Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.


ROBERT KRAFT

LOKE KLINGSOR

DER MANN MIT DEN TEUFELSAUGEN

BAND 5

Cover Image

RGL e-Book Cover
Based on an image created with Microsoft Bing software


Ex Libris

Neuausgabe in neuer deutscher Rechtschreibung

Herausgegeben von Dieter von Reeken, Lüneburg
1. Auflage 2024

Diese E-Buchausgabe: Roy Glashan's Library, 2025
Fassung vom: 2025-08-20

Erstellt von Matthias Kaether und Roy Glashan

Textquelle: Verlag Dieter von Reeken
(Mit freundlicher Genehmigung des Verlegers)

Bearbeitet und ergänzt von Johannes Jühling (1870-1945)

Abbildungsnachweis:
Thomas Braatz, Leipzig (Archiv): Einbandrückseite Otto
Peter: Einbandvorderseite und sämtliche Illustrationen
im Text Verlagshaus Freya G.m.b.H., Heidenau 1 bei Dresden:
Einbandvorderseite und sämtliche Illustrationen im Text

Druckvorlage für den Gesamtroman
Loke Klingsor, der Mann mit den Teufelsaugen.
Lieferungs-Roman von Robert Kraft. Heidenau 1
bei Dresden: Verlagshaus Freya G.m.b.H. 1927
(60 Lieferungen)

Korrektur: Mike Neider, Ellen Radszat und Dieter von Reeken

Herausgeber und Verlag der DvR-Buchreihe:
Dieter von Reeken,
Brüder-Grimm-Straße 10, 21337 Lüneburg
www.dieter-von-reeken.de

Alle von RGL hinzugefügte Inhalte sind urheberrechtlich geschützt

Link zu weiteren Werken dieses Autors



Illustration

"Loke Klingsor," Band 5, Verlag Dieter von Reeken, 2024

INHALTSVERZEICHNIS

(1) Da das auf das 79. Kapitel folgende Kapitel im Original ebenfalls die Nummer 79 trägt, ist es hier mit der Nummer 79a bezeichnet worden.


— • —

76. Kapitel
Die Arche Noah und die Charybdis

Während er sich mit den Pferden zu schaffen machte, räumte ich etwas auf, trug die Sachen in die Höhle zurück. »Fertig?«, fragte er, als ich zu ihm trat.

»Ich bin bereit.«

»Keine andere Waffen bei Dir?«

»Nein.«

Mein kleines Handbeil, das er besichtigt und für gut befunden, das ich auch schon immer beim Einkeilen der Kugel benutzt hatte, hatte ich bereits in den Gürtel gesteckt.

Wodan sah, dass es fortgehen sollte, und er wollte mit.

»Hund nicht mit!«

Mein Befehl genügte, und Wodan legte sich vor dem Höhleneingange nieder.

»Soll ich ihn lieber festmachen?«

»Wozu?«

»Dass er sich nicht etwa doch noch anders besinnt und unseren Spuren folgt.«

»Er tut es nicht, wenn Du es ihm befiehlst.«

»Du kennst den Hund schon?«

»Ja. Außerdem kann er unseren Spuren auch gar nicht folgen.«

»Weshalb nicht?«

»Wirst Du gleich sehen.«

Wir schwangen uns auf die Pferde; es ging fort, die Felswand entlang, bis wir das in der Bodensenkung fließende Wasser erreichten, also dort, wo der sehr eng gewordene Fluss im Felsen verschwand.

Der Mestize zügelte sein Ross, löste den Gürtel von den Hüften, mit allem, was dran hing, nahm das Gewehr in dieselbe Hand, hob sie hoch über den Kopf, blickte mich fragend an, ohne etwas zu sagen.

Ich hatte verstanden, machte es ebenso. Es sollte durchs Wasser gehen, und wenn auch das Pulverhorn sicher wasserdicht abschloss, so mussten doch die Schusswaffen im Allgemeinen möglichst trocken gehalten werden. Mit diesen Vorderladern war es eine ganz andere Sache als mit Waffen, bei denen gefettete Patronen benutzt werden; die können lange im Wasser liegen, ehe sie unbrauchbar werden.

»Du folgst mir, Licht nicht nötig. Immer geradeaus, keine Gefahr. Pferde brauchen nicht zu schwimmen.«

Er lenkte sein Pferd hinab und in das Wasser und in das Felsenloch hinein, ich ihm nach.


Illustration

Carlos lenkte sein Pferd ins Wasser.


Das Wasser ging nur bis an den Sattelknopf, nie höher, sodass die am Gürtel hängenden Sachen gar nicht nass geworden wären. Immerhin war es doch besser so.

Erst hatte ich noch Licht von hinten, dann wurde es nach und nach finster, bis ich nicht die Hand vor den Augen erkennen konnte.

Mein Rappe schnaubte manchmal etwas ängstlich, folgte aber willig dem leisen Plätschern seines Vorgängers.

Nur etwa fünf Minuten, die uns in dieser Finsternis freilich sehr, sehr lang wurden, und vorn zeigte sich wieder ein Schimmer, der schnell zunahm. Dann kam auch ich ins Freie.

Ah, das war ja eine großartige Szenerie!

Ich sah eine Wasserfläche umrahmt von Wald, wieder eine Vermischung von tropischer und mitteleuropäischer Vegetation, wieder gab es hier riesenhafte Eichen, Buchen und auch Nadelbäume, dazwischen aber sogar Palmen, von denen jedoch keine einzige reife Früchte trug, höchstens kleine, unreife Dinger, dagegen sehr schön entwickelte Blüten — — wie man es zum Beispiel im südwestlichen Teile Englands findet, wo der die Küste treffende Golfstrom noch seine Wirkung ausübt, wo auch Palmen im Freien gedeihen, den ganzen Winter hindurch ungeschützt ausdauern, wo hingegen die Weintraube niemals zur Reife kommt. Es ist kein richtiger Winter und kein richtiger Sommer.

Es war ein langgestreckter See, und es war gleich zu erkennen, dass von ihm überall Seitenarme in den Urwald hinein gingen, also, wie ich gleich sagen kann, wenn ich es auch erst später erfuhr, ein ganzes Labyrinth von Inseln bildend.

Demnach war dies hier das Süßwassergebiet, von dem mir Klingsor gesprochen hatte. Ich würde es ja auch noch selbst entdeckt haben, es war ja meine Absicht gewesen, mit dem Kajak einmal in diesen Felsenfluss hineinzufahren, nun aber hatte mein Begleiter mich hineingeführt, und es schadete nichts.

Carlos brauchte nur etwas seitwärts zu lenken, und er hatte ein leicht ersteigbares Ufer gewonnen, ließ sein Pferd hinaufgehen und stieg ab.

»Kurze Strecke zu Fuß!«

Wir drangen, die Pferde am Zügel führend, durch Unterholz, durch welches ein Reiten sehr beschwerlich gewesen wäre.

Nach wenigen Minuten erreichten wir wieder Wasser, einen schmalen Seitenarm, an dem Carlos hielt. Die Aussicht hier war immer noch dieselbe, höchstens sah ich noch deutlicher als zuvor, dass dieses ganze Wassergebiet zwischen zwei Felswänden lag, die sich von hier aus immer mehr voneinander entfernten.

»Ich hatte eigentlich erwartet, nach Passieren dieses Felsenzuges entweder in den nordischen Urwald oder aber in die Wüste zu kommen«, meinte ich.

Carlos streckte die Hand mit zwei gespreizten Fingern aus und sah mich fragend an — — ich verstand.

»Dieser Gebirgszug spaltet sich nach Osten in zwei Teile, dazwischen liegt dieses Seengebiet?«

»Ja.«

»Es wird nach Osten immer breiter?«

»Viel breiter.«

»Wie breit?«

»Bis drei Kilometer.«

»Und nördlich davon läuft die Prärie, südlich davon die Wüste, nachdem es hier schon den nordischen Urwald begrenzt hat, ist es nicht so?«

»So ist es.«

»Es handelt sich also um ein ganzes Tal, das die Gestalt eines Dreiecks hat?«

»So ungefähr«

»Und wie lang ist dieses Tal?«

»Sieben Kilometer — — für Dich.«

»Für mich? Was meinst Du hiermit?«

»Weiter kannst Du nicht.«

»Weshalb nicht?«

»Wirst Du sehen.«

»Ist es dann etwa durch einen Sumpf abgeschlossen, durch den man den Weg kennen muss?«

»So ungefähr.«

»Das soll also heißen, bis auf sieben Kilometer Länge steht das ganze Tal zu meiner Verfügung, niemand anders darf es betreten?«

»So ist es. Ich hier nur Dein Gast.«

»Sag mal, Carlos, da fällt mir gerade ein, und Du kannst mir vielleicht Auskunft geben — — sind auch der nordische Urwald und drüben der tropische und die Wüste so für mich begrenzt?«

»Ja.«

»Diese Grenze in der Prärie habe ich kennen gelernt. Es ist eine Schlucht.«

»Möglich«, erklang es ausweichend.

»Dass die anderen Regionen zu Lande auch so begrenzt sind, kann ich mir vorstellen. Aber das Meer? Kann ich da nicht so weit fahren, wie ich will?«

»Du musst es probieren.«

Ich dachte bereits an jene Korallenbank, dachte daran, dass ich dann ja hier der reine Gefangene sei, schlug mir aber alle weiteren derartigen Gedanken, welche unangenehm werden wollten, jetzt aus dem Kopfe, gab mich lieber dem Eindrucke hin, den diese Seelandschaft auf mich machte.

»Ah, hier möchte ich auch ein Boot haben, um überall herumzustreifen!!«

»Kannst Du alles haben, brauchst ja nur zu bestellen. Es ist auch schon eins vorhanden, komm und sieh es, wir müssen es benutzen.«

Wieder ging es eine kurze Strecke an dem Ufer hin, an dem wir auch hätten entlang reiten können, und in einer kleinen Bucht sah ich es liegen, aber kein Boot, wie ich nach den Worten des Mestizen erwartet hatte.

»Eine Arche Noah!!«, rief ich.


Illustration

Denn eine solche war es, ein kastenähnlicher Bau — oder ein richtiges Häuschen, will ich lieber gleich sagen, bei etwa vier Meter Breite elf Meter lang, wie ich die Maße gleich angeben will, dazu vorn und hinten noch eine geräumige Plattform — — ein richtiges Wohnhäuschen mit Fenstern und Schornstein und was sonst noch dazugehört, hübsch weiß und grün angestrichen.

»Ein schwimmendes Wohnhaus«, setzte Carlos unnötigerweise noch erklärend hinzu.

Ich hatte dergleichen schon öfter gesehen — — das heißt auf Abbildungen. Die Engländer haben solche schwimmende Wohnhäuser auf der Themse, verbringen den ganzen Sommer darin; noch mehr sind sie jetzt in Amerika geworden.

Jedes Mal, wenn ich so etwas gelesen hatte, war eine heiße Sehnsucht über mich gekommen. Natürlich hätte ich das schwimmende Wohnhaus lieber auf einem amerikanischen See als auf der Themse gehabt. Ach, da so ein Wasserleben führen können!

»Es ist Dein.«

»Mein?«

»Selbstverständlich. Alles, was Du hier siehst, gehört Dir. Ich habe es hergeholt, wegen der Pferde, kommen schneller vorwärts. Ich kann Dir gleich alles erklären.«

Der Mestize, der immer mitteilsamer wurde, wenn er auch bei seiner lakonischen Ausdrucksweise blieb, führte sein Pferd auf die vordere Plattform, was vom Land aus bequem geschehen konnte; es war gar nicht nötig, die vorhandene Laufbrücke zu legen, während mein Rappe, um die Last gleichmäßig zu verteilen, auf die hintere kam. Es war sogar eine praktische Vorrichtung da, um die Tiere sicher zu befestigen, weil sie auf den schwankenden Planken doch hätten scheu werden können. Unsere beiden allerdings schienen einen derartigen Wassertransport schon gewohnt zu sein.

Dann, noch ehe das Fahrzeug losgekettet wurde, ging es an eine Besichtigung der Arche, wie ich es fernerhin nannte, und wieder machte Carlos, der auch hier genau Bescheid wusste, den Führer und Erklärer. Nur dass ich ihn manchmal mit Fragen anspornen musste.

Ach, war das alles reizend eingerichtet! Ein Wohn- und Schlafzimmer und dann noch eine geräumige Gerätekammer. Schon die ersteren beiden kann ich unmöglich näher beschreiben, es würde viel zu weit führen. Die Sache war nämlich die, dass hier, um den beschränkten Raum möglichst auszunutzen, mit jedem Kubikzoll gegeizt worden war, sodass es wirklich nicht ein einziges Stuhlbein gab, das nicht hohl war und irgend etwas barg, sei es ein Fernrohr oder einen kurzen Gewehrlauf oder das Mundstück einer Feuerspritze oder einen zusammengerollten Situationsplan, und so war es überall — — immer neue Überraschungen zauberte Carlos unter seinen Handgriffen hervor, ließ aus der doppelten Wand ein zweites Bett hervorrollen — für Gäste! Dort drüben sind noch zwei andere — und von der Decke einen Tisch herabschweben, welchen Möbeln er aber aus den hohlen Gestellen immer wieder die verschiedensten Sachen entnahm.

»Gibt es hier auch so einen Führer?«

»Was für einen Führer?«

»Gleich ein gedrucktes Buch, das alles erklärt, wie in dem holländischen Zimmer? Ach so, das wirst Du nicht wissen! — —«

»Doch, ich weiß. Nein, einen solchen Führer gibt es hier nicht.«

»Ja, wie soll man sich denn das nur alles merken?!«

»Musst selbst suchen, wird schon mit der Zeit gehen.«

»Woher kennst Du denn alles so genau? Du hast diese Arche selbst lange Zeit benutzt?«

»Ja, und auch alles selbst gemacht.«

»Alles selbst gemacht?«

»Ja. Das heißt nicht die Geräte, nur die Arche, aber auch jede Planke, wozu erst der Baum gefällt, dann jeden Nagel selbst geschmiedet. Mit dem Fürsten des Felsens zusammen.«

»Mit Klingsor?«

»Ja.«

»Ist denn der auch so ein Handwerkskünstler?!«

»Mehr als ich.«

»Hat seine Freude an so etwas?«

Denn es interessierte mich doch sehr, den geheimnisvollen Mann auch von dieser Seite aus kennen zu lernen.

»Alles von ihm entworfen, er selbst hat alles gemacht, ich habe ihm nur geholfen.«

»Sonst aber Ihr beiden allein?«

»Ganz allein.«

»Also ohne weitere Gehilfen.«

»Ohne einen dritten.«

»Und auch den Baum habt Ihr erst gefällt, aus dem Ihr die Bretter machtet?«

»Viele Bäume.«

»Das Baumfällen kann ich mir vorstellen, aber zur Herstellung der Bretter brauchtet Ihr doch eine Sägemühle.«

»Nein.«

»Wie denn sonst? Ihr habt doch nicht etwa mit der Handsäge oder gar mit dem Meißel die Stamme zu Brettern gespalten, so wie die Naturvölker die ersten Bretter herstellten, wodurch jedes noch ein kleines Vermögen repräsentierte.«

»Viel einfacher. Eigene Erfindung — Geheimnis.«

Also mit eigenen Erfindungen hatten die beiden doch gearbeitet — — immerhin, es war staunenswert, und so einfach war die Sache denn doch nicht, wie ich jetzt vielleicht wegen der »eigenen Erfindungen« glaubte. Da handelte es sich wohl nur um eine besondere Sägevorrichtung.

Carlos führte mich in den Geräteraum. Er enthielt Waffen aller Art, und zwar Vorderlader, Angelgerätschaften und das verschiedenste Handwerkszeug, doch musste man alles meist auch wieder aus Verstecken zum Vorschein bringen. Den Besen und den Scheuereimer zum Beispiel hätte ich nimmermehr durch Zufall gefunden.

Dann war da auch eine kleine Hobelbank, und der Mestize, der sonst etwas Ehernes an sich hatte, wurde einmal gefühlvoll — — zärtlich strich er mit der nervigen Hand über die Holzplatten hin.

»Alles selbst gemacht«, sagte er ebenso zärtlich, »und auf dieser selbstgemachten Werkbank nun wieder alle die Bretter behobelt.«

Ich schaute mir die schön bemalten und gefalzten Wände etwas näher an.

»Sind diese langen Planken nicht aus einem einzigen Stück?«

»Jedes Brett läuft durch.«

»Ja, wie habt Ihr denn diese langen Bretter auf diesem kleinen Dinge hobeln können?«

»Warum nicht? Die lassen sich schon einspannen.«

»Aber nicht hier drin.«

»Doch, hier drin.«

»Wie denn?«

»Einfach durch die Fenster hindurch.«

Ja, dann allerdings war das möglich.

Ich bemerkte eine zierliche, schön gedrechselte Säule.

»Aber diese Rundhölzer habt Ihr doch nicht gefertigt.«

»Alles, alles.«

»Dazu brauchtet Ihr eine Drehbank.«

»Hier ist sie.«

Die obere Platte der überhaupt eigentümlich gebauten Hobelbank brauchte nur herumgekippt zu werden, und die eben so einfach wie sinnreich konstruierte Drehbank kam zum Vorschein, desgleichen auch noch ein Schraubstock.

Abgesehen davon, dass ich selbst als Junge viel getischlert hatte, interessierte ich mich auch sonst für alles dies höchlichst.

»Auch die Eisenbestandteile selbst geschmiedet?«

»Bis zum letzten Nagel.«

»Dann ist hier auch eine Schmiede vorhanden?«

»Nein. Dazu gingen wir an Land. Mit einem schweren Steine wurde der erste Hammer geschmiedet, mit dem ersten Meißel, selbst gefertigt, die erste Feile aufgehauen.«

Dann hatten die es noch besser heraus als ich, den Robinson zu spielen! Und der Mann mit den Teufelsaugen machte also auch so etwas mit.

»Aber das Eisen habt Ihr doch wenigstens nicht selbst gemacht.«

»Gemacht nicht, so wenig wie das Holz. Aber wir haben erst das Eisenerz zu Tage befördert, es geschmolzen, den Stahl im selbstgebauten Hochofen gepuddelt.«

»Wie lange habt Ihr an alledem gearbeitet?«

»Lange Zeit.«

Eine nähere Angabe bekam ich nicht. Es hätte wohl verraten können, wie lange Carlos schon hier sei.

»Und jetzt wird mir diese Arche zur Verfügung gestellt?«

»Ja.«

»Ich beraube Euch.«

»Klingsor benutzt sie niemals mehr, er hat diese Periode hinter sich.«

»So beraube ich Dich.«

»Nein. Für mich gilt dasselbe. Und glaube nicht etwa, dass ich in Zwang handele, dass ich Dir eine Gefälligkeit erweisen muss, weil der Fürst des Feuers es so befiehlt, weil Du sein Günstling bist. So etwas wie Zwang gibt es bei mir nicht. Ja, auch ich habe ein Anrecht auf diese Arche — — sie gehört Dir, verbrenne sie.«

»Dann, Carlos, bitte ich Dich wenigstens, auf dieser Arche, die Du früher einmal lieb gehabt hast, recht oft mein Gast sein zu wollen. Nichtwahr, diese Bitte wirst Du mir erfüllen?«

So sprach ich, wohl gleich in etwas eigentümlichem Tone, denn mir ging plötzlich etwas zu Herzen, und dabei hielt ich ihm die Hand hin.

Und da leuchtete das sonst so starre Auge des ehernen Mannes plötzlich warm auf, und so ergriff er schnell meine Hand und drückte sie herzlich.

Ein Wort dazu sagte er nicht.

Ebenso schnell zog er seine Hand zurück und blickte sich wieder gleichgültig um.

»Ja, alles, alles selbst gefertigt — — nur die Ausrüstung und Ausstattung nicht, und zu dieser gehört auch die Maschine.«

»Was für eine Maschine?«

»Welche das Fahrzeug treibt. Es muss sich doch bewegen können. Ja, es lässt sich rudern und mit der Stechstanze fortschieben und an Seilen fortziehen, es ist sogar ein großes Segel vorhanden, aber das geht gar langsam.«

Immer länger wurden seine Sätze.

»Ach so! Wo befindet sich diese Maschine?«

Da hatte er zur Erklärung nun wieder einmal kein einziges Wort übrig, er wippte nur mit der Fußspitze gegen den Boden.

Also unten im Schiffsraum. Der freilich sicher nicht tief sein konnte, dieser Kasten musste doch ganz flach gebaut sein, das sah man ihm schon an.

»Was für eine Maschine ist es?«

»Eine treibende«, lautete die sehr unbestimmte Erklärung des Theologen.

»Ein Motor?«

»Nnnnein, eigentlich nicht — — —«

Ich glaubte, der Theologe sei in solchen technischen Sachen ganz unerfahren; deshalb wollte ich ihm zu Hilfe kommen.

»Wird er mit Benzin getrieben?«

»Nein.«

»Mit Spiritus oder mit Petroleum oder mit sonst etwas? Denn Kohlenfeuerung hat er doch sicher nicht nötig, ein Dampfkessel braucht nicht gespeist zu werden.«

»Es ist eine ganz, ganz andere Art von Maschinerie.«

»Darf ich sie nicht einmal sehen?«

»Nein.«

»Weshalb nicht?«

»Wenn Du im Wohnzimmer die Bodenluke öffnest, wirst Du unten einen langen, schmalen, ganz niedrigen, schwarzen Kasten liegen sehen, wirst die Wände für Metall halten. Gib Dir keine Mühe, den Kasten öffnen zu wollen, er wird aller Deiner Anstrengungen spotten, auch der größten Gewalt.«

»Ach so, diese Maschinerie ist eins Eurer Geheimnisse!«

»So ist es.«

»Das hättest Du gleich sagen können. Und was ist nun die eigentliche Triebkraft? Auch ein Geheimnis?«

»Ja.«

»Dann behaltet es für Euch, bis Ihr geneigt seid, es mir zu offenbaren. Und dennoch muss ich noch einige Fragen deshalb stellen. Ich soll dieses Fahrzeug benutzen, werde wohl meist allein sein. Gibt es keine treibende Schraube, kein Rad, das einmal brechen oder sich in Schlingpflanzen verwickeln kann?«

»Nein, dergleichen gibt es nicht, auch kein Rohr, welches Wasser oder Luft unter starkem Druck hinter sich stößt und so das Fahrzeug vorwärtstreibt, die Fortbewegung geschieht auf eine ganz, ganz andere Weise.

Ich kann sie Dir gar nicht erklären, Du würdest mich jetzt noch nicht verstehen. Die andere Menschheit weiß noch nichts von dieser Triebkraft, obgleich sie doch zur kostenlosen Benutzung für jeden frei daliegt. Nur eine Andeutung kann ich Dir jetzt machen. Wie ist es möglich, einen Schlitten, der also nur Kufen besitzt, keine Räder, durch ein mechanisches Mittel über den Schnee zu treiben?«

Ich verstand, was jener meinte, was er hören wollte.

»Also ein Autoschlitten, der sich durch eigene Kraft fortbewegt.«

»Ja.«

»Da muss außer den Kufen doch noch ein Rad vorhanden sein, in der Mitte, mit Stacheln versehen, dieses Rad wird getrieben, die Stacheln greifen in den Schnee ein, und wenn dieser weich ist, müssen es sehr lange Stacheln sein; so wird der Schlitten vorwärts geschoben, anders ist seine Bewegung nicht möglich.«

»Nein, der Schlitten soll kein solches Rad haben.«

»Dann wüsste ich nicht, wie — —«

»Wirklich nicht? Gäbe es nicht noch eine andere Art der Fortbewegung des Schlittens?«

»Halt, da fällt mir ein — — auf jeder Seite sind zwei Kufen vorhanden, voneinander unabhängig, beweglich; sie verschieben sich fortwährend, eine Kufe greift immer über die andere, der Schlitten schreitet gewissermaßen — —«

»Nein, auf jeder Seite nur eine einzige, feststehende Kufe, und der Schlitten soll wirklich über den Schnee hinweggleiten.«

»Dann weiß ich wirklich nicht, wie das möglich sein soll«, meinte ich kopfschüttelnd.

»Es gibt solch eine Möglichkeit, überlege es Dir, vielleicht kommst Du von selbst darauf, dann kann Dir die nähere Erklärung in ganz sachlicher Form gegeben werden. Und was für den Schlitten auf dem Schnee, ist für jedes Fahrzeug auch auf dem Wasser anwendbar. Durch Beobachten wirst Du es freilich nicht erkennen. Dagegen muss ich Dir jetzt die Steuerung zeigen und erklären.«

Diese befand sich sowohl vorn wie hinten wie auch im mittelsten Raume, wo der Lauf des Fahrzeuges und seine Umgebung in einem Spiegel beobachtet werden konnte — der aber auch wieder in einer mir ganz unerklärlichen Weise funktionierte, eben auch wieder ein Spiegel, der ganz besonderen optischen Gesetzen gehorchte — und immer war es nur ein kleines Tastenbrett, durch dessen Druckknöpfe man die Fahrt und die Steuerung und jedes Manöver der Arche beherrschen konnte.

Wie dies geschah, wurde mir während der Fahrt über den See gezeigt, und es war so einfach, dass ich bald wieder meine Aufmerksamkeit dem Wasser und seiner Umgebung zulenken konnte.

Kamen wir einmal dem Ufer nahe, sah ich stets Wild in Menge, und sonst war hier die Region der Wasservögel aller Art, von denen es besonders in den Schilfgebieten geradezu wimmelte.

Manchmal ging es auch in Seitenarme hinein, doch immer kam dann wieder eine größere, freie Wasserfläche, und Carlos bestätigte mir, dass es ein ganzes Labyrinth von Inseln sei.

»Eine Karte davon gibt es nicht?«

»Doch.«

»Aber nicht für mich?«

»Auch.«

Aus einem Stuhlbein brachte er die Rolle zum Vorschein. Eigentlich hätte sie dort in den kleinen Schreibtisch gehört, der aus der Wand hervorgezaubert werden konnte.

Ich erkannte eine peinlich genau ausgeführte Vermessung, überaus sauber gezeichnet und kopiert, was ich doch wohl zu beurteilen vermochte.

»Wer hat diese Vermessung gemacht und das gezeichnet?«, entfuhr mir so die Frage.

»Ingenieur Reinhart — — Du kennst ihn nicht.«

Nein, den kannte ich nicht.

»Was haben diese Sternchen zu bedeuten, die hier und da eingetragen sind?«

»Besonders interessante Punkte. Suche sie selbst aus.«

»Und die länglichen Kreuze?«

»Dort drohen Gefahren, dort sei vorsichtig. Doch ist immer dafür gesorgt, dass der sich Nähernde die Gefahr rechtzeitig erkennt und sich nicht hineinzugeben braucht.«

»Auch bei Nacht?«

»Auch bei Nacht«, wurde bestätigt.

»Und die Fragezeichen?«

»Das sind Punkte, zu denen Du nicht dringen kannst.«

»Warum nicht?«

»Weil sie Geheimnisse bergen, die dem Uneingeweihten verschlossen bleiben.«

»Hier zum Beispiel ist eine größere Bucht mit einem Fragezeichen. In diese Bucht kann ich gar nicht dringen?«

»Nein, von keiner Seite aus, was Du Dir auch für Mühe geben wirst, und obgleich keine Kette im Wasser gelegt und keine Mauer zu Lande aufgeführt ist.«

»Darf ich versuchen, in solch eine Bucht oder in ein sonstiges Geheimnis zu dringen?«

»Es bleibt Dir unbenommen. Du darfst hier alles tun und lassen, was Du willst. Versuche einen Waldbrand hervorzurufen. Aber gib Dir keine Mühe, was wir Uneingeweihten verbergen wollen, das wissen wir auch zu sichern.«

»Und der Waldbrand?«

»Er würde rechtzeitig gelöscht werden. Das musst Du Dir natürlich gefallen lassen.«

»Ich bin gar kein solcher Mordbrenner. Bist Du von Klingsor beauftragt, mir dies alles zu erklären?«

»Nicht beauftragt, aber dazu ermächtigt. Klingsor kann mir auch gar nichts auftragen.«

»Weshalb nicht?«

»Ich bin Ritter und Meister.«

»Donnerwetter!«, sagte ich, obwohl ich noch gar nicht wusste, was das zu bedeuten habe. »Entschuldige — aber Klingsor sagte, er schicke Dich zu mir.«

»Das tat er. Ich hätte aber nicht Folge zu leisten brauchen.«

»Dann bin ich Dir sehr dankbar, dass Du es getan hast; einen besseren Führer und Gesellschafter hätte ich sicher nicht bekommen können. Hier sind Gebirge schraffiert. Die Inseln rücken immer näher zusammen, und sie alle sind gebirgig.«

»Dieser Gegend nähern wir uns jetzt.«

Ehe ich noch etwas von ihnen bemerkte, machte ich eine andere Beobachtung.

Auch hier vermischten sich wieder alle Tierarten der verschiedensten Breitengrade, wie es auch bei der Vegetation der Fall war. Nicht gerade, dass ich Eisbären und Schneefüchse neben Gazellen und Zebras sah, so weit ging die Vermischung aller Breitengrade und Klimata nicht, aber vorhanden war eine solche dennoch.

Jetzt aber wurde die Flora wie die Fauna einseitiger. Immer mehr Palmen tauchten auf, die auch reife Früchte trugen, es ward überhaupt immer mehr eine echt tropische Vegetation; ich sah den ungeheuren Kopf eines Flusspferdes auftauchen und dort im Dickicht einen brasilianischen Tapir von Eselgröße verschwinden.

Außerdem merkte ich auch die ganz bedeutend zunehmende Temperaturwärme!

»Wie ist das nur möglich?! Unter ein und derselben Sonne?«

»Einfach heiße Quellen, ganz heiße Bäche, die ihre Temperatur weiter verbreiten.«

Ach so! Ja, mit heißem Wasser kann die Natur allerdings gar viel hervorzaubern. Das ist etwas ganz anderes als unterirdische Heizung. Der Wasserdampf bleibt auch am Boden gelagert. Man denke nur an die Wirkung des Golfstromes. Natürlich dürfen nicht gleich gar zu starke Gegensätze zusammentreffen. Aber immerhin — — Grönland heißt nichts anderes als Grünland. So nannten die Wikinger die sonst zwischen Treibeis vergrabene Küste, an der sie grüne Wiesen und selbst Weinreben fanden, die freilich keine Trauben trugen. Das machte der Golfstrom aus, der damals noch nicht von der Halbinsel Florida, die sich aus abgesetztem Schlamm gebildet hat, nach Osten abgelenkt wurde, sondern an der Küste Amerikas hinstrich und zuletzt auf das heutige Grönland auftraf. Dafür war damals die Küste Südwestenglands viel kälter und unwirtlicher als heute.

»Sind diese Flusspferde hier importiert?«

»Du fragst zu viel.«

»Darf ich eines schießen?«

»So viel Du willst. Nur falle dabei nicht ins Wasser, diese Nil- oder Flusspferde fressen nicht aus der Hand, sind nicht gezähmt, und mit einem verwundeten Hippopotamus ist nicht zu spaßen.«

»Gibt es hier auch Krokodile?«

»Nein, so wenig wie giftige Schlangen, während Du dagegen die Python und die Anakonda sogar sehr häufig antreffen wirst. Diese Riesenschlangen brauchst Du aber nicht weiter zu fürchten.«

Dann, wenn zum Beispiel nur Krokodile fehlten, war das Ganze eine künstliche Sache, ein Tierpark. Natürlich alles über alle Maßen großartig; meine Bewunderung wurde durch jene Erkenntnis nicht etwa vermindert.

Und immer großartiger wurde auch die Szenerie. Jetzt wurden die bewaldeten Inseln hügelig, bergig, bis ihr Gestein keine Vegetation mehr gestattete, und die Felswände traten dicht an das Wasser heran, wunderbare Gebilde von den bizarrsten Formen; ich blickte in Höhlen und Grotten, deren Seltsamkeit aller Beschreibung spottete. Carlos hatte die Fahrt der Arche gemäßigt, in den freien Gewässern war es pfeilschnell gegangen.

»Welche Geschwindigkeit entwickelt sie eigentlich?«

»Fünfzehn Kilometer in der Stunde; auf eine schnellere Fahrt kannst Du sie nicht einstellen. Das sind, würde der Seemann sagen, etwa acht Knoten, für einen heutigen Dampfer ein lächerlicher Schneckengang, während Du wohl glaubtest, die schlanke Arche schösse wie ein Pfeil dahin. Das macht die begrenzte Umgebung, die auf dem Meere fehlt, das Auge kann immer auf festen Punkten ruhen.«

»Na, fünfzehn Kilometer in der Stunde ist schon ganz hübsch, schneller darf die elektrische Straßenbahn bei uns auch nicht fahren. Also eigentlich könnte die Arche eine noch größere Schnelligkeit entwickeln?«

»Theoretisch ist sie sogar unbegrenzt.«

»Gibt es Untiefen und dergleichen unsichtbare Hindernisse, auf die ich laufen kann?«

»Die gibt es. Auf dem Plane ist vor ihnen durch Kreuze gewarnt. Aber mache Dir keine Kopfschmerzen, falls Du mit dieser Arche einmal Schiffbruch erleiden solltest, Du beraubst uns wirklich nicht, sie hat für uns keinen Reiz mehr.«

Der Mestize lenkte in einen noch engeren Wasserkanal ein, der von hohen, hier einmal glatten Felswänden begrenzt wurde, er mündete in einen weiten Talkessel, aber immer mit Wasser gefüllt, in dem eine Temperatur wie in einem Dampfbad herrschte, und meinen Augen bot sich ein grandioses Schauspiel dar. Die Musik dazu hatte ich bereits seit einiger Zeit gehört.

Aus einer großen Höhlenöffnung in der glatten Felswand quoll ab und zu eine Dampfwolke hervor, in ganz regelmäßigen Zwischenpausen, jedes Mal begleitet von einem eigentümlichen bollernden Geräusch, etwa wie ein sehr weit entfernter Kanonenschuss klingend.

Das war alles, nichts weiter! Aber über alle Begriffe imposant, mächtig, schauerlich war es. Doch so etwas lässt sich eben nicht beschreiben. Ich kann höchstens noch sagen, dass diese Höhlenöffnung ein Felsentor von wenigstens zehn Meter Höhe und acht Meter Breite war. Dementsprechend war es eine kolossale Dampfwolke, die ungefähr alle halben Minuten mit der größten Gewalt unter dem bollernden Tone herausgeschleudert wurde, und dass sie sich nicht weiter verbreitete, das kam daher, weil sie dann gleich wieder in die Öffnung eingesogen ward.

In respektvoller Entfernung hatte Carlos die Arche halten lassen. Dann legte er die Zeichnung zurecht, deutete auf eine bestimmte Stelle, die mit einem Kreuze markiert war.

»Bisher habe ich keinen Abstecher gemacht, um Dir irgend etwas Besonderes zu zeigen, hier ist einmal eine Ausnahme, und die Sache ist es wert.

Auf der Karte siehst Du den Kessel verzeichnet, merke Dir die Stelle, dass Du sie wieder finden kannst, falls Du Lust hast, auf mein Angebot einzugehen.

Die Sache ist folgende:

Du befindest Dich hier in der Grotte der Charybdis.

Was das bedeutet, weißt Du ja.

Odysseus musste auf seiner abenteuerlichen Meeresfahrt zwischen zwei Felsen hindurch, in deren Höhlen je ein fürchterliches Ungeheuer hauste.

In der einen Felsenhöhle lauerte die Skylla, in der anderen die Charybdis.

Die Skylla war ein sechsköpfiges Ungeheuer, das alles ergriff und verschlang, was in den Bereich seiner langen Polypenarme kam.

Die Charybdis gegenüber bekam man überhaupt niemals zu sehen, sie machte sich nur dadurch bemerkbar, dass sie in kurzen Zwischenräumen ringsum das ganze Meer einsaugte, mit allem, was sich darauf befand. So verschlang sie auch das größte Schiff, und wenn sie dann das Wasser wieder ausspie, so erschienen Schiffsplanken, Eisenteile usw., während Fische, Menschen, Tiere sowie alle pflanzlichen Stoffe im Magen der Charybdis zurückblieben und von ihr verdaut wurden.

Die beiden Ungeheuer waren zwar so weit voneinander entfernt, dass man ihnen entgehen konnte, man musste sich ihnen eben fern genug halten, aber das war immer nur für die eine Seite möglich. Entzog man sich dem Bereiche der Fangarme, so wurde man von der Charybdis eingesaugt, und blieb man dieser ferne genug, so packte einen die Skylla.

Dieser Fabel liegt eine Tatsache zugrunde.

Es handelt sich um zwei Felsen in der sizilianischen Meerenge, unweit der Hafeneinfahrt von Messina. Der eine hat viele spitze Arme, die sich weit hervorrecken, der gegenüberliegende erzeugt einen starken Strudel, den sogenannten Garofalo. Er kann aber nur kleineren Fischerbooten gefährlich werden, und größer waren damals eben auch die Rudergaleeren nicht; die heutigen Fischer vermeiden diese Gefahr eben, und gegenüber die spitzen Hindernisse der Skylla hat man gesprengt.

Ich begann meine Ausführungen mit den Worten, dass Dir dies doch alles bekannt ist — selbstverständlich — und habe dennoch alles noch einmal wiederholt.

Ich wollte Dich nur darauf aufmerksam machen, dass wie jeder Sage, Fabel oder Mythe auch hier eine Tatsache zugrunde liegt.

Jetzt befindest Du Dich in der Grotte der Charybdis. So heißt dieser Talkessel hier. Eigentlich ein falscher Ausdruck, denn unter einer Grotte versteht man doch einen oben geschlossenen Felsenraum, während dieser Kessel offen ist.

Aber dieser Raum ist nun einmal Grotte genannt worden, zum Unterschiede von der eigentlichen Höhle der Charybdis, deren Öffnung Du dort schaust.

Unsere Charybdis saugt nun zwar kein Wasser ein und speit es wieder aus, sondern macht es mit heißem Dampfe, den sie erst ausspeit und dann wieder einsaugt, wobei doch wohl ein Unterschied ist.

Die Gefahr besteht nun darin, dass man sich verbrüht, und das genügt wohl auch schon. Der saugende Zug, den sie ausübt, ist nur ganz gering, höchstens ein Schleier oder ein flatterndes Stück Papier wird mitgerissen.

Es ist ein Geysir, der sich ausnahmsweise einmal nicht direkt im Freien, sondern in einer Höhle befindet.

Aber die Sache ist nun die, dass dies gar kein von der Natur geschaffener Geysir ist, sondern ein künstlicher, der jedoch nicht mit Absicht angelegt wurde, sondern durch ein Versehen unserer Ingenieure entstand und uns die größten Unannehmlichkeiten bereitete, die wir nicht wieder zu beseitigen vermögen.

In jener Höhle dort befand sich einmal ein — Tempel, will ich gleich sagen. Es war ein kleines Heiligtum, in dem etwas Besonderes aufbewahrt und verehrt wurde.

In der Höhle führt eine Treppe hinab in einen tiefer gelegenen Raum, der künstlich erweitert ist, in diesem steht als Hauptsache eine menschliche Figur von nicht ganz Lebensgröße, aus Bronze oder einer ähnlichen Metalllegierung; sie ist auf einem Sockel sehr gut befestigt.

Nun war in der Nähe eine heiße Quelle, deren Wasser sich in einem unterirdischen Behälter aufspeicherte, und seine Nachbarschaft machte den Aufenthalt in dem Tempelraume infolge der großen Hitze schier unerträglich.

Das Wasserbecken sollte entleert werden. Unsere Ingenieure sondierten, entwarfen den Plan und führten ihn aus. Aber eine Sprengung wurde falsch gemacht, das ausfließende kochende Wasser ergoss sich in den Tempel. Eine kalte Quelle war dort schon immer vorhanden gewesen, nun kam die kochende noch hinzu, und so war der schönste Geysir fertig.

Die Katastrophe ging so schnell vor sich, dass der Tempel nicht mehr ausgeräumt werden konnte, und so befindet sich dort unten noch die menschliche Figur, an der uns außerordentlich viel gelegen ist.

So sicher sie auch auf dem Sockel befestigt ist, genügt doch ein Hebeldruck, um sie abzulösen, und sie ist hohl, gar nicht schwer.

Aber wie nun dort hinabkommen, den Hebeldruck ausführen und glücklich wieder heraufgelangen?

Herr Willmer, lösen Sie dieses Problem, und Sie werden sofort zum Meister ernannt — und wenn Sie das Experiment selbst ausführen, wegen Ihres Wagemutes auch noch zum Ritter, zum Großritter, vielleicht gleich zum Grafen — — wogegen der Titel eines Meisters aber noch etwas ganz, ganz anderes zu bedeuten hat.«

Der Mestize hatte geendet. Mir fiel nicht besonders auf, was für eine lange Rede der sonst so wortkarge Mensch gehalten; mich interessierte höchlichst, was ich da zu hören bekam, angesichts des Phänomens selbst. Und er hatte eigens diesen Abstecher gemacht, hatte mich hergeführt, nur um mir davon zu erzählen, so wichtig war ihm und dem ganzen Geheimbunde die Wiedererlangung jener Figur; da war er eben einmal ausführlich geworden, da hatte er mich auch einmal »gesiezt«, indem er jetzt einmal der wissenschaftliche Mann war, der mich als ebensolchen anerkannte.

»Ich denke doch«, meinte ich jetzt, »es ist schon alles versucht worden, um diese Figur wieder heraufzuholen.«

»Ja, viele Pläne sind schon entworfen worden, vieles hat man schon versucht, und alles war vergeblich.«

»Das stelle ich mir aber doch gar nicht so schwierig vor.«

»Sie denken daran, den ganzen Felsen zu sprengen, um dem Geysir erst einmal im Freien beizukommen; dann aber muss dem kochenden Wasserzufluss doch wieder eine andere Richtung gegeben werden können.«

»Selbstverständlich. Aber wenn das noch nicht ausgeführt und noch nicht einmal erwogen worden ist, so muss da wohl ein besonderer Haken dabei sein.«

»So ist es. Damals war solch ein Sprengen und Bohren hier noch erlaubt. Seitdem aber damals das Versehen passierte, die Figur verloren ging, ist dieser Felsen für uns tabu, unantastbar.

Und dieser ganze Talkessel hier ist es für uns geworden seit jener Zeit. Weshalb, wie dieses Gesetz oder Verbot plötzlich aufgekommen ist, das kann ich Ihnen jetzt nicht erklären. Sie würden mich gar nicht begreifen — — kurz und gut, dieser ganze Felsen ist für uns tabu. Wohl dürfen wir die Grotte der Charybdis betreten, auch in die Höhle dringen, dürfen aber nirgends das kleinste Stückchen Stein abschlagen. Und dieses nun einmal geschaffene Tabu ist für uns ein ehernes, unumstößliches, niemals wieder aufzuhebendes Gesetz.«

»Für Sie, für die Mitglieder des Geheimbundes?«

»Ja, für uns Skalden. Ich weiß, dass Sie diesen Namen bereits gehört haben.«

»Nein. Also da soll ich nun der sein, welcher — — das eherne Verbot umgeht — —«

»Nein, geehrter Herr Willmer«, unterbrach mich der Mestize, bei der Wichtigkeit der Affäre immer mehr in einen ganz modernen Konversationston fallend, »so einfach, wie Sie es sich denken oder wie Sie nach meinen ersten Ausführungen annehmen mussten, ist die Sache nicht.

Auch Sie können hier nicht sprengen und bohren, auch wenn Sie wollen und alle Hilfsmittel dazu haben.

Wir besitzen nämlich ein Mittel, um jede Substanz in ganz besonderer Weise fest zu machen, ihr eine ungeheure Härte zu geben.

Es ist ganz dem Härten des Stahles zu vergleichen, nur dass es in ganz anderer Weise ausgeführt ist.

Sie sind in dem unterirdischen Palaste gewesen, der sich unter Ihrer Höhle befindet, ich weiß davon. Es ist Ihnen gesagt worden, dass Sie dort, besonders um sich Eingang zu den Ihnen verschlossenen Räumen zu verschaffen, nach Belieben meißeln und bohren und auch sprengen dürfen. Haben Sie das schon einmal versucht?«

»Nein.«

»Es würde Ihnen nicht gelingen, in den Felswänden auch nur das geringste Löchelchen zu erzeugen. Dieser ganze Felsen ist gehärtet. Wie das geschieht, das ist natürlich eine sehr eigentümliche Sache. Ich kann Ihnen höchstens ein Beispiel oder Gleichnis zur Erklärung geben.

Dazu muss ich Ihnen aber erst noch sagen, dass es ganz verschiedene Arten von Elektrizitäten gibt. Die andere Menschheit, außerhalb deren Rahmen wir Skalden uns stellen, kennen zwei oder drei Arten, wir kennen noch eine ganze Masse anderer Arten.

Kurz — — durch den Stahl, ob nun ein dünnes Plättchen oder ein kolossaler Block — wird ein elektrischer Strom geleitet; diese Elektrizität saugt sich in das Metall gewissermaßen ein und bleibt darin, verleiht ihm eine Härte, welche die des Diamanten noch weit übertrifft.

Dieses Härteverfahren kann nicht nur für Stahl, sondern auf jedes andere Metall und auch auf die verschiedenen Gesteinsarten angewendet werden, so weit ihre Struktur nur fest genug ist, dass der Stein nicht bröckelt.

Die Elektrizität pflanzt sich fort, doch wieder in ganz besonderer Weise; ihre härtende Wirkung wird vom Zentrum aus immer schwächer, oder sie wird eben immer weniger aufgesaugt, so dass man es in der Hand hat, zum Beispiel von einer Felswand nur gewisse Partien zu härten, nach allen drei Dimensionen hin.

So ist auch der Felsen, in dem Sie Ihre Höhle haben, oben von normaler Beschaffenheit, die Härte fängt erst unten an, und desgleichen sind so die metallenen Türen behandelt worden, sodass ich Ihnen rate, sich da keine Mühe geben zu wollen.

Und so ist nun auch damals diese ganze Grotte der Charybdis gehärtet worden, mit ihrer eigentlichen Höhle dazu, damit wir nicht in Versuchung kommen, das heilige Tabu dadurch zu umgehen, dass wir einen Fremden mit den Ableitungs- und Bergungsarbeiten beauftragen. Jetzt wissen Sie, wie die Sache hier steht.«

»Ja, was für ein Problem ist denn das nun, mit dessen Lösung ich mich da beschäftigen soll?«, fragte ich.

»Wie man die Figur dort unten wieder heraufbringt.«

»Na ja, wenn man aber nicht sprengen und bohren darf, um die heiße Quelle wieder abzuleiten?«

»Man muss eben hinabsteigen, tauchen.«

»Wie tief ist der in Betracht kommende Raum?«

»Bei dem höchsten Wasserstande, der alle halben Minuten wechselt, dreizehn Meter, bei dem niedrigsten nur elf.«

»Nur elf Meter? Na ich danke!«

»Das bedeutet für einen Taucher in Ausrüstung doch gar keine Tiefe.«

»Und wie heiß ist das Wasser? Wegen der Dampfwolke dort braucht es ja gar nicht so sehr heiß zu sein.«

»Noch über hundert Grad.«

»Nach was für Graden rechnen Sie da?«

»Nach Celsius.«

»Nach Celsius?! Dann ist es ja überhaupt gar kein Wasser mehr, dann ist es doch schon Dampf!«

»Das braucht nicht der Fall zu sein. Das Wasser in dem Tempel selbst steht doch unter starkem Druck, eine kältere Wassersäule von mindestens acht Meter Höhe lastet darauf. Es dürfte 105 Grad haben. Ist die darüber liegende kalte Wasserschicht genügend erwärmt, so erfolgt die Explosion. Der Dampf, der dort herauskommt, ist nicht nur ein heißer Nebel, sondern hat die regelrechte Dampftemperatur von hundert Grad Celsius. Ja, wenn es überhaupt sehr warm in dieser Grotte ist, die Sonne hineinbrennt, wie jetzt, hat er sogar noch ein halbes Grad mehr. Überhitzter Dampf. Das lässt sich doch nachmessen.«

»Na, ich danke!«, konnte ich nur wiederholen. »Wie soll man denn in dieses kochende und sogar überhitzte Wasser tauchen?«

»In einem Skaphander sollen Sie hinabtauchen.

»Was? Ich?!«

»Wir rechnen auf Sie. Dieser Skaphanderanzug ist eine ganze Rüstung, aus einer Masse hergestellt, welche gegen Hitze isoliert. Perfekt! Eine Hitze bis zu 150 Grad Celsius kommt überhaupt nicht in Betracht, der Taucher kann stundenlang dort unten verweilen, er merkt gar nichts von der Wärme.«

»Na, wenn es so ist, dann steigen Sie doch selbst hinab!«, rief ich.

Die Arme über der Brust verschränkt, blickte der Mestize sinnend nach dem Höhlenrachen, aus dem es soeben wieder dampfte und böllerte.

»Ich habe es noch nicht versucht — —«

»Aber andere schon?«

»Zwei Mann.«

»Und?«

»Sie sind niemals wieder zum Vorschein gekommen.«

»Sie sind dort unten ganz einfach zu Mus zerkocht!«

»Nein, die Hülle des Skaphanders isoliert vollständig.«

»Waren sie denn nicht an einem Sicherheitsseile befestigt?«

»Sie waren es.«

»Na, und?«

»Es gelang nicht, sie wieder hervorzuziehen.«

»Aha, sie hatten sich festgeklemmt!«

»Anders wird es nicht gewesen sein. Das heißt, nachdem sie in irgendeiner Weise ihren Tod gefunden haben. Ihre Leichen konnten nicht an den Seilen zurückgezogen werden. Es führt ja kein gerader Weg dort hinab. Schon die Treppe beschreibt zweimal einen Winkel, dann kommt ein Gang, durch zwei Türen, und dann erst gelangt man, immer noch einmal um eine Ecke biegend, in den kleinen Raum, in dem die Figur steht.«

»Waren die Taucher nicht telefonisch mit der Außenwelt verbunden?«

»Sie waren es.«

»Haben sie nichts gemeldet?«

»Zuerst berichteten beide übereinstimmend das Gleiche. Wie sie eben Schritt für Schritt vordrangen, bis in jenen Raum, ohne etwas von Hitze zu spüren, ohne eine sonstige Gefahr zu bemerken.

Beide haben die Figur noch gesehen, die unversehrt auf ihrem Sockel stand.

Nur ihre letzten Worte waren verschieden, wenn sie auch sicher aus dem gleichen Grunde hervorgestoßen wurden, also auch gleiche Bedeutung hatten.

Der erste rief zuletzt: ›Allmächtiger Gott — — —‹ Dann war die Telefonverbindung unterbrochen, das heißt der Taucher antwortete nicht mehr. Der zweite stieß noch hervor: ›Entsetzlich! Das ist — —‹ Dann schwieg auch er für immer.«

»Na, die beiden mögen ja in ihrem letzten Augenblicke etwas Nettes gesehen und erlebt haben! Das riefen sie gleichzeitig?«

»O nein, Sie irren, oder ich habe etwas zu erwähnen vergessen — — zwischen diesen beiden Fällen liegen fast drei Jahre.«

»Ach, die beiden sind gar nicht gleichzeitig hineingestiegen!«

»Nein, wie gesagt: der zweite fast drei Jahre später als der erste.«

»Wie lange ist denn das nun überhaupt schon her? Oder ist das auch so ein tiefes Geheimnis, weil es sich dabei um eine Zeitangabe handelt?«

»Sie dürfen es erfahren. Die Katastrophe, die uns den Tempel verschloss, geschah vor vier Jahren. Ob ich damals schon hier war oder nicht, tut dabei nichts zur Sache. Der erste Mann drang vor drei Jahren ein, der zweite vor noch nicht sechs Wochen.«

»Hat dieser die Leiche seines Vorgängers gesehen?«

»Nein.«

»Keine Spur davon bemerkt?«

»Keine Spur.«

»Wo ist denn das Seil geblieben?«

»Das musste doch hier draußen abgeschnitten werden, als keine Hoffnung mehr war, die Leiche heraufzubefördern.«

»Wie lang war das darin zurückbleibende Seil noch?«

»Genau neunundzwanzig Meter.«

»Und also auch dieses Seil war nicht mehr vorhanden?«

»Nein. Der zweite Taucher bemerkte nichts von diesem Seile seines Vorgängers.«

»Na, das ist natürlich zerkocht.«

»Es kann ja auch auf andere Weise verschwunden sein.«

»Auf welche Weise?«

»Sie vergessen wohl, dass in der Höhle ein gewaltiger Strudel herrscht. Oder eben in dem Treppenschacht, in dem das Wasser alle halben Stunden auf und nieder wallt. Beide Taucher haben berichtet, dass es ein Strudel von ganz gewaltiger Kraft sei.«

»Wie wurde denn dieses Hindernis überwunden?«

»Das war von vornherein vorgesehen, und so wurde schon der erste Mann mit sehr schweren Gewichten ausgestattet, damit er nicht emporgerissen würde, von welchen Gewichten er sich aber sofort wieder befreien konnte.«

»Ach, auch das kommt noch hinzu, ein furchtbarer Strudel!«, rief ich. »Ja, und nun hofft man, der dritte würde ich sein, der da hinabsteigt, um die Figur heraufzubefördern?«

»Ja, man rechnet stark auf Sie.«

»Wie in aller Welt kommt man denn nur gerade auf mich?«

»Sie wissen doch, dass der Mann, der Ihnen unter dem Namen Loke Klingsor bekannt ist — und es ist auch sein wirklicher Name, nur hier wird er für gewöhnlich anders genannt — etwas hinter den Schleier der Zukunft blicken kann?«

»Ja, das weiß ich, er hat mir sogar einen starken Beweis von dieser Tatsache gegeben.«

»Wissen Sie, was man darunter versteht, jemand das Horoskop stellen?«

»Ist mir sehr gut bekannt.«

»Klingsor hat Ihnen das Horoskop gestellt, Ihre Zukunft berechnet.«

»Ach, und da hat er wohl herausgerechnet, dass nur ich der sein kann, der die Figur — —«

»Nein nein«, wurde ich schnell unterbrochen, »die Sache ist ganz anders. Klingsor ist kein Prophet, der jederzeit mit freiem Blick in die Zukunft schaut, er muss mühsam berechnen, mehr noch das Schicksal befragen, das nur mit ja oder nein antwortet — —«

»Das hat er mir bereits einmal auseinandergesetzt.«

»Gut, dann werden Sie wissen, wie er es macht, wenn er Sie wohl auch schwerlich gleich in alles eingeweiht hat. Also er hat zunächst das Schicksal befragt, ob wir überhaupt wieder in den Besitz jener uns so wertvollen Figur kommen werden.

Also nicht etwa, dass Klingsor nun wegen dieser Figur Ihnen das Horoskop gestellt hat, daran dachte er gar nicht, er kam auf eine andere Weise indirekt auf die Idee, dass Sie es sein würden, der uns die Figur wiederbringt.

Diese Idee ist ihm erst gestern gekommen, und ich bin beauftragt, sie Ihnen zu offenbaren, hier an Ort und Stelle, in der Grotte der Charybdis, weshalb Klingsor auch deswegen mit Ihnen selbst noch gar nicht gesprochen hat.

Sie wissen, wie weit es Klingsor gelungen ist, Ihnen das Horoskop zu stellen, Ihre Zukunft zu ermitteln.

Da Sie nicht nach Java gegangen sind, wo Sie unter die Klauen des Tigers geraten wären, um dann als siecher Mann ein unglückliches Familienleben zu führen, sondern da Sie den anderen Weg eingeschlagen haben, werden Sie ein hohes Alter erreichen, in vollster Rüstigkeit und glücklicher Zufriedenheit.

Dies hat Klingsor das erste Mal vom Schicksal über Sie ausgekundschaftet.

Nun hat er Ihnen, erst vor ganz Kurzem, erst seitdem Sie hier sind, noch einmal das Horoskop gestellt, in einer ganz speziellen Angelegenheit.

Sakuntalas wegen, weil er Ihnen da nicht zwecklos Hoffnungen machen wollte, dass Sie das Mädchen etwa gar nicht bekämen.

Das befragte Schicksal antwortete ganz willig.

So kann ich Ihnen hiermit die erfreuliche Mitteilung machen, dass Sakuntala die Ihre werden wird, hier erst als Squaw, als Dienerin, wie es bei dem Indianermädchen nun einmal nicht anders angängig ist — dann aber wird sie Ihre regelrechte Gattin werden, und zwar wird es die denkbar glücklichste, harmonischste Ehe sein, auf viele Jahrzehnte.

Bitte, fragen Sie nicht weiter, und ich denke, das genügt auch schon.

Nun also ist die Sache doch ganz einfach.

Erstens erreichen Sie ein sehr hohes Alter in vollster Gesundheit, und zweitens wird Sakuntala schon übermorgen Ihre Lebensgefährtin sein.

Hiermit ist also doch ganz klar bewiesen, dass Sie, wenn Sie dort in den Schlund der Charybdis tauchen, auch unversehrt wieder herauskommen.

Nicht wahr, Herr Willmer, das ist ganz klar?«

Der Frager blickte mich mit seinen scharfen Adleraugen in einer Weise an, die ganz deutlich verriet, wie ungeheuer wichtig ihm die Wiedererlangung jener Figur war oder jetzt erst einmal meine Zusage.

Ich bemerkte diesen Augenausdruck, obwohl ich nach dem Rachen der Charybdis blickte, die gerade wieder einmal eine ganz mächtige Dampfwolke hervorböllerte, deren heißen Brodem man bis hier fühlte, dreißig Meter weit, um sie mit Wohlbehagen dann wieder einzuziehen.

»Hm«, brummte ich, »ich will nicht gerade sagen, dass diese Sache ganz klar ist, aber doch jedenfalls viel klarer als dort die heiße Dampfwolke. Denn die ist ja unverschämt dick. Wann dürfte ich denn da in den Höllenschlund hineinkriechen?«

Wie ein Ruck ging es durch den ganzen Körper des Mestizen.

»Sie wären bereit dazu?!«

»Erst frage ich einmal nach dem Termin, an dem das Abenteuerchen stattfinden könnte.«

»Jetzt sofort!!«

»Sofort?!«

»Jawohl.«

»Na, da muss doch erst einmal der ganze Taucherapparat — —«

»Das ist alles hier vorhanden.«

»Wo denn?«

»Hier auf der Arche. Ein vollständiges Taucherkostüm, das für jede Größe passt, ebenso die Telefoneinrichtung und was sonst noch alles dazugehört.«

»Da müssen aber doch erst noch andere Leute — —«

»Das ist nicht nötig. Wozu denn? Ein einziger Mann genügt vollkommen. Jeder andere ist nur ein müßiger Zuschauer. Ich nehme Sie an die Leine, Sie steigen hinein, lösen die Figur ab, bringen Sie herauf — nun, Herr Willmer, sind Sie bereit?«

Der hatte es ja kolossal eilig! Ich aber nun freilich nicht.

»Nee nee, Männeken«, musste ich jetzt sogar zu lachen anfangen, »so schnell schießen wir Magdeburger nicht. Diese Sache werde ich erst noch einmal beschlafen. Oder das ist auch gar nicht nötig. Ich kann Ihnen meine endgültige Erklärung auch gleich jetzt abgeben: Es fällt mir ja gar nicht im Traume ein, dort in das heiße Loch zu kriechen!«

Die Enttäuschung war sichtlich eine sehr große.

»Aber warum denn nur nicht?!«

Wenn der so fragte, dann musste er auch eine entsprechende Antwort bekommen.

»Das will ich Ihnen sagen. Glauben Sie meiner Versicherung, dass ich durchaus kein Angsthase bin, aber ich kann die irischrömischen Dampfbäder nicht vertragen, ich werde nervös davon. Und zweitens: Ich könnte da unten ebenfalls stecken bleiben.«

»Aber Sie erreichen doch ein hohes Alter!«

»Ja, abgekocht in der Konservenbüchse, da hält man sich lange.«

»Sakuntala wird bestimmt die Ihre.«

»Na gut, da will ich sie heiraten. Was brauche ich denn da erst in das Dampfloch neinzukriechen?«

»Aber, Herr Willmer, verstehen Sie denn nicht, Ihre Zukunft ist doch — —«

»O ja, ich verstehe, ich verstehe schon! Aber wenn ich an der Prophetengabe dieses Klingsor auch gar nicht zweifle, so ist es doch ganz ausgeschlossen, dass ich in den Höllenschlund dort tauche! Nein, ich bin kein Feigling! Wenn ein schwerbeladener Bierwagen durchgeht, respektive das davor gespannte Paar Pferde, Riesengäule, und ein Menschenleben ist in Gefahr, so will ich den Pferden in die Zügel fallen, und wenn ich auch bestimmt wüsste, dass ich im nächsten Moment zermalmt unter den Rädern liege! Ich hab's noch nie getan, aber ich würde es tun, das ist keine Prahlerei, das darf ich behaupten! Ich würde es tun, und wenn das bedrohte Menschenleben auch meinem Todfeinde angehörte, der mich hinterrücks schlecht gemacht hat! Solch ein Lump soll nicht unter einem Wagen mit vollen Bierfässer enden. Und ich wüsste im Augenblick keine drohendere Gefahr, der man vorher ins Auge blickt, die man heranbrausen sieht, als solch einen schweren Lastwagen mit durchgehenden Gäulen. Ich würde ihm nicht ausweichen! Aber dort hinabsteigen, um eine Götzenpuppe zu retten — — nein, deswegen setze ich mein Leben nicht aufs Spiel!«

Ich hatte mit einer Entschiedenheit gesprochen, die wohl nichts mehr zu wünschen übrig ließ.

Jener versuchte trotzdem immer noch einmal mich umzustimmen.

»Sie werden sofort zum Meister ernannt — — —«

»Ich bin lieber ein lebendiger Schleusenräumergehilfe als ein toter Skaldenmeister«, antwortete ich wieder humoristisch. »Herr, nun geben Sie sich doch keine Mühe mehr. Ich ziehe vor, Sakuntala zu bekommen, ohne erst einmal ins Dampfbad — —«

Ich brach ab. Ein böser Verdacht war mir plötzlich aufgestiegen.

»Sie machen es doch nicht etwa davon abhängig ob ich das Mädchen bekomme oder nicht, dass ich hier erst die Puppe heraushole?«

Da richtete sich die sehnige Gestalt wiederum mit einem Ruck empor; wieder blitzten mich die Adleraugen an.

»Du verkennst uns!«

Weiter sagte er nichts, hatte mich auch schon wieder geduzt.

Die Sache war erledigt.

Der wissenschaftliche Akademiker, der wie ein Buch sprechen konnte, hatte sich wieder in den wortkargen Vaquero verwandelt.

— • —

77. Kapitel
Die Brautnacht

Die Arche steuerte wieder zu dem Wasserkessel hinaus. Am meisten darüber freuten sich wohl unsere beiden Pferde, welche den qualmenden und böllernden Höllenschlund ja nicht schlecht angeschnaubt hatten.

Wieder ging es zwischen den zahllosen Inselchen hindurch, der Mestize hatte keine Zeit, mich zu beachten, musste auf die Führung der Arche seine ganze Aufmerksamkeit verwenden.

»Das wäre also die Charybdis gewesen«, fiel es mir ein, ihn anzusprechen. »Was hat es denn nun mit der Skylla für eine Bewandtnis?«

»Geheimnis.«

»Ich darf absolut nichts darüber erfahren? Nicht wenigstens, ob auch sie hier in meinem Revier wohnt, dass ich das süße Vieh einmal besuchen kann?«

»Nein«, erklang es kurz wie zuvor.

»Na, dann nicht!«, wandte ich mich ab.

Aber ich befand mich im Irrtum, wenn ich glaubte, er trüge mir nach, dass ich mich nicht abkochen lassen wollte.

Gleich darauf stoppte er die Arche, und zwar lag sie, die soeben eine sehr schnelle Fahrt gemacht hatte, fast im Moment wie angenagelt, und, sich etwas duckend, deutete er in ein Dickicht hinein.

»Dort! Silberfuchs! Seltenstes Jagdwild! Gutes Ziel! Schießen!«

Nicht nur, dass er überhaupt gleich daran gedacht hatte, mich auf die seltene Beute aufmerksam zu machen, sondern er überließ sie mir auch. Er hätte, wie ich dann merkte, zum Schießen dasselbe Recht gehabt. Zunächst freilich musste ich die »Beute« erst haben.

Es war ein herrlich silbern glänzender Fuchs, der zwischen zwei Büschen lag, wahrscheinlich vor einem Mauseloche lauernd, so darin vertieft, dass er das Kommen des großen Bootshauses gar nicht bemerkt hatte.

»Hier noch Hinterlader erlaubt! Dort links im Fenster. Alle sind geladen!«

Ich hätte nur durchs Fenster zu langen brauchen, aber da hätte ich doch nur wieder ein mir fremdes Gewehr in die Hand bekommen, während ich meinen Vorderlader nun schon kannte, und auf dem saß auch schon das Zündhütchen. Der Hahn hatte eine praktische Sicherung.


Illustration

Angelegt und losgedonnert! Wenn die Sache stimmte, musste ich ihn ins Ohr getroffen haben. Es stimmte nicht ganz, wie sich dann herausstellte; ein wenig mehr nach dem Auge zu hatte ich getroffen, aber nur desto sicherer blieb der silberne Reinecke so liegen, wie er gelegen hatte, ohne sich noch auf die Seite zu wälzen, den Kopf auf den Vorderpfoten.

Der Mestize sprang ins Wasser, nicht einmal erst seinen Gürtel ablegend, an dem er doch die Pistole und Munition trug, ein Beweis, dass sie gar nicht so trocken gehalten zu werden brauchte, und hatte, großartig schwimmend, mit wenigen Stößen das Ufer erreicht.

Dort nahm er den Fuchs auf den Kopf, dass die Beine herabhingen, diese mit der einen Hand fassend, wandte sich wieder dem Wasser zu, blieb noch einmal stehen, äugte scharf seitwärts, zog schnell seine Pistole, ließ sie krachen.

Ohne sich um sein Ziel weiter zu kümmern, setzte er seinen Weg fort, ins Wasser hinein, schwamm zurück, sorgfältig darauf achtend, dass auch die Beine des Fuchses so wenig wie möglich nass wurden.

Nachdem er die Beute auf die niedrige Plattform gelegt und sich heraufgeschwungen hatte, war sein Erstes, dass er den abgeschossenen Lauf der Doppelpistole wieder lud, und da hatte auch ich eine allererste Frage:

»Mindestens müssen doch die Zündhütchen nass geworden sein; sie befinden sich doch nur in einem Schnürbeutel, und in den abgeschossenen Lauf ist auch das Wasser bis nach hinten gedrungen — und Du schüttest das Pulver so einfach hinein?«

»Schadet nichts. Besonderes Pulver.«

»Es nimmt gar keine Feuchtigkeit an?«

»Nein. Ganz wasserfest.«

»Ja, warum musste ich denn da beim Passieren des Wassertunnels die Schusswaffen und die ganze Munition über den Kopf halten, dass ja kein Spritzer daran kam, wie Du mir erst vormachtest?!«

»Um Dich nicht sorglos zu machen.«

Es genügte mir, und er hatte Recht. Ich konnte für Vorderlader auch einmal anderes Pulver haben, wie es die ordinäre Menschheit besitzt, und das darf nun freilich nicht nass werden.

»Was hast Du geschossen?«

»Einen Chinga.«

»Da weiß ich gerade so viel wie zuvor.«

»Amerikanisches Stinktier.«

»Du hast es getötet?«

»Ja.«

»Weshalb?«

»Wegen seines Namens«, lautete die sehr hübsche Antwort, nur nicht »hübsch« für das unglückliche Tier, das sein Leben hatte lassen müssen.

»Das hat sich auch gefreut, wenn es stinken konnte.«

Er zuckte die Schultern.

»Dich wird noch keines angespritzt haben. Besser ist giftiger Schlangenbiss.«

Er durchstach die Vorderfüße des Fuchses und hing ihn so an einen Nagel. Jetzt erst sah ich, was für ein herrlicher Pelz das war, dieses Haar mit dem Silberglanze!

»Tausend Dollar wert.«

»Gibt es hier viele solche Silberfüchse?«

»Nein, sehr selten.«

»Und ich darf jeden gleich schießen?«

»Du, ja. Was darfst Du nicht in Deinen Revieren? Kannst Du abbalgen?«

Ich dachte an den Luchs, dessen Fell übrigens immer noch dort lag, wo ich es zerfetzt hatte.

»Abbalgen kann ich wohl, aber tausend Dollar ist der Pelz dann nicht mehr wert — vielleicht noch tausend Cent — für den Hutmacher, der Haare braucht.«

»Pass gut auf.«

Schier fabelhaft war die Geschicklichkeit, mit der er das machte. Wie er das Messer handhabte! Diese langen Schnitte! In Amerika wird nämlich ganz anders abgebalgt und vom Fleischer gehäutet als bei uns. Wir machen immer nur ganz kleine, schnelle Schnitte. Der Amerikaner schneidet langsam von oben bis unten, so weit der Arm reicht. Dieser Unterschied ist natürlich von großer Wichtigkeit, wenn es darauf ankommt, Tag für Tag einigen tausend Ochsen das Fell über die Ohren zu ziehen.

Ich verstand damals ja noch gar nichts von so etwas, aber lebhaft dachte ich an diesen Silberfuchs, als ich in Amerika zum ersten Male im Barbierstuhle saß. Dort wird auch so eigentümlich rasiert, mit ganz langen Strichen, haarsträubend für den Neuling. Die Holzpuppe gestern hatte es in mir gewohnter Weise getan.

In fünf Minuten war das Tier tadellos abgebalgt. Erläuterungen hatte mir der Mestize nicht gegeben, mich dabei in seiner Weise manchmal fragend angesehen, das tat er erst hinterher, als er das blutige und doch so saubere Fell auf die Plattform warf.

»Noch nicht auspflocken. Erst nach einer halben Stunde. Aber immer gleich balgen. Gut aufgepasst?«

»Aufgepasst habe ich wohl, aber nachmachen kann ich das nicht.«

»Musst Du lernen, gar keine Kunst.«

Wir fuhren etwas weiter, er spähte immer nach den Ufern, und als seine Doppelpistole zweimal kurz hintereinander knallte hatten wieder zwei Hasen ihr tolles Liebesspiel beendet, jeden in voller Flucht mitten durch den Kopf geschossen. Bei solchen Entfernungen von vierzig Schritten hielt er sich gar nicht erst mit seiner nur einläufigen Büchse auf.

Hier konnte die Arche landen, er holte die Beute, und an den beiden feisten Hasen wurde er nun wirklich zum erklärenden Lehrmeister, wenn er auch selten einmal ein Wort sprach. Aber mit unsäglicher Geduld nahm er mir immer wieder das Messer aus der Hand und steckte es mir anders zwischen die Finger, machte mir immer wieder einen Schnitt vor und führte dann meinen Arm, bis ich es wirklich weghatte. Doch was für eine Geduld hatte seinerseits dazu gehört!

Dann, als er daran ging, das Silberfell auszupflocken, sagte er:

»Das schenkst Du Sakuntala. Wird sich riesig freuen. Macht eine Hängewiege daraus.«

Na, trug dieser Mann, der in jenem Geheimbunde, dem an der Wiedererlangung des ersoffenen Götzen so viel gelegen war, doch sicher eine große Rolle spielte — — trug er mir etwa nach, dass ich mich weigerte, der Dame Charybdis einen intimeren Besuch abzustatten? Ein ganz famoser Bursche, dieser theologische Kuhhirt! Gut, dass der nicht auf die Kanzel gekommen war.

»Ehe Sakuntala die Wiege zu machen braucht, muss ich sie aber erst selber haben!«, lachte ich.

»Sollst Du.«

»Wenn wir hier aber so weiter trödeln, kann das noch lange dauern.«

»Haben noch viel Zeit.«

»So darf aber nicht zu jedem Hochzeitler gesprochen werden, das ist kein Trost. Wie findet die Entführung eigentlich statt?«, durfte ich nun wohl gleich weiterfragen, um hierüber endlich etwas Näheres zu erfahren.

»Ganz einfach. Holst das Mädchen aus dem Wigwam, reitest mit ihr ab.«

»Ich denke, Sakuntala ist vom Vater gebunden worden.«

»Ist sie.«

»Warum eigentlich?«

»PawneeSitte.«

»Ach, der Papa Stahlhand ist wohl schon benachrichtigt, dass wir um die und die Stunde so und so viel Minuten kommen, um seine Tochter zu entführen?!«

So war es. Ich brachte das Nähere so nach und nach heraus. Es war einfach eine in Szene gesetzte Komödie, diese ganze Entführung. Der Indianerhäuptling wusste natürlich, dass ich seine Tochter zur »Squaw« haben wollte, es war doch lange genug mit ihm darüber verhandelt worden; selbstverständlich war er mit einem Freier einverstanden, der sie ihm nachträglich noch abkaufen musste, und nun wurde das alles so weiter eingerichtet, wie der PawneeAnstand es vorschrieb.

Ich war ernüchtert, war sogar baff.

Hatte mir Klingsor die Entführung meiner Braut nicht ganz anders geschildert? Wenn nicht, so hatte er doch wenigstens Andeutungen gemacht, wonach ich sie mir in meiner Phantasie ganz anders hatte ausmalen müssen.

Eigentlich aber war ja ganz selbstverständlich, was ich da zu hören bekam. Bei sehr vielen wilden oder halbwilden Völkern, also Naturvölkern, muss die Braut ja entführt werden. Aber unter hundert derartigen Fällen, die mit einer Heirat abschließen, ist alles doch neunundneunzigmal eine schon vorher ausgemachte Sache, die Eltern wissen im Voraus, dass ihre Tochter von dem und dem zu der und der Zeit entführt werden wird, und finden Widerstand und Verfolgung statt, so ist das doch immer nur eine inszenierte Komödie, bei der man sich amüsiert. Und ist es denn anders denkbar? Soll denn der Vater den zukünftigen Gatten der geliebten Tochter, mit dem er doch später in Frieden und Freundschaft leben will, etwa zu töten versuchen?

Nein, wenn ich es mir recht überlegte, so war das alles ganz in Ordnung. Nur meine Phantasie hatte mir erst etwas ganz anderes vorgemalt.

Aber in gewisser Hinsicht sollte ich mich doch auch jetzt wieder sehr irren.

»Das ist ja eine ganz zahme Entführung!«, meinte ich, zunächst noch sehr enttäuscht.

»Wenn Du einen Mädchenraub mit wilden Gefahren haben willst, so musst Du Dir eine andere aussuchen.«

»Auf die schon ein anderer Heiratsbedürftiger sein Auge geworfen hat.«

»Ja, und der Vater ist mit jenem mehr einverstanden als mit Dir, oder er will Dich überhaupt nicht zum Schwiegersohn haben.«

»Na, vorläufig will ich bei Sakuntala bleiben«, scherzte ich. »Aber wozu brauche ich denn da Deine Führung?«

»Du würdest den Weg gar nicht finden — —«

»Da mag der rote Krieger seinen Wigwam doch so setzen, dass ich ihn gleich sehen kann, ganz nahe meiner Höhle.«

»Dir allein, mit allem unbekannt, würde die Entführung gar nicht gelingen.«

»Weshalb denn nicht, wenn alles nur eine Komödie ist? Ich verstehe nicht.«

»Stahlhand verfolgt Dich doch.«

»Ach, er verfolgt mich!«

»Vierundzwanzig Stunden lang, vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, eine ganze Nacht und einen Tag.«

»Ja, auf welche Weise verfolgt er mich denn? Rennt oder reitet mir immer nur so nach, gut aufpassend, dass er mich nicht einholt?«

»Er schießt nach Dir.«

»Was?«, stutzte ich jetzt doch. »Mein Schwiegerpapa schießt nach mir? Das ist aber doch keine Komödie mehr — — ach so! Er schießt natürlich blind, es muss nur hübsch knallen.«

»Es knallt gar nicht. Nein, er schießt nach Dir mit stumpfen Pfeilen.«

»Siehst Du, das habe ich mir gleich gedacht! Da schlage das Donnerwetter drein, wenn mein Schwiegerpapa nach mir mit spitzen Pfeilen schießen wollte!«

»Oder er fängt Dich mit dem Lasso oder, wenn er Dir nahe genug kommt, schlägt er Dich mit der Hand, braucht Dich nur zu berühren.«

»Mit Steinen schmeißen darf er nicht?«

»Nein. Auch nicht Messer oder Tomahawk nach Dir schleudern.«

»Also die ganze Entführung und Verfolgung ist eine lustige Hascherei, nichts weiter.«

»So ist's.«

»Und wenn er mich nun mit dem stumpfen Pfeile getroffen oder mit dem Lasso gefangen oder nur mit der Hand berührt hat?«

»Dann bist Du sein Gefangener.«

»Und was macht er mit mir?«

»Er bindet Dich und nimmt Dich mit.«

»Und dann?«

»Dann hängt er Dich auf.«

»Au! Aber doch hoffentlich nur unter den Armen, dass ich noch Luft bekomme.«

»Er schnürt Dir Hände und Füße kreuzweise zusammen und so hängt er Dich an einen Ast mit dem Rücken nach unten, gut ausbalanciert, und so bleibst Du bis zum nächsten Sonnenuntergang hängen. Lässt Du Dich also gleich in der ersten Stunde erwischen, so hast Du dreiundzwanzig Stunden so zu baumeln, ohne Essen und Trinken.«

Jetzt hätte ich eher einen Grund als vorhin gehabt, ein »Au!« zu rufen, aber nun tat ich es gerade nicht — weil mir plötzlich gar nicht mehr humoristisch zumute war.

Also jetzt kam von dieser komödienhaften Entführungsgeschichte doch noch das bekannte »dicke Ende« nach.

»Und was dann?«

»Bei Sonnenuntergang wirst Du wieder befreit und kannst nochmals versuchen, das Mädchen zu rauben. Und so immer weiter. Aber die Bedingungen werden immer schärfer; schon beim zweiten Male hast Du mindestens zwei Tage an dem Aste zu baumeln, und der Kaufpreis der Braut wird auch immer höher.«

»Und wenn ich mich nun nicht fangen lasse, und auch nicht aufbaumeln?«

»Der Vater des Mädchens wird Dich zwingen.«

»Er soll's versuchen.«

»Dann muss er Dich töten. Das heißt, so würde es in den heimatlichen Jagdgründen der Pawnees werden.«

»Und hier?«

»Hier dürfte er Dich nicht töten.«

»Sondern? Was würde er tun, wenn ich mich weigere, ihm zu folgen und mich gebunden aufhängen zu lassen?«

»Er würde Dich verächtlich anspeien, weil Du Dein Ehrenwort gebrochen hast.«

»Mein Ehrenwort? Wem und worüber habe ich denn das gegeben?«

»Indem Du Dich auf dieses Spiel einlässt, hast Du Dich verpflichtet, Dich den Bedingungen zu unterwerfen.«

»Diese sind mir aber gar nicht mitgeteilt worden.«

»Das hätte ich noch getan, wenn es so weit ist. Du bist mir nur mit Deinen Fragen zuvorgekommen. Jetzt weißt Du es. Unterwirfst Du Dich den Dir nun bekannten Bedingungen?«

Nun, ich wollte natürlich kein Spielverderber sein. Und sonst hätte ich ja gleich auf das schöne braune Madchen verzichten können. Aber das merkte ich nun auch, dass diese Entführung denn doch nicht so einfach war, wie ich geglaubt hatte.

Nein, das war durchaus nicht so einfach, und allein hätte ich da gar nichts machen können. Dieser Stahlhand war ein echter roter Krieger und Jäger, noch im rüstigsten Mannesalter stehend, der hätte mich wohl gar bald mit einem Pfeilschuss getroffen oder gar mit dem Lasso eingefangen, mich, der ich mich auf einem mir ganz unbekannten Terrain befand, und da dieses, wie doch zu erwarten, ziemlich eng begrenzt sein musste, wenn es auch viele Quadratmeilen bedecken mochte, so war dies nur umso schlimmer. Denn dann nützte es nichts, auf dem schnellsten Rosse mit der holden Beute so weit wie möglich zu entfliehen, oder das war überhaupt gar nicht angängig — da musste auf diesem Terrain mehr Verstecken gespielt werden.

Also da konnte ich einen Führer gar nicht entbehren, und als solcher war dieser Vaquero sicher der rechte, er kannte sicher hier jeden Baum und Strauch und Felsen und Wasserlauf, sonst hätte der Herr dieses Gebiets, Klingsor, ihn mir doch nicht als seinen Stellvertreter geschickt.

»Ich bin damit einverstanden.«

»Also wenn bei der Verfolgung Stahlhand Dich mit einem Pfeile trifft, Dich mit dem Lasso einfängt oder Dich auch nur mit einem Finger berührt, so hast Du ihm zu folgen oder Dich auch gleich binden und dann in der geschilderten Weise aufhängen zu lassen.«

»Ich unterwerfe mich diesen Bedingungen.«

»Dies alles ist aufs Strengste geregelt nach PawneeGesetzen, und da ich diese kenne und dafür sorgen werde, dass auch Stahlhand sie genau einhält, brauche ich sie Dir wohl nicht weiter zu schildern.«

»Kommt noch mehr in Betracht?«

»Nun, zum Beispiel, wenn Du mit dem Lasso gefangen bist. Fängt er Dein Pferd, so zählt das überhaupt nichts. Auch hast Du das Recht, das Messer zu ziehen und das Lasso zu durchschneiden, dann bist Du noch immer nicht gefangen gewesen. Das Lasso muss geschleudert werden, dass die Schlinge Dich wehrlos macht, Deine Arme fest an den Körper schnürt. Sitzt Du aber im Sattel und die Schlinge legt sich nur um Deinen einen Arm oder um den Hals, sodass Du Dich also noch immer losschneiden könntest, Du wirst jedoch vorher durch einen Ruck vom Pferde geschleudert, dann darfst Du, sobald Du mit den Füßen den Boden berührst, Dich nicht mehr befreien, Du giltst als gefangen.«

»Wenn mir dabei die Schlinge am Halse sitzt und ich werde vom Pferde gerissen, dürfte ich nicht mehr viel atmen.«

»O, das kommt darauf an!«, erklang es gemütlich. »Dann ist auch in Betracht zu ziehen, dass Du im letzten Augenblick einen Baumast ergreifst oder Du bleibst daran hängen, vielleicht die Lassoschlinge an der einen Hand, Du berührst ja noch nicht den Boden — Du bist dennoch gefangen.«

»Das ist ja eine ganz komplizierte Geschichte!«

»Lange nicht so kompliziert wie Eure deutschen Duellgesetze und Mensurregeln.«

»Gut, ich unterwerfe mich stillschweigend allem.«

»Der Häuptling wird mit Sakuntala schon an Ort und Stelle sein, dort seinen Wigwam aufgeschlagen haben, das haben wir vorher ausgemacht.

Kurz vor Sonnenuntergang sind wir dort, lassen uns aber natürlich nicht blicken, wir spielen stillschweigend schon die Rolle der Entführer, halten uns also versteckt.

Aber melden müssen wir uns doch. Sobald die Sonne untergegangen ist, lasse ich in gewissen Pausen den Ruf der Nachteule ertönen.

Stahlhand weiß, dass wir da sind, und erwartet Deinen Entschluss. Ich ahme den Angstschrei des Rehkalbes nach, wenn ihm die Wildkatze an die Kehle springt; das bedeutet: Du hast Dich den Bedingungen unterworfen. Und gleichzeitig mit diesem Schrei geht es auch schon los. Stahlhand nimmt sofort seine Büchse und eilt in den Wald, um das junge Tier von der Wildkatze zu befreien.

Vorher aber hat er noch, wie schon erwähnt, seine Tochter gebunden, weil er eben weiß, dass sie einen Liebhaber hat, der auf Entführung sinnt.

Du schleichst Dich sofort hin, um in des Häuptlings Abwesenheit das Mädchen aus dem Zelte zu rauben. Das muss wirklich schleichend geschehen, wenn auch so schnell wie möglich, so lautet die Vorschrift, die Anstandsregel. Dann, wenn Du Sakuntala in Deinen Armen hast, rufst Du Dein Pferd durch einen Pfiff herbei, schwingst Dich in den Sattel und jagst davon, vor Dir das Mädchen. Doch hierüber gebe ich Dir noch einmal ausführliche Weisungen, wenn wir erst dort im Versteck liegen, denn dazu musst Du die nähere Umgebung vor Augen haben, so lässt sich das gar nicht beschreiben.«

»Und wie lange bleibt Stahlhand aus? Wann nimmt er die Verfolgung auf?«, fragte ich. »Das darf ich wohl schon jetzt erfahren.«

»Sobald er Deinen Pfiff nach dem Pferde hört. Außerdem muss auch Sakuntala, sobald Du sie aufhebst oder sie Dich überhaupt erblickt, vorschriftsmäßig einen lauten Jubelschrei ausstoßen. Der Vater muss sich mindestens einen Bogenschuss weit entfernt haben, das sind etwa hundert Schritte. Er kommt in voller Flucht zurückgerannt, wirft sich sofort aufs Pferd und jagt Dir nach. Immerhin, so sehr er sich beeilt, Du hast einen Vorsprung von mindestens dreihundert Metern, was sich anfangs auch noch vermehrt.

Sein Pferd darfst Du nicht loskoppeln, es nicht etwa gar töten, ihm keinen glühenden Schwamm untern Schwanz stecken, kein zackiges Blei unter die Decke legen, ihm gar nichts anhaben, das ist unritterlich.

Wir haben Vollmond, weil jeder ausgemachte Brautraub in einer Vollmondnacht stattfindet. Ist es zu dunkel, wird die Sache verschoben. Der Vater muss Deinen Spuren folgen können, und bist Du ritterlich gesinnt, so lässt Du Dich überhaupt nicht aus den Augen verlieren. Das erkennt der Verfolger als roter Krieger an, auch er schont Dich, sodass die richtige Jagd erst am nächsten Morgen beginnt.

Immerhin, in Ruhe lässt er Dich nicht, jagen wird er Dich die ganze Nacht, in der Hoffnung, dass Du am anderen Tage sehr erschöpft bist. Es ist also zugleich ein Wettspiel, wer von Euch beiden der Ausdauerndste ist, die größten Strapazen ertragen kann, ohne zu ermüden. Danach müssen natürlich auch die Pferde beschaffen sein.

Am anderen Morgen geht also die Sache erst richtig los. Du darfst Deine Spuren verbergen, aber das ist nicht ritterlich. Und dass Du etwa Dein Pferd gar im Wasser waten lässt, das ist, wenn auch nicht verboten, so doch geradezu unehrenhaft. Ja, bist Du ein wahrer Krieger, der beim Kampfe den Feind herauszufordern gewohnt ist, so hinterlässt Du sogar mit Absicht Spuren, wie zum Beispiel beim Passieren felsigen oder sonst sehr harten Bodens, dann lässt Du manchmal etwas fallen, streust etwas aus — —«

»Aha, Schnitzeljagd!«, rief ich.

»Jawohl, Schnitzeljagd«, bestätigte der amerikanische Vaquero, der sich vier Jahre lang in Deutschland aufgehalten hatte und schon noble Bekanntschaften gepflegt haben musste.

Ich begann mich immer mehr zu interessieren, wurde ganz Feuer und Flamme. Das wurde ja noch viel, viel besser, als ich mir die Entführungsgeschichte zuerst in meiner Phantasie ausgemalt hatte. Denn schließlich ist es doch auch nicht gerade angenehm, mit anderen Menschen Kugeln zu wechseln, und nun gar mit seinem zukünftigen Schwiegerpapa, ihn in den Bauch zu schießen oder dasselbe von ihm erwarten zu müssen.

»Ich bin allein?«

»O nein, ich bin immer bei Dir. Sobald Du mit Sakuntala geflohen bist, stoße ich zu Dir. Das richte ich schon ein, darüber sprechen wir auch noch einmal dort an Ort und Stelle, wo Du die Umgegend überschauen kannst. Auch ich beteilige mich immer an der Entführung, sorge möglichst für Deine Sicherheit, für Dein glückliches Entkommen. Ich bin Dein Alakmannha. Weißt Du, was das ist?«

»Nein.«

»Dein Schutzgott. Und zwar ist das ganz wörtlich zu nehmen. Ich bin gar kein Mensch, sondern ein Geist bei diesem Spiele. Alle diese Indianer glauben ja an Geister, und der Alakmannha ist bei den Pawnee wie auch bei den Komantschen der Schutzgeist der Liebespaare, er hilft auch dem Freiersmann die Braut entführen.

Dieser Geist wird also bei jeder derartigen Brautentführung personifiziert. Der auf den Mädchenraub ausgehende Indianerjüngling hat stets einen Freund bei sich, der die Rolle des Alakmannhas spielt.

Dein Alakmannha bin ich.

Und für den verfolgenden Pawnee bin ich tatsächlich ein Geist. Das heißt, er sieht mich nicht, er tut so.

Wenn ich mich vor Dich hinstelle, um Dich gegen seine Pfeile zu decken, sie mit meinem eigenen Körper aufzufangen, so muss er sie dennoch abschießen, auch auf die Gefahr hin, dass Du sie schnell aufsammelst und ihn so nach und nach um seine Pfeile bringst, die er während der Verfolgung nicht ersetzen darf. Ich als Dein unsichtbarer Schutzgeist darf für ihn eben gar nicht existieren. Schießt er nicht nach Dir, um seine Pfeile zu sparen, weil ich vor Dir stehe, so ist das unehrenhaft. Dessen ist aber ein großer Häuptling wie Stahlhand nicht fähig. Und Du wiederum wirst so ritterlich sein, seine zwecklos nach Dir gesandten Pfeile nicht aufzulesen. Hat er Dich als sichtbares Ziel, auch in einer Deckung, beschossen und gefehlt, so ist das etwas ganz anderes, dann magst Du Dich dieser Pfeile bemächtigen, das kannst Du dann halten, wie Du willst.

Auch mir als einem Geiste sind Vorschriften gemacht, inwieweit ich Dich beschützen darf. Alles ist wieder peinlich genau geregelt, ich kann nur einiges Wenige davon jetzt erwähnen.

Also ich darf Dich mit meinem eigenen Körper gegen Pfeilschüsse decken; aber einen Schild und dergleichen darf ich nicht benutzen. Ich darf den Pfeil aus der Luft herabschlagen, auch mit einem Stock.

Dem nach Dir geschleuderten Lasso darf ich mich nicht entgegenstellen.

Jedoch darf ich es ebenfalls niederschlagen, während es noch durch die Luft fliegt, auch mit einem Stock oder mit einem sonstigen Instrument, nur nicht mit einem schneidenden. Während ich die angeschwirrt kommenden Pfeile auch mit dem Messer — aber nicht mit einem Säbel — durchschlagen darf, sodass sie für den Verfolger unbrauchbar werden, bis auf vier von den zweiundzwanzig Pfeilen, die er in seinem Köcher haben darf.

Sobald das Lasso Dich berührt, darf ich es nicht mehr durchschneiden, und natürlich erst recht nicht, wenn Du schon gefangen bist.

Ebenso selbstverständlich darf ich gegen den Verfolger auch nicht handgreiflich werden, ihm nicht etwa im letzten Moment noch ein Bein stellen, wenn er Dich erreichen will, um Dir den bannenden Schlag zu geben, darf ihn mit keiner Fingerspitze berühren.

Ich denke, diese Ausführungen zeigen Dir schon, was ich als Dein Schutzgeist darf und was nicht?«

»Es genügt mir vollkommen; mehr könnte ich mir gar nicht merken. Und was darf nun ich selbst tun, um mich gegen den Verfolger zu schützen?«

»Alles, was Du willst, nur nicht auf ihn schießen, nichts nach ihm werfen, nicht handgreiflich gegen ihn werden. Übrigens wärest Du dann ja gefangen, durch direkte Berührung. Du darfst Dich der Verfolgung nur durch Schnelligkeit und Listen entziehen, ihm auch Fallen stellen, in die er hineingeht, dass er Dir nicht mehr folgen kann. Nur nicht solche, durch die er oder sein Pferd verwundet wird. O, wir wollen ihm schon Fallen bauen!«

O ja, das glaubte ich, ich freute mich schon königlich auf das Kommando.

»Und Sakuntala macht immer mit?«

»Die ist immer bei Dir. Du kannst sie zwar verstecken, aber das ist gefährlich. Stahlhand würde sie sicher finden, und dann ist das Spiel vorläufig aus, darf erst beim nächsten Vollmond wiederholt werden. Du hast sie, wenn wir nicht gerade einmal lagern sollten, in einem Versteck, immer vor Dir im Sattel. Abnehmen darf ich sie Dir nie. Verlierst Du aber Dein Pferd, so darfst Du das meine benutzen, das ist erlaubt. Verlierst Du auch dieses zweite Pferd, dann freilich wird es schlimm, dann musst Du Sakuntala tragen.«

»Was? Tragen?!«

»Gewiss.«

»Warum läuft sie denn nicht von allein?«

»Sie ist gebunden.«

»Ich habe sie doch sofort befreit. Oder sobald das möglich ist.«

»Das darfst Du nicht.«

»Weshalb nicht?«

»Ich hätte Dir dies alles schon noch gesagt, wenn wir dann dort oben auf dem Felsvorsprung liegen, aber Du kannst es ja auch schon jetzt erfahren.

Nein, Du darfst Sakuntala nicht von ihren Banden befreien. Weshalb nicht? Weil es eben gegen das PawneeGesetz verstößt. Ja, hier könnte man mit Recht von einer Anstandsregel sprechen. Die Sache wird, eben weil das Ganze nur eine Komödie ist, immer schon lange vorher vorbereitet. Wohl bindet sie der Vater, wenn er sie einmal allein lässt, aber die Riemen trägt sie bereits, er schlägt nur noch einige Knoten hinein — ja sie ist vorher von Weibern ganz mit Riemen umwickelt worden, steckt wie in einem ledernen Panzer.«

Aha, ich verstand!

»Hier ist die Grenze Deines Gebietes.«

Schon seit einiger Zeit befand sich die Arche nicht mehr im freien Wasser, sondern glitt zwischen Schilf hindurch, das immer dichter wurde, wozu auch noch eine andere, mehr krautartige Pflanze kam, die zuletzt das Schilf vollständig verdrängte. Es war, wie ich dann erfuhr, die Papyrusstaude, die hier aufs Üppigste gedieh.

»Also es ist richtig ein Sumpf, wie ich erwartet hatte.«

»Du sagst es.«

»Und den kann ich nicht passieren?«

»Nein.«

»Weshalb denn nicht?«

»Probiere es, Du kommst nicht durch, jedes Fahrzeug bleibt bald drin stecken. Wage Dich also nicht zu weit hinein.«

»Darf ich denn diese Arche nicht immer benutzen?«

»Doch.«

»Nun, sie gleitet doch durch den Schlamm.«

»Nur unter meiner Hand.«

»Unter meiner nicht mehr?«

»Nein. Probiere es.«

Sobald ich die Steuerung übernahm, wurde die Fahrt langsamer, bis sie ganz aufhörte, was in diesem schlammigen Wasser sehr schnell ging; ich konnte die Hebel drehen, wie ich wollte, die Maschinerie gehorchte nicht mehr.

»Wie kommt das?«

»Dafür ist eben gesorgt.«

»Es wird durch Fernwirkung gemacht. Hier ist eine Zone gezogen.«

»So ungefähr. Geheimnis.«

Dann brauchte ich auch nicht weiter zu fragen, ich erfuhr ja doch nichts.

Aber als wir noch tiefer eindrangen, merkte ich immer deutlicher, wie es hier sonst für kein anderes Fahrzeug ein Durchkommen gab, auch eine Schraube mit scharfgeschliffenen Flügeln hätte diese ungeheure Fülle von Schlingpflanzen, Gräsern und Kräutern bald nicht mehr durchschneiden können, an ein Schieben oder Rudern war gar nicht zu denken — — ich brauchte mir später nicht erst Mühe zu geben, eins meiner anderen Fahrzeuge hierher schaffen zu wollen.

Unsere flachgebaute Arche aber glitt mit Leichtigkeit über dieses grüne Sumpfgebiet hin — — solange der Mestize die Steuerung in der Hand hatte. Und zwar musste er diese tatsächlich berühren. Sobald er die Hand zurückzog von den Metallteilen, blieb die Karre mit einem sanften Rucke stehen.

»Was würde nun geschehen, wenn ich jetzt mit einem Male allein hier wäre?«

»Du wärest des Todes.«

»Dann pass gut auf, dass Du nicht über Bord fällst und keinen Schlaganfall oder etwas Ähnliches bekommst.«

Doch sehr lange dauerte die Fahrt nicht; der Morast verwandelte sich wieder in Wasser, das immer klarer ward, so änderte sich auch wieder die Vegetation.

»Hier müssen wir die Arche verlassen, weiter darf sie nicht, oder wir müssten alle Hinterlader über Bord werfen.«

Wir landeten an einem schon wieder waldigen Ufer, bestiegen die Pferde.

Es war schon keine Insel mehr gewesen, wir brauchten nicht mehr durch Wasser. Nach einem kurzen Ritt durch den ganz gut passierbaren Wald, der schon wieder mitteleuropäische Fauna zeigte sowie die entsprechende Tierwelt, öffnete sich vor uns abermals eine Prärie, in einiger Entfernung wieder von Wald begleitet, dahinter ein Gebirgszug.

Mein Begleiter war wieder äußerst schweigsam geworden, geizte mit jedem Worte, wenn ich einmal eine Frage stellte. Nach etwa einstündigem Ritt, immer im Trab, näherten wir uns einer Felswand, die unvermittelt aus dem sonst ganz ebenen Boden emporwuchs, bis in den Himmel hinein.

»Ist das noch derselbe Felsenzug, der sich auch durch mein Küstengebiet hinzieht?«

»Ja.«

»Er läuft auch durch die Sumpfregion?«

»So ist es.«

»Ich vermute aber, dass ich ihn nicht benutzen kann, um über den Sumpf zu Fuß zu kommen, auf einem Kletterwege.«

»Ausgeschlossen!«

Wir lenkten in eine enge Schlucht ein, stiegen bald ab, ließen die Pferde stehen, begannen einen schmalen Pfad zu erklimmen, ohne weitere Anstrengung und Gefahr.

Je höher wir kamen, desto mehr zog ich die Luft durch die Nase ein. Ich fragte nicht, wollte die Lösung des Rätsels selbst finden, war sehr gespannt.

Nur zehn Minuten dieser Kletterpartie, dann kam ein Grat, um eine Ecke gebogen, und wir befanden uns auf einem kleinen Plateau, zum Teil dicht mit Eichen bestanden. Es konnte auch sein, dass es sich noch weiterhin erstreckte, die Bäume verhinderten nur die Aussicht.

Nach der anderen Seite aber, nach Südwesten, genoss ich einen entzückenden Ausblick. Wir waren ziemlich hoch gekommen, und so übersah ich ein weites Gebiet von Prärie mit Waldinseln, durchzogen von Flüsschen und kleinen Seen, bis im Hintergrunde wieder alles von einem Gebirgszug abgeschlossen wurde.

»Dort!« Ich folgte der deutenden Hand und erblickte unser Ziel.

Dort unten an einem Bache stand ein kleines buntbemaltes Zelt, und meine Augen waren scharf genug, um auch den Mann zu erkennen, der dort am Boden hockte und einer Pfeife Dampfwolken entlockte, und jetzt trat aus dem Wigwam eine weibliche Gestalt und schöpfte Wasser. Mehr freilich konnte ich nicht unterscheiden, dazu war die Entfernung doch zu groß.


Illustration

»Stahlhand und Sakuntala!«, rief ich.

»Sie sind es. Hier lagern wir, bis die Sonne untergeht, noch anderthalb Stunde, und inzwischen muss ich Dir noch einige Erklärungen geben.«

»Willst Du diese nicht damit beginnen, dass Du mir sagst, woher es hier so gut nach Schweinebraten riecht?«

Denn so war es. Auf der Hälfte des Weges war es gewesen, wo mir der Duft zuerst in die Nase gestiegen war, und immer intensiver und köstlicher war er geworden, und auf mich wirkte das umso reizvoller, weil nun schon mindestens fünf Stunden vergangen waren, seitdem wir vor meiner Höhle die letzte Mahlzeit eingenommen hatten.

Mein Begleiter gab die Erklärung, ohne zunächst ein Wort dabei zu sprechen. Er ging etwas seitwärts unter eine alte Eiche, wo ich nun allerdings merkte, dass hier vor einiger Zeit hantiert worden war, auch mit Feuer, obwohl keine Feuerstelle zu sehen war. Er kniete nieder, grub mit seinem Messer ein Loch in den lehmigen Boden, und bald kam ein schwarzer, qualmender Klumpen zum Vorschein, sehr unschön aussehend, aber eben ganz herrlich nach Schweinebraten duftend.

Das Messer löste die verkohlte Kruste ab, rosiges Fleisch tauchte auf. Es war ein Schweinskopf, jetzt erkannte ich es, der hier in einem heißen Erdloche geröstet worden war.

»Liegen hier in der Umgegend noch mehr solche gebratene Schweinsköpfe begraben, immer bereit, dass man sie ausbuddelt?«

»Heute früh. Ich selbst. Kopf von einem Wildschwein.«

Wir lagerten uns an einer Quelle, von wo aus wir noch immer den Wigwam dort unten im Auge behalten konnten, nur noch rasch ein Feuerchen angezündet; der Mestize hatte ein Kesselchen sowie Extrakt von Kaffee und Tee mitgenommen, dann hieben wir ein, und der Duft entsprach dem Geschmack; dieser in der Erde gebackene Wildschweinskopf war das Köstlichste und Delikateste, was ich je gegessen hatte, wozu nun auch noch mein mächtiger Hunger kam. Der Mestize weihte mich näher in meine Mission ein, die ich bald auszuführen hatte, mir die Umgegend erklärend.

Ich fasse alles kurz zusammen.

Als die Sonne dicht über dem Horizonte stand, machte ich mich auf den Weg, und eine halbe Stunde später, schon bei völliger Finsternis, aber mit dem Mond als Leuchte, kroch ich auf allen vieren durch das Gras dort auf die kleine Waldinsel zu.

Eigentlich hätte ich anstandshalber oder vorschriftsmäßig schon jetzt auf dem Bauche rutschen müssen, aber das lag mir nicht, da kam ich gar zu langsam vorwärts.

So kroch ich auch noch durch ein Stückchen Wald hindurch, bis ich zwischen den Bäumen hindurch auf einer Lichtung ein helles Feuer brennen sah, in dessen Scheine ich das Weitere erkannte.

Dort stand das kleine, buntbemalte Lederzelt, daneben war ein Pferd angekoppelt, an dem Feuer saß ein Mann und rauchte aus einer Pfeife mit langem Rohre, so, wie ich ihn schon immer von dort oben aus gesehen hatte.

Es war eine ganz waschechte Rothaut, nur mit ledernen Beinkleidern und Mokassins angetan, der Oberkörper, auf dessen Brust ich eine große Tätowierung in weißer Farbe erkannte, nackt — — ein Mann, dem man die fünfzig Jahre, die er schon zu tragen hatte, wohl ansah, der sonst aber noch unter keiner Altersschwäche zu leiden hatte, eine äußerst muskulöse Gestalt, das Gesicht eben das eines Indianers des mittleren Nordamerikas, ganz sympathisch. Nur die Skalplocke vermisste ich. Das schwarze, straffe, etwas lange Haar war schlicht gescheitelt. Er befand sich ja auch nicht auf dem Kriegspfade. Dass er als Häuptling auch keine bunte Federkrone mit weiterem Federschwanz trug, der den Rücken herablief, konnte ich ihm ebenfalls nicht verdenken.

Das war also mein Schwiegerpapa in spe, so sah er aus.

Sakuntala war nicht zu erblicken.

Ob er mich schon bemerkt hatte? Ganz sicher! Sein Gaul wenigstens, ein ganz prächtiges Tier, hatte mich bereits entdeckt, äugte direkt nach mir, das heißt nach der Richtung, von wo ich angekrochen war, wo ich jetzt lag.

Ja, ich konnte nichts dafür. Ich war so vorsichtig wie möglich gekrochen; sonst hätte ich eben in dieser Anschleicherei erst einige Lektionen bekommen sollen.

Die Hauptsache war jedenfalls, dass der rote Häuptling tat, als ob er nichts merke.

So, nun musste ich hier liegen, bis — —

Da war es schon!

Eine Eule krächzte ganz schauerlich, mehrmals hintereinander.

Nun also wusste der Häuptling, dass ich seine Tochter entführen würde und auf alle Bedingungen eingegangen war.

Mir kam die Sache sehr humoristisch vor.

Der rote Mann rührte sich nicht, rauchte ruhig weiter.

Und jetzt klang dort drüben aus derselben Richtung ein jammervolles Blöken und Schreien.

Wie eine menschliche Kehle das nur nachahmen kann! Ich brachte es nicht fertig.

Und da erhob sich der Häuptling schnell, ohne erst viel gelauscht zu haben, die lange Pfeife, aber eine ganz andere als die meine, mit der neben ihm liegenden Büchse auswechselnd, ging erst einmal schnellen Schrittes nach dem Zelte, verschwand darin.

Bei Zurückschlagen des Vorhanges war heller Lichtschein hervorgedrungen, während sonst alles sehr gut abschloss.

Jetzt also band er erst seine Tochter, dass sie ihm während seiner Abwesenheit nicht etwa durch die Lappen ging.

Das musste außerordentlich schnell geschehen sein — eben alles vorbereitet — denn schon nach wenigen Sekunden kam er wieder zum Vorschein.

Nun aber ging es auch im Dauerlauf in die Büsche hinein, um das Rehkalb, das noch immer so jämmerlich quiekte, von der Katze zu befreien, die ihm auf dem Rücken saß. Übrigens glaubte ich, das Rehchen hätte in Wirklichkeit schon längst nicht mehr so geschrien. Doch konnte ja auch ein Wiesel ihm an der Kehle hängen; freilich dauerte es länger.

Natürlich hielt ich mich mit solchen Erwägungen nicht lange auf, ich hatte anderes zu tun — — richtete mich sofort, nachdem der Häuptling in den Büschen verschwunden war, auf und rannte nach dem Zelte.

Eine irdene Lampe brannte darin. Und da lag Sakuntala am Boden auf einem Felle, an Händen und Füßen gebunden. Weitere Umschau in dem Wigwam hielt ich nicht, erblickte nur zufällig den sehr langen, aber sonst ganz einfachen Holzbogen und den buntbemalten Pfeilköcher, dessen Inhalt also für mich bestimmt war. Ich hätte ihn ja gleich mitnehmen können, aber das wäre nicht gentlemanlike gewesen.

Als Sakuntala mich erblickte, also gleich bei meinem Eintreten, stieß sie sofort einen hellen Freudenschrei aus.

Hätte ich das Programm zu entwerfen gehabt, so hätte sie mit dieser Freudenschreierei erst noch ein bisschen warten müssen. Der Vater war doch gar nicht weit, das musste er doch noch hören.

Aber das ging nun einmal nicht anders, und die wussten schon, was sie taten, der Vater konnte ja auch sofort wieder umdrehen, und mein Pfiff zum Herbeirufen des Pferdes war unbedingt nötig — — also ich packte die Liegende, hob sie auf, gleich auf meinen Arm, gar kein so leichtes Stückchen, jeder hätte das nicht fertiggebracht, sprang hinaus ins Freie.

Mein Lockpfiff ertönte. Und wie! Pfeifen kann ich nämlich wie eine Lokomotive.

Wenn nun mein Rappe nicht kam?

Doch da kam er schon wie ein schwarzer Schatten im Mondlicht angejagt, über die Prärie, welche von der anderen Seite aus frei in diese Waldlichtung überging. Er stand, ließ sich beim Zügel nehmen. Sakuntala auf die Füße gestellt, mich in den Sattel geschwungen, heruntergebeugt, zugepackt, sie heraufgezogen.

Donnerwetter noch einmal! Und wenn sie auch nur einen Zentner wiegen mochte! So ein Zentner will doch heraufgezogen sein, wenn man dabei im Sattel sitzt. Ohne Steigbügel hätte ich es wahrscheinlich gar nicht fertiggebracht, dann hätte ich von unten heben und schieben müssen.

Dem Tiere die Hacken in die Weichen gedrückt. Sporen besaß ich nicht.

Ich kannte den Rappen ja nun schon, sofort setzte er sich in flotten Galopp. Direkt auf den Mond zu gehalten.

Ich galoppierte über die grasige Steppe.

Kaum eine halbe Minute, da schnob es hinter mir.

Doch nicht etwa schon mein Schwieger — —?

Nein, der hätte mich nicht so einfach überholt, und jetzt erkannte ich im Mondlicht auch Ross und Reiter.

Schnell überholte mich der Mestize, bereits in voller Karriere.

»Njalpauho, pauho, pauho!!!«, oder so etwas Ähnliches schrie er.

Ich wollte, um ihm zu folgen, nochmals meinem Rappen die Hacken geben, hatte es aber nicht mehr nötig.

Himmel, da legt der doch plötzlich los, dass mir doch gleich Sehen und Hören vergeht!!

Und dazu wird es mit einem Male stockfinster! Der Himmel hatte sich schon bei Sonnenuntergang mit zerrissenen Wolken überzogen, hinter eine solche war der Mond getreten.

Und dazu pfiff jetzt plötzlich ein eiskalter Wind, er mochte gar nicht so heftig sein, aber wir jagten ihm entgegen, für mich ist es ein eisiger Sturm, der mich umpeitscht, und um alles voll zu machen, fängt es jetzt auch noch zu hageln oder zu graupeln an, und wie!

So jagten wir über die Prärie.

Ich vermag es nicht zu schildern, und was ich gedacht habe, weiß ich auch nicht mehr. Ich werde wohl gar nichts gedacht haben. Oder höchstens: »Ach wenn das schon überstanden wäre!«

»Immer mir nach, Pferd laufen lassen, es folgt mir von allein!!«

So hörte ich vor mir, aber wie in geisterhafter Ferne, eine Stimme heulen, die des Mestizen.

O, ich dachte gar nicht daran, mein Pferd lenken zu wollen. Wenn ich es auch fest in der rechten Faust behielt, den linken Arm um Sakuntala geschlungen, die vor mir quer im Sattel mehr lag als saß, die Füße mit den äußersten Spitzen in den Steigbügeln, immer gewärtig, zu stürzen oder sonst wie heruntergeschleudert zu werden.

Im Augenblicke wunderte ich mich nur, dass sich der Mestize in diesem schrecklichen Sausen und Brausen und Heulen überhaupt noch vernehmlich machen konnte.

Da, als ich den Schmerz der mir ins Gesicht peitschenden Hagelkörner kaum noch ertragen konnte, als ich glaubte, mein Gesicht und mein ganzer Kopf müssten auseinanderplatzen, ließ der Hagel plötzlich nach, verwandelte sich in Regen, aber in was für einen, es waren Bindfäden und Stricke, die vom Himmel herabkamen, ein Wolkenbruch.

»Herrlich! Das verwischt unsere Spuren!!«, jauchzte es vor mir.

Ich fand es gar nicht herrlich.

Wie lange das so gegangen ist, weiß ich nicht. Eine halbe Stunde mindestens.

Auch der Sturm hatte sich gelegt, sogar vollständig, kein Windhauch fächelte uns entgegen, was es aber bei unserem tollen Jagen doch gar nicht geben konnte, wir ritten einfach so schnell wie der Sturm, der hinter uns herbrauste, der Wind hatte sich schnell gedreht, auch das Gießen hörte auf, verwandelte sich in ein Nieseln, aber stockfinster blieb es.

»Trrrrrab!«, ertönte es jetzt aus dem Munde Carlos', dazu noch ein mir fremdes Wort, und mein Ross gehorchte diesem doch eher als dem Zügel in meiner Hand, ging aus der Karriere gleich in kurzen Galopp und dann in Trab über, schließlich in Schritt, und da merkte ich, ohne ihn sehen zu können, dass der Mestize neben mir war.

»Das war ein Ritt, hahahahaha!«

Er hatte es lachend gejauchzt, wie ich es diesem braunen Manne nimmermehr zugetraut hätte, weder dem Vaquero noch dem wissenschaftlichen Theologen. Der freudigste Jubel hatte in diesem Lachen gelegen.

»Hat Dir das nicht gefallen?«

»Hm, das ist Geschmacksache!«, brummte ich.

»Doch nicht etwa das Mädchen unterwegs verloren?«

»Ja, gleich im Anfange — — die liegt irgendwo hinter uns.«

Er lachte nur. Ich war überhaupt von vornherein überzeugt, er brauchte mir gar keinen Beweis dafür zu geben, dass für dieses Mannes Adleraugen solch eine Stockfinsternis kein Sehhindernis bedeutete.


Illustration

Sakuntala vor sich im Sattel,
sprengte Willmer über die Steppe.


Sakuntala schmiegte sich einmal zärtlich an mich, und als ich merkte, dass sie mit ihrer Wange die meine berühren wollte, kam ich ihr natürlich galant entgegen, und dann drehten wir auch die Köpfe, dass nicht nur die Gesichtsseiten sich begegneten, wir küssten uns.

In unsere Unterhaltung mischte sie sich nicht. Während dieser ganzen Entführung durfte sie kein Wörtchen sprechen. Anstandsregel! Sie durfte noch vielerlei nicht, was mir der Mestize dort oben alles erklärt hatte, ich will es gar nicht erst schildern, ich würde damit niemals fertig. Nicht einmal essen durfte sie. Mit Ausnahme dessen, was ich ihr in den Mund steckte. Eigentlich auch ganz selbstverständlich. Sie musste ja gebunden bleiben, und meine Braut würde sich doch nicht von einem fremden Kerl füttern lassen.

