diese Etage.«
Ein Raum reihte sich an den anderen, meist sehr weit. Vorn war ein Korridor, durch die Frontfenster erleuchtet; hinten kam das Licht durch größere Fenster aus der Schlucht.
Bänke waren vorhanden, Tische, auch Stühle — aber alles aus dem Felsen herausgehauen, beim Meißeln vom Felsen stehen gelassen.
Sonst war alles nackt und öde. Auch kein Staub hatte sich abgelagert.
»Hier war das Refektorium. In diesem Raume könnte die Bibliothek gewesen sein, die steinernen Regale an den Wänden lassen darauf schließen«, erklärte Chlorinde beim Durchschreiten der Gemächer. »In dieser untersten Etage, wenn man von den Fenstern aus rechnet, befanden sich eben die Räume, die von den Klosterbrüdern gemeinsam benutzt wurden.«
Sie fanden eine weite nach oben führende Treppe, erstiegen sie.
Sie führte in die zweite Etage, welche wieder vorn den Korridor, nach hinten nur sehr enge Felsenkammern enthielt, eine neben der anderen.
»Die Zellen der Mönche.«
In der dritten Etage waren wieder größere Räume, wenn auch nicht so weitläufig wie in der untersten.
Nach den vielen schrankartigen Nischen, die hier eingehauen worden waren, nach den Regalen und Simsen, die man hatte stehen lassen, konnte angenommen werden, dass sich hier die Vorratsräume befunden hatten. Auch fanden die beiden die große Küche, mit einem mächtigen offenen, aber überdachten Kamine, aber sonst keine Spur mehr von Ruß oder gar noch von Holzkohle. Dasselbe galt von der daneben befindlichen Räucherkammer, als solche deutlich erkennbar.
Diese Räume, wo Feuer gebrannt wurde, hatte man wegen des Schornsteins, wegen des Zuges, oben angelegt.
»Fällt Ihnen nicht etwas auf?«, fragte Chlorinde.
»Nein, was denn?«
»Das Fehlen aller Spuren, dass Tiere hier hausen. Für solche bietet dieses alte Kloster doch prächtige Schlupfwinkel.«
»Wir haben überhaupt auch draußen noch gar nichts von Wild und dergleichen gesehen«, entgegnete der Graf Tankred.
»O, das gibt's schon hier, es läuft uns nur nicht gerade so vor den Füßen herum.«
»Dann wird es in dieser Felsengegend wohl noch genug Schlupfwinkel geben, wo es sich verstecken und nisten kann, es braucht nicht gerade dieses Kloster aufzusuchen, wo es doch immer noch die Menschenhand wittert oder erkennt.«
»Mag sein! Nun wollen wir uns in den Keller hinab begeben, der uns hoffentlich Interessanteres bietet. Folterkammern mit Marterapparaten, in denen noch die Skelette der unglücklichen Inquisitionsopfer hängen.«
»Meinen Sie, dass wir so etwas finden werden?«
Das schöne schwarzlockige Weib lachte.
»Bei einem alten Kloster, ganz besonders bei einem spanischen, das sogar noch die Inquisitionszeit durchgemacht hat, müssen doch Folterkammern und eingemauerte Skelette vorhanden sein, anders geht es einmal nicht, anders kann sich die Phantasie solch eine Ruine nicht vorstellen. Im Ernst glaube ich aber ganz bestimmt, dass wir nichts Derartiges finden werden. Die Mönche werden, ehe sie dieses Kloster aufgaben, doch wohl alles weggeräumt haben, was gegen ihren guten Ruf sprechen könnte, falls sie wirklich unheimliche, lichtscheue Sachen getrieben hätten. Und zweitens werden wir doch wohl nicht die ersten Menschen sein, die dieses Kloster wieder betreten, die ersten Entdecker. Da haben unsere Vorgänger schon ihre Andenken mitgenommen. Es brauchten nicht gerade wissenschaftliche Forscher und Raritätensammler gewesen zu sein. Ha, das wäre hier ja so etwas für Klingsor!«
»Ja, der wäre imstande, dieses ganze Kloster samt Umgebung fein säuberlich abzuheben, möchte dazu auch eine noch so komplizierte, riesenhafte Maschinerie nötig sein, um es in eins seiner Museen zu versetzen«, gab Graf Tankred zu.
Aus dem Wege hinab durchschritten sie noch einmal alle die Räume, durch welche sie schon gekommen waren.
Jetzt erst, da sie sich nicht mehr so neugierig umsahen, empfanden sie, wie schauerlich die Schritte zwischen diesen nackten Felswänden hallten, wenigstens einer von ihnen empfand es.
»Schauerlich, ganz unheimlich!«, flüsterte Chlorinde.
»Was denn?«, fragte der riesenhafte Deutsche verwundert.
»Wie unsere Schritte schallen, obgleich wir doch gar nicht so schwere Fußbekleidung haben!«
»Das macht die Akustik. Was ist denn da aber Schauerliches dabei?«
»Sie sind ein ganz prosaischer Mensch. Bevölkert Ihre Phantasie diese Räume denn nicht mit braunen Kuttenträgern, die hohlwangig, teils mit erloschenen, teils mit glühenden Augen umherwandeln, die in den Zellen auf den Knien liegen und sich bis aufs Blut geißeln? Da glauben Sie wohl auch nicht an Geister und Gespenster?«
»Ich? Nee. Sie?«
»Nein, daran glaube ich allerdings auch nicht«, lachte das junge Weib, brach aber schnell ab, es hatte zwischen diesen Wänden einen gar zu gellenden Klang.
Und dann das Echo!
»Hat nicht jemand mitgelacht?!«, flüsterte sie, wie erschrocken stehen bleibend.
»Mir war es auch fast so«, meinte der Graf.
Sie lachte gezwungen noch einmal — ebenso gezwungen erklang das Lachen zurück und alles andere, was sie rief.
»Es ist das Echo«, sagten beide.
»Klings — — or!!«, rief Chlorinde.
»Klings — — or — — or — — or — — or«, kam es zurück, immer schwächer werdend und außerdem mit einem ganz besonderen, wie gellendem, höhnischem Klange.
»Merkwürdig, wie das hier klingt!«, meinte Chlorinde. »Ganz anders als jedes andere Echo, das ich jemals gehört habe.«
Unter solchen Gesprächen erreichten sie wieder den überdeckten Hofraum und drangen in den Keller hinab.
Und zwar wirklich direkt in den Keller!
Die Treppe war so lang, dass sie gleich ganz durch jenen Teil des Felsens führte, der zwar keine Fenster besaß, aber doch noch über dem Erdboden lag. Sie drangen also wirklich unter die Erde, in den Keller, was sich durch Abschätzung doch leicht feststellen ließ.
»Weshalb mögen die Mönche diese Räume gar nicht benutzt, nicht ausgemeißelt haben?«, fragte Chlorinde.
»Wie soll ich das wissen!«, entgegnete phlegmatisch der Graf, der mit seiner entzündeten Taschenlampe wieder vorausging.
Die Treppe war zu Ende. Wieder kam ein Korridor, von dem aus die Kellergewölbe links und rechts abgingen. Die auf der hinteren Seite bekamen noch etwas Tageslicht, durch kleine Öffnungen, die Schlucht oder Felsenspalte war eben tiefer, wahrscheinlich viel tiefer als dieser Keller, die auf der vorderen Seite nicht, da war auch bei Tage alles stockfinster.
Und Chlorindes Hoffnung sollte erfüllt werden. Hier unten war es tatsächlich viel interessanter als oben, hier gab es Dinge, auf denen die Phantasie weiter aufbauen konnte.
Komplizierte Marterinstrumente waren nicht vorhanden, wohl aber hölzerne Böcke und Pritschen und dergleichen, auf die ein Mensch gelegt und geschnallt werden konnte; auch die eisernen Ringe waren noch da. Ketten hingen an den starken Pfosten, waren in die Felswände eingelassen.
»Hohohoho!«, lachte der Riese mit seiner Bärenstimme.
»Hahahahahaha!«, gab das Echo zurück, aber in einer viel höheren Tonlage, geradezu gellend.
»Merkwürdig!«, rief Chlorinde erstaunt.
»Ja, es ist in der Tat auffallend — — hohohoho«, der Graf probierte es gleich noch einmal.
»Hahahahahaha!«, erklang es gellend nach. »Hahahahaha! Hähahähä! Hihihihi!!!«
Die beiden erstarrten, blickten einander aufs höchste verdutzt an.
»Was war das? Das ging nicht mit rechten Dingen zu!«, flüsterte Chlorinde mit etwas bleichen Lippen.
»Wer hat da gelacht?«, rief der Graf.
Jetzt kam überhaupt kein Echo zurück.
»Seltsam, ganz seltsam! Hohohohoh!«
»Hihihihihihi«, kicherte es da meckernd vom Korridor aus, aber doch noch ziemlich weit entfernt, wahrscheinlich von oben.
Da freilich kam Leben in die beiden.
Mit einem Sprunge waren sie hinaus und wieder die Treppe hinauf.
»Das ist ein Mensch!«, rief Tankred.
»Um Gott, dass wir hier unten nicht wieder eingeschlossen werden!«, hauchte Chlorinde.
Daran mochte auch der Graf denken, weil er sich so beeilte, die Treppe hinaufzukommen.
Sie erreichten wieder den gedeckten Hof.
»Hihihihihihi!«, wurden sie dort oben begrüßt, und zwar auch gleich in Person.
Da stand ein Mann, eine ganz abgezehrte, jammervolle Gestalt. Um den skelettartigen Körper schlotterte eine Kutte aus lauter einzelnen Sackstücken von grauer Farbe zusammengenäht, über dem Kopf eine Kapuze, unter der noch die langen, weißen Haarsträhnen hervorquollen.
Das Gesicht glich einem Totenschädel, zumal die Nase — wohl infolge eines Unglücksfalles — ganz eingedrückt war. Das einzig Lebendige darin waren die glühenden Augen.
So stand die Mönchsgestalt da und kicherte die beiden an.
»Entsetzlich!«
Chlorinde prallte bei diesem Anblicke zurück.
»Hihihihihihi!«, kicherte es nach wie vor aus dem zahnlosen Munde.
Dann aber, die Arme vorstreckend, sodass die Knochenfinger zum Vorschein kamen, an denen sich zolllange, spitze Nägel befanden, wahre Raubtierkrallen, fuhr er ernst und salbungsvoll in Fistelstimme fort, sich der englischen Sprache bedienend.
»Sei mir gegrüßt, edle und schöne Dame — — sei willkommen in meinem Kloster — — — Hihihihihihi«, fing er dann aber gleich wieder vergnügt zu kichern an, sich die Krallenhände reibend.
Während Chlorinde also bei Anblick des spukhaften Mönches entsetzt zurückgefahren war, war bei Graf Tankred keine Spur von Schreck zu bemerken gewesen; ruhig stand er da, die Erscheinung mit seinen großen Augen nur anstarrend, wie ein Naturwunder — — Aber auch Chlorinde hatte sich schnell wieder gefasst und wollte mehr wissen, konnte sachgemäße Fragen stellen.
»Wer sind Sie?«
»Es ist der Bruder Hermanos, vor dem Du stehst — — — hihihihihi.«
Erst immer das feierliche Sprechen und hinterher das vergnügte Kichern.
»Sie leben hier in diesem Kloster?«
»Ich halte mich darin auf — hihihihi.«
»Allein?«
»Allein, ganz allein — — — hihihihi.«
»Seit wann?«
»Seit vierhundert Jahren.«
»Seit vierhundert Jahren?«
»Ja — — hihihihihi.«
»Da hast Du ja ein stattliches Alter erreicht«, ging Chlorinde darauf ein, denn sie wusste ja nun schon, wen sie vor sich hatte.
»Ich werde noch viel älter — noch viele tausend Jahre — — — hihihihihi.«
»Wovon lebst Du?«
»Ich lebe ja überhaupt nicht — hihihihihi.«
»Du lebst überhaupt nicht«, wiederholte Chlorinde, im ersten Augenblick verständnislos.
»Ich bin doch tot — ganz tot, hihihihihi.«
»Ach so, Du bist tot!«
»Ich bin nur ein Gespenst.«
»Aha!«
»Nur ein Geist, hihihihihi.«
Jetzt hielt Graf Tankred es für angebracht, auch einmal das Wort zu ergreifen.
»Na, der hat ja einen perfekten Piepmatz im Kopfe!«, meinte er trocken.
»Spotten Sie doch nicht über den Unglücklichen!«, sagte Chlorinde vorwurfsvoll.
»Der ist in seinem Wahne durchaus nicht unglücklich. Also Du bist nur ein Gespenst?«
»Nur ein Gespenst — hihihihi«, lautete die Antwort, wobei die glühenden Augen in dem Totenschädel aber immer auf die Dame gerichtet waren; nur zu ihr sprach er, auch wenn der Graf fragte.
»Bist Du schon früher Mönch gewesen?«
»Da war ich der Prior dieses Klosters, hihihihi.«
»Und bist wieder einfacher Bruder geworden?«
»Bin ich, bin ich — hihihihihi.«
»Wer hat Dich denn degradiert?«
»Der Teufel, der Teufel — hihihihihi.«
»Du findest wohl im Grabe keine Ruhe?«
»Nein, muss immer herumwandern, immer wandern — hihihihihi.«
»Aha, dachte ich es mir doch! Also ein Gespenst bist Du?«
»Ein Gespenst — hihihihihi.«
»Ein Geist?«
»Ein Geist!«, wiederholte kichernd der zahnlose Mund.
»Ein ganz wesenloser Geist?«
»Ein ganz wesenloser!«, wurde kichernd bestätigt.
»Fleisch hast Du freilich nicht mehr, aber doch noch Knochen, auch Haut ist noch drüber.«
»Keine Knochen, keine Knochen mehr, hihihihihi.«
»Aber ich sehe sie doch, höre sie sogar förmlich klappern.«
»Alles nur Einbildung, alles nur Einbildung — hihihihihi.«
»Kann ich Dich einmal anfassen?«
»Kannst mich nicht fassen, kannst mich nicht fassen.«
»Ich könnte Dich nicht greifen?«
»Nein, nein — hihihihihi.«
»Willst Du mir einmal die Hand geben?«
Als hätte Chlorinde dies gesagt, nicht der Graf, so hielt der Mönch jener die Hand hin. Aber Graf Tankred ergriff sie schnell. »Ich fühle Deine Hand, halte sie in der meinen.«
»Alles nur Einbildung, alles nur Einbildung — hihihihihi.«
»Du meinst, ich könnte Dich nicht fühlen?«
»Kannst mich nicht fühlen, so wenig wie ich Dich — hihihihihi.«
»Du kannst mich nicht fühlen?«
»Kann Dich nicht fühlen, kann Dich nicht — — autsch!!!«
Schnell riss sich die Krallenhand los, denn der Graf hatte kräftig genug gedrückt, wenn auch vielleicht seiner Meinung nach nur ganz zart.
»Siehst Du, wie gut Du mich fühlen kannst?«, lachte der.
»Alles nur Einbildung, alles nur Einbildung«, hihihihihi«, wurde jetzt aber doch wieder vergnügt gekichert, während die andere Hand die gequetschte rieb.
»Tun Sie dem armen Manne doch nicht weh!«, zürnte Chlorinde und nahm ihrerseits nun wieder das Examen auf.
»Wovon lebst Du denn hier?«
»Ich lebe ja gar nicht, lebe ja gar nicht, hihihihihi.«
»Du musst doch etwas essen.«
»Ein Gespenst braucht nichts zu essen, braucht nichts zu essen, hihihihihi.«
»Du spukst auch am helllichten Tage hier herum?«
»Muss ich, kann ich, hihihihihi.«
»Immer hier in diesem Kloster?«
»Hier im Kloster, hier im Kloster, hihihihihi.«
»Seit vierhundert Jahren?«
»Seit vierhundert Jahren, seit vierhundert Jahren, hihihihihi.«
»Verlässt das Kloster nie?«
»Nie, nie.«
»Kommst nie hinaus ins Freie?«
»Nie, nie.«
»Woher hast Du denn diese Kutte?«
»Ist meine Kutte, meine Kutte.«
»Die muss in vierhundert Jahren aber doch einmal in Fetzen zerfallen.«
»Nie, nie, alles nur Einbildung, alles nur Einbildung, hihihihihi.«
Auf diese Weise war freilich schwer etwas herauszubekommen.
»In diesem Wahnsinn steckt nicht einmal Methode«, brummte der Graf, auf ein bekanntes Zitat anspielend.
»Was hast Du denn gesündigt, dass Du nach Deinem Tode spuken musst?«, examinierte Chlorinde weiter.
»Zuviel Damenbesuch bekommen, zuviel Damenbesuch bekommen«, meckerte der Alte vergnügter denn je, auch ohne diesmal salbungsvoll anzufangen.
»Hier im Kloster?«
»Hier im Kloster, als ich noch Prior war, hahaha.«
»Und da bist Du wieder zum einfachen Bruder degradiert worden?«
»So ist es, so ist es«, bestätigte der Alte, obgleich er doch vorhin gesagt hatte, der Teufel in der Hölle habe ihn degradiert.
Ein Mann hätte wohl wegen dieses »Damenbesuchs« weitergeforscht, das war doch etwas ganz Interessantes, die junge Walküre aber schien dieses Thema fallen lassen zu wollen.
»Was treibst Du denn jetzt in diesem Kloster?«
»Bekomme immer noch Damenbesuch, immer noch Damenbesuch, hihihihihi.«
»Damenbesuch?«
»Damenbesuch, immer Damenbesuch, hihihihihi.«
»Was für Damen sind denn das?«
»Junge und schöne Damen, so jung und schön wie Du, hihihihihi.«
Chlorinde schien zunächst nicht daran zu denken, dass auch dies alles nur ein Wahn war, sie fragte weiter:
»Wie kommen die denn hierher?«
»Sie besuchen mich.«
»Aus welchem Grunde?«
»Warum hast Du mich denn besucht?«
»Ich sah dieses alte Kloster und wollte es besichtigen.«
»Und so ist es auch bei den anderen Damen.«
»Was haben denn Damen in diesem Gebirge zu suchen?«
»Haben sich verirrt, haben sich verirrt.«
»Da kommen sie zufällig hierher?«
»Nicht zufällig.«
»Sondern?«
»Ich lade sie ein.«
»Wie machst Du denn das?«
»Wie bist Du denn hierher gekommen?«, lautete die Gegenfrage des Alten, der plötzlich recht vernünftig erschien.
»Ich bin einem Hunde gefolgt.«
»Bist einem Hunde gefolgt, bist einem Hunde gefolgt«, fing der Alte jetzt wieder zu kichern an, sich die Hände reibend.
»Ah, ist das Dein Hund?!«
»Ist mein Hund.«
»Was für zwei Männer sind das, die in der Höhle hausen?«
»Weiß nichts von zwei Männern, weiß nichts von einer Höhle.«
Und hierbei beharrte der Mönch, Chlorinde konnte beschreiben und fragen, wie sie wollte. Hierüber etwas zu erfahren, musste sie vorläufig aufgeben.
»Und wie unterhältst Du denn nun die Damen, die Dich hier besuchen?«
»Zeige ihnen mein Grab, zeige ihnen mein Grab, hihihihihi«, kicherte wieder der Alte, als mache er den besten Witz.
»Wo ist denn Dein Grab?«
»In der Kapelle, in der Kapelle.«
Richtig! Zu jedem Kloster gehört doch eine Kapelle.
Eine solche hatten die beiden hier noch nicht gesehen. Sie waren überhaupt bereits der Meinung gewesen, noch nicht alle Räume besichtigt zu haben. Denn sie waren vorhin auf dem Rückwege an Treppen vorübergekommen, die sie nicht benutzt hatten.
»Wo ist denn diese Kapelle?«
»Will sie Dir zeigen, will sie Dir zeigen! Komm, folge mir!«
Der Alte wandte sich und humpelte davon. Das Gehen fiel ihm außerordentlich schwer.
Die beiden folgten, ohne erst ein Wort miteinander zu wechseln.
»Siehst Du, wie ich schwebe?«, kicherte der Mönch.
»Ich sehe es«, ging Chlorinde darauf ein.
»Nicht wahr, so kann doch nur ein Geist schweben? Zweifelst Du nun noch daran, dass ich einer bin?«
»Nein, ich zweifle nicht mehr daran. So kann nur ein Geist schweben.«
Es ging wieder durch das Refektorium, durch die anderen größeren Räume und Säle und dann durch eine schmale Seitentür.
Die beiden hatten vorher wohl einmal eine kleine Kammer gesehen, der näheren Besichtigung nicht wert. Jetzt aber, als sie sie betraten, zeigte sich, dass es da drin wieder eine schmale Seitentür gab, die sie eben nicht bemerkt hatten.
»Wir müssen vorsichtig sein, dass der uns nicht etwa abermals in eine Falle führt!«, flüsterte Chlorinde.
»Ich passe schon auf, bin immer bereit, den Kerl zu packen, falls irgend etwas passiert«, entgegnete der Graf ebenso leise.
»Was mag der hier treiben? Wovon mag er sich ernähren? Ob er etwa mit jenen beiden Banditen in Verbindung steht? Das müssen wir doch noch herausbekommen.«
»Das müssen wir.«
Wieder wurden sie in einen größeren Raum geführt. Er lag nach hinten an der schmalen Schlucht, die aber immerhin sechs Meter breit war und in deren Tiefe, wegen des spärlichen Lichtes nicht mehr erkenntlich, Wasser rauschte. Auch hier waren die üblichen Fenster vorhanden, nur längliche Spalten, durch die ein Mensch eben den Kopf stecken konnte, vier Stück.
Hier aber hatten die beiden einen befremdlichen Ausblick. Sonst lag gegenüber immer nur die nackte, grauschwarze Felswand. Hier aber waren außerordentlich breite Fenster oder überhaupt nur ein einziges in einer Breite von etwa fünfzehn Metern, nur durch stützende Säulen unterbrochen, und so blickten die beiden in eine weite Halle, die sich dort drüben in dem Felsen befand.
Dort war also ebenso eine Art Vorhof, wie sich auch auf dieser Seite befand. Doch schien diese Halle dort drüben Oberlicht zu haben. Es war ganz außerordentlich hell da drin, was nicht nur von dem Tageslicht kommen konnte, das durch die Fenster seitwärts aus der Schlucht hereinfiel.
»Dort drüben ist die Kapelle, hihihihihi«, kicherte der Alte, mit seiner Krallenhand hinüberdeutend, in den Saal hinein.
»Das soll die Kapelle des Klosters sein?«, fragte Chlorinde verwundert.
Sie hatte jedenfalls etwas ganz anderes zu sehen erwartet.
»Ist es, die Kapelle, hihihihihi.«
»Es ist aber doch gar nichts drin.«
Nein, es war ein ganz leerer Raum mit nackten Felswänden, in den sie blickte, nicht einmal Spuren zu sehen, dass sich ein Altar und dergleichen darin befunden hätte oder was sonst zu einer Kirche und Kapelle gehört.
»Es ist die Kapelle!«, wiederholte der Alte.
»Wo ist denn da Dein Grab, in dem Du keine Ruhe findest?«
»Das ist hier unten«, sagte der Mönch und deutete zu einem Fenster hinaus, etwas nach unten.
»Wo denn?«
»Hier unten! Du musst Dich zum Fenster hinauslehnen und in die Schlucht blicken, da siehst Du es — — ein Grab, ein Massengrab, wie Du es noch nie gesehen haben wirst. Du wirst schön staunen.«
Chlorinde wollte es tun, sich in die Fensteröffnung lehnen, den Kopf durch die schmale Spalte stecken.
Doch vor ihr tat dies Graf Tankred, der dem einen Fenster eben etwas näher stand. Chlorinde musste dazu erst noch zwei Schritte tun.
Er hatte einen ebenso merkwürdigen wie grässlichen Anblick.
Hier an dieser Stelle sah er einmal auch unter sich Fenster, also eine Etage tiefer, denn hier trat die darunter befindliche Felsenwand etwas vor, man konnte fünf nebeneinanderliegende Fenster zählen, und aus jedem blickte ein Menschenkopf, aber nicht mehr von Fleisch und Blut, sondern nur noch ein Totenschädel, und zwar lauter solche von Frauen; das erkannte Tankred gleich an den langen Haaren, und der eine Schädel trug auch noch ein kokettes Hütchen, freilich schon sehr zermürbt. Auch gleißender Schmuck war in den Haaren manchmal noch zu erkennen.
Das war es, was Graf Tankred erblickte, kaum fünf Meter unter sich. Das in die Felsenspalte einfallende Sonnenlicht genügte vollkommen, um alles ganz deutlich erkennen zu lassen.
Gleich darauf sah auch Chlorinde die weiblichen Totenschädel.
Während der Graf keine Bemerkung gemacht hatte, konnte sie einen Schrei nicht unterdrücken.
»Um Himmels willen, was ist denn das?! Was haben diese Totenschädel zu bedeuten?!«
Die Erklärung gab der Alte hinter ihr, begleitet von einem gellenden, schrecklichen Lachen.
»Das sind Deine Vorgängerinnen, die mich im Laufe der vierhundert Jahre hier besucht haben, die meinem Hunde gefolgt sind, fünf schöne, junge Damen, hahahaha. Und Du bist die sechste, hahahahaha, Du machst in meinem Harem das halbe Dutzend voll, hahahahaha, in meinem Harem aus Frauenknochen, hahahahaha, werde auch Du zum Skelett! — —«
Mehr hörte Chlorinde nicht.
Sie war schon vorher vor Schreck erstarrt.
Denn gleich im Beginn, als der Alte zu sprechen und zu lachen angefangen, hatte sie ein leises, knirschendes Geräusch vernommen, und im nächsten Augenblick fühlte sie, wie sich etwas um ihren Hals legte. Es konnte nicht anders sein, als dass sich die steinerne Spalte, durch die sie gerade den Kopf stecken konnte, allerdings ganz bequem, zusammengeschoben hatte — —
»Hilfe, Tankred, zu Hilfe!!!«, schrie sie auf, sofort erkennend, dass sie sich nicht selbst befreien konnte.
Der Graf hatte unter sich verwundert die weiblichen Totenschädel betrachtet, hatte die Worte des Alten vernommen, wunderte sich noch mehr, weil er sich diesen Wahnsinn nicht sogleich erklären konnte — — da hörte er den Hilferuf seiner Begleiterin.
Und ihm war nicht das gleiche Schicksal widerfahren, jenes Fenster, durch das er seinen großen Kopf gesteckt, hatte sich nicht zusammengeschoben — — er konnte zurück.
Auf den ersten Blick sah er, in welcher Lage sich seine Gefährtin befand, es war zu deutlich, wie sich das Fenster verändert, verschmälert hatte, dass sie ihren Kopf aus der engen Spalte nicht mehr herausziehen konnte — — sein nächster Blick suchte den Mönch; er war bereit, ihn zu packen — — da sah er diesen, der erst so elend gehumpelt hatte, wie ein Wiesel schon durch das Gemach laufen, der Türe zu, im nächsten Moment durch sie verschwindend.
Der Graf eilte mit mächtigen Sätzen ihm nach, den Revolver aus der Tasche ziehend, um gegebenenfalls von ihm Gebrauch zu machen.
In der nächsten Halle war der Mönch nicht mehr zu erblicken. Dann kam die ehemalige Bibliothek. Auch dort kein Mensch, alles totenstill.
»Hilfe, Tankred, zu Hilfe!!«, gellte da wieder seiner Gefährtin Stimme.
Was sollte der Graf tun? Der Mönch war nicht mehr zu erblicken, und Chlorinde konnte ja vielleicht in einer neuen Gefahr schweben; vielleicht war der Mönch schon wieder bei ihr.
Also eilte Tankred zurück.
Nein, der Mönch war nicht da; etwas Neues war unterdessen nicht hinzugekommen.
Chlorinde stak mit dem Halse noch in der Spalte, so eng, dass sie den Kopf nicht herausziehen konnte.
»Wie ist das nur möglich? Wie hat sich dieses Fenster nur so zusammenschieben können?«
Tankred begann die Untersuchung. Chlorinde musste sich dabei ganz passiv verhalten. Wohl konnte sie ihren Kopf auf und ab bewegen, sie konnte an dem nur niedrigen Fenster sogar niederknien und die Arme auf die Brüstung legen, so sich stützen, konnte aufstehen und sich so hoch recken, dies alles erlaubte die Spalte — mehr aber nicht! Sie konnte eben ihren Kopf in dieser Spalte wie in einer Schiene auf und ab bewegen. Aber heraus bekam sie ihn nicht wieder, auch nicht, wenn sie ihre Ohren geopfert hätte, dazu war die Spalte zu eng. Höchstens konnte sie noch eine Hand unterhalb ihrer Brust oder auch oberhalb ihres Kopfes hindurch stecken.
Die Wände, welche die Fenster direkt begrenzten — dieses wie die drei anderen — waren gar nicht besonders stark, etwa fünf Zentimeter. Dann allerdings begann die eigentliche, anderthalb Meter dicke Felswand.
Wie nur hatte sich diese Steinschicht so verschieben können? Denn die anderen Fensteröffnungen waren mindestens ein Drittel Meter breit.
So war auch dieses Fenster hier beschaffen gewesen, ursprünglich. Jetzt aber hatte sich eben die innere Umfassung zusammengeschoben.
Wie war das nur möglich?
Die Untersuchung, die Tankred anstellte, ergab nichts.
Chlorinde hatte wohl vor Schrecken geschrien, als sie die Lage erkannte, in die sie geraten war, hatte auch nochmals um Hilfe gerufen — dies alles war begreiflich — nun aber war sie wieder ganz gefasst, fragte ganz ruhig und sachgemäß.
»Ist denn nichts von einer Fuge zu sehen?«
»Keine Spur.«
»Wie hat sich denn das Fenster nur so zusammenschieben können?«
»Ich weiß es nicht, es ist mir ein vollkommenes Rätsel.«
»Sie blickten doch auch durch ein Fenster.«
»Ich tat es.«
»Bei Ihnen ist nichts geschehen?«
»Gar nichts.«
»Besehen Sie sich doch einmal die anderen Fenster, ob sich da nichts erkennen lässt.«
Der Graf fand an den anderen Fenstern nichts Auffälliges.
»Nichts von einem Mechanismus oder dergleichen?«
»Gar nichts.«
»Ja, was soll denn da hier aus mir werden?«
»O, diese Steinwand will ich schon zertrümmern, die ist ja gar nicht so stark«, tröstete der Graf, seine Hand über ihrem Kopfe und dann unter ihrer Brust durch die Spalte steckend, die, entsprechend einem normalen Frauenhalse, etwa fünfzehn Zentimeter breit war, und die einschließenden Steinwände betastend.
»Hahahahahaha!!!«
Gellend hatte es geklungen.
Dort drüben in der weiten Halle, welche die Kapelle sein sollte, stand neben einer der Säulen, also dicht an der Schlucht, wieder der Mönch in seiner grauen Sackkutte, und jetzt sah man auch, dass es dort drüben nicht erst eine Brüstung gab, sonst hätten die beiden seine Füße nicht erblickt. Übrigens war ja auch der ganze Steinboden zu sehen.
»Hahahahahaha!! Gebt Euch keine Mühe! Du bist gefangen, mein Täubchen. Bald wirst Du als sechstes Skelett meinen Harem zieren, wirst durch das Fenster immer mein Grab dort unten in der Schlucht bewundern, so wie es meine fünf anderen Frauen tun, hahahahaha!!!«
So hatte der Alte mit furchtbarem Hohne gerufen, dazwischen immer gellend lachend.
Unterdessen hatte Graf Tankred die Entfernung nach dort drüben gemessen. Nein, diese sechs Meter konnte er nicht überspringen, zumal jeder Anlauf fehlte.
Sollte er Gebrauch von dem Gewehre oder vom Revolver machen, jenem eine Kugel hinüberschicken? In den Kopf oder nur in die Brust? Am besten wohl in die Schulter, wenn er ihn noch lebendig haben wollte.
Chlorinde mochte die Absicht ihres Geführten ahnen, und sie wollte ihn zunächst daran verhindern.
»Still! Tun Sie nichts! Lassen Sie mich erst mit ihm sprechen. Wer bist Du, entsetzlicher Mann?«
Vielleicht glaubte sie, jetzt würde der Alte anders von sich sprechen, mehr Erklärungen geben, aber sie sollte sich geirrt haben. Ein Wahnsinniger war und blieb er dennoch.
»Ich bin der Bruder Hermanos, der vor vierhundert Jahren in diesem Kloster als Prior geherrscht hat. Was fragst Du noch einmal?«
»Was hast Du mit mir vor?«
»Ich habe mir einen Harem zugelegt, bereichere ihn immer mehr. Du bist die sechste, die ihn ziert, und ich muss gestehen, dass Du die schönste bist, die mir zugelaufen ist. Das schmeichelt Dir doch? Nicht? Hahahahaha.«
»Ich soll hier stecken bleiben?«
»Ja, das sollst Du.«
»Wie lange?«
»Bis Du zum Skelett geworden bist. Oder überhaupt für immer.«
»Du tötest mich?«
»Nein, o nein, so grausam bin ich nicht, hahahahaha. Ich werde doch einer so holden Schönheit nichts tun!«
»Du fütterst mich?«
»Du sollst verhungern!«, erklang es jetzt doch in einem ganz anderen, furchtbaren Tone. »Verhungern wie meine anderen fünf Frauen! Und damit es schneller geht, dass Du zum Skelett austrocknest, werde ich Deinen Körper, während Du noch lebst, mit einer Salbe einreiben, auch damit Dein verwesender Leichnam nicht die Luft verpestet.«
»Wehe, wenn Du wagst, mich zu berühren!!«, fuhr das jungfräuliche Weib empor, soweit ihre steinerne Halskrause es erlaubte.
»Wie willst Du es denn hindern? Hahähähä!«
»Na, da muss wohl auch ich dabei sein«, ließ sich da auch Tankred einmal vernehmen, in seiner phlegmatischen Weise.
Zum ersten Male richtete der Mönch seine glühenden Augen auch auf ihn, der bisher gar nicht für ihn existiert zu haben schien.
»Duuu?«, erklang es mit schrecklichem Hohn. »Was willst denn Du hier? Was habe ich denn überhaupt mit Männern zu tun? Ich habe Dich nicht zum Besuche meines Klosters eingeladen. Scher Dich hinaus aus meinem Kloster! Scher Dich hinaus! Sofort!!«
Der riesenhafte Graf ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen.
»Ich ziehe vor, zu bleiben. Ich lasse mir von keinem Gespenste etwas befehlen.«
»O, ich werde Dich schnell fortbringen!«
»Wie willst Du denn das machen?«
»Du sollst Schreckliches zwischen diesen Mauern erleben!«
»Da bin ich gespannt.«
»Lass nur erst die Nacht kommen, hihihihihi.«
»Warum willst Du mich nicht schon jetzt bei Tage hinauswerfen? Probiere es doch einmal.«
»Bei Tage, im Lichte der Sonne, ist meine Macht beschränkt, da kannst Du mich ja nicht einmal von einem lebenden Menschen unterscheiden — aber bei Nacht, wenn ich hier mit meinen Frauen tanze, da sollst Du mich kennen lernen — —«
»So willst Du mich also durch Spuk schrecken? Nur zu, probiere es!«
»So sprichst Du jetzt. Aber Du sollst Schreckliches, Entsetzliches erleben, dass Dein langes Haar sich sträubt und Dir der kalte Todesschweiß ausbricht und Du mit schlotternden Knien fliehst, um diese verfluchten Mauern nie wieder zu betreten, und wenn Du dann noch — —«
Ein Schuss krachte.
Graf Tankred hatte sich die Sache unterdessen überlegt, er wollte den wahnsinnigen Schwätzer dort unschädlich machen, ihm zunächst einen Schuss in die Schulter beibringen, hatte dazu den Revolver gewählt, den er doch schneller heben konnte als die Büchse.
Unter dem Krachen zuckte der Mönch denn auch zusammen, dann aber schüttelte er nur hohnlachend die Knochenhand nach dem Grafen.
»Du, Du?!«, gellte es höhnisch. »Willst Du einen Geist schießen, hahahaha, einen wesenlosen Schatten?! Auf Wiedersehen heute Nacht! Da wirst Du mich in meiner eigentlichen Gestalt kennen lernen!«
Mit diesen Worten war er hinter die nächste Säule gesprungen, und gleich darauf sah Tankred ihn wieder wie ein Wiesel durch die weite Halle huschen, um irgendwo unterzutauchen, ohne dass er noch einmal zum Schusse gekommen wäre.
»O, Tankred, was soll nun mit mir werden?«, ächzte Chlorinde, bei welcher die Erkenntnis ihrer Lage jetzt doch wieder mit aller Macht zum Durchbruch kam.
»O, Sie will ich bald aus dieser dünnen Steinklammer befreit haben«, tröstete der Graf nach wie vor.
Aber er konnte seinem Troste nicht die befreiende Tat folgen lassen.
So dünn die Steinwand auch nur war, die sich von beiden Seiten her in rätselhafter Weise vorgeschoben hatte, er konnte sie doch nicht zertrümmern oder die Spalte sonst wie erweitern.
Ein Rütteln mit den Händen hatte gar keinen Zweck. An Werkzeugen standen ihm das Messer, der Revolver und das Gewehr zur Verfügung. Des Messers spottete der sehr harte Stein; mit dem Revolver war überhaupt nichts anzufangen, und als Tankred das Gewehr ansetzte, um es als Hebelstange zu verwenden, verbog er nur den Lauf, hatte so das ganze Gewehr unbrauchbar gewacht. Auch alles Stoßen und Hämmern nützte nichts.
Auch nicht ein einziges Splitterchen wollte abspringen.
»Was für ein Teufelsstein ist das nur?«, murmelte der Graf.
»Vielleicht ist es gar kein Stein, es hängt mit der ganzen Beschaffenheit dieses Klosters zusammen«, stöhnte Chlorinde.
Der Graf verstand, was sie nicht recht auszusprechen wagte.
»Sie meinen, da wäre Zauberei dabei? O, nein! Es ist eben nichts weiter als ein ganz besonders harter Stein, vielleicht schwarzer Granit. Doch ich will ihm schon beikommen.«
Aber der Graf konnte ihm eben nicht beikommen, er mochte versuchen, was er wollte.
»Nein, so geht es nicht«, musste er endlich eingestehen. »Ich brauche ein anderes Instrument, das ich besser ansetzen kann, entweder einen Meißel oder eine Zange — — hm, dort unten lag ja eine große Zange, das wäre etwas, ich werde sie holen — —«
»Aber da müssen Sie mich doch allein lassen, und wenn der Mönch wiederkommt — —«
»Ach so, verdammt, ja! Nein, allein lassen kann ich Sie nicht, das stimmt.«
Wieder arbeitete der Graf mit Revolver, Messer und Gewehr, obgleich er nun wusste, dass er hiermit nichts erreichte.
Aber was sollte er tun? Sich einfach hinstellen und die Hände in die Hosentaschen stecken?
Schließlich tat er das doch.
»Nein, Chlorinde, auf diese Weise geht das nicht.«
»Was soll nur aus mir werden?«, fragte sie jetzt schon etwas ruhiger als anfangs.
»Werden Sie nicht, wenn Sie nicht von selbst zurückkommen, von den Leuten Ihres Luftschiffes gesucht?«
»Ja, heute früh schon, wie ich bereits sagte.«
»Die Leute machen sich auf die Suche nach Ihnen?«
»Erst wird wohl die Camera nach mir eingestellt.«
»Hm, dasselbe wird wohl auch bei mir geschehen, wenn ich nicht bald zurückkomme.«
»Aber damit Sie gesehen werden, müssen Sie sich doch hinaus ins Freie begeben.«
»Anders ist es nicht möglich. In geschlossene Räume spiegelt die Camera nicht, so weit sind wir noch nicht, obwohl dieses Problem immer unsere Physiker beschäftigt.«
»Dazu müssen Sie mich verlassen — —«
»Und das tu ich nicht — kein Wort mehr hierüber!«
»So können wir nur auf Klingsors Hilfe rechnen.«
»Anders ist es nicht.«
»Er bleibt recht lange.«
»Ja, er könnte schon hier sein. Eine ganze Nacht ist vergangen und dazu noch der gestrige halbe Tag.«
»Er wird dem Grizzly zum Opfer gefallen sein.«
»Nein, der ist mit dem Bären ganz sicher fertig geworden. Aber vielleicht hat er unsere Luftschiffe nicht finden können. Er wird schon noch kommen.«
»In dem Schluchtenlabyrinth, in dem wir uns nicht zurückfinden, keine Spur hinterlassen konnten?«
»O, der wird schon unsere Spur zu verfolgen wissen, verlassen Sie sich darauf!«, tröstete wieder der Graf.
Chlorinde mochte es glauben; nun aber ward wieder ihr Stolz verletzt.
»O, dass er mich in solch einer hilflosen Lage finden, mich daraus befreien muss?«
»Ja, Königin, daran ist nun nichts zu ändern. Aber ist denn dabei etwa eine Demütigung?«
Die Unterhaltung wurde durch eine lange Pause unterbrochen.
Chlorinde war niedergekniet, hatte die Arme auf die niedrige Fensterbrüstung gelegt und den Oberkörper darauf. Es war die bequemste Stellung, die ihr möglich war, aber immer noch eine schreckliche Lage!
Unterdessen wanderte Graf Tankred auf und ab, nach dem Mönche spähend, den Revolver in der Hand.
So verging wohl eine halbe Stunde, für solch eine Situation eine Ewigkeit. Der Mönch hatte sich nicht wieder blicken lassen, und da auch der Graf schließlich seinen Spaziergang aufgegeben hatte, herrschte wieder Totenstille. Nur das Wasser rauschte leise unten in der Schlucht.
»Tankred, sind Sie noch da?«, flüsterte da Chlorinde.
»Selbstverständlich, ich werde mich Doch nicht entfernen.«
»Ist es denn nur wirklich Wahrheit, dass dort unter mir fünf weibliche Skelette zu den Fenstern herausblicken?«
»Es dürfte wohl Wahrheit sein.«
»Sie haben sie schon gesehen — — halt, blicken Sie durch kein Fenster! Stecken Sie Ihren Kopf durch kein Fenster!!«, fügte sie entsetzt hinzu.
Da aber sah sie schon an dem benachbarten Fenster des Grafen großen Kopf mit dem ledernen Sombrero zum Vorschein kommen.
Er hatte dabei nur die Vorsicht gebraucht, mit seinen beiden Händen die Steineinfassungen zu packen, sich mit gespreizten Ellbogen dagegen zu stemmen, um ein Zusammenschieben wenigstens so weit zu verhindern oder zu verlangsamen, dass er noch rechtzeitig den Kopf zurückziehen konnte.
»Weshalb soll ich nicht durch das Fenster blicken?«
»Wenn es sich zusammenschiebt! Wenn auch Sie gefangen sind!«
»Ich blickte schon vorhin hier durch dieses Fenster, und mir geschah nichts. Auf mich hat der Kerl es eben nicht abgesehen, ich existiere nicht für ihn, soll machen, dass ich wieder zum Kloster hinauskomme.«
»Ich weiß, dass Sie schon vorhin durch das Fenster blickten und Ihnen nichts geschah. Wenn es sich aber nun doch zusammenschiebt?«
»Ich bin auf meiner Hut, ja, das dort unten sind wirklich fünf weibliche Skelette, die sich zum Fenster herausbeugen.«
»So muss doch also auch an der Behauptung dieses Mönchs etwas Wahres sein.«
»Hm, man möchte es fast annehmen.«
»Der eine Totenschädel hat ein ganz altertümliches Barett auf, die Haarfrisur, so weit sie noch vorhanden, erinnert bei allen an mittelalterliche Zeiten, ebenso der Schmuck.«
»Ach, das hat der alles arrangieren können.«
»Arrangiert wie?«
»Nun, der Irrsinnige hat in diesem alten Kloster eben menschliche Skelette gefunden, auch weibliche, das ist doch sehr wohl möglich, auch solche, die aus alten Zeiten stammen. Oder über diesen grauenhaften Fund hat der Mann, der einmal hierher gekommen ist, erst den Verstand verloren, und da hat er sich in seiner Phantasie nun so einen Wahn zurechtgemacht, oder er hat früher einmal so eine Geschichte gehört oder gelesen — kurz, da hat er sich nun eingebildet, er sei ein Mönch, der frühere Prior dieses Klosters, der im Grabe keine Ruhe finde und spuken müsse, hat die fünf weiblichen Skelette in die Fenster gelehnt, wenn sie sich nicht schon dort befanden, das sind nun seine Frauen, mit denen er in der Nacht herumtanzt, und nun erwartet er immer weiteren Damenbesuch — — na, Sie verstehen schon, wie ich das meine, wie sich das ein Wahnsinniger so zurechtfabulieren kann.«
Chlorinde blieb die Antwort schuldig auf das, was sich der Graf da ja ganz geschickt ausgeklügelt hatte.
Wohl eine ganze Stunde verging, ohne dass die beiden wieder miteinander gesprochen hätten.
Am schrecklichsten mochte dieses Warten wohl für den Grafen sein, der nur hin und her spazieren konnte — noch schrecklicher als für die Gefangene trotz ihrer qualvollen Lage.
»O, das halte ich nicht mehr aus!«, brach der Graf denn endlich auch das lange Schweigen. »Chlorinde. können Sie es denn noch ertragen?«
Sie hatte sich wieder von den Knien erhoben.
»Wenn ich knie, kann ich mich ganz bequem ausruhen.«
»O, Chlorinde, sprechen Sie nicht so, sprechen Sie nicht so! Sie wissen, dass ich etwas ganz anderes meine!«
»Wir müssen eben warten, auf Klingsor hoffen. Aber Tankred — —«
»Was?«, fragte er, weil sie nicht gleich fortfuhr.
»Rauscht dort unten nicht Wasser?«
Ja, es war deutlich zu hören. Aber obgleich die Sonne unterdessen schon ziemlich hoch gestiegen war, genügte das Licht doch noch nicht, um in der Tiefe etwas Näheres erkennen zu lassen.
»Tankred, ich habe Durst.«
In einer Weise war es leise gesagt worden, die deutlich verriet, wie sehr sie schon von den Qualen des Durstes gepeinigt ward.
»Auch das noch!«, rief der Graf verzweifelt. »Ich habe schon immer daran gedacht, habe Sie fragen wollen, ob Sie Hunger und Durst hätten, habe es aber nicht gewagt.«
»Ja, mich quält schon lange der Durst, jetzt gestehe ich es.«
»Na, dem ist wohl abzuhelfen, dort unten fließt ja Wasser.«
Und schon hatte der Graf sein Lederkoller ausgezogen und ließ hinter
Chlorindes Rücken auch noch sein Hemd folgen, das aus dünnstem Leder bestand.
Das zerschnitt er mit dem Messer in schmale Streifen, die er zusammenband.
»So, das ergibt einen Riemen von mindestens zwanzig Meter Länge, der wird wohl reichen. Sonst weiß ich ihn auch noch zu verlängern.«
»Sie haben wohl etwas von Ihrer Kleidung zerschnitten?«, fragte Chlorinde erst jetzt, die bisher geschwiegen hatte.
»Mein Hemd, mit Respekt zu melden. Ein Seil oder etwas Ähnliches haben wir hier ja nirgends gesehen, und mit nochmaligem Suchen will ich mich nicht aufhalten, zumal ich Sie ja auch nicht verlassen darf. Bei mir habe ich keins. Also musste mein Hemd daran glauben. Nun muss mein Sombrero noch etwas präpariert werden.«
Er durchbohrte die breite Krempe an vier Stellen, befestigte kreuzweise vier besondere Lederstreifen daran, beschwerte den Hut mit einigen Patronen, seitwärts noch besonders, sodass der Hut in der Schwebe etwas schief hing. Sonst hätte er nicht Wasser geschöpft. Und der erfahrene Jäger brauchte da nicht lange zu experimentieren, er wusste schon, wie die Sache kommen würde.
In kaum zehn Minuten war alles geschehen. Sich wieder zum Nachbarfenster hinausbeugend, ließ der Graf den Hut hinab.
»Kaum fünfzehn Meter, und er hat schon das Wasser erreicht!«
Mit Wasser gefüllt, wurde der Hut wieder heraufgezogen.
»Erlauben Sie, dass ich erst probiere — — ah, ganz köstliches Wasser, rein schmeckend und kalt! So, die Wasserfrage wäre gelöst, verdursten werden wir nicht hier.«
Chlorinde beruhigte sich erst wieder, nachdem der Graf seinen Oberkörper und Kopf aus dem benachbarten Fenster zurückgezogen hatte. So lange hatte sie sich in der fürchterlichsten Spannung befunden, weil sie immer fürchtete, auch er könne doch noch festgeklemmt werden.
Nun war also Wasser vorhanden. Aber es heraufzuholen war fast einfacher gewesen, als es an ihre Lippen zu bringen; denn die Spalte, die ihren Hals umschloss, war eben kaum fünfzehn Zentimeter breit, und der mit Wasser gefüllte Hut aus ziemlich dickem Leder musste doch so weit zusammengepresst werden, dass er durch diese Spalte ging; dabei floss ja fast alles Wasser oben heraus.
Der Graf brachte den Hut nicht unter ihr durch, ihr Oberkörper war dabei zu sehr im Wege, er mochte es seitwärts versuchen oder sie mit beiden Armen umschlingen — — lieber probierte Chlorinde es mit eigenen Händen, und es gelang, wenn auch mit großem Wasserverluste.
»Danke! Habe Dank, mein lieber Tankred!«, ächzte sie, nachdem sie fast den letzten Tropfen von dem Leder aufgesaugt hatte.
Der Graf hatte plötzlich einen ganz roten Kopf bekommen.
»Noch einmal?«
»Wenn es Dir — — wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht?«
»Was soll da Mühe machen?«, lachte er ganz unwirsch, mit immer glühenderem Kopfe. »Ich habe doch nichts weiter zu tun, und überhaupt, wenn Sie solchen Durst haben — —«
Noch zweimal holte er durch das Nachbarfenster den Hut gefüllt herauf; das Durchbringen durch die Spalte ging immer besser, immer weniger Wasser ging dabei verloren, den dritten Hut voll konnte Chlorinde schon nicht mehr ganz leeren.
»Haben Sie schon einmal dem Verschmachtungstode ins Auge geschaut?«
Ja, Chlorinde erzählte den Fall, wie sie sich in einer australischen Wüste verirrt hatte. Dann berichtete der Graf, wie er sich sogar schon mehrmals in ähnlicher Lage befunden hatte. Daraus wurden Abenteuergeschichten, die sie einander erzählten, und so vergingen einige Stunden, während deren noch mehrmals Wasser geschöpft wurde.
Doch wieder erklang ein qualvolles Stöhnen von dort, wo die schwarzen Steinklammern den weißen Frauenhals umschlossen.
Die hallenden Männerschritte stockten.
»Haben Sie Durst, Chlorinde? Soll ich noch einmal schöpfen?«
»Nein, ich habe keinen Durst.«
»Hunger?«
»Noch weniger.«
»Sie haben seit gestern Abend nichts gegessen — —«
»Ich habe keinen Hunger. Übrigens befinden Sie sich doch genau in der gleichen Lage wie ich.«
»Reden Sie nicht, Chlorinde!«, erwiderte der Riese in seiner gutmütigbrüsken Weise. »Ich habe fast die ganze Nacht gegessen, ich habe Vorrat im Leibe, während Sie mit Ihrer Mahlzeit schnell fertig waren und auch nur wie eine Fliege genippt haben.«
»Ich bedarf wenig und kann lange fasten.«
»Ich auch, wenn's drauf ankommt. Um mich brauchen Sie sich keine Sorge zu machen.«
»Ja aber, Tankred, wenn Klingsor uns nun nicht zu Hilfe kommt?«
»Er wird schon noch kommen.«
»Ich glaube nicht; er hat uns treulos im Stiche gelassen.«
»Das hat Klingsor noch nie getan.«
»Sie müssen aber doch zugeben, dass er eigentlich schon längst hier sein könnte. Und wenn er nun nicht die Möglichkeit dazu hat? Wenn er doch nicht den Grizzlybären überwältigen konnte, noch immer auf dem Baume sitzt oder dem Tiere gar zum Opfer gefallen ist oder wenn er keins unserer Luftschiffe hat finden können?«
»Sie haben Recht, Chlorinde«, seufzte Tankred. »Klingsor ist schließlich auch nur ein Mensch, es kann ihm etwas zugestoßen sein. Oder er trifft erst ein, wenn wir richtig schon zu Skeletten ausgehungert sind, die nicht einmal mehr Leben in sich haben, findet uns tot vor. So lange dürfen wir natürlich nicht warten, da müssen wir uns vorher selber helfen.«
»Ja, aber wie, wie?!«
»Da ist guter Rat freilich teuer. Ich wollte schon Nahrung herbeischaffen — —«
»Von wo?«
»Durch Jagd. Hier wird es schon Wild geben, lassen Sie nur erst die Nacht herankommen. Aber ich darf Sie doch unmöglich allein lassen, kann mich auch nicht draußen zeigen, dass ich in der Camera obscura unserer Luftschiffe gesehen werde, die doch natürlich schon längst nach uns suchen.«
Der Graf kratzte sich überlegend in den Haaren, ohne einen guten Gedanken herauszukratzen.
»Wenn sich nur wenigstens der Mönch wieder einmal zeigte!«, klagte Chlorinde.
»Wozu?«
»Vielleicht könnten wir uns doch noch mit ihm auseinandersetzen.«
»O, wenn der sich wieder zeigt, da weiß ich, wie ich mich mit dem auseinandersetze! Chlorinde, Sie hätten doch nichts dagegen, wenn ich ihm eine zweite Kugel zuschicke, die diesmal besser sitzt, oder ihn etwas mit dem Messer kitzle, falls er sich nicht lebendig greifen lässt?«
»Sie wissen wohl am besten, Tankred, was Sie da zu tun haben«, entgegnete sie ausweichend.
»Wenn der unschädlich gemacht ist, nicht mehr hier herumspazieren kann, dann wäre uns ja schon bedeutend geholfen. Dann kann ich Sie allein lassen, mich draußen zeigen, auf die Jagd gehen, nach jener Höhle suchen.«
»Ich verstehe. Wir haben noch gar nicht daran gedacht, ihn einmal zu rufen.«
Tankred tat es, brüllte mit seiner Löwenstimme, lud den geheimnisvollen Mönch höflich und grob ein, zu erscheinen, er habe ihm etwas Wichtiges zu sagen, brauchte andere Listen — — alles vergebens, der Mönch erschien nicht, keine Antwort kam, kein höhnisches Lachen ertönte.
»Für die Nacht drohte er mit Spuk«, sagte dann wieder Chlorinde.
»Er mag nur kommen! Gut, so haben wir ihn wenigstens in der Nacht zu erwarten.«
»Hahahahahaha!!!«, gellte es da durch die nackten Räume.
»Da ist er!«
Aber nur seine Stimme hatte sich hören lassen, er selbst zeigte sich nicht.
»Kommst Du heute Nacht?«, rief Tankred.
Wieder kam keine Antwort, es verblieb bei jenem einzigen Lachen.
Schlimm genug — — er hatte seine Anwesenheit doch kundgegeben, man fühlte geradezu seine unheimliche Nähe.
Plötzlich ward es sehr dunkel.
»Was ist das?«, fragte Chlorinde zaghaft, und es war in ihrer Lage begreiflich.
»Nichts weiter, als dass die Sonne untergegangen ist.«
»Schon?!«
»Wenigstens ist sie für uns hinter den Bergen verschwunden, und das genügt, um diese Dämmerung zu erzeugen. Denn weiter ist es nichts, wir müssen uns nur erst daran gewöhnen.«
»Immerhin, dass es schon so spät ist, der ganze Tag vergangen.«
»Mir hat er lange genug gedauert«, knurrte der Graf.
Ja, an den Lichtwechsel gewöhnte sich das Auge, es war nach der großen Helligkeit, die erst geherrscht hatte, nur eine Dämmerung.
Aber mit rapider Schnelligkeit wich die Dämmerung wirklicher Dunkelheit, die Nacht brach an, bald befanden sich die beiden in völliger Finsternis.
»Tankred!«, erklang es leise in der herrschenden Todesstille.
»Hier bin ich!«
»Tritt näher, dass ich Dich fühlen kann! Gib mir Deine Hand.«
Der Graf fasste ihre Hand.
Wir machen es kurz: Hand in Hand standen die beiden die ganze Nacht hindurch.
Ohne dass irgend etwas passierte.
Keine gespenstischen Lichterscheinungen zeigten sich, keine Knochen rasselten, keine Kugel rollte, nichts polterte, auch kein Lachen des Mönchs erscholl.
Die ganze Nacht herrschte die friedlichste Stille.
Der Mönch hatte umsonst mit einem Spuk gedroht, durch den er den Begleiter von seinem Opfer verscheuchen wolle, er vermochte es nicht auszuführen oder tat dies irgendwo nur in seiner Einbildung.
Man hatte es eben mit einem Wahnsinnigen zu tun.
Aber gerade das genügte, die beiden die ganze Nacht hindurch in größter Erregung zu halten.
Mindestens galt dies für Chlorinde, die eben doch wohl nicht so ganz gespensterfest war.
Viel eher, als sie erwartet hatten, begann der Morgen zu grauen.
»Nichts ist es gewesen, ich habe es mir ja gleich gedacht«, meinte der Graf in seiner phlegmatischen Weise.
»Hahahaha, hihihihi!«, gellte und kicherte es da in der Nähe.
»Da ist er wieder!«
Diesmal ließ der Mönch sich nicht nur hören, sondern machte sich auch sichtbar. Drüben zwischen den Pfeilern tauchte die graue Kutte auf.
Zunächst aber machte der Totenkopf ein etwas verdutztes Gesicht.
»Was, Du bist immer noch da?!«
Der Graf hielt schon längst Chlorindes Winchesterbüchse bereit.
»Wie Du siehst!«
»Hast Du die feurigen Schlangen gesehen?«
»Wir haben sie gesehen«, übernahm Chlorinde die Antwort.
Also es war so, wie die beiden sich's gedacht hatten: Der Alte hatte den ganzen Spuk in seinem Wahne inszeniert.
»Du hast mich mit meinen fünf Frauen tanzen sehen?«
»Ja.«
»Hörtest Du ihre Knochen klappern?«
»Ich hörte es.«
»Und Du hast Dich nicht gefürchtet?«
»Doch! Schrecklich!«
»Und Du hast auch gesehen, wie ich dort unten meinem Grabe entstiegen bin?«
Dabei war der Mönch nahe an den ungeschützten Rand getreten, um direkt in die Schlucht hinabzudeuten. Der Graf hob unauffällig das entsicherte Gewehr.
Aber er sollte es nicht benutzen können, nicht nötig haben, den Unglücklichen zu töten, der Zufall kam ihm zu Hilfe, befreite sie von diesem Quälgeist.
»Wo?«, fragte Chlorinde zunächst, wohl mit wirklicher Neugier.
»Dort unten! Wie ich als Geist meinem Grabe entschwebte!«
Und der Mönch, die eine Hand nur leicht gegen eine der Säulen gelegt, beugte sich noch weiter vornüber, um noch nachdrücklicher in die Tiefe zu deuten oder um sein Grab oder sonst etwas sehen zu können, was sonst nicht so leicht möglich war.
»Wie sich dort unten das Grab öffnete, wie ich langsam emporschwebte und — —«
Ein gellender Schrei folgte.
Der Alte, der ja überhaupt sehr schwach auf den Füßen war, wenn er auch zeitweise wie ein Wiesel huschen konnte, hatte sich zu weit vornüber gebeugt und den Halt verloren oder ein Schwindelanfall hatte ihn gepackt, und anklammern konnte er sich nirgends — — er sauste kopfüber in die Tiefe.
Chlorinde sah ihn in der Finsternis, die dort unten noch herrschte, verschwinden. Ein heftiges Aufschlagen, und dann hörten die beiden wieder nur noch das Wasser rauschen und plätschern.
»Diesmal ist er nicht herauf, sondern hinabgeschwebt, und zwar mit äußerster Wucht«, musste der Graf zunächst trocken bemerken.
Chlorinde dagegen empfand dabei etwas anderes als Humor.
»Er ist hinabgestürzt!! Ob er tot ist?«
»Na, so gut bekommen, dass er einfach wieder aufstehen und davonlaufen kann, ist ihm der Sturz sicher nicht.«
Chlorinde rief mehrmals hinab: Keine Antwort kam.
»Nein, nein, der hat genug!«, sagte der Graf nochmals.
»Dann wären wir diesen unheimlichen Quälgeist los.«
»Das sind wir. Er selbst hat das Problem auf die anständigste Weise gelöst, ich brauche ihn nicht erst abzuschießen.«
So war es. Nun konnte ganz anders vorgegangen werden, nun durfte der Graf seine Begleiterin verlassen.
»In der Räuberhöhle gab es geeignetes Werkzeug genug, Meißel und dergleichen«, sagte er.
»Sie werden die Höhle nicht wiederfinden. Sie sagten es selbst.«
»Ich muss es versuchen.«
»Sie werden sich in dem Schluchtenlabyrinth verirren.«
»Nein, das werde ich nicht, dafür werde ich diesmal schon sorgen. Ich mache mir an jeder Ecke und Biegung ein Zeichen. Verlassen Sie sich nur darauf, ich komme schon wieder, ich bin Jägersmann genug, um mich zurückzufinden. Übrigens werde ich bei dieser Gelegenheit auch alles tun, um mich mit meinem Luftschiffe in Verbindung zu bringen, dass ich dort in der Camera gesehen werde oder von Ihrem Luftschiffe aus.«
Chlorinde war damit einverstanden, dass er sie verließ. Vielleicht eine Stunde war sie allein, vor dem Fenster auf den Knien liegend.
Als der Graf zurückkam, fand er sie in dieser Stellung — schlafend. Doch seine hallenden Schritte weckten sie.
»Bist Du es, Tankred?«, fragte sie jetzt wieder mit der vertraulichen Anrede, wie sie es schon in dieser Nacht in ihrer Todesangst getan hatte.
»Ich bin es. Ich habe die Räuberhöhle nicht wiederfinden können, ich muss es gestehen.«
»Und die Luftschiffe?«
»Ich habe mein Möglichstes getan, um mich bemerkbar zu machen, habe mich auffallend bewegt, bin auf einen freien Felsen geklettert, habe mein Lederkoller ausgezogen und geschwungen, habe ein Feuer angezündet und viel Qualm entwickelt, dann habe ich auf den hellen Stein des Plateaus mit Holzkohle geschrieben, dass wir die Hilfe der Luftschiffe erwarten. Mehr konnte ich nicht tun.«
»Und der Erfolg?«
»Den müssen wir eben noch abwarten.«
»Keine Spur von Klingsor?«
»Nein.«
»Um Gott, was soll daraus werden, wenn die Hilfe nun doch ausbleibt?«
»Das wäre gar nicht so schlimm.«
»Nicht?!«
»Wir können es ja aushalten.«
»Aushalten?!«
»Haben Sie nicht mein Gewehr zweimal krachen hören?«
»Nein.«
»Möglich, es werden mehrere Felswände dazwischen gewesen sein. Für unseren Lebensunterhalt ist gesorgt. Dort unten fließt Wasser und es gibt hier Wild genug. Ich habe einen Steinbock und einen Truthahn erlegt. Sind Sie hungrig?«
»Sehr, sehr!!«, erklang es mit einer Art von weinerlichem Jubel.
»Das konnte ich mir denken, dann geht es Ihnen gerade so wie mir«, gab der Graf lachend zurück. »An jenem Signalfeuer konnte ich noch nichts braten, da hatte ich die Beute noch nicht geschossen, das geschah erst auf dem Rückwege. Aber ich habe auch gleich Feuerholz mitgebracht, und dieser guten Stube wird es wohl nichts schaden, wenn darin ein Feuerchen angemacht wird.«
Hinter Chlorindes Rücken — sehen konnte sie ja von alledem nichts — wurden trockene Äste auf dem Boden niedergeworfen.
»Du Guter, Du hast an alles gedacht!«, sagte sie mit weicher, etwas zitternder Stimme.
»Na, da brauchen Sie mich nun nicht zu loben, das liegt doch auch ganz in meinem eigenen Interesse«, lachte er.
»Tankred!«
»Ja?«
»Ich brauche eine andere Anrede als Du. Du redest mich noch immer mit dem förmlichen Sie an.«
»Ja, wir waren schon früher einmal auf Du und Du.«
»So soll es auch wieder sein.«
»Wie Du willst, o, Königin«, war seine trotz der Titulatur wiederum nicht eben sehr galante Antwort.
»Tankred, ich habe Dir immer großes Unrecht getan, jetzt sehe ich es ein.«
»Ach papperlapapp«, erklang es, während das brechende Holz krachte.
»Bitte, Tankred, verzeihe mir!«
»Ich habe Dir nichts zu verzeihen«
Wie ich Dich immer behandelt habe!«
»Ich habe nichts gemerkt.«
»O, Tankred, was wäre hier aus mir ohne Dich geworden! Ich wäre doch rettungslos verloren gewesen.«
»Ja, natürlich, wenn Du ganz allein gewesen wärest.«
»Nein, auch wenn ich einen anderen Begleiter gehabt hätte.«
»Wieso denn? Der hätte eben dasselbe getan wie ich.«
»Nein, er hätte mich sicher meinem Schicksale überlassen.«
»I wo! Solch einen Schuft gibt es gar nicht auf der Erde.«
»Da Klingsor nicht kommt, habe ich allen Glauben an ihn verloren.«
»Ja freilich, das mit Klingsor ist sehr merkwürdig.«
»Tankred, verzeih mir! Gib mir Deine Hand! Eher bin ich nicht beruhigt.«
»Die kannst Du haben.«
Eine etwas schmutzige Hand wurde unter ihrem Busen durch die Spalte gesteckt, sie wurde gefasst und innig gedrückt.
Der Freundschaftsbund war geschlossen — wenn es nicht noch ein ganz anderer »Bund« war.
Es knisterte, Chlorinde roch und sah den Qualm, der durch die Fenster drang, hörte auch, wie der Graf hinter ihr arbeitete. Dann sah sie ihn durch ein anderes Fenster mit seinem Hute Wasser schöpfen.
»Willst Du trinken?«
»Bitte.«
Sie trank aus dem Sombrero.
»Schmeckt es nach Mönch?«
»Wonach?«
»Weil doch jetzt dort unten in dem Wasser voraussichtlich der Mönch liegt.«
Anstatt etwas wie Ekel zu empfinden, konnte sie schon wieder lachen.
»Ach, Tankred, was wäre ohne Dich aus mir geworden!«, sagte sie nochmals.
»Na, wegen dieser Braterei!«, lachte er.
Bald stieg in Chlorindes Nase auch ein appetitlicher Geruch nach gebratenem Fleische.
»Ach, das riecht ja köstlich!«
»Aber eine halbe Stunde musst Du Dich noch gedulden, so lange dauert es noch. Zum Glück bin ich mit Salz versehen. Was ist ein Braten ohne Salz!«
»Und was wird dann?«
»Wenn bis dahin unsere Leute noch nicht hier sind, so mache ich mich nochmals im Freien bemerkbar, mir wird schon noch etwas einfallen, wie ich mich bemerkbar machen kann, und dann, wenn nicht gleich ein Erfolg kommt, sehe ich mich weiter im Kloster um, besonders wo der Mönch seine Behausung gehabt hat. Vielleicht finde ich dort wenigstens einen Kochtopf, und dann mache ich mich wieder auf die Suche nach der Räuberhöhle. Einmal muss ich die doch finden, und dort gibt es ja Werkzeug genug, dass ich Deine Befreiung energisch in Angriff nehmen kann. Einem Hammer und einem guten Meißel kann dieser Stein nicht widerstehen, zumal ich dort auch einen Schleifstein gesehen habe, und sonst verstehe ich auch etwas von der edlen Schmiedekunst. So habe ich mir mein heutiges Tagewerk zurechtgelegt.«
»Du hast noch gar nicht geschlafen.«
»Du auch nicht.«
»Doch, vorhin, als Du fort warst, überwältigte mich einmal der Schlaf, und ich habe sogar sehr gut geschlafen, ich fühle mich gekräftigt. Du aber hast noch kein Auge zugetan. Ich schlief gestern noch, als Du schon wachtest.«
»O, ich brauche wenig Schlaf, wenn es sein muss, ich halte es auch noch eine Nacht aus. Von meinem heutigen Tagewerk lasse ich mich nicht abbringen.«
So plauderten die beiden, während der Graf hinter Chlorindes Rücken hantierte und es immer lockender nach gebratenem Fleische roch.
»So, der Hirschrücken ist schon fertig, ich habe ihn in ganz dünne Streifen geschnitten. Die Mahlzeit kann beginnen«
Die gebratenem Fleischstücke wurden in Chlorindes Hand gegeben und von ihr durch die Spalte zum Munde geführt.
..Vorsichtig! Es ist heiß!«
»O, es geht! Eine merkwürdige Esserei!«, lachte sie.
»Ist es genug gesalzen?«
»Gerade recht, es schmeckt delikat. O, Tankred, wenn ich Dich nicht hätte!«
»Und ich kein Salz. Ich habe einmal — — hei, wir bekommen Besuch!!«
»Besuch?! Wen?«
»Er ist schon da, schwänzelt um mich herum. Der Affenpinscher ist wieder da!«
»Woher kommt der?«
»Ich weiß es nicht. Er war plötzlich hier. Aber nicht etwa geisterhaft. Der Bratengeruch hat ihn angelockt. Das Vieh ist ganz verhungert.«
Auch an Chlorinde sprang der Hund einmal empor, blieb dann aber doch lieber bei Tankred, von dem er gefüttert wurde.
»Füttere ihn nicht so viel, lieber gar nicht«, ermahnte Chlorinde.
»Warum nicht?«
»Damit er Dich dann führen kann, vielleicht gar nach jener Höhle zurück. Er muss nur geschickt gefragt werden, und mit hungrigem Magen gehorcht ein Hund besser als gesättigt.«
»Du hast recht, Du denkst weiter als ich. Er hat noch nicht viel bekommen und nun mag er einstweilen hungern!«
Zunächst stillten die beiden ihren eigenen Appetit, der ganz beträchtlich war.
»Wo ist Dein Herr?«, begann dann der Graf den Hund zu fragen.
Chlorinde hörte das klägliche Winseln.
»Er vermisst schon seinen Herrn«, meinte sie. »Oder er winselt vor Hunger. Aber wahrhaftig, er will mich führen!«
»Folge ihm.«
»Also, Chlorinde, ich lasse Dich wieder allein.«
Seine Schritte entfernten sich.
Chlorinde schätzte die Zeit, bis sie ihn zurückkommen hörte, auf zwei Stunden.
»Gefunden, gefunden!«, jauchzte er schon von Weitem.
»Die Behausung des Mönchs?«
»Noch viel mehr! Ich habe die Räuberhöhle wiedergefunden, bringe gleich alles mit, was ich brauche!«
»Der Hund hat Dich hingeführt?«
»Direkt, ich brauchte nur immer zu fragen, wo sein Herr sei.«
»Wie war es dort?«
»Genau so, wie wir alles verlassen haben.
»Die zwei Räuber?«
»Noch keine Spur von ihnen zu bemerken. Aber der Hund hat mich hingeführt. Dann allerdings wollte er nicht zurück, ist dort geblieben. Aber diesmal hatte ich mir den Herweg durch Zeichen gemerkt.«
»Du hast nicht bemerkt, dass wir in der Camera von unseren Leuten entdeckt worden sind?«
»Nichts.«
»Von Klingsor?«
»Noch weniger. Doch den brauchen wir jetzt nicht mehr. Ich bringe Hammer und Meißel mit, auch einen Kochtopf, Kaffee und Zucker und alles, um uns das Leben so angenehm wie möglich zu machen; auch ein langes Brett.«
»Wozu das?«
»Das wirst Du gleich sehen.«
Erst setzte der Graf Wasser für den Kaffee an, dann sah Chlorinde ein wohl sieben Meter langes breites Brett aus dem benachbarten Fenster zum Vorschein kommen. Es wurde nach dem jenseitigen Felsengewölbe geschoben, diente als Brücke, über die sich der Graf hinüberbegab, nicht vorsichtig rutschend, sondern aufrechten Ganges.
»Um Gottes willen, sei vorsichtig!«, flehte Chlorinde, als er sich über der Mitte der Schlucht befand. »Wenn Du stürzt — —«
»Na, wenn ich nicht einmal auf solch einem breiten Seile tanzen könnte!«, gab der Graf sorglos lachend zurück.
Schon war er drüben, zog das Brett nach und schob es dann wieder gegen das Fenster, in dem die Gefangene stak, wo es noch genügenden Halt fand.
»So, nun sehe ich doch wieder einmal Dein Gesicht, und von dieser Seite aus lässt sich doch viel besser arbeiten als von da drin, wo ich mich immer über Dich biegen muss. Daran habe ich gleich gedacht. Deshalb brachte ich das Brett mit.«
Er balancierte über die Schlucht, setzte den starken Meißel an und schwang den Hammer, dass die Funken spritzten.
»Er zieht! Dem Meißel hält der Stein nicht stand, er splittert!!«, frohlockte er.
Ja, Splitterchen brachte er ab, aber auch nichts weiter. Und doch, es genügte, die Befreiung der Eingeschlossenen lag nicht mehr in endloser Ferne oder blieb dem Zufall überlassen — —
»Ein ganz merkwürdiger Stein, härter als der härteste Granit, fast wie Feuerstein«, knurrte er. »Ich habe gehört, Klingsor hätte so eine Erfindung, Elektrodenmesser heißt das Ding wohl, das durchschneidet jeden Stein wie Butter, das könnten wir hier brauchen. Wenn Klingsor — —«
»Bitte, sprich nicht mehr von jenem Manne!«, wurde er unterbrochen. »Ich möchte jubeln, dass Du mich aus eigener Kraft befreien kannst, verdirb mir die schöne Stimmung nicht.«
Der Graf schwang den Hammer mit Macht; aber langsam ging es, ganz, ganz langsam.
Bald wurde der Meißel stumpf, und der zweite, den der Graf schon mitgebracht hatte, brach gleich nach den ersten Schlägen ab.
Er rannte zurück nach der Höhle, holte neue Meißel und lief immer wieder nach der Höhle, um die stumpfgewordenen zu schleifen. die abgebrochenen wieder aufzuschmieden.
So verging der ganze Tag. Dazwischen musste doch auch gegessen werden, meist aufgewärmte Konserven, und der Graf wartete das sonst so stolze Weib wie ein kleines Kind, was es sich wohl gefallen lassen musste.
»O, Tankred, Tankred!«
»Na, was denn?«, fragte er dann. »Bist Du noch nie in einer ähnlichen Lage gewesen?«
»Noch nie.«
»Das wundert mich — Du als Jägerin und Kriegerin!«
Die Nacht brach an. Wohl war die Öffnung schon ziemlich erweitert worden, aber den Kopf zurückziehen konnte Chlorinde noch längst nicht.
Sie schliefen, Chlorinde immer wieder in kniender Stellung, aber eingehüllt in Decken, die der Graf aus der Höhle besorgt hatte.
Der Hund war von dort wieder verschwunden, zeigte sich nicht, so wenig wie Klingsor oder ein anderer Mensch; von den Luftschiffen war kein Signal gekommen.
Noch ehe der Morgen graute, hämmerte der Graf schon wieder im Scheine der Lampe. Denn die Stunde der Befreiung rückte immer näher, und es war begreiflich, dass die Gefangene sie kaum erwarten konnte.
Es mochte bald Mittag sein, als die große Tat endlich geschah: Chlorinde konnte ihren Kopf aus der Spalte herausziehen.
Die letzten befreienden Schläge hatte der Graf von innen geführt, auf ihrer Seite stehend, und das Erste war, dass das sonst so stolze Weib in seine Arme sank.
Und nicht nur das, ihre Lippen suchten seinen bärtigen Mund, und da hielt der Hüne mit seinem Gegenkusse nicht zurück, wobei sein großer Kopf wie Feuer glühte.
»O, Tankred, wie habe ich Dich immer verkannt!«
»Hm, ja, das hast Du wohl.«
»Nun aber sind wir für immer vereint.«
»Meinst Du, Chlorinde? Ja, ich habe Dich immer geliebt.«
»Ich auch Dich einmal. Und jetzt habe ich Dich wiedergefunden.«
»Was wird Klingsor — —«
»Sprich nicht von ihm! Oder doch! Wir werden nun vereint gegen ihn kämpfen.«
Zunächst aber küssten sie sich noch einmal.
Sie ahnten nicht, dass sie beobachtet wurden.
In der engen Tür, die zu diesem Raume führte, stand Loke Klingsor. Nicht mehr im schwarzen Frackanzug, sondern jetzt in einem braunen, abstrapazierten Jagdkostüm.
Die Arme über der Brust verschränkt, beobachtete er mit einem wahrhaft teuflischen Lächeln diese Liebesszene, mehrmals zufrieden nickend.
Dann zog er sich leise zurück, kehrte um, trat mit den derben Sohlen seiner hohen Jagdstiefel fest auf, räusperte sich.
Die beiden hörten die Schritte und das Räuspern, sie fuhren noch rechtzeitig auseinander.
»Klingsor!!«
Es war eben kein herzlicher Empfang.
»Na endlich gefunden! Ich komme etwas spät, wie?«
»Wo bist Du so lange gewesen?«
»Ich konnte nicht eher kommen, ich war in Gefangenschaft.«
»In Gefangenschaft?!«
»In der des Scheichs der Ibaditen. Er hatte erfahren, dass wir drei uns hier zur Bärenjagd treffen wollten, und was für einen Grund der hat, sich unserer zu bemächtigen, wisst Ihr ja. Die alte Feindschaft, der Hass, die große Sorge, weil wir etwas von ihm wissen, was ihm den Hals kosten würde.
So ließ er sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen, uns in seine Gewalt zu bekommen. Er hatte mit einem Luftschiff eine genügende Macht hierher geschickt, die Leute lagen in einem Hinterhalt.
Ich habe den Grizzlybären, wie ich sagte, mit Feuer verscheucht und ihn dann mit Deinem langen Messer, Tankred, getötet.
Nachdem ich diesen Gegner erledigt hatte und nun nach Euren Luftschiffen Umschau halten wollte, lief ich direkt in die von jenen Männern gestellte Falle, worüber Ihr Euch wohl nicht weiter wundern werdet. Ich bin auch nur ein Mensch.
Ich wurde überwältigt und nach Zipangu gebracht, wahrscheinlich um Zeit meines Lebens gefangen gehalten zu werden.
So lange aber wartete ich nicht. Nur einen Tag und eine Nacht hat man mich festhalten können. Dann gelang mir die Flucht.
Natürlich eilte ich sofort hierher, um Euch zu Hilfe zu kommen. Ich glaubte, Ihr wäret noch in der verschütteten Höhle eingeschlossen, dem Hungertode ausgesetzt.
Als ich aber diese Gegend in die Camera nahm, sah ich Dich, Tankred, in einer Nebenschlucht herumspazieren.
Natürlich hielt ich mich nicht erst damit auf, die verschüttete Höhle wieder zu öffnen, sondern verließ mein Luftschiff gleich in dieser Schlucht.
Dann wurde weiter beobachtet, wie Du mehrmals in einer Felsenwand verschwandest und aus ihr wieder herauskamst, die außen die Fassade eines alten spanischen Klosters zeigte.
Ich also sofort in diese Felsenbehausung hinein, die Treppe herauf, brauchte nicht lange zu suchen, habe Euch gefunden.«
So hatte Klingsor berichtet.
Der Wahrheit gemäß?
Dass er den Grizzlybären durch Feuer vertrieben und dann mit des Grafen Jagdmesser erlegt hatte, das stimmte ja, und so würde er wohl auch alles andere »stimmend gemacht« haben.
Und was die beiden nicht zu erfahren brauchten, das verschwieg er eben.
Jedenfalls würde dieser Mann mit den Teufelsaugen wohl nicht so leicht einer Unwahrheit zu überführen sein, dafür hatte er sicher gesorgt.
»Und wie ist es Euch nun unterdessen gegangen? Na, verhungert seid Ihr ja nicht, wie ich hier an diesem Feuerplatze sehe. Also Ihr seid aus der verschütteten Höhle herausgekommen, die auf der anderen Seite einen Ausgang hat. Das kann ich mir zusammenreimen. Nun möchte ich aber noch Näheres erfahren.«
Die beiden hatten einander wiederholt angesehen, und dann berichteten sie abwechselnd. Sie verschwiegen nichts.
»Das klingt ja fabelhaft!«, rief Klingsor. »Ja, was für eine merkwürdige Einrichtung ist denn das hier? Was ist das für ein Mönch oder sonstiger Mensch, der hier haust?«
Was wussten die beiden? Der Wahnsinnige lag dort unten, sicher mit zerschmetterten Gliedern, wenn das Wasser ihn nicht schon fortgespült hatte.
»Das werde ich natürlich näher untersuchen. Zunächst aber bringe ich Euch nach Euren Luftschiffen.«
Ja, danach hatten die beiden jetzt die größte Sehnsucht.
»Sie liegen noch immer an ihrer alten Stelle?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe sie noch gar nicht aufgesucht, bin noch nicht dazu gekommen. Aber ich vermute es. Doch mein Luftschiff müsst Ihr dazu benutzen. Das ist hier eine ganz isolierte Felsengegend, von hohen Wänden eingefasst, es gibt sonst keinen Ein- und Ausgang.«
»Der muss aber doch vorhanden sein. Wie ist denn sonst der Irrsinnige hier hereingekommen, wie die fünf Weiber, deren Skelette doch auch einmal lebenden Menschen angehört haben. Und spanische Mönche haben doch hier gehaust.«
»Gewiss muss ein solcher Eingang vorhanden sein. Aber ich habe ihn noch nicht gefunden und will mich mit Suchen jetzt nicht aufhalten. Übrigens ist doch auch jene Höhle schon solch ein Zugang, und dann habt Ihr die zwei Banditen vergessen, von denen Ihr mir berichtet habt. Das alles wird sich schon noch klären. Jetzt aber könnt Ihr nur mein Luftschiff benutzen, um von hier fortzukommen.«
»Kannst Du nicht den unsrigen signalisieren, dass sie hierher kommen?«
»Signalisieren? Womit? Das ist doch auf diesem neutralen Gebiet nicht erlaubt. Na, wollt Ihr mich nun begleiten? Ich habe nämlich etwas Dringendes vor, zudem aus meiner Hochzeitsfeierlichkeit nichts geworden ist.«
Die beiden schlossen sich ihm an. Was sollten sie anderes tun.
Nachdem sie das Freie erreicht hatten, ging es an einer Felswand entlang, bis sie einen freien Platz erreichten.
Zu bemerken war dort nichts Besonderes, als höchstens, dass ein ziemlich in der Mitte stehender Busch ganz zu Boden gedrückt war — als hätte noch vor Kurzem eine schwere Last darauf geruht.
»Hier liegt mein Luftschiff.«
Es war den beiden Skaldenmitgliedern natürlich nichts Wunderbares, und auch nicht, dass vor ihnen in freier Luft plötzlich der Rahmen einer Tür zu sehen war, durch die sie in einen luxuriös eingerichteten Raum blickten.
Sie traten ein, hinter ihnen schloss sich die Tür, und sie befanden sich eben in einem Luftschiffe, das von außen für jedes Auge unsichtbar war.
»So! Seid mir als meine Gäste willkommen! Es dauert einige Minuten, ehe wir uns erheben können, vielleicht auch eine halbe Stunde, es ist beim Landen eine kleine Havarie vorgekommen, aber nicht von Bedeutung. In einer halben Stunde seid Ihr bestimmt drüben auf der anderen Seite, könnt dann Eure eigenen Luftschiffe aufsuchen, und falls die fort sein sollten, was aber doch wohl nicht zu erwarten ist, stehe ich Euch natürlich weiter zur Verfügung. Unterdessen leistet Ihr mir wohl bei der Mittagstafel Gesellschaft. Oder habt Ihr schon gespeist?«
Nein, das hatten die beiden noch nicht, heute noch nicht einmal gefrühstückt. Es hatte sich um die letzte Befreiungsarbeit gehandelt.
Es ging in einen anderen Raum, wo die Tafel gedeckt war.
Die Unterhaltung drehte sich natürlich immer um die erlebten Abenteuer. Wenigstens mussten Chlorinde und Tankred die ihren erzählen, alles, was sie ausgestanden hatten. Klingsor sorgte schon dafür, dass er selbst nicht viel zu sprechen brauchte. Das hob er sich für später auf.
Merkwürdig war dabei, dass die beiden ihm jetzt nichts nachtrugen und dass Chlorinde gar nichts von dem Säbelduell erwähnte. Oder auch nicht so merkwürdig. Jetzt waren die Gedanken aller eben mit ganz anderem beschäftigt.
Kurz, die drei unterhielten sich ganz gemütlich, als wären sie die besten Freunde — die sie ja im Grunde genommen auch waren — jedenfalls aber wurden die alten Sachen nicht wieder aufgerührt; das schien jeder ängstlich zu vermeiden, und da sie keine Uhr besaßen, keine solche zu sehen war, Klingsor auch nicht nach der Uhrzeit gefragt wurde, so ahnten die beiden nicht, dass, als der Kaffee serviert wurde, schon zwei Stunden vergangen waren.
»Ja, wie ist das eigentlich? Fahren wir noch nicht bald ab?«, fragte endlich doch Chlorinde.
»Wir sind bereits in die Höhe gestiegen, müssen uns schon über den Felswänden befinden, die uns von jener — — nein, da sind wir ja schon!«
Dass sie von dem Aufstieg und der Landung nichts bemerkt hatten, darüber wunderten sich die beiden nicht.
Sie besaßen ja ebensolche Luftschiffe.
»Nun, da müssen wir uns wohl vorläufig trennen.«
Sie standen auf, eine Tür öffnete sich, sie befanden sich im Freien, auf einem Plateau, aber immer noch zwischen Felswänden.
»Wo sind wir hier?«
»An der alten Stelle, jenseits der Felswände. Erkennt Ihr denn die Gegend nicht wieder?«
»Ach richtig! — — Nun finde ich mich wieder zurecht — — dort drüben ist die Bärenschlucht, dort muss mein Luftschiff liegen«, sagte Chlorinde, sich umsehend.
»Und wenn es nun nicht mehr da liegt?«
»Wie soll es sich ohne mich entfernt haben!«
»Gesetzt aber den Fall — —«
»Ja, was dann?«
»Ich bleibe hier, stehe Euch natürlich zur Verfügung.«
»Schön!«
»Und was wird nun aus den Bären, von denen wenigstens noch das Weibchen und die vier Jungen vorhanden sind?«, fragte Tankred, jetzt zum ersten Male dieses Thema anschneidend.
»Nun, wir können die unterbrochene Bärenjagd ja wieder aufnehmen«, entgegnete lächelnd Klingsor. »Nur um eine einzige Stunde Geduld bitte ich, ich habe etwas ganz Wichtiges vor. Willst Du nicht so lange warten, dann muss ich freilich verzichten.«
»Und ich verzichte erst recht von vornherein.«
»Du willst die Bären nicht erlegen oder fangen?«
»Nein, ich danke für die Bärenjagd!«
»Für immer?«
»Das will ich nicht gerade sagen. Durchaus nicht! Gegenwärtig aber habe ich keine Lust dazu. Jetzt sehne ich mich nach einem guten Bett. Es war verdammt hart auf den kalten Steinfließen.«
»So überlässt Du auch die anderen Bären mir?«
»Meinetwegen amüsiere Du Dich mit ihnen. Es werden sich schon noch andere finden, wenn der Geschmack nach Bärenjagd bei mir wiederkommt.«
»Danke, mein lieber Tankred!«
Klingsor, wieder sehr ernst geworden, hielt seine Hand Chlorinde zum Abschied hin, welche die ihre flüchtig hineinlegte.
»Und wie steht es nun mit uns beiden, Königin?«
»So wie zuvor.«
»Unser Zweikampf?«
»Darüber sprechen wir später!«, entgegnete sie hastig, sich schon zum Gehen wendend. »Auf dem Kampfplatze vor den Mauern von Thule ist ja noch Zeit und Platz genug.«
»Dort weichst Du mir immer aus.«
»Ich werde es nicht mehr tun. Oder hebst Du die Belagerung etwa auf?«
»Ich denke nicht daran, es sei denn, Du übergibst mir Deine Festung freiwillig?«
»Ich? Ich? Hahahahaha!!«
»Dann also auf Wiedersehen vor Thule!«
»Auf Wiedersehen!«
Die beiden entfernten sich mit weiten Schritten, lächelnd blickte der Mann mit den Teufelsaugen ihnen nach.
»So ist es recht, so ist es recht!«, nickte er zufrieden, trat zurück und — — war plötzlich spurlos verschwunden. Eben im Innern seines unsichtbaren Luftschiffes.
Nach Benutzung eines Fahrstuhles betrat er ein prunkvolles Gemach, in dem sich schon zwei Männer befanden.
Der eine war ein schon älterer Herr im eleganten Straßenanzuge, sonst nicht weiter bemerkenswert, eine auffallende Erscheinung dagegen war der andere, ein sicher noch sehr junger Mann: auffallend einmal durch seine bunte, silber- und goldstrotzende mexikanische Nationaltracht, dann durch seine außerordentliche Magerkeit, und schließlich durch seine erschreckende Hässlichkeit, wenn diese vielleicht auch nur darin bestand, dass er durch einen Unglücksfall seine Nase verloren hatte.
Die beiden Herren hatten gesessen, aber beim Eintritt Klingsors stand wenigstens der Mexikaner sofort respektvoll auf.
»Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen!«, wurde er freundlichst angeredet. »Nur keine Umstände! Also, mein lieber Fernandez, alias Bruder Hermanos, Sie haben Ihre Sache ganz vorzüglich gemacht, ich bin mit Ihnen sehr zufrieden.«
Wie? Bruder Hermanos?!
Das sollte doch nicht etwa der alte wahnsinnige Mönch sein, der dort in dem Kloster gespukt hatte?
Dieser junge Fant hier?
Und doch, er war es!
Es war ja auch alles dazu vorhanden: die skelettartige Magerkeit, der Totenschädel mit der fehlenden Nase, die darin glühenden Augen.
Und wegen des Alters brauchte man mit Schminke nur einige Linien zu ziehen, so war auch das geschehen. Oder das war vielleicht gar nicht einmal nötig. Schon eine Perücke mit weißen Haarsträhnen tat es.
Der Mexikaner hatte sich tief verneigt.
»Ich hoffe, der Sturz hat Ihnen nichts geschadet, Señor?«, fuhr Klingsor fort.
»Durchaus nichts, Maestro, die Matratze, auf die ich programmmäßig fiel, war ausgezeichnet gefedert«, lächelte der junge Geck, wobei man sah, dass er auch keinen einzigen Zahn im Munde hatte.
»Nun, wir sprechen uns dann noch. Sie scheinen gehen zu wollen.«
»Wenn ich bitten darf, Maestro, mich zu entlassen.«
»Ja, ja, ich weiß schon, was Sie treibt — die Jokonda wartet auf Sie«, lächelte auch Klingsor. »So beeilen Sie sich.«
Aber der junge Totenschädel zögerte noch.
»Wünschen Sie noch etwas?«
»Ich darf doch hoffen, dass ich mir meine Belohnung verdient habe?«
»Selbstverständlich! Ich sagte Ihnen, dass ich durchaus zufrieden bin. Was ich versprochen habe, wird natürlich erfüllt. Innerhalb einer Woche gleichen Sie einem Adonis.«
Glückstrahlend, so weit das ein Totenschädel ohne Nase sein kann, entfernte sich der Mexikaner.
»Ja, innerhalb einer Woche soll der eitle Narr fett wie ein Mastschwein sein«, wandte sich Klingsor lachend an den anderen Herrn, der also sitzen geblieben war, aber doch auch eine respektvolle Haltung angenommen hatte, »und eine künstliche Nase und ein Gebiss soll er nun auch tragen dürfen.«
»Weshalb durfte er das bisher nicht?«
»Das ist doch der Mexikaner, der gegen uns einmal den Verrat beging, allerdings einen sehr verzeihlichen — ein schönes Weib hatte ihn dazu verführt, dem auch ein sehr charaktervoller Mann sicher zum Opfer gefallen wäre. Übrigens hatte nur er den Schaden davon. Der Verrat glückte ihm nicht, und er selbst tat dabei, als er unsere geheime Versammlung belauschen wollte, einen tiefen Sturz, wobei er seine Nase und sämtliche Zähne einbüßte. Kennen Sie die Sache nicht, Mr. Hampton?«
»Ja, ich entsinne mich — ach so, das ist der! Weshalb aber ist er so schrecklich mager?«
»Dies ist ihm angeboren. Indem ich damals also stark mildernde Umstände annahm, diktierte ich ihm als einzige Strafe zu, dass er fernerhin ohne Nase und Zähne herumlaufen müsse, was dem über alle Maßen eitlen Burschen, der jeder Mädchenschürze nachläuft, freilich schwer genug ankam. Das ist ein Jahr her. Nun, nachdem er mir diesen Dienst erwiesen, seine Sache als wahnsinniger Mönch tadellos gemacht hat, sei ihm die Strafe erlassen. Er soll eine künstliche Nase und ein Gebiss bekommen, und kugelrund will ich ihn noch überdies machen, weil er nun einmal Fleisch und sogar Fett auf seine Knochen wünscht. — — Also, Mr. Hampton, in einiges hatte ich Sie vorhin schon eingeweiht. Sie wollten ja Näheres über diese abenteuerliche Geschichte erfahren. Hat Ihnen Fernandez vielleicht ausführlich erzählt?«
»Sehr wenig!«, entgegnete der andere.
»Weshalb wir drei hier zusammenkamen, wissen Sie doch.«
»Um Bären zu jagen! Und dann wollten Sie mit der Königin von Thule einen Kampf auf Säbel ausfechten.«
»Jawohl. Und dass ich mit beidem nicht einverstanden war, wissen Sie auch schon. Die sechs Grizzlybären, die alten wie die jungen, wollte ich für mich haben, und von dem verrückten Weibe wollte ich mich nicht töten lassen, so wenig mir daran gelegen ist, sie auch nur blutig zu ritzen oder sie sonst zu demütigen, was nicht hätte ausbleiben können.
Also ich arrangierte die Sache von vornherein. Das habe ich Ihnen doch schon erzählt. Ich brauche nur zu wiederholen: Mein riesenhafter Enak, der schon öfters die Rolle eines Bären gespielt hat, sollte dies auch diesmal tun, als Grizzlybär auftreten und uns auf die Araukanafichte jagen. Dafür, dass die beiden anderen gleich mir keine Waffen bei sich hatten, wusste ich schon zu sorgen. Graf Tankred kam mir darin zufällig sehr entgegen, indem er ganz von selbst alle seine Waffen ablegte, und außerdem, falls doch nicht alles so klappte, war der menschliche Bär mit einem Nihilitpelz gepanzert. Da konnte er schon etwas aushalten. Selbst eine Kugel in den Rachen oder gar ins Auge hätte er ohne Schaden vertragen.
Vorher nun hatte ich dort oben über der Fichte in dem Felsen einen Ausgang geschaffen, hatte mit dem Elektrodenapparat einen Gang graben lassen.
Dabei stießen wir zufällig auf eine wirkliche Höhle, die sich im Innern des Felsens befand, also ohne Eingang, eine ehemalige Gasblase aus vulkanischer Zeit, als dieses Gebirge entstand. Hier mussten wir Stufen schaffen. Dann wurde der Gang fortgegraben, immer enger werdend, bis wir ihn schließlich auf der anderen Seite ins Freie münden ließen.
Das heißt, nicht schon für die beiden, die ihn durchkriechen mussten, nachdem ich vorn den Zugang verschüttet hatte, was eben alles arrangiert wurde.
