Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.
RGL e-Book Cover
Based on an image created with Microsoft Bing software
"Loke Klingsor," Band 4, Verlag Dieter von Reeken, 2024
Eine ganze Weile saß ich nun nachdenklich da, ehe ich einen Entschluss fassen konnte. Dann aber wandte ich mich plötzlich der geheimnisvollen Tür zu, ich hatte einen Einfall bekommen, einen etwas niederträchtigen:
Ich öffnete die Klappe.
»Sie wünschen, Herr Willmer?«, erklang es da fast sofort, aber von einer ganz anderen Stimme.
Ich war etwas überrascht, mein Plan war schon zuschanden geworden; ich hatte eine so schnelle Aufmerksamkeit nicht erwartet. Na, nun konnte ich die Sache auch fortsetzen.
»Sind Sie die Person, die mir am Telefon immer zur Verfügung steht?«
»Jawohl, Herr Willmer, von jetzt an habe ich die Wache.«
»Ich habe einen Wunsch. Ich möchte ein Segelboot, ein Ruderboot und ein Motorboot haben, so schnell wie möglich. Schluss!«
So sprach ich kurz und machte die Klappe sofort wieder zu.
Es war eigentlich nur so ein plötzlicher Einfall gewesen.
Ja, solche Fahrzeuge waren mir ja recht angenehm, mit dem Ausbrennen eines gefällten Baumstammes wollte ich mich nicht lange aufhalten; ein wasserdichtes Kanu aus Lederhäuten würde ich auch nicht so schnell zustande bringen, das konnte ich mir schon lebhaft denken — aber eigentlich hatte ich jene doch nur in Verlegenheit bringen wollen durch irgendeinen nicht so leicht zu erfüllenden Wunsch. Da waren mir eben im Moment die drei genannten Boote eingefallen. Auf alles Weitere hatte ich mich mit Absicht gar nicht eingelassen, hatte schnell wieder die Klappe zugemacht.
Kaum hatte ich mich umgedreht, als es schon wieder klingelte.
Aha, der wollte noch mehr wissen, die Sache hinziehen! Das gerade hatte ich beabsichtigt.
Ich machte die Tür wieder auf.
»Herr Willmer?«
»Hier.«
»Die drei gewünschten Boote liegen für Sie bereit.«
»Was?!«
»Ein Segelboot, ein spezielles Ruderboot und ein Motorboot. Wenn die drei Fahrzeuge nicht nach Ihrem Geschmacke sind, können andere beschafft werden, wozu Sie dann nähere Weisungen geben wollen.«
»Ja, wo sind die Boote denn?«
»Sie sind bereits im Wasser.«
Ja, natürlich, der Mann hatte recht — hier aus diesem Loche konnte ich sie nicht herausziehen.
»Wo liegen sie?«
»Ihnen so nahe wie möglich. Sie kennen doch bereits das Bassin am Strande, nur halb vom Meere abgeschlossen durch eine Sandbarre, mit warmem und kaltem Wasser, ganz nahe der Felswand —«
»Jawohl, das kenne ich, ich habe vorhin schon drin geschwommen. Ist Ihnen das nicht bekannt?«
»Nein, mir ist gar nichts über Sie berichtet worden.«
Es war eine Prüfung von mir gewesen; sie war bestanden worden, es hatte gleich im Tone gelegen.
»An der steilen Felswand«, fuhr die Stimme fort, »läuft ein schmaler Pfad hin, noch trocken, es ist nur wenig zu klettern. Nach etwa vierzig Metern öffnet sich eine kleine Bucht, die vom Strande aus nicht zu sehen ist. Das ist der Bootshafen. Ein anderer ist an diesem flachen Strande nicht möglich oder müsste erst künstlich geschaffen werden.«
»Es liegen noch andere Fahrzeuge darin?«
»Nein. Nur die drei gewünschten.«
»Sie haben schon immer darin gelegen?«
»Nein, sie liegen noch nicht einmal jetzt darin, werden erst zu Wasser gelassen«
»Sie sagten aber doch, die drei Boote lägen für mich bereit.«
»Das ist auch der Fall. Sie können sich beeilen, wie Sie wollen, es wird rechtzeitig alles vorhanden sein.«
»Da haben Sie hier wohl ein ganzes Arsenal von solchen Booten?«
»Verzeihen Sie, Herr Willmer — — das ist eine Frage, die ich nicht beantworten darf.«
»Na, dann ist es gut. Da könnte ich wohl auch gleich noch ein viertes Boot bestellen?«
»Sicher. Ob es so schnell wie jene zu beschaffen sein wird, weiß ich freilich noch nicht.«
»Dann möchte ich noch ein Kanu haben, oder so einen grönländischen Kajak, mit Paddelruder, aber nicht geschlossen, sondern offen.«
»Das kann sofort geliefert werden. Es wird gleichfalls dort für Sie bereitliegen. Sonst noch Wünsche, Herr Willmer?«
Ja, nun wurde ich unbescheiden.
Aber mit Booten und dergleichen wollte ich aufhören, sonst fasste der Hafen meine Flotte gar nicht.
Jetzt, da es einmal im Gange war, fielen mir auch wirkliche Wünsche ein.
»Einen menschlichen Gesellschafter möchte ich nicht ständig um mich haben, wohl aber einen vierbeinigen. Ich bin ein großer Hundeliebhaber, zumal deshalb, weil ich noch nie einen mein Eigen genannt habe. Also einen Hund möchte ich haben.«
»Was für eine Rasse?«
»Das ist mir eigentlich gleich. Nur ein gutes, treues, kluges Tier, das mich versteht, so weit ein Tier das kann. Oder — — wenn ich wählen darf: Eine deutsche Dogge möchte ich haben.«
»Wird so schnell wie möglich beschafft werden. Doch auch abgerichtet?«
»Abgerichtet? Dressiert? Schön zu machen und durch den Reifen zu springen braucht mein Hund nicht. Und wenn er jedem Fremden, der ihm einen guten Bissen vorhält, ein Pfötchen gibt, hat er bei mir überhaupt verspielt. Anfassen soll er sich von jedem Menschen lassen, aber nicht, wenn ich's nicht will. Mein Hund muss zwischen einer Kinderhand und der eines dummen Jungen unterscheiden können. Wie er das macht, das ist seine Sache. Dass er nach meinem Tode auf meinem Grabe stirbt, verhungert, verlange ich ja nicht gerade, aber sonst darf er auf der Erde nichts weiter kennen als seinen Herrn. Verstehen Sie, geehrter Herr. was für einen vierbeinigen Freund ich haben möchte?«
»Jawohl, ich verstehe, und ich glaube, wir haben solch eine deutsche Dogge gerade — —«
»Halt!«, rief ich da schnell. »Das Tier hat doch keinen Herrn, dem es genommen werden muss?«
»Nein, eben gegenwärtig nicht, sein Herr ist vor vier Tagen gestorben. Er sieht nur nicht schön aus.«
»Der Tote? Ist er noch nicht begraben?«
»Nein, seinen Hund meine ich! Er sieht jetzt sehr unschön aus. Wodan trauert noch um seinen Herrn, ist ganz bekümmert, hat schon seit vier Tagen nichts gefressen.«
»Hören Sie, Ihr Wodan gefällt mir bereits! Den bringen Sie mir mal! Vorläufig habe ich keine Wünsche weiter. Schluss —«
Also seine Höhle hatte noch andere Ausgänge. So hatte Klingsor doch gesagt, oder doch eine starke Andeutung gemacht, und zwar, als ob diese Ausgänge in jene Regionen führten, wo einerseits die Wüstensonne brannte, andererseits ewiges Eis herrschte.
Doch ich hielt mich jetzt nicht mit Suchen auf, wollte machen, dass ich nach dem Hafen zu meinen Booten kam. Ich eilte hinab an den Strand, ließ das Badebassin rechts liegen. Den wasserfreien Pfad, der dann weiter an dem Vorgebirge entlang führte, hatte ich schon gesehen. Ich benutzte ihn, musste einige Male etwas über Steine klettern, wobei ich wiederum, wie aus gewissen Anzeichen schon vorher, feststellte, dass hier unmöglich Ebbe und Flut herrschen konnten, und hatte mein Ziel erreicht.
In der Felswand war eine tiefe Einbuchtung. Steile, himmelhohe Mauern umschlossen ein ziemlich kreisrundes Bassin von etwa fünfzig Meter Durchmesser. Ringsherum lief eine niedrige Galerie, der man aber die natürliche Entstehung gleich ansah, und dort lagen die vier Fahrzeuge. Die Ketten oder Taue der Fahrzeuge waren um geeignete Felsblöcke geschlungen.
Ein kleines Motorboot mit Mast und Takelage, wie die Hochseemotorboote meist besitzen, der Mast natürlich zum Niederlegen — ein Segelboot, das man aber auch recht gut rudern konnte — ein Ruderboot, in dem man aber ebenfalls ein Segel und einen Klüver setzen konnte, und schließlich noch ein Paddelboot, so zierlich, dass kaum zu glauben war, es würde jede See aushalten. Jetzt war es offen und zeigte auch den kurzen Mast für das kleine Segel, um bei gutem Winde das Paddeln zu erleichtern.
Alles war in tadellosem Zustande, wovon ich mich zunächst bei dem Segelboote überzeugte; denn das wollte ich zuerst benutzen. Segeln konnte ich, musste mich hier nur erst etwas mit der mir fremdartigen Takelung vertraut machen.
Dann stieß ich ab, ruderte durch das Bassin nach dem schmalen Wasserausgange, der also den Pfad unterbrach, lotste das Boot zwischen den Felswänden hindurch, und ich befand mich schon im freien Meere, setzte Segel.
Eine sanfte Brise wehte aus Süden und schwellte die Segel.
Und mein Herz schwellte sich mit vor Seligkeit.
Ha, das war etwas anderes als auf einem Flusse, wo die Strömung das Segelboot mehr beherrscht als der Wind die Leinwand und der Steuernde das Ruder.
Und was für ein Boot das war! Wie es bei der doch nur leichten Brise dahinschoss! Und wie es wendete, was ich sofort tat, weil ich erst glaubte, eine starke Meeresströmung hätte mich erfasst! Aber sobald der Klüver herumgeflattert war. ging das ganze Boot mit und nahm ebenso willig die neue Richtung an.
Ach, war mir zumute, wie ich dahinflog! Doch ich will ganz sachlich bleiben.
Ich fuhr erst ein gutes Stück ins Meer hinaus, dann zurück, kreuzte gegen Südosten an. Jenem Koralleneiland wollte ich einen Besuch abstatten. Es lag mir näher und günstiger als die bewaldete Insel, die ich später anlaufen wollte.
In genügender Entfernung vor dem roten, zackigen Steinwall zog ich die Segel ein und griff zu den Riemen, vorwärts rudernd, damit mir die spitzen Korallenriffe nicht etwa den Bootsleib aufschlitzten. Das Wasser war ganz klar, ich blickte in schier unabsehbare Tiefen.
Und wie es nun dort unten aussah! Diese Farbenpracht, diese schillernden Fische, die zwischen den verästelten Korallen wie Vögel in den Zweigen eines Baumes ihr Wesen trieben!
Es war eine Laguneninsel, ein Atoll. So heißen die niedrigen Koralleninseln, wenn sie einen Ring bilden, der ein offenes Wasserbassin einschließt. Der Ring ist immer an verschiedenen Stellen durchbrochen, aber der verästelte Bau der Koralle bedingt, dass sie auch in niedrigen Barrieren die stärkste Brandung bricht, und so ist es auch bei der aufgewühltesten See in diesen Lagunen immer ganz still.
Ich drang durch eine breite Spalte in die Lagune ein, landete, erging mich etwas auf dem ringförmigen Streifen. Er war kaum dreißig Meter breit, umschloss ein Wasserbecken von vielleicht hundertfünfzig Meter Durchmesser, alles von wunderbarer Regelmäßigkeit, und war mit einigen Kokospalmen bestanden. Sonst bedeckte spärliches Gras den verwitterten Kalkboden.
Ich segelte wieder ab, hielt auf die Wüste und zugleich auf den Wald zu, der sich also in einer Entfernung von etwa zwei Kilometern gleichlaufend mit dem Gebirgszug von Osten nach Westen erstreckte, bis ziemlich dicht an das Meer herantretend, zuletzt in Palmenhaine übergehend.
Beim Näherkommen erkannte ich, dass ich diesen Wald im Boote nicht erreichen konnte. Eine Korallenbarriere gebot mir Halt, so niedrig, dass ich sie von der Küste aus gar nicht erblickt hatte, aber auch so zerklüftet, so von spitzen Zacken starrend, dass ganz ausgeschlossen war, darüber hinwegzukommen, auch nicht mit dem Kajak.
Es war einfach fürchterlich, was ich da sah, trotz aller Schönheit. Die Breite des Riffes betrug auch mindestens zweihundert Meter, und hinter den spielenden Wellchen kamen immer noch weite Flächen mit roten Zacken zum Vorschein.
Was für eine schreckliche Bedeutung diese Korallenbarriere für mich haben sollte, ahnte ich jetzt nicht. Ich schenkte ihr gar keine weitere Beachtung, sagte mir nur, dass ich hier nicht über sie hinweg, also auch den Urwald nicht im Boote erreichen konnte. Aber in seine Nähe konnte ich doch gelangen. Ich brauchte nur, womöglich im Ruderboot oder Kajak, längs der Küste zu fahren und hatte nach dem Landen nur noch eine ganz kurze Strecke bis zur Waldgrenze.
Jetzt wollte ich erst der bewaldeten Insel einen Besuch abstatten. Vorher aber, ehe ich wendete, hatte ich noch einen herrlichen Anblick, der mir wieder einen Ausblick für mein zukünftiges Leben eröffnete.
Nahe der Urwaldgrenze und nicht weit vom Strande entfernt, also noch auf der Prärie, sah ich plötzlich eine stattliche Herde von Pferden. Meine sehr scharfen Augen erkannten die wild flatternden Mähnen, den Gliederbau, dieses ungestüme Wesen — — das waren Wildlinge, Mustangs! Ohne Zweifel.
Ja, das war ja nun so etwas für mich! Über den Booten und dem Hund hatte ich ganz vergessen, mir ein Reitpferd zu wünschen. Nun brauchte ich keins mehr. Mir solch einen Mustang zu fangen, ihn zu bändigen und zuzureiten, das war bei mir sofort beschlossene Sache, obwohl ich noch nie ein Pferd gebändigt, einen Wildling zugeritten hatte.
Ich segelte zurück. So oft ich aber einen Abstecher in die See hinaus machte, immer wieder stieß ich auf die Korallenbarriere. Sie musste, scheinbar ganz dicht an der Küste beginnend, dort vor dem Urwald einen weiten Bogen ins Meer hinaus beschreiben.
Ich erreichte die Waldinsel, umsegelte sie. Sie war ebenfalls fast kreisrund. Die mächtigen Bäume traten bis dicht an das Ufer heran, das überall eine Höhe von vier bis sechs Metern hatte und steil ins Wasser abfiel.
Ich umsegelte die Insel, deren Umfang ich auf mindestens einen Kilometer schätzte, von vornherein deshalb, wollte landen und fand keinen Anlegeplatz. Als ich herum war, hatte ich noch immer keinen gefunden. Ja, Buchten gab es wohl, aber überall ragten glatte Felswände so hoch empor, dass ich sie nicht ersteigen konnte. Da hätte ich mindestens eine Leiter haben müssen. Eine ganz komische Sache! Vier Meter sind doch gar keine Höhe, aber hinauf kommt man nicht.
Nun, vielleicht geht es doch. Ich fuhr in eine kleine Bucht ein, sah aber auch dort keinen wirklichen Anlegeplatz, kein Baum hing seine Zweige so tief herab, dass ich sie ergreifen konnte; keine Wurzel hatte die harte, schwarze Felsmasse durchbrochen. Dagegen empfing mich mit schrecklichem Geschnatter eine Affenherde, bombardierte mich gleich mit Orangen.
Ich ließ mir einige der Früchte schmecken — und was für herrliche Früchte waren das; was für Exemplare hingen dort auf den nur kleinen Bäumen!
Also nachdem ich einige der mir zugeworfenen Orangen verzehrt hatte, versuchte ich dennoch eine Landung.
Ich fuhr dicht ans Ufer, befestigte an einem mittelstarken Tau einen Haken, warf ihn hinauf.
Aber was für Mühe ich mir auch gab, der Haken wollte nicht fassen. Ein Dutzend Mal hätte ich schwören mögen, er müsse festsitzen, er saß eigentlich auch fest, ich konnte mit aller Kraft daran ziehen, aber sobald ich an dem Seile hinaufklettern wollte, fiel er wieder ab. Es war nicht anders, als ob eine Hand ihn löste, wovon aber keine Rede sein konnte. Es war doch auch gar nicht so einfach, den einmal festsitzenden Haken wieder abzuwerfen, an dem ich mit meinem Gewichte doch schon hing.
Ich wurde nicht klug daraus, wie das geschah, nahm an, der Haken sei eben nicht geeignet, wolle nicht richtig fassen. Ein anderes Mittel, das Ufer zu erklimmen, besaß ich jetzt nicht.
So gab ich meine Versuche vorläufig auf. Ich musste mit einer Leiter oder einer Kletterstange wiederkommen. Auch anderswo probte ich es nicht mehr, suchte keine andere Landungsstelle.
Unterdessen nämlich war meine Aufmerksamkeit durch eine andere Entdeckung angeregt worden.
Indem ich diese Waldinsel aufgesucht hatte, war ich nun so weit nach Süden gekommen, dass ich auch hinter das Vorgebirge blicken konnte.
Diesen im Meere endenden Gebirgszug hatte ich ja schon betrachten können, freilich nur aus größerer Entfernung.
Die Höhe war gar nicht so schlimm. Ich schätzte sie auf höchstens tausend Meter, vielleicht auch nur etwas über die Hälfte. Da konnte ich mich sehr irren. Dass aber dort oben schon ewiger Schnee lag, davon konnte keine Rede sein. Dort oben durfte ich also die Polarregion mit Eisbären nicht suchen.
Wohl aber befand sich jenseits dieses mäßig breiten Gebirgszuges, den man auch als eine dicke Felsenmauer betrachten konnte, dichter Wald, bis ans Meer herantretend.
Also auf meiner Seite war Prärie, auf der anderen Seite Wald.
Dorthin musste ich. Noch ehe ich eine Landungsstelle suchte, hatte ich es schon erkannt. Das war kein tropischer Urwald, sondern Eiche und Buche herrschten vor. Nach den geografischen Schilderungen, die ich gelesen hatte, wurde ich gleich an einen sibirischen Urwald erinnert, der im Sommerschmuck prangt.
Dort drüben, jenseits der kaum 300 Meter dicken Felsenwand, gedieh die Kokospalme, die die Wendekreise nie überschreitet, und hier wuchsen Eichen und Buchen; ich sah auch einen Haselnussstrauch und gar eine Birke, die noch in arktischen Zonen fortkommt, größere Sonnenhitze nicht vertragen kann — — Wie in aller Welt war solch ein Unterschied in der Vegetation nur möglich?!
Ja, wenn es eine Hochebene gewesen wäre! Aber dieser nordische Wald lag doch mit jenem tropischen auf derselben Ebene, dicht am Meere!
Wer löste dieses Rätsel? Nun, das musste ich wohl selbst versuchen.
Ich landete ohne Schwierigkeit. Auch die Küste sah hier anders aus als dort drüben, war zwar nicht gerade felsig, aber überall lagen große Steinblöcke, auch dicht am Strande, noch im Wasser selbst, ich fand für mein Boot einen richtigen Hafen.
Es war und blieb der sibirische Urwald mit Eichen und Buchen und was sonst noch dazu gehört. Auch Nadelholz war da. Nur das Unterholz fehlte. Das Ganze machte einen parkähnlichen Eindruck. Und schließlich entdeckte ich noch, um die Überraschung voll zu machen, Preiselbeeren, Heidelbeeren und die köstlichsten Walderdbeeren in Massen.
Ich wurde fast kopfscheu, als ich durch diesen nordischen Urwald spazierte, manchmal zwischen moosbedeckten Steinblöcken hindurch.
Welche angenehme Kühle hier herrschte! Im Schatten war es sogar schon zu kalt, mich fröstelte. Trat ich aber in die Sonne, so merkte ich gleich, dass sie mit versengender Glut auf mich herabbrannte, ohne jedoch also eine entsprechende Vegetation hervorzurufen.
Woher nur kam dies alles? Zahlreiche Bächlein durchrieselten den mehr moosigen als grasigen Boden, der auch viele Pilze hervorbrachte, alle mir bekannte Arten.
Wie kalt das Wasser war! Geradezu eiskalt! Die Temperatur meiner Quelle dort drüben war nichts dagegen. Und überhaupt fühlte der ganze Erdboden sich kalt an! Ich grub etwas mit dem Messer, und je tiefer ich kam, desto kälter wurde der Humus, und ich glaubte, wenn ich weiter grub, müsste ich zuletzt auf — —
Und da plötzlich hatte ich das Rätsel gelöst!!
Ich will nicht sagen: durch eigenes Nachdenken. Die zunehmende Kälte beim Graben in der Erde hatte mich darauf gebracht, also doch mehr ein Zufall. Da die Ahnung aber nun einmal in mir entstanden war, wusste ich auch sofort, dass ich das Richtige getroffen hatte.
Klingsor, der Mann mit den Teufelsaugen, wie ich ihn nur gleich nennen will, der noch mein bester Freund werden sollte, nachdem er mich genug mit übermütigen Streichen gefoppt hatte, er hatte auch von einer Polarregion gesprochen, die ich hier finden sollte.
Ich hatte sie bereits gefunden.
Aber ich befand mich nicht i n ihr, sondern a u f ihr!
Ich stand auf einer unterirdischen Eishöhle!
Eine Eishöhle in sonst tropischer Gegend?
O, deren gibt es genug! Mitten in Zentralafrika, im Kongogebiet bei Dschanglera, hat man eine Eishöhle von gewaltigen Dimensionen gefunden, sogar nur durch eine sehr dünne Steinwand von der tropischen Außenwelt getrennt.
Wo sich Eis massenhaft angehäuft hat, da schmilzt es eben nicht so leicht. Die eigene ausstrahlende Kälte hält es immer fast auf dem Gefrierpunkt.
Nun kommt aber noch etwas ganz anderes dazu. Man unterscheidet überhaupt zweierlei Arten von Eishöhlen, eine sogenannte statische und eine dynamische Art.
Dieser Unterschied charakterisiert zugleich ihre Entstehung.
Die statische, also die bleibende Eishöhle stammt noch aus der Zeit, wo die ganze Erde oder doch jene Gegend mit Eis bedeckt war, und da das Eis in der Höhle eben nicht so schnell schmelzen kann, hat es sich bis auf den heutigen Tag erhalten.
Die dynamische Eishöhle hingegen, oder richtiger das dynamische Eis, wie der wissenschaftliche Kunstausdruck nun einmal lautet, ist in einer Höhle oder einem sonstigen Raume durch Luftzug entstanden.
Wird Luft zusammengepresst, so entwickelt sich Wärme, sogar Hitze. Entströmt die komprimierte Luft einer Röhre, so dehnt sie sich zuerst sehr schnell wieder aus, es entsteht ein luftverdünnter Raum und dadurch Kälte.
Dieses physikalische Gesetz wird auch zur künstlichen Eiserzeugung benutzt. Was der Mensch kann, kann selbstverständlich auch die Natur. Solche dynamische Eishöhlen haben eigentümliche, röhrenartige Zugänge, durch welche manchmal von draußen der Wind bläst, zuerst drückt sich die Luft zusammen, dehnt sich aber in der Höhle schnell wieder aus, und dadurch entsteht Kälte bis weit unter Null Grad.
Also in einer dynamischen Höhle braucht das Eis überhaupt nie zu schmelzen, es kann sich sogar noch ständig vermehren, wenn nur genügend Wasser zufließt. Und das kann auch in der heißesten Tropengegend der Fall sein, wie man auch im heißesten Raume künstliches Eis erzeugen kann.
Also ich wusste bereits bestimmt, woher hier dicht neben einer tropischen Region solch eine mitteleuropäische oder vielmehr eigentlich nordische und selbst sibirische existieren konnte; wenn auch natürlich im Sommerkleid.
Dieser Wald stand auf einer Eishöhle, die freilich ja auch ganz kompakt mit Eis gefüllt sein konnte, und dann war es mit der »Höhle« vorbei.
Also wenn dieser arktische Urwald einige geografische Quadratmeilen bedeckte, dann nahm die darunter befindliche Eishöhle ein ebenso großes Gebiet ein; dabei war für mich gar nichts Staunenswertes.
Wo war nun der Zugang zu dieser unterirdischen Eisregion? Denn ich sollte sie ja finden, mich darin belustigen mit Schneeschuh- und Schlittschuhlaufen und mit Eisbärenjagd, was ich mir nun freilich nicht so recht vorstellen konnte; besonders Letzteres nicht, obschon man ja vielleicht auch Eisbären hineingesetzt haben mochte. Aber dann musste der Sport wohl bei Fackelbeleuchtung stattfinden.
Doch ich dachte vorläufig noch gar nicht an diese Eisregion und den Zugang zu ihr. Ich befand mich in einem sibirischen Urwalde der Tropenzone, und den wollte ich mir nun erst einmal zu Gemüte führen, die unterirdische Eishöhle ließ mich inzwischen kalt.
Ich beschloss, einmal immer geradeaus zu gehen, bis ich das Ende dieses Waldes oder überhaupt dieser gemäßigten Zone erreichte. Denn einmal musste doch auch die Eishöhle dort unten ein Ende haben, und dann hörte natürlich auch ihre Wirkung hier oben auf. Dauerte es gar zu lange, so drehte ich um, wiederholte die Forschungsexpedition ein andermal, besser vorbereitet und ausgerüstet, denn mir fehlte doch mancherlei, zum Beispiel ein kleines Handbeil.
So marschierte oder vielmehr promenierte ich los, ohne etwa die Schritte zu zählen, noch weniger nach der Uhr blickend, die für mich nun voll und ganz wertlos geworden war.
Es war ein prächtiger Wald und wurde immer herrlicher. Gestürzte und vermodernde Riesenbäume gab es genug, hin und wieder auch sumpfige Stellen, die ich aber immer umgehen konnte. Als Richtung hatte ich die östliche gewählt, also mich vom Meeresstrande immer weiter entfernend.
Der Wald wurde immer lebendiger. Entweder weil ich mich eben vom Strande entfernte oder weil jetzt bald die größte Mittagshitze vorüber war. Denn, wie gesagt, in der Sonne war es glühend heiß, ohne dass doch von einer tropischen Vegetation etwas zu bemerken war. Aber dafür diese Beeren! Wie die sich entwickelt hatten, besonders auch die Erdbeeren, wie die großen Walnüsse; ohne dass sie etwas von ihrem köstlichen Aroma eingebüßt hatten, wie es sonst bei der künstlichen Zucht der Fall ist.
Immer mehr nahm das Zwitschern und Singen und Pfeifen und Jubilieren der Vögelchen zu. Ich erkannte viele auch in Europa heimische Arten. Natürlich fehlte der fidele Star nicht, dieser Allerweltsbruder. Dann gab es viele wilde Tauben und ebenso Truthühner, die bei uns so äußerst empfindsam gegen kalte Witterung sind und deren Heimat doch das im Winter so kalte Nordamerika ist. Das macht die fehlende Freiheit.
Die Tauben und die Truthühner machten mir Appetit, erinnerten mich daran, dass ich heute nur gefrühstückt und das Mittagessen übergangen hatte. Daran erinnert mich jetzt mein Magen.
In dem Segelboote waren mehrere Blechkisten und Fässchen gewesen. Sie mochten Proviant enthalten; auf der einen Kiste hatte auch »Allerfeinster Schiffszwieback« gestanden, aber ich war nicht dazu gekommen, sie zu untersuchen; nur aus dem Fasse mit Frischwasser hatte ich mehrmals getrunken.
Nun aber musste ich das Versäumte nachholen, sonst wurde ich schwach. Wieder Geflügel? O, da gab es hier noch anderes!
Dort stand ein Hirsch, ein Edelhirsch mit gewaltigem Geweih, und äugte nach mir, ehe er die Flucht ergriff. Dort trat aus dem Gebüsch, das es hin und wieder natürlich doch gab, ein Damhirsch hervor, um sich schleunigst wieder zurückzuziehen — —
Nein, als das Tier lief, merkte ich den Irrtum. Nur das schaufelartige Geweih hatte mich erst an einen Damhirsch glauben lassen. Es war ein Rentier.
Und dort knabberte ein gewaltiger Elch die Baumrinde ab, bis er mich gewahrte, sich umwandte und schwerfällig davontrabte.
Dreimal hätte ich bequem zum Schusse kommen können, dreimal hatte ich die Büchse erhoben und sie dreimal wieder gesenkt, ohne trotz des sicheren Zieles abgedrückt zu haben.
Nicht etwa, dass ich so sentimental bin, kein Tier töten zu wollen. Das gibt es nicht bei mir. Aber seine enggezogenen Grenzen hat bei mir die Jägerei doch.
Jetzt hätte ich solch eine Telefonuhr besitzen mögen, um bei Klingsor oder seinem Stellvertreter anzufragen, ob ich wieder hierher geführt werden könnte, falls ich mich, was schwerlich der Fall war, nicht selbst nach dieser Stelle zurückfand, oder ob es sonst eine Möglichkeit gab, dass erlegte Wild zu konservieren, das Fleisch zu räuchern, für meine Bedürfnisse; oder ob nicht lieber jene anderen Menschen, die es hier doch gab, es verzehren würden.
Ich hätte mir doch nur ein Stück herausschneiden und braten können, das andere hätte ich liegen lassen müssen, es wäre zwecklos verwest, oder hätte höchstens Raubtieren und Insektenbrut zum Fraße gedient, und eine solche Aasjägerei gibt es bei mir nicht.
Wohl war jetzt die Versuchung dreimal an mich herangetreten, die Jagdbegier hatte mich gepackt, aber dreimal hatte ich sie besiegt.
Dann also musste es wohl wieder bei einem gebratenen Vogel bleiben, bei einem Truthahn oder bei einem Paar Tauben. Falls ich den großen Truthahn nicht ganz aufessen konnte, brauchte ich den Rest nicht etwa mitzunehmen, um so lange davon zu zehren, bis die Knochen rein abgenagt waren, auch wenn der Braten schon stank, solch ein Kleinigkeitskrämer war ich nun wieder nicht.
Doch da wurden meine Gesinnung und meine Überwindung schon belohnt. Ein Hase kam mit seinem schleifenden Gange heran, sah mich, setzte sich aufrecht, spitzte die Ohren — — da krachte schon meine Donnerbüchse, und zwar hatte ich diesmal den Kugellauf abgedrückt, und doch machte das Häslein nicht einmal mehr einen Satz, fiel um, streckte sich und blieb liegen, von meiner Kugel auf reichlich dreißig Schritt mitten zwischen die Augen getroffen. Da war ich freilich stolz.
Ich sammelte Brennholz, wobei ich ein Beil sehr vermisste, Streichhölzer und auch das Luntenfeuerzeug hatte ich mitgenommen; das große Feuer brannte lichterloh, als ich daranging, die Beute auszuweiden und abzubalgen. Das war freilich eine schwere Arbeit! Diesen Balg kaufte kein Jude mehr.
Aber geschmeckt hat mir der geröstete Hase dann delikat, viel ließ ich davon nicht übrig. Ich bin ein sehr starker Esser. Nur Salz fehlte mir, was man aber schließlich bei Wildbret am ehesten entbehren kann. Auf der nächsten Expedition würde es mir nicht mehr fehlen.
Dann setzte ich meinen Weg fort. Ich sah noch Wild in Menge; meist Hirsche und Rehe aller Art, soweit sie in solch ein Klima passten, in ganzen Herden, auch eine solche von Büffeln, zottigen Ungeheuern, denen ich lieber aus dem Wege ging, eine Jagd bis dahin aufschiebend, wenn ich wusste, was aus dem Fleische werden sollte. Dass alle diese Tiere den Menschen kannten und fürchteten, weil sie gejagt wurden, das war deutlich erkennbar, sogar bei den Büffeln.
An einer sumpfigen Stelle erblickte ich Spuren, die von einem Hunde, aber ebenso gut von einem Fuchse oder gar Wolfe herrühren konnten, dann später den Abdruck eines ganz mächtigen Fußes, den ich nur für den eines Bären halten konnte, und endlich erlegte ich einen Luchs, der geduckt auf einem Baume saß und mich beobachtete. Das Fell zog ich nur der Übung wegen ab; es wurde durch meine ungeschickten Messerschnitte ebenfalls unbrauchbar, aber besser als beim Hasen war es doch schon gegangen. In dem Magen fand ich die ganz frischen Überreste eines jungen Hasen und mehrerer kleiner Vögel.
Ungefähr vier Kilometer weit war ich so marschiert, was ich aber erst später konstatierte, mich immer meist in westlicher Richtung haltend, als ich die Grenze dieses Waldes erreichte.
Und was für eine Überraschung sollte mich da erwarten!
Ich bekam die neue Szenerie nicht nach und nach zu erblicken, sondern ganz plötzlich. Es war zuletzt etwas bergan gegangen, dann noch über einen regelrechten Hügelkamm, und da erst sah ich, dass ich den Waldessaum, die letzten Bäume erreicht hatte, und — —
Die Wüste!! Ja, vor mir lag, so weit das Auge reichte, eine gelbe, nackte Sandfläche, auf welche die noch immer hochstehende Sonne herabbrannte — — eine Wüste, wie man sie sich nur im heißesten Afrika vorstellen kann! Und um das voll zu machen, jagte dort in der Ferne soeben ein Rudel Strauße dahin, während dort, wo auf dem hinabgehenden Hügelgelände noch einiges sonnenverbranntes Gras gedieh, eine Herde Zebras weidete.
Klingsor hatte sein Wort gehalten! Nun war auch die Wüste mein! Nun fehlte bloß noch der Süßwassersee.
Doch daran dachte ich jetzt nicht, sondern ich genoss erst einmal die afrikanische Wüste.
Es war ein Bodensturz. Es ging plötzlich gegen zehn Meter tief hinab, sehr steil, wenn auch noch erklimmbar.
Und dieser Bodensturz mochte sich auch noch unter der Erde fortsetzen. Hier schien die unterirdische Eishöhle ihre Grenze zu haben. So war meine Theorie, so sah es auch ganz aus.
Ich stieg hinab. Die Zebras erblickten mich und stoben davon. Wir würden schon nähere Bekanntschaft machen. Was mein Freund am Sambesi konnte, Zebras fangen und zureiten, konnte ich hier auch, hatte auch Zeit dazu.
Etwas in die Wüste hineinmarschieren, mich einmal in den sonnendurchglühten Sand legen, musste ich natürlich.
Ehe ich das Letztere tat, drehte ich mich einmal um, um noch einmal den sibirischen Urwald in Augenschein zu nehmen.
Ja, den sah ich. Was ich aber nun sonst noch erblickte! O Wunder über Wunder!
Dort an einer Stelle stieg das Hügelgelände noch höher empor, dort war es auch plötzlich wie abgeschnitten, ich sah eine nackte Felswand, aber nicht massiv, sondern durchbrochen, eine große Höhlung, und in dieser hingen vom oberen Rande, von der Decke, riesige Eiszapfen herab!
Ein imposanter, ein überwältigender Anblick! Die Öffnung war etwa acht Meter breit und mindestens zwölf Meter hoch, das ist die Höhe einer zweiten Etage, wozu noch das Hochparterre kommt, also eigentlich drei Etagen hoch, und nun was für Eiszapfen das waren, die da herabhingen, diese bizarren, wunderlichen Formen, und das in der afrikanischen Wüste, in der Sahara, in der die Sonne furchtbar brannte!
Der Zugang zu der unterirdischen Eisregion war entdeckt. Ich raffte mich auf, ging zurück. Beim Näherkommen erkannte ich, dass die Eiszapfen schmolzen, sie tropften tüchtig. Wie konnte es auch anders sein! Mochte der Ausgang der Höhle auch gegen Norden liegen!
Die massenhaft herabfallenden Tropfen bildeten ein Bächlein, das erst längs des Bodensturzes dahinfloss und nach und nach im Sande versickerte.
Als ich noch immer ziemlich weit vom Höhleneingang entfernt war, hauchte mich schon eine eisige Luft an. Ich musste vorsichtig sein; mit einem derartigen Temperaturwechsel war doch nicht zu spaßen. Aber eindringen wollte ich unbedingt.
Da sah ich neben der großen Höhle eine kleinere, so unbedeutend, dass ich sie zuerst gar nicht beachtete. Sie zeigte keine Eiszapfenbildung, nichts dergleichen. Als ich hineinblickte, gewahrte ich in der nur wenig tiefen Öffnung schon die hintere Wand und in dieser eine Tür.
Ich trat ein. Sehr kühl war es wohl hier, aber noch recht gut zum Aushalten. Ich öffnete die Tür, brauchte nur die Klinke niederzudrücken. Klingsor hatte mir zwar versichert, dass ich hier nichts finden würde, was von Menschenhänden stammte, aber an so etwas dachte ich jetzt nicht.
Ein kleiner Raum tat sich auf, von einer Hängelampe erleuchtet, die wohl auch heizte. Es war geradezu warm hier, und an den Wänden hing eine Menge Pelzkostüme aller Art, auch Waffen, Gewehre, Harpunen und Angelgerät, desgleichen Schnee- und Schlittschuhe; ich hatte eine reichliche Wahl.
Es war eine Einladung, die ich dankbar annahm, legte ein mir passendes Pelzkostüm an, über meine dünne Lederkleidung, nahm auch gleich Schnee- und Schlittschuhe mit, bewaffnete mich mit einer Harpune, gerade weil ich noch nie eine in der Hand gehabt hatte, so wenig wie Schneeschuhe an den Füßen.
So gewappnet verließ ich den Raum wieder, um in die Eishöhle nebenan zu dringen.
Nun war ich doch gespannt, was ich darin zu sehen bekommen und erleben würde.
Die Bella Cobra stand dicht neben Charles Dubois. Beider Blicke begegneten denen des Hornfisches, der noch so gebunden auf dem Boden lag, wie sie ihn zuletzt gesehen hatten.
Jetzt aber war das durch tausend Falten durchfurchte Gesicht des Schurken doch sehr bleich, und es gelang ihm nicht, es zu einer Grimasse der Schadenfreude zu verziehen.
Er versuchte es, doch dabei schielte er seitwärts nach den lichten Männergestalten, und da trat ganz offen ein Ausdruck von Furcht auf das hässliche Gesicht.
Ganz konnte er ja die Bosheit nicht unterdrücken, die in ihm und an ihm fraß. Seine Lippen formten immer wieder ein Wort, immer wieder dasselbe, und die beiden konnten es ablesen.
»Blandini!«, hieß es.
Er sagte damit weder der Bella Cobra noch Charles Dubois etwas Neues, denn beide hatten sich schon selbst gedacht, dass diese Männer jene Blandini sein müssten, von denen Wumbo, der Schwarze, erzählt hatte.
Zu ihrem Aussehen stimmte freilich nicht, dass sie sich als Diebe betätigt haben sollten. Einer solchen niedrigen Tat schienen sie nicht fähig. Immerhin brauchte es sich bei dem Raub der Vorräte ja nicht um einen gewöhnlichen Diebstahl zu handeln, die Blandini wünschten eben nicht, dass Fremde in ihr Gebiet kamen, und um ihnen, die trotzdem eingedrungen waren, den Aufenthalt unmöglich zu machen, hatten sie ihnen den Proviant geraubt.
So dachten die beiden, weil sie nicht wollten, dass ein Fleckchen auf das Bild fiele, das sie sich von den herrlichen Männern gedacht hatten, und dabei war in beiden schon die feste Überzeugung, dass sie nichts für sich zu fürchten hatten.
Niemand kümmerte sich um sie, und so schauten sie sich nun in dem Raume um, in den sie gebracht worden waren.
Sie waren in ein Luftschiff gestiegen, das wussten sie, aber noch nicht, ob dieses sich bereits wieder erhoben und in Fahrt gesetzt hatte. Das lässt sich ja nicht beurteilen, wenigstens nicht dann, wenn man nicht hinausschaut. Man merkt doch auch in einem Zuge erst, dass er fährt, wenn man die Bäume und Telegrafenstangen draußen vorbeiflitzen sieht — abgesehen natürlich von dem Geräusch der Räder, das oft schwach genug ist. Und im Luftschiff kann man ebenso wenig merken, ob es sich bewegt, wenn man nicht Vergleiche nach feststehenden Punkten zieht. Hier fehlte doch das Geräusch. Das wunderliche Fahrzeug schien nicht durch Luftschrauben, sogenannte Propeller, getrieben zu werden. Es schien keine Motoren zu enthalten, kein Surren war vernehmbar, keine noch so leichte Erschütterung, die sich eben doch einstellt, wenn eine schwere Maschine in Gang ist.
Wussten die beiden also nicht, ob das Fahrzeug sich bereits bewegte, so hätten sie nach dem, was sie in seinem Innern sahen, gleich gar nicht darauf schließen können, dass sie sich in einem Flugzeug befanden oder in einem Luftschiff.
Der Raum, in den sie gebracht worden waren, war ziemlich groß, sowohl in Bezug auf die Breite und Länge als auf die Höhe.
Charles Dubois, der darin eine große Übung hatte, schätzte die Länge auf vier, die Breite und die Höhe auf je drei Meter. Und das ist schon ein recht schönes großes Zimmer.
Dieser Raum aber war nicht der einzige in dem Luftschiff, denn die Blandini, wie der Hornfisch sie genannt hatte, verschwanden nach kurzer, flüsternd geführter Beratung in einem anderen, schlossen sogar die Tür hinter sich.
Und die Ausstattung des Raumes verriet ebenfalls in nichts, dass es sich um das Innere eines Luftschiffes handelte. Sie war allerdings nicht die eines Zimmers, wie die beiden es aus den Städten kannten, glich mehr der eines indischen Gemaches, wies aber doch, was in einem solchen nie der Fall gewesen ist, verschiedene Möbelstücke auf.
An einer der Wände stand ein niedriger Schrank von allerdings ganz eigenartiger Form, an einer anderen eine Art Waschtisch.
Sonst waren mehrere Lager aus Decken vorhanden, jedes mit dem prächtigen Fell eines Königstigers überdeckt.
Vor allem aber fehlten Fenster und Fensteröffnungen ganz.
Und trotzdem war es taghell in dem Raume.
Vergebens schauten sich die beiden nach der Quelle dieses Lichtes um, fanden sie nicht und mussten also annehmen, dass es durch die Wände eindringen konnte, die aus einem silberweißen Metall zu bestehen schienen.
Damit war die Besichtigung aber auch zu Ende. Weiter war in dem Raume nichts vorhanden.
»Setzen wir uns!«, sagte Charles Dubois und ließ sich selbst auf einem der Lager nieder. »Ich denke, wir können etwas Ruhe brauchen.«
»Noch dringender aber täte eine Reinigung not«, erwiderte die Tänzerin und schaute dabei lachend an sich hinab.
Da lachte auch ihr Gefährte. Sie sahen durchaus nicht salonfähig aus; aber er versetzte:
»Daran muss man sich gewöhnen, wenn man die Welt der Zivilisation verlässt.«
»Und Miss Cobra ist schon daran gewöhnt, hähähä!«, bemerkte da der Hornfisch, der nun also den Mut zum Sprechen fand, nachdem die Herren des Luftschiffes den Raum verlassen hatten. »Sie hat sicher manchmal noch viel dreckiger ausgesehen, und ein solcher Lederanzug lässt sich ja schnell genug reinigen.«
Die beiden achteten nicht auf diese Worte.
»Meinen Sie wirklich, dass diese — soll ich sagen: Menschen? — dass diese Unbekannten jene Blandini sind, von denen Wumbo sprach?«, fragte Dubois.
Und wieder mischte sich der Hornfisch ein, ohne dass sie es hindern konnten.
»Sind sie, sind sie!«, versicherte er. »Ich habe sie zwar noch niemals vorher gesehen, aber sie kommen stets in solchen Luftschiffen, und die sind unsichtbar, fahren ganz geräuschlos. Man sieht und hört sie nicht kommen. Sie sind eben ganz plötzlich da, und dann ist es natürlich zu spät, zu entfliehen.
Hähähä, hätten sie mich nicht wehrlos gemacht, so hätte ich Sie rechtzeitig warnen können, aber so —«
»Wir haben Sie nicht um Ihre Meinung gefragt, Jim Crawler«, sagte da Charles Dubois scharf. »Wir wünschen auch nicht, dass Sie unser Gespräch unterbrechen. Sobald wir etwas von Ihnen wissen wollen, werden wir Sie fragen. Bis dahin aber schweigen Sie!«
»Oho! Immer noch hochnäsig?«, erwiderte der Hornfisch giftig. »Ich dachte, Sie müssten nun bereits erkannt haben —«
»Schweigen Sie! Auf der Stelle! Oder ich schiebe Ihnen einen Knebel in den Mund!«, herrschte Dubois ihn da an.
»Versuchen Sie es doch! Versuchen Sie es! Ehe Sie bei mir sein können, schreie ich, dass die Blandini es hören, und dann werden Sie sehen, ob Sie sich hier noch als Herrn aufspielen dürfen oder nicht!
Hähähä, gerade rede ich! Gerade nun erst sage ich Ihnen, dass Sie Narren gewesen sind! Hätten Sie mich mitgenommen, so wären wir jetzt am Ziele; Sie wären nicht in den Salzsumpf geraten, nicht von den Blandini gefangen genommen worden, könnten sich die Million Dollar verdienen —«
Da stand Charles Dubois auf, ergriff eine der leichten und dünnen Seidendecken und näherte sich dem Schurken.
Dieser aber führte seine Drohung aus. Er schrie laut um Hilfe.
Unwillkürlich blieb der junge Jäger stehen, wartete, ob die Tür des Nebenraumes sich öffnen und die Blandini eintreten würden.
Es geschah nicht, auch dann nicht, als Jim Crawler noch einmal, lauter als zuvor, schrie.
Und einen dritten Schrei konnte er nicht ausstoßen.
Als er den Mund dazu öffnete, stopfte Charles Dubois ihm das zusammengeballte Seidentuch hinein, kehrte wieder zu seinem Platze zurück, setzte sich und fuhr fort, als wäre er nicht unterbrochen worden:
»Ich habe diesen Erdteil schon nach den verschiedensten Richtungen durchstreift; ich habe Dinge gesehen, von denen man sich in den Städten nichts träumen lässt, von denen selbst die Forscher nichts ahnen, aber dass hier noch ein Geschlecht von so herrlichen Riesen leben könnte, das hätte ich doch nicht für möglich gehalten.
Freuen Sie sich nicht, Miss Cobra, dass wir sie kennengelernt haben und dass sie, allem Anschein nach, uns mit nach ihren Wohnsitzen nehmen wollen?«
»Doch, Monsieur Dubois«, erwiderte die Tänzerin, und das Aufleuchten ihrer herrlichen Augen verkündete, dass sie die Wahrheit sprach.
»Sie fürchten sich nicht? Verzeihen Sie die Frage.«
»Ich habe nichts zu verzeihen, mein Freund. Nein, ich fürchte mich nicht!«
Sie verstand ihn doch sofort. Charles Dubois hatte nicht an Gefahren gedacht, die das Leben seiner Gefährtin bedrohen konnten. Sie war doch ein Weib, und eins der schönsten dazu. Da lag es nahe, an andere Gefahren zu denken, die ihr drohten. Sie war doch von Männern entführt worden, nicht von Weibern, und solche sind dort, wo es wenige oder keine Frauen gibt, doch in einer recht schlimmen Lage. Man braucht da nur an Goldgräberlager zu denken, wo ein weibliches menschliches Wesen alle Macht an sich reißen kann, bis — nun, bis eben die brutalen Instinkte alle Schranken hinwegfegen.
Und die Bella Cobra wusste, was ihr Gefährte meinte. Sie gab gleich eine Erklärung dazu, wenn auch nicht unmittelbar:
»Ich freue mich auf das, was unser wartet«, sagte sie ernst. »Wenn die Stadt, in der diese Blandini leben, ihnen selbst entspricht, und das wird sicher der Fall sein, dann muss sie einen herrlichen Anblick gewähren! Und denken Sie sich die Frauen und die Mädchen eines solchen stolzen Geschlechts!«
»Ja, sie müssen unvergleichlich schön sein!«, gab Charles Dubois ohne Weiteres zu.
Nun hätte die Tänzerin, wäre sie einer jener Menschen gewesen, von denen immer noch zwölf auf ein Dutzend gehen, vielleicht lächelnd sagen können:
»Dann verlieben Sie sich nur nicht, Monsieur Dubois!«
Dass sie es nicht tat, gar nicht daran dachte, bewies, wie hoch sie über dem Durchschnitt stand.
Und außerdem — sie war trotz ihrer sonstigen Eigenschaften eben doch ein Weib und hatte schon längst erkannt, dass Charles Dubois sein Herz an sie verloren hatte.
Dass sie da aber hätte eifersüchtig an die schönen Blandinimädchen denken können, war bei ihrem Charakter ganz ausgeschlossen. Gerade so, wie sie nur einen Mann lieben konnte und ihm bis an sein Lebensende treu bleiben würde, gerade so nahm sie das von ihm an — und durfte es, denn sie brauchte nur an die Probe zu denken, der sie diesen Jäger unterworfen hatte, ehe sie mit ihm gegangen war.
Hätte sie in seinen Augen, als sie vor ihm tanzte, auch nur die Spur eines begehrlichen Aufleuchtens entdeckt, sie hätte ihm die Türe gewiesen!
Und dieses Weib, das durch den tiefsten Schmutz gegangen und doch rein geblieben war, konnte nur rein denken. Alles andere lag ihr fern.
Charles Dubois stand auf und trat zu einer der silbern schimmernden Wände.
Er hatte nur die Absicht gehabt, das Metall zu untersuchen, aus dem sie bestanden. Nun aber kam ein Ruf höchster Überraschung aus seinem Munde.
»Miss Cobra, sehen Sie doch! Kommen Sie!«
Da stand sie neben ihm.
Unwillkürlich umfassten ihre beiden Hände seinen rechten Arm, ihre Augen öffneten sich weit.
Die Wände waren durchsichtig, vollkommen durchsichtig! Die beiden konnten durch sie hindurchsehen wie durch das reinste Glas.
Und noch mehr erstaunten sie über das, was sie da erblickten.
Das Luftschiff — oder wie sie es nun nennen sollten — flog gar nicht sehr hoch, nicht höher, als sich die Spitze eines mächtigen Kirchturmes über der Erde erhebt, also etwa fünfzig Meter hoch.
Das ist für einen Luftfahrer keine Höhe, da kann er noch alles auf der Erde erkennen, und so erging es den beiden.
Sie sahen unter sich den Boden, aber es war nicht mehr eine öde Steinwüste, auch nicht ein Felsenwirrnis, nein, sie schwebten über einer grünen Landschaft, aus Wiesenflächen und Wäldern bestehend, und noch während sie hinabblickten, gewahrten sie, dass sich zwischen die Wiesen auch Felder mischten, bebaute Felder, dass sich zwischen diesen Kanäle hinzogen, anscheinend tief genug, um eine Schifffahrt zu ermöglichen, und sie gewahrten auch tatsächlich auf ihnen hier und da Fahrzeuge, die allerdings keinesfalls an Schiffe oder Boote erinnerten. Sie sahen eher aus wie ganz moderne Automobile von der Stromlinienform, also trefflich angepasst ihrem Zwecke, und da bleibt es sich ja gleich, ob es Luft oder Wasser zu durchschneiden gilt.
Da ist und bleibt die Fischgestalt eben maßgebend, nur mit dem Unterschiede, dass die Unterseite flach gehalten wird.
Und die beiden schauten nicht schlecht und staunten noch mehr über alles, was sie erblickten, bis Charles Dubois wieder zuerst in der Ferne etwas entdeckte, was nichts anderes sein konnte als eine mächtige Stadt.
Er deutete hinüber.
»Miss Cobra, sehen Sie dorthin! Dort tauchen Türme auf, aber nicht Kirchtürme; sie haben eine ganz andere Form —«
Die Tänzerin nickte.
»Sie gleichen Warttürmen wie an alten Ritterburgen«, sagte sie. »Und sie scheinen zu einer Umwallungsmauer zu gehören.«
Ja, so musste es sein, denn die Türme erhoben sich in regelmäßigem Abstande voneinander und wiesen alle die gleichen Formen auf.
Jedenfalls näherte sich das Luftschiff dieser fernen Stadt mit bewundernswerter Schnelligkeit. Auch das fiel den beiden Beobachtern erst jetzt auf, wo sie einen Maßstab hatten, wo sie gewahrten, wie schnell der Boden unter ihnen zurückblieb.
Sie achteten aber jetzt nicht mehr auf die Felder, Wiesen und Wälder unter sich, sondern schauten nur nach der immer deutlicher auftauchenden Stadt hinüber, die sich auf einer Hochebene zu erheben schien, denn sie lag noch über ihrer Umgebung.
Und immer deutlicher sahen die beiden, dass diese mächtige Stadt aus prächtigen, großen Gebäuden bestehen musste. Sie konnten keine kleinen Häuser entdecken, erst recht keine Hütten, wie man sie doch immer erst passieren muss, wenn man sich zum Beispiel im Zuge einer Großstadt nähert.
Von Vororten oder Dörfern, die sich bis an das Weichbild dieser Stadt erstreckten, war nichts zu gewahren.
Die ganze Stadt war von einer riesenhaften Mauer umschlossen, immer wieder von solchen Türmen unterbrochen, und auf diesen leuchtete und funkelte es, als ständen dort auf den Plattformen ebenso gerüstete Männer wie die, von denen die beiden gefangen genommen worden waren.
Es mochten Wächter sein, die dort Dienst hatten, und aus ihrem Vorhandensein war auch gleich zu schließen, dass die Bewohner der Stadt Feinde haben mussten, vor denen sie auf der Hut sein mussten. Sonst hätten sie auch nicht nötig gehabt, ihre Stadt mit einer solchen Mauer zu umgürten.
Welcher Art aber konnten denn diese Feinde sein?
Die Blandini waren Riesen dem Körper und den Kräften nach, sie waren hochkultiviert, was schon daraus hervorging, dass sie die Luftschifffahrt kannten, dass sie die eigentümlichen Boote auf den Kanälen erbaut hatten, die sich mit großer Schnelligkeit bewegten, sicher durch irgendeine geheimnisvolle Kraft getrieben.
Da mussten die Feinde, vor denen sie sich auf solche Weise schützten, doch noch mächtiger sein, über noch gewaltigere Hilfsmittel verfügen. Und es war vollkommen erklärlich, wenn die beiden in höchster Spannung auf alles das warteten, was sie nun bald zu schauen bekommen würden.
»Das Luftschiff senkt sich!«, rief die Bella Cobra.
Auch ihr Gefährte hatte es gemerkt, ebenso, dass es einem großen freien Platze zustrebte, der sich noch innerhalb der Stadtmauern befand, aber in gleicher Höhe mit den flachen Dächern, welche die meisten Häuser der Stadt aufwiesen.
Und nach wenigen Minuten überquerte das Luftschiff die gewaltige Mauer, die beiden sahen auf dem einen der Türme wirklich bewaffnete Männer, in den gleichen schimmernden Rüstungen wie die hier im Luftschiff, also Blandini, dann ging es über Häuser hinweg, aber viel zu schnell, als dass sie hätten viel sehen können.
Das Luftschiff hielt.
Die beiden traten von der Wand zurück, und schon wurde die Tür zu dem Nebenraume geöffnet, einer der hochgewachsenen Männer trat ein, drückte an irgendeine Feder in der Wand und deutete durch eine Hand an, dass die beiden durch die entstandene Öffnung sich ins Freie begeben möchten.
Sie gehorchten ohne Weiteres, traten wirklich auf einen großen, freien Platz, dessen äußerster Rand eine Umwallung aufwies; aber sie konnten nicht gleich beurteilen, ob diese hoch oder niedrig war. Dazu war der Platz viel zu groß.
Charles Dubois schätzte ihn auf einen halben Kilometer nach jeder Richtung.
Sie hatten auch ganz anderes zu sehen als diese Umwallung.
Nur ihr Begleiter hatte das Luftschiff verlassen und stand neben ihnen; die anderen Blandini befanden sich also noch im Innern, aber als sich Charles Dubois und die Bella Cobra nach ihnen umsehen wollten, überhaupt nach dem sonderbaren Fahrzeug, um einmal festzustellen, wie es gebaut war, sahen sie überhaupt nichts von ihm!
Das ganze große Luftschiff war vollkommen unsichtbar, und sie konnten demnach auch nicht sagen, ob es noch auf dem Platze lag oder schon wieder aufgestiegen war.
In die Stadt hinunter konnten sie ebenfalls nicht schauen, da sie fast genau in der Mitte des Platzes lagen; sie hätten an seinen Rand treten müssen. So ragten nur hier und da einige Dächer empor, an denen nichts Besonderes zu beobachten war.
Aber es gab noch ganz andere Überraschungen für die beiden.
Der Boden, auf dem sie standen, war aus großen Platten zusammengesetzt, die verschiedensten Farben aufweisend, dass sie also ein Muster bildeten, und das war natürlich für einen Landungsplatz von Luftschiffen sehr zweckmäßig. Schon aus weiter Ferne mussten die Führer diesen Landungsplatz wahrnehmen und sich danach richten können.
Dieser Boden aber tat sich jetzt unweit von den beiden auf.
Eine Art Falltür schien dort angebracht, und aus der Öffnung kamen Männer in braunen Gewändern herauf, keine Blandini, sondern kurze, untersetzte Gestalten, von ganz eigenartigem Aussehen.
Sowohl Charles Dubois als auch die Bella Cobra wussten nicht gleich, worin diese Männer von den anderen abwichen; sie sahen es erst allmählich.
Die Haut war braun, aber das sagte ja nichts; das konnte eine Folge der herrschenden Sonnenglut sein, die groß genug war.
Anders stand es schon mit den Gesichtern. Sie hatten einen ganz, ganz eigenartigen Schnitt, wie auch die Art, in der sie das lange Haar trugen, ganz sonderbar anmutete.
Alle diese Männer hatten es auf dem Wirbel mit einem breiten braunen Bande gebunden, und es sah fast genau so aus, als trügen sie allesamt auf dem Kopfe Pferdeschweife. Dieser Vergleich ermöglicht wohl am besten eine Vorstellung von ihnen.
Sie waren überhaupt sehr haarig, diese Männer, denn ebenso lang wie das Haupthaar waren ihre Bärte, die weit auf die Brust herabwallten, bei manchem bis an den Gürtel reichend, mit dem ihr Gewand an den Hüften gehalten wurde. Dazu kamen ungemein buschige Augenbrauen, wie die beiden sie noch bei keinem Menschen gesehen hatten, und endlich entdeckten sie auch noch, dass diese Männer auffallend kurzbeinig waren. Das war schon daraus zu erkennen, dass die Gürtel bei allen sehr tief saßen, und da ihre Füße nackt waren wie ihre Unterschenkel, so war ferner zu erkennen, dass auch dort lange Haare wucherten —
Trotzdem hatten diese Männer keineswegs eine Ähnlichkeit mit Affen, dazu waren ihre Gesichter zu wohl gebildet, auch hatten sie ganz menschliche Hände und Füße, nur etwas plump.
»Das sind Sklaven der Blandini!«, dachten die beiden zu gleicher Zeit, und dass sie mit dieser Annahme recht hatten, erwies sich alsbald, denn die Männer näherten sich in unterwürfigster Haltung dem einen Blandino, der ihnen nur wenige Worte zurief.
Sofort wurden Charles Dubois und die Bella Cobra von den Männern umringt.
Der Blandino deutete auf die Öffnung, und ohne Zögern schritten beide nach dieser hin, sahen vor sich eine Treppe, betraten sie, stiegen hinab und merkten natürlich, dass die braunen Männer ihnen folgten, konnten aber nicht feststellen, ob auch ihr Gebieter sich anschloss.
Ebenso wenig hätten sie sagen können, ob die Falltür hinter ihnen wieder geschlossen worden war. Sie waren ständig von Licht umgeben, sahen aber doch nichts weiter als steinerne Wände, die anscheinend aus großen Quadern ausgeführt waren, bis die Treppe plötzlich aufhörte, nachdem sie ohne jede Krümmung vierzig Stufen passiert hatten.
Ein kurzer Gang zeigte sich, sehr breit.
Sofort scharten sich hier die braunen Männer um die beiden. Einer schritt voran, klopfte an die Pforte, die den Gang abschloss und sich nun auftat. Die beiden traten hindurch, kamen in ein Gemach, das überhaupt nichts enthielt, nur die Steinwände, den Fußboden und die Decke zeigte, schritten hindurch, bis abermals eine Tür sichtbar ward.
Wieder klopfte der vorderste der Männer, aber in einem bestimmten Takte. Die Tür ging auf.
Ein ziemlich großer Saal zeigte sich, heller noch beleuchtet als die anderen Räume, fast genau so ausgestattet wie der, in dem sich die beiden während der Fahrt befunden hatten. Niemand war darin zu sehen, auch die braunen Männer waren nicht mit eingetreten; die beiden waren allein.
Sie schauten einander an, lächelnd.
»Das wird ja hochinteressant!«, sagte Charles Dubois flüsternd. »Hätten Sie sich so etwas träumen lassen, als Sie mit mir aufbrachen, um das Geheimnis dieses Loke Klingsor zu entdecken, Miss Cobra?«
»Niemals! Und mir ist auch jetzt immer noch, als könnte das alles nicht wahr sein. Ich komme mir vor wie in einem Märchen, von denen meine liebe Mutter eine ganze Menge kannte. Wir sind in einem Zauberschloss.«
»Und gleich wird die gute Fee erscheinen, nachdem die bösen Zwerge uns verlassen haben!«, ergänzte ihr Gefährte.
Da aber fasste die Tänzerin seine Hand.
»Zwerge! Jetzt habe ich es!«, rief sie. »Diese braunen Männer erinnerten mich an etwas, was ich schon kannte, aber ich fand nicht heraus, was es war. Jetzt weiß ich es! Sie erinnerten mich an Zwerge! So hat meine Mutter diese Geschöpfe geschildert!«
»Nun, dann habe ich mir solche Zwerge anders vorgestellt«, erwiderte Dubois. »Die hier waren zumindest reichlich groß!«
»Das meine ich ja auch gar nicht! Ja, sie waren zu groß, aber ihre Gesichter — haben Sie nicht bemerkt, dass sie recht alt erschienen?«
Allerdings, das war auch Charles Dubois aufgefallen, und Zwerge werden ja gewöhnlich mit recht hässlichen Gesichtern abgebildet, auch mit solchen langen Bärten, wenngleich nicht mit solchen Pferdeschwänzen auf dem Kopfe.
»Ja, Monsieur Dubois, jetzt habe ich es!«, fuhr die Tänzerin fort. »Hier leben nebeneinander, aber in steter Feindschaft miteinander, zwei Rassen: Riesen und Zwerge. Beide verfügen über allerlei geheime Kräfte, bekämpfen sich fortgesetzt, machen dabei Gefangene, die sie als Sklaven verwenden — o, was werden wir hier alles noch erleben!«
Etwas davon sollte sofort eintreten.
Ein ganz eigentümlicher Ton erscholl, wunderbar melodisch, wie wenn mit einem Metallstabe an ein großes erzenes Becken geschlagen worden wäre, aber nicht etwa an einen Gongschlag erinnernd. Der Klang war viel melodischer als der klirrende Laut des Gongs.
Und da stand auch schon in dem Raume eine Frauengestalt —
Oder war es ein Mädchen?
Die beiden konnten es nicht sagen; das lässt sich ja gar nicht so leicht unterscheiden; es gibt genug Frauen, die noch lange in ihrer Ehe das mädchenhafte Aussehen behalten, und umgekehrt.
Jedenfalls war es eine ganz wunderbare, herrliche Erscheinung.
Hätten die beiden etwas vom Nibelungenliede gewusst, so wären sie gleich an Kriemhild erinnert worden, wie ja die Blandini alle dem stolzen Siegfried glichen.
Sie war in ein lichtblaues, weites Gewand gehüllt, das unter der Brust von einem funkelnden Gürtel zusammengehalten wurde. Außerdem wallte von den Schultern eine Art kurzer Mantel herab, ganz weiß außen, innen aber von prächtigster Purpurfarbe, am Halse durch eine goldene Agraffe gehalten. Die Ärmel des Kleides aber waren eng, schmiegten sich lind an die herrlich gerundeten Arme und reichten bis zum Handgelenk.
Die Hände selbst waren lang und schmal, die Haut wie Milch und Blut, ebenso die des schönen und dabei majestätischen Gesichts, und da eine Kriemhild natürlich blaue Augen und langes Blondhaar haben muss, so war beides hier vorhanden, letzteres in zwei unglaublich langen Zöpfen vorn herabhängend.
Unwillkürlich verneigten sich die beiden vor diesem herrlichen Weibe, und als sie sich wieder aufrichteten, war ihnen, als bräche die Sonne durch finstere Wetterwolken.
Die blonde Kriemhild lächelte, nicht nur mit dem Munde; auch ihre Augen taten mit, und hätten die beiden nicht gewusst, dass sie von diesen Blandini nichts zu befürchten hatten, so hätten sie jetzt diese Gewissheit erlangt.
Es war ein überaus freundliches Lächeln, und es wurde noch bekräftigt durch eine entsprechende Handbewegung.
Dann sprach das schöne Weib, und obgleich die beiden, denen diese Worte galten, nicht eins davon verstanden, so lauschten sie ihnen doch entzückt, denn sie glaubten noch nie eine so wohlklingende Stimme gehört zu haben.
Immerhin — sie mussten zu erkennen geben, dass sie nicht wussten, was von ihnen verlangt wurde.
Sie wenigstens wurden verstanden; die Gebärdensprache ist die internationalste von allen.
Ihr Gegenüber schien einen Augenblick nachzusinnen, dann winkte sie der Bella Cobra, und diese folgte ihr ohne Weiteres, ohne erst mit ihrem Gefährten zu beraten, ob sie es auch tun dürfe.
Sie nickte ihm nur zu. Ihre Blicke begegneten sich dabei.
Dann waren die beiden verschwunden.
Charles Dubois sorgte sich nicht, er wusste, dass seiner Gefährtin nichts Böses geschehen würde, und so wollte er sich eben auf einem der Lager niederlassen, da erschien die blonde Riesenmaid wieder.
Jetzt winkte sie ihm, und dann schritt sie ihm durch eine andere Tür voran.
Charles Dubois ahnte sofort, wohin er gebracht werden sollte.
Ein Plätschern, das er aus der Ferne vernahm, verriet es ihm, und nach kurzer Zeit schon stand er in einem Baderaum.
Seine Führerin deutete auf das geräumige Becken und nickte ihm zu. Dann ging sie, und der junge Mann besann sich nicht einen Augenblick, untersuchte auch nicht erst lange, ob das Wasser warm oder kalt war.
Nur flüchtig überzeugte er sich, dass es tief genug in dem Becken stand.
Dann hob er beide Hände über dem Kopfe, legte sie zusammen und sauste in elegantem Sprunge in die Flut, dass sie aufklatschend über ihm zusammenschlug.
Gleich im Lederanzug! So, wie er war!
Und nötig hatte dieser Anzug das Bad ebenso wie sein Träger.
Aber als Charles Dubois wieder auftauchte und nun schwimmen musste, begann er sich dabei seiner Kleidung zu entledigen, was schnell genug geschehen war.
Nun schlenkerte er die einzelnen Stücke kräftig durch das Wasser, legte sie dann sorgsam an dem Rande des Beckens nieder und schwamm dann munter umher.
Das Wasser war gerade recht für ihn, nicht zu heiß aber auch nicht zu kalt; es hatte die richtige Temperatur für ein Bad, dass es noch erfrischend wirkte, und ein besonderes Vergnügen machte sich der einsame Schwimmer daraus, immer von Neuem zu tauchen; er kroch manchmal gleich ganze Strecken auf dem Boden hin. Dann wieder kletterte er heraus und sprang wieder hinein, die verschiedensten Kunstsprünge versuchend.
Ob die Blandini nicht gestaunt hätten, hätten sie ihn bei seinem lustigen Treiben beobachten können?
Keinesfalls fragte Charles Dubois danach, ob er beobachtet wurde oder nicht.
Als er genug geschwommen, getaucht und gesprungen hatte, stieg er heraus, guckte sich nach einem Tuche um, an dem er sich trocknen könnte, sah keins, lachte jedoch nur darüber und schickte sich an, so, wie er war, wieder in seinen Lederanzug zu schlüpfen, da merkte er, dass ein sehr warmer Luftstrom ihn mit großer Stärke traf, verstand sofort, wie das gemeint war, stellte sich aufrecht hin und ließ sich trocken blasen.
Nun wusste er auch, dass er doch beobachtet worden war, sonst hätte man nicht wissen können, dass er mit dem Baden fertig war, aber er kümmerte sich nicht darum, nahm, nachdem er selbst ganz trocken war, die Stücke seines Anzuges auf, hielt sie ebenfalls in den heißen Luftstrom und trocknete sie auch.
Danach zog er sich an, strich sich mit dem natürlichen fünfzinkigen Kamm durch das Haar und — wartete der Dinge, die nun kommen würden.
Wieder ertönte der klangvolle metallene Ton.
Die Tür ging auf.
Kriemhild erschien wieder, winkte ihm und schritt ihm voran.
Sie kehrten in den Raum zurück, aus dem Charles Dubois geholt worden war, und als er ihn betrat, sah er darin schon die sehr neuwaschene Bella Cobra.
Sie strahlte über das ganze Gesicht.
»Herrlich war's!«, rief sie. »Und auch Sie haben baden können! Ach, wie ich geschwommen, getaucht und gesprungen habe!«
»Gerade wie ich!«, erwiderte er. »Nun sind wir wieder frisch. Und wenn ich jetzt etwas essen könnte —«
Da kam es schon.
Die Kriemhild kehrte mit einer ganzen Schar von braunen Männern zurück.
Einer trug einen prächtigen Tisch, dessen blankpolierte Holzplatte auf metallenen Füßen ruhte; zwei andere brachten niedrige, aber mit bequemen Lehnen versehene Sessel, und alle die anderen trugen mehr oder minder große Schüsseln, die verdeckt waren, aus denen es aber sehr verlockend duftete.
Im Nu waren Tisch und Stühle aufgestellt, die Schüsseln wanderten auf den Tisch, die Deckel wurden abgenommen, und eine einladende Handbewegung Kriemhilds forderte die beiden auf, zuzulangen.
Sie ließen sich nicht nötigen. Sie hatten beide gewaltigen Hunger; doch als zwei der Sklaven nun zwei hohe Becher vor sie stellten, griffen beide doch erst nach diesen. Ihr Durst war noch größer als der Hunger.
Schon nach dem ersten Zuge setzten sie beide den Becher ab und guckten sich über dessen Rand verdutzt an.
»Das ist herrlichster Wein!«, rief die Bella Cobra.
»Rheinwein!«, bestätigte Charles Dubois.
Da lachten sie beide herzlich.
»Rheinwein im Innern Australiens!«, sagte die Tänzerin.
»Und richtig temperiert, auf Eis gekühlt!«, ergänzte ihr Gefährte.
Nein, dass sie hier Rheinwein vorgesetzt erhielten, war wohl ausgeschlossen. Dann aber mussten eben die Blandini selbst Wein bauen und die Trauben keltern.
Noch einmal tranken die beiden, es war nicht anders. Der Wein war ganz vorzüglich, aber auch stark, und hätten sie in ihrem gewaltigen Durste den Becher gleich geleert, so wären sie kaum noch imstande gewesen, zu essen. Sie hätten zumindest einen Schwips gehabt, wenn sie nicht gar betrunken gewesen wären.
Nun aber aßen sie erst, wollten es wenigstens, sahen jedoch kein Besteck.
Nur eine Art Löffel war ihnen hingelegt worden.
Da stutzten sie wieder.
Kannten diese hochkultivierten Blandini den Gebrauch von Messer und Gabel noch nicht?
Es musste wohl so sein.
Das war jedoch kein Hindernis.
»Ich werde erst mal diese Taube versuchen«, sagte die Bella Cobra und holte schon aus der Schüssel das knusprig gebratene Vöglein heraus.
Charles Dubois, der auch eine vor sich stehen hatte, tat es ihr nach, und da sie beide schon in der Wildnis gelebt hatten, so verschlug es ihnen eben nicht das Geringste, dass sie den Braten mit den Händen halten mussten. Er schmeckte ihnen deswegen vielleicht erst recht, und sie bedauerten nur, dass sie sich schon gebadet hatten. Nach dieser Art Essen mussten sie ja ganz und gar fettige Hände haben.
Nun, in der Wildnis hatten sich beide in solchen Fällen zu helfen gewusst. Da hatten sie die Finger an dem Anzuge abgewischt; deshalb war der eben aus Leder; wenn man da solche Waldmenschen sieht, die einmal zu den übrigen Menschen zurückkommen, da kann man ja bloß staunen, wie ihre Anzüge aussehen.
Ländlich — schändlich!, heißt es da eben.
Nach dem Täubchen kam ein Rückenstück irgendeines Tieres an die Reihe, wohl reichlich zwei Pfund, aber es war bald sauber abgenagt, und so setzten die beiden die Mahlzeit fort, bis nichts mehr vor ihnen stand.
Den Löffel hatten sie nicht gebraucht, er war noch so sauber wie vorher.
»So!«, sagte die Tänzerin. »Satt bin ich. Jetzt täte ich gern noch einen tiefen Schluck aus dem Becher, aber mit meinen Fetthänden wage ich das doch gar nicht. Was für einen Begriff müssten unsere Gastgeber da von uns bekommen?!«
»Na, dann müssen wir uns eben Waschwasser und ein Handtuch bringen lassen!«, versetzte Dubois. »He, Fräulein! Fräulein Kriemhild!«
Er erschrak fast, als das blonde Riesenweib wirklich sogleich erschien, wurde ganz rot und brachte kein Wort hervor.
Aber wieder traf ihn aus den schönen blauen Augen ein lächelnder Blick, diesmal freilich etwas spöttisch.
Dann trat sie an den Tisch und erfasste das Instrument, das die beiden für einen Löffel angesehen hatten, hantierte an dem ziemlich dicken Griff herum, brachte ein recht spitzes Messer heraus, dann noch eine Gabel von seltsamer Form —
Und auf einmal lachten alle drei, sie lachten so herzlich, als seien sie schon lange gute Freunde.
Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, hoben Charles Dubois und die Bella Cobra ihre Hände, zeigten, wie fettig diese waren, und die schöne, blonde Kriemhild gab sofort einen Befehl.
Diesmal erschienen zwei weibliche Sklaven. Die beiden sahen sofort, dass sie es mit solchen zu tun hatten, denn auch ihre Haut war braun, und auch sie trugen braune Gewänder, aber sie waren doch etwas hübscher als die Männer, und ihr Haar wallte frei den Rücken herab, nur im Nacken durch ein Band etwas zusammengehalten.
Sie brachten jede ein silberglänzendes Becken, mit dampfendem und duftendem Wasser gefüllt. Außerdem hatte jede über dem einen Unterarm ein weiches Tuch hängen. Seife fehlte allerdings, die schien man hier noch nicht zu kennen.
Demnach war die Reinigung ziemlich schwierig. Das Fett wollte auch in dem warmen Wasser nicht weichen, und das meiste wurde an das Handtuch gerieben. Es ging eben gar nicht anders.
Als Charles Dubois das seine der Sklavin zurückgab, sagte er halblaut zu seiner Gefährtin:
»Als Kulturmensch müsste man nun diesen dienstbaren Geistern ein anständiges Trinkgeld geben, aber leider habe ich keinen roten Cent bei mir, und ich vermute, Ihnen wird es nicht besser ergehen als mir.«
»Erraten!«, antwortete die Bella Cobra. »Nehmen wir also einfach an, man brauchte hier überhaupt kein Geld, und ich glaube kaum, dass sie solches besitzen.«
So gaben beide das Tuch mit einem freundlichen Lächeln zurück, bedankten sich auch mit kurzen Worten, aber die beiden Sklavinnen achteten weder auf das eine noch aus das andere. Sie hoben nicht einmal die Augen und gingen schweigend wieder hinaus.
Die blonde Kriemhild hatte ebenfalls kein Wort gesprochen. Nun aber ließ sie die Sklaven wiederkommen, die die leeren Schüsseln, Tisch und Sessel hinaus schleppten.
Einer fegte auch den Boden, obwohl nichts auf denselben gefallen war.
Und was sollte nun werden?
»Ich bin so müde!«, stöhnte die Tänzerin halblaut.
»Ich gäbe was darum, wenn ich einmal recht, recht lange schlafen könnte!«
»Dann müssen wir es der jungen Dame begreiflich machen«, erwiderte ihr Gefährte, und indem er diese anschaute, machte er ihr klar, dass er gern schlafen möchte, was sich ja durch sehr einfache Bewegungen ausdrücken lässt; er brauchte nicht einmal zu gähnen, was er sich ihr gegenüber nie erlaubt hätte.
Sie nickte, immer wieder mit dem freundlichen Lächeln, wegen dessen die beiden ihr richtig gut sein mussten, wie ja ein solches Lächeln immer etwas Bestrickendes an sich hat —
Dann aber fragte sie etwas.
Die beiden verstanden nicht.
Da trat sie vor sie hin, fasste erst die linke Hand der Tänzerin, dann die des jungen Mannes, legte beide ineinander und schaute sie dabei vielsagend an.
Und da erglühten die braungebrannten Wangen der beiden Menschen im tiefsten Purpur. Sie verstanden doch gleich, was sie meinte.
Und gleichzeitig schüttelten sie heftig den Kopf.
Nein, nein, verheiratet waren sie nicht —
Und sie wagten nicht, sich nun noch lächelnd anzuschauen, im Gegenteil, sie senkten die Lider. Aber ihre Herzen schlugen hoch, und die Brust der Bella wogte sichtbar unter der Lederjacke.
Das blonde Mädchen schaute sie ernst an, lange — auch in ihre Wangen stieg eine leichte Röte —
Sie schien ratlos.
Doch plötzlich eilte sie hinaus, die beiden allein lassend, und nun hätten diese ja wieder in ein fröhliches Lachen ausbrechen müssen, weil das Mädchen sie für ein Ehepaar gehalten hatte.
Sie lachten nicht.
Leise zog die Bella Cobra ihre Hand aus der ihres Gefährten, in der sie immer noch gelegen hatte, dann wendete sie sich ab, eilte zu einem der Lager, warf sich darauf nieder, mit dem Gesicht nach unten und blieb regungslos so liegen.
Nein, nicht regungslos!
Charles Dubois sah, wie der Leib der Tänzerin von Zeit zu Zeit erbebte, und wusste, dass sie weinte.
Mit aller Gewalt musste er an sich halten, dass er nicht zu ihr eilte, sich neben ihr niederwarf, ihr tränenüberströmtes Antlitz hob und den zuckenden Mund küsste, Liebesworte stammelnd, die jetzt in seiner Seele schon lebendig waren, sich über seine Lippen drängen wollten.
Doch er blieb stehen, wo er stand, nur seine Augen leuchteten —
Und er atmete auf, als die blonde Maid wiederkam.
Einen Moment schaute sie betroffen auf die Liegende. Da aber sprang diese schon auf und flüchtete sich zu ihr, warf sich ihr an die Brust und verbarg an dieser das glühende Gesicht.
Und die blonde Kriemhild drückte die Weinende sanft an sich, beugte sich zu ihr nieder und flüsterte ihr beruhigend zu, obwohl sie wusste, dass sie nicht verstanden würde.
Da ließ das krampfhafte Beben im Körper der Bella Cobra nach. Sie blieb noch eine Minute so stehen, dann richtete sie sich auf.
Sie hob auch ihr schönes, noch von den Tränen ganz feuchtes Gesicht ohne Weiteres — mit einer stolzen Bewegung —
Und dann trat sie auf Charles Dubois zu, die rechte Hand vorstreckend.
»Charles«, sagte sie, »Sie haben gesehen, was ich nicht länger verbergen konnte — was ich selber nicht wusste — oder ja, ich wusste es, ahnte es wenigstens — ich — habe ja — noch nie die Liebe kennen gelernt —
Ach, Charles, erspare mir doch — —«
Da war er neben ihr, umschlang sie und presste sie an sich.
»Ja, ja, auch ich liebe Dich!«, rief er jubelnd. »Ich liebte Dich, als ich Dich zum ersten Male sah —«
Da küsste sie ihn, lange und innig.
Sie drückte ihm die Hand, schaute ihm tief in die Augen.
Dann aber wendeten sich beide der blonden Maid zu, deren Gesicht jetzt purpurn erglühte, deren Augen seltsam schimmerten, deren Brust wogte.
Und es war ganz merkwürdig, dass die beiden Glücklichen nun auf einmal verstanden, was diese Kriemhild sagte — natürlich nicht die Worte selbst — aber den Sinn —
Es gab ja gar keinen anderen Sinn, den ihre Frage haben konnte:
»Ihr liebt euch?«
Sie nickten und schauten einander abermals strahlend an.
Da aber erfasste die Blonde erst die Hand des Mannes, dann die der Tänzerin und schaute darauf, verwundert, als hätte sie etwas zu finden erwartet, was sie nun nicht fand.
Sie schüttelte den Kopf, und plötzlich eilte sie hinaus.
Sie kam nicht wieder.
Als die Tür sich auftat, erschien ein alter Mann — nein, so durften sie ihn nicht bezeichnen — das war ein ehrwürdiger Greis, so aussehend, wie Künstler die alttestamentlichen Propheten darstellen.
Hätten die beiden englisch erzogenen Menschen etwas von Odin gewusst, von dem obersten der germanischen Götter, so wären sie jetzt gleich an ihn erinnert worden.
So sah dieser ehrwürdige Greis aus, er war allerdings nicht einäugig wie jener Gott; seine beiden Augen waren hell und strahlend, und nicht nur Verstand leuchtete aus ihnen, sondern auch unerschöpfliche Herzensgüte.
Vor den Blicken dieser Augen brauchten die beiden die ihren nicht niederzuschlagen, obwohl sie ihnen bis in die tiefsten Tiefen der Seele zu dringen schienen.
Der Greis, der ebenfalls hochgewachsen war, also bestimmt zu den Blandini gehörte, trug einen purpurfarbenen Mantel, unter dem ein weißes Gewand sichtbar ward, an den Füßen eine Art Sandalen; aber das silberweiße Haar war unbedeckt, wurde nur durch ein weißes Band, das sich in Stirnhöhe um sein Haupt schlang, etwas zusammengehalten, wallte sonst frei in schönen Locken auf seine Schulter.
Eine ganze Weile schaute der Greis die beiden Menschenkinder an, schweigend, offenbar in ihren Seelen lesend wie in einem offenen Buche.
Dann öffnete er den Mund.
»Wer seid Ihr?«, fragte er.
Wahrhaftig, die beiden verstanden ihn. Er redete Englisch mit ihnen!
Beide atmeten auf.
Endlich war jemand gekommen, mit dem sie sich verständigen konnten.
»Sie sprechen Englisch, Vater!«, rief die Bella Cobra entzückt und suchte die eine Hand des Greises zu erfassen, um sie an ihre Lippen zu ziehen.
Es gelang ihr nicht, und sie wagte nicht, den Mantel zu heben, in dem er die Hand jetzt verbarg, aber ein seltsames, mildes Lächeln umspielte seine Lippen, als er erwiderte:
»Englisch? Ich kann nicht Englisch, weiß nicht, was für eine Sprache das ist. Aber wenn Ihr meine Worte englisch hört, so muss dies Eure Sprache sein. Es kommt nicht darauf an. Ihr würdet mich verstehen, auch wenn Eure Muttersprache eine andere wäre. Ich bin ein Dvidscha.«
»Aber Sie verstehen doch uns!«, rief die Tänzerin wieder.
»Ja, ich verstehe Dich, denn alle Sprachen der Welt wandeln sich in meinen Ohren in die, welche ich verstehe und spreche. Ich bin ein Dvidscha!«
Die Bella Cobra war fassungslos. Sie schaute ihren Gefährten an.
Und da erhielt sie von ihm eine Erklärung.
Charles Dubois wusste Bescheid, obwohl er sich sonst nicht mit solchen Dingen beschäftigt hatte.
»Dvidscha heißt zweimal geboren«, sagte er. »Es ist ein Titel, den man jedem indischen Brahmanen beilegt, aber er hat wohl noch eine besondere Bedeutung, denn nicht jeder Brahmane ist ein Dvidscha. Ich kann es auch nicht weiter verdeutlichen. Priester, die diesen Titel führen, sind jedenfalls tiefer als andere in das geheime Wissen ihrer Religion eingedrungen.«
Der Greis hatte schweigend zugehört. Jetzt nickte er.
»Du sprichst es aus, mein Sohn. Ich bin ein Dvidscha!«
»Und dürfen wir nun einige Fragen an Dich richten, heiliger Mann?«, fragte da der Jäger, gleich die einzig richtige Anrede wählend, da es in den meisten orientalischen Sprachen das »Sie« nicht gibt, nur das »Du« gebraucht wird.
»Noch nicht, mein Sohn!«, kam die Erwiderung. »Erst sollt Ihr mir sagen, was Nindi nicht verstanden hat.«
Er schaute die beiden wieder forschend an.
»Ihr seid Mann und Frau?«, fragte er dann.
So wenigstens verstanden beide diese Worte, obwohl sie vielleicht etwas anderes in seiner Sprache bedeuteten.
Da erglühten beide abermals. Keins vermochte sogleich zu antworten, aber Charles Dubois fasste sich doch bald und rief:
»Noch sind wir es nicht, Vater, aber wir streben danach, es zu werden.
Ja, wir lieben uns!«, erklärte der junge Mann und schlang einen Arm um die wieder leicht bebende Bella Cobra.
»Dann seid Ihr doch bereits Mann und Frau!«, lautete die nächste Erklärung.
Der Greis schien ganz sonderbare Anschauungen in dieser Hinsicht zu haben, und als er das Betroffensein der beiden gewahrte, fuhr er fort:
»Die Seelen der Menschen, die füreinander bestimmt sind, kennen sich schon von ihrer Geburt an und streben zueinander, bis sie sich finden. Auch Eure Seelen kannten sich und haben sich nun gefunden. Deshalb seid Ihr Mann und Frau.«
»Verzeihe, ehrwürdiger Vater!«, rief da Charles Dubois. »Wir kommen aus einem Lande, wo diese urewige Weisheit noch unbekannt ist. Wohl haben wir von der ersten Begegnung an gespürt, dass unsere Seelen sich grüßten, als kennten sie sich schon seit alters, wohl haben wir erkannt, dass wir uns lieb haben, aber Mann und Frau sind wir deshalb nach unseren Gesetzen noch nicht. Um das zu werden, müssten wir von einem Priester zusammengegeben und gesegnet werden. Ich weiß nicht, ob Du das verstehst.«
Der Greis nickte.
»Ich verstehe Dich. Auch hier werden Liebende durch uns Dvidschas zusammengegeben, aber das geschieht erst später. Erst muss Marama sie besucht haben, erst muss ihr Bund durch die Geburt eines Kindes gesegnet sein, ehe die beiden für immer zusammengegeben werden dürfen. Welches Weib nicht gebären kann, das ist kein Weib und muss sterben, um von Neuem in den Schoß des Ewigen einzugehen und wiederum geboren zu werden, um dann noch einmal nach der Seele zu suchen, die zu ihr gehört und durch die sie erst zum Weibe werden kann.
Verstehst Du mich jetzt, mein Sohn?«
Das war allerdings ein heikles Gebiet, auf das sie da geraten waren.
Charles Dubois wagte nicht, auf seine Begleiterin zu schauen, er hörte sie schwer atmen.
Plötzlich aber befreite gerade sie ihn aus seiner Verlegenheit.
Sich hoch aufrichtend, sagte sie leise, aber doch freudig:
»Ja, Vater, wir haben Dich verstanden, und Deine Lehre ist gut! Unsere Seelen haben sich gesucht und gefunden; wir wollen Mann und Frau werden, aber unser Bund würde wertlos sein, würde er nicht gesegnet durch ein Kindlein.«
»So ist es, und sobald es Euch durch Marama beschert worden ist, werdet Ihr vor dem Angesicht des Ewigen zusammengegeben werden!«
»Ja, so soll es sein, doch — Vater — ein Hemmnis steht zwischen uns. Ich darf diesem Manne meiner Liebe noch nicht angehören!«, rief die Tänzerin.
»Warum nicht?«, fragte der Greis, der sich selbst als Dvidscha bezeichnet hatte.
»Wir haben einen Schwur getan!«, erwiderte die Bella Cobra. »Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen, die wir übernahmen, und bevor das nicht geschehen ist, dürfen wir einander nicht angehören.«
Da nickte der Greis, ein Lächeln, das Zustimmung ausdrückte, verschönte sein ernstes Gesicht.
»Ich verstehe«, sagte er. »Auch bei uns gibt es das. Dann müsst Ihr eben erst die Aufgabe erfüllen, die Ihr übernommen habt. Welcher Art ist sie?«
Dass er nicht aus Neugier fragte, war klar. Sicher war er nur bereit, ihnen zu helfen, aber die Bella Cobra, die sich eben so mutig gezeigt hatte, wagte nicht, ihm zu antworten.
Charles Dubois selbst stand da wie einer, der irgendeine frohe, herzbewegende Kunde gehört hat, die er nicht erwartete, seine Augen leuchteten, er wendete sie nicht ab von dem geliebten Weibe, das ihm erst jetzt als das vorkam, was das Weib dem Liebsten eigentlich immer sein sollte: als etwas Heiliges, Erhabenes, vor dem er in Ehrfurcht sein Haupt neigen soll.
Das ist eben das Geheimnis der echten Liebe, dass sie auch das Menschliche, das an ihr haftet, zu einem Gottesdienste zu verklären weiß, dass auch die sinnliche Liebe zu einer geistigen wird, dass die höchste Aufgabe der Ehe, Kinder zu zeugen, zu einer heiligen Pflicht gestaltet.
Die Bella Cobra, diese berüchtigte Tänzerin, die von so vielen Männern als Freiwild betrachtet worden und doch rein geblieben war wie eine Vestalin, die ihren Körper allabendlich so vielen begehrlichen Blicken preisgegeben hatte — gerade sie hatte das wahre Wesen der Liebe und Ehe richtig erfasst, sie hatte ohne das geringste Zögern erklärt, dass sie dem Manne ihrer Liebe gehören, ihm ein Kind schenken wollte — und das hatte sie in einer Weise getan, die sie selbst wie eine Priesterin erscheinen ließ.
Deshalb staunte Charles Dubois — und das umso mehr, als er doch aus ihrem eignen Munde wusste, durch welche traurige Kindheit sie gegangen, dass nichts Menschliches ihr ferngeblieben war — trotzdem er noch Zeuge gewesen war, mit welchen unreinen Zumutungen Männer ihr zu nahen gewagt hatten.
Und weil er das erkannte, deshalb beugte jetzt Charles Dubois in Ehrfurcht vor ihr sein Haupt.
Freilich durfte auch nur er um die Liebe dieses Weibes ringen, weil er selbst sich rein erhalten und sein Bestes nicht zu feilen Weibern hingeworfen hatte, die ihm oft genug versuchend genaht waren.
Der Reine gesellte sich zur Reinen.
In dieser Minute hatte er es erkannt, und deshalb verstand er jedes Wort der Geliebten.
Deshalb aber fiel ihm die Erkenntnis, dass sie sich zu einer Aufgabe zusammengefunden hatten, die gegen seine sittlichen Begriffe war, schwer aufs Herz.
Durften sie beide wirklich sich dafür bezahlen lassen, dass sie einem Unbekannten das Geheimnis zu entreißen suchten, das er hütete?
Nur einen fragenden Blick noch warf Charles Dubois in das edle Gesicht des Greises, dann wusste er, was er zu tun hatte.
»Vater«, sagte er, »unsere Aufgabe ist unser Geheimnis. Wir dürften sie vielleicht nicht verraten, aber gerade, weil sie zwischen uns und unserer Liebe steht, gerade, weil sie uns hindern wird, einander anzugehören, will ich sie Dir anvertrauen.
Wir sind ausgesandt worden, um ein Geheimnis zu erlangen, das mit der Person eines anderen verknüpft ist. Er wird es uns nicht freiwillig anvertrau
»Loke Klingsor«, wiederholte er, und seine Stimme grollte. en, wir werden versuchen müssen, es ihm durch List oder auch durch Gewalt zu entreißen. Deshalb sind wir in das unbekannte Innere dieses Landes eingedrungen, deshalb begaben wir uns in Not und Gefahr, aber als wir schon dem Tode nahe waren, da erleuchtete ein Blitzstrahl der Erkenntnis unsere Herzen, da erkannten wir, dass wir einander liebten, wie Du eben aus dem Munde meiner Begleiterin gehört hast.«
»Loke Klingsor!«, wiederholte er,
und seine tiefe Stimme grollte.
»Und wer ist es, dem Ihr das Geheimnis entreißen wollt? Ist er ein böser Mensch?«
»Wir wissen es nicht; wir kennen nur seinen Namen, nicht ihn.«
»So nenne seinen Namen, mein Sohn. Uns Dvidschas ist nichts verborgen, was auf Erden geschieht, wir kennen alle ihre Bewohner. Ich will Dir sagen, wer dieser Mann ist!«
Noch einen Augenblick zögerte Charles Dubois, noch einmal schaute er fragend auf seine Gefährtin, und als diese ihm zunickte, da sprach er den Namen aus:
»Ich suche Loke Klingsor«, bekannte er.
Die Wirkung dieses Namens erschreckte ihn.
Hoch richtete der Greis sich auf, die vorher so gütigen Augen sprühten Zornesblitze, und feierlich hob er die rechte Hand.
Doch schon wieder änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes.
Er lächelte, und es war ein spöttisches, verächtliches Lächeln. So klang auch seine Stimme, als er nun erwiderte:
»Armseliger, Du suchst Loke Klingsor? Du vermisst Dich, ihm das Geheimnis entreißen zu wollen, das er hütet?«
Charles Dubois konnte nur staunen, auch die Bella Cobra tat es. Sie starrten beide auf den Greis, der diesen Namen aussprach, als sei er ihm längst vertraut.
»Du kennst diesen Namen?«, fragte der junge Mann.
Er erhielt keine Antwort.
Schweigend schaute der Greis sie beide an, dann sagte er:
»Ich habe Euch jetzt nichts weiter zu sagen. Morgen früh werdet Ihr vor unserem Rate stehen und werdet dort noch einmal bekennen, was Ihr eben bekannt habt!
Jetzt ruht Euch aus! Nindi wird Euch Kammern anweisen, wo Ihr schlafen könnt. Ich aber rate Euch, prüft Eure Seele, dass Ihr bestehen könnt vor dem Rate der Dvidschas.«
Da neigten sich beide unwillkürlich ehrfürchtig vor dem Greise, der ihnen jetzt erst recht erhaben erschien.
Aber ehe dieser, der sich umwendete, den Raum verlassen konnte, wagte Charles Dubois noch eine Frage.
»Verzeih, Ehrwürdiger! Noch wissen wir nicht, wohin wir gebracht wurden. Willst Du uns nicht sagen, wo wir uns befinden?«
»Du sollst es wissen«, lautete die Antwort. »Ihr seid in Bhawan i kass, der Stadt der Auserwählten!«
Dann ging er hinaus.
Die beiden waren allein und blieben noch eine ganze Weile stumm und regungslos stehen, bis endlich die Tänzerin sich an ihren Gefährten wendete, nicht mit Worten — sie streckte ihm nur beide Hände entgegen und schaute ihn an.
Aber aus ihren Augen strahlte die ganze Liebe, die ein Weib für einen Mann empfinden kann, und dasselbe verkündeten auch seine Augen.
Aber er riss sie nicht an sich.
Demütig sank er vor ihr nieder auf die Knie und ihre beiden Hände an seine Brust pressend, rief er:
»Du! Du Herrlichste bist mein!«
Jauchzend klang es, jubelnd.
Und sie befreite ihre Hände aus den seinen, legte sie ihm aufs Haupt und sagte leise:
»Ich bin Dein! Von heute an auf immerdar!«
Weiter nichts.
Sie küssten einander nicht.
Charles Dubois stand auf, und so fand Nindi, die Blonde, sie beide, als sie nun eintrat.
Sie winkte der Bella Cobra, und diese folgte ihr.
Aber unter der Tür wendete sie sich noch und sagte schlicht:
»Ich bin Dein, Charles! Du wirst es nie vergessen!«
»Wie sollte ich vergessen, was mit Flammenschrift in meiner Seele gegraben steht?!«, erwiderte er.
Dann schloss sich die Tür, und als nach einer Weile Nindi zurückkehrte und auch ihm winkte, da folgte er ihr in das Gemach, in das sie ihn führte.
Es war ein traulicher Raum, nur klein, aber sehr wohnlich ausgestattet, anders freilich, als er es gewohnt war, aber er achtete nicht darauf.
In der Mitte des Zimmers stehend, das kein Fenster aufwies, keine andere Öffnung als die durch eine Tür verschlossene, hob Charles Dubois beide Arme.
»Ich liebe Dich!«, sagte er noch einmal, als spräche er ein heiliges Gebet.
Dann warf er sich auf das Lager an der Wand.
Im gleichen Augenblick erlosch das Licht, das bisher den Raum erhellt hatte, und tiefer Schlummer senkte sich auf den jungen, glücklichen Mann.
Ob es das Licht des neuen Tages war, das sie erweckte, wussten die beiden nicht, wie sie ja auch nicht ahnen konnten, dass sie genau zur gleichen Minute die Augen öffneten.
Aber das wussten sie: Beide erwachten mit einem Glücksgefühl, das sie ganz erfüllte, und jedes dachte mit dem ersten Gedanken an den Geliebten.
»Ich bin Dein!«, murmelte die Bella Cobra.
»Ich bin Dein!«, murmelte auch Charles Dubois.
Zu gleicher Zeit wurden sie, diesmal von je einem der Sklaven, zum Morgenbade geholt, tummelten sich in dem frischen Wasser, kleideten sich an und fanden sich in dem Raume wieder, in dem sie zuletzt beisammen gewesen waren.
Auch jetzt eilten sie nicht aufeinander zu, um sich zu umarmen und zu küssen. Sie reichten einander nur die Hand, wie sie es bisher stets getan hatten, aber ihre Seelen grüßten einander durch Blicke.
»Wie hast Du geschlafen?«, fragte er sie.
»Das musst Du doch sehen! Wie ein glückliches Menschenkind!«, erwiderte sie.
»Genau so wie ich! Und ich habe die ganze Nacht von Dir geträumt!«
Etwas wie ein Schatten huschte über ihr eben noch strahlendes Gesicht.
Fester als zuvor erfasste sie seine Hand.
»Auch ich habe von Dir geträumt«, gestand sie errötend.»Aber ich war besser daran als Du, ich konnte Dich bei Deinem Namen nennen. ›Charles!‹, nannte ich Dich. Und Du?«
»Ich weiß nicht«, gestand er.»Ich kenne ja Deinen Namen nicht — und Du wirst ihn mir sagen, damit Du nicht mehr die Bella Cobra für mich bist wie für die anderen —«
»Nenne mich Grace, Charles!«, erwiderte sie weich.»Es ist nicht der Name, mit dem Mutter mich nannte, nicht der, mit dem Vater mich rief — ich will Grace heißen, Du weißt, was es bedeutet — Gnade — auf die Gnade des gütigen Gottes hoffe ich, dass er mich herausführt aus dem Dunkel, das meine Geburt umgibt.«
Plötzlich brach ihre Stimme.
Aufschluchzend lehnte sie ihr schönes Haupt an die eine Schulter des Geliebten.
»Charles, wenn ich glauben müsste, dass er mein Vater ist, der mich verkaufen konnte, den ich hasste, seit ich ihn das erste Mal sah!«
Zart umfasste er die Weinende.
»Grace!«, sagte er weich.»Meine liebe, arme Grace. Muss ich Dich erinnern an das, was uns gestern der Dvidscha sagte?«
Sie hob das tränenüberströmte Gesicht und schaute ihn fragend an.
»Er behauptete, alle Menschen, die auf Erden lebten, seien ihnen bekannt. Er kannte Loke Klingsor. Vielleicht kennt er auch Deinen Vater, Grace — Deinen wahren Vater!«
»O, wenn das wäre! Segnen wollte ich die Stunde, da diese Blandini uns fingen! Aber ich kann, ich kann es nicht glauben — meine Mutter — sie war so gut, so rein — und er —«
Er vermochte sie nicht mehr zu trösten.
Der melodische Klang, den sie schon kannten, zwang sie, voneinander zu lassen.
Hastig trocknete die Tänzerin ihr Gesicht, und sie brachte es fertig, zu lächeln, als sie leise Schritte der Türe sich nähern hörte.
Doch nicht die erwartete Nindi trat ein.
Einer der Sklaven öffnete die Tür und wich zurück.
Ein Blandino erschien vor den beiden, noch herrlicher anzusehen als die, die sie tags zuvor geschaut hatten.
Ganz in schimmerndes Metall gehüllt, dass er wirklich dem stolzen Bezwinger des Drachens Fafnir glich, stand er vor ihnen, auf dem Haupte einen hochragenden Helm, gekrönt von einer sonderbaren Zier, ein Medusenhaupt schien es, schrecklich anzusehen, namentlich, da dem Gesicht, das an sich edle Züge trug, die aber versteinert schienen, zwei leuchtende, schillernde Augen eingesetzt waren, grün funkelnd wie Schlangenaugen — offenbar Edelsteine.
Dieser strahlende Ritter war bewaffnet.
An dem Gürtel, der seine Hüften umschlang, hing ein Schwert an der einen, ein Dolch an der anderen Seite, auch führte er in der einen Hand, den Arm halb bedeckend, einen Schild, und auch der zeigte das Medusenhaupt, wiederum mit den funkelnden Augen —
Er winkte den beiden und schritt wieder hinaus.
Sie folgten ihm, Hand in Hand, wie sie zuletzt gestanden hatten, durch einen Gang, eine lange Treppe hinab, und kamen in eine Halle, hoch wie die eines Domes, ebenso von stolzen, schlanken Säulen getragen, aber ohne Fenster, nur aus steinernen Wänden bestehend, doch aber erfüllt von einem weichen Lichte und sonst nicht etwa ausgestattet wie eine Kirche, ohne Bänke, ohne Kanzel und Orgelempore.
Es war eine leere, weite Halle, die Wände allerdings mit seltsamen Zeichnungen bedeckt, aber nicht ornamentale Pflanzen und Tiere vorstellend, sondern nur geometrische Figuren, die seltsam ineinander verschlungen waren, ein Gewirr von Linien darstellend, deren Bedeutung den beiden vollkommen dunkel blieb.
An dem einen Ende der Halle, dem gegenüber liegend, durch welches sie eingetreten waren, sahen sie einen um mehrere durch die ganze Breite der Halle führende Stufen erhöhten Platz.
Sessel standen dort, aber die beiden waren nicht gelehrt genug, um zu wissen, dass diese Sessel jenen glichen, auf denen im alten Rom die Senatoren gesessen hatten; um die kreisrunden Sitze zogen sich ebensolche niedrige Lehnen.
Einer von ihnen, der in der Mitte, stand wieder etwas erhöht über die anderen, und während diese aus einem weißen Metall zu bestehen schienen, war er anscheinend aus purem Golde gefertigt, machte gleich einen so schweren Eindruck.
Der Führer geleitete die beiden vor diesen Halbkreis von Sesseln, führte sie jedoch nicht die Stufen hinauf, sondern deutete auf eine bestimmte Stelle davor, und zwar auf einen Kreis von etwa zwei Metern Durchmesser.
Seine Gebärde war nicht zu missdeuten. Sie sagte:
»Hier bleibt ihr stehen und rührt euch nicht!«
Darauf entfernte er sich wieder, die beiden allein lassend.
Sie sprachen nicht miteinander, weil sie beide gleichzeitig empfanden, dass sich das jetzt nicht ziemte. Sie warteten aber in erklärlicher Spannung dessen, was nun kommen musste.
Eine Seitentür, vielmehr ein Tor, wurde geöffnet.
Zwei der glänzend gerüsteten Ritter erschienen, blieben aber am Eingang stehen und ließen eine Schar der braunen Sklaven an sich vorbei, die etwas hinter sich her schleppten.
»Unser Segelschlitten!«, durchzuckte es die beiden.
Und so war es.
Sklaven brachten den Segelschlitten herein, vielmehr das, was von ihm noch übrig war, und er war auch nicht gereinigt worden, sah noch genau so aus, wie sie ihn verlassen hatten.
Hinter diesen aber kamen andere Sklaven, und sie trugen alles, was in dem Segelschlitten gefunden worden war, ebenso das, was man ihnen bei der Gefangennahme abgenommen hatte.
Das alles wurde vor den Stufen und noch vor dem Kreise, in dem die beiden standen, niedergelegt und aufgestellt.
Dann traten andere Sklaven ein, die zwischen sich ein langes Bündel trugen, das sie ebenfalls vor dem Halbkreise der Sessel niederlegten, und es brauchte weder der Tänzerin noch dem jungen Manne gesagt zu werden, was in diesem Bündel enthalten war.
Es war der immer noch gefesselte Hornfisch, Jim Crawler.
Sie konnten ihn allerdings nicht sehen, die Hülle verdeckte ihn ganz, aber sie wussten doch, dass er es war.
Nun aber erscholl jener metallene Ton, nur tausendfach verstärkt, dass es wie das Dröhnen riesiger Glocken die weite Halle durchgellte, sich an den Wänden brechend und verstärkt zurückkommend.
Die Ohren dröhnten den beiden unter diesen Klängen, die jedoch trotz allem etwas Feierliches hatten, die Seelen darauf vorbereitend, dass hier etwas Außerordentliches geschehen sollte, und dann war es, als bräche von allen Seiten eine gewaltige Flut in die Halle.
Von der einen Seite kamen lauter solche gewappnete Ritter, von der anderen lauter solche schöne, blonde Frauen, bis sie rechts und links, neben und hinter den beiden Menschen die Halle füllten.
Die beiden schauten sich nicht um, verrieten keine Neugier, aber sie konnten trotzdem nur immer wieder staunen, welche Menge von Blandini sich da sammelte. Nun erst erkannten sie die mächtigen Ausmaße dieser domartigen Halle.
Sie schätzten die Menge der Anwesenden auf viele Tausende, und sie vermochten das — aus einem ganz einfachen Grunde, denn sie hatten doch mehr als einmal solchen gewaltigen sportlichen Meetings in England beigewohnt, bei denen die weite Arena Kopf an Kopf gedrängt voll ist.
Das waren Tausende, die sich hier sammelten.
Und alle nahmen in tiefstem Schweigen ihre Plätze ein, denn das Dröhnen war verebbt, wenngleich die Töne sich noch hie und da gefangen zu haben schienen, dass ein feines Schwingen durch die Luft ging.
Es wurde verschlungen von einem anderen Tone, und diesen kannten die beiden.
Trompeten schmetterten. Es mussten lange Feldtrompeten sein, wie sie auch von der englischen Reitermusik verwendet werden. Es waren Klänge, die das Blut aufpeitschten, was ja kein Musikinstrument so vermag wie eben die Trompete, höchstens noch die Posaune, und da wird doch nicht umsonst erzählt, dass die Mauern Jerichos durch solche Posaunen zum Stürzen gebracht worden seien. Wörtlich wird das ja nur ein ganz Dummer nehmen, aber die Wächter erschraken vor diesen dröhnenden Stößen, und sie mussten doch überdies annehmen, dass diesen vielen Posaunenbläsern ein ganz gewaltiges Heer folgte. Da flohen sie von ihren Posten. Die Stadt konnte genommen werden.
Auch Charles Dubois und die Bella Cobra spürten diese Wirkung an sich und beobachteten sie durch einen Umblick an den versammelten Blandini, die sich auf einmal stolz emporreckten, Männer wie Frauen, und bei dieser Gelegenheit, dass sie sich zum ersten Male umschauten, gewahrten die beiden nun auch, dass bei beiden Geschlechtern jedes Alter vertreten war, allerdings keine Kinder.
Um in diese heilige Halle eintreten zu dürfen, war eine bestimmte Altersgrenze nötig. Unter sechzehn Jahren mochte niemand zählen.
Aber da stand doch überhaupt noch nicht fest, ob diese Blandini nach den gleichen Jahren rechneten, wie die Menschen es tun.
Die Aufmerksamkeit der beiden wurde auch gleich wieder von ihrer Umgebung abgelenkt. Die schmetternden Trompetenklänge deuteten doch sicher an, dass jetzt der Hohe Rat erscheinen und auf den bereitstehenden Sesseln Platz nehmen würde.
Deshalb waren die beiden etwas verwundert, dass die versammelte Menge nun nicht zur Seite wich, den Weg nach der großen Pforte freigab.
Aber vielleicht war vorn noch ein besonderer Eingang vorhanden?
Vergebens warteten die beiden darauf, dass sich einer auftun würde, aber sie erschraken fast, als ganz plötzlich auf jedem Stuhle ein Greis saß, dem Dvidscha ähnelnd, den sie bereits gesehen hatten, gleich ihm gekleidet, jetzt aber in der rechten Hand jeder einen weißen Stab haltend, auf dem als Krönung wieder der erschreckende Medusenkopf angebracht war.
Wie waren diese Greise an ihre Plätze gelangt, ohne dass die beiden sie hatten kommen sehen?
Sie zerbrachen sich auch darüber nicht den Kopf, und namentlich Charles Dubois wusste gleich eine Erklärung.
Die schmetternden Trompetentöne waren bestimmt gewesen, die allgemeine Aufmerksamkeit abzulenken, und wenn dies auch nur Sekunden gedauert hatte, so hatte es doch genügt, dass die Greise unbemerkt ihre Plätze einnehmen konnten.
Vielleicht konnte das Rätsel gelöst werden, wenn sie sich wieder entfernten.
Jedenfalls wollte Charles Dubois da scharf acht geben.
Noch aber war der goldene Sessel in der Mitte leer. Der Vorsitzende dieses Rates fehlte.
Und er war auch noch nicht erschienen, als die Trompeten verstummten.
Unwillkürlich schauten die beiden einander an. Sie wussten nicht, was das zu bedeuten hatte.
Da standen die Greise sämtlich auf. Gleichzeitig reckten sie in feierlicher Weise beide Arme empor, und auf einmal durchbrauste ein getragener Gesang die Kirche, als welche diese Halle also doch wohl betrachtet werden musste.
Alle Anwesenden sangen mit, und die beiden mussten sich gestehen, dass sie kaum je zuvor eine solche Hymne gehört hatten.
Immer lauter wurde der Gesang, immer mehr schwoll er an.
Und da geschah wiederum etwas Überraschendes.
Aus der Höhe der Halle herab kam eine kleine Wolke, schneeweiß.
Sie sah genau aus, als sei sie vom Himmel draußen hereingezaubert worden, es war eine Wolke, wie die beiden sie oft genug gesehen hatten.
Die Halle mochte gegen fünfzig Meter hoch sein, eher etwas mehr noch als etwas weniger, und so stand die Wolke entsprechend hoch.
Doch nun senkte sie sich langsam und wurde größer, nicht deshalb, weil sie herabkam, den Anwesenden näherrückte, sondern sie breitete sich aus, dehnte sich, und dann stand sie plötzlich über dem noch leeren Sessel.
Weder Charles Dubois noch die Bella Cobra waren während ihres Lebens oft in Kirchen gewesen. Das besagte nicht, dass sie den Gottesdienst verachteten. Sie hatten eben gar keine Gelegenheit gehabt, diesem beizuwohnen. In der australischen Wildnis gibt es keine Kirchen, so schnell auch gerade die Engländer mit dem Bau von solchen bei der Hand sind, und wenn der Jäger einmal in die Stadt gekommen war, dann hatte er sich meist gescheut, in seinem abgeschabten Gewand eine Kirche zu betreten.
Die Bella Cobra aber?
Hätte man nicht gleich gelacht, wenn sie einem Gottesdienste beigewohnt hätte?
Die Bella Cobra in einer Kirche?
Nein, Kirchengänger waren die beiden nie gewesen, sie hatten ihren Gott auf andere Weise verehrt, inniger sicher, als es in Kirchen meist geschieht.
Umso mehr wirkte hier diese Feierlichkeit auf sie, dass sie ganz ergriffen schon dem feierlichen Gesang gelauscht hatten. Die ehrwürdigen Greise auf den Stühlen erhöhten diesen Eindruck noch, und nun kam die Erscheinung der niederschwebenden Wolke hinzu.
Die Herzen beider schlugen rasch. Beide schauten auf diese seltsame Wolke, die doch etwas in sich bergen musste.
Aber sie blieb nunmehr an ihrem Platze, den goldenen Sessel ganz verhüllend, und da wurde der Gesang der Greise und der Menge laut und jubelnd, als sei die Bitte erfüllt worden, die sie an den Himmel gerichtet hatten.
Langsam und allmählich verebbte auch der Gesang.
Feierliche Stille war in der Halle.
Erwartungsvoll und ehrfürchtig schaute alles nach der Wolke.
Und plötzlich erklang aus dieser eine Stimme.
In den Religionen aller Völker, die überhaupt eine besitzen, wird davon erzählt, dass die Gottheit plötzlich ihre Stimme hören lässt. Wir haben es im Alten Testament und im Neuen — und immer wird diese Stimme verglichen mit dem Grollen des Donners, also einem Naturlaute, der den Menschen erschauern lässt.
So war es auch hier. Die Stimme grollte — anders lässt es sich gar nicht bezeichnen — aber es war auch ein Klang darin, als müsste nun auf das verhallende Gewitter der Regenbogen folgen.
Vielleicht ist dieser Vergleich imstande, einen Begriff von dem eigenartigen Klange dieser Stimme zu geben, die noch dazu aus einer Wolke kam, wie ja der Donner immer in Wolken erzeugt wird.
Die Stimme sprach in Worten, die auch Charles Dubois und seiner Gefährtin verständlich waren, desgleichen aber allen Anwesenden.
»Fremde sind eingedrungen in Manikarnika. Sie sind vor mein Gesicht gebracht worden. Ich sehe sie — aber nur zwei sind frei und stehen aufrecht. Warum ist der dritte gebunden und liegt am Boden? Löst ihm die Fesseln. Stellt ihn aufrecht!«
Sofort sprangen zwei der Blandini herbei, lösten die Hülle, die den Hornfisch verbarg, zerschnitten ihm die Fesseln und stellten ihn auf die Füße.
Der Mann aber sank sofort wieder nieder, er war wenigstens dabei — da stützten ihn die beiden neben ihm, und schon war einer der Greise von der Plattform herabgekommen, berührte ihn leicht mit dem Stabe, den er in der Hand hielt.
Und da war es, als hätte Jim Crawler nicht lang gefesselt gelegen, als hätte nie der Kreislauf des Blutes in seinen Adern gestockt.
Jeder, der einmal auf längere Zeit derb gefesselt gewesen ist, weiß, dass es lange dauerte, ehe man den Gebrauch der Glieder zurückerlangt, und dass das immer mit einem unerträglichen Schmerz verbunden ist. Wer das nicht weiß, der mag sich auf das Eigenartige besinnen, das sich in »eingeschlafenen« Gliedern einstellt, wie das kribbelt — oder noch besser ist es, wenn man sich erinnert, wie einem zumute war, wenn man mit vom Frost erstarrten Fingern einem heißen Ofen zu nahe kommt. Da weiß man doch gar nicht, was man vor Schmerzen anfangen soll.
Ganz genau so wäre es dem Hornfisch ergangen, er hätte Stunden gebraucht, ehe er aus eigener Kraft hätte stehen dürfen — nun aber war er mit dem Stabe berührt worden, und nun war er auf einmal ganz der Alte.
Der Dvidscha war auf seinen Platz zurückgekehrt.
Alles dies hatte sich unter tiefstem Schweigen vollzogen, und umso deutlicher hörten alle nun das Ausatmen, mit dem der Hornfisch seine Arme dehnte und reckte, erst mit dem einen Beine in die Luft stieß, dann mit dem anderen.
Dann aber ließ er auch noch ein lautes »Aaaah!« hören, rieb sich die Stellen, wo die Fesseln ihn gedrückt hatten und die sicher noch wochenlang blaue Striemen aufweisen mussten.
Da erklang wieder die Stimme.
»Warum warst Du gefesselt, Jim Crawler?«
»Wa—a—a—a—s?«, kam es über die Lippen des Hornfisches.
»Warum warst Du gefesselt, Jim Crawler?«, erklang die Stimme zum zweiten Male.
»Ihr kennt mich bei meinem Namen?«
»Antworte und frage nicht! Und merke Dir, dass keine Lüge Dir nützen wird, denn uns ist die Wahrheit bekannt.«
»So?«, erwiderte der Hornfisch frech. »Dann kalkuliere ich, ist diese ganze Fragerei überflüssig!«
Da zuckte er auch schon zusammen, und Charles Dubois und die Bella Cobra, die dicht hinter ihm standen, merkten recht wohl, dass dies nicht etwa nur eine Folge der Überraschung war oder gar ein unwillkürliches Zucken der Glieder, sondern dass es durch einen jähen Schmerz hervorgerufen ward.
Und hätten sie das nicht gemerkt, so wäre es ihnen durch den Schmerzenschrei klar geworden, den der Hornfisch jetzt ausstieß.
»Damned!«, schimpfte er. »Habt Ihr mich vielleicht auf einen elektrisch geladenen Boden gestellt, dass ich Schläge erhalte? Solche Dummheiten verbitte ich mir!«
Und schon machte er Miene, seinen Platz zu verlassen, beugte sich etwas vor, um den Boden zu mustern und so eine Stelle zu finden, wo kein elektrischer Strom kreisen konnte.
Doch als er den Fuß hob, um fortzugehen, blieb dieser Fuß so, wie er erhoben worden war, in der Luft schweben, und als der Hornfisch sich nun aufrichten wollte, konnte er es nicht.
»Jim Crawler, hüte Dich!«, erklang die geheimnisvolle Stimme da von Neuem. »Du stehst vor Deinen Richtern, und wenn Du nicht freiwillig antworten willst, so wirst Du gezwungen werden, und wenn Du eine Lüge zu sagen wagst, so wird die Strafe Dich auf der Stelle ereilen.
Steh gerade!«
Sofort konnte der Hornfisch wieder über seinen Leib verfügen, den Fuß niederstellen, sich aufrichten.
Er schien doch etwas verblüfft zu sein, wenigstens sagte er nichts, fluchte auch nicht, oder doch nur innerlich.
»Warum warst Du gefesselt, Jim Crawler?«, fragte die Stimme aus der Wolke zum dritten Male.
»Vermutlich, weil ich überwältigt wurde und die, die es taten, mich unschädlich machen wollten«, antwortete der Hornfisch diesmal ohne Zögern.
»Wer tat es?«
»Die Herrschaften stehen hinter mir.«
»Und warum taten sie es?«
Die beiden hinter ihm konnten sein Gesicht nicht sehen, wussten aber ganz genau, dass es jetzt den hämischen tückischen Ausdruck zeigte, den sie darin kannten.
»Weil sie mich los sein wollten!«, sagte er.
»Und warum wollten sie Dich los sein?«
»Weil sie sich das Geld allein verdienen wollten!«
Auch diese Antwort kam rasch, aber ebenso rasch folgte ihr ein verzweifelter Schmerzensschrei. Jim Crawler wand sich förmlich. Ein furchtbarer elektrischer Schlag — wenn es sich überhaupt um einen solchen handelte — musste ihn getroffen haben.
»Gnade!«, ächzte er.
Da wich der Schmerz.
»Jim Crawler, ich warne Dich zum letzten Male!«, klang die Stimme aus der Wolke. »Lügst Du noch einmal, so trifft Dich der Schlag, der Dich tötet!«
Diesmal aber war die in dem Hornfisch kochende Wut doch zu groß, er musste sich wenigstens durch einen seiner Flüche Luft machen, und es geht nicht anders, dieser Fluch, den er ausstieß, muss hier wiedergegeben werden — man hört ihn unter englisch sprechenden Rowdys oft genug, am meisten an Bord von Schiffen.
»Gott verdamme mich ewig und mache mich blind!«, knurrte also Jim Crawler.
Und schon im nächsten Augenblick schrie er gellend auf, strich sich über das Gesicht —
Er war erblindet! Der Fluch, den er über sich gesprochen hatte, war sogleich eingetroffen!
Die beiden hinter ihm wussten es und erschauerten, es wäre gar nicht nötig gewesen, dass die geheimnisvolle Stimme es noch bestätigte.
»Du bist blind! Du bist verdammt, Jim Crawler!«, rief sie, und jetzt klang sie wirklich wie Donnergrollen —
Und dann geschah das, was eigentlich einem solchen Donner vorhergeht.
Ein greller Blitz zuckte aus der Wolke und traf den Hornfisch.
Wie in Feuer gehüllt stand er da.
Noch einmal erscholl ein gellender Schrei, dann war von dem Unglücklichen nichts mehr zu sehen.
Es war, als hätten die lodernden Flammen ihn vollständig verzehrt.
Auf der Stelle, wo eben noch der Verbrecher gestanden hatte, war nichts mehr zu sehen.
Nur die Hülle, die ihn umgeben hatte, die Fesseln lagen noch da — sonst nichts.
Erschauernd standen Charles Dubois und die Bella Cobra.
Was war das?
Umhüllte diese weiße Wolke dort wirklich eine Gottheit, wenigstens ein erhabenes Wesen, das nicht nur allwissend war, sondern auch über Blitz und Donner verfügte und beiden gebot?
Lautlose Stille herrschte in der Halle.
Charles Dubois schaute in die Gesichter der Greise, aber diese saßen so unbewegt wie immer. Sie schienen aus Stein gebildet zu sein.
Und wieder erklang die Stimme.
»Charles Dubois!«
»Hier bin ich!«, erwiderte der junge Mann.
»Warum kamst Du in unser Land?«
»Ich wurde hierhergebracht«, erwiderte er.
»Weil Du die Grenzen überschritten hattest, die Euch gezogen sind.«
»Wider meinen Willen! Wenn Du allwissend bist, Erhabener, so weißt Du, dass ich die Wahrheit spreche.«
»Es ist die Wahrheit. Aber warum kamst Du in die Wüste, die nie einer Deinesgleichen betreten hat?«
»Ich wollte eine übernommene Aufgabe lösen.«
»Nenne sie!«
Und Charles Dubois berichtete kurz, dass er ausgesandt worden war, um einem anderen ein wohlverwahrtes Geheimnis zu entreißen.
»Wie heißt dieser Mann?«
»Loke Klingsor.«
»Du kennst ihn?«
»Dem Bilde nach!«
»War es dieser?«
Und zum grenzenlosen Staunen erschien plötzlich auf der weißen Wolke das wohlbekannte Bild, das Samuel Philipp allen denen gezeigt hatte, die er gegen Loke Klingsor aussandte —
Der Mann mit den Teufelsaugen, mit der schwarzen, riesigen Katze auf der Schulter, tauchte vor den beiden auf, und er schien lebendig zu sein, denn seine gewaltigen Augen flammten sie an.
»Das ist er!«, bekannte Charles Dubois ohne Weiteres.
Da verschwand das Bild wieder.
»Und Du bist entschlossen, diese Deine Aufgabe jetzt zu lösen?«
»Nein«, erwiderte der junge Mann.
»Warum nicht mehr?«
»Weil ich erkannt habe, dass es eine unsittliche Aufgabe ist, dass dieser Loke Klingsor ein Recht darauf hat, sein Geheimnis zu wahren.«
»Aber Du verlierst die ausgesetzte Belohnung!«
»Ich sehne mich nicht nach ihr.«
»Und wenn Du diesen Loke Klingsor treffen, ihm gegenüberstehen würdest?«
»Ich würde ihn warnen, weiter nichts.«
»Es ist gut!«
Charles Dubois atmete auf. Ihm war wirklich wohl zumute, weil er das endlich einmal hatte bekennen dürfen, was ihn so lange schon bedrückt hatte.
Seit er wusste, dass auch ein Schurke wie der Hornfisch gegen diesen Loke Klingsor ausgeschickt worden war, seitdem hatte er eingesehen, dass die ihm gestellte Ausgabe auf ein Verbrechen hinauslief, und da konnte ihn auch die Million Dollar nicht mehr reizen, die für das Geheimnis gezahlt werden sollte.
»Grace Turpulin!«, erklang da die Stimme.
»Hier bin ich!«, erwiderte die Bella Cobra sofort, aber sie setzte auch gleich etwas hinzu, was die Verwunderung, die den jungen Jäger hatte befallen wollen, alsbald wieder verscheuchte.
»Du nennst mich bei einem Namen, den ich selbst mir zum Teil schon beigelegt habe, zum Teil noch beilegen wollte. In Wahrheit heiße ich anders.«
»Ich weiß es. Ich kenne auch den Grund, warum Du Dich so nennen willst. Du schämst Dich des Namens, den Du sonst nennen müsstest.«
»So ist es!«
»Und Du schämst Dich seiner, weil Du Dich als Tochter eines Schurken nicht für würdig der Liebe Deines Gefährten hältst.«
»Ich bin nicht seine Tochter«, erwiderte die Bella Cobra sofort.
»Du bist es nicht!«, bestätigte die Stimme.
»Ah, ich wusste es!«, jubelte die Tänzerin da auf, und schon wendete sie sich ihrem Gefährten zu.
»Charles, hast Du es gehört?«
»Ich hörte es«, erwiderte er, und auch seine Augen leuchteten.
»Dein Vater — oder der, den Du so nennen musstest — war ein Freund dessen, den vorhin die heilige Flamme verzehrt hat. Er ist hier. Willst Du ihn sehen?«
»Wenn es sein muss! Sonst nicht!«
»Es muss sein!«
»So mag er kommen.«
Und da stand auch schon vor der Wolke ein Mann, bei dessen Anblick die Bella Cobra beide Hände wie abwehrend vorstreckte —
Es war ein Mann, der an den Hornfisch erinnerte, auch so ein hämisches, tückisches Gesicht, auch solche falsche Augen.
»Ist er das?«, fragte die Stimme.
»Er ist es.«
»So soll er Dir sagen, was Du wissen möchtest!«
Da aber hob die Tänzerin beide Hände gegen die Wolke.
»Nein, nein! Ich bitte Dich, Erhabener, lass ihn wieder verschwinden! Er soll, er darf nicht sprechen! Nur aus dem Munde meiner Mutter will ich mein und ihr Schicksal hören, und kann sie mir nichts mehr erzählen, so mag das Geheimnis mit ihr gestorben sein.
Hier neben mir steht der, den ich liebe«, — eine Blutwelle stieg in das schöne Gesicht der Bella Cobra — »lass mich ihn fragen, ob er es hören will!«
»Frage ihn!«
Doch die Bella Cobra brauchte die Frage nicht auszusprechen.
Ohne sich um die Menge zu kümmern, die zuschaute, sank Charles Dubois zum zweiten Male vor seiner Gefährtin nieder, fasste ihre beiden Hände und küsste sie.
Da leuchteten ihre Augen auf, und so wendete sie sich wieder um, der Wolke zu.
»Du hast es gesehen, Erhabener«, sprach sie.
»Ich wusste es vorher«, lautete die Antwort.
Und im selben Augenblick war die Gestalt des Mannes wieder verschwunden.
»Auch Du willst nicht mehr danach streben, das Geheimnis Loke Klingsors an Dich zu bringen?«
»Nein, nie mehr!«
»Auch Dich gelüstet nicht nach dem verheißenen Lohne?«
Die Bella Cobra antwortete auf diese Frage nur, indem sie die rechte Hand ihres Gefährten ergriff.
»Ich habe meinen Lohn, und einen besseren wünsche ich mir nicht!«
Das sprach sie, wie gesagt, nicht aus, aber alle verstanden sie.
»So werde ich Euch zu dem führen, den Ihr sucht«, ertönte die Stimme wiederum. »Nicht jetzt! Ihr habt das Böse wenigstens gewollt, ohne es freilich als solches von Anfang zu erkennen. Dafür müsst Ihr erst büßen, und das kann nur in Manikarnika geschehen. Seid Ihr einverstanden, hier zu bleiben, bis Eure Buße vollendet ist?«
»Wir sind es«, antworteten die beiden.
Da schwebte die Wolke wieder langsam, wie sie gekommen war, zur Höhe der Halle empor, kleiner und kleiner werdend, bis sie auf einmal ganz verschwunden war.
Sofort erhoben sich die Greise wieder von ihren Sitzen, hoben die Arme, und wieder erfüllte feierlicher Gesang den Raum, abschwellend, bis er endlich erstarb.
Wieder trat tiefste, feierlichste Stille ein.
Minutenlang ward sie durch nichts unterbrochen.
Dann schmetterten wieder die Trompeten.
Sofort schaute Charles Dubois nach den Greisen.
Doch es war schon zu spät. Sie waren bereits verschwunden. Leer standen die Stühle.
Und schon sprangen die Tore wieder auf, die Blandini entfernten sich, nur die zwei Gewappneten standen an der einen Tür, durch welche nun wieder die Sklaven hereinkamen und Segelschlitten und alles andere hinaustrugen.
Dann ward auch dieses Tor geschlossen.
Einen Moment waren die beiden allein, die noch Hand in Hand dastanden.
Und da schlang die Bella Cobra, die nun Grace Turpulin hieß, beide Arme um den Nacken ihres Geliebten, schaute ihm tief in die Augen und küsste ihn.
»Jetzt bin ich ganz Dein«, sprach sie.
»Und ich bin Dein!«, erwiderte er.
Da stand ihr Führer vor ihnen.
Aus seinem schönen, edlen Gesicht war nicht zu sehen, ob er noch Zeuge des Kusses gewesen war. Er winkte ihnen und sie folgten ihm, diesmal ins Freie.
Da allerdings staunten die beiden, und sie hatten allen Grund dazu.
Sie standen auf einem freien Platze, auf dem sich allein der riesige Tempel erhob, den sie eben verlassen hatten.
Ein Tempel!
Sie fanden eben gar keinen anderen Ausdruck für dieses Bauwerk.
Tempel bedeutet doch in unserer Sprache — in der Sprache aller Erdengeborenen — ein Heiligtum, in dem sie ihre Gottheit verehren, mag diese nun ein guter oder ein böser Geist sein.
Die Sehnsucht, etwas, was über uns steht, anzubeten, ihm unsere innersten Wünsche anzuvertrauen und es um deren Erfüllung anzuflehen, liegt tief im Menschen begraben. Da kommt es nicht darauf an, wie man sich dieses Wesen vorstellt, es genügt, dass man überhaupt eine solche Vorstellung hat.
Aus diesem Grunde ist eben jeder Tempel ein Heiligtum, mag es auch von denen, die ein anderes Wesen verehren, nicht als solches anerkannt werden.
Das geht daraus hervor, dass kein denkender Mensch einen solchen Tempel betreten kann wie ein anderes Haus, gleichviel ob es eine indische Pagode oder ein christlicher Dom ist.
Ein Schauer von der Nähe der Gottheit muss jeden wahren Menschen befallen, sobald er einem solchen Heiligtum naht, und da ist es gar nicht nötig, dass sich neben diesem ein Turm bis in die Wolken erhebt, dass allerlei Pracht die Sinne gefangen nimmt.
Der Gedanke, der durch diesen Bau verkörpert werden soll, genügt, um die entsprechende Empfindung zu erzeugen.
Und noch etwas kann gesagt werden, um das zu bekräftigen.
Wir alle wissen, dass die Diener der Gottheit Menschen sind wie wir. Das merken wir doch, wenn wir mit ihnen außerhalb ihres Amtes verkehren. Man spielt zum Beispiel mit einem Pfarrer Skat, und da ist er eben ein Spieler wie jeder andere. Aber wenn wir ihn am nächsten Morgen im Ornat sehen, wenn er vor dem Altar steht, so beugen wir uns doch in Demut — nicht vor ihm, sondern vor dem, dem er dient, dessen Mittler er ist.
Charles Dubois und Grace Turpulin also wussten schon vorher, dass sie in einem Gotteshause geweilt hatten. Noch jetzt waren sie von einer weihevollen Stimmung durchwallt, und als die beiden den Tempel von außen erblickten, in dem diese geheimnisvolle Gottheit verehrt wurde, da verstärkte sich dieser Eindruck des Erhabenen, obwohl eben auch hier kein majestätischer Turm zum Himmel emporstrebte.
Es war nicht anders zu bezeichnen als ein gewaltiger Steinblock. Das ganze Heiligtum schien aus einem einzigen Felsen gehauen zu sein, und auch das kommt ja oft genug vor. Da braucht man nur die gewaltigen indischen Tempel Buddhas gesehen zu haben mit den tausend und aber tausend aus Stein gemeißelten Bildwerken, den vielen, vielen sonstigen Verzierungen, da braucht man anderseits aber auch nur an die Sonnentempel Perus zu denken, die wiederum ganz schmucklos von außen sind, eben nur nackte Steinwände —
Ja, dieser Tempel war aus einem Felsen gehauen, und dass er erhaben wirkte, das kam eben von der erdrückenden Wucht der Steinmassen.
Genug davon!
Die beiden hatten ja auch so vieles andere zu sehen.
Sie schauten in Straßen, die von diesem freien Platze ausgingen, zu beiden Seiten mit Gebäuden, und doch waren es keine Häuser, wie sie ihnen aus den Städten bekannt waren, in denen sie bisher gelebt hatten.
Jedes Land weist andere Behausungen für seine Bewohner auf, ganz abgesehen von denen, die noch keine festen Wohnstätten kennen, in Zelten leben.