»Nun ist es doch ganz finster geworden, wie ich erwartet hatte«, fing der Mestize einmal von selbst an. Dieses Wetter schien ihn gesprächig zu machen.

»Und wenn jetzt der Häuptling diese finstere Nacht für ungültig erklärt?«

»Kann er nicht.«

»Warum nicht?«

»Vollmond, und er hat geleuchtet, als Du das Mädchen raubtest.«

»Du meinst, er kann unserer Spur nicht folgen?«

»Ausgeschlossen!«

»Hat uns auch sonst verloren?«

»Sicher.«

»Das ist ja famos.«

»Aber ich habe Spuren hinterlassen.«

»Was für welche?«

»Schnitzeljagd.«

»Papierchen ausgestreut?«

»Papierchen, hahaha, hat sich was!«

»Was für Spuren denn sonst?«

Ich erfuhr es nicht. Eben irgendwelche Merkzeichen.

»Aber wozu das?«

»Ritterlich.«

Ich verstand es zu würdigen, wenn es mir zur Zeit auch nicht gerade angenehm war.

»Doch nun haben wir die ganze Nacht Ruhe, selbst wenn Stahlhand uns direkt auf den Fersen bliebe.«

»Er würde mich nicht zu fangen suchen?«

»Nein. Unritterlich. Weil ich ihm Spuren hinterlassen habe.«

Ich verstand. Gegenseitigkeit.

»Also geht die Jagd erst morgen richtig los.«

»Ja.«

»Und was tun wir jetzt?«

»Reiten, immer reiten.«

»Die ganze Nacht hindurch?«

»Ja.«

»Warum lagern wir nicht?«

»Wo? Alles nass. Auch unter den Bäumen trieft es.«

»In einer Höhle.«

»Gibt keine hier.«

Schön waren diese Aussichten nun gerade nicht. Es nieselte immer feiner, aber anhaltend. Und mein Gesicht glühte! Es brannte wie Pfeffer.

Gesund mochte dies alles sein, auch einen Schnupfen holte ich mir sicher nicht, aber »schön« ist eben etwas anderes.

Der Mestize hatte sein Pferd am Zügel gefasst, führte es.

»Warum führst Du?«

»Beschwerlicher Weg.«

Ja, das merkte ich. Ungemein holprig, das Pferd setzte Fuß vor Fuß, alles musste voll Steine liegen, dabei ging es immer auf und ab.

Sehen konnte ich nichts, faktisch nicht die Hand vor den Augen. Die Wolke, hinter der der Vollmond stand, musste furchtbar dick sein.

»In der Prärie sind wir doch nicht mehr.«

»Nein.«

»Hier liegt wohl alles voll Steine?«

»Ja.«

So beantwortete Carlos meine Fragen. Aber dass wir uns schon längst im Gebirge befanden, immer kreuz und quer durch Engpässe ritten, das sagte er mir nicht! Und ich kam auch nicht von selbst auf diese Idee. Erst später sollte ich es erfahren.

»So. Absteigen!«

Ich gehorchte, stand auf Schutt und Steinen.

»Auch Sakuntala herunterheben?«

»Nein, kann drauf bleiben, festhalten. Warten.«

Ich merkte, dass er verschwand, er kam wieder, führte mein Ross.

Jetzt war mir doch, als ob es um mich herum eng wurde. Solch ein Gefühl kann man haben, wenn man sich zwischen Wänden befindet.

Und dann hörte der Nebelregen plötzlich auf, in einer Weise, dass ich ganz bestimmt wusste, ich hatte einen Schutz, eine Decke über mir.

Ein Pferd scharrte, nicht das meine, und es klang wie in einem geschlossenen Raume, die Wände gaben den Schall wieder.

»Wir sind hier doch in einer Höhle!«

»Nur unter einem Felsvorsprung.«

Na, das war immer besser als nichts. Freilich, sehr nass war es noch immer. Wenigstens merkte ich es unter meinen dünnen Mokassins, es klitschte, wenn ich aufstampfte.

»Sakuntala herunterheben!«

Da sie selbst sich nicht festhalten konnte, hatte ich das tun müssen, obgleich sie, wie ich später merkte, trotz der gebundenen Hände und Füße ganz fest auf dem Rücken des Pferdes saß, auch so seitwärts.

Nachdem ich sie herabgehoben hatte, kam sie mir aus den Händen. Auch das Pferd wurde mir abgenommen.

Einige Zeit stand ich so da, konnte die Arme weit ausstrecken, ohne etwas zu tasten. Eine verfluchte Geschichte, so im Stockfinstern zu stehen, nur mit den Füßen auf festem Boden, sonst sozusagen ins raumlose Weltall zu ragen, keine Ahnung zu haben, wo man sich befindet. Bis auf diesen Punkt konnte ja sonst die ganze Erde versunken sein.

»Hast Du kein Licht?«

»Darf nicht.«

Einige Minuten verstrichen, für mich eine kleine Ewigkeit.

Es raschelte, es wurde etwas gemacht, aber ich wusste ja nicht was.

»Setz' Dich hin, leg Dich!«, hieß es dann, wie man einen Hund kommandiert, und ich gehorchte. Was blieb mir anderes übrig? Lieber wäre ich stehen geblieben, denn, ach, war der Boden nass, es floss sogar Wasser darüber hin! — aber die ganze Nacht hätte ich doch nicht so stehen bleiben können.

»Wo bist denn Du, Carlos?«

»Hier.«

»Das merke ich, aber wo?«

»Einige Schritte von Dir entfernt. Nicht so trocken wie bei Dir dort.«

»Noch nasser? Na, ich danke! Und wo ist Sakuntala?«

»Hier bei mir.«

»Die gehört aber eigentlich zu mir.«

»Hier liegt sie besser.«

»Ich denke, dort ist es noch nasser?«

»Nicht, wo Sakuntala liegt, da ist der Boden etwas erhöht, und das ist hier dicht neben mir. Einen trockeneren und einen nasseren Platz als die beiden, zwischen denen wir uns teilen, gibt es hier nicht.«

»So will ich Deine Wohnung beziehen, nasser als meine kann sie auch nicht sein, Wasser ist Wasser, mir läuft's schon in die Hosenbeine.«

»Bleibe, wo Du bist! Hier ist alles voller Bodenspalten. Verlass Deinen Platz nicht!«

Dann war dagegen nichts zu machen. Fatale Situation! Das nennt man nun eine Brautnacht!

Es raschelte und rumorte leise.

Was machten die beiden?

Und dann schnüffelte ich.

Ha, dieser mir so wohlbekannte Duft — —

»Hört einmal, Ihr trinkt da wohl Grog?«

»Grog?«

»Das riecht doch hier ganz nach Rum, nach Grog?«

»Woher sollen wir denn den haben?«

»Das frage ich auch. Aber die Tatsache bleibt bestehen, dass es hier ganz und gar nach Grog von Rum riecht.«

»Ah, ich weiß. Dem Athonel ist's aufgestoßen.«

»Wem?«

»Dem Athonel, meinem Pferde.«

»Wenn Dein Gaul rülpst oder sonst einen Ton von sich gibt, dann soll's allemal nach Grog vom feinsten JamaikaRum riechen? Höre mal, das mache einem anderen weis.«

»Daran ist absolut nicht zu zweifeln. Hast Du an der Stelle, wo wir die Pferde stehen ließen, als wir heute am späten Nachmittag auf das Plateau stiegen, den großen Busch mit den blaugrünen Blättern, den weißen Blüten und den kleinen schwarzen Beeren gesehen?«

Ja, ich konnte mich auf so etwas entsinnen, es war ein sehr auffallender Strauch gewesen.

»Das war eine indische Olkinde. Ihre Früchte und auch die Blätter schmecken genau wie Rum. Man könnte sich durch Aufguss als Tee einen alkoholfreien Grog bereiten, wenn sie nicht einen Bitterstoff enthielten, der durch keinen Zucker zu verdecken ist, und extrahiert man ihn vorher, dann schmeckt der Tee auch nicht mehr nach Rum, sondern nach Heu. Trotz dieser Bitterkeit werden die Blätter und Beeren von manchem Pferde sehr gern gefressen, so auch von meinem Athonel. Nun beginnt er sie erst richtig im Darm zu verdauen, die einwirkende feuchte Körperwärme — — daher der Groggeruch. Glaubst Du es nun?«

Ja, ich musste es wohl glauben, es klang doch auch alles ganz plausibel.

»Na, da freut mich nur, dass ich Deinem Gaul die paar Zuckerstückchen, die von unserem Nachmittagskaffee übrig blieben, zu fressen gegeben habe — dann ist ja in seinem Magen der Teegrog erst richtig — — aber sage mal, wenn Deine Mähre JamaikaRum gefressen hat, dann hat mein Gaul wohl Gänsebraten gesoffen?«

»Gänsebraten?«

»Na, hier riecht es doch ganz nach Gänsebraten! So dass man die knusprig gebratenen Gänse förmlich in der Luft herumfliegen sieht!«

»Das ist recht wohl angängig, dass unsere Pferde nach Gänsebraten riechen — — —«

»Die haben wohl von einem anderen Strauch gefressen, von dessen Blättern man einen Gänsebratenten bereiten kann?«

»Das nicht, solch einen Gänsebratenstrauch gibt es nicht, ich wenigstens kenne keinen — wohl aber habe ich beide Tiere heute Vormittag mit ausgebratenem Gänseschmalz eingerieben.«

»Wozu denn das?«

»Einmal, um sie gegen Moskitos zu schützen, und dann verleiht diese Salbe den Tieren eine ganz besondre Kraft und Ausdauer, und das ist kein Aberglaube. Weißt Du nicht, dass die alten Griechen und Römer ihre Körper mit Salben behandelten, wie wir es heute gar nicht mehr kennen? Auch ich habe das Rezept zu solch einer Salbe. Sie wird aus dem Fett einer gewissen Wildgans hergestellt, diese liefert wenigstens das wirksamste Fett, dazu kommen noch einige andere Ingredienzien — mein Geheimnis, das ich nicht preisgebe.«

Der sonst so wortkarge Vaquero sprach wieder einmal wie ein Buch — aus einem Grunde, den ich später erkennen sollte und mitteilen werde.

Jetzt dachte ich daran, dass ich hier überhaupt noch gar nichts von Moskitos und anderen stechenden Insekten bemerkt hatte, und das war doch sehr auffallend, denn in solchen Breiten befand ich mich hier doch zweifellos.

Im nächsten Moment hatte ich diesen Gedanken wieder fallen lassen, weil mir etwas Näherliegendes in den Sinn gekommen war.

»Weshalb hast Du uns selbst nicht mit dieser Zaubersalbe eingeschmiert, wenn sie solch eine wunderbare Kraft verleiht?«

»Wenn wir erschöpft sind, dann soll sie allerdings angewendet werden, aber nicht früher.«

»Waren denn die beiden Pferde schon vorher erschöpft?«

»Das nicht, aber bei diesen Tieren ist das etwas ganz anderes, die können es nicht sagen, wenn sie die Erschöpfung schon vorher spüren. Die spannen ihre Kräfte bis zuletzt an. Wir sind keine Pferde.«

»Carlos, mein lieber Namensvetter, ich muss Dir sagen, dass ich eine Pferdenatur besitze und trotzdem schon längst erschöpft bin. Willst Du mich nicht mit solchem Gänseschmalz einreiben? Innerlich, womöglich kann auch ein bisschen Fleisch dabei sein, Knochen dagegen habe ich nicht nötig. Ach, riecht das hier köstlich nach Gänsebraten! Wie kommt es denn, dass — —«

Ein helles Kichern erklang, das vergebens zu unterdrücken versucht ward.

»Was hat Sakuntala so zu kichern?«

»Soll sie nicht lachen, wenn Du so humoristisch sprichst!«

»Mir ist durchaus nicht humoristisch zumute hier in meiner Pfütze, ich bin doch kein Frosch. Nein, riecht das hier gut nach Gänsebraten! Wie kommt es denn, dass man das bei den Pferden nicht schon früher gerochen hat?«

»Wir waren immer im Freien — —«

»Ich denke wir sind auch hier nur unter einem Felsvorsprung?«

»Sie stehen, sie dünsten aus, jetzt macht sich der Geruch der Salbe erst bemerkbar.«

Jetzt klang das Rascheln mehr wie ein Zischen.

»Was zischt denn da nur immer so?«

»Das ist eine Klapperschlange.«

»Waaas?«

»Hier in der Nähe hält sich eine Klapperschlange versteckt, die zischt uns an.«

»Ich denke, hier gibt es gar keine giftigen Schlangen!«

»Wer hat Dir denn das gesagt?«

»Klingsor.«

»Das mag drüben für Dein Revier gelten, hier gibt es welche.«

»Und das sagst Du so gleichgültig?«

»Wenn ich mich dabei aufrege, wird es nicht anders.«

»Ich denke, die Klapperschlange klappert, wenn sie gereizt wird, daher eben ihr Name, und dazu hat sie ja auch den Klapperapparat am Schwanze.«

»Sie befindet sich eben nicht in gereizter Stimmung, sie zischt in Selbstzufriedenheit — — da, jetzt klappert sie, hörst Du?«

Und ob ich es hörte! Und wie sie klapperte! Ein recht merkwürdiges Klappern.

»Das klingt ja gerade, wie wenn man den Kellner ruft, als ob man mit dem Messer gegen einen Porzellanteller klopft?«

»Hast Du denn noch keine Klapperschlange klappern hören?«

»Nein.«

»So klappern sie alle.«

»Ganz genau so, wie wenn jemand — — was hat denn Sakuntala nur immer zu kichern? Die darf doch gar keinen Ton von sich — — o je, o je!!«

Ich hatte einen Schwall Wasser ins Gesicht bekommen, und dabei blieb es, jetzt regnete es auch hier tüchtig von oben.

»Was ist denn los?«

»Ich denke, wir befinden uns unter einem Felsvorsprung.«

»Jawohl.«

»Er bietet aber keinen Schutz mehr, jetzt bekomme ich das Wasser auch von oben, ich sitze wie in einer Traufe!«

»Der Wind wird sich gedreht haben, Du bekommst den Regen von der Seite.«

»Nee, von oben!«

»Das ist nur Einbildung.«

»Nee, durchaus nicht, ich werde hier gleich zu schwimmen anfangen! Und nun müssen wir hier die ganze Nacht sitzen?«

»Die ganze Nacht.«

»O je, o je! Wenn ich nur wenigstens einmal etwas sehen könnte — —«

Ich wünschte Licht, und es ward Licht!

Plötzlich leuchtete ein greller Feuerschein auf, dass ich geblendet die Augen schließen musste.

Und als ich sie wieder öffnen und sehen konnte, o was erblickte ich da, wie ward mir da!

Ich hatte ja gleich von dem Gefühle gesprochen, dass ich mich in einem geschlossenen Raume befinden müsse, über mir eine Decke, dann aber hatte ich doch meines Führers Versicherung geglaubt, es sei nur ein Felsenvorsprung, und das wurde meine feste Überzeugung, als ich die Nässe am Boden bemerkte, und nun gar, als es auch erst seitwärts und dann direkt von oben auf mich zu regnen begann.

Nein, es war eben dennoch eine ganz richtige Höhle, die man doch wohl als einen geschlossenen Raum bezeichnen kann.

Und was für eine, wie behaglich eingerichtet!

Überall war der Boden mit Fellen und schönen Pelzen belegt, die Wände waren damit verkleidet, und dann waren noch eine Menge Sachen vorhanden, die verrieten, wie diese Höhle zum ständigen Wohnen benutzt wurde.


Illustration

Ja, aber saß ich denn nicht im Nassen, von oben wie von unten Wasser bekommend?

Ganz gewiss, und dabei blieb es auch.

Die Sache war nämlich die, dass der Boden der Höhle etwas geneigt verlief, und auf der tiefsten Seite floss aus einer Felsenspalte ein Bächlein hervor und so an der Wand ganz flach über den Boden hin.

Und in diesem Bächlein hatte gerade ich mich niedergelassen!

Und diese in der Höhle nun einmal vorhandene Quelle, die gegenüber wieder in einer Spalte verschwand, hatte man nun gleich weiter benutzt, um eine gute Badegelegenheit zu schaffen. Über mir an der drei Meter hohen Decke war eine regelrechte Brause angebracht, das Wasser konnte irgendwie dort hinauf geleitet werden, und das war jetzt geschehen, die Duschvorrichtung funktionierte, ich bekam ein Brausebad!

Und der Mestize und Sakuntala?

Die saßen dort drüben auf der anderen, höheren Seite, fein auf kostbaren Pelzen, an einem rotglühenden Holzfeuer, zwischen sich eine große Schüssel, auf dem ein Ding lag, das nichts anderes sein konnte als eine gebratene Gans.

Dieser Gänsebraten war nicht mehr vollständig, und auch sonst hatten die beiden es sich schon sehr gemütlich gemacht. Abgesehen davon, dass Sakuntala nicht mehr gebunden war und in einem molligen Pelzmantel stak.

Soeben hob Carlos einen dampfenden Becher hoch, in der anderen Hand eine Gänsekeule schwingend.

»Prost, es lebe das Brautpaar. Und ganz speziell auf das Wohl des Herrn Bräutigams!«

Sakuntala tat ihm mit einem ebensolchen Silberbecher Bescheid, wie auch sie sich bereits an einem Stück Gänsebraten delektierte, den sie aber vor sich auf einem Porzellanteller hatte, sie wollte wenigstens Bescheid tun, brachte es nicht fertig.

Schnell setzte sie den Becher hin, und es war auch die höchste Zeit gewesen, denn gleich darauf wälzte sie sich am Boden in Lachkrämpfen.

»Nun schlägt's aber doch dreizehn!«, staunte ich.

»Kommen Sie nur hervor, Herr Ingenieur, Sie brauchen nicht immer dort unter der Dusche zu sitzen.«

Ja, ich verließ schleunigst meinen Platz, rettete mich aufs Trockene, wenn ich auch erst noch auf dem Steinboden blieb, um dort drüben nicht gleich alles nass zu machen.

Brauchte ich noch eine Erklärung?

Dieser Mestize war eben ein Filou, wie ich es ja gleich gesagt hatte. Er hatte uns in eine Höhle geführt, die er schon wohnlich eingerichtet hatte.

Die beiden anderen hatten schon immer dort drüben im Trockenen auf den Fellen gesessen oder vorher erst noch sich trocken angezogen, hatten Gänsebraten gespeist und dazu Grog getrunken.

Solch einen nichtswürdigen Streich hatte mir dieser Mestize gespielt! Ob ich es übel nahm?

I, Gott bewahre!

Und auch der empfindlichste Mensch hätte keinen Grund dazu gehabt; man muss sich die Sache nur richtig vorstellen.

Erstens hatte alles das, wozu ich beim Erzählen sehr lange Zeit gebraucht, ja kaum zehn Minuten gedauert, die Wechselreden waren doch immer schnell hin und her gegangen.

Zweitens war ich ja überhaupt schon ganz durchnässt gewesen, hatte getrieft, da war es gar nicht mehr darauf angekommen, wenn ich mich hier noch einmal in das bisschen Wasser setzte und auch eine regelrechte Dusche von oben erhielt.

Drittens hatten die beiden ja auch nicht schon während dieser ganzen Zeit so dagesessen, sondern hatten sich umgezogen und die sonstigen Vorbereitungen getroffen, um mich zu überraschen.

Und eine Überraschung war es denn auch, die ich mir wohl gefallen ließ.

»Nun ziehen Sie sich erst einmal um, Herr Ingenieur!«, rief Carlos, der ein neues, recht elegantes Jagdkostüm trug und mit diesem auch wieder einen zivilisierten, sogar salonfähigen Menschen angezogen hatte. »Dort hinter dem Lamafelle finden Sie alles, bedienen Sie sich, nur machen Sie recht schnell; so lange warten wir noch mit dem Essen. Dann gebe ich Ihnen die Erklärungen, falls Sie solcher bedürfen.«

Wohl immer noch ganz perplex, aber auch schon lachend, schlug ich das bezeichnete Fell zurück, fand alles, um eine ganze Jagdgesellschaft mit allem zu versehen, was sie braucht, von der Unterwäsche an, sogar ein Toilettentisch mit Rasierspiegel und Parfümfläschchen war vorhanden, wie für einen Stutzer berechnet.

Schnell hatte ich im Scheine der Hängelampe meine Wahl getroffen, war in fünf Minuten wieder drüben, trocken und ebenfalls recht elegant. Sie hatten wirklich auf mich gewartet.

»Nun aber los, sonst wird der Gänsebraten kalt!«

»Wie haben Sie denn den so fix schön knusprig braten können?«, fragte ich mit schon kauendem Munde.

»Alles schon heute früh besorgt — Vorrichtung vorhanden, um ihn warm und knusprig zu erhalten.«

»Sie sind hier in dieser Höhle schon immer so wohnlich eingerichtet gewesen?«

»Schon immer. Oder sieht das etwa danach aus, als könne man das in ein paar Minuten oder auch Stunden schaffen? Allein, was für Arbeit mir dort oben die Dusche gemacht hat. Das ist übrigens eine ganz ingeniös erdachte Vorrichtung, das müssen Sie sich dann einmal genauer ansehen, ich werde es Ihnen erklären — wie die Stöpselung eines Löchelchens genügt, um das Wasser nach oben zu drängen, aber eben wieder auf eine ganz besondere Weise.«

»Wir bleiben längere Zeit hier?«

»Selbstverständlich die ganze Nacht!«, rief jetzt Sakuntala fröhlich. »Wir werden uns doch nicht bei diesem Wetter draußen herumtreiben, wo wir es hier so mollig haben können.«

»I Du sprichst ja?«

»Ich habe doch auch keine Fesseln mehr.«

»Und da halten Sie mir erst so einen langen Vortrag, wie die geraubte Braut gebunden bleiben muss und kein Sterbenswörtchen sprechen darf, nichts essen, was ich ihr nicht selbst in den Mund stecke, wie das so eherne PawneeGesetze sind, und jetzt isst sie eigenhändig, trinkt Grog und plappert dazu?«, wandte ich mich an den Mestizen.

»Wir sind hier in meinem Tuskulum«, lautete die Antwort. »Und wo es keine Ausnahme gibt, da muss man solche zu schaffen wissen. Wo kein Ankläger ist, ist auch kein Richter.«

»Da müssen Sie mir aber erst noch einige Fragen beantworten, sonst werde ich als Ankläger Sie vor den Richter bringen, sonst werde ich Sie denunzieren.«

»Sie wären gerade der Richtige! Nun?«

»Was für eine Sache war denn das mit der Olkinde, oder wie der Busch hieß, dessen Blätter und Früchte nach JamaikaRum schmecken sollen?«

»Solch einen Strauch gibt es in Indien wirklich, aber hier wächst keiner, also kann mein Athonel auch nicht davon gefressen haben.«

»Und die kraftspendende Gänseschmalzsalbe?«

»Die gibt's überhaupt nicht.«

»Alles nur frei erfunden, um mir die appetitlichen Wohlgerüche plausibel zu machen?«

»Selbstverständlich.«

»Carlos, Sie sind ein Teufelskerl! Ich glaube schon, dass Sie gut Freund mit dem Manne mit den Teufelsaugen sind. Sie beide passen zusammen. Und das Zischen der Klapperschlange?«

»Das war richtig der Gänsebraten, den ich in meinem elektrischen ThermophorÖfchen noch einmal tüchtig anheizte, um die durch das lange Stehen doch etwas schlaff gewordene Haut wieder knusprig zu machen.«

»Ich hatte ja gleich einige Zweifel, aber — —«

»Aber zuletzt hast Du es doch geglaubt, bist darauf hereingefallen, etsch!«, frohlockte Sakuntala.

Na warte, wenn ich Dich erst alleine habe.

»Also wir bleiben wirklich die ganze Nacht hier?«, wandte ich mich wieder an den Mestizen.

»Die ganze Nacht. Und morgen haben wir wieder das schönste Wetter, das kann ich versichern.«

»Und wenn Stahlhand uns hier findet?«

»Kann er nicht. Dieser Schlupfwinkel ist gar zu verborgen, und Spuren haben wir nicht hinterlassen.«

»Dann könnten wir ja gleich bis morgen Abend hier bleiben.«

»Unritterlich. Morgen am Tage muss Stahlhand Gelegenheit haben, uns zu verfolgen. Ihr Becher ist leer? Hier ist noch ein ganzer Topf voll Grog.«

Dem delikaten Gänsebraten folgte, etwas reglementwidrig, ein wunderbarer Fisch, diesem Butter und verschiedenerlei Käse mit Weißbrot, dann die herrlichsten Früchte, Knackmandeln und Rosinen, und dazu ließen wir von drei Champagnerflaschen die Pfropfen springen.

Sakuntala hatte einen tüchtigen Spitz gehascht, die lachende Ausgelassenheit selbst, blieb aber immer ganz manierlich.

»Nun wollen wir schlafen!«, sagte endlich der Mestize, sah noch einmal nach den Pferden, welche in einem benachbarten Felsenraume untergebracht waren, und wir streckten uns auf den Fellen aus.

— • —

78. Kapitel
Auf Tod und Leben

Auf auf!« Ich war sofort munter. Auch Sakuntala merkte nichts von Nachwehen des gestrigen Zechgelages.

»Was ist die Zeit? Oder wie viele Stunden haben wir geschlafen?«

»Genug, um den ganzen Tag aushalten zu können. Umziehen, frühstücken!«

Ich gehorchte, am liebsten letzterem Befehl.

Dann zog sich Sakuntala zurück, kam in dem Kostüm wieder, in dem sie den Wigwam verlassen hatte; der Mestize band mit demselben Lederstreifen ihre Hände und Füße. Als ich sie einmal anredete, schüttelte sie nur den Kopf, war schon wieder stumm geworden.

»Nichts verraten!«, sagte dagegen zu mir Carlos mit warnend erhobenem Zeigefinger, erst jetzt, nachdem er gestern von so etwas kein Wort erwähnt hatte.

»Ich werde mich hüten! Wofür halten Sie mich!«, lachte ich.

»Du könntest einmal unbedachtsam sein.«

Er duzte mich wieder, war also wieder der Vaquero, danach hatte ich mich zu richten.

Ich musste Sakuntala aufheben und hinüber zu den Pferden tragen.

»Niedersetzen! Augen verbinden!«

Und schon zog der Mestize einen dünnen Lederlappen aus der Tasche, schlug ihn zum Dreieck zusammen, schickte sich an, ihn mir vor die Augen zu legen.

»Die Augen müssen mir verbunden werden?«

»Ja. Auch dem Mädchen.«

»Wozu das?«

»Damit Ihr nichts seht«, war der lakonische Bescheid. Er wollte eben den Weg zu seinem Schlupfwinkel geheim halten.

Die dreieckige Binde wurde mir in ganz eigentümlicher Weise um die Augen gelegt, sodass ich gleich merkte, wie unmöglich es war, sie zu verschieben und einmal oben oder unten durchzublinzeln.

Dann musste ich in den Sattel steigen, der Felsenraum war hoch genug dazu, nach kurzer Zeit wurde Sakuntala zu mir heraufgehoben, mein Pferd setzte sich in Bewegung, doch natürlich durch eine Tür hindurch, obgleich ich vorhin keine zweite gesehen hatte, und die, welche in den Wohnraum führte, war zu niedrig, als dass ein Reiter aufgerichtet sie hätte passieren können.

Es ging zwar nicht immer geradeaus, aber von einem Bodenabfall oder Aufstieg, was man doch auch sehr gut im Sattel spürt, merkte ich nichts.

Eine Viertelstunde hatte ich wohl so auszuharren. Erst war mein Pferd wohl geführt worden, dann schien es frei zu gehen.

»Halt!«

Die Binde wurde mir hinten aufgeknotet und abgenommen; bei Sakuntala konnte ich das selbst tun.

Wir befanden uns in einer wilden Schlucht, über welcher der blaue Himmel lachte. Jetzt atmete ich auch die erquickende Morgenluft ein, woran bisher meine Nase durch die Binde gehindert worden war.

Noch ein kurzer Ritt, schweigend zurückgelegt, und die Schlucht mündete in die offene Prärie.

Aber so ganz »offen« war sie nicht. Darunter versteht man doch ein ganz ebenes Terrain. Waren wir denn gestern Abend hierher gekommen? Da hatte ich nichts von solchen Hügelwellen bemerkt, und zwischen diesen in solcher Stockfinsternis hinzujagen, das ist doch nicht gut denkbar.

»Dort!«

Ich hatte zuerst geradeaus und nach links geblickt, und als ich nun meine Augen nach rechts wandte, sah ich es, worauf mich der Mestize aufmerksam machte.

In einer Entfernung von etwa 300 Metern hielt oben auf solch einem Hügel ein Reiter. Es war ja, um etwas näher unterscheiden zu können, eine ganz beträchtliche Entfernung, aber die Luft war außerordentlich klar; mit wunderbar scharfen Konturen war die kleine Figur gezeichnet. Es war der PawneeHäuptling!

Er kehrte uns den Rücken zu. Ross und Reiter waren wie aus Erz gegossen.

Der Mestize hatte es nicht eilig, sich dem Anblick zu entziehen, falls der Indianer sich umkehrte, wozu er ja nur den Kopf zu wenden brauchte.

»Er hat die Spur richtig gefunden, die ich hinterlassen habe«, meinte er, »mit Absicht hinterlassen.«

»Und wenn er uns hier sieht?«

»Er weiß, was ich von ihm verlange, und da er dort hält, der Felsenwand den Rücken zukehrt, ist er darauf eingegangen. Bei Stahlhand auch ganz selbstverständlich.«

»Was hast Du von ihm verlangt?«

»Dass er uns erst einen bestimmten Fluss passieren lässt. Dann kann er — — Weshalb hat der seine Büchse mitgenommen?«

Auch ich hatte bereits bemerkt, so ungemein klar war die Luft, dass der Häuptling außer Bogen und Pfeil, die ihm auf dem Rücken hingen, noch ein Gewehr in der Hand hatte.


Illustration

»Sakuntala, weshalb hat Dein Vater die Büchse mitgenommen? Sprich! Es ist für mich sehr wichtig.«

Sakuntala brach ihr Schweigen, sie wusste es nicht, meinte nur, er habe sie, als die Verfolgung losging, wohl nicht erst aus der Hand gelegt.

»Das wäre eine Vergesslichkeit, und die sieht eigentlich diesem Häuptling gar nicht ähn — — alle Wetter, was ist das?«

Es hatte so erstaunt geklungen, dass ich meinen Blick erst einmal auf den Mestizen richtete, und da sah ich, wie er unter seinem Jagdhemd ein Doppelglas hervorzog und vor die Augen brachte, aber nicht wie ein Krimstecher aussehend, sondern ganz flach. Einfach zwei Gläser, die durch eine Querstange zusammengehalten wurden — wie eine große Brille, oder ein Klemmer, kann ich sagen.

Und ferner beobachtete ich, wie des Mestizen Züge immer größeres Staunen, wenn nicht Bestürzung ausdrückten.

»Wahrhaftig, ich hatte schon mit bloßen Augen recht gesehen — — es ist ein einläufiger Hinterlader, ist ein französisches Lebelgewehr mit Magazin!«, sagte der Mestize.

Es war mir etwas rätselhaft, wie das der Mestize schon mit bloßen Augen erkannt haben wollte, mochten seine blauen Augen jetzt auch den Blick des Adlers haben — — und immer wieder merkwürdig fand ich es, welche Aufregung das hervorrief, wenn hier jemand ein modernes Magazingewehr oder überhaupt nur einen Hinterlader bei sich führte, obgleich ich doch darüber schon eine Belehrung erhalten hatte, wie so etwas auf der Stelle mit dem Tode bestraft werden konnte.

Also auch Sakuntala zeigte sofort die größte Aufregung, Bestürzung.

»Das ist nicht möglich!«

»Sieh doch selbst.«

Er hielt ihr die Gläser vor die Augen; ihre Bestürzung verwandelte sich in förmliches Entsetzen.

»Ja, der französische Hinterlader!«

»Wie Dein Vater einen besitzt.«

»Er hat einen.«

»Hat er ihn denn mit auf die Jagd genommen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Das musst Du doch wissen! Ihr hattet doch kein großes Gepäck.«

»Ja, er hatte zwei Gewehre mit, das eine im Lederfutteral«, gab sie zögernd zu, mit sichtbarer Angst.

»Du konntest nicht unterscheiden, ob das Lebel darin war?«

»Wie sollte ich! Wie sollte ich so etwas ahnen! Unfassbar, unfassbar!«

Plötzlich verwandelte sich Sakuntalas Angst und Entsetzen in Flehen, sie hätte sicher die Hände gerungen, wären diese nicht gebunden gewesen.

»Schone ihn! Bestrafe ihn nicht! Ach, schone meinen Vater, Du fürchterlicher Mann — —«

Ein fröhliches Lachen unterbrach sie und konnte ihrer Angst sofort ein Ende machen, der »fürchterliche Mann« schlug sich vor die Stirn.

»Ach, ich Pinsel!«, rief er lachend. »Wo ist denn mein Gedächtnis geblieben! Ich selbst habe ja Stahlhand erst darauf aufmerksam gemacht, wie er das vortreffliche Lebel, das er mitbrachte, mit Leichtigkeit in einen erlaubten Vorderlader verwandeln könne. Das ist doch überhaupt bei jedem Hinterlader der Fall, Pulver und Kugel kann man bei jedem von oben hineinstoßen, nur die Frage mit dem Piston ist noch zu lösen, und gerade bei dem Lebelgewehr lässt sich oben leicht ein Hahn aufsetzen. Weißt Du nichts davon, dass Dein Vater diese Umänderung vom Büchsenmacher hat vornehmen lassen?«

Nein, Sakuntala wusste nichts davon, aber sie strahlte vor Seligkeit, dass die gefährliche Sache eine so gute Wendung genommen hatte.

»Ja natürlich, so ist es«, bestätigte der Mestize noch einmal seine eigene Meinung. »Sonst würde der Häuptling doch nicht so ruhig hier stehen, wohin ich ihn bestellt habe, uns den Rücken zukehrend, ein Magazingewehr in der Hand, es uns ganz offen zeigend! Na, nun wollen wir aber machen, dass wir verschwinden.«

Wir wandten uns nach links und tauchten in einer Bodensenkung unter, von wo aus der Reiter auch auf dem hohen Hügel nicht mehr zu sehen war, wo er also auch uns nicht mehr hätte erblicken können.

In gemäßigtem Trabe ging es vorwärts, bis wir einen Fluss erreichten, ziemlich breit, mit einem Steine kaum zu überwerfen, eine Strömung kaum bemerkbar.

»Das ist die Grenze, dort drüben geht es los. Mag er wissen, dass wir das Ziel erreicht haben.«

Der Mestize setzte die Hände trichterförmig vor den Mund, stieß einen Jagdruf aus, wohl fröhlich jauchzend, aber auch so gellend, dass man es kilometerweit hören musste. Wie nur eine menschliche Kehle solche Laute hervorbringen kann!

»Dort jagt er schon herbei!«

Als ich mich umwandte, sah ich gerade noch einen Reiter zwischen zwei Hügeln hindurch sausen. Zum Vorschein kam er nicht wieder. Einen Kilometer hatte die Entfernung mindestens betragen.

Da kam von dieser Richtung her die Antwort, wohl auch ein Jagdruf, aber in einer solchen gellenden Abgerissenheit geradezu fürchterlich klingend, durch Mark uud Bein gehend, obgleich doch noch so weit entfernt.

»Hoho, hoho!«, lachte der Mestize. »Was fällt denn dem Häuptling ein?«

»Ist das sein Jagdruf?«

»Nein, eben nicht, sondern sein Kriegsruf!«

»Nun, wir befinden uns doch mit ihm im Kriege.«

»Hm, mit diesem Kriegsrufe wird aber keine Spielerei getrieben. Den allgemeinen Kriegsruf ließe ich mir noch gefallen, sozusagen das Hurra, das man doch auch noch bei anderen Gelegenheiten anwendet als nur, wenn es gegen den Feind geht, aber das hier war der große Kriegsruf des PawneeHäuptlings und heißt ungefähr so viel wie: Kampf auf Leben und Tod, Kampf bis aufs Messer, Du oder ich! Na, Stahlhand will eben sagen, dass er jetzt hinter uns her ist, und da wollen nur nun nicht lange zaudern.«

Noch einige Instruktionen, und wir lenkten unsere Pferde ins Wasser, ich zu Fuß, neben meinem Tiere schwimmend, nur die eine Hand am Sattel, in dem Sakuntala saß. Wohl hielt sich Carlos auf der anderen Seite hilfsbereit, vorläufig aber nicht den Zügel fassend. Er sollte ja nur ein wesenloser Geist sein.

Da, als wir eben etwas über die Mitte hinausgekommen waren, hörte ich plötzlich zweimal kurz hintereinander eine Peitsche knallen.

Und in demselben Moment veränderte sich das Verhalten der Pferde.

Während sie bisher ganz ruhig und stetig geschwommen hatten, gerieten sie plötzlich ganz außer Rand und Band, machten die heftigsten Bewegungen, warfen wie wütend den Kopf, streckten ihn — —

Ich kann es nicht schildern. Ich musste schwimmen, musste mich vor meinem sich ganz wütend gebärdenden Tiere in Sicherheit bringen und wollte doch Sakuntala nicht im Stich lassen. Also ich konnte doch gar nichts näher beobachten, und es ging ganz außerordentlich schnell.

Mit einem Male ward mein Rappe wieder ganz still, da legt er sich aber auch schon etwas auf die Seite und sackt weg, verschwindet unter Wasser, auch Sakuntala ist bis zum Halse im Wasser, ich fasse sie, und da erst bemerke ich, dass es mit des Mestizen Pferd genau so gegangen ist, auch das verschwindet unter der Wasseroberfläche, auch Carlos schwimmt bereits und greift ebenfalls nach dem gebundenen Mädchen.

»Um Gottes willen, was war denn das?«, schreie ich.

Da sehe ich, wie der Mestize plötzlich ein ganz anderes Gesicht hat, so erstarrt ist es, in Entsetzen.

»Verflucht, verflucht! — — Das ist das Ungeheuerlichste, was ich je erlebt!«

So schreit er, stöhnt er, und ich denke doch, er ertrinkt, denn jetzt fängt er an zu gurgeln, er kann nicht mehr schwimmen. Denn mit der einen Hand hat er das Mädchen gepackt, aber auch mit dem anderen Arm macht er keine Schwimmbewegungen, sein Kopf kommt immer unter Wasser.

Mit einem Male jedoch richtet er den wieder auf.

»Kannst Du Sakuntala hinüberbringen?«, stößt er hervor, nachdem er Wasser ausgespuckt hat.

»Ja, ja!«

»Dann vorwärts, hinüber ans Ufer!«

Es war mir eine Kleinigkeit, die Gebundene mit dem Kopfe über Wasser zu halten und sie vor mir herzustoßen, gerade weil sie gebunden war, und auch sonst betrug sie sich vernünftig.

So erreichte ich das Ufer mit Sakuntala auf dem Arm.

Als ich sie auf dem Trockenen niederließ, war ich immer noch nicht richtig zur Besinnung gekommen, war noch ganz kopfscheu. Wie eine Vision war dies alles an mir vorübergegangen, und davon hatte ich mich bei der letzten Schwimmtour, obgleich die doch einige Minuten in Anspruch genommen, noch nicht erholt.

Als ich mich umdrehte, sah ich den Mestizen geschwommen kommen, das Gewehr auf dem Rücken, so wie auch ich das meine getragen hatte, jetzt aber beide Arme mit mächtigen Stößen brauchend.

Doch er konnte nicht immer so frei geschwommen sein. Sonst hätte er mich, der ich Sakuntala zu halten und zu dirigieren gehabt hatte, ja sofort überholen müssen.

Das erste Entsetzen, das ich an ihm bemerkt hatte, war gewichen, nur war sein braunes Gesicht jetzt noch eherner geworden als sonst; die blauen Augen glühten förmlich.

Er erreichte das Ufer.

»O ungeheuerliches Rätsel!«

»Was ist denn nur geschehen?«

»Du fragst noch?«

»Was ist mit unseren Pferden — —«

»Tot!«

»Tot? Von Zitteraalen getötet?«

Ich weiß nicht — — ich dachte im Augenblick an Zitteraale, denen unsere beiden Pferde zum Opfer gefallen wären. Weil ich mir die beiden Peitschenknalle so gar nicht erklären konnte. Und mit diesen hing das alles doch zusammen. Und ich dachte daran, dass die elektrischen Entladungen dieser Fische mit schwachen, knallenden Geräuschen verbunden sind — — entsann mich einer Schilderung, die ich gelesen hatte, wie eine ganze Pferdeherde beim Passieren eines Flusses in Brasilien von diesen mörderlichen Wassertieren angefallen wurde, wie es da fortwährend geknallt, geknattert hatte, wie ein weit entferntes Salvenfeuer von Gewehren.

Der Mestize machte wieder einmal ein ganz verdutztes Gesicht, für einen Moment.

»Zitteraale?«

Dann lachte er — ein schreckliches Lachen.

»Du hast doch die beiden Schüsse gehört!«

»Schüsse?«, wiederholte ich nun wieder staunend. »Ich dachte zuerst an Peitschenknalle, aber — —«

»Das waren Schüsse! Beide Pferde sind durch den Kopf geschossen worden, von der Seite her, durchs Gehirn, meins wenigstens — — ach, mein Athonel!«

Jetzt erstarrte ich wieder vor Schreck.

»Ja, um Gottes willen, wer hat denn geschossen?«

»Du fragst noch? Das war das Lebelgewehr — — jawohl, wie ein Peitschenknall — — das Lebel des Häuptlings — —«

»Der Häuptling — —?«

»Er muss plötzlich wahnsinnig geworden sein, dass er uns beschießt, unsere Pferde tötet, mit dem Lebelgewehr, natürlich benutzt er Patronen, das war Magazinfeuer!«

Ich hatte wohl Ursache, zu erstarren. Wenn auch nur deshalb, weil ich mir das alles ja gar nicht zusammenreimen konnte. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte, meine Gedanken zu ordnen.

Ich blickte Sakuntala an — — dem armen Mädchen blieb der Verstand erst recht stehen, so sah sie aus, hatte den Mund vor Schreck und Entsetzen halb geöffnet.

»Der Häuptling hat unsere beiden Pferde totgeschossen?«, konnte ich nur wiederholen. »Ja, ist denn das noch eine lustige Spielerei, eine Schnitzeljagd?«

»Schnitzeljagd, Schnitzeljagd, hahahaha!«, lachte der Mestize wie in verzweifeltem Hohne, weil eben auch er seinen Kopf vergebens zermarterte, wie er sich diese Ungeheuerlichkeit erklären solle. »Wahnsinnig muss der Häuptling plötzlich geworden sein!«

Wie mit einem Ruck beruhigte er sich, wurde ehern, so spähte er um sich, dann hauptsächlich zurück nach dem anderen Ufer.

Es war wie dieses hier mit hohem Grase bewachsen, mehr als kniehoch wie gegenwärtig in meiner Prärieregion, bis an den halben Leib gehend. Und auch hier war das ganze Terrain etwas wellig, eine ununterbrochene Reihe von Hügelketten, wenn diese auch nicht eben hoch waren.

»Er hat sich herangeschlichen, hält sich auch noch versteckt«, murmelte er.

»Ja, warum nur — — warum nur hat er unsere Pferde getötet? Stand denn so etwas im Programm?«

»Im Programm? Weiter fehlte nichts! Gerade die Pferde sind unverletzlich. Ich verstehe nicht. Und nicht einmal zu warten, bis wir das andere Ufer erreicht haben, mitten im Flusse — — aber überhaupt, wie kommt Stahlhand nur dazu? Sakuntala, hast Du eine Erklärung dafür?«

Die hatte noch immer den Mund halb geöffnet. Jetzt durfte und sollte sie sprechen, und sie konnte nicht vor Entsetzen.

»Unfassbar, unfassbar!«, murmelte der Mestize wiederum, jetzt starr auf die Wasserfläche blickend. »Nur seinen Kriegsruf kann ich mir jetzt erklären. Aber ist das etwa eine Erklärung? Es wird nur immer unergründlicher. Plötzlich wahnsinnig geworden? Etwas anderes gibt es nicht. Schießt der uns einfach die Pferde weg, meinen Athonel — ach, mein Athonel! — und das auch noch mitten im Flusse! Und noch dazu mit dem Lebel, mit dem Hinterlader, mit Magazin, ganz frei und offen! Sakuntala, hat denn Dein Vater zu seinem Lebel noch Patronen besessen? Sprich, ich befehle es Dir!«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, bemerkte das Mädchen und begann gleich zu weinen.

»Hat er Dir gesagt, er wolle unsere Pferde nicht schonen, er nehme es ernsthaft — —«

»Gar nichts, gar nichts hat er gesagt«, weinte sie.

»War er mit der Entführung nicht einverstanden —«

»Doch, doch!«

»Hast Du an Deinem Vater in letzter Zeit etwas von Geistesgestörtheit bemerkt — —«

»Nein, o nein!«

»Ist der Häuptling denn schon einmal irrsinnig gewesen?«, fragte ich.

»I wo!«

»Etwa betrunken?«

»Ausgeschlossen! Wäre er ein Temperenzler, so hielte ich es eher für möglich. Gegen Temperenzler habe ich immer einen Verdacht. Ich traue keinem. Er ist's doch meist geworden, weil er früher gesoffen hat. Stahlhand ist ganz nüchtern. Ja, er trinkt einmal, auch Branntwein, kann einmal einen Rausch haben — wie wir. Er ist ein braver Mann. Aber dass er jetzt etwa betrunken ist — — völlig ausgeschlossen! Ja, nun will ich aber erst konstatieren, ob er wirklich mit LebelPatronen geschossen hat.«

Der Mestize zog sein Jagdmesser, ferner aus einem der Ledersäckchen, die an seinem Gürtel hingen, einen kleinen Stein, spuckte darauf, begann die Spitze des Messers zu schleifen. Obgleich dieser Stahl, wie ich zum Beispiel beim Abhäuten bemerkt hatte, scharf wie ein Rasiermesser sein musste, noch viel schärfer als mein Jagdmesser.

»Was willst Du tun?«

»Die Kugel holen.«

»Welche Kugel?«

»Die meinem Athonel ins Gehirn gedrungen ist.«

»Du willst sie herausschneiden?«

»Ja.«

»Wo ist denn das Pferd?«

»Dort unten auf dem Grunde liegt es.«

»Kennst Du denn die Stelle, wo es liegt?«

»Ich kenne sie.«

»Mag die Strömung auch nicht bedeutend sein, weggetrieben ist die Leiche aber doch schon.«

»Nein, ich habe sie festgemacht.«

»Festgemacht?«

»Ich habe das Pferd an das Lasso genommen.«

Ich hatte noch gar nichts von einem solchen bei dem Mestizen gesehen.

»Hattest Du denn ein Lasso?«

»Unter dem Jagdhemd.«

»Das hast Du abgewickelt?«

»Ja.«

»Während Du schwammst?«

»Natürlich.«

»Und das Pferd daran genommen?«

»Ihm die Schlinge um den Hals gelegt.«

»Ja, wo ist denn nun das Lasso?«

»Ich schwamm mit dem anderen Ende in der Hand ab, aber es langte nicht bis zum Ufer, das gesunkene Tier war zu schwer, oder es hatte sich schon auf dem Grunde festgeklemmt, es hatte den Boden schon erreicht, als ich die Schlinge überstreifte — —«

»Da lag es schon auf dem Grunde?«

»Ja.«

»Du bist also bereits da hinabgetaucht?«

»Freilich.«

»Wie tief?«

»Vielleicht sechs Meter, tiefer nicht.«

Na ich danke! Man probiere doch einmal, sechs Meter zu tauchen! Wie einem da das Wasser schon in die Ohren drückt, auf die Brust, auf den ganzen Körper!

Der Mestize schliff immer emsig sein Messer, besonders die Spitze, und ich fragte weiter, um mir Aufklärung über etwas zu verschaffen, dessen Ungeheuerlichkeit ich wenigstens schon ahnte.

»Ja, wo ist denn nun aber das Ende des Lassos abgeblieben?«

»Das habe ich unter Wasser festgelegt.«

»Wie denn?«

»Nun, als das Lasso nicht weiter reichte, bin ich eben nochmals untergetaucht, traf gerade auf einen großen, schweren Stein, den ich im Wasser aber doch heben konnte, das habe ich getan, das Lassoende daruntergeklemmt, da liegt es fest, und mit ihm nun auch die Pferdeleiche.«

Ungeheuerlich! Wirklich ganz ungeheuerlich! Man stelle sich die Sache nur richtig vor. Ich wenigstens, der den Schwimmsport so viel betrieben hatte, verstand, was Phänomenales dieser Mestize da geleistet hatte! Und nun dazu noch in solch einer Situation, mit dieser Schnelligkeit!

»Weißt Du, wo der Stein mit dem Lasso liegt?«

»So ungefähr, ich passte gleich gut auf. Als ich wieder auftauchte, visierte ich nach beiden Ufern, ich werde die Stelle schon wiederfinden.«

»Und dann ziehst Du die Leiche mit dem Lasso ans Ufer?«

»Wird wohl schwer gehen.«

»Warum?«

»Habe so meine Bedenken. Wie gesagt, sie scheint sich festgeklemmt zu haben, wenn ich auch nicht verstehe wie. Wohl ist der Grund mit großen Steinen bedeckt, aber der Kadaver schwebt doch noch. Er sitzt eben fest. Sonst hätte ich ihn doch gleich herschleppen können.«

»Was willst Du tun?«

»Erst das Lassoende suchen, dann mich hintasten — so finde ich doch auch das Pferd.«

»Und?«

»Ich schneide ihm die Kugel heraus.«

»Unter Wasser?«

»Wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben.«

»Die Kugel sitzt im Kopfe?«, staunte ich immer mehr.

»Ja, ist durchs Ohr oder dicht daneben eingedrungen, das konnte ich im Moment noch bemerken.«

»Da hast Du aber doch Knochen zu durchschneiden!«

»Wahrscheinlich. O, mein Messer schneidet. Will sehen, ob sich's machen lässt. So — —«

Er steckte den Stein in das Säckchen zurück, schnallte dafür gleich den ganzen Gürtel ab, warf ihn hin.

»Wenn nun Stahlhand sich zeigt?«, fragte ich noch schnell.

»Dann schießt Du ihn über den Haufen.«

»Schont meinen Vater!«, schrie Sakuntala wimmernd auf. »Er ist schuldlos, die bösen Geister sind über ihn gekommen!«

»Nein, schieße nicht auf ihn«, sagte der Mestize denn auch rasch. »Außerdem dürfte er, wenn er uns selbst töten wollte, schneller sein als Du. Aber wollte er uns töten, so hätte er es doch gleich getan, nicht erst die Pferde. Er will uns lebendig haben, hat nur die Pferde beseitigt, dass es für uns keine Flucht gibt. Das war mir ja von vornherein klar, sonst hätte ich doch nicht so lange ruhig hier gestanden und geschwatzt. Er wird sich überhaupt nicht zeigen. Nun will ich also erst die Kugel — —«

Er nahm das Messer zwischen die Zähne, machte sich noch einmal oben am Hosenbunde etwas zu schaffen, dabei schon nach dem Wasser gehend, watete hinein, schwamm eine Strecke, nahm das Messer aus den Zähnen, und mit diesem letzten Griffe sah ich ihn untertauchen.

Nach einer Viertelstunde — schon eine ganz hübsche Zeit, wenn man so taucht, und vielleicht noch länger für den, der erwartungsvoll zusieht — erschien er wieder, das Messer bereits wieder im Munde, schwamm nach der Mitte des Flusses, in eigentümlicher Weise, sich nur mit den Füßen fortstoßend, mit den Armen unter Wasser sich gleichsam fortgreifend.

Und so war es auch, er hatte das Lasso gefunden und zog es ein, obwohl ich den Riemen selbst auch nicht sah.

Ungefähr in der Mitte des Flusses trat er Wasser, nahm das Messer aus den Zähnen, schnellte sich hoch, fuhr kopfüber hinab.

Diesmal blieb er eine halbe Minute aus, oder genau zweiunddreißig Sekunden; ich hatte gleich zu zählen begonnen, wobei ich immer mit »einundzwanzig« anfange. Wenn man diese und die folgenden Zahlen, die immer vier Silben haben — auch »siemundzwanzig« — mit normaler eingeübter Geschwindigkeit ausspricht, kann man die Sekundenzeit sehr genau treffen. Mein Chronometer war schon wieder stehengeblieben, ich hatte ihn nicht aufgezogen.

Etwas gegen die Strömung, die vorhanden war, wenn also auch nur schwach, angegangen, tief Atem geholt, wieder kopfüber hinab, das Messer in der Hand, und in der anderen hatte ich jetzt einmal den Lederstreifen gesehen.

»Einundsechzig — zweiundsechzig — —«

Himmel Herrgott noch einmal!

Eine Minute lang hatte ich auch schon getaucht, schwimmend, mich nicht nur unterm Wasser festhaltend, war dafür sehr bewundert worden.

Mache es nur einmal jemand nach!

Bei achtundsechzig tauchte er wieder auf.

Er hatte das Lasso noch in der Hand, ließ es aber jetzt fahren, ich sah es deutlich.

Etwas ausgeruht, immer wassertretend, wieder etwas gegen die Strömung angegangen, abermals hinab.

Bei vierundsiebzig tauchte er wieder auf.

Musste der eine Lunge haben!

Und kein Atemschnappen, kein Zeichen von Ermüdung, sondern sofort nahm er das Messer zwischen die Zähne und schwamm mit beiden Armen nach dem Ufer, wobei ich sah, dass er das Lassoende am linken Handgelenk hatte. Als er die letzte Strecke watete, zog er das Lasso ein, es sich dabei gleich um den Leib wickelnd.

Wieder blickte ich in ein ganz eigentümliches Gesicht, so starr und finster, und so griff er in die Hosentasche und brachte eine längliche Spitzkugel zum Vorschein.

»Da! Lebel!«

»Unter Wasser ausgeschnitten?«, musste ich zunächst staunend fragen, denn diese Leistung interessierte mich jetzt am meisten.

»Ja.«

»Waren denn keine Knochen zu beseitigen?«

»Doch.«

»Wie hast Du denn das nur fertiggebracht?«

»Zerschnitten, zersägt, zerhackt — — am meisten zerdrückt — — das Messer darauf gesetzt und mit der Faust gedrückt.«

»Und so fandest Du die Kugel?«

»Mitten im Gehirn, musste wühlen.«

»Und das sechs Meter tief unter dem Wasser?«

»Wohl noch etwas tiefer.«

»Carlos, Du bist ein Wunder! Wenn jemand mir das erzählte, ich würde es nicht glauben — — ich glaube nicht an Wunder.«

»Hier diese Lebelkugel ist auch ein Wunder — — ein unerklärliches Rätsel.«

Jetzt erst wandte ich meine Aufmerksamkeit richtig der Spitzkugel zu.

»Muss sie denn gerade aus einem LebelGewehr stammen?«

»Unbedingt. Jeder Irrtum ausgeschlossen. LebelGewehr, noch mit Hinterladung, Magazin. Hier der Bleiring, hier die Spuren der Führung.«

»Und nur der Häuptling kann die Schüsse abgegeben haben?«

»Nur er.«

»Kann denn kein anderer hier solch ein französisches InfanterieGewehr besitzen?«

»Nein. Kein Mensch. Ein zweites gibt es hier nicht. Nur Stahlhand hat eines, auch Patronen dazu, er zeigte sie mir damals.«

»Ja, wie kann der uns, wenn es sich hierbei nur um eine Spielerei handelt, die beiden Pferde wegschießen?«

Wir waren zum alten Punkte zurückgelangt — — zum toten Punkte. Diese Frage konnte nicht beantwortet werden.

Dabei verstand ich ja noch gar nicht richtig, wiederhole ich, welch ungeheuerlicher Frevel hier vorlag, konnte es höchstens ahnen.

Sakuntala wusste es besser; sie kauerte jetzt im Grase und wimmerte.

»Mein Vater, mein Vater — —«, und dann wimmerte sie weiter in mir fremden Worten.

Der Mestize hatte seinen Gürtel wieder umgeschnallt, ging schnellen Schrittes hin, das blanke Messer in der Faust, mit so unheildrohenden Zügen, dass ich schon glaubte, er wolle ihr die Klinge ins Herz stoßen, weil sie die Tochter des Verräters war.

Da aber sah ich schon, dass ich nicht zu Hilfe zu eilen brauchte.

Carlos hielt sich nicht damit auf, ihr erst die Lederstreifen aufzuknoten, sondern er schnitt sie gleich durch.

»So! Das Spiel ist aus. Nun laufe mit uns, einer ernsteren Aufgabe entgegen.«

Sakuntala erhob sich, strich sich die wirren Haare aus der Stirn, blickte nach mir, wollte wohl zu mir fliegen, besann sich anders — fing wieder zu weinen an.

»Was nun?«, fragte ich.

»Stahlhand suchen.«

»Und wenn wir ihn finden?«

»Rechenschaft fordern — oder mit ihm kämpfen auf Leben und Tod — — oder — — ja, was weiß ich! Habe noch keine Ahnung, wo zuerst zugreifen, um dieses unergründliche Rätsel zu lösen.«

Die Hände vor den Mund gelegt, wieder jenen Jagdruf ausgestoßen, dann noch andere gellende Schreie — — er lauschte.

Es kam keine Antwort.

»Das vorhin war sein Kriegsruf gewesen, er bereitete uns vor, aber warum, warum! Unverständlich, unverständlich!«

»Wird er uns direkt angreifen?«

»Weiß nicht. Meinetwegen. Mir ist — — so dumm bin ich noch niemals im Kopfe gewesen, so ganz planlos. Vorwärts!«

Wir schritten am Flussufer stromaufwärts.

Der Häuptling zeigte sich nicht. Noch zweimal ließ der Mestize seine gellenden Rufe erschallen, sie wurden nicht beantwortet.

So erreichten wir wieder die Felsenregion, die sich so plötzlich in der freundlichen Prärie nackt und öde erhob, verließen den Fluss, drangen in eine andere Schlucht ein.

Da plötzlich erklang hinter uns ein gellender Schrei.

Als wir uns umdrehten, sahen wir einen Reiter angaloppiert kommen, noch sehr weit entfernt — Stahlhand!

Er schrie noch einmal, schwang seine Büchse, das verhängnisvolle LebelGewehr.

»Wir sollen halten, auf ihn warten — er fordert uns zum Kampfe heraus«, sagte Carlos, den Hahn seiner Büchse spannend. »Er ist also wirklich plötzlich wahnsinnig geworden.«

»Nein, nein!«

Sakuntala hatte das geschrien, und es hatte wie ein Jauchzen geklungen, so strahlte auch plötzlich ihr Gesicht.

»Was, nein?«, fragte der Mestize, sie erstaunt anblickend.

»Wir sollen halten, auf ihn warten!«

»Na ja, das hatte sein Ruf bedeutet, das Signal verstehe ich doch.«

»Aber doch nicht mit ihm kämpfen!«

»Nicht?«

»Der Kriegsruf fehlte!«

»Es ist doch selbstverständlich —«

»Greift der PawneeHäuptling Stahlhand etwa ohne Kriegsruf an?«

»Er hat ihn schon hören lassen, hat uns schon genug angegriffen —«

»Nein, nein! Er bringt die Erklärung, er bringt die Erklärung!«

Für den Mestizen war dies alles ebenso rätselhaft wie für mich, und von Sakuntala erwarteten wir gar keine weitere Erklärung, denn da kam der Häuptling ja schon in voller Karriere angesprengt.

Im nächsten Moment musste sich zeigen, durch sein Verhalten, wie wir ihn zu empfangen hatten.

Nun, er galoppierte bis dicht an uns heran — das war doch schon ein Zeichen, dass er nicht etwa als Feind kam — sprang vom Pferde, tat die letzten Schritte zu Fuß, dabei schon die Büchse quer vor sich hinhaltend, um sie uns noch ganz extra vor Augen zu führen.

Und so blieb er stehen, schweigend den Mestizen anblickend.

»Was soll's?«, fragte dieser mit leicht begreiflichem Staunen.

»Lebel.«

»Das sehe ich, das ist ein LebelGewehr. Dein Lebel.«

»Mein?«

»Waaaas?«, kam es gleich langgedehnt bei dieser Frage aus des Mestizen Munde, und nun dämmerte auch mir gleich eine Ahnung auf.

»Das ist — nicht — Dein Lebelgewehr?«

»Gefunden.«

Wie von einer Natter gestochen, zuckte der Mestize empor.

»Gefunden — wo?«

Der Häuptling wandte sich halb, um mit der Hand zurückzudeuten.

»Dort. Zwei Pfeilschüsse vom trägen Fluss. Stelle gezeichnet.«

»Auch Munition, Patronen?«

»Nein.«

»So hast nicht Du unsere Pferde erschossen?«

Ein Stutzen — obgleich sich dieser rote Krieger doch sicher sonst sehr in der Gewalt hatte — wie lauschend beugte er den Kopf vor.

»Pferde erschossen?«

»Ich wusste es, ich wusste doch gleich, dass Stahlhand dies nimmermehr getan hat!«, jubelte Sakuntala.

Gleich hatte sie das aber doch nicht so bestimmt gewusst, sondern erst jetzt wusste sie es, als sie ihren Vater so in aller Gemütsruhe, wenn auch in vollem Galopp, hatte ankommen sehen.

»Als wir durch den trägen Fluss schwammen, sind uns die Pferde erschossen worden, jedes mit einer Kugel durch den Kopf.«

Immer noch ein ungläubiges Staunen in dem bronzefarbenen Gesicht.

»Wir glaubten natürlich erst, Du seist es gewesen.«

»Iiiiiich?«

Jetzt verstand wieder er nicht, was wir eigentlich wollten.

»Du stießest doch Deinen Kriegsruf aus.«

»Ich tat es.«

»Warum denn das?«

»Als ich das fremde Gewehr fand, Hinterlader, Magazin, Lebel.«

Ich für mein Teil verstand nun, weshalb der Häuptling seinen Schlachtruf hatte gellen lassen. Hier auf diesem heiligen Boden einen modernen Hinterlader zu finden, das war eben etwas ganz Ungeheuerliches. Da hatte er gleich seinen Kriegsruf ausgestoßen, auch als Signal für uns. Für uns aber hatte das bedeuten sollen: Mit dem Spiele der Verfolgung ist es aus, jetzt geht der Ernst los, jetzt müssen wir den auf Leben und Tod verfolgen, der hier dieses Gewehr geführt hat.

Auch dem Mestizen musste wohl genügen, was er da zu hören bekommen hatte, denn er fragte deswegen nicht weiter.

»Dein Pferd erschossen?«, wiederholte der Häuptling jetzt nochmals ungläubig.

»Alle beide. Hier ist die Kugel, die ich meinem Athonel aus dem Gehirn schnitt.«

Stahlhand nahm das ihm gereichte Geschoss, betrachtete es kopfschüttelnd.

»Ein Lebel!«, murmelte er. »Mein Gewehr?«, wurde immer wieder erstaunt zurückgefragt.

»Hattest Du Dein Lebel mitgenommen?«

»Nein.«

»Dann ist es Dir aus Deiner Felsenwohnung gestohlen worden.«

»Nein.«

»Wie kannst Du das behaupten? Du meinst, es hätte noch da gehangen, als Du gestern Nachmittag den Felsen verließest? Oder Du hättest es zu gut versteckt? Der Dieb hat es eben doch zu finden gewusst!«

»Das ist nicht mein Lebel.«

Jetzt machte wieder der Mestize ein ganz verdutztes Gesicht.

»Nicht Dein LebelGewehr?«

»Nein.«

»Würdest Du denn Deine Waffe sofort wiedererkennen? Hast Du ein besonderes Zeichen dran?«

Der Häuptling hob den Kolben des Gewehres, machte mehrere Striche mit dem Fingernagel darüber, ohne das Holz zu ritzen.

»Hier alles glatt. Mein Lebel acht tiefe Schnitte — acht Komantschen.«

Er meinte wohl, er habe mit seinem Gewehr acht Komantschen ins Jenseits befördert, und jedes Mal hatte er zur Erinnerung daran einen Kerbschnitt in den Kolben gemacht.

»Ich kenne doch meine alte Büchse.«

»Na, nun hört aber doch alles auf!«, rief der Mestize. »Das wird ja nur immer verwickelter! Wer soll denn hier noch ein Lebel besitzen?«

»Wer es nimmt.«

»Was? Wie sagtest Du da?«

»Er braucht nur eins der Gewehre zu nehmen; die Tür steht offen.«

»Welche Tür?«

»Die Tür zum Waffenmagazin.«

»Du willst doch nicht sagen, dass da LebelGewehre stehen?«

Der Häuptling spreizte einige Male die Finger beider Hände.

»So viele.«

»Dreißig LebelGewehre ständen dort?«

»Mehr noch.«

»Wie sollen denn die hierher gekommen sein?«

»Die französischen Fremdenlegionäre haben sie mitgebracht.«

Ein starrer Blick des Staunens auf den Sprecher, und der Mestize schlug sich heute zum zweiten Male gegen die Stirn.

»Ach, ich Tropf! Da will ich nun in meinem Gebiete alles so genau kennen, und ich weiß nicht einmal das! Ja natürlich, ja natürlich — die Fremdenlegionäre, die wir befreiten und hier aufnahmen; lauter Deutsche, die in französischer Knechtschaft schmachteten — sie waren ja alle bewaffnet und können nur LebelGewehre gehabt haben — ich habe mich nur nicht weiter darum gekümmert — nun ist das Rätsel gelöst, aber — nur um einem noch größeren Platz zu machen! Wer ist es denn nun gewesen, der mir die beiden Pferde erschossen und der dieses Gewehr verloren hat?«

»Entschuldigt!«, mischte auch ich mich einmal ein, »wenn es hier viele solche Gewehre gibt, dann brauchen doch nicht gerade mit diesem hier die beiden Schüsse abgegeben worden zu sein.«

»Nein, natürlich nicht«, stimmte mir der Mestize bei, und er mochte ja auch wirklich schon dasselbe gedacht haben. »Ist es denn überhaupt noch geladen? Funktioniert es?«

Er öffnete das Magazin und fand noch drei Patronen drin, eine vierte stak in der Kammer. Carlos schoss sie in die Luft ab; es war wieder ein mehr peitschenähnlicher Knall.

»Alles funktioniert. Der Betreffende hat das Gewehr nicht als unbrauchbar weggeworfen, sondern hat es verloren. Hm, das kommt wohl selten vor, dass jemand sein Gewehr verliert und es nicht wieder aufhebt. Nun, Häuptling, was meinst Du dazu? Du musst doch auch Spuren gefunden haben?«

»Von einem Reiter; Pferd ist durchgegangen.«

»Aha, dadurch hat er sein Gewehr verloren; das kann allerdings vorkommen. Nur eine einzige Spur?«

»Nur dieser Reiter.«

»Nichts Besonderes an der Spur bemerkt?«

»Nichts. Gewöhnliche Pferdehufe.«

»Hast Du sie nicht verfolgt?«

»Ein Stück.«

»Und dann?«

»Sah ich Euch, ritt Euch nach.«

»Hast Du die beiden Schüsse gehört?«

»Nein.«

»Dann kann also keine Zeit abgeschätzt werden, ob Du dieses Gewehr vorher oder nachher gefunden hast. Sonst keine weitere Spur?«

»Nein.«

»Ja, wer nun hat dieses Gewehr verloren, wer unsere beiden Pferde erschossen?«

So waren wir auf den alten Punkt zurückgelangt, wenn sich auch sonst schon vielerlei geklärt hatte. Die beiden Männer schwiegen, hingen ihren Gedanken nach, und ich glaubte, mich noch einmal einmischen zu müssen.

»Können nicht jene Fremdenlegionäre in Betracht kommen?«, meinte ich also.

»Nein. Sie sind gar nicht hier in diesem Gebiet, kein einziger, sind so weit entfernt«, entgegnete der Mestize.

»Es gibt hier aber doch noch viele andere Menschen. Oder nicht?«

»Doch, die gibt es.«

»Auch solche, die gefangengehalten werden?«

»Die gibt es auch.«

»Dann sind sie doch feindselig gesinnt gegen die, von denen sie gefangengehalten werden oder die sich überhaupt in Freiheit befinden.«

»Das werden sie wohl sein.«

»Können solche Gefangene sich nicht befreit haben?«

»O ja, so unmöglich wäre das gerade nicht.«

»Nichts für ungut, wenn ich solche Bemerkungen mache, die für Euch vielleicht ganz selbstverständlich sind.«

»Sprich nur zu; wir hören Deine Meinung sehr gern.«

»Dann gibt es auch noch eine andere Möglichkeit.«

»Und die wäre?«

»Könnte nun denn nicht unter denjenigen, die hier volle Freiheit genießen, denen ihr sonst traut, einmal so etwas wie eine Meuterei ausbrechen?«

Der Mestize hob die Schultern.

»O ja, so ganz ausgeschlossen ist das nicht, wie überhaupt gar nichts unmöglich ist. Hieran denken auch wir. Wir halten eben Kriegsrat, wenn auch ohne Worte — wir erwägen alles, was in Betracht kommen kann. Aber immerhin, sprich aus, woran Du denkst, ich höre es gern.«

»Unsere beiden Pferde wurden doch offenbar mit Absicht erschossen.«

»Mit Absicht?«

»Ich meine: Der Schütze, der sie so genau ins Hirn getroffen hat, hätte doch ebenso gut uns Menschen töten können: wir boten doch ein viel leichteres Ziel.«

»Das ist sicher.«

»Sollte man da nicht annehmen, dass es dem Feinde darum zu tun ist, uns lebend zu fangen?«

»Allerdings, dieser Schluss liegt ziemlich klar auf der Hand, aber er könnte irrig sein. Vielleicht hat man mir nur einen Schabernack spielen wollen. Ich ritt den Athonel, der dem Fürsten des Felsens gehört — also dem Klingsor, der hier der Herr ist, von vielen sehr gehasst wird: Ich hatte das kostbare Tier nur geliehen bekommen; fast nicht minder wertvoll war Dein Pferd; nur diese beiden Tiere hat man töten wollen. Freilich ein Schabernack, der — über alle Begriffe geht — Ja, Häuptling —«

Er wandte sich wieder diesem zu, und jetzt begann sich der Mestize einer mir unverständlichen Sprache zu bedienen; ebenso antwortete der Indianer.

»Wir sind uns einig«, sagte dann Carlos wieder auf Deutsch zu mir. »Wir müssen zurück nach der Stelle, wo wir den Fluss passierten und dort nach Spuren suchen. Das habe ich vorhin nur unterlassen, weil ich der festen Überzeugung war, Stahlhand habe die beiden Schüsse abgefeuert. Jetzt ist das natürlich etwas anderes. Also wir müssen dort nach den Spuren des Feindes suchen. Das ist ganz selbstverständlich. Wir erwogen nur zuvor alles reiflich, ehe wir uns ans Werk machen. Nun ist die Sache noch die, ob Ihr beide uns dabei begleitet, Du und Sakuntala. Soeben sind wir, der Häuptling und ich, übereingekommen, dass Ihr nicht mit uns geht. Es ist besser so. Wir werden uns also hier trennen.«

»Und wo bleiben wir?«

»Einen Augenblick —«

Und Carlos begann auch mit dem braunen Mädchen in dem mir fremden Idiom zu sprechen. Jedenfalls wurden dabei Dinge berührt, die für mich Geheimnis bleiben sollten.

»Ja«, wandte er sich dann wieder mir zu. »Sakuntala wird Dich in Dein Gebiet zurückbringen, bis Du Dich selbst zurechtfindest; sie kennt den Weg. Dann kehrt sie in den Wigwam ihres Vaters zurück. Wie sie sich sonst zu verhalten hat, das weiß sie, das hat sie soeben von mir zu hören bekommen.«

»So ist die Verfolgung hiermit aufgehoben?«

»Sie ist beendet, es geht nicht anders. Es ist ein gar zu außerordentlicher Fall, der dazwischengekommen ist — —«

»Nun geht die Geschichte also noch einmal von Neuem los?«

»Die Entführung des Mädchens und die Verfolgung durch den Vater? Nein.«

»Nicht?«

»Nein. Darüber habe ich den Häuptling schon vorhin gesprochen. Er erkennt an, dass Du Sakuntala regelrecht entführt hast, und er nimmt an, dass es ihm nicht geglückt sei, Dich zu fangen. Es ist ja überhaupt alles nur eine Zeremonie.«

Na, dann war ja alles gut, wenn ich mir die Verfolgung auch anders vorgestellt hatte.

»Und wie ist es nun mit dem Kaufpreis, den ich zu zahlen habe?«

»Diese Bedingungen wird Dir der Häuptling morgen stellen, darüber habe ich mit ihm vorhin ebenfalls schon gesprochen. Ich habe ebenso viel an Deine Sache gedacht wie hier an diesen unerklärlichen Fall.«

»Und was fordert er?«

»Das sagt er Dir morgen.«

»Kann ich es nicht schon jetzt erfahren?«

»Nein. Ich selbst habe ihn deswegen gefragt, aber er schweigt sich darüber aus. Wahrscheinlich weiß er es selbst noch nicht, er überlegt noch. Oder bist Du Dir nun einig, Stahlhand, was Du fordern wirst?«

Der Häuptling, immer in die Prärie hinausblickend, schüttelte den Kopf.

»Gut! So wirst Du es morgen erfahren, bestimmt. Er kommt morgen früh gleich nach Sonnenaufgang zu Dir; vor Deiner Höhle wirst Du mit ihm verhandeln.

Vielleicht bin ich auch dabei, vielleicht kommt Klingsor.«

»Bestimmt?«

»Ganz bestimmt!«

»Ihr habt jetzt etwas vor, wobei vielleicht geschossen wird«, machte ich nur eine zarte Andeutung.

»Du meinst, wenn der Häuptling dann nicht mehr am Leben ist? Ja, wenn der Himmel einfällt, dann sind alle Spatzen tot«, sagte der Mestize lachend. »Dann kann er natürlich nicht zu Dir kommen.«

»Und was dann? Ich will es ja nicht hoffen, der Fall kann aber doch einmal erwogen werden.«

»Dann gibt es eben keinen Vater mehr, der über seine Tochter zu bestimmen hat, und jemand anders kommt nicht in Betracht; höchstens noch Klingsor könnte Einspruch erheben, aber das tut er nicht — — also würde Sakuntala auch ohne Kaufpreis Deine Squaw. Höchstens, dass Du den Geschwistern und sonstigen Verwandten einige Geschenke machst, die in Deinem Belieben stehen. Sonst noch etwas?«

»Ich wüsste nichts. Dann ist alles in Ordnung!«

»So trollt Euch. Wir müssen uns nun beeilen. Der Weg, den Sakuntala Dich führt, ist ohne Gefahr, das heißt: Mit unseren Gegnern könnt Ihr nicht zusammentreffen. Ihr geht jetzt zunächst in diese Schlucht hinein. Dort eingedrungen können die rätselhaften Feinde nicht sein, sonst müssten sie doch Spuren zurückgelassen haben, und das ist nicht der Fall — —«

»Von der anderen Seite her?«

»Geht nicht! Diese Schlucht endet blind.«

»Wie kommen wir denn da wieder heraus?«

»O, Sakuntala weiß schon noch einen Ausgang, aber es ist unmöglich, dass einer von denen ihn kennt, mit denen wir es hier zu tun haben können. Sakuntala dagegen ist hier zu Hause, die kennt alle Schleichwege. Nun gehabt Euch wohl! Auf Wiedersehen! Macht keine Dummheiten!«

Der Mestize schulterte seine Büchse, Stahlhand schwang sich auf sein Ross — — die beiden bewegten sich an der Felswand entlang, waren gleich hinter einer Krümmung derselben meinen Augen entschwunden.

So war ich mit meiner Braut allein, sollte aber gleich noch viel einsamer werden. Zu einer Aussprache zwischen uns sollte es nicht kommen.

»Juhu, juhu — — nun fang mich!«

So jauchzte sie und lief davon, in die Schlucht hinein.

Das Jauchzen hatte mir ja gesagt, wie fröhlich ihr nun zumute war, nach den bitteren Empfindungen, die sie zuletzt durchgemacht hatte, eigentlich aber hätte sie sich erst einmal mit mir beschäftigen können, nicht gleich wieder ein »Haschen« arrangieren.

»Sakuntala, komm' erst einmal her, dann wollen wir — —«

»Fang mich, fang mich!«, erklang es schon in beträchtlicher Entfernung.

Na, da musste ich ihr wohl nach, sollte ich sie nicht aus den Augen verlieren.

Und da war dies auch schon geschehen, sie war hinter einer Ecke verschwunden.

Als ich an diese kam, sah ich sie aber nicht mehr. Sie konnte in eine Spalte gekrochen sein; deren gab es aber mehrere.

»Sakuntala, wo bist Du denn?«, rief ich etwas ärgerlich. »Wenn ich Dich fangen soll, muss ich Dich doch sehen können!«

»Such' mich! Folge doch meinen Spuren!«, ließ sich ihre Stimme hören, gar nicht so weit entfernt, wahrscheinlich nur durch eine Wand gedämpft.

Jeder Mann der Wildnis hätte ja überhaupt sofort nach ihren Spuren gesucht, aber ein solcher war ich eben noch nicht, wenn ich mich auch schon oft einen »Hinterwäldler« genannt habe; ich hatte noch gar nicht an die Spuren gedacht, auf so etwas war ich noch nicht geeicht.

»Ich kann keine Spuren verfolgen!«

»Dann lernst Du es eben, probiere es nur, es wird schon gehen!«

Ich blickte auf den Boden. Der war hier mit kurzem Grase bewachsen. Und wahrhaftig, ich sah, wie dieses hier und da niedergedrückt war, immer in gewissen Entfernungen.

Diesen Eindrücken folgte ich, und es ging ganz gut. Das Gras wurde zwar immer spärlicher, dafür aber der Boden auch immer sandiger, nun sah ich die Füßchen erst recht.

Sie führten mich in eine andere Seitenspalte hinein und hörten vor einer Höhlenöffnung auf. Oder ich konnte sogar noch erkennen, dass Sakuntala hier eingedrungen war.

Die Höhlung war hoch und weit, aber nicht tief, sodass sie ganz vom Tageslichte erfüllt wurde, und im Hintergrunde sah ich rohgemeißelte Stufen, nach oben führend.

Sakuntala musste sie erstiegen haben, und so tat auch ich. Sie führten nach oben in ein Loch, und in diesem ward es finster.

»Sakuntala, wo bist Du denn!«

»Komm, immer komm! Du brauchst nur zu tasten, es kann Dir nichts passieren! Du kannst nicht abstürzen!«

Also ich stieg immer weiter, mit den Händen an den nackten, glatten Wänden tastend, manchmal auch die unregelmäßigen Stufen befühlend. Ich hätte gern einmal Licht gemacht, aber meine Streichhölzer waren bei der Flussdurchkreuzung nass geworden oder waren es noch von der gestrigen Regennacht her; das Feuerzeug hatte ich gar nicht bei mir.

Herrgott, war das eine lange Treppe! Sie wollte kein Ende nehmen, turmhoch musste es gehen, und zwar immer im Stockfinstern!

Schließlich aber schimmerte mir doch ein Licht entgegen, und bald trat ich in eine Grotte, mit rohen Steinbänken ausgestattet, und auf einer solchen saß die Indianerin, meine Braut.

»Ist es nicht schön hier?«

O ja, sogar herrlich war es. Die Grotte oder Höhle hatte seitwärts ein großes Fenster, fast bis an den Boden reichend, und durch dieses konnte man tief unten die Prärie weit, weit überschauen, mit all den Flüssen und Bächen, die sie durchrieselten.


Illustration

»Wir wollen doch sehen, wo die beiden geblieben sind, was sie treiben, und wenn es zum Kampfe kommt, schauen wir von hier oben zu wie aus einer Theaterloge. Nicht wahr, das machen wir?«

Ja, das war eine ganz gute Idee, aber die Sache war die, dass niemand zu erblicken war.

»Hast Du sie schon gesehen?«

»Nein.«

»Auch keinen anderen Menschen?«

»Niemand.«

»Wie mag das kommen?«

»Entweder sie alle halten sich versteckt oder sie sind schon in die Felsenregion gedrungen, und da freilich können wir sie nicht mehr erblicken.«

»Kann man von hier aus die Stelle erblicken, wo wir vorhin den Fluss passierten?«

»Ja, das kann man.«

Sakuntala wusste mir an einigen Merkmalen diese Stelle ganz genau zu bezeichnen.

»Sind denn dem Mestizen diese Höhle hier oben und der Treppenzugang nicht bekannt?«

»O gewiss, der kennt das alles.«

»Weshalb ist der dann nicht gleich hier herauf gestiegen, um nach dem Feinde zu spähen?«

»Spuren sprechen deutlicher«, war die lakonische Antwort, und ich musste mich damit begnügen. Die beiden hatten eben vorgezogen, gleich selbst an Ort und Stelle zu gehen, anstatt erst hier herauf zu steigen.

Aber da fiel mir noch etwas anderes ein. Vorhin hatte ich gar nicht daran gedacht, und es wäre auch sehr merkwürdig gewesen, hätte ich die beiden auf dieses Hilfsmittel aufmerksam machen wollen, um dem geheimnisvollen Gegner beizukommen.

»Du bist doch in alles eingeweiht, Sakuntala — —«

»Frage mich nicht, denke an Dein Versprechen!«, unterbrach sie mich gleich, sogar wie erschrocken.

»Es ist eine ganz unschuldige Frage, und an die Bedingungen, unter welchen Du bei mir bleiben kannst, denke ich schon.«

»Nun, was willst Du wissen?«

»Dieses ganze Gebiet hier kann doch in die sogenannte Camera obscura genommen werden, das weißt Du doch, und das darfst Du mir bestätigen, Klingsor hat es mir doch selbst gesagt.«

»Ja, das kann geschehen. Aber nur auf der Station.«

»Auf der Station? — Gut! Ich verstehe. Nun gibt es hier doch drahtlose Telefone. Klingsor selbst hat mir ja eins angeboten; es sei nicht größer als eine Taschenuhr. Ich habe es damals abgelehnt — —«

»Und Du meinst, ob Carlos oder mein Vater nicht solch ein Telefon bei sich hat? Sie telefonieren nach der Station, dort soll diese ganze Gegend in die Camera genommen werden?«

»Ja, das eben meine ich.«

»Nein, sie haben kein solches Telefon bei sich, sie wollten bei diesem Verfolgungsspiel ganz auf ihre eigene Kraft angewiesen sein, ich weiß es, die beiden haben davon schon vorher gesprochen, als alles ausgemacht wurde, und hätten sie solch ein Telefon bei sich, sie würden es dennoch nicht benutzen, um nach der Station zu sprechen und in der Camera die Gegend hier absuchen zu lassen.«

»Warum nicht?«

»So ziemlich aus demselben Grunde, weshalb Du den Apparat zurückgewiesen hast.«

»Sie wollen dem Gegner nur durch eigene Kraft zu Leibe rücken.«

»So ist es.«

»Etwas Ähnliches habe ich mir gleich gedacht, ich wollte mich nur nochmals vergewissern.«

Wir warteten noch einige Zeit hier oben; wir sahen in der Prärie Wild aller Art, aber keinen Menschen; auch kein Schuss, kein Kriegsruf wurde gehört.

»Es ist nichts. Sie haben sich anderswohin verzogen«, sagte Sakuntala endlich, von der Bank aufstehend. »Komm! Wir wollen weiter.«

So stiegen wir wieder die Treppe hinab. Aber ich irrte mich, wenn ich glaubte, Sakuntala sei nur einmal hier heraufgegangen, um in der Prärie Umschau nach den beiden zu halten, mich zur Gesellschaft mit herauflockend.

Nur sehr wenig Stufen stiegen wir hinab. Es war eben erst wieder ganz finster geworden, als Sakuntala, die diesmal bei mir geblieben war, mir vorausgehend, mich bei der Hand nahm.

»Hier links ab, dann wird es gleich hell.«

Jetzt erst merkte ich, dass von der Treppe auch ein horizontaler Seitengang abführte. Bei meinem Tasten, immer nur nach den Stufen suchend, hätte ich ihn vorhin auch gar nicht finden können, ich musste eine gute Strecke weit seitwärts gezogen werden.

Immer noch etwas weiter ging es, dann blieb Sakuntala stehen; wieder wurde ich etwas weiter geführt, plötzlich umgab mich helles Licht.

Wir befanden uns in einem langgestreckten Korridor, hoch und breit, dessen Enden nicht abzusehen waren. Das helle Licht ging von den nackten Felswänden aus — — ZoelestrialLicht.

Nach einer Tür, durch welche wir doch hier eingetreten sein mussten, schaute ich mich aber vergebens um.

»Du würdest sie vergebens suchen, keine Fuge entdecken, und wenn Du auch eine Lupe zur Hilfe nähmst. So, nun haben wir einen ganz geraden Weg, bis in Dein Revier hinein, bis an die Meeresküste.«

»Dieser Gang läuft also durch das ganze Felsengebirge?«

»So ist es.«

»Also auch über den Sumpf hinweg, der das Seengebiet begrenzt.«

»Auch! So kommt man zu Fuß über diesen Sumpf. Aber dieser Weg ist unauffindbar für jeden, der nicht eingeweiht ist, und das sind sehr, sehr wenige. Wenn Du erst einmal Meister bist, wirst auch Du eingeweiht — vorausgesetzt, dass Du Dich dann noch hier aufhältst.«

»Du bist Meisterin?«

»Solche Fragen sind eigentlich nicht erlaubt. Doch ich darf Dir antworten. Nein, ich bin keine Meisterin — noch viel, viel mehr — ich bin die Oberpriesterin der Upschaniden und hier zu Hause, für mich gibt es hier keine Geheimnisse. Nun komm.«

Wir wanderten den Gang entlang, der absolut nichts weiter bot als nackte Steinwände.

»Ist der immer erleuchtet?«

»Nein. Das Licht kann abgestellt werden. Es war doch auch finster, als wir hier eintraten.«

Nur noch eine kurze Strecke, dann blieb Sakuntala stehen.

»Nun, Geliebter, müssen wir scheiden.«

Ich war natürlich sehr überrascht.

»Wo bleibst denn Du!«

»Ich muss zurück. So ist mir befohlen worden, und ich weiß auch, aus welchem Grunde. Hier an dieser Stelle, wenn Du auch kein bemerkbares Zeichen siehst, haben wir uns zu trennen.«

»Und ich?«

»Du begibst Dich, wie Carlos Dir schon sagte, in Dein Gebiet zurück. Aber Du hast die Wahl, wo Du dieses betreten willst, Dein Revier ist ja groß. Willst Du den Gang im Gebiete der Seen verlassen? Du würdest dort Deine Arche finden, oder auch ein anderes Fahrzeug könnte für Dich bereitgestellt werden, ein Segel- oder Ruderboot, ein Kajak, das lässt sich machen. Denn in wenigen Minuten bin ich dort, von wo aus ich telefonieren kann.

Oder Du kannst den Gang etwas später verlassen und kommst in die Wüste. Dort wird, wenn Du wünschst, ein Pferd für Dich bereitstehen oder ein Kamel oder auch ein Automobil. Noch etwas später ist ein Ausgang in den Urwald, links in den mit den Eichen und Buchen und Nadelbäumen, und gleich darauf rechterhand einer in die Prärie. Gehst Du den Gang ganz zu Ende, so kommst Du in Deinen Hafen. Das sind die Ausgänge, die Dir offen stehen, das soll ich Dir mitteilen; Du hast die Wahl.«

»Wenn eine Trennung unvermeidlich ist — —«

»Sie ist unvermeidlich, Du musst Dich fügen, Geliebter. Morgen Abend schon werde ich bei Dir sein.«

»Von wo habe ich es am nächsten zu meiner Höhle?«

»Unbedingt von Deinem Hafen aus. Da brauchst Du ja nur auf dem schmalen Fußpfade um das kleine Vorgebirge herum zu gehen, in noch nicht zehn Minuten bist Du dort, und noch viel schneller geht es, wenn Du ein Boot benutzt.«

»So werde ich den Ausgang nach dem Hafen wählen. Wenn diese Geschichte nun einmal zu Ende ist, dann möchte ich auch so schnell wie möglich wieder in meinem Heim sein, von dort aus kann ich ja neue Expeditionen machen.«

»Wie Du willst! Also Du gehst immer geradeaus, vielleicht eine halbe Stunde lang. Es sind von hier aus drei Kilometer. Verirren kannst Du Dich nicht, es gibt keine Seitengänge, keine Tür, die Dich in Versuchung bringen könnte. Wenigstens siehst Du sie nicht. Die am Ende aber, die auf der Galerie des kleinen Hafens mündet, steht schon auf. Sie wird sich, sobald Du hindurchgetreten bist, von selbst wieder schließen. Das alles geschieht automatisch. Versuche nicht, diese Tür durch irgendein Mittel offen zu halten, etwa, dass Du etwas dazwischenlegst. Es würde alles zermalmt werden. Das soll ich Dir noch besonders sagen. Und nun, Geliebter, Lebewohl, bis wir für immer vereint sind, wenigstens für jede Nacht! Am Tage muss ich immer meinen Pflichten nachgehen. Das weißt Du ja, und Du warst mit allem einverstanden.«

Wir küssten uns sehr ausgiebig.

»Und Du meinst, schon morgen Abend kommst Du zu mir?«

»Ganz bestimmt!«

»So wird der Kaufpreis auch schon morgen geregelt?«

»Ganz bestimmt! Mein Vater kommt morgen bei Sonnenaufgang zu Dir.«

»Ja, wenn er aber nun etwas fordert, dessen Beschaffung lange Zeit in Anspruch nimmt? Wenn er mir eine Aufgabe stellt, die ich zu lösen habe?«

»Sei ohne Sorge, Geliebter! Der Fürst des Felsens regelt dies alles, und er sorgt schon dafür, dass mein Vater nichts Übertriebenes und nichts gar zu Zeitraubendes fordert. Der Fürst des Felsens veranlasst meinen Vater erst, den Kaufpreis zu fordern, vielleicht ohne dass er davon merkt, wie er ganz unter fremdem Willen handelt. Dieser Klingsor ist ja so schlau, o, so schlau! Er kann alles, er wickelt jeden Menschen um den Finger, ohne dass man etwas davon merkt. Morgen Abend bin ich bei Dir, um dann jeden Abend zu Dir zu kommen, mit Ausnahme immer am zehnten Tage, wo ich auch Nachtdienst habe, habe ich dann wieder einen freien Tag für Dich. Alles so, wie es ausgemacht wurde, daran hat sich nichts geändert.«

Wir trennten uns. Flüchtigen Schrittes eilte Sakuntala zurück.

Plötzlich erlosch das Licht, es ward stockfinster. Doch bald strahlten die Wände das Licht wieder aus, das keinen Schatten verursachen konnte, weil es eben von allen Seiten kam, auch den verstecktesten Winkel erfüllte.

Sakuntala aber war nicht mehr zu sehen. Sie musste die Finsternis benutzt haben, um den Gang durch eine Tür zu verlassen.

— • —

79. Kapitel
Die Nixe und das Wasserloch

Die halbstündige Wanderung zwischen den nackten Felswänden, immer schnurgeradeaus, verging mir sehr schnell, weil ich dabei in Gedanken versunken war, die ich nicht weiter schildern will. Das menschliche Hirn kann in einer halben Stunde gar viel denken. Vielleicht war es schon immer ein wenig bergab gegangen, ich hatte leicht ausschreiten können. Zuletzt kam eine direkt abschüssige Stelle. Ehe ich an dieser angelangte, war mir also, als ob vor mir der Gang plötzlich aufhöre. Es war eben die abfallende Decke, welche diese vermeintliche Wand bildete. Als ich näher kam, sah ich, dass jetzt der Gang eine starke Neigung machte, freilich nicht etwa abschüssig werdend, ein Rutschen war unmöglich, keine Stufe nötig, und da sah ich auch schon in etwa fünfzig Schritt Entfernung die wirkliche Wand und in dieser eine Türöffnung und durch sie auch schon eine von Felsmauern umgebene Wasserfläche, auf dieser sogar schon meine Boote.

Eine Tür, die sich in Angeln bewegte oder sonst wie öffnete und schloss, sah ich nicht. Es war einfach eine viereckige Öffnung in der zwei Meter starken Felswand. Sobald ich aber hindurchgetreten war, auf die Galerie hinaus, bemerkte ich doch noch, als ich eben noch rasch einen Blick zurückwarf, wie sich von beiden Seiten her Steinwände hervorschoben und zusammengingen, ohne dass dann die geringste Fuge zu erkennen war. Entweder ich war in der Camera beobachtet worden, dass dies gerade zur rechten Zeit geschah, oder es vollzog sich, wie Sakuntala ja auch gesagt hatte, automatisch. Mit Benutzung des Gewichtes lässt sich da ja viel machen. Sobald sich mein Gewicht nicht mehr innerhalb der Felswände befand, musste der Mechanismus wirken, der die Tür schloss.

Um dann nicht noch Arbeit mit der Bergung eines Bootes zu haben, begab ich mich zu Fuß um das Vorgebirge herum. Ich war froh, mich hier im Freien unter Gottes Sonne wieder einmal bewegen zu können. Es musste bald Mittagszeit sein, die Sonne brannte tüchtig, was mir nur sehr angenehm war. Jauchzend sprang Wodan mir entgegen. Alles war in Ordnung; nichts hatte sich geändert. Ich benutzte die Telefonnische.

»Ist Herr Klingsor zu sprechen?«

»Bedauere, nein.«

»Kann ich ein Mittagessen haben?«

»Was Sie bestellen.«

»Einmal so ein richtiges bürgerliches Mittagessen.«

»Bitte, bestellen Sie.«

»Nein, so etwas muss man nicht bestellen, sondern man isst, was man vorgesetzt bekommt.«

»Sie wollen mir die Wahl überlassen?«

»Ja.«

»Das geht über meine Befugnisse.«

»Das sind eigentümliche Befugnisse. Wenn ich aber darauf bestehe, dass Sie selbst bestimmen sollen? Sonst ziehe ich vor, gar nichts zu essen und also des Hungertodes zu sterben. Sind Sie nicht für mein Leben verantwortlich?«

»Allerdings, Herr Willmer.« wurde gelacht, »wenigstens für Ihre Sicherheit in — —«

»Na dann entschließen Sie sich kurz!«

»Einen Augenblick — — ja, in fünf Minuten wird es klingeln. Entspricht das Gericht nicht Ihrem Geschmack, so können Sie es ja zurückweisen und etwas anderes bestellen — —«

»Das würde sich wohl keine Hausfrau gefallen lassen. Ich werde alles essen, was mir vorgesetzt wird, und sei es auch noch so angebrannt.«

Nach noch nicht fünf Minuten wurde ich gerufen, die Klappe zu öffnen.

Und was enthielt die Nische?

Sehr üppig für einen einfachen bürgerlichen Mittagstisch gleich zwei Gerichte, nur dass sie ganz einfach serviert waren, jedes in einer einzigen Schüssel, außerdem von ein und derselben Tierart stammend, was schließlich doch zur Einfachheit gehörte:

Bouillonkartoffeln mit Rindfleisch und saure Rindskaldaunen, auch »Flecke« genannt, wenn das Zeug nicht noch viele andere Namen hat, wie zum Beispiel wohl auch »Kutteln«.

Ich war entzückt, beides entsprach ganz meinem Geschmacke, und ich wurde, als ich loslegte, nur immer entzückter, bis ich alles vertilgt hatte, allerdings mit Wodans eifriger Hilfe, denn die beiden Portionen waren gar zu reichlich gewesen; auch für meinen gesegneten Appetit hätte die Hälfte genügt.

Dann legte ich mich hin und tat einen tiefen und langen Schlaf.

Als ich erwachte, hörte ich die Blitze krachen und den Donner rollen, und dazu goss es wieder in Strömen. Es schien hier eine regenreiche Gegend zu sein. Oder es war eben gerade die Regenzeit. Nun konnte aber auch nichts aus dem werden, was ich mir für den Nachmittag vorgenommen hatte: die Sommerwohnung über meiner Höhle einzurichten, das kleinere Felsenloch, gewissermaßen die Veranda oder den Balkon. Was sollte ich nun tun, wie mir die Zeit vertreiben? Am nächsten lag es ja, meine Entdeckungen dort unten in dem geheimnisvollen Reiche fortzusetzen, wobei ich gar nicht daran zu denken brauchte, auch die mir sonst verschlossenen Türen zu öffnen. Da gab es wohl noch anderes genug zu untersuchen, und vor allen Dingen wollte ich das große Schwimmbad einmal näher in Augenschein nehmen.

Also ich stieg hinab, mich aber nicht wieder von Wodan trennend, sondern ihn mitnehmend. Ohne mich in dem holländischen Zimmer lange aufhaltend, dort nur den »Führer« für die Schwimmhalle zu mir steckend, suchte ich diese auf.

Immer noch einmal überwältigte mich geradezu der Eindruck dieser märchenhaften Halle, und auch die hier herrschende Wärme war mir nur angenehm. Ich wollte ein Bad nehmen, wollte schwimmen und springen, zog aber doch erst einmal den »Führer« zu Rate, denn so im Adamskostüm hier herumzuturnen, wäre mir nicht gerade angenehm gewesen, auch wenn ich mich durchaus nicht hätte zu genieren brauchen — — man ist es eben nicht gewohnt. Draußen im freien Meere, da ist das schon wieder etwas ganz anderes. Ach, was ich da alles in dem Führer aufgezählt fand! Wo man da überall drücken und schieben sollte, um irgend etwas hervorzuzaubern! Auch die »Seenixen« hatten Geltung für dieses Reich. Aber wenn ich nicht bei der Sache blieb, so las ich morgen auch noch, und so verbannte ich alle Gedanken, die nicht mit dem Nächstliegenden zusammenhingen. Unter dem Drucke meiner Finger öffnete sich zuerst ein Felsen, er war hohl — wie wohl überhaupt alles — die Grotte war zur An- und Auskleidezelle eingerichtet, alles enthaltend, was ein sogar sehr verwöhnter Mensch nur irgendwie für solche Zwecke beanspruchen kann.

Ein vollständiges, hochelegantes Trikot verschmähte ich, begnügte mich mit einem bescheidenen Badehöschen, das nicht einmal eine Andeutung von Hosen hatte, und dann drückte ich weiter an den angegebenen Stellen die sonst kaum sichtbaren Knöpfe oder drehte kleine Hebel. Alles, was ich damals vermisst und worüber ich mich also aufgehalten hatte, war vorhanden: Überall schoben sich aus den Wänden die bestgefederten Sprungbretter hervor, legten sich über die Felsen, in jeder gewünschten Höhe, und von dem blauen Himmel ließ sich an zwei langen, langen Seilen ein Trapez herab. So war alles vorhanden, was ich mir nur irgendwie gewünscht hatte. Nach dem, was ich schon in der Reitbahn geschaut hatte, war das ja auch nicht weiter verwunderlich. An solch eine Schaukel, von der aus man auch zu Pferde ins Wasser springen konnte, hätte ich dort nicht einmal gedacht. Immerhin, hier in dieser Schwimmhalle war ich in meinem Element, da hätte ich früher viele Vorschläge zu machen gehabt, einen immer phantastischer als den anderen, und da hier alles in Wirklichkeit ausgeführt worden war, so zeigte das doch, was für ein genialer und im Schwimmsport bewanderter Mann der Ingenieur oder Baumeister gewesen war, der dies alles entworfen hatte.

Ich sprang und turnte nach Herzenslust — auch alle nur denkbaren Turngeräte waren vorhanden, man musste sie nur suchen — vor allen Dingen natürlich plätscherte ich im Wasser und knallte hinein, schlug von der famos angebrachten Schaukel aus doppelte und dreifache Salti mortali über das ganze, lange Bassin hinweg, sodass es selbst meinem Wodan angst und bange zu werden schien, obgleich es ihm sonst das größte Vergnügen bereitete, sich mit seinem Herrn im Wasser tummeln zu können.

Wir tauchten um die Wette, holten Gegenstände vom Grund herauf, und zum ersten Male beobachtete ich in diesem kristallklaren Wasser, wie solch ein Wasserhund bis aus den Grund hinabgeht und dort den Stein oder sonstigen Gegenstand mit den Zähnen erfasst. Dann schaltete ich den Mechanismus ein, der Wellen warf, immer höhere, bis sie geradezu lebensgefährlich wurden, und trotzdem ließ sich mein Wodan ebenso fröhlich hin und her schleudern wie ich mich. Ein Hebeldruck, und mit überraschender, ja, mit zauberhafter Schnelligkeit glättete sich das Wasser wieder. Ganz natürlich konnte das auch nicht zugehen. Da mochte irgendein physikalisches Gesetz in Anwendung gebracht werden, von dem wir noch gar nichts wissen.

Seenixen, Wassernixen. Beide Sorten waren im Programm vorhanden, aber bei beiden brauchte man auf dem Schaltbrett nur dieselben Knöpfe zu drücken, also handelte es sich schließlich doch nur um eine Sorte. Sie kam aus einer unterseeischen Grotte herausgeschwebt, eine reizende Jungfrau, auf dem wallenden Haar einen Kranz von Wasserlaub, mit sehr vielem Korallen- und Muschelschmuck, angetan mit einem wallenden Gewand, das sehr wenig von der Gliederpracht verhüllte, freilich auch nicht den schuppigen Fischschwanz, in den dieser schöne, üppige Leib überging. Sie schwebte umher, ohne mit dem Kopfe über Wasser zu kommen — selbstverständlich nicht — sie sah mich, sie lächelte, sie winkte mir. Wie ward diese Erscheinung wohl zustande gebracht? Wie konnte sie gerade mich ins Auge fassen, gerade mir Kusshändchen zuwerfen? Weshalb tat sie es nicht einmal nach einer anderen Richtung? Wurde sie gelenkt? Dann musste aber doch auch ich beobachtet werden, und das sollte ja unter keinen Umständen geschehen. Na, jedenfalls war alles ganz vorzüglich und reizend arrangiert. Also sie lächelte und winkte und lockte. Ich sollte hinabkommen und in ihre Arme sinken. Nun wäre es an mir gewesen, Goethes bekanntes Gedicht vom Fischer in Wirklichkeit umzusetzen.

Doch mein Herz blieb kühl und ruhevoll; überhaupt kam mehr mein Gehirn in Frage als das Herz — — mein Erstes war, nachdem ich einige Zeit dieses lockende Treiben beobachtet hatte, dass ich eine lange Stange hernahm und nach dem schönen Weibe stach.

Es war nicht gerade ritterlich und galant, dass ich ihr ein Loch in den herrlichen Leib stechen wollte, aber einem Forschergeiste entsprechend.


Illustration

Willmer und der Hund tauchten um die Wette.


Natürlich stach ich — —

Nein, ich stach eben nicht ins Leere! Das hätte der Fall sein müssen, meine ich, wenn ich sie getroffen hätte. Aber die Sache war eben die, dass ich sie gar nicht traf. Ganz, ganz merkwürdig, wie sie meiner Stecherei immer auswich! Es gelang mir nicht, das Phantom zu treffen. Freilich hatte ich dabei zuerst das Ende der Stange immer unter Wasser, und da fand dieses doch einigen Widerstand, ich konnte die Lanze nicht so rasch hin und her bewegen, wie es in der Luft möglich gewesen wäre. Aber immerhin, es war doch rätselhaft, wie das Phantom ganz zielbewusst immer der stechenden Stange auswich, wie es noch im letzten Moment den Leib krümmte, sodass es mir ganz und gar unmöglich war, ihn auch nur zu berühren, selbst nicht, indem ich langsame Bewegungen ausführte, mit der Stange von der Seite her kam. Da schwamm das Weib eben darüber oder darunter hinweg. Sollte es mir denn gar nicht gelingen? Ich zog die Stange heraus und benutzte sie als Harpune, schleuderte sie mit Macht. Vergebens — — eine Drehung des biegsamen Leibes, eine Wendung des Kopfes im letzten Moment, und die Stange glitt an ihr vorbei, so oft ich auch den Versuch wiederholte. Die Erscheinung war nicht nur für das menschliche Auge sichtbar, auch Wodan hatte schon immer hingestarrt, manchmal leise knurrend, und wie ich nun mit der Stange stach und warf, verwandelte sich das Knurren in ein wütendes Bellen. Er dachte wohl, wir beide lägen im Kampfe.

»Recht so! Komm Deinem Herrn zu Hilfe! — Fass' Wodan! — Packe sie! Fass!« So hetzte ich, und schon jumpte Wodan ins Wasser, gerade auf das Meerweib los.

Das Plätschern entzog mir erst den Anblick. Als alles wieder sichtbar wurde, befand sich Wodan noch immer unter Wasser und schnappte gerade nach dem Fischschwanz. Bei dem genügte ja nun freilich nur eine geringe Bewegung, um ihn außerhalb des Bereiches der drohenden Zähne zu bringen. Wodan tauchte wieder auf, musste sie aber noch immer sehen können, denn er änderte sofort seine Richtung, schwamm auf sie los, tauchte unter, wollte ihr die Zähne in die Schulter schlagen.

Da kam er nun freilich wiederum zu spät. Ein kleiner Schlag mit der Schwanzflosse, und sie befand sich schon woanders.

Wodan ihr immer sofort wieder nach, bis er emportauchen musste, um Luft zu schöpfen. Er heulte laut auf vor Wut, tauchte gleich wieder unter, um ihr von Neuem zu Leibe zu rücken — — immer vergebens, bis er mir endlich gehorchte und von seiner Jagd abließ, wieder ans Ufer kam. Mich interessierte am meisten dabei, wie diese deutsche Dogge auch unter Wasser einem Geschöpf zu Leibe ging, tauchend, und nun hätte ich nur wissen mögen, wie es dabei in solch einem Hundegehirn aussah, ob sich das wohl die rätselhafte Sache irgendwie zurechtzulegen suchte. Was mich selbst anbetrifft, so glaubte ich eine Erklärung gefunden zu haben.

Natürlich konnte es sich nur um ein Lichtbild handeln, auf oder in das Wasser projiziert, durch Spiegelung, und Lichtstrahlen sind sehr wohl magnetisch zu machen. Nun war dieses Lichtbild mit negativem Magnetismus geladen und musste jedem anderen Gegenstande, der in seine Nähe kam, ausweichen. Man denke zum Beispiel an das bekannte Spielzeug; in einem durch eine Glasplatte geschlossenen Kasten befinden sich Figürchen aus Kork, und wenn man die Glasscheibe mit einem seidenen Lappen reibt, so wird diese positiv elektrisch, die Figürchen werden negativ, dadurch findet ein fortwährendes Anziehen und Abstoßen statt.

So ungefähr war es auch hier. Das bewegliche Lichtbild selbst war darauf eingestellt, immer den Beschauer im Auge zu behalten, ihm galten alle seine Gesten, mochte er sich wenden, wohin er wollte. Immer wurde er angeblickt und angelächelt und ihm zugenickt, da er selbst den anderen magnetischen Pol bildete.

Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich genug ausgedrückt habe. Die Erklärung war ja auch etwas weit hergeholt, mir selbst nicht ganz deutlich — aber immerhin, so eine Ahnung hatte ich doch, dass es so und nicht anders sein könne. Ein magnetisierendes Lichtbild. Also während all dieser Versuche, sie mit der Stange zu stechen und durch Wodans Zähne fassen zu lassen, hatte mir das feuchte Weib ständig zugelächelt und mit den verführerischsten Bewegungen gewinkt, ich solle doch zu ihr hinabkommen, hatte auch manchmal sehnsuchtsvoll die Arme nach mir ausgebreitet. Und da wurde ich schließlich doch der Fischerjüngling, der sich verführen ließ! Oder auch nicht.

Ich wollte das, was dem Hunde misslungen war, selber einmal versuchen. Dass ich sie nicht fangen würde, war ja ganz selbstverständlich, aber Spaß musste die Jagd doch machen. Kurz, ich schoss mit einem Hechtsprung kopfüber ins Wasser, gerade auf ihre Brust los, in die Arme hinein, die sie soeben wieder einladend nach mir ausbreitete.

Nein, zu fühlen bekam ich natürlich nichts. Anfangs konnte ich ja auch nichts sehen, obgleich ich von vornherein die Augen offen behielt. Dazu war doch das Wasser viel zu unruhig geworden.

Nachdem es sich aber geglättet hatte, sah ich sie auch wieder. Freilich sehr undeutlich. Denn da der Schwimmer selbst doch nur den Kopf über Wasser hat, kann er sehr schlecht sehen, was sich vor ihm im Wasser befindet, selbst in sehr dichter Nähe. Etwas anderes ist es, wenn man im Wasser stehen kann, wenigstens bis zur Brusthöhe. Als ich mich einmal empor schnellte, sah ich sie schon viel deutlicher, und noch mehr, als ich untertauchte. Das Wasser war ganz außerordentlich klar, und so sah ich sie denn vor mir, immer noch lächelnd und mir winkend, jetzt erst recht, indem sich meine Augen selbst unter Wasser befanden. Manchmal befand sie sich so nahe vor mir, dass ich glaubte, ihr Fischschwanz müsse mich streifen, ich sie mit den Händen greifen können, streckte diese auch schnell aus, aber ehe sie ins eigentliche Leere griffen, wich die Erscheinung vor meinen Händen noch schneller zurück. Ich tauchte wieder auf, behielt sie im Auge, so gut ich konnte; sie schwamm winkend und lockend vor mir her, ich ihr nach.

Sie war, wie ich schon sagte, aus einer Grotte hervorgekommen. Diese befand sich ungefähr in der Mitte des Bassins, das heißt seitlich an der Wand, war ziemlich geräumig, mit herrlichen Tropfsteinbildungen und mit noch herrlicherer Vegetation von Seepflanzen, belebt von buntschillernden Fischen, Muscheln, Schnecken und anderen Tieren. Dem Augenschein nach musste man in diese Höhlung hineinschwimmen können. Ein freier Eingang war ja vorhanden. Aber auch ohne diesen Versuch erst zu machen, konnte man sich bei einiger Überlegung gleich sagen, dass diese Grotte in Wirklichkeit gar nicht existierte, mindestens nicht so direkt hier mit diesem Bassin in Verbindung stehen konnte. Sonst wären die Fische doch herausgeschwommen. Nein, das Ganze befand sich hinter einer Glasscheibe oder noch wahrscheinlicher in dieser selbst, also wieder so ein kinematografisches Bild. Diese Grotte hatte ich schon vorhin beim Vorbeischwimmen gesehen, hatte mich von dem Vorhandensein der Glasscheibe durch Betasten überzeugt, sonst aber für diese Sache weiter kein Interesse gehabt, weil ich eben erst einmal meinen Lieblingssport ausübte. Jetzt also schwamm die Wasserfrau auf diese Grotte zu und in sie hinein, durch die Glasscheibe hindurch, machte sich's bequem, streckte sich auf der Korallenbank aus, eine recht üppige Stellung einnehmend, und hierbei kam sie mit der Hälfte des Körpers auch aus dem Wasser heraus. Das war natürlich kein Kunststück. Jetzt war sie mir ja durch die Glasscheibe entzogen, war wieder ein vollständig kinematografisches Bild geworden, da konnte sich die Seenixe natürlich auch außerhalb des Wassers sichtbar machen. Da ist ja alles möglich. Außerhalb der Grotte hatte sie sich doch ständig unter Wasser gehalten. Immerhin, es war das erste Mal, dass eine kinematografische Lichtfigur das Gebiet des Bildes verlassen hatte, aus dem zweidimensionalen Zustand in den dreidimensionalen übergegangen war, wozu eben das Wasser die Möglichkeit gegeben hatte.

Also sie winkte mir, ich sollte 'rin in die gute Stube, ihr Gesellschaft leisten. Ja, die hatte gut winken. Ich konnte ihr nicht durch die Glasscheibe hindurch nachschwimmen. Wie ich auf den Gedanken gekommen bin, weiß ich nicht. Ich tauche sehr gern. Ich muss auch unter Wasser immer alles untersuchen. Kurz, ohne eigentlich irgendeine Absicht zu haben, tauchte ich einmal an der Glaswand hinab. Nur um zu sehen, ob diese bis an den Boden ging oder wie weit sonst. So tastete ich mich an der Glasplatte hinab, erreichte in etwa vier Meter Tiefe den Grund. Ja, sie ging bis hinab. Aber was war das? Dort unten fühlte ich eine Öffnung! Meine tastende Hand fand wohl noch einen Widerstand, jedoch keinen festen mehr, er ließ sich zurückdrücken, sehr leicht. Wie eine Klapptür, die sich oben in Angeln bewegt.

Ich habe beim Tauchen für gewöhnlich die Augen geschlossen. Der Druck auf die offenen Augen ist unangenehm, wahrscheinlich auch schädlich. Jetzt erst machte ich sie auf und sah denn auch dasselbe, was ich schon gefühlt hatte.

In der Wand befand sich eine Klapptür, oben in Scharnieren drehbar, sie ließ sich nach hinten drücken. Nur aus Glas schien die ganze Wand nicht mehr zu bestehen. Sonst hätte ich doch auch sehen müssen, was sich dahinter befand, wenigstens ungefähr, nur ganz verschwommen. Das aber war nicht der Fall. Für mich war die Wand hier undurchsichtig.