Vor diesen Ausgang legte sich mein Luftschiff. Mit einem Raume, der als Felsenhöhle eingerichtet war, ausstaffiert als Räubernest, in dem die Beute zusammengetragen worden war.
Dann noch eine Klappe! Sie schloss sich, und die beiden waren gefangen — in meinen Luftschiff!
Dieses erhob sich und entführte die beiden nach Mexiko. Dort im Gebirge liegt auf meinem Gebiete ein altes Kloster, in dem ehemals spanische Mönche gehaust haben. Ich benutze es manchmal für Spukzwecke, um einen, der durchaus nicht an Geister glauben will, mit seiner Gespensterfestigkeit prahlt, das Gruseln beizubringen, dass sich ihm die Haare sträuben. Dazu sind dort drin alle Einrichtungen vorhanden.
Die beiden hatten einige Stunden geschlafen, ich hatte nicht nötig gehabt, sie künstlich in Schlaf zu versetzen. Von hier bis nach jener mexikanischen Gebirgsgegend sind es ja nur dreihundert geografische Meilen, die ich, wie Sie wissen, mit meinem Luftschiffe ganz bequem in zwei Stunden zurücklege. Was mir freilich kein andere Skalde nachmachen kann.
Als auch Chlorinde, die länger geschlafen hatte, erwacht war, schickte ich den beiden als Befreier einen abgerichteten Hund zu, der ihnen den Ausgang zeigte, den sie vorher vergebens gesucht hatten. Und natürlich auch niemals gefunden hätten, solange ich nicht wollte.
Dieser Hund führte sie auch nach meinem Kloster. Die Gegend dort gleicht ganz der hiesigen Pflanzenwelt und die Tierwelt ist ganz dieselbe. Da die beiden Punkte fast auf demselben Längengrade liegen, kam auch kein Zeitunterschied, das heißt kein Unterschied im Stande der Sonne, in Betracht.
Übrigens waren die beiden vollständig aus der Zeit gekommen, nicht nur durch ihr Schlafen irrten sich vollkommen. Ich habe sie doch immer belauscht oder belauschen und beobachten lassen.
Es war am frühen Morgen, bei Tagesgrauen, als die beiden die vermeintliche Höhle, also mein Luftschiff, verließen und unter der Führung des Hundes durch ein Labyrinth von Schluchten nach dem Kloster wanderten. Sie hatten keine Ahnung dass sie sich anderswo als im MontanaGebirge befanden, waren fest überzeugt, von jener Bärenschlucht nur durch eine dicke Felswand getrennt zu sein.
Alles übrige, Mr. Hampton, habe ich Ihnen ja schon erzählt.
Fernandez spielte die Rolle eines Wahnsinnigen, der sich für einen Mönch hielt, der vor vierhundert Jahren in diesem Kloster gehaust habe, im Grabe keine Ruhe fände. Er phantasierte etwas von Weibern, die ihn manchmal besuchten, veranlasste Chlorinde, den Kopf durch eine Fensteröffnung zu stecken — — der Mechanismus funktionierte, sie war gefangen.
Der Mönch wurde wieder beseitigt, musste in den Abgrund stürzen, damit Graf Tankred in Aktion treten konnte.
Das hat er denn auch getan. Das stolze Weib musste sich von ihm wie ein Kind warten lassen.
Einen Spuk habe ich nicht arrangiert, habe den Irrsinnigen nur damit drohen lassen. Unten aus den Fenstern schauten einige weibliche Skelette, weiter nichts.
Wenn nämlich Spukerscheinungen dazwischengekommen wären, so hätten die beiden leicht auf den Gedanken geraten können, dass ich meine Hand im Spiele hätte. Weil ich es nun einmal liebe, Menschen derart zu foppen.
Also lieber nicht. Chlorinde brach schon bei dem Gedanken, in der Nacht könne der angekündigte Spuk wirklich eintreten, fast zusammen, sie ist eben nicht ganz geisterfest, und das genügte.
Einen ganzen Tag und eine Nacht habe ich sie zappeln lassen. Dann schickte ich wieder den Hund, der den Grafen nach meinem Luftschiffe, also nach seiner vermeintlichen Räuberhöhle zurückführte, wo er geeignetes Werkzeug holte, um Chlorinde befreien zu können.
Aber noch einen ganzen Tag und eine ganze Nacht nahm diese Befreiung in Anspruch, auch noch den nächsten halben Tag, also heute den Morgen, hatte der Graf zu hämmern, ehe die Königin von ihrer steinernen Klammer erlöst war.
Dann erschien ich auf dem Plane. Nicht früher und nicht später. Wegen meines langen Ausbleibens hatte ich ja eine gute Ausrede. Ich hatte mich unterdessen in Gefangenschaft des Scheichs der Ibaditen befunden. Und das ist, wie ich Ihnen schon früher berichtete, eine Tatsache.
Nur ich ließ mich festnehmen. Natürlich nicht länger, als ich wollte. Zur richtigen Zeit war ich hier an Ort und Stelle.
Der einzige, ganz merkwürdige Zufall bei der ganzen Sache bestand darin, dass ein wirklicher Grizzlybär uns auf die Araukanafichte trieb, während mein Enak in eine Klemme geraten war.
Na, dann habe ich das Biest eben zur Strecke gebracht. Und das Weibchen und die vier Jungen habe ich unterdessen auch schon gefangen; es war ein Heidenvergnügen — — Sie sind bereits unterwegs nach meinem Mammutpark.
Mehr habe ich wohl kaum zu berichten, nun wissen Sie alles.«
Und der Mann mit den Teufelsaugen rieb sich einmal vergnügt die Hände.
Immer wieder hatte Mr. Hampton den Kopf geschüttelt.
»Wie sind denn die beiden aber nun wieder von Mexiko nach dem Montanagebirge gekommen?«, fragte er dann.
»Na, einfach mit diesem Luftschiff hier, mit dem auch Sie hergekommen sind.«
»Und sie haben nichts von der ganzen Fahrt gemerkt?«
»Wie sollen sie? Ich sagte, das Luftschiff hätte eine kleine Havarie gehabt, es würde eine halbe Stunde währen, ehe es aufsteigen könne, um über die Felswand zu gehen, einen anderen Weg wisse ich nicht. Unterdessen wurde gefrühstückt, aus der halben Stunde wusste ich zwei ganze zu machen, ohne dass sie es merkten — — na, und dann habe ich sie hier aussteigen lassen.«
Immer wieder hatte der andere den Kopf geschüttelt.
»Unerhört, unerhört!«
»Was wundern Sie sich eigentlich?«
»Von Montana nach Mexiko — von Mexiko nach Montana — dreihundert geografische Meilen — ohne dass jemand etwas davon merkt!«
»Ach, wenn es weiter nichts ist! — Da habe ich doch noch ganz andere Täuschungen betreffs Zeit und Raum fertiggebracht!«
»Ja, und wozu dies eigentlich nun alles?«
»Der Hauptgrund zu all den Arrangements war ein ganz besonderer. Sie wissen doch, wie ich mich mit der Königin von Thule stehe. Dieses Weib liebte mich, war ganz verschossen in mich. Während sie mir ganz gleichgültig war.
Natürlich war sie deshalb furchtbar beleidigt, ihre Liebe zu mir hat sich in glühenden Hass verkehrt. So meinte sie wenigstens selbst, wollte es sich selbst glauben machen. In Wahrheit liebte sie mich ja nach wie vor. Oder Hass und Liebe können eben unter Umständen eins sein. Kurz und gut — — sie hatte sich in den Kopf gesetzt, von meiner Hand zu sterben.
Oder ich soll ihr doch wenigstens eine schwere Wunde beifügen oder sonst ein Leid, ich soll sie in ihren Schmerzen, von meiner Hand geschaffen, sich winden sehen.
Das würde ihr, wie solche Weiber nun einmal sind, erstens eine Art von grausamer Wollust bereiten, und zweitens hoffte sie, dadurch mein Mitleid zu erwecken. Denn sie kennt mich. Wie Mitleid gegen fremde Schmerzen meine schwächste Seite ist.
So hat sie mich zu einem Zweikampf auf Leben und Tod herausgefordert, ohne Zeugen.
Nun kommt noch ein zweites hinzu, mit dem ich rechnete.
Chlorinde hat, ehe sie mich kennen lernte, schon einmal den Grafen Tankred geliebt. Wenn es auch niemals zu einem richtigen Verhältnis gekommen ist. Aber dieser schöne, ritterliche Mann ist auch ein großer Tölpel, Damen gegenüber.
Er hat es einmal bei der Königin von Thule — — verschüttet, wie man sagt, hat sie sehr beleidigt. Seitdem existierte er lange nicht mehr für sie.
Hier musste nun endlich Wandel geschaffen werden. Der arme Junge, mein Freund Tankred, tat mir leid, die Königin war mir gleichgültig — — ich wollte die beiden wieder zusammenführen.
Das ist denn nun jetzt geschehen. Ich habe die Königin in eine äußerst heikle Lage gebracht; der Graf musste ihr als Helfer beistehen, sie hat sich von ihm wie ein kleines Kind warten lassen müssen, zwei Tage und zwei Nächte lang.
Und mein Experiment ist denn auch vollständig geglückt.
Ich kam nicht eher, als bis der Graf die Gefangene unter unsäglichen Schwierigkeiten befreit, sie herausgemeißelt hatte, und überraschte die beiden gerade, wie sie einander in den Armen lagen und sich zärtlich küssten.
Also mein Ziel ist erreicht. Ich bin dieses verrückte Weib los, Tankred hat seine alte Liebe wieder. Mehr habe ich wohl nicht zu sagen. Vielleicht erzähle ich es ihnen später selbst einmal.
Geändert wird dadurch nichts, wenigstens nicht zum Nachteil der ganzen Sachlage. Im Gegenteil — Chlorinde wird dadurch einen wahren Hass gegen mich fassen, während sie dem ganz unschuldigen Tankred doch nichts vorwerfen kann. Er ist ihr Ritter gewesen, und basta.«
Loke Klingsor schwieg.
Krachend war der schwere Felsblock herabgesaust. Graf Tankred und die Königin Chlorinde waren abgeschnitten von der Außenwelt und sorgten sich noch um Loke Klingsor, ob der vielleicht unter die stürzenden Massen geraten, zerschmettert worden sei.
Sie ahnten eben nichts von dem, was er wusste, dass er heil draußen auf der Araukanafichte stand, erfuhren es erst, nachdem sie ihn angerufen hatten, und von seinen späteren Abenteuern wussten sie gleich gar nichts, nichts von dem Kampfe auf Leben und Tod, den er mit dem furchtbaren Grizzly ausgefochten hatte.
Noch weniger aber ahnten sie etwas von dem, was Loke Klingsor tat, nachdem endlich auch der falsche Grizzly eingetroffen war: Enak.
Langsam war Loke Klingsor nach dieser Begegnung die Schlucht entlanggeschritten, sich möglichst nahe an der Wand haltend.
Auch er wusste also, dass er dort nicht so leicht beobachtet werden konnte, wie wenn er sich in der Mitte bewegt hätte.
Dabei spähte er aufmerksam umher, bis er endlich die Stelle entdeckte, wo der eine der beiden Trapper in die Schlucht hinuntergestiegen war.
Wie ihm diese Feststellung möglich war, blieb sein Geheimnis, jedenfalls machte er genau an der Stelle Halt, wo die beiden beieinander gesessen hatten, um ihren Schurkenplan noch einmal durchzusprechen, bis sie beide gleichzeitig aufgesprungen waren.
»Sie kommen!«, hatte der eine gerufen.
Und schon waren sie nach den Luftschiffen geeilt, von denen sie hergebracht worden waren.
Zu sehen war von diesen Luftschiffen auch für Loke Klingsor nichts. Er ahnte vielleicht, wo sie lagen, aber er wollte sie ja gar nicht suchen.
Noch einmal schaute er an der unersteiglich scheinenden Felswand empor.
»Nur hier kann sich der zweite Eingang in die Unterwelt befinden«, sagte er halblaut, »und wo ein Mensch abwärts steigen kann, da kann auch einer emporklettern!«
Und schon begann er selber den Aufstieg.
Niemand sah ihm dabei zu, es wäre ein Anblick gewesen, bei dem der Beschauer sicher mehr Angst empfunden hätte als der Kletterer. Jedenfalls zeigte sich, dass Loke Klingsor auch diese Kunst verstand.
Die Vorsprünge, die seinen Händen als Halt, seinen Füßen als Stütze dienten, waren von unten überhaupt nicht zu gewahren, und sie waren auch sonst winzig genug, dass er oft eine ganze Weile unbeweglich an der steilen Felswand hing, ehe er sich ein Stück weiter emporzuschieben vermochte.
Immerhin kam er empor und erreichte jene schwarze Öffnung, an welcher der Steinfuchs vorher vorübergekommen war, ohne sie weiter zu beachten.
Lange genug aber wartete Loke Klingsor nun, ehe er sich so weit hob, dass er eben in dieses Loch spähen konnte, er lauschte, schien alle seine Sinne anzustrengen, bis er endlich seinem Körper einen letzten Schwung gab und gleich darauf auf dem flachen Leibe in einem niedrigen Höhlengange lag.
Nun war er von außen her nicht mehr sichtbar, aber er selbst konnte nicht sehen, was vor ihm lag. Schwarze Finsternis herrschte in dem Gange.
Noch einmal lauschte Loke Klingsor, dann aber lachte er leise.
»Es muss ein Bild für Götter gewesen sein, als ich in meinem Frack, den Zylinder auf dem Kopfe, Lackschuhchen an den Füßen, an dieser Felswand emporkletterte, und nicht minder amüsant wäre es vielleicht für Chlorinde, könnte sie mich jetzt hier auf dem Bauche liegen sehen«, murmelte Loke nunmehr vor sich hin. »Ich werde gewaltig aufpassen müssen, dass mein Hochzeitsstaat nicht ramponiert wird, namentlich, dass ich mir den schönen Zylinder nicht einrenne! Schließlich aber dürfte weder diese Kletterei noch die Kriecherei den beiden so gefährlich werden wie das, was mir noch bevorsteht.
Ob meine Annahme überhaupt richtig ist? Stecken die beiden Verräter hier? Oder haben sie sich anderwärts auf die Lauer gelegt?
In die Schlucht hinunter haben sie sich nicht mehr wagen dürfen, nachdem sie den Felsblock zum Stürzen gebracht haben; außerdem mögen sie auch keine große Lust gehabt haben, mit dem Grizzly zusammenzutreffen —
Also versuchen wir es!«
Er kroch weiter, aber in einer ganz eigenartigen Weise, immer die beiden Hände so auf den glatten Felsboden stützend, dass sein Körper mindestens zehn Zentimeter über diesem schwebte, dass er sich also seinen Hochzeitsstaat nicht beschmutzen konnte. Ebenso berührten nur die Spitzen der Lackschuhe den Boden.
So kam er jedoch ungemein schnell vorwärts, kroch um eine ganze Menge Ecken, immer zuvor lange lauschend und dadurch verratend, dass diese Rutschfahrt doch nicht gefahrlos war.
Da griffen die Hände, die er einmal vorgestreckt hatte, ins Leere.
Der Gang war also hier zu Ende.
In der Finsternis war nicht das Geringste zu sehen. Loke Klingsor musste sich lediglich auf seinen Tastsinn verlassen, und bald genug hatte er denn auch festgestellt, dass rechts und links die Wand aufhörte, dass er sich also in einem Höhlenraum befand.
Aber dann merkte er auch gleich, dass der Boden der Höhle nicht unmittelbar vor ihm begann, sondern dass sich da eine Treppe befand, und nachdem er das einmal ermittelt hatte, zögerte er nicht, stützte sich einmal allein auf die Hände, den Körper so weit wie möglich hebend, brachte mit großer Gewandtheit die Beine nach vorn, stand im nächsten Augenblick auf den Füßen und stieg nun in aufrechter Haltung Stufe um Stufe die Treppe hinab.
Ob er die Stufen nun zählte oder nicht, er merkte, dass es ziemlich tief hinabging, ehe er wieder einen fortführenden Gang oder auch eine neue Höhle erreichte, und kaum hatte er in diesem, der hoch genug war, dass er stehen konnte, einige Meter zurückgelegt, da machte er plötzlich wieder Halt, legte sich auch gleich wieder und kroch so bis an die Ecke vor, hinter welcher ein schwacher Lichtschimmer sichtbar geworden war.
Stimmen erklangen unmittelbar vor ihm. Er konnte jedes Wort verstehen, das gesprochen wurde, und er wusste auch, wer die Sprecher waren: der Steinfuchs und der Gelbe Marder.
»Ein elender Stümper bist Du!«, schrie eben der erstere. »Was nützt es uns denn, wenn diese beiden eingeschlossen sind und er noch frei ist? Habe ich Dir nicht gesagt, Du solltest noch warten, ehe Du den Block stürzen ließt? Aber nein! So alt wie Du bist, so dumm bist Du geblieben!«
»Und ich rate Dir, nun endlich einmal mit Deinen Vorwürfen innezuhalten«, gab der Gelbe Marder wütend zurück. »Du weißt so genau, wie ich es weiß, dass die Sache klappen musste. Wie konnte ich denn ahnen, dass dieser Loke wieder einmal was anderes vorhatte, dass er gerade die beiden allein lassen wollte? Ist Dir das vielleicht gesagt worden, he?«
»Nein, das war freilich nicht der Fall«, gab der Steinfuchs zu. »Aber darauf kam es doch auch gar nicht an. Unsere Aufgabe lautete, ihn zu fangen, von den beiden anderen war überhaupt nicht die Rede, an denen liegt dem Scheich nichts, und ob sie dort unten nun verhungern oder wieder ins Freie kommen, das kann mir ganz gleichgültig sein. Was aber willst Du sagen, wenn jetzt die Frage kommt, ob wir den Klingsor gefangen haben?«
»Dann antworte ich eben, dass ich ihn noch fangen werde«, knurrte der Marder.
»Und wie willst Du das anfangen, wenn man fragen darf?«
»Das wird sich schon finden! Hier ist er doch nur als Mensch da, hat keine seiner Skaldenwaffen bei sich —«
»So? Hat er nicht? Ach, Du Schwachkopf! Was weißt Du denn von diesem Loke Klingsor! Der haut doch alle die anderen Skalden über das Ohr, der hat doch seine Geheimnisse für sich, die er keinem verrät! Ich wollte bloß, Du könntest es einmal an Dir selber erfahren müssen!«
»Nein, ich bleibe dabei: Du hast den Block zu zeitig stürzen lassen, und nun müssen wir sehen, wie wir uns des Loke bemächtigen.«
»Wir haben doch wahrhaftig Leute genug, dass wir uns auch dann nicht vor ihm zu fürchten brauchen, falls er Waffen bei sich führt. Meine Leute schleudern ihm ein Lasso über den Kopf —«
»Natürlich!«, rief der andere nunmehr äußerst hämisch. »Und vorher rufen Sie recht höflich: ›Bitte, Herr Klingsor, bleiben Sie einmal ruhig stehen! Wir wollen Sie nämlich fangen!‹ Hahaha, Du Narr, was weißt Du von diesem Manne!«
»Wenn Du nicht aufhören kannst mit Deinen Sticheleien, dann mach doch, dass Du fortkommst!«, knurrte nunmehr der Marder. »Wenn wir uns wieder treffen, wirst Du schon merken, dass —«
Plötzlich verstummte er. Nur noch ein Laut, wie die äußerste Überraschung ihn einem Menschen entlocken kann, kam über seine Lippen und wurde von dem verborgenen Lauscher gehört.
»Holla, was ist da geschehen?«, fragte er sich.
Die Antwort sollte er alsbald erhalten.
Eine Stimme, die keinem der beiden Trapper angehörte, ward vernehmbar.
»Wo habt Ihr Euren Gefangenen?«
Keiner der beiden erwiderte etwas. Es blieb ganz still in der Höhle.
»Ihr habt also die Euch gestellte Aufgabe nicht gelöst!«, erklang es nunmehr drohend. »Wisst Ihr auch, welche Strafe Euch erwartet?«
»Ach was, Strafe!«, brach der Trapper los, der den Namen Steinfuchs führte. »Ich kann nichts dafür, dass der Anschlag nicht geglückt ist. Der Gelbe Marder konnte es nicht erwarten —«
»Still! Was geschehen ist, weiß ich!«, wurde er gebieterisch unterbrochen. »Wollt Ihr eine Frist haben, um Eure Aufgabe doch noch lösen zu können?«
»Das ist doch selbstverständlich!«, antwortete diesmal der Marder.
»Und wie lange?«
»Das werdet Ihr besser bestimmen können als wir.«
»Allerdings, das kann ich, und ich will Euch auch gleich sagen, dass Ihr wirklich leichtsinniger seid, als man von Euch erwarten konnte. Oder ahnt Ihr etwas davon, dass Loke Klingsor eben dabei ist, Euch zu beschleichen und zu belauschen?«
»Alle Wetter!«, dachte der Lauscher hinter seiner Ecke. »Da bin ich also doch gesehen worden, wie ich an der Felswand empor turnte! Dieser Abdel Hamid weiß, dass ich hier in diesem Gange liege, und dafür, dass ich nicht wieder entwischen kann, wird er schon sorgen.
Was ist da zu tun?«
Er hörte, wie drüben die beiden Trapper vor Schreck gleich aufgesprungen waren, vernahm darauf noch ein halblautes spöttisches Lachen.
»Jetzt ist es Zeit!«, sagte er zu sich selbst.
Blitzschnell hatte er seinen Entschluss gefasst, und ehe die drei in der Höhle noch ein Wort miteinander zu wechseln vermochten, trat aus dem Gange Loke Klingsor, in Frack und Claque, den Zylinder schief auf dem Kopfe, die Hände in den Hosentaschen.
»Guten Tag, meine Herren!«, sagte er, den glänzenden Hut ziehend, und auch eine elegante Verbeugung machte er dabei.
Nur einen Moment wirkte die Überraschung.
»Packt ihn!«, stieß Abdel Hamid hervor.
Und feig waren die beiden Trapper wirklich nicht, sie guckten nicht erst nach, ob Loke etwa bewaffnet sei, sprangen gegen ihn und streckten die Hände nach ihm aus.
Aber sie packten ihn nicht.
Nur einen Blick warf Loke ihnen zu, aber dieser Blick war so hoheitsvoll, dass sie sich nicht an ihn wagten.
»Wozu die Umstände?«, fragte er etwas spöttisch.
»Ich selbst habe mich in Ihre Gewalt gegeben, Monsieur du Couret. Ich denke, das wird genügen, da Sie doch den Auftrag erteilen, sich meiner zu bemächtigen. Diese beiden Subjekte aber sollen mich nicht durch eine Berührung ihrer Hände beschmutzen!«
»Verdammt!«, brüllte der Steinfuchs auf. »Bin ich etwa ein Dreckschwein?«
»Oder ich?«, fügte der Gelbe Marder nicht minder wütend hinzu.
»So viel ich sehe, trifft das für Euer Äußeres zu, aber noch viel mehr für Euer Inneres«, erwiderte Loke Klingsor kühl und verächtlich.
Sofort wollten die beiden sich auf ihn werfen, der eine hob das Gewehr mit dem Kolben nach oben, als wollte er den Spötter erschlagen, der andere griff nach dem Messer —
Eine einzige Handbewegung Abdel Hamids, den also Klingsor bei seinem früheren Namen genannt hatte, genügte, die beiden Wütenden zurückzuschrecken.
Dann klatschte er in die Hände.
Loke Klingsor hatte schon beim Betreten der Höhle, in welcher ein großes Feuer brannte, gesehen, dass sie verschiedene Zugänge hatte, und nun kamen aus dem einen Araber hervor, wie üblich im weißen Burnus, aber vor dem Gesicht auch ein Tuch.
Da wusste Loke Klingsor, dass es Khars waren, kriegerische Bewohner der Daya, aber er rührte sich immer noch nicht, lächelte nur etwas.
»Nehmt diesen da in Eure Mitte!«, befahl Abdel Hamid.
Sofort umringten die Araber, wohl zehn Mann, den eleganten Herrn im Frack.
»Nach der Halle!«, befahl Abdel Hamid weiter.
Willig ließ sich Loke Klingsor fortführen, und nur einmal sah er sich um.
Unmittelbar hinter ihm schritt Abdel Hamid, dann kamen in einigem Abstand die beiden Trapper, wie die begossenen Pudel, anscheinend ganz geknickt.
Der Weg, den man ihn führte, war nicht lang, endete an einem glatten Schacht, der wie ein Schornstein in dem Felsen aufwärts und abwärts führte. Es war nicht zu sehen, wie hoch er hinaufging, ebenso wenig, aus welcher Tiefe er kam, doch alsbald sollte Loke Klingsor erkennen, welchen Zweck dieser Schacht hatte.
Es war der Kanal für einen Fahrstuhl, der jetzt von oben herabkam.
Wahrscheinlich hatte Abdel Hamid auf einen Knopf gedrückt und den Mechanismus dadurch in Tätigkeit gesetzt.
Durch eine Handbewegung lud Abdel Hamid seinen Gefangenen ein, den Fahrstuhl zu betreten, der nur aus einer Art Zelle bestand, keinerlei Bequemlichkeit aufweisend, wie das allerdings hier auch kaum angebracht gewesen wäre.
Loke Klingsor gehorchte wieder, aber nur Abdel Hamid folgte ihm. Die Araber und die beiden Trapper mussten zurückbleiben.
»Wartet hier, bis Ihr gerufen werdet!«, befahl Abdel Hamid noch. Dann glitt der Fahrstuhl in die unbekannte Tiefe.
Dass der Vertraute Abdel Dschelils es wagte, allein mit Loke Klingsor im Fahrstuhl zu weilen, hatte ja nichts zu sagen; von einem Wagnis konnte eigentlich keine Rede sein, denn selbst, wenn es zu einem Kampfe zwischen den beiden gekommen wäre und Loke seinen Gegner überwältigt hätte, so wäre ihm doch nicht damit gedient gewesen.
Ob er den Fahrstuhl dann nach oben oder nach unten gehen ließ, frei kam er doch nicht, denn so viel wusste er nun schon: Seine Gegner hatten sich nicht allein hierher begeben, hatten eine Menge Leute mitgebracht.
Und er wusste auch den Grund:
Sie waren fest überzeugt gewesen, dass Loke Klingsor diesmal in die gestellte Falle gehen, also in ihre Hände fallen würde.
Und da hatten sie denn auch schon alle übrigen Vorbereitungen getroffen.
Ohne zu ahnen, dass Loke Klingsor eben diese Vorbereitungen kennen lernen wollte!
Der Fahrstuhl hielt.
Eine Tür brauchte also nicht aufgemacht zu werden, die beiden konnten gleich in den Raum treten, den Abdel Hamid vorhin als Halle bezeichnet hatte.
Eigentlich stimmte diese Bezeichnung nicht ganz, es war vielmehr ein hoher, weiter Saal, und Loke Klingsor musste nun doch einmal staunen, als er gewahrte, mit welcher Sorgfalt dieser Raum nach arabischer Art ausgestattet worden war.
Hätte er nicht gewusst, dass er sich im Innern eines Felsens befand, so hätte er sich in den großen Prunksaal eines arabischen Schlosses versetzt wähnen können. Eine Pracht herrschte hier, die ans Märchenhafte grenzte.
Aber von dieser Überraschung ließ sich Loke Klingsor nichts anmerken, er trat ohne Weiteres neben seinem Begleiter in den Saal.
Niemand außer ihnen weilte jetzt noch darin, aber es war zu sehen, dass alles für eine große Versammlung vorbereitet war.
Rings an den Wänden waren auf einem erhöhten Rundgang, der nur eine niedrige Brüstung besaß, die üblichen Polster und Kissen gelegt, zum Zeichen, dass dort Frauen Platz nehmen sollten.
Außerdem war an der Wand, die dem Fahrstuhlschacht gegenüberlag, eine Art Thron errichtet, ähnlich jenen, wie sie noch heute in der Alhambra zu sehen sind, ein Meisterstück arabischer Kunst, ganz aus Elfenbein und Gold gefertigt.
Loke Klingsor lächelte.
»Das scheint ja ganz feierlich werden zu sollen!«, sagte er.
»Wie sich's für einen so erhabenen Gast geziemt«, erwiderte Abdel Hamid. »Bitte, bleiben Sie vorläufig hier stehen. Ich will Ihre Ankunft melden!«
»Bitte sehr!«
Loke zog wiederum den Zylinder und verbeugte sich.
»Da habe ich es wenigstens mit meinem Anzug gut getroffen!«, setzte er noch hinzu.
Ein sonderbarer Blick aus den Augen des französischen Arabers traf ihn.
Und Loke verstand vollkommen, was dieser Blick besagen wollte. Er hieß: »Dir wird das spöttische Lachen schon vergehen!«
Aber aus seiner Ruhe ließ er sich nicht bringen, beobachtete gelassen, wie Abdel Hamid an eine der Wände trat, sich dort etwas vorneigte und anscheinend etwas in ein Sprachrohr flüsterte — es konnte natürlich auch ein Telefon sein — es kam ja gar nicht darauf an.
Darauf kehrte er zu dem Gefangenen zurück, stellte sich neben ihn und wartete.
Nach kurzer Zeit schon erklang aus der Ferne rauschende Musik.
Nach kurzer Zeit schon erklang
aus der Ferne rauschende Musik.
Sie kam näher und näher, bis sie unmittelbar vor einem noch verborgenen Eingang Halt machte. Dann sprang dieser Eingang — ein mächtiges Tor — auf, und nun erfolgte einer jener prunkvollen Einzüge, wie sie im Orient noch heute üblich sind.
Voran die Musikanten, kam zunächst ein kolossaler Elefant herein, reich mit seidenen Decken und Goldschmuck behangen, auf dem Rücken die übliche Hauda, jenen sänftenartigen Sitz, in dem der Reiter Platz nimmt, wenn man hier diesen Ausdruck gebrauchen darf.
Hinter den Ohren des riesenhaften Tieres hockte der Treiber, der Mahaut, ein echter Inder, in der Hand den mit einem Widerhaken versehenen Stachel.
Und in der Hauda erkannte Loke Klingsor den Scheich der Ibaditen, Abdel Dschelil, ebenfalls im festlichsten Gewand, ganz in Weiß, aber von Diamanten und anderen Edelsteinen funkelnd, wie auch sein Turban durch eine solche Lichtgarben sprühende Agraffe geschlossen wurde.
Hinter ihm kamen wohl hundert arabische Krieger, aber nicht im Burnus, sondern in goldenen oder vergoldeten Schuppenpanzern, die blitzenden krummen Schwerter über der Schulter, ebensolche goldene Helme mit Reiherbüschen auf dem Kopfe.
Darauf wieder erschienen riesenhafte Neger in kurzen bunten Affenjäckchen und weiten Pluderhosen, gelbe Schnabelschuhe an den Füßen, immer je vier eine Art Palankin tragend, und Loke Klingsor hatte Zeit, sie alle zu zählen, es waren nicht weniger als zweiundsechzig.
»Na, der hat sich schön angestrengt!«, dachte er.
Dieser Zug machte eine Runde durch den Saal, dann hielt der Elefant, ließ sich vor dem Thron auf die Knie nieder, der Scheich stieg aus der Hauda, nahm auf dem Sitze Platz.
Darauf gruppierten die Krieger sich rings um ihn, während die Neger mit den Palankinen nach der Terrasse marschierten, sie dort niederstellten und die Damen aussteigen ließen, welche, natürlich ebenfalls nach orientalischer Art gekleidet, auf den Polstern und Kissen sich ausstreckten, sofort die prächtigen Nargilehs hingestellt erhielten und außerdem noch Tischchen, auf denen in goldenen Schalen die üblichen verzuckerten Früchte lagen.
Die Musikanten waren auf einer Art Galerie untergebracht worden, schwiegen aber jetzt, bis sie auf ein Zeichen Abdel Hamids, der also hier eine Art Zeremonienmeister oder Hofmarschall vorstellte, wieder einen schmetternden Marsch anstimmten.
Eine andere Tür oder vielmehr ein Tor tat sich auf.
Und nun allerdings staunte Loke Klingsor zum zweiten Male.
Nicht über das, was hereinkam, obwohl es wunderlich genug anzusehen war. Nein, er wunderte sich nur, dass man dieses Ungetüm hierher geschafft hatte, und darüber, wie man dies hatte bewerkstelligen können.
Denn um ein Ungetüm handelte es sich.
Es ist wohl allgemein bekannt, dass vorzeiten im ganzen Orient der Molochkult herrschte, und vielfach ist auch dieser Götze abgebildet worden, meist leider falsch.
Hier aber erschien der richtige Moloch in Gestalt eines riesengroßen schlanken Jünglings, aber mit dem Kopfe eines Stieres, die dazugehörigen Hörner tragend, die im Ellbogen gebeugten Arme vorstreckend, als erwarte er, dass etwas auf sie gelegt würde.
Und das geschah ja auch regelmäßig bei den Feiern, die ihm zu Ehren veranstaltet wurden.
Auf diese Arme wurden kleine Kinder gelegt!
Aber dann war der Moloch glühend, und wenn er seinen Rachen öffnete, dann schnellten gleichzeitig die Arme empor und schleuderten das arme kleine Wesen durch diesen Rachen in sein glühendes Innere.
Loke Klingsors dunkle Augen funkelten, als er dieses Ungetüm erblickte, aber er konnte es jetzt nicht weiter betrachten, denn hinter ihm erschien schon wieder etwas anderes.
Es sah bald aus wie eine mächtige Steinkiste, wie eine Art Sarkophag, aber doch wieder anders, denn in dem Deckel war ein kreisrunder Ausschnitt angebracht, und zwei kleinere befanden sich in der einen Schmalwand.
Moloch sowohl wie Steinkiste wurden auf Rollen in die Mitte des Saales befördert und dort aufgestellt.
Besondere Ehrfurcht wurde jedoch dem Götzen nicht erwiesen, eben nur der schmetternde Marsch angestimmt.
Und wieder schwiegen die Musikanten.
Abdel Hamid trat vor den Thron, nachdem er dem Gefangenen bedeutet hatte, ihm zu folgen, und so stand nun Loke Klingsor vor dem Scheich, vor seinem erbittertsten Gegner.
»Abdel Dschelil grüßt Loke Klingsor!«, sagte der Scheich würdevoll.
Und umso lächerlicher nahm sich aus, als der Angeredete nun den Zylinder lüftete und seitwärts schwenkte, dabei einen linkischen Kratzfuß machend.
Lächerlich klang auch die Erwiderung, fast schnoddrig, jedenfalls gar nicht zu dem Ganzen passend:
»Habe die Ehre!«
Doch keine Miene verzog sich in dem braunen, edel geschnittenen Gesicht des Scheichs.
»Du bist mein Gefangener und in meiner Gewalt, Loke Klingsor.«
»Vorläufig!«
»Nein, Du irrst! Für immer!«
»Das wird sich finden!«
»Ja, das wird sich finden!«
Und schon hatte er gewinkt.
Loke Klingsor wurde gepackt.
Obwohl er sich durchaus nicht wehrte, hing sich ein ganzer Schwarm der Goldgepanzerten an ihn, zerrte nach jener Kiste —
Und ehe er sich dessen noch versah, lag er schon drin.
Wie das alles so fix hatte gehen können, wusste er selbst nicht zu sagen, jedenfalls stak er in der Kiste, ungefesselt, aber doch wehrlos, denn der schwere Steindeckel lag schon wieder auf ihm, und merkwürdig kam ihm vor, wie die Kerls fertiggebracht hatten, seine Füße durch die beiden Öffnungen an der unteren Wand zu ziehen.
Jetzt ragten sie dort aus der Kiste heraus, und schon waren zwei Neger an jedem beschäftigt, Schuh und Strumpf abzustreifen.
Im Nu waren die Füße entblößt.
Es war ein ganz seltsames Bild, als Loke Klingsor nun mit dem Kopf durch die Deckelöffnung schaute, die Füße unten herausstreckend.
Er lachte jedoch vergnügt.
»Etwas hart!«, sagte er. »Das nächste Mal bitte ich, einige weiche Kissen einzulegen!«
»Das Spotten wird Dir sogleich vergehen«, erwiderte Abdel Dschelil. »Noch aber will ich Dir Gelegenheit geben, Dich zu besinnen!«
Er sprach einige leise Worte zu Abdel Hamid.
Wieder trat dieser an die Wand, flüsterte abermals etwas hinein, und da kam auch schon der Fahrstuhl wieder, der also vorher abermals in die Höhe gegangen war.
Jetzt entstieg ihm der Gelbe Marder.
Es war schade, dass Loke Klingsor ihn nicht sehen konnte, da der Fahrstuhlschacht sich hinter ihm befand.
Ganz sicher hatte der Trapper schon ähnlichen Versammlungen beigewohnt, er war ja auch in Ägypten in dem dortigen Heiligtum der Ibaditen gewesen, aber auf keinen Fall hatte er erwartet, hier so etwas zu finden.
Sein Gesicht sah köstlich aus in der grenzenlosen Verblüffung, und ehe er diese von sich abzuschütteln vermocht hatte, ehe er also dran denken konnte, sich irgendwie zu wehren, war er schon an Händen und Füßen gefesselt.
Da freilich fing er an, ganz mörderlich zu fluchen, aber es nützte ihm gar nichts, er wurde vor den Thron geschleppt, und als er auch dort noch nicht still sein wollte, kriegte er gleich von einem seiner Wächter einen derartigen Schlag ins Gesicht, dass das Blut aus der Nase schoss.
Da schwieg er, aber seine Augen funkelten umso drohender.
»Du bist pflichtvergessen gewesen«, hob Abdel Dschelil an. »Du weißt es, und Du weißt auch, welche Strafe Deiner wartet. Du wirst sie jetzt erhalten!«
Und da wurde auch schon durch jenes Tor eine zweite solche Steinkiste hereingerollt, wie die war, in welcher Loke Klingsor stak.
Im Nu war der Gelbe Marder hineinbefördert, auch sein Kopf stak in der Deckelöffnung, auch seine Füße ragten unten heraus und wurden entblößt —
Und dann führte ein Neger eine Buckelkuh herein.
Es war, wie alle diese Tiere, nur ein kleines Exemplar, nur etwas über einen Meter hoch, aber eben heilig gehalten, obwohl das hier ja keine Inder, sondern Araber waren, die den Tierkult sonst nicht kennen.
Und nun wurde Loke Klingsor gezeigt, was ihm selber bevorstand.
Es sah gar nicht so schlimm aus.
Die nackten Fußsohlen des Gelben Marders wurden mit einer Flüssigkeit bestrichen, die in einem kupfernen Becken hereingebracht worden war.
Dann führte der Neger das Zebu herbei, und alsbald begann es, an den Fußsohlen des Mannes zu lecken.
Es braucht wohl nichts weiter gesagt zu werden. Diese Folter ist ja uralt und war namentlich während des furchtbaren dreißigjährigen Krieges sehr beliebt, namentlich bei den Schweden. Im »Simplizissimus« des Christoph von Grimmelshausen kann man gleich im ersten Kapitel lesen, wie es dabei zugeht, wie die Betreffenden in entsetzlichen Lachkrämpfen sterben, vor dem Ende wohl dem Wahnsinn verfallend.
Furchtbar war diese Marter anzusehen, furchtbar das Gesicht des Trappers —
Sein brüllendes Lachen gellte durch die Halle, er wand sich in Höllenqualen, suchte vergebens die Füße in die Steinkiste hineinzuziehen, sich dabei die Haut von den Knöcheln schindend, dass das Blut hervorschoss —
Immer wieder leckte die raue Zunge, immer wieder musste er lachen —
Da endlich hob Abdel Dschelil die eine Hand.
Die Kuh wurde zurückgezogen.
Man öffnete die Steinkiste, hob den unglücklichen Menschen heraus, stellte ihn auf die Füße, löste ihm auch die Fesseln —
Der Gelbe Marder lachte nicht mehr, aber sein Gesicht war noch in abschreckendster Weise verzerrt, seine Augen waren mit Blut unterlaufen, und immer wieder hob er bald den einen, bald den anderen Fuß —
Keuchend ging sein Atem, seine Brust hob sich ungestüm —
Und plötzlich kam ein gellender Schrei über seine Lippen, ein heulender Laut höchster Wut —
Er schnellte im Sprunge vorwärts, die Arme schon erhoben.
Offenbar wollte er seine Rache an dem auslassen, der ihn zu dieser Folter verdammt hatte, an Abdel Dschelil.
Er kam natürlich nicht weit.
Schon bald hatten die Wächter ihn gepackt.
Wütend suchte der Mann sich zu befreien, es war erfolglos. Man zerrte ihn hinaus, aber noch lange erscholl sein Wutgeheul.
»Nun?«, fragte jetzt der Scheich der Ibaditen. »Hat Dir das gefallen, was Dir bevorsteht, edler Loke Klingsor? Ich möchte Dir allerdings schon jetzt sagen, dass die Folter bei Dir nicht unterbrochen werden wird. Weigerst Du Dich, die Fragen zu beantworten, die ich jetzt an Dich richten werde, so stirbst Du unter Höllenqualen im Wahnsinn!«
»Wenn Du denkst, Scheich!«, klang es recht spöttisch zurück.
Diesmal flammte es in den dunklen Augen Abdel Dschelils ebenso auf wie vorher in denen Abdel Hamids, aber er beherrschte sich.
»Ich werde fragen«, sagte er.
»Und ich denke, Du sparst Dir die Mühe«, versetzte Loke Klingsor.
»Du weigerst Dich?«
»Davon kann ja gar keine Rede sein, weil ich Dich überhaupt nicht erst Forderungen stellen lasse«, erklang es sehr, sehr kühl.
»Du glaubst nicht, dass ich Dich martern lassen werde?«
»Dass Du es tun lassen willst, sehe ich Dir ja an.«
Furchtbar glühte es allerdings jetzt in den Augen des Scheichs.
»Ich gebe Dir eine Minute Bedenkzeit.«
»Nicht nötig! Je eher Du beginnst, desto schneller erreichst Du ja Dein Ziel, dass ich also unter Höllenqualen dem Wahnsinn verfalle«, erwiderte Loke Klingsor, immer noch spöttisch, wenn nicht gar verächtlich.
Da die beiden sich der arabischen Sprache bedienten, so vermochten natürlich alle Anwesenden ihren Wortwechsel zu verstehen, und so war erklärlich, dass die Leibwache des Scheichs verschiedene Male Lust bezeigte, den frechen Gefangenen zu züchtigen, ihm eins auf das große Maul zu geben, wie vorhin dem Gelben Marder.
Sie wagten es nur nicht ohne ausdrückliches Gebot.
Abdel Dschelil aber sagte jetzt vorläufig nichts mehr, sondern wartete schweigend, bis er endlich rief:
»Die Minute ist vorbei. Hast Du Dich besonnen?«
»Hier gibt es durchaus nichts zu besinnen. Meinen Entschluss kennst Du, und Du hast doch auch, ehe Du mich in diese Steinkiste sperren ließt, schon ganz genau gewusst, dass ich Dir die Geheimnisse nicht preisgeben würde, die Du von mir erfahren möchtest. Deshalb hast Du sogar die Weiber mit hereingebracht, damit sie sich an meinen Todesqualen weiden sollen, hast ihnen dieses Schauspiel versprochen. Sie sehen es zwar oft genug, aber immer wird es nur an solchen untergeordneten Kreaturen vollzogen, an Sklaven und Kriegern. Heute soll mal ein anderer drankommen. Also bitte! Lege Dir gar keinen Zwang auf, Dschelil, lass das Zebu herbeiführen, nachdem auch mir die bloßen Fußsohlen mit Salzwasser befeuchtet worden sind!
Nur eins möchte ich Dir noch sagen: Vergiss diese Stunde nicht bis zu dem Tage, an dem wir beide miteinander abrechnen werden!«
Der Scheich sprang auf.
Er hatte Loke Klingsor sprechen lassen, wohl nur, um den Anwesenden zu zeigen, wie frech dieser Gefangene war. Nun aber ward er unter seiner braunen Haut bleich.
Er hob wie vorhin die eine Hand.
Nun begann also die Folter.
Man bestrich die Fußsohlen des hilflosen Gefangenen mit der Salzlösung und führte die Kuh heran.
Und da geschah das Unerwartete!
Das Tier wich mit allen Zeichen der Furcht und des höchsten Widerwillens zurück, war nicht dazu zu bringen, die Füße des Gefangenen zu lecken!
Die Folterknechte stutzten.
Das heilige Tier durfte nicht gezwungen werden, an Schlagen war gar nicht zu denken. Aber sie zogen es doch noch einmal sanft vorwärts.
Da riss es sich gewaltsam los und stürmte in wilder Erregung durch den Saal.
Eine mächtige Aufregung entstand ringsum. Die Frauen auf der Terrasse sprangen auf, die Leibwache wich bestürzt zurück, und die Folterknechte warfen sich gleich der Länge nach auf den Boden.
»Er ist ein Heiliger!«, heulte es ringsum.
Noch stand Abdel Dschelil aufrecht, Abdel Hamid war neben ihn getreten.
Jetzt flüsterten die beiden miteinander.
Der Scheich hob wiederum die Hand.
Totenstille trat ein.
»Bringt eine Ziege!«, befahl er.
Das Tier war sehr schnell zur Stelle, und als heilig galt es nicht, das war gleich daran zu sehen, wie es vorwärtsgezogen wurde.
Aber es sträubte sich ebenfalls, die Fußsohlen des Gefangenen zu lecken, so groß auch die Lockung sein mochte, so gierig es sonst den Köder angenommen hätte.
Auch diese Ziege war nicht zur Vollstreckung der grausamen Folter zu gebrauchen. und wieder stutzten die Folterknechte, wieder ging ein Raunen durch den besetzten Saal.
Abdel Dschelil war klug genug, das Tier sogleich hinausführen zu lassen.
Er ahnte sicher, wodurch dieses Wunder zustande gekommen war. Es handelte sich dabei eben um eins jener Geheimnisse, die er von Loke Klingsor hatte erpressen wollen.
»Nehmt den Gefangenen aus der Kiste! Fesselt ihn!«, befahl er.
Der Befehl wurde schnell genug ausgeführt, schon aus Neugier. Man wollte doch sehen, ob dieser Mensch unverletzlich durch Tiere sei.
Loke Klingsor ließ wieder alles mit sich geschehen, ließ sich auf den Boden legen, und nun wurde er in eigenartiger Weise gefesselt. Arme und Beine wurden von seinem Körper abgezogen und an Pflöcke gebunden, die in den Boden eingetrieben wurden.
Jedenfalls lag die schwarze Gestalt in dem eleganten Gesellschaftsanzug nun wehrlos da, ähnlich wie ein Verbrecher, den der Scharfrichter rädern will, also in Form eines Sägebockes.
»Der Elefant wird Dir alle Glieder zerstampfen, bei den Armen beginnend, bis er Dir ganz zuletzt, nachdem Du Entsetzliches gelitten hast, den Brustkorb zertritt«, sagte Abdel Dschelil. »Willst Du nicht lieber doch nachgeben?
Und damit Du weißt, dass es nicht umsonst geschieht, will ich Dir noch sagen, dass ich bereit bin, Dir den Platz zu räumen, Du sollst an meiner Stelle Scheich des mächtigen Ordens der Ibaditen werden, sollst alle meine Macht von mir erhalten. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie groß sie ist, dass sie sich über die ganze Erde erstreckt.
Loke Klingsor, es steht bei Dir, ein Gott zu werden, vor dem sich alles ehrfürchtig in den Staub wirft — oder Dich zu Brei zerstampfen zu lassen!
Wähle! Ich gebe Dir abermals eine Minute Zeit!«
Diesmal aber verschmähte Loke Klingsor jede Antwort. Auf seinem schönen Gesicht war kein spöttisches Lächeln mehr sichtbar, aber unbeschreibliche Verachtung.
Die Minute verstrich.
Abdel Dschelil zögerte trotzdem noch. Es fiel ihm sichtlich schwer, diesen Mann einem so furchtbaren Tode zu überantworten, aber er musste Wort halten, und jetzt ärgerte er sich vielleicht, dass er alle die Zuschauer hatte. Wäre er mit dem Gefangenen allein gewesen, er hätte sicher noch andere Wege gefunden, um ihn gefügig zu machen.
So aber hob er die Hand.
Sogleich trieb der Mahaut den riesigen Elefanten vorwärts.
Langsam und doch mit jener Leichtigkeit der Bewegung, die alle Elefanten auszeichnet, kam der Koloss heran.
Offenbar wusste er genau, was von ihm verlangt wurde. Er beschrieb einen Bogen um den Liegenden, bis er rechts von ihm stand.
In höchster Spannung schaute alles zu.
Der Mahaut beugte sich vor, raunte dem Tiere etwas zu.
Es hob den einen Fuß, der nun über dem rechten Arme Lokes schwebte.
Wenn er niederfiel, dann war es um die Knochen geschehe!
Da aber hob der Gefesselte leicht den Kopf.
Seine Augen blitzten, sein Mund öffnete sich.
»Ram ram Mahadeo!«
Wie das Schmettern einer Trompete gellte der Ruf durch den Saal.
Und noch einmal:
»Ram ram Mahadeo!«
Im gleichen Augenblick hob der riesige Elefant den langen Rüssel.
Er stieß jenen ebenfalls an Trompetenschmettern erinnernden Angriffsruf seines Geschlechts aus, und dann —
Mit einem Schreckensgeheul stob ringsum alles auseinander.
Gerade auf die goldschimmernde Schar der Leibwache rannte das Tier zu, und ehe die vor Entsetzen vollkommen fassungslosen Männer sich noch zur Flucht wenden konnten, hatte er schon einen aus ihrer Mitte gepackt, emporgeschleudert, dass er durch die Luft wirbelte, und — als er auf den Boden stürzte, da trampelten die Füße des Kolosses ihn schon zu Brei zusammen.
Dann den Zweiten gepackt, ebenso behandelt —
Der Mahaut hatte entsetzt auf dem Tiere gesessen.
Nun hob er den Stachel.
Wenn ein Elefant rasend wird, dann gibt es nur ein Mittel: Dann muss ihm mit dem scharfen Stahl die Wirbelsäule am Halse durchbohrt werden, dass er sofort tot zusammenbricht, und diese Mahauts verstehen das ganz ausgezeichnet, können sich auf ihren Stoß verlassen.
Dieser hier kam nicht dazu.
Ob das Tier die Bewegung gesehen hatte oder nicht — auf einmal warf es den Rüssel nach hinten, im nächsten Augenblick zappelte auch der Mahaut in der Luft, wurde emporgewirbelt und kam wieder nieder —
Und dann war auch er nur noch eine formlose Masse.
Da gab es kein Halten mehr.
Die goldgepanzerten Krieger rannten schreiend und heulend hinaus. Kreischend folgten die Frauen.
Noch eine Sekunde standen Abdel Dschelil und sein Freund bei dem kostbaren Thron, totenblass — dann flohen auch sie —
Und im gleichen Augenblick erhob sich Loke Klingsor, stand aufrecht.
Von seinen Armen und seinen Beinen hingen die Seile, mit denen er gefesselt worden war, an ihren Enden noch die Pflöcke.
Langsam begann er die Knoten an dem linken Arm zu lösen, bis er dort das Seil abstreifen konnte.
Nun begann er mit dem anderen Arme.
Da stürmte der wütende Elefant gegen ihn heran.
Da kein anderes Opfer mehr im Saale war, wendete er sich gegen Loke Klingsor.
Dieser aber kümmerte sich nicht um das Tier.
»Na, endlich!«, sagte er so recht gemütlich, als er auch das zweite Seil abstreifte. »Nun will ich aber erst einmal die Lackschuhe wieder anziehen. Meine Seidenstrümpfe dürfen nicht zerreißen, es würde sehr schlecht aussehen —«
Und so ging er zu der Steinkiste, neben welcher die eleganten Schuhe standen, bückte sich eben, um sie aufzuheben, da war der Elefant bei ihm.
Und prallte gerade so entsetzt zurück wie vorher das Zebu und die Ziege es getan hatten!
»Na, da komm doch, mein Sohn!«, rief Loke Klingsor spöttisch. »Du hast mich doch sowieso zertrampeln sollen!«
Doch der Elefant streckte nur noch einmal den Rüssel vor, dann schwenkte er auf den Hinterbeinen herum und stürmte ebenfalls durch das noch offenstehende Tor hinaus.
Laut lachte Loke Klingsor hinter ihm her.
»So musste es kommen!«, sagte er dann. »Jetzt macht er denen draußen erst recht Beine, und ich bin sicher, dass sie nicht ruhen werden, bevor sie nicht wieder in ihren Luftschiffen und aufgestiegen sind. Dass noch einige als zerstampfte Leichen zurückbleiben werden, wird sich wohl nicht umgehen lassen, ebenso wenig wie, dass sie den Moloch dort und diese Steinkiste nicht mitnehmen können. Da kann ich gleich meine Sammlungen um einige interessante Stücke bereichern, und der kostbare Thron meines Freundes Dschelil wird auch nicht zu verachten sein.«
Er hatte die Lackschuhe angezogen, hob nun den noch vollkommen unversehrten glänzenden Zylinder auf, setzte ihn auf den Kopf und schlenderte nach dem Thron.
Nur flüchtig beugte er sich vor, um die Edelsteine zu prüfen, mit denen das Elfenbein geschmückt war.
»Simili!«, sagte er verächtlich. »Ich dachte mir aber gleich, dass er das Original doch lieber zu Hause gelassen hat! Na, dann mag das Ding hier stehen bleiben. Jetzt wollen wir für den Schluss der Komödie sorgen.«
Er ging zu jener Stelle der Wand, wo sich das Sprachrohr oder das Telefon befinden musste, hatte bald die Öffnuug entdeckt, näherte ihr den Mund und rief einen Namen hinein.
Sofort antwortete eine Stimme.
»Ja, hier ist der Steinfuchs.«
»So, das ist recht. Hier Loke Klingsor. Sagt doch mal, Steinfuchs, wo stecken denn Eure Leute, die Ihr mit hierher gebracht habt, um mich zu fangen?«
»Das geht Dich einen Dreck an!«, klang es sofort wütend zurück.
»Na, dann nicht! Die Luftschiffe fahren wahrscheinlich soeben ab, und wenn Ihr noch mit wollt, dann müsst Ihr Euch etwas beeilen. Übrigens, der Gelbe Marder ist verrückt geworden —«
»Was faselst Du da? Selber verrückt!«
»Wie Du denkst! Vielleicht kommst Du aber ein bisschen herunter? Ich warte hier auf Dich!«
»Ihr seid Loke Klingsor?«, wurde da gefragt, und nach dem Tone, in dem das geschah, musste der Frager ein sehr, sehr verblüfftes Gesicht machen.
»Ja, der bin ich.«
»Ich denke, Ihr seid gefangen?«
»War ich, war ich! Du weißt doch, dass ein alter Fuchs immer wieder aus der Falle entwischt, wenn er doch einmal hineingeht, aber das war bei mir gar nicht der Fall, im Gegenteil, ich habe Euch eine Falle gestellt.
Aber wenn Du mich haben willst, dann komm nur, Du weißt ja, welcher Preis auf mich gesetzt ist! Ich warte hier!«
»Ja, ich komme! Heda!«
Wahrscheinlich verlangte der Steinfuchs jetzt nach dem Fahrstuhl, jedenfalls wussten die dort oben noch gar nichts von dem, was hier unten vorgefallen war.
Ein leises Surren zeigte an, dass der Fahrstuhl sich senkte, und bald trat auch der Steinfuchs aus der Nische heraus.
»Na, da bist Du ja!«, sagte Loke Klingsor freundlich.
»Mensch —!«
»Was hast Du denn?«
»Ihr seid frei?«
»Wie Du siehst!«
»Dann sollt Ihr es nicht lange sein! Hände hoch!«
Und schon hob der alte Trapper das Gewehr, zielte auf sein Gegenüber.
»I, verstehst Du denn gar keinen Spaß?«, fragte Loke Klingsor, als er aber schon gehorsam beide Arme hob, und das sah wirklich mehr zum Lachen aus als gefährlich, da er noch immer im »Hochzeitsstaate« stak.
Doch der Steinfuchs hatte für Komik keinen Sinn.
Langsam kam er näher, immer die Büchse vorhaltend.
»Wenn Ihr Euch rührt, schieße ich!«
»Ich stehe ja mucksmäuschenstill!«, erwiderte Loke.
»Gebt die Hände her! Ich muss Euch fesseln!«
»Und dort liegen die Stricke!«, sagte Loke, mit dem Kopfe seitwärts deutend, wo die Seile lagen, die er eben abgestreift hatte, mit denen er schon einmal gefesselt gewesen war.
»Die brauche ich nicht, ich habe Riemen bei mir, die auch Ihr nicht zerreißen sollt!«, knurrte der Steinfuchs.
Und mit einer Hand holte er aus der Tasche einige Riemen aus Hirschleder, das er sicher selbst gegerbt hatte.
»Legt ab, was Ihr an Waffen bei Euch habt!«, befahl er dann.
»Leider habe ich nichts Derartiges bei mir!«
»Ist das auch wahr?«
»Du kannst Dich ja nachher überzeugen.«
»Das werde ich, und wehe, wenn Ihr mich belogen habt!«
Der alte Trapper hatte nur eine Hand frei, um seinen Gefangenen zu fesseln, aber mehr brauchte er sicher nicht, hatte ganz gewiss schon manchen seiner Gegner auf die gleiche Weise unschädlich gemacht.
Jetzt wollte er also beginnen, die Hände Loke Klingsors waren vorgestreckt, er schien an keinen Widerstand zu denken.
Da aber erging es dem Steinfuchs wie vorher dem Grizzly.
Aus dem Munde Lokes brach Feuer — ein sengender Strahl.
»Bless me!«, stieß der Steinfuchs hervor und schaute in ratloser Verblüffung auf den Riemen, der auf einmal in seiner Hand lichterloh brannte, als sei es nicht Hirschleder, sondern Zunder.
Er musste sich beeilen, das Ding fortzuwerfen, sonst hätte er sich noch die Hände verbrannt.
Ihn selber also hatte der Feuerstrahl nicht getroffen, er war noch nicht verletzt, aber wenn er auch etwas erschrocken war, übertölpeln ließ sich dieser alte Jäger doch nicht so leicht.
»Na, wenn Ihr hexen könnt, woran ich nur nicht gleich gedacht habe, dann muss ich es eben auf andere Weise mit Euch versuchen«, rief er, und dann hob er die rechte Faust.
»Da!«, stieß er noch hervor, als er sie auf das Haupt Lokes niederschmettern wollte, und so dürr auch der alte Kerl aussah, Kräfte hatte er sicher. Der Hieb hätte vielleicht einen Bären leblos niederstrecken können.
Aber er wurde nicht geführt.
Die Hand des Steinfuchses blieb regungslos in der Luft schweben, er konnte sie nicht niederschmettern lassen, nicht einmal den ganzen Arm bewegen.
»Siehst Du denn nicht, dass ich einen Zylinder aufhabe?«, spottete Loke
Klingsor nun. »Oder willst Du mir den vielleicht zertöppern? Es wäre doch schade drum, und hier kann ich mir keinen andern kaufen.
Also lieber nicht, Steinfuchs!
Und nun komm, nun wollen wir einen kleinen Spaziergang hier unten machen! Komm nur, komm! Dir geschieht nichts. Ich bin nicht nachträglich, und Du musst doch Bericht erstatten, wenn Du zu Deinem Herrn kommst. Wegen des andern, wegen Deines Verrates wird später mit Dir abgerechnet werden, jetzt sollst Du erst noch eine Weile frei umherlaufen dürfen, so weit ich es Dir gestatte. Also komm!«
Lächelnd schritt Loke voran, jenem großen, noch immer offenstehenden Tore zu, durch welches die ganze Gesellschaft vorhin heulend und brüllend entflohen war, und ihm folgte, den rechten Arm immer noch in der Luft, der Trapper.
Aber nicht etwa stumm!
Die Sprache war ihm geblieben, er fluchte nach Herzenslust, und sein Vorrat schien sich nicht so leicht zu erschöpfen.
Loke Klingsor achtete nicht darauf, schaute sich auch nicht einmal um, er schritt durch einen hohen Gang dahin, der durch von der Decke herabhängende Ampeln erleuchtet war, kam in eine andere geräumige Höhle, in der es toll genug aussah.
Sie war ebenfalls auf orientalische Weise ausgestattet gewesen, sehr prunkvoll sogar, aber hier hatte der rasende Elefant seine Wut ausgelassen. Was nicht aus Stein war, das war zertrampelt und zerfetzt.
Mühsam musste sich Loke Klingsor einen Weg suchen, drang jenseits wieder in einen Gang ein, der ebenfalls noch erleuchtet war, und dort brauchte er nur wenige Schritte zu tun, da stand er vor einem menschlichen Körper, der auf dem Boden lag.
»Kennst Du den, Steinfuchs?«, fragte er.
Der alte Trapper taumelte zurück, beugte sich dann gleich wieder vor.
»Das ist — das ist doch nicht der Gelbe Marder?«, murmelte er.
»Er war es, und der Tod bedeutete für ihn eine Erlösung«, erwiderte Loke. »Sie haben ihn wahnsinnig gemacht. Sieh, seine Füße sind entblößt und zufällig noch unversehrt — Du weißt ja, was das zu bedeuten hat —«
»Sie haben ihn gefoltert?«
Loke nickte nur.
»Diese Schufte! O, diese Schufte!«
Und schon warf der alte Mann sich über den Leichnam, konnte sich also jetzt wieder frei bewegen, wie er sich ja auch vorher schon hatte bücken können.
»Marder! Alter Junge!«
Wie ein Schluchzen klang es, obwohl keine Träne über die gefurchten Wangen rann. »Dass Du so hast sterben müssen! Wenn die Roten Dich gemartert hätten, ich würde kein Wort verlieren — aber so —
Diese Schufte!
Aber, Marder, ich räche Dich! Ich räche Dich! Verlass Dich darauf! Das sollen sie büßen, diese Schufte!«
Der Bahnhof von Kalutotta liegt noch weit vor dem Städtchen. Die beiden Herren stiegen aus, der junge Maler hing den Fotografenapparat um, nahm Skizzenmappe und das leichte Handköfferchen und folgte nach.
Einige Rikschaboys lungerten herum, die jetzt herbeieilten und ihre Dienste anboten.
Wie die meisten ausgestiegenen Passagiere, die nach der Stadt wollten, winkte Mr. Duncan solch einem Karrenführer.
»Wohin, Sahib?«, fragte der halbwüchsige Junge.
»Nach Kalutotta. Warte noch ein wenig.«
Die anderen Rikschas waren auf der staubigen Landstraße bereits verschwunden, als der junge Maler seinen Koffer noch immer in dem Karren anders verpackte. Dann nahm er Platz.
»Nun laufe!«
Der Junge legte den Ledergurt der Deichsel um den Leib und begann zu laufen, wie nur solch ein barfüßiger Rikschaboy laufen kann, zehn Kilometer in der Stunde, und das, wenn's sein muss, einen halben Tag lang ohne jedes Verschnaufen.
Doch nach wenigen Minuten tauchten schon zwischen den Palmen die ersten Villenhäuser des Städtchens auf; vorher noch wurde die breite Landstraße von einem schmaleren, aber auch noch fahrbaren Wege gekreuzt.
»Stopp!«
Der Boy hielt aus der Wegkreuzung.
»Wohin führt dieser Weg?«
»Nach Langa.«
»Was ist das?«
»Eine große Plantage, Sahib.«
»Und der links?«
»Nach Caltura.«
»Nach der italienischen Ansiedlung?«
»Ja, Sahib, nach dem Dorfe der Italienis.«
»Das liegt doch direkt am Meere.«
»Wie Kalutotta.«
»Es ist aber doch gar nichts von dem Meere zu sehen.«
»Sobald wir dort hinter dem Wäldchen sind, siehst Du es, Sahib, wie Du es schon immer von dem hohen Bahndamme aus gesehen haben wirst.«
»Aber Caltura liegt doch eigentlich an der Bucht, die diesen Namen führt.«
»So ist es, Sahib.«
Der Passagier überlegte.
»Hm. Vom Ufer dieser Bucht soll man noch schönere Blicke auf das Wasser haben als von Kalutotta aus.«
»Du bist wohl ein Maler, Sahib?«, wurde ohne jede Neugier, nur mit entgegenkommender Unterwürfigkeit gefragt.
»Das bin ich.«
»Ja, dann lasse Dich von mir lieber nach Caltura fahren. Ich kann Dir auch besonders schöne Punkte zeigen, wo Du ruhig sitzen kannst. Ich habe schon einmal einen Maler geführt, der —«
»Dann fahre los!«
Der Boy schwenkte links ab.
Innerhalb einer halben Stunde flottester Fahrt begegneten sie nur einem Maultiertreiber, einem Italiener.
Aber von dem Meere war noch immer nichts zu sehen. Links und rechts war hochstämmiger Urwald.
Da wurde der Weg wieder von einem ganz schmalen Pfade gekreuzt.
»Stopp! Wohin geht dieser Pfad hier rechts?«
»O, das ist nur ein Pfad für Jäger und Fischer! Er führt an die Bucht.«
»Wie weit ist es noch bis nach Caltura?«
»Ich laufe es in zehn Minuten.«
»Gibt es dort ein anständiges Gasthaus?«
»Jawohl, Sahib.«
»Aber ich werde schon hier aussteigen.«
Und der junge Mann tat es, hob auch gleich seinen Koffer heraus.
»Zu Fuß weitergehen, gleich einmal an das Meer. Es ist doch nicht mehr weit?«
»Nein, weit ist es nicht, näher als Caltura, aber bedenke, dass in einer Stunde die Nacht anbricht, und der Pfad ist so schmal, dass ich ihn nicht befahren kann.«
,Ich will ja auch gehen.«
»So werde ich hier auf Dich warten.«
»Nein, Du sollst eben nicht auf mich warten! Ich werde auch den Rückweg schon allein finden.«
Der chinesische Junge wollte noch einmal vor der finsteren, mondlosen Nacht warnen, aber der Maler bestand kurzerhand auf seinem Willen, und als der Boy zwei Rupies erhielt, war er hochzufrieden und trollte ab, ohne sich um das weitere Schicksal seines Fahrgastes zu kümmern.
Der junge Mann war allein.
Aufmerksam schaute er sich um und nickte befriedigt.
»Ja, das ist die richtige Stelle, wo ich abbiegen soll. Dort die einsame Ölpalme, da die beiden Baobabs, der eine von einem Blitz getroffen — alles stimmt, und wie man mein Verschwinden erklärt, wenn ich nicht nach Caltura komme, falls der Boy von mir spricht, und wie ich wieder auftauchen werde, das soll mir wenig Kopfschmerzen machen.«
Er wandte sich nach rechts, drang in den Urwald ein.
Der Jägerpfad war sehr schmal, aber doch gut vom Buschmesser freigehalten, sonst wäre ein Vorwärtskommen gar nicht möglich gewesen, oder mindestens wäre das leichte Flanellkostüm des Wanderers schon nach den ersten Schritten von Dornen zerfetzt worden.
Nach wenigen Minuten schimmerte durch die Zweige der Meeresspiegel. Der Urwald trat dicht an das Wasser heran; aber dort, wo der Pfad endete, waren die Büsche beseitigt worden, ein Baum mit überhängenden Ästen diente offenbar als Halter für anlegende Boote, wenn jetzt auch keins vorhanden war.
Und geradeaus, in der Mitte der Bucht, die man jetzt als solche erkennen konnte, lag die felsige Insel, allerdings immer noch gegen zwei Kilometer von diesem Ufer entfernt, von den letzten Strahlen der Abendsonne jedoch so scharf beleuchtet, dass schon die Bauwerke zu erkennen waren, mit denen sie ganz bedeckt zu sein schien, wenigstens auf dieser Seite.
Pflanzenwuchs schien auf der nackten Felseninsel ganz zu fehlen. Alles sah grau und öde aus.
Am östlichen Ufer der Bucht konnte ein scharfes Auge ein Hüttendorf unterscheiden — die italienische Ansiedlung Caltura — dort kreuzten einige Boote, gerudert oder auch mit lateinischen Segeln versehen. Sonst war nichts Lebendiges zu erblicken.
Der junge Maler trat näher an das Wasser, spähte hinab.
Es war sehr klar, und da sah er gleich einige jener Tiere, durch welche diese Bucht so berüchtigt war und überhaupt ihren Namen bekommen hatte.
Auf dem Grunde saßen zwischen den Steinen ziemlich dicht zusammen mehrere große Tintenfische — oder Polypen anderer Art — ließen ihre Fangarme spielen. Nicht gerade riesenhafte Exemplare, aber doch sehr stattliche Tiere, die Leiber wie die Kegelkugeln, und wenn er sich an den Durchblick gewöhnt hatte, konnte der Maler anderswo auch noch solche erkennen; der ganze Grund schien von ihnen bedeckt zu sein.
Mr. Duncan trat zurück und blickte sich wieder aufmerksam um.
»Auch hier stimmt alles mit der Beschreibung.
Nun hier rechterhand in den Urwald hinein, bis die Mangrove mit dem Auswuchs kommt, der wie ein Totenkopf aussieht.
Es sollen höchstens hundertfünfzig Schritte sein. Die würden aber genügen, um von meinem eleganten Anzuge nichts mehr übrig zu lassen, und es könnte doch sein, dass ich ihn noch einmal brauche.
Also machen wir Toilette, Beobachter sind ja nicht in der Nähe, und schließlich würde auch das nichts schaden.«
Er begann sich behände zu entkleiden.
Da zeigte sich, dass der junge Maler mit den langen Haaren unter dem weiten Flanellanzug noch ein ledernes Kostüm von dunkler Farbe trug, so eng anliegend, dass es fast einem Trikot glich. Auch noch andere Merkwürdigkeiten zeigten sich, so zum Beispiel, was für eine ungemein entwickelte Muskulatur dieses so schmächtig und zierlich aussehende Kerlchen besaß. Das war zu erkennen, weil das dünne Leder eben wie ein Trikot anlag. Und an den Füßen trug er lange, bis zum Leibe reichende Wasserstiefel. Um den Leib schlang sich ein Gürtel, mit Patronen gespickt, und um die Hüften war noch etwas gewickelt, was nichts anderes sein konnte als ein ledernes Lasso.
Das legte er ab und ließ es wie den Flanellanzug und die »Butterblume«, das heißt das kokette Strohhütchen, das er auf den Locken getragen hatte, in dem Koffer verschwinden, der überhaupt nichts weiter enthielt als einen alten, ledernen Sombrero, den er jetzt aufs Haupt drückte.
»So, die Toilette wäre gemacht, und deshalb kann ich noch immer der Kunstmaler William Richard Duncan aus London sein, zumal der sich in der Welt der Kunst noch keinen Namen gemacht hat.«
Er drang ein in den Urwald, nun ohne Pfad.
Und wie er sich zwischen den Lianen und Dornengestrüppen hindurchwand, schon wie er die Füße setzte, daran hätte der Kundige sofort erkannt, dass der junge Maler in solch einer Wildnis zu Hause war. Und bald gab er noch einen ganz speziellen Beweis von dieser seiner Erfahrenheit im tropischen Walde.
Ein Rascheln. Nicht weit von ihm huschte es wie ein silberner Streifen durch das grüne Laub.
Mehr war gar nicht zu sehen gewesen. Wie ein Lichtstrahl war es wieder verschwunden. Aber ein Blick genügte, und der junge Mann mit den Künstlerlocken sprang hin, Koffer und Mappe fallen gelassen, ein blitzschneller Griff, er hatte eine Schlange von wenigstens Meterlänge dicht am Schwanze gepackt. Sie wollte sich ihm um den Arm winden, während der plötzlich sich aufblähende Kopf schon nach seinem Schenkel fuhr, aber sie kam nicht dazu, ein Schwung, sie sauste durch die Luft, schmetterte mit dem Kopfe gegen den nächsten Baumstamm und lag leblos am Boden.
Es war ein Stückchen gewesen, das dem jungen Manne nicht so leicht jemand nachmachte, nicht einmal ein berufsmäßiger Schlangenfänger.
Kaltblütig betrachtete der junge Mann das Reptil.
»Eine Silberschlange, Assa medita, eine der giftigsten dieser Insel, fühlt sich auch im Wasser sehr wohl.
Größere Raubtiere kommen hier, in der Nähe der doch recht ansehnlichen Hafenstadt, natürlich nicht mehr vor; deshalb hat mich der Boy vor ihnen auch nicht zu warnen brauchen, höchstens kleinere Würger, die auf Federvieh gehen. Aber dass es hier Giftschlangen gibt, das hat dieser Boy eben so ganz selbstverständlich gefunden, dass er mich vor ihnen zu warnen vergaß.
Und die eingeführten Raubtiere dort drüben auf der geheimnisvollen Geisterinsel?
Nun, die werden sich hüten, kilometerweit durch ein Wasser zu schwimmen, das von Polypen und Haifischen wimmelt, und wenn sie mit diesen auch noch keine Erfahrung gemacht haben, so hält doch schon ihr Instinkt sie vor solch einem Risiko zurück. Nur der größte Hunger könnte sie zwingen, sich ins Wasser zu wagen.«
Er nahm Köfferchen und Mappe wieder auf und setzte seinen Weg fort, sich immer möglichst nahe dem Ufer haltend, bis er dicht an diesem einen Mangrovenbaum erblickte, der seine Luftwurzeln in das Wasser hinabsandte. Solch ein einzelner Mangrovenbaum ist eine große Seltenheit. Diese Art Bäume kommt sonst nur in großen Kolonien vor, und zwar eigentlich nur dort, wo es Brackwasser gibt, also wo sich Salzwasser und Süßwasser vermischten, an Flussmündungen am Meer. Hier mündete kein sichtbares Bächlein. Es war eben einmal eine Ausnahme. Diese eine Mangrove hatte sich im Salzwasser akklimatisiert. Außerdem zeigte sie in der Nähe der niedrigen, nur mannshohen Krone einen Auswuchs, der an einen menschlichen Totenkopf erinnerte.
»Das ist er, ich bin am Ziel!«
Und der junge Mann bewies, dass er tatsächlich ein Maler war, nur hierher gekommen, um Studien zu treiben. Dieser Platz war ihm eben empfohlen worden. Er suchte sich die geeignetste Luftwurzel aus, ließ sich darauf nieder, schlug die Beine übereinander, schlug ein neues Blatt auf, und nachdem er das Bild der lichtumflossenen Insel einige Zeit auf sich hatte wirken lassen, begann er mit kühnen und sicheren Bleistiftstrichen zu skizzieren.
Doch nicht lange konnte er seiner künstlerischen Beschäftigung obliegen.
Die Sonne hatte schon dicht über dem Horizont des freien Meeres gestanden, das von hier aus im Westen noch zu sehen war, sie begann unterzutauchen, und kaum war der letzte Saum ihrer glühenden Fläche verschwunden, als sich plötzlich die schwärzeste Finsternis ausbreitete.
Das Auge musste sich erst an diesen plötzlichen Wechsel gewöhnen, ehe es erkannte, dass die Nacht im Grunde genommen gar nicht so stockfinster war. Am Himmel funkelten prächtig die Sterne, als herrlichstes Bild das südliche Kreuz, ziemliche Helligkeit verbreitend.
An ein Skizzieren war natürlich nicht mehr zu denken. Die Insel war nicht mehr zu erkennen.
So verging einige Zeit.
Der einsame Mann musste auf seiner Wurzel sitzen geblieben sein, regte sich nicht.
Doch da begann die Verwandlung.
Der bisher so schweigsame Urwald wurde lebendig, erwachte in der Nacht zu seinem eigentlichen Leben.
Erst überall ein leises Rascheln. Dann kamen seltsame Laute hinzu, klagende Tierstimmen. Dann setzte ein kräftiges Froschkonzert ein und ein Schnattern und Brüllen von Affen, von denen am Tage kein einziger zu sehen gewesen war. Diese tropischen Affen sind eben meist Nachttiere, zumal in der Nähe dichtbewohnter Gegenden.
Nun fehlte in diesem nächtlichen Konzert bloß noch eins. Doch auch das sollte nicht lange ausbleiben.
In weiter Ferne erscholl ein langgezogenes Heulen, ein donnerndes Brüllen folgte.
Drüben auf der Geisterinsel sprachen die Raubtiere, und zwar Wolf und Löwe.
Wie mit einem Schlage verstummte das Affenkonzert, freilich nicht lange, um dann mit doppelter Macht einzusetzen, immer wieder verstummend, sobald drüben eine Bestie der Wildnis ihre Stimme erhob.
Immer gräulicher wurde dieses Leben im finsteren Urwald. Dazu kam nun noch ein unheimliches Schnappen und Schnalzen im erst so stillen Wasser.
Welcher Stadtmensch hätte sich hier aufhalten können, ohne dass sein Herz vor Angst zusammengeschnürt worden wäre?
Dieser Platz, um Skizzen zu machen, war ihm empfohlen worden.
Und welchen Eindruck machte das alles auf den einsamen Mann, der noch immer auf der Baumwurzel saß?
Ein kleiner Vorgang zeigte das am besten.
Dort, wo er saß, leuchtete nach einem leisen Knips ein schwaches, blauweißes Flämmchen auf. Gleich darauf gesellte sich ein rotglühender Punkt hinzu. Das weiße Flämmchen verschwand; narkotischer Duft erfüllte die Atmosphäre.
Er hatte sich eine Zigarre angebrannt. Da konnte sein Herz vor Angst und Grauen wohl auch nicht stillstehen, der ganze Skandal konnte auf ihn überhaupt keinen Eindruck machen.
Die Zigarre leuchtete als Glühwürmchen.
Konnte sie, wenn der Mann hier ein heimliches Geschäft vorhatte, ihn nicht verraten?
Ach, dieses »Glühwürmchen« sollte bald viel Gesellschaft bekommen, aber ganz lebendige!
Überall begann es aufzuleuchten und umherzuschweben, von den winzigsten Punkten bis zur Faustgroße, allerdings nicht nur glühendrot, sondern auch in anderen, in den herrlichsten Farben; besonders ein kolossaler Leuchtkäfer vom reinsten Smaragdgrün tat sich hervor.
So vergingen wohl drei Stunden.
Wenn der Mann wirklich noch auf der Baumwurzel saß, so rührte er sich doch nicht, machte sich durch nichts bemerkbar.
Und doch — der narkotische Duft verriet, dass er eine Zigarre nach der anderen rauchte.
Wieder einmal hatte ein donnerndes Brüllen das Affenkonzert verstummen lassen, auch die Frösche machten gerade eine Pause.
Da erklang der klagende Ruf eines Wasservogels, der ja sonst kein nächtlicher zu sein brauchte, nur im Schlafe gestört worden war.
Dreimal hintereinander erscholl der klagende Ruf.
Und dann kam genau von dort, wo der einsame Mann saß, derselbe Laut, aber nur zweimal.
Dann ein leises Plätschern, aber schon von dem wieder einsetzenden Spektakel übertönt.
»Kurt?«
»Jawohl, ich bin's, Walter!«
Von Westen her kam, sich nahe dem Ufer haltend, ein Boot heran, schmal und flach gebaut, bepackt mit Säckchen und Kistchen und Fässchen, hinten ein auffallend großer, stark gebauter Mann mittleren Alters im ledernen, stark abstrapazierten Jagdkostüm, der das Fahrzeug mit einem einzigen Ruder bewegte.
Das Boot legte sofort neben dem Mangrovenbaum am Ufer bei; ohne Weiteres stieg der junge Maler ein, Köfferchen und Skizzenbuch mitnehmend.
»Schon lange hier?«
»Drei Stunden. Seit kurz vor Sonnenuntergang.«
»Dann musst Du Dich beeilt haben.«
»Musste ich auch, sonst hätte ich eben im Finstern tappen müssen.«
»Gleich gefunden?«
»Deine Beschreibung war deutlich genug.«
»Sonst alles in Ordnung?«
»Bei mir, ja. Aber nicht bei Dir.«
»Was, nicht bei mir?«
»Sie sind erkannt worden, Herr Professor Becker!«
»Ach so, ich weiß! Ja, ich habe heute Mittag im Hotel den Mr. Fryan gesehen, dem wir damals vor zwei Jahren bei ManhaCity immer die Honigfüchse vor der Nase wegschnappten; auch er sah mich, und ich musste aus seinem Stutzen gleich schließen, dass ihm an mir etwas auffiel, wenn ich auch nicht glaubte, er würde mich gleich erkennen. Aber woher ist Dir dies bekannt?«
Doktor Walter Frank erzählte von seiner Eisenbahnfahrt. Die beiden sprachen das alles mit so gedämpfter Stimme, dass ein Lauscher drei Schritte von ihnen entfernt auch nicht den geringsten Ton gehört hätte. Diese Art Unterhaltung musste von den beiden sehr gründlich eingeübt worden sein, anders war es gar nicht möglich, und wenn sie einmal lachten, so war es ebenfalls geräuschlos.
»So, so! Und hat er auch Dich erkannt?«
»Ganz und gar nicht!«, entgegnete Doktor Frank und vervollständigte jetzt seine Umwandlung, indem er seine langen Haare abnahm, also eine Perücke.
»Ich aber«, setzte er hinzu, »habe mir die Freiheit genommen, von dem edlen Herrn im Coupé eine fotografische Aufnahme zu machen.«
»Wozu?«
»Weil ich mir diesen Mr. Fryan noch einmal kaufen möchte, weil er mehrmals von »blutig verdammten Deutschen« gesprochen hat. Ich hatte die größte Lust, ihn gleich zur Verantwortung zu ziehen oder ihm eine gute deutsche, recht saftige Backpfeife zu verabreichen, aber — ich war nun einmal der Kunstmaler Mr. William Richard Duncan aus London, wollte diese Rolle durchführen.«
»Sonst ging alles gut?«
»Wie ich sagte. Und wie war es mit Dir?«
»Alles verlief programmmäßig.«
»Hast bis Betinje den Dampfer benutzt?«
»Jawohl.«
»Hast Du dieses Boot gleich gekauft oder nur für einen Ausflug gemietet?«
»Natürlich gleich gekauft.«
»Heute früh war Dir dies noch nicht so natürlich.«
»Unterdessen ist aber nun mein Entschluss gereift, es wird nichts mehr daran geändert.«
»Nun?«
Der hünenhafte Professor hatte sich eine kurze Pfeife angesteckt.
»Wir führen meinen zuerst gefassten Plan aus«, begann er dann zu erläutern. »Wir fahren nicht im Boot nach der Insel hinüber, sondern es wird hier am Ufer versteckt, in dem Schlupfwinkel, den ich schon bei meinem vorgestrigen Besuche hier ausgekundschaftet habe.
Wir schwimmen nach der Insel hinüber, und zwar zwei Stunden vor Tagesanbruch, nehmen nichts weiter mit als für einen Tag Proviant und Trinkwasser. Da haben wir uns herzlich wenig zu belasten.
Drüben angekommen, haben wir noch anderthalb Stunden Zeit.
Sobald der Morgen graut, ist es unser erstes, für unser Boot ein geeignetes Versteck auf der Insel zu suchen.
Ist das geglückt, so gehen wir an die wissenschaftliche Arbeit, an die Erforschung der Ruinen, und was wir sonst dort drüben noch alles zu sehen hoffen.
In der Nacht schwimmen wir gleich herüber, holen unser Boot nach und bringen es in das Versteck. Das Weitere bleibt Gott überlassen. Mehr habe ich jetzt hierüber nicht zu sagen.«
Aufmerksam hatte Doktor Frank zugehört.
»Da hätte ich doch noch eine kleine Abänderung zu treffen«, meinte er dann. »Weshalb müssen wir denn gleich zusammen hinüberschwimmen? Der eine kann doch erst hier beim Boot bleiben, bis drüben das Versteck gefunden ist. Ich werde allein hinüberschwimmen —«
»Schweig, Knabe!«, wurde er, mehr zärtlich als herrisch, aber doch im bestimmtesten Tone, unterbrochen. »Ich durchschaue Dich!«
»Was gibt's denn da zu durchschauen? Ich habe doch keine Hintergedanken dabei!«
»Doch. Du willst Dich wieder einmal für mich aufopfern. Gibt's nicht! Entweder wir schwimmen zusammen, oder überhaupt nicht. Oder wir können uns ja gleich ganz trennen. Übernimm Du die Erforschung dieser geheimnisvollen Lemureninsel; ich gehe nach Australien, mache mich an die Arbeit, die wir als nächstfolgende planen. Oder umgekehrt! Wir wollen losen. Natürlich sind wir dann getrennt für immer, wenn auch nicht etwa als Freunde. Na?«
Es war in einem Tone gesagt worden, dass Doktor Frank keine Einwendung mehr machte.
»Dann ist die Sache also erledigt.«
»Sie ist es. Kurt — Du weißt, dass ich kein Feigling bin —«
»Rede nicht so töricht, Junge.«
»Aber ein waghalsiges Stückchen ist das doch! So etwas haben wir noch nicht aufgeführt. Hörst Du die Haifische?«
»Unser Mittel schützt auch gegen sie. Das weißt Du doch selbst am besten. Auch der Haifisch hat eine Witterung, und er braucht nur das Geringste von dem Teufelszeuge in die Nase zu bekommen, obgleich es doch für die menschliche Nase so ganz und gar nicht erkenntlich ist, und er prallt entsetzt zurück, als habe man ihm ein glühendes Eisen in den Rachen gestoßen.«
»Ja, das ist der Fall«, bestätigte der Freund. »Die meisten Tiere, ob sie dem Menschen nun gefährlich sind oder nicht, haben gegen unser Schutzmittel einen unaussprechlichen Abscheu — sowohl der Elefant wie jede Katzenart wie die Mücke. Sonst wäre ich hier in den drei Stunden ja auch schon von Moskitos aufgefressen worden. Diese Blutsauger halten sich eben zehn Schritte von mir entfernt.
Wäre unser Mittel nicht so außerordentlich schwer herzustellen und daher so ungemein kostbar, so könnten wir der ganzen Menschheit den denkbar größten Dienst erweisen, nur durch diesen Mückenschutz. Malaria gäbe es dann gar nicht mehr. Aber wie die Sache nun einmal liegt, hat eine Veröffentlichung unserer Entdeckung gar keinen Zweck. Behalten wir also dieses Geheimnis für uns!
Na, Kurt, Herr Professor Becker, nun dürfen wieder Sie sprechen!«
»Na, Walter, wenn Du so denkst, dann will ich Dir noch einen anderen Vorschlag machen. Also Du meinst, einer soll hier bei dem Boote bleiben, bis er herübergeholt wird? Dann bist Du das. Ich schwimme heute Nacht hinüber.«
Jetzt aber wurde Doktor Frank zornig.
»Was? Ich soll hier bleiben? Dich allein schwimmen lassen? Mensch, was fällt Dir ein, mir solch einen Vorschlag zu machen?«
»Dann bleibt Dir also nichts weiter übrig, als mit mir zu schwimmen!«, rief der Professor lachend.
»Gut, wir schwimmen beide, es bleibt alles bei Deinem Programm«, sagte Doktor Frank.
Die Sache wäre erledigt gewesen. Aber Professor Becker fing doch noch einmal davon an.
»Der Maharadscha von Kandi ist Mohammedaner. Er mag der russischen Gräfin durch irgend etwas tief verpflichtet sein — kurz, der sonst unerklärliche Fall ist eingetreten, dass er ihr dieses singhalesische Heiligtum überlassen hat.
Wir beide nehmen nun, indem wir von allen sonstigen Fabeln absehen, mit dem allgemeinen Volksglauben an, dass die Gräfin ab und zu auf ihrer venezianischen Prachtgondel nach der Insel hinüberfährt, um ihre vierbeinigen Lieblinge zu besuchen, und wenn sie mit ihrer Dampfjacht nach Colombo kommt, nimmt sie einige von ihnen auch mit. Einen anderen Zweck, als zum Raubtierpark zu dienen, hat diese Insel für sie nicht.
Davon waren wir beide fest überzeugt. Jetzt aber bin ich einer anderen Ansicht geworden.
Höre, Walter, was ich auf der Fahrt hierher Seltsames erlebt oder doch erlauscht habe!
Die Deckpassagiere des kleinen Küstendampfers bestanden, wie immer, fast nur aus Eingeborenen. Unter ihnen war auch ein alter Mann, dem man nichts Besonderes ansah, recht ärmlich gekleidet, dem aber die anderen Farbigen, Singhalesen und Tamilen, sogar die reichgekleideten, den höchsten Respekt erwiesen.
Bald hatte ich erfahren, woher das kam. Es war ein Danglu, so ein Zauberer, der auf den Perlenbänken die Haifische beschwört, dass sie den Tauchern nichts tun, und der natürlich auch sonst allerlei geheime Künste versteht.
Ich kümmerte mich nicht weiter um den Kerl. Ich habe mich früher einmal mit dieser Sache beschäftigt, sogar ganz gründlich, bin in manche Geheimnisse dieser Danglukaste gedrungen, jetzt habe ich kein Interesse mehr dafür.
Als nun der Dampfer die erste Station anlief, kamen neue farbige Passagiere an Bord, darunter ein jüngerer Mann, wie ein Bettler aussehend; aber die braunen Fahrgäste machten sich gegenseitig auf ihn aufmerksam; auch ihm wurde die gleiche Hochachtung gezollt.
Es war ein zweiter Danglu, und die beiden Hexenmeister kannten keinen Konkurrenzneid, mochten Freunde sein; sie begrüßten einander, unterhielten sich über Familienangelegenheiten und dergleichen. Doch bald gaben sie das Singhalesisch auf, bedienten sich der Geheimsprache ihrer Kaste, genau wissend, dass niemand sie verstehen konnte, noch weniger ahnend, dass der Europäer, der dicht neben ihnen stand, diese Geheimsprache vollständig beherrschte.
Jetzt unterhielten sie sich über die Ramsawedda, über die italienische Maladetta, über die rote Wolfsgräfin.
Erst glaubte ich, ich würde nichts Neues zu hören bekommen, aber bald sollte es anders kommen.
Der junge Danglu war plötzlich einsilbig geworden. Ich merkte gleich, dass er etwas Besonderes auf dem Herzen hatte, und richtig, bald weihte er den Kollegen in sein Geheimnis ein, erzählte ihm, was er neulich erlebt hatte.
Es war in der letzten Neumondnacht gewesen — also jetzt gerade vor vier Wochen.
Der junge Danglu fuhr des Abends von Simbola aus in einem Boote auf das Meer hinaus, um seinen Hokuspokus zu treiben, das heißt, um sich für spätere Zeiten vorzubereiten, um für seine Zauberei neue Kräfte zu sammeln, was eben in finsterer Neumondnacht einsam auf freiem Meere geschehen muss.
Mitternacht kommt, der Denglu treibt seine Zeremonien, betet zu den Göttern — da plötzlich ein Rauschen, das Meer schäumt auf, das Boot droht zu kentern, es wird von einer unsichtbaren Kraft fortgerissen.
Solch ein Danglu ist doch ein halber oder sogar ein ganzer Seemann, wenn er auch sonst nichts mit Schiffen zu tun hat. Das Meer ist sein Element.
Also trotz der Stockfinsternis erkennt der Mann sofort, oder er weiß bestimmt, dass das nichts anderes als ein Dampfer sein kann, ein Seil schleift nach, das sein Boot gefasst haben muss.
Hallo, ein Dampfer, der bei solcher Stockfinsternis und überhaupt in der Nacht ohne Lichter fährt?! Was soll das bedeuten?!
Na, ganz einfach ein Schmugglerschiff. Das weiß dieser Danglu doch sofort. Oder es hat sonst etwas Böses auf dem Gewissen.
Der Danglu hat keine Lust, sich bemerkbar zu machen. Die finstere Bande würde doch dafür sorgen, dass er nichts von seinem Abenteuer erzählen kann. Entweder er muss ihr beitreten oder sie machen ihn für immer stumm.
Sein Boot hat zwar Wasser geschöpft, aber sinken kann es nicht.
Also nun so schnell wie möglich sich wieder freimachen!
Aber das gelingt ihm nicht.
Es ist eine Stahltrosse, die sich um sein Boot geschlungen hat, und zwar muss sie sich am Kiel festgehakt haben, ist zwar nur dünn, aber er besitzt kein Mittel, sie durchzusägen oder durchzuschneiden.
Und der Danglu verzichtet immer noch darauf, sich dem Dampfer, der auch nicht den geringsten Lichtschimmer von sich gibt, bemerkbar zu machen. Es geht eben um seinen Hals. Lieber lässt er sich ins Ungewisse schleppen.
Übrigens scheint die Sache nicht allzu schlimm für ihn zu stehen. Gar so weit ist er nicht von der Küste entfernt; er sieht noch die Leuchtfeuer, und aus ihnen erkennt er, dass der Dampfer stark östlichen Kurs hält, ihn also der Küste näher bringt.
Sobald er dieser nahe genug ist, so will er das Boot im Stich lassen und sein Heil im Schwimmen suchen. Solch ein Danglu muss ja unbedingt früher selbst Perlentaucher gewesen sein, und zwar einer von jenen, der sich vor keinem Haifisch fürchtet. Wird er angegriffen, so stößt er ihm das Doppelmesser in den Rachen. Hat ein Taucher nicht diese Probe abgelegt, so hat er gar keine Aussicht, in die Zauberkaste aufgenommen zu werden.
Also der Mann wartet. Eine Viertelstunde vergeht. Der Dampfer hält sich längs der Küste, ohne sich ihr noch zu nähern, hat mehr südlichen Kurs genommen.
Mit einem Male aber biegt er scharf nach Backbord, nach Osten ab. Und da merkt der Danglu aus den Küstenfeuern, dass der Dampfer jetzt direkt in die CalturaBucht oder, wie sie hier heißt, in die KalutottaBai hineinsteuert.
Kaltes Grauen überläuft den Mann! Es geht in die fürchterliche KalutottaBai hinein!
Noch einmal verdoppelt er seine Anstrengungen, sich von dem Drahtseile zu befreien. Vergeblich! Indem er aber die Zwecklosigkeit seiner Bemühungen einsieht, beruhigt er sich, wird neugierig, wobei zu bedenken ist, dass gerade solche Zauberer doch am wenigsten an allen Hokuspokus glauben.
Was hat denn dieser Dampfer in der KalutottaBai zu suchen? Ja, wie darf er überhaupt wagen, wie ist es überhaupt möglich, dass er eindringen kann.
Sein Auge hat die Umrisse des Dampfers inzwischen doch zu unterscheiden gelernt, und er muss ihn wenigstens auf tausend Tonnen schätzen.
Ein so tiefes Wasser, dass dieser Dampfer es befahren kann, besitzt diese Bucht aber gar nicht.
Sie ist nirgends tiefer als zweieinhalb Meter. Das weiß man bestimmt. Das ist ja eben der Grund, weshalb diese ganze Küstengegend für Befestigungen gar nicht in Frage kommt, sonst wäre auch die heilige Geisterinsel schon längst von der englischen Regierung beschlagnahmt und in eine starke Festung verwandelt worden.
Also der Danglu beschließt, sich nun auch noch weiter schleppen zu lassen — oder, nicht aus dem Boot zu springen, um schwimmend die Küste zu erreichen.
Übrigens hätte er hierzu gar nicht mehr den Mut gehabt, denn als er die Erkenntnis bekommt, befindet er sich bereits innerhalb der Bucht, und da fürchtet er die Polypen und Haifische; in dieser von den Lemurengeistern belebten und verhexten Gegend reicht seine Zauberkraft nicht aus — oder seine tatsächliche kühne Geschicklichkeit, diesen Bestien zu entgehen; zumal auch in seinem Gehirn riesenhafte Kraken und Tintenfische spuken. Gar zu viel aufgeklärten Geist darf man von solch einem Danglu denn doch nicht verlangen.
Also er verlässt sein Boot nicht, wird nun auch immer neugieriger, wohin der Dampfer will und was er in dieser Bucht vorhat.
Der Dampfer fährt große Bogen, oftmals sogar direkt im Zickzack, muss also eine Fahrrinne verfolgen, die für ihn tief genug ist.