Diese Bauwerke waren nicht Häuser schlechtweg, waren eben auch nur Steinwürfel mit flachen Dächern also, ohne äußere Verzierungen, aber dass sie Menschen als Wohnstätten dienten, das zeigten doch schon die Türen, die Fenster, beide gewölbt, etwa nach gotischer Art, nicht ganz so spitz.
Und immer war zwischen zwei Gebäuden ein Zwischenraum, immer war der Boden mit breiten Steinplatten belegt, die schöne Musterung aufwiesen.
Während die beiden dann durch die eine der Straßen gingen, beobachteten sie noch mehr.
Über dem Eingangstor war ein bestimmtes Zeichen angebracht, immer ein geometrisches Gebilde, immer anders, und da sind ja Millionen Zusammenstellungen möglich.
Jedes musste also seine besondere Bedeutung haben, jedes musste ein Zeichen sein, das die beiden allerdings nicht zu enträtseln vermochten.
Und immer neue Straßen taten sich auf, größere Gebäude standen zu beiden Seiten. Ein neuer freier Platz war ganz mit mächtigen Bauwerken umgeben, die wohl der Allgemeinheit dienen mochten.
Alles aber war vollkommen menschenleer, wenn man eben die Blandini, diese Riesen, als Menschen bezeichnen wollte.
Endlich tat sich vor den beiden eine weite Pforte auf, die in einen himmelhohen kreisrunden Steinwall gebrochen war.
Durch einen tunnelartigen Gang führte der Weg, auf einmal standen beide am Eingange einer riesenhaften Arena, deren stufenförmig übereinander gebaute Sitzreihen, viele Hunderte, dicht mit Zuschauern bedeckt waren.
Kopf an Kopf saßen sie dort, einen herrlichen Anblick bietend, die Männer allesamt in den schimmernden Rüstungen, die Frauen in den weißen Gewändern, die langen blonden Zöpfe nach vorn über die Schultern hängend, sonst das Haupt unbedeckt.
Trotz dieser gewaltigen Versammlung aber herrschte Totenstille in dem unermesslichen Raume, und wie unermesslich er war, wie hoch die Sitzreihen sich emporzogen, das merkten die beiden erst recht, als sie inmitten standen.
Sie kamen sich klein vor, erbärmlich klein! Es gab gar keinen anderen Ausdruck, wie Ameisen etwa auf dem Boden eines Riesenkraters.
Und was wollten sie hier? Warum hatte man sie gerade in diese weite Arena geführt, vor alle diese unzähligen Zuschauer gestellt?
Sie sahen unmittelbar vor sich ihren Segelschlitten, der ja allerdings stark beschädigt war, sie sahen aber auch ihre Waffen und ihr anderes Eigentum, und da freilich dämmerte ihnen eine Ahnung auf, die sich alsbald bestätigen sollte.
Aus einer Tür ihnen gegenüber kam ein alter Mann hervor, nicht einer der ehrwürdigen Greise, kein Dvidscha.
Auch er trug die schimmernde Rüstung, aber unter dem blitzenden Helme wogten weiße lange Locken hervor, und er trug auch einen langwallenden, schneeweißen Bart, der einzige von allen, wie es schien.
Dabei zeigte sich, je mehr dieser Mann sich ihnen näherte, dass er an Größe und Kraft des Körperbaues wieder ein Riese unter Riesen war — ein ganz mächtiger gewappneter Ritter.
Und wieder war es schade, dass diese beiden nicht die Sage vom Dietrich von Bern und seinem alten Waffenmeister Hildebrand kannten, sonst hätten sie doch gleich gewusst, wie sie diesen alten Recken da nennen sollten.
Ja, es war der richtige Hildebrand, der Unbesiegbare.
Er hatte ein gewaltiges Schwert an der linken Seite, so ein Ding, das kein Mensch hätte schwingen können, auch nicht, wenn er es mit beiden Händen fasste, und der Dolch an der anderen Seite hätte bei einem Menschen schon als Schwert gelten müssen.
Die beiden staunten nicht schlecht, aber der Alte mochte neben diesem Staunen auch die Bewunderung erkennen, die aus ihren Augen leuchtete, er schaute sie freundlich an und schlug, indem er sich leicht neigte, mit der gepanzerten linken Faust auf seine Brust.
Das gab einen hallenden Ton, der durch die ganze Arena klang: das Tönen des Erzes verstärkt durch diesen Widerhall aus der gewaltigen, breiten Brust; und wahrhaftig, da stieß der Recke auch noch den Atem aus, dass der weiße Bart wehte, wie es vom alten Hildebrand erzählt wird.
»Was will der von uns?«, fragte sich Charles Dubois. »Sollen wir uns mit ihm im Zweikampfe messen?«
Er blieb nicht lange im Zweifel darüber.
Der Recke deutete auf den Segelschlitten und öffnete den Mund.
»Schade, dass wir ihn nicht verstehen werden!«, dachte der junge Mann im schlichten Lederanzug noch.
Da aber hörte er schon die Frage, und sie schien ihm in tadellosestem Englisch gestellt:
»Was für ein Ding ist das?«
»Ein Segelschlitten«, erwiderte Charles Dubois.
Der Recke wiederholte das Wort, diesmal so laut, fast brüllend, dass es von den Anwesenden verstanden werden musste. Auch die folgenden Fragen brüllte er so laut.
Er wollte eine Erklärung haben, wie das Ding verwendet würde.
Da blieb Charles Dubois nichts anderes übrig, als seiner Gefährtin zu winken. Sie beide bestiegen das allerdings seltsam aussehende Fahrzeug, richteten das Segel, kippten von einer Seite auf die andere, wobei ihnen allerdings der abgesplitterte dritte Kiel fehlte.
Der Recke verstand sofort, was das Segel sollte.
Er gab einen Befehl, diesmal aber in seiner Sprache, und — sprang schon rasch zur Seite, als wenn er ganz genau wüsste, was nun kommen musste.
Und Charles Dubois und die Bella Cobra konnten abermals nur staunen.
Auch die Naturgewalten schienen diesen Blandini zu gehorchen!
Plötzlich sauste ein gewaltiger Windstoß durch die Arena, traf das Segel, füllte es und entführte den Segelschlitten in pfeilschneller Fahrt.
Charles Dubois musste gewaltig aufpassen, dass er die Biegung herauskriegte, immer nur mit den beiden noch vorhandenen Kielen arbeitend, aber er hatte doch in diesem Fahrzeug ganz andere Strecken zurückgelegt, war über anderen Boden gesaust als über den glatten der Arena.
In voller Fahrt ging es rings unter den Sitzreihen dahin.
Immer rechtzeitig sprangen die beiden nach der entsprechenden Seite, das Gewicht dadurch verlegend, und der Segelschlitten war noch ganz gut brauchbar, obwohl es vorteilhafter gewesen wäre, auch der dritte Kiel wäre noch da gewesen.
Aber der lag irgendwo zersplittert in der Salzwüste draußen.
Nachdem Charles Dubois glaubte, die Sache genügend klar gemacht zu haben, lenkte er das Fahrzeug in die Mitte der Arena zurück, brachte es tadellos zum Stillstand, und da konnte auch der immer noch wehende Sturm nichts ändern.
Die Fahrt war eben zu Ende.
Und als die Blandini ringsum das erkannten, da sprangen sie, Männer wie Frauen, Jünglinge wie Mädchen, auf und jubelten laut.
Laute Fragen schwirrten von allen Seiten, die aber nur dieser alte Hildebrand verstand, und der gebot auch Ruhe, die sogleich eintrat.
»Wollt Ihr beide einen der unseren mitfahren lassen?«, fragte er dann auf Englisch.
Charles Dubois war sogleich bereit, und da sprang auch schon einer der Ritter von der dritten Sitzreihe über die Köpfe der vorderen hinweg in die Arena, kam in weiten Sprüngen heran.
»Grace!«, murmelte Charles Dubois außer sich vor Bewunderung. »Haben Sie diesen Sprung gesehen? Und wie schnell dieser Jüngling laufen kann? Den holen wir beide nicht ein, wenn es ein Wettlaufen gilt!«
So war es!
Der Sprung schon war eine Meisterleistung gewesen, die dem Jüngling bei den olympischen Spielen einen ersten Preis eingebracht hätte, und einen anderen ersten Preis hätte er sich im Wettlauf erworben.
Er stand vor den beiden, ehe diese sich dessen versahen, neigte sich vor ihnen, hieb die linke Faust gegen die geharnischte Brust und sprang schon wieder mit einem Satze in den Schlitten.
Charles Dubois folgte ihm, die Bella Cobra blieb diesmal zurück.
Noch ehe er losfahren konnte, winkte der alte Recke.
Noch drei junge Blandini sprangen in die Arena, einer aus der fünften Reihe, immer über die anderen hinweg.
Dann hob Hildebrand die Hand.
Der Schlitten sauste los, aber die drei blieben noch stehen.
Da senkte Hildebrand die Hand, und nun rannten sie hinter dem Segelschlitten her.
Man braucht, um eine hohe Schnelligkeit zu bezeichnen, den Ausdruck: Schnell wie der Wind.
Das ist in der Tat eine recht achtbare Schnelligkeit, namentlich wenn man etwa Windstärke 9 oder 10 annimmt. Nun aber konnte der Segelschlitten wirklich nicht schneller fahren, als der Wind blies, der ihn trieb, und das mochte allerdings in der Sekunde gegen zehn Meter betragen.
Aber diese sausende Fahrt ging den jungen Blandini nicht zu schnell.
Sie hatten einen vom Schlitten erlangten Vorsprung von wenigstens hundert Metern einzuholen. In jeder Sekunde legte das Fahrzeug weitere zehn Meter zurück — und doch kamen die Läufer ihm immer näher — es war zu berechnen, wann sie in gleicher Höhe mit dem Schlitten sein würden.
Da aber blitzten die Augen des jungen Jägers auf. Jetzt wusste er, um was es sich hier handeln sollte, und sein Ehrgeiz erwachte.
Als die Verfolger bei der dritten Runde schon bedenklich nahe waren, wendete er, sauste quer durch die Arena, wendete wieder, fuhr entgegengesetzt, wendete zum dritten Male, kurz, benahm sich fast wie ein Hase vor den Hunden.
Und wie dieser sich oft durch sein Hakenschlagen zu retten vermag, so geschah es auch hier.
Jedes Mal, wenn die Verfolger ihre Richtung ändern mussten, verloren sie etwas an Raum, der Schlitten kam weiter vor.
Aber auch das dauerte nicht lange. Sie durchschauten sehr rasch den Kniff, beobachteten scharf und — als Charles Dubois wieder wenden wollte, schnitten die Verfolger ihm einfach den Weg ab, die List voraussehend und durchkreuzend.
Unter brausendem Jubel musste der Segelschlitten halten.
Der Blandini sprang heraus, lachend und jubelnd —
Es war wie eine jubelnde Erlösung durch die Gewissheit, dass das fremdartige Fahrzeug doch nicht schnell genug war, um den Läufern der Blandini zu entkommen.
Während aber die jungen Mannschaften hinter dem Segelschlitten herstürmten, während die Zuschauer Beifall klatschten, näherte sich der riesenhafte Leiter dieser Spiele Charles Dubois und der Bella Cobra.
Beider Augen leuchteten.
Das war so etwas für sie. Am liebsten hätten sie mitgetan.
Charles Dubois aber wunderte sich doch etwas, als er in den Händen dieses alten Hildebrand sein Gewehr sah.
Ging jetzt die Prüfung weiter? Sollte er den Blandini zeigen, was eine solche Waffe bedeutet?
Eigentlich wunderte er sich, dass ein so hochentwickeltes Volk noch im Zustande des Rittertumes steckengeblieben war. So stark und so tapfer auch diese herrlichen Männer sein mochten, es war doch gar kein Gedanke daran, dass sie Feinden Widerstand leisten konnten, die mit modernen Rifles und Schnellfeuergeschützen gegen sie kämpften. Wurde dieses geheimnisvolle Land einmal entdeckt — und das musste doch einst geschehen — dann würde es schnell vorbei sein mit all seinen Herrlichkeiten. Da würde es diesen Blandini nicht besser ergehen, als es anderen hochentwickelten Völkern vor ihnen bereits ergangen war. Die Azteken und die Untertanen der Inkas waren nur die Letzten in einer langen, langen Reihe solcher unglücklicher Völker.
Charles Dubois dachte daran, als er das Gewehr ergriff, das der Alte ihm reichte. Er überzeugte sich, dass es noch einen vollen Patronenrahmen enthielt, dass auch sonst alles in bester Ordnung war, und dann schaute er sich um. Vielleicht sah er einen Vogel über der Arena schweben. Dann wollte er ihn durch einen Schuss herabholen.
Doch da deutete Hildebrand — so mag er vorläufig genannt werden — nach den jungen Männern, die eben wieder hinter dem Segelschlitten her an ihnen vorbeistürmten.
Charles Dubois traute seinen Augen nicht.
»Ich soll auf diese da feuern?«, fragte er.
Hildebrand nickte.
Da aber lächelte der junge Mann.
Natürlich! Hier kannte man ja die Wirkung der Feuerwaffen nicht, wusste nicht, dass ein Schuss tödlich wirken musste.
So schüttelte er den Kopf, deutete auf das Gewehr, hielt es gegen sich und deutete durch taumelnde Bewegungen an, dass er mittels dieses Rohres einen Menschen töten könnte.
Merkwürdig war ihm nur, dass der alte Hildebrand gar nicht auf diese Pantomime achtete, dass er immer wieder aufforderte, zu schießen.
Dass es eine Schusswaffe war, schien er also zu wissen. Vielleicht schloss er das daraus, dass sie ein Rohr aufwies. Es war nicht ausgeschlossen, dass diese sonst so hochentwickelten Männer noch mit Blasrohren schossen. Sicher aber hatten sie es noch nicht weiter gebracht als bis zu Armbrüsten und Bögen.
Charles Dubois nahm das wenigstens an, obwohl er noch keine solche Waffen erblickt hatte. Es passte eben gar nicht zu diesen gewappneten Rittern, dass sie etwa einen Revolver hervorzogen oder gar schon Kanonen kannten. Das Ritterwesen war doch dem Untergange geweiht, als das Pulver erfunden wurde, als es einem ganz gemeinen Fußknechte möglich ward, einen solchen stolzen in Eisen gehüllten Ritter mit einem Feuerrohre aus dem Sattel zu schießen. Hatten vorher die wuchtigen Reitermassen der Ritter das Schlachtfeld beherrscht, so kamen nach der Erfindung der Schusswaffen die Massen des Fußvolkes zur Geltung, und mochte es auch noch lange genug gedauert haben, bis diese Schusswaffen nur etwas handlich und nur etwas zuverlässig waren, die große Wendung war doch schon eingetreten, als in der Schlacht bei Crecy die ersten Feuerwaffen angewandt wurden.
Der von der Kraft des Pulvers bewegten Kugel hielt eben auch der festeste Panzer nicht mehr stand.
Charles Dubois aber dachte gar nicht einmal an die anderen Umwälzungen, die durch diese eine Erfindung bewirkt wurden: die Einführung der stehenden Heere, die Schaffung der Truppengattung, die man heute als Infanterie bezeichnet, und die Gründung des Absolutismus, da eben die Fürsten nicht mehr auf die Hilfe der adeligen Ritterschaft angewiesen waren, um ihre Kriege führen zu können, sondern sich Söldner warben und diese unter einen erprobten Feldhauptmann stellten.
Jedenfalls aber zögerte er, das Gewehr in der Hand, wusste nicht, wie er dem alten Hildebrand die furchtbare Wirkung klarmachen sollte, ohne dass es ein Menschenleben kostete.
Die Bella Cobra sah das alles, auch sie wusste, um was es sich handelte, und sie deutete auf einen Pfosten, der etwa fünfzig Meter vor ihnen aufragte — nicht als einziger — andere waren in bestimmten Abständen errichtet — eben Merkzeichen für gewisse Entfernungen, wie sie bei solchen Wettläufen in Frage kamen.
Dieser Pfahl war über und über mit dem leuchtenden silberähnlichen Metall beschlagen, aus dem auch die Rüstungen der Blandini bestanden.
Jawohl, an diesem Pfahle konnte Charles Dubois die Wirkung des Gewehrs zeigen.
Er deutete nun ebenfalls auf den Pfahl und suchte dem Alten klarzumachen, dass er auf ihn schießen wollte.
Hildebrand verstand ihn wohl, schüttelte aber den Kopf.
Doch Charles Dubois hatte schon angelegt. Zu zielen brauchte er nicht lange, da es sich ja um einen feststehenden Gegenstand handelte.
Ein Druck an den Abzug — ein Feuerstrahl schoss aus dem Rohre —
Und dann stutzten sowohl Charles Dubois als auch seine Gefährtin.
Keins von beiden konnte die Wirkung des Schusses feststellen.
»Ich muss gefehlt haben!«, murmelte der junge Mann fassungslos, denn er begriff nicht, dass ihm so etwas passieren konnte. »Oder haben Sie eine Wirkung beobachtet, Miss Grace?«
Doch diese schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte sie. »Aber es ist ausgeschlossen, dass Sie fehlten.«
»Das glaube ich selbst — immerhin, es hätte doch wenigstens ein Span sich lösen müssen —«, murmelte er.
Dann schaute er auf den Alten und stutzte von Neuem.
Aber dieser fasste ihn schon und zog ihn mit sich bis zu diesem Pfahle. Die Bella Cobra folgte ihnen.
Und als sie hinkamen, brauchte der Alte gar nicht erst auf die Stelle zu deuten, wo die Kugel getroffen hatte, die beiden sahen es selbst —
»Das Metall widersteht dem Geschoss aus meinem Gewehre?«, stieß Charles Dubois ganz außer sich hervor.
Hätte er noch zweifeln können, so wäre dies ihm benommen worden, als nun Hildebrand auf sich und seine breite Brust deutete und dann wieder auf das Gewehr, also ganz offenbar forderte, dass Charles jetzt aus ihn feuern sollte.
Doch dieser hob die Waffe nicht.
Er schüttelte nur abwehrend das Haupt.
Da aber nahm der Alte ihm die Rifle aus der Hand, legte sie an und zielte auf eine Schar junger Blandini, die eben wieder an ihm vorbeistürmte.
War es nun schon sonderbar gewesen, dass niemand in der weiten Arena auf das Krachen des Schusses geachtet hatte, so durften die beiden allerdings doch annehmen, dass das Beifallsrufen und das Jauchzen der Menge ihn übertönt hatten. Keinesfalls achtete auch nur einer der vielen tausend Anwesenden auf das, was die kleine Gruppe da unten tat, und gleich gar nicht hatten die hinter dem Segelschlitten Einherstürmenden Zeit dazu.
Sie sahen nicht, dass der alte Hildebrand auf sie anlegte, ahnten nicht, dass der Tod wenigstens einem von ihnen drohte, wahrscheinlich aber mehreren, da die Durchschlagkraft gerade dieser Waffe ganz außerordentlich war.
Mit einem lauten Warnungsrufe sprang denn auch Charles Dubois zu dem Alten, um ihm das Gewehr wieder zu entreißen.
Er kam zu spät.
Schon krachte der Schuss, und dass er getroffen hatte, zeigte sich unmittelbar darauf.
Einer der jungen Männer stutzte, griff sich auch mit einer Hand an die rechte Seite der Brust, guckte etwas verwundert auf eine Stelle an dem Panzer, die wohl etwas eingedrückt sein mochte, schaute zu dem alten Waffenmeister hin, winkte ihm lachend mit einer Hand zu und — stürmte weiter, als sei nicht das Geringste geschehen.
Da freilich begriffen die beiden, was hier vorlag.
Das Metall, das zur Herstellung dieser Panzer diente, war so fest, dass es auch einer Kugel aus der Rifle widerstand.
Charles Dubois wurde ganz bleich, als dieses Erkennen ihm kam.
»Mein Gott, Miss Grace!«, murmelte er. »Wehe uns, hätten wir versucht, gegen diese Blandini zu kämpfen!«
Sie konnte nichts erwidern, denn der Alte hatte bereits einen der jungen Männer zu sich gewinkt, und dieser löste ihm jetzt den Brustpanzer, stellte ihn auf den Boden und eilte wieder davon, ohne sich weiter um das zu kümmern, was nun geschehen würde.
Es war nicht klar, ob das nur eine Folge seiner Erziehung war, die jede Neugier ausschloss, oder ob er sich wirklich nicht interessierte — jedenfalls zielte nun Hildebrand mit dem Gewehr auf den Panzer, schoss und — lachte!
Er lachte über die Verblüffung der beiden, die sehen mussten, dass die Kugel auch auf diese kurze Entfernung hin den Panzer nicht zu durchschlagen vermochte.
Dann aber geschah schon das nächste Unerwartete.
Sie standen noch vor dem Merkpfahl, der also über und über mit dem silbern glänzenden Metall beschlagen war, und nun zog der alte Hildebrand sein mächtiges Schwert, holte zu einem Schlage aus — nur mit der einen Hand — und — hieb den Pfahl anscheinend mühelos von oben bis unten durch!
Dem Schwerte also widerstand das rätselhafte Metall nicht, wenigstens nicht, wenn es nur so dünn war wie hier.
Dass es aber doch auch gegen solche Waffen einen Schutz bot, das sollten die beiden gleich sehen.
Hildebrand setzte beide Hände trichterförmig an den Mund und stieß einen Ruf aus.
Sofort brachten die jungen Blandini den Segelschlitten zum Stehen. Auch das hatten sie also schon gelernt, und alle kamen in eiligstem Laufe nach der Mitte der Arena gestürmt, sammelten sich um den Waffenmeister.
Dieser gab einige kurze Befehle.
Lautes Jauchzen antwortete.
Die jungen Männer eilten davon, hinüber zu den Sitzreihen, schrien Worte hinauf zu den Weibern, die dort oben saßen, und alsbald warfen diese Schwerter und Schilde herab, dass es nur so klirrte.
Die jungen Männer rafften das ihnen Gehörige auf, sodass jeder also einen Schild am linken Arm trug, in der rechten Hand aber ein Schwert hielt.
Helme hatten sie alle auf dem Kopfe, aber nun erst gewahrten die beiden, dass an diesen Helmen doch verschiedene Abzeichen angebracht waren, und nach diesen schieden die jungen Männer sich in zwei Gruppen.
Rechtzeitig hatte Hildebrand die beiden seitwärts gezogen.
Nun aber stürmten die Gruppen gegeneinander, unter jubelnden Rufen, und im nächsten Augenblick dröhnte die ganze Arena von wuchtigen Hieben, klirrte Schwert gegen Schwert.
Es war ein Anblick, bei dem die Augen der beiden Zuschauer von Neuem in heller Begeisterung strahlten.
Unwillkürlich fühlten sie sich auf einmal in die Zeiten des Rittertumes versetzt, sahen, was sie sich sonst gar nicht hatten vorstellen können: wie sich damals die Kämpfe abgespielt hatten.
Aber sie sahen auch, dass die Rüstungen und die Schilde selbst den wuchtigsten Hieben widerstanden, obwohl es sich durchaus nicht um ein Scheingefecht handelte — Blut floss bereits aus mehreren Wunden, ehe Hildebrand durch einen neuen Ruf das Zeichen zur Beendigung gab.
Er winkte einem der Kämpfer, forderte ihm das Schwert ab und hielt dieses Charles Dubois hin, auf die Schneide deutend.
Nicht die geringste Scharte war darin zu sehen.
Charles Dubois und die Bella Cobra konnten nur staunen. Worte hatten sie nicht.
Und noch war das, was Hildebrand ihnen zeigen wollte, nicht zu Ende.
Wieder gab er einen kurzen Befehl.
Einer der Blandini rannte fort, verschwand durch eins der kleinen Tore in der Mauer der Arena, kam alsbald zurück und brachte — ein Gewehr!
Genau so sah es wenigstens aus, aber Charles Dubois erkannte doch ebenso wie seine Gefährtin sofort, dass da manches anders war als an den Schusswaffen, die sie kannten.
Sie konnten aber diese Unterschiede nicht gleich feststellen, denn Hildebrand gab ihnen diese seltsame Waffe nicht in die Hand, sondern legte sie an und feuerte auf den Panzer, der wieder auf den Boden gestellt worden war.
Er feuerte?
Das war entschieden nicht der richtige Ausdruck, denn aus dem Rohre kam eben kein Feuerstrahl, nicht einmal ein Knall war zu hören, und doch sahen sie alsbald die geradezu ungeheuerliche Wirkung des Schusses.
Von dem Panzer, der also der Kugel aus der Rifle widerstanden hatte, der auch den Schwerthieben sicher ebenso getrotzt hätte, war überhaupt nichts mehr zu sehen.
Gerade deshalb nahm Charles Dubois zunächst an, er sei durch ein Geschoss weit fortgeschleudert worden.
Aber so sehr er auch umherspähte, nirgends sah er nur die geringste Spur des Panzers — er musste endlich glauben, dass er vollständig zerschmettert worden sei.
Nun hätte der alte Hildebrand höhnisch oder verächtlich auf das Gewehr der beiden Fremdlinge deuten und dadurch anzeigen können, wie wenig sie solche armselige Waffen zu fürchten hätten — er tat es nicht —
Vielleicht geschah es auch nur deshalb nicht, weil eben einer der Greise, die die beiden schon kannten, in die Arena kam —
Alles machte ihm ehrerbietig Platz, und so schritt er vorwärts, bis er den beiden gegenüberstand, die ihn durch eine tiefe Verneigung grüßten.
Der Greis erhob zum Gegengruße die rechte Hand.
Dann winkte er.
Sofort entfernten sich die jungen Blandini, zogen sich aber nicht etwa nur ein Stück zurück, sondern schwangen sich über die Brüstung der Umfassungsmauer und kletterten mit bewundernswerter Gewandtheit nach ihren Plätzen zurück. Der Greis aber wendete sich den beiden zu.
»Wir haben mit angesehen, was hier geschah. Diese Prüfung war von uns bestimmt. Ihr solltet erkennen, dass die Waffen, auf welche Euer Geschlecht so stolz ist, nichts vermögen gegen die, welche wir besitzen. Kämen Hunderttausende von Euch, uns zu bekriegen, sie würden an der Grenze unseres Reiches zugrunde gehen. Ich brauche Euch keine weiteren Beweise dafür zu geben, Ihr seht es schon jetzt ein. Das, was man bei Euch Pulver nennt, ist uns lange, lange vor Euch bekannt gewesen. Euer härtestes Metall ist der Stahl. Er ist weich wie Butter gegenüber dem, was wir zur Anfertigung unserer Rüstungen und unserer Schwerter benutzen.
Nimm dort Dein Messer, auf das Du sicher stolz warst, weil es Dir schon manchen wertvollen Dienst geleistet hat!«
Charles Dubois gehorchte und hob das Messer auf, das er bei seinen anderen Sachen liegen sah. Es war eine breite, starke und sehr gute Klinge. Der Greis hatte schon recht, es hatte dem jungen Manne schon manchen guten Dienst geleistet.
»Nun nimm diesen Dolch hier und schneide mit ihm die Klinge Deines Messers dicht hinter dem Griffe ab, also dort, wo sie am stärksten ist!«, befahl der Greis.
Zögernd, ungläubig gehorchte Charles Dubois.
Er setzte die Klinge des Dolches an die seines Messers, und eben, weil er nicht glauben konnte, dass er den guten Stahl würde durchschneiden können, wollte er wenigstens seinen guten Willen zeigen.
Er drückte mit aller Kraft.
Er hätte es nicht nötig gehabt.
Der Dolch fuhr durch den Stahl, als sei dieser wirklich aus Butter gewesen.
Nur den Griff des Messers hatte Charles Dubois noch in der linken Hand, die Klinge lag ein ganzes Stück vor ihm auf dem Boden.
»Und ebenso leicht könntest Du mit diesem Dolche den Lauf Deines Gewehres durchschneiden«, sagte der Greis, dessen Sprache also die beiden verstanden, obwohl er nicht Englisch zu ihnen sprach, wie schon erklärt wurde.
»Was für ein Metall ist denn das?«, stieß Charles Dubois hervor und schaute fassungslos bald auf den Dolch, bald auf den Griff seines Messers.
»Wir nennen es Balsana«, erwiderte der Greis, »und es besitzt noch andere Eigenschaften, die Dich in Staunen versetzen werden. Du sollst auch sie kennen lernen, obwohl Du sie eigentlich schon kennst. Du besinnst Dich, dass das Luftschiff, in welchem Du hierher gebracht wurdest, Dir unsichtbar blieb, bis es auf einmal vor Dir stand. Wir können uns, sobald wir uns mit Balsana umhüllen, vollständig unsichtbar machen. Sieh her!«
Inzwischen war wieder ein junger Blandini zu ihnen getreten, vom Kopfe bis zu den Füßen in jenes silbern schimmernde Metall gehüllt, auch vor dem Gesicht ein Visier, das er vom Helm herabgelassen hatte. Er stand unmittelbar vor Charles Dubois und der Bella Cobra.
Doch als nun der Greis die eine Hand hob, da war von dem Gewappneten nichts mehr zu sehen. Er war verschwunden.
»Du siehst ihn nicht mehr, obwohl er noch ganz genau an der gleichen Stelle steht«, sagte der Greis. »Strecke Deine Rechte vor, dass Du Dich überzeugst!«
Charles Dubois gehorchte, und da er ja wusste, wo der junge Mann stand, hatte er ihn alsbald gepackt, spürte unter seinen Fingern das Metall, konnte sogar feststellen, dass er gerade die rechte Schulter gefasst hielt.
»Hältst Du ihn?«, fragte der Greis.
»Ja, ja, ich habe ihn fest!«, erwiderte Charles Dubois.
»Wirklich?«
»Nein — jetzt ist er weg —«
»Und doch steht er noch vor Dir, genau so weit von Dir entfernt wie vorher, noch liegt Deine rechte Hand auf seiner Schulter!«, sagte der Greis.
»Aber ich spürte nichts mehr!«, versetzte Dubois.
»Auch jetzt noch nicht?«
Das fragte der »Auserlesene« in dem Augenblick, als Charles Dubois bereits hastig Hand und Arm zurückzog, gleichzeitig erstere schlenkernd wie jemand, der unversehens einen heißen Gegenstand berührt hat.
Und da sah er auch schon den geharnischten Blandino wieder vor sich, aber aus dem silbern glänzenden Metall strahlte eine derartige Glut, dass sowohl er als auch die Bella Cobra erschrocken zurückwich, und ebenso mussten sie die Augen schließen, so sehr wurden sie durch den von dem Blandino ausstrahlenden Glanz geblendet.
»Er muss verbrennen in der glühenden Rüstung!«, stieß Charles Dubois noch hervor.
»Er spürt nichts von der Glut«, lautete jedoch die beruhigende Antwort. »Und nun sieh weiter!«
Mit weit offenen Augen sahen es die beiden. Der junge Blandino hob sich vom Boden der Arena, ohne eine Bewegung zu machen, wurde durch eine unsichtbare Macht emporgehoben und schwebte so rings um die Arena herum, immer schneller, bis sein Flug so sausend ward, dass die beiden nur noch einen leuchtenden Streifen in der Luft sahen.
Da aber stand er schon wieder vor ihnen, jetzt vollkommen sichtbar, und als Charles Dubois ihn auf Befehl des Greises abermals berührte, da war die Rüstung wieder so kühl wie zuvor. Durch einen Wink schickte der Greis den jungen Mann fort.
Wieder standen die vier allein in der Mitte der Arena. Die unzähligen Zuschauer ringsum verhielten sich vollkommen still.
Der Greis aber sprach:
»Das alles dürft Ihr beiden nur deshalb schauen, weil Ihr unter dem Schutze dessen steht, den Ihr fangen wolltet. Wisset denn: Der Herr unseres Reiches nennt sich Loke Klingsor! Ihm verdanken wir alles, und er sorgt dafür, dass niemand hierher gelangt, dem er den Zutritt nicht erlaubt!«
Das allerdings war eine Offenbarung, welche die beiden nicht erwartet hatten, auch gar nicht hatten erwarten können.
Loke Klingsor, dessen ihnen selbst noch ganz unbekanntes Geheimnis sie für den Amerikaner hatten erlisten sollen, war der Herr über Bhawan i kass, über alle diese herrlichen Männer und noch herrlicheren Frauen, über dieses fruchtbare Land inmitten ödester Wüsten und Salzsümpfe?
Ja, die beiden staunten nicht schlecht, und es war natürlich, dass Grace — eigentlich gegen ihren Willen — das aussprach, was ihr eben in den Sinn gekommen war.
»Dann muss dieser Loke Klingsor ein Gott sein!«, rief sie.
»Er ist es nicht«, erwiderte der Greis, jetzt so gelassen sprechend, wie vorher, also durchaus nicht pathetisch, wie es doch vielleicht hier zu entschuldigen gewesen wäre, auch früher schon, als er den armseligen Menschenkindern die Geheimnisse des Metalls zeigte.
»Aber er ist wenigstens einer der Euren!«, stieß Charles Dubois da hervor.
»Auch da irrst Du, mein Sohn. Loke Klingsor ist ein Mensch wie Ihr!«
Die beiden staunten den Sprecher an. In ihren Mienen war ganz offen zu lesen, was sie dachten, aber er selbst sprach aus, was sie nicht wagten.
Und er sprach es mit einem Lächeln, das sein edles Gesicht verklärte.
»Vergesst nicht, dass die Lüge in Bhawan i kass eine Todsünde ist, und zwar nicht nur dem Namen nach. Der Blandino, der sich einer Unwahrheit schuldig macht, sei es auch nur in Gedanken, der stirbt auf der Stelle. Er wird nicht etwa durch uns verurteilt und getötet. Die Heilige Flamme verzehrt ihn, und keiner von uns vermöchte einen solchen Lügner zu retten.
Nein, hier werdet Ihr nie eine Lüge hören, hier hat die Lüge keinen Platz, das merkt Euch! Aber ich will zugeben, dass Ihr als Menschen wohl zweifeln konntet. Ich wiederhole: Loke Klingsor, der Herrscher über Bhawan i kass, ist ein Mensch wie Ihr beide!«
»Verzeih, Vater!«, erwiderte da Charles Dubois. »Ich glaube Dir ohne Weiteres, aber es wäre ein Frevel von uns, wollten wir uns mit einem solchen Manne vergleichen. Er steht so hoch über uns wie ein Gott. So meinte auch meine Gefährtin ihre Worte.«
Der Greis nickte.
»Du brauchst mir nichts zu erklären, mein Sohn. Was Du denkst, ist mir sogleich bekannt. Ich bin ein Dvidscha.«
Ja, dann allerdings, dann wusste dieser Greis alles, aber wie das zuging, das konnten die beiden sich nicht erklären, versuchten es auch gar nicht. Das waren eben Geheimnisse, die ihnen vielleicht nie entschleiert werden würden.
Und da gleich zeigte der Dvidscha, dass er wirklich ihre Gedanken kannte, ohne dass sie sie aussprachen.
»Du möchtest wissen, ob dieser Loke Klingsor, unser Gebieter, dann auch ein Dvidscha ist?«, sagte der Greis. »Und Du, meine Tochter, Du möchtest mich fragen, ob er hier weilt, ob Du ihm hier bei uns begegnen wirst! Du brauchst deshalb nicht zu erröten.
Ich will Euch beiden antworten. Erst Dir, mein Sohn! Nein, Loke Klingsor ist kein Dvidscha. Er war es. Jetzt ist er ein Mahatma.
Und Dir, meine Tochter, erwidere ich: Nein, er ist nicht hier. Er weilt vielleicht an einem Orte, der Tausende von Meilen von uns entfernt ist, und doch kann er im nächsten Augenblicke vor uns stehen.«
»Und ist nur ein Mensch?«, rief die Bella Cobra außer sich.
»Und ist nur ein Mensch«, bestätigte der Greis lächelnd. »Ihr werdet es erkennen, sobald die Zeit dazu gekommen ist. Jetzt aber mögen die jungen Mädchen Euch noch erfreuen durch einen Tanz, dann müsst Ihr eingehen zur Buße in Manikarnika.«
»Also doch!«, dachte Charles Dubois, wurde indes im gleichen Augenblicke abgelenkt durch rauschende Musik, die von irgendwoher erscholl — und diese kurze Unaufmerksamkeit genügte — als er sich dem Greise wieder zuwenden wollte, war dieser verschwunden. Nur der Waffenmeister stand noch bei ihnen und zog sie nun zur Seite, denn von den Sitzen rings um die Arena stiegen schon blonde Mädchengestalten herab und sammelten sich in der weiten Kampfbahn. Die Bella Cobra, die Tänzerin, schaute leuchtenden Auges auf.
Welch wunderbare Musik das war!
Sie selber empfand das sofort, wusste, dass da die Füße jedes Mädchens zucken mussten — ihre eigenen regten sich schon —
Ach, und sie konnte gar nicht anders, sie musste diesem unwiderstehlichen Verlangen nachgeben! So oft hatte sie jenen eigenartigen Tanz ausgeführt, der ihr den Namen eingetragen hatte. Niemand hätte ihn ihr nachzumachen vermocht —
Und auf einmal schwebte die Bella Cobra nach den Klängen dieser Musik in der Mitte der weiten Arena dahin.
Die blonden Mädchen machten ihr Platz, schauten ihr staunend zu, Beifall hallte auf, dann aber schwebte aus ihrer Mitte jene Nindi hervor, welche die beiden schon kannten, sie hob beide Arme — und alsbald reihten alle die Mädchen sich um die Bella Cobra und tanzten mit ihr, Bewegungen eingehend, als verständen sie die Gedanken dieser Fremden.
Es war ein wunderbares Bild, diese Hunderte von schönen Mädchen in den wallenden Gewändern dahinschweben zu sehen, in ihrer Mitte die geschmeidige Gestalt der berufsmäßigen Tänzerin.
Das war etwas anderes als jener Schlangentanz, das war edelste Kunst, und immer heller leuchteten die Augen des jungen Jägers. Er verstand doch, dass durch diesen Tanz seine Geliebte einen Strich unter ihre Vergangenheit zog, dass von heute an die Bella Cobra tot war und nie wieder in einem Kabarett ihren Leib den Blicken der Zuschauer preisgeben würde. Da aber hob der alte Hildebrand eine Hand hoch empor.
Die Musikanten, die nicht sichtbar waren, hatten dieses Zeichen gesehen. Sie schwiegen.
Einen Moment noch standen die Tänzerinnen in der Haltung, die sie zuletzt eingenommen hatten, dann aber eilten die Blandini auf ihren Platz zurück, die Bella Cobra wendete sich Charles Dubois zu, hoch atmend, mit glühenden Wangen und strahlenden Augen.
»Herrlich war es! Wunderschön!«, stieß sie hervor.
»Ja, es war herrlich, wie wir es noch nie gesehen haben«, sagte der Waffenmeister. »Vielleicht kannst Du unsere Mädchen Deine Kunst lehren —«
»O, wenn ich das dürfte!«, rief Grace.
»Jetzt aber«, fuhr der riesige Alte fort, »müsst Ihr beide erst durch die Bußen der Manikarnika gehen. Seid Ihr bereit?«
Nur einen Blick tauschten die beiden miteinander, dann neigten sie das Haupt, und Charles Dubois erwiderte mit fester Stimme:
»Wir sind bereit!«
»Und Ihr werdet nicht verzagen, wenn diese Buße schwerer sein sollte, als Ihr Euch dünken ließt?«, fragte der Alte.
»Wir werden alles auf uns nehmen, können wir uns dadurch Eurer Freundschaft würdig machen!«
»Und doch noch zu Loke Klingsor gelangen!«, ergänzte Grace Turpulin.
Da neigte der Alte den Arm, den er immer noch emporgereckt hatte.
Vier in strahlende Panzer gehüllte Rittersmänner eilten zu ihm.
»Führt diese an die Schwelle von Manikarnika und verlasst sie dort!«, gebot er ihnen.
Dann aber wendete er sich noch einmal an die beiden. Mit mildem Ernste schaute er sie an, und dann reichte er jedem eine apfelgroße Kugel, ganz durchsichtig, als sei sie aus Glas; aber als sie diese Kugel in der Hand hielten, spürten sie, dass sie leicht war wie eine Feder.
»Ihr müsst sie zurückgeben, wenn Ihr aus Manikarnika wiederkehrt!«, sprach der Alte weiter. »Lasst sie nie von Euch! Und vergesst nicht: Das einzige auf Erden, was wirklich reinigen kann, ist die Flamme. Nur sie verzehrt alles Schmutzige. Flammen sollen auch Euch läutern, ohne Euch zu verzehren, deshalb ist Loke Klingsor, unser Gebieter, der Fürst des Feuers, das ewig brennt und nie verlöscht.
Geht ein nach Manikarnika, der Stätte des reinigenden Feuers!«
Die vier Ritter nahmen Charles Dubois und Grace Turpulin in ihre Mitte, schritten mit ihnen quer durch die weite Arena bis an ihr jenseitiges Ende und dort durch ein Tor, das Sklaven ihnen öffneten.
Wieder ging es nun durch einen Tunnel, der durch milden Lichtschein erhellt war, dann Stufen hinauf —
Charles Dubois war an scharfes Beobachten seiner Umgebung gewöhnt, so zählte er hier auch die Stufen — es waren einhundertzweiunddreißig, und da jede etwa dreißig Zentimeter hoch war, so war leicht festzustellen, dass sie etwa eine Höhe von vierzig Metern erklommen hatten, als die Treppe ihr Ende erreichte.
Sie standen auf einer Hochebene, die vollkommen kahl war und wie sie sie zur Genüge von ihrem Wege kannten. Sie glaubten fast, dass sie bereits wieder außerhalb der Grenzen von Bhawan i kass ständen, aber als sie in die Tiefe blickten, erkannten sie, dass sie sich irrten.
Unter ihnen breitete sich das fruchtbare Land weithin aus. Dieser Felsen, auf dem sie standen, schien isoliert aus ihm emporzuragen, auch keinen anderen Zugang zu haben als diese Treppe und — keinen Abstieg.
Doch das war ein neuer Irrtum der beiden.
Einer der Ritter schritt bis zu einer gewissen Stelle vor, hob beide Arme wie zum Gebet, sprach auch mit erhobener Stimme einige laute Worte, und kaum hatte er geendet, da erscholl ein Krachen wie von einem gewaltigen Donnerschlag.
Aus einer Öffnung, die sich in dem Felsen auftat, loderte eine hohe Flammensäule empor, um jedoch ebenso schnell wieder zu verschwinden.
Nun aber deutete der Führer auf die Öffnung, die geblieben war.
»Manikarnika!«, sagte er.
Da wussten die beiden, dass sie in dieses Loch hinabsteigen mussten, und sie wussten auch, dass sie jetzt zeigen mussten, dass sie keine Furcht kannten.
Ohne Weiteres traten sie zu dem Eingang, sahen darin abermals eine Treppe, und Charles Dubois betrat sie als erster, seiner Gefährtin die Hand bietend.
Dann winkten sie beide noch einmal ihren Begleitern zu, die das jedoch nicht mehr sahen, da sie schon wieder die andere Treppe hinabstiegen.
»Komm, Grace!«, sagte Charles Dubois nun. »Was auch geschehen, was auch unser warten möge, wir sind vereint, und wir wissen, dass nichts mehr uns trennen kann als der Tod.«
»Nur der Tod!«, erwiderte sie und drückte seine Hand. »Ich fürchte ihn nicht, wenn ich ihn an Deiner Seite finden kann, Geliebter, aber —«, sie deutete auf die Landschaft in der Tiefe — »lieber wäre mir, ich dürfte mit Dir leben — dort unten unter diesen herrlichen Wesen —«
»Und wir werden leben!«, gab er zurück. »Grace, kannst Du glauben, dass der gütige Gott, der uns beide zusammenführte, uns nicht auch das letzte, das höchste Glück noch schenken wird? Ich glaube es, ich muss es glauben, denn jeder Zweifel daran erscheint mir als Sünde!«
»Du hast recht«, gab Grace zu, und dann stiegen sie beide in die geheimnisvolle Unterwelt hinab.
Sie hatten jedoch kaum so viele Stufen zurückgelegt, dass sie unter der Oberfläche des Gesteins untergetaucht waren, als abermals ein donnerähnliches Krachen erscholl.
Und da freilich prallten die beiden doch erschrocken zurück.
Aus der Tiefe unter ihnen kam wieder die lodernde Flammensäule empor, umhüllte sie ganz und — verschwand wieder.
Zugleich erfüllte das milde Licht, das sie nun schon kannten, den ganzen Raum, und als die beiden sich aus erbleichten Gesichtern anschauten und gewahrten, dass ihnen durch die Flamme auch nicht ein Härchen versengt worden war, da mussten sie beide lächeln.
»Flammen, die nicht brennen!«, sagte Charles Dubois, und es war wohl verzeihlich, wenn ihm gleich der andere Gedanke kam, den er auch aussprach:
»Ich hätte nicht gedacht, dass diese so erhabenen Dvidschas zu solchem Hokuspokus greifen würden!«
»Charles!«, rief seine Gefährtin entsetzt.
»Ist es denn etwas anderes?«, fragte er. »Wir sollen hier eine Buße durchmachen, aber ich denke, es wird nur auf eine Prüfung des Mutes hinauslaufen — Freilich«, setzte er auch gleich hinzu, »mir wäre lieber, wir könnten wirklich sühnen!«
Dann stieg er schweigend weiter, immer tiefer und tiefer, bis er dreihundertzwölf Stufen gezählt und ebenen Boden erreicht hatte.
Eine weite Halle lag vor ihnen. Das konnten sie eben doch erkennen, obwohl sie nicht erhellt war. Der Lichtschein von der Treppe her drang noch hinein und reichte aus, auch die gegenüberliegenden Wände zu bestrahlen, aber die Halle selbst war finster.
Und die beiden hörten ein seltsames Rauschen, das sie sich für den ersten Augenblick nicht gleich zu erklären vermochten.
Vorgebeugt lauschten sie, und zu gleicher Zeit wussten beide, was dieses Rauschen bedeutete.
»Wasser!«, sagte Grace.
»Und zwar sehr schnell fließendes Wasser!«, ergänzte Charles Dubois.
»Es kann gar nicht weit vor uns sein«, fuhr die Tänzerin fort.
»Das täuscht — namentlich hier unten, wo der Widerhall von den Wänden ganz andere Geräusche hervorbringt als im Freien. Immerhin wollen wir uns vorsehen, dass wir nicht in den Fluss stürzen.«
Sie schritten langsam weiter, immer erst mit dem Fuße den Boden abtastend, aber dieser war ganz eben, schien aus Stein zu bestehen, und das Rauschen nahm nicht zu.
Da blieb Charles Dubois stehen.
»Wir müssen vielleicht gar nicht über dieses unterirdische Gewässer«, sagte er. »Der alte Hildebrand hat uns nicht davon gesprochen, welchen Weg wir einschlagen müssen — —«
Er verstummte jäh.
Plötzlich war ein neuer Flammenschein vor ihnen.
Er drang aus einer tiefen Spalte hervor, die unmittelbar vor ihnen war, und in diesem flackernden Lichte sahen sie auch noch mehr.
Sie waren nicht allein in dieser Halle.
Eine ganze Schar jener Sklaven in braunen Gewändern näherte sich ihnen jetzt mit über der Brust gekreuzten Armen. Sie sahen ganz seltsam aus in der roten Glut. Grace musste unwillkürlich wieder daran denken, dass sie diese Geschöpfe mit Zwergen verglichen hatte. Jetzt fielen die alten Gesichter mit den vielen Runzeln und Falten darin noch mehr auf als im Tageslichte droben.
Aber die beiden hatten keine Zeit, sich mit diesen Sklaven zu beschäftigen, und mit ihnen sprechen konnten sie ja doch nicht. Es war ganz zwecklos, eine Frage an sie zu richten. Sie wäre nicht verstanden worden, war vielleicht sogar verboten.
Die beiden traten bis dicht an den Spalt, der sich im Boden öffnete und aus dem die Flammen emporloderten.
Und was sie dort unten sahen, das allerdings ließ sie doch wieder stutzen.
Ein Fluss rauschte in der Tiefe, aber er bestand nicht aus eilig dahinschießenden, brausenden Wassermassen, sondern aus einer einzigen glühenden Masse. Es war, als hätte sich in dieses enge und tiefe Bett ein Strom glühender Lava ergossen, der aus irgendeinem Vulkan quoll.
Das waren auch keine solchen Flammen wie die, von denen sie am Eingang der Treppe umhüllt worden waren. Sie spürten deutlich die ungeheure Glut, die aus der Tiefe emporstrahlte.
Und da sahen sie auch die Brücke, die über diesen schrecklichen Abgrund führte, aus silberhellem Metall bestehend.
»Ob wir sie überschreiten sollen?«, fragte Grace Turpulin leise.
»Wir würden sofort zu Asche verbrennen«, gab Charles Dubois zurück.
Sie schauten sich um.
Doch die Halle hatte keinen anderen Ausgang. Ringsum hoben sich schwarze Felswände, hinter ihnen lag nur die Treppe.
Sollten sie diese wieder emporsteigen und hinaufeilen, um oben zu bekennen, dass sie sich nicht weiter gewagt hatten?
Sie dachten nicht daran, und wenn sie es getan hätten, so wäre ihnen doch auch dieser Rückweg jetzt versperrt gewesen, denn nun kamen aus der engen Öffnung ebenfalls Flammen hervor, breiteten sich über den Boden hin aus, rückten ihnen näher und näher.
Und diese Flammen waren sengend heiß. Das spürten die beiden doch gleich und wussten nun, dass sie durch diese lodernden Verfolger der Brücke zugetrieben werden sollten.
Sie schauten einander an.
Sollten sie doch sterben? Und noch dazu eines so schaurigen Todes?
Sie fragten es sich gegenseitig mit den Blicken und lasen eins in des andern Augen doch den heißen Willen zum Leben!
Aber es war nicht anders.
Die Glut hinter ihnen trieb sie näher und näher an den Abgrund, an die Brücke.
Auch die Sklaven wichen zurück, nicht stumm wie die beiden, sondern heulend vor Furcht, und schon rannte der eine von ihnen vor, suchte über die Brücke zu entkommen.
Er hatte sie kaum betreten, da loderte es empor.
Wie eine einzige Feuersäule stand der Unglückliche noch auf der Brücke über dem Feuerstrom, dann verschwand er, von der ungeheuren Glut verzehrt.
Heulend wichen seine Gefährten etwas zurück, doch sie wurden von Neuem vorgetrieben — eine Flamme schoss auf sie zu —
Gellend schrien sie auf, rannten alle auf einmal nach der Brücke —
Und im nächsten Augenblick war es vorüber.
Keiner von allen lebte mehr, sie alle waren von der furchtbaren Glut in einer Sekunde verzehrt worden.
Silbern aber schimmerte die Brücke durch die Flammen hindurch.
Da schauten die beiden sich noch einmal an.
»So wollen wir uns ein letztes Mal küssen.« sagte Grace und schlang beide Arme um den Nacken des Geliebten. »Fahr wohl, Charles, fahr ewig wohl!«
»Wir sterben vereint, Grace!«, erwiderte er. »Und es wird ein schmerzloser Tod sein!«
Keines von beiden dachte auch nur einen Augenblick daran, den Dvidschas zu fluchen, die sie einem solchem Ende geweiht hatten. Sie zürnten ihnen nicht. Es war eben Schicksal, und dem mussten sie sich fügen.
Sie reichten einander die Hand, in der anderen freien Hand hatte jedes die federleichte Kugel, die aussah, als sei sie aus Glas, und erst in dieser Minute, in der letzten vor ihrem Tode, dachten sie beide wieder an diese Kugel, die der alte Waffenmeister ihnen mitgegeben hatte.
Zu welchem Zwecke?
Und da kam Grace eine Erinnerung. Es war doch nicht ganz zwecklos gewesen, dass die Mutter ihr so oft Märchen erzählt hatte.
Da war auch eins gewesen, in dem hatten Bruder und Schwester viele gefährliche Abenteuer bestehen müssen, aber sie waren doch immer unversehrt geblieben, denn eine gütige Fee hatte ihnen eine kleine Glaskugel mitgegeben, und als ein feuerspeiender Drache auf die beiden zuschoss, um sie zu verschlingen, nachdem er sie durch den Gluthauch aus seinem Rachen getötet hatte, da hatte das Mädchen ihm die Kugel zugeworfen, und sofort war das Ungetüm gestorben —
Und hielt Grace nicht eine solche Kugel in der Hand?
Ihre schönen Augen leuchteten seltsam; sie löste ihre Hand aus der des Geliebten und streckte die mit der Kugel weit vor.
Charles Dubois begriff ihr Tun nicht, er wunderte sich, dass sie allein auf die Brücke zuschritt —
Rasch lief er ihr nach.
Da betrat sie schon die silbern schimmernde schmale Brücke.
Im nächsten Moment musste sie in Flammen auflodern —
Aber das geschah nicht!
Sie blieb sogar stehen, wendete sich lächelnd zu ihrem Gefährten zurück und rief:
»Komm, Charles, komm! Die Glut tötet mich nicht, sie ist nicht sengend, sondern kühl, wunderbar kühl —«
»Grace!«, schrie er auf, schmerzerfüllt, weil er doch glauben musste, die Nähe des Todes — dieses schrecklichen Todes — habe ihren Verstand verwirrt —
Aber da kehrte sie zu ihm zurück, fasste ihn von Neuem an der Hand und zog ihn mit sich.
»Die Dvidschas sind nicht grausam, sie wollen nicht unser Verderben«, sprach sie. »Komm, Charles, unsere Liebe wird noch ganz andere Prüfungen bestehen als diese Feuersnot!«
Und er ließ sich nun nicht mehr von ihr ziehen, sondern schlang einen Arm um sie und schritt neben ihr zu der Brücke, hochaufgerichtet —
Die Brücke war eben breit genug, ihnen beiden nebeneinander Raum zu gewähren, und so traten sie gleichzeitig darauf.
Aber kaum hatten sie das getan, da erloschen die Flammen unter und hinter ihnen, und nur jenes milde Licht war um sie her.
Tief unter ihnen aber rauschte jetzt ein schäumender Fluss dahin.
»Wunder über Wunder!«, flüsterte Charles Dubois. »Verzeiht mir, ihr heiligen Männer, dass ich vorhin von Hokuspokus sprach! Ich werde es nie wieder tun!«
Schon waren sie jenseits der Brücke. Wieder erstreckte sich vor ihnen ebener Felsboden, aber jetzt zeigte sich drüben die Öffnung eines Ganges.
Sie betraten ihn und gingen in ihm weiter.
Der Gang war gerade hoch genug, dass sie sich nicht zu bücken brauchten, und wieder breit genug, dass sie nebeneinander bleiben konnten. Die Wände bestanden aus dem gleichen schwarzen Gestein wie die Halle, aus der die beiden kamen, aber nach einigen hundert Schritten tat sich abermals eine solche auf, hell erleuchtet, und in der Mitte standen hinter einer steinernen Tafel sechs junge Mädchen in braunen Gewändern, das lange schwarze Haar mit braunen Bändern umwunden, und neigten sich tief, mit den Händen andeutend, dass die beiden auf den zwei Sesseln Platz nehmen möchten, die an der Tafel standen.
Nun sahen sie, dass diese Tafel mit Speisen aus silbern schimmernden Platten besetzt war, auch Krüge und Becher standen darauf, und sie zögerten nicht, sich zu setzen sich von den Sklavinnen mit allen den guten Dingen versorgen zu lassen, die es hier gab.
Lächelnd hob Grace Turpulin einen gefüllten Becher.
»Durch Flammen ging unsere Liebe, Charles, durch Flammen, die läutern sollen, und die ersten Schlacken sind schon von ihr abgefallen — die Schlacken der Furcht, dass diese Liebe sterblich sein könnte!
O, Du Lieber, was für törichte Geschöpfe sind doch wir armen Menschenkinder! Das einzige Erbe, das uns aus dem verlorenen Paradies geblieben ist, das einzige Himmelsgeschenk ist die Liebe — Wollen wir das je wieder vergessen, was unser auch noch hier unten warten mag? In wem die wahre Liebe ist, der überwindet alles — Not und Tod!
Charles! Geliebter! Ich trinke auf unsere unsterbliche Liebe, die auch uns unsterblich macht!«
»Auf unsere Liebe!«, erwiderte er und schaute ihr tief in die leuchtenden Augen.
Dann aßen sie, bis sie satt waren, standen auf, dankten den Sklavinnen durch ein Winken mit der Hand und verließen die Halle, um abermals in einen Felsengang einzubiegen.
Langsam schritten sie jetzt dahin, in den Herzen eine vorher nie gekannte Seligkeit. Sie hatten ganz vergessen, dass sie in diese Unterwelt gesandt worden waren, um zu büßen, dass sie sich in Manikarnika befanden. Sie lauschten nur auf die Stimmen, die in ihnen jubelten und sangen.
Da endete der Gang — an einem Abgrund.
Die beiden beugten sich vor und spähten hinab, aber sie konnten den Boden nicht erblicken.
Und jenseits?
Der Rand dort drüben war viel zu weit von ihnen entfernt, als dass sie daran hätten denken können, im Sprunge über diesen Abgrund zu setzen.
Was nun?
Umkehren?
Sie wendeten sich wirklich um, allerdings nicht, um zurückzugehen, sondern bloß, um festzustellen, ob sie einen genügenden Anlauf nehmen und doch vielleicht den Sprung wagen könnten.
Da aber sahen sie, dass der Gang hinter ihnen verschwunden war.
Eine Steinwand war hinter ihnen, die keinerlei Öffnung mehr aufwies.
Und das Felsenband, auf dem sie standen, war eben breit genug, ihren Füßen Raum zu gewähren.
»Jetzt fehlte nur noch, dass die Steinwand hinter uns sich langsam vorschiebt und uns in den Abgrund drängt!«, sagte Charles Dubois, aber mehr scherzend, als unwillig. »Diesmal hat man es auch gar nicht erst für nötig gehalten, Sklaven hierher zu schicken, die für irgendein Vergehen den Tod verdient haben. Es ist nicht nötig, dass erst einer von ihnen in diesen Abgrund stürzt und uns dadurch beweist, dass das den sichern Tod bedeutet.
Nun, Grace, so werden wir eben unsere Lederkleider ausziehen und sie in so dünne Streifen zerschneiden, dass sie uns noch tragen —«
Da aber musste er lachen.
Es klang nicht zornig, auch nicht lustig, dieses Lachen — sondern eben so, wie jemand lacht, der sich auf einer großen Torheit ertappt hat.
»Jawohl, wir werden unsere Kleider zerschneiden!«, fuhr er gleich fort. »Aber ein Messer muss man uns dazu geben! Meins liegt vielleicht noch oben in der Arena oder ist irgendwo in Verwahrung genommen worden. Hast Du eins?«
Grace schüttelte den Kopf.
»Bist Du kleinmütig, Charles?«, fragte sie dann und schaute ihn lächelnd an. »Vergisst Du schon wieder das Geschenk, das uns mitgegeben wurde? Wie diese geheimnisvolle Kugel hier die Glut der Flammen in einen kühlen Hauch verwandelte, so wird sie uns auch über diesen Abgrund helfen.
Ich will es Dir beweisen, denn unerschütterlich ist mein Glaube an die Güte dieser ehrwürdigen Dvidschas, denen die Lüge ein todwürdiges Verbrechen ist!«
Sie nahm nicht wieder Abschied von ihm; sie war so fest überzeugt, dass sie nicht sterben würde, dass sie gar nicht an die Möglichkeit dachte, sie könnte von der Seite des Geliebten gerissen werden.
Und ehe dieser noch wusste, was sie vorhatte, setzte sie den einen Fuß in die freie Luft hinaus —
Und dann stand sie frei in der Luft, hoch über dem unermesslichen Abgrund und ging weiter, als hätte sie festen Boden unter den Füßen!
Ein glückliches Lächeln auf dem schönen Gesicht, wendete sie sich zurück.
»Ach, Charles!«, rief sie fast jauchzend. »Herrlich, herrlich ist es, wenn man so felsenfest vertrauen darf! Und müsste ich durch alle Schrecknisse der Hölle schreiten, ich wollte nicht zagen, denn ich weiß, dass eine starke Hand schützend über mich gebreitet ist!«
Da war auch schon Charles Dubois neben ihr.
»Grace!«, sagte er bewundernd. »Was gibt Dir diesen unerschütterlichen Glauben?«
»Das fragst Du noch? Die Liebe, Charles! Einzig allein die Liebe!
O«, fuhr sie fort, sich an ihn schmiegend, »ich habe es gewusst seit den Tagen meiner Kindheit, dass die Liebe des Weibes zum Manne und des Mannes zum Weibe etwas unfassbar Herrliches sein muss! Gesehnt habe ich mich danach Tag und Nacht, und sofort — gar oft haben Männer zu mir von Liebe geredet, haben sie mir Liebe geschworen, aber ich wusste stets, dass sie logen, denn Liebe begehrt nicht, Liebe ist selbstlos, will nur aufgehen in dem Geliebten — und ich verzweifelte, glaubte, nie würde diese Liebe mich beglücken —
Da kamst Du, Charles! Dich liebte ich, als ich Dich sah, und Du liebtest mich! Wir sagten es uns nicht und wussten es doch und waren glücklich — und nun weiß ich, dass diese Liebe unser Leben ist, dass es enden muss mit ihr. Enden muss?«, fragte sie dann, wie träumerisch. »Ach nein, Charles, weder unser Leben kann enden noch unsere Liebe. Wir sind in Manikarnika, wo wir geläutert werden sollen — Wir? Unsere Liebe! Und wenn sie diese Läuterung bestanden hat, dann wird sie immer leben, durch Jahrtausende, wie sie schon vor Jahrtausenden gelebt hat —!«
Da konnte er nicht anders, als sich zu ihr neigen und den Mund küssen, der solche Worte zu sprechen vermochte.
Und da konnte er nicht anders,
als sich zu ihr zu neigen.
Und dabei standen sie beide scheinbar in der freien Luft über einem unergründlichen, schauerlichen Abgrund!
Sie hatten keinen Blick mehr dafür, gingen weiter, bis sie den Fuß drüben wieder auf den Felsen setzten und einen breiten Gang dahinwanderten.
»Wie lange werden wir hier weilen müssen?«, fragte Charles Dubois.
Grace wusste es auch nicht — sie schüttelte lächelnd den Kopf.
»Ach Du! Was sorgst Du Dich darum, wo wir beide doch beieinander sind!«, erwiderte sie und schaute ihn strahlend an. »Vergiss nicht, was ich vorhin sagte! Und wenn ich durch die Schrecknisse der Hölle mit Dir wandern müsste, ich wollte nicht zagen — auch zu den Teufeln würde durch unsere Liebe ein Schimmer ewiger Seligkeit dringen —«
Sie verstummte und erbleichte.
Der Boden unter ihren Füßen schien sich bewegt zu haben.
Sie konnte und wollte es freilich nicht glauben.
Wenn der Boden sich bewegte, dieser feste Steinboden, dann mussten sie doch auf einem Vulkan stehen!
Aber auch Charles Dubois hatte die Erschütterung gespürt, auch er war bleich geworden.
»Ein Erdstoß!«, murmelte er. »Sollen denn die Überraschungen, die unser hier warten, nie enden?«
»War es wirklich ein Erdstoß?«, fragte Grace Turpulin.
Ihr Gefährte brauchte nicht zu antworten.
Durch einen neuen Ruck, der den Boden erschütterte, wurden sie beide gegen die Wände des Ganges geschleudert, und hätten sie noch zweifeln können, dass es sich wirklich um ein Erdbeben handelte, so wären sie durch das dumpfe, unheimliche Rollen, das jetzt erklang, eines anderen belehrt worden.
Beide kannten solche Katastrophen, beide hatten schon Erdbeben mitgemacht, nicht in Australien allerdings — aber sie wussten, dass es für den Menschen nichts Entsetzlicheres geben kann, als wenn der Boden unter ihm zu wanken beginnt, wenn die alte Erde sich öffnet und die Menschheit verschlingen zu wollen scheint, wenn aus den Spalten Schwefeldämpfe und andere giftige Gase hervorbrechen, wenn Berge wanken und zusammenstürzen, das Meer selbst in seinen tiefsten Tiefen aufwallt —
Und wie viel schrecklicher musste eine solche Katastrophe werden, wenn sie sich tief, tief unter der Erdoberfläche abspielte, wo es keine Rettung geben konnte!
Lebendig begraben werden in dieser Unterwelt! Sie wussten nicht, ob es da nicht besser gewesen wäre, das Feuer hätte sie in einer einzigen Sekunde zu Asche verbrannt.
Nun, jedenfalls blieb ihnen keine Wahl!
Und als Charles Dubois das dachte, stieß er bitter hervor:
»Ist das auch noch ein Werk der weisen Dvidschas? Haben Sie vorausgesehen, dass wir auf diese Weise enden würden oder sind nicht doch die Mächte der Natur ihnen überlegen?«
Es war auch ganz natürlich, dass er auf diese Vermutung kam. Schon oft haben die Menschen die Natur zu knechten gesucht, haben geglaubt, sich zu ihrem Meister und Herrn aufwerfen zu können, aber immer wieder haben sie erkennen müssen, dass alles nur ein eitler Wahn war.
Diese Dvidschas hatten Erfindungen gemacht, von denen der Menschheit noch nichts bekannt war, sie konnten Täuschungen der Sinne hervorbringen, die wirklich bewundernswert waren, aber — einmal kam auch ihnen die Stunde, wo sie erkennen mussten, dass all ihr Können und ihr Wissen nur Stückwerk war, wo die unbesiegbaren Kräfte der Natur jeden Zwang abschüttelten und die vernichteten, die sich als ihre Herren gedünkt hatten.
»Die Dvidschas haben unseren Tod nicht gewollt«, fügte er hinzu. »Diese Buße, die wir in Manikarnika durchmachen sollten, war wirklich als nichts weiter gedacht denn als eine Prüfung unseres Mutes, unserer Geistesgegenwart und unseres Vertrauens zu ihnen. Sicher sind sie in der Lage, uns ständig zu beobachten, nicht durch Spione, die sie uns nachgeschickt oder schon vorher hier unten verteilt haben. Sie mögen im Besitze einer Erfindung sein, die man vielleicht als Fernseher bezeichnen kann, ausgeschlossen und unmöglich ist das durchaus nicht. Aber sie haben nicht voraussehen können, dass gerade jetzt dieses Erdbeben eintreten, während unseres Aufenthaltes hier unten ein vielleicht seit langem nicht mehr tätig gewesener Vulkan wieder ausbrechen könnte.
Und nun? Werden sie in der Lage sein, uns wieder aus diesem Manikarnika zu erlösen, ehe wir zugrunde gehen? Oder sind sie selbst hilflos gegenüber diesen Naturgewalten?«
Grace Turpulin hatte ihren Gefährten nicht mit einem Worte unterbrochen. Nun aber schaute sie ihn groß an.
»Ich kenne Dich nicht wieder, Charles«, sagte sie halblaut. »Während der großen Not, die wir in der Wüste oben erlebten und nachher, als wir mit dem Segelschlitten in den Salzsumpf gerieten, hast Du nie gezweifelt, dass wir uns retten könnten.
Jetzt sind wir hier durch Flammen und über einen Abgrund geschritten, ohne dass uns etwas geschah, und nun willst Du angesichts dieses Erdbebens Deine Zuversicht verlieren?«
»Grace!«, stieß er hervor. »Du glaubst, ich fürchte mich?«
Er war ganz blass geworden bei dem Gedanken, dass sie ihn für feig halten könnte.
Sie aber lächelte ihn an und fasste seine beiden Hände.
»Hätte ich Dich dann lieb?«, fragte sie.
Und er senkte das Haupt vor dieser schlichten Logik.
Doch bald hob er es wieder, gerade, als ein neuer Erdstoß alles unter und über ihnen erbeben ließ.
»Ach, Grace, warum marterst Du mich!«, rief er. »Verstehst Du mich denn nicht mehr?«
Und wieder lächelte sie.
»Deine Gedanken sind meine Gedanken, Liebster«, erwiderte sie. »Ja, ich weiß, was Dich martert, und will es in Worte kleiden — Du selbst wirst es ja nie tun — Du bist zu stolz dazu, Charles, und eben, weil Du stolz bist, leidest Du jetzt.
Nein, Gefahren schrecken Dich nicht, Dein Mut ist ungebrochen, und auch vor dem Tode würdest Du nicht zurückweichen. Hier aber treten Dir Gefahren entgegen, hier könntest Du Deinen Mut beweisen — und — wenn Du es tun willst, dann ist die Gefahr schon in nichts zerronnen, dann kann ich — ein Weib — Dir beweisen, dass alles nur eine Prüfung war — —
Habe ich recht, Charles?«
Sie hatte es erraten, er brauchte es gar nicht zuzugeben.
Für den rechten Mann war das eben nichts, was die Dvidschas hier also so Außerordentliches über sie beide verhängt hatten. Die Gefahren, die ihnen drohten, waren keine; das alles waren, wie er es gleich anfangs genannt hatte, Spiegelfechtereien. Da konnte er aus eigener Kraft nichts, gar nichts tun, als bloß immer wieder anerkennen, dass diese Dvidschas ganz geschickte Zauberkünstler waren, die ihm einmal zeigen wollten, was sie konnten.
Und das empfand er auch deswegen als eine Herabwürdigung, weil er erkannt hatte, dass die Aufgabe, die er zu lösen übernommen hatte, unsittlich gewesen war, dass er sich zu einem Verbrechen hatte dingen lassen, durch jenen Samuel Philipp, und weil er bereit gewesen war, dafür wirklich zu büßen.
Mit hohem Ernste war er in dieses Manikarnika hinabgestiegen, und nun —
»Firlefanz ist das alles!«, stieß er zornig hervor. »Alles auf Täuschung berechnet!«
Grace schüttelte den Kopf. Sie wollte das nicht glauben, aber sie konnte nichts erwidern, denn plötzlich spürten sie beide, dass ihnen das Atmen schwer wurde. Giftige Gase schienen in den Gang einzudringen.
Da mussten sie anders denken, an die Rettung ihres Lebens.
Charles Dubois warf sich zu Boden.
»Lege Dich neben mich, Grace!«, rief er hastig. »Hier unten ist die Luft noch atembar. Dieses giftige Gas scheint leichter zu sein. Und nun rasch, dass wir aus diesem Gange herauskommen!«
Er kroch vorwärts, ohne dass er eigentlich wusste, warum er es tat. Ebenso gut hätte er den Rückweg einschlagen können.
Grace hielt sich dicht neben ihm, und während sie so auf dem Boden dahinglitten, wiederholten sich die Erdstöße, wurden immer gewaltiger und furchtbarer. Das unterirdische Rollen und Grollen nahm überhaupt kein Ende mehr, und das Felsgestein, auf dem sie lagen, schien lebendig geworden zu sein, bewegte sich gleich der Oberfläche eines Sees in wellenförmigen Schwingungen.
Es war eine entsetzliche Lage für die beiden, gerade, weil sie wussten, welche furchtbaren Katastrophen schon durch solche Erdbeben und Vulkanausbrüche herbeigeführt worden waren, und hier wurden alle Schrecknisse verzehnfacht, weil sie sich tief unter der Erdoberfläche befanden.
Jetzt aber zeigte sich Charles Dubois wieder als ganzer Mann.
Seine Augen funkelten trotzig.
»Durch!«, hieß es für ihn — oder sterben!
Endlich kamen die beiden an das Ende des Ganges, aber es hatte furchtbare Selbstüberwindung dazu gehört, dass sie bis dorthin krochen, denn je weiter sie kamen, desto furchtbarer wurde der Gluthauch, der ihnen entgegenströmte, und als sie nun am Ende angekommen waren, da bot sich ihnen ein Anblick, der ihnen das Blut in den Adern erstarren machte.
Sie schauten in einen Abgrund. der wirklich eine Hölle zu sein schien.
Flammen stiegen nicht daraus hervor, aber unter ihnen lag ein rotglühender Kessel voll flüssiger Lava, aus dem immer wieder feurige Strahlen emporstiegen, hoch emporflogen und wieder zurückfielen.
Die Hitze war fast unerträglich, es war, als schauten sie in einen Hochofen hinein, in dem Eisen geschmolzen wird. Und tatsächlich schienen ja dort unten Gesteinsmassen in feurigflüssigem Zustande zu brodeln.
»Das ist das Innere eines Vulkans!«, hauchte Grace.
Sie erschrak.
Laut lachte Charles Dubois neben ihr auf.
»Hast Du schon einmal an einem Vulkan gestanden?«, fragte er dann. »Glaubst Du wirklich, dass wir hier liegen und ihn schauen könnten, ohne dass wir zuerst erblindeten und dann zu Asche verbrannt würden?
Nein, Grace, auch das ist wieder eine Täuschung, berechnet, uns zu erschrecken — nichts weiter —
Ich könnte fluchen —«
Sie fasste seinen Arm, den er zornig vorstreckte.
»Charles!«, mahnte sie.
Doch er befreite sich.
»Lass mich, Grace, lass mich! Ich bin ja schon wieder ruhig, Du siehst es und hörst es! Aber willst Du nicht abermals die Kraft Deiner Glaskugel erproben und hinuntersteigen in diesen Hexenkessel?
Da ist die meinige!«, fuhr er fort, sie hervorholend. »Und jetzt gib acht! Jetzt will ich sie in diesen Abgrund schleudern —«
Er holte bereits zu dem Wurfe aus.
Aber er schleuderte die Kugel nicht in die Tiefe.
Unwillkürlich hatte er in die Höhe geblickt.
Der Abgrund unter ihnen setzte sich nach oben fort, und es schien wirklich, als befänden sich die beiden in dem Inneren eines feuerspeienden Berges, denn über ihnen verengerte sich der Schlund zu einer Art Esse — genau so, wie die Alten sich eine solche unterirdische Werkstätte des göttlichen Schmiedes Hephaistos vorstellten, genau so, wie auch die Germanen es sich ausmalten, nur dass sie solche feuerspeiende Berge als Behausung ihres Gottes Loke ansahen — eben jenes Gottes, nach welchem der Mann sich nannte, den die beiden hatten suchen sollen —
»Mein Gott — Grace —!«, murmelte er und umkrampfte mit seiner linken Hand den einen Arm seiner Gefährtin, in der rechten noch die Glaskugel haltend, die ja freilich nicht aus Glas bestehen konnte.
Und als Grace sah, wie er ganz entsetzt nach oben schaute, richtete sie auch ihre Blicke empor.
Und sie schrie laut auf vor jähem Entsetzen.
»Ein Mensch! In dieser Höllenglut!«, hauchte sie.
Ja, dort oben in dem kaminartigen Schlote gewahrten die beiden einen Menschen —
Er schien frei dort zu schweben — war aber gefesselt — an einen eigenartigen Stuhl!
Und die beiden kannten diesen Menschen, diesen Mann.
Unwillkürlich waren sie beide aufgestanden, nicht mehr daran denkend, dass sie durch giftige Gase betäubt werden und dann in die glühende Lava unter sich stürzen konnten — nichts mehr spürend von der sengenden Glut, die sie zu verzehren drohte —
Sie standen dicht nebeneinander, knapp an dem Rande des Abgrundes und starrten zu dem Manne empor.
»Samuel Philipp!«, stöhnte Charles Dubois auf.
Und Grace Turpulin wiederholte ganz leise:
»Er ist es. Es ist wirklich der Mann, der uns ausschickte, um Loke Klingsor das Geheimnis der Runen zu entreißen!«
»Die Dvidschas!«, flüsterte darauf Charles Dubois.
Seine Gefährtin verstand sofort, was er meinte.
»Du denkst, sie haben sich seiner bemächtigt, weil er ihrem Gebieter nachstellte? Sie haben ihn zur Strafe hierher gebracht, wo er Höllenqualen leiden muss?«
»Kann es anders sein?«, fragte er zurück.
Charles Dubois hatte ja ebenso wenig wie Grace eine Ahnung von dem, was sich zwischen Klingsor und Samuel Philipp inzwischen abgespielt hatte. Sie wussten nichts von dem geheimnisvollen Vorgange in dem »Mumiensaal«, nichts von der Drohung, die Loke Klingsor ausgestoßen hatte.
Sie hatten den alten Mr. Philipp in New York geglaubt, Tausende von Meilen entfernt.
Und nun sahen sie ihn hier — in dieser entsetzlichen Lage —
Noch lebend in der Hölle!
Denn das eben ist doch der Begriff, den wir sogenannten Kulturmenschen von der Hölle haben — viele, viele Maler haben sie so dargestellt — als einen Ort, wo die Seelen der sündigen Abgeschiedenen leiden müssen unter unerträglicher Feuersglut. Das ist drastisch und naiv zugleich sogar so dargestellt worden, als würden diese Unglücklichen von den Teufeln dieser Hölle in großen Kesseln über hochlodernden Feuern gekocht und gesotten — ohne dass sie ein zweites Mal sterben können — immer von Neuem, bis zum Jüngsten Tage müssen sie in ständiger Wiederholung solche Martern leiden —
Und da besannen sich die beiden, dass der Dvidscha, mit dem sie zuletzt gesprochen hatten, Loke Klingsor den Fürsten des Feuers genannt hatte!
Doch sie konnten die von unten zu ihnen emporsteigende Glut nicht länger ertragen. Sie spürten, dass ihre Lederkleidung im nächsten Augenblick zu brennen beginnen würde. Nur die ungeheure Aufregung, von der sie beim Anblick dieses zu Höllenqualen verurteilten Samuel Philipp befallen worden waren, hatte sie alles andere vergessen lassen.
Jetzt rief Charles Dubois seine Gefährtin zurück in den Gang, wollte sie auch wieder mit sich auf den Boden niederziehen —
Da aber spürte er, dass die Luft atembar war, er blieb stehen — aber nun zog er sie hastig mit sich, um möglichst weit von diesem Lavakessel fortzukommen —
Und wieder erlebte er ein neues Wunder.
Auf einmal fror ihn.
Er wusste gar nicht, wie das möglich war, aber unwillkürlich dachte er an das, was ihm einmal ein ihm befreundeter junger Gelehrter gesagt hatte: der Mensch sei imstande, die Wirkungen großer Kälte als unerträgliche Hitze zu empfinden und wiederum inmitten höchster Glut zu frieren!
Er hatte das damals nicht verstanden, darüber gelächelt.
Jetzt aber war ihm doch, als überliefe ihn hier eine Gänsehaut.
Unwillkürlich schaute er auf seine Gefährtin und hätte fast laut auflachen müssen, als er sie erbeben sah, als sie sich schüttelte, wie man das eben tut, wenn man plötzlich friert.
Und da spürte er auch schon, wie ihm ein eisigkalter Luftstrom ins Gesicht fuhr.
Unwillkürlich hielt er die Hand vor und merkte, dass die Finger ihm starr wurden.
Fassungslos blieb er stehen.
»Was bedeutet nun das wieder?«, murmelte er.
»Dass die Dvidschas mehr können, als das, was Du schon zweimal Hokuspokus nanntest!«, sagte Grace ernst, und dann fuhr sie fort:
»Charles, was erleben wir hier! O, es ist ja viel mehr, als mein Verstand zu fassen vermag! Gibt es wirklich auf Erden Halbgötter, die hoch über uns Menschen stehen? Oder wer sind diese Dvidschas sonst, dass sie den gewaltigsten Kräften der Natur gebieten können?«
Charles Dubois erwiderte nichts, aber er fühlte sich entsetzlich bedrückt.
Sollte er wirklich den Dvidschas unrecht getan haben?
Und wenn sie seine Gedanken hatten lesen können, wie der eine behauptet hatte?
»Lass uns weitergehen!«, sagte er. »Wir wollen sehen, ob wir die Höhle mit dem Abgrunde wieder erreichen. Vielleicht ist es dort nicht so kalt wie hier, wo wir binnen Kurzem erfrieren würden.«
Sie gingen weiter, und beide wussten genau — ganz genau — dass sie nach wenigen Minuten schon das Ende des Ganges hätten vor sich sehen müssen. Er war gar nicht sehr lang gewesen —
Aber sie liefen und liefen — und doch kamen sie nicht an die Höhle mit dem Abgrund!
Endlich blieb Charles Dubois stehen, ganz verwirrt.
»Wir sind, ohne dass wir es merkten, in einen Nebengang eingebogen und in eine ganz andere Richtung gekommen!«
»Hast Du nicht gemerkt, dass dieser Gang hier langsam gestiegen ist?«, fragte Grace.
»Gestiegen? Nein, nein, das ist mir nicht aufgefallen!«, bekannte er.
Er hatte allerdings auf nichts geachtet, die Gedanken, die in ihm tobten, hatten seine Aufmerksamkeit abgelenkt.
So merkte er auch jetzt erst, dass nicht mehr eiskalte Luft ihnen entgegenströmte, sondern eine ganz normale Temperatur um sie war.
Er griff sich an die heiße Stirn. Seine Augen flackerten unruhig, sein Mund zuckte —
»Grace, mein Verstand —!«, stieß er hervor.
»Sagte ich nicht, dass unser Verstand das alles nicht zu fassen vermag?«, gab sie zurück. »O, Charles, grüble doch nicht! Glaube!«
Er schaute sie geraume Zeit schweigend an. Dann neigte er das Haupt und sagte fast demütig:
»Mir bleibt nichts anderes übrig. Du hast recht. Unser Verstand steht hier vor Rätseln, die er nicht lösen kann —
Und da — hörst Du das Rollen des Donners?«, fuhr er fort. »Noch immer tobt der Vulkan, aber wir spüren hier schon nichts mehr von Erdstößen, obwohl wir uns doch gar nicht weit entfernt haben können —
Ach, Grace, wohin sind wir geraten!«
Und Charles Dubois schaute sich, nachdem er eine Weile regungslos dagestanden hatte, nach allen Seiten um.
Sie standen beide in einem engen Gange, wie sie ja schon mehrere passiert hatten. Er war erleuchtet von dem geheimnisvollen Lichte, das ihnen bisher noch gar nicht so recht zum Bewusstsein hatte kommen lassen, wie tief sie sich eigentlich unter der Erdoberfläche befanden.
Dass dieser Gang aufwärts stieg, konnte nicht so ohne Weiteres festgestellt werden, weil eben jede Möglichkeit zu einem Vergleich fehlte. Der Boden hob sich also nicht etwa steil an, schien vielmehr ganz eben zu verlaufen, aber selbstverständlich konnten die beiden doch merken, ob sie höher emporkamen oder nicht.
Nur Grace hatte es beobachtet.
Jetzt aber merkte es auch Charles, als er mit ihr langsam weiterging.
Doch nach wenigen Schritten schon blieb er wieder stehen.
»Nein, Grace«, sagte er. »Wir dürfen nicht fort. Wir müssen doch erst diesen unglücklichen Menschen, diesen Samuel Philipp, erlösen.«
»Und wie denkst Du Dir das?«, fragte sie ruhig, als handelte es sich nicht um die absonderlichste Sache der Welt.
»Ich weiß es nicht!«, ächzte er. »Ich kann nicht mehr klar denken. Aber vielleicht können wir durch einen dieser Gänge bis zu ihm vordringen — er war hoch über uns, und dieser Weg führt aufwärts —«
»Und dann? Willst Du durch die Glut zu ihm dringen?«
Charles schwieg wieder, er suchte die Herrschaft über sein Denkvermögen zurückzuerlangen, und sie störte ihn nicht.
Plötzlich hob er den Kopf.
»Grace«, fragte er, »hast Du bemerkt, dass Samuel Philipp an einen Stuhl gefesselt war?«
»Ja, das habe ich deutlich gesehen«, gab sie ohne Weiteres zu.
»Und dieser Stuhl brannte nicht inmitten der Höllenglut!«
»Nein, er brannte nicht.«
»Und die Stricke, mit denen er wohl an den Stuhl gebunden war?«
»Auch sie waren unversehrt.«
»Grace, Holz brennt leicht, Stricke auch —«
»Das weiß ich.«
»Und hier? Wenn sie beide unversehrt blieben, dann kann auch die Glut nur scheinbar gewesen sein —«
»Scheinbar? Wo Du sie an Deinem Leibe gespürt hast?«
»Das ist es ja, Grace. Ja, ich spürte diese Glut, ich flüchtete vor ihr. Samuel Philipp aber hing über ihr, an den Stuhl gefesselt —
Und — hast Du ihn schreien hören?«
»Ich habe nichts gehört. Vielleicht war das unterirdische Rollen und Grollen zu laut.«
»Hast Du in sein Gesicht sehen können?«, fragte Charles Dubois weiter.
»Ja, das konnte ich.«
»Und? War es verzerrt wie bei einem, der Höllenqualen leidet?«
Scharf forschend schaute er sie an.
Grace wusste schon längst, was diese Fragen bedeuten sollten, aber sie begnügte sich, sie zu beantworten, und so sagte sie auch jetzt ohne das geringste Zögern:
»Ja, das Gesicht Mr. Philipps war verzerrt, aber das brauchte nicht eine Folge der wirklichen Qualen zu sein, die er erleiden musste —«
»Sondern?«, fragte ihr Gefährte hastig.
»Sondern eine Folge seelischer Qualen, die er ausstand — der Ungewissheit über das, was ihm drohte«, erwiderte sie. »Vielleicht fürchtete er, dass er jeden Augenblick in den schrecklichen Abgrund stürzen müsste, dass die Stricke, die ihn hielten, verbrennen könnten —
Nein, Charles, wenn auch das Gesicht Samuel Philipps verzerrt war, so braucht das nicht eine Folge seines körperlichem Leidens gewesen zu sein, sondern ein Ausdruck seiner Angst!«
»So ist es! So ist es, Grace!«, stieß Charles Dubois da fast jubelnd hervor. »Die Dvidschas — oder wer ihn sonst in diese schreckliche Lage gebracht haben mag — denken nicht daran, ihn in die glühende Lava hinabstürzen zu lassen, und obgleich es uns schien, als müsste er schon Höllenqualen durch die Hitze ausstehen, spürt er diese vielleicht gar nicht so schlimm — auch wir werden sie nicht spüren, sie wird uns keinesfalls töten, wenn wir zu ihm dringen — und — Grace, nicht wahr, wir retten ihn?«
Da lächelte sie ihn an, in einer Weise, dass er gleich vor ihr niedersank und wieder ihre beiden Hände ergriff, gegen die er sein Gesicht presste.
»O, Du!«, rief er außer sich, mit erstickter Stimme.
Sie zog ihn zu sich empor, strich ihm zärtlich über das heiße Gesicht und schaute ihn dabei lächelnd an.
»Komm!«, sagte sie dann und zog seinen Arm in den ihren.
Sie sprachen nichts mehr miteinander, sie verstanden sich wieder einmal ohne Worte, und da war auch alles von Charles Dubois abgefallen, was ihn eben noch bedrückt hatte.
Jetzt war er wieder der in der Wildnis aufgewachsene und in all ihren Gefahren gestählte Jäger — seine Augen blitzten — er beobachtete scharf, und er stellte fest, dass der Gang, den sie verfolgten, immer steiler aufwärts führte, dass er Windungen beschrieb, die immer wieder nach jener Höllenschlucht zurückführten — und dass sie bald die Höhe erreicht haben mussten, in welcher sie den unglücklichen Samuel Philipp erblickt hatten.
Nur eine Sorge hatte er noch.
Würde dieser Gang auch wieder einen Ausgang nach einem Vulkanschlote haben? Würde er sie bis in die Nähe des armen Menschen führen, den sie in so furchtbarer Lage entdeckt hatten?
Grace aber hatte noch eine andere Besorgnis.
»Und wenn die Dvidschas ihn dorthin gebracht haben, Charles?«, fragte sie, einmal stehen bleibend. »Wenn er die Strafe erduldet, die sie über ihn verhängten?«
Nur einen Augenblick dachte Charles Dubois nach. Dann erwiderte er mit fester Stimme:
»Gleichviel! Und wenn sie mir deshalb zürnen, ich werde ihn erlösen —«
Eine Biegung kam.
Sie passierten sie — und beide blieben stehen — in freudigem Schrecken!
Roter Glutschein quoll ihnen entgegen.
»Wir sind am Ziele!«, rief Charles Dubois in freudigster Erregung, und Grace verstand die Ursache.
Jetzt konnte Charles Dubois sich wieder als Mann zeigen, seinen Mut beweisen, brauchte sich nicht durch diese Dvidschas beschirmen und behüten zu lassen. Ja, er wollte ihnen sogar trotzen, ihnen ein Opfer entreißen, an dem sie ein Recht zu haben glaubten.
Und da sah sie etwas, was sie nicht für möglich gehalten hätte, nach dem wenigstens, was Charles Dubois noch vor Kurzem zornig hervorgestoßen hatte.
Er hielt die Glaskugel in der Hand.
»Du vertraust diesem Dinge, das uns mitgegeben ward«, sagte er. »Ich — genug! Jetzt will ich seine Kraft auf die Probe stellen!«
Er hielt die sonderbare Kugel, die in seltsamem Lichte schimmerte, auf der flachen rechten Hand, die Finger etwas krümmend, dass sie nicht fortrollen und herabfallen konnte.
Zweifelnd schaute er auf sie herab.
Noch konnte er sich nicht dazu aufschwingen, ihr geheimnisvolle Kräfte zuzutrauen.
Da aber zuckte er plötzlich zusammen.
Grace wusste gar nicht gleich, was er hatte, sie sah nur, wie er die Hand schloss, als wolle er die Kugel festhalten, dass er aber ebenso schnell die Finger spreizte —
Und in dem gleichen Augenblick, als er die Kugel fallen ließ — ganz gegen seinen Willen also — schlenkerte er die Hand wieder, als hätte er sich verbrannt —
»Grace!«, schrie er auf.
Er bückte sich, als wollte er die Kugel haschen, die auf dem Boden rollte.
Doch noch, indem er sich bückte, schien er zu erstarren.
Ein neues Wunder geschah.
Der Boden, auf dem sie beide standen, fiel ziemlich steil ab. Die Kugel hätte also den Weg zurückrollen müssen, den die beiden eben gekommen waren.
Das aber tat sie nicht! Sie rollte vielmehr bergan!
Die beiden sahen es doch, obwohl sie ihren Augen nicht trauen wollten!
Und ohne dass sie wussten, was sie taten, liefen sie beide hinter der rollenden Kugel her, die immer schneller bergan lief, zugleich einen immer helleren Schein verbreitend und ausstrahlend, als sei sie wirklich glühend geworden —
Plötzlich schien sie verschwunden, doch nein, sie machte einen Sprung — anders war es gar nicht zu bezeichnen — von dem festen Boden ins Ungewisse hinaus — und mitten in der roten Glut verschwand sie.
Und die beiden standen am Ende des Ganges und sahen fast unmittelbar vor sich — Samuel Philipp!
Sie standen wie erstarrt, und es war ja erklärlich, dass sie nicht wussten, was sie denken sollten —
Auf Reichweite vor ihnen schwebte der eigenartige Stuhl, den sie schon von unten aus gesehen hatten, und an ihn geschmiegt, in ihn zurückgelehnt, saß in ganz merkwürdiger Haltung der Mann, der sie ausgeschickt hatte, Loke Klingsors Geheimnis zu ergründen.
Gefesselt, wie sie gedacht hatten, war Samuel Philipp nicht.
Kein einziger Strick umschnürte seinen Leib, seine Glieder, und doch konnte er diese nicht bewegen.
Er saß, als sei er erstarrt vor Schrecken. So hatte er auch die dürren Hände um die beiden Seitenlehnen gekrampft, aber es war vollkommen klar, dass er sich dadurch nicht hätte halten können.
Der Stuhl hing so schräg nach vorn über, dass der darauf Sitzende von dem Sitze schon längst hätte herabgleiten und in die Tiefe stürzen müssen.
Wodurch wurde er da gehalten?
Und er schien sich vollkommen klar zu sein, dass er jeden Augenblick in die Tiefe gleiten konnte, in der es von glühender Lava brodelte. Sein hageres, faltiges Gesicht war von tollster Angst verzerrt, die Augen quollen ihm fast aus den Höhlen, der Mund war halb geöffnet wie zum Schreien —
Aber er schrie nicht!
Vielleicht war auch seine Sprache gelähmt, seine Kehle wie zugeschnürt!
Das Blut erstarrte den beiden, die den Unglücklichen in dieser schrecklichen Lage fast unmittelbar vor sich sahen, vor Grauen in den Adern — sie standen und konnten sich selbst nicht rühren — sie wollten rufen und brachten keinem Laut hervor —
Und dann —
Sich gegenüber — also jenseits des Vulkanschlotes — anders konnten sie doch das, was sie da vor sich hatten, gar nicht nennen — gewahrten sie einen Felsenvorsprung, auf den ein ziemlich breiter Gang mündete.
Sie sahen das nur unbewusst, ihre Gedanken beschäftigten sich doch nur mit dem unglücklichen Samuel Philipp —
Da aber wich Charles Dubois in schreckhafter Bewegung einen Schritt zurück, ohne dass er es wusste und wollte, Grace Turpulin mit sich ziehend, die er an einem Arme gefasst hatte.
Seine Augen weiteten sich gleich den ihren.
Totenbleich starrten die beiden auf den Gang hinüber.
Menschen kamen dort drüben heraus — Menschen! Menschen gleich ihnen!
Zwei Frauen — nein, ein Mädchen — eine junge Dame — und neben ihr eine kleine schmächtige Frau —
Und hinter ihnen zwei Männer — — nein, noch ein dritter — nur etwas zurück —
Und jetzt sahen die beiden Frauen den in der wabernden Glut schwebenden, auf dem sonderbaren Stuhle sitzenden Samuel Philipp.
Sie wichen erschrocken zurück, hoben die Hände —
Da war auch schon einer der Männer neben ihnen —
»Loke Klingsor!«, schrie Charles Dubois auf.
»Loke Klingsor!«, hauchte Grace.
Und da schaute dieser Mann, den sie so genau kannten, obwohl sie ihn nie gesehen hatten, zu ihnen herüber — mit großen, flammenden Augen —
Und winkte ihnen lächelnd zu, als sähe er unvermutet gute alte Bekannte!
Fassungslos standen die beiden.
Grace hob die eine Hand zu ihrer Stirn.
Jetzt fürchtete auch sie, dass ihr Verstand sich verwirrt haben könnte — sie zitterte am ganzen Leibe —
Aber da klang eine Stimme durch die Stille — eine Stimme, die wie das Schwingen war, das im Erz einer Glocke nachhallt — sonor — von unbeschreiblichem Wohllaut —
»Nun, alter Freund Philipp?«, sprach diese Stimme. »Wie befindest Du Dich hier? Habe ich nicht Wort gehalten? Allerdings in gewissem Sinne nicht — ich habe Dich nicht in den Krater des Hekla verbannt, wie ich es Dir gelobte, Du bist sogar etwas sehr weit von dort entfernt, aber Du zweifelst doch nicht etwa, dass Du wirklich über einem Krater schwebst? Oder doch? Möchtest Du Dich noch mehr überzeugen?
Und dann, mein lieber Freund Philipp, willst Du nicht einmal dorthin schauen? Du kannst nicht? Kannst Deinen Kopf immer noch nicht bewegen wie überhaupt keins Deiner Glieder?
O, dem wollen wir gleich abhelfen! Drehe den Kopf nach rechts! Wen siehst Du denn da? Auch die Gabe der Sprache, die Du verloren hattest, sei Dir wiedergegeben!«
Das klang alles wirklich freundlich, ganz so, wie der Freund zum Freunde spricht, und doch war es teuflischer Hohn!
So sah auch das schöne Gesicht des Sprechers aus, und so funkelten die großen, dämonischen Augen!
Samuel Philipps Gesicht aber verlor auf einmal die schreckliche Starrheit. Die Falten allerdings blieben, aber aus den Augen, die bisher immer angstvoll in die glühende Tiefe geschaut hatten, wich der gequälte Ausdruck —
Und er wendete tatsächlich den Kopf, schaute dorthin, wo Charles Dubois und Grace Turpulin standen.
Die beiden wagten nicht, sich zu rühren, sie wussten ja nicht, was sie denken sollten —
Und da sahen sie ein hämisches Grinsen über das Gesicht Samuel Philipps huschen, und sie hörten ihn sprechen.
»Ach die! Narren! Elende Narren!«
Dann wendete er den Kopf ab, Loke Klingsor zu.
»Satan!«, knirschte er jetzt voller Wut hervor, und noch einmal: »Satan!«
Ein helles Lachen antwortete. Loke Klingsor hatte es ausgestoßen.
I n den flinken Kanus der Indianer über den See gleitend, dachten die Sieger über die Affenmenschen allerhand. Antonio Almeida freute sich, dass Signorina Ravelli endlich aus der Gewalt der Affenmenschen befreit war. Immer wieder suchten seine Blicke die schlanke Gestalt der Italienerin, und auch diese schaute von Zeit zu Zeit zu ihm hin, lächelte ihm zu, nickte wohl auch einmal, sprach jedoch nichts.
Manuel García wiederum schien nur auf das zu achten, was drüben am Ufer vorging, wo die vielen Indianer wie Ameisen durcheinander liefen, laut jubelnd, als sie in einem der Kanus ihre Gefährten erblickten.
Fritz Hammer und Georg Wedekind endlich saßen dicht nebeneinander und jeder spähte auf einer Seite des Fahrzeuges in das klare Wasser des Sees. Sie konnten nicht bis auf den Grund hinabschauen, aber sie sahen, dass es von unzähligen Fischen belebt ward, und sie erkannten auch, dass diese Fische nicht denen glichen, die sie kannten.
Doch das machte ihnen kein Kopfzerbrechen weiter. Es erschien ihnen ganz natürlich, dass die Arten hier nicht dieselben sein konnten wie die, die sie gewöhnlich gefangen hatten. Sie spähten in das Wasser in der Erwartung, darin eins jener rätselhaften Wesen zu entdecken, wie sie sich während der Nacht bemerkbar gemacht hatten. Sie mussten immer wieder an den Kampf mitten im See denken, an das seltsam aussehende Stück Haut, das sie dort gefunden hatten, und an die Spuren der ungeheuren Zähne, die darin sichtbar gewesen waren.
Noch waren sie von ihren neuen Gefährten nicht gefragt worden, wie sie hierher gekommen waren, ebenso wenig, wie sie selbst eine solche Frage hatten stellen können, aber sie überlegten doch schon, was sie sagen sollten, wenn es geschah.
Die Abenteuer, die hinter ihnen lagen, waren so seltsam gewesen, dass sie ihnen jetzt fast nur als Traum erschienen, an den sie nicht mehr glauben konnten.
Wo mochte sich jetzt der »Delfin« befinden, jenes geheimnisvolle Unterseeboot?
Und würde sich auch jener wunderbare Mann wieder bemerkbar machen, dessen Stimme wiederholt zu ihnen gesprochen hatte?
Jedenfalls entdeckten sie keins der merkwürdigen Seeungeheuer, sahen immer nur Fische, manche allerdings von erstaunlicher Größe und ganz absonderlichen Formen, und so wendeten sie ihre Aufmerksamkeit dem Nächstliegenden zu: den Indianern!
Sie hatten sich diese eigentlich anders vorgestellt, natürlich nicht so, wie sie in den meisten Jugendschriften geschildert werden, aber doch auch nicht so, wie sie hier welche vor sich sahen.
Diese Menschen hatten eigentlich gar nichts Kriegerisches an sich. Ihre Augen blickten nicht düster und grimmig, sondern freundlich und hell, und ihre Körper verrieten wohl Gewandtheit, aber keine besondere Kraft.
Den Affenmenschen gegenüber mussten sie fast wie Zwerge erscheinen, und es war ein Wunder, dass sie überhaupt wagten, mit diesen zu kämpfen. Dass sie es doch taten, bezeugte eben ihren großen Mut.
»Ich bin ja gespannt, Fritz«, raunte Georg Wedekind dem Freunde einmal zu.
»Worauf denn?«, fragte dieser.
»Wie wir uns mit diesen Indios verständigen wollen, denn weder wir noch einer der beiden Jäger kennen ihre Sprache.«
»Dann verständigen wir uns eben zunächst durch Zeichen, bis beide Teile so viele Worte aufgeschnappt haben, dass wenigstens eine mühsame Unterhaltung möglich wird«, erwiderte Fritz.
»Nein«, fügte er hinzu, »darüber dachte ich nicht nach, sondern vielmehr darüber, dass hier auf diesem abgeschiedenen Erdenflecke die Natur so ganz verschiedengeartete Geschöpfe hervorgebracht hat. Ich glaube, mancher berühmte Forscher gäbe sonst was darum, könnte er an unserer Stelle sein und diese Affenmenschen beobachten und studieren. Ich bin überzeugt, sie sind das sogenannte ›fehlende Glied‹, nach dem man bisher vergeblich gesucht hat. Sie sind wirklich ein Mittelding zwischen Affe und Mensch —«
»Das habe ich auch gedacht«, gab Georg Wedekind zu, »aber ich fürchte, es ist doch nur ein Irrtum. Du darfst nicht vergessen, dass man früher die Schimpansen und Orang Utans auch als Waldmenschen bezeichnete, dass man ihnen nachsagte, sie raubten Menschenweiber, und was alles sonst noch.
Und weißt Du, ich habe den Menschenaffen ›Konsul‹ gesehen, wie er gleich einem guterzogenen Menschen aß, Gabel und Messer viel anständiger zu brauchen wusste, als mancher, der sich etwas auf seine Bildung zugute tut — wie er Wein aus einem Glase trank, nachdem er vorher mit seinem Wärter angestoßen hatte, wie er Karten spielte, Rad fuhr und so manches andere. Da habe ich mich fragen müssen: Ist das wirklich noch ein unvernünftiges Tier oder eins, das mit Vernunft begabt ist, dem aber die Gabe der Rede fehlt?«
»Die er aber doch auch besaß!«, wendete Fritz sogleich ein. »Nur die Menschen verstanden ihn nicht, ebenso wenig, wie wir jetzt diese Indios verstehen werden!«
»Und man hat doch auch behauptet, dass die Affensprache bereits teilweise erforscht worden sei. Ein Professor Garner —«
»Ach, das war amerikanischer Humbug!«, unterbrach Fritz Hammer den Freund. »Aber selbstverständlich ist es möglich, dass man erkennt, was einzelne Laute und Rufe zu bedeuten haben. Man kann die Locktöne nachahmen, durch welche Tiere ihre Jungen locken —«
Er konnte nicht weitersprechen, sie waren dem Strande ganz nahegekommen, die vordersten Kanus waren schon gelandet, und nun stieß auch das ihre auf den Sand.
Sie sprangen heraus, wateten noch ein Stück durch das seichte Wasser und waren alsbald mitten unter den braunen Menschen, von denen zunächst jubelnd die geretteten Gefährten begrüßt wurden.
Und da sahen sie, dass der eine — der junge Mann mit dem edel geschnittenen Gesicht und den besonderen Abzeichen am Körper — wie sie gleich von Anfang vermutet hatten, einen hohen Rang bei diesem Volke einnahm.
Vor ihm warfen sich alle nieder, viele küssten seine Füße, er aber achtete nicht mehr auf sie als auf den Sand, auf dem er stand, schaute vielmehr einem Zuge entgegen, der sich nun von den Felsen her nahte.
Diese Felsen bestanden aus einem hellen Gestein — es schien eine Art Porphyr zu sein und stach gewaltig gegen das ab, welches den Außenwall bildete, denn es sah ganz schwarz aus — und war von zahlreichen Höhlen durchlöchert, die diesen Indios als Wohnstätten dienten, denn an den meisten dieser dunklen Öffnungen zeigten sich jetzt Weiber und Mädchen, ebenfalls laut jubelnd.
Der Zug aber, der herankam, bestand aus einer Schar besonders festlich geschmückter Krieger, von denen acht auf ihren Schultern eine Art Sänfte trugen. Auf dieser aber saß ein weißhaariger Indio auf einem Lager prächtiger Felle, und schon von Weitem blinkte es an seinem Körper im grellen Sonnenlicht.
Der Mann — offenbar der Oberhäuptling — musste buchstäblich mit goldenen Zierraten und Schmucksachen überdeckt sein.
Er war auch der einzige, der auf dem weißen Haar einen Kopfschmuck trug, der an die Federkronen der nordamerikanischen Indianer erinnerte, nur wallte dieser Schmuck nicht wie bei diesen noch über den Rücken hinab.
Die weißen Männer und Signorina Ravelli standen in einer Gruppe beisammen, zu der sich nun auch Fritz Hammer und Georg Wedekind gesellt hatten, die Indios aber wichen beim Nahen des Zuges immer weiter zurück, sodass ein großer freier Raum um sie entstand.
Nur der junge Indio blieb darin stehen, hochaufgerichtet, fast stolz.
Nun stellten die Träger ihre Last nieder, ganz sorgsam, traten zur Seite, und da eilte der junge Indio auf den alten Häuptling zu, der eben die Bahre verließ, warf sich ihm zu Füßen und umklammerte die Beine des Greises.
Dieser aber beugte sich herab, fasste den jungen Mann, zog ihn zu sich empor und umarmte ihn.
Innige Freude leuchtete aus seinen dunklen Augen, er streichelte das schwarze Haar, die Schultern, die Arme —
»Es ist sein Sohn!«, sagte da Manuel García.
»Wir haben also den künftigen Häuptling dieses Volkes aus der Gewalt der Affenmenschen und vor einem entsetzlichen Tode gerettet!«, fügte Antonio Almeida hinzu.
Die beiden Freunde aber schauten einander nur vielsagend an.
Wenn dieser Jäger der Wahrheit die Ehre gab, dann musste er freilich anders sprechen. Aber es kam ja gar nicht darauf an.
Jedenfalls begann der junge Häuptling nun zu berichten. Er erzählte seine Abenteuer, und dann wendete er sich um.
Er führte seinen Vater, der wirklich ganz mit Goldsachen behangen war, zu den beiden jungen Deutschen, kniete, ehe sie wussten, was er vorhatte, vor ihnen nieder, warf sich dann auch noch lang auf den Boden und fasste mit je einer Hand je einen Fuß der beiden, um ihn sich auf den Nacken zu stellen —
Also auch hier war schon dieses Zeichen der Unterwerfung bekannt.
Doch die beiden jungen Leute ließen es nicht zu dieser — allerdings freiwilligen — Demütigung kommen. Rasch bückten sie sich, hoben den jungen Häuptling empor und fassten seine Hände.
Da strahlte er sie aus seinen schwarzen Augen dankbar an, zog sie zu seinem Vater und begann wieder auf diesen einzusprechen.
Der Alte heftete seine Blicke auf die beiden Deutschen.
Jetzt wäre es doch nur natürlich gewesen, wenn er sie angestaunt hätte als Wesen, von deren Dasein er noch nie etwas geahnt haben konnte — aber von Verwunderung war in seinem Gesicht nichts zu merken. Nur Freude und Dankbarkeit leuchteten daraus, und auf einmal streckte er ihnen beide Hände hin, drückte die ihren und sprach mit zitternder Stimme einige Worte.
»Toman, toman! Taharu!«, verstanden die beiden, und da hatten sie schon das erste Wort dieser unbekannten Sprache gelernt. Sie konnten nicht zweifeln, dass »toman« so viel wie »danke!«, bedeutete.
Sie schüttelten den Kopf, sie wollten diesen Dank ablehnen, aber der greise Häuptling wendete sich rückwärts seinen Begleitern zu, die ehrerbietig hinter ihm standen.
Es waren anscheinend die stärksten und tapfersten Krieger des Stammes, aber auch sie erreichten noch nicht die Körpergröße Almeidas und Garcías, waren also doch unter dem Durchschnittsmaße der europäischen Rasse.
Als der Häuptling ihnen nun einige Worte zurief, hoben zwei von ihnen von der Bahre ein großes goldenes Gefäß, das etwa aussah wie eine Suppenschüssel oder auch wie eine Punschterrine und unter den Fellen verborgen gewesen war, herab und brachten es herbei.
Der Greis nahm es ihnen ab.
Die beiden Deutschen sahen, dass er es nur mit Mühe halten konnte, so schwer war es — und nun reichte er ihnen dieses kostbare Gefäß.
Die beiden wollten es nicht nehmen, sie mussten aber —
Sie staunten.
Die ganze Schüssel, die aus reinem Golde zu bestehen schien, war mit den verschiedensten Edelsteinen und Halbedelsteinen gefüllt, und, wiewohl keiner davon geschliffen war, sondern alle noch so aussahen, wie sie gefunden worden waren, erkannten selbst diese beiden in solchen Sachen unerfahrenen Jünglinge sofort, dass das eine mehr als fürstliche Belohnung darstellte, dass die Schüssel schon ein Vermögen, die Edelsteine aber einen geradezu unermesslichen Wert repräsentierten.
Sprachlos standen sie da, auf die blinkende, glitzernde Pracht starrend, und freudig sprach dabei der Greis wieder und wieder das Wort »toman« —
Fritz Hammer und Georg Wedekind erholten sich schnell von ihrem Staunen, das an Bestürzung grenzte.
Sie wussten genau, was Reichtum im Leben der Menschen bedeutet, und sie wussten auch, dass sie durch dieses Geschenk des alten Häuptlings sehr, sehr reich werden konnten, vielleicht die reichsten Menschen auf Erden, denn sie sahen da Diamanten von unglaublicher Größe — aber sie dachten nicht eine Minute lang daran, diesen Schatz für sich zu behalten.
Sie wendeten sich um und trugen die Schüssel zu ihren Gefährten.
»Der Häuptling kann nicht wissen, dass Sie, Senhores, mindestens ebenso viel wie wir zur Befreiung und Rettung seines Sohnes beigetragen haben«, sagte Georg Wedekind. »Es ist daher selbstverständlich, dass auch Ihnen ein Teil davon gebührt. Wenn es Ihnen recht ist, verzichten wir beide überhaupt auf alles — wir sind ja so froh, dass es uns vergönnt war, Signorina Ravelli zu helfen!«
»Sie wollen ganz verzichten?«, rief Manuel García, dessen Augen gierig an den Reichtümern hafteten. »Aber das geht doch nicht — Sie haben uns doch —«
»Sie würden uns nur zu Dank verpflichten, wenn Sie kein Wort mehr darüber verlieren würden«, erwiderte Wedekind, ihn unterbrechend. »Wir —«
Da spürte er, wie Fritz Hammer ihn derb in die Seite stieß, und er besann sich. Er war eben im Begriff gewesen, eine große Dummheit zu begehen und außerdem das gegebene Versprechen unbedingten Schweigens zu brechen. Er hatte sagen wollen: »Wir kennen Schätze, denen gegenüber diese hier nur ein Bettel sind!« Er dachte an die Höhle, in der er mit seinem Freunde gewesen war, an die Höhle der Dorados.
So aber ergänzte er seine Worte, indem er sagte:
»Wir wüssten wirklich nicht, was wir mit dem Zeug anfangen sollten. Einen der Steine wollen wir jeder zur Erinnerung annehmen, das andere aber gehört Ihnen. Bitte, weigern Sie sich nicht! Nur so wird der alte Häuptling erkennen, dass nicht wir das ganze Verdienst bei der Rettung seines Sohnes hatten!«
»Sie sind sehr großmütig und freigebig, Senhor!«, rief da Antonio Almeida. »Es ist ganz selbstverständlich, dass wir Ihren Verzicht nicht annehmen!«
»Das dürfen wir gar nicht!«, schaltete hier Signorina Ravelli ein. »Sie dürfen den Anteil, den Sie an dem Befreiungswerke hatten, nicht verringern, meine Herren. Ihnen gebührt in der Tat der Dank des Häuptlings in erster Linie. Sie scheinen auch nicht zu wissen, was Sie da verschenken wollen. Diese goldene Schüssel enthält Reichtümer, von denen —«
»Verzeihung, Signorina, dass ich mir erlaube, Sie zu unterbrechen«, fiel Georg Wedekind, der nun einmal für seinen Freund sprach, ihr ins Wort. »Ich habe unseren Verzicht in allem Ernste und im vollen Bewusstsein dessen ausgesprochen, was er bedeutet. Ich weiß, dass die Schüssel ein Riesenvermögen enthält, aber wir beide brauchen es nicht, unsere Eltern sind schon vermögend genug, dass wir nie irgendwelche Sorgen kennen lernen werden — was sollen wir da mit dem Überflusse? Ich bitte Sie und die Herren also noch einmal, diesen Schatz unter sich zu teilen, und außerdem möchte ich schon jetzt bemerken, dass ganz sicher hier diese Edelsteine ebenso wie das Gold etwas sehr Häufiges zu sein scheinen. Wenn wir also doch noch Verlangen danach tragen sollten, so würden wir uns gewiss von beidem so viel beschaffen können, wie wir nur wollten.«
»Mein Freund hat nur das ausgesprochen, was ich selbst denke«, bemerkte jetzt Fritz Hammer. »Auch ich verzichte auf dieses Geschenk!«
Signorina Ravelli schüttelte zwar den Kopf, aber sie hatte nichts mehr einzuwenden, und gleich gar nicht war das bei den beiden Männern der Fall, die an sich halten mussten, um nicht mit beiden Händen in die Schüssel zu greifen und in den blitzenden Steinen zu wühlen.
Georg Wedekind und Fritz Hammer aber wendeten sich wieder den beiden Häuptlingen zu, die schweigend den Vorgang beobachtet hatten und anscheinend ganz genau verstanden, was er bedeutete.
Jetzt streckte der Greis beiden noch einmal seine Hände entgegen und schaute sie wiederum dankbar an, zugleich aber drückten seine Züge etwas wie hohe Achtung aus.
»Santaku! Lari!«, sagte er verächtlich, und da er bei dem ersten Worte auf den Goldschmuck deutete, den er trug, beim zweiten aber auf die Edelsteine, mit denen jeder besetzt war, so hatten die beiden Freunde schon wieder zwei neue Worte der Sprache kennengelernt.
»Santaku« war Gold, »Lari« waren Edelsteine.
Nun aber deutete der junge Häuptling auf die Gewehre seiner Retter und suchte seinem Vater klarzumachen, dass aus diesen Blitz und Donner hervorgekommen seien, dass sie unbedingten Tod brächten.
Er begleitete seine Worte mit so deutlichen Gesten, dass die Freunde und die anderen sofort wussten, was er meinte, namentlich als er sich dann stellte, als bräche er tödlich verwundet zusammen.
Bewundernd, aber auch etwas scheu blickte der Greis auf die Waffen, die er ja auch nicht kannte, und schon schaute Georg sich nach einem Ziele um, er wollte diesen Indios zeigen, was ein Gewehr zu bedeuten hatte.
Doch er sah kein Tier, keinen Vogel, und so wendete er sich dem Wasser zu, in dem dicht am Ufer Fische schwammen.
Er wählte einen, legte an, zielte kurze Zeit und feuerte dann.
Da er schon oft nach Fischen geschossen hatte, wusste er den Kniff, der dabei in Frage kam. Es war nicht die Rede davon, dass er das Tier selbst traf, sondern dass er durch den Druck der einschlagenden Kugel ihm die Schwimmblase zersprengte.
Jedenfalls schoss der Fisch alsbald aus dem Wasser empor, fiel wieder darauf zurück und schwamm tot, mit dem weißen Bauche nach oben.
Noch aber hatte Georg Wedekind nicht Zeit gehabt, die Wirkung des Schusses auf die Indios zu beobachten, da kam aus der Luft ein großer Vogel herabgeschossen.
Es war ein Raubvogel größter Art, der unermesslich hoch in der Luft geschwebt und doch den toten Fisch sofort erspäht haben musste.
Nun kam er herabgestoßen, um sich die Beute zu sichern.
Schon aber hatte — auf einen Wink des Freundes — Fritz Hammer sein Gewehr gehoben, und eben, als der Raubvogel sich mit dem Fisch in den scharfen Fängen wieder erheben wollte, das Wasser mit den weitausgebreiteten Schwingen peitschend, da traf ihn das Geschoss aus Hammers Gewehr.
Ein krampfartiges Zucken durchlief den Vogelleib, dann sank er auf das Wasser —
Und schon sprang Fritz hinein und holte seine Doppelbeute heraus, um sie dem Häuptling zu zeigen.
Beinahe wäre er in ein lustiges Lachen ausgebrochen, als er, sich zurückwendend, gewahrte, dass alle die vielen Indios der Länge nach auf dem Boden lagen, das Gesicht dagegen pressend.
Nicht einmal die Krieger, welche die Schutz- oder Ehrenwache des Häuptlings bildeten, machten eine Ausnahme, nur der Greis selbst und sein Sohn standen noch aufrecht, aber auch sie bebten am ganzen Leibe, und mit weitgeöffneten Augen schauten sie auf den jungen Deutschen, der nun den Raubvogel und den noch von den Fängen umkrallten Fisch herbeibrachte.
Sofort warfen nun auch die beiden Häuptlinge sich vor ihm nieder, die Hände gegen ihn hebend — Worte ausstoßend, die feierlich klangen wie ein Gebet —
»Sie halten uns für Götter!«, meinte Georg Wedekind leise, und er wendete sich den anderen zu, einen Finger mit bittender Gebärde an den Mund legend. Es wäre ihm furchtbar gewesen, hätte jetzt eins gelacht.
Wie durften diese armen Menschen in den heiligsten Gefühlen beleidigt werden!
Doch sowohl Antonio Almeida als auch Manuel García verhielten sich stumm. Ihnen war wohl dieser Schrecken Wilder vor den Feuerwaffen schon bekannt, sie hatten vielleicht bereits mehrfach ähnliche Szenen erlebt, wenn sie mit Stämmen zusammengetroffen waren, die Feuerwaffen noch nicht gesehen hatten, und die Künstlerin dachte nicht daran, zu lachen. Sie verstand doch ebenfalls sofort, um was es sich handelte.
Die beiden jungen Deutschen aber beugten sich nieder. Jeder von ihnen hob einen der Häuptlinge auf, sie zeigten ihnen die Einrichtung der Gewehre, deuteten auf die Patronen — aber sie wurden natürlich nicht verstanden.
Die Indios blickten scheu auf die unheimlichen Waffen, wagten indessen nicht, sie in die Hand zu nehmen, und so hingen die Freunde sie wieder über.
Scheu blickten die Häuptlinge auch auf die Gewehre der anderen, aber dann besannen sie sich auf die Pflichten der Gastfreundschaft.
Durch Handbewegungen forderten sie die beiden Freunde auf, die Bahre zu besteigen. Offenbar waren sie noch immer der Meinung, dass diese beiden die Führer der Fremden seien.
Georg und Fritz aber weigerten sich selbstverständlich, fassten den Greis an den Armen und geleiteten ihn selbst zu der Bahre, ihn auf diese niederdrückend.
Dann gab der junge Häuptling einen lauten Befehl.
Sofort erhoben sich alle Indios, auch die Begleiter des Greises, und auf einen weiteren Befehl hin wurde die Bahre wieder aufgehoben, der Zug bewegte sich den Felsen zu, nur dass sich jetzt die Fremden anschlossen.
Auch die Frauen und Mädchen erschienen nun wieder, die bei dem Knall der beiden Schüsse eiligst in die Höhlen gekrochen waren, aber im Gegensatz zu dem jubelnden Lärme beim Empfang war nun alles totenstill.
Offenbar waren die Indios noch fest überzeugt, dass ihre Götter in Person zu ihnen gekommen seien, und die beiden Freunde, die unmittelbar hinter der Bahre einher schritten, hörten, wie Vater und Sohn sich flüsternd und eifrig miteinander berieten.
Wahrscheinlich waren sie sich noch nicht einig, wo sie die Gäste unterbringen sollten. Die Freunde wiederum wunderten sich, dass sie noch keinen Priester zu Gesicht bekommen hatten, nicht einmal einen Zauberer oder Medizinmann.
Gab es dergleichen hier nicht?
Es wäre sehr sonderbar gewesen, und sie sollten auch bald erkennen, dass tatsächlich eine solche Person vorhanden war.
Je näher sie der Felswand kamen, desto deutlicher unterschieden sie, dass schmale Treppen zu den einzelnen Höhlen empor führten, dass diese wieder durch Wege miteinander verbunden waren, schmale Felssteige — aber sie konnten noch nicht feststellen, ob die Höhlen und diese Wege von der Natur geschaffen oder von Menschen erzeugt waren.
So viel aber sahen sie: dass die untersten Höhlen nicht bewohnt waren, sondern offenbar nur als eine Art Schuppen und Vorratsräume dienten. Sie waren höher und weiter als die oberen, und die großen Steine, die seitwärts vom Eingange einer jeden lagen, deuteten darauf hin, dass sie auf diese Weise verschlossen werden konnten — man wälzte eben die Steine davor.
Das war natürlich kein genügender Schutz. Den Affenmenschen besonders musste es ein Leichtes sein, die Steine wegzuräumen, aber es war fraglich, ob sie sich wirklich bis hierher wagten, und wenn, ob sie etwas mit den Habseligkeiten anzufangen wussten, die in diesen Höhlen verwahrt wurden.
Jetzt trugen Indios einige umherliegende Gegenstände in eine der Höhlen. Es schienen Netze und andere dem Fischfange dienende Geräte zu sein, die wohl bloß aus dem Wege geräumt werden sollten, wie man das eben tut, wenn unerwartete Gäste eintreffen.
Am Fuß der Felswand stellten die Träger die Bahre nieder, und zwar an einer Stelle, wo das Gestein steil aufstieg. Keine Treppe war hier zu erblicken. Die Stufen vor den Höhlen begannen erst überall in einer bestimmten Höhe und schienen keinen anderen Zweck zu haben, als eine Verbindung mit den schmalen Pfaden herzustellen.
Nun aber machten sich einige der Krieger an dem Gestein zu schaffen, und da zeigte sich, dass eine Tür darin angebracht war, keine Geheimtür, wie man sich eine solche sonst vorstellt — es war keine Feder, kein anderer Mechanismus vorhanden, der sie plötzlich auftat. Nein, diese Tür — oder vielmehr das Tor — war aus dem Gestein geschnitten, aber so sauber, dass keine noch so feine Spalte zu bemerken war, und da allerdings mussten die beiden Freunde wieder an das denken, was sie während ihrer unterirdischen Wasserfahrt gesehen hatten.
Auch die Untertanen der Inkas verstanden einst solche Türen herzustellen, die sich in Zapfen drehten, die ebenfalls gleich aus dem Gestein gemeißelt waren.
Genau so war es hier.
Das schwere Tor bewegte sich ganz leicht, und zwar nach außen, gab den Eingang zu einer geräumigen Höhle frei.
Da war es eigentlich verwunderlich, dass diese Indios nicht auch alle die anderen Höhlen mit solchen Toren verwahrten, aber es mochte schon so sein, wie die beiden vermutet hatten: Hier drohte kein Diebstahl. Das Eigentum der Höhlenbewohner war auch ohne solche Tore sicher.
Anders war es mit dem Zugang zu den Wohnhöhlen. Der musste sorgsam versteckt werden, dass kein Feind ihn zu entdecken vermochte, und das war hier gelungen. Es war sehr fraglich, ob selbst die Spüraugen der beiden Jäger das Tor von dem übrigen Gestein zu unterscheiden vermocht hätten.
Jedenfalls luden die beiden Häuptlinge nun ihre Gäste durch Handbewegungen ein, in die geräumige Höhle zu treten, und da Georg Wedekind und Fritz Hammer die ersten waren, die das taten, so sahen sie bald unmittelbar vor sich mehrere nach oben führende Schächte mit Treppen darin.
Der junge Häuptling gesellte sich zu ihnen, deutete auf eine der Treppen, und sie stiegen die niedrigen Stufen empor.
Da es finster in dem Schachte war, tasteten sie rechts und links an den Wänden, achteten aber nicht darauf, ob die anderen ihnen folgten. Unwillkürlich zählten sie die Stufen und waren bis dreiundsiebzig gekommen, als ihnen wieder Lichtschein entgegenstrahlte.
Noch ein paar Stufen ging es hinauf, dann tauchten sie in einer neuen Höhle auf, die nach dem See zu offen war, denn heller Lichtschein erfüllte sie bis fast in den Hintergrund, und schon während die Freunde noch aus dem Schachte herausstiegen, erkannten sie, dass sie ganz bestimmt in einer Art Schatzkammer der Indios standen.
Das Sonnenlicht selbst konnte nicht eindringen — später erkannten sie als Ursache, dass der Eingang durch einen überhängenden Felsen beschirmt ward — aber doch war in dem Raume von allen Seiten ein Gleißen und Glitzern, ein Blitzen und Funkeln, dass sie für einen Moment die Augen schließen mussten.
Dann jedoch erkannten sie, dass an den Wänden ringsum auf dem Boden ganze Haufen solcher ungeschliffener Edelsteine lagen, wie die, mit denen die goldene Schüssel gefüllt gewesen war —
Und noch ehe sie sich weiter umschauten, gar nicht besonders erregt über den Anblick dieser Schätze, wendeten die beiden Freunde sich zurück.
Jetzt mussten doch auch die beiden Jäger und die Italienerin aus dem Schachte auftauchen!
Sie warteten vergebens. Niemand war ihnen gefolgt außer dem jungen Häuptling, und fragen konnten sie diesen ja, aber verstehen würde er sie nicht.
So fügten sie sich einstweilen, schauten sich um und erkannten, dass diese an sich so armen Indios in gewisser Beziehung doch vielleicht das reichste Volk der Erde waren.
Allein die Edelsteine, die da aufgehäuft lagen, stellten einen Schatz dar, für den man die ganze Erde hätte auskaufen können. Alle Arten waren da vertreten, und obwohl die beiden jungen Leute keine Kenner waren, nicht einmal wussten, wie sie diese blitzenden Dinger alle benennen sollten, wussten sie doch wenigstens, dass die Menschen in der Welt draußen von einem Taumel des Entzückens erfasst werden würden, könnten sie einen Blick hier herein tun.
Und außer diesen Edelsteinen lagen und standen überall goldene Gefäße herum, hauptsächlich solche Schüsseln, wie sie sie schon kannten, dann aber auch Becken, Krüge, Vasen und sonst noch allerhand.
An den Wänden waren goldene Schilde aufgehangen, Waffen aller Art, jede wieder reich mit Gold verziert und mit edlen Steinen besetzt —
Und alle diese Gegenstände waren von Goldarbeitern geschaffen worden!
Das wenigstens erkannten die beiden Freunde ohne Weiteres. Wilde konnten solche künstlerische Verzierungen und Ornamente nicht hervorbringen, wie es ihnen ja überhaupt ganz unmöglich sein mochte, das Edelmetall zu schmelzen und in Formen zu gießen.
»Diese Reichtümer gehören den Indios«, sagte Fritz Hammer leise zu seinem Freunde, »aber sie haben sie irgendwo gefunden, nicht selber erzeugt. Vielleicht lag alles schon in diesen Höhlen, als sie diese zum ersten Male betraten, auf jeden Fall erinnern alle diese Zierrate und Ornamente an die Arbeit des Inkavolkes. In der Höhle der Dorados sahen wir das Gleiche.«
»Das stimmt vollkommen, Fritz«, gab Georg Wedekind zu. »Gott möge nur verhüten, dass die Menschen draußen von diesen Reichtümern etwas erfahren. Dann wäre der Untergang dieser Indios ebenso sicher wie vor Jahrhunderten der jener Unglücklichen, denen damals diese Schätze gehörten.
Ich glaube ganz bestimmt, dass die Ureinwohner des Landes, wenn ich als solche Inkaner annehme, von der Habgier der spanischen Eroberer wenigstens einen Teil ihrer Reichtümer in Sicherheit haben bringen können. Sie haben diesen See gekannt, diese Höhlen —«
»Dann wären diese Indios also Nachkommen der Inkas?«, fragte Fritz. »Nein, Georg, das kann nicht stimmen. Wir beide haben doch Bilder von Inkanern gesehen. Die Gesichter waren ganz, ganz anders!«
»Das meine ich auch. Nein, diese Indios sind keine Nachkommen der Inkaner, aber ihre Erben, und sie wissen nichts mit diesen Reichtümern anzufangen, betrachten sie offenbar nur als Eigentum ihres Gottes oder ihrer Götter, wie das ja in Peru auch der Fall war. Keiner der Untertanen der Inkas besaß auch nur das kleinste Stückchen Gold, alles gehörte dem Kaiser oder wie man ihn nun nennen will, und dieser war ja gleichzeitig die Verkörperung des Sonnengottes, also selber ein Gott.
Aber Du hast recht! Wehe diesen armen Menschen, wenn bekannt wird, was für Reichtümer sie besitzen! Nicht einmal die beiden Begleiter der Italienerin dürfen davon erfahren. Es ist gut, dass wir allein hierher geführt worden sind, und wir — das brauche ich Dich gar nicht erst zu fragen — wir werden über diese Schatzhöhle hier ebenso schweigen wie über die, welche wir schon kennen!«
»Selbstverständlich, Georg!«, erwiderte Fritz Hammer, dem Freunde gleich die rechte Hand hinstreckend. »Es ist ein Glück, dass wir die Habsucht nicht kennen, dass weder Goldschätze noch die Edelsteine uns locken. Aber wir müssen verhüten, dass die anderen hierher kommen.«
»Wenn ich nur wüsste, wie wir das anfangen sollten!«, versetzte Georg Wedekind. »Wenn sie getrennt von uns untergebracht werden, so werden sie uns doch bald einmal besuchen wollen, und dann —«
»Das darf nicht sein! Keiner darf diese Höhle betreten!«, rief Fritz, ganz außer sich geratend bei dem bloßen Gedanken an eine solche Möglichkeit.
»Wenn wir nur dem jungen Häuptling das Nötige sagen könnten!«, fügte Georg hinzu.
Sie wendeten sich nun erst wieder dem Indio zu, der dicht neben dem Ende der Treppe stehen geblieben war, sie aber ständig mit den Blicken verfolgt hatte, und nun sahen sie auf seinem bronzefarbenen Gesicht den gleichen Ausdruck, den sie bei ihresgleichen kannten, wenn sie ein Gotteshaus betreten, wenigstens bei denen, die mit dem Herzen dabei sind und wirklich noch an ein höchstes Wesen glauben.
Der junge Mann war ganz Ehrfurcht und bewies dadurch deutlich, dass er die beiden Fremden, denen er sein Leben verdankte, die über Donner und Blitz geboten, in das Heiligtum seines Volkes geführt hatte.
Ehe sie ihn aber fragen konnten, in der Hoffnung vielleicht doch noch etwas von ihm zu erfahren, wurden sie durch ein Geräusch in ihrem Rücken veranlasst, sich umzudrehen.
Und unwillkürlich griffen sie bei dem Anblick, den sie hatten, sofort nach ihren Gewehren.
Aus dem Hintergrunde der Höhle kam ein Etwas hervor, von dem sie für den ersten Augenblick gar nicht gleich sagen konnten, ob es ein Mensch war oder ein Tier — aufrecht ging es auf alle Fälle, aber in einem so seltsam watschelnden Gange, dass beide gleichzeitig an einen Bären denken mussten, der sich auf den Hinterpranken aufgerichtet hatte.
Dabei sahen sie aber doch, dass es sich um keinen Bären handelte, denn der hatte keine Hörner auf dem Kopfe, der hatte auch keinen solchen ganz eigenartigen Kopf mit einer Art Krokodilrachen vorn — auch von einem haarigen Pelze war nichts zu sehen, wohl aber erinnerten die Töne, die dieses Geschöpf ausstieß, wieder an das Brummen eines Bären.
»Das wird wohl Seine Heiligkeit der Medizinmann sein!«, sagte Georg Wedekind, mühsam ein Lachen unterdrückend.
Er blickte nach dem jungen Häuptling zurück, und da wusste er, dass er das Richtige getroffen hatte oder wenigstens nicht weit davon entfernt war.
Der Indio hatte sich zu Boden geworfen, das Gesicht auf diesen pressend, beide Arme weit vorgestreckt, wie eben ein Mensch, der sich dem Heiligsten gegenübersteht, es wohl tut, namentlich wenn er noch auf einer so niederen Kulturstufe steht, wie dies ja hier der Fall war.
»Der Kerl gefällt mir!«, gab Fritz Hammer zurück. »Ich denke, wir beweisen ihm aber von vornherein, dass wir ihm überlegen, sozusagen Obergötzen sind, indem wir einen Schuss abfeuern!«
Er schickte sich bereits an, sein Gewehr loszudrücken, da fiel der Freund ihm in den Arm.
»Fritz, bist Du von Sinnen?«, rief er dabei. »Bedenke doch, dass ein Schuss vielleicht, nein, sicher sofort die beiden anderen herbeilocken würde! Sie müssen ja annehmen, dass uns eine Gefahr droht! Und sie dürfen doch nicht hierher! Darüber sind wir uns vollkommen einig!«
»Du hast wieder einmal recht, Georg!«, gab Fritz Hammer kleinlaut zu, das Gewehr sinken lassend. »Aber was machen wir nun?«
Georg antwortete nicht, doch er zeigte, was er plante, indem er sich furchtlos dem unheimlichen Wesen näherte.
»Ruhe da!«, donnerte er es an, so gut es ihm möglich war, dabei gebieterisch die rechte Hand vorstreckend. »Nieder! Kusch Dich!«
In der Tat blieb das seltsame Geschöpf stehen, auch das Brummen hörte auf, aber es duckte sich nicht, wie ihm geheißen worden war — wahrscheinlich hatte es keine Ahnung, dass das von ihm verlangt wurde.
Die beiden Freunde traten ihm näher, bis sie unmittelbar vor ihm standen. Sie konnten, da es im Hintergrunde der Höhle doch etwas duster war, nicht genau sehen, aber so viel erkannten sie doch, dass sie wirklich eine Art Medizinmann vor sich hatten.
Diese Art Priester, wie sie bei den nordamerikanischen Indianern vorkommen, sind ja aus allerlei Erzählungen bekannt, ebenso, dass sie sich, um sich ein geheimnisvolles Aussehen zu geben, mit allerlei Bälgen von Tieren und anderen merkwürdigen Gegenständen behängen, das Gesicht unter einem Tierbalge verbergen oder gleich den ganzen Kopf in den Schädel eines Tieres stecken.