Die viereckige Tür war groß genug, dass auch ein breitschultriger Mensch, wie ich einer bin, hindurchschlüpfen konnte. Und — weiß der Teufel, wie ich auf den plötzlichen Einfall kam — ehe ich mit Ruhe einen Entschluss gefasst hatte, war ich schon hindurchgeschlüpft. Jugendlicher Unternehmungsgeist und Wagemut, nichts weiter. Erst als ich mich auf der anderen Seite befand, sagte ich mir, und zwar durchzuckte mich ein kleiner Schreck dabei, dass ich ungeheuer leichtsinnig gehandelt hatte. Mindestens hätte ich erst noch einmal hinaufgehen und neue Luft einpumpen sollen, um dann rasch hinabzutauchen, schon mit dem Vorsatze und darauf vorbereitet, hier unten durchzukriechen. Das ist doch etwas ganz anderes, als wenn man erst unter Wasser in beträchtlicher Tiefe so etwas ausführt, nachdem man schon einige Zeit herumgetastet hat.

Der Schreck, der mich durchzuckte, kam besonders daher, weil ich jetzt plötzlich mit geöffneten Augen gar nichts mehr sah. Es war finster hinter dieser Wand. Und dann fühlten meine Hände auch sofort, dass ich mich in einem nur ganz engen Schachte befand, der kaum ein Umdrehen erlaubte. Wie, wenn ich mich hier nun in einem Schachte befand, der nicht mehr zum Bassin gehörte, sondern eine Maschinerie barg, und ich geriet in diese hinein? Zwar war ja unten eine Verbindungstür. Aber das war doch nicht etwa ein normaler Eingang. Den hätte ich einmal sehen mögen, der da so wie ich einfach hineinkroch. Ich war ja verrückt gewesen, dass ich das so ohne Weiteres getan hatte. Diese Klapptür war nur für die Handwerker bestimmt, um hier einzudringen. nachdem das Wasser abgelassen worden war. Eigentlich hätte sie ja verschlossen sein müssen, selbst wenn dem Eindringling nicht eine direkte Gefahr wie eine Maschinerie oder dergleichen drohte.

Aber diese Abschließung hatte man versehentlich einmal unterlassen. Man war nachlässig geworden. Denn wer denkt auch daran, dass jemand so toll sein kann, sich durch solch eine enge Öffnung zu quetschen, vier Meter tief unter Wasser.

Ich war so toll, so wahnsinnig gewesen!

Dies alles durchzuckte mein Gehirn, während ich auf der anderen Seite machte, dass ich nach oben kam. Etwas anderes blieb mir ja nicht übrig. Umdrehen konnte ich mich nicht wieder. Wenigstens nicht so ohne Weiteres. Bei mir wurde die in den Lungen mitgenommene Luft schon sehr knapp. Und wenn dieser finstere Tunnelschacht nun ganz mit Wasser angefüllt war, ich oben gar keinen Raum mit Luft fand? Nun, in drei bis fünf Sekunden musste es sich ja entscheiden.

Ja, aber — — Himmelbombenelement noch einmal, können einem solche Sekunden lang werden! Was einem da alles durchs Gehirn gehen kann! Ein ganz merkwürdiges Ding, dieses menschliche Gehirn!

Na, ich kam hinauf, konnte Atem schöpfen.

Von der herrlichen Grotte fand ich natürlich gar keine Spur.

Nicht nur, dass es finster war, stockfinster, sondern es blieb auch bei dem engen Schacht, dessen Wände ich überall spürte, ohne meine Arme richtig ausstrecken zu brauchen. Kaum ein Meter im Quadrat, das war der ganze Raum, in dem ich mich bewegen konnte. Kann man sich in einem Schachte, der einen quadratischen Durchschnitt von einem Meter hat, umdrehen? Na, das wäre eine schöne Geschichte gewesen, wenn das nicht möglich war!

Ich musste doch wieder zurück, musste untertauchen. Nun geht das auch mit den Füßen voran, man tritt erst einmal kräftig Wasser, schnellt sich so hoch wie möglich empor, dann stößt man die Luft aus den Lungen, so sinkt man unter, in beliebige Tiefe. Jawohl, vier Meter tief — es soll mir nur einmal jemand vormachen! Und dann durch solch eine enge Klappe kriechen, mit den Füßen voraus! Wobei diese Klappe auch noch nach innen, das heißt in der Richtung auf den Taucher zu, geöffnet werden muss! Doch ich konnte mich schon umdrehen, musste nur genügend die Füße anziehen, die Knie hochheben, mich zusammenducken. Also noch einmal tüchtig Luft geschöpft, hochgeschnellt, herumgekugelt und nach unten geschossen. Platz, um mit den Füßen auszustoßen, war noch genug voranden. Für die Arme hätte er ja nicht gereicht, um richtig schwimmen zu können, auch wenn ich sie nicht so ganz streckte, aber im trüben Wasser und nun gar in solcher Finsternis hält man ja die Hände überhaupt voraus, wenn man nach unten taucht.

In fünf Sekunden hatte ich die vier Meter durchmessen, stieß mit den Händen gegen den Boden, den ich nach dem Durchkriechen auch zum Abstoßen mit den Füßen benutzt hatte. Also nicht etwa, dass dieser Schacht noch tiefer ging als draußen das Bassin, was ja schließlich auch der Fall hätte sein können. Nun tastete ich, fühlte richtig die Klappe, ihre Fugen, auch einen Griff, eine Öse, durch die man die Hand stecken konnte. Ich zog daran, schon bereit, mich sofort gegen die Wand zu schmiegen und dann durchzuschlängeln, natürlich mit dem Kopfe voraus. Himmel, was war aber das? Die Klappe ließ sich nicht mehr zurückziehen. Ich zog und zog, ich rüttelte und riss mit Macht — vergebens! Die Klappe gab nicht im Geringsten nach, saß fest vor der Öffnung. War eine Vorrichtung vorhanden, dass die Tür einschnappen konnte? Ein Schloss? Ließ sich der Handgriff drehen? Nein. Weder nach links noch nach rechts herum, sie ließ sich nicht nach den Seiten verschieben. Weiter ging meine Untersuchung nicht, der Sauerstoff der mitgenommenen Luft war verbraucht, ich musste wieder nach oben. Na, wenn ich dieses Problem, wie die Klappe wieder zu öffnen war, nicht lösen konnte, das war ja eine nette Geschichte! Dann konnte ich lange warten, bis man mich befreite. Diese verdammte Seenixe! Das heißt, dass die dazu bestimmt war, jemanden auf diese Weise hier hereinzulocken, das wäre ja ein böser Streich gewesen. Die Sache war eben die, dass, wie schon gesagt, diese Klappe für Handwerker bestimmt war, um in den Schacht zu dringen. Die Klappe konnte geschlossen werden, das war für gewöhnlich auch der Fall, man hatte es einmal unterlassen, oder das Türchen war nicht richtig eingeschnappt — und ich Tollhäusler war einfach durchgeschlüpft! Eine Tat, die sich wohl sonst niemand zugetraut hätte. Na, ich konnte nur von Glück sagen, dass ich nicht in eine Maschinerie geraten war, in Gang befindlich, oder es hätte auch schon genügt, wenn ich hier oben keinen freien Luftraum zum Atmen gefunden hätte. Mit solch tröstlichen Gedanken ließ ich mich aber noch nicht ein, nachdem ich wieder emporgetaucht war. Sie befanden sich wenigstens noch sehr im Hintergrunde meiner Seele. Nur erst wieder heraus aus diesem verfluchten Loche! Und wenn ich die Tür dort unten nicht wieder aufbrachte? Dieser unangenehme Gedanke lag doch wohl am nächsten.

Also etwas ausgeruht, Luft geschöpft, hinabgegangen. Diesmal gleich mit entsprechendem Vorsatz, was bei solcher freihändigen Taucherei doch einen großen Unterschied ausmacht. Ich fasste den Handgriff. Ich zog und ruckte und riss — vergebens. Ich drehte und schob an dem Griff oder wollte es doch tun — vergebens. Ich probierte es noch einmal mit der Gewalt, drehte mich noch mehr um, kauerte mich hin, stemmte die Füße seitlich der Klappe gegen die Wand und zog mit der Kraft der Verzweiflung, dass mir die Eingeweide weh taten — vergebens. Ich musste wieder hinauf. So, nun war es gut. Also gefangen! Denn diesen Versuch brauchte ich nicht zu wiederholen, es wäre zwecklos gewesen, ich hatte das Menschenmöglichste schon getan.

Was sollte nun hier aus mir werden? Telefoniert hatte ich heute in diesem unterirdischen Reiche noch nicht, also wusste man gar nicht, dass ich mich hier befand. Man würde mich schließlich oben vermissen. Auch der Hund.

Wie verhielt sich der? Ich wusste es nicht. Aber ich konnte es mir doch ungefähr vorstellen. Er würde oben am Ufer stehen und nach der Stelle starren, wo ich untergetaucht war, würde bellen und heulen, wenn ich nicht bald wiederkam, würde — vielleicht! — auch ins Wasser gehen und an jener Stelle hinabtauchen, um seinen verschwundenen Herrn sogar auf dem Grunde zu suchen. Dann würde er nur um so lauter bellen und heulen und winseln — würde um mich wehklagen, dann auch, weil ihn hungerte — würde Hilfe herbeirufen wollen.

Von selbst konnte er diesen Raum nicht verlassen. Ob er Türen zu öffnen vermochte, das heißt Klinken aufdrücken, wusste ich nicht. Würde man sein Bellen hören? Es war die Frage. Und inzwischen konnten Tage vergehen, während welcher Zeit ich zwar noch nicht verhungerte, aber immer hier in diesem Wasserloche sitzen müssen — na, ich danke!

Doch um Tage würde es sich ja gar nicht handeln, nur um Stunden. Denn ich musste, um oben zu bleiben, doch immer Wasser treten! Und das hält man schließlich, wenn es auch nicht so anstrengt wie richtiges Schwimmen, doch auch nicht etwa tagelang aus, womöglich gar ohne Schlaf. Denn ein Anhalten gab es nicht an diesen nackten Felswänden. So hatte ich erwogen. Ich hatte nur wenige Sekunden dazu gebraucht.

Hatte ich dabei vielleicht etwas übersehen?

Jawohl!

Wie war es denn hier mit der Beschaffenheit der Luft? Nun, sie war recht gut atembar. Indem ich dies sage, muss aber nun auch gleich der fragende Gedanke aufsteigen: Wenn hier frische Luft herrschte, konnte denn da dieser Wasserschacht auch wirklich vollständig abgeschlossen sein? Nein, das war ausgeschlossen. Einige Kubikmeter Luft verbraucht der Mensch ja schnell, den Sauerstoff, der darin enthalten ist. Vielleicht aber war dieser Schacht sehr, sehr hoch? Dann hätte ich es einige Zeit darin aushalten können.

So griff ich denn einmal in die Höhe, zum ersten Male, den Arm und mich selbst so hoch wie möglich reckend.

Eine Decke fühlte ich nicht, wohl aber, als ich mit der Hand auch an den Wänden entlang strich, an der hinteren eine scharfe Kante, die nur eine Öffnung begrenzen konnte.

Da war also ein Seitenschacht, in einer Höhe, dass ich diese untere Kante auch mit beiden Händen greifen konnte.

So tat ich, zog mich hoch und — — erblickte in der Ferne einen Lichtschein!

— • —

79a. Kapitel
Der hungrige Gott

Jetzt bist Du gerettet!« Das war mein erster frohlockender Gedanke. Ich frohlockte etwas zu früh.

Ja, ein Lichtschein war es. Ich musste es für künstliches Licht halten. Denn Sonnenlicht ist ja außerordentlich weiß, das Weißeste, was es überhaupt in der Welt gibt, was man nur erst bemerkt, wenn man einen Sonnenstrahl in ein total finsteres Zimmer lenkt. Elektrisches Bogenlicht nimmt sich dagegen noch ganz gelb aus.

Dieser Lichtstrahl hier war erst recht gelb. Also Sonnenlicht war es auf keinen Fall, konnte es nicht sein, da ich mich ja tief unter der Erde befand. Doch es hätte trotzdem Tageslicht sein können, das durch eine Felsspalte hier herabgelangte. Nun, es war also künstliches Licht.

Sollte ich rufen? Lieber nicht. Oder doch nicht eher, als bis ich mich überzeugt hatte, dass ich nicht selbst dorthin gelangen könne.

Nun kam es also darauf an, ob diese Öffnung, an deren unteren Kante ich mich zunächst nur mit den Fingern ankrallte, groß genug war, um mich aufzunehmen.

So zog ich mich noch etwas höher, stützte den einen Arm auf, tastete mit der anderen Hand. Ja, die Öffnung, also der Zugang zu einem horizontalen Tunnel, war groß genug, so breit wie der ganze Wasserschacht, etwa einen Meter; die Decke konnte ich in dieser Lage überhaupt nicht erreichen, weshalb sie noch keinen Meter hoch zu sein brauchte.

Jetzt ließ ich mich erst noch einmal herab, um etwas frische Kraft zu sammeln, die für die Turnerei nötig war. Hier unten war kein Lichtschein zu bemerken, der von dort oben seitlich herausgekommen wäre. Das war begreiflich. Der gelbe Lichtschimmer war doch ziemlich weit entfernt gewesen. Wie weit, das hatte ich unmöglich schätzen können.

Oder war dort nur zeitweise einmal Licht gemacht worden? Auch möglich.

Nachdem ich mich etwas ausgeruht hatte, doch noch von dem vorausgegangenen langen Tauchen sehr erschöpft, reckte ich mich wieder hoch, fasste die Kante, machte den Klimmzug, beförderte mich mit einem Ruck gleich auf beide Ellbogen, zog das angepresste Knie hoch, und ich befand mich ganz in dem Tunnel.

Zu hoch durfte ich mich nicht aufrichten, seine Höhe betrug noch keinen Meter, ich befand mich etwa wie unter einem normalen Tische.

Der gelbe Lichtschein war noch vorhanden, und ich begann auf Händen und Füßen zu kriechen, mit der nötigen Vorsicht, um nicht etwa in einen Abgrund zu stürzen oder einer anderen Gefahr in die Arme zu laufen.

Doch nichts von alledem geschah. Der Boden war ganz eben, kein Hindernis irgendwelcher Art war vorhanden, auch kein Schmutz oder dergleichen, wie man in solchen unterirdischen Schächten doch meist erwartet — ich war ja TiefbauIngenieur, hatte in dieser Hinsicht böse Erfahrungen gemacht — nicht einmal eine Ratte quiekte.

Ich kam dem Lichtschein näher, er wurde immer intensiver. Merkwürdig aber war, was ich nun genau feststellen konnte, dass dieser Lichtschein nicht viereckig oder sogar quadratisch war, wie hier der Durchschnitt dieses Schachtes, sondern eine ganz bizarre Form besaß. Er war sehr schmal und gebogen, wie ein Fragezeichen etwa, von dem man den oberen Schwanz abgeschnitten hat. Dagegen war unten auch nicht der Punkt vergessen, eben als leuchtender Punkt.

Was sollte das? Ich kroch weiter, schon an allen Gliedern zitternd. Nicht vor Erwartung, noch weniger vor Angst, sondern vor Frost. Es war höllisch kalt hier. Es war nicht so weit, wie ich erst geglaubt hatte. Nun hatte ich die Lichterscheinung dicht vor mir, und es blieb bei dem Fragezeichen, dem nur ein Teil der oberen Krümmung fehlte, mit dem Punkte darunter, das Ganze einen halben Meter hoch.

Meine Hand tastete. Aha, schon konnte ich das Fragezeichen beantworten, das Rätsel war gelöst.

Keine Spalte war in der verschließenden Felsenwand vorhanden, welche das Licht in der Gestalt eines Fragezeichens durchließ, sondern ich fühlte etwas Weiches, Haariges, Wolliges, was sich bewegen ließ, und das Fragezeichen veränderte sich sofort, verschwand einmal ganz, und dann wurde eine breite Lichtsäule daraus.

Es war ein Tuch, das hier vor dem Ausgang des Tunnels hing — kein eigentlicher Vorhang, sondern, wie ich nun schnell erkannte, Kleider. Das hier, was ich zunächst in die Hand bekam, waren zweifellos Hosenbeine.

Ehe ich hindurchschlüpfte, benutzte ich die Spalte, nach jenseits zu spähen, konnte sie ja nach Belieben erweitern, was ich natürlich nur mit der nötigen Vorsicht tat. Ich sah in einen engen Raum, eine Kammer, deren Felswände mit Stellagen bestanden waren, und an diesen Gewänder, Kleider und Kostüme aller Art, nur nicht solche, die man in einem modernen Konfektionsladen findet.

Eher konnte ich glauben, in das Magazin einer Maskenverleihanstalt zu blicken; es war ein buntes Gemisch von seltsamen Kostümen aller Art, denn mit dem einen konnte man sich in einen Esel verwandeln, wozu auch der ganze Kopf vorhanden war, und dann lag dort wieder der Muschelschmuck für einen Meergreis, mit einer weißbärtigen Maske und einem Dreizack.

Anwesend war niemand. Für die Beleuchtung sorgte ZoelestrialLicht, welches die Felswände ausstrahlten, soweit diese nicht mit solchen Kleidern bedeckt waren, meist in vielen Schichten übereinander. Eine Tür war mit einem Teppich verhangen, auf der einen Seite nicht gänzlich, sodass ich sah, wie sie keine weitere Füllung besaß; dahinter war ebenfalls erleuchteter Raum.

Jetzt teilte ich die Kleiderwand vor mir und schlüpfte durch, ohne erst lange zu erwägen. Also ich war zum zweiten Male in das Reich gedrungen, das mir verschlossen sein sollte, wieder auf eine andere Weise, ohne dass ich von der Kenntnis des Stichwortes, welches die verschlossenen Türen öffnete, Gebrauch zu machen hatte.

Aber wohlgemerkt: Diesmal befand ich mich eine Etage tiefer! Denn damals war ich doch von dem holländischen Zimmer aus mit dem Tisch in die Höhe gefahren. Diesmal befand ich mich noch in derselben Etage.

Oder war diese Region hier vielleicht gar nicht für mich verschlossen? Hatte ich nur einen außergewöhnlichen Weg hinein genommen? Es konnte auch möglich sein. Nun, jedenfalls sah ich mich jetzt ohne Scheu um; Gefahr sollte mir ja hier nirgends drohen, und kam dennoch eine, so würde ihr eben entgegengetreten, auch ohne Waffen.

Zunächst schlug ich den Teppich zurück, blickte in eine ganz nackte Felsenkammer, die wieder eine offene Tür hatte, sah immer wieder einen erleuchteten Raum, um den ich mich vorläufig noch nicht kümmerte, trat zurück, besichtigte eingehend die Kleider und Kostüme.

Ich musste etwas anziehen, wollte ich nicht langsam erfrieren. Es war wirklich höllisch kalt hier, und ich war nackt. Getrocknet war ich unterdessen schon, fror aber nur desto mehr.

Lange konnte ich nicht finden, was meinem Geschmacke und mehr noch meiner langen Figur entsprach. Der Mantel hätte mir wohl gepasst, aber das war wohl der Zauberornat eines Schamanen, mit einer Unmenge von Klimbim behangen, getrockneten Schlangen und Eidechsen und Fröschen, sogar Schädel von kleinen Kindern; aber ich wollte doch nicht so als klappernder Schamane herumlaufen, und die anderen Sachen, die ein harmloseres Aussehen hatten, waren viel zu klein für mich. Ein schwarzer Anzug mit richtigen Hosenbeinen schien meiner Länge entsprechend. Das ganze von schwarzem, glänzendem Samt, so glaubte ich wenigstens anfangs, dann aber überzeugte ich mich, dass er aus lauter kleinen Fellen zusammengenäht war, vielleicht Hamster oder noch kleinere Tierchen, tiefschwarze Mäuse.

Diese Felle waren immer doppelt zusammengenäht, eine außerordentlich feine Arbeit, sodass sich das Haar außen wie innen befand, und in diesem sammetweichen Pelze musste es sich ganz mollig stecken.

Beinkleider und oben der Leib waren zusammenhängend, nur halb voneinander zu trennen, mussten dann mit Schnüren verbunden werden, alles ganz schwarz, und hinten baumelte etwas Langes dran, was ich als einen Teufelsschwanz mit Quaste erkannte. Erst konnte ich ja auch an einen Eselsschwanz denken, dann aber bemerkte ich oben noch eine Kapuze, die über den Kopf und das ganze Gesicht gestülpt werden konnte, und da sich an ihr zwei kleine Hörner befanden, so war das Ganze doch sicher eine Teufelsmaske, eines ganz und gar schwarzen Teufels.

Nachdem ich mich der noch nassen Badehose entledigt hatte, schlüpfte ich hinein. Ja, die Beinkleider saßen mir wie trikotartig angegossen, und das war schon die Hauptsache. Offen waren sie unten nicht, gingen gleich in Strümpfe über, auch die Füße bedeckend, nur mit besonderen Sohlen aus einer gummiartigen Masse, den Schritt unhörbar machend. Ebenso vortrefflich passte mir das Oberstück. Unten an den Ärmeln baumelten Handschuhe, wieder aus schwarzem Mäusefell, in die meine Tatzen, wie ich gleich probierte, auch wieder gerade hineingingen.

Die schwarze Kopf- und Gesichtsmaske wies nur kleine Öffnungen für Augen, Nase und Mund auf, die konnte ich vielleicht auch einmal ganz gut brauchen, um mich möglichst unkenntlich zu machen. Nur der Schwanz wollte mir nicht gefallen. Der war nicht nötig. Abzuknöpfen war er nicht, und vergebens strengte ich mich an, ihn loszureißen; ein Messer zum Abschneiden besaß und sah ich nicht. Na, dann mochte der Teufel sein Attribut nur behalten!

So, die Verbindungsschnüre vorn waren zugenestelt. O, es war ein ganz wunderbares Gefühl, in diesen weichen Mäusefellchen zu stecken! Übrigens war, was ich nachträglich noch hinzufügen muss, der ganze Anzug durchaus sauber, wie eben erst vom Kürschner gekommen, dabei ohne jeden Geruch. Ich fühlte mich äußerst behaglich darin; gleich machte sich meine eigene Blutwärme wohltuend bemerkbar.

Der pechschwarze Teufel, auch den Lappen mit den Hörnern auf der Stirn, trat seine Forschungsreise an, in den benachbarten Raum. Dieser war also, wie ich mich schon durch einen flüchtigen Blick überzeugt hatte, vollkommen leer.

Seitlich wieder eine andere Tür, unverhangen und so niedrig, dass ich sie nur gebückt passieren konnte, und sehr niedrig, dass ich mit dem Kopfe fast gegen die Decke stieß, war auch dieser ganze dritte Raum, überhaupt nur wenige Meter im Quadrat, abermals ganz leer.

Aber in der Mitte des Bodens befand sich ein kreisrundes Loch von etwa einem Meter Durchmesser, in das ein Seil hinabging, welches über dem Loche an einem eisernen in der Decke eingelassenen Ringe befestigt war.

Tief, tief konnte ich hinabblicken, bis sich die Felswände zu berühren schienen. Denn auch dieser Schacht strahlte wie hier überall aus seinen Wänden jenes gelbe, vielleicht etwas ins Grünliche spielende ZoelestrialLicht aus.

Ein Brunnenschacht? Ich musste wohl zuerst daran denken. So gab es dort unten abermals Wasser, dem ich kaum entflohen war?

Zu erblicken war keine Wasserfläche. Wie gesagt, durch die Perspektive schienen die glatten Felsmauern dort unten in unschätzbarer Tiefe zuletzt zusammenzustoßen, das Seil konnte ich mit den Augen längst nicht so weit verfolgen, das verlor sich schon vorher in wesenloser Ferne.

Ja, was sollte ich nun tun? Mich hinablassen? Es war der einzige Ausweg von hier. Eine andere Tür hatte diese Kammer nicht. War es hier vielleicht auch wieder so eine niederträchtige Falle?

Nun, nachdem ich einmal durch die Wasserklappe gekrochen war, befand ich mich bereits in einer Falle, aus der es weiter keinen Ausweg gab. Also — — entweder oder. Viel schlimmer konnte die Sache nun auch nicht werden.

Freilich, die Tiefe war grausig, in die ich mich da hinablassen sollte, wenn ich mir auch schon sagte, dass dies wohl nur auf perspektivischer Täuschung beruhe. Und dann konstatierte ich auch, dass das Seil, das zum bequemen Klettern eben die geeignete Dicke hatte, ungefähr in Abständen von einem halben Meter immer einen Knoten hatte, was das Emporklettern ja sehr erleichterte. Wenn es ab und zu solche Ruhepunkte für die Füße hat, kann ein guter Turner doch fast jede Höhe an einem Kletterseil überwinden. Also, wenn es mir gar zu tief wurde, konnte ich ja immer wieder umdrehen, und wenn ich auch wieder hundert Meter hochzugehen gehabt hätte.

Also, nachdem ich noch einmal die Sicherheit der Befestigung an der Decke geprüft hatte, hing ich mich an das Seil, das an sich schon ziemlich rau war und dessen Knoten ein schnelles Gleiten vollends unmöglich machten.

Tief ging es hinab, immer tiefer. Aber doch nicht so tief, wie ich vielleicht gemeint hatte, von hundert Metern gar keine Rede, vielleicht nicht einmal die Hälfte. Doch so vierzig Meter sich an solch einem Seile herablassen, das genügt auch schon! Das ist fast die dreifache Höhe eines vierstöckigen Hauses! Also in anderem Sinne war es eine furchtbare Tiefe, in die ich da langsam hinabglitt!

Endlich erreichte ich festen Boden. Geändert hatte sich der Schacht mit kreisrundem Durchschnitt bisher nicht. Immer glatte, nackte Felswände. nichts weiter. Das Seil hatte aufgehört. Jetzt ging es ein ganz kleines Stückchen eben entlang, es war nur ein kleiner Absatz, auf dem ich kaum aufrecht stehen konnte, dann zeigte der graue Boden wiederum ein schwarzes Loch, von ganz unregelmäßigem Durchschnitt und längst nicht so weit wie das bisherige.

Hatte ich bisher von einem Schachte gesprochen, so konnte ich diese Fortsetzung meines Weges einen Kamin nennen. Auch er lief senkrecht hinab, bei ihm konnte man den Boden trotz aller Erleuchtung nicht erkennen, und hier gab es kein Seil, wohl aber wiesen die Felswände starke Riefen auf. Also ich hatte mich, wollte ich meinen unterirdischen Weg nicht aufgeben, in einen Schornsteinfeger zu verwandeln, in einen aus der guten alten Zeit, der beim Durchklettern der Kamine sich mit den Knien und Armen gegen die Wände zu stemmen hatte, wozu in den Schornsteinen entsprechende Vorsprünge angebracht waren.

Was sollte ich tun? Auf der anderen Seite war für mich Wasserverschluss mit zugemachter Klappe, nur hier war der Weg noch für mich offen.

Selbstverständlich setzte ich meine unterirdische Reise fort; das Abenteuerliche dabei reizte mich überhaupt sehr, an eine Gefahr dachte ich überhaupt nicht, wenn ich auch gestehen muss, dass mir oft genug ganz unheimlich in diesen unheimlichen Schächten wurde, in denen ich mich wie ein Felsenmaulwurf fühlte.

Gerade diese unheimliche Spannung aber, die Erwartung, wo dieser unterirdische Weg schließlich noch enden würde, war es ja eben, was meine Nerven so angenehm kitzelte.

Auf diese Weise ging es immer tiefer hinab, immer und immer tiefer, als sollte es bis nach dem Mittelpunkt der Erde gehen und womöglich auf der anderen Seite wieder heraus.

Zweifellos war es eine natürliche Felsenspalte, die in meist ziemlich vertikaler Richtung hier durch das Gestein verlief; Menschenhände hatten sie nur passierbar gemacht, weniger durch Erweiterungen, wenn ich auch solche manchmal erkannte, als durch Anbringung von Vorrichtungen, dass man Hindernisse und im Allgemeinen die große Steilheit überwinden konnte.

Zuerst ein Seil, dann die in die glatten Felswände eingehauenen Riefen. Es kamen auch kleine Treppen, allerdings ganz roh gehalten, dann Leitern, von oberflächlich zusammengenagelten Holzlatten, wieder ein Seil, dann eine eingekerbte Kletterstange — und so ging das immer weiter. Und dazwischen immer wieder Schächte und Kamine, die man mit Hilfe von natürlichen Vorsprüngen überwinden konnte.

Ja, ich sage es noch einmal, ich muss es gestehen: Unheimlicher ward mir zumute, immer mehr schnürte sich mein Herz zusammen, je tiefer ich in dieses unterirdische Reich drang!

Das war ja auch eine fürchterliche Tiefe, in die ich mich hier einbohrte! Und wie oft ich mich genug durchzuquetschen hatte, wie oft ich bei horizontalen Gängen auf dem Bauche rutschen musste!

Immer mehr bemächtigte sich meiner ein Gefühl, das ich gar nicht zu schildern vermag, weil es mir eben selbst ganz neu war. Ich fühlte gewissermaßen die ganze Last von ungezählten Millionen Zentnern Stein auf mir ruhen, auf meinem Herzen. Und nun noch das Bewusstsein grenzenloser Verlassenheit! Schrecklich!

Und dennoch bemächtigte sich meiner immer mehr eine Art von fieberhafter Spannung, die aber doch etwas Freudiges an sich hatte.

Wohin wird dieser unterirdische Maulwurfsweg Dich endlich noch führen? Was wirst Du noch erleben?

Das war es, was mich immer beschäftigte und mich in freudiger Spannung erhielt. Eine unbestimmte Ahnung war in mir — aber sehr leicht erklärlich — dass ich schließlich noch irgend etwas Ungeheuerliches erleben müsse.

Wäre es finster gewesen, hätte ich nur ein Licht bei mir gehabt oder auch einen noch so guten Scheinwerfer — ich glaube nicht, dass ich die Kraft besessen hätte, diesen Weg fortzusetzen. An ein Umkehren hätte ich freilich auch nicht denken dürfen. Ich glaube, ich wäre verzweifelt liegen geblieben.

Aber alles war hell erleuchtet, überall strahlten die Felswände das rätselhafte gelbe Licht aus; das nahm dem Ganzen das Fürchterliche. Durch größere Räume war ich bisher noch nicht gekommen. Immer nur ganz enge Kriechgänge, meist also direkt oder doch sehr steil senkrecht hinabführend.

Wie tief ich so hinabstieg, das konnte ich unmöglich abschätzen. Auch alles Zeitmaß war mir schon längst ganz verlorengegangen. Jedenfalls aber musste ich nun schon stundenlang gekrochen sein, und jetzt kam immer wieder ein Kamin, der mit Hilfe von eingehauenen Kerben als Schornsteinfeger überwunden werden musste.

Himmel noch einmal, wollte denn dieser Weg in die Tiefe gar kein Ende nehmen? Die Hoffnung, den Himmel jemals wieder zu erblicken, hatte ich schon ganz aufgegeben, wenn das auch nicht gar so wörtlich zu nehmen ist.

Da endlich — — dieser senkrechte Kletterkamin endete in einen horizontalen Gang, und dann — — na, dann kam doch wenigstens einmal eine Abwechslung!

Zum ersten Male zeigte dieser horizontale Tunnel zwei Nebengänge, also hatte ich eine Wahl zu treffen, welchen Weg ich jetzt einschlagen wollte.

Und zum ersten Male zeigte sich hier auch, dass dieses rätselhafte ZoelestrialLicht irgendwie von Menschen beherrscht werden konnte, das heißt, dass es überhaupt nicht als natürliches Licht von den Felswänden ausstrahlte. Der eine Seitengang, der weitere, war finster, der andere, der ziemlich gegenüberlag, dagegen strahlte nach wie vor in dem gelben Lichte.

Wie wurde nur dieses ZoelestrialLicht eingestellt und ausgeschaltet?

Doch mit solchen Fragen hielt ich mich jetzt nicht auf, ich würde sie ja auch niemals beantworten können. Das musste einer späteren Erklärung überlassen bleiben, die ich von anderer Seite erhielt.

Natürlich wählte ich den erleuchteten Gang. Er war sehr eng; ich konnte mich wieder einmal mit meinen breiten Schultern kaum durchquetschen, musste oft seitwärts gehen und sehr gebückt dazu.

Und immer niedriger wurde die Decke; ich musste auf Händen und Füßen kriechen, und zuletzt war nur noch eine horizontale Spalte vor mir, in die ich mich nicht mehr quetschen zu können glaubte, eine Öffnung wie unter einem Schranke, da ging ja nicht einmal mein Kopf darunter!

Nun muss ich aber erst noch etwas anderes erwähnen. Je tiefer man in die Erde dringt, desto wärmer wird es. Das ist natürlich sehr verschieden, und dann gibt es doch erst eine Region, in welcher immer eine gleichmäßige Temperatur herrscht. Diese Region hat zum Beispiel in Mitteldeutschland, will ich hier angeben, eine Tiefe von 20 bis 25 Metern, wo eine ständige Temperatur von 9 bis 10 Grad Celsius herrscht. Unter dem Äquator beträgt die Wärme in derselben Tiefe 27 Grad. Da können aber eben immer große Ausnahmen stattfinden. Im Allgemeinen beträgt die Zunahme einen Grad Celsius für 30 bis 35 Meter größerer Tiefe. So misst man in dem Bohrloche von Paruschowitz bei Rybnik in Schlesien, dem tiefsten in Deutschland, bei 2003 Meter Tiefe eine Temperatur von 69 Grad Celsius!

Bisher hatte ich noch nichts von einer besonderen Zunahme der Temperatur gespürt. Ich hatte gar nicht darauf geachtet. Wäre sie aber bedeutend gewesen, so wäre es mir doch schon aufgefallen. Gesetzt also den Fall, ich wäre 300 Meter tief hinabgedrungen, so hätte das schon ein Mehr von 8 bis 10 Grad Celsius bedeutet. Doch, wie gesagt, da können ja große Ausnahmen stattfinden. Nein, eine Zunahme der Temperatur war mir noch nicht aufgefallen.

Jetzt aber merkte ich eine gewaltige Temperaturveränderung. Nur keine Zu, sondern eine Abnahme. Aus dieser niedrigen Spalte hier wehte es mich eiskalt an! Natürlich musste ich doch gleich wieder an jene Eisregion denken, und wenn man diese in Betracht zog, so lagen hier ja überhaupt ganz andere Verhältnisse vor.

Also eiskalt kam es aus dieser niedrigen Horizontalspalte heraus. Da sollte ich eindringen? Die war ja viel zu niedrig für mich! Aber einen anderen Ausweg gab es hier nicht. Konnte ich nicht hier durch, dann hatte der Weg für mich eben ein Ende.

Dass sich Menschen hier in diesen Gängen auf und ab bewegten, davon hatte ich bisher noch nichts gemerkt, außer eben die Vorrichtungen zur Überwindung der Hindernisse, die Seile, Leitern, Kletterstangen und dergleichen. Aber auf sonstige Spuren, welche diese Wege benutzende Menschen hinterlassen hätten, war ich noch nicht gestoßen.

Waren das kleiner gebaute Menschen als ich, die hier durchkrochen? Nun, ich musste es doch erst einmal probieren; der Schein konnte trügen. Und ich war TiefbauIngenieur, hatte da so meine gewissen Erfahrungen. Also ich legte mich platt auf den Boden und schob mich vorwärts.

Richtig, mein Kopf ging ganz gut drunter, und dann zur Not auch die Schultern, der Brustkasten. So schob ich mich mit Mühe und Not vorwärts. Es gehörte schon etwas dazu, hier noch weiter vorzudringen, in solch einer Situation, in solch einer Region. Ich will mich nicht rühmen, aber — — mancher hätte es nicht gemacht. Hu, war das plötzlich kalt hier! Und finster dazu! Diese horizontale Spalte war nicht erleuchtet, nicht mit ZoelestrialLicht erfüllt. Und das bisschen Licht, das noch von draußen hereinkam, hinter mir, das hörte bald auf.

Ich musste mir immer noch einmal sagen, dass es hier ja keine weitere Fortsetzung des Weges gab, sonst wäre auch ich lieber wieder umgekehrt.

Weit war es übrigens nicht, da stießen meine voraustastenden Hände gegen einen Widerstand, gegen eine Wand. War hier der Gang zu Ende? Nein, die Spalte war sehr breit, ich konnte mich auch seitwärts bewegen, und so tat ich, nach links, denn rechts spürte ich schon wieder eine andere Wand.

Jetzt schien die Spalte einen Bogen zu machen. Genauer konnte ich das gar nicht beurteilen. Es war eine schreckliche Situation. Ich kroch und schob mich und quetschte mich, ohne ein Ziel zu haben, ohne die Richtung noch zu wissen, umgeben von einer Stockfinsternis! Ein Glück war, dass der Boden hier wenigstens noch eben und trocken war. Dazu etwa noch Schmutz und Schmiere — weiter hätte nichts gefehlt!

Da tastete ich wieder ein Hindernis vor mir. Aber das war keine Wand, sondern etwas Weiches, Wolliges, was einen härteren Gegenstand umgab. Sollten das nicht Kleider sein? Kleider, die einen — —

Ein gewaltiger Schreck durchrieselte mich! Wie ich an dem wolligen Stoffe, den ich jetzt der Form nach für einen Ärmel hielt — worüber ich mir aber doch nicht so ganz klar war — weitergetastet hatte — bekam ich plötzlich etwas Eiskaltes zu fühlen, was aber nun ganz bestimmt nichts anderes sein konnte als eine menschliche Hand! Ich fühlte ja die Finger, die Nägel! Eine Totenhand! Hier lag eine menschliche Leiche!

Das Ungewisse in dieser Stockfinsternis, und nun diese eiskalte Berührung, das war es gewesen, was mir solch einen furchtbaren Schreck eingejagt hatte, der sich dann noch in einem langandauernden Grauen bemerkbar machte. Die Hand war ganz steif und hart, wie alles, was ich von dem Körper in den Sachen fühlte. Natürlich gefroren. Oder erfroren.

Aber es half alles nichts, wollte ich nicht zurückkriechen, musste ich weitertasten. Und ich tastete ein bärtiges Gesicht, Augen, Nase, einen halboffenen Mund, Zähne — — Schauerlich! Einem Totengräber oder Leichenbeschauer oder dergleichen Manne mochte das ja nichts weiter zu bedeuten haben, aber ich gehörte einem derartigen Berufe nicht an.

Immer mehr wuchs mein Grauen, besonders wenn ich mir so vorstellte, dass ich hier an einer Leiche herumkrabbelte, die Gott weiß wie lange schon so erfroren dalag, mir gar nicht ihr sonstiges Aussehen vorstellen konnte! Ja, sollte dieses Leichenhindernis nun meine Kriechtour beenden? Da, als ich noch einmal so über den Körper mit der Hand strich, bemerkte ich dahinter in einiger Entfernung einen Lichtschein.

Es ist schwer zu beschreiben, nämlich, wie ich mir so gar nicht vorstellen konnte, wo ich mich eigentlich befand, in welcher Lage, wie ich kriechen musste, um hier wieder herauszukommen!

Jetzt stieß ich auch hinter mir mit den Füßen gegen eine Wand, welchen Fuß ich auch ausstreckte, links und rechts spürte ich unter den Händen Stein, und mit der Nase lag ich auf der kalten, harten Menschenleiche! Ich hatte mich verkrochen, das heißt, war in die Irre gekrochen, konnte mich auch gar nicht mehr umdrehen.

Doch die Tatsache blieb bestehen, dass ich vor mir, wenn ich die Kleider der Leiche in der Mitte des Leibes — sie lag auf dem Rücken — niederdrückte, in einiger Entfernung einen Lichtschein sah, und das konnte unmöglich in der Richtung sein, aus der ich gekommen war. Ich tastete weiter, schob und quetschte mich mehr nach den Beinen der Leiche hin, und da gewahrte ich, dass die Decke etwas höher wurde, der Lichtschein verbreiterte sich. Und so tastete und schob und quetschte ich mich immer weiter, bis ich über den Toten hinwegkriechen konnte, musste aber dabei, so eng war die Passage, mit dem eigenen Körper eine Wendung machen, sodass ich noch einmal ganz auf die Leiche zu liegen kam.

Dann hatte ich diese endlich hinter mir, konnte mich nun auch wieder umdrehen, noch ein mühsames Vorschieben, und nun ging es besser, indem die Spalte weiter, für mich bequemer wurde.

Noch einige Meter des Schiebens, denn ich konnte immer nur auf dem Bauche mühsam rutschen, und ich hatte das Ende dieser fürchterlichen Spalte erreicht, in der ich eben genau wie unter einem Schranke stak.

Mein Kopf kam ins Freie und in volles Licht, und da allerdings sah ich wieder etwas ganz Unerwartetes, aber auch Grausiges. Vor mir eröffnete sich ein weiter Saal, in dem es Menschen genug gab. Alles voll! Aber keine lebenden, sondern wiederum nur tote!

Ja, wie soll ich es nun beschreiben, wo da anfangen? Es geht nur so nach und nach. Der Saal war voller Eisblöcke, quadratisch oder vielmehr im Kubik zugeschnitten, immer so von ungefähr drei Meter Durchmesser. Aber es gab auch dünnere und viel, viel dickere. Diese Eisblöcke standen meist an den Wänden, und zwar etagenweise übereinander, vier- bis sechsfach, viele aber auch in der Mitte, oder waren sonst wie verteilt.

Ganz durchsichtiges Kristalleis! Es hätte ebenso gut Glas sein können. Nur die hier herrschende Kälte ließ mich doch gleich an Eis denken.

Und jeder Eisblock hielt einen Menschen eingeschlossen, oder zwei und drei und noch mehr, ganze Gruppen von Menschen! Denn es gab auch ganz ungeheure Eiswürfel; ich musste nur mit den Augen suchen, an alles dies musste ich mich erst gewöhnen, das Gehirn musste erst das Ungeheuerliche erfassen, was hier die Sinne wahrnahmen.

Es war ein ganzes Völkermuseum. Die Repräsentanten aller Rassen waren vertreten, meist in männlicher wie in weiblicher Ausgabe, auch im Kindesalter, oft genug schon als Säugling — der Eskimo sowohl wie der Patagonier wie der SüdseeInsulaner, alle waren in Fleisch und Blut vertreten, eingefroren in Eisblöcke. Auch europäische Typen gab es genug, germanische sowohl wie romanische und slawische und wie sie alle heißen, aber immer nur als Beispiele der indogermanischen Rasse, sodass sie auch mitten unter den Völkern des Kaukasus wie des Himalajas vorkamen.

Und gerade diese letzteren, das heißt die Europäer, waren hier nicht etwa wegen ihrer Kostüme ausgestellt, wobei ja sehr wenig Abwechslung möglich gewesen wäre, denn heute ist die Kleidung doch überall dieselbe, außer in abgelegenen Gegenden, wo noch die alten Nationaltrachten bewahrt werden — sondern offenbar war es in diesem Völkermuseum darauf angekommen, den Gliederbau dieser verschiedenen Menschenrassen zu zeigen, denn gerade dort, wo die Kleidung meist erst den Menschen, den ganzen Kerl ausmacht, war sie weggelassen worden — gerade diese Europäer, von denen sehr viele in den Salon gehört haben mussten, waren meist ganz nackt. Man hatte die Menschen in Eisblöcke einfrieren lassen.

Wie dies freilich hatte ermöglicht werden können, das war wieder für mich ein Problem. Einen Menschen in Wasser einfrieren lassen, das ist ja allerdings einfach genug, aber ihm dabei eine beliebige natürliche Stellung zu geben, das ist das Kunststück!

Hier war das ermöglicht worden. Alle diese Menschen standen da, wie sie sich im Leben gehalten hatten, oder sie saßen auch, aber niemals auf einem Stuhle, sondern etwa auf einem Baumstumpf oder auf einem Pferdeschädel; die Natürlichkeit war immer gewahrt worden oder man hatte den Körpern besondere Stellungen gegeben, um irgend etwas recht zum Ausdruck zu bringen.


Illustration

So zum Beispiel das vollbusige Weib dort mit den blonden Haaren und der schneeweißen Haut — wohl aber keine Europäerin; ich hielt sie eher für eine nördliche Asiatin — neigte den herrlichen Körper zurück, die Arme erhoben und hinter dem Kopfe gefaltet — oder gar dort die schwarze afrikanische Tänzerin, wie sie beide Arme ausgestreckt hatte und auf den Zehenspitzen des einen Fußes balancierte — ja, wie in aller Welt hatte man die denn so in einem Eisblock einfrieren lassen können?

Waren sie schon vorher tot gewesen? Dann hätte man erst recht nicht diese natürliche Stellung nachahmen können. Nein, mitten im Leben musste der eisige Tod sie überrascht haben, in einem einzigen Moment, eben als sie die Stellung einnahmen — und dann erst waren sie mit Wasser übergossen worden, dann erst hatte man sie in einen Eisblock einfrieren lassen, um sie in dieser Stellung bis in alle Ewigkeit aufzubewahren — anders konnte ich es mir nicht erklären.

Außer diesen nackten Menschen, an denen man nur den Körperbau studieren sollte, waren aber auch sehr viele bekleidete in ihrer Nationaltracht vorhanden.

Ach, was bekam ich da alles zu sehen! Ich will gar nicht erst mit einer Beschreibung anfangen, sonst könnte ich nicht wieder aufhören und würde dann nie fertig.

Jedenfalls also waren auch ganze Gruppen vorhanden, alle zusammen in einem einzigen Eisblock eingeschlossen; ich hatte zuerst nur geglaubt, die einzelnen Blöcke mit je einem Menschen wären nebeneinander gestellt, aber die Objekte darin gingen ja ineinander über — dort eine ganze Tungusenfamilie, mit spielenden Kindern und Hunden, die Frauen die Babys an der Brust; ein Mann pochte einem kleinen Strolche den Hintern aus, ja, sogar ein ganzes Lederzelt, so groß, um die neunköpfige Familie bequem fassen zu können, war in dem Eisblock vorhanden!

Das lodernde Feuer freilich, über dem ein prächtiger Braten, wohl ein Rentier, schmorte und Kessel hingen, in denen Frauen rührten, konnte nur imitiert sein. Aber ganz wunderbar war das gemacht worden! Ich glaubte die roten Flammen züngeln zu sehen, daneben in kleineren Eisblöcken nun wieder einzelne Tungusen eingefroren, Männer und Weiber und Kinder, ganz nackt, doch sicher, um nun wieder den Gliederbau studieren zu können. Und so allüberall immer wieder etwas Neues und Wunderbares, wohin ich auch blickte.

Ich hatte einen sehr bequemen Überblick. Der ganze Saal mit kuppelförmiger Decke war mindestens zwanzig Meter hoch, und in der Hälfte dieser Höhe steckte ich meinen Kopf durch die Spalte. Auffallen konnte diese gar nicht, denn überall waren die Wände wie auch die Decke mit Eis überzogen, sodass ich lieber von einer Eisgrotte sprechen möchte, und solcher Spalten gab es überall genug. Ein lebender Mensch war in dem Museum nicht zu erblicken. Sollte ich hinabsteigen?

Sicher! Und Schwierigkeiten bot das nicht. Auch direkt unter mir standen zwei solcher Eisblöcke übereinander, ich blickte gerade auf ein braunes Ehepaar, mehr mit Gold- und Muschelschmuck angetan als mit Kleidern, das gemeinschaftlich ein fünf Meter langes Rindenboot ruderte. Auf diesen Block konnte ich bequem steigen, und dann drei Meter hinab wieder auf einen anderen mit einer anderen Szene, und ich hatte den Boden erreicht.

Und so tat der schwarze Teufel. Jetzt konnte ich umherspazieren und alles noch genauer als zuvor in Augenschein nehmen. Wenn ich überrascht wurde, was schadete es? Sobald ich irgendwie hier eindringen konnte, hatte ich ja die Erlaubnis dazu erhalten.

Aber ich wurde nicht überrascht, niemand kam. Dort sah ich eine Tür aus Holz, mit Klinke. Ich riss mich los von der Betrachtung der gefrorenen Szenen, um erst einmal zu untersuchen, was sich hinter dieser Tür befand. War dies alles von Klingsor arrangiert? Ein Teufelskerl! Wohin ich hier auch kam, immer wieder sah ich etwas Neues, wovon die andere Welt noch gar nichts ahnte.

Ja, die Klinke ließ sich niederdrücken, die Tür wich zurück. Ich trat in einen sehr engen Raum, ganz leer. Hier war es schon bedeutend wärmer. Wahrscheinlich nur eine Zwischenkammer, wegen des Temperaturunterschiedes. Denn gegenüber befand sich eine andere Tür. Auch sie ließ sich öffnen. O, Gott, was ich nun erst in diesem neuen Saale hier schauen sollte! Etwas Grausiges, was fast jeder Beschreibung spottet. Etwas Totes — und dennoch alles lebendig!

Wieder war es ein großes Museum. Und zwar ein anatomisches. Alles voll präparierter Körper, sowohl von Tieren der verschiedensten Art wie von Menschen, und zwar herrschten letztere vor.

Aber nun wie präpariert! Ich kann nur Einzelnes herausgreifen. Da war ein aufrecht stehender menschlicher Körper, der nur noch aus Knochen und Muskeln bestand, die Haut und alles Fett hatte man abgeschält, sodass man eben die ganze Muskelstruktur studieren konnte. Bei einem anderen Manne hatte man wieder das Hauptaugenmerk auf das Nervensystem gelegt, alle Nervenstränge waren freigelegt worden. Was man von Fleisch und Knochen übrig gelassen hatte, das war nur dazu vorhanden, um dem Nervenpräparat einen Halt zu geben.

Und bei dem Neger dort war das ganze Rückgrat bloßgelegt, sodass man das Mark sehen konnte. Bei diesem Kopfe handelte es sich nur um Freilegung des Kleinhirns; bei jenem wollte man wieder nur die ganze Struktur des Auges studieren, seine Muskeln, Adern, Nerven und Sehnen.

Und so ging das immer weiter. Wunderbare Präparate in voller Natürlichkeit.

Ja, was aber sollte ich nun tun?

Das Beste war wohl, wenn ich mich wieder in die Eisspalte zurückzog. Aber wohin von dort weiter? Etwa in das Wasserloch zurück?

Es blieb mir wohl nichts anderes übrig, als dass ich einen anderen Ausweg — — —

Zunächst unterbrach ein Geräusch meinen Gedankengang. Es hatte geklungen, als wenn eine Tür zugeschlagen worden wäre. Und da vernahm ich auch Schritte!

Nun galt es aber eiligst, sich nach einem geeigneten Versteck umzuschauen! Dort stand ein großer Glasschrank. Er enthielt die Eingeweide eines Menschen, aber alle weitläufig auseinandergespreizt und gezogen, sodass man recht hübsch jeden einzelnen Darm in Augenschein nehmen konnte.

Ein anderes Versteck als diesen Glasschrank gab es in der Nähe nicht. Ich sprang schnell dahinter, befand mich noch einen Meter von der Wand entfernt. Nun allerdings bemerkte ich, dass auch der hintere Teil des Schrankes von Glas war, aber die Eingeweide waren doch so dicht nebeneinander, dass sie mir genügend Schutz boten, während ich hingegen durch sie hindurch recht gut den ganzen Saal überblicken konnte.

Richtig, da kam ein Mann, wohl ein Inder, aber in einen blauen Monteuranzug gekleidet. Er entfernte sich von mir, dann entschwand er meinen Blicken. Als er dann aber wieder auftauchte, war er mir nur desto näher. Wenn er seinen Weg so fortsetzte, musste er dicht an meinem Schranke vorbeikommen, und dann gab es für mich keine Möglichkeit mehr, mich seinen Blicken zu entziehen. richtig, er kam direkt auf den Glasschrank zu, machte eine Biegung, erblickte mich, das heißt den pechschwarzen Teufel mit Schwanz und Hörnern. Weit riss er die Augen vor Schreck auf.


Illustration

»Insch — —«

Wahrscheinlich hatte er »inschallah« rufen wollen, brachte es aber nicht ganz heraus. Ich hatte schon zugepackt.

An der Kehle hatte ich ihn mit der Faust gepackt, und ich drückte, was ich drücken konnte, damit er ja keinen weiteren Laut von sich geben konnte, und die andere Faust hatte ich zum Schlage gehoben, um sie ihm ins Gesicht oder gegen die Stirn schmettern zu lassen, falls es noch nötig war.

Es war nicht mehr nötig. Ich merkte, dass ich ihn so mit ausgestrecktem Arm nicht mehr halten konnte, und ich sah auch seine Augen, wie die erst weit hervorgequollen waren und dann ganz starr wurden, da gab ich dem Gewicht nach und ließ ihn zu Boden sinken, zur Vorsicht aber immer noch seine Kehle umfassend und drückend, was ich drücken konnte.

Er machte das Maul auf und steckte die Zunge heraus. Und so blieb er auch liegen, als ich meinen Griff lockerte.

Tot! Der erste Mensch, den ich getötet hatte! Um nicht zu sagen: zum ersten Male zum Mörder geworden. Natürlich machte ich mir nicht die geringsten Gewissensbisse. Also der Kerl war tot, da gab es nun gar keinen Zweifel, da brauchte ich nicht erst sein Herz zu untersuchen. Lieber untersuchte ich seine Hosentaschen. Und richtig, ich fand das Gewünschte: Waffen! Einen Nickfänger mit fünfzölliger Klinge, auf der anderen Seite eine Menge kleiner Handwerkzeuge wie Bohrer, Säge und dergleichen, dann eine Pistole. Allerdings ein merkwürdiges Ding, den mir bekannten Pistolenarten ganz unähnlich. Aber eine Schusswaffe war das zierliche Dingelchen jedenfalls. An dem Handgriffe war ein Rohr vorhanden; das da unten war ein Drücker und das verschiebbare Stiftchen an der Seite zweifellos eine Sicherung. Mir ahnte gleich, dass das wieder so eine eigenartige Erfindung war, hier wurde jedenfalls mit Elektrizität oder einer sonstigen Teufelskraft geschossen, von der die andere Welt, wohl zu ihrem Glücke, noch gar nichts ahnt; vielleicht waren gar keine Kugeln dazu nötig, und so vermisste ich auch die Patronen nicht, zumal ich gar kein Schloss, das man hätte öffnen können, an dem Dinge fand.

Aber geladen würde die Waffe schon sein. Probieren wollte ich jetzt nicht erst viel, es hätte doch vielleicht knallen können, und das war nicht angebracht. So stellte ich die Sicherung wieder ein, wie sie gestanden hatte, und steckte das Pistölchen wie das gewaltige Messer in meine eigenen Hosentaschen, welche das schwarze Teufelskostüm glücklicherweise besaß. Ich packte den Toten in die hinterste Ecke zwischen Schrank und Wand — dunkel war sie freilich nicht, so etwas wie Schatten gab es ja in diesem von allen Seiten her strahlenden ZoelestrialLicht nicht — und ging meiner Wege. Natürlich mit der nötigen Vorsicht. Wo es noch ein Versteck gab, da wurde es erst einmal benutzt, um zu lauschen und zu spähen. Doch vorläufig merkte ich nichts von einer Gefahr, die mir durch einen anderem Menschen gedroht hätte.

Dort war eine Tür! Wenn ich nicht immer hierbleiben wollte, musste untersucht werden, was sich dahinter befand, das half nun alles nichts.

Den aufgeklappten Nickfänger in der Faust, zu allem entschlossen, begab ich mich hin, drückte die Klinke nieder und konnte die Tür öffnen. Ich betrat das Sezierzimmer eines Arztes, gleich auf den ersten Blick als solches kenntlich. Eine weitere Beschreibung erspare ich mir. Im Übrigen sah es hier gar nicht so blutig und grausig aus. Wohl gab es Präparate genug, aber das war doch nichts gegen dort drüben, und die frische Arbeit auf den sauberen Seziertischen fehlte.

Sehr vorteilhaft für mich war, dass des Weiteren die Verbindungstüren immer nur mit Portieren verhangen waren, so konnte ich immer erst durch eine Spalte voraus spähen. Das angrenzende Zimmer war für Schreibtischarbeit eingerichtet. Der Studierende schlief wohl auch einmal hier. Auf dem Schlafsofa lagen zerwühlte Decken. Nebenan sah ich eine sehr reichhaltige Bibliothek, meist, wie mir gleich die Titel auf dem Rücken verrieten, durchweg medizinische Bücher, und zwar mehr noch in italienischer als in altlateinischer Sprache.

Von hier aus, um meinen Weg fortzusetzen, hatte ich wieder eine Fülltür — im Gegensatz zu einer ganz offenen oder durch Portiere verhangenen Tür werde ich dies Wort fernerhin brauchen — zu öffnen. Ehe ich dies tat oder sie zu öffnen versuchte — denn ein Versuch konnte es doch immer erst nur sein — bannte ein schrilles Klingeln mich auf die Stelle. Ich blickte mich schon nach einem geeigneten Versteck um. Mein Blick blieb auf dem Telefon haften, das dort auf dem kleinen Schreib- und Lesetisch im Stativ lag, ein Tischtelefon, wenig von den bei uns bekannten verschieden. Auch grüne Verbindungsdrähte waren vorhanden. Dieses Telefon musste geklingelt haben. Ein rotes Blättchen an dem Stativ vibrierte auch noch stark, aber es beruhigte sich nach und nach wieder.

Ja, ich hatte mich bei dem schrillen Klingeln schnell nach einem geeigneten Versteck umgesehen, als könne es den Eintritt eines Menschen melden. Erschrocken? Furchtsam? Ich glaube, was ich im nächsten Augenblick tat, bezeugt das Gegenteil. Es war schon mehr als Tollkühnheit, es war ein ungeheurer Leichtsinn, dass ich mit zwei Schritten hinging und das Telefon von dem Stativ nahm, entschlossen, auf einen Anruf zu antworten, mindestens um etwas zu erlauschen.

Ja, hier diesen fünfzölligen Stahl in der Faust, war ich von einem wilden Wagemut erfasst worden. Ich hatte soeben einen Menschen getötet — wohlan, wer wollte der zweite sein? Nun war mir alles gleich, alles! Und da dieser wilde Wagemut, der mich zugleich mit einer gewissen angenehmen Lustigkeit erfüllte — das Wort Galgenhumor hat schon seine volle Berechtigung, diese Art von Humor übt sogar einen höchst angenehmen Nervenkitzel aus, wie ich später noch oft genug an mir selbst konstatieren sollte — irgendeinen Ausfluss haben musste, so war ich gewillt, nun auch gleich auf den Telefonanruf zu reagieren. Die nötige Vorsicht ließ ich freilich dennoch nicht außer acht. Hätte ich jetzt etwa ins Telefon gebrüllt: »Hier Willmer, wer dort?«, so wäre ich doch ein hirnloser Idiot gewesen. Mein Plan, wie ich mich dabei zu verhalten hatte, war sofort fertig.

Den Hörer am Ohr, den Mund am Sprechtrichter, wartete ich ein Weilchen. Richtig, es wurde nochmals geklingelt. Aber eine menschliche Stimme kam nicht. Obgleich mir das bekannte Geräusch sagte, dass die Verbindung perfekt sei.

Na, dann musste wohl ich loslegen.

Es bestand darin, dass ich geräuschvoll hustete. Dadurch konnte ich mich nicht verraten.

Und richtig, man reagierte!

»Bist Du's, Max?«

Famos, der andere sprach Deutsch! Das war mir doch noch viel lieber als Englisch oder Französisch. Muttersprache bleibt bei unsereinem immer Muttersprache. Und mein Italienisch beschränkte sich auf ein »si si« und »no, Signore« oder »amico mio« und »maladetto diavolo« und einige ähnliche Brocken mehr.

»Ja«, entgegnete ich also und brachte doch auch dieses Wort nicht einmal richtig heraus, sondern hustete es nur in den Trichter hinein.

»Mensch, Du hast aber den Husten!«, wurde denn auch prompt bedauert.

»Fürchterlich!«, krächzte ich.

»Seit wann denn, Max?«

»Schon lange!«, hustete Max immer krampfhaft weiter. Sollte man bei dieser Husterei einmal eine fremde Stimme von einer bekannten unterscheiden! Selbst Eheleute können sich dann wohl schwerlich erkennen. Denn heute hustet man so, morgen so. Ich rühme mich wahrhaftig nicht gern, und eben deswegen, weil an mir auch wirklich nicht viel Rühmenswertes ist, darf ich wohl einmal fragen: War das nicht ganz schlau erdacht?

»Du hast aber doch vor einer Stunde noch gar nicht gehustet?«

»Da habe ich es noch zurückhalten können, jetzt geht's nicht mehr, jetzt bricht's los.« Ich brauchte gar lange Zeit, um das endlich herauszuhusten.

»Du brauchst doch bloß ein paar Schumblirumplibumblipillen zu nehmen.«

Es war ein ganz anderer Name, den diese Hustenpillen führten, so ungefähr aber hatte er mir geklungen, anders kann ich es jetzt nicht wiedergeben. Ich hustete meinen verbindlichsten Dank für den guten Rat.

»Wo bist Du eigentlich, Max?«

Max hustete und hustete immer krampfhafter, und jetzt fing er auch noch zu niesen an. Denn wenn ich so weiter hustete, hatte ich das Telefon bald kaputt gehustet, es musste etwas entlastet werden.

»Ich kann Dich nicht verstehen. Bist Du noch in der Luftschiffhalle?«

»Ja doch, ja, ich sag's doch immer!«, röchelte ich mit heiserer Stimme.

Also auch Luftschiffe gab es hier! Na sicher, doch darüber brauchte ich mich nun nicht mehr zu wundern.

Jedenfalls aber war das hier keine Luftschiffhalle, so war es sehr wichtig für mich zu wissen, dass der nicht beurteilen konnte, von wo aus telefonisch mit ihm gesprochen wurde.

»Du, Max, weißt Du denn schon das Neueste?«

»Nein, was denn?«

»Die beiden sind nun endlich doch überwältigt worden: Vor zehn Minuten wurde es gemeldet.«

»Wer denn?«

»Na wer denn!«, erklang es ungeduldig. »Wovon jetzt der ganze Felsen spricht, seit heute morgen. Stahlhand und der Mestize doch natürlich.«

»Ach!«, stieß ich erschrocken hervor, ohne noch an ein Husten zu denken. Aber meine Stimme war nun schon genügend rau und heiser geworden.

Die beiden gefangen, der Mestize und mein zukünftiger Schwiegerpapa! Das war ja eine schöne Geschichte!

Weitere Folgen davon konnte ich mir jetzt freilich nicht ausmalen.

»Ja, sie sind zuletzt auf die Felsenkanzel getrieben worden, haben sich dort wie die Löwen verteidigt. Bis ihnen das Pulver ausging. Kugeln hatten sie schon vorher nicht mehr, da haben sie mit kleinen Steinen geschossen. Na, wenn die Magazingewehre oder nur moderne Hinterlader gehabt hätten, die hätten ja nicht schlecht unter ihren Feinden aufgeräumt! Aber mehr als vier Dutzend Schwarzköpfe, die immer zum Angriff vorgehetzt wurden, haben dennoch daran glauben müssen. Zuletzt also hatten sie sich auf oder richtiger in die Felsenkanzel geflüchtet, und das war ihr Verderben. Freilich war ihnen auch kein anderer Weg mehr offen. Dort also haben sie ihr letztes Pulver verschossen, und dann sind sie ausgeräuchert worden. Mit betäubenden Gasen. Sie wollten vorher durchbrechen, sich mit Messer und Tomahawk einen Weg bahnen, aber da wurden sie schon von der Gaswolke erreicht, und da war es natürlich mit ihnen vorbei.«

Der Sprecher machte eine Pause, schien meine Äußerung abzuwarten. Wenn ich nur hätte fragen dürfen, wer diese »Schwarzköpfe« waren oder überhaupt die Feinde der beiden, von wem das Ganze ausging, wozu und weswegen! Aber der drüben setzte diese Kenntnis bei seinem Freund doch als etwas ganz Selbstverständliches voraus.

»So so, also doch endlich!«, konnte ich nur husten.

»Ja, das Ziel wäre erreicht. Zwei Hauptpersonen unter den Getreuen Klingsors sind der Revolutionspartei in die Hände gefallen.«

Also um eine Revolution handelte es sich in dieser Welt für sich. Na ja, natürlich, das lag wohl ziemlich klar auf der Hand.

»Ja, es wäre erreicht«, bestätigte ich.

»Nun kann auf den Fürsten des Felsens ein ganz bedeutender Druck ausgeübt werden, dass er auf gewisse Vorschläge der Unzufriedenen eingeht.«

»Na ja, freilich!«

»Denn sowohl der PawneeHäuptling als auch der Mestize Carlos sind, wenn auch nicht gerade seine Freunde, ihm doch ganz besonders ans Herz gewachsen. Die gibt er nicht etwa dem Tode preis.«

»Niemals!«

»Und man würde sogar mit einem qualvollen Martertode drohen.«

»Das glaube ich schon.«

»Also steht die Sache der Revolutionspartei ganz vortrefflich.«

»Na, und ob!«

»Ja, aber was meinst Du wohl, wie es nun gekommen ist?«

»Na, wie denn?«

»Du ahnst nichts?«

Der Kerl dort am mir unbekannten Ende der Telefonleitung konnte vor Erregung kaum noch sprechen.

Er war, wie ich nun schon heraus hatte, ein Neuigkeitskrämer, dem es das Herz abdrückte, hätte er ein ihm anvertrautes Geheimnis nicht ausplaudern können, und so verhielt er sich auch, wenn er nur irgendeine große Neuigkeit mitzuteilen hatte.

»Noch ganz, ganz anders ist es gekommen!«, jauchzte er jetzt förmlich auf.

»Schlechter?«

»Besser, besser!«, jauchzte er immer mehr.

»Wieso denn?«

Die Stimme des Sprechenden begann vor Aufregung ordentlich zu zittern.

»Wie man die beiden hat — also betäubt — an eine nähere Untersuchung geht — da merkt man, dass der Mestize eine Trikotmaske trägt — —«

»Eine Trikotmaske?«, wiederholte ich, als jener wieder eine Pause machte, wahrscheinlich in der Hoffnung, ich würde vor Überraschung ob dieser seiner Neuigkeit gleich zu brüten anfangen.

»Eine Trikotmaske! Über den Kopf und auch über den Händen. Und wie man nun die Maske entfernt — na? Na?«

»Da ist das wohl gar nicht der Mestize?«, kam ich jetzt zunächst zu Hilfe, hauptsächlich um jenem eine Gefälligkeit zu erweisen.

»I, Gott bewahre, das ist gar nicht Carlos der Vaquero!«

»Wer denn sonst?«

»Ja, was meinst Du wohl?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Ahne einmal den allerkolossalsten Fall!«

»Wer ist es denn?«

»Mensch, falle nicht um vor Staunen, wenn ich es jetzt sage: Es ist der Fürst des Felsens selbst!«

Da allerdings wurde ich baff.

»Doch nicht etwa — — Klingsor?«

»Wer denn sonst — ich sagte es doch — der Fürst des Felsens — — Loke Klingst selbst!«

Die Pause, die jener wieder machte, musste ich selbst dazu benutzen, um meine Gedanken zu ordnen,

»Na, Max«, fing dann der andere wieder an, »was sagst Du nun dazu?«

»Da weiß man allerdings kaum noch, was man sagen soll!«

»Also Klingsor selbst ist es gewesen, der die Rolle des Mestizen gespielt hat.«

»Nicht möglich!«

»Dann behaupte Du etwas anderes. Man hat unter der Maske des Mestizen den Fürsten des Felsens selbst gefunden! Und nicht etwa, dass er dessen Rolle nur zuletzt übernommen hat. Nein, Loke Klingsor hat schon gestern früh die Maske des Mestizen angenommen, ist als Carlos der Vaquero hingeritten an den Strand zu dem modernen Robinson, hat sich ihm für jenen Mestizen ausgegeben, hat den Willmer begleitet, um ihm bei dem Raube der Häuptlingstochter behilflich zu sein. Kurz und gut, es stimmt: Es ist der Fürst des Felsens selbst, den die Revolutionäre gefangen haben! Na, was sagst Du nun dazu?«

Da freilich wusste ich nichts zu sagen. Loke Klingsor selbst — — so ein Halunke! Und nun gefangen! Na, ich hoffte doch, dass er wieder frei würde, dann sollte er mir beichten! Was für eine Bewandtnis es nun mit dem akademischtheologischen Cowboy in Wirklichkeit habe, mit seinem Universitätsstudium in Berlin und Heidelberg, und so weiter und so weiter. Denn hier durfte ich ja nicht deswegen fragen. Oder nur ganz, ganz vorsichtig — jedenfalls aber immer nicht das, was ich jetzt sofort gerne erfahren hätte.

»Wo steckt denn nun der Mestize?«, fragte ich also zunächst.

»Gegenwärtig im Felsen.«

»Was treibt er da?«

»Was soll er treiben? Der hockt natürlich in der Bibliothek und studiert seine alten hebräischen und chaldäischen Handschriften.«

Also doch! Es war schon etwas Wahres dran an diesem akademischen Cowboy.

»Warum hat er denn den Robinson nicht selbst bei der Mädchenentführung begleitet?«

»Was weiß ich? Jedenfalls hat er sich wieder einmal in der Prärie auf dem Mustang ausgetobt, nun kommt wieder seine Periode des Studierens dran, und da ist er doch nicht aus seinem Arbeitszimmer oder aus der Bibliothek wegzubringen.«

Also doch!, kann ich wiederum sagen. Es gab wirklich solch einen Mestizen, wie er mir vorgeführt worden war, wenn auch nur in Imitation.

»Und da also hat Klingsor seine Rolle übernommen?«

»Nicht anders ist es. Er hat dem Robinson, dem Willmer, den Mestizen mitgeben wollen, der ist nicht darauf eingegangen, und da hat der Fürst des Felsens selbst die Rolle übernommen.«

»Mit Einwilligung des Mestizen?«

»Na selbstverständlich! Klingsor braucht doch niemals die Maske eines wirklich existierenden Menschen, bevor er ihn nicht davon verständigt und seine Erlaubnis eingeholt hat. Natürlich mit Ausnahmen — — wenn er etwa einen Verbrecher oder sonstigen Bösewicht markiert, das ist doch etwas ganz anderes — — aber er darf sich doch nicht etwa für einen anderen Meister und Ritter der Skalden ausgeben, wenn der nicht will, und nun gar als sein Freund Carlos! Also die Hauptsache ist nun, dass es der Fürst des Felsens, dass es Loke Klingsor selbst ist, den die Revolutionäre in die Hände bekommen haben!«

»Großartig! Doch lebendig?«

»Natürlich lebendig! Ein toter Klingsor hätte für uns doch keinen Zweck. Sonst wäre er schon längst nicht mehr am Leben, denn so ganz kann dieser Teufelsmensch doch nicht gegen Blei, Stahl und die fürchterlichsten Gifte aller Art gefeit sein, wenn es manchmal auch schon so geschienen hat. Denn was ist nicht alles schon aufgestellt worden, um den vom Leben zum Tode zu befördern!«

»Also hat ihm das Gas nichts geschadet? Das meinte ich mit meiner Frage nur.«

»Nein, das hat die beiden nur betäubt, und gegen dieses Gas mit dem verzwickten Namen war auch ein Klingsor nicht gefeit; auch er unterlag der Betäubung. Freilich war dazu nötig, dass er in so eine Enge wie in die Felsenkanzel getrieben wurde, wo der Rauch gar keinen Ausweg fand. Stahlhand brach schon längst vorher zusammen, während Klingsor noch immer Steine aufbaute, um sie dann auf die Angreifer wälzen zu können. Aber auch Stahlhand hat sich schon wieder von seiner Betäubung erholt, und es wird ihm nicht schaden. Ein furchtbares Mittel, dieses Gas.«

»Und auch unverletzt sind die beiden?«

»Gänzlich! Es wäre nur ihr eigenes Verschulden, hätten sie irgendeine Verletzung davongetragen. Es war ja strengster Befehl bei der ganzen Geschichte, kein Haar durfte den beiden gekrümmt werden. Auch als man noch glaubte, den Mestizen vor sich zu haben. Nur ihre Pferde durften erschossen werden, um sie gegebenenfalls an einer schnellen Flucht zu hindern.«

»Wo sind denn nun Sakuntala und Willmer geblieben? Die waren doch mit den beiden.«

»Sakuntala hat sich unsichtbar zu machen verstanden; nach ihr wird noch gefahndet.«

»Und wenn sie erwischt wird?«

»Na, das niedliche Käferchen fällt natürlich dem Ohrwurm zur Beute, der hat doch schon lange genug darauf gewartet.«

Dem Ohrwurm? Hätte ich nur fragen dürfen, wer das sei.

Eine kleine List konnte ich ja anwenden, um vielleicht wenigstens etwas Näheres zu erführen.

»Dem schwarzen Ohrwurm?«

»Dem schwarzen?«, wurde verwundert wiederholt. »Gibt es denn auch einen andersfarbigen Ohrwurm?«

»Weißt Du denn nicht, dass wir unter uns zwei Ohrwürmer unterscheiden?«

»Nein. Oder Du meinst wohl den Pfaffen damit?«

»Welchen Pfaffen?«, durfte ich nun wohl auch noch fragen.

»Welchen Pfaffen!«, erklang es wie entrüstet. »Wir haben doch nur einen — — den ehemaligen Prior, der gefangen sitzt und seine asketischen Übungen zu seiner sogenannten Läuterung treiben muss, für den aber nun durch Klingsors Festnahme ebenfalls die Stunde der Befreiung gekommen ist.«

Also der Ohrwurm war ein Mensch, das hatte ich nun doch herausgebracht, sehr viel wert für mich. Denn es hätte doch auch ein Tier, wenn auch nicht gerade ein Insekt oder etwa ein Götze sein können, dem Sakuntala geopfert werden sollte.

Nein, ein Mensch war es, ein Mann. Der Teufel sollte den Kerl holen, der es auf meine Frau abgesehen hatte!

»Nun, was für einen anderen Ohrwurm gibt es denn noch als den schwarzen?«, fing jener wieder zu fragen an.

Ich bekam wieder einmal einen Hustenanfall.

»Das erzähle ich Dir nachher, erst sollst Du mir Näheres berichten«, röchelte ich mit heiserer Stimme. »Und Willmer, der Robinson?«

»Der hat sich ebenfalls schon vorher gedrückt, mit Sakuntala.«

»Ist auch verschwunden?«

»Ja, aber nachträglich. Er ist, wie konstatiert wurde, unterdessen schon in seiner Höhle gewesen, hat sich dort durch die Telefonnische Mittagessen geben lassen und scheint dann geschlafen zu haben; alle Anzeichen deuten darauf hin.«

»Und dann?«

»Dann hat er sich unsichtbar gemacht.«

»Wie das?«

»Nun, er ist eben davongegangen, in die Prärie oder in den Wald, es wird noch auf ihn gepirscht.«

»Und wenn man ihn bekommt?«

»Den haben bereits die Tausendfüßler für sich reklamiert.«

Die Tausendfüßler — wenn ich nur gewusst hätte, wer die wieder waren!

Ich durfte doch nicht immer solche naive Fragen stellen, die meine absolute Unkenntnis in all diesen Sachen verriet, die hier gang und gäbe waren.

Na, bei dem da durfte ich schon etwas riskieren, seine Geisteskraft schien nicht weit her zu sein, sonst wäre er doch nicht solch ein »Neuigkeitskrämer« gewesen.

»Was machen die Tausendfüßler mit ihm?«

»Du kannst noch fragen?«

»Das ist doch sehr verschieden, was die mit ihm machen.«

»Nein, ganz und gar nicht«, wurde eilfertig erklärt, wie solche Menschen nun einmal sind und bei so etwas sprechen, sich immer möglichst wichtig tuend, »da gibt es nur eins: Die opfern ihn natürlich ihrem Gotte.«

So, nun wusste ich, was mein Schicksal sein würde, wenn man mich bekam.

O, ich befand mich schon jetzt in einer ganz fatalen Situation!

Man bedenke doch nur: Ich stand hier, mit dem Messer in der Faust, bereit, mich auf jeden Eintretenden zu stürzen, um ihm die Klinge in den Leib zu rennen, hatte also doch immer die beiden Eingangstüren im Auge zu behalten, und dabei hatte ich ein Telefongespräch zu führen, als ein ganz anderer, mit verstellter Stimme, mein Husten konnte doch nicht so ganz lautlos sein, es konnte nebenan gehört werden, jemand herbeilocken, und dabei nun vernahm ich selbst so angenehme Geschichten über meine Zukunft — — eine ganz fatale Situation!

»Unter Folterqualen wird er geopfert?«, suchte ich mich auch noch zu vergewissern.

»Na, das kannst Du Dir doch vorstellen — —«

»Ich gebe mich niemals solchen Vorstellungen hin.«

»Wenn ihm der Tausendfuß die Eingeweide aus dem lebendigen Leibe frisst — — na, ich danke!«

Ich dankte ebenfalls. Also schien der Tausendfuß in diesem Falle doch ein Tier zu sein, das göttliche Ehren genoss, die ihn anbetenden Menschen nannten sich »Tausendfüßler«. Das war ganz richtig zusammengereimt.

»Die Tausendfüßler haben übrigens auch den gefangenen Klingsor für sich gefordert.«

»Ach!«

»Na selbstverständlich. Die möchten ihren bestgehassten Feind, der sich als ihren Gönner betrachtet, doch gar zu gern ebenfalls von ihrem Gotte fressen lassen.«

»Und?«

»Und was?«

»Wird es geschehen? Werden sie ihn für diesen Zweck bekommen?«

»I, Gott bewahre, weiter fehlte doch nichts!«, wurde im heitersten Tone gelacht, als erzählten wir einander die besten Witze.

»Ebenso«, fuhr jener dann fort, nachdem er sich ausgelacht hatte, »will ihn natürlich auch Professor Clissaro haben, seinen teuersten Freund.«

»Um ihn lebendig zu sezieren und zu präparieren«, kam ich entgegen, denn ich vermutete doch gleich, dass so der Mensch hieß, durch dessen Museum und Studierzimmer ich gekommen war.

»Na, der würde noch etwas ganz anderes mit seinem ehemaligen Schüler machen, dem er zu gehorchen hatte. Was — das kann sich unsereiner gar nicht ausmalen.«

»Aber auch Clissaro wird ihn nicht bekommen.«

»Nimmermehr. Er wird wohl die Erlaubnis erhalten, sein Mütchen an ihm zu kühlen — aber immer nur außer Reichweite!«

»Da kann man schwer an jemand sein Mütchen kühlen.«

»Nicht?«

»Wie denn?«

»Durch Spott und Hohn, wie es nur dieser Italiener fertig bringt, das weißt Du doch.«

»Ach so, auf diese Weise! Na, das tut ja nicht weh.«

»Es wird dem Fürsten des Felsens weh genug tun, wenn der totgeglaubte Clissaro ihn hier unten herumführt und ihm alle seine Teufeleien zeigt, die er während elf Jahren in die Welt gesetzt hat, hier im ureigensten Reiche des Fürsten, in seiner bevorzugtesten Residenz, in seinem Heiligtume, und das noch dazu in der dichtesten Nachbarschaft seines Todfeindes. Oder meinst Du nicht, dass da auch den stolzen Klingsor einmal sein Gleichmut verlassen wird?«

»Ja, dann allerdings, das wird ihm zu Herzen gehen.«

»Und nun stelle Dir das höhnische Lachen dieses Italieners vor, Du kennst das doch. So, wie der lacht, kann kein zweiter lachen — kein Teufel.«

»Ja ja, das wird schlimm für Klingsor. Was soll denn nun aber aus ihm werden?«

»Nun, den behalten eben die Revolutionäre als Geisel in Gewahrsam, bis sich alles wieder geordnet hat. Wie das geschehen wird, das freilich kann noch kein Mensch wissen. Mit einer Amnestie allein werden sich die Revolutionäre ja nicht begnügen. Sie wollen ganz frei sein von der Skaldenherrschaft, was dann natürlich auch unsere eigene Freiheit bedeuten würde, die wir hier unten elender als die Maulwürfe leben müssen.«

»Ach, das wird ja herrlich!«, sagte ich, nur um meine heisere Stimme wieder einmal ertönen zu lassen.

»Na, Max«, erklang es aber skeptisch, »wenn wir nur da nicht fernerhin statt mit Geißeln mit Skorpionen gezüchtigt werden — Apropos, Max, Du hast doch von Mitternacht an frei?«

»Ich weiß noch nicht. Warum?«

»Die Tausendfüßler feiern heute Nacht ein Fest.«

»Ach!«

»Na, das wollte ich wohl meinen!«, wurde wieder gelacht. »Wo der Fürst des Felsens abgetan ist — das lassen die sich doch nicht entgehen! Na, das wird ja diesmal eine nette Orgie werden, diesmal brauchen sie sich doch nicht vor einem Katzenjammer zu fürchten. Jetzt können sie tagelang ihren Rausch ausschlafen, sich von ihren Tollheiten erholen, was es doch sonst nicht gab. Da mussten sie immer gar vorsichtig sein, dass sie am nächsten Tage wieder ihren Beschäftigungen nachgehen konnten. Sie haben denn auch ein halbes Dutzend Fässer Rum aufgelegt.«

»Gleich ein halbes Dutzend? Na, ich danke!«

»Da sehen wir wieder aus unserem Verstecke zu.«

»Können wir machen.«

»Und wenn die Männer und Frauen und Mädels alle zu Boden taumeln, dann — — Du, Max, ich höre den Alten kommen, ich muss verduften.«

Ein ganz kurzes, schwaches Klingeln, und die Verbindung war unterbrochen.

So, nun hätte ich das Vernommene überdenken können, kam aber nicht weit damit.

Hier schien alles drunter und drüber zu gehen, und in meinem Kopfe war das ebenfalls der Fall.

Gott, was hatte ich in den wenigen Minuten nicht alles zu hören bekommen! Klingsor gefangen — mein Schwiegerpapa gefangen — meine Braut futsch — bis ihr dann von einem Tausendfuß die Eingeweide lebendig aus dem Leibe gefressen wurden — mir dito — oder von einem schwarzen Ohrwurme — andere Tausendfüßler tranken dazu ein halbes Dutzend Fässer Rum — mir stieg er jetzt schon zu Kopfe, ich dachte lieber gar nicht weiter darüber nach.

Mich selbst in Sicherheit bringen, das war jetzt die Hauptsache! Ob ich als lebender Mensch meiner Braut und den anderen Bedrohten Hilfe bringen konnte, das war ja sehr die Frage, aber ganz sicher konnte ich das nicht mehr, wenn ich selbst tot war oder mir der Tausendfuß nur die ersten Eingeweide angeknabbert hatte.

Und da ein schwerer Schritt, der immer näher kam! Mein Messer war bereit, wenn ich nicht noch — —

Der Schritt kam von dorther, von wo ich diesen Raum betreten hatte, und auf der anderen Seite war die Fülltür, bei deren Absicht, sie zu öffnen, ich also vorhin unterbrochen worden war.

Nun wieder schnell hin mit zwei Schritten. Jawohl, sie ließ sich öffnen, geräuschlos drückte ich sie hinter mir wieder zu.

So, wieder einmal dem Tode entronnen, wenn auch nur für das geringste Spannchen Zeit! Immerhin etwas wert. Ich befand mich auf einem langgestreckten Korridor, der nichts weiter enthielt als nackte Steinwände, von denen das Licht ausstrahlte.

Der schwarze Teufel wanderte schattenlos an ihnen entlang, möglichst große Schritte machend. Dass ich niemals eine Tür passierte, war ja ganz gut, da konnte auch niemand heraustreten. Wenn ich nur meiner Sache ebenso sicher gewesen wäre, dass mir niemand entgegenkam und mich niemand von hinten — —

»Du, Richard!«, erklang es da hinter mir.

Ohne meinen Schritt zu mäßigen, wandte ich den Kopf.

Ja, dort, wo ich herausgekommen war, stand jemand, aber ich hatte mich gut beeilt, die Entfernung war schon eine ganz beträchtliche, ich konnte gerade noch unterscheiden, dass es ein Mann in weißer Kleidung war, aber diesen selbst nicht mehr, und so würde der auch den schwarzen Teufel nicht weiter erkennen können.

Jetzt hob er den Arm und winkte mir, die andere Hand legte er wahrscheinlich trichterförmig an den Mund, so klang seine Stimme.

»He, Richard, was rennst Du denn so? Warte doch auf mich!«, schrie er.

»Ach, leck' fett«, knurrte ich und setzte meinen Weg fort. Der Korridor war zu Ende. Geradeaus nämlich. Ein Gang zweigte nach links und nach rechts ab. Rechts sah ich wiederum eine weißgekleidete Gestalt kommen, aber wohl in einem langen Gewande, daher konnte es vielleicht auch eine Frau sein; so groß war die Entfernung glücklicherweise wiederum, dass ich das nicht unterscheiden konnte, höchstens noch, dass die Gestalt entweder einen langen weißen Bart trug oder als Weib einen Schleier herabhängen hatte — — da schlug ich natürlich lieber die Richtung nach links ein, wo sich der Korridor menschenrein zeigte.

Trotzdem wurde ich gesehen; hinter mir rief es, jetzt in einer mir fremden Sprache, dann wurde gepfiffen. Aber ich ließ mir nicht wie einem Hunde pfeifen, ich eilte weiter. Eine fatale Situation! So durch leere Korridore zu spazieren, in denen Menschen herumbummeln, und man hat keine Erlaubnis dazu! Wenn man erwischt wird, werden einem die Eingeweide von Ohrwürmern und Tausendfüßlern ausgefressen!

Und, Himmel Herrgott noch einmal, gab es hier unten lange Korridore, und der, dem dieses Haus gehörte, Klingsor, hatte nicht einmal eine Ahnung von ihrer Existenz!

Wollte der Gang denn nur gar kein Ende nehmen? Meine Qual?

Denn ich kann nur eines sagen: ich bin schon von manchem bösen Traume gequält worden, mich haben bissige Hunde verfolgt, und plötzlich waren meine Beine wie gelähmt, oder ein starker Sturm blies mir entgegen, sodass ich bei der Flucht nicht von der Stelle kam — — aber so etwas wie diese Wirklichkeit hier, durch diese endlos langen, hell erleuchteten Korridore wandern zu müssen, in solcher Todesgefahr, so etwas Böses hatte ich noch nie geträumt!

Da kam einmal eine Tür, die erste. Ich musste sie öffnen, und hätte sie mich auch gleich direkt in die Hölle zu ewigen Martern geführt! Dann wusste ich doch wenigstens, woran ich war und konnte mich vielleicht noch meiner Haut wehren. Sie ließ sich öffnen, ich trat in eine kleine Kammer, in der zusammengelegte Teppiche aufgestapelt waren. Wenn ich auf Menschen stoße, werde ich das schon sagen, sonst brauche ich das Gegenteil nicht immer besonders zu erwähnen. Eine zweite Tür war nur durch einen Teppich verhangen, sodass ich wieder erst spähen konnte. Sie führte in eine andere Kammer, die allerlei Geräte wie Eimer und Besen und dergleichen enthielt. Wieder eine Tür, hier nur mit gewöhnlicher Sackleinwand verhangen, und — — das war sehr gut gewesen, dass ich erst vorsichtig durch eine Spalte gespäht hatte! Diese Kammer enthielt ausgestapelte leere Säcke, und auf solch einem Stapel lag lang ausgestreckt ein Mensch! Der Mann trug zwar europäische Arbeitskleidung, auch sein Gesicht konnte ich nicht sehen, wohl aber den langen Zopf und die eine gelbe Hand mit den auffallend langen Nägeln, und das genügte — — ein Chinese!


Illustration

Tot? Nein, jetzt bewegte er sich etwas und fing leise zu schnarchen an. Weiter durch die Kammer hindurch zu der anderen Türe dort! In der rechten Faust das Messer, die linke Hand fertig zum Zupacken, so schritt ich auf lautlosen Sohlen vorüber. Wenn der Schläfer erwachte und mich erblickte, konnte er wählen. Entweder fünf Zoll kaltes Eisen oder eine erwürgende Faust, je nachdem es mir am bequemsten war. Sein Gott war ihm gnädig. Er erwachte nicht. Wieder eine Felsenkammer, die zur Werkstatt für Tischlerei und Schlosserei eingerichtet war.

Als ich mich zur nächsten Tür wandte, stieg eine heiße Sehnsucht in meinem Herzen auf:

Ach, wenn doch jetzt eine Küche käme, oder noch besser eine Speisekammer, menschenrein, dafür sonst recht reichlich ausgestattet.

Ich hatte am Mittag sehr gut und reichlich gespeist: Bouillonkartoffeln mit Rindfleisch und dann als zweiten Gang saure Flecke. Das war aber nun schon mindestens zehn Stunden her. Und dann, nach einigen Stunden Schlaf, hatte ich das Bad genommen, mich im Wasser ausgetobt, und dann die lange Kletterei in den Schächten und was ich nun sonst noch in dieser Zeit alles durchgemacht hatte — — da soll man wohl Hunger bekommen!

Außerdem war ich schon seit längerer Zeit sehr durstig, hatte mich schon immer nach Wasser umgesehen. Ich habe davon gar nichts erwähnt. Jetzt aber machte sich das Hungergefühl noch stärker bemerkbar als der Durst, ich muss erwähnen, dass ich einen Wolsfhunger hatte. Ein Glück nur, dass mein Magen nicht zu knurren begann, sondern schweigend seine Qual ertrug.

Also eine gut ausgestattete Speisekammer, womöglich mit Wasserleitung, das wäre jetzt mein Ideal gewesen.

Nein, ich blickte durch den Vorhang in einen kurzen Gang, der ganz leer war. Dass die andere Seite mit einem prachtvollen Teppich abgeschlossen war, konnte mich nicht gerade sehr entzücken, eine Küche oder Speisekammer schließt man nicht mit einem derartigen persischen, farbenprächtigen Gewebe ab.

Ja, eine Tür verdeckte der Teppich wirklich, ich spähte durch eine Spalte. Ha, das war ein Anblick! Wenn auch nicht der, den ich erhofft hatte. Im Momente aber vergaß ich doch Hunger und Durst. Ich beschreibe die Sache gleich im Ganzen.

Eine weite, weite und sehr hohe Halle, dazwischen stehen gelassene Säulen, diese wie die Wände überaus reich mit Skulpturen bedeckt, meist Männer und Frauen darstellend, und zwar in den obszönsten Stellungen.

Obszön und gemein und widerwärtig für uns Abendländer! Für die Morgenländer, das heißt besonders für Buddhisten und Brahmanisten, heilig. Alle solche Bilder, die man an und in ihrem Tempel findet, für uns widerwärtig gemein, bedeuten für die das heilige Symbol der Schöpfungskraft und der Fruchtbarkeit. Weiß der geneigte Leser, was der Lingam ist? Das Allerheiligste, was der Buddhist und Brahmanist kennt. Im Himalajagebirge in einer Höhe von mehr als 4000 Metern ist eine Tempelhöhle, furchtbar ist der Weg, auf dem man sie erreichen kann, durch Eis und Schnee an schwindelnden Abgründen vorbei; viele Tage lang braucht der Pilger, überall lauert der Tod, und dennoch wallfahren jeden Tag ungezählte Tausende von Hindus dorthin, sich den schrecklichsten Strapazen unterziehend, um den Lingam anzubeten, den diese Höhle enthält.

Ein indischer Tempel war das hier. Das sagten mir also schon diese Fresken und Skulpturen, wenn ich da auch weiter keine Erfahrungen besaß.

In der Mitte der Halle war der Gott oder der Götze aufgebaut, der hier verehrt wurde. Ich kannte ihn nicht, kann die Figur auch nur oberflächlich beschreiben.

Es war ein Kerl, der, wenn er aufrecht gestanden hätte, wohl fünfzehn Meter hoch gewesen wäre. Aber er hockte auf untergeschlagenen Füßen, so betrug seine Höhe nur die Hälfte dieses Maßes. Immerhin eine Riesenfigur, und nun dazu aufs Prächtigste hergestellt und geschmückt. Alles aus Gold und Elfenbein, mit buntfarbigen Edelsteinen übersät. Ob das alles echt war, das war ja nun eine andere Frage. Jedenfalls machte das Ganze einen ebenso imposanten wie prächtigen Eindruck.

Ob ein guter oder ein böser Gott, das war nicht zu unterscheiden. Das Gesicht war weder schön noch hässlich, schnitt keine Grimasse, lachte nicht, feixte nicht — — ganz leidenschaftslose, kalte Gesichtszüge. Attribute, etwa wie Schlangen und dergleichen, fehlten. Auch Buddha wird ohne solche dargestellt. Aber Buddha war es nicht. Der hätte eine dicke Warze an der Stirn haben müssen, und diese Gestalt, so verschieden sie auch dargestellt werden mag, kannte ich — — nein, Buddha war es sicher nicht.

Dann, bei schärferer Betrachtung, erkannte ich aber doch etwas wie Attribute oder überhaupt etwas Besonderes. Also nur ein einziger Kopf, nur ein einziges Gesicht. Denn diese indischen Götter haben meist deren mehrere. Hier dieser Kerl hatte dafür eine ganze Masse Arme.

Das war von dort aus, wo ich stand, zunächst nur nicht gleich zu erkennen gewesen. Allerdings hatte er nur zwei eigentliche Arme, aber diese bestanden aus einer Unzahl von dünnen Armbündeln, deren jedes am Ende ein Händchen besaß, daran immer wieder eine Unmenge von Fingern. Nun begann ich schon etwas zu ahnen, und die Ahnung wurde durch noch etwas anderes wohl als Wahrheit bestätigt.

Diese Riesenfigur kauerte auf einem Postament. Dieses bestand zunächst aus zwei hohen Stufen, dann kam eine Art von Käfig, das heißt ein aus Gitterstäben hergestellter Kasten, und dieser diente als Sitz für die Götzenfigur, auf diesem hockte er mit untergeschlagenen Beinen. Nun aber bemerkte ich, dass diese untergeschlagenen Beine zu dem Oberkörper der Riesenfigur im starken Missverhältnis standen. Sie waren zwar von dem Gewande bedeckt, aber das konnte man doch gleich so erkennen. Die Beine waren viel zu dünn geraten.

Kurz, die Sache war die, dass der Oberkörper eigentlich gar nicht auf den Beinen kauerte, diese gar nicht untergeschlagen hatte, sondern die Gitterstäbe waren die Beine, auf denen der Götze stand, und zwar sollten sie wirkliche, nur sehr dünne Beine vorstellen, indem, wie ich mich später noch besonders überzeugte, jeder Gitterstab unten auch wirklich in einem kleinen menschlichen Fuße endete.

Was sollte das bedeuten? Nun, dieser Gott hier, das war eben der »Tausendfuß«, von dem ich vorhin gehört hatte. Tausend Füße besaß er zwar wohl nicht, aber einige hundert Gitterstäbe, aus Gold oder vergoldet, mochten es sein, auf denen er stand oder saß, denn jeder hatte einen Knick, ein Kniegelenk, oben war eine große Ausbuchtung, und dazu kamen auch noch die vielen Armbündel, sodass schließlich doch tausend abgezählte »Füße« herauskommen konnten. Und die, welche diese Figur gefertigt hatten, würden wie jene, welche sie als Gott anbeteten, schon richtig gezählt haben.

Also das war der tausendfüßige Gott, dem Sakuntala geopfert werden sollte? Sakuntala? Nein, die sollte ja dem »Ohrwurm« gehören. Es ist aber wohl begreiflich, dass man da eine Verwechslung leicht begehen konnte. Ich war es, ich, der diesem Gotte geopfert werden sollte, darüber bestand ja kein Zweifel, dessen entsann ich mich noch mit voller Deutlichkeit. Mir sollte der »Tausendfuß« die Eingeweide aus dem noch lebendigen Leibe fressen.

Wie würde er das machen? Ich brauchte es nur abzuwarten, dann würde ich es schon erfahren — —

Diese Erkenntnisse und Erwägungen waren mir durch den Kopf gegangen, während ich noch durch die Spalte in die Tempelhalle blickte. Der Gott drehte mir gerade sein Gesicht zu. Übrigens stand er nicht ganz in der Mitte der Halle, sondern etwas nach hinten.

Mein zweites aufmerksames Spähen galt Menschen, die sich hier hätten aufhalten können.

Nein, solche waren nicht zu erblicken.

Ob aber nicht dennoch welche vorhanden waren, das war freilich schwer zu sagen. Diese riesige Tempelhalle mit ihrem überladenen Wandschmuck bot eine Unmasse von Verstecken, auch an den Säulen, da konnte man sich überall verkriechen. Wie leicht konnte irgendwo ein Andächtiger auf den Knien liegen, ich sah ihn nur nicht, aber er würde mich sehen, wenn ich eintrat oder gar zur näheren Besichtigung der Sehenswürdigkeiten einen Rundgang machte. Doch das half alles nichts, wollte ich nicht hier hinter dem Vorhange stehen bleiben, wo ich doch auch nicht rückenfrei war; ich brauchte nur an jenen Schläfer zu denken, wenn der erwachte — — dann musste ich eintreten. Ich tat es mit der nötigen Vorsicht, schlug nicht einfach den Vorhang, den Teppich zurück, sondern erweiterte unten am Boden die Spalte nur etwas und schlüpfte geduckt hindurch und schnellstens nach einer Säule in eine Höhlung hinein, die ich schon vorher erspäht hatte.

So, nun war ich erst einmal geborgen. Und war ich gesehen worden oder wurde ich noch entdeckt, dann kam es eben nach wie vor zum Kampfe, ich würde mein Leben schon so teuer wie möglich verkaufen.

Ja, zum Teufel noch einmal, wenn in diesem Säulenversteck nur etwas zu essen oder wenigstens zu trinken gewesen wäre!

Na, eben um etwas zu finden, womit ich Hunger und Durst stillen konnte, musste ich doch weiter, die ganze Halle durchqueren. Oder lieber dort an der Wand entlang? Da hatte ich immer wieder noch ein gutes Stück vor mir. Also erst einmal zur nächsten Säule gehuscht, wo ich mir schon wieder ein Versteck ausgesucht hatte, dann mich hinter einer Art von Steintruhe, vielleicht einem Sarkophag, geduckt, dann wieder nach einer Säule, und so ging das immer weiter, immer lauschend und spähend. Dabei aber musste ich ganz von selbst, um die Wand zu erreichen, in dichtere Nähe des Standbildes kommen, und als dies geschehen war, betrachtete ich es mir erst einmal genau. Es war schließlich nichts Neues, was ich sah. Ob gediegen oder nur leicht übergoldet, das vermochte ich ja nicht zu unterscheiden. Das Elfenbein würde echt sein; warum nicht? Die glitzernden Steine auch? Na, dann steckte ja ein Wert in dem Dinge! Rubine und Smaragde so groß wie die Walnüsse? Oder eben nur farbiges Glas. Der Käfig, von dünnen Beinen gebildet, war leer. Die Höhe betrug mehr als einen Meter, der quadratische Durchmesser etwa fünf Meter. Ob dieser Käfig wohl sonst noch zu einem Zwecke diente? Erkenntlich war ein solcher nicht. Ich konnte höchstens ahnen, dass das Opfer da hineingesteckt wurde, dann senkten sich vielleicht Messer von oben herab, kamen aus dem Leibe des kauernden Gottes heraus, zerfleischten den Menschen, mich.

Also der Gott Tausendfuß betätigte sich sozusagen als Wurstmaschine oder als »Hackepeter«, das Blut floss unten ab und wurde aufgefangen, daraus machte man Blutwurst oder es wurde gleich frisch getrunken, der zerstückelte Leichnam verschwand in der Versenkung und dann hieß es: Der Gott Tausendfuß hat gnädig geruht, sein Opfer zu verspeisen!

So hing ich meinen Gedanken nach, malte mir die Sache aus. Und ich belustigte mich. Gott Hackepeter, Hackepeter der Gott — — der Name gefiel mir. Und aus mir Blutwurst zu machen — — auch nicht übel.

Es war ja natürlich Galgenhumor, der mich beherrschte, aber es war doch ein ganz echter Humor, er erregte meine aufrichtige Lachlust.

Diese verging mir schnell.

Dort kamen Menschen! Wo sie zuerst aufgetaucht waren, wusste ich nicht.

Es war eine feierliche Prozession, die gerade auf mich zuhielt — eine Reihe von Männern, einer hinter dem anderen, jeder in einen roten Talar gekleidet, der vorderste durch reichen Schmuck besonders ausgezeichnet, und jeder trug vor sich in beiden Händen eine messingene oder kupferne oder gar goldene Schüssel.


Illustration

Acht rotgekleidete Priester, den verschiedensten Nationalitäten
angehörig, kamen mit Schüsseln in den Händen daher.


Sechs — sieben — acht, zählte ich. Die Hälfte davon schienen Hindus zu sein, zwei wohl afrikanische Neger, zwei Chinesen, der eine mochte ein Japaner sein, jedenfalls ein Mongole, den achten hielt ich für einen Indianer. Sie hatten also gerade die Richtung auf mein Versteck eingeschlagen. Doch das konnte wohl nicht ihr Ziel sein. Und ich saß sehr gut verborgen, wie ich weiter nicht schildern kann. Sehen konnten sie mich keinesfalls, auch wenn sie dicht an mir vorübergekommen wären.

So sagte ich mir, fühlte mich sicher, und der erste Schreck beim Anblick der Menschen, die mir den Humor vertrieben hatten, wich von mir. Statt des Humors und der Lachlust bekam ich jetzt eine andere Anwandlung. Einige der getragenen Schüsseln dampften. Was konnten sie enthalten? Heißes Weihwasser? Ich hätte es sehr gern getrunken. Oder nur ein Räuchermittel? Warum aber dampften oder qualmten nicht die sämtlichen anderen Schüsseln?

Also ich hatte zunächst an etwas Trinkbares gedacht. An Essen noch nicht. Mein Durst wurde mir jetzt auch peinlicher als der Hunger.

Der vorderste Priester, wie ich ihn nur gleich nennen will, machte eine Schwenkung, die anderen folgten, und jetzt war das Ziel der Prozession das Standbild des Gottes. Oder nein, die anderen folgten nicht, sondern sie marschierten nach links auf, der Oberpriester war stehen geblieben. Als sie nun eine Reihe bildeten, eine Front, ging es wieder vorwärts, aber nur wenige Schritte, bis sie einen besonderen, nur schmalen Teppich erreicht hatten, einen sogenannten Läufer, ein prachtvolles Gewebe. Auf diesem blieben sie stehen, duckten sich wie die Soldaten auf Kommando, jeder setzte seine Schüssel hin, immer wieder in eine schnurgerade Reihe geordnet, aufgerichtet, einen Schritt zurück, noch einen halben, alles ganz taktmäßig und gut ausgerichtet, niedergekniet, noch mehr, bis sie mit ausgespreizten Armen und Beinen am Boden lagen, das Gesicht auf ihn gedrückt — —

Sie beteten in ihrer Weise. Dazu erklangen auch Worte, vernehmlich, die ich aber nicht verstand. Eine mir fremde Sprache. Wieder mit vorschriftsmäßigen Bewegungen aufgestanden, jeder ergriff seine Schüssel, wieder vorwärts gegangen, stehen geblieben, eine tiefe Verbeugung gemacht, nach einem weiteren Schritte eine zweite, weiter vor — — nun hatten sie das Standbild erreicht, setzten ihre Schüsseln taktmäßig auf der untersten, übrigens ziemlich hohen Stufe nieder.

Zurückgetreten, ein näselnder Gesang, von vielen Verbeugungen begleitet, oder ein fortwährendes Schaukeln und Schlenkern des Oberkörpers, eingehalten, kehrt gemacht — — und so marschierten die soldatisch geschulten Priester oder Tempeldiener wieder ab, verschwanden im Hintergrunde hinter einem der vielen Vorsprünge.

Wenn vorher niemand zugegen gewesen war, dann war ich wieder allein. Dort standen in Reih und Glied die acht Schüsseln, eine um die andere dampfte und qualmte, die dazwischen befindliche nicht. Was mochten sie enthalten? Ich konnte es von hier aus nicht erkennen, obgleich die Entfernung gar keine große war, nur ein Dutzend Schritte. Doch die Stufe war sehr hoch.

Aber, ha, was war das?

Das roch ja hier mit einem Male ganz außerordentlich lieblich nach — — nach — — richtig, nach ungarischem Gulasch! Der Zwiebelduft war es, der mich auf diese Vermutung brachte. Natürlich herrschte der Bratenduft vor, fein und lieblich. Nun war es ja ganz klar. Dem tausendfüßigen Gotte wurden, wahrscheinlich um Mitternacht, Speisen vorgesetzt. Nach bekanntem Muster. Wie die buddhistischen Chinesen — oder wohl auch die Anhänger der TaotseLehre — auch ihren toten Vätern und sonstigen Ahnen im besonderen heiligen Zimmer täglich zu regelmäßigen Zeiten Speisen darbieten. Wenn die Toten durchaus nicht essen wollen, die Geister — — na, die Gerichte finden schon eine andere Verwendung.

Dann also enthielten die anderen goldenen Schüsseln auch noch andere Speisen. Die einen warme, die anderen kalte. Ich schnüffelte zunächst das Gulasch.

Himmelbombenelement noch einmal, roch das appetitlich! Und immer appetitlicher! Und ich hier mit meinem Wolfshunger!

Ob ich es wagen durfte? Die Berechtigung dazu hatte ich. Wenn dieser Gott mich dann fressen wollte, warum sollte ich ihm da nicht vorher seine Mitternachtsmahlzeit weg — — speisen? Es kam ja doch schließlich alles zusammen, ich samt meinem Mageninhalt dazu.

Ob ich es wagen durfte? Ich musste aus meinem Versteck hervorkriechen. Aber die Schüsseln wurden dann doch wieder abgeholt. Als Futter für die Priester. Und wenn der Gott Hackepeter nun doch einmal tüchtig hineingehackt, seinen Appetit in menschlicher Weise gestillt hatte? Das würde doch sehr auffallen. Selbst, wenn ich von jeder Schüssel nur eine kleine Portion genommen hätte. Bei acht Schüsseln kommt ja da schon etwas zusammen.

Na, erst wollte ich mich einmal vergewissern, was da in den Schüsseln war und wie viel.

Verlassen musste ich dieses mein Versteck doch sowieso einmal; also heraus und hin!

Die Schüsseln waren wohl sehr groß, aber in jeder war schließlich gar nicht viel drin. Für diesen riesenhaften Gott, wenn er verhältnismäßig menschlichen Appetit besaß, hätte es jedenfalls nicht gelangt. Für mich freilich war es sehr, sehr reichlich, auch noch für zwei andere hungrige und durstige Personen.

Also die eine Schüssel enthielt wirklich ein Ragout von kleingeschnittenen, gebratenen Fleischwürfeln, zwischen denen Zwiebelchen lagen. Menschenfleisch? Weil es doch ein menschenfressender Gott war? Ich hatte noch nie gebratenes Menschenfleisch gesehen oder gerochen. Aber das daneben, das war doch jedenfalls Milch. Und dann kam wieder eine dampfende Schüssel mit rotgefärbtem Reis. Und dann wieder eine kalte mit überzuckerten Früchten und Schokoladenkonfekt. Und dann eine mit gekochtem Fisch. Und dann eine mit Biskuits. Also würde das wohl auch kein Gulasch von Menschenfleisch, sondern von Rind oder Kalb sein.

Ich kostete. Wahrscheinlich hätte ich auch Menschenfleisch gekostet. Mein Magen wurde jetzt ganz rabiat. Köstlich! Ich kostete weiter, bis ich die halbe Schüssel ausgekostet hatte, und dann führte ich die mit Milch zum Munde und leerte sie ebenfalls zur Hälfte.

Nun aber war ich einmal im Zuge, nun ging es auch weiter. Gott Hackepeter hatte einen gesegneten Appetit, sein Stellvertreter bestätigte es. Erst ging es über den Fisch her und dann über den Reis. Letzterer wurde gelöffelt, insofern, als ich ihn mit Hilfe von Biskuits schöpfte. Auch diese waren eine ganz ausgezeichnete Backware, glücklicherweise nicht gesüßt, dafür ein anderes, höchst pikantes Gewürz enthaltend; ebenso ausgezeichnet schmeckten der Reis, der Fisch, ein anderes Fleischgericht, das Kartoffelmus.

Es war ganz erstaunlich, was ich vertilgen konnte! Dazu noch in solcher Schnelligkeit. Hätte ich mehr Zeit gehabt, würde nicht viel davon übriggeblieben sein. Die Milch, wohl drei Liter, trank ich gleich ganz aus. Und die rote Flüssigkeit war durchaus kein Blut, wie ich geargwöhnt hatte, sondern ein edler Rotwein, dem ich ebenfalls noch zusprach. Desgleichen dem Konfekt. Darunter sogar Marzipan.

So, nun aber konnte ich nicht mehr. Oder ich platzte. Es sah traurig aus in den goldenen Schüsseln. Nicht gerade sämtlich öde und leer, aber doch, als wäre eine Katastrophe der Vernichtung über sie hinweggegangen.

Schließlich konnte ich ja nun auch noch meine Taschen mit — — —

Da — dort zwischen den Säulen ein weißgekleideter Mensch!

Die Entfernung war noch sehr groß, mich schwarzen Teufel konnte er schwerlich anders sehen als einen Schatten, über dessen Wesen er sich im Unklaren bleiben musste.

Ich deckte mich und huschte nach meinem Versteck zurück, auf welchem Wege ich ihm überhaupt aus den Augen kam.

Richtig, da war er. Ein alter Mann, wohl ein Inder oder vielleicht auch ein Araber, der weiße Talar mit reichen Goldstickereien.

Schon die Art, wie er bedächtig einher wandelte, die Arme über der Brust verschränkt, ganz in Gedanken versunken, sagte mir, dass er nichts von einem schwarzen Schatten bemerkt hatte.

Sein Ziel war das Götterstandbild. Wenn er jetzt sah wie Gott Hackepeter in die Schüsseln gelangt hatte, o weh!

Würde er nach den Schüsseln blicken?

Jetzt schwenkte er um die Stufen herum, jetzt hob er den Blick — — —

»Inschallah!«

Ja, da musste er wohl staunen!

Aber hatte das nicht sehr freudig erstaunt geklungen?

Der glaubte doch nicht etwa, der aus Gold und Elfenein bestehende Gott hätte wirklich einmal den ihm vorgesetzten Speisen zugesprochen, hätte sich den Wanst gefüllt? Fast machte es diesen Eindruck. Der Alte strahlte vor Vergnügen ob der ganz oder halb geleerten Schüsseln im ganzen Gesicht. So etwas zu denken, der Götze selbst hätte zugelangt, das wäre aber denn doch ein Aberglaube gewesen, der auf keine Kuhhaut mehr ging.

Der Alte setzte ein silbernes Pfeifchen an die Lippen, ein gellender Pfiff erklang.

Da kamen sie auch schon eilfertig an, die acht rotgekleideten Priester, oder jetzt sogar noch mehr, ein noch Höhergestellter hatte sie gerufen.

Was war das nur? Sie alle zeigten eine unbändige Freude, als auch sie die halbgeleerten Schüsseln sahen.

Leider konnte ich nicht verstehen, was sie unter lebhaften Gestikulationen schwadronierten, sonst hätte ich wohl die Erklärung bekommen. So war es mir ganz und gar rätselhaft, wie die so entzückt sein konnten, dass ein hungriger Gast den Schüsseln so stark zugesprochen hatte. Sie konnten doch unmöglich glauben, der leblose Götze habe die Speisen gegessen, die Milch und den Wein getrunken!

Doch wie dem auch sei — sie freuten sich ob des geschehenen Wunders, waren ganz außer sich vor Entzücken. Mir konnte das ja nur sehr, sehr recht sein.

Und dann marschierten sie wieder ab, auch das weißgekleidete Oberhaupt.

— • —

80. Kapitel
Der rote Zwerg

Ich grübelte und grübelte, wie ich mir diesen Vorgang erklären sollte. Ich fand keine Lösung dieses Rätsels. Gar zu lange hielt ich mich mit der Grübelei übrigens nicht auf. Ich musste fort von hier, mich in bessere Sicherheit bringen, das war die Hauptsache.

Nun konnte ich aber erst recht noch einigen Proviant mitnehmen. Also lief ich erst noch einmal hin, um mir die Taschen zu füllen.

Große Auswahl hatte ich da nicht. Was noch von dem Gulasch, Fisch und Reis vorhanden war, konnte ich natürlich nicht in die Taschen stecken, obwohl diese von Leder waren. Übrigens — wenn es nichts anderes gegeben hätte, würde ich es dennoch getan haben. Da steckt man noch etwas ganz anderes in die Taschen; sie brauchen gar nicht wasserdicht zu sein.

Aber es gab ja genügend Biskuit; Rosinen, Mandeln und Schokolade sind als Proviant auch nicht zu verachten; Marzipan ist sogar sehr nahrhaft.

Nachdem ich meine beiden Taschen vollgepropft hatte, setzte ich noch einmal die Schale mit Wein an den Mund, um Vorrat zu trinken, und — — setzte sie wie das heiße Donnerwetter wieder hin und fuhr herum! Gerade, als ich die Schüssel an den Mund gebracht hatte, war ich hinten an meinem Teufelsschwanze gezogen worden!

Wie ich die Schüssel so schnell hingesetzt hatte, das weiß ich nicht. Jedenfalls aber hatte ich mein Messer dabei nicht aus der Hand gelegt, und ich war bereit, es zu gebrauchen, hatte es schon zum Stoße erhoben.

Denn irgend etwas musste es doch gewesen sein, was mich ganz energisch hinten an meinem Teufelsschwanze gezogen hatte. Und da sah ich es auch, dieses Etwas.