Dabei kann der Danglu doch manchmal voraussehen und erblickt Lichterchen.
Aber in dem italienischen Dorfe Caltura können die unmöglich aufleuchten, das ist noch viel zu weit entfernt, andere menschliche Ansiedlungen gibt es nicht an dieser Bucht — nur die Geisterinsel kann es sein, wo diese Lichterchen aufblitzen, und nach diesen Zeichen richtet sich offenbar der Dampfer, um seinen Weg zu finden.
Und richtig! Er steuert zuletzt direkt auf die Insel zu, in eine große Höhlung hinein, einem überbauten Hafen, eben auch noch aus jener uralten Zeit stammend, groß genug, um ein Schiff wie diesen Dampfer aufzunehmen.
Obgleich das Drahtseil, welches das Boot nachschleppt, ziemlich lang ist, wird es doch noch vollständig in das überdeckte Hafenbassin mit hineingeschleift, und das ist sehr gut, denn hinter dem Dampfer schließt sich wieder eine mächtige Tür.
Die weite Halle ist erleuchtet, allerdings nur durch Fackeln und Öllampen, aber es ist doch ziemlich hell darin; der Danglu kann alles erkennen. Er selbst liegt mit seinem Boote im Finstern.
Und nun beobachtet er, wie auf dem Dampfer eine Unmasse von großen Kisten und Säcken ausgeladen und an Land gebracht wird, von fremdartig aussehenden Männern, deren Sprache er nicht versteht.
Auch die rothaarige Gräfin hat sich eingestellt, spricht mit einem Manne, der wohl der Kapitän oder sonst ein Anführer ist; aber der Danglu kann eben nichts verstehen.
Also die Wolfsgräfin befasst sich mit Schmuggel.
Was mögen die Kisten und Säcke enthalten?
Einer der Säcke platzt, er enthält Reis.
Und genau wie dieser Sack sehen alle anderen aus. Auch sie werden Reis enthalten.
Reis? Der braucht auf Ceylon nicht eingeführt zu werden, kein Zoll liegt darauf.
Von den Kisten zerbrach eine — sie enthielt Konservenbüchsen.
Mit Ausnahme von gezuckerten Früchten dürfen in den englischen Kolonien auch Konserven aller Art frei eingeführt werden.
Und dann folgten noch Hunderte von Fässern, die eingepökeltes Fleisch enthielten, wie darauf zu lesen stand, und auf solchem Fleisch liegt ebenfalls kein Eingangszoll.
Da rief die Gräfin einem anderen Manne einmal etwas auf Englisch zu, was der Danglu verstand.
›So, nun sind wir wieder für ein Vierteljahr verproviantiert!‹
Für ein Vierteljahr?
Der Danglu versicherte seinem Kollegen, dass das, was da ausgeladen wurde, mindestens für dreihundert Personen zwei Jahre ausreichen müsste; dabei konnten sie sich auch noch mästen. So etwas verstünde er zu beurteilen.
Nun besteht aber die Dienerschaft der Gräfin nur aus sechsundvierzig Mann, das ist doch genau bekannt.
Ja, wie reimte sich das zusammen, wenn diese Unmenge von Proviant nur für ein Vierteljahr reichen sollte? Und wozu überhaupt diese Heimlichkeit der Einnahme von zollfreiem Proviant?
Dem Danglu musste ja gleich ein Verdacht aufsteigen, den auch Du schon gehabt haben wirst, Walter.
Und richtig! Als sich die Säcke und Kisten und Fässer endlich erschöpft hatten, da folgten ihnen weit mehr als hundert Menschen nach, ungefähr auf anderthalbhundert schätzte der Danglu sie mindestens, die dem Schiffsbauche entquollen und an Land gebracht wurden, auf die Galerie, welche das Wasserbassin umgab, von wo sie durch eine Felsentür verschwanden, meist große, starkgebaute Männer, sämtlich von fremdländischem Aussehen und fremdartiger Tracht.
Leider beschrieb der Danglu seinem Kollegen diese und das Aussehen der Leute nicht weiter, sonst hätte ich doch vielleicht einen Schluss ziehen können, woher sie stammten.
Ihre Ausschiffung war von Kettenklirren begleitet.
Die Männer waren sämtlich schwer gefesselt, und zwar schien es, als sei kurz vorher, noch an Bord des Schiffes, ein blutiger Kampf vorausgegangen, denn viele von ihnen zeigten Verwundungen, waren verbunden, wie auch Mehrere von der Schiffsmannschaft, die sich nicht mit an der Arbeit beteiligten.
Also die Gefangenen hatten zweifellos eine Meuterei angezettelt, die blutig niedergeschlagen worden war.
Noch einige Tragbahren mit solchen Verwundeten folgten, und dann gegen fünfzig Weiber, sehr große, volle Gestalten, die meisten von auffallender Schönheit, einige auch mit Kindern auf den Armen, während größere Kinder fehlten.
Diese Weiber trugen erst recht ganz fremdartige Kostüme. Leider aber sagte der Danglu nicht einmal, was für Farbe ihre Haare und Haut gehabt hatten, ich wenigstens bekam nichts davon zu hören, wie ich auch lauschte. Dagegen konnte er versichern, dass auch diese Weiber, obwohl sie keine Ketten trugen, Gefangene gewesen seien; sie waren sichtlich niedergeschlagen, einige jammerten laut, ebenfalls in einer dem heimlichen Beobachter unverständlichen Sprache.
Etwa zwei Stunden hatte diese Ausschiffung gewährt.
Unterdessen hatte der Danglu ein Werkzeug gefunden, mit dem er das Drahtseil hatte durchschneiden können; sein Boot war wieder frei.
Außerdem hatte er die Beobachtung gemacht, dass es da ein Wasserpförtchen gab, durch das wiederholt Boote aus- und einfuhren.
Als nun alles in der weiten Wasserhalle wieder still und finster geworden war, fuhr er mit seinem Boote dorthin, und siehe da, das Wasserpförtchen führte ihn wirklich durch einen unverschlossenen Tunnel ins Freie. Er sah die Lichter von Caltura, ruderte hin und gewann das Ufer, ohne etwas von einer Verfolgung bemerkt zu haben.
Bisher hatte er noch zu keinem Menschen von diesem seinem Erlebnis gesprochen.
Das hörte ich ihn noch zu seinem Kollegen sagen. Da hatte der Küstendampfer die nächste Station erreicht. Die beiden gingen an Land.
Das also, Walter, wollte ich Dir noch mitteilen.«
Der Zuhörer hatte den Erzähler mit keinem Worte unterbrochen.
»Hm. Was für gefangene Männer und Weiber mögen das gewesen sein?«
»Darüber, Walter, uns in Vermutungen zu ergehen, hat nicht den geringsten Zweck.«
»Nein, allerdings nicht. Und worin besteht nun die Gefahr, von der Du sprichst?«
»Nur darin, dass sich auf der Insel weit mehr Menschen befinden, als wir angenommen haben. Das muss sehr wohl berücksichtigt werden, oder wir können ein Opfer unserer Sorglosigkeit werden.«
»Gut, ich verstehe! Aber müssen diese Hunderte von Menschen sich gerade auf der Insel befinden?«
»Wo sonst?«
»Sie sind auf das Festland nach dem Schlosse hinübergebracht worden.«
»Das ist nicht möglich.«
»Weshalb nicht?«
»Das Schloss liegt hoch oben auf dem Felsen, der nur scheinbar, das heißt von Weitem gesehen, bis dicht an das Wasser herantritt. In Wirklichkeit erstreckt sich zwischen Felsen und Wasser noch ein fast hundert Meter breiter, sandiger Küstenstreifen, der auch den kleinen Hafen umschließt. Dort gibt es also keine Gelegenheit, etwa gleich so in den Felsen, in ein überdecktes Hafenbassin einzufahren. Was von einem Fahrzeug ausgeladen wird, muss erst über diesen freien Küstenstreifen, ehe es im Innern des Felsens verschwinden kann, um dann weiter nach dem Schlosse hinaufbefördert zu werden.
Nun liegen links und rechts von dem Felsen die Hütten der Italiener, schmiegen sich dicht daran, und so groß das Grauen dieser Fischer vor der Maladetta auch sein mag, so haben sie deshalb doch nicht ihre Behausungen aufgegeben. Im Gegenteil, sie liegen jetzt Tag und Nacht auf der Lauer, in der Hoffnung, die Bewohner des Schlosses bei einem Treiben beobachten zu können, wodurch sie gegen das Strafgesetz verstoßen — um die Wolfsgräfin vielleicht auf diese Weise aus ihrer Nachbarschaft loszuwerden!
Also kann keine Rede davon sein, dass die Gefangenen, deren Zahl mindestens zweihundert betragen soll, unbemerkt von der Insel in das Schloss zu bringen sind.
So etwas wäre beobachtet worden, das wäre jetzt schon allgemein bekannt. Die Gefangenen befinden sich jetzt noch auf der Insel.«
»Wenn sie nicht ebenso heimlich wieder fortgeschafft oder getötet worden sind!«, meinte Doktor Frank.
»Kann auch der Fall sein. Jedenfalls aber haben wir bei unserem Besuche der Insel nicht nur mit einigen wenigen Menschen, sondern mit einigen hundert zu rechnen. Ich musste Dir das Erlauschte mitteilen. Das ist jetzt geschehen. Die Sache ist vorläufig erledigt. An unserem Programm wird dadurch nichts geändert. Wollen wir jetzt essen? Ich habe tüchtigen Hunger. Und mit vollem Magen dürfen wir unsere Schwimmtour nicht antreten.«
Sie entfernten sich ein beträchtliches Stück vom Ufer, aßen von ihren Vorräten, wobei auch eine Tasse Tee nicht fehlte. Dann entstand abermals ein kleiner Wettstreit, aus dem Professor Becker als Sieger hervorging, indem sich sein bedeutend jüngerer Freund zum Schlafen niederlegen musste, während jener die Wache übernahm.
Nach etwa sechs Stunden weckte Doktor Frank seinen älteren Freund. »Vier Uhr! Es ist Zeit, unsere Vorbereitungen zu treffen.« Sie zogen den Anker hoch, Professor Becker dirigierte das Boot in ein Versteck am Ufer, das er ausgekundschaftet hatte; das Boot verschwand völlig darin.
Schon vorher hatten sie sich zur Schwimmtour vorbereitet, gingen sofort ins Wasser und schwammen mit kräftigen Stößen los. Es genügte, wenn sie nur ungefähr die Richtung einhielten, dann konnten sie die Insel nicht verfehlen.
So verging eine Viertelstunde, soweit sich das taxieren ließ.
Oft näherten sich den Schwimmern phosphoreszierende Scheine, an den Umrissen als Haifische zu erkennen, aber in bedenkliche Nähe kamen sie niemals, schossen blitzschnell wieder davon.
»Da vor uns ein Licht!«
Es konnte nur auf der Insel sein. Dort bewegte ein Licht sich schwebend hin und her, das eine Art Flamme von eigentümlich bläulicher Farbe bildete.
»Der Geist eines Lemuren, der sich an einem Benzinfeuerzeug eine Zigarre anzündet«, spottete der Professor.
»Das muss aber eine ungemein große Flamme sein.«
»Natürlich, die Lemuren waren Riesen, haben auch entsprechende Feuerzeuge und Zigarren.«
»Wozu diese Flamme?«
»Nun, wahrscheinlich wird sie aus keinem anderen Grunde erzeugt und herumgetragen als eben, um den Glauben an Gespenster wach zu halten. Das ist doch ein echt magisches Geisterlicht.«
Die Flamme war wieder verschwunden.
Wie würden nun die Raubtiere auf der Insel die Schwimmer empfangen, wenn sie sie witterten?
Also anfallen würden sie die Menschen nicht.
Aber konnten sie nicht brüllen, die Wölfe heulen?
Waren nicht Hunde vorhanden, die wenigstens die Ankunft fremder Menschen meldeten, auch wenn sie sich vor einer ihnen unheimlichen Witterung fürchteten?
Nein, aller Voraussetzung nach würde das nicht geschehen. Kein Raubtier gibt einen Laut von sich, wenn es die Beute schon erspäht hat, sie erwartet oder beschleichen will. Das wäre doch auch töricht genug.
Der Löwe brüllt wie alle große Katzenarten in der Nacht, nur um das schlafende Wild aufzuschrecken, um es jagen zu können.
Der Wolf hingegen, wie alle seines Geschlechtes, Schakal und dergleichen, heult nur, um Gefährten zur gemeinsamen Verfolgung eines flüchtigen Wildes aufzufordern. Erspäht er eine Beute, die ihm nicht entgehen kann, dann wird er auch nicht heulen.
Und Hunde?
Ja, die russische Gräfin hielt auch viele Hunde, so groß wie möglich. Aber frei würden sie nicht auf der Insel herumschweifen. Wolf und Hund sind nun einmal Todfeinde, gewöhnen sich nicht wie Hund und Katze aneinander.
Im Übrigen wussten die beiden, dass auch die wachsamsten und schärfsten Hunde zurückweichen würden, ohne einen Laut von sich zu geben, sobald sie die betreffende Witterung merkten. Höchstens ihr ängstliches Betragen konnte auffallen.
Noch zehn Minuten vergingen, dann stieg vor den Schwimmern im bleichen Sternenscheine eine dunkle Masse empor.
Sie fanden schon Grund, zogen aber vor, weiterzuschwimmen, bis sie das Gestein mit der Hand berührten. Doch der glatte Felsen war nicht zu erklimmen. Sie wandten sich nach rechts, immer spähend und wohl auch tastend, und bald hatten sie eine niedrige Küstenstrecke erreicht, die sie ohne Mühe ersteigen konnten.
Sich dicht nebeneinander haltend, schritten und kletterten sie weiter, nur sehr selten einmal die Hände vorstreckend, manchmal in ihrer für jedes andere Ohr unhörbaren Weise Bemerkungen austauschend.
»Hier ist eine Höhle neben der anderen.«
»Alle mit scharf rechtwinklig gehaltenen Eingängen«, ergänzte Doktor Frank.
»Und hier sind Treppenstufen.«
»Es sind keine Höhlen, sondern Tür- und Fensteröffnungen, wir befinden uns schon zwischen den Ruinen, oder doch zwischen Felsen, die ausgemeißelt sind und einst als Wohnungen gedient haben.«
»Dringen wir in eine hinein.«
Sie taten es, und nachdem sie sich noch um eine Ecke getastet hatten, stellten sie keine weiteren Untersuchungen an, sondern legten sich auf den glatten Steinboden hin, um den Tag abzuwarten.
In anderthalb Stunden brach dieser an.
Ja, sie befanden sich in einer Felsenkammer, die, wenn sie auch schon um eine Ecke gebogen waren, immer noch durch eine Fensteröffnung erleuchtet wurde.
Eine nach oben führende Treppe zeigte sich. Nach einer kleinen Beratung wurde sie benutzt.
Eine Felsenkammer schloss sich an die andere, darunter aber auch mächtige Säle, in denen ganze Regimenter hätten exerzieren können.
Alles war nackt und öde, höchstens Nischen, Bänke und wahrscheinlich auch Altäre, die man beim Herausmeißeln hatte stehen lassen, waren noch vorhanden — aber selten genug; dagegen nirgends eine Spur von künstlerischer Betätigung. Die stützenden Säulen waren ganz glatt; nirgends hatte der Meißel versucht, an der Felsenwand auch nur das bescheidenste Relief zu erzeugen.
So konnten die Freunde also die ganze Insel umgehen, wozu man einen Marsch von etwa sechs Kilometern zurückzulegen hatte, ohne einmal ins Freie zu kommen.
Durch die Tür- und Fensteröffnungen auf der Außenseite erblickten sie natürlich immer die Bucht mit ihrer jenseitigen, stark bewaldeten Ufereinfassung.
Hier auf der Insel selbst gab es erst einen flachen Ufersaum, wenn nicht der Felsenwall, wie die beiden ja schon nachts bemerkt hatten, einmal bis dicht an das Wasser herantrat. Dann aber war dieses Felsenhindernis stets von einem Tunnel durchbrochen, sodass man auch draußen ringsherum die ganze Insel umgehen konnte, ohne den ausgehöhlten Wall betreten zu müssen.
Auf der anderen Seite hatte man durch die natürlichen und künstlich geschaffenen Öffnungen überall einen Blick ins Innere der Insel.
Diese konnte man wegen des Umfassungswalles demnach als ein Tal betrachten. Nur in ihrer Mitte erhob sich ein höherer Berg, dem man die vulkanische Entstehung gleich ansah. Aber nicht mehr in Tätigkeit, ein erloschener Krater.
Sonst war alles ziemlich eben. Der Zwischenraum zwischen dem Vulkan und dem Umfassungsgebirge ausgefüllt mit mächtigen Gebäuden. Ein tempelartiges Bauwerk erhob sich neben dem anderen, allerdings immer in ziemlichem Abstande, sodass breite Straßen entstanden waren, durch die der Blick frei schweifen konnte.
Eine ungeheure Tempelstadt. Das war so der erste Eindruck, und zwar wurden die beiden von diesem Anblick geradezu überwältigt. Sie hatten ja gewusst, dass hier zahlreiche Ruinen vorhanden waren — man erblickte solche ja auch drüben vom Festlande schon mit bloßen Augen — die Umrisse von burgähnlichen Bauwerken mit Türmen und Zinnen — aber sie hatten nicht geahnt, dass man ein solches Aussehen nur der äußeren, natürlichen Umfassungsmauer gegeben hatte, dass diese eine ganze Tempelstadt umschloss!
»Sind auch diese inneren Bauwerke aus dem Felsen herausgehauen?«
Professor Becker hatte seinem umgehängten Futteral ein langes Doppelfernrohr entnommen, das er auseinander schraubte.
»Nein, überall sind Fugen erkenntlich. Es sind riesige Quadersteine, nach der Art der zyklopischen Mauern ohne Bindemittel zusammengesetzt.«
Alles schien öde und tot. Nirgends hatte auch nur ein Grashälmchen Fuß gefasst.
Wie kam das in einer Zone, die eine reichliche Regenzeit hat? Warum verwitterte das Gestein nicht und schuf Gelegenheit für Vegetation, die dann auch eine Tierwelt nach sich zog?
Für die beiden Archäologen, die sich mit alten Bauwerken in aller Welt beschäftigten, konnte das nicht lange ein Geheimnis bleiben.
Die ganze Insel bestand aus Syenit. Das ist ein Kalkstein, der sehr viel Schwefeleisen enthält, an sich gar nicht so hart, aber einer Verwitterung so gut wie gar nicht unterworfen, und pulvert man den Stein mechanisch, so backt dieses Pulver, wenn es angefeuchtet wird, wieder zusammen.
Da kann natürlich keine Vegetation entstehen.
Diese nackte Insel lockte keinen Vogel von dem waldigen Festland herüber, höchstens Seevögel, aber diese mieden diese fischarme Bucht.
Nicht einmal eine Eidechse sahen die beiden huschen, die doch sonst solche nackte Felsen liebt. Die Insekten zu ihrer Ernährung fehlten. Es gab keine einzige Fliege. Das macht wiederum der Syenit. Er riecht nach Schwefel, wenn auch kaum bemerkbar für eine menschliche Nase. Dagegen wird der Schwefelgeruch merkwürdigerweise sehr stark nach einem Gewitter, woran der Ozongehalt der Luft schuld sein mag. Obgleich dieser Schwefelgeruch bald wieder schwindet, sodass er sich nicht weit verbreitet, eignet sich der Syenit deshalb doch so wenig zum Baustein. Sonst könnte man, nur durch Verkleiden der Zimmer mit Syenitplatten, fliegen- und insektenreine Räume schaffen.
Und wo waren nun die jetzigen Bewohner der Insel, die unter dem Kommando der russischen Gräfin standen, Menschen und Bestien?
Keine Spur war von ihnen zu erblicken, und doch waren sie vorhanden.
Hier in der Nähe der Insel bestand der Meeresgrund aus grobkörnigem Syenitgestein. Dort, wo die Küste eben war und sanft ins Wasser ging, war solcher rundgeschliffener Schutt abgelagert worden, und auf diesem schwarzgrauen, groben Sande, der sonst keinen Eindruck annahm, erkannten die beiden nach scharfer Untersuchung doch Fährten, alte und frische, von Menschen und Tieren herrührend, von Löwen und Tigern, von Wölfen und großen Hunden.
Und da konnten sie bald mit Gewissheit feststellen, dass sie nicht von einzeln umherschweifenden Tieren aufgestöbert werden konnten.
Solche einzelne Spuren von Raubtieren gab es nämlich gar nicht. Immer war auch eine menschliche Fährte dabei, von einem bekleideten oder unbekleideten Fuße. Jedes Raubtier wurde also von einem Wärter geführt.
Während dieser sechs Stunden hatten die beiden die ganze Insel umwandert, hatten zum Kilometer ungefähr eine Stunde gebraucht, hatten sich eben Zeit genommen, waren immer von dieser Seite auf jene gegangen, um durch Türen und Fenster zu spähen, treppauf, treppab, und sie mussten doch auch sehr auf ihrer Hut sein, um unvermutete Begegnungen zu vermeiden. Bei jeder Ecke, beim Betreten jeder neuen Kammer mussten sie erst vorsichtig spähen und lauschen.
Aus diesem Ringgebirge waren sie dabei also noch nicht herausgekommen — oder höchstens nach der Wasserseite hinaus, um dort Spuren zu untersuchen. Die freie Innenseite der Insel aber hatten sie noch nicht betreten. Vorläufig begnügten sie sich da mit einem allgemeinen Überblick auf die Tempelstadt. Ihre Untersuchung musste ganz gründlich für sich vorgenommen werden, wenn auch Doktor Frank schon einige fotografische Aufnahmen und Skizzen machte.
Auch zwischen diesen Tempeln hatten sie noch nichts von Menschen und Raubtieren gemerkt, alles war totenstill.
Die beiden hatten auf ganz andere Hindernisse zu stoßen erwartet; andererseits aber wurden sie doch in ihren Hoffnungen getäuscht. Sie fanden nämlich kein Versteck für ihr Boot, das sie in der nächsten Nacht hatten herüberholen wollen.
Entweder war die Inselküste ganz flach und eben oder der hohe Felsen trat mit glatten Wänden bis dicht ans Wasser heran.
Nun war ja allerdings dieser Felsenwall dick genug, um Höhlungen zu besitzen, die ein ganzes Schiff aufnehmen konnten, aber keine solche Höhle war zu entdecken, kein Eingang dazu, auch nicht die schmalste Spalte, obgleich mehrmals einer oder der andere deshalb ins Wasser ging.
»Das sieht traurig aus für uns, Walter.«
»Wir werden schon noch ein geeignetes Versteck finden. Wir sind doch erst ganz oberflächlich herumspaziert.«
»Und wenn wir es nicht finden?«
»Holen wir heute Nacht dennoch das Boot und tragen es an Land, in solch eine Kammer hinein, natürlich in eine möglichst entlegene.«
»Dann kann das Boot auch ohne Suchen sehr leicht gefunden werden, und dann sitzen wir erst recht in der Patsche.«
»Na, dann machen wir die Schwimmtour hin und her eben jede Nacht, um uns mit Proviant und Trinkwasser zu versehen.«
»Ja, das Trinkwasser!«, seufzte der Professor, wenn auch durchaus nicht mit bekümmertem Gesicht. »Proviant wollten wir mit einer einzigen Schwimmpartie schon genug herüberschaffen, aber das Trinkwasser! Sollte es denn hier nur gar keins geben? Diese Insel hat doch denselben starken Niederschlag wie ringsum das Festland, wie man Ceylon doch im Gegensatz zu diesem Eiland nennen muss. Wo bleibt das Regenwasser?«
»Da fragst Du mich zu viel, Kurt.«
»Aber Du hast doch schon oft genug Wasser in einem Boden gefunden, wo ich niemals welches vermutet hätte.«
»Hm, Syenit ist ja nicht gerade günstig zur Wasseraufnahme, aber irgendwohin muss das Regenwasser fließen, das stimmt«, brummte Doktor Frank nachdenklich vor sich hin.
»Ob hier nicht Zisternen angelegt sind?«
»Daran habe ich auch schon gedacht.«
»Wir müssen einmal ganz nach oben gehen.«
»Ich habe mich bereits nach Treppen umgesehen, aber noch keine bemerkt, die aus der dritten Etage noch höher geht.«
»Wir müssen uns bei der nächsten Umwandlung einmal immer in der dritten Etage halten.«
»Ja, das müssen wir. Und dann haben wir auch noch Hoffnung, dass der Krater in der Mitte der Insel sich mit Regenwasser — —«
Der Sprecher verstummte.
Sie waren durch eine Felsentür wieder einmal ins Freie getreten, wieder nach der Wasserseite hin, natürlich mit der nötigen Vorsicht, Doktor Frank hatte den mit grauschwarzen Kieseln bedeckten Boden scharf gemustert.
»Merkst Du nicht etwas Besonderes?«
»Da, Kurt! — Siehst Du etwas?«
»Sie sind hier außergewöhnlich zahlreich.«
»Wie immer Spuren von Menschen und Raubtieren.«
»Sonst fällt Dir nichts auf?«
Der fährtenkundige Professor der Archäologie verdoppelte seine Aufmerksamkeit.
»Ja, das ist allerdings auffallend — — alle die Raubtiere wollten durchaus hier in diese Tür herein, besonders die Wölfe und Hunde haben kräftig an den Leinen gezogen, die führenden Menschen mussten sich kräftig stemmen, um sie zurückzuhalten.«
»Weshalb wollten die Tiere durchaus hier herein?«
»Was weiß ich!«
»Das müssen wir ergründen. Also hier gibt es etwas, was für diese Raubtiere, zumal für die Wölfe und Hunde, ein ganz besonderes Interesse — —«
Wieder brach der Sprecher, Doktor Frank, ab und schien zu lauschen.
»Da — — hörst Du nichts, Kurt?«
Auch dieser lauschte.
»Nein, ich kann nichts hören«, musste er dann gestehen. »Mit Deinen Ohren lassen sich die meinen auch nicht vergleichen. Du hörst das Gras wachsen.«
»Sei einmal still — halte auch den Atem an —«
Doktor Frank lauschte angestrengt, legte das Ohr gegen die Felswand.
»Wahrhaftig, das ist Wasserrieseln!«
Als Professor Becker sein Ohr gegen den Felsen legte, hörte auch er das leise Wasserrieseln.
»Frischwasser, deshalb wollen die feinhörigen Bestien hier herein.«
»Wo mag das sein?«
»Das müssen wir durch systematisches Abhorchen auskundschaften.«
Sie taten es, legten hier und da das Ohr gegen die Wand oder an den Boden.
Es war ein schwieriges Unternehmen, auf diese Weise der Stelle, wo das Wasser rieselte, näher zu kommen, aber die beiden wussten eben diese Aufgabe zu lösen.
Nach einer halben Stunde angestrengtesten Horchens hatten sie das Ziel gefunden, ohne es sehen zu können.
Zuletzt nämlich führte das Geräusch, dem sie systematisch zu Leibe rückten, sie immer in der untersten Etage bleibend, in eine Felsenkammer, die sich schon dadurch von den bisherigen unterschied, dass sie keine Fensteröffnungen besaß.
Also es herrschte in dem ziemlich weiten Raume nur ein Dämmerlicht, das durch die beiden Türen drang, die einander gegenüber lagen, und außerdem fiel ein Lichtstrahl noch durch den Schacht herein, der von der Mitte der Decke nach oben ging. Dieser Lichtschein traf eine runde Öffnung am Boden, etwa einen Meter im Durchmesser, mit einem Steinwall, immer aus dem Felsen gehauen, von zwei Fuß Höhe umgeben.
Ein Brunnen! Das wussten die beiden, noch ehe sie hineingeblickt hatten. In ihn rieselte unterirdisch von irgendwoher ständig Wasser.
Jetzt standen sie am Rande, bückten sich und blickten hinab.
Da der Brunnenschacht von oben her, wo man durch einen sehr langen Tunnel den blauen Himmel als einen faustgroßen Punkt erblickte, erleuchtet wurde, konnte man seine eigentümliche Bauart erkennen, eigentümlich insofern, als die Steinwände nicht parallel verliefen, wie es doch sonst wohl bei jedem Brunnen der Fall ist, sondern sie erweiterten sich nach unten.
Der Wasserspiegel lag von hier oben aus in einer Tiefe von etwa vier Metern, und es war zu erkennen, dass der Brunnenschacht dort unten einen Durchmesser von schon mindestens zwei Metern hatte.
Im Übrigen war dieser Wasserspiegel schwarz, das Wasser undurchsichtig — wenigstens für den Professor — wie es ja bei einem Brunnen auch gar nicht anders sein kann.
Eigentümlich auch für ihn war nur, dass er in dem Wasserspiegel so außerordentlich scharf seinen Kopf und Oberleib sah, als er sich über die Brüstung beugte, was eben daher kam, dass von oben der Lichtstrahl hineinfiel.
Sonst sah Professor Becker nichts weiter.
Sein jüngerer Freund aber schien noch etwas ganz anderes zu erblicken.
»Himmel, was ist denn das?!«, flüsterte er erstaunt, ausnahmsweise fast sehr laut.
»Na, was denn?«, fragte der Professor.
»Da unten schwimmt ja ein Walfisch!«
»Was soll da unten schwimmen?!«, staunte Professor Becker noch mehr.
»Ein Walfisch!«
»Walter, bist Du irrsinnig geworden! Träumst Du oder willst Du mich zum Besten haben?«
»Siehst Du denn das Vieh nicht herumschwimmen?«, fragte nun seinerseits Doktor Frank erstaunt.
»Ich sehe nichts.«
»Gar nichts?«
»Nur mein eigenes Spiegelbild. Meinen Kopf, meinen Oberkörper — — da, jetzt winke ich mit dem Arm — — und auf der anderen Seite des Brunnenrandes sehe ich Dich, wie Du Dich hinabbeugst.«
»Ich sehe Dich und mich nicht.«
»Was? Du siehst unsere Spiegelbilder nicht?!«
»Nein. Ich sehe nur den großen Walfisch herumschwimmen.«
»Was, auch noch einen grönländischen Wal?!«
»Jawohl, es ist ein Grönlandwal, das kann ich sehr gut beurteilen, wenn ich auch nur seinen Rücken erblicke — — ein ganz stattlicher Grönlandwal, zwar nicht der größten einer, aber zwanzig Meter lang ist er doch sicher.«
»Walter, Walter!«, wurde der Professor immer erregter. »Ich ließe mir noch einen Pottwal gefallen, der in diese Gewässer eindringen kann, aber ein Grönlandwal von zwanzig Metern Länge — —!!«
»Und ich bleibe dabei! Ich sehe, was ich sehe! Das ist ein Grönlandwal, den ich dort unten erblicke!«
Der Professor gab sein Staunen auf, wollte ganz sachlich sein.
»Was erblickst Du nun eigentlich dort unten, Walter? Abgesehen erst einmal von Deinem Walfisch.«
»Der Brunnenschacht erweitert sich trichterförmig, ich sehe wie in eine weite Halle, deren Wände ich aber schon nicht mehr erblicken kann.«
»Und diese ›Halle‹, wie Du Dich ausdrückst, ist erleuchtet?«
»Tageshell!«
»Und in dieser Halle schwimmt ein Walfisch?«
»Jawohl, ein grönländischer Wal.«
»Von zwanzig Meter Länge?«
»So lang möchte ich ihn schätzen, wenn das auch sehr schwierig ist.«
»Weshalb?«
»Weil er sich im Wasser befindet, das auf diese merkwürdige Weise durchleuchtet wird.«
»Wie tief schwimmt der Wal nach Deiner Schätzung unter Wasser?«
»Etwa zehn bis zwölf — —«
Plötzlich brach Doktor Frank in ein herzliches, freilich ganz geräuschloses Lachen aus.
»Ach, nun weiß ich es!«
»Was weißt Du?«
»Woher die Täuschung kommt! Das ist nichts weiter als Cyprinus Raguni.«
»Was ist das?«
»Ein Fisch, der in den Süßwasserseen Indiens ziemlich häufig vorkommt und dem grönländischen Wal tatsächlich ganz auffallend gleicht.«
»Auch an Größe?«
»O nein, es ist ein Fischchen von kaum Spannenlänge.«
»Ja, Du sprichst aber doch immer von einem Riesenwal!«
»Das ist eben die Täuschung Dieser trichterförmig angelegte Brunnenschacht mit dem von oben hereinfallenden Lichtstrahl wirkt wie ein starkes Mikroskop. Das ist ein optisches Kunststück, das sich die alten Lemuren irgendwie zu leisten gewusst haben!«
Die Erklärung war gegeben.
»Gut!«, stimmte denn auch Professor Becker bei. »Wie kommt es denn da aber, dass ich nur einen schwarzen, wenn auch erleuchteten Wasserspiegel sehe und darin nichts als unser Spiegelbild?«
»Weil Du Deine Augen nicht so einstellen kannst, wie ich es tue. Erinnere Dich, weshalb Du nicht fotografieren kannst oder doch immer nur ganz stümperhafte Aufnahmen fertig bringst, und erinnere Dich noch mehr, dass Du ursprünglich Medizin studieren wolltest, aber die Sache gleich ganz aufgabst, als Du nicht mit dem Augen- und Kehlkopfspiegel fertig wurdest.«
Der junge Gelehrte sprach eine Tatsache aus.
Es gibt Menschen genug, die niemals richtig fotografieren können, weil sie weder im Sucher noch in der Kamera selbst auf der Mattscheibe das verkehrte Bild des aufnehmenden Objektes zu erkennen vermögen. Und da wird natürlich nichts aus dem Fotografieren. Mit dem Abknipsen allein ist es doch nicht getan.
Ebenso gibt es Studenten der Medizin genug, welche, sie brauchen ja nicht gerade Spezialarzt für Augen oder Kehlkopf zu werden, niemals den Augen, respektive Kehlkopfspiegel anwenden können. Sie sehen nichts darin. Es geht ihnen wie etwas ab. Sie verstehen eben ihr Auge nicht passend einzustellen. Das kann plötzlich wie mit einem Ruck kommen, aber eine Belehrung nützt da gar nichts. Erst muss sich das innere, geistige Auge für diese Erkenntnis öffnen, dann tut es auch das äußere, physische.
Zu diesen Menschen gehörte auch Professor Kurt Becker. Er hatte Augen wie ein Luchs, aber mit der fotografischen Kamera wurde er nicht fertig, so wenig wie mit dem Augen- und Kehlkopfspiegel.
Jetzt lag hier derselbe Fall vor.
Es nützte nichts, dass der Professor seine Stellung veränderte, dorthin trat, wo sein Freund stand — er erblickte eben nur den schwarzen Wasserspiegel und darin sein eigenes Bild wie alles das, was sich eben von oben her darin spiegelte. Die Durchsicht war ihm verschlossen.
»Ist der Fisch noch da?«
»Der schwimmt noch lustig dort unten herum.«
»Wenn Du ihn so deutlich siehst, kannst Du ihn nicht fotografieren?«
»O ja, die Beleuchtung ist eigentlich ganz günstig dazu.«
»So tu es, bitte! Ich möchte mich wirklich durch einen bleibenden Beweis überzeugen, dass Du etwas erblickst, was ich nicht sehen kann.«
Es wurde gemacht. Doktor Frank hielt die Kamera mit der Linse über den Brunnenschacht, wenn auch nicht genau in der Mitte, um nicht den Lichtstrahl zu verdecken, machte eine Momentaufnahme.
Das Negativ wurde sofort fixiert — der Professor sah tatsächlich auf der Platte einen Fisch, der ganz einem Wale glich. Über seine Größe konnte bei dieser fotografischen Aufnahme natürlich nicht geurteilt werden, da alle Vergleichsmöglichkeiten fehlten.
»Also dieser Brunnenschacht wirkt wie ein Vergrößerungsglas oder gar wie ein Mikroskop. Da wollen wir doch einmal etwas hinablassen, um die Stärke seiner Vergrößerungsfähigkeit beurteilen zu können«, schlug Professor Becker vor, und schon wickelte Doktor Frank sein Lasso von den Hüften, band sein Spateneisen daran, ließ es hinab.
Es war im Wasser verschwunden, für den Professor spurlos, und sein eigenes Spiegelbild zitterte unsicher. Denn so vorsichtig sein Freund auch den Spaten hatte eintauchen lassen, eine geringe Bewegung des Wasserspiegels war doch nicht zu vermeiden gewesen.
»Was siehst Du, Walter?«
»Nichts! Das ist sehr merkwürdig!«
»Dass ich gar nichts sehe. Jetzt ist auch für mich der Wasserspiegel dunkel, jetzt sehe auch ich mein Spiegelbild und das Deine, nichts weiter.«
»Weil der Wasserspiegel zittert.«
»Das erklärt noch lange nicht, weshalb er jetzt nicht mehr durchsichtig ist. Übrigens hat sich die Oberfläche schon wieder ganz beruhigt, bleibt aber auch für mich ein Spiegel.«
Nach einer Weile des Wartens, während der sich hieran nichts änderte, zog Doktor Frank den Spaten am Lasso wieder herauf.
Kaum war er aus dem Wasser aufgetaucht, als der Doktor einen Ruf des Staunens ausstieß.
»Mensch, bist Du des Teufels?«, rief sein Freund erschrocken. »Hier so zu brüllen!«
»Ja, da soll man wohl vor Staunen nicht alles vergessen!«
»Was starrst Du denn so? Was ist denn nun wieder dort unten los?!«
Ganz verzückt blickte der junge Mann über den Brunnenrand hinab.
»O, was ich sehe!!«
»Na was denn nur?«
»Es ist nicht so leicht zu beschreiben — so einfach es auch eigentlich ist — — — ich blicke von oben in einen großen Raum — — — wie in ein Zimmer, von dem die Decke abgehoben ist — — — der Raum ist leer — — — also nicht etwa ein Zimmer mit Türen und Fenstern — — — keine Möbel — — — alles ist ganz leer — — aber nun diese Pracht der Wände und des Bodens! — — — Kurt, Du machst Dir keinen Begriff, und ich kann es nicht beschreiben! — — dieses herrliche Mosaik! — — — Alles Gold und — — blaue Farbe, wohl blaue Emaille als Untergrund und darauf Arabesken in dickem Gold aufgetragen — — — aber nun auch sonst diese Muster! — — Und das können nur Edelsteine sein — — — Diamanten und Rubine und Smaragde und Saphire — — wie das funkelt und leuchtet — — — o diese Pracht, diese Herrlichkeit — —!«
Doktor Frank hatte gesagt, er könne es gar nicht beschreiben, und er wurde nicht fertig mit der Beschreibung. In gewissem Sinne hatte er also ganz recht.
Professor Becker schüttelte nur immer den Kopf.
»Wie groß ist denn dieser Raum?«, fragte er.
»Außerordentlich groß — — — ich müsste seine Länge und Breite auf wenigstens dreißig Meter schätzen — — — der Walfisch, wenn es wirklich ein zwanzig Meter langer Walfisch gewesen wäre, könnte also noch immer darin schwimmen — —«
»Der Walfisch war aber nur ein spannenlanges Fischchen.«
»Gut, so ist es eben ein offenes Kästchen, das jetzt dort unten auf dem Grunde des Brunnens liegt, ich kann aber doch nur die Größenverhältnisse angeben, wie ich sie jetzt sehe, wie sie mir erscheinen — — —«
»Hat denn das Kästchen schon vorhin dort unten gelegen?«
»I wo! Dann hätte ich es doch gleich gesehen, es scheint ja den ganzen Brunnen auszufüllen, dessen Mächtigkeit freilich auch nur eine Täuschung ist — —«
»Wie kommt denn nun jetzt das Kästchen dorthin?«
»Weiß ich es? Es wäre ja denkbar, dass es — — Himmel noch einmal, nun aber bleibt mir der Verstand stehen!!«
Mit einem entsprechenden Gesicht hatte Doktor Frank es geflüstert und schnell den Kopf vom Brunnenrand zurückgezogen.
»Was gibt's?!«
Vorsichtig spähte der andere wieder hinab.
»Kurt, Kurt — — noch immer geschehen Zeichen und Wunder!«, hauchte er. »Eine Tür hatte sich vorhin geöffnet, zwei Menschen waren eingetreten — — jetzt sind es drei — — sie haben Wedel und Tücher in den Händen, wischen und polieren an den Wänden herum, befestigen die Tücher an langen Stangen, um überallhin zu können — — — lass Dich nicht blicken, Kurt, sie sehen empor — —«
Der Professor gehorchte, wusste aber nun kaum noch, was er zu alledem sagen und von seinem jungen Freunde denken sollte.
Übrigens spähte dieser selbst wieder hinab, wenn auch mit einiger Vorsicht, den Kopf nur ganz wenig über die Brüstung streckend, und so tat es auch der Professor, der freilich immer nur den schwarzen, wenn auch erleuchteten Wasserspiegel erblickte.
»Siehst Du die Menschen noch? Richtige Menschen?«
»Richtige Menschen in natürlicher Lebensgröße! Ich sehe sie unter dem Wasserspiegel«, lautete die ausweichende Antwort.
»Na, Walter, Du willst doch nicht behaupten, dass Menschen unter Wasser leben können!«
»Ich behaupte nur, dass ich drei Menschen unter dem Wasserspiegel des Brunnens sehe. Nein, im Wasser sind sie nicht. Dann würden sie sich doch ganz anders bewegen. Sie schwimmen nicht herum. Sie schreiten, gehen hin und her, recken sich auf den Zehen empor, um mit dem Besen höher zu reichen.«
»Ja, Walter, wie sollen wir uns das erklären?«
»Eine Erklärung ist vorhanden.«
Und Doktor Frank richtete sich auf und blickte nach der Decke, nach dem Schacht, durch den der blendende Lichtstrahl fiel.
»Hier ist eine Camera obscura eingerichtet, die Bilder werden hier in diesem Brunnen auf den Wasserspiegel projiziert.«
Die Erklärung war gegeben. Freilich konnten da noch verschiedene Einwendungen gemacht werden, und Professor Becker tat es.
»Wie kommt es, dass ich die Bilder nicht sehe?«
»Das weiß ich nicht.«
»Die Bilder müssen doch von einem wirklich existierenden Objekt widergespiegelt werden.«
»Selbstverständlich! Das Objekt muss tatsächlich vorhanden sein.«
»Der Fisch schwamm aber doch in Wasser.«
»Der schwamm wirklich in Wasser«, bestätigte der Doktor Frank.
»Diese Menschen sind nicht im Wasser.«
»Ich weiß, was Du meinst. Das ist doch ganz einfach. Vorhin wurde eben ein Fisch, der wirklich in Wasser schwamm, in den Brunnen projiziert.«
»Diese Menschen sollen natürliche Größe haben.«
»Das kann auch von dem Fische gelten. Es war ein wirklicher Wal. Tatsächlich ein zwanzig Meter langer Grönlandwal, der irgendwo gefangen gehalten wird. Hier auf dieser Insel oder sonst wo, oder er schwimmt frei im Meere. Du weißt doch, was sich mit einer Camera obscura alles machen lässt. Oder es ist wirklich nur ein spannenlanges Fischchen gewesen, jener Süßwasserfisch, eine Miniaturausgabe des Grönlandwales, der hier in Riesengröße projiziert wurde.«
»Das wäre aber eine ganz wunderbare Camera obscura, wie ich noch keine gesehen habe. Beschreibe mir doch die Menschen dort unten einmal näher, wie sie aussehen, wie sie gekleidet sind!«
Doktor Frank beugte sich wieder über den Brunnenrand, Vorsicht war jetzt ja, da es sich doch nur um eine Spiegelung handelte, nicht mehr nötig, und — — er stieß abermals einen Laut der größten Überraschung aus, wenn auch diesmal kaum hörbar.
»Was ist denn nun wieder los?«
»O Kurt, Kurt — — die Kalutotta!!«
»Was soll das heißen?«
»Die Fabel wird zur Wirklichkeit — — ein ungeheurer Polyp, ein furchtbarer Krake! — — Er füllt das ganze Bassin aus — —«
»Was für ein Bassin?«
»Dasselbe, was ich Dir vorhin beschrieben habe, es ist mindestens dreißig Meter im Quadrat, seine Höhe möchte ich auf zwanzig schätzen — — da drin sitzt der Krake zwischen den Goldarabesken und Edelsteinen, spielt mit seinen fürchterlichen Fangarmen — — — und diese Augen, diese Augen — — — wie die Wagenräder — —«
»Das mag schon sein. Einfach ein Tintenfisch von normaler Größe, wahrscheinlicher sogar ein recht kleiner, der in dem Schmuckkästchen sitzt, und der wird nun in kolossaler Vergrößerung gezeigt. Das hat hier schon einmal einer gesehen, der geplaudert hat, und so ist die Fabel von der riesenhaften Kalutotta entstanden, von der Höllenbestie, die in der Mitte dieser Insel in einem Edelsteinsaale sitzt und mit ihren Armen die ganze Insel umspannen kann.«
»Sooo? Meinst Du, Kurt? Die Dimensionen dieses Saales, wie ich ihn hier sehe, entsprechen aber doch der Wirklichkeit! Ich sah vorhin drei Menschen sich darin bewegen. Nach ihrer Größe konnte ich die Maße des Saales schätzen!«
»Was? Du willst doch nicht etwa sagen — — —«
»Dass dieser Saal dreißig Meter lang und ebenso breit ist? — — — Ja, das behaupte ich, und dabei bleibe ich — — — und dieses Ungeheuer von einem Kraken füllt ihn fast ganz aus.«
Es schien, als ob der Professor ob dieser Behauptung zuerst ganz kopfscheu werden wolle; er machte ein Gesicht, als ob er an dem Verstand seines jungen Freundes zweifle, doch beherrschte er sich schnell, wurde wieder ganz sachlich.
»Befindet sich der Krake im Wasser?«
»Jawohl! Der ganze Saal ist jetzt fast bis zum Rande mit Wasser gefüllt. Ich kann deutlich die Grenze erkennen; es wird ja auch von dem sich bewegenden Ungeheuer aufgerührt.«
»So wäre der große Saal also ganz plötzlich mit Wasser gefüllt worden?«
»Du hattest vielleicht eine halbe Minute nicht hinabgesehen, nehmen wir eine ganze Minute an. 30 x 30 x 20 ist 1800. Da das Wasser nicht ganz bis an den Rand reicht, wollen wir sogar nur 1000 sagen. Also tausend Kubikmeter sollen innerhalb einer Minute in den Saal geflossen sein?«
»Hältst Du das für unmöglich, Kurt?«
»Willst Du mir das einmal vormachen. Walter?«
»Sprich nicht so, sei nicht so höhnisch. Es gereicht Deiner Geisteskraft durchaus nicht zur Ehre. Ja, es gibt eine Möglichkeit, um ein Bassin, das auch viele tausend Kubikmeter Inhalt hat, innerhalb einiger Sekunden mit Wasser zu füllen.«
»Auf welche Weise?«
»Nicht, indem man Wasser auf gewöhnliche Weise einließen lässt, etwa durch eine Röhre. Es gehört allerdings eine besondere Maschinerie dazu. Das Bassin selbst muss beweglich sein. Denke Dir einen Riesenkasten — aus Holz und Stein, das ist dabei ganz egal — er hängt leer über einem See, durch einen Mechanismus wird der Boden entfernt, der Riesenkasten, ein ganzes Haus, taucht in den See, der Boden wird wieder zugeklappt — — hat sich da das Bassin, so groß es auch sein mag, nicht innerhalb weniger Sekunden ganz mit Wasser gefüllt?«
»Ach so, ja!«, musste der Professor etwas verlegen zugeben.
»Und überhaupt hast Du noch etwas vergessen: Das Volumen des Kraken, der in dem Wasser sitzt, wie viel davon er verdrängt. Das Ungeheuer füllt mindestens Dreiviertel des Bassins aus.«
»Ach so, richtig!«, murmelte der Professor und kratzte sich in den Haaren.
Dann befreite er sich mit männlicher Entschlossenheit von seiner Verlegenheit.
»Oben sieht der Krake aus dem Wasser heraus?«
»Ja — das kann ich deutlich unterscheiden, obgleich das Ganze doch unter dem Wasserspiegel des Brunnens liegt — darunter scheint es eben für mich kein Wasser zu geben, so kann ich auch das Wasser in dem Riesenbassin erkennen — — —«
»Ich verstehe, ich verstehe.«
»Der Polyp spielt außerhalb des Wassers mit seinen ungeheuren Armen, aber seine Freiheit scheint doch beschränkt zu sein, er kann die Arme nicht nach allen Seiten ausstrecken, nicht über den Rand des Bassins hinaus, sondern nur bis — — — ah, jetzt weiß ich es!
Oben um den Rand des Saales oder Riesenbassins zieht sich noch eine hohe Glaswand herum. Jawohl, so ist es, jetzt erkenne ich es deutlich! Einige Arme des Polypen haben sich an dieser Glaswand festgesaugt, — — — aahh, und jetzt stehen dort auf dem Rande des Bassins wieder zwei Menschen!«
»Wie sind sie hingekommen?«
»Das habe ich nicht gesehen. Ich hatte anderswo hingeblickt, sie stehen jetzt gerade am anderen Ende des Bassins. Bedenke, dass es sich dabei um eine Entfernung von mindestens 30 Metern handelt.
»Wie breit ist dieser Rand des Bassins?«
»Anderthalb bis zwei Meter.«
»Wonach berechnest Du das?«
»Aus der Größe dieser Menschen, die ich als normal annehme.«
»Und wie groß siehst Du diese Menschen?«
»Das — — — wage ich nicht zu beurteilen.«
Nein, das kann man auch nicht, wenn man ein Objekt durch ein Fernrohr betrachtet oder es, wie hier, als Kamerabild sieht.
Der Professor verstand es sofort.
»Ich könnte ja von fingerlangen Zwergen sprechen. Aber gibt es solche? Es sind normale Menschen.«
»Wie sehen die zwei aus? Wie sind sie gekleidet?«
»Genau wie vorhin die drei, wenn ich auch nicht behaupten will, dass es dieselben sind. Es sind unverkennbar Inder, weiß gekleidet, aber nicht in lange Gewänder, sondern sie tragen enganliegende Beinkleider, rote, spitze Schnabelschuhe, weißen Turban. Der eine hat einen schwarzen, wenn auch schon melierten Vollbart, ziemlich lang, der andere, jünger, einen herabhängenden Schnurrbart. Beide machen einen sehr vornehmen Eindruck. Ich sehe an ihnen, besonders an dem jüngeren, vielen, sehr kostbaren Schmuck, auch seine Schuhe sind mit Edelsteinen besetzt, der ältere hat quer über der Stirn eine weiße Narbe, also nicht das Abzeichen seiner Kaste — —«
»So deutlich siehst Du alles?«
»Sozusagen handgreiflich!«
»Obgleich Du vorhin von fingerlangen Zwergen sprachst?«
»Kurt, ich verstehe Dich nicht. Hast Du denn noch kein Bild einer scharfen Camera obscura gesehen? Oder nimm ein Fernglas, ein gewöhnliches Opernglas, drehe es herum und betrachte so die Objekte, einen Menschen! Ist dieser Mensch dann nicht zwerghaft klein? Verliert das Bild aber etwas an Schärfe?«
Das war eine sehr deutliche Erläuterung für das, was hier vorlag.
»Gut, ich verstehe! Was tun die beiden?«
»Der ältere hat die Arme über der Brust verschränkt, der andere deutet auf den Polypen, sie sprechen zusammen.«
»Was sprechen sie? In welcher Sprache?«
»Kurt, da verlangst Du allerdings zu viel von solch einem Kamerabild. Soll es auch noch sprechen?«
»Nicht von dem Spiegelbilde, sondern von Dir verlangte ich, dass Du die Unterhaltung hören solltest. Entschuldige, Walter, es war nur eine Falle, die ich Dir stellte. Ob Du dies alles nicht etwa nur träumst.«
»Träumen? Hat etwa vorhin der fotografische Apparat nur geträumt und den Traum dennoch auf der Platte fixiert?«
»Ja, mache doch auch hiervon eine Aufnahme — —«
Es sollte noch nicht gleich geschehen.
»Jetzt ist der vollgültige Beweis geliefert, dass wirkliche Menschen von normaler Größe hier projiziert werden!! Ein dritter Mann hat sich hinzugesellt. Ich habe ihn auch kommen sehen. Er ist einer Luke entstiegen, die sich auf dem Bassinrande geöffnet hatte, ich sah eine Treppe; dann schloss sich die Luke wieder. Und diesen Mann kennen wir!«
»Kennen wir?«
»Wir haben ihn schon gesehen.«
»Wo? Wer ist es?«
»Du entsinnst Dich doch, im Gefolge der russischen Gräfin, als sie neulich durch die Straßen von Colombo zog, den riesenhaften Afghanen gesehen zu haben, dem das linke Ohr fehlte, und eine Nase hatte er auch nicht — —«
»Na, wer den Riesen mit der abgebissenen Nase einmal gesehen hat, der vergisst ihn nicht wieder!«
»Er ist es. Die beiden anderen, obgleich es doch auch schon Vornehme zu sein scheinen, begrüßen ihn sehr unterwürfig. Jetzt geht wieder der Lukendeckel auf. Ah, die rothaarige Gräfin selbst erscheint auf dem Bassinrande! Nun, Kurt, zweifelst Du noch, dass es normale Menschen sind, die ich dort unten schaue?«
»Seltsam, seltsam!«, murmelte der Gefragte. »Dann gäbe es also auch wirklich solch einen ungeheuren Kraken?«
»Von Dimensionen, dass er ein Bassin von dreißig Metern im Quadrat fast ganz ausfüllt. Darin herumschwimmen kann er nicht etwa. Seine Arme schätze ich auf eine mittlere Länge von vierzig bis fünfzig Metern, wenn er sie nur ausstrecken könnte; der stärkste davon ist so dick wie ein tüchtiger Männerschenkel. Seine Augen sind groß wie die Wagenräder. Zu anderen Schätzungen kann ich beim Vergleichen mit diesen normalen Menschengestalten nicht kommen.«
»Ungeheuerlich, ungeheuerlich!«, murmelte der Professor wiederum. »Also gibt es wirklich solch einen riesigen Kraken!«
»Ja, es hilft nichts, wir müssen daran glauben, auch wenn es sich nur um ein Spiegelbild handelt. Jetzt öffnet sich wiederum die Falltür, zwei Inder kommen zum Vorschein, tragen mühsam zwischen sich ein Brett — auf diesem liegt ein brauner Mensch — ganz nackt, wie der liebe Gott ihn geschaffen hat — er ist auf das Brett geschnallt, auch sonst an Händen und Füßen gebunden — macht ein ganz verzweifeltes Gesicht, scheint auch zu brüllen, sperrt den Mund auf — — — so, sie heben ihn heraus, jetzt geht das Tragen besser, nur die Treppe machte Schwierigkeiten — — die anderen kommen näher, alle in größter Spannung — — — an der Glaswand scheint eine Tür geöffnet zu werden — — jawohl, anders ist es nicht — — — das Brett wird durch die Öffnung geschoben — — unterdessen ist er aber schon abgeschnallt worden — — jetzt werden ihm auch noch schnell die anderen Banden durchschnitten — — — so, nun ist das Brett vollends durchgeschoben, die Glastür ist wieder geschlossen — — das Brett liegt noch auf einem schmalen Rande — — der Mann will aufspringen — — — zu spät, schon ist er von einem Polypenarme erfasst — — — entsetzlich, entsetzlich, wie der furchtbare Arm den Mann durch die Luft schwingt — — — und die Zuschauer jubeln, die Gräfin klatscht in die Hände — — — jetzt gesellt sich dem einen Arm ein zweiter hinzu, der ihn in Empfang nimmt — — —«
Doktor Frank unterbrach die Beschreibung der schauerlichen Szene, nahm schnell seinen Fotografenapparat, hielt das Objektiv über den Brunnen, knipste ab, fixierte, zog die Platte, die er gleich vorhin ergänzt hatte, heraus, hielt sie etwas über sich gegen das Licht und blickte hindurch.
»So, da hast Du die Szene! Sie lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Nun kannst Du beurteilen, ob ich träume oder nicht. Dass dieser Fotografenapparat träumt, wirst Du wohl nicht glauben.«
Ja, nun sah es auch der Professor.
In dem Bassin, dessen Mächtigkeit nach den auf seinem Rande stehenden Menschen beurteilt werden konnte, sah er den ungeheuren Polypen, wie er mit dem einen Saugarm den zappelnden Mann hoch in den Lüften schwang; auch ein zweiter Arm hatte ihn schon gepackt — oder vielmehr der eine diente zum Greifen, der andere saugte sich an dem Menschenleibe bereits fest.
Da sich der Polypenarm mit seinem Opfer noch über den Köpfen der auf dem Rande des Bassins Stehenden befand, so blickten sie nach oben, und in ihren Gesichtern konnte man jeden Zug unterscheiden.
Der hochgewachsene Afghane mochte einst ein stolzes, schönes Antlitz gehabt haben; durch die fehlende Nase wurde es furchtbar entstellt; er zog vor Vergnügen ob der ihm gebotenen Szene eine schreckliche Grimasse, während das schöne Weib, ein orientalisches Kostüm tragend, vor Entzücken ganz verklärt war, sie jubelte und lachte, dass die weißen Zähne erschienen, und die Hände hielt sie so, dass man erkannte, wie sie Beifall klatschte.
»Mir bleibt der Verstand stehen!«, murmelte oder ächzte der Professor.
»Rüttle ihn auf! Wir werden unseren Verstand noch brauchen. Jetzt sind wir hier nicht mehr nur Archäologen, nur darauf gefasst, uns auf dieser Insel nicht ertappen zu lassen. Wir müssen uns in Detektive verwandeln, in Spürhunde für die Polizei, die Verbrecher der irdischen Gerechtigkeit zuführt. Denn so etwas ist doch nicht erlaubt! Polypen mit Menschen zu füttern! So etwas geht gegen mein Gewissen, da muss ich eingreifen, alle Sinne anstrengen, um diese Bestien in Menschengestalt unschädlich zu machen.«
Er nahm die Platte wieder ab und verwahrte sie, schob eine neue in die Kamera.
»Das ist die letzte, die mir zur Verfügung steht. Im Boote sind ja noch genug vorhanden, doch das müssen wir nur erst hier haben.«
Er wickelte wieder das Lasso ab und befestigte das Spateneisen daran.
»Ich will noch einmal versuchen, ob ich Grund bekomme. Vorhin handelte es sich um etwas anderes als die Tiefe des Brunnens festzustellen.«
Er ließ das Lot hinab.
»Der Mann ist in der Umschlingung des Kraken ganz verschwunden, jetzt saugt er ihn aus. Die Zuschauer beobachten noch immer mit höchstem Interesse. Da — — wieder dieselbe Geschichte! Sobald das Eisen den Wasserspiegel berührt, ist das ganze Bild verschwunden. Ich sehe nur die dunkle Wasseroberfläche und darin mich selbst.
Dabei bin ich diesmal ganz, ganz behutsam gewesen, das Wasser kann gar nicht in Bewegung gekommen sein. Nein, hier liegt noch etwas Besonderes vor. Das Bild der Camera obscura verschwindet überhaupt, sobald ein fremder Gegenstand mit dem Wasser in Berührung kommt, der mit der Oberfläche der Erde in ständiger Verbindung steht. Es scheint sich hierbei um eine Art elektrischer oder magnetischer Leitung zu handeln, wodurch das Ganze gestört wird, dass es nicht mehr funktioniert. Ich will es dann einmal mit einem losen Gegenstande versuchen, den ich hinabwerfe. Erst aber die Lotung.«
Das Lasso war zweiundzwanzig Meter lang. Als Doktor Frank nur noch das äußerste Ende in der Hand hielt, hatte das Eisen noch keinen Grund gefunden.
»Gib Dein Lasso her, Kurt!«
Es war ebenso lang, wurde daran geknüpft.
»Sapristi, ist dieser Brunnen tief! Auch bei vierzig Metern noch kein Grund zu erreichen!«
Das Lot wurde wieder heraufgezogen.
»Da! Sagte ich's nicht? Sobald das Eisen mit der Leine wieder heraus ist, ist das Wasser für mich auch wieder durchsichtig!«
»Und was siehst Du?«
»Vorläufig noch nichts. Das heißt, ich kann noch nichts unterscheiden. Denn jetzt ist das Wasser doch etwas in Bewegung gekommen. Die zuletzt herabgefallenen Tropfen ziehen Kreise, der ganze Spiegel zittert, der muss sich erst wieder beruhigen, jetzt wird die Sache schon klarer — — aahh, wieder ein ganz, ganz anderes Bild!!«
Der Hinabspähende war so in den Anblick versunken, wobei seine Augen immer mehr leuchteten, dass er von seinem Freunde erst ermahnt werden musste, zu berichten.
»Merkwürdig, merkwürdig! Es ist ein ganz fremdartiges Landschaftsbild, das ich schaue. Eine mittelalterliche Stadt oder Burg, mit einer Mauer umgeben, eine außerordentlich hohe Mauer mit Türmen und Zinnen. Diese Festung liegt etwas im Hintergrunde, ich muss mich schon bücken, um sie ganz übersehen zu können. Es ist wohl Leben dort, aber die Figuren sind zu klein, als dass ich sie unterscheiden könnte.
Direkt unter mir ist eine Steppe — spärlicher Graswuchs, mehr noch sandige Stellen — ein breiter Bach fließt in Krümmungen hindurch.
Ein recht seltsames Gras! Es steht in lauter vereinzelten Büscheln, man wird an — — —
Und dort eine Gruppe von Bäumen!
Das sind australische Gummibäume!
Jawohl, das ist auch das Büschelgras, welches die australische Steppe charakterisiert.
Also Australien!
Gibt es denn in Australien Ruinen oder gar noch wohlerhaltene Bauwerke und ganze Städte eines ausgestorbenen Volkes von derartigem Aussehen?
Wir wissen nichts davon. Noch nirgends ist in Australien dergleichen entdeckt worden.
Freilich ist es herzlich wenig, was wir bisher von diesem jüngsten Erdteile kennen: nur die Küstensäume, nichts weiter! Und was haben die Forschungsreisenden bei ihren Durchquerungen des Erdteiles zu sehen bekommen?
Einige Kilometer links, einige Kilometer rechts von ihrer Marschroute! Alles andere entzieht sich doch immer dem Blick.
Und auch Australien soll nach der Sage der indischen Brahmanen einst von den Lemuren bevölkert gewesen sein, auch Australien soll vor vielen Jahrhunderttausenden unter höchster Kultur gestanden haben. Dies alles fiel einer furchtbaren Naturkatastrophe zum Opfer, und das hat gar nichts so Unwahrscheinliches an sich. Auf der nahen Osterinsel hat man wirklich kolossale Bauten gefunden — —
Da kommt hinter dem Wäldchen ein Zug hervor, eine Karawane!
Was ist denn das?
Bin ich denn ins graue Altertum versetzt oder doch ins ritterliche Mittelalter?
Es sind Ritter zu Ross und zu Fuß, mindestens mit Schuppenpanzern und Kettenhemden gewappnet, besonders aber die Reiter ganz in Rüstungen — prächtige Rüstungen! — Bewaffnet sind sie mit Lanze und Schwert, Streitaxt und Kolben — auch Bogen und Pfeile und Armbrüste sehe ich, aber keine Feuerwaffen.
Die Helme haben einen phantastischen Aufsatz, einen Schmuck, eine Art Sphinx, einen Tiger mit menschlichem Frauenkopf, aber aufgerichtet stehend, und außerdem weht noch ein roter Federbusch darauf.
Nur einige wenige Visiere sind herabgelassen. Ich sehe ganz verschiedene Gesichter, weiße und braune und schwarze, die meisten sind aber doch unverkennbar echt germanische.
Doch was umringen diese Ritter und Reisigen?
Wenigstens drei Dutzend stark gebaute Pferde ziehen eine kolossale Maschine auf mächtigen Rädern.
O, ich weiß, ich weiß!
Ein Onager, Kurt, ein Onager! Eine ungeheure Balliste, eine Wurfmaschine!
Ha, jetzt bricht dort hinter jenem anderen Gummiwalde eine zweite Reiterschar hervor! Ebenfalls Ritter in glänzenden Rüstungen, aber auf den Helmen ein anderer Schmuck, ein geflügeltes Ungeheuer, und darauf weht ein blauer Federbusch.
Sie brausen heran, die Visiere geschlossen, die Lanzen eingelegt.
Unter den roten Rittern entsteht die größte Aufregung. Doch schnell ordnen sie sich. Ebenfalls alle Visiere heruntergeklappt, ebenfalls die Lanzen eingestemmt. Sie setzen sich in Galopp, werfen sich dem Feinde entgegen. Sie prallen zusammen.
O, Kurt, Kurt, was ich hier zu schauen bekomme!«
Immer erregter hatte Doktor Frank geschildert.
Sein älterer Freund spähte und spähte ebenfalls hinab und sah doch nichts anderes als seinen eigenen Oberleib, den er über den Brunnenrand beugte.
»Einfach die kinematografische Wiedergabe einer arrangierten Szene, ein Kampf zwischen mittelalterlichen Rittern!«, meinte er jetzt. »Du weißt doch, wie man heutzutage so etwas arrangiert, um sensationelle Filme zu schaffen, und da scheint heute gar nichts mehr unmöglich zu sein.«
»Ein kinematografisches Arrangement?«, spottete aber der andere.
»O, Kurt, Kurt, könntest Du sehen, was ich sehe! Wie die Lanzen splittern, wie die mit Schwert und Streitaxt schlagen! O, wie die schlagen! Wie die schlagen! Die Rüstungen bersten, das Blut spritzt hoch auf! Die Rosse stürzen, sie wälzen sich über ihren Reitern, die Hufe der anderen stampfen auf ihnen herum.
Ist das etwa ein kinematografisches Arrangement?
O, wie der eine dort in der glänzenden Silberrüstung mit dem blauen Reiherbusch kämpft!
Nein, es ist ein Weib, ein Weib! Schwarze lange Haare quellen unter dem Helm hervor, ich erkenne es auch an den Körperformen.
Wie die kämpft! Wie die kämpft!
Sie haust unter den Roten wie ein Würgengel.
Da! Jetzt wieder ein furchtbarer Schwerthieb — sie hat einem roten Ritter das Haupt glatt vom Rumpfe geschlagen, eine Blutquelle spritzt empor.
Ihr Schwert ist zersplittert, sie greift zur Streitaxt.
O weh! Sie wird von einem Roten mit der Lanze berannt, sie wankt im Sattel, sie stürzt — —
Nein, sie hält sich, ihre Streitaxt saust durch die Luft — — dem Angreifer ist der Kopf bis auf die Kinnladen gespalten, der Panzerhelm hat ihm nichts genützt.
O, Kurt, Kurt, was wir hier zu schauen bekommen! Was dieser Brunnen uns zeigt!
Nun fehlte bloß noch, dass er auch zu sprechen anfinge — —«
Von dieser Kampfesszene will ich schnell noch eine Aufnahme machen, wenn es auch die letzte Platte ist, die ich für heute besitze.« Doktor Frank zog aus einer Rocktasche die schwarzumhüllte Platte, um sie in die Kamera zu schieben.
Dabei beugte er sich noch über den Brunnenrand, um sich von dem Kampfe nichts entgehen zu lassen.
»Jetzt greift auch das Fußvolk der roten Partei ein!
Sie spannen die Bogen und Armbrüste. Pfeile und Bolzen durchsausen die Luft, prallen freilich von den Panzern ab. Aber Pferde werden getroffen, sie stürzen.
Der Kampf geht in den Fluss hinein.
Trotzdem das stählerne Weib wie ein Todesengel würgt, scheint der Kampf sich doch zugunsten der roten Partei zu entscheiden. Sie ist auch in bedeutender Überzahl.
Und da ist ein Ritter, der dem Weibe gewachsen ist. Wie reife Ähren mäht er die Feinde nieder.
Doch jetzt bricht dort ein neuer Trupp blauer Ritter hervor, auch viele Reisige zu Fuß, sie stürmen — o weh, ich Tollpatsch!«
Die Platte war seiner Hand entfallen, gerade wie er sie hatte einschieben wollen; sie platschte in das Wasser.
»Dass mir das auch einmal passieren kann, und gerade mit meiner letzten Platte!«
»Was für eine Wirkung hat der Fall ausgeübt?«, fragte Professor Becker.
»Die Kampfszene ist verschwunden. Aber die Wirkung ist doch eine andere als vorhin, als ich das Eisen am Lasso hinabließ. Da wurde der Wasserspiegel trotz seiner Erleuchtung von oben her auch für mich schwarz, auch ich sah nur mein Spiegelbild. Jetzt aber bleibt das Wasser hell und klar, es spiegelt nicht. Nur dass ich sonst nichts weiter sehen kann. Der Fall der Platte hat es doch sehr bewegt, es sind Ringe entstanden, alles zittert durcheinander, ich sehe überhaupt nichts.«
Eine halbe Minute verging, Doktor Frank spähte noch immer hinab.
»Jetzt zeigen sich wieder Umrisse. Aber die Kampfesszene in der australischen Steppe kann das nicht sein.
Die Umrisse werden schärfer.
Aah, wieder ein ganz, ganz anderes Bild!«
»Was für eins? Was siehst Du?«, fragte Professor Becker.
»Etwas ganz anderes als zuvor, aber nicht minder eigentümlich, rätselhaft. Ich blicke von oben in ein Zimmer, das als Raritätenkabinett ausstaffiert ist.
Auf Regalen stehen, so weit ich das sehen kann, Flaschen und Glasbüchsen von allen Größen, darin Tiere und Missgeburten aller Art, außerdem Gerippe, ausgestopfte Bälge. An den Wänden hängen die verschiedensten Waffen und dergleichen Kuriositäten mehr.
Weiter will ich das nicht beschreiben, denn etwas anderes fesselt meine Aufmerksamkeit.
In der Mitte des Zimmers steht ein Schreibtisch. Vor diesem sitzt ein Mann. Er trägt eine schwarze Samtjacke. Von seinem Kopfe sehe ich nur das blauschwarze, ganz eigentümlich glänzende Haar. Aber am merkwürdigsten ist wohl, dass er auf seiner rechten Schulter eine große, schwarze Katze sitzen hat.
Herrgott, ist das ein Vieh von einer Katze!
Ich möchte fast an eine Wildkatze denken. Aber einen wilden Eindruck macht sie gar nicht, sitzt mit untergeschlagenen Pfoten ganz gemütlich da, und ich möchte wetten, dass sie vor Wohlbehagen schnurrt.
So sitzt der Mann am Schreibtisch, vor sich einen großen Bogen Papier, in der Hand einen Bleistift. Er berührt das Papier, aber es ist noch unbeschrieben.
Sapperlot, hat der feine Hände! Und doch so kräftig! Wie die Hand eines japanischen Taschenspielers! Wie aus Elfenbein gedrechselt!
Er hat eine lange, schwarze Zigarre in der linken Hand, der er manchmal eine Rauchwolke entlockt.
Jetzt hebt er den Kopf, blickt sinnend zur Decke empor, die wahrscheinlich für ihn existiert, nur für uns oder doch für mich durchsichtig ist, will Gedanken sammeln, um endlich schreiben zu können.
Himmel, ist das ein interessantes Gesicht! So etwas habe ich noch nie gesehen!
Verlange keine nähere Beschreibung von mir, Kurt. Ich will es dann Dir skizzieren. Denn dieses Gesicht vergisst man nie wieder.
Vor allen Dingen diese Augen!
Huh, die reinen Teufelsaugen!
Hallo, jetzt hebt er den Arm, winkt mit der Hand.
Der winkt doch nicht etwa uns?
Ach, Unsinn, das ist ja nur ein Bild, das uns doch gar nicht — —
Ja und doch!
Mir wird die Sache immer verdächtiger!
Er winkt und winkt in den Brunnenschacht herauf, wo wir stehen, bewegt die Lippen, spricht also, deutet vor sich auf das Papier, und jetzt fängt er mit außergewöhnlich großen Buchstaben zu schreiben an — deutsche Buchstaben — Herr — deutsche Worte — Kurt, Kurt, jetzt schlägt's aber dreizehn —!«
Wie ächzend hatte es der Sprecher zuletzt geflüstert.
»Was schreibt er denn?«, fragte sein Gefährte.
»Herr Doktor Walter Frank.«
»Was? Deinen Namen schreibt er?«
»Jawohl! Hat er geschrieben! Und dahinter hat er ein Ausrufezeichen gesetzt!«
»Walter, Du hast doch nicht etwa nur eine Vision?«
»Höre auf! Er blickt wieder empor, winkt, deutet auf das Geschriebene, nicht fragend — jawohl, ich habe es gelesen — Doktor Walter Frank, das ist mein Name — und er schreibt weiter —«
»Was schreibt er?«
»›Sie — sind — in — großer — Gefahr!‹«, las der Hinabschauende langsam ab. »›Ich — will — Sie — und — Ihren — Gefährten — Herrn — Professor — Kurt — Becker‹ — höre nur, Kurt, höre nur! — ‹retten!‹«
Wieder eine Zeile beginnt, nachdem er fragend nach oben geblickt hat.
»Jawohl, ich lese mit, schreiben Sie nur weiter!«
»›Aber — ich — muss — Sie — sprechen. Das — ist — nur — möglich — mit — einem — Sprachrohr — das — Sie — ins — Wasser — tauchen. — Sie — benutzen — dazu — Ihr — Gewehr.‹
Höre nur, Kurt, höre nur! Was weiß er denn von unseren Gewehren?!
Jawohl, ich lese alles mit. Schreiben Sie nur weiter! Er tut es.
›Dazu — muss — ich — das — Wasser — steigen — lassen. — Fürchten — Sie — nichts. — Es — steigt — nur — bis — zum — Rand. — Dann — Gewehrlauf — eintauchen — und — sprechen. — Schluss. — Es — beginnt!‹«
Und da sah auch schon der Professor, wie das Wasser in dem trichterförmigen Brunnenschacht stieg, höher und immer höher.
»O Wunder über Wunder!«, staunte der Professor. »Wir können nichts Wunderbareres mehr erleben, als das, was ich schon hier geschaut habe!
Siehst Du den Mann noch?«
»Ja, aber ganz undeutlich; der Wasserspiegel zittert zu sehr, so gleichmäßig die Oberfläche auch zu steigen scheint.«
Doktor Frank hatte, um dies zu konstatieren, nur einen flüchtigen Blick in den Brunnen geworfen.
Denn sonst war er jetzt mit seinem Schippenstiel beschäftigt, den er vom Rücken genommen hatte, einem hölzernen Schippenstiel, etwa dreiviertel Meter lang, nichts weiter. Für einen solchen musste man ihn wenigstens halten, für einen gewöhnlichen Knüppel.
Dass er hohl war, wie man auf der einen Seite sah, und dass er am anderen Ende eine Art Knüppel hatte, änderte doch nichts.
Nun aber war von einem Gewehr gesprochen worden.
Der Knüppel, der aber auch als Schippen- und Hackenstiel diente, war eben eins, wie es ja auch Spazierstöcke gibt, mit denen man schießen kann.
Natürlich bestand er der Hauptsache nach aus einem Stahlrohr, das nur mit Holz umkleidet war.
Von diesem Rohre hatte Doktor Frank den kolbenähnlichen Griff abgeschraubt, der auch das Schloss enthielt.
Unterdessen war das Wasser, das also etwa vier Meter tief unter dem Brunnenrande gestanden hatte, bis an diesen emporgestiegen, wozu es kaum eine Minute gebraucht hatte, und so blieb es stehen, eine Handbreit unter dem Rande.
»Jetzt sehe ich ihn wieder ganz deutlich. Er hat den Stuhl weiter vom Schreibtisch abgerückt, hat sich mehr zurückgelehnt, oder die ganze Lehne des Stuhles ist zurückgegangen. Er hat ein Bein übers andere geschlagen — jetzt sitzt das ungeheure Vieh von schwarzer Katze auf seinem Schoße, er streichelt sie mit seinen schlanken Händen — und bei Gott, ich sehe aus dem schwarzen Felle elektrische Funken aufsprühen! — So, es ist geschehen! Nun will ich mich gehorsamst zur Stelle melden.«
Doktor Frank tauchte das eine Ende des Rohres ins Wasser, näherte dem anderen seinen Mund.
»Ich habe Ihre Anordnung befolgt. Hören Sie mich, wenn ich so leise spreche?«, flüsterte er hinein.
»Ich höre Sie«, erscholl ziemlich laut eine sonore Stimme mit prächtigem Wohllaut zurück, »und wenn ich auch schon Ihr Flüstern verstehe, so dürfen Sie doch ruhig so laut sprechen wie Sie wollen, Sie werden nicht belauscht.«
Professor Becker sah zwar noch immer nichts anderes als den dunklen Wasserspiegel, hörte jedoch diese Stimme ebenfalls, die gar nicht aus dem »Sprachrohr«, sondern unmittelbar aus dem Brunnenschachte oder aus dem Wasser zu kommen schien.
»Sind Sie denn nur wirklich dort unten in dem Brunnenschachte?«
»Bitte, lassen Sie jetzt solche Fragen, ich stehe Ihnen dann mit Erklärungen zu Diensten. Nun aber zunächst eine Frage von mir, die Sie mir offen beantworten müssen: Vertrauen Sie mir?«
»Ich habe ja gar keine Garantie, dass ich Ihnen Vertrauen schenken darf, aber — ich sehe Ihr Gesicht. Es ist ein etwas dämonisches Gesicht, und dennoch — grundehrlich. Ja, ich vertraue Ihnen vollkommen.«
»Danke! Also Sie vertrauen mir. Dann schnellstens zur Sache. Sie befinden sich in einer großen Gefahr. Es sind bereits Männer unterwegs, welche auf ihrem Marsche diese Brunnenstube passieren werden.
Ziehen Sie sich nach der anderen Seite zurück, so stoßen Sie gleichfalls mit einer Patrouille zusammen.
Diese Patrouillen haben es nicht etwa auf Sie abgesehen, sondern es ist Ihr Verhängnis, dass Sie ihnen gerade in die Hände laufen müssen.
Entkommen können Sie ihnen nicht. Wehren Sie sich, so werden Sie niedergemacht, und ergeben Sie sich, so geraten Sie in eine Gefangenschaft, aus der es nicht so leicht eine Befreiung gibt. Und schließlich wäre es doch noch Ihr unvermeidlicher Tod.
Aber es gibt noch ein Mittel, dass Sie diesem Schicksal entrinnen können. Sagen Sie Ihrem Freunde — oder Sie selbst hören mich ja, Herr Professor.
Gehen Sie sofort durch die kleinere der beiden Türen der Brunnenstube, immer geradeaus, bis Sie rechterhand die erste Treppe erreichen!
Es sind nur etwa fünfzig Schritte. An einer anderen Treppe kommen Sie gar nicht vorbei. Nur biegen Sie von dem Gange nicht links oder rechts ab.
Diese Treppe ersteigen Sie, bis in die erste Etage, wohin sie ohne Unterbrechung führt. Sie mündet in einer Felsenkammer. Die Treppe besitzt ausnahmsweise eine richtige Tür aus Erz. Diese lassen Sie offen.
Die Kammer hat noch einen zweiten Eingang, ebenfalls mit einer ehernem Tür versehen. Diese verschließen Sie von innen, indem Sie den Riegel vorschieben.
Das ist alles, was Sie zu tun haben, dann sind Sie und Ihr Freund gerettet.
Die Patrouille will nämlich durch diese Tür, findet sie geschlossen und kehrt einfach wieder um, nimmt einen anderen Weg, der sie nicht durch diese Brunnenstube führt, um zu ihrem Ziele zu gelangen.
Das ist alles, was Sie zu tun haben. Durch Verschließen jener Tür haben Sie sich und Ihren Freund gerettet.
Nun aber bitte ich Sie, Herr Professor, in jener Kammer in der ersten Etage so lange zu verweilen, bis Ihr Freund Sie von dort wieder abholt.
Sie werden von dort oben aus dem Fenster, durch das man nach der Tempelstadt blickt, etwas Besonderes sehen. Dort findet eine Zeremonie statt, und die möchten Sie beobachten, um sie mir später beschreiben zu können.
Um diese Gefälligkeit bitte ich Sie. Es wird auch Sie interessieren. Eine weitere Vorsicht haben Sie bei dieser Beobachtung nicht nötig. Nur dass Sie sich natürlich nicht direkt an das offene Fenster stellen, das übrigens sehr klein ist — dass Sie sich nicht durch Schreien bemerkbar machen.
Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen. Sie brauchen es mir nicht zu wiederholen.
Nun aber beeilen Sie sich! Jede Minute ist kostbar. In fünf Minuten wäre Ihr Tod besiegelt. Bitte, gehen Sie sofort!«
»Na, dann vorwärts, Kurt!«, setzte sein Freund noch hinzu.
Professor Becker ließ sich nicht noch einmal auffordern, er verschwand durch jene Tür der Brunnenstube, welche bedeutend kleiner war als die erste.
Doktor Frank war allein in dem Raume. Er sah, wie der rätselhafte Mann dort unten im Wasser sich noch behaglicher in den Stuhl zurücklehnte, um bequem nach oben blicken zu können, und wie er jetzt die schwarze Katze streichelte.
Jetzt begann das so eigentümliche Gesicht des Mannes dort zu lächeln. Allerdings war es ein recht teuflisches Lächeln, ein überlegener Spott und Hohn war darin, andererseits aber erkannte man doch gleich die Gutmütigkeit.
»Nun, geehrter Herr Doktor, wir befinden uns unter vier Augen. Sie werden Verschiedenes zu fragen haben, und ich bin gern zur Antwort bereit, so weit ich kann, und bemerke ich gleich noch eins: Es ist nicht nötig, dass Sie direkt in Ihren hohlen Schippenstiel hineinsprechen, ihn als Sprachrohr benutzen. Wir verstehen uns auch so. Die Sache ist nur die, dass wir in leitender Verbindung sein müssen. Es handelt sich nämlich um eine besondere Art von Elektrizität, die dieses Telefongespräch ermöglicht. Leder leitet nicht. Sonst hätte ich vorhin schon Ihr Lasso benutzt, um mich Ihnen verständlich zu machen. Es genügt auch nicht, wenn Sie die Hand ins Wasser tauchen. Dagegen leiten Eisen und Holz sehr gut. Also Sie haben nur nötig, Ihr holzfurniertes Stahlrohr in das Wasser zu tauchen, und, wie Sie merken, ist die vorzüglichste telefonische Verbindung hergestellt, ohne dass sonst ein Apparat dazu erforderlich ist. Also bitte, stellen Sie Ihre Fragen!«
»Wer sind Sie?«, machte es Doktor Frank ganz kurz.
»Sie kennen mich nicht? Es könnte doch sein, dass Sie mich schon einmal gesehen haben?«
»Ich habe Sie noch nie gesehen.«
»Mein Name ist Loke Klingsor. Haben Sie den schon einmal gehört?«
»In dieser Doppelverbindung als den eines noch lebenden Menschen noch nie.«
»Gut. Ich habe mich Ihnen vorgestellt. Haben Sie sonst noch Fragen?«
»Befinden Sie sich denn nur wirklich dort unten in dem Brunnen?«
»Nein.«
»Wo sonst?«
»Mehr als tausend Meilen von Ihnen entfernt.«
»Wie kommt es, dass ich Sie dort unten sehe?«
»Hierfür haben Sie doch schon selbst die Erklärung gefunden?«
»Die Bilder werden durch die Vorrichtung einer Camera obscura in den Brunnenschacht auf den Wasserspiegel projiziert?«
»So ist es.«
»Diese Spiegelung soll aber auch noch in einer Entfernung von tausend Meilen wirken? Das klingt kaum glaublich.«
»Sie werden doch schon erkennen, allein durch den mehr als vierzig Meter hohen Lichtschacht, dass es sich hierbei um eine ganz besondere Art von Camera obscura handelt. Es ist mit dieser Vorrichtung sogar möglich, Szenen zu projizieren, die sich auf der anderen Hälfte der Erdkugel abspielen.«
»Wie soll denn das ermöglicht werden?«
»Mit Hilfe der Spiegelung von anderen Himmelskörpern, hauptsächlich der Sonne und des Mondes.«
»Mir unfassbar!«
»Sie werden es später näher erklärt bekommen, jetzt würden Sie mich auch noch gar nicht verstehen.«
»Da bin ich gespannt. Wie kommt es aber — dürfte ich das gleich jetzt erführen? — dass mein Freund die Bilder in dem Brunnen nicht sieht?«
»Auch hierfür haben Sie selbst schon die Erklärung gefunden. Es gibt Menschen, welche ihr Auge für diese Wasserbilder, wie ich sie nennen will, nicht einzustellen vermögen. Zu diesen Menschen gehöre auch ich, obgleich ich auf der Mattscheibe der fotografischen Kamera und im Kehlkopfspiegel recht gut beobachten kann. Bei diesen Wasserbildern handelt es sich eben doch noch um etwas anderes. Es ist, als ob dabei ein inneres Auge geöffnet werden müsste, obgleich es nicht etwa mit Hellseherei und dergleichen zusammenhängt. So können wir Kaukasier uns ja auch gar nicht vorstellen, weshalb das Schlitzauge des Mongolen für das, was wir Perspektive nennen, gar nicht empfänglich ist. Der Chinese sieht alles das, was wir hintereinander sehen, übereinander, was er ja auch auf seinen Bildern ausdrückt. Übrigens sieht ja das menschliche Auge überhaupt alles verkehrt. Man muss als kleines Kind erst durch Tasten lernen, sich überzeugen, wie die Stellung der Objekte in Wirklichkeit ist. Durch die Gewohnheit erfolgt diese Umdrehung im Gehirn dann ganz unbewusst. Das ist aber ein psychologischer Vorgang, von dem wir uns gar keine Rechenschaft ablegen können. Wie das möglich ist, das ist überhaupt gar nicht zu erklären. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden, Herr Doktor.«
»Vollkommen, und ich wünschte nur, mich mit Ihnen recht häufig unterhalten zu können, solche Diskussionen liebe ich.«
»Nun, dazu dürften Sie bald Gelegenheit haben.«
»Was für wundersame Bilder waren das, die ich zuvor in dem Wasser erblickte? Der Walfisch? Der Riesenpolyp, der mit einem Menschen gefüttert wurde, die Schlacht der Ritter um den Onager? Wissen Sie, dass ich diese Bilder — —«
»Ja, ich weiß, was Sie erblickt haben. Doch bitte, hiervon später. Also Sie gehören zu den Menschen. deren Auge für diese projizierten Wasserbilder empfänglich ist, und so möchte ich es noch fernerhin benutzen, um noch mehr solcher Bilder zu schauen, was mir selbst eben unmöglich ist. Wollen Sie mir Ihr Auge leihen?«
»Sehr gern. Aber wie soll ich das machen?«
»Nun, indem Sie von den Wasserbildern, die ich Ihnen noch vorführen werde, fotografische Aufnahmen machen.«
»Sehr gern. Nur muss ich Ihnen mitteilen, dass ich keine Platten mehr habe. Die letzte ist mir vorhin ins Wasser gefallen.«
»Ich weiß es. Ich habe es beobachtet. Allerdings wieder in einer anderen Weise als durch diese Camera obscura. Oder aber zwar auch mit ihrer Hilfe — doch das bleibt sich gleich, Sie würden den hier vorliegenden Unterschied noch nicht verstehen. Aber Sie haben doch noch Platten in Ihrem Boote.«
»Drei volle Dutzend noch und Filme für wenigstens hundert Aufnahmen.«
»Na, das langt. Wo ist Ihr Boot?«
»Das haben wir am Ufer versteckt.«
»Am Ufer dieser Insel?«
»Nein, drüben am Ufer des Festlandes.«
»Wie sind Sie denn da herübergekommen?«
»Wir sind geschwommen.«
»Wann?«
»Heute Nacht.«
»Geschwommen sind Sie? Das ist sehr kühn. Fürchteten Sie denn nicht die Polypen oder doch mindestens die Haifische, obwohl Sie doch sicher wussten, dass diese Bucht von ihnen wimmelt?«
»Sie sehen ja, dass wir glücklich herübergekommen sind.«
»Und diese Antwort genügt mir. Ich weiß Bescheid. Ich kenne Sie, Herr Doktor Frank, und Ihren unzertrennlichen Gefährten, den Professor Kurt Becker. Ich habe alle Ihre gemeinsam verfassten archäologischen Werke gelesen; ich habe auch sonst von Ihnen beiden schon genug gehört. Jetzt sind Sie nach Ceylon gekommen, um hier auf dieser den Buddhisten heiligen Insel die alten Bauten der einstigen Lemuren zu erforschen. Sie werden herzlich wenig von den Intimitäten dieser alten Tempel zu sehen bekommen. Sie werden sie nur von außen betrachten, hier von diesem Rundgange aus, nichts weiter.«
»Weshalb werden wir nicht eindringen können?«
»Weil Vorkehrungen getroffen sind, um das zu verhindern. Was für Vorkehrungen das sind, kann ich Ihnen nicht sagen, ich darf es nicht. Aber ich versichere Ihnen, es ist ganz ausgeschlossen, dass irgendein Mensch das Innere dieser Insel betritt. Er kann sie wohl erreichen, aber weiter als bis in diesen Umfassungswall kommt er nicht. Deshalb auch ist die Bewachung ganz oberflächlich.«
»Haben Sie eigentlich auf dieser Insel zu gebieten?«
»Nein. Ganz und gar nicht. Mir ist sie sogar noch viel verschlossener als jedem anderen fremden Menschen. Denn ich bin einmal Herr auf ihr gewesen, und sie ist mir genommen, ihr Betreten ist mir verboten worden, durch einen Befehl, dem ich bedingungslos zu gehorchen habe.
Verstehen Sie nun vielleicht, Herr Doktor?
Ich habe etwas auf dieser Insel zu tun. Auch ich möchte etwas darauf erforschen, allerdings keine Bauwerke, sondern etwas anderes, möchte nur etwas beobachten. Aber ich darf sie nicht betreten, und mein optisches Hilfsmittel, die Camera obscura, reicht durchaus nicht, um alles das zu sehen, was ich beobachten will. Also ich brauche ein anderes menschliches Auge, durch das ich beobachten kann. Ich brauche einfach einen Menschen, den ich herumschicke und der mir dann erzählt, was er gesehen hat, der auch womöglich gleich Fotografien und Skizzen macht.
Da ich nun die Verhältnisse und alle sonstigen Geheimnisse dieser Insel genau kenne, kann ich ihn ja auch überall herumschicken, besitze auch das Mittel, mich mit ihm zu verständigen, sogar fortwährend, nicht nur durch diesen Brunnenschacht. Also, Herr Doktor Frank, wollen Sie diesen Auftrag übernehmen, wollen Sie mein Auge sein?«
»Ich stehe gern zu Ihren Diensten.«
»Und ich dann zu den Ihren. Kommen wir nun wieder zur Sache. Sie haben doch schon eine fotografische Aufnahme gemacht — den Polypen, wie er den Menschen erfasst hat, auf dem Rande des Bassins stehen Zuschauer. Sie scheinen das Negativ sofort fixieren zu können. Wollen Sie mir dieses auf der Platte einmal zeigen? Ich möchte sehen, wie die Aufnahmen mit Ihrer Kamera gelingen.«
»Gewiss, sehr gern.«
Doktor Frank zog die Platte aus der Tasche, wickelte sie aus der Schutzhülle.
»Bitte, halten Sie sie horizontal über den Brunnenschacht, die rechte Seite nach oben. Es ist mir nämlich nicht möglich, dass ich so ohne Weiteres alles sehen kann.«
Der Aufforderung wurde Folge geleistet. Der Mann dort unten gab seine bequeme Stellung auf, richtete sich hoch, wobei ihm gleich die ganze Stuhllehne folgte, zuerst öffnete er an dem Schreibtisch ein Seitenschränkchen, packte die Katze beim Genick, warf sie nicht gerade rücksichtsvoll in das Fach, schloss die Tür wieder, dann ergriff er eine Art von Opernglas und blickte durch dieses seitwärts nach einem kleinen viereckigen an der Wand hängenden Spiegel.
Dass es einer war, das konnte Doktor Frank erkennen, sonst nichts weiter, sehen konnte er nichts darin.
»Ah, das ist ja ein ganz vortreffliches Bild, das nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt! Ich danke Ihnen sehr!«, sagte Loke Klingsor.
Er lehnte sich wieder weit zurück, um bequemer nach oben blicken zu können, Doktor Frank barg seine Platte wieder.
»Nun, was sagen Sie denn zu dieser Szene, die Sie da fixiert haben?«, wurde unten gelächelt.
»Es ist ungeheuerlich! Also solch eine riesenhafte Kalutotta existiert hier wirklich! Diese russische Gräfin begeht wirklich schauerliche Verbrechen! Die Volksfabel hat also doch eine gewisse Berechtigung.«
»Meinen Sie?«
»Ja, ist es denn nicht so? Oder wie soll denn solch eine Szene zustande gebracht — —«
»Wissen Sie, Herr Doktor«, wurde der Sprecher unterbrochen, »nehmen Sie erst nur alles so, wie es ist. Und es beruht ja auch wirklich alles auf Tatsachen. Wie sollte es anders sein?
Was sonst noch alles damit zusammenhängt, das werden Sie später erfahren, wenn es so weit ist, wenn Sie überhaupt erst fähig sind, die Erklärungen zu verstehen, was jetzt noch nicht der Fall ist.
Ich werde Ihnen noch ganz andere, noch viel gräulichere Szenen in diesem Brunnenspiegel zeigen. Sie sollen erkennen, dass dieses rothaarige Weib nicht umsonst den Namen Maladetta führt, was für schaudervolle Freveltaten die hier treibt. Und dann können Sie dieses menschliche Scheusal, wenn Sie es für gut finden, festnehmen und der irdischen Gerechtigkeit ausliefern oder ihr gleich selbst den Garaus machen. Dazu werde ich Ihnen die Möglichkeit geben.
Erst aber müssen eben solche Fotografien geschaffen wenden, damit wir Beweise für ihr verbrecherisches Treiben haben. Denn direkt beobachten können wir sie dabei nicht, da hat sie sich zu gut zu schützen verstanden.
Also nun handelt es sich erst um die Platten und Filme in Ihrem Boote, das sie am jenseitigen Ufer versteckt haben. Wie wollen Sie dieses herüberbringen?«
»Wir wollen heute Nacht zurückschwimmen und es holen.«
»Sie müssen es doch hier verbergen. Haben Sie denn schon ein Versteck gefunden?«
»Noch nicht.«
»Und ich sage Ihnen, es gibt auf der ganzen Insel kein einziges Versteck, das für Ihr Boot Sicherheit bietet! Es würde gefunden werden.«
»Auch nicht, wenn wir es über Land tragen und es etwa in einer entlegenen Felsenkammer verbergen?«
»Nein, auch nicht. Weshalb es unbedingt gefunden werden würde, das kann ich Ihnen jetzt nicht erklären. Die Kontrolle der Insel wird eben ganz anders gehandhabt, als Sie es sich denken. Sie selbst können wohl unentdeckt bleiben, weil Sie sich frei hin und her bewegen, einer Nachforschung sich immer entziehen können, aber ein so großer Gegenstand wie ein Boot, das man doch nicht immer mitschleppen kann, würde unter allen Umständen bald gefunden. Man hat die Sicherung der Insel gegen fremden Besuch eben in besonderer Weise zu bewirken gewusst. Glauben Sie mir nur.«
»Ich zweifle durchaus nicht an Ihren Worten. Wir haben auch schon in unserem Plane erwogen, dass wir hier das Boot nicht verstecken können.«
»Was wollten Sie also tun?«
»Jede Nacht hinüberschwimmen, oder doch so oft wie nötig, um uns mit Proviant zu versehen sowie mit Trinkwasser.«
»Das finden Sie hier, in diesem Brunnen. Es ist ausgezeichnetes Wasser, nicht etwa dadurch verdorben worden, dass Sie solche schreckliche Szenen darin gesehen haben und dass ich es steigen lassen kann, äußert ebenfalls keine vergiftende Wirkung aus. Ich werde Ihnen auch noch andere Wassergelegenheiten zeigen. Ebenso sollen Sie Proviant finden und alles, was Sie sonst brauchen. Nur fotografische Platten kann ich Ihnen hier nicht verschaffen.«
»So muss das Boot also doch herüber! Oder wir müssen hinüberschwimmen, um es zu holen!«
»Nein, auch das ist nicht nötig.«
»Wie das?«
»Ihr Boot wird in anderer Weise herübergebracht.«
»Von einem anderen Menschen?!«, stutzte Doktor Frank.