Ähnlich war auch dieser Priester hier verfahren, aber die beiden Freunde konnten nicht klug daraus werden, was für einem Tiere der mächtige Schädel angehörte, den der Kerl auf dem Kopfe trug.
Es sah fast aus wie ein Krokodilschädel. Damit aber stimmte nicht die Größe, die Zahl und die Schärfe der Zähne überein. In dem aufgesperrten Rachen saß ein geradezu furchtbares Gebiss. Die scharfen und spitzen Zähne waren sicher fünf bis sechs Zentimeter lang und starrten wie kleine weiße Dolche aus den bloßliegenden Knochen.
Ebenso waren die Augen ganz anders, als die Freunde es bei Krokodilen gesehen hatten. Sie dachten beide unwillkürlich gleich an das deutsche Märchen, in dem Hunde vorkommen, deren Augen so groß wie Suppenteller waren.
Nun, ganz so groß waren die hier ja nicht, aber eben doch sehr groß — und Augen selbst waren ja auch nicht mehr vorhanden, die natürlichen nicht, dafür aber waren künstliche in die Höhlen gesetzt, blutrot funkelnde Edelsteine, die wegen ihrer Größe allein schon Hunderttausende wert sein mussten.
Der Körper dieses Medizinmannes aber war in eine Art Panzer gehüllt, und kaum hatten die beiden Freunde einen Blick darauf geworfen, da rief Georg:
»Mensch, Fritz, das ist die gleiche Panzerhaut, wie wir ein Stück im See auffischten!«
Auch Fritz hatte das schon erkannt, zur selben Zeit wie sein Freund, aber eigentlich interessierte ihn das nicht besonders. Was für Tiere das waren, würde er schon noch erfahren. Jetzt wollte er erst einmal feststellen, was für ein Wesen in dieser Haut stak.
»Ob wir ihn packen dürfen?«, fragte er seinen Gefährten.
Der nickte. »Allemal, Fritz!«
»Nun, so klar ist mir das doch nicht«, meinte dieser. »Sieh zurück nach dem jungen Häuptling, und Du wirst erkennen, dass er die höchste Ehrfurcht vor diesem Wesen empfindet, dass es also entweder ein Priester oder gar ein Gott in höchsteigener Person ist. Wenn wir uns an diesem Wesen vergreifen, so kann das sehr übel aufgenommen werden, wir können uns den ganzen Stamm zum Feinde machen —«
»Wäre das so schlimm?«, fragte Georg Wedekind. »Unsere Waffen —«
Doch Fritz schaute ihn so eigenartig an, dass er errötete.
»Du hast recht! Es handelt sich nicht darum, dass wir diesen Menschen überlegen sind, sondern dass sie uns freundlich aufgenommen haben, dass sie uns rückhaltlos vertrauen. Das dürfen wir nicht damit vergelten, dass wir sie in ihrem Heiligsten verletzen, sondern müssen dieses achten, mögen wir darüber auch sonst denken, wie wir wollen.«
»Aber weshalb hat man uns dann gerade in diese Höhle geführt, in welcher dieser Priester oder Gott doch zu hausen scheint?«
Das vermochte auch Fritz natürlich nicht zu sagen.
Sie schauten nun beide wieder auf die wunderliche Erscheinung, die bisher regungslos dagestanden hatte.
Was sollten sie nun mit ihr beginnen? Was wollte sie von ihnen?
Da richtete das sonderbare Wesen sich wieder zu seiner früheren Größe auf. Es wuchs darüber hinaus, wurde größer und größer — die beiden Freunde staunten nicht schlecht, denn schon war es fast doppelt so hoch geworden, wie es anfangs gewesen war.
Ebenso schnell aber sank es wieder in sich zusammen, wie es vorher angewachsen war.
Es war ganz eigenartig, wie das vor sich ging, wie alle Teile der Erscheinung nun ganz winzig wurden, und war vorher das Brummen immer lauter geworden, je größer die Gestalt wurde, so wurde es nun entsprechend schwächer, bis es kaum noch zu vernehmen war.
Und ehe die beiden noch wussten, was sie über alles dies denken sollten, war die Erscheinung auf einmal verschwunden.
Die beiden Freunde schauten einander an. Sie waren vollkommen verblüfft — dann aber rückten sie gleichzeitig in die Ecke vor, von demselben Vorsatz beseelt: das Loch zu finden, durch welches dieses geheimnisvolle Wesen verschwunden sein musste.
Ehe sie aber das Gestein untersuchen konnten, vernahmen sie einen Ruf von der Treppe her, und als sie sich umwendeten, sahen sie, dass der junge Häuptling sich wieder erhoben hatte und nun auf sie zukam.
Sie sahen aber auch, dass sein vorher immer ernstes Gesicht nun vor Freude strahlte. Er lachte sogar, als er vor ihnen stand, gestikulierte lebhaft mit beiden Händen und winkte ihnen dann, ihm wieder zu folgen.
Verwundert gehorchten die beiden, stiegen hinter ihrem Führer wieder die Stufen hinab, aber nicht ganz — an einer bestimmten Stelle machte der Indio Halt, nun zeigte sich, dass auch hier wieder eine solche Türe angebracht war, nur ganz schmal, aber ebenso kunstvoll wie unten das große Tor.
Der Häuptling ließ die beiden an sich vorüber, schloss hinter ihnen die Tür wieder und folgte ihnen in dem Gange, in dem sie sich nun befanden.
Er war nicht lang, mündete schon nach kurzer Zeit in eine andere Höhle, die sie durchschritten, und die, wie die beiden Freunde beobachteten, anscheinend keinen Ausgang hatte, ebenso wenig wie die erste. Das besagte freilich nicht, dass nicht doch einer vorhanden war, eben eine solche geheime Tür, deren Vorhandensein gar nicht zu bemerken war.
In der Tat öffnete der Indio an der einen Wand wieder eine Tür, aber diesmal schritten die beiden Freunde nicht gleich hindurch, blieben vielmehr stehen und deuteten ihrem Begleiter an, dass er ihnen mal klarmachen möchte, wie diese Türen geöffnet würden.
»Wir müssen wissen, wie das gemacht wird«, sagte Georg Wedekind. »Erklärt er uns das Geheimnis nicht, dann ist das gleich ein Beweis dafür, dass man nicht wünscht, dass diese Türen von uns ohne Beisein eines Indios geöffnet werden. Zeigt er uns aber den doch sicher sehr einfachen Mechanismus, so wissen wir auch, dass wir ungehindert durch diese Türen gehen dürfen.«
Der Häuptling verstand bald, was von ihm gewünscht wurde, und die Freunde, die ihn scharf beobachteten, merkten gleich, dass er nicht in die geringste Verlegenheit geriet.
Ohne Weiteres winkte er ihnen, noch einmal in die Höhle zu treten, und nachdem das geschehen war, schloss er die Tür wieder und zeigte ihnen, wie er sie zu öffnen vermochte.
Die Sache war ganz einfach, wie die beiden sogleich erkannten.
Jetzt erst merkten sie, dass die Tür nicht ganz senkrecht stand, der obere Teil lag etwas zurück, und als nun der Indio mit dem einen Fuße gegen die untere Kante drückte, bewegte sich die doch gewiss sehr schwere Steinmasse erst oben nach vorn, löste dadurch anscheinend selbsttätig einen einfachen Verschluss aus und tat sich auf.
Diesen Verschluss aber zeigte der Häuptling den beiden dann an der geöffneten Türe, es war ein sehr leicht beweglicher Zapfen, der durch den Druck des Steins in eine kleine Höhlung geschoben wurde.
»Das Ei des Kolumbus!«, rief Fritz Hammer. »Die Herrschaften, die diese Türen angebracht haben, sind sehr gescheit gewesen. Die Indios waren es auf keinen Fall, denn sie besitzen ja keine eisernen Werkzeuge, sind also gar nicht imstande gewesen, solche Türen aus dem Gestein zu meißeln.«
Er überzeugte sich aber doch noch von der Richtigkeit seiner Annahme, indem er erst auf die Tür deutete, dann auf den jungen Häuptling und dabei eine fragende Miene machte.
Sofort schüttelte der junge Indianer den Kopf zuckte die Schultern.
Das war eine vollkommen klare Antwort, die besagte, dass nicht sein Volk diese Türen angebracht hatte und dass er nicht wusste, von wem sie stammten.
Die beiden Freunde gaben sich damit zufrieden, sie traten in den neuen Gang, blieben aber, nachdem die Tür hinter ihnen geschlossen worden war, erst noch einmal stehen und versuchten, ob sie sie auch von innen öffnen könnten.
Das ging ganz leicht, und so waren sie zufriedengestellt, ahnten jetzt aber noch nicht, welchen Wert diese Kenntnis bald für sie erlangen sollte.
Auch dieser Gang war nur kurz und nicht durch eine Türe verschlossen, sondern mündete in eine Höhle, die besonders geräumig war, und schon ehe die beiden sie betraten, hatten sie gewusst, dass sie dort ihre Gefährten finden würden.
In der Tat sahen die jungen Leute die drei auf Felllagern sitzen, eifrig miteinander sprechend, ohne sich um den alten Häuptling zu kümmern, der etwas abseits von ihnen mit umgeschlagenen Beinen auf dem Boden hockte.
In der Tat sahen die jungen Leute die drei auf Felllagern sitzen.
Nun aber sprang er auf und lief seinem Sohne entgegen, der seinerseits auf ihn zueilte und ihm hastig einen Bericht erstattete, wieder unter allen Zeichen großer Freude, und da hellte sich auch das Gesicht seines Vaters auf.
Die beiden jungen Deutschen sahen, wie er zu ihnen schaute, dann jedoch zog er seinen Sohn mit sich in den Hintergrund der Höhle, wo es fast finster war, und es war nicht ohne Weiteres festzustellen, ob die beiden fortgegangen oder noch anwesend waren.
Georg und Fritz konnten sich nicht weiter um sie kümmern, denn sie waren gleich bei ihrem Eintritt von García angerufen worden.
»Wo haben Sie denn gesteckt, Senhores alemães?«, rief er ihnen zu. »Kommen Sie zu uns, setzen Sie sich hierher — wir haben eben ein wichtiges Palaver!«
Und die beiden ließen sich jeder auf einem der genügend vorhandenen Fellhaufen nieder und erwiderten auf die Frage zunächst nichts, schauten einander aber flüchtig und doch vielsagend an.
»Nun?«, rief Manuel García wieder. »Welche Entdeckungsfahrt haben Sie denn gemacht?«
Da erwiderte Fritz Hammer unter leichtem Achselzucken:
»Eine Entdeckungsfahrt können wir es eigentlich nicht nennen, wir sind eben nur auf einem anderen Wege hierher geführt worden.«
»Das finde ich aber sehr merkwürdig«, entgegnete der Jäger. »Warum hat man Sie von uns getrennt? Und Sie waren ziemlich lange weg — —«
»Wir haben wirklich nicht darauf geachtet«, versetzte nun Georg Wedekind.
»Es tut doch auch gar nichts zur Sache«, schaltete hier die Italienerin ein. »Wir sind wieder vereinigt, und nun möchte ich den beiden jungen Herren erst einmal meinen Dank abstatten —«
Die beiden wehrten ab, und die Ravelli war klug genug, kein Wort weiter über diesen Punkt zu sprechen, sie ging gleich auf ein anderes Gebiet über. Die beiden Freunde merkten, dass die drei darüber schon miteinander gesprochen haben mussten, aber das, was sie nun zu hören bekamen, teilweise auch nur errieten, war ihnen doch sehr überraschend.
»Gestatten Sie uns eine Frage, Señores?«, hob die Künstlerin wieder an.
»Bitte!«, erwiderten beide.
»Uns interessiert sehr zu wissen, wie Sie hierher gekommen sind! Wir wollen natürlich nicht neugierig erscheinen, durchaus nicht — aber Sie werden verstehen, dass wir uns wundern. Wir glaubten nicht, noch andere Menschen hier vorzufinden.«
»Und warum nicht?«, fragte Georg.
Die Italienerin schaute ihre beiden Gefährten flüchtig an, die ihr zunickten, und dann sagte sie:
»Weil wir selbst nur unter den größten Schwierigkeiten hergelangten.«
»Würden Sie uns davon etwas erzählen, Signorina?«
Wieder tauschten die drei einen Blick, aber da die Ravelli ohne Weiteres auf diese Frage einging, konnten die beiden eben erraten, dass die drei schon diese Möglichkeit vorausgesehen hatten.
»Wir sind von draußen hereingekommen«, sagte sie.
Unwillkürlich mussten die beiden über diese Antwort lachen, und Fritz Hammer rief:
»Das war allerdings vorauszusehen!«
Die Italienerin errötete etwas, fasste sich jedoch schnell.
»Ich meinte, wir haben den Felsenwall, der dieses abgeschiedene Gebiet nach allen Seiten abschließt, erstiegen, nachdem wir lange vergebens nach einer Möglichkeit dazu gesucht hatten, und da es nur eine solche gibt, so können wir nicht anders annehmen, als dass auch Sie auf dem gleichen Wege gekommen sind. Dann aber hätten Sie uns schon früher treffen müssen, wenigstens die beiden Herren hier —«
Da hatten die beiden Freunde etwas ganz Neues gehört. Sie hatten doch keine Ahnung davon gehabt, dass das Gebiet auf allen Seiten durch einen unersteiglichen Felsenwall umgeben war, und wenn es nur einen Aufstieg gab, dann allerdings war die Frage, die an sie gerichtet worden war, erklärlich.
Was sollten sie nun antworten? Sie durften doch nichts von dem »Delfin« und ihrer Unterwasserfahrt verraten, das hatten sie gelobt.
Besprechen konnten sie sich jedoch auch nicht miteinander, das wäre nicht nur unhöflich gewesen, sondern hätte auch Verdacht erregen können.
Doch Georg Wedekind fand einen Ausweg und ahnte nicht, wie klug er gehandelt hatte, indem er nun seinerseits sagte:
»Ich muss um Verzeihung bitten, Signorina, wenn ich erst noch eine Frage an Sie habe. Wenn man ein solches Gebiet betritt, in welches anscheinend noch nie Europäer gekommen sind, so muss man einen Zweck dabei haben, und sicher ist das bei Ihnen der Fall gewesen. Ich schließe das schon aus dem Umstande, dass Sie selbst sich an diesem Unternehmen beteiligen. Es ist etwas sehr Auffallendes, dass eine Dame sich in die Wildnis wagt. Sie selbst haben ja erfahren müssen, mit welchen Gefahren das verbunden ist. Darf ich Sie also in aller Bescheidenheit fragen, was Sie hier zu finden erwarteten?«
Er beobachtete scharf und doch ganz unauffällig die Gesichter der drei, konnte aber nicht bemerken, dass sie durch seine Frage in Verlegenheit gesetzt wurden.
Die Italienerin antwortete vielmehr, indem sie nun ihn prüfend anschaute:
»Diese Frage liegt so nahe, dass wir nicht anstehen, sie zu beantworten, allerdings in einer Weise, die auch nichts verrät, falls Sie aus einem anderen Grunde als wir hier sein sollten.«
»Wenn ein Geheimnis dabei ist, wollen wir natürlich —«, versetzte Georg.
»Sie sind sehr freundlich«, unterbrach ihn die Ravelli. »Doch lassen Sie mich zu Ende sprechen, bitte!«
Georg verneigte sich, und sie fuhr fort:
»Wir sind hier im Auftrage eines Dritten, um etwas für ihn zu suchen. Und dieser Dritte wusste von dem Vorhandensein dieses Gebietes, schickte Sie hierher?«
»Ja, und nein.«
Georg lächelte.
»Das bedeutet also, dass er Ihnen die Gegend angab, vielleicht aber selbst nicht wusste, wie diese beschaffen war und was Sie hier finden würden?«
»Nehmen wir an, es sei so gewesen.«
»Nun, dann will ich Ihnen offen gestehen, dass das Gleiche auch bei uns der Fall gewesen ist«, gab Georg nunmehr zu, seinen Freund unbemerkt dabei anstoßend.
Da allerdings gewahrte er, dass es in den Augen der drei aufblitzte, als hätten sie nun etwas erfahren, was sie schon zu hören erwartet hatten, und jetzt rief Manuel García:
»Habe ich es nicht gesagt? Mister —«
Er konnte nicht weitersprechen, denn Antonio Almeida, der bisher stumm geblieben war, hob mahnend die rechte Hand.
»Keine Namen!«, rief er auch noch warnend. »Wenn unsere jungen Freunde von demselben Zwecke hierher geführt worden sind wie wir, dann wissen sie doch selbst Bescheid. Nur eine Frage, meine Herren! Hat man Ihnen angedeutet, dass Sie uns hier finden würden?«
»Nein«, erwiderte diesmal Fritz Hammer.
»Dann ist klar, dass meine Annahme die richtige war«, bemerkte Antonio Almeida. »Unser Auftraggeber hat ganz sicher gehen wollen und außer uns noch diese beiden jungen Herren ausgeschickt —«
»Aber das entspricht doch gar nicht seiner Art!«, wendete Manuel García ein.
»Ich halte es für richtig, wenn wir volle Klarheit schaffen, indem wir ganz offen aussprechen, was uns hierher führte!«, rief die Italienerin.
Und zu den beiden Freunden gewendet fuhr sie fort:
»Verzeihen Sie uns, wenn wir uns jetzt erst noch einmal miteinander beraten! Der Gegenstand ist so wichtig, dass das unbedingt nötig erscheint!«
Die beiden jungen Deutschen verneigten sich zustimmend, und gleichzeitig erhoben sie sich, obwohl auch die anderen sich dazu anschickten.
»Wir werden, wenn es Ihnen recht ist, erst einmal an den See hinabsteigen«, sagte Georg Wedekind.
Er hatte gesehen, dass Manuel García seinen Gefährten zublinzelte.
Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden, und so stiegen sie die Treppe hinunter, die sie seitwärts gewahrten, verschwanden aus der Höhle und blieben, nachdem sie aus Sicht der Zurückbleibenden gekommen waren, stehen.
Es geschah ganz, wie sie vermutet hatten.
Alsbald hörten sie oben Schritte. Man wollte sich also überzeugen, ob sie sich wirklich entfernt hatten, und da freilich gingen sie weiter, nun lauter auftretend, als nötig gewesen wäre.
Sie stiegen auch wirklich die Treppe ganz hinab, kamen wieder in die große, zu ebener Erde gelegene Höhle, deren Tor jetzt aber offen stand, traten hinaus und begaben sich ein Stück den Strand hinab.
Als sie sich dort umwendeten und nach der Höhe zurückblickten, gewahrten sie oben an einem der Löcher die Gestalten der drei, die ihnen auch noch zuwinkten, sich aber doch also überzeugt hatten, dass sie wirklich allein gelassen worden waren.
Die beiden winkten lächelnd zurück, aber sie hatten ganz eigenartige Gedanken, und da sie ja von niemand belauscht werden konnten, so durften sie auch aussprechen, was sie dachten.
Vorerst aber schauten sie sich doch einmal um und wunderten sich etwas, weil sie nirgends einen der Eingeborenen sahen.
Nicht nur war der Strand ganz verlassen, sondern auch an den zahlreichen Höhleneingängen gewahrten sie keinen Menschen, nicht einmal Frauen oder Mädchen, und da kam ihnen auch gleich noch ein anderer Gedanke.
Georg Wedekind sprach ihn aus.
»Fritz«, sagte er, »ist Dir nicht aufgefallen, dass wir hier überhaupt noch keine Kinder zu Gesicht bekommen haben?«
»Allerdings« gab dieser zu. »Freilich erst jetzt komme ich darauf. Es ist wirklich ganz sonderbar, denn sonst sind doch Kinder immer am neugierigsten, wenn Fremde kommen, und hier müsste es erst recht der Fall sein, denn außer den Affenmenschen haben sie doch gewiss noch keinen anderen Menschen gesehen als ihresgleichen.«
»Ja, das ist ganz merkwürdig, Fritz. Wir können nur annehmen, dass sie die Kinder an einem anderen Orte untergebracht haben.«
»Und daraus wieder müssen wir schließen«, ergänzte Fritz, »dass sie diese Kinder entweder sehr hoch schätzen oder dass sie sie hier nicht für sicher halten.«
»Dass sie also doch Angriffe vonseiten der Affenmenschen fürchten«, ergänzte nun Georg.
So musste es sein, aber sie zerbrachen sich nicht weiter den Kopf darüber, andere Erwägungen lagen ihnen näher. »Und die dort oben?«, fragte Fritz Hammer. »Sie beraten jetzt, wie weit sie uns ihr Geheimnis verraten dürfen. Hast Du eine Ahnung, was sie hier suchen können? Wer sie geschickt hat? Ein Mann ist es, und sicher ein Engländer —«
»Oder ein Amerikaner, denn auch die heißen Mister«, bemerkte Georg.
»Es wird wahrscheinlich ein Amerikaner sein«, meinte Fritz. »Das ist aber gleichgültig. Jedenfalls sind sie geschickt worden, man hat ihnen die geografische Ortsbestimmung gegeben, und sie haben sich auch hergefunden, ohne freilich zu ahnen, welche Gefahren hier auf sie warteten. Ohne unsere Ankunft hätten sie ganz sicher die Italienerin nicht so rasch befreit, wie es nun geglückt ist, sie haben aber auch nicht im Geringsten geahnt, dass sie uns hier finden würden, und da es der Fall war, so können sie nur annehmen, dass jener Mister auch uns hierher geschickt hat, ohne ihr Vorwissen, und dass wir hier dasselbe suchen sollen wie sie.
Was aber ist das?«
Ja, da war alles Raten umsonst. Sie konnten sich nicht denken, was die drei auf diesem abgelegenen Fleckchen Erde suchten.
»Von den Indios können sie nichts gewusst haben«, meinte Georg endlich.
»Du dachtest, dass sie vielleicht nach den Schätzen suchen?«, erwiderte Fritz. »Das glaube ich nicht, denn sonst wären sie nicht so überrascht gewesen, als sie die goldene Schüssel voll Edelsteine sahen.
Übrigens, hast Du diese Schüssel noch bei ihnen gewahrt?«
Georg schüttelte den Kopf.
»Ich habe mich gar nicht danach umgesehen.«
»Ich auch nicht, aber wir würden sie erblickt haben, wäre sie noch vorhanden gewesen. Sicher haben sie schon alles unter sich geteilt, und obwohl es ausreichen muss, um sie alle reich zu machen, hat es vielleicht doch nur ihre Habgier gereizt, sie werden nach mehr verlangen, und wir müssen unbedingt eine Möglichkeit finden, die beiden Häuptlinge zu warnen.«
»Ja, das ist dringend nötig!«, gab der andere zu. »Aber deswegen sind sie nicht hier, da gebe ich Dir recht. Sie suchen etwas ganz anderes, und sie denken bestimmt, dass das auch bei uns der Fall ist. Sie werden uns also so bald wie möglich wieder ausfragen. Was sollen wir dann sagen?«
»Gar nichts!«, rief Fritz lachend. »Wir hüllen uns gleich ihnen in den Schleier des Geheimnisses, geben vor, wir dürften nicht reden!«
»Aber sie haben uns doch schon berichtet, wie sie hierher gekommen sind!«, wendete Georg ein.
»Das bedingt noch lange nicht, dass auch wir unser Geheimnis verraten!«, erwiderte Fritz.
»Aber hast Du denn den Eindruck gewonnen, dass diese drei böse Absichten haben, dass sie einen verbrecherischen Zweck hier verfolgen oder wenigstens etwas erstreben, was vor den Augen der übrigen Menschen verborgen bleiben muss? Sie sehen doch ganz harmlos und anständig aus!«
»Das gebe ich ohne Weiteres zu. Namentlich die Signorina macht auf mich einen guten Eindruck«, bekannte Fritz. »Jedenfalls haben sie aber Ursache, den Zweck ihres Hierseins geheim zu halten, und werden ihn nur bekennen, wenn auch wir reden. Aber wir sind hierher gekommen, ohne dass wir wissen, weshalb, und deswegen wäre es, meines Erachtens, das Beste, wir könnten uns mit dem geheimnisvollen Manne in Verbindung setzen, der uns hierher geschickt hat.«
»Freilich! Aber wie das anfangen?«
»Wir müssten erst einmal wieder an jenen Platz fahren, wo wir landeten!«
»Und dort?«
»Dort wird sich das Weitere schon finden.«
Ja, so war es.
Die beiden wussten wirklich nicht, was sie tun, wie sie sich verhalten sollten, und so schlenderten sie an den See hinab, beobachteten das Treiben der Fische darin und dachten über das merkwürdige Abenteuer nach, das ihnen so unverhofft beschert worden war.
Aber mit dem leichtem Sinne der Jugend machten sie sich nicht die geringsten Sorgen, es war ihnen vielmehr gerade so recht, dass sie nicht in die Zukunft schauen konnten, und nun wurde ihre Aufmerksamkeit auch alsbald auf anderes gelenkt.
In den Höhleneingängen zeigten sich vereinzelt Indios, die anscheinend nach ihnen ausspähten, und auf einmal erklang ein langgezogener, trompetenähnlicher Ton, der nur von einem sogenannten Muschelhorn herrühren konnte.
Er wurde von anderer Seite erwidert, und alsbald kamen aus der großen Höhle eine Menge Frauen und Mädchen hervor, jede einen flachen Korb auf dem Haupte tragend.
Was darin war, konnten die Freunde noch nicht sehen, aber sie gewahrten nun wenigstens, was ihnen vorher gar nicht so zum Bewusstsein gekommen war: dass diese Indianerinnen samt und sonders schlank und hübsch gewachsen waren. Das ließ sich ohne Weiteres beurteilen, da sie außer einem rockähnlichen Tuche, das von den Hüften bis an die Knie herabfiel, nicht bekleidet waren.
Die beiden Freunde hatten lange genug im Süden gelebt, dass sie nichts Besonderes dabei fanden, denn auch in den Städten noch liefen eingeborene Weiber genug herum, die nicht mehr bekleidet waren.
Sie achteten also darauf so gut wie gar nicht, freuten sich aber doch beim Anblick dieser schönen Gestalten und bemerkten weiter, dass diese Weiber das lange, schwarze Haar frei auf den Rücken hängen ließen, keine Blume als Schmuck darin trugen, aber die Haut nicht durch die sonst bei Wilden üblichen Tätowierungen entstellt hatten. Diese Haut war bronzefarben und schien recht zart zu sein.
Auch die Füße waren nackt, und je näher diese Trägerinnen den beiden Freunden kamen, desto deutlicher sahen diese, dass die Füße klein und wohlgestaltet waren.
»Hoffentlich bringen sie uns etwas zu essen!«, meinte Fritz. »Ich spüre schon lange Hunger.«
»Und mir geht es nicht anders«, bekannte Georg.
Ihre Augen leuchteten daher auf, als sie sahen, dass die Indianerinnen wirklich Lebensmittel brachten.
Sie begaben sich zu einer Stelle des Strandes, wo der Sand festgestampft oder nur festgetreten zu sein schien, und dort setzten sie nacheinander die Körbe in einem großen Kreise nieder, etwa so, als sollte zu jedem ein Esser gehören.
Die beiden Freunde warteten aber, was weiter geschehen würde, und vertrieben sich die Zeit einstweilen damit, dass sie die Indianerinnen zählten.
Es waren insgesamt sechzig, und sicher war keine von ihnen älter als dreißig Jahre, die jüngsten schienen eben erst zu Jungfrauen gereift zu sein.
»Es ist doch sehr schade, dass wir uns mit diesen Menschen nur durch Gesten und Zeichen verständigen können«, hob Fritz Hammer an. »Sie könnten uns sicher viel Interessantes erzählen —
Übrigens«, unterbrach er sich, »kommen da unsere Freunde. Sie scheinen gesehen zu haben, dass es hier zu essen geben soll!«
In der Tat kamen die drei aus der großen Höhle heraus und gingen auf sie zu.
Die Indianerinnen kümmerten sich nicht um sie, wie sie sich vorher nicht um die beiden Freunde gekümmert hatten, aber als nun das Muschelhorn abermals erscholl, da verschwanden sie rasch. Jede aber hatte den von ihr getragenen Korb niedergestellt.
»Sechzig Körbe und fünf Menschen? Das kann doch nicht stimmen!«, sagte Georg Wedekind lachend zu seinem Freunde. »Da käme auf jeden ein Dutzend, und wie ich sehe, würde einer wirklich genügen.«
Er sollte sich nicht weiter den Kopf zerbrechen, denn schon kamen aus der großen Höhle wieder Indios heraus, diesmal Männer, auch sie zum größeren Teile nackt, ebenso wenig bemalt wie vorher die Weiber, gleich ihnen das schwarze Haar frei herabhängend, und ebenso wenig wie vorhin die Speisenträgerinnen hatten jetzt diese Männer irgendwelchen Schmuck im Haar. Sie führten auch keine Waffen bei sich.
Das war merkwürdig, denn bei allen Naturvölkern findet man den Trieb, sich zu schmücken; sogar die ernsten Indianer Nordamerikas tragen ja Federkronen und verzieren ihre Lederkleidung mit Perlen und gefärbten Stacheln des Stachelschweines.
Doch die beiden Freunde kümmerten sich nicht darum, sie hatten Hunger, und deshalb machten sie große Augen, als jetzt diese Männer im Kreise um die aufgestellten Körbe zu marschieren begannen.
»Na, so setzt Euch doch!«, murmelte Fritz Hammer.
Da aber stutzte er auch schon. Er hatte gemerkt, dass es wieder gerade sechzig Männer waren!
Und jeder ergriff nun einen der Körbe, hob ihn auf sein Haupt und stand dann regungslos da.
»Ja, was soll denn das eigentlich heißen?«, fragte Georg.
Die Indios schienen auf ein neues Zeichen zu warten.
Diesmal dauerte es lange, ehe das Muschelhorn wieder dröhnte. Da aber wendeten sich alle die Indios, die bisher im Kreise gestanden hatten, gleichzeitig um, ordneten sich in drei Reihen hintereinander, warfen sich auf die Knie nieder und reckten die Körbe nach der Felswand hin empor.
»Das wird langweilig!«, brummte Fritz. »Wozu machen sie denn nur diesen — Ah, Georg! Guck doch nur! Unser Bekannter! Der Gott, oder was er sonst sein mag —!«
In der Tat stand dort oben am Eingange einer Höhle die seltsame Gestalt, welche die beiden Freunde schon kannten, noch genau so aussehend wie da, jetzt aber nicht so deutlich zu erkennen, da doch die Entfernung größer war. Immerhin konnten auch die anderen drei den seltsamen Kopfschmuck bemerken.
»Es scheint der Medizinmann zu sein!«, flüsterte Manuel García seinen Gefährten zu.
Die Gestalt führte eine Art Tanz dort oben auf, hob dabei die Hände, in denen sie Stäbe zu halten schien. Es schien auch, als stimme sie eine Art Gesang an, aber nur vereinzelte Töne drangen bis zu den Zuschauern.
Die knienden Indios verhielten sich ganz regungslos, hatten den Kopf tief geneigt und hielten nur die Körbe mit den Speisen vor.
»Auf was warten sie denn nur?«, fragte die Italienerin.
Da gellte ein Schrei von der Höhe herab, noch einer und noch einer —
Im gleichen Augenblick sprangen alle die Knienden auf, schrien ebenfalls, als seien sie allesamt plötzlich übergeschnappt, rannten nach dem See hinab und warfen auf einmal, also gleichzeitig — die Körbe mitsamt dem Inhalt in das Wasser.
Kaum jedoch hatten sie das getan, so warfen sie sich schon wieder zu Boden, diesmal nicht bloß auf die Knie, sondern gleich der Länge nach, und so blieben sie liegen, bis auch der letzte Korb versunken war.
Nichts hatte sich in dem Wasser geregt. Fische allerdings schnappten in Menge nach den Speisen, aber sonst —
Doch da kam es.
Ganz urplötzlich wallte das Wasser an einer ziemlich entfernten Stelle gewaltig auf.
Fritz und Georg guckten einander an. Sie hatten Ähnliches schon erlebt. Jetzt musste wieder eins der ungeheuren, unbekannten Tiere zum Vorschein kommen —
Aber nur ein schwarzes Etwas tauchte auf und verschwand sogleich wieder.
Dann beruhigte sich das Wasser, die letzten Wellchen verebbten am Strand, und nun sprangen die Indios zum zweiten Male auf, jetzt aber wie rasend vor Freude, sie tanzten, schrien und sprangen, und von dem Felsen her kamen andere gerannt, Weiber darunter, und alle schrien schon von Weitem und schwenkten die Arme in der Luft, bis sie alle am Seeufer standen und tanzten und sprangen.
Was das zu bedeuten hatte, war wohl zu erraten, aber doch nicht ganz klar. Es schien sich um Opfer zu handeln, die man einem im Wasser hausenden Geiste brachte, und er schien sie gnädig aufgenommen zu haben, daher die Freude —
»Schade um die Nahrungsmittel!«, sagte Georg unmutig.
Und wieder kam eine Überraschung.
Aus einer zu ebener Erde befindlichen Höhle kamen die beiden Häuptlinge hervor, zwischen sich zwei junge Indios führend, und diese waren wirklich festlich geschmückt, schienen ganz mit großen, schönen, roten Blumen überdeckt zu sein.
Langsam kamen sie heran.
Die übrigen Indios wichen zur Seite, bildeten einen großen Halbkreis, der nach dem Felsen zu offen war, und verharrten lautlos.
Vor ihnen standen die Weißen, die nicht wussten, was nun wieder geschehen würde, aber die Häuptlinge kamen näher und näher, und da blitzte es in der Sonne, sie hielten anscheinend goldene Ketten in der Hand, jeder eine, und an diese Ketten waren die beiden blumengeschmückten Menschen gefesselt, die von ihnen geführt wurden.
Ja, so war es wirklich!
Und diese beiden Gefangenen waren offenbar junge Mädchen des Stammes, wohl sogar die schönsten, nach den Gesichtern zu schließen, aber sie schienen nicht bange zu sein, obwohl sie doch gefesselt waren — sie hielten die Hände auf dem Rücken —
Nein, auch zwischen den Füßen war eine Kette angebracht, von einem Knöchel zum andern zog sich eine ebenfalls goldene Kette, und diese war beiderseits an breiten, goldenen Ringen befestigt.
Es war ein Zufall, dass die beiden jungen Deutschen etwas vor den drei anderen standen, aber es war doch alsbald klar, dass die beiden Häuptlinge gerade auf sie zukamen, und als sie vor ihnen waren, knieten die beiden blumengeschmückten Mädchen vor ihnen nieder, beugten sich tief und machten Miene, das Gesicht auf die Füße der beiden zu drücken.
Erschrocken fast wichen sie zurück.
»Was soll denn das nun wieder?«, rief Fritz Hammer.
Da traten die beiden Häuptlinge noch einen Schritt weiter vor, jeder deutete auf eins der Mädchen, und die Bewegung, die sie dabei machten, war ganz verständlich.
»Sie ist Dein!«, besagte sie.
Die Italienerin verstand es zuerst; aber auch die beiden Jäger schienen gleich zu wissen, was hier gemeint war. Vielleicht hatten sie Ähnliches schon erlebt.
»Na, da greifen Sie doch zu, meine Herren!«, rief Manuel García. »Die Häuptlinge bringen Ihnen als Geschenk die schönsten Mädchen des Stammes.«
»Und was sollen wir mit ihnen anfangen?«, erwiderte Georg Wedekind. »Wie kommen wir dazu?«
Das war nun freilich eine Frage, die zu verfänglichen Antworten geradezu herausforderte, aber wenn die beiden Jäger eine solche zu geben beabsichtigten, so konnten sie nichts sagen. Die Ravelli kam ihnen zuvor.
»Man scheint Sie für die Rettung des jungen Häuptlings besonders ehren zu wollen«, sagte sie. »Sie dürfen diese Ehrung nicht zurückweisen; es ist wohl ein religiöses Moment dabei. Ich denke mir die Sache so, dass diese beiden Mädchen ursprünglich als Opfer für den Seegeist bestimmt waren, dass dieser sich aber mit den Speisen zufrieden gab; nun dürfen die beiden am Leben bleiben und gehören Ihnen!«
Die beiden kratzten sich unwillkürlich verlegen hinter den Ohren.
Da aber beugten die beiden Häuptlinge vor ihnen die Knie, die Arme über der Brust kreuzend, und dann forderten sie die beiden auf, ihnen zu folgen.
Was sollten sie tun? Sie schauten einander an, und als die Italienerin rief, sie möchten nur mitgehen, folgten sie diesem Rate, schritten wieder dem Felsen zu, diesmal einer anderen Höhle.
Die beiden Mädchen und die Häuptlinge traten seitwärts, die Freunde gingen an ihnen vorüber, und dann merkten sie, dass nur die Mädchen ihnen folgten.
Draußen aber erhob sich in diesem Augenblicke wieder ein unermesslicher Jubel, es schien, als wüssten die Indios gar nicht, wie sie ihrer Freude Ausdruck verleihen sollten, und ehe die Freunde noch wussten, was nun weiter geschehen würde, stand je eins der Mädchen neben ihnen, fasste sie bei einer Hand und geleitete sie eine Treppe hinauf.
Zugleich jedoch schien die Höhle verschlossen worden zu sein, denn es ward finster darin, die beiden mussten sich mühsam empor tappen, bis sie über sich einen Lichtschein gewahrten und in eine Höhle kamen.
Es war nicht die, in welcher sie schon einmal geweilt hatten, und doch staunten sie auch hier wieder über das, was sie sahen.
Nicht das nackte Felsgestein starrte ihnen entgegen, sondern Wände und Boden der Höhle waren mit bunten Matten belegt, und die beiden sahen auch gleich, dass diese Matten nur aus Federn bestanden.
Tausende und Abertausende von diesen, und zwar die farbenprächtigsten, waren mit großer Kunst zu allerlei Mustern zusammengefügt worden — es war genau dieselbe Arbeit, wie sie einst bei den Inkanern gepflegt worden war —
Aber sie kamen gar nicht dazu, besonders auf diese Matten zu achten, denn sie sahen doch, dass diese Höhle auch sonst anders eingerichtet war als die übrigen. Sie enthielt nicht nur die üblichen Lager aus Fellen, sondern — Möbel!
Um einen niedrigen Tisch standen mehrere Sessel, und alles schien aus purem Golde zu bestehen, gleich den Schüsseln, die auf dem Tische geordnet waren, gleich den beiden Krügen, die dort standen.
»Nun weiß ich wirklich nicht mehr, was ich denken soll!«, rief Georg Wedekind.
»Ach was!«, erwiderte Fritz Hammer. »Denken ist hier Nebensache! Dort steht zu essen und zu trinken, und da weiß ich, was ich tue!«
Er lief über die weichen Federmatten zu dem Tische, setzte sich auf einen der Stühle und guckte in die nächste Schüssel.
»Hier ist Fleisch, gebratenes Fleisch! Und hier ist eine Art Brotkuchen!«, fuhr er fort. »Komme, alter Junge, jetzt wollen wir einmal einhauen!«
Doch Georg kam nicht zu ihm, er war erst einmal an die Öffnung der Höhle getreten, wohl um zu sehen, was nun aus den anderen Weißen geworden war. Er hatte sich schon gewundert, dass er das Geschrei nicht mehr hörte.
Und nun —
»Fritz!«, rief er, und der Klang seiner Stimme bewirkte, dass sein Freund doch noch einmal das Essen im Stiche ließ und zu ihm eilte.
Kaum aber hatte er einen Blick ins Freie geworfen, da staunte auch er derart, dass die Sprache ihm versagte.
Die beiden Freunde schauten abermals in die Tiefe hinab, genau so wie aus der ersten Höhle, aber sie erblickten nicht vor sich den Strand und den See.
Sie schauten in einen tiefen Abgrund, dessen Sohle sie aber gar nicht erblicken konnten. Dämmerung herrschte dort unten, und ein Brausen und Rauschen, das von unten emporschoss, ließ darauf schließen, dass dort unten ein reißendes Gewässer sich seinen Weg suchte.
Jenseits dieses Abgrundes aber erhoben sich abermals Felsen, ebenfalls von zahllosen Höhleneingängen durchlöchert, vor jeder aber ein breiter Felsenweg, und auf allen diesen Wegen liefen Menschen hin und her — nur Männer.
»Das sind aber kleine Kerle!«, stieß Fritz Hammer hervor. »Die sehen von hier aus fast Zwergen ähnlich! Und sie haben auch solche lange weiße Bärte — —«
»Und sie tragen Kleider!«, ergänzte Georg.
Ja, so war es!
Diese emsig durcheinander wimmelnden Männer dort drüben erschienen sehr klein, und sie waren mit einer Art grauen Anzügen bekleidet, die eng an den Körper anlagen. Da sie außerdem lange Bärte hatten und diese bei den meisten weiß oder wenigstens grau waren, so war zu erklären, dass Fritz gleich an Zwerge erinnert worden war, also an jene sagenhaften Geschöpfe, die über die Schätze des Erdinneren geboten, über Gold und Edelgestein, und da lag wieder der Gedanke nahe, dass die Gold- und Edelsteinschätze der Indios von diesen Zwergen stammten.
»Mein Gott, wenn wir doch eins dieser Mädchen fragen könnten!«, rief Fritz Hammer außer sich. »Mir ist noch immer, als träumte ich das alles nur. Zwicke mich doch einmal kräftig in den Arm, Georg! Vielleicht —«
»Auch mir geht es nicht anders!«, erwiderte Wedekind. »Was haben wir nun alles schon erlebt, seit wir jenes schlafende Schiff betraten! Und es kann doch gar nicht Wirklichkeit sein, was wir da sehen. Zwerge gibt es nicht, hat es nicht gegeben!«
»Aber sie sind da, krabbeln vor unseren Augen herum!«, wendete Fritz ein. »Und sie schleppen in den kleinen Körben Gold! Siehst Du es nicht blitzen?«
Ja, Georg hatte es schon bemerkt, aber er konnte nichts erwidern, denn nun wurden sie beide zu gleicher Zeit mit sanfter Gewalt von den beiden Indianerinnen gefasst und zurückgezogen.
Sie schauten einander an und mussten lachen.
»Ach was!«, rief Fritz. »Sie haben recht! Erst wollen wir einmal essen!«
So nahmen sie auf den Stühlen Platz und wollten nunmehr nach den Speisen greifen, aber da kamen ihnen schon schlanke, braune Händchen zuvor, griffen nach dem Kruge, hoben ihn und hielten ihnen den an den Mund.
»Prosit, Georg!«, rief Fritz noch. »Ich glaube wir sind zu Indianerpaschas ernannt worden! Na, meinetwegen!«
Und er ließ sich's gefallen, dass die schöne, braune Maid ihm zu trinken gab, ebenso, dass sie nachher eins der Fleischstücke aus einer Schüssel nahm und es ihm vor den Mund hielt — er brauchte bloß ein Stück abzubeißen, und dann wieder ein Stück von dem Brotkuchen. Sie wurden tatsächlich gefüttert, als könnten sie sich nicht selbst helfen.
Doch das dauerte nur kurze Zeit.
»Nee, mein Kind, das sind wir nicht gewohnt!«, sagte Fritz und nahm seiner Holden das Fleisch und das Brot aus den Händen. »Wir bedienen uns selbst. Setze Dich nur und iss mit! Da, beiß mal!«
Er hielt dem Mädchen nun seinerseits das Fleisch vor den roten Mund, und sofort tat dieser sich unter einem lieblichen Lächeln des bronzefarbenen Gesichts auf, weiße Zähnchen bissen herzhaft in den Braten.
»Na, also!«, rief Fritz lachend. »So gefällt es mir schon besser! Noch vernünftiger aber wäre es, wenn Ihr selber essen wolltet! Hier hast Du ein Stück Braten und ein Stück Fleisch — nun iss!«
Das Mädchen nahm, immer noch lächelnd und die Augen dankerfüllt auf ihn richtend, beides und ließ sich's schmecken, und da verfuhr Georg mit seiner Indianerin ebenso. Sie selber griffen herzhaft zu, immer wieder ein anderes Gericht versuchend, auch den Mädchen davon gebend, tranken dazwischen von dem weinartigen Getränk und ruhten erst, als sie ganz satt waren.
Als sie sich in den — übrigens sehr niedrigen — Stühlen zurücklehnten, sprangen die beiden Indianerinnen sofort auf, schleuderten die herrlichen Blüten aus ihrem Haar, knieten nieder und wollten mit diesem die Hände der beiden säubern, die ja ganz fettig geworden waren.
Das aber litten die beiden nicht, sie zogen ihre allerdings auch nicht mehr sauberen Taschentücher hervor und reinigten sich daran, aber ehe sie noch damit zustande gekommen waren, schraken sie beide plötzlich zusammen.
»Georg!«, flüsterte Fritz. » E r meldet sich wieder!«
»Bei mir auch!«, klang es zurück.
Und da war auch schon ganz deutlich die wunderbare, sonore Stimme vernehmlich, die sie nun schon kannten.
Woher sie kam? Die beiden wussten es nicht, hatten es ja auch früher nicht gewusst, fragten nicht danach.
Aber die beiden Indianerinnen taten ihnen leid.
Schon bei dem ersten Klange dieser geheimnisvollen Stimme waren sie entsetzt zurückgewichen, schauten sich um, als suchten sie den Sprecher — dann sprangen sie empor, standen einen Augenblick noch zitternd da — dann jedoch verschwanden sie durch den Gang, in welchem sich die Treppe befand.
Die beiden Freunde achteten nicht weiter darauf, sie mussten dem lauschen, was die Stimme zu ihnen sprach:
»Sind Sie zufrieden mit dem Abenteuer, das Sie bisher erlebten?«
»Gewiss! Vollkommen!«, antwortete Georg Wedekind sofort.
»Haben Sie eine Ahnung, wo Sie sich befinden?«
»Nicht die geringste.«
»Nun, ich kann es Ihnen jetzt noch nicht sagen, aber Sie werden es bald erfahren. Nur so viel will ich Ihnen schon verraten, dass Sie sich auf einem Gebiete befinden, das der übrigen Menschheit ganz unbekannt ist und ihr auch stets verschlossen bleiben wird.«
»Aber wir sind nicht allein hier!«, wendete Fritz ein.
Ein herzliches Lachen ertönte.
»Ich weiß. Sie haben die Herren Antonio Almeida und Manuel García getroffen, und bei ihnen befindet sich die italienische Geigenkünstlerin Signorina Luzia Ravelli.«
Die beiden staunten einander an.
»Ja, diese drei sind hier! Ich habe ihnen ebenfalls einen Zugang hierher gezeigt, und das musste ich ja tun, denn sie suchen mich.«
»Ah!«, stießen die beiden unwillkürlich hervor.
»Ja, deshalb sind sie hier, und sie glauben, auch Sie beide seien auf der Suche nach mir. Sie würden es Ihnen bald erzählt haben, und wenn dies geschieht, dann geben Sie getrost an, dass ein Mister Samuel Philipp in New York Sie beauftragt hat, nach mir zu suchen. Er hat jedem von diesen dreien eine Million Dollar versprochen, falls es ihnen gelingt, mir ein Geheimnis zu entreißen.
Nun, das wird natürlich nicht geschehen, aber es kommt auch gar nicht darauf an. Jetzt von etwas anderem — meine Zeit ist sehr knapp, ich habe hier in Australien zu tun — —«
»Sie sind in Australien? Aber das ist doch unmöglich!«, rief Fritz Hammer außer sich.
»Dieses Wort müssen Sie sich abgewöhnen!«, erwiderte die Stimme. »Unmöglich ist mir nichts, wenigstens nicht in dem Sinne, in dem dieses Wort gewöhnlich gebraucht wird. Genug davon! Sie werden mich noch verstehen. Jetzt anderes!
Haben Sie verstanden, warum man Sie gerade so auffällig behandelte?«
»Sie meinen, dass man uns erst in eine andere Höhle — —«
»Ja, alles das, bis auf das Letzte, dass man Ihnen die beiden Mädchen schenkte!«
»Nein, wir haben keine Ahnung!«
»Ich dachte mir's, und deshalb will ich Ihnen eine kurze Erklärung geben. Ich muss es tun, denn ich muss mich Ihrer vorübergehend als Werkzeug bedienen, und das könnte ich nicht, wenn Sie so unwissend blieben wie bisher. Also hören Sie!
Sie haben am ersten Abend und in der Nacht den Kampf zweier Seeungeheuer miterlebt. Von diesen hausen noch viele in dem See, und zwar sind es Geschöpfe, die es auf der Erde sonst nicht mehr gibt. Sie sind längst ausgestorben. Welcher Art sie sind, werden Sie selbst noch sehen. Sie haben sich hier erhalten, weil dieses ganze Gebiet vor vielen Jahrhunderten — vielleicht Jahrtausenden — durch eine jener gewaltigen Katastrophen, von denen die Erde manchmal heimgesucht wird, emporgehoben wurde. Zugleich entstand jener unersteigliche Felsenwall, von dem es rings umgeben ist und den jene drei mit meiner Zulassung erstiegen. Hier hat sich also die Natur in einem Zustande erhalten, den es sonst nicht mehr gibt, und hier ist auch noch das Zwischenglied zwischen Menschen und Tieren vorhanden, das sonst ebenfalls ausgestorben ist —«
»Die Affenmenschen!«, murmelten die beiden.
»So ist es. Die Indios aber sind nicht die ersten Menschen, sondern verschlagen worden — sie sind Nachkommen der Urbevölkerung Perus, also der Inkaner, wie man dieses Volk gewöhnlich nennt. Deshalb besitzen sie auch die reichen Schätze an Gold und Edelsteinen. Diese werden zum Teil hier gefunden, zum Teil aber liegen sie nur in Höhlen verborgen, genau so wie unten in der Höhle der Dorados, die Sie ja schon kennen.
Und weiter! Die Zwerge — es sind wirklich solche, wenn auch keine, wie die Sagen Ihrer Heimat sie beschreiben — sind Reste jenes Urvolkes, das noch vor den Inkanern Peru besaß, sie sind zu Sklaven geworden, müssen Frondienste leisten und kommen nie aus jenem Gebiet heraus, in welches Sie vorhin geschaut haben.
Nun aber kommt die Hauptsache! Außer den beiden Häuptlingen kennt niemand von den Indios dieses Zwergenvolk. Oder doch? Eben alle, die in die Geheimnisse des Gottesdienstes eingeweiht sind, also die Priester und die Sonnenjungfrauen — die beiden Mädchen sind solche — auch darauf kann ich jetzt nicht weiter eingehen. Jedenfalls sind Sie nun imstande, einen Schluss zu ziehen, nicht wahr?«
»Dass auch wir in diesen Gottesdienst eingeweiht werden sollen?«, fragte Georg.
»Ja und nein! Man braucht Sie nämlich gar nicht einzuweihen, denn Sie sind selbst Götter!«, erwiderte die Stimme mit einem leichten Lachen. »Ja, da staunen Sie! Aber es ist doch so! Diese Indios haben eine Sage, dass eines Tages zwei weißhäutige junge Götter mit goldenem Haar zu ihnen kommen und sie wieder zur früheren Macht und Herrlichkeit führen würben. Bis dieser Glückstag anbricht, müssen sie anderen Göttern opfern, jenen Ungeheuern im See, und diese verlangen Menschenopfer, immer zwei Jungfrauen, immer die schönsten, und dieses Opfer muss immer an einem bestimmten Tage gebracht werden. Heute wäre es fällig gewesen. Die beiden Mädchen, die man Ihnen schenkte, waren die Opfer. Da kamen Sie! Und nun berichtet die Sage: Wenn die beiden neuen Götter kommen, dann wird der Gott im See sich mit Opfern an Speisen begnügen. Verstehen Sie jetzt?«
Ja, die beiden verstanden, aber sie waren fassungslos.
»Sie sind demnach jetzt die Götter dieses Volkes und werden alle die Ehren genießen, die eben Göttern gebühren!«
»Aber das geht doch nicht!«, rief Fritz Hammer.
»Warum nicht? Sie können auch gar nichts daran ändern, und ich werde gleich dazu beitragen, dass Sie sich wirklich als Götter erweisen können. Sie sollen die Sprache Ihrer Verehrer kennen lernen!«
»Aber das ist doch —«
Georg hatte wieder das verpönte Wort »unmöglich« brauchen wollen, sich aber rechtzeitig besonnen.
»Es ist sehr leicht. Ich schicke Ihnen sogleich ein Buch, in welchem die hauptsächlichsten Worte und die Sprachregeln aufgezeichnet sind. Sie werden nicht lange brauchen, bis Sie sich verständigen können, und ich muss Sie sogar ersuchen, sich diesem Studium möglichst fleißig zu widmen, denn es ist unbedingt nötig, dass Sie die Sprache beherrschen.«
»Selbstverständlich werden wir sie so schnell wie nur möglich lernen«, versicherte Georg Wedekind.
»Schön! Nun bin ich auch gleich zu Ende. Die beiden Jungfrauen werden inzwischen verkündet haben, dass Sie hier mit Ihrem Gotte sprechen; man wird Sie erst recht verehren; lassen Sie sich das getrost gefallen und erklären Sie auch den anderen Weißen, um was es sich handelt. Dann weiter, fahren Sie zunächst noch einmal hinüber und bringen das Zelt und alles andere in den ›Delfin‹‹, der rechtzeitig auftauchen wird. Sie müssen also allein fahren, und das wird Ihnen ja leicht möglich sein.
Darauf unternehmen Sie noch einen Zug nach dem Gebiet der Affenmenschen. Gefahr und Kampf haben Sie dabei schwerlich zu bestehen. Sie müssen in diesem Gebiet eine Stelle finden, wo ein senkrechter Schacht in das Gestein führt. Er sieht aus wie ein von Menschen gegrabener Brunnenschacht, aber es führt eine Leiter hinab. Steigen Sie getrost hinein, bis Sie in eine Art — ich will sagen — Stube — kommen, denn es ist ein wohnlich eingerichteter Raum, und dort werden Sie auf einem Tische ein Pergament finden. Das nehmen Sie an sich und verbergen es sorgsam.
Das Weitere wird sich finden! Wollen Sie alles besorgen?«
Die beiden versicherten ihren guten Willen.
»Dann ist es recht! Und ja, noch eins! Ich möchte die Signorina Luzia bei mir haben. Wundern Sie sich also nicht, wenn die Dame eines Tages verschwunden ist! Sie werden sie bald wiedersehen.«
»So dürfen auch wir zu Ihnen kommen?«
»Dürfen? Nein, das ist Ihre Bestimmung. Deshalb habe ich Sie ja auf das ›Schlafende Schiff‹ gelockt, deswegen habe ich Sie hierher geführt — ich brauche Sie dringend, glauben Sie mir nur!«
Es war, als könnte der geheimnisvolle Sprecher die Gesichter der beiden sehen, obwohl er doch seiner Aussage nach in Australien weilte. Er mochte erkennen, dass die beiden etwas enttäuscht waren.
»Es tut mir leid, aber es lässt sich nicht ändern«, sagte er. »Sie müssen schon noch eine Weile bei den Indios ausharren — bis ich Sie abhole — und nun, auf Wiedersehen!«
Nichts mehr war zu hören, das Gespräch war zu Ende.
Die beiden Freunde aber saßen noch regungslos da.
»Ich fasse das nicht und werde es nie fassen!«, rief Georg Wedekind fast stöhnend.
Da aber erklang ein feines Klingeln, wie sie es ja nun auch schon kannten. Zugleich leuchtete im finsteren Hintergrunde der Höhle ein schwacher Lichtschein auf.
Da standen die beiden auf und gingen hin und sahen vor sich auf der bunten Federmatte ein dünnes Buch liegen.
Sie bückten sich, Fritz griff danach und hob es auf.
Es war ein handgeschriebenes Wörterbuch mit einigen Sprachregeln, und sofort kehrten sie an den Tisch zurück, um gleich mit dem Studium zu beginnen.
Dass die Sprache dieser Indios sehr klangvoll war, hatten sie ja schon gehört, nun fanden sie es bestätigt, suchten auch zunächst die ihnen schon bekannten Worte für Gold und Edelstein — es stimmte!
Bald saßen sie eifrig bei dem Studium, und es war, als flögen ihnen die Worte nur so zu, die sie laut vor sich hinsprachen, bis sie endlich aufstanden.
»Stecke Du das Heft ein, Georg«, sagte Fritz. »Wir dürfen natürlich den anderen nichts davon verraten. Sie werden schön staunen, wenn wir plötzlich mit den Indios reden können, aber sie mögen denken, was sie wollen. Und höre, was sagst Du denn dazu, dass sie unserem Beschützer nachstellen, ihm ein Geheimnis entreißen wollen?«
»Ach die!«, erwiderte Georg verächtlich. »Was vermögen sie denn gegenüber diesem Manne! Da brauchen wir uns wirklich nicht zu sorgen! Und jetzt komm! Ich denke, wir fahren gleich noch hinüber und lassen erst das Zelt verschwinden.«
Fritz Hammer war einverstanden. Sie stiegen in den Treppenschacht hinab, aber sie waren erst wenige Stufen hinabgekommen, da stießen sie auf die beiden Mädchen, die auf den Stufen kauerten.
Sie bückten sich, um sie aufzuheben, und dabei spürten sie, wie die armen Geschöpfe am ganzen Leibe zitterten. Sollten sie auch nicht! Sie mussten doch annehmen, dass wirkliche Götter vor ihnen standen.
Da aber sagte Georg Wedekind, so freundlich, wie er es nur vermochte:
»Tavate lona! Mo nia — nia rone tumen!«
Das hieß in der Sprache der Indios also:
»Erhebt Euch! Wir tun Euch nichts zuleide.« Und sofort schienen die Mädchen sich zu beruhigen, es war schade, dass die beiden nicht sehen konnten, wie sie staunten.
»Maru, maru!«, erwiderten sie, was »Danke, danke!«, bedeutete, und als dann Georg ihnen befahl, voraus zu gehen und die Höhle zu öffnen, da gehorchten sie.
Nach kurzer Zeit standen die beiden wieder im Freien und sahen, dass nun das gesamte Indianervolk sich mit den drei anderen Gästen zu einem fröhlichen Schmause niedergelassen hatte.
Doch als sie auftauchten, erhoben sich alle mit Ausnahme der drei Weißen. Die beiden Häuptlinge kamen auf sie zu, und die beiden Mädchen schauten fragend zu ihnen empor.
»Wana!«, sagte Georg. »Geht!«
Da eilten die Sonnenjungfrauen zu den Häuptlingen und begannen zu berichten, und die Freunde sahen, wie die beiden Indianer staunten, wie sie sich freuten — von einer Verwunderung aber war nichts zu spüren. Sie schienen das gar nicht anders erwartet zu haben.
Nun kamen sie heran, die Arme zum Zeichen der Ehrerbietung über der Brust gekreuzt, und nachdem ihnen die beiden einen Gruß zugerufen hatten, begannen die Führer der Indios mit einem langen Danke —
Georg hob die Hand. Vor allem musste er den Männern begreiflich machen, dass sie nichts von den Goldschätzen verrieten, deren Hüter sie waren. Er hatte sich schon darauf vorbereitet, und so vermochte er ihnen klar zu machen, um was es sich handelte.
Die beiden Häuptlinge nickten.
»Kein anderes Auge wird das Gold mehr sehen!«, versicherten sie.
»So ist es recht! Und nun gebt uns ein Kanu.«
Die beiden winkten den Sonnenjungfrauen, und diese eilten an den Strand, wo zufällig eins der leichten Fahrzeuge lag.
Ehe die Freunde aber hingehen konnten, kamen die beiden Jäger und die Italienerin auf sie zu.
»Wo haben Sie denn schon wieder gesteckt?«, fragte die Letztere.
»Wir erzählen Ihnen alles, sobald wir zurückkommen«, erwiderte Georg Wedekind. »Jetzt müssen wir erst noch einmal nach unserem früheren Lagerplatze fahren, um unser dort zurückgelassenes Eigentum zu holen.«
»Wir begleiten Sie!«, rief Antonio Almeida.
»Bitte, tun Sie das lieber nicht! Es könnte sein, dass Sie inzwischen hier Wichtiges über unsere Aufgabe erfahren.«
»Über u n s e r e Aufgabe?«, wiederholte der Jäger erstaunt.
»So suchen Sie hier also doch dasselbe wie wir?«, fügte Manuel García hinzu.
Lächelnd nickten die beiden.
»Das große Geheimnis!«, sagte Fritz Hammer.
»Das ist herrlich!«, rief da die Italienerin. »Nun brauchen wir nicht mehr auf jedes Wort acht zu geben, das wir sprechen, brauchen nicht zu fürchten, dass wir uns vor Ihnen verraten —!
Aber sagen Sie doch«, fuhr sie fort, »wir haben beobachtet, dass Sie zu den Indios sprachen und verstanden wurden. Kennen Sie denn auf einmal die Sprache der Leute?«
Georg Wedekind lachte auf.
»Ein Zufall ist dabei im Spiele«, erwiderte er dann. »Ich habe mit meinem Freunde früher mal ein Buch in die Hand bekommen, es enthielt Wörter einer seltsamen Sprache, und Sie wissen, wie junge Leute sind, wir lernten diese, um uns ungestört unterhalten zu können, ohne dass ein Hörer uns verstand. Jetzt dachten wir an diese Sprache, redeten die beiden Mädchen in ihr an und wurden verstanden! Wir haben zufällig gerade die Sprache dieses Stammes oder Volkes gelernt — ist das nicht sehr seltsam?«
»Allerdings!«, gab die Künstlerin zu, aber sie schien doch nicht recht an einen solchen Zufall zu glauben. Jedenfalls dachte sie sich das ihre, und ihren beiden Begleitern ging es nicht anders.
»Nun, das ist jedenfalls auch für uns von großem Vorteil«, fügte sie dann hinzu. »Sie werden also den Dolmetscher spielen können, und vielleicht können Sie da auch erfahren, woher diese Indios das viele Gold und die Edelsteine haben. Wenn wir nämlich mit unserer Aufgabe keinen Erfolg erzielen, dann können wir uns wenigstens auf andere Weise eine Million verdienen und noch mehr — —«
Da war es schon! Die Habsucht machte sich geltend.
Die beiden Freunde aber ließen sich nichts merken.
»Wir werden sehen«, sagte Georg. »Wir sprechen noch darüber.«
»Es ist recht!«
Die drei kehrten an ihre Plätze zurück. Es fiel ihnen wieder auf, wie ehrerbietig die beiden Deutschen von den Häuptlingen behandelt wurden, wie die übrigen Indios überhaupt nicht auf sie zu schauen wagten, sondern mit gesenktem Haupte dastanden, und Manuel García sagte leise:
»Die beiden verbergen uns etwas. Ich glaube, wir sind sehr unvorsichtig gewesen, wir hätten ihnen nichts mitteilen sollen!«
»Nicht doch! Es sind ehrliche Jungen — Deutsche obendrein, die keine Hinterlist kennen«, erwiderte Antonio Almeida. »Man achtet sie hier eben als Retter des jungen Häuptlings.«
»Nun, ich werde jedenfalls die Augen offen halten«, sagte Manuel García noch, dann aber kümmerten sie sich vorläufig nicht mehr um die beiden.
Diese waren an den See gegangen und wunderten sich gar nicht, als die beiden Mädchen vor ihnen in das Kanu stiegen.
»Wir sollen allein fahren«, sagte Georg.
»Aber es kann nichts schaden, wenn sie den ›Delfin‹ auftauchen sehen«, entgegnete Fritz Hammer.
»Du hast recht«, gab sein Freund zu, und so duldeten sie, dass die Mädchen die Ruder führten, was sie ausgezeichnet verstanden. Das Kanu glitt sehr schnell über das Wasser, und da die beiden nunmehr das Ziel anzugeben vermochten, so lenkten die Mädchen das Fahrzeug auch richtig nach der betreffenden Stelle. Bald sahen die Freunde wieder die Urwaldbäume auftauchen und dann das Zelt — —
Das Kanu glitt sehr schnell über das Wasser.
Die Indianerinnen aber staunten jetzt nicht mehr. Sie fuhren eben Götter, und als das Kanu auf den Strand lief, sprangen sie rasch heraus, hielten es fest und zogen es dann vollends aufs Land, nachdem die beiden Freunde dieses betreten hatten.
»Kommt!«, sagte nun Georg und winkte ihnen, das Zelt zu betreten.
Da erst fiel den beiden etwas auf, was ihnen bisher entgangen war.
Sie sahen, dass die beiden Mädchen die goldenen Ketten nicht mehr trugen, mit denen sie früher — allerdings wohl nur mehr der Form halber — gefesselt gewesen waren, und nun besannen sie sich, dass diese Ketten schon nicht mehr vorhanden gewesen waren, als die beiden sie beim Essen bedient hatten.
Sollten sie die beiden fragen, wer die Ketten entfernt hatte und warum das geschehen war?
Sie ließen es; aber eine andere Frage richtete Georg Wedekind an die beiden, nachdem er aus dem Lehrbuche, das er hervorzog, das Nötige zusammengesucht hatte.
»Wie heißt ihr denn eigentlich?«
»Bora«, antwortete die eine, »Attala«, die andere, und beide lächelten dabei.
Bora war die, welche Georg gehörte, Attala war Fritz zugefallen.
Und die beiden sahen noch etwas, was ihnen im Halbdunkel der Höhle nicht aufgefallen war und worauf sie dann unter den übrigen Indianern nicht geachtet hatten.
Die Bekleidung der beiden Mädchen bestand nur aus Blumen. Das war ja sehr poetisch, aber doch etwas unzulänglich.
»Wir müssen irgendein Tier für jede schießen, dass sie sich aus dem Fell ein Kleid fertigen. Wie sie das machen müssen, werden wir ihnen schon zeigen«, meinte Georg, der sich also in dieser Hinsicht ebenso wenig wie sein Freund zu der Erkenntnis aufzuschwingen vermochte, dass der Mensch am sittlichsten wirkt, wenn er sich so zeigt, wie die Natur — oder Gott — ihn hervorgebracht hat.
Sie sollten auf eine ganz sonderbare Weise von dieser Sorge erlöst werden, nicht erst nötig haben, nach felltragenden Tieren zu pirschen.
Die beiden Mädchen schrien plötzlich halblaut, aber sehr ängstlich auf, klammerten sich auch so an ihre »Herren«, und da sie dabei auf den See hinaus deuteten, so schauten auch die Freunde dorthin.
»Der ›Delfin‹!«, rief Fritz Hammer außer sich vor Freude.
»Unser Freund ist pünktlich!«, ergänzte Georg Wedekind. »Es ist rätselhaft, wie er uns immer ungesehen beobachten kann! Ich brenne vor Sehnsucht, ihn selbst zu sehen, zu ihm zu kommen!
O, Fritz, was werden wir da noch alles erleben!«
Das seltsame Unterseeboot war ziemlich weit draußen im See aufgetaucht. Die beiden Indianerinnen mussten es für ein unbekanntes Ungeheuer halten, deshalb ihre Angst — —
Aber als sie sahen, dass die beiden nicht nach den Gewehren griffen, die sie mitgenommen hatten, beruhigten sie sich schnell wieder. Über ihre Furcht siegte alsbald das grenzenlose Vertrauen zu den »guten Göttern«, deren Dienerinnen und Eigentum sie geworden waren.
Eilig kam der Riesenfisch heran; das Wasser war tief genug, dass er am Strande anlegen konnte, und kaum war dieses geschehen, da sprang auch wieder der Rachen auf, den Zutritt freigebend.
Einen Augenblick waren die beiden Freunde unschlüssig, ob sie die Mädchen mitnehmen sollten, dann aber winkten sie ihnen, und als sie vorangingen, kamen Bora und Attala ihnen ohne Weiteres nach.
Das Innere des »Delfins« war unverändert geblieben, aber sie sahen doch, dass da Verschiedenes lag, was nur für sie bestimmt sein konnte, und sie erlebten auch gleich etwas ganz Merkwürdiges — für sie merkwürdig, weil sie die Frauenseele noch nicht kannten.
Bora und Attala standen auf einmal still, als wagten sie sich nicht weiter, aber als die beiden Freunde sie etwas verwundert anschauten, sahen sie, dass die Mädchen auf den Tisch blickten — mit vor Staunen weit geöffneten Augen — —
Und nun erst gewahrten sie, dass dort Kleider für die beiden lagen!
Als hätte Loke Klingsor erraten, was sie eben noch gedacht hatten!
Sie sahen auch gleich, dass es Kleider nur insofern waren, als sie für solche Naturmenschen in Betracht kamen: ein buntes Jäckchen und ein ebensolches Röckchen, beide aus Seide, dazu für jede ein Paar Sandalen aus weichem, gelbem Leder — und endlich das Schönste von allem — zwei Federkronen, anscheinend aus Gold, auch hübsch mit bunten Steinen besetzt.
»Das ist für Euch!«, rief denn auch Georg Wedekind sogleich.
Er hatte die Worte, ohne dass er daran dachte, auf Deutsch gesagt, wurde aber doch verstanden — vielleicht auch nur die Handbewegung — —
Bora und Attala zögerten noch, aber ihre verklärten Gesichter verrieten, wie sehr sie sich freuten, und da zog Georg auch schon den Freund wieder mit hinaus.
Sie brauchten nicht lange zu warten, da kamen ihre neuen Gefährtinnen ihnen nach. Sie hatten sehr rasch begriffen, wie sie diese Kleider anlegen mussten, hatten ja auch das Vorbild an ihren beiden »Herren« — —
»Allerliebst!«, rief Fritz Hammer und klatschte in die Hände. »Jetzt sehen sie aus wie solche phantastische Indianermädchen, wie man sie manchmal auf den Bildern der Zigarrenkisten sieht!«
Er hatte recht, die beiden Mädchen sahen wirklich allerliebst aus, und sie schienen das auch zu wissen, sie wussten aber noch mehr — sie betrachteten ihr Bild gleich erst einmal in dem klaren Wasser, das ja einen vortrefflichen Spiegel abgab — —
Und dann geschah wieder etwas, was die beiden Jünglinge nicht erwartet hatten, eben wieder, weil sie keine Frauen kannten.
Bora und Attala sprangen zu ihnen und umschlangen jede ihren Herrn mit den weichen Armen, schmiegten sich an sie und schauten sie strahlend vor Dankbarkeit und Freude an.
Da freilich wurden Georg und Fritz etwas rot und hatten es eilig, sich aus dieser Umarmung zu befreien, aber sie taten doch, als hätten sie bloß keine Zeit, müssten schnellstens wieder in das Unterseeboot.
»Du, Fritz!«, sagte Georg, als sie durch den Rachen des »Delfins« schritten.
»Was denn, Georg?«
»Die Mädels — —«
»Nu, war denn das nicht ganz hübsch?«, fragte nunmehr Fritz, verschmitzt lachend. »Mir wenigstens gefällt es sehr gut, und passe mal auf, wenn wir noch eine Weile hier bleiben, dann gibt es bald eine Heirat!«
»Aber, Fritz, eine Indianerin!«
»Ach, tu doch nicht so! Es ist ja das erste hübsche Mädel, das es gut mit uns meint, und weißt Du, diese Naturkinder sind mir doch noch zehnmal lieber als eine solche Señorita in Buenos Aires, die sich pudert und schminkt!
Aber selbstverständlich dürfen wir ihnen keine Raupen in den Kopf setzen, wir müssen an uns halten, schon unseres unsichtbaren Freundes wegen.
Da, sieh mal die schwarze Platte an! Sie wird rot! Jetzt kommt eine Depesche!«
Und da erklang auch schon eine Stimme in dem engen Raume.
Bora und Attala, die eben hatten nachkommen wollen, flohen sofort wieder, als sie den »Gott« reden hörten. Sie hätten bleiben können, sie hätten ihn doch nicht verstanden, denn er sprach eben Deutsch.
Doch es war eine andere Stimme, und das wurde auch gleich erklärt.
»Mein Herr hat mich beauftragt, mit Ihnen zu verkehren«, sagte die Stimme. »Sie haben, wie ich sehe, die beiden Kostüme schon ihrer Bestimmung zugeführt. Sie finden ferner auf dem Tische ein sehr gutes Fernrohr, das Ihnen treffliche Dienste leisten wird, ferner zwei Revolver — wenigstens sehen die Dinger so aus. Sie können auch wirklich damit schießen. Die Wirkung werden Sie selbst beobachten.
Nun aber bitte ich Sie, Ihre Aufmerksamkeit der Tafel zuzuwenden. Sie sollen den Weg kennen lernen, den Sie bis zu dem Schachte zu nehmen haben!«
Die Stimme schwieg, dafür aber erschien auf der Platte nunmehr eine Art große Karte, und die beiden sahen gleich, dass sie das Gebiet darstellte, in dem sie sich jetzt befanden. Sie erblickten als Mittelpunkt den See, dann die Felsen, die den Indios als Wohnung dienten, sahen aber noch viel mehr, was ihnen bisher unbekannt gewesen war.
»Zeichnen Sie sich das flüchtig ab!«, gebot die Stimme. »Alles Nötige dazu finden Sie in dem Ihnen bereits bekannten Wandschränkchen!«
Die beiden gingen hin, fanden einen Zeichenblock für jeden und die nötigen Farbstifte. Es fiel ihnen nicht schwer, eine farbige Skizze der großen Karte zu entwerfen.
Kaum waren sie damit fertig, da verschwand diese Karte, sie erblickten die Stelle, wo sie sich gerade befanden, es war, als würde die Landschaft draußen durch eine Camera obscura auf die Platte geworfen, sie sahen die beiden Indianerinnen, die Bäume — und dann tauchte plötzlich etwas wie ein leuchtender Punkt oder eine feurige Kugel auf, und während nun die Landschaft auf der Platte sich ständig änderte, genau, wie dies etwa bei einer Filmvorführung der Fall gewesen wäre, glitt die Kugel weiter, einen bestimmten Weg verfolgend, immer an zweifelhaften Punkten etwas wartend, und da staunten die beiden Freunde wieder nicht schlecht, als sie erkannten, dass dieser Weg durchaus nicht gefahrlos werden würde.
Die Affenmenschen schienen sich von ihrem ersten Schrecken bereits wieder erholt zu haben — oder die Rachgier trieb sie — —
Überall auf dem Wege, den die Kugel beschrieb, sahen die beiden, im Blattwerk versteckt, solche haarige Gesellen — vermutlich also Wächter oder Spione, und sie sahen auch ganz deutlich, wie eifrig diese umherspähten, wie sie sich von Zeit zu Zeit auf ganz eigenartige Weise verständigten — sie trommelten mit beiden Fäusten auf die mächtige Brust, und das musste auch einen entsprechenden Ton erzeugen, der aber hier nicht zu hören war.
Aber an Furcht dachten sie natürlich nicht.
Die Kugel machte Halt auf einem eigenartigen, sonderbaren Felsen, der vor dem großen Umgürtungswall, aber auf der Innenseite, sich erhob, und die beiden wussten ja allerdings nicht, dass dieser Felsen schon eine Rolle gespielt hatte.
Sie sahen nur, dass die Kugel nun in einem Schacht verschwand und nicht wieder auftauchte.
»Der Weg ist ziemlich weit«, sagte Fritz Hammer.
»Sie brauchen sich nicht zu sorgen, dass Sie ihn nicht finden«, erklang da die Stimme. »Die Kugel wird Sie führen. Ich musste Sie bloß auf die Gefahren aufmerksam machen, die Ihnen drohen.«
»Die wir aber nicht scheuen!«, versicherte Georg Wedekind.
Eine Antwort auf diese etwas überflüssige Bemerkung kam nicht.
»Sollen und dürfen wir die beiden Mädchen mitnehmen?«, fragte da Fritz.
»Nein, das ist verboten.«
»Sie sollen also hier warten?«
»Nein. Sie müssen zurückkehren und werden es, wenn Sie es ihnen befehlen. Jetzt noch etwas!«
Auf der roten Platte zeigten sich neue Bilder.
Zuerst erschien der Seestrand, auf dem sich die Indios befunden hatten. Jetzt sahen die Freunde nur noch die beiden Jäger und Signorina Ravelli, die eifrig miteinander redeten und immer wieder nach den Felsen schauten, besonders nach jener großen Höhle, in welche die beiden Freunde zuerst geführt worden waren.
Endlich schienen sie zu einem Entschlusse gekommen zu sein, wobei Manuel García den Ausschlag gab. Sie standen auf und schritten jener Höhle zu.
Der Eingang war noch nicht wieder verschlossen, aber als die drei ihn bald erreicht hatten, bewegte sich auf einmal die Steintür und schloss sich.
»Das ist vernünftig!«, rief Fritz sogleich. »Nun können sie nicht hinein und die Schätze oben finden.«
Die drei waren erst etwas verblüfft, dann aber suchten sie die Tür zu öffnen.
Es gelang nicht, so sehr sie sich auch bemühten, und die beiden Beobachter konnten ganz genau sehen, wie verwundert sie darob waren.
Da tauchten einige Indios auf, wurden angerufen, gehorchten — die Italienerin deutete auf die Tür, die Indios schüttelten den Kopf, zuckten die Schultern.
Darauf erhielten sie einen Befehl; sie eilten fort, kamen mit dem alten Häuptling zurück.
Auch dieser aber schüttelte den Kopf und deutete dann über den See, als wolle er sagen, dass die beiden Abwesenden allein ein Recht und die Fähigkeit hätten, diese Tür zu öffnen.
Es half alles nichts, die drei mussten abziehen, ohne ihren Zweck erreicht zu haben.
Die Freunde aber sahen weiter, wie jene nun in die Höhle gingen, in welcher sie gewesen waren, wie sie dort alsbald die Wände zu untersuchen begannen, aber auch hier nicht die Tür entdeckten, durch welche die beiden Freunde gekommen waren, sie fanden nur den Gang, mussten dann wieder umkehren — —
Schließlich setzten sie sich alle und sprachen wieder miteinander, und um was sich das Gespräch drehte, das war auch zu sehen.
Sie betrachteten die goldene Schüssel, die jetzt leer war, holten auch einige der Edelsteine heraus — —
Und aus ihren Augen leuchtete Habsucht! Sogar die Ravelli schien sich ihr nicht entziehen zu können.
Das Bild verschwand, und die Stimme des Unsichtbaren sprach:
»Nach Ihrer Rückkehr dürfen Sie sich nicht merken lassen, dass Sie diese Vorgänge beobachteten. Man wird Sie auffordern, sich an dem Suchen zu beteiligen, aber ich denke, es wird Ihnen nicht schwer fallen, eine Ablehnung zu finden. Jetzt müssen Sie die Indianerinnen zurückschicken.«
»Wir sollen nicht erst mit hinüber?«, fragte Georg.
»Nein. Sagen Sie den Mädchen, dass sie schweigen müssen, und sie werden es tun.«
»Was aber sollen sie melden, weil wir hier bleiben?«
»Dass Sie noch einen Ausflug in den Wald machen wollten.«
Das Gespräch war zu Ende.
Die beiden Freunde nahmen die neuen Waffen und das Fernrohr, sahen sich noch einmal um, ob sie auch nichts zurückgelassen hätten, und wollten eben hinausgehen, da erklang die Stimme noch einmal.
»Sie besitzen die Kapseln noch, die man ihnen gab?«
»Ja, die haben wir noch!«
»Jedes Mal, wenn Ihnen eine Gefahr droht, werden Sie ein Klopfen in diesen Kapseln hören oder sonst wie merken. Dann halten Sie sich bereit!«
Die beiden griffen nach der Brust, wo sie die Kapseln verwahrten, und nun erst kehrten sie zu den Indianerinnen zurück.
Diese waren sehr froh, wollten aber den beiden wieder ihre große Ehrfurcht bezeugen, kamen nicht dazu, sondern sahen noch, wie der Riesenfisch seinen Rachen schloss, dann in den See hinausschwamm und dort versank.
»Steigt in das Kanu!«, gebot Fritz Hammer nunmehr. »Kehrt vorläufig zu den Euren zurück, beobachtet aber von dem Felsen aus, wenn wir hier wieder erscheinen, und kommt dann sofort her. Von dem, was Ihr hier gesehen und erlebt habt, müsst Ihr schweigen, dürft auch dem Häuptling nichts sagen, sogar nicht dem Gotte und den Priestern. Versprecht das!«
»Wir versprechen es!«, erwiderten die beiden, die rechte Hand auf die Brust, also aufs Herz, legend, und dann stiegen sie gehorsam wieder in das Kanu und stießen es vom Strande ab.
»Und dies hier?«, fragte Attala, auf ihre Kleidung deutend.
»Das habt Ihr von uns erhalten! Weiter sagt Ihr nichts! Nichts von dem Riesenfisch! Nichts überhaupt!«
»Nichts!«, wiederholten beide.
Dann tauchten sie die kurzen Schaufelruder ein und strebten eilig über den See, dem jenseitigen Ufer zu.
Die beiden Freunde warteten, bis sie das Kanu landen sahen, es zuletzt durch das Fernrohr beobachtend, und so gewahrten sie noch, wie alsbald die beiden Heimkehrenden von ihren Genossen und Genossinnen umringt und bestaunt wurden, wie sie sich drehten und wendeten und schließlich sogar eine Art Tanz aufführten.
»Was mögen diese Menschen jetzt erst von uns denken!«, sagte Georg Wedekind. »Haben sie uns noch nicht für Götter gehalten, so tun sie es nun sicher!«
»Und wenn wir wieder hinüberkommen, werden wir wahrscheinlich sogleich angebettelt werden, dass wir auch den anderen solche hübsche Sachen schenken. Woher dann nehmen?«, ergänzte Fritz Hammer.
Gleich darauf aber lachte er und setzte hinzu:
»Da werden wir uns schon helfen. Das ist eben eine Auszeichnung für unsere Dienerinnen, Georg.«
»Meinetwegen!«, erwiderte dieser. »Jetzt aber wollen wir uns auf den Weg machen. Ich bin bloß neugierig, wie diese Revolver sich bewähren.«
Er betrachtete den seinen und suchte an dem Kolben nach der Öffnung, die doch zum Einführen des Patronenrahmens nach seiner Meinung vorhanden sein musste, aber er fand sie nicht.
»Das ist ein ganz merkwürdiges Ding«, sagte er infolgedessen, »und wenn ich es nicht von unserem Freunde bekommen hätte, würde ich es auf alle Fälle erst einmal proben, ehe ich mich auf diese Waffe verlasse.«
»Wir haben ja auch die Gewehre!«, rief Fritz. »Und außerdem werden wir regelmäßig gewarnt. Was kann uns da geschehen?«
Das war ganz richtig gedacht, aber er vergaß, dass manche Sachen doch anders kommen, als man sie sich gedacht hat.
Den Anfang des Weges kannten sie schon, sie mussten wieder auf den Baum hinauf und dann den dort oben auf den Ästen hinführenden Pfad verfolgen. Wie sie gesehen hatten, waren die ersten Wächter der Affenmenschen nicht gleich hier vorn untergebracht, sie durften also für die erste Zeit sorglos dahinklettern, und das taten sie auch.
Selbstverständlich hielten sie die Augen und die Ohren offen, aber es war, als sei alles Leben hier oben erstorben, und wieder kam jenes unheimliche Gefühl über sie wie das erste Mal, als sie hier gewesen waren.
Plötzlich spürten sie beide das warnende Klopfen.
Sofort blieben sie stehen und spähten in das dichte Laubwerk, von dem sie ganz umgeben waren.
Sie gewahrten nichts Verdächtiges, und eben wollte Fritz Hammer dem Freunde eine Bemerkung zuflüstern, da sah er, dass dieser den Revolver hob, gewahrte im gleichen Augenblick vor seinem Gesicht zwei ungeheure haarige Hände, deren plumpe Finger sich zusammenkrallen wollten.
Aber schon verschwanden sie wieder, griffen seitwärts in die Zweige, klammerten sich dort fest — ein mächtiger Leib tauchte auf, Füße, die ebenfalls nach einem Halt suchten — —
Und dann schauten die beiden Freunde in ein von Wut, aber auch von Schmerz verzerrtes Gesicht mit bösartig funkelnden Augen — das richtige Gesicht eines Gorillas und doch auch wieder mehr menschenähnlich als dieses — —
Dann lösten sich die Hände, ein Zucken lief durch den Riesenleib, noch einmal ward das gewaltige Gebiss gefletscht — der Affenmensch stürzte in die Tiefe. Das Leben war aus ihm entwichen.
Die beiden Freunde hörten den schweren Körper dumpf auf den Boden schlagen, zugleich aber ertönte aus einiger Ferne ein eigentümlicher Laut — fast wie ein fragender Ruf — —
Der zweite Wächter hatte also das Geräusch vernommen und wollte nun wissen, was sich ereignet hatte.
»Sie scheinen eine Art Sprache zu haben«, flüsterte Georg seinem Freunde zu. »Aber hast Du beobachtet, welcher Art die Wunde des Affenmenschen war?«, fragte er dann. »Ich habe nichts sehen können, nicht einmal Blut! Und einen Knall gab es auch nicht!«
Nein, Fritz hatte ebenfalls nichts gesehen, aber er bekannte auch gleich, dass er gar nicht nach einer Wunde gespäht hatte — —
Georg betrachtete noch einmal den Revolver.
»Es war höchste Zeit, dass ich schoss«, sagte er. »Der Kerl kam von oben und griff nach Deinem Halse. Wären wir nicht gewarnt worden, so wärest Du sicher verloren gewesen, er hätte Dir ganz bestimmt mit geringer Mühe das Genick gebrochen. Das sind unheimliche Gegner. Wir müssen äußerste Vorsicht anwenden und vor allem über uns spähen — —«
»Ach, Georg, ich fürchte sie nicht!«, versetzte jedoch Fritz. »Ich bin überzeugt, dass dieser Loke Klingsor uns nicht diesen Weg geschickt hätte, wenn er voraus wüsste, dass wir dabei unser Leben verlieren könnten.
Nein, nein, uns geschieht nichts! Wir kommen sicher zurück.«
Georg nickte nur, erwiderte aber nichts.
Dann setzten beide den Marsch fort, nun noch viel schärfer als vorher ausspähend, noch angestrengter lauschend, und diesmal wurden sie nicht nur durch ein Klopfen in den Kapseln gewarnt, sondern auch durch die vorsichtigen Rufe des nächsten Wächters.
Sie blieben stehen.
Der Affenmensch schien unruhig geworden zu sein, weil er keine Antworten erhielt. Er nahm es offenbar mit seiner Pflicht als Wächter sehr genau, und nun kam er heran, um sich zu überzeugen, was seinem Gefährten geschehen sei.
Die Freunde hörten ihn nahen, sahen nach einiger Zeit auch an der Bewegung der Äste, wo er sich befand, und nun hob Fritz Hammer seinen Revolver.
Zwischen dem Grün der Blätter zeigte sich ein dunkles Fell — —
Fritz Hammer berührte den Abzug, nachdem er gezielt hatte — —
Sie sahen nur einen schwachen Feuerschein an der Mündung der Waffe, hörten aber keinen Knall, überhaupt nichts — —
Bloß ein stöhnender Laut kam aus dem Dickicht.
Auch dieser Affenmensch war also getroffen worden, eine Kugel musste ihn ereilt haben — —
Und er kam gar nicht erst dazu, sich irgendwie anzuhalten.
Die Wirkung des Schusses mochte bei ihm eine sofort tötende gewesen sein. Schwer wie ein Stein stürzte er ab, aber die Last seines Körpers zerbrach verschiedene Äste und Zweige, und alsbald erscholl aus der Ferne wieder der fragende Ruf, den die Freunde nun schon kannten.
Der dritte Wächter war also ebenfalls auf der Hut, er hatte das verdächtige Geräusch vernommen und fragte nun — —
Selbstverständlich erhielt er keine Antwort, aber die beiden Freunde blieben doch eine Weile noch stehen.
»Diese Waffen sind mit elektrischem Antrieb versehen«, sagte Georg nun. »Sie schießen auch keine Kugeln oder andere Projektile, sondern töten durch elektrische Strahlen. Deswegen sahen wir kein Blut. Die tötende Wirkung aber tritt immer dann sofort ein, wenn wir nach einem Nervenzentrum zielen — also nach dem Herzen oder nach dem Kopf.«
»Und jetzt wollen wir weiter, um auch den dritten zu erledigen«, sagte Fritz.
Sie setzten abermals den Weg fort, und wieder hörten sie nach einiger Zeit den Affenmenschen auf sich zukommen, aber dieser war vorsichtiger, als seine beiden Gefährten gewesen waren.
Schon ehe die Freunde ihn erblicken konnten, ließ er mehrere kurze Rufe ertönen. Dann wartete er anscheinend auf Antwort, und als diese nicht kam, wiederholte er die Rufe, aber sie klangen nun schriller als zuvor, dringender.
Dann wartete er abermals — auch die beiden Freunde lauschten mit angehaltenem Atem — —
Und da kam, was sie halb und halb befürchtet hatten!
Der Wächter trommelte anscheinend mit beiden Fäusten auf seine Brust. Es klang genau so, als würde wirklich eine große Trommel gerührt, und die Freunde hatten das ja auch schon in dem Film gesehen oder was es sonst gewesen war — —
»Jetzt alarmiert er das ganze Gesindel, Georg!«, rief Fritz. »Gib acht, gleich wird das Zeichen weitergegeben werden — da! Hörst Du's?«
In der Tat erscholl ein ähnliches Trommeln aus der Tiefe des Waldes, und dieses Zeichen wurde weitergegeben — die Affenmenschen waren gewarnt — —
»Jetzt dürfen wir auf keinen Fall weiter«, sagte Georg Wedekind. »Wir müssen uns hier einen Platz suchen, wo uns eine Verteidigung möglich ist, wo wir auch von oben her nicht überrumpelt werden können.«
»Schnell gesagt!«, erwiderte Fritz Hammer, der schon in die Höhe geschaut, aber sogleich festgestellt hatte, dass gar kein Gedanke daran war, hier emporklettern zu wollen. Dieses Gewirr von Ästen und Zweigen, das an sich schon sehr dicht war, wurde ganz undurchdringlich, infolge der vielen Schlingpflanzen, die ihre Ranken hineingeschlungen hatten, und wie zäh solche Ranken waren, das wussten die beiden Freunde aus eigenster Erfahrung, das hatten sie schon manches Mal bei Urwaldwanderungen kennengelernt.
Aber sie standen eben am starken Stamme eines der Riesenbäume, und wenn sie sich mit dem Rücken dagegen lehnten, dann waren sie wenigstens etwas geschützt.
Furcht kannten sie auch jetzt noch nicht, waren aber keinesfalls leichtsinnig genug, die Gefahr zu missachten, in der sie schwebten, und kaum hatten sie sich aufgestellt, wie sie es nach ihrer Meinung für das Beste hielten, da erklang schon das warnende Klopfen — —
Und noch lauter ertönte auf einmal ein drohendes Trommeln.
»Allzu viele scheinen es noch nicht zu sein«, raunte Georg seinem Freunde zu. »Vielleicht schicken sie erst mal einen Spähertrupp, der das Geschehene aufklären soll — —
Achtung! Und nun ganz lautlos! Hoffentlich halten diese Revolver aus! Wir wissen ja gar nicht, wie oft hintereinander sie schießen!«
Ja, das war freilich ein dunkler Punkt, aber sie konnten sich jetzt nicht deshalb beunruhigen, sie spähten scharf umher, und zwar übernahm Georg das Laubwerk über sich, Fritz spähte mehr geradeaus.
Die Affenmenschen schienen noch nicht zu ahnen, um was es sich eigentlich handelte, sie hatten aber ja schon die Wirkung der Feuerwaffen kennen und fürchten gelernt, und so kamen sie nur mit äußerster Vorsicht näher.
Sie wussten jedoch auch nicht, wo ihre Freunde sich aufhielten, und so zeigten sich gleichzeitig mehrere der behaarten Körper, blitzende Augen späten zwischen den Blättern hervor.
Georg und Fritz schossen gleichzeitig, gleich zweimal hintereinander, und sie hatten wieder gut getroffen, denn vier der Affenmenschen stürzten in die Tiefe, ohne einen anderen Laut von sich zu geben als ein kurzes, dumpfes Stöhnen.
Die anderen — es mochten noch ebenso viele sein — stutzten, und das ward ihr Verderben. Noch einmal schossen die beiden Freunde, und wieder erlegten sie zwei der Feinde.
Da flohen die anderen eiligst zurück, aber sie unterließen nicht, dabei mit den Fäusten abwechselnd auf die Brust zu trommeln.
Und wieder ertönte aus der Ferne eine Antwort, das Trommeln wurde erwidert, kam rasch näher; kreischende Stimmen erschollen, die wieder verstummten —
Dann ward es einige Minuten ganz still.
»Jetzt beraten sie miteinander«, flüsterte Fritz Hammer. »Wir müssen diese Pause benutzen, um uns schnell einen anderen Platz zu suchen, wir wollen ein Stück zurückgehen, denn hier wissen sie uns nun doch einmal und werden sich danach richten.«
»Du hast recht«, gab Georg Wedekind zu. »Vielleicht können wir sie belauschen und ertappen, wenn sie gedenken, uns hier einzukreisen.«
Sie gingen so lautlos wie möglich ein Stück zurück, aber nicht weiter, als dass sie den früheren Platz im Auge behalten konnten.
Wieder deckten sie den Rücken an einem der gewaltigen Stämme, und dann warteten sie in erklärlicher Erregung des weiteren Verlaufes der Dinge.
Geraume Zeit verging, ohne dass etwas geschah.
Die Affenmenschen konnten sich gewiss nicht enträtseln, was für neue Waffen ihre Feinde hatten. Die vorigen hatten laut geknallt und Feuer gespien —
Und dass diese Tiermenschen doch schon über eine gewisse Vernunft verfügten, war ja klar. Sie waren als Gegner viel mehr zu fürchten als selbst Großraubtiere, die eben den Menschen fliehen, wenn sie ihn einmal kennen und fürchten gelernt haben.
Und wirklich kamen die Affenmenschen nicht mehr wie bisher auf dem Pfade heran.
Die Freunde beobachteten in steigender Erregung, wie sich ihre Voraussetzung bestätigte, wie die Affenmenschen den Platz zu umgehen suchten, an welchem sie noch vor Kurzem gestanden hatten.
Diese Tiere waren also zumindest nicht feig, dachten nicht daran, ohne Weiteres vor Gegnern zu fliehen, die ihnen fürchterlich genug erscheinen mussten.
Aber so klug waren sie doch nicht, dass sie die List der beiden durchschaut oder auch nur geahnt hätten!
Immerhin war ganz klar, dass ein Kampf bevorstand, dessen Ausgang den beiden jungen Deutschen sehr zweifelhaft hätte erscheinen müssen, hätten sie nicht eben schon einen Ausblick in die Zukunft getan und gewusst, dass sie unverletzt bleiben würden.
Trotz dieser Gewissheit waren sie natürlich erregt. Gespannt warteten sie, was nun geschehen würde —
»Dort! Georg! Die Kugel!«, rief da Fritz Hammer.
Er dämpfte den Klang seiner Stimme unwillkürlich, aber sie klang doch noch recht laut und jubelnd.
Georg Wedekind fiel das zunächst nicht auf. Er schaute nach der Stelle, nach welcher sein Freund deutete, und erblickte ebenfalls die leuchtende Kugel.
Sofort begaben sie sich nach der betreffenden Stelle und sahen zu ihrem Staunen, dass auch dort wieder ein Weg in das Dickicht hineinführte, aber sie betraten ihn noch nicht, denn — die Lichterscheinung wanderte nicht weiter, blieb, wo sie war.
Die beiden stutzten.
»Vielleicht ist es gar nicht die Kugel, die uns führen soll!«, meinte Georg Wedekind. »Es kann auch ein leuchtendes Stück morsches Holz oder ein Leuchtinsekt sein — aber das ist doch ausgeschlossen, denn am Tage —«
Er verstummte.
Die Affenmenschen brachen aus dem Dickicht hervor.
Von allen Seiten drangen sie gegen den Baum an, der den beiden Freunden als Schutz hatte dienen sollen.
»Sie sind doch schon mehr Menschen als bloß noch Affen!«, raunte Fritz.
»Du hast recht! Dieser Angriff ist klug durchdacht«, gab Georg zu. »Wir hätten uns kaum gleichzeitig nach allen Seiten wenden können — ja, Fritz, wir wären rettungslos verloren gewesen, hätten wir uns auf eigene Faust hierher gewagt — aber wie konnte Loke Klingsor wieder wissen, dass es so kommen würde? Und er hat es gewusst! Den Beweis haben wir in der Erscheinung der leuchtenden Kugel. Wir sollen diesem Kampfe aus dem Wege gehen — —«
»Das habe ich schon vorhin erkannt«, entgegnete Fritz. »Deshalb war ich doch so froh, als die Kugel sichtbar ward.«
Georg schaute ihn verdutzt an.
»Du warst froh?«, wiederholte er.
»Ja, Freund, aber nicht etwa, weil ich den Kampf fürchtete, wie Du gleich anzunehmen scheinst, sondern weil es mir leid tut, diese Tiermenschen töten zu müssen. Wir ahnen doch nicht, wie viele von ihnen noch hier leben, ob sie nicht so schon zum Aussterben verurteilt sind, und wenn wir viele von ihnen töten, so tragen wir vielleicht dazu bei, dass sie ausgerottet werden, zumindest suchen sie sich ein anderes Versteck — —
Ach, Georg, wir Menschen sind ja so grausam der Natur gegenüber, und deswegen — —«
Er musste das, was er noch hatte sagen wollen, für später zurückhalten. Die Wechselreden waren ja auch nur ganz hastig getauscht worden, die beiden sahen dabei nach den Affenmenschen — —
Fast hätten sie lachen müssen.
Die erst so furchtbar grimmigen Gesichter mit den bösartig funkelnden Augen hatten jetzt einen Ausdruck größter Verblüffung — die Kerls fanden sich offenbar nicht gleich zurecht.
Doch die Freunde lachten nicht, sie sahen, dass die Affenmenschen alle als Waffen derbe Knüttel führten, armstarke Dinger, ein neuer Beweis, dass sie sich schon weit über die Tiere erhoben hatten.
So oft wird ja erzählt, dass Affen sich, wenn sie von Menschen angegriffen werden, gewehrt hätten, und doch hat noch kein ernster Forscher, kein wirklicher Beobachter das je in Wahrheit erlebt. Sie schleudern wohl Früchte herab, vielleicht auch kleine Äste, aber sie haben noch nicht erkannt, dass ein Stock in der Hand den Arm verlängert und so zur gefährlichen Waffe wird. Auch die großen Menschenaffen tun das nicht, und wenn phantasiereiche Künstler sie abbilden, wie sie Steine in der Faust halten, so könnte das nur einem Zufall zuzuschreiben sein, sie hätten aus Versehen anstatt einer Kokosnuss oder einer anderen großen Frucht einen Stein ergriffen — —
Wenn Menschenaffen Stöcke, also abgebrochene Äste, in den Händen führen, so geschieht das eben nur, um sich auf sie zu stützen — beim Gehen — —
Und da war hier auch gleich wieder der Unterschied zwischen Menschenaffen und Affenmenschen; diese Geschöpfe hier bewegten sich zwar schwerfällig in der aufrechten Haltung, aber es war doch gleich zu sehen, dass diese die gewohnte war, dass sie offenbar nur noch ganz selten sich auf allen vieren vorwärtsbewegten.
Jetzt waren sie also verblüfft, weil sie die erwarteten Feinde nicht an der Stelle vorfanden, wo diese hätten stehen müssen — doch lange dauerte das nicht.
Einer von ihnen gab in grunzenden Lauten augenscheinlich einen Befehl und wurde verstanden.
Zwei andere kletterten mit größter Gewandtheit in die Tiefe, und die beiden Beobachter wussten, was sie dort suchten, sie brauchten sich darüber gar nicht erst zu unterhalten.
In der Tat kamen die Abgeschickten bald wieder herauf und schleppten einen ihrer toten Gefährten mit sich, um ihn zu den Füßen dessen niederzulegen, der den Befehl gegeben hatte.
Dieser Affenmensch beugte sich über die Leiche und schien sie genau zu untersuchen. Er stieß dabei Töne hervor, die recht gut als Sprache bezeichnet werden konnten. Jedenfalls verstanden die andern ihn sofort, und wieder merkten die Freunde, dass die Affenmenschen sehr verblüfft waren.
Aber von Furcht verrieten sie nicht die geringste Spur.
Nur immer wütender wurden sie, je länger ihr Führer sprach, und schon blickten sie wieder spähend umher. Bald würden sie vorrücken, um den Pfad nach den Eindringlingen zu durchsuchen.
Ein kurzer Befehl!
Der Anführer ließ den Toten fallen, abermals schlug er unten auf. Die anderen aber waren bereits wieder in dem dichten Laubwerk verschwunden, und nun folgte der Letzte ihnen nach.
In demselben Augenblick bewegte die Kugel sich vorwärts. Die beiden Freunde folgten ihr so lautlos wie möglich, immer die Revolver bereit, falls eine Warnung erfolgen sollte.
Sie kam nicht!
Dieser Weg schien frei von Wächtern zu sein. Vielleicht führte er also nicht nach dem Hauptlager der Affenmenschen.
Die Freunde zerbrachen sich darüber den Kopf nicht, sondern bemühten sich nur, die führende Kugel nicht aus den Augen zu verlieren, und erst nach fast einstündiger Wanderung wurden sie durch ein Klopfen in der Kapsel gewarnt.
Sie selber hatten schon entdeckt, dass der Wald sich hier lichtete, und als sie noch ein Stück vordrangen, sahen sie den nackten Felsen vor sich, blickten aber auch schon von der Höhe hinab in eine weite Grasebene und — sahen dort unten eben einen Trupp Eingeborener herankommen.
»Das ist die Welt, die Erde, die den übrigen Menschen bekannt ist«, sagte Georg Wedekind. »Wenn diese Männer dort unten ahnten, welche Wunder sich hier bergen!«
Sie konnten jedoch die Indianer nicht beobachten, die Warnung in der Kapsel erklang noch einmal — da warfen die beiden sich der Länge nach auf das Gestein und glitten so auf ihm vorwärts.
Angegriffen wurden sie nicht. Die Warnung konnte also nur bedeuten, dass sie vielleicht gesehen werden könnten, aber das war nicht der Fall, sie kamen weiter und weiter, ohne behelligt zu werden, bis sie wieder in einem Dickicht untertauchten.
Sie merkten aber sogleich, dass die Büsche und Bäume hier oben andere waren als unten in der Niederung, und als sie einmal stehen blieben, weil auch die Kugel vor ihnen Halt machte, zog Georg das Fernrohr und spähte zwischen den Ästen hindurch in die Ferne.
Fritz hatte die Karte hervorgeholt und den Kompass, und nun sagte er:
»Von hier aus liegt der See genau westlich. Wenn Du dorthin blickst, musst Du also wenigstens den Felsen entdecken, in dem die Indios hausen!«
»Ich habe ihn schon, kann ihn fast ganz übersehen«, erwiderte Georg. »Es ist aber nichts Besonderes zu gewahren.«
Er wollte das Fernrohr schon wieder einstecken, da stutzte er doch noch einmal, setzte es wieder an das Auge und gab es dann seinem Freunde.
»Sie haben Feuer angezündet?«, rief dieser.
»Eben! Und zwar nicht am Strande des Sees, sondern auf der Höhe des Felsens. Zum Kochen können sie das nicht getan haben. Wozu also sonst?«
Doch Fritz wusste es ebenfalls nicht, er konnte nur feststellen, dass die Feuer absichtlich mit nassem Holze genährt wurden, denn sie entwickelten dicken Rauch, und daraus war zu schließen, dass sie als Signale dienen sollten.
Aber die Bedeutung dieser Signale?
Die beiden konnten es nicht erraten, und als sie jetzt wieder nach der Kugel blickten, gewahrten sie, dass diese sich wieder bewegte, sie hüpfte auf und nieder, um endlich weiterzuwandern, und da folgten die beiden ihr auf dem sehr schmalen Pfade, der aber immer noch auf dem Felsen hin führte, also nicht mehr wie früher auf Baumästen.
Nur noch ein kurzes Stück hatten sie zu gehen, dann gewahrten sie den einzelnen Felsen. Sie wussten, dass sie nun am Ziele waren, und die Kugel zeigte es ihnen an, indem sie hinübersprang, eine Sekunde noch in der Luft stehen blieb, dann jedoch auf einmal in den Felsen einzudringen schien.
»Dort drüben ist der Schacht, in den wir steigen sollen!«, sagte Fritz.
Dabei maß er schon die Entfernung und schüttelte den Kopf.
»Das wird ein gefährlicher Sprung«, setzte er hinzu. »Der Zwischenraum ist ja nicht so groß, dass wir ihn nicht mit einem kräftigen Satze nehmen könnten, aber wir haben keinen Anlauf, und der Felsen drüben ist noch eben, fällt gerade nach dieser Seite sehr ab — —«
»Gleichviel, wir müssen hinüber«, erwiderte Georg. »Aber der Sicherheit halber werden wir uns anseilen. Lianen sind ja genug vorhanden. Komm, lass uns einige abschneiden und sie zu einem Seile flechten!«
Sie machten sich sofort an die Arbeit und waren froh, als sie erkannten, dass die Lianen gerade hier sehr schmiegsam und doch fest waren, was durchaus nicht immer der Fall ist.
Bald hatten sie ein genügend langes Seil fertig, auch eine Schlinge ans Ende geknüpft, und nun wollte natürlich jeder der erste sein, der den Sprung wagte.
Da sie aber nicht lange Zeit verlieren wollten, losten sie mit Holzstücken.
Fritz zog das längere, legte sich die Schlinge unter den Armen um den Leib, wartete noch, bis Georg das andere Ende vorsichtshalber um einen Baumstamm geschlungen hatte, duckte sich und schnellte in gewaltigem Sprunge durch die Luft.
Er kam auch glücklich hinüber, aber, wie er befürchtet hatte, glitt er von dem abschüssigen Gestein ab — gerade im letzten Augenblick gewann er an einem Vorsprung noch Halt — —
Mühsam genug kletterte er empor, kam auf eine genügend große, flache Stelle, prüfte, ob er dort festen Stand hatte und rief dann:
»Los, Georg! Ich denke, ich werde Dich halten können!«
»Ich komme!«, tönte es zurück. Und nun wagte auch Georg den Sprung.
Als seine Füße drüben auftrafen, riss Fritz an dem Seil, zog ihn zu sich empor — sie standen nebeneinander, nun doch aufatmend — und da ergellte drüben auch schon ein furchtbares Geschrei — —
Das Dickicht, das sie eben verlassen hatten, schien lebendig geworden zu sein von Affenmenschen, überall schauten zwischen dem Laubwerk die bösartig verzerrten Gesichter hervor, Arme reckten sich, von langem Haar umzottet — —
Aber die Freunde gewahrten auch noch etwas anderes.
Diese Affenmenschen dort waren unbedingt Weiber, denn viele von ihnen hatten Kinder auf den Armen — anders konnten diese kleinen Wesen gar nicht genannt werden, der Ausdruck »Junge« hätte nicht auf sie gepasst, denn — und das war das neue Wunder, das den beiden Deutschen sich hier offenbarte: Diese kleinen Affenmenschen waren fast noch gar nicht behaart, schienen nur ganz kurzes, flaumiges Haar zu haben, durch welches überall die Haut hervorleuchtete, und diese war nicht dunkler als die der Indios.
Aber die Freunde durften nicht lange derartige Beobachtungen anstellen, sie mussten doch fürchten, dass das laute Geschrei, das immer noch ertönte, auch die Männchen herbeilocken würde, und so blickten sie sich rasch um, um die Stelle zu entdecken, wo die Kugel verschwunden war.
Sie brauchten nicht lange zu suchen.
Unmittelbar hinter ihnen tat sich eine dunkle Schachtöffnung auf, und als sie zu ihr traten, sahen sie darin auch schon, wie ihnen gezeigt worden war, die kupferne Leiter.
Ohne noch zu zögern, kletterten sie nacheinander in das Loch hinein und verschwanden darin.
Sie stellten noch fest, dass die Affenmenschen drüben auf einmal verstummten, wussten natürlich aber nicht, aus welchem Grunde das geschah, und sollten das auch erst viel später erfahren.
Fritz, der vorankletterte, sagte nur:
»Na da!! Das wird eine schöne Bescherung, wenn wir denselben Weg zurückmachen müssen! Da können wir doch sicher darauf rechnen, dass die Affenmenschen uns hier belagern!«
»Mögen sie!«, erwiderte Georg sorglos.
Als sie so tief gekommen waren, dass sie das von oben kommende Licht nur noch als winzigen Punkt über sich gewahrten — aber nur Georg konnte es noch sehen — wurde es doch wieder hell um sie her, und sie waren ja schon an dieses geheimnisvolle Licht gewöhnt, wunderten sich nicht mehr darüber — —
Unentwegt kletterten sie weiter, und wenn etwas ihr Staunen erregte, so war es die kunstvolle Art, in welcher diese kupferne Leiter in dem harten Gestein befestigt war.
Wer mochte sie hier angebracht haben?
Sie dachten beide daran, aber sie sprachen nicht darüber, und nachdem sie vierhundertachtundzwanzig Sprossen gezählt hatten, merkte Fritz, dass er auf ebenem Boden angekommen war.
»Wir sind am ersten Ziele, Georg«, meldete er, trat seitwärts, sich schon umschauend, und gewahrte, dass er am Anfang eines schmalen Ganges stand.
Georg trat hinter den Freund — nebeneinander hatten sie gar nicht Platz — und dann drang Fritz in den Gang ein.
»Eine Türe! Eine richtiggehende eiserne Türe!«, rief er alsbald.
»Aber die Klinke fehlt!«, setzte er dann hinzu.
Er fingerte an den Eisen- oder Stahlplatten herum, und die Tür ging auf, ohne dass er zu sagen vermocht hätte, ob er eine Feder oder einen anderen Mechanismus berührt hatte.
»Das ist fein!«, rief er auch gleich.
Er trat durch die Öffnung, Georg folgte ihm.
Sie standen in einem netten Stübchen, anders kann es gar nicht genannt werden, und zwar war es das winzige Arbeitszimmer eines Gelehrten mit einer Art Schreibtisch, dem dazugehörigen Sessel davor, der an einen alten Kirchenstuhl erinnerte — an der Wand stand ein Schrank, daneben eine hochlehnige Bank, und an der anderen Seite war ein niedriges Lager aus Fellen und Decken.
Auf dem Schreibpult aber lag — das sahen die beiden sogleich — das Pergament, das sie von hier holen sollten.
Und ehe sie noch mit ihrer Musterung fertig waren, hörten sie auch schon eine ihnen bekannte Stimme.
»Glückauf!«, sagte diese. »Sie sind glücklich am Ziele angelangt. Wenn Sie sich nun erst etwas stärken wollen, so finden Sie alles Nötige in dem Schranke. Es steht aber nicht etwa schon drin, Sie können sich überzeugen, dass er vollständig leer ist, doch wenn Sie mir sagen wollen, was Ihnen jetzt am meisten munden würde, so werden Sie es binnen weniger Minuten vorfinden. Ein Klingelzeichen wird die Ankunft melden.«
»Das ist fein!«, rief Fritz. »Ich möchte ein saftiges Schnitzel haben, mit Rosenkohl, bitte, und Bratkartoffeln!«
»Wird besorgt!«
»Und ich — ach, meinetwegen dasselbe!«, sagte Georg.
Die beiden lachten dabei, aber die Stimme des Unsichtbaren blieb ernst, als sie wiederum antwortete:
»Wird besorgt! Und was wünschen die Herren zu trinken?«, fragte sie weiter.
»Das ist mir gleich. Frisches Wasser, so recht kühl, wäre mir am liebsten!«
»Mir auch!«
»Sehr wohl! Inzwischen haben Sie wohl die Freundlichkeit und nehmen aus dem Kasten des Pultes die Blechbüchse — eigentlich eine Röhre — stecken das Pergament hinein, ohne es untersucht zu haben, und einer von Ihnen befestigt sich die Röhre mittels der daran angebrachten Riemen am Leibe. Wollen Sie das tun?«
»Wird besorgt!«, antwortete Fritz, ohne zu wissen, dass er sich der Worte bediente, die der Unsichtbare selber gebraucht hatte.
Er nahm die Kapsel aus dem Schubfach, steckte das Pergament, das schon zusammengerollt war, hinein und band es sich an den Gürtel, den er trug.
Das hatte natürlich nur kurze Zeit in Anspruch genommen, aber doch ertönte bereits aus dem Schranke ein Klingelzeichen, und als die beiden die Türe öffneten, duftete es ihnen daraus entgegen.
Zu ihrem maßlosen Erstaunen fanden sie nicht nur die bestellten Schnitzel auf einer großen silbernen Platte, sondern auch den Rosenkohl und die Bratkartoffeln, und daneben standen zwei große Steinkrüge mit Gläsern dabei — —
»Na da!«, rief Fritz und griff zu, aber da er sich vergeblich nach einem Tische umschaute, auf den er alles hätte stellen können — die Fläche des Schreibpultes war zu schräg — so ließ er die Platte stehen, wo sie stand, zog sich mit Georgs Hilfe die Bank heran, beide setzten sich darauf, tranken erst einmal ein Glas des köstlich frischen Wassers und begannen dann mit dem gesunden Appetit der Jugend zu verspeisen, was ihnen so unverhofft beschert worden war.
»Rosenkohl!«, murmelte Fritz dabei.
»Und Bratkartoffeln!«, ergänzte Georg. »Woher sie das alles nur nehmen!«
Ja, es war ein Wunder, denn solche Leckerbissen gab es in ganz Südamerika nicht, höchstens in den Großstädten, und auch da nur in erstklassigen Hotels zu sündhaft teueren Preisen.
Endlich war alles bezwungen, die Platten waren leer, die beiden satt.
Jetzt machte sich ein anderes Bedürfnis mit Allgewalt geltend: Sie waren beide todmüde, und das war erklärlich, da sie so lange nicht zum Schlafen gekommen waren.
Da die Stimme des Unsichtbaren ihnen keine Vorschriften machte, da sie also nicht wussten, was sie noch weiter hier tun sollten, teilten sie das Lager in zwei Teile, streckten sich darauf aus und — schliefen alsbald ein.
Lautlose Stille war um sie her. Die Tür war wieder geschlossen.
Und die beiden wurden nicht gewahr, dass sich auf einmal das ganze Stübchen mit ihnen in Bewegung setzte, dass es in eine unbekannte Tiefe hinabglitt, bis es mit sanftem Stoße irgendwo aufsetzte — —
Die Tür wurde geöffnet, ein Mann schaute herein, winkte zurück — andere Männer erschienen, die beiden Schläfer wurden samt dem Lager auf eine Art Bahre geschoben, die Tür schloss sich hinter den hinausgleitenden Bahren, und das Stübchen bewegte sich wieder nach oben.
Wohin aber ging nun wieder die sonderbare Fahrt der beiden jungen Deutschen?
Sie ahnten es nicht, merkten nicht, dass sie überhaupt fortgebracht wurden.
Die meisten Träume stellen sich immer erst kurz vor dem Erwachen ein, auch noch im Halbschlafe, und was man innerhalb weniger Sekunden alles erleben kann, ist ja geradezu wunderbar. In einem solchen knappen Zeitraum spielt sich oft alles ab, was sonst ein ganzes Menschenleben ausfüllt.
Ähnlich erging es Georg Wedekind.
Er hatte einen ganz sonderbaren Traum, war auf einmal irgendwo in der Nähe des Südpoles. Dass es gerade dieser war und nicht der Nordpol, kam daher, dass sein Verstand doch selbst diesen Traum noch kontrollierte. Georg hatte das Bewusstsein nicht verloren, dass er sich in Südamerika befand, also musste diese Eis- und Schneelandschaft, in die er auf einmal versetzt war, sich eben am Südpole befinden.
Und sein Verstand gab ihm auch eine Erklärung des Traumes, wie andere Menschen das ja sicher ebenfalls schon erlebt haben. Sie wissen, dass sie träumen, aber sie können diesen Traum nicht unterbrechen.
So wusste auch Georg Wedekind, dass er das alles nicht in Wirklichkeit sah, er glaubte indes auch nicht an einen Traum, sondern er dachte eben: »Da macht dieser Loke Klingsor wieder einmal seinen Hokuspokus mit Dir.«
Und ahnte nicht, wie nahe er damit der Wahrheit kam!
Aber verflucht kalt war es in dieser schönen Gegend, eben hatte er den Gedanken gehabt:
»Wenn dieser Loke Klingsor Dich hierher gebracht hat, hätte er eigentlich auch für entsprechende Kleidung sorgen müssen. Mich friert ganz elend, und wenn das so weitergeht, dann wache ich als Eiszapfen auf.«
Und da schlug er die Augen auf und schaute sich um, schloss sie wieder, guckte wiederum auf, strich sich über die Lider — und schüttelte den Kopf.
»Ich habe nicht geträumt«, murmelte er. »Oder ich träume eben noch, träume, dass ich jetzt aufgewacht bin — na, da ist es besser, ich träume lieber weiter. Einmal wird es ja doch zu Ende gehen. Ob das Schnitzel und die vielen Bratkartoffeln daran schuld sind?«
Er schloss also die Lider noch einmal, und wenn er jetzt auch nichts mehr sah, so blieb doch wenigstens die Empfindung großer Kälte. Er fror, dass die Zähne ihm klapperten.
Ja, das konnte aber doch gar kein Traum mehr sein!
Er hatte schon vorhin gemerkt, dass er die Finger kaum bewegen konnte, als er sich über die Augen strich.
Rasch tat er die Augen wieder auf und beguckte seine Hände.
Blau und steif waren sie —
Und das war kein Wunder, da er rings von Schnee und Eis umgeben war!
Was er im Traume gesehen zu haben glaubte, war Wirklichkeit!
Er lag noch auf den Fellen, auf denen er sich in dem Stübchen dort unten ausgestreckt hatte — das wusste er noch genau — aber dieses Lager befand sich jetzt etwas erhöht —
Er griff neben sich, bekam Holz zwischen die steifen Finger, richtete sich auf, erkannte, dass das eine Bahre war, wurde nun erst recht verwirrt und wollte eben aufspringen. Da hörte er ein lautes Gähnen, dann ein Zähneklappern und darauf knurrte jemand:
»Uuuuaaaah! Ist das aber kalt geworden in der Stube!«
»Fritz!«, schrie da Georg.
Er sah erst jetzt den Freund, weil dieser nicht neben ihm lag, sondern hinter ihm.
Da tat Fritz die Augen ganz auf und — machte dasselbe durch, was Georg schon hinter sich hatte.
Doch dieser sorgte dafür, dass der Freund schnell wach wurde.
»Wir sind am Südpol!«, rief er. »Wache doch auf, Junge! Wir müssen uns Bewegung machen, sonst erfrieren wir!«
Er selber sprang von dem Lager und der Bahre herab und drehte sich ein paarmal im Kreise, dabei mit den Armen schlagend wie ein Hahn, ehe er zu krähen anhebt.
Fritz aber fand sich noch nicht gleich zurecht, auch dann nicht, als sein Freund ihn derb an einer Schulter rüttelte.
»Ja, wir waren aber doch zuletzt —«, murmelte er.
»Das kümmert uns jetzt nichts«, unterbrach Georg ihn. »Auf, auf! Wir müssen sehen, dass wir warm werden! Himmel, hier sind doch wenigstens fünfundzwanzig Grad Kälte im Schatten!«
Den Humor hatte er also nicht verloren, und auch Fritz war noch der Alte, als er sich nun auf die Füße stellte.
Er hob gleich herzhaft zu lachen an.
»Du siehst auch den Wald vor lauter Bäumen nicht, Junge!«, sagte er dann.
»Wald? Hier ist doch keiner!«
»Nee, aber Du hast die ganze Zeit auf den allerschönsten warmen Fellen gelegen, brauchst sie jetzt bloß aufzuheben und Dich hineinzuwickeln und steckst so warm wie noch nie — und dabei rennst Du rum wie ein Maikäfer, wenn's plötzlich friert und schneit!«
Er lachte von Neuem, als er sah, wie Georg ein ganz verblüfftes Gesicht machte, dann aber schnell zur Bahre eilte und das oberste Fell an sich riss.
Er seinerseits bückte sich ebenfalls und tat es dem Freunde nach.
Da aber war die Reihe, verblüfft auszusehen, an ihm.
»Das ist ja gar kein Fell!«, stieß er hervor.
»Na, was ist denn das sonst?«, rief Georg herüber.
»Das ist ein Anzug aus Fellen!«, erklärte Fritz.
»Gerade wie bei mir! Ach, Du blindes Huhn, merkst Du denn nicht, dass dieser Loke Klingsor uns wieder einmal bluffen will? Dass er aber wenigstens gleich dafür gesorgt hat, dass wir nicht ganz erfrieren?«
»Na, ja, das kann ich mir denken!«, gab Fritz zu, während er schon in den Pelzanzug schlüpfte, der gleich Stiefel und Strümpfe mit enthielt, ebenso eine Kapuze, die am Halse mittels eines Riemens zugezogen werden konnte. Die Ärmel liefen in Fausthandschuhe aus Pelz aus; aber letztere konnten im Bedarfsfalle abgeschnallt werden.
Es waren also Anzüge, wie Polarfahrer sie sich anfertigen. Die beiden Freunde hatten sie gleich fix und fertig bekommen, und da sie nun einmal stutzig geworden waren, so untersuchten sie die Bahre weiter, fanden aber nur noch einige Decken.
»Da müssen wir eben warten, bis wir das andere Nötige noch bekommenn«, sagte Fritz Hammer. »Jetzt aber muss ich erst einmal wieder aus dem Dinge herauskriechen. Ich habe vergessen, die Blechröhre abzubinden, und den Revolver habe ich stecken lassen.«
Georg kam zu ihm, um ihm zu helfen, aber dabei tastete er auch schon den Körper des Freundes ab.
»Du brauchst Dich nicht erst wieder auszuschälen«, sagte er. »Die Kapsel ist weg, die hat man Dir sicher schon abgenommen, während Du schliefst, und meinen Revolver habe ich auch nicht mehr, den hat man ebenfalls weggenommen. Da wird es Dir nicht anders gehen als mir.«
Das stimmte, wie Fritz sich durch Abtasten überzeugte. Er hatte keinen Revolver mehr.
Doch die beiden machten sich keine großen Gedanken, guckten sich vielmehr jetzt erst einmal richtig um.
Es blieb dabei. Sie befanden sich ganz entschieden in der Nähe eines der beiden Erdpole, und da sie eben zuletzt in Südamerika gewesen waren, so musste es der südliche Pol sein.
Sie fragten sich nicht lange, wie sie hierher gekommen waren, sie hatten ja ähnliche Überraschungen schon genug erlebt, aber beiden kam doch derselbe Gedanke. Georg Wedekind sprach ihn aus.
»Du, jetzt werden die beiden Mädels aber lange auf uns warten können!«
»Die Bora und die Attala?«, erwiderte Fritz. »Na, weißt Du, eigentlich bin ich froh, dass wir die nicht wiedersehen sollen —«
»Warum denn nur? Es waren doch sehr, sehr hübsche Mädchen! Und so zutunlich!«, meinte Georg spottend.
»Eben deswegen! Mir wurde ganz warm bei ihrer Zutunlichkeit!«
»Und da ist Dir jetzt in der Kälte wohler?«
»Allemal, Junge! Bloß wissen möchte ich, was nun aus den anderen wird, die bei den Indianern geblieben sind. Die werden schön nach uns suchen.«
»Das werden sie schwerlich! Ich glaube, die sind froh, dass sie uns los sind«, meinte Georg. »Denn nun brauchen sie auf uns keine Rücksicht mehr zu nehmen, jetzt können sie den ganzen Felsen durchstöbern. Hoffentlich haben die Häuptlinge schon alles versteckt.«
»Hoffentlich! Aber sage mal, Georg, was ist denn eigentlich das hier? Können vielleicht die Eisbären, die es doch sicher hier gibt, Schneeschuh fahren?«
»Was willst Du?«
»Na, hier ist doch einer Schneeschuh gefahren!«, beharrte Fritz. »Es ist zwar lange, sehr lange her, dass ich keinen richtigen Schnee mehr gesehen habe, und ebenso lange, dass ich auf den Bretteln gefahren bin, aber so viel weiß ich doch noch, dass das hier —«
»Es ist wirklich die Fährte eines Schneeschuhläufers!«, rief Georg. ihn unterbrechend. »Fritz, wir sind nicht allein hier!«
»Du denkst also nicht, dass es ein Eisbär war?«
Sie lachten beide.
»Na, da wollen wir mal sehen, ob wir den Kerl finden!«, hob Fritz wieder an, und schon folgte er der deutlich wahrnehmbaren Spur.
»Der Mann kann es!«, sagte er unterwegs. »Ich wollte, ich hätte auch ein Paar solche Dinger, denn es geht sich doch elend in dem tiefen Schnee. Aber da — gucke doch mal dorthin!«
Er deutete mit einem Arm vorwärts, wo sich allerlei eisüberdeckte Felsen erhoben, und da gewahrte auch Georg Wedekind aufsteigenden Rauch.
»Dort werden wir ihn finden!«, flüsterte er, als könnte er schon von dem Unbekannten gehört werden.
»Ja, dort werden wir ihn finden. Aber wer wird es sein? Eskimos gibt es doch am Südpol nicht. Vielleicht entdecken wir einen ganz neuen Volksstamm, eine unbekannte Menschenrasse —«
»Als wenn wir nicht schon zwei oder wenigstens anderthalbe entdeckt hätten!«, rief der andere
»Na, das schad't ja nichts!«
Und nun schlichen sie sich vorwärts, bis sie — allerdings mühsam genug — auf einen der Felsen gekraxelt waren und in die Tiefe jenseits blicken konnten.
Da staunten sie ja nicht schlecht.
Unmittelbar unter ihnen stand eine Eskimohütte, aus Schnee gebaut, nachher mit Wasser übergossen, dass das Ganze festgefroren war.
Das Einzige, was nicht vorschriftsmäßig war, war die Esse aus Schwarzblech, die aus der Halbkugel hervorragte, aber der Vorbau, der ins Innere führte und nur auf allen vieren zu durchkriechen war, stimmte wieder, der war ganz so, wie sie es auf abgebildeten Eskimowinterhütten gesehen hatten.
Und aus dieser Esse stieg lustig blauer Rauch zum Himmel empor, ein Beweis, dass da drinnen ein Feuer brannte.
»Wollen wir?«, fragte Fritz, den Freund anschauend.
Der nickte nur, und schon kletterten beide zu der Hütte hinab, legten sich auf alle viere, als sie vor dem Eingange angekommen waren, und krochen, einer hinter dem anderen, hinein.
Der Weg war nur kurz, aber Fritz, der der vorderste war, machte doch Halt, dass Georg nicht weiterkonnte.
Er war gar nicht imstande, weiterzukriechen, denn was er sah, das verblüffte ihn nunmehr vollständig Und da er merkte, dass er selbst anscheinend noch nicht entdeckt worden war, so stampfte er mit beiden Füßen energisch auf dem Kopfe des Freundes herum, bis er merkte, dass dieser rückwärts kroch.
So kamen beide wieder ins Freie, und dort setzte Fritz sich gleich auf den Schnee.
»Warum bist Du denn umgekehrt?«, fragte Georg.
»Ach, Junge, mir bleibt ja der Verstand stehen!«, stieß Fritz außer sich hervor. »Ahnst Du denn nicht, wer dort drin sitzt?«
Da brauchte Georg allerdings seinen Verstand nicht groß anzustrengen. Hier gab es doch nur eine Antwort.
»Loke Klingsor?«
»Ja«, erwiderte Fritz ganz leise.
»Aber der soll doch in Australien sein, wie uns gesagt wurde!«
»Soll! Die können uns viel erzählen! Glauben tue ich hier schon lange nichts mehr! Pass nur auf, Georg, wie die uns auslachen! Das alles haben wir ja gar nicht erlebt, die haben uns einen Film vorgeführt — denn sonst — Georg, wenn ich das nicht annehme, da muss ich wirklich für meinen Verstand fürchten. Da kann einer doch überschnappen —«
»Ich nicht!«, knurrte Georg. »Und wenn Du Dich fürchtest, da will ich vorauskriechen —«
»Ja, tue das!«, stimmte Fritz bei.
Und zum zweiten Male krochen sie in den engen und niedrigen Tunnel, aber jetzt trampelte doch gleich Georg seinem Freunde mit den Füßen auf dem Kopfe rum, dass dieser schon zurückweichen wollte —
Er hatte es nicht nötig.
Aus dem Innern der Hütte klang eine Stimme, die beiden ja schon vertraut war.
»Nur herein, meine Herrschaften! Ich habe Sie hier erwartet!«
Da kroch Georg Wedekind weiter, Fritz Hammer folgte ihm nach, und als sie beide aus dem Gange heraus waren, richteten sie sich auf und griffen beide gleichzeitig unwillkürlich nach dem Kopfe.
Sie wollten den Hut abnehmen, den sie gar nicht auf hatten, um den Herrn zu grüßen, der in diesem traulich warmen Raume auf einem schönen Lehnstuhle saß — und weiter nichts an hatte als eine Samtjoppe und all das andere, was sie nun ebenfalls schon kannten — genau so, wie sie ihn auf dem Bilde gesehen hatten!
»Herr Klingsor?«, fragte Georg Wedekind, sich nun wenigstens tief verbeugend.
»Jawohl, der bin ich! Und Ihre Namen sind mir ja auch schon längst bekannt. Sie sind Georg Wedekind, und das ist Ihr Freund Fritz Hammer.
Bitte, setzen Sie sich! Ich heiße Sie in meinem Reiche willkommen und hoffe, dass es Ihnen hier gefallen wird.«
Ehe die beiden aber der Einladung entsprachen und sich auf den Sesseln niederließen, die neben dem Tische standen, hatte Georg noch eine Frage:
»Wir sind hier am Pol?«
»Nehmen wir es an!«, lautete die ausweichende Antwort, die abermals von einer einladenden Handbewegung nach den Sesseln begleitet war. »Fragen dürfen Sie nach Herzenslust. Ob ich Ihnen antworten werde, steht auf einem anderen Blatte.«
Sie waren in einer Eskimohütte, aber diese war ganz wohnlich ausgestattet, der Boden mit dicken Teppichen belegt, die Wände damit verhangen, und von den Möbeln ist ja auch schon gesprochen worden, Tische und Sessel waren vorhanden, in einer Ecke stand ein eiserner Ofen, in dem ein Feuer lustig prasselte —
Und als die beiden den sahen, empfanden sie erst wieder, dass es sehr warm hier war. Der Schweiß rann ihnen bereits über das Gesicht.
»Ziehen Sie sich nur aus!«, forderte Loke Klingsor denn auch, und die beiden streiften ihr Polarkostüm ab.
Dabei aber schauten sie unverwandt auf den Mann, der lächelnd vor ihnen saß, in dieses seltsam schöne Gesicht, in die leuchtenden Augen —
»Ich danke Ihnen zunächst, dass Sie meinen Auftrag so prompt erledigt haben«, hob Loke Klingsor wieder an. »Das Pergament ist bereits in meinen Händen.«
»Sie haben uns hierher bringen lassen, während wir schliefen?«, fragte da Georg.
»Ich war so frei.«
»Und hier? Was soll denn nun aus uns werden? Wir müssen doch schließlich mal wieder heim!«
»Gewiss! Das heißt, wenn Sie es durchaus wünschen! Sonst steht Ihnen frei, bei mir zu bleiben, und ich denke, Sie werden sich wohl in diesem Sinne entschließen. Jetzt habe ich die Pflicht, Sie etwas aufzuklären. Vorher aber will ich meinen Pflichten als Wirt nachkommen. Lieben Sie Grog von Arrak oder von Rum? Oder soll ich Ihnen, wie sich das hier eigentlich gehört, ein Kännchen Tran servieren lassen?«
»Grog von Arrak wäre mir schon lieber«, antwortete Fritz, der gleich seinem Gefährten noch ganz verwirrt war.
»Also Grog von Arrak!«, sagte Loke Klingsor, und da ertönte auch schon das feine Klingeln, das die beiden ebenfalls schon kannten. Ihr Gastgeber erhob sich, trat zu einer Wand, schob den Teppich dort etwas zur Seite, griff in eine Öffnung und brachte auf einem großen Tablett alles, was zu einem Grog gehört, das Wasser in einem Samowar kochend.
Er stellte das Tablett auf den Tisch, bot den beiden die Karaffe, aus der sie sich einen Schuss des köstlich duftenden Arraks in die Gläser schütteten, dann kam eine Scheibe Zitrone hinein, Zucker folgte, und schließlich wurden die Gläser mit dem heißen Wasser gefüllt.
Trinken konnte man das Zeug ja noch nicht, es war zu heiß, aber da hatte Loke Klingsor schon ein Kästchen geöffnet, das in einem Fache neue, schöne Bruyèrepfeifen enthielt, jede in einem Etui, in einem anderem Fache war amerikanischer Edgeworth zu sehen.
»Bitte, bedienen Sie sich! Es spricht sich besser, wenn man gemütlich raucht.«
Die beiden waren eigentlich keine Pfeifenraucher, aber sie bedienten sich, und der vorzügliche Tabak schmeckte ausgezeichnet. Als sie dann auch noch einen Schluck getrunken hatten, fühlten sie sich schon nicht mehr so bedrückt, und Fritz sagte sogar zufrieden:
»Es ist sehr nett bei Ihnen, Herr Klingsor.«
»Finden Sie? Das freut mich! Aber nun wollen wir erst das rein Geschäftliche abmachen. Ich sagte schon, dass ich Ihnen einige Erklärungen schuldig bin, ich müsste vielleicht sagen: Aufklärungen.
Und da will ich gleich vorausschicken, dass Sie das alles weder geträumt noch in einem Film gesehen haben. Diese Eskimohütte ist wirklich vorhanden, ebenso wie Schnee und Eis draußen, aber Sie befinden sich nicht am Nordpol, wie Sie wähnen —«
»Verzeihung, wir glaubten uns am Südpol!«, wagte Georg einzuschalten.