Es war ein Mensch. Allerdings ein ganz besonderer Mensch. Es war ein rotes Teufelchen. Nämlich ein sehr kleiner Mann, der ebenfalls in solch ein trikotartiges Pelzkostüm gekleidet war, nur dass dieses von brennendroter Farbe war.


Illustration

Die Kapuzenmaske hatte er nicht wie ich über das Gesicht gezogen, sondern hinten im Nacken hängen, und als ich dieses Gesicht sah, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Ich hatte das Rätsel mit dem hungrigen Gotte gelöst!

Hierzu, wie ich das so plötzlich konnte, gehört nun freilich ein weiter Gedankengang, den ich nur ungefähr schildern kann.

Also ich sah sein Gesicht. Dieses, wohl einem Südeuropäer angehörend, konnte noch nicht sehr alt sein, sah aber alt aus, indem es sehr faltig war, außerdem sehr hager. Wenn jedoch nicht alles trog, musste es vor noch gar nicht so langer Zeit im Gegensatz zu jetzt sogar sehr dick, kugelrund gewesen sein. Dafür gibt es Anzeichen: Wenn die Backen und die Haut unter dem Kinn wie ein schlaffer Sack herabhängen, und so weiter. Und was für das Gesicht galt, das traf auch für die ganze Gestalt des Zwerges zu, wie ich den sehr kleinen Mann nur gleich nennen will, der freilich nicht zu zwerghaft war, eben unter dem geringsten Militärmaß.

Auch die Gestalt verriet und noch mehr das Kostüm, dass der Zwerg einst sehr dick gewesen sein musste. Das Trikot, das ihn umhüllte, lag nicht mehr fest an, schlug hier und da sogar starke Falten; besonders vor dem Leibe hing es ebenfalls wie ein leerer Sack herab. Also der Zwerg hatte einst einen sehr stattlichen Schmerbauch gehabt und war jetzt sehr abgemagert.

Das war das erste, was ich erkannte. Gleichzeitig aber erkannte ich auch noch etwas anderes.

Ich sah in dem Gesicht die Augen, und diese waren bei allem gutmütigen Ausdruck unstet und flackernd.

Es waren die Augen eines Irrsinnigen. Man braucht solche nur einmal gesehen zu haben, um so etwas nicht wieder zu vergessen.

Und war nicht auch sein ganzes Verhalten das eines Irrsinnigen? Er war, während ich getrunken hatte oder hatte trinken wollen, hinter mich geschlichen und hatte mich an dem Anhängsel, an meinem Teufelsschwanze, gezogen, tüchtig gezupft. Ich war herumgefahren, hatte das große Messer zum Stoße erhoben.

Und er? Er grinste vergnügt und nickte mir zu; jetzt hielt er mir die Hand zum Gruße zu, hatte also gar keine Ahnung von der Todesgefahr, in der er sich befand. Das war das Verhalten und Gebaren eines Geistesgestörten.

Und nun drittens: Bei den Mohammedanern sind alle Irrsinnigen heilig. Sie sind vom Geiste Allahs besessen — vom heiligen Geiste würden wir sagen. Das war mir bekannt. Ohne Zweifel, das war ein Wahnsinniger, der auch hier für heilig gehalten wurde. Er durfte sich frei in diesem Tempel bewegen. Wenn er von den Speisen aß, die dem Gotte vorgesetzt wurden, so freute man sich darüber. Dann aß der Gott selbst.

Der kleine Mann war früher sehr dick gewesen, war jetzt sehr abgemagert.

Also er hatte lange gefastet, hatte wahrscheinlich einen schlechten Magen, war krank. Die Priester und die Mitglieder dieser ganzen Sekte waren sehr betrübt gewesen, dass der »Heilige« die Götterspeise nicht mehr angerührt hatte. Nun hatte er wieder einmal gegessen, sehr tüchtig. So glaubten wenigstens jene Priester. Und darüber freuten sie sich so außerordentlich — —

Das war ein lückenloser Gedankengang gewesen, zu dem ich sehr kurze Zeit brauchte.

Ich senkte das Messer. Diesen Irrsinnigen hatte ich nicht zu fürchten, das erkannte ich doch sofort. Also er grinste vergnügt im ganzen Gesicht und bot mir sein Händchen dar. Ich nahm und schüttelte es. Dann machte er Gesten, die ich nicht verstand, bis er auf die Schüsseln deutete und die Hand wiederholt zum Munde führte, mit den Lippen schmatzend und kauend. Das verstand ich. Ich solle essen.

War er taubstumm? Ich hielt es für das beste, mich ebenso zu stellen, schüttelte den Kopf, besann mich, nahm eine Handvoll Konfekt, hielt sie ihm einladend hin. Er selbst solle doch essen.

Da wurde sein fröhlich lachendes Gesicht plötzlich ernst, traurig, er verzog es schmerzhaft, so rieb er sich den Bauch.

»Sick, sick!«, sagte er wehmütig mit dünner Stimme.

Das englische Wort für krank! Also doch nicht taubstumm.

»Wo Du so lange sein gewesen?«, fuhr er dann fort, wieder auf Englisch, aber in einem sehr mangelhaften, das ich auf diese Weise wiedergebe.

Ich zog es vor, weiter den Taubstummen zu spielen. Denn warum hatte er vorhin solche Gesten gemacht? Höchstens glaubte er, ich könne ihm die Worte von den Lippen ablesen.

Vor allen Dingen aber nun: Diese schwarze Teufelsmaske hier war eine ihm bekannte Erscheinung! Er hielt mich für einen anderen! Also durfte ich auch mein Gesicht nicht zeigen, deshalb auch lieber meine Stimme nicht vernehmen lassen.

So machte ich unbestimmte Bewegungen in die Ferne.

»Come on, mit mir tanzen.«

Und er fing an, wieder mit dem vergnügtesten Gesicht, mit possierlichen Bewegungen um mich herum zu tanzen.

»Ach, nun wieder Dich haben, wieder mit Dir tanzen können!«, jauchzte er dabei.

Und da machte ich schnell eine weitere Schlussfolgerung: Auch der Mann, dessen schwarze Teufelstracht ich trug, war ein Wahnsinniger. Auch er war heilig, auch er durfte sich in diesem Tempel frei ergehen. Er war längere Zeit fort gewesen, hatte sich versteckt, in diesem unterirdischen Labyrinthe verlaufen. Dieser Zwerg hier freute sich jetzt, ihn wiederzusehen, mit dem er gut Freund gewesen war; die Priester würden sich ebenso freuen.

Dieser Mann war ich jetzt, hatte seine Rolle zu spielen. Also ich musste den Irrsinnigen markieren.

Wie aber hatte sich dessen Geistesgestörtheit geäußert? Ich konnte es nicht wissen. Aber der Zwerg hatte zweifellos schon früher mit ihm gespielt, mit ihm getanzt.

Gut, auch ich wollte das tun. Auf besondere Bewegungen kam es wohl dabei nicht an. Also ich tanzte los, schlenkerte die Beine so, wie der Zwerg es mir vormachte, drehte mich im Kreise.

Der Zwerg jauchzte nochmals vor Vergnügen, und — noch ein anderer fröhlicher Laut erscholl! Dazu auch ein Händeklatschen.

Als ich nach der betreffenden Richtung blickte, freilich ohne zu erschrecken, mich vor so etwas sehr hütend, ohne im Tanzen einzuhalten, sah ich neben der nächsten Säule zwei Priester stehen, einen rot- und einen schwarzgekleideten. Sie waren herangekommen, ohne dass ich es gemerkt hatte.

Welch ein Glück, dass ich nun schon die Rolle meines Vorgängers spielte, dass ich schon tanzte und dass ich zuvor das Messer weggesteckt hatte! Und meine Tanzbewegungen, mein ganzes Verhalten und Gebaren mussten wohl das richtige sein, mindestens konnten sie den falschen Prinzen nicht verraten, sonst hätten die beiden doch nicht so beifällig in die Hände geklatscht, mit entsprechend zufriedenen und sogar glücklichen Gesichtern.

Es war sicher ein Wort des Beifalls, das sie uns mehrmals zuriefen. Sie sprachen auch etwas zusammen, ganz begeistert, was ich aber nicht verstand. Mir fremde Laute.

»Beim Herkules, da ist ja der Black Devil wieder!«, rief da eine neue Stimme auf Englisch.

Zu den beiden hatte sich ein dritter Mann gesellt, in einem roten Ornat mit äußerst viel Gold, wobei man auch verschiedene Abzeichen erkannte, aber das hagere, glattrasierte Gesicht war zweifellos das eines echten Engländers. Black Devil — der schwarze Teufel —

»Ja, er ist wieder da«, wurde bestätigt, und jetzt bedienten sich auch die beiden anderen, wahrscheinlich ein Inder und ein Neger, der englischen Sprache, die sie recht gut beherrschten.

»Wo hat der sich denn so lange herumgetrieben?«

»Ja, wenn man das wüsste!«

»Spricht er denn, oder stellt er sich immer noch taubstumm?«

»Auch wir bekommen ihn erst gerade zu sehen, müssen ihn noch beobachten.«

Ich hatte meine Weisung bekommen. Der Black Devil war nicht taubstumm, aber stellte sich so. Das gehörte wohl mit zu seinem Wahnsinn. Ganz ausgezeichnet für mich. Hoffentlich nur kam nicht der Black Devil selbst, der echte.

»Also der rote Prinz hat gegessen?«, forschte der Engländer weiter.

Ich selbst habe mich schon einmal als einen falschen Prinzen bezeichnet — mein kleiner Tanzpartner war es, dem dieser Titel gebührte.

»Er hat einen ungeheuren Appetit entwickelt, wie in seiner besten Zeit, und da konnte er ja etwas leisten.«

»Armer Kerl!«, dachte ich, immer frisch und munter herumhüpfend.

»Weil er seinen geliebten Freund wiederhat, den Black Devil, das hat ihn wieder gesund gemacht.«

»Das mag wohl sein.«

»Black Devil ist unterdessen nicht magerer geworden, der muss sich während der acht Tage, die er verschwunden gewesen ist, ganz gut genährt haben.«

»O, der weiß schon, wo hier etwas zu haben ist!«, wurde gelacht.

»Ist er denn noch so bösartig?«

»Wie gesagt, er ist ja eben erst aufgetaucht, oder wir haben ihn eben erst zu sehen bekommen, vor drei Minuten — —«

»Ich will doch einmal sehen, was sein Auge macht, wie die Operation damals verlaufen ist; hoffentlich lässt er die Maske von seinem Gesicht entfernen — —«

Und der Engländer kam auf mich zu. O weh, das konnte bös werden! Mein Gesicht durfte man freilich nicht betrachten.

»Faucht er immer noch und zeigt die Krallen?«, fragte jener auf dem Wege zu mir noch einmal zurück, ohne eine Antwort abzuwarten.

Gut, nun wusste ich, wie ich mich zu verhalten hatte!

»He, Black Devil, was macht Dein Auge? Sei vernünftig, ziehe einmal Deine Kapuze — —«

Weiter kam er nicht. Fauchend fuhr ich auf ihn los, ihm die gekrümmten mit Krallen versehenen Finger entgegenstreckend.

Erschrocken prallte er zurück.

»Immer noch derselbe!«, sagte er dann sorglos lachend, als ich ihm nicht wieder zu Leibe rückte. »Na, wenn er sonst nicht weiter bösartig geworden ist, es nur bei seinem Fauchen und Krallenzeigen bewenden lässt, dann geht es ja.«

Also ich hatte meine Sache ganz gut gemacht, dabei wollte ich bleiben. Da ich sah, dass jener weiter kein Gelüste zeigte, mein Gesicht sehen zu wollen, fing ich wieder zu tanzen an, wozu der rote Zwerg mich erneut einlud.

»Sein Auge scheint ganz normal geheilt zu sein«, meinte der Engländer.

»Wurde die Operation in der Narkose vollzogen?«, fragte der Inder.

»Selbstverständlich, er musste dazu betäubt werden. O, der biss und kratzte ja nicht schlecht um sich. Und auch in den Phantasien der Narkose hielt er sich immer noch für eine wilde Katze.«

Also ich gebärdete mich nicht nur wie eine solche, sondern ich hielt mich in meinem Wahnsinn wirklich für eine Katze. Gut, das ich das wusste.

»Was macht der Fürst des Felsens?«

»Der wird jetzt bearbeitet.«

Gern hätte ich noch mehr erlauscht, aber der rote Zwerg hatte zu tanzen aufgehört und lud mich eindringlicher auf, ihm zu folgen, lief voraus und winkte mir und gestikulierte, und ich hielt es für das beste, ihm zu folgen, weil ich nicht recht wusste, wie ich mich allein hier verhalten sollte, was ich für Kapriolen hätte treiben müssen, die man an dem Black Devil zu sehen gewohnt war. Außerdem marterte mich immer noch der Gedanke, der echte Black Devil könne hier plötzlich auftauchen. So folgte ich dem winkenden Zwerge. Als er sah, dass ich mein Zögern aufgab und willig war, fing er wieder zu tanzen an, dabei aber doch seinen Weg fortsetzend, also tänzelnd, und ich tänzelte mit denselben Bewegungen nach, was ich umso lieber tat, weil ein normaler Schritt leicht aufgefallen wäre, wenn er so anders war, als ihn der echte Black Devil besaß.

Erst als er außer Sichtweite der Zurückgebliebenen war, gab der Zwerg sein Tänzeln auf, gesellte sich zu mir, nahm mich bei der Hand, trippelte neben mir her.

»Du mein gutster Freund«, fing er mit seinem dünnen Stimmchen an, sich immer des schlechten Englisch bedienend.

Ich zog vor, auch ihm gegenüber mindestens den Stummen zu markieren.

»So sprich doch!«

Ich schüttelte den Kopf.

»Liebst Du mich denn gar nicht mehr?«

Da durfte ich auch nicken, und ich sah, wie er sich freute.

»Wo warst Du so lange?«

Ich machte eine Bewegung in die Ferne.

»Kommst Du mit mir?«

Ich bestätigte meinen guten Willen durch Nicken. »Ich will Dir etwas zeigen — o, was ich Dir zeigen will — was ich wieder Schönes habe!«

Wir hatten die Wand erreicht, deren mächtige Skulpturen ich erst jetzt bewundern konnte. Jede der menschlichen Figuren war, wenn sie aufrecht stand, mindestens sechs Meter hoch; entsprechend mächtig waren die Blumen und Pflanzengebilde und sonstigen Verzierungen, die sich zwischen den menschlichen Gestalten rankten. Alles über und über mit Skulpturen bedeckt.

Der Zwerg führte mich in eine der zahllosen Ecken, welche die Tempelhalle überall bildete; sie war noch besonders durch eine Säule von wenigstens fünf Meter Durchmesser verdeckt, die ebenso mit Skulpturen bemeißelt war, und hier blieb der Zwerg stehen.

Erst blickte er noch einmal vorsichtig hinter der Säule hervor, ehe er sich mir zuwandte.

»Hier hinauf! Komm!«, flüsterte er dann, auf die Säule deutend, und schon begann er an den Vorsprüngen emporzuklettern.

Ich ihm nach. Er hätte das Verlangen nicht an mich gestellt, wäre er nicht schon gewohnt gewesen, dass sein Freund der Black Devil ihn auf seinen Kletterpartien begleitete, an den Wänden und Säulen hinauf. Sonst hätte er wenigstens wohl gesagt, dass die Sache nicht gefährlich sei.

Dies war übrigens durchaus nicht der Fall, obwohl es so aussah. Alles bestand aus massivem Felsen, und der Vorsprünge waren zahllose; man konnte sich die stärksten aussuchen, überall fanden Hand und Fuß festen Halt.

Immerhin, es war doch eine eigentümliche Sache, so an einer Säule hinaufzuklettern. Bei einer Felswand draußen im Freien wäre das etwas anderes, wäre es natürlicher gewesen. Ich hatte ein ganz merkwürdiges Gefühl dabei, es belustigte mich immer mehr, je weiter ich mich vom teppichbelegten Boden entfernte, während ich draußen im Freien bei so etwas doch eher den Humor verloren hätte.

Dabei ist ja auch zu bedenken, an was alles ich mich hier zu klammern und worauf ich zu treten hatte. Bald war es ein menschlicher Finger, den ich mit der Hand kaum umspannen konnte, dann griff ich in einen geöffneten Mund hinein, während ich unterdessen einer holden Dame auf die Nase oder auf sonst etwas trat!

Und immer höher und höher ging es hinauf! Zwanzig Meter war die Halle sicher hoch, auch hier noch, trotz der Wölbung; der Zwerg hatte fast schon die Decke erreicht, und er hielt immer noch nicht ein mit seiner Kletterei.

Doch! Endlich Halt, auf dem Beine einer Dame stehend, die auch nicht das Geringste von einer Toilette zeigte und die über irgend etwas sehr staunen musste, weil sie den Mund gar so weit aufriss.

Ich hatte diese oberste Figur schon vorhin von unten gesehen, als ich beim Deuten des Zwerges hinaufgeblickt hatte; eben dieses Weib mit dem weit aufgerissenen Munde war mir aufgefallen.

Da hatte ich diese Figur auf drei Meter Höhe geschätzt. Jetzt zeigte sich, wie gewaltig man sich da irren kann. Sie war mindestens doppelt so hoch.

Der Zwerg stand auf ihren Brüsten und musste sich noch immer hoch recken oder sogar erst noch andere Vorsprünge benutzen, um mit den Händen ihren offenen Mund zu erreichen, wie es seine Absicht war.


Illustration

Übrigens einen unverschämt großen Mund, den diese Eva hatte! Ein normaler Mensch konnte bequem hineinkriechen. Der Mund war doch etwas gar zu groß für diesen Kopf geraten, so groß dieser auch selbst sein mochte. Dieses Missverhältnis aber musste wohl so sein, sonst wäre es von Weitem und noch weniger von unten nicht so auffällig gewesen, wie weit sie den Mund öffnete, und das hatte bei der Figur doch irgendeine Bedeutung, die ich freilich nicht verstand. Alle diese Gestalten waren doch irgendwie Symbol.

Also der Zwerg hatte mit hochgereckten Händen die Unterlippe der Dame gepackt, machte den Klimmzug, wobei er ja auch mit den Füßen etwas nachhelfen konnte, und — — kroch in den Mund hinein!

Das hätte ich ja nun freilich nicht erwartet, trotzdem ich schon vorhin gesagt habe, ein normaler Mensch hätte darin Platz gehabt.

Er brachte es sogar fertig, sich in dem Munde umzukehren, steckte noch einmal den Kopf heraus und winkte mir.

»Komm, komm! Hier ist es schön! Ah, hier ist es schön!«

Gut, ich war bereit, das Schöne da drin kennen zu lernen. Also auch ich schwang mich auf den Busen der Riesendame, konnte nun freilich gleich in ihren Rachen hineinblicken.

Wenn er auch nicht mit ZoelestrialLicht erfüllt war, die Gegenwände also kein eigenes Licht ausstrahlten, so drang doch solches von außen ein, und so sah ich den Zwerg eben noch hinten in dem Kehlkopf verschwinden, und zwar nach unten, in die Speiseröhre hinein, oder auch in die Luftröhre. Sonst wäre er nach oben, doch ins Gehirn der Dame, gekommen — —

»Herab — abwärts! Nicht nach oben!«, flüsterte er erst wieder, ehe er auch mit dem Kopfe untertauchte.

Also gab es doch einen Weg nach oben ins Gehirn? Nun, ich würde ja gleich sehen.

Ich machte mich in den Riesenmund hinein. So leicht wie der Zwerg hatte ich es ja nicht, aber es ging schon, ich konnte mich dann auch ganz gut vorwärts schieben. So erreichte ich die hintere Wand, den Kehlkopf, und tastete Sprossen. Zu sehen war jetzt nichts mehr; ich selbst verdeckte das eindringende Licht. Die Sprossen liefen hinab, aber auch hinauf, also die Röhre setzte sich auch nach oben fort, und das war überhaupt nötig, wenn ich in diese vertikale Röhre eindringen wollte, oder ich hätte geradezu kopfüber hinabklettern müssen; so aber konnte ich doch erst nach oben kriechen und kam dann mit den Füßen nach unten. Es ging etwas schwer, aber ich brachte es schon fertig, musste mich nur genügend biegen. Selbst wenn der Zwerg noch sehr dick gewesen wäre, seinen Bauch gehabt hätte, würde er sich durchgequetscht haben; es kam nur auf die Übung an. Also ich war drin in dem senkrechten Schachte und stieg an den bequemen Sprossen nach unten. Die Säule war hohl. Aber es war stockfinster drin, und es wurde womöglich noch finsterer, als über mir der letzte Lichtschein verschwand.

»Komm, immer komm! Gar keine Gefahr!«, lockte unter mir der Zwerg.

Eine solche Ermutigung war auch sehr nötig, denn es ging tief hinab, sehr tief, und wer wusste denn, wohin er mich führte? Doch er würde seinen geliebten Freund in keine Mausefalle locken, und da gibt es auch solche Fallen, welche die Mäuse gleich totschlagen.

»Nun geradeaus, immer mir nach!«

Ich hatte den Boden erreicht, tastete einen horizontalen Gang, nur nach einer einzigen Richtung gehend. Ich brauchte nicht zu kriechen, musste mich aber doch sehr geduckt halten. Also befanden wir uns nun schon unter dem Boden der Tempelhalle.

»Gleich Licht werden«, erklang wieder die Fistelstimme, und da ward auch schon Licht.

Der Zwerg hatte ein Lämpchen in der Hand, das ein sehr spärliches Licht verbreitete.

»Nun um die Ecke herum und wir da.«

Die Ecke wurde genommen, noch eine zweite, und jetzt begrüßte mich eine ganz andere Helligkeit.

»Nun, nicht schön hier, mein neuer Winkelschlupf?«, schmunzelte mein roter Freund freudestrahlend.

In der Tat, das war ein sehr traulicher »Winkelschlupf«. Ein nur enger Raum, eine niedrige Kammer, aber gut ausgepolstert mit Decken und Kissen, und dann überall aufgestapelt eine Menge von Weinflaschen und Würsten und Schinken und dergleichen Fressalien mehr, auch kleine Blechbüchsen, die doch jedenfalls Konserven enthielten. Die Beleuchtung besorgte eine an der Decke hängende Lampe.

Woher hatte der Zwerg diesen Proviant? Er erklärte es gleich selbst.

»Alles gestohlen, alles gestohlen«, sagte er noch freudestrahlender als zuvor, sich dabei die Händchen reibend. »Aber«, setzte er, wieder recht wehmütig werdend. gleich noch hinzu, »was nützt es mir? Ich kann es ja nicht essen.«

Na, da machte ihm eben das Stehlen selbst Spaß, wie dem Raben. Und anders war es ja auch nicht. Er hatte doch gar nicht nötig, zu stehlen, am wenigsten Esswaren, wo dem Gott so reichlich aufgetischt wurde, und auch sonst würde man den heiligen Narren doch nicht hungern lassen.

Wie hatte er dies alles hier hereingebracht? Immer auf demselben Weg, den wir gekommen waren? Fragen durfte ich ja nicht. Nun, es war ja auch nichts weiter dabei, solch eine Wurst oder einen Schinken konnte man dabei doch recht gut auf dem Rücken haben, größere Sachen gab es hier überhaupt nicht, auch die Teppiche waren alle nur klein, es gehörte nur Zeit dazu, dies alles hierher zu schleppen, und wenn das dem Kerlchen Spaß machte, so war es ja keine saure Arbeit.

»Willst Du essen? Iss! Immer iss und trink!«, wurde ich eingeladen.

Aber jetzt hatte ich wirklich keinen Hunger und Durst mehr. Dagegen konnte ich mich hier recht gut verproviantieren; das war doch etwas anderes als meine Knackmandeln, Rosinen und Schokolade in der Tasche. Übrigens hätte ich recht gern einige Zeit hier in diesem Verstecke gehaust, in diesem heiligen Tempel, als Kirchenmaus, aber eine, die sich im Specke mästen konnte — das wäre schon etwas für mich gewesen.

»Nun gib mir einen Kuss, mein lieber Black Devil!«

Mit diesen Worten war der Zwerg behände auf einen Stapel Kissen gesprungen, um in die Höhe meines Kopfes zu kommen, und packte diesen auch schon mit beiden Händen.

Wer wusste, was für Hokuspokus diese beiden Narren in solchen Verstecken, wenn nicht in diesem, dann in anderen, schon getrieben hatten!

Na, ich war bereit, mir einen Kuss geben zu lassen. Als ich aber merkte, dass der mir gleich die ganze Kapuze vom Kopfe ziehen wollte, widersetzte ich mich.

Zwar fauchte ich ihn nicht an und wies ihm nicht die Krallen, aber ich trat zurück und machte eine abwehrende Bewegung.

»Wie? Du willst Dich nicht küssen lassen? Warum denn nicht?«

Er mochte sich meine Gestikulationen auslegen wie er wollte. Die Gesichtsmaske entfernte ich nicht.

Schließlich gab er sich zufrieden, machte sich mit den Weinflaschen zu schaffen, entkorkte eine. Ich sah mich in dem Raume näher um, liebäugelte besonders mit einer Zigarrenkiste.

Plötzlich, als ich eben ihren Deckel öffnen wollte, dem Zwerge den Rücken kehrend, wurde mir von hinten die Kapuze vom Kopf gezerrt, und ehe ich es verhindern konnte, hing der Zwerg auch schon wie eine Klette vor mir an der Brust oder er stand wiederum auf einem Kissen, fasste wie vorhin meinen Kopf und — — prallte mit entsetztem Gesicht zurück.

»Was, Du doch gar nicht Black Devil sein, Du ein anderer — —!«

Er schien fliehen zu wollen, und wenn er den Ausgang gewann, war es zu spät — schnell packte ich ihn.

Da fing er mordsmäßig zu schreien an.

Ich presste ihm die Hand auf den Mund, wollte ihm zureden, aber er ließ sich auf nichts ein, er brüllte weiter, meine Hand genügte nicht, das Geschrei zu dämpfen. Die Kehle wollte ich ihm nicht zuschnüren, hätte den armen Kerl auch wieder erwürgen können, ich hatte auch gleich eine andere Idee. Dort lag gerade ein recht schön passendes Tuch, ich warf ihn auf die Kissen, und als er wieder das Maul voll und ganz aufsperrte, um seine Jammertöne ergellen zu lassen, pfropfte ich ihm das Tuch hinein.

Da war es vorbei mit dem Schreien; es verwandelte sich in ein leises Röcheln, und schon hatte ich seine beiden Hände mit meiner einen festgehalten; geeignete Stricke lagen da; ich nahm sie und band ihm Hände und Füße.

Es war das erste Mal, dass ich einen Menschen knebelte und band, und so etwas will auch gelernt sein, aber ich schien Talent dazu zu haben; es ging recht hübsch. Nun lag er da, röchelte und stierte mich mit entsetzten Augen an.

»Nein, ich bin nicht der Black Devil, aber Du hast nichts von mir zu fürchten. Lass vernünftig mit Dir reden! Was für ein Landsmann bist Du? Du scheinst doch ein Europäer zu sein. Wie kommst Du hierher?«

So und anders sprach ich, recht freundlich, und als ich glaubte, er habe sich beruhigt, weil er nicht mehr röchelte, mich nur noch aufmerksam anblickte, nahm ich ihm den Knebel aus dem Munde.

Aber es war nichts. Sofort fing er wieder zu brüllen an. Da musste ich ihn schnell wieder knebeln. Ich versuchte es nochmals, erst durch gütiges Zureden, dann aber durch Drohungen, gab ihm sogar einmal — es war ja nur zu seinem eigenen Besten — einen Backenstreich — — alles mit dem gleichen Misserfolge. Sobald er mit seiner quäkenden Stimme schreien konnte, tat er es, ohne ein verständliches Wort hervorzubringen.

Endlich gab ich meine Bemühungen auf. Es war ja überhaupt ein Wahnsinniger, der sich nicht nur so stellte, wie ich es tat. Was soll man mit einem solchen anfangen? Ich hatte getan, was ich konnte.

Nun, mich in Sicherheit fühlend, machte ich es mir erst einmal in diesem traulichen »Winkelschlupf« gemütlich, brannte mir eine der ausgezeichneten Zigarren an, streckte mich auf den Kissen aus, trank ein Glas Wein, hing meinen Gedanken nach.

Schildern will ich sie nicht. Immer konnte ich doch nicht hier bleiben, so gut es mir hier auch gefiel. Was aus dem Zwerge werden sollte, das war eigentlich die Hauptsorge, die mich beschäftigte. Ich musste fort von hier, ihn musste ich zurücklassen, gebunden und geknebelt, das half nun alles nichts, sonst verriet er mich, wurde mein Todfeind.

Also ich musste ihn seinem Schicksale überlassen, und wenn er hier verhungerte, ich konnte es nicht ändern. Schonen hatte ich ihn ja wollen, sonst hätte ich ihn doch gleich töten können. Erst musste ich mich selbst retten, dann wollte ich seiner gedenken — sonst blieb er Gott befohlen.

— • —

81. Kapitel
Das Fest der Teufelsbrüder

Vielleicht eine Viertelstunde hatte ich zu diesen Erwägungen gebraucht. Das heißt, so lange hatte ich der Ruhe gepflegt. Ich war müde gewesen, ohne schläfrig zu sein.

Als die Zigarre kleinen Formates aufgeraucht war, was also wohl eine halbe Stunde gedauert hatte, erhob ich mich. Der Zwerg hatte ruhig dagelegen. Noch einmal machte ich den Versuch, mich mit ihm zu verständigen. Er fing sofort wieder sinnlos zu brüllen an.

Da musste er seinem Schicksale überlassen bleiben, gebunden und geknebelt, nun konnte ich ihm nicht mehr helfen.

Gab es hier vielleicht noch einen andern Ausgang?

Ich schlug einige der kleinen Teppiche zurück, die Wände und Boden bedeckten; größere Gegenstände gab es nicht zu rücken, ich fand nichts, hielt mich auch nicht lange damit auf.

Das Konfekt aus der Tasche genommen, dafür einige dicke Scheiben Zervelatwurst hineingesteckt, und ich kletterte wieder empor.

Als ich mich dem offenen Munde der Figur näherte, hörte ich einen vielstimmigen, monotonen Gesang, manchmal unterbrochen von jauchzenden Schreien, dazwischen auch Trommelwirbel.

Hier war etwas im Gange; die Tausendfüßler hielten wohl eine ihrer Versammlungen ab, ihren Gottesdienst. Jener Mann hatte durch das Telefon ja auch etwas von einer großen Orgie gesprochen, die heute Nacht gefeiert werden sollte, weil man nun den Herrscher dieses Reiches, den Fürst der Felsen, nicht mehr zu fürchten brauchte. Es sollte einmal besonders wild dabei zugehen; auch ich sollte dabei wohl geopfert werden.

Aber ich konnte leider nicht anwesend sein, konnte vielleicht auch nichts beobachten. Der offene Mund der Figur war gegen die nahe Tempelwand gerichtet, und was unten vorging, spielte sich im Rücken der Säule ab; dorthin konnte ich also nicht blicken.

Ich wollte nur auf meine Sicherheit bedacht sein, darauf, dass ich wieder von hier fort kam. Ja, aber auf welche Weise? Hinabklettern und versuchen, mich durchzuschleichen?

Erst wollte ich einmal sehen, wohin die doch noch weiter nach oben gehende Leiter führte. Also ich kletterte an den Sprossen empor, kam wieder in Finsternis, doch bald wurde es wieder dämmerig; ich hatte das Ende des Schachtes, nämlich das der hohlen Säule, erreicht und war in einen ganz eigentümlichen Raum gekommen. Weit, weit sich erstreckend, aber außerordentlich niedrig; nirgends konnte ich aufrecht stehen, musste mich sehr geduckt halten, am besten gleich immer auf Knien und Händen kriechen.

In diesem gewaltigen und doch so niedrigen Raume herrschte Dämmerlicht. Es kam hier aber nicht aus den Wänden, aus Fußboden und Decke, sondern hin und wieder besaß der Boden eine kreisrunde Öffnung, immer etwa dreiviertel Meter im Durchmesser, allerdings immer noch geschlossen, aber mit durchsichtigen Glasscheiben; durch diese drang das Licht von unten.

Ein Blick durch solch ein Bodenfenster, und ich wusste alles, wie es ja überhaupt ganz erklärlich war.

Ich befand mich über der Tempelhalle, deren Decke eine doppelte war. Denn einen darüber liegenden Raum konnte man diesen hier eigentlich nicht nennen, in dem ein normaler Mensch nicht einmal aufrecht stehen konnte. Diese hohle Doppeldecke diente irgendeinem Zweck — wenn nicht direkt zum Beobachten dessen, was dort unten vor sich ging, so war dies doch möglich, man konnte nach allen Seiten hin gehen, bis in die entfernteste Ecke, alles war durch diese Glasscheiben zu beobachten.

Und ich beobachtete. Nicht nur von dieser einen Stelle aus, sondern ich ging oder kroch hin und her, was ich aber nicht immer besonders erwähnen will.

Der weite Tempel hatte sich mit Menschen gefüllt.

Wenigstens in der Mitte drängten sie sich zusammen, einen Halbkreis um die Götzenfigur bildend, viele Hunderte von Männern, Frauen und auch Kindern, nicht nur halbwüchsige, viele Babys mussten von ihren Müttern getragen werden. Ich sah die verschiedensten Kostüme, aber immer nur orientalische. Auch Europäer waren dazwischen, jedoch ebenfalls in einen Burnus oder in solch ein langes Gewand gehüllt, auch wenn sie nicht zu den Priestern, sondern zum andachtsvollen Publikum gehörten.

Auf der obersten Stufe des Götzenaltars standen einige reichgeschmückte Priester, teils rot, teils weiß gekleidet, und sangen ab und zu einige Strophen, die Gemeinde antwortete. Unten, noch vor der ersten Stufe, hockte ein Dutzend brauner oder schwarzer Kerls, die in den Zwischenpausen des Gesanges große Trommeln bearbeiteten. Ebenso viele hatten in den Händen weiße lange Stäbe oder Flöten und Posaunen, wie ich nur gleich sagen will, in denen ich sofort menschliche Schenkelknochen erkannte, manchmal noch durch Ansatzstücke verlängert, welche Blasinstrumente vorläufig aber noch nicht erklangen. Diese Musiker waren nackt bis auf den Schurz.

Und da erkannte ich etwas, da kam mir etwas zum Bewusstsein, wozu ich aber noch nachträglich etwas erwähnen muss.

Es waren ganz besondere Glasplatten, welche diese kreisrunden Öffnungen verschlossen, gleich für die Beobachtung eingerichtet; sie wirkten als Vergrößerungsgläser, allerdings in besonderer Weise.

Sie vergrößerten eigentlich nicht, sondern sie zogen heran, in dieser Hinsicht also mehr wie Fernrohre wirkend. Die Tempelhalle hatte jetzt für mich keine Höhe oder Tiefe von zwanzig Metern mehr, sondern alles schien sich dicht vor meinen Augen zu befinden.

So kam es, dass ich die Menschen dort unten in voller Lebensgröße erblickte, und auch sonst ließen die ganz klaren Scheiben nichts zu wünschen übrig, nicht das Geringste, was ich dort unten in dichter Nähe mit bloßen Augen hätte erkennen können, entging mir hier oben, ich vermeinte, alles mit Händen greifen zu können.

Und da also erkannte ich etwas, was mir auch eine geistige Erkenntnis brachte. Ich hatte damals auf der Brust Sakuntalas einen tätowierten »Skorpion« gesehen. Die Tätowierung war nur klein gewesen und ich hatte sie ja nur flüchtig erblickt.

Aber ich hatte doch den Skorpion deutlich erkannt. Es war mir ja auch von Klingsor bestätigt worden, dass es ein Skorpion gewesen sei, das Symbol der Upschaniden, der Skorpionsbrüder.

Aber zwischen Skorpion und Skorpion kann doch ein gewaltiger Unterschied sein. So etwa wie zwischen Ameise und Ameise. Was für gewaltige Ameisen gibt es in den Tropen! Und dann wieder, was für mikroskopisch kleine. Wir Abendländler, deren Beruf es nicht gerade ist, so etwas zu wissen, machen uns davon nur keine Vorstellung. Wenn wir das Wort Ameise hören, so denken wir an »unsere« Ameise, wie wir sie zu sehen gewohnt sind, kommen der Größe nach höchstens bis zu unserer schwarzen Waldameise, und so ist es auch mit Skorpionen.

Auf der Brust dieser nackten Musiker nun sah ich denselben Skorpion eintätowiert, mehr noch in weißer als in blauer Farbe. Aber in Riesengröße. Die Figur bedeckte meist quer die ganze Brust. Und besonders bei den weißen Tätowierungen auf schwarzer Haut konnte ich auch den kleinsten Strich deutlich unterscheiden.

Wie viele Beine hat der Skorpion eigentlich? Damals wusste ich das gar nicht. Hätte mir jemand gesagt: zehn oder sechzehn — ich hätte es geglaubt. Ich habe mich erst später darüber vergewissert. Acht Beine hat er. Das heißt der Skorpion, an den wir immer denken, der gemeine Feldskorpion, und alle seine Verwandten, die zur großen Familie »scorpio« gehören. Unter diesen gibt es aber viele Arten, die keinen Stachel und keinen Schwanz haben, die überhaupt gar keine Ähnlichkeit mit der bekannten Art der Feldskorpione besitzen. Das ist eine ganz verzwickte Sache. Der Wissenschaftler unterscheidet eben ganz anders als wir. Es fängt schon damit an, dass die richtigen Skorpione überhaupt keine »Käfer«, sondern Spinnen sind, obgleich der echte Skorpion, der giftige, doch durchaus keine Ähnlichkeit mit einer Spinne hat. Dann gibt es in den Tropen wieder massenhaft Insekten mit langen Giftstacheln, die ganz wie Skorpione aussehen, daher auch so genannt werden, die der Gelehrte aber nicht als Skorpione gelten lässt. Es ist dies geradeso, wie wir verschiedene Meerestiere Fische nennen, die gar keine sind — Walfisch und Schwertfisch und noch viele andere mehr — das sind doch Säugetiere. Andererseits wieder ist der Seeskorpion ein ganz echter Fisch. Ja, auch wir Mitteleuropäer, wir Deutschen, sind von echten Skorpionen mit Stachelschwänzen ringsum umgeben, massenhaft, ohne dass es wohl jemand weiß: nämlich durch die Fliegen, durch unsere Stubenfliegen. Jedes Lebewesen, also auch jedes Insekt, hat doch wiederum Schmarotzer auf seinem Leibe sitzen. Unsere Stubenfliege wird von echten Skorpionen heimgesucht und gepeinigt. Man braucht sie nur unter ein genügend starkes Mikroskop zu nehmen. In der Projektion des Sonnenmikroskopes sieht man, wie die Fliege dicht mit Haaren bedeckt ist, und in diesen wimmelt es von kleinen Skorpionen. Nun sei schließlich auch noch, wenn es auch nicht hierher gehört, daran erinnert, dass doch auch diese mikroskopischen Schmarotzer wiederum von Schmarotzern geplagt werden müssen. Oder es gibt keine Logik mehr. Aber das ist überhaupt schon bewiesen. Die Elefantenlaus ist so groß wie ein Pfennig, auf ihrem Leibe lebt ein Floh, und der hat wiederum Läuse. Dasselbe gilt von der auf dem Walfisch schmarotzenden Laus, auf der sind auch schon wieder Parasiten im zweiten und dritten Grade entdeckt worden.

Und ist es nicht logisch, zu folgern, dass dies immer so weitergeht? Sogar ohne jemals Grenzen zu erreichen? So wenig, wie wir uns die endliche Unmöglichkeit der Teilbarkeit der Materie vorstellen können?

Was wir nicht mehr teilen können, das nennen wir ein Atom — um dem Kinde einen Namen zu geben.

Und was nach unten gilt, das muss unbedingt auch nach oben gelten.

Ja, es war dieselbe Tätowierung, die ich — nur viel, viel kleiner — auf Sakuntalas Brust gesehen hatte.

Ein langgestreckter Käfer, der den ebenso langen Schwanz weit über den Rücken gebogen hatte, sich den Stachel in den eigenen Nacken bohrte. Aber hat denn ein Skorpion gar so viele Beine? Besonders auf der Brust des einen Mannes, eines Negers, der wie eine schwarze Marmorstatue dasaß, konnte ich die Beine der haarscharfen, in weißer Farbe ausgeführten Figur mit aller Bequemlichkeit zählen.

Fünfundzwanzig Stück zählte ich. Das heißt nur auf der einen Seite. Und dass dieses Insekt auf der anderen Seite ebenso viele Beine hatte, das war ebenfalls ganz scharf angedeutet. Fünfzig Beine!

Dass der Tausendfuß, unser gewöhnlicher Tausendfuß, fünfzig Beine hat, das wusste ich zufällig ganz genau. Ich hatte nämlich als Kind nicht glauben oder mich vergewissern wollen, dass der Tausendfuß seinen Namen mit Recht führe, und da hatte ich einen gefangen und hergenommen und die Beine gezählt.

Fünfzig Beine hatte er gehabt, auf jeder Seite fünfundzwanzig.

Nun will ich aber gleich erwähnen, dass dies ein Zufall gewesen war. Unser gewöhnlicher Tausendfuß kann auch weniger und kann mehr Beine haben als fünfzig. Wenn er nämlich aus dem Ei kriecht, hat er, der ebenfalls zu den Spinnentieren gehört, wie jede echte Spinne nur drei Paar Beine, bei jeder der häufigen Häutungen kommen aber noch einige Paar hinzu, oft genug bis dreißig Paare. Außerdem ist das Wort »Tausendfuß« als Insektenname ja auch so ein ganz unbestimmter Begriff. Auch bei uns gibt es noch andere Tausendfüßler, die wirklich einige hundert Füße haben; sie gleichen mehr den Raupen, ihre Beine sind nur Borsten; in Italien findet man sie häufig, zum Beispiel die platte Randassel. In den Tropen gibt es ganz gewaltige Arten mit immer noch mehr Füßen, wahre Schlangen, die auf Borsten kriechen.

Von alledem aber wusste ich damals, als ich in jenem Tempel diese Betrachtungen anstellte, noch nichts. Darüber habe ich mich erst später unterrichtet. Für mich hatte damals jeder Tausendfuß fünfundzwanzig Paar Beine, das war hier bei den tätowierten Käfern der Fall, also es waren Tausendfüßler, nur handelte es sich um eine andere, tropische Art, die auch noch einen Skorpionenschwanz besaß.

Was musste ich nun weiter folgern? Dass die Upschaniden sich Tausendfüßler nannten oder von einer anderen Seite so genannt wurden.

Und nun will ich gleich bemerken, dass meine Vermutung auch insofern richtig war, als in Indien tatsächlich ein großer Tausendfuß den Namen »Upscha« führt, worunter man aber eigentlich einen Skorpion versteht. Der Irrtum kommt daher, dass dieser indische Tausendfuß eben einen langen Giftstachel besitzt.

Wenn Klingsor zu mir von den Skorpionsbrüdern gesprochen hatte, die als Symbol auch einen Skorpion führten, so kam es eben daher, dass er mir nicht erst eine wissenschaftliche Abhandlung hatte geben wollen. Ihr Symbol war der Upscha, war ein giftiger, stachelbewehrter Tausendfuß, so wurden diese Menschen denn auch Tausendfüßler genannt.

Sie waren also doch nicht so harmlos, moralisch sogar so hoch entwickelt, wie der Herrscher in diesem Reiche, der Fürst des Felsens, Loke Klingsor, mir gesagt hatte, oder vielmehr, wie er selbst glaubte.

Der Mann mit den Teufelsaugen war eben doch nicht so ganz allwissend, was er ja auch nie behauptet, im Gegenteil immer bestritten hatte, auch er war von den Upschaniden über ihr eigentliches Wesen getäuscht worden.

Jetzt war er gefangen; nun wollten sie sich einmal ordentlich austoben, was sie bisher nur ganz heimlich und mit Maßen hatten tun dürfen, damit der solchen Orgien folgende Katzenjammer sie nicht verrate.

Und Sakuntala, die Mahadeia, die Oberpriesterin dieser Sekte? Nun, da war für mich die Sache auch ganz klar. Die war nur die Leiterin der harmlosen Gottesdienste oder sonstigen Versammlungen.

Wenn die Upschaniden wirklich Menschen schlachteten und sonstiges Teufelszeug trieben, so wusste sie eben davon nichts. Dass dem so war, darüber kam mir gar kein Zweifel, oder ich wollte überhaupt an nichts mehr in dieser Welt glauben — — —

So weit war ich in meinen Betrachtungen gekommen, als ich hierin unterbrochen wurde.

Nicht, dass da unten etwas Besonderes passiert wäre, sondern das, was mich aufmerksam und auch besorgt machte, kam von der Seite.

Es herrschte in diesem niedrigen Schnürboden — an eine solche Theatereinrichtung über der Bühne musste ich nämlich immer denken — also nur ein schwaches Dämmerlicht, plötzlich aber drang durch diese Halbdunkelheit ein intensiver Lichtstrahl, und zwar von der Seite her. Er kam aus der Wand heraus. Was das zu bedeuten hatte, musste ich erst einmal erforschen; besser eine etwaige Gefahr gleich genau kennen lernen als ihr ausweichen. Ich kroch hin, mich nur von dem Lichtstrahle fernhaltend.

So erreichte ich die Wand. Da war eine Spalte, nicht breiter als zwei Finger und nur wenig länger, durch diese kam der Lichtstrahl.

Nachdem ich mich hierüber vergewissert hatte, dass es sonst nichts weiter war, durfte ich auch mein Auge daran legen.

Ich blickte in einen Raum, nicht allzu groß, aber weit höher als dieser Schnürboden hier. Er enthielt verschiedene Apparate, deren Zweck ich mir nicht erklären konnte, höchstens, dass ich gleich an eine Folterkammer dachte. Denn da war zum Beispiel eine eiserne Figur von menschlicher Form, ein Weib in langem Kleide darstellend, so groß, dass, wenn sie hohl war, bequem ein Mensch hineingehen musste, und es ist ziemlich selbstverständlich, dass ich da gleich an die sogenannte »Eiserne Jungfrau von Nürnberg« dachte.

Diese kennt man wohl, ein Marterinstrument aus der Inquisitionszeit, eine hohle Frauenfigur, innen mit Dolchen gespickt, sie konnte auseinandergeklappt werden, der Delinquent wurde hineingesteckt, die Klappe geschlossen, die Dolche zerfleischten ihn.

Da konnte ich mich freilich irren. Diese Figur hier diente vielleicht einem ganz anderen Zwecke. Da waren auch noch genug andere Apparate vorhanden, die eher einen physikalischwissenschaftlichen Eindruck machten, auch sehr feine Waagen, nur von ganz besonderer Konstruktion, wie ich so etwas gar nicht kannte. Ich konnte nur ahnen, dass es Waagen waren. Und dass hier und da Ringe in die Wand eingelassen waren, durfte mich eigentlich auch nicht beeinflussen. Diese braucht man auch in einem physikalischen Laboratorium.

Da, als ich noch spähte, ward eine Tür geöffnet, von der vorher nichts zu sehen gewesen war, ein Mann schritt herein, in der Tracht eines Albanesen, bis an die Zähne bewaffnet, und dann hörte ich ein Kettenklirren; zwei andere Albanesen drückten sich durch die Tür, nämlich insofern, als sie in ihrer Mitte noch einen dritten Mann führten, der gefesselt war, mit Ketten ganz behangen, den sie also bewachen mussten und — —

Heiliger Gott, diesen Mann kannte ich! Obgleich ich ihn noch nie gesehen hatte — das heißt nicht persönlich — und obgleich ich dennoch schon mehrmals, wenigstens zweimal mit ihm längere Zeit zusammen gewesen war. Da hatte er sich mir unter fremder Maske genähert. Aber vom Bilde her kannte ich seine Gesichtszüge — —

Loke Klingsor — der Fürst des Felsens, wie er hier genannt wurde!

Er war es. Ich kannte doch diese markanten, so überaus seltsamen Züge mit diesen Teufelsaugen von jenem Bilde her, zuletzt auch farbig, durch das er sich bei mir in meinem Stübchen zu Magdeburg eingeführt hatte. Und es gab noch einen anderen Beweis, dass er es wirklich war. Er hatte, um mir bei Sakuntalas Entführung behilflich zu sein, die Rolle des Mestizen gespielt. Und der gefesselte Mann trug dasselbe Lederkostüm, das mir noch deutlich genug in der Erinnerung war, jede Einzelheit davon!

Also er war es! Gleichmütig schritt er zwischen seinen Wächtern einher. Sie führten ihn nach der gegenüberliegenden Wand, ein vierter Mann folgte, zwar ebenfalls in einem orientalischen Kostüm, aber jedenfalls ein Italiener, mindestens ein europäischer Südländer. Er sagte einige Worte in einer mir fremden Sprache, jedenfalls eine Aufforderung, sich herumzudrehen, und willig gehorchte der Gefesselte, drehte sich herum, stellte sich mit dem Rücken noch näher gegen die Wand, die beiden Wächter befestigten die Hand- und Armketten an den Ringen.

Gestoßen war er also dabei nicht worden, auch die Befehle hatten nicht besonders herrisch geklungen, ja, es schien mir sogar, als ob alle vier Männer vor dem Gefangenen noch immer den höchsten Respekt zeigten, sich nicht nur vor ihm fürchteten.

Noch einige Worte des Italieners, es schien eine Entschuldigung zu sein, er prüfte die Ketten und Befestigungen, alle vier verließen den Raum wieder, der an die Wand Gekettete war allein.

Sein elfenbeinfarbenes Gesicht war ganz bewegungslos. Nur schien mir, als ob die schwarzen Augen wie in Spott oder Verachtung glühten. Oder war es echte Lustigkeit, die daraus leuchtete?

Sollte ich mich bemerkbar machen? Selbstverständlich! Der konnte mich wahrscheinlich recht gut brauchen. Aber ich sollte nicht dazu kommen, auch nur einen leisen Ton zu flüstern.

Da ging schon wieder die Tür auf, ein anderer Mann trat herein, angetan mit einem Kaftan von schwarzem Samt.

Weil ich jenen vierten Mann für einen Italiener gehalten hatte, hatte ich erst an den Professor Clissaro gedacht. Aber gleich, als er so sanft gesprochen hatte, sich entschuldigend, hatte ich diesen Gedanken wieder fallen lassen.

Aber der hier, das war nun zweifellos dieser italienische Professor. Das war bei mir nicht nur eine Ahnung, sondern sofort vollständige Gewissheit, worin ich mich denn auch, wie ich dann gleich hörte, nicht täuschen sollte.

Auch diese lange, hagere Gestalt hatte einen Kopf mit einem wahren Teufelsgesicht, freilich ein ganz anderes als der gefangene Klingsor. Dieser italienische Professor sollte ja, wie ich vernommen hatte, höhnisch lachen können, wie dessen kein zweiter Mann fähig war, und so sah er auch aus, wenn er nicht lachte. Eine wahre Teufelsfratze, die Züge eines echten Mephistopheles, ganz zusammengesetzt aus Spott und Hohn und — freilich auch aus scharfsinnigstem Geist. Aber Spott und Hohn und Ironie und zweifellos auch Lust an Grausamkeit wogen vor. Dazu passte in dem hageren Gesicht mit dem schwarzen Zwickbart auch die lange, gebogene Nase, die ein wenig nach der linken Seite ging.

Gemächlich spazierte er herein, gemächlich kreuzte er die Arme über der Brust und trat vor den Gefesselten hin. Es konnte nicht ihre erste Begegnung sein, sonst hätten sich die beiden anders verhalten. Also die erste Überraschung, den Totgeglaubten noch lebendig zu sehen, musste für Klingsor schon vorbei sein.


Illustration

Kaltblütig betrachtete er den vor ihm Stehenden; höchstens Verachtung drückte sein markantes Gesicht aus, sonst war er ganz teilnahmslos.

»Nun, Meister Klingsor, Obermeister — o Fürst des Felsens — wie hat Dir der Rundgang durch mein anatomisches Museum gefallen? Bisher habe ich Dein Urteil noch nicht verlangt, jetzt möchte ich es einmal hören.«

Ja, jetzt hörte ich schon den Spott und Hohn heraus, dessen dieser Mensch fähig war; er brauchte gar nicht zu lachen, es lag schon im gewöhnlichen Sprechen, im Klange der schneidenden Stimme.

»Ich habe nichts Neues zu sehen bekommen.«

Diese gleichmütig gegebene Antwort musste ein ganz gewaltiger Hieb für den Frager sein, den er schmerzhaft empfand, so zuckte er zusammen.

Am liebsten hätte er dem Sprecher wohl vor Wut gleich ins Gesicht geschlagen, so sah es ganz aus. Doch er beherrschte sich, musste nur erst die blutleeren Lippen fest zusammenpressen, ehe er sie wieder öffnen konnte.

»Nichts Neues? Was hast Du denn vermisst?«

»Sehr, sehr vieles.«

»Als wir uns trennten, hatte ich doch nur zwei Präparate — —«

»Stimmt, Manuelo, und das ist es ja eben. Unterdessen sind elf Jahre vergangen, Du hast, wie Du selbst sagtest, immer rastlos gearbeitet — nun, da hätte ich in dieser Zeit etwas ganz anderes fertiggebracht.«

Mir schien es von vornherein, dass der Gefesselte in dieser Situation vollkommen Sieger über den Freien blieb; umsonst nagte der nicht wieder an seiner Unterlippe.

»Aber die Vollkommenheit meiner Präparate —«

»Jede einzelne Idee ist erst von mir, das habe ich Dir damals alles erst erzählt, alle Möglichkeiten erwägend — ich habe auch nicht eine einzige originelle Ausführung gesehen, die Deinem Geiste entsprungen wäre.«

»Du willst mich verhöhnen, Loke — —«

»Ich spreche aus ehrlichster Überzeugung, und Dir gegenüber werde ich da natürlich nicht zurückhalten.«

Jetzt wollte es der Italiener anders versuchen; er nahm Zuflucht zu einem Lachen, das nun tatsächlich überaus höhnisch klang, gar nicht zu beschreiben.

»Ja, Loke, das hättest Du wohl nicht geglaubt, mich hier noch unter den Lebenden zu finden?«

»Hast Du etwa gemerkt, dass ich auch nur im Geringsten erstaunt gewesen bin?«

»Weil Du in der Gewalt der Upschaniden bist. Aber wie es in Deinem Inneren ausgesehen haben mag — —«

»Seziere mich, ob Du da etwas anderes entdeckst!«

»Sezieren, Dich sezieren?«, erklang es jetzt unter geradezu furchtbarem Lachen. »Hahahaha, na warte nur! Darüber sprechen wir später — —«

»Das glaube ich schon, dass Du mich gern auf Deinem Seziertisch haben möchtest, als lebendes Kaninchen. Aber daraus wird nichts, mein guter Manuelo, da hat ein anderer zu befehlen.«

»Wer?«

»Nun, der Melchas, in dessen Händen Du doch nur ein gehorsames, willenloses Werkzeug bist, der mich Dir doch nun einmal ausgeliehen hat, dass Du mich unter vier Augen sprechen kannst.«

Wieder ein verzweifeltes Nagen an der Unterlippe. Mir war ja nicht alles ganz klar, aber doch so viel, dass der Gefangene trotz seiner schweren Fesseln immer mehr die Oberhand behielt — allein durch seinen Geist.

»Elf Jahre habe ich hier dicht neben Dir gehaust, ohne dass Du eine Ahnung davon gehabt hast, hahaha!«

»Was ist weiter dabei? Dieses unterirdische Labyrinth ist so groß, so gewaltig, dass sich mit Leichtigkeit jemand darin verstecken kann!«

»Ich hause mit Hunderten von Dienern hier, mit einem ganzen Hofstaat — —«

»Du schneidest schon wieder einmal auf, mein lieber Manuelo. Es sind genau achtundsiebzig Menschen, die Du beschäftigst; ich habe es ja selbst vorhin gehört, als Dir ein Lieferschein gebracht wurde.«

O, wie das dem wieder fatal war! Er wollte es nicht gehört haben.

»Und trotzdem unterhalte ich hier einen Hofstaat —«

»Na, so fürstlich kann der gerade nicht sein — es war ein Lieferschein über konservierte Gemüse, und zwar alles nur zweiter Sorte, einige sogar nur dritter. Die zweite Sorte ist also für Dich selbst bestimmt.«

»Und Du ahnst nichts, gar nichts, dass ich hier hause und verproviantiert werde, alles, alles geliefert bekomme — —«

»Aber keine Konserven erster Güte, die man isst, wenn man es sich nur irgendwie leisten kann, und ich weiß schon, weshalb Du die nicht geliefert bekommst, Dich mit minderwertiger Ware begnügen musst.«

»Du ahnst nichts, gar nichts — —«

»Gott sei Dank werde ich überhaupt niemals von Ahnungen geplagt.«

»Du willst allwissend sein — —«

»Beweise mir einmal, dass ich das je behauptet habe! Du musst sogar noch einen Brief von mir haben, in dem ich mich einmal gegen solch eine Verdächtigung verwahrte.«

»Du willst jedem Menschen das Horoskop stellen können — —«

»Kann ich auch.«

»Und Du hältst mich für tot — —«

»Ja, mein lieber Manuelo, Toten stellt man nicht das Horoskop — —«

»Aber ich lebe — —«

»Ja, solch ein Halunke, wie Du, verdirbt nicht so leicht.«

Wild fuhr jener empor.

»Wie wagst Du mich zu nennen?«

»Na, nun rege Dich mal nicht auf!«, fing aber jetzt Klingsor sorglos zu lachen an. »Zuletzt streitest Du mir gar ab, dass Du meineidig geworden bist, Dein Ehrenwort gebrochen hast! Wie?«

»Es war erzwungen — —«

»Ah, bah, Du bist und bleibst eben ein meineidiger, wortbrüchiger Lump. Verteidige Dich doch, wenn Du es kannst!«

Nein, das tat der Italiener lieber nicht. Er versuchte es mit Hohn, um jenen zu demütigen.

»Du ahnst nicht — —«

»Ich habe überhaupt niemals Ahnungen, das sagte ich Dir schon.«

»— — wie sehr Du von denen hier betrogen wirst, die Du für Deine Getreuesten hältst — —«

»Du meinst wegen der Revolution, die jetzt ausgebrochen ist? Dass sich so etwas vorbereitete, habe ich schon immer gewusst. Aber diese Schwarzköpfe, an deren Spitze Melchas steht, nenne nur ja nicht meine Getreuesten —!«

»Du hättest es gewusst und es nicht verhindert? Hahahaha, das mache Du einem andern weis, aber nicht mir!«

»Erkundige Dich bei Graf Tankred, ob ich nicht erst neulich darüber mit ihm gesprochen habe.«

»Graf Tankred? Das glaube ich, dass der zu allem ja sagt, Dein bester Freund — —«

»Mein bester Freund? Na, ich danke! Außerdem habe ich es ihm dann noch geschrieben, der Brief ist noch vorhanden — —«

»Der wird erst nachträglich fabriziert.«

»Ja, auf solche Schliche kommt ein Lump wie Du natürlich sofort. Aber die Sache ist die, dass dem Grafen Tankred der Brief abgenommen worden ist, er befindet sich jetzt in den Händen des Königs von Salamandrien, und dass der zu mir hält, das wirst Du Dir wohl selbst nicht einreden wollen. Also frage den König von Salamandrien, ob ich nicht schon vor drei Wochen gewusst habe, dass sich hier eine Revolution vorbereitet!«

Der Italiener war wieder einmal geschlagen, und wie ihn das schmerzte, das sah man ihm gleich an. Innerlich schäumte er vor Wut.

»Und Du hast nichts getan, um die Revolution zu verhindern?«

»Nein.«

»Warum denn nicht?«

»Um sie erst voll und ganz ausbrechen zu lassen, um die Meuterer dann sämtlich mit einem Schlage zu fassen.«

»Du und fassen? Ja, mein lieber Loke, da kommst Du aber nun zu spät, jetzt bist erst einmal Du gefasst, hahaha!«

»O, ich werde auch schon wieder freikommen, darauf verlasse Dich!«

»Das mache mir erst einmal vor!«

»Darüber werden wir später sprechen.«

»Da bin ich gespannt.«

»Jetzt noch nicht, ich habe Zeit.«

»Melchas wird Dich töten!«

»Nimmermehr. Die Revolutionäre werden mich sogar sehr gut verpflegen, sie behalten mich doch als kostbarste Geisel.«

»Nimmermehr wird Dir eine Befreiung gelingen!«

»Das wird sich ja zeigen.«

»Du, der Du selbst den Schwarzköpfen unterlagst, Du, der Du immer mit Deiner Unüberwindlichkeit prahltest!«

»Ich hätte geprahlt mit einer Unüberwindlichkeit? Niemals!«

»Aber selbst von solchen armseligen Gesellen wie den Schwarzköpfen ließest Du Dich fangen!«

»Das war eine rechte Kunst. Ich hatte nur einen elenden Vorderlader bei mir. Als das Pulver verschossen war, war auch ich fertig — —«

»Wie ein Karnickel hat man Dich ausgeräuchert, Du wurdest ohnmächtig — —«

»Natürlich. Bin ich denn etwas anderes als ein Mensch? Ich hatte auch nicht das Geringste von unseren Erfindungen mit, kein Telefon, sonst wäre ja alles ganz anders — —«

»Wenn Du das mit der Revolution vorausgewusst hättest, würdest Du Dich doch nicht so sorglos aller dieser Mittel entblößt haben — —«

»Dass die Revolution schon so bald ausbrechen würde, das habe ich allerdings nicht geglaubt, das stimmt.«

Aber diese Zustimmung schien dem Italiener durchaus keine Freude zu machen.

»Du ahnst nicht — —«

»Na, was soll ich denn nun schon wieder ahnen oder nicht ahnen?«

»Was hinter Deinem Rücken alles vorgeht — —«

»Das glaube ich schon, dass mancher Unfug getrieben wird. Ich drücke meist nicht nur ein Auge, sondern beide zu.«

»Auch die Upschaniden — —«

Der Italiener machte eine Kunstpause, um die Wirkung dieser Andeutung abzuwarten, merkte aber nichts davon.

»Nun, was ist mit den Upschaniden?«

»Die Du für die harmlosesten, zuverlässigsten Menschen hältst — —«

»Zuverlässig? Dafür habe ich sie nie gehalten«, wurde der Angriff bereits abgeschwächt.

»Du hältst sie für hochmoralisch entwickelte Menschen — —«

»Nach ihrer Religion, nach ihren Statuten müssten sie es sein. Wenn sie diese befolgen. Aber welcher Christ befolgt denn die ihm vorgeschriebenen zehn Gebote? Und die Upschaniden sind eben Menschen, allen Schwächen unterworfen.«

»Menschen schlachten und fressen sie!«, platzte der Italiener jetzt aber los, vor Wut seiner nicht mehr mächtig.

Und eben dadurch entging ihm etwas, was ich beobachtete. Wie nämlich Klingsor bei dieser Behauptung zusammengezuckt war, was für ein Gesicht er machte.

Ach, hätte das dem Italiener eine Freude bereitet, hätte er das bemerkt, hätte der dann triumphiert!

Aber er hatte sich dieses Triumphes eben selbst begeben. Und im nächsten Moment hatte sich Klingsor wieder ganz in der Gewalt.

»Tun sie das?«, klang es ganz ruhig zurück.

»Sie tun es, sie tun es!«

»Seit wann denn?«

»Schon immer haben sie Menschen geschlachtet und gefressen.«

»Manuelo, das lügst Du wieder einmal.«

»Schon immer haben sie die wildesten Orgien gefeiert, alle ganz nackt, sich in Rum sinnlos berauscht, getanzt — —«

»Ist ebenfalls nicht wahr. Dann hätte ich hinterher an ihrem Zustande etwas merken müssen.«

»Sie tun es, sie tun es! Ich werde Dir den Beweis liefern!«

»Möglich, dass sie es seit vierzehn Tagen tun. So lange war ich abwesend.«

»Und vorher nicht? So plötzlich soll der Umschwung gekommen sein?«

»Es wäre recht wohl möglich. Vor drei Wochen sind südamerikanische Vaudoux1 hier angekommen, Schlangenanbeter, die solche Orgien feiern, auch mit Menschenopfern; sie sind unter die Skorpionsbrüder aufgenommen worden; man wollte sie durch Belehrung bessern — — aber es könnte recht wohl sein, dass diese Vaudoux die Lehrmeister geworden sind — —«

»Und dieser totale Umschwung der moralischen Gesinnung sollte so plötzlich stattgefunden haben, innerhalb dreier Wochen oder gar nur einer? Dass aus Engeln Teufel geworden sind, Menschenfresser? Hahahahaha, Loke, das glaubst Du wohl selbst nicht!«

»Ganz gewiss, das ist sehr wohl möglich. Erinnere Dich nur, Manuelo, wie wir uns einmal über religiöse Sekten und Bewegungen unterhielten, über die Geißelbrüder, über die Wiedertäufer, über die Adamiten und wie sie alle heißen. Die besaßen alle anfangs die vortrefflichste Moral. Bis sie plötzlich ins vollkommene Gegenteil umschlug. Einfach aus dem Grunde, weil Extreme überhaupt immer dicht aneinandergrenzen. Erinnerst Du Dich dieses unseres Gesprächs? Also die Skorpionsbrüder feiern wilde Orgien, schlachten und fressen Menschen? Das wundert mich durchaus nicht. Wie gesagt, daran sind die Vaudoux schuld, die Teufelsbrüder, die aus Haiti gekommen sind, die haben hier Schule gemacht. Anders ist es nicht möglich.«

Auch dieser Angriff war misslungen. Der Gefesselte war nicht aus seinem Gleichmut zu bringen, wollte über nichts staunen und erschrecken. Da spielte der Italiener seinen letzten Trumpf aus.

»Und das Mädchen, das Du über alles liebst —«

»Welches Mädchen? Ich habe ein etwas weites Herz.«

»Die Mahadeia der Upschaniden.«

»Sakuntala?«

»Sie macht mit, sie leitet als Oberpriesterin diese blutigen Orgien.«

Ein verächtliches Lachen war das Resultat dieser Offenbarung.

»Manuelo, gar zu sehr darfst Du nicht lügen, Du musst dabei wenigstens innerhalb der Grenzen der Möglichkeit bleiben.«

»Du glaubst nicht, dass Sakuntala als Oberpriesterin den wilden Orgien der Teufelbrüder beiwohnt?«

»Beiwohnen mag sie ihnen, aber sicher nicht als Oberpriesterin, nicht als Leiterin, nicht freiwillig. Dann wird sie dazu gezwungen.«

»Soll ich Dir beweisen, dass sie es dennoch tut?«

»Beweise es mir, und wenn Dir das gelingt, sollst Du fernerhin über mich befehlen, ich werde Dir als Dein Sklave gehorchen.«

»Angenommen, abgemacht!«, rief der Italiener hastig und sprang nach einem Apparat, der Hauptform nach ein großer Kasten, an dem er sich zu

1 ›Vaudou‹ (Plural: ›Vaudoux‹) ist die französische Schreibweise für ›Voodoo‹ oder

(deutsch) ›Wodu‹. Gemeint sind hier also Voodoo praktizierende Menschen. schaffen machte. Etwas schien daran nicht in Ordnung zu sein; immer unzufriedener wurde das Gesicht, mit dem der Mensch manchmal nach der gegenüberliegenden Wand blickte, die ganz leer und von weißer Farbe war, sodass ich gleich daran dachte, dass es sich um einen Projektionsapparat handelte.

»Ah so, daran liegt es — einen Augenblick, das wollen wir gleich haben.«

Er entfernte sich in der Richtung, in der ich mich befand, ohne gerade direkt auf mich loszugehen, entschwand aber doch meinen Augen, die ja nur durch eine schmale Ritze spähen konnten. Wie dick diese Wand war, konnte ich nicht beurteilen. Jedenfalls aber genügte doch die Spalte, um fast den ganzen Raum zu überblicken. Da geschah etwas, was ganz deutlich bewies, dass der Fortgegangene dem Gefesselten den Rücken zukehrte, was er jetzt auch treiben mochte.

Nur wenige Sekunden später nämlich, nachdem der Italiener für mich verschwunden war, beugte sich Klingsor etwas vor, reckte auch noch den Kopf, und dabei leuchteten seine Augen wie glühende Kohlen auf. Also zweifellos beobachtete er doch, was der Italiener dort trieb, beobachtete es mit ganz besonderem Interesse. Was er doch nicht getan hätte, wenn ihn sein Todfeind hätte sehen können. Gleich darauf brach etwas seitwärts von mir aus der Wand, an der ich stand, ein breiter Lichtstreifen hervor, immer breiter werdend.

Die Sache war einfach die, dass der Italiener eine Tür geöffnet hatte, die nach diesem Schnürboden hier führte, er hatte zum Öffnen dieser sonst wohl unsichtbaren Tür besondere Handgriffe nötig gehabt; das war es gewesen, was Klingsor, der schon wieder seine gleichgültige Stellung angenommen, beobachtet hatte. Anders war es doch wohl nicht.

Richtig, die hohe, hagere Gestalt betrat geduckt den Schnürboden. Ich hatte mich von der Spalte schnell etwas zurückgezogen. So ohne Weiteres konnte ich von jenem nicht gesehen werden, es sei denn, er hätte eine Lampe bei sich gehabt. Es herrschte hier eben nur ein sehr schwaches Dämmerlicht, und jener kam dazu noch aus großer Helligkeit. Im Übrigen hatte ich schon mein Dolchmesser gezückt.

Sollte ich es sofort gebrauchen? Dann wäre die ganze Sache mit einem Male erledigt gewesen. Aber alles entwickelte sich so schnell, dass ich gar nicht dazu kam, einen bestimmten Entschluss zu fassen, ich war nur schon bereit, diesen Mann zu töten, wenn es nötig war.

Er trat aus der Wand heraus, also durch die Tür, machte einige Schritte, bis zu dem nächsten Bodenfenster, dort blieb er stehen, warf aber nur einen Blick hinab, sagte ein »Aha!«, kehrte sofort um, verschwand wieder in der Wand, die Tür hinter sich schließend.

Gleich darauf tauchte er auch für mich wieder in dem Laboratorium auf, beschäftigte sich wieder mit dem Apparate, drehte an den Rädchen und Hebeln.

»So, die Sache ist in Ordnung! Nun, mein lieber Loke, edler Meister, werde ich Dir etwas an der Wand vorführen, ein lebendes Bild. Und glaube nicht etwa, dass es ein Trickfilm ist, künstlich in Szene gesetzt. Überhaupt ist es gar keine Kinematografie, sondern die Wiedergabe einer Szene, die sich zurzeit in Wirklichkeit abspielt, also eine natürliche Projektion. Die Sache spielt sich gleich hier nebenan ab, nur eine Etage tiefer. Du sollst dann, falls Du an der Tatsache zweifelst, Gelegenheit haben, die Szenen in natura zu betrachten. Nur musst Du dazu hingeführt werden, dazu brauche ich einige handfeste Männer; das kannst Du mir wohl nicht verdenken; deshalb wirst Du mich nicht gleich der Feigheit zeihen, und jetzt möchte ich erst einmal unter vier Augen mit Dir allein sein. So, die Sache nimmt ihren Anfang.«

An der weißen Wand, etwa sechs Meter breit und vier hoch, entstand ein farbiges Bild, erst verschwommen, doch mit einem Ruck waren alle Umrisse ganz scharf.

Es zeigte die ganze Tempelhalle im Aufriss, speziell das Götzenbild und alles, was in dessen Nähe vor sich ging. Die Menschen hatten zwar nicht volle Lebensgröße, waren aber außerordentlich scharf zu erkennen, etwa als wären sie fünfzig Meter von dem Beschauer entfernt.

Diese Wand befand sich gerade meiner Lugspalte gegenüber. Ebenso aber war mir möglich, auch noch durch das mir nächste Bodenfenster hinabzublicken. Allerdings sehr von der Seite. Da sah ich gerade noch die äußerste Reihe der Gläubigen, die das Standbild im Halbkreis umringten. Und da diese nun auch wieder auf dem Projektionsbilde zum Vorschein kamen, so konnte ich am besten beurteilen, dass es sich tatsächlich um eine natürliche Projektion handelte.

Unterdessen hatte sich nichts geändert. Der Priester stand noch auf der obersten Stufe und sang vor, die Gemeinde sang nach, ohne irgend etwas von Verzückung oder dergleichen zu zeigen, nur Andacht, nichts weiter; in den Zwischenpausen ertönten immer die Trommelwirbel, während die Flötisten und Posaunisten noch schwiegen.

Ich also konnte diesen Gesang und das Trommeln vernehmen, sehr deutlich. Ob das aber auch dort drin der Fall war? Ich bezweifelte es. Sonst hätte der Italiener doch sicher seinen Todfeind darauf aufmerksam gemacht, um ihn von der Realität des Bildes zu überzeugen.

War die Mauer zu dick dazu, um die Töne durchzulassen? Vielleicht. Ich konnte ihre Stärke also nicht beurteilen, und es war nicht gerade nötig, dass meine Spalte hier die Schallwellen durchließ. Aber warum ließ der Professor nicht die Tür offen? Wenigstens konnte er sie doch zeitweilig öffnen, falls sonst die Wiedergabe des Bildes dadurch gestört wurde.

Ich hatte gleich einen Einfall. Ich dachte an den Turm des Schweigens, an das ganze Tal. Jener Raum dort war schalldicht isoliert. Aber nur nach einer Seite hin. Genau so, wie es ja in jenem Tale gewesen war. Ich konnte alles hören, was dort drin gesprochen wurde, aber sie vernahmen keine Laute, die hier in diesem Schnürboden noch zu vernehmen waren. Und entweder war diese einseitige Schalldichtigkeit hier ein- für allemal eingestellt, auch das Öffnen der Türe würde nichts daran ändern, oder aber der Professor hatte einen guten Grund, seinen Feind nicht auch die zu dem Bilde gehörenden Laute und Töne vernehmen zu lassen — — welche Vermutung sehr bald auch ihre Bestätigung finden sollte.

So hatte ich mir gesagt, ohne natürlich das Bild aus den Augen zu lassen. Übrigens war diese Projektionswiedergabe auch für mich recht bequem. Hier auf dem Schnürboden hätte ich immer von einem Bodenfenster zum andern wandern müssen, und dieses Bild ließ also auch nicht das Geringste an Deutlichkeit vermissen.

»Nun, Loke, erkennst Du Deine teuren Freunde?«, fing der Italiener gleich wieder zu höhnen an.

»O ja, ich kenne die meisten dieser Gesichter, auch wenn ich sie nur ein einziges Mal gesehen habe, ich besitze da ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Ah, richtig, da sind ja auch zwei Vaudoux, dort ein dritter!«

»Was tun sie? Was tut die ganze Gemeinde?«

»Nun, sie singt eben ihre üblichen Lieder, der Priester singt vor.«

»So, die üblichen? Hahahaha, Du wirst bald anderen Sinnes werden! Ist Dir dieser Gott bekannt?«

»Na und ob, es ist der Upscha, der personifizierte Skorpion, den die Tausendfüßler als den bösen Feind der Welt bekämpfen.«

»Und dazu singen sie so andächtige Lieder, hahaha!«

»Haben sie schon immer getan. Auch unser Luzifer ist, wie dieses Wort schon sagt, der Engel des Lichtes gewesen, also ein guter Engel, er ist nur gefallen und dadurch zum bösen Dämon geworden, und genau dasselbe gilt vom Gotte Upscha, und diese Sekte mit ihren sanften Grundsätzen hofft, ihn auch nur durch Sanftmut wieder bekehren zu können Er sieht nicht einmal teuflisch aus, dieser Upscha.«

»Durch Sanftmut! Hahahaha. Wenn Du wüsstest, was die jetzt singen!«

»Nun, was denn?«

»Die Gesänge der Teufelsbrüder.«

»Der Vaudoux?«

»Ja. Sie alle sind bereits gläubige Teufelsanbeter geworden.«

»Dann wundert mich nur, dass sie noch immer ihren alten Upscha haben, nicht die Schlange als Symbol annehmen.«

»Sie haben die Religion der Vaudoux mit der ihren zu verschmelzen gewusst; es ist doch auch noch derselbe Oberpriester und — — ah, jetzt kommt sie, eine noch heiligere Person, nun geht die Sache erst richtig los!«

Es war bereits zu sehen gewesen, wie auch die anderen Musikanten mit einem plötzlichen Ruck alle ihre Blasinstrumente aus Menschenknochen vor den Mund genommen hatten, ich hatte bereits das schreckliche, gellende Quieken und Pfeifen und Posaunengeschmetter zu hören bekommen.

Glücklicherweise war es immerhin so gedämpft, dass ich die dort drin noch sprechen hören konnte. Sie aber vernahmen diesen Spektakel ganz sicher nicht, sonst hätte doch einer etwas davon gesagt. Und dann staunte ich. Nämlich über den Elefanten, der da seitwärts hier auf dem Bilde plötzlich auftauchte.

Erstens über die gewaltige Größe dieses Tieres, und dann, wie prächtig er geschmückt war, mit Decken behangen, die ein wunderbares Farbenspiel ausstrahlten, also mit glitzernden Steinen besetzt waren, und dann auch sonst goldener und gleißender Schmuck überall, an den Beinen ein Reif neben dem anderen, der Rüssel ganz vergoldet und immer wieder in buntem Edelsteinschmuck strahlend, desgleichen die Ohren, über und über und noch kunstvolle Gehänge daran — — ein bezauberndes Bild von Pracht und Glanz.

Ich hatte schon einmal — das heißt in einem kinematografischen Theater — ein militärisches Fest in Indien gesehen, da hatte ein Maharadscha die Parade abgenommen; er war in vollem Glanze erschienen, auf einem Elefanten, der ebenfalls überaus prächtig geschmückt gewesen war, eine farbige Naturaufnahme, alles sehr deutlich, ich war damals ganz entzückt gewesen — aber mit dem, was ich hier zu sehen bekam, ließ sich das nicht im Entferntesten vergleichen, das heißt mit dem Eindruck, den dieser Elefant machte, schon allein durch seine kolossale Größe und dann auch durch die künstlerische Anordnung des Schmuckes, denn von einer Überladung konnte man eigentlich nicht sprechen.

Fast hatte ich Lust, einmal hinzuspringen, um dieses Tier durch ein Fenster in natura zu sehen. Allein ich beherrschte mich, wollte mir lieber nicht entgehen lassen, was da drin verhandelt wurde. Überdies ließ diese Wiedergabe nicht das Geringste zu wünschen übrig. Nun muss ich noch nachträglich bemerken, dass der Elefant auf dem Rücken einen Baldachin trug, dessen Pracht ebenfalls jeder Beschreibung spottete.

»Diesen Elefanten kennst Du wohl, Loke.«

»Ja natürlich, den habe ich den Upschaniden doch erst geschenkt, den schönsten, den ich damals hatte — dass er bei ihren Feierlichkeiten mitwirken kann.«

»Wer ist in dem Baldachin?«

»Die Mahadeia. So wird sie regelmäßig hereingebracht.«

Alle die Männer und Frauen hatten sich auf Kommando niedergeworfen, drückten das Gesicht gegen den Boden — von dem jetzt übrigens die Teppiche entfernt worden waren — so wurde die Oberpriesterin empfangen, oder doch zunächst der sie bringende Elefant, unter einem besonderen Gesange.

Der Elefant war bis an das Standbild heranmarschiert, ohne Führer — wenigstens sah ich keinen solchen — er hob den Rüssel über den Rücken, öffnete den geschlossenen, ziemlich weit vorn befindlichen Baldachin, langte hinein, und als er den Rüssel wieder zum Vorschein brachte, hatte er ein Weib am Gürtel gefasst, das er mit einem einzigen Schwung dem Götzen in den Schoß setzte — oder vielmehr aufrecht hineinstellte.

Diese Beförderung durch die Luft war mit einer ungemeinen Grazie erfolgt. Kein Ballettmeister hätte seine Partnerin im exzentrischen Tanze gewandter und eleganter durch die Luft schwingen können, als es dieser Elefant getan hatte. Wie ein Engel, nein, wie eine wesenlose Sylphide aus dem Märchenreiche war das Weib durch die Lüfte geschwebt, und sofort stand es in anmutigster Positur im Schoße des tausendarmigen Riesengottes, gegen diesen sich wie eine kleine Puppe ausnehmend.

Und nun diese Pracht der Kleidung! Ich will sie nicht weiter beschreiben, könnte es nicht. Wo sollte ich denn da anfangen? Orientalisch, wenigstens insofern, als man unter dem Rock, so lang dieser auch war, doch noch die weiten, erst um die Fußknöchel zusammengeschnürten Beinkleider sah. Sonst ja doch wieder anders, als sie bei den orientalischen Haremsschönen üblich ist. Ein farbenprächtiges Phantasiekostüm. Unverschleiert, Arme nackt, der obere Teil des Busens unverhüllt.

Es war Sakuntala. Ich hatte damals bei unserer ersten Begegnung gesagt, wie ich die beiden auf ihrem Busen schillernden Schmetterlinge bewundert hatte, eine Kunststickerei allerersten Ranges oder sonst ein Kunstwerk — sie waren ja gar nicht gestickt gewesen, sondern aus lauter winzigen Kolibrifederchen zusammengesetzt — und so war hier dieses ganze Kostüm.

Der Elefant zog sich zurück, wirklich rückwärts gehend, mit einer Grazie, die man solch einem plumpen Dickhäuter gar nicht zugetraut hätte, obgleich man in jeder Menagerie bestaunen kann, mit welcher Gewandtheit und sogar wirklichen Grazie sich solch ein Elefant, wenn er in seinem engen Käfig hin- und herwandert, immer auf den Hinterfüßen herumwirft — ganz erstaunlich!

Die Mahadeia stand, wie sie hingestellt worden war, sofort die etwas ausgebreiteten Arme wie segnend erhoben, ein glückliches Lächeln in dem reizenden, jungfräulichen Antlitz — — ein entzückender Anblick!

Die Menge hatte sich wieder erhoben, unter tosendem Jubel wurde die Oberpriesterin begrüßt, Trommeln und Pfeifen und Posaunen machten noch extra einen Höllenspektakel.

Trotzdem konnte ich noch das leiseste Wort verstehen, was dort drin zwischen den beiden gewechselt wurde, was mir jetzt sogar etwas unnatürlich vorkam. Es musste dabei doch eine ganz besondere Akustik vorliegen.

»Siehst Du es, Loke?«

»Ich sehe alles.«

»Wer ist dieses junge Weib?«

»Sakuntala.«

»Dein innigstgeliebter Schützling. Und sie segnet die Teufelsbrüder und Teufelsschwestern — die Teufelskinder, wie wir nur gleich sagen wollen.«

»Nein, sie segnet die Upschaniden, so wird sie auch begrüßt, dieser Szene habe ich doch viele Dutzend Male beigewohnt, wenn auch nur hinter den Kulissen.«

»Du meinst, sie weiß noch nicht, dass sie die Orgie von menschenfressenden Teufelsbrüdern zu leiten hat?«

»Nein, das weiß sie nicht, sie hat von alledem, was vielleicht noch kommen mag, nicht die geringste Ahnung.«

»Warte nur, Du wirst gleich anderer Ansicht werden, mein lieber Loke.«

Große, schöne Pokale wanderten von Hand zu Hand und von Mund zu Mund. Mancher trank recht lange, andere nahmen nur einen Schluck, kamen dann aber immer noch einmal an die Reihe. Es war eine ganze Masse solcher Pokale vorhanden; sie schienen, wenn sie leer waren, hinter einer Säule wieder gefüllt zu werden.

»Was trinken die, Loke?«

»Palmensaft, vermischt mit Blumenstaub, hauptsächlich mit dem der heiligen Lotosblüte.«

»Palmensaft, ganz richtig. Weißt Du, dass man aus diesem Palmensaft ein geistiges Getränk machen kann?«

»Gewiss, einfach durch Gärung. Durch Destillation dieses Palmenweins, des Toddys, gewinnt man dann den echten Arrak.«

Es war mir nichts Neues, was ich da zu hören bekam. Ich hatte ja immer in die Kolonien gehen wollen; da interessiert man sich doch für so etwas, liest entsprechende Bücher.

Es heißt immer, der Arrak würde aus Reis gebrannt. Allerdings, so ist es auch. Aber das ist dann nur eine Imitation, ein Ersatz, so wie man den Rum auch aus Getreide- oder gar Kartoffelsprit herstellen kann, während er doch aus Zuckerrohrmelasse destilliert sein soll. Arrak, wenn er echt sein soll, muss aus Toddy, gegorenem Palmensaft, destilliert sein, so urteilt jeder Fachmann und der ganze Orient, und das gilt allein von der Sorte, die im Handel unter dem Namen Arrak de Goa zu haben ist und danach bezahlt wird. Auch der sonst berühmte Arrak de Batavia ist nur ein Reissurrogat.

»Nein, es ist Toddy, den sie trinken!«, frohlockte der Italiener.

»So, lassen sie den Palmensaft jetzt zu Wein vergären?«, klang es gleichgültig zurück.

»Sie haben schon immer Toddy getrunken, sich daran berauscht!«

»Das ist nicht wahr. Bei ihren religiösen Versammlungen als Upschaniden wurde stets unvergorener Palmensaft verabreicht.«

»Bei ihren heimlichen Orgien war es stets Toddy!«

»Hinter meinem Rücken. Mag sein. Aber ihre Mahadeia hat keinesfalls davon gewusst, kann auch, falls sich ein Rausch bemerkbar machte, nicht dabei zugegen gewesen sein. Dem Oberpriester dagegen, dem Ohrwurm, ja, dem traue ich das schon eher zu.«

»O, es kommt noch viel besser! Der Toddy ist nur der Anfang, um Mut zu bekommen, den erst recht verbotenen Arrak zu trinken, und so geht es immer weiter, dann kommt noch etwas anderes hinzu — — da, es geht schon los.«

Jetzt wurde mit großer Feierlichkeit ein goldener Käfig gebracht, nicht allzu groß. Der Oberpriester, noch auf der obersten Stufe stehend, aber also noch immer tief unter der Mahadeia, nahm ihn in Empfang, öffnete ein Türchen, und alsbald flatterten vier schneeweiße Tauben heraus, die, höchstens noch ganz kurze Kreisflüge machend, sich gleich auf Kopf, Händen und Schultern der Mahadeia niederließen, von dieser zärtlich geliebkost wurden.

»Nun, Meister Loke, edler Fürst?«

»Ja, was willst Du mit Deiner höhnischen Frage? So geschieht das doch immer. Es sind die heiligen Tauben, die als Symbol der Unschuld sich der Oberpriesterin beigesellen.«

»Der Unschuld! Hahahaha, der Unschuld!«, hohnlachte der Italiener.

Ach, dass ich meinen Arm verlängern, meine Hand durch die Spalte hätte quetschen können, um diesem Italiener ein paar herunterzulangen! Denn das hätte mir jetzt viel mehr Vergnügen gemacht, ihn zu backpfeifen, als ihm den Dolch im Herzen herumzudrehen.

»Was hast Du an dieses Mädchens Unschuld zu zweifeln?«, fragte der Gefesselte auf einmal mit finster gerunzelten Augenbrauen, und ich war ihm dankbar dafür, dass er sich meiner Braut annahm, unsagbar dankbar. Jetzt verspritzte ich erst mein Blut für ihn. Ja, Blut verspritzen!

Unschuld und Unschuld ist zweierlei. Der Italiener hatte mit seiner Unschuld etwas anderes gemeint.

»Liefere Beweise, dass dieses Mädchen nicht unschuldig ist!«, rief Klingsor noch einmal mit furchtbar funkelnden Augen.

»Der Beweis wird gleich kommen, pass' nur auf, pass' nur auf!«, hohnlachte der Mephistopheles.

Also Sakuntala hatte die Täubchen geliebkost, besonders das eine, das auf ihrer Hand saß, hatte es wiederholt geküsst, das Tierchen war mit seinem Schnabel ihren Lippen entgegengekommen.

Plötzlich nahm sie die Taube her, packte sie mit beiden Händen an den Flügeln, ein einziger, kräftiger Ruck und — — die Taube war mitten entzweigerissen!

Das hervorstürzende Blut wurde in einem Pokal aufgefangen, den der Priester schon von seinem Platze aus daruntergehalten hatte.

Dies alles war so geschickt geschehen, dass sich, wie deutlich zu beobachten war, das Mädchen nicht im Geringsten mit Blut besudelt hatte, und ebenso geschickt wurde dieses aufgefangen.

Ich starrte entsetzt. Und mein Entsetzen lässt sich wohl begreifen. Diese Plötzlichkeit — das unschuldige Mädchen liebkost ein schneeweißes, unschuldiges Täubchen — plötzlich nimmt sie es her und zerreißt es — — ja, ich war ganz fassungslos.

»Nun, nun?«

Diese mit schneidendem Hohne hervorgebrachten Worte des Italieners veranlassten mich, meine Blicke wieder auf die beiden zu richten.

Und da sah ich, wie des Gefesselten Augen nicht minder starr auf das Bild gerichtet waren, wie auch er offenbar im Moment ganz entsetzt war.

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr!«, hörte ich ihn flüstern, obgleich doch die hundertköpfige Menge vor Jubel jetzt ganz schrecklich heulte.

»Was ist nicht wahr?«

»So etwas kann Sakuntala niemals begehen!«

»Du siehst es doch, und sie wiederholt es ja.«

Ja, sie wiederholte es noch dreimal, packte eine Taube nach der anderen, bis auch die vierte zerrissen war, und stets war das Blut von dem Oberpriester in dem Pokal aufgefangen worden.

»In dem Pokal ist bereits Arrak, nicht nur Toddy, der mit dem Blute vermischt wird — da, jetzt trinkt der Oberpriester als Erster davon — —«

Scheußlich war anzusehen, wie er nach einem langen Zuge den Pokal wieder absetzte, und er hatte nicht nur einen blutigen Mund, sondern sein ganzes, hellgelbes Gesicht war mit Blut beschmiert, so tief hatte er in den Becher geblickt.

»— — und sie alle werden gleich Blut trinken, wenn auch nicht gerade Taubenblut, aber doch Blut, zur Hälfte vermischt mit Arrak. Und siehst Du, welche Freude Deine geliebte Sakuntala über alles dies empfindet, wie glücklich sie dazu lächelt?«

Ja, das tat sie allerdings. Ganz verklärt lächelte die Taubenmörderin auf die Menge und auf den blutigen Priester herab.

Ich wusste nicht, was ich davon denken sollte.

»Ist das etwa Unschuld, he Loke?«, höhnte der Professor, und auch ich hätte diese Frage verneinend beantworten müssen.

Da aber fuhr der Gefesselte plötzlich jäh empor, dass die schweren Ketten klirrten.

»Und sie ist dennoch unschuldig!«, rief er mit starker Stimme.

»Wie denn das?«

»Sie weiß gar nicht, was sie tut!«

»Oho, oho!«

»Sie steht unter fremdem Willen.«

»Unter fremdem Willen?«

»Sie ist hypnotisiert!«

»Hypnotisiert? Sooo! Dafür, dass dieses Mädchen nicht hypnotisiert werden kann, durch keine Macht der Erde, dafür hast Du selbst gesorgt, Loke. Das weiß ich aus bester Quelle.«

»Nun gut, nicht hypnotisiert — aber unter fremdem Einflusse handelt sie dennoch, und sie weiß gar nicht, was sie tut.«

»Wie denn das nur?«

»Sie ist in Starrkrampf versetzt worden.«

»In Starrkrampf? Und lächelt trotzdem so glücklich, kann sich dabei so bewegen?«

»Gewiss, das ist recht wohl möglich!«, begann jetzt Klingsor zu frohlocken. »Ihr selbst seid es, die Ihr das verratet, Ihr habt es nicht geschickt genug gemacht oder eins dabei vergessen. Schon weit länger als fünf Minuten hält das Mädchen die Arme jetzt horizontal ausgestreckt, sie nur etwas hin- und herbewegend, und das vermag kein Mensch, der es sich nicht durch langes Training eingeübt hat, und Sakuntala vermag es nicht, die hätte schon längst die Arme ermüdet sinken lassen, das weiß ich bestimmt! Sie befindet sich im Starrkrampf!«

»Ja aber — — wie soll sie sich denn da nur bewegen können?«, fragte der Italiener nochmals, doch es klang schon recht unsicher, und so ein Gesicht machte er auch.

»Ihre Bewegungen werden einfach durch magnetische Lichtstrahlen gelenkt, auf diese Weise hat man sie auch schon die Tauben zerreißen lassen. Im Übrigen weiß sie gar nicht, was sie tut.«

Durch magnetische Lichtstrahlen gelenkt?, hätte ich jetzt fragen dürfen. Allein es war für mich dennoch eine vollständige Erklärung, wenn ich auch nicht die physikalischen Gesetze kannte, die dabei in Anwendung kamen.

Ich brauchte ja nur an den Stein zu denken, der damals vor mir hergehüpft war — ich glaube, diese Andeutung genügt wohl.

Und am deutlichsten sagte das furchtbar enttäuschte Gesicht des italienischen Mephistopheles, dass ein Rivale in gewisser Hinsicht, der Mann mit den Teufelsaugen, das Richtige getroffen hatte.

»Du irrst, Loke — —«

»Ach geh, Manuelo, mach Dich nicht lächerlich!«, höhnte jetzt dieser immer mehr. »Mich kannst Du nicht täuschen! Oder soll ich Dir sagen, wie Du den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptung erbringen kannst? Ich kenne den Projektionsapparat da ebenso gut und wahrscheinlich noch viel besser als Du. Drehe doch einmal dort unten das zweite Stellrad, das Du bisher zu berühren so sorgfältig vermieden hast, dann werden auf dem Bilde auch die magnetischen Lichtstrahlen sichtbar, welche aus dem Hinter- oder vielmehr Vordergrunde auf die Priesterin fallen, sodass man auch ihre Gesichtszüge in der Gewalt hat, dass man sie sogar glücklich lächeln lassen kann. Nun, Manuelo, so drehe doch das betreffende Stellrad — —«

Aber der Italiener drehte es nicht; zähneknirschend wandte er sich ab.

»Die ganze Menge wird doch nicht etwa gelenkt, Deine moralischen Upschaniden, sie trinken Blut — —«

»Ach geh, Manuelo, Du benimmst Dich ja wie ein kleines Kind mit Deinem lächerlichen Starrsinn, dass Du jetzt etwas hervorbringst, was ich ja gar nicht verneint habe«, wurde der Spieß des Spottes und Hohnes immer mehr herumgedreht.

»Und Sakuntala sieht dennoch alles, alles kommt ihr zum Bewusstsein.«

»Na, mag das sein! Was schadet denn das? Obgleich es gar nicht der Fall ist, ich kenne das eben wieder einmal besser als Du. Aber willst Du nicht so freundlich sein, mein lieber Manuelo, und etwas seitwärts treten? Du verdeckst mir die Aussicht auf das Bild, und das wird ja immer interessanter.«

Ja, dies war allerdings der Fall.

Jetzt wurde ein Ziegenbock gebracht und auf die unterste Stufe gehoben, wo schon ein anderer Priester stand, der dem Tiere die Kehle durchschnitt. Das Blut wurde in einer sehr großen goldenen Kanne aufgefangen und aus dieser in die Pokale verteilt, und immer mehr Ziegenböcke mussten sich so verbluten.

Wieder gingen die Pokale von Hand zu Hand und von Mund zu Mund. Viele tranken das Blut gleich mit Gier, andere anfangs nur zögernd, mit sichtlichem Widerwillen, aber nach und nach machte sich die Sache. Zuletzt drängte sich alles heran, um noch einmal trinken zu können, und Pokale waren ja auch genügend vorhanden, immer neue Böcke mussten sie aus ihren Adern füllen.

Oder nicht so ganz. Ich sah, wie an einer anderen Stelle schon vorher aus einem großen Fasse immer etwas in die Pokale gelassen wurde, oder man goss noch später etwas hinzu, also Arrak, jedenfalls wurde dieser eigentümliche Grog immer stärker zubereitet.

Und es dauerte gar nicht lange, so machte sich die Wirkung des Alkohols bemerkbar. Das warme Blut mochte erst recht dazu beitragen.

Zuerst kam in die ganze Menge eine taumelnde Bewegung, dann fingen sich erst einige wenige zu drehen an, sie fanden immer mehr Nachahmer, bis sich zuletzt alle die Männer und Frauen und Kinder im Kreise drehten unter den Klängen der Musik — wenn dieses ohrzerreißende Lärmen der Trommeln und Knochenpfeifen eine solche zu nennen war.

»Die Vaudoux haben den Anfang gemacht, haben animiert, wie ich beobachtete«, meinte Klingsor. »Aber das ist noch kein Tanzen, ist überhaupt noch lange nicht das Richtige, und das ist mir das sicherste Zeichen, dass diese Upschaniden solche Orgien noch nicht oft gefeiert haben. Einige Male wohl schon, das mag sein, aber Übung haben sie noch nicht drin. Sonst müsste das sofort rasen. Ich kenne doch die Orgien der Vaudoux. Auch das Blut haben sie zuerst nur mit Widerwillen getrunken, und das dürfte nicht sein.«

»Es wird schon noch kommen, es wird schon noch kommen!«, tröstete sich der Italiener wohl mehr selbst, als dass er jenen reizen wollte.

Aber die Sache schien doch nicht recht in Schwung kommen zu wollen. Nur einige wenige, durchweg Neger, eben wohl jene fremden Vaudoux, drehten sich immer schneller im Kreise, die ganze Menge jedoch machte nicht mit. Man kam über eine langsame Kreisbewegung nicht hinaus.

Da ein Kommando, das Ganze machte Halt. Nur die Vaudoux mussten mit Gewalt zum Stillstand gebracht werden.

Neue Böcke wurden geschlachtet, dem Blute wurde reichlich Arrak zugesetzt. Jetzt wurde allerdings auch schon viel begieriger getrunken, oft genug riss man sich den Pokal gegenseitig aus der Hand, Blut wurde vergossen, es besudelte die Gewänder. Auch beim Trinken floss immer mehr Blut von den Mundwinkeln herab — ein scheußlicher Anblick.

Doch was war dies gegen das, was ich sehr bald noch zu sehen bekommen sollte!

Zum Tanzen wurde vorläufig nicht wieder aufgefordert, die Leiter suchten erst einmal auf andere Weise die rechte Stimmung zu machen.

Die Instrumente machten wieder einen Höllenlärm, dann wurde ein Gesang angestimmt, der immer wilder ward.

Da plötzlich erklang ein furchtbarer Donnerschlag und unten erlosch das Licht. Finsternis herrschte aber nicht gerade. Die Götzenfigur selbst strahlte ein magisches Licht aus. Dann ein zweiter Donnerschlag; auch dieses Licht erlosch, dafür aber war der darunter befindliche Gitterraum nur umso heller erleuchtet. Auf ihm stand also die Mahadeia, immer noch lächelnd und mit graziösen Bewegungen segnend, und ganz offenbar hatte man das Götterbild selbst auf irgendeine Weise verschwinden lassen, während in dem Käfig selbst — — — Ja, was war das, was sich in diesem bewegte? Ich wollte erst meinen Augen nicht trauen.

Ein riesenhafter Käfer war es, zweifellos ein Skorpion, der in dem Raume hin- und hereilte, aber so schnell wie der uns bekannte Skorpion es nicht kann, und dieser hier hatte ja auch einige Dutzend Beine — also ein Tausendfuß, ein mit Stachelschwanz ausgestatteter Tausendfuß — aber einer von wenigstens zwei Meter Länge, und auch auf seinen starken Beinen ganz beträchtlich über den Boden ragend.

Ich war zuerst förmlich entsetzt über dieses Ungeheuer. Und das konnte keine Täuschung sein, keine Vergrößerung konnte da wirken. Die Dimensionen vermochte ich ja an den auf den Stufen stehenden Priestern abzuschätzen, und mit Glas, das vergrößernd gewirkt hätte, konnte der Käfig nicht umgeben sein, denn oft genug kam der Skorpion, wie ich das Ungeheuer nur weiter nennen will, mit den furchtbaren Kneifzangen und dem Stachelschwanze durch das Gitterwerk.

Konnte es denn solch ein ungeheures Insekt geben, solch einen Skorpion?

Nun, ich brauchte nur an den Riesengletscherfloh zu denken, von dem ich damals hatte sprechen hören, der ja auch Meterhöhe erreichen sollte. Künstliche Züchtungen!

Was ist schließlich dabei? Ich musste die Sache nur ruhig überdenken, musste mich an das Zwergpony und an den belgischen Riesengaul erinnern, an das Zwerghündchen und an die Riesendogge. Wie weit hat es da doch der Mensch schon gebracht! Warum sollte ihm so etwas nicht auch bei Insekten gelingen? Man müsste sich nur einmal damit beschäftigen. Übrigens macht es uns ja schon die Biene vor. Die bedeutend größere Bienenkönigin geht aus der Larve einer gewöhnlichen Arbeiterin hervor, bekommt nur eine viel reichlichere Fütterung, vielleicht auch eine besondere. Aber wenn da nun erst einmal der Mensch eingriffe, der aus dem Wolf das Malteser Hündchen und die tibetanische Dogge gemacht hat!

Das Verhalten der Menge schildere ich noch nicht. Übrigens konnte ich diese in der Dunkelheit ja gar nicht sehen, nur hören, was jedoch bei denen dort drin nicht der Fall war, und zu diesen gehörte ich ja gewissermaßen auch, indem ich alles nur durch das Projektionsbild beobachtete.

»Was Teufel, woher haben die denn diesen Riesenskorpion?«, rief Klingsor sofort beim Anblick des Tieres überrascht.

»Ja, da staunst Du wohl, nicht?«, frohlockte der Italiener, glücklich darüber, das wieder einmal zu können. »Ja, mein Loke, wie Du immer hintergangen worden bist!«

Seine Freude sollte nicht lange dauern, es kam gleich wieder ein gründlicher Dämpfer darauf.

»Ach so, jetzt weiß ich«, erklang es da schon wieder ganz gleichmütig, »das ist der Skorpion, mit dem ich damals meine Züchtungsversuche machte, vor einem Jahre, der mir entwischte, ich dachte, er sei in den Brunnen gefallen. Also er lebt noch? Hat sich ja ganz prächtig entwickelt — —«

»Wenn es aber nun doch ein anderer wäre?«

»Nein, Manuelo, das ist derselbe. Ich erkenne ihn doch gleich an der etwas anders gestalteten rechten Beißzange.«

»Und wo ist er denn bisher immer gewesen?«

»Frage nur Melchas, der wird es schon wissen. Ei, das muss ja dem Freude bereitet haben, als er das Riesentier bekam!«

»Fraß denn Dein Skorpion auch schon Fleisch?«

»Selbstverständlich, sogar nichts anderes.«

»Ein Tausendfuß, der sich nur von Früchten ernährt?«

»Ein indischer Upscha, der sich von Früchten ernährt? Wenn Du nicht weißt, dass der ausschließlich Fleisch frisst, dann tust Du mir leid.«

»Lebendiges Fleisch?«

»Was heißt lebendiges Fleisch! Jawohl, wenn er sich an lebende Tiere heften kann, schmarotzt er auf ihnen. Er überfällt sie. Genau so, wie die Ameise es tut.«

»Dann sieh, was für einen Riesenappetit und einen besonderen Geschmack Dein Upscha bekommen hat!«

Die Menge war beim Anblick des ungeheuren Käfers in ein Freudengeheul ausgebrochen, wenn auch hierbei die Priester und die wenigen Vaudoux »vorgesungen« hatten, eben um wieder zu animieren.

Was im Übrigen hier vorging, wie man sich alles dachte, das lag ja klar genug auf der Hand, da brauchte ich nicht erst eine Erklärung zu hören.

Der Gott Upscha sollte seine Gesinnung geändert haben. Oder er wollte eben nicht mehr auf harmlose, sondern auf blutige Weise angebetet werden. Die an seine Macht Glaubenden sollten Blut trinken. Durch Drehen und Tanzen versuchte man sie in Ekstase zu bringen — — besser noch ging das vorläufig durch dem Blute beigemischten Arrak.

Da sie nun willig Blut getrunken hatten, wurde der Gott auch lebendig. Aber bei der Figur selbst war das nicht möglich. So wurde das Standbild auf irgendeine Weise unsichtbar gemacht, der Gott erschien in seiner Tiergestalt. Wahrscheinlich wurde er auch mit Fleisch gefüttert, er musste doch zeigen, dass er wirklich ganz lebendig war — vielleicht sogar mit Menschenfleisch, darauf war ich nun schon gefasst.

Nun brauchte man bloß noch anzunehmen, dass diese Upschaniden und jetzigen Teufelsbrüder hier nichts von solchen Züchtungsversuchen ins Riesenhafte wussten, und man kann sich denken, was für einen kolossalen Eindruck dieser ungeheure Skorpion, den sie bisher nur in ihrer Phantasie als Symbol ihrer Religion oder als Attribut ihres Götzen verehrt hatten, auf sie machen musste.

Dass es so war, das lag also ganz klar auf der Hand, das von mir Erwartete sollte denn auch noch kommen, freilich in einer Weise, die auch mir Entsetzen einflößen musste.

Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, ganz finster war es eben nicht, jetzt konnte ich wieder das Publikum unterscheiden, das in starrer Erwartung nach dem Ungeheuer blickte, nur mechanisch in das vorgeschriebene Freudengeheul, das vielleicht auch ein Gesang sein mochte, einstimmte.

Da brachten Priester und Tempeldiener einen Mann geschleppt, ganz nackt, an Händen und Füßen gebunden.

Sie verschwanden hinter dem Postamente; gleich darauf waren sie wieder hinter dem Käfig zu erblicken; der Mann wurde in diesen hineinbefördert, wahrscheinlich mit Benutzung einer Sicherheitstür, wie es die Raubtierbändiger beim Betreten des Käfigs tun.

Noch ein letzter Schwung, und der Mann lag mitten in dem Raume.

Das Ungeheuer von Skorpion stürzte sofort auf ihn los und — — schlug ihm die furchtbaren Zangen in den Leib, riss gleich große Stücke Fleisch heraus! Oder nein, die Zangen schnitten wie Scheren nur die Bauchdecke auf, bis die Eingeweide bloßlagen; auf die hatte das Insekt es abgesehen, riss sie heraus und verschlang sie.

Ja, ich hatte etwas Ähnliches erwartet. So etwas aber denn doch nicht. Da also lässt sich mein starres Entsetzen denken. Das Schmerzensgeschrei des Unglücklichen wurde von dem Geheul der Menge übertönt; aber was da drin gesprochen wurde, das entging mir dennoch nicht.

»Nun, Loke, was sagst Du jetzt?«, höhnte der Italiener wieder.

»Ganz selbstverständlich, dass so etwas kommen musste!«, erklang es auf das Gleichmütigste zurück. »Und dem Kerl da schadet das gar nichts, da hat man gerade den Richtigen ausgesucht. Ich kenne ihn, das ist der Zadeck. Den habe ich einmal bei einer scheußlichen Tierquälerei erwischt, wie er eine Katze lebendig marterte; er ist überhaupt ein Bluthund ersten Ranges. Ich konnte ihn damals nur nicht bestrafen, er stand außerhalb meiner Machtsphäre. Nun empfindet er selbst, wie es tut, einem anderen Geschöpf die Eingeweide lebendig aus dem Leibe zu reißen. Wohl ihm! Hiermit büßt er in seinem Karma eine schwere Schuld ab!«

Das Letztere hatte nach den ersten leichthin gesprochenen Worten wahrhaft feierlich geklungen.

Und mir hatte schon diese erstere Erklärung sehr wohlgetan, hatte mein Entsetzen wieder etwas gebannt.

Da wollte ich einmal hin, um dieses Schauspiel näher in Augenschein zu nehmen. Nicht aus blutdürstiger Neugier, das sei ferne von mir.

Also ich eilte geduckt hin, bis ich durch das betreffende Bodenfenster die Szene gerade unter mir hatte.

Eigentlich glaubte ich, ich sei schon zu weit gegangen.

Ich wollte die Szene nur möglichst nahe von der Seite sehen, oben war der Käfig doch geschlossen. Dies war aber eben nicht der Fall! Das Standbild des Götzen war tatsächlich nicht mehr vorhanden, und die obere Decke des Käfigs war von Glas oder überhaupt durchsichtig, denn Sakuntala stand darauf.

Sie segnete noch immer mit ausgestreckten Armen die Menge, stand aber so, dass sie mir nicht gerade den Anblick der Szene in diesem Käfig verdeckte.

Ich erinnerte mich daran, dass diese Bodenfenster wie die Objektive eines Fernrohres wirkten, nicht direkt vergrößernd, aber heranziehend. Ich glaubte die Gestalten dort unten mit Händen fassen zu können, so nahe schienen sie mir zu sein.

Schrecklich, schrecklich, was ich da nun erblickte! Dieses Ungeheuer von einem Skorpion, wie der schlang, wie er die Eingeweide herumzerrte — —

Genug! Ein Glück nur, dass der Mann wirklich bereits ausgelitten hatte.

Mehr wollte ich nicht sehen, ich ertrug es überhaupt nicht länger — ich eilte zurück nach der Spalte.

Ein neuer Donnerschlag und die Götzenfigur erschien wieder auf dem Postament, gleichzeitig aber waren auch der Skorpion und die Leiche aus dem Käfig verschwunden.

Das Wiedererscheinen der Figur wurde mit frenetischem Jubel begrüßt, und dazu brauchte die Menge jetzt offenbar nicht erst aufgemuntert zu werden.

»Sie freuen sich, dass Upscha das Opfer gnädig angenommen hat«, erklärte der Professor. »Nun sind sie schon gläubiger geworden. Und, Loke, was meinst Du, wer nachher dem Skorpion vorgeworfen wird, natürlich lebendig?«

»Na?«

»Deine geliebte Sakuntala!«

»Mahadeia selbst?«

»Gewiss!«

»Weshalb soll man denn die opfern?«

»Sie muss eben heute eines schmerzvollen Opfertodes sterben, von Gott Upscha selbst gefressen werden, so ist es ausgemacht worden, ich weiß es ganz bestimmt.«

»Du meinst, von dem Skorpion gefressen werden?«, fragte Klingsor vollständig ungerührt.

»Jawohl.«

»Von diesem Skorpion?«

»Von diesem.«

»Haben sie nicht noch einen zweiten solchen Riesenskorpion?«

»Nein, den haben sie leider nicht.«

»Ich danke Dir, Manuelo, dass Du mir so offen diese Mitteilungen machst«, fing Klingsor da plötzlich zu lachen an. »Das habe ich ja nur von Dir hören wollen. Hiermit beweist Du mir nämlich, dass die Mahadeia gar nicht getötet werden soll. Das hast Du mir nur vorgeflunkert, um mir Schrecken einzujagen, Du wolltest Dich an meiner Bestürzung weiden. Aber das ist Dir misslungen. Du bist nämlich ein ganz jämmerlicher Zoologe, wie Du schon früher einer warst. Ja, ein ganz geschickter Anatom bist Du, aber von Zoologie verstehst Du absolut nichts. Die Sache ist nämlich die — und Du könntest es eigentlich wissen — dass der Upscha, der indische Skorpion oder Tausendfuß, nur ein einziges Mal frisst, tüchtig, dann aber tagelang hungert, sich genau so verhält wie die meisten Schlangen — —«

»Er darf sich jetzt aber nicht sattfressen!«, stieß der Italiener wild hervor.

»Nein, nein, Du suchst vergebens noch Einwendungen zu machen, um Deinen Fehler zu korrigieren. Hat die Schlange einmal eine Beute gefasst und beginnt sie zu verschlucken und man zieht ihr sie wieder aus dem Rachen, so wird sie dennoch tagelang keine Nahrung mehr zu sich nehmen, genau so, als wenn sie ihren Magen schon gefüllt hätte. Dies hängt mit der Absonderung des Magensaftes zusammen, zum zweiten Male wollen die Drüsen nicht mehr arbeiten, daher fehlt der Appetit, und genau so verhält es sich mit dem indischen Tausendfuß, den viele, freilich fälschlicherweise, auch zu den befußten Schlangen rechnen, vielleicht eben aus diesem Grunde. Dieser Upscha frisst jetzt eine ganze Woche nicht wieder, verlass Dich nur darauf, ich kenne ihn doch, und die, die ihn bisher gewartet haben, kennen diese Eigentümlichkeit von ihm ebenfalls. Nein, mein lieber Manuelo, Deine List ist Dir wieder einmal misslungen.«

In ohnmächtiger Wut biss sich der Italiener die farblosen Lippen blutig.

»Und Sakuntala wird dennoch getötet, dem Gotte geopfert!«

»Nein, nein, Manuelo, gib Dir nur keine Mühe, mir mit solchen Behauptungen Bange zu machen. So lange nämlich Melchas lebt, liefert er die Mahadeia nicht dem Tode aus, das weiß ich bestimmt — — und ihn sehe ich dort unten stehen.«

»Und es werden dennoch Menschen geopfert, von den Priestern geschlachtet!«, rief Clissaro, um wenigstens mit einer seiner Behauptungen recht zu behalten.

Und das war diesmal nun allerdings wirklich der Fall. Die Tempelhalle hatte sich wieder durch eigenes Licht erhellt, und durch die zurückweichende Menge ward von Henkersknechten oder Tempeldienern ein zweiter Mann angeschleppt, ein Neger, ebenfalls ganz nackt, der aber selbst gehen konnte, da ihm nur die Hände gefesselt waren.