»Glauben Sie, dass es sonst eine Möglichkeit gibt, es herüberzubringen? Etwa durch Fernwirkung, durch Fernlenkung?«
»Dass man heute ein Fahrzeug wie ein Boot durch elektrische Fernwirkung dirigieren kann, weiß ich, aber dazu gehört doch eine entsprechende Vorrichtung, und unser einfaches Boot ist — —«
»Es wird herübergebracht.«
»Wissen Sie denn, wo es verborgen liegt?«
»Ja.«
»Woher ist Ihnen das bekannt?«
»Ich habe Sie heute Nacht beobachtet.«
»Konnten Sie denn das?!«
»Ich kann noch viel mehr, wie Sie später oder auch sehr bald erfahren werden. Also Ihr Boot wird heute Nacht herübergebracht und dann werde ich Ihnen ein Versteck anweisen, wo es sicher verborgen liegt. Denn ein solches ist allerdings vorhanden, nur würden Sie es nicht finden.
So, das wäre der erste Teil unserer Unterhaltung gewesen.
Nun holen Sie erst Ihren Freund, dann verhandeln wir weiter. Die Gefahr ist vorüber, er hat auch schon beobachtet, was er beobachten sollte. Die Tür mag er wieder aufriegeln, nur damit auch Sie diesen Weg dann von der anderen Seite benutzen können. Sonst brauchte sie nicht mehr verschlossen sein, niemand wird Sie in dieser Brunnenstube stören.«
Doktor Frank nahm den bezeichneten Weg in die erste Etage hinauf, fand seinen Gefährten in einer engen Felsenkammer, die zwei mit ehernen Türen versehene Zugänge hatte, vor dem ausnahmsweise schmalen Fenster stehend, nur eine Spalte, die Aussicht auf die Innenseite der Insel, auf die Tempelstadt gewährte.
»O, Walter, was ich soeben hier beobachtet habe! Dort durch die breite Straße bewegte sich ein Menschenzug; er machte Halt; eine Zeremonie fand statt, nur kurz, aber merkwürdig, höchst merkwürdig! Sie fielen alle auf die Knie nieder und — —«
»Weißt Du, Kurt, das erzähle dem Brunnenmanne, mir lieber nicht, oder er muss erst seine Einwilligung geben, dass auch ich es hören darf. Das ist nämlich ein ganz kurioser Kauz. Ich habe auch etwas sehr, sehr Merkwürdiges mit dem erlebt. Ich glaube, es gibt auf dieser Erde doch so etwas wie Übermenschen, die mehr können als wir anderen, und das scheint so einer zu sein. Aber wie war es mit der Patrouille? Das kannst Du mir sagen, ehe Du mir wieder zum Brunnen folgst. Ich soll Dich nämlich zurückholen.«
»Alles traf ein, wie er es gesagt hatte. Kaum hatte ich die Türe verriegelt, höchstens eine halbe Minute später, so hörte ich Schritte kommen. Es wurde an der Tür gerüttelt, sie ging nicht auf. Männerstimmen wurden laut, ohne dass ich ein einziges Wort verstand. Es war eine mir ganz fremde Sprache. Jede Silbe endete auf einen Vokal, sodass ich höchstens an das Altgotische erinnert wurde. Aber das war es doch auch nicht. Und die Hauptsache war, dass sie wieder abrückten.«
»Sie werden auch nicht wiederkommen.«
»Woher weißt Du das so bestimmt?«
»Weil der Brunnenmann es mir versichert hat, und ich habe allen Grund, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken. Wir sollen oder können die verschlossene Tür wieder öffnen, damit sie für uns selbst auch von der anderen Seite passierbar ist. So, es ist geschehen. Nun komm mit.«
Während des doch nur kurzen Weges unterhielten sie sich nicht weiter.
Der Mann dort unten saß nach wie vor am Tisch, aber vorgebeugt, schrieb auf Papier etwas, was jetzt jedoch nicht mehr zu erkennen war, legte die Feder weg, lehnte sich zurück und blickte empor, sobald Doktor Frank wieder seinen schießfähigen Schippenstiel ins Wasser tauchte.
»Ah, Herr Professor, Sie sind da! Sehen Sie mich?«
»Nein.«
»Aber Sie hören mich.«
»Ganz deutlich.«
»Nun, wie war es?«
Der Professor berichtete, wie die Männer gekommen und wieder gegangen waren.
»Und haben Sie dann durch das Fenster in der Tempelstadt etwas beobachtet?«
»Allerdings. Eine Prozession — —«
»Halt! Haben Sie es Ihrem Freunde erzählt?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Ich wollte es tun, aber er gebot mir, lieber zu schweigen, bis ich es erst Ihnen berichtet habe«, lautete die offene Antwort.
»Gut, sehr gut! Hat Ihnen Doktor Frank schon von mir erzählt und worüber wir uns unterhalten haben?«
»Auch noch nicht. Nur eine kleine Andeutung machte er, dass Sie mehr können als andere Menschen, nichts weiter.«
»Sie beide gefallen mir immer besser, wir werden wohl noch gute Freunde werden. Auch ich will Ihren Bericht über das, was Sie beobachtet haben, jetzt noch nicht hören, ich habe mit Ihnen erst noch etwas anderes zu verhandeln. Gestatten Sie, Herr Professor, dass ich ein Experiment mit Ihnen mache?«
»Was für ein Experiment?«
»Ich möchte versuchen, Ihnen die Augen zu öffnen, dass auch Sie mich im Wasserspiegel erblicken. Sind Sie für Hypnose empfänglich?«
»Ganz und gar nicht.«
»Haben Sie schon einmal solche Versuche mit sich anstellen lassen?«
»Ja. Ich beschäftigte mich einmal damit, interessierte mich dafür. Es gelang niemals, mich einzuschläfern. In Indien lernte ich einmal einen Fakir oder gar Brahmanen kennen, so einen Guru unter den Yogis, der sich rühmte, es könne kein einziger Mensch seiner Einschläferungskunst widerstehen — — bei mir brachte er es nicht fertig.«
»Gestatten Sie also, dass ich es einmal bei Ihnen probiere?«
»Haben Sie eine eigene Methode?«
»Ja. Durch Fernwirkung. Durch einen Lichtstrahl.«
»Es hat keine schädliche Wirkung?«
»Durchaus nicht, und ebenso versichere ich Ihnen auf Ehrenwort, dass ich sonst nichts mit Ihnen treibe. Es handelt sich sogar um nichts weiter, als dass ich Sie einige Zeit schlafen lasse, unter der Beleuchtung eines besonderen Lichtstrahles. Ich gebe Ihnen auch keine Suggestionen.«
»Meinetwegen.«
»Dann strecken Sie sich neben dem Brunnenrande auf dem Boden aus, das Gesicht nach oben. Ein hartes Lager sind Sie doch gewohnt. Nur legen Sie zur Bequemlichkeit etwas unter den Kopf, etwa Ihren Proviantsack oder den Wasserschlauch.«
Der Professor tat es sofort.
»So, ich bin bereit.«
Durch den Schacht, der durch die Decke ging, fiel in die fensterlose Kammer also ein Lichtstrahl herein, gerade in den Brunnen. Aber das war einfaches Tageslicht, kein Sonnenstrahl. Dazu hatte die Sonne den Zenit bereits zu sehr überschritten. Sonnenschein hätte nur noch durch Spiegelung hereingelenkt werden können.
Dies schien jetzt zu geschehen.
In der hellen Lichtsäule, die über dem Brunnen ruhte, entstand, so hell und so weiß sie in der Dämmerung auch sein mochte, ein dünner, noch viel hellerer, wirklich leuchtender Lichtstreifen. Er zuckte hin und her, kam dann aus der dicken Lichtsäule heraus, nur oben mit ihr in Verbindung bleibend, huschte über den Brunnenrand hinweg und legte sich gerade auf die Magengegend des Professors. So blieb er regungslos stehen.
Das hatte Doktor Frank beobachtet, und nun sah er weiter zu seinem größten Staunen, wie sein Freund plötzlich heftig mit den Augen zu zwinkern begann, die Lider zitterten, offenbar kämpfte der Professor mit einer drohenden Müdigkeit, schloss die Augen und begann kräftig zu schnarchen.
»So, es ist geschehen!«, sagte der Mann dort unten, der sich währenddessen mit einem der Apparate beschäftigt hatte, die auf dem Schreibtisch aufgebaut waren.
»Nun mag er einige Stunden schlafen.«
»Einige Stunden?«
»Vielleicht auch einige Tage. Jedenfalls so lange, bis wir beide zusammen fertig sind, oder bis ich mit Ihrem Freunde allein weiter verhandele. Es ist nämlich unbedingt notwendig, dass Sie beide für einige Zeit getrennt werden. Die Wege, die ich Sie führen will, kann jeder nur allein betreten.
Nun, Herr Doktor, was ich Ihnen jetzt weiter vorführen will, das muss in einem anderen Raume geschehen, in einem Laboratorium, in das ich mich begebe, dazu wird es in dem Brunnen finster werden, es wird auch finster bleiben. Sie werden mich vorläufig nicht mehr sehen. Es ist nicht anders möglich, die Lichtquelle muss verlöschen, sonst gelingen meine Experimente nicht, die Ihnen Überraschungen genug bereiten werden. Unsere telefonische Verbindung bleibt noch dieselbe, durch Ihr Feuerrohr, vorläufig wenigstens, bis sich auch dies ändern wird.
Also bitte, einen Augenblick Geduld — oder doch keine halbe Minute.«
Doktor Frank sah noch, wie sich Klingsor erhob; dann wurde der bis an den Brunnenrand stehende Wasserspiegel schwarz, wenn auch immer noch die helle aus dem Deckenschachte kommende Lichtsäule darauf ruhte, das heißt, der erleuchtete Untergrund fehlte, das Wasser war nicht mehr durchsichtig, Doktor Frank sah nur noch sein eigenes Spiegelbild, als er das Rohr in das Wasser tauchte.
Die angekündigte halbe Minute war noch nicht vergangen, als das Wasser wieder hell und durchsichtig wurde.
Doktor Frank blickte in einen Raum, der jedenfalls ein physikalisches Laboratorium war, angefüllt mit allerlei wunderlichen Apparaten und Instrumenten.
Mit einem solchen beschäftigte sich Klingsor.
Doch nur kurz währte dieser neue Anblick, dann war alles wieder finster und sollte auch so bleiben. Es schien fast nur ein Versehen gewesen zu sein, dass der junge Gelehrte einmal einen Blick in dieses Laboratorium bekommen hatte.
»Herr Doktor Frank?«
»Herr Klingsor?«
»Nehmen Sie einmal Ihr Sprachrohr aus dem Wasser.«
Es geschah.
»Hören Sie mich noch sprechen?«
»Nach wie vor ganz deutlich.«
»Gut! Es ist also gelungen. Von jetzt an brauchen Sie nicht mehr das Metallrohr ins Wasser zu stecken, wir können uns auch ohne diese leitende Verbindung telefonisch verständigen, was aber gar nicht so einfach zu ermöglichen war, ich musste erst eine Probe machen. Sie ist gelungen.
Nun, Herr Doktor, werde ich Ihnen zunächst einige Experimente vormachen, die Ihr höchstes Staunen hervorrufen sollen.
An Zauberei glauben Sie doch nicht. Es geschieht alles auf ganz natürlichem Wege.
Die Sache ist nur die, dass ich Naturkräfte beherrsche, von denen die große Menschheit noch nichts ahnt.
Eine Erklärung erhalten Sie, sobald Sie erst einer der Unsrigen sind. Jetzt würden Sie mich überhaupt noch nicht verstehen.
Haben Sie, Herr Doktor, irgendein Gefäß bei sich, mit dem Sie Wasser schöpfen können?«
»Einen Taschenbecher.«
»Wollen Sie nun einmal Wasser schöpfen und trinken, um sich von seiner Vortrefflichkeit zu überzeugen.«
Der junge Mann schöpfte und trank. Zum ersten Male, dass er dieses Wasser kostete. Es war bisher noch gar keine Gelegenheit dazu gewesen, und von Durst waren die beiden ja nicht geplagt worden.
»Nun?«
»Reines, kühles Brunnenwasser ohne einen besonderen Geschmack.«
»Haben Sie noch etwas in dem Becher gelassen?«
»Er ist noch halb voll.«
»So lassen Sie das gleich drin, brauchen nicht erst noch einmal zu schöpfen. Nun wollen Sie ein wenig von dem Brunnenrande zurücktreten.
Herr Doktor Frank! Ich kann Sie jetzt in dem geschlossenen Raume vorläufig noch nicht sehen, die Felsenwände hindern mich daran. Nun will ich bewirken, dass ich Sie überall sehen kann. Dazu lasse ich jetzt von der Deckenöffnung noch einen zweiten Lichtstrahl in die Brunnenstube fallen.«
Es geschah sofort. Von der Deckenöffnung kam ein zweiter dünner Lichtstrahl herab, anfangs noch innerhalb der hellen Lichtsäule, aber nicht intensiv weiß wie jene erste, der noch auf der Magengegend des schlafenden Professors ruhte, sondern von violetter Farbe.
Auch er verließ die Lichtsäule, durchdrang seitwärts von ihr die Dämmerung, die in der Brunnenstube herrschte, irrte etwas umher, bis er fest stehen blieb.
»Ist der Lichtstrahl erschienen, sehen Sie ihn?«
»Jawohl.«
»Was für eine Farbe hat er?«
»Eine violette.«
»Nun halten Sie den Becher so, dass das violette Licht gerade auf das Wasser fällt.«
Walter Frank tat es.
»Was beobachten Sie?«
»Das Wasser steigt in dem Becher«, konnte jener gleich darauf melden, »es brodelt und zischt, als ob es koche — — aber ich fühle nichts von Hitze oder auch nur Wärme, eher wird der Becher in meiner Hand noch kühler — — jetzt sinkt das aufgeregte Wasser wieder zusammen — — es beruhigt sich schnell, scheint wie zu Eis zu erstarren, bleibt aber durchsichtig — —«
»Kippen Sie den Becher um, lassen Sie das Wasser in Ihre Hand fallen.«
Die erstarrte Masse fiel aus dem Becher, der ja oben weiter war als unten, sofort heraus, Doktor Frank hatte eine Form in der Hand, die die halbe, untere Form des Bechers wiedergab. Man hätte die Masse für Glas von reinster Durchsichtigkeit halten können.
»Das ist Wasser in einem Aggregatzustand, den wir den sechsten nennen«, fuhr es aus dem Brunnen heraus erklärend fort. »Fällt Ihnen schon etwas auf?«
»An dem erstarrten Wasser noch nicht, wohl aber schon an dem violetten Lichtstrahl!«, rief Doktor Frank in höchstem Staunen.
»Und das ist?«
Der junge Gelehrte sagte, was er beobachtete und was ihm solches Staunen einflößte.
Er hatte doch den Becher bei dem Umkippen bewegen müssen, dadurch war dieser doch etwas aus dem Bereiche des Lichtstrahles gekommen. So hätte es wenigstens sein müssen. Aber das war eben nicht der Fall. Von jetzt an lag der violette Strahl immer auf dem erstarrten Wasser, folgte ihm überall nach, wie Doktor Frank seine Hand auch hin und her bewegte.
Und nicht etwa, dass der Lichtstrahl dieser Glasform suchend nachfolgte, also doch manchmal von ihr abkam, sie dann erst wieder finden musste, sondern es war nicht anders, als ob der Strahl dem erstarrten Wasser angeheftet sei, wie von einem Magneten nachgezogen würde.
Und nicht nur das, sondern schnell, erst durch einen Zufall, hatte Doktor Frank heraus, dass sich der Strahl überhaupt durch nichts von der Wasser- oder Glasform entfernen ließ, durch gar nichts!
Er hatte einmal die andere Hand dazwischengehalten, aber das nützte nichts, die Glasform kam dadurch nicht etwa in den Schatten, sondern der violette Strahl ging eben durch seine Hand hindurch, und als er sich umdrehte, ebenso durch seinen ganzen Körper, immer auf der Glasform ruhend oder auf der Faust, die diese umschloss.
Diese Beobachtung teilte Doktor Frank dem Experimenteur mit.
»Jawohl, so ist es.«
»Aber wie ist das nur möglich?!«
»Einfach dadurch, dass das Wasser in diesem Aggregatzustand für dieses Licht magnetische Eigenschaft besitzt. Nun will ich Ihnen erst noch weiter zeigen, was sich mit diesem Wasser unter solcher Beleuchtung alles machen lässt. Bemerken Sie die ungemeine Härte dieses Wassers?«
Ja. Doktor Frank konnte die Masse weder mit dem Fingernagel noch mit der Spitze seines Messers ritzen, wie er es probierte.
»Es ist sogar noch härter als Diamant«, fuhr der Erklärer im Brunnenschacht fort. »Aber das kann auch geändert werden, ich brauche dem Strome nur eine geringere Stärke zu geben. Wie ist das starre Wasser jetzt?«
Es war eben nicht mehr starr, sondern Doktor Frank hatte in seiner Hand plötzlich eine weiche Masse, die er wie Wachs kneten konnte.
»Wunderbar, wunderbar!!«
»Es dürfte für Sie bald noch viel wunderbarer werden«, erklang es mit leisem Spott. »Wollen Sie einmal eine Kugel formen.«
Der junge Gelehrte knetete und rollte, bis er eine Kugel geformt hatte.
»So, fertig! Eine ganz ideale Kugel ist das aber wohl nicht.«
»Ich brauche aber eine solche, um Sie sehen zu können. Ich selbst werde eine schaffen. Erschrecken Sie nicht — —«
Plötzlich floss die Kugel als reines Wasser aus Doktor Franks Hand heraus, plätscherte auf den Boden herab.
»Bemerken Sie sonst etwas Besonderes hierbei?«
Ja, da war allerdings noch vielerlei Bemerkenswertes zu beobachten.
»Diese Flüssigkeit verhält sich durchaus nicht wie Wasser, sondern eher wie Quecksilber; aber auch dieses wäre bei dem doch beträchtlichen Falle in Tropfen herumgespritzt.«
Die Wasserpfütze setzte sich in Bewegung, rollte hin und her, um den ganzen Brunnen herum, ohne dass hinter ihr auf dem Boden etwas von zurückgelassener Feuchtigkeit blieb. Also immer, als wäre es Quecksilber.
Solange der violette Strahl in ihrer Mitte ruhte, blieb es eine kreisrunde Pfütze. Anders aber wurde es, als sich der Strahl verrückte, ohne sich erst zu bewegen, sich mehr auf die Peripherie legte. Da zog der Strahl das Wasser in langen Streifen nach sich, der doch niemals den Zusammenhang verlor, auch wenn er zuletzt nur die Stärke eines Bindfadens hatte.
Zuletzt floss das Wasser wieder zur Kreisfläche zusammen.
»Was ich sonst alles mit diesem Wasser machen kann, werde ich Ihnen später einmal durch Experimente vorführen, jetzt muss ich zur Hauptsache kommen, die Zeit drängt. Diese Wassermasse soll Ihnen als Führer dienen, dazu verwandle ich sie in eine Kugel, die mir zugleich als Auge dient, durch das ich Sie sehen kann.«
Die Wassersäule fiel zusammen, aber sich nicht zur Pfütze ausbreitend, sondern eine Kugel entstand.
»Strecken Sie Ihre Hand aus, die Innenseite flach nach oben. Ich will Ihnen das Bücken ersparen.«
Doktor Frank tat es — — der violette Lichtstrahl zuckte nach oben, die Kugel sprang hoch, direkt in Doktor Franks offene Hand hinein.
»Erstaunlich, erstaunlich!!«
»Hierbei wirkt also Magnetismus. Freilich ein Lichtmagnetismus, von dem die andere Welt noch nichts weiß. Betrachten Sie die Kugel genau. Fällt Ihnen an ihr etwas auf?«
Doktor Frank konnte die Kugel nach Belieben zwischen seinen Fingern hin und her bewegen, nur dass der violette Lichtstrahl immer folgte, immer darauf haften blieb.
»Sie ist ganz hart, durchsichtig wie das reinste Kristallglas, ich erkenne durch sie jede Linie in meiner Hand, ohne Vergrößerung oder Verzerrung, merkwürdig aber dabei ist, dass der violette Strahl nicht durch sie hindurchgeht, und dann — — mir scheint, dass die Kugelfläche doch nicht völlig eben ist. Sie fühlt sich uneben an. Obgleich von dieser Rauheit mit den Augen nichts zu sehen ist.«
»Richtig. Die Sache ist die, dass die Oberfläche der Kugel aus lauter winzigen Facetten besteht. So winzig, dass sie mit dem bloßen Auge kaum sichtbar sind, nur mit den sehr empfindlichen Fingerspitzen fühlbar.
Sie wissen, dass auch das Auge der Fliege wie das der meisten Insekten aus lauter solchen Facetten zusammengesetzt ist. Wie die Insekten mit diesen Facettenaugen sehen können, das wissen wir nicht. Wohl aber ist es Tatsache, dass ich Sie nun in diesem großen Fliegenauge, wie man das Ding nennen könnte, mit voller Deutlichkeit erblicke. Allerdings ist dazu noch eine besondere Spiegelvorrichtung hier in meinem physikalischen Laboratorium notwendig.
Also ich erblicke in dieser Facettenkugel alles, was sich darin widerspiegelt. Dazu muss aus meinem Laboratorium der violette Lichtstrahl darauf fallen.
Nun aber hat es mit diesem noch eine ganz besondere Bewandtnis.
Die dicke Felsenwand bildet für den Strahl kein Hindernis. So wenig wie Ihr Körper. Es gibt für diesen Lichtstrahl überhaupt keins. Er durchdringt alles, alles.«
»Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass Sie mir von hier aus den Lichtstrahl, solange ich diese Kugel bei mir habe, überall hin nachsenden können?!«
»Überall hin!«
»Wohin ich mich auch begebe, nach dem Festland hinüber — —«
»Sie haben nicht zu viel gefolgert. So ist es! Machen Sie eine Reise um die Erde — — dieser violette Lichtstrahl wird Ihnen von diesem Brunnenschachte aus überall hin folgen, zu unseren Antipoden nach Südamerika sowohl wie nach dem Nordpol wie nach dem Südpol, er wird Sie in Ihr Eisenbahncoupé und in Ihre Schiffskabine begleiten, wird Ihnen in Ihr Hotelzimmer wie in den tiefsten Schacht des Bergwerkes, das Sie irgendwo auf der Erde besichtigen, nachfolgen, und tauchen Sie in die größte Meerestiefe — dieser Lichtstrahl wird Ihnen treu bleiben.«
»Unmöglich, unmöglich!!«, stieß der junge Mann ganz außer sich hervor.
»Nein, es ist nicht unmöglich, sondern es ist eine Tatsache. Also, Herr Doktor, diese Facettenkugel wird Ihnen auf den geheimnisvollen Pfaden, die ich Sie schicken will, als Führer dienen.
Und nun will ich Sie gleich noch in alles andere einweihen, was für eine Bewandtnis es mit diesem Ihrem kleinen Führer hat, wie er sich Ihnen gegenüber verhalten wird.
Oder haben Sie selbst Fragen zu stellen, die etwaige Zweifel Ihrerseits lösen? Es sollte mich sehr freuen, wenn Sie selbst daran denken.«
»Allerdings.«
»Nun?«
»Werde ich auf diesen Wegen anderen Menschen begegnen?«
»Das werden Sie.«
»Denen ich auszuweichen habe?«
»Das müssen Sie, und dabei wird Ihnen Ihr kleiner Führer behilflich sein.«
»Kann so etwas nicht auch in Felsengängen passieren?«
»In solchen halten Sie sich meistenteils auf.«
»In denen es etwas düster ist so wie drüben in der Brunnenstube.«
»Manchmal wird es sogar stockfinster sein.«
»Nun sieht man aber den violetten Strahl doch ganz deutlich, sogar hier in diesem fast tagshellen Raume.«
»Ich verstehe, wo hinaus Sie wollen, Sie machen Ihre Einwendungen mit Recht. Nein, andere Menschen dürfen diesen Lichtstrahl nicht sehen, mit dem ich selbst wieder Ihren Führer lenke. Kennen Sie, Herr Doktor, eine Farbe, ein farbiges Licht im Sonnenspektrum, das aber für das menschliche Auge nicht sichtbar ist?«
»Jawohl.«
»Was ist das für eine Farbe?«
»Ultraviolett.«
»Und dieser Lichtstrahl hier ist tatsächlich ein ultravioletter. Ich habe ihm vorläufig nur etwas helleres Blau beigemischt, um ihn für das Auge sichtbar zu machen.
Dieses nehme ich ihm jetzt wieder, jetzt ist es mittleres Ultraviolett, und — —«
Der violette Lichtstrahl, der immer auf der Kugel in des Doktors Hand geruht hatte, war plötzlich verschwunden.
»Ja, für Ihr und jedes anderen Menschen Auge, das nicht durch denselben Apparat blickt wie ich. In Wirklichkeit ist er noch vorhanden, er wird seine kraftvolle Anwesenheit gleich offenbaren.«
Die Kugel sprang aus des Doktors Hand herab, ohne hart auf den Boden aufzuschlagen, rollte hin und her, lief die Wand hinauf, an der Decke entlang und saß plötzlich wieder auf des jungen Gelehrten Schulter.
»So wird die Kugel Sie führen. Treppen hinab und hinauf, aber an steilen Wänden empor zu klettern und an der Decke zu laufen brauchen Sie nicht, das kann ich von Ihnen nicht verlangen.«
Doktor Frank konnte nur immer den Kopf schütteln.
»Da habe ich immer noch eine Frage.«
»Bitte?«
»Also Sie wollen hier auf dieser Insel geheime Beobachtungen anstellen. Sie selbst können das nicht tun, nicht hierher kommen.«
»Nein, darf ich nicht. Das ist mir verboten. Auch ich stehe unter strengen Gesetzen.«
»So schicken Sie also diese Kugel herum. Sagten Sie nicht, Sie könnten durch dieses rollende Facettenauge alles erblicken? Und wenn Sie die Kugel überall hin lenken können?«
»Ihre zweifelnde Frage ist berechtigt. Aber es ist nicht ganz so, wie Sie denken, was ich Ihnen übrigens schon gesagt habe. Ja, ich kann durch solch eine Facettenkugel alles sehen, was ich will, das heißt, was sich darin widerspiegelt. Aber dann muss das Glasauge ruhen, ich kann es nicht immer hin und her bewegen, denn dazu gehört wieder eine andere Kraft, die mit jener anderen, die ich dabei verwenden muss, nicht vereinbar ist. Es muss überhaupt eine ganz besonders präparierte Facettenkugel sein, die nicht so einfach herzustellen ist. Kurz und gut — in dieser Facettenkugel hier, die Ihnen als Führer vorausrollen soll, kann ich selbst nichts erblicken — nicht ohne ein anderes menschliches Auge.
Die Sache ist also die, dass sich alles das, was sich in der Facettenkugel spiegelt, erst in Ihrem Auge reflektieren muss — oder umgekehrt — diese Doppelspiegelung wird dann durch elektrische Fernfotografie, wie ich mich ausdrücken will, hierher geleitet, das heißt bis nach London, wo ich mich gegenwärtig befinde, der Leitungsdraht ist dabei der ultraviolette Lichtstrahl. Jetzt kann auch ich es in einem besonderen Guckkasten erblicken. Ich sehe sogar noch viel mehr als Sie. Weil die Reflexspiegelung von der Kugel in Ihr Auge — oder umgekehrt — Ihnen ganz unbewusst vor sich geht.
Dass sich im Auge viel mehr widerspiegelt, als es erblickt, ist Ihnen doch bekannt. Es spiegelt sich eben alles darin wider, was im Bereiche der Möglichkeit einer Spiegelung liegt, der Mensch erblickt aber eben nur das, worauf er seine Aufmerksamkeit richtet, wie das ganze Sehen doch überhaupt nur ein Vorgang der Gehirntätigkeit ist. Ich dagegen habe hier in meinem Guckkasten auf einem Bilde alles, was sich in Ihrem Auge widerspiegelt, und dieses scharfbegrenzte Bild lässt sich leicht im Ganzen überblicken.
Vor Ihren Augen muss sich die Kugel immer befinden, das stimmt allerdings. Ist Sie hinter Ihrem Rücken oder nur zu sehr seitwärts von Ihnen, dann kann ich nichts sehen. Aber da wird die Kugel schon wieder vor Sie gerollt kommen oder Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie sich umkehren sollen«
»Wie mich darauf aufmerksam machen?«, fragte der Doktor. »Kann die Kugel auch sprechen?«
»Herr, Sie verlangen gleich viel!«, wurde drüben in der Brunnenstube gelacht. »So, wie ich jetzt die Wasserkugel benutzen will, kann ich durch sie nicht mit Ihnen sprechen. Wohl aber kann ich Sie hören. Sprechen Sie, flüstern Sie noch so leise — was ein menschliches Ohr vernimmt, das verstehe ich auch von Ihnen. Will ich mich dagegen verständlich machen, so bedarf es dazu eines anderen Mittels als der menschlichen Stimme. Können Sie morsen, Herr Doktor?«
»Jawohl, ich kann die telegrafische Morseschrift.«
»Wirklich gut?«
»Ganz perfekt.«
»Wir wollen gleich eine Probe machen.«
Mit einem Satze war die Kugel von des Doktors Schulter, wo sie zuletzt geruht, herab, begann wie ein Gummiball zu hüpfen, nicht eben hoch, dafür aber sehr schnell, bis sie mit einem Male wieder wie festgenagelt am Boden lag.
»Haben Sie das verstanden?«
»Jawohl. Der Satz lautete: ›Ich bezweifele sehr, dass Sie das lesen können.‹«
»Bravo, bravo!«, erklang es drüben in der Brunnenstube, und in der Stimme lag auch einiges Staunen.
»Ich hatte Sie doch gar nicht erst vorbereitet, nicht erst gesagt, dass die niedrigen Sprünge Punkte, die höheren Striche bedeuten sollen — das war ja überhaupt gar kein Springen, sondern nur ein Zucken, und ich morste so schnell wie ein geübter Telegraf es vermag — — na, wenn Sie so perfekt sind, dann werden wir uns schon verständigen können. Aber die Sache lässt sich auch noch anders machen — —«
Hoch sprang die Kugel, zugleich etwas seitwärts, flog direkt in des Doktors Hand hinein, die er herabhängen ließ, so zwischen die Finger, dass er sie von ganz allein festhalten musste.
Jetzt fühlte er ein Zucken in längeren und kürzeren Zwischenpausen.
»Ob ich vor Antritt meiner Wanderung erst speisen möchte?«, fragte er lachend. »Nein, nicht nötig, habe erst vor zwei Stunden tüchtig gefrühstückt.«
»Gut. Und nun noch ein drittes Mittel, um mich mit Ihnen zu unterhalten, ein sehr einfaches, das jedes zivilisierte Kind versteht.«
Die Kugel machte sich aus des Doktors Fingerumklammerung los, er versuchte sie zu halten, es gelang ihm nicht, sie entschlüpfte ihm und zerfloss zu seinen Füßen plötzlich zu Wasser — aber nicht zu einer Pfütze, sondern Wasserfäden teilten sich aus, im Nu waren Buchstaben und Worte entstanden.
»Dann kann ich meine Führung beginnen?«
»Fabelhaft, fabelhaft!«
Die Buchstaben, die übrigens nirgends den Zusammenhang verloren hatten, was ja sehr gut geht, flossen im Nu zusammen, zu einer Wasserpfütze, diese schusselte wie Quecksilber über den Boden, rutschte die glatte Felsenwand hinauf, blieb in der Mitte stehen, wieder liefen Fäden auseinander, und da war jetzt zu lesen:
»Nun? Sie schulden mir noch die Antwort auf meine Frage.«
»Ja, Madame, ich bin bereit, Ihnen zu folgen«, lachte der junge Gelehrte belustigt. Denn dieses ganze Verfahren hatte wirklich etwas Humoristisches an sich, obgleich das jetzt erst beginnen sollte.
Die dünnen Schnörkel liefen wieder durcheinander, ohne dass erst eine Pfütze gebildet wurde, und Walter Frank las:
»Ich bin noch Fräulein und heiße Mobile — —«
Wieder liefen sie durcheinander, weil der Vorrat an Material nicht ausreichte.
»Oder Sie können mich auch beim Vornamen nennen: Perpetua — —«
»Schön, Fräulein Perpetua Mobile, ich werde —«
Mit blitzähnlicher Schnelligkeit flossen die Buchstaben zusammen, schon war die Wasserpfütze an der Decke — — der junge Gelehrte bekam eine eiskalte Dusche über den Kopf!
Aber vergebens sah sich der junge Mann nach den Tropfen um, die doch eigentlich herumgespritzt sein mussten. Nur im letzten Augenblick gewahrte er noch, wie sich zu seinen Füßen im Moment die zusammenhängende Wasserpfütze wieder zu einer Kugel formte.
Aber hauptsachlich war er jetzt über die eisige Kalte bestürzt, die er verspürt hatte.
»Was? War denn die Kugel immer so kalt?!«
»Je nachdem, das kommt ganz auf den Betreffenden an — wie junge Mädchen und manchmal auch ältere nun einmal sind — fassen Sie Fräulein Perpetua doch einmal an — — vorsichtig!!«
Die Warnung kam etwas zu spät, Doktor Frank hatte sich zu schnell gebückt — mit einem leisen Schmerzensruf zog er schnellstens die Hand zurück.
»Verdammt, die ist ja glühend heiß!«
»Ja, ungestraft lässt sich Fräulein Perpetua nicht anfassen! Sie haben sich doch nicht ernstlich verbrannt?!«
»Nicht der Rede wert. Ja, wie machen Sie denn das nur?!«
»Na, ich dächte, darüber brauchten Sie sich nun nicht mehr zu wundern, dass ich auch die Temperatur der Kugel ganz nach Belieben verändern kann! Aber Ihr Staunen ist schon begreiflich. So sage ich Ihnen gleich im Voraus, dass die Kugel, wenn es nötig ist, Ihnen auch als Lampe und als intensiver Scheinwerfer dienen wird, und sie wird Ihnen noch vielerlei anderes vormachen. Das einzige ist, dass Sie Fräulein Perpetua vor Liebe nicht auffressen können — oder dass dadurch doch nicht Ihr Hunger gestillt wird. Höchstens Ihr Durst. Aber die Magenfrage wird schon in anderer Weise gelöst werden, da dürfen Sie unbesorgt sein. Also, sind Sie bereit, den Schleichweg anzutreten?«
»Ich bin bereit.«
»Haben Sie am Brunnen noch etwas zurückgelassen?«
»Gar nichts.«
»Aber Ihren Proviantsack und den Wasserschlauch könnten Sie zurücklassen, diese Last dürfte Ihnen manchmal hinderlich sein, zumal wenn es durch enge Tunnels zu rutschen gilt.«
»Ganz, wie beliebt!«, sagte Doktor Frank, schon die beiden Säcke vom Rücken schnallend.
»Ihr Schießprügel dagegen wäre als Schippenstiel sehr angebracht, vielleicht nehmen Sie auch die Hacke Ihres Freundes mit.«
»Ja, was aber wird nun aus dem Professor?«
»Er soll noch einige Stunden schlafen.«
»Werde ich zurück sein, wenn er erwacht?«
»Schwerlich!«
»Was wird da aus ihm? Wie finden wir uns wieder?«
»Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Nachdem dem Herrn Professor Becker die Augen geöffnet worden sind, und das zwar in doppelter Hinsicht, werde ich ebenfalls mit ihm sprechen und ihm einen Auftrag erteilen, der ihm gefallen wird. Sie vertrauen mir doch?«
»Na, ich dächte, Herr Loke Klingsor, da brauchten Sie nun nicht erst noch zu fragen!«
»Gut, dann noch eins! Ich deutete schon an, dass Sie vielleicht durch enge Tunnels zu kriechen haben werden.«
»Ich werde kriechen.«
»Es kann eine Röhre sein, so eng, dass Sie auf dem Bauche rutschen müssen.«
»Die Kugel mag mich durch Wasser und Feuer führen — ich werde ihr folgen! In der Annahme, dass das Wasser nicht kälter ist als Eis unter vier Grad, wobei auch das Meerwasser gefriert, und dass das Feuer nicht gar zu heiß ist. Dass ich sonst vor keinen Gefahren zurückbebe, die ein Mensch irgendwie bestehen kann, das wissen Sie wohl, denn sonst hätten Sie mich doch nicht zu diesem Abenteuer auserkoren, und im Übrigen vertraue ich eben Ihrer Führung!«
»Recht so!«, erklang die schöne, sonore Stimme freudig. »Und da Sie mir solches Vertrauen schenken, sollen Sie Wunder zu schauen bekommen, wie Sie sonst kein anderer Sterblicher, solange er nicht zu unserem Geheimbunde gehört, zu sehen bekommt, und nun vorwärts!«
Schon rollte die Kugel, die also ungefähr die Größe eines Billardballes besaß, voraus, wieder in die Brunnenstube zurück. Professor Becker lag nach wie vor schlafend da, den weißen Lichtstrahl, der aus der Lichtsäule hervorkam, auf seiner Magengrube, dort, wo der Mensch den Plexus solaris liegen hat, das Sonnengeflecht, ein strahlenförmiges Nervenbündel, über dessen Zweck unsere Ärzte und Physiologen noch ganz im Unklaren sind, während die Orientalen, wenigstens die buddhistischen und brahmanistischen, in dieses Nervenbündel den Sitz des Lebens verlegen, und weshalb der Japaner, wenn er einen korrekten Selbstmord begeht, sich den Leib aufschlitzt.
Doktor Frank kümmerte sich gar nicht weiter um seinen Freund, nahm nur dessen Hacke zu sich, vorn das Spitzeisen, legte dafür Proviant- und Wassersack nieder, nach einer kurzen Besprechung mit dem Unsichtbaren auch den fotografischen Apparat als unnötig für den kommenden Weg, und er folgte weiter der führenden Kugel.
»Nun ist unser mündliches Gespräch beendet. Von jetzt an sind Sie nur noch auf das Telegrafieren oder Schreiben der Kugel angewiesen, ich aber höre Sie immer, und wenn Sie hierher zurückkommen, werde ich Ihnen in dem Brunnen andere Bilder vorführen, die Sie fotografieren sollen, die aber nichts mit dieser Ihrer Wanderung zu tun haben.«
So klang es ihm noch in dem dritten Raume nach, den er betrat, schon mit sehr schwacher Stimme.
Eine nach oben führende Treppe kam, aber eine andere als jene, welche vorhin der Professor und dann sein ihn zurückholender Freund benutzt hatte.
Die Kugel sprang wie ein Gummiball mit wahrer Eleganz die Stufen hinauf, deren sehr viele waren; die Treppe schien ohne Unterbrechung mindestens gleich in die zweite Etage hinaufzuführen.
Dann ging es durch einen sehr langen Korridor, an vielen Felsenkammern vorbei, bis die Kugel eine abwärtsgehende Treppe nahm, wohl rollend, aber nicht hüpfend, doch nie die Gewalt über sich selbst verlierend — wenn man sich so ausdrücken darf! Und als eine leblose Kugel konnte sich Doktor Frank sie ja auch kaum noch vorstellen.
Da machte die Kugel plötzlich einen mächtigen Satz rückwärts, sprang ihrem Schützling gegen die Brust, nicht gerade schmerzhaft, aber doch recht merklich; ein Schlafender wäre davon aufgewacht, war wieder am Boden und hüpfte zurück die Treppe empor.
Eine weitere Aufforderung brauchte Doktor Frank nicht. Er kehrte um und folgte der immer schneller springenden Kugel schnellstens in eine Kammer, die sich häufig neben der Treppe befanden, dann noch durch einige Felsenkammern, bis die Kugel in einer Halt machte.
»Drohte uns eine Gefahr?«, durfte Frank jetzt fragen.
»Männer kamen uns entgegen?«, wurde hüpfend gemorst.
Die Kugel rollte schon wieder davon. Doktor Frank folgte, erreichte die Treppe, die weiter hinab verfolgt wurde. Die Kugel hielt einmal inne, sprang auf der Stufe empor, morste.
»Aufheben! Aufbewahren! Wichtig!«
Was war es? Eine Stecknadel — zwar mit roter Glaskuppe, aber immerhin eine gewöhnliche Stecknadel. Sicher nicht etwa ein rundgeschliffener Edelstein. Jedenfalls hatte eine der Personen, denen man ausgewichen war, sie verloren, oder es war überhaupt ein Fund, dem der führende Geist Wichtigkeit beimaß. Es wurde dunkler, es wurde finster. Die Treppe brauchte keine Fenster mehr zu haben, denn es ging zweifellos unter die Erde.
Aber für Beleuchtung wurde gesorgt. Die durchsichtige Glaskugel begann in einem weißen Lichte zu erglühen, einen weiten Lichtkreis um sich verbreitend, und nicht nur das, sondern sie sandte auch noch einen intensiven Blendstrahl wenigstens dreißig Meter weit voraus.
Da musste der führende Geist doch sehr sicher sein, dass sie hier unten niemand begegnen konnten.
Aber es sollte bald ganz anders kommen.
Sie hatten einen horizontalen Gang erreicht, den sie verfolgten, ab und zu links und rechts an Kammern vorüberkommend, alles in den Felsen gehauen.
Vor ihnen erklangen Stimmen — — und da sah Doktor Frank sie schon: zwei braune, in einfache indische Kittel gekleidete Männer, die den unterirdischen Tunnel entlang kamen!
Das Weitere war ihm gänzlich unbegreifbar — allein schon, dass die Kugel gar nicht daran dachte, ihr Licht zu verlöschen, vielmehr die beiden Männer erst recht in volle Beleuchtung ihres intensiven Blendstrahls nahm.
Und die beiden Männer? Ja, waren die denn blind?
Sie unterhielten sich auf Hindustanisch, und diesen Dialekt beherrschte auch der junge Archäologe vollkommen.
Sie schimpften, dass ihnen die mitgenommene Laterne ausgegangen war und dass sie sich nun hier im Stockfinstern mühsam forttasten mussten.
»Gut wenigstens, dass hier keine Seitengänge abbiegen, sonst könnten wir uns ja bös verirren, nie wieder die Sonne erblicken. Immer geradeaus, Mannal, die Seitenöffnungen links und rechts sind nur Kammern, die lassen wir liegen, immer stracks geradeaus!«
Und so tasteten sie sich weiter an den Wänden entlang, immer im vollen Lichte des von der Kugel gehenden Blendstrahls!
Was sollte das bedeuten? Was für ein Rätsel lag hier vor?
Bis auf zehn Schritt ließ die Kugel die beiden herankommen, dann erst zog sie sich in eine Seitenkammer zurück, ganz gemächlich, Doktor Frank folgte viel schneller, und als die beiden sich vorbeitasteten, ließ sie ihnen nochmals den Blendstrahl direkt in die Gesichter, in die Augen fallen, die also durchaus nicht erblindet waren. Aber die Lider blinzelten nicht, die Pupillen zogen sich nicht zusammen.
Nun allerdings konnte sich der junge Gelehrte nicht mehr halten.
»Herr Klingsor — — ich frage jetzt Sie, spreche nicht zu der toten Kugel, die Sie nur lenken — — was für ein Rätsel liegt hier eigentlich vor?«
Der Brunnenmann ließ die Kugel durch Hüpfen sprechen.
»Das Licht ist nur für Ihre Augen sichtbar.«
»Andere Menschen können es gar nicht sehen? Ja, wie ist das nur möglich?!«
»Ich lenke von der Kugel noch einen besonderen Lichtstrahl in Ihre Augen, dadurch werden Sie für dieses astrale Licht empfänglich.«
»Ich verstehe durchaus nicht.«
»Dann Erklärung später, jetzt zu umständlich.«
Die Kugel verließ die Kammer wieder und setzte ihren Weg in den Tunnel fort, Doktor Frank immer zwei Schritte hinter ihr.
Abermals ging es in eine Felsenkammer hinein, die sich auch in anderen Kammern fortsetzte, bis in einer solchen wieder eine nach unten führende Treppe sichtbar wurde, sehr steil und schmal.
Sie wurde hinab verfolgt — tief, tief! — Bis endlich doch die letzte Stufe erreicht war.
Nach einer guten Strecke geradeaus auf ebenem Felsenboden, auf dem aber hier, was bisher nicht der Fall gewesen, manchmal auch lose Steine lagen, machte die Kugel Halt.
Der geschlossene Lichtkreis, den sie verbreitete, reichte für das Auge, um alles deutlich sehen zu können, ungefähr drei Meter nach allen Seiten.
Innerhalb dieses Lichtkreises konnte Doktor Frank hier keine begrenzende Wand sehen.
Der Blendstrahl, den die Kugel immer vorausschickte, hatte wenigstens dreißig Meter weit geleuchtet, aber den hatte sie jetzt eingestellt.
Doch plötzlich leuchtete sie in ganz anderer Weise auf; sie sandte gewissermaßen den weitleuchtenden Blendstrahl nach allen Seiten hin, oder verbreitete eben um sich herum einen Lichtkreis oder richtiger eine Lichthalbkugel von wenigstens dreißig Meter Halbmesser, und nun erkannte Doktor Frank, dass er sich in einer ungeheuren Halle befand, deren Durchmesser er auf mindestens fünfzig Meter schätzte, die gewölbte Decke in der Mitte noch um die Hälfte höher.
Doktor Frank war sich längere Zeit im Unklaren darüber, ob er hier von einer Halle oder einer Höhle sprechen solle. Obgleich das intensive Licht, das merkwürdigerweise jedoch die Augen durchaus nicht blendete, die Wände ganz deutlich beleuchtete, vermochte er doch kein sicheres Urteil zu fällen. Bald entschied er sich für einen von Menschenhänden konstruierten Saal, mochte auch schon immer eine große Höhlung vorhanden gewesen sein, bald für eine natürliche Höhle.
Bis er sich der Sache doch klar wurde.
Ja, das war einst eine künstliche und sogar künstlerische, reich ausgestattete und geschmückte Halle gewesen. An den Wänden sah er überall Plastiken und Ornamente; die vielen Vertiefungen waren Nischen mit steinernen Verzierungen gewesen, in denen wahrscheinlich Bildsäulen gestanden hatten.
Aber dies alles war total verfallen — oder wahrscheinlicher war alles mit Absicht zertrümmert und zerstört worden.
Die Wände starrten von Zacken, die er für natürliche Felsbildungen halten mochte, in Wirklichkeit aber die stehen gebliebenen Reste von abgeschlagenen Ranken und anderen Verzierungen waren, und überall an den Wänden türmten sich Schutthaufen auf, bei deren näherer Untersuchung er erkannte, dass die Trümmer aus solchen Verzierungen, auch aus steinernen Köpfen und Gliedmaßen von Menschen und Tieren bestanden.
Gleich zu Doktor Franks Füßen lag ein großer Stein, der Kopf eines Panthers, aber nur die Hälfte davon, und dort lag ein menschlicher Unterarm mit abgeschlagener Hand, und das dort war offenbar ein aus Stein nachgebildeter Elefantenzahn, und dort der kleine, längliche Stein war wieder ein menschlicher Finger von natürlicher Größe, an dem der Bildhauer sogar einen Siegelring dargestellt hatte.
Der mächtige, die ganze Halle erfüllende Lichtschein erlosch; auch der kleine Lichtkreis blieb nicht übrig; in der Stockfinsternis leuchtete die Kugel nur noch als weißglühender Ball, und so begann sie in Sprüngen zu morsen.
»Wo sind Sie hier?«
»In einem unterirdischen Tempel.«
»Von wem angelegt?«
»Ich vermute, von den alten Lemuren.«
»Wer hat dies alles so verwüstet?«
»Weiß nicht! Unbekannt! Später, wenn Sie Platten haben, hier fotografieren, jetzt etwas arbeiten.«
Der kleine Lichtkreis erstrahlte wieder, die Kugel rollte weiter, manchmal über Steintrümmer hüpfend, denen sie nicht leicht ausweichen konnte.
Sie führte nach der Wand, an eine Stelle, wo der Schutt weniger hoch lag als an anderen.
»Bitte hier wegräumen!«
»Wo? Das muss wohl etwas genauer bezeichnet werden.«
»Immer genau wie ich angebe. Wo ich liege, dort die Steine fort. Nicht allzu große Arbeit. Sie werden dafür belohnt.«
Doktor Frank war sofort bereit dazu, brauchte nichts erst ablegen, packte den ersten Stein, einen zerschundenen Elefantenkopf, gegen den die Kugel immer stieß.
»Diesen hier?«
»Ja. Ich bezeichne immer, wenn nötig.«
»Wohin mit dem Stein?«
»Nur etwas zur Seite.«
»Muss ich dabei jeden Lärm vermeiden?«
»Nicht nötig.«
»Wir können hier überhaupt nicht überrascht werden?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Tabu.«
Dieses Wort der Eingeborenen Neuseelands heißt so viel wie heilig, gefeiert. Das Wort hat sich im indischen und australischen Orient überhaupt recht eingebürgert. Wenn man in einem Hotel fragt, weshalb dies oder jenes Zimmer, das sonst zur Benutzung offen gestanden hat, heute geschlossen ist, so antwortet der Kellner, der natürlich ein Deutscher ist, lakonisch: »Tabu!«
Doktor Frank hatte bereits mehrere große Steine fortgerollt, ohne besondere Kraftanstrengungen nötig zu haben, und kleinere hinter sich geworfen, da kam feinerer Schutt.
Die Kugel, die nur selten einmal einen Stein bezeichnete, hüpfte wieder.
»Schaufeln!«
Doktor Frank befestigte an dem Feuerrohrstiele den Spaten und begann zu schippen, dort, wo die Kugel angab.
Bald fand die Schaufel festen Widerstand. Er konnte auch gleich an der Umgebung erkennen, wenn er die Dimensionen abmaß, dass die feste Steinwand kommen musste.
»Wand freilegen!«
Es geschah, bald rollte kein Schutt mehr nach.
»Hier hacken!«, hüpfte die Kugel, zugleich gegen die Wand springend, nur einen Viertelmeter über dem Boden.
Die leuchtende Kugel hüpfte etwa einen Viertelmeter über
dem Boden, was für Doktor Frank bedeutete: Hier hacken!
Doktor Frank vertauschte den Spaten am Stiele mit der Hacke, hackte los.
Es schien eher Zement zu sein als fester, harter Stein, und zwar kein besonders guter oder schlecht behandelter Zement; er sprang ziemlich leicht in großen Stücken ab, und als der Doktor einmal einen besonders wuchtigen Schlag führte, fuhr die Hacke durch eine Wand hindurch in einen Hohlraum hinein.
»Ist das richtig so? Entspricht das Ihren Vermutungen?«
»Ja. Nun brechen! Mehr nach unten!«
Nun war es vollends leicht, die Stücke aus der höchstens fünf ZentimeterWand herauszubrechen, erst weiter nach unten, dann, wie die Kugel anwies, auch etwas nach oben und seitlich, und in wenigen Minuten war eine kreisrunde Öffnung von etwa dreiviertel Meter Durchmesser freigelegt.
»Warten! Gleich zurück!«
Die Kugel rollte in die Röhre hinein, erst sah Doktor Frank sie voll leuchten, dann nur noch als glühenden Punkt, bis auch dieser verlosch, und zwar musste dies mit Absicht geschehen sein, nicht etwa, dass sie sich so weit entfernt hätte, so schnell konnte das nicht geschehen.
Da kam sie schon wieder heraus, erst dunkel, dann gleich wieder den Lichtkreis um sich verbreitend.
»Herr Doktor!«
Da die Kugel eine Pause machte, musste das erst eine Einleitung gewesen sein, jetzt musste etwas ganz Besonderes kommen.
»Durch diese Röhre sollen Sie rutschen.«
»Mache ich!«, sagte Doktor Frank. »Das habe ich gelernt. Na, sagen Sie aber mal, Herr Klingsor«, setzte er hinzu, »hat es denn wirklich etwas so ganz Besonderes auf sich, in diese Röhre zu kriechen?!«
»Ja.«
»Wie lang ist sie?«
»Nicht ganz sechzig Meter.«
»Nu da! Das ist doch gar nichts! Oder ist sie sehr schmutzig?«
Freilich, wenn es in Schlamm oder Teer oder Maschinenschmiere hineingeht, dann hört man mit der Kriecherei auch bald auf. Wenn man darf! Wenn nicht ein eisernes Kommando dahinter sitzt:
»Ganz rein!«
»Sind sonst Gefahren darin vorhanden?«
»Ja.«
»Ja?!«, stutzte der Doktor. »Was für Gefahren?«
»Sie werden sehen.«
»Wenn es zu spät ist!«
»Nein. Ich kenne die Gefahren, geleite Sie sicher daran vorbei.«
»Na, dann ist's ja gut, ich vertraue mich Ihnen an — oder der Führung des Fräuleins Perpetua.«
»Sie müssen rückwärts kriechen.«
»Was? Rückwärts?! Darauf bin ich allerdings nicht geeicht!«
»Nur eine kurze Strecke, fünf Meter.«
»Und dann?«
»Dann drehen Sie um.«
»In dieser Röhre mich umdrehen? Herr, das kann ich nicht! Ich bin kein Schlangenmensch, und ich bezweifle sehr, dass auch ein solcher das in dieser Röhre fertig bringt, und wenn er auch sonst in seinen Leib einen Knoten schlingen kann.«
»Eine Ausbuchtung kommt. In der drehen Sie bequem um.«
»Ah so, das ist etwas anderes! Weshalb aber soll ich denn erst rückwärts hineinkriechen?«
»Sie müssen hinter sich den Eingang wieder verschließen.«
»Eingang wieder verschließen?!«, stutzte der junge Doktor jetzt erst recht.
»Es muss sein. Später kommen Menschen her. Die dürfen diese Röhre nicht sehen.«
»Soll ich den Eingang wieder mit Steinen zudecken?«
»Ja, ganz verschütten.«
»Ganz verschütten? Ja, wie soll ich denn das von dort drin aus bewerkstelligen?«
»Steine vorher draußen künstlich aufbauen, hineinkriechen, unten einen besonderen Stein wegziehen, alles stürzt zusammen.«
»Nun gut! Wie komme ich dann aber wieder heraus?«
»Rückweg ein anderer.«
»Wohin mündet denn diese Röhre?«
»Weiß nicht.«
»Das wissen Sie gar nicht?«
»Nein.«
»Ist denn das andere Ende der Röhre nicht offen?«
»Ist geschlossen?«
»Womit?«
»Mit einer Klappe.«
»Können Sie diese öffnen?«
»Nein.«
»Was, die können Sie nicht öffnen?!«
»Ich nicht.«
»Ach so, ich soll Sie öffnen.«
»Ja.«
»Wie macht man das? Riegel zurückschieben? Oder wie sonst?«
»Geheimer Mechanismus.«
»Sie zeigen mir, wie man den handhabt?«
»Ja.«
»Funktioniert der auch?«
»Hoffe es.«
»Sie wissen es nicht bestimmt?«
»Nein. Herr Doktor Frank! Ich bin ganz ehrlich.«
Ja, nun verstand der junge Mann, warum ihm dies alles so nach und nach beigebracht wurde.
Er sollte sich allmählich an den Gedanken gewöhnen, in welche Gefahr er sich begab.
Denn eine furchtbare Gefahr lag hier doch vor.
Er kroch in eine enge Röhre hinein, verschüttete den Eingang wieder, in einer Weise, die doch sicher ausschloss, dass er die Steine von innen beseitigen konnte, und das andere Ende der Röhre war ebenfalls verschlossen.
Er hatte sich selbst lebendig begraben.
»Muss denn nur der Eingang unbedingt wieder zugeschüttet werden?«
»Unbedingt.«
»Und wenn ich nun die Klappe am anderen Ende nicht öffnen kann?«
»Dann verharren Sie in der Röhre höchstens zwei Stunden.«
»Weshalb gerade zwei Stunden? Was dann?«
»Dann befreit Ihr Freund Sie.«
Aha! Da war allerdings Aussicht auf Rettung, falls diese nötig wurde.
»Sie würden ihn dann also holen, ihm alles mitteilen, ihn hierher führen, so, wie Sie mich geführt haben?«
»Ja.«
»Sie gehen aber doch mit in die Röhre.«
»Ich nicht — die Kugel. Na, dann mal los!«
»So bauen Sie auf, ich werde anweisen.«
Das hatte aber die führende Kugel gar nicht nötig. Der junge Gelehrte, der auch in jeder Wildnis zu Hause war, baute die Steine äußerst geschickt auf, dafür sorgend, dass gleich unten ein Stein lag, den er mit leichter Mühe herausziehen konnte.
Natürlich wurde auch eine kleine Öffnung gelassen, durch die er vorher kriechen konnte.
In einer Viertelstunde war es geschehen.
»So, fertig!«
Die Kugel verschwand zuerst in dem unregelmäßigen Loche, wieder nur als weißglühender Ball.
Doktor Frank schob sich nach, vorsichtig, ganz vorsichtig, bis er fühlte, dass er mit dem Leibe vollständig in der Röhre lag.
Den betreffenden Stein, den er sich wohl gemerkt hatte, fühlte er, brauchte nur etwas daran zu rucken, da prasselte draußen das hohe Steingefüge zusammen.
In diesem Augenblicke, als der junge Mann so in der Röhre auf dem Bauche lag, in der Stockfinsternis, vor sich wieder die Steinmauer, die er von hier aus unmöglich durchbrechen konnte, als wieder Todesstille herrschte, tauchte ihm wieder der Gedanke auf, der doch etwas das Herz zusammenschnüren machte.
»Herrgott, wenn der Brunnenmann mich gefoppt, mich nur hier herein gelockt hätte, um mir einen teuflischen Streich zu spielen! Weil es vielleicht seine Liebhaberei ist, die er als Sport betreibt, Menschen zu veranlassen, dass sie sich selbst lebendig einsargen und begraben! Und so ein Teufelsgesicht hatte der ja auch, das Gutmütige darin war nur Verstellung! Ich habe mich doch einmal in einer Physiognomie getäuscht...«
Da tippte es gegen seine Fußsohle, und der beängstigende Gedanke war vorüber.
»Vorwärts! Oder vielmehr rückwärts als Krebs!«
Doktor Frank stemmte die Hände am Boden fest und schob sich zurück, indem er den ganzen Körper lüftete, dass er sonst nur noch auf den Zehenspitzen ruhte, diese dann wie im Gehen bewegte. Auf diese Weise kam er am schnellsten rückwärts. Langsam genug ging es immer noch, die fünf Meter wollten zurückgelegt sein.
Die leuchtende Kugel tauchte vor ihm auf. Sie musste über seinen Körper gerollt sein, ohne dass er etwas davon gemerkt hatte. Doch sie konnte sich ja auch an der Decke bewegen.
Richtig, Doktor Frank merkte schon, dass er vorläufig die Beine nach den Seiten ausstrecken konnte, und gleich darauf konnte er dies auch mit den Händen tun, er konnte die Seitenwände nicht mehr tasten.
Die Kugel verbreitete wieder wirkliche Helligkeit um sich, und er sah sich in einer halbkugelförmigen Höhlung von fast anderthalb Meter Durchmesser, also auch ebensolcher Höhe. Die Röhre bildete hier gewissermaßen eine Blase.
Und weiter sah Doktor Frank, dass sich die Röhre nicht nur nach der anderen Seite hin fortsetzte, sondern auch links und rechts und oben an der Decke mündeten solche Röhreneingänge ein. Die nach oben gehende war mit Steigeisen versehen oder vielmehr mit Steigbändern, sie schimmerten goldgelb, mochten aus Kupfer bestehen.
Doktor Frank hatte sich zur Umschau mehrmals umgedreht, und da merkte er zu seiner Bestürzung, dass er gar nicht mehr beurteilen konnte, aus welcher Öffnung er herausgekommen war.
Nur durch einen Kompass wäre eine Orientierung möglich gewesen. Einen solchen hatte er zwar bei sich, hatte aber nicht darauf geblickt.
»In dieser hier müssen Sie Ihren Weg fortsetzen«, morste die Kugel, in eine der Röhren hüpfend.
Doktor Frank setzte seine Kriechtour fort, nun also mit dem Kopfe voraus, was doch bedeutend schneller ging.
Da hörte er hinter sich ein leises Knacken, aber doch ganz unheimlich in dieser engen Röhre schallend.
»Was ist das gewesen?!«, flüsterte er bestürzt.
»Werden es gleich sehen. Weiter!«
Nur noch wenige Meter ging es weiter, dann kam wieder solch eine Erweiterung, eine Blase, von der aus abermals Röhren nach allen Seiten ausgingen, eine auch wieder nach oben.
Doktor Frank wurde aufgefordert, sich umzudrehen und den letzten Weg, den er gekommen war, noch einmal zurückzulegen.
»Nur ein kleines Stück; ich will Ihnen die Ursache des Knackens zeigen.«
Weit brauchte Doktor Frank nicht zurückzukriechen, so sah er es, das Entsetzliche.
Die vorausrollende Kugel leuchtete in eine Öffnung hinab, die er jetzt vor sich hatte, die also hinter ihm entstanden war.
Der halbe untere Teil der Röhre war auf einer Länge von etwas mehr als zwei Meter heruntergeklappt, und das Licht der dicht am Rande haltenden Kugel ließ auch noch die Tiefe von vier Metern erkennen, und dort unten war der Boden mit einigen spitzen Pfählen oder Eisen besetzt, zwischen denen Menschenknochen lagen.
Es war also eine Falle. Wer in diesem Röhrenlabyrinthe nicht herumkriechen sollte, für den wurde der Mechanismus dieser Falltür ausgelöst. Befand er sich mit seinem ganzen Körper darüber, so klappte das halbe Röhrenstück herab, und da gab es für den Betreffenden kein Halten mehr, er stürzte oder schusselte in die Tiefe, spießte sich an den Pfählen auf. Hatte er Glück, so ging ihm ein solcher Pfahl durch das Herz. Sonst musste er sich unter grauenvollen Schmerzen verbluten.
Das hatte die Kugel nicht erst zu erklären brauchen.
»Eine der Gefahren, an denen ich Sie vorübergeleitet habe!«, morste sie nur.
Schaudernd schloss Doktor Frank die Augen. Er hatte an das Schicksal gedacht, das auch ihn hätte betreffen können.
»Weiter! Ich will zurück.«
»Erst wieder schließen, bitte. «
»Wie?«
Er erhielt Anweisungen, brauchte nur kräftig gegen eine Stelle der Decke zu drücken, und das untere halbe Röhrenstück hob sich von selbst, schnappte wieder ein.
»Diese schreckliche Falle kannten Sie also?«, fragte er erst jetzt.
»Ja «
»Wäre ich allein hier gekrochen, ich wäre hinabgestürzt?«
»Unbedingt.«
»Wie konnten Sie das vermeiden?«
»Mechanismus festgestellt.«
»Das konnten Sie?«
»Ja.«
»Und so ließen Sie die Klappe erst hinter mir herabfallen, nachdem ich sie schon passiert hatte?«
»Ja, um Ihnen Gefahr zu zeigen.«
»Kommen noch mehr derartige angenehme Gelegenheiten?«
»Ja.«
»Herr, verschonen Sie mich lieber mit solchen Anblicken! Ich ziehe vor, mit blinden Augen darüber hinwegzukommen. Es sei denn, Sie könnten mir etwas ganz besonders Interessantes zeigen, eine geniale Erfindung. Aber solch eine Wolfsfalle mit spitzen Pfählen ist mir zu gewöhnlich!«
Er kroch zurück, bis er sich wieder umdrehen konnte.
Noch zwei solcher Blasen passierte er, immer mit fünf Ein- oder Ausgängen, den fünften oben an der Decke, und dann war vor ihm der Weg durch eine Wand geschlossen.
Diese war nicht glatt, sondern erhielt schwalbenschwanzförmige Einschnitte, gerade und kreisförmige, und in diesen ließen sich Knöpfe bewegen.
Doktor Frank musste die Knöpfe so verschieben, wie die Kugel ihm angab, auf ganz komplizierte Weise, dabei manchmal gegen die Wand drücken, und mit einem Male verschob sich diese selbst, aber nicht, dass sie durch den Druck nach hinten aufging, sondern sie schob sich seitwärts in das Gestein hinein.
Erst verschwand einmal die Kugel in der neu entstandenen Öffnung, kam jedoch gleich wieder zurück.
»Richtiges Ziel gefunden. Nun alles gesichert. Strecken Sie Hände aus, tasten nach unten. Merken Sie Leiter?«
Ja, Doktor Frank tastete sie. Er wurde aufgefordert, hinabzusteigen. Es waren nur wenige Sprossen, sie waren gar nicht nötig gewesen, um wieder festen Boden zu erreichen.
Erst jetzt flammte die Kugel wieder hell auf, einen Lichtkreis verbreitend, und Doktor Frank sah sich in einem Raum, der immer noch eng genug war, in dem er sich aber wenigstens aufrichten konnte.
Ausgestreckt hätte er sich dagegen nicht hinlegen können, dazu war der Raum wieder zu eng.
Im Übrigen ein ganz merkwürdiger Raum. Nur der Boden war eben, die Wände waren ganz und gar unregelmäßig. Überall zeigten sich Vertiefungen und Vorsprünge, aber alles abgerundet. Da diese Wände aus Metall waren, konnte er auf den Gedanken kommen, er befände sich in einem großen Blechkessel, der total verbeult worden sei.
»Wissen Sie, wo Sie sind?«
»Wie soll ich das wissen?«
»Blicken Sie sich nur genau um! Betrachten Sie die Wände!«
Doktor Frank tat es, kam indes zu keinem anderen Ergebnis.
»Sie sind in einem Menschenleibe.«
»Wo soll ich sein?!«
»Im Bauche eines Menschen.«
»Ah, das ist wohl eine menschliche Figur, aus Erz gegossen?!«
»Richtig!«
Weiter ließ sich die Kugel jetzt nicht aus, Doktor Frank erhielt Weisungen, wie er ein Türchen zu öffnen hatte, und nachdem er durchgekrochen war, sah er alles selbst im Scheine des Lichtes, das die Kugel ausstrahlen ließ.
Es war gar kein so großer Raum, in dem er sich nun befand, etwa fünf Meter im Quadrat und vier Meter hoch, und die Hälfte davon nahm die Statue ein, zweifellos ein Götze, der mit untergeschlagenen Beinen am Boden saß, dabei aber doch mit dem Kopfe fast die Decke berührend.
Doktor Frank wurde an einen chinesischen Götzen erinnert, sowohl durch die Tracht als auch durch die ungemeine Wohlbeleibtheit, durch den dicken Bauch. Aber einer der Religionen, denen die Chinesen heute huldigen, konnte die Figur hier nicht gehören. Denn alle diese chinesischen Götzen müssen entweder, wenn sie gute sind, fürchterlich lachen, oder, wenn sie das böse Prinzip vertreten, eine schreckliche Grimasse schneiden.
Diese eherne Figur hier aber zeigte ein schönes, ganz leidenschaftsloses Gesicht.
Was nach Abzug dieses phantastisch herausgeputzten Götzen von dem Raume übrig blieb, das war ein ganz prosaisches Zimmer.
Die Wände waren mit Regalen bedeckt, die, wenn man sie nicht zählte, auf den ersten Blick wahllose kleine Schubkästen enthielten, es fehlten nur die Aufschriften wie Reis, Zucker, Zimt, Nelken und dergleichen und man hätte sich in einem Kolonialwarenladen geglaubt, dann noch ein Tisch, ein Stuhl, nichts weiter — — und dies alles hätte man in jedem Möbelgeschäft Europas kaufen können. Billige Fabrikware.
Eine Tür war vorhanden, aber kein Fenster, das ja unter der Erde auch keinen Zweck gehabt hätte.
»Also auch hier unter der Erde haust die russische Gräfin!«, meinte Doktor Frank. »Die spielt wohl hier unten Kaufmannsladen?«
»Nein.«
»Dann dienen also die vielen Schubkästen zum Aufbewahren von etwas anderem.«
»Nicht der Maladetta.«
»Also einer anderen Person.«
»Ja.«
»Und die Maladetta weiß hiervon gar nichts?«
»Nein.«
Jetzt sprang die Kugel meterhoch empor und stieß gegen einen der Schubkasten.
»Den soll ich wohl öffnen?«
»Ja.«
Doktor Frank tat es. Das sehr lange Schubfach enhielt Schriftstücke, Pergamente, mit wunderlichen Hieroglyphen bedeckt.
Er musste einige der Blätter scharf anblicken, dann erklärte die Kugel, dass es nicht die gesuchten seien. Noch verschiedene andere Kästen wurden aufgezogen, gegen welche die Kugel sprang. Doktor Frank merkte, dass ihr Dirigent dabei ein gewisses System befolgte. Er wusste offenbar, dass der gesuchte Kasten von der einen Seite aus der vierte, von der anderen aus der sechste war, wusste aber nicht ob von links oder rechts, von unten oder von oben.
Als man von oben rechnete, musste Doktor Frank den Tisch hinrücken, dann immer noch den Stuhl darauf stellen und hinaufsteigen, um den betreffenden Kasten erreichen zu können.
Pergamente, nichts als Pergamente. Ein ganz eigentümliches Pergament. War das wirklich Tierhaut?
Diese Frage stellte Doktor Frank einmal.
»Menschenhaut!«, lautete die Antwort.
»Aha! Menschenhaut habe ich in solcher Zubereitung allerdings noch nie in der Hand gehabt.«
Das fünfte Fach endlich schien das gesuchte zu sein.
»Scharf anblicken. Ja. Weiterblättern. Halt! Dieses Schriftstück scharf fixieren — so — — fertig.«
»Sie haben es wohl fotografiert?«
»Ja.«
Doktor Frank wurde nach der anderen Wand geführt, musste auch hier Schubfächer aufziehen, die ihm bezeichnet wurden.
Es genügte, dass Doktor Frank den bezeichneten Kasten immer nur aufzog und darauf blickte; darin zu kramen brauchte er nicht; dann konnte er ihn wieder zumachen, um einen anderen aufzuziehen, gegen den die Kugel sprang.
Diesmal dauerte es länger als vorher, es wurde bei Auswahl der Kästen auch nicht so systematisch vorgegangen wie vorhin.
Jetzt zog er den siebenten Kasten auf, der hauptsächlich schön angerauchte Pfeifen und Zigarettenspitzen aus Meerschaum enthielt, obgleich dazwischen noch genug andere Sachen lagen.
»Auspacken!«, lautete diesmal der Befehl.
Doktor Frank kramte aus, die Gegenstände auf den Tisch legend.
»Schneller, mit beiden Händen zugreifen. Halt!«
Der Kasten war immer noch zur Hälfte mit solchem Kram angefüllt, Pfeifen und Spitzen waren jetzt weniger zu sehen, die hatten hauptsächlich obenauf gelegen.
»Sehen Sie die schwarze Dose?«
»Diese hier?«
»Ja.«
Es war eine vierkantige, längliche Dose von schwarzem Horn, jedenfalls nichts weiter als eine recht bescheidene Schnupftabakdose.
Doktor Frank hatte sie genommen, sie einmal, ohne dabei irgendeine Absicht zu haben, mit einem Ruck geschüttelt.
In der Dose klapperte etwas.
Sofort saß die Kugel mit einem recht fühlbaren Satze, als sei sie plötzlich von gewichtigem Eisen, auf seinem dünnbekleideten Fuße und morste:
»Halt, nicht öffnen!«
»Ich habe gar nicht daran gedacht.«
»Diese Dose einstecken, mitnehmen!«
»Mitnehmen?«, stutzte der junge Gelehrte etwas.
Es war ersichtlich, wie die Kugel zu einer längeren Erklärung ausholte.
»Herr Doktor Frank! Sind Sie überzeugt, dass die russische Gräfin Koschinsky hier ein verbrecherisches Wesen treibt?«
»Nach dem, was ich in dem Brunnenspiegel erblickte, wo ich sie doch in natura sah, muss ich das wohl annehmen.«
»Sie sagten Ihrem Freunde, Sie hielten es für Ihre Pflicht, diesem verbrecherischen Treiben ein Ende zu bereiten.«
»Das sagte ich allerdings und werde es auch zu tun versuchen.«
»Und ich werde Ihnen dazu behilflich sein. Obgleich das, was Sie hier sehen, gar nichts mit der Gräfin zu tun hat. Wir befinden uns hier in einer ganz anderen Welt, die sie gar nicht kennt, wie ich Ihnen schon sagte.
Aber, Herr Doktor, der Mann, der hier unten haust, ist ein noch weit, weit gefährlicherer, verbrecherischerer Charakter als diese Gräfin. Ich will ihm ein Machtmittel nehmen und einen Beweis für seine Freveltaten in meine Hände bekommen. Dieser ist in dieser Dose enthalten.
Geht es da gegen Ihr Gewissen, halten Sie es für einen Diebstahl, wenn ich Sie auffordere, sich diese Dose anzueignen und mitzunehmen, um sie mir später auszuhändigen?«
Doktor Frank machte ein etwas verwundertes Gesicht.
»Wie kommen Sie denn darauf, Herr Klingsor? Ich bin doch überhaupt ein Einbrecher, ich dringe heimlich in ein fremdes Gebiet ein, und das tat ich schon, als ich noch gar nicht wusste, dass die Gräfin Koschinsky hier wirklich solche Scheußlichkeiten treibt.«
»Sie nehmen die Dose ohne Weiteres mit, wenn ich Sie dazu auffordere?«
»Warum denn nicht?! Und überhaupt, ich kann nur wiederholen: Ich traue Ihnen vollkommen, auch Ihrer rechtlichen Gesinnung, trotz Ihrer Teufelsaugen und sonstigen Teufelsphysiognomie, die Sie ja in Wirklichkeit haben. Aber Sie sind sonst ein ehrlicher Charakter, oder ich will nie wieder ein Urteil über einen Menschen fällen.«
»Danke! Und Sie irren sich nicht. Weshalb aber stutzten Sie da vorhin so, als ich zuerst sagte, Sie sollten die Dose einstecken und mitnehmen.«
»Ah, jetzt weiß ich, wie Sie überhaupt erst darauf gekommen sind, mir ein solch überfeines Gewissen zuzutrauen! Ich habe vorhin aus einem ganz anderen Grunde gestutzt.«
»Aus welchem Grunde?«
»Ich schüttelte die Dose etwas — nur gewohnheitsmäßig, wie man das wohl so tut — da klapperte etwas darin. Dann aber, als ich mit Schütteln aufhörte, es war ja überhaupt nur ein Ruck gewesen — klapperte es darin noch weiter, und zwar in ganz eigentümlicher Weise, nicht anders, als wäre etwas Lebendiges drin.«
»Sie mögen vielleicht recht haben. Bitte, fragen Sie jetzt nicht. Sie werden sich von dem Inhalt der Dose später überzeugen. Klappert es jetzt noch drin?«
»Nein, jetzt nicht mehr.«
»Also stecken Sie die Dose in die Tasche. Eine weitere Vorsicht ist nicht nötig.«
Doktor Frank barg die unansehnliche Horndose in einer Rocktasche, dann musste er ausgekramte Sachen wieder in den Schubkasten packen.
»So, das Hauptziel ist erreicht, weshalb ich Sie hierher geführt habe. Nun werde ich Sie in Ihrem eigenen Interesse noch etwas herumführen, wobei wir gleichzeitig an den Rückweg denken, wobei Sie aber nicht wieder durch solche enge Röhren zu kriechen brauchen.«
Doktor Frank zog seine Taschenuhr.
»Gut, führen Sie mich weiter! Da möchte ich Sie aber zuvor noch auf etwas aufmerksam machen. Als wir die Wanderung antraten, sagte ich Ihnen, dass ich erst vor zwei Stunden tüchtig gefrühstückt hatte und noch keinen Appetit wieder verspüre. Unterdessen aber sind nun schon wieder zwei Stunden vergangen, ich habe kräftig gearbeitet — jetzt kann ich nicht mehr nur von Appetit reden, sondern habe einen mächtigen Hunger. Und Sie sagten doch, Sie wüssten hier auch die Magenfrage — —«
»Da haben wir es nicht weit«, unterbrach die morsende Kugel. »Gleich hier nebenan!«
Er musste die Tür öffnen, was er selbst aber nicht hätte tun können.
Dort, wo sich das Schloss befand, war ein Doppelring eingelassen, zwischen dessen Schienen Knöpfchen zu verschieben waren, also ein Vexierschloss, wie auch manchmal Geldschränke solche besitzen, und es sind nicht immer gerade Buchstaben nötig, die ein bestimmtes Wort bilden müssen, ehe der Schlüssel eingeschoben werden kann. Übrigens waren auch in diese Knöpfchen hier Hieroglyphen eingeritzt.
Die Kugel leitete an, wie sie zu verschieben waren, die Tür ließ sich öffnen.
Es war ein prächtiges Zimmer, welches Doktor Frank betrat, durch die vielen Teppiche und Polster und Kissen, welch letztere auch am Boden lagen und statt der fehlenden Stühle Sitzgelegenheiten boten, einen orientalischen Eindruck machend, wozu aber wieder das üppige Himmelbett nicht passte. Der Orientale kennt so etwas wie ein eigentliches Bett gar nicht, er schläft in der Nacht auf den Polstern oder gleich auf den Teppichen, auf denen er am Tage sitzt.
Und dann auch hier wieder solch eine Merkwürdigkeit wie drüben in dem Schrankzimmer.
In jenem hatte die eherne Götzenfigur den halben Raum eingenommen, wie in einer erzgebirgischen Bauernstube der Kachelofen.
Hier war es ein ungeheurer Totenschädel, der sich breit machte, um sich herum nur einen Rundgang in dem Zimmer erlaubend.
Es war ein menschlicher Totenschädel von wenigstens drei Metern Höhe und entsprechenden anderen Maßen, von weißgelber Farbe, jedenfalls von Elfenbein, alles ganz naturgetreu. Das Gebiss durfte als schön gelten, wenn auch jeder Zahn reichlich fünfzehn Zentimeter lang war.
Er ruhte auf einem niedrigen Postamente, die Augenhöhlen jener Tür zukehrend. Als Doktor Frank ihn aber nur leise berührte, merkte er sofort, dass er sich ganz leicht nach allen Richtungen drehen ließ. Nur ein kleiner Schwung, und er wirbelte im Kreise herum.
»Was soll das bedeuten?«
»Eben ein Kunstwerk, aus Elfenbeinplatten gefertigt.«
»Es muss aber doch irgendeinen Zweck haben.«
»Was für einen Zweck haben denn die ägyptischen und aztekischen Pyramiden, welchen die riesige Sphinx bei Giseh?«
Ja freilich — — ein besonderer Kunstgeschmack der Menschen liebt es eben, sich in solchen riesigen Dimensionen zu ergehen.
»Und doch hat dieser Totenschädel hier einen besonderen Zweck. Finden Sie ihn abstoßend?«
»Ganz und gar nicht.«
»Kann man sonst leicht Ihren Ekel erreichen?«
»Wie meinen Sie das?«
»Nun, wenn Sie essen, und es spricht jemand von — —«
»Ach so, ich weiß. Nein, mir kann niemand den Appetit verderben. Aber es kann sein, dass ich sehr unangenehm werde, wenn ein Flegel versuchen wollte, mir da den Appetit zu verleiden. Sonst kann ich beim Essen zusehen, wie man eine Leiche seziert.«
»Dann können Sie hier speisen, Sie haben es hier am bequemsten.«
An der Wand befand sich ein Brettchen mit einer Tastatur von Knöpfchen, die Kugel sprang hinauf und tippte gegen sie, so wie man auf einer Schreibmaschine schreibt, wobei man erkannte, dass sich die Knöpfe auch ein wenig eindrücken ließen.
»Sie werden bedient«, morste sie dann wieder am Boden.
Mit Erstaunen hatte Doktor Frank diesen Vorgang beobachtet.
Darauf sprang die Kugel in einiger Höhe gegen eine Stelle der Wand, wo diese mit keinem Teppiche bedeckt war, sondern festes Steingefüge zeigte.
»Sehen Sie den Knopf?«
»Ich sehe ihn.«
»Ziehen Sie daran!«
Doktor Frank zog aus der Wand eine Tischplatte hervor, die durch herabklappbare Beine auch noch festen Halt bekam.
»Das sind Kleinigkeiten, die Sie selbst verrichten müssen. Sonst werden Sie bedient.«
»Von Menschen?«
»Ja.«
»Die auch hier hereinkommen?«
»O nein.«
»Der Mann, der hier haust, hat besondere Diener für sich?«
»Ja.«
»Sie haben Essen bestellt?«
»Ja.«
»Dass dieses mir hereingebracht wird, ohne dass jemand das Zimmer betritt, also ohne dass ich gesehen werde, das kann ich begreifen. Aber wer macht nun diese Bestellungen?«
»Der Hausherr selbst.«
»Ist der denn anwesend?«
»Nein.«
»Aber doch auf der Insel.«
»Nein.«
»Wo ist er denn sonst?«
»In Gefangenschaft.«
»In welcher Gefangenschaft?«
»In meiner. Weit von hier in sicherem Gewahrsam.«
»Und davon wissen seine Leute nichts?«
»Nein.«
»Wie ist das möglich?«
»Er hält sich oft wochenlang und noch länger hier unten auf, oder er ist verreist, kommt unvermutet zurück, die Diener erhalten Bestellungen. Sie führen sie aus, und damit gut. Wenn nur sonst die Signale stimmen, die er gibt. Und die kenne ich. Ohne Sorge, Sie sind in Sicherheit.«
Doktor Frank glaubte es, so fremdartig er dies auch alles fand. Doch was war hier noch »fremdartig«? Er befand sich überhaupt in einer ihm ganz fremden Welt, in einer Welt der Wunder und Geheimnisse.
Ein leises Klingeln ertönte.
»Der Tod ist das große Reservoir des Lebens«, morste die Kugel erst noch einmal, und dann sprang sie auf das Postament, auf dem der Totenschädel ruhte.
Auf diesem war eine Schaltvorrichtung angebracht, als solche von jedem, der nur etwas davon verstand, gleich erkenntlich.
Also eine Metalltafel, durch Schlitze in viele Felder geteilt, sodass jedes vollständig isoliert war, in jedem Schlitz eine runde Öffnung, ein Loch, in das ein Metallzäpfchen gesteckt werden konnte, und durch mehrere solcher Stöpsel konnten die einzelnen Felder in ganz verschiedener Weise miteinander verbunden werden.
Die Kugel wies an, wie Doktor Frank die Stöpselung vorzunehmen hatte, dann ein Druck auf einen Knopf, und der Totenschädel sperrte seinen Rachen auf; denn von einem Munde konnte man da nicht mehr viel reden. Er klappte den Unterkiefer weit herab.
Eine Zunge fehlte, wie es sich bei einem Totenschädel gehört, aber im Innern war ein Gestell vorhanden. Auf ihm stand eine silberne Platte, und auf ihr wieder zeigten sich silberne Teller und Schüsseln mit verschiedensten Gerichten. Auch zwei Weinflaschen konnten noch bequem aufrecht stehen.
Nun brauchte Doktor Frank keine Aufforderung weiter, er griff unverzagt zu, rückte dem Totenkopf die appetitlich duftenden Schüsseln aus den spannenlangen Zähnen, deckte sich drüben selbst das Tischchen.
»Der Tod ist das große Reservoir des Lebens — ja, Herr Klingsor, dieser Ausspruch, der von Schopenhauer stammt, ist hier sehr treffend in die Praxis umgewandelt worden. Appetitlich ist diese Art des Servierens ja gerade nicht, aber originell und eben geistreich, tiefsinnig. Das wäre so etwas für einen amerikanischen Klub, so etwa für den Klub der Selbstmörder — als Speiseschrank mit Lift — so ein Totenschädel!«
Doktor Frank hatte sich auf dem Tischchen also selbst bedient, langte bereits zu.
Es war ein Menü, wie man es im besten Hotel vorgesetzt bekommt.
Da steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!«, sagte die Olinda und schaute lustig lachend auf ihren Gefährten. »Sie wollen ein Detektiv von Weltruf sein, Mr. O'Donnell. Das bedeutet also, dass kein Geheimnis Ihnen verborgen bleiben kann. Bitte, liefern Sie mir einmal den Beweis. indem Sie mir alles das erklären, was wir soeben erlebt haben — nein, ich will mich bescheiden zeigen — erklären Sie mir nur, wie es möglich ist, dass wir uns hier befinden, in einer Gegend, die ich für das Paradies halten möchte, aus dem wir armen Menschen ausgetrieben wurden —«
James O'Donnell schaute sie an. Auch sein Gesicht erhellte sich durch ein Lachen, das ihn jung erscheinen ließ, aber etwas wie Spott war in diesem leisen Lachen.
»Sie sprechen von dem Paradies, Miss Olinda«, sagte er dann halblaut. »Ich muss einmal die Höflichkeitspflicht vergessen, die wir Männer Damen gegenüber haben. Warum denn ist die Menschheit aus dem Paradies ausgeschlossen worden? Warum musste Adam es verlassen?«
Da freilich wurde die Olinda einmal glühendrot.
»Danke schön, O'Donnell!«, sagte sie, ihm aber auch gleich die Hand bietend, zum Zeichen, dass sie ihm die Offenheit nicht verdachte. »Nie sollst Du mich befragen noch Wissens Sorge tragen —!«, fügte sie dann leise singend hinzu. »Ja, die Neugier meines Geschlechts hat schon viel Unheil verschuldet, deshalb noch einmal — verzeihen Sie mir!«
»Ich habe nichts zu verzeihen, denn mich bewegen die gleichen Fragen«, entgegnete der Detektiv. »Ich stehe hier Rätseln gegenüber, die noch keinem Sterblichen aufgegeben wurden, die unlösbar scheinen und doch lösbar sein müssen«
»Und die Sie lösen werden, O'Donnell!«, rief die Sängerin.
»Ich werde mir wenigstens alle Mühe geben. Jetzt indessen sollten wir uns das Vergnügen nicht mit Sorgen vergällen, das unser unsichtbarer Gastfreund uns verschafft hat. Wir wollen lieber einen Spaziergang unter den Palmen dort unternehmen. Ist es nicht wahrhaft wunderbar hier?«
Ja, das war es. Die Olinda hatte ja auch schon von einem Paradies gesprochen.
Die beiden waren also aus dem Felsen durch eine Pforte ins Freie gelangt, nachdem sie drin in der Unterwelt eine Sitzung des Geheimordens der Ibaditen belauscht hatten.
Und die letzten Worte, die ihr geheimnisvoller Beschützer ihnen zugerufen hatte, waren gewesen:
»Auf Wiedersehen! Und vergessen Sie nicht den Auftrag, den Mr. Philipp Ihnen gab!«
Daran hatten sie noch nicht wieder gedacht, seit sie hier standen, dachten auch jetzt nicht daran, sondern wanderten hinüber nach dem Wundergarten, der sich vor ihnen auftat und den sie als Paradies bezeichnet hatten.
Nach wenigen Schritten schon standen sie in einer blühenden, duftenden Wildnis von Büschen und Sträuchern. Sie konnten gar nicht glauben, dass sie sich noch inmitten der Wüste befanden, jener furchtbaren Wüste, deren Gefahren O'Donnell auf so entsetzliche Weise kennengelernt hatte.
Nur die Sonne erinnerte sie daran. Sie war von einem Glanze und einer Kraft, wie kein Mensch es sich vorstellen kann, der das nicht erlebt hat, vor allem kein Europäer. Wo eine kleine Lücke zwischen dem Blattwerk war, da schossen die Sonnenstrahlen so scharf und blendend hervor, dass sie etwas Drohendes zu haben schienen, dass die beiden gleich an die altgriechische Vorstellung von den »Pfeilen« des Phöbus denken mussten, die ja doch nichts weiter waren als eben Sonnenstrahlen.
So wie die Sonne alles Leben auf Erden erst schafft als größte Wohltäterin der Menschheit, so kann sie auch all dieses Leben erbarmungslos wieder vernichten — sie weckt die unglaublich üppige Fruchtbarkeit der Tropen, in derselben Breite, in welcher sie die glühendheiße Wüste geschaffen hat, in der kein Tier, keine Pflanze gedeihen kann.
Die Olinda trank mit den Blicken die Herrlichkeit um sie her. Immer wieder klatschte sie begeistert in die Händchen, ihre Augen strahlten, sie pflückte Blumen, haschte nach Schmetterlingen, die gleich funkelnden Edelsteinen überall in der Luft schwebten — sie war selig, und mit keinem Gedanken mehr erinnerte sie sich an die Aufgabe, wegen der sie hierher gekommen war.
Anders O'Donnell.
Auch er war entzückt, aber er nahm diese Herrlichkeit nicht ohne Weiteres hin. Er beobachtete, wo die Sängerin nur genoss.
Und was er da sah, das war allerdings geeignet, ihn stutzig zu machen.
Endlich sprach er aus, was er dachte.
»Sehen Sie doch, Miss Olinda, sind das nicht die schlankesten Bambusstauden, die man sich nur denken kann?«
»Ja, das muss Bambus sein«, gab die Sängerin zu. »Ich habe zwar noch keinen in der Natur gesehen, aber ich kenne doch dieses Rohr. So freilich habe ich es mir nicht vorgestellt. Es ist, als wären zu beiden Seiten des Weges schlanke Lanzenschäfte eingerammt, die am oberem Ende grüne Büsche tragen, zum Zeichen, das sie des Mordens müde sind.«
»Und kennen Sie auch diesen Baum hier?«, fragte O'Donnell.
Er deutete auf die breiten Blätter, die den Baum schmückten.
Die Olinda schüttelte den Kopf.
»Ich habe ihn noch nicht gesehen«, gestand sie.
Da wies der Detektiv auf die Früchte, die zwischen Blattwerk zu sehen waren, und sofort stutzte seine Gefährtin.
»Ach — das ist doch — aber nein, das ist ja gar nicht möglich!«
»Was ist nicht möglich?«, fragte O'Donnell.
»Diese Früchte sehen aus wie die des Brotbaumes. Ich habe noch keinen in der freien Natur gesehen, aber aus Büchern kenne ich ihn. Nicht wahr, O'Donnell, das ist ein Brotbaum?«
»Ja, es ist ein Brotbaum, eine von den vielen Arten, in denen diese Pflanze vorkommt. Und auch diese Pflanze werden Sie nun kennen, die haben Sie schon gesehen —«
»Natürlich, natürlich! Das ist eine Areka, die man als Palme bezeichnet, obwohl sie gar keine ist!«
»Und das dort?«
O'Donnell deutete auf einen anderen Baum, auf eine ganze Gruppe.
»Das sind Kokospalmen!«, sagte die Olinda sofort. »Auch wenn sie nicht die dichten Fruchttrauben trügen, würde ich sie sofort kennen.
Ach, Kokospalmen!«, fuhr sie gleich schwärmerisch fort. »Wie oft habe ich mich gesehnt, einmal unter Kokospalmen wandeln zu dürfen! Und nun wird mir dieser Wunsch erfüllt, hier, in der Wüste Sahara!
Es ist herrlich, herrlich, herrlich! Hier möchte ich den Rest meines Lebens verbringen!«
Aber O'Donnell musste sie noch etwas fragen.
Er zeigte auf einen Strauch mit herrlichen, scharlachroten Blüten.
»Das da? Das sind Hibiskusblüten!«, erklärte die Olinda.
»Ja, Sie haben recht, und nun möchte ich Sie noch ein Letztes fragen. Sie sind nicht viel gereist, wenigstens nicht anders als Ihrer Konzerte wegen, haben also immer im bequemen PulmanCar gesessen, aber Sie haben, wie ich merke, doch auch manches gelesen. Da können Sie mir vielleicht sagen, ob alle diese Pflanzen bestimmte Lebensnotwendigkeiten erfordern, wo sie gedeihen —«
Er brauchte nicht zu vollenden. Die Sängerin verstand ihn sofort.
»Ich weiß, was Sie meinen«, unterbrach sie ihn. »Sie wollen mich darauf aufmerksam machen, dass hier etwas vorliegt, was gegen die Naturgesetze verstößt. Die Kokospalmen sind ja hier zuhause. die wachsen in jeder Oase, die Bewohner leben von ihnen. Aber die anderen Pflanzen — der Brotbaum, die Areka, der Hibiskus —
Ja, O'Donnell, hier hat die Natur einmal einer übermutigen Laune nachgegeben und hat auf einem kleinen Fleck Erde die Pflanzen verschiedenster Gebiete nebeneinandergestellt.«
»Die Natur?«, fragte O'Donnell und machte durch diese zwei Worte seine Gefährtin sogleich wieder stutzig.
»Sie denken, dass das ein Werk jenes geheimnisvollen Mannes ist, dieses Loke Klingsor?«, fragte sie fast scheu. »Ja, er kann doch aber der Natur nicht gebieten! Dann wäre er ein Gott!«, setzte sie hinzu.
»Wenigstens gottähnlich! Und nach dem, was ich nun bereits hier erlebte, muss ich bekennen, dass dieser Mann über Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt, von denen wir uns nichts haben träumen lassen.
Ich will Ihnen weitere Fragen ersparen, Miss Olinda, und Ihnen sagen, dass die Pflanzenwelt, die wir hier erblicken, rein indisch ist. Dort wachsen alle diese Bäume und Sträucher dicht nebeneinander, aber da wir vorläufig noch in Afrika sind, so gehört also ein Wunder dazu, uns hier eine solche indische Landschaft vor Augen zu stellen.
Und weil sie eben indisch ist, da muss ich gleich an Wesen denken, die in jenem Lande leben, leben s o l l e n , von denen viel erzählt wird, die aber in Wahrheit noch kein Forscher kennengelernt hat und gleich gar nicht einer jener Vergnügungsreisenden, die Indien durchqueren.
Ich muss noch etwas hinzufügen, ohne deshalb lehrhaft zu werden.
In Indien gibt es zwei große Religionen, Buddhisten und Mohammedaner, angeblich wenigstens, denn in Wahrheit bestehen dort Hunderte von Religionen nebeneinander — und alle diese Sekten, wie ich sie einmal nennen will, haben ihren Gottheiten Tempel errichtet, Pagoden. In alle diese Tempel sind schon Europäer eingedrungen.
Ja, als Sahib hat man Zutritt zu jedem dieser Tempel, man darf alles besichtigen und — man sieht doch nichts weiter, als was man sehen soll! Das Allerheiligste dieser Pagoden hat noch keines weißen Mannes Auge erblickt, das wird ihm verborgen, das vermag auch keiner von uns zu finden. Und das ist gut so, denn es gleicht dem verschleierten Bilde zu Sais. Wer es schaut, der muss sterben, wenn nicht körperlich, so doch geistig, er wird wahnsinnig.
Und nun komme ich zurück zu dem, was ich ursprünglich sagen wollte: Ebenso wenig wie je ein Europäer das wahre Heiligtum eines Tempels sehen wird, ebenso wenig wird er die wahren Herren Indiens kennenlernen. Haben Sie einmal den Namen Mahatma gehört, Miss Olinda?«
»Ja, sogar oft. Ich habe doch die Schriften der Blavatsky studiert —«
»Ah, dann allerdings! Dann wissen Sie Bescheid, und dann durften Sie mich schon lange unterbrechen, denn dann ist Ihnen ja alles bekannt, was ich eben sagte.«
»Ja, das ist tatsächlich der Fall«, gestand die Olinda. »Indessen habe ich Ihnen gern zugehört. Es ist doch etwas anderes, wenn man so etwas gesagt bekommt, von einem ernsten Manne, anstatt, dass man es in einem Buche liest, wo man doch nicht alles verstehen kann.«
»Und was bedeutet das Wort Mahatma?«
Die Sängerin lächelte.