»Auch da sind Sie nicht. Sie weilten zuletzt in einer subtropischen Landschaft, sind in den Brunnenschacht gestiegen und in dieser eisigen Region erwacht. Sie haben zwar mehr als zehn Stunden geschlafen und sind währenddessen fortgebracht worden, aber im Ganzen nur etwa fünf Kilometer, also bei Weitem nicht bis zum Südpol.«
»Und trotzdem —«, murmelte Georg.
»Und trotzdem!«, wiederholte Loke Klingsor. »Wie das möglich ist, werden Sie schon noch erfahren. Bestimmt versprechen kann ich es Ihnen ja nicht, das hängt nicht von mir allein ab, aber ich hoffe, dass es der Fall sein wird.
Jetzt will ich Ihnen erst einmal in der Ihnen bereits bekannten Weise zeigen, was drüben am See vorgeht. Ich habe meine bestimmten Gründe dazu, denn sonst würden Sie sich sehr wundern, falls Ihnen nachher Signorina Ravelli hier begegnet.«
»Sie soll auch hierher gebracht werden?«, rief Fritz außer sich.
»Jawohl, das soll sie, und sie wird nicht böse sein, denn sie sucht mich ja, wie Sie bereits erraten haben. Auch den Senhor Antonio Almeida werde ich zu mir kommen lassen, allerdings erst nach einer kleinen erneuten Prüfung. Er hat diese verdient, weil er — doch das gehört nicht zur Erklärung. Sie werden es gleich verstehen!
Und ehe ich Ihnen nun wieder eine solche schwarze Wand erscheinen lasse, will ich noch bemerken, dass es sich dabei um einen elektrischen Fernseher und Fernhörer handelt, dessen Konstruktion mein Geheimnis ist. Welcher Art sie ist, werden Sie also unter gewissen Umständen erfahren und dann zugeben, dass von einer Zauberei dabei auch nicht im Entferntesten die Rede sein kann. Es geht alles sehr natürlich dabei zu, insofern natürlich, als eben nur Naturkräfte dabei ausgenutzt werden, von denen man freilich in der Welt draußen noch nicht die geringste Ahnung hat.«
»In der Welt draußen?«, griff Georg diesen Ausdruck auf. »Wir befinden uns also außerhalb dieser Welt?«
»In gewissem Sinne«, gab Klingsor zu, ging aber nicht weiter auf den Einwurf ein, sondern fuhr fort:
»Sie werden jetzt also Ihre bisherigen Gefährten nicht nur sehen, sondern auch jedes Wort hören können, das sie miteinander sprechen oder auch bloß flüstern. Auf die gleiche Weise war es uns möglich, Sie ständig im Auge zu behalten. Sie dürfen sich dadurch nicht verletzt fühlen, wir haben Sie nicht immer belauscht, sondern eben nur, wenn es durchaus nötig war — zu Ihrem Besten — und um den Zweck zu erreichen, den ich anstrebte.
Bitte, lassen Sie sich auch nicht dadurch beirren, dass alles, was Sie jetzt sehen und hören werden, sich mit der Schnelligkeit eines Traumes abspielt. Dadurch sind Sie ja eben in den Glauben versetzt worden, dass alles, was Sie erlebten, nur ein Traum gewesen sei. Wir verfügen über die Möglichkeit, Handlungen, die sich in der entsprechendem Zeit abspielen, zusammenzudrängen, sodass sie scheinbar nur Minuten dauern. Mehr darf ich Ihnen jetzt nicht sagen!
Und nun wollen wir erst noch einmal trinken!«
Er hob sein Glas und neigte es gegen seine Gäste, ihnen dabei zulächelnd, und so kam es, dass die beiden wie aus einem Munde riefen:
»Prosit, Herr Klingsor!«
»Danke! Wohl bekomm's!«, klang es höflich zurück.
Sie tranken, dann stand Loke Klingsor auf, schob einen der Wandteppiche zurück und legte dadurch eine solche schwarze Tafel frei, wie Georg und Fritz sie zuerst auf dem »schlafenden Schiffe« gesehen hatten.
Nachdem er selbst sich wieder gesetzt hatte, begann der Farbenwechsel, und ebenso schnell sahen die beiden das Ufer des Sees vor sich, das von Indios wimmelte.
Es war gerade zu der Zeit, als Bora und Attala wieder dort landeten, demnach musste dieser Vorgang doch kinematografisch aufgenommen worden sein.
Die beiden Sonnenjungfrauen wurden von den Indios umringt, aber niemand fragte sie, bis die beiden Häuptlinge erschienen, und nun allerdings vernahmen Georg und Fritz jedes Wort.
Sie verstanden nicht alles, was sie hörten, dazu hätten sie das Wörterbuch haben müssen, und auch da wäre das schwierig gewesen. Aber sie errieten doch gleich, um was es sich einzig und allein handeln konnte.
Die beiden erzählten ihr Erlebnis und meldeten, dass die »Götter« in dem Walde verschwunden seien, ihnen aber geheißen hatten, zurückzukehren.
Die Häuptlinge wunderten sich nicht, sie durften das ja gar nicht, denn Götter gehen ihre eigenen Wege, und so gaben sie ihren Untertanen das Zeichen, sich zurückzuziehen. Die Indios verschwanden durch die große Höhle im Innern des Felsens, und auch die drei Europäer begaben sich in den ihnen angewiesenen Raum.
Dort setzten sie sich auf die Lager nieder, die beiden Männer brannten die Pfeifen an, und dann begann Manuel García die Unterredung. Er sagte:
»Ich wette, dass wir die beiden nicht wiedersehen werden.«
»Woraus glauben Sie das schließen zu dürfen?«, fragte die Italienerin.
»Ich denke es mir eben«, lautete die mit einem Achselzucken gegebene Erwiderung.
»Und ich«, schaltete da Antonio Almeida ein, »nehme an, dass die beiden von dem geschickt worden sind, den wir suchen.«
»Von Lo —« rief die Künstlerin, aber schon hoben die beiden Männer warnend die Hand, und die Ravelli schwieg.
»Das wäre ganz, ganz seltsam!«, fuhr sie dann fort. »Dann brauchten wir uns überhaupt nicht mehr zu bemühen, könnten gleich umkehren!«
»Was auch fest in meiner Absicht steht!«, gab Manuel zu.
»Sie wollen auf den ausgesetzten Preis verzichten?«, fragten die anderen beiden aufs höchste überrascht.
»Ich will eine lumpige Million Dollar fahren lassen, weil ich hier viel mehr gewinnen kann, eigentlich schon gewonnen habe!«
Manuel García brachte aus einer Tasche eine Handvoll Edelsteine hervor.
»Wo diese lagen, liegen auch noch mehr«, fügte er hinzu. »Und wir wären Narren, wenn wir uns dieses Zeug nicht aneigneten, da diese Indios es anscheinend — nein, wirklich — gar nicht schätzen, nichts mit ihren unermesslichen Reichtümern anzufangen wissen.«
Seine Augen funkelten, als er die beiden Gefährten nun ansah, und auch in deren Augen begann die Habsucht zu funkeln.
»Wissen Sie denn auch schon, wo die Indios diese Schätze verwahren?«, fragte die Ravelli und sah sich dabei scheu um, als fürchtete sie, sie könnte belauscht werden.
Gleich darauf lachte sie.
»Wir werden ja doch nicht verstanden, niemand kennt hier unsere Sprache. Da brauchen wir uns also durchaus nicht zu scheuen, laut zu sprechen.«
Ja, so war es, sie hatte ganz recht, und sie redete auch ganz ungeniert, was sie planten.
Manuel García war der Maßgebende dabei. Er sagte:
»Ich habe noch keine Ahnung, wo die Schatzkammer der Indios sich befindet. Ich weiß aber, dass sie vorhanden ist und den beiden anderen gezeigt wurde. Irgendein besonderes Geheimnis ist damit verknüpft, jedenfalls aber hat man den beiden das Versprechen des Schweigens abgenommen —«
»Das glaube ich nicht«, unterbrach ihn Antonio Almeida. »Im Gegenteil, ich nehme an, dass sie die Indios gewarnt haben, dass sie ihnen rieten, uns nicht diese Schätze zu zeigen!«
»So ist es, so ist es ganz bestimmt!«, rief die Italienerin aus.
»Und haben Sie bemerkt, dass die beiden auf einmal die Sprache der Indios kannten?«, fragte Manuel García.
Ja, das war auch den beiden anderen aufgefallen.
»Und Sie merken noch nichts?«, fragte der Portugiese1 weiter. »Wer soll
1 Nachdem García nacheinander als Spanier, als Brasilianer und nun als Portugiese
aufgetreten ist, wird er künftig portugiesischbrasilianisch als ›Senhor‹ angeredet. ihnen dann diese Kenntnis beigebracht haben, wenn nicht der, den wir suchen? Ihm ist sicher auch bekannt, dass die Indios solche Schätze besitzen, und er wird alles aufbieten, dass wir diese nicht erlangen.«
»Ja, wie sollen wir denn da zu unserem Ziele kommen?«, fragte Antonio Almeida. »Mir selbst liegt gar nicht so viel an diesen Reichtümern, ich weiß nicht, mir ist, als hinge ein uralter Fluch an ihnen —«
»Dann brauchen Sie ja nur auf ihren Anteil zu verzichten!«, erwiderte Manuel García spöttisch.
»Das werde ich wahrscheinlich auch tun«, lautete die Erwiderung. »Und wenn ich Ihnen raten darf, lassen auch Sie, was Sie planen. Die Reichtümer werden Ihnen ganz gewiss kein Glück bringen.«
»Lassen Sie das unsere Sorge sein«, wehrte Manuel García ab. »Jedenfalls muss ich Sie aber nunmehr fragen, ob Sie etwa geneigt sind, uns hinderlich zu sein, vielleicht gar Verrat —«
Antonio Almeida fuhr nicht auf, er lächelte nur.
»Ich lasse Sie gewähren — aus dem einfachen Grunde, weil ich gar nicht die Möglichkeit besitze, die Indios zu warnen. Ich verstehe ihre Sprache nicht.«
»So ist die Sache erledigt«, entschied der Portugiese. »Und nun will ich Ihnen gleich den Plan entwickeln, Signorina Ravelli, den ich bereits entworfen habe.«
»Da bin ich gespannt«, erwiderte diese. »Bitte sprechen Sie!«
»Die Sache ist sehr einfach. Sie spielen auf Ihrer Geige und locken dadurch den alten oder den jungen Häuptling oder beide hierher. Die anderen Indios dürfen diesen Raum nicht betreten, wie Sie ja schon gemerkt haben, also können nur diese beiden kommen.«
»Und wenn sie kommen?«
»Dann bemächtigen wir uns ihrer und behalten sie so lange als Geiseln, bis sie uns das Versteck des Schatzes verraten haben!«, erklärte Manuel García. Der Plan war gut, die Italienerin musste es zugeben, und — sie war bereit, die ihr zugedachte Rolle zu spielen.
Die Geige war gerettet worden, sie lag in der Höhle, und es war ganz klar, dass ihre Töne die Häuptlinge mit Zaubergewalt anlocken mussten. Die beiden dann zu fangen, war eine Kleinigkeit, und ebenso leicht schien es, sie zu zwingen, dass sie das Versteck des Schatzes verrieten.
Georg Wedekind und Fritz Hammer freilich waren außer sich, als sie diese Verschwörung erfuhren. Sie hätten am liebsten Loke Klingsor gebeten, sie wieder zu entlassen, damit sie die Häuptlinge warnen könnten, aber sie wagten es doch nicht. Sie hatten ja auch schon gehört, dass die Ravelli und Almeida ebenfalls hierher gebracht werden sollten — daraus war zu schließen, dass Loke Klingsor ihren Plan durchkreuzen würde.
Und sie konnten auch gar nicht miteinander sprechen, denn die weitere Handlung spielte sich ja eben vor ihren Augen viel schneller ab, als dies in Wirklichkeit der Fall gewesen sein konnte.
Da Manuel García darauf bestand, den Raub oder die Erpressung auszuführen, solange sie allein waren, also vor der Rückkehr Georg Wedekinds und Fritz Hammers, so holte die Ravelli die Geige, nahm sie aus dem Kasten, stimmte sie kurz und setzte sie dann an.
Die beiden Freunde lauschten ja nicht schlecht, als diese wunderbaren Töne erklangen, aber sie konnten sich diesem Genuss nicht recht hingeben, da sie eben wussten, um es sich handelte.
Jedenfalls sahen sie, wie es alsbald vor dem Felsen lebendig wurde, wie die Indios sich an seinem Fuße versammelten und verwundert lauschten, wie sie nach der Höhle emporschauten —
Auch die Häuptlinge tauchten auf, die anderen sprachen auf sie ein, immer freilich ehrerbietig, und endlich begab sich der junge Häuptling hinauf zu den Fremden.
Er betrat die Höhle, sah staunend vom Eingange aus, dass das fremde Weib ein Stück Holz in den Händen hielt, dass sie diesem die zauberhafte Musik entlockte, gewahrte aber nicht die lauernden Blicke des Portugiesen und ebenso wenig die halb mitleidigen des anderen.
Wie durch eine Zaubermacht wurde er gezwungen, weiter und weiter in die Höhle zu treten, und schon bald stand er dicht hinter der Italienerin, die all ihre Kunst aufbot, um ihn noch mehr zu bannen.
Der junge Mensch war so entzückt, dass er nicht beachtete, wie Manuel García sich erhob und hinter ihn trat.
Er schrak zusammen, als er plötzlich von zwei starken Händen gepackt wurde; aber so richtig zur Besinnung kam er erst, als er bereits gebunden am Boden der Höhle lag.
Da freilich schaute er zornig auf seinen Überwinder, und deutlich gewahrten die Freunde, wie er sich zu befreien strebte.
Dann hörten sie ihn befehlend etwas rufen, aber kaum hatte er den Mund aufgetan, da wurde ihm schon ein Tuch hineingeschoben, er war geknebelt, und zugleich setzte Manuel García ihm die Spitze eines Messers auf die Brust, ihn dabei furchtbar drohend anschauend.
Der Häuptling schien keine Todesfurcht zu kennen, nur entrüstet zu sein. Mit großen Augen schaute er auf die goldene Schüssel, die ihm die Ravelli nunmehr vor die Augen hielt, und ebenso auf die Edelsteine, die sie hervorzog.
Er verstand sogleich alles, wusste, weswegen er überrumpelt worden war, aber er schüttelte nur den Kopf.
Da nahm García ihm den Knebel, machte ihm aber auch sogleich klar, dass er ihn beim leisesten Rufe erstechen würde.
Der Indio lächelte nur, als er abermals den Kopf schüttelte. Er sprach auch etwas, aber die beiden Freunde verstanden nur so viel, dass er vorgab, diese Schätze seien das Eigentum der Götter.
García rief darauf etwas, was nicht zu verstehen war, es mochte wohl bloß ein Fluch sein —
Jedenfalls blieben alle seine Versuche, den Gefangenen zum Verrat des Geheimnisses zu zwingen, erfolglos.
Er ließ den Häuptling liegen und kehrte zu seinem Gefährten zurück.
»Der Kerl wird nie etwas verraten«, sagte er. »Eher lässt er sich umbringen. Lange Zeit aber bleibt uns nicht, die beiden jungen Menschen können jede Minute zurückkommen, und dann ist die Ausführung unseres Planes schon sehr in Frage gestellt.«
»Dann müssen Sie eben auf eigene Hand nach den Schätzen suchen!«, gab Antonio Almeida zurück.
»Gerade das wollte ich tun!«
»So ist es ja gut! Wir werden einstweilen den Gefangenen bewachen, und sollte nach ihm gesucht werden, sollte man dabei auch hierher kommen, so haben wir ja dadurch nur eine gute Gelegenheit, den Indios begreiflich zu machen, dass sie ihren Häuptling nur gegen die Schätze eintauschen können.«
»Recht so!«, lobte Manuel García.
Die Italienerin hatte sich bisher noch nicht an der Unterredung beteiligt, sie schaute nachdenklich vor sich hin, immer auf die Geige, die sie noch in einer Hand hielt.
Nun erst blickte sie auf.
»Versuchen Sie also Ihr Glück, Senhor!«, sagte sie.
»Ich glaubte, Sie wenigstens würden mich begleiten!«, erwiderte der Portugiese.
»Aber, Senhor García!«, wendete da Almeida ein. »Sie werden doch die Signorina nicht einer solchen Gefahr aussetzen wollen!«
»Gefahr?«, klang es spöttisch zurück. »Welche Gefahr soll uns denn drohen? Denken Sie etwa daran, dass diese Indios uns angreifen könnten? Bah, ehe sie so recht zur Besinnung kämen, wären sie doch alle über den Haufen geschossen!«
Da hatte er freilich recht. Die Indios konnten den Kampf gegen die Feuerwaffen der Weißen nicht aufnehmen. Da gab es keine große Gefahr, es sei denn, sie verfügten noch über Kampfmittel, die den dreien nicht bekannt waren.
»Jedenfalls wird es doch besser sein, Sie unternehmen erst einmal allein eine Entdeckungsfahrt, Senhor«, sagte die Ravelli. »Finden Sie dabei etwas Wichtiges, so holen Sie uns und wir beide helfen Ihnen dann gern.«
»Meinetwegen!«, entgegnete Manuel García, nahm sein Gewehr, überzeugte sich, dass es noch genügend geladen war, sah nach den beiden Revolvern und nach dem Messer, und dann verschwand er mit einem letzten Gruße durch die Öffnung, durch welche der junge Häuptling eingetreten war.. Die beiden Zurückbleibenden warteten, bis seine Schritte verklungen waren, auch dann schwiegen sie noch eine Weile, aber ihre Blicke begegneten sich, und da geschah das Unerwartete: Signorina Ravelli wurde auf einmal glühend rot.
Als Antonio Almeida das sah, lächelte er seltsam, und nun sagte er leise:
»Das hätten wir uns auch nicht träumen lassen, als wir gemeinsam zu dieser abenteuerlichen Fahrt aufbrachen, Signorina.«
Sie schaute ihn noch einmal groß an.
»Ich meine, dass wir zu Räubern herabsinken würden!«, fuhr er unbeirrt fort.
»Zu Räubern!«, wiederholte sie, und es war, als müsste sie im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen. Ihre Mundwinkel zuckten schon verdächtig.
»Ja, es gibt gar keinem anderen Namen für das, was hier geplant worden ist, und außerdem — von der schnöden Verletzung der Gastfreundschaft will ich gar nicht reden — was haben Sie von diesen Reichtümern, Signorina? Wäre es da nicht besser gewesen, wir hätten unsere Aufgabe weiter verfolgt?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Eben nicht!«, erwiderte sie.
»Das bedeutet, dass Sie auch nicht mehr nach dem Geheimnis suchen möchten, das wir erforschen sollten?«
»Genau so! Ich könnte es gar nicht mehr.«
»Und warum nicht? Bitte, sprechen Sie sich aus. Es hängt für mich viel mehr davon ab, als Sie sich träumen lassen!«
Antonio Almeida war neben sie gerückt, hatte den Händen der Künstlerin sanft die Geige entwunden und nun beide gefasst.
So schaute er bittend in ihre dunklen Augen, und abermals färbten die braunen Wangen der Künstlerin sich tiefrot.
»Signorina Luzia!«, bat er noch einmal.
Da schlang sie plötzlich beide Arme um seinen Hals — aber nicht, um ihn zu küssen — nein, sie begann zu weinen, so herzbrechend zu weinen, dass ihr ganzer Leib wie von einem Krampfe geschüttelt zuckte.
Antonio Almeida umfasste sie sanft und zog sie an sich, aber auch er dachte an keine Zärtlichkeit, nur von Zeit zu Zeit glitt seine rechte Hand leise über ihr herrliches Haar. Er ließ sie weinen, bis das Schluchzen leiser und leiser wurde, bis das Beben des Körpers nachließ —
Da hob er sanft ihr gesenktes Haupt und schaute zum dritten Male in ihre Augen, die jetzt noch von Tränen erfüllt waren.
»Luzia!«, sagte er.
»Ach!«, stöhnte sie auf. »Wie ganz anders habe ich mir das alles ausgemalt!«
»Ich auch!«, gestand er. »Aber nun —«
Er gab sie mit rascher Bewegung frei, es sah fast aus, als stieße er sie von sich.
Und sie verstand ihn.
Jetzt war nicht die Zeit, von dem zu reden, was ihre Herzen erfüllte, was ihre Augen verrieten — jetzt durften sie nicht von ihrer Liebe sprechen und nicht Zärtlichkeiten und Schwüre austauschen —
»Signorina Ravelli«, sagte denn auch Antonio Almeida, »wir haben uns auf einen schlimmen Handel eingelassen. Wie es so weit kommen konnte, weiß ich nicht. Mir scheint, wir beide sind unter den Bann eines überlegenen Willens geraten. Aber noch können wir uns befreien. Wollen Sie sich wirklich an dem Raube der Schätze beteiligen?«
»Nein!«
»Weil Sie erkennen, dass das gemeiner Diebstahl sein würde?«
»Ja, es wäre ein Verbrechen!«
»Dann ist alles gut!«
»Aber Manuel García?«
»Wir werden einen Grund zur Ablehnung, zur Weigerung finden. Will er seinen Plan durchführen, so mag er es tun, wir leihen ihm keine Hand dazu.«
»Und wir erregen dadurch sein Misstrauen!«, wendete die Italienerin ein.
»Mag er uns misstrauen! Was will er uns tun?«
Sie nickte.
»Sie haben recht. Er wird keinen Zwang wagen, denn ohne uns kann er nicht von hier fort.«
Und plötzlich stand sie auf.
Ehe Antonio Almeida noch wusste, was sie plante, war sie zu dem Gefangenen getreten und hatte mit einem Messer die Riemen durchschnitten, die ihn fesselten. Ja, sie kniete dann sogar neben ihm nieder und rieb ihm sanft die Handgelenke, dass er den Gebrauch der erstarrten Glieder wiedererlangte.
Der Indio sprang auf.
Eine Sekunde lang schaute er seine Retterin an, dann sank er vor ihr auf die Knie nieder, und ehe sie wusste, was er beabsichtigte, hatte er ihre beiden Hände erfasst und an seine Stirn gepresst.
Ebenso schnell sprang er wieder auf und eilte aus der Höhle.
»Brav gemacht!«, rief Antonio Almeida und streckte der Italienerin seine rechte Hand entgegen. »Wir werden García sagen, dass der Häuptling doch nichts gestanden hätte. Und seine Gefangennahme war ja auch ein Missgriff, denn selbst wenn er etwas gestanden hätte, würden wir doch gar nicht gewusst haben, was er meint. Wir verstehen ihn nicht, er versteht uns nicht. Das wollen wir García klarmachen, und er wird uns recht geben.
Außerdem ist es doch entschieden besser, wir erregen den Zorn der Indios nicht.«
»Aber er wird den Seinen erzählen, was ihm geschehen ist!«, wendete die Ravelli ein.
»Meinen Sie wirklich?«, fragte Antonio Almeida. »Ich nehme vielmehr an«, fuhr er dann fort, »dieser stolze, junge Mann wird unbedingt schweigen, weil er sich schämt, einzugestehen, dass er sich hat fangen lassen.«
»Das muss ich allerdings zugeben.«
»Und nun will ich Sie noch eins fragen, Signorina. Sie deuteten vorhin an, dass Sie keine Lust mehr hätten, die Ausgabe zu erfüllen, die Sie von Mister Philipp übertragen erhielten. Sie wollen also nicht nach diesem Loke Klingsor suchen?«
Die Italienerin blickte sich scheu um, als fürchte sie, dass jemand diesen Namen gehört haben könnte, aber dann erwiderte sie:
»Nein, ich habe keine Lust mehr dazu, nachdem ich habe erkennen müssen, dass wir von Mr. Samuel Philipp getäuscht worden sind. Vielleicht ließe sich sogar ein noch härterer Ausdruck dafür gebrauchen. Jedenfalls würden wir uns ebenfalls eines Verbrechens schuldig machen, wollten wir noch weiter nach dem Geheimnis dieses Mannes forschen.«
»Und was hat diese Sinnesänderung bei Ihnen bewirkt?«, fragte Antonio Almeida.
»Die Überzeugung, dass ich meine Rettung aus der Gewalt der Affenmenschen einzig und allein ihm verdanke.«
Sie sprach den Namen nicht mehr aus, und auch ihr Gefährte tat es nicht wieder. Dieser sagte nur:
»Sie sind also des Glaubens, dass er diese beiden jungen Männer schickte, um Sie zu befreien?«
»Ganz bestimmt!«
»Und genau dasselbe denke ich!«, gab er zu. »Vielleicht hätten auch wir beide Sie befreien können, Senhor García und ich, aber wir hätten es nicht so rasch fertiggebracht, wie es mit Hilfe jener beiden geschah.
Nun aber wollen wir auch die Folgerungen aus dieser Tatsache ziehen«, fuhr er fort. »Sind die beiden von ihm hierher geschickt worden, so muss er wissen, was uns hier geschah, er muss also beobachtet haben, wie wir in dieses Gebiet eindrangen, welche Abenteuer wir hier erlebten, wie Sie uns entrissen wurden — kurz alles —«
»Das denke ich auch.«
»Er kann uns also ständig beobachten.«
»Ja, das ist der Fall.«
»Und weiß auch, was wir jetzt tun wollten!«, sagte Antonio Almeida. »Was muss er da von uns denken!«
»Ich würde mich vor ihm schämen, müsste ich ihm noch gegenübertreten«, erwiderte die Ravelli. »Aber —«
Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen.
Sie nahm die Geige wieder auf.
»Ich sollte ihn durch mein Spiel anlocken. Er würde dann sicher zum Vorschein kommen, behauptete Mister Philipp.«
»Ja, diese Behauptung stellte er auf.«
»Dann muss er also mein Spiel hören«, fuhr die Ravelli fort.
»Mr. Philipp hat aber doch wohl nur an eine bestimmte Gelegenheit gedacht — wenn wir in seine Nähe gekommen wären —«
»Nein, nein, das glaube ich nicht! Ich nehme als sicher an, dass Mr. Philipp diesen geheimnisvollen Mann viel genauer kennt, viel mehr von ihm weiß, als er uns sagen wollte, und deshalb glaube ich ganz, ganz bestimmt, dass er mich auch jetzt hören wird, und deshalb will ich ihm jetzt mein Bestes geben, will ihm ein Lied spielen, in dem ich ihn um Verzeihung bitte. Lassen Sie mich gewähren, Senhor Almeida! Ich bitte Sie!«
Antonio lächelte.
»Spielen Sie!«, sagte er. »Und wenn es möglich ist, bitten Sie auch für mich mit!«
Die Italienerin erwiderte nichts, schaute kurze Zeit nachdenkend vor sich hin, setzte dann das Instrument an und begann zu spielen — — —
Bis hierher war es in dem Eskimobau ganz still gewesen. Nur das Prasseln des Feuers im Ofen war zu vernehmen. Die beiden jungen Deutschen hatten in höchster Spannung die Vorgänge in der Höhle dort am See mit angesehen und den Worten gelauscht, die dort gesprochen wurden.
Auch Loke Klingsor hatte sich nicht gerührt. Regungslos saß er in seinem Stuhle.
Aber als Georg und Fritz nun zu ihm hinüberschauten, bemerkten sie auf dem schönen Gesicht ein Lächeln, vor dem sie erschraken.
»Wie bei einem Mephisto!«, dachten sie gleichzeitig, hüteten sich aber natürlich, das auszusprechen.
Und da erklang auch schon die Geige — so deutlich, als würde sie unmittelbar neben ihnen gespielt.
Noch nie in ihrem Leben hatten die beiden Freunde eine so große Künstlerin auf diesem Instrument gehört.
Sie kannten das Lied, die Melodie nicht, die da erklang — es war das »Ave Maria« — aber das war gar nicht nötig, dass sie vorher gehört hatten, was die Italienerin mit diesem Spiele bezweckte, dass sie Loke Klingsor um Verzeihung bitten wollte.
Jeder Ton war eine solche Bitte, so flehend, wie eine Menschenstimme sie nie hätte aussprechen können, und da sie immer noch auf Loke Klingsor schauten, so gewahrten sie jetzt, dass der teuflische Ausdruck aus seinen Mienen wich, dass er immer freundlicher dreinschaute, bis er endlich wieder lächelte, jenes bestrickende Lächeln, das ihm die Seelen aller derer gewann, die es je sahen.
Sie atmeten auf.
Sie wussten nicht, weswegen die beiden dort drüben Loke Klingsor gesucht hatten, verstanden die Andeutungen nicht, die sie gehört hatten, aber es war ihnen klar geworden, dass sie in feindseliger Absicht hierher gekommen waren.
Und das hier, was sie auf Loke Klingsors Gesicht lasen, war die Verzeihung!
Die beiden wagten nicht, sich zu rühren, sie standen ganz unter dem Banne dieser unübertrefflichen Kunst, lange, lange saßen sie so — bis auch der letzte Hauch verhallt war, der von dem Geigenspiele die Eskimohütte durchschwebte.
Loke Klingsor hob eine Hand.
»Schauen Sie wieder auf die Tafel!«, gebot er. »Die nächsten Vorgänge werde ich noch mehr zusammendrängen, als dies bisher geschehen ist! Wir wollen zu Ende kommen. Meine Zeit ist sehr gemessen.«
Die beiden gehorchten und sahen auf der Tafel nunmehr die weiteren Vorgänge, die sich drüben bei den Indios abspielten, hörten auch, was zu hören war.
Nachdem die Ravelli zu spielen aufgehört hatte, herrschte dort drüben tiefstes Schweigen, das Antonio Almeida endlich brach, indem er rief:
»Gott selbst hat Sie hoch begnadet, indem er Ihnen diese Künstlerschaft verlieh, Signorina. Nie wieder dürfen Sie sie entweihen, es wäre eine Sünde wider ihn, wider sich selbst!«
Die Ravelli antwortete nicht, schaute nur wie träumend vor sich hin.
Da sprang er auf.
»Und nun lassen Sie uns fliehen, bevor Manuel García zurückkommt!«, rief er.
»Fliehen? Warum? Ich fürchte ihn nicht!«
»Das weiß ich, und auch ich kenne keine Furcht vor diesem Manne, aber doch müssen wir fort, er soll sehen, dass wir jede Gemeinschaft mit ihm ablehnen.«
»Wollen wir nicht wenigstens die Rückkehr der beiden Deutschen abwarten?«, wendete sie ein.
Diese schauten gespannt auf Loke Klingsor.
Was würde dieser nun beschließen?
Da sahen sie, wie er an dem Tische eine Platte hob. Diese selbst verdeckte, da sie hoch stand, ihren Blicken, was sich dahinter befand, aber sie sahen, dass Loke Klingsor sich etwas vorneigte, und sie hörten ihn sprechen.
Da wussten sie und sahen auch, dass seine Worte drüben in der Höhle gehört wurden. Sie merkten, wie die beiden erschrocken zusammenzuckten, wie sie sich umschauten, als suchten sie nach dem Unsichtbaren, der plötzlich zu ihnen redete — und wie sie dann still lauschten.
Loke Klingsor aber sprach:
»Signorina Ravelli, ich danke Ihnen für den erhabenen Kunstgenuss, den Sie mir soeben bereitet haben, und ich hoffe, dass mir noch recht oft Ähnliches zuteil werden wird. Jedenfalls gewähre ich gern die Bitte, die Sie dadurch ausdrücken wollten. Ich vergebe Ihnen die kleine Entgleisung, denn ich kenne die Macht des Goldes auf Menschenseelen.
Genug davon! Sie sollen auch wissen, dass Sie recht hatten mit Ihrer Annahme, dass ich Sie ständig beobachtete, dass ich die beiden jungen Deutschen zu Ihnen schickte, um Ihnen zu helfen. Diese beiden weilen jetzt bei mir. Sie werden nicht zu Ihnen zurückkehren. Dafür aber sollen Sie zu mir kommen. Ich selbst will Ihren Wunsch erfüllen, mich zu sehen, und ich hoffe nur, Sie sind damit einverstanden.«
»Ja, ja!«, antwortete die Italienerin, und die beiden hörten den Jubel aus ihrer Stimme, sahen, wie sie strahlte. Das war wirkliche, echte Herzensfreude!
»Danke sehr, Signorina«, hörten sie Loke Klingsor erwidern. »Ich werde Ihnen jetzt also den Weg angeben, den Sie gehen müssen, um zu mir zu gelangen. Packen Sie zusammen, was Sie mitnehmen wollen. Eine Verabschiedung von den Indios ist nicht nötig, denn Sie werden diese später wiedersehen.
Und noch eins! Ich habe zwar gehört, dass Sie die Versuchung überstanden haben, die von Gold und Edelsteinen ausgeht, aber ich muss Sie doch darauf aufmerksam machen, dass Sie auf Ihrem Wege abermals an unermesslichen Schätzen vorüberkommen werden —«
»O, fürchten Sie nichts!«, unterbrach ihn die Ravelli. »Was es auch sein mag, es wird in meinen Augen nicht mehr Wert haben als gewöhnliche Steine, über die ich achtlos schreite!«
»Das habe ich auch nicht anders erwartet. Nun packen Sie!«
»Es ist nichts zu packen, wie Sie ja wohl selbst wissen.«
»Ja, das weiß ich allerdings. Also Sie sind fertig?«
»Vollkommen!«
»Gefahren drohen Ihnen nicht. Ich werde solche aus dem Wege räumen.«
»Das können Sie?«
»Nehmen Sie es an! Jetzt treten Sie mit Ihrem Gefährten an die Wand, die rechts von Ihnen liegt, wenn Sie nach der vorderen Öffnung schauen! So ist es recht. Nun gehen Sie von dem Platze, wo Sie jetzt stehen, drei Schritte zurück, also dem Hintergrunde der Höhle zu.
Sehen Sie auf dem Gestein nunmehr einen kleinen roten Punkt? So ist es recht! Jawohl, drücken Sie nur ganz leicht!«
Die beiden jungen Deutschen hörten das alles, sahen aber auch alles, was drüben vorging, und so beobachteten sie, wie sich vor der Italienerin eine jener Steintüren öffnete, wie sie selbst sie schon kennengelernt hatten, wie beide hindurchtraten, in einen schmalen Gang kamen, und wie dieser sich auf einmal erhellte.
Dabei hörten sie Loke Klingsor sprechen:
»Ich leuchte Ihnen auf dem Wege, und wenn Ihnen eine Gefahr droht, wenn Sie also stehen bleiben sollen, dann wird dieses Licht verlöschen. Dann dürfen Sie keinen Schritt weitergehen, bevor es nicht wieder erscheint. Verstanden?«
»Jawohl, Signor Klingsor!«
»Und nun werde ich auch nicht eher wieder zu Ihnen sprechen, als dies unbedingt nötig ist. Auf Wiedersehen, Signorina Ravelli!«
»Arrivederci!«, klang es zurück, jetzt also auf Italienisch, während die Unterhaltung bisher in Spanisch geführt worden war. Auch die beiden Freunde hatten also jedes Wort verstehen können.
Dabei hatten sie immer die beiden auf der Platte gesehen.
Jetzt aber wurde das anders. Sie verschwanden ganz plötzlich, und dafür tauchte wieder die Gestalt Manuel Garcías auf.
Diesem musste also gelungen sein, doch einen der durch Türen versperrten geheimen Gänge zu finden, also eine oder mehrere dieser Türen zu öffnen.
Und jetzt eben tauchte er in der Höhle auf, in welcher sich die beiden Freunde gleich zuerst befunden hatten.
In der Schatzhöhle!
Sie sahen, wie er sich aus der Tiefe weiter und weiter empor schob, sie sahen auch, wie seine Augen gieriger und gieriger funkelten, je mehr sie von den dort aufgestapelten Schätzen erblickten.
Es war der abstoßende Anblick eines von höchster Habgier vollkommen verblendeten Menschen.
Am liebsten hätten sie, wären sie dazu imstande gewesen, diesen Portugiesen mit Gewalt aus der Höhle vertrieben. Aber sie waren ja nicht dort.
Doch hatte nicht Loke Klingsor gesagt, sie seien nur fünf Kilometer von dem See entfernt?
Fünf Kilometer, das war ein Weg, den man unter gewöhnlichen Verhältnissen bequem in einer Stunde zurücklegen kann.
Hier freilich würden sie vielleicht das Dreifache der Zeit gebraucht haben. Und wenn sie dann hinkamen —
Ja, es hatte gar keinen Zweck, dass sie um die Erlaubnis baten, diesen Räuber verjagen zu dürfen!
Und sie kamen auch gar nicht dazu, diese Bitte auszusprechen.
Manuel García war ganz in der Höhle aufgetaucht. Er war eine Treppe heraufgekommen, aber noch stand er neben dem Schachte, in dem sie empor führte.
Er stand wie gelähmt, schien seinen Augen nicht zu trauen.
Und der Anblick, den er hatte, war ja auch danach, einen habgierigen Menschen mit Entzücken zu erfüllen.
Rings an den Wänden standen Schätze aufgestapelt, die den Eigentümer zum reichsten Menschen der Erde machen mussten. Da hingen an dem Gestein so viele goldgetriebene Gefäße, Schilde und Waffen, dass sie allein schon ein Riesenvermögen darstellten.
Und Manuel García sah dies alles, er schlich sich geduckt zu dem ersten Goldkübel, der mit blitzenden Edelsteinen zum Überlaufen gefüllt war — er griff mit beiden Händen hinein — er hob sie empor und ließ die blitzenden Dinger wieder zurückrieseln.
Immer mehr verzerrte sich sein sonst gar nicht hässliches Gesicht, ward zur Teufelsfratze — —
Schaudernd hätten die beiden Freunde sich am liebsten abgewendet. Konnte Loke Klingsor denn nichts tun, um diesen Raub zu verhindern?
Oder wollte er den Schurken jetzt gewähren lassen und ihm dann die Beute wieder abnehmen?
Manuel García prüfte den Inhalt aller der goldenen Gefäße, er stöberte alles durch — —
Aber endlich schien er zu überlegen. Er mochte darüber nachdenken, wie er diese unermessliche Beute fortschleppen könnte.
Und sie hörten die Worte, die er mit heiserer Stimme vor sich hin flüsterte:
»Ich muss die Indios selber zwingen, das alles nach dem Felsenwall zu bringen«, murmelte er. »Ha, sie werden sich weigern, aber was nützt ihnen das? Wenn ich ein paar von ihnen niederschieße, werden die anderen bald gefügig werden. Auch diese armseligen Kerls hängen doch an ihrem elenden bisschen Leben. Aber nein«, unterbrach er sich selbst. »So geht das doch nicht, ich darf das Geheimnis dieser Höhle nicht preisgeben. Almeida und die Ravelli dürfen nichts davon erfahren, und sie würden merken, wenn ich hier ausräumen lasse.
Ich selber aber kann nicht eher von hier fort, als bis alles ausgeräumt worden ist; kein Mensch soll es wagen, diese Höhle zu betreten — —
Ah, wie fange ich das nur an?
Ich muss doch die beiden einweihen, die müssen die Indianer überwachen, dass sie die Schätze wirklich nach dem Felsen bringen — —
Und dann — —?«
Er lachte höhnisch auf.
Die beiden Freunde hörten dieses teuflische Lachen von den Wänden der Höhle widerhallen, und ihnen graute abermals.
García aber krampfte die Hände zusammen, dass die Finger wie Krallen waren, seine Augen funkelten tückisch.
»Und dann?«, hob er wieder an. »Ha, dann — dann mache ich sie kalt! Mein ist das alles — mein — und wehe dem — —«
Er zuckte zusammen.
Auch in der Eskimohütte war das leise Geräusch deutlich zu hören gewesen, das an die Ohren des Portugiesen gedrungen war.
Trotz seiner Verblendung war es ihm nicht entgangen.
Spähend schaute er sich um. Er gewahrte ebenso wenig jemand, wie dies den beiden Deutschen möglich war. Auch diese wussten noch nicht, woher das Geräusch gekommen war, wer es verursacht haben mochte — —
Manuel García aber hatte das Gewehr von der Schulter gerissen, hielt es schussbereit in den Händen und schlich sich geduckt zu dem Schacht, in dem die Treppe sich befand.
Dort war nach seiner Meinung der einzige Zugang zu der Schatzhöhle, von dort musste das Geräusch gekommen sein.
Nun spähte er in die Tiefe, er beugte sich lauschend vor. Dann stieg er sogar einige Stufen hinab, kam aber bald wieder heraus.
»Ich habe mich getäuscht«, sagte er halblaut. »Wer weiß! Vielleicht liegt eine andere Höhle nebenan und dort ist jemand gewesen — hier ist niemand, ich müsste ihn doch sehen — —«
Er verstummte jäh.
Das Geräusch war wieder laut geworden, stärker als vorher.
Es kam aus der dunklen Ecke, in der Georg Wedekind und Fritz Hammer die sonderbare Gestalt gesehen hatten, die sie für den Medizinmann dieser Indios hielten.
Als sie jetzt in diese Ecke spähten, gewahrten sie wirklich undeutlich wieder eine Gestalt dort — —
Auch Manuel García hatte sie nunmehr entdeckt.
Mit wenigen Sprüngen war er in der Ecke, immer das Gewehr schussbereit, aber er wollte anscheinend nicht schießen, wollte die Indios nicht durch den Knall alarmieren — deshalb feuerte er nicht, streckte das Wesen dort hinten nicht durch seine Kugel nieder.
Er stand geduckt, als wollte er den Körper im Sprunge vorwärtsschnellen, aber — er sprang nicht —
Er wich zurück — —
Er streckte die linke Hand vor wie zur Abwehr —
»Wer bist Du?«, hörten die beiden Deutschen ihn murmelnd fragen.
Jetzt sahen sie die seltsame Gestalt ebenso genau, wie Manuel García sie sehen musste — —
Sie hatte wieder den Kopf des unbekannten, krokodilähnlichen Tieres auf dem Haupte, und der Rachen war weit geöffnet wie damals, ließ die Reihen der langen, scharfen und furchtbaren Zähne sehen —
Dann hob die Gestalt einen Arm — —
Ein Menschenarm war es nicht, er schien kürzer und endete in fünf kurzen, allerdings fingerähnlichen Krallen — —
Da aber stieß Manuel García einen gellenden Schrei aus.
Er hatte verstanden, dass dieses Wesen ihn aufforderte, die Höhle zu verlassen, die Schätze preiszugeben.
Das war zu viel für ihn.
Mit einem Ruck riss er das Gewehr hoch.
Der Schuss krachte. Ein Feuerstrahl fuhr aus dem Rohre.
Doch die seltsame Gestalt stürzte nicht tödlich getroffen und sterbend zu Boden.
Sie stand noch genau so da, wie sie vorher dagestanden hatte, den Arm erhoben, der nach der Treppe deutete, nach dem Schachte, und aus dem Krokodilsrachen starrten die weißen Zähne.
»Verflucht!«, schrie Manuel García auf. »Gefehlt!«
Er war ganz verblüfft, dass ihm dies passiert sein sollte. Die Entfernung war doch viel zu kurz — —
Aber er raffte sich auf und feuerte noch einmal.
Laut dröhnte der Hall des Schusses von den Wänden der Höhle wider.
Georg und Fritz erwarteten, dass nun die Indios herbeiströmen würden, die dieses Krachen doch gehört haben mussten, sie fürchteten, dass zuerst die beiden Häuptlinge in die Höhle dringen würden — —
Sie wären verloren gewesen.
Manuel García hätte sie schonungslos und erbarmungslos niedergeknallt.
Jetzt kam es diesem Manne auch auf hundert Morde nicht an, jetzt ging er über Leichen, um die unermesslichen Schätze zu gewinnen, die er um sich her sah.
Aber die Indios schienen nichts gehört zu haben.
Auch die beiden Häuptlinge tauchten nicht aus dem engen Schachte auf.
Nur der Medizinmann oder was er sonst war, stand noch dort.
War er denn unverwundbar?
Oder sollte wirklich das Unglaubliche geschehen sein, dass Manuel García ihn zweimal auf diese kurze Entfernung gefehlt hatte?
Der Portugiese wusste anscheinend selbst nicht, was er denken sollte.
Die beiden Beobachter sahen sein Gesicht nicht, weil er ihnen den Rücken zukehrte, aber sie sahen, wie er auf einmal die Flinte an dem Riemen über die eine Schulter warf.
Wieder duckte er sich, und dann — schnellte er gegen die unheimlich wirkende Gestalt vor.
Er griff ins Leere.
Der Platz, wo eben der Medizinmann noch gestanden hatte, war leer.
Ein Schrei hallte auf, von höchster Wut erpresst.
»Ihr Halunken, wollt Ihr Euch lustig machen über mich? Wollt Ihr mich narren?«, stieß Manuel García hervor.
Er durchsuchte die finstere Ecke.
Die beiden Freunde sahen genau, wie er überall umherstöberte und doch nicht eine Spur des Verschwundenen fand.
Er entdeckte aber auch keinen verborgenen Ausgang, so sehr er sich bemühte. Überall starrte ihm nur die nackte Felswand entgegen — —
Nein — plötzlich tat sich unter seinen Fingern eine Tür auf — eigentlich nur eine schmale Pforte.
Der Gang dahinter war in Finsternis getaucht; auch die beiden Freunde konnten nichts weiter sehen als die dunkel gähnende Öffnung — —
Manuel García wich etwas zurück. Vielleicht erwartete er, dass nun sein Gegner ihn angreifen würde, der sich nach seiner Meinung in diesen Gang geflüchtet haben musste.
Doch nichts rührte sich darin.
»Was soll ich tun?«, murmelte der Portugiese. »Ich könnte ja sehen, wohin dieser Gang führt, aber ich möchte die Höhle nicht verlassen — —
Oder ich müsste erst den Zugang dort verrammeln, dass niemand hereinkann!«
Er stand zweifelnd, überlegend.
Da kam ihm eine neue Besorgnis.
»Und wenn auch sonst noch Türen hier verborgen sind?«
Er schaute sich um, als könnte er diese Türen so entdecken. Aber er sah keine. Die Felswand wies nicht die geringste Ritze auf.
Das sagte ja nichts.
Er hatte auch in der finsteren Ecke vorhin vergebens gesucht.
Schon wendete er sich, um nun doch nach einer Tür zu forschen, da kam ihm ein neuer Einfall — oder vielmehr ein alter kehrte wieder.
Von den Wänden riss Manuel García die größten der dort befestigten goldenen Schilde. Schon zwei reichten aus, den Eingang nach der Treppe zu bedecken.
Er legte sie darauf, und dann schleppte er von den schweren, goldenen, mit Edelsteinen gefüllten Schüsseln eine nach der anderen herbei, türmte sie auf den beiden Schilden auf, bis er der Meinung war, dass nun unmöglich ein Mensch die Last heben könnte.
Mehr als einer aber konnte nicht über die Treppe emporsteigen.
»So!«, hörten die beiden ihn befriedigt murmeln. »Nun mag einer kommen und sich hier den Schädel einrennen! Jetzt will ich erst die Wände genau untersuchen, ob noch ein Eingang vorhanden ist — —
Er tat, wie er gesagt hatte.
Zoll um Zoll suchte er die Steinwände ab, sich ganz langsam dabei vorwärts bewegend, und doch fand er nichts von einer geheimen Tür.
Da er anderwärts solche entdeckt haben musste — sonst hätte er nicht in diese Höhle gelangt sein können — mochte er glauben, keine könne seinen Blicken entgehen, und so war er überzeugt, dass nur zwei Zugänge hier vorhanden waren: der eine über die Treppe, der nun versperrt war, und der andere durch jenen engen Gang, durch welchen der Medizinmann entwichen sein musste.
Den einen brauchte er nicht mehr zu fürchten. Den anderen wollte er jetzt durchforschen.
Und er fing die Sache recht vorsichtig an.
Er mochte mehrfach erlebt haben, dass Türen, die er geöffnet hatte, von selbst hinter ihm zugeschlagen waren. Dass das hier ebenfalls geschah, wollte er verhindern.
Er untersuchte die Tür, schwang sie mehrmals hin und her und lachte dann.
»Ich bin ein Dummkopf!«, rief er. »Wenn sie sich von selbst schlösse, stände sie doch jetzt nicht mehr offen! Aber ich will sie für alle Fälle sichern!«
Er schleppte abermals eine der schweren Goldschüsseln herbei und stellte sie so auf den Boden, dass die Tür nun wirklich nicht zuschlagen konnte. So schwer sie auch sein mochte, da sie ganz aus Stein bestand, diese Last konnte sie nicht zur Seite schieben, es sei denn, sie würde mit aller Gewalt zugeworfen.
Dann tauchte Manuel García in den Gang, der unheimlich finster vor ihm lag.
Furcht kannte dieser Mann nicht, das wussten auch die beiden Freunde, und es gehörte eben doch Mut dazu, sich in diese Unterwelt zu wagen, namentlich nach dem, was vorangegangen war.
Beinahe aber hätten Georg und Fritz laut aufgeschrien vor Überraschung, als doch auf einmal in der Höhle Gestalten auftauchten.
Sie hatten gar nicht gleich gemerkt, woher sie gekommen waren, dann aber sahen sie es — —
Manuel García hatte sich sehr klug und vorsichtig gedünkt, als er die Wände absuchte, aber er hatte vergessen, auch den Boden zu untersuchen.
In diesem waren noch Zugänge vorhanden, Öffnungen, die ihn aber schwerlich durchgelassen hätten, so eng waren sie — —
Nun tauchten aus diesen immer neue Gestalten auf — —
Aber Indios waren das nicht.
»Zwerge!«, murmelte Georg Wedekind.
Ja, es waren solche Zwerge, wie die beiden sie jenseits der tiefen Schlucht hatten arbeiten sehen. Sie kannten sie gleich wieder.
Und diese Zwerge räumten mit vereinten Kräften erst einmal die schwere Schüssel weg, welche die Tür hielt, warfen diese zu, dass es laut krachte — und dann — krochen sie alle wieder in verschiedene Löcher —
Sie verschwanden so spurlos, wie sie gekommen waren, und hätte jetzt Manuel García die Höhle wieder betreten können, so hätte er nicht das Geringste von diesen verborgenen Zugängen sehen können.
Aber er konnte nicht zurück.
Die beiden Freunde konnten ihn auf einmal wieder sehen, nachdem er vorher in der Finsternis des Ganges ihren Blicken entschwunden gewesen war.
Wie das zuging, darüber zerbrachen sie sich den Kopf nicht. Sie waren ja nun bereits an allerlei wunderbare Vorgänge gewöhnt, die sie sich nicht erklären konnten.
Sie sahen also den Portugiesen, der schon ein ganzes Stück in dem finsteren Gange dahingetappt war, und sie sahen auch, wie er plötzlich erschrocken stehen blieb.
Das musste in dem Augenblick geschehen sein, als hinter ihm die Tür von den Zwergen zugeworfen wurde.
Schrecken prägte sich momentan auf dem Gesicht Garcías aus, aber dieser Ausdruck wich alsbald dem unbändigster Wut.
»Also doch überlistet?«, schrie er auf. »Ah, wartet, ich will Euch — —«
Er stürmte den Gang zurück, bis er an die Tür anprallte.
Nun suchte er sie zu öffnen.
Er besann sich offenbar, dass sie nach der Höhle zu aufschlug, dass er sie also öffnen konnte, wenn er nach dieser Richtung mit aller Kraft drückte.
Sie gab seinen Anstrengungen nicht nach, regte sich überhaupt nicht.
Vergebens stürmte der Portugiese endlich mit der ganzen Wucht seines Körpers dagegen an.
Da versuchte er es auf andere Weise.
Er tastete nach einem geheimen Mechanismus.
Er fand keinen, so sehr er sich auch mühte, und Licht hatte er nicht, musste alles in der Stockdunkelheit machen.
Er sprach jetzt auch nicht mehr mit sich selbst — dazu war er viel zu erregt, dazu war seine Habgier zu mächtig — er wollte, er musste wieder hinein zu den Schätzen, die ihm schon gehört hatten — —
Und endlich kam er auf den klügsten Gedanken, den er fassen konnte, und den sprach er auch aus, indem vor sich hin murmelte:
»Ihr denkt, Ihr könnt mich überlisten? Ha, da kennt Ihr Manuel García aber schlecht. Dieser Gang hier wird und muss auch einmal sein Ende haben, und es muss im Freien liegen — ich werde ihn also verfolgen, und dann werde ich über Euch herfallen, ehe Ihr Euch's vermutet. Dann aber — —«
Er ballte die Hände, die Lippen wichen von den Zähnen zurück — er bot ein Bild fast tierischer Wut.
Und dann rannte er trotz der Finsternis so schnell wie es ihm nur möglich war, den Gang dahin, mit beiden Händen seitwärts tastend, damit er nicht in einen abzweigenden Seitengang geriete.
Kein solcher Gang war vorhanden.
Manuel García wurde auch sonst durch kein Hindernis aufgehalten, und ein heiserer Freudenschrei entrang sich seiner Brust, als in der Ferne vor ihm wie ein kleiner Stern am Nachthimmel das Tageslicht aufleuchtete.
»Jetzt!«, knirschte er hervor und stürmte schneller als bisher weiter.
Immer heller wurde der Lichtschein vor ihm, immer deutlicher sichtbar der Ausgang — —
Und nun hatte Manuel García ihn erreicht.
Es war wieder wunderbar, dass die beiden jungen Deutschen gleich mit ihm sehen konnten, was er sah.
Manuel García stand auf der Sohle des tiefen Abgrundes, in den die beiden schon einmal zu schauen versucht hatten.
Gerade hier schien sie etwas höher zu liegen als anderwärts, sonst hätte das Tageslicht nicht vorhanden sein können — —
Aber sonst war nichts zu sehen.
Nackt und unersteiglich schroff ragten die Felswände empor. Manuel García musste erkennen, dass er an ihnen nicht emporklettern konnte.
So blieb ihm nur der Weg auf dem Boden der Schlucht.
Und da seine Habgier ihm keine Ruhe ließ, trat er hinaus.
Da geschah es — —
Manuel García stürzte mit aller Wucht zu Boden, niedergeschleudert von einem Etwas, was die beiden Beobachter vorerst noch nicht unterscheiden konnten.
Es musste unmittelbar über dem Ausgange des engen Loches auf einem Vorsprung gehockt haben.
Dann aber sahen sie es — —
Es war ein Zwerg, und zwar ein riesenhafter Kerl, wenn man da einen solchen Ausdruck gebrauchen darf — riesenhaft nämlich in der Breite der Schultern, im ganzen Körperbau.
Manuel García war sicher ein starker Mann, aber er konnte gegen diesen Zwerg nicht aufkommen.
Das hatte noch einen ganz besonderen Grund.
Dieser Zwerg war also von oben her auf die Schultern, auf den Nacken des Portugiesen gesprungen und hatte sofort mit seinen kurzen, aber starken Beinchen den Hals des vollkommen Überraschten derart umklammert, dass dieser kaum noch atmen konnte.
Dass er dabei durch die Wucht des Anpralls und durch die Last des Körpers niedergeworfen worden war, kam eigentlich gar nicht weiter in Frage. Jedenfalls hätte er sich da mindestens sofort wieder erheben können.
Aber das ging hier in Wirklichkeit gar nicht so schnell.
Vor allem war doch ganz merkwürdig, dass der Zwerg auch bei dem Sturze sein Opfer nicht freigelassen hatte, dass er sich mit ihm auf dem Steinboden umherwälzte und dass er anscheinend bemüht war, es niederzuhalten.
Das glückte ihm ja nicht. Manuel García vermochte sich endlich wieder zu erheben, und nachdem ihm das gelungen war, stand er auch fest auf seinen Füßen, aber er wurde den Zwerg nicht los.
Die beiden Freunde sahen, wie er dessen Füße packte, wie er mit aller Kraft an ihnen zerrte, wie er aber nicht einmal imstande war, sie von seiner Brust zu entfernen, gegen welche sie sich stemmten, geschweige denn von seinem Halse, den sie immer noch umschnürten.
Und Manuel García strengte alle seine Kräfte an, er musste es, wollte er nicht ersticken.
Blaurot war schon sein ganzes Gesicht, die Augen traten ihm aus den Höhlen, er öffnete den Mund, als wäre er unmittelbar am Ersticken — —
Da endlich besann er sich auf seine Waffen.
Die Büchse lag auf dem Boden, er konnte oder wollte sich nicht danach bücken, sie war ja auch in einem solchen Nahkampfe die unpraktischste Waffe. Aber seine beiden Revolver!
Er tastete nach dem Gürtel, holte den einen heraus und hob ihn, die Mündung rückwärts richtend.
Fehlen konnte er ja den Zwerg nicht, und wenn dieser sich retten wollte, musste er eben schnell herabspringen — —
Doch er blieb sitzen.
Kannte er auch die Feuerwaffen noch nicht, dass er sie nicht fürchtete?
Ob das der Fall war oder nicht, das konnten die beiden Deutschen nicht feststellen, sie sahen nur, dass Manuel García den Revolver nicht abfeuerte, dass er auf einmal mit beiden Händen nach seinem Halse griff und dabei hatte er die Waffe fallen lassen — —
Sofort lockerte der Zwerg den Druck seiner Schenkel etwas, der Portugiese schien wieder atmen zu können.
Und da griff er auch schon nach dem anderen Revolver.
Deutlich war zu sehen, wie die Wut in ihm kochte. Er war außer sich, ohne dass er aber noch recht zu ahnen schien, was für ein Wesen eigentlich auf ihm hockte.
Kaum jedoch hatte er den zweiten Revolver schussbereit erhoben, da musste er auch diesen wieder fallen lassen.
Abermals hatte der Zwerg ihn durch einen furchtbaren Druck auf den Hals dazu gezwungen.
Und es nützte gar nichts, dass Manuel García nun zu seiner letzten Waffe griff — zu dem Messer.
Kaum hatte er es aus der Scheide gezogen, da musste er es auch schon wegwerfen. Sein menschliches Reittier ließ eben gar nicht mit sich spaßen.
Jedenfalls war Manuel García nun waffenlos, hatte nur noch die Hände, und mit ihrer Kraft konnte er nichts ausrichten, das hatte er schon erkannt —
Was aber sollte nun werden?
Die beiden Freunde hatten noch gar nicht weiter auf den Zwerg selbst geachtet, nur auf den Kampf, und als sie nun genauer als vorher nach ihm sahen, da erkannten sie, dass von dem Gesicht eigentlich gar nichts frei war, denn ein dichter eisgrauer Bart überwucherte es und hing noch über die ganze Brust bis zur Mitte des Leibes herab.
Was aber oben frei blieb, also die Augen und die Stirn, das wurde wieder von einer tief hereingezogenen spitzen Kappe verdeckt.
So konnten die beiden eben nur sehen, dass der Zwerg nur etwa halb so groß war wie Manuel García, aber in den Schultern viel breiter als dieser.
Und nun sahen sie auch noch etwas, was sie schrecklich dünkte, viel schrecklicher als der wütende Kampf vorhin.
Der Zwerg hatte die Füße mehr seitwärts genommen, sodass er dem Portugiesen nun mit ihnen in die Seite stoßen konnte.
Und das tat er mit aller Kraft.
Die beiden hörten den Mann noch lauter und wilder keuchen, als schon vorhin während des Kampfes, sie hörten ihn schmerzlich stöhnen, aber das nützte ihm nichts, sein Reiter gab nicht nach, bis er sich in Bewegung setzte und ihn die Schlucht entlang trug.
Wie furchtbar diese Gewalt sein musste, die Manuel García vorwärtstrieb, konnten die beiden Deutschen ermessen, da sie ihn ja kannten. Hier konnte es auch nicht mehr die leiseste Möglichkeit zur Widersetzlichkeit geben, hier konnte bedingungsloser Gehorsam die einzige Rettung sein. So sah es aus, und so war es auch.
Manuel García musste, anstatt die unermesslichen Schätze in Sicherheit bringen zu können, als deren Herrn er sich schon gesehen hatte, nun einen hässlichen Zwerg als Reiter tragen und sich von ihm zu einer Stelle lenken lassen, wo ein Pfad aufwärts führte, einer jener ziemlich breiten Wege, die den beiden Deutschen schon aufgefallen waren.
War aber das Ersteigen der Höhe schon für einen Mann an sich eine anstrengende Leistung, so musste sie erst recht zu einer Marter für den Portugiesen werden, der auch noch den Zwerg hinaufbefördern musste.
Immer wieder blieb der Unglückliche, wie die Deutschen ihn nun doch bei sich nannten, stehen, immer wieder versuchte er von Neuem den Kampf gegen seinen Feind, von dem er nichts weiter sah als die Beine, dessen langer Bart ihm aber von Zeit zu Zeit ins Gesicht fuhr. Er rammelte ihn einmal sogar gegen die Felswand.
Und es war ein ganz ernsthafter Versuch. Es war zu sehen, wie er ausholte, wie er dann vorschnellte —
Es war ganz zwecklos gewesen, denn ehe noch die Wand erreicht war, hatte der Zwerg ihn schon wieder gebändigt — —
Keuchend vor Atemnot trottete Manuel García mühsam weiter.
Und auch der letzte Befreiungsversuch missglückte.
Da der Portugiese erkannte, dass er seinen unheimlichen Reiter nicht los wurde, so beschloss er, sich mit ihm in den Abgrund zu stürzen. Diese Absicht ließ sich durchschauen — —
Er war so hoch gekommen, dass ein Sturz in die Tiefe gefährlich und unter Umständen tödlich sein musste — da wendete er sich plötzlich um, hob beide Arme — aber nicht, um den Zwerg herunterzureißen, sondern im Gegenteil, um ihn festzuhalten, falls er versuchen sollte, zu fliehen — —
Und dann setzte er zum Sprunge an.
Wie gesagt — es war zwecklos — nur eine Selbstquälerei.
Der Zwerg lachte diesmal sogar höhnisch auf, als Manuel García die Arme wieder sinken ließ, um nach seinem Halse zu greifen. Ärger als zuvor wurde dieser zugeschnürt — — da fügte er sich und trottete weiter und entschwand plötzlich den Blicken der beiden Deutschen.
Ich drang in die Grotte ein. Zwischen den Eiszapfen, so nah sie auch nebeneinander herabhingen, manchmal fast den Boden berührend, war noch Platz genug zum Durchschlüpfen.
Erst jetzt sagte ich mir, dass ich mich auch nach einer Lampe hätte umsehen sollen. Da aber zeigte sich, dass ich eine solche gar nicht brauchte.
Der Eingang allerdings war ja weit genug, aber er hätte doch nicht so viel Tageslicht durchgelassen, zumal auch wegen der Eiszapfen, die doch nicht ganz durchsichtig waren, um die weite Halle zu füllen, in die ich schon nach wenigen Schritten gelangte.
Die Ausdehnung war nicht abzusehen, denn überall erhoben sich Eismassen von bizarren Bildungen, wie kleine Eisberge, aber ich konnte doch schon ziemlich weit zwischen ihnen hindurchblicken.
Und dieser weite Raum war ganz hell erleuchtet. Woher kam denn dieses weiße Tageslicht? Durch Spalten konnte es nicht einfallen, das war ganz ausgeschlossen, das war sofort zu erkennen.
Nirgends zeigten sich Schatten, nirgends Dämmerung. Auch der versteckteste Winkel war so hell erleuchtet, als ob das Eis selbst dieses Licht ausstrahlte.
Ich ging zwischen den Eisblöcken herum und fand die Grenzen des Saales, eisbedeckte Wände.
Erst als ich wieder nach dem Ausgange zurückkam, sah ich, dass sich gleich neben diesem eine hinabführende Treppe befand, natürlich alles aus Eis. Ob die Stufen in Eis gehauen oder ob es etwa steinerne Stufen waren, die sich mit Eis überzogen hatten, das freilich konnte ich so ohne Weiteres nicht unterscheiden, da hätte ich mindestens einen Eispickel benutzen müssen. Auch solche waren in der Kammer vorhanden gewesen, aber ich hatte keinen mitgenommen, so wenig wie ein Seil und dergleichen.
Ich stieg die ziemlich breiten Stufen hinab, tief, immer tiefer. Alles tageshell erleuchtet! Ja, das Licht musste aus dem grünlich schimmernden Eise selbst strahlen. Das »Wie« konnte ich mir natürlich nicht erklären, zerbrach mir darüber aber auch nicht den Kopf.
Die Treppe machte einen Winkel, und immer noch tiefer ging es hinab.
Schade, dass ich die ganz regelmäßigen Stufen nicht gezählt hatte! Nun war es zu spät, noch damit anzufangen. Endlich hörte die Treppe auf.
Ich stand in einem ungeheuren Raum, dessen Höhe ich nicht mehr abzuschätzen wagte, denn die eisüberzogene Decke täuschte; sie war einem mit weißen Wolken bedeckten Himmel vergleichbar. Nur so viel konnte ich erkennen, dass von dort oben keine Eiszapfen herabhingen. Dafür waren auf dem Boden richtige Eisberge emporgewachsen. Den einen schätzte ich auf wenigstens achtzig Meter Höhe. Und nun diese abenteuerlichen Formen, diese Höhlen und Tunnel.
Aus dem Boden gewachsen? Das konnte wohl nicht möglich sein. Wie aber waren diese Eisberge sonst entstanden, zumal ja nichts von oben dazu kam? Nun, die richtige Annahme war wohl, dass hier einmal alles mit kompaktem Eise gefüllt gewesen war, die Wärme der Erdoberfläche hatte doch ihre Wirkung ausgeübt; das Eis war oben zuerst geschmolzen, daher die Eisbergbildung, oben spitz mit breiter Basis, nur dass dabei nicht etwa Kegel- oder Pyramidenform herausgekommen war.
Erst als ich in dieser wunderbaren Region schon ziemlich weit herumgewandert war, staunend die glitzernden Herrlichkeiten betrachtend — und wie schön konnte ich staunen! — dachte ich daran, ob ich denn auch den Rückweg, die Treppe wiederfinden würde.
Ich hatte keinen Kompass, keine Ahnung, woher ich gekommen sei.
Was sollte aus mir hier werden, wenn ich die Treppe nicht wiederfand? Oder wenn ich eine andere, die ich von jener nicht zu unterscheiden vermochte, benutzte? Wenn ich mich immer weiter verirrte?
Jedenfalls schüttelte ich das bange Empfinden ab, das mich nun doch einmal beschlich.
Ich wanderte weiter und weiter. Jetzt fehlten einmal die Eisberge; eine freie Fläche kam. Übrigens schien es mir, als ob die Eisberge manchmal doch die Decke berührten, ihr als Stütze dienten.
Doch das war außerordentlich schwer zu unterscheiden, der weißgraue »Himmel« täuschte gar zu sehr. Ich musste einmal solch einen Eisberg, der mir diesen Eindruck einer mit der Decke verwachsenen Stütze machte, besteigen.
Jetzt hatte ich es hier mit dieser freien Fläche zu tun, wohl tausend Quadratmeter bedeckend, wozu ja auch nur ein Quadrat von dreiunddreißig Metern Seitenlänge gehört.
Es war spiegelglattes Eis. Oder doch nicht so ganz — etwas gekörnt — wie geschaffen zum Schlittschuhlaufen. Warum sollte ich nicht einmal? Ich entnahm dem am Gürtel hängenden Beutel die Schlittschuhe; befestigte sie unter den Füßen.
Alles, was mich gehindert hätte, legte ich ab, vor allem natürlich das Gewehr und die auf dem Rücken hängenden Schneeschuhe, und fuhr los. Ich bin ein sehr guter Schlittschuhläufer, hätte im Kunstlaufen manchen Preis davontragen können, hätte ich mich darum beworben.
Ach, war das herrlich, sich so auf der glatten Fläche tummeln zu können, wie befreit von irdischer Schwere!
Nur die dicken Pelzsachen waren mir etwas hinderlich, doch störten sie mich nicht weiter in meinem Vergnügen und in meiner Stimmung. Die schwedischen Schlittschuhe mit Hohlschliff waren vorzüglich und saßen fest wie angenagelt.
Eben beschrieb ich eine doppelte Acht mit Umsprung, dabei mit der einen Hand den Boden berührend, nicht etwa stürzend, sondern so weit musste ich mich dabei auf die Seite legen, das entgegengesetzte Bein zum Himmel reckend, als ich einen Ton vernahm, wie ein Brummen.
Ich brachte schnell meine Gliedmaßen in normale Lage und bremste, schaute mich nach der Ursache des Brummens um — — —
Hallo, dort war ein Eisbär! Und was für ein gewaltiges Exemplar!
So! Einer der mir versprochenen Eisbären war vorhanden, nun konnte die Eisbärenjagd beginnen.
Nur schade, dass ich augenblicklich keine Möglichkeit dazu hatte! Und dass nur nicht etwa ich von dem Eisbären gejagt wurde!
Das Ungeheuer war nämlich gerade dort, wo meine Waffen lagen, auch der Revolver am Gürtel, den ich abgeschnallt hatte, beschnüffelte sie, drehte sie mit der Tatze herum, dabei verdrießlich oder wohlgefällig brummend.
Jetzt hob er den Kopf, äugte nach mir, ohne noch zu brummen.
Freute er sich über meinen Anblick? War er gezähmt? Ein ganz wilder Bär konnte es doch nicht sein, man musste ihn doch hier eingesetzt haben, er musste gefüttert werden.
Jetzt machte er einen plumpen Sprung in der Richtung auf mich zu, richtete sich auf den Hinterfüßen empor, breitete die Arme aus, als wolle er mich schon liebevoll an sein Herz drücken, öffnete den Rachen und stieß ein schreckliches Brüllen aus. Teufel noch einmal, das klang und sah gar nicht nach artiger Zahmheit aus!
Jetzt, Herr Klingsor, der Sie meine Zukunft so genau kennen, erscheinen Sie rechtzeitig auf dem Plane; um mich vor diesen Pranken und furchtbaren Zähnen zu bewahren, vor solch einer Umarmung!
Doch nein, so dachte ich durchaus nicht! Vielmehr war ich meiner Sache ganz sicher. Nur durfte ich nicht etwa daran denken, schnell die Schlittschuhe abzuschnallen und Reißaus zu nehmen. Denn außerhalb dieser Fläche war es mit dem Schusseln nichts, zwischen den Eisbergen war der Boden überall mit Höckern und kleineren Eisblöcken bedeckt und besät, da konnte ich nicht fahren.
Und außerdem, ehe ich die Schlittschuhe abschnallte, hätte das Vieh mich schon gehabt, denn jetzt setzte es sich in Bewegung, kam plötzlich in vollem Galopp auf mich zu.
Nein, ich brauchte mich nicht zu fürchten, er konnte mir nichts wollen, so lange nur die Stahlkufen festsaßen.
Ein kleiner Abstoß, ein elegantes Schlenkern mit dem Beine; und ich befand mich schon im Rücken des Bären.
Ein kleiner Abstoß, und im nächsten Augen-
blick befand ich mich hinter dem Bären.
Der bremste seinen Lauf überraschend schnell, hatte es aber mit dem Umdrehen nicht so eilig, und dann glaubte ich wirklich ein verdutztes Gesicht zu sehen.
Wieder auf mich zu, ich wieder um ihn herumgeschwenkt, er sich wieder langsam umgedreht und ein noch verdutzteres Gesicht gemacht.
Nun aber brüllend auf mich los, dann sich mit wunderbarer Behändigkeit trotz des plumpen Körpers herumgeworfen und sofort wieder auf mich losgeschossen!
Und so ging das Spiel noch eine gute Weile weiter. Es wurde auch ein wirkliches Spiel daraus. Ich klopfte dem dicken Kerle auf das weiße Fell, packte ihn am Stummelschwanz und ließ mich eine Strecke fortschleifen.
Der Bär drehte sich und drehte sich, bis er zuletzt ganz verwirrt war, sich ohne Zweck drehte, immer im Kreise herum, ohne noch nach mir zu blicken, dabei ein ganz merkwürdiges, klägliches Heulen ausstoßend.
So, nun wollte ich aber aus dem Spiele doch etwas Ernst machen. Während sich der Bär noch wie ein Kreisel drehte, lief ich schnell dort hin, wo meine Sachen lagen, ergriff die Büchse und entsicherte sie.
Übrigens hätte ich das schon vorher tun können. Es wäre mir ja ein Leichtes gewesen, den Bären fortzulocken und dann zu meinen Sachen zu eilen. Ich hatte eben nur mit ihm noch spielen wollen.
Ich sollte nicht zum Schusse kommen. Plötzlich gab der Bär seine seltsame Kreiseldreherei auf, stieß ein kurzes Geheul, eine Art Jammerschrei, aus, wie von der Verzweiflung ausgepresst, und stürzte davon, in entgegengesetzter Richtung, verschwand hinter dem nächsten Eisberge; kam nicht wieder zum Vorschein, ich wusste auch bestimmt, dass er sich nicht wieder zeigen würde. Er schämte sich offenbar. Ich hätte ihm ja noch eine Kugel nachsenden können, aber nur in sein Hinterteil.
Schnell hatte ich die Schlittschuhe abgeschnallt, alles wieder aufgesackt und war sorglos weitergestrolcht. Also es gab Eisbären hier, welche sogar den Menschen ohne Weiteres angriffen. Es konnte mich nicht beängstigen. Ich stand ja unter treuer Obhut des Schicksals, und — — Furchtsamkeit ist überhaupt meine Schwäche nicht.
Immerhin, ich war gewarnt worden, vorsichtig musste ich doch sein, zumal im Ablegen meiner Waffen.
Immer wieder Eisberge, die immer abenteuerlichere Formen annahmen, dann mächtige Eisblöcke mit Grotten, in denen, wenn sie dünne Wände hatten, ein herrliches Farbenspiel strahlte.
Und dann etwas, was ich mir nicht recht erklären konnte.
Zuerst fühlte ich, wie der Boden recht weich ward, ohne weiter darauf zu achten, bis ich daran dachte, dass es doch recht merkwürdig sei, dass meine Füße Spuren zurückließen, bis mir voll und ganz zum Bewusstsein kam, dass dies ja Schnee war, der auch ringsum auf den Eisblöcken lag.
Ziemlich weicher, frisch gefallener Schnee! Frisch gefallen musste er deshalb sein, weil er, wäre er alt gewesen, bei dieser Kälte schon längst hart gefroren hätte sein müssen.
Frisch gefallener Schnee? Ja, woher sollte der denn kommen?
Es blieb bei der Tatsache. Übrigens hatte ich schon an Ohren und Nasenspitze bemerkt, dass es gar nicht mehr so kalt war. Diese Temperaturunterschiede an sich waren gar nicht verwunderlich. Es handelte sich ja hier nicht um eine einfache Höhle, sondern um ein ganzes Höhlenlabyrinth, aus lauter einzelnen Kammern bestehend, wie ich unterdessen auch schon bemerkt hatte.
Denn da kamen manchmal Wände, die unmöglich allein aus Eis bestehen konnten; solche Bildungen erzeugt das Wasser beim Gefrieren nicht. Das waren eben Felswände, die sich nur mit Eis, von niedergeschlagenem Wasserdampf oder herabsickerndem Wasser herrührend, überzogen hatten, und wenn nun in diesen einzelnen Räumen ein Windzug von verschiedener Stärke herrschte, so mussten auch verschiedene Temperaturen entstehen.
Von diesem Windzuge, der durch Luftverdünnung Kälte erzeugt, war übrigens nichts zu merken, was für mich auch ganz begreiflich war. Das brauchte nur die leiseste, mit den feinsten Instrumenten kaum messbare Luftbewegung zu sein. Man durfte in diesen geschlossenen Räumen nicht an die atmosphärische Dynamik denken, die draußen im Freien herrschte.
Also jetzt musste ich mich erst einmal mit dem frisch gefallenen Schnee abfinden, den ich mit den Händen ballen konnte und der schon so weich wurde, dass er mir unter den Sohlen kleben blieb.
Und es sollte noch viel besser kommen.
Wieder passierte ich solch ein Tor in einer Eiswand, die aber sicher einen steinernen Kern hatte; kam in eine weite Halle, in der wieder einmal die Eisberge fehlten. Nur an den Seiten zeigten sich bizarre Eisbildungen, Dome, Burgen und Schlösser mit Zinnen und Zugbrücken, sie umschlossen eine große Fläche, die vollends mit hohem Schnee bedeckt war, nicht mehr ganz so weich wie vorhin, wie ich die Zunahme der Kälte auch schon wieder an den Ohren verspürte.
Also eine weite Schneefläche, die geradezu einlud, die Schneeschuhe anzuschnallen. Und da handelte es sich nicht nur um diese einzige Fläche, sondern ich musste Umschau halten, durch die Tore der Dome und Burgen gehen, um immer neue Entdeckungen zu machen.
Dieses ebene Schneeterrain setzte sich nämlich immer weiter fort, auch in anderen Räumen und Hallen, änderte sich aber doch, blieb nicht immer eben.
Na, da musste ich doch auch einmal probieren! Die Schneeschuhe angeschnallt! Das ging ganz vortrefflich, das Riemenzeug war äußerst praktisch eingerichtet.
Das Laufen ging weniger vortrefflich, wenn es überhaupt dazu kam. Ich dachte, man brauche nur so hinzuschusseln, Bewegungen wie beim Schlittschuhlaufen zu machen. Aber die Schneeschuhe dachten anders. Mit einem Male ging mein linker Fuß seitwärts, der rechte geradeaus, und ich lag im Schnee. Und das war erst die Einleitung gewesen, jetzt hatte ich erst einmal das Purzeln heraus, und so ward schon das Aufstehen eine einzige Purzelei.
So ging die Sache nicht. Ich musste erst einmal richtig in Fahrt kommen, um zu wissen, wie ich die Beine zu halten hatte. Also ich schnallte noch einmal ab, erstieg den Hügel und schnallte wieder an.
Hui, das ging ja! Mir wurde ganz ängstlich zumute; der Atem setzte mir aus, ich sah die Katastrophe schon kommen — — und richtig, da sauste ich in eine Vertiefung hinein, dass ich mich aus dem Schnee, obgleich der hier gar nicht so sehr weich war, kaum wieder herausfand.
Nein, so leichtsinnig war ich nicht wieder. Wäre ich nach der anderen Richtung geraten, dann wäre ich gegen eine Eiswand gesaust, dass es mir das Leben hätte kosten können, mindestens das Nasenbein und etliche andere Beine.
Ich schnallte die Schneeschuhe lieber ab, gab den Versuch für heute gleich ganz auf. Das Skilaufen musste eben gelernt werden, womöglich unter sachgemäßer Leitung, oder doch so nach und nach; so ging das nicht.
Nun ließ ich die langen Dinger aber auch gleich liegen, sie waren mir schon oft hinderlich gewesen, wenn ich durch enge Eispforten kroch. Es war mir ganz gleichgültig, was daraus wurde.
Und wie ich noch so denke, da bekomme ich plötzlich etwas Nasses auf die Nase, dann mehrmals auf die Wange; dann sehe ich auf meinem dunklen Pelzärmel einige Schneeflocken liegen, und da fängt es ganz regelrecht zu schneien an!
Große Flocken fallen; sie werden immer größer und dichter, bis ich kaum noch einen Schritt weit sehen kann.
Nun schlägt's aber dreizehn! Fängt es hier in dieser Höhle zu schneien an!
Woher kam der Schnee? Von der Decke herab! Weiter konnte ich nichts sagen. Wie das möglich? — mir ganz unbegreiflich. Da wollte ich mich nicht erst mit physikalischen Gesetzen abgeben, das hatte alles gar keinen Zweck.
Es schneite eben, und damit basta! Es schneite so, dass ich, wie gesagt, keinen Schritt weit sehen konnte. Und dann wurden die Flocken härter, Körner wurden daraus. Und dann ein eigentümlicher Ton, wie ein fernes Heulen, dass ich erst an einen Fuchs dachte; dann aber ein Pfeifen, und dann wieder ein Heulen, und da traf mich ein eisiger Lufthauch, der stärker und stärker ward, und aus dem Winde ward ein regelrechter Sturm, der mich umtobte, mich in Wolken von Eiskörnern hüllte, sie mir schmerzhaft ins Gesicht peitschte.
Innerhalb fünf Minuten war diese Umwandlung geschehen — von den ersten zarten Flocken an bis zum wütenden Schneesturm, wie ich noch keinen erlebt hatte.
Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, was ich von alledem denken sollte. Oder ich dachte nur eines: Rettung, Rettung aus diesem Schneesturme! Wenn du dich nicht bald in Sicherheit bringen kannst, wirst du hier zugedeckt und eingefroren!
Zum Glück stand ich noch so, wie ich zuerst gestanden hatte, nach solch einer Eisburg blickend, in der sich eine weite Höhle befand. Das hatte ich vorhin gesehen, dessen entsann ich mich, und in dieser Richtung arbeitete ich mich vorwärts, den Sturm seitwärts empfangend.
Vielleicht fünfundzwanzig Schritte mochte ich mich von dieser Höhle entfernt befunden haben. Wie lange ich brauchte, um mein Ziel zu erreichen, weiß ich nicht, mich dünkte es eine Ewigkeit; ich wollte immer die Kapuze über das Gesicht ziehen, konnte es nicht mehr, alles war voll Schnee und wohl schon festgefroren, und mein Gesicht schmerzte furchtbar, besonders die rechte Backe, so prasselten die Schneekörner dagegen.
Endlich stieß ich mit den vorgestreckten, zum Glück bepelzten Händen gegen eine Wand, wusste nun allerdings nicht, ob ich mich nach rechts oder links weiter tasten sollte, um jene Höhle zu finden, fühlte aber glücklicherweise gleich die scharfe Kante, hatte also die Richtung sehr gut eingehalten.
Die Höhle nahm mich auf, oder wie ich jetzt bemerkte, ein Gang, der sich fortsetzte, immer taghell erleuchtet.
Es ging um eine Ecke, und dann lag vor mir wieder eine ungeheure Grotte, in der ich etwas erblickte, was mich alles vergessen ließ, was hinter mir lag.
Umrahmt von den üblichen Eisbergen und sonstigen bizarren Eisbildungen, wurde der weite Raum der Hauptsache nach von einem See ausgefüllt. Wohl schwammen einige Eisschollen darauf, aber sonst erblickte ich offenes Wasser. Und nicht etwa, dass hier Sturm und Schneetreiben geherrscht hätte! Keine Spur mehr davon, es war ganz windstill.
Im Übrigen eine herrliche Szenerie! Diese Eisbildungen! Immer dieselben und doch immer wieder ganz anders als in den vorigen Grotten und Höhlen und sonstigen Abteilungen, und nun dieser dunkelgrüne See, mit diesen Buchten und Fjorden — — eine rein skandinavische Küstenlandschaft, so weit ich sie von Bildern kannte; nur alles im Kleinen — obschon es ein recht ansehnlicher Teich war, anderthalbtausend Quadratmeter bedeckte er sicher, und in der engen Umrahmung nun nahm er sich eben wie ein weiter, weiter See aus.
Es war doch noch ziemlich kalt hier, wenn auch nicht zu vergleichen mit der Temperatur des Schneesturmes. Weshalb fror das Wasser nicht zu? War es sehr stark salzhaltig? Denn das Meerwasser mit vier Promille Salz friert ja erst bei vier Grad. Nein, es war süßes Wasser, und außerdem musste es hier wohl kälter als vier Grad sein.
Schon immer hatte ich ein Rauschen vernommen. Es schien hinter dem Eisdome hervorzukommen. Ehe ich ging, um die Ursache zu ergründen, sah ich in dem klaren Wasser, das aber den Grund nicht erkennen ließ, einen wenigstens meterlangen Fisch schwimmen, einen Lachs. Ach, eine ganze Herde Lachse, darunter noch viel größere. Und dort Forellen!
Wenn ich erst etwas von der Angelkunst verstand, dann ging es hier los. Lachse werden ja auch harpuniert. Eine Harpune hatte ich mitgenommen. Wozu eigentlich? Mir kam jetzt gar nicht der Gedanke, sie nach einem Opfer zu schleudern.
Nachdem ich um den Eisdom herumgebogen war, sah ich die Ursache des Rauschens. Ein großartiger Wasserfall! Kein Niagara, kaum zwei Meter breit und etwa drei Meter herabfallend, in diesen engen Grenzen aber doch immer wieder einen ganz erhabenen Eindruck machend.
Noch habe ich zu erwähnen vergessen, dass ich schon vorher die auffallende Wärme des Seewassers konstatiert hatte. Nicht etwa zum Bade einladend, aber doch sicher einige Grad über Null. Das Wasser, was nun nach dem Sturze in den See abfloss, war noch viel wärmer. Ich erklomm seitwärts des Wasserfalles die Eisböschung, fand eine Etage höher einen Bach, einen Fluss, hier schon mehr ein Strom zu nennen, dessen Wasser immer wärmer wurde, je weiter ich ihn stromaufwärts verfolgte.
Er kam aus einer Seitenhöhle heraus, in die ich dringen konnte, und darin fand ich denn auch, was ich zu finden geahnt hatte, hier in dieser Grotte war es einmal vorbei mit Schnee und Eis, die nackten Felswände zeigten sich, indem aus der einen Felswand heraus, aus einer kleinen Grotte, in die ich aber nicht mehr dringen konnte, der Fluss als Quelle kam, deren Temperatur ich auf wenigstens fünfzehn Grad Celsius schätzte.
Ihre ununterbrochen ausstrahlende Wärme genügte, um hier alles Eis schmelzen zu lassen, und dieses Wasser hielt auch noch den See offen, obgleich es nicht mehr die Eisbildung der Umgebung verhindern konnte.
Ich verweilte in diesem Raume, in dem, im Gegensatz zu draußen, eine wahre Backofentemperatur zu herrschen schien, wodurch ich mich aber nicht beirren ließ, bis ich den an meinen Pelzsachen festgefrorenen Schnee abklopfen konnte, dann stieg ich wieder hinab zum See, der mir mit seiner wunderbaren Umgebung ganz außerordentlich gefallen hatte.
Als ich nun weiter um die Eisburgen herum spazierte, welche die Ufer einsäumten, manchmal über ein kleines Fjord springend, kam ich an einen zweiten Zufluss, als solcher daran gleich erkenntlich, dass das ebenfalls offene Wasser eine ziemlich starke Strömung hatte, und da gewahrte ich hier unten das erste Zeichen, dass in dieser Eisregion auch Menschen hausten, sich häuslich eingerichtet hatten.
Ein Zelt, aus Pelzhäuten errichtet! Nicht groß. Zur Not, dachte ich mir, drei Mann fassend. Es war auf einem idyllischen Fleckchen errichtet, gerade an der Mündung des Baches in den See, dicht neben einer wunderbaren Dombildung.
Und vor dem Zelte ein Feuerplatz! Auf einer flachen Steinplatte glühte ein tüchtiger Haufen Holzkohlen. Darüber hing an einem eisernen Gestell ein Kochtopf mit brodelndem Inhalt.
Oder war das, was da gekocht wurde, etwa gar für mich bestimmt? Erwartete man mich hier? Hatte man schon so die Vorbereitungen getroffen, die ich nur fortsetzen sollte, etwa so wie oben in meiner Höhle, wo doch auch schon die Lampe gebrannt hatte? Dann musste ich hier unten beobachtet worden sein, und das sollte nicht der Fall sein. Oder eine Beobachtung war schließlich auch nicht nötig. Jener Mann mit den Teufelsaugen konnte ja meine Zukunft berechnen, bis zur Minute, alles, was eintreffen würde — —
Na, sei dem, wie es sei, ich sah mich erst einmal näher um, nahm zunächst den Deckel vom Topfe.
Forellen waren es, die da in dem kochenden Wasser schwammen, zwei schöne, fette Forellen. Ich hatte gehört, dass man daraus, ob sich die Flossen leicht ablösen lassen oder nicht, erkennt, ob ein Fisch gar ist oder noch kochen muss.
So griff ich einmal hinein in den Topf, meine Hand war ja durch den dicken Pelzhandschuh geschützt, das Leder nach außen.
Nein, die Forellen waren noch nicht ganz gar, die Flossen ließen sich nicht ablösen Na, dann wartete ich noch etwas. Denn ich hatte schon wieder starken Appetit bekommen, hatte mich doch schon ziemlich lange Zeit hier unten herumgetrieben, immer wandernd und Sportübungen anstellend, das macht Appetit, zumal bei solcher Kälte.
Das mit den Holzkohlen aber war ein Irrtum gewesen. Es war Holz, welches nur schon vollständig verkohlt war, aber erst hier in diesem Feuer, und zwar keine Äste, ich sah nichts von Zweigen und dergleichen, sondern das war zersägtes und gehacktes Brennholz gewesen, und zwar Buche.
Neben dem Wigwam lag noch ein stattlicher Stapel von solchen kleinen Scheiten; daher wusste ich das so genau.
Woher und wie bekam man hier das Holz? Es musste hergetragen werden! Sehr umständlich! Oder es gab einen näheren Weg nach der Erdoberfläche als den, den ich genommen hatte.
Da fiel mein Blick auf eine Eisgrotte, in die ich von meinem Platze aus gerade sehen konnte, und ich merkte gleich etwas, ging hin, trat ein.
Richtig; auch wieder eine Robinsonhöhle! Oder nein, doch nicht. Nicht zum Wohnen eingerichtet! Da fehlte vor allem die Lagerstätte. Es war nur eine Niederlage. Kisten und Kasten und Fässer, Pelzsachen und Waffen, Angelgerätschaften und Netze, und dann vor allen Dingen weiter hinten ein ganzer Berg von rohen Baumstämmen mittlerer Dicke oder starke Äste, zum Teil die Zweige noch daran, auch verwelkte Blätter, zum Teil schon roh behauen, das alles war vorhanden, und um dieses Holz weiter zu zerkleinern, Sägen und Äxte, Sägebock und Hackstock.
Auch diese Höhle war hinten offen, ein Gang führte vorbei und in diesem floss, nur wenig unterhalb des Höhlenbodens, ein sehr stark strömendes, breites Wasser.
Gerade trieb ein entwurzelter Baumstamm vorbei. Und da natürlich hatte ich es sofort erkannt. Dieses Gewässer floss auch oben an der Erdoberfläche; kam aus dem Walde, brachte manchmal Treibholz mit. Das wurde hier aufgefangen und zerkleinert. Oder dieser Fluss konnte ja überhaupt als Transportmittel benutzt werden. Nun wollte ich aber den Wigwam betreten, denn so ein richtiger indianischer Wigwam war es, nur die bunten Malereien fehlten.
Ich fand den Eingang, der eigentlich gar nicht so leicht zu entdecken war, so ausgezeichnet war der Verschluss durch Druckknöpfe. Überhaupt schien das ganze Zelt außerordentlich gut zusammengenäht und aufgebaut zu sein; über dem Eise war nicht die geringste Lücke; alles schloss luftdicht.
Dass es nicht gewöhnliche Felle, sondern Pelze waren, die haarige Seite nach innen, das sah ich eigentlich erst jetzt. Sonst enthielt der Raum nicht viel. Eine mollige Lagerstätte aus den feinsten Fellen, wie Marder, Zobel und dergleichen, eigentlich also ein Bett, dessen sich ein Milliardär nicht hätte zu schämen brauchen, dann einiges Essgeschirr, Teller aus feinstem Porzellan, Messer, Gabel und Löffel aus gediegenem Silber, und im Gegensatz dazu ein ganz einfaches Tischchen mit ebensolchem Stuhl, offenbar selbst gezimmert, wenn auch sehr geschickt, nur dass wohl alles mit Axt und Messer gearbeitet, nicht gehobelt war, und dann in der Mitte des Zeltes am Boden, der dicht mit Pelzen bedeckt war, eine große, schwarze Kugel, eine Art Bombe — oder Zungenwurst, wie ich mir jetzt bei meinem Appetite sagte.
Aber eine solche war es nicht. Es war eine eiserne Kugel, offenbar massiv, nach ihrer Schwere, wie ich mich überzeugte, die eine ziemliche Wärme ausstrahlte. Nicht etwa heiß, ich konnte sie ruhig anfassen, aber doch genügend, um in dem so gut geschlossenen Raume eine behagliche Wärme zu erzeugen. Das war also der Ofen, jedenfalls mit einer brennbaren Dauerfüllung, die aber außerordentlich schwer sein musste.
So war hier größte Einfachheit mit feinstem Luxus verbunden. Auf dem Tische lag ein Skizzenbuch, aufgeschlagen, die Seite zeigte eine angefangene Landschaft mit Eisbergen, die anderen Blätter andere Szenerien, sowohl hier unten aus dieser Eisregion wie oben aus dem sibirischen Urwalde und von der afrikanischen Wüste; zum Teil mit Tieren belebt.
Es waren höchst künstlerische Skizzen, zwar offenbar mit raschen Strichen hingeworfen, aber kühn, genial!
So war dieses Zelt nicht für mich bestimmt, sondern hier hauste ein anderer. Dieses Skizzenbuch sagte es mir ganz deutlich.
Trotzdem war mein erstes, als ich wieder ins Freie trat, nach den beiden Forellen zu sehen. Ich fand sie gar, holte sie heraus und — — verzehrte sie, mich des silbernen Bestecks bedienend, nachdem ich aus der Vorratshöhle noch Salz und feinste Butter und etwas Zwieback geholt hatte, ließ mir die köstlichen Fische in aller Seelenruhe ausgezeichnet schmecken.
Sie waren verspeist. Nun noch eine halbe Flasche Portwein darauf gesetzt, von dem ich in jener Niederlage eine ganze Batterie entdeckt hatte, neben anderen Weinsorten. Feiner, alter Port! Das wusste ich, obgleich an der Flasche kein Etikett war, das schmeckte ich. Die Großmut meines Onkels hatte meiner Mutter immer sehr guten Wein geliefert.
Das Tischchen hatte ja auch eine Schublade? Sie enthielt nichts weiter als eine einzige Zigarre.
Die hatte mir gerade noch gefehlt, um mein Wohlbehagen voll zu machen. Donnerwetter, das war ja ein feines Kraut! So eine hatte ich noch nie geraucht. Solche Havannas würde ich mir durch meine Telefonnische noch etliche wünschen.
Nach einer Dreiviertelstunde war der Stummel auch mit einem Holzspänchen nicht mehr zu halten, ich erhob mich, überzeugte mich, dass die Eisenkugel noch genau so warm war wie zuvor, verließ das Zelt, sah seinen Besitzer immer noch nicht, machte mich wieder auf die Wanderschaft.
Da war wieder einmal eine aufwärts führende Treppe; die Stufen aus Eis.
Ich erstieg sie, bog um eine scharfe Ecke, stand in einer kleinen Grotte und — — —
Himmel noch einmal, was ich da erblickte!!
Träumte ich wirklich nicht? Ich rieb mir die Augen und musste glauben, dass ich die Wirklichkeit erblickte.
Eine Polarlandschaft. Aber eine wirkliche, eine echte, die es nicht in solch einer unterirdischen Eishöhle geben kann.
Ein Gebirge, furchtbar zerrissen, darüber die blutrote Sonne, die Felsen belebt von Tausenden und Abertausenden, vielleicht auch von Millionen von Vögeln, von Eidergänsen und Möwen oder was für eine Art es nun sein mochte, ein Vogelberg, und das schwirrte rastlos hin und her, und mehr im Vordergrund das offene Meer, darin ungeheure Eisberge, aber noch ganz andere als ich sie hier geschaut hatte, die hätten in keiner Höhle Platz gefunden, und dort eine Herde blasender Walfische, und um nun das Unmöglichste voll zu machen, kam eben dort hinter dem Vorgebirge ein großer Dreimaster hervor, auf dem ich ganz deutlich die Matrosen arbeiten sah, sie machten gerade ein Boot los, schwangen es aus, dabei nach den Walfischen deutend — —
Ja, wie in aller Welt war denn das nur möglich?! Nun blieb mir aber doch wirklich der Verstand bald stehen!
Ich wollte vor — konnte nicht. Oder wäre sogar beinahe in den Abgrund gestürzt, der sich vor mir öffnete, vor der kleinen Grotte, in der ich stand, ein ganz schauerlich tiefer Abgrund mit glatten Wänden.
Da Stimmen! Sie konnten nur durch eine dünne Wand von mir getrennt sein. Sie sprachen Deutsch, ich verstand jedes Wort. Es mussten ihrer mehrere sein, manchmal sprachen sie gleichzeitig. Ich gebe es wieder, so gut es geht.
»Nun, Herr Hammer, wie gefällt Ihnen das?«, fragte zuerst eine sonore Stimme, die ich bereits kannte. Die des Mannes mit den Teufelsaugen.
»Herrlich! Prächtig!«, erklang es enthusiastisch.
»Es ist ja alles doch nur Illusion«, knurrte jemand verdrießlich.
»Wie meinen Sie, Herr Wedekind?«
»Das ist doch keine Wirklichkeit, alles nur Illusion«, wurde wiederholt.
»Ja, natürlich, dass Sie hier ein wirkliches Segelschiff sehen, das können Sie doch nicht verlangen«, lachte Klingsor.
»Lass doch nur Dein ewiges Knurren und Mäkeln, Georg! Ist diese Kinematografie nach der Natur aufgenommen, Herr Klingsor?«
»Jawohl, nach der Natur. Es ist ein Walfischfänger. Wir werden gleich eine aufregende Walfischjagd erleben.«
»Ist das Bild wirklich so groß?«
»Nein. Auch das ist eine Illusion. Hinter dem Abgrund, der aber auch gar nicht so echt ist, befinden sich Glasscheiben, sie vergrößern stark; durch diese blicken wir.« —
So, nun hatte auch ich die Erklärung bekommen. Es störte mir den Reiz durchaus nicht, wie es dem knurrigen Sprecher zu gehen schien, der also Georg Wedekind hieß, der andere Hammer, dann wurde er auch einmal Fritz genannt. Also Fritz Hammer.
»Alles ZoelestrialLicht?«
»Alles.«
ZoelestrialLicht? Das heißt so viel wie Himmelslicht.
»Aber die Eisberge werden doch nicht mit solcher selbststrahlenden ZoelestrialFarbe angestrichen.«
»O nein«, antwortete lachend Klingsor. »Hier ist die Eigenschaft des elektrischen ZoelestrialLichtes, die ich Ihnen schon einmal an Experimenten vorführte, unmittelbar auf das Wasser übertragen.«
Was ich da gehört hatte, das genügte mir, um mir jetzt dieses Licht, das keinen Schatten spendete, erklären zu können. Übrigens, bei aller Bescheidenheit muss ich sagen, hatte ich schon so eine Ahnung gehabt. Das ist überhaupt ein bekanntes Experiment. Wenn man Wasser in einem Becken mit Elektrizität ladet und es dann durch eine Röhre ausfließen lässt, so leuchtet der noch elektrisierte Wasserstrahl im Finstern. Es dürfte da eine Beleuchtung der Zukunft vorliegen. Hier war sie schon ausgeführt. Strahlt aber überall ein gleiches Licht aus, dann kann es auch keinen Schatten geben.
»Ach, da kommen ja unsere beiden Vagabunden!«, rief jetzt wieder Klingsor.
»Wer ist der Herr?«
»Das ist der, von denen ich Ihnen schon erzählte: — Meister Edeling.«
»Ach, Baron Edeling!«
»Professor Freiherr von Edeling!«, fügte der andere hinzu.
Was? Hörte ich recht?!
Diesen Namen kannte ich allerdings auch schon.
Vor einigen Monaten hatten alle Zeitungen davon geschrieben.
Wie der freiherrliche Professor von Edeling, der bedeutendste Germanist der Gegenwart, wegen unheilbarer Schwindsucht Selbstmord verübt hatte, auf recht seltsame Weise.
Er hatte eine Erholungsreise nach Kapstadt angetreten, war in der Nähe des Äquators nachts über Bord gesprungen, musste unbedingt den Haifischen zum Opfer gefallen sein. Ein Unglück war ausgeschlossen, er hatte in seiner Villa in oder bei Berlin ja auch einen entsprechenden Brief hinterlassen, dass er aus dem Leben scheiden wolle. Dass er erst nach Hamburg und dann nach Afrika fahre, davon hatte er allerdings nichts erwähnt.
Also der war auch hier? So so!
»Sagten Sie nicht Meister Edeling?«
»Gewiss, er hat sofort die Meisterprüfung bestanden. Habe ich Ihnen das nicht erzählt? Ach so, Sie hatten sich gerade entfernt. Ja, der ist bei uns Skalden bereits Meister.«
Skalden — — nochmals hatte ich es gehört. So schienen sich die Mitglieder dieser geheimen Gelehrtengesellschaft zu nennen. Tüchtige Kerls, diese Skalden! Die konnten etwas.
»Wer ist der andere Herr?«
»Herr?«, wiederholte der andere, der noch bei Klingsor war. »Das ist doch Prinzess Turandot!«
Turandot, die bekannte Prinzessin von China? Ein sehr hübscher Name; wenn auch nicht gerade chinesisch klingend.
»Jawohl, meine Schwester«, bestätigte Klingsor.
Aha, seine Schwester! Er selbst sah allerdings etwas mongolisch aus; da konnte man es auch von seiner Schwester vermuten.
»Woher kommen die beiden?«
»Von Ophir.«
Ophir? Das ist das Land, aus dem Salomo seine Schätze geholt hat. Wenn wir nur wüssten, wo das gelegen hat. Ach, was für Vermutungen hat man da schon angestellt, wo es gesucht, sogar in Amerika und Australien.
»Juhu, juhu, holdriohohoho!!!«, jodelte jetzt eine tiefe Altstimme, in der ich aber doch gleich die eines Weibes erkannte.
Sie kamen, eine Vorstellung erfolgte.
»Du, Loke!«, sagte dann die Altstimme.
»Was gibt's, Schwesterchen?«, erklang es zärtlich zurück.
»Weißt Du schon, dass unser Gast hier unten ist?«
»Wer?«
»Na, unser Robinson, der Einsiedler, unser Willmer.«
»Ach nee! Hier in der Eisregion?«
»Jawohl.«
»So hat er den Gang durch seine Höhle gefunden und somit auch alles andere?«
»Nein, noch nicht.«
»Wie ist er denn sonst heruntergekommen?«
»Aus der Wüste.«
»Was?!«
»Wie ich sage. Durch das Eiszapfentor aus der Wüste am Rande des nordischen Urwaldes.«
»Sapristi, dann hat Hiram dieses Tor offen gelassen!«
»Anders ist es nicht.«
»Na, der soll ja büßen!«
»Verzeih ihm, denn er hat auch vergessen, die Seitentür zu schließen, und so hat Willmer wenigstens ein Pelzkostüm anziehen können.«
»Hat er das?«
»Ja, selbstverständlich, da er alles vorfand und doch ungefähr wusste, was ihn erwartete — große Kälte. Aber eingedrungen wäre er überhaupt auf alle Fälle; und ohne warme Pelze hätte er sich leicht den Tod holen können. Also verzeihe dem Hiram.«
»Ich will sehen. Woher weißt Du dann aber, dass Willmer hier unten ist?«
».Ich bin ihm begegnet.«
»Hast mit ihm gesprochen?«
»O nein, ich habe mich gleich versteckt, ihn aber immer beobachtet.«
»Beobachtet?«, erklang es streng. »Du weißt doch, dass unser Robinson nicht beobachtet werden darf!«
Was ich da zu hören bekam, gefiel mir.
»Ja, soll ich bei seinem Anblick etwa schnell die Augen schließen?«
Nein, meinetwegen hat noch keine Frauensperson die Augen geschlossen, so hässlich bin ich nicht.
»Du hast Dich aber doch gleich entfernt?«
»Nein, das tat ich nicht, ich habe ihn weiter beobachtet, und, Bruder, das hättest Du auch getan.«
»Weshalb?«
»Was ich da zu sehen bekommen habe!«
»Na, was denn?«
»Es war gerade auf der kleinen Schlittschuhbahn, wo ich ihn sah. Er hatte Schlittschuhe mitgenommen und hatte sie schon angeschnallt. Du, Loke, wie der laufen kann! Donnerwetter noch einmal! Solch einen Kunstläufer habe ich noch nicht gesehen, da war unser Knut, der Norweger, der reine Waisenknabe dagegen, ein Stümper, und den hast Du doch oft genug bewundert. Nein, wie dieser Deutsche laufen kann, dieser Willmer! Ich habe Maul und Nase aufgesperrt. Und dabei hatte er doch die dicken Pelzsachen an, die ihn hinderten.«
»So? Das muss er mir einmal vormachen.«
»Du beförderst ihn sofort zum Ritter. Warum nicht? Er wird Lehrmeister im Schlittschuhlaufen; da muss er gleich Ritter sein. Skilaufen darf er freilich nicht.«
»Skilaufen? Hat er auch das versucht?«
Die Altstimme fing schon zu lachen an.
»Na, Loke, ich sage Dir, wie er purzelte, wie er mit den Beinen zappelte — —«
Und ich sah im Geiste, wie die Sprecherin sich vor Lachen schüttelte.
»Ich habe alles kinematografiert, hahahaha —«
»Was — hast — Du?«, erklang es da langgedehnt aus des Bruders Munde.
»Kinematografiert habe ich seine Purzelei — —«
»Wie kannst Du Dich unterstehen!«, erklang es jetzt noch schärfer. »Du weißt, dass er nicht beobachtet werden darf! Her die Kugel!«
»Ach, Loke — — —«
»Her die Lichtkugel, sage ich! Sie wird sofort vernichtet! Turandot, Schwester, Du weißt, in so etwas verstehe ich keinen Spaß! Her die Kugel!«
»Da hast Du sie, Du alter Wüterich!«, klang es schmollend und aber auch etwas ängstlich. »Sein Schlittschuhlaufen ist auch darauf.«
»So, das auch?«
»Ei gewiss, das habe ich doch zuerst kinematografiert.«
»Hm. Da muss ich ihn einmal sprechen. Dass er kinematografiert worden ist, das muss ihm überhaupt mitgeteilt werden, das bin ich ihm schuldig, ich habe ihn um Verzeihung zu bitten. Vielleicht aber gestattet er, dass diese Filmkugel uns erhalten bleibt.«
Ja, das würde ich gestatten, wenigstens soweit es mein Schlittschuhlaufen betraf. Die Szene mit den Schneeschuhen wurde aber doch lieber vernichtet.
»Oder«, fuhr Klingsor fort, »er kann ja noch einmal Schlittschuhlaufen, wenn er weiß, dass er kinematografiert wird, mit seiner Erlaubnis — —«
»Da ist aber nicht der Bär drauf, das kann doch nicht so leicht wieder arrangiert werden.«
»Bär? Was für ein Bär?«
»Als er gerade im besten Laufen war, tauchte ein Eisbär auf — nein, Loke, wie Willmer den veralbert, mit ihm gespielt hat — — —«
Die Prinzess beschrieb die Sache ganz ausführlich.
»So, das hast Du auch kinematografiert?«, fragte der Bruder dann, jetzt aber in ganz anderem Tone als bisher.
»Alles, alles!«
»Hm, wenn das so ist, dann muss ich doch mein Möglichstes versuchen, dass er uns die Lichtkugel überlässt.«
»Ach, Loke, und das mit dem Skilaufen auch, es war gar zu köstlich!«, schmeichelte die Schwester.
»Wir werden sehen. Aber den Film bekommt kein Mensch zu sehen, auch ich werde keinen Blick darauf werfen, solange Willmer mir nicht die Erlaubnis gegeben hat.«
Immer besser gefiel mir, was ich da zu hören bekam. Das nennt man Ehrlichkeit und Charakter und Worthalten!
»Bist Du ihm dann noch weiter gefolgt?«
»Erst habe ich es einmal tüchtig schneien lassen, ihm dazu einen Sturm geschickt, einen regelrechten Schneesturm — — na, ich sage Dir, was für ein Gesicht er machte, als die ersten Flocken fielen, hahaha!«
»Hier kann es wohl gar auch schneien?«, fragte jetzt wieder die Stimme, die dem Fritz Hammer angehören musste. So weit konnte ich es nun schon unterscheiden.
»Weshalb nicht? Dazu gehört doch nicht viel Maschinerie. Die Decke ist durchlöchert, die herabfallenden Wassertropfen gefrieren. Eine besondere Vorrichtung ist dazu allerdings nötig, das stimmt, auch das Wasser muss besonders präpariert werden, damit die kristallisierten Schneeflocken herauskommen, sonst werden es nur Hagelkörner, eben gefrorene Wassertropfen, und diese Vorrichtung ist nicht überall vorhanden. Aber sonst ist die Sache ebenso einfach wie das Erzeugen eines Sturmes. Das wäre ja noch schöner, wenn man in einer Windröhrenhöhle, die doch erst künstlich eingerichtet wurde, nicht alles in der Hand hätte.«
»Es ist eine künstliche Eishöhle?!«
»Nun, Schwesterchen, und wie ging es mit Willmer weiter? Was sagte er zu dem Schneesturm?«
»Na, der war ja paff! Aber groß verblüffen konnte ich ihn nicht; er wusste sich gleich zu helfen, eine Höhle zu finden, wo ich ihm gar nicht hätte beikommen können. Lange hätte ich ihn ja auch nicht zappeln lassen.«
»Und dann?«
»Dann hat er den kleinen Lachssee gefunden.«
»Meinen Wigwam?!«
»Jawohl.«
»Nun, und? Wie fasste er es auf?«
»Sein Erstes war, dass er den Deckel des über dem Feuer hängenden Kochtopfes anfasste und aufhob«, lachte die tiefe Frauenstimme. »Du, Loke, Du hattest wohl zwei Forellen gefangen und gekocht? Wenn Du sie essen willst, da kommst Du zu spät; er hat sie weggegessen.«
»Recht so!«, lachte auch der Bruder. »Sie wären doch zu Mus zerkocht oder verbrannt. Hat er denn auch Zutaten dazu gehabt, Butter?«
»Ei gewiss, das hat er sich alles aus der Holzhöhle geholt, die er schnell zu finden wusste. Auch eine Flasche Wein hat er nicht vergessen.«
..Recht so!«, erklang es wie zuvor. »Hoffentlich hat er aber nicht auch die Zigarre in der Tischschublade gefunden und aufgeraucht! Es war meine letzte Regalia.«
»O ja, Herr Klingsor, die hatte ich gefunden. Ihre letzte war es gewesen? Das tut mir leid, aber bestellen Sie sich nur andere, so wie auch ich mir von dieser Sorte gleich ein Kistchen wünschen werde.«
So sprach ich schmunzelnd für mich hin. Jedenfalls waren diese beiden ein ganz vorzügliches Geschwisterpaar. Sie konnten mich jederzeit besuchen.
»Herr Klingsor, ich muss jetzt gehen, Sie wissen«, sagte da eine Männerstimme, die ich bisher noch gar nicht gehört hatte. Es mochte der Begleiter der Prinzess sein, den ich auch bei der Vorstellung nicht hatte sprechen hören.
»Jawohl, Meister Edeling, lassen Sie sich nicht aufhalten. Den Rückweg finden Sie doch?«
»Ganz sicher!«
»Dann also auf Wiedersehen in acht Tagen! Und dann wird unsere Sache wohl losgehen.«
Einige Abschiedsworte, und Freiherr von Edeling entfernte sich.
Ich hörte ein Geräusch, als wenn Finger knallend geschlenkert würden.
»Donnerwetter, hat der einen Händedruck! Der hat Mark in den Knochen! Ich fühl's am Druck der Hand. Ich dachte, er wolle die meinige zermalmen. Obgleich er sicher gar nicht so zugedrückt hat.«
»Und der ist nun noch vor ein paar Monaten ein unheilbarer Schwindsüchtiger gewesen«, rief die Prinzess lachend.
»Nun, auch ein Herkules kann die Schwindsucht bekommen oder sie gleich mit auf die Welt bringen«, meinte Klingsor. »Aber dieser Professor war damals alles andere als ein Herkules.«
»Er war nicht schon immer so kräftig?«
»Ach, keine Ahnung! Ein langaufgeschossener Schatten, ganz durchgeistigt, krumm und gebückt von vieler Schreibtischarbeit; man wagte nicht, ihn anzublasen, aus Furcht, er hätte umfallen können.«
»Ist nicht möglich!«
»Wie ich Ihnen versichere! Er konnte nicht vierzig Pfund stemmen, brachte sie nicht hoch.«
»Und jetzt ist er ein solcher germanischer Hüne; ein Athlet, den ich schon mit Zentnergewichten habe spielen sehen. Ja, wie ist das nur möglich?!«
»Meine Schwester hat ihn ins Training genommen, das ist die ganze Erklärung.«
»Ja, aber in den paar Monaten — wie denn nur?!«
»Das müssen Sie sich einmal von ihr selbst erklären lassen, Sie, Herr Hammer, werden noch selbst dran kommen; dann werden Sie schon merken, wie man einem Menschen Muskeln beibringt und die Knochen mit Mark füllt — Nun, Turandot, Schwesterchen, was machte unser Einsiedler denn weiter?«
»Das weiß ich nicht. Er blieb mir zu lange im Zelte; ich musste mich beeilen, dass ich hierher zum Rendezvous kam.«
»So, so«, erklang es hierauf aus Klingsors Munde. »Also er weiß sich ganz vortrefflich einzurichten. Ja, dieser Mann gefällt mir, gefällt mir immer besser. Also ausgezeichnet Schlittschuhfahren kann er? Ja, das wäre schon ein Grund, ihn gleich zum Ritter zu schlagen. Denn ich möchte ihn zu gern zu einem der Unseren machen. Aber als Lehrling kann der nicht erst beginnen, nicht einmal erst Geselle oder Knappe werden, das hält der nicht aus, das weiß ich schon. Hm, wollen sehen, was sich machen lässt — — Nun, meine Herren, will ich Ihnen die neueste Schöpfung aus dem Reiche der Tierwelt zeigen, die ich hier unten habe — ein Zuchtergebnis des alten Czernebog, den Sie ja auch schon kennen gelernt haben, durch eine meiner eignen Erfindungen in diesen Züchtungen noch etwas verbessert. Es ist ein Gletscherfloh, der eine Größe von mehr als zehn Metern erreicht hat.«
»Was? Ein zehn Meter großer Floh?!!«, riefen die anderen beiden gleichzeitig.
»Nein, nein«, lachte Klingsor, »so groß ist er nun freilich nicht. Er wird Ihnen doch auch durch solch eine Vergrößerungsscheibe gezeigt — —«
»Ach, Loke, das hättest Du nicht sagen sollen!«, unterbrach die Schwester ihn schmollend. »Nun ist ja die Überraschung hin. Nun wissen die Herren schon, dass sie das zottige Ungeheuer von einem Gletscherfloh durch eine Vergrößerungsscheibe sehen!«
»Na, das Vieh ist an sich groß genug, und wenn die Herren dann hinter die Scheibe kommen, ich will sehen, ob sie wagen werden, dem Ungetüm mit einer Lanze zu Leibe zu rücken und — —«
Die letzten Worte verloren sich, die Gesellschaft hatte sich entfernt.
Hallo, diesen Floh von zehn Meter Höhe musste ich auch sehen!
Wie aber sollte ich mich der Gesellschaft anschließen? Durch Klopfen an der Wand konnte ich mich nicht bemerkbar machen; rufen wollte ich nicht; vor mir war ein Abgrund, der, als ich versuchsweise ein Bein hineinsteckte, sich durchaus nicht als illusorisch erwies.
Also den Rückweg genommen, die Treppe hinab und rechts herum.
Ich sah eine andere Treppe, die wohl in eine zweite solche Grotte führte; die Gesellschaft hatte sie vielleicht benutzt, war aber nicht mehr zu sehen und zu hören. Auch hatte der harte Eisboden keine Spuren hinterlassen.
Aber wenn ich nicht irrte, mussten sie nach rechts gegangen sein, sonst wären sie an mir vorübergekommen.
Ich schlug also diese Richtung ein. Ach, diese Gänge, die dazwischen kamen! Wie sollte ich die Gesuchten in diesem Labyrinthe finden, das jetzt erst richtig begann.
Es fiel mir ein, einmal das Gewehr abzufeuern, dann zweimal den Revolver. Furchtbar krachten die Schüsse zwischen diesen Felswänden; das Echo wollte sich gar nicht erschöpfen. Aber eine Antwort kam nicht. Na, nun ließ ich sie laufen und setzte meinen Weg allein fort.
Aber wohin? Ich trieb mich schon viele Stunden lang hier zwischen den Eisblöcken herum; es war ja höchst interessant; es hätte noch Tage dauern können, ich brauchte gar keine besonderen Wunder zu sehen und Abenteuer zu erleben, aber — — ich wurde mit einem Male recht müde.
Das war leicht begreiflich. Ich war mit Sonnenaufgang aufgestanden; meiner Berechnung nach musste es jetzt schon wieder Nacht sein, und was hatte ich heute den ganzen Tag schon alles angestellt und erlebt. Himmel Herrgott noch einmal! Das war ja ein kleines Leben für sich.
Und die mich befallende Müdigkeit wurde plötzlich so stark, dass ich fast annahm, es müsse mir doch noch etwas von dem Mumienschlafe in den Gliedern stecken. Die Augen wollten mir durchaus zufallen.
Mich hier hinsetzen und schlafen? Ich hätte es riskiert, ich stak warm genug in meinen Pelzsachen.
Da, als ich noch überlegte, was ich tun sollte, gewahrte ich vor mir eine Spur, die durch einen Quergang lief. Hier lag wieder einmal frischer Schnee; darin hatte sich ein menschlicher Fuß abgedrückt.
Da wollte ich den Unbekannten doch erst einmal folgen, so lange hielt ich es schon noch aus; das machte mich auch gleich wieder etwas munter.
Die Spur führte mich in eine ganz andere Region, ich sah weite Hallen mit großen Schneeflächen, die Eisbildungen traten mehr zurück; immer hatte ich die menschliche Spur vor mir.
Wie lange ich ihr gefolgt bin, weiß ich nicht. Aber eine halbe Stunde sicher. Die Müdigkeit war infolge der Spannung, in der ich mich befand, wieder etwas gewichen.
Jetzt kam eine aufwärts führende Treppe. Ob der Fuß sie erstiegen hatte, wusste ich nicht. Die Stufen waren mit Eis bedeckt; hinter der Treppe kam wieder eine Region mit vereistem Boden.
Na, ich gab das weitere Verfolgen der Spur auf und erstieg die Treppe. Eine solche hatte mich in diese Region hereingebracht, vielleicht brachte diese mich wieder heraus. Denn an der Erdoberfläche hätte ich doch lieber geschlafen als hier unten, wo jenes Weibsbild einen furchtbaren Schneesturm hatte erzeugen können.
Die Treppe wollte erst kein Ende nehmen, bis sie schließlich doch in einen Raum mündete, in dem von Schnee und Eis nichts mehr zu bemerken war. Nur nackte Felswände gab es.
Darauf, dass auch diese ein weißes Licht ausstrahlten, achtete ich jetzt gar nicht, abgesehen davon, dass ich ja schon etwas von »ZoelestrialFarbe« gehört hatte, mit der man alles bepinseln konnte — — ich hatte genug mit der mich wieder überwältigen wollenden Müdigkeit zu kämpfen, verfolgte mit blinzelnden Augen meinen Weg, nur hoffend, noch rechtzeitig aus diesen nackten Kammern zu kommen, um mein Haupt irgendwo anders betten zu können.
Der Raum hatte eine Fortsetzung; es ging dabei wohl durch eine Tür; auf dies alles achtete ich schon gar nicht mehr; mit blinzelnden Augen sah ich wieder eine Treppe, nur ein Treppchen, schmal und sehr steil. Ich kletterte es empor, stieß mit dem Kopfe gegen die Decke; tastete, spürte gleich, wie sie etwas nachgab, drückte kräftiger, beseitigte den Widerstand, in meine Augen fiel ein ganz anderes Licht, gelb, von einer kleinen Flamme herrührend — — —
Hallo, da freilich riss ich meine Augen plötzlich weit auf!
Wo ich mich befand? Mit halbem Leibe in meiner Höhle!
Es war das kleine Löwenfell, das ich schon einmal erwähnte, das die am Boden meiner Höhle befindliche Falltür verdeckte!
Aber ich war nicht in der Stimmung, hierüber weiter nachzudenken.
Nachdem ich vollends herausgestiegen war und die Klappe zugeworfen hatte, besaß ich nur noch so viel Energie, um mich der aufgetauten, ganz nassen Pelzsachen zu entledigen, riss alles herab — warf mich auf mein Bärenfell und fiel sofort in einen zweiten Todesschlaf.
Als ich erwachte, musste ich mich doch fragen, ob ich alles nicht nur geträumt hätte; das mit der unterirdischen Eisregion, in die ich aus der Wüste Sahara geraten.
Aber lange brauchte ich nicht, bis ich erkannte, dass ich alles wirklich erlebt hatte.
Und mit einem Jubelschrei sprang ich empor.
Denn ganz zuletzt hatte ich an das Gespräch gedacht, besonders an das, was Bruder und Schwester gesprochen hatten, unter was für gute, ehrenwerte Menschen ich gekommen war, und dieses Leben nun, das mich weiter erwartete — — das war es, weswegen ich mit einem Juhuschrei aufsprang. Und ich hätte es nicht gekonnt, hätte ich mich nicht ganz wohl und kräftig gefühlt, wie neu geboren.
Was war die Zeit? Meine Uhr befragte ich gar nicht erst, das hatte ich als unnütz schon ganz aufgegeben. Übrigens hatte ich tags zuvor beim Aufziehen nur einige Umdrehungen gemacht. Sie war bereits wieder stehen geblieben und nun legte ich sie gleich für immer weg.
Durch den Tunnel ins Freie geschlüpft. Ich wollte schon lernen, aus dem Sonnenstand die Zeit zu ermessen, ohne astronomische Beobachtungen und Berechnungen.
Aaah! Mit dem Befragen der Sonne war es nichts. Es war noch oder schon wieder Nacht, je nachdem ich nur einige Stunden oder etwa einen ganzen Tag durchgeschlafen hatte, was ich mir schon zutraute. Eine herrliche Nacht! Und über mir leuchtete das Sternbild des Südlichen Kreuzes!
Nun wusste ich, wo ich war. Da braucht man wohl nichts von Astronomie zu wissen. Das Südliche Kreuz ist eben nur auf der südlichen Hälfte der Erdkugel sichtbar, es bedeutet für sie dasselbe wie für die nördliche Hälfte der Polarstern, ist aber noch weit, weit leichter aufzufinden als dieser.
Also auf der südlichen Hälfte der Erdkugel befand ich mich. Nun wusste ich es. Ja, wie hatte mir denn diese Erkenntnis nur entzogen werden sollen? Das verstand ich nicht.
Nun wollte ich mich auch bald näher orientieren, wo ich war, ob auf der westlichen oder östlichen Hälfte der Erde, und dann konnte ich auch noch genauer bestimmen, ich musste nur den wandernden Fixsternhimmel einige Nächte hindurch beobachten, also doch wieder etwas meine astronomischen Kenntnisse auspacken.
Am besten war es, wenn ich über das Kreuz, den Tucan und über den Stern Alpha des Großen Hundes ein Dreieck legte und dessen Verschiebung beobachtete. Dazu musste ich mir aber eine kleine Zeichnung machen, jetzt sofort.
Also ich begab mich in meine Höhle zurück, sah mich nach etwas um, worauf ich zeichnen konnte, fand einen Kistendeckel und einen spitzen Nagel. Das genügte vollkommen. Draußen war es so hell, dass ich die Risse erkennen konnte. Außerdem war, wie ich beim ersten Strich bemerkte, das dunkle Brett nur schmutzig, oder angeräuchert, der Nagel zog ganz weiße Striche, legte den Untergrund frei.
Die nötige Zeichnung ward gleich in der Höhle gemacht, dazu war das Lampenlicht doch geeigneter. Also aus freier Hand einige Kreise gezogen — es kam gar nicht so darauf an — sie mit Durchmessern geachtelt. Noch war ich hiermit nicht fertig, als ich einmal aufblickte, meine Pfeife sah. Ich stand auf, um sie mir erst zu stopfen. Wo war denn der Blechkasten mit Tabak? Wo hatte ich den gelassen? Ich suchte und suchte. Nanu, das wäre ja eine schöne Geschichte, wenn der — — ach, da war er, ich hatte die Pelzsachen darauf geworfen.
Über dem Stopfen und Anbrennen vergingen doch einige Minuten, einige weitere mit der Zeichnung, im Ganzen waren es vielleicht zehn Minuten gewesen, die ich wieder in der Höhle verweilt hatte.
Als ich nun mit meinem Brette ins Freie trat, ja, da war ich wieder einmal zu spät gekommen! Die Sonne stand schon zur Hälfte über dem Meereshorizonte, von Sternen war keine Spur mehr. Und durch Morgenröte hatte sich die neue Sonne nicht erst angekündigt. In den äquatorialen Breiten befand ich mich doch sicher, und da gibt es eben keine Dämmerung, weder abends noch morgens. Der Übergang von schwärzester Finsternis, bei bedecktem Himmel, und hellem Tage erfolgt innerhalb einer Minute.
Na, dann Fortsetzung in der kommenden Nacht!
Also der zweite Tag meines Robinsonlebens war angebrochen! Jetzt erst einmal ein Bad genommen, aber nicht in dem halb geschlossenen Bassin mit verschiedenen Temperaturen, sondern gleich im offenen Meere, weit hinaus geschwommen.
Ach, das war herrlich, so der strahlenden Sonne entgegenzuschwimmen, ins endlose Meer hinein! Weniger herrlich war, was da plötzlich vor mir auftauchte. Dieses dreieckige Ding kannte ich aus Beschreibungen zur Genüge — die Rückenflosse eines Haifisches!
Gestern bei der langen Bootsfahrt hatte ich keinen einzigen zu sehen bekommen; hier nun musste sich einer einstellen, wo ich so ohne Planke im Meere trieb!
Wohl durchzuckte mich ein kleiner Schreck, da aber gedachte ich der Versicherung des Mannes, den ich so ehrlich und charaktervoll hatte sprechen hören, der auch so energisch gegen die sonst so zärtlich behandelte Schwester aufgetreten war, als sie nicht gleich die »Lichtkugel« mit meiner heimlich aufgenommenen Kinematografie herausgegeben hatte, und so sicher baute ich auf die Behauptung dieses Mannes mit den Teufelsaugen, dass mir gleich der Kamm schwoll.
»He, Du da«, schrie ich, »mach' dass Du fortkommst! Oder ich rufe die Polizei!!«
Und wahrhaftig, der Haifisch, nach der Rückenflosse ein gewaltiger Bursche, fürchtete den Schutzmann, zog schnellstens ab.
Und das war nicht nur ein Zufall gewesen, dass er seine Richtung änderte oder dass er mich nur einmal hatte betrachten wollen. Der unersättliche Haifisch lässt keinen Menschen, den er einmal erspäht hat, ruhig schwimmen. Wenn er nicht gleich zuschnappt, begleitet er ihn doch so lange wie möglich. Nein, der Hai hatte sich mir in böser Absicht genähert, und dann war er doch zurückgeprallt, war geflohen.
Wie sie es nur machten! Hatte ich irgendwie eine Witterung bekommen, die den Haifischen vielleicht unerträglich war? Ich bemerkte an mir keinen Geruch.
Na, mir war es gleichgültig, ich würde es schon erfahren, sobald ich Mitglied und gar gleich »Ritter« dieses Geheimbundes war. Eine ganz famose Gesellschaft das, in die mich das Schicksal geführt hatte, nur weil ich dazu bestimmt gewesen, den braunen Kieselstein hier zu finden.
Ein anderer Haifisch besuchte mich nicht, ich sollte überhaupt lange keinen mehr zu sehen bekommen.
Was war eigentlich aus meinem Segelboote geworden? Lag es noch dort unter den Bäumen des sibirischen Urwaldes? Oder war es von anderer Seite wieder in meinen Hafen bugsiert worden, um mir die Mühe zu ersparen, es selbst zu holen?
Ich machte die Partie in den Hafen gleich im Wasser, schwamm hinein.
Nein, das Segelboot fehlte. Dann wollte ich es mir nachher holen, im Kajak, das ich überhaupt öfters benutzen würde als das Ruderboot, in dem man sich beim Pullen, wenn ein Steuerer fehlt, immer umsehen muss.
Ich schwamm zurück nach meinem Strande, entstieg dem Meere. Ach, wie die Prärie unter den Strahlen der wärmenden Morgensonne wieder duftete! Und dort zwei Rehe oder kleine Hirsche! Gelb, aber sehr stark weiß gefleckt, wie mit kleinen weißen Punkten gemustert, dieses Geweih — — Axishirsche! Jeder Zoologische Garten hat sie. In ihrer Heimat kommen sie massenhaft vor.
Diese Heimat ist Indien. Aber in Vorder- und Hinterindien konnte ich mich nicht befinden, sonst hätte ich das Südliche Kreuz nicht gesehen. Ob Axishirsche auch auf den Inseln des malaiischen Archipels vorkommen, wusste ich nicht, und ich wollte überhaupt lieber nicht nach ihren Tieren urteilen. Ich dachte an den Luchs und an die Truthähne und an den Eisbä
ren und an anderes mehr. Als ob sich das nicht alles verpflanzen ließ, zumal mit solchen Einrichtungen, die man hier besaß?
Ich war so weit wie irgend möglich nach dem Strande geschwommen, bis das Wasser knietief wurde. Die beiden Hirsche hatten den menschlichen Kopf und die zappelnden Arme und Beine neugierig betrachtet, das war ihnen wohl etwas ganz Neues. Als ich mich aber nun erhob, stoben sie davon. Ich hätte auch gar nicht auf sie schießen können, denn ich hatte wieder einmal das Gewehr und jede andere Waffe vergessen, obgleich ich doch erst auf meine Jagdausrüstung so stolz gewesen war wie der ABCSchütze in den ersten Tagen auf seine Schulmappe, und schließlich hätte ich auch dann nicht auf die reizenden Tiere geschossen.
Aber an das Frühstück hatten sie mich doch erinnert, wenn ich da noch eine Erinnerung brauchte. Die lange Schwimmtour hatte mir einen wahren Wolfshunger gemacht.
Sollte ich mich nach etwas anderem Jagdbaren umsehen? Nein, da wärmte ich mir lieber Konserven. Wozu waren die denn da? Oder ich wusste einen noch schnelleren Weg, um zum Frühstück zu kommen, wobei ich nicht erst ein Feuer anzumachen brauchte.
Erst jetzt dachte ich daran, dass ich ja auch schon vorhin einfach per Telefon Papier und Bleistift hätte bestellen können, man musste mir ja bei Nacht ebenso gut zur Verfügung sein wie bei Tage.
In der Höhle angekommen, öffnete ich sofort die Nische.
»Sie wünschen, Herr Willmer?«, erklang es augenblicklich.
Sapperlot, hier war man ja auf dem Posten! Hier schien militärische Zucht zu herrschen.
»Kann ich ein Frühstück bekommen?«
»Gewiss! Bitte, bestellen Sie!«
Es war ein anderer als gestern, ich hörte es gleich an der Stimme, sonst aber dasselbe Deutsch mit derselben Ausdrucksweise.
»Kaffee?«
»Schon gekochten, fertig zum Trinken?«
»Freilich, sonst könnte ich ihn mir selbst machen, Kaffeebohnen habe ich hier gefunden, allerdings ungebrannte, aber das Rösten usw. dauert mir eben zu lange.«
»Verzeihung. Und doch muss ich fragen, wenn Sie nicht näher Ihre Wünsche äußern. Eine Tasse Kaffee?«
»Eine gute Portion mit Zucker und Milch — oder lieber Sahne.«
»Etwas dazu?«
»Ei gewiss! Einige Semmeln, Weißbrötchen, nicht zu wenig, natürlich frischbacken, wenn auch nicht mehr warm oder gar heiß, ziemlich dick Butter daraufgestrichen.«
»Ist bereits bestellt. Sonst noch etwas?«
»Na — ein paar Eier könnten mir auch nichts schaden.«
»Hühnereier?«
»Meinetwegen auch Straußeneier«, lachte ich, »ich habe einen Riesenhunger.«
»Schön! Wie zubereitet?«
»Weichgekocht — oder zwei, wollen wir sagen, gebraten, auf Schinken, verstehen Sie?«
»Zwei Eier auf Schinken und einige weichgekocht, ist schon bestellt.«
Die weichgekochten Eier hatte ich eigentlich widerrufen, aber das wollte ich nun nicht nochmals tun.
»Sonst noch etwas, Herr Willmer?«
»Nein, halten Sie sich nicht auf, ich vergehe vor Hunger. Wie lange dauert die Geschichte?«
»Höchstens zehn Minuten.«
»Dann Schluss.«
Ich machte die Klappe zu und hätte am liebsten die Sekunden zählen mögen, bis 600, um die zehn Minuten vergehen zu lassen, zog aber doch vor, etwas in den Kisten und Kasten meiner Höhle herumzukramen.
Nur das Löwenfell dort hob ich nicht empor; diese Falltür hob ich mir für später auf. Klingsor hatte ja gefragt, als er noch glaubte, ich hätte diesen Weg genommen, ob ich da auch »alles andere« gefunden hätte. Hiermit wollte ich jetzt nicht anfangen.
Ich entdeckte Seife, ein Nähzeug und dergleichen nützliche Sachen mehr, und schneller eigentlich, als ich gedacht hätte; plötzlich erscholl ein leises Klingeln.
Ha, dieser köstliche Duft, der mir aus dem Steinloche entgegenströmte! Erstens von frisch gekochtem Kaffee und zweitens von gebratenem Schinken und Speck! Und das Auge wurde schon erfreut durch die dick mit Butter bestrichenen Semmelchen, die auf silberner Platte neben der silbernen, sehr großen Kaffeekanne lagen. Das Weitere sah ich noch nicht, das befand sich noch im Dustern und wurde überhaupt meinem Anblick durch die bauchige Kanne entzogen.