Illustration

Die Musikanten schwiegen einmal, und der Mann musste sein Schicksal kennen, sein Zetergeschrei erfüllte die Halle, bis die wieder einsetzenden Trommeln und Pfeifen es übertönten.

Er wurde die Stufe hinaufgebracht, an einer altarähnlichen Vorrichtung, die unterdessen aufgebaut worden war, stehend befestigt, und nach einigen Zeremonien durchschnitt der Oberpriester ihm die Kehle.

Das hervorspritzende Blut wurde geschickt ausgefangen und in Pokale verteilt, die sicher auch schon Arrak enthielten, sonst hätte zur Vermischung nicht so eifrig gerührt zu werden brauchen.

Der Oberpriester nahm einen Schluck, andere Priester taten dasselbe aus den verschiedenen Pokalen, wohl ein halbes Dutzend, dann wurden diese unter der Menge verteilt. Abermals drängten sich einige mit Gier hervor, um das Menschenblut zu trinken, wahrscheinlich die Vaudoux oder auch solche, die nun schon ganz und gar abgebrüht oder schon vollkommen vom Wahnsinn, vom Blutrausch befallen waren.

Aber solche, die Widerwillen gegen das grässliche Getränk gezeigt hätten, wie vorhin bei dem Ziegenblut, gab es jetzt überhaupt nicht mehr. Der Arrak hatte doch schon allgemein gewirkt, dazu das warme Blut — — es war ein ganz echter Blutrausch, in dem sich alle bereits befanden.

Sie tranken alle ohne Zögern, auch die holdeste Mädchenunschuld, nur nicht gerade mit solcher Gier. Aber auch die kam nach und nach noch.

Und da ward schon ein dritter Mann gebracht, der das zweite Trankopfer liefern sollte, und zwar diesmal ein Europäer.

»Nun, Loke, kennst Du diesen Mann?«

»Genau so gut wie den vorigen, und bedauern kann ich sie beide nicht, so wenig wie den ersten, wenn ich der ewigen Vergeltung der Gerechtigkeit freien Lauf lassen will. Einer hat so gut wie der andere einen qualvollen Martertod verdient, was bei diesen Blutopfern ja nicht einmal der Fall ist. Die Veranstalter dieser Orgie haben sich gerade die richtigen Halunken ausgesucht.«

So hatte Klingsor ganz gelassen gesprochen. Mit dem triumphierenden Hohne des Italieners war es also wieder einmal nichts gewesen. Und doch versuchte er es immer noch einmal.

»O, warte nur, warte nur, es kommt noch viel besser!«

»Meinetwegen! Aber schlimmer kann es überhaupt nicht mehr kommen, als dass einem lebenden Menschen die Eingeweide herausgerissen werden.«

»Wenn Deine Lieblinge Menschenfleisch verzehren? Nicht gebratenes, wie die Kannibalen es tun aus Hunger, sondern rohes, blutiges Menschenfleisch — was wirst Du dann sagen?«

»Meine Lieblinge? Die Upschaniden? Sie sind es nie gewesen, diese Duckmäuser, und nun traue ich ihnen überhaupt alles zu. Höchstens kann ich sie in ihrem Wahnsinn noch bemitleiden. Und was ich dazu sagen werde? O, ich habe schon ganz anderen Menschenfressereien beigewohnt, deren Grässlichkeit Dir Deine spärliche Phantasie gar nicht ausmalen kann.«

»Und wenn Du nun gezwungen wirst, ebenfalls rohes Menschenfleisch zu verschlingen?«

Diesmal zuckte der Gefesselte nicht wieder empor, wie er es anfangs bei solchen Gelegenheiten getan hatte.

»Mich dazu zwingen?«, entgegnete er ganz ruhig, höchstens spöttisch. »Man soll es nur versuchen.«

»Man pfropft Dir die blutigen Bissen ganz einfach in den Mund.«

»Man soll es nur probieren!«, erklang es genau wie zuvor.

Die Sache dort unten, hier für mich an der Wand, ging weiter.

Aber die Menschenfresserei kam vorläufig noch nicht daran.

Die beiden Opfer hatten reichlich Blut gespendet, alle die Gläubigen hatten davon getrunken, die Musik machte wieder einen Höllenlärm, die einzelnen Vaudoux fingen alle erst wieder zu tanzen an, sich im Kreise zu drehen.

Und jetzt machten sie alle mit, alle. Es war ein einziges Kreiseldrehen von vielen hundert Menschenleibern.

Dann aber änderte sich die Sache. Zuerst riss der eine Mann seine Kleider vom Leibe, und er fand schnell Nachahmer, auch unter den Weibern.

Dabei aber schien mir, als ob es sich hierbei nicht um eine einfache Nachahmung handele, sondern um eine rein geistige Ansteckung, nämlich insofern, als sich die meisten ja so schnell im Kreise drehten, dass sie unmöglich sehen konnten, was die anderen taten. Und dennoch rissen auch sie sich, ohne im Drehen aufzuhören, die Kleider vom Leibe. Eine solche geistige Ansteckung oder Übertragung gibt es, daran habe ich schon nicht gezweifelt, als ich noch an nichts glaubte, was ich nicht mit Fäusten packen konnte.

Nun aber waren doch welche darunter, die nicht ihre Kleider abwarfen. Auf diese stürzten sich sehr bald andere, schon Nackende, und rissen ihnen die Sachen vom Leibe, was jene sich nun wieder sehr wohl gefallen ließen. Ja, gerade sie waren dann am eifrigsten, auch wieder andere zu entkleiden.

Dadurch entstand eine allgemeine Anfasserei, und so bildeten sich immer wieder Paare, die sich gepackt hielten, nicht so zart wie bei unseren Tänzen, und sich gemeinschaftlich im Kreise drehten.

Nun aber ging der Wahnsinn immer weiter. Das Kleiderabreißen war auf die gewalttätigste Weise geschehen. Ich sah einmal ganz deutlich, wie bei einer Frau, als man ihr die Tunika vom Leibe riss, an dieser der lange Ohrschmuck hängen blieb, und die Folge war, dass ihr das halbe Ohr abgerissen wurde. Sie blutete schrecklich. Es machte nichts, sie drehte sich weiter, um sich dann plötzlich auf einen Mann zu stürzen, dem sie wieder den Kaftan abriss, dabei aber mit ihren Nägeln ihm blutige Kratzwunden am Hals und ganzen Oberkörper beibringend — und da plötzlich packte sie ihn vollends und biss ihn in die Schulter, schlug ihre Zähne hinein, dass sofort das Blut reichlich hervorquoll. Und der Mann wieder biss sie in den Arm, wobei sich die beiden schon wieder gemeinschaftlich im Kreise drehten.

Diesen einzelnen Fall also hatte ich, gleich im Anfange, ganz deutlich beobachtet. Da aber floss schon allüberall Blut, alles biss und kratzte, jedoch nicht etwa bösartig, sondern — — in aller Liebe, möchte man fast sagen.

Einfach grausame Wollust!

Was aber auch für den leidenden Teil galt, dem war es direkt angenehm, so gekratzt und gebissen zu werden. Und hätten sie Messer gehabt, so würden sie sich auch mit Wollust gegenseitig zerfleischt und gemordet haben, die Wunden und den Tod suchend, so schmerzhaft wie möglich. Man kennt ja diese Art von Wahnsinn.

Aber sehr bald trat eine allgemeine Erschöpfung ein. Oder auch wieder eine Folge geistiger Ansteckung. Einige konnten sich nicht mehr drehen, brachen zusammen — da versagten auch den anderen plötzlich die Kräfte.

Doch dies lag nicht in dem Willen der Priester oder derer, die diese Orgie nun sonst leiteten; die Gläubigen waren immer noch nicht in der richtigen Stimmung, sie mussten sich noch ganz anders drehen und einander mit Nägeln und Zähnen zerfleischen, bis die rohe Sinnlichkeit mit furchtbarer Gewalt zum Durchbruch kam. Denn das ist doch immer die Hauptsache dabei. Hexensabbat!

Neue Gefangene kamen, deren Blut aus der durchschnittenen Kehle rann, reichlich Arrak dazu, und die Pokale wanderten wieder herum, den Kraftlosen wurden sie von anderen an den Mund geführt.

»So, ich dächte, nun wäre es genug.«

Klingsor war es, der dies gesagt hatte.

»Was genug?«

»Nun kommt gleich die Menschenfresserei daran, die Gefangenen werden in Stücke zerschnitten oder gleich zerrissen und verteilt, oder die Wahnsinnigen reißen sie gleich selbst in Stücke — ich kenne das.«

»Nun, und?«

»Das mag ich nicht mehr mit ansehen.«

»Kannst Du es nicht vertragen? Es wird Dir wohl zu viel, wie?«, höhnte der Italiener, nur um irgendwie höhnen zu können

»O, was das anbetrifft — wie gesagt, ich habe schon ganz andere Orgien gesehen, nicht nur bei den Vaudoux. Aber nun ist es genug der Scheußlichkeiten, weiter will ich es nicht kommen lassen.«

»Was — — nicht kommen lassen?«, wurde gestutzt.

»Nein.«

»Du willst wohl verhindern, dass die dort unten Menschen verspeisen?«

»Allerdings, das werde ich.«

»Wie denn?«

Klingsor machte eine kleine Pause, ehe er, sich hoch in den Fesseln aufrichtend, wieder das Wort nahm.

»Höre mich an, Manuelo Clissaro!

Du hast mich vorhin gehöhnt, dass ich meinen Feinden unterlegen bin.

Warum soll ich denn nicht einmal besiegt und gefangen werden? Ich bin doch auch nur ein Mensch. Einer Unwiderstehlichkeit und Unbesiegbarkeit habe ich mich niemals gerühmt, niemals.

Mich gefangen zu nehmen, das war ja in diesem Falle auch so einfach.

Ich hatte nur unzulängliche Waffen bei mir, nichts weiter, sogar, wie es in diesem Gebiete Vorschrift ist, statt eines modernen Gewehres nur einen alten Vorderlader. Dergleichen waren die Pistolen beschaffen.

Nachdem ich meine Munition verschossen hatte, war ich nur noch auf Messer und Tomahawk angewiesen.

Da, ehe ich durchbrechen konnte, wandte man betäubendes Gas an, das man mit günstigem Winde uns entgegentreiben ließ, und seiner Wirkung musste auch ich unterliegen.

Trotzdem nun behaupte ich, dass ich nicht gefangen worden wäre, wenn ich mich aus gewissen Gründen nicht hätte fangen lassen wollen.

Einfach deshalb, weil ich auch als Gefangener meine Feinde erst richtig kennen lernen wollte.

Natürlich wirst Du mir das nicht glauben. Du brauchst nicht so höhnisch zu lachen.

Ich habe vorhin auch behauptet, dass ich wieder frei sein werde, sobald ich frei sein will. Und dass dem so ist, das werde ich Dir jetzt sofort beweisen.

Ich wollte nur einmal sehen, wie Du mich behandelst, wenn ich in Deiner Macht bin.

Nun habe ich es erfahren, nun ist es auch genug der Scheußlichkeiten dort unten, jetzt werde ich als freier Mann eingreifen — —«

Weiter kam der Sprecher nicht.

Ja, zuerst hatte der italienische Professor zu alledem nur spöttisch gelacht. Aber je weiter Klingsor sprach, von seiner Freiheit, die er wiedergewinnen könne, sobald er wolle, ein desto misstrauischeres Gesicht machte Clissaro.

Und jetzt plötzlich zog er einen Dolch hervor, was schon genügte, um den Sprecher gleich abbrechen zu lassen.

»Ha, Du selbst gibst mir die Mittel in die Hand, gegen Dich in anderer Weise vorzugehen!«, rief er mit teuflischem Hohne. »Wohl muss ich Dich schonen, Dir auch nicht ein Haar auf Deinem Kopfe krümmen oder Melchas macht seine fürchterlichen Drohungen wahr — — es sei denn, dass Du Dich irgendwie befreien könntest, dann muss ich Dich natürlich unschädlich machen — — so erfahre denn die Wirkung meines neu erfundenen Giftes, das zwar nur betäubt, aber unter grässlichen Schmerzen, und das sogar, ohne die Empfindung für diesen Schmerz vollständig zu rauben, es ist nur ein Starrkrampf. Beweise, dass Du hiergegen gefeit bist! Ich denke aber, ich werde mich daran weiden, wie Du Dich vor Schmerzen am Boden wie ein Wurm krümmst. Erfahre an Deinem Leibe die Wirkung meines Giftes — —«

Mit diesen leidenschaftlich hervorgestoßenen Worten ging der Italiener hin, nein, stürzte sich auf seinen Todfeind, mit gezücktem Dolch, der also vergiftet war — um ihn zu stechen, ihm wohl nur eine leichte Verwundung beizubringen.

Aber er sollte sein Ziel nicht erreichen, und ich brauchte nicht erst an meine Schusswaffe zu denken, wie es der Fall war.

Klingsor hatte sich in seinen Ketten etwas vorgeneigt, mit funkelnden Augen erwartete er den Gegner, öffnete den Mund, und plötzlich entquoll diesem ein roter Feuerstrahl, begleitet von einer dicken Rauchwolke.

»Da! Erfahre, dass ich der Fürst des Feuers bin!«, rief er gleichzeitig oder doch im nächsten Moment.


Illustration

»Da! Erfahre, dass ich der Fürst des Feuers bin!«


Feuer und Rauch, wenigstens zwei Meter weit vorgestoßen, hatten den Italiener direkt ins Gesicht getroffen, und mit einem Schrei des Entsetzens fuhr er zurück, auch gleich den Dolch fallen lassend.

»Du, Du mich auch nur berühren wollen, Du armseliger Wicht — mich, mich, Loke Klingsor, den Fürsten des Feuers?«, erklang es jetzt in schrecklichem Hohne. »Erstarre zur Bildsäule!!!«

Wie war es möglich?

War es die Wirkung des Feuers und des Rauches oder übten die jetzt furchtbar funkelnden Augen diese Wirkung aus oder lag es allein in den Worten?

Ich wusste es nicht.

Jedenfalls aber gehorchte der Italiener sofort diesem Befehle.

So, wie er im letzten Moment, da der Feuerstrahl ihn getroffen, gestanden hatte, so blieb er stehen, wie zur Statue erstarrt. Die rechte Hand, in der er den Dolch gehalten hatte, den er also aber schon hatte fallen lassen, weit vorgestreckt, den linken Arm etwas erhoben, um ihn schützend vor das bedrohte Gesicht zu bringen, welche Bewegung er aber nicht mehr ganz hatte ausführen können, den einen Fuß etwas zurückgesetzt, wie er zurückgeprallt war, aber nur zu einem einzigen Schritte kommend.

So stand er regungslos und starr da, das Gesicht noch vor Schreck und Entsetzen ob der Feuererscheinung ganz entstellt.

»Manuelo Clissaro, hörst Du mich sprechen?«

Erst erfolgte eine krampfhafte Bewegung des Mundes, ehe sich die Lippen öffnen konnten.

»Ich höre Dich«, erklang es murmelnd.

»Sprich deutlicher! Du kannst ganz geläufig sprechen!«

»Ganz geläufig«, erklang es jetzt in ganz anderem Tone.

»Du vermagst Dich nicht zu rühren!«

»Nein, nicht zu rühren«, wurde gehorsam wiederholt.

»Nur, wenn ich es Dir befehle.«

»Nur, wenn Du es mir befiehlst.«

»Du gehorchst mir unbedingt!«

»Unbedingt.«

Tief schöpfte der Gefesselte einmal Atem.

»Ich habe kein Gelübde gebrochen, indem ich gegen diesen Mann meine hypnotische Macht anwandte«, hörte ich ihn flüstern, »denn ein solches habe ich nie geleistet — nur inkonsequent bin ich mir einmal geworden — — aber in diesem Falle war es angebracht — um mich zu schützen — — und es ist ja auch gar kein Mensch, sondern nur eine wilde Bestie.«

Er richtete seine konzentrierte Aufmerksamkeit wieder gegen den vor ihm Stehenden.

»Lass Deine Arme sinken!«

Die Arme sanken am Leibe herab.

»Kannst Du mich sehen?«

»Nein.«

»Ich befehle Dir aber, dass Du mich siehst!«

»Ich sehe Dich.«

»Was tue ich jetzt?«

Klingsor setzte den rechten Fuß etwas vor, so weit die Ketten es erlaubten. Mit Armen und Händen hätte er gar keine Bewegung ausführen können, sie befanden sich hinter seinem Rücken.

»Du setzt den Fuß vor.«

»Welchen?«

»Den rechten.«

»Was tue ich jetzt?«

»Du blinkerst mit dem linken Auge.«

»Mit dem linken?«

»Ja.«

»Das ist nicht wahr, es ist doch das rechte.«

Nur eine kurze Pause der Besinnung.

»Nein, es ist das linke Auge.«

»Gut. Hast Du den Schlüssel für meine Ketten bei Dir?«

»Ich habe ihn.«

»Zeige ihn!«

Langsam hob der Hypnotisierte die Hand, brachte aus seiner Tasche ein Schlüsselchen zum Vorschein.

»Öffne die Schlösser meiner Ketten! Befreie mich!«

Da aber zögerte der Hypnotisierte, widerstand, was auch seinem Gesicht anzusehen war.

»Du hast mir bedingungslos zu gehorchen! Gehorche mir!!!«

Sofort war der Widerstand gebrochen, der Professor begab sich mit etwas unsicherem Schritte hin oder brauchte überhaupt nur einen einzigen zu tun.

»Halt!«

Jener blieb wieder stehen.

»Manuelo, bist Du Dir alles dessen bewusst, was Du jetzt siehst und tust?«

»Ich bin es.«

»Was sollst Du jetzt tun?«

»Die Schlösser Deiner Ketten öffnen.«

»Und Du wirst Dir dessen auch hinterher deutlich bewusst sein, wenn Du erwacht bist.«

»Ich werde es sein.«

»Manuelo, es ist nicht nötig, dass Du mich befreist — — sieh her, wie ich mich selbst meiner Ketten entledigen kann!«

Klingsor beugte sich vor, er ruckte und riss.

Aber nicht nur das.

Es ging dabei etwas vor sich, was ich kaum beschreiben kann.

Nämlich wie sich sein Gesicht dabei veränderte. Wie auf seiner hohen, elfenbeinfarbenen, sonst ganz glatten Stirn plötzlich eine blaue Ader furchtbar hervortrat, von der Stärke eines dicken Bindfadens, eines Bleistiftes, und ebensolche Adern sah ich plötzlich auch an seinem Halse.

Und noch dazu diese Augen, diese Augen! Unbeschreiblich!

Und dann ein klirrendes Brechen, ein Krachen, und Klingsor, plötzlich wieder ein normales Gesicht bekommend, brachte hinter dem Rücken beide Hände zum Vorschein.

An jeder hing noch die Kette. Aber die eine war in der Mitte gebrochen, an der anderen war noch der Ring befestigt, mit einem langen, eingekerbten Haken, der in dem Felsen einzementiert gewesen war. Klingsor hatte also den ganzen Ring aus der Wand herausgerissen. Und was für eine Befestigung war das gewesen! Ich erkannte es erst später mit aller Deutlichkeit, als ich den stählernen Dübel und das Loch in der Felsenwand sah. Da packte mich das Staunen immer noch einmal.

Aber, was ich jetzt zu sehen bekommen hatte, genügte schon. Was für eine schier übernatürliche Kraft musste dieser Mann besitzen! Für einen irdischen Menschen tatsächlich übernatürlich. Und dabei sah er so schmächtig, sogar zart gebaut aus!

Aber nicht nur die Hände hatte er befreit, sondern gleichzeitig auch den Fuß, den einen, den linken, den er vorgesetzt gehabt hatte, wobei er etwas in die Kniebeuge gegangen war. Auch an diesem war die Kette dicht hinter dem Fußgelenk gebrochen. Und was für schwere Ketten waren das!

»Hast Du es gesehen, Manuelo?«

»Ich habe es gesehen«, wurde geflüstert, und der Schreck ob dieser Tat prägte sich auch während dieses schlafwachen Zustandes in dem hageren Gesichte des Italieners aus.

»Ich wollte Dir nur einmal zeigen, wie ich die Ketten brechen kann, hätte es eigentlich nicht nötig gehabt, konnte es von vornherein viel einfacher machen, indem ich — — sieh her!«

Er hielt beide Hände vor sich hin, fasste mit der linken den breiten Stahlring, der sein rechtes Handgelenk umschloss, und plötzlich war mir, als ob seine Hand ganz lang und schmal würde, genau konnte ich es nicht sehen, es ging zu schnell — — kurz, mit einem Male konnte er die Hand aus dem Ringe hervorziehen. Dann senkte er die linke Hand, und von dieser fiel der Ring ganz von selbst herab, er streifte ihn nicht erst über.

Dann hob er etwas den rechten, also noch vollständig gefesselten Fuß, setzte ihn ganz vorn auf die Spitze des linken, so zog er den Mokassin aus, trat einfach heraus, und auch dieser nackte Fuß schien sich plötzlich zu verlängern, und so zog er ihn ohne Weiteres aus dem Ringe.

»Hast Du gesehen, Manuelo?«

»Ich habe gesehen.«

Der lederne Mokassin wurde durch einfaches Hineintreten wieder angezogen.

»Du siehst, ich habe Deinen Schlüssel nicht nötig. Ebenso kann ich natürlich auch meinen linken Fuß befreien. Ich will nur einmal Deinen Gehorsam prüfen und außerdem einen sichtbaren Beweis hinterlassen, dass jemand meine Schlösser aufgeschlossen hat, ich habe meine guten Gründe dafür. Komm her, schließe das Schloss meines linken Fußes auf!«

Sofort gehorchte der Italiener, das Widerstreben war höchstens noch in dem Gesichtsausdruck zu erkennen, nicht in den Bewegungen, die er ganz schnell ausführte — — er ging hin, bückte sich erst, dann kniete er gleich ganz nieder, schloss zunächst die Kette von der Wand ab.

»Jetzt die Gelenkschelle!«

Auch das geschah.

»Nun auch noch diese Handfessel hier!«

Klingsor schlüpfte mit der rechten Hand wieder in den breiten Ring hinein, der doch so fest um sein Handgelenk saß, der Italiener richtete sich auf, gebrauchte auch an diesem seinen Schlüssel.

»So, mein lieber Manuelo, ich danke Dir. Tritt etwas zurück! So, halt! Hebe dort den Dolch auf! Gut! Dieser Dolch ist vergiftet?«

»Ja.«

»Ein tötendes Gift?«

»Nein.«

»Es versetzt in Starrkrampf?«

»Ja.«

»Was für eine Substanz ist das?«

»Eine Erfindung von mir.«

»Auf welche Weise hergestellt?«

»Synthetisch.«

»Aha! Dann brauchst Du mir ja nur die Formel zu nennen. Nenne sie!«

Der Italiener sprach eine ungeheuer lange und komplizierte chemische Formel aus, deren Anfang schon meinem Gedächtnis gleich wieder entschwunden war, obgleich ich doch etwas von Chemie verstehe und sonst ein ganz vorzügliches Gedächtnis besitze.

»Ach so, das ist mir gar nichts Neues und ich dachte überhaupt gleich so etwas. Geht dieses Zeug mit Stahl nicht eine Verbindung ein?«

»Ja.«

»Das hast Du noch nicht beseitigen können?«

»Nein.«

»Ist diese Dolchklinge von Stahl?«

»Von Stahl.«

»Dann lässt sich das Gift auch nicht von dem Dolche abwischen oder sonst wie entfernen?«

»Nein.«

»Dann kann ich ihn auch nicht brauchen«, sagte Klingsor, der den Dolch unterdessen aufgehoben und betrachtet hatte, und steckte ihn dennoch ein. »Hast Du sonst noch eine Waffe bei Dir?«

»Nein.«

»Kein Messer, keine Schusswaffe?«

»Gar nichts.«

»Gibt es denn hier in diesem Raume nicht einmal ein Messer?«

»Auch nicht.«

»Fatal!«, murmelte Klingsor, sich einmal flüchtig umblickend, während er sonst immer das weitergehende Bild an der Wand im Auge behielt, weniger den vor ihm stehenden Mann.

In der Tempelhalle war mit dem Menschenschlachten eine Pause gemacht worden, alles drehte sich wieder im Kreise, vorläufig ohne Nägel und Zähne aneinander zu probieren, und eben deswegen schien auch Klingsor sich Zeit zu lassen.

»Sssssst!«

Jäh fuhr er herum, das Gesicht gleich meiner Spalte zukehrend, also sofort die Richtung erkennend, woher das Zischen gekommen war.

»Was war das?«

Er hatte die Frage wohl an den Professor gestellt, der sie natürlich nicht hätte beantworten können, und es war auch nicht nötig, das tat ich schon selbst.

»Herr Klingsor, wenn Sie ein Messer brauchen, ich kann Ihnen eins zur Verfügung stellen, und auch eine Pistole, mit der ich noch gar nicht umzugehen weiß.«

»Was, das ist doch der Willmer?«

Ich hatte nur leise durch die Spalte geflüstert, und meine Stimme war von dem langen, künstlich erpressten Husten noch ganz heiser — allein das Ohr dieses Mannes hatte sie sofort erkannt, was ich im Augenblick zu würdigen verstand und bestaunen musste.

»Ich bin es, und wenn Sie mich einlassen, können wir bequemer als jetzt miteinander sprechen.«

»Wo sind Sie?«

»Hier nebenan in einem sehr niedrigen Raume, in dem ich nicht ganz aufrecht stehen kann, mit lauter Guckfenstern am Boden, die nach der Tempelhalle führen —«

»Aha! Sind Sie allein?«

»Ganz allein.«

Klingsor sprang nach der Wand, an der ich stand, verschwand daher meinen Blicken, und gleich darauf quoll aus jener geöffneten Tür wieder der breite Lichtstreifen.

Ich stand vor ihm. Er brauchte sich nicht so zu ducken wie ich mich.

»Was, Teufel!«

»Ja, der bin ich geworden, ein schwarzer, haariger Teufel, sogar mit Pferdeschwanz und Hörnern, nur der Pferdefuß fehlt noch.«

»Wie kommen Sie — — halt, einen Augenblick!«

Er huschte nach dem nächsten Bodenfenster, nach einem zweiten und dritten, kam zurück.

»Gut, wir haben noch Zeit, dann ist ja auch das Bild da — kommen Sie herein.«

Ich folgte ihm, er schloss die Tür wieder, die in der Felswand vollkommen verschwand, auch keinen Mechanismus oder dergleichen zum Öffnen zeigte.

»Wie kommen Sie hierher? Möglichst kurz, nur die Hauptsachen, bitte.«

In zwei Minuten war die Erzählung erledigt, das Wichtigste wusste er.

»Wunderbar, was Sie da erlebt haben! Die Klappe in dem Bassin kenne ich. Sie war also offen?«

»Wie ich sagte.«

»Und jenseits fanden Sie einen horizontalen Seitenschacht?«

»Wie ich berichtete.«

»Das ist mir bei der ganzen Sache das einzige Unerklärliche. Nun, das wird sich ja finden. Sie sprachen von einem Messer und einer Pistole.«

Ich gab ihm beides. Woher ich die hatte, das hatte ich noch nicht berichtet. Dass ich den Kerl erwürgte, das hatte ich zu den »Kleinigkeiten« gerechnet, bei denen ich mich nicht aufgehalten hatte.

»Sapristi, meine eigene Pistole, die ich schon lange vermisse!«, rief Klingsor mit einiger Überraschung. »Woher haben Sie die?«

Jetzt erfuhr er meinen ersten Mord, immer mit möglichst wenigen Worten.

»Aha, aha! Manuelo, kennst Du diese Pistole?«

Der Gefragte verdrehte die Augen, um die Waffe betrachten zu können, und verneinte.

»Natürlich, der Spitzbube hat sein Geheimnis für sich behalten. Herr Willmer, diese Pistole kommt mir wie gerufen. Die behalte ich, Sie würden sie überhaupt nicht zu gebrauchen verstehen, Sie nehmen das Messer wieder.

Nun will ich nur noch hier diesen Herrn erledigen, dann werden wir zusammen vorgehen. In einer halben Minute ist es geschehen.«

Er wandte sich dem Italiener wieder ganz zu.

»Manuelo, setze Dich dort auf den Stuhl!«

Jener ließ sich auf dem einzigen Stuhle nieder, der sich in diesem Raume befand.

»Hier bleibst Du sitzen, so lange Du in Hypnose bist.«

»Ich bleibe sitzen.«

»Niemand vermag Dich aus der Hypnose zu wecken!«

»Niemand.«

»Nur ich!«

»Nur Du.«

»Sobald ich das Wort ›Anakonda‹ ausspreche, erwachst Du.«

»Ich werde erwachen.«

»Wie heißt das Wort?«

»Anakonda.«

»Aber es ist nicht nötig, dass Du mich dieses Wort aussprechen hörst.«

Der Italiener war auch in diesem Zustande eines verdutzten Gesichtes fähig.

»Du verstehst mich nicht?«

»Nein.«

»Glaubst Du noch immer nicht an Telepathie?«

»An Telepathie? Nein.«

»Also so wenig wie damals, wo wir uns darüber unterhielten. Du wirst schon zur rechten Zeit erwachen. Und sobald das geschehen ist, tust Du Dein Möglichstes, mich aufzusuchen. Verstanden?«

»Ja «

»Du kommst zu mir; es ist Dein sehnlichster Wunsch, mich zu sehen, und wenn Du mich gefunden hast, stellst Du Dich mir zur Verfügung. Du brauchst nicht gerade nach mir zu fragen. Es soll nicht auffallen. Du wirst mich schon zu finden wissen. Nicht wahr?«

»Ich werde Dich finden.«

»So bald wie möglich.

Was sollst Du tun?«

Der Hypnotisierte wiederholte alles noch einmal, auch das Stichwort, das er auf telepathischem Wege empfangen sollte.

»Gut! Herr Willmer, bitte, wollen Sie sich einmal einen Augenblick umdrehen.«

Ich tat es.

»So, es ist geschehen«, sagte Klingsor schon nach kaum zehn Sekunden.

Als ich mich wieder umdrehte, sah ich eben noch, wie er seine Hand von dem Nacken des Italieners zurückzog. Sonst war nichts Auffälliges zu bemerken.

»Nun aber müssen wir uns beeilen, um wenigstens zu verhindern, dass diese Leutchen dort unten auch Menschenfresser werden.«

Wir verließen den Raum, Klingsor schloss hinter sich die Tür, nachdem er noch mit wenigen Handgriffen ausprobiert hatte, wie er sie auch von draußen aus öffnen könne.

Dem Drehen und Tanzen war wieder eine allgemeine Erschöpfung gefolgt, nur hatte sich diesmal merkwürdigerweise nicht die Manie geäußert, andere durch Beißen und Kratzen zu verwunden.

Die Leiter der Orgie suchten die Menge eben durch verschiedene Mittel immer mehr in Stimmung zu bringen.

Aber Menschenblut musste doch getrunken werden, jetzt wurden wieder neue Gefangene gebracht, deren Kehle durchschnitten werden sollte. Oder vielleicht schon regelrechte Schlachtopfer, die verzehrt wurden?

»Allmächtiger Gott, Stahlhand!«, flüsterte da Klingsor.

Auch ich sah ihn, Sakuntalas Vater. Weil ich ein gutes Gedächtnis für Physiognomien habe. Sonst hätte ich ihn nicht erkannt.

Den Indianerhäuptling repräsentierte er jetzt nicht mehr. Er war vollständig bekleidet, aber nicht etwa mit seinem gewöhnlichen Jagdkostüm oder einem ähnlichen, sondern er trug ein schneeweißes Gewand, eine Art Talar, der mit kleinen schwarzen Skorpionen bedeckt war, auf der Brust einen größeren.

Erst dann bemerkte ich, dass seine Hände auf den Rücken gebunden waren und dass er an jeder Seite einen der Henkersknechte hatte. Sonst hätte ich ihn eher für einen Priester gehalten, so würdevoll schritt er zwischen seinen Wächtern einher.

»Er ist das erste Schlachtopfer, dessen Fleisch verzehrt werden soll, er trägt die dazu bestimmte Kleidung ich kenne das von den Vaudoux her, wenn er hier auch anders signiert ist — — die Mahadeia, seine Tochter selbst soll ihn töten, schlachten, zerreißen!«

»Wir müssen ihn retten!«

»Selbstverständlich! Aber schnell, schnell, die Prozedur wird sehr rasch vor sich gehen, und so habe ich nicht mehr Zeit, mein zuerst geplantes Vorhaben auszuführen, ich muss schon von hier aus dort unten Verwirrung anrichten, um dann Zeit zu haben, hinabzukommen. Rufen kann ich nicht, die Fenster sind nach unten schalldicht — ja, schalldicht, aber glücklicherweise nicht — —«

Klingsor vollendete den Satz nicht, hob die Pistole, senkte sie wieder, richtete sie nach unten.

»Wo ist der Tunnel, der Weg durch die hohle Säule, den Sie benutzten?«

»Dort, dort.«

Er warf einen Blick nach meiner deutenden Hand.

»Leicht zu finden?«

»Ohne Weiteres.«

Ich musste ihm noch sagen, dass nichts weiter nötig sei, als die Sprossen hinabzusteigen, wobei er immer zur Eile drängte.

»Gut, gut. Wir werden's schon machen. Willmer, Sie bleiben hier oben. Sie werden gleich sehen, wie ich die Pistole handhabe. Wie jede andere. Sie nehmen die Pistole, ich eile weg. Was ich unten tun werde, werden Sie schon sehen. Wenn es sein muss, benutzen Sie die Pistole. Darüber kann ich Ihnen keine näheren Vorschriften machen. Sie handeln nach eigenem Gutdünken — — jetzt, jetzt — —«

Der Gefangentransport hatte die Götterfigur erreicht, ein Wink genügte, und der Häuptling erstieg von selbst die Stufe.

In der Tempelhalle herrschte lautlose Stille. Der Oberpriester hob sein langes Messer, aber nur, um es der Mahadeia zu reichen, die den Vater durch lächelndes Zunicken begrüßt hatte. Ob sie ihn wirklich erkannte, das war ja freilich eine andere Frage. Aber doch wohl nicht für die gläubige Menge. Für die freute sich die Tochter, ihren eigenem Vater zu Ehren ihres Gottes schlachten zu können.

Schon kniete sie nieder, wahrscheinlich um ihm die Kehle zu durchschneiden, denn schon wurde wieder das Blutgefäß bereitgehalten. Zuvor aber musste das Schlachtopfer, das erste, entkleidet werden; geschäftige Hände taten es.

Viel weiter sollte es nicht kommen.

Da entfuhr neben mir der auf das Bodenfenster gerichteten Pistole in Klingsors Hand ohne jedes Geräusch, auch ohne Knistern, ein schwacher, blauer Funke, nur in der hier herrschenden Dämmerung eben noch sichtbar, und plötzlich stürzte der eine Mann, der an den Häuptling Hand anlegte, wie vom Schlage oder wohl richtiger vom Blitze getroffen zu Boden, und bei dem zweiten Funken der andere, dann ließ die Mahadeia das Messer fallen und sank in den Schoß der Riesenfigur, dann stürzte der Oberpriester nieder, dann ein anderer Priester — —

»Nehmen Sie! Schießen, schießen! Ob es nötig ist oder nicht, urteilen Sie selbst!«

Klingsor hatte mir die Pistole in die Hand gedrückt und stürzte davon.

Dort unten entstand erst ein Gemurmel, dann eine Totenstille, und dann, als das Geschehene richtig zum Bewusstsein kam, brach ein ungeheurer Tumult los.

Alles drängte sich durcheinander, schrie und brüllte; viele flohen, schienen aber aus irgendeinem Grunde wieder zurückzukommen.

Ich war schussbereit, hielt die Pistole in der Richtung auf den Häuptling, allerdings bedeutend höher. Nur dem sollte der Schuss gelten, der ihn noch einmal antastete oder feindselig in die Nähe kam.


Illustration

Dabei aber wusste ich eigentlich noch gar nicht, was ich tun sollte.

Ja, tötete diese Schusswaffe denn? Unmöglich! Sonst hätte Klingsor doch nicht auch Sakuntala niedergeschossen. Wohl lagen sie alle wie leblos da, aber sie konnten doch nur betäubt sein. Klingsor hatte dies für so selbstverständlich gehalten, dass ich dies wissen müsse, dass er mir dies gar nicht erst besonders gesagt hatte.

Ja, so war es, anders nicht.

Also ich brauchte gar nicht so sorgfältig zu zielen, es kam nicht darauf an, wenn ich auch einmal den Unrechten traf. Den freilich, der jetzt da unten angestürmt kam, durfte ich nicht schießen.

Es war Klingsor. Mit einem gewaltigen Satze stand er gleich auf der zweiten Stufe, er benutzte sie nur als Sprungbrett, um sich noch höher zu schnellen auf den Schoß des Gottes, dort, wo Sakuntala lag.

»Auf die Knie nieder, Ihr Hunde!«, donnerte seine mächtige Stimme.

Und da plötzlich verstummte das Brüllen und Schreien der Menge, wieder herrschte Todesstille; alles stand wie erstarrt.

Dann aber gellte ein einziger Schrei durch die weite Halle.

Die Worte, die Klingsor gerufen hatte, waren die ersten mir verständlichen gewesen, nämlich deutsche, und deutsche Worte antworteten ihm, nur wenige englische und französische und vielleicht auch arabische mengten sich dazwischen.

»Der Fürst der Felsen — wehe uns! — der Fürst der Felsen!«

Und hier lag sicher keine hypnotische Beeinflussung vor; lediglich die Macht seiner Person, seiner Stimme, bewirkte das Wunder.

Alles warf sich plötzlich auf die Knie nieder, meist auch gleich das Gesicht gegen den Boden drückend.

»Der Fürst der Felsen — wehe uns — der Fürst der Felsen!«, ging der erste Schreckensschrei jetzt in ein Murmeln über.

Das war aber auch das Letzte, was ich dort unten sah und hörte.

Dort hinab sollte ich meine Pistole auch nicht abzufeuern brauchen.

Plötzlich ertönte ein leises Geräusch, und vor mir stand ein Mann, einen malaiischen Kris in der Faust, offenbar selbst ein Malaie in seiner heimatlichen Tracht.

Ich sah nur noch die boshaft funkelnden Augen und ein vor Hass und Wut verzerrtes Gesicht; weiter betrachtete ich es mir nicht, ich wusste, dass ich von dem Kerl nichts Gutes zu erwarten hatte, ich schlug die Pistole hoch und drückte ab; unter dem blauen Funken sackte er zusammen — —

In demselben Augenblick aber fühlte ich hinten in meinem linken Rücken einen stechenden Schmerz, als wenn mich eine Wespe steche, dann aber war es nicht nur ein Wespenstich — —

»Das ist ein Dolch, der mich von hinten durchbohrt!«

— — und wieder im nächsten Moment fühlte ich einen furchtbar brennenden Schmerz durch alle Adern, durch den ganzen Körper gehen, und das Bewusstsein verließ mich, ohne dass ich noch etwas von einem Zusammenbrechen merkte.

— • —

82. Kapitel
Vergeltung

M onsieur Rouen, die rechte Hand des Detektivbüro-Inhabers Mr. 1 Hukly , stand noch lange, in tiefe Gedanken verloren, am Fenster und schaute auf die Straße hinunter, auf welcher er die Wolfsgräfin hatte davongehen sehen.

Er sah sie immer noch, hörte ihre Stimme. Aber diese Gräfin war ihm doch Nebensache — jetzt wenigstens — früher hätte er alles darum gegeben, hätte er sie einmal so aus der Nähe beobachten und gar mit ihr sprechen können.

Auch noch, als sie gemeldet worden war, war er ja ganz außer sich gewesen. Und jetzt war sie ihm Nebensache? Ja, ganz und gar!

Aus dem einfachen Grunde, weil sie ihm etwas gezeigt hatte, was ihm viel wichtiger erschien als alle Redensarten und Märchen, die man sich von dieser Maladetta, dieser verrückten Wolfsgräfin, erzählte.

»Dieser Loke Klingsor existiert!«, murmelte er vor sich hin, sich immer noch einmal über die Augen streichend, wie er es schon wiederholt getan hatte — eben wie einer, der mit wachen Augen geträumt zu haben meint und sich nun überzeugen will, ob er wieder bei vollem Bewusstsein ist oder ob sein Geist noch irgendwo umherirrt — —

»Dieser Loke Klingsor lebt! Es kann ja gar nicht anders sein. Sie hatte sein Bild. Und merkwürdig genug sah der Mann ja aus. Aber was will Lord Clifford von ihm? Warum sucht er gerade diesen Mann und kann gar nicht mehr froh werden, bevor er ihn nicht gefunden hat? Und wo lebt dieser Loke Klingsor?

Auch die Gräfin sucht ihn — das lässt eigentlich tief blicken. Man munkelt doch — und sicher nicht ohne Grund — dass sie sich auf allerlei geheime Künste versteht, dass sie zaubern kann — —«

Monsieur Rouen schüttelte den Kopf.

»Ach, zum Teufel, was kümmere ich mich denn um diese Gräfin! Was geht sie mich an? Die Belohnung? Nun ja, die möchte ich mir ja verdienen,

1 Im Kapitel 40 hieß Mr. Hukly noch ›Huxly‹. aber wer weiß denn, wie lange ich da suchen muss — und vielleicht finde ich doch nichts — —

Nein, nein, da halte ich mich lieber an das Nächstliegende, an das Sichere — und das ist dieser Lord Hektor Clifford! Den kann ich anzapfen, den habe ich zur Hand, brauche ihn nicht erst zu suchen — Hei, wie der lauschen wird, wenn ich ihm erzähle, dass ich etwas von diesem Loke Klingsor erfahren habe! Da kann ich schon — —«

Er verstummte in seinem langen Selbstgespräch.

Scheu blickte er sich um, öffnete auch noch die nach den Nebenräumen führenden Türen, ob niemand in diesen Räumen war — dann aber verließ er mit auffälliger Hast das Haus und ließ sich durch einen RikschaKuli nach der Schwarzen Stadt fahren, dem Eingeborenenviertel.

Vor einem der armseligen Häuser musste der Wagen halten. Mr. Rouen stieg aus, bezahlte den Kuli und schlenderte dann die schmutzige Gasse entlang.

Plötzlich blieb er stehen. Die Gasse hatte sich etwas erweitert. Die Sonne drang ein.

Die Ursache aber war eine ganz besondere, wie man sie eben nur hier finden konnte: Infolge Baufälligkeit waren die Häuser der rechten Seite eingestürzt. Wie lange das schon her war, hätte schwerlich jemand sagen können. Keinesfalls hatte jemand daran gedacht, die Trümmer wegzuräumen, und es war ja auch nur Lehm mit ganz wenigem Balkenwerk darunter. Wer sollte sich denn da die Mühe machen, sich um das Zeug zu kümmern?

Die gegenüberliegende Seite aber lag infolge dieses Hauseinsturzes nun im grellsten Sonnenschein da, und das war vielleicht auch der Grund, weshalb die Palme, die sich vor dem einen der Häuser erhob, recht gut gedieh — —

»Früher war sie am Eingehen«, murmelte der Detektiv vor sich hin. »Ich hätte sie fast nicht wiedererkannt, weil sie jetzt so frisch aussieht. Hier ist es, hier werde ich sie finden.«

Er schaute sich noch einmal um, brauchte aber hier erst recht keinen Spion zu fürchten, denn die Eingeborenen hassen die grelle Sonne, hängen über ihre schmutzigen Gassen noch Tücher und Teppiche, dass ja kein Strahl des Tagesgestirns hereindringt, und so saßen denn hier auch keine Handwerker vor den Türen, die ganze Stelle lag menschenverlassen da.

Mr. Rouen schritt zu der Palme, als wollte er sich ihres Schattens erfreuen. Er kehrte den Rücken dem dahinterliegenden Hause zu und so natürlich auch der engen Pforte, die dieses verschloss.

Dabei aber hob er hinter seinem Rücken eine Hand und spielte scheinbar mit den Fingern an dem metallenen Gitterwerk herum, das den oberen Teil dieser Türe zierte. Nur ein scharfer Beobachter hätte bemerken können, dass das Fingerspiel aber doch nicht so zwecklos war. Verschiedene Teile der Verzierung ließen sich bewegen, und auf einmal tat sich die Tür auf.

Sie sprang nicht etwa ganz zurück, dass der Eingang frei lag — nein, ein leises Schnarren ertönte, und nur ein ganz enger Spalt zeigte sich. Aber als Mr. Rouen nun an die Türe drückte, da konnte er sie ganz zurückschieben, und schon war er in dem finsteren Gang, der dahinter lag, verschwunden.

Selbsttätig schloss sich die Pforte wieder, abermals erklang das leise Knarren.

Mr. Rouen stand still, lauschend. Er hatte sich nicht geirrt. Er befand sich nicht allein in dem fast dunklen Flur, der für ihn erst recht stockfinster erscheinen musste, da er aus dem grellen Sonnenlichte von draußen kam.

»Hassan?«, murmelte er nunmehr.

Er erhielt keine Antwort, aber mehr als zuvor hatte er das Empfinden, nein, die Gewissheit, dass er nicht allein war, und so sprach er nochmals fragend, fast bittend, den Namen aus. Diesmal erhielt er eine Antwort.

»Was führt Dich hier herein?«, fragte eine kaum vernehmbare Stimme.

»Also doch!«, murmelte Rouen. »Ich fürchtete schon, es sei niemand mehr hier!«

Der Unsichtbare erwiderte darauf nichts.

»Ist die Herrin da, Hassan?«, fragte Mr. Rouen darauf.

»Wer bist Du?«, klang es nunmehr aus der Finsternis.

»Aber, Hassan, Du kennst mich doch!«

»Ich kenne niemand!«

»Hassan!«

»Gib das Stichwort! Gleich! Oder Du wirst bereuen, dass Du hier eingedrungen bist!«

»Ich traue Dir zu, dass Du mir kaltblütig die Schlinge über den Kopf wirfst, schwarzer Satan!«, entgegnete der Detektiv ärgerlich. »Wie soll ich denn das Stichwort kennen, da ich seit vielen Monaten nicht hier war? Sage Deiner Herrin, Fred sei da, und hier —«

Er hatte Geld aus der Tasche gezogen und gab es dem Unsichtbaren, wollte es ihm geben, aber es ward nicht genommen.

Hassan schien stolz zu sein oder nicht auf solche Trinkgelder erpicht.

»Bleibe stehen, wo Du stehst!«, befahl er jetzt. »Ich warne Dich! Jeder Schritt, den Du tust, bedeutet den Tod! Ich werde fragen.«

»Lauf nur! Und spar Dir die Warnungen!«, entgegnete Mr. Rouen. »Ich kenne doch die Fallen, die Ihr hier angebracht habt, und bin nicht so töricht, meine gesunden Knochen aufs Spiel zu setzen.«

Dann lauschte er, vermochte aber nicht zu unterscheiden, ob der, den er Hassan genannt hatte, sich entfernte oder nicht. Zu hören war nichts. Jedenfalls hatte der Mann Schuhe mit sehr weichen Sohlen an oder gar keine, und in beiden Fällen waren seine Schritte nicht zu hören.

Es dauerte aber nicht lange — nicht eine Minute konnte verstrichen sein — da ward der Detektiv plötzlich an einer Schulter gefasst.

Das kam so plötzlich und so vollkommen unerwartet, dass er erschrak. Doch er beruhigte sich sogleich wieder, besann sich, dass das auch früher immer so gewesen war, und ließ sich willig vorwärtsschieben.

Was nun kommen würde, wusste er ja, und so war er nicht erstaunt, als ihm plötzlich blendende Helle entgegenstrahlte.

Hassan mochte mit einem Ruck eine in der Finsternis unsichtbare Tür geöffnet haben. Mr. Rouen stand an der Schwelle eines Raumes, und nachdem sich seine Augen von dem schnellen Übergange von tiefster Finsternis zu hellstem Lichte erholt hatten, verbeugte er sich auch schon — nicht etwa aber ehrerbietig, nicht einmal höflich — es war mehr eine Verbeugung, wie man sie vor einem guten Freunde macht, mit dem man schon einmal ein Kalb ausgetrieben hat, vor einem Spießgesellen.

»Du?«, klang es ihm entgegen.

Eine Frauenstimme sprach das eine Wort, und auf dem Lager aus Decken und Kissen, das mit einem prachtvollen Tigerfell überbreitet war, lag tatsächlich eine Frau. Oder ein Mädchen?

Zu unterscheiden war das nicht so ohne Weiteres, denn die Züge des schönen Gesichts hatten etwas Starres, lächelten nicht, schauten aber auch nicht finster — sie schienen überhaupt keiner Bewegung fähig. Nur die Augen schienen lebendig zu sein, aber auch sie hatten einen seltsam starren und harten Blick.

Das Gesicht selbst aber war unstreitig schön, sogar sehr schön, und dem entsprach auch der Körper. Das war leicht genug zu beurteilen, da er nach indischer Sitte nur mit einem leichten Hausgewand bekleidet war.

Es bestand aus einer hauchdünnen Bluse für den Oberkörper — oder vielleicht war das auch nur das Hemd — und aus weiten Beinkleidern, die an den Knöcheln durch goldene, mit Edelsteinen besetzte Armbänder gehalten wurden — »Beinbänder« wäre demnach vielleicht der treffende Ausdruck gewesen.

Aber auch Armbänder waren vorhanden, sogar in überreicher Zahl. Die nackten, runden Arme waren mit ihnen förmlich gepanzert —

Die Dame schien überhaupt, wie alle Inderinnen, den Schmuck sehr zu lieben. Ihre schlanken Finger trugen unzählige Ringe, und von den Steinen darin ging bei jeder Bewegung ein Funkeln und Blitzen aus, das den Augen wehtat.

Ja, war denn das überhaupt eine Inderin? Oder auch eine Eurasierin? Das reiche Haar, das gelöst herabwallte, war lichtblond, die Augenbrauen dagegen tiefschwarz. Das sagte ja an sich nichts. Haare lassen sich färben, und gerade die Orientalinnen haben darin etwas los. Das Henna, dem jetzt gewisse Dämchen bei uns ihr goldblondes Haar verdanken, stammt aus dem Orient.

Jedenfalls konnte einer, der dieses Weib zum ersten Male erblickte, nicht gleich aus ihm klug werden, wusste nicht, welcher Rasse es eigentlich angehörte.

Mr. Rouen kam nicht in diesen Zwiespalt. Er sah diese Dame nicht zum ersten Mal, und er nannte auch gleich ihren Namen.

»Nun, schöne Lilith, wie ist es Dir immer ergangen?«, fragte er.

»Was kümmert das Dich?«, klang es hochmütig zurück. »Was willst Du überhaupt hier? Ich habe Dich nicht mehr zu sehen erwartet. Und ich freue mich auch nicht etwa, dass Du doch wiedergekommen bist.«

Das klang ja nicht sehr einladend, aber dieser IndoMalaie, oder was er sonst war, hatte doch ein dickes Fell, musste es für seinen Beruf haben — er verbeugte sich abermals, jetzt mit offenem Spott.

»Davon reden wir noch!«, erwiderte er. »Ich müsste mich sehr irren, und Du müsstest Dich sehr verändert haben, wenn Du nicht auch jetzt noch auf ein gutes Geschäft eingingst, das Dir geboten wird.

Jetzt aber möchte ich Dich höflichst bitten, den Pflichten der Gastfreundschaft zu genügen und mir eine Erfrischung anbieten zu lassen. Es ist verdammt heiß draußen — —«

»Niemand hat Dir geheißen, zu mir zu kommen«, klang es ebenso kühl wie vorher zurück.

»Du irrst, schöne Lilith. Doch wie gesagt, davon nachher! Also bitte, ein Glas Eiswasser!«

Die Dame klatschte leicht in die Hände. Einer der Teppiche, mit denen die Wände des ganz orientalisch ausgestatteten Gemaches verhängt waren, bewegte sich leicht, doch herein kam niemand.

»Ein Glas Eiswasser!«, befahl die Dame.

»Und eine Karaffe Wein!«, fügte Mr. Rouen hinzu.

Nach kurzer Zeit ward durch einen Spalt zwischen zwei Teppichen eine Hand gereckt — eine Mädchenhand offenbar — sie hielt ein silbernes Tablett, und auf diesem stand das Gewünschte.

Mr. Rouen ging hin, ergriff das Tablett, die Hand zog sich zurück, er sah sich um, entdeckte einen niedrigen Hocker, stellte das Getränk darauf, setzte sich selbst daneben auf den Boden, zog sein Zigarettenetui, brannte sich eine an, trank erst einen Schluck Wein, dann etwas Eiswasser und wendete sich wieder der Dame zu.

»Als was trittst Du jetzt auf, schöne Lilith?«, fragte er dann. »Oder hast Du diese Rolle nicht gespielt?«

»Was kümmert es Dich?«

»Du bist sehr, sehr kühl, schöne Lilith!«, versetzte Mr. Rouen. »Du scheinst es darauf anzulegen, mich wieder hinauszugraulen. Ich denke, Du lässt das aber lieber. Es ist so ein eignes Ding, mich zum Feinde zu haben — —«

Er konnte nicht weitersprechen, denn die Dame, die er mit dem Namen Lilith anredete, hatte sich jäh aufgerichtet, und jetzt allerdings hatten die vorher so starren Augen Leben gewonnen. Sie funkelten derart, dass auch ein tapferer Mann Furcht hätte spüren können.

»Du willst mir drohen?«, rief sie dabei. »Du? Hast Du vergessen, wo Du bist? Soll ich Hassan rufen? Ach, es wäre ja gar nicht nötig. Von hier aus — —«

Jetzt aber kam sie nicht weiter, denn Mr. Rouen war mit einem einzigen Satze nicht nur aufgesprungen, sondern auch gleich bis zur Tür retiriert, sodass er auf der steinernen Schwelle stand.

Und es war höchste Zeit gewesen, dass er das tat.

An der Stelle, wo er eben noch gesessen hatte, gähnte jetzt ein Loch — der niedrige Sessel mit dem daraufstehenden Tablett war verschwunden — —

»Teufelsweib!«, knirschte der Detektiv. »Bei Dir ist man allerdings seines Lebens nicht sicher, und Du machst Dir — — Doch lassen wir das!«, unterbrach er sich und strich sich mit einer Hand den kalten Schweiß von der Stirn, der ihm ausgebrochen war. »Ich hätte mir denken können, dass Du nachträglich bist, dass Du mir gewaltig übel genommen hast, dass ich Dich nicht mehr bemühte — aber, Lilith, ich habe doch warten müssen, bis ich alles für den größten Zug bereit hatte, den wir je miteinander getan haben — jetzt ist es so weit, deswegen kam ich — und da willst Du mich in einem der Löcher verschwinden lassen, an denen Dein Haus so reich ist?

Das ist nicht schön von Dir, Lilith! Und wenn Du keine Lust hast, den Schlag mit mir zu wagen, dann sage es, dann lass mich aber wenigstens wieder hinaus! Dass ich Dich nicht verraten werde, weißt Du, denn wollte ich es, dann hätte ich es schon längst getan!«

»So? Du hättest es schon längst getan? O, Du Narr! Du eitler, aufgeblasener Narr!«

Nun, diese Dame schien den Mr. Rouen recht gut zu kennen, denn ein treffenderes Urteil hätte sie ja gar nicht über ihn abgeben können als dieses — und dass es traf, das war auch dem schönen Puppengesicht dieses Mannes gleich anzusehen, es verzerrte sich im wütendsten Ärger — —

Aber er machte diesem nicht etwa Luft. Er schien genau zu wissen, dass das hier gar nicht ratsam, sondern im Gegenteil sehr, sehr gefährlich war, und so mühte er sich, ein Lächeln zu zeigen.

»Du wirst doch nicht — — gar keinen Spaß verstehst Du mehr —«

»Ich habe nie Spaß verstanden!«, klang es kühl zurück. »Und da wir einmal bei diesem Thema sind, so will ich Dir gleich noch eins sagen: Dieser Mr. Farman ist mein!«

Der Detektiv schaute sie fast entsetzt an. So prallte er auch noch zurück, so weit es der enge Raum an der Türe gestattete.

»Du weißt — —?«, stammelte er.

Ehe aber eine Antwort kommen konnte, hatte er sich schon wieder in der Gewalt. Es war ganz merkwürdig, wie schnell das geschah — dieser Übergang von fassungslosem Schrecken zu völliger Ruhe.

»Ich vergaß!«, sagte er.

Die schöne Lilith, wie er sie genannt hatte, schien ebenfalls ihre kurze Erregung niedergezwungen zu haben. Sie hatte sich wieder zurückfallen lassen, lag nun, den Kopf auf eine Hand stützend, da, und es sah ganz aus, als hätte sie ihren Besucher vergessen.


Illustration

Immerhin mochte sie den Mechanismus in Bewegung gesetzt haben, durch den vorher der Fußboden stellenweise verschwunden war. Jetzt fügten sich die Platten wieder an ihre Stelle, und auch ein scharfes Auge hätte schwerlich etwas von dem Vorhandensein einer so tückischen Falle gewahren können.

»Wollen wir nun verhandeln oder soll ich mich entfernen?«, fragte Mr. Rouen. »Ich will mich Dir durchaus nicht aufdrängen, und wegen dieses Mr. Farman — bah, dieser Schuft hat hundertmal schon verdient, dass er in Deine Hände fällt. Wenn Du ihn haben willst, helfe ich Dir sogar dazu, und gern!«

»Nicht nötig!«, erwiderte Lilith.

»Du hast ihn schon?«, rief, nun doch wieder überrascht, der Detektiv.

»Er ward mein, als er das Haus Mr. Huklys verließ.«

»Na, da hat sich das ja erledigt. Und was planst Du mit ihm?«

»Du wirst es sehen.«

»Mir recht. Nun also zu dem anderen. Du weißt schon, was ich meine. Es handelt sich um diesen Lord Clifford.«

Es war, als zuckte der Körper der Frau etwas zusammen, als dieser Name erklang, doch das war so unmerklich, dass es dem Detektiv entging.

Dieser stand noch an der Tür, wagte sich noch nicht auf seinen früheren Platz zurück, traute also dem Landfrieden noch nicht ganz.

Da aber winkte ihm die weiße Hand.

»Setze Dich hierher!«

Mr. Rouen gehorchte, nahm dicht neben dem Lager der merkwürdigen Dame Platz, wieder mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden hockend, und hier durfte er sich ja sicherer fühlen als vorher, denn falls jetzt der Boden unter ihm versank, dann konnte und wollte er das Weib packen —

»Erzähle, was Du zu erzählen hast!«, gebot Lilith nunmehr.

»Ich denke, Du weißt schon alles?«

»Du sollst erzählen! Lass mich nicht immer meine Befehle wiederholen! Du weißt, ich liebe das durchaus nicht.«

»Befehle? Na, meinetwegen, nennen wir es so. Wünsche schöner Damen sind ja stets Befehle. Auch ich werde also gehorchen.«

Mr. Rouen überlegte sich schnell noch einmal, was er sagen wollte und sagen durfte, gab dann einen kurzen Bericht über den schwermütigen jungen Lord, so weit er selbst Bescheid wusste.

»Er sucht einen Mann, der sich Loke Klingsor nennt«, endete er. »Und wenn er ihn findet, so zahlt er dem, der ihm dazu hilft, eine Belohnung, wie sie wohl überhaupt noch nicht gezahlt worden ist.«

»Woher weißt Du das — ich meine, dass er diesen Mann sucht?«, klang von der Ottomane die Frage.

»Er sagt es doch selbst.«

»Und?«

»Was denn ›und‹?«

»Du bist doch noch nicht zu Ende. Du vergisst die Hauptsache!«

»Die Hauptsache? Ich verstehe Dich nicht!«

Mr. Rouen rieb sich verlegen die Hände. Er dachte: »Das ist doch wahrhaft ein Teufelsweib! Und sie wird von ihren Spähern ausgezeichnet bedient! Hätten wir eine solche zuverlässige Helferschaft, dann könnten wir Erfolge erzielen, die ans Wunderbare grenzten!«

Aber er war entschlossen, nichts weiter zu verraten.

»Auch die Maladetta sucht diesen Loke Klingsor«, sagte da die schöne Lilith, wie so nebenbei.

Die Haupteigenschaft jedes Detektivs, der Erfolge haben will, muss die strikteste Selbstbeherrschung sein. Mr. Rouen nannte sich Detektiv, und er mochte auch sonst, anderen gegenüber, sich beherrschen können. Diesem Weibe gegenüber vermochte er es nicht.

Er sprang auf. »Weib, woher weißt Du nun auch das schon wieder?«, rief er außer sich, mehr entsetzt als verblüfft. »Niemand war in der Nähe, als ich mit ihr sprach — —«

»Das denkst Du. Also gesprochen hast Du mit ihr, das gibst Du schon zu. Und sie zeigte Dir ein Bild, das Bild dieses Loke Klingsor. Ich will es Dir beschreiben.«

Und sie schilderte das Bild genau so, wie es gewesen war. Immer weiter öffneten sich die Augen des Detektivs. Immer dümmer wurde der Ausdruck seines Gesichts.

Lilith aber achtete nicht darauf, wendete ihm ja noch den Rücken zu, und so sprach sie nun, gegen die Wand gekehrt:

»Diesen Mann suche auch ich!«

»Du?«

»Und Du wirst mir helfen, ihn finden! Eben durch die Person dieses Lords Clifford!«

Da setzte sich Mr. Rouen wieder. Er schielte nach dem Hocker hinüber, auf dem noch Eiswasser und Wein standen, auf dem auch sein Zigarettenetui lag. Gern hätte er jetzt erst seine plötzlich trocken gewordene Kehle mit einem Schluck angefeuchtet, sich eine andere Papyros angebrannt — er wagte es nicht —

Lilith aber schien seine Gedanken zu erraten.

»Geh nur hin, es wird Dir nichts geschehen!«, sagte sie.

Da sprang er auf, füllte sich sein Glas halb mit Wasser, goss Wein zu und leerte es in einem Zuge.

Das schien ihm die verlorene Ruhe zurückzugeben. Seine Hand zitterte nicht, als er die Papyros anbrannte.

Dann setzte er sich wieder vor der Ottomane auf den Boden.

»Du wirst keinen hohen Begriff von mir bekommen haben«, sagte er. »Ich habe mich jedenfalls sehr töricht benommen. Jetzt aber bin ich wieder der Alte, und nun wollen wir nicht erst lange um die Sache herumreden, sondern gleich auf die Kernpunkte eingehen. Du weißt, was ich Mr. Hukly vorschlug?«

»Dass Du den Lord durch eine Hetäre umgarnen lassen wolltest, durch diese Miss Phöbe?«

»Ja«, gab er kurz zurück.

»Sie ist hier?«

»Noch nicht.«

»Aber Du hast ein Bild von ihr?«

Rouen griff in eine Innentasche seines Rockes, brachte eine Kabinettfotografie hervor und reichte sie der Dame.

Diese nahm das Bild und schaute es lange an, mit ganz eigenartigen Blicken. Es stellte eine wirklich überraschend schöne Frau dar, schlank und doch üppig, ein rassiges Gesicht, die Augen groß und wie in heißer Sehnsucht brennend, mit lächelndem Munde, der zum Küssen lockte —

Die Dame, die also die berühmte und berüchtigte Halbweltlerin Phöbe war, hatte es durch diese fotografische Aufnahme dem Beschauer sehr leicht gemacht, ihre Schönheit zu beurteilen. Sie hatte so gut wie gar nichts auf dem Leibe, wirkte aber doch nicht frech und schamlos, sah eher aus wie eine jener Künstlerinnen, die in sogenannten Revuen auftreten, wo es sich doch nicht um wahre Kunst handelt, sondern höchstens darum, möglichst viel Fleisch zur Schau zu stellen. Das bisschen Zeug, was Phöbe trug, konnte also immerhin ein Phantasiekostüm vorstellen.

»Dieses Bild war für den Lord bestimmt?«, fragte Lilith, die ja selber kaum mehr auf dem Leibe trug.

»Ja und nein«, lautete die Antwort.

»Wie meinst Du das? Ich bitte Dich, ganz deutlich zu sein.«

»Nun, ich habe mir das Bild senden lassen, wollte es auch dem Lord in die Hände spielen — ehe ich ihn noch näher kannte. Du hast ja sicher schon durch Deine Spione erfahren, dass immer, wo Hektor Clifford auftaucht, die Post einen Sonderdienst für ihn einrichten muss. Seine sonderbare Geschichte ist längst in aller Welt bekannt. Dafür haben die Zeitungsschreiber gesorgt, die sich einen solchen interessanten Stoff doch nicht entgehen lassen. Alle Welt weiß, dass der junge Lord gemütskrank ist, seit die Portierstochter starb, die er geliebt haben soll. Alle Welt weiß aber auch, dass Lord Clifford einer der reichsten Männer der Erde ist.

Na, da ist doch selbstverständlich, dass Bettelbriefe an ihn gerichtet werden. Zu Tausenden gehen sie ein, und das sind nicht alles so gewöhnliche unverfrorene Bitten um ein Darlehen oder ein Geschenk, das sind nicht nur Künstler und Künstlerinnen, die sich an ihn wenden, er möchte ihnen die Ausbildung ermöglichen, das sind auch nicht nur Erfinder, denen er Geld geben soll, das sie bald zurückzahlen würden — der weitaus größte Teil aller Briefe stammt von Frauen und Mädchen, die ihn trösten wollen, manche wirklich aus ehrlichem Mitleid, die meisten aber doch nur, weil er eben der reiche Lord ist —«

Mr. Rouen schwieg. Er hatte natürlich die Wahrheit gesprochen. Es ist eine Schande für die gesamte Menschheit, was er da berührt hatte.

Wenn in irgendeiner Stadt ein amerikanischer Millionär auftaucht oder gar ein exotischer Fürst — aber reich muss er sein — dann kann die Post die für diese Herren eingehenden Briefe nicht mehr bewältigen. So war es zum Beispiel, als Vanderbilt seine Deutschlandreise antrat. Da hatten mehrere Sekretäre Tag für Tag von früh bis abends angestrengt zu arbeiten, um alle die Bettelbriefe zu öffnen, zu lesen und zu sondern, denn der Amerikaner hatte bestimmt, dass geholfen werden sollte, wo Hilfe angebracht sei.

Die meisten dieser Briefe aber stammten auch damals von Frauen und Mädchen, trotzdem doch von einer unglücklichen Liebe und von Schwermut bei diesem Milliardär keinesfalls die Rede war. Und die meisten enthielten solche große Fotografien, und die Weiber, die sich da hatten fotografieren lassen, trugen fast allesamt nicht mehr auf dem Leibe als hier die Madame Phöbe; viele hatten auch das noch verschmäht — hatten sich gleich im Kostüm ihrer Stammmutter aufnehmen lassen — —!

Und bei dem Zwecke, den sie verfolgen, war das ja auch das einzig Richtige! Sie wollten sich verkaufen, boten sich als Sklavinnen für den Harem des Amerikaners an, für immer oder vorübergehend, das kam ja gar nicht darauf an!

Und wenn damals Mr. Vanderbilt diese Bilder der Öffentlichkeit hätte zugänglich machen wollen, da würde die Menschheit wohl sehr, sehr gestaunt haben — weil Damen darunter waren, die eine große Rolle spielten, von denen man so etwas niemals erwartet hätte — —

Aber die Bilder hätten sich ja gar nicht veröffentlichen lassen. Da wäre doch sogleich der Staatsanwalt gekommen und hätte alles beschlagnahmt, da hätte Vanderbilt nur sehen können, dass er wieder außer Landes kam. Er dachte nicht daran, er hat keins dieser Bilder zu sehen bekommen, aber die Sekretäre, die er mit dieser verhängnisvollen Arbeit betraute, die sind sämtlich unverheiratet geblieben — ihre Verachtung vor allem, was Weib heißt, war ja erklärlich — und noch größer musste doch ihr Misstrauen sein, denn unter den schamlosen Dirnen, die sich da verkaufen wollten, war die Mehrheit Frauen — glücklich verheiratet, wie die Welt wenigstens annehmen musste — und ehrbar, unantastbar, vom besten Rufe — —

So etwas vermag das Geld! Und wenn einer das nicht glauben möchte, so kann er sich ja befragen.

Das also meinte Mr. Rouen. Da brauchte er weiter gar nichts anzudeuten. Er hatte eben dieses Bild mit einschmuggeln wollen.

Das wäre ja auch sehr leicht gewesen.

»Nein, das ging nicht!«, sagte er. »Dieser Stockfisch von einem Lord will ja überhaupt kein Weib mehr sehen, und die Briefe, die für ihn einlaufen, werden überhaupt nicht geöffnet. Er hat außer dem deutschen Arzt wohl noch einige Diener mitgebracht, aber keinen Sekretär.«

»Ich weiß.«

»Na, dann ist's ja gut. Jedenfalls nützt mir das Bild nichts, ich hätte warten müssen, bis Madame Phöbe hier war, aber auch davon versprach ich mir nicht viel — jetzt denke ich nicht mehr an diesen Plan.«

»Du willst Phöbe nicht kommen lassen?«

»I wo! Wenn ich die unnütz bemühe, dann geht es mir schlecht. Die kenne ich doch! Und sie hat ja jetzt gerade einen Gimpel im Netz, einen solchen braunen indischen Affen —«

»Du wirst sie doch rufen!«, sagte da Lilith.

»Nanu!«

»Ja, Du wirst sie rufen! Ich will sie sehen.«

»Du?«, erwiderte Rouen.

Plötzlich aber kam ihm eine Erleuchtung.

»Du willst sie sehen, um sie genau kopieren zu können? Ach, weißt Du, diese Mühe wirst Du Dir sparen können, denn was nützt Dir das alles, wenn der Lord Dich nicht einmal anguckt? Und wenn Du Dich ihm an den Hals werfen oder ihn sonst wie überrumpeln willst, so rate ich Dir sehr davon ab, denn seine Diener gehen durchaus nicht zart mit solchen Damen um, die haben strengste Anweisung, sie sofort hinauszuwerfen —

Nein, schöne Lilith, da nützt alles nichts, auch die reizende Madame Phöbe würde unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen.«

»Du irrst, denn sie wird dem Lord sagen, dass sie Loke Klingsor kennt, dass sie weiß, wo er lebt, wo er zu finden ist!«, sagte die Dame.

Auch jetzt noch wendete sie sich nicht ihrem Besucher zu, ihre Stimme klang vollkommen ruhig, und doch hatte sie da etwas ausgesprochen, was den Detektiv außer sich geraten ließ. Er sprang nicht nur auf, sondern er lief auch gleich in dem Zimmer umher, gar nicht mehr daran denkend, welchen Gefahren er sich dabei aussetzte.

»Weib! Lilith! Du bist unübertrefflich!«, rief er dann, vor ihr stehen bleibend. »Du hast sofort gefunden, was ich suchte. Ja, so wird es gemacht! So fangen wir — —«

»Wir? Die Rede war nur von mir! Dich brauche ich nicht dabei!«, erklang es kühl und hohnvoll.

»Ja, aber — —«

»Was denn? Du meinst, Du seist doch zu mir gekommen, um mir dieses Geschäft vorzuschlagen, ich müsste Dir den gebührenden Anteil bewilligen? Habe ich Dir nicht bewiesen, dass ich alles schon wusste, was Du mir erzählen konntest? Auch das von diesem Weibe hier? Und glaubst Du etwa, dass — —

Genug! Ich brauche Dich nicht, und ich rate Dir, vergiss, was Du eben gehört hast — vergiss es bald und ganz! Es könnte Dich das Leben kosten, wenn Dein Gedächtnis hier einmal zuverlässig sein sollte. Du verstehst mich?«

Der Detektiv wurde erst bleich vor Ärger, dann aber rot vor Wut. Er sprang wieder auf.

»Abschütteln willst Du mich? Betrügen? Das gibt es ja nun freilich nicht, und wenn Du nicht einlenkst, dann werde ich dafür sorgen, dass Dein Plan unausführbar wird! Ich brauche ja bloß eine Warnung —«

Er verstummte in jähem Schrecken.

Ganz plötzlich war er gepackt worden, er spürte feste Griffe an seinen Oberarmen, an seinen Beinen — Entsetzt schaute er hin — Es war kein Gedanke mehr daran, dass er seinen Revolver hätte ziehen können; diese Hände hielten fest wie eiserne Klammern — Hände? Nein, das waren nicht etwa die Fäuste Hassans, die ihn wehrlos machten. Der hatte ja auch bloß zwei Hände, nicht vier, wie der Detektiv ja deutlich spürte.

Das waren wirklich Stahlklammern, die sich auch schon unlösbar geschlossen hatten, wahrscheinlich durch eine Stahlstange auf seinem Rücken verbunden. Es war eine jener Teufelsmaschinen, die hier überall angebracht waren und an die er sich in seiner Wut nicht erinnert hatte.

Er wollte zornig aufschreien, aber er brachte keinen Laut hervor. Jetzt klang durch den üppig ausgestatteten Raum ein Ton, der ihm das Blut in den Adern erstarren ließ.

Das ist eine Redensart, die von Romanschreibern viel angewendet wird und eigentlich gar nichts sagt, eben Worte, die mal jemand gefunden hat, und die von anderen Geistesarmen nachgeplappert wurden. Und doch kann infolge jähen und gewaltigen Erschreckens ein solches Erstarren des Blutes eintreten, es wird dann aber meist von einem Schlaganfall gesprochen, man gibt sich nicht die Mühe, der eigentlichen Ursache nachzuforschen. Ein Schlaganfall ist aber etwas ganz anderes, er entsteht doch durch das Platzen eines feinen Äderchens und das Austreten einer winzigen Menge Blut —

Hier ward die Redensart einmal fast zur Wahrheit. Mr. Rouen hätte nicht mehr durch die geheimnisvollen Klammern wehrlos gemacht zu werden brauchen, er war es sowieso, konnte nicht einmal mehr den Muskeln seines Gesichts gebieten —

Und das ward durch den Ton bewirkt, der grauenerregend durch das Gemach hallte. Zu beschreiben ist er nicht, das geht bei Tönen nicht an. Man redet da von süß, schmelzend, rau, heiser und von was noch mehr — das ist doch eben nur vergleichsweise —

Für diesen Ton aber gab es gar keinen Vergleich, das war ganz ausgeschlossen — Es war ein kreischender, vibrierender, gellender, markerschütternder Klang, der wirklich jeden Hörer mit Entsetzen erfüllen musste.

Ein berühmter Weltreisender behauptete, der fürchterlichste Laut, den er je vernommen habe — und er hatte auf seinen Fahrten durch die ganze Welt sicher vielerlei zu hören gekriegt — sei der Todesschrei seines Pferdes gewesen, das von einem Tiger überfallen worden war. Nie in seinem Leben würde er diesen schrecklichen Schrei vergessen können; es gäbe nichts Furchtbareres auf der Erde. Hätte er jetzt diesen Schrei hören können, er hätte diese Behauptung nicht aufrecht erhalten.

Dieser Ton war entschieden noch furchtbarer — Starr vor Entsetzen schaute denn auch der Detektiv auf das Weib, das doch diesen Laut ausgestoßen zu haben schien, dabei aber noch ganz ruhig lag, sich auch jetzt nicht rührte —

Das Haar auf seinem Kopfe sträubte sich, die Zähne schlugen ihm aufeinander, als schüttelte ihn ein kaltes Fieber, Angstschweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn, seine Glieder schlotterten.

Dabei aber war der entsetzenerregende Ton schon lange verklungen, herrschte schon wieder Totenstille in dem Raume — es war so still, dass Fred Rouen das rasende Pochen seines Herzens wie das von Schmiedehämmern vernahm, als Laute, die außer ihm waren, nicht in seiner Brust —

Und so stand er, unfähig zusammenzuknicken, weil eben der Stahlstab an seinem Rücken das hinderte, und sah, wie das Weib, das er Lilith genannt hatte, sich erhob. Sie kehrte sich ihm zu, kam zu ihm, bis sie dicht vor ihm stand. Ihr Gesicht war unbewegt. Keine Muskel darin bewegte sich. Die Augen blickten starr und doch mit geradezu dämonischem Ausdruck, und dabei war dieses Antlitz, von herrlichem Blondhaar umwallt, schön wie das einer von Meisterhand geschaffenen Statue — bis sich auf einmal ihre Hände hoben. Es war, als wollte sie etwas von ihrem Gesicht wegreißen.

Jäh und drohend funkelten die Augen auf.

Ebenso jäh aber erlosch das bösartige Feuer in ihnen wieder.

»Noch nicht!«, sagte sie halblaut. »Noch ist es nicht Zeit, noch kann ich Dich vielleicht brauchen — und wer einmal mein wahres Gesicht gesehen hat, der muss ja sterben.

Mein wahres Gesicht!«, fuhr sie fort, noch näher als bisher zu ihm tretend, dass er sie verstand, trotzdem ihre Stimme leise wie ein Hauch war.

»Du hast mich immer Lilith genannt. Du wusstest nicht, wie nahe Du der Wahrheit kamst, als Du mir den Namen dieses gespenstischen Weibes beilegtest, Du hast wohl auch nicht gewusst, dass diese Lilith allen Männern, die sich ihr nahten, den Tod brachte, den furchtbaren Martertod — —

Ich habe Dich geschont bisher. Warum ich es tat? Vielleicht war es eine Laune. Vielleicht geschah es, weil Du ein gar so erbärmlicher Geselle bist, ein Schuft, wie die Menschheit ihn doch nicht so oft hervorbringt. Und solche Schufte muss man leben lassen — —

Ja, ich tötete Dich nicht, wie Du es verdient hättest, aber ich denke, lange werde ich auch Dich nicht mehr schonen, und Du sollst bereits jetzt wissen, welcher Tod Deiner harrt! Du sollst auch erfahren, was Dir so rätselhaft erschien: woher ich alle Geheimnisse erfuhr, die ich erfahren wollte, wie es mir möglich ward, alles zu wissen, was Du mit Mr. Hukly und mit Mr. Farman sprachst, was die Maladetta Dir sagte — —

O, Du armseliges Männchen, Du! Und Du nennst Dich Detektiv! Du prahlst mit Deinen Erfolgen! Und Du wolltest mir helfen, wolltest einen Pakt mit mir schließen, mich zwingen, mit Dir zu teilen! Hahahaha!«

Sie lachte schrill auf, dann wendete sie sich ab, verließ den Raum, ohne noch einen Blick auf den Gefesselten zu werfen.

Mr. Rouen erduldete Folterqualen entsetzlichster Art. Sterben sollte er ja noch nicht. Das hatte sie selbst gesagt. Aber martern würde sie ihn, das wusste er — nicht körperlich, sondern seelisch — er stand ja schon jetzt wahre Höllenpein aus und verwünschte sich immer wieder, dass er hierher gekommen war, dass er nicht allein seine Pläne durchzuführen versucht hatte —

Nun nützten jedoch alle Selbstvorwürfe nichts mehr, jetzt musste er abwarten, wie die Sache sich entwickeln würde —

Und da rauschte derselbe Teppich zurück, den vorhin Lilith zur Seite geschlagen hatte, als sie den Raum verließ. Seitdem war höchstens eine Minute vergangen, und das ist zwar nur eine winzige Spanne Zeit, aber was der Mensch in ihr erleben kann, das dünkt ihm manchmal eine Ewigkeit —

Fred Rouens Augen konnten sich nicht weiter öffnen, als sie es schon waren. Er traute ihnen nicht. Das k o n n t e doch gar nicht möglich sein, was er da sah! Hinter dem Teppich kam das Weib hervor, dessen Bild er vorhin aus der Tasche geholt hatte — die Fotografie mochte irgendwo hinter dem Lager auf dem Boden liegen, Lilith hatte sie achtlos fallen lassen —

So dachte der Detektiv. Aber jetzt stand dort an dem Teppichvorhang eben diese Madame Phöbe, genau so an- oder vielmehr ausgezogen wie auf dem Bilde, genau so feurig blickend, so verführerisch lächelnd —

Und ganz, ganz genau ihre Gestalt! Das musste Mr. Rouen ja wissen, er hatte die entzückende Phryne nicht bloß einmal gesehen! Sie war es!

»Phöbe!«, murmelte er fassungslos. »Wie kommst Du hierher? Hat sie — —«

Er verstummte, blickte scheu um sich. Er musste sehr vorsichtig sein.

Da aber lachte das schöne Weib silberhell auf.

»Du kennst mich also noch, Fred?«, fragte sie.

»Aber ja, aber ja! Wie sollte ich nicht! Eben habe ich doch noch Dein Bild in der Hand gehalten!«

»Dieses hier?«

Mr. Rouen sah in der Hand des Weibes das Bild.

»Sie hat es also doch mitgenommen?«, stieß er hervor.

»Sie? Wen meinst Du damit?«

Abermals schaute er sich vorsichtig um.

»Die Herrin dieses Hauses — die schöne Lilith«, erwiderte er leise.

Da lachte das Weib wiederum silberhell.

»Du Narr! Und Du willst ein Detektiv sein? Und siehst nicht, dass die schöne Lilith vor Dir steht — in Gestalt dieser Madame Phöbe?«

»Du? Du wärest Lilith?« Trotz seiner Angst musste er spöttisch lachen. »Das mache einem andern weis!«, rief er auch noch.

Da wendete das Weib sich um, hob die Arme etwas, und als sie sich ihm dann wieder zukehrte, erbleichte er von Neuem.

Jetzt trug die Gestalt Madame Phöbes das Gesicht Liliths! Es war genau das Gesicht, Linie um Linie, das er so genau kannte wie das Phöbes.

Und auch die Gestalt schien sich auf einmal zu verändern, wurde zierlicher — kleiner —

»Das — ist — doch — unmöglich!«, stöhnte er auf.

»Unmöglich? Trotzdem Du es siehst?«, höhnte sie.

»Du bist Lilith!«

»Und ich bin Phöbe!«

Wieder wendete sie sich um, und wieder hob sie die Hände, und als sie sich ihm dann abermals zukehrte, sah er wieder die schöne Phöbe.

Hätte er seine Arme heben können, er hätte sich jetzt an die Stirn gegriffen, weil er meinte, ein Traum äffte ihn. Er wusste wirklich nicht mehr, was er denken sollte —

»Ich wollte Dir nur beweisen, dass Du diese Madame Phöbe nicht erst kommen zu lassen brauchst! Das Gesicht ist das ihre, ich habe es sofort gesehen, als ich eintrat — Du glaubtest, ich sei jene —

Und jetzt will ich Dir beweisen, dass ich auch ihren Gang, jede ihrer Bewegungen, täuschend nachzumachen verstehe. Madame Phöbe ist berühmt wegen ihrer Tanzkunst — sieh her!«

Und da schwebte dieses Weib schon durch den Raum, der schöne, geschmeidige Körper wand sich graziös in Tanzbewegungen — es war Madame Phöbe! Mr. Rouen konnte nur staunen, und das befreite ihn etwas von seiner Angst.

»Und Du bist wahrhaftig Lilith?«, stieß er hervor.

Sie antwortete nicht gleich, schwebte erst zu dem Teppich zurück, fasste ihn mit einer Hand, lächelte und dann sagte sie:

»Ich bin Lilith, die jede Gestalt annehmen kann. Bald wirst Du mich in einer anderen sehen!«

Darauf verschwand sie hinter dem Teppich, und Mr. Rouen war wieder mit sich allein. Ach, wie die Gedanken in seinem Kopfe durcheinander quirlten — wie er überhaupt nicht mehr denken konnte! Er fasste das doch gar nicht! Und wie sollte denn das auch möglich sein! Die Gesichter Phöbes und Liliths waren so ganz verschieden. Erst jetzt besann er sich darauf, dass Phöbe ja auch dunkles Haar hatte, fast schwarz, und Lilith war blond —

Aber das Haar hatte gestimmt! Die falsche Phöbe, die er gesehen hatte, hatte auch solches dunkles Haar gehabt! Und die Lilith dann wieder blondes!

Die Verwandlung aber hatte nur Sekunden gedauert! Nein, er fasste es nicht. Und er kam nicht dazu, weiter über dieses Rätsel nachzudenken, denn auf einmal sank er mit dem Boden, auf dem er stand, langsam in die Tiefe. Es war ihm, als stände er in einem Fahrstuhl, er spürte keine Angst mehr — auch dann nicht, als tiefe Finsternis ihn umgab.

Dann stieß der Fahrstuhl auf, stand — und zugleich merkte Fred Rouen, dass die Fesseln von ihm genommen wurden, auf ebenso geheimnisvolle Weise, wie sie ihm vorher angelegt worden waren.

Er konnte die Arme und die Beine, den ganzen Leib wieder bewegen. Das tat er auch, versuchsweise, aber er wagte nicht, sich von der Stelle zu rühren. Das war in dieser Umgebung sicher nicht ratsam.

So blieb er denn stehen, wo er stand, benutzte die Gelegenheit, dass niemand ihn beobachten konnte, nur schnell einmal dazu, in die Hosentasche zu greifen.

Ja, der Revolver stak noch darin, und mit einem raschen Griff war er entsichert. Das gab ihm wieder Mut. Schließlich war diese Lilith doch auch nur ein sterblicher Mensch, und selbst Hassan würde keine blaue Bohne verdauen können.

Nachdem der Detektiv so weit gekommen war, suchte er mit den Blicken die Dunkelheit zu durchdringen, aber er erkannte bald, dass das nicht möglich sein würde, und so weit hatte er doch beobachten gelernt, dass er auch noch weiter wusste, dass er sich in einem unterirdischen, vollkommen geschlossenen Raume befand, also in einem Keller oder in einer Höhle.

Und er konnte noch etwas mehr feststellen. Dieser Raum musste sehr groß sein und sehr hoch. Das Letztere war nicht schwer zu beurteilen, da er ja wusste, wie tief der Fahrstuhl mit ihm gesunken war. Das Erstere allerdings war mehr Gefühlssache.

Jedenfalls herrschte lautlose Stille um ihn her. Und plötzlich kam dem Detektiv der erschreckende, aber sehr naheliegende Gedanke, dass er hier gefangen bleiben sollte, bis Lilith ihren Plan mit dem Lord Hektor Clifford durchgeführt, sich die Beute gesichert hatte!

Er verwarf diesen Gedanken jedoch gleich wieder. So viel war ihm nun doch klar geworden: Dieses Weib brauchte ihn nicht, fürchtete ihn aber auch nicht, ging ihren Weg, ohne nach ihm zu fragen. Welchen Weg? Was plante sie gegen den Lord? Ja, wenn er das gewusst hätte! Und da erschrak er neuerdings. Er war doch nicht allein in diesem finsteren Raume.

Ein ächzendes Stöhnen war erklungen. Hausten Tiere hier unten? So hatte es nicht geklungen; das musste ein Mensch gewesen sein. Also noch ein Gefangener? Mit vorgebeugtem Leibe lauschte der Detektiv. Da war er wieder, derselbe jammernde Laut! Und nun wusste Mr. Rouen, dass sich noch ein Mensch hier unten befand! Er nahm allen Mut zusammen.

»Wer stöhnt hier?«, fragte er halblaut.

Zunächst kam keine Antwort. Erst nach geraumer Zeit ächzte es wieder.

»Wer ist da?«, fragte Mr. Rouen.

»Ich! Ach, Gott, helfen Sie mir doch!«

Und da war es, dass dem Detektiv zum zweiten Male das Blut in den Adern zu erstarren drohte. Diese Stimme! Das war ja — —

»Mr. Farman?«, keuchte er.

»Ja, ja. Ich bin es — man hat mich gefangen — als ich von Ihnen ging — —«

» W e r hat Sie gefangen?«

»Wenn ich das wüsste! Man warf mir etwas über den Kopf — einen Sack — ein Tuch — ich habe keine Ahnung — — es muss wohl auch ein Betäubungsmittel angewendet worden sein, ich erwachte erst wieder hier —

Wo sind wir denn nur?«

»Ich habe keine Ahnung!«

»Keine Ahnung? Und ich dachte, Sie hätten nach mir gesucht, wollten mich befreien!«

Beinahe hätte der Detektiv laut aufgelacht. So aber dachte er nur: »Du armer Narr! Wenn Du alles wüsstest!«

»Ich? Nein, ich wusste nicht, dass ich Sie hier finden würde, Mr. Farman!«, sagte er laut.

»Das ist ja auch ganz gleich. Die Hauptsache ist, dass Sie da sind. Kommen Sie, helfen Sie mir — ich bin ganz mit Stricken umschnürt, kann kein Glied rühren. Ach, was ich gelitten habe! Ich liege doch sicher schon Tage hier — —«

»Seit Sie mich verließen, sind kaum ein paar Stunden vergangen, Mr. Farman!«

Da enthüllte der Detektiv wieder einmal seinen wahren Charakter.

Er selbst befand sich in einer Lage, die gewiss nicht angenehm war, wusste nicht, was seiner wartete, und trotzdem empfand er eine teuflische Schadenfreude in dem Bewusstsein, dass er jetzt diesen anderen quälen konnte, und da war es ganz gleichgültig, wer das war.

Deshalb lauerte er fast gierig auf die Antwort, die nun kommen musste und die auch wirklich kam!

»Nur ein paar Stunden? Mein Gott — und ich — ich verdurste ja! Helfen Sie mir! Suchen Sie nach mir.«

»Nee, Mr. Farman, ich werde das bleiben lassen«, erwiderte Mr. Rouen. »Ich weiß ja selber nicht, wo ich bin, und Sie können nicht verlangen, dass ich Ihretwegen etwa in ein Loch stürze oder mich sonst einer Gefahr aussetze — nee, nee, ich bleibe lieber, wo ich bin, als dass ich meine gesunden Knochen riskiere!«

»Was? Sie wollen mir nicht helfen?«

Das war nun wieder der echte Farman, der brutale Geselle, der schon so viele ahnungslose Weiber unglücklich gemacht, sie auf die grausamste Weise wenigstens seelisch gemartert hatte und das ja eben wieder hatte tun wollen. Der Detektiv hatte ihm dabei wieder einmal helfen sollen — und helfen wollen!

»Sie werden doch dafür bezahlt! Ich werde Mr. Hukly sagen, wie Sie sich hier benehmen! Er wird Sie auf die Straße setzen! Einen solchen Kunden wie mich findet er nicht so bald wieder!«

»Da können Sie recht haben, Mr. Farman!«, erwiderte der Detektiv höhnisch.

»Nicht wahr?«

»Ja, es stimmt, einen größeren Schuft als Sie gibt es nicht gleich wieder!«, bekannte Mr. Rouen, dem es einen diabolischen Spaß machte, dass er jetzt endlich mal die Wahrheit sagen durfte, gerade diesem Menschen — nicht, weil er ihn wirklich verabscheute — nein, nur deswegen, weil er in Wahrheit diesen Farman immer beneidet hatte.

Dieser Schuft hatte Geld, und mittels dieses Geldes durfte er ungestraft seinen Gelüsten frönen, durfte Weiber unter die Füße treten!

Hatte es gedurft! Jetzt war es voraussichtlich damit zu Ende. Lilith hatte es angedeutet. Und weil Fred Rouen nicht fürchten musste, dass Farman dem Mr. Hukly alles verriet, deshalb ließ der Detektiv jetzt die Maske ganz fallen.

»Was? Das sagen Sie mir?«, klang es denn auch in furchtbarster Wut aus der Finsternis.

»Ja, das sage ich Ihnen!«

»Sie wollen mir nicht helfen?«

»Ich denke gar nicht daran!«

»Ich werde alles dem Mr. Hukly melden!«

»Und ich habe nicht das Geringste dagegen. Ich glaube bloß nicht, dass Sie noch dazu kommen werden!«

»Wie? Was soll denn nun das wieder heißen?«

»Nichts weiter, als dass Sie wahrscheinlich diesen Raum nie wieder verlassen werden!«, versetzte der Detektiv kaltblütig.

»Wie kommen Sie darauf? Wissen Sie denn, wer mich hierher schleppen ließ? Und weshalb?«

»Das weiß ich allerdings!«

»Wer ist es denn?«

»Das sage ich nicht!«

»Mensch, vergessen Sie denn ganz, mit wem Sie reden?«

»Durchaus nicht. Sie sind Mr. Henry Farman.«

»Na also! Ich dachte schon, Sie wären vielleicht übergeschnappt! Und nun machen Sie, dass Sie mich befreien, sonst kommt am Ende das Gesindel wieder, und es wird zu spät!«

»Ich sagte Ihnen schon, dass ich nicht daran denke.«

»Aber ich werde Sie bezahlen!«

»Das glaube ich Ihnen nicht, Mr. Farman!«

»Warum denn nicht? Ich zahle Ihnen zweihundert Pfund.«

»Das wollen Sie, aber Sie werden es nicht können.«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Dann will ich Ihnen dazu helfen, Mr. Farman. Die Sache ist sehr, sehr einfach. Tote können nichts mehr zahlen, weder zweihundert Pfund noch tausend — —«

»Tote? Ich lebe aber doch noch!«

»Jetzt ja. Wer aber kann sagen, wie lange noch?«

»Mr. Rouen!«, rief da der andere entsetzt. »Sie wollen doch nicht behaupten, dass man mich hier — umbringen will?«

»Genau das!«, erwiderte der Detektiv in offenem Hohn, alles andere vergessend.

»Mensch! Sie sind wirklich verrückt! Ich soll sterben? Man will mich ermorden? Und Sie wollen das dulden?«

»Davon ist keine Rede. Ich kann Ihnen eben nicht helfen.«

»Mr. Rouen, ich bin reich, sehr reich — —«

»Gewesen! Bald werden Ihre Erben sich freuen, dass Sie so viel hinterlassen haben!«

»Nein, nein, nein! Ich will nicht sterben! Man wird mit sich handeln lassen, ich gebe mein Vermögen hin — aber leben will ich — nicht sterben — nicht —!«

Kreischend schrie der Gefesselte diese Worte, und wusste nicht, welchen Genuss er damit seinem Peiniger bereitete.

»Ja, danach wird man nicht viel fragen«, sagte er.

»Mr. Rouen, Sie lieben das Geld, ich weiß es — nehmen Sie alles! Aber helfen Sie mir! Retten Sie mich vor dem Tode!«

»Nichts zu machen!«

»Mensch — —«

»Da nützt alles nichts! Ich weiß, dass man Sie töten wird, und da kann ich nichts ändern!«

»Mich töten? Sie dürfen es doch nicht!«

»Haben S i e gefragt, ob S i e durften, Mr. Farman? Ich kann nur sagen, dass Sie den Tod verdient haben und dass ich Ihnen aus ganzem Herzen dieses Ende gönne«, erwiderte der Detektiv. »Ich bin gewiss kein Moralheld, aber mit Ihnen verglichen —«

Weiter kam er nicht, weiter konnte diese seltsame Unterhaltung nicht geführt werden.

Plötzlich musste der Detektiv beide Augen schließen vor der Flut von grellem Licht, das plötzlich die Höhle erfüllte.

Dass es eine Höhle war, sah er, als er die Lider wieder zu heben wagte.

Und er sah noch mehr.

Zuerst suchten seine Blicke natürlich nach Mister Farman. Das war ja auch ganz natürlich; aber da war doch wieder etwas, was ihn davon abbrachte.

Der Detektiv gewahrte erst einmal, dass er selber noch gefangen war, trotzdem er keine Fesseln mehr trug.

Zwischen ihm und dem freien Höhlenraum entdeckte er dicke, eiserne Gitterstäbe!

Und da war wieder nur natürlich, dass er sich gleich ganz um sich selber drehte, wobei er zu seinem großen Schrecken feststellte, dass er in einem eisernen Käfig stak!

Nicht einmal eine Tür war vorhanden. Nur die Decke schien sich öffnen zu lassen. Durch sie war er mitsamt dem geheimnisvollen Fahrstuhl hier herein befördert worden.

Und dort drüben lag Mr. Farman!

Wieder irrten die Blicke des Detektivs erst noch einmal von dem Gefangenen ab. Es gab ja da noch ganz anderes zu sehen, was eindringlicher wirkte als der gebundene Mensch.

Die Höhle war ganz offenbar ein Tempel, einer jener Höhlentempel, an denen Indien so reich ist, am reichsten aber gerade Ceylon. Die wenigsten davon sind durchforscht — oder besser gesagt: durchforscht ist eigentlich noch gar keiner. Nur betreten worden sind manche von neugierigen Europäern. Weit sind sie auch nicht gekommen, und niemals wieder sind solche Tempelteile zu gottesdienstlichen Handlungen benutzt worden.

Niemals aber auch sind die wirklichen Heiligtümer der Eingeborenen diesen »Forschern« auch nur bekannt geworden, und kein Inder würde sich finden, der da den Verräter machte, nicht für alle Schätze der Erde.

Und das ist leicht erklärlich, denn er würde sich dieser Schätze eben nicht freuen können — höchstens sehr kurze Zeit — dann müsste er sterben. Und da würde ihm nichts nützen, wenn er in ein anderes Land flöhe. Wohin er sich auch wendete, er würde doch von der Rache ereilt werden.

Das eben ist das Furchtbare, das Unheimliche, was wir Europäer noch gar nicht fassen können: wie diese indischen Priester überall die Spuren des Flüchtigen entdecken, wie sie ihn unbedingt erjagen, mag er schon glauben, in voller Sicherheit zu sein.

Und dasselbe gilt von den Europäern, die aus einem solchen Tempel irgendein heiliges Gerät gestohlen haben. Sie werden gehetzt wie von den Erynnien, spüren das und suchen nach neuen Verstecken und glauben sie gefunden zu haben und können doch nicht wieder ruhig werden, nicht sich ihres Lebens freuen — immer und immer müssen sie gewärtig sein, dass der Tod sie ereilt.

Als die Engländer Indien eroberten, auch jene Teile, die noch nicht den Franzosen gehörten, da haben die Soldaten manchen Tempel zerstört, nachdem sie ihn vorher gründlich ausgeplündert hatten — nach ihrer Meinung — denn die geheimsten Räume fanden sie eben auch nicht.

Damals sind viele Kostbarkeiten gestohlen worden, meist wertvolle Edelsteine, auch der berühmte Kohinur gehört dazu. Und seit jener Zeit heftet sich an diese Edelsteine die Sage, dass sie ihrem Besitzer Unheil bringen, und immer wieder bestätigt sich das in geradezu unheimlicher Weise. Tatsachen liegen vor, die sich nicht bestreiten lassen.

Das ist eben noch eine nachwirkende Rache, eine Folge des Fluches, den die bestohlenen Priester den Dieben nachschickten, und wenn jemand das bezweifeln möchte, so mag er nur einmal die Geschichte eines einzigen solchen großen, berühmten Edelsteines genau verfolgen. Immer und immer wieder wird er auf blutige Verbrechen stoßen. Da hat der eine den anderen ermordet, da ist viel Menschenglück in Scherben gegangen, und Verbrechen sind verübt worden, dass sich einem die Haare auf dem Kopfe sträuben.

Nein, in das Innere des eigentlichen Tempelheiligtums wagen sich auch die Engländer noch nicht, trotzdem sie ja die »Herren« des Landes sind, sich wenigstens so nennen. Sie haben zum Beispiel verbieten können, dass dem Gotte Dschaggernat bei seiner alljährlichen Umfahrt Menschen geopfert werden, die sich, angeblich freiwillig, vor den Wagen des Götzen warfen, wohl aber vor sie gestoßen wurden — aber sie haben noch nicht gewagt, in den Tempel dieses merkwürdigen Gottes einzudringen, wissen nicht wie es zugeht, dass alljährlich doch wenigstens ein Mensch ihm zum Opfer fällt.

Und weil diese Tatsache in dieser Erzählung eine Rolle spielen wird, muss sie hier einstweilen flüchtig erwähnt werden — die Tatsache! Um Phantasie handelt es sich da durchaus nicht!

Alljährlich nämlich wird die Bildsäule des Gottes neu geschnitzt. Nie sehen die Gläubigen denselben Götzen zweimal, und diese Arbeit wird immer nur von den Angehörigen einer einzigen Familie ausgeführt. Immer ist ein männliches Mitglied Zimmermann, und dieser wird alle Jahre wieder das Opfer Dschaggernats.

Immer an einem ganz bestimmten Tage wandern die Priester des Gottes an das Ufer des Meeres und verharren dort vor Sonnenaufgang in eifrigsten Andachtsübungen.

Sobald aber die Sonne aus dem Meere auftaucht und ihre ersten Strahlen über die Fluten sendet, sehen die versammelten Brahmanen in der Ferne einen gewaltigen Baumstamm auftauchen, der sich in unerklärlicher Geschwindigkeit dem Strande nähert. Er schwimmt gleichsam aus eigener Kraft, bis er von den Priestern auf das Ufer gezogen werden kann.

Im Triumphe geleiten sie ihn dann in den innersten Tempel — es ist wirklich ein Geleiten — er wird natürlich trotzdem getragen — in diesem innersten Heiligtum aber wartet schon der Zimmermann, der in diesem Jahre an der Reihe ist. Man schließt ihn ein mit dem auf so unerklärliche Weise von unsichtbaren Mächten gelieferten Stamm, und aus diesem meißelt er nun nach dem Vorbilde des noch auf dem Postament stehenden alten Götzen den neuen.

An einem bestimmten Tage muss er fertig sein mit dieser Arbeit, und noch nie ist diese Frist überschritten worden. Dann erscheinen die Priester wieder und gürten den Götzen, der aufrecht steht, mit einem Gürtel ganz eigener Art, den ebenfalls ein bestimmter Brahmane alljährlich neu fertigt.

Seile sind an ihm angebracht, und jedes wird am Ende von einem Priester gehalten.

Kaum aber haben sie diese Seile erfasst, so stürzt mit Donnergepolter der bisher verehrte Götze herab und zerschellt — obwohl er aus hartem Holze ist —

In der gleichen Sekunde fällt der Zimmermann tot zu Boden, und — nun geschieht das größte Wunder!

Der aus Holz gemeißelte Götze beginnt sich in Sprüngen zu bewegen, hüpfend — die Priester, welche die Seile halten, tun gar nichts dabei, könnten auch diese eigenartigen Bewegungen überhaupt nicht erzeugen, da müssten sie doch höher stehen als der Dschaggernat, müssten ihn also manchmal emporheben können, so das Hüpfen erzeugend — aber sie stehen auf dem Boden der heiligen Halle, und die Seile sind ganz lose in ihrer Hand.

Nein, der hölzerne Götze bewegt sich selbstständig genau so, wie ja auch schon der Stamm, aus dem er gefertigt wurde, aus eigener Kraft bei Sonnenaufgang an den Strand schwamm.

Vor dem Postament angekommen, bleibt er stehen — nur eine kurze Zeit — dann hüpft er hinauf!

Und dann steht er dort, leblos, wie er ja ist, bis der Tag der Umfahrt kommt, wo er auf dem mächtigen, vierzehn Meter hohen Wagen durch die Stadt zieht!

Und da fassen die Priester wieder die Seile, und wieder hüpft der Götze selbstständig von dem Postament, durch die Halle, durch den Tempelhof — bis zum Wagen — und auf diesen hinauf!

Das wird niemand glauben wollen, der es liest, und denkende Leser werden gleich das Richtige finden und sagen: Hier ist ein Widerspruch vorhanden. Es war doch gesagt worden, dass kein Europäer je diese Geheimnisse geschaut hat. Infolgedessen kann auch keiner etwas davon wissen, da ja die Priester nichts verraten.

Und da hat er ganz recht.

Aber eben deshalb ist dies ja hier erzählt worden, weil es doch einen gegeben hat, der dieses Geheimnis erforschte:

Wie er den Melek Taus den Teufelsanbetern entführte, den Willmer zu sehen bekam, so entführte er eines Tages auch den Dschaggernat.

Niemals ist davon der übrigen Welt etwas bekannt geworden. Auch die Priester haben nichts verraten, durften es ja nicht. Aber sie fanden die Spur Lokes, und er ließ sich von ihnen finden. Er gab ihnen den Gott wieder — unter der einen Bedingung, dass er Zeuge jenes rätselhaften Vorganges sein dürfte —

Und da er selber ein Mahatma war, so durfte ihm das gestattet werden.

Er allein sah das Wunder — und was damit zusammenhängt, das wird noch berichtet werden.

Also Mr. Rouen wusste, dass er sich in einem der geheimnisvollen, den Europäern unbekannten Höhlentempel befand.

Selber betreten hatte er noch keinen. Er hatte auch nicht das geringste Interesse an solchen Dingen, hatte auch keine Veranlassung gehabt, sich etwa als Detektiv mit ihnen zu beschäftigen.

Aber er hatte doch allerhand von diesen Tempeln gehört, wusste zum Beispiel, dass sie aus dem Felsen selbst gemeißelt sind — in jahrhundertelanger mühseliger Arbeit — und da handelt es sich nicht etwa nur darum, eine große Höhle zu schaffen, nein, da ist jeder, auch der kleinste Teil des Felsens, von dem Meißel noch besonders bearbeitet worden, nirgends ist nur die bloße Steinwand vorhanden, sondern sie hat sich unter den Händen eingeborener Bildhauer in Bildsäulen, in Blumenwerk, Ornamente und dergleichen verwandelt, wie man ja schon an den oberirdischen indischen Tempeln sehen kann. Da kann man nie die Statuen zählen, die angebracht sind, da hat man stundenlang an einer nur kleinen Stelle zu schauen, ehe man alles erfasst hat.

So war es auch hier. Die ganze mächtige Halle war eine einzige Bildhauerarbeit. Sämtliche Wände waren mit Skulpturen bedeckt, und Mr. Rouen nahm sich natürlich nicht die Zeit, diese einzeln zu betrachten. Da hätte er Wochen nötig gehabt, und außerdem stand er viel zu weit davon entfernt, konnte gar nichts weiter unterscheiden, keine Einzelheit, sah nur immer wieder eine auf einem Tiger reitende Göttin mit vielen Armen und ebenso vielen Händen, von denen jeder wieder irgendein Symbol hielt.

Und so viel Kenntnis der indischen Götterlehre hatte er doch, dass er wusste, wen diese Göttin auf dem Tiger vorstellen sollte. Zu dieser Erkenntnis half ihm auch der Umstand, dass die Göttin stets schwarz aussah, wahrscheinlich so gefärbt.

Es war Kali-Durga, die noch vor wenigen Jahrzehnten eine furchtbare Rolle in Indien gespielt hat. Die Engländer haben auch diesem unheimlichen Treiben ein Ende gemacht, glauben es wenigstens oder sind klug genug, sich mit dem Schein zufrieden zu geben.

Die Kali-Durga war die Göttin der Thags oder Thugs, wie sie auch manchmal genannt werden, jener furchtbaren Mördersekte, die weder alt noch jung schonte, aber doch ihre Opfer am liebsten unter den Reichen suchte — um die Reichtümer der Ermordeten dann wieder der Göttin opfern zu können.

Über diese Sekte ist viel geschrieben worden. Es braucht also nicht weiter darauf eingegangen zu werden; am bekanntesten waren die sogenannten Phansigars, die Schlingenwerfer, die eigentlichen Mörder, die arglosen Opfern von hinten die Schlinge über den Kopf warfen, sie erdrosselten und in der Grube verscharrten, die schon für sie ausgeworfen worden war, von anderen Thags, die nur diese Arbeit verrichteten.

Wie viele Opfer diesen Phansigars zum Opfer fielen, ist nie festgestellt worden. Das war doch auch gänzlich ausgeschlossen in einem Lande, wo das Leben des einzelnen Menschen nichts gilt, wo immer wieder dieser und jener einem Raubtier zum Opfer fällt, ohne dass man von seinem Ende etwas erfährt. Aber einer der von den Engländern gefangenen Thags erklärte kaltblütig, dass er allein weit über achthundert Menschen seiner furchtbaren Göttin geopfert habe. Einer ermordete über achthundert!

Und die Sekte zählte Tausende von Mitgliedern!

Jeder musste als Phansigar gearbeitet haben, ehe er einen höheren Grad bekleiden durfte!

Genug davon!

Mit der Ausrottung der Thags verschwand die Göttin Kali aber nicht etwa aus den Tempeln, sie wurde auch weiter verehrt. Das war ja gar nicht anders möglich, da sie die Gattin Schiwas ist, einer der Erscheinungsformen Buddhas. Man kann sie also heute noch sehen, bloß, Menschen werden ihr nicht mehr geopfert — angeblich nicht!

Loke Klingsor wusste auch das besser als die Engländer, ebenso, wie er ja auch das blutige Geheimnis der Maladetta erforscht hatte!

Und damit hatte er ja auch ergründet, warum der Maharadscha von Kandy sein Felsenschloss Lalakawana an diese Wolfsgräfin verkauft hatte — für anderthalb Millionen, für einen Pappenstiel!

Das hatte eben seine ganz eigene Bewandtnis!

Und umsonst hatte er doch die beiden deutschen Gelehrten nicht auf der geheimnisvollen Insel unter seinen Schutz genommen!

Es wird noch viel davon zu erzählen sein.

Mr. Rouen kannte also das Bild der Göttin Kali-Durga, und er sah es in der mächtigen Tempelhalle ja auch noch in Riesengröße stehen.

Jetzt, wo das Licht alles überstrahlte, konnte er die Höhe schätzen, und darin hatte er genügend Übung. Er irrte wohl nicht sehr, wenn er sie auf achtzig Meter annahm.

Von diesen achtzig Metern aber erreichte die riesenhafte Statue der Göttin, die also sitzend dargestellt war, drei Viertel, und wieder ein Viertel davon entfiel auf den Tiger, der sie auf seinem Rücken trug.

Und wie war dieses für Indien charakteristische Raubtier dargestellt worden!

Kein Land der Erde hatte solche Bildhauer hervorgebracht wie Indien, wenigstens, was derartige Darstellungen betrifft. Da braucht man gar nicht an Hellas und Rom zu erinnern, denn die dortigen Künstler wendeten sich anderen Aufgaben zu. Und hier hatte man ein Meisterwerk in Bezug auf Realistik geschaffen. Es sah aus, als sei diese ungeheure, blutgierige Bestie lebendig, denn nicht nur, dass das gestreifte Fell in allen seinen Einzelheiten der Natur nachgebildet war, vor allem schien der Kopf zu leben, die gelben, tückischen Augen schienen zu funkeln — es war eine ganz unheimliche Bestie, auf der diese Göttin sitzend ritt.

Und sie selber entbehrte in keinem Stück einer gleichen Naturtreue, war als üppiges Weib dargestellt, wie der Inder ja alle Göttinnen darstellt, und bis auf einen Gürtel und den Kopfschmuck nackt. Nur um den Hals trug sie noch eine Kette, aber die war nicht aus dem Gestein gemeißelt, sie bestand aus kunstvoll aneinandergereihten menschlichen Totenschädeln, und bei der ungeheuren Größe der Figur waren es sehr viele, die dazu gehörten, den Ring zu bilden und zu schließen.

Vor allem waren die Augen der Göttin ganz echt, lebten sozusagen, obwohl sie doch wohl nur aus Edelsteinen gebildet waren, genau wie die des Tigers, und sie waren ja auch so gelb, dabei doch rot funkelnd.

Als Mr. Fred Rouen in diese Augen blickte, überlief ihn gleich ein kalter Schauder — aus einem bestimmten Grunde.

Das waren dieselben Augen, die er vorhin im Gesicht Liliths gesehen hatte! Ganz genau dieselben! Sie waren starr, konnten ja auch gar nicht anders sein, weil sie eben künstlich waren, und — sie lebten doch! Sie funkelten!

Das konnte nicht allein eine Wirkung des sich in ihnen brechenden Lichts sein. Und genau so war es bei dieser Lilith der Fall.

Immer, wenn Mr. Rouen dieser gegenübergestanden hatte, hatte er sich eines kalten Schauders nicht erwehren können, denn ihre Augen waren immer so starr gewesen, als seien sie gar nicht natürlich — und doch hatte er es in ihnen ständig unheimlich glimmen sehen!

Ja, ihn schauderte, aber dieser unheimliche Zustand ward nicht verschärft, als er sah, dass der mit Stricken ganz umwundene Mr. Farman zu den Füßen dieser Göttin lag, dass er also allem Anschein nach der Kali-Durga geopfert werden sollte.

Darüber gab der Detektiv sich doch nicht dem geringsten Zweifel hin.

Lilith hatte gesagt, dass Farman sterben müsse. Jetzt lag er dort — gebunden — da hätte doch auch ein großer Dummkopf erraten müssen, um was es sich handelte, und dumm war dieser Detektiv ja nicht, bezweifelte nicht eine Minute, dass noch sehr oft solche Menschenopfer in diesem Lande vorkamen, ohne dass die englischen Gebieter auch nur das Geringste davon ahnten!

Noch aber waren keine anderen Menschen zu sehen.

Mr. Rouen war noch allein mit dem Gefesselten, und jetzt hatte dieser auch ihn erblickt, denn der Käfig, in welchem der Detektiv stak, stand auf einem erhöhten Platze.

»Mr. Rouen!«, ächzte es.

»Na, was wollen Sie denn noch, Mr. Farman?«, fragte der Detektiv zurück, der nun den Schauder schon wieder überwunden hatte und sich nicht eigentlich fürchtete. Er wusste, dass Lilith niemals bloß Worte aussprach, dass sie stets durchführte, was sie sagte, und sie hatte geäußert, dass sie ihn noch nicht töten wollte. Darauf durfte er sich verlassen, und das tat er. Er war überzeugt, dass er lebendig aus diesem Höhlentempel herauskommen würde, dass er hier nur einmal Zeuge sein sollte, welches Ende seiner wartete, wenn er sich gegen dieses Weib auflehnte, wenn er die Pläne dieses weiblichen Dämons zu durchkreuzen versuchte.

»Das können Sie noch fragen? Sie sehen mich jetzt —«

»Und Sie sehen mich!«, erwiderte Rouen.