»Sie prüfen scharf, O'Donnell!«, sagte Sie. »Aber ich will sehen, dass ich das Examen gut bestehe. ›Maha‹ bedeutet im Indischen groß, daher der Name Maharadscha, also Großkönig oder wenigstens Großfürst — aber das erstere wird schon richtiger sein. Und ›Atma‹ bedeutet Seele. Demnach wäre das Wort Mahatma so viel wie ›Große Seele‹!«
»So ist es! Und diese Mahatmas leben in strengster Abgeschiedenheit von all der übrigen Menschheit, wie man sagt, auf den Höhen des Himalajagebirges, die kein Mensch ersteigen kann. Trotzdem aber herrschen sie über alle Inder kraft ihrer Seele.«
»Und Sie meinen, dass Loke Klingsor die Geheimnisse dieser Mahatmas kennt?«
»Nein, das meine ich nicht«, lautete die Antwort des Detektivs, und die Künstlerin schaute ihn auch gleich überrascht an.
»Nicht?«, fragte sie.
»Nein, denn Loke Klingsor hat die Geheimnisse der Mahatmas nicht erforschen können. Sie sind allen Sterblichen verschlossen. Aber — er ist selbst ein Mahatma, und deshalb gebietet er der Natur und ihren Kräften, dass sie ihm dienstbar werden. Deswegen vermag er mitten in dieser Wüste ein Paradies hervorzuzaubern, und uns lässt er es schauen!«
»Und wir wollten ihn fangen!«, setzte die Olinda hinzu.
»Ja, wir wollten ihn fangen, ihm das Geheimnis entreißen, das in den auf seinem Rücken tätowierten Runen enthalten ist!«, gab O'Donnell zu. »Und nun brauchen wir wohl nicht mehr darüber zu sprechen, nun steht es für uns wohl fest, dass wir niemals die uns gestellte Aufgabe erfüllen werden.«
»Und unser verpfändetes Wort?«
»Es ist wertlos geworden in dem Augenblick, als wir erkannten, dass etwas von uns gefordert wird, was gegen das natürliche Recht verstößt. Wir haben uns unwissend verpflichtet, sind es aber nicht mehr, wir sind frei!«
»Ja, wir sind frei! Das habe ich gewusst, als ich zuerst dort drin in dem Amphitheater stand — wir sind frei — und nun dürfen wir ohne Rückhalt uns an dem erfreuen, was Loke Klingsor uns schauen lässt!
Kommen Sie, Mr. O'Donnell! Wir wollen tiefer eindringen in dieses Paradies —«
»Neben dem vielleicht eine Hölle liegt!«, sagte er.
»Hier? Ausgeschlossen! Ganz ausgeschlossen! Niemals würde Klingsor das dulden —«
»Muss nicht auch Gott dulden, dass der böse Geist, den wir Teufel nennen, seine Pläne durchkreuzt?«
»Ach, gehen Sie mit dem Teufel, den es nicht gibt!«, rief die Sängerin und lachte dabei.
Doch jäh verstummte sie.
Ihre Augen weiteten sich, ein Ausdruck höchsten Entsetzens entstellte ihr Gesicht — — und angstvoll umklammerten ihre beiden Hände auch gleich den Arm des jungen Mannes.
Mitten hinein in ihr silberhelles Lachen war ein anderes erklungen — hart, misstönend, höhnisch — an die Nerven greifend wie der Ton einer zersprungenen Glocke.
Das ist ja auch eins jener großen Geheimnisse, das wir Menschen leider fast noch gar nicht beachten: der Einfluss, den ein Ton auf unsere Nerven ausübt!
In der Bibel schon lesen wir:
»Und es ereignete sich, als der böse Geist von Gott über Saul gesandt wurde, dass David eine Harfe nahm und sie mit seiner Hand spielte. So wurde Saul wieder erfrischt und gesund, und der böse Geist wich aus ihm.«
Das klingt so einfach, dass man darüber hinliest, ohne sich groß etwas dabei zu denken, und doch liegt darin ein Geheimnis begraben, das von wunderbarem Werte ist: der Einfluss der Musik auf Kranke, namentlich auf Geisteskranke!
Im Altertume wusste man das besser. Der berühmteste Arzt jener Zeit, der bekannte Asklepiades, blies auf einer Trompete, und wenn diese langgezogenen Töne die Nervenfasern in Schwingungen versetzten, dann war der Kranke genesen.
Demokritos, der heitere Philosoph, aber rühmte sich, dass er unzählige Krankheiten allein durch die Töne seiner Flöte geheilt habe!
Im vorigen Jahrhundert versuchten wieder zwei Männer diesen heilsamen Einfluss der Musik, der Töne, auf Kranke auszunutzen. Kircher und Mesmer hießen sie, aber nur der Letztere dürfte der großen Masse bekannt sein.
Es ist bekannt, dass man, wenn man mit befeuchtetem Finger am Rande eines Weinglases hinstreicht, einen Ton erzeugen kann und dass die Klanghöhe davon abhängt, wie weit dieses Glas gefüllt ist.
Kircher nun benutzte fünf Gläser, zwei füllte er bis zu einer gewissen Höhe mit Wein, das dritte mit Branntwein, das vierte mit Öl, das fünfte mit Wasser. Und indem er dieses Gläserharmonium durch Streichen mit dem feuchten Finger zum Tönen brachte, heilte er die verschiedensten Krankheiten.
Wenn aber die milden Töne einen so heilsamen Einfluss ausüben können, so hat doch wohl schon jeder an sich erfahren, was andere vermögen: der gellende Schrei höchster Not aus dem Munde einer Frau, der schmetternde Ton einer Trompete —
Hat nicht kriegerische Marschmusik Tausende und Abertausende von Menschen in den furchtbaren Schlachtentod geführt, den sie sonst fürchteten, wie es Menschennatur ist, dem sie aber nun jauchzend entgegenstürmten?
Und hier übte das grelle, hässliche Lachen einen solchen Einfluss auf die freilich schon erregten Nerven der Sängerin, dass sie sofort am ganzen Leibe vor Angst erbebte, sich hilfesuchend an ihren Begleiter klammerte!
Aber auch O'Donnell, dessen Nerven fester waren als die ihren, merkte, wie es ihm kalt über den Rücken rann.
Er dachte doch gleich an die uralte Sage, dass im Paradiese auch immer die Schlange verborgen ist, und diese Schlange ist eben Satan selbst, aber er gebrauchte hier nicht diesen Namen, denn da er sich doch einmal in einer indischen Landschaft befand, da er von den erhabenen Mahatmas gesprochen hatte, so kam ihm unwillkürlich der Name auf die Lippen, den das böse Prinzip in Indien führt — als Verkörperung des äußersten geistigen Verderbens.
»Avitschi!«, murmelte er.
»Was war das?«, stammelte die Olinda. »Um Gottes willen, wer hat dieses teuflische Lachen ausgestoßen?«
»Avitschi!«, wiederholte O'Donnell. »Meinetwegen nennen Sie ihn auch Teufel!
Jaja, nur ein Teufel kann auf solche Weise lachen! Ach, es ist mir bis ins Innerste gegangen —«
»Ich spüre, wie Sie zittern. Doch ich bin ja bei Ihnen.«
»Sie! Und Loke Klingsor! Aber nein, er ist ja fort, er sagte es!«
»Als wenn dieser Mann an Ort und Zeit gebunden wäre!«, versetzte nun O'Donnell. »Nein, ich bin sogar überzeugt, dass er diese Prüfung für uns bestimmt hat. Und deshalb müssen wir sie in Ehren bestehen.
Kommen Sie, Miss Olinda, wir wollen sehen, wer dieses Lachen ausstieß!«
Er löste sanft die Hände, die noch seinen Arm umklammerten, dafür aber schlang er diesen um den Leib der Künstlerin, und so schritten die zwei weiter.
Totenstille herrschte wieder ringsum.
Die helle Sonne aber schien nach wie vor, die Schmetterlinge gaukelten von Blüte zu Blüte, und diese strömten noch immer ihre berauschenden Düfte aus.
Die beiden Menschen waren noch im Paradiese.
Aber der Teufel war bei ihnen, unsichtbar, unheimlich.
Sie spürten, dass sie nicht allein waren, dass sie aus dem Blätterdickicht heraus beobachtet wurden.
Doch sie sahen nichts, hörten nichts.
Sie atmeten auf, als sie wieder in ein Bambusdickicht kamen.
Ein Pfad führte hindurch, und die Olinda verstand nicht, dass das ein neues Wunder war, da in einem solchen Dickicht doch kein Pfad länger als höchstens einige Tage ein Pfad bleibt. Dann schießen schon wieder die jungen Sprossen empor, mit unglaublicher Schnelligkeit. So prosaisch der Vergleich auch sein mag, man wird da unwillkürlich an ein Spargelbeet erinnert. So viel da auch täglich gestochen wird, immer wieder schießen die grünen Köpfe empor —
O'Donnell aber merkte das natürlich, er stutzte, er wusste, dass Menschen hier hausten, die diesen Weg freihielten, und schärfer als vorher spähte er umher.
Doch alle seine Wachsamkeit war vergebens.
Nirgends zeigte sich etwas Verdächtiges.
So kamen sie an das Ende des Pfades, hatten schon vorher gespürt, dass dieser sich mehr und mehr neigte, als führe er in ein Tal hinab, aber auch, dass der Boden ganz glatt war, also gar nicht so, wie der Bambus ihn liebt, der doch eine Sumpfpflanze ist wie alle Rohrarten.
Die beiden mussten die Füße recht fest aufsetzen, um nicht ins Gleiten zu kommen. Sie gingen, wenn der Vergleich auch nicht ganz zutrifft, wie auf Glatteis, und hätte O'Donnell seine Begleiterin nicht gestützt, so wäre sie sicher ausgeglitten und hingefallen.
Endlich aber ward auch ihm die Sache zu bedenklich.
»Es hat doch gar keinen Zweck, dass wir gerade hier gehen«, sagte er. »Wir wollen umkehren!«
Und er wendete sich.
Da geschah es.
Er verlor den Boden unter den Füßen.
Das ging so blitzartig schnell, dass er gar nicht so recht zur Besinnung kam.
Ehe er dran denken konnte, sich an eine der Bambusstauden anzuklammern, saß er schon auf dem Boden, und da er die Olinda nicht losgelassen hatte, so riss er auch diese mit ins Verderben.
Sie beide schusselten über den glatten Boden dahin, an einigen vereinzelten Bambusstauden vorüber, die aber zu weit entfernt waren, als dass sie sich hätten an sie klammern können.
Vergebens stemmte O'Donnell die Fersen ein. Das war bei dem harten Boden ganz zwecklos.
Und dann war auf einmal der Pfad zu Ende, der ganze Boden.
Die beiden sausten in hohem Bogen in die freie Luft hinaus, sahen unter sich einen Abgrund —
Und da konnten sie natürlich gar nichts weiter tun, als was Menschen eben im Angesicht des Todes übrig bleibt: Sie empfahlen ihre Seelen der Gnade des Höchsten.
Nun war alles, alles vorbei!
Der Olinda kam im Stürzen noch einmal der Gedanke an Loke Klingsor. Sie wunderte sich, dass er sie auf solche elende Weise verderben ließ —
Dann klatschten sie vereint in ein Wasserbecken, gleich so sehr, dass sie bis auf den Grund niedergingen und dort noch ziemlich unsanft auftrafen.
Im nächsten Moment aber stand O'Donnell schon wieder auf den Füßen, zog die Sängerin mit sich empor.
Und da merkten sie, dass das Wasser gar nicht tief war, nur etwas über einen Meter.
Es war ein flaches, kreisrundes Becken, aber der Detektiv wusste auch gleich, dass es durch Menschen angelegt, nicht ein Erzeugnis der Natur war, etwa so wie ein Krater jenseits der Felsenwand.
Rings um das Becken lief ein Gang, vielleicht drei Meter breit, soweit sich das von der Mitte des Wassers aus beurteilen ließ.
Und auf diesem Gange hockten überall vermummte Gestalten, die sich nicht regten, durch nichts ihre Überraschung verrieten, und es wäre doch nur selbstverständlich gewesen, dass sie aufgesprungen wären, als da die beiden so aus der Luft herabkamen und in das Becken hineinklatschten.
Nein, diese Menschen schienen durch solche Vorfälle nicht mehr überrascht werden zu können.
»Was für Leute sind das?«, fragte die Olinda flüsternd.
»Ich habe keine Ahnung, kann nur aus der Kleidung schließen, dass es Inder sind — ach —«
Und plötzlich presste O'Donnell die Sängerin an sich, es war ganz merkwürdig, wie er das tat — es sah aus, als wollte er sie vor einer neuen drohenden Gefahr schützen.
»Was gibt es denn?«, fragte sie.
Aber als sie in sein Gesicht schaute, erschrak sie.
Totenblass sah es aus, in den Augen war ein Ausdruck namenlosen Entsetzens.
»O'Donnell!«, rief die Olinda, selbst erbleichend.
»Worüber erschrecken Sie so?«
Da kam er wieder etwas zu sich, aber seine Stimme, die sonst so fest war, so kraftvoll, bebte, als er nun sagte:
»Sehen Sie die Stöcke, die neben jedem dieser Männer liegen? Sehen Sie die irdenen Schalen, von denen eine vor jedem steht?«
»Ich sehe sie«, antwortete die Sängerin.
»Und Sie erraten noch nicht, um was für Menschen es sich hier handelt?«
Die Olinda schüttelte den Kopf. Da beugte sich ihr Begleiter zu ihr nieder und raunte ihr ein einziges Wort zu.
Im nächsten Augenblick schrie die Sängerin dieses Wort:
»Aussätzige!«
Und sie beugte sich vor, als könne sie so unter die Lappen spähen, die die Gesichter der Unglücklichen verhüllten.
»Aussätzige!«, wiederholte sie darauf leise. »Wir sind unter Aussätzige geraten!«
»Und können nicht wieder fort von hier!«, ergänzte O'Donnell.
Nein, auch die Olinda sah gleich, das er die Wahrheit sprach.
»Aus diesem Kessel gibt es kein Entrinnen!«, flüsterte sie —
»Und an das Ufer dürfen wir auch nicht«, murmelte ihr Begleiter. »Es ist zwar noch lange nicht erwiesen, dass Aussatz wirklich ansteckt. Manche behaupten, es sei nicht der Fall. Besser aber ist schon, wir lassen es nicht darauf ankommen.«
»Wir können doch aber nicht immer hier im Wasser bleiben!«
Die Olinda spähte ringsumher. Sie hoffte, dass wenigstens ein Plätzchen für sie am Ufer frei sein möchte, wo sie sich niederlassen konnten, aber auch das war nicht der Fall. Die Unglücklichen saßen so dicht nebeneinander, dass nirgends auch nur der geringste Raum zwischen ihnen blieb, auch zwischen ihnen und der glatten Felswand nicht, denn sie saßen in doppelter Reihe, und wer hinter sie hätte kommen wollen, der hätte sich zwischen ihnen durchpressen müssen.
Verzweifelt rang die Olinda die weißen Hände.
»O, dieser Loke Klingsor!«, murrte sie. »Jetzt glaube ich fast wieder, dass er doch nicht der makellose Halbgott ist, für den wir ihn hielten. Vielleicht hat Mr. Philipp uns doch nicht ohne Grund gegen ihn geschickt —«
»Sie meinen, dass er uns in diese Falle lockte? Haben Sie das Lachen vergessen, das Sie so erschreckte?«, fragte O'Donnell.
»Und übrigens«, setzte er hinzu, »ganz ohne Hoffnung sind wir nicht. Diese Menschen dort drüben müssen doch ernährt werden, sie haben alle die Essnäpfchen vor sich stehen. Es muss also jemand hierher kommen, der sie mit Speise versieht. Wir brauchen nur zu warten, dann sind wir vielleicht auch schon wieder erlöst.«
»Meinen Sie? Ach, das wäre herrlich! Dann wollte ich alles gern wieder vergessen!«, rief die Olinda, und ihre Augen strahlten schon wieder. »Dann aber, Mr. O'Donnell, werden wir, sobald wir frei sind, unter allen Umstände versuchen müssen, aus dem Bereiche dieses Loke Klingsors wieder zu entkommen. Mir beginnt es unheimlich hier zu werden.«
O'Donnell erwiderte nichts darauf. Er schaute auf die Felsenwände ringsum, und was er da sah, das gab ihm ein neues Rätsel auf, das er nicht zu lösen vermochte.
Das Becken war auf allen Seiten von dem gleichen glatten Gestein umrahmt. Hoch waren die Wände an sich nicht, keine fünf Meter, das ist an sich nicht viel, aber zu erklettern waren sie eben nicht, auch kein Gedanke daran, etwa springend den oberen Rand mit den emporgestreckten Händen erreichen und sich festklammern zu können.
O'Donnell wusste das so genau, dass er gar nicht an eine solche Möglichkeit dachte. Er hatte nach etwas anderem Ausschau gehalten.
Wenn diese Aussätzigen, was doch sicher der Fall war, durch einen Pfleger mit Nahrung versorgt wurden, dann musste dieser doch zu ihnen kommen können, dann musste irgendwo eine Tür in dem Felsen vorhanden sein, die er aufschloss und wieder zuschloss.
Nirgends aber war auch nur das Geringste von dem Vorhandensein einer solchen Tür zu gewahren. Die Steinwände waren überall die gleichen, nirgends ein Spalt wahrnehmbar, eine Ritze, und da brauchte O'Donnell nicht erst anzunehmen, dass die Entfernung zu groß sei, dass er eine solche Spalte nur nicht zu erkennen vermöge. Seine Augen waren scharf genug.
Und als er so umherblickte, da kam ihm gleich ein anderer furchtbarer Gedanke!
Wenn nun diese Unglücklichen die Nahrung von oben zugeworfen bekamen? Oder wenn sie deshalb jeder den Stock hatten, auf diesen den Napf zu stecken, ihn hinaufzureichen und gefüllt zurückzuziehen?
Und in dem Augenblick, als O'Donnell das dachte, wusste er auch schon, dass es so war, gar nicht anders sein konnte.
Die Aussätzigen wurden hier herunterbefördert. Vielleicht ließ man sie die gleiche Luftreise machen, die sie selber eben erst hinter sich hatten. Dann kletterten sie an das Ufer und hockten dort, stumpf und dumpf in das unabänderliche Schicksal ergeben, nur auf die Stunde wartend, wo man ihnen zu essen reichte.
Aber auch ein anderer Gedanke kam dem Detektiv.
Wenn den Aussätzigen von oben die Nahrung gereicht wurde, dann musste es an dem Rande der Felsenumwallung eine Stelle geben, wo keine Gefahr des Abstürzens bestand.
Und dort musste ein Entkommen möglich sein!
Sofort teilte O'Donnell der Sängerin diese Entdeckung mit.
»Fassen Sie also Mut, Miss Olinda«, sagte er. »Noch sind wir nicht verloren, und wenn auch nur die geringste Möglichkeit dazu besteht, dann werde ich Sie aus dieser Falle herausführen.«
»Ja, ja, das weiß ich«, erwiderte sie, gläubig zu ihm aufschauend, »und ich weiß auch, dass es Ihnen gelingen wird. Ich hätte nie daran zweifeln dürfen! Verzeihen —«
Da presste er ihr eine Hand auf den Mund. Nicht, um sie zu hindern, dass sie ihn abermals um Verzeihung bat, sondern weil er Stimmen gehört hatte, Menschenstimmen.
»Hören Sie doch!«, raunte er ihr zu.
»Es kommt jemand!«
»Ja, aber es sind mehrere, wenn nicht viele! Und da sind sie schon!«
In der Tat erschienen an der einen Seite der Umwallung oben Männer.
»Mein Gott, wie ist denn nun das wieder möglich?«, rief da O'Donnell halblaut, aber fast stöhnend. »Wo bin ich denn nur? Das ist doch ganz ausgeschlossen!«
»Was meinen Sie?«, fragte die Olinda leise.
»Ah, Sie verstehen es nicht, sonst wüssten Sie sofort, was für Männer das dort oben sind. Ich kenne diese Tracht, es sind Upasakas, eine Art Mönche, die aber nicht in Klöstern leben, auch Frauen gehören zu ihnen, und ich kenne die Gebote, denen sie nachleben. Sie üben nur Werke der Wohltätigkeit, ohne je nach einem Lohne zu fragen. Ihr höchstes Gebot ist das unseres Heilands: Habet die Brüder lieb! Sie fluchen nie, führen nie eine Waffe, töten kein Tier, lassen vielmehr ihr eigenes Leben oft genug, um ein Tier zu retten, meiden alle Laster und üben Menschlichkeit und Nächstenliebe als ihr höchstes Recht. Ja, das sind Upasakas!«
»Und sie speisen auch diese Aussätzigen, erbarmen sich ihrer!«, flüsterte die Olinda. »O, dann sind wir doch gerettet!«
»Sie meinen, diese Mönche müssten uns erlösen?«
»Aber ja, wir brauchen sie nur anzurufen, und nicht einmal das, sie haben uns doch schon gesehen!«
»Gewiss, das ist der Fall«, gab O'Donnell zu, »doch retten werden sie uns nicht!«
»Nicht? Sie sagen das so bestimmt!«
»Und ich weiß es auch ganz genau. Diese Upasakas werden uns ernähren, aber uns niemals aus dieser Falle heraushelfen, weil sie es nicht dürfen — eben ihre Nächstenliebe verbietet ihnen das. Nicht wahr, Sie begreifen, wie das gemeint ist? Ich brauche es Ihnen nicht erst zu erklären?«
Nein, das war nicht nötig. Die Olinda war nicht beschränkt.
»Sie dürfen uns nicht helfen, weil sie dadurch die anderen Menschen schädigen müssten. Aussätzige müssen abgeschlossen werden, ebenso alle, die mit ihnen in Berührung kommen«, sagte sie.
O'Donnell nickte nur.
Vorläufig sprachen die beiden nichts mehr miteinander.
Beim Erscheinen der Mönche war Leben in die Aussätzigen gekommen. Sie standen alle auf, und genau, wie O'Donnell sich's gemacht hatte, befestigten sie die Essnäpfchen an den langen Stöcken, reckten diese empor, und nun zeigten sie auch, dass eine gewisse Disziplin bei ihnen herrschte.
Die, die unmittelbar unter den Upasakas standen, erhielten zuerst ihren Teil. Sie wanderten weiter, die nächsten rückten heran, und so mussten nach und nach alle unter dem Standorte der Mönche vorbeikommen, zugleich aber rund um das Wasserbecken marschieren.
O'Donnell beobachtete das zunächst ohne jedes sonderliche Interesse, bis er sich auf einmal darauf besann, dass sie beide ja auch schon geraume Zeit nichts gegessen hatten.
Wie oft kamen diese Upasakas, um die Aussätzigen zu speisen?
Sicher doch nur einmal täglich.
Dann musste eben diese eine Gelegenheit benutzt werden.
Aber wie sollte er das ermöglichen? Er hatte weder einen Stock noch einen Essnapf, und noch viel weniger durfte er sich mitten unter diese Aussätzigen wagen.
Wie aber kamen diese Upasakas überhaupt hierher? Dass es in Ägypten Inder genug gab, das wusste er so gut wie jeder, der nur einmal den Boden Ägyptens betreten hat. Es gibt ja kaum ein Land, das so international in der Zusammensetzung der Bevölkerung ist, und in Kairo kann man wirklich Vertreter aller Völker der Erde sehen, ausgenommen vielleicht den nordamerikanischen Indianer und den Eskimo sowie die übrigen Ureinwohner der Erdteile. Sonst aber ist alles da.
Trotzdem war ganz ausgeschlossen, dass sich hier indische Upasakas in geschlossener Schar aufhielten.
Und als O'Donnell das dachte, kam ihm auch gleich der andere Gedanke:
Woher stammten alle diese Aussätzigen?
Der Kleidung nach waren es Inder, aber in ihrer Heimat ist der Aussatz so gut wie gar nicht verbreitet. Sie mussten sich also erst hier angesteckt haben.
Wie aber waren sie hierher gekommen? Wo hatten sie sich angesteckt?
Er hatte keine Zeit, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Die Aussätzigen rückten sehr schnell vorwärts, die ihnen zugedachten Nahrungsmittel mussten oben gleich abgeteilt liegen.
Wenn er sich also mit den Spendern in Verbindung setzen wollte, dann musste es gleich geschehen.
Aber wie sollte er sich mit diesen Leuten verständigen? Er sprach nicht Hindostani, aber Arabisch! Und das mussten diese Mönche verstehen, da sie nun einmal unter Arabern lebten!
So rief er sie an.
»Helft uns, Upasakas!«, stieß er hervor. »Wir sind durch einen unglücklichen Zufall an diesen Ort geraten, sind nicht etwa krank — Ihr seht es ja auch selber — helft uns heraus, ehe wir angesteckt werden!«
Die Mönche oben aber ließen sich nicht beirren, teilten unentwegt weiter ihre Gaben aus.
Verstanden sie ihn nicht? Oder wollten sie ihn nicht hören?
»Vielleicht sind sie taub!«, meinte die Olinda.
Taub? Es wäre mehr als ein Zufall gewesen, wären alle diese Mönche taub gewesen. O'Donnell konnte nicht daran glauben, wohl aber kam ihm gleich ein ganz anderer und doch sehr naheliegender Gedanke.
Er spähte nach oben; die Entfernung von ihm bis zu den Mönchen betrug höchstens zehn Meter, vielleicht auch zwölf. Er konnte also ihre Gestalten genau unterscheiden, und da sah er es auch schon!
»Taub sind sie nicht, aber sie haben sich die Ohren verstopft!«, stöhnte er. »Sie wollen die Rufe der Aussätzigen nicht hören, um sich nicht zum Mitleid bewegen zu lassen —«
»Das ist fürchterlich! Rettung so nahe — und nun—«
Ja, es war fürchterlich. O'Donnell gab es zu. Aber er fand keinen Weg zur Rettung —
Und schon hatte der letzte der Kranken sein Teil erhalten, bald mussten alle wieder in der vorigen Reihe sitzen, denn eher konnten sie nicht daran denken, zu essen. Dann aber waren die Upasakas schon fort —
Wenn er doch etwas gehabt hätte, um es hinaufwerfen zu können!
Das Messer? Wenn er es in der Scheide ließ, konnten sie den Wurf nicht als Angriff auffassen.
Da kam ihm ein Gedanke, den er sofort ausführte.
Noch hatte er ein Lasso bei sich, von dem er sich eigentlich nie trennte.
Er trug es unter der Lederjacke um den Leib gewickelt. Nun löste er es, nahm es wurfbereit in die Hände, maß die Entfernung mit den Blicken — dann flog der geschmeidige Riemen durch die Luft.
Und O'Donnell hatte den günstigen Augenblick abgewartet.
Einer der Mönche bückte sich eben, wahrscheinlich, um die Körbe aufzuheben, in denen die Nahrungsmittel herbeigetragen worden waren.
So flog ihm die Schlinge über Kopf und Schultern, schlang sich um seinen Leib, gleich auch die Arme gegen diesen pressend.
Hätte jetzt O'Donnell nur einen leisen Ruck getan, so hätte er den Mann in die Tiefe gerissen, und es wäre ihm sogar möglich gewesen, ihn durch die Luft bis zu seinem Standorte heranzuziehen.
Er tat es nicht.
Der Getroffene zuckte erschrocken zusammen, schrie auch gleich, und die anderen eilten ihm zu Hilfe, suchten die Lederschlinge abzustreifen.
Das gab es natürlich nicht, sie hätten sie höchstens zerschneiden können, aber sie hatten ja kein Messer bei sich, jede Waffe war ihnen verboten.
Und nun rief O'Donnell zum zweiten Male.
Die oben hörten es ja auch jetzt noch nicht, aber sie sahen, wie er den Mund öffnete, wie die Frauengestalt winkte.
Da sprachen sie durch Gesten zueinander, auch so beweisend, dass sie sich nicht durch Worte verständigen konnten, bis einer ein Zeichen gab.
Da hoben alle die Hände und lösten von den Ohren den Verschluss, der sie taub machte.
»Was willst Du, Fremdling?«, fragte einer, sich zur großen Freude O'Donnells der arabischen Sprache bedienend.
»Ihr sollt uns aus diesem Kessel retten! Wir sind nicht krank, sind nur infolge eines unglücklichen Verhängnisses hierher geraten! Rettet uns, sonst reiße ich Euren Freund zu mir herunter!«
Die Upasakas antworteten nicht gleich, sondern berieten erst miteinander.
Dann trat ihr Sprecher wieder vor.
»Wir dürfen Euch nicht emporziehen!«
»Und warum nicht?«
»Wir dürfen keinen Aussätzigen retten.«
»Wir sind doch gar nicht aussätzig!«
»Jetzt merkt Ihr es noch nicht, aber bald wird sich's zeigen.«
»Nein, nein, wir sind mit den Kranken noch in gar keine Berührung gekommen!«, schrie da die Olinda, die auch Arabisch verstand.
»Nicht? Ihr steht aber doch schon in dem Wasser!«, klang es zurück.
»Das schadet uns doch nichts!«, versetzte nun O'Donnell.
»Das schadet Euch nichts? Ja, wisst Ihr denn nicht, dass erst dieses Wasser Euch krank machen wird?«
»Was? Dieses Wasser —?«
Unwillkürlich schickten beide sich an, aus dem Becken herauszuwaten.
Aber es hatte doch gar keinen Zweck. Sie konnten nicht ans Ufer, waren aus dem Regen in die Traufe gekommen.
Und da fragte auch der Wortführer der Upasakas schon wieder:
»Wo seid Ihr herabgefallen?«
O'Donnell verstand den Zweck der Frage nicht, deutete aber doch nach der betreffenden Stelle.
»Nun, ich dachte es mir«, erwiderte der Mönch. »Avitschi weiß schon, wie er seine Opfer sicher fängt!«
Avitschi?
War es ein Wunder, dass O'Donnell erblasste, als er diesen Namen hörte?
Vor Kurzem hatte er selber ihn gebraucht, hatte sich gar nichts weiter dabei gedacht, es war eben nur ein logischer Schluss einer Gedankenreihe gewesen.
Und nun nannten die Upasakas diesen Namen!
»Habt Ihr ihn denn nicht lachen hören?«, kam auch schon von oben die Frage.
»Wir haben ihn lachen hören«, gab O'Donnell zu. »Es klang schaurig genug.«
»Das war er, das war Avitschi!«, versicherte der Mönch eifrig.
»Es gibt doch aber keinen bösen Geist, keinen solchen Avitschi!«
»Es gibt keinen? Wo Du ihn selber lachen hörtest, willst Du ihn leugnen? Nein, Fremdling, Du täuschst Dich nicht selbst, Du weißt, dass der böse Geist Dich gefangen hat, und da darfst Du uns nicht zumuten, dass wir Dir helfen sollen!«
»Aber es ist doch gerade Eure Pflicht, gegen alles Böse zu kämpfen!«, versuchte O'Donnell einzuwenden.
»Ja, da hast Du recht, wir kämpfen gegen ihn, aber nur, indem wir seinen Opfern helfen.«
»Und die sind wir doch!«
»So werden wir auch Euch helfen, gern sogar! Gleich werdet Ihr Stab und Essnapf erhalten, wir wollen auch noch einmal herkommen und Euch Nahrung bringen. Jetzt aber lass unseren Bruder frei, dass wir fort sind, ehe Avitschi erscheint!«
»Er kommt hierher?«, rief O'Donnell.
»Ja, gewiss, er wird gar nicht mehr lange auf sich warten lassen«, lautete die Versicherung.
Da besann der junge Detektiv sich nicht mehr. Er lockerte das Lasso, dass die Mönche oben die Schlinge vom Körper ihres Gefährten lösen konnten, und alsbald zog er den Riemen wieder an sich, rollte ihn auch wieder zusammen, behielt ihn aber in der Hand.
Jetzt wusste er, wozu er das Lasso brauchen konnte.
»Hast Du noch andere Wünsche, Fremdling?«, fragte oben der Führer der Upasakas.
»Nein, geht nur!«, erwiderte O'Donnell. Da entfernten sich die Mönche.
Nun erst wagte die Olinda wieder zu sprechen.
»Mr. O'Donnell, sagen Sie mir nur das eine: Träume ich eigentlich? Oder wache ich? Erlebe ich all dieses Furchtbare wirklich?«
»Auch mir ist es, als sei ich von einem bösen Traume umfangen«, gab er zurück. »Aber es ist doch auch gar kein Zweifel möglich, dass das alles Wirklichkeit ist, dass wir diese schrecklichen Abenteuer erleben. Sehen Sie doch hin, wie die Aussätzigen essen —«
Er konnte nicht weitersprechen.
Zum zweiten Male erklang das unheimliche, schaurige Lachen, jetzt aber hohnvoll, frohlockend —
»Avitschi!«, murmelte die Olinda, von Neuem zitternd Schutz bei ihrem Gefährten suchend.
Dieser spähte umher.
Es war nicht zu sagen, woher das Lachen erklungen war. In diesem runden Kessel täuschte das sehr, aber es war auch noch nichts zu sehen.
Fest presste O'Donnell die zitternde Künstlerin an sich. Ein Wort des Trostes hatte er für sie nicht. Mit Reden durfte er sich jetzt nicht abgeben. Jetzt musste er handeln.
Das Lasso wurfbereit in der Hand spähte er umher.
Da gellte noch einmal das Lachen auf.
Jetzt wusste O'Donnell, woher es kam. Rasch wendete er sich um und sah an dem Rande des Kessels eine Gestalt.
Avitschi zeigte sich also, wollte nicht länger unsichtbar bleiben.
Und er hatte eine Gestalt gewählt, die nichts Abstoßendes an sich hatte.
Der Teufel weiß ja, dass er die Menschen erschrecken würde, wollte er sich ihnen in seiner wahren Gestalt zeigen, deshalb naht er sich ihnen meist als ihresgleichen, meist als Jäger, und nur die Eingeweihten erkennen ihn trotzdem, an der roten Feder am Hute, an dem hinkenden Gange.
So berichtet wenigstens die Sage.
Nun, der Teufel dort oben verstand sich seiner Umgebung anzupassen.
Er trug einen weiten, weißen Burnus und einen ebensolchen Turban, der nach Sitte der Beduinen mit dem Bande gebunden war.
Sein Gesicht war unverhüllt, und es war das edle, braune Gesicht eines Arabers, mit schwarzem Bart.
Es war sogar ein schönes Gesicht.
Nur die Augen waren teuflisch in ihrem dämonischen Funkeln.
Und die beiden unten hatten zu gleicher Zeit den gleichen Gedanken!
Diese Augen hatten sie schon einmal gesehen!
Und sie wussten auch, wem sie gehörten!
Das waren die Augen, mit denen der Mann mit der schwarzen Katze sie angeblickt hatte.
»Das ist doch Loke Klingsor!«, durchzuckte es sie beide.
Und da freilich überkam O'Donnell ein gewaltiger Zorn.
Wollte dieser Mann sich solche Späße mit ihnen erlauben, dann sollte er es wenigstens nicht ungestraft tun.
Er schickte sich an, das Lasso zu schleudern.
Noch aber kam er nicht dazu.
Die Gestalt oben beugte sich etwas vor, streckte die Arme aus, vereinigte sie in ganz seltener Weise — es sah aus, als griffe er in die Luft, finge etwas und presse es an sich —
Dann klatschte er in die Hände.
Einmal, zweimal, dreimal!
Und da erhoben sich ringsum die Aussätzigen.
Zu gleicher Zeit stiegen sie in das Wasserbecken hinein, wateten vorwärts —
Alle auf die Stelle zu, wo O'Donnell die zitternde Sängerin umschlungen hielt!
Und in diesem Augenblick erklang das schreckliche Lachen zum dritten Male!
Da schleuderte O'Donnell das Lasso.
Mit leichtem Schwirren fuhr die Schlinge durch die Luft.
Sie traf ihr Ziel, wie es ja gar nicht anders möglich sein konnte. Sie umschlang den Leib des Mannes dort oben.
Aber als O'Donnell im gleichen Augenblick einen Ruck gab, um sie zuzuziehen und den Kerl herunterzureißen, zog er nur den Riemen wieder an sich —
Die Schlinge war nicht mehr vorhanden!
Und ein einziger Blick auf das Ende des Riemens genügte.
Nicht durchgeschnitten war er, was ja auch unmöglich gewesen wäre.
Durchgebrannt!
Als hätte eine sengende Flamme das geschmeidige Leder verzehrt!
Und während die Aussätzigen den beiden näher und näher kamen, sie bald erreicht haben mussten, gellte oben wiederum das teuflische Lachen auf.
Diesmal aber rief er auch Worte dabei:
»Ihr Narren! O, Ihr Narren! Ihr wollt Avitschi mit einem Lasso fangen? Hahaha, seht Ihr nun, dass Ihr es nicht könnt? Ein Geist lässt sich nicht fangen, ist unverwundbar!
Schieße doch nach mir! Hier stehe ich! Schieße doch!«
Und er brauchte die Aufforderung nicht zu wiederholen. O'Donnell hatte schon seinen Colt gezogen und gefeuert!
Aber der Mann wankte nicht, stürzte erst recht nicht!
Und dann musste O'Donnell an etwas anderes denken!
»Zurück!«, schrie er. »Zurück! Oder ich töte Euch!«
Er hob die Arme — die Aussätzigen durften sie nicht berühren — aber deshalb durfte er sie doch auch nicht schlagen!
Es war furchtbar, grässlich!
Sie waren verloren! Rettungslos verloren!
»Hahahaha!«, lachte es von oben. »Hahahaha!«
Verzweifelt schaute O'Donnell um sich.
»Ich muss mich für sie opfern!«, dachte er.
Er packte den vordersten der Aussätzigen, wollte es wenigstens —
Er kam nicht dazu.
Er spürte, dass der Boden unter ihm wich, dass er versank —
Und im nächsten Augenblick schlug das Wasser über ihm und der Olinda zusammen. Sie wurden in einem gewaltigen Strudel nach unten gerissen.
Schon fürchtete er, dass nun auch die Aussätzigen auf ihn stürzen würden, die doch ebenfalls von dem Strudel erfasst werden mussten — da merkte er, dass sich über ihm der Boden wieder geschlossen haben musste.
Es kam kein Wasser mehr nach, und ehe er sich das noch vermutete, stießen seine Füße gegen festen Grund, er stand, noch die Olinda haltend.
Das Wasser rauschte an ihnen vorbei, entströmte durch einen Gang, in dem sie beide standen, nicht von tiefer Finsternis umgeben, sondern vielmehr von einem eigenartigen Lichtschein umflossen.
Unwillkürlich mussten sie an jenes Licht denken, das sie aus der Felsenunterwelt bereits kannten, aber sie achteten nicht darauf, sie wankten vorwärts, dem bereits verschwundenen Wasser nach —
Der Boden war glattes Gestein, aus ebensolchem bestanden Wände und Decke.
»Wir fallen abermals!«, konnte O'Donnell noch rufen, dann riss es ihm schon wieder die Füße weg, und abermals begann eine Rutschfahrt ins Unbekannte.
Sie endete ebenso schnell wie die erste.
Aber nicht in einem anderen Wasserbecken, sondern auf einem grünen Rasenfleck, auf den sie auch nicht mit aller Wucht aufprallten, denn die Neigung des Ganges war nur sehr mäßig gewesen.
Sie saßen auf dem Rasen, wie sie vorher auf dem Gestein gesessen hatten, und als sie wieder so recht zu sich kamen, spürten sie die warme Sonne, sahen rings um sich herrliche grüne Bäume, hörten Vögel kreischen, Affen schreien —
Und dann sahen sie unter einem breitästigen, sicher uralten Baume weißgekleidete Menschen stehen — Männer —
Keiner von diesen achtete auf sie, sie schienen mit ernsten Dingen beschäftigt, beugten sich über irgend etwas.
O'Donnell und die Olinda blieben sitzen, wo sie saßen. Sie schauten einander mit großen Augen an, schauten wieder auf die Männer, auf ihre Umgebung —
»Was ist denn nun das wieder?«, flüsterte die Sängerin ganz außer sich.
Da merkte sie, dass ihr Gefährte stutzte, mit weit geöffneten Augen nach den weißgekleideten Männern schaute.
Auf seinem Gesicht prägte sich der Ausdruck maßlosesten Staunens aus.
Er wollte etwas sagen, doch er brachte zunächst kein Wort hervor.
Endlich aber flüsterte er:
»Das sind doch — — Todas!«
Die Olinda verstand ihn nicht, ebenso wenig, wie sie den Ausdruck Upasakas verstanden hatte.
Wir Menschen, gleichviel ob wir Christen sind oder sonst eine Religion haben, reden von allerlei übernatürlichen Wesen, sagen wir einmal von Engeln, von guten und bösen Geistern, von Hexen und Feen — wir haben auch eine Vorstellung von ihnen, besitzen sogar Bilder — aber das sind eben Bilder, weiter nichts.
Ob es wirklich solche Wesen gibt, wie sie eigentlich aussehen, das weiß doch in Wahrheit niemand. Wir statten sie zum Beispiel mit Flügeln aus, die guten Geister mit mächtigen Schwanenflügeln, die schlechten mit Fledermausflügeln und so weiter. Wir verleihen dem Teufel Hörner und Pferdefuß, den Dämonen hässliche Gesichter.
Das ist ganz natürlich, denn wir müssen in ihrem Äußern die Eigenschaften darstellen, die wir ihnen zuschreiben.
Nun aber spricht man in Indien außer von den schon erwähnten Mahatmas noch von Todas.
Vor ungefähr fünfzig Jahren will ein Engländer sie in den Dschungeln des NilghiriGebirges entdeckt haben, und was er von diesen Wesen erzählt, das klingt eben wie ein Märchen.
O'Donnell hatte es gelesen. Jetzt war es ihm klar, und deshalb hatte er den Namen geflüstert.
Der Engländer aber berichtet, dass diese Todas an Majestät ihres Aussehens dem Zeus glichen, also dem höchsten Gotte der Griechen. Ihr ganzes Wesen sei von einer unbeschreiblichen Anmut. Nie habe jemand bei ihnen ein Kind gesehen, sie pflanzten sich also nicht fort, nie aber auch hätte jemand nachweisen können, dass ein Toda gestorben sei. Sie besäßen Hütten, aber noch kein Sterblicher sei durch den einzigen Eingang getreten, den sie aufweisen. Riesen seien sie nicht, aber größer als andere Menschen, und vor allem sei ihre Haut so weiß wie die von Europäern. Ihr langes Haar und ihre sehr langen Bärte seien braun, und nie habe ein Schermesser sie berührt. Sie benutzen nie Wasser, und ihre Kleidung bestehe aus weißen Decken mit einem bunten Streifen am Saume. Nie essen sie Fleisch, lassen die Tiere, die bei ihnen leben, keine Arbeit verrichten, trinken nur die Milch, ebenso wie sie selbst nie etwas tun, sondern von den Badagas bedient werden, Angehörigen einer niederen Rasse.
Kein alter Mann ist unter ihnen, ihr Aussehen bleibt, wie es ist. Keine Krankheit befällt sie, kein Tiger, keine Schlange wagt sich an sie, aber sie heiraten auch nicht, und alle drei Jahre verschwinden sie, um an einem unbekannten Orte zusammenzukommen, wo ihr unbeschreiblich prächtiger Tempel sich erhebt.
Nie wird jemand erfahren, wer sie eigentlich sind, nie, was sie können, nie wird jemand das Geheimnis zu durchdringen vermögen, mit dem sie sich umgeben.
Das also war dem amerikanischen Detektiv wieder eingefallen beim Anblick der herrlichen Männergestalten in weißen Kleidern mit bunten Säumen und mit den lang herabwallenden braunen Locken.
»Todas!«, wiederholte er nun, und flüsternd erzählte er der Olinda, was eben in ihm wach geworden war.
Die Sängerin schwieg. Sie wusste nicht mehr, was sie denken sollte.
Auch O'Donnell sprach nicht mehr.
Beide schauten hinüber nach dem Baume, unter welchem sich die Männer befanden, und vergessen war von beiden das furchtbare Abenteuer, das sie hinter sich hatten.
Sie waren beide ganz durchnässt, was aber bei ihrer Lederkleidung nichts zu sagen hatte. Und die Sonne schien warm, nicht glühend, die Luft war von seltsamen Wohlgerüchen erfüllt —
»Da!«, raunte die Olinda. »Jetzt scheinen sie uns entdeckt zu haben!«
»Jetzt scheinen sie uns entdeckt zu haben!«, rief Olinda aus.
Ja, es schien so.
Die weißgekleideten Männer wendeten sich sämtlich um, und die beiden sahen nun in wirklich majestätische Gesichter, aus denen große Augen dunkel, aber auch leuchtend flammten.
Der eine hob leicht den Arm. Er winkte ihnen.
Da standen sie beide auf und schritten auf ihn zu, und während sie das taten, kam ihnen erst das neue Wunder zum Bewusstsein, dass sie wirklich über grünen Rasen schritten.
Wir Europäer denken ja, wenn wir die Welt nicht durchreist haben, es müsste überall solchen herrlichen grünen Rasen, solche saftige Wiesen geben, wie wir sie lieben. Und doch ist das ein großer, wenn auch verzeihlicher Irrtum. Schon die vielgerühmten Prärien Nordamerikas, die in Indianergeschichten eine so große Rolle spielen, sind alles andere eher als Wiesen. Das Gras ist übermannshoch und niemand würde daran denken, sich etwa darin auszustrecken, die Hände hinter dem Kopfe verschränkt, und so einmal nach Herzenslust zu träumen, mit den Augen von Zeit zu Zeit in die Sonne blinzelnd.
Noch viel schlimmer wäre die Enttäuschung in anderen Erdteilen, wo solche »Wiesen« aus messerscharfen Halmen bestehen, die auch Leder sofort zerfetzen, deren Spitzen alles durchbohren.
Und woher endlich sollte in der Wüste eine solche frisch grüne Wüste kommen?
Aber die beiden waren ja gar nicht in der Wüste, befanden sich in einer Gegend, die sie nicht kannten —
Sie hatten keine Zeit zum Nachdenken. Sie waren gegenüber den Männern angelangt, und die Olinda dachte nur noch:
»Wenn es wirklich solche Todas gibt, dann sind das hier welche!«
Ja, so war es. So müsste jemand denken, der wirklich einmal einen Engel zu sehen bekäme.
Und wunderbar, herrlich schwingend in tiefen, aber doch melodischen Tönen klangen die Worte, die nun einer dieser Männer an sie richtete.
Und welche die Olinda deutsch hörte, O'Donnell englisch!
Sie wussten es noch gar nicht, konnten es auch gar nicht wissen, da sie eben die Worte verstanden, sie sollten erst erfahren, dass der Mann weder deutsch noch englisch zu ihnen redete, sondern in einer Sprache, die keinem Menschen bekannt war und doch von jedem verstanden wurde — als Worte seiner Muttersprache.
»Wir haben Euch erwartet!«, sagte der herrliche Mann, von dem etwas ausging, was zu unbedingter Ehrerbietung nötigte.
Die beiden stutzten ja nicht schlecht! Und sollten sie nicht!
Nach den Abenteuern, die hinter ihnen lagen und die sie auf keinen Fall hatten voraussehen können, waren sie an einen Ort gekommen, den sie noch nie gesehen, geschweige denn betreten hatten, und da fanden sie Männer, die ihnen sagten, sie seien erwartet worden.
»Wie ist das möglich?«, rief denn auch O'Donnell, und zwar, weil er auf Englisch angeredet worden war — seiner Meinung nach wenigstens — sich eben dieser Sprache bedienend.
Die Olinda aber, die deutsche Worte vernommen hatte, murmelte:
»Wir sind durch eine Hölle gegangen und im Himmel gelandet!«
Keine Miene verzog sich im Gesicht des Sprechers der Geheimnisvollen, als er erwiderte:
»Du nennst es Hölle, meine Tochter, weil Avitschi Dir erschienen ist, der freilich ein Höllengeist ist, aber die Hölle auf Erden war das nicht. Du wirst es noch erkennen.«
Dann wendete er sich O'Donnell zu.
»Deine Frage wird nicht beantwortet werden. Du sollst überhaupt nicht fragen, wenigstens nicht andere. Frage Dich! Und wenn Du keine Antwort findest, dann ist das ja schon eine.
Nun tretet näher!«
Er wich etwas zur Seite.
Da gewahrten die beiden, was die übrigen Männer umringten.
Auf einer niedrigen Steinsäule erhob sich eine runde Platte, etwa eine Handbreite hoch, im Durchmesser von einer reichlichen Elle.
Sie war ganz glatt, wie poliert, und schimmerte eigenartig schwarz, obwohl sie an sich wohl farblos sein mochte.
Das klingt sonderbar, so natürlich es auch ist. Reines Wasser ist doch immer farblos, aber in wie vielen Farben schimmert es! Und sehr oft erscheint es uns auch schwarz!
Das einzige Auffällige an der Platte waren goldene Verzierungen, die am Rande entlang liefen. Sie stellten Rankenwerk dar, auch Blumen, aber in einer wieder ganz eigenartigen Weise, so, wie man sie auf indischen Bauwerken bewundern kann, nur dass sie dort aus dem harten Stein gehauen sind.
Ob diese Verzierungen einen bestimmten Zweck hatten oder eben nur als Schmuck dienen sollten, war nicht zu ersehen.
O'Donnell und die Olinda verneigten sich tief vor den herrlichen Männern, die diese Platte umstanden und nun zum Gegengruß würdevoll die rechte Hand leicht erhoben.
»Wir haben Euch erwartet«, hob nunmehr der Sprecher der Geheimnisvollen wieder an. »Wir sahen Euren Weg, und zur rechten Zeit haben wir Euch der Gewalt Avitschis entrissen.
Blickt auf diese Platte!«
Die beiden gehorchten.
Vorläufig sahen sie nichts als die schwarz erscheinende Fläche, aber allmählich war es, als erschienen auf ihr Wolken.
Plötzlich jedoch tauchten zwischen diesen Wolken Gestalten auf.
O'Donnell musste sich sehr zusammennehmen, dass er nicht einen Ruf der Überraschung ausstieß. Die Olinda aber konnte ihn nicht unterdrücken.
»Unsere Karawane!«, sagte sie halblaut.
Kein Tadel ward ihr deswegen zuteil. Schweigend standen die Männer, die der Detektiv für Todas hielt, und die beiden schauten auf das, was sich ihnen nun zeigte, kamen nicht mehr dazu, auch nur eine Bemerkung zu machen.
Sie sahen noch einmal alles, was sie hier in der Wüste erlebt hatten, denn das nahmen sie doch an, dass sie sich noch in der Sahara befanden. Sie sahen also sich selbst, wie sie den Felsengang betraten, an den Krater gelangten — es war wie eine Kinovorstellung, bei welcher sie selbst in Tätigkeit traten.
Nicht die geringste Kleinigkeit fehlte, keine Bewegung.
Und dann hörten sie auch eine Stimme.
Die Olinda sang, wie sie dort am Krater gesungen hatte, das Lied Mignons!
Unwillkürlich fasste die Künstlerin mit der einen Hand nach dem Herzen, die andere aber suchte die Rechte O'Donnells.
Beide waren bleich vor Aufregung, aber sie sagten nichts, und die Vorgänge, die sie in der blanken Platte sahen, spielten sich ja viel schneller ab, als es in Wirklichkeit geschehen war, nur das Lied kam genau so, wie es gesungen worden war.
Es ist unnötig, zu wiederholen, was die beiden nun noch sahen, es waren eben alle Erlebnisse, die sie gehabt hatten, und etwas Neues kam nur im letzten Teile hinzu.
Da sahen sie sich, wie sie wieder den Bambuswald durchschritten, wie O'Donnell scharf zur Seite spähte. Es musste also sein, nachdem das Lachen erklungen war, aber hier war es nicht erschollen, überhaupt kein Ton mehr hörbar geworden
Dafür gewahrte O'Donnell jetzt, was er damals nicht gewahrt hatte.
Gar nicht weit von ihnen schlich sich eine Gestalt hin, und da sie nun den Avitschi gesehen hatten, so wussten sie auch gleich, dass nur er es sein konnte, der da neben ihnen einher huschte — unsichtbar damals — jetzt aber deutlich zu erkennen.
Und diese Gestalt blieb immer bei ihnen, ohne dass sie es geahnt hatten, stand dann am Rande des Kessels, genau an der Stelle, wo sie selber abgestürzt waren, sah zu, wie die Upasakas auftauchten, wie O'Donnell das Lasso nach dem einen der Mönche warf —
Nur eins fiel ihnen dabei auf.
Das Gesicht dieses — ja, wie sollten sie ihn nennen? Einen Menschen? Das war er nicht, denn Menschen können sich nicht unsichtbar machen, wenigstens hielten diese beiden es jetzt noch für unmöglich. Sie mussten ihn als Geist bezeichnen. Oder eben als das, was er war: als Avitschi!
Also, das Gesicht dieses Avitschi veränderte sich nie, bekam nie einen höhnischen oder gar hasserfüllten Ausdruck, blieb immer schön und fast edel, wie sie es zuletzt gesehen hatten, selbst dann, als sie schon abgestürzt waren und erschrocken erkannten, dass sie sich unter Aussätzigen befanden.
Es verzerrte sich niemals, hatte auch nichts Abschreckendes.
Dieser Avitschi also trat nicht als hässlicher Teufel auf, sondern als edelschöner Mensch.
Nur einmal entstellte sich sein Gesicht.
Da aber hatten die beiden es schon nicht mehr sehen können, sie gewahrten es erst jetzt —
Als der Boden des Wasserbeckens sich unter ihnen auftat und sie verschlang, da hatte ein Ausdruck furchtbaren Zornes die schönen Züge in die eines wahren Teufels verzerrt. Jetzt auf der Platte sahen O'Donnell und die Olinda das, und abermals rann ihnen ein Schauer über den Rücken.
»Der Höllenfürst!«, murmelte die Sängerin.
Und als müsste es so sein, als gehorchte sie einem unwiderstehlichen Zwange, hob die Olinda an zu singen — dasselbe Lied, das einst Loke Klingsor hatte hören lassen — aber wie es nun hier klang —
Der auf dem Höllenthron ich sitze,
Der ich in Höllenflammen schwitze,
Der ich in Höllentiefen blitze — — —
Sie sang dieses von dämonischer Leidenschaft durchglühte Lied, wie eben nur sie es vermochte.
Still und stumm standen die ernsten, edel aussehenden Männer, die großen, schönen Augen unverwandt auf die Sängerin richtend.
Diese aber blickte ebenso unverwandt in die spiegelnde Platte — und neben ihr O'Donnell —
Dort ging etwas ganz Merkwürdiges vor.
Zuletzt hatten sie darin das in Zorn verzerrte Gesicht Avitschis gesehen, noch seine ganze Gestalt. Jetzt aber war nur noch das Gesicht zu erblicken, es wurde größer und größer, bis es den ganzen Raum der Platte ausfüllte; jetzt war es wieder das schöne Gesicht, und doch ganz, ganz anders, als sie es nun schon kannten.
Der schwarze Bart war verschwunden, desgleichen die braune Farbe.
Das Gesicht sah aus wie aus altem Elfenbein geschnitten, die dunklen Augen flammten, der wunderbar geschnittene Mund verzog sich zu einem spöttischen Lachen —
Und plötzlich gellte dieses Lachen aus der geheimnisvollen Platte hervor, unsagbar höhnisch —
Entsetzt, auch gleich beide Arme wie zur Abwehr vorstreckend, wich die Olinda zurück.
»Das ist er!«, schrie sie auf. »Das ist —«
Sie konnte nicht vollenden, was sie hatte sagen wollen. Ohnmächtig sank sie in die Arme ihres Gefährten, der sich besorgt über sie beugte, sie langsam niedersinken ließ. Dann aber schaute er empor.
Sprangen denn diese Todas nicht herbei, um der Sängerin zu helfen?
Was war denn nun das wieder?
Äffte ihm wirklich nur ein böser Traum?
Die Todas waren verschwunden, verschwunden war der geheimnisvolle Spiegel, verschwunden aber auch die entzückende Landschaft mit allem, was sie enthalten hatte.
O'Donnell kniete auf Steinen.
Der Boden, den eben noch frischgrüner Rasen bedeckt hatte, war Wüstenboden, wie er ihn ja genau kannte, und nach allen Seiten hin setzte er sich fort, bis er im Hintergrunde in zerrissene Felsen überging, die seltsam schwarz aussahen, als hätte ein gewaltiges Feuer sie umlodert.
Aber es half nichts, dass O'Donnell die Olinda ganz niedersinken ließ, dass er sich wieder und wieder über die Stirn strich, dass er sich sogar schmerzhaft in den einen Arm zwickte — er träumte nicht, er befand sich wieder inmitten der Wüste — —
O'Donnell hatte keine Zeit, sich seiner maßlosen Verwunderung zu überlassen. Er musste vor allem die Olinda wieder ins Leben zurückrufen.
Vergebens sah er sich nach Wasser um.
Er lächelte über sich selbst, dass er hatte so töricht sein können, welches zu suchen. Woher sollte in dieser Wüste Wasser kommen?
Schon schickte er sich an, hinüber nach den schwarzen Felsen zu wandern, um dort nach einer Quelle zu forschen, da hörte er einen leichten Seufzer und schon öffnete die Sängerin wieder die Augen.
Sofort kniete O'Donnell neben ihr nieder, hob ihren schönen Kopf, zugleich aber bemüht, ihr einen Blick auf die trostlose Umgebung unmöglich zu machen.
Die Olinda schmiegte sich an ihn, ihn mit beiden Armen umklammernd.
»O'Donnell, haben Sie ihn gesehen?«, hauchte sie kaum verständlich.
Er nickte nur.
»So sagen Sie mir, wer es war!«, drängte sie.
»Loke Klingsor!«, erwiderte da der Detektiv.
»Also doch! Ich dachte, ich hätte mich getäuscht. Und Sie sahen, wie das Gesicht des Avitschi sich wandelte, bis es die Züge Klingsors aufwies?«
»Ja, das sah ich.«
Dann herrschte minutenlang Schweigen, bis die Olinda wieder anhob und mit leise bebender Stimme sagte:
»Er ist also wahrhaftig der Böse in Menschengestalt!«
»So scheint es«, gab O'Donnell zu.
»Nein, er ist es wirklich! Und nun müssen wir tun, was wir versprochen haben, O'Donnell! Nun müssen wir diesen Loke Klingsor verfolgen und stellen und ihm das Geheimnis entreißen, dessen Träger er ist! Gelingt uns das, so nehmen wir ihm alle Kraft, berauben ihn der Macht, Böses zu tun — O'Donnell, wir beide sind ausersehen, die Welt von einem Dämon zu befreien, und wir werden es tun, es wird uns glücken!«
Der Detektiv erwiderte nichts darauf.
Die Olinda hatte jetzt erst erkannt, dass sie sich nicht mehr unter dem herrlichen Baume befand, nicht mehr in einer wunderbar schönen Landschaft, sondern in einer Wüste.
Weit öffneten sich ihre Augen, als sie sich nun zum Sitzen aufrichtete.
»Wir sind wieder in der Wüste?«, fragte sie, als müsste sie von ihrem Begleiter hören, dass sie sich nicht täuschte.
»Ja, aber nicht an der Stelle, wo wir unsere Gefährten verließen«, erwiderte O'Donnell. »Das ist eine Gegend, die ich nicht kenne, noch nicht betreten habe.«
»Aber es ist die Wüste?«, fragte die Olinda nochmals, als könnte sie seinen Worten nicht ohne Weiteres glauben.
O'Donnell nickte.
Bisher war auch er viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt gewesen, als dass er besondere Beobachtungen hätte anstellen können. Dann hatte er sich mit der Olinda abgeben müssen. Nun aber spürte er, dass er es nicht mehr lange in der sengenden Glut aushalten würde, mit welcher die Sonne auf ihn nieder brannte.
»Kommen Sie fort von hier!«, sagte er. »Dort drüben erheben sich Felsen, die uns wenigstens einigen Schutz gewähren werden.«
Er stand auf, half der Sängerin empor, und als er dabei ihren einen Arm umfasste, stieß er einen Ruf der Überraschung aus.
»Ihr Gewand ist noch ganz nass!«, sagte er flüsternd, als dürfe niemand ihn hören.
»Freilich! Wir sind doch —«
Da erst verstand sie ihn. Ganz jäh kam ihr die unheimliche Erkenntnis.
»Ja, wir sind vollkommen durchnässt«, sprach O'Donnell, »haben uns also noch vor Kurzem im Wasser befunden. Nicht einmal die heiße Wüstensonne hat unsere Kleidung ganz trocknen können, und doch stehen wir nun — Es ist nicht zu fassen!«, unterbrach er sich und griff sich wieder nach der Stirn.
»Wir haben also doch nicht geträumt?«, fragte die Olinda scheu.
»Ich möchte es so gern annehmen, möchte glauben können, wir hätten uns verirrt, seien eingeschlafen und hätten böse Träume gehabt — aber das ist doch ausgeschlossen!
Wir zwei sollten genau das Gleiche geträumt haben?
Und unsere Kleider sind nass! Wir sind in jenem Kessel gewesen, haben in dem Becken gestanden, sind mit dem Wasser in die Tiefe gerissen worden, haben hier die Todas gesehen —
Herrgott, hilf, dass mein Verstand sich nicht vollends verwirrt!«
Ja, er hatte recht.
Das ging weit über das, was Menschengeist zu fassen vermag.
»Ich komme mir vor, als erlebte ich eins jener Märchen, die ich als Kind gelesen habe«, flüsterte die Olinda. »Da geschieht auch allerhand Wunderbares, durch viele Nöte müssen die Helden gehen, bis sie doch endlich gerettet werden und ihren Lohn erhalten — O'Donnell, auch wir wollen kämpfen bis zuletzt, wollen uns nicht unterkriegen lassen von Dämonen und Zauberern, wir wollen das Abenteuer bis zum Ende bestehen —«
Da richtete O'Donnell sich straff empor.
Er bot der Sängerin die rechte Hand.
»Sie haben recht, Miss Olinda!«, sagte er. »Wir wollen kämpfen bis zum Siege oder bis zum Untergange! Und wehe diesem Loke Klingsor, wenn er in meine Gewalt gerät!«
Eiserne Entschlossenheit prägte sich auf seinem Gesicht aus, und ohne zu zögern, schritten die beiden über das Steingeröll dahin, das hier überall den Boden bedeckte.
Es war ein furchtbarer Marsch, denn die sengende Glut von oben wurde noch übertroffen durch die, welche ihnen durch die Sohlen brannte, und es war ein großes Glück für die beiden, dass dieses Gestein nicht auch noch die Sonnenstrahlen zurückwarf, sie dadurch blendend.
Es ist eben doch ein bisschen anders, so ein Marsch durch eine Steinwüste unter afrikanischer oder Tropensonne, als die Jugendschriften das meist schildern. Da gehen solche Abenteuer immer glatt ab, den Helden kann eben nichts passieren, weil das nicht sein darf, weil das ihnen den Nimbus rauben würde. In Wahrheit darf sich freilich kein lebendes Wesen ungestraft in eine solche Wüste wagen, und die beiden, die ja schon manchen Wüstenmarsch hinten sich hatten, waren dabei doch entsprechend geschützt gewesen: durch weite, weiße Gewänder. durch Gesichtstücher und anderes mehr, hatten auch während der ärgsten Stunden auf dem Rücken ihrer Kamele gesessen, aber auch nur der höchsten Not gehorchend überhaupt Tagesmärsche unternommen, sonst die Nacht dazu benutzt.
Jetzt hatten sie nur die Lederanzüge auf dem Leibe, an den Füßen dünne Schuhe, die ja fest genug waren, um auch scharfen Steinen zu trotzen, aber doch nicht, um der Glut zu wehren.
Wäre O'Donnell nicht gewesen, die Olinda hätte nie das an sich kurze Stück bis zu den Felsen zurücklegen können, sie wäre unterwegs zusammengebrochen, niedergesunken — und die Wüste hätte ein Opfer mehr gehabt!
So aber trug er sie zuletzt, bis er seine Last im Schatten des ersten Felsblockes niederlegen konnte.
Mit aller Sorgfalt lehnte er die Olinda mit dem Rücken gegen das Gestein.
»Saugen Sie an dem Ärmel Ihres Kleides!«, riet er ihr. »Er enthält noch Feuchtigkeit genug —«
»An — meinem — Kleide?«, wiederholte die Sängerin, aber nicht so schnell, wie dies hier niedergeschrieben wird, sondern stockend, stöhnend —
Und der entsetzte Blick, den sie dabei auf O'Donnell richtete, klärte diesen auf.
Er hatte doch ganz vergessen, was die Upasakas gesagt hatten: dass eben in diesem Wasser der Ansteckungsstoff für den Aussatz enthalten sei!
Wie durfte er da der Olinda zumuten, dieses Wasser aus dem Ärmel zu saugen?!
»Gedulden Sie sich nur kurze Zeit!«, rief er also. »Ich werde nach Wasser suchen. Vielleicht finde ich wenigstens irgendeine Pflanze, an der Sie kauen können!«
Sie nickte lächelnd, ohne etwas zu erwidern, und während er zwischen den schroff zum Himmel aufragenden Felsen verschwand, lehnte sie den Kopf matt an das Gestein, schloss die Augen und — war im Nu eingeschlafen.
Ein Wunder wäre es gewesen, hätte sie jetzt noch der Müdigkeit zu widerstehen vermocht, nachdem sie doch mindestens eine ganze Nacht schlaflos verbracht hatte — wenn es nicht viel, viel länger gewesen war!
Und da kam nicht in Frage, dass es während der letzten Abenteuer immer Tag gewesen war!
O'Donnell aber schien keine Müdigkeit zu spüren, wenigstens lief er sehr schnell, nachdem er in eine enge Felsengasse eingebogen war.
Sein Gesicht drückte ernste Sorge aus. Er wusste, was davon abhing, dass er Wasser fand und es rechtzeitig seiner Gefährtin brachte.
Aber er wusste auch, dass er zwischen diesen kahlen Steinwänden niemals einen Quell entdecken würde.
Auch nicht der geringste Pflanzenwuchs war zu sehen, nicht einmal Flechten gediehen an diesen Wänden.
Und nun stieg die Felsengasse, der er folgte, wendete sich der Höhe der Felsen zu!
Da konnte er nur getrost umkehren und einen anderen Weg suchen, denn wenn hier Wasser zu finden war, dann doch nur im Tale.
Schon wollte er sich umdrehen, blieb aber noch stehen, weil er daran dachte, es sei doch vielleicht ratsam, die Höhe ganz zu erklimmen, um von dort aus einen Überblick über das Felsenlabyrinth zu gewinnen.
Unentschlossen stand er da, den Rücken gegen die Steinwand pressend.
Es sah aus, als wollte er einen von oben herabkommenden Menschen auf dem schmalen Pfade an sich vorbeilassen. Das kam ihm selbst jedoch nicht zum Bewusstsein; seine Gedanken waren eben nur beim Wasser.
Plötzlich aber stutzte er, beugte sich lauschend vor, wich indes gleich wieder zurück.
Von der Höhe herab kam wirklich jemand!
Ein Mensch musste es sein, denn O'Donnell hörte Schritte, hörte ein ganz eigenartiges leises Klappen, und da wusste er, dass dieser Mensch Sandalen an den Füßen trug, Sandalen, wie sie in diesen Gegenden üblich waren. Sie bestanden nur aus je einem Stück Leder, also eigentlich nur aus einer Sohle, die mit Riemen oder mit Bändern an dem Fuße befestigt war.
Ebenso erkannte er aber auch schon aus diesem Klappen, dass es nur ein Mann sein konnte, der da herabkam.
Vergebens suchte O'Donnell nach einer Gelegenheit, sich den Blicken dieses Mannes wenigstens fürs Erste zu entziehen. Er konnte ja nicht wissen, mit wem er es zu tun haben würde, und wenn er selbstverständlich auch einen einzelnen Gegner nicht fürchtete, so erwog er doch auch gleich die Möglichkeit, dass dieser Gefährten haben könnte, und wie zahlreich diese waren, das konnte er natürlich nicht einmal ahnen.
Doch ein Versteck war nicht vorhanden, er konnte eben noch bis zur nächsten Biegung der engen Felsengasse huschen und sich dort abermals so eng wie möglich an die Wand drücken, da vernahm er das Klappen der rasch näherkommenden Schritte schon dicht vor sich.
Und dann sah er den Mann!
Es war ein Araber, aber nicht etwa als Beduine gekleidet, also mit dem üblichen mantelähnlichen Burnus, sondern er trug über einem schmutzigen Leinenhemd am Oberkörper eine blaue Jacke, nach orientalischer Art viel zu knapp, dass sie weit offen stand, auch gar nicht zum Zuknöpfen etwa eingerichtet, dafür aber mit rotem Band benäht. Dann folgte ein Gürtel aus gelber Seide mit roten Vierecken. Ein langer Dolch stak darin, und von diesem Gürtel herab wallte noch etwas wie ein kurzer Rock, ähnlich der griechischen Fustanella, aber nicht so zierlich gefältelt.
Die Beine waren bis zu den Knien nackt, nur mit roten Bändern kreuzweise umwunden, und sie hielten auch die Ledersohle an den Füßen.
Das alles sah O'Donnell natürlich nicht auf einmal, so sehr er sich auch geübt hatte, das Äußere eines Menschen auf den ersten Blick zu erfassen.
Es war ein neues Wunder, was sich hier vollzog, für O'Donnell noch viel unerklärlicher als alle, die er bereits erlebt hatte.
Wenn in einer ganz einsamen Gegend ein Mensch seines Weges geht, ahnungslos, dass jemand in der Nähe ist, der ihn schon gewahrt hat und hinter einer Biegung auf ihn wartet — wenn er dann diese Biegung hinter sich hat und diesen Menschen stehen sieht, dann muss er doch ganz unwillkürlich zurückprallen und erschrecken.
Das ist eben das Natürliche, und das hatte auch O'Donnell erwartet.
Es kam jedoch ganz anders.
Der Mann, also der Kleidung nach ein armer Araber, bog um die Felsenecke, prallte aber nicht zurück.
Nein, er ging dicht an dem Detektiv vorbei, so dicht, dass sein Gewand das O'Donnells streifte.
Aber er schaute nicht einmal auf! An ein Erschrecken war gar nicht zu denken.
Ruhig ging er seines Weges weiter, in einem leichten Hundetrab, wie das bezeichnend genannt wird.
Auf dem Rücken trug der Mann einen Sack, der bestand aus leichtem Leder, aber sein Inhalt war offenbar recht gewichtig, sonst hätte der Mann sich nicht so nach vorn zu beugen brauchen.
Allzu schwer wieder konnte die Last aber auch nicht sein, weil er dann nicht so rasch hätte laufen können.
Das alles gewahrte O'Donnell, aber der Araber hätte sich jetzt nicht umdrehen dürfen, er wäre sonst ganz gewiss sofort in ein lautes Lachen ausgebrochen, hätte er das vor Staunen ganz dumme Gesicht des Amerikaners erblickt.
Ja, O'Donnell stand da wie ein Wilder, der zum ersten Mal in seinem Leben ein Grammophon spielen hört! So ungefähr war ihm auch zu Mute, und der Araber war schon längst seinen Blicken entschwunden, ehe er ganz verdutzt murmelte:
»Ja, was war denn das? Wie kann denn der Mann so einfach an mir vorüberlaufen? Warum ist er nicht erschrocken zurückgeprallt, als er hier plötzlich einen Menschen stehen sah, noch dazu einen, wie er sicher niemals zuvor erblickt hat?!«
Selbstverständlich kam ihm sofort der nächstliegendste Gedanke, der auch als Erklärung ganz passend gewesen wäre, freilich nicht für diesen Detektiv, der alle seine Erfolge doch nur seiner Beobachtungsgabe verdankt.
»Der Mann ist blind und hat Dich gar nicht sehen können!«, sagte er sich also.
Aber so schnell ihm dieser Gedanke gekommen war, so schnell verwarf er ihn auch wieder.
»Narr!«, murmelte er diesmal recht vernehmlich. »Wäre das ein Blinder gewesen, dann hätte er Dich doch erst recht gewahrt, wäre erst recht zurückgeprallt!«
Also mit der Annahme, der Araber sei blind, habe ihn nicht sehen können, war es nichts. O'Donnell musste schon nach einer anderen Erklärung suchen.
Vorerst lag ihm etwas anderes am Herzen.
Er wollte den Mann fragen, ob hier in der Nähe Wasser zu finden sei.
So lief er ihm nach, und die einzige Vorsicht, die er brauchte, war, dass er ganz leise auftrat.
Bald hatte er den Mann wieder vor sich. Sie kamen dicht hintereinander auf die Sohle des Tales, und als nun der Mann nach rechts abbog, folgte O'Donnell ihm ohne Zögern.
Wieder tat sich eine Felsengasse vor ihnen auf.
Der Araber benahm sich wie einer, der den Weg genau kennt, kam wahrscheinlich sehr oft hierher, und als die Gasse sich zu einer Schlucht erweiterte, sah O'Donnell auch gleich, dass hier an verschiedenen Stellen Höhleneingänge vorhanden waren.
Der Araber verschwand nicht in einer solchen Höhle, blieb einen Augenblick stehen — wie lauschend —
Plötzlich sprang er ein Stück vor, nicht ganz bis vor den Eingang der einen Höhle, riss den Sack von der Schulter, packte ihn am unteren Ende und schüttete den Inhalt aus.
Es war ein geschlachtetes Tier, wohl ein Zicklein.
Ehe O'Donnell das noch genau zu unterscheiden vermochte, hörte er einen eigenartigen Pfiff.
Der Araber sprang zurück, so schnell er konnte.
Aus dem schwarzen Loche aber schoss etwas Blitzendes hervor, auf das Zicklein zu, packte es und verschwand wieder.
»Das war eine riesige Schlange«, dachte O'Donnell noch, aufs höchste verblüfft, da musste er sich auch schon entscheiden, ob er dem Araber von Neuem den Weg freigeben oder ihm diesen vertreten wollte.
Unwillkürlich wich er etwas zu Seite, er war das eben als höflicher Mensch gar nicht anders gewohnt — fast aber wäre doch noch der Zusammenprall erfolgt.
Auf alle Fälle musste der Mann ihn nun sehen!
Aber das war nicht der Fall!
Wieder lief er dicht neben dem Detektiv vorbei, und dieser sah jetzt ganz genau, dass die Augen des Arabers vollkommen in Ordnung waren, dass er also sehen konnte.
Ja, warum sah er dann den Detektiv nicht?
»Mensch«, entfuhr es O'Donnell, »bist Du denn ganz und gar blind?!«
Er hatte es auf Englisch gerufen, wie man sich ja im Augenblick der höchsten Überraschung wohl stets unwillkürlich der Muttersprache bedient.
Der Mann war nicht taub, ebenso wenig wie blind.
Er hörte diesen Ruf, er stutzte — seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, sein braunes Gesicht ward fahl, seine ganze Gestalt schlotterte —
Und dann lief er davon, was er nur laufen konnte, die enge Felsengasse mit seinem Schrei erfüllend.
O'Donnell hatte ihm ursprünglich folgen wollen. Jetzt aber blieb er stehen.
»Avitschi!«, schrie der Fliehende. »Hilfe! Avitschi ist hinter mir!«
Da musste O'Donnell zunächst einmal recht herzlich lachen; er konnte gar nicht anders.
So ein Dummkopf!
Wenn der Teufel hinter einem her ist, dann nützt es doch nichts, wenn man noch um Hilfe schreit!
Dann aber kam dem Detektiv erst zum Bewusstsein, was er da hörte.
»Avitschi!«
Das war der Name des Satans oder bösen Dämons, mit dem sie schon selbst zu tun gehabt hatten.
Und dieser Mann dort kannte den Avitschi ebenfalls, fürchtete ihn, dass er ausriss wie Schafleder — —
In der Hast, dem teuflischen Verfolger zu entkommen, verfehlte er auch noch den rechten Weg, rannte nicht die enge Felsengasse aufwärts, sondern dorthin, wo O'Donnell seine Begleiterin gelassen hatte —
Und da sah der Detektiv auch schon, wie sie erschrocken aufgesprungen war, wie sie auf den heranstürmenden Menschen blickte —
Er wollte ihr etwas zurufen, aber das Wort blieb ihm im Munde stecken.
Der Araber sah auch die Olinda nicht!
Wäre das der Fall gewesen, er hätte doch sofort kehrt gemacht, wäre nach der entgegengesetzten Richtung geflohen!
So aber rannte er gerade auf die Sängerin zu, und diese, die erkannt hatte, dass der Mann keine Waffe führte, und die wohl meinte, er fliehe vor O'Donnell, breitete die Arme aus, duckte sich etwas und — packte den Menschen.
Ein furchtbar gellender Schrei höchsten Schreckens entrang sich dem Araber noch, dann konnte die Olinda ihn zu Boden gleiten lassen.
Vor Entsetzen war er bewusstlos geworden!
Da war auch O'Donnell schon heran.
»Was ist mit diesem Manne?«, fragte sie.
»Ja, haben Sie denn nichts gemerkt, Miss Olinda?«, fragte O'Donnell. »Oder wie erklären Sie sich, dass er nicht vor Ihnen umgekehrt, wenigstens ausgewichen ist?«
»Er hat eben erkannt, dass er mir nicht zu entrinnen vermochte.«
O'Donnell klärte sie nicht auf, indem er ihr sein eigenes Erlebnis erzählte. »Sie irren«, sagte er nur. »Sie werden es erkennen, sobald dieser Mann wieder zu sich kommt. Wir wollen etwas zurücktreten, vor allem aber uns ganz still verhalten.«
Die Olinda fragte nicht erst lange, schaute ihren Gefährten nur an, wollte dann aber gleich hinter eine Felsenecke zurückweichen.
»Nein, das ist nicht nötig!«, wehrte O'Donnell ab. »Wir dürfen hierbleiben, nur dem Manne nicht so nahe, dass — wir ihm geradezu im Wege stehen.«
Fast hätte er gesagt: dass er uns nicht gleich sieht!
Er zog die Olinda also bis zu dem Felsen zurück, und dort warteten sie nun schweigend, was sich weiter ereignen würde.
Ihre Geduld wurde auf keine harte Probe gestellt.
Der Araber begann sich bald zu regen, musste aber schon vorher die Augen offen gehabt haben, wenigstens wieder halb bei Bewusstsein gewesen sein. Er hatte sich nur noch nicht zu rühren gewagt, hatte nicht vergessen, was ihm hier geschehen war, und nun fürchtete er wahrscheinlich ein neues schreckliches Erlebnis —
Ganz langsam richtete er sich so weit empor, dass er saß, beide Hände auf den Boden stemmend, als wolle er sich beim ersten Anzeichen einer Gefahr sofort empor schnellen.
Dabei spähte er scheu nach allen Seiten.
Er schaute auch dorthin, wo die Olinda neben O'Donnell an der Felswand stand, aber er achtete auf die beiden überhaupt nicht, guckte wieder anderwärts hin, und da war freilich erklärlich, dass die Künstlerin krampfhaft den Arm des Detektivs umklammerte, dass sie schon den Mund zu einer Frage öffnete, diese aber unterdrückte, als er warnend den einen Zeigefinger auf seine Lippen legte.
Mit umso größeren Augen beobachtete sie nun das Tun des Mannes.
Dieser aber schien sich überzeugt zu haben, dass niemand in der Nähe war, dass ihm keine Gefahr drohte.
Das Gespannte in seiner Haltung löste sich etwas, er strich sich den Bart, stemmte den rechten Arm auf das rechte Knie und nun den Kopf in die rechte Hand — er dachte nach — und er sprach auch aus, was er dachte:
»Inschallah, bin ich erschrocken! Mich hat es ja gleich hingehauen! Aber was war es denn nun eigentlich? Richtig! Erst hörte ich eine Stimme, die Frankistani sprach. Ich sah niemand, ich riss aus, ich rannte hierher — —
Ah — und hier — hier packte mich etwas, ich spürte die haltenden Arme um meinen Leib — Allah, dann ist das wirklich Avitschi gewesen, an den ich immer nicht habe glauben wollen — dann ist er vielleicht noch hier —«
Von Neuem blickte der Mann sich in scheuer Furcht um, duckte sich und sprang dann auf, um wahrscheinlich schnellstens sein Leben in Sicherheit zu bringen —
In fassungslosem Staunen hatte die Olinda das mit angesehen, hatte die arabischen Worte auch verstanden — und auch ihr kam zunächst der Gedanke, dass dieser Araber blind sein müsste. Aber sie sah ja, wie er seine Augen umhergehen ließ, was kein Blinder tut —
»Er sieht uns nicht, obwohl wir dicht bei ihm stehen!«, sagte sie sich.
Fragend schaute sie auf ihren Gefährten, der selbst staunend den Vorgang beobachtete, wenngleich nicht so fassungslos wie die Olinda —
Jetzt nickte er ihr zu.
Der Araber war hinter dem Felsen verschwunden, sie hörten nur noch das eilige Klappen seiner Sandalen.
»Was war das?«, fragte nun die Olinda. »Der Mann hockte vor uns und sah uns nicht, er hat auch mich nicht gesehen, als er vorhin auf mich zukam, und als ich ihn packte, weil ich dachte, Sie verfolgten ihn, da erschrak er so furchtbar, dass er gleich ohnmächtig niederbrach —
Ah, und jetzt entsinne ich mich oder es kommt mir eigentlich erst jetzt zum Bewusstsein — er ächzte ›Avitschi!‹ — er dachte also, dieser böse Geist hätte ihn beim Kragen, und er kennt diesen Avitschi —«
Sie wollte noch hinzusetzen, dass das doch eigentlich ebenfalls sonderbar sei, denn sie waren ja noch in Afrika, in der Wüste Sahara, und da kennt man wohl auch einen Teufel, aber da heißt er Scheitan —
Sie kam nicht dazu, O'Donnell sprach nicht aus, was er selbst dachte —
»Wir wollen ihm nach!«, rief er. »Wenn Sie sich noch kräftig genug dazu fühlen«, setzte er freilich gleich hinzu.
Die Olinda gab ihm die Antwort, indem sie schon hinter dem Verschwundenen herlief, und da blieb natürlich auch der Detektiv nicht zurück. Die beiden jagten hinter dem Araber her.
»Leise! Er darf uns nicht hören, nicht gewahr werden, dass wir hinter ihm sind!«, mahnte er noch.
Sie hatten Glück.
Der ausgestandene Schrecken und der eilige Lauf bergan hatten den Araber derart angestrengt, dass er nach kurzer Zeit schon eine ruhige Gangart anschlagen musste, langsamer und langsamer ging, bis er endlich stehen blieb und sich mit der rechten Faust vor die Stirn schlug.
»Jetzt habe ich den Ledersack liegen lassen!«, murmelte er bestürzt. »Nun kann ich noch einmal hinunter, denn ohne den Sack darf ich nicht kommen — ich Esel! O, ich Esel!«
Die beiden, die schon dicht hinter ihm waren, hörten seine Klage, aber wieder gewahrten sie, dass der Mann sie nicht sah.
Es war ganz eigentümlich.
Er stand keine fünf Schritte vor ihnen, hatte sich ihnen zugewendet, weil er doch noch einmal hinunter wollte, sah auf die beiden und — sah sie doch nicht!
O'Donnell aber machte sich nun einen Spaß.
Er hatte den leeren Sack liegen sehen, hatte ihn aufgehoben und mitgenommen, ohne einen Grund dafür zu wissen.
Nun aber schleuderte er ihn nach dem Araber, stieß dabei ein raues Gelächter aus und schrie — natürlich auf Arabisch:
»Hier hast Du Deinen Sack! Aber nun mache, dass Du fortkommst! Und hüte Dich ja, etwas von Deinem Erlebnis zu erzählen! Tust Du es, so ist es Dein Tod!«
Beinahe wäre der Ärmste vor Schreck wieder zusammengebrochen.
An allen Gliedern schlotternd vor Angst stand der Araber da.
Aber den Befehl Avitschis musste er ausführen.
Er bückte sich, raffte den Sack auf und rannte davon, jetzt sich keine Rast mehr gönnend, nicht ein einziges Mal zurückschauend.
Und dicht hinter ihm waren die beiden Verfolger, auf den Fußspitzen laufend, dass er sie nicht höre —
So kamen sie auf die Höhe des Felsens, sahen, dass sich hier eine Hochebene ausbreitete, ganz kahl, auch nicht mit Steinblöcken besät —
Der Araber rannte darüber hinweg bis zu einer Stelle, wo ein anderer Fels noch einige Meter emporragte, machte vor diesem Halt, hob eine Hand und tastete an dem Gestein herum, als suche er nach einer Klinke oder eher noch nach einem geheimen Mechanismus —
Aber seine Hand zitterte so sehr, dass er sein Vorhaben nicht zustande brachte, und da besann er sich —
»Ich muss warten, bis ich ruhig geworden bin«, hörten die beiden ihn murmeln. »Wenn sie etwas merken, fragen sie mich, und ich darf ihnen doch nichts sagen — oder dieser schreckliche Avitschi bringt mich um — —
Ach nein, dieser herrliche Avitschi, wollte ich sagen, dieser erhabene Geist, den wir ja alle in Ehrfurcht anbeten, dem wir dienen und Opfer bringen —«
Die beiden hinter ihm hörten auch das und sahen einander lächelnd an, sprachen aber noch nichts, sondern warteten, bis der arme Kerl sich beruhigt hatte, sahen, wie er nach einer bestimmten Stelle am Gestein griff, wie sich dieses auftat —
Ein Höhleneingang öffnete sich.
Der Araber schlüpfte hinein.
Und unmittelbar nach ihm die beiden — die Olinda und O'Donnell.
Nicht eine Sekunde hatten sie gezögert.
Hinter ihnen schloss sich die Geheimtür selbsttätig; der Araber hatte sich gar nicht um sie gekümmert, war ruhig weitergegangen.
»Ruhig, nur ruhig, Sidi!«, hörten sie ihn noch einmal murmeln, immer dicht hinter ihm.
Der Gang verlief eben, bis eine Treppe kam, die deutlich zu erkennen war, denn aus der Tiefe, in welche sie führte, kam ein Lichtschein herauf, schwach, aber ausreichend, um die Stufen genügend zu beleuchten.
Der Araber stieg sie hinunter.
Die Olinda wollte ihm sogleich nach, doch O'Donnell hielt sie jetzt zurück.
»Einen Augenblick«, sagte er fast lautlos. »Sie sind sich klar über das neue Wunder, das hier vorliegt, Miss Olinda?«
»Sie meinen, dass wir für diesen Mann unsichtbar sind?«
»Ja, das meine ich. Es unterliegt für mich auch nicht dem geringsten Zweifel, dass er weder mich noch Sie erblickt hat. Wie das möglich ist, kann ich selbstverständlich nicht sagen, wir werden es schon noch erfahren. Ich nehme an, dass die Todas das bewirkt haben —«
»Aber von denen haben wir doch auch nur geträumt!«, wendete sie ein.
»Gut! Mag es ein Traum gewesen sein«, erwiderte er. »Jedenfalls müssen wir jetzt annehmen, dieser Traum sei noch nicht zu Ende, und das ist wohl auch der Fall, denn nur in einem Traume können wir ja unsichtbar werden — außerdem wissen wir aber ja gar nicht, wann wir eigentlich träumen. Wir nehmen nur immer an, das käme bloß in der Nacht vor, wenigstens immer nur im Schlafe und sonst in Fieberzuständen.
Also, wir sind unsichtbar für diesen einen Menschen. Ob andere uns sehen können, wissen wir nicht, müssen es erst feststellen; aber eins wissen wir: dass wir uns hüten müssen in einen Lichtschein zu geraten! Auch wenn wir unsichtbar sein sollten, so wäre doch nicht ausgeschlossen, dass wir einen Schatten werfen, und dann waren wir ja verraten —
Verstehen Sie mich?«
»Ja, ich verstehe Sie vollkommen«, erwiderte die Olinda. »Auch das, was Sie von dem Träumen sagten. Ich habe mir selbst schon oft Gedanken darüber gemacht. Jedenfalls müssen wir noch einmal davon sprechen.«
»Später! Jetzt wollen wir vorsichtig hinunter. Dort unten scheinen noch andere Menschen zu sein —«
Sie stiegen die Stufen hinab, jedes Geräusch vermeidend, und die Treppe war breit genug, dass sie nebeneinander gehen konnten.
Ihnen war ganz sonderbar zumute; sie wussten wirklich nicht, ob sie auch jetzt wieder träumten oder alles in Wirklichkeit erlebten, und da erging es ihnen eben nicht besser, als es auch sonst vielen Menschen ergeht.
Man hat ein Wort geprägt: Das Leben ist ein Traum.
Für gewöhnlich denkt man sich nichts dabei, aber man sollte doch ernstlich darüber nachdenken, es würde sich lohnen.
Wir wissen ja überhaupt noch nicht, was ein Traum an sich ist, sagen, dass unser Verstand auch im Schlafe weiterarbeitet, dann aber selbstständig, und unsere Vorfahren glaubten sogar, dass die Seele während des Schlafes den Körper verlassen könnte. Das tat sie immer in Gestalt eines grauen Mäuschens, und wer ein solches tötete, der brachte gleichzeitig natürlich den betreffenden Menschen um, in dessen Leib also die erschlagene Seele nicht zurückkehren konnte.
Nun ist aber noch etwas anderes dabei.
Da ist ein alter Mann, ein Holzarbeiter, der tagsüber in harter Arbeit sein armseliges bisschen Brot verdient, kaum das — oft muss er Not leiden — und doch ist er der zufriedenste Mensch der Erde.
Alle Nächte, wenn er sich müde und zerschlagen auf seinem harten Lager ausstreckt, träumt er dasselbe. Da ist er ein reicher Mann, hat alles, was sein Herz begehrt, Pferde, Wagen, Diener, Geld in Hülle und Fülle, und wohnt in einem herrlichen Hause.
Früh geht er wieder an seine Arbeit.
Wenn man nun diesen Mann fragen wollte, welches Leben denn sein richtiges sei, das als Holzarbeiter oder das als Krösus — was würde er antworten?
Und wenn er sagte: Im Traume lebe ich, tagsüber aber träume ich?
Und hat er da nicht recht?
Wer sagt uns denn, dass unser sogenanntes Traumleben nicht unser wahres Leben ist, dagegen das, was wir für die Wirklichkeit halten, eben nur ein Traum?
Was wissen wir armen, blinden Menschen denn von dem geheimen Leben unserer Seele?
Gar nichts! Wir kennen ja noch nicht einmal unseren eigenen Körper!
Aber wir wissen wenigstens, dass wir Träume erzeugen können! Ja, das können wir!
Wenn jemand tief schläft und ein Wachender lässt Wasser tropfenweise in sein Gesicht fallen, dann wird er nach dem Erwachen erzählen, er hätte von einem furchtbaren Regenguss geträumt, und wenn man den Schläfer an Veilchen riechen lässt, dann hat er doch gleich im Frühling welche hinter der Hecke gesucht, und wenn er Rauch atmet, dann träumt er von einer Feuersbrunst — man kann da mit leichter Mühe jeden gewünschten Traum erzeugen.
Der berühmte Hypnotiseur Hansen setzte sich als Schüler oft nachts an das Bett eines schlafenden Mitschülers, legte ihm eine Hand auf die Stirn und dachte dabei allerlei, an seine Heimat, an ein Erlebnis, das nur ihm bekannt war — und morgens erzählte der Betreffende immer genau das, was Hansen gedacht hatte — als Traum hatte er es erlebt!
Das also hatte O'Donnell angedeutet, und seine Gefährtin hatte ihn verstanden. Das aber war bei diesen beiden ohne Weiteres verständlich, denn sie kamen aus Amerika, und dort hatte, gerade, ehe sie zu ihrer Expedition aufbrachen, ein Mensch von sich reden gemacht, der sich als »Traumdoktor« bezeichnete und ungeheuren Zulauf hatte.
Dieser Mann rühmte sich, alle Seelenleiden seiner Patienten durch Träume heilen zu können, und Tausende bezeugten, dass er das wirklich vermochte.
Es soll hier weiter nicht davon geredet werden; diese Abschweifung war nur notwendig, um zu zeigen, wie O'Donnell und die Olinda das auffassten, was sie nun erlebten.
Sie nahmen also an, sie träumten!
Deshalb suchten sie auch gar nicht nach einer Erklärung für das Wunder, dass der Araber sie nicht gesehen hatte, dass sie also anscheinend unsichtbar waren!
Deshalb wunderten sie sich nicht über das, was sie nun weiter erlebten!
Sie stiegen die Treppe hinunter, der Detektiv freilich mit dem Revolver in der rechten Hand.
Schon nach kurzer Zeit hörten sie die Stimmen ganz deutlich, und sie verstanden Arabisch wie ihre Muttersprache, auch in seinen Dialekten —
Der Araber, der sich Sidi genannt hatte, war zu seinen Kameraden zurückgekommen, die ihm nichts von den sonderbaren Erlebnissen anzumerken schienen, die ihn aber nach dem fragten, was sie interessierte.
»Hat Tavamatschli das Opfer genommen?«
»Ist er gleich herausgekommen, als Du pfiffst?«
»Hat er es im Freien verzehrt oder es mit in seine Höhle genommen?«
Diese und noch andere, aber immer ähnliche Fragen erschollen, und Sidi gab Bescheid.
Tavamatschli, also wahrscheinlich die Riesenschlange, habe das Opfer gleich ergriffen und es zu sich in die Höhle gezogen.
»Und sonst ist nichts geschehen?«, fragte dann einer.
»Nein«, erwiderte Sidi, und die beiden Lauscher hörten gleich an der Art, wie er dieses Nein hervorstieß, dass der Mann nun doch am liebsten gesprochen hätte.
»Aber Du siehst verstört aus, Sidi!«
»I wo! Ich bin nur schnell gelaufen, und das strengt mich immer an. Ich bin doch nicht mehr der Jüngste, und nächstens werde ich bitten, dass ein anderer für mich den Weg macht!«
»Das kannst Du ja versuchen, nur rate ich Dir nicht dazu. Der Meister bestimmt, was wir zu tun haben, und da gibt es keinen Widerspruch.
Übrigens musst Du Dich beeilen, dass Du ihm Bericht erstattest«, fuhr der unsichtbare Sprecher fort. »Du weißt, das Fest soll stattfinden —«
»Ja, ja, ich will eilen«, stieß Sidi ängstlich hervor.
O'Donnell und die Olinda hatten jedes Wort gehört.
Sie standen nur noch einige Stufen über dem höhlenartigen Raume, in dem diese Unterredung stattfand und konnten ihn ganz übersehen.
Etwa ein Dutzend Männer befand sich darin, die meisten wie Sidi gekleidet, also recht ärmlich, alles offenbar echte Araber, und bei keinem gewahrten die beiden eine Waffe außer dem im Gürtel steckenden Dolche.
Sie sahen auch Sidi und beobachteten, wie er nun nach dem Hintergrunde der Höhle ging, wo sich ein neuer Gang zeigte.
»Wir folgen ihm!«, raunte O'Donnell seiner Gefährtin zu.
»Aber wenn die anderen uns sehen?«
»Wir müssen es darauf ankommen lassen!«
»Gut! Ich bin dabei!«
Ohne noch zu zögern, stiegen die beiden die letztem Stufen hinunter, in höchster Spannung natürlich, was nun geschehen würde.
Jetzt standen sie in der Höhle.
Die Araber hätten sie sehen müssen.
Es war nicht der Fall.
Niemand gewahrte die Fremdlinge, keiner der Männer kümmerte sich um sie.
Es war also erwiesen, dass sie unsichtbar für diese Menschen waren, und hätten sie es noch nicht geglaubt, so erhielten sie die Gewissheit, als sie nun mitten zwischen ihnen hindurchgingen, nur bemüht, an keinen anzustoßen.