»Ist es so richtig, Herr Willmer?«
»Ganz richtig, die Kaffeekanne braucht nicht größer zu sein — indem ich hoffe, dass sie voll ist — und das Dutzend Brötchen genügt auch, da ich ja noch Eier dazu bekomme.«
»Ich meine, ob das Servieren richtig ist, wie Sie wünschen.«
»Wie soll ich es mir denn noch besser wünschen?«
»Vielleicht — — ganz einfaches Porzellan, oder einen Steintopf, oder den Kaffee in einer rohen Kokosnussschale — —«
»Ach so, mehr hinterwäldlerisch, mehr nach Robinsonart, meinen Sie, nicht wahr?«
»Jawohl, das meinte ich, das sollte ich fragen, so wurde ich beauftragt.«
»Hören Sie mal, das ist mir jetzt ganz schnuppe! Meinetwegen Kokosnussschale oder Silber oder Gold — ich bin schon vollständig aus meiner Robinsonrolle gefallen. Robinson und geschmierte Brötchen und Würfelzucker in der silbernem Dose, ei der Deichsel noch einmal, ich geniere mich ordentlich!«
So sprechend hatte ich das Tablett herausbalanciert und auf eine Kiste gesetzt, nun sah ich, was weiter dahinter stand und jetzt vorgeschoben wurde.
Und was bekamen da meine Augen zu sehen. Der Herr Pythagoras erstarrte doch fast vor Staunen.
Liegen da auf einem entsprechenden Teller neben drei Hühnereiern drei etwas oval gedrückte Kegelkugeln mittlerer Größe von weißer Farbe!
»Was — ist — denn — das?!«
»Das sind Straußeneier, weichgekochte. Sie hatten sie doch außer den Hühnereiern bestellt.«
Ich hatte es ja gleich gesehen, was es war, hätte nicht erst zu fragen brauchen. Ja, das waren Straußeneier.
Und die schienen hier auf weichgekochte Straußeneier überhaupt eingerichtet zu sein, denn da stand auch schon der Eierbecher dazu, so eine Art von Berliner Weißbierglas.
Und nachdem ich dies alles nun weggenommen hatte, da schob sich in der Nische noch etwas vor, was die Sache erst voll machte.
Steht da ein Teller, wie ich ihn so groß eigentlich noch gar nicht gesehen habe, denn Bratenschüsseln sind doch gewöhnlich oval; der hier aber war rund, einundvierzig Zentimeter im Durchmesser, wie ich dann mit dem vorgefundenen Zollstock nachmaß, er ging gerade in die Nische hinein, und auf diesem Riesenteller liegt ein Spiegelei, wie wir sagen, also ein in Butter gebratenes, so groß, dass es wiederum den ganzen Teller bis zum Rande bedeckt, mit einem außergewöhnlich großen Dotter, fast zwanzig Zentimeter im Durchmesser, dabei auch noch sehr dick.
Na, nachdem ich schon gekochte Straußeneier bekommen hatte, war ja eigentlich weiter gar nichts dabei. Das hier war eben ein gebratenes Straußenei, ein Straußenspiegelei.
»Verzeihung, Herr Willmer — — genügt dieses eine Spiegelei?«
Ich war wieder ganz bei der Sache.
»Jawohl, das wird schon langen«, entgegnete ich gnädig.
»Sie können sonst auch noch ein zweites bekommen.«
»Nein, nein, lassen Sie nur!«
»Auch keine gebratenen Hühnereier mehr?«
»Auch nicht, das was ich hier habe, genügt nun schon. Aber — — ich hatte doch eigentlich Eier auf Schinken bestellt. Und was riecht denn hier so appetitlich nach gebratenem Speck? Oder die sind wohl in Speck gebraten?«
»Das Straußenei liegt doch auf Schicken.«
»Ach so!«
»Sonst noch etwas, Herr Willmer?«
»Nein, danke, Schluss.«
Ich machte mich klar zum Gefecht. Na, das war ja ein Frühstück! Nicht nur originell, sondern auch delikat. Schon die Butterbrötchen, wie die schmeckten! Ach Du armer Robinson Crusoe!
Ehe ich eines der gekochten Straußeneier öffnete, machte ich mich über das gebratene her; das wurde am ehesten kalt. Ich habe gehört, Straußeneier sollen nicht eben sehr gut schmecken, sehr trocken und streng. Von diesem Spiegelei hier konnte ich das nicht sagen. Es hatte einen ganz anderen Geschmack als Hühnerei, aber von »trocken und hart« gar keine Spur, es schmeckte ausgezeichnet, und dasselbe galt von dem weichgekochten Ei, das ich probierte.
Und dann erlebte ich wiederum etwas, was fast an ein Wunder grenzte, mich auf die Menschen, die hier hausten, ganz eigentümliche Schlüsse ziehen ließ.
Ja, das Spiegelei lag auf gebratenem Schinken. Ich merkte gleich etwas und ging der Sache näher auf den Grund, im buchstäblichen Sinne des Wortes, indem ich das Bratei so weit wie möglich forträumte, um den darunter liegenden Schinken ganz übersehen zu können.
Richtig, es war eine einzige, kreisrunde Schinkenscheibe, mit einem kleinen Fettrand darum. Also nicht etwa aus einzelnen Stücken zusammengelegt oder zusammengenäht, möchte ich fast sagen.
Auch sie bedeckte den ganzen Teller. Hatte also ebenfalls einen Durchmesser von noch etwas mehr als vierzig Zentimetern, ich maß wirklich mit dem Zollstocke nach.
Wer hat schon einen Schinken gesehen mit einem Durchmesser von vierzig Zentimetern, wobei noch die Schwarte abzurechnen ist? Nein, ein Riesenschwein, das solch einen Schinken liefert, gibt es nicht.
Stammte der Schinken von einem anderen Tiere? Etwa von einem Rhinozeros oder Nilpferd, die doch auch so etwas Schweineähnliches haben? Ich musste diese Scheibe für eine regelrechte Schinkenseite halten, dem Geschmacke und Aussehen und allem anderen nach.
Ich musste an den Gletscherriesenfloh denken, ein künstliches Züchtungsergebnis. Vielleicht verstanden die hier auch normale Schweine zu solcher Riesengröße zu ziehen.
Mein Frühstück war beendet. Bewältigen hatte ich es natürlich nicht können, nicht den vierten, nein, nicht den zehnten Teil. Nur die Brötchen waren sämtlich verschwunden. Ein Hottentotte soll ein ganzes Straußenei auf einen Sitz verzehren können. Das möchte ich einmal sehen. Ein normales Straußenei entspricht ungefähr fünfzig Hühnereiern.
Es war schon außerordentlich viel, dass ich von dem Spiegelei fast ein Viertel aufgegessen hatte, dazu ebenso viel von der dicken Schinkenscheibe. Eines der drei gekochten Straußeneier hatte ich nun gekostet.
Ich rief an durch Öffnen der Klappe.
»Herr Willmer?«
»Ich möchte Sie einmal sprechen, Herr — — wie ist Ihr werter Name?«
Eine kleine Pause der Überlegung, und dann erklang es: »Namenlos.«
Da wusste ich schon, dass es gar keinen Zweck hatte, weitere Fragen zu stellen, tat es aber doch, ging zunächst wie auf diese Vorstellung ein.
»Herr Namenlos?«
»Jawohl.«
»Sehr originell und daher leicht zu merken! Heißt Ihr Vorgänger, der mich gestern an der Telefonnische bediente, vielleicht auch so?«
»Jawohl, das war Herr Namenlos drei.«
»Sie haben zu dritt hier Dienst?«
»Sogar zu viert. Wir lösen uns alle sechs Stunden ab.«
»Sind Sie da, wenn ich fragen darf, Herr Namenlos Nummer eins, zwei oder vier?«
»Nummer zwei.«
»Danke. Also, Herr Namenlos zwei — — sind das eigentlich wirkliche Straußeneier gewesen?«
»Was sonst?«
»Etwa Eier von anderen riesenhaften Vögeln, die vielleicht künstlich, durch menschliche Bemühungen, ins Riesenhafte gezüchtet worden sind?«
Erst ein Räuspern, und dann erklang es in etwas kurzem Tone:
»Herr Willmer, auf alle solche Fragen darf ich nicht antworten. Ich habe Sie nur zu bedienen, habe da strenge Order.«
Gut, ich hatte es also schon gewusst. Da brauchte ich nicht weiter zu fragen. Oder doch! Das musste er mir beantworten.
»Kann ich Herrn Klingsor einmal sprechen?«
»Bedauere, Herr Klingsor ist augenblicklich nicht zu sprechen, er ist heute in Thule — —«
Wie ein erschrockenes Abbrechen, genau so wie bei dem anderem, als er etwas von den Skalden erwähnt hatte, nur versehentlich.
In Thule war der Mann mit den Teufelsaugen?
Thule war ein sagenhaftes nordisches Eiland.
»In Thule ist er? Wo liegt denn das?«
Wieder so ein würgender Laut, und dann konnte ich mit meinen geistigen Augen ganz deutlich sehen, wie sich der Mann dort zusammenraffte.
»Herr Klingsor ist heute leider nicht zu sprechen. Ist es aber doch noch möglich, so wird er sich melden. Soll er?«
»Ja, bitte. Na, da werde ich die Teller wieder in die Nische hineinsetzen, dass Sie abräumen können.«
»Haben Sie alles verzehrt, Herr Willmer?«
»O nein, o nein!«
»Es hat doch geschmeckt?«
»Ausgezeichnet! Aber, wenn Sie glauben, ich könnte dies alles aufgegessen haben, so ist das fast eine Beleidigung für mich. Dann müsste ich ja ein ungeheuerlicher Vielfraß sein. Es ist schon genug, dass ich die sämtlichen Hühnereier, ein Viertel von dem gebratenen Straußenei nebst Schinken und noch etwas von dem gekochten Schicken vertilgt habe.«
»Wollen Sie das andere nicht zurückbehalten?«
»Wozu? Um es später zu essen? Herr, ich bin durchaus kein Leckermaul, aber Spiegelei isst man nicht kalt, und zwei weichgekochte Straußeneier sind auch ein bisschen viel, um sie so nach und nach zu verzehren, da könnte man sie leicht überbekommen — —«
»Nicht für Sie.«
»Für wen denn sonst?«
»Herr Willmer, ich bin beauftragt, Ihnen zu melden, dass Sie Besuch bekommen.«
»Besuch?«
»Jawohl, und dieser Besuch isst gerade Eier sehr gern,, aber nur kalt, auch kaltes Spiegelei. Sie können sich damit bei Ihrem Besuch sehr einschmeicheln, wenn Sie ihm das vorsetzen. Etwas anderes nimmt er wahrscheinlich auch gar nicht an.«
Mir war, als ob der Sprecher dabei ein Lachen unterdrücke, und es war ja auch etwas seltsam, was ich da zu hören bekam.
»Was für ein Besuch ist denn das? Darf ich es nicht erfahren?«
»Leider ist mir verboten, Ihnen da nähere Auskunft zu geben.«
»Doch nicht eine Dame; die nur kalte Eier isst?«
»Nein, es ist ein Herr«, wurde jetzt ganz offen gelacht, »das darf ich Ihnen noch verraten, weiter aber nichts. Und doch soll ich Ihnen noch etwas mitteilen: Sie möchten die Güte haben und diesen Besuch abholen.«
»Von wo?«
»Wenn Sie aus Ihrer Höhle treten und nach rechts gehen, so kommen Sie an eine Stelle, wo die Felswand mit Weinlaub behangen ist; auch Bananen und Obstbäume aller Art wachsen dort — —«
»Jawohl, diese Stelle kenne ich, dort bin ich schon gewesen.«
»Dort erwartet Sie Ihr Besuch, dort möchten Sie ihn abholen.«
»Warum kommt er denn nicht selbst?«
»Er kann nicht.«
»Weshalb kann er nicht?«
»Er ist daran behindert.«
»So, wodurch denn nur? Herr Namenlos zwei oder drei, das kommt mir so seltsam vor, dass ich misstrauisch werde!«
»Er kann unmöglich von selbst kommen, er kann nicht gehen.«
»Ist er gelähmt?«
»Ja, er muss geführt werden, und wenn Sie ihn in Ihrer Behausung empfangen wollen, müssen Sie ihn auch in diese geleiten.«
»So, das hätten Sie mir doch gleich sagen sollen! Weshalb wurde er denn da aber von seinem Führer nicht gleich bis hierher gebracht?«
»Sie wollten doch keinen Menschen sehen — bis auf Besuche, die Ihnen angenehm sind. Dieser Besuch, der Ihrer an dem Orangenbaum wartet, wird Ihnen sehr angenehm sein. Gehen Sie doch nur hin!«
»Natürlich tue ich das. Also kalte Eier sind seine Leibspeise.«
»Jawohl, kalte Eier. Bieten Sie ihm aber auch Schinken an. Aber immer kalt. Sonst steht Ihnen ja die Nische zur Verfügung.«
»Dann Schluss!«
Da war ich doch gespannt, was für einen Herrn ich dort finden würde.
Ich begab mich hin.
Und wen fand ich unter einem Orangenbaum liegen?
Jemand, der wirklich nicht weiter konnte, nicht gehen konnte — — weil er nämlich angekettet war.
Einen Hund! Und zwar jedenfalls den versprochenen, den Wodan. Denn eine deutsche Dogge war es, aber nicht von gelber, sondern von silbergrauer Farbe.
Ich fand einen Hund! Und zwar jeden-
falls den versprochenen, den Wodan!
Es war eine Riesendogge, das konnte man schon so im Liegen beurteilen, und dann später maß ich noch etwas über neunzig Zentimeter Schulterhöhe. Das Tier konnte, auf seinen vier Beinen stehend, vom Tische fressen, von einem Teller, was nämlich selten ein Hund kann, brauchte den Kopf dabei nicht einmal seitlich zu neigen. Und auch sonst ein herrliches Exemplar! Gegenwärtig freilich machte er einen wenig schönen Eindruck.
Zum Gerippe abgezehrt, die Rippen traten ihm weit aus den Leibe heraus. Aber was für Rippen, was für Knochen! Außerdem machte er auch sonst den Eindruck völliger Erschöpfung. Das silbergraue Fell war ganz glatt, ohne Tadel, der Kopf noch immer wunderschön, das Auge noch ganz klar. Nur eine unsägliche Schwermut war darin zu lesen, und so lag das Tier auch da, mehr wie seelisch niedergeschlagen als körperlich erschöpft.
Wodan! Er war es! Ich wusste es sofort. Der treue Hund, der seit vier Tagen seinen Herrn betrauerte, seitdem alle Nahrung verschmähte.
Mir stieg es plötzlich ganz heiß zu Herzen empor, ich glaube, fast bis in die Augen hinein. Obgleich ich sonst nicht sentimental bin.
Ja, ich bin ein großer Hundefreund. Für mich könnte ein Hund, der mir einmal treu gedient hat, niemals eine Handelsware werden. Eher würde ich ihn töten als verkaufen. Ich sehe den Hund an sich überhaupt mit besonderen Augen an. Fast möchte ich Arthur Schopenhauer recht geben, der den Hund die größte Errungenschaft des Menschen nennt und der an anderer Stelle sagt: »Wenn es keine Hunde gäbe, möchte ich gar nicht leben.« Schopenhauer war ein einsamer Mensch. Friedrich der Große war auch einer. Und ich kenne den Zeitpunkt, da seine übergroße Liebhaberei für seine Windhunde anfing: nachdem der von ihm vergötterte Voltaire, den er mit seiner Freundschaft überschüttet, ihn schnöde verraten hatte. Ich verspotte keine alte Jungfer, die ihre Zärtlichkeit an Hunde und Katzen verschwendet. Und ein einsamer Mensch bin auch ich.
Bei meinem Anblick hob er etwas den Kopf, dann knurrte er, und als ich näher kam, wies er mir sogar die Zähne.
Recht so! Es konnte mich nicht irremachen an diesen Augen.
Nur einige freundliche Worte, und die drohend blickenden Augen wechselten sofort ihren Ausdruck.
»Bist du Wodan?«
Er hatte den schönen Kopf wieder auf die Vorderpfoten gelegt, blickte mich von unten treuherzig und zugleich auch unsagbar traurig an und wedelte mit dem stattlichen Schwanze.
»Armes Tier!«
Ein schwerer Seufzer.
Anfassen wollte ich ihn lieber noch nicht, wozu? Auch fragte ich nicht erst, ob er etwas zu fressen haben wolle, sondern ich ging gleich, um es zu holen.
Das große Milchtöpfchen war noch zur Hälfte mit Sahne gefüllt, ich nahm es mit, auch eine Schale mit frischem Wasser, das übrig gebliebene Hühnerei, ein Straußenei und eine gute Portion von dem gebratenen mit Schinken.
Jetzt wedelte er schon von Weitem freudig mit dem Schwanze, als er mich kommen sah, aber nicht, weil er merkte, dass ich ihm etwas brachte.
Er wollte nicht fressen, nicht saufen, wendete seufzend den Kopf, ohne sich zu erheben.
Dann aber leckte er den Finger, den ich in Sahne getaucht hatte. Doch wohl nicht die Sahne leckte er, sondern meine Hand, dankbar, dass ich freundlich mit ihm war — nein, dass ich mit ihm fühlte! Denn da weiß solch ein Tier wohl mehr als mancher Mensch.
Nun aber hatte er doch einmal schon Sahne geleckt, nun leckte er sie auch direkt weiter. Dann zog er das kalte Quellwasser vor, trank ziemlich viel, wozu er sich mühsam erhoben hatte.
Und da nun einmal das Eis gebrochen war, fraß er auch das Hühnerei aus meiner Hand, wollte zwar an das andere Ei und an den Schinken nicht gehen, ließ sich aber immer von meiner Hand füttern.
Sollte man nicht versucht haben, ihn auf diese Weise zu füttern, aus der Hand? Sicher hatte man alles getan, das edle Tier dem Leben zu erhalten. Noch zwei Tage, und es wäre verhungert. Wodan hatte nichts aus der Hand genommen. Keine mochte ihm sympathisch genug gewesen sein.
Das Eis war gebrochen, aber er fraß nicht mit Gier, auch nicht viel. Ich kettete ihn los, und er folgte mir, müden Ganges, aber nicht gerade taumelnd vor Schwäche, sich unterwegs auch nicht niederlegend. Zwar behielt ich ihn an der Kette, doch wäre er mir auch sicher so gefolgt.
»Wollen wir gute Freunde werden, Wodan?«
So plauderte ich mit ihm, und er blickte mich aus den schönen Augen immer an und wedelte freudig oder mehr noch dankbar mit dem Schwanze.
Ich nahm ihn mit in die Höhle, er legte sich, wie ich ihn anwies, neben meinem etwas erhöhten Bärenfelle auf ein anderes nieder, ich kettete ihn zur Vorsicht doch lieber an, er hätte mir doch wieder davonlaufen können. Mitnehmen konnte ich ihn nicht, er war viel zu schwach.
Ich rief durch das Telefon an.
»Das ist Wodan?«
»Das ist er.«
»Ein prächtiges Tier, ich bin entzückt! Aber er ist doch nicht krank?«
»Ganz und gar nicht. Er trauert um den Verlust seines Herrn, hat seit nun sieben Tagen nichts gefressen, keinen Bissen.«
»Seit sieben Tagen? Ich denke, erst seit vier Tagen ist sein Herr begraben.«
»Begraben, ja, aber tot ist er schon seit sechs Tagen, seitdem verweigert Wodan die Nahrungsaufnahme, und das ist gestern gewesen, als man Ihnen das gesagt hat.«
»Ach so, richtig! Ja, da ist diese Magerkeit allerdings begreiflich.«
»Hat er von Ihnen schon etwas angenommen?«
»Ja, er hat schon ganz gut gefressen.«
»Wir wussten es, es macht die andere Umgebung, er musste in andere Verhältnisse kommen.«
Ich wollte dem nicht widersprechen, nichts von einer »sympathischen Hand« sagen.
»Aber Sie müssen ihn vorläufig noch festlegen, sonst könnte er Ihnen doch wieder davonlaufen, den Weg nach dem Grabe seines früheren Herrn suchen.«
»Ist bereits geschehen. Danke, Schluss.«
Ich machte die Nischentür zu mit dem Entschlusse, sie nun nicht sobald wieder zu öffnen. Sonst würde noch eine ständige Telefonunterhaltung daraus, die sich für einen Robinson doch nicht schickt. Auch meine Bedürfnisse würde ich nun selbst zu befriedigen suchen, solch ein Frühstück gab es nicht mehr. Nur was ich mir gar nicht durch eigene Kraft beschaffen konnte, wurde verlangt.
Ich hatte also beabsichtigt, zuerst nach dem sibirischen Urwalde zu grönländern, um von dort das Segelboot zu holen, dann wollte ich eine Expedition in die Umgebung auf dieser Seite antreten, in die Prärie hinein, es galt ja noch jenes Wrack zu finden, und dort hinüber nach dem tropischen Urwalde, wo ich die Mustangs gesehen hatte.
Aber als mein Blick auf den Hund fiel, der mich immer so traurig und doch dankbar ansah, änderte sich mein Entschluss.
Nein, das Tier ließ ich nicht allein; wegen dieses Hundes blieb ich zu Hause, so lange, bis er kräftig genug war, mich zu begleiten.
Ich kramte etwas in meiner Höhle, fand noch verschiedenes Nützliche, zum Beispiel auch reichlich Papier, ein ungebrauchtes Notizbuch, Bleistift und Feder und Tinte, was ich sehr dankbar empfand. Ein zivilisierter Mensch hat nun einmal das Bedürfnis, manchmal etwas zu schreiben.
Immer in der Höhle konnte ich natürlich nicht bleiben, ich konnte mich ja draußen betätigen, Wodan legte sich draußen hin. Da dachte ich an die Goldfüchse, an die zehn Millionen, die mir gehörten, und ich bekam wieder Lust, danach zu buddeln. Es machte mir Freude, auch wenn ich ihrer vielleicht nicht bedurfte, etwa nie wieder in die andere Welt zurückkehrte.
»Kommst du mit, Wodan?«
Ein freudiges Schwanzwedeln, gleich stand er auf, schüttelte sich, wobei er umfiel.
Ich nahm ihn mit, ihn aber doch lieber an der Kette führend, begab mich mehr nach der sich ins Meer erstreckenden Felsformation, wo ich schon eine Gelegenheit fand, die Kette an einem geeigneten Steine zu befestigen.
In dichter Nähe begann ich zu schaufeln, machte auch ziemlich reiche Beute an Goldstücken, mehr als am ersten Tage, und die Freude daran, die blanken Dinger in die Tasche zu stecken, verminderte sich nicht.
Eben war ich dabei, die gefundenen Guinees einmal zu zählen, war bis vielleicht fünfundzwanzig gekommen, es waren noch einige mehr, doch ein recht hübscher Tagesverdienst, auch für einen Goldgräber in ausgiebigster Gegend, und ich hatte ja kaum erst eine Stunde gegraben, als plötzlich eine Stimme erscholl.
»Spitzbube! Spitzbube! Mausedieb! Bandit! Einbrecher! Spitzbube!«
Betroffen schaute ich auf, das Gold noch in den Händen.
Wer wagte, mich so zu schmähen? Doch nicht etwa gar zu Recht? Der Betreffende musste aber doch einen Grund haben, mich einen Spitzbuben zu nennen, weil ich hier das englische Gold ausgrub.
Ja, ich fühlte mich getroffen; mir stieg gleich die Schamröte ins Gesicht.
Aber vergebens schaute ich mich um, niemand war zu sehen.
»Wer hat da gerufen?«
Keine Antwort.
»Was soll ich sein?«
»Strolch! Vagabund!«, erklang es da wieder. »Tagedieb!«
Es ging noch weiter, und die Titulaturen, die ich bekam, wurden immer saftiger, dass ich sie nicht wiedergeben kann.
Da aber gewahrte ich den Schimpfenden.
Es war gar kein Mensch, sondern ein Rabe, ein sehr großer Kolkrabe, der dort auf einem schwarzen Steine saß, von dem er sich kaum abhob. Herbeifliegen hatte ich ihn nicht sehen, und nur weil er sich jetzt bewegte, sich mit dem erhobenen Fuße am Kopfe kratzte, bemerkte ich ihn.
Die Stimme war eine echt menschliche, das gewöhnliche Schnarren der Papageien und Raben fehlte vollkommen.
Jetzt saß er wieder still, beobachtete mich, schimpfte aber nicht weiter. hörte überhaupt auf zu sprechen.
Na, wenn es ein Rabe war, der mich einen Spitzbuben und Mausedieb und dergleichen genannt hatte, dann brauchte ich mich nicht getroffen zu fühlen. Da traute ich schon mehr dem Manne mit den Teufelsaugen, der mir versichert hatte, dass dieses ehemals englische Gold jetzt herrenloses Gut sei, dem gehörend, der es fand und einsteckte.
Natürlich amüsierte dieser sprechende Rabe mich höchlichst, besonders sein Schimpfen. Ich bin nicht nur ein Hundeliebhaber, sondern überhaupt ein großer Tierfreund, und hätte das schließlich auch nicht zu sein brauchen, um an diesem Raben Wohlgefallen zu finden.
»He, wer bist du denn?«
Der Rabe antwortete sofort: »Jakob, Jakob!«
»Kein ungewöhnlicher Name für einen Raben.«
Hiermit aber war jener nicht zufrieden.
»Ich Jakob, du Rabenvieh, Rabenaas schwarzes!«, schrie er wie erbost.
»Hoho, hoho!«, lachte ich aus vollem Halse.
»Hahahahahaha!«, lachte er mit, wie nur ein Mensch lachen kann, sogar mit dröhnender Stimme.
»Das ist recht, dass du mich besuchst.«
»Mache ich, wie ich will, ganz, wie ich will!«, wurde jetzt geknurrt.
Verstand er mich wirklich und wusste richtig zu antworten, so weit sein Wörterschatz langte? Es ist schon viel darüber gestritten worden, ob ein Papagei seine Redensarten wirklich mit Überlegung anwendet oder ob es nur durch Zufall stimmt. Ob es nicht nur der Mensch ist, sein Herr, der in den Vogel, den er liebt und bewundert, durch seine eigene Phantasie mehr Verstand hineindichtet, als wirklich vorhanden ist.
Dr. Alfred Brehm, der sonst alles nicht ganz Glaubwürdige bezweifelt, ist allerdings zu der Überzeugung gekommen, dass es wirklich Papageien gibt, die ihre Redensarten mit voller Überlegung anwenden, also wissen, was sie sprechen, und was den Raben anbetrifft, so sagt er über diesen wörtlich:
Wer Tieren den Verstand abschwatzen will, braucht nur längere Zeit einen Raben zu beobachten; derselbe wird ihm beweisen, dass die abgeschmackten Redensarten von Instinkt, unbewussten Trieben und dergleichen nicht einmal für die Klasse der Vögel Gültigkeit haben können. Es würde viel zu weit führen, wollte ich alle Geschichten, welche mir über gezähmte Raben bekannt sind, hier wiedererzählen, und deshalb muss es genügen, wenn ich sage; dass dieser Vogel richtigen Menschenverstand beweist und seinen Gebieter ebenso zu erfreuen wie andere Menschen zu ärgern weiß.
Ich selbst hatte schon gehört, dass unser nordischer Rabe den tropischen Papagei und Kakadu an Geisteskraft und sonstigen Talenten weit in den Schatten stellt, wie es wohl auch bei den Menschen ist, beim Unterschied zwischen Norden und Süden, wenn man nicht gar zu weit hinaufgeht, zu den Lappländern und Eskimos. Die Sache ist nur die, dass man sich mit dem unscheinbaren schwarzen Gesellen noch nicht so viel beschäftigt hat wie mit seinem buntbefiederten Kameraden.
»Komm her, wenn du Mut hast, du Schwächling, du Memme, du elender Feigling!«, wurde ich jetzt herausgefordert.
Gut, ich ging hin. Da aber zog der kühne Held vor, davonzugehen, auf einen höheren Felsen zu fliegen. wo ich nicht nachkonnte.
»Na, da komm doch, du Memme, du Feigling!«
Immer wieder musste ich aus vollem Halse lachen. Ach, das war ja köstlich! Na, dem waren ja schöne Redensarten beigebracht worden! Von seinem Herrn?
»Wer ist dein Herr? Wo ist dein Herr?«
Er antwortete nicht, es war auch etwas viel verlangt, dass er da Auskunft geben sollte.
Bis wieder seine Sprechlust erwachte.
»Es lebe die Freiheit, vivat hurra, hurra, hurra!!!«, fing er jubelnd zu grölen an, dabei mit den Flügeln schlagend und einen förmlichen Tanz aufführend. Das war nun einmal so etwas gewesen, was ihm plötzlich einfiel.
So urteilte ich damals!
Später sollte ich erkennen, dass er mir auf meine Frage, wer und wo sein Herr sei, eine viel richtigere Antwort gegeben hatte, als wenn er etwa einen mir fremden Namen und irgendein Wort für einen Ort genannt. Man wird es später einsehen.
Jetzt bellte einmal Wodan.
Ein offenbares Stutzen des Raben, dann ein Jubelschrei, und er flog hin, wo der Hund lag, dicht am Felsen, auch etwas unter einem überhängenden Steine, wo er ihn wahrscheinlich noch nicht gesehen hatte.
»Wodan! Wodan!«
Er kannte also den Hund und zwischen den beiden bestand Freundschaft, Jakob ließ sich sofort auf ihm nieder, marschierte hin und her und pickte an ihm herum, suchte nach Flöhen, obgleich, wie ich dann konstatierte, gar keine vorhanden waren. Wodan ließ es sich gefallen, streckte sich behaglich aus.
»Wodan, Wodan, holdriohohoho — —«
Und ein Jodeln folgte, wie ich es noch von keinem Papagei gehört hatte, niemals für möglich gehalten hätte, dass eine Vogelkehle solche Töne hervorbringen könne, ein Jodeln, wie es nur ein echter Tiroler fertig bringt — ja, ich hörte sogar ganz deutlich ein Duett, wie von zwei verschiedenen Stimmen, einer männlichen und einer höheren weiblichen.
Hatte der Rabe vielleicht denselben Herrn wie der Hund gehabt, dass zwischen den beiden eine so gute Freundschaft bestand?
»Ist dein Herr gestorben?«, fragte ich, nachdem sich Jakob ausgejodelt hatte, mit Absicht große Teilnahme in den Ton legend.
Es kam eine Antwort, die gar nicht so unzutreffend war, wenigstens doch Bezug auf die Frage nahm.
Und sollt' ich auch, und sollt' ich auch
Einst in der Hölle wimmern,
So hat sich doch, so hat sich doch
Kein Mensch darum zu kümmern!
So hatte Jakob gesungen, dann noch ein merkwürdiges, wie spöttisch klingendes Gezwitscher folgen lassend.
»Blicke dich um, blicke dich um! Schnell, blicke dich um!«, schrie er dann, so energisch und eindringlich, dass ich mich sofort umdrehte, ob mir vielleicht von hinten eine Gefahr drohe.
Aber da war nichts zu sehen.
»Es lebe die Freiheit, vivat hurra!!!«, erklang es da, nun wieder hinter meinem Rücken, und als ich mich abermals umdrehte, da sehe ich den Raben davonfliegen, aber nur, um sich auf einem benachbarten Steine niederzulassen, und mein Wodan steht ebenfalls auf, schüttelt sich und — kommt auf mich zugetrottet, die Kette nachschleifend.
Wie hatte er frei kommen können? Nun, das lag wohl ganz klar auf der Hand. Der Rabe hatte die Kette gelöst. Sehr viel Kunst gehörte nicht dazu. Sie hatte am Ende ein Querstäbchen, das durch einen Ring gesteckt wurde; so hatte ich die große Schleife über eine Felszacke gehangen gehabt. Der Hund hätte sich nicht selbst befreien können, für den Schnabel und die Krallen des Raben aber musste es ein leichtes sein, das Stäbchen aus dem Ringe herauszuziehen.
Immerhin, es war doch großartig, wie der Vogel seinem Freunde zur Freiheit verholfen und er mich erst veranlasst hatte, mich umzusehen, als müsse das heimlich geschehen, weil ich es sonst verhindern könne. Nun aber, da es geglückt war, lachte mich das Rabenvieh noch aus.
»Etsch, etsch!«, machte er, mit der einen Kralle über seinen Schnabel, den man doch als Nase betrachten konnte, nach mir hinstreichend. »Etsch, etsch, haha — Dummkopf, Kamel! — —«
Und er titulierte mich noch weiter, bis er dann wieder jauchzte:
»Es lebe die Freiheit, vivat hurra!!!«
Wodan war zu mir gekommen, in einem so schlanken Trabe, dass ich darüber schon staunte, blickte mich freudig oder mehr bittend schwanzwedelnd an, rieb sich an mir, ich verstand ihn, machte ihm die Kette vom Halsband ab, er sofort an den Strand, stürzte sich ins Meer, nahm ein Bad, schwamm eine gute Strecke hinaus, als wäre er ein Neufundländer, der im Salzwasser zu Hause ist, der sich überhaupt nur an der Meeresküste richtig entwickelt, drehte um, schwamm zurück, tauchte mehrmals, schüttelte sich und wälzte sich im Sande, und dann schien er mit mir spielen zu wollen, duckte sich so und machte ein paar Sprünge hin und her. Es konnte ja ein noch junges Tier sein, aber ich dachte doch immer, das arme Gerippe könne sich vor Schwäche kaum schleppen.
»Es lebe die Freiheit, vivat hurra!!«, grölte jubelnd Jakob.
Wodan hatte sich, da ich nicht mit ihm spielte, zu meinen Füßen niedergelegt, und da kam der Rabe angeflogen, setzte sich auf des Hundes Leib und begann wieder zu picken, also jetzt in meiner ganz dichten Nähe. Wäre ich schnell genug gewesen, so hätte ich ihn greifen können, während er mich vorhin gar nicht weit hatte herankommen lassen.
Hatte er erkannt, dass ich jetzt seines Freundes Herr war, dass ich ihn freundlich behandelte? Wurde dadurch auch sein Misstrauen gegen mich besiegt?
Vor allen Dingen aber gewahrte ich jetzt, dass der Rabe ein Halsband trug, an dem eine Kapsel von Walnussgröße, aber flach, hing, beides von schwarzer Farbe, sodass sie auf dem schwarzen Gefieder erst in dichter Nähe erkennbar waren.
»Lässt du dich anfassen, Jakob?«
Der Rabe hielt mit seiner Pickerei inne und schaute mich seitwärts in überaus drolliger Weise an. Diese verschmitzten Augen!
»Es lebe die Freiheit, vivat hurra!!!«
»Die sollst du auch behalten, nur die Kapsel möchte ich einmal untersuchen, darf ich?«
Verstand dieses Rabenvieh mich wirklich? Jakob reckte sich wie stolz empor, hob die eine Kralle, packte mit ihr die Kapsel.
»Post, Post!«, sagte er mit womöglich noch mehr Stolz.
Also er war ein Briefträger? Sollte das aber heißen, dass ich seine kleine Brieftasche nicht berühren dürfe?
Ich streckte langsam die Hand aus — — Jakob kam mir sogar entgegen, neigte den Kopf, um sich am Halse krabbeln zu lassen, wusste sein Wohlbehagen nicht durch Gebärden auszudrücken, sondern grunzte nur.
Die Kapsel war mit einem kleinen Karabinerhaken, wie alle Uhrketten ihn haben, an dem Ringe des Halsbandes befestigt; Jakob duldete, dass ich sie abnahm.
Sie ließ sich leicht öffnen, war aber leer.
Ich überlegte. Konnte ich mit dieser Rabenpost nicht irgend etwas anstellen? Das musste doch Spaß machen.
Es fiel mir augenblicklich nur eins ein. Ich riss aus dem Notizbuch, das ich mitgenommen hatte, eine halbe Seite heraus, schrieb darauf:
Herzliche Grüße an den Herrn dieses Raben sendet Karl Willmer. Ich schrieb es auf Deutsch, wie sich ja auch der Rabe der deutschen Sprache bediente und ebenso gestern die Gesellschaft Deutsch gesprochen hatte. Hier schien deutscher Boden zu sein.
Der Zettel wurde zusammengefaltet in die Kapsel gesteckt, diese wieder an dem Halsband befestigt.
»So, nun bringe das deinem Herrn. Mache ihn aufmerksam, dass du eine Botschaft zu bringen hast. Verstehst du?«
Ja, der Rabe verstand, breitete sofort seine ganz gewaltigen Schwingen aus und flog davon, in westlicher Richtung.
»Es lebe die Freiheit, vivat hurra, hurra, hurra!!!«, hörte ich ihn noch einmal jauchzen.
Ich war doch gespannt, ob eine Antwort kommen würde. Ich hätte dem Briefträger eigentlich auch noch auftragen müssen, mir eine Antwort zu bringen, mich hier wieder aufzusuchen. Na, wenn er dazu abgerichtet war, würde er es schon von allein tun, sonst hatte das Befehlen keinen Zweck. Es war eben doch nur ein Vogel.
Was nun? Weiter graben? Als ich es tat, erhob sich Wodan schnell und fing gleichfalls mit den Vorderpfoten emsig zu buddeln an, er wollte spielen, es war ganz deutlich zu merken, er musste ein noch junger Hund sein, wenigstens noch in solchen Übermutsjahren.
Na, wenn der so kräftig war, dass er so laufen und spielen, sogar schwimmen und tauchen konnte, dann brauchte ich seinetwegen nicht zu Hause zu bleiben, dann konnte er mich begleiten.
Ich holte meine Waffen und machte den Spaziergang an dem Felsenrand entlang nach dem Hafen, Wodan folgte mir, mehr im Wasser als auf dem Trockenen.
Wenn ich ihn aber weiter mitnehmen wollte, musste ich doch wohl das Ruderboot benutzen, so hinderlich es dann beim Zurücksegeln im Schlepptau auch war, oder eben das Motorboot. Doch als ich mir jetzt auch den Kajak naher besichtigte, machte ich eine Entdeckung, die mir eine Idee gab.
Also der Kajak, ganz aus Leder bestehend, war offen, enthielt aber auch Persenninge, um das Boot oben und sich selbst wasserdicht abschließen zu können. Die Eskimos und Alëuten können in ihrem Kajak ja sogar kentern; falls sich das Fahrzeug nicht von selbst wieder emporrichtet, machen sie unter Wasser einen besonderen Ruderschlag und kommen wieder in die Höhe, wozu das Boot und ihr eigener Körper natürlich ganz wasserdicht abgeschlossen sein muss.
Bei der weiteren Untersuchung fand ich nun, dass noch eine zweite solche Persenning vorhanden war, dadurch entdeckte ich, dass der Bootsdeckel abgehoben werden konnte, der Kajak war ein Zweisitzer, obgleich gar nicht so lang, daher waren auch zwei Paddelruder da, nicht nur so zur Reserve, und auf dem zweiten Sitze lag als Ballast eine Eisenkugel mit Handhabe, deren Gewicht ich auf anderthalb Zentner schätzte.
Na, dann konnte Wodan im Kajak mitkommen, statt des Ballastes, anderthalb Zentner wog er nicht, bei seiner jetzigen Beschaffenheit nicht einen. Es fragte sich nur, ob er sich vernünftig betragen würde. Viel kippeln durfte er nicht. Doch das würde ich ja gleich bei seinem Einsteigen beurteilen können.
Ja, er gehorchte sofort meiner Aufforderung, sprang nicht einfach auf das Boot, wie fast jeder Hund es getan hätte, wenn er nun einmal gehorchte, sondern stieg ganz behutsam auf die bezeichnete Stelle, als ob er schon öfters solche Kajakfahrten gemacht hätte.
So ging es ab, Wodan ganz artig vor mir sitzend, im Innern, nicht auf dem Deckel, da sonst der Schwerpunkt zu hoch verlegt worden wäre.
Im Übrigen musste ich das Boot ja erst kennenlernen, und ich merkte bald, dass die Sache gar nicht so kipplig war. Man musste sich wohl große Mühe geben, um das Fahrzeug zum Kentern zu bringen. Es war eben für die See gebaut, auch für hochgehende See, das ist doch etwas ganz anderes als die Grönländer, die man bei uns auf Binnenseen und Flüssen benutzt. Trotzdem war, wie ich später konstatierte, der Kiel gar nicht groß, ich konnte nur einen Viertelmeter tiefes Wasser immer noch befahren, wenn auch schon kratzend, konnte also auch überall landen, der Kiel musste sehr beschwert sein.
Es war großartig, in solch einem Kajak das offene Meer zu befahren! Das lange, schmale Fahrzeug glitt unter meinen Paddelschlägen wie ein sich schlängelnder Aal durch oder über das glatte Wasser hin. Dann, als ich aus dem Windschutze des Vorgebirges war, richtete ich den kleinen Mast auf, setzte das dreieckige Segel, und vor dem leichten Winde flog der Kajak nur so dahin.
Seehunde! Oder eine ähnliche Art, den tropischen Gewässern angehörend. Vielleicht Seejungfern oder Dujongs, die ja im Indischen Ozean zu Hause sind. Hätte ich nun eine Harpune mitgenommen, dann wäre der Eskimo fertig gewesen. Aber ich dachte gar nicht daran, etwa meine Büchse zu benutzen. Es war eine ganze Herde, die sich spielend tummelte, mich ganz nahe herankommen ließ. Mochten sie spielen und sich des Lebens freuen. Es waren viele Junge dabei, und ein Weibchen hatte in reizender Weise mit der Flosse ein ganz kleines Baby gegen die Brust gedrückt, wo es kräftig saugte. Jetzt sah ich, dass Seehunde wirklich mitten im Meere die Säuglinge stillen, indem sie sie in den Arm nehmen, auch so mit ihnen schwimmen.
Nein, von mir hatten die harmlosen Tiere nichts zu fürchten. Wenn sie Fische fraßen, was ging es mich an? Mir taten sie nichts. Wenn ich einmal Appetit nach Seehundsspeck hatte und ich die Gewissheit hatte, das andere Fleisch anderswie verwerten zu können, würde ich ruhig eines der Tiere erlegen, da gab es bei mir, wie schon gesagt, keine Sentimentalität. Aber so nicht, jetzt nicht.
Nein, es waren nicht einmal Fischfresser! Die Auftauchenden hatten das Maul voll Seetang, den sie verschlangen. Dann waren es auch Sirenen, wie die Robben der südlichen, das heißt heißen Meere im Allgemeinen genannt werden, die sich nur von Seepflanzen ernähren. Mit den Sirenen der Odyssee und anderer Märchen haben sie aber nichts gemeinsam, nicht einmal eine wohllautende Stimme, sie klingt vielmehr wie das Brüllen einer heiseren Kuh.
Mein Wodan freilich zitterte vor Jagdbegier, konnte sich aber beherrschen, sprang nicht ins Wasser — was ihm auch nicht viel genützt hätte.
Ich näherte mich meinem Ziele. Ja, mein Segelboot lag noch da, wie ich es verlassen hatte. Ich segelte etwas zurück in meinen Hafen, den Kajak im Schlepptau, bestieg diesen abermals, um ihn dann gegenüber der Höhle auf den Strand zu tragen, wo er liegen bleiben sollte, damit ich immer ein Boot gleich zur Hand hatte. Ich konnte das leichte Ding bequem auf die Schulter heben.
Zunächst musste ich, wollte ich nun doch etwas mehr den Robinson spielen, nicht alles aus der Zaubernische herausholen, mehr Holz für meinen Feuerplatz haben. Feuer ist immer die Hauptsache; manchen Menschen unterscheidet es überhaupt einzig und allein vom Tiere. Afrikareisende berichten, dass in den kalten Nächten an die verlassenen Lagerfeuer massenhaft Affen kommen, um sich zu wärmen, aber einmal Holz nachzuwerfen, das fiel keinem ein.
In der Nähe meiner Höhle wuchs doch nur spärliches Gestrüpp. Dort in der Obstregion hatte ich auch Bäume ohne Früchte gesehen. Ich bewaffnete mich mit Axt und Säge, um einen Baum zu fällen.
Ja, ich hatte recht gesehen. Ein Dutzend solcher stattlicher Bäume war vorhanden, die ich für Ahorn hielt, auch mit etwas anderen Blättern als unsere Art.
Da gewahrte ich, dass aus einer Wunde am Stamme, die der Baum irgendwie erhalten hatte, ein dicker, brauner Saft hervorfloss, unten schon erstarrt, eine dicke Kruste bildend, und da ging mir auch gleich die Erkenntnis auf, dank der vielen Reisebücher und dergleichen, die ich gelesen hatte.
Der Ahorn schwitzt ein Harz aus, das sehr zuckerhaltig ist, und wenn der Stamm bis auf den Splint angebohrt wird, fließt der Saft sehr reichlich. Man kann daraus mit leichter Mühe einen ganz vortrefflichen Zucker gewinnen. Das gilt auch von unserem gewöhnlichen Ahorn. Diese Art Zuckergewinnung ist bei uns nur nicht eingeführt, hätte auch gar keinen Zweck, wäre nur nachteilig, wir gewinnen Zucker genug auf andere, viel billigere Weise, und das sonst so vortreffliche Holz des Ahorns leidet sehr darunter, wenn man ihm den Saft entzieht.
In Nordamerika aber hat jeder Farmer eine Anpflanzung von Ahornbäumen, denen er seinen Zuckerbedarf abzapft. Dies ist wenig bekannt.
Ich wusste nicht, wie groß der amerikanische Ahorn wird, das hier aber waren jedenfalls äußerst stattliche Bäume, von denen ich vierzehn Stück zählte, weit mehr als ich so beim ersten Überblick angenommen hatte, der dickste hatte einen Durchmesser von fast einem Meter, die jüngeren Bäume zählte ich gar nicht, und ganz jungen Nachwuchs gab es massenhaft. Alle schwitzten Harz aus, wie ich mich jetzt überzeugte, ich musste nur genauer untersuchen, es würde durch tiefes Anbohren noch ganz anders fließen, zugrunde geht der Baum deshalb nicht — — ich würde in Zucker schwelgen können.
Ja, diese Entdeckung machte mir eine ungemeine Freude, deshalb verweilte ich bei ihrer Beschreibung so lange. Nun natürlich dachte ich auch nicht daran, solch eine Zuckerfabrik zu fällen.
Wo aber sollte ich nun Brennholz herbekommen, ohne erst weit laufen zu müssen? Ich brauchte nur etwas weiter zu gehen, über die Obstplantage hinaus, und ich sah in der Felsenwand eine breite Spalte, die in eine sich erweiternde Schlucht führte. Dort gediehen Laub- und Nadelbäume massenhaft, die meisten mir bekannten Arten, eben mitteleuropäische, auch Eichen, Buchen, Fichten, Tannen und Kiefern, wie ich sie drüben auf der anderen Seite der Felswand in dem nordischen Urwalde gefunden hatte. Jedoch sahen diese Bäume hier ganz anders aus, es war eine ganz andere Art von Vegetation als dort, der Unterschied nicht weiter zu beschreiben. Ihr Gedeihen in diesem eigentlich tropischen Klima war eben nur deshalb möglich, weil sie in einer Schlucht standen, die den ganzen Tag im Schatten lag, bis auf einige Mittagsstunden; da brannte die Sonne herein; aber diese kurze Zeit Hitze vertrugen die Bäume, und dass die erzeugte Glut hier nicht für immer herrschte, dafür sorgte ein Bach und mehr noch ein stäubender Wasserfall von außerordentlich niedriger Temperatur.
Ich fällte eine schlanke, mäßig starke Kiefer, die ich dann nach meiner Höhle schleppen konnte, um sie dort weiter zu zerkleinern, hatte mir diesen Baum auch schon in einer anderen Absicht auserwählt.
Über dem Zugang zu meiner Höhle befand sich in einiger Höhe noch eine zweite Öffnung, mehr rund und viel weiter als unten die Spalte. Ich erwähne erst jetzt, dass ich schon daran gedacht hatte, diese Höhle zu besichtigen, ob sich dort oben nicht eine Sommerwohnung einrichten ließe, in der ich immer gleich so gut wie im Freien war. Hoffentlich war sie nicht etwa schon dazu eingerichtet worden; das hätte mir jetzt keine freudige Überraschung mehr gemacht. Vorläufig hatten mir die Mittel gefehlt, um hinaufzugelangen. Eine Leiter war nicht vorhanden, nur ein Seil, das ich als Lasso zu gebrauchen gedachte, bis ich mir eines aus einer Haut zurechtgeschnitten hätte. Ich hätte daran einen Haken befestigen können, aber dort oben sah es gleich so aus, als würde der Haken nicht fassen, und so hatte ich mir die Sache eben aufgehoben, immer gleich an solch eine selbstgeschaffene Leiter denkend.
Ich sägte die gefällte Kiefer in der Mitte durch, hieb die oberen Äste sachgemäß ab, immer noch ein Stückchen am Stamme stehen lassend, und die leicht ersteigbare Leiter war fertig, eigentlich der erste selbstgefertigte Gebrauchsgegenstand hier. Der untere Teil des Stammes wurde zu Feuerholz zersägt und zerhackt.
Als ich einmal aus dem Bache trank, sah ich dort eine grasfreie Stelle; ein Stück Felsen war abgestürzt, der bloßgelegte Boden zeigte eine braunrote Färbung. Der beste Ton! Es musste ein ganzes Tonlager sein. Ich würde mich als Töpfer betätigen. Auch Ziegelsteine würde ich formen und brennen, um mir einen Ofen zu bauen, einen Koch- und Backofen, für Brot und Semmeln und Ahornzuckerkuchen gefüllt mit Orangen- und Bananenmarmelade, die ich mir natürlich selbst erst bereitete — obgleich ich sonst gar kein Kuchenesser bin — ein ganzes Fass mit Mehl hatte ich bereits in meiner Höhle gefunden, das wurde benutzt, bis die Saat aufgegangen war, die mir natürlich geliefert werden musste, so lange, bis ich selbst Unkrautsamen durch geeignete Zucht in mehlreiche Körner verwandelt hatte, was freilich einige Jahre in Anspruch nahm, und dann eine Büffelkuh als Milchspenderin, und eine Meierei mit Käsefabrik, dann — —
Und so phantasierte ich immer weiter. Ach, es machte mir ganz riesigen Spaß, mir so die Zukunft auszumalen. Und es war ja auch kein bloßes Phantasieren, kein müßiges Träumen, dabei hieb ich immer die Äste von der Kiefer ab, um eine Treppe für meine zukünftige Sommerwohnung in der ersten Etage zu bauen.
Sie war fertig; ich schleppte sie hin, legte sie an; ihre Länge reichte; ich kletterte hinauf.
Richtig, eine große, sehr schöne Höhle und, Gott sei Dank, ganz leer!
Die wohnliche Einrichtung würde ich selbst besorgen. Aber so einfach wie möglich. Vielleicht nur ein Heulager, nichts weiter. Auf diesem würde ich dann manche Stunde liegen und träumen, im Hintergrunde oder dabei den Kopf zur Höhle herausreckend. Und dann allerdings würde ich diese auch noch etwas erweitern, umbilden, mit dem Meißel Nischen und Simse und Schränke schaffen, das musste Spaß machen, und dann konnte ich den mit einer Nische einmal geschaffenen Gang ja gleich noch weiter fortsetzen, auch abwärts, eine Treppe anlegen, in meine untere Höhle hinein, sodass die Leiter fortfallen konnte.
So stand ich da, betrachtete die nackte Felswand und bezeichnete schon die Stellen, wo ich den Meißel ansetzen würde.
Ach, hier wohnst Du!!« Eine sanfte, melodische Stimme hatte es im Tone der freudigen Überraschung gerufen.
Ich wandte dem Eingange den Rücken, und ehe der Mensch sich umdreht, mag er auch noch so schnell sein, kann sein Gehirn noch viele Gedanken ausspinnen, Fragen stellen und beantworten.
Ach, wie eine Märchengestalt aus Tausendundeiner Nacht tauchte es vor mir auf, vorläufig nur der Kopf davon.
Ein liebreizendes Mädchenantlitz von kupferroter Farbe — liebreizend! — diese Beschreibung genügt für diese Züge, und ich will nicht erst von dem holden Näschen und dergleichen anfangen — und dann sah ich noch einen dicken, schwarzen Zopf, der nach vorn hing, mit Goldfäden und roten Bändern durchflochten, und trotz dieses Zopfes nicht, wie gewöhnlich, das Haupthaar schlicht gescheitelt oder zurückgekämmt, sondern immer noch zierlich etwas hoch frisiert und ebenfalls reich geschmückt, mit goldenem Zierrat seltsamer Art, wie man ihn bei Zigeunerinnen häufig sieht, außerdem aber auch mit vielen kleinen bunten und schimmernden Muscheln.
Jetzt folgte auch noch der Hals nach, gleichfalls von Künstlerhand aus roter Bronze gegossen, ein wunderbar schöner Hals, von einem Muschelband mit Gold und Silber umschlossen. Und dann, muss ich noch erwähnen, in jedem Ohre stak statt des Ringes oder sonstigen Gebammels ein Vogelfederchen, als solches erkenntlich, aber in einer Farbenpracht wahrhaft funkelnd wie ein geschliffener Diamant. Jedenfalls Kolibrifedern. Wenn die wirklich so leuchten und funkeln! Oder es waren eben aus bunten Edelsteinchen hergestellte Imitationen von Kolibrifedern. Jedenfalls wirkte dieser Schmuck in den kleinen, zierlichen Ohren wahrhaft faszinierend, wenn dies nicht noch mehr von den sanften und doch so schelmischen Rehaugen galt.
Und welche Wirkung nun hatten diese faszinierenden Ohrzierraten und diese Augen auf mich? Ich baumlanger Lümmel, der in der Höhle gerade aufrecht stehen konnte, steckte die Hände in die Hosentaschen.
»Ja, hier wohne ich.«
So antwortete ich ganz trocken auf die staunende Frage, die auch den holdseligen Zügen entsprach. Alles ein kindlichnaives, freudiges Staunen.
»Bist Du es denn auch wirklich?«
»Ja, ich bin es — — das heißt, ich bin ich.«
»Heißt Du Willmer?«
»Der bin ich.«
»Karl Willmer?«
»Das ist mein Vorname.«
»Ach, Du gefällst mir aber!«
Himmeldunnerwetter, das war doch fast ein bisschen zu viel für mich! Ich glaube, die Röte der Scham und Verlegenheit stieg mir gleich ins Gesicht. Obgleich ich Damen gegenüber sonst gar nicht so bin. Wohl aber sehr bescheiden, zurückhaltend — aber alles andere als schüchtern. Im Gegenteil, wenn mir eine selbstbewusste Schönheit stolz und anmaßend kommt, dann kann sie bei mir etwas von eisiger Kälte und Zurückweisung zu spüren bekommen.
Aber das hier war ja etwas ganz anderes. Ich erkannte die kindliche Harmlosigkeit. So war der Anfall von Verlegenheit schnell wieder überwunden, ich behielt meine ruhige Gemütlichkeit.
»Und Du gefällst mir ebenfalls ganz ausgezeichnet.«
Das, was ich im Geheimen wirklich dachte, dem Kinde zu sagen, war wohl ganz angebracht.
»Ja, wirklich?«, erklang es noch freudiger als zuvor.
»Du bist ja ein ganz liebliches Geschöpf! Willst Du nicht etwas weiter heraufkommen?«
Sie wäre sicher nicht abgeneigt gewesen, hatte aber wohl meine Frage ganz überhört; ihre Augen nahmen wieder den Ausdruck der Neugier an, als sie in die von draußen ganz hell erleuchtete Höhle blickte.
»Die Höhle ist aber doch ganz leer! Es ist doch gar nichts drin!«
»Wenn Du von mir absiehst — allerdings. Wenn aber Du sie noch betrittst, ist sie erfüllt mit allen Herrlichkeiten dieser Erde.«
Donnerwetter — — ich wusste doch selbst nicht, woher ich plötzlich diese blumenreiche Poesie nahm! Das war doch sonst gar nicht mein Fall.
»Du sollst doch aber in Deiner Höhle alles haben, was Du brauchst.«
Es war ihr also schon von mir erzählt worden. Von wem und was, das durfte ich nach dem, was Klingsor mir gesagt hatte, nun auch nicht fragen.
»Die Wohnhöhle ist unten, diese erste Etage hier steht noch leer.«
»Ach so, ich dachte, weil der Sprossenbaum angelegt war.«
»Den habe ich eben erst zurechtgemacht, ich erstieg ihn zum ersten Male.«
»Darf ich Dich denn auch besuchen?«
»Ei gewiss!«
»Du jagst mich nicht gleich wieder fort?«
Na, die war ja gut instruiert worden!
»Aber, mein schönes Kind, wie werde ich Dich wieder fortjagen!«, lachte ich.
»Du meinst, ich bin schön?«
Mit der größten Einfalt war es gefragt worden, das konnte mich nimmermehr beleidigen und abschrecken.
»Ja, wie ich schon sagte, Du gefällst mir ganz außerordentlich.«
»Und Du mir auch.«
»Einem Besuche muss man aber doch etwas vorsetzen«, fing auch sie jetzt offenbar zu scherzen an. »Eine Tasse Schokolade. Die trinke ich so gern.«
»Ja, da muss ich erst einmal nachsehen, ob ich unten in meinen Vorräten Schokolade habe. Da muss ich hinabkommen.«
»Ja, ja, komm schnell. Schokolade!«
Der Kopf tauchte unter, und als ich mich vorbeugte, ehe ich den Fuß auf den Sprossenbaum setzte, sah ich sie nicht mehr. Der Felsen hing etwas über.
Als ich unten war, stand sie vor mir.
O, der Anblick dieses Wesens, das Gott in einer seiner glücklichsten Stunden geschaffen hatte!
Mittelgroß, zierlich, aber ein vollentwickeltes Weib, obwohl nur vierzehn bis sechzehn Jahre höchstens alt.
Und nun diese reizende Kleidung!
Ich könnte keine moderne Toilette beschreiben, hier vermag ich es.
Sie trug ein Gewand aus gelbem, feinst gegerbtem Leder, die Arme und auch noch etwas die runden, samtglänzenden Schultern freilassend, das Röckchen reichte bis an die Knie, und dieses Lederkostüm nun aufs zierlichste reich mit roten und blauen Stickereien bedeckt, auch Gold und Silber dazwischen, teils Arabesken, teils Blumen darstellend, in höchst künstlerischer Ausführung; auf jeder Seite der hochgewölbten Brust prangte ein buntschimmernder Schmetterling, auch wieder aus schillernden Federchen zusammengesetzt. Denn solche waren es wirklich, wie ich jetzt im hellen Sonnenlichte deutlich erkannte.
Das Röckchen endete in bunten Fransen, die noch etwas herabhingen, darunter sah man die roten, übers Kreuz gewickelten Lederstreifen, die aber nicht eigentlich Sandalen hielten, sondern eine Art Mokassins, auch wieder überaus zierlich bestickt.
So stand sie vor mir. Es blieb das liebreizende, holdselige, kupferbraune Gesichtchen, das mich unbefangen lächelnd anblickte.
»Bist Du aber groß!«
Gut, dass sie so naiv sprach, wie sie dachte, dann durfte auch ich fragen.
»Wie heißt Du denn? Das hast Du mir noch gar nicht gesagt.«
»Sakuntala.«
So heißt die Heldin eines indischen Dramas, das man als eines der besten Werke der schönen Weltliteratur gelesen haben muss; ich kannte es.
Eigentlich hätte ich sie eher für eine Indianerin gehalten, unter denen es, solange sie jung sind, sehr schöne gibt. Doch in Indien sieht man ja ebenfalls Hautfarben von allen Schattierungen, vom hellsten Weiß an bis zum tiefsten Schwarz. Und sie sprach Deutsch — vollkommen rein!
»Wie alt bist Du?«
»Vierzehn Mal schon hat der lange Regen das verdorrte Gras wieder erfrischt, noch zweimal wechselt der Mond, so geschieht das zum fünfzehnten Male.«
Also fünfzehn Jahre. Ich hatte ganz richtig geschätzt. Es war eine echt indianische Ausdrucksweise und Zeitangabe gewesen.
Ich wollte noch etwas fragen, sie kam mir zuvor:
»Wo ist denn nun meine Schokolade?«
Sie hatte recht.
»Ich will suchen, ob in meiner Höhle welche vorhanden ist.«
»Darf ich nicht mit hinein und Dir suchen helfen?«
Ohne Bedenken nickte ich. Kein verlangender Gedanke stieg in mir auf.
Sie folgte mir, war schon entzückt über diesen geheimnisvollen Kriechgang, dann staunte sie das Innere der Höhle an. Sie konnte kein Zigeunerkind sein, weil sie diese Rumpelkammer so romantisch fand.
»Darf ich diesen Kasten einmal aufmachen?«, erklang es immer wieder im naivsten Tone von ihren Lippen.
Jetzt wäre eine Gelegenheit gewesen, die Nische zu benutzen, um Schokolade kommen zu lassen, denn dass mein Vorgänger als Robinson auch mit Schokolade oder Kakao ausgestattet worden war, konnte ich nicht gleich glauben.
Aber es machte mir Spaß, sie suchen, überall herumkramen zu lassen, vielleicht fanden wir doch noch Schokolade, und dabei lernte ich gleich selbst den Inhalt der Kisten und Kasten und Fässer kennen.
Da aber sollte mir das Verständnis dieser Situation plötzlich doch kommen.
Ich hatte eine große Kiste geöffnet, die lauter einzelne Paketchen enthielt, kramte darin herum, war dabei niedergekniet, und sie beugte sich im Stehen über mich.
Und da, als ich ihren warmen Atem fühlte, ihren Busen auf meiner Schulter, als sie nun gar jetzt ihren Arm herabstreckte, da kam mir plötzlich das Bewusstsein, dass ich ein Mensch von Fleisch und Blut sei, ein junger Mann, und dies hier das holdseligste weibliche Wesen, das ich je erblickt hatte.
Und gleichzeitig packte mich auch etwas wie Angst.
Sie war noch ein Kind — wenn auch eine gereifte Inderin — ein naives, unschuldiges Kind, oder alles auf der Erde log, und sie kam vertrauensvoll auf Besuch zu mir — —
Wie von einem wilden Schrecken erfasst, ich könnte mich später selbst verachten müssen, erhob ich mich hastig. Nur das nicht, nur das nicht!!
»Da ist ja Kakao — —«
Da verlosch plötzlich die Lampe, ohne dass die Flamme erst kleiner geworden wäre.
Um uns her herrschte Stockfinsternis.
Sie hatte einen kleinen Schreckensschrei ausgestoßen, suchte und fand schnell meine Hand.
»Weshalb machst Du es plötzlich finster?«, fragte sie ängstlich.
»Es war nicht meine Schuld«, würgte ich hervor.
Ich wollte fort, ins Freie, es war das Beste, die einzige Rettung, aber so schnell wie möglich musste es geschehen oder ich unterlag.
Sie ließ meine Hand nicht los, ich zog sie mit fort.
Da strauchelte ich, stürzte, fiel auf die erhöhte Lagerstelle, auf das Bärenfell.
Sie auf mich drauf, ihr warmer Arm umschlang meinen Hals, es brauchte keine Absicht zu sein.
»Ach, hier liegt es sich aber mollig! Ach ist das schön! Lass es noch so finster!«, jubelte sie.
Gerade ihr heiteres Lachen, aus dem nur kindliche Freude klang, gab mir die Kraft, dass ich wieder emporschnellte.
Es war allerdings nur ein böser Zufall gewesen, und diesem bösen Zufall wollte ich nicht unterliegen, ich wollte nicht!!!
Ich weiß nicht, wie ich das Freie erreichte.
Als ich wieder in der Sonne stand, war die Anfechtung vorbei. Nur die Hand zitterte noch etwas, welche die heiße Stirn trocknete.
Nein, ich war kein Weiberfeind. Aber nur so nicht, nur so nicht, dass ich Missbrauch mit einer harmlosen Unschuld trieb, die sich mir mit voller Unbefangenheit anvertraute.
Dann stand sie wieder vor mir, und wie sie ihr etwas zerzaustes Haar ordnete und mich dabei unbefangen lächelnd anblickte, da kam etwas über mich, etwas Großes, etwas Herrliches, ein beseligendes Gefühl, das ich noch gar nicht gekannt hatte.
Ich hatte mich selbst besiegt — ich fühlte plötzlich die Kraft in mir, die ganze Welt zu besiegen.
»Ich bin recht zerzaust«, lachte sie. »Ich glaube gar, Du fürchtest Dich im Finstern.«
Nun konnte ich wieder ganz unbefangen mit ihr plaudern. Ihre Frage brauchte ich nicht zu beantworten.
»Weshalb nur die Lampe so plötzlich ausgegangen ist?«, murmelte ich.
»Es wird kein Wasser mehr drin sein«, meinte sie.
»Wasser?«
»Nun ja! Es wird bis auf den letzten Tropfen verbrannt sein.«
»Wasser? Du meinst wohl Petroleum.«
»Petroleum? Was ist denn das?«
Zum ersten Male merkte ich ihre völlige Unkenntnis von Dingen, die sonst heute jedem Wilden bekannt sind, wenn er nicht gar zu tief in Afrika oder Australien steckt.
»Dann Öl oder Fett.«
»Ja, damit kann man auch Lampen speisen, das weiß ich, aber das riecht doch schlecht; Wasser ist viel sauberer und einfacher.«
»Ja aber, Kind — — Wasser brennt doch nicht!«
»Weshalb denn nicht?«
Der war wieder etwas ganz geläufig, was ich nicht begreifen konnte. Oder sie meinte eben etwas ganz anderes.
»Du meinst wohl, das Wasser zersetzt sich, in Wasserstoff und Sauerstoff, man brennt diese Mischung —«
»Mischung? Man brennt einfach das Wasser an.«
»Reines Wasser?«
»Ja, rein muss es natürlich sein.«
»Ganz gewöhnliches Wasser?«
»Jawohl, jedes Wasser aus irgendeiner Quelle oder einem Flusse, wenn es nur nicht gar zu schmutzig ist. Es brennt zwar auch, aber die Lampe wird bald ganz verunreinigt. So ist es auch mit dem Meerwasser, weil es Salz enthält.«
»Na, dort ist Wasser, eine Quelle! Nun brenne es einmal an! Hier hast Du Streichhölzer.«
»Gib mir eine Schale oder so etwas; ich will Wasser schöpfen.«
Sie nahm den reinen Topf, der noch neben meinem ersten Lagerfeuer stand, und ging hin, ich mit.
Sie ließ den Topf voll laufen, nahm auch die Streichhölzer, wollte aber zurückgehen.
»Wohin?«
»Nun, in Deine Höhle, die Lampe wieder füllen.«
»Ich denke, Du willst das Wasser anbrennen? Das kannst Du doch gleich hier machen.«
Sie sah mich mit ihren großen Rehaugen starr an, betrachtete den Topf, dann wieder mich, und brach in ein herzliches Lachen aus.
»Na, Du verlangst aber viel von mir! Wie soll denn dieses Wasser brennen?«
»Du hast es doch eben selbst behauptet!«
»Aber es muss doch natürlich erst in die Lampe gegossen werden!«
Sie lachte derart, dass ich mit einstimmte.
Der Irrtum war aufgeklärt, so viel es da auch noch zu erklären gab. Für mich lag noch immer das größte Rätsel vor.
Ich folgte ihr in die Höhle, mit keinem anderen Gedanken, als zu erfahren, wie das Wasser in der Lampe brennen sollte.
Sakuntala nahm sie ab, hob sie aus dem einfachen Eisenringe, in dem sie hing. Es war ein ganz einfacher Topf, wahrscheinlich aus gebranntem und glasiertem Ton, ganz plump gefertigt, nicht einmal auf der Drehscheibe; darin stand aufrecht ein weißer Docht, durch eine ganz primitive Vorrichtung in der Mitte festgehalten.
Der Topf war leer und trocken, ebenso der Docht. Sakuntala goss im Scheine meines brennenden Streichhölzchens den Topf voll Wasser, feuchtete den Docht mit einigen Tropfen an — und die Lampe brannte wieder!
Ich konnte keine Erklärung von Sakuntala bekommen. Sie fand das alles ganz selbstverständlich. Ein Gefäß aus einer besonderen Masse musste es allerdings sein, sonst brannte das Wasser nicht, das wusste sie, auf den Docht hingegen kam es nicht an.
Sie wunderte sich nur, dass diese Lampe hier so roh gefertigt war. Ich hätte ihr eine Erklärung geben können, ich tat es nicht. Die Lampe sollte doch den Eindruck erwecken, als hätte mein Vorgänger als Robinson selbst sie gefertigt. Ich hätte eine bessere zustande gebracht, auch ohne Drehscheibe, freilich keine solche, in der einfaches Wasser brannte. Oder die Masse dazu und das Geheimnis hätten mir geliefert werden müssen.
In jener Kiste waren wirklich Kakaopakete; auch Zucker und kondensierte Milch fanden wir, was Sakuntala alles recht gut kannte. Lesen konnte sie aber recht gut.
»Suchard? Was soll das heißen.«
»Das ist der Name dessen, der den Kakao gemacht hat, in den Handel bringt, die Fabrik.«
»Fabrik? Was ist das?«
Nanu, das war seltsam! Ich gab eine kurze Erklärung, die aber wohl gar nicht verstanden wurde, wie ich gleich merkte.
Glücklicherweise brauchte ich sonst nicht zu antworten. Sobald ich schwieg, stellte sie gleich eine andere Frage.
Manchmal freilich wollte sie auch einem Dinge auf den Grund gehen.
»LohengrinCakes, was ist das?«
»Cakes sind — sind —«
»Das sind Biskuits; ein feines Gebäck, das weiß ich. Aber warum heißen sie LohengrinCakes?«
»Das ist nur so ein Name, den man der Fabrikware gegeben hat —«
»Ja, warum aber?«
»Lohengrin war ein sagenhafter Held —«
»Das weiß ich. Er kommt mit zwei Schwänen angefahren und rettet die Elsa von Brabant von dem verhassten Telramund — —«
»So? Woher weißt Du denn das?!«
»Nun, aus der Oper — —«
»Aus welcher Oper denn?!«, staunte ich immer mehr.
»Von Richard Wagner! Hast Du die nicht gehört? O, die ist schön, herrlich!«
»Wo hast Du denn diese Oper gesehen? Oder vielmehr gehört, wie Du Dich ganz richtig ausgedrückt hast?«
»Na hier! Wo denn sonst? In unserem — — halt, darüber darf ich nicht sprechen!«
Sie schlug sich erschrocken mit den Händchen vor den Mund.
Einiges war mir nun schon klar. Sie war gebildet, wie man es von einem fünfzehnjährigen Mädchen nur verlangen kann, sie sprach auch Französisch und Englisch und Italienisch, was ich bald herausbekam — — aber von der Welt selbst wusste sie absolut nichts. Die existierte überhaupt nicht für sie. So weit sie hier gehen konnte ein engbeschränkter Raum, worüber ich später noch genug sprechen werde, das war ihre Welt oder doch ihre Erde. Aber die war für sie mit Brettern vernagelt. Dass sich dahinter noch etwas befand, wusste sie nicht, das glaubte sie mir auch nicht, wenn ich ihr davon erzählte.
Wohl war sie mit allem Komfort umgeben und vertraut; aber alles war nach ihrer Meinung hier erzeugt in ihrer kleinen Welt, sie wusste es nicht anders.
Englisch, Französisch und Italienisch waren ihr gewissermaßen künstliche Sprachen, deren sich einige aus ihrer Umgebung bedienten, wie etwa Volapük und Esperanto es in Wirklichkeit sind. Von England, Frankreich und Italien hatte sie gar keine Ahnung, ebenso wenig von Deutschland, von der ganzen anderen Erde nicht.
Doch so weit waren wir jetzt noch nicht.
»Nun haben wir alles, nun wollen wir Schokolade kochen!«, rief sie fröhlich.
Sie hatte schon alles zusammengerafft, sodass ich nichts mehr zu tragen hatte, einige Päckchen Kakao, Zucker, kondensierte Milch, Biskuits. Auch Butter in der Büchse nahm sie gleich mit, als hätte sie schon ganz für einen Hausstand sorgen gelernt, und das alles hatte sie in ihr Röckchen getan, das sie vorn aufraffte. Darunter trug sie Beinkleider von hellerer Farbe, ebenfalls aus Leder und womöglich noch bunter und kunstvoller gestickt als jenes.
Ich machte mich daran, das noch vom letzten Feuer übriggebliebene Holz zusammenzulesen und einen Scheiterhaufen zu errichten. Ich kniete nieder, strich ein Streichholz an und begann auf die glimmenden Blätter zu blasen oder wollte es erst tun.
Da fasste sie meinen Arm, ich blickte auf und sah erstaunte oder selbst erschrockene Augen.
»Was willst Du tun?!«, erklang es in entsprechendem Tone.
»,Ein Feuer anmachen.«
»Wozu?«
»Nun, um Dir Kakao zu kochen.«
»Du — mir — Kakao — kochen?«, wiederholte sie immer noch ganz erstaunt. »Du bist doch ein Mann?!«
Ich wusste noch immer nicht, was sie eigentlich wollte.
»Gewiss bin ich ein Mann«, lachte ich.
»Und ich bin eine Squaw!«
Das Wort war ausgesprochen. Also eine Indianerin! Und nun wusste ich, was sie meinte, was sie gar nicht zu verstehen schien: dass ein Mann für ein Weib eine Arbeit leisten, etwas kochen konnte. Schon das Feueranmachen gehörte sich nicht für einen Mann. Darin dachte sie ganz indianisch.
Ich wollte aber doch noch etwas mehr von ihr darüber hören.
»Ja, wenn ich allein bin, mache ich mir dies alles selbst. Mir bleibt ja nichts anderes übrig — —«
»Jetzt aber bin ich hier, und ich bin eine Squaw. Ich müsste Dich verachten, würdest Du in meiner Gegenwart solche weibische Arbeit tun.«
Ich musste mich fügen, jedes weitere Wort meinerseits wäre vergebens gewesen.
Mit überraschender Schnelligkeit hatte sie das Feuer angemacht, und ebenso schnell und geschickt ging ihr alles andere von der Hand; das Wasser ansetzen, die kondensierte Milch ausrühren, den Kakao kochen, wovon ich übrigens gar nichts verstand. Auffallend war es auch, wie geschickt sie sich beim Öffnen der Konservendosen benahm, und doch konnte sie nicht viel in der Küche oder am Lagerfeuer beschäftigt sein, ihre kleine Hand war ganz zart. Gelernt freilich musste sie alles doch einmal haben.
Ich schaute ihr zu; dabei wurde immer geplaudert.
»Woher kannst Du dies alles so gut, Sakuntala?«
»Das kann doch jede Squaw.«
»Bist Du eigentlich eine Inderin, eine Hindu?«
»Hindu? Was ist das?«
»Oder eine Indianerin?«
Auch dieses Wort war ihr ganz fremd.
»Hast Du noch nichts von Amerika gehört?«
»Nein, noch nie.«
»Leben Deine Eltern noch?«
»Sssssssst!«, machte sie, und legte zum zweitem Male den Finger auf die Lippen, aber nicht erschrocken wie vorhin, sondern geheimnisvoll, mich auch so dabei anblickend. Man hatte sie scharf instruiert, sie durfte von nichts sprechen, wodurch ich einen Einblick in die hier herrschenden Verhältnisse bekommen hätte.
»Gefällt es Dir hier?«, begann jetzt sie zu fragen.
»Ganz ausgezeichnet!«
»Möchtest Du für immer hier bleiben?«
»Ja, wenn ich geduldet werde.«
Sie fragte nicht, wie das gemeint sei, woher ich kam, wo ich früher gewesen war.
»Immer allein?«
»Das würde ich schon aushalten.«
»Ohne Squaw?«
»Ich habe keine Frau, und woher eine nehmen?«, entgegnete ich ausweichend, nur um etwas zu sagen, denn was jetzt kommen würde, ahnte ich natürlich schon.
»Ja, eine Frau, ich weiß — — wir nennen es Squaw — — Würdest Du mich zur Frau nehmen?«
Es war richtig gekommen. Aber es war alles andere als Aufdringlichkeit, die ich niemals vertragen, gleich zurückgestoßen hätte.
Die Schokolade im Topfe verrührend, blickte sie mich zwar schelmisch, aber auch mit dem naivsten Lächeln an.
»Würdest Du mich bei Dir dulden? Würde ich Deine Einsamkeit nicht stören?«, fragte sie weiter, als ich nicht gleich antwortete.
Da raffte ich mich auf und sprach die Wahrheit, wie ich dachte, ohne Wortdrechselei:
»Du würdest mich nicht stören; Dich möchte ich zu meiner Frau haben.«
»Ich würde für Dich kochen und Deine Wäsche waschen und Deinen Wigwam, Deine Höhle, in Ordnung halten, Deine Kleider nähen und die Felle gerben.«
»Kannst Du denn das?«
»Du siehst es doch.«
»Ja, Schokolade kochen — —«
»Ich kann alles kochen, was gut schmeckt.«
»Aber auch Felle gerben?«, musste ich lächelnd fragen, weil sie das so komisch hervorgebracht hatte — »Alles was gut schmeckt« — aber dabei wurde mir schon wieder ganz sonderbar zu Mute, ganz schwül.
»Ich kann es.«
»Das ist doch eine schwere, unsaubere Arbeit, Deine Fingerchen sehen gar nicht danach aus.«
»Ich habe es gelernt, nicht nur dabei zugesehen, und ich kann es.«
»Aber solche schwere Arbeit dürftest Du für mich nicht tun — —«
»Dann könnte ich nicht Deine Squaw werden. Wenn Du weibische Arbeit tätest, müsste ich Dich verachten.«
»Ja, was soll ich denn da den ganzen Tag machen?«, fragte ich lachend. »Immer auf der Bärenhaut liegen?«
»Jagst Du nicht?«
»Das wohl, aber ich kann doch nicht immer schießen.«
»Du darfst alles machen was einem Manne zukommt.«
»Ja, aber was ist das? Darf ich zum Beispiel einen Tisch zimmern und anderes mehr?«
»Ja, das darfst Du, das ist Männerarbeit. Nur nicht sticken und nähen und alles nicht, was zur Ernährung und Kleidung gehört. Nur das Material dazu muss der Mann herbeischaffen, verstehst Du? Ach, da hat er genug zu tun.«
Sie sprach ganz fachgemäß, durchaus nicht wie ein verliebtes Weib, das einen Antrag macht. Ich wurde etwas ernüchtert.
»Darf ich einen Baum fällen?«, fragte ich, wiederum um nur irgend etwas zu sagen.
»Ja, das darfst Du, ihn auch zersägen, aber nicht in Stücke zerhacken, das ist Arbeit der Squaw.«
»Eigentümliche Regeln!«
»Findest Du?«
Sie blickte nach dem Sprossenstamme und dann aufmerksam um sich.
»Woher bekommst Du Dein Brennholz?«
»Dort von den Büschen.«
»Aber Du brauchst noch anderes, die dünnen Äste sind nur einmal zur Aushilfe. Wo hast Du denn die Kiefer dort gefällt?«
Sie erkannte also den Baum als eine Kiefer.
»Dort in der Schlucht.«
Ich hatte hingedeutet, sie blickte hinter sich, machte ein besorgtes, wenn nicht ängstliches Gesicht.
»Doch nicht hinter der Felswand, wo der Wein wächst?«
»Ja, gleich dahinter.«
»Dort bist Du doch nicht etwa hineingegangen?«
»Gewiss, sonst hätte ich doch die Kiefer nicht herausholen können.«
»Ist Dir der Zutritt zu diesem Tale denn nicht verboten worden?«
»Nein, von wem denn?«
»Von dem, der hier zu gebieten hat.«
»Mir hat er nichts zu gebieten.«
»Aber zu verbieten.«
»Auch nicht.«
»Nun, dann ist der Zugang eben verschlossen worden, Du kannst gar nicht hinein.«
»Verschlossen? Was ist denn drin in dieser Schlucht? Ich habe nichts Besonderes gesehen.«
»Ja, Du nicht. Du warst eben bloß in der Schlucht.«
»Was ist denn sonst noch dort?«
»Dann kommt ein breiteres Tal.«
»Und was ist in diesem Tale?«
»Sssssst«, machte sie abermals, eindringlicher denn je zuvor, so auch auf ihre reizend geschwungenen Lippen klopfend.
»Ein großes Geheimnis?«, musste ich doch noch weiterfragen, wenn ich auch nicht etwa von Neugier geplagt wurde.
»Schweig, schweig, schweig!!!«
So hatte sie dreimal gerufen, mit ganz eigentümlicher Betonung, und da kam mir eine Idee.
»Es ist wohl das Tal des Schweigens?«
Sie öffnete vor Staunen und wohl auch vor Schreck weit die Augen, so blickte sie mich an.
»Woher weißt Du? — —«
Ja, ich wusste selber nicht, wie ich auf diese Frage gekommen war, ob es das Tal des Schweigens sei. Eben durch ihr dreimaliges »Schweig!« Möglich, dass ich eine Geschichte gelesen habe mit dem Titel »Das Tal des Schweigens«, einen Roman oder sonst ein Buch, mir ging so etwas durch den Kopf.
Dagegen wusste ich bestimmt, dass es einen »Turm des Schweigens« gibt, viele solche Türme.
So nennen die Parsen, die Anhänger der Lehre Zoroasters, ihre Begräbnisplätze. Oder vielmehr ihre Leichenbeseitigungsanstalten. Die Parsen, hauptsächlich in Indien verbreitet, dürfen nach ihrer Lehre nicht die Erde, das Feuer und das Wasser durch Leichen verunreinigen, dürfen sie also nicht begraben, nicht verbrennen und sie auch nicht ins Wasser werfen. Sie haben in einsamen Gegenden Türme errichtet, eine Art Amphitheater, auf deren Stufen die Leichen gelegt werden, zum Fraße für die Aasgeier, welche solche Stätten massenhaft umlagern.
»In dem Tale steht wohl ein Turm?«, fragte ich aus diesem Gedankengange heraus.
Immer erschrockener blickte sie mich an.
»Wie kannst Du wissen — —«
»Ein Turm des Schweigens?«
Sie gab ihr Staunen und ihren Schreck auf.
»Unbegreiflich, unbegreiflich, dass Dir dieses unser tiefstes Geheimnis offenbart worden ist!«, murmelte sie vor sich hin.
Ich fragte nicht weiter. Mir war es selbstverständlich, dass es hier Parsen gab, die dort eben ihren Leichenturm hatten. Wie sehr ich mich irrte, sollte ich später erkennen.
Sie raffte sich aus ihrem Sinnen empor, schlug diplomatisch ein ganz anderes Thema an.
»Wodan gehört jetzt Dir?«
Der Hund lag wie zuvor neben dem Sprossenbaum.
Dass er das Mädchen kannte, war mir sofort klar geworden. Wenn sie nur nach jener Richtung blickte, wedelte er schon mit dem Schwanze, und außerdem hätte er sonst bei ihrem Kommen angeschlagen, hätte keine fremde Person herangelassen. Oder, wenn er dies nicht tat, konnte ich ihn nicht brauchen. Und ich würde ihm schon noch beibringen, dass er auch das Kommen seiner alten Freunde mir anzeigte.
Ich bejahte.
»Ich habe es gehört. Warum wolltest Du den kranken Hund haben?«
»Er ist nicht krank.«
»Er trauert um seinen gestorbenen Herrn, verweigert jede Nahrung und wird so verhungern. Sieh, er kann schon nicht mehr laufen.«
»Komm her, Wodan!«
Schon längst hatte das Tier nur darauf gelauert, gerufen zu werden, um mit an unserem Feuer Platz zu nehmen, und mich hatte schon sehr gefreut, dass er nicht gleich von selbst kam. Aus den Augen ließ er uns freilich nicht.
Jetzt war er mit einigen Sätzen bei mir.
Sakuntala staunte. Ich berichtete etwas über ihn, gab ihm einige Biskuits. Aus des Mädchens Hand nahm er etwas erst mit meiner Erlaubnis an. Ja, er kannte sie, freute sich wohl, sie zu sehen, machte sich aber sonst nicht viel aus ihr.
Die Schokolade war fertig. Sakuntala bediente mich, schenkte meine Tasse voll, strich Butter auf die Biskuits, reichte sie mir zierlich und graziös.
Aber so weit war sie glücklicherweise doch nicht Squaw, indianische Sklavin des Mannes, dass sie in meiner Gegenwart nun auch nichts zu genießen wagte. Sonst hätte sie mich auch nicht erst zu fragen brauchen, ob ich ihr eine Tasse Schokolade vorsetzen könne. Sie ließ sich mit untergeschlagenen Füßen nieder, trank und aß.
»Verstehe ich Schokolade zu kochen?«, scherzte sie.
»Ganz ausgezeichnet.«
»So kann ich auch alles andere kochen, alles, und ebenso verstehe ich auch zu backen. Aber nicht für Dich.«
»Warum denn gerade nicht für mich?«, fragte ich ahnungslos und daher verwundert.
Mir war entgangen, wie ihr reizendes Gesichtchen, das eben noch so heiter gewesen, plötzlich recht betrübt geworden war, ich hatte gerade anderswohin geblickt.
»Ich kann Deine Squaw nicht werden.«
»Weshalb denn nicht?!«, rief ich bestürzt, als ob wir schon alles abgemacht hätten, und nun plötzlich erhielt ich eine Absage.
»Ich bin gebunden.«
Was in diesem Augenblicke in meinem Inneren vor sich ging, will ich nicht schildern, könnte es auch nicht.
»Weshalb hast Du da erst gesagt, Du wolltest als meine Squaw hier bleiben?«
»Tat ich das? O nein, o nein, da hast Du mich falsch verstanden. Ich habe doch nur gesagt, was ich alles für Dich tun würde, wenn ich Deine Squaw wäre.«
In der Tat, so war es! Jetzt entsann ich mich ihrer Ausdrucksweise.
Sie hatte immer das Wörtchen »würde« benutzt. Würdest Du mich dulden? Würde ich Deine Einsamkeit stören? Ich würde für Dich kochen und Deine Kleider nähen. Und so weiter und so weiter. Jetzt entsann ich mich dessen ganz deutlich.
Sie hatte mir den Mund vergebens wässerig gemacht, um mich ganz prosaisch oder vielmehr vulgär auszudrücken.
In meinem Innern war mir anders zumute. Als wäre plötzlich etwas gebrochen oder verschwunden, was mit zu meinem Leben gehört hatte. Es war plötzlich eine unsägliche Leere im Herzen entstanden.
Doch ich bleibe bei der Sache, wie ich auch wirklich tat. Angemerkt hätte niemand mir etwas.
»Wieso bist Du gebunden?«, fragte ich ganz ruhig, als handele es sich um das Engagement eines Dienstmädchens.
Sie ging nicht direkt darauf ein.
»Ich habe den ganzen Tag viel, viel zu tun, kann niemals fort.«
»Du bist doch heute bei mir.«
»Heute habe ich frei und so jeden zehnten Tag. Ja, nicht einmal des Nachts könnte ich bei Dir sein. Ich habe auch sehr viel Nachtdienst.«
»Was für Nachtdienst?«
»Das wirst Du niemals erfahren.«
Indem sie dies sagte, hatte sie sich vorgebeugt, um das Milchkännchen zu fassen, das etwas weit entfernt von ihr stand.
Und da hatte ich einen Anblick!!
Einen Anblick, um den mich die Götter beneidet haben würden!
Aber ich sah dabei auch noch etwas anderes, etwas Weißes, und es war groß und deutlich genug, dass meine scharfen Augen es sofort erkennen konnten.
Es war eine in weißer Farbe ausgeführte Tätowierung. Sie stellte, ganz scharf zu erkennen, einen Skorpion dar, der vielleicht sechs Zentimeter lang gewesen wäre, wenn er nicht den Schwanz erhoben hätte, über den Rücken nach vorn gebogen, um sich mit dem Stachel der Schwanzspitze, den ich sogar noch ganz deutlich erkennen konnte, so scharf war die Zeichnung, selbst in den Leib zu stechen.
Wie es der Sage nach Skorpione tun sollen. In Gegenden, in denen Skorpione vorkommen, behaupten viele Menschen das so steif und fest, dass doch etwas Wahres daran zu sein scheint. Nur dürfte dabei nicht das vorliegen, was wir einen Selbstmord nennen, sondern der Skorpion sticht sich vor Wut ins eigene Fleisch.
Und bei dem Anblick dieses Skorpions nun dachte ich auch noch etwas anderes.
Es ist wohl bekannt genug, dass viele wilde Völkerschaften die Schlange als eine Gottheit anbeten. Unter den freien Negern in Amerika, die man aber doch schon als halbzivilisierte Menschen betrachten muss, wird auch noch sehr viel Schlangendienst getrieben. Selbst in unsere Vorstellungen greift die Schlange als Symbol herüber. Man erinnere sich an den Äskulapstab, um den sich eine Schlange wickelt, und in unserer Religion gilt die Schlange als Symbol des Bösen.
So ist die Schlange denn auch ganz speziell das Wahrzeichen für die Magie, für die schwarze Kunst. Und zwar findet man sie dann kreisförmig geringelt und sich selbst in den Schwanz beißend. Wer sich der Magie ergibt, der bringt sich eben selbst den tödlichen Stich bei.
Und indem ich nun an dieses beides zugleich dachte, den so weit verbreiteten Schlangendienst und das Symbol der Magie miteinander verschmolz, kam mir sofort eine ganz klare Erkenntnis.
Hier hauste eine religiöse Sekte, welche einmal nicht die doch meist giftige Schlange, sondern den giftigen Skorpion als Gottheit anbetete oder bei der doch sonst wie der Skorpion eine große Rolle spielte, und dieses braune Mädchen hier stand im Tempeldienst, war vielleicht sogar eine Priesterin.
Dann muss ich gleich noch erwähnen, dass sofort meine lebhafte Phantasie zu spielen begann, obgleich ich mir ihrer damals selbst noch gar nicht bewusst war, nichts davon wissen wollte.
Augenblicklich sah ich mit meinen geistigen Augen eine wilde Szene, eine wahnsinnige Orgie wurde gefeiert, halbnackte Männer und Frauen tanzten im roten Fackelscheine um ein Standbild, und dieses war lebendig, und es war hier dieses schöne, holdselige Mädchen, jetzt aber schauderhaft mit Skorpionen behangen, selbst als Skorpion maskiert — —
Genug! Solche phantastische Bilder, die im Moment entstehen und wieder vergehen, lassen sich ja gar nicht beschreiben.
Aber das Richtige hatte ich sicher schon getroffen: ich hatte die Priesterin oder doch Tempeldienerin einer religiösen Sekte vor mir!
Und das sollte mir denn auch gleich bestätigt werden, wenn auch nicht so ganz direkt, aber doch deutlich genug.
Sakuntala hatte das Milchtöpfchen nicht ergriffen, ihr musste plötzlich ein anderer Gedanke gekommen sein, es ging etwas mit ihr vor.
Sie richtete ihren Oberkörper langsam wieder empor. ihre rehbraunen Augen nahmen plötzlich einen ganz anderen, starren Ausdruck an.
»Wenn Du wüsstest, wer ich bin!«
So sprach sie wie mit feierlicher Betonung, und da ging die Verwandlung auch in ihren Zügen vor sich.
Das liebreizende Antlitz schien plötzlich zu erstarren, schien wie gemeißelt oder aus roter Bronze gegossen, nahm den Ausdruck unnahbaren Stolzes an, und so richtete sich das Mädchen langsam empor, wozu es bei der bisherigen Stellung mit untergeschlagenen Füßen nicht die Hände zu Hilfe nehmen brauchte, um sich vom Boden abzustützen, sie wuchs wie aus diesem heraus, bis sie aufrecht stand, die Augen immer geradeaus gerichtet.
Und jetzt kam in das Gesicht auch noch etwas wie Verzückung, ohne dass es seine starre Feierlichkeit aufgab, eine ganz seltsame Vermischung von glückseliger Verzückung und starrem Stolze.
»Ich bin eine Mahadeia!«, erklang eine ganz andere, mir fremde Stimme, aus ihrem Munde kommend. »Erkenne, dass ich eine Mahadeia bin!«
Und langsam wandte sie sich um, begab sich schwebenden Ganges nach jener Grotte, in welcher die Quelle sprudelte, dann noch etwas in einer Rinne auf dem Boden fließend, um dann wieder in einer Felsspalte zu verschwinden.
Diese Wassergrotte befand sich also gleich neben dem Eingange meiner Höhle, wir saßen dicht davor, es war ja eigentlich nur eine Nische, sie hatte nur einige Schritte zu machen, und ich sah alles, was sie tat, zumal sie mir die Seite zukehrte.
Sie bückte sich, tauchte ihre Hände in das am Boden fließende Wasser, machte kreisförmige, formende Bewegungen, hob die Hände wieder, und da hatte sie in diesen plötzlich eine Glaskugel, so groß wie eine mäßige Kegelkugel.
Mit dieser Glaskugel — so will ich das Ding bezeichnen, für etwas anderes hätte ich es doch nicht halten können, sie hatte sie aus dem Wasser geholt — kehrte Sakuntala zurück, sie in den etwas vorgestreckten Händen haltend, mit eigentümlich schwebendem Gange, den ich vorher nicht an ihr bemerkt hatte, und mit noch immer starrem, feierlichem und dennoch wie vor himmlischer Seligkeit verzücktem Gesichtsausdruck — — bis an den Feuerplatz.
»Erkenne, dass ich eine heilige Mahadeia bin!«
So sagte sie nochmals mit der seltsamen, ganz veränderten Stimme, diesmal nur noch das Wort »heilig« einschiebend, und da plötzlich zerfloss die Glaskugel in ihren Händen, fiel als ein Wasserstrom herab, zum Teil auf den Boden, zum Teil in einen leeren Topf, zum Teil auch in das Feuer, und, wo es getroffen wurde, verlöschte es zischend.
Mein Staunen lässt sich denken. Da soll man nicht staunen, ob solch eines Wunders!
Sie hatte das Wasser dort aus der Quelle in ihren Händen bis hierher getragen, in Gestalt einer Kugel; zu einer solchen war das von ihr geformte Wasser in ihren Händen erstarrt, bis es, am Ziele angekommen, wieder zerrann, eben zu Wasser!
So viel Wasser war es gewesen, dass der dritte Teil noch genügte, um einen Topf, der etwa einen Liter fasste, ziemlich zu füllen!
Sollte es nicht Leser genug geben, denen da gleich etwas einfällt?
Mir geht es ebenso. Ich zitiere den Anfang eines Gedichtes von Goethe, betitelt: »Legende«:
Wasser holen geht die reine
Schöne Frau des hohen Brahmen,
Des verehrten, fehlerlosen,
Ernstester Gerechtigkeit.
Täglich von dem heil'gen Flusse
Holt sie köstliches Erquicken; —
Aber wo ist Krug und Eimer?
Sie bedarf derselben nicht.
Sel'gem Herzen, frommen Händen
Ballt sich die bewegte Welle
Herrlich zu kristallner Kugel;
Diese trägt sie, frohen Busens,
Reiner Sitte, holden Wandelns,
Vor den Gatten in das Haus.
Dies ist der Anfang der Dichtung. Nun sei bloß noch erzählt, für die, welche sie nicht kennen: Eines Tages erblickt die junge Frau einen schönen Jüngling, findet Wohlgefallen an ihm, wenn es auch nur eine augenblickliche Regung ist, und — — als sie nun wie gewöhnlich Wasser schöpfen will, auf ihre magische Weise, es als Kugel nach Hause tragend, da kann sie es nicht mehr, ihre Wunderkraft versagt. Und als sie nun mit leeren Händen ankommt, da weiß ihr Mann sofort, was vorliegt, fragt nicht erst lange, tötet sie augenblicklich.
Da ich also dieses Gedicht gut kannte, gar oft über das mir darin Unverständliche nachgegrübelt hatte, musste ich natürlich auch jetzt sofort daran denken.
Welche wunderbare Ähnlichkeit!
Aber im nächsten Moment war dies alles für mich kein Wunder mehr. Wenn ich auch nicht direkt wusste, wie die Sache hier zustande kam, eine Erklärung hatte ich dennoch.
Wenn jemand im Innern Afrikas eine Eismaschine besitzt und er lässt vor versammeltem schwarzem Publikum Wasser zu Eis gefrieren, das man hier sonst gar nicht kennt — — na, für diese Neger ist das natürlich ein unfassbares Wunder.
Der Mann, der hier offenbar zu befehlen hatte, Loke Klingsor, hatte behauptet, dass es Menschen gebe, welche der anderen Welt an Erfindungen und dergleichen um einige Jahrhunderte voraus seien, hatte so etwas auch schon durch den Pappkarton bewiesen, auf dem eine Fotografie entstand, der plötzlich heiß wurde, und so weiter und so weiter.
So etwas lag hier auch vor. Das Mädchen hatte irgend etwas bei sich, wodurch das Wasser auf irgendeine Weise so verwandelt oder doch beeinflusst wurde, dass es sich zur Kugel ballte, die man in den Händen tragen konnte. Vielleicht gefror es wirklich im Moment, Kugelform annehmend, oder es brauchte auch kein Eis gewesen zu sein.
Das Wasser konnte auch in irgendeinen anderen Aggregat- oder sonstigen Zustand gekommen sein, in dem die Moleküle gewissermaßen zusammenklebten.
Ich dachte an das sogenannte Leidenfrost'sche Phänomen, wobei der Wassertropfen auf der glühenden Platte doch ebenfalls in einen anderen Zustand kommt, in den sogenannten sphäroidalen — jedes KonversationsLexikon gibt darüber nähere Auskunft unter dem Stichwort »Leidenfrost« — worauf wieder das »Wunder« der Unverbrennlichkeit beruht: in jeder Eisen- oder Gelbgießerei findet man einen Mann, der für fünf Groschen seine Hand in das glühendflüssige Metall taucht, ohne auch nur eine Brandblase zu bekommen, und wer das zum ersten Male sieht und kennt das physikalische Gesetz nicht, na, für den ist das dann ebenfalls ein »Wunder«.
Das Mädchen hatte irgend etwas bei sich, eine kleine elektrische Batterie oder sonst etwas, was, in Betrieb gesetzt, das Wasser eben für einige Zeit so beeinflusste, dass es sich als Kugel in den Händen tragen ließ.
Hiervon brauchte aber Sakuntala selbst gar nichts zu wissen. Sie konnte an eine magische Kraft glauben, die ihr innewohne, dies zustande brachte. Den Apparat hielt sie für einen zauberhaften Talisman. Um das »Wunder« zu bewerkstelligen, musste sie diesen berühren, mit einer so unauffälligen Bewegung, dass sie mir entgangen war. Sie drückte auf einen Knopf, der Mechanismus funktionierte, ein elektrischer Strom trat in Tätigkeit oder sonst etwas. So stellte sie das Ding auch wieder ab, das Wasser zerrann wieder. Und sie selbst glaubte immer an ihre Zauberkraft.
Hatte nicht alles Hand und Fuß, was ich mir als Erklärung zurecht legte?
Ich hatte dazu nur einen einzigen Moment gebraucht, das menschliche Gehirn arbeitet ja bei solchen Gelegenheiten sehr schnell.
Sobald die scheinbare Kristallkugel in ihren Händen zerflossen war, nahmen die Gesichtszüge des Mädchens wieder ihren früheren Ausdruck an, der feierliche Ernst, die Starrheit wichen, das Antlitz wurde wieder lieblich, dass sie mich ganz erstaunt anblickte.
Sie betrachtete ihre nassen Hände, den nassen Boden, das noch zischende Feuer.
»Was war das?«
Ich glaubte nicht, dass sie mich belog. Sie wusste wirklich nicht, was sie getan hatte. Das sah ich ihr gleich an. Die konnte ja überhaupt gar nicht lügen, sich nicht verstellen. Sie war, wie die Okkultisten sagen, in Trance gefallen, eine Art Traumzustand. Das kam noch hinzu. Aber das machte mir nichts aus. Bei meiner Erklärung, wie ich mir die Sache zurecht legte, blieb es.
»Du hast dort aus der Quelle Wasser geholt.«
»Auf welche Weise?«
»Das Wasser ballte sich in Deinen Händen zur Kugel. So trugst Du es her, hier zerfloss die Kugel wieder.«
Da erschrak sie furchtbar.
»O, was habe ich getan! Wie konnte mir das passieren!«
Aber der Vorgang schien für sie doch keine schreckliche Bedeutung zu haben, schnell hatte sie sich wieder gefasst, machte eine wegwerfende Handbewegung und ein schnippisches Mündchen.
»Na, ich kann nichts dafür — — Habe ich sonst noch etwas getan?«
»Nichts weiter.«
»Habe ich dabei etwas gesagt?«
»Du fingst erst an: ›Wenn Du wüsstest, wer ich bin.‹«
»Ja, dessen entsinne ich mich. Und was dann weiter?«
»Dann sagtest Du: ›Ich bin eine Mahadeia, erkenne, dass ich eine Mahadeia bin.‹«
Wieder ein kleiner Schreck, aber eben nur ein kleiner, der ebenso schnell überwunden ward.
»Sagte ich sonst noch etwas?«
»Dasselbe noch einmal, als Du wieder hier warst und die Wasserkugel in Deinen Händen zerrann: ›Erkenne, dass ich eine heilige Mahadeia bin.‹«
Also ich war so gewissenhaft, dass ich beim zweitem Male auch nicht das zugefügte »heilig« vergaß.
»Sonst noch etwas?«
»Nichts weiter.«
»Ich sprach deutsch?«
»Jawohl.«
»Weißt Du, was eine Mahadeia ist?«
Nein, ich wusste es nicht, obwohl es mir wenigstens zum Teil kein gänzlich fremdes Wort war. Ich kann kein Sanskrit, nicht Hindustani, keinen anderen indischen Dialekt, habe von alledem gar keine Ahnung — anderseits hatte ich doch schon manches gehört.
Maha heißt so viel wie groß. Maharadscha — Großfürst. Mahatma — Großseele oder Übermensch. Mahadeo ist der Großmeister der Teufel. Dieses letztere wusste ich daher, weil Mahadeo der Kriegsruf ist, mit dem die Kriegselefanten angefeuert werden. Man brüllt ihnen das Wort ins Ohr.
Deia? Was das war, wusste ich nicht. Deva ist so viel wie Gott oder Göttin. Damit brauchte es aber gar nichts zu tun zu haben. Die indischen Worte mit ihren wenigen Konsonanten und vielen Vokalen ähneln manchmal einander sehr, bei ganz verschiedener Bedeutung. Deo ist also der Teufel, Deva aber ein guter Gott, ein Engel.
»Nein, das weiß ich nicht«, durfte ich also ganz ehrlich sagen.
Jetzt malte sich wieder Verwunderung in ihren Zügen ab, als sie mich betrachtete.
»Und Du staunst nicht?«
»Nein. Augenblicklich scheinst Du mehr zu staunen als ich. Worüber soll ich denn staunen?«
»Über das Wunder, das Du auch soeben ausführen sahst.«
»Ach, was das anbetrifft — — weißt Du, was Chemie ist?«
»Das weiß ich.«
»Ein Laboratorium?«
»Ein Raum, in dem man chemische Experimente macht.«
»Richtig! Ich weiß ja nicht, wie weit Du in der Chemie bewandert bist und wie weit ihr hier darin seid — aber komm mal mit mir in eins unserer chemischen und physikalischen Laboratorien, da will ich Dir noch ganz andere Wunder vormachen.«
Ich weiß nicht, ob sie richtig begriff, wie ich das meinte, ob diese Erklärung ihr genügte — sie ließ sich gar nicht weiter darauf ein, setzte sich wieder mit untergeschlagenen Beinen hin, nahm ihre Tasse Schokolade, trank und knabberte Biskuits. Als ob gar nichts geschehen wäre. »Nein, ich kann Deine Squaw nicht werden«, begann sie dann wieder, sichtlich betrübt, sonst aber doch die alte, mit demselben liebreizenden, unschuldigen Gesichtchen.
»Schade!«
»Du bedauerst es wirklich?«
»Furchtbar.«
»Ich auch!«, erklang es mit einem tiefen Seufzer.
So, das schönste Liebesgespräch wäre fertig gewesen. Oder doch die Einleitung dazu, es konnte sich weiter entwickeln.
Aber die Sache war die, dass die eine Partei ein naives Kind, die andere ein ausgemachter Stockfisch war. Wenigstens äußerlich! So wurde nichts aus dem poetischen Liebesgespräch; es wurde eher eine Geschäftsverhandlung daraus. So eine Art Dienstbotenengagement. Und zum Dienstpersonal gehört auch die Wirtschafterin, selbst wenn — —
Heiraten werden auch sehr oft durch Annoncen vermittelt.
»Ist es nicht möglich, dass Du zu mir kommst, Sakuntala?«
»Nein, es geht nicht«, antwortete sie und schüttelte schwermütig das Köpfchen.
»Wenn ich nur wüsste, was für ein Dienst das ist, den Du hast, sogar in der Nacht!«
»Das darf ich nicht sagen.«
»Bindet Dich ein Gelübde?«
»Ja«, wurde ganz unbefangen zugegeben.
»Hast Du das selbst abgelegt?«
»Nnnnein«, kam es zögernd heraus, »ich selbst eigentlich nicht.«
»Wer hat es statt Deiner abgelegt?«
»Das — darf ich nicht verraten.«
Gut! Schadete nichts! Dass sie das Gelübde nicht selbst abgelegt hatte, das wollte ich nur hören, das gab für mich den Ausschlag. Denn meinen Entschluss hatte ich nun schon gefasst.
»Du darfst wohl gar nicht heiraten?«
»Heiraten«, wiederholte sie, »ja, ich weiß, was Du meinst. Es ist dasselbe, wie wenn man die Squaw eines Mannes für immer wird. Wenn man sich küssen darf.«
Das eine war ganz indianisch, das andere ganz kindlich ausgedrückt.
»Ich wiederhole meine Frage: Darfst Du nicht heiraten?«
»Nein.«
»Überhaupt niemals?«
»Niemals.«
»Dann nur noch eine einzige Frage, die ich unbedingt von Dir beantwortet haben möchte: Wer hat Dir von mir erzählt, Dich hierher geschickt?«
Ich beugte mich vor und schaute sie scharf an.
»Das — darf ich nicht sagen.«
»Aber Du bist hierher geschickt worden?«
»Ja. Hier am Strande hause seit einigen Tagen ein einsamer Mann, der aber doch gern einmal Besuch haben möchte.«
»Was hat man sonst noch von mir gesagt?«
»Dass Du Karl Willmer hießest.«
»Und?«
»Dass eine wohnliche Höhle für Dich eingerichtet worden sei.«
»Und?«
»Sonst nichts weiter.«
»Woher ich komme?«
»Das hat er mir nicht gesagt.«
»Hast Du ihn deswegen nicht gefragt?«
»Nein.«
»Interessierte Dich das nicht?«
»O doch!«
»Weshalb hast Du ihn da nicht gefragt?«
»Ich durfte nicht.«
»Er hat es Dir verboten?«
»Nein, das nicht gerade. Er steht zu hoch über mir, als dass ich ihn so etwas eigenmächtig fragen dürfte.«
»Wer ist dieser Mann? Wie heißt er?«
»Das darf ich nicht sagen.«
»Wenn ich nun seinen Namen nenne, wenn ich ihn errate, wirst Du mit Ja oder Nein antworten?«
»Na, da frage mal!«, erklang es leichthin.
»Heißt er Klingsor?«
»Klingsor?«, wurde verwundert wiederholt.
»Loke Klingsor.«
»Ich habe diesen Namen noch nie gehört.«
Sie sprach die Wahrheit, ich sah es ihr an, sie konnte sich nicht verstellen.
Und mit einem Male, ehe ich fortfahren konnte, hatte sie sich anders besonnen.
»Ich weiß nicht, weshalb ich Dir seinen Namen verheimlichen soll, es ist mir nicht verboten worden, und Du kennst ihn ja doch nicht.«
»Nun?«
»Der Fürst des Felsens selbst ist es gewesen.«
»Der Fürst des Felsens?«, konnte nun wieder ich nur wiederholen.
»Der Fürst des Feuers!«, wurde zögernder noch hinzugesetzt.
Ja, was wusste ich von einem Fürsten des Feuers?
Ehe ich dazu kam, von ihr eine Beschreibung dieses Mannes zu fordern oder selbst eine solche Klingsors zu geben. wobei ich aber schon daran dachte, wie dieser Mann sein Aussehen verändern konnte, selbst die Farbe seiner Augen, wurde unsere Unterhaltung unterbrochen, heute für immer beendet.
Sakuntala hatte einmal nach der Felsenwand geblickt, jedenfalls nach dem Schattensaume, der immer schmaler wurde, und plötzlich sprang sie empor.
»O, es ist gleich Mittag, ich muss fort!!«
Auch ich hatte mich schnell erhoben, weil es aussah, als würde sie gleich fliehen.
»Ich denke, Du hast heute den ganzen Tag frei?«
»Nicht den ganzen, nur den halben.«
»Du sprachst von einem ganzen.«
»Ja, indem es von Mittag zu Mittag geht. Gestern Mittag hat mein freier Tag begonnen.«
»Ach so!«
Sie reichte mir mit einem unsagbar reizenden Lächeln und doch zugleich traurigen Ausdruck die Hand.
»Darf ich wiederkommen?«
»Das ist nun eine Frage! Wann kommst Du wieder?«
»In zehn Tagen.«
»Dann kommst Du aber gleich nach der Mittagszeit.«
»Nein, das kann ich nicht.«
»Warum denn nicht?«
»Am Vormittage muss ich zu Hause bleiben, auch wenn ich frei habe, und in der Nacht natürlich erst recht. Dann darf ich mich von Sonnenaufgang bis zum Mittag frei bewegen, überallhin gehen, wohin ich will.«
»So erwarte ich Dich bestimmt in zehn Tagen wieder.«
»Ich komme sicher.«
»Kann nicht ich Dich einmal besuchen?«
»O nein, o nein!«, wehrte sie erschrocken ab.
»Hast Du weit von hier?«
»Nicht allzu weit. Lebewohl!«
Sie wollte gehen und zögerte doch noch. Ich wusste, was ihr noch fehlte, und machte kurzen Prozess.
Hohepriesterin oder nicht — ich nahm sie in meine Arme und küsste sie herzhaft.
Willmer nahm Sakuntala in seine
Arme und küsste sie herzhaft.
Es konnte kein ungeheuerlicher Frevel sein, den ich beging, konnte ihrer heiligen Priesterschaft keinen großen Abbruch tun. Sie war mir schon sowieso halb und halb entgegengekommen, und jetzt erwiderte sie meine Küsse aufs zärtlichste.
Ganz selig, mit geschlossenen Augen, lag sie in meinen Armen. Als ich sie endlich freigab, war sie wohl schamerfüllt, aber die Hast, mit der sie sich jetzt abwandte, hatte einen ganz anderen Grund, als dass sie mich wie eine Sünde hätte fliehen müssen.
»Fort! Ich muss fort oder ich komme zu spät, ich werde gescholten! In zehn Tagen auf ein Wiedersehen! Und dann einige Stunden länger, ich komme schon bei Sonnenaufgang!«
Noch ein Winken, ein allerliebstes Kusshändchen, und sie eilte wie ein flüchtiges Reh durch das kniehohe Gras dem Osten zu, aber von der Felswand etwas abhaltend.
Ich blickte ihr nach. Mit einem Male verschwand sie in dem Grase, tauchte darin gleichsam unter, kam nicht wieder zum Vorschein.
Dort musste eine Bodensenkung sein, kaum hundert Schritte von mir entfernt. So weit war ich in dieser Richtung aber noch gar nicht gekommen.
Ich war allein. Wie mir zumute war, vermag ich nicht zu schildern, nur Andeutungen geben.
Ich besitze eine Doppelnatur, und die spaltete sich jetzt einmal im höchsten Grade.
Nein, ich war kein Weiberfeind und kein Stockfisch.
Aber ich hatte noch nie ein Weib geliebt außer meiner Mutter. Und das ist ja etwas ganz anderes.
Kurz und gut, zum ersten Male war die Liebe in meinem Herzen erwacht. Wahrhaftig es war meine erste Liebe!
Und wie es mich packte!
Wie mein Herz hämmerte!
Wie das Blut durch die Adern jagte!
Und wie selig, ach, wie selig war mir plötzlich!
Mein Kopf aber arbeitete dabei ganz ruhig. Da war ich Mathematiker, meinetwegen auch kühl berechnender Geschäftsmann.
»Dieses braune Mädchen wird die meine!«
So sagte ich mir mit kalter Entschlossenheit.
Weil sie Priesterin irgendeiner religiösen Sekte war, deswegen niemals das Weib und die Geliebte eines Mannes werden durfte?
Bah!
Wie wollte man sie mir denn vorenthalten? Da hatte ich schon andere Schwierigkeiten besiegt. Durch eiserne Willenskraft! Als Sportsmann!
Ha, man sollte einmal versuchen, mir dieses Mädchen vorzuenthalten, wenn sie selbst gewillt war, mit mir zu gehen!
Sie regelrecht heiraten? Das war nicht unbedingt nötig. Wenn es jedem Fürsten erlaubt ist, eine Ehe zur linken Hand einzugehen, wer wollte es mir verbieten? Höchstens mein eigenes Gewissen. Das aber gab mir hierzu vielmehr ohne Weiteres die Erlaubnis. Es war zweifellos eine Indianerin, sie nannte sich selbst eine Squaw, sagte, sie könne nur eine solche werden, müsse dem Manne wie eine Sklavin dienen. Was wusste die von priesterlichem Segen! — —
Und dass ich alles andere als ein Wüstling war, das hat sich nun wohl schon erwiesen.
Zuerst wollte ich einmal sehen, wo sie geblieben war, wie weit ich ihre Spur verfolgen konnte, wobei ich auch gleich einmal Wodans Nase prüfen konnte.
Ja, der Hund verstand sofort, was ich von ihm wollte, nahm ihre Spur sogleich auf.
Wie wollte sie mir denn da verheimlichen, wo sie zu Hause sei? Ich folgte der Spur eben bis dorthin nach.
Aber so einfach war die Sache eben nicht.
Dort, wo sie im Grase untergetaucht war, war wirklich eine Bodensenkung, die sich von Norden nach Süden endlos hinzog, so weit meine Augen reichten. Auf der einen Seite kam sie als Öffnung aus der Felswand heraus, dann schien sie dort in dem Urwald zu verlaufen.
Und diese Bodensenkung war mit Wasser gefüllt, war ein Fluss. Sie hatte ein Boot benutzt. Denn beide flachen Ufer waren feinsandig, auf dieser Seite erkannte ich aus Spuren, dass hier ein kleines Boot gelegen hatte, hier war also auch ihr Füßchen abgedrückt; jenseits war der feine Sand ganz unberührt.
Im Wasser konnte Wodan eine Spur freilich nicht verfolgen. Ich kehrte zurück.
Sollte ich mir einmal per Telefon Auskunft über dieses rotbraune Mädchen holen — zu holen versuchen? Ja, ich hätte es getan, Klingsor selbst gefragt. Aber der war heute nicht zu sprechen. Und einen anderen wollte ich deshalb nicht fragen.
So betrat ich die Höhle nur, um die Sachen wieder einzuräumen. Ich liebe die Ordnung.
Ich musste fast unbedingt beim Eintreten immer zuerst in jenen Spiegel sehen, und da bemerkte ich, dass seine Scheibe, sonst immer ganz rein, plötzlich angelaufen war, ganz blind.
Dann hatte Klingsor mich angerufen. Ich hatte das Klingeln nicht gehört, daraufhin hatte er den Spiegel erblinden lassen. So war doch ausgemacht worden.
Ich öffnete die Tür.
»Herr Willmer?«, fragte eine mir wiederum fremde Stimme.
»Hat mich vielleicht Herr Klingsor angerufen?«
»Jawohl, ich werde ihn sofort benachrichtigen — —«
»Sie wünschen, Herr Willmer?«, erklang da schon die sonore, prächtige Stimme. »Sie haben mich heute früh sprechen wollen.«
»Ja, aber was ich heute früh von Ihnen wollte, weiß ich nicht mehr; jetzt handelt es sich bei mir um etwas anderes.«
»Bitte, ich stehe Ihnen zu Diensten, so weit ich kann.«
»Sind wir allein? Hört ein anderer das Gespräch mit?«
»Sprechen Sie ganz ungeniert, auch das Ihnen Heimlichste, wenn Sie es mir anvertrauen wollen.«
»Ich habe vorhin Besuch bekommen.«
»Aha!«
»Ein junges Mädchen von kupferbrauner Farbe, das sich Sakuntala nennt.«
»Aha! Nun, waren Sie mit diesem ersten Besuche zufrieden? Hat sie Ihnen gefallen?«
»Wer ist dieses Mädchen?«
»Hat sie es Ihnen nicht selbst gesagt?«
»Nein. Nur ganz unbestimmte Andeutungen.«
»Ich kann Ihnen leider auch keine weiteren Auskünfte geben.«
Ich holte gewissermaßen zu einem Ansturm aus.
»Herr Klingsor! Sie haben mich doch nun schon etwas kennengelernt, oder ich müsste mich sehr irren. Sie schicken mir da ein junges, reizendes Mädchen zu. Und ich bin doch auch noch ein junger Mann. Ich habe Ihnen auf Ihre Frage geantwortet, dass ich kein Weiberfeind bin. Wissen Sie, was für Unheil Sie angerichtet haben?«
Ich hatte ganz offen gesprochen.
»Es ist doch nichts passiert?«, erklang es mit recht eigentümlicher Stimme.
Und vor meinen geistigen Augen sah ich plötzlich ein höhnisch grinsendes Teufelsgesicht — — seltsam aber, es war dabei doch ein überaus gutmütiges Teufelsgesicht, dessen Besitzer ich nichts Schlechtes zugetraut hätte.
»Nein, es ist nichts passiert. Aber es hätte leicht sein können. Und Sie wissen doch selbst, dass es ein unschuldiges Kind ist, das Sie mir da zugeschickt haben — —«
»O nein, Sakuntala ist kein Kind mehr, das ist ein reifes, heiratsfähiges Weib, hat nach den Gesetzen, denen sie untersteht, das heiratsfähige Alter sogar langst überschritten.«
»Na, Sie wissen schon, wie ich das meine. Wie reimt sich nun Ihre Handlungsweise und Ihre Ehrenhaftigkeit zusammen, Herr Klingsor?«
»Sie haben recht, wenn Sie diese Frage an mich richten«, erklang es jetzt sehr ernst. »Aber Sie werden gleich erkennen, dass Sie sich in mir getäuscht haben, wenn Sie darin an mir zweifeln. Lassen Sie mich erst einmal fragen. Sakuntala hat Eindruck auf Sie gemacht?«
»Ich habe mich sterblich in sie verliebt«, erklärte ich gleich ganz offen.
»Und sie?«
»Wäre bereit, meine Squaw zu werden, wie sie sich immer ausdrückte.«
»Aber? Steht dem etwas im Wege?«
»Jawohl. Sie darf nicht.«
»Weshalb nicht? Hat sie das gesagt?«
»Sie hätte Tag und Nacht Dienst, nur jeden zehnten Tag frei, dürfe überhaupt niemals heiraten, oder, wie sie sich immer ausdrückte, niemals die Squaw eines Mannes werden, sei durch ein Gelübde gebunden.«
»Hat sie gesagt, was für Dienste das seien, die sie leisten muss?«
»Nein, das tat sie nicht.«
»Können Sie es sich vielleicht denken?«
»Ich möchte sie für die Priesterin irgendeiner religiösen Sekte halten.«
»Wie kommen Sie auf diese Vermutung?«
»Nun, sie liegt ziemlich nahe. So ein junges, schönes Mädchen, eine Indianerin, deren Hände keine Spur von Arbeit aufweisen. Es wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, dass ich auf ihrer Brust die weiße Tätowierung eines Skorpions sah.«
So hatte ich offen gestanden — nicht etwa als Schwätzer, sondern in kühl erwogener Absicht. Ich wollte da durchaus keine Heimlichkeiten haben.
Hingegen den Fall mit dem Wassertragen, wie sie sich im traumhaften Zustande eine Mahadeia genannt hatte, das würde ich niemals berichten. Denn das hätte dem Mädchen Unannehmlichkeiten bereiten können.
»Auf Ihrer Brust? Oho, Oho!!«
»Da gibt es gar nichts zu ohon!«, rief ich etwas scharf in das schwarze Loch hinein. »Als wir im Freien am Feuer saßen und Schokolade tranken, beugte sie sich etwas vor, dabei sah ich zufällig auf ihrer Brust einen weißen Skorpion tätowiert.«
»Ich bitte um Entschuldigung. Ich zweifele nicht im Geringsten an Ihrer Ehrenhaftigkeit, und Sie sollen es auch nicht an meiner.
Hören Sie mich an, Herr Willmer!
Ich glaube, Ihren Charakter zu kennen, und Ihre Absichten haben Sie selbst mir offenbart.
Sie wünschten, ein ganz einsames, beschauliches Leben zu führen; die Möglichkeit dazu habe ich Ihnen gegeben.
Ohne, dass Sie an so etwas dachten, habe ich gefragt, ob Ihnen ab und zu ein Besuch angenehm sei, der Ihrem Geschmacke entspricht.
Es wäre Ihnen zu verdenken gewesen, wenn Sie nicht zugesagt hätten, zudem ich Ihnen ganz besondere, originelle Personen in Aussicht gestellt hatte.
Auch von Damenbesuch sprach ich. Sie hatten nichts dagegen.
Da habe ich Ihnen nun das junge, schöne, braune Mädchen zugeschickt, von dem Sie ganz richtig annehmen, dass es eine Indianerin und Priesterin ist. Das Erstere wird Sakuntala Ihnen wohl nicht selbst gesagt haben; sie weiß gar nichts von Indianern.
Nun wäre es ja geradezu ein ungeheurer Frevel gewesen, hätte ich Ihnen das Mädchen zugeschickt, nur damit Sie mit ihr einmal ein Stündchen plaudern können.
Ja, Sakuntala ist dem Herzen nach noch ein Kind, die Liebe hat sie noch nicht berührt, wie ich bestimmt weiß, und Ihre Ehrenhaftigkeit kenne ich eben. Sie würden an solch einem harmlosen Geschöpfe doch niemals zum Verführer werden, eine günstige Gelegenheit ausnutzen, von Brutalität und dergleichen gar nicht zu sprechen.
Aber wie es sonst kommen würde, das lag doch ziemlich klar auf der Hand, da brauchte ich nicht erst das Schicksal zu befragen, ich bin auch in so etwas ein Mann der Erfahrung.
Nein, Herr Willmer, ich würde niemals solch ein frevelhaftes Spiel mit einem Menschen treiben, in seinem Herzen eine glühende Sehnsucht erwecken, ohne die Möglichkeit, sie jemals zu befriedigen.
Herr Willmer! Ihrer Verbindung mit Sakuntala steht gar nichts im Wege.«
Der Sprecher schwieg
Und ich hätte laut aufjauchzen, noch lieber diesem Manne mit den Teufelsaugen um den Hals fallen mögen.
Denn, was ich da zu hören bekam, das war mir natürlich viel lieber, als wenn ich erst Pläne hätte entwerfen müssen, wie das begehrte Mädchen die meine werden könne — Pläne, deren Ausführung sich dann vielleicht als unmöglich erwiesen hätte und die scheiterten.
»Klingsor, Sie sind ein Engel!!«, rief ich mit mehr Enthusiasmus, als mir sonst eigen ist.
»Nein, ein Teufel bin ich«, klang es mit spöttischem Lachen zurück. »Allerdings ein gutmütiger Teufel, das stimmt — Aber, Herr Willmer, nur unter gewissen Bedingungen kann Sakuntala Ihnen gehören.«
»O weh! Nun kommt der hinkende Bote nach!«
»Nicht so, wie Sie meinen. Also die Sache ist die, dass Sakuntala tatsächlich durch ein Gelübde gebunden ist, niemals heiraten oder die Geliebte eines Mannes werden, überhaupt das Heiligtum, dem sie dient, gar nicht verlassen darf, bis auf wenige freie Tage im Monat.
Für das Mädchen sind das eiserne Gesetze, die unmöglich gebrochen werden dürfen, und so werden auch alle anderen urteilen, die hierbei zu entscheiden hätten.
Aber für mich, der ich hier zu gebieten habe, ist es eine Kleinigkeit, da Abänderungen zu treffen, ohne die Gesetze direkt zu brechen, ohne dadurch eine Revolution zu erzeugen.
Und nun zu unseren Bedingungen.
Die erste ist die, dass Sakuntala freiwillig die Ihre wird. Ist dies der Fall?«
»Ganz gewiss!«, entgegnete ich. »Wir waren bereits einig, wenn für das Mädchen eben nicht jenes Hindernis bestände.«
»Gut! Darüber wird sie ja selbst noch einmal befragt werden. Die zweite Bedingung ist, dass Sie nicht auf einer regelrechten Heirat nach christlicher Zeremonie bestehen.«
»Darauf verzichte ich ganz gern«, entgegnete ich lachend.
»Eine Zeremonie findet überhaupt nicht statt.«
»Auch nicht eine indianische Hochzeit?«
»Auch nicht. Sakuntala folgt Ihnen in Ihre Höhle oder sonstige Behausung, als Ihre Frau, als Ihre Squaw, als Ihre Dienerin.«
»Da habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Und die dritte Bedingung?«
»Sakuntala bleibt nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang bei Ihnen.«
»Wo ist sie denn tagsüber?«
»Da hat sie nach wie vor ihre priesterlichen Pflichten zu erfüllen. Herr Willmer, wenn Sie hierauf nicht eingehen, kann aus der ganzen Sache nichts werden.«
»O, im Grunde genommen hätte ich nichts einzuwenden, dass meine Frau nur die Nacht über bei mir ist.«
»Recht so! Sie wollen doch auch ein Einsiedlerleben als Jäger und Robinson führen. Was wollen Sie da mit einer Frau, die den ganzen Tag um Sie ist. Außerdem wird sie auch dreimal im Monat am Tage bei Ihnen sein, das heißt von einem Mittag bis zum anderen.«
»Wohl zu der Zeit, in welcher sie sonst frei hat?«
»Jawohl.«
»Also damit wäre ich sogar sehr einverstanden. Wenn ich nur wüsste, was Sakuntala als Priesterin zu tun hat.«
»Weshalb interessiert Sie das so?«
»Nun, gerade angenehm wäre es mir nicht, wenn meine liebe Frau, von der ich vielleicht auch schon als der Mutter meiner zukünftigen Kinder sprechen darf, etwa — —« Mit einem Male wagte ich nicht weiterzusprechen.
»Was wollten Sie sagen?«
»Hm, ich werde einen peinlichen Verdacht nicht los.«
»Was für einen Verdacht?«
»Es ist mir fatal, darüber zu sprechen.«
»Soll ich Ihnen zu Hilfe kommen?«
»Tun Sie es!«
»Ich kann es, ohne Gedankenleser zu sein. Es ist der Skorpion, den Sie gesehen haben.«
»In der Tat.«
»Haben Sie die Tätowierung genauer betrachtet?«
»Der Anblick währte nur einige Sekunden; aber diese genügten mir.«
»In welcher Stellung befand sich der Skorpion?«
»Er stach sich selbst mit dem Giftstachel in den Rücken.«
»Richtig. Und nun will ich Ihnen sagen, was Sie denken: Sie glauben, Sakuntala ist Priesterin einer Sekte, die einem fürchterlichen Fetischdienst huldigt.«
»So ist es«, gab ich offen zu.
»So wie die Ihnen doch bekannten, weit verbreiteten Schlangenanbeter Afrikas und jetzt auch Amerikas, meist Neger.«
»In der Tat, das habe ich gedacht.«
»Die scheußliche Orgien feiern.«
»Das ist immer die Hauptsache dabei.«
»Die ihrem Fetisch auch Menschen opfern.«
»Es soll meist geschehen.«
»Ab und zu von diesem Opfer auch ein bisschen kosten.«
»Mit Menschenopfern ist regelmäßig auch Menschenfresserei verbunden. Das bleibt nie aus.«
»Hören Sie, Herr Willmer — sieht dieses braune Mädchen etwa danach aus, als ob es solche Orgien mitmachte, als Oberpriesterin; Orgien, die sie oft sogar leitet, Menschen auf dem Altar opfernd und ab und zu selbst eine Portion Menschenklein verspeisend?«
»O ja, Herr Klingsor, dass lässt sich recht wohl zusammenreimen, die naivste Unschuld mit den blutigsten Scheußlichkeiten. Wenn der Mensch einmal in einem Wahne gefangen ist, gerade in einem religiösen, wenn die gröbsten Ausschweifungen ihm als etwas Heiliges gelten, der Gottheit zu Ehren ausgeübt, wenn ihm das von Kindheit an gelehrt wird —«
»Gut, gut! Ich weiß, was Sie sagen wollen, und ich muss Ihnen recht geben. Aber glauben Sie, Herr Willmer, dass ich hier in meinem Reiche, in dem ich zu gebieten habe, so etwas dulden würde?«
»Hm, das allerdings nicht —«
»Sie kennen mich noch nicht, Sie müssen mich erst noch kennen lernen —«
»Herr Klingsor, ich kenne Sie schon besser, als Sie glauben!«
»Woher?«
Es war mein Entschluss, ihm mitzuteilen, wie ich ihn in der Eisgrotte belauscht hatte. Aber jetzt wollte ich nicht davon anfangen, jetzt hatte ich erst anderes im Kopfe.
»Ich erzähle Ihnen nachher etwas; jetzt wollen wir bei der Sache bleiben.«
»Nein, solch eine religiöse Sekte und Menschen, die so etwas treiben, würde ich niemals in meinem Reiche dulden.«
»Gut, Herr Klingsor, ich bin von der Lauterkeit Ihres Charakters vollkommen überzeugt.«
»Der Skorpion, den Sie als Tätowierung gesehen, hat Sie auf diesen bösen Verdacht gebracht?«
»So ist es.«
»Nein, Herr Willmer, Sie befanden sich im Irrtum. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Diese religiöse Gemeinschaft, die sich hier in meinem Gebiet zusammengetan hat, befleißigt sich vielmehr der höchsten Tugend und Moral, und so ist auch ihre Lebensführung eine tadellose. Ihre Mitglieder, meist buddhistische Inder, Hindus, die gemütvollsten und sanftesten Menschen, die es auf der Erde gibt, denen schon jeder Gedanke an eine Rache eine Kardinalsünde ist, bekämpfen das Böse in der Welt, allerdings nur durch Gebet und feierliche Zeremonien. Dieses böse Prinzip in der Welt stellen sie sich, um der Sache eben einen plastischen Ausdruck zu geben, um sich eine Vorstellung machen zu können, als einen giftigen Skorpion vor, so wie im Christentum das Sinnbild der Sünde die Schlange ist, und ihre Hoffnung ist, dass sich dieser Skorpion dereinst noch selbst den tödlichen Stich beibringen wird. Die Sünde und alles Böse muss durch sich selbst zugrunde gehen. Nur leider haben die Gründer dieser Sekte den unglücklichen Gedanken gehabt, dieses ihr Ziel, den Skorpion, mit dem über den Rücken gebogenen Stachelschwanz, als ihr Wappen und Erkennungszeichen anzunehmen, den Skorpion auch als Tätowierung auf der Brust zu tragen. Das ist die ganze Sache. Die Mitglieder dieser Sekte sind die denkbar harmlosesten Menschen, die helfend einer Ameise beispringen, die ins Wasser gefallen ist. Ohne Heimlichkeit geht solch eine Sektiererei natürlich nicht ab. Aber auch nur von der geringsten — Unsittlichkeit, will ich sagen, bei ihren Versammlungen und Feierlichkeiten ist gar keine Spur.«
So hatte Klingsor gesprochen.
Wir werden später sehen, in welchem schrecklichen Irrtum auch er sich befand, wie furchtbar auch dieser Mann getäuscht werden konnte, sich täuschen ließ, in seinem eigenen Gebiete, wo er alles Treiben auch im entlegensten Winkelchen genau zu kennen und zu kontrollieren glaubte.
Ich muss schon jetzt diese Andeutung machen, weil sonst die langen Ausführungen über diese religiöse Sekte ja ganz zwecklos gewesen wären.
An Sakuntalas Unschuld wurde dadurch allerdings nichts geändert; sie war völlig ahnungslos.
»Na, dann ist ja alles gut!«, rief ich jetzt erleichtert, oder vielmehr von einer wirklich schweren Last befreit, die mich zuletzt stärker und immer stärker bedrückt hatte, wenn ich auch nichts davon gesagt habe.
Denn eine Gattin oder auch nur Wirtschafterin oder Dienerin oder Spielgefährtin zu haben, die den ganzen Tag über fort ist, von der man glaubt oder gar bestimmt weiß, dass sie dann an unzüchtigen und blutigen Orgien teilnimmt, sie sogar leitet — — doch die Sache ist ja erledigt, ich bin über das Gegenteil aufgeklärt worden und zweifle nicht im Geringsten daran. Sakuntala ist nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang bei mir; am Tage ist sie abwesend, mit Ausnahme dreier Tage im Monat, alle zehn Tage, wo sie auch von Mittag zu Mittag bei mir bleiben kann. War es nicht so?
So war es.