Das war auch die einzig richtige Antwort, die hier erfolgen konnte. Mr. Farman musste doch erkannt haben, dass der Detektiv ebenfalls gefangen war, wenn auch nicht gebunden.

»Sie können nicht aus dem Käfig heraus?«, fragte denn auch Mr. Farman sogleich.

»Ich habe es noch nicht versucht, kann keine Tür entdecken.«

»Sie müssen doch aber irgendwie hineingekommen sein!«

»Jawohl, stimmt! Von oben, durch einen Fahrstuhl! Aber da ist jetzt auch keine Klappe mehr zu sehen, alles ist zu, und dass ich diese starken Eisenstäbe etwa auseinanderbiegen und dann zwischen ihnen hindurchkriechen kann, das glauben Sie doch selber nicht, Mr. Farman. Ein Herkules bin ich nie gewesen, werde es auch nicht erst noch werden.«

»Sie spotten meiner«, ächzte da Mr. Farman wieder ganz kläglich. »Sie sollten sich lieber meiner erbarmen, Mitleid mit mir haben!«

»Wie Sie es stets mit Ihren Opfern hatten, nicht wahr?«, höhnte der Detektiv nun wieder einmal.

»Ach, das waren doch bloß Weiber!«

»Soso, das waren nur Weiber! Na, mir soll es recht sein!«

»Sehen Sie doch nach, ob Sie einen Mechanismus finden! Sie m ü s s e n sich beeilen! Jeden Augenblick können diese braunhäutigen Schufte kommen —«

»Allerdings, das denke ich auch, da sie schon Licht gemacht haben!«

»Mr. Rouen — Erbarmen! Haben Sie doch Erbarmen mit mir!«

»Meinetwegen, das will ich tun. Sie tun mir leid!«, spottete der Detektiv.

»Und sehen Sie, dass Sie mich retten können!«

»Ausgeschlossen! Ich kann nicht zu Ihnen.«

»Dann bieten Sie diesen Kerls in meinem Namen Geld —!«

»Warum wollen S i e das nicht tun?«

Mr. Rouen wusste, dass Mr. Farman die Sprache des Landes nicht beherrschte, also auch nicht mit jenen verhandeln konnte, aber er stellte sich, als wäre ihm das nicht bekannt.

»Ich kann nicht Hindustani!«, ächzte denn auch der Gebundene. »Sie aber sprechen es.«

»Ja, ich spreche es fließend.«

»Dann bieten Sie ihnen also Geld! Handeln Sie mit ihnen — aber im Notfalle gebe ich alles her —«

»Was Ihnen schon nicht mehr gehört, Mr. Farman. Oder meinen Sie, dass die, die Sie fingen, nicht auch räubern können?«

»Ach, diese Halunken! Ich —«

Weiter war nichts zu hören, denn was der Gefangene etwa noch ächzend hervorstieß, das ging unter in dem Höllenlärm, der plötzlich anhob.

Zugleich hatte sich irgendwie eine Wand der Halle geöffnet, ein mächtiges Tor tat sich auf, und herein quollen Massen von Eingeborenen —

Nein, Eingeborene waren das nicht, also keine Singhalesen, wie doch die Bewohner Ceylons heißen. Das sah der Detektiv gleich, und diese Singhalesen sind ja auch die friedfertigsten Menschen der ganzen Erde, die Männer sehen gleich aus wie Weiber, so sanft, so energielos —

Das hier waren Angehörige eines der kriegerischen Bergstämme, von denen ja bei Weitem noch nicht alle bekannt sind. Sie hatten eine dunkle Haut, waren auch ganz anders gekleidet als die Singhalesen.

Waffen führte allerdings keiner der Männer bei sich. In den Händen hielten sie verschiedenartige Musikinstrumente, von langen Tuben an bis zu Messingbecken, die sie klirrend aneinander schlugen — und sonst war noch allerhand da, was nicht zum Musikmachen diente, sondern eben, um diesen Höllenlärm hervorzubringen.

Jeder strengte sich aus Leibeskräften an, der Detektiv sah es an den Gesichtern.

Diese Musikanten zogen einmal durch die ganze Halle, verschwanden hinter dem Riesenstandbilde der Göttin, kamen wieder zum Vorschein und stellten sich endlich in einem Halbkreise davor auf.

Das Tor war offen geblieben, und als nun die Musikanten wie auf einen Befehl schwiegen, da tauchten in dem Eingang wieder Menschen auf.

Voran schritten wohl fünfzig Bajaderen, welcher Name ja aber ganz unzutreffend ist. In Indien heißen diese Tempeltänzerinnen für gewöhnlich Nautschs, und diese wieder scheiden sich in Thassis und Waschis. Die ersteren sind die Tempeltänzerinnen, die anderen aber jene, die der Fremde zu sehen bekommt, als öffentlich auftretende Tanzmädchen. Sie unterscheiden sich schon äußerlich durch die Tracht, noch mehr aber durch ihre Lebensweise; auch sonst sind noch viele Unterschiede vorhanden, denn die Thassis prostituieren sich keineswegs, sondern werden gleich den Priestern selbst geehrt. Wenn sie trotzdem einmal vor reichen Eingeborenen tanzen, so muss das sehr teuer bezahlt werden, je nach dem Range, den sie einnehmen, und da spielt auch das indische Kastenwesen mit herein, denn keine Thassi aus hoher Kaste darf vor einem Inder aus niedrigerer tanzen.

Und da sei auch gleich noch etwas erwähnt, was gerade jetzt von allgemeinem Interesse sein dürfte, nämlich, weil jetzt die Schlafanzüge so modern geworden sind, die Pyjamas, wie man sie nennt.

Wer weiß denn, dass sie eine Nachahmung der Tracht der Thassis sind?

Diese tragen nämlich außer der engen Jacke, die Tschuli heißt, auch um die Hüften festgebundene Beinkleider aus Seide, und diese Beinkleider sind eben Pyjamas, das heißt, so schreibt man das Wort englisch, und gesprochen wird es »Peidschama«.

Keinesfalls haben sich diese Tempeltänzerinnen träumen lassen, dass diese ihre Höschen einmal so hochmodern im ganzen Europa werden würden.

Hier also kamen nur Thassis in Frage. Und dass es solche Tempeltänzerinnen waren, so heilig wie die Brahmanen selber, trotzdem ihr Leben im Grunde ja ebenfalls dem Laster geweiht ist, das erkannte der erfahrene Detektiv auch an dem reichen Schmucke, mit dem diese sehr schönen Mädchen überreich versehen waren.

Alles gleißte und funkelte an ihnen von glitzernden, sicher sehr kostbaren Edelsteinen. Ihre Händchen waren mit Ringen gepanzert, ihre Arme und Unterschenkel mit goldenen Reifen — die Augen konnten einem wehtun, wenn man sie anschaute, und gerade deswegen hatten die graziösen Bewegungen, die sie mit den Gliedern und mit dem ganzen Leibe ausführten, einen eigenartigen Reiz, gaben ihnen etwas Übernatürliches.

Auch diese Mädchen schwebten um das Standbild der Göttin herum.

Die Musikanten gaben ihnen Raum. Sie ordneten sich vor diesen und blieben dann regungslos stehen.

Und wieder ertönte Musik, diesmal aber wirkliche — langgezogene Töne, die Hörnern aus blitzendem Golde entlockt wurden — von weißgekleideten Priestern, die an dem Kastenzeichen auf der Stirn gleich als solche zu erkennen waren.

Aber noch waren sie nicht weit in die Halle gekommen, da tauchte hinter ihnen eine andere dichtgedrängte Schar auf, und in ihrer Mitte wurde ein Wagen gezogen — und darauf saß die Göttin Kali-Durga selbst —

Sie saß auf einem ganz gewaltigen Königstiger!


Illustration

Kali-Durga saß auf einem gewaltigen Königstiger.


Aber nicht auf einer Nachbildung, sondern es war tatsächlich ein solches Raubtier, höchst lebendig —

Deutlich gewahrte der Detektiv, wie es sich mit dem Schweife die Flanken peitschte, wie es den Rachen öffnete, dass die rote Zunge zwischen den furchtbaren Zähnen sichtbar ward —

Es wäre erklärlich gewesen, wenn der im Käfig steckende Detektiv seine ganze Aufmerksamkeit diesem Tiger zugewendet hatte, aber das tat er eben nicht, schaute vielmehr nur nach der Göttin selbst — oder eben nach dem Weibe, das diese verkörperte.

Denn das war doch offenbar keine andere als die schöne Lilith!

Jetzt allerdings war ihre Haut nicht mehr weiß, sondern ebenfalls sehr dunkel, fast schwarz, wie es sich eben für die Göttin gebührte — aber sonst — —

Es kann nicht weiter geschildert werden, weil mancher Anstoß daran nehmen könnte. Nur so viel sei gesagt, dass die Göttin, die doch eben nichts auf dem Leibe tragen durfte außer dem Gürtel und dem Halsband, ganz und gar dem entsprach, was Mr. Rouen an der schönen Lilith kannte.

Das wird genügen, es muss genügen.

Er zweifelte nicht einen Augenblick, dass sie es war, es lag ja auch nahe, obwohl ihr Gesicht jetzt gar nicht ihrem gewöhnlichen glich. Aber er hatte ja noch vor Kurzem erst gesehen, wie sie es fast blitzschnell vollkommen verändern konnte.

Nein, das war die schöne Lilith. Sie spielte hier einmal die Kali-Durga. Und da wusste der Detektiv auch, wie ihr möglich geworden war, alles zu erfahren, was in dem Büro des Mr. Hukly zwischen ihm und Mr. Farman und dann der Maladetta gesprochen worden war.

Da wusste er auch, wie Mr. Farman hatte gefangen werden können.

Und er pries sich glücklich, dass er nicht an Stelle dieses Gefangenen dort lag!

Trotzdem überwog die Neugier in ihm bei Weitem die Furcht.

Es interessierte ihn sehr, zu sehen, was sich nun hier abspielen würde, und so trat er so dicht wie möglich an die Gitterstäbe und spähte zwischen ihnen hindurch.

Die Priester umkreisten das Standbild ebenfalls, und mit ihnen tat es die auf dem Wagen und auf dem Tiger sitzende »Göttin«, und als der Zug wieder vorn anlangte, wo schon die anderen standen, wichen diese ehrerbietig zur Seite und zurück.

Der Wagen fuhr ganz dicht an die Bildsäule heran. Ein Brett wurde wohl von den Stufen nach ihm hinübergelegt. Jedenfalls setzte sich der mächtige Tiger auf einmal in Bewegung und schritt majestätisch zu dem Bildnis, immer auf seinem Rücken die »Göttin« tragend.

Und als er dort angekommen war, wendete er sich, kehrte sich also der Versammlung zu, öffnete den Rachen und stieß ein donnerndes Gebrüll aus, das in diesem Höhlenraum so recht dröhnte — es waren Laute, die auch einen furchtlosen Mann erbeben lassen konnten.

So sehr aber auch der Detektiv sich reckte, um einen Blick auf Mr. Farman zu erhaschen, es war ihm nicht möglich. Die Gestalten der Priester entzogen ihn seinen Blicken, und er hatte so vieles andere zu beobachten, dass er vorläufig nicht weiter an den Gefangenen dachte.

Auf ihn selbst achtete überhaupt niemand. Noch keiner hatte auch nur nach ihm geblickt, nicht einmal die Thassis, bei denen doch Neugier entschuldbar gewesen wäre. Er war Luft für sie.

Nun aber gewahrte er, dass die heilige Handlung in Gang kam.

Es war eigentümlich, dass dies alles ohne Worte geschah. Die Darstellerin der Göttin hob die Hand.

Und da wurden von zwei wieder weißgekleideten Priestern mit ehrwürdigen langen weißen Bärten zwei Frauen hereingeführt — oder vielmehr eine Frau und ein junges Mädchen.

Man hatte beiden die Augen verbunden, aber die Tücher waren nicht so breit, dass sie ihr ganzes Gesicht verdeckten, und so kam es, dass Mr. Rouen, der Detektiv, gleich stutzte, als er die Frau erblickte.

»Das ist doch Mrs. Farman!«, dachte er, denn die kannte er.

Und da war der andere Gedanke naheliegend, dass das Mädchen neben ihr die neue Mrs. Farman hatte werden sollen.

Damit war es ja nun vorläufig vorbei. Farman würde kein Weib mehr unglücklich machen.

Aber was sollten die beiden hier?

Die beiden wurden vor das Standbild der Göttin geführt.

Die Priester neben ihnen lösten ihnen die Tücher.

Ganz plötzlich sahen die beiden nun fast unmittelbar vor sich den riesenhaften Tiger und auf ihm das kaum bekleidete Weib —

Sie schraken zurück.

Der Beobachter im Käfig konnte ja ihre Gesichter nicht sehen, aber das war auch nicht nötig. Da brauchte er nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie angstvoll und erschrocken die Frau und das Mädchen auf das Raubtier blickten. Er sah sie ja auch beide zurückweichen.

Und als der Tiger nun abermals den Rachen öffnete und zum zweiten Male brüllte, da brachen die Unglücklichen doch gleich auf die Knie nieder, schienen ohnmächtig geworden zu sein.

Schon aber beugten sich die beiden ehrwürdig aussehenden Priester über sie, einige Thassis eilten herbei, Becher in den Händen, und aus diesen wurde den Bewusstlosen ein Trunk eingeflößt, der sie alsbald wieder zur Besinnung brachte. Zitternd standen sie nebeneinander, und, wie das für Geschlechtsgenossinnen nur natürlich war, die sich hier auch noch als Schicksalsgefährtinnen betrachten mussten, wollte die jüngere sich schutzsuchend in die Arme der älteren flüchten.

Diese schlang auch bereits einen Arm um die Gefährtin.

Plötzlich aber stutzte sie, beugte sich etwas vor und — stieß sie von sich — gleich in einer Weise, dass es gar keinen Zweifel über den Anlass geben konnte.

Mr. Rouen wusste Bescheid.

»Aha, jetzt hat die ihre Nebenbuhlerin erkannt, ihre Nachfolgerin in der Gunst Mr. Farmans!«, dachte er.

Es war tatsächlich so.

Die beiden hatten, ehe ihnen die Binde von den Augen genommen wurde, nicht gewusst, wer die Gefährtin war. Jetzt sahen sie es, aber nur die Frau wusste, wer die andere war, und da erwachten in ihr Eifersucht und Hass. Sie stieß eben die Feindin von sich —

Sie schrie auch auf, kreischte irgendein Wort.

Aber ehe es zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen den beiden kommen konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt.

Plötzlich sahen sie den vor sich stehen, wegen dessen sie hierher gebracht worden waren.

Mr. Farman war auf die Füße gestellt worden. Sie sahen ihn gebunden vor sich stehen, und da stutzten sie beide.

Das Gesicht des Schurken war sehr bleich, aber es schien doch, als hätte er beim Anblick dieser beiden Weiber wieder etwas Hoffnung geschöpft. Er wusste sicher aus Erfahrung, wie verblendet eine verliebte Frau sein kann, was sie alles für den Mann ihrer Wahl zu tun imstande ist, und er rechnete damit, dass eine von den beiden ihm helfen würde und helfen könnte.

Die Frau machte auch schon eine Bewegung, als wollte sie zu dem Manne eilen, der sich doch ihr gegenüber bereits als Schurke erwiesen hatte — die Nachfolgerin, die er ihr geben wollte, stand neben ihr —

Die andere dagegen stand regungslos, vielleicht vom jähen Schrecken wie gelähmt. Und ehe sie noch etwas tun konnten, klang durch die Stille die Stimme der »Göttin« — Mr. Rouen erkannte auch aus ihrem Klange, dass er Lilith vor sich hatte — sie rief:

»Kennt ihr diesen Mann?«

»Ja ja, es ist mein Gatte!«, erwiderte die Frau sogleich.

Die andere aber blieb stumm.

»Und Du?«, fragte da die »Göttin«.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Eine andere Antwort gab es nicht.

»Du kennst ihn nicht?«

»Es ist Mr. Farman.«

»Und was wollte er von Dir?«

»Er sagte, er liebe mich und wolle mich heiraten.«

»Und Du?«

»Ich glaubte ihm und war bereit, seine Frau zu werden.«

»Jetzt aber?«

»Jetzt nicht mehr, jetzt kann ich ihn nur verachten.«

»Du gibst ihn frei?«

»Ich habe kein Recht dazu, da er sich noch nicht an mich gebunden hatte, wie ich nicht an ihn gebunden bin.«

Die »Göttin« schien mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden. Sie wendete sich an die Gattin Farmans.

»Und Du? Würdest auch Du ihn freigeben?«

»Niemals!«

»Auch dann nicht, wenn er schon anderen gehört, die er deinetwillen verstoßen und dem Elend preisgegeben hat?«

»Was kümmern mich die anderen!«

»Du liebst ihn?«

»Ich ihn lieben? Ich — — nein, ich hasse ihn!«

»Und wenn ich ihn Dir gebe?«

»So werde ich ihn töten!«

Da huschte ein Lächeln über das Gesicht der »Göttin«.

Fragen und Antworten waren merkwürdigerweise in englischer Sprache getauscht worden. Die Gläubigen schienen keinen Anstoß daran zu nehmen, eher darin, dass ihre Göttin auch diese Sprache verstand, einen Beweis ihrer Allwissenheit zu sehen.

Jetzt hob Kali-Durga eine Hand.

Sofort brachten zwei der Priester einen langen Kasten herbei, den sie vor ihr niederstellten.


Illustration

»So wirst Du ihn töten!«, kam es über die Lippen der »Göttin«.

Sie winkte. Einer der Priester befreite den Gefangenen von den Fesseln, indem er sie mit einem langen Messer durchschnitt.

Laut schrie Mr. Farman auf, sein Gesicht verzerrte sich — die Schmerzen, die das wieder in die abgeschnürt gewesenen Adern strömende Blut erzeugte, mochten fast unerträglich sein.

Aber er sank nicht zusammen, wie es doch nur natürlich gewesen wäre.

Irgendeine geheime Kraft schien ihn aufrecht zu halten.

Und wieder winkte die »Göttin«.

Einer der Priester hob den Deckel der Kiste. Er griff hinein, und als er sich wieder aufrichtete, hielt er in beiden Händen je eine wohl zwei Meter lange Schlange.

Indien ist das Paradies dieser Reptilien. Nirgends gibt es so viele Schlangen wie dort, und die vorkommenden Arten sind noch lange nicht alle erforscht worden. Jedenfalls erinnerte Mr. Rouen sich nicht, schon solche Tiere wie diese hier gesehen zu haben.

Sie besaßen einen ganz eigenartig gebauten Kopf, etwa einem sehr spitzen, gleichschenkligen Dreieck vergleichbar — und dabei schien er mit Knochenplatten gepanzert zu sein.

Ob diese Tiere Giftzähne besaßen oder nicht, wusste der Detektiv auch nicht, er nahm es an und dachte nicht anders, als dass der Priester nun durch sie den Gefangenen beißen lassen würde.

Da aber sah er, wie der Mann zu Mrs. Farman trat und ihr die Schlangen darbot. Entsetzt wich die Frau zurück.

Da aber erklang die Stimme der Kali.

»Ergreife diese Schlangen oder Du selbst wirst ihr Opfer!«

Zögernd streckte die Frau die eine Hand aus.

Sofort ließ der Priester die eine Schlange hineingleiten, und ebenso schnell ringelte das Tier sich in ganz eigenartiger Weise um den Arm des Weibes. Nur der Kopf ragte zwischen ihren Fingern hervor.

Ebenso erhielt sie die andere Schlange.

Furchtsam hielt sie beide Hände so weit wie möglich von sich ab.

»Jetzt tritt vor den Gefangenen!«, gebot die »Göttin«.

»Nein, nein — — ich will nicht!«, schrie Mrs. Farman auf.

Da aber wurde sie vorwärts getrieben.

Hinter ihr und neben ihr loderten auf einmal Flammen aus dem Boden hervor; sie konnte ihnen nur ausweichen, indem sie vorwärts schritt — eben auf Farman zu, und die Flammen blieben dicht hinter ihr, folgten ihr, sie konnte nicht zurück, bis sie unmittelbar vor ihrem Gatten stand —

Noch hatte sie die Hände erhoben, ohne dass sie es wusste oder wollte.

Die beiden Schlangen reckten die spitzen Köpfe vor und bogen sie wieder zurück —

Plötzlich aber schnellten sie wieder vorwärts.

Entsetzt wollte Mr. Farman zurücktreten.

Da aber hatten die beiden spitzen Köpfe schon gleichzeitig sein Gesicht getroffen — gerade die Augen —

Ein gellender Schrei erklang.

Blut rann aus dem Gesicht des Unglücklichen, er hob beide Hände, wollte anscheinend mit ihnen seine Augen schützen, obwohl er sicher nicht sehen konnte, dass die Schlangen schon zu einem neuen Stoße ausholten.

Doch er konnte die Arme nicht weit genug heben. Nur bis zur Schulterhöhe brachte er sie empor. Es war, als seien sie gelähmt —

Und da erfolgte der zweite Stoß, heftiger noch als der erste.

Furchtbar schrie der Unglückliche auf, er wollte sich umwenden — er konnte nicht — und da brach er zusammen.

»Nun hebe ihn auf und nimm ihn mit Dir!«, gebot die »Göttin«. »Einen blinden Gatten wirst Du fortan haben, er wird Dir treu bleiben, denn seine gierigen Augen können nicht mehr nach neuen Opfern suchen. Er wird Dir ganz gehören.«

Mit furchtbarem Hohne wurden diese Worte gesprochen, aber die Frau, die immer noch die Schlangen hielt, konnte sich nicht bewegen.

Sie starrte auf das blutende Gesicht ihres Gatten, dem die furchtbaren Schlangen die Augen ausgestoßen hatten — und plötzlich brach sie ohnmächtig zusammen

Im gleichen Augenblick setzten die Priester ihre langen goldenen Trompeten an den Mund, die anderen erhoben ebenfalls ihre Instrumente, ein ohrenbetäubender Lärm hob an, und zu diesen Tönen begannen die Thassis zu tanzen, dicht vor dem Standplatz des Tigers.

Immer wilder wurden ihre Bewegungen, immer gellender wurde die Musik, wenn dieses Getöse so genannt werden konnte —

Plötzlich aber ward es übertönt durch ein donnerndes Gebrüll.

Der Tiger hatte es ausgestoßen.

Mr. Rouen, der wie betäubt, das alles mitangesehen hatte, gewahrte, wie die Riesenkatze, noch immer die Frau auf ihrem Rücken, sich duckte, wie sie im Sprunge durch die Luft schnellte —

Im nächsten Augenblick hatte sie eine der Tänzerinnen erreicht und mit den furchtbaren Pranken niedergeschlagen.

Die » Göttin« war von ihrem Rücken geglitten, stand neben ihr, hob beide Arme, stieß einen jauchzenden Schrei aus —

Und da erlosch das Licht —

Was weiter geschah, vermochte der Detektiv später nicht mehr anzugeben. Als er gefunden wurde, in den Gassen der Schwarzen Stadt umherirrend, stieß er wirre Reden aus — er war wahnsinnig geworden —

— • —

83. Kapitel
Das Bahngespenst

Lord Hektor Clifford hockte, teilnahmslos vor sich hinstarrend, in einem bequemen Stuhl am Fenster und blickte auf das buntbewegte Treiben, das sich auf dem freien Platze abspielte, an dem das Hotel lag, in dem er wohnte.

Er sah nichts, seine Augen waren starr wie bei einem Träumenden, und wie immer drückten seine Mienen tiefste Schwermut aus.

Er hatte den Doktor Worm, der vor Kurzem bei ihm gewesen war, ohne ihn aber mit irgendwelchen Fragen zu belästigen, dringend gebeten, ihn allein zu lassen, und das war sofort berücksichtigt worden.

An die Dienerschaft war ein entsprechender Befehl ergangen. Auch von ihr würde niemand den einsamen Träumer stören.

Lord Hektor hatte also Muße, seinen Gedanken nachzuhängen, wenn überhaupt solche durch seinen Kopf gingen.

Jedenfalls war ganz sonderbar, dass doch ein Mensch zu ihm zu dringen wagte, überhaupt zu ihm gelangen konnte, denn Dr. Worm pflegte, wenn dieser Zustand seinen Schützling befiel, Wachen aufzustellen, die jede Störung verhindern sollten.

Jetzt aber wurden die dichten Vorhänge am Eingange des Zimmers geräuschlos zurückgeschlagen.

Ein junger Mensch huschte herein, zierlich gebaut, fast mädchenhaft. Auch das kurze Haar, das an das eines »Bubikopfes« erinnerte, passte eher für ein Mädchen als für einen Jüngling.

Sonst aber konnte das eben recht wohl ein Bursche sein; solche mädchenhafte Gestalten trifft man eben unter den Eingeborenen der schönen Insel sehr häufig, und das hier war offenbar ein Mischling, ein Eurasier. Darauf deutete das schöne Gesicht hin, auf dessen Oberlippe noch keine Spur von einem Bärtchen zu sehen war.

Lord Hektor hatte den Eindringling noch nicht bemerkt, schien aber nun doch zu empfinden, dass ein Augenpaar auf ihn gerichtet war, und in der Tat schaute der Bursche an der Türe unverwandt auf den Träumer mit seltsam starren Augen, die etwas Dämonisches hatten.

Unter diesem Banne wendete Lord Hektor den Kopf.

Er musste den Eindringling erblicken, aber er sagte nichts, fragte nicht — es schien, als könne er sich nicht aufschwingen.

Da trat der Besucher noch etwas vor, mit eigenartig huschender Bewegung, eben, als wüsste er recht wohl, dass er unberechtigt hier eingedrungen sei, als wollte er sich nicht ertappen lassen.

Und nun hob er beide Arme, die Hände flach gegen den jungen Lord gerichtet.

Dabei sprach er zwei Worte:

»Loke Klingsor!«

Wie ein Zauber wirkten sie auf Hektor Clifford.

Die eben noch ganz matten und starren Augen leuchteten auf, er richtete sich auch empor, beugte sich nach vorn — schien zu lauschen, aber seinen Ohren noch nicht zu trauen.

Da erklangen die beiden Worte noch einmal.

»Loke Klingsor!«, sagte das Bürschchen an der Tür.

Jetzt sprang Lord Hektor auf.

»Diesen Namen!«, murmelte er.

Da aber stand der Fremde schon dicht neben ihm, immer noch beide Arme vorgestreckt.

»Still, Lord Clifford!«, gebot er. »Setzen Sie sich wieder! Sprechen Sie nichts! Hören Sie mich nur an!«

Und der junge Lord gehorchte, kehrte zu seinem Stuhl zurück, alles mit seltsam mechanischen Bewegungen, setzte sich und hob lauschend den Kopf.

Der andere war ihm gefolgt, und hätte jemand ihn beobachten können, so hätte er, wenn er etwas davon verstand, sofort erkennen müssen, dass dieser junge Mensch einen hypnotischen Bann auf den Lord ausübte.

Aber niemand kam, niemand störte die beiden, niemand hatte ja eine Ahnung, dass überhaupt jemand in dieses Zimmer eingedrungen war.

Und nun hob der Bursche mit leiser Stimme zu sprechen an.

»Lord Clifford, mich sendet Loke Klingsor. Du kennst ihn bereits, den Mann mit der schwarzen Katze, mit den Teufelsaugen!«

»Loke Klingsor!«, musste Lord Hektor trotz des Verbotes doch rufen, und dabei verklärte sich sein Gesicht, seine Augen strahlten.

»So ruft er mich?«

»Er ruft Dich und will Dich sehen, Dich zu sich bringen lassen«, erwiderte der andere. »Bist Du bereit?«

»Ich bin ja so froh, dass ich ihn endlich, endlich sehen soll!«

»Er weiß es, deshalb schickte er mich. Lord Clifford, werden Sie genau tun, was ich Ihnen jetzt sage? Bedenken Sie, dass niemand etwas von Ihrem Vorhaben wissen darf. Niemand! Auch Dr. Worm nicht!«

»Auch Dr. Worm nicht!«, wiederholte der junge Lord.

»Sie müssen das Hotel verlassen. Trauen Sie sich dazu, ohne dass jemand Sie dabei beobachtet?«

»Ja, das kann ich.«

»Nun gut! Loke Klingsor ist nicht hier in Kandy. Er weilt aber in der Nähe. Nur ein kurzes Stück müssen Sie die Bahn benutzen. Sie müssen sich also auf den Bahnhof begeben, aber Sie dürfen keinen gewöhnlichen Zug benutzen, sondern sollen sich einen Extrazug kommen lassen — nur ein Wagen außer der Lokomotive und dem Tender.

Der Zugführer weiß Bescheid. Er wird an der betreffenden Stelle halten. Von dort aus werde ich Sie weiterführen. Ich werde auch rechtzeitig am Bahnhofe sein, werde in dem Zuge mitfahren. Haben Sie mich verstanden, Lord?«

»Ja, ich habe Sie verstanden«, lautete die Antwort.

Nun aber kam auch gleich der Beweis, dass Lord Hektor trotz des Bannes, der anscheinend über ihm lag, doch ganz logisch zu denken vermochte, denn er fügte hinzu:

»Ich werde mir Geld verschaffen müssen.«

»Um den Zug und andere Ausgaben zu bezahlen«, bestätigte der junge Bursche, der seine Blicke nicht eine Sekunde von ihm ließ. »Sie brauchen aber kein Bargeld —«

»Ich werde das Scheckbuch mitnehmen.«

»Haben Sie es nicht immer bei sich?«

»Es liegt dort im Schreibtisch.«

»So stecken Sie es gleich jetzt zu sich, auch eine Füllfeder!«, gebot der andere, und Lord Hektor erhob sich, trat zu dem Schreibtisch, zog einen Schlüsselbund, öffnete mit einem der Schlüssel ein Fach, nahm ein Scheckbuch heraus und eine Füllfeder, die wohl gleich immer dabei lag, steckte das erstere in eine dazu am Beinkleid hinten angebrachte Tasche, die Füllfeder aber befestigte er an der linken oberen Tasche seines Sportrockes.

»Sonst nehmen Sie nichts mit, Sie brauchen nichts weiter«, sagte nunmehr der Unbekannte. »Sie verlassen das Hotel Punkt neun Uhr, nehmen eine Rikscha und lassen sich nach dem Bahnhofe bringen. Dort wird der Sonderzug schon bereitstehen. Ich werde alles veranlassen.

Und nun noch eins! Man wird Ihnen eine Wache mitgeben wollen. Wissen Sie, aus welchem Grunde?«

Nein, davon hatte der Lord keine Ahnung. Alles, was für seine Reisen in Frage kam, besorgte ja Doktor Worm. Damit hatte er selber sich nie befasst, und so wusste er eben auch nicht, ob man ihn bisher schon bewacht hatte oder nicht. Er hatte sich nicht darum gekümmert, ja auch nie aus dem Fenster gesehen, um sich etwa an dem Anblick der Landschaft zu erfreuen.

Er war teilnahmslos gegen solche Dinge.

»Diese Wache wird jetzt jedem Zuge mitgegeben, natürlich erst recht einem reichen Herrn, der einen Sonderzug verlangt«, erklärte das Bürschchen.

Da allerdings lag es nahe, dass Lord Hektor nach dem Grunde fragte. Der andere schien es so zu wollen.

»Warum das?«, fragte also Lord Hektor.

»Wegen des Bahngespenstes«, lautete die Antwort.

Und wieder war natürlich, dass Clifford nun fragte, was das sei.

Der andere schüttelte den Kopf.

»Das weiß niemand — bis jetzt wenigstens nicht«, erklärte er. »Ich will Ihnen sagen, um was es sich handelt. Von Zeit zu Zeit werden in Sonderabteilen, und noch mehr in Sonderwagen, die ja in jedem der hiesigen Züge gemietet werden können, die Insassen beraubt gefunden.

Das ist auch früher schon geschehen, aber da hat man immer die Täter bald herausgefunden und ohne besondere Umstände gleich am nächsten Baume aufgehängt.

Mit dem Bahngespenst aber hat es eine andere Bewandtnis. Die Beraubten erzählen da ganz merkwürdige Sachen. Sie wollen plötzlich ein unheimliches Wesen bemerkt haben, das sie von irgendeiner Stelle aus anstarrte — —«

Der junge Bursche erzählte weiter, und wäre Lord Hektor Clifford nicht so weltfremd geworden, so hätte er das alles wissen müssen, denn mag jemand auch für gewöhnlich verschmähen, seine Mußestunden mit dem Lesen des seichten Zeitungsgeschwätzes auszufüllen, so wird das doch auch für ihn sozusagen zur Pflicht, wenn Ereignisse eintreten, welche die gesamte Öffentlichkeit in Aufregung versetzen.

Und das war durch das Bahngespenst geschehen.

Was dieser junge Mensch da erzählte, war eine Tatsache, die den englischen Kriminalbeamten in Indien viel Kopfzerbrechen machte, ja schon Veranlassung gewesen war, einige besonders in Eisenbahnsachen erfahrene Detektive herüberkommen zu lassen.

Auch sie standen vorläufig noch vor einem Rätsel.

Bei diesen Überfällen handelte es sich nicht um gewöhnliche Bahnräuber, die im Zuge mitfahren und unterwegs an geeigneter Stelle einzelne Reisende oder alle Passagiere überfallen — es gab da nichts von vorgehaltenen Revolvern und maskierten Gesichtern — es handelte sich eben tatsächlich um ein Gespenst, wie alle die versicherten, die mit diesem Wesen zusammengetroffen waren.

Das klingt natürlich sonderbar, denn jeder Mensch — wenigstens die, die sich gern als »vernünftig« bezeichnen — weiß, dass es keine Gespenster gibt, behauptet es wenigstens. Hier aber stand dieser Behauptung die andere gegenüber, dass keiner der Überfallenen überhaupt wusste, wer ihn ausgeplündert hatte, dass sie alle das sonderbare Wesen anders schilderten und nur darin einig waren, dass es einen grauenvollen, markdurchdringenden Schrei ausgestoßen habe, ehe es sich auf sie warf.

Dieser Schrei, den sie mit keinem anderen vergleichen konnten, sei so grauenhaft, so unheimlich gewesen, dass sie sofort wehrlos, gleichsam gelähmt gewesen seien.

Und dann habe etwas sich auf sie gehockt, sie hätten in ein Gesicht geblickt, dem ebenfalls nichts zu vergleichen wäre, in ein schreckliches Gesicht, aus dem zwei glühende Augen sie in furchtbarster Drohung anfunkelten —

Sonst wussten sie nichts mehr. Sie waren eben ohnmächtig geworden, so hatte man sie gefunden, und es hatte stets lange, lange gedauert, ehe die Unglücklichen überhaupt imstande gewesen waren, etwas anzugeben.

Jedenfalls wurden seitdem alle Züge bewacht, natürlich nur die Wagen erster und zweiter Klasse, denn in den anderen war das Gespenst noch nicht aufgetaucht, und das eben hatte den Detektiven verraten, dass es sich nicht um einen Spuk handelte, sondern um einen ganz raffinierten Räuber, der nur einen bisher unbekannten Trick anwendete, um Beute zu machen.

Bei den mitreisenden armen Hindus fand er diese nicht. Deshalb vergriff er sich nicht an ihnen. Das hinderte aber nicht, dass auch manche von diesen den unheimlichen markerschütternden Schrei gehört hatten.

Das erzählte der Bursche also dem jungen Lord, ihn immer scharf, aber auch nur verstohlen beobachtend, und da musste er schon bald erkennen, dass sein Bericht auf den Melancholiker gar keinen Eindruck machte, gleich gar nicht von Furcht zu sprechen, die ihn etwa von der Reise abhalten könnte.

Er schien überhaupt nichts mehr zu hören, und noch hatte sein Besucher nicht alles berichtet, da fragte er ihn:

»Wird Loke Klingsor aber auch bestimmt dort sein, wohin Sie mich führen wollen?«

»Aber Mylord!«, erwiderte der andere. »Wenn er selbst Sie abholen lässt, dann wird er doch auch an dem verabredeten Treffpunkte sein!«

»Jaja! Daran hatte ich nicht gedacht. Ich danke Ihnen!«

Zu besprechen gab es nichts mehr. Der Lord war gewarnt, er konnte immer noch nach Gutdünken entscheiden — er dachte nicht daran, zu verzichten.

»Gehen Sie, und bestellen Sie den Sonderzug!«, bat er — —

»Ganz, wie Mylord befehlen!«

Der junge Mensch verbeugte sich und ging — aber nicht zu der Tür, durch welche er doch gekommen war, sondern zu einem der Fenster.

»Sie erlauben, Mylord?«, fragte er.

Lord Hektor Clifford schaute ihn an, verstand ihn nicht gleich, auch dann nicht, als jener auf das Fenster deutete —

»Ich möchte nicht gesehen werden«, sagte er.

»Sie wollen durch das Fenster hinaus? Bitte!«

Da wirbelte der Bursche auch schon den einen Flügel auf, schwang sich auf das Brett, blieb aber dort noch einmal stehen.

»Ich vergaß ganz, Ihnen meinen Namen zu sagen«, meinte er nun nachlässig. »Sie müssen doch aber wissen, mit wem Sie zu tun haben. Ich heiße Kalgrad.«

Ob der junge Lord das noch hörte, war sehr zweifelhaft, denn er achtete bereits nicht mehr auf den sonderbaren Menschen.

Dieser schaute noch einmal zurück, mit einem sonderbaren Blicke, und hätte er Frauenkleidung getragen, so hätte man fest behaupten können, er habe den jungen Lord verliebt angesehen — aber das konnte ja nicht der Fall sein —

Jedenfalls verschwand er im nächsten Augenblick draußen, kletterte irgendwo und irgendwie auf einem der breiten Simse dahin, die unter den Fenstern hinliefen, schwang sich dann auf einen der vielen Balkons, kam so in ein anderes Zimmer und verließ durch dieses das Hotel wieder.

Kein Gedanke daran, dass Lord Clifford ihm nachschaute, dass er nun etwa an eins der Fenster trat und das Portal beobachtete, um zu warten, bis der geheimnisvolle Besucher dort auftauchte —

Lord Clifford saß schon wieder in seinem Stuhle und starrte vor sich hin, nur mit dem Unterschied gegen vorher, dass er jetzt ständig lächelte.

Er dachte offenbar mit großer Freude an das bevorstehende Zusammentreffen mit Loke Klingsor, nach dem er in allen Erdteilen bereits gesucht und gefragt hatte, ohne dass jemand ihm auch nur die geringste Auskunft hatte geben können.

Dabei bewies er doch auch wieder, dass seine Melancholie ihn nicht hinderte, seine Handlungen klar zu überlegen, denn als Dr. Worm zu ihm kam und sich nach seinen Wünschen erkundigte, da war Lord Clifford so freundlich zu ihm wie selten vorher — er hatte ja selbstverständlich seinen Begleiter stets höflich behandelt, dafür war er viel zu gut erzogen — aber eben so recht freundlich war er nicht gewesen. Daran hatte die tiefe Schwermut ihn gehindert, die ganz von ihm Besitz ergriffen hatte.

Nun also stutzte Dr. Worm, als er den jungen Lord lächeln sah — das erste Mal, seit er bei ihm weilte — und er staunte noch mehr, als Lord Hektor, ohne angeredet zu sein, zu ihm sprach!

»Ich glaube, Doktor«, sagte er, »ich habe mich noch nirgends so wohl gefühlt wie hier. Mir ist viel leichter als sonst. Wo sind wir denn eigentlich?«

Nun, Dr. Worm wunderte sich über diese Frage nicht. Wenn einer, dann hatte er doch mit immer neuem Kummer beobachtet, dass der junge Mann niemals auf die Landschaft achtete, die er durchfuhr, dass nichts ihn interessierte. Da konnte er natürlich auch nicht wissen, wo er sich befand. Danach fragte er nie, erfuhr es nur, wenn es ihm ausdrücklich gesagt wurde.

»Wir sind auf Ceylon, in Colombo, Mylord«, erwiderte der Arzt.

»Soso, auf Ceylon! Ja, es ist wunderschön hier!«, sprach Lord Hektor weiter.

»Wollen wir vielleicht einen Ausflug unternehmen, Mylord?«

»Ja, jawohl, Doktor — nur nicht heute — ich weiß nicht, ich fühle mich leicht und froh, aber doch etwas abgespannt, ich möchte mich heute frühzeitig niederlegen. Ich hoffe, dann morgen früh recht frisch zu sein —«

»Sehr recht, Mylord! Tun Sie das!«, pflichtete Doktor Worm bei. »Wir wollen nur noch zusammen speisen.«

»Nein, bitte nicht! Ich lasse mir etwas auf mein Zimmer bringen. Sonst möchte ich ungestört sein!«

Auch das war durchaus nicht auffällig. Es kam sehr oft vor. Doktor Worm hatte also keinerlei Anlass, sich darüber etwa zu wundern. Er verbeugte sich also und wollte sich zurückziehen, herzlich froh, dass sein Pflegebefohlener mal aus eigenem Antriebe gesprochen hatte.

Sobald er allein war, wollte er dieses überaus erfreuliche Vorkommnis der Lady Clifford melden, ihr eine Depesche senden.

Da aber geschah etwas, was ihn für den Augenblick fast sprachlos machte.

»Dr. Worm!«, rief der junge Lord, als der Arzt schon an der Türe stand.

»Sie wünschen, Mylord?«

»Bitte, kommen Sie noch einmal zurück!«

Und nachdem der Arzt zu ihm getreten war, streckte Lord Hektor ihm die rechte Hand hin.

»Doktor, ich habe Ihnen wohl große Sorge gemacht?«, fragte er.

Nun war dieser deutsche Gelehrte kein Speichellecker, der die Wahrheit verschwieg, um nur ja keinen Anstoß zu erregen. Er erwiderte also ganz offen:

»Ich kann es nicht leugnen, Mylord.«

»Und ich habe es gemerkt, aber auch immer wieder, dass Sie nie die Geduld verloren — ja, Doktor, mag es auch den Anschein gehabt haben, als hätte ich Ihre Sorgfalt für mich nicht gewahrt, es war doch der Fall, und ich möchte Ihnen heute dafür von Herzen danken. Ich würde mich freuen, wenn endlich in meinem Wesen die Wandlung einträte, die Sie so ersehnen — und auch meine Mutter, Lady Clifford —

Sie wollen ihr noch heute eine Depesche senden?«

Da war also wieder ein Beweis erbracht, wie scharf dieser Melancholiker trotz seiner seelischen Erkrankung zu denken vermochte.

Dr. Worm leugnete es nicht.

»Dann grüßen Sie sie von mir! Ich bitte Sie ausdrücklich darum. Und fügen Sie hinzu, ich hoffte zuversichtlich, dass nunmehr bald der Anlass schwinden würde, der ihr so vielen Kummer gemacht hat!«

»Ich werde es tun, Mylord«, erwiderte der Arzt, und seine Augen leuchteten freudig auf. »Gebe Gott, dass diese Wandlung dauernd ist, dass Sie dadurch nicht nur Lady Clifford wiedergegeben werden, sondern auch den übrigen Menschen der Welt überhaupt!«

»Ich denke es«, erwiderte Lord Hektor und drückte noch einmal freundlich und fest die Hand des Doktors.

»Gute Nacht! Und sorgen Sie sich nicht um mich!«, sagte er dann.

Da ging Dr. Worm, und kaum war er hinaus, da ließ er sich mit dem Lift in das Vestibül des Hotels bringen, suchte dort das herrlich eingerichtete Schreibzimmer auf, das — wie meist — leer war und setzte eine lange Depesche an Lady Clifford auf.

Das war nicht so leicht, denn jedes Wort wollte sorgsam überlegt sein, und übermäßige Hoffnungen, die sich vielleicht doch nicht verwirklichten, wollte er nicht erwecken.

Endlich war die schwere Arbeit gelungen. Dr. Worm schrieb den Entwurf ins Reine, ließ sich mit dem Postamte verbinden und diktierte die Depesche, die er als sehr dringlich bezeichnete.

Dann aber kehrte er in sein Zimmer zurück, kleidete sich für das Diner um und leistete sich aus Freude über das glückliche Ereignis eine Flasche edelsten Rheinweines.

Selbstverständlich hatte er vorher strengste Weisung gegeben, Lord Hektor nicht mehr zu stören, und dass dieser Befehl ausgeführt wurde, davon war er überzeugt. Er selbst kontrollierte aber noch mehrmals in der Nacht die aufgestellten Wachen.

Schlafen konnte er sowieso nicht, dazu war er viel zu freudig aufgeregt.

Hätte er geahnt, was ihm bevorstand!

Lord Hektor hatte dem Arzte nachgeblickt, bis die Tür sich hinter diesem geschlossen hatte.

Dann seufzte er auf.

»Dieser Mann hat nicht verdient, dass ich ihn täusche«, murmelte er. »Aber das will ich ja auch gar nicht — ich weiß, dass ich nun gesund werden muss — und wenn er mich morgen früh nicht mehr hier findet, so soll er sich nicht sorgen müssen. Ich will ihm einige aufklärende Zeilen hinterlassen. Wenn ich ihm schreibe, was ich vorhabe, wird er mir nicht nachforschen, sondern warten, bis ich zurückkomme.«

So begab er sich nach dem Schreibtisch, nahm Briefpapier, zog die Füllfeder aus der Tasche und wollte zu schreiben beginnen, aber es war ganz merkwürdig, dass er nicht über das Datum hinauskam.

Nicht einmal die Anrede vermochte er zu schreiben. Ihm war, als überfiele ihn eine unbeschreibliche Müdigkeit, und ehe er sich dessen noch versah, war er wirklich eingeschlafen, so, am Schreibtische sitzend.

Er wurde erst geweckt, als ihm das Essen gebracht wurde.

Als der Kellner mit den eingeborenen Dienern eintrat, welche die verschiedenen Schüsseln trugen, war Lord Hektor sofort wieder ganz munter, und so kam es, dass der dienstbare Geist später nur aussagen konnte, Mylord habe am Schreibtisch gesessen. Dass er geschlafen hatte, hatte der Mann nicht bemerkt. Lord Hektor hatte gar nicht danach ausgesehen.

Jedenfalls ließ er die Speisen auftragen, ohne etwas zu sagen, bedankte sich, wie immer, freundlich und bemerkte nur, dass man das Geschirr erst am Morgen holen möchte. Er werde sich gleich nach dem Essen niederlegen.

Als er sich dann erhob, sah er den Briefbogen liegen, schwankte eine Minute, ob er nicht doch nun die Nachricht schreiben sollte, schüttelte jedoch den Kopf, setzte sich an den Tisch, aß und trank mit gutem Appetit, freute sich selber darüber, dass es ihm wieder einmal so schmeckte — und dachte dabei nur an Loke Klingsor, den er nun bald sehen sollte.

Was dieses Zusammensein mit dem rätselhaften Manne ihm bringen würde, wusste er nicht, grübelte auch nicht darüber nach. Was er erwartete, hatte er ja gesagt — dem Arzte — dass er wieder gesund werden würde, wieder der lebensfrohe junge Mann, der er gewesen war.

Und nachdem er auf seine schwergoldene, kostbare Taschenuhr geblickt und sich überzeugt hatte, dass es Zeit war, nach dem Bahnhofe zu fahren, erhob er sich, setzte seine Mütze auf und trat an dasselbe Fenster, durch welches sein Besucher ihn verlassen hatte.

Und abermals zeigte sich, dass dieser Melancholiker trotz seiner scheinbaren Gleichgültigkeit sehr scharf beobachtete, dass er doch gesehen hatte, auf welchem Wege dieser Kalgrad sich entfernt hatte.

Lord Clifford schwang sich aus dem Fenster, gelangte auf den breiten Sims darunter und lief auf ihm mit einer Sicherheit hin, als hätte er Zeit seines Lebens nichts anderes getan.

Auf dem Platze unten war es nicht etwa still. Im Gegenteil, dort hatte erst das übliche Treiben eingesetzt, das sich in dieser heißen Stadt ja nur abends entfalten kann. Ein richtiges großstädtisches Leben hatte begonnen; aber niemand schien den seltsamen Kletterer zu bemerken. Er kam bis an die Ecke des mächtigen Gebäudes, wo sich mehrere Palmen erhoben, und mit einem Sprunge war er nach der einen hinübergelangt, umklammerte den dünnen Stamm und glitt mit der Gewandtheit des erfahrenen Sportsmannes an ihm zu Boden.

Kaum stand er auf diesem, so klopfte er sich den Anzug ab, falls doch Rindenstückchen oder Schmutz daran haften sollten, schritt nach dem Stande der Rikschakulis, stieg in einen der leichten Wagen und ließ sich nach dem Bahnhofe fahren.

»Weit kann es ja nicht gehen«, sagte er halblaut vor sich hin, während der Kuli schon in vollem Laufe mit ihm davoneilte.

Und er hatte recht, denn die Insel Ceylon ist ja nicht groß. Da konnte keine lange Bahnfahrt in Frage kommen, und eben deswegen musste er also den ersehnten Loke Klingsor sehr bald treffen.

Auf dem Bahnhofe angekommen, merkte Lord Hektor, dass er kein bares Geld bei sich hatte. Es war ja seit langer, langer Zeit das erste Mal, dass er persönlich etwas bezahlen wollte, das hatte immer Dr. Wom für ihn getan.

Einen Augenblick dachte er daran, dem Kuli einen Scheck zu geben, aber das war doch nicht gut angängig, so wollte er eine kurze Notiz schreiben, dass man den Mann im Hotel bezahlen möge.

Auch das aber war nicht ratsam.

Der Kuli zeigte sicher diesen Zettel sogleich vor, und dann erfuhr man, dass der Lord das Hotel verlassen hatte — man schöpfte Verdacht, da ja gemeldet worden war, dass er sich auf seinen Zimmern befand und nicht gestört sein wollte — man forschte nach —

Ratlos saß Lord Hektor da und wusste nicht, was er tun sollte.

Zum ersten Male in seinem Leben erfuhr er, in welche Verlegenheit der Mensch kommen kann, wenn er kein Geld bei sich hat.

Da kam ihm ein Gedanke.

Wenn er dem Kuli einen seiner Ringe gab?

Auch das ging nicht, wie er sogleich einsah. Das war genau so gut, als hätte er den harmlosen Menschen kaltblutig zum Tode verurteilt.

Versuchte dieser arme Kerl den Ring zu Gelde zu machen, so schöpfte man ganz gewiss Verdacht. Man brauchte nicht einmal anzunehmen, dass er das Kleinod gestohlen habe, er konnte es ja auch auf der Straße gefunden haben — einerlei — das war Unterschlagung, und sie galt als Diebstahl — der Mann würde eingesperrt und wahrscheinlich nach wenigen Stunden schon gehenkt! Mit solchen armseligen Eingeborenen machte man hier keine großen Umstände.

Lord Hektor aber hätte sich nie vergeben können, dass ein Mensch durch seine Schuld unschuldig gehenkt würde.

Und weil er nicht wusste, was er tun sollte, hatte er schon den Entschluss gefasst, sich selbst etwas auf einen seiner Ringe zu borgen — das wäre an sich nicht auffällig gewesen —

Aber auch das hätte auf seine Spur leiten müssen!

Wenn Dr. Worm nachforschte, so doch zuerst mit auf dem Bahnhofe, und dann erfuhr er alles, fand den Ring —

Nein, es ging nicht.

Das einzige war, dass Lord Hektor sich noch einmal nach dem Hotel fahren ließ, an der Palme in die Höhe kletterte und auf dem Kletterwege wieder in sein Zimmer kam, dort Geld holte und den Weg noch einmal machte.

Inzwischen aber war die Zeit verstrichen, war es neun Uhr geworden — und ein solcher Sonderzug kann nicht warten, die Strecke kann für ihn nicht auf längere Zeit freigehalten werden. Da muss doch alles bis auf die Minute stimmen —

Ganz verzweifelt schaute der junge Lord sich um.

Da löste sich aus der Menge, die sich aber gar nicht um ihn gekümmert hatte, ein alter Mann ab, offenbar ein Inder, kein Singhalese.

Mit über der Brust verschränkten Armen verneigte er sich vor dem Lord.

»Du kennst mich?«, fragte dieser überrascht.

»Ich kenne Dich, Sidi!«, lautete die Antwort.

Da fragte Lord Hektor nicht erst weiter. Er musste ja auch annehmen, dass jener junge Mann, der bei ihm gewesen war, diesen Mann geschickt habe, um ihn in Empfang zu nehmen, dass er ihm eine genaue Beschreibung des zu Erwartenden gegeben habe.

»Hast Du Geld bei Dir?«, fragte er.

»Jawohl, Sidi!«

»Dann bezahle diesen Kuli! Gib ihm ein Lak Rupien!«


Illustration

Das war eine sehr gute Bezahlung, eine fürstliche sogar, aber der greise Inder verzog keine Miene, sondern händigte dem Kuli den Betrag ein, während Lord Clifford nun ausstieg.

Die hellerleuchtete Bahnhofsuhr zeigte auf drei Minuten vor neun.

Es war höchste Zeit, dass er sich auf den Bahnsteig begab.

Der Inder eilte ihm nach und blieb bei ihm.

Ein Beamter, der ihn kommen sah, kannte ihn offenbar bereits, verneigte sich tief vor dem jungen Mann und führte ihn mit der einem so reichen Herrn gegenüber geziemenden Ehrfurcht zu dem bereitstehenden Zuge.

Dieser bestand nur aus Lokomotive, Tender und einem Salonwagen, und dieser wieder war mit allen jenen Bequemlichkeiten ausgestattet, die in solchen heißen Ländern unerlässlich sind, soll das Reisen nicht zu einer Höllenqual werden.

Lord Hektor stieg ein, nachdem der englische Bahnhofsvorstand, der zu seiner Begrüßung herbeigeeilt war, von dem alten Inder darauf aufmerksam gemacht, dass dies nicht erwünscht sei, auf halbem Wege Halt gemacht hatte.

Lord Hektor selber kümmerte sich um nichts mehr, sondern setzte sich in einen der bequemen Sessel, die aus leichtem Korbgeflecht bestanden, und wartete nur darauf, dass der Zug abfahren möchte.

Da erklang auch schon der schrille Pfiff. Die Lokomotive zog an, und hinaus ging es in die Nacht.

Nun hätte Lord Hektor sich doch wenigstens nach dem jungen Burschen umschauen müssen, der ihm versprochen hatte, mitzufahren.

Er tat es nicht. Alles andere war ihm vollkommen gleichgültig: Er fuhr und sollte, musste bald Loke Klingsor sehen!

Er hätte sich erkundigen können, welches Ziel dem Zugführer angegeben worden sei; aber auch das hatte er nicht getan. Er verließ sich eben auf den, der ihn zu dieser Fahrt aufgefordert hatte. Nicht das leiseste Misstrauen kam ihm. Das wäre ihm geradezu ungeheuerlich erschienen, nachdem jener gesagt hatte, er komme im Auftrage Loke Klingsors.

So sauste denn der Zug in die Nacht hinein.

Jeder andere Reisende hätte wenigstens anfangs seine helle Freude an dem gehabt, was ein Blick aus den großen Fenstern hinaus ihm zeigte — diese herrliche, indische Nacht, die von Tausenden von großen Leuchtinsekten erhellt wurde. Wie fliegende Sterne schwirrten die Tiere durch die Luft — Lord Hektor aber sah nichts —

Er zog auch nicht die Uhr, um etwa festzustellen, wie lange die Fahrt dauerte, bis wieder gehalten wurde; er lauschte nur der Stimme in seinem Innern, die ihm wieder und wieder den Namen Klingsor vorsprach.

So wusste er absolut nicht, wie lange er unterwegs gewesen war, als der Zug plötzlich hielt; aber als er nun aufstand und durchs Fenster blickte, staunte er doch, als er irgendwo in der Nähe des Meeres sein musste.

Auch jetzt fragte er nicht, ging zur Türe, öffnete sie und stieg aus.

Er stand auf einem kleinen Bahnhofe, sah einen Beamten, der ihn ehrerbietig grüßte, aber durch den plötzlich auftauchenden alten Inder zurückgeschreckt wurde.

Dieser kam auf ihn zu, wieder mit tiefer Verneigung, die Arme über der Brust gekreuzt —

»Sidi, Du musst hier ein Boot besteigen«, sagte er. »Wir müssen nach dem Festlande hinüber. Drüben wird die Fahrt noch ein Stück fortgesetzt. Der, den Du suchst, weilt nicht auf dieser Insel.«

Ohne ein Wort deshalb zu äußern, schritt der Lord neben dem Greise einher. Sie kamen an den Meeresstrand, und dort lag auch schon ein Motorboot —

Eingestiegen, abgefahren —

Und wieder war dem jungen Lord alles gleichgültig, wieder dachte er mit keinem Atemzuge daran, dass ihm etwa eine Falle gestellt werden könnte.

Diese schmale Meeresstraße, die Ceylon von der Halbinsel Vorderindien trennt, war bald überquert, nach kurzer Wanderung standen die beiden abermals auf einem Bahnhof und wieder spielte sich alles so ab wie in Colombo. Der Sonderzug stand bereit. Lord Hektor stieg ein und fuhr allein in die Nacht hinaus.

Diesmal schien die Fahrt länger als vorher dauern zu sollen. Doch auch jetzt erschien niemand in dem Salonwagen. Eine Bedienung, falls der Lord etwa eine Erfrischung haben wollte, war ja auch gar nicht nötig, denn in dem Wagen war alles vorhanden. Ein großer, silberner Behälter war mit Eiswasser gefüllt, auf einem Büfett standen eisgekühlte Flaschen mit verschiedenen Weinen und Likören —

Plötzlich aber stutzte Lord Hektor doch.

Es ist schon wiederholt gesagt worden, dass er scheinbar auf nichts achtete, was um ihn her vorging, dass er aber trotzdem alles scharf beobachtete, und so fiel ihm jetzt auf, dass an der nach dem Gange führenden Tür ein Schatten vorbeihuschte.

Ja, das fiel ihm auf.

Es war vielleicht nun doch jener junge Mann, dieser Kalgrad oder wie er sonst hieß.

Da — da war er wieder.

Nun aber kam dem jungen Lord doch das Verlangen, eine Frage an seinen Führer zu richten. Berechtigt war er ja dazu —

Er schob also die halb offene Türe ganz auf und trat auf den Gang hinaus, der sich naturgemäß durch die ganze Länge des Wagens erstreckte.

Licht brannte draußen, aber nur an einer Stelle — in der Mitte des Ganges und über die Flamme war der Schutzschirm gezogen, dass sie nicht leuchtete.

Der Gang war in ein seltsames, blaues Dämmerlicht gehüllt.

Nun hätte es trotzdem hier hell sein müssen, da ja das Licht aus dem Salon herausdringen musste, aber das war eben nicht der Fall, denn die Vorhänge an den nach dem Gange führenden Fenstern waren zugezogen.

Jedenfalls musste Lord Clifford sich erst an dieses ungewisse Licht gewöhnen, ehe er notdürftig etwas erkennen konnte.

Und plötzlich war ihm, als sähe er am Ende des Ganges eine Gestalt —

Ein Mensch konnte es nicht sein. Dazu war die Erscheinung zu klein.

Oder der Mann hatte sich auf dem Boden hingehockt, so mit untergeschlagenen Beinen, wie es landesüblich ist.

Lord Hektor nahm das auch an, dachte, es sei der alte Inder, und so näherte er sich ihm.

Da aber blieb er auch schon wieder stehen.

Er kannte keine Furcht, schon aus dem Grunde, weil er gar keinen Anlass dazu hatte.

Die Geschichte von dem geheimnisvollen Bahngespenst hatte er wohl überhaupt nicht gehört, und wenn, dann dachte er nicht mehr daran —

Aber das Wesen dort hatte doch auch für ihn etwas sonderbar Unheimliches, ohne dass Lord Hektor zunächst zu sagen vermocht hätte, worin das bestand.

Plötzlich aber wusste er es.

Die Augen dieses Geschöpfes funkelten wie die einer Eule durch das Dämmerlicht, sie leuchteten, glühten rot und schienen bald groß zu werden, bald sich wieder zusammenzuziehen.

Das konnte nur ein Tier sein, das auf irgendeine Weise in den Wagen geraten war und nun keinen Ausweg mehr fand. Vielleicht ein fliegender Hund oder etwas Ähnliches.

Lord Hektor empfand Mitleid mit dem armen Geschöpf. Er erbarmte sich ja auch sonst jedes Tieres.

So schritt er weiter, mit der Absicht, die Tür zu öffnen und das Geschöpf entweichen zu lassen.

Kaum aber hatte er ein paar Schritte getan, da richtete sich das geheimnisvolle Wesen auf, schien zu wachsen, ward immer größer, bis es endlich bis an die ziemlich hohe Decke des Ganges zu reichen schien —

Und entsprechend vergrößerten sich auch die funkelnden, glühenden Augen.

Lord Hektor hatte keine Waffe mitgenommen, besaß wohl überhaupt keine, keinen Revolver, er hatte sich ja um nichts gekümmert, war gleichsam eine lebende Puppe gewesen — aber Furcht kannte er eben auch nicht —

Er hätte die Notleine ziehen können, dachte gar nicht daran, blieb nur stehen, schaute auf das Ding und suchte sich darüber klar zu werden, was es sein könnte.

Ja, was war das?

Schon war es wieder zusammengeschrumpft, schien auf dem Boden zu hocken, und jetzt funkelten auch die Augen nicht mehr.

Da war Lord Hektor überzeugt, dass seine erste Annahme richtig gewesen war, dass es sich wirklich um einen fliegenden Hund handelte, ein ganz harmloses Tier, das sich nur von Baumfrüchten nährt.

Als es vorhin so groß erschienen war, war es eben einmal aufgeflogen, hatte an der Decke geschwebt, und nun kauerte es wieder auf dem Boden.

Lord Hektor näherte sich also dem armen Kerl —

Und wiederum blieb er jäh stehen.

Diesmal aber zitterte er doch am ganzen Leibe vor Schrecken, und er spürte deutlich, wie ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken rann.

Ein geradezu entsetzenerregender Schrei war erklungen, gellend, schrill, ohrenzerreißend — gar nicht zu beschreiben —

Und da plötzlich entsann sich Lord Hektor doch der Erzählung des jungen Burschen. Die Worte waren ihm im Unterbewusstsein geblieben. Jetzt tauchten sie daraus empor —

Er erinnerte sich ganz genau, dass dieses Bahngespenst, wie Kalgrad es genannt hatte, solche Schreie ausstoßen sollte!

Das also war es! Vor ihm hockte dieses rätselhafte Wesen, nach dem die Detektive vergebens forschten!

Und als Lord Hektor das klar erkannte, da fiel der Schrecken auf einmal von ihm ab. Ein Wunder vollzog sich an ihm und in ihm.

Er wurde wieder das, was er einst gewesen war: ein Engländer durch und durch, kühl denkend, mutig, entschlossen.

Und als Engländer fühlte er sich verpflichtet, seinen Landsleuten zu helfen, diesen geheimnisvollen Bahnräuber für immer unschädlich zu machen.

Keine Spur von Melancholie war mehr in ihm. Sogar den Loke Klingsor hatte er vergessen.

Jeder Muskel seines Körpers spannte sich, er ballte die Hände, bereit zum furchtbaren Boxerstoße —

Und so rückte er langsam dem Wesen da auf den Leib.

Abermals erklang der Schrei, fast noch furchtbarer und furchterweckender als vorher, die Ohren gellten dem jungen Lord, der ganze Gang schien von diesem Schrei erfüllt zu sein —

Aber obwohl er nicht zu hindern vermochte, dass ihn wiederum ein kalter Schauer überrann, ließ er sich doch nicht mehr aufhalten, nicht abschrecken.

Sich zum Sprunge duckend, stand er da.

Noch konnte er nicht unterscheiden, ob das vor ihm ein Mensch war oder ein Tier — er nahm noch das Letztere an, obwohl er sich dann nicht erklären konnte, wie es die Reisenden ausplündern konnte.

Aber es konnte doch sein, dass es ein abgerichtetes Tier war, das die Überfallenen nur wehrlos machte, dass dann sein Herr das Übrige tat —

Ach was! Solche Überlegungen waren ganz unnütz!

Lord Hektor wollte vorspringen —

Da schnellte es selbst gegen ihn —

Mit aller Wucht fuhr ihm etwas gegen die Brust, und er spürte auch gleich, dass scharfe, furchtbare Krallen durch die Sportjacke und die Wäsche bis in sein Fleisch eindrangen, er merkte einen jähen Schmerz —

Dabei aber kam er nicht eigentlich zum Bewusstsein dieses Schmerzes, seine Aufmerksamkeit wurde vielmehr durch die entsetzlichen, glühenden Augen gefesselt, die sich jetzt unmittelbar vor seinem Gesicht befanden — er sah weiße Zähne blinken, merkte, dass diese nach seinem Halse schnappten, nach der Stelle, wo sich die große Schlagader befand, und wusste, dass er dies unter allen Umständen verhindern musste.

Glückte der Biss, dann war er rettungslos verloren, das wusste er —

Gleichzeitig aber hatte er mit beiden Händen zugepackt, hatte dorthin gegriffen, wo er den Hals der Bestie vermuten musste — er wollte diesen zuschnüren —

Und da wunderte er sich — selbst in diesem Augenblicke der höchsten Gefahr!

Er berührte keinen Tierkörper — seine Finger umkrampften einen Hals, aber das war der Hals eines Menschen — war der eines — Weibes!

Ja, es war ein doppeltes Rätsel dabei, das erste schon, dass dieser junge Lord das überhaupt wusste — er hatte schwerlich schon ein Weib so am Halse gepackt — gleich gar nicht ein junges Weib — er konnte gar nicht wissen, wie sich so ein Hals anfühlte — und er wusste es doch! Für ihn gab es da gar keinen Zweifel —

Er hielt ein Weib gepackt!

Und da war doch das nächste nicht zu lösende Rätsel, wie dieses junge Weib zu den furchtbaren Krallen kam, die sich tiefer und tiefer in die Brust des Lords bohrten — ganz, als wollten sie bis zu seinem Herzen dringen, ihm dieses aus der Brust reißen!

Aber trotzdem — es war ein Weib!

Er spürte an seiner Brust eine andere, die sich eng an ihn presste, und früher hatte er doch einmal ein junges Mädchen umarmt, eben jene Hausmeisterstochter, hatte da gespürt, wie ihre Brust an der seinen wogte — und das war hier ebenso —

Eine Frauen- oder Mädchenbrust, die sogar recht stark entwickelt schien, wogte gegen die seine — in stürmischen Atemzügen, die wohl nicht allein durch die Kampfgier verursacht wurden.

Fast hätte Lord Hektor die Hände von dem Halse dieses dämonischen Weibes gelassen — und wie das fast immer in solchen Augenblicken geschieht, so tauchten auch in ihm Erinnerungen auf — an Sachen, die er einst als Schüler gelernt hatte, damals nicht hatte verstehen können — er besann sich auf die Sirenen des Odysseus, deren Oberkörper dem eines schönen Weibes glich, der Unterkörper dem eines Raubvogels — er dachte an die sagenhaften Harpyen der Alten — und fast war er geneigt, anzunehmen, dass er ein solches Wesen gepackt hielt —

Keinesfalls zog er mehr die Hände zurück, so groß auch der Schmerz war, den die Krallen ihm in der Brust verursachten, so arg der Blutverlust, der ihn schwächte —

Mit aller Gewalt umschnürten seine nervigen Hände den Hals des gespenstischen Wesens, er hörte es keuchen —

Die Bewegungen des Körpers wurden krampfhaft —

Da aber geschah wieder etwas Unerwartetes —

Ganz dicht vor dem seinen sah er ein Gesicht — das eines schönen Weibes — blondes Haar umwallte es —

Und in demselben Augenblick erkannte Lord Hektor dieses Gesicht.

Es war das seiner toten Geliebten!

Kein Zweifel war möglich!

Linie um Linie stimmte, das Haar, die Augen, der Mund —

Und da freilich konnte Lord Hektor doch nicht mehr den Hals dieses Weibes würgen! Da musste er es freigeben —

Aber ehe er es tat, vernahm er noch an seinem Ohre eine Stimme —

»Hektor, ich liebe Dich — nur Dich!«

Und da war es vorbei mit der Verblüffung des Lords.

Im Nu packte er erst recht fest den weichen, schlanken Hals.

England ist die Hochburg des Spiritismus, ja, des krassesten Geisterglaubens, überall gibt es dort Häuser, in denen es umgeht, wo Gespenster wandeln, und was die Zeitungen da manchmal ihren Lesern für unheimliche Geschichten als wahr auftischen, was da geglaubt wird, das können wir gar nicht verstehen.

Auch Lord Hektor hatte viele solche Geschichten gelesen und gehört. Ob er sie geglaubt hatte, kam nicht in Frage — aber dass er jetzt nicht mehr an ein Gespenst glaubte, daran war dieses hier selber schuld —

Es hätte nicht reden dürfen!

Die Stimme hatte verraten, dass es ein Mensch war!

Und so griff Lord Hektor erst recht zu, bewirkte dadurch, dass das Flüstern ganz verstummte —

In diesem Augenblick stieß die Lokomotive einen schrillen Pfiff aus.

Ein gewaltiger Ruck ging durch den kurzen Zug, die Räder kreischten unter der Wirkung der Bremsen —

Schüsse krachten, Geschrei ertönte —

Und dann wurden beide Türen des Salonwagens aufgerissen.

Bewaffnete stürmten herein, sahen die Ringenden und eilten herzu —

Als Lord Hektor aus der Bewusstlosigkeit erwachte, die ihn befallen hatte, musste er die Augen gleich wieder schließen, denn die Sonne schien ihm ins Gesicht, grell und blendend —

Aber schon lagerte sich ein Schatten auf ihn, und als er die Augen abermals öffnete, sah er, dass dieser Schatten durch einen Fächer erzeugt wurde, wie sie in Indien üblich sind — eine Punka, aus Federn gefertigt — im Sinne des Wortes ein Fächer, an einem langen Stabe befestigt, eben dazu bestimmt, kühle Luft zu erzeugen oder wenigstens einen Luftstrom, der durch eine Bewegung kühlend wirkt.

Und diese Punka wurde von einem Inder in weitem Gewand gehalten.

Lord Hektor wollte sich aufrichten; doch ein furchtbarer Schmerz in seiner Brust bewirkte, dass er ächzend zurücksank —

Und das Nächste, was er bemerkte, war, dass eine Hand einen Becher an seine Lippen hielt, dass er duftenden Wein vor seinen Lippen spürte — und in tiefen Zügen trank.

Da erst kam er voll zum Bewusstsein und schaute mit klaren Augen auf das schöne Weib, das neben ihm kniete, noch den Becher in der Hand.

Herrgott, war das ein Weib!

Da hätte Lord Hektor ja staunen müssen, wie die auf einmal zu ihm kam, aber das tat er eben nicht, er schloss vielmehr erst noch einmal die Augen.

Er musste sich klar werden über das, was ihm geschehen war, und das ging schnell genug, wieder ein Beweis, wie kräftig dieser so melancholische junge Mann doch von Natur war.

Er besann sich ganz deutlich auf alles, was er erlebt hatte, vor allem auf den Kampf, wusste, dass er das geheimnisvolle Wesen gepackt hatte, spürte ja auch den Schmerz in der von den furchtbaren Krallen zerfleischten Brust —

Der Zug war angehalten worden. Bewaffnete waren eingedrungen, hatten ihn gerettet —

Gerettet?

Waren das nicht erst recht Räuber?

Und da schaute Lord Hektor auf, sah wieder in das eigenartige schöne Gesicht der Knienden, und wieder einmal zeigte sich, dass er doch alles gesehen und in sich aufgenommen hatte, wofür er anscheinend weder einen Blick noch das geringste Interesse gehabt hatte.

»Sie sind die Maladetta, die Wolfsgräfin?«, sagte er.

Er hatte sie nicht gesehen, wenigstens nicht mit körperlichen Augen, hatte aber von ihr erzählen hören, sie war so genau geschildert worden, dass er sie jetzt gleich erkannte.

»Man nennt mich so«, erwiderte sie ohne Zögern. »Wie fühlen Sie sich, Lord Hektor?«

»Gut, bis auf die Schmerzen in der Brust. Aber ich sehe ja, dass die Wunden sorgsam verbunden sind —«


Illustration

Ja, das war der Fall. Ein Verband umhüllte fast seine ganze Brust, und er sah auch, dass dieser Verband nicht von einem Laien angelegt worden war, sondern sicher von einem Arzte oder wenigstens von einem, der sich auf solche Dinge verstand.

Da hatte die Sache an sich für ihn wieder jedes Interesse verloren.

»Haben Sie sonst nichts zu fragen, Mylord?«, erklang die Stimme der Wolfsgräfin wieder.

»Ich wüsste nicht«, erwiderte er.

»Sie wollen nicht wissen, wer Sie überfiel, mit wem Sie kämpften?«

»Es war wohl das sogenannte Bahngespenst«, versetzte Lord Hektor gleichmütig.

»Ganz recht! Und Sie haben es endlich unschädlich gemacht.«

Na da! Da war es ja gut!

Das waren etwa die Gedanken Lord Cliffords. Weiter aber auch nichts. Die Energie, die während des Kampfes in ihm aufgeflackert war, war wieder verflogen. Nur nicht gerade melancholisch war er wieder geworden, eben nur gleichgültig gegen alle diese Dinge.

Er gewahrte nicht, wie die Gräfin ihn fast betroffen anblickte, wie sogar etwas wie Bewunderung sich auf ihrem braunen, schönen Antlitz ausprägte. Er hörte nur ihre Frage:

»Wollen Sie dieses Gespenst nicht im Tageslicht betrachten?«

Nun, das konnte er ja tun. Er öffnete die Augen.

Und da sah er unmittelbar vor sich etwas, was ihn aber doch erschrecken ließ — er sah ein Weib, nicht eben groß, sehr nett von Gestalt, was bei der dünnen Gewandung schon zu beurteilen war —

Aber dieses Weib hatte ein Gesicht —

Schauderhaft!

Keine Nase, keine Augenbrauen, der Mund nur eine Spalte —

Und alles sonst eine einzige entsetzliche Narbe!

Dieses Weib musste sich das Gesicht auf furchtbare Weise verbrannt haben.

Lord Hektor musste die Augen abwenden. Er schloss sie lieber wieder.

»Sie ist das Bahngespenst!«, sagte die Maladetta. »Blicken Sie noch einmal auf, Mylord!«

Der Lord gehorchte. Damen gegenüber war das bei ihm selbstverständlich.

Und nun freilich stutzte er ganz gewaltig.

Noch stand das Weib vor ihm, aber das Gesicht war nicht mehr abschreckend hässlich, sondern im Gegenteil sehr schön, geradezu berückend schön — und da passte nun auch die Gestalt —

Lord Hektor wusste nicht, was er denken sollte, er griff sich an die Stirn — er musste doch träumen —

Aber er hörte die Stimme der Maladetta, sah, wie sie nach dem Kopfe der anderen griff — ein Ruck — das schöne Gesicht war verschwunden, das andere, so furchtbar entstellte, war wieder da.

Eine äußerst geschickt gefertigte Maske!«, sagte die Gräfin dabei.

»Sehen Sie her!«, fuhr sie fort, und schon streifte sie über das Gesicht etwas — und da sah sie selber so aus wie vorhin die andere —

Sie nahm die Maske wieder ab, ließ sie in der flachen Hand zusammenfallen. Es war nur ein ganz kleines Häuflein —

Und da kam das, was den jungen Lord trotz seiner Wunden sich aufrichten ließ!

Die Maladetta sagte halblaut, aber so, dass er sie ganz genau verstand:

»Nur ein Mensch auf Erden vermag Masken herzustellen. Nur ein Mensch bediente sich bisher ihrer, und zwar ist es der, den Sie suchen, Lord Clifford — es ist Loke Klingsor!«

»Loke Klingsor!«, wiederholte Lord Hektor und umklammerte mit beiden Händen die etwas vorgestreckten Arme der Gräfin. »Was wissen Sie von ihm?«

Er sah die schöne Frau lächeln.

Doch sie antwortete ihm nicht, stand vielmehr auf, nachdem sie seine Hände von ihren Armen abgestreift hatte, winkte — Inder führten das andere Weib fort.

Dann erst wendete sie sich dem jungen Manne wieder zu.

Sie ließ sich neben ihm nieder.

Und da erst kam Lord Hektor dazu, sich sonst noch umzuschauen. Jetzt erst sah er, dass er dicht neben der Eisenbahnstrecke lag, dass auf dieser noch der Zug stand — aber von menschlichen Behausungen war nichts zu sehen — sie befanden sich inmitten einer grünen Wildnis.

Nun hätte doch jeder andere gefragt, wo er sich befand, das wäre schon nach dem ersten Erwachen ganz natürlich gewesen, aber eben nicht bei diesem Lord.

Er kümmerte sich gar nicht darum.

»Sie nannten einen Namen, Gräfin«, hob er an.

»Ich nannte Loke Klingsor und weiß, dass Sie ihn eben suchen wollten. Lord Clifford, ohne meine Hilfe wären Sie das Opfer dieses Weibes geworden, das Ihnen schon immer gefolgt ist, schon von England aus —«

»So?«, erwiderte Lord Hektor, und es war schon viel, dass er sich dazu aufschwang. Es war eben eine Dame, die zu ihm sprach, da musste er wenigstens etwas Interesse heucheln, obgleich er nichts davon empfand.

»Sie kennen sie nicht mehr. Es hat auch keinen Zweck, dass ich Ihnen den Namen sage, denn ich bin überzeugt, dass Sie nie etwas von diesem liebestollen Frauenzimmer gewusst haben. Ich will Ihnen nur sagen, dass Ihre eigenen Verwandten, namentlich Lady Clifford, sich veranlasst sahen, dieses Geschöpf in ein Irrenhaus zu bringen. Das war gar nicht leicht, und noch schwieriger war es, sie dort festzuhalten, einmal, weil sie keine Spur von Wahnsinn zeigte, dann aber auch, weil sie immer wieder zu entfliehen verstand. Immer wieder aber wurde sie eingefangen, und eben der Umstand, dass sie aus der Anstalt geflohen war, anstatt mit aller Energie ihre Freilassung zu verlangen, zeugte wider sie.

Man bewachte sie scharf, aber doch nicht scharf genug, um hinter ihre Schliche zu kommen. Sie entfloh wieder, aber erst, nachdem sie mit aller Absicht eine Explosion herbeigeführt hatte, und bei dieser verbrannte sie sich das Gesicht so furchtbar, dass jede Hoffnung für sie schwinden musste, Sie doch noch zu bezaubern.

Da hat sie durch irgendwelchen Umstand erfahren, dass es einen Mann gab, der das Geheimnis dieser wunderbaren Masken kannte, sie hat es fertiggebracht, sich mit einem in Verbindung zu setzen, der diesem Manne dieses Geheimnis gestohlen hatte —

Haben Sie bereits einmal etwas von einem ›Bunten Maulwurf‹ gehört, Lord Hektor?«

Dieser schüttelte den Kopf.

»Nun, ich dachte mir, dass Sie nichts von ihm wüssten«, fuhr die Gräfin fort. »Dieses ganz eigenartige Geschöpf, von dem Sie später noch manches hören werden, nahm sich der entflohenen Wahnsinnigen an, verhalf ihr zu Masken — ich will kurz sein — Loke Klingsor erfuhr von dem allen, verfolgte das Weib, hatte aber anderes zu tun und übertrug diese Nachstellungen mir, umso lieber, als dieses Weib doch auch Ihnen immer folgte und er wünschte, dass Sie zu ihm gelangten.

Sie besinnen sich, dass Loke Klingsor Ihnen in Alexandrien erschien, Lord Clifford?«

Und ob der sich besann! Seine leuchtenden Augen verrieten es ja.

»Seitdem sind Sie unablässig beobachtet worden. So erfuhren wir auch, dass die Wahnsinnige Sie durch den Namen Loke Klingsor an sich lockte —«

»Das stimmt nicht. Ein junger Bursche war bei mir«, wendete da der Lord einmal ein.

Die Gräfin lächelte nur.

»Es war die Wahnsinnige«, erklärte sie. »Sie trug auch damals eine Maske. Wir brauchen uns gar nicht mehr mit ihr zu beschäftigen, sie wird Loke Klingsor überliefert, und wenn Sie selbst ihn sehen und sprechen wollen —«

»Gräfin!«, stieß Lord Hektor außer sich hervor.

»So werde ich Sie führen, Lord!«, fuhr die fort.

»Gleich! O, bitte, gleich!«

Die Maladetta lächelte abermals.

»Und Ihre Wunden, Lord Hektor?«

»Ach, die Schrammen!«

»Nein, es sind lebensgefährliche Wunden, und bevor Sie nicht völlig geheilt sind, werde ich Sie nicht zu Loke Klingsor führen.«

»Ach, Gräfin!«

»Es tut mir leid. Er weiß bereits, was Ihnen zugestoßen ist, er selber hat mir ja ermöglicht, Sie zu retten. Nun fügen Sie sich seinem Wunsche, und dieser geht dahin, dass Sie sich erst ausheilen.«

»Gut! Ich füge mich! Aber ich werde sehr bald gesund sein.«

»Was mich nur freuen wird!«

Die Gräfin reichte dem Lord ihre rechte Hand und duldete, dass er diese dankerfüllt küsste. Dann erhob sie sich.

Alsbald nahten ihr wieder weißgekleidete Inder, sie brachten eine Art Palankin mit, in welchen der Lord gehoben wurde.

Das war sogar die einzige Möglichkeit, wie er ohne Gefahr befördert werden konnte, und trotz seiner Schmerzen fühlte sich Lord Clifford sehr, sehr wohl, als die Träger nun den Palankin aufhoben und davontrugen.

Jetzt hatte er weiter nichts zu tun als gesund zu werden, dann kam er bestimmt zu Loke Klingsor — ganz, ganz bestimmt!

Trotz seines sonderbaren Erlebnisses zweifelte er daran nicht einen Augenblick!

— • —

84. Kapitel
Der fliegende Koffer

Dr. Walter Frank hatte sich das vorzügliche Essen schmecken lassen, ohne sich nun noch den Kopf zu zerbrechen, wie da etwas hier in dieser Unterwelt hatte beschafft und hergestellt werden können.

Nun war er satt und, wie das meist nach einem reichlichen Mahle der Fall ist, auch etwas müde.

»Am liebsten schliefe ich jetzt eine Weile«, dachte er, das auch einmal laut aussprechend, eben, wie man das manchmal tut, und er schaute sich auch schon nach einem Lager um, auf welchem er sich recht bequem ausstrecken könnte.

Da aber wurde er wieder darauf aufmerksam gemacht, dass er hier nicht frei über sich verfügen durfte.

Die ihm nun schon wohlbekannte Stimme erklang.

»Herr Doktor?«

»Herr Klingsor?«

»Nun, wie hat es Ihnen denn geschmeckt?«

»Ganz ausgezeichnet! Nun müsste ich ja fragen, was ich dafür schuldig bin, aber das tue ich lieber nicht; erstens wäre es eine Kränkung meines edlen Gastfreundes, zweitens würde es nicht viel Zweck haben. Ich habe keinen roten Heller bei mir, nicht einmal eine Brieftasche oder ein Portemonnaie.«

Ein Lachen Loke Klingsors antwortete ihm.

»Sie werden diese Schuld auf andere Weise abtragen, Herr Doktor!«, klang es dann.

»Dazu bin ich gern bereit.«

»Das weiß ich. Zunächst aber eine Forderung: Sie dürfen keinem Menschen auch nur das Geringste von dem verraten, was sie hier erlebt haben.«

»Das erachte ich als selbstverständliche Pflicht. Außerdem ist es überhaupt nicht meine Gewohnheit, jedes meiner Erlebnisse gleich meinen Nächsten mitzuteilen. Da bin ich sehr, sehr zurückhaltend.«

»Und das ist eine der Ursachen, dass Sie solche schöne Erfolge erzielen konnten. Also, Herr Doktor, ich weiß, dass Sie schweigen können; ich musste diese Forderung nur aussprechen, ich muss sogar Ihr Ehrenwort verlangen.«

»Das gebe ich Ihnen ohne Weiteres.«

»Schön! Dann wäre diese Sache erledigt.«

»Nur eine Frage noch, Herr Klingsor!«

»Bitte, ich stehe zur Verfügung.«

»Warum haben Sie mir dieses Ehrenwort nicht abverlangt, ehe Sie mich diese Geheimnisse schauen und erleben ließen?«

»Ich werde eben einen Grund dazu gehabt haben«, kam die ausweichende Antwort.

»Damit muss ich mich natürlich begnügen. Aber was wäre geschehen, wenn ich mein Ehrenwort verweigert hätte?«

»Gar nichts!«

Nun stutzte der junge Gelehrte aber doch etwas.

»Sie sind ein merkwürdiger Mensch, Herr Klingsor«, sagte er denn auch gleich.

»Warum? Erscheine ich Ihnen inkonsequent? Lassen Sie sich dadurch nicht täuschen. Ich kannte Sie ja schon, ehe ich mich mit Ihnen in Verbindung setzte, und Sie Ihrerseits sind überzeugt worden, dass Sie ohne meine Hilfe hier nicht so weit gelangt wären, wie dies der Fall ist. Ich weiß ganz genau, dass Sie nicht schwatzen werden, und wenn ich trotzdem Ihr Ehrenwort forderte, so geschah das, weil es nun einmal Vorschrift ist.«

»Sie haben also auch Vorschriften zu beachten?«, fragte Dr. Frank verwundert.

»Jawohl, und sie sind teilweise nicht nur sehr streng, sondern oft auch recht lästig. Aber das wird sich mit der Zeit ändern lassen.

Nun aber zur Sache! Sie sprachen eben den Wunsch aus, zu schlafen. Leider wird dies jetzt noch nicht möglich sein. Ich muss Sie um eine Gefälligkeit bitten.«

»Und ich stehe Ihnen gern zur Verfügung. Meine Müdigkeit ist auch gar nicht so schlimm gewesen und übrigens schon wieder durch diese kurze Unterhaltung fast ganz verflogen. Womit kann ich Ihnen also dienen?«

»Sie sollen etwas für mich tun, was ich persönlich nicht ausführen kann, weil ich anderweit in Anspruch genommen werde. Ich muss nämlich einem jungen Manne zu einer Frau verhelfen — —«

»Auch damit befassen Sie sich, verdienen sich zeitweise einen Kuppelpelz?«, rief Dr. Frank lachend.

»Ja, ja, man muss sich eben kümmerlich durch die Welt schlagen und sehen, wie man etwas verdienen kann!«, klang es recht jämmerlich zurück.

»Nun, da werde ich Sie gern vertreten. Um was handelt es sich denn?«

»Um eine gute Tat, die Sie ausführen sollen.«

»Desto besser. Da baue ich mir ja nur eine Stufe in den Himmel.«

»Sie werden dazu eine kleine Reise ausführen müssen.«

»Bitte sehr! Und selbst wenn ich wochenlang auf dem Bauche durch solche enge Gänge kriechen müsste —«

»Nein, nein, das wird nicht von Ihnen verlangt. Aber erst muss ich Sie etwas aufklären. Schieben Sie dort drüben einmal das Viereck in der Wand zurück, Sie sehen doch die Ritzen, wo es eingefügt ist!«

Ja, die sah Dr. Frank, und mit leichter Mühe ließ sich das in der Wand eingesetzte Viereck zurückschieben.

Eine jener schwarzen Tafeln kam zum Vorschein, wie Loke Klingsor sie für seine Projektionen brauchte.

»Sie haben vorhin die Maladetta beobachtet, aber bisher nicht hören können, was sie sprach. Das hätte keinen Zweck gehabt, da sie sich einer Sprache bediente, die Ihnen nicht bekannt ist. Sie hätten kein Wort verstanden. Nun aber ist etwas geschehen, was die Gräfin bewogen hat, ihre anderen Pläne einstweilen aufzugeben. Sie hat eine Meldung erhalten, durch die sie bewogen wird, sich an die Oberwelt zu begeben.

Diese Meldung betrifft einen gewissen Lord Hektor Clifford, von dem Sie ja schon gehört haben.«

Ja, das stimmte. Dr. Walter Frank hatte von diesem schwermütigen, reichen Lord vernommen, aber nicht, dass er den Loke Klingsor suche.

»Dieser junge Lord ist ein äußerst ehrenwerter Mensch, und deshalb möchte ich ihn gern für mich gewinnen«, fuhr Loke Klingsor in seinen Erklärungen fort. »Deshalb bin ich auch schon mit ihm in Verbindung getreten, hätte ihn auch schon längst zu mir befördern lassen, aber ich bin eben ein vielgeplagter und vielbeschäftigter Mann — ich habe meinen Vorsatz noch nicht ausführen können.

Jetzt aber hat man — auf welche Weise das möglich gewesen ist, will ich hier nicht erst auseinandersetzen — erfahren, dass ich einen solchen Plan habe, dass Lord Clifford mich sucht. Und da macht man sich dies zunutze, um den jungen Mann in eine Falle zu locken. Diese ist nicht besonders geschickt gestellt, aber immerhin derart, dass der vollkommen arglose Mann hineingehen muss, ja schon drin ist.

Man hat ihn aus dem Hotel fortgelockt, und zwar mittels eines Weibes, mit dem ich auch sonst noch ein Hühnchen zu rupfen habe. Der Plan, den diese Dämonin hatte, ist missglückt, weil unsere Freundin davon erfahren hat, die Maladetta. Sie selber hat ein großes Interesse, diesen Lord Clifford in ihre Gewalt zu bringen, denn auch sie sucht nach mir, aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht eingehen kann, und sie ist das Weib, das, wie Sie nun ja schon wissen, vor keinem Hindernis zurückschreckt, vor keiner Tat — —

Bitte, sehen Sie jetzt auf die Platte! Alles weitere werden Sie beobachten und hören können!«

Und da färbte sich die vorher schwarze Platte schon rot — —

Dr. Frank, der sehr gespannt auf das war, was er jetzt sehen sollte, sah zunächst das Innere eines Salonwagens und darin auf einem der bequemen Rohrsessel einen jungen Mann, offenbar einen vornehmen Engländer, und da war es für ihn nicht schwer, zu erraten, dass er den mehrfach erwähnten Lord Hektor Clifford vor sich sah.

Und nun beobachtete er, alles gleich miterlebend, was sich in jenem Wagen abspielte, sah auch, wie plötzlich der Zug durch Bewaffnete angehalten wurde, wie weißgekleidete Inder den Bewusstlosen ins Freie trugen, wie sie ihn dort niederlegten und wie die Maladetta neben ihm niederkniete, jetzt aber so gekleidet, wie sie sich immer in der Öffentlichkeit zeigte, also in jenem Kosakenkostüm.

Und er hörte, was sie zu dem jungen Lord sprach, was dieser antwortete, und sah dann, wie man ihn forttrug.

Da verschwand das Bild eine Zeit lang, um plötzlich wieder aufzutauchen.

Jetzt zeigte es das Innere eines indischen Prunkgemachs, eigentlich eine große Halle, deren Wölbung durch viele marmorne Säulen getragen wurde.

In der Mitte sandte ein Springbrunnen seinen Strahl in die Höhe, und auf den mannigfachen Pflanzen, die überall aufgestellt waren oder aus dem Boden herauswuchsen, saßen Tauben, Papageien und andere Vögel, die in Indien heimisch sind.

Ein prächtiger Pfau mit vollkommen weißem Gefieder wandelte hin und her und schlug zeitweise ein Rad — —

Kurzum, es war eine jener Hallen, wie sie in den Schlössern reicher Inder überall zu sehen sind.

Dementsprechend war auch die übrige Ausstattung, die nicht erst geschildert zu werden braucht, und es genügt, zu sagen, dass auf einem weichen Lager der junge Lord ruhte, dass sich eben ein weißbärtiger, eingeborener Arzt um ihn mühte, die Wunden untersuchte, reinigte und wieder verband, dann aber dem Leidenden einen Becher bot, aus dem jener trank.

Darauf entfernte sich der Inder nach einer tiefen Verbeugung und Lord Clifford war wieder allein.

Während der Tätigkeit des Arztes hatte er mit diesem kein Wort gesprochen, und Dr. Frank wusste nicht, ob das nur deshalb unterblieben war, weil der Lord kein Hindustani verstand oder weil er — zu träge war, überhaupt zu reden.

Nun aber sah er, wie ein Teppichvorhang zur Seite geschlagen wurde, und er erkannte auch das Weib, dessen Gesicht in der Spalte auftauchte.

Es war die Wolfsgräfin, jetzt aber nicht mehr in dem Kosakenkleide, sondern in einem wundervollen indischen Gewande.

Indien ist die Heimat der Kunstweberei im Sinne des Wortes, und wenn in diesen und jenen Märchen erzählt wird, eine Prinzessin habe sich ein Kleid gewünscht, so fein, dass sie es in einer Nussschale unterbringen könne, so wird ein Kenner sofort wissen, wie sie es nur aus Indien hätte bekommen können.

Dort werden tatsächlich solche Gewänder hergestellt, meterlang und doch so zart, dass man sie, zusammengeballt, in einer Hand bergen kann.

Man braucht da ja nur an den Byssos der Alten zu erinnern, der spinnwebenfein war — und dieses Wort sagt auch alles: wie Spinnwebe war das Kleid, das die Maladetta trug, nur wie ein Hauch, und dabei natürlich auch so durchsichtig, aber doch ebenso fest wie der Faden, den Spinnen weben, und wer da einmal eine Probe machen will, was für ein Gewicht ein solcher Faden tragen kann, ohne zu zerreißen, der wird ja staunen.

In Australien gibt es sogar eine Spinnenart, die ihre Netze zwischen Bäumen webt, nicht solche kleine Dinger, wie die Kreuzspinne sie erzeugt, sondern in mehr als Mannesgröße, und die Reiter, die dort den Skrub durchqueren, wissen zu erzählen, was für eine Plage diese Spinnweben sind — die müssen durchhauen werden! Sie widerstehen selbst dann, wenn man zu Pferde auf sie losreitet!

Also dieses Kleid, das die Maladetta trug, war wie Spinngewebe dünn und doch fest und sehr verräterisch, aber bei Weitem nicht schamlos, schon deshalb nicht, weil sie doch noch allerlei darunter anhatte, wie dies ebenfalls in Indien allgemein üblich ist.

Zunächst trug sie über der Brust eine Art Jacke, die auf dem Rücken allerdings nur aus einem schmalen Gurt bestand, vorn aber aus zwei mit blitzenden Edelsteinen besetzten und auch sonst reich verzierten Büstenhaltern, wie man das ungefähr in Europa nennen würde.

Dann freilich folgte eine Weile nichts, bis sich wieder ein Gürtel anschloss, aus schwarzem Samt, mit Goldstickereien bedeckt, von dem lange, schmale Bänder herabhingen, etwa bis zu den Knien reichend.

Dann kamen an den Unterschenkeln, also an den Waden, kreuzweise geschlungene dünne Lederstreifen, welche die leichten Sandalen festhielten, und das übrige, was die schöne Frau sonst noch auf dem Leibe trug, war nur allerhand Schmuck, wieder ganz nach indischer Art, breite Armreifen, Spangen an den Knöcheln und so weiter.

Das andere — nun, das war eben unbekleidet.

Wie gesagt, schamlos war dieses Kostüm durchaus nicht, aber auf öffentlicher Straße oder in einer von Europäern besuchten Gesellschaft hätte die Maladetta sich so doch nicht zeigen dürfen, höchstens auf der Bühne eines Tingeltangels oder Kabaretts, wie man das ja jetzt nennt.

Und allein mit einem jungen Mann zeigte sich eine schöne Frau für gewöhnlich auch nicht so.

Nun, hier durfte sie es getrost tun, denn Lord Clifford sah in ihr wohl überhaupt nicht das Weib, und wenn er sich durch solche Kostüme hätte verführen lassen, dann wäre es längst geschehen. Es ist ja schon berichtet worden, was für Angebote er überall erhielt, wo er erschien.

Seine Augen leuchteten trotzdem, aber nicht bewundernd, sondern nur, weil er sich freute, seine Freundin und Helferin wiederzusehen.

Jedenfalls schwebte die Maladetta in ganz seltsamer Weise zu dem Lager des Verwundeten, dabei die entblößten Arme wie im Tanze bewegend, auch mit dem Körper noch entsprechende Bewegungen ausführend, sodass ganz erklärlich war, wenn Lord Hektor meinte, eine eingeborene Dame vor sich zu haben.

In dieser Annahme musste er ja auch durch die Umgebung bestärkt werden, in der er sich befand, durch das Auftreten des indischen Arztes und durch alles andere.

Aufrichten konnte er sich schon etwas, obwohl er dabei noch Schmerzen empfand, aber er hätte sich nicht allein so halten können.

Doch, als er eben wieder zurücksinken wollte mit etwas verzogenem Gesicht, da war die Maladetta schon bei ihm, kniete neben ihm und schob ihm zärtlich einige Kissen unter, gegen welche er sich nun lehnen konnte.

So saß er halb, halb lag er da, und dicht neben ihm auf einem Kissen, das sie sich herangezogen hatte, hockte seine Freundin.

Für den heimlichen Beobachter, also für den Dr. Frank, hatte diese Szene doch etwas an sich, was ihm das Blut in die Wangen trieb, und schon wollte er die Blicke abwenden, weil er keine Lust hatte, eine Liebesszene zu belauschen, da vernahm er, seltsam leise, wie aus weiter Ferne eine Stimme — —

Es war nicht die ihm nun schon bekannte Stimme Loke Klingsors, sondern eine, die er noch nie gehört hatte.

Da war erklärlich, dass er stutzte. Doch das legte sich, als er die Worte hörte, die diese Stimme sprach:

»Herr Doktor, mein Herr, Loke Klingsor, lässt Sie ausdrücklich bitten, die Blicke nicht von der Tafel zu wenden. Er hat mich damit beauftragt, da er selbst schon weit fort ist.«

»Wer sind Sie denn?«, fragte Frank, nicht gerade angenehm berührt.

»Dr. Reinhard ist mein Name. Sie werden mich bald noch persönlich kennen lernen.«

»So! Mich kennen Sie schon?«

»Leider noch nicht.«

»Aber Sie sehen mich?«

»Auch das nicht! Ich könnte es, aber es ist mir ausdrücklich verboten worden.«

»Also ich soll weiter beobachten?«

»Ja, obwohl es Ihnen nicht passt.«

»Nein, es passt mir gar nicht. In solche Geheimnisse dränge ich mich nicht gern —«, gestand Dr. Frank, und dieses Geständnis ehrte ihn ja auch nur. Mancher andere an seiner Stelle hätte da nicht erst eine Aufforderung zum genauen Beobachten gebraucht.

»Ich darf Ihnen die Versicherung geben, dass durchaus nichts Verfängliches geschehen wird«, sagte die ferne Stimme.

»Nun, wenn Sie das so genau wissen!«

»Ich selbst weiß nichts, doch Herr Klingsor hat mich angewiesen, Ihnen das zu sagen.«

»Dann ist es gut. Ich behalte mir aber trotzdem vor, meine Augen zu schließen, wenn mir die Geschichte zu bunt wird.«

»Das mögen Sie halten, wie Sie wollen. Es kommt auch gar nicht so sehr auf das an, was Sie sehen, Herr Doktor, als auf das, was Sie hören.«

»Und das soll ich nachher Ihnen melden?«

»Ich werde darüber noch Weisungen erhalten.«

»Einverstanden!«

Die Stimme ließ sich nicht mehr hören, und Dr. Frank beobachtete weiter, was er auf der geheimnisvollen Wand sah, wie er auch während des ganzen Gesprächs keinen Blick von ihr gelassen hatte.

Inzwischen hatte er erkannt, dass in dem indischen Gemach kein Liebesgetändel anhob. Die Maladetta mochte bestimmte Gründe haben, dieses Kostüm anzulegen, das nur, wenn sie sich bewegte, manchmal mehr verriet als gut war; jedenfalls spielte sie nicht etwa die Madame Potiphar dem jungen Lord gegenüber, und Dr. Frank wusste nicht, dass ihr das auch ganz zwecklos erscheinen musste, dass sie ganz, ganz genau über den Charakter Lord Hektor Cliffords unterrichtet war.

Nein, verführen wollte sie ihn nicht, und der junge Lord wäre auch tatsächlich nicht dafür zu haben gewesen, das sah nun der Beschauer auch.

Andere junge Männer wären schwerlich dieser schönen Frau gegenüber so kühl geblieben, wie es bei ihm der Fall war. Nicht ein einziges Mal färbte sich sein bleiches Gesicht rot; sein Blut blieb vollkommen ruhig, und nicht einmal schaute er mit den Augen des Mannes auf dieses Weib.

Da konnte Dr. Frank also beruhigt sein, und so hörte er auch, selber gleichgültig, auf das, was die beiden miteinander sprachen.

Die Maladetta erkundigte sich, wie er sich fühle, ob er mit dem Hakim, dem Arzte, zufrieden sei, ob er sonst Wünsche habe, und der Lord gab ihr mit der Höflichkeit des wohlerzogenen Mannes Bescheid, wenn auch nur kurz genug.

Er fühlte sich vollkommen wohl, hatte an dem Arzte nichts auszusetzen, der im Gegenteil seine Sache sehr gut machte, und Wünsche hatte er auch nicht, wenigstens äußerte er keinen.

»Was ich Ihnen erzählt habe über das Weib, brauche ich wohl nicht zu wiederholen und auch nicht zu ergänzen?«, fragte die Maladetta.

Lord Hektor verneinte.

»Ich muss nur noch einmal auf das zurückkommen, was ich Ihnen wegen der Masken sagte«, fuhr darauf die Gräfin fort. »Diese Art Masken vermag, wie ich schon sagte, nur Klingsor herzustellen. Er bedient sich ihrer, wenn er unerkannt mit dem oder mit jenem Menschen in Beziehungen treten will. Wie er diese Masken erzeugt, das ist sein Geheimnis, und er hütet es auch sehr vorsichtig; aber einmal hat er doch sein Vertrauen einem Menschen geschenkt, der das nicht verdiente und ihn bestahl — um das Geheimnis dieser Masken und noch um Verschiedenes andere.

Dieser undankbare Mensch darf natürlich nicht mehr wagen, sich vor Loke Klingsor zu zeigen, denn dieser kennt da keine Gnade, und so verbirgt sich der bunte Maulwurf — diesen Namen hat Loke Klingsor ihm gegeben — an einer Stelle, wo er nicht so leicht entdeckt werden kann.«

Die Gräfin wartete, ob der Lord etwas zu fragen hatte, da das aber nicht der Fall war, so fuhr sie fort:

»Von diesem Manne hatte die Verbrecherin, die wir unschädlich gemacht haben, einige solcher Masken bekommen, mit deren Hilfe sie sich bald in dieses, bald in jenes schöne Weib verwandeln konnte, ohne dass sie fürchten musste, entlarvt zu werden. Sie selbst haben sich ja wiederholt durch ihre Masken täuschen lassen. Genug davon! Loke Klingsor teilte mir alles Nötige über sie mit, er gab mir bekannt, dass Sie von ihr entführt werden sollten, und erteilte mir den Auftrag, Sie zu schützen. Trotzdem wäre ich fast zu spät gekommen, denn Sie verließen das Abteil zu früh — —

Auch davon will ich nicht sprechen. Sie sind ja gerettet worden, obwohl Sie einige schmerzliche Wunden davongetragen haben; nun aber will ich zur Hauptsache kommen. Lord Clifford, Sie wissen, dass Sie von Loke Klingsor erwartet werden?«

»Ja, das weiß ich.«

»Und auch, wo Sie ihn finden sollen?

»Nein, das hat er mir nicht mitteilen lassen, auch selbst nicht davon gesprochen, als er sich mir damals in Alexandrien zeigte.«

»Sie wissen sonst überhaupt nichts von ihm? Nicht, wer er ist, was er kann?«

»Gar nichts, als dass er ein wunderbarer Mensch sein muss! Ich kenne nur noch die eine Sehnsucht, ihn zu sehen, ihm gegenüberzutreten.«

Die Gräfin nickte und schaute mit sonderbarem Ausdruck vor sich hin.

Dann wendete sie sich wieder dem Lord zu.

»Ich werde diesen Ihren Wunsch erfüllen.«

»Sie verhießen es mir bereits, Gräfin, und ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar dafür«, erwiderte Lord Hektor.

»Aber Sie müssen sich in Geduld fassen. Es sind noch verschiedene Dinge dabei zu beachten. Lord Clifford, vertrauen Sie mir?«

»Jawohl, Gräfin.«

»Ganz und gar?«

»Ganz und gar!«, wiederholte der junge Mann.

»Sie werden dieses Vertrauen auch dann nicht verlieren, wenn Sie sehen müssen, dass ich etwas tue, was Ihnen nicht gefällt?«

»Das können Sie gar nicht.«

Da errötete die Maladetta etwas, und es stand ihrem braunen Gesicht recht gut. Sie bekam dabei einen fast mädchenhaften Ausdruck.

»Ich werde Sie auf die Probe stellen, Lord! Und zwar gleich!«

Sie klatschte in die Hände, und in demselben Eingang, durch den sie vorher gekommen war, erschienen jetzt zwei riesenhaft gebaute Männer, die Dr. Frank schon kannte. Er hatte sie dort unten gesehen, wo der entsetzliche Polyp sich befand, der mit Menschen gefüttert wurde.

So wunderte er sich also nicht weiter darüber, dass sie hier auftauchten. Er hatte ja überhaupt keine Ahnung, wo die Szene sich abspielte, die er auf der Wand sah, und nahm an, dass der Schauplatz eben noch in der Unterwelt lag, in welche er schon mehrfach hatte schauen dürfen. Dahin gehörten auch diese beiden afghanisch gekleideten Riesen.

Sie führten zwischen sich ein Weib, viel kleiner und zierlicher gebaut als die Maladetta, den Kopf von langem, blondem Haar umwallt, mit einem frischen, mädchenhaften Gesicht, dem ja auch die Gestalt entsprach.


Illustration

Aber die Hände waren ihr auf dem Rücken gebunden, wie Frank deutlich sah, mit einem dünnen Riemen, in einer Weise, dass sie sich unmöglich befreien konnte.

Auf einen Wink der Maladetta traten die beiden Afghanen bis an den Eingang zurück, wo sie unbeweglich wie Bildsäulen stehen blieben, die Augen jedoch unverwandt auf ihre Gefangene richtend.

Diese stand nur ein paar Schritte von dem Lager des Lords, also auch von dem Platze der Maladetta entfernt, ebenfalls regungslos, bis auf das Atmen der Brust, die das dünne Gewand bewegte.

An diesem Atmen hatte Dr. Frank beurteilen können, dass die Gefangene ruhig gewesen war, als sie hereingeführt wurde, dass nunmehr aber ihr Herz rascher als zuvor schlug. Immer heftiger wurden die Atemzüge, und auf einmal schrak er — genau so wie die beiden dort vor ihm — heftig zusammen.

Jener furchtbare, unbeschreibliche Schrei war erschollen, so deutlich, als erklänge er dicht neben ihm, und da erging es dem Doktor nicht besser als allen denen, die diesen Schrei schon einmal vernommen hatten.

Ein kalter Schauer rann ihm über den Körper.

Ganz entsetzt saß er da, wusste nicht, was er denken sollte und erriet auch nicht gleich, dass dieses so zart aussehende Weib, die Gefangene, ihn ausgestoßen hatte.

Das erkannte er erst, als er nun die Maladetta sagen hörte:

»Wozu das, Susan? Du musst doch einsehen, dass das uns gegenüber keinen Zweck mehr hat!«

Die Gefangene also hatte diesen Schrei ausgestoßen!

Dr. Frank vermochte es gar nicht zu glauben. Diese Laute konnten nach seiner Meinung überhaupt aus keiner menschlichen Kehle gekommen sein.

Er musste es aber wohl glauben, als der Schrei jetzt nochmals erklang, noch entsetzlicher als vorher — —

»Wer ist nur dieses Weib?«, dachte Dr. Frank. »Susan heißt sie, die Maladetta scheint sie zu kennen.«

Da hörte er die Gräfin wieder sagen:

»Vielleicht wirst Du bald Grund haben, noch ganz anders zu schreien, Susan, denn ich habe Dich hierher bringen lassen, um von Dir zu erfahren, wie Du zu den Masken kamst. Du wirst es uns natürlich nicht sagen wollen. Trotzdem frage ich Dich danach.«

Die Gefangene antwortete nicht.

Dr. Frank konnte auch ihr Gesicht nicht sehen, da sie ihm den Rücken zukehrte, er wusste also nicht, welcher Ausdruck sich auf diesem Antlitz zeigte.

»Ich dachte es mir«, hörte er die Gräfin sagen. »Ich brauchte Dich eigentlich gar nicht groß zu fragen, denn ich weiß Bescheid, aber ich verlange Dein Geständnis, und wenn Du es nicht gutwillig gibst, dann werde ich Dich zwingen.«

»Mich zwingt niemand«, erwiderte da die Gefangene, und ihre Stimme klang nicht anders, als Dr. Frank es von dieser Erscheinung erwartet hatte. Es war, als hätte ein junges Mädchen die Worte gesprochen, ohne besondere Betonung, also durchaus nicht trotzig, wie der Inhalt doch hätte vermuten lassen.

»Du weißt, dass ich es kann.«

»Du kannst es nicht!«

»Ich werde es Dir beweisen!«

Rede und Antwort waren Schlag aus Schlag gefallen.

Nun richtete die Gräfin sich auf. Sie stand der Gefangenen gegenüber, und jetzt freilich zeigte sie ein Gesicht, vor dem man erschrecken konnte. Grausam funkelten die schwarzen Augen, zwischen den leicht geöffneten roten Lippen zeigten sich weiße, scharfe Zähne, die Brust wogte, die Hände ballten sich.

Da rief die Gräfin den beiden Dienern einen Befehl zu, wohl in ihrer Sprache, denn Dr. Frank verstand die Worte nicht.

Sofort zogen die beiden den Teppichvorhang zurück.

Andere Männer, ebenso gekleidet wie sie, schoben ein seltsames Gerüst herein, es sah fast aus wie ein fahrbarer Galgen, aber nicht ein Strick nur hing von ihm hernieder, sondern verschiedene, und außerdem waren allerhand Vorrichtungen daran angebracht, deren Zweck nicht gleich zu erkennen war.

Nun, Dr. Frank zerbrach sich den Kopf darüber nicht, er würde ja sehen, was das alles zu bedeuten hatte, und er sollte auch nicht lange darauf warten müssen.

Der »Galgen« stand einen Meter von der Maladetta entfernt, ebenso weit also von der Gefangenen, und nun gab die Gräfin abermals einen Befehl.

Die Afghanen mussten in den Dingen, die sich nun abspielten, wunderbar erfahren sein. Mit einer Schnelligkeit, dass Dr. Frank nur staunen konnte, hatten sie die Gefangene gepackt, einer löste den Riemen von ihren Händen, aber nicht etwa, um sie freizugeben, sondern nur, um diese Hände wieder zu fesseln an die Seitenbalken des Galgens — —

Und inzwischen hatten die andern ihr schon das Gewand vom Leibe gerissen, sie war nackt — —

Und dann hing sie an dem Gestell oder vielmehr darin.

Da wusste Dr. Frank gleich Bescheid.

Die Gefangene sollte gemartert, durch Folterqualen gezwungen werden, das Geheimnis preiszugeben, das sie sonst nicht verraten würde.

Empört sprang er auf, schon die Hände ballend.

Das wollte er auf keinen Fall dulden, umso weniger, als er es doch nun sah, wie schlank und zart dieses Weib war, wie ihre Glieder schon ganz unnatürlich verrenkt waren — —

Er brauchte nicht einzugreifen, hätte es ja auch gar nicht gekonnt.

Lord Hektor Clifford hatte die Vorgänge mit angesehen, hatte für den Augenblick nicht gewusst, was sie bedeuteten, aber nun erkannte er es — und da hob er beide Hände.

»Gräfin!«, stieß er außer sich hervor. »Was wollen Sie tun?«

»Was notwendig ist, um ihr das Geheimnis zu entreißen!«, lautete die kühle Antwort.

»Sie wollen sie foltern?«

»Ja, das will ich!«

»Sie werden es nicht tun!«

»Ich werde es tun!«

»Ich verbiete es Ihnen! Geben Sie das Mädchen sofort frei!«

Da lachte die Gräfin. Sie wendete sich etwas um, aber nur halb, sodass auch Dr. Frank noch ihr Gesicht sehen konnte.

»Wollen Sie mich hindern, Lord Clifford?«, fragte sie spöttisch.

Da freilich erkannte der junge Mann, dass er das nicht vermochte.

Er war sehr blass geworden, aber seine Augen flammten.

»Sie vergessen, dass Sie ein Weib sind!«, stieß er fast ächzend hervor.

»Ich ein Weib? Dem Körper nach, dem Charakter nach nicht, edler Lord! Man nennt mich die Wolfsgräfin, zunächst wohl wegen der Wölfe, die mich ständig begleiten, aber in Wahrheit doch deshalb, weil ich eine Wölfin bin — ich selbst — eine Werwölfin, die sich an warmem Menschenblut berauscht — und ich will das Blut dieses Weibes hier rinnen sehen, will sie zerfleischen — ich selbst — —

Hören Sie, Lord Clifford? Ich selbst werde diese Gefangene zerfleischen, und Sie sollen mich nicht daran hindern, nicht Sie — niemand!«

Da war es, als hätte Lord Clifford auf einmal seine volle Ruhe wiedererlangt. Einen Moment schloss er die Augen, aber alsbald öffnete er sie wieder, und der Blick, mit dem er nun die schöne Maladetta maß, war derart, dass selbst sie die Lider davor niederschlagen musste.