Und sie gewahrten noch etwas anderes, was sie erst recht beruhigte.
In der Mitte der Höhle brannte ein Feuer, nicht besonders hell, da es nur mit Kamelmist genährt wurde, dem einzigen Brennstoff, den es in der Wüste gibt. Aber als sich die beiden einmal zwischen diesem Feuer und der Felswand befanden, hätten sie doch ebenso wie die auf dem Boden sitzenden Männer einen Schatten auf diese Wand werfen müssen.
Sie schauten nur deswegen hinüber —
Doch kein Schatten außer den bereits vorhandenen zeichnete sich ab.
Und dann tauchten sie in dem neuen Gang unter, beeilten sich etwas, um den vorausgegangenen Sidi einzuholen, waren bald unmittelbar hinter ihm, sahen, dass sich verschiedene andere Gänge abzweigten, an denen er vorüberschritt, bis er in einen einbog, und immer blieben sie ihm auf den Fersen, immer aber beobachtete O'Donnell scharf, ob die Gänge mit Merkzeichen versehen seien — falls sie doch flüchten mussten, konnte ihr Leben davon abhangen, dass sie den Rückweg schnellstens fanden — er konnte nichts entdecken, die Gänge ähnelten einander, dass sie nicht zu unterscheiden waren.
Das einzige Hilfsmittel war, dass er sie zählte, und das tat er denn auch.
Der Gang, in welchen Sidi einbog, war der neunte auf der rechten Seite.
Sprechen konnten die beiden nicht miteinander, so gern sie es getan hätten; sie durften sich eben nicht verraten, und als sie nun hinter Sidi hergingen, kamen sie nach Kurzem an eine versperrte Tür, die aus irgendeinem hell schimmernden Metall bestand.
Und vor ihr stand ein Wächter, ein krummes, blankes Schwert in der rechten Hand, den Leib bis zu den Knien in einem eisernen oder stählernen Schuppenhemd, auf dem Kopfe eine ebensolche Sturzhaube, also eine Art Topfhelm —
Es war ein echter Neger, ein riesenhafter Kerl mit strotzenden Muskeln und überaus hässlichem Gesicht.
»Nun, Sidi«, sagte er jetzt, »Du kommst recht spät.«
»Hat der Meister schon nach mir gerufen?«, fragte der Araber ängstlich und atmete auf, als der Neger verneinte.
»Aber beeile Dich! Wenn er zürnt, geht es Dir schlecht. Hoffentlich bringst Du wenigstens jetzt die langersehnte Nachricht?«
»Leider nicht, Buru. Tavamatschli hat das Opfer angenommen.«
»O, das ist schlimm! Nun müssen wir abermals warten!«
Während der Neger das sagte, öffnete er die Tür, zur Seite tretend, dass der Araber an ihm vorbei konnte.
Und mit diesem zugleich schlüpften die Olinda und O'Donnell an ihm vorbei.
Es war ein Stückchen, das nur diesen beiden gelingen konnte, ohne dass sie den Wächter anstießen und so stutzig machten.
Aber es glückte, und lachend sahen sie einander an, jetzt schon ganz übermütig, nicht im Entferntesten an eine Gefahr denkend, die ihnen drohen könnte.
Sie standen wieder in einem Gange, der aber in nichts mehr an eine Unterwelt erinnerte.
Die Olinda hielt ihren Begleiter zurück. Es war eine fast unwillkürliche Bewegung, mit der sie seinen linken Arm mit ihrer rechten Hand umspannte.
Sofort wendete er sich ihr zu, schaute sie besorgt an.
Ja, wie wollte sie sich ihm verständlich machen, da sie nicht reden durfte und die Sprache der Augen nicht ausreichte?
Sie versuchte es, zog die Brauen hoch, deutete mit der Hand nach den Wänden, nach der Decke, nach dem Fußboden und formte endlich auch mit den Lippen ein Wort, ohne jedoch einen Laut hören zu lassen.
O'Donnell verstand sie sofort.
Zum Zeichen dessen formten auch seine Lippen das Wort.
»Alhambra!«
Da nickte die Sängerin hastig; ihre Augen leuchteten, ihre Sehnsucht sollte also doch noch erfüllt werden: Sie sollte die Alhambra sehen. Loke Klingsor hatte es ihr durch einen Diener versprechen lassen, hatte aber dieses Versprechen nicht gehalten. Nun stand sie doch in der Maurenburg — in einer Nachbildung natürlich, da die eigentliche Alhambra ja eine Ruine war, wenngleich sehr gut erhalten, und außerdem erhob sie sich ja jenseits des Meeres, in Spanien, in der Provinz Granada.
Der Irrtum, dem die Olinda verfiel, war verzeihlich. Sie hatte noch kein Maurenschloss betreten, wusste nicht, welche Pracht auch jetzt noch in solchen Bauten arabischer Künstler entwickelt wird, hatte nur von der wunderbar schönen Alhambra gehört, und nun dachte sie eben, sie sei in dieser —
In der Tat standen sie in einem Gange, der sie beide durch seine Marmorpracht fast blendete. Das harte Gestein war derart kunstvoll bearbeitet, dass der Beschauer zweifelhaft werden musste, was er eigentlich vor sich hatte, und dass er sicher annahm, der Zwischenraum dort zwischen den beiden Fenstersäulen sei durch ein reizendes, zartes Spitzengewebe ausgefüllt, obgleich es in Wirklichkeit eben mit dem Meißel bearbeiteter Marmor war.
Ja, alles bestand aus den kostbarsten Arten dieses Gesteins, und immer war es durch Meisterhand so bearbeitet, dass man seine Schwere vergaß.
O'Donnell, der schon mehrfach solche Prachtbauten betreten hatte, wunderte sich nicht so darüber wie seine Begleiterin, welche die Blicke gar nicht abwenden konnte von all der Pracht — er konnte ihr aber auch kein Verweilen gestatten, sie mussten weiter —
Und die Olinda fügte sich.
So schritten sie wieder hinter Sidi her, dessen Gang immer langsamer und zögernder wurde, je weiter er sich dem Ende näherte, das deutlich durch eine blendende Lichtfülle angekündet ward.
Jedenfalls war es ein großer Saal, das sahen die beiden Wagehälse schon — und jedes dachte bei sich: »Was werde ich da zu sehen bekommen?!«
Zunächst aber sollten sie erst noch einen großem Schrecken erleben.
Auch vor diesem Eingange war eine Wache aufgestellt, sie bestand aber hier aus zwei schlanken Raubkatzen, aus buntgefleckten Geparden, und diese Bestien trugen natürlich keinen Maulkorb, waren nur mit dünnen Goldketten, die an breiten Halsbändern aus Gold endeten, an der Mauer befestigt.
Und diese Ketten ließen ihnen Freiheit genug, waren jede etwa zwei Meter lang.
Als Sidi sich ihnen nahte, duckten die beiden Katzen sich. Ihre grünfunkelnden Augen richteten sich gierig auf den Mann.
Im nächsten Augenblick mussten sie beide über ihn herfallen.
Sie sprangen nicht!
Allem Anscheine nach wurden sie vom Innern des Saales aus überwacht, vielleicht von einem dort noch aufgestellten menschlichen Wächter.
Ein halblauter Ruf erscholl. Knurrend und fauchend wichen sie zur Seite.
Sidi schritt unbehelligt zwischen ihnen hindurch und entschwand alsbald den Blicken der beiden ihm Nachschauenden.
Dann aber guckten die beiden einander an, und auf einmal lachten sie — lautlos aber herzlich.
So fassten sie diese Sache auf, die doch geeignet war, auch einem starken unerschrockenen Manne das Herz ein Stockwerk tiefer fallen zu lassen.
O'Donnell besann sich rasch.
Er zog seine Gefährtin so weit in dem Gange zurück, dass sie sich flüsternd miteinander besprechen konnten, ohne befürchten zu müssen, dass sie in dem Saale da vorn gehört wurden.
»Jetzt sitzen wir fest«, raunte er ihr zu. »An menschlichen Wächtern kommen wir vorbei, das haben wir erprobt, aber an diesen beiden Katzen nicht. Wir müssen ja daran glauben, dass wir für Menschenaugen unsichtbar geworden sind, doch wenn auch diese Tiere uns nicht sehen, so riechen sie uns, und selbst wenn sie uns nicht anspringen, so werden sie doch durch ihr auffälliges Betragen Verdacht erregen —«
»Und wenn das der Fall ist?«, entgegnete die Olinda.
»Sie meinen, man würde uns trotzdem nicht entdecken können? Das dürfte ein Irrtum sein, dem wir uns nicht hingeben dürfen«, versetzte O'Donnell. »Die Menschen würden uns ja immer noch nicht sehen, aber sie brauchten doch bloß diese beiden Geparden zu lösen, und sie würden sich sofort auf unsere Spur setzen, würden immer verraten, wo wir uns befinden.«
»Sie haben recht, Tiere lassen sich nicht täuschen, ihre Sinne sind schärfer als die der Menschen«, gab die Olinda zu.
»Was fangen wir denn da nun an?«, fuhr sie fort. »Sollen wir untätig hier warten, bis Sidi zurückkommt? Sicher könnten wir doch dort im Saale allerhand erlauschen —«
»Jawohl, das denke ich auch, aber es ist eben unmöglich. Die Herrschaften dort drin scheinen ihre besonderen schlimmen Erfahrungen schon gemacht zu haben; sie trauen einem menschlichen Wärter allein nicht, haben die Geparden an dem Eingang befestigt.
Ja, und was Sie da noch sagten: dass wir warten müssten, bis Sidi zurückkommt — das ist auch so eine Geschichte. Wer sagt uns denn, dass der Mann nicht in dem Saale bleibt oder ihn durch einen anderen Ausgang verlässt? Da könnten wir hier warten, bis wir grau werden.«
»Es dürfte nur kurze Zeit dauern«, erwiderte die Olinda, »dann bräche ich zusammen. Ich muss gestehen, dass nur die Aufregung infolge der verschiedenen Abenteuer mich meinen Durst hat vergessen lassen. Jetzt aber meldet er sich mit verstärkter Gewalt — und Hunger habe ich auch!«
»Da geht es Ihnen genau wie mir«, gestand O'Donnell. »Es hat doch gar keinen Zweck, das zu leugnen. Immerhin, dieses gegenseitige Bekenntnis hilft uns nichts, stillt weder unseren Hunger noch löscht es unseren Durst —«
Auch er schien keinen Rat zu wissen.
Und dabei brannten sie doch beide vor Verlangen, zu erfahren, was dort in dem Saale vor sich ging, wer sich dort befand, was Sidi meldete —
Sie bewegten sich wieder nach vorn, immer die beiden Geparden beobachtend, und hatten sie noch eine wenn auch schwache Hoffnung gehabt, dass die Tiere sie doch nicht spüren würden, so sahen sie diese jetzt getäuscht.
Die Bestien hatten tatsächlich schon gewittert, dass sich noch Menschen in dem Gange befanden, das verrieten sie durch ihr Benehmen, und da war doch zu erwarten, dass man im Saale auf sie aufmerksam wurde und nachforschte.
Die Gefahr stieg mit jeder Sekunde.
Die beiden mussten sich sobald wie nur irgend möglich schlüssig werden, was sie tun sollten.
Aber welche Möglichkeiten lagen denn für sie vor?
Sie konnten nicht vorwärts wegen der Geparden, sie konnten aber auch nicht rückwärts, denn an der Tür draußen stand der gewappnete Wächter, und wenn er auch auf ihr Klopfen die Tür öffnen würde, so musste er doch sofort Verdacht schöpfen, wenn er niemand erblickte.
Dann konnten sie allerdings noch flüchten, mit der Verwirrung rechnend, aber sie mussten auch in Erwägung ziehen, dass auf den Alarmruf des Wächters sofort die Araber aus der vorderen Höhle herbeieilen und durch ihre Masse den engen Gang ganz ausfüllen würden.
Dann mussten sie an die beiden Unsichtbaren prallen —
Und was dann geschehen würde, geschehen musste, das war eben nicht abzusehen!
Die einzige Möglichkeit blieb dann, dass sie sich vielleicht in einen der Nebengänge retten und sich darin so lange verstecken konnten, bis die Gefahr vorbei war.
Da aber vernahmen sie aus dem Saale einen zornigen Ruf.
Sofort vergaßen sie alles andere.
»Was sagst Du da, Du Schuft? Du hättest einen unsichtbaren Frankistani reden hören?«
Und diese Stimme kannten die beiden, wussten sofort, dass sie sie schon gehört hatten, und auch aus wessen Munde.
Das war Abdel Dschelil, den sie allerdings nur der Person nach kannten, nicht dem Namen nach, von dem sie aber genug gesehen und gehört hatten, um zu wissen, dass er ein ganz ausgekochter Schuft war.
Noch einmal schauten sie sich an.
»Wagen wir es?«, fragten ihre Blicke.
Und noch einmal zog O'Donnell seine Begleiterin ein Stück zurück.
»Mir ist ein Gedanke gekommen, ein Plan, wie wir doch in den Saal gelangen können!«, flüsterte er. »Ich weiß allerdings nicht, ob ich Ihnen so etwas zumuten darf.«
Vielleicht hätte er besser ein anderes Wort für dieses »zumuten« gebraucht und lieber gesagt »zutrauen« — denn darum handelte sich's. Was wusste er, ob diese Künstlerin, die allerdings ihren Mut und ihre Gewandtheit schon wiederholt bewiesen hatte, imstande war, das aufzuführen, was hier geschehen musste?
»Wie ist Ihr Plan?«, fragte die Olinda sofort.
»Ich will im Sprunge über die beiden Geparden hinwegsetzen!«, sagte er.
»Das ist gescheit! Das machen wir!«, rief sofort die Sängerin.
»Sie werden es können?«
»Ja, ich werde es können!«
Da fragte er nicht erst noch lange. Aus dem Klange ihrer Stimme hörte er genug.
»Sie sehen mich ja«, sagte er nur noch. »Sobald Sie also wahrnehmen, dass mir der Sprung geglückt ist, folgen Sie mir! Wir müssen es eben darauf ankommen lassen —«
Die Olinda nickte schweigend, duckte sich aber dabei schon, alle Muskeln spannend, ihre Augen brannten —
Da kehrten sie um, schritten ganz leise bis vielleicht auf zwei Meter an die Geparden heran, sahen, dass diese sich ihrerseits knurrend zum Sprunge bereithielten, also die Menschen gewittert hatten — doch da gab es nun kein Bedenken mehr —
O'Donnell sprang — Er kam auch über die beiden Raubkatzen hinweg.
Aber da zeigte sich wieder etwas ganz Neues, Überraschendes!
Die Geparden sprangen nicht nach dem auch für sie unsichtbaren Menschen, sondern auf einmal streckten sie sich lang auf dem Boden hin und stießen ein seltsames wimmerndes Geräusch aus.
Und da zögerte die Olinda nicht eine Sekunde, sprang ebenfalls über die Tiere hinweg und stand im nächsten Moment neben ihrem Gefährten, der ihr sogar beide Arme entgegenstreckte, sie hielt und sie dann gleich zur Seite riss.
Es war höchste Zeit gewesen!
Was in dem Saale vorgegangen war, konnten sie jetzt nicht erraten; sie hatten auch nichts weiter gehört. Wenn noch etwas gesprochen worden war, so war ihnen das infolge der ungeheuren Aufregung nicht zum Bewusstsein gekommen —
Jetzt aber sahen sie, dass sich in dem Saale sehr viele Menschen befanden, alle glänzend nach arabischer Art gewandet, dass auch ein Thron aufgestellt war und auf diesem ihr Bekannter saß, eben jener Abdel Dschelil, neben sich wieder den anderen Bekannten, den Abdel Hamid —
Sie sahen aber auch ihren alten Freund Sidi und — dass dieser anscheinend hatte flüchten wollen, dem Saalausgange zu.
Und das war ihr Glück, das rettete sie selbst.
Sidi war den beiden Geparden schon ganz nahe gekommen, und dass diese sich da wimmernd vor Gier zum Sprunge duckten, das schien ganz selbstverständlich — wenigsten schöpfte keiner der Männer irgendwelchen Verdacht —
Die beiden wussten, dass ihre Anwesenheit nicht entdeckt war, und so zogen sie sich bis an die eine Wand des Saales zurück, die wohl ebenfalls aus Marmor bestand, doch dieser war hier nicht sichtbar.
Wie auf allen anderen Seiten waren auch hier dicke Teppiche aufgehangen, ungemein kostbare Stücke von prachtvollster Arbeit, wie man sie eben nur in solchen arabischen Palästen finden kann.
Sie sahen, dass Sidi also der Tür zulief, dass die Mehrzahl der vornehm gekleideten Anwesenden ihm nacheilte —
Kurz vor dem Ausgang holten sie ihn ein und schleppten ihn vor den Thron zurück.
Der arme Mensch zitterte am ganzen Leibe, warf sich nun der Länge nach zu Boden und presste sein Gesicht auf den Marmor, der hier vor dem Throne freilag.
Auf diesem also saß Abdel Dschelil, und neben ihm stand sein Freund Abdel Hamid.
Während dieser Letztere aber vollkommen ruhig schien, blitzten die dunklen Augen Dschelils furchterweckend. Die Art, wie seine eine Hand den schwarzblauen Bart strich, bewies noch mehr seine Aufregung.
»Wiederhole Deine Worte!«, gebot nun Abdel Dschelil, nachdem die anderen Anwesenden sich wieder im Kreise um den Thron gestellt hatten, wahrscheinlich anders als vorher, denn sonst hätte Sidi eben nicht so leicht nach der Tür laufen können.
Jetzt also wollten sie sein neues Entkommen hindern.
Die beiden an der Wand sahen den Araber nicht mehr, er ward durch die Gestalten der Männer ihren Blicken entzogen, aber sie hörten seine zitternde Stimme. Er sprach:
»Erhabener Meister, ich kann nichts anderes aussagen. Als ich das Tal Tavamatschlis betrat, hörte ich die Stimme eines Unsichtbaren, der einige Worte auf Frankistani rief —«
»Das war, nachdem Tavamatschli das Opfer angenommen hatte?«, fragte Abdel Dschelil.
»Ja, Erhabener!«
»Und dann?«
»Ich floh in wildem Schrecken, wollte wieder die Felsengasse empor, versah mich aber, kam in die Nähe des Ausganges, wo die Felsen sich weiten, und dort — o, Erhabener — dort packten mich die Arme eines Unsichtbaren und hielten mich fest umschlungen — weiter weiß ich nichts!
Oder nur, dass, als ich wieder die Augen aufschlug, niemand mehr mich hielt, dass ich aufstehen und davoneilen konnte —«
»Und Du hast dieses Erlebnis sofort Deinen Gefährten mitgeteilt?«
»Nein, Erhabener, kein Wort ist davon über meine Lippen gekommen!«
»Said!«, gebot da Abdel Dschelil. »Begib Dich hinauf und frage! Frage geschickt! Du darfst Dich nicht verraten!«
»Ich weiß es, Meister!«
Der Araber verneigte sich und ging an den Geparden vorüber.
Schweigend erwartete man seine Rückkehr, die bald genug erfolgte.
»Sidi hat nicht geschwatzt!«, sagte er.
»Ali mag kommen!«, lautete der nächste Befehl.
Die Araber wichen zur Seite, dass eine Gasse vor dem Thron frei ward, Said lief abermals an die Tür, klatschte dort in die Hände.
Alsbald erschien ein Neger, der noch viel riesenhafter gebaut war als jener Wächter an der Tür draußen, ein von Muskeln strotzender schwarzer Herkules, was deshalb ohne Weiteres zu sehen war, da seine ganze Kleidung aus einem um die Hüften geschlungenen roten Seidentuche bestand.
Dieser Mensch, auf dessen kurzem Halse ein abstoßend hässlicher Kopf mit ganz niedriger Stirn und brutalen Zügen saß, neigte sich nun dreimal tief und schaute dann fragend auf seinen Gebieter.
Dieser deutete schweigend auf den noch immer demütig auf dem Boden liegenden Sidi.
Noch schien dieser nicht zu ahnen, was ihm drohte — oder vielleicht wusste er es sogar, war nur wie gelähmt vor Schrecken —
Die Sache ging sehr rasch vonstatten. Der Riese packte sein Opfer, das nur einen einzigen gellenden Schrei ausstieß.
O'Donnell hatte eben noch Zeit, die Olinda herumzudrehen, hielt ihr aber auch gleich noch mit beiden Händen die Augen zu —
Und sie ließ es geschehen, schreckensbleich — sie wusste, was nun dort geschah, zuckte entsetzt zusammen, als hinter ihr ein eigenartiger kurzer Ton laut ward, dann ein Poltern —
Als O'Donnell ihr gestattete, sich wieder umzudrehen, was er durch das Entfernen seiner Hände von ihren Augen zu erkennen gab, da gewahrte die Sängerin nichts mehr von dem Schrecklichen, was soeben in diesem Saale geschehen war.
Nicht einmal eine Blutlache war zu sehen.
Vermutlich war eilig ein starker Teppich über die Stelle gebreitet worden.
Sidi aber war verschwunden, und mit ihm der — Scharfrichter!
O'Donnell schlang sanft einen Arm um seine zitternde Gefährtin und schaute sie bittend, aber auch beruhigend an.
Sie nickte ihm zu, Tränen in den Augen, und er wusste, dass diese silbernen Tropfen dem armen Menschen galten, der hier ein so schreckliches Ende gefunden hatte.
Dann wurde die Aufmerksamkeit beider durch die weiteren Vorgänge im Saale gefesselt.
Abdel Dschelil lächelte grimmig.
»Jetzt weiß niemand mehr um dieses Erlebnis Sidis. Er wollte es auch mir verschweigen, er konnte es nicht — genug davon! Was meint Ihr, meine Freunde? Hat der Mensch geträumt? Oder was sonst liegt vor?«
Niemand antwortete sogleich. Die vornehmen Herren schienen recht beklommen zu sein. Jeder spürte wohl ein erklärliches Unbehagen im eigenen Halse — hier schienen solche rasche Hinrichtungen durchaus nichts Seltenes zu sein, das ging schon aus dem Umstande hervor, dass der Scharfrichter so schnell bei der Hand gewesen war, dass es nicht erst langer Weisungen bedurft hatte, ehe er sein schauriges Amt ausübte — und schließlich auch daraus, dass die Spuren dieser Hinrichtung so schnell verwischt worden waren.
Abdel Hamid erlöste die Zagenden, indem er selbst die Antwort übernahm. Er sagte:
»Klingsor!«
Und da ballte Abdel Dschelil schon in wild aufflammender Wut beide Hände.
»Ausgeschlossen!«, stieß er hervor. »Klingsor kann nicht hier sein! Du weißt, dass wir ihm eine Falle gestellt haben. Auf den Gelben Marder und auf den Steinfuchs können wir uns verlassen!«
»Sie sind Menschen!«, wandte Abdel Hamid ein.
Er allein durfte das wagen. Jeden anderen hätte der Zorn Abdel Dschelils vernichtet.
»Du zweifelst, Hamid?«, grollte dieser.
»Nicht an dem Willen der beiden, wohl aber an ihrem Können. Klingsor kann ihren Plan durchschaut und durchkreuzt haben.«
»Unmöglich! Wir wüssten es —«
Ganz erstaunt hatten O'Donnell und die Olinda diesem Wortwechsel gelauscht. Sie besannen sich ja ganz wohl darauf, dass Loke Klingsor fort gewollt hatte. Er war sicher auch gegangen, aber dort, wohin er ging, hatte Abdel Dschelil ihm eine Falle stellen lassen, und sie waren doch selber Zeuge jener Besprechung gewesen, wussten, dass der alte Trapper abgeschickt worden war —
Deshalb also hatte Klingsor ihnen nicht beistehen können?
Deshalb hatte jener böse Dämon Avitschi sie in die Irre führen können!
Und so sehr die Olinda noch vor Kurzem Loke Klingsor gezürnt hatte, so sehr, dass sie ihm sogar Rache schwor, so sehr war sie jetzt schon wieder geneigt, ihn zu entschuldigen.
Der Grund lag ganz offen zutage.
Diese Menschen hier waren, das erkannte sie ohne Weiteres, gewissenlose, grausame Schurken, und wenn sie die Feinde Klingsors waren, dann musste dieser eben gerade ihr Gegenstück sein, das, wofür sie ihn anfangs gehalten hatte: ein edler Mann!
Das dachte auch O'Donnell, der sich ja als Mann weit weniger von Gefühlsregungen beeinflussen ließ als die Künstlerin, die doch eben ein Weib blieb.
Jedenfalls erschraken sie beide von Neuem ganz gewaltig.
Sie standen also an der einen Wand des Saales und fühlten sich ganz sicher. Sie wussten, dass sie auch hier vollkommen unsichtbar waren.
Plötzlich aber vernahmen sie unmittelbar hinter sich hastende Schritte.
Sie konnten noch eben zur Seite weichen.
Der Teppich unter ihnen wurde zurückgerissen.
Nun erst merkten sie, dass sie vor einer verhüllten Tür gestanden hatten.
Und durch diese stürmte jetzt ein Mann, den sie auch bereits kannten —
Der Steinfuchs erschien!
Abdel Dschelil war ein Araber, alle anderen im Saale Weilenden waren Araber, bis auf Abdel Hamid, der aber trotz seiner französischen Abkunft eben doch auch zu ihnen gehörte, ganz einer der ihren geworden war —
Und die Araber sind in gewisser Beziehung die Indianer Afrikas, insofern nämlich, als sie ausgezeichnet die Kunst der Selbstbeherrschung verstehen und noch eine andere Kunst von Jugend auf üben: die der Schweigsamkeit.
Jetzt aber schienen sie diese beiden Künste ganz vergessen zu haben.
Abdel Dschelil sprang auf, alle anderen zeigten bestürzte Gesichter, als der Steinfuchs hereinstürzte —
Es war nach dem Vorangegangenen erklärlich.
O'Donnell aber und die Olinda brauchten sich ja keinen Zwang aufzuerlegen, auf sie achtete niemand — und auch sie waren aufs Äußerste durch das plötzliche Erscheinen des Trappers bestürzt.
Was hatte das zu bedeuten? Was hatte dieser Mann zu melden?
Gutes nicht!
Das war seinem verstörten Gesicht doch gleich anzusehen.
Nun stand er vor Abdel Dschelil, der ihn mit finsteren Blicken musterte.
Mühsam zwang der alte Trapper sich so weit zur Selbstbeherrschung, dass er sich tief verneigen konnte, aber er wartete nicht erst die Erlaubnis zum Sprechen ab.
»Verrat!«, stieß er keuchend hervor. »Schnöder Verrat! Der Marder ist — —«
»Schweig!«, herrschte Dschelil ihn an.
Und der Steinfuchs verstummte, erschrocken zusammenzuckend.
Erst jetzt schien ihm zum Bewusstsein zu kommen, was er getan hatte.
»Was hast Du zu melden? Sprich der Reihe nach!«, gebot nun Dschelil.
Der Steinfuchs besann sich eine Sekunde, er suchte seine Gedanken zu ordnen. Dann berichtete er, was sich dort drüben im MontanaGebirge abgespielt hatte.
Es ist bekannt, braucht hier nicht wiederholt zu werden, aber die Wirkung auf alle Hörer, auch auf die beiden unberufenen, war groß.
Sogar Abdel Dschelil erbleichte. Er musste geraume Zeit mit sich selbst ringen, ehe er die Sprache wiederfand.
Dann aber wetterleuchtete es in seinem Gesicht auf die unheimlichste Art.
»Elender!«, zischte er. »Und das wagst Du mir zu melden?«
»Ja, Meister — ich musste doch hereilen — ich will den Marder blutig rächen —«
»Du?«
Dieses eine kleine Wort klang so furchtbar verächtlich, dass der Trapper erbleichte.
Und dann kam auch schon das andere.
»Du? Du willst einen rächen, der den furchtbarsten Tod verdient hätte? Du Narr! Du Elender! Dir wäre besser geschehen, Du hättest — Genug! Ali!«
Said enteilte, um zum zweiten Mal den Henker herbeizurufen.
Er war noch nicht bis zur Tür gekommen, da musste er stehen bleiben.
Der Steinfuchs war kein Sidi, kein solcher feiger Araber. Er hatte dem Tode sicher schon sehr oft ins Auge geschaut, fürchtete ihn nicht mehr — und dass er sich etwa so ohne Weiteres köpfen ließ, das war bei diesem Manne eben ganz ausgeschlossen —
»Was?«, schrie er jetzt in höchster Wut, »dafür, dass ich selber mein Leben aufs Spiel gesetzt habe, dafür, dass ich so schnell wie nur möglich hierher kam, soll ich vielleicht geköpft werden?
Haha, da kennst Du den Steinfuchs wirklich schlecht, Dschelil! Da hast Du Dich doch etwas verrechnet! Ehe Du mich umbringen lassen kannst, musst Du zumindest selber daran glauben!«
Und ehe die Umstehenden es hindern konnten, hatte er sich auf den vollkommen überraschten Dschelil gestürzt und ihn gepackt.
Da erst zeigte sich, dass dieser alte Jäger Muskeln von Stahl und Sehnen von Eisen hatte und — dass sein Herz auf der rechten Stelle saß!
So sehr O'Donnell und die Olinda diesen Menschen verachteten, der sich zum feigen Meuchelmorde hatte dingen lassen, jetzt freuten sie sich doch über ihn, als sie sahen, wie er den Abdel Dschelil mit eisernem Griffe packte, eine Hand an der Kehle, diese auch schon mit würgendem Griffe zusammenschnürend, die andere den rechten Arm haltend, dass Dschelil nicht nach dem Dolche im Gürtel greifen konnte.
Schusswaffen hatte keiner der Araber bei sich, andere Waffen desto mehr, aber sie waren nutzlos.
Der Steinfuchs machte es ihnen gleich klar.
»Hiergeblieben, Said!«, befahl er. »Und von den anderen rührt sich keiner von der Stelle! Keiner hebt auch nur einen Finger, wenn Euch das Leben dieses gelbhäutigen Schurken hier noch etwas gilt!
Bei der geringsten Bewegung eines von Euch schnüre ich ihm die Kehle zu! Ihr wisst, dass ich einen besonderen Kniff habe — ein Druck, und der Kehlkopf Dschelils ist zu Brei zermalmt!«
Niemand rührte sich. Said stand noch dort, wo der Befehl ihn erreicht hatte. Da lachte der Steinfuchs gellend auf.
»Ihr feigen Schufte, Ihr! Ihr Schakale! Ihr wollt einen Jäger aus den Felsenbergen überlisten, wollt ihn züchtigen wie einen kleinen Jungen? — Ach nein, Ihr habt ja den Ali, den Scharfrichter!
Haha, der mag nur kommen! Ruft ihn doch, dass er mich köpft!
Aber wenn er dort durch die Tür kommt, dann fliegt der erwürgte Dschelil ihm entgegen! Das schwöre ich Euch bei allen Teufeln der Hölle!«
Abdel Hamid fasste sich zuerst.
»Was forderst Du für die Freigabe des Meisters, Steinfuchs?«, fragte er.
»Ach, wie gütig Du bist, Hamid!«, höhnte der Alte. »Du willst mit mir verhandeln? Nicht wahr, Du gelobst mir, dass ich frei und ungehindert den Saal hier verlassen darf, wenn ich diesen Schuft freilasse? Ach ja, das wirst Du mir geloben!
Und sobald ich hinauskomme, bin ich doch ein Kind des Todes?
Dort draußen warten schon die Schwarzen auf mich, stürzen sich über mich und dann — ja, ja, ich weiß, Tavamatschli fragt nicht danach, wen er frisst! Der wird sich zwar etwas wundern, dass ihm ein solcher dürrer Bissen vorgeworfen wird, aber hinunterwürgen wird er ihn doch —
Nein, nein, mein werter Hamid, gib Dir nicht erst unnütze Mühe! Ich lasse mich nicht von Dir übertölpeln! Ich weiß schon, wie ich selber mich sichern muss.
Und Ihr sollt es auch gleich wissen!«
Er löste etwas die Hand von dem Halse Abdel Dschelils, der ganz käsig im Gesicht aussah.
»Befiehl Deinen Freunden, dass sie sich nebeneinander an die Wand dort drüben stellen!«, sagte der Steinfuchs nun.
Nur eine Sekunde zögerte Dschelil, aber als die Hand seine Kehle wieder zuschnüren wollte, stieß er den Befehl hervor.
Keiner der Männer wagte, sich zu widersetzen, sogar Abdel Hamid ging mit nach der Wand, die dem Throne gegenüber lag.
»So! Und nun befiehl weiter, dass sie sich umdrehen, das Gesicht der Wand zukehren sollen — oder halt! Es könnte eine Tür hinter dem Teppich sein, von der ich nichts weiß — es könnte jemand dort drüben verborgen stehen, und da wäre es ja sehr leicht, dass einer seiner Freunde ihm etwas zuflüsterte, dass der Betreffende ein Gewehr bei sich hätte oder nur so ein Revolverchen —
Also verbiete ihnen, zu sprechen, zu flüstern! Ich weiß, dass sie Dir auch darin gehorchen werden!«
Abdel Dschelil gehorchte wiederum.
»Und nun noch, dass sie sich nicht rühren, sich nicht umdrehen, was auch hinter ihnen geschehen möge!«
Diesmal zögerte Dschelil etwas, aber schnell besann er sich —
Auch dieser Befehl wurde gegeben.
Und nun stieg der Steinfuchs ganz gemächlich von den Stufen des Thrones herab, jetzt aber die Kehle seines Gefangenen so zusammenpressend, dass kein Laut ihr entfliehen konnte.
Er selbst dämpfte das Geräusch seiner Schritte, bis er auf dem dicken Teppich stand, dann hatte er diese Vorsicht nicht mehr nötig. Niemand konnte hören, wie er wieder jener Tür zuschritt, durch die er gekommen war.
Bald hatte er sie erreicht.
Noch einmal schaute er sich um.
Ein furchtbar höhnisches Lächeln entstellte sein hageres Gesicht; seine Augen funkelten vor Bosheit.
Abdel Dschelil wagte einen Versuch, sich ihm entreißen. Die beiden einzigen, die das sehen konnte, O'Donnell und die Olinda, bemerkten aber auch gleich, dass er alsbald diesen Widerstand aufgab, aufgeben musste — ein Druck von der Hand seines Überwinders genügte, um ihn bewusstlos zu machen.
Schlaff sank das Haupt Dschelils an die Schulter des Trappers, und im nächsten Augenblick war dieser durch die Tür verschwunden.
O'Donnell und die Olinda zögerten nicht einen Augenblick, ihm zu folgen.
Sie mussten unbedingt wissen, was dieser Mensch mit seinem Gefangenen vorhatte, und so huschten sie lautlos dicht hinter ihm her.
Der Gang war auch auf dieser Seite mit Marmorskulpturen reich ausgestattet, ebenso prächtig wie der drüben; auch er endete an einer Tür, aber dort stand kein gewappneter Wächter.
Ungehindert trat der Steinfuchs hinaus, und nur daran, dass er nun schnell wie ein Windhund lief, konnten die beiden Verfolger entnehmen, dass er sich doch nicht ganz sicher fühlte.
Plötzlich aber machte er Halt.
Der Gang war zu Ende.
Deutlich sahen die beiden, dass der Trapper auf einem Felsenvorsprung im Freien stand.
Und nun lachte er plötzlich schrill auf, dass es in den Gang hinein schallte und sicher bis in den Saal gehört werden konnte.
»Jetzt kommt an, Ihr gelben Schufte!«, schrie er dann. »Jetzt packt den Steinfuchs, wenn Ihr es könnt! Hahaha, ich denke, Ihr werdet Euch nicht an mich wagen, so lange ich diesen hier in meiner Gewalt habe!«
Noch einmal lachte er laut und gellend, dann trat er anscheinend in die freie Luft hinaus und — war im nächsten Augenblick mitsamt seinem Gefangenen verschwunden.
Zugleich aber kam das Geräusch vieler rascher Schritte näher.
O'Donnell und die Olinda wussten, was es bedeutete.
Die Araber machten sich zur Verfolgung auf.
Wohin sollten sie sich nun retten?
Im Gange konnten sie nicht bleiben, da würden sie unweigerlich entdeckt werden —
Rasch liefen auch sie ans Ende des Ganges, standen auf dem Vorsprung, auf welchem sie zuletzt noch den Steinfuchs gesehen hatten, blickten in ein enges Felsental hinab, sahen aber auch ein schmales Steinband an dem Felsen entlang laufen —
Und als die vordersten der Verfolger anlangten und aus dem Gange traten, da standen die beiden schon weit seitwärts an der Steilwand.
Abdel Hamid tauchte als Erster auf.
Bald traten andere neben ihn. Die Hauptmasse aber musste in dem Gange bleiben, weil auf dem Felsenvorsprung kein Platz für sie war.
Und nun hörten die beiden Lauscher auch die Erklärung des rätselhaften Vorganges, denn Abdel Hamid rief:
»Er ist in seinem Luftschiff entflohen! Rasch zurück, dass wir ihn beobachten können!«
O'Donnell und die Olinda standen noch regungslos, als sie schon geraume Zeit wieder allein waren. Es war ja so erklärlich, dass nach all dem Seltsamen und Wunderbaren, das sie erlebt hatten, ihr Verstand erst jetzt zu arbeiten begann, sich an eine Lösung dieser Rätsel wagte.
Aber auch dazu sollte es noch nicht kommen.
Als O'Donnell sich seiner Gefährtin zuwendete, um zu sehen, was sie zu diesem letzten Ereignis meinte, erschrak er.
Die Sängerin war eben im Begriff, zusammenzubrechen.
Ihre Hände tasteten rückwärts nach einem Halt an der Felswand. Sie hatte noch so viel Besinnung, dass sie wusste, sie müsste sich festhalten, denn wenn sie stürzte, dann war es sicher ein Sturz in den Tod.
Vor ihr war der Abgrund!
Aber sie konnte keinen Halt finden, sie vermochte ebenso wenig ihren geschwächten Körper noch zu beherrschen.
Langsam sank sie in sich zusammen. Im nächsten Augenblick vielleicht schon hätte O'Donnell allein hier oben gestanden und entsetzt in die Tiefe starren müssen, wo eine gottbegnadete Künstlerin ein schauriges Ende gefunden hatte.
Er merkte eben noch zur rechten Zeit, wie es stand.
Mit einem Griffe packte er die Bedauernswerte, dann umschlang er sie mit dem rechten Arme, riss sie an sich und — wusste doch nicht, was er nun mit ihr beginnen sollte.
Wohin er auch blickte, nirgends sah er mehr als das tote schwarze Gestein, und als er sich etwas vorneigte, um in die Tiefe unter sich zu spähen, da gewahrte er, dass auch dort unten der Boden solches Gestein war.
Das ganze Gebirge schien aus einem Chloritschiefer zu bestehen, und da war so gut wie keine Hoffnung, Wasser zu finden.
Es musste aber doch welches geben. Die vielen Menschen, die im Innern der Felsen lebten, brauchten Wasser. Es galt nur, festzustellen, woher sie es holten.
Und wenn ihr Brunnen im Innern des Felsens lag?
Dann musste O'Donnell eben ins Innere des Felsens zurückkehren und dort suchen, bis er den Brunnen gefunden hatte.
Schon schickte er sich an, in den Gang zurückzukehren. Er musste sehr vorsichtig dabei sein, denn der geringste Fehltritt konnte ihm das Verderben bringen, ihm und ihr —
Ganz langsam schob er sich auf dem schmalen Felsbande dahin.
»Wenn ich doch Wasser fände!«, dachte er.
Ihn selbst dürstete schrecklich, doch er hatte schon manches Mal solche Durstesqualen ertragen müssen, er würde nicht so schnell zusammenbrechen, aber die Olinda —
Nun war er dicht vor dem Vorsprung und atmete auf.
Im Gange wollte er die Bewusstlose niederlegen, sie vielleicht noch bis zu einer der Nischen tragen, die er bemerkt hatte, als sie hinter dem flüchtenden Steinfuchs hergelaufen waren. Sie war unsichtbar für die Bewohner des Felsens, und er musste eben einmal auf das Glück rechnen, nicht mit dem bösen Zufall, dass gerade jemand in diese Nische trat!
Doch ein gewaltiger Schrecken befiel ihn, als er auf den Felsenvorsprung trat.
Von einem Höhleneingange war nichts mehr zu sehen.
Die ganze Wand bestand aus schwarzem Gestein, nicht die geringste Öffnung war darin vorhanden.
Für einen Moment nur dachte O'Donnell an die Möglichkeit, dass er sich geirrt haben könnte — aber auch nur für einen Augenblick! Nicht länger!
Für diesen Mann war ein solcher Irrtum ganz und gar ausgeschlossen!
Hier hatte der Steinfuchs gestanden, hier war er aus dem Felsen gekommen, hier waren auch sie herausgetreten.
Und nun hatten die Ibaditen einstweilen den Fuchsbau zugeschlossen.
»Es ist doch aber nicht möglich!«, stöhnte O'Donnell auf. »Das, was ich sehe, ist gewachsener Felsen. Hier kann kein Gang vorhanden gewesen sein!«
Er schaute in das totenblasse Gesicht der Olinda.
Wenn sie nicht bald zu trinken bekam, war das Schlimmste zu befürchten.
»Mein Gott —!«, murmelte er.
Am liebsten hätte er die Hände zu einem Gebet gefaltet, obwohl er nicht zu jenen Menschen gehörte, die bei jeder kleinen Not schon zum Himmel um Hilfe schreien.
»Hilf Dir selber, dann hilft Dir Gott!«, galt für ihn.
Nur jetzt — ach, er wusste ja schon seit Langem, dass er diese Olinda liebte; er hatte dieses Gefühl noch nie kennengelernt, aber eben deshalb hatte es ihn ganz anders gepackt als einen von der Sorte, die auch das Lieben als Handwerk betreiben. Er war sich vollkommen klar, dass sein Leben mit dem der Geliebten verwachsen war, dass ihr Tod auch den seinen bedeutete.
Noch einmal spähte er umher.
Sollte er doch auf dem schmalen Felsenband weiterklettern?
Er erkannte, dass es kaum je als Steig benutzt worden war, das hätte sich auf diesem harten Gestein zeigen müssen.
Und wenn er ihm folgte, dann kam er höchstens wieder in die Tiefe, in der sie schon gewesen waren, geriet vielleicht vor die Höhle Tavamatschlis, der Riesenschlange!
Aber wohin?
Der Vorsprung war breit genug, dass er seine Last einmal sanft zu Boden gleiten lassen konnte.
Er tat es.
Nun richtete er sich wieder auf, um die Steinwand Zentimeter um Zentimeter zu untersuchen, bis er die Tür gefunden hätte, die den Eingang versperrte.
Beinahe wäre er rücklings in den Abgrund gestürzt!
Unmittelbar vor ihm stand plötzlich ein Mann in leuchtendweißem Gewand, das am unteren Rande einen roten Streifen aufwies.
Aus einem mit braunem Bart umrahmten Gesicht von fast übermenschlicher, erhabenster Schönheit schauten zwei große, strahlende Augen ihn an, und eine Stimme, tief und schwingend wie der Ton einer Glocke, sagte:
»Suche nicht länger nach diesem Eingange, Freund! Er wird Dir jetzt verschlossen bleiben. Hebe Deine Freundin auf!«
O'Donnell hatte sich unwillkürlich tief verneigt.
Vor ihm stand einer jener Todas, es gab keinen Zweifel.
Er hatte also nicht bloß geträumt, als er sie zu erblicken glaubte?
Er grübelte nicht darüber nach.
Das alles war ja doch nur ein Traum, und wenn der Mensch träumt, dann ist er nur Phantasie, nicht Verstand. Da erscheint ihm das Wunderbarste natürlich — da fliegt er, da wird er unsichtbar, da sieht er auch einen Toda, obwohl es gar keine gibt!
Das alles durchzog blitzschnell das Hirn des Detektivs.
Da aber hatte er schon gemäß dem erhaltenen Befehle die Olinda emporgehoben, hielt sie sorgsam auf seinen Armen.
»Herr, sie stirbt vor Durst!«, wollte er sagen. »Zeige mir Wasser!«
Er kam nicht dazu.
»Nun tritt mit ihr in die Luft hinaus, wie Du es vorhin von dem Trapper gesehen hast! Oder fürchtest Du Dich?«
Nur einen Blick tat O'Donnell in die großen, schönen Augen. Dann gehorchte er.
Hier blieb ihm ja gar nichts anderes übrig! Wenn auch diese Augen trogen, dann — ja, dann mochte doch der ganze Erdball in Scherben brechen! Dann gab es nirgends mehr Treue!
Und er stürzte nicht in die Tiefe! Die Luft war ihm wie ein fester Boden, auf dem er stehen konnte.
Frei stand er in ihr über der Tiefe.
»Geh' weiter! Immer an dieser Felswand entlang!«, hörte er die Stimme des Todas. »Zähle dreißig und drei Schritte. Dann wirst Du eine Treppe sehen. Weiter brauche ich Dir nichts zu sagen. Nur vergiss nie, dass ihr beide unter unserem Schutze steht!«
Wie zum Gruße hob der edelschöne Mann die Hand und — war so spurlos wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.
»Dank!«, murmelte O'Donnell trotzdem. Er wusste, dass er gehört werden würde.
Dann schritt er in der freien Luft weiter und zählte seine Schritte, und bei jedem, den er tat, sagte er sich immer von Neuem:
»Das ist doch alles keine Wirklichkeit, es ist nur ein Traum!«
Aber er spürte in sich auch das brennende Verlangen, diesen Traum auszuträumen, noch mehr solche Wunder zu erleben, von denen er sich eben bisher nichts hatte — träumen lassen!
Nein, über Phantasie verfügte dieser Detektiv schon, sonst wäre er eben keiner gewesen. Wer sich diesem Beruf widmet, der muss aus winzigen Bausteinen eine ganze Geschichte aufbauen können, einen ganzen Roman — allerdings immer wieder die lebhafte Phantasie durch den Verstand kontrollierend.
Niemals aber hätte die Phantasie dieses eben doch scharf denkenden Mannes sich so weit verlocken lassen, dass sie Unmögliches als ganz natürlich erscheinen ließ!
Deshalb also sagte er sich immer wieder:
»Ich träume, ich weiß es, doch dieser Traum ist herrlich, ich will ihn zu Ende träumen!«
Dreißig und drei!
Die Treppe war da — eine ziemlich breite Treppe, die von der Höhe des Felsens herabkam, um eine Ecke führte und dort verschwand.
Aus der Luft herüber trat O'Donnell auf die oberste Stufe, schaute nur flüchtig auf die Hochebene, welche sich hier oben erstreckte, stieg schon die Stufen hinab, kam an die Ecke und — stand staunend und bewundernd still.
Das hatte er doch nicht erwartet! Das nicht!
Unmittelbar vor ihm breitete sich ein weites Tal aus, dessen Ende nicht zu erschauen war, noch weniger aber das Ende der unzähligen Bauten, die sich darin erhoben, Tempel und Paläste.
Bäume grünten überall zwischen diesen Bauten, schlanke Palmen wiegten ihre Wipfel im Sonnenschein, und auf allen den platten Dächern, auf den Spitzen und Zinnen, auf den tausend und abertausend Götterfiguren, mit denen die Tempel und die Paläste geziert waren, saßen Scharen von Vögeln der verschiedensten Art: Störche, Kraniche, Reiher, weiße und blaue Pfauen, Papageien, Raben und allerhand kleine Vögel — auch Geier fehlten nicht — die ganze Luft war erfüllt von ihrem Geschrei, von Gezwitscher und Getriller —
Mit weit geöffneten Augen stand O'Donnell da und schaute auf die unermesslich große Stadt, aber so sehr er auch schaute und spähte, das, was er zu erblicken hoffte, das sah er nicht!
Kein Mensch war dort unten!
Weder in den Straßen und Gassen noch in den Höfen der Tempel und der Paläste noch sonst wo!
Er hätte es sich sagen können, als er die unzähligen Vögel erblickte.
In indischen Städten sind sie immer in Massen zu finden, der Inder ist ein Tierfreund, der Hindu tötet kein lebendes Wesen.
»Ich träume!«, murmelte O'Donnell abermals.
»Aber dort unten wachsen Bäume und Sträucher, dort unten leben Tausende von Vögeln, dort werde ich Wasser finden!«, fuhr er fort, und da stieg er auch schon die Stufen weiter hinab, ohne sich vorläufig um etwas anderes zu kümmern.
Er zählte sie.
Mit der dreiundachtzigsten von der Felsenecke an war die Treppe zu Ende, er stand auf ebenem Boden, am Eingange einer breiten Straße, die kein Ende zu nehmen schien.
Überall zwischen den breiten Steinplatten, die das Pflaster bildeten, war Gras hervorgewachsen, sogar Blumen gediehen bereits, aber doch nicht so reichlich, dass sie das Pflaster selbst verdeckten.
»Hier können Schlangen sein!«, sagte sich O'Donnell. Er kannte das. Vorsichtig schritt er weiter.
Bis er stehen blieb.
Ein Plätschern hatte ihn dazu veranlasst.
Er stand eben vor einer hohen Mauer, mit einem Tor durchbrochen, dessen Flügel weit aufgetan waren — er sah in einen Hof, in dem es weiß von herrlichstem Marmor schimmerte —
Und mitten darin ragte ein Brunnenbau empor.
O'Donnell war, als hätte er dieses herrliche Bauwerk schon einmal in seinem Leben irgendwo gesehen — er war ja so viel gereist — er zerbrach sich jetzt den Kopf nicht, wo es gewesen sein könnte.
Mit wenigen Schritten durchkreuzte er den Hof, auf dem es von Tauben wimmelte, die kaum vor ihm zur Seite wichen, eben nur so weit, dass er sie nicht trat — dann ließ er seine Last vor dem Brunnen auf die breiten Marmorstufen sinken, eilte diese hinauf, beugte sich über den Marmorrand und — jauchzte auf.
»Wasser!«
Ja, der ganze Brunnen war bis oben hin gefüllt mit dem köstlichsten Wasser, wie er sich überzeugte, und auf diesem Brunnenrande standen zwischen je zwei der die Marmorkuppel tragenden Säulen Schöpfgefäße aus gelbem Metall — O'Donnell ergriff eins, ohne viel darüber nachzudenken, was für ein Metall das sein könnte, aber als er es in der Hand hielt, da wusste er schon, dass es Gold war, die Schwere lehrte es ihm —
Ach, was kümmerte ihn jetzt Gold!
Er schöpfte und kehrte zu seiner Gefährtin zurück.
Vorsichtig netzte er ihre Schläfen, ihre Stirn, ihre Handgelenke.
»Miss Olinda!«
Nur halblaut nannte er ihren Namen, aber sie schlug sofort die Augen auf, und trotz ihrer großen Schwäche huschte ein Lächeln um ihren Mund, dessen sonst so rote Lippen nun so blass waren — es war ein Lächeln, das O'Donnell nie in seinem Leben vergessen würde.
Heiß schoss das Blut ihm in die braunen Wangen. Am liebsten hätte er sich niedergebeugt zu ihr und ihre Lippen geküsst —
Er wusste, dass er es nicht tun durfte, wollten sie auch ferner die guten Kameraden bleiben. Er beherrschte sich.
»Miss Olinda, Wasser! Ich habe Wasser!«, raunte er ihr zu und schob eine seiner Hände unter ihr Haupt, es sachte hebend. »Trinken Sie! Aber vorsichtig! Nur für den Anfang!«
Abermals lächelte die Olinda ihn an.
Er setzte den Goldbecher an ihre Lippen. Sie trank.
»Und Sie?«, hauchte sie.
»O, ich — trinken Sie noch einmal! Dann will ich Ihnen von den Früchten dort pflücken —«
Er setzte noch einmal den Becher an ihre Lippen, und noch einmal trank sie.
Dann ließ er ihr Haupt wieder niedergleiten, richtete sich auf und lief zu dem nächsten der Bäume, zwischen dessen Blättern es goldig hervorschimmerte. Es war ein Mango, und von den köstlichen Früchten brach er, was er fortbrachte.
So kehrte er zu ihr zurück, fand sie sitzend, den Rücken gegen das Marmorbecken gelehnt, die Augen weit offen, einen Ausdruck ungläubigen Staunens auf dem schönen Gesicht, dessen Haut von der Sonne so braun gebrannt war wie das seine und das trotzdem jetzt von durchsichtiger Blässe schien.
»O'Donnell!«, hörte er sie murmeln.
»Fragen Sie jetzt nicht! Warten Sie! Essen Sie erst!«, bat er.
Sie aber schüttelte den Kopf.
»Nicht, ehe Sie nicht getrunken haben!«
Da ergriff er hastig den Becher, der noch zur Hälfte gefüllt war, setzte ihn an und leerte ihn.
»Nun aber essen Sie!«, bat er wieder, und sie gehorchte, aber auch ihm eine der Früchte in den Mund steckend.
Die Mangos waren keine Nahrung für diese halb verhungerten Menschen, doch sie schmeckten köstlich und sie täuschten eine Sättigung vor.
»Nun aber sagen Sie mir, wohin Sie mich gebracht haben«, rief die Olinda. »Das ist doch eine indische Stadt! Wir befinden uns im Hofe eines indischen Palastes —«
»So scheint es auch mir«, gab O'Donnell zu. »Aber wo wir sind, ahne ich nicht einmal!
Ach, Miss Olinda, das ist doch alles nur ein Traum, den wir beide träumen dürfen —«
Er stutzte, verstummte.
Hatte er da nicht schon zu viel gesagt?
War es nicht auch ein Traumgebilde, dass er dieses schöne Weib neben sich zu haben glaubte, dass er zu ihm sprach?
Ach, er wollte nicht grübeln! Weg mit diesen Gedanken!
»Ich weiß nicht, wo wir sind, Miss Olinda«, hob er noch einmal an.
Und dann erzählte er, was ihm begegnet war.
»Es ist nicht möglich!«, flüsterte die Sängerin. »Es ist doch gar nicht möglich! Eine ganze Stadt! Und kein Mensch darin?«
»Wenn wir uns wirklich in Indien befinden, woran ich kaum noch zweifeln kann«, erwiderte er, »dann wäre das allerdings möglich, denn dort gibt es solche Städte ohne Bewohner mehrfach. Sie haben von dem sagenhaften Golkonda gehört, dessen Name einst in aller Munde war, und wenn er genannt wurde, dann träumten die Menschen von unermesslichen Schätzen an Gold, Edelsteinen und Perlen. Dieses Golkonda aber liegt seit dreihundert und mehr Jahren vollkommen verlassen, kein Mensch betritt es außer fremden Reisenden. Dämonen treiben in den öde gewordenen Straßen ihr Unwesen.
Und da ist noch die Stadt Bhagnagar, die Katab Schah Mohamed Kali für seine geliebte Bhagmatie baute, die aber nie von Menschen bewohnt wurde, weil die schöne Frau starb, ehe er sie im Triumphe hinführen, ihr alle die Reichtümer und Kostbarkeiten zu Füßen legen konnte, die er dort aufgespeichert hatte. Heute noch steht sie verlassen. Nan Mahal hat innerhalb der Ringmauern von zehn Metern Höhe sich eine zweite Residenz erbauen lassen. Nur selten kommt er jedoch hin, nur, um die Schätze zu besichtigen, die er dort verwahrt.
Und dann gibt es FathipurSikri, die Stadt der Siege, einen Traum in Stein, die ebenfalls nie von Menschen bewohnt wurde, gar nicht für sie erbaut ward, nur zum ewigen Zeichen und Andenken an einen dieser kriegerischen Herrscher!
Ach, Miss Olinda, Indien wird ja nicht bloß das Land der Wunder genannt, sondern ist das auch! Wenn ich es mit Ihnen betreten, Ihnen seine Herrlichkeiten zeigen könnte!«
Der sonst so gelassene Detektiv war ganz begeistert, seine Augen leuchteten, und dann ergriff er den Becher, hob ihn empor, dass er in der Sonne blitzte.
»Das ist Gold, reines Gold!«, rief er. »Und dort auf dem Rande steht zwischen je zwei Säulen der gleiche Becher — jeder bedeutet ein kleines Vermögen — und seit wann stehen diese Becher hier? Niemand hat mit habgieriger Hand nach ihnen gegriffen, kein Europäer kann vor uns diese Dornröschenstadt betreten haben, denn sonst —«
Er brauchte nicht zu vollenden. Auch die Olinda wusste ja, woher die englischen Riesenvermögen stammen, wie sie in dem ausgeplünderten Indien zusammengeräubert worden sind, sie wusste die Geschichte des Kohinurs und anderer Diamanten — nein, auch sie wusste gleich, dass sie beide die ersten weißen Menschen waren, die diese geheimnisvolle Stadt betraten.
»Eine Dornröschenstadt!«, wiederholte sie das Wort, das er gebraucht hatte. »Ob wir eine schlummernde Prinzessin darin finden werden?«
Sie lächelte ihn an.
»Dann müssten Sie den Prinzen spielen, der sie durch einen Kuss erweckt! Aber kennen die Inder denn überhaupt den Kuss?«
O'Donnell nickte nur. Er hätte jetzt nicht sprechen können. So kurze Minuten waren ja nur verstrichen, seitdem er beinahe diesen Prinzen gespielt hätte. Und die Prinzessin, die er aus dem Zauberschlafe hatte wecken wollen, stand dicht vor ihm, ein Bild blühenden Lebens.
Die Olinda errötete leicht.
Ahnte sie, was in ihm vorgegangen war?
Sie fand sich hinweg von diesem verfänglichen Gebiet.
»Wollen wir nicht einmal die Entdecker spielen, O'Donnell?«, fragte sie. »Diesen geheimnisvollen Palast betreten?«
»Auch mich verlangt danach«, erwiderte er, nun wieder vollkommen Herr seiner selbst. »Vielleicht ist es aber doch angebracht, ich schieße erst eine der Tauben, damit Sie etwas zu essen bekommen!«
Er hatte schon den Revolver in der Hand.
Die Olinda aber packte diese und hielt sie fest.
Bittend schaute sie ihn an.
»Wie Mord wäre es!«, flüsterte sie. »Nicht einen Bissen könnte ich essen! Sehen Sie doch, wie zutraulich diese Tierchen sind! Mit den Händen kann ich sie greifen!«
Sie hatte sich gebückt und eine der Tauben ergriffen, die sich gar nicht besonders sträubte.
Nun warf sie sie in die Luft. Sie flatterte ein Stück, gesellte sich dann aber wieder den anderen zu.
O'Donnell schob den Revolver zurück.
Nebeneinander schritten sie dem Portal des Palastes zu.
Eine herrliche Freitreppe führte empor, eine Säulenhalle nahm die beiden auf, der Boden aus kostbarstem Mosaik bestehend, in welcher Arbeit die Inder ja heute noch Meister sind.
»Nun komme ich doch noch nach der Alhambra!«, murmelte die Sängerin, und plötzlich wendete sie sich um, trat noch einmal an die Freitreppe vor, breitete beide Arme aus und begann zu singen:
»Auf Flügeln des Gesanges —«
Wundervoll sang sie es, ganz hingegeben den Worten des Dichters, und es war, als lauschten selbst die unzähligen Vögel draußen diesem Gesang, sie waren verstummt und blieben noch stumm, nachdem die Sängerin schon wieder die Arme hatte sinken lassen und zu ihrem Gefährten zurückgekehrt war.
Auch er sprach kein Wort, er hielt die Lider gesenkt, er hätte seine Gefährtin jetzt nicht anschauen dürfen — sie hätte alles, was er ihr zu verbergen suchte und ihr verbergen musste, in seinen strahlenden Blicken gelesen.
So aber wanderten sie nebeneinander durch Säle und Gemächer von unbeschreiblicher Pracht, und immer wieder staunten sie, denn sie sahen doch, dass diese Räume erst gestern von den Bewohnern verlassen worden zu sein schienen.
Alles, alles war noch da, was in einen solchen Palast gehört; an den Wänden hingen die kostbarsten Teppiche, türmten sich seidene Kissen zu üppigen Lagern, standen edelsteingeschmückte Wasserpfeifen, lagen auf niedrigen Tischchen in goldenen Schalen verzuckerte Früchte.
Sie kamen in eine Waffenkammer, deren Wände mit den seltsamsten Waffen über und über behangen waren, an deren schlanken Säulen Spieße und Lanzen aufgestellt waren, an denen glänzende Schilde funkelten — sie gingen durch Hallen, zwischen deren Säulenfenstern auserlesene Spitzengewebe hingen — aber diese Spitzengewebe aus hauchdünnem Marmor gearbeitet, und wenn die beiden nur leise daran rührten, dann gab es ein Klingen von wunderbarer Melodik.
Hätten sie bisher noch nicht gewähnt, dass sie das alles träumten, nun mussten sie es — es konnte ja gar nicht Wirklichkeit sein!
Springbrunnen plätscherten in Fischteichen, deren schuppige Bewohner sich in dem kristallenen Wasser lustig tummelten, Baderäume, Turnsäle, Schlafgemächer — ach, was war hier alles vorhanden!
Dann wieder weite Höfe mit herrlichen Pflanzen bestanden!
Sie konnten gar nicht genug schauen!
Und alles leer und öde!
Aus den prächtigen Ställen tönte nicht das Stampfen und Wiehern edler Pferde, die Raubtierzwinger waren verlassen —
Kein Mensch in allen diesen Sälen und Räumen — kein Mensch!
Nur sie beide!
Aber das Schauen strengte an, der Hunger regte sich wieder.
Die Olinda lachte, als sie es bekannte.
»Angeln wir uns einen Karpfen?«, fragte sie. »Dagegen hätte ich nichts einzuwenden wie vorhin gegen die Taube!«
»Wir können es tun«, entgegnete O'Donnell. »Ich meine nur, vielleicht finden wir in diesem verzauberten Palaste noch eine Küche, eine Vorratskammer — es kann ja gar nicht anders sein —«
»Und auch nicht, dass die Speisen darin noch genießbar sind!«, ergänzte die Künstlerin. »Hier ist doch jahrelang niemand gewesen, und wenn alles trotzdem einen frischen Eindruck macht, so ist daran nur die trockene Luft schuld —«
»Die trockene Luft?«, wiederholte er, ohne dass er es wusste. »Hier ist es aber doch zeitweise wie in einem Treibhause!«
Da lachte sie wieder, dieses Lachen, das ihm an ihr so gefiel. Aber sie ging nicht weiter auf die Sache ein.
»Da! Sehen Sie doch! Das ist sicher das Bad für die Haremsdamen gewesen — ist es noch! Ach, wie herrlich muss es sein, sich in diesem Becken tummeln zu dürfen!«
»Niemand hindert Sie, es zu tun, Miss Olinda! Ich werde inzwischen weiter suchen. Vielleicht kann ich Ihnen nachher eine entzückende Mahlzeit auftragen, so ganz für diesen Märchenpalast passend!«
»Jaja, das tun Sie! Ich will baden, schwimmen!«
Sie dachte mit keinem Atemzuge daran, dass vielleicht doch noch andere Menschen in diesem Palaste sein könnten, auch nicht daran, dass sie allein blieb, schutzlos, dass er vielleicht den Weg zu ihr nicht wiederfinden würde.
Vergessen war der Hunger.
Nach kurzer Zeit schon hatte sie die staubigen Kleider abgelegt, die sie schon so lange ununterbrochen getragen hatte. Blütenweiß leuchtete ihr gertenschlanker, jugendfrischer Leib inmitten dieses orientalischen Prachtraums, und dann hob sie beide Arme über den Kopf.
Mit einem eleganten Sprunge schnellte sie sich in das Becken, dessen Wasser, wie sie vorher allerdings festgestellt hatte, tief genug war für solche Künste, und dann schwamm sie nach Herzenslust, plätscherte und lachte — und wie ein goldener Schleier umhüllte das lange Blondhaar sie, als sie endlich das Becken wieder verließ.
Mit einem schnellen Sprung
schnellte sich Olinda in das Becken.
Sie lauschte, schaute hastig umher —
Noch war von ihrem Gefährten nichts zu sehen, nichts zu hören.
Da huschte sie in den nächsten Raum.
Vorher schon hatte sie die vielen kostbaren Frauengewänder dort gewahrt, und als sie nun vor ihnen stand, da erwachte das Weib in ihr. Lange suchte sie, immer wieder hielt sie eins der Seidengewänder an sich, bis sie endlich ihre Wahl getroffen hatte.
Nach einiger Zeit saß am Rande des Schwimmbeckens eine blonde Inderin und rauchte aus einem Tschibuk, den sie ebenfalls gefunden hatte sowie dabei gleich den köstlichsten Lattakieh, aber bald besann sie sich, dass das nicht zusammenpasste, sie holte aus einem Saale Decken und Polster, breitete sie aus, streckte sich darauf nieder —
So muss es sein! Nun kann der Prinz kommen und die verzauberte Prinzessin erlösen!
Sie errötete jäh, und so griff ihre linke Hand auch nach dem Herzen.
»Ich muss ihn ja lieben!«, flüsterte sie. »Ich kann doch meinem Herzen nicht gebieten, das noch nie zuvor gesprochen hat!
Ach, wenn er doch reden wollte! Ich weiß ja schon lange, dass auch er mich liebt!
Doch nein! Schweigen soll er, er muss schweigen! Wir müssten uns in derselben Minute trennen, in welcher er sprechen würde!
Nur das nicht! Bei ihm bleiben will ich — immer!«
Und sie presste das glühende Gesicht in die weichen Kissen.
So sah er sie, als er zurückkehrte, mit beiden Händen eine mächtige runde Platte haltend.
Zunächst stutzte er, aber als er den Lederanzug liegen sah, wusste er alles.
»Prinzessin Fatime!«, rief er.
Sie fuhr auf, noch einmal erglühte sie, dann war das vorbei.
Lachend sprang sie zu ihm, doch wieder etwas errötend — es war eben ein indisches Kostüm, doch nicht so ganz ausreichend für unsere verdorbenen Begriffe von dem, was sich ziemt —
Doch gleich lachte sie ihn wieder harmlos an.
»O'Donnell! Prinzessin Fatime ernennt Sie zu ihrem Küchenmeister!«, rief sie. »Wo haben Sie nur alle diese Herrlichkeiten aufgetrieben?«
»Ich fand einen Keller, unermesslich lang und herrlich kühl. Ich brauchte nur zuzugreifen. Die einstigen Herren dieses Palastes scheinen viele Faringhi als Gäste empfangen zu haben. Allerlei Konservenbüchsen stehen da unten zu Tausenden. Ich habe eine Auswahl getroffen. Hoffentlich Ihrem Appetit entsprechend!«
Sie fasste den Rand der Platte, zog sie etwas herab und musterte die Herrlichkeiten. Sie klatschte in die Hände!
Ach, wie sie sich freute!
So gingen sie nebeneinander in eine der offenen Hallen. O'Donnell stellte die Platte auf ein Tischchen, dann brachte er Kissen genug, dass sie hoch genug saßen, und dann griffen sie beide zu.
Wie lange sie nicht mehr gegessen hatten, wussten sie ja nicht, aber jetzt erst kam ihnen so recht zum Bewusstsein, wie hungrig sie schon damals gewesen waren, als sie in dem Wasserbecken inmitten der Aussätzigen standen!
Damals wären sie mit einer Handvoll Reis zufrieden gewesen, und hier speisten sie wie Fürsten.
»Nun werde ich zwei Becher voll Wasser holen«, sagte O'Donnell, nachdem sie sich gesättigt hatten. »Die leeren wir auf das Wohl dessen oder derer, denen wir dies alles verdanken. Dann aber, Miss Olinda, strecken Sie sich auf dem weichen Rasen dort oder auf einem weichen Lager hier aus und schlafen erst mal tüchtig!«
»Wozu ich mich gar nicht nötigen lassen werde!«, rief sie lachend. »Das Bad hat mich müde gemacht, das Essen noch mehr — jaja, ich will schlafen, aber nicht — träumen!«
Und als sie das sagte, erstarb das Lachen auf ihren Lippen.
Sie fasste beide Hände O'Donnells, der schon aufgestanden war.
»Nicht träumen!«, wiederholte sie. »Aber wir träumen doch das alles! Es ist so merkwürdig, so sehr merkwürdig! Sie sind bei mir, ich halte Ihre Hände, und doch weiß ich, dass es gar nicht möglich sein kann —
Und kann man denn auch träumen, dass man schläft? Das ist doch eigentlich ganz ausgeschlossen! Im Schlafe träumen, dass man schläft!
Mein Gott, wo bin ich nur? Wenn ich jäh erwachte —?«
O'Donnell wusste ihr nichts zu erwidern. Er durfte gar nicht nachdenken, dann verwirrten sich seine Gedanken, die ihm eben fast das Gleiche gesagt hatten, was sie aussprach.
Träumen! Im Schlafe träumen, dass man schläft!
»Versuchen Sie es nur!«, erwiderte er leichthin. »Ich hole das Wasser!«
Er ging, und lange schaute die Olinda ihm nach.
»Ob das ein Zauber dieses Loke Klingsor ist?«, sie. »Oder der Todas? Ach, ich will meinen Kopf nicht damit plagen, will erleben, was ich träume — oder träumen, was ich erlebe — ich — ich weiß nichts, gar nichts — und da kommt O'Donnell!«
Der Detektiv kehrte mit zwei gefüllten Bechern zurück.
»Denen, die uns das alles bescheren!«, sagte er ernst, indem er den seinen hob.
»Mit unserem Danke!«, ergänzte sie.
Dann tranken sie und schütteten den Rest des Inhalts auf den Mosaikfußboden als eine Spende an die Götter.
»Und nun schlafe ich und träume recht schön!«, rief die Olinda, schon wieder silberhell lachend. »Dort drüben unter der schlanken Palme will ich ruhen, im Lande der Lotosblume!
Die Veilchen kichern und kosen
und schau'n zu den Sternen empor,
Und heimlich erzählen die Rosen
sich duftende Märchen ins Ohr —,
zitierte sie aus dem Liede, das sie vorhin gesungen hatte.
Sie schritt zu der Palme. O'Donnell breitete noch rasch eine Seidendecke über den Rasen, dann ließ sie sich darauf nieder, schaute noch einmal auf ihn, dass es ihn wie ein heißes Glücksgefühl durchrieselte, schloss die Lider mit den langen Wimpern — und war fast sofort eingeschlafen.
O'Donnell aber schlich sich auf den Zehenspitzen hinweg, hinüber nach dem Bade, entkleidete sich, schwamm und säuberte sich, und dann holte er den Lederanzug der Olinda und reinigte ihn sowie darauf den seinen —
Einen Augenblick nur zögerte er, dann suchte er ebenfalls in der Kleiderkammer, wählte aber nicht lange, sondern nahm, was ihm passend erschien, und als er wieder herauskam, hatte er sich in einen indischen Großen verwandelt, denn dem kostbaren Kleide fehlten sogar die echten Edelsteine nicht.
»Welche Schätze liegen hier herrenlos umher!«, dachte er. »Wenn ich bloß wüsste, wo wir uns befinden!«
Da kam ihm ein Gedanke, der ja sehr nahe lag.
Dort draußen führte die Straße vorbei. An ihrem Ende stieg die Treppe empor zu der Hochebene, und dort oben war das Reich der Ibaditen, die jetzt allerdings im Innern des Felsens hausten, vielleicht aber doch manchmal hierher übersiedelten.
Und wenn sie diese Stadt erbaut hatten —
O'Donnell musste unwillkürlich lächeln, weil er so etwas überhaupt hatte denken können.
Diese Stadt war nicht von den Sektierern oder was sie sonst sein mochten erbaut worden, sie war Tausende von Jahren alt, und Tausende und Abertausende Menschen hatten fleißig jahrelang, vielleicht jahrzehntelang die Hände rühren müssen, ehe alle diese Tempel und Paläste entstanden waren.
Zu dem Fußboden, auf dem er eben stand, hatte allein jahrelange mühselige Arbeit gehört!
Aber die Ibaditen konnten diese verlassene Stadt entdeckt und in Besitz genommen haben. Sie zogen für gewöhnlich ihre Felsenverstecke vor; nur manchmal kamen sie hierher, vielleicht um Feste zu feiern — zu Ehren dieses Tavamatschli oder eines anderen Götzen, des Moloch, der Kybele —
Jetzt aber würden sie nicht an Feste denken, da ihr Meister entführt worden war.
Und da erst besann O'Donnell sich darauf, dass er ja auch den alten Trapper in die freie Luft hatte hinaustreten sehen! Dass der Mann unmittelbar darauf unsichtbar geworden war!
Beschützten auch ihn die Todas? Einen solchen Schurken, der sich als Meuchelmörder hatte ausschicken lassen?
Da war wieder das große Rätsel, über das er nicht mehr hatte nachdenken wollen und dem er doch immer wieder begegnete!
Auch O'Donnell streckte sich zum Schlafen aus, entfernt von der Olinda und doch ihr nahe genug, dass er auch einen leisen Ruf aus ihrem Munde hören konnte, und auch er schlief sogleich ein, weniger, weil die Natur ihr Recht forderte, sondern weil er das eben stets so hielt, wie alle jene Menschen, die viel und anstrengend in freier Luft tätig sind: Seeleute, Soldaten, Jäger! Sie müssen die Kunst verstehen, schlafen zu können, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet, selbst im Stehen und sogar im Gehen —
O'Donnell schlief fest, umso fester, weil er wusste, dass das leiseste Geräusch ihn wecken würde.
Und er träumte!
Er wusste ganz, ganz genau, dass er jetzt wirklich träumte, wie das ja wohl schon jedem ergangen ist.
Aber was er träumte, war ganz seltsam.
Diese verlassene Stadt war auf einmal voller Menschen, die Straßen hallten wider von lautem Jubel. Festlich geschmückte Männer und Frauen durchzogen alle Gassen. Hinter den vergoldeten Fenstergittern zeigten sich braune Gesichter mit großen, nachtdunklen Augen, und dann erklang, zunächst aus der Ferne noch, aber immer näher kommend, rauschende Musik.
Jäh fuhr der Schläfer empor, rieb sich mit beiden Händen die Augen, hielt sich beide Ohren zu, ließ die Arme wieder sinken, lauschte wieder —
Und sprang auf!
Das war kein Traum mehr! Er hörte die rauschende Musik wirklich, den Jubel der Massen!
Und das war draußen vor den Toren dieses Palastes! Er schaute verwirrt um sich. Hier war noch niemand — nur die Olinda, die sich emporrichtete, verwundert lauschend.
Da stand O'Donnell auch schon bei ihr.
»Träume ich nur noch oder höre ich diese Musik, diese jubelnden Stimmen wirklich?«, fragte sie leise.
»Es geht Ihnen wie mir! Auch ich glaubte zu träumen, aber die Musik ist wirklich, der Jubel erschallt draußen auf der Straße, die hier vorüberführt —«
Jäh unterbrach er sich, den Körper vorneigend.
»Sie machen vor diesem Palaste Halt, sie kommen hierher!«, stieß er dann hervor. »Auf, Miss Olinda! Man darf uns nicht hier finden!«
»Und wenn man uns auch jetzt noch nicht sieht?«, wendete sie geistesgegenwärtig ein.
»Wir wissen es nicht, müssen es erst feststellen!«, entgegnete er.
Er suchte schon nach einem Versteck, sah den noch offen stehenden Eingang zur Kleiderkammer, zog die Olinda mit sich hinein, schloss die Tür von innen und lauschte wieder.
Ja, es unterlag für ihn nicht dem geringsten Zweifel, dass die Menschenmassen dort draußen — nur um Massen konnte es sich handeln — vor diesem Palaste besonders laut jubelten, mit ihrem Geschrei noch die rauschende Musik übertönend.
Der Zug hatte hier sein Ende gefunden. Die Bewohner waren in die Stadt zurückgekehrt, die sie aus irgend einem Grunde verlassen hatten, und nun kamen auch die Herren dieses Palastes wieder, die zugleich Gebieter der Stadt und des Volkes waren —
Ganz deutlich hörten die beiden, wie die vorderen Höfe sich mit Menschen füllten, sie hörten Pferde stampfen und wiehern, vernahmen das laute »Ayahi!«, mit dem die Mahauts, die Lenker der Elefanten, die Menge warnen, Trompeten schmetterten, Becken klirrten und allerlei andere fremdartige Musik erscholl.
Die Kleiderkammer hatte an drei Seiten Fensteröffnungen, solche, wie sie überall hier vorhanden waren, nicht etwa verglast, auch nicht mit Butzenscheiben, sondern durch Marmorspitzenvorhänge verschlossen, alles feinste Meißelarbeit.
Und zwischen den zahllosen Schnörkeln und Verzierungen hindurch konnten die beiden nach drei Seiten blicken: nach dem großen Badehofe, nach einer Säulenhalle und in einen herrlichen, mächtigen Saal.
Gerade in diesen hinein aber schien der Festzug sich bewegen zu wollen.
Türen waren nirgends vorhanden, die beiden konnten auch auf den Gang sehen, der zu dem Saale führte, und da kamen auch schon die rechtmäßigen Herren dieses prächtigem Gebäudes —
Die Herren?
O, nein! Das war doch ein Weib, das da auf einer Art Sänfte getragen wurde, die auf den Schultern von acht riesenhaften Männern ruhte.
Noch konnten die Beobachter nichts weiter von ihr sehen, Seidenvorhänge hingen von dem goldenen Dache herab, das die Sänfte schützte, aber sie staunten ja auch viel mehr über die Träger als über diese Sänfte und über das in ihr liegende Weib.
»Das sind doch keine Inder!«, raunte O'Donnell seiner Gefährtin zu.
»Nein, nein, die sehen genau so aus wie die Kosaken, die ich mal in London auftreten sah, im ›Olympia‹, ich war damals dort verpflichtet — ja, das sind echte Kosaken, das sehe ich nicht nur an der Kleidung, sondern ganz besonders an den Gesichtern!«, erwiderte die Olinda, ebenfalls nur ganz leise sprechend.
Ja, so war es!
Die Sänfte dort drin wurde von acht Männern getragen, in der kleidsamen Tracht der Don'schen Kosaken!
Und hinter ihr kamen wieder riesenhafte Männer, diese aber orientalisch gewandet, unter der Führung eines besonders mächtigen Mannes, dessen Gesicht freilich scheußlich anzusehen war — eine breite Narbe lief darüber hinweg, die Nase fehlte ganz, schien abgehackt zu sein —
»Das sind Afghanen!«, raunte O'Donnell seiner Gefährtin zu. »Die kenne nun wieder ich ganz genau, ich habe ihre Heimat besucht —«
»Und dieser schreckliche Kerl, der sie anführt!«, ergänzte die Sängerin.
»Aber sehen Sie doch!«, fuhr sie gleich fort, sich dicht an das Fenster drängend. »Da nahen auch Priester! Das sieht man nicht nur an den weißen Gewändern, an den weißen Binden, die sie um die Stirn tragen, nein, das verrät auch das würdevolle Aussehen — das sind Brahmanen oder Brahminen oder so —«
Die beiden guckten ja nicht schlecht, und was sie da sahen, das war auch ganz danach angetan, sie in das höchste Staunen zu versetzen.
Nun erst kamen die »Festgäste«, wie die beiden sie nennen mussten.
Zuerst eine große Schar jener Tänzerinnen, die bei keiner religiösen Festlichkeit in diesem Lande fehlen dürfen — Bajaderen, wie sie gewöhnlich bei uns genannt werden, in ihrer Heimat aber Nautschs benannt.
Unsere abendländischen Begriffe von diesen Mädchen sind ja meist ganz verkehrt, und das ist zum großen Teile durch Schriftsteller veranlasst, die Indiens Boden nie betreten, nie eine Nautsch gesehen, sie aber als eine Art feile Dirnen geschildert haben, nur dazu bestimmt, arglose Reisende in einen Hinterhalt zu locken, in welchem sie dann ausgeplündert und getötet werden. Oder noch schlimmer! Sie wurden zu Opfern der KaliDurga bestimmt, den heiligen Schlangen vorgeworfen!
Das ist alles Lüge! Die Tanzmädchen gehören fast alle den höheren Kasten an, werden von frühester Jugend an dem Tempel übergeben und dort ausgebildet, meist vom achten Jahre an, haben täglich früh vor Sonnenaufgang und dann wieder nachmittags gegen vier Uhr zwei Stunden zu üben, und diese Übungen sind genau vorgeschrieben, werden sorgsam überwacht. Sie werden für das vorbereitet, was wir ihren Tanz nennen, der aber nur in Bewegungen der Augen, der Gesichtszüge, des Busens, der Hände und der Füße besteht.
Die beiden großen Klassen dieser Nautschs sind die Thassi, die eigentlichen Tempeltänzerinnen, und die Washi, die frei leben und sich wohl auch der Liebe ergeben. Die ersteren aber gleichen den römischen Vestalinnen, nur, dass sie eben tanzen, werden auch vom Tempel bezahlt und beköstigt, und das richtet sich wieder nach den Reichtümern des Heiligtumes selbst, nach der Freigebigkeit der Frommen, die dort beten. Meist sind diese Tempeltänzerinnen sehr wohlhabend und verfügen über den kostbarsten Schmuck. Sie haben es also aus diesem Grunde schon nicht nötig, um die Gunst von Ausländern zu buhlen, ganz abgesehen davon, dass ein Verkehr mit diesen nicht nur einen Verlust ihrer Kaste zur Folge haben müsste, sondern auch ihre Ausstoßung aus dem Tempel.
Das berichtete der darin erfahre O'Donnell seiner Gefährtin, als er sah, dass sie sich besonders für diese herrlichen Geschöpfe interessierte, die da in wunderbar schwebendem Gange herankamen, der ebensolche anstrengende Übungen voraussetzt wie etwa der Spitzentanz unserer Balleteusen, und was für eine harte Schule die schon von zartester Kindheit an durchmachen müssen, das dürfte doch wenigstens teilweise bekannt sein.
Die Nautschs hier waren Thassi, also für heilig geltende Tänzerinnen.
Das war gleich an der Art zu sehen, wie sie das Haar trugen: in der Mitte gescheitelt, sonst aber schlicht zurückgekämmt und dann in einen langen Zopf geflochten, der auf den Rücken niederhing.
Ihre Kleidung war durchaus nicht verführerisch, wenn man davon absehen wollte, dass der Oberleib nur von einer kurzen, vorn nicht schließenden Jacke, der Tschuli, umhüllt wurde. Aber diese Entblößung des Oberkörpers ist ja nicht nur bei den indischen Frauen üblich und erregt doch schon nach kurzer Gewöhnung durchaus keinen Anstoß mehr. Zudem führten die Thassi noch einen kostbaren Musselinschal bei sich, den Sari, mit dem sie sich bald verhüllten, bald wieder entschleierten.
Außerdem trugen sie alle die weiten Seidenbeinkleider, die Peidschamas*), und an den Fußgelenken das Schallengay, auch Gedchum genannt, eine Art Schellengeläut aus breitem Goldblech.
*) Jetzt ›Pyjama‹ geschrieben, einen Schlafanzug bezeichnend.
Diese Tänzerinnen treten wohl auch einmal außerhalb ihres Tempels auf, aber dann muss das sehr teuer bezahlt werden, und dann erscheinen auch immer nur die, welche der Kaste des Gastgebers ebenbürtig sind, also bei einem Radscha die vornehmsten. Sie erhalten dann außer allerlei kostbaren Schmucksachen auch eine bestimmte Summe Geldes, das dem Tempelschatze zufließt. Jedenfalls werden sie mit höchster Ehrerbietung behandelt, und wehe dem, der sie mit einem unziemlichen Verlangen belästigen wollte! Namentlich europäische Gäste, die solchen Tanzvorführungen beiwohnen dürfen, müssen da sehr vorsichtig sein, auch wenn die Tänzerinnen durch ihre Bewegungen seine Begehrlichkeit aufstacheln sollten.
Die Olinda hörte gespannt dem zu, was O'Donnell ihr in Betreff dieser Tänzerinnen erklärte, wobei er ihr natürlich manches verschwieg, was eben nicht für ihr Ohr geeignet war.
Diese Tänzerinnen, deren Zahl sie auf zweihundert schätzte, ordneten sich schließlich in einem Halbkreis um die Sänfte, die von ihren Trägern an der einen Wand auf einer Stelle niedergestellt worden war, die sich etwas über dem übrigen Saalboden erhob. Mehrere breite Stufen führten hinauf. Die Kosaken selbst waren hinter die Sänfte getreten und wurden durch die herabwallenden Vorhänge ganz verdeckt, die Afghanen aber hatten sich zu beiden Seiten aufgestellt und nun die furchtbaren krummen Schwerter gezogen, dadurch andeutend, dass sie die Leibwache bildeten. Die Priester wiederum hatten sich nach der linken Seitenwand begeben, die ganz geschlossen schien, also keinerlei Öffnungen aufwies, weder Fenster noch Türen.
Nun aber war noch eine Schar von Festgästen erschienen, bei deren Eintritt die beiden in ihrem Versteck kaum einen lauten Schrei höchsten Erstaunens unterdrücken konnten.
Es waren hochgewachsene Männer, ihresgleichen weit überragend, also das, was man schlichtweg Riesen nennt, alle in wallende weiße Tuniken gekleidet, welche den rechten Arm und die rechte Schulter freiließen, und diese Tuniken trugen an ihrem unteren Saume einen roten Streifen —
Genau wie bei den Todas, welche die Olinda und O'Donnell nun schon kannten!
Diese Männer aber glichen auch sonst diesen Todas, auch sie hatten ernste, edle Gesichter, auch sie trugen das Haar und den Bart lang, aber bei allen war die Farbe beider ein lichtes Blond, sodass die Beobachter unwillkürlich dasselbe dachten:
Dieses Haar sieht aus wie gesponnenes Gold!
Dementsprechend waren die großen Augen, die einen ganz eigenartigen Glanz hatten, blau, ganz lichtblau.
»Wie kommen diese Todas hierher?«, fragte die Sängerin leise.
»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte O'Donnell ebenso. »Vielleicht gehört diese Stadt ihnen. Aber wundern Sie sich denn nicht vor allem darüber, dass dieser ganze Festzug sich hierher begeben hat?«
»Inwiefern?«, fragte die Olinda, dadurch verratend, dass sie nichts Seltsames dabei fand.
»Sie hätten doch, um ein Fest zu feiern, einen Tempel wählen können!«, sagte der Detektiv.
»Und wenn sie nun kein religiöses, sondern ein weltliches Fest feiern?«
»Dazu würden weder die Priester noch die Nautschs sich hergeben, wenigstens nie beide zusammen. Sie müssen doch bedenken, dass die Brahmanen sich nie mit den Angehörigen niederer Kasten einlassen dürfen, dass sie dadurch verunreinigt werden und lange und harte Bußen auf sich nehmen müssen, um wieder ihre frühere Heiligkeit zu erlangen. Wenn sie auf den Straßen erscheinen, so weicht alles ihnen scheu aus, schon auf weite Entfernung hin, um nicht einmal durch einen Hauch ihre Heiligkeit zu verletzen. Todesstrafe steht darauf.
Nein, nein, hier handelt es sich um keine Feier, die religiösen Charakter hat. Dann aber sind diese Priester auch keine Brahmanen, diese Tanzmädchen keine heiligen Thassi — und«, setzte er nach einer kurzen Pause zögernd hinzu, »dann sind die blonden Männer auch keine Todas, die doch alle braunhaarig waren.«
»Wir werden ja sehen«, meinte darauf die Olinda.
Und dann umklammerte sie plötzlich den ihr zugekehrten Arm des Detektivs.
»Mein Gott!«, stieß sie hervor. »Was für ein Weib ist das!«
Sie hatte einen Grund zu diesem Ausrufe.
Die Frau, welche bisher noch immer langausgestreckt auf der Sänfte gelegen hatte, hatte sich erhoben, zuerst zu einer sitzenden Stellung, und da zeigte sich, dass von ihrem Haupte leuchtendrotes Haar herabwallte, in einer geradezu wunderbaren Fülle.
Und wie immer bei Rothaarigen war auch hier die Haut schimmernd weiß, leuchtete ordentlich, so weit sie natürlich sichtbar war, also die Haut des Gesichtes, des Halses, des Nackens und eines Teiles der Brust, endlich der schlanken Arme, die aber von herrlicher Rundung waren.
Und nun das Gesicht selbst!
Es war sehr schön, von einer Schönheit, die sich nicht schildern lässt. Da nützt es nichts, von einer griechischen oder römischen Nase, von einem schwellenden Munde zu sprechen — nur ein gottbegnadeter Künstler hätte dieses Gesicht in seiner ganz und gar eigenartigen Schönheit erfassen und wiedergeben können.
Vor allem die Augen, die es ganz beherrschten!
Nie in ihrem Leben zuvor hatten die beiden, die aus ihrem Versteck heraus die Frau beobachteten, solche Augen gesehen. Es waren Augen, die niemand wieder vergessen konnte, der sie einmal sah, Augen, deren scharfem Blick schwerlich jemand standhalten konnte.
Die Pupille war dunkel, die Iris aber ganz hell, und ihre Farbe ließ sich nicht anders bezeichnen als goldiggrün, manchmal also ganz klar erscheinend, manchmal aber auch eigentümlich schillernd.
Am meisten erinnerten diese Augen an die einer Katze, aber nicht eines solchen schnurrenden, sich anschmiegenden Hauskätzchens, sondern an die einer der gewaltigen Raubkatzen, deren Heimat Indien ja ist.
»Das sind die Augen einer blutgierigen Tigerin!«, sagte denn auch O'Donnell jetzt gleich, und er hatte vollkommen recht.
Dazu passte die Gestalt der Frau, die jetzt von der Sänfte herabglitt, geschmeidig wie eine Katze in jeder Bewegung, schlank und doch wunderbar ebenmäßig, ganz in einen scharlachfarbenen Seidenstoff gehüllt, der wie lodernde Flammen leuchtete, aber auch hier schien wieder Gold den Unterton zu bilden — auch dieses Kleid war so eigenartig wie die Trägerin, und es war nicht zu sehen, ob es nur ein loses Stück Stoff war oder ob da eine Nadel gearbeitet hatte, jedenfalls schmiegte es sich eng an den Körper an, ihn aber auch gleichzeitig wieder in Falten umspielend.
Und als nun diese Frau aufrecht stand, bückten sich die rasch hervortretenden Kosaken, die sie aus der Sänfte hereingetragen hatten und nun wieder hinter ihr hervorgetreten waren, hoben diese Sänfte auf und marschierten mit ihr wieder hinaus.
Hochaufgerichtet stand das Weib in dem Flammenkleide da, vor der Leibwache, und da entdeckten die beiden Beobachter wieder etwas Neues, wieder ganz Überraschendes.
Die Unterschenkel und die Füße dieser Frau staken in hohen Kosakenstiefeln, freilich aus kostbarstem Juchtenleder, wie es eben nur in Russland hergestellt werden kann und in dieser Vollendung kaum einmal ins Ausland gelangt.
Und wiederum war ganz merkwürdig, dass an den hocheleganten Stiefeln, die sicher viel weiter hinaufreichten, bis an die Oberschenkel, als so zu sehen war, dass an diesen Stiefeln funkelnde goldene Sporen befestigt waren, mit Stachelrädern, die viel zu groß erschienen.
Da war es denn auch kein Wunder — wenigstens für die beiden Beobachter nicht — dass diese Frau nun in der Hand, die aus dem faltigen Gewand auftauchte, eine echte Kosakenknute hielt, wieder freilich sehr elegant, aber eben doch eins jener furchtbaren Züchtigungswerkzeuge, die in ihrer schrecklichen Wirkung oft genug beschrieben worden sind.
»Was für ein Weib!«, murmelte die Olinda. »Sie sieht aus wie eine Dämonin der Unterwelt, wie eine Teufelin, die aus der Hölle emporgestiegen ist, umlodert von Flammen —«
»Und die nach Opfern sucht, an welchen sie ihre grausame Gier stillen kann!«, ergänzte der Detektiv.
»Ja, grausam sieht sie aus!«, gab die Olinda zu. »Ich möchte ihr nicht als gefangene Feindin in die Hände fallen! Dieses Weib kennt keine Gnade. Sie ist grausam wie ein Tiger, dessen Augen sie ja auch besitzt!«
»Und da! Sehen Sie doch, Miss Olinda!«, rief O'Donnell.
Die Musik, die fortwährend noch erklungen war, ohne dass die Musikanten in die weite Halle getreten wären, verstummte jetzt.
Am Eingange tauchten die acht Kosaken wieder auf, jetzt aber jeder an einer goldenen Kette ein Tier führend.
Und O'Donnell wusste sofort, was für Tiere das waren.
»Wölfe. Graue und schwarze Wölfe der größten Art!«, raunte er seiner Gefährtin zu.
Ja, so war es! Die Kosaken führten acht dieser Raubtiere herein, und dass es sich nicht etwa um harmlose gezähmte Wölfe handelte, das sahen die beiden doch auch gleich.
Die Kosaken hatten alle Mühe die Bestien festzuhalten, die hinüberstrebten nach der Gruppe der Tänzerinnen, und diese schauerten furchtsam zusammen, obwohl sie doch ganz sicher schon von früher her wussten, dass sie diese Wölfe nicht zu fürchten brauchten.
Oder wussten sie das doch nicht so genau? Fast schien es so!
Doch die Kosaken hielten die Tiere in ihrer Gewalt, die Wölfe mussten sich fügen, und nun wich an der Wand, vor welcher die rothaarige Frau gestanden hatte, der Teppich zur Seite.
Ein herrlicher, von allerlei Edelsteinen und Gold funkelnder, ganz aus Elfenbein und Ebenholz geschnitzter Thron ward sichtbar, dessen hohe Lehne von dem Kopfe eines Wolfes überragt ward.
Dieser Wolfskopf in Überlebensgröße war mit geöffnetem Rachen dargestellt, und zwar von einem Künstler ersten Ranges, denn er schien zu leben, die heraushängende rote Zunge schien zu dampfen, die Augen funkelten, das gewaltige scharfe Gebiss leuchtete —
Auf diesen Thron schritt die Frau zu, gefolgt von der afghanischem Leibwache, ließ sich darauf nieder, ihr Gewand mit einer Hand ordnend, die riesigen Männer stellten sich zu beiden Seiten auf, die Kosaken mit den Wölfen aber vor ihr.
Die beiden Beobachter warteten in höchster Spannung auf das, was nun weiter geschehen musste.
Ihre Geduld ward auf eine ziemlich harte Probe gestellt, denn Minute um Minute verstrich, ohne dass sich etwas regte, auch die Musik erscholl nicht wieder, und wie leblos standen die Tänzerinnen, die Priester und die blondhaarigen Männer.
Plötzlich gellte ein Trompetenstoß durch die Stille.
Und dann erschien im Portal des Saales ein Mann.
Eng pressten die Olinda und O'Donnell ihre Gesichter an die Lücken zwischen dem marmornen Vorhang, hinter dem sie standen.
Dieser Mann, der da in den Saal trat, war ein Europäer, ganz bestimmt ein Engländer, und zwar ein vornehmer.
Für den Kenner ist ein englischer Aristokrat immer auch aus einer großen Menge anderer Menschen herauszufinden. Es ist eben etwas ganz Eigentümliches an diesen Menschen, wie an allen Aristokraten, die ihren Stammbaum jahrhunderteweit zurückführen können.
Da mag einer sagen, was er will, mag davon schwatzen, dass wir alle Menschen sind — dann schwatzt er eben Unsinn. Wie man einen Bauersmann nicht mit einem Pfarrer verwechseln kann, einen Gelehrten nicht mit einem Arbeiter, mag es da auch Ausnahmen geben, ebenso wenig kann man behaupten, dass nicht der Aristokrat die Merkmale seiner besonderen Rasse an sich trüge.