»Gut, ich erkläre mich hiermit einverstanden. Das wäre die dritte Bedingung gewesen. Und nun die vierte?«
»Sie dürfen ihr nie folgen, wenn sie des Morgens geht, nie nachforschen, wo sie sich während ihrer Abwesenheit aufhält, auch keine derartige Frage an sie richten.«
»Dann wäre also in diesem Falle Sakuntala gewissermaßen der Lohengrin und ich die Elsa von Brabant?«
»Ganz richtig!«, erklang es lachend. »Und das umso mehr, als Sakuntala Sie sofort wieder verlassen wird, um niemals wiederzukehren, sobald Sie auch nur die kleinste Frage an sie richten, wer sie ist, wohin sie am Morgen geht, wo sie weilt, was sie da treibt, und so weiter. So harmlos auch die ganze Sache ist, gehört das doch mit zu den Gesetzen dieser Sekte, die nun einmal wie jede andere ihre Heimlichkeiten hat — — denken Sie nur an unsere Freimaurerlogen, was denen Schreckliches nachgesagt wurde und noch wird, und wie harmlos die sind, obgleich sie sich doch auch mit Geheimnissen aller Art abgeben, eben um den Nimbus zu wahren — und diese Bedingung muss ich stellen, das bin ich den Upschaniden, wie sie sich nennen, einfach Skorpionsbrüder, schuldig, denn ich habe wegen Freigabe dieser Priesterin schon eine gewaltige Ausnahme zu schaffen. Also geben Sie hierzu Ihr Einverständnis?«
»Jawohl, auch mit dieser vierten Bedingung bin ich einverstanden. Und der weibliche Lohengrin wird niemals seinen Schwan besteigen müssen, um den Herrn Elsa von Brabant für immer zu verlassen. Neugier ist meine Schwäche nicht, wenn ich sonst beruhigt bin, keinen Grund zum Misstrauen habe. Und nun die fünfte Bedingung?«
»Keine mehr. Unter diesen vier Bedingungen wird Sakuntala in Ihre Höhle oder sonstige Behausung kommen, als Ihre Squaw, bei welcher Benennung wir nur bleiben wollen. Das heißt, unter diesen vier Bedingungen wird Sakuntala von den Upschaniden freigegeben, obwohl sie noch immer Priesterin bleibt. Nun allerdings kommt der hinkende Bote nach, von dem Sie vorhin schon ahnungsvoll gesprochen haben.«
»O weh, o weh! Dachte ich es mir doch!«
»Es ist nicht so schlimm; auch diese Schwierigkeit werden wir schon besiegen«, wurde ich gleich getröstet, mit entsprechender Stimme, die sich wirklich bis ins Herz schmeichelte. »Der Fall liegt folgendermaßen: Indem Sakuntala als Oberpriesterin aus dem Geheimbunde entlassen wird — wenn auch nur vorübergehend, worüber ich dann noch sprechen werde — oder indem sie eben die Erlaubnis erhält, eine Ehe einzugehen, als Squaw einem Manne in seinen Wigwam zu folgen, kommt sie auch wieder unter die Gewalt ihres Vaters. Und das ist ein Indianer, ein ganz waschechter. Stahlhand, ein PawneeHäuptling, wenigstens ein gewesener. Und nun kommen die indianischen Sitten und speziell die der Pawnees in Betracht. Diese fordern zunächst, dass der Freier die begehrte Tochter aus dem Wigwam der Eltern entführt, raubt, mit List oder Gewalt —«
»Oho, oho!«, musste ich einmal unterbrechen. »Diese Art von Brautwerbung muss wohl auch ich durchmachen?«
»Jawohl, das müssen Sie, darauf wird Häuptling Stahlhand unbedingt bestehen; er kennt es nicht anders. Das ist wohl nichts für Sie?«
»O ja, das wäre gerade etwas für mich. Wenn ich auch von den Kunstkniffen, die dazu gehören, um eine schöne Indianerin zu entführen, verdammt wenig verstehe, höchstens aus Indianerschmökern, aber beim Fährtensuchen und AufdemBaucheRutschen hilft die Theorie nicht viel —«
»Dafür wird Rat. Der Mädchenräuber kann oder muss eigentlich sogar einen Begleiter haben, der ihm hilft. Nehmen Sie mich als solchen. Wir beide zusammen wollen die Sache schon deichseln.«
»Schön, machen wir! Da nur erst eine Frage zur Vorsicht: Was kostet das bei Ihnen?«
»Kosten?«, wurde verwundert wiederholt.
»Was Sie für diese Dienste beanspruchen, meine ich.«
»Ach so!«, wurde jetzt erst verstanden und gelacht. »Nein, das kostet bei mir nichts, das ist für mich sogar die höchste Ehre, wenn Sie mich dazu als Gehilfen mitnehmen.«
»Dann ist das hier anders als bei uns. Unsere Heiratsvermittler begnügen sich nicht nur mit der Ehre. Na, und nun weiter.«
»Wenn Ihnen der Raub Sakuntalas gelungen ist, dann gehört sie aber noch nicht Ihnen.«
»Immer noch nicht?«
»Nun kommt der Vater zu Ihnen, ganz freundschaftlich, dem müssen Sie die Braut erst abkaufen.«
»Ooch noch?!«, konnte ich nur sagen, und aus dem schwarzen Sprachloche wurde herzlich gelacht.
»Dass bei den meisten Indianerstämmen das Mädchen an den Freier verkauft wird, ist Ihnen doch bekannt?«, hieß es dann.
»Ja, ich weiß es.«
»So wird auch der PawneeHäuptling es halten.«
»Hoffentlich verlangt er nicht mehr als zehn Millionen Mark respektive fünfmalhunderttausend Guinees. Mehr habe ich nicht, und die muss ich mir auch erst dort aus dem Sande buddeln, wozu ich ungefähr, wie ich mir ausgerechnet habe, fünfzig Jahre brauche.«
»Nein, Geld und dergleichen kommt bei uns als Kaufpreis nicht in Betracht.«
»Sondern?«
»Sie werden ihm etwas anderes geben oder verschaffen müssen.«
»Was könnte das sein?«
»Ihm etwa einen besonderen Mustang fangen, der bisher auch dem geschicktesten Lassowerfer entgangen ist.«
»Schön, fangen wir den Gaul!«
»Recht so!«, lachte wieder die prächtige Stimme. »Was für Bedingungen der alte PawneeHäuptling auch stellt, mit dem werden wir auch schon fertig werden. Jetzt muss ich zuerst einmal mit den Skorpionbrüdern sprechen, dass die auf meine Bedingungen eingehen, die Priesterin zur Ehe freigeben.«
»Was, das haben Sie noch gar nicht getan, noch gar nicht mit ihnen deswegen gesprochen?«
»Nein, das kommt erst noch.«
»Ja, wenn die Kerle nun gar nicht auf die von Ihnen gestellten Bedingungen eingehen? Haben sie überhaupt das Recht, die Herausgabe der Priesterin zu verweigern?«
»Ja, dieses Recht haben sie, und dagegen ist nichts zu machen.«
»Nun, was dann?«
»Ohne Sorge! Ich werde die Sache schon arrangieren, so schwierig sie auch zu sein scheint. Ich kann Ihnen ja offen mitteilen, um was es sich handelt, Sie dürfen natürlich zu Sakuntala nicht darüber sprechen, wie zu keinem anderen Menschen.
Dass eine Priesterin der Upschaniden heiratet, dieser Fall ist zwar noch nicht vorgekommen, könnte aber einmal eintreten. Das wäre statthaft. Natürlich könnte die Betreffende fernerhin keine Priesterin mehr sein.
Öfters dagegen ist es passiert, dass solch eine Priesterin einen Fehltritt tut, wonach die Gefallene mit Schimpf und Schande davongejagt und Zeit ihres Lebens mit Verachtung behandelt wird.
Infolgedessen, wie etwas durch lange Duldung zur Gewohnheit werden kann, gilt jetzt auch als ganz ausgeschlossen, dass eine Priesterin der Upschaniden überhaupt heiraten darf. Diese Meinung hat sich nun einmal eingebürgert und lässt sich nun auch nicht mehr ausrotten. Also auch für Sakuntala scheint es ein Ding der Unmöglichkeit, dass sie jemals einem Manne selbst in allen Ehren — —«
Der Sprecher brach plötzlich ab; ich wunderte mich, dass er gar nicht wieder anfangen wollte. Hier musste auch eine Leitung sein, die einmal nicht funktionieren wollte.
Doch da erklang die sonore Stimme wieder: »Ah, das ist ja interessant! Verzeihung, Herr Willmer, ich wurde von anderer Seite angerufen und lauschte, und da bekam ich etwas zu hören, was mich veranlasst, Sie um eine Pause zu bitten. Es handelt sich eben um Sakuntala. Wollen Sie sich etwas gedulden?«
»Sehr gern!«
»Es wird wohl nicht lange dauern; ich rufe wieder an.«
Fünf Minuten vielleicht musste ich doch warten, für so etwas eine ziemlich lange Zeit, ehe sich Klingsor wieder meldete.
»Das ist ja ein seltsamer Zufall! Sehen Sie, trotz aller Schicksalsvorherbestimmung möchte ich doch manches Mal an einen Zufall glauben. Sakuntala hat dem Oberhaupte der Upschaniden, dem sie auch als Oberpriesterin noch untersteht, freiwillig eine Beichte abgelegt. Und dieses Oberhaupt der Sekte ist — Ihnen darf ich es vertrauen — nichts weiter als mein Werkzeug, er hat mir alle wichtigen Vorfälle sofort zu melden, und da gibt es auch keine Wahrung des Beichtgeheimnisses. Herr Willmer, in die entsetzliche Tat, welche Sakuntala begangen hat, wie sie soeben gestand, sind auch Sie mit verwickelt.«
»Was habe ich denn Entsetzliches begangen?«, fragte ich gleichmütig, wenn auch schon an die Abschiedsküsserei denkend.
»Sie nicht, sondern Sakuntala; Sie sind nur Zeuge geworden.«
»Na, was denn?«
»Herr Willmer, verstellen Sie sich doch nicht! Sie haben mit dem Mädchen doch etwas ganz Wundersames erlebt, an ihr beobachtet.«
»Herr Klingsor! Entweder sagen Sie offen, was Sie erfahren haben, oder lassen Sie Ihre Andeutungen!«, sagte ich etwas scharf.
»Alle Hochachtung vor Ihnen, geehrtester Herr, Sie wüssten ein Beichtgeheimnis besser zu wahren als dieses priesterliche Oberhaupt«, erklang es wieder einmal im prächtigsten, herzgewinnenden Tone. »Sie ahnen schon, dass Sie das Mädchen bloßstellen könnten, und deshalb schweigen Sie lieber ganz. Das ist etwas, was ich zu würdigen verstehe, und meine Anerkennung hierfür wird später noch anderen Ausdruck finden. Also, Herr Willmer: Sakuntala hat in Ihrer Gegenwart ein Wunder ausgeführt, sie hat fließendes Wasser in Gestalt einer Kugel in ihren Händen getragen.«
»So ist es gewesen«, musste und konnte ich jetzt eingestehen.
»Was haben Sie dazu gesagt?«
»Gar nichts.«
»Ist das für Sie nicht ein Wunder?«
»Nee.«
»Wie können Sie sich diesen Vorgang erklären?«
Ich gab meine schon ausgeführte Theorie zum Besten.
»Sie sind der Wahrheit genug nahe gekommen«, wurde mir bestätigt. »Dass Sie dies gleich erkannt haben, wundert mich bei Ihnen als einem akademischen Ingenieur, der doch auch beträchtliche Kenntnisse in Physik und Chemie besitzt, nicht, obgleich wohl nicht jeder solch treffliche Vergleiche gezogen und dadurch die Wahrheit erkannt hätte. Dazu gehört Scharfsinn, den man auf keiner Schule und Universität sich eintrichtern lassen kann.
Ja, so ungefähr ist es. Sakuntala trägt etwas bei sich, wodurch sie das Wasser so verändert, beeinflusst, dass es sich in ihren Händen zu tragbaren Kugeln zusammenballt, ohne dass es doch zu Eis erstarrt. Wie dies ermöglicht wird, durch Veränderung des Aggregatzustandes, werde ich Ihnen später einmal im Laboratorium experimentell erläutern.
Sakuntala selbst weiß nicht, wie es geschieht; sie macht die dazu nötige Bewegung ganz mechanisch, so etwa wie der Katholik sich bekreuzigt, nur noch viel unauffälliger.
Leider übt das winzige Dingelchen, das dazu nötig ist, auch einen physischen und sogar psychischen Reiz auf den Menschen aus; es kann einmal passieren, dass das Mädchen dabei in eine Art Traumzustand fällt, sodass sie diese Handlung ganz unbewusst ausführt. Doch habe ich schon eine Idee, wie ich das korrigieren kann — wobei ich Sie darauf aufmerksam mache, falls es Ihnen nicht bekannt ist, dass zum Beispiel auch die künstlichen Gebisse im Munde, wenn zur Befestigung sowohl Kautschuk wie ein Metall, Gold, verwendet wird, einen ständigen elektrischen Strom erzeugen, der auf die Dauer nicht ohne Wirkung auf das ganze Nervensystem bleibt.
Nun komme ich darauf zurück, wo ich vorhin abgebrochen habe, kann meine Erklärungen nun aber anders fassen.
Ich bin der Protektor dieser religiösen Sekte, für die ich mich wegen ihrer vortrefflichen Ziele überhaupt sehr interessiere.
Ehe so etwas in meinem Gebiete gegründet werden darf, muss meine Erlaubnis eingeholt werden. Ich prüfte die Satzungen und gestattete sie.
Und da nun hatte ich einen Einfall.
Kennen Sie, Herr Willmer, das Gedicht von Goethe, welches den etwas nichtssagenden Titel ›Legende‹ führt, wie die Gattin des Brahmanen — —«
»Jawohl, das kenne ich«, fiel ich dem Sprecher ins Wort, »und daran habe ich auch gleich gedacht, als die Geschichte passierte.«
»Nun, ich habe mir da, eben durch dieses Gedicht angeregt, einen kleinen Hokuspokus erlaubt. Das Oberhaupt der Sekte ist ein Mann, die sonstigen Priesterwürden sind an Frauen, Jungfrauen, vergeben, wie es zum Beispiel doch auch bei dem altgermanischen Götterkult der Fall war.
Also, ich interessierte mich sehr für diese lobenswerte Religionsgemeinschaft, mehr eine Art von Tugendbund. Und weil es Priesterinnen waren, bei denen Keuschheit natürlich Hauptbedingung ist, wollte ich dieser ihrer Tugend der Entsagung gewissermaßen als Belohnung eine ganz besondere Beweiskraft geben. Jenes Gedicht hatte mich eben auf diesen Gedanken gebracht.
Die Mahadeia, die oberste Priesterin, wird, wenn die Stelle frei ist, nicht gewählt, keine Altersfolge, sondern ein Himmelsurteil wird beschworen. Alle die Priesterinnen müssen versuchen, in ihren Händen Wasser zu tragen. Und welche unter ihnen die würdigste ist, der ballt sich das Wasser unter den Händen von selbst zur Kugel, sie kann es tragen — — wollten Sie etwas sagen, Herr Willmer?«
»Das arrangieren also Sie selbst?«
»Jawohl, das mache ich selbst. Der Priesterin, die ich zur Mahadeia bestimme, hefte ich das Dingelchen an, einen winzigen Apparat —«
»Ohne ihr Wissen?«
»Ja, natürlich ohne ihr Wissen. Sie erfährt niemals etwas davon, auch der Oberpriester nicht, niemand.«
»Die sind immer überzeugt, der Himmel selbst habe dieses Wunder veranlasst, über die Mahadeia sei eine bleibende Himmelskraft gekommen.«
»So ist es, das glauben sie. Was haben Sie, Herr Willmer?«
»Aber, geehrtester Herr, da maßen Sie sich doch sozusagen die Rolle des lieben Gottes an?«
»Na, wenigstens spiele ich den Herrn des Schicksals«, erklang es leichthin, aber nicht etwa mit Spott. »Ja, das tue ich gern. Finden Sie hierbei etwas? Sie sprechen von Anmaßung. Halten Sie das für einen Frevel? Ich nicht!
Und diese Hindus, diese Upschaniden, sind samt und sonders nichts weiter als große Kinder, die danach behandelt werden müssen. Wenn ich dabei irgendwie einen gotteslästerlichen Frevel erblickte, würde ich niemals —«
»Bitte, Herr Klingsor, halten Sie sich nicht weiter dabei auf, fahren Sie da fort, wo Sie vorhin stehen geblieben sind.«
»So habe ich im Laufe der Jahre schon zweimal eine Mahadeia bestimmt. Beide hatten das Unglück, dass sie — fielen. Obgleich ich zur Vorsicht, nach der Erfahrung mit der ersten, einem jungen, hübschen Weibe, beim zweiten Male eine Priesterin ausgesucht hatte, die schon fünfzig Jahre auf dem Buckel trug, den sie tatsächlich besaß; Gott Amor fragte nicht nach Alter und Buckel. Sie trat fehl und fiel. Es war nichts zu verheimlichen, und sie war auch sonst wirklich nicht viel wert — — als sie die Wasserprobe machen sollte, plätscherte sie wie ein Waschbär. Ich hatte ihr den Talisman, das heißt den kleinen Apparat, unbemerkt genommen. Für die anderen hatte sie also ihre Wunderkraft verloren. Sie musste fort, ebenso wie es mit ihrer Vorgängerin geschehen war. Nur dass ich immer gleich für eine gründliche Entfernung sorgte, damit die armen Mädels nicht auch noch der Verachtung anheim fielen. Ich habe beide lieber gleich sterben lassen —«
»Sie haben sie getötet?«
»— begraben und anderswo wieder lebendig werden lassen, zu einem wirklich neuen Leben erwachend.
Der letzte ›Fall‹ geschah vor einem Jahre. Das war also die gewesen mit dem Buckel. Auch ihre Nase hatte nicht ganz auf dem richtigen Fleck gesessen. Nun war die Stelle der Mahadeia wieder frei.
Ich sah mich nach einer neuen Oberpriesterin um. Mein Blick blieb auf Sakuntala haften. Zwar war sie eigentlich noch viel zu jung dazu, aber sie war immer mein Liebling gewesen, und der seligste Traum einer jeden ist doch natürlich, Oberpriesterin zu werden, und da machte Sakuntala keine Ausnahme.
Schön! Als die prüfende Wasserplanscherei losging, blies ich der indianischen Häuptlingstochter das erbsengroße Ding an, und unter Sakuntalas Händen ballte sich das Wasser zur tragbaren Kugel zusammen. Hosianna, die neue Mahadeia war entdeckt!
Ein Jahr ist alles gut gegangen. Sakuntala ist ein braves Mädel. Aber — weiß der Teufel, ich habe manchmal doch ein bisschen Bange. Wenn nur erst ihr Blut richtig erwacht. Ihr Horoskop kann ich aus gewissen Gründen nicht stellen.
Da kamen Sie. Und da hatte ich wieder so einen Einfall. Na, Sie wissen ja, wie es gekommen ist. Und dass ich dies alles erst arrangiert habe, das gebe ich hiermit ehrlich zu. Dafür nehme ich auch keine Vermittlungsgebühr.
Also Sakuntala wird die Ihre werden. Aber dass sie nun dadurch ihre Stellung als Mahadeia verliert, das kann ich nicht zulassen. Das ist überhaupt ganz unmöglich. Wie die Verhältnisse nun einmal liegen, wie ich Ihnen ausführlich geschildert habe. Das Mädel würde doch gleich Selbstmord begehen. Ganz sicher! So lebensfroh sie auch sonst ist, ein echtes Kind der Sonne. Also der Gedanke liegt ihr überhaupt ganz fern, dass sie das Weib oder die Squaw eines Mannes werden kann, und wenn sie ihn auch vor Liebe auffressen möchte. Sterben kann sie für ihn, aber nicht seinetwegen als Mahadeia abgesetzt, überhaupt als Priesterin, aus dem Bunde der Upschaniden ausgestoßen werden. Und das ist, wie gesagt, die allgemeine Ansicht dieser ganzen Sekte.
Nun, das wollen wir wohl abändern.
Das ist eben nur eine Ansicht, die sich eingebürgert hat, ohne als Gesetz zu Recht zu bestehen. Diese frommen, tugendsamen Leutchen halten eben schon bei einer Priesterin die Ehe als fleischliche Vermischung für eine Sünde.
Ich werde zunächst nun den Oberpriester vornehmen und ihn eines anderen belehren. Der muss dann die herrliche Rede, die er nach meiner Vorschrift auswendig zu lernen hat, der ganzen Versammlung vortragen. Das wird alles gedeichselt. Ich verstehe schon überzeugend zu sprechen, darauf verlassen Sie sich nur.
Also, es soll einmal darauf ankommen. Die Mahadeia soll heiraten und dann den Beweis liefern, dass sie dennoch ihre Wunderkraft behält.
Na, und so geschieht es eben. Sakuntala wird die Ihre, und dann wird sie dennoch das Wasser als Kugel tragen können. Da muss sie auch Mahadeia bleiben; sie wird sogar ein noch viel größeres Ansehen genießen als zuvor. Haben Sie meinen Ausführungen folgen können?«
»Jawohl.«
»Sind Sie mit alldem einverstanden?«
»Jawohl.«
»Dann ist die Sache ja in Ordnung Denn dass alles so kommen wird, darauf dürfen Sie sich verlassen.
Ich gebe nicht so leicht Versprechungen, die ich nicht halten kann. Herr über Tod und Krankheit bin ich natürlich nicht, und auch den Lauf des Schicksals kann ich nicht so leicht ergründen, wie die meisten Menschen, denen ich einmal eine Probe meines bescheidenen Könnens in dieser Beziehung gegeben habe, sich das vorstellen. Haben Sie noch etwas zu fragen?«
»Allerdings. Verschiedenes.«
»Fragen Sie!«
»Wann findet denn nun das mit der Entführung aus dem väterlichen Wigwam statt? Vorher oder hinterher?«
»Hinterher.«
»Da ist also das Mädchen sozusagen schon meine Gattin geworden, ehe ich schüchtern als Brautwerber an den Vorhang des väterlichen Wigwams anklopfe?«
»Nein«, wurde gelacht, und der Mann mit den Teufelsaugen, der eigentlich ein so ernstes und sogar melancholisches Gesicht hatte, schien überhaupt recht gern zu lachen, wie ja auch seine Ausdrucksweise meist, wenn es angebracht war, recht humoristisch war, »nein, die Sache ist etwas anders. Sakuntala muss überredet werden, dass sie die Erklärung abzugeben wagt, dass sie auch als Mahadeia Ihre Gattin werden will.
Diese ihre Erklärung als fester Entschluss genügt schon, dann muss sie nach Überzeugung aller Upschaniden schon ihre Wunderkraft verloren haben. Ein ganz ähnlicher Fall war es nämlich auch mit jener ersten Mahadeia, was ich aber jetzt nicht mehr schildern will.
Sakuntala wird nach dieser Erklärung ihre Wunderkraft noch nicht verloren haben, dafür werde ich sorgen. Nun muss ihr die Heirat gestattet werden, da aber wird der PawneeHäuptling auf seine Tochter sofort Beschlag legen. Sobald Sie sich nun mit dem geeinigt haben, durch Entführung und Kauf, dann ist Sakuntala die Ihre, und sie geht dennoch als Mahadeia, die Wasser tragen kann, in das Allerheiligste zurück. Aber nur für den Tagesdienst. Vom Nachtdienst werde ich sie entbinden.«
»Schön! Werden meine Kinder auch einmal Wasser tragen können?«
»Ja, in Eimern, so viel sie wollen.«
»Sonst nicht?«
»Auch zum Beispiel in der Mütze.«
»Aber nicht in den Händen?«
»O ja, wenn sie die Hände in bekannter Weise zusammenlegen, hohl machen und gut aufpassen, dass kein Wasser durchsickert.«
»Schön! Ich werde meine Kinder von klein auf dazu anhalten, dass sie sich diese magnetische Kraft aneignen. Nun aber noch eine Hauptfrage: Wann kann ich denn Sakuntala in meinem Höhlenloche haben? Heute übers Jahr? Denn das scheint ja eine ganz umständliche Geschichte zu sein.«
»O nein, so lange dauert das nicht. In spätestens zehn Tagen ist alles entschieden. Vielleicht ist morgen schon alles geregelt. Aber Sie müssen sich auf zehn Tage gefasst machen. So lange werden Sie sich aber doch gedulden können?«
»Ich habe warten gelernt, wenn auch noch nicht gerade in Bezug auf die Tochter eines PawneeHäuptlings, die Oberpriesterin von Skorpionen ist und mit Wasserkugeln Kegel schieben kann. Aber auf zwei bis drei Jahre hatte ich mich schon gefasst gemacht. Ja, ich habe warten gelernt. Besonders die selige Marlitt hat mir eine grenzenlose Geduld und Ausdauer beigebracht.«
»Ich weiß, was Sie meinen, das allabendliche Vorlesen —«
»Bitte, fangen Sie nicht wieder damit an, oder ich kriege die —
Also in zehn Tagen werde ich meine Frau bestimmt hier haben. Gut. Dann eine andere Frage: Haben Sie eine Räucherkammer?«
»Eine — Räucherkammer?«, wurde verwundert wiederholt.
»Ja, eine Räucherkammer.«
»Wozu denn die? Sie wollen wohl Ihre Frau Gemahlin drin aufhängen?«
»Nein, aber das Wild, das ich schieße und dessen Fleisch ich nicht verwerten kann, weil's zu viel ist. Ich dachte gerade daran, und da wollte ich es nun auch gleich erledigen.«
»Eine solche Räucherkammer ist dort allerdings nicht vorhanden, aber Sie können sich ja eine mit leichter Mühe bauen —«
»Wenn ich das wollte, brauchte ich nicht erst zu fragen, ob Sie eine haben. Ich will gar keine haben.«
»Weshalb nicht?«
»Wenn ich zum Beispiel einen Büffel schieße von zehn Zentnern Schlachtgewicht, und solche Biester habe ich gesehen, und ich habe ihn in meinem Rauchfang wie eine Zervelatwurst geräuchert, und ich esse jeden Tag zwei Pfund Rauchfleisch, so müsste ich mindestens zwei Jahre lang an dem Büffel kauen und verdauen, und da dürfte man geräuchertes Büffelfleisch doch über bekommen —«
»Sie brauchen ihn doch nicht allein aufzuessen.«
»Mit wem sonst?«
»Nun, zunächst mit Ihrer Gattin —«
»Dann kommt auf jeden immer noch ein Pfund pro Tag, oder es dauert nur ein Jahr, was beides aber immer noch sehr reichlich ist. Oder, geehrter Herr, ich habe vorhin falsch gesagt. Ich denke eigentlich gar nicht direkt an eine Räucherkammer. Ich meine: Haben Sie Verwendung für das Fleisch, das ich von meiner Jagdbeute nicht selbst verbrauche?«
»Jetzt verstehe ich Sie! Gewiss, liefern Sie uns Wild, so viel Sie können. Wir haben immer Verwendung dafür.«
»Also hiermit habe ich auch die Erlaubnis, einmal solch einen Büffel zu schießen?«
»Sie brauchen keine Erlaubnis; schießen Sie alles, was sich schießen lässt.«
»Wenn es sich nicht schießen lässt, dann schlage ich es tot. Ich bin ein furchtbar wilder Jäger.«
»Ja, danach sehen Sie gerade aus; auch Ihre Sorge, was aus dem Fleische werden soll, lässt schon darauf schließen.«
»Nun, mit solch einem Biest von Büffel probiere ich es aber doch einmal. Da bin ich nun doch nicht so. Nur darf er mir nicht die Hand lecken.«
»Seien Sie sogar vorsichtig! Mit einem verwundeten Bison oder Yak ist nicht zu spaßen, und es sind auch Kafferbüffel genug vorhanden, die selbst ungereizt den Menschen sofort annehmen.«
»Wie soll ich Ihnen, respektive Ihren Leuten, die Beute nun übergeben?«
»Hier in diese Nische wird wohl das Wenigste hineingehen. Ist die Beute zu groß und zu schwer, so lassen Sie sie liegen und geben durch das Telefon nur ganz ungefähr die Lage an. Dann wird sie abgeholt. Dazu müssen Sie aber erlauben, dass die betreffende Gegend einmal mit der Camera obscura genommen und dann auch für einige Minuten von einem fremden Fuße betreten wird.«
»Hierzu gebe ich meine gnädigste Erlaubnis«, entgegnete ich in entsprechendem Tone.
»Können und wollen Sie das erlegte Tier fortschleppen, so kann ich Ihnen auch noch eine andere Gelegenheit angeben, um sich seiner zu entledigen, ohne dass Ihr Robinsonterrain von einem Menschenfuße entweiht wird. Wenn Sie aus Ihrer Höhle treten und gehen rechterhand an der Felswand entlang, so kommen Sie, es ist gar nicht weit, bald an eine Stelle, wo der Felsen mit Wein bewachsen ist; es gedeihen Obstbäume dort —«
»Dort bin ich schon gewesen und habe mich zur Genüge delektiert.«
»Gehen Sie dann noch etwas weiter, so kommen Sie an eine breitere Felsenspalte; sie führt in eine Schlucht, in dieser sehen Sie schon von draußen andere Baumarten, Eichen und Buchen und Nadelbäume —«
»In dieser Schlucht habe ich bereits eine Kiefer gefällt.«
Weiter beschrieb Klingsor in dieser Schlucht die Lage einer Höhle, in welcher ich das erbeutete Wild nur niederzulegen brauche; von dort würde es abgeholt. Wenn ich per Telefon das Nötige meldete, würde es sofort verschwinden, die Höhle wieder leer und ohne jede Spur von Menschen sein.
Die Beschreibung der Höhlenlage war klar genug gewesen, ich musste sie gleich finden.
»Die Höhle hat wohl ein Hintertürchen?«
»Das, geehrter Herr, ist eine jener Fragen, die ich nicht beantworte.«
»Darf ich nach solch einer Tür suchen?«
»Gewiss, suchen dürfen Sie, so viel Sie wollen. Auch mit Hammer und Meißel und Brechstange arbeiten, ganz nach Belieben. Sie dürfen sämtliche Bäume fällen, den ganzen Felsen mit Dynamit auseinander sprengen, es soll Ihnen, wenn verlangt, geliefert werden, Sie dürfen einen Vulkan anlegen, dürfen sich, ehe Sie ihn zur Explosion bringen, vorher draufsetzen — das steht alles in Ihrem Ermessen — aber ob sich in jener Höhle eine geheime Tür befindet oder wie meine Leute sie sonst betreten und das Wild wegbringen, das werden Sie von mir nicht erfahren, wenigstens jetzt nicht.«
»Mich plagt deswegen auch nicht die Neugier. Nicht wahr, diese Schlucht mündet doch in ein breiteres Tal?«
Eine kleine Pause trat ein, ehe in langgedehntem Tone wiederholt wurde:
»In — ein — breiteres — Tal?«
»In dem ein Turm steht, der Turm des Schweigens.«
»Waaaas?«, erklang es in immer größerem Staunen. »Woher haben Sie denn diese Kenntnis?! Es hat gar nichts zu bedeuten, aber woher wissen Sie denn von diesem Turme etwas?!«
Nun hatte ich mich nicht etwa verplappert, was mir schwerlich passieren kann, und noch weniger wollte ich jenen etwa düpieren, ihm imponieren. Sondern es war, nachdem er mir alles über Sakuntala offenbart hatte, von vornherein mein Entschluss gewesen, ihm auch mitzuteilen, wie ich zu dieser Kenntnis gekommen war, mehr durch meine eigene Überlegung als durch eine Unvorsichtigkeit Sakuntalas.
So berichtete ich ihm jetzt, wie Sakuntala mich gefragt hatte, ob ich in jener waldigen Schlucht weiter vorgedrungen sei, ein breiteres Tal erreicht habe, wie sie; als ich dies verneinte, hatte sie schnell abgebrochen, auf meine nochmalige Frage mit einem »Schweig, schweig, schweig!« geantwortet, wodurch ich so ganz durch Zufall auf ein Tal des Schweigens und einen Turm des Schweigens gekommen war.
»Das ist die reine Wahrheit, Herr Klingsor.«
»Ich glaube es.«
»Dass mir Sakuntala dies so halb und halb bestätigte, dafür wird sie doch nicht etwa zur Verantwortung gezogen?«
»I Gott bewahre! Sie weiß überhaupt selbst gar nichts davon, hat nur etwas munkeln hören, macht sich ganz falsche Vorstellungen von dem Turme, wie Sie sich übrigens auch. Nicht wahr, Sie denken, wie ich vorhin Ihren Andeutungen entnahm, an so einen parsischen Turm des Schweigens, an so ein Gebäude, oben offen, mit Stufen, auf denen die Parsen ihre Toten legen, den Aasgeiern zum Fraße.«
»Ist es nicht solch ein Turm?«
»I Gott bewahre! Es ist ein ganz richtiger, massiver Turm, oben mit Kuppel gedeckt, hat auch Fenster und Türen. Freilich ein ganz nichtiges Ding. Wissen Sie, Herr Willmer, da Sie der Sache nun einmal auf die Spur gekommen sind, will ich Ihnen einen Vorschlag machen. Für gewöhnlich ist ja, wie also auch Sakuntala Ihnen schon ganz richtig gesagt hat, der Zugang von der Schlucht in dieses Tal verschlossen. Ich werde ihn öffnen lassen. Für Sie! Sie sollen das Tal jederzeit betreten können, den Turm sehen —«
»Wenn das aber auch so ein Geheimnis ist, ist mir oft nichts daran gelegen; ich will nicht in Ihre Geheimnisse dringen.«
»Nein, nein, gehen Sie nur einmal hin, es wird Sie schon interessieren. Sonst würde ich Ihnen diesen Vorschlag doch gar nicht machen.«
»Gut, ich werde einmal hingehen.«
»Und wenn es Ihnen gelingt, von außen in den Turm zu dringen und zu ergründen, weshalb er den Namen ›Turm des Schweigens‹ mit Recht führt, dann — sollen Sie auch noch weiter eingeweiht werden, und dann sollen Sie in diesem Turme erst recht blaue Wunder erleben.«
»Gut, ich werde mein Möglichstes tun, meinen Befähigungsnachweis als Einbrecher beizubringen.«
»Immer probieren Sie es auch hier mit Meißel, Dietrich und Dynamit. Aber Sie werden wohl bald vorziehen, lieber Ihren Scharfsinn anzustrengen, um die Tür zu öffnen.«
»Ein Vexierschloss?«
»Das werden Sie dann schon selbst sehen — Herr Willmer, sonst noch etwas betreffs Ihrer Heiratsangelegenheit?«
»Ich wüsste nichts. Da ist ja alles in Ordnung. Bis auf die Hauptsache, bis auf die Braut, die fehlt mir noch.«
»Dann, Herr Willmer, muss ich Ihnen ein Geständnis ablegen. Ich habe um Ihre Verzeihung zu bitten.«
Jetzt erwartete er doch natürlich ein erstauntes »Warum denn?« oder etwas Ähnliches. Daraus aber sollte nichts werden; da machte ich ihm einen Strich durch die Rechnung.
»Ja, ich verzeihe Ihnen, dass ich kinematografiert worden bin.«
Jetzt war die Reihe des Staunens an ihm.
»Waaas?!«
»Ich verzeihe Ihrer Schwester, Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzess Turandot, dass sie mich kinematografiert hat, als ich mit dem Rücken auf dem Schnee lag und mit den zwei Meter langen Holzklatschen an den Füßen Buttermilch quirlte.«
»Waaaas?«, erlang es immer erstaunter. »Woher wissen Sie —«
»Nun, ganz einfach daher, weil auch ich manchmal allwissend bin.«
»All—wissend —?!«
»Jawohl, ebenso allwissend wie Sie zeitweilig. Nur dass ich wohl eine andere Methode habe als Sie, das Horoskop zu stellen und die Zukunft zu befragen.«
»Ich bin nicht allwissend.«
»Na, dann auch nicht. Und meine Methode besteht darin, dass ich die Ohren spitze.«
Und ich berichtete, wie ich vor dem lebenden Kolossalbild der arktischen Landschaft gestanden und das Gespräch mit angehört hatte. Ohne meinen Willen. Als ich mich hatte melden wollen, war es zu spät gewesen, und dann hatte ich die Gesellschaft, deren Anschluss ich suchte, nicht mehr gefunden.
Zunächst lachte Klingsor noch herzlich über meine »Allwissenheit«, wie ich ihn düpiert hatte, also doch schon ein Zeichen, dass die Lauscherei nichts zu bedeuten hatte.
»Hat nichts zu sagen, hat nichts zu sagen!«, versicherte er dann auch noch. »Wir haben nichts gesprochen, was nicht jeder hätte hören können.«
»Da zeigen Sie mir wohl auch noch den Riesenfloh von zehn Meter Höhe?«
»Den sollen Sie nächstens zu sehen bekommen.«
»Wo liegt Ophir?«
»Da zitieren Sie den Geist des alten Salomo und fragen Sie den! Von mir erfahren Sie es vorläufig nicht.«
Dann brauchte ich auch wegen Thule gar nicht erst zu fragen, und an den ins Atlantische Meer gesprungenen Professor Baron von Edeling dachte ich im Augenblick gar nicht. Ich hatte auch nicht seinetwegen gefragt; was ging mich das an.
»Herr Willmer, Sie haben mir meine beiden Forellen weggegessen!«
»Sagen Sie nur lieber: weggefressen! Es klingt in diesem Falle doch besser. Sie haben mir ausgezeichnet geschmeckt. Und noch besser die Zigarre, die ich in der Tischschublade fand. Donnerwetter, das war ein edles Kraut!«
»Es war meine letzte von dieser Sorte!«
»Machen Sie sich nichts daraus, ich gebe Ihnen eine andere.«
»Woher denn?«
»Na, ich bestelle mir hiermit einfach eine ganze Kiste von dieser selbigen Sorte. Ich darf mir doch wünschen, was ich will, brauche nur zu fordern. Dann sollen Sie auch ein paar davon haben.«
»Im Voraus meinen besten Dank!«, wurde gelacht. »Ja, Sie sollen eine ganze Hundertkiste davon haben. Aber, Herr, wenn Sie wüssten, was für ein Tabak das ist, wo der wächst, was für einer Pflege der bedarf! Den raucht kein König und kein Milliardär auf dieser Erde. Einige Tage Geduld müssen Sie haben. Ich kann manches, was andere Menschen nicht können — doch die Zigarren mir aus den Rippen schneiden, das kann ich nicht. Übrigens haben Sie auch in Ihrer Höhle eine recht rauchbare Sorte. Haben Sie die Kiste noch nicht gefunden?«
»Nein, noch nicht, ich werde noch danach suchen.«
»Also, Herr Willmer, meine Schwester hat verschiedene Szenen aus Ihrem Eisgrottenleben freventlich kinematografiert.«
»Sind die Aufnahmen gut gelungen?«
»Ich habe die Bilder noch nicht gesehen«
»Dauert die Entwicklung lange?«
»Eine Entwicklung ist gar nicht nötig; die lebenden Bilder sind sofort fix und fertig. Aber die Sache ist die, dass Sie doch nicht beobachtet werden dürfen, also auch nicht kinematografiert, und ich würde die Bilder niemals betrachten, auch nicht den flüchtigsten Blick darauf werfen, ohne mindestens vorher Ihre Erlaubnis dazu eingeholt zu haben. Sagen Sie ein Wort, und die Filmkugel, um die es sich bei uns handelt, wird Ihnen sofort ausgeliefert, damit Sie selbst sie vernichten können. Anzufangen vermögen Sie sonst nichts damit, Sie können die Bilder nicht erscheinen lassen.«
»Herr Klingsor, Sie sind fast noch mehr als ein Ehrenmann, wenn es so etwas gibt! Ich gebe Ihnen die Erlaubnis, von diesen kinematografischen Szenen nach Belieben Gebrauch zu machen, nur möchte ich sie selbst einmal sehen.«
»Meinen verbindlichsten Dank! Sie werden Ihnen vorgeführt werden, und dann haben Sie noch immer das Recht, ihre Vernichtung zu verlangen. Ebenso ändert Ihre jetzige Erlaubnis natürlich nichts daran, dass Sie auch fernerhin nicht beobachtet werden dürfen. Nun bitte ich noch besonders für meine Schwester um Verzeihung.«
»Sie hat dieselbe, und ich hoffe die Dame einmal persönlich kennen zu lernen«
»Es wird geschehen. Wie hat es Ihnen in der unterirdischen Eisregion gefallen?«
»Herrlich!«
»Ich frage nicht, was Sie alles gesehen haben, kann Ihnen aber schon jetzt die Versicherung geben, dass Sie noch ganz andere Wunder sehen und Abenteuer erleben werden, wenn Sie diese Eisregion einmal unter geeigneter Führung durchstreifen. Denn die Zugänge zu gewissen Partien, welche die großartigsten Effekte enthalten, finden Sie gar nicht. Vielleicht bin ich selbst einmal Ihr Führer.«
»Es sollte mich sehr freuen.«
»Wie Sie hineingekommen sind, wissen wir. Welchen benutzten Sie?«
»Ich erstieg eine Treppe und gelangte durch eine Falltür in meine Höhle.«
»Ach so. Da haben Sie nun diese Falltür unter dem Löwenfelle entdeckt. Sie haben doch gleich weitere Umschau in den Räumen unter Ihrer Höhle gehalten?«
»Nein, noch nicht.«
»Weshalb nicht?«
»Gestern auf dem Rückwege war ich so übermüdet, dass mir immer die Augen zufielen, und heute bin ich noch nicht dazu gekommen.«
»Versäumen Sie es nicht.«
»Davon ist keine Rede. Aber immer hübsch eins nach dem anderen. Ich weiß noch nicht einmal, wie es hundert Schritte entfernt von meiner Höhle aussieht; bisher habe ich nur Bootsfahrten auf dem Meere gemacht. Sagen Sie, Herr Klingsor — mir steht doch alles offen? Das heißt, ich darf doch umherstreifen und mich von meiner Höhle entfernen, so weit ich will?«
»Selbstverständlich, so weit Sie können.«
Er hatte kein Wort besonders betont, mir fiel an dieser Antwort keine Zweideutigkeit auf. Später aber sollte ich an diese Antwort noch denken.
»Nun, Herr Willmer, sonst noch etwas? Unsere Unterhaltung hat etwas lange gedauert, und ich muss mir jetzt die Bemerkung gestatten, dass ich gleich eine Verpflichtung zu erledigen habe.«
Ich hatte nichts mehr zu sagen, das Telefongespräch wurde mit Schließen der Spiegeltür abgebrochen.
Ich nahm in dem Rucksack, den ich gefunden hatte, etwas Hartbrot und einige kleine Dosen Konserven mit, falls es keine geeignete Jagdbeute gab, aber essen musste ich nun bald, ich hatte doch keinen Mittag gehabt, Wodan kam nicht.
Um irgendein Ziel zu haben, beschloss ich, einmal nach dem Wrack zu suchen, das doch wohl nur dort landeinwärts liegen konnte.
So schlug ich die westliche Richtung ein, also denselben Weg nehmend wie vorhin, als ich durch Wodan Sakuntalas Spuren hatte verfolgen lassen.
Sakuntala! Die war jetzt natürlich mein Hauptgedanke. Aber ich will nicht schildern, was meine lebhafte Phantasie mir alles vormalte. Jedenfalls konnte ich mir solch ein Robinsonleben wohl gefallen lassen, und dass ich den ganzen Tag allein war, das war mir ebenfalls sehr recht. Und was mir nun sonst noch alles in Aussicht gestellt worden war! Doch, wie gesagt, ich will davon nicht erst anfangen.
Der Fluss in der Bodensenkung gebot mir wiederum Halt. Bei etwa fünf Meter Breite schien er ziemlich tief zu sein, ein Durchwaten gab es sicher nicht, und ehe ich schwamm, wegen dieser paar Meter die Sachen auszog oder dann in nassen Kleidern blieb, wollte ich mich doch erst umsehen, ob es nicht vielleicht einen trockenen Übergang gab.
Nach links war davon nichts zu erblicken. Rechts, wohin er floss, war eine Felswand, in der er verschwand.
Dorthin marschierte ich erst einmal, in nur wenigen Minuten. Ich hätte mich gleich an diese Felswand halten sollen.
Es war nicht nur ein Loch, in welcher der Fluss verschwand, sondern eine ansehnliche Höhle, die aber kein Eindringen zu Fuß erlaubte, das Wasser füllte den unteren Teil ganz aus. Hiermit will ich sagen, wenn ich von einer »Höhle«, nicht nur von einem Loche oder einer Öffnung spreche, dass also auch noch über dem Wasser ein beträchtlicher freier Raum blieb, man hätte in einem Boote recht gut eindringen können. Allerdings nur mit Schaufel- oder Paddelruder, am besten also im Kajak. Und dann vorn eine hellstrahlende Lampe, um rechtzeitig einen Wasserfall zu erkennen, den man hinunterrutschen konnte, und dergleichen Gefahren, die im Stockfinstern drohten, wenn ich vorher über solche nicht per Telefon anfragen wollte, was ich nicht eben gern getan hätte.
Doch jetzt war mir die Hauptsache, dass über der Höhlenöffnung der Felsen mit scharfem Rande etwas zurücktrat, sodass ein Grat gebildet wurde, auch vom Ufer aus erreichbar, also eine gangbare Brücke über den Fluss.
Etwas zu klettern hatte ich doch, Wodan hatte mir schwerlich folgen können; ein Hund ist nicht fürs Klettern geeignet; aber der war inzwischen schon mehrmals durch den Fluss nach dem jenseitigen Ufer und wieder zurück geschwommen.
Auch jetzt blieb ich an der Felswand. Ich kam an mehreren Spalten und Schluchten vorüber, die ich vorläufig ununtersucht ließ. Ich sollte erst einmal im Freien bleiben, wenigstens bis ich dort die Hügelregion erreicht hatte, in der ich das Wrack vermutete. Denn sonst hätte ich doch wohl schon jetzt einige Spuren sehen müssen.
Längs dieser Felswand entdeckte ich nichts Besonderes, aber immer Neues erblickte ich in der Prärie selbst.
Zunächst sah ich ein Rudel Kängurus über die Grasfläche hüpfen. Das hätte auf Australien schließen lassen. Ehe ich mir aber noch zu sagen brauchte, dass ich in solch einem Urteil vorsichtig sein musste, sah ich hinter einer Trauerweide vier Elefanten auftauchen, die bekanntlich nicht in Australien vorkommen.
Sie hatten nicht hinter dem Baume gestanden, sondern der hatte mir ihren Anblick nur verdeckt gehabt, die Entfernung war eine ganz beträchtliche. Aber das konnte ich doch schon beurteilen, dass es ganz mächtige Exemplare waren, zumal ich dann zwischen ihnen noch ein Junges entdeckte, das sich in dieser großen Entfernung bei der ganz klaren Luft wie ein Puppenspielzeug ausnahm.
Außerdem sah ich Zebras, Strauße, Büffel, Hirsche und Antilopen aller Art. Meine zoologischem Kenntnisse waren zwar nur bescheiden, aber so viel wusste ich doch, dass sich auch in diesen Antilopenarten Afrika und Asien vermischten; von den Axishirschen hatte ich ja schon gesprochen, und dann sah ich auch Amerika. Denn jene Büffel dort waren zweifellos echte Bisons, die es in ihrer eigentlichen Heimat wohl kaum noch gibt, in einiger Freiheit höchstens im YellowstonePark; jene pferdegroßen Tiere waren keine Elche, denn sie hatten keine Schaufeln, sondern gewaltige Geweihe wie die Edelhirsche, außerdem waren sie viel schlanker gebaut, das waren sicher kanadische Wapitis, und jene Strauße dort waren keine afrikanischen, sondern südamerikanische Nandus — obschon auch der afrikanische Strauß vorhanden war. Und durch die Kängurus kam also auch noch Australien hinzu; eben eine Vermischung aller Erdteile.
Übrigens musste nun jenseits dieser Felswand schon die Sandwüste sein, so weit war ich nun marschiert, und es war ja sehr leicht möglich, dass solch eine Schlucht direkt hineinführte, dann konnten diese Tiere aus der Wüste in die Prärie wechseln.
Und dann fing auch die Felswand an, mir Interessantes und sogar Fabelhaftes zu bieten.
Da war zunächst eine Art Sonnenblume, wie es eine solche aber sicher sonst nirgends auf der Erde gab, oder sie war noch nicht entdeckt worden, denn sonst hätte ich zweifellos schon etwas davon hören müssen, und die brauchte man nicht selbst zu sehen, eine kleine Beschreibung genügte, um sie gleich zu erkennen.
Also die Blume hatte die Form einer Sonnenblume, wuchs nur auf etwas niedrigerem Stängel oder sie hatte sich noch nicht zu ihrer ganzen Größe entwickelt: ein gelber Blätterkranz, eine Scheibe einschließend, mit anscheinend reifen Körnern besetzt, die aber nicht wie bei unserer Sonnenblume schwarz waren, sondern die in allen Farben des Regenbogens funkelten — richtig funkelten und blitzten, als wären es geschliffene Diamanten oder Edelsteine von allen Farben.
Es waren Körner. Einige waren schon ausgefallen, andere machte ich heraus. Ich konnte nicht klug daraus werden. Die erbsengroßen Dinger waren in meiner Hand, wenn ich sie beschattete, mattweiß wie Milchglas, aber in der Sonne funkelten sie mit fabelhafter Pracht, und zwar immer wieder in anderer Farbe, man brauchte nur ein wenig den Kopf zu wenden oder die Körner selbst zu bewegen. Verwendung konnten sie als Schmuck wohl nicht finden, sie waren sehr weich, man konnte sie zwischen den Fingern zerdrücken. Das Innere bestand aus einer milchigen Masse.
Und dann kamen die schillernden Diamanten, Smaragde und Rubine gleich angeflogen, aber solche von Taubengröße! Es schienen wirklich Tauben zu sein, nur runder, auch mit kürzeren Flügeln, die sich mit ungemeiner Geschwindigkeit bewegten, es war mehr ein zitterndes Schwirren, und nun vor allen Dingen diese unvergleichliche Farbenpracht des Gefieders!
So waren sie blitzschnell angeschwirrt gekommen, als Ziel eine solche Sonnenblume nehmend, die einige Schritte von mir entfernt stand, diese umschwirrend, Körner auspickend, wobei sie für einen Moment frei in der Luft stehen blieben, was sie aber auch abseits taten, einen Moment haltend und dann wieder in tollem Spiel durcheinander wirbelnd, dabei ein Gefunkel von farbigen Lichtblitzen ausstrahlend.
Ich musste an Kolibris denken. So hatte ich deren Farbenpracht und ihr Gaukelspiel um Blüten beschreiben hören, mit solch raschen Bewegungen, dass das Auge gar nicht folgen kann. Aber gibt es denn Kolibris von solcher Riesengröße? Sie sollen doch vielmehr so klein wie die Hummeln sein, gewisse Arten höchstens die Größe eines Sperlings erreichen. Die hier waren wie die Tauben.
Ehe ich richtig klug daraus werden konnte, das heißt, ehe ich sie nur richtig betrachtet hatte, wenn das bei dieser fabelhaften Geschwindigkeit des Schwirrens und Tummelns überhaupt möglich gewesen wäre, sausten sie schon wieder davon, verschwanden plötzlich in beträchtlicher Entfernung in dem hohen Grase.
Ich wollte hingehen und sie aufscheuchen oder zu beobachten versuchen, was sie dort am Boden trieben, als ein neuer seltsamer Anblick mich fesselte.
Auf einer sonnigen Steinplatte lag eine Schlange, gelb mit schwarzen Punkten, etwas zusammengeringelt, ausgestreckt sicher einen Meter lang.
Sie schien mich zu erblicken und meine Gegenwart noch unangenehmer zu empfinden als ich die ihre, sie erhob sich und spazierte davon.
Anders kann ich mich nicht ausdrücken. Plötzlich bekam sie Beine, wohl auf jeder Seite ein Dutzend. Nur konnte ich nicht richtig unterscheiden, ob sie diese untergeschlagen gehabt und auf ihnen gelegen hatte, oder ob die Beine aus dem Körper herauswuchsen. So hatte es eigentlich auch ausgesehen — so aus dem Körper schnell hervorwachsend, wie die Schnecke ihre Fühlhörner ausstrecken kann.
Es waren mindestens fünf Zentimeter lange, ziemlich dicke Beine, unten mit langen Zehen, auf denen sie sich emporrichtete und davonlief, ohne, wie ich auf der flachen Steinplatte deutlich erkennen konnte, mit dem Leibe den Boden zu berühren.
Erst lief sie ganz langsam, plump; mit einem Male aber kam Leben hinein, sie huschte über den Boden hin, lang ausgestreckt, und war bald in einer schmalen Felsenspalte verschwunden.
Ja, es gibt sogenannte Stummelfüßler, Reptilien, die zwischen Schlangen und Eidechsen in der Mitte stehen. Meist oder vielleicht auch immer sind ihre Füße aber ganz verkümmert, gar nicht sichtbar. Auch unsere Blindschleiche gehört hierzu. Auch sie hat Beine, Füße. Sie sind nur verkümmert und liegen unter der Haut. Doch am Skelett werden sie nachgewiesen.
Haben aber diese Stummelfüßler nur vier oder mehr Beine, etwa gar so viele, wie sie Wirbelringe besitzen? Ich wusste es damals nicht. Jedenfalls musste ich hier so etwas gesehen haben. Ebenso gut aber hätte ich auch an einen riesigen Tausendfuß denken können.
Und dann, als ich weiterging, sah ich in einer Ausbuchtung der Felswand einen Pilz, wie ich so etwas auch nicht für möglich gehalten hätte. Er war mehr als einen halben Meter hoch, der Stiel mit beiden Händen nicht zu umspannen, und der Kopf hatte den Durchmesser eines Wagenrades.
Und auf diesem Riesenpilze, rot mit blauen Tupfen, saß eine Riesenspinne, ein Ungeheuer von einer Spinne. Ich hatte schon Vogelspinnen gesehen, aufgespießt oder in Spiritus. Es sind mächtige Tiere. Aber sie waren Zwerge gegen diese hier. So groß wie ein Suppenteller war sie, mit einem dicken schwarzen Pelze, aus dem noch extra lange Borsten hervorwuchsen.
Furchtbare Zangen und Kauwerkzeuge hatte sie. Wenn die einen biss, dann hatte man genug. Doch sie schien für Menschen und Tiere harmlos zu sein, anders als die Vogelspinne, die ja tatsächlich kleine Vögel überfällt, würgt und frisst und ganz empfindlich in den Finger beißt, nicht immer ohne üble Nachwirkungen. Diese hier brauchte ihre schrecklichen Zangen nur, um aus dem Pilze große Stücke zu reißen, die sie gierig verschlang, ganz deutlich war zu sehen, wie sie kaute und schluckte.
Bei meinem Näherkommen floh auch sie, in einem Erdloche untertauchend.
Das war das Letzte gewesen, was mir besonders auffiel. Im Übrigen erging es mir genau so, wie es jedem geht, der zum ersten Mal in die Tropen kommt, in die freie Natur hinein. Ein Bekannter von mir, der in Pará gewesen war, hatte mir das einmal sehr anschaulich geschildert. Pará liegt an der Mündung des Amazonenstromes, dicht neben der Stadt mit ihren 70 000 Einwohnern beginnt gleich der Urwald. Hier hört eine Hauptstraße auf, sie mündet direkt in den Urwald, in dem man sich mit dem Hackemesser einen Weg bahnen muss.
Nach der langen Seereise, bei der man doch nichts von tropischen Formen zu sehen bekommt, landet man und kann in fünf Minuten im echtesten Urwald sein, direkt auf dem Äquator.
Da glaubt man sich nun erst recht in einer fremden Welt. So etwas hat man auf dieser Erde gar nicht für möglich gehalten. Diese Farbenpracht und Riesengröße der Pflanzen- und Tierwelt, diese Schmetterlinge, diese Käfer, und nun alles sonstige dazu! Auch diese ungeheuerlichen Formen!
Die Sache ist nämlich die: dass alles das, was man in zoologischen Gärten und in Naturaliensammlungen zu sehen bekommt, gegenüber der Wirklichkeit verblasst. Die Tiere sind entweder gefangen und hinter Gittern oder eben tot, ausgestopft, in Spiritus gesetzt. Man braucht nur an einen ausgestopften Löwen zu denken. Wie kläglich der immer aussieht! So ist es aber sogar mit den Insekten. Und zweitens kommen große, schöne Exemplare überhaupt nicht zu uns, nicht in die zoologischen Gärten und Naturaliensammlungen. Da gibt es reiche Liebhaber genug, die jeden Preis für so etwas bezahlen, denen werden bevorzugte Exemplare natürlich zuerst angeboten.
So sah auch ich hier zuerst immer neue »Wunder«, insofern, als ich noch gar nicht gewusst hatte, dass es überhaupt so etwas auf der Erde gibt, bis ich mich nach und nach daran gewöhnte. Unser Apfel ist für den tropischen Südländer eine genau so wunderbare Delikatesse wie für uns seine Ananas; er kann gar nicht begreifen, dass diese köstlichen Äpfel das Pfund nur zwei Groschen kosten, in seiner Heimat würde er gern ebenso viel Mark dafür bezahlen, und so staunt er auch einen belgischen Gaul vor dem Bierwagen einfach als ein Wunder an. Hätte ihm einmal jemand erzählen sollen, dass es solche Riesenpferde gibt! — —
Ich kam zwischen die Hügel, erstieg einen höheren, von dem ich eine gute Umschau hatte, aber das Wrack sah ich nicht, fand nichts von einer Trümmerspur.
Immer noch etwas weiter nach Osten marschierend, kam ich bald an eine Schlucht, die mir Halt gebot. Eine Bodenspalte mitten in der hier wieder eben gewordenen Prärie, an dieser Stelle, und so auch nach beiden Seiten hinlaufend, wenigstens zwanzig Meter breit, mit ganz glatt hinabgehenden Felswänden, an denen kein Grashälmchen hatte Wurzeln fassen können, und so tief, dass ich auch bei dem noch gut einfallenden Tageslichte den Grund nicht erblicken konnte.
An dieser Schlucht wanderte ich gegen Norden hin. Sie veränderte sich nicht, wurde höchstens noch breiter.
So erreichte ich den Urwald, dessen scharfe Grenze wieder durch eine Böschung bedingt war, die eben eine andere Bodenart markierte, auf der diese Urwaldbäume nicht gediehen, wahrscheinlich weil sie keinen Platz für ihre Wurzeln fanden.
Schon vorher hatten sich zahlreiche Papageien bemerkbar gemacht; auf den Bäumen wimmelte es von Affen.
Ich wollte eindringen, gab aber den Versuch bald auf. Jeder Schritt musste mit dem Messer erkämpft werden, so wucherten die Schlingpflanzen, und da ging es nicht mit Schneiden, sondern da musste gehauen werden; dazu war mein Jagdmesser nicht schwer genug, die kleine Axt, die ich diesmal mitgenommen hatte, wieder zu unpraktisch, und außerdem mehrten sich die Dornen, die mir nicht nur Hände und Gesicht blutig ritzten, sondern auch schon meinem Lederanzug zwei große Schlitze beigebracht hatten, und immer länger wurden diese Dornen, und als ich nun solche von Meterlänge sah, wie die Schwerter und Spieße, mir als ein geschlossener Wall entgegenstarrend, drehte ich wieder um. Da musste ich mich anders vorbereiten.
Ich stieß auf eine kleine Waldinsel in der Prärie. Hier war es wie in einem Parke, herrlich! Ich schoss einen Papagei, von dessen Farbenpracht man sich, wenn man nur gefangene kennt, auch keine Vorstellung machen kann — aber schmecken wollte mir der Braten nicht, er war sehr zäh. Papageien müssen überhaupt gekocht werden, dann ist das Beste davon die Fleischbrühe. So ließ ich noch einen Goldfasan nachfolgen, der ausgezeichnet war.
Dann trat ich den Rückweg an, dem kleinen Bache folgend, an dem ich gelagert hatte, der sich in jenen Fluss ergoss, stand wieder vor der Frage, wie ich hinüber sollte, ohne nass zu werden, begab mich abermals an die Grenze des noch nahen Urwaldes und fand dort richtig den erhofften Übergang. Ein gestürzter Baumstamm lag da, den ich als Brücke benutzen konnte.
Nun hatte ich noch gut zwei Kilometer zu marschieren, bis ich meine Höhle erreichte, und durfte mich nicht lange mehr aufhalten, sollte mich nicht die Nacht überraschen. Außerdem ballten sich im Westen, schon die Sonne verhüllend, schwarze Wolken zusammen, ein Gewitter bereitete sich vor.
Doch es wurde nichts aus dem Unwetter. Ich begab mich noch einmal ins Freie und ich hatte zuerst, wie man es wohl tut, einen Blick nach dem Mond geworfen, und da wurde ich — mondsüchtig!
»Was für ein schief Gesicht, Mond, machst denn du?« So singt oder sang einst Heinrich von Mühler, der wie selten einer seinen Beruf verfehlt hat. Er wurde nämlich preußischer Kultusminister und als solcher ein ganz elender Philister, der am liebsten angeordnet hätte, dass die Schulkinder beim Unterricht nicht auf den Bänken gesessen, sondern immer auf den Knien gelegen hätten — er, der in seiner Jugend der Dichter des köstlichen »Grad' aus dem Wirtshaus komm' ich heraus« und noch einer ganzen Menge der famosesten Studentenlieder gewesen!
Manche sehen in den dunklen Flecken des Vollmondes, durch die tiefen Täler und regelmäßig wiederkehrenden Schatten verursacht, ein menschliches Gesicht, andere einen ganzen Mann, der auf seinem Rücken ein Bündel trägt, den bekannten Holzdieb, den Mann im Monde.
Ein menschliches Gesicht sah ich auch jetzt.
Aber nun was für eins!
Wie gesagt, jetzt konnte auch ich als mondsüchtig gelten, so stand ich wie erstarrt da und stierte den Vollmond an.
Plötzlich hatte der ein ganz anderes Gesicht bekommen; erstens war es überhaupt viel deutlicher als sonst; dann war ihm noch ein stattlicher Schnurrbart gewachsen, und schließlich und hauptsächlich nun zog er eine unverschämt höhnische Grimasse; er lachte höhnisch wie ein Teufel, so deutlich, dass man es zu hören glaubte. Und solch eine Veränderung des Mondgesichtes gibt es sonst nicht etwa.
Der Größe nach war es derselbe Mond, den ich in voller Scheibe sah. Aber die mir bekannten Vulkane und Krater und Täler fehlten, es waren ganz andere daraus geworden; danach also war es überhaupt ein ganz anderer Mond!
Und als ich nun mein Auge von dieser höhnisch grinsenden Teufelsfratze ablenkte und die Umgebung überblickte, Herr Gott, wie ward mir da erst zumute!
Die Wolken hatten sich noch viel mehr verteilt; nicht nur der Himmel ringsherum um den Mond war frei, es gab auch noch genug andere Stellen, wo ich die Sterne funkeln sah.
Und da sah ich nun den großen und den kleinen Bären, den Cepheus und den Fuhrmann und wie sie alle heißen, den Polarstern — —
Ich sah den Sternhimmel, der sich über die nördliche Hälfte der Erdkugel wölbt!
Und gestern war es der südliche Sternhimmel gewesen, da hatte über mir das Kreuz gefunkelt — — —
Nun wusste ich aber wirklich nicht mehr, was ich denken sollte!
Hier gab es nur eins: Eine Erklärung musste ich haben. Erklärung von einer Seite, die sie mir geben konnte!
Ich stürzte in die Höhle, riss die Klappe auf, dass der Spiegel vom Nagel fiel, doch ohne zu zerbrechen.
»Ist Herr Klingsor zu sprechen?!!«
In wenigen Sekunden meldete er sich.
»Sie wünschen, Herr Willmer?«
»Mann, geben Sie mir eine Erklärung, oder ich verliere den Verstand!«
»Was regt den Pythagoras denn so auf?«, wurde lachend gefragt.
»Wenn Pythagoras dieses Wunder erlebt hätte, dann würde er sein ›nil admirari‹ wohl nicht ausgesprochen haben. Gestern sehe ich über mir das südliche Kreuz, heute ist es der Polarstern!«
»Weiter ist es nichts?«, erklang es jetzt ganz kalt. »Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, Sie sollen Ihre ganze Astronomie beiseite lassen. Oder nun versuchen Sie mal, eine geografische Ortsbestimmung nach der Lescot'schen Methode.«
»Wie ist das nur möglich!«
»Von mir bekommen Sie keine Erklärung.«
»Sind Sie ein Hexenmeister, der sogar mit Sternen des Himmels seine Gaukeleien treiben kann, oder sind Sie der Teufel selbst?!«
»Erraten! Ich bin der Teufel«, erklang es zurück, und ich glaubte das spöttisch lächelnde Gesicht des rätselhaften Mannes vor mir zu sehen.
»Dann, Teufel, gib mir eine Erklärung, und ich will Dir meine Seele verschreiben!«
»Die kriege ich.
Von mir erfahren Sie nichts. Aber, Herr Willmer, wollen Sie sich denn nun nicht endlich beruhigen? Diese Aufregung steht Ihnen so ganz und gar nicht. Für mich ist die Sache nun überhaupt erledigt, ich antworte also gar nicht mehr auf solche Fragen, oder ich ziehe auch vor, das Gespräch abzubrechen. Dagegen benutze ich diese Gelegenheit gleich, um Ihnen eine Mitteilung zu machen, die Ihnen nicht unangenehm sein wird: Die Sache mit Sakuntala ist bereits geregelt, so weit es die Upschaniden anbetrifft. Also sie darf zu Ihnen kommen. Nun handelt es sich bloß noch um ihren Vater, in dessen Wigwam sie sich bereits befindet. So braucht sie bloß noch geraubt zu werden. Also richten Sie Ihre Höhlenwohnung schon ein bisschen darauf ein, dass sie in den nächsten Tagen zwei Personen zu beherbergen haben wird.«
So hatte Klingsor gesprochen.
Und diese Worte, hervorgebracht mit der sonoren prächtigen Stimme, übten einen ganz wunderbaren Einfluss auf mich aus.
Plötzlich fühlte ich in mein Herz die alte Ruhe wieder einkehren, zugleich gepaart mit einem unsäglichen Glücksgefühl.
Und hierzu kam nun noch etwas anderes.
Ein Geräusch hinter mir ließ mich den Kopf wenden. Es war nichts weiter, als dass der Besen umgefallen war.
Aber bei dem schnellen Blick, den ich so im Moment des Aufschlagens in die Höhle hineinwarf, hatte ich eine ganz regelrechte Vision, im Übrigen auf ganz natürliche Weise erzeugt durch die Erklärung, die ich soeben gehört hatte.
Ich sah die Höhle viel wohnlicher, behaglicher eingerichtet, sie enthielt auch einen offenen Kamin, in dem ein loderndes Feuer brannte, und das sah ich vor meinen geistigen Augen einfach deshalb, weil ich solch einen offenen Kamin immer als den Inbegriff aller häuslichen Behaglichkeit angesehen hatte; wenn ich mir einmal eine eigene Häuslichkeit gründete, ich würde ihn mir als erstes anschaffen — — und vor diesem gemütlichen Kaminfeuer sah ich mich selbst im Lehnstuhl sitzen, die Großvaterpfeife schmauchend, und neben mir saß ein holdes Weib, Sakuntala, mit einer Näharbeit beschäftigt — —
Weiter ging die Vision nicht, ich hatte konstatiert, dass es nur der Besen gewesen war, der umgefallen, ich wandte das Gesicht wieder der Telefonzelle zu.
Aber diese Vision war doch deutlich genug gewesen, und sie hatte genügt, um meine Stimmung völlig umzuwandeln.
Sakuntala!!
Was machte es denn aus, ob ich den südlichen oder den nördlichen Sternhimmel über mir hatte?
Was machte es aus, ob ich mich auf dieser oder jener Erde befand, auf dieser oder jener Seite der Sonne?
Und indem mir dieser Gedanke durch das Hirn zuckte, war meine Stimmung vollends vollkommen umgeschlagen. die freudigste Ruhe zog wieder in mein Herz ein, das Gefühl eines namenlosen Glückes.
»Na, Herr Klingsor, ich habe mich nun wieder beruhigt. Mir ist es ganz schnuppe, wo ich mich befinde, ob auf meiner alten Erde oder dreihundert Millionen Kilometer entfernt auf einem anderen Planeten.«
»Recht so! Also Sie werden sich auch nicht mehr mit geografischen Bestimmungen martern?«
»Wird mir gar nicht mehr einfallen.«
»Bravo! Also dann werden wir bald wegen Sakuntalas Entführung sprechen. Morgen und übermorgen freilich noch nicht. Sakuntala muss sich auch erst etwas erholen, das arme Mädel ist von den Zukunftsoffenbarungen, die ihr gemacht worden sind, ganz angegriffen, das heißt ist von Seligkeit ganz überwältigt. Oder sie kann es noch gar nicht glauben, und infolgedessen ist sie jetzt noch nicht in der Verfassung, um den Strapazen, die vielleicht mit ihrer Entführung verknüpft sind, gewachsen zu sein. Außerdem wird es morgen tüchtig regnen, den ganzen Tag. Da benutzen Sie wohl die Gelegenheit, einmal zu untersuchen, was sich unter dem Löwenfelle Ihrer Höhle befindet.«
»Ich werde es tun.«
»Dann viel Glück auf Ihrem neuen Lebensweg Und seien Sie nur unbesorgt, Sie werden schon noch einer der Unsrigen werden, und dann erhalten Sie alle gewünschten Erklärungen. Sonst noch etwas?«
»Ich wüsste nichts.«
»Dann Schluss!« — —
Ein tiefer, gesunder Schlaf lag hinter mir. Mein fester Entschluss hatte gesiegt; auch nach dem Erwachen peinigten mich keine Grübeleien mehr wegen des Himmels und der Erde.
Zunächst trat ich einmal ins Freie. Oder auch nicht so ganz, blieb lieber unter dem Schutze des Eingangs hübsch im Trockenen stehen. Denn der Prophet hatte recht behalten, es goss vom Himmel, was nur herunter wollte, in dicken Strahlen, dass es wie ein Vorhang vor den Augen lag, obgleich kein Nebel herrschte.
Ob es auch dort in der afrikanischen Wüste so regnete, die doch ebenfalls an diese Felswand grenzte? Sicherlich! Und wenn das öfters geschah, würde sich da die Wüstenregion nicht bald verändern? Oder hatte es gar der Mann, der hier herrschte und doch sicher über wunderbare Kräfte gebot, auch in der Hand, die Regengrenzen scharf abzuzirkeln?
Es sollte mir gleichgültig sein. Ich würde es ja später erfahren.
Ich frühstückte mit Appetit und gutem Bedacht, schnallte den Gürtel um, an dem der Revolver hing; auf die Mitnahme des Gewehres konnte ich wohl verzichten, auch Wodan sollte mich nicht begleiten, dann schlug ich das Löwenfell zurück, das hinten in einer Ecke der Höhle lag.
Zum ersten Male tat ich es. So lange hatte ich meine Neugier bezwungen. Denn daran gedacht hatte ich oft genug. Aber es ist nicht meine Sache, etwas halb zu tun. Entweder — oder.
Als ich vorgestern hier emporstieg, war ich eben übermüdet gewesen, und so merkte ich auch jetzt erst, dass ich das Löwenfell für sich allein überhaupt gar nicht wegnehmen konnte. Es ging gleich die Falltür mit hoch, auf der es befestigt war.
Da war wieder die schmale Treppe, deren ich mich noch entsann, und ich wunderte mich auch nicht, sie erleuchtet zu sehen. ZoelestrialLicht! Ich hatte es damals gehört, ohne gestern deswegen weiter gefragt zu haben. Das waren für mich nun schon Kleinigkeiten geworden, die ich vergessen konnte. Ich stieg hinab, über mir die Falltür wieder schließend.
Ganz außerordentlich kalt war es hier, wovon ich das vorige Mal, wie ich mich entsann, nichts bemerkt hatte. Da aber war ich in dicke Pelze gehüllt gewesen und aus noch größerer Kälte gekommen.
Nun, sie war zu ertragen, die niedrige Temperatur, die hier herrschte. Dass die Kälte den Boden meiner Höhle durchdrang, davon hatte ich noch nichts bemerkt. Dort oben herrschte immer eine ganz normale Zimmertemperatur. Der ganze Boden war ja auch mit Fellen und Pelzen bedeckt, außerdem sehr dicker Stein!
Zweiunddreißig Stufen von normaler Höhe zählte ich, ehe das Ende dieser schmalen Treppe erreicht war, und die machen zusammen etwa zwei Etagen aus. In meiner Erinnerung war sie nicht so lang gewesen.
Sie mündete in einen breiten Korridor, immer wieder erleuchtet von einem Lichte, das aus den Felswänden selbst strahlen musste.
Diese waren nackt, zwar glatt, machten aber doch einen ganz natürlichen Eindruck, bis auf die eingelassenen Türen.
Erleuchtet war dieser Korridor doch schon damals gewesen, aber dass es hier so viele Türen gegeben hatte, davon wusste ich nichts mehr. Ich hatte eben immer mit meinen vor Müdigkeit zufallenden Augen zu kämpfen gehabt.
Es waren Türen, die ganz den unsrigen glichen, mit Klinken und außen befindlichen Angeln, allerdings ohne Schlüsselloch, ohne sichtbares Schloss, dagegen an jeder in einiger Höhe ein weißes Schild, auf dem mit roter Farbe ein wunderlicher Schnörkel gemalt war. Jedenfalls eine Hieroglyphe, eine mir unbekannte Schriftart, vielleicht Arabisch, daran wurde ich erinnert, es konnte aber ebenso gut sonst etwas sein.
Diese Aufschrift — auf jedem Schilde verschieden — mochte angeben, was sich hinter der Tür befand, wozu das betreffende Zimmer diente — ich drückte die Klinke der ersten Tür nieder, die sich der Treppe gerade gegenüber befand.
Sie ließ sich öffnen. Ahh! Das hätte ich nicht erwartet! Oder eigentlich hatte ich gar nichts erwartet, mir wenigstens keine Gedanken gemacht, was ich finden würde. Ich sah nichts Wunderbares.
Es war ein Wohnzimmer, überaus behaglich eingerichtet. Ich erkannte gleich den holländischen Stil, so in einem gutbürgerlichen, begüterten Hause einer vergangenen Zeit, wie man es von den Gemälden eines Rembrandt und van Dyck her kennt. Dazu gehörte auch die mächtige, buntgemalte Truhe, und der reich besetzte Silberschrank konnte den allgemeinen Eindruck der Einfachheit doch nicht stören.
Und dann — wie merkwürdig! Ich entsann mich sofort meiner gestrigen Vision — dort in dem kosigen Winkel stand ein mächtiger Kamin! Und zwar nicht so ein moderner wie in reichen Häusern, der mit Gas oder gar Elektrizität geheizt wird, die Kohlen täuscht man höchstens durch glühende Asbeststücke oder erleuchtete Glühlampen vor, sondern es war Holz aufgeschichtet, Kohlen waren daraufgelegt, es hätte nur angebrannt zu werden brauchen, und daneben in einem wahrhaft künstlerischen Kohlenkasten war noch mehr Feuerungsmaterial aufgespeichert; auch noch ein ganzer Stapel von kleinen und großen Holzscheiten war vorhanden.
Ich hätte den Scheiterhaufen gleich anbrennen mögen. Es war tüchtig kalt hier; jetzt empfand ich es in meiner doch nur dünnen Lederkleidung, unter der ich ja als Robinson und Trapper nicht einmal ein Hemd trug.
Ehe ich es aber tat, wollte ich mich doch etwas weiter umschauen, abgesehen davon, dass ich ja hier nicht Herr im Hause war. Ich musste mir erst noch überlegen, ob ich mich dann vor dem Feuer in dem herrlichen Großvaterstuhl niederließ, wozu ich mir natürlich auch meine Pfeife und den Knasterkasten herunterholen würde.
Auch hier strahlte das ZoelestrialLicht aus den Wänden, aus den Tapeten und Gobelins und jedenfalls auch aus allen vorhandenen Möbeln. Es war eben alles mit diesem Lichte förmlich durchdrungen, gesättigt, sodass es das Licht wieder von sich gab. Doch konnte dies jedenfalls abgestellt werden. Denn wozu wäre sonst dort an der Decke die herrliche Ampel mit den bunten Glasbildern gewesen? Auch noch andere Lampen gab es, mehr für den praktischen Gebrauch, auch auf dem vorsintflutlichen Schreibtische, dessen enorme Anzahl von großen und kleinen Schubfächern, bis zur verschwindenden Winzigkeit, zu untersuchen eine Lust sein musste, stand eine.
Ein Bücherschrank zeigte hinter den Glasscheiben lauter Prachteinbände, der Schlüssel steckte. Ehe ich ihn umdrehte, gewahrte ich etwas, was nun nicht in dieses mittelalterliche Holländerzimmer passen wollte.
Neben dem Bücherschrank ein ganz modernes Telefon! Vielleicht zu modern. Es mochte Einrichtungen besitzen, die wir noch gar nicht kennen. Aber dass es ein Telefon war, war doch gleich ersichtlich.
Nun, wenn diese moderne Vorrichtung das Auge beleidigte, so konnte ihm der Anblick entzogen werden, dafür war auch schon wieder gesorgt worden. Sie befand sich in einem Wandkasten, der geschlossen werden konnte, das Türchen stand auf, und als ich es drehte, sah ich eine Holzmalerei, die für dieses Zimmer passte.
Hatte man den Schrank mit Absicht aufgelassen, um mich einzuladen, das Telefon gleich zu benutzen?
Ich tat es noch nicht.
Ich bin nicht so.
Ich habe warten gelernt.
Auch ein großes Fenster war vorhanden, zum Teil mit kleinen in Blei gefassten Butzenscheiben, zum Teil auch mit klarem Glase, um wirklich durchblicken zu können.
Aber Zweck hatte dieses Fenster nicht. Dahinter war alles finster. Selbstverständlich! Eine Aussicht konnte hier zwei Stockwerk unter der Erde doch nicht vorhanden sein. Übrigens hätte ich die Sache da doch etwas anders arrangiert. Ich hätte die Glasscheiben statt mit Blumen und Arabesken mit Landschaften bemalen lassen und dahinter Licht angebracht. Wohl wegen dieses Mangels waren auch noch Fensterläden vorhanden, natürlich von innen zu schließen, sodass, wenn die Lampen brannten, man jederzeit denken konnte, es sei draußen Nacht, man befände sich im traulich erleuchtetem Zimmer, zur Winterszeit geheizt.
Und dort eine Stellage mit einer ganzen Batterie von holländischen Pfeifen! Denn dieser Wohnraum stand doch natürlich zu meiner Verfügung, sonst hätte doch keine Verbindung mit meiner Höhle zu bestehen brauchen, ich wäre nicht schon wiederholt aufgefordert worden, den Weg zu benutzen.
Aber dort schien noch ein Raum zu sein! Ich öffnete die mir gegenüberliegende Tür.
Sapperlot, das war ja ein famoses Schlafzimmer! Dieser Waschtisch, dieses Porzellan! Die Hauptsache in einem Schlafzimmer aber ist immer das Bett. Hier stand ein echt holländisches. Da konnten gleich drei drin liegen! Ob man aber auch diesen Berg von Kissen und Federdecken ohne Lebensgefahr erklettern konnte?
Jedenfalls war mein Vorgänger, der Robinson, ein Weltmann gewesen, der zu leben gewusst hatte. Oben in einer Höhle als Eremit gehaust, unausgekleidet auf einem Bärenfelle geschlafen, und hier unten solch ein behagliches Wohnzimmer und solch ein Prunkbett! Abwechslung ergötzt. Mein Vorgänger fand an mir einen Nachfolger, der so etwas ebenfalls zu würdigen wusste.
Oder war dies alles erst für mich hergerichtet worden? Ich wusste es nicht, vielleicht würde ich es erfahren, wenn nicht, war es auch gut.
Wieder öffnete ich eine Tür und sah eine luxuriöse Badeeinrichtung, eine Marmorwanne mit Mosaik, einen besonderen Platz für die verschiedensten Duschen — ach, was ich alles sah, deshalb zog ich vor, gleich wieder zurückzugehen, obgleich auch dieses Badezimmer noch eine zweite Tür besaß.
Aber eine solche zweite Seitentür war auch in dem Wohnzimmer gewesen, und wohin es nach jener Seite ging, das wollte ich doch erst untersuchen. Was direkt ans Wohnzimmer grenzte, das war eine Hauptsache.
Aaaaaahh!, atmete ich noch einmal langgedehnt, wie schon beim Eintritt in den Wohnraum, beim Anblick des Kamins, der mich so freudig überrascht hatte.
Ich hatte nämlich gefürchtet, es würde ein Salon angrenzen. Und der ist nicht mein Fall. Etwa gar so ein Salon wie bei meiner Mutter, wo alle die Möbel und Polster immer mit Decken belegt gewesen waren, ganz verhüllt, damit sie nicht staubig wurden, wo die Fenstergardinen immer zugezogen sein mussten, dass ja kein Sonnenstrahl hereindrang, durch den die Polster hatten verbleichen können. Von einer Benutzung dieses Salons war natürlich niemals die Rede gewesen.
Statt dessen eine Bibliothek! Und was für eine! Die Wände genügten nicht, um alle die Bücher zu fassen, die Regale zogen sich auch kreuz und quer durch den sehr beträchtlichen Raum, nur schmale Gänge freilassend, und dann ab und zu eine Sitzgelegenheit mit Tischchen, auf denen auch schon Tintenfass und Federhalter und Schreibunterlage vorhanden waren, wie es sich in einer Bibliothek gehört.
Das war ja etwas für mich! Ich war durchaus kein Büchernarr, aber — ich hätte eigentlich einer werden mögen. Es hatte mir bisher nur immer die Gelegenheit gefehlt.
Ich durchschritt die schmalen Gänge, ohne eins der Bücher herauszuziehen, sah auf einem der Schreibtischchen einen dicken Katalog liegen. Doch wie es mir auch in den Fingern zuckte, ich ergriff ihn nicht, konstatierte hingegen noch mit Vergnügen, dass auch hier überall Lampen vorhanden waren, dieses Himmelslicht also auch ausgedreht werden konnte. Ich öffnete die jenseitige Tür. Obgleich da wohl noch andere vorhanden waren. Wegen der vielen sich durchziehenden Regale konnte man diesen Raum nicht überblicken.
Richtig! Ein Studierzimmer, mit allem was dazu gehört, wie zum Beispiel auf dem kolossalen Schreibtisch die niedrige Lampe mit grünem Schirm und der nicht minder kolossale Aschenbecher, und diese kleine Bibliothek hier, wenigstens klein im Gegensatz zu der dort draußen, aber auch noch einige hundert dicke Bände umfassend, alle Wände bedeckend, zeigte hauptsächlich Nachschlagebücher in deutscher, französischer, englischer und lateinischer Sprache.
Von hier aus führte die nächste Tür wieder in ein Schlafzimmer, in dem ich gleich aus gewissen Anzeichen erkannte, dass es nur für einen Mann bestimmt war. Auch das Bett war nicht so kolossal breit.
Aha, hier ging es ja vornehm zu! Wenn er wollte, hatte der Herr Ehegemahl auch sein Schlafzimmer für sich allein! So ist es recht! Wie bei Fürsten. Und manchmal auch bei großen Geistern, die nichts zu haben brauchen. Aber auch des Nachts wollen sie mit ihren Gedanken allein sein.
Daran angrenzend wiederum so ein prächtiges Badezimmer, ebenso mit einer Mosaikwanne, in der ein kleiner Mann fast schwimmen konnte, Wasserhähne darüber und alles, was dazu gehört.
Nun wollte ich aber doch einmal durch die andere Tür nach dieser Richtung weitergehen.
Und wie ward mir nun da, als ich es getan, die Tür nur einfach erst geöffnet hatte!
Es war wiederum ein Baderaum. Aber was für einer! Eine Schwimmhalle. Und wiederum: was für eine!
Der Schöpfer dieser geschlossenen und gedeckten Schwimmhalle hatte die Natur nachzuahmen versucht, und das war ihm glänzend gelungen. Ja, solch einen idealen Bade- und Schwimmplatz gab es wahrscheinlich gar nicht in der Welt; die Natur war übertroffen worden.
Das außerordentlich große und vor allen Dingen sehr langgestreckte Bassin war mit natürlichen Felspartien eingefasst, darunter auch solche, bei deren Erklimmen man sich den Hals brechen konnte. Und diese Felspartien waren nicht nackt, sondern zum größten Teil mit Schlingpflanzen bedeckt, prächtige Blüten treibend, und dazwischen blumige Büsche und Bäume, besonders auch schlanke Palmen.
Das war so das erste, was man beim allgemeinen Überblick sah. Dann musste das Auge nach und nach die Einzelheiten untersuchen.
Alles, was an eine geschlossene Schwimmhalle erinnerte, fehlte: Auskleidezellen und dergleichen, Treppen und Galerien. Wohl schien es solche zu geben, aber natürliche, dann musste man eben dort oben hinaufklettern, dort schien ein breiter Grat herumzulaufen, aber nicht etwa so ganz eben und gleichmäßig, und auch bequeme Aufstiege mochte es ja geben.
Als ich meinen Blick noch höher richtete, sah ich, dass sich über dem Ganzen der blaue Himmel wölbte, zwar ohne Sonne, aber doch strahlend.
Ich hätte an einen echten Himmel glauben können, hätte ich nicht gewusst, dass es draußen in Strömen goss, und selbst wenn es jetzt nicht mehr regnete, so strahlend war der Himmel sicher noch nicht.
Wunderbar, wie dieser Himmel vorgetäuscht wurde!
Ich stand, nachdem ich eingetreten war, auf der schmalen Seite des Bassins, welche aber immer mindestens dreißig Meter breit war, während es sich gewiss mehr als hundert Meter in der Länge erstreckte.
Hier auf dieser schmalem Seite fehlte die hohe Felseinfassung, nur einzelne größere Steine lagen dicht am »Strande«, wie ich unwillkürlich sagen musste, denn hier lag feiner, weißer Sand, der Grund senkte sich langsam, dort hinten schien es schon sehr tief zu sein. Also von den Nichtschwimmern ging es langsam zu den Schwimmern über. Selbst an brillante kleine und große Muscheln hatte man für diesen Strand gedacht.
Das Wasser war natürlich glatt wie ein Spiegel. Natürlich? Sollte hier nicht auch ein künstlicher Wellenschlag erzeugt werden können? Sicher! Man musste nur die Stelle kennen, wo der Mechanismus einzuschalten war, oder es dem Bademeister sagen, der freilich nicht zu erblicken war und sich hoffentlich auch nicht einstellte, wenigstens nicht, ohne dass er gerufen wurde.
Was ich dagegen vermisste und was sich nicht so durch einen Federdruck oder Hebelbewegung herbeischaffen ließ, das waren Sprungbretter. Ich springe gern und bin ein sehr guter Kunstspringer. Dazu aber gehört ein gut gefedertes Brett mit einem rauen Stoffe überzogen. Um hier springen zu können, musste man die Felsen erklettern, da konnte man sich ja von den verschiedensten Stellen ins Wasser stürzen, bis zu drei Etagen hoch herab, vielleicht konnte man hier und da auch einen Anlauf nehmen, aber es war eben kein »Aufsetzen«, dass man zuletzt federnd in die Höhe geschnellt wird, ohne das nun einmal Kunstspringen unmöglich ist. Dann hätte ich auch für einige Turngelegenheit gesorgt, vor allen Dingen mindestens für eine über dem Wasser hängende Schaukel, ein Trapez an langen Seilen; sie würden sich schon am »Himmel« befestigen lassen. Von solch einem langseiligen Trapez, sich hoch in die Lüfte schwingend und dann den gewaltigen Sprung benutzend, kann man ja wundervolle Sprünge ausführen.
Doch ich wollte nicht mäkeln. Weshalb trieb im Wasser kein abgefallenes Laub? Weshalb war solches auch sonst nirgends zu erblicken? Es musste doch einmal verwelken. vertrocknen. Ich untersuchte die Bäume und Büsche. Künstlich! Gummistoff oder so etwas ähnliches. Die Blüten und Blumen parfümiert.
Hieran hatte ich aber nun wirklich nichts zu bemäkeln, da brauchte ich mir keinen Zwang anzutun. Es war nun einmal ein geschlossener Raum, in dem die Natur nur vorgetäuscht wurde, und da musste dies auch bei den Pflanzen der Fall sein. Das ist ja eben »Kunst«. Ich hatte es nicht so ohne Weiteres unterscheiden können, und überhaupt, ein Gewächshaus oder Wintergarten ist durchaus nicht nach meinem Geschmack.
Und wie hätte es sonst hier ausgesehen, wenn diese Pflanzen natürliche gewesen wären! Die zu üppig wuchernden mussten beschnitten werden, andere gingen ein, überall vertrocknetes Laub und sterbende Blätter, diese Gießerei und so weiter. Natürliche Pflanzen gehören ins Freie und nicht in einen geschlossenen Raum. Etwas anderes sind Blumen in Töpfen. Aber man soll mit großartigen Anlagen keine Natürlichkeit hervorzutäuschen versuchen.
Sollte ich mich gleich einmal hier im Wasser tummeln, im Adamskostüm dort oben auf den Felsen herumklettern? O ja, das war etwas für mich, in solch einem geschlossenen Bassin schwimme ich gern. In dieser Halle war es ziemlich warm, auch das Wasser.
Aber noch bezwang ich mein Gelüste, ging erst einmal die lange Seite hinab. Zwischen den Felspartien gab es hin und wieder einen freien Durchblick; ich konnte auch bis dicht an das Wasser treten, das mit dem ebenen Boden in fast gleicher Höhe war; dann wölbte sich darüber eine Brücke von natürlicher Beschaffenheit.
So erreichte ich das andere Ende des Bassins. Hier wieder für Nichtschwimmer ein seichter Badestrand mit feinem, weißem Sand.
Wohin ging dort die Felsentür? Denn eine Tür war es, ein so rohbehauenes Aussehen man ihr auch gegeben hatte, wie auch jener, durch die ich vorhin gekommen war.
Ich öffnete sie. Da war ich doch richtig in ein Damenboudoir geraten! Oder aber — eine An- und Auskleidezelle, eingerichtet mit dem größten Luxus und Raffinement. Zweifellos für Damen bestimmt. So viele Spiegel brauchen nur Frauenzimmer, und dort auf dem Toilettentisch lag auch eine Brennschere für die aus der Fasson gekommenen Locken.
Gerade hier in diesem Damentoilettenzimmer, das ja sonst gar nichts Wunderbares barg, mich auch sonst ganz nüchtern ließ, mir nicht etwa sinnliche Vorstellungen erweckte, packte es mich einmal.
Ich schloss, einem mich überwältigenden Gefühle nachgebend, die Augen und dachte — dachte an die Robinsonhöhle dort oben und an diese Einrichtungen hier unten, bei welcher der höchste Luxus mit einer Technik gepaart worden war, von der die ganze andere Welt noch gar nichts wusste!
Im Allgemeinen war ja die Sachlage klar.
Nicht etwa, dass dort oben ein Robinson gehaust hatte wie ein Wilder, sich in die Felle der selbsterlegten Tiere kleidend, der nur zufällig Schusswaffen, einige Konserven und dergleichen gefunden hatte, um sich so das Leben angenehm zu machen — und wenn er dieser Einbildung, solch ein echter Robinson und Hinterwäldler zu sein, überdrüssig war, dann stieg er hier hinab in das Reich des höchsten Luxus.
Nein, die Sache war zweifellos anders.
Hier tief unter der Erde war eben ein Palast angelegt worden, der alles barg, was Menschenwitz nur für eine Wohnung ersinnen kann. Hier hatten überhaupt schon immer Menschen gehaust.
Die Robinsonhöhle dort oben war erst angelegt worden, und zwar nur für mich.
Wer aber waren nun diese rätselhaften Menschen, die solch einen unterirdischen Palast angelegt hatten, die überhaupt solche Erfindungen besaßen?
Schnell brach ich diesen Gedankengang ab. Nein, nur nicht grübeln! Es kam nichts dabei heraus.
Ich ging nicht zurück in die Schwimmhalle, sondern durch die zweite Tür in das Nebenzimmer.
Schon wieder ein eleganter Baderaum mit Marmorwanne und Duschgelegenheiten. Die mussten es ja hier sehr nötig haben, sich öfters zu waschen!
Dann kam wieder ein Schlafzimmer mit einem mächtigen Bett, in dem reichlich drei Personen Platz hatten.
Und dann kam schon wieder ein — —
Ja, sapperlot, hier war ich doch schon gewesen?!
Oder sollte sich die ganze Geschichte noch einmal wiederholen, ohne dass die neue Auflage verbessert worden war?
Hier war nämlich wieder das holländische Wohnzimmer mit dem Kamin, die Kohlen lagen genau so drin, daneben die beiden herausgefallenen Holzspäne bildeten auch wieder das Kreuz, und das buntgemalte Türchen des Telefonschrankes war auch so angelehnt, wie ich es getan hatte.
Ja, es waren dieselben Räume, die ich schon einmal durchwandert hatte! Nun wusste ich es. Die Sache war die, dass ich rückwärts gegangen war, jene Halle von dieser Zimmerflucht nur durch eine Wand getrennt, und so war ich eben von der anderen Seite wieder hereingekommen.
Da ich aber nun einmal hier wieder war, wollte ich doch erst einmal das Telefon benutzen, da ich ein solches sonst nirgends gesehen hatte. Denn besonders in der Schwimmhalle hätte ich es doch schon gern benutzt.
Einen besonderen Hörer gab es nicht, keine Kurbel war zu leiern, nur so ein Sprechtrichter war vorhanden. Außerdem auf einem Brettchen noch eine ganze Masse verschiedenfarbige Knöpfchen, alle mit Zahlen und auch Buchstaben bezeichnet, auf denen ich aber nicht erst herumfingern wollte.
»Ist hier jemand, der mich hört?«, fing ich auf gut Glück an.
Keine Antwort.
Ich klopfte einmal gegen die Membrane oder was es nun sonst war, was sich da in dem Trichter befand, und richtig —
»Sie wünschen, Herr Willmer?«, erklang es fast sofort, und zwar eine mir schon bekannte Stimme.
»Sind Sie es, Herr Namenlos Nummer zwei?«
»Ich bin es.«
»Wissen Sie, wo ich mich hier befinde?«
»Doch wohl in Ihrer Höhle. Allerdings — es hat nur allgemein geklingelt, und zwar recht merkwürdig, als ob jemand den Kontakt nur berührt habe.«
»Ich bin aus meiner Höhle durch die Falltür hinabgestiegen.«
»Ah so! Bitte, drücken Sie, welches Telefon Sie auch benutzen, an dem Schaltbrett immer den ersten Knopf links oben, das ist überall der Anruf, dann wird die regelrechte Verbindung hergestellt. Sonst können wir durch eine andere Verbindung zu leicht unterbrochen werden.«
Ich drückte diesen Knopf, den einzigen, der weiter keine Zeichen trug; seine rote Farbe verwandelte sich plötzlich in eine weiße.
»So, Herr Willmer, nun sind wir ungestört verbunden«, erklang es wiederum, diesmal aber viel deutlicher, als spräche ich direkt mit dem Manne. »Darf ich um Wünsche fragen?«
»Ich bin also in das unterirdische Reich eingedrungen.«
»Ja, jetzt weiß ich auch, wo Sie sich befinden, die telefonische Verbindung zeigt es mir nun an.«
»Wo befinde ich mich?«, musste ich erst einmal kontrollieren.
»In der obersten Etage, in dem holländischen Wohnzimmer.«
»Stimmt. Ist Herr Klingsor — oder nein, die gewünschten Auskünfte dürfen wohl auch Sie mir geben?«
»Ich weiß nicht, worum es sich handelt.«
»Nur hier wegen der Zimmer und Räume.«
»Da kann ich Auskunft geben — so weit ich darf.«
»Dann bleibe ich gleich bei Ihnen, was brauche ich da erst Herrn Klingsor!«
»Ehrt mich sehr.«
»Das ist ja grandios hier unten!«
»Ja, für einen, der zum ersten Male dorthin kommt, bergen diese unterirdischen Räume große Überraschungen, zumal wenn er sonst noch nichts kennt.«
»Sie sprachen von der obersten Etage, in der ich mich befände. Wie viele sind es denn?«
»Das, Herr Willmer, muss Ihrer eigenen Untersuchung überlassen bleiben. Es tut mir leid, aber ich bin instruiert —«
»Na, selbstverständlich, da brauchen Sie sich nicht erst zu entschuldigen. Aber es gibt doch Fragen, die Sie mir unbedingt beantworten müssen. Darf ich mich denn hier in diesen Räumen frei bewegen? Ist das erlaubt? Dass mir nicht etwa einmal später nachgesagt wird, ich wäre ein unverschämt neugieriger Geselle gewesen.«
»Aber, Herr Willmer, es ist Ihnen doch sicher von Herrn Klingsor selbst gesagt worden, Sie möchten dort unten Umschau halten, sonst wäre doch auch die Falltür verschlossen gewesen —«
»Ja, ja, das weiß ich schon. Aber Sie selbst sprechen nur von Umschau halten. Ob ich hier auch alles benutzen darf, das meine ich.«
»Jawohl, es steht alles zu Ihrer Benutzung frei, der ganze Palast.«
Also der sprach auch schon von einem Palast, wie ich es bereits getan habe. Ohne jede Berechtigung. Denn ich hatte bisher doch nur einige wenige Räume gesehen, und zu einem Palaste gehört doch etwas mehr als ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, zwei Badezimmer und eine Bibliothek.
Aber ich hatte auch eine riesige, wunderbar eingerichtete Schwimmhalle gefunden. Und wo eine solche vorhanden ist, mit zur Wohnungseinrichtung gehörend wie etwa ein Eisschrank, da darf man wohl auch mehr vermuten. deshalb hatte ich vorhin ganz unwillkürlich gleich von einem Palaste gesprochen, und jetzt wurde mir die Richtigkeit meiner Vermutung bestätigt.
»Hier im Kamin sind schon Holz und Kohlen bereitgelegt. Ich darf es anzünden?«
»Selbstverständlich.«
»Mich in die Betten legen?«
»Gewiss doch.«
»Hat später auch Sakuntala Zutritt zu diesem unterirdischen Reiche?«
»Zu jeder Zeit, wenn sie bei Ihnen ist, sie darf sich aber auch allein darin aufhalten. Herr Willmer, es ist wohl einfacher, wenn ich Ihnen gleich alles das mitteile, wozu ich beauftragt bin wie jeder andere, der für Sie am Telefon Dienst hat, denn es war ja zu erwarten, dass Sie solche Fragen stellen würden, sobald Sie dorthin kommen und ein Telefon finden.«
»Ja, tun Sie es.«
»Es ist einfach genug: Sie dürfen sich in diesem ganzen unterirdischen Palaste frei bewegen, alles nach Belieben benutzen. schalten und walten, wie Sie wollen.
Und das zu jeder Zeit. Also nicht etwa, dass Pausen kommen, während welcher Ihnen der Zutritt einmal verboten wäre.
Ich muss wiederholen für Sie: Sie dürfen jeden Raum betreten, zu dem Sie durch eine Tür Zutritt haben, und frei nach Willkür schalten und walten, alles darin Befindliche benutzen — —«
»Soll das etwa heißen«, musste ich unterbrechen, »dass es für mich auch verschlossene Türen gibt?«
»Jawohl, davon hätte ich auch noch gesprochen. Sie werden hin und wieder Türen finden, die verschlossen sind. Sie können, wenn Sie Lust dazu haben, versuchen, sie zu öffnen, können an den Schlössern probieren, wie Sie wollen, können auch Gewalt anwenden, um die Tür aufzusprengen, mit irgendeinem Werkzeuge oder durch ein Sprengmittel — auf Ihre eigene Lebensgefahr hin — und dasselbe gilt auch von den Wänden. Ich bin eigens beantragt, Ihnen mitzuteilen, dass Sie auch jedes Gewaltmittel anwenden dürfen, um in verschlossene Räume einzudringen. Auf Ihre eigene Lebensgefahr hin.«
Ebenso hatte ja auch Klingsor in Bezug auf den Turm des Schweigens zu mir gesprochen. Er schien ein sehr gewissenhafter Mann zu sein.
»Auf meine eigene Lebensgefahr hin?«, wiederholte ich.
»Jawohl. Da müssen wir natürlich jede Verantwortung ablehnen.«
»Kann man dabei vielleicht so etwas wie einen elektrischen Schlag erhalten, der einen sofort ins Jenseits befördert?«
»O nein, o nein, so ist das nicht gemeint! Derartige Schutzmittel gibt es doch gar nicht. Die Türen sind einfach verschlossen. Aber wenn Sie etwa Dynamit anwenden, so könnte das doch für Sie selbst sehr gefährlich werden, zumal in geschlossenen Räumen.«
»So so. Ich bin beruhigt. Doch ich werde schon nicht so unverschämt sein, hier mit Pulver und Dynamit herumzuknallen, ich werde mir an den offenen Türen genügen lassen. Da darf ich auch noch in die unteren Etagen hinabsteigen?«
»Selbstverständlich. Wenn Sie die Treppenabstiege offen finden! Sonst eben nicht! Ob das der Fall ist, darüber darf ich nicht sprechen. Das müssen Sie selbst untersuchen.
Dagegen, Herr Willmer, bin ich beauftragt, Ihnen andere nähere Erklärungen zu geben.
Sie brauchen in dieser unterirdischen Region einen Führer.
Wohl werden Sie durch eigene Nachforschungen Interessantes genug finden, Sie werden die verschiedensten Mechanismen entdecken und sie funktionieren lassen, aber sehr, sehr vieles wird Ihnen doch entgehen, besonders auch, was zum praktischen Gebrauche dient, für Ihre Bequemlichkeit.
So bedienen Sie sich lieber eines Führers — — keines persönlichen, den Sie wahrscheinlich nicht wünschen, sondern eines gedruckten.
Nicht wahr, das holländische Zimmer liegt doch gerade der Treppe gegenüber, die Sie aus Ihrer Höhle herabgekommen sind?«
»Jawohl, die Tür ist gerade gegenüber!«, bestätigte ich.
»In diesem holländischen Zimmer steht ein Schreibtisch.«
»Der ist vorhanden.«
»Solch einen Schreibtisch werden Sie in jeder Etage finden, die Sie betreten können, immer in dem Zimmer, welches dem Ende der Treppe gegenüber liegt, auch wenn dieses Zimmer einmal anders eingerichtet sein sollte.
Stets enthält dieser Schreibtisch oben im Aufsatz in der Mitte ein größeres Fach, in dem einige Bücher stehen. Diese Bücher sind Kataloge, Führer für die betreffende Etage. Das dickste Buch ist immer der allgemeine Wegweiser, die kleineren, leicht in die Tasche zu stecken, sind die Spezialführer, die Sie mitnehmen.
Sollten Sie einmal solch einen kleinen Führer irgendwo liegen lassen und dann nicht wiederfinden, so schadet das nichts; Sie melden es, er kann sofort wieder ersetzt werden.
Nur den großen Katalog wollen Sie bitte nicht aus dem betreffenden Zimmer entfernen, er ist nicht so leicht zu ersetzen. Diese Führer sagen Ihnen nun schon genug. Weitere Anleitungen sind nicht nötig, Sie werden sich sofort zurechtfinden.
Höchstens auf eins will ich Sie gleich noch aufmerksam machen: Neben dem Telefon ist doch ein Schaltbrett mit Knöpfen angebracht, nicht wahr?«
»Jawohl, ich habe ja den ersten Knopf schon gedrückt.«
»Auf dieses Schaltbrett beziehen sich in den Führern die Angaben, die Sie immer dahinter finden, ein Buchstabe, eine Zahl und eine Farbe. In jedem einzelnen Raume finden Sie solch ein Telefon mit Schaltbrett — wo, das steht stets auf der ersten Seite.
Alles Weitere wird Ihnen dann sofort klar. Sie drücken den betreffenden Knopf, und wofür er bestimmt ist, was Sie zu sehen oder zu benutzen wünschen oder was sonst eintreten soll, das wird dadurch eben in Aktion gesetzt. Dabei färbt sich der betreffende Knopf immer weiß. Haben Sie genug, hat sich die Sache erledigt, so drücken Sie denselben Knopf abermals, er nimmt wieder seine frühere Farbe an.
Wenn Sie einmal die Abstellung unterlassen, so schadet das nichts. Ist dabei eine Gefahr vorhanden oder muss etwas eben unterbrochen werden, so findet die Abstellung schon automatisch von selbst statt. Darüber brauchen Sie sich also keine Sorge zu machen, falls Ihnen einmal hinterher einfällt, Sie hätten so etwas unterlassen, etwa ein Wasserhahn könnte noch laufen und eine Überschwemmung verursachen. Das ist niemals möglich.
Bei dieser Gelegenheit soll ich Ihnen gleich noch die abermalige Versicherung geben, dass Sie niemals beobachtet werden, auch in diesem unterirdischen Palaste nicht. Möchte man das einmal tun, so wird Ihnen dies erst mitgeteilt, Sie werden um die Erlaubnis gebeten, die Sie jederzeit verweigern können.
Noch eins: Dieses Schaltbrett hängt nur lose in dem Schrank. Sie können es auch abnehmen und mit sich herumtragen. Dies ist doch bequem, da brauchen Sie, wenn Sie sitzen, nicht immer erst aufzustehen und nach dem Telefon hinzugehen. Es ist eine drahtlose elektrische Verbindung, die aber immer nur in dem betreffenden Zimmer funktioniert. In anderen Räumen finden Sie eben immer wieder ein anderes Telefon mit Schaltbrett, für welches dasselbe gilt. Nur wollen Sie nicht vergessen, das Schaltbrett beim Verlassen des betreffenden Raumes immer wieder hinzuhängen. Weiter habe ich darüber nichts zu sagen.«
»Hm. Wäre es denn nicht möglich, dass mir dieses Schaltbrett von selbst in die Hand geflogen kommt und auf meinen Befehl sich auch von selbst wieder aufhängt?! Da braucht man doch nicht immer erst aufzustehen!«
So hatte ich verdrießlich gesagt. Es wurde richtig aufgefasst. Herr Namenlos Nummer zwei lachte herzlich.
»Nicht wahr, Sie gestatten doch, dass ich über Ihre Frage und Äußerung lache?«, fragte er aber auch noch höflich.
»Jawohl, ich gestatte es gnädigst, lachen Sie so viel Sie wollen, mir per Telefon auch ganz direkt ins Gesicht.«
»Nun, Herr Willmer, da verlangen Sie allerdings etwas zu viel. Auf Ihren Befehl kann das Brett nicht zu Ihnen geflogen kommen, auch nicht von selbst wieder durch die Luft hinspazieren und sich aufhängen. Und dennoch, etwas ist schon daran.«
»Was denn?«
»Dass Sie das Schaltbrett nicht aus dem betreffenden Raume mit hinausnehmen können, dafür ist gesorgt.«
»Wie denn? Vielleicht durch eine drahtlose Gummischnur, wie man sich ausdrücken möchte, die das Brett immer wieder zurückzieht?«
»Nein, so nicht. Aber dass Sie immer daran erinnert werden, wenn Sie das Brett beim Verlassen des Raumes mitnehmen, dafür ist gesorgt.«
»Wird es etwa in meiner Hand oder Tasche glühend heiß?«
»Nein, gefährlich ist die Sache nicht. Aber ganz nachdrücklich werden Sie an Ihre Vergesslichkeit doch erinnert. Sie werden schon sehen, können es ja gleich proben. Ich selbst darf über solche Einzelheiten keine Auskunft geben. Übrigens, fällt mir da noch ein, brauchen Sie auch niemals vor dem Telefon zu stehen, wenn Sie mit mir oder einem anderen Diensthabenden sprechen wollen. Sobald der erste Knopf gedrückt ist, stehen wir mit Ihnen in Verbindung, Sie können im betreffenden Raum sprechen, wo Sie wollen, auch nach der anderen Richtung hin, Sie werden verstanden. So können Sie Ihre Wünsche, welcher Knopf gedrückt werden soll, auch äußern, das kann dann auch durch uns von hier aus besorgt werden. Nur müssen Sie immer den Auftrag geben, indem Sie sich nach dem Führer richten.«
»Ich verstehe, das wird ja immer bequemer! Ich werde hier noch fauler werden, als ich schon immer gewesen bin.«
»Dann, Herr Willmer, hätte ich Ihnen in dieser Beziehung nichts mehr mitzuteilen.«
»Ich habe aber noch etwas zu fragen. Wenn ich nun das Bett eingerissen habe — wer macht das wieder?«
»Das wird wieder in Ordnung gebracht, auch sonst alles, was Sie in Unordnung bringen, was Sie benutzt haben, wie etwa im Sportsaal — —«
Herr Namenlos brach wieder einmal ab, weil er sicher zu viel gesagt hatte. Aber ich stellte keine diesbezügliche Frage.
»Von Dienern?«
»Ja, aber Sie werden niemals einen zu sehen bekommen, wenn Sie es nicht wünschen.«
»Dies alles gilt auch für Sakuntala?«
»Gewiss.«
»Ich darf auch andere Personen mit hier herabnehmen, etwa einen Besuch?«
»Ganz, wie Sie wollen.«
»Meinen Hund?«
»Auch den. Warum nicht? Alles, alles steht Ihnen frei. Versuchen Sie diesen unterirdischen Palast durch Feuer zu vernichten.«
»Ich werd's bei Gelegenheit einmal tun. Dann könnten wir ja wohl Schluss machen.«
»So drücken Sie den weißen Knopf wieder.«
Ich tat es, er färbte sich wieder rot.
So, nun konnte es auf die Forschungsexpedition gehen, erst einmal in diesem Zimmer hier, kreuz und quer und im Kreise herum. An der Hand des Führers.
Ehe ich aber an den Schreibtisch ging und die Kataloge prüfte, brannte ich doch lieber aus meiner Schachtel ein Streichholz an und mit diesem den Scheiterhaufen im Kamin, wozu ich keine Anleitung brauchte. Es war hundekalt hier.
Das Feuer brannte gleich herrlich, schon der Kienduft entzückte mich. Nun nahm ich von den vielen Büchern, die dort richtig in dem offenen Fache des Schreibtisches standen, das dickste und setzte mich in den Großvaterstuhl, die frierenden Füße dicht am Feuer. Wenn es brenzlig roch, nach verbranntem Mokassin, musste ich sie zurückziehen.
»Hauptkatalog, Anleitung zur Benutzung der Führer«, las ich da zunächst auf der ersten Seite, auf Deutsch.
Ich begann zu lesen. Was ich las, will ich hier nicht schildern. Jeder Satz müsste erläutert werden, und dann würde eine ganze Bibliothek daraus. Die Hauptsache aber war eigentlich ein Wörterverzeichnis.
Was? Das alles sollte hier unten zu finden sein? Ach, was für Stichworte da angeführt waren. Sporthalle, Turnsaal, Reitbahn, Schießstand, Billardzimmer, Kegelschub — —
Na, das war ja eigentlich etwas Selbstverständliches, darüber brauchte ich mich nicht zu wundern. So etwas gehört nun einmal zu einem Palast. Das heißt zu so einem, wie ich ihn mir einmal bauen werde, nach meinen eigenen Entwürfen. Wenn ich erst einmal Milliardär bin — unter dem tue ich es niemals — die lumpigen zehn Millionen, die ich mir da aus dem Sande buddeln sollte, waren erst der bescheidene Anfang — dann muss in meinem Palaste auch eine geheizte Eisbahn vorhanden sein. Sonst ist die Bude für mich unbewohnbar.
Wie ich mir nun das noch in Gedanken so sage, wahrscheinlich mit einem recht unzufriedenen, verdrießlichen Gesicht, innerlich aber lachend, lese ich in dem Verzeichnis zufällig das Wort »Eisbahn«.
Na, hier solch eine zu haben, im geschlossenen Raume, das war nun weiter keine Kunst. Hier unten hatte die Natur doch überhaupt einen riesigen Eiskeller geliefert; ich war selber hier unten schon Schlittschuh gelaufen; da brauchte also nur von hier aus ein Verbindungsweg geschaffen zu werden, und zum unterirdischen Palaste gehörte eben auch eine Eisbahn.
Und wie ich mir nun das wieder mit gewöhnlichem Mäkeln sage, da lese ich das Wort »Eisbahn« noch einmal, dahinter in Klammern »Kalte, siehe L 78«, und darunter steht immer noch einmal »Eisbahn«, dahinter in Klammern »geheizt, siehe E 143«.
Was? Eine geheizte Eisbahn? Ich wollte meine Gedanken nicht weiter ausspinnen, ich genierte mich etwas, oder die Sache wurde mir auch ein bisschen unheimlich, dieses Buch schien meine Gedanken erraten zu können und immer gleich zu beantworten — — ich blätterte flugs weiter.
Ach, was für Stichworte ich da sonst noch vorfand!
Selbst Wassernixen waren angeführt. »Siehe B 56«.
Mehr will ich aber nicht aufzählen, gar nicht erst weiter davon anfangen. Denn sonst würde ich, wie gesagt, niemals fertig werden, weil ich eben immer erläutern müsste, anders ginge es nicht.
Übrigens sah ich bald ein, dass dieser Hauptkatalog jetzt für mich nur eine interessante Lektüre war, die mir sonst nichts weiter nützte. Konnte ich dadurch etwa verhindern, dass ich hier langsam erfror? Nein. Gewiss, ein Kaminfeuer, das so hell lodert wie hier das meine, ist eine schöne, trauliche Sache, in meine Zimmer müssen einmal unbedingt offene Kamine kommen, außerdem aber immer noch ein tüchtiger, solider geschlossener Ofen. Oder eine Dampfheizung oder so etwas Ähnliches. Das Kaminfeuer ist doch etwas einseitig. Mein rechter Mokassin war richtig schon etwas angekohlt, ich hatte die unangenehme Hitze schon an der großen Zehe verspürt, meine Nasenspitze dagegen war vor Kälte blau angelaufen, wie mir der Spiegel gegenüber zeigte.
Sollte denn hier in diesem unterirdischen Palaste, wo es sogar eine warme Eisbahn gab, nicht auch vorgesehen sein, dass man auch dieses holländische Wohnzimmer schnell warm bekam? Die Holländer sind keine Eisbären, die lieben doch auch ein behaglich warmes Zimmer.
Von einer sonstigen Heizanlage war hier nichts zu sehen. Wie dieses Zimmer sonst zu erwärmen war, das konnte ich in diesem Hauptkataloge nicht ermitteln, das wusste ich schon, nachdem ich mich nur etwas orientiert hatte. Die Buchstaben und Zahlen wiesen immer auf die Spezialführer hin.
Also ich ging an den Schreibtisch, die Spezialführer waren ganz übersichtlich geordnet, ich befand mich hier in der ersten Etage, die Separatausgabe war gleich gefunden und dann ebenso schnell richtig auch dieses holländische Wohnzimmer.
Selbst für jedes einzelne Zimmer war ein Verzeichnis von Stichwörtern zum Nachschlagen vorhanden. Eine überaus gewissenhafte Arbeit.
»Heizung: C 7 gelb — G 3 schwarz.«
Hier in diesen Spezialführern bezogen sich diese Buchstaben und Zahlen und Farben also dort auf die Knöpfe des Schaltbrettes. Gleich zwei Knöpfe sollte man drücken? Hiervon hatte Herr Namenlos Nummer zwei nichts gesagt, aber solcher Einzelangaben hatte ich doch nicht bedurft. Wenn dem nun so war, und diese doppelten und auch dreifachen Angaben gab es sehr viele, dann freilich ließen die zweiunddreißig Knöpfe dort eine ungeheure Anzahl Kombinationen zu.
Als ich C 7 drückte, wurde der gelbe Knopf weiß, aber sonst merkte ich nichts. Als ich G 3 drückte, wurde der schwarze Knopf ebenfalls weiß, aber ich merkte noch immer nichts. Freilich, es war auch viel verlangt, wenn ich dachte, das Thermometer solle vom Gefrierpunkt nun gleich bis zu 20 Grad Celsius emporschnellen, da musste ich doch wohl etwas warten, ehe ich überhaupt nur — —
Doch nein, da brauchte ich gar nicht zu warten! Schon in der nächsten Sekunde, als ich diesem Gedanken noch nachhing, merkte ich bereits die Wärme, die von allen Seiten auf mich strahlte, aus den Wänden, aus Fußboden und Decke kommend.
Und immer wärmer wurde es, mit unheimlicher Schnelligkeit, es wurde heiß und immer heißer, und so war kaum eine Minute vergangen, während welcher ich hier und da die Wände befühlt hatte, ohne doch eigentlich heiße Ofenplatten konstatieren zu können, als mich plötzlich etwas wie ein Schreck packte und ich schleunigst wieder nach dem Telefon stürzte und die beiden Knöpfe abermals drückte.
Ja, sie nahmen sofort ihre ursprüngliche Farbe wieder an, aber bei der Hitze blieb es, und ich merkte, wie diese sogar noch immer zunahm, schon brach bei mir der Schweiß aus allen Poren hervor!
Ich hätte Reißaus nehmen können, ins Nachbarzimmer, aber das ist eben nicht mein Fall. Nicht einmal tote Möbel überlasse ich gern ihrem traurigen Schicksale, das ich durch eigene Schuld über sie heraufbeschworen habe.
So drückte ich den allerersten Knopf.
»Herr Will — — —«
»Hilfe, Hilfe, ich verbrenne!!!«, kam ich der Anmeldung zuvor.
Mit fliegenden Worten teilte ich das Vorgefallene und die Situation mit.
»Aber nun fix, fix! Wie stelle ich das wieder ab, mein ganzer Körper ist schon eine einzige Brandblase!!!«
»O, so schlimm kann es wohl nicht sein, eine höhere Temperatur als 30 Grad Celsius ist in keinem Zimmer zu erzeugen — —«
»Sagen Sie mir, wie ich diese Höllenglut wieder abstelle oder ich nehme Sie telefonisch bei der Halsbinde und erwürge Sie drahtlos!!!«
Lachend sagte mir der Mann, welchen Knopf ich zu drücken habe, um die Wärmeentwicklung erst einmal abzustellen, dann einen zweiten, um kühlere Luft herbeizuschaffen, und nachdem dies alles geschehen war, als ich die angenehmen Folgen sofort merkte, gab er mir weitere Erklärungen.
Ich will es hier nicht mehr ausführlich schildern. Ich hatte die Sache eben falsch gehandhabt, hatte gleich die letzte Anweisung befolgt, ohne die vorher gegebene Erklärung zu lesen.
Da war an der Wand noch ein anderes Schränkchen, das eine ganze Masse von Apparaten und Instrumenten barg, zum Teil auch herausnehmbar, darunter ein Thermometer mit außen befindlichem verschiebbarem Zeiger. Den stellte man auf die Celsiuseinteilung nach Belieben ein, so hoch stieg die Temperatur dann nach dem Drücken jener beiden Knöpfe, oder fiel auch, weiter nicht. Höher als 30 Grad ging der Schieber gar nicht, bei dem Nullpunkt, der sich aber nicht ganz von der Spitze erreichen ließ, fing es erst an.
Durch meine unvorsichtige Drückerei war auch ohne Zeigerstellung gleich die höchste Temperatur erzielt worden, der Zeiger hatte sich von selbst verschoben.
Nun ist ja eine Temperatur von 30 Grad Celsius noch recht gut ertragbar, da bekommt man noch keine Brandblasen, aber wenn sie innerhalb einer Minute vom Nullpunkt bis zu dieser Höhe steigt, na, da glaubt man allerdings, man würde im nächsten Moment verbrennen!
Ich stellte den Zeiger auf 20 ein, später ihn noch etwas herabschiebend, setzte mich wieder vor den Kamin, nachdem ich mir erst dort so eine lange holländische Tonpfeife mit einem ganz vorzüglichen Varinas gestopft hatte.
Woher kam nur diese plötzliche Wärme und dann wieder die Abkühlung? Aus den Wänden nicht. Obgleich es so schien. Aber dann hätten diese doch selbst glühend heiß und ebenso sehr kalt werden müssen. Ich wurde nicht klug daraus.
Lange duldete es mich nicht in dem Großvaterstuhle, so behaglich es auch war. Indem ich in dem Führer studierte, erkannte ich die Mittel, um es immer noch behaglicher zu machen, und es wurde ausgeführt, wozu ich aber doch hin und wieder aufstehen musste, auch wenn ich das Schaltbrett vor mir auf den Knien liegen hatte.
Um das schattenlose ZoelestrialLicht auszuschalten und dafür die Ampel leuchten zu lassen, dazu brauchte ich allerdings nicht aufzustehen. Auch die Fensterläden konnte ich von hier aus automatisch schließen. Dann aber las ich als Überschrift eines neuen Kapitels: »Aussicht durch die Fenster.«
Um diese genießen zu können, musste ich mich wenigstens umdrehen, ich konnte den Fenstern doch nicht den Rücken zukehren, wenn ich durch sie blicken wollte, und hergeflogen kam der Knasterkasten auch nicht zu mir.
Es war aber auch noch ein anderer Grund vorhanden, dass ich mich nicht nur umdrehte, sondern lieber gleich aufstand und an die Fenster ging.
Ja, ich konnte die ganze Sache gleich hier vom Stuhle aus regulieren, durch das Schaltbrett. Aber da musste ich wissen, wie ich drücken sollte, musste die Anweisungen nachlesen, und da wusste ich schon immer, was kommen würde. Und das wollte ich nicht wissen.
In der Einleitung zu diesem neuen Kapitel war nämlich gleich gesagt, dass sich die ganze Geschichte auch dort an den Fenstern arrangieren ließe, da war auch so ein Brettchen aufgehängt, auf dessen Knöpfen man nach Belieben herumfingern konnte, da hatte man nicht zu erwarten, dass man statt einer schönen Aussicht vor den Augen plötzlich eine kalte Dusche auf den Kopf bekam, sondern dieser Mechanismus kontrollierte eben nur die Fenster und was mit ihnen zusammenhing.
So stand ich gleich auf und begab mich hin. In dem Führer hatte ich nichts weiter darüber gelesen, hatte mit Absicht schnell weggeblickt, sobald das eigentliche Programm kam. Ich wollte mich überraschen lassen. Allerdings ahnte ich ja schon etwas, aber das schadete nichts, denn alles von mir Erwartete sollte noch weit, weit übertroffen werden.
Nun möchte ich zu dem Kommenden eine Vorbemerkung machen, damit man nicht glaubt, so etwas sei ja ganz und gar unmöglich. Diese Bemerkung gilt auch für das schon Vorangegangene.
In technischen Erfindungen hat es der Menschengeist ja schon außerordentlich weit gebracht. Aber mir kommt es vor, und ich denke häufig daran, als ob die Erfindungsgabe des Menschen gerade das Gebiet sehr vernachlässigt, was zu seiner eigenen Bequemlichkeit dient. Innerhalb seiner eigenen Häuslichkeit. Es soll hier nur ein einziges Beispiel angeführt werden. Nur in den modernsten und daher teuersten Hotels findet man in den Zimmern eine Vorrichtung, dass man die Tür auch vom Bett aus zu- und aufriegeln kann. Sonst muss man jedes Mal, wenn es klopft, aus dem Bette klettern. Es ist schier unbegreiflich, dass hier keine allgemeine Wandlung geschieht. Die Sache ist doch so einfach. Schon mit einem Draht, mit einem Strick kann man das bewerkstelligen. Ebenso einfach und untrüglich funktionierend lässt sich das aber auch mit Elektromagnetismus erzielen, diese Einrichtung kann sich ein jeder zu Hause selber machen, es gehört nur eine kleine Batterie dazu von den Türen, durch deren Ritzen man die Mütze werfen kann, von den klappernden Fenstern und meist elenden Öfen, die man in den meisten Wohnungen findet, gar nicht zu sprechen, und dass man, um ein Bild oder sonst einen kleinen Gegenstand an die Wand zu hängen, jedes Mal einen Nagel einschlägt, die Tapete und direkt das Haus selbst beschädigt, das ist einfach ein Skandal!
Nein, in Sachen der praktischen Bequemlichkeit hat es der Menschenwitz noch nicht weit gebracht.
Am weitesten ist man da wohl in Amerika fortgeschritten.
Dass sich der Eisschrank vom Korridore aus, also noch außerhalb der Wohnung, füllen und der Behälter für den Kehricht ebenso von draußen leeren lässt, das ist dort auch in den mittleren Mietwohnungen ganz selbstverständlich. Ebenso, dass der Briefträger nicht immer die Treppen steigen und klingeln muss, sondern die Briefkästen sind unten in dem Hausflur angebracht, ein pneumatischer Druck, und die Sachen befördern sich von selbst in die Wohnung. Heißwasserleitung allüberall.
In den besseren und besten Wohnungen kommt dazu noch ein Luxus, aber immer für die praktische Behaglichkeit, von dem wir noch gar nichts wissen. Die Fußböden respektive Decken sind schalldicht gepolstert, von den Wänden mindestens die der Schlafzimmer. In New York ist überall in den besseren Mietswohnungen eine Seewasserzuleitung vorhanden, das Wasser kommt aus dem Meere; man kann täglich ein Seebad nehmen. Und so noch vieles mehr.
In den prächtigen Villen und Palästen der Geldfürsten aber findet man Einrichtungen, die schon an das Wunderbare grenzen.
So zum Beispiel wird immer mehr eingeführt, dass die Fensterscheiben zu wechseln sind oder dem hereinscheinenden Tageslicht eine beliebige Farbe zu geben ist, was am besten doch auch durch vorgeschobene Glasscheiben erzielt wird. Also ein Mechanismus wird eingeschaltet, und vor die Fenster schieben sich verschiedenfarbige Scheiben. Erst hierdurch, durch längeres Beobachten, hat man erfahren, dass rotes Licht nicht nur die allgemeine Stimmung, sondern auch die freudige Arbeitskraft ganz außerordentlich erhöht. Bei violettem Licht nehmen alle Fliegen Reißaus oder sie sterben sehr schnell.
Oper und Konzert kann man zu Hause haben, mittels Radioapparates. Was ist da weiter dabei? Das wird alles systematisch betrieben, dafür werden besondere Abonnements erhoben, das ist gewinnbringendes »Geschäft«. In den betreffenden Sälen werden riesige Lautsprecher aufgestellt, die Abonnenten hören Opernsänger und Orchester und Solospieler zu Hause mit an. Auf das Sehen des Theaterstückes und der Toiletten des Publikums muss man noch verzichten. Aber wie lange wird es dauern, und auch das ist erreicht? Man ist der Möglichkeit des elektrischen Fernsehens schon ganz bedeutend nahe gekommen.
Ja, finden wir denn nicht auch bei uns manchmal selbst in sehr dürftigen Wohnungen etwas ganz Ähnliches? »Leider!«, möchte man fast sagen. Die vielen Grammophone und Phonographen können manchem ruheliebenden Nachbar zur Qual werden.
Nein, ich staunte über nichts, was ich hier vorfand. Das heißt, wohl staunte ich oft genug, aber es war nur freudige Überraschung. Außer mir geriet ich niemals, noch weniger dachte ich an so etwas wie »Zauberei«, wenn ich auch keine Erklärung dafür fand — —
Also ich war an das Fenster getreten, nur eines war vorhanden, und drückte den ersten der zwei Dutzend Knöpfe auf dem Schaltbrett.
Die Fenster hatten, wie gesagt, in Blei gefasste Butzenscheiben, bestanden immer aus vielen solchen Vierecken, manchmal dazwischen auch eine weiße Scheibe, symmetrisch geordnet, die Glasmalereien waren Blumen, Arabesken und dergleichen. Einen sehr schönen Eindruck machte das Ganze gerade nicht, weil es dahinter finster war, es hätte Licht durchfallen müssen.
Dies geschah, was ich freilich auch erwartet hatte, beim Drücken dieses ersten Knopfes, der doch wohl das Einfachste hervorbrachte.
Nun sahen diese Malereien schon ganz anders aus. Es war, als ob von draußen der Sonnenschein durch die Fenster käme. Die unbemalten Scheibchen bestanden übrigens, wie ich erst jetzt beurteilen konnte, aus Milchglas oder waren doch sonst wie undurchsichtig.
Ich drückte einen zweiten Knopf, aber nicht den nächsten in der Reihe, sondern planlos aus der Mitte heraus.
Da schlossen sich von selbst die Fensterscheiben, und zwar klappten sie nicht herum, woran ich erst glaubte, weil ich Angeln gesehen hatte, die aber einen anderen Zweck hatten — sondern sie schoben sich von der Seite her zusammen, was ja auch viel praktischer war.
Nur einen Moment — den ich aber, wie ich später merkte oder im Führer las, nach Belieben verlängern konnte — und sie gingen wieder auseinander.
Verschwunden waren die Butzenscheiben mit Malereien, große, klare Glasfenster waren da und — —
Ich hatte einen Blick auf eine herrliche Meeresszenerie, eine Küstenlandschaft, vielleicht dem Mittelländischen Meere angehörend.
Näher beschreiben will ich sie nicht. Es würde zu weit führen, da ich noch andere Bilder sah. Nur erwähne ich noch, dass die Landschaft unbelebt war. Das heißt, es fehlten Lebewesen, die Palmenblätter wurden von keinem Lufthauche bewegt. Aber das störte nicht etwa, ganz im Gegenteil. Über dem Meereshorizont stand die Sonne in strahlender Pracht, früher Morgen, Sonnenaufgang, und da muss die stille Leblosigkeit so sein, dann ist es am schönsten.
Ja, da hätte ich stundenlang am Fenster sitzen mögen, gleich hier nach diesem ersten Knopfdruck!
Einen anderen gedrückt. Wieder schoben sich die Fensterläden zu.
Aber was war das? Sie wollten sich nicht wieder öffnen. Aber diesmal wurden sie lebendig, gaben Töne von sich.
Es prasselte daran, und dazu ein Pfeifen und Heulen in allen Tonarten, und dann ein Rütteln der Läden — —
Ich begriff. Man brauchte auch nicht viel Phantasie zu haben, um sich das gleich vorstellen zu können, und wer hier eintrat, ohne zu wissen, wo er sich befand, tief unter der Erde, der brauchte sich überhaupt gar nichts vorzustellen, der konnte auf gar keinen anderen Gedanken kommen.
Ein furchtbares Regenwetter war es, der Hagel peitschte gegen die Fenster; der Sturm umtobte das Haus und rüttelte an den Läden.
Ah, das war ja köstlich! Nun am lodernden Kamin sitzen und die lange Pfeife rauchen! Denn an die dachte ich prosaischer Mensch zuerst, die durfte nicht fehlen. Prosaisch? Nur, dass ich zuerst an die lange Pfeife und dann erst an Sakuntala dachte, die neben mir am Kamin saß, das stimmt allerdings, das muss ich zugeben.
Ein dritter Knopfdruck. Dass sich der Sturm so schnell abschwächte, Regen und Hagel ganz plötzlich aufhörten, musste man mit in Kauf nehmen. Aber das war auch meine Schuld. Hier war wohl an alles, alles gedacht worden. Wie ich dann im Führer las, hatte man es in der Hand, dieses Unwetter nach und nach sich abschwächen zu lassen, ich verstand es nur noch nicht.
Jetzt gingen die Läden sofort wieder auf. Ich hatte durch Zufall eine ziemlich gute Reihenfolge getroffen. Das Hagelunwetter über Nacht hatte große Kälte mit sich gebracht. Die Fenster waren dick mit Eisblumen besetzt.
Ebenfalls ganz köstlich! Zumal die Kälte auch wieder schönes Wetter gebracht hatte. Gegen die gefrorenen Fenster schien von draußen die Morgensonne.
Den nächsten Knopf gedrückt. Da begannen die Eisblumen aufzutauen. Dicke Wassertropfen rannen herab. Natürlich nur draußen. Wenn das eigentlich auch nicht »natürlich« war. Oder eben nur Imitation. Und so musste es auch sein. Der Teufel hätte diese ganze Einrichtung holen sollen, wenn hier die Pfützen gelaufen wären!
Die Auftauerei dauerte mir zu lange. Ich drückte abermals einen Knopf. Diesmal schlossen sich die Fensterläden erst wieder. Da merkte ich schon etwas. Hätte ich der Auftauerei ihren scheinbar natürlichen Gang gelassen, so hätten sich die Läden nicht erst geschlossen. Sie taten es, weil durch das vorzeitige Knopfdrücken eine Umwandlung nötig war.
Als sie wieder aufgingen, blickte ich durch die klaren Fensterscheiben in eine prächtige Winterlandschaft. Verschneite Felder und Wälder; schon die an dem zugefrorenen Bache stehenden Weiden mit ihrer Schneelast waren großartig.
Gab es hier auch Kombinationen? Ich drückte einmal ohne Wahl gleich zwei Knöpfe.
Jawohl, die Läden schoben sich zu — nun war ich doch gespannt! — und gingen wieder auf.
Aaah! Jetzt aber wurde ich doch etwas paff.
Eine Südseeinsel, als solche gleich erkenntlich, am Strande Palmenhütten und Eingeborene, in der Korallenlagune lag ein großes Segelschiff vor Anker.
Diesmal war das Bild aber nicht tot, sondern lebendig! Die Matrosen luden aus, die Eingeborenen nahmen die Ballen in Empfang, sie wurden geöffnet, überall war schon ein lebhafter Tauschhandel im Gange.
Nun soll man das einmal ausführlich schildern!
Ja, worüber staunte ich eigentlich? Wenn hier Bilder erschienen, dann konnten diese auch lebendig sein. Kinematografie. Ich hatte etwas ganz Ähnliches ja schon neulich in der Eisregion gesehen, den Walfischfahrer an dem Vogelberge, hatte von Klingsor selbst die Erklärung gehört, dass es ein Film sei, nach der Natur aufgenommen, durch ein Vergrößerungsglas betrachtet.
Ließen sich die Fenster öffnen? Nein. Kaputt hauen? Ich probierte es nicht. Obgleich ich ja die mehrfache Erlaubnis zu Tobsuchtsanfällen mit Zerstörungswut erhalten hatte. Aber so bin ich nicht.
Dagegen musste ich jetzt doch einmal das Telefon benutzen. Ich wollte das Fenstereinschlagen erst einmal gewissermaßen theoretisch probieren.
Unterdessen war ja schon beträchtliche Zeit vergangen, aber noch immer hatte die Wache Herr Namenlos Nummer zwei.