»Spotten Sie nicht!«, sprach Lord Clifford dabei mit tiefem Ernste. »Einer ist, der diesen Mord nicht dulden wird!«

»Sie meinen diesen Loke Klingsor? Ha, Sie Narr! Glauben Sie noch immer, dass ich Sie zu ihm führen will und führen werde? Ein Narr sind Sie, edler Lord, ein törichter Narr! Diesem Weibe hier gingen Sie erst auf den Leim, dann mir! Ich selber suche doch diesen Loke Klingsor — seit Jahren schon — und durch Sie hoffte ich, seinen Aufenthalt zu erfahren — Ihnen hat er sich gezeigt — —

Bah, wer weiß, was Sie gesehen haben! Ein Hirngespinst, das Ihrem Wahn entsprang. Diese da ist wahnsinnig — Sie sind nicht weit davon entfernt —

Und ich sage Ihnen frei heraus: dieser Loke Klingsor existiert überhaupt nicht, er kann nicht existieren, denn —« sie lachte schrill auf — »sonst hätte er meinem Treiben schon längst ein Ziel gesetzt, hätte mich unschädlich gemacht!

Hahaha, ich — ich — opfere doch alle Tage Menschen — lebendige, fühlende Menschen — einem Ungeheuer — und Sie, Lord Clifford, werden der nächste sein — — Bah, was drohe ich Ihnen? Was verschwende ich Worte an Sie? Eine Rettung hätte es für Sie noch gegeben, nur eine — Sie haben diese Möglichkeit verpasst — —«

Sie lachte abermals, jetzt aber nicht so misstönend wie vorher.

Ganz dicht trat sie vor den jungen Lord, in einer Weise stand sie da, dass sie gar nicht hätte zu sagen brauchen, was sie nun noch aussprach:

»Ich sagte vorhin, ich sei kein Weib — ich bin es nicht — aber einmal wollte ich es heute sein, deshalb kam ich so zu Ihnen —«

Sie fuhr mit beiden Händen an ihrem Körper entlang — die Bewegung war vollkommen verständlich, und nun wusste Dr. Frank auch, was er sich vorher hatte nicht erklären können — —

»Hätten Sie in mir das Weib gesehen — das Weib! Hören Sie, Lord — ich wäre Weib gewesen — nur Weib! Nun ist es genug, ob Sie mich verstehen oder nicht! Zum zweiten Mal werde ich diese Regung nicht in mir hochkommen lassen — und nun will ich Ihnen noch das eine sagen:

Gibt es einen Menschen, der sich wirklich Loke Klingsor nennt, verfügt er wahrhaft über Kräfte, von denen andere sich nichts träumen lassen, so fordere ich ihn heraus zum Kampfe!

Und ich weiß, dass ich ihn besiegen werde! Ich werde ihn überwältigen, und genau so wehrlos soll er mir gegenüber sein wie diese da — und martern will ich ihn — ich will Folterqualen für ihn ersinnen, wie kein Henker der Hexenrichter es vermochte — und lachend will ich ihn höhnen — diesen allmächtigen Loke Klingsor, Ihren Gott, Lord — hahaha — Ihren Götzen!«

Das war das letzte, was Dr. Walter Frank sah und hörte.

Er war enttäuscht, als die rote Platte an der Wand sich plötzlich wieder schwarz färbte, aber er war auch in gewissem Sinne froh, dass er diese furchtbare Szene nicht mehr mit anzusehen brauchte.

»Dieses Weib!«, murmelte er vor sich hin. »Dieses entsetzliche Weib!«

Dann aber musste er doch lachen, es klang freilich sehr, sehr grimmig.

»Na, die wird sich umgucken!«, setzte er sein Selbstgespräch fort. »Wenn Loke Klingsor diese Herausforderung nicht annimmt, dann hat er Froschblut in den Adern, ist kein Mann — —«

»Das ist nicht der Fall, wie Sie ja wohl selbst überzeugt sind«, ertönte da die ferne, geheimnisvolle Stimme wieder, das Selbstgespräch des jungen Gelehrten unterbrechend.

»Und er wird eingreifen, die Gefangene retten, auch den Lord?«, fragte er erregt.

»Vorläufig nicht!«

»Mensch — —«

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Dr. Frank!«

»Ja, was soll ich denn da falsch verstehen? Das ist doch unerhört!«

»Loke Klingsor kann jetzt nicht eingreifen.«

»Ja, warum denn nicht?«

»Das darf ich Ihnen nicht sagen. Aber, Herr Doktor, er vertraut auf Sie. Er hat Sie doch vorhin gefragt, ob Sie ihm einen Gefallen erweisen wollen, und Sie haben zugesagt.«

Da ging dem Doktor ein Seifensieder auf.

»Ah!«, rief er freudig, »ich soll wohl Herrn Klingsor vertreten? Sagen Sie ja! Und Sie tun m i r einen Gefallen, nicht ich Ihrem Herrn — —«

»Wenn Sie wollten?«

»Ob ich will! Aber Eile ist geboten! Dieses Weib kennt doch keine Schonung. Vielleicht martert sie die Gefangene schon!«

»Das wäre nicht schlimm. Ich meine, um die wäre es nicht schade, denn es handelt sich da um eine wirkliche Verbrecherin, die schon längst den Tod verdient hätte. Aber beruhigen Sie sich, Doktor, wir haben dafür gesorgt, dass die Maladetta durch eine dringliche Meldung abgerufen worden ist; sie befindet sich jetzt schon nicht mehr in jenem Raume, und die Gefangene ist in den Kerker zurückgebracht worden.

Auch dem jungen Lord droht keine Gefahr. Sie kennen doch die berühmte Geschichte von dem SiouxIndianer, wie?«

»Na, hören Sie mal, Dr. Reinhard, Sie wollen mir doch jetzt keine Anekdoten erzählen?«, fuhr Walter Frank auf.

»Nur eine ganz kurze«, klang es ruhig zurück. »Wir haben schon Zeit dazu. Sie werden mir doch nicht zutrauen, dass ich — —«

»Na, dann erzählen Sie, aber rasch!«

»Es ist weiter nichts. Der Indianer hatte einen Feind, einen Weißen, der ihm die Squaw geraubt hatte. Er verfolgte den Räuber und fing ihn nach furchtbarem Kampfe, bei welchem er den Verhassten fast tötete —«

»Aha, jetzt weiß ich, was Sie meinen, Dr. Reinhard! Der Indianer pflegte seinen todwunden Feind aufs Sorgsamste, bis er ganz gesund war, und dann stellte er ihn an den Marterpfahl und folterte ihn aufs Furchtbarste!«

»Ja, das meine ich!«

»Und die Gräfin wird auch erst den Lord gesund pflegen, ehe sie ihn diesem Riesenpolypen zum Fraße vorwirft.«

»So ist es. Also dem Lord droht keine Gefahr.«

»Na, das wollte ich diesem Teufelsweibe auch nicht geraten haben.«

»Also, Doktor, Sie wollen den Auftrag übernehmen, den ich Ihnen im Namen Klingsors erteilen soll?«

»Fragen Sie doch nicht erst wieder, das ist doch selbstverständlich! Helfen Sie mir, dass ich wieder aus dieser Unterwelt herauskomme — —«

»Noch nicht! Sie müssen erst noch dort bleiben.«

»Mein Gott, ich — —«

»Sie müssen erst die Möglichkeit erlangen, die weite Strecke, die Sie von der Gräfin trennt, sehr schnell zurückzulegen, und dann muss ich noch etwas fragen. Herr Dr. Frank, haben Sie einmal das Märchen von dem Fliegenden Koffer gelesen?«

Es war gut, dass der Frager nicht das Gesicht des jungen Gelehrten sehen konnte, er hätte vielleicht gelacht, so verdutzt war es jetzt.

»Was soll denn das nun wieder?«, fragte Walter Frank auch gleich.

»Antworten Sie mir, bitte!«

»Ja, natürlich habe ich es gelesen.«

»Und glauben Sie, dass es einen solchen Fliegenden Koffer geben kann?«

»Das ist doch nur ein Märchen.«

»Es tut mir leid, Herr Doktor, ich muss Sie schon bitten, immer meine Fragen zu beantworten. Also —«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Nun, dann werde ich Sie jetzt eines anderen belehren. Bitte, Herr Doktor, gehen Sie auf die Wand hinter Ihnen zu!«

Dr. Frank tat, was ihm geheißen wurde. Er ging auf die Wand zu, und weil er schon wusste, dass hier alle Befehle wörtlich zu nehmen waren, so blieb er nicht etwa einen Schritt vor der Wand stehen, sondern ging so weit, dass er schließlich an sie anstieß.

Erst da teilte sie sich vor ihm. Ein enger Gang tat sich auf, der eben fortführte.

Der junge Gelehrte lief ihn in aller Eile dahin; denn obwohl er die Versicherung erhalten hatte, dass Lord Clifford nichts Böses geschehen würde, traute er doch dem Landfrieden nicht recht. Solche leidenschaftliche Weiber wechseln manchmal ihre Entschlüsse sehr rasch.

Da aber war der Gang schon wieder zu Ende. Beinahe wäre Dr. Frank in den Schacht gestürzt, der sich plötzlich vor ihm auftat.

Was sollte denn das wieder heißen?

Mutete man ihm vielleicht zu, hier hinunterzusteigen?

Er beugte sich schon über die Öffnung und spähte nach einer Leiter oder wenigstens nach Vorsprüngen, die darin angebracht sein mussten.

Da aber sah er, wie etwas aus der Tiefe heraufkam, surrend, aber sehr schnell, und im nächsten Augenblick stand schon ein noch geschlossener Fahrstuhl vor ihm.

Jetzt ging die Tür auf, die aber gar nicht als solche zu erkennen gewesen war, und der junge Gelehrte stieß einen Ruf höchster Freude aus.

»Gott sei Dank, dass Du wieder da bist, Kurt!«, rief er und streckte auch schon dem Freunde, dem Professor Becker, die Hände entgegen.

»Wo hast Du denn immer gesteckt?«

»Ach, Walter, wenn ich Dir erzählen dürfte, was ich erlebt habe!«, entgegnete der Professor, der ja von Loke Klingsor eine besondere Aufgabe übertragen erhalten hatte.

»Nun, wenn Du es nicht erzählen darfst, dann will ich es auch gar nicht wissen, und übrigens wird es nicht schlimmer gewesen sein als das, was ich erlebte — erleben durfte!, möchte ich sagen.

Kurt, wohin sind wir geraten! Dass es so etwas gäbe, hätten wir beide uns auch nicht träumen lassen, obwohl wir doch schon allerlei vollbracht haben, was die übrige Menschheit nicht für möglich gehalten hat.

Aber lassen wir das! Hast Du noch einen besonderen Auftrag auszuführen? Oder weshalb bist Du auf einmal hier?«

»Ja, wenn ich das wüsste, Walter! Ich wurde aufgefordert, in diesen Fahrstuhl zu treten, und das habe ich natürlich getan. Es ging in großer Schnelligkeit aufwärts, und als das Ding hielt und die Tür aufging, da standest Du vor mir — —«

»Ja, ich weiß selbst nicht, was nun geschehen soll«, erwiderte Dr. Frank, der keine Ahnung hatte, ob er dem Freunde etwas von dem Fliegenden Koffer erzählen durfte.

Da aber hörten sie beide zugleich die Stimme des Unbekannten, der sie aufforderte, wieder in den Fahrstuhl zu treten, und kaum hatten sie das getan, als sie auch schon wieder entführt wurden, aufwärts — —

Die Schnelligkeit der Fahrt war sehr groß. Sie währte aber nicht länger als höchstens eine Minute. Dann sprang die Tür wieder auf, und die beiden staunten nicht schlecht, als sie sich in einem geräumigen Zimmer befanden, das einer Theatergarderobe glich oder vielmehr einer Requisitenkammer, wo alle jene Gegenstände verwahrt werden, die zum Theaterspielen nötig sind.

An den Wänden waren Regale aufgestellt, auf denen allerhand Sachen lagen, anscheinend Kleidungsstücke. Andere hingen an Gestellen, und in anderen wieder waren Hüte und Mützen und Helme und solche Kopfbedeckungen zu sehen.

Dann wieder lehnten an einer der Wände allerhand Waffen, andere waren darüber aufgehangen, und da gab es nicht nur moderne Gewehre, sondern auch ganz alte Waffen, wie Ritterschwerter, Morgensterne, Partisanen und Hellebarden, und an einer anderen Stelle sahen die beiden die zu den altertümlichen Waffen gehörigen Rüstungen, Schilde, Panzer und so weiter.

Da standen in einem Winkel Schuhe und Stiefel der verschiedensten Art, sicher zu jedem vorhandenen Kostüm das passende — —

Da war es kein Wunder, wenn die beiden sich verwundert umschauten, aber sich doch auch gleich fragten, welches von den Kostümen sie wohl anlegen sollten.

In dieser Annahme hatten sie sich freilich geirrt.

»Bitte, holen Sie den alten, unscheinbarem Koffer aus der einen Ecke! Sie sehen ihn doch stehen?«, sprach die Stimme des Unsichtbaren.

Professor Becker stutzte.

»Einen alten Koffer?«, fragte er.

»Ja, Kurt, und mir ist schon gesagt worden, es sei der Fliegende Koffer. Du kennst doch das orientalische Märchen, dass der junge Mann unter der Erbschaft seines alten Vaters einen solchen alten Koffer findet, dass er sich hineinsetzt und im nächsten Augenblick, als er sich wünscht, er möchte weit, weit fort sein, schon von diesem Koffer in die Luft entführt wird.«

Ja, der Professor kannte dieses Märchen und hatte es als Junge schon mit Vorliebe gelesen, so hatte er natürlich später den Sinn bald erfasst. Jeder Mensch besitzt ja einen solchen Fliegenden Koffer in seinem Gehirn, wenigstens solche Menschen, die über etwas Phantasie verfügen.

Da setzt man sich so nach dem Mittagessen ein wenig in den Großvaterstuhl, schließt die Augen und denkt an irgendeinen Ort, wo es schön ist, und — im nächsten Augenblick ist man auch schon dort, wandert am Amazonas herum oder am Nordpol, je nachdem, was man vorzieht — —

Wie gesagt, es gehört Phantasie dazu. Man muss natürlich auch von dem betreffenden Lande schon mancherlei gelesen haben, denn sonst kann man sich eben gar nichts vorstellen, aber jedenfalls geht auf diese Weise das Reisen am schnellsten.

Oder wenn man bescheiden ist in seinen Wünschen, denkt man in der Ferne an die liebe Heimat, und rutsch!, ist man dort, sieht alle die Stätten wieder, die einem so teuer sind.

Das Märchen vom Fliegenden Koffer aber ist nichts weiter als die Verwirklichung des Wandertriebes, der in so vielen Menschen steckt. Man wünscht sich irgendwo hin, der Koffer schwingt sich in die Luft und trägt einen fort — —

»Du meinst doch nicht, dass dieser alte Kasten hier wirklich so ein Fliegender Koffer ist?«, fragte denn auch Professor Becker lachend seinen Freund.

Dieser schaute ihn ernst an.

»Lieber Kurt, hier etwas zu meinen, ist ganz und gar nicht ratsam. Ich glaube, Du hast ebenfalls erfahren, dass hier selbst das Unmöglichste möglich wird. Mag auch ein Trick dabei sein, so darf uns das jetzt nicht kümmern, und da ich Eile habe und gern so schnell wie möglich an den Ort kommen möchte, wo ich dringend gebraucht werde, so wollen wir uns also miteinander in diesen Koffer setzen und sehen, was dann geschieht. Ich nehme eben an, dass Du wieder mit mir vereinigt worden bist, weil wir gemeinsam dieses neue Abenteuer bestehen sollen!«

Indem Dr. Walter Frank das sagte, hatte er schon den Koffer aus der Ecke gezogen, und beide betrachteten ihn nun lachend.

Es war wirklich ein sehr schäbiges Ding, wie man es in dieser oder jener Rumpelkammer noch findet, wo eine sparsame Hausfrau, die nichts umkommen lassen will, allerlei aufhebt, wofür nicht einmal der Jude noch etwas gibt.

Der Koffer maß etwa anderthalben Meter in der Länge, einen in der Breite, und wenn er geschlossen wurde, dann mochte er knapp dreißig Zentimeter hoch sein.

Da der Deckel nur zehn Zentimeter maß, so blieb für den unteren Raum der größere Teil von zwanzig Zentimetern, wozu noch der in das Oberteil hineinragende Rand kam.

Das Innere war mit rot und weiß gestreiftem Drell ausgeschlagen, aber wie das Leder ganz abgeschabt und an vielen Stellen mit Moder bedeckt war, so wies auch dieser Drell große Löcher auf.

Es war eben ein ganz alter Koffer, mit dem niemand sich etwa hätte auf einem Bahnhofe sehen lassen dürfen.

»Na, da wollen wir mal, Kurt!«, sagte Dr. Frank lachend und schickte sich an, sich in den Koffer zu setzen, dabei schon nach dem Henkel an der Seite spähend, an welchem er sich während einer Luftfahrt festhalten könnte.

Doch er kam noch nicht dazu, seinen Vorsatz auszuführen.

Die Stimme des Unsichtbaren ließ sich wieder einmal vernehmen.

»Herr Professor?«, rief sie.

»Jawohl, hier bin ich!«

»Ihrem Freunde habe ich mich schon vorgestellt«, hieß es da weiter. »Ihnen gegenüber will ich es jetzt nachholen. Reinhard ist mein Name, ich bin Doktor der Weltweisheit und von Beruf Landmesser, stehe in den Diensten Loke Klingsors und befinde mich jetzt im HimalajaGebirge. Von hier aus kann ich zu Ihnen sprechen, könnte Sie auch beobachten, habe jedoch keine Erlaubnis dazu, und so muss ich mich damit begnügen, Ihnen die nötigen Weisungen mündlich zu geben.

Also Sie sollen sich, ehe Sie die Fahrt in dem Fliegenden Koffer antreten, erst noch dem Zwecke, den Sie verfolgen, entsprechend umkleiden.

Sie sehen in dem Raume ein Tischchen. Bitte, ziehen Sie die Schublade heraus und schlagen Sie das Heftchen, das Sie darin finden werden, auf Seite 84 auf!«

Die beiden, die gleichzeitig diese Stimme vernahmen, entsprachen der Aufforderung, traten zu dem — übrigens recht gebrechlichen — Tischchen und zogen die Schublade auf.

Sie enthielt nichts außer dem angekündigten Heftchen. Es war so eine Art Kontobuch, und das weiße Papierschild zeigte darauf in verschnörkelter Schrift die Aufschrift »RequisitenVerzeichnis«.

Professor Becker nahm es heraus und schlug die Seite 84 auf.

Er sah schon beim Umblättern, dass auch alle andern Seiten eng beschrieben waren, dass immer links vorn eine laufende Nummer stand, rechts dahinter dagegen andere Zahlen, und auf der angegebenen Seite stand geschrieben: »Zum Fliegenden Koffer gehörig«.

Die beiden guckten einander an.

Das war aber auch die einzige Möglichkeit, wie sie sich miteinander verständigen konnten, denn zu sprechen wagten sie nicht miteinander, da sie annehmen mussten, dass sie dann von diesem Dr. Reinhard gehört werden würden, und wenngleich sie ja nichts gesagt hätten, was diesen beleidigen könnte, so wollten sie doch lieber für sich behalten, was sie jetzt dachten. Sie schwiegen also und begnügten sich mit einem Blick, durch den man sehr viel sagen kann.

Dann las Professor Becker zugleich mit seinem Freunde, was weiter auf der Seite geschrieben stand. Es war zunächst die Angabe des Regals, die alle mit großen Buchstaben kenntlich gemacht waren. Sie suchten das mit einem T, und dann nahmen sie aus den Fächern nacheinander alles, was die Nummern im Buche besagten.

Sie erkannten bald, was für ein Kostüm ihnen zugedacht war, also zu dem Fliegenden Koffer gehörig.

Es war ein orientalisches Gewand, wenigstens nach dem Farbenreichtum des Stoffes und nach der ganzen Machart, aber dabei doch recht eigenartig, sodass sich beide, die doch schon mancherlei zu Gesicht bekommen hatten, nicht erinnern konnten, je ein solches Kostüm gesehen zu haben.

Es ist nicht nötig, dieses hier zu beschreiben. Die beiden fragten ja auch nicht lange, warum sie gerade so sich maskieren sollten. Aber eine andere Frage hatten sie doch. Dr. Walter Frank sprach sie aus.

»Herr Doktor!«, rief er.

»Jawohl! Was wünschen Sie?«

»Sollen wir dieses Kostüm über unsere Anzüge ziehen oder diese vorher ablegen?«

Ein leichtes Lachen erscholl zunächst als Antwort, dann wurde gesagt:

»Das würde sich wohl nicht gut machen lassen, nämlich, dass Sie Ihren Anzug anbehielten, schon der Schuhe wegen nicht, die Sie tragen. Sie wissen doch, dass der Orientale solche nicht kennt und nie tragen würde. Sie müssen also die Schuhe mit Pantoffeln vertauschen, und auch sonst ist es ratsam, dass Sie sich ganz nach orientalischer Vorschrift kleiden.

Oder vermissen Sie vielleicht ein wichtiges Stück?«

Nein, das war nicht der Fall.

»Es ist nur«, meinte Dr. Frank, »weil der Anzug, den wir tragen, uns im Laufe der Zeit sozusagen lieb geworden ist. Sie werden das verstehen. Wir haben ihn angehabt, als wir unsere Abenteuer bestanden —«

»Ich verstehe das vollkommen, und Sie sollen ja auch diese Anzüge bald wiederbekommen, nicht fortan in dem orientalischen Gewand umherlaufen — bitte, beeilen Sie sich aber nun! Ich habe eben etwas erfahren, was ich nicht erwartete. Die Gräfin ist mit dem Lord schon unterwegs. Sie hat ihren Plan anscheinend geändert und bereut, dass sie die Maske hat fallen lassen. Was sie beabsichtigt, weiß ich noch nicht, jedenfalls aber wird es gut sein, wenn Sie selbst bald Gelegenheit haben, Sie zu beobachten und rechtzeitig einzugreifen.

Und da gleich noch eins, was ich Ihnen später ganz gewiss nicht mehr zu sagen vermag. Sie begreifen, dass ich nur mit Ihnen sprechen kann, wenn kein anderer es hört, und das wird bald nicht mehr der Fall sein.

Also, meine Herren, ich kann Ihnen nicht etwa vorschreiben oder auch nur etwa raten, was Sie tun müssen und tun sollen. Das bleibt vielmehr Ihnen allein überlassen. Herr Klingsor vertraut Ihnen da vollständig. Und wenn Sie noch etwas wissen wollen, dann fragen Sie jetzt!«

Die beiden schauten einander nur kurze Zeit an, dann schüttelten beide den Kopf.

»Wir haben nichts mehr zu fragen«, erwiderte Professor Becker.

»So ist es gut! Kleiden Sie sich also um, und wenn Sie damit fertig sind, klatschen Sie in die Hände.«

Das taten die beiden denn auch, und doch verfuhren sie bei dem Ankleiden mit großer Sorgfalt, halfen sich gegenseitig dabei, denn sie wussten, dass da nicht allein das Kostüm genügt. Es kann so echt sein, wie es will — und das war hier ja der Fall, wie sie erkannten — wenn da etwas nicht stimmte, wenn da zum Beispiel der mit Edelsteinen geschmückte Dolch, den jeder vorfand und der also in dem aus einem Seidenschal bestehenden Gürtel getragen werden sollte, nicht richtig darin stak, vielleicht gar auf der linken Seite, anstatt auf der rechten, dann wusste ein Sachverständiger sofort, dass sie nicht in diese Kleider gehörten. Man misstraute ihnen, und schließlich konnten sie überhaupt nicht durchführen, was sie doch durchführen wollten.

Deshalb also brauchten sie zum Ankleiden viel länger, als sie notwendig gehabt hatten, ihre Sportkostüme von sich zu werfen.

Endlich aber waren sie fertig, und als sie sich nun gegenseitig betrachteten, da erkannten sie auch gleich, dass sie noch lange nicht imstande waren, sich so unter Eingeborenen zu zeigen.

Zu einem solchen Kostüm gehörte die entsprechende Hautfarbe, und obgleich die beiden von der Tropensonne schon ganz braun gebrannt waren, genügte das vielleicht doch nicht.

So klatschten sie, wie ihnen geheißen worden war, in die Hände.

Alsbald wurde an die Tür geklopft, die sie nun erst bemerkten, und nachdem Dr. Frank den noch unsichtbaren Einlassbegehrenden hereingerufen hatte, erschien in der sich öffnenden Tür eine alte Frau, ganz gebückt von der Last der Jahre — —

Die beiden wussten auch gleich, wen sie da vor sich hatten.

Es war offenbar eine sogenannte Aja, eine jener vertrautesten Dienerinnen indischer Harems, eine Frau, die in ihrer Blütezeit als Amme gedient hatte, schon dadurch besondere Vorrechte genießend, eben die Vertraute nicht nur ihres Herrn, sondern noch mehr ihrer schönen Gebieterinnen. Und diese Ajas verstehen allerhand Toilettengeheimnisse, für die europäische Modedamen ein Vermögen hingeben würden, kennen Schönheitsmittel und Salben, die Wunder wirken — —

Die Alte, deren graues Haar unter einem turbanartig um das Haupt gewundenen Tuche hervorhing, verneigte sich nach morgenländischer Sitte mehrmals tief.

Die beiden Freunde hatten denselben Gedanken beim Anblick dieses Weibes. Sie kleideten ihn in eine Frage, die jedoch keiner aussprach.

»Wie ist es nur möglich, dass dieser Loke Klingsor in dieser Unterwelt alles so sorgsam vorbedenken konnte? Wie hat er alle die vielen Sachen hierher bringen können?«

Ja, diese Fragen lagen nahe, wie andere, die sich den beiden Gelehrten schon vorher aufgedrängt hatten. Aber ebenso wenig wie früher fanden sie auch jetzt eine Antwort. Da nützte alles Nachdenken nichts, hier kamen eben wunderbare, der übrigen Menschheit ganz unbekannte Kräfte ins Spiel, über welche der geheimnisvolle Loke Klingsor nach Belieben gebot.

Jedenfalls richtete weder Professor Becker noch Dr. Frank an die Alte eine Frage. So weit wussten sie doch schon im indischem Leben Bescheid, da kann es einem neugierigen Frager sehr schlimm ergehen.

Zudem sahen sie ja auch, dass die Aja ihnen durch eine Handbewegung andeutete, in den Nebenraum zu treten, und da staunten sie ja wieder nicht schlecht, als sie erkannten, dass er mit all dem geradezu raffinierten Luxus ausgestattet war, der in indischen Zenanas, also in Harems, anzutreffen ist.

Doch sie hatten keine Lust, sich das alles zu betrachten; sie wussten, dass sie andere Aufgaben zu lösen hatten, und die alte Frau hatte ja auch schon einen niedrigen Sessel für jeden bereitgestellt; aber als die beiden nun nebeneinander Platz nehmen wollten — die Sessel standen ja so — da wehrte die Frau.

Sie mussten sich mit dem Rücken gegeneinander setzen. Da waren sie zwar noch in gewissem Sinne nebeneinander, aber sie konnten einander nicht sehen, keiner konnte gewahren, was mit dem anderen gemacht wurde.

Ein Spiegel war in dem Raume nicht vorhanden. Das wäre gegen allen Brauch gewesen, aber was sie sonst brauchte, das hatte die Aja in einem Ebenholzkasten auf einem anderen Stuhle bereitstehen.

Nun sprach sie auch die ersten Worte, in Hindustani natürlich, das die beiden verstanden.

»Still sitzen, ganz still! Die Rücken gegeneinander! Das Gesicht nach oben richten, nach der Decke! Und nicht sprechen, nicht fragen!«

Nun, das Letztere hätte sie nicht zu sagen brauchen, die beiden hatten auch noch nichts gefragt, und was nun mit ihnen geschehen würde, das mussten sie ja gleich merken.

Da aber setzte die Alte hinzu:

»Die Sahibs müssen die Augen schließen und dürfen sie nicht eher wieder auftun, als bis ich es sage!«

Schön! Das war leicht zu machen!

Nun aber hätte Dr. Frank doch gern eine Frage ausgesprochen. Er war sehr müde. Seinem Freunde erging es sicher nicht anders. Wie wäre es denn da, wenn sie während der Prozedur, die mit ihnen vorgenommen werden sollte, ein Nickerchen machten? Nur ein Viertelstündchen?

Die Aja aber schien diese Frage zu erraten.

»Die Sahibs dürfen schlafen!«, sagte sie.

Nanu! Diese Erlaubnis, die ihnen da erteilt wurde, ließ die beiden doch gleich wieder stutzen.

Sollte das, was die Alte mit ihnen vornehmen wollte, so lange dauern?

Sie konnten es nicht ändern. Loke Klingsor — oder sein jetziger Vertreter, dieser Dr. Reinhard — würde schon wissen, was nötig war.

»Also schlafen wir ein bisschen!«, dachte jeder von den beiden.

Sie lehnten sich mit dem Rücken aneinander, dass sie sich gegenseitig stützten, und da sie das Gesicht nach oben richten sollten, so berührten sich auch ihre Hinterköpfe. So nahmen sie also eine Haltung ein, als säßen sie in einem Rasierstuhle.

Ja, sie waren todmüde. Noch vor Kurzem hätten sie sonst was darum gegeben, hätten sie ein paar Minuten schlafen können. Jetzt aber — keiner von ihnen dachte daran. Beide passten vielmehr auf, was die Alte mit ihnen vornehmen würde.

Beide waren überzeugt, dass das etwas ganz, ganz Sonderbares sein müsste, weil es auf so geheimnisvolle Weise geschehen sollte.

Und doch!

So sehr diese beiden Männer sich daran gewöhnt hatten, scharf zu beobachten, so sehr sie hier aufpassten — sie vermochten hinterher nicht zu sagen, was die Aja eigentlich mit ihnen gemacht hatte.

Zunächst spürte Professor Becker, dass weiche Finger über sein Gesicht strichen — über Wangen und Stirn, und dabei hatte er ein ganz seltsames Empfinden. Er hätte es gar nicht beschreiben können.

Ihm war, als sei das gar nicht mehr sein Gesicht, als hätten sich die Muskeln in eine teigartige Masse verwandelt, die dem Drucke der Finger ungemein leicht nachgab, und während er sich noch darüber wunderte, wurde ihm etwas auf das Gesicht gelegt — er dachte, es müsse ein ganz feines Tuch sein, ein Tüchlein vielmehr — —

Dann war die Aja nicht mehr bei ihm, er war anscheinend schon fertig — —

»Na da!«, dachte er. »Das ist ja schneller gegangen, als ich dachte.«

Und er war darüber nicht böse, denn er gehörte zu jenen Menschen, deren es eine große Menge gibt, die nicht gut stillsitzen können, immer wenigstens etwas machen müssen, und die deshalb nur, wenn es gar nicht mehr anders möglich ist, zum Haarschneider gehen, sich selber rasieren, um nicht minutenlang eingeseift sitzen und warten zu müssen.

Ob Dr. Frank dieselben Empfindungen und Gedanken hatte, konnte Professor Becker natürlich nicht wissen, er nahm es jedoch an.

Aber wenn es bei dem auch nicht länger gedauert hatte als bei ihm, warum mussten sie dann nun noch so lange stillsitzen und warten? Auf was denn nur?

Professor Becker spürte die Lust, sich einmal nach dem Gesicht zu greifen, um festzustellen, was eigentlich mit ihm geschehen war — er unterließ es natürlich — und da erklang auf einmal eine Stimme — nicht die der alten Amme, sondern die Dr. Reinhards. Dieser sagte:

»Bitte, meine Herren! Und schönen Dank!«

Das klang genau so wie im Barbierladen, wenn die Serviette weggenommen wird.

Nun fehlte bloß noch, dass der Gehilfe dastand und die Hand hinhielt, um das Trinkgeld einzuheimsen!

Die beiden Herren standen gleichzeitig auf, gleichzeitig drehten sie sich einander zu, jetzt natürlich auch die Augen öffnend — —

Und dann staunten sie einander an und wussten nicht, was sie sagen sollten.

War denn so etwas überhaupt möglich?

Jetzt, wo es ihnen nicht mehr verboten war, griffen beide sich nach dem Gesicht, vorsichtig, um nichts zu zerstören — das hätten sie gar nicht vermocht. Diese merkwürdige Farbe, die da aufgetragen war, saß fest, ließ sich nicht verwischen — —

Nein, das war doch überhaupt keine Farbe — es musste das Tüchlein sein, das ihnen aufs Gesicht gelegt worden war.

»Kurt, wie siehst Du bloß aus?«, stieß Dr. Frank hervor.

»Und Du? Ja, was ist denn nur mit uns geschehen?«, erwiderte Professor Becker fassungslos.

In der Tat, wäre jetzt der eine dem andern begegnet, ohne von der Verwandlung etwas zu ahnen, die mit jedem vor sich gegangen war, sie hätten einander nicht erkannt.

Jetzt sahen sie ganz aus wie vornehme Inder, als welche ja auch ihre Kleidung sie bezeichnete, und wenn da auch mit flüssigen Hautfärbemitteln viel geschaffen werden kann, so handelte es sich hier doch um etwas ganz anderes.

Beiden war sozusagen in den wenigen Augenblicken auch der zu dieser Tracht gehörige Bart gewachsen, dem Professor ein ehrwürdiger weißer, dem Doktor ein sehr schöner schwarzer — und dem entsprach auch ihr Kopfhaar, das bei dem einen silberweiß war, bei dem andern rabenschwarz, also auch mit dem blauen, fast metallischen Schimmer, der sich doch bei solchen Perücken nicht nachahmen lässt. Es ist eben ein großer, sehr großer Unterschied zwischen natürlichem und falschem Haar, wenn letzteres auch von einem Menschen stammt.

Es gibt da Fachmänner, und zwar nicht nur Gelehrte, sondern auch gar manchen Haarkünstler, der sofort zu sagen weiß, wie lange ein menschliches Haar schon gestorben ist — denn das ist es eben, dass das Haar doch sein eigenes Leben hat, und dass dieses beendet ist, wenn das Haar abgeschnitten wird. Eine Zeit lang behält es noch den natürlichen Glanz, wie ja auch die abgeschnittene Blume nicht gleich verwelkt, aber der Fachmann kennt doch sofort heraus, wie lange das Haar schon abgeschnitten ist. Und diese Fähigkeit spielt natürlich in manchem Mordprozess eine große Rolle, hat schon oft dazu geholfen, einen Verbrecher seiner Tat zu überführen.

Also dieses Haar hier war ganz natürlich. Auch der geübteste und erfahrenste Sachverständige hätte nicht zu behaupten gewagt, dass es sich um Perücken und falsche Bärte handelte.

Das sahen auch die beiden Gelehrten, die doch nebenbei abenteuernde Jäger und Weltenbummler waren, aber nicht darüber staunten sie am meisten, sondern darüber, dass auch ihre Augen sich verändert hatten.

Bei beiden war die Iris, die dem Auge die Farbe gibt, hell gewesen, bei dem Doktor fast blau, bei dem Professor mehr grau.

Jetzt aber hatten beide tiefschwarze Augen, wie sie eben zu einem Inder gehörten.

Und als sie nun ihre Hände anschauten, an denen sie ja nicht die geringste Berührung verspürt hatten, da erkannten sie zu ihrem neuen Staunen, dass auch sie ihr Aussehen verändert hatten. Die Haut war braun — und bei dem Professor, dessen Haar also weiß war, wiesen sie auch jene leichten Runzeln auf, die das Greisenalter erzeugt.

Ja, da staunten die beiden, aber ehe sie noch dazu kamen, über diese merkwürdige Verwandlung zu sprechen, hörten sie schon wieder die Stimme Dr. Reinhards.

»Nun, wie sind Sie mit der Kunst der Aja zufrieden, meine Herren?«

»Wir können nur staunen!«, erwiderte Professor Becker.

»Ja, das geht einem stets so, wenn man zum ersten Mal eine solche Maske trägt — —«

»Eine Maske?«, fragte Dr. Frank sogleich. »Man hat uns eine Maske aufgesetzt?«

»Das ist nicht ganz das treffende Wort, aber es kommt nicht darauf an. Ja, Sie tragen eine Maske, und zwar eine, die jeden Menschen täuschen muss. Niemand wird imstande sein, zu behaupten, dass sie zwei Feringhis seien, und das muss auch so sein, denn sonst bedeutete es Ihren sofortigen Tod — —

Aber davon wollen wir lieber jetzt nicht sprechen. Sie werden ja später eine Aufklärung durch Herrn Klingsor erhalten. Sind Sie jetzt bereit, die Fahrt anzutreten?«

Die beiden Freunde hatten nichts einzuwenden. Sie sagten das und wurden aufgefordert, wieder in die Requisiten- oder Rumpelkammer zurückzukehren.

»So! Nun setzen Sie sich in den Koffer, und zwar derart, dass Ihre Beine an den Schmalseiten herabhängen, Rücken gegen Rücken. Mit den Händen fassen Sie den Griff oder den Henkel — und Sie müssen sich da sehr festhalten, denn die Fahrt wird sehr schnell sein!

So! Sie sitzen richtig!«


Illustration

»Ich denke, Sie dürfen uns nicht sehen, Herr Doktor?«, fragte da auch schon Professor Becker und bewies dadurch, dass er schon wieder sehr scharf aufpasste.

»Es ist mir jetzt einmal erlaubt worden«, klang es zurück.

»Und nun: Haben Sie noch etwas zu fragen?«

Die beiden wussten nichts.

»So muss ich Sie nunmehr sich selbst überlassen. Auf Herrn Klingsors ausdrücklichen Befehl darf ich mich während der nächsten Zeit nicht mit Ihnen in Verbindung setzen. Sie sollen selbstständig entscheiden und handeln. Also Sie haben nichts mehr zu fragen oder zu bemerken?«

Nein, das war nicht der Fall.

Und kaum hatten die beiden das geantwortet, da spürten sie auch schon, dass sie flogen. Ja, das ist sehr leicht gesagt: Sie spürten, dass sie flogen.

Wer etwas denken gelernt hat, der muss doch hier gleich einwenden: Wie kann denn das möglich sein, da sie sich doch in einer Unterwelt befanden, in einem auf allen Seiten geschlossenen Raume?

Diese Frage war den beiden Freunden selbstverständlich auch aufgestiegen, als sie sich in den geheimnisvollen Koffer setzten, aber sie hatten sich deswegen kein Kopfzerbrechen gemacht.

Wenn sie mit diesem Koffer fortfliegen sollten, dann würde auch eine Möglichkeit vorhanden sein, aus der Rumpelkammer fortzukommen.

Und sie kamen hinaus. Sie wussten freilich nicht, wie — ob die Decke zurückgewichen oder was sonst geschehen war — sie flogen genau so, als bewegten sie sich in der freien Luft, sahen nichts mehr von Felswänden, und die Fahrt war so rasend schnell, dass sie überhaupt nichts unterscheiden konnten.

Ebenso wenig waren sie imstande, anzugeben, wie lange sie so geflogen waren.

Dr. Reinhard hatte sehr wohl daran getan, dass er ihnen riet, sich ja festzuhalten. Es ging rasend schnell, das spürten sie an dem Luftzug — —

Aber ehe sie daraus auf die Schnelligkeit Schlüsse ziehen konnten, war alles schon zu Ende.

Ganz plötzlich stand der Fliegende Koffer still, und zwar auf festem Boden, und ehe die beiden noch wussten, wo sie sich befanden, merkten sie, dass sie nicht mehr in dem alten Koffer saßen, sondern auf Stein — ihr sonderbares Flugzeug war verschwunden, wahrscheinlich jetzt schon auf dem Rückwege nach jener geheimnisvollen Unterwelt.

Oder hatten auch sie diese gar nicht verlassen?

Die beiden schauten einander an, noch ehe sie sich um ihre Umgebung kümmerten, und beide lachten leise, aber herzlich.

»Na da!«, sagte Dr. Frank auch noch mit seinem Lieblingsausdrucke.

»Da haben wir uns ja wieder einmal schön über den Löffel balbieren lassen!«, erwiderte der Professor.

»Ich muss bekennen, dieser Loke Klingsor versteht sein Geschäft. Wenn er mal nicht mehr weiß, wovon er leben soll, braucht er sich bloß als Zauberkünstler zu etablieren. Da werden die Menschen ja nicht schlecht staunen, und hätte er ein paar Jahrhunderte früher gelebt, so wäre er todsicher verbrannt worden.

Wie aber bringt er das alles fertig?«

»Du meinst, man wolle uns sozusagen nur suggerieren, dass wir in dem alten Koffer geflogen sind? In Wahrheit aber haben wir die Unterwelt überhaupt noch nicht verlassen?«, meinte Dr. Walter Frank.

Und ehe sein Freund etwas erwidern konnte, schüttelte er den Kopf.

»Nein, Alter, das nehme ich nicht an. Ich habe zu deutlich den rasenden Luftzug gespürt. Wir sind tatsächlich geflogen. Infolgedessen müssen wir auch unseren Platz verändert haben. In der Rumpelkammer sind wir ja tatsächlich nicht mehr, das siehst Du selbst, und wenn wir uns Gewissheit verschaffen wollen, wohin wir gebracht wurden, so brauchen wir uns ja nur umzusehen.

Also erhebe Dich, mein Sohn! Wir wollen uns überzeugen.«

Professor Becker stand auf.

Zunächst schauten sich die beiden nun erst einmal den Raum an, in dem sie sich jetzt befanden. Das war nicht so leicht, weil sie von Halbdunkel umgeben waren, in dem sie nichts genau zu unterscheiden vermochten.

So viel aber sahen sie doch: Sie standen in einer hohen Halle, deren Decke von vielen schlanken Säulen getragen wurde. Der Boden bestand aus glatten Steinplatten, die sehr sauber poliert waren; und als sie zu einer der Säulen gehen wollten, um sie zu suchen und daraus Schlüsse zu ziehen, da merkten sie, dass die leichten indischen Schuhe, die sie trugen, ihnen sehr zustatten kamen. In ihren Stiefeln hätten sie hier keinen Schritt machen können, ohne auszugleiten. So aber kamen sie auf den weichen, geschmeidigen Sohlen sehr gut vorwärts.

Sie hatten die Säulen erreicht, und da hatten sie keine lange Untersuchung nötig. Sie sahen sogleich, dass das indische Arbeit war, die ganz unverkennbar war.

»Wir stehen in einer Halle eines indischen Palastes«, sagte denn auch Professor Becker, sich, wie immer, wenn er mit seinem Freunde allein war, der deutschen Sprache bedienend.

»Das stimmt. Und nun wollen wir weiter sehen!«, erwiderte sein Freund.

Sie schritten also jener Stelle zu, wo sich das Tor der Halle befinden musste; die Stelle war leicht an dem Lichtschein zu erkennen, der von dort kam; aber die beiden sahen auch gleich, dass er nicht durch das offene Tor eindrang, sondern nur durch farbige Glasscheiben, die in dieses eingesetzt waren.

Sie kümmerten sich nicht weiter darum, kamen an das Tor und suchten nach einer Vorrichtung, durch welche sie es öffnen könnten.

Es war keine vorhanden. Die beiden Flügel schlossen aneinander, wurden aber nicht durch Riegel oder ähnliche Mittel zusammengehalten.

Dabei waren die beiden Flügel sehr hoch, der Größe und Höhe der Halle entsprechend, und die beiden sahen außerdem, dass das ganze Tor nicht aus Holz bestand, sondern in künstlerischstem Mosaik aus bunten Steinen zusammengesetzt war.

Sie hatten schon ähnliche Tore und Türen gesehen, wunderten sich also nicht darüber, und da sie dieses hier nicht öffnen konnten, so beschlossen sie, erst einmal an den Wänden entlangzugehen, in der Hoffnung, dass sie vielleicht ein Seitenpförtchen entdeckten.

Sie dachten an keine Gefahr für sich, und so trennten sie sich, um die Nachforschung abzukürzen. Der eine ging nach rechts, der andere nach links, aber als sie wieder zusammentrafen, hatte keiner einen Ausgang entdeckt. Nur das große Tor war vorhanden.

So schritten sie nun quer durch die Halle wieder dorthin, und ohne sich lange zu besinnen, klopften sie gleichzeitig an dieses Tor.

Niemand schien sie zu hören, niemand in der Nähe zu sein, doch als Dr. Frank eben nochmals die Hand hob, um lauter als zuvor zu klopfen, da wichen die beiden Flügel vor ihnen zurück, erst langsam, sozusagen majestätisch, dann aber ziemlich schnell.

Und vor den beiden stand ein prächtig gekleideter Inder. Sie wussten gleich, dass es ein Diener dieses Palastes sein musste, vielleicht eben der Hüter dieses Tores und der dahinterliegenden Säulenhalle.

Der Mann aber machte ein Gesicht, das die beiden zum Lachen reizte. Er sah ganz und gar verblüfft aus.

Das dauerte indes nur eine Sekunde, wenn überhaupt so lange —

Dann lag der Mensch auch schon der Länge nach auf dem Boden, die Arme vorgestreckt, das Gesicht auf die glänzenden Steinplatten pressend, also die tiefste oder höchste Ehrfurcht bekundend.


Illustration

Marduch lag plötzlich der Länge nach am Boden.<


Die beiden Freunde schauten einander an, wieder dabei staunend, dass sie solche dunkle, echt indische Augen hatten, aber gerade dies gab ihnen die volle Sicherheit, die sie hier ja auch wahrscheinlich nötig hatten. Sie wussten, dass niemand sie als Fremdlinge erkennen konnte.

»O, verzeiht, Erhabene, verzeiht und zürnt Eurem Sklaven nicht, dass er Euch eine Sekunde hat warten lassen!«, hörten sie da den ausgestreckt daliegenden Inder murmeln — er sprach wahrscheinlich laut, aber er presste eben das Gesicht gegen den Boden und dadurch wurde der Klang seiner Stimme so dumpf.

»Marduch hat nicht geschlafen!«, fuhr er dann in ängstlicher Beteuerung fort. »O, nein — aber die Erhabenen haben doch schon einmal die Halle verlassen —«

»Es ist gut, Marduch!«, sagte der Professor Becker, nachdem er sich durch einen Blick mit seinem Freunde verständigt hatte. »Steh auf!«

Der Diener schnellte empor, wagte aber nicht, sein Gesicht zu heben, hatte den Oberkörper immer noch demütig geneigt und die Arme über der Brust gekreuzt.

Ja, was denn nun?

Sollten die beiden den Mann ausfragen? Sie wussten ja nicht, welche Rolle man ihnen zugedacht hatte, wen sie hier vorstellten; sie sahen nur, dass der Mensch da vor Ehrfurcht fast erstarb, und er hatte sie ja auch als »Erhabene« angeredet.

Umso mehr mussten sie sich in acht nehmen, dass sie sich nicht verrieten.

Und sie wunderten sich ja auch schon wieder, dass der Mann keinen Verdacht schöpfte, als er die fremde Stimme hörte. Oder hatte der, für den er den Professor hielt, genau so gesprochen wie dieser?

Ach, da gab es ja noch so viele andere Rätsel, welche nicht so ohne Weiteres gelöst werden konnten! Die beiden gaben sich gar nicht erst Mühe deswegen, aber dem Professor kam doch ein naheliegender Gedanke.

Sie sollten jenen Lord Clifford retten. Deshalb waren sie auf so schnellem Wege in diesen unbekannten Palast gebracht worden, und so fragte er:

»Was ist mit dem Feringhi geschehen?«

Jetzt hob der Diener einmal das Gesicht. Es drückte höchstes Erstaunen aus.

Aber sofort senkte er es wieder. Es war wohl strenge Vorschrift für ihn, diese beiden »hohen Tiere« niemals anzusehen.

»Erhabener, Du willst Marduch nur prüfen«, sagte er demütig.

Da stellte Professor Becker sich zornig.

»Weißt Du nicht, dass Du zu antworten hast, wenn Du gefragt wirst?«

Ach, knickte der Mensch gleich angstschlotternd zusammen!

»Verzeih, o, verzeih!«, stammelte er in entsprechendem Tone.

»Also antworte!«

»Er ist nach Bhagnagar geführt worden.«

Die beiden schauten einander an.

Den Namen hatten sie schon gehört, wussten aber doch nicht gleich, was er bedeutete. Sie erinnerten sich nicht an jene Stadt, die Katab Schah Mohamed Kali für seine geliebte Bhagmatie hatte erbauen lassen und die nie von einem Menschen bewohnt worden war.

Fragen durften sie aber auch nicht.

»So!«, sagte Professor Becker. »Und Du glaubtest, auch wir hätten uns dorthin begeben?«

»Erhabener, Du scherzt! Marduch sah Dich mit seinem eigenen Augen, wie auch den anderen Erhabenen!«

»Uns hast Du gesehen?«

»Du sagst es, Erhabener.«

»Aber Du siehst uns doch jetzt vor Dir stehen.«

»Ich sehe Euch.«

»Und was denkst Du Dir?«

»Erhabener, Marduch weiß, dass Du nicht an Ort und Zeit gebunden bist. Du bist hier, und Du bist zugleich in Bhagnagar!«

Nun, wenn der Mann das glaubte, dann musste er einen Grund dazu haben, dann verstanden sich diese »Erhabenen« also auf geheime Künste oder sie täuschten das der Dienerschaft vor. Es war ja sehr leicht möglich, dass jemand auf einem geheimen Wege in die Halle gelangen konnte und auf diese Weise den Türhüter verblüffte.

Doch jetzt hatte Doktor Frank einen Plan gefasst, und indem er seinen Freund leicht anstieß, sagte er:

»Du täuschst Dich, Marduch. Wir sind nicht in Bhagnagar gewesen, haben die Halle überhaupt noch nicht verlassen!«

»Erhabener!«

»Nun, was denn?«

»Marduch sah Euch doch, öffnete Euch das Tor! Ihr schrittet an ihm vorbei, als der Zug kam, und mit ihm gingt Ihr weiter.«

»Das sind nicht wir gewesen!«, rief Dr. Frank da strengen Tones. »Oder wagst Du, an unseren Worten zu zweifeln?«

»Erhabener!«

»Und Du behauptest, wir seien herausgekommen und mit dem Zuge gegangen?«

»Erhabener, ich musste doch meinen eigenen Augen trauen.«

»So haben sie Dich belogen. Andere haben sich für uns ausgegeben — Betrüger!«

Ach, knickte der arme Kerl da wieder zusammen! Es musste doch sehr viel für ihn auf dem Spiele stehen, dass er nun einen Einwand wagte.

»Erhabener«, stammelte er, »wie sollten freche Betrüger imstande sein, sich für Dich auszugeben? Sie glichen Dir vollkommen —«

»Und doch sind sie Betrüger! Marduch, Dein Leben steht auf dem Spiele, Du weißt es. Wenn Du es retten willst, so führe uns sofort nach Bhagnagar!«

Marduch zuckte zusammen. Er wand sich förmlich, wusste offenbar nicht, was er nun erwidern sollte, bis er endlich hervorstieß:

»Erhabener, Du weißt, dass ich erst recht des Todes bin, wenn ich meinen Posten verlasse!«

»Mein Befehl wird Dich schützen!«, entgegnete Frank herrisch.

Trotzdem wagte Marduch noch eine Ausflucht.

»Erhabener, Dir ist der Weg bekannt —«

»Elender Sklave!«, donnerte da der Doktor los. »Willst Du Dich weigern?«

Nein, das gab es nicht, gleich gar nicht, wenn dieser Ton angeschlagen wurde. Die beiden, deren Rolle die Freunde spielten, mussten doch sehr, sehr mächtig hier sein.

Marduch wendete sich also ohne Weiteres um und schritt, immer noch zusammengekrümmt, den beiden voran.

Der Raum war ebenfalls in Halbdunkel gehüllt, aber die beiden sahen doch, dass es wieder eine weite Halle war.

Sie achteten nicht weiter darauf, sie waren ja mit Spannung geladen.

Was würden sie nun erleben?

Aus der Halle gelangten sie in einen Vorraum, der ganz mit Palmen und anderen indischen Pflanzen ausgefüllt schien, eine Art Hausgarten also, anscheinend die Vorhalle des Palastes.

Stufen führten ins Freie — mitten hinein in eine breite Straße, in eine prachtvolle, indische Stadt, die nur aus Palästen zu bestehen schien; aber nirgends zeigte sich ein Mensch, während es von Tieren, namentlich Vögeln, geradezu wimmelte.

Immer wieder mussten die drei den heiligen Buckelochsen ausweichen, die ja in allen Straßen indischer Städte zu sehen sind und denen niemand etwas zuleide tun darf. Selbst Wagen müssen ihnen ausweichen, und ist dies nicht möglich, weil ein solcher heiliger Ochse sich mitten in den Weg gelegt hat, so muss eben ein Umweg gemacht werden, oft gleich durch mehrere andere Straßen, und wenn da wieder ein solches Vieh liegt, muss abermals ausgewichen werden —

Nun, für die Fußgänger war das nicht schwer, sie gingen um die heiligen Tiere herum, immer gemessenen Schrittes, ganz so, wie Marduch, ihr Führer, sich bewegte.

Und die beiden staunten immer von Neuem und wunderten sich, wohin sie hier geraten waren. Sie sahen doch, dass diese prächtige Stadt seit Langem nicht mehr bewohnt gewesen sein konnte. Gras und andere Pflanzen wuchsen zwischen den Steinplatten, auf denen sie dahinschritten.

Auf manchen Palastdächern hatten sich sogar Bäume und Büsche angesiedelt, deren Samen von den Vögeln dorthin verschleppt worden sein mochten.

Und plötzlich besann sich Doktor Frank.

Bhagnagar! Jetzt wusste er alles!

Und nach einem raschen Blick auf den vorausgehenden Marduch legte er eine Hand auf die Schulter seines Gefährten und telegrafierte ihm mit dem Zeigefinger, was ihm eben in Erinnerung gekommen war.

Professor Becker stutzte etwas, nickte aber dann und telegrafierte auf die gleiche lautlose Weise zurück:

»Stimmt! Wir sind in der Stadt Mohamed Kalis!«

Und da wussten sie auch beide schon, dass diese verlassene Stadt nun doch Bewohner bekommen haben musste. Aber noch sahen sie keinen Menschen.

Da bog Marduch ab, betrat den Hof eines besonders prächtigen Palastes, und indem er mit der rechten Hand nach einem Säulengange zeigte, sagte er:

»Erhabene, dort werdet Ihr finden, was Ihr sucht! Euer Sklave aber bittet, ihn zu entlassen.«

»Geh!«, erwiderte diesmal der Professor, und zwar sehr gnädig »Droht Dir eine Strafe, so berufe Dich auf uns. Wir werden Dich schützen!«

»Schiwa erhalte Euch!«, murmelte der Diener, machte kehrt und rannte davon, als würde er von allen Teufeln der Hölle verfolgt.

Die beiden Freunde aber schauten ihm nach.

Und beide lachten, sie hörten es gegenseitig, und doch verzogen sich ihre Gesichter nicht im Geringsten.

Das war ein neues Wunder, welches sie gleich veranlasste, eine Probe anzustellen, von der für sie sehr, sehr viel abhing.

»Kurt«, sagte Dr. Frank, »Du siehst, wie ich es sehe, dass wir zwar lachen. dass aber unsere Mienen unverändert bleiben. Wir müssen feststellen, ob dies überhaupt unmöglich ist oder ob wir Gewalt über diese sonderbare Maske haben. Gib acht, ob ich jetzt wütend aussehe!«

Er stampfte mit dem einen Fuße den Boden, hob auch die beiden Arme mit geballten Händen, also durch solche Zeichen die erheuchelte Wut markierend.

»Jawohl Du siehst aus, als wolltest Du platzen vor Wut! Du rollst die Augen, sie schießen Blitze —«

»Und es sind doch nicht meine Augen!«, bemerkte der andere.

»Das kümmert uns jetzt nicht! Gib lieber acht, was ich jetzt ausdrücke!«

Professor Becker unterstützte den Gesichtsausdruck nicht durch Gesten, aber sein Freund rief doch sofort:

»Dein Gesicht drückt maßlose Verachtung aus!«

»Und die wollte ich darstellen«, bekannte der Professor.

»Aber wie ist denn da möglich, dass sich unser Gesicht nicht veränderte, als wir lachten?«, wendete Walter Frank ein.

»Das weiß ich nicht«, gab der Professor zurück. »Vielleicht geschah es, weil es eine Gemütsbewegung war, die nicht der Maske entsprach — ich meine, dass nur die Erregung, die zu ihr gehört, die also nicht uns persönlich entspricht, die Maske verändert.

Aber darüber wollen wir nicht lange nachdenken, wir haben anderes zu tun. Walter, Du bist Dir doch klar bewusst, dass wir einer großen Gefahr entgegengehen?«

»Allerdings, Kurt«, gab der Doktor zu. »Wir haben aber auch schon gesehen, dass wir nicht durchschaut werden. Es handelt sich nur noch darum, was wir nun tun sollen. Sollen wir die beiden, deren Doppelgänger wir sind, als Betrüger hinstellen? Und was wird uns das nützen? Was wird jenen geschehen? Warum sind sie überhaupt hier? Hängt das alles mit diesem Lord Clifford zusammen?«

Ja, das waren Fragen, die schnell gestellt, aber nicht so schnell beantwortet werden konnten.

»Wir müssen es darauf ankommen lassen und unsere Entschlüsse im gegebenen Augenblick fassen«, entgegnete der Professor nach kurzer Überlegung. »Im Voraus lässt sich gar nichts festsetzen, ich denke, wir müssen erst einmal sehen, welche Rolle unsere Doppelgänger spielen. Danach müssen wir dann unser Handeln einrichten.«

»Wir werden also dorthin gehen in jene Säulenhalle, nach welcher Marduch uns wies«, sagte Frank.

»Und im gegebenen Falle werden wir uns durch Blicke oder, wenn es möglich ist, durch Klopftelegrafie verständigen. Wir müssen dicht nebeneinander bleiben, sodass unsere Hände sich berühren können. Es wird sich schon ein Weg der Verständigung finden lassen.«

Dr. Frank nickte.

Er war einverstanden.

Und weiter hatten die beiden sich nichts mehr zu sagen. Die Fragen, die sich ihnen in Masse aufdrängten, ließen sie eben vorläufig unbeantwortet.

Sie schauten sich um.

Sie standen im Hofe eines ungemein prunkvollen Palastes, wie sie so schön noch keinen gesehen hatten, aber auch jetzt achteten sie nicht weiter auf alle diese Pracht, sondern schnitten die Stufen hinauf, die zu der Säulenhalle empor führten, kamen durch eine andere, in welcher ein herrliches Wasserbecken verriet, dass sie als Bad bestimmt war, und sahen hier mit dem scharfen Blick, den sie sich angewöhnt hatten, dass tatsächlich hier gebadet worden war. Wenigstens ein Mensch musste wassertriefend dem Becken entstiegen sein —

Also hier gab es Menschen!

Und so schritten sie weiter — nicht weit mehr —

Da sahen sie eine große Menge Menschen, lauter Inder — und auf einer Art Thron saß ein rothaariges Weib in flammendrote Gewänder gehüllt, dass es schien, als würde sie von lebendigen Feuerzungen umlodert.

»Die Maladetta!«, raunte Dr. Frank seinem Freunde zu —

»Ja, das ist sie«, klang es zurück.

»Und der Mann, der vor ihr steht, kann kein anderer sein als Lord Hektor Clifford, den wir befreien sollen«, fuhr Walter Frank fort.

»Auch das stimmt! Und nun wollen wir sehen, was sich tun lässt!«

Sie konnten noch nicht unterscheiden, ob Lord Clifford etwa als Gefangener vor der Maladetta stand, sie konnten überhaupt noch nicht erkennen, um was es sich hier handelte, dazu waren sie noch zu weit entfernt.

Aber sie zögerten nicht einen Augenblick, weiterzugehen, dabei scharf nach der bunten Menge spähend, die den ganzen weiten Saal anfüllte —

Doch da entstand vor ihnen eine Bewegung.

Ein weißgekleideter Inder drängte sich durch die Versammlung, gerade auf den Thron zu, wo er sich tief verneigte.

Und in der Stille, die nun eintrat, hörten die beiden deutlich die Wolfsgräfin fragen:

»Was hast Du zu melden, Gyan?«

»Herrin, Fremde sind in Deinem Hause!«, lautete die Antwort, die nur leise gegeben ward und sicher nur von den Nachstehendem zu hören war, aber doch den beiden Freunden verständlich ward — die Akustik dieses Saales war ganz eigenartig, wie man das oft trifft.

Jedenfalls hörten sie die Antwort, sahen die Maladetta auffahren und hörten auch die nächsten Worte:

»Was sagst Du, Gyan? Fremde hier? Jetzt noch?«

»Ich muss es annehmen, Herrin.«

»Und woraus schließt Du das?«

Und dann sahen die beiden Freunde, wie zwei Negersklaven jeder einen nassen Lederanzug herbeitrugen und vor dem Throne niederlegten.

»Das sind Anzüge von Europäern!«, raunte Frank seinem Freunde zu.

»Sportanzüge!«, bestätigte dieser. »Und die Eigentümer haben sich in dem Becken gebadet, ihre Anzüge dabei reinigend. Sie müssen noch hier sein. Aber um wen kann es sich da handeln? Und wo mögen sie sich verborgen haben? Sind auch sie hier, um Lord Clifford zu helfen?«

Ja, das waren wieder Fragen, die nicht zu beantworten waren, und Professor Becker wartete ja auch nicht auf eine Antwort. Sein Interesse ward wieder auf etwas anderes gelenkt. Er stieß seinen Freund an und sagte:

»Siehst Du die beiden dort — rechts und links von dem Throne der Maladetta?«

»Ja, Kurt, ich habe sie soeben entdeckt! Das sind wir selbst, wie wir jetzt aussehen, das sind unsere Doppelgänger —«

— • —

85. Kapitel
Tausendfacher Tod

Die beiden fanden keine Zeit, sich weiter darüber zu unterhalten. Ihre ganze Aufmerksamkeit wurde durch die nun sich abspielenden Vorgänge in Anspruch genommen.

Nur das eine bemerkten sie noch: dass ihre beiden Doppelgänger seltsam unruhig geworden zu sein schienen und dass sie sich gerade umso mehr bemühten, das zu verbergen.

Sie zitterten nicht etwa, ebenso wenig traten sie von einem Fuße auf den andern — dazu waren sie viel zu sehr an Selbstbeherrschung gewöhnt. Auch in ihren Gesichtern selbst war nichts Auffälliges zu sehen.

Das einzige, was sie verriet, waren ihre Blicke.

Und aus der Art, wie diese beiden Männer einander blitzschnell anschauten, um ebenso blitzschnell wieder starr vor sich hinzusehen, erkannten die beiden deutschen Gelehrten doch sofort, dass diese beiden Inder ganz verschlagene und äußerst vorsichtige Gesellen waren.

Aber sie erkannten auch weiter, und das war für sie die Hauptsache, dass die beiden kein reines Gewissen hatten.

Ob das nun mit der Anwesenheit der unbekannten hier eingedrungenen Menschen etwas zu tun hatte oder einen anderen Grund, das konnten sie natürlich noch nicht wissen. Auf alle Fälle beschlossen sie, die Verdächtigen scharf zu beobachten.

Jetzt aber mussten sie doch erst einmal wieder nach der Wolfsgräfin hinschauen.

Diese war aufgesprungen.

Auch sie war außer sich, aber sie gab sich nicht die geringste Mühe, es zu verbergen, legte sich vor denen, die hier versammelt waren, nicht den leisesten Zwang auf.

Und die beiden Freunde erkannten ohne Weiteres, dass niemand sich darüber wunderte noch weniger jemand daran Anstoß nahm. Daraus war zu schließen, dass die Maladetta hier nicht etwa die Rolle einer Priesterin spielte, die erhaben sein muss über alle menschlichen Empfindungen, die weder Zorn noch Hass noch Rachgier kennen darf —

Dadurch aber wurde nur noch rätselhafter, was für eine Rolle sie hier eigentlich spielte.

Nun, das würde schon noch zu erfahren sein, dachten die beiden und beobachteten nun erst weiter.

Die Maladetta schaute auf die beiden Anzüge, die vor ihr lagen. Sie schien nicht fassen zu können, was doch unzweifelhafte Tatsache war.

Plötzlich straffte sich ihre Gestalt.

»Gib mir diesen Rock da!«, gebot sie und zeigte auf einen der beiden, die vor ihr lagen.

Der Inder, den sie als Gyan angeredet und der die aufregende Meldung überbracht hatte, gehorchte.

Er bückte sich und hob eine der Lederjacken empor.

Sie war also nach der Art eines Sportanzuges gearbeitet. Durch die ringsum aufgenähten Halter lief noch der lederne Gürtel.

Das war an sich ja durchaus nichts, was die besondere Aufmerksamkeit der beiden Deutschen hätte erregen können, und doch schauten sie beide wie gebannt auf diese Sportjacke.

Auch die Maladetta tat es.

Ganz deutlich sahen die Freunde, wie sich in dem verzerrten Gesicht immer deutlicher Unglaube ausprägte, dabei aber auch Staunen —

Und sie selber staunten ebenfalls. Denn diese Jacke war nicht für einen Mann gearbeitet, sondern für ein Weib, für ein junges, noch schlankes Weib!

»Zeige die andere Jacke!«, gebot die Maladetta. Gyan gehorchte, er hob die zweite Jacke und hielt sie empor, als sei er ein Kleiderhändler, der einem Kunden ein Stück zeigt.

Ja, das war was anderes! Diese Jacke gehörte ganz offenbar einem Manne, und zwar einem sehr breitschultrigen, der aber um die Hüften schmal war.

Und da brauchte nun die Wolfsgräfin sich nicht erst auch noch die beiden zu den Jacken gehörigen Hosen zeigen zu lassen, da war doch ihr und den beiden deutschen Forschern ohne Weiteres klar, dass sich hier zwei Menschen eingeschlichen: der eine ein breitschultriger und offenbar sehr starker Mann, der andere aber ein schlankes Weib!

»Wo fandest Du diese Sachen?«, fragte die Maladetta.

Doch ehe Gyan antworten konnte, hob sie, Schweigen gebietend, die Hand.

Sie schien sich eines anderen besonnen zu haben.

Plötzlich richtete sie sich wieder auf, war wieder die Maladetta, als die sie vorhin auf dem Throne gesessen hatte. Ihr Gesicht verlor den schrecklichen Ausdruck, den es eben noch gehabt hatte. Sie setzte sich wieder.

Frank und Becker bekamen einen Begriff davon, wie dieses Weib sich doch in der Gewalt hatte, wenn es wollte.

Und da erst wurde ihre Aufmerksamkeit wieder auf den gelenkt, wegen dessen sie ja hier waren.

Lord Hektor Clifford stand noch so da, wie er vorhin gestanden hatte. Sein Gesicht hatte sich auch nicht im Geringsten verändert. Gleichgültig hatte er gewartet, bis der Zwischenfall vorüber sein und er wieder an die Reihe kommen würde.

Jetzt war das der Fall.

»Ich muss um Entschuldigung bitten, Lord Clifford«, sagte die Maladetta und lächelte sogar liebenswürdig, ganz wie eine Dame der Gesellschaft es jetzt getan haben würde.

Da hob er die Hand.

»Ich bitte sehr, Gräfin!«, sagte er und verbeugte sich.

»Thanks!«, erwiderte sie darauf, kaum merklich das schöne Haupt neigend. Aber von einer weiteren Bitte um Entschuldigung war keine Rede mehr.

»Sie werden begreifen, dass ich nicht dulden kann und nicht dulden darf, dass Fremde sich hier einschleichen. Es ist nicht deswegen, dass sie hier verbotene Geheimnisse belauschen könnten. Die gibt es hier nicht. Es handelt sich nur darum, dass die Wächter, welche die Zugänge dieses Palastes bewachen sollen, nicht ihre Pflicht getan haben. Wollen Sie mir erlauben, erst diese Angelegenheit zu untersuchen und die Schuldigen festzustellen?«

Lord Clifford verbeugte sich nur, ohne ein Wort zu erwidern.

»Ich danke Ihnen, und nun darf ich auch die Bitte wagen, sich einstweilen in einen anderen Raum bemühen und dort freundlichst warten zu wollen, bis ich mit der Untersuchung zu Ende bin und die Schuldigen der verdienten Strafe übergeben habe. Ich würde Sie gern durch meine Nautschs unterhalten lassen, Lord, aber ich weiß, dass Sie das nicht lieben. Darf ich also bitten?«

Lord Clifford verneigte sich zum dritten Male, und schon trat auf einen Wink der Maladetta einer der Inder zu ihr — nein, das war ein Afghane, der also zu ihren besonderen Vertrauten gehörte.

Die Maladetta sprach zu ihm einige Worte, aber so leise, dass die beiden Freunde nichts verstehen konnten, zugleich händigte sie dem Manne etwas ein.

Was es war, konnte weder Professor Becker noch Doktor Frank unterscheiden. Sie sahen nur ein leichtes Blitzen, als sei es ein metallener Gegenstand gewesen, und da lag es nahe, dass sie dachten, die Gräfin habe dem Manne einen Schlüssel gegeben, mit dem die Türe zu dem Nebenraume zu öffnen sein musste.

Das aber war wieder so gut wie ausgeschlossen, denn in solchen indischen Palästen gibt es doch keine Türen und somit auch keine Schlösser.

Vielleicht war hier eine Ausnahme gemacht worden? Wenigstens in Betreff eines Raumes?

»Was sollen wir tun?«, fragte Professor Becker ganz leise seinen Freund, obwohl er auch laut hätte sprechen dürfen, denn sie standen weit von den anderen.

»Du meinst, wir dürfen den Lord nicht aus den Augen verlieren?«, fragte Dr. Frank zurück.

Der Professor nickte.

»Fürchtest Du, dass der Afghane ihm etwas tun wird und tun soll?«, fragte Dr. Frank weiter.

»Ich weiß nicht, mir erscheint die Sache etwas verdächtig«, gab der andere zurück.

»Nun, dann überzeugen wir uns eben. Vermisst werden können wir nicht, denn noch hat niemand uns gesehen, und ich denke doch, wir bringen es auch fertig, den beiden zu folgen, ohne dass jemand uns dabei entdeckt. Im Notfalle müssen wir eben den Afghanen unschädlich machen.«

»Es ist also doch ein Afghane!«, bemerkte da Professor Becker. »Ich nahm es schon immer an, war doch nicht ganz sicher —«

»Ja, es sind Afghanen; sie bilden die Leibwache der Gräfin und sind zugleich eine Art Henkersknechte«, erwiderte Dr. Frank. »Du hast ja nicht gesehen, was ich sah, Kurt. Ich habe noch keine Zeit gehabt, Dir alles zu erzählen, aber ich werde es bald nachholen. Jetzt nur so viel: Diese Maladetta ist in Wahrheit eine Verfluchte, eine Dämonin von unbeschreiblicher Grausamkeit. Und deswegen fürchte ich nun allerdings auch für den Lord! Komm! Wir wollen den beiden folgen!«

Und schon huschten sie hinter eine der Säulen, um von dort aus zu beobachten, wohin der junge Lord von seinem Führer gebracht werden würde.

Sie kümmerten sich nicht darum, dass die Maladetta nun durch einen Wink alle die anderen aus der Halle scheuchte, die Priester, die Tänzerinnen und so, dass nur die bleiben durften, die ihrem Throne am nächsten standen, also auch die beiden Inder, deren Doppelgänger sie darstellten.

Was da geschehen würde, war entweder nicht von Wichtigkeit für sie — oder sie würden es rechtzeitig genug noch erfahren.

Jetzt mussten sie eben die übernommene Aufgabe erfüllen, und die lautete, dass sie den Lord Hektor Clifford zu befreien hatten.

Sie sahen von ihrem Versteck aus die beiden nach dem Hintergrunde der mächtigen Halle schreiten, aber diese war zu ausgedehnt, als dass sie von ihrem Standorte aus hätten feststellen können, ob sich dort eine Tür befand, die also mit einem Schlüssel hätte geöffnet werden müssen. Sie sahen nicht einmal einen Ausgang.

Da zögerten sie nicht und huschten, während die große Versammlung der Priester und Tanzmädchen sich nach dem Hofe hinausbegab, von Säule zu Säule, bis sie sich auf gleicher Höhe mit den beiden befanden, sie also eingeholt hatten.

Der junge Lord schritt aufrecht dahin, ohne sich einmal nach seinem Begleiter zu wenden, ihn etwa zu fragen, und auch dieser sprach kein Wort. Vielleicht — oder vielmehr ganz sicher — hätte er den jungen Engländer gar nicht verstanden, ihm also auch nicht antworten können, da er eben ein Afghane war.

Keinesfalls also hörten die beiden Freunde, die nun von Säule zu Säule huschten, bis sie kaum zwei Meter von den vor ihnen Schreitenden mehr entfernt waren, eine Frage und eine Antwort.

Wohl aber sahen sie nun wirklich einen Ausgang — eine niedrige Öffnung, eine Seitenpforte. Verschlossen war sie nicht, man hätte denn den kostbaren goldbestickten Seidenvorhang als Tür betrachten müssen.


Illustration

Der Afghane hob ihn mit der linken Hand.

Lord Hektor ging ohne das geringste Zögern an ihm vorüber.

Und nun dachten die Freunde schon darüber nach, wie sie den beiden folgen könnten, wie auch sie durch die Pforte kämen — es musste ein schweres Stück Arbeit werden — oder sie mussten eben warten, bis der Afghane wieder herauskam. Und wenn er in dem Raume hinter diesem Vorhange dem Lord ein Leid zufügte?

Auf keinen Fall durften die Freunde das dulden, sie mussten nach, und schon waren sie den beiden so nahe, dass sie den Afghanen hätten packen und im Notfalle durch einen wohlgezielten Faustschlag niederstrecken können.

Auf diese Kunst verstand sich sowohl der Professor als auch sein Freund. Die hatten sie auf ihren Fahrten durch die Wildnis nicht nur lernen, sondern auch schon wiederholt anwenden müssen.

Sie waren jedenfalls zum Äußersten entschlossen.

Da aber geschah etwas, was sie nicht erwartet hatten.

Der Afghane hob auch die rechte Hand, als wolle er dem Lord den Eintritt recht bequem machen.

In dieser Hand aber hatte er jenen blitzenden Gegenstand, den die Maladetta ihm gegeben hatte.

Und dann — trat er zurück, ließ den jungen Lord allein hineingehen.

Der Vorhang fiel, hing alsbald wieder unbeweglich, und der Afghane wendete sich um.

Wie es sich für ihn als Diener gebührte, machte er dabei eine tiefe Verneinung, und schon wollten die beiden Freunde erleichtert aufatmen, weil sie nun annehmen durften, dass dem Lord nichts geschehen würde, da sahen sie das Gesicht des Afghanen.

Es war in teuflischem Hohn verzerrt. Wilde Schadenfreude und unbändige Grausamkeit funkelten aus den schwarzen Augen.

Da freilich erschraken die beiden Freunde.

Vorläufig aber konnten sie nicht etwa vorspringen und den Afghanen packen.

Das hätte ihnen nichts genützt, sie hätten höchstens die dem Lord drohende Gefahr verschlimmert.

Regungslos standen sie da und warteten, bis der Afghane sich weit genug entfernt hatte.

Der Mann wendete sich nicht um, schaute also nicht zurück.

Und das war den beiden Beobachtern erst recht ein Beweis dafür, dass er seiner Sache vollkommen sicher war.

»Was war das?«, fragte nun Dr. Frank. »Du hast ebenfalls gesehen, wie er —«

»Ich sah alles«, erwiderte der Professor. »Lass uns eilen!«

Und schon hatte er selber den seidenen Vorhang gehoben.

Schnell schlüpften beide durch die Pforte.

Und dann standen sie in einem Raume, der wohl als Schlafstätte gedient hatte oder noch diente, denn ringsum waren solche Lager aus Decken und Fellen getürmt, wie sie in diesem Lande allgemein üblich sind. Andere Gegenstände waren überhaupt nicht vorhanden, also keine Möbel irgendwelcher Art.

Lord Clifford aber saß schon auf einem der Lager und hatte den Kopf in beide Hände, die Arme wieder auf die Knie gestützt. Er schaute vor sich hin, schien so in seine Gedanken versunken, dass er nichts sah und hörte, also nicht gewahr wurde, dass die beiden Freunde eintraten.

Diese wussten nicht gleich, was sie tun sollten. Sie waren Inder dem Aussehen nach. Sie konnten allerdings reden und dem Lord sagen, wer sie tatsächlich seien, aber — ob er ihnen glauben würde?

Da hörten sie Lord Hektor leise stöhnen.

Er hatte sich mit dem rechten Arm über die Stirn streichen wollen, aber — der Arm versagte den Dienst!

Es war ganz merkwürdig anzusehen, wie der junge Mann diesen Arm verwundert betrachtete, wie er ihn abermals zu heben versuchte und es nicht fertig brachte, wie er nun den linken bewegte, was ohne Weiteres möglich war — und dann wieder den rechten —

Und da sprangen die beiden Freunde auch schon zu ihm hin.

»Keinen Laut, Lord Clifford!«, raunte Professor Becker ihm zu.

Lord Hektors Gesicht verriet nicht das geringste Staunen.

»Ich weiß nicht, was mit meinem Arme ist«, sagte er.

»Gestatten Sie!«, sagte da der Professor.

Nun schaute der junge Mann die beiden Inder an, den weißbärtigen und den schwarzbärtigen.

Er fragte jedoch nichts, sondern wollte dem Professor den Arm hinstrecken, dass er ihn untersuche. Vielleicht hielt er den ehrwürdigen Mann für einen Hakim, für einen Arzt.

Aber wieder vermochte er den Arm nicht im Geringsten zu bewegen.

Hilflos schaute er empor.

Da jedoch hatte Professor Becker schon versucht, den Ärmel der Jacke emporzuschieben —

Es ging nicht, der Ärmel glitt nur bis über den Ellbogen zurück.

»Bitte, stehen Sie auf!«, bat er da.

Lord Clifford gehorchte sofort, und da zeigte sich, dass sein rechter Arm schlaff herabhing, wie man das bei jenen Unglücklichen sehen kann, die durch einen Schlaganfall gelähmt worden sind.

Aber Professor Becker achtete nicht darauf, er bat auch nicht erst wieder um Erlaubnis, sondern streifte dem Lord die Jacke ab, dann öffnete er den Hemdärmel, streifte ihn empor und hatte bald, sich über den entblößten Arm beugend, eine ganz winzige, rote Stelle entdeckt.

Ohne ein Wort zu sagen, winkte er mit den Augen seinem Freunde, sich die kaum sichtbare Wunde zu betrachten.

Dr. Frank war schon dabei.

»Wir müssen noch ein paar Minuten warten«, sagte er dann leise, sich seiner Muttersprache bedienend.

»Ja, dann werden wir Bescheid wissen. Ich sehe, dass Du denselben Verdacht hast wie ich«, gab der Professor zurück.

»Welchen?«, fragte Dr. Frank trotzdem.

»Warte!«

Lord Clifford aber lächelte.

Es war ein Lächeln, das seinem sonst so trüben Gesicht seltsam stand; es sah aus, wie wenn die Sonne zwischen dunklen Wolken sich einen Weg bahnt. Und leise sagte er, sich ebenfalls des Deutschen bedienend:

»Es wird nicht viel sein! Ich werde durch irgendein giftiges Insekt gestochen worden sein.«

»Durch ein sehr giftiges Insekt, das aber auf zwei Beinen herumläuft und für gewöhnlich als Mensch gilt«, erwiderte Professor Becker, ohne sein Erstaunen darüber zu äußern, dass der vornehme Engländer Deutsch verstand und sprach.

Das war bei Menschen seines Schlages, die doch eine vortreffliche Erziehung erhalten, kein Wunder.

Aber nun schien der Lord zu staunen. Jetzt erst kam ihm wohl zum Bewusstsein, wie seltsam es war, dass zwei indische Ärzte diese ihnen doch ganz fremde Sprache redeten, sich ihrer bedienten, um sich miteinander zu verständigen. Naturgemäß hätten sie es in ihrer Muttersprache tun müssen, also auf Hindustani.

»Sie sind keine Inder?«, fragte er.

»Nein, Mylord, Deutsche«, erwiderte Professor Becker sogleich.

»Und doch —«

»Es ist ein Geheimnis, Mylord, bitte, fragen Sie nicht weiter! Wir sind nur Ihretwegen hier. Ihnen scheint eine Gefahr zu drohen, von der Sie nichts ahnen.«

Und da geschah etwas, was ihn wieder überraschte, fast verblüffte.

Das Gesicht des jungen Lords verklärte sich auf einmal.

»Dann kann nur einer Sie geschickt haben!«, rief er aus.

Ja, wusste denn auch dieser Mann schon etwas von jenem Geheimnisvollen, der die beiden Gelehrten hierher geschickt hatte?

Dr. Frank wagte, den Namen auszusprechen, man hatte ihm die Verantwortung überlassen, nun wollte er auf eigene Faust handeln.

»Uns schickte Loke Klingsor!«, sagte er.

»Ich wusste es, o, ich wusste es ja!«, jubelte da der Lord gleich auf und schien die rechte Hand heben zu wollen, um sie dem anderen zu reichen.

Und dadurch wurden die beiden Freunde an das Nächstliegende erinnert.

»Bitte, Lord Clifford, wir werden nachher darüber sprechen«, sagte Professor Becker. »Jetzt haben wir eine andere, ganz dringende Aufgabe — Sie sind vergiftet —«

»Und Sie werden die Wahrheit vertragen«, vollendete Dr. Frank, seinen Gefährten unterbrechend.

»Vergiftet? Von wem denn? Sie sprachen von einem zweibeinigen Insekt — meinen Sie den Afghanen?«

»Ihn! Er hat Sie gestochen, als Sie durch die Pforte dort traten!«

»Aber aus welchem Grunde?«

»Ich bitte Sie, sich darüber jetzt nicht den Kopf zu zerbrechen, Lord. Bitte, setzen Sie sich wieder — oder besser noch! Legen Sie sich auf eins der Lager! Ich muss eine Blutprobe entnehmen!«

Der Lord gehorchte in doppeltem Sinne. Er sprach nicht mehr, fragte nicht und streckte sich auf dem Lager aus. Aber Professor Becker stand regungslos da.

»Walter!«, stieß er in höchster Erregung hervor.

Dieser verstand ihn sofort.

»Wir haben das Gegenmittel nicht bei uns«, sagte er. .Das liegt jetzt irgendwo in der Unterwelt, in unseren — oder nein, ich habe ja den Kasten gar nicht mitgenommen —«

Ja, das war es. Sie hatten ihre eignen Sachen abgelegt, als sie sich in diese Kostüme kleiden mussten, und den Kasten mit ihrem anderen Eigentum hatten sie gar nicht mit auf die Insel genommen.

»Wir können nicht helfen!«, stammelte Professor Becker.

»Ist es denn so schlimm?«, fragte da Lord Clifford. »Um welches Gift handelt es sich eigentlich?«

Keiner der beiden wagte zu antworten.

Da fuhr Lord Clifford fort und sagte:

»Sie meinen, dass der Afghane mich gestochen hat? Dann hat er es sicher ohne das Wissen der Gräfin getan, die meine —«

Er hatte sie wohl seine Freundin nennen wollen, aber er brachte das Wort nicht heraus — er entsann sich der Szene, die sich zwischen der Maladetta und ihm schon abgespielt hatte —

Er wurde sehr verlegen.

Da aber hatte Professor Becker sich schon aufgerafft.

»Lord Clifford«, sagte er ernst. »Es hat keinen Zweck, wenn wir Ihnen die furchtbare Wahrheit vorenthalten. Die Nadel, mit welcher Ihnen der winzige Stich beigebracht wurde, war mit Curare getränkt! «

Da war es ausgesprochen!

Curare!

Lord Hektor Clifford wusste selbstverständlich sofort Bescheid.

Dieses Curare ist ja wohl allbekannt. Es ist ein Gift, das südamerikanische Indianer zu bereiten verstehen. Sie tauchen die Spitzen ihrer Pfeile und anderer Waffen hinein.

Ebenso bekannt ist, dass dieses Gift unbedingt tödlich wirkt, dass die Wissenschaft noch kein Gegengift zu entdecken vermochte, aus dem einfachem Grunde, weil noch kein Gelehrter vermocht hat, die Herstellung dieses Giftes zu ergründen. Die Indianer halten das sehr geheim, und die Krieger selbst kennen sie wohl überhaupt nicht. Die Priester oder Priesterinnen bereiten das Curare in Vollmondnächten unter allerlei zauberischem Hokuspokus, liefern es dann den Kriegern ab.

Weiter ist bekannt, dass die Pfeile, die mit solchem Curare vergiftet werden, eigentlich gar nicht als Waffen gelten können. Sie bestehen aus Rohr und sind so zerbrechlich, dass sie niemals eine ernste Wunde verursachen können, höchstens einen Hautritz oder eben, wie es hier der Fall war, ein winziges kaum sichtbares Löchelchen, ein Pünktchen nur.

Das ist, was im Allgemeinen über dieses geradezu höllische Gift bekannt ist. Man hat bei uns ja wenig Interesse für solche Dinge, liest darüber wohl in einer Reisebeschreibung, achtet aber nicht weiter darauf, wundert sich höchstens darüber, dass dieses Gift dann den Menschen nicht schadet, die das damit getötete Wild verzehren.

Die Sache liegt aber ganz, ganz anders. Dieses Gift ist viel teuflischer, als man sich's überhaupt vorzustellen vermag.

Das Curare bringt dem lebenden Wesen, das damit vergiftet wird, tausendfachen Tod .

Das ist ganz wörtlich zu nehmen. Und das muss hier einmal erklärt werden.

Nehmen wir an, dass ein Forscher, der den Urwald durchstreift, von einem solchen vergifteten Pfeile ereilt wird. Er achtet nicht auf die geringfügige Wunde, die ihm nicht den geringsten Schmerz verursacht. Auch den Pfeil braucht er ja nicht herauszuziehen, der ist schon gleich nach dem Auftreffen wieder abgefallen.

Der Unglückliche wandert also arglos weiter, bis er auf einmal spürt, dass der verwundete Arm wie »eingeschlafen« ist. Jeder kennt doch dieses seltsame Gefühl und weiß auch, dass er es durch einige rasche Bewegungen wieder beheben kann.

Hier aber ist es anders.

Der Arm versagt den Dienst, wird nach kurzer Zeit nicht nur unbeweglich, sondern geradezu stocksteif, es ist, als sei er zu einem Stück Holz geworden

Und so geht das weiter.

Das Bein auf der betreffenden Körperseite folgt nach. Es stirbt ebenfalls ab, der Mann kann nicht mehr laufen, muss sich setzen, und dann kommt das nächste Glied daran.

Versteht man nun die Wirkung des Curare und warum dieses ein teuflisches Gift genannt wird?

Alle Muskeln, in die es nach und nach eindringt, lähmt es — — oder nicht die Muskeln selbst, sondern nur die sogenannten motorischen Endplatten, die jeder Muskel besitzt.

Wenn die Glieder gelähmt sind, kommt die Zunge dran, die ja auch ein Muskel ist, die Kiefermuskeln — der Unglückliche kann nicht mal einen Hilferuf ausstoßen, er kann nicht, denn er vermag den Mund nicht mehr zu öffnen, kann die Zunge nicht bewegen —

Und eine Minute später kann er auch nicht einmal durch einen Blick des Auges um Hilfe flehen, denn da sind auch schon die betreffenden Muskeln gelähmt.

Dabei hat er noch das volle Bewusstsein, weiß, dass er lebt und sich nicht rühren kann — weiß, dass er allmählich starr wird — nicht einmal der Angstschweiß auf der Stirn verrät, was er leiden muss, sein Gesicht verzerrt sich nicht im Schmerz, den er auch nicht empfindet — es zeigt nicht die entsetzliche Todesangst, denn alle Muskeln sind eben gelähmt —

Und den Beschluss macht das Herz, nachdem furchtbarste Atemnot vorausgegangen ist!

Der Unglückliche stirbt, ohne einen Laut von sich geben zu können — Hätten die Henker des Mittelalters dieses Gift gekannt! Was sind alle Torturen dagegen, die von grausamen Teufeln in Menschengestalt ersonnen wurden!

Und Hektor Clifford war mit diesem Curare vergiftet, musste ihm erliegen — rettungslos!

Nun aber hatte Professor Becker von einem Gegengift gesprochen!

Er besaß eins — unter unbeschreiblichen Gefahren erbeutet!

Die beiden Freunde hatten sich als eine der ersten Aufgaben, die sie lösen wollten, die gestellt, sich Curare zu verschaffen, seine Herstellung kennen zu lernen — und ein Gegengift zu finden!

Sie hatten monatelang mit den Fieberdünsten der südamerikanischen Urwaldsümpfe gekämpft, hatten ihr Leben selbst den vergifteten Pfeilen ausgesetzt, aber sie hatten Erfolg gehabt, und es war ihnen geglückt, ein Gegengift herzustellen, hatten es auch schon erprobt!

Und nun standen sie vor dem jungen Lord und sollten zusehen, wie er nach und nach dieses furchtbarsten aller Tode starb — nein, wie er tausendfache Todesqual erlitt. Und sollten ihm nicht helfen, ihn nicht retten können! Das war gleichbedeutend damit, dass sie selber alle seine Qualen mitlitten! In dem Bewusstsein, dass sie ihn retten könnten, wenn —

Ja wenn!

Der Lord schaute sie ruhig an.

Sie sagten ihm nicht, wie die Wirkung des Giftes sich weiter äußern würde, er spürte es ja.

»So soll ich sterben, ohne ihn gesehen zu haben, nach dem ich mich jahrelang vergebens gesehnt habe!«, sprach er leise.

Dann aber suchte er sich aufzurichten. Er sank hilflos wieder zurück.

Schon waren ihm beide Beine gelähmt, der Rücken kam daran —

Da aber sagte er und lächelte — das konnte er noch:

»Nein, ich werde nicht sterben, denn e r hat mir versprochen, dass ich ihn bestimmt sehen würde!«

»Er hat es Ihnen versprochen?«, stieß Dr. Frank hervor.

»Ja, das tat er!«

»Dann allerdings!«

Und aus diesen beiden Worten klang das unerschütterliche felsenfeste Vertrauen, das die beiden zu Loke Klingsor hatten — Dr. Frank nicht minder als Lord Clifford, und dieser selbst jetzt noch, wo der Tod ihm langsam nach dem Herzen kroch.

Professor Becker schaute seinen Freund an, verzweifelt —

Tränen standen ihm in den Augen.

»Loke Klingsor!«, murmelte er. »Jetzt hilf, wenn Du wirklich allwissend und allmächtig bist, wie Du vorgabst!«

Und da klang als Antwort ein Wort, das keiner der drei gesprochen hatte, mit einer sonoren Stimme gesprochen:

»Frevler!«

»Er hört uns! Gott sei Dank!«, rief jauchzend der Professor, der doch sonst nie so überschwänglich in seinen Reden war.

»Und Sie haben an mir gezweifelt, Professor Becker!«, ertönte die Stimme wieder.

»Gezweifelt? Nein, aber gehofft — bis jetzt —«

»Ich weiß es!«

»Und Sie helfen? Sie können helfen?«

»Ich kann es!«

»So sagen Sie doch —«

»Das dritte Lager rechts! Heben Sie die Decken und Kissen weg!«

Die beiden Freunde taten es schon, schleuderten alles in den Raum hinter sich, atemlos —

Und da stand ein Kasten, ein ganz schlichter, schwarzer Kasten!

»Unser Kasten!«, schrie Dr. Frank auf.

Ja, er war es!

Aber der Schlüssel! Der stak doch in dem Anzug — war nicht hier!

Nein, er stak in dem Schlosse — sie brauchten ihn nur umzudrehen!

Und dann hatten sie den Inhalt herausgenommen, fanden den kleinen Behälter, die Spritze darin —

Im nächsten Augenblick bohrte Professor Becker den Stachel in den Arm des Lords, drückte nach —

Und da hob Lord Hektor diesen Arm, der schon lange steif gewesen war, und richtete sich auf —

Blitzschnell schien die Wirkung sich einzustellen, bewundernswert war es!

Die beiden atmeten auf.

Und dann kam ihnen auch schon wieder die klare Besinnung zurück.

»Können Sie sich so weit verstellen, Mylord«, fragte da Professor Becker, »dass man nachher, wenn man nach Ihnen sieht, glauben muss, Sie seien der Wirkung des Giftes erlegen, dass Sie alle Ihre Glieder, Ihren ganzen Körper und auch die Muskeln des Gesichts vollkommen beherrschen?«

Wenn Lord Clifford das konnte, dann allerdings wäre er zu bewundern gewesen, denn wie nun einmal der Mensch gebaut ist, besitzt er doch Muskeln, über die er nicht etwa willkürlich verfügen kann.

Oder kann jemand den Augenlidern gebieten, dass sie sich nicht mehr heben und senken? dem Herzen, dass es sich nicht ausdehnt und zusammenzieht, und ebenso dem Magen? Oder wer wollte behaupten, dass er den Nieren gebieten kann?

Nun vermag freilich kein gewöhnlicher Mensch von außen festzustellen, ob der Magen noch arbeitet oder ob die Nieren es tun, aber mit dem Herzen ist das doch schon ganz anders. Sein Schlagen muss gehört werden, wenn man das Ohr auf die Brust des Betreffenden presst.

Und noch leichter ist festzustellen, ob das Auge tot ist oder nicht — durch grelle Lichtblitze, die man darauf fallen lässt.

Da mag der Mensch tun, was er will, er kann eben nicht verhindern, dass das Auge sich selbst schützt, dass die Pupille sich sofort zusammenzieht, und wenn ein Mensch sich schlafend stellt, so vermag er ebenfalls nicht zu verhüten, dass man diesen Täuschungsversuch bald durchschaut, denn der Augapfel bewegt sich deutlich unter den Lidern — nicht immer natürlich, aber doch manchmal — und ein scharfer Beobachter muss das merken.

Also, die Frage, die der Professor stellte, musste gewiss mit einem Nein beantwortet werden, es sei denn, der junge Lord hätte etwas von den Geheimnissen der Yogis gelernt, jener indischen Fakire, die sich nach Belieben in vollständigen Starrkrampf versetzen können.

Doch der Lord achtete überhaupt nicht auf diese Frage, und so höflich er sonst war, jetzt hielt er es nicht für nötig, sich mit einer Bitte um Entschuldigung an seinen Lebensretter zu wenden.

Er hob nur die linke Hand — das konnte er also schon wieder — und dabei schaute er Professor Becker bittend an.

Sofort neigte dieser verstehend den Kopf.

Und da sagte Hektor Clifford mit unsicher klingender Stimme, als traue er sich nicht recht:

»Herr Klingsor?«

»Was wünschen Sie, Mylord?«

Sofort leuchtete das Gesicht des jungen Engländers wieder in heller Verklärung auf.

»Sie hören mich also, Herr Klingsor?«

»Und ich sehe Sie auch«, kam alsbald die Antwort. »Bitte, bewegen Sie jetzt einen Finger der noch erhobenen linken Hand!«

Lord Hektor krümmte den Goldfinger und streckte ihn wieder, und sogleich sagte die Stimme ihm, was er getan hatte.

»Ja, Mylord, ich bin zwar Tausende von Kilometern von Ihnen entfernt, aber ich vermag Sie ständig zu sehen, kann jedes Wort hören, das Sie sprechen. Aber ich kann dies nicht immer selbst tun, ich habe leider auch noch andere Geschäfte. Deshalb muss ich meine Leute damit betrauen, Sie zu beobachten. Das ist genau so gut, als täte ich selbst es. Sie haben ja eben den Beweis dafür erhalten. Sobald Ihnen eine ernste Gefahr drohte, wurde ich benachrichtigt, und da habe ich selbst eingegriffen.«

»Sie beobachten mich immerfort?«, fragte da der Lord.

»Nun, wörtlich müssen Sie das nicht nehmen, Mylord. Das würde doch bald peinlich werden, wenn Sie das Bewusstsein hätten, in allem Ihrem Tun und Lassen beobachtet zu werden.

Nein, so ist das nicht gemeint. Ich kann Ihnen auch jetzt keine langen Erklärungen geben, das muss ich mir für jene Zeit vorbehalten, wenn Sie persönlich bei mir weilen werden.«

»Wird es noch lange dauern, bis das geschieht?«

»Ich weiß es nicht. Das hängt nicht von mir ab.«

»Das verstehe ich nicht«, murmelte der Lord.

»Und ich kann es Ihnen nicht begreiflich machen«, klang es zurück. »Auch ich bin nicht etwa ein Gott oder auch nur ein Halbgott, und was Sie wunderbar dünkt, zum Beispiel diese Fähigkeit des Fernsehens und Fernhörens, so ist gar nichts Wunderbares dabei. Ich nutze nur Kräfte aus, die in der Natur vorhanden sind, sich immerfort neu erzeugen, die aber der großen Menschheit noch ganz fremd sind.

Nein, ich kann nicht nach Belieben Ihr Schicksal lenken, wie ich es ja eben nicht vermocht habe, Sie vor der furchtbaren Gefahr zu schützen, die Ihnen drohte. Ich weiß nicht einmal, ob Ihnen nicht noch andere Gefahren bevorstehen —

Wie soll ich sagen? Ich kann in die Zukunft sehen, kann es auch wieder nicht. Auf keinen Fall vermag ich hemmend in die Speichen des großen Schicksalsrades einzugreifen.«

»Ich fürchte mich nicht, Herr Klingsor«, versicherte da der junge Lord.

»Das weiß ich. Wäre es nicht der Fall, wären Sie ein Feigling und hätte ich mich doch nie mit Ihnen in Verbindung gesetzt, denn Feiglinge hasse ich ebenso sehr, wie ich zum Beispiel habgierige Menschen verachte.

Sie werden mich nun fragen wollen, warum ich gerade Ihnen nahegetreten bin, warum ich mich Ihnen offenbare.

Lord Hektor Clifford, auf diese Frage werde ich Ihnen nie antworten, ich kann es einfach nicht! Auch mir ist mein Los vorgezeichnet von ewigen, unerforschlichen Kräften. Auch ich muss tun, was von Anbeginn mir bestimmt ward —

Und nun bitte ich, dieses Gespräch abbrechen zu dürfen.

Nur noch eins! Die Herren, die Ihnen auf meine Bitte zu Hilfe geeilt sind, haben noch keine Zeit gehabt, sich Ihnen vorzustellen. Ich selbst will dies nachholen.

Also, der mit dem weißen Haar und mit dem ehrwürdigen weißen Barte ist der Professor Kurt Becker —«

»Und dann ist der andere mit dem schwarzen Haar sein Freund Dr. Walter Frank!«, ergänzte der junge Lord, den Sprecher unterbrechend.

»O, diese beiden kenne ich ja schon lange dem Namen nach, und wäre meine Seele nicht so sehr krank gewesen, dass ich mich zu einem Entschlusse hätte aufraffen können, dann hätte ich schon längst — schon längst — gerade diese beiden Herren gebeten, mir suchen zu helfen.

Das ist nun überflüssig geworden, Sie selbst sind mit mir in Verbindung getreten, und doch sind auch diese beiden kühnen Forscher und Jäger bei mir —

Ah, Herr Klingsor, Sie können mich sehen! Da werden Sie bemerken, dass ich in diesen wenigen Minuten schon ein ganz anderer geworden bin, als ich vorher war. Ich bin wieder der, der ich einst war —

Und das wird Ihnen Lady Clifford ewig danken!«, setzte er leise hinzu.

Dann war es einen Herzschlag lang still in dem Raume, worauf der Lord als Letztes sagte:

»Und nun bitte ich um Entschuldigung dass ich Sie so lange in Anspruch nahm!«

»Bitte sehr, Mylord. Ich hatte Zeit, die allerdings nun abgelaufen ist.

Herr Professor?«, fuhr er dann fort.

»Bitte, Herr Klingsor?«

»Legen Sie alles, was Sie eben gebraucht haben, wieder in den Kasten zurück und diesen wieder an seine vorige Stelle.«

»Das soll sofort geschehen.«

»Recht so! Sie wissen künftig, dass ich in Zeiten dringender Gefahr sofort eingreife, aber Sie werden sich nicht auf diese Hilfe verlassen. Dazu kenne ich nun Sie und Ihren Freund gut genug. Sie sollen nur nicht wieder an mir zweifeln.«

»Das werde ich nie tun«, versicherte der Professor.

»Gut! Sie fragten vorhin den Lord, ob er sich so verstellen könne, dass man an eine Wirkung des Curare glauben müsse, also an seinen Tod. Diese Frage ist Ihnen nicht beantwortet worden, und ich will Ihnen sagen, dass der Lord das nicht vermöchte, dass aber auch die, die ein Interesse an seinem Tode haben, sich nicht täuschen lassen würden.

Vorerst noch eins: Sie sind überzeugt, dass das Gift, das ihm beigebracht wurde, wirklich Curare war?«

»Ja, das weiß ich sogar.«

»Nun, dann muss ich Ihnen glauben, denn auch ich habe mich zwar schon bemüht, dieses furchtbare Gift zu analysieren, aber ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen, habe also auch noch kein Gegengift finden können.

Ihnen dagegen ist das gelungen. Sie haben es eben bewiesen, indem Sie den Lord retteten, aber eins wissen Sie anscheinend doch noch nicht!

Diese Indianer verstehen nämlich, das Gift teilweise unwirksam zu machen, insofern, dass es nicht tödlich wirkt, sondern nur einen Starrkrampf herbeiführt, aus dem der Betreffende allerdings ohne fremde Hilfe nicht wieder erwachen kann.

Wird ihm nicht eine bestimmte Flüssigkeit eingespritzt, so stirbt er trotzdem, aber erst dann, nachdem alles, was der Körper an Nahrung in sich aufspeichert hat, aufgezehrt worden ist.

Ich will Ihnen da auch noch etwas anderes sagen, was Sie wahrscheinlich nicht wissen.

Dieses Curare ist nicht eine Erfindung der armseligen Wilden in den Urwäldern am Amazonas. Diese ist ihnen erst überliefert worden. Die eigentlichen Erfinder des Curare waren die Peruaner, also die Untertanen der Inkas, die man schlechtweg Inkaner nennt. Sie wendeten dieses Gift auch nicht auf der Jagd an, sondern nur zu einem einzigen Zwecke, und es war auch nur ihren Priestern bekannt.

Sobald einer der Inkas, dem es nicht beschieden war, in einer Schlacht zu sterben, den Tod nahen fühlte, sobald die Priester merkten, dass sein geheiligtes Leben zu Ende ging, brachten sie ihm das Gift bei — meist, ohne dass er selbst es ahnte, und die Umgebung wusste nicht, dass ihr Gebieter vergiftet war, sahen sein Ende als natürliches an.

Diese Inkas aber wurden nicht etwa mumifiziert, wie man heute glaubt, sie wurden in ihrem eigenen Palaste aufbewahrt, der Nachfolger baute sich einen neuen, und den Verstorbenen blieb der gesamte Hofstaat, sie wurden genau so bedient, wie es zu ihren Lebzeiten üblich war.

Verstehen Sie jetzt, dass das eine gewisse Berechtigung hatte?«

Ja, Professor Becker verstand das sofort. Die scheinbar Toten waren eben noch lebendig, ohne dass allerdings ihr Körper seine Tätigkeit ausübte. Der wirkliche Tod trat erst nach einer gewissen Zeit ein, und dann dauerte es wieder eine ganze Weile, ehe der Körper mumienartig zusammenschrumpfte, eben so lange, bis auch das letzte Restchen Fett aufgezehrt war.

Die Inkas starben also eigentlich bei lebendigem Leibe, wurden noch lebend mumifiziert.

»Dieses selbe Gift kennt die Maladetta. Woher sie es hat, weiß ich nicht«, fuhr Loke Klingsor fort. »Keinesfalls brauchten Sie also um das Leben des Lords besorgt zu sein. Er wäre nicht vor Ablauf eines halben Jahres gestorben, allerdings schon etwa ein Vierteljahr vorher sehr abgemagert.

Das weiß die Gräfin. Sie wollte ihn also nicht töten, sie gedenkt ihn noch zu brauchen, und — nun zur Sache selbst! — wir müssen Lord Clifford wieder in diesen Starrkrampf versetzen. Ich denke, er selbst wird nichts dagegen einwenden.«

»Nein«, erwiderte der junge Aristokrat, der das ganze Gespräch mit großer Aufmerksamkeit mit angehört hatte.

»Den Grund, warum das sein muss, werden Sie später erfahren«, erklärte Loke Klingsor weiter. »Vor allem dürfen Sie, Herr Professor, und Ihr Freund nicht bei dem Lord entdeckt werden. Sie haben hier noch eine andere sehr wichtige Aufgabe zu lösen, über welche ich Ihnen nichts sagen darf. Ich erinnere Sie an das, was Dr. Reinhard Ihnen in meinem Namen sagte.

Entfernen Sie sich also vorsichtig wieder aus diesem Raume!«

»Und der Lord?«, fragte der Professor.

Er hätte diese Frage nicht zu stellen brauchen, denn schon sah er Lord Hektor zurücksinken, und noch ehe ihm eine Antwort zuteil wurde, lag der junge Mann genau wie vorhin auf dem Lager, starr und steif, als sei er aus Holz geschnitzt.

»Sorgen Sie sich nicht um ihn!«, meldete sich nun Loke Klingsor wieder, der also diesen Starrkrampf aus der Ferne erzeugt hatte. »Begeben Sie sich sogleich auf Ihren früheren Beobachtungsposten, und tun Sie, was der Augenblick Ihnen gebietet.«

Da erhoben die beiden Forscher keinen Einwand mehr, so viele Fragen ihnen auch auf der Seele brannten.

Sie begaben sich an den Eingang, lauschten erst hinter dem Vorhang, hoben diesen dann vorsichtig, und nachdem sie, hinausspähend, gesehen hatten, dass niemand in der Nähe war, der sie beobachten konnte, schlüpften sie hinaus, huschten, sich immer hinter eine der zahlreichen Säulen duckend, wieder bis an den Platz zurück, an dem sie anfangs gestanden hatten.

Die Wolfsgräfin stand vor dem Throne, um den die Afghanen und die Kosaken einen Kreis gebildet hatten.

Schon vorher hatten die Männer die Säbel gezogen gehabt, da aber wohl mehr der Form halber.

Jetzt jedoch waren sie wirkliche Wächter, und sie hätten ohne Weiteres die beiden Männer niedergehauen, die von ihnen bewacht wurden.

Es waren die, als deren Doppelgänger die beiden Freunde hier hinter der Säule standen.

Was sich inzwischen abgespielt hatte, konnte natürlich weder Professor Becker noch Dr. Frank wissen, da sie ja nicht anwesend gewesen waren, aber das war auch gar nicht nötig. Sie verstanden auch ohne das, was hier vorging.

Eben kam jener Inder, den die Gräfin Gyan genannt hatte, mit einigen anderen Eingeborenen zurück.

Die Kosaken ließen ihn durch, er trat vor den Thron, verneigte sich in der üblichen demütigen Weise und meldete, dass er nichts gefunden habe.

»Wir haben jeden Raum aufs Sorgfältigste durchsucht und keinen fremden Menschen gefunden, geschweige denn zwei.«

»Sie müssen aber hier sein«, stieß die Maladetta hervor. »Hier vor mir liegt der Beweis, und Du selbst sagtest, dass am Becken drüben Wasserspuren auf den Steinplatten seien. Dort haben sie also gebadet —«

»Verzeih, Herrin! Nur einer badete dort, der andere tat es in dem zweiten Becken«, wagte Gyan hier einzuschalten.

Die Maladetta stutzte, und die beiden Lauscher bekamen gleich einen Begriff, wie scharf dieses Weib zu denken vermochte.

»So sind sie also nicht Mann und Frau«, sagte sie nachdenklich.

Dann richtete sie sich auf.

»Genug! Ich selbst werde sie finden, mögen sie sich auch verbergen, wo sie wollen. Hast Du jeden Baum im Garten untersuchen lassen, Gyan?«

Der Gefragte zuckte zusammen.

Ehe er antworten konnte, herrschte die Maladetta ihn an:

»Ich wusste es doch! Ihr wart zu bequem, hinaufzuklettern! Nennst Du das eine genaue Durchsuchung?«

»Herrin, das Blattwerk der Palmen und der übrigen Bäume ist durchsichtig genug, dass wir jeden Menschen, der sich in ihm zu bergen versuchte, hätten entdecken müssen.«

»So, das hättest Du? Ich will Dir sagen, was Du hättest tun müssen: Meinen Befehl wörtlich ausführen.«

Sie hob leicht die rechte Hand. Und da geschah schon das Schreckliche. Jener so furchtbar hässlich aussehende Afghane hob den blanken langen Säbel, mehr ein Schwert zu nennen.

Die Klinge, die mit furchtbarer Kraft geschwungen wurde, blitzte durch die Luft, und schon sank der arme Gyan vornüber zu Boden — sein Kopf aber rollte bis dicht vor die Stufen des Thrones.


Illustration

»Die anderen zur Kalutotta!«, gebot die Gräfin.

Dr. Walter Frank wusste, was das bedeutete, aber er hatte keine Zeit, es seinem Gefährten zu erklären.

Die Unglücklichen wurden durch zwei Kosaken fortgetrieben, und merkwürdig war nur, dass sie gar keinen Versuch machten, die Maladetta um Gnade anzuflehen, dass sie das furchtbarste Los, das ihrer harrte, so klaglos auf sich nahmen.

Nun aber wendete sich die Gräfin an die beiden prächtig gekleideten Inder, die also Zug um Zug den beiden verkleideten Gelehrten glichen — oder vielmehr diese ihnen.

»Was hast Du zu sagen, Mihul?«

Der mit dem weißen Barte verneigte sich tief. »Nichts, Herrin, als dass ich meine Pflicht so tat wie immer.«

»Und Du, Barut?«

Jetzt antwortete der Schwarzhaarige, nachdem er sich ebenfalls verneigt hatte, genau mit den gleichen Worten.

»Ihr behauptet, dass kein Fremdling in diesem Hause weilte, als Ihr es durchsuchtet?«

»Das behaupten wir«, erwiderten die beiden gleichzeitig.

»Und diese Anzüge? Das verspritzte Wasser?«

»Herrin, wir können den Tatsachen selbst nicht widersprechen. Wir müssen zugeben, dass Fremdlinge hier eingedrungen sind —«, sagte da Mihul.

Und Barut ergänzte, als hätten die beiden sich auf diese Art Verteidigung verabredet:

»Wir behaupten aber dann, dass sie sich unsichtbar zu machen verstehen.«

»Und dass sie infolgedessen von dem gesandt wurden, dessen Name hier nicht ausgesprochen werden darf!«, fuhr wieder Mihul fort.

Da freilich zuckte die Maladetta sichtbar zusammen. Ihr Gesicht wurde abermals ganz fahl, und ihr Atem stockte. Deutlich sahen die beiden Lauscher, wie ihre Brust sozusagen erstarrte.

»Welcher Name darf hier nicht ausgesprochen werden?«, stieß sie dann hervor, und das klang unheimlich drohend.

Doch die beiden vornehmen Inder schienen sich nicht vor ihr zu fürchten.

»Du selbst, Herrin, hast es verboten«, sagte Barut. »Hebe das Verbot auf, und wir reden!«

»Bah!«, machte da die Maladetta. »Du denkst an diesen Loke Klingsor! Ich habe allerdings verboten, dass sein Name hier genannt wird, aber glaubst Du vielleicht, ich tat es aus Furcht vor ihm?

Wer ist denn dieser Loke Klingsor? Hast Du ihn gesehen, Mihul? Oder Du, Barut?«

Die beiden schüttelten den Kopf.

»Und ich auch nicht! Niemand sah ihn, niemand kann ihn sehen, denn er ist ein Phantom! Ein Nichts ist er, das abergläubische Menschen sich erdachten! Ein Gespenst, mit dem man Furchtsame schrecken möchte.

Und ihr beide wollt behaupten, dieser Loke Klingsor hätte die beiden Fremden hierher geführt?

Ihr wollt Euch damit ausreden, dass Ihr sie nicht hättet entdecken können, weil sie unsichtbar seien?«

»Es kann nicht anders sein, Herrin«, gab Mihul darauf zurück, der kraft seines Alters sich wohl ein freies Wort hier erlauben durfte. »Wer vermag zu sagen, ob nicht er selbst sich hier befindet?«

Da freilich fuhr die Maladetta in hellem Zorn empor.

»Das wagst Du mir zu sagen? Mir? Willst Du damit behaupten, dass dieser Loke Klingsor mächtiger sei als ich?«

Der Weißbärtige neigte nur das Haupt. Er wagte nicht mehr zu reden.

Die Gräfin aber funkelte ihn bösartig mit den glühenden Augen an.

»Ich gebe Euch beiden eine Viertelstunde Zeit. Binnen dieser fünfzehn Minuten habt Ihr die beiden Eindringlinge gefunden — oder ihr werdet der Kalutotta geopfert!«

Doch der Weißbärtige bewies nochmals, dass er keine Furcht kannte.

Stolz richtete er sich auf.

»Du drohst uns vergebens, Herrin. Die Kalutotta wird sich nicht an uns wagen!«

»Das werden wir sehen! Hahaha, wenn sie lange genug gefastet hat, dann wird sie sich den Teufel um Eure Heiligkeit scheren!