Ursprünglich sind auch sie natürlich Menschen wie die anderen gewesen, aber durch ihre vorherrschende Stellung haben sie eben besondere Merkmale gewonnen, die nicht etwa nur in kleinen Füßen und Händen bestehen. Es ist etwas ganz Besonderes dabei, und natürlich erst recht bei jenen Adelsfamilien, die sich wieder zu Herrschern über ihresgleichen aufgeschwungen haben, also bei den Regierenden, und da ist es eben keine leere Redensart, wenn man bei einem Fürsten von einem majestätischen Aussehen spricht, das ist auch kein Byzantinismus, das sind eben Rassenmerkmale, durch die besondere Lebensführung und die ganze Erziehung von frühestem Alter an bedingt. Sonst hätten doch diese Menschen, die sie immer blieben und die oft geistig und körperlich beträchtlich unter ihren Untertanen standen, nicht jahrhundertelang über diese herrschen können.
Genug davon!
Der junge Mann, der hier hereinkam, war ein Aristokrat aus ältestem englischem Geschlecht, und da tat auch der nicht gerade vornehme Jagd- oder Touristenanzug, den er trug, keinen Abbruch.
Das zeigte sich schon darin, wie er eintrat, nicht etwa stutzend über diese sonderbare Versammlung, die er da erblickte, am allerwenigsten über die Tänzerinnen, etwa gar einen verliebten Blick zu ihnen werfend oder nun die Blicke in aufdringlicher Bewunderung auf die rothaarige Frau richtend, die auf dem Throne saß.
Das zeigte sich auch darin, wie er nun den weiten freien Raum durchquerte, der ihn von ihr trennte.
Auch das Gehen will ja gelernt sein, obwohl jeder normale Mensch es kann. Man braucht da doch nur daran zu erinnern, welche Mühe es kostet, sich auf einer Bühne natürlich zu bewegen, dass es da schon schwer ist, einen Diener darzustellen, der einen Brief hereinbringt oder sonst etwas. Das will erst gelernt sein. Noch mehr aber will gelernt sein, sich angesichts einer großen und glänzenden Menge durch einen prächtigen Saal auf einen Thron zuzubewegen, dass man da nicht linkisch erscheint oder wie ein Stockfisch, der ein Lineal verschluckt hat.
Ganz davon abgesehen, dass dieser marmorne Mosaikfußboden doch ebenso glatt war wie frisch gebohnertes Parkett! Dieser junge Mann aber in dem schlichten Anzug konnte das, hatte das gelernt, als er kaum laufen konnte, hatte sich vielleicht zeitlebens in solchen vornehmen Sälen bewegt.
Mit edlem Anstande kam er heran, in der rechten Hand die übliche leichte Mütze, die Unterschenkel bis zu den Knien in braunen Ledergamaschen.
Ohne das geringste Zögern und ohne das leiseste Zeichen von Neugierde oder gar Verlegenheit näherte er sich stracks dem Throne, bis er etwa zehn Schritte vor diesem Halt machte.
Nun hob er erst einmal das Haupt.
Seine klugen blauen Augen begegneten denen der Frau.
Dann neigte er sich tief und ehrerbietig, aber auch nicht um einen Zoll zu tief, nicht übertreibend, wie man das manchmal in mondänen Vergnügungsstätten sehen kann, wenn ein vornehmer Herr sich vor einem sehr zweifelhaften oder eben gar nicht zweifelhaften Dämchen verneigt, als wenn er vor einer wirklichen Dame stände. Aber das tut er eben nicht, dazu ist seine Verbeugung zu tief, die Ehrerbietung, die er ja gar nicht empfindet, zu betont. Eine solche Verbeugung würde von jeder echten Dame als schnöde Beleidigung empfunden werden.
Nein, dieser junge Mann wusste offenbar ganz genau, was sich ziemte, wie weit er dieser rothaarigen Frau, so vornehm und gebieterisch sie auch aussah, seine Hochachtung bezeigen durfte. Jedenfalls richtete er sich sogleich wieder auf und stand stolz und aufrecht vor ihr.
»Wer kann das sein?«, fragte die Olinda außer sich. »Ich mag natürlich nicht den Namen wissen, obgleich auch der mich interessieren würde — aber es ist doch ein Engländer, und er ist hier, wo wir vorhin ganz allein waren, in diesem Palast, der seit Jahren von keinem Menschen betreten worden zu sein schien, in dieser verlassenen Stadt —
Und er ist hier als geladener Gast! Ihm zu Ehren hat die Frau dort die feierliche Versammlung veranstaltet —
Ach, und sehen Sie doch, O'Donnell, wie schwermütig dieser noch so junge Mann blickt! Als gäbe es für ihn auf der ganzen schönen Erde kein Lachen mehr, keine Freude, als trüge er auf seinem Schultern das Leid der gesamten Menschheit! Der arme Mensch ist ja todunglücklich, ganz todunglücklich!«
Ja, da hatte sie wieder recht, und so etwas konnte diese Sängerin ja beurteilen, das gehörte sozusagen eben mit zu ihrer Kunst. Sie musste doch genau wissen, wie sie ihre Mienen verziehen musste, um eine solche Schwermut, ein solches Zutodebetrübtsein darzustellen — auf der Bühne natürlich.
Auch O'Donnell war dieser Ausdruck in dem Gesicht des vornehmen jungen Mannes sogleich aufgefallen.
Diese Niedergeschlagenheit, die sich trotz seines vornehmen Betragens in jeder seiner Bewegungen ausprägte, wäre vielleicht erklärlich gewesen, hätte er in Fesseln hier erscheinen müssen.
Aber auch dann wäre sie nicht seinem Wesen entsprechend gewesen, denn ein solcher freigeborener Herr lässt sich doch auch durch Fesseln nicht demütigen, wahrt als Gefangener erst recht seinen Stolz, sich auch durch Todesdrohungen oder gar Martern nicht schrecken lassend.
Es war eben eine ganz besondere Art von Niedergeschlagenheit und Trauer, die er zeigte, ohne sie auffällig zur Schau zu stellen.
Es war auch nicht etwa jener Weltschmerz, durch den blasierte Gecken sich interessant machen wollen.
Nein, die Seele dieses vornehmen und auch schönen jungen Mannes ward durch eine schwere Last bedrückt, die er nicht abzuwälzen vermochte.
Hatte er trotz seiner Jugend schon ein so großes Leid erfahren, dass er nie wieder seines Lebens froh werden konnte?
Die beiden in der Kleiderkammer wandten die Blicke nicht von ihm und von der rothaarigen Frau in dem flammendroten Kleide und den Kosakenstiefeln.
Was hatten diese beiden so grundverschiedenen Menschen miteinander zu schaffen?
Jedenfalls vergaß sowohl die Olinda als auch der Detektiv ganz die eigene Lage über dem, was sie hier erblickten, dachten mit keinen Atemzuge daran, dass sie vielleicht entdeckt werden könnten und dann sicher in größte Gefahr gerieten.
Sie sollten recht unliebsam daran erinnert werden.
Die rothaarige Frau auf dem Throne, die die tiefe Verneigung des jungen englischen Aristokraten nur durch eine kaum merkliche Bewegung des schönen Hauptes und durch eine Handbewegung erwidert hatte, brach nunmehr das Schweigen, das während dieser letzten Minuten über dem Saale und den darin Anwesenden gelastet hatte.
»Sir Hektor Clifford!«, sagte sie mit einer Betonung, als wüsste sie genau, dass er das war, wolle es aber aus seinem Munde bestätigt erhalten.
Und wieder verbeugte sich der junge Mann, der also wirklich ein englischer Aristokrat aus altem, sogar ältestem Geschlecht war, denn die Cliffords wurden zurzeit des Richard Löwenherz erwähnt, also während der Kreuzzüge, und wer die Geschichte der englischen Adelsgeschlechter kennt, der weiß auch, dass diese Cliffords fast immer auf irgendeinem Schlachtfelde ihr Leben für ihren Herrscher gelassen haben, dass aber nie an ein Aussterben des edlen Geschlechts zu denken war, da immer rechtzeitig der männliche Erbe geboren ward, ebenso war ihm bekannt, dass die Cliffords längst den Herzogshut hätten tragen können, wenn sie es gewollt hätten.
Aber das eben hatten sie verschmäht. Sie wollten weder Titel noch Würden, hatten alle Rangerhöhungen abgelehnt und waren einfach »Sirs« geblieben, aber das hinderte doch nicht, dass sie den Herzögen und Grafen bei Hofe vorangestellt wurden, den Vorrang vor ihnen beanspruchen durften. Ein besonderes Gesetz war deswegen erlassen worden, das natürlich gebührend beachtet wurde.
Kein Geringerer als der berühmte Tennyson hatte eine der Heldentaten der Cliffords besungen, in einer Ballade, die jeder Engländer kennt unter dem Titel »The charge of the Light Brigade« — (Der Angriff der Leichten Reiter).
Ihrer sechshundert waren sie angesprengt, hinein in den Rachen des Todes, den Geschütze und Gewehre ihnen entgegensandten.
»Into the valley of death rode the six hundred« — (In das Tal des Todes ritten die 600). Und kamen zurück aus der Hölle:
»Then they rode back, but not — not the six hundred« (Sie ritten zurück, aber nicht — nicht die Sechshundert).
Und das Ende heißt:
»Honour the charge they made! Honour the Light Brigade, noble six hundred!« — (Ehre dem Angriff, den sie machten, Ehre der Leichten Brigade, den tapferen Sechshundert!).
O'Donnell kannte das alles, hatte aber kaum Zeit, seiner Gefährtin in eilenden Worten davon zu erzählen.
»Das ist der Letzte der edlen Cliffords von Walton Hall«, sagte er.
»Ich grüße Sie, Sir Clifford, und heiße Sie willkommen in meinem Hause.«
Sir Clifford neigte sich zum Danke; vielleicht wollte er etwas erwidern — er kam nicht dazu. Seitwärts von den beiden tauchte ein alter, weißbärtiger Inder auf, eine ganz ehrwürdige Greisengestalt.
Er wagte nicht, unaufgefordert zu sprechen, verbeugte sich nur immer wieder mit über der Brust gekreuzten Armen, aber er war von der Gräfin gesehen worden. Sie hob jetzt die Hand, welche die Knute hielt.
»Einen Augenblick, bitte, Sir Hektor!«
Dieser verneigte sich.
Die beiden hatten Englisch miteinander gesprochen. Nun aber bediente sich die Gräfin der indischen Sprache, die sie vollkommen beherrschte.
»Was hast Du zu melden, Gyan?«, fragte sie den Greis. »Tritt vor mich und sprich!«
Tiefer als zuvor neigte sich der Alte, als er vor seine Gebieterin trat.
Tiefer als zuvor neigte sich der Alte,
als er vor seine Gebieterin trat.
»Herrin«, sagte er mit leiser Stimme, als sollten seine Worte nicht im ganzen Saale gehört werden, »Fremde sind in Deinem Hause.«
Hei, fuhr die rothaarige Frau da auf!
»Was sagst Du, Gyan? Fremde hier? Jetzt noch?«
»Ich muss es annehmen, Herrin.«
»Und woraus schließt Du das?«
Da wendete sich der Greis seitwärts und winkte zwei Negersklaven, die abseits standen.
Nun eilten sie herbei und legten vor dem Throne zwei Lederanzüge nieder, ganz feucht —
»Unsere Anzüge!«, hauchte die Olinda, erschrocken zusammenzuckend. »An die haben wir nicht gedacht, als wir uns hierher flüchteten. Nun sind wir durch die verraten worden!«
Auch O'Donnell erschrak.
An diese Anzüge hatte er freilich nicht gedacht, ja auch gar keinen Anlass gehabt, sie zu verbergen, er hatte ja gar nicht wissen können, was sich hier abspielen würde, und im letzten Augenblick, als sie in die Kleiderkammer eilten, hatte er die Anzüge vergessen.
Nun waren sie gefunden worden, und nun würde man nach den Eigentümern suchen!
An einem herrlichen Morgen im Monat Mai fiel ein goldener Sonnenstrahl durch ein gardinenloses Fenster auf einen Zeichentisch und beleuchtete eine Hand, welche, einen Bleistift haltend, untätig auf dem angefangenen Grundrisse eines Kanalbaues lag — eine zwar gutgepflegte, aber sehr große, braune, muskulöse Hand, in der sich das dünne Bleistiftchen wahrhaft lächerlich ausnahm.
Dieser Hand entsprechend war ihr Besitzer gebaut, ein noch junger Mann — 26 Jahre alt — ein baumlanger Kerl mit wahren Bärenknochen, sonst nur Muskeln und wie Telegrafenkabel starrende Sehnen.
Sein Name war Karl Willmer, Hilfszeichner am Magdeburger Tiefbauamte.
Und dieser junge Mann war ich selbst!
Noch niemals war mir so elend und unglücklich zumute gewesen wie damals, als ich an dem herrlichen Frühlingsmorgen in der zehnten Stunde untätig vor dem Zeichentische saß und meine braune, von dem Sonnenstrahl vergoldete Bärentatze betrachtete, in der sich das Bleistiftchen gar so lächerlich ausnahm.
Ein Brief, den ich früh empfangen hatte, war an dieser meiner unglücklichen Stimmung schuld, ein Brief aus Afrika, vom Sambesi, der sechs Wochen unterwegs gewesen war, geschrieben von einem Studienfreunde, der dort in englischen Diensten an einem Brückenbau nivellierte.
»Kommst Du nun nicht bald nach, Karl? Ich kann Dich sofort anbringen, habe eine herrliche Stellung für Dich. Fünfzig Pfund Sterling im Monat! Und was sonst noch alles drum und dran hängt! Und dieses Leben hier! Gestern habe ich meinen vierten Löwen geschossen, und heute Nacht ist mir ein Zebra in die Falle gegangen; will doch einmal sehen, ob es mir glückt, es zuzureiten — —«
Solche Briefe hatte ich von meinem Freunde innerhalb zweier Jahre schon mehrfach bekommen, aber nicht nur aus Afrika, sondern auch aus Südamerika und aus Indien, wohin er von einer englischen Gesellschaft, die Brücken, Straßen, Eisenbahnen und dergleichen baute, als Nivelleur geschickt wurde, immer mitten in die Wildnis hinein. Und stets hatte er gefragt: »Kommst Du nun nicht bald nach, wie wir ausgemacht haben?«
Nein, ich konnte nicht kommen!
Obgleich mir doch die Wander- und Abenteurerlust im Blute lag, mich mit allen Fasern hinzog.
Das Blut, ach, dieses Blut, dass ich von meinem Vater geerbt hatte!
Mein seliger Vater war Zeit seines Lebens immer ein großer Vagabund gewesen, hatte als Junge zur See gehen wollen, nicht gedurft, war heimlich ausgekniffen, wohl dabei einen Griff in des Vaters Kasse machend, war auch als Schiffsjunge ausgekniffen, hatte sich abenteuernd in aller Herren Länder herumgetrieben, fast zwanzig Jahre lang.
Erst nachdem er eine große Erbschaft gemacht hatte, war er in die Heimat zurückgekommen, hatte fast eine Viertelmillion in kürzester Zeit verjuchhet, hatte in aller Schnelligkeit noch geheiratet, ein Mädchen aus einer sehr guten Familie, auch noch deren Geld schnellstens durchgebracht, hatte mich in die Welt gesetzt, und dann war er gestorben. An akuter Lungenentzündung, sagte meine Mutter. In Wirklichkeit war es wohl etwas anderes gewesen. Er hatte drei Nächte durchgezecht — das hatte auch seine eiserne Natur nicht vertragen können.
Aber alle hatten ihn gern gehabt, den fidelen Allerweltsbruder. Er hatte keinen Feind gehabt. Wenn jemand Ursache gehabt hätte, ihn zu hassen oder doch zu verachten, so wäre das mein Onkel Eduard gewesen, der Bruder meiner Mutter. Aber sogar der, ein echter Spießbürger und Philister, sprach nur mit lachender Bewunderung von dem Tunichtgut, konnte tausend Streiche und Schnurren von ihm erzählen. Und meine Mutter vergötterte den Luftikus noch heute als den denkbar zärtlichsten, aufmerksamsten Ehegatten.
Also er war gestorben, mit seinem letzten Atemhauche noch einen guten Witz machend!
Meiner Mutter war dabei nicht so humoristisch zumute. Sie konnte jetzt mit ihrem Baby am Hungertuche nagen. Gar nichts war mehr vorhanden, und von ihrer Familie glaubte sie sich verstoßen.
Aber dem war nicht so. Alle Hochachtung vor Onkel Eduard! Er war ein Staatsbeamter in hoher Stellung. Er nahm sich der verlassenen Schwester an. Erst jetzt zeigte sich, wie zärtlich der ernste, philisterhafte Mann, ein Junggeselle, seine Schwester geliebt hatte. Und für mich sorgte er in geradezu großartiger Weise.
Ich besuchte das Gymnasium, zeigte große Begabung für Mathematik, die ich dann auch studierte. Ich wandte mich den Ingenieurwissenschaften zu.
O ja, das war etwas für mich, zumal jetzt in mir ein fester Zukunftsplan entstand. Ich lernte einen jungen Mann kennen, Ernst Roch, mit dem ich eine Wohnung bezog. Sein Vater war Ingenieur in Diensten einer englischen Gesellschaft, die ihre Bauten in aller Welt ausführte, neue Verkehrswege schuf, verdiente ein Heidengeld, und wenn sein Sohn so weit war, sollte er nachkommen.
»Da kommst Du mit, Karl!«
Jawohl, ich sollte mitkommen. Na sicher!
Ach, wie wir uns dieses abenteuerliche Leben in den Wildnissen ausmalten, in den Kordilleren, in den afrikanischen Wüsten und in den indischen Dschungeln!
Ernst war zwei Jahre früher fertig als ich und ging ab.
Er schrieb mir häufig, sein abenteuerliches Leben schildernd, und dann nach zwei Jahren hieß es, zuerst aus Argentinien: »Nun bist Du so weit, nun kannst Du nachkommen; mein Vater hält eine ausgezeichnete Stellung für Dich offen.«
Aber ich kam nicht. Ich wurde Hilfszeichner im Tiefbauamte zu Magdeburg.
Drei ganze Jahre vergingen, mein Freund, unterdessen nach Indien übergesiedelt, dann nach Afrika, vergaß mich nicht, ließ nicht nach mit seinem Drängen — aber ich kam nicht, ich war immer noch Hilfszeichner im Tiefbauamte, jetzt nur richtig angestellt, hatte die Anwärterschaft hinter mir, wurde besoldet, hundert Mark im Monat.
Ich konnte nicht kommen. Ich saß den ganzen Tag im dumpfigen Zeichenbüro oder tauchte unter in Schleusen und Kloaken, um sie auszumessen.
Weshalb konnte ich nicht meiner unnennbaren Sehnsucht nach fremden Ländern und einem abenteuerlichen Leben in Wildnissen folgen?
Auf das, was ich meinem Onkel schuldete, hätte ich gepfiffen. Ich hätte so viel verdient, um alles zurückzahlen zu können, was er für meine Erziehung ausgegeben hatte, falls er es verlangt oder um mich dem Gewissen nach frei zu machen.
Aber ich hatte eine Mutter!
Sie war glücklich gewesen, mich in einer sicheren Lebensstellung zu sehen, als Beamter, dem nach einer nur wenige Jahre zählenden Prüfungszeit die höchste Karriere offen stand. In fünf Jahren schon konnte ich eine Familie ernähren; in weiteren fünf Jahren würde ich ganz sicher Bürochef sein, und immer höher hinauf musste es mit mir gehen.
Doch die Liebe zu meiner Mutter war es noch immer nicht, was mich allein in der Heimat, im Zeichensaal und in den Kloaken festhielt.
Es war das Mitleid, das tiefste Mitleid.
Vor nunmehr vier Jahren hatte meine Mutter einen Schlaganfall gehabt, sie war gelähmt, konnte ihre Füße nicht gebrauchen, war ans Bett und an den Fahrstuhl gefesselt. Und ich war ihr ein und ihr alles geworden, sie konnte ohne mich nicht mehr auskommen.
Eigentlich hatte ich über durchaus nichts zu klagen. Von Kindheit an ein eifriger Turner, war ich ein eifriger Sportsmann geworden, und mein Onkel gewährte mir ein so reichliches Taschengeld, dass ich alle meine Neigungen befriedigen konnte, die sich eben auf körperlichen Sport erstreckten. Ich war Mitglied eines Turn- und Schwimmvereins, eines Ruder- und eines Sportklubs, der speziell Athletik trieb; sogar in einer Reitbahn war ich abonniert.
So war bei mir jeder Abend besetzt oder sogar schon der Nachmittag. Zeit hatte ich ja genug. Der Dienst war vormittags neun bis nachmittags um vier Uhr. Andere Vergnügen kannte ich nicht.
Und meine Mutter ließ mich gewähren. Die hatte auch ihre Unterhaltung. Es wurde ihr eine Pflegerin gehalten, deren Gesellschaft ihr am Vormittag genügte.
Auch der tägliche Besuch des Arztes schaffte Abwechslung, und jeden Nachmittag bis zum späten Abend hatte sie regelmäßigen Besuch von Freundinnen.
Abends zehn Uhr aber musste ich auf dem Plane erscheinen, um ihr vorzulesen, um sie in Schlaf zu bringen! Was so immer gegen zwei Stunden dauerte. Das war einmal angefangen worden, daran hatte sie sich gewöhnt, und da ließ sich nun nichts mehr ändern. Sie konnte nicht einschlafen, wenn ich ihr nicht einige Zeit vorgelesen hatte. Sonst quälte sie sich die ganze Nacht herum, immer unter entsetzlichen Schmerzen. Und dieses Vorlesen konnte niemand anderes besorgen, ich musste es sein, der neben ihrem Bette saß, dessen Stimme sie hörte. Und immer dieselben Romane von der Marlitt und von der Heimburg. Wenn ich mit der »Goldelse« fertig war, kam das »Geheimnis der alten Mamsell« daran, dann fing die Heimburg mit »Lumpenmüllers Lieschen« an, schloss ab mit »Trudchens Heirat«, und nach einem halben Jahre war ich wieder bei der »Goldelse«!
Sonntags ging oder fuhr sie zweimal in die Kirche, vor- und nachmittags. Anders tat sie es nicht. Ich musste unbedingt dabei sein. Nicht, dass ich den Rollstuhl hätte fahren müssen, aber ich musste unbedingt auf der Straße neben ihr gehen, oder sie hätte die Fahrt nicht gewagt. Natürlich musste ich auch in der Kirche neben ihr sitzen, und am Abend hatte ich ihr aus »Stunden der Andacht« vorzulesen.
Das war mein Sonntag. Und jeden Abend, den Gott werden ließ, mindestens zwei Stunden lang an dem Bett der kranken Frau sitzen und ihr süßliche Familienromane vorlesen!
Ja, ich konnte einmal ins Theater gehen, das ließ sich machen, ich hatte doch bis zehn Uhr Zeit, und auf eine Viertel- oder auch einmal eine halbe Stunde kam es nicht an.
Ich bekam Sommerferien, zuletzt nicht weniger als vier Wochen. Da machten wir Reisen. Das heißt in ein Bad, in einen Kurort. Wir suchten uns die schönsten Fleckchen aus. Ich konnte den ganzen Tag fort sein. Aber die Fessel am Abend blieb.
Eine Fessel? Ich war alles andere als ein Nachtschwärmer. Und doch empfand ich diese Pflicht als Fessel! Ich träumte ja seit meiner Kindheit von Indianerkämpfen und Tigerjagden. Wenn ich in der Manege im Kreise ritt, dann träumte ich, ich lenkte meinen Mustang durch die endlose Prärie!
Ich litt! Meine Mutter hatte gar keine Ahnung, wie qualvoll ich litt. Kein Wort kam davon über meine Lippen, kein Seufzer — ihr gegenüber nicht und keinem anderen Menschen. Hätte sie es gewusst, ich hätte nicht erst zu bitten brauchen — sie selbst hätte mich aufgefordert, meiner Sehnsucht zu folgen, in die weite Welt zu gehen.
Ich dachte nicht daran, mich ihr zu offenbaren.
Auf ihren Tod zu hoffen, der mir die Freiheit brachte?
Gott sollte mich davor bewahren, dass mir auch nur der leiseste Gedanke daran kam!
Ich liebte meine Mutter auf das Innigste.
Ich wünschte, ihr bis in alle Ewigkeit so dienen zu können.
Und um ihr die Gesundheit wiederzugeben, hätte ich sofort das Gelübde abgelegt, Zeit meines Lebens im Zeichenbüro zu sitzen und zur Abwechslung einmal in den Schleusen und Kloaken herumzukriechen, und hätte mein Gelübde gehalten.
Ich war unglücklich, tief unglücklich, wenn man mir davon auch nichts anmerkte. Nur dass ich ein sonderbarer Mensch geworden war.
Durch dieses stille Erdulden meines Leides hatte ich einen ganz besonderen Charakter bekommen. Ich war ein sehr lebhafter, geselliger, mitteilsamer Knabe und Jüngling gewesen. Mit der Zeit änderte sich das. Ich wurde immer schweigsamer, wortkarger, phlegmatischer.
Ein ganz merkwürdiges Wesen befiel mich, gar nicht so leicht zu schildern.
Meine Kollegen mussten jedem einen Spitznamen anhängen. Mich hatten sie Pythagoras getauft. Erstens — bei aller Bescheidenheit muss ich es erwähnen — weil ich wirklich ein sehr starker Mathematiker war und besonders im Kopfrechnen fast Erstaunliches leistete; zweitens, weil ich den schon existierenden vierunddreißig Beweisen des Pythagoräischen Lehrsatzes, dass in jedem rechtwinkligen Dreieck das Quadrat über der Hypotenuse gleich ist der Summe der Quadrate über den beiden Katheten, einen fünfunddreißigsten, ganz selbstständigen Beweis hinzugefügt hatte, wofür ich von der mathematischen Gesellschaft auch ein Diplom erhalten habe; und drittens noch aus einem ganz besonderen Grunde.
Nil admirari. Das war der Wahlspruch des Pythagoras. Das heißt: Man soll sich über nichts wundern, nichts anstaunen. So wird wenigstens immer gesagt. Tatsächlich aber war dieses »nil admirari« der Wahlspruch des Demokritos.
Nun, dann hatte ich die höchste Tugend und Glückseligkeit erreicht, die dem Menschen möglich ist. Ich wunderte mich über nichts. Es gab nichts, was ich anstaunte. Infolgedessen sprach ich auch nie über etwas, was ich zuvor noch nicht gesehen oder gehört hatte, und wäre es auch noch so interessant gewesen.
Ein Beispiel mag erläutern. wie das gemeint ist.
Eines Morgens war in einer einsamen Straße ein flüchtiger Verbrecher nach wilder Jagd und verzweifelter Gegenwehr festgenommen worden.
Zwei Tage später wurde von der Polizei öffentlich in den Blättern der Herr gesucht, der den beiden Schutzleuten beigestanden, den Kerl überhaupt erst eingeholt und dingfest gemacht hatte; er sollte vor Gericht als Zeuge dienen.
Da meldete ich mich, denn ich war derjenige gewesen.
Das Staunen meiner Kollegen lässt sich wohl begreifen. Ich war ihnen ein unergründliches Rätsel.
Weshalb? Nun, man stelle sich nur vor, wenn ein anderer so etwas erlebt und solch eine Tat ausgeführt hätte. Der kommt doch natürlich ins Büro gestürzt: »Hört, was mir soeben passiert ist — —!« Und nun fängt er an, seine Heldentat zu erzählen!
Oder würden nicht unter hundert Menschen neunundneunzig so handeln? Bei mir gab es so etwas nicht. Ich hatte zu keinem Menschen auch nur ein Wörtchen verloren. Erst als die Pflicht mich rief, meldete ich mich.
Doch es war nicht etwa Bescheidenheit, die mich so handeln ließ. Ich war eigentlich alles andere als bescheiden.
Nein, es war eben mein Charakter. Ich war ganz einfach ein Stockfisch.
Was aber, wie schon gesagt, mit mir nicht immer der Fall gewesen war.
Und sonst war ich das verkörperte Phlegma, überaus faul, unter meinen Kollegen, unter dem ganzen Beamtenpersonal ein geradezu angestauntes Muster von Faulheit. Wenn ich nicht gerade einmal Lust zur Arbeit hatte, konnte ich die sieben Stunden vor dem Zeichentische sitzen und untätig auf das Reißbrett starren. Durfte mir's auch leisten. Unser Bürochef war sonst ein gar eifriger und grimmiger Herr, aber mich behandelte er mit ganz besonderer Aufmerksamkeit. Denn er wusste, dass ich, noch ehe er pensioniert war, über ihm stehen würde, weil ich eben Protektion hatte — ganz von oben herab.
Und faul war ich in allen meinen Handlungen und in jeder Bewegung, was mich aber nicht hinderte, in meinem Sportklub der beste Schnellläufer zu sein und beim Fechten die gelenkigste Hand zu haben. Diese körperliche Sportbetätigung allein hielt mich aufrecht und gesund. Sonst wäre ich schon längst einer unheilbarem Melancholie verfallen gewesen.
So besaß ich noch immer einen guten Sinn für Humor, obgleich ich dem Äußeren nach ein mürrischer, verdrießlicher, immer knurrender Mensch war, der höchstens ärgerlich oder verächtlich lachen konnte. Nur meine Mutter ahnte von diesem meinem Seelenzustande nichts.
So stand es mit mir, als ich damals an dem herrlichen Frühlingsmorgen vor dem Zeichentische saß und meine in dem goldenen Sonnenstrahle liegende Bärentatze betrachtete, in der sich, ich muss es wiederholen, das Bleistiftchen gar so nichtig ausnahm!
Noch nie also war mir mein ganzer Jammer so zum Bewusstsein gekommen.
Der Brief von Ernst war schuld daran.
Meine Ideale, ach, meine Ideale! Meine Träume!
Meine Träume, die ich von Jugend an gehabt, von windgepeitschten Wogen und stillen Meeresküsten, von Felsenklippen und Korallenbänken, von blumigen Prärien und düsteren Urwäldern, in denen ich die unbändige Kraft, die in mir schlummerte, in Kämpfen mit wilden Tieren und Menschen auslassen konnte, und — — ich saß hier zum Zeichentisch verurteilt, zur Abwechslung in den Kloaken herumkriechen müssend — —
Ach, war das traurig! War mir elend zumute!
Dachte ich an den Abend, so fühlte ich schon die »Goldelse« im Magen, und das »Geheimnis der alten Mamsell« hing mir ellenlang zum Halse heraus.
»Herr Willmer, Sie könnten sich einmal in den Kasernenneubau begeben. Die Leute dort werden nicht fertig. Beim Schleusenbau soll hier in dieser Zeichnung dies und das nicht stimmen. Ihnen ist es doch nur angenehm.«
Mit diesen Worten war ein Vorgesetzter an mich herangetreten, der mich sonst in meiner Faulheit gar nicht zu stören gewagt hätte, hätte er nicht geglaubt, mir eine wirkliche Gefälligkeit zu erweisen.
Ja, es war mir tatsächlich sehr angenehm, wieder einmal unter die Erde zu tauchen, in die Kloaken hinein.
Bei uns hatte die Hälfte des ganzen Personals durch den fortwährenden
Witterungswechsel in letzter Zeit einen Katarrh bekommen; alles hustete und hüstelte; kein Fenster durfte geöffnet werden.
Ich machte mich fertig zum Gehen, ließ aber den Sommerüberzieher, den ich am Morgen angezogen hatte, weil es da sehr kühl gewesen war, hängen.
»Sie brauchen sich nicht zu beeilen!«, rief mir der gegen andere sonst so gestrenge Herr Vorgesetzte noch nach. »Wenn Sie nur gegen Mittag dort sind.«
Also ich hin nach der neuen Kaserne. Nur weil ich auf die Straßenbahn zu lange hätte warten müssen, benutzte ich diese nicht, was zu erwähnen ich einen besonderen Grund habe.
In einer belebten Hauptstraße sah ich eine ganz auffallende Erscheinung: Einen Mann, der trotz der jetzt zur Mittagszeit herrschenden Hitze in einen dicken Pelz gehüllt war, auf dem Kopfe einen außergewöhnlich breitrandigen Strohhut trug, und unter diesem nun ein quittengelbes Gesicht, glattrasiert, hager, eingefallen, faltig, leidend, wie aus Pergament.
Hinter diesem mittelgroßen Pelzmanne, der auch noch die Hände tief in den Pelztaschen vergraben hatte, hielt sich ein riesenhafter Neger in schlohweißem Kostüm, in jeder Hand einen mächtigen Koffer tragend.
Wer konnten diese beiden sein?
Na, das musste jeder, der nur einigermaßen etwas von der Welt wusste, auf den ersten Blick erkennen.
Zunächst war natürlich der eine der Herr und der andere der Diener.
Aber jeder Schuljunge, der seine Abenteuerschwarten gelesen hatte, musste gleich noch mehr wissen.
Das war ein Holländer, der seine Reichtümer in West- oder Ostindien zusammengescharrt und sich dabei die Gallensucht geholt hat!
Das hier war zweifellos der reiche Mijnheer, wie er im Buche steht, der holländische Kaufmann oder Pflanzer, der auf seiner Pfefferplantage im fernen Süden eine solche tropische Glut gewohnt worden war, dass er sich hier bei uns bei solch einer Mittagshitze dicht in Pelze hüllen musste, um nicht zu erfrieren.
Reich musste der Kerl unbedingt sein, steinreich! Da brauchte man gar keine diamantenblitzenden Fingerringe und Busennadeln zu sehen, da brauchte er nicht erst die mit unschätzbaren Juwelen besetzte Uhr zu ziehen.
Der Reichtum lag schon im Äußeren ausgedrückt.
Solch einen Pelz konnte nur ein schwerreicher Mann sein eigen nennen, und dieses hochelegante und ganz wunderliche Schuhwerk, dass man unter dem langen, fast bis zur Erde reichenden Mantel sah, aus einem ganz eigentümlichen Leder, rot und dabei doch in allen Farben des Regenbogens schillernd, wie aus lauter kleinen Karrees zusammengesetzt — vielleicht Krokodil- oder gar Schlangenleder, und der Strohhut aus feinstem Panama, einige hundert Dollars kostend — der Kerl musste Geld wie Heu haben!
Das heißt, wohlverstanden: Ich drücke mich dabei so aus, wie jetzt sicher alle auf der Straße dachten, die diesen Fremdling mit seinem schwarzen Diener erblickten, und das waren doch meist eingeborene Magdeburger.
Auf mich machten diese beiden exotischen Fremdlinge einen ganz außerordentlichen Eindruck. Meine ganze Sehnsucht nach der weiten, schönen Welt ward dabei wach, und meine sehr lebhafte Phantasie, von deren Vorhandensein ich damals nur noch gar nichts wusste, begann beim Anblick der beiden sofort zu arbeiten.
Sofort tauchte vor meinen geistigen Augen eine tropische Landschaft mit Palmen und blütenprächtigen Schlingpflanzen auf, belebt von Affen und Papageien. Unter dem breiten Dache des Bungalow sitzt der Mijnheer und schmaucht eine kostbare Pfeife; eine dunkelhäutige Schöne im bunten Federröckchen wehrt ihm die Fliegen ab, und ein noch schwärzerer Diener serviert ihm den Kaffee — —
Und so weiter, und so weiter.
Schwermütig seufzte ich:
»Ach, dass ich ihn begleiten könnte, diesen Mann aus einer anderen Welt, aus der Welt meiner Sehnsucht! Wie gern wollte ich sein Diener sein! Wie gern wollte ich ihm die beiden schweren Koffer nachtragen, jeden verlangten Dienst verrichtend, wenn ich nur mit ihm könnte in seine bunte Tropenwelt — —«
Da hatte ich die beiden, die mir entgegengekommen waren, hinter mir, und da war der Anfall schon wieder vorbei.
Da war ich wieder der teilnahmslose Stockfisch geworden.
Mir fiel gar nicht ein, den Kopf zu wenden, so wenig, wie ich bei ihrem Anblick auch nur etwas meinen schnellen Schritt verlangsamt hatte.
Ich hörte ein Gespräch, wie es ja jetzt wohl überall im Gange war:
»Wer ist denn das?«
Und der Gefragte konnte Auskunft geben:
»Mijnheer Konrad van Straaten heißt er, ein steinreicher Kaufmann aus Batavia, ist heute früh hier angekommen und im Hotel ›Imperial‹ abgestiegen; hat jetzt Einkäufe gemacht, die beiden Koffer voll. Ja, und denke Dir nur, was ich von dem erfahren habe, von dem Oberkellner des Hotels, der hat — —«
Jetzt also musste es kommen.
Ich hätte stehen bleiben können, nur etwas langsamer zu gehen brauchen, und ich hätte es vernommen, das doch sicher höchst Sensationelle.
Aber das tat ich eben nicht. Obgleich ich mich doch ebenfalls so sehr für den exotischen Fremdling interessierte. Da war ich eben wieder der Stockfisch, der über nichts staunte, nicht staunen wollte. Oder der eben über jede Regung, die nur etwas mit Neugier zu tun hat, erhaben ist! Unbekümmert setzte ich meinen Weg fort. In die Kloake hinein. Die namenlose Sehnsucht freilich nach der fremden, prächtigen Welt, in der jener zu Hause war, folgte mir.
Nur noch eins muss ich erwähnen, was ich bei der schnellen Begegnung beobachtet hatte.
Es waren blaue, matte Augen gewesen, die ich in dem quittengelben Gesicht des Pelzmannes gesehen hatte, wie erloschen, ganz zu diesen welken, krankhaften Zügen passend, ohne jedes Leben.
Sein Blick, so starr geradeaus er auch sonst war, war auf mich gefallen.
Und da plötzlich waren diese matten, krankhaften, leblosen Augen wie scharfgeschliffene, blauangelassene Stahlklingen aufgeflammt, sich in die meinen wie Feuerstrahlen bohrend.
Da aber war ich schon an ihm vorüber gewesen.
Und ich wandte also nicht den Kopf nach ihm, mein Fuß hatte nicht gestockt; ein Staunen oder gar Verblüfftsein gab es eben nicht bei mir — —
Ich erreichte den Kasernenneubau, verschwand unter der Erde.
Es lag bei der Unterschleusung tatsächlich eine falsche Winkelberechnung vor, deren Fehler die dort beschäftigten Herren Ingenieure und Architekten trotz aller Mühe nicht finden konnten. Der Hilfszeichner, der mit dem Plane doch nur als Laufjunge hingeschickt worden war, hatte ihn bald erkannt, musste aber nun auch noch die weiteren Korrekturen vornehmen, die Vermessungen leiten, immer umrechnend.
So wurde es vier Uhr. Ich machte unter der Erde noch zwei Überstunden, die ich später vergütet bekam — um sechs Uhr war ich frei.
Zu meiner Mutter hatte ich rechtzeitig einen Boten geschickt, dass ich wegen eiliger Arbeit heute nicht zum Mittagessen zu Hause sein könne; aufgehoben zu werden brauche mir nichts.
Als ich um sechs Uhr wieder zur Oberfläche der Erde emporstieg, hatte sich das Wetter unterdessen verändert. Warm war es noch immer, sogar sehr schwül, aber der Himmel hatte sich schwarz umzogen, ein schweres Gewitter drohte.
Ich beeilte mich nicht, schlenderte durch die engen Straßen und Gassen der Vorstadt, wo man meist schon Licht brannte, eine Stunde früher als sonst, überlegte, wie ich nun den Abend zubringen würde, bis ich als Vorleser wieder ans Krankenbett der Mutter musste.
Eigentlich war heute der Abend für den Sportklub; aber der machte einen Nachtmarsch, musste schon unterwegs sein, woran ich mich aus bekannten Gründen eben nicht beteiligen konnte. Ich würde wohl ins Theater gehen.
Zuletzt war ich in eine mir ziemlich unbekannte Gegend geraten.
Als ich einen Durchgang passierte, sah ich ein Schild mit Anpreisungen: »Zum Goldwinkel, konzessionierter Branntweinschank, gutgepflegte Biere, kalte und warme Speisen zu jeder Tageszeit, echt Berliner Weißbier«.
Das Letztere verlockte mich, den »Goldwinkel« aufzusuchen. Berliner Weißbier trank ich sowieso gern, und jetzt verspürte ich einen mächtigen Durst. Ich wusste, dass ich in eine kleine Arbeiterkneipe kommen würde, aber daraus machte ich mir nichts.
Erst hatte ich den Weg zu suchen, den die angemalte Hand wies. Es ging immer noch einmal durch einen dürftig erleuchteten Durchgang, das Lokal lag in einem verbauten Hinterhofe.
Als ich die Eingangstür öffnete und über eine Schwelle stolperte, schlug mir eine Branntweinatmosphäre entgegen, in welcher der Geruch von Rum vorherrschte.
Ach, war das eine elende Spelunke, die sich mit Stolz »Goldwinkel« nannte! Ein kleines Zimmer mit einer hohen Bar, auf der einige Flaschen und Gläser standen, ein einziger Tisch mit drei Stühlen — das war alles, was ich in der spärlichen Beleuchtung erkannte, einer über der Bar hängenden Petroleumlampe. Vielleicht stand auch noch dort hinten in dem Winkel zwischen Kachelofen und Wand ein Tisch, auf dem etwas lag, wie ein Sack oder ein Haufen Lumpen. Das konnte ich schon nicht mehr erkennen, so weit reichte das Licht nicht mehr.
Ein elendes Loch! Wenn es wenigstens für den Besitzer eine Goldgrube gewesen wäre! Aber ich war der einzige Gast. Und eine Hitze herrschte in dieser Bude, als ob der Kachelofen dort geheizt sei!
Na, ich machte mir aus alledem nichts. Wenn nur das Weißbier gut war!
Ich nahm Platz auf einem Stuhle, dem Ofen den Rücken zukehrend, musste mehrmals mit einem zerbrochenen Bieruntersetzer klopfen, bis eine schmutzige Frau mit ungekämmten Haaren erschien.
»Sie wünschen?«
»Sie haben Berliner Weißbier?«
»Ja.«
»Ist es gut?«
»Das ist immer gut bei uns!«, war die mürrische Antwort.
»Dann bringen Sie mir ein Glas! Ohne Schuss, ohne Himbeer.«
Die noch junge, sonst ganz hübsche Frau, die ich aber nicht hätte anfassen mögen, latschte auf niedergetretenen Schuhen davon, brachte mir nach einer Weile das Verlangte.
»Wollen der Herr sonst noch etwas? Ich muss wieder in die Küche.«
»Nein, ich danke. Woher ist es bei Ihnen denn nur so furchtbar heiß?«
»Hier daneben ist eine große Bäckerei, die heizt die Wände mit. Es ist ein Elend.«
Sie verließ mich wieder. Ja, das Weißbier war ganz ausgezeichnet. Noch solch einen Zug, und ich würde das Glas geleert haben. Dann aber war mein Durst gestillt; ein zweites würde ich nicht trinken.
Eigentlich hätte ich gleich bezahlen sollen, dann hätte ich nachher gleich gehen können.
So griff ich in die Hosentasche. Nanu, was war denn das? In die andere gegriffen, obgleich das schon gar nicht nötig gewesen wäre.
»Himmeldonnerwetter, ich habe meine Portemonnaie vergessen!«
Nun wusste ich gleich, wie das gekommen war, wo sich das Portemonnaie jetzt befand. Nicht vergessen hatte ich es, sondern anderswo hingesteckt. Als ich früh das Büro betreten hatte, war mir der kleine Beitrag für eine Sammlung abgefordert worden, die wir Beamten für das künftige Jubiläum eines Bürodieners veranstaltet hatten. Ich hatte meinen Überzieher noch angehabt und gerade mein Zigarrenetui gezogen, um die Arbeitszeit mit einer Zigarre zu beginnen. Das Rauchen war uns erlaubt, da der Bürochef selbst den ganzen Tag qualmte. Dieses Etui hatte ich einstweilen auf den Tisch gelegt, hatte das Portemonnaie gezogen und dann dieses versehentlich mit dem Zigarrenetui ebenfalls in die Innentasche des Überziehers gesteckt.
Den ganzen Tag hatte ich hieran nicht gedacht. Ich hatte gar kein Geld ausgegeben, hatte nicht einmal die Straßenbahn benutzt. Sonst hätte ich es da schon gemerkt. Jetzt aber, da ich das Portemonnaie in der rechten Hosentasche vermisste und es auch in der linken nicht fand, wusste ich sofort, wo es nur geblieben sein konnte, da fiel es mir gleich ein. Wie das Gehirn eben manchmal in einem Augenblick solch einen Lichtblitz haben kann. In die Innenseite meines Überziehers hatte ich es gesteckt! Und der hing im Büro!
Fatale Geschichte! In der größten Restauration wäre es mir ganz gleichgültig gewesen. Da hätte ich einfach mit dem Kellner gesprochen. Aber nun gerade hier in dieser Spelunke! Ein Glas Bier getrunken und dann kein Geld. Die Frau hatte mich schon so angesehen, ob sie mich auch allein lassen dürfe, ohne dass ich schon bezahlt hatte. Da würde es wohl das Beste sein, wenn ich gleich meine goldene Uhr als Pfand für die dreißig Pfennig anbot.
»Himmeldonnerwetter, ich habe mein Portemonnaie vergessen!«
So also hatte ich gerufen, als mir dies alles zum Bewusstsein kam.
»Nein, Sie haben Ihr Portemonnaie nicht vergessen!«, sagte da hinter mir eine andere Stimme.
Hallo! War ich denn nicht allein? Befand sich noch jemand im Zimmer? Und was wollte der denn von meinem Portemonnaie wissen? Und was für eine Stimme war das gewesen! So kalt und scharf, als wenn eine eherne Zunge an eine Metallglocke schlägt!
Ich drehte mich auf meinem Stuhle um.
Meine Augen hatten sich nun schon an das Dämmerlicht gewöhnt. Und was sollten sie da erblicken!
In dem Winkel zwischen dem Kachelofen und der Wand stand wirklich ein kleiner Tisch, aber kein Sack oder Haufen Lumpen lagen darauf, sondern ein Pelzmantel war es, und in diesem Pelzmantel steckte ein Mensch — kein anderer als der Holländer, den ich heute Mittag auf der Straße gesehen hatte!
Jawohl, das war das quittengelbe, hagere, welke Gesicht, das waren auch dieselben blauen Augen, die aber nicht glanzlos erschienen, sondern jetzt von vornherein wie scharfgeschliffener Stahl leuchteten. Nur der breitrandige Panama fehlte. Statt dessen trug er jetzt auf dem Kopfe, dessen flachsblondes, kurzes Haar recht spärlich zu sein schien, eine Art Großväterkäppchen, aber ebenfalls aus einem dünnen Pelz. Wahrscheinlich wurde eine große Glatze verhüllt.
Er saß mit dem Rücken gegen die Wand, hatte vor sich auf dem Tische ein großes Stangenglas, noch zur Hälfte gefüllt, mit einem Löffel darin, dass man gleich an Grog denken musste, und unter dem Tische auf einem Stuhle sah ich jetzt auch seinen Strohhut liegen.
Da freilich, als ich dies erkannte, gehörte viel dazu, um der Pythagoras und Stockfisch zu bleiben, der über jedes Staunen erhaben ist.
Der reiche Mijnheer hier in dieser elenden Spelunke!
Und was wollte der von meinem Portemonnaie wissen?
»Wie meinten Sie, bitte?«, vergewisserte ich mich zunächst, ob ich auch recht gehört habe.
»Sie haben Ihr Portemonnaie nicht vergessen«, wiederholte die metallharte Stimme.
»Nanu! Wollen Sie das besser wissen als ich?«
»Ja. Sie haben es in der linken Brusttasche Ihres Jacketts.«
»Was behaupten Sie da?!«
»Sehen Sie doch nach.«
Ich gehorche ganz mechanisch, greife in meine linke Brusttasche.
Wahrhaftig, da drin stecken mein Zigarrenetui und das Portemonnaie!
Jetzt wusste ich es wiederum. Nicht in die Brusttasche des Überziehers hatte ich früh die beiden Sachen gesteckt, sondern hier in die Brusttasche meines Jacketts. Ja, jetzt wusste ich das nun ganz bestimmt, konnte mich dessen ganz deutlich erinnern.
»Herr, was wissen Sie denn von meinem Portemonnaie?!«
»Ich interessiere mich dafür.«
»Für mein Portemonnaie?«
»Für Sie.«
»Sie interessieren sich für mich?«
»Jawohl.«
»Kennen Sie mich denn?«
»Ich kenne Sie, Herr Karl Willmer — — Herr Pythagoras.«
Der hatte sich ja gut über mich orientiert!
Aber nun die Sache mit dem Portemonnaie?
Das musste ich eben noch herausbekommen, und wenn es mir nicht gelang — — mir war es schnuppe. Zunächst aber musste ich mein Möglichstes in dieser Beziehung tun, musste fragen.
»Wollen Sie mir nicht erklären, wie Sie wissen können, dass ich mein Portemonnaie bei mir habe?«
»Wollen Sie sich nicht etwas zu mir setzen?«, fragte die metallene Stimme zurück, kalt und hart, wie das ganze Aussehen dieses Mannes war, aber ungemein höflich.
Gut, ich war einverstanden, nahm mein Weißbierglas, ging hin und quetschte mich zwischen den Tisch, den er deswegen etwas zur Seite rückte, und zwischen das schon zugezogene Fenster.
Dabei hatte ich seine Hände gesehen, da er doch den Tisch hatte anfassen müssen, Hände, die eben so gelb waren wie das Gesicht, aber sonst durchaus nicht welk, vielmehr schöne, schlanke, edel geformte Hände und außerordentlich kräftig. Ringe trug er nicht.
»Konrad van Straaten ist mein Name.«
»Danke. Meinen Namen kennen Sie ja.
»Ich bin Ihretwegen hierher gekommen.«
»In diese Spelunke?«
»Von Java. Bin Ihretwegen nach Magdeburg gereist, heute früh hier eingetroffen.«
»So!«, sagte ich ganz ungerührt.
»Ich habe Sie hier in diesem Lokale erwartet.«
»So!«
»Ich wusste, dass Sie dreiundzwanzig Minuten nach sechs Uhr hier eintreten würden. Da habe ich Sie hier erwartet.«
»Herr, sind Sie allwissend?«, musste ich nun wohl fragen.
»Nein, das bin ich ganz und gar nicht.«
»Nach alledem, was Sie da behaupten, muss ich das aber doch annehmen.«
»Ich habe Ihnen das Horoskop gestellt.«
»Aha, das Horoskop. Weiß schon. Meine Zukunft aus den Sternen gelesen, nicht wahr?«
»So ungefähr. Nur dass nicht immer das Befragen der Sterne dazu nötig ist.«
»Dann durch kabbalistische Berechnung.«
»Das kommt der Wahrheit schon näher.«
»Können Sie mir nicht sagen, wie das gemacht wird? Das möchte ich gerne lernen.«
»Sie können es von mir lernen.«
»Bitte sehr, fangen Sie den Unterricht mal gleich an.«
»Später, so schnell geht das nicht.«
»Na, Herr van Straaten, weshalb interessieren Sie sich eigentlich so sehr für mich? Weshalb sind Sie meinetwegen von dem heißen Java nach dem kalten Deutschland, nach Magdeburg gekommen? Weshalb haben Sie mich in diesem verdreckten ›Goldwinkel‹ hier erwartet?«
»Ich bedarf Ihrer.«
»Wozu?«
»Wollen Sie in meine Dienste treten?«
»Als was?«
»Nicht etwa, um mir persönliche Dienste zu leisten, als Leibdiener, der mich rasieren und ankleiden muss.«
»Dazu wäre ich auch ganz und gar nicht geneigt«, entgegnete ich, obgleich ich doch vorhin hierüber anders gedacht hatte.
»Herr Willmer, ich kenne Sie und Ihre Sehnsucht ganz genau.«
Dabei waren seine sonst so matten Augen wieder einmal in geradezu schrecklicher Weise aufgeblitzt, wie scharfer Stahl, mir direkt ins Gesicht. Und dann blickte er gleich wieder phlegmatisch geradeaus.
Ich hatte mir aus dieser Anblitzerei nichts gemacht.
Möglich, dass er meine Sehnsucht kannte, wenn er nun einmal über mich Erkundigungen eingezogen hatte.
»Nun?«, wollte ich mich erst einmal vergewissern, wie weit dieser Holländer darin eingeweiht war.
»Sie sehnen sich in die Welt hinaus.«
»Stimmt.«
»Aber es gibt eine Fessel, die Sie daran hindert.«
»Was für eine Fessel?«
»Ihre kranke Mutter.«
»Stimmt wiederum.«
»Sie warten nur auf den Tod Ihrer Mutter.«
»Dass Gott es verhüten möge!!!«, rief ich doch fast erschrocken und wirklich ingrimmig ob solch einer ungeheuerlichen Anschuldigung.
Wieder blitzte es in den großen, blauen Augen auf, diesmal aber war es wie ein warmer, freundlicher Sonnenstrahl, der mich traf.
»Ich bitte um Verzeihung«, erklang es in ebenso freundlichem, herzlichem Tone, der plötzlich nichts mehr von seiner metallenen Härte hatte. »Das war nicht so gemeint von mir. Ich weiß schon, wie es mit Ihnen steht, was für ein braver, gehorsamer, sich aufopfernder Sohn Sie sind, und eben deswegen achte ich Sie hoch, sehr hoch!«
Ich betone nochmals: im herzlichsten Tone war es gesagt worden, ich fühlte es wirklich ganz warm zu meinem Herzen strömen, und deshalb war ich sogleich wieder besänftigt.
»Aber«, fuhr er fort, »das steht doch fest, dass Sie nach dem Tode Ihrer Mutter — gestatten Sie, dass wir diesen doch unvermeidlich eintretenden Fall erwägen — ins Ausland gehen werden.«
»Das steht bombenfest.«
»Als NivellierIngenieur.«
»Ja, bei Straßenbauten und dergleichen, als technischer Pionier in die Wildnisse hinein.«
»Glauben Sie denn, dass dieser Beruf Sie andauernd befriedigen wird?«
»Na, wenn es die heißeste Sehnsucht seit meiner frühesten Jugend gewesen ist? Das müssen Sie doch auch wissen, wenn Sie nun einmal allwissend sind.«
»Ich bin nicht allwissend, gegen diesen Verdacht muss nun wieder ich mich ganz energisch wehren. In Ihrer frühesten Jugend, in Ihrer Knaben- und noch ersten Jünglingszeit haben Sie doch gar nicht daran gedacht, gerade als Ingenieur in die Welt zu gehen.«
»Nein, allerdings nicht.«
»Sie wollten einfach Ihre Abenteuerlust befriedigen, die durch entsprechende Lektüre geweckt worden war.«
»Stimmt!«
»Wollten unter die Indianer gehen, Trapper werden oder als Robinson auf einer einsamen Insel leben.«
»Stimmt!«
»Und dies alles gilt noch heute für Sie. Sie wollen in den Wildnissen nur deshalb nivellieren oder sonst wie arbeiten, um während der Freizeit Ihrer Jagd- und sonstigen Abenteurerlust frönen zu können.«
»Stimmt!«, musste ich als ehrlicher Mensch immer wieder zugeben.
»Ja, glauben Sie denn, dass dieses Leben Sie auf die Dauer befriedigen wird?«
»Geehrter Mijnheer, ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie durch diese Frage auf einen alten Punkt zurückgekommen sind, und wenn Sie so fortfahren, könnte es für uns leicht ein toter Punkt werden.«
»Sie sind doch den ganzen Tag beschäftigt, haben Vorgesetzte, denen Sie zu gehorchen haben, die Sie vielleicht schikanieren, haben sich mit farbigen Arbeitern herumzuärgern, können nur des Abends und des Sonntags Ihren Neigungen folgen, dürfen sich nicht weit von der Arbeitsstelle entfernen. Ihre Zeit ist da doch sehr beschränkt.«
»Hm, an alles dies habe ich auch schon gedacht«, brummte ich.
»Was würden Sie tun, wenn Sie ein reicher Mann wären?«
»Na, dann würde ich natürlich ganz meinen Neigungen leben.«
»Charakterisieren Sie diese näher, bitte. Was würden Sie dann tun?«
»Ich würde auf Reisen gehen und überall, wo sich die Gelegenheit dazu bietet, der Jagd obliegen. Oder mich nur irgendwo in einen schönen Winkel der Natur hinzusetzen und zu träumen, das genügt schon für mich.«
»In eine Höhle.«
»Am Strande dem Spiele der Wellen zuschauen.«
»Auch das! Ich habe das Meer noch gar nicht gesehen.«
»Abwechselnd einmal in der Region des ewigen Eises, dann wieder in den Tropen.«
»Richtig — variatio delectat vitam — Abwechslung erheitert das Leben.«
»Sie würden es aber auch an einer Stelle für immer aushalten.«
»Das würde ich.«
»Ohne Menschen?«
»Ich brauche keine.«
»Als Robinson.«
»Jawohl, und ich würde keinem vorüberfahrenden Schiffe signalisieren.«
»Und sich immer häuslicher einrichten, alles durch eigene Kraft schaffen und erfinden.«
»Ach, Mijnheer, machen Sie mir den Mund nicht wässerig!«, seufzte ich.
»Vermögen besitzen Sie nicht.«
»Gar nichts. Ich bin ganz von meinem Onkel abhängig. Mit den lumpigen hundert Mark, die ich jetzt bekomme, könnte ich meine Mutter natürlich nicht ernähren, nicht einmal unsere hohe Miete bezahlen.«
»Beerben Sie nicht einmal Ihren Onkel?«
»Wahrscheinlich.«
»Er wird auf dreimalhunderttausend Mark bar geschätzt.«
Dieser Holländer hatte sich ganz genau über alles orientiert.
»Dieses Geld käme für meine Zwecke nicht in Betracht.«
»Warum nicht?«
»Weil mein Onkel testamentarisch bestimmt hat, dass ich von diesem Vermögen nur die Zinsen bekomme, ich darf darüber nicht verfügen, und die Nutznießung habe ich auch nur so lange, wie ich in meiner jetzigen Beamtenlaufbahn bleibe. Sobald ich diese verlasse, als Abenteurer in die Fußstapfen meines seligen Vaters trete, ist alles futsch. Dann fällt das Vermögen einer Stiftung anheim, die für meine Mutter bis zu ihrem Tode zu sorgen hat. Wenn ich als Ingenieur in englische Dienste trete oder überhaupt so hinaus in die Welt gehe, auch als Kulturpionier, das ist bei meinem biederen Onkel nichts anderes als Abenteurerei. Bei dem fängt der Mensch mindestens erst als städtischer Beamter an.«
»So würden Sie also, wenn Sie frei wären, dem Rufe jener englischen Baugesellschaft folgen?«
»Ja, das würde ich, wenn auch schon mit dem Gedanken, nicht immer der NivellierIngenieur zu bleiben. Aber als solcher verdient man sehr viel Geld, ich würde tüchtig sparen und dann meinen eigentlichen Neigungen folgen, mich eben irgendwo als Jäger oder Robinson niederlassen.«
»Hätten Sie da schon eine Gegend in Aussicht?«
»Ach, Herr, was soll das alles? Was für einen Zweck hat es, hierüber zu schwatzen!«, wurde ich jetzt etwas ungeduldig. »Ich bin gefesselt, und ich wünsche, diese Fessel noch dreißig Jahre und noch länger zu tragen, damit meine Mutter noch recht lange lebt.«
Van Straaten nahm einen großen Schluck aus seinem Grogglas und kreuzte die Arme über der Brust.
»Heute ist Dienstag.«
»Jawohl, heute haben wir Dienstag.«
»Morgen ist — —«
»Mittwoch. Nach dem Dienstag kommt immer der Mittwoch.«
»Morgen ist der 14. Mai«, fuhr der Holländer ungerührt fort, die Augen geradeaus ins Leere geheftet.«
»Das stimmt ebenfalls.«
»Morgen ist ein schicksalsschwerer Tag für Sie.«
»Wieso?«
»Haben Sie eine richtiggehende Uhr?«
Jawohl, die hatte ich: einen Chronometer in Goldgehäuse, und zwar einen wirklichen Chronometer! Er differierte innerhalb von acht Tagen höchstens um zwei Sekunden. Mein Onkel hatte ihn mir geschenkt, als auf der Hochschule beim NivellierUnterricht die geografische Ortsbestimmung darangekommen war, hatte dazu gar tief in seine Tasche gegriffen. Als einmal ein Bekannter von mir in die Patsche geraten war, in eine Geldverlegenheit, hatte ich das Ding versetzt, hatte auf dem Leihhause vierhundert Mark dafür erhalten, und das will auch bei einer goldenem Uhr, die sonst weiter keinen Edelsteinschmuck hat, schon etwas heißen. Der Gerechtigkeit halber erwähne ich auch, dass der Betreffende sein Wort hielt und ich die Uhr in wenigen Tagen wieder einlösen konnte.
»Jawohl, meine Uhr geht genau bis zur Sekunde«, sagte ich jetzt.
»Welche Zeit haben wir?«
»Zwölf Minuten nach sieben — jetzt ist gerade noch eine Viertelminute dazugekommen.«
»Stimmt, Ihre Uhr geht ganz genau«, bestätigte der Holländer, ohne aber eine Uhr aus der Tasche zu ziehen oder eine andere vor den Augen zu sehen.
»Na und?«, ermunterte ich, denn der Herr sah gerade so aus, als würde er in der nächsten Minute einschlafen, sein Blick wurde immer leerer.
»Morgen früh siebzehn Minuten nach zehn Uhr erhalten Sie einen eingeschriebenen Brief.«
»Von wem denn?«, musste ich wieder zu Hilfe kommen, weil jener von allein nicht fortfahren wollte.
»Aus London. Von der Lionel Company.«
Das war die Gesellschaft, für die mein Freund arbeitete. Ich bemerke noch dazu, dass ich mit dieser Firma nicht etwa schon einmal in Verbindung gestanden hatte.
»Und was schreibt die Gesellschaft mir denn? Wenn Sie das alles schon wissen, können Sie es mir ja gleich im Voraus sagen.«
»Sie bietet Ihnen eine Stellung als NivellierIngenieur an. Monatlich sechzig Pfund bei freier Station und noch eine ganze Masse anderer Vergünstigungen. Fünf Diener, die ihre eigenen Pferde haben, und für deren Unterhalt bekommen Sie Auslösung, obgleich die Ernährung dort ja gar nichts kostet.«
»Donnerwetter, das ist ja großartig! In Afrika, am Sambesi?«
»Nein, auf Java! Es handelt sich um die Anlage eines großen Wasserreservoirs.«
Da wusste ich es. Also nicht der Vermittlung meines Freundes Ernst hatte ich dieses Angebot zu verdanken. Vorausgesetzt, dass nicht überhaupt alles auf einem Hirngespinst beruhte.
»Mijnheer, das haben Sie ja großartig arrangiert!«
»Ich! Ich versichere Ihnen, dass ich gar nichts damit zu tun habe, auf mein Ehrenwort nicht! Sie haben doch einen Freund bei der Gesellschaft. Der oder sein Vater wird die Sache wohl eingeleitet haben. Sie meinen, weil Sie nach Java beordert werden und weil ich von dort komme? Das ist der reine Zufall.«
Na, ich dachte mein Bestes. Ich glaubte überhaupt noch gar nichts.
»Wann soll ich den Brief bekommen?«
»Morgen früh siebzehn Minuten nach zehn, nach Ihrer genau gehenden Uhr, händigt der Briefträger Ihnen das Schreiben aus.«
»Einen Eilbrief?«
»Nein, nur eingeschrieben.«
»Herr, das kann wohl nicht gut stimmen.«
»Weshalb nicht?«
»Die Vormittagspost kommt zu uns früh halb neun, und dann etwas nach elf Uhr. Dazwischen gibt es kein Austragen.«
»Sie empfangen den Brief zu Hause.«
»In meiner Wohnung?«
»Ja.«
»Mijnheer, nach neun bin ich nicht mehr zu Hause, ich gehe zwanzig Minuten vor neun von zu Hause fort, ins Büro.«
»Sie werden aber morgen um die betreffende Zeit zu Hause sein, dort den Brief erhalten, siebzehn Minuten vor zehn.«
»Na, da bin ich ja gespannt, weshalb ich morgen früh zu Hause bleiben soll. Und weiter? Können Sie mir sonst noch etwas von der Zukunft enthüllen?«
»Dem Schreiben liegen ein Kontrakt auf drei Jahre und eine Anweisung auf die Deutsche Bank über fünfzig Pfund Sterling bei, als erster Vorschuss für Reise und Ausrüstung. Sobald Sie den Kontrakt unterschrieben haben, erhalten Sie auf der Deutschen Bank, die darüber besonders verständigt ist, diese Summe ausgezahlt. Hiermit haben Sie sich auch verpflichtet, schon am 17. dieses Monats, das ist nächsten Sonnabend, in London zu sein, sich früh um elf im Büro jener Gesellschaft zu melden. Die Sache eilt eben sehr; schon am Sonnabendnachmittag geht ein eigener Transportdampfer ab, da müssen Sie mit. Zeit haben Sie übrigens noch genug. Der Expresszug geht von Magdeburg früh halb neun ab; am anderem Morgen um acht sind Sie in London. Dort können Sie noch weiteren Vorschuss erhalten bis zu zweihundert Pfund. Dies alles wird morgen in dem Briefe stehen.«
»Das ist ja alles ganz großartig!«, rief ich. »Aber diesen Kontrakt werde ich natürlich nicht unterschreiben, mir die fünfzig Pfund nicht abholen.«
»Weshalb nicht?«
»Na, Sie wissen doch — deswegen brauchen Sie nicht allwissend zu sein — meine Fessel — —«
»Diese Fessel existiert nicht mehr für Sie.«
Schon zuckte ich empor, von einer Ahnung erfasst, was der mir nun weiter »offenbaren« würde.
»Sie meinen doch nicht etwa — —«
»Schon vorher werden Sie es erfahren. Eine Minute nach halb neun, wenn Sie sich zum Fortgehen ankleiden, wird die Pflegerin Ihrer Mutter in Ihr Zimmer treten und Ihnen die Mitteilung machen. Blicken Sie nur nach der Uhr, ob es nicht stimmen wird.«
»Dass meine Mutter — — tot ist?!«
»Nein, ganz im Gegenteil, ihre Lähmung ist plötzlich verschwunden, sie kann springen wie ein Kind.«
Ich starrte den Sprecher an. Wie kam der zu solch ungeheuerlichen Behauptungen? Na ja, dem hatte das Tropenfieber eben nicht nur die Galle ruiniert, sondern auch das Hirn verbrannt. Der hatte ja einen tüchtigen Klaps. Ich sage erst jetzt, was ich schon immer gedacht hatte. Aber wie kam der Mensch nur dazu, sich solche Märchen zusammenzureimen?
»Herr, was sprechen Sie da?!!«
»›Ihre Frau Mutter ist nicht mehr gelähmt, sie kann plötzlich springen wie ein Kind.‹ Das waren meine letzten Worte«, wurde mir in aller Seelenruhe entgegnet.
Ich wollte darauf eingehen, es scheinbar glauben, es war das Beste.
»Das ist wohl der Grund, weshalb ich morgen zu Hause bleibe?«
»Ja, das ist der Grund.«
»Ja, und nun meine Reise nach London, nach Java? Wird denn durch den Zustand meiner Mutter daran etwas geändert?«
»Ihre Frau Mutter wird Sie selbst auffordern, zu gehen.«
»Es ist nicht möglich!«
»Es ist so.«
»Sie hat den Kontrakt oder überhaupt den Engagementsbrief gelesen?«
»Die Lähmung verschwindet, noch ehe dieser Brief eingetroffen ist, entsinnen Sie sich doch: Neunundzwanzig Minuten vor neun bringt Ihnen die Pflegerin diese Mitteilung, der Briefträger kommt erst siebzehn Minuten nach zehn in Ihr Zimmer.«
»Ja, woher weiß denn meine Mutter da schon von diesem Angebot?«
»Sie weiß noch gar nichts davon.«
»Und trotzdem fordert Sie mich auf, das Angebot anzunehmen?«
»Nein, das kann sie doch nicht. Aber sie verlangt, dass Sie gehen!«
Ich konnte nur den Kopf schütteln. Wenn ich dem allen überhaupt irgendwelche Bedeutung beimaß. Seltsam nur, wie der sich das alles zusammenphantasierte.
»Na, wenn meine Mutter selbst mich forthaben will, dann werde ich den Kontrakt natürlich unterschreiben, mir die fünfzig Pfund von der Deutschen Bank holen und am Sonnabend früh in London sein.«
»Nein, das werden Sie nicht tun!«, erklang es jetzt mit größtem Nachdruck.
»Was nicht?«
»Den Kontrakt unterschreiben. Sie werden ihn vielmehr ununterschrieben zurückschicken mit dem Bedauern, dass Sie diese Stellung nicht annehmen.«
»Weshalb denn das? Wenn ich nun frei bin?«
»Herr Willmer, ich habe Ihnen das Horoskop gestellt, in Ihrer Zukunft gelesen. Kann es nicht das größte Unglück für Sie sein, wenn Sie diesem Rufe folgen?«
»Es bedeutet Unglück für mich?«
»Wollen Sie sehen, was Ihrer auf Java bald erwartet?«
»Offenbaren Sie es mir.«
»Sie sollen es sehen — in einem Bilde.«
Und er löste die Verschränkung der Arme, brachte unter seinem Mantel ein kreisrundes Ding zum Vorschein, das sich als ein Spiegel erwies.
Ein sehr merkwürdiger Spiegel! Der Durchmesser mochte zehn Zentimeter betragen, ohne Handgriff, und ringsherum eine Einfassung, die aus lauter kleinen Augen von Erbsengröße bestand, und zwar waren es rote Augen, aber mit einer schwarzen Pupille, und auch diese Pupillen funkelten, als wären es schwarze Diamanten, wie es ja solche gibt.
Diesen Spiegel legte der Holländer vor sich auf den Tisch, zog ein seidenes Tüchelchen aus der Tasche, wischte das Glas sorgfältig ab, dann weiter kam unter dem Pelzmantel ein goldenes Fläschchen hervor.
Dieses entstöpselte er.
»So, Herr Willmer, wollen Sie einmal in diesen Spiegel blicken?«
Er nahm ihn und hielt ihn so, dass ich mich etwas vor- und darüberbeugen musste.
»Was sehen Sie?«
»Mein Gesicht, meinen Kopf.«
So sagte ich ruhig, obgleich mir etwas unbehaglich zumute wurde.
Teufel noch einmal, wie einen diese vielen Äuglein — wenigstens ein halbes hundert — anglitzerten!
Man fühlte fünfzig tödliche Medusenaugen auf sich gerichtet.
Jetzt brachte er das goldene Fläschchen darüber, ließ einen grünlichen Tropfen darauffallen. Er rann auf dem Glase sofort auseinander, ein wundervolles Farbenspiel erzeugend.
»Gedulden Sie sich eine Minute, blicken Sie immer fest auf den Spiegel.«
Es dauerte noch nicht so lange, da änderte sich die Sache. Die schillernde Schicht verzog sich, der Spiegel wurde wieder klar, und — —
»Donnerwetter!«, flüsterte ich.
»Nicht staunen, Herr Pythagoras, nil admirari, oder ich kann Sie nicht brauchen. Was sehen Sie?«
Ich musste alles einzeln berichten, so will ich es auch wiedergeben.
»Ich sehe eine Landschaft — eine tropische — einen tropischen Urwald — Ah, ist der prächtig! — es ist eine freie Stelle darin — —«
»Erkennen Sie, was für eine tropische Landschaft das ist?«
»Das kann ich nicht so beurteilen, ich bin kein Botaniker und kein Zoologe. Ich möchte an Brasilien denken.«
»Es ist Java.«
»Ah so! Das mag sein. Halt, jetzt betritt ein Mann diese Waldblöße — —«
»Wie sieht er aus?«
»Sehen Sie denn das nicht alles selbst?«
Bei dieser Frage blickte ich einmal auf und bemerkte, dass der Holländer nicht auf den Spiegel, sondern auf meinen Kopf sah, bei meiner niedergebeugten Stellung auf meinen Scheitel, und zwar mit Augen, die wieder wie scharfgeschliffene Dolche blitzten.
»Blicken Sie in den Spiegel und beschreiben Sie, was Sie darin sehen!«, erklang es kurz, fast befehlend.
Ich gehorchte, beugte mich wieder über das Glas.
»Sehen Sie noch das Bild?«
Erst glaubte ich, es sei verschwunden, doch plötzlich war es wieder da, auch der Mann, der jetzt mitten auf der Waldblöße stand.
»Wie sieht er aus?«, wurde wieder gefragt, nachdem ich dies berichtet hatte.
»Es ist ein großer, stark gebauter Mann, offenbar ein Europäer, gekleidet in ein Jagdkostüm, trägt ein Gewehr, wie schussbereit — —«
»Sein Gesicht?«
»Sehe ich nicht, er dreht mir den Rücken zu. Er geht weiter, recht vorsichtig, wie wenn er ein Wild beschleiche, jetzt wendet er sich, ich sehe — — hallo!!!«
»Was ist?«
»Das bin ich ja selbst! Das ist mein Gesicht, wie ich es jeden Tag im Spiegel sehe!«
»Jawohl, das sind Sie selbst, Sie sind auf der Jagd und — —«
»Alle Wetter noch einmal!!«
»Was erblicken Sie?«
»Da ist aus dem Gebüsch ein gelber Streifen hervorgeschossen gekommen, in einem großen Bogen durch die Luft. Sofort lag der Mann auf dem Boden, auf ihm kauert ein gewaltiger Königstiger, schlägt mit den Pranken auf ihn ein — —«
»Nicht auf ihn, sondern auf Sie!«
»Na, ich danke.«
Der Holländer zog den Spiegel zurück.
»In drei Monaten, oder ganz genau am 21. August dieses Jahres, liegen Sie im javanischen Urwald unter den Pranken eines Königstigers, den Sie nur angeschossen haben und der Sie hinterrücks überfällt.«
»Na, ich danke!«, konnte ich nur nochmals sagen, und es war sehr die Frage, ob mir dabei wirklich humoristisch zumute war.
»Wollen Sie sehen, wie sich die Sache weiter entwickelt?«
»Wie mich die Bestie nach und nach verspeist?«
»Der Tiger wird von Ihren herbeieilenden Begleitern verjagt.«
»Also meinem eigenen Leichenbegräbnis soll ich beiwohnen?
Na, dann zeigen Sie weiter.«
»Genau zehn Jahre später.«
Wieder hielt der Holländer mir den Spiegel vor.
Das schillernde Häutchen war wieder darüber, doch schnell verzog es sich. Ich sah eine Stube, klein und ärmlich, und nicht nur das, sondern auch furchtbar schmutzig und liederlich. Das war begreiflich, weil darin eine ganze Menge Kinder ihr Wesen trieb, gegen ein Dutzend, zwischen zwei und vierzehn Jahren. Sie betrugen sich, wie sich nur die rüpelhaftesten Kinder betragen können. Im einzelnen will ich nur sagen, dass solch ein halbwüchsiger Rüpel dabei war, einem kleineren Mädchen das Gesicht mit Sirup zu bekleistern, während zwei andere, wohl auch schon ganz voll Sirup, sich in einem aufgeplatzten Federbette wälzten.
So hatte ich berichtet, mehrfach durch Fragen dazu aufgefordert.
»Wie viele Kinder sind es?«
»Sechs — sieben — acht — neun«, zählte ich.
»Das stimmt bei Weitem nicht.«
»Richtig, dort hinter dem Schranke steckt ein zehntes — und da guckt ein Kopf unter dem Sofa hervor, wenn man dieses Gerümpel noch ein Sofa nennen kann. Also elf sind es.«
»Das reicht noch nicht. Steht nicht auf der Kommode ein Wäschekorb?«
»Ja, so etwas wie ein Wäschekorb steht darauf, es sind alte, schmutzige Lumpen drin — — diese Lumpen bewegen sich, ich sehe einen nackten Kinderfuß — ein zweiter gesellt sich dazu — die Füße strampeln — und jetzt taucht auf der anderen Seite der dazu gehörende Kopf auf — — aber ha, was ist das? — zu den beiden Beinen kommt ein drittes — ein unglückliches Baby mit drei Beinen —«
»Mitnichten, es sind vier Beine vorhanden«, verbesserte der Holländer mit unerschütterlichem Ernste.
»Sogar vier Beine hat das Kind?«
»Es sind zwei Kinder, die in dem Korbe liegen, erst ein Vierteljahr alt — es sind Zwillinge.«
»Wer sind nun die Eltern dieser unglückbringenden Dreizehnzahl? Ah, die eine Hälfte zeigt sich schon, die Tür hat sich geöffnet, eine Frau tritt ein — —«
»Wie sieht sie aus?«
»Sehr schlumpig.«
»Was tut sie?«
»Sie verprügelt die Kinder, wie sie ihr gerade unter die Hände kommen. Jetzt geht sie wieder hinaus — — da kommt sie schon wieder herein, fährt einen Rollstuhl. Ein alter Mann sitzt darauf, sehr leidend aussehend und — — Himmel, was ist das?!«
»Was sehen Sie?«
»Mein eigenes Gesicht, nur ganz entstellt, furchtbar gealtert — — und doch, ich erkenne mich wieder — —«
»Das sind Sie selbst.«
»Es ist nicht möglich!!«
»Sie sind den Klauen des Tigers entrissen worden, haben zwei furchtbare Wunden davongetragen, bleiben aber dem Leben erhalten. Sie werden nach dem nächsten Malaiendorfe gebracht, dann im Hospitale zu Batavia vollständig ausgeheilt. Ein siecher Mann freilich sind Sie, und als solcher kehren Sie nach Deutschland zurück. Und das ist noch nicht alles. Wissen Sie, dass die von Raubtierpranken geschlagenen Wunden einige Zeit nach ihrer Heilung meist wieder aufbrechen?«
Ja, davon hatte ich schon genug gehört und gelesen.
»So ist es auch bei Ihnen der Fall. Während der Seereise brechen Ihre Wunden wieder auf, Sie kommen in ein Berliner Krankenhaus. Und das geschieht regelmäßig alle Monate. Wenn Vollmond ist, brechen Ihre Wunden immer wieder auf. Sie kommen immer in dasselbe Krankenhaus, haben immer dieselbe Pflegerin. So werden Sie von dieser immer abhängiger, und da Sie nicht im Hospital bleiben wollen, heiraten Sie Ihre Pflegerin.
Die Frau, die Sie hier im Spiegel sehen, ist diese Pflegerin, Ihre Gattin. Sie befinden sich in Ihrer Wohnung. Acht Jahre sind Sie mit ihr schon verheiratet. Während dieser Zeit haben Sie neun Kinder mit ihr erzeugt, zweimal Zwillinge. Vier Kinder hat sie als Mitgift mit in die Ehe gebracht. Ernährt wenden Sie von der Großmut Ihres Onkels. Das ist das Schicksal, das Ihrer wartet. In drei Monaten setzt es ein, da liegen Sie im javanischen Urwald schon unter den Pranken des Tigers.«
Na, da soll einem nicht das Blut in den Adern erstarren!
»Das ist unmöglich, rein unmöglich! Niemals kann es so weit kommen!!«, ächzte ich förmlich auf.
»Verlassen Sie sich darauf, es wird so kommen. Niemand entgeht seinem Schicksale.«
»Nein, eben nicht! Da gibt es einen Ausweg. Ehe ich der Sklave dieser Megäre und solcher Kinder werde, schieße ich mir doch lieber eine Kugel durch den Kopf!«
»So? Meinen Sie? Und wenn Sie nun nicht einmal mehr die Willenskraft haben — einen Selbstmord auszuführen? Sie sind ein siecher gebrochener Mann, auch geistig, wenn auch nicht etwa irrsinnig, im Gegenteil, bei ganz klarem Verstande. Aber so weit sind Sie, dass Sie alles geduldig hinnehmen, wenn Sie sich nur satt essen können. Die Füllung Ihres Magens ist Ihr einziger Lebenszweck. Da sind Sie zufrieden, nehmen alles andere geduldig hin, und das noch weitere achtundzwanzig Jahre, bis der Tod Sie erlöst.«
Der Holländer zog den Spiegel zurück, wischte ihn mit dem Seidentuche sorgfältig ab und ließ alles wieder unter dem Pelzmantel verschwinden.
»Niemand entrinnt seinem Schicksale«, wiederholte er dabei. »Das, was Sie hier im Spiegel erblickt haben, wird sich so gewiss erfüllen, wie die erste Münze, die Sie jetzt Ihrem Portemonnaie entnehmen werden, ohne dabei hinzublicken, ein Fünfzigpfennigstück sein wird, das die Jahreszahl 1892 trägt. Bitte, probieren Sie.«
Ein starrer Blick nach dem Sprecher, und ich griff in die Hosentasche, in die ich unterdessen das Portemonnaie zurückgesteckt hatte, öffnete es noch in der Tasche selbst, fingerte in dem Fache, das ziemlich viele Münzen enthielt, nur kleines Geld, meist Nickel, vielleicht auch einiges Kupfer, auch Silber, sicher aber kein größeres als Markstücke.
Indem ich noch so fingerte, gedachte ich dem Holländer ein Schnippchen zu schlagen, seine Prophezeiung zuschanden zu machen.
Also ein Fünfzigpfennigstück sollte es sein. Ein Markstück war nicht zu fühlen. Nun, da prüfte ich erst mit dem Fingernagel, ob ein geriefter Rand vorhanden war oder nicht, fühlte auch wirklich einen Fünfzigpfenniger, nahm den nicht, sondern einen Groschen oder vielleicht auch Zweipfenniger, dessen Rand eben ganz glatt war.
Erst als ich diese Münze aus der Tasche zog, fiel mir ein, dass ich ja auch ein anderes Fach hätte öffnen können, das nur größeres Silbergeld enthielt, Zwei- und Dreimarkstücke. Nun aber war es doch schon zu spät, und es genügte ja auch, ich musste entweder einen Groschen oder Zweipfenniger gezogen haben.
Aber es war tatsächlich ein Fünfzigpfennigstück!
Die Riefen waren abgescheuert, der Rand war ganz glatt! Dagegen war die Prägung noch wohlerhalten, ganz deutlich war die Jahreszahl der Herstellung daraus zu erkennen: 1892!
In maßlosem Staunen — ja, von einem solchen wurde auch ich jetzt befallen — blickte ich den rätselhaften Holländer an.
»Mann, wer sind Sie, dass Sie das im Voraus wissen konnten?!«
Die quittengelben Züge blieben unbeweglich.
»Ein Mensch wie Sie«, erklang die eherne Stimme, »nur dass ich etwas hinter die Geheimnisse der Schicksalsfügungen gekommen bin.«
Jetzt erst packte mich etwas wie kaltes Entsetzen, das ich den Rücken hinunterlaufen fühlte. Ich sah noch den siechen Mann, mich selbst — — das genügte, um bei mir fast den kalten Angstschweiß hervorbrechen zu lassen.
»Jetzt wäre ich noch fähig, Selbstmord zu begehen«, murmelte ich.
»Sie würden vergebens versuchen, mit Blei oder Gift oder Strick oder sonst wie Ihrem Leben ein Ende zu machen. Immer würde rechtzeitig etwas dazwischenkommen, was Sie daran hindert. Sie sind für die Tigerklauen bestimmt.«
»Ich schreibe der Gesellschaft natürlich gleich ab, fahre nicht nach London — —«
»Herr Willmer, reden Sie doch nicht! Verstehen Sie denn nur nicht? Alles, was Sie auch tun mögen — Ihr Schicksalsweg führt Sie nach Java unter die Klauen des Tigers, ins Hospital und mit Ihrer Ihnen unentbehrlichen Krankenpflegerin vor den Traualtar.«
»Entsetzlich, entsetzlich!«, stöhnte ich.
»Und doch gibt es einen Ausweg für Sie.«
»Einen Ausweg? Welchen?«, murmelte ich gedankenlos.
»Treten Sie in meine Dienste!«
Da hatte ich meine Gedanken wieder gesammelt, ich fuhr empor.
»Herr, das ist ja ganz unlogisch, was Sie da schwatzen!«
»Ich weiß, was Sie meinen.«
»Wenn das Schicksal eines jeden Menschen — und doch wahrscheinlich eines jeden Geschöpfes — im Voraus unabänderlich bestimmt ist — —«
»Setzen Sie es mir nicht weiter auseinander, ich weiß, was Sie meinen, und Sie haben recht. Aber die Sache ist doch etwas anders, als Sie jetzt annehmen müssen, nach alledem, was ich Ihnen da offenbart habe.
Ich will versuchen, Ihnen eine Erklärung zu geben, so weit es jetzt möglich ist. Später einmal wird Ihnen das viel genauer offenbart werden.
Ja, der Mensch ist der Sklave eines unabänderlichen Schicksals, und dennoch ist er ein freier Herr über seinen Willen, kann seine Handlungen vollkommen selbstständig bestimmen.
Wie sich das zusammenreimen lässt?
Wie gesagt, ich kann Ihnen hier darüber nur einige Andeutungen machen.
Ein jedes Ding hat zwei Seiten.
In dieser landläufigen Redensart steckt eine tiefe, tiefe Wahrheit, wovon die wenigsten Menschen, die sie brauchen. etwas ahnen.
Die Zwei ist es, welche alles in der Welt beherrscht.
Die Zwei hat die Schöpfung hervorgebracht und erhält sie im Betriebe, nämlich als männliches und als weibliches Prinzip.
Wie das gemeint ist, das verstehen Sie doch gewiss. Alles in der Welt ist entweder männlich oder weiblich.
Was darüber oder dazwischen ist, ist von Übel, ist nicht fortpflanzungs- und daher nicht einmal lebensfähig. Das gilt auch für die leblose Materie, die wir wenigstens leblos nennen.
Auch das Atom ist entweder männlich oder weiblich. Ein männliches Atom vermischt sich mit einem weiblichen und bildet so das Molekül.
Auch diese Moleküle sind teils männlichen, teils weiblichen Geschlechtes. Das ist das Geheimnis, wodurch das zustande kommt, was wir einen chemischen Prozess nennen.
Und das gilt auch von der astralen Welt, von der unsichtbaren, von der Gedankenwelt — gilt auch vom Schicksal.
Auch das Schicksal besteht aus zwei — — Teilen, will ich sagen, einem männlichen und einem weiblichen.
Oder ich will sagen: aus zwei Wegen, einem männlichen und einem weiblichen.
Jeder Mensch kann frei wählen, ob er den männlichen oder den weiblichen Weg betreten will.
Diese Spaltung erfolgt fort und fort, in jedem einzelnen Augenblicke kann der Mensch immer frei wählen, ob er nach links oder nach rechts gehen will.
Und dennoch sieht der, dem der Blick in die Zukunft geöffnet ist, das Endziel ganz klar. Für ihn bleibt nur eine einzige große Spaltung, die er weiter mit seinen geistigen Augen verfolgen kann.
Dies ist fast genau so wie die Rechnung mit Hilfe der kleinsten Quadrate, mit welcher Methode man sonst ganz unfassbare Größen berechnen kann. Für einen, der nicht in die höhere Mathematik eingeweiht ist, ist das ja etwas ganz Unverständliches. Sie jedoch sind Mathematiker, vielleicht verstehen Sie mich. Können Sie mir folgen, Herr Willmer?«
»Ja, so ungefähr verstehe ich, dass der Mensch freier Herr seines Willens ist und dennoch einem unabwendbaren Schicksale unterliegt«, murmelte ich, ganz in Gedanken versunken. »Das Beispiel mit den kleinsten Quadraten hat es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fallen lassen.«
»Gut! Dann kann ich mich des Weiteren viel kürzer fassen.
Wer so in die Geheimnisse des Schicksals gedrungen ist, vermag das Schicksal auch — — zu korrigieren, möchte ich mich ausdrücken.
Ich kann es.
Aber wie ein Fluch ist es, dass der Betreffende nicht in seine eigene Zukunft blicken, diese also auch nicht ändern kann.
Nur bei anderen Menschen vermag ich es, kann sie wenigstens anleiten, einen anderen Schicksalsweg zu gehen, als den, den sie aus eigenem Willen sonst genommen hätten. Doch sei dem, wie es sei — jedenfalls handelt es sich darum, dass ich einen Gegenstand suche, der mir einmal entwendet worden ist, den der Dieb aber wieder verloren hat. —
Ich kenne zwar den Ort, wo sich der Gegenstand befindet, die Grenzen sind sogar sehr eng gezogen, aber all mein Suchen war vergeblich.
Da habe ich nach meinem System das Schicksal befragt und erfuhr, dass der Mann, der diesen verlorenen Gegenstand finden und mir ausliefern kann, in Deutschland lebt!
Ich brauchte nur geschickt genug zu fragen, und ich erfuhr noch mehr über seine Verhältnisse, auch seinen Namen, wozu ich ja bloß die Buchstaben des Alphabets herzusagen nötig hatte.
Sie, Herr Karl Willmer, sind der betreffende Mann.
Ich habe Ihnen außerdem noch das Horoskop gestellt, Sie auch einmal im magischen Spiegel beobachtet und zufällig gesehen, wie Sie im Büro Ihr Portemonnaie und das Zigarrenetui in die Brusttasche Ihres Jacketts steckten. Daher diese meine Kenntnis.
Ich hatte vom Schicksal erfahren, dass Sie um die und die Minute hier in dieses Lokal treten würden; da habe ich Sie erwartet.
Dann befragte ich das Schicksal, was für ein Geldstück Sie, wenn ich Sie dazu aufforderte, aus Ihrer Tasche ziehen würden Einen Fünfzigpfenniger, geprägt im Jahre 1892.
Sie haben gesehen, wie dies alles ganz richtig eingetroffen ist.
Ich habe mich natürlich genau über den Mann erkundigt, der mir einen Dienst leisten soll, von dessen Wichtigkeit Sie sich jetzt noch keinen Begriff machen können; indem er jenen Gegenstand findet und mir ausliefert.
Herr Willmer, zwischen heute und übermorgen stehen Sie wieder einmal vor einem großen Wendepunkte Ihres Schicksals, und es handelt sich darum, ob Sie den männlichen oder den weiblichen Weg wählen, rechts oder links.
Nehmen Sie jene Ihnen angebotene Stellung an, so wissen Sie nun, was Ihrer wartet.
Dasselbe Schicksal würde Ihnen bevorstehen, wenn Sie auch sonst Ihre eigenen Wege gehen, unter allen Umständen kommen Sie nach Java und geraten unter die Pranken des Königstigers.
Nun aber mische ich mich ein, um Ihr Schicksal zu korrigieren.
Also kurz: Treten Sie in meine Dienste!«
Der Sprecher schwieg und ich hatte mich unterdessen gesammelt.
»Sagen Sie mir, was ich tun soll, das Weitere wird sich finden«
»Gut. Ihre bindende Zusage erwarte ich auch erst später.
So hören Sie genau zu, Herr Willmer!
Jetzt begeben Sie sich sofort nach Hause und warten, bis Sie um zehn zu Ihrer Mutter zum Vorlesen gerufen werden.
An allem Gewohnten wird sich heute nichts mehr ändern.
Sie gehen zur regelmäßigen Zeit zu Bett, werden ruhig und traumlos schlafen.
Morgen erst ist der inhaltschwere Tag für Sie. Wann bringt Ihnen die Pflegerin die Mitteilung, dass die Lähmung Ihrer Mutter plötzlich verschwunden ist? Wann empfangen Sie den eingeschriebenen Brief aus London? Haben Sie sich die Zeiten gemerkt?«
Ja, ich konnte die Angaben wiederholen.
»Richtig morgen und übermorgen sind Sie vollauf beschäftigt — durch den Wechsel im Gesundheitszustand Ihrer Frau Mutter. Auch noch bis Freitag Mittag werden Sie das sein.
Die ablehnende Antwort an die Gesellschaft schreiben Sie am Donnerstag morgen, so viel Zeit müssen Sie sich nehmen.
Also am Freitag Mittag sind Sie frei. Das heißt, ins Büro sind Sie überhaupt nicht gegangen. aus Gründen, die Sie später schon selbst einsehen werden.
Sie haben sehr zeitig gefrühstückt, etwa gegen neun Uhr, und an diesem Tage dürfen Sie nichts weiter essen. Verstehen Sie?«
»Ich verstehe.«
»Wiederholen Sie!«
Ich tat es.
»Gut. Sie bleiben den ganzen Freitag Nachmittag zu Hause, bis ich um Mitternacht komme, um Sie abzuholen. Vorbereitungen brauchen Sie nicht zu treffen. Nur sollen Sie fasten, gar nichts essen, auch nicht trinken. Rauchen dagegen dürfen Sie, so viel Sie wollen.
Dass Sie sich nicht langweilen, dafür wird gesorgt werden.
Bis dahin bin ich nicht mehr für Sie zu sprechen. Ich reise noch heute Abend ab. Gute Nacht!«
Der Holländer nahm seinen breitrandigen Strohhut vom Stuhle, stülpte ihn auf den Kopf, auf dem er schon die dünne Pelzkappe trug, stand auf, quetschte sich auf der anderen Seite hinter dem Tische hervor, schritt der Tür zu und — — hinaus war er.
Ich saß da. Was sollte ich nun von alledem denken? Doch sofort wurde mein Grübeln durch den Eintritt der Wirtin gestört. Unsere Unterhaltung hatte etwa eine Stunde gewährt. Da kann man ja gar viel sprechen. Die Wirtin hatte sich nie gezeigt, sie mochte anderswo zu tun gehabt haben.
Der Holländer mochte seinen Grog im Voraus bezahlt haben. Ich entrichtete jetzt den Betrag für mein schon längst ausgetrunkenes Weißbier und entfernte mich ebenfalls.
Vorschriftsmäßig begab ich mich sofort nach Hause. Was mir unterwegs und dann später alles durch den Kopf ging, darüber will ich hier lieber gar keine Andeutung machen, wohin sollte das führen.
Meine Mutter hatte ihren gewöhnlichen Besuch, nichts war vorgefallen. Ich begab mich auf mein Zimmer, brannte mir eine lange Pfeife an, legte mich aufs Sofa und hing weiter meinen Gedanken nach, die ja freilich ganz eigentümlicher Art waren.
Um zehn Uhr begab ich mich an das Bett zur Mutter und las ihr vor, bis sie halb eins einschlief, welchem Beispiele auch ich bald folgte, obgleich ich geglaubt hatte, vor Grübeleien nicht einschlafen zu können.
Um acht wurde ich, wie immer, von dem Dienstmädchen durch Klopfen an der Tür geweckt, war sofort ganz wach, sprang aus dem Bett.
»Was für einen kuriosen Traum ich doch gehabt habe! Dieser Holländer!«
Das war mein erster Gedanke.
Gleich stutzte ich.
Traum? Ich hatte nicht geträumt. Das mit dem Holländer hatte ich wirklich erlebt.
Der große Tag war angebrochen!
Sollte ich es wirklich glauben?
Durch mein Fenster der zweiten Etage flutete die Sonne. Konnte denn in diesem goldenen Sonnenschein so etwas Geheimnisvolles bestehen bleiben?
Ich kleidete mich an. Mein Frühstück war schon in meinem Zimmer aufgetragen. Die Mutter sah ich erst, wenn ich von ihr Abschied nahm.
So, ich war fertig. Wie mir zumute war, kann ich gar nicht schildern.
Meine Uhr lag noch auf dem Tische, ich behielt sie immer im Auge.
Sollte es sich wirklich ereignen?
War es nicht Wahnsinn, auf das Eintreffen des Ungeheuerlichen zu — —
Wieder machte der große Sekundenzeiger eine Minute voll, die erste nach halb.
Die Zeit hatte sich erfüllt, niemand hatte geklopft, ich war ein Narr, an so etwas geglaubt zu haben, ein ausgemachter Narr — —
Ich bin nicht so leicht zu erschrecken, und doch schrak ich furchtbar zusammen, als heftig gegen die Tür geklopft ward.
Alle Heiligen! Schon packte es mich wie ein Grausen vor dem jüngsten Gericht. Wer hatte um diese Minute an meine Tür zu klopfen?
»Herein!!«
Die Tür öffnete sich, Fräulein Martha war es, die Pflegerin. Ganz verstört.