»Ich bin jetzt in der holländischen Stube bei den Fensteraussichten. Kann ich nicht erfahren. wie die zustande kommen?«
»Nein, ich darf keine Erklärung geben.«
»Sind das wirkliche Landschaften, die sich hinter den Scheiben befinden, ganz natürliche?«
»Nehmen Sie es an.«
»Dann müssen sich doch auch die Fenster öffnen lassen.«
»Nein, die gehen nicht auf.«
»Weshalb nicht?«
»Weil die Einrichtung dazu fehlt. Dafür kann ich nichts.«
»Wenn nun einmal so eine Scheibe zerbricht?«
»Die zerbricht nicht.«
»Weshalb denn nicht?«
»Weil sie eben unzerbrechlich ist.«
»Ist das etwas anderes als Glas?«
»Ich dürfte keine Auskunft geben, auch wenn ich es wirklich wüsste.«
»Kann ich mal so eine Fensterscheibe einschmeißen?«
»Bitte sehr.«
Na, wenn ich auch noch die ganz spezielle Erlaubnis dazu bekam, dann wurde es getan. Ich ging hin und hackte erst mit einer Papierschere und dann mit einem Stuhle los. Vergeblich.
Das heißt, dass es so kommen würde, hatte ich nun schon geahnt, nach dem, was ich bereits gehört hatte.
»Das sind doch nichts weiter als Filme«, meinte ich dann wieder ins Telefon.
»So ist es«, wurde jetzt ohne Weiteres zugegeben, vielleicht, weil ich richtig gefragt hatte, oder der Mann hatte unterdessen andere Instruktionen bekommen, sollte mich etwas aufklären.
»Sind die Filme hinter den Scheiben?«
»Nein.«
»Wie sonst? Darf ich es nicht ersfahren?«
»Die Bilder erscheinen in dem Glase selbst, sind darin oder darauf auf elektromagnetischem Wege festgehalten und werden so auch wiedergegeben, können daher nach Belieben gewechselt werden. Mehr darf ich Ihnen nicht erklären.«
»Keine Frage weiter beantworten?«
»Nein, wirklich nicht.«
»Ach, nur eine einzige Antwort noch!«, schmeichelte ich mit einer Stimme, die mir sonst gar nicht lag.
Aber der ließ sich nicht rühren.
»Fragen Sie nicht erst! Es hat gar keinen Zweck.«
»Und ich riskiere es dennoch! Kann ich eine Portion Schweinsknochen mit Klößen und Sauerkraut bekommen?«
Es war mir plötzlich so eingefallen, jetzt erst, dass mir so etwas sehr zuträglich wäre, ich machte aus der vorigen Phantasie Ernst. Und außerdem — — der Leser wird wohl schon gemerkt haben, dass mir hinter den Ohren manchmal der Schalk sitzt.
Die Antwort blieb zunächst aus. Dafür hörte ich eine andere Stimme kurz auflachen, und diese kannte ich, es war niemand anders als Klingsor, der dieses Telefongespräch wohl mit anhörte.
»Schweins — — knochen?«, wurde dann von Herrn Namenlos Nummer zwei verwundert und langgedehnt wiederholt. »Was wollen Sie denn damit?«
»Nun, wissen Sie nicht, was man für gewöhnlich mit gepökelten oder auch frischen Schweinsknochen tut, sowie mit den dazugehörenden Klößen und dem Sauerkraut? Auch Meerrettich schadet nichts dazu.«
»Ach, Sie meinem wohl Eisbeine?!«
»Jawohl, da Sie ein Norddeutscher sind, will ich jetzt Eisbeine sagen.«
»Die können Sie bekommen!«, wurde jetzt gelacht.
»Auch Klöße und Sauerkraut und Meerrettich dazu?«
»Gewiss! Warum nicht? Hier ist alles vorhanden. Allerdings — — wenn Sie die Eisbeine frisch gekocht haben wollen, nicht aus der Konservenbüchse, müssen Sie sich eine Viertelstunde gedulden.«
»Dann müssen Sie immer noch eine ganz besondere Methode haben, um Schweinsknochen zu kochen, sonst geht das nicht so schnell, in einer Viertelstunde, so viel verstehe ich davon.«
»Wir werden wohl unsere eigene Kochmethode haben.«
»In einem Papini'schen Topfe.«
»So ungefähr.«
»Und wie lange dauern die Schweinsknochen aus der Büchse?«
»Die werden Sie in drei Minuten haben.«
»Auch die Klöße und Sauerkraut?«
»Auch die.«
»Frisch gemacht? — Dann müssen Sie geradezu eine Maschine haben, welche die Klöße fabrikmäßig herstellt.«
»Haben wir.«
»Dann bitte ich versuchsweise erst einmal um Schweinsknochen aus der Büchse.«
»Ist bereits bestellt.«
»Kann ich nicht auch ein Glas Bier dazu haben?«
»Können Sie haben. Was für Bier?«
»Haben Sie da eine so große Auswahl?«
»Eine sehr große.«
»Münchner Hofbräu.«
»Sehr wohl, Herr Willmer. Wünschen Sie das Bier in einem Glase oder in einem Originalkruge?«
»Was, Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass Sie hier Münchner Hofbräu hätten?!«
»Gewiss, das führen wir.«
»Echtes?«
»Ganz echtes.«
»Ja, stark eingebrautes Exportbier.«
»Können Sie auch haben. Ebenso aber auch dasselbe Hofbräu, wie es in München an der Quelle verzapft wird.«
»Ja, wie ist denn das nur möglich?«
»Das wissen wir eben zu ermöglichen.«
»Wie lange ist denn dieses Bier bis hierher unterwegs?«
Hatte ich die ersteren Fragen wirklich erstaunt gestellt — man weiß doch, dass die bayrischen Biere so, wie sie an Ort und Stelle getrunken werden, gar nicht versandt werden können, für den Export muss eine besondere Biersorte gebraut werden — so stellte ich die letzte Frage mit kühlem Vorbedacht. Ich dachte, etwas auf diese Weise über die Länge der Reisedauer zu erfahren, und wäre gar, vielleicht versehentlich, von einem halben Jahre gesprochen worden, dann hätte ich ja kühne Folgerungen ziehen können.
Aber es sollte nichts daraus werden. Dort war man gegen alles gewappnet.
»Herr Willmer, ich bedauere, auf solche Zeitangaben darf ich mich nicht einlassen.«
»Na, dann nicht!«, brummte ich etwas beschämt, meine List missglückt zu sehen. »Also das Hofbräu in einem Originalkruge!«
»Wollen sich Herr Willmer selbst bedienen?«
»Ist hier auch so ein gefälliges Loch wie oben in der Höhle?«
»Jawohl. Sehen Sie den in die Wand eingelassenen Schrank mit dem bunten Zwiebelmuster?«
»Ich sehe die kleine Doppeltür.«
»Sie verschließt eine ebensolche Nische wie in Ihrer Höhle, und sobald es klingelt, finden Sie das Bestellte darin. So können Sie auch alles wieder verschwinden lassen.«
»Gut! Ist diese Einrichtung in jedem Zimmer?«
»Immer nur in dem, welches einer Treppe gegenüber liegt, eingerichtet als allgemeines Wohnzimmer.«
»Das ist nun wieder nicht gut, das ist mangelhaft«, hatte ich auszusetzen, wenn es auch natürlich nicht so gemeint war. »Diese Zimmerfluchten scheinen sich hier mächtig weit auszudehnen.«
»Allerdings. Wenigstens nach den gewöhnlichen irdischen Verhältnissen berechnet.«
Das »irdisch« war gut! Die stellten sich außerhalb der irdischen Verhältnisse? Etwa gar mit Recht?
»Wenn man sich nun zum Beispiel in der Sporthalle austobt, und ich will annehmen, diese läge ganz am andern Ende, einen Kilometer weit von hier — —«
»Oh, so lang sind die Zimmerfluchten nicht!!«
»Na, dann nur einen halben — und man bekommt Durst, will ein Glas Bier trinken oder ein Selterswasser — dann muss man allemal bis hierher laufen?«
»Nein, das ist nicht nötig. In solchen Hallen und Sälen ist immer für eine Büfettnische gesorgt, in der auch alles andere zu haben ist, was bestellt wird. Außerdem vergessen Sie oder Sie erfahren es hiermit — dass es ja auf jedem Korridore viele Treppen gibt, und am Ende einer jeden, unten wie oben, liegt ihr immer solch ein Wohnzimmer mit derartigen Einrichtungen gegenüber.«
»Ah so! Dann habe ich vorhin allerdings wieder einmal zu Unrecht gemäkelt, ich bitte um Entschuldigung, es war auch gar nicht so gemeint.«
»In den anderen Räumen, wie zum Beispiel in der angrenzenden Bibliothek und in jenem speziellen Schreibzimmer, das Sie wohl, da es Ihnen am nächsten liegt, als Studierzimmer benutzen werden, befindet sich keine Büfettnische.«
»Nein nein, ich bin gar nicht so unbescheiden, wie ich mich vorhin gestellt habe, ich finde das vielmehr über alle Begriffe großartig.«
Hinter mir erscholl ein Klingeln.
»Was hat das zu bedeuten? Haben Sie es gehört?«
»Das ist eben die Meldung, dass die bestellten Speisen in der Büfettnische für Sie bereitstehen.«
»Was, schon?!«
»Die drei Minuten dürften unterdessen vergangen sein.«
Ich stellte das Telefon nicht ab, der erste Knopf blieb weiß, ging hin und öffnete die Türen des in die Wand eingemauerten oder doch eingelassenen Schrankes.
Schon der mir entgegenströmende köstliche Duft verriet, was ich darin finden würde — richtig, eine ganze Schüssel Schweinsknochen, ohne Bestellung für jeden Geschmack getroffen, indem sie zum Teil sehr fett, zum Teil sehr mager waren, eine mächtige Portion Sauerkraut, ein halbes Dutzend Klöße, Meerrettichsauce und eine Menage, auch mit Senf, Essig und Öl und noch zwei anderen Kristallfläschchen. Nur dieses letztere Service, die Menage, war von Silber, sowie auch das Besteck, sonst alles von solidem Porzellan, wie ich es liebe. Denn Schweinsknochen und Sauerkraut von Silber »speisen« — weiter fehlte doch nichts! Es würde mir gleich den ganzen Appetit verderben. Und außerdem stand da noch ein mit einer weißen Zipfelmütze gekrönter Humpen, der bekannte Tonkrug, an dem auch nicht das »HB« fehlte.
Ich trug alles hinüber auf den in der Mitte stehenden großen Tisch, der auch im Wohnzimmer und wohl sogar im Salon nach holländischer Sitte mit keiner Decke belegt war, ja, selbst in den besseren Häusern nicht einmal poliert ist, nur glatt gehobelt, der aber vor Sauberkeit immer blitzen muss. Auch nach dem Kaffeetrinken wird die Tischplatte gleich mit Seife und Sand bearbeitet. Das ist eben holländische Sauberkeit. Und es ist auch ganz richtig so, wenn man nun einmal die Reinlichkeit sehr liebt, denn eine Tischdecke ist doch niemals, wenn sie nicht gerade frisch gewaschen ist, sauber, und nun gar so ein kostbares Ding, das »geschont« wird, was für ein Dreck setzt sich da im Laufe der Zeit als Brutherd von Bakterien fest! Und die rohe Tischplatte in der holländischen Familienstube kann ja von javanischem Rosenholze sein! So, wie auch diese hier von gelber Farbe eine wunderbare Äderung zeigte und wie Veilchen und Narzissen roch. Es gibt eben einen Luxus in der bescheidenen Einfachheit, wovon sich mancher gar nichts träumen lässt.
Mir konnte es ja nur sehr lieb sein, dass ich, der ich mich selber zu bedienen hatte, nicht erst eine Decke zu entfernen oder anderswie zu decken hatte, und hinter der ganzen Geschichte lag in dem Schranke, dessen Hintergrund gar nicht zu sehen war, auch noch eine Serviette, das genügte.
Ehe ich mich niederließ, trat ich noch einmal ans Fenster. Was machte man dort auf der SüdseeInsel? Es wurde noch immer ausgeladen und geschachert.
Wie lange würde es dauern, bis sich der Film, oder was es nun sonst war, abgewickelt hatte? Und was geschah dann, wie wurde Schluss gemacht? Schoben sich die Fensterläden von selbst zu? Denn die Geschichte konnte nicht tagelang dauern.
Ich beschloss, diese Sache später einmal zu prüfen, falls ich darüber keine Auskunft bekam, meinethalben konnte ich da auch tagelang ausharren, meine Geduld ist in gewisser Hinsicht grenzenlos.
Aber jetzt keine halbe Minute! Ich war gar nicht hingegangen, um das lebende Bild noch einmal zu sehen, ich dachte an meine Schweinsknochen, und was ging mich das an, was die dort auf der SüdseeInsel trieben, am Ende gar dreihundert Millionen Kilometer von mir entfernt — und doch wollte ich ein Bild sehen, nur ein anderes.
Ich hatte mir die schon einmal benutzten Knöpfe gut gemerkt, Nummer 11 gedrückt — da schlossen sich die Läden, und als sie sich im nächsten Moment wieder öffneten, waren die Fenster wieder dick mit Eisblumen bedeckt, deren herrliche Farnformen umso deutlicher zu sehen waren, weil von draußen die Sonne dagegen schien. Also ein schöner, aber bitter kalter Wintertag.
So, das passte besser zum warmen Zimmer, Kaminfeuer und Schlachtfest. Den Sturm mit Hagelgeprassel und Fensterlädengerüttel bestellte ich mir nachher, wenn ich mir zum Nachtisch die lange Pfeife anbrannte.
Ach, schmeckte das köstlich! Erst hatte ich etwas Misstrauen gegen die Schweinsknochen aus der Blechdose gehabt, aber sie waren von frisch gepökelten gar nicht zu unterscheiden. Die beiden Kristallfläschchen enthielten zwei verschiedene, ganz wunderbar pikant schmeckende Saucen. Und nun dieses Bier!
Ich sah, dass ich das Telefon nicht abgestellt hatte, der erste Knopf war noch weiß. Aufgestanden wäre ich deswegen nicht, aber nun benutzte ich die Gelegenheit. Ich sollte ja nach irgendwelcher Richtung sprechen können.
»Sind Sie noch da, Herr Namenlos Nummer zwei?«, fragte ich absichtlich mit gedämpfter Stimme, auch noch den Kopf wendend.
»Immer, Herr Willmer, ich stehe immer zu Ihrer Verfügung.«
»Aber Sie sind doch Ihrer vier, Sie hätten unterdessen abgelöst worden sein können.«
»Nein, ich habe noch zwei Stunden Dienst.«
»Ist das nicht sehr langweilig, immer so am Telefon zu lauern, bis es dem Herrn gefällt, anzurufen? Meinetwegen soll sich niemand einer Tortur aussetzen, auch nicht der der Langeweile.«
»Oh, ich weiß mich sehr gut zu beschäftigen, mit einer nützlichen Arbeit.«
»Dann werde ich umso mehr Rücksicht nehmen, Sie umso seltener bemühen.«
»Nein, Herr Willmer, so dürfen Sie nicht sprechen, ich stehe zu Ihren Diensten und habe dadurch hier einen großen Vorteil!«
»Das ist schon etwas anderes, wenn Sie mir das versichern. Verzeihen Sie, wenn ich meist mit vollen Backen spreche.«
»Ich verstehe Sie noch deutlich genug«, wurde gelacht, wenn auch unterdrückt.
»Ich liebe beim Essen eine vernünftige Unterhaltung, muss aber dabei auch wirklich ungeniert essen können.«
»Auch musikalische?«
»Musikalische?«
»Tafelmusik. Ein ganzes Orchester kann Ihnen etwas vorspielen — —«
»Ach, um Gottes willen!! Nee, ja nicht! Ich lasse mir nicht gern ins Essen blasen. Ja, was ich sagen wollte — — wir sind doch ganz von dem abgekommen, weshalb ich Sie überhaupt angerufen habe — — Herr Namenlos Nummer zwei. Sie sind ein Engel! Das war es, was ich Ihnen ursprünglich hatte sagen wollen.«
Ein doppeltes Lachen erscholl.
»Weshalb ein Engel?«, wurde noch immer gelacht.
»Weil Sie mir hier solche Schweinsknochen oder Eisbeine haben zukommen lassen. Sind die denn wirklich aus der Büchse?«
»Jawohl.«
»Dann müssen Sie aber doch eine ganz besondere Methode haben, um so etwas zu konservieren.«
»Allerdings, das geschieht nach unserem eigenen Rezept.«
»Und das wird nicht verraten?«
»Nein, dazu bin ich nicht ermächtigt.«
»Ja, da fällt mir überhaupt ein — — Sie fragten vorhin, als ich bestellte, ob ich mich selbst bedienen wolle. Die Schüsseln aus dem Schranke nehmen. Also ich kann hier auch Bedienung haben?«
»Jawohl, und das brauchen keine Menschen zu sein, deren Anblick Sie stört!«
»Was sonst? Geister? Im unsichtbaren Frack mit wesenloser Halsbinde?«
»Ja, solche Bedienung können Sie auch haben.«
»Gut, schicken Sie mir welche, soll mich sehr interessieren, solche dienstbare Geister einmal im buchstäblichen Sinne dieses Wortes kennen zu lernen, ich bin geisterfest.«
»Nein, die Sache ist ganz anders«, wurde jetzt mit etwas auffallender Hast erklärt, als habe jener wieder einmal etwas gesagt, was er nicht verantworten könne. »Ich meinte, es kann auch anders serviert werden. Der Tisch ist ein Liftzug, er wird in einen anderen Raum befördert, wo er gedeckt wird.«
»Ah so, das ist ein Tischchendeckdich! Kann er nicht ebenso wieder abgeräumt werden?«
»Selbstverständlich. Ich glaubte nur, Sie wollten sich ganz selbst bedienen. Sie wollen gar keine fremde Hilfe haben?«
»Nein, nein, wenn ich mir die Lauferei ersparen kann, das habe ich ganz gern, nur menschliche Dienste möchte ich vermeiden. Können Sie mir nicht einmal gleich zeigen, wie das mit dem Tische gemacht wird?
»Gewiss, sofort. Achtung!«
Ich hatte nur noch Zeit, die Beine schnell unter dem Tische hervorzuziehen, da ging die Sache los.
Da aber zeigte sich, wie ich mich geirrt hatte. Ich hatte angenommen, was wohl auch am nächsten liegt, dass der Tisch in einer Versenkung verschwinden würde. Und wenn man da nicht aufpasst und man sitzt mit den Beinen zu weit unter dem Tische, mit dem ganzen Stuhle, da kann es passieren, dass man mit verschwindet, oder bei ungeschickter Konstruktion können einem doch die Beine gequetscht werden.
Aber hier war es recht praktisch eingerichtet, die einzig richtige Konstruktion für so etwas. Die ganze Tischplatte ging hoch, obgleich die vier Beine stehen blieben. Wie das? Nun, erst jetzt sah ich, dass der große viereckige Tisch ein fünftes Bein hatte, in der Mitte; dieses schob sich von unten aus dem Boden in die Höhe und hob die Tischplatte eben mit.
Dann, als es so weit war, schoben sich oben an der Decke zwei der Tafelplatten auseinander, die Tischplatte tauchte durch die Öffnung, die Schiebetüren schlossen sich sofort wieder. Nun stand also in der Mitte des Zimmers einstweilen eine dünne Säule. Die vier anderen Tischbeine aber hatten sich inzwischen in den Boden zurückgezogen.
Diese Einrichtung ließ ich mir gefallen! Und gleichzeitig tauchte in mir ein Gedanke auf: »Da fährst Du einmal mit hinauf!«
Heimlich, ohne dass Du es jemand sagst. Denn dies soll zwar die erste, das heißt oberste Etage sein, aber nur für Dich! Dort oben ist noch eine andere Etage, die jedoch für Dich verschlossen ist. Und da lässt Du Dich einmal hinaufbefördern! Gerade weil's verboten ist! Während ich ja andererseits alle Möglichkeiten anwenden durfte, wie mir ausdrücklich zugesichert worden war, um auch in diese mir verschlossenen Regionen zu gelangen.
Ich hätte gleich eine harmlose Frage stellen können, ob denn da dort oben immer noch eine Etage sei, aber ich tat es lieber nicht, um ja keinen Verdacht über mein Vorhaben zu erregen. Eigentlich war es ja schon sorglos genug, mir solch eine Möglichkeit vor Augen zu führen. Oder wie verhinderte man einen Menschen, da mit hinaufzurutschen? Das wollte ich eben ergründen.
»Äußerst praktisch. Nein, essen will ich und kann ich nichts weiter. Aber wie wäre es mit einer Tasse Kaffee?«
»Schon bestellt, Herr Willmer.«
»Und dann etwas Grobschnitt für meine lange Pfeife.«
»Sie finden solchen in dem unteren Fache des Pfeifenschrankes.«
»Ah so! Dann bleibt es bei dem Kaffee. Es hat aber Zeit, lassen Sie die Tasse dann nur mit dem Tische. wenn er gesäubert ist, herabkommen, nicht erst anklingeln, ich möchte mich jetzt zur Verdauung etwas zur Ruhe setzen.«
»Wie Sie befehlen, Herr Willmer.«
»Dann also vorläufig Schluss!«
Ehe ich es mir bequem machte, trat ich noch einmal ans Fenster, ließ die Eisblumen verschwinden, um wieder den Hagelsturm einzustellen.
Dabei aber drückte ich doch einmal den falschen Knopf, und obgleich es nur ein einziger war, kam doch gleich nach dem üblichen Ladenschluss und Wiederaufgehen ein lebendes Bild.
Was es bedeuten sollte, verstand ich nicht. Nun, eben eine idyllische Liebesszene, und zwar eine mittelalterliche.
In einem schattigen Parke lustwandelte ein Pärchen, ein herrlicher Jüngling mit langen Locken in Pumphosen und Purpurmantel und eine noch herrlichere Jungfrau mit gewaltigen Ballonärmeln und einer Wespentaille, die gleich unter den Schultern anfing, also wohl Rokokotracht, und die beiden herzten und küssten sich, wie es bei uns in keinem öffentlichen Parke erlaubt ist.
Vielleicht der Anfang von einer längeren Liebesepisode nach gewöhnlichem Muster. Zuletzt kriegen sie sich. Aber es darf nicht zu schnell gehen. Es muss immer etwas dazwischenkommen. Oder die Sache geht ganz und gar schief, dann nennt man das eine Tragödie.
Mich ließ die Sache sehr kalt. Was habe ich davon, wenn sich zwei andere, die ich gar nicht kenne, küssen.
Aber richtig, da sah ich zwischen den Büschen schon so ein vermaledeites Spitzbubengesicht auftauchen. Das war also der heimliche Lauscher und sonstige Bösewicht. Oder irrte ich mich? War das gar kein Menschengesicht? Ich hatte auf dem Kaminsims bereits zwei Operngläser bemerkt, wollte einmal sehen, ob sich durch ein solches das undeutliche Gesicht besser erkennen ließe, oder dachte daran, überhaupt einmal zu prüfen, wie denn solch ein Fernglas bei derartigen Bildern wirke, ob zum Beispiel die Perspektive des langen Baumganges dadurch verlöre oder noch gewönne.
Also ich nahm das erste Doppelglas und richtete es auf das Fenster, auf das lebende Bild, musste wohl selbstverständlich erst die beiden Hauptfiguren ins Auge fassen, das Liebespärchen.
Hallo, was war denn das?! Ich erblickte durch das Opernglas wohl noch ein Pärchen, aber es küsste und herzte sich nicht mehr, ganz im Gegenteil.
Ich erblickte zwei Menschen, die sich mit Fausthieben traktierten, dass das Blut nur so spritzte, und das ist doch die wahre Liebe nicht.
Nun glaube man aber nicht etwa, dass es dieselben beiden Menschlein gewesen seien, die ich jetzt sah, der edle Jüngling und die herrliche Jungfrau, beide in mittelalterlicher Tracht. Etwa, dass dieses Glas mir die beiden einige Jahre später vorgeführt hätte, wenn das Küssen und Herzen schon ein überwundener Standpunkt und langweilige Geschichte geworden war. Ehelicher Unfrieden mit Krieg. Solche Verwandlungsfilme gibt es ja genug, dasselbe wurde hier durch dieses Doppelglas erzielt, wenn man die beiden betrachtete. Nein, so war die Sache nicht. Nur meine Erzählungsweise könnte leicht diesen Gedanken bringen.
Nein, ich erblickte durch die Gläser zwei ganz andere Menschen, zwei herkulisch gebaute Männer, nackt bis auf den Schurz, die sich gegenseitig mit furchtbaren Fausthieben zusetzten, und ich bemerkte, dass sie um diese Fäuste auch noch etwas wie Lederstreifen gewickelt hatten, mit Buckeln darauf, und da ließ sich erst recht begreifen, dass fast bei jedem Schlage, der nicht pariert wurde, das rote Blut hoch aufspritzte.
Es war ein Boxgang. Zwei athletisch ausgebildete Boxer kämpften auf Tod und Leben. Die furchtbaren Hiebe und Stöße hatten es offenbar hauptsächlich auf die Kinnlade des Gegners abgesehen, die sollte zerschmettert werden, die wurde am meisten gedeckt, da erhielt man lieber einen Hieb auf Brust, Schulter oder Arm, wenn auch das Blut spritzte.
Ja, wie aber kam nun die Verwandlung zustande? Oder was überhaupt sollte das bedeuten, dass, wenn man das mittelalterliche Liebespärchen durch dieses Opernglas betrachtete, es sich in zwei sich blutig boxende Athleten verwandelte?
Nun, ich sollte meinen Irrtum bald gewahr werden. Als ich den Krimstecher von den Augen nahm, war wieder das Liebespärchen da, durch die Gläser betrachtet wieder der Boxgang. So löste sich das Rätsel freilich nicht. Anders aber, wenn ich das Opernglas seitwärts richtete und gleichzeitig nach dem Liebespärchen schielte. Dann erblickte ich die beiden Szenen zugleich. Aber ich konnte mich auch umdrehen; durch das Glas sah ich die beiden Faustkämpfer immer noch; hinter mir ging die Küsserei weiter.
Also die Sache war ganz einfach die, dass das Opernglas mit der Kinematografie hinter der Fensterscheibe gar nichts zu tun hatte! Mein Irrtum war dadurch entstanden, dass ich den Krimstecher auf das lebende Bild gerichtet hatte, in dem Glauben, die Liebesszene deutlicher sehen zu können. Das Doppelglas war überhaupt blind! Das heißt, man sah durch die beiden Rohre gar nicht, was sich dahinter befand. Die Szene mit den Boxkämpfern war in den Gläsern selbst! Das vermeintliche Opernglas war selbst ein kleines kinematografisches Theater, es wurde nur erst alles sichtbar, wenn man es dicht vors Auge brachte!
Aha, jetzt verstand ich! Man konnte auch vor dem Kamine sitzen bleiben, dem Fenster den Rücken zukehren und dennoch Landschaften und Aussichten genießen, oder eben solche Szenen.
Denn, dass nur diese einzige Prügelszene vorhanden war, das glaubte ich von vornherein nicht. Richtig, man brauchte nur das übliche Rädchen zu drehen, welches sonst bei einem Opernglas die Doppelrohre verschiebt, die Gläser für jedes Auge passend eingestellt.
Aber hier verschob oder verkürzte sich das Instrument nicht, sondern nach jeder Umdrehung gab es einen kleinen Knacks, und sofort war ein anderes lebendes Bild zu sehen durch die Gläser, immer in voller Lebensgröße.
Ich wohnte einem Hahnenkampf bei, der wohl auf einer Insel des malaiischen Archipels stattfand, nach dem zuschauenden Publikum zu urteilen, einem Pferderennen in England oder Nordamerika, einem spanischen Stiergefechte, einer Ruderregatta, einer grandiosen Turnervorstellung, speziell Stabspringen und wohl noch einem Dutzend anderen Wettkämpfen.
Also nur derartige Sportkämpfe wurden in diesem Miniatur»Kintopp« vorgeführt? Dann hatte ich zu viel gesagt, als ich gleich von Landschaften und dergleichen gesprochen hatte. Aber ich hatte solche bestimmt erwartet, so etwas musste man doch sehen können, wenn man hier am traulichen Kamin saß, bei geschlossenen Fensterläden, die vom Sturme gerüttelt wurden, das gehörte doch mit dazu, da war es doch nicht allein mit solchen Wettspielen abgetan!
Man sieht, ich setzte viel voraus; von meiner Bescheidenheit, von der ich manchmal spreche, ist da wohl nicht viel zu merken; aber meine Hoffnung sollte auch nicht zuschanden werden, oder vielmehr das Vertrauen, das ich in den Arrangeur aller dieser Einrichtungen setzte.
Gleich allerdings sollte sich diese Erwartung nicht erfüllen.
Zuerst nahm ich das zweite auf dem Kaminsims liegende Opernglas, in diesem jene Abwechslung erwartend.
Aber daraus wurde nichts. Dieses zweite Doppelglas hatte genau dasselbe Format wie das erste und zeigte auch genau dieselben Bilder, dieselben Wettkämpfe mit genau derselben Entwicklung. Ein und dieselbe Kinematografie.
Einerseits war das ja recht hübsch. Das eine Glas hatte ich, das andere Sakuntala vor Augen, wenn wir hier am Kamin saßen, wir konnten, wenn wir wollten, immer genau dasselbe sehen, konnten uns darüber unterhalten, uns auf jeden einzelnen Faustschlag der Boxer aufmerksam machen, wie der jetzt pariert hatte, wie jenem jetzt die Nase flöten ging, wir konnten auf Pferde und Rennboote wetten.
Na, da hatte ich herausgefunden, wie dies zu schaffen war, endlich, und es war doch so einfach, ich durfte nur nicht immer durchblicken und an dem Hauptrade leiern, sondern mir das Ding einmal näher betrachten!
Da war ja auch noch ein zweites solches gerieftes Rad vorhanden, nur kleiner, und wenn man das drehte, dann knackste es wiederum — und jetzt kamen richtig Landschaften aus aller Welt! Und zwar schon nach der ersten Umdrehung. Das heißt, nun war das kleine Rad auf »Landschaft« eingestellt, so wie vorher auf »Wettkampf«. Wenn man jetzt das große Rad drehte, so zeigte sich eben eine Landschaftsszenerie nach der anderen, die ganze Erde kam dabei in Betracht.
Und bei einem weiteren Knacks des kleinen Rades kamen Dramen daran. Kinematografische Theaterstücke. Und dann Jagdszenen, immer wieder verschiedene, wie man sie nun durch das große Rad einstellen konnte. Und dann Illustrationen zu Detektiverzählungen. Und dann die Wiedergabe von großartigen Volksfesten, mit Tänzen und buntem Jahrmarktstreiben, in Südamerika sowohl wie in Frankreich und in Südafrika von den Zulukaffern. Diese drei sah ich mir nämlich einmal an. Und das schien immer so weiterzugehen, man musste das große Rad nur immer fleißig drehen, brauchte ja niemals das Ende abzuwarten. Und dann, beim abermaligen Drehen des kleinen Rades, sah ich pompöse Feuerwerke, das Einfangen und die Abrichtung von Elefanten, auch wieder in allen nur möglichen Variationen gezeigt. Und endlich gefilmte Humoresken. Und so ging das immer und immer weiter.
Himmel Herrgott noch einmal! Was steckte in dem kleinen Dingelchen alles drin!
Und ganz genau dasselbe immer in dem anderen Opernglase, sodass der Gesellschafter immer dasselbe sah, man sich darüber unterhalten konnte.
Ich bin eigentlich nicht sehr für den »Kintopp« eingenommen. Das hier habe ich mir viele Stunden lang angesehen. Erstens überhaupt wegen der Originalität dieser ganzen Erfindung, zweitens wegen der wundervollen, naturgetreuen Wiedergabe, drittens, weil überhaupt alles höchst interessant war, viertens, weil ich dabei immer an Sakuntala dachte, wie ich der das alles dann zeigen würde, mit ihr darüber mich unterhaltend, und fünftens, weil mir dabei der Knaster so ausgezeichnet schmeckte, den ich in jener Schublade richtig gefunden hatte.
Nun muss ich nachträglich etwas erwähnen. Ich habe meinen Kaffee nicht etwa vergessen, er war auch nicht vergessen worden.
Es war gleich im Anfange gewesen, ich war durch das Zimmer nach dem Kamin gegangen, um von dort das Opernglas zu holen, als mich plötzlich von oben herab ein starker Luftzug traf. Oder es war schon mehr ein Luftdruck, der meinen Kopf plötzlich belastete.
Da blickt man wohl schnellstens nach oben, und ebenso schnell sprang ich auch seitwärts.
Der Tisch kam wieder von oben herab! Ohne jedes Warnungszeichen. Es hätte doch mindestens vorher klingeln müssen. Aber hatte ich nicht selbst gesagt, ich wollte durch kein Klingeln gestört sein?
Übrigens konnte gar nichts passieren. Dafür sorgte der Luftdruck, der plötzlich merkbar ward. Denn das war nicht nur ein Luftzug, der dadurch entstand, dass sich oben die Klappe öffnete und der Tisch herabkam, das war ein pneumatischer Druck gewesen.
Ich hätte auch noch Zeit genug gehabt, zu retirieren, so gemächlich kam die Platte herab, so wuchsen aus dem Boden die vier Beine empor, die Platte legte sich darauf, und der Tisch war wieder fertig, gesäubert und mir den bestellten Kaffee bringend.
Aber zum ersten Male war man meinen Anordnungen nicht ganz nachgekommen. Ich hatte nur eine Tasse Kaffee bestellt, und es kam gleich eine große Kanne voll. Nun, Hieran durfte ich wohl nichts aussetzen — zumal ich dann die ganze Kanne leerte.
Lange Zeit habe ich ja dazu gebraucht, wohl drei bis vier Stunden. So lange habe ich mich eben mit dem Opernglase amüsiert.
Dabei dachte ich gleichzeitig auch immer noch an etwas anderes, wozu ich wohl kein besonders veranlagter Mensch zu sein brauche, der seinen Geist spalten kann.
Ich musste nebenbei immer an den Tisch denken, der doch sicher beim Hochgehen in eine Etage kam, die mir verschlossen war.
Nun darf man aber meine Absicht nicht falsch verstehen. In die mir verschlossene Region zu dringen, weil ich da etwa ganz Besonderes witterte, daran dachte ich gar nicht. Ich hatte hier in den Etagen, die mir offen standen, noch genug zu untersuchen. Die Reitbahn zum Beispiel, in der es doch sicher auch Pferde gab, stak mir viel mehr in der Nase als die etwaigen Geheimnisse dort oben.
Und überhaupt, dass ich unbemerkt dort hinaufkäme, das gab es ja gar nicht! Der Tisch wurde doch natürlich gleich in Empfang genommen; abgeräumt. Na, und ich würde eben auch in Empfang genommen und abgeräumt.
So einfach war die Sache also nicht etwa.
Nein, wenn ich da hinaufrutschte, so wollte ich das nur deshalb tun, um denen zu zeigen, dass es mir doch möglich gewesen war, in mir verschlossene Räume zu dringen. Aus keinem anderen Grunde.
Ich wollte dieser geheimen Gesellschaft, mit der ich es hier zu tun hatte, nur einen Schabernack spielen, indem ich in den Wirtschaftsräumen, die mir doch natürlich verschlossen waren, unter den angestellten Leuten plötzlich auftauchte, weiter nichts.
Während ich solchen Gedanken nachhing, mich im Voraus über diesen Streich amüsierend, mir die verschiedensten Situationen ausmalend, ließ ich immer die bunten Bilder in dem Opernglas an meinen Augen vorbeiziehen, also wohl drei bis vier Stunden lang, und es hätte noch viel länger dauern können, bis ich doch endlich daran dachte, mein Vorhaben auszuführen.
Betreffs des Fensterbildes habe ich nur noch zu erwähnen — weil ich doch einmal hatte abwarten wollen, wie lange solch ein Bild währte, wenn man es nicht abstellte — dass das Liebespärchen den Park schon längst verlassen hatte, man konnte die schönen Bäume bewundern, sonst aber nichts weiter. Von selbst schlossen sich die Fensterläden nicht wieder, kein neues Bild kam.
Ich hatte den Telefonknopf gedrückt. »Sie wünschen, Herr Willmer?« Es war der Herr Namenlos Nummer drei, der jetzt Dienst hatte, wie ich nun schon immer gleich an der Stimme erkannte.
»Wissen Sie, wie lange das schon her ist, dass mir der Kaffee serviert wurde?«
»Jawohl, das ist mir bekannt.«
»Nun, wie viele Stunden?«
»Herr, das tut mir leid, über die Zeit darf ich keine Angaben machen.«
»Nanu! Ich kann nicht einmal erfahren, welche Zeit es ist?«
»Nein, ich darf keine Zeitangaben machen, ich bin scharf instruiert. Wollen Sie sich direkt an Herrn Klingsor wenden, wenn Sie so etwas erfahren möchten.«
»Ist Herr Klingsor zu sprechen?«
»Ich werde gleich —«
»Nein, nein! Es ist nicht nötig, ich will ihn gar nicht sprechen. Ist es noch Tag oder ist es schon Nacht — kann ich wenigstens das erfahren?«
»Es ist noch heller Tag.«
»Regnet es noch?«
»Tüchtig.«
»Da werde ich auch noch hier unten bleiben.«
»Wie Sie belieben.«
»Dann aber muss ich schon wieder etwas zu essen bestellen, denn ich schätze, dass seit den Schweinsknochen drei bis vier Stunden vergangen sind.«
»Ich weiß es nicht«, lautete immer wieder die Entgegnung des Herrn Namenlos Nummer drei, mit dem ich eben nicht schon so vertraut geworden war wie mit Nummer zwei, es wohl auch schwerlich werden würde. Er war viel kürzer, was ich aber nicht als einen Fehler betrachten durfte. Der Mann tat nur seine Pflicht.
»Ich möchte einige belegte Butterbrote haben.«
»Womit belegt?«
»Nicht solche Einzelheiten! Ein paar belegte Butterbrote.«
»Es ist bestellt.«
»Lassen Sie sie wieder durch den Tisch befördern.«
»Sehr wohl, Herr Willmer.«
Gleich musste ich springen, denn schon begann die Tischplatte sich wieder zu heben; ich hatte gerade noch Zeit, den Knopf des Telefons zur Abstellung zu drücken, was ich für sehr nötig hielt.
Also hingesprungen, mich auf den Tisch gesetzt, die Beine hochgezogen und in die Mitte gerückt!
Mit einem Sprung war ich auf dem Tisch und
fuhr mit demselben nach dem oberen Stockwerk.
Ich ging mit in die Luft empor.
Dabei zuckte mir noch einmal ein fragender Gedanke durch den Kopf.
Rechneten die denn gar nicht damit, dass ich diesen Tisch als List benutzen konnte, um in eine mir verschlossene Etage zu gelangen?
O ja, das hatten sie sicher nicht vergessen. Aber die Sache war einfach die, dass ich sofort festgenommen und — abgewimmelt wurde. Oder ich kam eben in einen Raum, den ich noch betreten durfte, das war schon bestimmt; aus diesem wurde ich dann gnädigst wieder entlassen, zurückgeschickt in diejenige Region, in der ich mich frei nach Gutdünken bewegen konnte.
Oder es war doch nicht etwa eine Vorrichtung vorhanden, die für solch einen neugierigen Menschen gefährlich werden konnte?
Weiter konnte ich den Gedanken nicht ausspinnen, da öffnete sich die Decke, die beiden Platten der Holztäfelung schoben sich zurück, ich tauchte hindurch, und da hatte ich an anderes zu denken.
Wenn auch meine Phantasie noch weiter arbeiten musste, ich sah vor meinen geistigen Augen schon, wie jetzt plötzlich ganz weißgekleidete Menschen entsetzt vor dem Kerl zurücksprangen, der da plötzlich auf dem heraufkommenden Tische mit gekreuzten Beinen wie ein Türke saß. Weißgekleidet stellte ich sie mir deshalb vor, weil ich an eine Küche dachte — weiße Schürze, Jacke und Ballonmütze.
Aber meine Phantasie sollte mich wieder einmal betrogen haben!
Zunächst ging es durch einen senkrechten Tunnel, das war eben die Decke, vielleicht drei Meter dick, doch diese Stelle hatte der ziemlich schnell gehende Tisch, der sich nur anfangs so langsam erhoben hatte, ja bald passiert, dann wurde es wieder hell, und ich sah mich in einem ganz leeren Raume, der nichts weiter als eine Tür besaß, aber immer erfüllt von dem aus den Wänden strahlenden Lichte. Sonst hätte ich ja auch nichts gesehen.
Also mit den dienstbaren Küchengeistern war es nichts.
Ja, aber die Sache war die, dass der Tisch hier ja noch gar nicht stehen blieb!
Er ging noch höher; schon öffnete sich dort oben an der Decke wieder eine Klappe!
Und da plötzlich und noch rechtzeitig schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Gib es auf, das Küchenpersonal, das sich noch eine Etage höher befindet, überraschen zu wollen, steige schon hier ab, hier bist Du noch ungesehen in einer Dir sonst verschlossenen Etage, probiere es erst dort einmal mit jener Tür — —!
Gedacht, getan! Ich glitt von dem Tisch herab, hatte nur einen kleinen Sprung zu tun.
Der Tisch setzte seine Fahrt fort, verschwand in der Deckenöffnung, diese schloss sich wieder und — ich war allein in dem Raume. Nur dass jetzt noch eine dünne Säule hinzugekommen war, die in der Mitte vom Boden bis zur Decke ging, das mittlere Tischbein, auf dem die Tischplatte eben ruhte. Dass sich dieses so hoch empor schraubte, das war mir vorhin entgangen, daran hatte ich nicht geachtet.
Nach einem Augenblick der Besinnung wandte ich mich der Tür zu. Ich sah eine Klinke und — o weh, auch ein Vexierschloss! Eine Scheibe, an der in einem doppelten Ringe Zeichen angeordnet waren, mir fremdartige Buchstaben; sie ließen sich, wie gleich zu erkennen war, einzeln verschieben, sowohl im Kreise herum als auch wieder in einer Querführung nach innen, wo aus solchen Hieroglyphen in einer Reihe ein Wort zusammengesetzt war. Denn um ein solches handelte es sich doch, um das geheime Stichwort, welches die Tür öffnete — oder jetzt wohl vielmehr schloss.
Das war fatal! Da konnte ich diese Türe also nicht benutzen, nicht öffnen. Mir blieb nichts weiter übrig, als die Rückkehr des Tisches abzuwarten und wieder hinabzurutschen, um bei der nächsten Gelegenheit mich noch höher befördern zu lassen.
Das heißt, dies alles sagte ich mir, während ich noch das Vexierschloss betrachtete, ohne schon einmal die Klinke gedrückt zu haben. Das tat ich erst jetzt, nachdem ich mit meiner eingehenden Betrachtung fertig war.
Und siehe da, ich hatte wieder einmal falsch gedacht — die Klinke ließ sich nicht nur niederdrücken, sondern die Türe sich auch öffnen!
Na, dann konnte ich ja hier auch den Weg fortsetzen, so weit es möglich war! Ich blickte in einen Korridor. Zu sehen war darin nichts außer nackten Felswänden, immer erleuchtet.
Ehe ich aber nun hinaustrat, wollte ich doch immer noch einmal das Vexierschloss genauer betrachten, mir das eingestellte Wort merken, es gleich abmalen, für alle Fälle, falls ich es doch noch einmal brauchen konnte. Und das umso mehr, weil auf der anderen Seite der Tür dieselbe Vorrichtung war, dort aber waren in der Mitte keine Buchstaben eingestellt.
Also ohne erst vorher zu schieben, zog ich Notizbuch und Bleistift, malte die in der Mitte zusammengesetzten Hieroglyphen ab. Sie waren einfach genug, mehr aus verschiedenartigen Strichen bestehend als aus Schnörkeln. Mit jener Schrift, welche auf den Türschildern stand, wie ich schon erwähnt hatte, die ich für Arabisch oder eine andere orientalische Schrift hielt, hatten sie keine Ähnlichkeit.
Noch war ich mit dieser Abmalerei beschäftigt, als ein ganz leichtes knarrendes Geräusch mich umblicken ließ.
Da kam der Tisch schon wieder herab, senkte sich durch den Raum.
Und wieder hatte ich blitzschnell eine Idee gefasst!
Noch sah ich nicht, was sich auf der Tischplatte befand, dazu war sie im Augenblick — denn mehr hatte ich zu solchen Erwägungen ja nicht Zeit — noch zu hoch.
Aber was sollte sich anders darauf befinden als die bestellten Butterbrote?
Ja, und was sollte nun aus diesen werden, wenn ich nicht unten war und sie verzehrte?
Wie lange würde man warten, bis der Tisch auch ohne meine Aufforderung, das heißt ohne eine neue Bestellung, wieder hochgezogen wurde? Nach irgendeiner Zeit musste das doch geschehen. Und dann war ich vielleicht noch gar nicht wieder in dem holländischen Zimmer gewesen. Und dann waren die Butterbrote noch gar nicht angerührt!
Dies alles sagte ich mir also im Moment, da der Tisch noch seitwärts über meinem Haupte schwebte, und da war mein Entschluss gefasst!
Aber beeilen musste ich mich, die Platte senkte sich gar schnell herab, einen halben Meter in der Sekunde, und geschickt musste ich dabei sein! Vor allen Dingen die Hände dazu frei haben! Am besten gleich beide. Denn ich wusste ja noch nicht, wo der Teller stand, links oder rechts, wie weit hinten, ich musste eben gar fix zugreifen! Und ich hatte in der einen Hand das Notizbuch, in der anderen den Bleistift!
Also fix den Bleistift in das offene Büchlein hineingelegt, dieses zugeklappt; ich wollte es in die Seitentasche stecken, sah aber schon, dass ich keine Zeit auch nur zu dieser Bewegung hatte — noch schneller ging es, wenn ich das Notizbuch zwischen die Zähne nahm, schon war es geschehen, dabei gleichzeitig die drei nötigen Schritte getan, jetzt rutschte mir die Tischplatte dicht an der Nase vorüber, nun nicht gleich zu sehr vorgebeugt, damit die dort oben mich nicht etwa sehen konnten, wenn dies auch nicht so leicht war. Jetzt war die Platte mir in Brusthöhe, da sah ich das silberne Tafelbrett, genau in der Mitte, darauf zwei große Porzellanschüsseln, auf der einen waren halbdurchgeschnittene Semmeln aufgetürmt, auf der anderen ein Stapel Schwarzbrotscheiben, ebenfalls mit Belag — —
Im Moment hatte ich dies alles mit den Augen erfasst, und da griff ich schon zu, mit beiden Händen. Gleich beide Schüsseln? Nur die eine?
O nein, auch das hatte ich blitzähnlich in das Reich meiner Erwägungen gezogen. Am einfachsten freilich wäre es ja gewesen, ich hätte gleich die Schüsseln erfasst. Aber wenn ich nun keine Gelegenheit hatte, sie später auf den Tisch zurückzusetzen? Wo waren die dann geblieben? Und hier ging alles aus einem äußerst großen Topfe. Dieser Stapel von Semmeln und Brotschnitten! Die konnte ich doch nicht zum vierten Teil verzehren.
Nein, ich griff zu, packte aus beiden Schüsseln, was ich packen konnte. Alles mit voller Überlegung!
Dann ratschte der Tisch durch den Boden hindurch, augenblicklich schob sich die Öffnung von beiden Seiten her wieder zusammen. So wie es auch über mir geschehen war, was ich sehr scharf beobachtet hatte. Nämlich wie präzis dieses Öffnen und Schließen des Durchlasses ging. Die Seitenplatten schoben sich erst auseinander, wenn sie von dem Tische fast berührt wurden, also äußerst schnell, und so schnell schoben sie sich dann auch wieder zusammen. Das war sehr wichtig für mich. So hatte ich von oben nicht gesehen werden können. Als sich meine Hände über dem Tische befanden, war oben die Öffnung bereits wieder vollkommen geschlossen gewesen, das wusste ich bestimmt.
So! Es war geschehen! Ich hatte die geplante Tat geschickt genug ausgeführt. Und ich musste doch wirklich lachen. Nämlich darüber, wie ich so dastand, mich im Geiste wie in einem Spiegel sehend, im Munde zwischen den Zähnen das Notizbuch, in der linken Hand drei halbe Semmeln, so viele hatte ich erwischt, in der rechten sogar fünf Butterstullen, wie ich dann zählte und näher untersuchte.
Ja, ich fand diese meine Stellung sehr humoristisch. Laut lachte ich natürlich nicht, durfte auch den Mund dabei nicht auftun, sonst wäre mir doch das Notizbuch herausgefallen.
Erst musste ich die eine Hand einmal befreien, die Semmeln einstweilen an den Boden legen, dann konnte ich mich wieder ins Geschick bringen. Jetzt zählte ich die Beute und betrachtete sie näher. Schinken, Kalbsbraten, Sardellen, Schweizerkäse — alles vorhanden. Oder auch nicht so alles. Ich hatte auch eine Kaviarsemmel gesehen, die aber war mir vorbeigerutscht. Doch sonst konnte ich mit meiner Greiferei sehr zufrieden sein. Alles verschieden, nichts doppelt. Denn wenn es auch nicht gerade von welterschütternder Bedeutung gewesen wäre, hätte ich zum Beispiel lauter Schweizerkäse als Belag erwischt — so war es mir schließlich doch so viel angenehmer. Drei Brotscheiben und eine Semmel verzehrte ich sofort. Ich hatte wirklich Appetit, dann aber war ich auch gesättigt.
Wohin nun mit dem anderen Zeuge? Hier auf dem Boden liegen lassen wollte ich es nicht. Einfach einstecken? Man schiebt belegte Butterbrote nicht gleich so in die Tasche. Aber Zeitungspapier zum Einwickeln hat ein Hinterwäldler und Robinson gewöhnlich nicht bei sich; so ich auch nicht. Dem bleibt wohl nichts anderes übrig, als dergleichen doch in die Tasche seines ledernen Anzugs zu schieben, die belegten Seiten immer hübsch zusammengeklappt, und so tat auch ich.
Mit noch kauendem Munde wandte ich mich wieder dem Vexierschlosse zu und machte meine Zeichnung fertig. Dann erst probierte ich einmal, die Buchstaben zu verschieben. Es ging ganz leicht, jedes Zeichen befand sich auf einem einzelnen Plättchen. Als ich darauf die Tür zumachte, noch in dem Raume stehend, nicht im Korridore, konnte ich sie nicht wieder öffnen. Kaum hatte ich das betreffende Stichwort nach meiner Zeichnung wieder eingestellt, das heißt dieselben Zeichen zusammengesetzt, so ließ die Klinke sich wieder niederdrücken, die Tür sich öffnen.
Dasselbe tat ich mit genau demselben Erfolg auch noch einmal von draußen, auf dem Korridore.
So, das war sehr, sehr wichtig für mich.
Jetzt ging ich den Korridor entlang. Hin und wieder sah ich eine Tür ohne Vexierschloss, wie ich ein solches ja in diesem unterirdischen Reiche überhaupt noch nicht gesehen hatte.
Nachdem ich links und rechts an je einer Tür vorübergegangen war, öffnete ich die dritte oder probte, ob sie sich öffnen ließ. Die Tür war unverschlossen.
Eine ganz einfache Felsenkammer, aber etwas ganz Auffälliges enthaltend, ein wunderbares Kunstwerk.
In der Mitte stand ein großer Tisch, auf diesem eine Glasglocke, mehr als einen halben Meter breit und lang und ziemlich einen ganzen Meter hoch, und unter dieser ein prachtvoller Blumenstrauß.
Ja, es war eine Pracht, dieses Bukett anzusehen. Diese Farben, diese geschmackvolle Zusammensetzung, und wie das funkelte und blitzte, wenn man nur ein klein wenig den Kopf bewegte, obgleich doch kein besonderer Lichtstrahl darauf fiel, alles ganz gleichmäßig von allen Seiten her beleuchtet wurde!
Wohl dachte ich an jene Sonnenblume mit den in allen Regenbogenfarben schillernden und blitzenden Samenkörnern, aber das hier war doch etwas ganz, ganz anderes. Lauter kleine Blumen, die größte kaum fünf Zentimeter im Durchmesser, von den verschiedensten Formen, aber keine mir bekannte darunter. Ganz, ganz seltsame Formen dabei.
Viel eher wurde ich gleich an die beiden Schmetterlinge erinnert, die Sakuntala auf der Brust gezeigt hatte, die zweifellos aus lauter kleinen, winzigen, bunten Vogelfedern, jedenfalls vom Kolibri, zusammengesetzt gewesen waren, und eben dadurch wusste ich sofort, dass ich hier nur ein Kunstwerk von Menschenhänden vor mir hatte. Es fehlte ja auch die Erde, aus der diese Blumen gewachsen wären. Allerdings war es ein Bukett. Aber auch viele Insekten waren vorhanden, Schmetterlinge und Käfer, auch wieder in so wundervoller Farbenpracht schimmernd und gleißend, wobei dafür gesorgt war, dass die sich immer von einer einmal einfach gehaltenen Blume, von einem grünen Blatte oder vom weißen oder schwarzen Untergrund scharf abhoben, so zur besten Geltung kamen.
Nur eine einzige größere, rosenartige, aber auch so buntfarbige Blume war zerfallen, hatte sich sogar ganz gründlich aufgelöst, und da erkannte ich erst recht und ganz bestimmt, dass alles dies aus kleinen Vogelfederchen zusammengesetzt war. Hier ließ es sich einmal unterscheiden, sonst nicht.
Auf dem Tische war unter Glasscheibe ein Täfelchen angebracht, darauf etwas Schnörkliches geschrieben, mir unverständlich, fremde Schriftzeichen. Jedenfalls wurde hier der Name des Verfertigers dieses Kunstwerks angegeben. Wenn das ein einzelner Mensch gewesen war, so hatte der Zeit seines Lebens an dieser Geduldsprobe herumgeknaupelt, um alle die Millionen von Federchen — denn mit solch einer Zahl konnte man gleich rechnen — so zusammenzusetzen.
Als ich um den Tisch herumging, sah ich auf der anderen Seite wieder ein Opernglas darauf liegen. Schon wieder Kinematografie? Nein, ich sah, als ich das Doppelrohr auf das Bukett richtete, noch genau dasselbe. Nämlich nicht etwa vergrößert.
Das war merkwürdig. Was nützt solch ein Krimstecher, wenn er nicht vergrößert, heranzieht? Und nicht etwa, dass die Okulare fehlten. Wenigstens die Gläser vorn und hinten waren drin.
Nun, ich drehte erst einmal an dem Riefenrande. Bei diesem Opernglas schoben sich die Doppelrohre denn auch gleich heraus. Und da sollte ich ein blaues Wunder erleben!
Ich will hier ja nicht optische Gesetze erläutern, aber so viel weiß doch wohl ein jeder, dass Fernrohr und Vergrößerungsglas ganz verschiedene Dinge sind. Das Fernrohr, wie man dieses Instrument im Allgemeinen nennt, auch wenn gar kein »Rohr« dabei ist, ob nun Refraktor oder Teleskop, vergrößert überhaupt nicht, sondern es zieht nur den betreffenden Gegenstand heran.
Ein Fernrohr, das hundertmal vergrößert — wie es eben immer ganz falsch heißt — auf den Mond gerichtet, bringt uns diesen scheinbar hundertmal näher. Dasselbe gilt vom sogenannten Opernglas. Von einem Vergrößern ist dabei gar keine Rede. Wohl vergrößert es, wenn man etwas in dichte Nähe hält, aber das ist nur eine Begleiterscheinung, eigentlich sogar ein Fehler des Instrumentes. Die Lupe hingegen vergrößert wirklich, deshalb kann man sie auch nicht für den Fernblick benutzen, wenigstens auch nicht wieder so ohne Weiteres, da muss man sie sehr, sehr weit vom Auge abhalten.
Mit diesem Opernglase hier war es nun eine ganz, ganz merkwürdige Sache. Je weiter ich die Rohre herausschraubte, desto größer wurden die Blumen, bis sie Riesengröße annahmen.
Also ich will nur noch einmal sagen, dass es sonst kein Instrument gibt, das so etwas leistet. Man muss jedes Fernrohr wie das Vergrößerungsglas, also auch das Mikroskop, für sein Auge passend einstellen. Wird nicht richtig aufgepasst, dreht man etwas zu viel oder zu wenig, so wird das Bild eben undeutlich, bis es ganz verschwindet.
Hier aber konnte ich drehen wie ich wollte, die betrachteten Blumen wurden nur immer größer. Das konnte ich nicht begreifen. Hier wurde ein optisches Gesetz benutzt, das wir noch gar nicht kennen.
Die Dreherei hatte auch hier einmal ein Ende. Da aber war ein Blümchen wie ein winziges Vergissmeinnicht schon so groß wie ein Wagenrad geworden. Infolgedessen erkannte ich, dass auch dieses winzige Blümchen aus immer noch winzigeren Vogelfederchen zusammengesetzt war, erkannte überhaupt die geradezu furchtbar zu nennende Knifflichkeit dieser Arbeit. Denn das alles wollte auch angeklebt oder sonst wie befestigt sein, ein Atomfederchen ans andere, was unter dem Mikroskop, nicht nur unter dem Vergrößerungsglas hatte geschehen müssen.
Endlich hatte ich dieses Kunstwerk menschlicher Geduld sattsam bewundert, ich wandte mich einer zweiten Tür zu, die also nicht wieder nach dem Korridor führte, die überhaupt gleich offen gestanden hatte, aber noch mit einem unscheinbaren, einfarbigen Vorhang verhangen war, den ich zurückschlug.
Merkwürdig, was hier alles arrangiert war. Dort das brillante Blumenbukett zwischen nackten Felswänden, und hier nun wieder zwischen pompösen, farbensprühenden Teppichen und Decken, die an den Wänden hingen, etwas sehr Unscheinbares.
Obgleich dasjenige, was hier dekoriert wurde, eigentlich ebenfalls hätte von bunter Farbenpracht sein müssen.
Es war nämlich ein Pfau, der auf einem herrlichen Mosaiktisch wiederum unter einer Glasglocke stand.
Der Pfauhahn schlug sein Rad und hätte doch seine ganze Farbenpracht zeigen können. Aber von einer solchen war nicht viel zu bemerken. Es war nämlich ein ganz elendes Tier, schlecht ausgestopft, wer weiß vor wie langer Zeit, die meisten Federn geknickt, die Farben erblindet, verstaubt.
Also das hier war nicht etwa wieder so ein Kunstwerk von Menschenhand. Sondern das war einfach ein natürlicher Pfauhahn, den man ausgestopft hatte und verwahrlosen lassen, den man jetzt nicht mehr unter eine Glasglocke hätte zu setzen brauchen.
Was sollte denn dieses klägliche Subjekt von einem erblassten Pfauhahn hier, auch noch zwischen solchen prächtigen Teppichen?
Die Tafel mit den Schriftzügen hätte mir wohl Auskunft gegeben, aber ich konnte sie nicht lesen.
Doch als ich auf die andere Seite des Tisches kam, dessen prächtiges Stein- und Elfenbein- und SchildplattMosaik ich am meisten bewunderte, sah ich noch eine andere Papiertafel unter Glas, und die konnte ich lesen, es war Deutsch! Es hätte auch Englisch oder Französisch oder Lateinisch sein können, es wäre mir auch verständlich gewesen, hier aber schien eben Deutsch die allgemeine Umgangssprache zu sein, wurde es doch sogar von dem braunen Mädchen mit dem indischen Namen beherrscht, der Tochter eines PawneeHäuptlings.
Melek Taus der Jeziden, entführt aus Lälesch von L. K., am 11. Horindam 68. S. Klingsors Tagebuch, 59. Band.
So, nun wusste ich es.
Es war ein Zufall, dass ich es wusste.
Es ist also eine religiöse Sekte, deren Mitglieder man auf zwei- bis dreimalhunderttausend schätzt, am meisten verbreitet in Mesopotamien, hauptsächlich im SindscharGebirge, wo sie sich in ganzen Gemeinden angesiedelt haben, und in Lälesch haben sie ihr Hauptheiligtum — das heißt, sollen es dort haben.
Der Stifter dieser Sekte war ein Scheich Jezid; nach diesem nennen sie sich selbst. Von den umwohnenden Stämmen werden sie Teufelsanbeter genannt. Das Symbol des Teufels, oder der Teufel selbst, ist ihnen — weshalb, das weiß ich nicht — ein ausgestopfter Pfauhahn, der Melek Taus heißt. Dem erweisen sie göttliche Ehren.
Der Hauptpfauhahn oder der Hauptteufel hat seine Stätte in Lälesch.
Ich hatte, als mir Klingsor über die Sekte der Skorpionsbrüder berichtete, gleich an die Teufelsanbeter denken können.
Die beiden hatten doch die größten Ähnlichkeiten miteinander.
Ich hatte nicht daran gedacht, erst jetzt fiel mir es ein.
Also das hier war solch ein Melek Taus. Höchst interessant!
Von Loke Klingsor selbst aus ihrem Heiligtume in Lälesch entführt, geraubt, gestohlen.
Doch ich wandte mich weiter und betrat nach Zurückschlagung eines Vorhanges den dritten Raum.
Na, hier sah es ja gut aus!
Alle Wände dekoriert mit menschlichen Knochen und grinsenden Totenschädeln, und in der Mitte eine sich um einen Baumstumpf, der merkwürdige Schnitzereien aufwies, ringelnde Riesenschlange, die auf dem Kopfe eine goldene Krone trug, unter der sich langes, goldblondes Haar hervorringelte, offenbar Frauenhaar.
Eine Tafel in Geheimschrift und dann auch wieder auf Deutsch:
Abgottschlange (Assala oder Tenne), Gottheit der Widas, aus ihrem Felsentempel zu Widai entführt von L. K. am 2. Mentadon 73. S. Klingsors Tagebuch, 85. Band.
Das Entführen von solchen »Gottheiten« schien dieses Mannes mit den Teufelsaugen Spezialität zu sein, das trieb er so gewissermaßen als Sammelsport. Nun, das wäre auch nach meinem Geschmacke gewesen, das würde ich lieber machen als Briefmarken oder Ansichtspostkarten sammeln.
Diese Entführungsgeschichte hätte ich gern einmal gelesen.
Ich konnte Klingsor ja bei der nächsten Gelegenheit deswegen fragen, ob er mir den 85. Band seiner Tagebücher nicht einmal leihen wolle.
Auf einmal fiel mein Blick auf eine runde Scheibe an der Wand, ich trat darauf zu.
Die Scheibe war von schwarzer Farbe, etwa einen Viertelmeter im Durchmesser. Ein Knopf daneben lud geradezu ein, ihn zu drücken.
Ich tat es, und im Moment gab die Scheibe ihre schwarze Farbe auf, es wurde durchsichtiges Glas daraus.
Es ist nun freilich schwer zu beschreiben, was ich jetzt sah.
Wenn ich nämlich das beschreiben wollte, was mir da im Laufe einer halben Stunde vorgeführt wurde, würde ein dickes Buch daraus.
Es war die ganze Entführungsgeschichte aus dem Felsentempel, die hier in kinematografischer Wiedergabe gezeigt wurde.
Ich will gar nicht erst anfangen, nur das Innere dieser schauerlichen Felsengrotte beschreiben zu wollen, diese Dekorationen! Ein Aufzug der schwarzen Priester bei Fackelbeleuchtung, dann kam die Schlange, Tanz der schwarzen Bajaderen, und dann kam ein junges Mädchen, das ich nur gleich als »Schlangenbraut« bezeichnen will. Und sie war von weißer Hautfarbe!
Eine weiße Gefangene, die der Riesenschlange geopfert werden sollte.
Das belockte Ungeheuer schickte sich an, über die Beute herzufallen, die ihm in einer komplizierten Weise dargeboten wurde, über die ich lieber gar keine Andeutung machen will.
Da im letzten Moment, als es noch eine Möglichkeit der Rettung gab, krachten Schüsse hinter den bizarren Felsenecken hervor, wenigstens an dem Pulverdampfe zu erkennen, und daran, dass die Priester und die anderen Henkersknechte stürzten; drei Männer brachen hervor, und in dem vordersten erkannte ich sofort den Mann mit den Teufelsaugen wieder, als afrikanischer Jäger gekleidet, mit hochaufgekrempelten Hemdsärmeln. Er schwang in der nervigen Faust eine Axt, und wie er die zu schwingen verstand!
Mit jedem Hieb wurde einer der wolligen Köpfe gespalten, und auch sein Revolver in der rechten Hand blieb nicht untätig.
Ebenso fleißig mit der Beförderung ins Jenseits waren seine beiden Gefährten, und diese Emsigkeit war auch sehr nötig, denn in der Grotte befanden sich wohl anderthalb hundert schwarze Männer, alles kräftige, verwegen aussehende Burschen, alle bewaffnet, und sie dachten nicht etwa an Flucht, sondern leisteten Widerstand.
Ein Handgemenge entstand, eine Metzelei und Würgerei, die man eben nur kinematografisch wiedergeben kann. Mir verging fast der Atem dabei.
Endlich aber hatten die drei Männer aufgeräumt. Der eine freilich lag selbst am Boden; dem andern floss das Blut aus einer großen Kopfwunde.
Das weiße Mädchen war befreit, konnte aus dem Versteck hervorkommen, in welches sie sich geflüchtet hatte, und nun ging es an das Einfangen und Abtransportieren der Riesenschlange.
Wie gesagt, eine halbe Stunde hatte dieses kinematografische Bild mindestens gedauert. Da konnte ich mich aber auch sehr irren.
Als das Glas wieder erblindete und ich mich abwandte, war ich fast wie betäubt. Es war gar zu viel gewesen, was ich geschaut hatte. Mit etwas scheuen Augen betrachtete ich jetzt die Riesenschlange mit der goldenen Krone und dem Frauenhaar.
Wer war aber das schöne Mädchen mit der weißen Haut gewesen? Was mochte aus ihm geworden sein?
In Klingsors Tagebuch war es zu lesen.
Ich raffte mich auf, wandte mich der zweiten Tür zu, um den vierten Raum zu betreten, in der Erwartung, auch hier wieder solch eine entführte Gottheit oder irgendeinen Götzen in passender Umgebung vorzufinden.
Ich hob den Vorhang, der auch diese verschloss.
Ja, ein überraschender Anblick erwartete mich, aber doch so etwas ganz, ganz anderes, als ich mir irgendwie vorgestellt hatte.
Die Wände dieser Felsenkammer hier waren wieder ganz nackt, und in der Mitte stand ein Mann, sofort als Puppe erkenntlich, in Lebensgröße ausgeführt, aber herzlich schlecht.
Ich wurde gleich an so eine Puppe erinnert, wie sie im Schaufenster von Modemagazinen stehen.
Ebenso plump und ungeschickt und fatzkenhaft stand auch dieser Kerl hier da, in einem geschniegelten und geblümelten Anzuge, mit hohem Stehkragen und wunderbarer Krawatte, die Hosen viel zu kurz, sodass man noch recht auffällig die herrlichen Lackschuhe mit den Schleifen sah.
Auch sonst so eine richtige Modepuppe, vielleicht nach dem Geschmacke des Verfertigers ein Kunstwerk ersten Ranges, aber als Wiedergabe eines Menschen, eines Mannes, einfach ein Zerrbild.
Ein wunderbar schönes Puppengesicht mit roten Bäckchen, mit blauen, strahlenden Augen, darüber dichte Wimpern, aber da dieses Puppengesicht doch einem Manne angehören sollte, hatte es einen prächtigen Schnurrbart bekommen. Dafür aber lächelte dieses männliche Puppengesicht auch noch süßlich.
So stand der Kerl da mit seinen gläsernen Augen nach dieser Tür hier starrend, auch den einen Arm mit den gelben Wachsfingern nach ihr halb ausstreckend, mit der anderen Hand eine einladende Bewegung nach einem Stuhle machend, welcher den zweiten Gegenstand in dieser öden Felsenkammer bildete.
Es war ein Lehnstuhl, ein sehr bequemer, nicht nur so ein Großvaterstuhl, sondern so ein richtiger Faulenzer, mit verstellbarem Kopfteil, auch unten ein Brett, ein Tritt, wohl ebenfalls verstellbar, alles fein mit blauem Plüsch gepolstert.
Er stand in einiger Entfernung von der Wand und ebenso weit von der Wachspuppe, die also auf diesen Lehnstuhl deutete, mit einer einladenden Geste, darauf Platz zu nehmen.
Was sollte das bedeuten? Irgendeinen Zweck mussten diese Puppe und der Stuhl, ganz allein in der sonst nackten Kammer stehend, doch haben, nach dem, was ich in den drei anderen Kammern schon vorgefunden hatte.
Nun, ich trat erst einmal vollends ein.
Kaum hatte ich den Schritt getan, als ich, wahrscheinlich durch mein Gewicht, auf den Boden, wenn sonst auch nichts davon zu sehen war, einen Mechanismus auslöste.
Die Wachspuppe bekam Leben. Sehr viel freilich nicht. Sie bewegte beide Arme, den einen nach mir hin, mit dem anderen Arme, mit der Hand, machte sie einladendere Bewegungen nach dem Stuhle hin, und dabei wurde auch etwas mit dem Kopfe gewackelt und genickt.
Also eine verstärkte Einladung, auf dem Stuhle Platz zu nehmen.
»Ich soll mich setzen?«, fragte ich.
Von dieser Puppe, die gar nicht einem komplizierten Automaten glich, eine Antwort zu verlangen, das war zu viel verlangt. Sie winkte und nickte und lächelte, das war alles.
Na, da wollte ich mich einmal setzen. Es würde schon irgendeine Überraschung kommen. Vielleicht, dass dort an der Wand ein kinematografisches Bild vorgeführt wurde oder sonst etwas. Ich dachte gerade so wieder an Kinematografie, mit der hier doch reichlich operiert wurde.
Als ich die wenigen Schritte tat, die mich von dem Stuhle trennten, bemerkte ich, dass in die Puppe noch mehr Leben kam. Sie drehte sich mit mir. Wobei aber nichts Bewunderungswürdiges war. Die Figur hatte, was ich nur nicht gleich gesehen, eine eiserne Stütze, einfach einen Stock, der ihr zwischen den Beinen durchging, auf diesem drehte sie sich, und das geschah durch Magnetismus oder irgendeinen Mechanismus, wahrscheinlich durch das Gewicht des Besuches auf den Boden veranlasst, dass sie diesem immer das Gesicht zudrehte. Die Hände hingegen machten diese Drehung nicht mit, nur dass sie jetzt noch stärker nach dem Stuhle winkten.
»Ja ja, mein Lieber, ich setze mich schon! Lassen Sie mich nur erst einmal den Stuhl etwas näher untersuchen!«
Denn das wollte ich erst, ehe ich darauf Platz nahm — weil ich jetzt auch an eine kalte Dusche dachte oder dergleichen, was man auf den Kopf bekommen könnte. Ein Vexierstuhl. Auf solch eine Überraschung musste ich gefasst sein.
Aber was ich da bei näherer Untersuchung fand, das ließ gar nicht darauf schließen, dass der Stuhl so boshaft sein könnte. Es war ein einfaches Gestell, wenn auch solid und schön gepolstert, aber doch sonst nichts Massives, nichts Geschlossenes daran, was eine Niederträchtigkeit hätte bergen können, überall konnte man durchblicken.
Na, dann ließ ich mich beruhigt darauf nieder. Man sieht, ich war sehr vorsichtig, zog so ziemlich alles in Erwägung. Aber was für eine »Überraschung« mir dieser Stuhl bereiten sollte, was für einen Streich mir diese vermaledeite Puppe spielte mit ihrer Einladung, das hatte ich freilich nicht ahnen können.
Also ich hatte mich gesetzt, meine Füße standen auf dem Trittbrett, so ziemlich ganz von selbst musste ich die Ellbogen auf die Armlehnen legen.
Nun konnte losgehen, was es hier zu sehen und zu erleben gab.
Und es ging auch gleich los.
Zunächst hatte die Puppe sofort, als ich Platz genommen, ihr Nicken und Winken eingestellt, und es kam mir vor, als ob sich ihr süßes Lächeln jetzt in ein höhnisches Grinsen verwandelte. Aber das war nur eine Täuschung von mir, nichts weiter.
Plötzlich jedoch fühlte ich durch meinen ganzen Körper einen Ruck gehen, durchaus nicht schmerzhaft, nicht einmal unangenehm, aber doch empfindlich genug. Wie ein gelinder, elektrischer Schlag.
Der unangenehme Schreck kam erst hinterher. Denn plötzlich fühlte ich, dass ich auf dem Stuhle angenagelt oder festgeklebt war. Anders kann ich mich nicht ausdrücken. Noch ehe ich den Versuch machte, aufzustehen oder nur ein Glied zu rühren, merkte ich das. Wie ein Druck presste es mich gegen den Stuhl, mit allen Körperteilen, mit denen ich die Polster berührte, eigentlich ganz sanft, aber doch mit unwiderstehlicher Kraft.
Erst als mir dies zum Bewusstsein gekommen war, probierte ich näher, wie weit diese Festkleberei ging. Weit genug! Ich konnte keinen Fuß heben, war auf dem Trittbrett wie angenagelt. Auf dem Sitze klebte ich mit der Hose fest. Aber nicht etwa, dass ich mich nun noch innerhalb der Lederhose etwas hätte erheben können. Nein, mein Körper, mein Fleisch war es, das sanft auf das Polster gepresst wurde! Ebenso erging es dem Rückenteile und schließlich auch meinen Armen und Händen. Wie sie einmal auf den Armlehnen lagen, so mussten sie liegen bleiben. Jede einzelne Fingerspitze wurde festgehalten. Durch eine magnetische Kraft. Denn dass es sich um eine solche handelte, das war mir ja ohne Weiteres klar.
Nur den Kopf konnte ich noch bewegen, ihn drehen. Zwar war, wie schon erwähnt, auch eine besondere Kopflehne vorhanden, sie hatte aber meine Knochen nicht angezogen, und dabei hatte nichts zu sagen, dass sie ziemlich weit nach hinten zurückgestellt gewesen war, woran sich auch jetzt nichts änderte. Bei meinen ersten Bemühungen, mich aus dieser fatalen Zwangshaft zu befreien, ganz instinktiv gemacht, bog ich wiederholt auch den Kopf sehr weit zurück, dabei berührte der Hinterschädel diese Kopflehne, aber er wurde nicht festgehalten.
»Um Himmels willen, was ist denn das?!«
So oder etwas Ähnliches hatte ich wohl selbstverständlich rufen müssen, mindestens denken; ich hatte es gerufen.
Da bekam die Wachsfigur wieder Leben. Die Hand, die zuvor immer nach dem Stuhle gewinkt hatte, machte jetzt mehr seitliche Bewegungen, ebenfalls einladende, aber nach der zweiten Eingangstür zu, wozu sich der Kerl auch etwas herumgedreht hatte, und außerdem kamen diesmal statt des Kopfnickens auch noch Bücklinge mit dem ganzen Oberkörper hinzu, freilich immer so steif und ungeschickt wie möglich. Da hatte ich schon bessere Automaten gesehen, im einfachsten Wachsfigurenkabinett auf dem Jahrmarkt.
»Ich soll mich durch diese Tür bemühen? Das will ich wohl, da aber muss ich nur erst wieder von diesem verdammten Stuhle — —«
Nein, es war zu diesem Zwecke nicht nötig, dass ich erst wieder aufstehen konnte.
Plötzlich setzte sich der Stuhl in Bewegung, rollte davon, ohne dass ich doch vorhin bei meiner gründlichen Untersuchung Rollen an seinen Füßen bemerkt hätte.
Er rollte auf jene Tür zu, deren Vorhang vor mir von unsichtbarer Hand — oder unsichtbarer Kraft, will ich lieber sagen — zurückgeschlagen wurde.
Wieder ein eingerichtetes Gemach. Oder eigentlich in dieser Region ja das erste, was eine wirkliche Einrichtung besaß, von den vorhergehenden hatte man das doch nicht sagen können.
Diese Einrichtung kam mir eigentlich sehr bekannt vor. Viele große Spiegel an den Wänden, vor jedem solch ein Lehn- und Klappstuhl, wie ich einen unfreiwillig besetzte, direkt vor dem Spiegel immer ein Sims, auf dem eine ganze Menge von Kämmen und Bürsten und Scheren allen Kalibers lagen, die verschiedensten Parfümflaschen, Schönheitsmittel, Hühneraugentinkturen — —
Der Leser wird wissen, in was für einem Raum ich mich befand. Ich wusste es eigentlich auch, wollte es aber nicht recht glauben, dass es hier einen regelrechten Rasier- und FrisierSalon gab, in dem sich jeder Besucher für zwei bis fünf Groschen die Bartstoppeln abkratzen, die Locken kürzen und pomadisieren lassen kann.
Nun, ich sollte es ja gleich erfahren, woran ich war. »Erfahren« ganz wörtlich genommen, indem ich vor solch einen Wandspiegel gefahren wurde, vor dem noch kein anderer Stuhl stand.
So, da saß ich nun und konnte den Kopf wenden, umschauen, wenn ich mich nicht im Spiegel bewundern wollte. Sollte ich rasiert werden? Ich hatte es sehr nötig. Einen ganzen Rasierapparat hatte ich ja, wie erwähnt, in der Robinsonausrüstung meiner Höhle gefunden, hatte ihn aber seit meinem Hiersein, seit nunmehr drei Tagen, noch nicht benutzt. Denn, wenn ich mich auch in der Einsamkeit nicht gerade verwildern lassen würde, so bin ich doch nicht sehr besorgt um mein Äußeres. Meine Stoppeln wucherten üppig.
Wenn nun aber hier jemand kam, um mich zu rasieren, dann freilich war es mit meinen heimlichen Wegen in dieser mir verschlossenen Region aus. Dann musste ich wohl Farbe bekennen.
Und da kam auch schon jemand! Oder ich sah doch in dem Spiegel, wie dort in der Ecke ein Vorhang zurückgeschlagen wurde. Dabei konstatierte ich sofort gewissenhaft, dass mir das Herz deswegen keinen Schlag schneller ging.
Und die Person tauchte auf, die den Vorhang zurückgeschlagen hatte.
Abermals eine Puppe! Aber eine ganz andere als vorhin die mich empfangende dämliche Wachsfigur. Eine viel natürlichere möchte ich fast sagen, nämlich weil an ihr nicht versucht worden war, den lebenden Menschen nachzubilden, was doch immer kläglich missglückt, sondern weil an ihr gerade diese künstliche, aber durchaus nicht künstlerische Nachahmung mit offener Absicht deutlich erkennbar gemacht worden war.
Nein, künstlerisch war diese zweite Menschenpuppe hier ganz und gar nicht ausgeführt. Es war vielmehr ein Scheusal, auch ein solches der Holzbildhauerei. Und da brauchte man gar kein Fachmann zu sein, ich hätte etwas anderes geschaffen.
Also aus Holz. Aber nun wie! Der Kopf eine ovale Kegelkugel, an die man mit einem Holzkeil etwas wie eine Nase gesetzt hatte, ein eingemeißelter oder eingefeilter Spalt deutete den Mund an, aus runderen Löchern bestanden die Augen, und da auch dieser »Mensch« einen Schnurrbart haben sollte, war der angemalt worden, wohl einfach mit Holzkohle, mit einem angebrannten Kork, der Bart machte einen noch so frischen Eindruck, und ebenso war das Kopfhaar mit einigen kühnen Lockenstrichen markiert.
Und so war der ganze Mann beschaffen. Alles aus Holz, ein primitives Gestell. Zwar trug er eine schwarze Hose und eine weiße Jacke, aber dass sie nur um eine Holzstellage schlotterten war doch schon am Halse zu erkennen, einfach ein dünner Holzstängel, ein Stück abgesägter Besenstiel, und dann auch an den Armen, so weit sie aus den Ärmeln hervorsahen und auch in diesen erkenntlich, und an den Händen.
Gelenke waren vorhanden. Alles war beweglich. Der Kopf wie der ganze Körper. Auch jeder einzelne Finger, der sogar wiederum aus den einzelnen vorschriftsmäßigen Gliedern bestand, die wiederum durch Gelenke miteinander verbunden waren. Freilich waren es nur Drähte, nichts weiter, alles ganz roh und sogar ungeschickt angefertigt, die einzelnen Holzstücke, deren Ähnlichkeit mit menschlichen Fingern nur eine ganz oberflächliche war, an den Enden durchbohrt, durch die Löcher ein Draht gezogen und mit dem anderen Holzgliede so verbunden. Alles schlotterte und klapperte, der kleine Finger der linken Hand hing ganz frei herab.
Nun konnte es ja sein, dass diese hölzerne Figur von einer menschlichen Hand hereingeschoben wurde. Aber gleich zeigte sich, dass sich diese Puppe hier viel selbstständiger bewegen konnte als jene Wachsfigur, sogar laufen.
Aber nun wie sie lief! Eben wie man es von solch einem Holzgestell verlangen kann, das an Drähten regiert wird; wenn auch solche Theaterdrähte des Puppenspiels nicht etwa zu sehen waren.
Immer einen Fuß vor den anderen gesetzt, das Bein dabei aus den Hüften herausgehoben, so marschierte der Kerl vorwärts. Nicht eben langsam. Aber unsagbar ungeschickt. Wie die Bewegung zustande kam, konnte ich nicht erkennen, auch nicht, woher überhaupt die aufrechte Stellung, die feste Haltung. Denn eigentlich hätte der hölzerne Mann ja bei jedem Schritt umfallen müssen. Wenn auch die soliden Stiefel, die er trug, eine ganz respektable Breite und Länge hatten. Herr Gott, musste der Füße haben! Da ging es ihm aber nicht anders als den lebenden Menschen. Je hölzerner der Kopf, je mehr Stroh darin, desto größer sind meistenteils ihre Füße.
Also er wackelte heran, auf mich zu, blieb stehen, knickte mit dem Oberkörper vorwärts, machte einen Bückling. Er begrüßte mich. Da er von der Seite kam und so stehen blieb und ich den Kopf frei bewegen konnte, brauchte ich ihn nicht mehr nur im Spiegel zu beobachten, betrachtete ihn mir direkt.
Bei den Verbeugungen blieben die Arme und Hände schlaff herabhängen, und jetzt machte ich alle die Beobachtungen, die ich vorhin ausgeführt habe.
Ich wollte auf das Spiel eingehen.
»Guten Morgen, oder guten Abend, geehrter Herr. Sind Sie der Inhaber dieses Ladens? Der Meister selbst?«
Er antwortete nicht, das war von dieser Mundspalte nicht zu verlangen, und er antwortete dennoch. Er hob ruckweise die Arme mit den klapprigen Fingern und machte vor seinem Gesicht die Gesten des Rasierens, nickte dazu — »Ja, wollen Sie rasiert sein?« — und schaute mich fragend an, hätte ich beinahe gesagt.
Ich will nicht schildern, was ich hierzu dachte, was für eine Erklärung ich mir suchte. Nur das war mir gleich ganz klar, dass er nicht etwa auf meine Fragen wirklich geantwortet hatte. Dann hätte er in seinem Kürbis doch auch ein Gehirn haben müssen. Es war eben ein Automat, mit irgendeinem versteckten Mechanismus, der die ihm vorgeschriebenen, immer wiederkehrenden Bewegungen ausführte, und seien diese auch noch so anhaltend und kompliziert. Nachdem er hereinmarschiert war, blieb er stehen, machte eine genaue Anzahl von Verbeugungen und dann unter fragendem Nicken mit erhobenen Armen die Gesten des Rasierens, und da war es ganz gleichgültig, was für eine Frage man vorher an ihn gerichtet oder sonst zu ihm gesprochen hatte.
»Jawohl, ich möchte rasiert sein.«
Ich konnte mir ungefähr denken, wie es kommen würde. Diese Puppe hier stellte zwar auch einen Barbiergehilfen vor, der aber erst nur die Kunden empfing, begrüßte, pantomimisch nach ihrem Begehren fragte — und dann ging er ganz sicher davon, um den eigentlichen Barbier zu holen, natürlich einen richtigen Menschen aus Fleisch und Blut.
Denn wenn etwa dieses Holzgerippe mit den ruckweisen Bewegungen und den klappernden Fingern selbst rasieren wollte, einem mit dem scharfen Messer im Gesicht herumfuhr — oh je, oh je!! Ich stellte es mir nur so im Geiste vor, und ich musste doch lächeln.
Mir sollte das Lächeln gar bald vergehen!
»Jawohl, ich möchte rasiert sein.«
Ein Bückling der Bestätigung und — der Holzmann marschierte ab. Um nun den lebenden Barbier zu holen? Nein, das tat er nicht! Wohl drehte er sich auf den Hacken seiner Quadranten herum, wohl marschierte er ab, aber nur bis nach einem Seitentischchen, auf dem Servietten lagen. Den einen Arm mit einem Ruck hochgehoben, noch ein Ruck, den Arm vorgestreckt, erst einmal daneben gegriffen, dann lag die Hand richtig auf der Kante der obersten Serviette, die Finger schlossen sich, kniffen sich zusammen, und da schienen die klapprigen Drahtgelenke plötzlich ganz stabil geworden zu sein, wieder herumgedreht und, die Serviette steif vor sich haltend, auf mich zurückmarschiert!
Ich hatte alles ganz beobachten können, im Spiegel sowohl wie in direkter Augenrichtung, und ich staunte!
Wie in aller Welt war das möglich?! Wie konnte dieser Automat, und sei sein Mechanismus auch noch so kompliziert und ingeniös, derartige Bewegungen ausführen?!
Ich fand keine Erklärung. Oder eben nur die, dass ich hier ein Wunder von einem mechanischen Automaten vor mir hatte.
Und der Automat fuhr fort, die üblichen Vorbereitungen für das Barbieren zu treffen. Zunächst band er mir die Serviette um.
Aber alle seine einzelnen Bewegungen kann ich ja nicht schildern, so wie ich sie mit meinen Augen beobachtete, jede einzelne. Kurz und gut, alle diese Bewegungen waren immer ruckweise, auch sonst sehr unsicher, oft genug kam es vor, dass die Hände danebengriffen, dass die Finger, die plötzlich starr werden konnten, zur Unzeit wieder klapprig wurden, aber die Hauptsache war doch, dass der hölzerne Mann immer zum Ziele kam. Wenn man dabei mit einer magnetischen Kraft rechnete, so war das auch ganz begreiflich. Was er einmal berührte oder doch zwischen den Fingern hatte, das klebte auch fest, und so wurden die Finger selbst steif und wieder schlaff gemacht, durch positiven und negativen Elektromagnetismus. Das war meine Ansicht von der Sache, wodurch ich ja der Wahrheit auch ganz nahe kam. Nur, dass mir die Erkenntnis fehlte, wodurch überhaupt die ganzen Bewegungen zustande kamen, wie die Figur gelenkt wurde.
Nun, der Holzmann brachte es fertig, mir die Serviette umzubinden. Er pfropfte mir den Saum vorschriftsmäßig auch zwischen Hals und Lederjacke, wobei ich auch seine Holzfinger am Halse zu fühlen bekam. Angenehm war das Gefühl nicht gerade, aber noch unangenehmer wäre es gewesen, hätte mich einer der Gelenkdrähte gerissen. Was jedoch nicht geschah.
Und dann wandte er sich wieder, tappste nach einem Marmorbecken, den Hahn aufgedreht — nachdem er erst zweimal daneben gegriffen hatte — eine silberne Schale gefasst, darunter gehalten, voll Wasser laufen gelassen, das ein wenig dampfte, hübsch den Hahn wieder zugedreht, Seife hergenommen und Schaum geschlagen.
Wunderbar, wunderbar!! Wie sie's nur machen! Ich schreibe nämlich genau so, wie ich spreche, wie ich denke, und damals dachte ich: Wie sie's nur machen!
Jetzt kam er wieder auf mich zugetappst.
Was, auch einseifen wollte er mich?! Mir mit seinen hölzernen Knüppelfingern im Gesicht herumreiben?! Nein, schon hatte er in der einen Hand einen Pinsel. Na, dann ließ ich es mir gefallen.
Und er pinselte mich denn auch ein, ganz regelrecht, mit der Quaste einmal in das Becken tauchend und mir den Schaum dann im Gesicht herumschmierend. Es ging ganz gut. Allerdings war ich ihm etwas behilflich dabei, wendete den Kopf, seitwärts und hoch und niedrig, damit er mir nicht etwa in die Augen fuhr. Also wenn das Kinn besonders bearbeitet wurde, dann reckte ich dieses hoch. Aber ich glaube fast, meine Beihilfe wäre gar nicht nötig gewesen. Dieser Mann aus Buchenholz, das ich erkannte, war schon darauf geeicht, den Schaum nur dorthin zu schmieren, wohin er beim Barbieren gehört, nicht in Mund und Nasenlöcher.
So, es war geschehen, er tappste zurück und machte eine Verbeugung.
Nun aber ging er, um den richtigen Barbier zu holen, den Messerkünstler.
Nein, erst musste er den Seifennapf beiseite stellen. Na, das ließ ich mir noch gefallen, Ordnung muss sein. Und dann nahm er eine Serviette her und säuberte sich seine hölzernen Finger.
Und dann, nachdem er auch die Serviette wieder weggelegt hat — — o du allmächtiger Gott!! — — Da greift der Kerl an die Wand, wo in einer Stellage ein ganzes Arsenal von Rasiermessern aufgebaut ist, nimmt eines heraus, klappt es auf, fasst mit der anderen Hand das untere Ende eines Streichriemens, fängt an, in aller Gemütsruhe die blitzende Klinge abzuziehen!
Da allerdings war es mit meiner Gemütsruhe einmal vorbei!
»Nee, nee, ich will nicht rasiert sein, nicht von Ihnen — nicht von der Holzpuppe — oder ich schreie um Hilfe!«
So brüllte ich schon jetzt. Ich brüllte umsonst. Der hölzerne Kerl hatte sein Rasiermesser abgezogen, schwenkte herum, schwankte auf mich zu.
»Um aller Barmherzigkeit willen, nur das nicht, nur das nicht!!«, fing ich jetzt sogar zu wimmern an, während mir bereits der kalte Todesschweiß ausbrach.
Vergebens — die blitzende Klinge, an deren Haarschärfe gar nicht zu zweifeln war, näherte sich meinen Augen.
Ich gab das Flehen auf, wenigstens das Anrufen von menschlicher Hilfe. Ich habe gebetet. Dabei aber versuchte ich auch, durch eigene Kraft dem entsetzlichen Schicksale zu entgehen. Ich betete wie Simson, als er erblindet zwischen den Tempelsäulen stand und sie mit beiden Armen fasste, sich neigte und sie glücklich umschmiss.
So habe ich gebetet, als ich es probierte, mich von Stuhle zu befreien. Vergebens — zwei solche Säulen samt dem ganzen Tempel hätte ich vielleicht umschmeißen können, aber von dem vermaledeiten Stuhle loszukommen, das brachte ich nicht fertig. Ich klebte fest. Es wäre mir auch gar nicht gelungen, etwa ein paar Pfund Fleisch auf den Polstern zu lassen oder doch wenigstens die Haut. Ich hätte die Kehrseite meines Körpers ja ganz gern sozusagen skalpiert. Aber es gelang mir nicht. Wahrscheinlich wurden auch die Knochen mit angezogen. Na, und da kann man sich natürlich nicht losreißen. Auch wenn man gewillt ist, Haut und Fleisch mit preiszugeben.
Dann versuchte ich es noch, törichterweise, in letzter Sekunde dem Messer dadurch zu entkommen, dass ich das Gesicht wandte, eine Grimasse schnitt und den Kopf so weit wie möglich zurückbeugte.
Dadurch kam der auf das Kopfpolster zu liegen, das eine Höhlung hatte, in die der Schädel gerade so recht hübsch passte — — und da gab es einen kleinen Knacks, jetzt war auch noch mein Kopf gefangen, festgeklebt, angenagelt — ich brachte ihn nicht wieder frei.
Na, nun war's gut. Ich habe ausführlich geschildert, was mit mir innerhalb weniger Sekunden vor sich ging. Und da kann man ja in solcher Situation allerdings viel ausdenken und erleben.
Also ich ergab mich in mein unvermeidliches Schicksal, nun war mir plötzlich alles egal. Meinetwegen konnte der mir jetzt im Gesicht herumhacken, wie er wollte, mir Nase und Ohren abschneiden, die Gurgel dazu. Jetzt hielt ich stille. Es blieb mir ja allerdings nicht viel anderes übrig, aber ich hielt gewissermaßen auch innerlich stille.
Doch der Holzmann machte seine Sache eigentlich ganz famos. Er legte mir seine linken Knüppelfinger gegen die Stirn, wie es manche Barbiere tun, und dann kratzte und schabte er los, ganz regelrecht, brachte mir auch nicht das geringste Schnittchen bei. Und das Messer schnitt wie Gift, nahm deshalb auch an der Gurgel die borstigen Stoppeln, bei deren Abkratzen meine Haut gewöhnlich zu bluten anfängt, ganz sanft weg.
Wie sie's nur machen! Wie es der nur macht, dieser zusammengenagelte Holzkerl!
So konnte ich schon wieder ganz ruhig denken. Der vorhin ausgebrochene Angstschweiß war schon längst samt dem Seifenschaum abgekratzt, kam auch nicht wieder zum Vorschein.
So! Die Figur trat etwas zurück, machte eine Verbeugung — fertig!
»Tadellos — pyramidal — bin sehr zufrieden mit Ihnen«, näselte ich, als ob ich Gardeoffizier gewesen wäre. »Bart locken — Haarschneiden nicht nötig — nur kräuseln — ohne Pomade!«
Ach so, erst musste ich ja weiter gereinigt und gepudert werden.
Zunächst wischte der Holzmann, nachdem er das Rasiermesser schon gesäubert und zurückgesteckt hatte, seine eignen Hände ab, legte die Serviette weg, machte eine Schwenkung, marschierte ab, verschwand hinter dem Vorhang.
Nanu, wie lange sollte ich denn hier noch sitzen bleiben, noch so halb und halb eingeseift, mit der weißen Halsbinde? Der wollte wohl erst frühstücken? Oder Abendbrot essen? Wie es mir einmal in England gegangen ist, wo ein Barbier, der mich schon eingeseift hatte, mit einem Glockenschlag abbrach, sieh hinsetzte und zu frühstücken anfing. Bis ich ihm begreiflich machte, dass ich mir so etwas nicht bieten ließ.
Nun, er konnte ja gleich wiederkommen. Doch im nächsten Moment erwartete ich ihn schon nicht mehr, dachte gar nicht mehr an ihn.
Zunächst merkte ich, dass ich meinen Kopf wieder vorbiegen und bewegen konnte. Das war schon das eine, was mich mit Vergnügen erfüllte. Sonst freilich klebte ich nach wie vor fest. Und dann rollte der Stuhl ein gutes Stück zurück, das war das zweite, was mich meinen im Gesicht noch befindlichen Seifenschaum momentan vergessen ließ.
Selbstverständlich blickte ich in den Spiegel vor mir, um einmal sehen zu können, ob denn da jemand sei, der mich schöbe.
Ebenso ziemlich selbstverständlich erblickte ich niemand, dagegen etwas anderes im oder am Spiegel, was meine Aufmerksamkeit fesselte.
Der klare Spiegel schien zu erblinden. Oder vielmehr er erblindete wirklich. Aber nicht plötzlich, sondern nach und nach. Es zog sich wie ein Schleier darüber hinweg. oder als ob hier in diesem Zimmer ein Nebel entstände, wovon aber doch nichts zu merken war.
So wurde auch mein Konterfei immer mehr von Nebel eingehüllt, bis ich von mir gar nichts mehr sah, nichts anderes. Gleich darauf aber klärte sich der Spiegel wieder, und ich sah darin einen ganz anderen Raum.
Es war eine Halle, im Hintergrunde einige antike Säulen, links und rechts bewacht von zwei gewaltigen Sphinxen.
Mit einem Male quoll in der Mitte aus dem Boden eine Feuersäule empor, im Nu war sie wieder verschwunden, oder sie hatte sich zusammengeballt — — und da stand der Teufel! Denn der Mann im brennend roten Trikot mit den beiden Bockshörnern sollte doch natürlich den Teufel vorstellen.
Also ein sogenannter Trickfilm, ein kinematografischer Verwandlungsakt, der mir hier vorgeführt wurde, zur Abwechslung einmal im Spiegel. Weshalb ich dazu den Seifenschaum im Gesicht behalten musste, war mir etwas unverständlich. Übrigens, muss ich betonen, ging alles weit, weit schneller vor sich, als ich hier schildern kann.
Am meisten interessierte mich, dass dieser rote Teufel ganz unverkennbar die Züge Klingsors trug. Er war es selbst, und der Mann mit den Teufelsaugen brauchte sich nicht erst eine Teufelsmaske vorzubinden oder anzuschminken, um den Fürsten der Hölle zu markieren, diese dämonischen Züge passten gerade so recht gut. Also auch er produzierte sich einmal als Filmmimiker, um ein Publikum zu erfreuen, darunter freilich wohl kaum einen fremden Gast wie mich vermutend.
Die Sache ging weiter, höchst schnell. Nachdem der Teufel aus Feuer geboren worden war, spie er selbst Feuer aus, beugte sich etwas vor, öffnete den Mund, eine lange Flamme quoll hervor, zugleich aber auch eine außerordentlich starke Rauchwolke. Das Feuer war dabei nur eine Begleiterscheinung gewesen.
Die Rauchwolke blieb zusammengeballt in der Luft stehen. Schon hatte der Teufel ein Stöckchen in der Hand, natürlich den berühmten Zauberstab, ohne den eben auch der Herr aller Hexenmeister nicht auskommen kann, mit dem machte er gegen die Wolke gewisse Bewegungen, und der Qualm folgte gehorsam, zog sich mehr in die Länge, bis er unten den Boden berührte, oben bildete sich auf der nunmehrigen Säule eine Kugel, Nebenzweige wuchsen heraus — — ich erkannte deutlich, wie die Wolke immer mehr die Form einer menschlichen Gestalt annahm.
Jetzt trat der Teufel etwas zurück, führte gegen diese weiße Nebelgestalt mit beiden Händen beschwörende Gesten aus, und da begann sich der Nebel zu färben, es wurde überhaupt immer weniger nebelhaft, der Umriss immer schärfer, bis da ein junges Weib aus Fleisch und Blut stand.
Eine allerliebste Erscheinung! Ein holdes Kind so von tausend Wochen, ein Gesichtchen wie Milch und Blut, umrahmt von goldblonden Locken, sehr bunt und phantastisch gekleidet, so eine Art weibliches Harlekinskostüm wie zum Maskenball, überall mit vielen Zacken, alle von verschiedener Farbe, dann natürlich auch das Röckchen nur sehr kurz, mit einem entsprechenden Mützchen — eine reizende Erscheinung, diese Kolombine, wie man solch weiblichen Harlekin gewöhnlich nennt.
Am allerreizendsten war das Lächeln, mit dem das holde Kind, schelmische Grübchen in den Wangen, mich, das Publikum, aus dem Spiegel heraus anblickte.
Dies alles war, wie gesagt, außerordentlich schnell vor sich gegangen, und so ging es auch weiter.
Die Kolombine lächelte mich holdselig an, nickte und knickste und warf mir graziöse Kusshändchen zu, mit ebenso eleganten Gesten dankte der rote Hexenmeister für den Beifall des Publikums — dann wieder beschwörende Handbewegungen, die Kolombine begann sich wieder und nach und nach und doch sehr schnell in Nebel aufzulösen, vielmehr eine Rauchwolke wurde daraus, sie ballte sich zusammen, der Teufel beugte sich vor, sperrte den Mund auf, sog den Rauch ein, hatte die Kolombine einfach verschluckt.
Der erste Akt war vorbei, das erste Zauberkunststückchen, der Teufel dankte wieder, bewies aber durch Gesten auch deutlich genug, wie stolz er auf diese seine Hexenkunst sei.
Ja, das Kunststückchen hatte mir ja sehr gefallen, diese niedliche Kolombine im bunten Narrenkleidchen war entzückend gewesen, aber sonst ließ es mich kalt. Von Staunen ob etwas Unerklärlichem war natürlich gar keine Rede. Ich lebte schon damals mit den anderen Menschen im Wahrzeichen des Kintopps, und man weiß doch, wie solche sogenannte Trickfilme zustande kommen. Die Aufnahmen werden unterbrochen, die Szenen ausgewechselt, die Filmstreifen an nötiger Stelle abgeschnitten und wieder zusammengeklebt, und da ist einfach gar nichts unmöglich.
Nur eins war mir dabei rätselhaft: weshalb ich hier mit dem Seifenschaum im Gesichte sitzen musste! So etwas hätte mir zur Unterhaltung während des Rasierens im Spiegel vorgeführt werden müssen, aber doch nicht hinterher, ohne dass aber die ganze Prozedur schon beendet war, da ich ja noch immer die Serviette trug und mit Seife im Gesicht in meinem Stuhle saß.
Doch, muss ich immer wiederholen, die ganze Sache war außerordentlich schnell vor sich gegangen. Länger als eine Minute hatte sie auf keinen Fall gedauert, vom Erblinden des Spiegels an gerechnet oder da mein Rollstuhl zurückgegangen, bis die Kolombine wieder im Rachen und Magen ihres Schöpfers verschwunden war.
Diese eine Minute ließ ich mir schließlich gefallen, die hatte gar nichts zu bedeuten. Da hat man beim Rasieren oft genug noch viel längere Pausen zu erdulden.
Also diese eine Minute hatte gar nichts zu bedeuten. Aber die Sache war die, dass die Geschichte dort im Spiegel noch gar nicht fertig war!
Jetzt kam der rote Hexenmeister mehr in den Vordergrund, unter Komplimenten und anderen graziösen Bewegungen, welche sagten: »Passen Sie auf, meine hochverehrtesten Herrschaften, jetzt kommt gleich etwas anderes, was nur ich, nur ich machen kann, sonst kein anderer Mensch in der Welt.«
Und da musste auch ich einmal das Wort ergreifen, und zwar mit vernehmlicher Stimme.
»Hören Sie mal, sehr geehrter Herr Klingsor, oder Fürst des Feuers und der Hölle, Meister aller Hexen — — könnten Sie mir nicht erst einmal die Seife aus dem Gesichte kratzen, ehe Sie sich weiter produzieren?«
Leider wurde ich nicht verstanden, der ignorierte mich gänzlich, machte seine Faxen weiter, kam jedoch im Spiegel noch näher an mich heran, beugte sich vor, sperrte das Maul auf, blies abermals Feuer und Rauch aus — —
Sapperlot, jetzt fing ich aber doch an zu staunen!!
Der Rauch blieb nämlich nicht nur als Bild im Spiegel, sondern er kam wirklich aus dem Spiegel heraus!! Plötzlich war da vor mir, hier in dieser Barbierstube, eine dicke, zusammengeballte Rauchwolke, genau so wie im Spiegel!
Im Spiegel selbst, als Spiegelbild, stand nur noch der rote Hexenmeister, der jetzt wieder mit seinem Zauberstock zu beschwören anfing, und wiederum gehorchte die Rauchwolke, die sich jetzt aber als reelle Tatsache vor meinen Augen befand, nur zwei Schritte von mir entfernt! Sie zog sich in die Länge zur Säule, oben ein Kopf darauf, aus den Seiten wuchsen Arme, sie färbte sich bunt, immer deutlicher wurden die Konturen — — und da stand sie vor mir, die reizende Kolombine, im bunten Harlekinskleidchen, und an den Zacken klingelten jetzt bei jeder Bewegung die Schellen.
Vor mir stand eine reizende Kolombine, im Harlekinskleide.
»Na so etwas!«
So stieß ich in meinem grenzenlosen Staunen hervor. Denn das war ein Wesen aus Fleisch und Blut, da gab es ja nun nichts! Ich sog ja sogar ihren zarten Duft ein, fühlte ihre Lebenswärme! Oder ich war hypnotisiert. Wovon aber gar keine Rede war, auf welchen unsinnigen Gedanken ich überhaupt gar nicht geriet.
Vorläufig stand sie noch vor mir, nur zwei Schritte von mir entfernt, schaute mich mit ihrem reizenden Lächeln an, dann wurde dieses Gesichtchen wie Milch und Blut mit den Grübchen in Kinn und Wangen sehr ernst, oder doch sehr geheimnisvoll, blieb aber immer schalkhaft dabei, so legte sie auch das rosige Fingerchen vor die roten Lippen. Und dann wandte sie sich schnell um, ging, hüpfte schellenklingelnd nach dem Waschbecken, ich hörte auch das leise Tappsen ihrer niedlichen Stöckelschuhe, ließ Wasser in eine silberne Schale, kam zurück, wusch mein Gesicht mit zarten, flinken Händchen ab, trocknete mich ab, puderte mich — —
»Nun sagen Sie in aller Welt, Fräulein — wie haben Sie denn das nur gemacht?!«
Es war von mir der erste Anfang einer Unterhaltung gewesen, die aber nicht zustande kommen sollte.
Sie zog die Puderquaste einmal zurück, wieder das geheimnisvolle Gesichtchen gemacht, wieder mit dem Fingerchen auf das rote Mündchen gepocht — und sie setzte ihre Arbeit mit der Puderquaste fort.
Dann die Quaste weggelegt, sich vorgebeugt, etwas über mich hinweg, weil sie mir hinten die Serviette aufknüpfen wollte — und da sie so die Aufknüpferei nicht fertig brachte, hüpfte sie hinter den Stuhl, noch einmal fühlte ich ihre Fingerchen an meinem Halse krabbeln — dann stand sie wieder vor mir, ein graziöses Knicksen, zierliche Kusshändchen — da aber begannen die bunten Farben schon wieder zu erblassen, die Gestalt wurde neblig, löste sich ganz in Nebel auf, es wurde eine massige Rauchwolke daraus — — —
Im Spiegel, dicht im Vordergrund, stand noch immer der rote Mephistopheles mit Bockshörnern und Hahnenfedern, hatte uns beide immer beobachtet.
Und mit was für Augen!! Und dieses dämonische Grinsen dabei!
Jetzt öffnete er wieder den Mund, und da kam die Rauchwolke zu ihm hingeschwebt, zog sich in den Spiegel und in seinen Mund hinein, wurde aufgesogen — er machte einige dankende Verbeugungen, sprang zurück, eine große rote Flamme schlug empor und er war verschwunden.
Gleich darauf überzog sich der ganze Spiegel wieder wie mit einem Nebel, doch nur für einen Moment, dann war er wieder klar, und ich sah darin wieder die Barbierstube und mich im Lehnstuhle sitzen.
Ich hatte mich wieder in der Gewalt. Was half hier alles Staunen.
»Herr Klingsor, das haben Sie sehr schön gemacht! Ich hoffe nur, dass Sie mir dereinst eine Erklärung geben, wie Sie dieses Phänomen zustande bringen, und dann bitte ich Sie, wenn Sie mir das nächste Mal diese reizende Kolombine als Barbeuse zuschicken, mir wenigstens die Hände freizulassen, damit die Krabbelei nicht nur eine einseitige — — hopsa!«
Ich hatte einen kleinen Ruck bekommen, mein Rollstuhl setzte sich wieder in Bewegung.
Es ging durch eine andere Tür hindurch, direkt auf einen Korridor, diesen wurde ich entlang gefahren, ziemlich weit, dann kam vor mir eine breite Treppe mit hohen Stufen; mir wurde etwas bänglich, als mein Vehikel direkt darauf zuhielt, denn diese Treppe hinab, mit solchen Stufen, das konnte doch nicht gut ablaufen, mindestens diese furchtbare Rüttelei! — Aber meine Kutsche wusste Rat und wollte mich schonen, neben der Treppe lief eine breite Balustrade hinab, also einfach eine schiefe Fläche, und diese benutzte der Autostuhl, um ganz sanft hinab zu kommen, ohne die Fahrt beschleunigt zu haben.
Noch einen langen Korridor ging es entlang, in dem nichts weiter zu sehen war als links und rechts Türen, zweimal um eine Ecke, immer elegant genommen, dann hatte der Korridor Abschluss durch eine Wand, in der aber eine Tür war; diese öffnete sich, erst ganz kurz vor unserer Ankunft, mein Autostuhl rückte noch etwas weiter vor, bis auf den querlaufenden Korridor, und dann lud er mich zum Aussteigen ein oder war mir vielmehr dabei behilflich, ebenfalls automatisch — blieb einfach stehen, lockte, das heißt, hob die Hinterbeine hoch, auf den Vorderpfoten stehen bleibend, das geschah mit einem kleinen Ruck, und da ich plötzlich nicht mehr festklebte, musste ich wohl oder übel meinen bisherigen, mir nun schon liebgewordenen Sitzplatz verlassen. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Dieser runksige Hausknecht und bockige Buschklepper von Großvaterstuhl warf mich einfach zum Tempel hinaus!
Ich war einige Schritte vorwärtsgestolpert, bis ich mit den ausgestreckten Händen gegen die Korridorwand stieß. Auch hier war alles hell erleuchtet!
Als ich mich im nächsten Moment umdrehte, sah ich nur noch, wie sich von jener Tür soeben die letzte Spalte schloss.
Sie hatte wieder solch ein rundes Vexierschloss mit darin im Kreise eingelassenen ebensolchen Runenzeichen, quer durch war eine Reihe eingestellt.
Auch eine Klinke war vorhanden, die Tür aber natürlich, wie ich mich gleich überzeugte, nicht zu öffnen.
Und was tat ich nun? Ich dreister Gesell zog sofort mein Notizbuch, malte mir erst die Zusammensetzung dieser Querreihe, die also die Tür verschloss, ab, dann stellte ich nach meiner ersten Zeichnung das öffnende Stichwort ein.
Ob es seine Wirkung tat, hier bei einer anderen Tür, das war ja nun freilich sehr die Frage — — aber wahrhaftig, jetzt ließ sich die Klinke niederdrücken, die Tür sich öffnen!
Ich sah einen leeren Korridor mit nackten Wänden, nichts weiter.
Jetzt wollte ich nicht etwa noch einmal zurückgehen. Ich war noch voll von dem, was ich alles gesehen und erlebt hatte, und außerdem fühlte ich jetzt das dringende Bedürfnis des Schlafes. Ich war mit Sonnenaufgang erwacht, und wer weiß, wie spät am Abend oder gar in der Nacht es jetzt schon war. Das viele Sehen und die vielen Erlebnisse greifen die Nerven an.
In welcher Etage befand ich mich wohl? Sicher in der, die ich zum Teil schon untersucht hatte, von meiner Höhle aus zuerst zu erreichen. Denn so hoch ich zuerst mit dem Tische hinaufgefahren war, so tief mochte ich vorhin mit dem Fahrstuhl auf der Treppe wieder hinab befördert worden sein, das konnte ich mir ungefähr ausrechnen. Sonst musste ich mich eben umschauen.
Zunächst stellte ich das öffnende Stichwort wieder ab und nach meiner Zeichnung das andere wieder ein — die Tür war richtig wieder verschlossen.
Dann wanderte ich den Korridor wieder entlang, kam an vielen Türen vorbei und zweimal auch an solchen, welche Vexierschlösser besaßen. Jetzt suchte ich eine Treppe, der gegenüber sich ja immer ein Zimmer mit Telefon befinden sollte.
Nur als ich eine besonders hohe und weite Tür sah, wollte ich sehen, was dahinter sei, zumal sich gegenüber in der Wand auch ein Treppchen befand, so schmal, wie ich es hier noch gar nicht gesehen hatte. Das konnte ja auch solch ein Zimmer sein.
Nein, das war es nicht. Erst kam ein kurzer Gang, und dann eröffnete sich vor mir eine sehr große, kreisrunde Halle, deren Boden mit Lohe bedeckt war — — eine Reitbahn, das war sofort zu erkennen.
Die Wände unten ziemlich hoch mit Leder gepolstert, sonst war nichts Bemerkenswertes darin zu erblicken. Ob auch Pferde vorhanden waren? Ich wollte jetzt nicht danach suchen, aber gleich dort das Telefon benutzen, das sich neben einer weiten und tiefen Nische befand, wohl solch ein avisiertes »Büfett«.
Ich drückte den ersten Knopf; er verwandelte seine rote Farbe in eine weiße.
»Bitte, wer dort?«
Das war die Stimme des Herrn Namenlos Nummer eins, Nummer vier war schon wieder abgelöst worden.
»Wissen Sie nicht, wer Sie anruft?«, musste ich mich erst vergewissern.
»Nein, ich wusste es nicht, erst jetzt erkenne ich Sie an Ihrer Stimme. Sie wünschen, Herr Willmer?«
»Wissen Sie, wo ich mich hier befinde?«
Nicht umsonst stellte ich solche Fragen. Daraus konnte ich Schlüsse ziehen, inwieweit ich hier kontrolliert wurde.
»In der Reitbahn.«
»In welcher Etage?«
»In der ersten, der obersten — so weit diese Etagen für Sie in Betracht kommen.«
»Ich habe mich nämlich verlaufen, möchte nach meiner Höhle zurück. Oder gibt es einen anderen Weg dort hinauf als von jenem holländischen Zimmer aus?«
»Es gibt wohl noch andere Wege, aber die darf ich Ihnen nicht beschreiben.«
»Weshalb nicht?«
»Es ist mir eben verboten. So etwas müssen Sie sich selbst suchen.«
»Gibt es hier nicht einen Situationsplan?«
»Den gibt es, aber auch der wird Ihnen vorenthalten. Es tut mir leid, Herr Willmer, aber wir haben unsere Instruktionen.«
»Selbstverständlich brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen. Ich habe jetzt verschiedene Türen mit Vexierschlössern gesehen, mit Zeichen, die verschiebbar sind. Das sind also die verschlossenen Türen — —«
»Jawohl, das sind sie.«
»Darf ich an diesen Vexierschlössern probieren, die Buchstaben verschieben?«
»Sie dürfen alles tun, was Sie wollen, Herr Willmer.«
»Sind hier auch Pferde vorhanden?«
»Sie können jederzeit reiten.«
»Wo ist denn der Pferdestall?«
»Der ist Ihnen verschlossen.«
»Ich verstehe nicht. Ich soll reiten und habe kein Pferd.«
»So bestellen Sie doch. Sprechen Sie Ihren Wunsch betreffs des Pferdes näher aus. In drei Minuten wird es Ihnen gesattelt und gezäumt vorgeführt. Entspricht es nicht Ihrem Geschmacke, so wird es schnellstens umgetauscht, so lange, bis Sie das richtige getroffen haben.«
»Wie wird mir denn das Pferd dann zugeführt?«
»Durch die Büfettnische.«
»Hier in dieser Nische seitwärts von mir?«
»Jawohl.«
»Aha, das ist wohl ein großer Aufzug?«
»So ist es.«
»Jetzt will ich nicht reiten, ich frage nur so. Darf ich solch ein Pferd dann auch mit hinausnehmen auf Gottes Erdboden und es weiter benutzen?«
»Jawohl, das dürfen Sie. Nur müssen Sie diesen Wunsch schon vorher äußern. Dann muss es ein besonderes Pferd sein; nicht jedes eignet sich zum Reiten im Freien. Doch haben Sie auch unter solchen Tieren eine sehr große Auswahl.«
»Famos! Davon werde ich fleißig Gebrauch machen, nur jetzt nicht, ich zügele meine Ungeduld. Darf ich ein mir gefallendes Pferd auch oben behalten?«
»Gewiss, auch mehrere.«
»Es wird immer besser! Gibt es hier in dieser Reitbahn auch Hindernisse?«
»Alle möglichen.«
»Wo sind die denn?«
»Wie sie zu beschaffen sind, das steht in jedem Führer der Reitbahn beschrieben, wie Sie einen solchen in jedem Telefonzimmer finden. Oder ich kann Ihnen auch solch einen Führer jetzt gleich durch die Büfettnische zuschicken.«
»Es ist nicht nötig, bemühen Sie sich nicht. Wozu sind hier diese Knöpfe auf dem besonderen Schaltbrett?«
»Das sind eben die Knöpfe, welche die Hindernisse und Sonstiges hervorzaubern. Wollen Sie einmal zur Probe einen Versuch machen? Darf ich Ihnen eine Anweisung geben?«
»O ja, das können Sie gleich jetzt machen.«
»Was für ein Hindernis wollen Sie haben?«
»Irgendeins.«
»Drücken Sie einmal M 7 und H 4.«
Ich tat es, und da öffnete sich an mehreren Stellen die Polsterwand; ein halbes Dutzend Hürden schob sich heraus.
»Aha, sehr praktisch!«
»Sie können ja übrigens selbst probieren, auch planlos auf einen, zwei oder noch mehr Knöpfe drücken. Ist für die Kombination einmal nichts vorhanden, so erscheint eben auch nichts.«
Ich drückte ohne Wahl gleich drei Knöpfe.
Da kam die Lohe in Bewegung, sie schob sich auf einer langen Strecke von selbst fort und — wie es eigentlich entstand, konnte ich nicht recht erkennen, es ging alles gar zu schnell — und mitten durch die ganze Manege zog sich ein breiter, tiefer Graben, sogar schon mit Wasser gefüllt.
Und außerdem war gleichzeitig von der Decke herab, an der aber bisher nichts weiter zu sehen gewesen war, ein sehr großes Brett gekommen, an vier Seilen hängend, wie eine riesenhafte Schaukel, blieb zwei Meter über dem Boden schweben, noch ein beträchtliches seitwärts von dem Graben entfernt.
»Großartig, kaum glaubhaft!!«, rief ich jetzt.
»Welche Knöpfe haben Sie gedrückt?«
Ich gab die Nummern und Buchstaben an.
»Ich muss erst nachsehen — — ach, der Wassergraben mit der Schaukel ist es.«
»Wozu dient die Schaukel?«
»Nun, auf der schwingt sich der Reiter und benutzt den Schwung, um über den Graben zu kommen, oder er plumpst mit dem Pferde ins Wasser.«
Auch schon eine alte Sache. Das machte schon längst Zirkus Busch. Nur ich kannte es noch nicht.
Ich drückte die weißen Knöpfe, und mit der Annahme ihrer alten Farbe verschwand die Einrichtung wieder. Jetzt bemerkte ich deutlicher, wie sich über den Graben seitlich erst Platten schoben, über welche dann die Lohe rollte.
»Wie wird die Lohe in Bewegung gebracht?«
»Durch magnetische Kraft. Eine besondere Art von Magnetismus.«
»So etwas dachte ich mir auch. Nein, ich will hier nichts mehr sehen, ich freue mich auf die genauere Untersuchung und auf die Benutzung. Wie ist nun der Weg nach jenem holländischen Zimmer? Können Sie mir wenigstens den beschreiben, dass ich nicht noch lange hier herumirren muss? Ich bin hundemüde.«
Er durfte es, beschrieb mir den Weg: links geradeaus und dann in den dritten Seitengang hinein.
»Werden Sie es finden?«
»Gewiss.«
»Sonst rufen Sie im nächsten Telefonzimmer wieder an. Es sind solche überall genug vorfanden. Noch etwas, Herr Willmer?«
»Welche Zeit haben wir wohl?«
»Zeitangaben darf ich Ihnen nicht machen.«
»Ist es draußen Nacht?«
»Ja.«
»Regnet es noch?«
»Noch sehr.«
»Wird es morgen noch regnen?«
»Das darf ich ebenfalls nicht sagen, das sind Zukunftsbestimmungen.«
»Aber das zukünftige Wetter ist Ihnen bekannt?«
»Ich darf solche Fragen nicht beantworten.«
Unterdessen war mir noch etwas eingefallen, eine List, die ich anwenden wollte, aber nicht gegen den hier, dessen Zunge so gebunden war, sondern womöglich gegen den Meister in diesem Reiche selbst.
»Ist Herr Klingsor zu sprechen?«
»Ich werde ihn anrufen; er befindet sich allerdings in Patago — — einen Augenblick — —«
Was? In Patagonien sollte Klingsor sein? Das war nun ganz sicher sehr, sehr weit von hier entfernt! Aber wer wusste denn, was die hier Patagonien nannten!
»Sie wünschen, Herr Willmer?«, erklang da schon die mir so sympathische Stimme.
»Sie sind in Patagonien, Herr Klingsor?«
»Was? Wer hat Ihnen denn so etwas gesagt?!«, erklang es erstaunt.
»Hier der Telefonmann, der Herr Namenlos Nummer eins.«
»Er hat Ihnen gesagt, ich sei in Patagonien?«
Ich bedauerte schon meine Indiskretion, nun war es aber nicht mehr zu ändern.
»Ganz hat er das Wort nicht ausgesprochen, er brachte es nur bis zu dem ›o‹«
»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Willmer.«
»Wofür?«
»Dass Sie mir das mitteilen.«
»Und mir tut es leid. Sie wollen den Mann wohl bestrafen?«
»Allerdings!«
»Herr Klingsor, ich bitte für den Sünder um Verzeihung.«
»Er muss für seine Geschwätzigkeit oder doch Unvorsichtigkeit büßen, das erfordern unsere Statuten, denen er sich freiwillig unterworfen hat.«
»Herr Klingsor«, sagte ich nochmals mit größtem Nachdruck, »ich bitte, dass diesem Manne verziehen und ihm diese Strafe erlassen wird!«
Nur eine kleine Pause.
»Gut, ich will Ihnen die Gefälligkeit tun — weil Sie es sind, dem ich zu großem Danke verpflichtet bin — die Strafe sei ihm erlassen.
Wissen Sie, Herr Willmer«, fuhr jener fort, »weswegen ich Ihnen zu so großem Danke verpflichtet bin?«
»Weil ich den Stein gefunden habe.«
»Noch aus einem ganz anderen Grunde.«
»Nun?«
»Dass Sie mir das Tagebuch Ihres Herrn Vaters vermittelt haben.«
»Nicht wahr, es ist interessant?«
»Es ist köstlich! Wissen Sie aber auch, dass dieses Manuskript noch etwas anderes enthält als nur beschriebene Blätter?«
»Was sonst noch?«
»Ihr Vater erzählt doch, er habe sich in jenem tibetanischen Lamakloster Abschriften von gewissen Manuskripten gemacht, die von höchster Wichtigkeit seien, die größten Geheimnisse enthielten.«
»So viel ich mich entsinne, hat er eine solche Andeutung gemacht.«
»Allerdings, er ergeht sich dabei nur in Andeutungen. Wo sind nun diese Abschriften?«
»Ja, woher soll ich das wissen?«
»In diesem Bündel Tagebuchblättern selbst.«
»Ich habe nichts davon bemerkt.«
»Sie sind mit sympathetischer Tinte, die wieder verschwindet, zwischen die anderen Zeilen geschrieben.«
»Ah! Wie haben Sie das entdeckt?«
»Eine kleine Spur machte mich darauf aufmerksam, ich wandte verschiedene Mittel an, und die Schrift ist zuletzt denn auch zum Vorschein gekommen.«
»Und was erzählt sie?«
»Es ist eine Geheimschrift.«
»Haben Sie sie nicht entziffert?«
»Noch nicht, noch gar nicht versucht, und ich werde es nicht so ohne Weiteres tun.«
»Weshalb nicht?«
»Nicht eher, als bis ich hierzu Ihre Erlaubnis habe, dieses Tagebuch ist doch Ihr Eigentum.«
»Herr Klingsor, Sie sind ein Ehrenmann, wie man ihn selten noch auf dieser Erde findet! Das merke ich immer mehr. Und nun werde ich Ihnen beweisen, dass wir da zusammen passen. Nur erst noch einige Fragen. Wissen Sie, was diese Geheimschrift enthalten kann?«
»So ungefähr, Ihr Vater hat ja Andeutungen gemacht.«
»Ich entsinne mich ihrer nicht mehr.«
»Es handelt sich um magische Beschwörungsformeln.«
»An die ich nicht glaube, und eben deswegen habe ich nicht weiter darauf geachtet. Ihnen aber ist so etwas von Wichtigkeit?«
»Von höchster, wenn auch nur aus kulturellem Interesse.«
»Herr Klingsor, ich habe Sie als Ehrenmann kennengelernt, und ich will mich Ihres Vertrauens würdig zeigen. Behalten Sie das Tagebuch, ich schenke es Ihnen hiermit überhaupt gleich, also dürfen Sie auch die Geheimschrift übersetzen, ohne erst noch meine Erlaubnis einzuholen.
»Bitte«, fragte ich noch: »Welche Zeit haben wir wohl? Kann ich das von Ihnen endlich einmal erfahren? So ungefähr nach der Ortszeit.«
»Es ist gleich Mitternacht.«
»Und wann bin ich wohl heute morgen aufgestanden?«
»Das ist hier nicht bekannt. Sonst müssten Sie doch beobachtet werden. Oder haben Sie gleich nach dem Aufstehen antelefoniert? Diese Zeiten werden kontrolliert.«
»Jawohl, das habe ich getan — wenn auch erst hier von dem holländischen Zimmer in der ersten Etage aus.«
»Einen Augenblick! — Eine kleine Umrechnung ist nötig — — So, es ist geschehen — — nach Ihrer Zeit, die für diese Gegend nach der vierundzwanzigstündigen Uhr gilt, war es sechs Minuten vor sieben morgens, als Sie zum ersten Male anriefen.«
»Und jetzt ist es Mitternacht? Da ist meine Müdigkeit schon begreiflich. Denn was ich nun hier alles erlebt habe, wie ich herumgewandert bin!«
»Was haben Sie erlebt?«
»Herr Klingsor, davon ein andermal! Ich meine: Es ist ja staunenswert, was Menschenhand und Menschenwitz hier unten alles geschaffen hat!«
»Gefällt es Ihnen? Wenn Sie mich oder einen Stellvertreter zum Führer haben, wird Ihnen aber noch ganz anderes gezeigt werden.«
»Bis dahin will ich erst noch ein paar Stunden schlafen, ich bin todmüde. Wie steht die Sache mit Sakuntala?«
»An der Abmachung hat sich nichts geändert. Vielleicht kann die Entführung schon übermorgen stattfinden. Oder nun, da Mitternacht vorüber ist, schon morgen.«
»Dann gute Nacht, Schluss.«
Als ich das Telefon abstellte, beschlich mich etwas wie ein leises Schamgefühl. Denn in dem Augenblick, da ich wegen Sakuntala gefragt hatte, hatte ich an die Kolombine gedacht, hatte zwischen beiden Vergleiche gezogen. Nicht etwa, dass diese zugunsten der Letzteren ausgefallen wären, die beiden ließen sich überhaupt nicht vergleichen, aber — —
Ich war auf dem besten Wege, hier ein Don Juan zu werden.
Ich nahm die bezeichnete Richtung, fand das holländische Zimmer, hatte eigentlich vorgehabt, nebenan ein Bett zu benutzen, dachte aber wie mit heimlicher Sehnsucht an meine Robinsonhöhle und an das Bärenfell, oder es war die frische Luft, die ich morgen früh sofort genießen wollte, denn die brauchte ich, und hier unten konnte ich vielleicht doch wieder abgehalten werden, auch dachte ich — nicht zum ersten Male — an meinen armen Wodan, wenn er oben auch genug zu fressen fand — — kurz, ich raffte mich zusammen und erstieg die Treppe, wiederum mit vor Müdigkeit fast zufallenden Augen.
Freudig hörte ich Wodan aufheulen, als ich noch nicht einmal die Falltür erreicht hatte; er hatte schon meinen Tritt erkannt, obgleich der auf den Mokassins doch so gut wie ganz geräuschlos war, und als nun mein Kopf auftauchte, wollte er mich vor Jubel totmachen.
Ach, wie traulich war es doch auch sonst hier in dieser Höhle, beim Scheine dieser irdenen Lampe! Lange aber hielt ich mich mit solchen Betrachtungen nicht auf, ich überzeugte mich nur noch, dass es noch immer vom Himmel goss, dann kehrte ich zurück und streckte mich auf dem Bärenfelle aus. Wodan, dessen spindeldürrer Leib in der Mitte beträchtlich angeschwollen war, — so hatte er dem Hartbrot und wohl auch einer ihm erreichbaren Wurst zugesprochen, — lagerte sich zu meinem Füßen.
Am anderen Morgen begrüßte mich wieder die über dem Meereshorizonte stehende Sonne; kein Wölkchen verdeckte den blauen Himmel, und auch sonst war alles eine einzige Pracht. Ich wäre jetzt nicht wieder in die Unterwelt gestiegen, auch wenn mir versprochen worden wäre, ich solle von Salomo selbst den magischen Schlüssel erhalten, der alle Geheimnisse des Himmels und der Erden mir öffne.
Im Freien wurde Feuer angemacht und Tee gekocht, um die Zeit nicht erst mit dem Brennen der Kaffeebohnen zu vergeuden. Ich hatte im Schlafe so etwas wie ein Pfeifen und Heulen gehört, nach dem Regen musste ein tüchtiger Sturm geblasen haben, viele geknickte Zweige lagen herum, auch das Meer war sehr aufgeregt, und dieser Sturm musste sehr warm gewesen sein, er hatte alles schon ziemlich wieder getrocknet. Nur Taufrische herrschte, keine eigentliche Nässe. Sonst hätte ich auch nicht so leicht Feuer gehabt.
Gefrühstückt, dann die Büchse umgehängt und losgewandert. Wodan immer dicht hinter mir, mit der Nase fast mein Bein berührend. Es war Dressur, aber ich brauchte das betreffende Kommando nicht zu verstehen, er seinerseits verstand mich sofort, sofort fiel die unsichtbare Kette, die ihn an meinen Schritt fesselte, und mit ungestümen Sprüngen lief er voraus und stöberte.
Ein Ziel hatte ich nicht. Erst hielt ich mich an der Felswand. Als ich jene erste Schlucht passierte, in der ich tags zuvor die Kiefer gefällt hatte, dachte ich an den Turm des Schweigens. Vorher hatte ich keinen Gedanken dafür gehabt.
Ich musste die Umgebung meiner Behausung kennenlernen, diese Schlucht gehörte mit zur allernächsten. Wodan hatte schon einen Abstecher hinein gemacht, kam jetzt aber wieder angesprungen.
So lenkte ich meine Schritte in die Schlucht.
Ich passierte die Stelle, wo ich die Kiefer gefällt hatte, das Tonlager, dann wurde die Gegend für mich neu.
Wirklich Neues bekam ich freilich nicht zu sehen. Alles Bäume, immer einer gemäßigten Zone angehörend. Obgleich Unterholz vorhanden war, war das Durchkommen doch leicht. Weit brauchte ich nicht vorzudringen, vom Anfange der Schlucht vielleicht 150 Meter, so merkte ich aber doch eine Veränderung.
Die mich begleitenden Felswände rückten immer näher zusammen, bis daraus eine Spalte wurde, in der sich zwei beleibte Menschen nicht mehr ausweichen konnten. Als ich aber den ersten Schritt in die Spalte tun wollte, kam Wodan, um den ich mich ja nicht weiter kümmerte, aus dieser Spalte heraus, und da fiel mir gleich das scheue Wesen des Hundes auf.
Er wollte mit eingekniffenem Schwanze an mir vorüberschleichen. Es war, als habe es ihm in der Spalte nicht gefallen.
»Was hast du denn, Wodan?«
Doch er suchte das Weite. Aber als ich ihn rief, gehorchte er doch, kam zurück, folgte mir auch, freilich mit sichtbarem Widerstreben.
Ich hielt mich mit dem Hunde nicht weiter auf. Die Spalte war gar nicht lang. Mit sechzehn Schritten hatte ich sie durchmessen. Ein Hindernis gab es nicht. Der Boden war eben; die Felswände waren ganz glatt.
Dahinter kam eine freie Gegend, das konnte ich ja schon am jenseitigen Anfange der Spalte sehen, und dann war ich ja auch schon auf ein sich öffnendes Tal vorbereitet.
Zunächst erwähne ich noch, wenn ich das eigentlich auch erst später so genau konstatierte, dass sich dort, wo die Felswände jäh wie abgeschnitten aufhörten, auf dem Boden eine kleine Rinne hinzog, von einer Wand zur anderen, nicht tiefer und breiter als dass man eben den Finger hätte hineinlegen können.
Wie eingeschnitten oder haarscharf gemeißelt sah die Rinne allerdings nicht aus. Sie hätte schließlich auch von fließendem Wasser ausgewaschen sein können. Aber das war nicht vorhanden; auch die Ein- und Abflussöffnungen fehlten.
Als ich mir diesen Bahneinschnitt dann näher betrachtete, sagte ich mir gleich, dass hier wahrscheinlich die Kulisse geschoben wurde, das heißt die Verschlusstür. Denn sonst sollte jenes Tal doch verschlossen sein; nur für mich war es geöffnet worden.
Jetzt sah ich diese Rinne wohl, beachtete sie aber nicht weiter, befand mich beim nächsten Schritte über sie hinweg wieder im Freien und erkannte nun, dass es tatsächlich ein Tal war, ein Talkessel. Und da freilich erwartete mich ein ganz imposanter Anblick.
Denn von einem Turme war bisher noch nichts zu sehen gewesen, jetzt aber sah ich ihn, er hatte seinen Standpunkt wohl mitten in dem Talkessel, dessen Durchmesser, von himmelhohen, ganz glatten Felswänden gebildet, mehr als 200 Schritt betrug.
Ja, da war er, der Turm des Schweigens.
Und was für ein gewaltiger Turm: kreisrund gehalten; mit einer Kuppel.
Er besaß sehr viele Fenster, ziemlich dicht neben- und etagenweise übereinander, immer von gleicher Höhe. Die untere Fensterhöhe konnte ich ja genau messen, sie betrug von Sims zu Sims genau fünf Meter, und da ich nun achtzehn solcher Etagen zählte, betrug die ganze Höhe neunzig Meter, wozu noch die sehr hohe Kuppel kam. Auf hundert Meter konnte man das ganze Ding schätzen. Das ist ein gar stattlicher Turm, der so frei dasteht, bei einem Durchmesser von zweiundzwanzig Metern, wie ich später genau ausmaß, aber auch schon abschätzen konnte.