»Herr Willmer, kommen Sie schnell — — Ihre Mutter — — ein Wunder ist geschehen — — sie wollte heute schon aufstehen, angezogen sein — — es kam mir gleich ganz merkwürdig vor — — auch ihr ganzes Wesen — — und als ich ihr herausgeholfen habe, da steht sie plötzlich auf — — fängt zu humpeln an — — und mit einem Male läuft sie ganz flink im Zimmer herum.«
Ich war drüben. Da steht meine Mutter im Nachtgewand mitten im Zimmer, das alte, gute Gesicht vor Seligkeit ganz verklärt — —
Das hatte ich noch gesehen. Aber als sie mich erblickt, ändert sich dieses freudestrahlende Gesicht plötzlich, es nimmt den Ausdruck von wahrem Entsetzen an, sie taumelt, weicht vor mir zurück, wie vor einem Gespenst.
»Fort, fort!«, schreit sie. »Schafft mir diesen Menschen aus meinen Augen! — — Fort, Karl! Mach, dass Du fortkommst! — — Ich kann Dich nicht sehen — —!«
Wie ich wieder in mein Zimmer gekommen bin, weiß ich nicht. Aber das wusste ich bereits, dass die Prophezeiung des Holländers in Erfüllung gegangen war, nur ganz anders, als ich irgendwie geahnt hatte.
Ich probierte es noch einmal, mit genau demselben Erfolge. Meine Mutter sprang immer flinker im Zimmer herum, lachend und jubelnd, aber sobald sie mich sah, schrie sie vor Entsetzen.
»Fort, fort! Ich kann Dich nicht sehen — —«
Schnell war der Hausarzt zur Stelle.
Er suchte mich auf und tat, als ob er das alles schon vorausgesehen hätte. Arterienverkalkung, zunehmende Gehirnerweichung — — ich weiß nicht, was er mir alles vorgeschwatzt hat.
»Es musste so kommen. Ich habe es schon immer gewusst, wagte nur noch nicht, Sie auf das Schlimmste vorzubereiten.«
»Irrsinnig?«
»Na — — geistesgestört wollen wir sagen. Gehirnerweichung! Machen Sie sich auf alles gefasst.«
Sie wollte sofort hinaus auf die Straße, ins Grüne.
Es geschah und — — der Spaziergang endete in einer Privatklinik, wo schon für ihr Unterkommen gesorgt worden war.
Ich saß auf meinem Zimmer und grübelte und grübelte.
»Herr Willmer, der Briefträger hat für Sie einen eingeschriebenen Brief!«, meldete das Dienstmädchen.
Ein Blick nach meiner Uhr — — siebzehn Minuten nach zehn!
Na, nun konnte die Geschichte meinetwegen auch weitergehen, nun war ich schon halb und halb abgebrüht.
Richtig! Der Brief kam aus London, von der Lionel Company, ein Angebot nach Java als NivellierIngenieur, Bassinanlagen, monatlich sechzig Pfund, und so weiter und so weiter. Alles, wie es mir der Holländer gesagt hatte. Beiliegend die Anweisung über fünfzig Pfund, auf der Deutschen Bank zu erheben, wo ich nur den unterschriebenen Kontrakt vorzuzeigen brauchte.
Ja, das hätte der Holländer ja arrangieren können. Aber das andere?
So, nun hätte ich meiner Sehnsucht folgen können. Ich war frei, meine Mutter selbst jagte mich ja fort.
Natürlich dachte ich jetzt nicht an so etwas. Und es sollte denn doch noch etwas anders kommen — aber dem von dem Propheten ausgestellten Schicksalsprogramm durchaus nicht zuwiderlaufend.
Jene Privatklinik schickte nach mir. Meine Mutter wolle mich sehen. Die Reaktion war eingetreten. Sie war wieder zusammengebrochen, verlangte nach mir.
Ich hin! Sie war bei klarer Besinnung, wusste aber doch nichts mehr davon, dass sie mich fortgejagt hatte, dagegen recht wohl, dass es mit ihr zu Ende ging.
Ich musste ihr eine halbe Stunde vom »Geheimnis der alten Mamsell« vorlesen, dann schlief sie ein — für immer.
Dass es so kommen würde, das hatte der holländische Prophet mir freilich nicht gesagt. Daran, dass er es gewusst hatte, zweifelte ich nicht, verstand aber die Gründe, weshalb er es mir verschwiegen hatte. Sonst hätte ich doch wohl nicht so ruhig schlafen können.
Der telegrafisch herbeigerufene Onkel kam. Er überließ alles mir. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, und ich konnte doch alles so vortrefflich erledigen, dass die Leute staunten, mich sogar der Gefühllosigkeit bezichtigten.
Ach, was alles gab es da zu tun, zu besorgen und anzuordnen!
So verging dieser Nachmittag und der ganze nächste Tag. An diesem, am Donnerstag, benutzte ich eine freie Viertelstunde, um an die Lionel Company einen Absagebrief zu schreiben. Ich tat es, ohne mich hinterher einen Narren zu schelten.
Am Freitag Morgen wurde sie begraben. Gegen halb zwölf saß ich wieder auf meiner Stube und weinte, weinte zum ersten Male während dieser ganzen Zeit, aber auch ganz gründlich.
Das Dienstmädchen kam. Ob sie heute einmal nach Hause fahren könne, erst morgen früh wiederzukommen brauche, sie habe einen Brief erhalten, die Großmutter sei plötzlich schwer erkrankt.
Sie konnte gehen. Ich würde außerhalb essen. Nach ihrem Fortgange lag auf dem Korridor ein offener Brief. Ich musste ihn wohl aufheben und lesen. Er war an das Dienstmädchen gerichtet, eine Einladung zu einem Tanzvergnügen.
Es war um drei Uhr geworden. Ich rauchte und grübelte. Wenn ich mich recht besann, hatte ich vor dem Leichenbegängnis gut gefrühstückt, spürte noch keinen Appetit.
Da klingelte es, klingelte immer wieder. Warum machte Fräulein Martha nicht auf? Wo war die eigentlich geblieben? Ich wusste es nicht.
Als es zum vierten Male klingelte, öffnete ich selbst die Korridortür, sah den Briefträger schon wieder gehen. Den Brief hatte er bereits in den an der Tür angebrachten Kasten geworfen.
Es war ein ziemlich großer Brief, größer als das gewöhnliche Geschäftsformat, mit fremdländischen Briefmarken darauf. Was für welche? Argentinische! Abgestempelt in Buenos Aires, vor fünf Wochen.
An mich adressiert!
Wer hatte mir aus Buenos Aires zu schreiben? Ich wusste niemand. Wieder eine Offerte, ein Stellenangebot als Vermessungsingenieur?
In meinem Zimmer öffnete ich den Umschlag der nicht viel enthalten konnte.
Wiederum ein geschlossener Brief stak drin, das Kuvert aber nicht wie das äußere von weißer, sondern von blaugrüner Farbe, ein ordinäres Geschäftskuvert, nur größer als die gewöhnlichen. Keine Briefmarke darauf, keine Adresse, wohl aber ein Vermerk, in einer ebenso schönen wie kühnen und energischen Handschrift:
Sie können dieses Kuvert erst um vier Uhr öffnen. Doch versuchen Sie, ob Sie es
schon vorher vermögen. Konrad van Straaten
Der Holländer hatte ja gesagt, er würde während dieses Nachmittags, da ich in meinem Zimmer fasten solle, für meine Unterhaltung sorgen.
Ja, aber wie konnte er diesen Brief schon vor fünf Wochen in Buenos Aires an mich — —
Gleichgültig! Ich wollte hierüber nicht grübeln, brach meinen Gedankengang ab.
Das Kuvert schien keinen gewöhnlichen Brief, sondern etwas Festes zu enthalten. Ein Stück Pappe? Etwas biegen ließ es sich doch. Ich dachte gleich an eine Fotografie.
Erst um vier Uhr öffnen? Eine Stunde später? — Ja, diese Weisung ließ ich mir gefallen, so seltsam sie auch an sich war, wobei man noch die ganze Zeitbestimmung wegen des Eintreffens bedenken muss.
Aber weshalb sollte ich das Kuvert nicht schon eher öffnen können? Das heißt, weshalb sollte mir das nicht möglich sein? Denn so viel hieß das doch. Ich sollte es ja auch versuchen.
Ich nahm die Papierschere, um den Rand aufzuschneiden. Es war, als ob ich Stahlblech schneiden wolle. Die Schere bestand aus gutem, gehärtetem Stahl; aber sie brachte nicht den geringsten Riss hervor. Und das Kuvert schien doch aus ganz gewöhnlichem Papier zu bestehen.
Es war nicht vollkommen zugeklebt, links oben war der Klebstoff nicht angefeuchtet gewesen. In diese Ritze schob ich die Klinge meines Taschenmessers.
Vergebens! Ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, ich konnte nicht schneiden, nicht aufreißen.
Was für ein wunderbares Papier war das? Besaß dieser rätselhafte Holländer nicht nur die Gabe der Prophezeiung, sondern auch technische Erfindungen, von der die andere Welt noch nichts wusste?
Papiermasse kann man ja freilich durch hydraulischen Druck so zusammenpressen, dass sie hart wie Diamant wird, oder fast so hart; sie lässt sich auch mit gelbangelassenem Stahl nicht mehr bearbeiten, nur noch mit dem Diamanten — aber das hier war doch nur dünnes Papier! Und dass die Chinesen Papier herstellen, ganz weiches, das man zusammengedreht als haltbaren Strick benutzen kann, das ist wiederum etwas ganz anderes.
Ich besaß aus meiner Knabenzeit noch einen Handwerkskasten. Das Blatt der Laubsäge zersplitterte, der Fuchsschwanz fasste nicht.
Doch dies hätte ich mir vorher denken können, hätte es mit der Sägerei nicht erst zu versuchen brauchen.
Feuer? Ich entzündete ein Streichholz wollte ein Eckchen anbrennen. Das Papier brannte nicht. Ich wollte es mit Spiritus, Öl, Petroleum tränken — — das Papier nahm nichts an.
Eine Nebenkammer war als kleines chemisches Laboratorium eingerichtet. Es stammte noch aus meiner Studienzeit. Ich benutzte es nicht mehr; aber alles war noch vorhanden und in tadelloser Ordnung.
Ich versuchte es mit Salz, Salpeter- und Schwefelsäure, verdünnt und konzentriert, kalt und kochend heiß — — vergebens, dieses Papier wurde davon nicht angegriffen.
Nun dachte ich noch einmal an ein mechanisches Mittel — oder ich wollte doch die Härte konstatieren. Auch einen Glaserdiamanten besaß ich aus jener Zeit, da man im Laboratorium doch oft genug Glas zu schneiden hat.
Es war ein vorzüglicher, haarscharfer Diamantsplitter. Auch diesem trotzte das Höllenpapier; unter dem Vergrößerungsglase war nicht der geringste hervorgebrachte Riss zu erkennen.
Da, wie ich noch so am Rande probierte, zerschnitt der Diamant das Papier plötzlich wie Butter.
Wie kam das?
Nun, mir ging sofort eine Ahnung auf.
Ein Blick auf meine Uhr — richtig, es war Punkt vier.
Und jetzt konnte ich den Rand auch gleich mit dem in die Spalte hineingesteckten Finger aufreißen, es war plötzlich ein gewöhnliches Papierkuvert geworden.
Jawohl, eine Fotografie kam zum Vorschein, Kabinettformat.
Und was stellte sie dar? Meinen Holländer! Genau so, wie ich ihn kennen gelernt hatte.
Er saß in einem Korbstuhle, in seinen Pelz gehüllt, schien beim Fotografieren so gefroren zu haben, dass er auch die Hände tief in die Taschen vergraben hatte, auf dem Kopfe aber doch den Panama.
So saß er da und blickte den Beschauer an, indem er bei der Aufnahme nach dem Kasten geguckt hatte, mit ganz leerem Augenausdruck.
Ein zwar sehr gut ausgeführtes Bild, alles haarscharf, aber die Stellung so ungeschickt wie möglich. Den einen Fuß hatte er sogar stark einwärts gesetzt.
Einen Hintergrund hatte der Fotograf nicht gegeben oder es war eine ungemusterte Wand gewesen. Dagegen stand neben dem Korbstuhle noch ein Bambustischchen, auf diesem eine Glocke, eine Klingel, oben mit einem Handgriff.
Wo war das Bild aufgenommen worden? In Buenos Aires?
Ich drehte den Pappkarton herum. Die Hinterseite enthielt nicht wie üblich die Firma des Fotografen, sondern auf die weiße Glanzpappe war mit Tinte nur ein einziges Wort geschrieben, von derselben Hand, die den Vermerk auf das Kuvert gesetzt, auch die an mich gerichtete Adresse geschrieben hatte: »Wenden!«
Ich sollte die Fotografie oder richtiger den Karton wieder herumdrehen? Gut, ich tat es.
Hallo!! Die Fotografie war doch ein einfaches Positiv, also farblos gewesen. Etwas anderes hätte ich erwähnt.
Jetzt aber war es plötzlich eine farbige Fotografie geworden! Der Mantel von dunkelgrauem Stoff, der Pelzbesatz braun, und nun hatte mein Holländer auch sein quittengelbes Gesicht und seine wasserblauen Augen, auf dem Kopfe den schneeweißen Panama.
Ebenso — natürlich, möchte ich fast sagen — hatten nun auch der Korbstuhl und der Bambustisch ihre regelrechte Farbe bekommen; die auf letzterem stehende Klingel war gelb oder sogar golden geworden, oder blankgeputztes Messing, so glänzte sie.
Wie war das möglich?
Na, da half nun kein Kopfzerbrechen. Dieser holländische Prophet hatte ja schon durch das Kuvert bewiesen, dass er auch wunderbare mechanische Erfindungen kannte oder technische, und in diese Gattung gehörte eben auch diese Farbenveränderung.
Nachdem ich nun das Bild lange genug betrachtet hatte, fiel mir ein, noch einmal die Rückseite zu besichtigen.
Da war das geschriebene Wort »Wenden!« nicht mehr vorhanden, auch nichts anderes. Eine weiße Glanzpappe!
Wo war die Schrift geblieben? Eine sympathetische Tinte, die durch irgend etwas zum Vorschein kam und wieder verschwand, und das konnte sogar nach der Uhrzeit reguliert werden? — — Mir ganz gleichgültig. Ich war wieder der Pythagoras geworden, der sich über nichts wundert.
Hatte sich das farbige Bild wiederum verändert, wenn ich den Karton umdrehte? Nein, es war noch dieselbe bunte Fotografie.
Übrigens doch nicht so eine gewöhnliche. Ich verstehe zwar nichts von der Fotografiererei, obwohl ich den chemischen Prozess dabei kenne. Ich hatte das Fotografieren noch nie praktisch ausgeübt, aber so viel weiß doch wohl jeder Laie, dass sich das Positiv oder einfach das Bild auf einem dünnen Blatte Papier befindet, dass dann nur wegen der Haltbarkeit auf ein Stück Pappe aufgezogen wird.
Das war hier nicht der Fall. Das Bild schien unmittelbar auf die dicke Pappe fotografiert zu sein. Bei Postkarten, auf die man sein Konterfei oder Naturaufnahmen haben will, ist das wohl immer der Fall.
Nachdem ich dies festgestellt hatte, lehnte ich das Bild auf meinem Schreibtisch gegen eine Nippfigur und wandte mich dem Tabakskasten zu. Ich stopfte mir meine lange Pfeife, dem Schreibtisch den Rücken zukehrend.
Da höre ich plötzlich ein leises, feines Klingeln.
Die beiden Fenster meines Zimmers standen weit offen, aber draußen konnte es nicht so geklingelt haben. Der reiche Onkel hatte uns in einer sehr feinen Gegend eingemietet, zwar mitten in der Stadt, aber an einem freiem Platze mit Parkanlagen, ohne Kinderspielplatz; keine Straßenbahn fuhr vorbei, die Straße war asphaltiert. Wegen der Nähe eines Krankenhauses durfte nicht mit der Peitsche geknallt werden — — auch zur belebtesten Tageszeit herrschte immer äußerste Ruhe.
Ich hatte ganz deutlich gehört — hier in meinem Zimmer war das leise, feine Klingeln erschollen.
Mein erster Blick traf das kolorierte Bild, denn ich ahnte gleich etwas, so ungeheuerlich auch der Gedanke war. Dieses sozusagen zwerghaft feine Klingeln — —
Und wahrhaftig, meine Ahnung war richtig gewesen.
Auf der Fotografie hatte sich etwas verändert, aber nicht nur in den Farben.
Die gold- oder messingschillernde Klingel hatte vorhin mitten auf der Platte des Bambustischchens gestanden, darauf konnte ich schwören — — jetzt befand sie sich ganz nahe am Rande!
Erst brannte ich mir meine gestopfte Pfeife an, ehe ich die Sache näher untersuchte. Und dass ich das tat, spricht schon genug von meinem Charakter.
Dann nahm ich das Bild wieder zur Hand. Ja, es blieb dabei: die Klingel stand jetzt dicht am Rande des Tischchens.
Wie war das möglich? Nun, eben ein bewegliches Bild. Was sollte ich denn sonst sagen? Eine ganz neue Art von Kinematografie.
Sonst hatte sich auf dem Bilde nichts bewegt, sich nichts verändert. Mein Holländer saß noch genau so wie zuvor auf dem Stuhle, die Hände in den Taschen vergraben. Und die Rückseite?
»Bitte schließen Sie beide Fenster«, war da wieder geschrieben.
Ich tat es, das Bild einstweilen wieder auf den Schreibtisch legend.
Umgedreht, die drei Schritte zurückgemacht — —
Da sah ich es schon. Das farbige Bild war verschwunden, eine weiße, glänzende Pappseite leuchtete mir entgegen. Dasselbe war auf der Rückseite der Fall. Um dieses Letztere konstatieren zu können, hatte ich den Karton natürlich zur Hand nehmen müssen, behielt ihn aber nicht lange zwischen den Fingern.
Mit einem Male spürte ich, wie der Karton warm und immer wärmer wurde, heiß, und das ging sehr schnell, ich schleuderte ihn noch rechtzeitig von mir, ehe ich mir die Finger verbrannte, schlenkerte schon beide Hände.
Der Karton war auf den grünen Tuchüberzug des Schreibtisches gefallen. Als es mir noch durch das Hirn zuckte, ob ich nicht noch einmal rasch zugreifen solle oder etwas benutzen, um das glühend heiße Ding auf den Boden zu werfen, damit es nicht den Schreibtisch verbrenne — freilich war der Boden mit einem Teppich bedeckt — kam der Karton in Bewegung, rutschte in ganz eigentümlicher Weise, so ruckweise, dass man förmlich an ein Marschieren denken musste, über die Tischplatte mehr nach dem Hintergrund, dorthin, wo die Nippfigur stand, an die ich ihn schon vorhin gelehnt hatte, eine kleine Venus aus Porzellan.
Dort richtete er sich empor, stand erst ganz frei, dann einiges Zurechtrücken, und er lehnte sich gegen diese Figur.
Plötzlich zeigte sich auf der weißen Fläche des Kartons ein farbiger Schimmer, wie ein Schillern in allen Regenbogenfarben; es wurden einzelne bunte Flecke daraus, die aber sofort blitzschnell durcheinanderhuschten. Die Menge der Farben schwächte sich ab. Dunkelgrau und Braun herrschten vor, dazwischen allerdings auch Gelb und einiges Gold. Im Nu hatten sich die Flecken geordnet, und da saß wieder im Korbstuhl mein Holländer, genau wie zuvor, neben sich das Tischchen mit der Messingglocke.
Nun brauchte ich mich nicht mehr zu wundern, als er mir jetzt zunickte, die Lippen bewegte und ich ihn mit leiser, feiner Stimme, dem Bilde entsprechend, vielleicht aber doch etwas lauter, sagen hörte:
»Nil admirari, Herr Pythagoras! Lassen Sie Ihre Pfeife nicht ausgehen!«
Nein, die hatte ich dabei nicht ausgehen lassen. Die Sache ist nur die, dass solcher Grobschnitt, wie ich rauchte, gleich nach dem Anbrennen immer gewissermaßen erst einen toten Punkt überwinden muss, das Feuer geht erst noch einmal nieder, muss sich ja erholen, dann erst brennt die Pfeife richtig. Ich paffte mächtig, die Rauchwolken wurden immer dicker, und die Sache war in Ordnung.
»Das ist die Antwort auf Ihre Ermahnung«, sagte ich ohne eine weitere Erklärung, »paff — paff — paff.«
»Gut! Freut mich! Bleiben Sie der Pythagoras, der sich über nichts wundert — oder meinetwegen der Stockfisch, sonst kann ich Sie zu dem, was ich mit Ihnen vorhabe, nicht brauchen.«
Paff — paff — paff.
»Ist alles in Erfüllung gegangen, wie ich es Ihnen voraussagte?«
»So ziemlich.«
»Doch nicht alles?«
»Meine Mutter ist noch an demselben Tage gestorben, ist bereits begraben.«
»Ich wusste, dass es so kommen würde, habe es Ihnen jedoch verschwiegen.«
»Wofür ich Ihnen sehr dankbar bin.«
»Auch dass Ihre Frau Mutter Sie gehen lassen, Sie sogar fortschicken würde, haben Sie sich wohl anders vorgestellt.«
»Allerdings, aber ich begreife schon die Gründe, weshalb Sie mir da nicht gleich reinen Wein einschenkten.«
»Dann ist es gut. Und was sagen Sie nun zu dem Briefe, den Sie um drei erhielten, zu dem Kuvert, zu diesem ganzen Gaukelspiel?«
»Wundern darf ich mich ja nicht, aber Sie gestatten wohl die Bemerkung, dass ich dies alles sehr merkwürdig finde.«
»Das dürfen Sie. Lassen Sie sich kurz jetzt nur eins sagen: Ich gehöre einer Vereinigung von Männern an, meist aus Gelehrten bestehend, welche in Technik, Physik, Chemie und anderen Wissenschaften der übrigen Menschheit um einige Jahrhunderte voraus sind. Unsere Erfindungen und sonstigen Errungenschaften halten wir geheim, geben sie nicht der Öffentlichkeit preis. Genügt Ihnen diese Erklärung?«
»Wenn Sie mir keine andere geben, muss sie mir wohl genügen.«
»Ahnen Sie, wie das hier mit diesem Bilde alles zustande kommt?«
»Ich denke«, entgegnete ich ohne weiteres Besinnen, »an eine sprechende Kinematografie besonderer Art. Auf Karton dürften sich lose Partikelchen befinden, die durch Magnetismus bewegt und festgehalten, nach Willkür verschoben werden können, auch verschieden gefärbt.«
Wohl zum ersten Male bemerkte ich in den sonst so starren, wie leblosen Zügen etwas wie ein leises Staunen.
»Wahrhaftig, Sie kommen der Wahrheit schon ganz nahe! Ja, aber wie soll diese Bewegung oder willkürliche Verschiebung der Partikelchen ermöglicht werden?«
»Durch Magnetismus — durch drahtlosen Elektrodenmagnetismus! Den wir freilich noch nicht kennen! Aber sonst ganz entsprechend unserer neuesten Errungenschaft auf dem Gebiete der Elektrizität, der drahtlosen Telegrafie, also überhaupt der drahtlosen Übertragung der elektrischen Kraft.«
Das Staunen in den gelben Zügen verstärkte sich aber noch mehr.
»Herr, Sie haben es erfasst!!«
»Ich wüsste gar nicht, dass diese Erklärung etwas so Außerordentliches wäre. Die liegt doch sehr nahe.«
»Das sagen Sie in Ihrer Bescheidenheit. Ich aber sage Ihnen, dass — —«
Er brach ab, die Züge wurden wieder teilnahmslos.
»Lassen wir das jetzt! Sie haben die Wahrheit erraten oder vielmehr ergründet, eine ausführliche Erklärung erhalten Sie später. Sie haben sich vorhin doch nicht verbrannt?«
»Ich ließ das Ding noch zeitig genug fallen, Brandblasen hat es noch nicht gegeben.«
»Ich bitte um Entschuldigung. Die Einleitung zu der magnetischem Fernwirkung ist mit einer starken Wärmeentwicklung verbunden, was allerdings vermieden werden kann, was aber vorhin versehentlich nicht geschah. Sie werden nicht wieder in Gefahr kommen, sich zu verbrennen, auch sonst wird Ihnen nichts zustoßen. Doch lassen Sie den Karton jetzt so stehen wie er steht. Bitte, setzen Sie sich!«
Ich ließ mich am Schreibtisch nieder, mein Paffen niemals vergessend.
»Es freut mich, dass Sie gar keine Erkundigungen über mich eingezogen, nicht das leiseste Wort über mich gesprochen haben.«
»So etwas gibt es bei mir nicht.«
»Ich weiß es, und eben deshalb sind Sie der Mann, den ich brauche. Den Absagebrief an die Firma Lionel haben Sie geschrieben?«
»Am Donnerstag Vormittag, was soll ich nun tun?«
»In meine Dienste treten.«
»Das haben Sie schon mehrmals gesagt. Nun seien Sie endlich deutlicher.«
»Nicht so rasch, Herr Willmer! Wir haben Zeit genug. In etwas haben sich meine Dispositionen unterdessen doch geändert. Zunächst aber, ehe ich weiter hierauf eingehe, muss ich Sie nochmals um Entschuldigung bitten.«
»Weswegen?«
»Weil ich mich Ihnen unter einem falschen Namen vorgestellt habe.«
»Sie heißen nicht Konrad van Straaten?«
»Nein.«
»Nun, da brauchen Sie mich nicht um Verzeihung zu bitten, das finde ich schon begreiflich. Sie haben sich hier eben so inkognito aufgehalten. Was ist weiter dabei? Das würde ich unter Umständen auch so machen. Darf ich nun Ihren richtigen Namen erfahren?«
»Loke Klingsor.«
»Loke Klingsor?«, wiederholte ich murmelnd, plötzlich ganz in Sinnen verfallend. »Klingsor? Klingsor? Den Namen kenne ich schon.«
»Als den eines ungarischen Sängers und Hexenmeisters, den auch Richard Wagner — —«
»Nein, diesen Ungarn, der übrigens auch das Nibelungenlied verfasst haben soll, meine ich nicht. Ich denke dabei an einen isländischen Hokuspokusmacher, an einen Taschenspieler, von dem mir mein Vater viel erzählt hat, Sturle Klingsor nannte sich der Kerl — —«
Jetzt aber prägte sich in dem quittegelben Gesicht plötzlich das größte Staunen aus, und zwar ein freudiges.
»Was? Ihr Vater hat den meinen gekannt?!«
»Ob das Ihr Vater war, weiß ich nicht. Aber von einem Sturle Klingsor hat er mir viel erzählt, das heißt mir nicht persönlich, ich war ja noch ein Säugling, als er starb, aber er hat ein Tagebuch hinterlassen oder Aufzeichnungen, Erinnerungen aus seinem Leben — —«
»Wo hat er diesen Sturle Klingsor kennengelernt?«, erklang es hastig, wobei sich der Sprecher etwas vorneigte.
»In Indien, oder in Tibet war's wohl.«
»Wie hat er ihn kennengelernt? Unter welchen Verhältnissen?«
»Mein Vater war sein Diener — oder sein Gehilfe bei seinen Taschenspielereien — —«
»Wie nannte sich Ihr Vater?«
»Er gab sich damals für einen Russen aus und nannte sich Romanowsky.«
Zum ersten Male zog der Pelzmann auf dem Bilde die Hände aus den Taschen und machte eine Bewegung, als wolle er sie über dem Kopfe zusammenschlagen, tat es aber nicht, blickte nur mit zurückgeneigtem Kopfe nach oben.
»Romanowsky! Der langjährige Begleiter und beste Freund meines Vaters! Und in diesem Manne hier muss ich seinen Sohn wiederfinden! Ach, wie kläglich ist doch meine Zukunftsblickerei!! Freilich, das Schicksal antwortet ja auch nur mit Ja und Nein, und wie konnte ich ahnen, dass Sie — —«
Er beruhigte sich wieder.
»Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Hand, erst die die Innenseite, halten Sie sie etwas vor das Bild hin. Ich gebe zwar nicht viel auf die ganze Chiromantie, das ist aber doch einmal ein besonderer Fall, ich muss Ihre Handlinien sehen.«
Gut, ich hielt meine linke Hand in gewünschter Weise hin. Ich konnte sehen, wie der Holländer unter seinem Pelze ein Vergrößerungsglas am Stiele zum Vorschein brachte und durch dieses meine Hand beäugte.
Eine ganz verwickelte Geschichte das, wenn so ein winziger Kerl, der doch eigentlich überhaupt gar nicht existiert, nur auf der Fotografie, durch das Vergrößerungsglas aufmerksam die Hand eines richtigen Menschen betrachtet, und was für eine!
»Noch etwas näher, bitte! Ja natürlich, natürlich, unsere Lebenswege sind ja ganz eng miteinander verknüpft! Und nicht nur durch unsere Väter, sondern auch — — nun die andere Hand, bitte, die rechte.«
Auch die konnte er bewundern.
»Ja natürlich! Hier steht es noch viel deutlicher! Unsere Lebenswege laufen auch fernerhin ganz dicht zusammen! Ich werde der Chiromantie künftig doch mehr Aufmerksamkeit widmen. Danke.
Ihr Herr Vater hat Aufzeichnungen aus seinem Leben hinterlassen?«
»Ja. Ein dickes Bündel.«
»Wo befinden sich diese?«
»Dort unten in der Kommode liegen sie, ich will sie holen — —«
»Bitte lassen Sie nur jetzt. Wer hat sie gelesen?«
»Niemand außer mir.«
»Wie kommt das?«
»Ich fand die Hefte zufällig in einer alten Kiste, als ich einmal in unserer Bodenkammer kramte.«
»Sie haben alles gelesen?«
»Jawohl. Höchst interessant.«
»Haben zu niemand davon gesprochen?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Weil das eben nicht meine Art ist.«
»Woher wissen Sie, dass sonst kein anderer sie gelesen hat?«
»Das ist nicht anzunehmen, wenigstens niemand aus meiner Bekanntschaft, sonst hätte der doch sicher einmal davon zu mir gesprochen. Ich glaube, diese Erinnerungen sind höchst wertvoll.«
»Sie haben auch noch nie an eine Verwertung gedacht?«
»Nein. Es ist mir nicht in den Sinn gekommen.«
»Werden Sie mir Einblick in das Manuskript gewähren?«
»Selbstverständlich.«
»So werden Sie dasselbe mitnehmen.«
»Wohin?«
»Ich komme gleich darauf. Nun, Herr Willmer, muss ich Ihnen erst mitteilen, dass ich mich Ihnen auch unter einer Maske genähert habe.«
»So? Das soll also wohl heißen, dass Sie für gewöhnlich ein anderes Aussehen haben?«
»So ist es. Ich bin nicht der gallenkranke Holländer, als der ich mich Ihnen zeigte, wie Sie mich auch jetzt sehen, brauche mich nicht auch bei der größten Hitze in Pelze zu hüllen, ich bin vielmehr kerngesund und halte die größte Kälte aus, die ein Mensch ertragen kann — — und nun will ich mich Ihnen zunächst in meiner eigentlichen Gestalt zeigen, als Loke Klingsor.«
Er streckte die Hand nach der Klingel aus, ergriff sie und schellte, ganz natürlich, so weit man das auf einem Bilde verlangen kann. Aus dem Bilde heraus kam die Glocke dabei natürlich nicht. Aber das feine Klingeln war doch wieder deutlich hörbar.
Sofort tauchte der weißgekleidete, riesenhafte Neger auf — aber nicht wie ein Phantom — wie bei den sogenannten Trickfilmen und bei anderen Geistererscheinungen, er bildete sich nicht aus Nebel, sondern trat von seitwärts in das Bild, wie aus einer Tür kommend, obgleich keine vorhanden war. Ich hatte wirklich erst seinen einen Fuß zum Vorschein kommen sehen.
Der Holländer, wie ich ihn noch nennen will, stand auf; der schwarze Diener war ihm behilflich, den Pelz auszuziehen, nahm ihm den Panama ab, das Pelzkäppchen dazu.
Es war ja noch immer der Holländer mit dem quittengelben Gesicht, nur dass ich jetzt seine große Glatze sah und den Anzug, den er unter dem Pelzmantel trug: dunkelgestreifte Beinkleider, weiße Weste, ein schwarzes Samtjackett. Höchst elegant, aber doch einfach.
Über der weißen Weste hing statt der Uhrkette nur eine schwarze Schnur. Es war das bequeme und dennoch elegante Hauskostüm eines Künstlers, der etwas auf sein Äußeres hält.
Jetzt setzte er sich wieder, griff sich mit beiden Händen ins Gesicht und zog etwas über den Kopf, etwas wie einen Lappen, und da freilich ging die Veränderung erst richtig los.
Statt des nordischen Glatzkopfes mit dem spärlichen, flachsblonden Haarkranz erschien ein südländischer Kopf mit vollem, blauschwarz schimmerndem Haar, an der Seite gescheitelt, ein längliches, ovales, ganz eigenartiges Gesicht von elfenbeinerner Farbe, mit korallenroten, fein geschwungenen Lippen und brennend schwarzen Augen, etwas Dämonisches darin, überhaupt der ausgesprochene Mephistopheles, zugleich wurde ich an den malaiischen oder japanischen Typus erinnert — —
Der Diener hatte auch den ihm zugeworfenen Lappen aufgefangen, drehte sich um und verschwand von der Bildfläche.
Der neue Mann saß also bereits wieder. Jetzt schlug er ein Bein übers andere und faltete, sich bequem zurücklehnend, die Hände — Hände, die jetzt nicht mehr quittengelb, sondern elfenbeinern abgetönt waren.
»So, nun sehen Sie mich als Loke Klingsor«, begann er zu sprechen, viel sonorer, mit einer ganz prächtigen Stimme, »sehen mich in meiner eigentlichen Gestalt. Und nun wollen wir — — o, Dich habe ich eigentlich nicht gewollt! Aber ich weiß. Du gehörst nun einmal zu mir.«
Es war nämlich seitwärts eine schwarze Katze angesprungen gekommen, ein ganz riesenhaftes Vieh, saß mit einem Satze auf seinem Schoße, wollte sich anschmiegen, wollte wahrscheinlich gestreichelt sein, fand aber nicht das rechte Entgegenkommen.
»Mach, dass Du dorthin kommst, wohin Du immer gehörst!«
Sofort sprang der Kater auf seine rechte Schulter, schlug behaglich die Pfoten unter und kniff die großen, grün schillernden Augen zusammen. Ich hörte ganz deutlich das Schnurren, so leise das auch der Größe entsprechend war.
»Seltsam, Herr Willmer, nicht wahr?«
»Nach dem, was ich nun schon alles erlebt habe — ist gar nichts Seltsames dabei.«
»Gefalle ich Ihnen so besser als bisher?? Ich frage natürlich nicht, ob Sie mich etwa für einen Apollo oder Adonis halten.«
»Ja, so gefallen Sie mir bedeutend besser als der quittengelbe Holländer. Sie haben zwar etwas Teuflisches an sich, aber es ist dennoch ein ehrliches Gesicht!«
»Danke. Also Sie schenken mir Vertrauen?«
»Vollkommen!«
»Gut, dann können wir gleich zur Sache kommen. Haben Sie gehört, wie vor elf Jahren der ›Campiador‹ verschollen ist, ein englischer Dampfer, der eine beträchtliche Goldladung an Bord hatte?«
»Nein, ich entsinne mich nicht.«
»Die Sache ist folgende:
Vor elf Jahren hatten die australischen Kolonien noch keine Münzgerechtigkeit. Alles Gold, was gefunden wurde, musste nach England gebracht werden, und brauchte Australien gemünztes Gold, so erhielt es dieses von der Londoner Münze, mit dem üblichen Abzuge, zurück.
So war es also auch vor elf Jahren geschehen. Der englische Dampfer ›Campiador‹, 4000 Tonnen, brachte fünfmalhunderttausend Pfund Sterling nach Sydney. Das sind an Gewicht nur vierzig Zentner, die Goldstücke füllten nur ein paar mäßige Kisten.
Der ›Campiador‹ hat sein Ziel nie erreicht. Man weiß nicht, ob er Schiffbruch erlitten hat oder wo er sonst geblieben ist.
Das letzte Zeichen gab er nach Passieren des Suezkanals vor Aden aus, dann ist er nicht mehr gesehen worden.
Der Verdacht lag nahe, dass die Mannschaft den Dampfer mit Absicht versenkt und mit der goldenen Beute das Weite gesucht hat. Aber auch keiner dieser Leute ist jemals wieder aufgetaucht.
Nach einem Jahre war die ganze Sache vergessen. Ich weiß, wo der Dampfer geblieben ist; er hat Schiffbruch erlitten, ist gestrandet, und zwar in etwas besonderer Weise.
Eine ungeheure Flutwelle, wahrscheinlich von einem Seebeben erzeugt, hat das Schiff davongerollt und mit ungeheurer Gewalt auf den Strand geschleudert, ziemlich weit auf das Trockene.
Auf einen Felsen geschlagen aber ist es schon vorher; schon dadurch barst der Dampfer in zwei Teile, und der Bruch ist gerade dort erfolgt, wo die Goldkisten verstaut waren.
So sind diese schon herausgefallen, ehe der Dampfer zum Festsitzen kam, sind zerschmettert, und so sind alle die Goldstücke von der Flutwoge, die mehrmals darüber hinwegging, ganz verstreut und auch mit Sand verschüttet worden, obschon hin und wieder welche noch offen zutage liegen.
Also die Sache ist die, dass die Guinees nicht etwa nach und nach vom Meere ausgespült worden und so in den Sand geraten sind. Sonst wären sie nämlich total abgescheuert. Sie sind noch alle vollkommen gut erhalten, haben natürlich den Prägeglanz nicht mehr, das ist nicht zu verlangen.
Und nun, Herr Willmer, sollen Sie sich an jenem Strande als Goldsucher betätigen. Alles, was Sie dort finden, gehört Ihnen. Suchen Sie recht gewissenhaft, so müssen Sie fünfmalhunderttausend Guinees finden. Weniger zwei. Zwei Stücke sind von uns schon fortgenommen worden. Alles andere muss eigentlich noch vorhanden sein.
Also Sie können es bis zum zehnfachen Millionär bringen.«
»Ich danke verbindlichst«, erwiderte ich, mich etwas verneigend. »Dürfen Sie denn aber auch dieses englische Gold so ohne Weiteres verschenken?«
»Jawohl, das darf ich. Wer es findet, dem gehört es. Dieses Gold ist bereits seit sechs Jahren vogelfrei. Bitte lesen Sie die internationalen Bestimmungen über das Bergungs- und Strandgutrecht nach. Nur mit dem Besitzer des betreffenden Küstenstrichs hätte der Finder zu teilen, mit Fiskus oder Privatmann oder sonstiger juristischer Person.«
»Wem gehört denn diese Küste?«
»Mir. Sie ist als mein rechtmäßiges Eigentum in das Grundbuch eingetragen, und mit mir brauchen Sie nicht zu teilen, ich überlasse den ganzen Fund an Goldstücken Ihnen.«
»Gut!«, sagte ich, diesmal ohne dankende Verbeugung. »Aber warum sammeln nicht Sie selbst die Goldfüchse oder lassen das unter genügender Aufsicht von anderen besorgen — —«
»Ich brauche kein Gold.«
»Na, immerhin, eine halbe Million englische Pfund Sterling ist doch keine Kleinigkeit — —«
»Schicksalsbestimmung! Ich darf das Gold nicht sammeln, gar nicht in dem Sande dort wühlen. sonst geht mir die Hauptsache verloren, nach der ich Sie dort buddeln lassen will.«
»Ach richtig! Ich soll ja dort das finden, was Ihnen gestohlen worden und wieder verlorengegangen ist! Was für ein Ding ist das eigentlich?«
»Das darf ich Ihnen nicht sagen, das Schicksal verbietet es mir. Sie werden es finden und sofort wissen, dass es der Gegenstand ist, um den es sich handelt. Er trägt, so unscheinbar er an sich ist, ein gewisses Zeichen, an dem Sie sofort die Wichtigkeit und meine Besitzrechte erkennen.«
»Na gut! Und zu welchem Lande gehört dieser Küstenstrich?«
»Das dürfen Sie ebenfalls nicht erfahren.«
»Nicht?!«
»Nein.«
»Ja, aber ich muss mich doch hinbegeben.«
»Natürlich müssen Sie hingebracht werden.«
»Dabei erfahre ich es doch.«
»Das ist nicht unbedingt nötig, und in meinem Falle gleich gar nicht.«
»Wie wollen Sie denn das machen? Mich auf dem Schiffe immer eingeschlossen halten — —«
»Sie werden sogar als Postpaket verschickt.«
»Was?«
»Als Mumie.«
»Was? Als Mumie?!«, stutzte ich natürlich jetzt noch mehr.
»Na, nicht als tote und einbalsamierte Mumie. Ich will es Ihnen gleich offen sagen: Sie werden in eine Art von Starrkrampf versetzt und so hinexpediert.«
Ich ließ eine kleine Pause eintreten, ohne dass jener mir etwas anmerken konnte.
»So! Also in Starrkrampf wollen Sie mich dazu versetzen! Aber wozu denn das?«
»Nur in einen tiefen Schlaf, will ich lieber sagen — der freilich vielleicht sehr, sehr lange währen kann — vielleicht auch nur wenige — — Wochen.«
»Na, ich danke! Also vielleicht auch einige Monate?«
»Kann sein.«
»Aber wozu denn das?«
»Weil Sie absolut im Unklaren gelassen werden sollen, wo auf der Erde Sie sich befinden. Das ist Schicksalsbestimmung. Weiter dürfen Sie über das ›Warum‹ nicht fragen.«
»Aber ich werde doch sofort erkennen, ob ich auf dem südlichen oder nördlichen, auf dem westlichen oder östlichen Teil der Erdkugel bin.«
»Nein, das werden Sie eben nicht erkennen.«
»Ach, machen Sie doch keine Geschichten!«
»Woran wollen Sie das erkennen?«
»Hier ist jetzt Frühling; auf der südlichen Hälfte beginnt der Herbst, der Winter — —«
»Sie werden schon sehen, dass Sie das nicht unterscheiden können.«
»Ich sehe doch des Nachts den Sternenhimmel, entweder den Polarstern oder das südliche Kreuz — —«
»Sie sollen es nicht unterscheiden können.«
»Sie wollen mich wohl nachts einsperren?«
»Nein, Sie dürfen sich jede Nacht im Freien aufhalten, wenn es Ihnen beliebt.«
»Ist es dort jede Nacht nebelig?«
»Es ist die heiterste Tropengegend.«
»Also Tropengegend! Das habe ich nun doch wenigstens herausgebracht.«
»Sie können aber auch auf Schneeschuhen zwischen Eisbergen Eisbären jagen.«
»Was?! In einer Tropenregion?«
»Jawohl, dort ist alles vorhanden, was Ihr Herz irgendwie begehrt. Deutsche Eichenhaine und tropischer Urwald, unermessliche Prärien und Wüsten, in denen Sie sowohl den Büffel wie den Strauß jagen können, zu Fuß oder zu Pferd. Sie können in tropischer Glut Felsengebirge erklimmen oder in Pelze gehüllt Eisberge, können auf dem Meere wie auf Süßwasserseen segeln und rudern und angeln — — wo Sie hin wollen.«
Ich war aufgestanden, doch nur, um den Pfeifenstiefel am Ofen auszugießen, kam gleich wieder zurück.
»Na, nun will auch ich Ihnen ganz offen etwas sagen. Oder erst eine noch offenere Frage: Etwa irrsinnig sind Sie doch nicht, Herr Klingsor? Vielleicht, ohne dass Sie es selbst wissen?«
In dem trotz aller Teuflischkeit sehr ernsten, sogar etwas melancholischen Gesicht trat ein heiteres Lächeln hervor.
»Nein, Herr Pythagoras, verlassen Sie sich darauf: Ich bin ganz bei Verstande.«
»Dann ist es gut. Und nun balsamieren Sie mich als Mumie ein und bringen Sie mich, wohin Sie wollen.«
»So schnell ist Ihr Entschluss gefasst?«
»Ich habe mir die Sache lange genug überlegt. Was Sie mir da alles erzählten und was ich sonst schon mit Ihnen erlebt hatte — ich traue Ihnen, denn Sie können mehr als Brotessen. Und ehe ich in Java unter die Tigertatzen und dann unter die jener Megäre komme und Vater von dreizehn schmutzigen Kindern werde, lasse ich mich lieber als Mumie einbalsamieren, meinetwegen bis in alle Ewigkeit. Und damit basta!«
»Sie sind zum sofortigen Aufbruch bereit?«
»Jawohl. Nach dem Tode meiner Mutter ist mir ganz deutlich zum Bewusstsein gekommen, dass ich außer mir selbst nichts auf dieser Erde habe. Oder es fängt eben etwas ganz, ganz Neues an. Ich will dieses Abenteuer, was Sie mir eben schilderten, erleben.«
So sprach ich und wischte mir über die Augen, die plötzlich noch einmal ganz nass geworden waren.
»Recht so! Nämlich — — ich sagte Ihnen schon vorhin, dass sich meine Dispositionen unterdessen etwas geändert haben. Ich kann Sie erst um Mitternacht abholen. Ich muss dabei sein. Aber mir wäre lieb, wenn Sie schon früher in Schlaf fielen, einstweilen dort auf dem Sofa. Ihr Körper muss doch erst noch etwas präpariert werden. Haben Sie noch Abschied von jemand zu nehmen, etwas zu schreiben, Verpflichtungen zu lösen?«
»Gar nix.«
»Das erwähnte Manuskript, wenn ich bitten darf. Wollen Sie das zurechtlegen, dass ich es dann abholen kann. Natürlich bleibt es Ihr Eigentum.«
Das war bald zur Stelle, da brauchte ich nicht erst lange zu suchen. Ich legte es auf den Schreibtisch.
»Ich liege bis heute Mitternacht hier auf dem Sofa?«, fragte ich dann.
»Jawohl, Sie bleiben ganz ungestört.«
»Das Dienstmädchen kommt heute Nacht nicht wieder; sie ist tanzen, das weiß ich. Aber wo ist eigentlich die Pflegerin geblieben?«
»Sie ist zu einer Freundin gegangen und hat sich dort festgeschwatzt.«
»So, das wissen Sie schon? Sie kommt aber doch wieder, schläft hier.«
»Nein, sie kommt heute Nacht nicht zurück. Sie wird auf der Straße ein Abenteuer erleben. Dafür wird gesorgt, das lassen Sie nur meine Sache sein. Sie bleiben ungestört.«
»Na, ja freilich, wenn Sie alles vorher wissen. Ich bin also bereit.«
Es wurde doch noch einiges ausgemacht. Es sollte scheinen, als ob ich ausgegangen sei. Ein Hut sollte fehlen, Stiefel und dergleichen.
Aber keinen vergeblichen Selbstmord inszenieren, nur das nicht! Was mein Onkel und die anderen Menschen sonst dachten, wo ich geblieben sei, das war mir, wie gesagt, ganz gleichgültig.
»Komme ich denn überhaupt jemals wieder zurück? Wie lange soll die ganze Geschichte dauern?«, fragte ich.
»Wie lange es dauern wird, bis Sie den betreffenden Gegenstand gefunden haben, weiß ich allerdings nicht, darüber gab das Schicksal keine Antwort; aber keinesfalls länger als sechs Monate, das brachte ich doch heraus. Werden Sie ein so einsames Leben so lange aushalten?«
»Für mein ganzes Leben.«
»Wollen Sie dann zurückgebracht werden, so geschieht es, und zwar kommen Sie als vielfacher Millionär wieder. Woher Sie die Millionen haben, was Sie da erzählen sollen, das kann ja noch überlegt werden. Oder Sie bleiben für immer bei uns.«
»Wo? Bei wem?«
»Sie können, wenn Sie wollen, Mitglied unserer geheimen Gesellschaft werden.«
»Das lässt sich hören! Es muss ja ein Vergnügen sein, einer Gesellschaft anzugehören, die über solche Erfindungen verfügt.«
Es war alles bereit, ich hatte nur die Anweisungen zu befolgen, die mir noch gegeben wurden. Ich musste das Bild nehmen, das sich jetzt nicht mehr heiß anfühlte, und mich bequem auf das Sofa legen.
»Nun halten Sie das Bild etwas vor sich hin! Blicken Sie mir fest in die Augen.«
Ich tat es. Die dämonischen Augen des Männchens bohrten sich wie Feuerstrahlen in die meinen; fast im Moment fühlte ich die Besinnung schwinden. Oder ich war ganz einfach fest eingeschlafen.
Als ich die Augen wieder aufschlug, fielen meine Blicke zuerst auf eine von der Decke herabhängende Lampe mit sehr großem, undurchsichtigem Bassin.
Das Licht der nur kleinen Flamme, die ohne Zylinder brannte, war sehr spärlich, aber ich war in dieser Hinsicht ja nicht verwöhnt worden. Ich brauchte mich nur umzublicken und erkannte alles.
Die Decke war roher Felsen. Die Lampe hing an einem kurzen Stricke, der wieder an einem sehr primitiv in eine Spalte eingeschlagenen Holzkeil befestigt war. Ich selbst hätte das besser gemacht.
Und roher Felsen war alles, wohin ich blickte, so weit er nicht mit Brettern oder Decken oder Fellen verkleidet war. Außerdem war noch eine Menge Kisten und Fässer, Handwerkszeug und Hausgerät, Waffen und dergleichen vorhanden.
Erst musste ich mir ja sagen, dass ich dies alles träume, dann aber war ich gleich bei ganz klarer Besinnung.
Ich befand mich in der Höhle eines Robinsons, der schon das bekannte Wrack ausgenommen und sich mit den an Land gebrachten Sachen eingerichtet hat.
Das war das erste, was ich mir sagte, dann dachte ich an das Zeichenbüro und an die »Geheimnisse der alten Mamsell«, ohne dabei noch von besonderem Schmerze um meine Mutter bekümmert zu werden, unterdrückte jedoch einen Schrei und ging nun an eine Besichtigung meiner selbst.
Ich lag etwas auf Fellen, von denen das oberste das eines mächtigen braunen Bären war. Bären hat es zwar auf Robinsons Insel nicht gegeben, aber ich war eben ein anderer Robinson, war auf einer anderen Insel gelandet. Zugedeckt war ich mit einer ordinären, aber doch auch sehr guten Pferdedecke, wie es einem Robinson geziemt, der sicher, wenn er ein Wrack ausnimmt, eine solche Pferdedecke einem seidenen Pfühl vorzieht, und angetan war ich mit einem reinen, schneeweißen Hemdlein, das nicht mir gehörte.
Also ich war entkleidet worden. Meine eigenen Sachen? Dort in handbreiter Nähe hing an einem aufgestellten Brette, wahrscheinlich eine angetriebene Schiffsplanke, zunächst mein Chronometer.
Welche Zeit? Gleich halb zwölf. Mittag oder Mitternacht? Das konnte ich an dem Peripheriezeiger konstatieren. Da aber merkte ich, dass die Uhr überhaupt nicht ging, nicht aufgezogen war.
Na, nun konnte ich auch keine geografische Ortsbestimmung mehr machen, abgesehen davon, dass mir dazu der Sextant und die Tabellen fehlten. Schließlich geht es ja auch ohne sie, aber wenn man so ganz ohne Uhr, sich nur nach dem Stande der Sonne richtet, da kann man sich gleich um ein Dutzend Längengrade irren.
Wie lange hatte ich geschlafen? Nach meinem Appetite und meiner sonstigen Verfassung nur wenige Stunden. Ich hatte durchaus nicht das Gefühl einer nach einigen Wochen oder gar Monaten wieder zum Leben erwachten Mumie. Aber wer wusste denn, was die mir ins Blut gespritzt oder sonst wie mit mir angestellt hatten.
Mein Anzug, meine Unterwäsche? Nichts davon zu sehen. Dagegen hingen dort mehrere Anzüge, meist einen sehr primitiven Eindruck machend.
Ich stand auf, keine Spur von Zerschlagenheit oder dergleichen in den Gliedern.
Auch als einsamer Robinson auf verlassenem Eiland wollte ich nicht im Hemd ins Freie gelten, und dann hatte Klingsor ja auch etwas von Eisregionen und Schneeschuhen gesagt — —
Ich wählte ein Mittelding zwischen dickem Pelz- und dünnem Tropenkostüm, was alles vorhanden war, einen Jagdanzug aus geschmeidigem Leder von Naturfarbe.
Jawohl, von regelrechter Schneiderhand war das Ding sicher nicht gemacht worden, aber doch nicht von einer gar so ungeschickten. Alles sehr sauber und fest genäht. Das natürlich selbstgegerbte Leder war ganz weich. Unterwäsche gab es nicht. Was braucht ein Robinson auch dergleichen? Zog ich noch ein Pelzkostüm an, dann war eben dieser Lederanzug die Unterwäsche, oder jetzt hätte ich ja auch schon den Tropenanzug aus dünner Leinwand anziehen können.
Ich tat es nicht, legte vielmehr auch noch das Nachthemd ab. Der Anzug saß mir wie angegossen. Mein Vorgänger, den ich beerbt hatte — was ich mir, wenn es nicht so war, alles recht gut einbilden konnte — musste genau dieselbe Statur wie ich besessen haben.
Natürlich wählte ich nun auch keine Pelzstiefel, mit Eiderdaunen gefüttert, sondern leichte Mokassins — nach Strümpfen suchte ich gar nicht erst — eine Lederkappe auf den Kopf gestülpt, und dann Umschau unter den Schießprügeln und sonstigen Waffen gehalten.
Viel verstand ich von Gewehren und ihrer Handhabung nicht. Beim Militär gedient hatte ich nicht. Mein Onkel hatte es fertiggebracht, mich sogar als Einjährigen als unabkömmlich freizubekommen, wegen der kranken Mutter. Ja, ich hatte manchmal schon mit einem Gewehre geschossen, manchmal auch getroffen.
Na, ich wählte einen Hinterlader, würde mit dem Dinge schon fertig werden, einen Revolver im Futteral, Munition war vorhanden, gleich ein mit Patronen gespickter Gürtel, ein Jagdmesser in Scheide daran — —
So, ich war zum ersten Ausfluge bereit.
Ha, wie ich mich fühlte!
Nun sollten sie mal kommen, die vier- oder zweibeinigen Bestien!
Zur Vorsicht nahm ich aber doch lieber noch einen soliden Knüppel mit, falls das Gewehr nicht losging und der Revolver versagte. Und ein Knüppel ist länger als ein Messer, man reicht weiter damit.
Erst hielt ich noch einmal Umschau in meiner Höhle, nur um einen allgemeinen Überblick zu bekommen; an eine nähere Untersuchung der Kisten und Fässer ging ich noch nicht. Die Lampe allerdings besah ich mir näher. Was wurde da gebrannt? Petroleum nicht. Dann hätte ein Zylinder vorhanden sein müssen. Selbstverständlich ausgelassenes Fett von selbsterlegten Tieren! Oder auch Fischtran!
Aber es roch nicht. Es herrschte hier nur so die übliche Höhlenluft.
Wo war denn der Ausgang? Ich brauchte meinen Scharfsinn nicht anzustrengen, nicht lange zu suchen, um ihn zu entdecken. Das Fell eines Riesenkängurus hing so an der Wand, dass es geradezu einlud, es zurückzuschlagen, und als ich es tat, sah ich denn auch die Ausgangsöffnung.
Das Fell eines Kängurus? Ich hatte es nämlich erst näher betrachten müssen, ehe ich es als solches erkannt hatte, besonders am Schwanze, auch an den Beinen, sonst hätte ich es einfach für irgendeine Antilopenart gehalten.
Kängurus gibt es nur in Australien. Also war ich in diesem Erdteil! Da gibt es aber doch keine Bären, wenigstens keine solchen großen, braunen Bären, höchstens einen Beutelbären, der ganz auf den Bäumen lebt. Dort lag übrigens ein kleines Löwenfell, doch wohl aus Afrika stammend, und dort im Winkel eine Haut mit silbergrauen Haaren, die zweifellos einem südamerikanischen Puma angehört hatte.
Wie reimte sich das zusammen? Nun, mein Vorgänger hatte diese aus allen Erdteilen stammenden Jagdtrophäen an Bord des Wracks gefunden. So wollte ich annehmen, mich immer in den Robinsongedanken versenkend. Im Übrigen wollte ich mir jetzt nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen, wo ich mich befand, sondern erst einmal mit eigenen Augen im Freien Umschau halten.
Der Ein- oder jetzt Ausgang bestand aus einer Felsenspalte, schmal und niedrig, sodass ich mich etwas bücken musste, und außerdem schien der Gang einen Bogen zu machen, ehe er ins Freie mündete. Denn er war dunkel; nur in einiger Entfernung war schon wieder Licht, jedenfalls weißes Tageslicht.
Es war auch alles ganz richtig. Die Höhle des Robinson Crusoe wäre nicht nach meinem Geschmacke gewesen.
Der Eingang viel zu groß, die ganze Höhle nur ein weites, halb durchgeschnittenes Loch. Da hatte sich mein Vorgänger eine viel bessere Höhle ausgesucht. Die muss einen engen Eingang haben. Umso gemütlicher ist es dann in ihr, und dieser Eingang muss womöglich im Winkel gebogen sein, damit der Wind nicht hereinbläst, am Tage kann es ja darin dunkel sein, da brennt man einfach Licht an; umso traulicher wird es.
Man kann auch am Tage im Finstern sein, sich so besser verteidigen.
Und das war hier alles der Fall. Ich war mit meinem Vorgänger sehr zufrieden.
Also ich kroch etwas gebückt in den Gang. Nach wenigen Schritten schwenkte ich um die Ecke und hatte nun richtig auch gleich das Freie erreicht.
Ach, wie ward mir da!
Dieser Anblick, der sich mir bot!
Das Meer, das Meer!!
Zum ersten Male in meinem bisher so kümmerlichen Leben sah ich es!
Und nun was für ein Meer, was für eine Küste, was für eine Landschaft!
Ich bin kein Naturschilderer. Man muss sich mit dem begnügen, was ich bieten kann.
Die azurblaue Wasserfläche erstreckte sich, so weit das Auge reichte. Schon in geringer Entfernung schien sie spiegelglatt zu sein, aber an dem Strande, geneigt und mit feinem, weißem Sande bedeckt, spülten und spielten die Wellen doch schon ganz beträchtlich. Allerdings ohne Schaumkämme zu haben — also so, wie es an solch einem flachen Strande eigentlich überhaupt immer der Fall ist, auch bei ganz ruhiger See, wenn nicht gerade viele Tage völlige Windstille geherrscht hat. Wie am schönsten, ruhigsten Tage an der Ostsee, wovon ich damals ja aber noch gar nichts wusste.
Diese Wassergrenze befand sich etwa fünfzig Meter von mir entfernt, ich stand ungefähr vier Meter höher, was ich als NivellierIngenieur doch gleich mit Zahlen konstatieren musste, ohne dass dadurch mein Entzücken gestört wurde.
Rechterhand erhob sich im Meere ein kleines Koralleneiland, das ich meiner Schätzung nach schwimmend in einer Viertelstunde erreichen musste, und linkerhand eine andere Insel, größer und stark bewaldet.
Das war das, was ich vor mir erblickte, nach Osten zu. Denn über dem Meereshorizonte stand die strahlende Sonne, alles mit ihrem goldenen Scheine übergießend und das Wasser nur umso dunkelblauer färbend. Ein unvergleichlich herrliches Bild!
Hallo! Wer sagte mir denn, dass dort Osten war? Konnte das nicht auch die untergehende Sonne sein?
Nein, es war die aufgehende, es war früher Morgen. Das hatte ich gewissermaßen im Gefühl, mehr noch in der Nase.
Ein leises Lüftchen wehte, so angenehm kühl und erfrischend. Dazu dieser entzückende Blütenduft, diese ganz köstliche Atmosphäre! Dies alles gibt es nur am frühen Morgen, wenn die Natur aus dem Nachtschlafe erwacht. Am Abend gibt es so etwas nicht. Es sei denn höchstens bei starker Sommerhitze nach einem erfrischenden Gewitter. Aber das ist doch immer noch etwas anderes.
Nun blickte ich seitwärts und dann rückwärts.
Ich war aus einer Felsenwand hervorgetreten, die sich zu meiner linken Hand nach Westen hinzog und sich auch noch als steiles Kap etwas in das Meer erstreckte. Diese Felsenmauer, deren Höhe ich jetzt nicht ermessen konnte — da musste ich mich erst davon entfernen — verdeckte mir also die Aussicht nach Norden.
Wandte ich meinen Blick nach Süden, so sah ich einen scharfabgegrenzten Wald, jedenfalls zum größten Teil aus ganz mächtigen Bäumen bestehend, diesen Eindruck hatte ich schon, sicher ein Urwald, und dann natürlich ein jungfräulicher. Das Donnerwetter sollte ihn zerschmettern, wenn das nicht der Fall war! Mein Vorgänger hatte dieser Jungfräulichkeit nichts schaden können, der existierte nicht mehr für mich.
Die Entfernung zwischen dieser Felsenmauer und jenem Walde schätzte ich auf zwei Kilometer, und was nun dazwischen lag, das war eine Prärie mit kniehohem Grase von saftigstem Grün, vermischt mit dem herrlichsten Blumenschmuck.
Der war es, der im Morgensonnenscheine so köstlich duftete, nun wusste ich es.
Diese Prärie oder Savanne, wie ich nur gleich sagen will — denn mit unseren Wiesen ließ sich das nicht vergleichen — außerdem diese exotischen Blüten und Blumen, war im Allgemeinen eben; mehr nach Westen zu aber wurde sie immer wellig, auch mehrten sich die Felsblöcke, die hier und da verstreut lagen; dann glaubte ich schon mehr Hügel zu erkennen, und den fernen Hintergrund bildete ein himmelhohes Gebirge, auf dessen Kamm ich in der Sonne schon den Schnee leuchten sah.
Schließlich habe ich noch zu erwähnen, dass auf dieser Prärie manchmal isolierte Bäume standen, die ich nach ihren überhängenden, bis zum Boden reichenden Zweigen, mit silberglänzenden Blättern, so weit meine Botanik reichte, für mexikanische »Patriarchen« hielt, eine Art Trauerweide, weiter hinten gab es in der Prärie ganze Waldinseln, während näher am Strande einzelnstehende Palmen gediehen, riesige Kokosnusspalmen, erst nach Norden, nach jenem Walde zu, sich auch wieder zu dichteren Gruppen vereinend.
So, das ist die Schilderung, die ich von dem, was ich rings um mich erblickte, zu geben habe. Wohl nicht sehr poetisch, aber desto sachlicher.
Und was ich nicht wiederzugeben vermag, fühlte ich doch. Mir war ganz poetisch zumute. Ich hätte jubeln mögen, konnte es nur deshalb nicht, weil ich von solcher Schönheit und Pracht ganz überwältigt war.
O, diese Luft! Diese köstliche Luft!
Na, erst wollte ich einmal an den Strand hinabgehen, musste das Meer, das sich mir hier zum ersten Mal bot, doch einmal auch begrüßen, ihm die Hand schütteln. Auf dass wir gute Freunde wurden.
Ich begab mich die sanfte Böschung hinab. Dort, wo sie begann, hörte der Graswuchs mit ganz scharfer Grenze auf, dann fing die Region des feinen, weißen Sandes an.
Überall sah ich prächtige Muscheln, bis zur Suppentellergröße.
Dort aber lag eine, auf die man sich zum Ausruhen setzen konnte. So eine — — Gigantus, heißen diese größten aller Muscheln wohl. Wenn man zwischen die geöffneten Schalen des lebenden Tieres die Hand steckt, kann sie einem abgeknipst werden. Aber wo diese Riesenmuscheln ihre Heimat haben, wusste ich nicht.
Das schillernde Ungeheuer hatte denn auch seine Schalen gerade weit aufgeklappt, ich sah eine schwammige Masse drin, aber ich hatte jetzt keine Lust, das Experiment einmal zu probieren, sie zu kitzeln, ob sie mir die Hand wirklich abknipsen konnte oder nicht, wollte diese, wie gesagt, erst einmal ins Meer tauchen. Auch den Palmen und umhergestreuten Kokosnüssen schenkte ich jetzt keine weitere Aufmerksamkeit, wenn ihr Anblick mich auch schon mit wahrer Seligkeit erfüllte.
Ach, mein Traum, mein Traum seit frühester Kindheit, er war in Erfüllung gegangen!!
Jetzt spülten die leichten Wellen zu meinen Füßen, ich tauchte meine Hand hinein. Wozu nur die Hand? Wie wäre es mit einem Bade? Die Luft war wirklich ziemlich frisch, das Wasser dagegen warm. So etwas wie Erkältung hatte es bei mir noch nie gegeben.
Gut, ich wollte ein Bad nehmen. Ja aber, wenn nur nicht etwa — — ich dachte an Haifische. Der Strand ging unter Wasser ziemlich steil hinab.
Da aber erkannte ich, dass es einen Platz gab, der zum Baden wie geschaffen war.
Also die hohe Felsenwand ging als Vorgebirge etwas ins Meer hinein, ganz steil in dieses abfallend. Aber unten war noch ein wasserfreier Saum. Und da gab es auch noch andere Verschiebungen, und so war auch gleich dicht in der Nähe eine Art Bassin, freilich groß genug, dass man darin ein Dauerschwimmen halten konnte, mit dem Meere in ganz freier Verbindung stehend, nur dass sich unter Wasser eine Art Wall vorgelagert hatte, wahrscheinlich abgesetzter Schutt, aber auch schon wieder in feinen Sand verwandelt, eine Sandbarre.
Die Höhe des Wassers darüber betrug kaum einen Viertelmeter; darüber hinweg konnte kein Haifisch. Auf der anderen Seite, der Vorsprung mit der Palme und den paar Büschen, war übrigens ein ausgezeichneter Angelplatz; dort schien das Wasser sehr tief zu sein. Zwar hatte ich überhaupt noch nie geangelt, würde es jetzt aber anfangen.
Ich entkleidete mich und begann zu waten. Nanu, was war denn das?! Das Meer dort war warm gewesen, aber hier war das Wasser schon mehr heiß zu nennen.
Wie kam das? Dass die Sonne es so erwärmt hatte, davon konnte keine Rede sein. Aus dem Felsen musste eine warme oder vielmehr heiße Quelle hervorbrechen, anders war es nicht möglich.
Nun, so nahm ich ein regelrecht warmes Bad, gleich in und von der freien Natur selbst geheizt. Aber als ich erst zu schwimmen begann, merkte ich, wie das Wasser immer kühler wurde, und je mehr ich mich den Felsen näherte, desto kälter wurde es, bis es wahrhaft eiskalt war, ich die Kälte kaum noch ertragen konnte, lieber ins Warme zurückkehrte.
Dem Felsen oder dem Meeresboden musste auch eine eiskalte Quelle entspringen. Dass diese so nahe einer heißen liegen konnte, darüber brauchte ich mich nicht zu wundern, so etwas kommt oft genug vor. Übrigens hatte ich unterdessen mindestens hundert Meter schwimmend zurückgelegt und hatte die Sandbarriere noch immer nicht ganz erreicht, wo das Wasser nach und nach wieder die Temperatur des Meeres annahm, wie ich wenigstens später merkte.
Ich war wieder einmal entzückt. Kann man sich auch eine idealere Badegelegenheit denken, im Freien, am Meeresstrande? Stark geheizt oder eiskalt, ganz wie man es haben wollte, und dazwischen alle Mitteltemperaturen, und nicht etwa, dass man immer aus einer in die andere kam, sondern ich brauchte nur parallel mit dem Strande zu schwimmen, dann befand ich mich immer in der gleichen Temperatur. Denn gar so leicht vermischt Wasser von verschiedener Temperatur bekanntlich nicht.
Nachdem ich eine halbe Stunde kräftig geschwommen war und geplätschert hatte, entstieg ich dem Wasser, und zwar dort, wo es ziemlich kalt war, was sich ebenfalls machen ließ, ich musste nur dann nach dem Auskleideplatz zurückgehen.
Nein, diese herrlichen Muscheln, diese Formen und die bunte Farbenpracht! Die eine, nur klein und kreisrund, sah aus, als wäre sie von purem Golde. Ich hob sie auf und — — hatte ein gemünztes Goldstück in der Hand, eine englische Guinee!
Jetzt erst erinnerte ich mich, weshalb ich hierher geschickt worden war.
Und dieses Goldstück war mein, der Anfang zum zehnfachen Millionär war gemacht!
Ja, das musste Spaß machen, sich so nach und nach zum Krösus emporzuarbeiten. Denn natürlich, mich bücken und aufheben musste ich den Mammon, in den Kasten kam er mir nicht geflogen. Und ich brauchte mich nur umzublicken, so sah ich ein zweites Goldstück liegen! Nun bloß noch zweihundertfünfzigtausend mal denselben Bückling gemacht, und das Ziel war erreicht!
Aber ein drittes Goldstück sah ich nicht, auch nicht auf dem Wege bis zu meinen Kleidern, obgleich ich mehrmals im Sande mit den Händen gegraben hatte. Gar so leicht sollte es mir also doch nicht werden, zehnfacher Millionär zu werden, da würde ich mein Vermögen wohl auch manchmal »im Schweiße meines Antlitzes« verdienen müssen. Die beiden Guinees trugen übrigens ganz verschiedene Jahreszahlen, beide waren weit älter als elf Jahre.
Nun, ich hielt mich jetzt nicht weiter mit Suchen auf, so goldgierig war ich gar nicht. Das Bad hatte mich hungrig gemacht und das Salzwasser, das ich unfreiwillig geschluckt hatte, durstig dazu.
Es galt, die Trinkwasserfrage zu lösen; das war für den Robinson jetzt die Hauptsache. Hier war von dergleichen nichts zu sehen. Ich kehrte nach meiner Höhle zurück, mich wieder an der Felswand haltend.
Aber an eine glatte Wand darf man dabei nicht denken. Sie hatte Vorsprünge und Zerklüftungen genug, in einiger Höhe auch wieder sehr viele Höhlenbildungen.
Gleich hinter meiner Höhle oder doch neben ihrem Eingange war, und zwar hier mit dem Erdboden in einer Höhe, solch eine Nische. Vorhin hatte ich das eben noch nicht gesehen.
Noch vor dieser Nische lagen einige Steine, die gleich so geschaffen schienen, einen Feuerherd zu errichten; hier gab es auch sehr viel trockenes Gestrüpp, und im Hintergrunde der Nische selbst entsprang dem Felsen ein klarer Quell, der in einer seitlichen Bodenspalte wieder verschwand.
Alles wie für mich geschaffen! Dass mein Vorgänger hier schon gewirtschaftet hatte, davon war nichts zu bemerken.
Das Wasser, aus der Lederkappe geschlürft, war kalt und schmeckte köstlich. Nun kam der Appetit erst recht. In der Höhle würde ich ja sicher Proviant finden, aber konnte ich nicht naturwüchsiger — —
Da flatterte in geringer Entfernung aus dem Grase, in dessen Region ich mich hier schon befand, ein Schwarm Vögel auf, dem Fluge nach Rebhühner, ließen sich gleich wieder nieder.
Die Doppelbüchse schussbereit gemacht, hingegangen, das »Volk«, wie es wohl heißt, schwirrte wieder auf, auf den einen Vogel gezielt und abgedrückt.
Gleich zwei blieben liegen. Da wäre ein Grund zum Staunen gewesen. Bei einem einzigen Treffer hätte ich mir den Zufall noch gefallen lassen. Aber nun gleich zwei mit einer Kugel! Wo ich doch gar nicht viel zielen hatte können. Bis sich mein Irrtum aufklärte.
Gleich zwei der Vögel fielen getroffen zu Boden.
Die Doppelbüchse hatte ein kleines und ein großes Kaliber. Das eine war ein Schrotlauf. Ich hatte auch eine Schrotpatrone hineingesteckt, die ich aber gar nicht als solche erkannt hatte. Ich hatte geglaubt, es sei eine Patrone mit sehr großer Kugel. Derart waren meine Kenntnisse von Schusswaffen und Jagd.
Na, nun ließ es sich also erklären. Bei einem Schrotschusse genügte ein ungefähres Draufhalten.
Es war tatsächlich ein rebhuhnartiger Vogel, nur bedeutend größer, wie ein normales Haushuhn. Ich rupfte das eine Tier, nahm es aus, vergaß nicht, es auszuwaschen, worauf ich sehr stolz war.
Dann ging ich in die Höhle, um so etwas wie einen Bratspieß und besonders auch Feuer zu holen und dachte dabei daran, dass ich auf meine Auswascherei lieber nicht hätte so stolz sein, sondern lieber schon vorher Feuer anmachen sollen. Dann hätte ich jetzt, nachdem das Huhn gerupft war, schon ein gutes Feuer gehabt; so musste mein Magen nun noch länger knurren.
Streichhölzer und ein andres Feuerzeug fand ich nicht, brannte an der Lampe einen Span an und brachte so Feuer hinaus, musste dieses Manöver noch zweimal wiederholen, weil mir das erste Mal der Span ausging und ich das zweite Mal merkte, dass ich vergessen hatte, mir schon einen kleinen, leicht brennbaren Scheiterhaufen zu errichten.
Es will eben alles gelernt sein. Endlich brannten die ersten Äste. Ich gab ihnen Nahrung, ging in die Höhle und suchte so etwas wie einen Teller, ohne als Robinson darüber Scham zu empfinden. Ich fand denn auch einen Zinnteller und einige Pakete schwedische Streichhölzer dazu, ja auch noch ein Luntenfeuerzeug, worüber sich Robinson Willmer äußerst freute. Denn das mit den zwei Holzscheiten, die man gegeneinander reibt, um Feuer zu erzeugen, das hatte ich auch schon als Junge probiert, bis ich Blut schwitzte, ohne einen Funken herauszulocken, und ebenso war es mir mit dem Feuerbohrer ergangen. Das ist eine böse Geschichte.
Das große Feuer brannte lichterloh, das Huhn wurde auf einen eisernen Gewehrstock gespießt, dieser vorschriftsmäßig in zwei Gabeläste gelegt, ich begann zu leiern. Die Leierei nützte nicht viel. Auf der einen Seite verkohlte der Braten, auf der anderen Seite war er noch ganz roh. Erst als das helle Feuer heruntergebrannt war, ging es besser, und da merkte ich, dass es glühende Kohlen sein müssen, dann kann man die Braterei nach Belieben regeln. Inzwischen steckte ich auch Herz und Magen an Spänchen und legte sie auf die Kohlen, um mir schon vorher einen guten Bissen zu bereiten.
Was stank da so entsetzlich? Ich wusste es nicht, fand nicht die Ursache. Bis der schmorende Magen aufplatzte, da wusste ich es. Ich hatte ihn nicht ausgenommen. Na, wenn der nicht aufgeplatzt wäre und ich hineingebissen hätte! Es waren keine Rebhühner, keine Körnerfresser, sondern hatten den ganzen Magen voll Insekten und Würmer.
So lernte ich fortwährend. Mit dieser langen Lernerei war mein Magen nicht zufrieden. Noch ehe der Braten fertig war, hielt ich Umschau unter den Konservenbüchsen in der Höhle, wählte Kalbsragout mit Steinpilzen, fand alles tadellos, wärmte mir das Gericht und verzehrte es mit gutem Appetit.
Trotzdem schmeckte das geröstete Huhn dann noch delikat.
Ich ließ es bis auf die Knochen verschwinden. Es war meine erste Betätigung als Kochkünstler gewesen.
Hatte ich nicht vorhin, als ich die Hühner aufgestöbert, an der sonst nackten Felswand etwas Grünes gesehen? Ich hatte im Jagdfieber nicht weiter darauf geachtet.
Jetzt ging ich hin. Der Anblick wurde mir hier durch einen Vorsprung entzogen. Richtig, dahinter war die ganze Felswand grün übersponnen, wenigstens bis zu einer beträchtlichen Höhe, es waren Weinranken, die hinaufgeklettert waren, immer einen Halt zu finden wissend, herrliche Trauben mit mächtigen Beeren tragend, und dazwischen auch schon wieder neue Blüten.
Süß wie Zucker! Und dabei gedieh dieser Wein direkt auf der Nordseite der schattenwerfenden Felswand! Das konnte auch nicht anders sein. Die Weintraube gedeiht sonst nicht in tropischen Gegenden, es ist ihr zu heiß. Sonne freilich muss sie haben und hatte sie hier auch noch genug, morgens und abends.
Da war erklärlich, dass hier auch eine Menge Obstbäume standen, die sonst ebenfalls nur im gemäßigten Klima Früchte zeitigen, Pflaumen und Äpfel, Birnen und Kirschen und Aprikosen und mehr noch, alle mit den schönsten Früchten massenhaft behangen und doch schon wieder unreife und selbst neue Blüten treibend, was in solchen Gegenden eben immer der Fall ist, und dass hier nicht etwa mitteleuropäisches Klima herrschte, das bewiesen wieder die Bananensträucher, die weiter ab vom Felsen, der Mittagssonne ausgesetzt, standen und mit den gelben Gurken ganz beladen waren, wie anderes tropisches Obst noch mehr. Ganz abgesehen von den Kokospalmen.
Ha, das gab einen Nachtisch! Und dann ein Topf Kaffee gebraut, wozu ich sogar kondensierte Milch fand.
Ja, ich befand mich auf der Nordseite der Felswand. Die Himmelsrichtungen konnte ich nun mit Sicherheit bestimmen. Denn dass die Sonne emporstieg und nicht sank, das hatte ich unterdessen doch konstatiert.
Da wollte ich nun gleich meine Uhr wieder einrichten, wenn auch nicht als den gerade bis zur Sekunde genau gehenden Chronometer. Auch um eine Viertelstunde oder noch etwas länger konnte es dann mit der Ortszeit differieren. Ich hatte dazu ja nur nötig, wie ich tat, an einem geeigneten Aste einen Bindfaden zu befestigen, ihn unten mit etwas beschwert herabhängen zu lassen, dann musste ich gegen Mittag gut den Schatten beobachten, und so war ungefähr zu bestimmen, wann die Sonne durch den Zenit ging, ihre höchste Höhe erreicht hatte — — zwölf Uhr nach Ortszeit — und wenn ich das so ungefähr hatte, dann wollte ich durch gewisse weitere Manipulationen, freilich streng wissenschaftlicher, astronomischer Art, die ich hier nicht beschreiben kann, auch so ungefähr bestimmen, auf welchem Längen- und Breitengrad ich mich befand.
Und dann der nächtliche Sternenhimmel! Wie man mir seinen Anblick entziehen wollte, darauf war ich doch gespannt!
Was für eine Jahreszeit war hier eigentlich? Das wagte ich nicht zu bestimmen, schon wegen der Bäume nicht, die gleichzeitig reife Früchte und neue Blüten trugen.
Nach meinem Urteil hatte ich noch tags zuvor auf meinem Sofa gelegen. Ich konnte aber ja auch ein halbes Jahr geschlafen haben. Jenem geheimnisvollen Manne traute ich es nun schon zu, dass er so etwas fertig brachte. Dass ich bis auf meinen spärlichen Schnurrbart glattrasiert war, das durfte mich nicht beirren, das war eben von fremder Hand besorgt worden. Übrigens hatte ich vorhin auch in der Höhle schon einen ganzen Rasierapparat gefunden.
Also Urwald, Prärie, Felsengebirge und Meeresstrand standen nun schon zu meiner Verfügung, insoweit hatte Klingsor sein Versprechen bereits eingelöst.
Nun fehlte bloß noch die versprochene Wüste, der große Süßwassersee, den er doch ebenfalls erwähnt hatte, und die Region des ewigen Eises. Hatte er damit etwa dort hinten den Gebirgskamm mit dem ewigen Schnee gemeint? Das musste sehr weit von hier sein. Und dann erst dort hinaufklettern!
Zwar hatte mein Vorgänger ja auch Pelzsachen hinterlassen, aber ich durfte nicht gleich schließen, dass er sie der Kälte wegen getragen hatte. Robinson trug anfangs auch mehr Pelze als Felle, hatte sogar eine Pelzmaske vor dem Gesicht, wegen der Mücken, von denen ich bisher hier noch nichts bemerkt hatte.
Na, ich würde schon sehen, wo sich das Versprochene befand, aber ehe ich da auf Entdeckungsreisen ging, wollte ich mich doch einige Zeit der Arbeit widmen, deretwegen mich Klingsor hierher geschickt hatte; das war ich ihm schuldig — — und mir machte es doch auch viel Spaß, mich nach und nach zum zehnfachen Millionär zu entwickeln.
Mit diesem Entschlusse erhob ich mich, bewaffnete mich in der Höhle mit einem Spaten und einem Rechen, der auch schon handbereit dastand, und begab mich wieder an den Strand.
Ich begann zu schaufeln, manchmal die Stellen wechselnd, nicht immer regelmäßig abstechend. Drei Stunden mochte ich so gearbeitet haben und hatte während dieser Zeit acht Goldstücke gefunden. Ihre Lage war eine ganz verschiedene. Manchmal lagen sie flach unter dem Sande; aber in einer Tiefe von etwa einem Meter fand ich ein Nest von gleich vier Stück. Und als ich dann einmal den Sand durchrechte, den ich vorher schon fortgeworfen hatte, fand ich auch noch zwei. Also die Sache musste ebenfalls erst gelernt werden.
Ging das nun so weiter, in drei Stunden acht Goldstücke finden, so brauchte ich, um die halbe Million Stücke herauszubuddeln, rund gerechnet bei täglich achtstündiger Arbeitszeit, 25 000 Tage oder 80 Jahre.
Das war nun freilich ein bisschen lange, da würde ich es wohl nicht erleben, ein zehnfacher Millionär zu werden.
Aber immerhin, in der Stunde 50 Mark zu verdienen, macht doch Spaß. Und diese ganze Berechnung hatte ich ja auch nur so aus Spaß aufgestellt. Ich konnte ja große Überraschungen erleben, an anderen Stellen vielleicht gleich Tausende von Guinees auf einmal finden. Wiederum freilich konnte ich auch einmal einen ganzen Tag lang vergebens schaufeln.
Doch sei dem, wie es sei — — diese Goldsucherei machte mir natürlich das größte Vergnügen. Von Goldfieber wurde ich dabei durchaus nicht erfasst, machte ob meines zukünftigen Reichtums auch keine Zukunftspläne.
So waren also drei Stunden vergangen, wie ich nach meinem bereits wieder aufgezogenen und ungefähr nach dem Kopfe gestellten Chronometer berechnet hatte.
Da brachte der Rechen beim Durchharken des Sandes einmal etwas anderes zum Vorschein als Muscheln und Steine.
Es war eine Signalpfeife, von gewöhnlicher Größe, aus Horn.
Wie kam die hierher? Wer hatte sie verloren? Nun, die stammte wahrscheinlich ebenfalls aus jenem Schiffbruch — — —
Ja, wo war eigentlich dieses Wrack? Der Dampfer sollte ja von der Flutwelle weit auf das Land geschleudert worden sein, aber sehen hätte man die Trümmer doch eigentlich von hier aus noch müssen. Oder doch nicht?
So dachte ich über diesen Fall noch nach, hatte die Signalpfeife als mein Eigentum bereits in die Tasche gesteckt und war schon wieder beim Graben, hatte aber erst einige wenige Spatenstiche getan, als schon wieder etwas anderes als ein Goldstück meine Aufmerksamkeit erregte.
Es war nichts weiter als ein Stein. Deren gab es hier genug, zumal wenn ich tiefer grub. Sie waren alle von grauer Farbe, etwas dunkler als der weiße Sand, größer als eine Walnuss selten, übrigens durchaus nicht immer rund, sondern von der verschiedensten Gestalt, aber immer abgeschliffen.
Der Stein hier nun, der jetzt meine Aufmerksamkeit erregte, unterschied sich von den anderen nur durch seine Farbe, die immer noch etwas dunkler war, mehr braun. Er hatte ungefähr die Größe und Form eines kleinen Hühnereies, war aber auch etwas flachgedrückt.
Wie gesagt, nur die braune Farbe fiel mir auf. Es war zwischen den sämtlich grauen Steinen eben eine Seltenheit.
Nur wegen dieser Farbe hob ich ihn auf, um ihn mir einmal näher zu betrachten.
Und wie ich ihn umdrehe, da sehe ich auf der anderen Seite ein vertieftes Kreuz und dahinter ein lateinisches »K«.
Und in demselben Augenblicke sage ich mir: Dieser Stein ist es, den jener geheimnisvolle Mann sucht, weswegen er mich hier graben lässt!
Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nämlich, dass mir dieser Gedanke vorhin, als ich die Signalpfeife gefunden hatte, nicht im Entferntesten aufgestiegen war. Es war mir gar nicht eingefallen, daran zu denken, diese Hornpfeife könne der gesuchte Gegenstand sein. Bei diesem Steine aber wusste ich es sofort aufs Bestimmteste. Vielleicht wären die eingedruckten Zeichen gar nicht nötig gewesen, und dass das »K« gerade der Anfangsbuchstabe des Namens Klingsor sein musste, war auch nur eine Vermutung.
Also gleich in den ersten drei Arbeitsstunden war der Zweck meines Hierseins erreicht. Nicht der geringste Zweifel daran stieg mir auf. Nun war ich frei. Denn durch diesen Gegenstand, den ich finden sollte, war ich doch immerhin gebunden gewesen, mehr sogar, als ich bisher gesagt habe, was mir aber sogar schwere Kümmernisse gemacht hatte, wie ich dann doch berichten werde.
Ja, wie sollte ich aber nun Klingsor von diesem Funde in Kenntnis setzen? Würde er selbst — —
Und wie ich noch solche Fragen stelle, da wird der ziemlich tief gebettet gewesene und daher sich kühl anfühlende Stein in meiner Hand plötzlich warm, ganz auffallend, wird immer wärmer und wird heiß, sodass ich ihn schnell fallen lasse oder sogar fortschleudere, um mir nicht die Hand zu verbrennen.
Und da ging es auch schon weiter wie mit dem Bilde. Auch der Stein blieb auf dem Sande nicht liegen, sondern begann sich zu bewegen, fortzurollen und mehr noch zu rutschen, zu kriechen und zu hüpfen.
So klomm er die Böschung hinauf, in ganz unregelmäßigen Bewegungen. Wenn er rollen konnte, dann rollte er, was aber bei seiner ovalen und auch flachen Form doch nicht so einfach war.
Ich ihm natürlich nach — langsam mit kleinen Schritten, brauchte aber doch nicht viel stehen zu bleiben und zu warten, so schnell ging es. Und nachdem die Sandböschung überwunden, die Grasregion erreicht war, ging es noch schneller. Wohl verschwand der Stein in dem Grase, sprang aber so hoch, dass er immer auftauchte, und machte nun noch viel größere Sätze.
Auf dieser Prärie waren es bis zu meiner Höhle nur wenige Schritte, und diese Richtung nahm auch der Stein, sprang in den Eingang hinein.
Hier war der Boden von Stein und ganz eben, wie asphaltiert, wenn auch einen ganz natürlichen Eindruck machend, und hier konnte mein kleiner Führer richtig rollen, trotz seiner flachovalen Form.
In der Dunkelheit des Ganges verlor ich ihn nur wenige Sekunden aus den Augen, ich hörte ihn dafür klappern; dann sah ich ihn in meiner ständig erleuchteten Höhle wieder.
Und hier nun wurde der Stein erst rabiat. Er sprang fast zwei Meter hoch, und zwar immer gegen dieselbe Stelle der Felswand, dorthin, wo an dieser mittels Holzkeil und Nagel ein quadratisches Brett aufgehangen war, von etwa 40 Zentimeter Seitenlänge, das wieder dazu bestimmt war, einen etwas kleineren Spiegel aufzunehmen, in der Mitte hängend.
Gegen dieses Brett sprang der Stein wiederholt, nicht gegen den Spiegel, sondern dicht daneben, beim Niederfallen geräuschlos auf das am Boden liegende Fell schlagend, dann sofort wieder aufschnellend.
Was sollte das? Nachdem der Stein dieses Manöver vier- oder fünfmal wiederholt hatte, ebenso viele Sekunden in Anspruch nehmend, hatte ich schon gemerkt, dass er immer ganz genau gegen dieselbe Stellung sprang, und das Aufschlagen klang doch nicht hölzern, sondern metallisch, und da gewahrte ich den kleinen ganz gewöhnlichen eisernen Nagel, der seitwärts vom Spiegel aus dem Brette noch etwas hervorragte.
Gegen den Kopf dieses Nagels sprang der Stein immer, und als er dies noch zweimal getan hatte, wusste ich, wozu er mich doch förmlich aufforderte.
Ich fasste den Nagel, brauchte nicht erst lange zu proben; beim Zurückziehen ging das ganze Brett mit. Es war eine Tür, die sich seitlich in Scharnieren drehte, von außen aber nicht sichtbar, und dass dieser Spiegel an solch einer Tür hing, daran freilich hatte ich bisher nicht gedacht. Wie sollte ich auf diese Vermutung kommen? Da hätte ich meine Höhle erst genau untersuchen müssen, was bisher eben noch nicht geschehen war.
Das Türchen hatte eine Öffnung verdeckt, ebenfalls viereckig. quadratisch, nur ein wenig kleiner. Das Licht der Hängelampe fiel zwar hinein, aber das Ende des Loches sah ich nicht, keine Hinterwand, und die seitliche Felsenflächen ganz glatt und nackt. Auch sonst nichts darin.
Und in dieses Loch nun war der Stein, noch ehe ich diese Beobachtungen angestellt, sobald ich das Brett nur zurückgezogen hatte, mit dem nächsten Satze hineingesprungen, rollte klappernd nach hinten und — — war in der schwarzen Finsternis verschwunden.
Wohin war der Stein denn nur gerollt? In einer Versenkung verschwunden? Wie tief ging das Loch?
Es war ein zweiter Rechen vorhanden. Ich nahm ihn und langte mit dem zwei Meter langen Stiele hinein, kam aber noch nicht an das Ende.
Doch, da plötzlich, als ich den Rechen wieder herauszog, erklang ein Ton, eine Stimme aus der Öffnung:
»Guten Morgen, Herr Willmer.«
Ich kannte sie schon, diese prächtige, sonore Stimme.
»Guten Morgen, Herr Klingsor.«
»Ich danke Ihnen.«
»Bitte, gern geschehen.«
»Es ist sehr schnell gegangen.«
»Das finde ich auch.«
»Nach drei Stunden schon haben Sie den gesuchten Gegenstand gefunden.«
»Wussten Sie nicht, dass es so schnell gehen würde?«
»Nein, das konnte ich nicht wissen, über diese Sache, welche das Suchen und Finden des betreffenden Gegenstandes beanspruchte, durfte ich das Schicksal befragen. Aber es antwortete nicht.«
»So so.«
»Nun, Herr Willmer, ich gratuliere. Nun sind Sie von diesem Arbeitszwange erlöst. Jetzt können Sie ganz nach Belieben nach den Goldstücken graben, wenn Sie gerade Lust dazu haben. Sie sehen also, dass Ihre Höhle auch ein Telefon besitzt.«
»Ja, das habe ich nun bemerkt. Ein sehr eigentümliches Telefon.«
»Sie können es jederzeit benutzen.«
»Um mit Ihnen zu sprechen?«
»Mit mir allerdings nicht immer; da müssen Sie mich entschuldigen. Aber sobald Sie das Türchen öffnen, wird jemand fragen, was Sie wünschen.«
»Ich habe nichts zu wünschen.«
»Nun, das sagen Sie so schnell. Ist es mir möglich, dann stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung. Sonst sagen Sie, was Sie wünschen, was Sie brauchen. Schlagen Sie das nicht so schnell ein für allemal ab. Gesetzt den Fall, Sie möchten etwas lesen. Jedes Buch, das Sie wünschen und das irgendwie zu beschaffen ist, wird Ihnen schnellstens besorgt.«
»Hm, etwas Lektüre, allerdings!«, brummte ich.
»Natürlich! Es werden doch auch Regentage kommen. Ein Klingelzeichen ertönt, Sie öffnen die Tür und finden in dieser Öffnung das Verlangte. Es braucht ja nicht gerade ein Buch zu sein. Sie wollen einmal eine Zigarre haben —«
»Hm, Zigarren!«, brummte ich wieder, also schon inkonsequent werdend.
»Ist der Gegenstand zu groß, dass er nicht in diesen Steinverschlag geht, so wird Ihnen gesagt, wo Sie ihn finden werden, ohne dass Sie dabei auf Spuren von Menschen stoßen. Sie wollen als Einsiedler leben und sollen es können. Sind Sie fort gewesen, haben das Klingelzeichen also nicht gehört, so wird der an der Tür befindliche Spiegel blind sein. Das ist das Zeichen, dass das Gewünschte schon in der Nische liegt, oder es muss Ihnen eben mitgeteilt werden, dass es nicht zu haben war, was aber wohl sehr selten eintreten wird.«
»Das ist ja eine wunderbare Einrichtung!«
»O, wir haben noch ganz andere. Wollen Sie ein Telefon haben, um meine Leute überall anrufen zu können?
Es ist nur ein kleiner Apparat, nicht größer als eine Taschenuhr. Durch ihn können Sie sich mit dem Manne, der Ihnen immer zur Verfügung steht, und eventuell auch mit mir, an jedem Orte, wo Sie sich auch befinden, in Verbindung setzen.«
Ich brauchte eine kleine Pause der Überlegung.
»Nein, ich wünsche keine solche Möglichkeit, mich immer und überall mit Ihren Vertretern in telefonische Verbindung setzen zu können«, lautete dann meine Antwort. »Was braucht denn ein Robinson und Hinterwäldler ein Telefon, und nun gar ein solches? Nein, ich will ein ganz einfacher Naturmensch sein.«
»Recht so!«, erklang es wieder zustimmend. »Ich kann es Ihnen nicht verdenken, würde an Ihrer Stelle ebenso handeln. Wünschen Sie in Ihrer Einsamkeit vielleicht doch einmal besucht zu werden?«
»Von Ihnen? Sie sollen mir herzlich willkommen sein!«
»Auch von anderen?«
»Von anderen? Nnnnein!«
»Es sind natürlich keine gewöhnlichen Menschen, die ich Ihnen zuschicken würde. Mit Alltagsmenschen werde ich Sie doch verschonen. Es müssen wenigstens Originale in jeder Hinsicht sein.«
»Hm. Die liebe ich. Das wäre schon etwas für mich. Na, da schicken Sie mal einen oder den anderen, wenn auch nicht gleich, dass ich mich erst ein bisschen erhole und einrichte.«
»Und dann, eng hiermit zusammenhängend, gestatten Sie mir noch eine offene Frage: Sind Sie ein Weiberfeind, Herr Willmer?«
»Nein, ein Weiberfeind bin ich durchaus nicht, habe nur bisher wenig Zeit und Gelegenheit zu Liebeleien und überhaupt zum Damenverkehr gehabt, auch sonst ist mein Herz noch nicht lebendig geworden. Aber ein Weiberfeind bin ich ganz und gar nicht.«
»So würden Sie auch einmal Damenbesuch empfangen?«
»Meinetwegen schicken Sie mir, so viele Sie wollen«, lachte ich. »Passt mir die Sache nicht, kann ich mich der Gesellschaft ja immer gleich wieder entledigen. Und mit Modedämchen und Backfischen werden Sie mich doch sowieso verschonen.«
»Haben Sie sonst noch etwas jetzt mit mir zu besprechen, Herr Willmer?«
»Ich weiß nichts.«
»Dann bitte ich, die Unterhaltung abbrechen zu dürfen; ich werde anderweitig verlangt; ich bin ein gar vielbeschäftigter Mann. Auf Wiedersehen, Herr Willmer, und zwar auch auf ein wirkliches, ein persönliches! Schluss!«
In der Nische ertönte ein Klingeln, wie es beim Telefon nun einmal üblich ist, und ich schloss die Tür.
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Non sibi sed omnibus
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