Aus was für Material er ausgeführt war, das war nicht zu erkennen. Keine Fuge war zu erblicken. Eben alles massiver Stein von grauer Farbe.
Unten befanden sich vier Türen, nach jeder Himmelsrichtung eine, ziemlich hoch und weit, mit Doppelflügeln, aus einem rotbraunen Metall, dem Aussehen nach Bronze, über und über mit Zierraten bedeckt, mit Arabesken, Menschen- und Tiergestalten der abenteuerlichsten Art, Drachen und Schlangen und anderem Gewürm, mit posaunenblasenden Engeln und auf Besenstielen reitenden Hexen und Teufelchen.
Auch ein Schlüsselloch wies jede dieser Türen auf. Aber was für ein Schlüssel musste dazu gehören! Der Bart zehn Zentimeter hoch!
So lang und breit diese Spalte indessen auch war, durchblicken konnte man nicht; alles war duster, obgleich nichts dahinter war. Mein sehr spitzes Jagdmesser konnte ich bis ans Heft durchstecken.
Ich trat an eins der Fenster dicht heran, es war fast zwei Meter hoch, aber nur einen halben breit, nur mit einer Glasscheibe geschlossen, anscheinend ganz sauberes Kristallglas, aber dahinter war ebenfalls alles duster, nichts zu erblicken.
Schließlich besaß ich auch noch ein Mittel, um zu konstatieren, ob das eine gewöhnliche Fensterscheibe sei oder nicht. Ich durfte ja frei schalten und walten, mit Brecheisen und Dynamit hantieren, durfte alles demolieren, wenn ich Lust dazu hatte. Von dieser Erlaubnis machte ich sofort Gebrauch. Erst klopfte ich bescheiden mit dem Fingerknöchel gegen die Scheibe, dann wurde ich schon etwas weniger rücksichtsvoll durch Pochen mit dem Messerknauf, bis ich zuletzt mein Gewehr beim Laufe erfasste und den schweren, stahlbeschlagenen Kolben dagegen schmetterte. Es war ebenso vergeblich wie gestern dort unten bei der kinematografischen Fensterscheibe.
Dies alles, vom Betreten des Kesseltales an gerechnet, hatte kaum fünf Minuten gewährt.
Da plötzlich erscholl Musik. Und was für welche! Erst dachte ich an eine machtvolle Orgel, erkannte aber schnell, dass es hauptsächlich Trompeten und mehr noch Posaunen waren. Es musste ein Bläserchor sein, der aus mindestens hundert Mann bestand. Oder aber, und das war wohl das Richtige, ein automatisches Musikinstrument, das solch einen gewaltigen Bläserchor mit Trompeten und Posaunen und vielleicht auch Jagdhörnern und dergleichen imitierte.
Also dort drin in dem Turme wurde gespielt. Und die Mauern konnten gar nicht so dick sein. Oder die vielen Fenster bewirkten es. Die Tonfülle war ganz kolossal.
Und das nannte man nun — o Ironie! — den Turm und das Tal des Schweigens!
Himmel noch einmal, was für ein Instrument musste das sein, das solch einen Mordsspektakel machte! Ja, da allerdings musste dieser Turm sehr solid gebaut, die Fensterscheiben mussten unzerbrechlich sein. Sonst ging es denen wie jenen in der Kirche zu Sydney, welche die größte Orgel der Welt besitzt. Als die zum ersten Male gespielt wurde, nur probiert, sprangen in der Kirche sämtliche Fensterscheiben, darunter gar kostbare Glasgemälde.
In anderer Hinsicht freilich durfte man nicht von einem »Mordsspektakel« sprechen. Es war eine sehr schöne, getragene Weise, die geblasen wurde, offenbar ein Choral, mir aber unbekannt.
Plötzlich brach er mitten im Takte ab. Noch einmal wurde angesetzt und wieder abgebrochen. Jetzt bliesen nur die Posaunen einige Takte, auch wieder abbrechend und ansetzend. Dann waren es nur Trompeten. Und das klang durchaus nicht schön.
Also es wurde offenbar geprobt. Und dann war das natürlich kein Musikautomat, sondern ein wirklicher, menschlicher Bläserchor. Denn nicht etwa, dass das Musikinstrument ausprobiert wurde. Nun wusste ich plötzlich, weshalb mein Wodan vorhin so ängstlich mit eingekniffenem Schwanze aus der Schlucht herausgekommen war.
Wo war der Hund eigentlich jetzt?
Ich befand mich wieder auf der Seite des Turmes, die ich zuerst gesehen hatte, konnte also den Ausgang der Schlucht erblicken, nur nicht direkt hineinsehen.
Ich pfiff und rief — — Wodan kam nicht.
Im Augenblick war mir mein Hund wichtiger als dieser Turm des Schweigens.
Nur einige Schritte brauchte ich seitwärts zu gehen, und ich konnte in die Schlucht hineinblicken.
Dort stand Wodan, also noch in der Schlucht selbst, am äußersten Rande, ein Bild des Jammers, und schnappte nach Luft.
Ja, weshalb schnappte der eigentlich so eigentümlich, dabei dem ganzen Körper jedes Mal einen Ruck nach vorwärts gebend?
Genau, als wenn er heule. Aber es war doch nichts zu hören. Es war mir rätselhaft. Ich pfiff und rief — — er kam nicht.
Da aber sah er mich, hörte auf mit seinem Schnappen, gab seine Stellung auf, freute sich, mich zu sehen — — dann aber kauerte er sich abermals hin und fing wieder zu schnappen an.
»So komm doch her. Wodan! Was hast du denn nur. Komm her!«
Ich ging selbst hin, dabei lockende Bewegungen machend, auf den Schenkel klopfend, und als Wodan das sah, besann er sich anders, kam aus der Schlucht heraus, mir auf halbem Wege entgegen, setzte sich aber gleich wieder hin und — — fing in jämmerlichen Tönen zu heulen an!
Ich hoffe, ich habe richtig geschildert, sodass jeder gleich versteht, was für ein Rätsel hier vorlag.
Innerhalb der Schlucht hatte der Hund immer dagesessen und mit dem Kopfe und Maule Bewegungen gemacht, als wenn er kläglich heule, aber es war nur ein lautloses Schnappen gewesen. Jetzt, hier, machte er genau dieselben Bewegungen mit dem Kopfe und Maule, nun aber heulte er wirklich.
Was war denn das? Hier lag ein Rätsel vor, ich konnte nur noch nicht gleich ergründen, worin es eigentlich bestand.
Mit einem Male wurde Wodan wiederum anderen Sinnes, floh abermals in die Schlucht zurück, kauerte sich hin und — — schnappte nach Luft, ohne einen Ton von sich zu geben!
Ich trat zu ihm, also ebenfalls in die Schlucht hinein, und kaum befand ich mich innerhalb der eng zusammengerückten Felswände, als auch Wodan richtig zu heulen anfing!
Was? So dagesessen und entsprechende Maulbewegungen hatte er immer schon gemacht. Die Sache war nur die, dass ich ihn jetzt auch wirklich heulen hörte, ebenso wie kurz zuvor dort draußen!
Und zweitens nun vernahm ich plötzlich nicht mehr den Posaunenchor, der mir doch noch soeben in den Ohren gedröhnt hatte.
Jetzt freilich ging mir gleich eine Erkenntnis auf!
Nun bloß noch einige Male die wenigen Schritte hin und her gemacht, aus der Schlucht in den Talkessel hinein und wieder zurück, und ich war meiner Sache sicher! Was mir allerdings das höchste Staunen abnötigte.
Hier bestand eine Schallgrenze! Anders vermag ich mich nicht auszudrücken, und es ist wohl auch ganz richtig so. Die Töne innerhalb des Talkessels waren in der Schlucht nicht hörbar, die in der Schlucht erklingenden dort draußen nicht!
So war es, anders nicht! Durch einige Versuche konnte ich die Lage dieser Schallgrenze auch ganz genau bestimmen. Sie befand sich am äußersten Ende der Schlucht. Da war gleichsam eine unsichtbare Wand gespannt, die unten an der Rinne anfing und an den lotrechten Kanten der Felsenmauern hinauflief.
Die unsichtbare Scheidewand war äußerst dünn. Ich schnalzte zum Beispiel mit den Fingern. Es war hörbar. Fuhr ich aber nun mit der Hand durch diese Scheidewand, die ich mir nur im Geiste vorstellen konnte, und schnalzte dann mit den Fingern, so war das Geräusch eben nicht mehr zu hören. Gleichgültig, ob ich den Versuch von dieser oder von jener Seite aus anstellte.
Wie diese Schallgrenze hergestellt wurde, das konnte ich mir natürlich nicht erklären. Hier handelte es sich offenbar um die Benutzung eines physikalischen Gesetzes, das ich noch nicht kannte. Man konnte an eine schalldichte Luftpolsterung denken. Wenn hiermit überhaupt etwas gesagt ist. Man denke aber zum Beispiel daran, dass ja auch im luftleeren Raume kein Ton erzeugt werden kann; unter dem Rezipienten der Luftpumpe tönt die angeschlagene Glocke nicht mehr.
Also ich erkannte wenigstens die Möglichkeit, dass man die Fortpflanzung des Schalles aufheben kann, ich stand nicht ganz und gar vor einem unfassbaren Wunder.
Ich konnte nichts anderes tun, als diese Schallgrenze zu konstatieren, die Erklärung des Phänomens musste ich von anderer Seite erwarten.
Ja, nun allerdings musste ich zugeben, dass dieser Turm und das Tal des Schweigens ihre Namen mit Recht führten. Außerhalb des Tales konnte so viel Spektakel gemacht werden als da wolle, hier drin war kein einziger Ton zu hören, der nicht innerhalb dieser Felswände selbst erzeugt wurde.
Über diese Tatsache vergewisserte ich mich noch einmal — durch einen Knalleffekt, obwohl es eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre.
Ich zog meinen Revolver, schob ihn durch die ideelle Scheidewand hindurch und feuerte ihn ab. Nicht der leiseste Knall war zu hören. Dasselbe tat ich noch einmal von der anderen Seite, selbst in der Schlucht stehend. Dasselbe Resultat. Nun riskierte ich es, nachdem ich diese Schallgrenze noch einmal ganz genau bestimmt hatte, den Revolver dicht an meinem Ohre abzufeuern, nur zwei Zentimeter davon entfernt. Ich hörte nichts, verspürte nicht das Geringste von einer Lufterschütterung. Und das war eben das Neue, was ich hatte konstatieren wollen. An dieser Grenze wurde nicht nur der Ton selbst, sondern auch die Erschütterung der Luft, die Schallwelle selbst aufgehoben. Zwar hängt eins vom anderen ab, es ist aber doch eigentlich zweierlei.
Nun hatte ich hier nichts mehr zu untersuchen. Ich begab mich vollends in das Tal zurück. Wodan beim Nackenfelle gepackt — ein Halsband hatte er nicht. So folgte er ganz willig. Das heißt, er leistete keinen Widerstand. Aber eine ungemeine Angst zeigte er immer noch.
Das Blasorchester war verstummt, ließ sich nicht wieder vernehmen. Infolgedessen unterließ Wodan auch sein Heulen. Aber die scheue Angst selbst blieb noch immer. Er fürchtete sich hier in diesem Talkessel; ich merkte es ganz deutlich. Immer drückte er sich scheu an mir herum. Wie er alles apportierte, davon hatte ich mich bereits überzeugt. Dazu brauchte er nicht einmal einen Wink. Hier aber war es anders. Ich schleuderte die Lederscheide meines Jagdmessers, die ich ihn schon häufig hatte apportieren lassen, eine gute Strecke weit fort. Jetzt holte er sie nicht freiwillig. Erst als ich es ihm scharf befahl, gehorchte er mit Zittern und Zagen, raffte sich mit einem plötzlichen Entschlusse zusammen, stürzte hin, packte die Scheide und kam zurückgerast, froh, dass er wieder bei mir war, sich ganz dicht an mich drückend.
Witterte der Hund etwas? Ich wurde nicht klug daraus.
Dann besichtigte ich einmal eingehend die plastischen Figuren an den bronzenen oder ehernen Türen. Fabelhaft, was ich da alles sah! Diese Unmenge von Gestalten, die eine ungeheuerliche Phantasie ausgebrütet hatte, sämtlich verschieden, keine Wiederholung, und zwar galt das von jeder einzelnen Tür. Jede war immer wieder ganz anders als die andere. Mit einer Beschreibung würde ich nie fertig werden. Auffallend war wiederum die schreckliche Angst, die Wodan gerade vor diesen Toren zeigte. Er floh wieder bis an die äußerste Grenze des Talkessels, dessen Durchmesser etwa hundert große Schritte betrug, kauerte sich an der Felswand hin und heulte jämmerlich. Das Gleiche tat er, wenn ich durch eines der Fenster blickte.
Ja, als er einmal auf meinen Befehl dennoch zu mir gekommen war, und ich durch solch ein Fenster zu blicken versuchte, packte er mich sogar am Rock und wollte mich mit aller Kraft zurückziehen. Ich wusste das wohl zu würdigen. Einmal, dass er seine Angst dennoch besiegte und zu mir kam, und dann, dass er auch mich der Gefahr, die nach seiner Meinung mir drohte, entziehen wollte. Der hatte schon einen Grund, sich so zu fürchten. Was konnte er dafür, dass ich diesen Grund nicht erkannte? Jedenfalls aber ließ er mich nicht in Stich.
Was sollte ich hier nun weiter tun? Ich wusste nichts mehr. Solch ein Tor zu öffnen versuchen, das hatte doch gar keinen Zweck, da waren alle Bemühungen vergebens. Das wusste ich im Voraus, da ich nicht einmal eine Fensterscheibe mit aller Gewalt einschlagen konnte.
Da, als ich mich schon wieder dem Ausgange zuwandte, passierte etwas, was mich veranlasste, noch einmal zu zögern.
Zunächst war es das Verhalten Wodans. Er hatte meine Absicht bemerkt und freute sich mächtig, endlich aus diesem Hexenkessel, der dieses Tal für ihn war, herauszukommen.
Plötzlich aber, schon der Spalte zurennend, kehrte er wieder um, drückte sich an mich und begann auf eine grässliche Weise zu heulen und zu winseln.
Und gleichzeitig wurde es plötzlich dunkel.
Woher kam denn diese Dunkelheit? Ich blickte empor. Die Sonne konnte noch nicht hier hereinscheinen; aber über mir wölbte sich der blaueste Himmel, wie eine Kuppel sich über den ganzen Talkessel legend, deren Wände ich auf 200 Meter Höhe schätzte.
Immer dunkler ward es, bis undurchdringliche Finsternis herrschte. Jetzt waren am Himmel die Sterne zu sehen, und zwar wieder solche der südlichen Hemisphäre; funkelten in voller Pracht, aber ihr Licht übte hier unten nicht die geringste Wirkung aus, was mir sofort auffiel.
Ich hatte eine Schachtel Streichhölzer bei mir, riss eines an.
Wiederum ein wunderbares Phänomen! Das Hölzchen brannte, die rote Flamme war sichtbar, davon, dass sie geleuchtet hätte, gar keine Spur! Hierfür hatte ich noch weniger eine Erklärung als für die Aufhebung der Schallwellen.
Ich war so stehen geblieben, wie ich zuerst gestanden hatte, als ich meinen Weg nach der Felsenspalte aufgegeben hatte.
Nun setzte ich ihn fort, zur Vorsicht schon die Hände ausstreckend, und das war gut; etwas hatte ich die Richtung verfehlt, ich stieß gegen die Felswand.
Jedenfalls musste ich mich nach links halten, tat es und fühlte richtig die scharfe Kante der Wand, den Anfang der engen Schlucht.
Jetzt befanden sich Hand und Unterarm schon innerhalb dieser Spalte. Aber zu sehen war davon nichts. Also war es auch dort so finster.
Ich tat einen Schritt vorwärts, jetzt musste auch mein Kopf — —
In diesem Augenblicke war es tageshell um mich, ich konnte alles in der Schlucht sehen, weiter vor mir die Bäume, und als ich mich umwandte, sah ich auch den Talkessel.
So war dort also die künstliche Finsternis wieder aufgehoben worden.
Nein, sobald ich mich über den Bodeneinschnitt zurückzog, umgab mich wieder die schwärzeste Finsternis, und dann konnte ich auch die doch wirklich von hellem Tageslicht erfüllte Schlucht nicht sehen.
Mehrmals wiederholte ich diesen Versuch, immer mit dem gleichen Resultate. Die Grenze war wiederum haarscharf gezogen, und es handelte sich einzig und allein um meine Augen, wo die sich befanden. Brachte ich mein Gesicht in die Mitte dieser ideellen Scheidewand, so war das eine in Tageshelle und konnte alles sehen, was nach jener Seite lag, das andere war so gut wie blind. Oder doch nicht. Es konnte ja die Sterne am Himmel noch sehen, freilich ohne Leuchtkraft wie die Streichholzflamme, was ich ebenfalls noch einmal probierte.
Bei dieser Gelegenheit, so zur Hälfte mit dem Kopfe in jeder der beiden Regionen stehend, konstatierte ich auch, was ich vorhin versäumt hatte; dass ich mit dem einen Ohre nur das Geräusch innerhalb der Schlucht, mit dem anderen nur das in dem Tale hörte, wozu ja ein Schnalzen mit den Fingern genügte. Scheinbar nach allem, was ich schon ausgeführt habe, etwas Selbstverständliches; anderseits aber ein großes physiologisches Rätsel, indem dabei auch eine Spaltung der Gehirnfunktion vorausgesetzt werden musste.
Ich begab mich noch einmal vollends in die finstere Region hinein. Mein Entschluss war, hier so lange zu warten, bis die Sonne über dem Talkessel stand, und festzustellen, was für eine Wirkung sie hervorbringen würde.
Wodan verließ mich jetzt nicht mehr, war mir gefolgt, die Nase immer dicht an mich gedrückt, ich fühlte das Zittern seines ganzen Körpers, und außerdem heulte er ab und zu auf schreckliche Weise.
Eben hatte er wieder einmal solch einen kläglichen Angstlaut von sich gegeben, er, der, wie ich noch erleben sollte, auch einem Tiger und Löwen entgegentrat, nun machte er erst wieder einmal eine Pause, um desto stärker zu zittern.
Da aber erschollen von anderer Seite wieder Töne, keine Musik — oder dennoch Katzenmusik — eine Katze miaute, und das in einer Weise, die man unmöglich schildern kann.
Wenn ein Dutzend Kater ihren Gefühlen lauten Ausdruck geben, teils dem der Liebe, teils dem der Kampflust — es ist gar nichts dagegen.
Außerdem war es nur eine einzige Katze, die so furchtbar miaute.
Aber es musste eine Riesenkatze sein, der man auf den Schwanz getreten hatte. Einfach entsetzlich, dieses qualvolle Miauen!
Endlich verstummte es wieder.
Da plötzlich flammte dort oben in der ersten Etage, also in der zweiten Reihe, ein Fenster auf, blieb erleuchtet.
Und dann zeigten sich an diesem erleuchteten Fenster die schattenhaften Umrisse einer riesigen Katze. Oder es war eben der schwarze Schatten einer solchen, ganz deutlich erkennbar. Ein ungeheures Vieh! Das Fenster war also zwei Meter hoch, bis über die Hälfte reichte die Katze.
Sie war, wie ich deutlich erkannte, von unten hochgesprungen, musste auf einem Simse stehen, setzte sich auf die Hinterfüße und begann sich zu lecken und zu putzen.
Dann erhob sie sich wieder, machte einen Buckel, das ganze Fell sträubte sich, ich sah, wie sie das Maul öffnete, und wieder erklang das fürchterliche Katzengeschrei.
Mit einem Male gab sie ihre Stellung und Schreierei auf, machte einen wie erschrockenen Sprung, war verschwunden.
Im nächsten Moment erschien dort an dem erleuchteten Fenster der schwarze Schatten eines Weibleins, das frei in der Luft schwebte, aber offenbar auf einem Besen rücklings saß. Also eine Hexe. Einen zweiten etwas kürzeren Besen hatte sie in der Hand — nein, eine fünfzinkige Gabel war es — schlag- oder stechbereit erhoben.
Da flammte ein anderes Fenster auf, das vierte von jenem; wieder zeigte sich dort der Schatten der Katze, die wieder zu kreischen anfing. Wieder floh sie, wieder erschien an der Stelle der Katze die besenreitende Hexe.
Das war die Einleitung gewesen, nun ging die Sache erst richtig los.
Erst wurde die ganze zweite Etage erleuchtet, dann überhaupt der ganze Turm, bis in die sechzehnte Etage hinauf, und das mussten einige Dutzend Hexen sein, die, auf Besen reitend, hinter der Katze her waren, um sie mit der Mistgabel zu stechen.
An allen Fenstern, so weit ich sie von dieser Seite aus sehen konnte, ging die wilde Schattenjagd vorbei, durch die sämtlichen sechzehn Etagen.
Nicht nur, dass die Katze in ihrer Art Zeter schrie, sondern auch Menschenstimmen wurden laut, schrecklich kreischend, lachend, fluchend, quiekend, solchen kleinen Weiblein eben entsprechend, zumal wenn sie als Hexen auf Besen reiten.
Was sollte das bedeuten? Nun, eben ein Hexenspiel. Ganz amüsant! Nur nicht gerade dem »Turme des Schweigens« angepasst. Hier hätte ich ja nicht wohnen mögen. Und wenn das öfters vorkam, dann war's gut, dass dieses ganze Tal schalldicht abgeschlossen war. Sonst hätte ich es nicht lange in meiner Robinsonhöhle ausgehalten.
War dieses Schauspiel und Konzert extra für mich bestimmt? Ich wusste es nicht. Jedenfalls amüsierte ich mich herzlich.
Bald aber nahm die Sache einen gefährlicheren Charakter an, indem sie sich nicht nur auf die Turmmauern beschränkte.
Plötzlich ging das eine Fenster in mittlerer Höhe auf, und heraus schoss die Katze. Jetzt aber nicht mehr als schwarzer Schatten, der ja in dieser Stockfinsternis nicht zu sehen gewesen wäre, sondern in leuchtender Gestalt, rot erglühend.
Und in ebensolcher Weise ihr nach die zwei bis drei Dutzend Hexlein, also jetzt ebenfalls als glühende Feuergestalten. Sie waren nicht viel größer als die Riesenkatze, sehr kleine Weiblein, aber sie waren mit Mistgabeln bewaffnet, und dann machte es die Masse.
Sie schlugen und stachen auf die Katze los, und diese dachte nicht an Gegenwehr, sondern nur an Flucht. Und auch hier noch im Freien immer das grässliche Katzengeschrei und das nicht minder schreckliche Hexenlachen und quieken und schimpfen und wieder schrilles Lachen. Worte waren nicht zu verstehen, höchstens immer ein »au au au au au!!«
So ging es immer um den Turm herum, und obgleich keine der Hexen so schlau war, einmal die andere Richtung zu nehmen, um der Katze den Weg zu verlegen, verließ diese doch bald selbst die Turmmauern, schoss hoch in die Luft, schwenkte ab, senkte sich wieder, durchraste den ganzen Talkessel, hoch in den Lüften und dicht über dem Boden, und hinter der Katze her immer die Hexlein, auf sie schlagend und stechend.
Und dann zog sich die wilde Jagd in meine Nähe, kam mehr zum Stillstand, das heißt blieb an Ort und Stelle, nur auf ein enges Gebiet beschränkt, und das um mich herum. Die Riesenkatze hatte sich endlich eines anderen besonnen, setzte sich zur Wehr, hieb unter schrecklichem Fauchen um sich, aber die Hexlein ließen nicht locker, nur dass jetzt erst recht alles drunter und drüber ging; es sah aus, als ob die Hexlein jetzt einander selbst in die Haare gerieten, die als lange Flammenbündel nachflatterten, immer unter Lachen, Kreischen und Schimpfen.
War dieser tolle Hexensabbat nicht etwa doch nur eine Vision, von der ich geplagt wurde?!
Wodans Verhalten zeigte mir, dass ich mich in keinem hypnotischen Zustande befand, oder auch dieser Hund hätte es sein müssen.
Als es um uns herum losging, veränderte Wodan plötzlich sein bisheriges Verhalten, gab allem Zittern und Zagen den Laufpass, fuhr mit einem wütenden Geheul auf die Riesenkatze los und hatte sie auch gleich mit seinem furchtbaren Gebiss am Genick gepackt.
Viel schaden konnte er ihr freilich nicht, es war doch nur eine imaginäre Gestalt, oder eben nur eine Feuererscheinung — Wodans Zähne bissen ins Leere.
Aber das Merkwürdige war nun, dass die Katze den Angriff doch zu merken schien, sie setzte sich gegen den Hund zur Wehr, schlug nach ihm, und wenn sie ihn auch nicht verwunden konnte, so war doch ihr Fauchen und Schreien durchaus keine bloße Einbildung.
Wodan wurde einfach toll. Da er der feurigen Katze nichts anhaben konnte, ging er auf die Hexen los, suchte sie bei den Beinen zu haschen, sprang mitten zwischen die Flammengestalten hinein, auch wenn sie über ihm schwebten, immer unter einem wütenden Bellen und Heulen, und die Hexen gingen darauf ein, wandten ihre Mistgabeln gegen den Hund, schlugen und stachen auf ihn ein, freilich ohne ihm wehe zu tun, wenn auch die Gabeln in seinen Körper drangen, es waren doch nur Lichtgebilde, aus kaltem Feuer, aber sie machten den Hund immer wütender.
Und immer toller und toller tobte die Raserei so um mich herum, unter schrecklich misstönendem Katzengeschrei, dröhnendem Hundegebell und kreischendem Zetern und Lachen — »au au au au!!!«, — und ich selbst lachte aus vollem Halse und schrie sogar mit:
»Fass', Wodan! Lass' nicht locker! Immer drauf!!«
Dann fiel es mir ein, selbst mitzumachen. Ich wollte solch ein Hexlein zu haschen suchen. Dass dies nicht ginge, wusste ich ja gleich, aber ich war mit solch einer Flammenerscheinung überhaupt noch nicht in Berührung gekommen und wollte wissen, ob sie ihre Mistgabeln wohl auch gegen mich kehren würden.
Ich sollte meine Absicht nicht ausführen können, der wilde Tanz wurde jäh unterbrochen.
Plötzlich erscholl ein dröhnender Glockenton, im Nu verstummte der Mordsspektakel; nur Wodan bellte noch — die Katze erhob sich wieder zuerst und raste durch die Lüfte auf den Turm zu, in dasselbe Fenster hinein, zu dem sie herausgekommen war, und ihr nach die sämtlichen Hexen auf ihren Besen, eine hinter der anderen, bis sie alle in dem Fenster verschwunden waren.
Bis auf die eine, die letzte. Der war unterwegs etwas passiert, sie verlor den Anschluss.
Erst die Hälfte der Hexenreihe war in dem Fenster verschwunden, freilich in rasender Flucht, da blieb plötzlich frei in der Luft eine leuchtende Mistgabel stehen. Die letzte Hexe hatte sie verloren. Ein Fall, der bisher noch nicht passiert war. Und »fallen« konnte ja auch diese Mistgabel nicht, sie hatte gar kein Gewicht, ebenso folgte sie auch nicht dem Gesetze des Beharrungsvermögens, sonst hätte sie doch von selbst nachfliegen müssen — sie blieb sofort frei in der Luft stehen.
Die betreffende Hexe merkte ihren Verlust, wendete sofort ihren Besengaul, sollte aber ihr Ziel nicht ganz erreichen, wenigstens nicht für meine Augen.
Seit dem ersten Glockenschlag mochten erst zehn Sekunden vergangen sein, die aber genügt hatten, nun auch die letzte der etwa drei Dutzend Hexen in ein und demselben Fenster verschwinden zu lassen, bis eben auf diese allerletzte — wenn sie sich nicht aus der Reihe gesondert hatte, das hatte ich nicht unterscheiden können, es ging alles gar zu schnell — da dröhnte schon ein zweiter eherner Glockenschlag, und in demselben Moment erloschen die sämtlichen erleuchteten Turmfenster.
Und wieder in demselben Moment ertönte ein gellender Schrei. Gleichzeitig sauste es durch die Stockfinsternis wie zwei Blitzstrahle herab, ein dünner und ein viel dickerer, und dann ein klatschender Schlag.
Ehe ich nur zum Bewusstsein kommen konnte, was das zu bedeuten habe — so machte ich die Erklärung auch nicht lang — wurde meine Aufmerksamkeit von dieser Sache wieder dadurch abgelenkt, dass mit einem Schlage die undurchdringliche Finsternis einer blendenden Helligkeit wich.
Es war nichts anderes, als hätte der erste Sonnenstrahl seinen Weg über die Felswände in diesen Talkessel gefunden, und der genügte, um dem ganzen Mummenschanz ein Ende zu machen, und dazu gehörte auch, dass plötzlich wieder volles Tageslicht herrschte.
Immerhin, der jähe Wechsel hatte mich total geblendet, ich musste die Augen schließen, und dabei zuckte mir durchs Hirn die Frage, ob ich dies alles denn wirklich in einer sonnigen Morgenstunde und nicht um finstere Mitternacht erlebt habe. Denn an der Realität des Ganzen zweifelte ich nicht im Mindesten — so weit man solchen wesenlosen Lichtgestalten eine Realität zusprechen kann.
Als ich die Augen wieder öffnete — schon nach drei Sekunden — konnte ich deutlich sehen, und sonderbar genug war, was ich da erblickte.
Ich stand etwa zwanzig Schritte von dem Turme entfernt, und auf der Hälfte dieser Strecke sah ich da zunächst eine große Gabel liegen und ein wenig mehr dahinter einen noch größeren, formlosen Haufen, von dem ich nicht gleich unterscheiden konnte, woraus er bestand. Wie ein Bündel Lumpen sah er aus.
Mein Wodan hielt sich nicht erst mit solchen Fragen auf; der hatte eine schnellere Auffassungsgabe als ich — außerdem bewies er, dass es bei ihm jetzt vollends mit aller Gespensterfurcht vorbei war, nachdem er sich schon so wacker mit feurigen Geistererscheinungen herumgebalgt hatte — — er schoss sofort los auf die beiden Gegenstände, dem hinteren Lumpenhaufen nur einmal knurrend die Zähne gezeigt, dann die Gabel gepackt und sie mir apportiert, mit sozusagen freudestrahlendem Schwanzwedeln, stolz wie ein spanischer Toreador, der den Stier gefällt hat.
Eine Lichterscheinung kann kein Hund aus Fleisch und Blut apportieren. Nein, das war eine ganz regelrechte Mistgabel, oder Heugabel, will ich jetzt lieber sagen, denn auch die fünf Zinken waren aus Holz, und das ganze Instrument klein, wie für eine Kinderhand bestimmt, die auch einmal Heu mit aufladen will.
Und da erhob sich dort das vermeintliche Lumpenbündel; auch die abgestürzte Hexe hatte sich aus einer Feuererscheinung in Fleisch und Blut verwandelt.
Sie rieb sich die Augen, schaute verwundert um sich und rieb sich nochmals die Augen, und während sie das noch tat, wie aus einem tiefen Schlafe erwachend und an die Wirklichkeit des sonnigen Tages nicht recht glauben könnend, ging ich schnell hin, um mir dieses »Wunder« näher zu betrachten, zur Vorsicht Wodan im Nacken packend, dass der keinen Gebrauch von seinen Zähnen machte, die jetzt nicht mehr ins Leere gebissen hätten. Doch ich erwähne gleich, dass er sich manierlich benahm, den Fleisch gewordenen Feind mit Gleichmut betrachtete, sodass ich mich gar nicht mehr um ihn zu kümmern brauchte, ihn loslassen konnte.
An den Feuergestalten hatte ich nichts weiter zu unterscheiden vermocht als menschliche Formen mit flatternden Haaren und Gewändern, da war ja immer alles drunter und drüber gegangen. Nun war das anders.
Ach, das war ja ein allerliebstes Hexlein, das da vor mir stand! Auch wieder ein braunes Kind so von tausend Wochen, aber ganz, ganz anders als etwa Sakuntala! Nur die Hautfarbe hatten die beiden so ungefähr gemein, sonst war zwischen ihnen ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht, da hätte ich diese niedliche Hexe mit dem koketten Stumpfnäschen lieber mit der Kolombine vergleichen mögen, obgleich diese doch goldblondes Haar und ein Gesichtchen wie Milch und Blut gehabt hatte.
Herrgott, war diese braune Schönheit schmutzig! Ich hätte den Dreck auf der dunklen Haut doch eigentlich gar nicht sehen sollen, aber ich sah ihn doch, er war gar zu dick aufgetragen. Überhaupt entsetzlich verwahrlost sah sie aus, was auch für die wildzerzausten Haare galt, die sich förmlich verfilzt hatten.
Was für ein Bündel Lumpen hatte ich denn vorhin liegen sehen? Lumpen hatte sie wohl an, aber viele waren es nicht, daraus konnte man keinen Haufen machen. Nichts weiter als ein Hemdchen, das kaum bis an die Knie ging, ehemals wohl von weißer, jetzt von undefinierbarer Farbe war, durchlöchert und zerfetzt, die eine Schulter nicht mehr verhüllend, und auch sonst bildeten diese herabbaumelnden Fetzen nur eine ganz und gar mangelhafte Umhüllung.
Was nun dadurch nur umso mehr zu sehen war, das war allerdings ganz reizend, ein weibliches Meisterstück der Schöpfung, das stimmte. Das runde Knie so fein modelliert wie die Schulter, der untere Beinansatz, was man auch so die Wade nennt, drall und dennoch aufs Edelste geformt, das Füßchen so zierlich wie das Händchen, in dem sie einen regelrechten Besen hielt, einfach zum Anbeißen, und ebenso allerliebst war das Gesichtchen, wozu ganz das Stumpfnäschen passte. Nur der Dreck hätte wegbleiben sollen. Sie musste einmal gründlich abgeseift werden.
Es war ein echtes Zigeunermädel in der Blüte ihrer Jahre. Auf einen anderen Gedanken konnte ich zuerst gar nicht kommen. Zu einem solchen gehörte auch ganz regelrecht der Dreck, anders geht es bei solchen Zigeunerschönen nicht, wenn sie sich nicht gerade gesäubert haben, um einen Bettelgang mit Stehlen und Handwahrsagen von Haus zu Haus zu machen.
Im Übrigen machte sie alles andere als einen dämonischen Eindruck. Die schwarzen Heidelbeeraugen mussten sonst in mutwilliger Lebenslust blitzen, sodass auch die Melancholie fehlte, die man häufig bei Zigeunern, selbst bei jungen Weibern, findet — wie auch bei Jüdinnen, überhaupt bei allen Orientalen — jetzt freilich blickten sie mich mit ängstlicher Scheu an, so war der ganze Gesichtsausdruck, so stand sie auch da, halb zur Flucht gewendet.
»Na, nun sage mal, Du allerliebster Dreckbarthel, wer bist Du denn eigentlich?«
So fing ich galanter Bengel die Unterhaltung an.
Tief hinten aus der Kehle brachte sie einige Worte heraus, die ich nicht verstand — eine mir fremde Sprache.
»Ist das Zigeunerisch? Da Du sicher eine Zigeunerin bist, sprichst Du doch ebenso sicher auch Deutsch. Na, hast Du mich verstanden? Wer bist Du denn?«
»Tu mir nichts!«, erklang es denn jetzt auch auf Deutsch, und zwar ganz verständlich, wenn auch mit etwas rauer Stimme immer tief hinten aus der Kehle gebracht.
»I, wo werde ich solch einem schönen Kinde etwas tun! Ganz abgesehen davon, dass ich meine Hände nicht gern — na, lassen wir das, es ist noch etwas kühl hier in diesem schattigen Tale, Du hast nicht viel an, und Dreck hält warm.«
Sie beachtete meine Worte nicht, schaute wieder mit ängstlichem Staunen um sich.
»Wo bin ich hier?«
»Das wüsstest Du wirklich nicht?«
»Wie komme ich hierher?«
»Das weißt Du doch besser als ich. Du bist so ungefähr aus der Höhe einer vierten Etage herabgestürzt; das hat ja einen tüchtigen Klatsch gegeben; es scheint Dir aber nichts weiter geschadet zu haben.«
Sie wendete noch weiter den Kopf, erblickte wohl jetzt erst den Turm.
»Ach, der Hexenturm!!«
»Jawohl, diesen Namen verdient das Ding. Na, Kinder, Ihr habt ja einen Höllenspektakel gemacht!«
»Wir jagten die Katze, sie floh ins Freie, wir ihr nach, und ich verlor meine Gabel.«
»Erinnerst Du Dich nun? Ihr habt mich doch umtanzt und auch meinem armen Hunde bös zugesetzt. Übrigens braucht man zu alledem gar keine so starke Erinnerungskraft zu haben, alles ist ja kaum eine Minute her.«
»Ja, ich weiß — — es war kurz vor Torschluss, wir wurden gewarnt — ich verlor meine Gabel, kehrte um und wollte sie holen — da kam ich zu spät und stürzte ab — — — gib mir meine Gabel!«
Sie streckte das schmierige Händchen aus, aber ich hatte es nicht so eilig.
»Erst sage mir, wie Du heißt und wer Du bist!«
»Gib mir meine Gabel!!«, wiederholte sie eindringlicher als zuvor.
»Nein — nicht, bevor Du meine Fragen beantwortet hast.«
Da zog sie ein Mäulchen, wischte sich mit dem Händchen die Augen, aus denen wirklich gleich Tränen kamen, und wischte sich mit diesen den Schmutz im ganzen Gesicht herum.
»Gib — mir — meinen — Besen!«, schluchzte sie weinend.
Aber ich blieb diesmal hart, obgleich ich sonst keinen Menschen und vor allen Dingen kein Kind weinen sehen kann. Es könnte verlangen von mir, was es wollte, ich würde es ihm geben, nur, dass es zu weinen aufhört. Aber hier war es anders. Ich witterte schon die Komödie, denn was anderes sollte es sein?
»Sage mir erst, wie Du heißt.«
Das Weinen war so schnell wieder vorbei, wie es gekommen war — weil sie merkte, dass es keinen Zweck hatte.
»Ich heiße Lilith.«
Ein hübscher Name — aber kein guter. Es ist Hebräisch und heißt so viel wie »die Nächtliche«. Um das zu wissen, braucht man kein Hebräisch zu können. Es ist ein Nachtgespenst, das im jüdischen Aberglauben eine große Rolle spielt, worüber eine ganze Literatur existiert.
»Bist Du die Lilith, die mit dem Teufel verlobt ist?«
»Nein, ich bin eine andere Lilith, ich bin noch nicht verlobt«, klang es naiv zurück.
»Wes Stammes bist Du eigentlich, mein Kind?«
Stolz richtete sich das zierliche Figürchen auf.«
»Ich bin eine Ramni Tschava!«
Fast hatte ich es erwartet, diesen Namen zu hören,
Aber ich hatte als Junge so von zwölf oder dreizehn Jahren, durch entsprechende Lektüre dazu begeistert, einmal den Entschluss gefasst, unter die Zigeuner zu gehen, auch so ein verwegener und berühmter Zigeunerhauptmann zu werden, hatte, gründlich, wie ich als guter Deutscher immer gewesen bin, trotz aller sonstigen Faulheit, gewissenhaft gleich fachwissenschaftliche Werke über das ganze Zigeunervolk studiert, um nicht so ganz fremd zu meinen zukünftigen Untertanen zu kommen, und da war noch viel davon hängen geblieben.
Den Zigeuner wird man wohl selten finden, der sich selbst so nennt. Sie werden ja überhaupt in jedem Lande anders genannt, es braucht gar keine andere Sprache zu sein. Schon in Norddeutschland heißen sie allgemein »Tatern«. Also Tataren. Sonst kommen häufig Namen vor, die sich auf Ägypten beziehen; weil sich die Zigeuner selbst bei ihrem ersten Erscheinen in Europa, im Anfange des 15. Jahrhunderts, zuerst in Ungarn, so weit sich das verfolgen lässt, als »Ägypter« bezeichneten, als direkte Nachkommen der Pharaonen, wie auch ihr Oberhaupt immer »König Pharao« hieß. Auch in der englischen Sprache werden sie noch »Gipsies« genannt. Heute weiß man bestimmt, durch Studium ihrer Sprache und auch zufällig durch Auffinden eines indischen Manuskriptes, dass es Inder sind, die in den Tälern des Hindukusch ansässig waren, schon damals am liebsten nichts weiter taten, als auf einem Saitenspiel zu klimpern und ihre Nachbarn zu bemausen; der persische König Baram Gur hörte von ihnen und ließ gleich, wie damals alles aus dem großen Topfe ging, 10 000 von ihnen zu sich an seinen Hof als Lautenspieler und Wahrsager kommen, ums Jahr 1000; sie wurden bald wieder zum Teufel gejagt, und dann haben sie den Welteroberer Timur Lenk nach Europa begleitet oder sind vielmehr als Spione von ihm schon vorausgeschickt worden. So sind sie nach Europa gekommen. Die Luris, ihre Ahnen im Hindukusch, sind untergegangen, so wie die anderen zehn Stämme Israels.
Der Zigeuner selbst, in welchem Lande oder Erdteil er sich auch befindet, nennt sich Rom, was nichts anderes bedeutet als »Mensch«, eine Bezeichnung, die sich so viele Naturvölker beilegen, nur um sich von den Tieren zu unterscheiden. Weil sie etwas Besseres als die Tiere sind — oder sein wollen. Der afrikanische Buschmann, mit auf der tiefsten Stufe der Menschheit stehend, nennt sich Saab oder QuaiQua, was beides »Mensch« bedeutet, und die Bewohner des nördlichsten Teiles der Erde, die wir Eskimos nennen, nennen sich selber immer wieder einfach »Menschen«, Inuit. Eskimos sind sie verächtlich von den in Amerika benachbarten Indianerstämmen getauft worden, und das heißt so viel wie »Rohfleischesser«. Tschava aber heißt »Mädchen«, das wusste ich noch aus meinen früheren Studien.
»Na na, deswegen brauchst Du doch nicht so stolz zu sein! Ein Menschenkind bin ich auch — obwohl ich mich nicht gern so anreden lasse. Aber sage mal, mein niedliches Kind — Du pflegst ja recht sorgfältig Deine Nägel, sogar die an den Füßen?«
Denn so war es. Jetzt bei näherer Betrachtung bemerkte ich es. Nicht nur die Nägel an den kleinen Dreckfingern waren sorgsamst beschnitten und befeilt und sogar poliert, sondern auch die an den geradezu winzigen Füßchen.
Sofort schwand ihr Stolz, sie wurde verlegen, versteckte ihre Hände und setzte den einen Fuß auf den anderen, mehrmals abwechselnd, was ganz possierlich aussah und welche Verlegenheit mir gleich zu denken gab.
»Das tun wir immer — — —«
»Du, das ist nicht wahr! Es fällt den Zigeunerinnen, und auch nicht den schönsten und eitelsten, nicht ein, ihre Nägel so zu pflegen!«
Da richtete sie sich aus ihrer Verlegenheit wiederum mit dem größten Stolze empor und sagte:
»Ich bin eine Pharaonentochter!«
»Das seid ihr Roms doch alle — Nachkommen Pharaos.«
»Nein, ich bin eine direkte Enkelin Pharaos — ich bin eine Prinzessin!«
»Was? Schon wieder eine Prinzessin?!«, rief ich lachend, an die Prinzess Turandot denkend. »Hier gibt es ja recht viele Prinzessinnen!«
»Ich bin eine Tochter des Königs Pharao!«
»Die Tochter eines Hauptmannes, meinst Du wohl — das will ich nicht bezweifeln. Aber sage, edle Prinzess — weißt Du eigentlich, was Seife ist?«
Ihr Stolz hielt nicht lange stand, ihr Köpfchen brauchte sich nur mit etwas anderem zu beschäftigen.
»Seife?«, wiederholte sie mit naivem Staunen »Was ist das?«
Es war in einer Weise hervorgebracht, und nun dieses Gesicht dazu — — ich musste aus vollem Halse lachen. Und auch mein Wodan fühlte jetzt die Harmlosigkeit dieser »Hexe«, er blickte sie freudig schwanzwedelnd an, ich konnte ihn jetzt ruhig loslassen.
Sie wurde wieder ängstlich und bettelte:
»Gib mir meine Gabel!«
»Wozu brauchst Du die?«
»Sonst kann ich nicht in den Turm zurück.«
»Nun sage einmal, mein schönes Kind — bist Du denn wirklich eine Hexe?«
»Bitte, bitte, gib mir doch meine Gabel wieder!!«, fing sie jetzt geradezu in rührender Weise zu betteln an.
Aber noch ließ ich mich nicht erweichen. Wenigstens eine kleine Erklärung wollte ich doch haben, und in meiner Hand befand sich offenbar ein großes Zwangsmittel.
»Ja, wenn Du mir einmal vormachst, wie Du auf dem Besen durch die Luft reitest.«
»Das will ich, aber dazu muss ich meine Gabel haben.«
»Sonst geht es nicht?«
»Nein.«
»Wenn Du die Gabel hast, kannst Du hier vor meinen Augen am hellen Tage durch die Luft reiten?«
»Das kann ich, und das muss ich, sonst kann ich nicht in den Turm zurück.«
»Ich hoffe, dass Du mir auf Deinem Besen etwas vorreiten wirst?«, fragte ich
»Sobald ich die Gabel habe.«
»Na, da hast Du sie!«
Freudestrahlend nahm sie das wichtige Instrument aus meiner Hand in Empfang, wandte sich, nahm ihren Besenstiel einfach zwischen die Beine, ganz manierlich, so weit man in solch einem kurzen Hemdchen, so zerrissen und schmutzig dazu, manierlich sein kann, nahm einen Anlauf, schnalzte mit der Zunge und — — stieg in die Luft.
Sie blieb nach dem Anlauf noch einmal stehen und blickte zurück, dabei den Borstwisch liebkosend, so wie man eine Pferdemähne streichelt.
»Du bist ein Esel.«
Oho! Das hatte ich nun auch nicht erwartet.
»Hättest Du mir die Gabel nicht gegeben, hättest Du noch etwas ganz anderes von mir verlangen können.«
»Was denn?«
»Gefalle ich Dir nicht?«
»O ja, Du bist ein ganz hübsches Mädchen, nur musst Du Dich einmal — — — na, das sind ja Privatangelegenheiten.«
»Wenn Du mich gezwungen hättest, hätte ich Deine Frau werden müssen.«
»Ich zwinge niemanden, am allerwenigsten meine zukünftige Frau.«
»Ich bin eine Prinzessin; Du wärest mein Mann geworden.«
»Ich mag kein Prinzgemahl werden. Der weiß immer nicht, was er machen soll.«
»Ich bin eine Tochter Pharaos, Du wärest König aller Zigeuner geworden!«
»Ich will kein Zigeunerkönig werden. Auch kein anderer König. Mir fehlt der Trieb dazu. Ich habe keine Veranlagung zum König. Ich bleibe lieber Robinson oder überhaupt der, der ich bin.«
»Soll ich Dich einmal besuchen?«, fing sie nach diesen Absagungen anders an.
»Kannst Du das?«
»Ich kann es.«
»Na, dann geht es also ja auch so. Ohne dass ich deswegen König werden muss. Aber, Lilith, ich sage Dir gleich — ich bin schon verlobt; morgen oder übermorgen ist vielleicht schon Hochzeit. Also bitte richte Dich danach. Solltest Du meine Zukünftige nicht kennen, die Sakuntala?«
Sie ging nicht darauf ein, wie gewöhnlich nicht. Sie tätschelte immer den Borstwisch ihres hölzernen Gauls, nach rückwärts sprechend.
»Ich werde Dich einmal besuchen.«
»Als feurige Hexe oder so in Fleisch und Blut?«
»Das mache ich, wie ich will.«
»Und ich erlaube mir die Bemerkung, dass ich dann Deinen Besuch in Form einer wesenlosen Lichterscheinung vorziehe.«
»Weshalb?«
»Weil man wesenlose Lichterscheinungen nicht mit Sand und Seife abzuscheuern braucht.«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Das ist es eben. Oder Du musst erst einmal erfahren, was Seife eigentlich ist, was sie bedeutet, welche Rolle sie im Haushalt der Natur und des Menschen spielt, wozu man sie anwendet.«
»Dann musst Du mit mir den Teufel anbeten!«
»Wegen der Seife? Nee.«
»Wir tanzen zusammen.«
»Können wir machen. Nur, dass ich Dir dabei nicht auf Dein Hemdchen trete. Oder Du musst es noch etwas kürzer machen.«
»So lebe wohl!«
»Na da adjüs!«
»Also auf Wiedersehen!«
»Hoffentlich in anderer Verfassung!«
Sie nahm wieder einen Anlauf, mit der Zunge schnalzend und — dabei blieb es. Immer noch wartete ich vergebens darauf, dass sie sich in die Lüfte erheben würde. Sie galoppierte einfach davon, so wie jeder andere Mensch rennt, nur dass er nicht immer einen Besenstiel zwischen den Beinen hat, wie ein Kind auf dem Steckenpferd — so hielt sie auf das Turmtor zu, das auf dieser Seite lag, benutzte es allerdings nicht, sondern schwenkte rechts ab, galoppierte um den Turm, war verschwunden.
Ich staunte etwas, ob solcher Kunstlosigkeit. Denn das ist doch keine Kunst, auf diese Weise sich unsichtbar zu machen; hinter einen Turm rennen, eine derartige Hexerei kann ich auch, ohne weitere magische Kenntnisse.
Sie hatte mich gefoppt.
Nein, da kam sie links hinter dem Turme wieder zum Vorschein, immer noch galoppierend, mit der Zunge schnalzend und die Mistgabel schwingend.
Was sollte das? Nun, sie hatte eben auch auf der anderen Seite den Eingang verschlossen gefunden, wollte noch einmal auf dieser nachsehen.
Doch nein, sie kümmerte sich gar nicht um das eherne Tor, galoppierte daran vorüber, verschwand wieder hinter dem Turm.
Und abermals kam sie von links zum Vorschein! Es schien ihr Spaß zu machen, immer um den Turm herum zu rennen.
Aber was war das? Ihr Lauf war jetzt ein ganz anderer geworden! Kaum schienen noch ihre Füßchen den Boden zu berühren. Wohl taten sie es, aber diese weiten Sprünge! So kann kein irdischer Mensch rennen, welcher der Schwerkraft unterliegt!
So war sie wiederum auf dieser Seite vorübergejagt, gefegt, wie man sagt, verschwand wiederum hinter dem Turme, und jetzt kam sie, nach außerordentlich kurzer Zeit, zum dritten Male von links zum Vorschein!
Jetzt aber berührten ihre Füße tatsächlich den Boden nicht mehr, das war deutlich zu sehen, obgleich sie noch laufende Bewegungen machte, sich auch hob und senkte. Doch einige Zoll blieben ihre Füße immer von dem Felsenboden entfernt.
Bis sie doch noch einmal auftrat, zum letzten Male, denn nun hob sie sich in ganz steiler Richtung in die Höhe, immer höher, und immer schneller ging es in die Lüfte empor, unter einem kreischenden, wiehernden Gelächter.
In wenigen Sekunden hatte sie die oberste, die sechzehnte Etage erreicht, ich musste mich weit zurücklegen, um sie sehen zu können, sie selbst befand sich etwa noch fünf Meter von der Turmwand entfernt, nun eine Schwenkung gemacht, noch ein gellendes Lachen, und sie sauste durch eines der Fenster, war verschwunden! Ob sich dieses Fenster dabei geöffnet hatte oder nicht, hatte ich nicht unterscheiden können.
Stille herrschte wieder in dem Talkessel, ich war allein mit Wodan. Der Hund wurde wieder von seiner ängstlichen Scheu befallen.
Ich staunte immer noch über das Gehörte und Gesehene, ohne es begriffen zu haben.
Nun, da gab es schon eine natürliche Erklärung. So wenig wie dieses Geschöpf aus Fleisch und Blut vorhin eine Feuererscheinung gewesen war, die aus der Höhe einer vierten Etage herabgeklatscht war, um dann plötzlich als ein körperlicher Mensch vor mir zu stehen, ebenso wenig konnte dieser körperliche Mensch so ohne Weiteres in die Lüfte steigen.
Sie war nicht umsonst erst dreimal um den Turm galoppiert. Sie hatte ganz einfach — —
Doch ich will nicht vorgreifen, da ich sonst wiederholen müsste. Dagegen kann ich gleich erwähnen, dass meine Kalkulation zwar eine falsche war, aber doch eine Möglichkeit enthielt, wie man sich die ganze Sache auf natürliche Weise erklären konnte, sodass ich also nicht etwa an ein »Wunder« zu glauben brauchte.
Was sollte ich nun noch in diesem öden Tale? Und wenn auch neue Überraschungen gekommen wären, ich hatte gar keine Lust, auf sie zu warten. Für heute hatte ich nun genug dergleichen. Ich war nicht ausgegangen, um mir etwas vorgaukeln zu lassen.
So verließ ich das Tal wieder, zur jauchzenden Freude meines Wodans.
Hier in der engen, waldigen Schlucht, die ja meist im Schatten lag, erwachte erst mit dem Eindringen der Sonne das richtige Leben in der Natur, also viel später als draußen in der Prärie.
Und es war die Vegetation einer gemäßigten Zone, die hier herrschte, und die doch ihre ganz besonderen Reize hat. Denn niemals kann sich ein tropischer Urwald mit einem unserer Wälder an Schönheit vergleichen.
Oh, wie das hier duftete! Und zwar nicht so süßlich wie dort draußen, sondern so kräftig, so aromatisch und kernig. Schon allein dieser Harzduft der Nadelbäume! Für mich war es ein Maienmorgen im deutschen Walde, und ich gab mich ganz seinem Genusse hin, streckte mich an dem Bache, der diese Schlucht durchfloss, in dem weichen Moose aus, stopfte mir eine Pfeife und begann zu schmauchen und zu träumen.
Hunger, den ich plötzlich spürte, zwang mich zum Aufbruch. Ich wollte nach der Höhle zurück.
Als ich die Höhle erreichte, drückte ich den Telefonknopf.
»Sie wünschen, Herr Willmer?«
»Ihnen ist doch natürlich bekannt, was ich soeben in dem Hexenkessel oder in dem Tale des Schweigens, wie es hier ironisch heißt, erlebt habe.«
»Einen Augenblick — — Herr Klingsor selbst ist hier, wenn Sie ihn sprechen wollen.«
»Na, Herr Klingsor, dann sagen Sie mir wenigstens, wozu diese Narrenstreiche!«
»Haben Sie sich denn nicht amüsiert?«
»O ja.«
»In dem Talkessel sind Sie natürlich beobachtet worden. Von den Fenstern des Turmes aus. Das müssen Sie verzeihen.«
»Das hat nichts zu sagen.«
»Sie wurden also gesehen, wie Sie das Tal betraten, es wurde mir gemeldet, ich habe es ja erst für Sie ausnahmsweise öffnen lassen, und da habe ich für Sie einen kleinen Spuk arrangiert.«
»Kann ich denn nur wirklich gar keine Erklärungen bekommen?«
»Sollten Sie sich solche nicht selbst zurecht gemacht haben?«
»O ja, das habe ich getan.«
»Nun? Ich kann Ihnen wenigstens immer sagen, ob es eine richtige oder falsche ist.«
»Das ganze Tal kann sozusagen schalldicht gemacht werden.«
»Anders ist es nicht.«
»Wie das geschieht, da bei dem Ausgange doch auch eine schalldichte Luftschicht in Betracht kommen muss — —«
»Sie werden diese Erklärung erhalten, sobald Sie einer der Unsrigen geworden sind.«
»Und ebenso kann in dem ganzen Tal auch der Effekt des Feuers und überhaupt des Lichtes hinfällig gemacht werden.«
»Stimmt ebenfalls.«
»Durch Aufhebung der Ätherschwingungen.«
»Da kommen Sie der Wahrheit sehr nahe.«
»Die feurigen Hexengestalten waren nur Gaukelspiele, so etwa durch eine Laterna magica im finsteren Raume plastisch hervorgebracht, wie die schwarzen Schattenspiele an den erleuchteten Fenstern.«
»Anders ist es nicht. Wenn Sie die Wahrheit treffen, auch nur ungefähr, muss ich sie zugeben.«
»Im geeigneten Moment wurde eine der feurigen Gestalten mit einem wirklichen Weibe aus Fleisch und Blut vertauscht.«
»Wie meinen Sie das?«
»Nun, es war doch ganz finster, da hat sich einfach schon vorher das Mädel an den Boden hingelegt, wie sollte ich denn das in der Dunkelheit konstatieren, dazu ein klatschender Schlag, die beiden absausenden Lichtblitze —«
»Ganz richtig. Ich dachte nur vorhin, Sie meinten, die Vertauschung sei in der Luft erfolgt.«
»I wo, i wo! Die hat sich schon vorher in aller Gemütlichkeit hingelegt, ihre Gabel daneben.«
»Und nun weiter?«
»Die Hexe musste einmal hinter dem Turme verschwinden, um sich zum Aufstieg vorzubereiten. Nur weil die Drei nun einmal so eine besondere Zahl ist, musste sie dreimal herumrennen.«
»Hm. Und wie ist sie denn nun hochgekommen?«
»Sie ist an einem Seile hochgezogen worden.«
»Haben Sie solch ein Seil gesehen?«
»Dann an einem ganz dünnen Drahte, der aber schon genug Tragkraft besitzen kann.«
»Hat es wirklich so ausgesehen, als ob sie durch so etwas hochgezogen würde?«
»Allerdings nicht, ich gebe es zu. Besonders weil sie zuletzt in der Luft so eine eigenartige Schwenkung machte. Also ist sie an einem Seile oder Draht oder etwas Ähnlichem in die Höhe gezogen worden?«
»Nein.«
»Dann gäbe es für mich nur noch eine einzige Erklärung.«
»Und die wäre?«
»Es ist allerdings eine ganz ungeheuerliche Annahme.«
»Sprechen Sie sie aus!«
»Sie vermögen die Schwerkraft aufzuheben!«
Die Antwort blieb erst aus.
»Also es ist wirklich so?«, rief ich.
»Hm. Wozu wäre dann nötig gewesen, dass das Mädchen erst dreimal oder auch nur einmal um den Turm lief?«
»Nun, eben um hinter dem Turme unbemerkt von mir ihre Vorbereitungen zu treffen!«
»Nein, es ist anders.«
»Es hängt also nicht mit der Aufhebung der Schwerkraft zusammen?«
»Nehmen Sie es an oder nehmen Sie es nicht an — hierüber darf ich mich nicht auslassen, es betrifft ein Geheimnis der Allgemeinheit, unseres ganzen Geheimbundes.«
»Das ist eine Bestätigung!«
»Nehmen Sie es an oder nehmen Sie es nicht an«, erklang es wiederum.
»So wollen wir diese Sache sein lassen! Was für eine junge Dame musste denn die Rolle der Hexe und Zigeunerin spielen?«
»Eine der unsrigen. Mehr darf ich nicht sagen. War es nicht ein niedliches Kind?«
»Ganz reizend, aber eine ganz echte Zigeunerin war das nicht.«
»Wieso nicht? Was hatten Sie an ihr auszusetzen?«
»Je genauer ich sie mir betrachtete, desto mehr Zweifel stiegen mir an ihrer Echtheit auf. Sie hatte ja wunderbar gepflegte Finger- und Fußnägel!«
»Dass Ihnen dies auffiel, wurde mir bereits gemeldet. Oder, ich will und muss ganz offen sein — ich selbst habe es gehört. Denn ich habe dort in dem Tale ja alles beobachtet, das war mir erlaubt. Aber weshalb soll denn eine Zigeunerin, noch dazu die Tochter eines Königs, ihre Nägel nicht so pflegen?«
»Ihr sonstiger Schmutz und ihr verfilztes Haar —«
»O, das kann sich recht wohl zusammenreimen!«
»— — waren eine künstliche Mache«, ergänzte ich meine angefangene Rede.
»Wieso?!«
»Jawohl, der Dreck war künstlich aufgelegt, die sonst wohlfrisierten Haare waren mit Absicht so verfilzt worden.«
»Was? Das haben Sie wirklich bemerkt?!«, erklang es in größerem Staunen.
»Jawohl das habe ich bemerkt, und immer deutlicher, je länger ich sie mir betrachtete. Das war eine gebildete junge Dame aus den besseren oder gar besten Klassen der europäischen Gesellschaft, an allen Komfort gewöhnt. Die hatte sich nur so geschminkt! Jawohl! Der Dreck brauchte gar nichts Unsauberes zu sein. Wenn eine Schauspielerin ein Bettelweib darstellt, so muss sie sich auch anschmieren, aber das geschieht doch mit einer entsprechenden Schminke und mit Salbe. Na, ist es nicht so?«
»Sehen Sie, Herr Willmer, ich habe doch gleich gesagt, dass an Ihnen ein Detektiv verlorengegangen ist!! Sie hätten als solcher etwas geleistet! Aber das ist noch immer nicht zu spät, ich werde Sie, wenn Sie wollen, ausbilden lassen. Ja, Sie haben recht beobachtet. Aber nicht etwa, dass gleich jemand anders die Wahrheit erkannt hätte! So etwas gibt es nicht! Ja, es ist alles so, wie Sie sagen. Und nun will ich Ihnen zur Belohnung auch gleich noch etwas anderes verraten: Sie hatten das Vergnügen, in dieser kleinen Zigeunerhexe eine der gefeiertsten Soubretten zu sehen, welche je ein Theaterpublikum entzückt haben!«
»So so! Wie ist ihr Name?«
»Den muss ich verschweigen. Für Sie ist sie die Lilith.«
»Sie ist eine der Ihren? Gehört sie mit dem Geheimbunde an?«
»Jawohl.«
»Tritt gar nicht mehr öffentlich auf?«
»Gar nicht mehr.«
»Eine Deutsche?«
»Auch ihre Nationalität darf ich nicht verraten, gar nichts über sie.«
»Sie spricht doch ganz perfekt Deutsch.«
»Deshalb braucht sie aber noch keine Deutsche zu sein. Wenn Sie ihren Namen erraten, will ich ihn zugeben, mehr kann ich nicht tun.«
»Ich bin in den Theaterverhältnissen nicht bewandert, am wenigsten weiß ich von den Persönlichkeiten solcher Bühnenberühmtheiten. Sie wird mich einmal besuchen?«
»Wenn Sie es ihr erlauben?«
»Aber doch nicht etwa als solch schmierige Zigeunerin? Denn schmierig genug war sie wirklich, das lässt sich nicht abstreiten.«
»O nein, sie wird das nächste Mal schön manierlich und appetitlich kommen. Das ist ein gar schickes Dämchen.«
»Gut, ich erwarte sie. Dass sie nicht mit Sakuntala — — na, Sie wissen schon, da werden Sie mir doch keinen Streich spielen!«
»Was denken Sie von mir!«
»Wie ich mich ihr gegenüber zu verhalten habe, wie weit ich gehen darf, das hängt ja ganz von ihr ab, und das weiß sie als Schauspielerin doch am besten einzurichten. Was für ein Orchester war das zuerst, das in dem sogenannten Turme des Schweigens den Choral blies?«
»Nun, was meinen Sie wohl?«
»So ungefähr hundert Posaunen- und Trompetenbläser.«
»Menschen?«
»Na, was denn sonst?«
»Das waren ein Dutzend Elefanten, die so aufs Trompeten dressiert sind, nur mit ihren Rüsseln, ohne weitere Instrumente.«
»Herr Klingsor, das glauben Sie wohl selbst nicht!«, rief ich, obgleich ich schließlich auch so etwas hier für möglich gehalten hatte.
»Sie haben recht, nein, das glaube ich selbst nicht«, wurde mir lachend bestätigt.
»Was für eine Musik war das sonst?«
»Geheimnis!«
»Meinetwegen. Beherbergt dieser Turm sonst nichts weiter als solche Musik, Riesenkatzen und Hexen?«
»Die kommen dabei gar nicht in Betracht, das war nur ein Späßchen, für Sie arrangiert.«
»Was für eine Bewandtnis hat es mit dem Turme sonst?«
»Untersuchen Sie doch selbst! Sie haben sich bisher sehr wenig Mühe gegeben, dort einzudringen.«
»Ich denke, es ist unmöglich?«
»Ist es auch, aber ich hoffte, Sie würden dieser meiner Versicherung nicht glauben und dennoch Ihr Möglichstes tun, dort einzudringen. Ich hätte gern beobachtet, was Ihr Scharfsinn und Ihre Tatkraft da alles anstellt.«
»Nun, ich werde mir einmal überlegen, ob sich da nicht doch etwas machen lässt. Hat der Turm auch einen unterirdischen Eingang?«
»Ja, den hat er.«
»Etwa gar von meiner Höhle aus?«
»Jawohl, von dort unten aus gibt es einen Weg in den Turm.«
Das hatte ich nur wissen wollen, nichts weiter.
»Aber nun probieren Sie erst einmal, solch eine Tür zu öffnen! Selbst wenn Ihnen das durch einen Zufall gelänge, müssten Sie auch den Weg in diesem Labyrinthe dorthin finden.«
O, das war meine Sache! Der Mann mit den Teufelsaugen schien vergessen zu haben, dass ich NivellierIngenieur war. Freilich wusste er ja auch nichts von meiner Kenntnis des öffnenden Stichwortes. Das heißt, wenn dieses ab und zu geändert wurde, dann freilich war alle Liebesmüh' umsonst.
»Haben Sie das Verhalten Ihres Hundes in dem Talkessel beobachtet?«, fuhr jener fort. »Wie er sich darin fürchtete.«
»Jawohl. Wovor eigentlich? Hatte das Konzert es ihm angetan?«
»Nein, Wodan ist musikfest. Auch vor Gespenstern fürchtet er sich nicht. Das haben Sie wohl gemerkt als er gleich den Feuerhexen zu Leibe ging.«
»Ja, wovor fürchtete er sich denn sonst?«
»Weil dieser Turm eben noch etwas anderes enthält. Weil ein Hund eben ein größeres Ahnungsvermögen besitzt als der Mensch. Und das kann ich Ihnen versichern, um Ihnen einen Beweis für die Güte dieses Hundes zu geben: Wodan folgte Ihnen ja nicht gern in den Talkessel hinein, aber er tat es dennoch, er gehorchte Ihnen, verließ seinen Herrn nicht — — doch wenn Sie mir einen zweiten Hund bringen, der Ihnen freiwillig in dieses Tal folgt, ohne dass Sie ihn schleppen, dann — — will ich Ihnen Zeit meines Lebens als Sklave dienen! Sie dürfen dabei den Hund so viel und so lange abrichten, wie Sie wollen.«
Ich verstand, was da gesagt wurde; es machte auf mich einen großen Eindruck.
»Die Sache mit dem Turme ist nun wohl erledigt. Nun, Herr Klingsor, da ich Sie einmal habe, darf ich wohl gleich noch eine Bitte aussprechen. Kann ich nach hier oben ein Pferd bekommen? Ich möchte einen Spazierritt unternehmen. Um mir die weitere Umgegend anzuschauen. Es geht doch etwas schneller vorwärts als auf Schusters Rappen.«
»Können Sie reiten?«
»Ei gewiss!«
»Können Sie gut reiten?«
»Was heißt gut? Für einen Cowboy und Tscherkessen werde ich ein elender Stümper sein. Ein einigermaßen feuriges Pferd habe ich überhaupt noch nie geritten. Es waren alles zahme Gäule, wenn auch sonst edle Tiere.«
»Haben Sie schon einmal einen anderen Menschen vor sich im Sattel gehabt?«
»Nee, solche Künste trieben wir nicht. Das war auch nicht erlaubt, und da hätten die Gäule auch nicht mitgemacht, da hätten sie gestreikt.«
»Getrauen Sie sich, ein Weib vor sich im Sattel zu haben und Karriere zu reiten?«
Ha, mir ging gleich eine Ahnung auf!!
»Sie spielen wohl schon auf Sakuntalas Entführung an?«
»Jawohl. Die Sache geht wahrscheinlich noch schneller, als ich dachte. Wären Sie heute schon dazu bereit?«
»Allemal!«
»Also sind Sie imstande, Karriere zu jagen und vor sich eine Person wie Sakuntala zu halten?«
»O ja. Das heißt, das kommt ganz aufs Pferd an. Wenn der Gaul nichts dagegen hat, an mir soll's nicht liegen.«
»Sie können doch Karriere reiten?«
»Na — — ich hab's einmal getan — — aber nicht lange. Keine drei Minuten lang. Dann lief mein Schimmel ohne mich weiter. Er war mir durchgegangen.«
»Das ist allerdings schlimm.«
»Ja, das hat mich zehn Mark gekostet, für's Einfangen des Schimmels, und dann hatte er ein gutes Stück grüne Weizensaat abgefressen, und dann die Heftpflaster für mein Gesicht, und meine Hose war mir auch aufgeplatzt.«
»Ich meine, zu diesem Abenteuer müssen Sie auf einem schnellen Pferde tüchtig jagen können und vor sich auch noch Ihre entführte Braut halten«, lachte Klingsor.
»Kann denn Sakuntala nicht reiten, als solch eine Tochter von einem PawneeHäuptling?«
»O gewiss, die kann reiten, und wie, hat es als Tempelpriesterin nicht verlernt!«
»Na, die kann mich da doch lieber vor sich in den Sattel nehmen?«
»Das dürfte nicht gehen«, wurde gelacht. »Sie ist gebunden.«
»Weshalb denn?«
»Ihr Vater wird sie gebunden haben, und so muss sie entführt werden.«
»Könnte ich da nicht auch gebunden werden?«
»Auch Sie? Wie meinen Sie das?«
»Aufs Pferd, dass ich nicht herunterfalle — Na, Herr Klingsor, Scherz beiseite — so ungeschickt bin ich gar nicht — ich werde schon auch in Karriere jagen können, vor mir im Sattel Sakuntala.«
»Das denke ich auch. Nach dem, was ich damals von Ihnen gehört habe, sollen Sie ja ein ganz gewaltiger Turner vor dem Herrn sein. Bevorzugen Sie einen besonderen Sattel?«
»Ja, den deutschen Kavalleriesattel.«
»Den können Sie bekommen. Können Sie unter Umständen auch auf einer Decke reiten?«
»Jawohl, das habe ich auch probiert; sogar ohne Decke.«
»Dann ist alles gut. Also sind Sie für heute zu dem Abenteuer bereit?«
»Sofort!«
»Eine halbe Stunde wird es noch dauern. Sie werden abgeholt. Ist es Ihnen recht, dass jemand zu Ihnen kommt, vor Ihre Behausung, die Pferde gleich mitbringt?«
»Weshalb denn nicht?«
»Ich muss immer erst Ihre Erlaubnis haben, wenn ein Fremder das Ihnen reservierte Gebiet betritt.«
»Ich erteile hiermit meine Erlaubnis. Also Sie selbst kommen mit?«
»Nein. Das hat sich unterdessen geändert. Ich gebe Ihnen einen anderen Begleiter. Über diesen noch einige Worte. Er ist ein Mestize, der Sohn eines Blassgesichts, und zwar eines deutschen, und einer Indianerin, und heißt Carlos, weil er aus dem spanischen Amerika stammt. Natürlich ist er ein Mann, der Bescheid weiß und mit allem, was in Betracht kommen kann, fertig wird. Auch sonst ein netter Mensch, Sie werden sich schon mit ihm vertragen. Er ist ausgestattet mit allen Tugenden, die man sich nur denken kann: Zum Beispiel kaut er keinen Tabak, mordet niemals von hinten, betrinkt sich niemals oder doch höchstens in der Woche zweimal, stiehlt nicht, wenn Gefahr besteht, dass er dabei erwischt werden kann — —«
»Schon gut, schon gut! Das muss ja ein Ausbund von Tugenden sein!«
»Nur eine einzige Untugend hat er.«
»Er mordet wohl ab und zu von vorne?«
»Nein. Er ist sehr geschwätzig.«
»O weh!«, bedauerte ich gleich aufrichtig.
»Ja, mein lieber Willmer, alle Tugenden vereint kann man eben nicht bei einem Menschen verlangen. Oder Sie müssen zu Ihrem Weiberraube einen Engel mitnehmen. Carlos ist ein Vaquero — —«
»Ein Cowboy?«
»Ja, der das Lasso und den Revolver nicht aus den Fingern lässt. Also das müssen Sie mit in Kauf nehmen, dass dieser Mestize fortwährend schwatzt, er redet ununterbrochen, kommt vom Hundertsten ins Tausendste und dann stellt er fortwährend neugierige Fragen — —«
»O weh, o weh! Das ist das Letzte, was ich vertragen kann! Haben Sie denn keinen anderen Mann?«
»Tut mir leid. Ich selbst kann nicht kommen, habe keinen, der zu so etwas geeignet ist. Na, Sie werden schon mit ihm fertig werden. Antworten Sie ihm einfach nicht. Das hält diesen Mestizen zwar nicht ab, dieselbe Frage hundertmal hintereinander an Sie zu stellen, tatsächlich hundertmal, wenn auch nicht gerade abgezählt — —«
»Herrje, Herrjöööhhh!!!«
»Sie aber schweigen beharrlich. Nicht wahr?«
»Ich werde schweigen.«
»Tatsächlich, es ist mir von großer Wichtigkeit! Bringen Sie es einmal fertig, dem Manne niemals auf eine seiner neugierigen Fragen zu antworten.«
»Ich werde es schon fertig bringen.«
»Vielleicht wird dieser Schwätzer dann doch endlich einmal mürbe gemacht. Und der nimmt es nicht etwa übel, wenn Sie ihm nicht antworten — —«
»Soll mir sehr gleichgültig sein, ob er das übel nimmt oder nicht.«
»Wenn Sie ihm nicht antworten, und er sieht ein, dass seine Fragerei keinen Zweck hat, so wird er ja immer vor sich hin schwatzen — —«
»Na, Herr Klingsor, Sie machen mir ja ein schönes Bild von dem Kerl! Haben Sie denn nicht einen anderen, der lieber seine Finger in fremde Taschen steckt und ab und zu jemand von hinten ermordet, dabei aber nicht viel schwatzt, sondern das ganz stillschweigend tut, so mit stiller Zufriedenheit, in sich selbst beglückt?«
»Nein, ich habe wirklich keinen anderen Mann.«
»Kann ich denn die Sache nicht allein machen? So einem alten PawneeHäuptling seine Tochter zu mausen, das ist doch kein so großes Kunststück — —«
»Haben Sie es schon einmal gemacht?«
»Jawohl. Das heißt — — theoretisch, natürlich nur theoretisch! Ich habe solche Entführungsgeschichten schon oft in Indianerschmökern gelesen, und da habe ich das in meiner Phantasie alles immer miterlebt — — verstehen Sie?«
»Da ist es doch besser, wenn Sie einen sachverständigen Begleiter mitnehmen. Schon wegen des Weges, den Sie allein gar nicht finden würden.«
»Sind keine Wegweiser vorhanden? Ja dann freilich — — na, ich werde mit dem Manne schon fertig werden.«
»Das denke ich auch. Antworten Sie ihm nur niemals auf seine zahllosen Fragen.«
»Nein, nein, da seien Sie nur ganz ohne Sorge, er soll mir ein Loch in den Bauch schwatzen, ohne dass bei mir ein Ton herauskommt.«
»So habe ich Ihnen nur noch einige Vehaltungsmaßregeln zu geben. Sie dürfen keine Schusswaffe mitnehmen, weder Gewehr noch Revolver, auch nicht in der Tasche — —«
»Was? Geht die Entführung meiner Braut so zahm zu? Ich habe gehofft, bei dieser Gelegenheit einmal ein paar Menschen totschießen zu können, worauf ich mich schon immer gefreut habe.«
»O ja, es könnte zum Kampfe kommen — —«
»Aber ohne Schusswaffen? Nur per Tomahawk und Bowiemesser? Da könnte ich mich eigentlich im Tomahawkschleudern erst noch ein bisschen einüben; das Schädelspalten habe ich schon heraus — — oder wie ist es mit Fitschepfeil und Pusterohr? Zählen die hier auch mit zu den Schusswaffen?«
»Sie sollen ja Schusswaffen mitnehmen, eine Donnerbüchse! Aber die Sache ist die, dass in dem Gebiet, auf das Sie sich begeben, keine Hinterlader benutzt werden dürfen, nur Vorderlader, und so auch nur Pistolen alter Konstruktion, keine modernen, keine Revolver.«
»Weshalb denn das?!«
»Das ist ein Gesetz, welches geschaffen worden ist, als die Jäger, welche in diesem Gebiete hausen, gar zu sehr unter dem Wilde aufräumten, mit repetierenden Jagdgewehren. Da wurden nur noch Vorderlader erlaubt, da schießt man ganz, ganz anders, da zielt man bedachtsamer! Da kann man dem gefehlten und flüchtenden Wilde nicht gleich noch ein halbes Dutzend Kugeln oder gar Schrotladungen nachsenden. Dieses Gesetz besteht auch noch heute, obwohl es nicht mehr angebracht wäre — es ist nicht so leicht zu ändern, gilt für eine Reihe von Jahren.«
»Aha, ich verstehe, und das finde ich sogar ganz vortrefflich. Wenn es nach mir ginge, dürften auf der Jagd überhaupt nur Lanze und Wurfspeer und Pfeil und Bogen benutzt werden.«
»Wirklich? Das ist Ihre Ansicht?!«, erklang es mit rechter Spannung.
»Jawohl, und diese Waffen müsste sich der Jäger selbst fertigen; von anderen gemachte wären auch nicht erlaubt, am wenigsten Fabrikware.«
»Herr Willmer, Sie kommen in meinen Ministerrat, es wird wohl nicht anders sein! Und es ist tatsächlich sehr wichtig, was ich da von Ihnen zu hören bekomme. Sie sind der Mann, dessen Stimme ich später brauchen werde, um in unserem Geheimverbande mit einem Vorschlag durchzudringen, den ich schon immer gemacht habe, stets vergeblich. Wir sind unser noch zu wenig, die über die Jagd ebenso denken wie Sie.
Also Carlos wird Ihnen solch einen Vorderlader mitbringen, einläufig; schon die Doppelbüchse ist verboten. Wahrscheinlich auch ein Paar entsprechende Pistolen. Ich weiß es nicht, er ist schon unterwegs. Denn in Ihrer Höhle haben Sie nur Hinterlader. Also, bitte, auch keinem Revolver in die Tasche stecken!«
»Kostet das Strafe?«
»Sie könnten nicht nachträglich bestraft werden. Denn Sie stehen nicht unter unseren Gesetzen. Aber wer Sie direkt dabei ertappt, dass Sie einen Revolver oder eine ähnliche Waffe mit Hinterladung bei sich tragen, der kann Sie ohne Weiteres über den Haufen schießen oder Sie sonst wie vom Leben zum Tode befördern.«
»Ich werde meine sämtlichem Taschen immer umgekehrt tragen, das Futter nach außen.«
»Sonst bedürfen Sie keiner weiteren Instruktion. Dass Sie sich den Anordnungen Ihres erfahrenen Führers fügen, auch wenn Sie einmal anderer Meinung sind, ist bei Ihnen wohl selbstverständlich.«
»Ja, aber ich werde nur gehorchen, wenn er mir jeden Befehl einhundertvierundvierzigmal wiederholt, mit hundertmal, wie Sie vorhin sagten, begnüge ich mich noch nicht.«
»Und wenn er den Befehl nun nach holländischer Weise gibt?«, lachte Klingsor. »Kennen Sie das holländische Kommando beim Militär?«
Ja, ich hatte davon gehört. Die Holländer haben beim Militär ein urgemütlich klingendes Kommando. Es bereitet erst immer gemächlich vor, bis zuletzt das sich stets gleichbleibende Stichwort kommt.
»Die ganze Abteilung soll sich nach links umdrehen. Noch nicht. Aber jetzt!« — »Achtung gebt Feuer. Noch nicht. Aber jetzt!« — »Die ganze Abteilung soll auf die Gäule (beesters) steigen. Noch nicht. Aber jetzt!«
Wir machten Schluss, nachdem Klingsor mir nochmals gesagt hatte, dass der Mestize bereits unterwegs sei, sehr bald kommen würde.
Ich hatte mich wieder in die Höhle begeben, vielleicht schon wieder eine Viertelstunde darin verweilt, mich mit verschiedenerlei beschäftigt, als ich wieder ins Freie trat.
Da sehe ich dort draußen an der Felswand gleich neben dem Eingange zwei Pferde stehen, schöne, kräftige Tiere, das eine gesattelt, das andere nur mit einer einfachen Decke belegt, und an meinem Feuerplatze hockt ein Mann, hat auf die wohl noch vorhanden gewesene Glut Holz nachgeworfen und raucht aus einer Pfeife mit langem Rohre.
Als ich aus der Höhle ins Freie trat,
saß an einem Feuer Carlos, der Mestize.
Mein Mestize, der sich bereits eingestellt hat! Wodan musste sein Kommen bemerkt haben; er war immer draußen gewesen, aber er hatte ihn nicht gemeldet, musste ihn gut kennen, denn er lag bereits vertraulich neben ihm.
Es war ein Mestize, ein indianisches Halbblut. Das war gleich zu sehen, obwohl ich da ebenfalls nur theoretische Erfahrung hatte.
Der noch junge Mann hatte ein echt indianisches Gesicht, wie man es doch wohl kennt, bartlos, ernst und sogar ständig etwas melancholisch, von unerschütterlicher Ruhe, eine kühn gebogene Nase — — nur war seine Farbe ziemlich hell, wenn auch verwettert genug, und dann hatte er in auffallendem Kontrast zu den schwarzen, lang gehaltenen, straffen Haaren blaue Augen, die auch wieder etwas von der gewöhnlichen Starrheit des Indianers besaßen und dennoch wie die Adleraugen aufleuchten konnten.
Gekleidet war er in ein Jagdkostüm von naturfarbenem Leder, wie ich, ohne jeden Schmuck, auch die Mokassins nicht gestickt, wie man es doch sonst gewöhnlich findet, alles aufs Haltbarste, sauber und dennoch ganz gewaltig abstrapaziert.
Das sollte mein Führer sein, der Mestize Carlos?!
Ja, ein Mestize war er, und also sicher zu meinem Begleiter bestimmt. Dort standen ja die beiden Pferde, das eine mit deutschem Kavalleriesattel, also für mich, und neben ihm lagen auch zwei einläufige Büchsen mit Hahnschloss, zum Aufsetzen des Zündhütchens, Pulverhorn und Kugelbeutel.
Aber der Mestize Carlos, den Klingsor mir beschrieben hatte, war der sicher nicht!
Denn dass dieser Mann kein Schwätzer war, das war doch gleich diesem ernsten, strengen, gelassenen, etwas düsteren und auch melancholischen Gesicht anzusehen!! Wenn ein Mann mit solch einem Gesicht viel schwatzte, dann log fernerhin jede Physiognomie in dieser Welt!
Auch sein sonstiges Verhalten entsprach dem! Er hockte also mit untergeschlagenen Beinen vor dem Feuer und rauchte bedächtig, blies in regelmäßigen Pausen den Rauch von sich, den er dem langen Pfeifenrohre mit dem geschnittenen Steinkopfe entlockte. Die Bewegungen, die hierzu gehörten, waren die einzigen, die er ausführte, sonst saß er regungslos da, starr in das Feuer blickend.
Er war doch sicher schon seit einiger Zeit da, aber gemeldet hatte er sich nicht.
Er saß so da, dass er mich bei meinem Austritt aus der Höhle unbedingt sehen musste, und doch blickte er nicht auf.
Oder war er gar so in Gedanken versunken?
Ich räusperte mich — — er wendete den Kopf nicht, rührte sich nicht.
Ich trat dicht vor ihn hin, vorläufig ohne selbst erst zu sprechen — — er nahm keine Notiz von mir.
Ja, das ist indianischer Gleichmut, den der rote Krieger als die höchste Tugend erachtet, erhaben sein über alles — über alles!
Wer viel mit Indianern verkehrt, wird sich diesen stoischen Gleichmut, der weder Freude noch Schmerz kennt, wenn er sonst irgendwie das Zeug dazu hat, ja wohl mit der Zeit aneignen, wenigstens etwas davon.
Nun, da hatte Klingsor eben wieder einmal, wie schon mehrmals, seine Anordnungen geändert, hatte mir einen anderen Mann geschickt, der zufällig ebenfalls ein Mestize war, und wenn Carlos schon unterwegs gewesen war, so war er eben zurückgerufen worden.
Ich stand da, und der saß dort.
Wenn der nicht zuerst das Wort nahm, so musste ich es wohl tun.
»Guten Tag.«
Nur ein würdevolles Kopfneigen, sonst keinen Blick für mich.
»Sie sind mein Führer und Begleiter?«
Eine Rauchwolke und wieder ein Kopfnicken.
»Also Carlos ist nicht gekommen?«
»Uff.«
Das erste Wort, dem freilich schwer etwas zu entnehmen war.
»Er kommt noch?«
Die nervige Hand — näher beschreiben werde ich den Mann später, im Stehen konnte er ja einen ganz anderen Eindruck machen als jetzt im Sitzen — hob sich, um mit dem Finger gegen die Brust zu deuten.
»Ich.«
»Sie sind Carlos?«
»Uff«, erklang es jetzt bestätigend.
»Der Mestize Carlos?!«
»Uff.«
»Carlos der Vaquero?!!«
»Uff.«
Na, nun wusste ich es.
Klingsor hatte mich veralbert, hatte mir meinen Führer ganz ausführlich als Schwätzer und neugierigen Frager beschrieben, damit ich dann gerade das Gegenteil finden sollte. Er hatte deshalb so ausführlich dabei verweilt, weil er meine Abneigung gegen solche Menschen gemerkt hatte.
Nun, das nennt man wohl eine angenehme Überraschung, die ließ ich mir gefallen!
Aber was half es? Wenn der kein Wort sprach — und ich wartete abermals lange genug — dann musste ich wohl die Rolle des Fragenden übernehmen. Nur wollte ich nichts Überflüssiges fragen, nicht, ob das dort mein Pferd und meine Büchse sei, sonst wurde ich wieder in den Augen dieses Mannes zum Schwätzer.
»Wann brechen wir auf?«
Er wendete ein wenig den Kopf, blickte nach der Grenze des Schattens, den die Felswand warf, in dem sich auch das Feuer noch befand, nahm ein Ästchen, beugte sich im Sitzen vor, steckte es in den Boden, noch innerhalb des Schattens.
Kein Wort dazu. Die Sache war für ihn erledigt, er begann wieder zu schmauchen. Was das bedeuten sollte, musste mein Scharfsinn ergründen, und das wurde denn auch besorgt.
»Wenn die Schattengrenze dieses Ästchen erreicht, brechen wir auf?«
»Uff«, wurde bestätigt, und da schien er schon gesprächig zu werden, lieber wohl hätte er nur genickt.
Die Sonne stand ziemlich hoch und stieg noch höher. Es mochte so zwischen neun und elf sein. Das war aber auch alles, was ich bestimmen konnte. Obgleich ich erst eine genaue Sonnenbestimmung, also nach dem Schatten, hatte machen wollen, hatte ich mich doch sonst noch gar nicht um den Schatten dieser Felswand gekümmert, nicht, wie man sonst auch nur ungefähr die Zeit bestimmen könne.
Nun interessierte mich sehr, zu erfahren, wie weit dieser Mann, doch jedenfalls ein echter Sohn der Wildnis, nach dem Schatten die Tageszeit beurteilen konnte.
»Haben Sie eine Uhr bei sich?«
Ein Kopfschütteln.
»Aber Sie wissen doch — gestatten Sie mir die Frage — was das ist?«
»Uff«, wurde bejaht.
»Welche Zeit mögen wir nach Ihrer Berechnung jetzt wohl haben?«
Wieder einen aufmerksamen Blick nach dem Schatten der Felswand, er zog wohl auch noch andere Vergleiche, sah nach den Schatten des Gebüsches.
»Zwischen halb und dreiviertel zehn«, kam es dann heraus.
»Und wann wird die Schattengrenze dort den Ast berührt haben?«
»Halb zwölf«, wurde sofort ganz bestimmt erklärt.
Jetzt ging ich ohne Weiteres in die Höhle, holte meinen Chronometer hervor, dessen Lage ich zufälliger Weise noch wusste, sonst kümmerte ich mich gar nicht mehr um das mir wertlos gewordene Ding, und nun öffnete ich doch noch einmal die Telefonnische.
Es war Herr Namenlos Nummer zwei, mir der liebste von den vieren.
»Ist Herr Klingsor zu sprechen?«
»Wohl schwerlich.«
»Wenn ich ihn nach der Uhrzeit frage, so gibt er sie mir — —«
»Das darf ich jetzt auch tun, Herr Willmer.«
»Welche Uhr ist es, nach meiner Zeit gerechnet?«
»Genau zweiundzwanzig Minuten vor zehn. Oder wollen Sie im gegebenen Moment auch noch die Sekunde wissen?«
»Nein, das genügt.«
Also der Mestize hatte die Zeit sogar ganz genau taxiert.
Unterdessen hatte ich meine Uhr aufgezogen und gestellt, sie ging.
»Ich habe hier meinem Chronometer. Darf ich ihn benutzen?«
»Weshalb denn nicht?«
»Herr Klingsor verbot es mir einmal, wenigstens so halb und halb — er bewies mir, dass er die Möglichkeit habe, meine Uhr jederzeit zu verstellen, und er würde es tun, wenn ich versuche, hier geografische Ortsbestimmungen zu machen.«
»Nein, das dürfen Sie allerdings nicht. Oder Sie können es gar nicht.«
»Kann meine Uhr nicht wenigstens einmal bis heute Mittag um zwölf richtig gehen?«
»Wozu das?«
»Ich will kontrollieren, wie weit jener Mestize die Zeit nach dem Vorrücken des Schattens abschätzen kann.«
»Einen Augenblick, ich muss anderswo die Erlaubnis einholen — — so, es ist schon geschehen: Ja, bis heute Mittag um zwölf wird Ihre Uhr richtig gehen.«
Diese Erklärung genügte mir, sonst hatte ich nichts weiter zu fragen.
Als ich wieder hinauskam, saß der Mestize wie zuvor da.
»Da hätten wir also noch mehr als anderthalb Stunden Zeit.«
»Ja.«
»Was machen wir unterdessen?«
»Kannst Du schießen?«, stellte er jetzt seine erste Frage, und zum ersten Male auch blickte er mich an, und zwar nicht mit starren, sondern mit scharfen Adleraugen.
»Schießen kann ich wohl.«
»Treffen?«
»Manchmal — manchmal auch nicht«, lachte ich.
»Vorderlader?«
»Ich kenne Vorderlader, habe solche sogar schon in der Hand gehabt, aber noch nie einen geladen, weiß nur, dass man in den Lauf erst Pulver schüttet, dann Pfropfen daraufsetzt, die Kugel hineinstößt, wieder einen Pfropfen darauf, und dies alles nun mit dem Ladestock feststopft. Und dann darf man das Zündhütchen nicht vergessen. Wenn's nicht gar ein Feuersteingewehr oder so etwas ist.«
Er erhob sich, zugleich eine der beiden Büchsen ergreifend.
Er war sehr gut gewachsen, vom harmonischsten Ebenmaß. Mittelgroß, schlank, nur aus Knochen, Sehnen und Muskeln bestehend, wie an den Händen und besonders auch an dem muskulösen Halse zu erkennen war. Er musste über eine ganz bedeutende Kraft verfügen und über nicht mindere Gelenkigkeit. Auf seiner rechten Gesichtshälfte, die ich erst jetzt zu sehen bekam, hatte er zwei tüchtige Narben bis zum Halse herablaufend, und sie gaben seinem Antlitz erst recht etwas Wildes und Trotziges, ohne doch den Ausdruck der vollkommensten Seelenruhe zu verwischen. Jedenfalls ein Mann von zähester Energie.
Er hielt mir die Büchse hin, ohne sie aus der Hand zu geben, begann zu instruieren, dabei auch das andere zeigend, was dazu nötig war.
»Hundert Meter. Bei diesem Pulvermaß. Korn — Visier — gleiche Richtung mit Seelenachse.«
Hallo, was wusste der denn von einer Seelenachse? So nennt man die mitten durch den Lauf gedachte Linie. Solch einen Ausdruck erwartet man aber doch nicht von einem halbindianischen Cowboy zu hören!
»Also bis auf eine Entfernung von hundert Meter kann man genaues Korn nehmen, dann erst beginnt die Kugel zu fallen.«
»Ja.«
»Man braucht bei dieser Büchse überhaupt nie unters Ziel zu halten.«
»Nie.«
Ohne ein weiteres Wort der Erklärung lud er die Büchse, jede Bewegung mit äußerster Bedachtsamkeit ausführend, mich nur dabei manchmal fragend anblickend. Ja, ich passte gut auf. Die fix und fertigen Pfropfen befanden sich in einem Beutelchen, schon getalgt. Der erste wurde mit dem Ladestocke tüchtig hineingestoßen, und bei der Kugel ging das erst richtig los. Sie passte überhaupt nicht in den Lauf, blieb fast bis zur Hälfte oben auf der Mündung sitzen. Jetzt zog der Mestize aus dem Gürtel den kleinen Tomahawk, ferner einen Stempel — wie ich das Ding gleich nennen will. Es war ein runder Holzstab von etwa zehn Zentimeter Länge, unten und oben mit Metall beschlagen, das untere Ende zeigte eine kleine Höhlung.
Mit dieser wurde der Stempel auf die Kugel gesetzt, der Kolben der Büchse gegen den Boden, und nun schlug der Mestize mit dem stumpfen Ende des Tomahawks kräftig oben auf den Stempel.
Mit jedem Schlage drang die Bleikugel etwas tiefer in den Lauf hinein, bis der Stempel oben nur noch ein wenig heraussah, dann rutschte er plötzlich von selbst hinab. Aber die Büchse brauchte nur umgekehrt zu werden, so kam der Stempel, der natürlich etwas dünner als der Lauf war, wieder heraus; die Kugel konnte das nicht; sie war ja mit Gewalt hineingetrieben worden.
Ich brauchte keine Erklärung von dem Mestizen, wusste, was hier vorlag. So wurde die Sache gehandhabt, als man dem Büchsenlaufe die erste gezogene Führung gab, zu einer Zeit, als man aber den Hinterlader noch gar nicht kannte.
Die Sache ist die, dass der Lauf solcher gezogenen Vorderlader ganz vorn ein wenig enger gebohrt ist als hinten, nur eine Idee; in dieses Stück werden die Züge eingeschnitten, und das genügt schon, um der Kugel beim Verlassen des Laufes eine sichere Führung zu geben. Natürlich muss es eine Rundkugel aus Blei sein, und man muss sie durch diese engere Mündung mit Gewalt treiben, mit einem Stempel und Hammerschlägen. Dann fällt sie von allein hinab. Erst beim Verlassen des Laufes nimmt sie also die Führung wieder an, das Blei presst sich in die Züge hinein.
Die Büchse war geladen; wieder schaute Carlos mich fragend an.
»Ja, ich habe gut aufgepasst, ich werde es nachmachen können.«
Noch das Zündhütchen auf das Piston gesetzt, und er blickte sich um, bis sein blaues Adlerauge an einem Baume haften blieb, der einsam in der Prärie stand.
»Dort der Baum. Wie weit von hier? Wie viel Meter?«
»Ich bin ein VermessungsIngenieur, so etwas muss ich sehr gut schätzen können.«
»Achtzig bis neunzig Meter.«
Eine genauere Schätzung gibt es da nicht, alles andere ist Raten!
»Neunzig bis fünfundneunzig Meter!«
»Meinen Sie?«
»Siehst Du in Kopfeshöhe den schwarzen Pilz?«
Wenn der mich duzte, musste ich es wohl auch tun.
»Wo denn?«, hatte ich aber zunächst zu fragen.
»An dem Baumstamme.«
»Wie groß ist er denn?«
»Wie eine Faust.«
Nein, ich sah nichts — der Baumstamm hatte eine dunkelbraune Farbe, da sah ich auf diese Entfernung hin keinen schwarzen Pilz mehr, da ließen mich auch meine scharfen Augen im Stich.
Er hob die Büchse, stemmte den Kolben fest in die Schulter, zielte nur einen Moment, der Schuss donnerte.
Gewehr abgesetzt, sofort begann er zu marschieren, auf den Baum zu, zählte offenbar seine Schritte. Am Ziele angekommen, drehte er sich um und winkte mir —
Auch ich begann meine Normalschritte zu zählen. Ihrer hundertzwanzig machen genau hundert Meter aus. Da gibt es keinen Irrtum, da kommt kaum ein halber Meter Differenz heraus. Das kann man sich auf der Landstraße nach den Kilometersteinen wohl einüben.
Je näher ich dem Ziele kam, desto mehr begann ich zu staunen.
Achtzig bis neunzig Meter — — das wären also sechsundneunzig bis einhundertundacht Schritte. Das konnte ich mir unterwegs auch beim Zählen im Kopfe ausrechnen, das hat man bei der vielen Übung überhaupt sozusagen im Griff.
Schon nach der Hälfte der Strecke aber merkte ich, dass ich hiermit nicht auskommen würde, und immer deutlicher wurde es mir bei jedem Schritte.
Meine einhundertundacht Schritte, die ich bis zu neunzig Meter brauchte, das Höchste, was ich angenommen, waren bereits getan, und ich hatte den Stamm noch nicht erreicht.
Einhundertundzehn — — einhundertundelf — — — und dann hatte ich noch einen guten halben Schritt zu tun.
Das waren noch nicht ganz dreiundneunzig Meter.
Ich staunte! Wiederum hatte der Mestize genau die Mitte seiner Doppelschätzung getroffen!
Ein Kompliment sagte ich ihm darüber nicht, so wenig wie über seine Schießkunst. Jetzt sah ich den schwarzen Pilz, richtig von Faustgröße — — die Kugel hatte den horizontal stehenden Hut genau in der Mitte durchlöchert.
Schweigend gab mir der Mestize jetzt die Büchse.
Am Eigentümlichsten berührte mich, wie er dann ebenso schweigend das Pulverhorn, den Kugelbeutel und das Säckchen mit Zündhütchen an meinem Gürtel befestigte, so an mir herumnestelte, ohne ein Wörtchen zu sagen, mit diesem ernsten, stolzen, trotzigen Gesicht mich doch so bedienend.
Ich tat mein Bestes, um es ihm beim Laden gleich zu tun. Wiederholt nahm er mir etwas aus der Hand und zeigte mir andere Griffe.
Aber er fragte nichts; es lag nur im Blick, den er auf mich richtete.
Zum Hineinstoßen der Kugel hatte er genau drei Schläge mit dem kleinen Tomahawk gebraucht; ich hatte schon ein Dutzend gemacht, und noch war die Kugel nicht drin. Und ich konnte doch auch kräftig zuschlagen, tat auch mein Möglichstes. Es »zog« nicht bei mir.
»Übung!«, sagte er, nahm mir den Tomahawk aus der Hand und zeigte es mir noch einmal.
Aber erst der letzte Pfropfen! Der machte mir noch mehr zu schaffen, und hierbei zeigte mir mein Lehrmeister wiederholt, wie da mit dem Ladestock gestoßen werden muss. Er muss immer hoch herausspringen. Je fester die ganze Ladung zusammengepfropft wird, desto größer die Pulverwirkung.
Der Neuling ist da immer ängstlich. Er denkt, durch dieses furchtbare Stoßen mit dem eisernen Ladestock könnte das Pulver zur Explosion gebracht werden, der losgehende Schuss ihm die Finger abreißen. Endlich war die Arbeit zu des Lehrers Zufriedenheit getan.
»Welches Ziel?«
Jetzt sollte ich meine Schießkunst zeigen. Wir befanden uns von der Obstpflanzung ebenso weit entfernt wie von meiner Höhle; dort gab es sichtbare Ziele genug.
Ich bezeichnete eine Orange, die am ersten Baume ganz außen hing.
Nachdem ich mehrmals den Kolben anders hatte einstemmen müssen, während es auf die sonstige Haltung gar nicht ankam, durfte ich losdrücken.
Himmel, gab das einen Rückstoß!! Da würde ich bald blaue Flecke an der Schulter haben.
Der Mestize äugte.
»Bravo! Links Streifschuss«
Ich glaubte es — — weil ich hoffte, er hätte recht gesehen. Sonst konnte ich nicht begreifen, wie er das von hier aus erkennen wollte.
Wir begaben uns hin. Ja, die Kugel hatte die Orange gestreift, fast genau in der Mitte. Ich hätte wirklich stolz auf diese Leistung sein dürfen, freihändig mit einer Büchse, die ich gar nicht kannte. Oder es war ein Zufall. Das sagte ich mir selbst und auch dem Mestizen, ehrlich war ich, besser als stolz.
»Werden sehen. Noch einmal.«
Hauptsächlich verlangte er es wohl wegen des Ladens, woran er immer noch viel zu korrigieren hatte, obgleich es schon viel besser ging.
Das Ziel war diesmal an demselben Baume eine zweite Orange.
»Kein Zufall. Links unten.«
So war es. Und es wurde weiter geschossen. Nun kamen aber Entfernungen über hundert Meter daran, nun musste darüber gehalten werden, und das ist etwas ganz anderes.
Wieder gab mir Carlos erst wieder einen Beweis seiner fabelhaften Schätzungsgabe und Treffsicherheit.
Die Entfernung der einen Orange taxierte er auf einhundertvierzig Meter, hatte sich, wie sich dann ergab, nur um zwei Meter verrechnet, und er durchlöcherte sie genau in der Mitte, man hätte mit einem Zirkel nachmessen können.
Auch ich schoss ganz gut, ja — — aber mit ihm konnte ich mich freilich nicht im Entferntesten vergleichen.
Doch die Hauptsache war ihm wohl, dass ich das Laden lernte; mit drei Schlägen musste ich die Kugel hineingekeilt haben, und dann so schnell wie möglich den ganzen Satz möglichst fest; dann musste der Schuss doch erst wieder heraus; nur deshalb ließ er mich immer wieder schießen und schoss selbst aus seiner eigenen Büchse, die auch ich wieder laden musste. So ging es schneller.
Endlich hatte er an meiner Laderei gar nichts mehr auszusetzen.
»Ja, das geht recht gut so im Stehen«, meinte ich dann, »wenn man den Kolben auf festen Boden aufstemmen kann — — aber gesetzt nun, man beschleicht ein Wild, muss immer kriechen und auf dem Bauche liegen, oder es geht gegen einen Feind, man sucht Deckung — — wie soll man denn da die Kugel hineinstoßen und überhaupt den Ladestock zum Festkeilen des ganzen Schusses benutzen?«
Ich hätte nicht zu fragen brauchen, er wäre schon von allein noch daraufgekommen.
Zunächst löste er von den vielen Sachen, die er am Gürtel hängen hatte, ein zweites Ledersäckchen ab. Es enthielt ebenfalls nichts weiter als Kugeln von genau derselben Größe.
»Schwarz — — — grau.«
»Jawohl, das sah ich. Der eine Kugelbeutel war von schwarzer, der andere von grauer Farbe.
Auch auf einen fühlbaren Unterschied der beiden Kugelsäcke wurde ich aufmerksam gemacht.
»Ich sehe und fühle den Unterschied der beiden Beutel. Aber was ist denn nur für ein Unterschied bei den Kugeln selbst?«
Schweigend nahm er aus dem letzteren Säckchen eine Kugel und legte sie auf die Mündung der Büchse — — sie fiel von selbst in den Lauf, kam beim Umkehren des Gewehres auch wieder heraus.
Nun wusste ich es; es genügte, dass er mich fragend anschaute, ich konnte alles bestätigen. Die zweiten Kugeln waren eben doch etwas kleiner als die ersteren, nur eine Idee kleiner, mit den Augen unmöglich erkennbar, aber dieser Unterschied genügte, um sie von allein auch durch die gezogene Mündung rutschen zu lassen.
Das waren also die Kugeln, die man benutzte, um im Liegen zu laden, wo man eben die Kugel nicht so mit Stempel und Hammer hineintreiben konnte. Der Schuss konnte dann ja nicht mehr so ganz sicher sein, aber schließlich hatte die Bleikugel immer noch Führung genug, nur dass sie sich eben nicht mehr in die Züge einpresste.
Doch festgekeilt musste sie zuletzt mit dem Ladestock ebenfalls werden, so wie zuvor der Pfropfen über dem Pulver, das half nun alles nichts, oder die ganze Schießerei war illusorisch.
Mein Lehrmeister zeigte mir, wie man das auch im Liegen bewerkstelligen kann, und ich lernte es.
Dann erhielt ich eine Doppelpistole, wie eine solche der Mestize ebenfalls im Gürtel trug, in einem Futteral.
Wieder musste ich sie laden und handhaben lernen, was natürlich nun schon viel schneller ging als zuvor. Aber immerhin, ich bekam Handgriffe gezeigt, von denen ich nichts geahnt hatte.
Auch als Pistolenschütze bewies mir der Mestize seine schier fabelhafte Treffsicherheit.
Nachdem er schon wiederholt Orangen und dergleichen Ziele durchlöchert hatte, holte er eine niedrig streifende Möwe aus der Luft herab, aus mindestens dreißig Meter Entfernung, und das will mit der Pistole sicher etwas heißen!
Dabei besaß er nicht etwa »Freikugeln«.
Nein, unfehlbar war er nicht. Auch mit der Büchse hatte er einmal auf 200 Meter Entfernung eine Orange gänzlich gefehlt, und ebenso traf er einen Raubvogel, der noch etwas höher als dreißig Meter schwebte, und den er mit der Pistole herunterholen wollte, nicht.
Aber diese seine Fehlschüsse gehörten mit dazu, um ihn bewundern zu können. Er kennzeichnete sich dadurch gewissermaßen als richtiger Mensch. Umso erstaunlicher war, was er sonst im Treffen leistete. Dagegen kamen jene Fehlschüsse gar nicht in Betracht.
Ich wollte ihm ein anerkennendes Wort sagen und brachte es, wie ich nun einmal bin, nicht fertig, doch ich fand ein Mittel, das in anderer Weise auszudrücken und zugleich an mir selbst etwas ausführen zu lassen, was man als Kind so oft gelesen und als das Meisterstück aller Schießerei bewundert hat.
Kurz und gut — mit einem plötzlichen Entschlusse, nachdem ich etwas mit mir gerungen hatte, griff ich plötzlich in die Hosentasche und holte eines der englischen Goldstücke hervor.
»Kannst Du mir diese Guinee aus den Fingern schießen?«
Und schon hielt ich sie, zufällig mit dem Rücken gerade gegen den Baum stehend, regelrecht zwischen den Fingern mit ausgestrecktem Arme hin.
Er setzte gerade ein Zündhütchen auf seine frisch geladene Pistole.
Nur einen Blick warf er nach mir, drehte sich um, zählte fünfundzwanzig Schritte, machte Front, hob sofort die Pistole.
Himmelbombenelement noch einmal!!!
Ja, es war mir Ernst gewesen, und ich bereute nicht etwa meinen Entschluss jetzt, wurde weder ängstlich oder nur verzagt, durchaus nicht, aber — —
Ja, eben das Aber!
Auch eine Orange hatte er mit der Pistole vorhin einmal gefehlt, ebenfalls auf fünfundzwanzig Schritte!
Und was machte sich dieser Cowboy oder Vaquero daraus, wenn er mir ein paar Finger zerschmetterte?
Er nannte sich dann höchstens einen ungeschickten Tölpel, das war alles. Bat nicht einmal um Entschuldigung und forderte mich sogar vielleicht auf, es noch einmal mit der anderen Hand zu machen.
Ich nahm Abschied von etlichen Fingern meiner rechten Hand.
Da krachte schon der Schuss. Er hatte nicht sorgfältiger gezielt als sonst.
Feuerstrom, Knall und ein Schlag in meiner Hand war eines!
Richtig, hatte der Kerl mir in die Hand — — —
Nein! Ich hatte das Goldstück in meiner Stimmung ziemlich fest zwischen die beiden Finger geklemmt gehabt, es war herausgerissen worden. Dort lag es am Boden, war gegen den Baumstamm geschleudert worden und wieder zurückgeprallt und hatte vielleicht doch einmal meine Hand getroffen, aber harmlos. Von der Kugel war es etwas verbogen.
»Großartig! Fabelhaft!!«
So rief ich mit größter Erleichterung, obgleich ich bereit gewesen wäre, das Experiment sofort zu wiederholen.
Doch genug des Spieles, ich hatte die Probe bestanden. Das verbogene Goldstück sollte mir eine schöne Erinnerung fürs ganze Leben werden — — wenn ich nicht einmal gezwungen wurde, es einzuwechseln.
Er kehrte zurück.
»Weshalb hast Du vorhin mit der Pistole den Raubvogel und dann sogar die festsitzende Orange gefehlt?«
»Vorbeigeschossen«, war die wie immer lakonische Antwort.
»Konntest Du mir jetzt nicht in die Hand schießen?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Meiner Sache sicher, sonst hätte ich nicht geschossen.«
Ich verstand. Jeder Schützenbruder kennt das Gefühl. Man weiß natürlich nicht immer, ob man trifft oder nicht trifft, aber manchmal weiß man im Voraus so ganz bestimmt: Diesmal triffst Du!
Jetzt kam das Reiten daran, aber immer wieder in Verbindung mit dem Schießen, oder hauptsächlicher noch wegen des Ladens.
Die beiden Pferde waren nicht angebunden, grasten frei, ohne sich zu entfernen.
Ein Pfiff, und das mit der Decke kam sofort angetrabt. Ein anderer Pfiff, und auch das mit dem Sattel trabte gemächlich heran. Als es noch unterwegs war, pfiff der Mestize ein drittes Signal, und der Rappe fiel aus seinem Trab sofort in Galopp, bis er uns erreicht hatte, wo er sich ohne Weiteres greifen ließ.
Diese beiden Signalpfiffe hatte ich erst zu lernen, und es kam sehr genau darauf an, bis mein zukünftiges Ross auch mir gehorchte, gemächlich oder in höchster Eile.
»Vorder- oder Hinterhand?«
»Ich bin eigentlich gewohnt, auf Hinterhand zu reiten, etwas anderes gibt es ja nicht bei uns, höchstens noch Campagne.«
Hinterhand oder Vorderhand — das ist die uralte, heißumstrittene Streitfrage aller Reiter! Mit den »Händen« sind dabei die Beine des Pferdes gemeint, und es handelt sich nämlich darum, wohin man die Last des Reiters verlegen soll, ob mehr nach vorn oder mehr nach hinten.
Von Natur aus ruht das Gewicht des Pferdes, wie wohl eines jeden vierfüßigen Tieres, bedeutend mehr auf den Vorderfüßen. Um diese nun zu entlasten, verlegt man das Gewicht des Reiters mehr nach hinten. Dadurch bekommt das Pferd, besonders wenn noch andere Hilfsmittel dabei benutzt werden, mit der Zeit einen ganz anderen Gang und überhaupt eine ganz andere Haltung als früher. Am stärksten auf Hinterhand haben die alten Griechen und Römer und dann die Ritter des Mittelalters geritten, das ist nämlich gleich an den noch vorhandenen Skulpturen und Bildern zu erkennen, wie die Reitpferde die Hinterfüße unter den Leib ziehen. Die haben doch überhaupt eine ganz andere Haltung als unsere heutigen Pferde. Der Unterschied ist ganz auffallend. Man betrachte nur einmal daraufhin solch ein Bild, auf dem Reiter vorkommen.
So schlimm wird das heute nicht mehr getrieben. Immerhin, auf Hinterhand reitet auch heute noch alles in Europa, was in den Sattel steigt, das Gewicht des Reiters wird nach hinten verlegt.
Die sämtlichen wilden oder halbzivilisierten Reitervölker aber reiten auf Vorderhand. Dasselbe ist überhaupt in ganz Amerika der Fall. Der Amerikaner, der doch sicher sehr praktisch ist, alles auszunutzen weiß und mit scharfem Blick das Richtige erkennt, behauptet, wenn nun einmal das Pferd in unnatürlicher Weise belastet werden müsse, so solle das wenigstens seiner Natur angepasst werden, die Vorderfüße sollen dann auch noch diese Last zu tragen bekommen. Und außerdem reiten sämtliche Jockeys auf Vorderhand. Der amerikanische Jockey vollends sitzt fast auf dem Halse seines Rennpferdes.
Wird das Gewicht des Reiters in die Mitte verlegt, so nennt man das Campagne. Diese Art wird aber aus besonderen Gründen gar nicht angewandt, nur bei der hohen Schule. Der Schulreiter reitet Campagne, sitzt genau in der Mitte, wechselt aber beständig Vorder- und Hinterhand, je nachdem er das Pferd schreiten lässt, und das ist eben die Kunst dabei, die den Schulreiter ausmacht, wofür er solche fürstliche Gagen bekommt; eben weil es so außerordentlich schwierig ist, die Campagne das Pferd auch total erschöpft, kommt diese Art beim allgemeinen Reiten gar nicht in Betracht.
Ich sah sofort, dass mein Rappe überhaupt schon auf Hinterhand gesattelt worden war, während sich das bei dem anderen Pferde, das also nur mit einer Decke belegt war, nicht so ohne Weiteres erkennen ließ.
Wir bestiegen die Pferde. Es sah recht ungeschickt aus, wie der Mestize hinaufkletterte, weil er sich dabei so viel Zeit nahm. Man findet das bei allen Reitervölkern, dieses gemächliche Auf- und Absteigen. Dass dieser Vaquero sonst reiten konnte, darauf durfte ich mich schon verlassen, noch ehe er mir etwas vorgeritten hatte.
Doch es handelte sich jetzt nicht um Reiterkunststückchen, sondern um das Laden des mir fremden Gewehres und der Pistolen im Sattel, was eben wiederum gelernt sein wollte, wozu wieder ganz andere Handgriffe gehörten. Selbst der Stempel konnte gebraucht werden, Carlos keilte die Kugel in den Lauf ein, was freilich nur im Halten möglich war, den Kolben auf den Boden gestemmt, der Reiter musste sich tief hinabbiegen.
Die geladenen Waffen mussten immer wieder abgeschossen werden. Wurde dabei ein Ziel gewählt, das getroffen werden sollte, so konnte das natürlich nur geschehen, wenn das Pferd still stand, und zwar sehr still.
Denn während des Reitens zu schießen und mit einiger Sicherheit zu treffen, das gibt es natürlich nicht, auch nicht im ruhigsten Schritt.
Man hat ja oft gelesen, was da für Kunststückchen geleistet werden, aber das ist alles freie Erfindung. Soll doch einmal jemand vom Sattel aus, etwa gar im Galopp, mit dem Gewehr oder Revolver auf einen nur zehn Meter entfernten Menschen schießen. Er schießt meterweit vorbei.
Nun allerdings zeigte ja zum Beispiel der bekannte Buffalo Bill, Oberst Cody, wie er vom galoppierenden Pferde aus mit jedem Schusse eine der kleinen Tonscheiben zerschmetterte, die ein neben ihm reitender Mann in die Luft wirft. Aber das ist nichts weiter als ein Bluff, ein Trick, schon mehr eine Täuschung des Publikums. Buffalo Bill schießt mit einer enormen Schrotladung aus einem besonderen Gewehre, dessen Lauf sich nach vorn trichterförmig erweitert, die vielen Schrotkörner würden auch auf wenige Meter Entfernung eine Scheibe von mehreren Metern Durchmesser treffen, sie ganz bedecken, ein Korn trifft ganz sicher solch ein dünnes Tonscheibchen und zerschmettert es, es ist gar kein Kunststück dabei. Mit der Kugel nur einigermaßen sicher treffen zu können, das gibt es im Reiten nicht, auch nicht bei der ruhigsten Gangart, dabei bleibt es!
So muss ich behaupten, und trotz alledem bewies mir dieser Mestize hier gleich die Möglichkeit des Gegenteils.
Geritten wurde ja doch hin und her. So kam Carlos einmal in voller Karriere zurückgejagt, hob die geladene Pistole, feuerte sie ab, nach einem Orangenbaume haltend, und die äußerste an einem Aste hängende Frucht wurde zerschmettert. Natürlich nur Zufall.
»Hast Du die Orange mit Absicht getroffen, nach ihr gezielt?«, fragte ich trotzdem, lächelnd.
»Ja.«
»Du hast sie wirklich treffen wollen?!«
»Ja.«
»Das kannst Du immer, so eine Orange in voller Karriere mit der Pistole abschießen?«
»Meist.«
»Willst Du mir das nicht noch einmal vormachen?«
Er tat es sogar noch zweimal, einmal mit der Pistole und einmal mit der Büchse, und beide Male traf er sein Ziel mit unfehlbarer Sicherheit aus etwa fünfzehn Meter Entfernung, in vollem Galopp.
Da aber hatte ich auch beobachtet, wie er es machte.
Dieses unvergleichliche Kunststück lag im Reiten, lag im Pferd, in seiner Dressur.
Carlos ritt also auf Vorderhand. Sobald er nun die Waffe hob, rutschte er auf seiner Decke nach hinten, nahm mit einem kolossalen Ruck das Pferd auf Hinterhand, und dadurch erzielte er mitten im Galoppsprunge eine Art Schweben des ganzen Tieres, das ja nur eine Sekunde währte, aber dieses genügte dem wunderbaren Schützen, der natürlich dazu gehörte, um mit fester Hand das Ziel zu nehmen, wie eben in voller Ruhe zu schießen.
Ganz erstaunlich sah auch aus, wie Ross und Reiter, sonst doch immer wild auf und abgehend, für eine Sekunde oder vielleicht noch länger so ganz ruhig und sanft durch die Luft schwebten, förmlich als hingen sie an Seilen.
Ich sagte ihm meine Meinung und er gab es zu.
»Kannst Du das auf jedem Pferde?«
»Nein, es muss dazu abgerichtet sein, auf den plötzlichen Wechsel von Vorder- und Hinterhand.«
Dann blieb meine erste Behauptung trotz alledem bestehen.
Aber nicht, dass dadurch meine Bewunderung Einbuße erlitten hätte.
»Zeit!«, rief er da plötzlich aus.
Die Schattengrenze hatte das in den Boden gesteckte Ästchen gerade erreicht.
Was, es wären schon anderthalb Stunden und mehr noch vergangen?!
Da hatte sich der Mestize ganz sicher vollständig geirrt, als er von anderthalb Stunden gesprochen hatte, die wir noch Zeit hatten, bis der Schatten dieses Merkmal erreicht habe.
Mir war mit alledem die Zeit so schnell vergangen, dass ich kaum an eine halbe Stunde glauben mochte.
Nun, ich sah einfach nach meinem Chronometer, dem ich jetzt traute.
Wahrhaftig, zwei Minuten nach halb zwölf!
Der Mestize hatte sich wiederum nur zwei Minuten in der Zeit geirrt, und zwar war es eine Vorherbestimmung der Schattenbewegung gewesen! Ich konnte nicht begreifen, wie der das machte.
Erst saßen wir noch einmal ab, und es sollte auch noch nicht sogleich fortgehen.
Der Mestize war etwas in die Prärie hineingegangen, ich sah, wie er sich aufmerksam umblickte. Wonach, das war nicht zu erkennen.
»Noch warten«, sagte er, als er zurückkam.
»Wir brechen noch nicht auf?«
»Nein.«
»Wie lange warten wir noch?«
»Weiß nicht. Jetzt essen. Vielleicht lange hungern.«
Er hatte dort, wo die Pferde zuerst standen, eine Art kleinen Mantelsack liegen, aber ich wartete nicht erst darauf, bis er auspackte, sondern ich brachte schnell das Beste herbei, was meine Höhle bot, vor allen Dingen Schinken und Würste.
Unterdessen hatte er doch ausgepackt, es war wohl der Hauptsache nach gedörrtes Fleisch, das gar nicht recht appetitlich aussah, und er sprach denn auch gleich ohne Weiteres meinen Sachen zu, mit seinem Jagdmesser säbelnd und sich den Mund füllend, so viel wie hineinging.
»Soll ich Tee oder Kaffee kochen?«
»Mir gleich.«
»So viel Zeit haben wir noch?«
»Ja.«
Ich kochte Tee, sprach dann selbst dem Fleische tüchtig zu, ich hatte Hunger bekommen. Aber mit dem Mestizen konnte ich mich auch hierin nicht messen. Himmel, konnte der schlingen! Und den kochend heißen Tee goss er hinter, als sei er lauwarm. Der musste ja eine ganz ausgepichte Kehle haben!
Ich war schon längst gesättigt, und er schlang noch immer.
»Du bist Vaquero gewesen?«, erlaubte ich mir ein Gespräch zu eröffnen.
»Ja.«
»In Mexiko?«
»Nein.«
»Wo sonst?«
»In Texas.«
»Dein Vater war Deutscher?«
»Ja.«
»Auch Vaquero?«
»Haziendero.«
»Hatte eine eigene Hazienda?«
»Ja.«
»Eine große?«
»An die zwanzigtausend Rinder und fünftausend Pferde.«
Oho, oho! Dann war das ja der Sohn eines gar reichen Mannes! Mindestens gewesen.
»Weißt Du, wie Dein Vater hieß?«
»Natürlich.«
»Weil mir gesagt wurde, Dein Name sei nur Carlos.«
»Meyer hieß er, Gustav Meyer.«
»Na, das ist ja auch ein guter deutscher Name!«, sagte ich lachend. »Also heißt Du selbst eigentlich Meyer, Karl Meyer.«
»Nein.«
»Wie denn sonst?«
»Nur Carlos.«
»Ich verstehe nicht. Du musst doch wie Dein Vater heißen, den Vatersnamen führen.«
»Nein. Meine Mutter Indianerin.«
Sapperlot, dass ich daran nicht gleich gedacht hatte! Ein uneheliches Kind! Na, er nahm es mir nicht übel. Ich wurde trotzdem verlegen, kaute und schlang.
Da durfte ich wohl auch noch nähere Fragen stellen, es interessierte mich wirklich.
»Weißt Du, von wo Dein Vater gebürtig war?«
»Berlin.«
Ich dachte daran, wie schrecklich es bei diesen Cowboys und Vaqueros und Gauchos, die sich doch auch noch zu den zivilisierten Menschen rechnen, mit der Schulbildung bestellt ist, überhaupt mit ihrer Weltkenntnis, und daraufhin wollte ich den Mann einmal prüfen.
»Wo liegt Berlin?«
Er hätte mir eigentlich sagen können: Das weißt Du doch selber — es war eine sehr ungeschickte Frage gewesen, die mir so herausgefahren war.
Aber er ging willig darauf ein.
»Hauptstadt von Preußen und Deutschland.«
»Auch von Preußen hast Du schon gehört?«, entfuhr es mir.
»Ja.«
»Was hast Du denn von Preußen gehört?«
»Viel.«
»Auch vom alten Fritz?«
»Ja.«
»Wer war denn das?«
»Friedrich der Zweite, Friedrich der Große.«
Wann der gelebt und regiert habe, das wollte ich lieber nicht fragen.
»Woher kannst Du so gut Deutsch?«
»Gelernt.«
»Wurde bei Euch viel Deutsch gesprochen?«
»Gar nicht.«
»Welchem Stamme gehörte denn Deine Mutter an?«
»Apachen.«
»Noch so eine echte Indianerin?«
»Ja.«
»Konnte sie vielleicht irgendwo her Deutsch?«
»Gar nicht.«
»Du musst aber doch mit irgend jemand immer Deutsch gesprochen haben.«
»Ein anderer Vaquero konnte es — ganz mangelhaft.«
»Ja, wo hast Du denn Dein ganz vortreffliches Deutsch gelernt?«
»In Berlin.«
»Du warst in Berlin?«
»Ja.«
»Mit Deinem Vater?«
»Nein.«
»Mit wem sonst?«
»Allein.«
»Was hast Du denn in Berlin gemacht?«
»Studiert.«
Studieren — — — ich dachte daran, was für ein weitläufiger Begriff das ist, wie man zum Beispiel auch Kneipen »studieren« kann.
»Was hast Du denn in Berlin studiert?«, fragte ich also, noch ganz ahnungslos.
»Theologie.«
»Was? Du hast Theologie studiert?«
»Ja.«
»Aber doch nicht etwa regelrecht auf der Universität!«
»Doch.«
»Wie lange denn?«
»Acht Semester.«
»Acht volle Semester auf der Berliner Universität Theologie studiert?«, staunte ich immer mehr.
»In Berlin und Heidelberg.«
»Ja, woher hast Du denn die zum Universitätsbesuch nötigen Kenntnisse? Die müssen doch auch Ausländer nachweisen, selbst als Hospitanten.«
»Gymnasium in Austin.«
»Du hast das Gymnasium besucht?«
»Ja.«
»Ganz absolviert?«
»Ganz.«
Ich brachte es so nach und nach aus ihm heraus, zuletzt erzählte er auch selbst, freilich immer mit jedem Worte förmlich geizend. Ausführlicheres hörte ich später über ihn, und das will ich gleich berichten.
Auf einem Jagdausfluge hatte der reiche Haziendero in einem Indianerlager das schöne Apachenmädchen gesehen, hatte es — — gekauft.
Sie kam nicht mit, blieb in ihrem Wigwam, wohl aber nahm sich der Vater dann seines Kindes an, ließ, ein Witwer, den kleinen Carlos wie seine eigenen Kinder erziehen. Es war aller Ehren wert.
Bis zu seinem zwölften Jahre tummelte sich Carlos auf der Hazienda herum, also natürlich immer zwischen Rindern, Pferden und Vaqueros, wurde von Hauslehrern unterrichtet, dann kam er nach Austin aufs Gymnasium.
Der Vater hatte sich dazu von frommer Seite bestimmen lassen, aus dem aufgeweckten Jungen einen Indianermissionar zu machen. Es war dazu wohl nicht der richtige Weg gewählt worden oder es war zu einem religiösen Zwiste gekommen. Jesuiten hatten sich eingemischt, hatten den protestantischen Jungen auf das katholische »College« in Austin gebracht, ohne Wissen des Vaters — — — der machte kurzen Prozess, entrückte seinen Sohn gänzlich jenem frommen Einflusse, schickte ihn gleich nach Berlin zu Verwandten, wo er protestantische Theologie studieren sollte. Indianermissionar konnte er, wenn er wollte, noch immer werden.
Carlos hatte nie einen eigenen Willen gehabt. Mit glühendem Eifer hatte er Theologie studiert. Dabei aber war er mehr Philologe, es waren die griechischen und hebräischen Urtexte der Bibel gewesen, die ihn so angezogen hatten.
Er studierte nur mit dem Kopfe. Mit einem Male erwachte auch sein Herz, und da erkannte er mit erschreckender Gewissheit, dass er sich zu allem anderen eigne als zum Theologen, zum Gottesmanne, Pastor oder Indianermissionar. Und noch etwas anderes erwachte plötzlich in ihm: sein indianisches Blut! Schon immer hatte der Jüngling von seinen heimatlichen Prärien und Wäldern geträumt, die er auf einem wilden Mustang durchstreifte, und was sonst noch alles gehört zur fessellosen Freiheit, und eines Tages war sein Entschluss gefasst.
In Heidelberg, wo er die letzten beiden Semester studierte, bestand er noch sein letztes Examen, hätte auch den Doktortitel erwerben können, wäre es möglich gewesen, aber in der theologischen Fakultät kann dieser ja nur bei besonderer Gelegenheit verliehen werden; dann reiste er, wie eigentlich auch ausgemacht, in die Heimat zurück, aber nur, um zum Vater zu sprechen:
»Ich kann nicht Pastor und nicht Missionar werden — — ich halte es für nützlicher, wilde Pferde zuzureiten und Ochsen zu hüten als Seelen einzufangen, oder das liegt mir eben nicht, ersteres sagt mir mehr zu.«
Gustav Meyer muss ein sehr vernünftiger Mann gewesen sein. Es kam zu keiner Szene.
»Gut, mein Junge, tue, was Du willst. Ich habe an Dir getan, was ich an Dir meinem Gewissen nach tun musste und was ich tun konnte. So handle nun auch Du nach Deinem Gewissen. Weshalb ich Dich nicht als erbberechtigtes Kind adoptieren konnte, weißt Du. Aber wenn Du Dich einmal selbstständig machen, Dir eine kleine Hazienda kaufen willst, so bin ich für Dich immer zu sprechen, und auch nach meinem Tode ist für Dich gesorgt, so weit ich kann und darf, denn alles, was ich besitze, stammt von meiner Frau, das gehört ihren Kindern.«
Carlos machte sich nicht selbstständig, blieb als Vaquero auf der Hazienda seines Vaters, als gewöhnlicher Knecht, ging als solcher, wenn es nötig ward, wohl auch einmal zu den Nachbarn, um Pferde einzufangen, zu bändigen und zuzureiten, das war eben seine Lust, dabei fühlte er sich glücklich — — —
Dies war es, was ich über den Mestizen noch erfahren hatte, und ich war aus dem Staunen gar nicht herausgekommen.
Himmel noch einmal, und den hatte ich gefragt, ob er wisse, wo Berlin liege, ob er schon etwas von Preußen gehört habe!
So kann sich der Mensch irren!
Die Tatsache blieb bestehen, dass ich einen akademischen Theologen von acht Semestern vor mir hatte, der die letzte Prüfung, sozusagen das Staatsexamen, »cum laude« bestanden, mit Lob, mit der bestmöglichen Zensur, der jetzt hätte von jeder Kanzel predigen dürfen. Ich hätte ihn übrigens einmal predigen hören mögen; bei ihm würde man sich wohl nicht langweilen, er machte es kurz und bündig. Obwohl man sich auch da wieder irren konnte. Moltke hat im Reichstag auch gar lange Reden gehalten.
Und er war noch immer der klassisch hochgebildete Mann, wovon ich mich, wenn nicht sofort, doch sehr bald überzeugen sollte.
War er verwildert?
Ich merkte eigentlich nichts davon. Weil er jetzt mit den Fingern aß und sie sich dann, wenn nötig, an den langen straffen Haaren abwischte? Ja, saß er denn etwa hier am Feuer als Pastor? Und woran sollte er denn seine Finger abwischen? Ich hatte ihm keine Serviette gegeben, so wenig wie Gabel und Teller, und das Fett in die Haare zu verteilen ist doch immer noch praktischer und nützlicher als es an die Hosen zu schmieren.
Und wie er sich sonst hier benahm, das passte ganz zu dem wilden Reitersmann und Hinterwäldler, der er jetzt war! Es wäre mir doch geradezu schrecklich gewesen, hätte er sich beim Essen wie so ein Zierbengel benommen, sich nach jedem Bissen das Mündchen mit dem Tüchelchen wischend. Und war er andererseits nicht immer die vollendetste Liebenswürdigkeit, Aufmerksamkeit und Höflichkeit gegen mich gewesen, bei aller seiner Wortkargheit, dabei auch noch von einer unsagbaren Geduld? Obwohl ich mir sonst durchaus nicht so leicht imponieren lasse, das hier aber war ein ganz, ganz kapitaler Bursche, dieser theologisch gebildete Mestize und Vaquero!
Aber wie sehr ich mich sonst in ihm irrte, das sollte ich erst später erfahren, obgleich sonst alles hier über ihn Gesagte bestehen bleibt. Klingsor war es, der mich wieder einmal genarrt hatte, mir einen Streich spielend, wie ihn eben nur dieser Mann mit den Teufelsaugen fertig brachte — einen ganz nichtswürdigen Streich, den man aber doch unmöglich übel nehmen konnte, sondern nur belachen musste — — und bestaunen! — — — —
»Wie sind Sie — — oder soll ich nun auch nach dem, was ich hier gehört habe, beim Du bleiben?«
»Wie Du willst.«
»Wie bist Du nun in diesen Geheimbund hier gekommen?«
»Gehörst Du ihm schon an?«, lautete zunächst die Gegenfrage.
»Nein.«
»Kennst ihn gar nicht?«
»Klingsor machte mir gegenüber nur einige spärliche Andeutungen.«
»Geheimnis.«
»Ich frage nicht aus Neugier, sondern aus wirklichem Interesse für Dich. Bist Du schon vollkommen in den Bund aufgenommen?«
»Ja.«
»Sozusagen aktives Mitglied?«
»Ja.«
»Bist Du freiwillig beigetreten?«
»Freiwillig.«
»Aber nach Aufforderung.«
»Ja. Prüfungszeit durchgemacht.«
»Du fühlst Dich glücklich hier?«
»Sehr.«
»Bist Du schon lange hier, dass Du schon sagen kannst, an diesem Deinem Urteil wird sich später nichts ändern? Das zu wissen ist für mich sehr wichtig, denn auch ich werde mich einmal zu entschließen haben, ob ich hierbleiben will oder nicht, und ich gebe etwas auf Dein Urteil.«
»Weshalb?«
»Weil ich Dich nun so weit schon kennen gelernt zu haben glaube.«
»Es gefällt mir hier, und es wird mir immer gefallen — ich bin glücklich, so weit ein Mensch dauernd glücklich sein kann.«
»Gut, Du sollst diesen ausnahmsweise langen Satz nicht umsonst gesprochen haben, ich werde einst daran denken. Lebst Du nur als Vaquero hier, als Hinterwäldler, als Jäger?«
»Nein.«
»Betreibst Du noch etwas anderes?«
»Griechisch und Hebräisch und andere orientalische Sprachen — sind meine Liebhaberei.«
Ich sah diesen indianischen Wildling im Geiste als Bücherwurm in der Bibliothek sitzen und sollte ihm dort auch in Wirklichkeit noch begegnen.
Jetzt endlich war sein Appetit gestillt, er steckte sein Jagdmesser in die Scheide, wischte sich noch einmal die Finger an den langen Haaren ab, auf denen er keine Kopfbedeckung trug, und blickte abermals aufmerksam nach den wenigen Schatten, welche die hochstehende Sonne warf und sagte:
»Es ist Zeit!«
Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.