Ihr wollt also nicht suchen?«

»Nein, wir weigern uns!«, erwiderten da die beiden wieder gleichzeitig.

Noch mehr als zuvor erblasste die Gräfin. Deutlich sahen die beiden Lauscher, wie die weißen Zähne im höchsten Unmute sich in die purpurfarbene Unterlippe eingruben. Aber sie schien doch am Ende ihrer Macht angekommen zu sein.

Lautlose, peinliche Stille herrschte in dem weiten Raume.

Da aber erklangen, ganz deutlich vernehmbar, Schritte.

Dr. Walter Frank hatte die Zeit für ihr Eingreifen für gekommen erachtet.

»Kurt, jetzt treten wir vor!«, raunte er dem Freunde zu. »Willst Du mich sprechen lassen? Wenigstens die ersten Worte? Du wirst dann bald wissen, welchen Plan ich mir ersonnen habe!«

»Selbstverständlich, Walter!«

»Dann komm!«

Und die beiden traten aus ihrem Versteck hervor.

Die Schuhe, die sie trugen, hatten sehr weiche Sohlen, aber ihre Schritte wurden doch gehört — eben, weil es jetzt so totenstill in der weiten Halle war und weil diese eine ganz eigenartige Lautbrechung aufwies.

Die beiden sahen jedenfalls sofort, dass nicht nur die Maladetta stutzte und lauschte, sondern noch mehr die Afghanen, während die Kosaken wohl noch nichts vernommen hatten.

Und da wurden sie sichtbar.

Die Maladetta versteinerte fast.

Ihre Blicke glitten erst zu den beiden, die vor ihr standen, dann zu denen, die da herankamen.

»Was — — ist — das?«, hörten die Freunde sie murmeln, und sie staunten über die Selbstbeherrschung dieses Weibes, das selbst in dieser Minute wusste, dass es sich nicht verraten durfte.

Sie hatte diese Worte auf Italienisch gerufen, das also von niemand in dem Saale verstanden wurde — wohl aber gerade von den beiden Gelehrten.

Diese indes ließen sich nicht beirren.

In gleichmäßigem Schritte näherten sie sich der Gruppe um den Thron.

Sie erreichten die Kette der Wächter, und unter diesen war keiner, dessen Gesicht nicht Entsetzen gezeigt hätte.

Mit weit offenen Augen starrten sie die beiden Männer an, die hier herankamen, obwohl sie doch schon vor ihnen standen.

Ihr Schrecken war so groß, dass sie sich sofort auf den Boden niederwarfen, die blanken Säbel fallen lassend, dass es laut klirrte.

Und über die ausgestreckten Körper hinweg schritten die beiden Freunde und stellten sich so, dass jeder neben seinem Doppelgänger stand, der Professor Becker neben Mihul, Dr. Frank aber neben Barut.

Die Maladetta hatte sich noch nicht ganz gefasst. Sie war bis an den Thronsessel zurückgewichen, stützte sich mit einer Hand, die merklich zitterte, auf die eine Lehne.

Aus ebenfalls weit geöffneten Augen schaute sie die Männer an.

»Wer seid Ihr?«, fragte sie dann tonlos.

»Ich bin Mihul«, erwiderte da der Professor.

»Und ich bin Barut«, ergänzte der Doktor, der nun doch nicht das erste Wort gehabt hatte, und das war ganz richtig, da eben nach indischem Brauch der Jüngere nicht vor dem Älteren sprechen darf.

»Ihr seid Mihul und Barut?«, wiederholte die Maladetta. »Aber diese stehen doch hier?«

»Du irrst, Herrin«, sagte da Dr. Frank. »Diese beiden sind freche Betrüger!«

»Oder Ihr!«, klang es jetzt schon wieder ganz kühl zurück.

Die beiden echten Inder aber standen noch vollkommen fassungslos da. Da nützte alle seit frühester Jugend geübte Selbstzucht nichts. Sie sahen doch, dass da zwei Männer standen, die Ihnen Zug um Zug ähnelten, nicht etwa nur in der Kleidung, was sich ja sehr leicht hätte machen lassen, sondern auch im Gesicht, in der Größe, der Haltung, in der Art, sich zu bewegen — und schließlich auch im Klange der Sprache.

Auch darin ist ja schon viel geleistet worden. Manche Menschen vermögen die Sprache anderer nachzuahmen, wie manche es mit einer fremden Handschrift können, dass auch die schärfste Prüfung keine Fälschung nachzuweisen vermag.

Aber alles zusammen stimmt doch nie. Irgendwo findet sich eine Abweichung, und mag sie noch so geringfügig sein, sie führt doch schließlich zur Entdeckung.

Zu einer so genauen Prüfung aber waren die beiden noch gar nicht gekommen. Für sie genügte vorläufig schon das, was sie sahen.

Anders stand es mit der Maladetta.

Als die beiden Freunde auf ihre letzten Worte nichts erwiderten, fuhr sie fort:

»Wie kommt Ihr jetzt hierher?«

»Wir standen schon die ganze Zeit über an der Säule dort«, versetzte Dr. Frank.

»Und habt alles gehört?«

»Wir hörten jedes Wort.«

»Ihr saht auch den Fremden?«

»Wir sahen auch ihn.«

»Wer war es?«

»Lord Hektor Clifford.«

»Und wo befindet er sich jetzt?«

»In dem Raume, in welchen Du ihn hast führen lassen.«

»Er wartet dort, dass ich ihn wieder rufen lasse?«

»Er wartet nicht, denn er ist leblos; sein Körper ruht in einem Starrkrampf«, antwortete Dr. Frank, der sehr wohl wusste, welchen Zweck die Maladetta mit diesem Verhör verfolgte, und er sowohl als auch sein Gefährte beherrschte ja das Hindustani so, dass sie sich getrost als Eingeborene ausgeben durften.

Jetzt aber fuhr die Gräfin wieder einmal empor.

»Du lügst!«, rief sie höhnisch.

»Ich sprach die Wahrheit.«

»Lord Clifford ist tot!«

»Er lebt!«

»Hahaha, wie kann jemand leben, der mit Curare vergiftet ward!«

»Ich weiß, dass Du das tun ließt, aber trotzdem — Lord Clifford lebt! Gehe hin und überzeuge Dich!«

»Ich werde es tun, verlass' Dich drauf. Jetzt aber will ich mich doch erst noch mit Euch beschäftigen.

Du bist also Mihul?«, wendete sie sich an den Professor.

»Ich bin Mihul!«

»So zeige den Ausweis, den ich Dir gab, mit dem Befehl, ihn ständig bei Dir zu führen!«

»Na da!«, dachte in diesem Augenblick Dr. Frank. »Jetzt ist die Komödie wohl schon zu Ende.«

Von einem solchen Ausweis war ihnen nichts gesagt worden, und obwohl er selbst in höchster Gefahr schwebte — die Kosaken und die Afghanen hatten sich schon längst wieder erhoben und umgaben sie mit den gezogenen Schwertern — schaute Dr. Frank gespannt auf seinen Freund, begierig, zu erfahren, was dieser nun tun würde.

Er staunte nicht wenig, als dieser den Turban vom Haupte nahm, in dessen Inneres griff und im nächsten Augenblick eine kleine goldene Figur in der Hand hielt.

Es war die getreue Nachbildung eines Tintenfisches, also wohl der Kalutotta.

»Alle Achtung!«, dachte Dr. Frank noch, ohne sich enträtseln zu können, wie dies möglich gewesen war, dann aber musste er schon wieder acht geben.

Die Maladetta lachte, obwohl sie wieder ein wenig bleich geworden war.

»Auch das kannst Du Dir verschafft haben. Zeige, dass Du das Symbol zu brauchen verstehst!«

Und wieder zögerte Professor Becker nicht einen Augenblick.

Er hielt den goldenen Tintenfisch auf der flachen linken Hand, und da bekam diese Figur Leben, bewegte sich genau nach der Art dieser Polypen und kroch schwerfällig nach der rechten Handfläche hinüber, welche der Professor hinhielt.

»Mensch!«, stieß die Gräfin da hervor. »Gib mir die Figur!«

Der Professor aber verneigte sich nur, nahm abermals den Turban ab, den er wieder hatte aufsetzen müssen, um beide Hände freizubekommen, und schob die goldene Figur, die wieder leblos geworden war, in das vorige Versteck zurück.

Die Maladetta hatte das alles mit schärfster Aufmerksamkeit beobachtet.

Jetzt wendete sie sich an den echten Mihul, der totenblass dastand.

»Wo hast Du Deinen Ausweis?«

Der Inder nahm mit zitternder Haud den Turban ab, genau denselben, den auch sein Doppelgänger trug.

Er griff hinein.

Mit vorgeneigtem Körper beobachtete die Gräfin jede seiner Bewegungen.

Sie mochte erwartet haben, dass er nach der Figur suchen müsse, dass er verwirrt werden würde —

Doch da hielt der echte Mihul schon den kleinen goldenen Tintenfisch in der Hand, setzte hastig und unter allen Zeichen großer Freude und Erleichterung den Turban wieder auf und — machte dasselbe Kunststück, das vor ihm der Professor gemacht hatte!

Ganz starr stand die Wolfsgräfin da. Sie traute ihren Augen nicht.

Aber sie sagte nichts mehr.

Plötzlich kam sie die Stufen des Thrones herab.

Immer scharf den Professor beobachtend, näherte sie sich ihm, blieb unmittelbar vor ihm stehen und blickte ihm eine Sekunde unverwandt in die Augen.

Der Blick wurde ebenso fest erwidert.

Da aber hob die Maladetta die rechte Hand und schlug auf einmal die Nägel in die linke Wange des Gelehrten — wollte es tun.

Und da wusste sowohl Professor Becker als auch Dr. Frank, dass diese Maladetta etwas von dem Geheimnis dieser seltsamen Masken wissen musste. Entweder hatte sie nur davon gehört oder sie hatte schon welche gesehen —

Und mochten die beiden auch noch so furchtlos sein, sie konnten doch nicht hindern, dass sie — innerlich wenigstens — erbebten.

Es war ein starkes Stück, was die Gräfin da wagte.

Sicher beging sie einen Frevel, indem sie einen so heiligen und hochstehenden Mann im Gesicht zu kratzen wagte.

Es kam gar nicht dazu. Ein neues Wunder geschah, von dem die beiden Freunde viel weniger überrascht wurden als alle anderen, die es sahen.

Die Hand der Maladetta konnte sich der Wange des falschen Mihul wohl nähern, sie aber nicht erreichen.

Sie versuchte es zweimal, dreimal — immer war eine unsichtbare Scheidewand zwischen ihren Fingern und dem Gesicht des falschen Inders.

Da wich sie zurück, auch gleich rückwärts gehend, bis sie wieder auf dem Throne stand.

Das Natürlichste und Nächstliegende wäre ja nun wohl gewesen, dass sie die Probe, die ihr bei dem einen nicht geglückt war, bei dem anderen wiederholte, hier also bei dem echten Mihul —

Sie schien nicht daran zu denken.

»Wer bist Du?«, fragte sie halblaut. »Du bist nicht Mihul, obwohl Du ihm vollkommen gleichst, obwohl Du seinen Ausweis hast!

Sag, wer Du bist!«

»Ich bin Mihul«, erwiderte der Professor, ohne sich irgendwie verwirren zu lassen.

Die Brust der dämonischen Frau begann zu wogen. Aber sie senkte die Lider, weil ihre Augen gar zu verräterisch funkelten.

»Wenn Du nicht die Wahrheit gestehst, werde ich Dich ebenso töten lassen wie diesen da!«

Sie deutete aus den kopflosen Körper Gyans.

»Versuche es!«, erwiderte der falsche Mihul gleichmütig.

»Du behauptest doch nicht, dass Du unverwundbar seiest?«

Furchtbar spöttisch kam diese Frage, lauernd zugleich, so beugte die Gräfin sich auch vor.

»Unverwundbar wenigstens durch alle Waffen, über welche Du verfügst«, erwiderte der Professor ebenso ruhig.

Da winkte die Maladetta hastig.

Und wieder schwang der hässliche Afghane sein Schwert.

Für den Moment durchzuckte den Dr. Frank der Gedanke, dass er diesen Mord verhindern müsste, er wollte vorspringen, den Arm des Henkers packen.

Da aber spürte er auf seiner Brust ein leichtes Klopfen.

Und da wusste er sofort Bescheid.

Das war Loke Klingsor, oder einer der Vertreter. Man setzte sich auf diese Weise mit ihm in Verbindung, morste — und die Vorrichtung musste sich in dem indischen Kostüm von vornherein befunden haben.

Ebenso beim Professor, dem auf solche Weise die Antworten diktiert worden waren, die er gegeben hatte.

Dr. Frank aber wurde gemorst:

»Still! Keine Bewegung!«

Da blieb er stehen, ohne sich zu rühren. Er zuckte nicht mit einer Wimper, und da er selbst die Maladetta scharf beobachtete, so entging ihm nicht, wie sie unter den halbgesenkten Lidern auf ihn herabspähte.

Hier war in der Tat äußerste Vorsicht geboten.

Und er hätte auch gar nicht nötig gehabt, den Arm des Afghanen aufzuhalten, denn mitten in dem wuchtigen Hiebe blieb er wie gelähmt in der Luft stehen.

Noch mehr!

Der furchtbar schwere und lange Säbel, der also einem Schwert glich, war plötzlich aus der Hand des Henkersknechtes verschwunden.

Und ein lautes Klirren in einem entfernten Winkel der weiten Halle verriet, dass die Waffe eben dort niederfiel.

Professor Becker hatte sich nicht umgewendet, er stand auch jetzt noch so, wie er vorher gestanden hatte, aber die Kosaken und die Afghanen waren schon wieder vor Schrecken auf den Boden gesunken, und diesmal erhoben sie sich nicht wieder. Jetzt schienen sie überzeugt zu sein, dass dieser Mann ein Heiliger war — unverletzlich —

Wehe, wenn sie seinen Zorn herausforderten!

Aber nun geschah auch das höchst Merkwürdige, dass die beiden Inder, als deren Doppelgänger die beiden Freunde dastanden, sich der Länge nach zu Boden warfen, mit der Stirn demütig den Boden berührend, und dann krochen sie so vorwärts, bis sie mit den Händen jeder einen Fuß der beiden Deutschen fassen konnten.

Sie küssten den Schuh, dann aber hoben sie den Fuß und setzten ihn sich zum Zeichen ihrer tiefsten Demütigung auf den Nacken.

»Steht auf! Sofort steht Ihr auf!«, herrschte die Maladetta sie außer sich vor Wut an.

Die beiden erhoben sich tatsächlich, aber nicht, um dem empfangenen Befehl zu gehorchen.

Sie kümmerten sich überhaupt nicht um die Wolfsgräfin, so wild diese sie auch mit den flammenden Augen anfunkelte.

Sie traten dicht, aber mit allen Zeichen höchster Ehrerbietung, vor ihre Doppelgänger, und dann sprach der weißhaarige Mihul:

»Ihr seid Brahmas. Ewig dreht Avitschi das Rad der Täuschung. Auch uns blendete er, dass wir diese da für eine Mahadeva hielten. Jetzt ist die Binde gefallen. Wir sehen. Wir gehorchen. Befehlt über uns!«

Ja, das war ganz schön; aber was sollten die beiden deutschen Gelehrten mit diesen Indern anfangen?

Wer war dieser Avitschi, von dem sie redeten?

Unwillkürlich schauten sie auf die Maladetta, die sich auf ihren Thron gesetzt hatte.

Sie schien nicht mehr auf das, was vor ihr sich abspielte, geachtet zu haben. Sie hatte den Kopf in eine Hand gestützt, den Arm auf das Knie, und so starrte sie vor sich hin.

Merkte sie, dass ihre Macht hier zu Ende ging?

Die beiden Freunde hatten keine Zeit, darauf zu achten und darüber nachzudenken, denn plötzlich spürten sie beide das Klopfen des geheimnisvollen Morseapparates auf ihrer Brust, und sie lauschten nicht schlecht.

Was die da zu hören bekamen oder vielmehr zu spüren, das war so absonderlich, dass sie es nicht zu fassen vermochten.

Dr. Reinhard hatte sich wieder mit ihnen in Verbindung gesetzt.

»Die beiden Inder sollen nach dem Mammutpark gebracht werden«, morste er. »Sie sind im Besitze wichtiger Geheimnisse, die Herr Klingsor von ihnen erfahren möchte.

Geben Sie ihnen den Auftrag, nach der Halle zu gehen, vor welcher Marduch wacht. Dort sollen sie sich in den Koffer setzen, der das Übrige besorgen wird.«

Ja, auch das war schön und gut.

Aber durften sie denn vor der Maladetta sprechen?

Wenn sie nur wenigstens eine Frage an den Doktor hätten richten können!

Das war vollkommen ausgeschlossen.

Sie besaßen keine Möglichkeit, selbst zu telegrafieren.

Da morste er schon wieder.

»Sie brauchen keine Scheu vor der Maladetta zu haben. Sehen Sie sie an! Nähern Sie sich ihr getrost und blicken Sie ihr in die Augen!«

Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen des Thrones hinauf, während Mihul und Barut ehrerbietig stehen blieben.

Die beiden mussten sich bücken, um in das Gesicht der Gräfin schauen zu können, die sich nicht regte.

Und da sahen sie auch gleich, dass sie das gar nicht konnte.

Sie hatte die Augen weit offen, aber der Blick war leer, wie bei einem Menschen, der in tiefste Gedanken verloren ist. Die Lider bewegten sich nicht.

Das rührte nicht von einer Traumverlorenheit her, wie jeder Mensch sie kennt — jeder hat einmal Minuten, wo er sozusagen für die Außenwelt abstirbt, nichts hört und sieht — eben, wenn er angestrengt über etwas nachdenkt —

Hier lag offenbar etwas anderes vor. Die Gräfin schien in einen Starrkrampf versetzt worden zu sein.

Wer aber sollte das bewirkt haben?

Die Aufklärung kam sofort durch den Dr. Reinhard.

Er morste allerdings nur ein einziges Wort:

»Kalzium!«

Da wussten die beiden Gelehrten Bescheid, und zugleich erkannten sie auch, wie es möglich gewesen war, dass Lord Hektor Clifford wieder in einen ähnlichen Starrkrampf versunken war, nachdem er die Wirkung des Curare überwunden hatte.

Es ist eine eigenartige Sache um dieses Kalzium.

Jeder Mensch hat es in sich, im Blute, ebenso wie Natrium und Magnesium. Aber kaum einer wird wissen, welche Bedeutung diese Mineralsalze für sein Leben haben.

Vielleicht hat einer gehört, dass man den an Cholera Erkrankten Kalkwasser einflößt. Es wirkt auch stets lindernd, denn es hemmt die unwillkürlichen, krampfartigen Bewegungen der Darmmuskulatur —

Das eben ist die Wirkung des Kalziums.

Es steht jetzt fest, dass der Mensch vier sogenannte Elektronensalze in sich trägt: Natrium und Kalium, Kalzium und Magnesium, und dass die beiden ersten erregend, die beiden letzten lähmend wirken.

Das klingt sehr bescheiden, wie eben jede Doktrin, und doch hat es eine geradezu erschütternde Bedeutung.

Gelänge es, durch irgendein Mittel alles Kalzium in unseren Muskeln zu binden, dass es also nicht mehr zu wirken vermöchte, so würden wir ein gar seltsames Schauspiel erleben: Die Betreffenden würden mit allen Gliedern zu zucken beginnen wie Hampelmänner, als hätten sie den Veitstanz, der im Mittelalter einmal umging, und sie würden nicht aufhören können mit dieser Zappelei, bis sie vollkommen erschöpft niederfielen, um endlich zu sterben.

Umgekehrt wieder könnte man durch Ausschaltung des Natriums bewirken, dass der Mensch sofort erstarrt, unfähig wird, auch nur einen Muskel zu bewegen. Er könnte nicht essen, nicht trinken, ja nicht einmal mehr atmen, weil eben alle diese Körpertätigkeiten durch Zusammenziehung von Muskeln bewirkt werden. Er würde also noch viel eher sterben — ersticken — als der, in dessen Körper das Kalzium gebunden ist und der sich zu Tode zappeln muss.

Man darf getrost schließen, dass ein beweglicher Mensch, der leicht in Erregung gerät, der immer drauflos geht, nicht stillsitzen kann, sehr viel Natrium in sich hat.

Der Schwerfällige dagegen, der sich alles zehnmal überlegt, der immer getrieben werden muss, ehe er sich zu einer Tat aufrafft, hat zu viel Kalzium in sich. Er ist der Phlegmatiker, wie jener der Choleriker und Sanguiniker.

Und dieses zu viel des einen Elektronensalzes kann bis jetzt noch nicht künstlich ausgeglichen werden. Man kann keinen Zappelphilipp in einen Stockfisch verwandeln und umgekehrt.

Loke Klingsor hatte das Geheimnis gelöst!

Hier bewies er es einmal.

Durch irgendeine Fernwirkung hatte er schon vorher den Körper des Lords Clifford erstarren lassen, und nun den der Maladetta.

Die beiden wunderten sich also nicht im Geringsten, dass sie die Maladetta leblos fanden, und schon wollten sie sich wieder abwenden, die Stufen hinuntersteigen und den beiden Indern nun den empfangenen Befehl weitergeben, da blieb Dr. Walter Frank stehen und berührte leicht den einen Arm seines Gefährten.

Professor Kurt Becker schaute auf und dann in der Richtung, welche der Zeigefinger des Freundes ihm wies.

Er deutete auf die Brust der Wolfsgräfin.

Diese trug, wie erwähnt, ein ziemlich leichtes Gewand aus flammenroter Seide, das den Oberkörper nur lose verhüllte.

Jedenfalls konnten die beiden sehen, dass auf der Brust der Gräfin, etwa eine Hand breit unter dem Halse, ein rotes Zeichen tätowiert war.

Dr. Frank hatte es entdeckt und machte nun den Freund darauf aufmerksam.

Dieser staunte, beugte sich vor, betrachtete das Zeichen und schüttelte den Kopf.

Es war ein Rad mit neun Speichen, aber diese Speichen setzten sich auch noch jenseits des Radkranzes fort, nicht etwa als Strahlen, sondern rechtwinklig gebogen. Es machte ganz den Eindruck, als seien das zum Laufe gekrümmte Beine, wie man sie durch zwei einfache Striche ja leicht darstellen kann.

Das Ganze sah also aus, als liefe das Rad auf neun Beinen, die nach innen in die Speichen übergingen.

Die Nabe selbst aber war als Sonnenscheibe dargestellt, ganz wie üblich, also als Gesicht, wie man ja auch den Mond so zu zeichnen pflegt.

Und auf dieses Mal schaute nun der Professor in immer wachsendem Staunen, bis er sich endlich aufrichtete und halblaut sagte:

»Das Sonnenrad der Lemuren!«

»Ja, das ist es, Kurt!«, gab der andere sofort zu.

Und dann stiegen sie beide die Stufen des Thrones herab, traten vor die beiden Inder, die noch regungslos dastanden, und nach kurzem Zögern schob Dr. Frank dem einen das Gewand über der Brust auseinander.

Er hatte recht vermutet.

Auch auf der Brust Baruts war dieses laufende Sonnenrad zu sehen, und da brauchten sie Mihuls Brust nicht erst zu untersuchen.

»Also doch!«, sagte er auf Deutsch, um nicht von den beiden verstanden zu werden.

»Du willst sagen, dass das Gerücht recht hatte, welches behauptete, dass auf der Insel der Gräfin die Geheimnisse der Lemuren zu finden seien?«, fragte Professor Becker.

»Nichts anderes«, gab Frank zu.

Und dann richtete er sich hoch auf. Ein fester Entschluss leuchtete aus seinen Augen.

»Und wir werden diese Rätsel erforschen!«

Da aber kam schon die kalte Dusche, von dem geheimnisvollen Apparat ausgehend, den sie beide auf der Brust trugen.

Dr. Reinhard hatte sie also beobachtet und gesehen, was sie entdeckten. Er telegrafierte:

»Kümmern Sie sich nicht um diese Tätowierung. Sie würden sich vergeblich Mühe geben, hinter dieses Rätsel zu kommen — und außerdem, Herr Klingsor hat es schon gelöst, alles ist uns bekannt. Das Wenige, was wir noch nicht wissen, werden wir von Mihul und Barut erfahren.

Geben Sie jetzt den beiden die nötigen Weisungen!«

Jäh zuckte Dr. Frank zusammen.

»Und wenn ich nicht will?«, stieß er hervor.

»Herr Doktor, diese Entscheidung steht allerdings ganz bei Ihnen«, morste da der Apparat, zum Beweis, dass die Frage gehört worden war. »Sie sind nicht etwa willenlose Sklaven Klingsors geworden. Sie dürfen immer noch frei entscheiden, also auch das Versprechen zurücknehmen, dass Sie gegeben haben. Da ist Herr Klingsor durchaus nicht empfindlich. Im Gegenteil, er liebt alle die Menschen, die etwas mehr sein wollen als willenlose Maschinen — nur das eine muss ich Ihnen dann eröffnen:

Sobald Sie auf eigene Faust handeln wollen, muss ich natürlich jede Verbindung mit Ihnen abbrechen.«

»Das heißt, dass wir dann vollkommen auf uns selbst angewiesen sind?«

»Vollkommen!«, wiederholte der Apparat, und obwohl da nicht möglich war, diesem einen Worte einen besonderen Nachdruck zu geben, so lag dieser doch eben in der Wiederholung ohne jeden Zusatz.

Die Entscheidung war schwer.

Dr. Frank fragte auch noch:

»Das wird sogleich eintreten? Mit allen Konsequenzen?«

»Mit allen Konsequenzen!«, wurde wiederholt.

Da wechselten die beiden einen Blick miteinander.

»Was meinst Du?«, fragte der Dr. Frank den Professor.

Und dieser antwortete, ebenfalls nur mit den Augen:

»Tu ganz, was Du willst!«

Dann ein Nicken, und Dr. Walter Frank sprach ohne das geringste Zaudern mit fester Stimme:

»So wollen wir von diesem Augenblick an frei sein!«

»Ganz kann ich Ihnen noch nicht willfahren«, erwiderte da der Apparat. »Ich erhalte eben Weisung, Sie zu bitten, wenigstens zuvor Mihul und Barut fortzuschicken. Wollen Sie das noch tun?«

»Selbstverständlich! Sie werden sich ja überzeugen, dass es geschieht!«

Dr. Frank wendete sich den beiden Indern zu.

Was in diesen vorgegangen war, als sie vernahmen, dass ihre Doppelgänger mit einem unsichtbaren Wesen sprachen, dessen Antworten sie ja allerdings nicht hörten — noch dazu in einer Sprache, die sie nicht kannten — das war ihnen nicht anzusehen, dazu hatten sich die beiden doch zu sehr in der Gewalt.

Nur ihre Ehrerbietung wurde, wenn dies möglich war, noch größer, als sie bisher gewesen.

Als nun Dr. Frank sich ihnen zuwendete, verneigten sie sich so tief, als ständen sie wirklich vor Gottheiten, wie sie ja die beiden auch schon als Brahmas bezeichnet hatten — Nach dem Glauben der Inder vermag eben die oberste Gottheit sich nach Willkür zu verkörpern, hatte hier die Gestalt ihrer selbst angenommen —

Dr. Frank machte keine lange Einleitung, gab keine große Erklärung. Er sagte ihnen nur, dass sie sich nach der Halle des Marduch zurückzubegeben hätten. Dort würden sie einen alten Koffer auf dem Boden stehen sehen. Sie sollten sich hineinsetzen — kurz, er gab ihnen die Weisungen, die sie selbst in der Rumpelkammer erhalten hatten.

Die beiden verneigten sich nochmals zum Zeichen ihres bedingungslosen Gehorsams, wendeten sich und verließen in gemessenem Schritte die Halle.

Sofort, nachdem sie verschwunden waren, meldete sich der Apparat wieder.

»Ich danke Ihnen. Die beiden werden binnen Kurzem an dem Ziele sein, wo sie erwartet werden.

Und nun muss ich Sie noch einmal fragen, ob Sie bei dem gefassten Entschlusse beharren. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich das tue, denn ich weiß, dass ich es mit ernsten Männern zu tun habe, welche genau wissen, was sie wollen —«

»Schon gut, Dr. Reinhard! Unser Entschluss steht fest.«

»Ich hatte es nicht anders erwartet, muss aber nun gleich nochmals um Ihre Verzeihung bitten. Es handelt sich um eine sehr peinliche Sache, die ich ungern ausspreche —«

Da unterbrach Dr. Frank ihn und sagte:

»Sie wollen ein Versprechen des Schweigens von uns? Sie haben es!«

»Danke sehr! So war es allerdings nicht gemeint. Dass Sie schweigen werden, war uns von vornherein bekannt. Wir müssen Sie aber bitten, auch zu vergessen, und das ist so zu verstehen, dass Sie aus Ihrer Erinnerung alles Erlebte vollkommen ausschalten, sich nie mehr auf eine unerwartete Hilfe von unserer Seite verlassen —«

»Ich verstehe vollkommen! Es wird geschehen. Sonst noch etwas?«

»Nichts weiter, Herr Doktor. Denn dass Sie uns keine Vorwürfe machen werden, wenn es zu spät dazu ist, das wissen wir. Darf ich Ihnen noch besten Erfolg wünschen?«

»Danke sehr! Schluss!«

— • —

86. Kapitel
Im Rachen des Löwen

Noch hatte der Dr. Walter Frank kaum die letzten beiden Worte ausgesprochen, da spürte er schon, was sie zu bedeuten hatten. Und seinem Gefährten, dem Professor Becker, erging es nicht anders.

Es war ein neues, aber auch ein erschreckendes Wunder.

Es ging ihnen fast so, wie die Bibel von den ersten beiden Menschen erzählt, nachdem sie vom Baume der Erkenntnis gegessen hatten.

Sie sahen einander an und sahen, dass sie nackt waren!

Das sind für viele leere Worte, für den Denkenden dagegen enthalten sie eine ganze Geschichte, eigentlich die Geschichte des Menschseins an sich!

Und die beiden schauten einander an und sahen — nicht, dass sie nackt waren, wohl aber, dass von ihnen mit einem Schlage abgefallen war, was sie dem geheimnisvollen Helfer, diesem Loke Klingsor, verdankten.

Sie standen einander nicht mehr als der weißhaarige Mihul und der schwarzhaarige Barut gegenüber, sondern als Dr. Walter Frank und Professor Kurt Becker.

Nicht nur die wunderbare Maske, die jeder vor dem Gesicht getragen hatte, war verschwunden, sondern auch die indische Kleidung.

Sie trugen auf dem Leibe die Anzüge, in denen sie sich nach der Insel Lalakawana begeben hatten, und hätten sie die Taschen dieser Sportanzüge durchforscht, so hätten sie alles darin gefunden, was sie damals bei sich getragen hatten.

Sie taten es nicht, hatten gar keine Zeit dazu.

In demselben Augenblick, als sich die Umwandlung mit ihnen vollzog, geschah auch eine ihrer Umgebung.

Alles ging genau so blitzschnell vor sich.

Die Maladetta richtete sich auf, stand vor dem Throne und schaute in maßlosem Staunen, das an Verblüffung grenzte, auf die beiden ihr ganz fremden Männer. Der Starrkrampf war von ihr gewichen, sie konnte sich bewegen wie vorher.

Und dasselbe war der Fall mit ihren Begleitern, welche die ganze Zeit über regungslos auf dem Steinboden der Halle gelegen hatten.

Die Kosaken und die Afghanen sprangen auf, gleich auch die Waffen ergreifend, die neben ihnen gelegen hatten — bis auf jenen Nasenlosen, dem das Schwert aus der Hand in eine ferne Ecke geschleudert worden war.

Auch sie standen in vollster Verblüffung da, starrten die beiden wildfremden Männer an — —

Das Bild, das sich den beiden kühnen Forschern bot, wäre zum Lachen gewesen, hätte es nicht eine so riesengroße Gefahr für sie bedeutet.

Die Maladetta schüttelte zuerst die Lähmung ab, die sie nun wieder erfasst hatte, allerdings in ganz anderer Weise als vorher.

»Wer seid Ihr?«, fragte sie halblaut, sich der englischen Sprache bedienend.


Illustration

»Wer seid Ihr?«, fragte Maladetta tonlos.


Und wieder tauschten die beiden einen Blick miteinander, durch den sie sich darüber verständigten, wer von ihnen antworten sollte.

Professor Becker überließ das seinem Gefährten.

Dr. Frank also erwiderte:

»Wir sind zwei deutsche Gelehrte, auf der Forschungsreise begriffen.«

Wieder stutzte die Gräfin. Sie fand sich offenbar noch nicht wieder zurecht, und anstatt das Verhör fortzusetzen, murmelte sie:

»Wo sind denn Mihul und Barut? Sie standen doch eben hier — in doppelter Gestalt sogar — —

Dschigal, sprich! Hast Du dasselbe gesehen?«

Diese Frage galt dem hässlichen Afghanen.

Dessen Augen flammten voller Wut nach den beiden Deutschen.

»Ja, Herrin, sie standen doppelt vor mir, und als ich den einen auf Deinen Wink erschlagen wollte, ward mir das Schwert entrissen — Heilige waren es — — Mahatmas — sie sind vor unseren Augen verschwunden und haben sich in diese da verwandelt.«

Aus den Worten des Riesen klang noch Scheu, wenn auch keine Furcht mehr.

Die Maladetta aber lachte wild auf.

»Das glaubst Du wirklich? Geträumt hast Du! Ihr alle habt Euch blenden lassen — durch —«

Sie verstummte und griff sich an die Stirn.

Dann aber murmelte sie den Namen dessen, der allein einer solchen Täuschung fähig war.

Sie meinte vielleicht, die beiden Gelehrten vor ihr verständen nicht, was sie mit diesem Namen meinte.

»Loke Klingsor!«, murmelte sie.

Dann aber richtete sie sich wieder auf, ließ die Hand sinken.

»Wie heißt Ihr?«, fragte sie.

Ohne weiteres nannte Doktor Frank seinen und seines Freundes Namen.

Die Maladetta stutzte zum dritten Male.

»Diese Namen kenne ich«, fuhr sie in dem gleichen, halblauten Tone wie vorher fort. Und dann zählte sie einiges von dem auf, was die Welt von den Abenteuern der beiden erfahren hatte.

»Diese beiden seid Ihr?«, fragte sie darauf.

Dr. Frank bejahte.

»Und Ihr seid nach Lalakawana gekommen? Wie ist Euch das möglich gewesen?«

»Es mag genügen, dass wir da sind«, erwiderte Frank.

»Ja, das mag genügen«, wiederholte die Gräfin. »Vorläufig! Ihr seid hier, und damit habt Ihr genug erreicht! So meine ich das. Weiter werdet Ihr nicht dringen können.«

»Das werden wir sehen.«

»Da wird es nicht viel zu sehen geben. Ihr werdet nachher noch einmal verhört werden. Weigert Ihr Euch, die Wahrheit zu bekennen, so werdet Ihr gemartert, und ich will Euch auch gleich sagen, dass es vollkommen gleichgültig ist, ob Ihr schweiget oder bekennt. Sterben müsst Ihr doch!

Nur eine Frage noch: Ihr kamt aus eigenem Antriebe?«

»Ja«, erwiderte Dr. Frank kurz.

»Ihr wart die Doppelgänger Mihuls und Baruts?«

Da schwieg der junge Gelehrte.

»Wo sind die beiden geblieben?«

Abermals erhielt sie keine Antwort.

»Gut! Ihr wollt nicht reden. Vielleicht besinnt Ihr Euch noch anders. Ich habe schon gesagt, dass es Euer Schicksal nicht ändert!

Dschigal!«

»Du befiehlst, Herrin?«

»Vorhin meldete Gyan, dessen Leiche noch hier liegt, dass Fremde eingedrungen seien. Glaubst Du, dass diese beiden es sind?«

»Nein, Herrin, denn die beiden Anzüge liegen noch auf der alten Stelle.«

»Das wollte ich nur hören. Noch zwei Eindringlinge befinden sich also hier. Du wirst sie suchen und finden!«

»Ich gehorche, Herrin!«

»Dann geh!«

»Und diese hier?«

Die Augen des Afghanen deuteten auf die beiden Deutschen. Sie verstand ihn.

»Du meinst, sie könnten wagen, mich anzugreifen?«

»Ja, Herrin! Lass mich sie binden!«

Eine Sekunde schwankte die Maladetta. Dann jedoch lächelte sie höhnisch.

»Du vergisst, wer ich bin, über welche Macht ich verfüge! Geh!«

Da wendete der Hüne sich ab, von den Kosaken noch vier zu sich winkend.

Dr. Frank aber und Professor Becker standen furchtlos da und wunderten sich nur, ob nun die beiden anderen Eindringlinge gefunden werden würden. Sie konnten zwar die ganze Halle übersehen, aber doch nicht alle Räume des sicher weitläufigen Palastes. Sie mussten also warten, was Dschigal nach seiner Rückkehr melden würde.

Sie selbst kümmerten sich um die Wolfsgräfin ebenso wenig, wie diese sich um sie, scheinbar wenigstens —

Langsam verstrich die Zeit. Es dauerte doch sehr lange, bis die Ausgesandten zurückkamen.

Sie kamen allein, hatten also nichts gefunden.

»Nirgends ist eine Spur der Fremden zu entdecken, Herrin«, meldete Dschigal.

Die Maladetta fuhr recht zornig auf.

»Und doch sind sie noch hier. Ich weiß es. Wir wollen sie aus ihrem Versteck treiben wie Dachse aus ihrem Bau.«

Ob Dschigal etwas von solchen Tieren wusste und wie man sie heraustreibt, war nicht zu sagen.

Die Maladetta dachte eine Sekunde nach, dann richtete sie sich entschlossen auf.

»Schicke die anderen fort — alle!«, befahl sie Dschigal.

Dieser verschwand abermals, und die beiden Freunde wussten ja, wen er fortschicken sollte: die Priester und die Nautschs — die ganze festliche Versammlung, die vorher diese Halle gefüllt hatte.

Nach wenigen Minuten kam der Afghane zurück und nahm schweigend seinen vorigen Platz wieder ein.

»Dieser Palast wird in Flammen gesteckt!«, befahl die Maladetta nun. »Der einzige Ausgang wird besetzt.«

Nicht das geringste Staunen malte sich auf dem hässlichen Gesicht des Afghanen, als er den Befehl an die Kosaken weitergab.

Diese verteilten sich, nach allen Richtungen davonlaufend, und die beiden Freunde zweifelten nicht im Geringsten, dass sie nunmehr den prächtigen Palast in Flammen aufgehen lassen würden.

Die Maladetta selbst wartete noch, bis alle ihre Getreuen zurückkehrten, jeder jetzt eine brennende Fackel in der rechten Hand tragend.

»Der Palast steht in Flammen!«, meldete Dschigal.

»Dann fesselt diese beiden!«

Jetzt wurde es ernst.

Unwillkürlich griffen die beiden in die Taschen, in denen sie ihre Waffen verwahrt hatten, als sie nach Lalakawana hinübergingen.

Sie fanden jeder den Revolver.

Ihre Augen blitzten, und ehe die Kosaken und Afghanen noch einen Arm erheben konnten, um den erhaltenen Befehl auszuführen, hatten die beiden Freunde ihren Entschluss gefasst.

Dazu brauchten sie keine Verständigung durch Worte, Blicke genügten, wie sie es immer geübt hatten, und sie hatten sich doch schon in Lagen befunden, die mindestens ebenso gefährlich gewesen waren wie diese hier.

Mit zwei Sätzen standen sie auf den Stufen des Thrones, derart, dass die Maladetta diesen nicht verlassen konnte.

Sie war die Gefangene der beiden.

Kamen jetzt die Angreifer auf sie zu, dann schoss Dr. Frank, der sich der Gräfin zugewendet hatte, diese ohne Weiteres nieder. Den Revolver hatte er schon auf ihre Brust gerichtet, und die Maladetta hatte ja vorher selbst gestanden, dass sie diese beiden Deutschen und ihre Abenteuer kannte, sie musste wissen, dass mit diesen Männern nicht zu spaßen war.

»Zurück!«, rief denn auch Professor Becker, die Waffe hebend. »Wagt Ihr, uns anzurühren, so stirbt Eure Herrin! Und viele von Euch folgen ihr nach!«

Da aber lachte die Maladetta auf. Es klang heiter mit einem spöttischen Unterton.

»Ihr Narren!«, stieß sie dann hervor. »Vorwärts, Dschigal!«

Und der Afghane sprang vor.

Er hatte sein Schwert gesucht und gefunden. Hoch blitzte die Klinge in der Luft, und diesmal war keine Hilfe durch Loke Klingsor zu erwarten.

Das war der Tod, wenn Professor Becker dem Feinde nicht durch einen Schuss zuvorkam.

Und da durfte er nicht eine Sekunde verlieren.

Er drückte auf den Abzug.

Und erschrak!

Die Waffe versagte.

Vielleicht war sie nass geworden?

Jetzt hätte er also den Patronenrahmen herausnehmen und die oberste Patrone entfernen müssen — oder am besten war, er schob gleich einen neuen Rahmen ein —

So etwas geht sehr schnell, dauert kaum eine Sekunde.

Aber ein zum Schlage erhobenes Schwert ist schneller.

Die einzige Hilfe war, dass Dr. Frank sich jetzt der Maladetta als Geisel versicherte.

Das erkannte er selbst. Töten wollte er sie nicht, das hätte erst recht den Zorn der Diener herausgefordert.

So griff er zu, wollte das dämonische Weib packen, taumelte aber im nächsten Augenblick zurück, gleich die Stufen des Thrones hinab, und — als er wieder so richtig zu sich kam, da war er bereits gepackt und gefesselt.

Und dasselbe Schicksal hatte seinen Freund ereilt.

Auch Professor Becker stand schon, von Riemen dicht umschnürt, hilf- und wehrlos da.

Die Maladetta aber lachte aus vollem Halse.

»Ihr Narren!«, wiederholte sie.

Aber sie hütete sich doch, etwa von ihrer übernatürlichen Macht zu sprechen, an welche diese Kosaken und Afghanen glauben mochten, die noch nie etwas von elektrischen Schlägen gehört hatten.

Den beiden Gelehrten konnte sie ja nichts vormachen. Die wussten, dass der Thron elektrisch geladen war, dass der Strom sehr stark sein musste, und — im Übrigen ergaben sie sich höchst gelassen in ihr Schicksal, so schlimm dieses auch schien. Da konnte das Hohngelächter der Wolfsgräfin nicht das Geringste ändern.

Diese aber schien sich an etwas zu erinnern, was sie vergessen hatte.

»Dschigal!«, rief sie. »Du hast den Lord gestochen?«

»Wie Du befahlst, Herrin!«

»So siehe nach ihm und bringe ihn her!«

Der Afghane eilte fort und kam bald zurück, auf seiner Schulter den starren Körper Lord Hektor Cliffords tragend.


Illustration

Es sah aus, als hätte er einen Baumstamm auf der Schulter, und wie einen solchen warf er ihn auch vor den Stufen des Thrones nieder.

Die Augen geschlossen, blass und leblos, lag der junge Aristokrat da.

Mit dämonisch funkelnden Augen schaute die Maladetta auf ihn herab.

Sie war überzeugt, dass ihre Rache diesen Unglücklichen ereilt hatte, dass er dem furchtbaren Curare erlegen war, so fest überzeugt, dass sie keine Prüfung anstellte oder anstellen ließ.

»Nehmt ihn mit! Heute soll die Kalutotta reichlich schmausen können!«, sagte sie.

Darauf hob der Afghane den vermeintlichen Toten wieder auf, die Gräfin kam die Stufen des Thrones herab, um den Zug anzuführen, und die Kosaken schickten sich eben an, die beiden Gefangenen vorwärts zu treiben, da stutzten diese.

Dr. Frank und Professor Becker schauten beide wie gebannt nach ein und derselben Richtung, als hätten sie dort etwas ganz, ganz Merkwürdiges entdeckt.

Sie wendeten die Blicke erst ab, als sie merkten, dass sie Aufsehen erregten; aber sie hatten beide doch genug gesehen.

Es war wirklich etwas ganz Merkwürdiges gewesen, was sie durch einen Zufall beobachtet hatten.

Sie standen so, dass sie nach jenem kleinen Kiosk blickten, in welchen sich O'Donnell und die Olinda geflüchtet hatten, als die Spitze des Zuges sich dem Palaste nahte.

Sie waren ja die beiden, deren Anzüge Gyan gefunden hatte, sie hatten sich in den beiden Becken gebadet, darin die beschmutzten Ledersachen gereinigt und dafür indische Kleidung angelegt.

Von ihrem Versteck aus hatten sie alles mitangesehen, was sich in der Halle abspielte, sie hatten sogar vieles von dem verstehen können, was da gesprochen wurde, und ihr Staunen lässt sich denken.

Immer und immer wieder hatten sie erwartet, dass man sie entdeckte.

Gyan hatte den Kiosk betreten und durchsucht. Er hatte sie nicht gesehen.

Dann war Dschigal mit den Kosaken gekommen, und diese hatten erst recht alles durchwühlt, aber die beiden hatten ihnen immer ausweichen können.

Und als sie wieder allein waren, da hatte O'Donnell gerufen:

»Wir sind also immer noch unsichtbar. Die Todas beschirmen uns weiter!«

Ja, das hatte die Olinda zugeben müssen, sie hatte zweimal den Beweis dafür erhalten, aber sie hatte erwidert:

»Dann sollen wir hier auch einen bestimmten Zweck erfüllen. Die Todas haben uns deswegen hierher geführt, sie schirmen uns durch die Unsichtbarkeit, die sie uns verleihen.«

»Was aber sollen wir tun?«

»Ich kann mir nichts anderes denken, als dass wir die beiden dort retten sollen, an denen sich ein so großes Wunder vollzogen hat.«

»Ahnen Sie nicht, Miss Olinda, dass auch sie von dem beschützt werden, der uns beschützte?«

»Von Loke Klingsor?«, fragte die Sängerin.

»Ich kann mir nichts anderes denken.«

»Aber warum setzt er Sie dann jetzt dieser Gefahr aus?«

Die beiden hatten also das Gespräch zwischen Doktor Frank und Doktor Reinhard nicht hören können, wussten nicht, welche wichtige, folgenschwere Entscheidung die beiden getroffen hatten.

Deshalb allerdings konnten sie die letzten Vorgänge nicht verstehen.

O'Donnell sann eine kurze Weile nach. Dann sagte er: »Man will sie fortschaffen. Wir selbst können nicht hier bleiben, da der Palast brennt. Man will uns ausräuchern. Da wollen wir freiwillig unser Versteck verlassen und den beiden folgen, um zu sehen, was aus ihnen wird, um sie zu schützen, wenn es nottut —

Oder — ich will erst Sie an einen sicheren Ort bringen und dann allein gehen!«

»So? Das wollen Sie wirklich?«, entgegnete die Sängerin und lächelte eigentümlich. »Wissen Sie, dass Sie mich durch dieses Angebot beleidigen und kränken?«

»Ihnen droht eine schwere Gefahr!«, entgegnete O'Donnell, errötend.

»Mir? Und Ihnen nicht? Ist es die erste, die wir gemeinsam bestehen? Ein seltsames Schicksal hat uns zusammengeführt, wir haben die merkwürdigsten Abenteuer miteinander erlebt und stehen im Begriff, uns in ein neues zu stürzen —

Und da wollen Sie mich fortschicken? Da können Sie mir zumuten, dass ich von einem sicheren Orte aus abwarte, wie die Geschichte ablaufen wird? Wenn Sie untergehen, was soll dann ich beginnen? Glauben Sie wirklich, dass ich das aushielte?«

Und ehe er noch etwas zu antworten vermochte, trat sie ganz dicht neben ihn, neigte ihren Mund an sein Ohr und sang ihm in dieses leise die wunderbaren Worte Ruths:

»Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen —«

Heiße Glut schoss in das Gesicht des jungen Mannes; seine Augen leuchteten — er hob beide Arme, als wolle er das herrliche Weib an seine Brust reißen —

Da trat die Olinda zurück.

Aber ihr Mund lächelte; ihre Augen waren voll lockender Verheißung.

»Wenn wir auch dieses neue Abenteuer hinter uns haben, Fred!«, sagte sie leise.

Da senkte er das Haupt, doch er ergriff ihre beiden Hände und zog sie an seine Lippen.

Dann schritt er selbst zur Tür, öffnete sie und ließ die Geliebte an sich vorüber in die Halle treten.

Und das war der Augenblick, der die beiden deutschen Gelehrten für eine Sekunde der Gegenwart entrückte.

Beide hatten zu gleicher Zeit gesehen, wie die Tür des Kiosks von selbst aufzugehen schien, und beide hatten zu gleicher Zeit denselben Gedanken gehabt.

»Das sind die, die zweimal schon gesucht und nicht gefunden wurden! Sie sind unsichtbar! Und weil dies der Fall ist, so müssen auch sie unter dem Schutze Loke Klingsors stehen!«

In dieser Annahme irrten sie ja, wenigstens zum Teil, aber darauf kam es ihnen jetzt nicht an.

Beider bemächtigte sich vielmehr eine tiefe Beschämung, die ihnen peinlich genug war, denn sie erkannten, dass zwar sie sich von Loke Klingsor losgesagt hatten, nicht aber er von ihnen.

Und sie wussten: Er hätte sie nie freigegeben, wäre er nicht überzeugt gewesen, dass sie der Gefahr entrinnen würden, in welche sie sich freiwillig und — leichtsinnig genug — gestürzt hatten.

Da kamen die Kosaken und trieben sie vorwärts.


Illustration

Sie konnten sich nicht, wie sie es sonst taten, durch Zeichen mit den Fingern verständigen, nicht morsen, sie waren gebunden; aber sie hielten auch keine Verständigung für nötig.

Nur eins wunderte sie.

Hatte denn die Maladetta vergessen, dass die Kosaken den einzigen Zugang des Palastes bewachen und dort die aus diesem Fliehenden packen sollten?

Ob der Palast tatsächlich brannte?

Ganz konnte er ja nicht von den Flammen verzehrt werden. Steine brennen nicht, aber der erstickende Rauch musste alle lebenden Wesen aus diesen Mauern vertreiben.

Und nun waren sie selbst aus ihrem Versteck gekommen.

Sie hatten sicher alles gehört und verließen den Palast, ehe der Ausgang besetzt ward.

Wer aber waren sie?

Diese Fragen blieben offen. Keiner der beiden fand eine Antwort.

Die Maladetta schritt nicht dem großen Portale zu, durch das sie vorher in feierlichem Zuge gekommen war, sondern bewegte sich nach der Seite, wo der Raum lag, in welchen Lord Clifford gebracht worden war.

Eine andere kleine Pforte zeigte sich.

Dschigal eilte hin und öffnete sie.

Anscheinend sollten die Gefangenen nicht sehen, wie er das machte. Er verdeckte den Eingang mit seiner riesigen Gestalt, aber er vergaß oder wusste nicht, wen er hinter sich hatte.

Diese beiden deutschen Gelehrten hätten ihre staunenswerten Taten nicht vollbringen können, hätten sie nicht gelernt, alles sorgsam zu beobachten, was des Beobachtens wert war, eine schwere Kunst, die von den wenigsten Menschen beherrscht wird, aber von jedem verstanden werden sollte.

Strafrichter wissen ein Lied davon zu singen, wie auch vernünftige Menschen eigentlich blind durch die Welt laufen und doch nachträglich bestimmt behaupten, etwas gesehen zu haben.

Man soll nur jemand fragen, wie viele Stufen eine Treppe hat, die er mehrmals täglich, also viele hundertmal im Jahre, hinauf- und hinuntergeht, man soll einen anderen bitten, zu sagen, wie viele Fenster das Haus hat, in dem er jahrelang schon wohnt — ja, das haben sie nicht gezählt, das interessiert sie nicht.

An sich haben sie ja recht, es kommt nicht darauf an, ob die Treppe zwanzig Stufen hat oder nur fünf, auch nicht auf die Zahl der Fenster, aber sie sollen dann nicht behaupten, dass es ganz genau fünf Menschen gewesen seien, die sie da und da beisammen gesehen haben, sie sollen sich überhaupt nicht als Zeugen melden, denn sie sind eben diejenigen, die durch ihre bestimmten Aussagen oft das größte Unheil anrichten, schon Unschuldige dem Henker überliefert haben.

Und außerdem: Wer sich zwingt, alles zu beobachten, was ihm vor die Augen kommt, wer nicht nur an den Häuser hinläuft, sondern auch an ihnen emporschaut, wer seine Schritte von Zeit zu Zeit zählt, der übt auch eine scharfe Selbstzucht, und der wird stets seinen Mitmenschen überlegen und voraus sein, der wird binnen Kurzem auch zum Menschenkenner werden und dadurch zum Herrn über viele.

Dieser Selbstzucht also verdankten die beiden deutschen Gelehrten ihre Erfolge mit, und diese Selbstzucht übte sicher auch Loke Klingsor, denn sonst hätte er eben nicht der werden können, der er war.

So zählten die beiden nicht nur die Schritte, die von dem Throne bis zu dieser Pforte nötig waren, sondern sie beobachten nun auch ganz genau, welche Bewegungen Dschigal ausführte, und das, was sie da sahen, genügte ihnen vollkommen.

Um ein gewöhnliches Schloss konnte es sich nicht handeln, da hätte der Afghane erst mit der rechten Hand eine entsprechende Bewegung machen müssen, um den Schlüssel herumzudrehen, dann aber die nächste, um eine Klinke niederzudrücken. Solche Schlösser gab es in diesem Palaste ja überhaupt nicht, die meisten Türöffnungen waren nur durch Teppiche verhängt, hier war mal eine ganz verschlossen, mit einem Geheimschloss natürlich —

Die Tür sprang auf, ein dämmeriger Gang zeigte sich. Die beiden Gefangenen wurden hineingeschoben, noch aber folgte ihnen niemand. Die Maladetta und ihre Diener blieben noch draußen stehen.

»Dschigal, Du besetzt jetzt den Eingang!«, befahl sie. »Nur Dimitri bleibt bei mir. Ich brauche niemand sonst. Und Dschigal, Du weißt, was für Dich auf dem Spiele steht?«

»Ich weiß es, Herrin!«

»Du hast Dein Leben verwirkt, wenn Du die beiden Unbekannten nicht fängst!«, sagte die Maladetta trotzdem.

»Ich habe mein Leben verwirkt«, bestätigte der hässliche Riese.

Die beiden Gelehrten hörten diese Wechselreden, aber sie bemerkten auch, wie der Afghane unter den fast ganz geschlossenen Lidern hervor furchtbare Blicke auf seine Herrin warf.

Aber das war nicht nur Hass — oder wenn er es war, dann Hass, der aus dem Gegenteil geboren war — aus Liebe — —

Und die beiden wussten auch gleich, was da vorlag, warum Dschigal sein Leben bereits einmal verwirkt gehabt hatte, aber begnadigt worden war.

Er hatte seine Herrin überfallen, sie zwingen wollen — — Und die Maladetta musste sich ihrer Macht über diesen Tigermenschen sehr sicher fühlen, dass sie ihn immer noch in ihrer Nähe duldete, ihm ihr Vertrauen schenkte.

Das sahen also die beiden Freunde, während sie die Worte hörten.

Sie sahen auch, dass die Wolfsgräfin noch draußen stehen blieb, bis die Schar der Männer verschwunden war.

Doch darauf achteten sie schon nicht mehr.

Jetzt war bereits ein neues Wunder geschehen, von dem sie freilich nicht überrascht werden konnten, da sie es vorausgesehen hatten.

Jeder der beiden fühlte sich auf einmal leise berührt, und zwar merkte der Professor, dass sich eine Männerhand auf seinen Arm legte. Bei Doktor Frank aber war es entschieden eine weiche, kleine Frauenhand.

Und diese beiden Hände drückten fest, in ganz bestimmter Weise, dass die beiden sofort merkten, es sollte eine Warnung bedeuten, eine Mahnung zum Schweigen.

Dann aber vernahm jeder dicht an seinem Ohr ein Flüstern, ganz leise, wie ein Hauch nur.

»Ohne Sorge! Wir werden Sie zu befreien und zu retten suchen!«

Da nickten die beiden, hüteten sich aber, nun etwa mit der anderen Hand nach der zu suchen, die sie auf ihrem Arm spürten.

Ebenso wenig fragten sie etwas —

Sie schauten einander nur an, und da wussten sie mehr, als Worte hätten ausdrücken können.

Die beiden Unbekannten, die vorhin unsichtbar aus dem Kiosk getreten waren, hatten also nicht die Flucht ergriffen, sondern standen dicht neben ihnen und hatten ihnen eben mitgeteilt, zu welchem Zwecke sie ihnen folgten —

Hätten die beiden Deutschen die Furcht gekannt, jetzt hätten sie schon wieder ruhig sein dürfen; aber sie hatten sich ja nicht gefürchtet, und auch jetzt war in ihnen nur die eine Frage:

Wer sind diese geheimnisvollen Wesen, die sich unsichtbar machen können?

Sind es Menschen?

Da trat die Maladetta in den Gang.

Der Kosake Dimitri folgte ihr, und wieder beobachteten Frank und Becker ihn, wie er die Tür nun von innen schließen würde.

Sie sahen nichts weiter, als dass er sie zuwarf.

Das Schloss schnappte also von selbst ein.

Dann wurden sie vorwärts getrieben.

Der vorher halbfinstere Gang war auf einmal erleuchtet, von elektrischem Licht, wie die beiden auch sofort erkannten.

Und da freilich stieg eine Besorgnis in ihnen auf.

Sie sahen sofort, dass seit langer Zeit niemand hier gegangen sein konnte, denn der Steinboden war mit einer ziemlich hohen Staubschicht bedeckt.

Diese aber musste zur Verräterin an den beiden Unbekannten werden. Mit Leichtigkeit hätte sich feststellen lassen müssen, dass außer der Maladetta und ihrem Kosaken sowie außer den beiden gefangenen Deutschen noch zwei andere Wesen hier dahingeschritten waren.

Wenn diese eben nicht aufpassten!

Taten sie das, so traten sie ganz bestimmt in die Fußtapfen der Vorausschreitenden.

Gern hätten sich die beiden Freunde einmal umgeschaut, um dies festzustellen. Doch sie durften es nicht wagen. Jeder Anlass dazu fehlte. Sie hätten vielleicht nur den Verdacht der Gräfin erregt.

So schritten sie gemächlich weiter, wurden auch nicht zur Eile angetrieben, und ein Verlaufen war ausgeschlossen, da kein Seitengang abzweigte, der Weg vielmehr immer geradeaus führte.

Ebenso wenig verbreiterte er sich irgendwo, noch war sonst etwas Auffallendes an ihm.

Die Gefangenen zählten ihre Schritte, hatten aber dabei noch Zeit zu allerlei anderen Beobachtungen, die man ihnen sicher nicht zutraute, umso weniger, als ihnen ja gesagt worden war, dass sie ihrem Tode entgegengingen — einem schrecklichen Tod —

Und vorher sollten sie gefoltert werden!

Wie sollte die Gräfin da annehmen, dass ihre Gedanken sich mit solchen Nebensachen beschäftigten! Nach ihrer Meinung mussten die beiden nur an ihr nahes Ende denken, sich vielleicht ärgern, dass sie sich hatten überrumpeln lassen.

So aber sahen Dr. Frank und Professor Becker, dass der Boden des Ganges ebenso wie seine Wände aus behauenen Steinplatten bestand, die sehr sorgsam aneinandergepasst waren. Nicht die kleinste Lücke blieb zwischen ihnen, durch welche also vielleicht von unten emporsteigende Feuchtigkeit hätte eindringen können. Auch von den Wänden konnte kein Wasser herabsickern —

Dann stellten sie fest, dass der Gang ganz allmählich stieg, und darin hatten sie ein sicheres Schätzungsvermögen.

Als sie an einer neuen Tür anlangten, wussten sie, dass diese mindestens vier Meter höher lag als die vordere.

Da sie nicht weitergehen konnten, blieben sie stehen.

Der Kosak schob sie etwas zur Seite, drängte sich zwischen ihnen durch und begann an der Tür herumzutasten. Er war also sorgloser, als Dschigal es gewesen war.

Die beiden Gefangenen konnten genau beobachten, wie er den Mechanismus des Geheimschlosses in Bewegung setzte.

Wozu sollte er das auch verbergen, da die beiden doch nichts mehr verraten konnten? Tote reden nicht mehr!

Die Maladetta hatte auf dem ganzen Wege nichts gesprochen, blieb auch jetzt stumm, und von den Unbekannten war natürlich erst recht nichts zu spüren gewesen.

Jetzt aber kam es darauf an, dass sie rechtzeitig mit durch die geöffnete Pforte schlüpfen konnten.

Vorhin war das leicht möglich gewesen, da die Gräfin draußen gewartet hatte. Aber nun?

Die Tür ging auf, der Gang endete in einer Halle, die nicht so hoch war, wie jene, aus der sie kamen, aber immerhin noch geräumig genug.

Doch die beiden Freunde hatten jetzt kein Interesse dafür, wie es darin aussah. Sie dachten eben nur an die Unbekannten.

Und da atmeten sie unmerklich auf.

Dimitri ließ sie beide an sich vorüber, die Maladetta folgte ihnen, und da der Kosak die Tür hielt, bis sie in die Halle getreten war, so hatten die Unsichtbaren gewiss schon Zeit gefunden, ebenfalls in diese zu schlüpfen

Aber jetzt geschah das, was die Freunde befürchtet hatten.

Die Maladetta drehte sich um und blickte den Gang zurück.

Jetzt würde sie entdecken, dass nicht vier Menschen darin gegangen waren, sondern sechs!

Nein, sie sah nichts.

Dann hob sie eine Hand.

Sie knipste das elektrische Licht aus.

Und da wussten die beiden Freunde wieder etwas, was sehr wichtig für sie war: dass diese ganze Unterwelt mit elektrischem Strome versorgt wurde.

Wenn sie also die Leitung zerstören konnten, dann hatten sie viel gewonnen —

Nunmehr schauten sie sich um, ohne darauf zu achten, dass hinter ihnen wieder der Gang geschlossen wurde.

Die Halle maß etwa achtzehn Meter in der Länge, zehn in der Breite und ebenso viel in der Höhe.

Wände, Fußboden und Decke bestanden ebenfalls aus solchen fast fugenlos zusammengefügten Steinplatten, und die Beleuchtung erfolgte durch unsichtbar angebrachte elektrische Lampen.

So weit wie Loke Klingsor war also die Maladetta noch nicht, sie verstand noch nicht, das geheimnisvolle ZoelestrialLicht zu erzeugen, das Dr. Frank immer den Weg erhellt hatte, wo er sich auch befunden hatte. Sie verfügte also über natürliche Hilfsmittel, die auch der anderen Menschheit bekannt waren, konnte noch nicht in die Geheimnisse eingedrungen sein, deren Hüter Klingsor war.

In der Mitte dieser Halle stand eine steinerne Figur, trefflich gemeißelt, aber gar nichts Besonderes für dieses Land. Die gleiche Figur hatten die beiden Gelehrten nicht nur mehrmals schon, sondern hundertmal, tausendmal gesehen; an fast allen indischen Tempeln kehrte sie in vielfacher Wiederholung zurück.

Es war ein steinerner Buckelochse, also ein Zebu, das heilige Tier der Hindus, hier allerdings ein mächtiges Vieh, fast bis zur Decke reichend, die übrigen Maße entsprechend.

Er stand auf einem steinernen Unterbau, zu welchem aber nur auf einer Seite Stufen empor führten, die so lang waren, wie dieser selbst — acht Stufen, wenn man die Plattform selbst als letzte rechnete.

Die Hörner dieses Ochsen waren stark vergoldet, die Augen schienen aus Halbedelsteinen zu bestehen, hatten einen fast natürlichen Glanz.

Ferner gewahrten die beiden von den Wänden ausgehende Steinbänke, ganz roh gearbeitet, einfach zwei Träger, auf denen eine Steinplatte lag.

Aber sie sahen noch etwas, was sie stutzen ließ.

An den Seiten dieser Steinplatten hingen Ketten herab, die in Eisen- oder Stahlbändern endeten, und diese wieder konnten auf der Gegenseite in metallene Krampen eingepasst werden.

Diese Steinbänke waren also dazu bestimmt, Menschen, die auf sie gelegt wurden, mittels der Ketten und Bänder unbeweglich festzuhalten.

Zu welchem Zwecke?

Dr. Frank und Professor Becker hatten sofort den nächstliegenden Gedanken: dass diese Halle eine Art Folterkammer darstellte!

Aber sie entdeckten keine Geräte, die dazu nötig waren.

Nichts war vorhanden als die steinerne Figur und die steinernen Bänke, sechzehn an der Zahl, nur an den Längswänden angebracht, immer einen halben Meter von diesen entfernt und wieder nicht länger, als die Durchschnittsgröße eines Mannes beträgt, also etwas über anderthalb Meter, auch in der Breite dementsprechend.

Die Maladetta trat vor den steinernen Ochsen, gerade unter dessen Haupt, wendete sich den beiden Gefangenen zu und schaute sie mit einem seltsamen Blicke an

Noch aber sprach sie nicht.

Sie winkte dem Kosaken, sich zu entfernen, und der Mann gehorchte sofort, verschwand durch eine ganz schmale Tür, die sich am entgegengesetzten Ende der Halle zeigte und sich, wie die beiden Freunde beobachteten, ohne Weiteres öffnen ließ, also keinen geheimen Mechanismus besaß.

»So! Nun bin ich mit Ihnen allein, meine Herren!«, hob sie dann in englischer Sprache an. »Sie sehen, ich nehme alle mögliche Rücksicht auf Sie, und dass diese nicht so weit gehen kann, dass ich Ihnen auch die Fesseln löse, werden Sie begreiflich finden, also entschuldigen.

Wollen Sie jetzt aus sich herausgehen und mir erzählen, was ich von Ihnen wissen will?«

Sie erhielt keine Antwort, aber das hatte sie offenbar erwartet.

»Sie scheinen die Drohungen, die ich vorhin aussprach, nicht ernst zu nehmen, nicht zu glauben, dass ich Sie foltern und töten lassen werde. Ich warne Sie! Ich führe stets meine Drohungen aus. Stets!

Verlassen Sie sich auch nicht darauf, dass ich etwa Rücksicht gerade auf Sie nehme, nicht wage, die beiden berühmten Forscher zu töten, welche in der Welt draußen so viel von sich reden machen.

Sie haben diese Welt verlassen und sind in die eingedrungen, die mir gehört, sind in meine Gewalt geraten und dieser verfallen. Ich aber hüte die Geheimnisse, die hier gewahrt werden, unter allen Umständen und mit allen Mitteln.

Die einzige Möglichkeit Ihrer Rettung liegt in einem offenen Geständnis und — in Ihrer Bereitwilligkeit, sich mit mir gegen den zu verbünden, der Sie hierher schickte. Noch einmal: Wollen Sie jetzt sprechen?«

Sie fragte vergebens; die beiden schwiegen, ohne dass freilich auf ihrem Gesicht ein trotziger Ausdruck erschien. Sie sahen nur vollkommen gleichgültig auf das dämonische Weib, studierten es sozusagen jetzt in aller Ruhe.

Da lächelte die Maladetta, dass alle ihre weißen Zähne sichtbar wurden. Es sah fast aus, wie wenn eine Tigerkatze ihr Gebiss zeigt.

»Sie wollen nicht? Ich könnte Ihnen eine Bedenkzeit gewähren, könnte Sie hier lassen, bis Sie, durch Hunger und mehr noch durch Durst zahm geworden, mich anflehen würden, Sie zu erlösen.

Solcher Mittel bediene ich mich nicht. Ich will Ihnen auch den Grund ganz offen sagen: Das ist mir zu langweilig. Warten kann ich zwar, ich habe es lernen müssen. Aus welchem Grunde, das kümmert Sie nichts. Doch jetzt ist es etwas anderes. Ich denke nicht daran, Sie auf solche Weise zu quälen und zu zähmen, sage mir vielleicht auch, dass mir dies bei solchen Männern, wie Sie sind, nicht glücken würde.

Und ich füge hinzu: Mir liegt nichts an dem Geständnis, das ich von Ihnen verlangt habe. Was ich wissen will, weiß ich bereits. Ich will es Ihnen gleich sagen.

Mein Todfeind ist Loke Klingsor.

Sie kennen diesen Namen, aber Sie wissen nicht, was mir bekannt ist.

Dieser Loke Klingsor existiert überhaupt nicht, er ist ein Phantom, unter dessen Namen Betrüger arbeiten.

Auch Sie haben sich betrügen lassen. Man hat Sie gegen mich ausgeschickt. Sie sollten die Geheimnisse der Insel erforschen, auf welcher ich mich mit den Meinen abgeschlossen habe.

Wie weit Sie dabei gekommen sind, sehen Sie nun.

Niemand dringt in die Geheimnisse von Lalakawana! Niemand!

Und Sie werden mit Ihrem Leben für Ihre Torheit büßen müssen!«

Sie klatschte in die Hände, in einem ganz bestimmten Takte.

Sofort traten durch vier Türen, die selbst den beiden deutschen Gelehrten bisher unsichtbar geblieben waren, vier Menschen ein — Zwerge waren es, ungemein hässliche Gesichter, anscheinend uralt wegen der vielen tiefen Falten, von denen sie durchfurcht waren, bartlos, mit breitem Maul und Augen, wie man sie sonst bei Menschen nur sehr, sehr selten findet.

Es waren Kakerlaken, Albinos.

Ihrem vollkommen weißen Haar entsprachen die roten Augen.

Die Freunde betrachteten diese Gestalten mit höchstem Interesse, eben mit dem Interesse des Forschers, und dabei wussten sie noch nicht, was Loke Klingsor einmal von solchen Albinos in Bezug auf sich gesagt hatte, dass er einen solchen seit Jahren suchte.

Die Maladetta aber gab den vier Albinos einen halblauten Befehl in unbekannter Sprache, und sofort packten je zwei die beiden Gefangenen und zerrten sie zu einer der Steinbänke —

Auch jetzt wehrten sich Dr. Frank und Professor Becker nicht im Geringsten, obwohl sie es gekonnt hätten, trotzdem ihre Arme gefesselt waren. Mit einem Fußtritt zur rechten Zeit lässt sich da bekanntlich viel machen.

Sie wollten eben erfahren, was man mit ihnen vorhatte, und da hätten sie sich auch nicht anders benommen, hätten sie nicht gewusst, dass Helfer in diesem Raume waren — ein Mann und eine Frau.

Nach kurzer Zeit lagen sie jeder auf einer der Steinbänke und hatten nun Gelegenheit, an sich selbst festzustellen, wie vorzüglich diese Ketten und Bänder ihren Zweck erfüllten.

Waren sie vorher schon wenigstens zum Teil unfähig gewesen, sich irgendwie zu bewegen, so waren sie es nun erst recht. Sie konnten sich nicht einmal mehr mit dem Oberkörper aufrichten, denn über die Brust lief ihnen ein solches Eisenband, desgleichen über die Mitte der Oberschenkel, und um die Arme und um die Fußgelenke zogen sich andere hin, die wieder in den Krampen an der Seite sicher befestigt waren.

Als einzige Erleichterung wurde ihnen eine Matte unter den Kopf geschoben, die wahrscheinlich hinter den Bänken gelegen hatte, und zwar gleich für diesen Zweck.

Das alles ging so schnell, dass auf eine lange Übung der Kakerlaken in dieser Hinsicht geschlossen werden durfte.

Diese traten vor die Maladetta, nicht demütig gebückt wie die Inder, sondern aufrecht, warteten wahrscheinlich auf weitere Befehle.

Die Maladetta aber zögerte einen Augenblick, ehe sie zwei Finger der rechten Hand empor streckte.

Sofort huschten die vier Albinos wieder hinaus, kamen auch nicht wieder.

Die Maladetta aber stieg die Stufen zu dem steinernen Ochsen hinauf und stellte sich so, dass sie unter dem Leibe des Tieres stand, diesen aber noch nicht etwa berührend, er blieb vielmehr noch hoch über ihr.

Plötzlich aber bückte sie sich, griff nach dem einen Hinterbeine der Figur —

Die beiden Gefesselten konnten nicht sehen, was sie tat, aber sie gewahrten, dass sich eine Steinplatte hob, und aus der Öffnung tauchte nun das gehörnte Haupt eines Buckelochsen auf, aber eines natürlichen — also eines an sich kleinen Tieres.

Die Maladetta kraulte ihm den Kopf, nachdem es vollständig aus der Tiefe emporgekommen war, schob es etwas vorwärts — es stieg die Stufen hinab in die Halle.

Und nun tauchte ein zweiter solcher Zebu auf, der ebenso wie der erste geliebkost und dann die Stufen hinabgeschoben wurde.

Darauf senkte sich die Platte wieder, die Gräfin folgte den beiden Tieren, blieb noch vor dem Postament stehen, fingerte wieder daran herum, nahm aus einer Öffnung, die sich auftat, eine metallene Schüssel, wohl aus Silber getrieben, und näherte sich mit ihr den beiden Gefangenen.

Die beiden Zebus blieben dicht hinter ihr, und die Gefangenen beobachteten nun, so gut sie es vermochten, das Gesicht der Maladetta.

Sie sahen, dass es einen Ausdruck des Unmutes annahm.

Sie stellte die Schüssel zu Boden, klatschte wieder in die Hände, die Albinos erschienen abermals, erhielten wieder einen kurzen Befehl und —

Sie entblößten mit großer Gewandtheit die Füße der beiden Gefangenen, streiften ihnen also die Gamaschen ab — Strümpfe saßen nicht darunter — die Schuhe folgten —

Dann huschten sie wieder davon.

Die Maladetta aber ergriff die silberne Schale, tauchte ihre linke Hand hinein und strich mit ihr über die Fußsohlen des Dr. Frank.

Die Flüssigkeit, die sie so aufstrich, war angenehm kühl, aber der Gefangene wusste sehr wohl, dass sie ihm keine Wohltat zukommen lassen wollte, er wusste im Gegenteil sofort, dass nun die angedrohte Folter begann.

Schon wollte das eine Zebu sich vordrängen, es wurde noch zurückgestoßen, auch ein herrisch gegebener Befehl erklang. Das Tier gehorchte —

Und die Maladetta strich weiter aus der Schale die kühle Flüssigkeit auf beide Fußsohlen Dr. Franks, bis sie dann zu Professor Becker trat und bei ihm ebenso verfuhr.

Darüber verstrichen einige Minuten, während deren tiefstes Schweigen herrschte, und so scharf die beiden auch das Gesicht der Maladetta beobachteten, sie konnten nur feststellen, dass es vollkommen unbewegt war, dass es weder Hass noch Rachgier ausdrückte.

Nun war sie fertig, trug die Schüssel wieder zu dem Postament und brachte sie wieder in dem darin befindlichen Versteck unter.

Die beiden Zebus aber standen dicht vor den Füßen der beiden Gefangenen, so dicht, dass diese den hechelnden Atem spürten, also errieten, dass die Tiere erregt waren.

Sie waren jedoch gut gezogen, wagten sich nicht weiter vor, ohne dass ihnen die ausdrückliche Erlaubnis gegeben wurde.

Aber wenn dies geschah!

Nun, es gehörte wirklich kein besonderer Scharfsinn mehr dazu, die Art der Marter zu erraten, durch welche Dr. Frank und Professor Becker zu einem Geständnis gebracht werden sollten.

Die Maladetta hatte ihnen die Fußsohlen mit Salzwasser eingerieben. Die Zebus lieben, wie alle Zweihufer, das Salz über alles. Sie würden also die Fußsohlen der beiden ablecken, und die rauen Zungen würden einen derartigen Kitzel erzeugen, dass die Unglücklichen sich zu Tode lachen mussten.

Diese Folter ist sehr alt, wurde bekanntlich im Dreißigjährigen Kriege sehr oft ausgeübt von der verrohten Soldateska und — war fast immer von Erfolg.

Ob man da Ziegen lecken ließ oder Rinder oder ob es heilige Buckelochsen waren wie hier, das blieb sich gleich. Das Ergebnis musste immer dasselbe sein.

Diese Folter ist eine der fürchterlichsten, die Menschenwahn erdacht hat.

Sich zu Tode lachen müssen!

Man weiß, welche Qualen es verursacht, wenn man einmal nicht mit Lachen aufhören kann. Das Zwerchfell wird erschüttert, immer heftiger, und es ist doch nicht etwa nur dazu da, das Innere des Menschenleibes in eine obere und untere Abteilung zu scheiden.

Senkt sich das Zwerchfell, so fangen die Lungen Luft ein, werden dazu durch eben diese Bewegung gezwungen.

Hebt es sich wieder, so drückt es diese eingesaugte Luft wieder hinaus.

Auch das klingt sehr einfach, ist aber so bedeutsam, dass es eben das Leben des Menschen genau so bedingt, wie etwa die Wetterführung den Aufenthalt in einem tiefen Bergwerk ermöglicht.

Das Zwerchfell ist am besten mit einem Blasebalg zu vergleichen, der das Lebensfeuer schürt, denn indem es die Lungen zum Atmen zwingt, saugt es gleichzeitig aus der Tiefe des Leibes das verbrauchte Blut empor, presst es in die Atemgänge und zwingt es, sich dort mit frischem Sauerstoff zu versehen. Diese Bewegung erfolgt ganz regelmäßig, ohne unser Zutun, wie wir ja überhaupt keine Gewalt über diese inneren Muskeln haben, nur über die der Gliedmaßen und des Gesichts. Es ist, als arbeite in unserem Leibe ein anderes Wesen ganz selbstständig. Man mag da an das Goethe'sche Wort von den beiden Seelen denken, die in uns wohnen.

Nun kann dieses Zwerchfell durch ein heftiges Lachen erschüttert werden, man muss sich den Leib halten, denn dieses »zwerchfellerschütternde« Lachen ist eben kein Spaß mehr. Man ist froh, wenn man aufhören kann, wenn sich das Zwerchfell endlich wieder beruhigt.

Durch seine heftigen Bewegungen geht uns der Atem aus, wir »können nicht mehr vor Lachen«, wie das Volk richtig sagt!

Und nun stelle man sich einmal vor, dass dieses Zwerchfell überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommt!

Das ist eben der Tod! Ein entsetzlicher, qualvoller Tod! Umso fürchterlicher, weil er unter lautem Lachen erfolgt, das freilich zuletzt in ein röchelndes Krächzen übergehen muss.

Und diese beiden Forscher, die wehrlos und hilflos auf der Steinbank lagen, wussten genau, was ihnen bevorstand, gaben sich da gar keinen Illusionen, Selbsttäuschungen hin.

Es ward ernst, sehr ernst!

Auf Loke Klingsors Beistand hatten sie trotzig verzichtet, hatten auf eigenen Füßen stehen wollen.

Und nun?

Nein, sie bereuten trotz alledem noch nichts!

Selbst ist der Mann!

Und nur eine schwache Hoffnung war in ihnen.

Die beiden Unsichtbaren waren da.

Aber würden sie ihnen helfen können?

Weder Dr. Frank noch Professor Becker zweifelten einen Augenblick daran, aber sie waren auch ehrlich genug, sich einzugestehen, dass diese Hilfe bald kommen musste — sonst trugen sie Schäden davon, die sich nicht wieder heilen ließen, blieben vielleicht zeitlebens siech!

Doch noch sollte ihnen eine Galgenfrist gewährt werden.

Die Maladetta allerdings gab sich nicht erst nochmals Mühe, sie im Guten zu einem Geständnis zu zwingen.

Warum sie noch wartete, die beiden Zebus auf die Unglücklichen loszulassen, wussten diese nicht.

Und dieses Warten war vielleicht noch qualvoller als die Folter selbst!

Nein, es wurde gelindert durch einen Trostspruch, der den beiden ins Ohr geraunt wurde — in dem Augenblicke, als die Maladetta wieder zu dem steinernen Ochsen getreten war.

»Sorgen Sie sich nicht!«, raunten die Stimmen kaum vernehmbar. »Wir lassen es nicht zum Äußersten kommen!«

Die beiden konnten den Kopf bewegen, durch ein leichtes Nicken zu erkennen geben, dass sie verstanden hatten.

Sonst aber verrieten sie sich nicht.

Aber es kam noch ein anderer Aufschub.

Plötzlich ertönte ein heller Ton, wie wenn mit einem metallenen Klöppel auf einen großen Gong geschlagen worden sei.

Die Maladetta, die eben von dem Standbilde zu den beiden Steinbänken zurückkehren wollte, blieb stehen. Ihr Gesicht verfinsterte sich, die Brauen zogen sich fast drohend zusammen.

Aber sie blieb stehen.

Der Ton erscholl noch zweimal kurz nacheinander, und dann erhob sich von selbst die Steinplatte, durch welche die beiden Zebus herausgekommen waren.

Diesmal tauchte ein Mann in der Öffnung auf.

Und den kannte Dr. Frank.

Er hatte ihn unten bei der furchtbaren Kalutotta gesehen, es war einer der Inder, jetzt allerdings anders gekleidet als damals, in priesterlichem Gewand. Das war besonders an der breiten Binde zu erkennen, die um seine Stirn lief.

Und auch die feierliche Art, wie er aus der Tiefe emportauchte, ließ darauf schließen, dass er kraft seines priesterlichen Amtes hier erschien.

Die Maladetta allerdings bezeigte ihm keine priesterlichen Ehren, schritt ihm vielmehr hastig entgegen, und obgleich die Gefangenen ihr Gesicht nicht sehen konnten, da sie ihnen den Rücken zukehrte, so hörten sie doch aus dem Klange der Worte, die sie nun hervorstieß, dass sie sehr, sehr aufgebracht war.

»Was willst Du hier, Manu?«, herrschte sie den Mann an. »Wer hat Dich gerufen?«

Der Inder, der im besten Mannesalter stand, antwortete nicht, auch sein Gesicht änderte nicht den Ausdruck vollkommener Ruhe, den es aufwies, er stieg langsam ganz aus der Höhlung herauf, wartete dann, bis die Platte sich wieder gesenkt hatte, und wendete sich dann erst der Gräfin zu.

»Und was tust Du hier?«, fragte er. »Vielmehr, was willst Du tun?«

»Hast Du keine Augen im Kopfe, Manu?«, lautete die höhnische Erwiderung.

»Ich habe Augen und sehe, aber ehe sie sahen, hörten meine Ohren.«

»Die Lalakawanas haben mich verraten?«, stieß die Maladetta da hervor, und jetzt zischte sie, fast gleich einer gereizten Schlange.

Die beiden Gefangenen aber lauschten nicht schlecht.

»Lalakawanas« hatte sie gesagt und damit jene Albinos gemeint.

Lalakawana aber hieß die Insel selbst, und auf ihr sollten Reste der Lemuren wohnen, jener sagenhaften Geschöpfe, die auf einem ebenso sagenhaften, längst im Weltmeere versunkenen Erdteil gewohnt haben sollten, dessen Lage heute nur noch gemutmaßt werden kann.

Ach, was ist da schon alles über dieses Lemurenreich gefabelt worden!

Ganze Bände könnte man damit füllen, und wirklich sind auch dicke Bücher darüber geschrieben worden. Es hat keinen Zweck, darauf einzugehen. Die beiden deutschen Forscher hatten sich's ja in den Kopf gesetzt, festzustellen, ob wirklich noch Reste dieses Volkes existierten, Reste ihrer alten Kultur —

Und nun wurde ihnen eine Spur gewiesen!

Da vergaßen sie alles andere, lauschten nur auf die Reden, die immer schneller und immer erregter zwischen dem Priester und der Maladetta gewechselt wurden, und sie waren froh, dass die beiden sich nicht der unbekannten Sprache bedienten, in welcher die Maladetta zu den Albinos gesprochen hatte, sondern des Hindustani, das sie genau verstanden.

»Sie taten ihre Pflicht«, erwiderte der Priester mit großem Nachdruck.

»Ihre Pflicht? So? Du billigst also, dass sie Verrat üben?«

»Es ist kein Verrat.«

»Ich nenne es so!«

»Meinetwegen kannst Du das tun. Es kommt nicht auf das Wort an. Ich bin jedenfalls hier, und ich frage Dich nochmals: Was willst Du tun?«

»Ich aber gebe Dir die gleiche Antwort wie vorhin: Hast Du keine Augen im Kopfe?«

»Du willst diese beiden Feringhis martern?«

»Das sieht ein Blinder!«, klang es hämisch zurück.

»Du darfst es nicht!«

»So? Ich darf nicht? Willst Du es mir vielleicht verbieten oder mich gar daran hindern?«

»Ja, das will ich, und das werde ich.«

»Versuch's!«

Der Inder reckte sich hoch auf. Die beiden konnten von ihren Steinbänken aus gar wohl sehen, dass seine Augen drohend flammten, aber er beherrschte sich gleich wieder.

»Und Du willst unsere Mahadeva sein?«, fragte er nunmehr vorwurfsvoll, aber nicht mehr drohend.

»Ach was! Geh mir doch mit dieser Mahadeva!«, erwiderte die Maladetta wegwerfend. »Wir beiden wollen uns ja keine Komödie vorspielen. Das alles ist doch nur für die Dummen, die wir als Werkzeuge brauchen.«

»Weib, Du frevelst!«, erklang es da wieder, diesmal aber furchtbar drohend.

»Quatsch!«, erwiderte die Maladetta da erst recht wegwerfend.

Der Priester schaute sie denn auch gleich an, als traue er seinen eigenen Ohren nicht.

»Was hast Du da gesagt?«, fragte er, als müsse er sich erst noch überzeugen.

»Nun lass mal gefälligst diesen Ton, Manu!«, rief da die Maladetta. »Er hat absolut keinen Zweck bei mir. Zum Fürchten machst Du mich nicht, das weißt Du. Warum also drohst Du mir?«

»Weil Du einen furchtbaren Frevel begehen willst, Weib! Die Gefangenen gehören nicht Dir, sondern der Amara.«

»Und?«, fragte die Maladetta, immer spöttischer werdend.

»Sie müssen in feierlichem Gottesdienste geopfert werden!«

»So? Müssen sie? Na, dann sieh doch, ob Du sie mir entreißen kannst!«

Und während der Priester entsetzt und wie beschwörend beide Hände hob, fuhr das dämonische Weib fort, sich aber nun ebenfalls hoch aufrichtend:

»Diese beiden sind mein, denn ich habe sie gefangen. Sie haben meinem Geheimnis nachgeforscht. Deshalb habe ich allein mit ihnen abzurechnen. Und das werde ich tun, so wahr, wie ich hier vor Dir stehe! Sie sterben, nachdem sie gestanden haben — sie sterben auch, wenn sie schweigen — und da lasse ich mir von niemandem Befehle geben, weder von Dir noch von der Amara.

Hahaha, wer ist denn die überhaupt?

Hast Du sie vielleicht je gesehen? Habt Ihr nicht allemal, wenn sie sich den Gläubigen persönlich zeigen sollte, mich gebraucht?

Ich bin die Amara, eine andere gibt es nicht!

Da brauchst Du mich gar nicht so entsetzt anzuschauen.

Das Ganze ist, wie ich schon sagte, ein ausgelassener Schwindel, für die ersonnen, die arm am Geiste sind — ein ebensolcher Schwindel wie mit diesem Loke Klingsor, den wir fangen wollen — wer weiß wie lange schon!

Geh mir doch mit diesem Unsinn!

Und nun verschwinde wieder, edler Manu, Gefährte meiner Betrügereien. Versinke in der Unterwelt, aus der Du emporgestiegen bist —«

Jäh verstummte die Maladetta.

Ihre Augen öffneten sich weit, ihr Gesicht drückte ungläubiges Entsetzen aus, sie streckte beide Arme vor, nach einer bestimmten Stelle starrend —

Der indische Priester sah es, wusste sich dieses jähe Erschrecken nicht zu deuten, wendete sich um — und prallte zurück, sodass er beinahe von der Plattform gestürzt wäre, auf welcher er immer noch stand.

Auch die beiden Gefangenen erschraken fast ob der Erscheinung, die ganz plötzlich an der einen Querwand der Halle aufgetaucht war.

Es war wie ein Bild, das mit einem Projektionsapparat erzeugt wird — der einfachste ist ja die Laterna magica (Zauberlaterne) — es war ein farbiges Bild, stellte einen auf einem Stuhle sitzenden Mann vor, auf dessen linker Schulter eine ungeheure schwarze Katze saß — so recht behaglich, die Augen geschlossen — man meinte fast, sie schnurren zu hören —

Das Bild braucht nicht weiter beschrieben zu werden. Loke Klingsor war es —

Die Maladetta kannte es ebenfalls, aber nur vom Hörensagen. Weil Lord Clifford dieses Bild gesehen haben wollte, hatte sie ihn an sich gelockt — hatte darüber gespottet, dass er sich hätte narren lassen, hatte das noch eben getan —

Und da stand das Bild vor ihr an der Wand —

Ob der Inder schon von diesem Bilde gehört hatte, war zweifelhaft. Jedenfalls wusste er aber sogleich, wen es vorstellte.

»Loke Klingsor!«, stammelte er, alle Selbstbeherrschung verlierend.

Und noch hatte er kaum diesen Namen ausgesprochen, da geschah das neue, unerhörte Wunder, dass das Bild lebendig wurde.

Der schwarze Kater erhob sich, reckte sich mit krummem Buckel, gähnte auch — und da strich sein Herr ihm mit einer Hand über das Fell, so nach oben greifend — lange Funken sprühten daraus.


Illustration

»Gräfin Koschinsky, strecken Sie
Ihre Rechte vor!«, sagte Loke Klingsor.


Ein Lachen erklang, und diese Stimme kannten die beiden Gefangenen — sie staunten immer mehr —

Da aber lachte die Maladetta schallend auf.

Sie konnte sich gar nicht wieder beruhigen, musste eine Hand auf den Leib pressen, ehe sie rufen konnte:

»Ausgezeichnet, meine Herren! Ganz ausgezeichnet! Sie haben treffliche Helfer, die ich bewundern muss, da sie Ihnen also doch gefolgt sind. Dschigal wartet vergebens auf Sie an der Tempelpforte —

Aber, bitte, geben Sie sich nicht unnütz Mühe! Ich falle auch auf diesen Trick nicht herein, werde mich nicht einmal anstrengen, zu erforschen, wie Sie die Projektion fertig bringen —«

Und da verstummte sie.

Ihr braunes Gesicht wurde fahl.

Die beiden konnten das diesmal beobachten, weil sie sich ihnen zugewendet hatte. Sie wich zurück —

Loke Klingsor stieg aus dem Bilde heraus, langsam, als käme er eine unsichtbare Treppe herab.

Immer mehr näherte er sich den beiden, und da er von der Stufenseite her kam, so konnten die beiden nicht anders vor ihm weichen, als dass sie unter dem Leibe des steinernen Zebus durchschritten —

Sie wollten es, konnten es aber nicht.

Es war, als prallten sie gegen eine unsichtbare Wand an, die sich plötzlich hinter ihnen erhoben hatte —

Und nun stand Loke Klingsor so dicht vor ihnen, dass er sie hätte packen können.

Er hob auch die rechte Hand, als wollte er es tun.

Dann aber klang seine Stimme, die vorher nur im Lachen vernehmbar geworden war, durch die Totenstille und sagte:

»Gräfin Koschinsky, strecken Sie Ihre rechte Hand vor und erfassen Sie die meine! Sie sollen nicht länger von Schwindel und Phantomen reden dürfen!«

Und das Merkwürdige geschah. Die Maladetta gehorchte, hob ihre Hand und erfasste mit dieser die ausgestreckte Loke Klingsors.

»Berühren Sie ein Phantom, das ja überhaupt nicht zu greifen ist, oder eine Menschenhand? Antwort!«

»Eine Menschenhand!«, gab die Gräfin zu.

»So merken Sie, dass diese Hand Sie noch vernichten wird! Jetzt noch nicht! Ich lasse Ihnen Zeit, nicht, weil ich hoffe, Sie würden umkehren von dem gefährlichen Wege, den Sie beschritten haben — Sie können es nicht mehr — aber bald, sehr bald wird die Strafe Sie ereilen —«

Dann wendete er sich an Manu, den Priester, der alle Selbstbeherrschung vergessen hatte, wenngleich er nicht gerade vor Angst zitterte.

»Dich warne ich, Manu!«, sagte Loke Klingsor. »Du bist nur verblendet, aber Du glaubst wenigstens. Auch Du wirst mich kennen lernen! Vorläufig nimm das als Zeichen, dass Du nicht geträumt hast!«

In demselben Augenblick kam es wie ein Feuerstrahl aus dem Munde des geheimnisvollen Mannes.

Der Priester versuchte gar nicht erst auszuweichen, was er vielleicht gekonnt hätte — er stand starr und hochgereckt da —

So traf der Feuerstrahl ihn mitten ins Gesicht.

Mit einem Schmerzensschrei brach er zusammen, die Augen mit beiden Händen bedeckend. Und in dem gleichen Moment war die Erscheinung wieder verschwunden.

Trotzdem blieb auch die Maladetta noch stehen, wie sie gestanden hatte. Von ihrem Gesicht wich der Ausdruck ungläubigen Staunens nicht; sie starrte noch sekundenlang nach der Steinwand, an welcher das Bild zuerst aufgetaucht war.

Dann hob sie die rechte Hand, die sie wieder hatte sinken lassen, betrachtete sie, als müsse ein Zeichen an ihr zurückgeblieben sein —

Sie hatte Mühe, zur Wirklichkeit zurückzukehren.

Das geschah auf andere Weise, als sie vermutet haben mochte.

Noch hatte sie keinen Blick für Manu gehabt, jetzt aber stöhnte dieser in wilder Verzweiflung auf:

»Ich sehe nichts mehr — — ich bin blind — — der Feuerstrahl aus Lokes Munde hat mich geblendet!«

»Was sagst Du da?«, fuhr die Maladetta ihn fast wütend an.

»Ich bin blind, ganz blind! Nacht ist vor meinen Augen — Loke Klingsor hat mich geblendet!«, wiederholte der Inder, und an der Art, wie er sich aufzurichten versuchte, dabei nach einem Halte tastend, sah man, dass er wirklich blind war.

Zwischen Blindsein und Geblendetsein ist ja allerdings ein großer Unterschied. Geblendet gewesen ist wohl jeder schon einmal — durch einen grellen Lichtstrahl oder indem er in eine Lichtquelle schaute, in die Sonne, in Flammen — man sieht da nichts mehr, alles ist rot — aber das gibt sich wieder, wenigstens, wenn die Blendung nicht zu lange dauerte.

Blindsein dagegen heißt dauernd nichts sehen können. Da sind die Augen vernichtet, der Sehnerv ist getötet oder die Pupille unbrauchbar —

Manu hatte beides behauptet, und er hatte ja auch recht. Der Feuerstrahl, der ihn aus Loke Klingsors Munde getroffen hatte, hatte ihn zunächst geblendet, und dann erst war er erblindet.

Er sah wirklich nichts mehr.

Die Maladetta probte es gleich, indem sie ihm eine Hand hinreckte.

»Greife zu!«, sagte sie. »Ich will Dir helfen!«

Er aber sah die Hand nicht!

Da half sie ihm empor.

An allen Gliedern zitternd stand der Mann da, durchaus kein Bild priesterlicher Würde mehr, aber er jammerte auch nicht, dazu war er viel zu sehr Inder.

Und die beiden deutschen Gelehrten beobachteten fast mit Grauen, was weiter geschah.

Die Maladetta beugte sich vor, schaute in Manus Gesicht.

»Du siehst mich nicht, Manu?«, fragte sie dann nochmals.

»Nein. Nicht Dich, noch sonst etwas.«

Da lachte die Maladetta auf, ein furchtbares Hohnlachen.

»Ach, dieser aufgeblasene Narr!«, stieß sie hervor. »Was für Mühe er sich gibt, mich doch noch zu verblüffen. Und dabei erweist er mir nur einen Dienst, ganz wider seinen Willen!«

Wie sie das meinte, zeigte sich sofort.

Sie klatschte zum dritten Male in die Hände, wieder wie vorher, und der Erfolg war, dass die vier Albinos wieder erschienen.

Sie hätten nun ein böses Gewissen haben müssen, weil sie doch Verrat geübt hatten, aber sie waren nicht anders als vorher, aber noch selbstbewusster, und das änderte sich auch nicht, als die Maladetta jetzt höhnisch sagte:

»Ihr habt Manu gemeldet, dass ich die Gefangenen martern will?«

»Das taten wir, weil es unsere Pflicht war«, antwortete der eine der Lalakawanas, wie sie genannt worden waren.

»Gut! Es war Eure Pflicht!«, gab sie zu. »Und Manu tat, was er für seine Pflicht hielt. Er kam hierher, ohne meine Erlaubnis, um mir die beiden zu entreißen.

Nun seht, wie ich ihn dafür gestraft habe! Er ist blind!«

»Dieses Weib!«, dachten die beiden Gefangenen. Die Lalakawanas aber stutzten, sie sahen auf Manu, und da brauchte man kein langes Prüfen — der Priester war blind, tatsächlich!

Scheu irrten die Blicke der Albinos auf die Maladetta.

Da aber sagte Manu:

»Sie lügt! Nicht sie blendete mich, sondern ein anderer, ein Gewaltiger tat es —«

»Hört Ihr ihn?«, fragte da die Maladetta, gänzlich unbeirrt — und sie hatte ja voraussehen müssen, dass Manu diese Aufklärung geben würde, aber sie war bereits dagegen gewappnet.

»Er behauptet, ein anderer habe ihn geblendet. Er wird diesen auch schildern — aber vergesst nicht, dass sein Verstand verwirrt ist. Amara hat ihn furchtbar gestraft, und sie wird auch Euch strafen, wenn Ihr mir nicht bedingungslos gehorcht, nur im Geringsten an meinen Worten zweifelt!

Jetzt nehmt ihn mit! Ich will allein sein! Und wehe dem, der mich wieder zu stören wagt!«

Die Lalakawanas wagten keinen Widerspruch mehr, selbst Manu blieb stumm. Vielleicht sann er darüber nach, wie er das Ränkespiel der Maladetta durchkreuzen könnte.

Schweigend ließ er sich durch die vier Albinos hinausgeleiten.

Kaum aber war er fort, da wendete sich die Maladetta den beiden Gefangenen zu.

Ihre Augen funkelten. Ihre Brust wogte. Dieses Weib befand sich in höchster Erregung.

Das ging so weit, dass sie gar nicht gleich zu sprechen vermochte, sondern erst warten musste, bis sie wieder wenigstens etwas ruhig geworden war. Aber auch da sagte sie nicht viel, nur drei Worte:

»Jetzt sterbt Ihr!«

Und dann gab sie mit der Zunge einen eigenartigen Schnalzlaut von sich.

Die Zebus, die höchst ungeduldig gewartet hatten, liefen vor, sie reckten die langen, rauen Zungen heraus, und nun begannen sie zu lecken —

Laut lachten die beiden Unglücklichen auf.

Nur einmal —

Dann erscholl ein gellender Schrei aus einer Frauenkehle.

Die Zebus wichen zurück, als hätten sie Schläge erhalten.

Die Maladetta aber brach rückwärts zusammen, und es war schade, dass Dr. Frank und Professor Becker nichts weiter von dem sehen konnten, was sich da abspielte, und wie es geschah.

Das sah nämlich ganz und gar merkwürdig aus.

Man muss sich nur einmal vorstellen, dass ein Mensch plötzlich durch unsichtbare Hände am Halse gepackt und niedergerissen wird, dass ebensolche unsichtbare Hände die seinen binden, ihm auch die Füße zusammenschnüren.

Heute kann man sich ja einen Begriff davon machen. Man sieht Ähnliches bei den Trickfilmen des Kinos. Was früher als Zauberei hätte erscheinen müssen, ist heute ein bloßer technischer Kniff geworden.

Hier war natürlich an keinen Filmtrick zu denken.

Die Freunde wussten, wessen Hände da tätig waren — oder vielmehr — sie wussten es nicht, hatten noch nicht die geringste Ahnung, wer diese beiden unsichtbaren Helfer seien.

Die Maladetta aber war vor Entsetzen derart gelähmt, dass sie an gar keinen Widerstand dachte, sich binden ließ und gefesselt auf dem Boden lag, ehe sie richtig zur Besinnung kam.

Was war das gewesen?

Sie hatte plötzlich gespürt, dass zwei überaus kräftige Hände sie am Halse packten, diesen zusammendrückend und sie rückwärts niederreißend.

Sie wusste, dass es die Hände eines starken Mannes sein mussten, spürte auch, dass ihr Leib gegen den seinen gedrückt wurde, und spürte noch mehr.

Auch sie hatte beobachten gelernt, schon von Jugend auf, wie alle Naturmenschen, hatte diese Fähigkeit später notgedrungen ausbilden müssen, eben, um über andere herrschen zu können.

Und nun spürte sie, dass der unsichtbare Mann, der sie an sich drückte, ein weites, indisches Gewand trug.

Sie wunderte sich noch darüber, dass sie das merken konnte, vermochte sich dieses Rätsel nicht zu erklären —

Dann aber, als sie schon auf dem Steinboden lag, gaben diese starken Hände ihren Hals frei, packten dafür ihre Oberarme, und gleichzeitig wurden ihre Beine zwischen starke Schenkel gepresst.

Wäre sie nicht von dem jähen Schrecken körperlich wie gelähmt gewesen, so hätte sie sich doch gegen diese überlegene Kraft nicht wehren können. Das bekannte sie sich selbst — ihr Geist war eben nicht gelähmt, er arbeitete wie sonst, die wachen Sinne meldeten, was sie zu melden hatten, das Gehirn reagierte darauf —

Und sie wartete auf etwas, was nach ihrer Meinung kommen musste.

Dass sie von einem Manne besiegt worden war, wusste sie. Es ist doch aber auf alle Fälle etwas ganz Besonderes darum, wenn ein kräftiger Mann in solcher Weise über einem schönen Weibe kniet, das die Maladetta doch unbestritten war, und noch mehr, wenn dieses nur recht unzureichend bekleidet ist.

Auf ein schönes Weib nimmt ein richtiger Mann immer Rücksicht, auf das Weib überhaupt. Das ist eine alte Erfahrung, und wenn ein hübsches junges Mädchen einen kränkt, dann wird das lange nicht so hart geahndet, wie wenn ein junger Mann das täte. Das liegt eben in der Natur des Mannes.

Nun, die Gräfin hatte sich geirrt.

Dieser Unsichtbare behandelte sie genau so, wie er jeden anderen Gegner behandelt haben würde. Die Griffe, mit denen er ihre vollen, weichen Oberarme umklammerte, erzeugten doch, wie sie selber sah, dort jetzt rote Druckstellen, die blaue Flecke hinterlassen würden.

Und noch viel rücksichtsloser waren die Schenkel, die ihre Beine aneinander pressten, dass gar kein Gedanke daran war, sie zu brauchen.

Welch ein riesenstarker Mann das sein musste.

Und die Maladetta merkte noch mehr! Sie vermochte sogar zu beurteilen, dass dieser Mann auch groß gewachsen sein musste!

Dann aber wurden ihre Gedanken abgelenkt.

Andere Hände berührten sie, und das waren weiche Frauenhände!

Es stimmte also, was sie in der Tempelhalle angenommen hatte: Die beiden unbekannten Eindringlinge, deren lederne Sportkleidung gefunden worden war, waren ein Mann und ein Weib.

Und dieses Weib hatte schon eine gewisse Übung im Fesseln anderer. Es ging gar hurtig, wie die Riemen um die Handgelenke der Maladetta geschlungen wurden, aber dabei wurde auch die unbedingt nötige Sorgfalt nicht außer acht gelassen. Die Knoten wurden sehr fest geschürzt — und ganz rücksichtslos!

Die Maladetta spürte bereits, dass nach kurzer Zeit schon infolge dieser Fesselung ihr das Blut in den Adern stocken musste, aber sie war nicht darüber empört, knirschte nicht etwa die Zähne wütend aufeinander.

In ihr war nur Neugier, wie dieser Überfall enden würde und wer diese Unsichtbaren waren.

Auch ihre Füße waren zusammengeschnürt, und hatten vorher die starken Hände schon ihre Arme freigegeben, so taten die Schenkel das nunmehr mit ihren Beinen.

Sie war unschädlich gemacht.

Man ließ sie liegen.

Was nun?

Nun würden die beiden Gefangenen befreit werden.

Die Maladetta schaute hinüber, sie konnte ja den Kopf heben.

Auch jetzt sah sie noch niemand außer den beiden deutschen Gelehrten, aber sie hörte eine wohllautende Männerstimme, die auf Englisch sprach:

»Nur noch kurze Zeit Geduld, meine Herren! Ich muss mich erst überzeugen, wie diese Krampen geschlossen sind. Schlösser sind nicht daran, es ist ein besonderer Mechanismus.«

»Bitte, lassen Sie sich Zeit!«, erwiderte darauf Professor Becker. »Wir haben durchaus keine Eile.«

»Du irrst, Kurt«, wendete da Dr. Frank ein. »Wir müssen den Lord noch in Sicherheit bringen, er ist in der großen Halle zurückgeblieben —«

»Und diese brennt sicher schon!«, erklang da eine Stimme, die entschieden einem jungen Weibe angehörte.

»Daran habe ich nicht mehr gedacht«, erwiderte die des Mannes, und nach kurzem Schweigen fuhr sie fort:

»Vielleicht ist es da am besten, wir retten erst einmal den Lord. Was meinen Sie, meine Herren?«

Das war freilich eine schwere Entscheidung, welche die beiden Freunde da treffen sollten.

Willigten sie ein, dass erst Lord Hektor in Sicherheit gebracht wurde, dann mussten sie doch bis zur Rückkehr ihrer Helfer gefesselt liegen bleiben. Währenddessen konnte die Maladetta ihnen zwar persönlich nichts zuleide tun, aber sie konnte die Ochsen wieder antreiben, dass sie die Fußsohlen der beiden leckten — sie konnte die Albinos herbeirufen, und diese konnten sie befreien —

»Wenn Sie die beiden Zebus entfernen können, dann allerdings werden wir gern warten, bis Sie mit dem Lord hierher zurückkehren!«, sagte Professor Becker.

»Ist es denn nötig, dass wir beide gehen?«, fragte da die Frauenstimme. »Ich will hier warten, O'Donnell. Holen Sie den Lord. Inzwischen werde ich die beiden Herren zu befreien suchen.«

»Sie haben recht, Miss Olinda«, klang es zurück. »Ich werde mich beeilen, so sehr ich es vermag.«

»Dann gehen Sie, Fred! Und seien Sie vorsichtig!«

»Ich werde es sein.«

Die drei, die dieses Gespräch hörten, staunten gleichermaßen.

O'Donnell, Miss Olinda — das waren Namen, die in der ganzen zivilisierten Welt bekannt waren. Wer nur eine Zeitung las, der hatte sie schon darin gefunden.

O'Donnell, der berühmte Detektiv und Weltreisende!

Miss Olinda, die nicht minder berühmte Sängerin, die zuletzt in New York aufgetreten, von dort auf einmal spurlos verschwunden war, einen Kontraktbruch begangen, aber die dafür ausgesetzte Strafe bezahlt hatte!

Diese beiden hatten sich vereinigt, waren hier!

Zu welchem Zwecke?

Die beiden Gelehrten zerbrachen sich den Kopf vorläufig nicht deswegen, wie sie ja auch keine neugierige Frage an ihre Helfer gestellt hatten, obwohl das nur natürlich und entschuldbar gewesen wäre.

Die Maladetta aber marterte sich ab, um zu ergründen, welches Rätsel hier vorlag, was die beiden zu ihr geführt haben könnte.

Lalakawana war derart geschützt, dass kein Weib wagen durfte, den Meeresarm zu überqueren, der die Insel vom Festlande trennte, auch nicht, wenn ein Mann wie dieser O'Donnell es begleitete und schützte.

»Sie sind von einer anderen Seite gekommen«, sagte sich die Maladetta.

Und das konnte also nur auf unterirdischem Wege geschehen sein.

Es nützte nichts, dass sie darüber nachsann, sie fand keine Lösung des Rätsels, und dabei beobachtete sie schon, wie der Detektiv die Türe nach dem Gange ohne die geringste Mühe aufbrachte, wie er sie offenstehen ließ —

Sie lauschte jedoch vergebens auf seine Schritte

Waren diese unhörbar wie er selber unsichtbar?

Und dann musste sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Gefangenen zuwenden.

Die Olinda bemühte sich, den Verschluss der Krampen zu lösen.

Die Maladetta lächelte höhnisch.

Da würde sie sich vergeblich mühen. Nicht einmal sie selbst kannte das Geheimnis dieses Verschlusses. Nur die Albinos waren damit vertraut, waren die einzigen, die diese Krampen schließen und auch wieder öffnen konnten.

Sie lächelte noch höhnischer als zuvor, als die Olinda das bekennen musste.

»Ich finde mich nicht zurecht«, sagte sie. »Sie müssen sich schon gedulden, bis Mr. O'Donnell zurückkommt.«

»Gerne, Miss Olinda«, erwiderte Dr. Frank höflich. »Sorgen Sie sich überhaupt nicht um uns.«

»Doch! Ich weiß nicht, mir ahnt Unheil«, gestand die Sängerin halblaut. »Wenn doch mein Freund bald zurückkäme!«

»Haben Sie keine Waffe?«

»Nein.«

»Dann nehmen Sie mir den Revolver aus der Tasche!«, bat der Professor.

Ohne Scheu tat die Olinda, wie ihr geheißen worden war, fand auch die Waffe, nicht jene, die versagt hatte, sondern eine zweite, und kaum hatte sie sie in der Hand, da war sie auch schon unsichtbar geworden.

Die beiden hörten nur, wie der Verschluss im Griffe geöffnet, der Rahmen herausgezogen und wieder eingeschoben wurde, wie die zu oberst liegende Patrone auf den Steinboden fiel.

»So! Nun bin ich auch gegen einen unvermuteten Angriff gerüstet«, hörten sie dann die Olinda sagen. »Ich setze mich auf die Steinbank neben Ihnen, Herr Professor.«

»Recht so, Miss Olinda.«

»Sie sind gar nicht neugierig, meine Herren?«, fragte diese da.

»Nein, Miss Olinda. Wir können uns wenigstens beherrschen, und wir sind doch auch nicht allein«, entgegnete diesmal der Doktor.

»Sie haben recht, und außerdem — ich könnte Ihnen gar keinen Aufschluss geben. Weder O'Donnell noch ich wissen, wie es zugeht, dass wir unsichtbar sind, wir können uns nur denken, dass wir das den —«

Sie verstummte, denn sie wusste, dass sie den Namen ihrer Helfer nicht aussprechen durfte.

»Sie werden ja schließlich noch alles erfahren«, beendete sie ihre Rede, »und jetzt werde ich, um mich selbst zu beruhigen, etwas singen, leise nur, damit man es draußen nicht hört —«

Und sie hob an, sang ein Liedchen, das den beiden Gelehrten wie ein Heimatgruß erschien, ein altes, trautes Lied, das sie selbst gesungen hatten, natürlich nicht mit diesem Wohllaut der Stimme.

»Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar —«

Und während sie ergriffen lauschten, erinnerten sie sich daran, dass diese berühmte Sängerin ja selbst eine Deutsche war, besannen sich sogar auf den Namen Anni Kutschbach — —

Und die Olinda sang, alles um sich her vergessend, bis sie sich auf einmal unterbrach.

Aus weiter Ferne war ein Ton an ihre Ohren gedrungen — wie das heftige Zuschlagen einer Tür —

Sie sprang auf.

»O'Donnell kommt zurück!«, rief sie und eilte zu der offenstehenden Tür.

Ob sie allein die näherkommenden Schritte hörte, war nicht zu sagen. Jedenfalls dauerte es noch ziemlich lange, bis ein keuchendes Atmen erklang.

Der Detektiv kam zurück.

Und ehe die beiden Gefangenen noch sehen konnten, vernahmen sie schon die Frage der Sängerin:

»Du bringst den Lord nicht mit?«

»Nein, Miss Olinda, es war mir nicht möglich — ich konnte nicht durch das Feuermeer dringen, das die ganze Tempelhalle erfüllte —«

»O, Himmel, dann ist der junge Mann verloren?«

»Ich glaube es nicht, denn er lag nicht mehr an der Stelle, wo er zurückgelassen worden war.«

»So hat Dschigal ihn fortgebracht!«, stieß die Olinda bedauernd hervor.

»Das nehme ich auch an«, gab der Detektiv zu, der nun wieder in den Raum getreten war, wie sich am Klange seiner Stimme beurteilen ließ.

»Und ich habe die Krampen nicht lösen können«, rief die Sängerin. »Rasch, Mr. O'Donnell, versuchen Sie Ihre Kunst! Wir müssen die Herren befreien, dass sie uns suchen helfen — ach, ich bedauere den armen Lord so!«

O'Donnell erwiderte nichts. Es war nur zu hören, wie er sich zu beruhigen versuchte, und er musste eine große Gewalt über seinen Körper haben, denn als er neben die Steinbank trat, auf welcher Dr. Frank gefesselt lag, konnte dieser hören, dass der Atem des Detektivs wieder gleichmäßig ging, und dann spürte er, wie Hände an den Krampen tasteten —

»Ach was!«, sagte nach kurzer Zeit O'Donnell. »Hier ist keine Zeit, lange zu proben! Ich reiße die Krampen heraus —«

Und er tat, wie er gesagt hatte.

Dr. Frank merkte, wie das Eisenband, das über seine Brust lief, sich spannte, hörte das Rucken an den Krampen —

Doch sie lösten sich nicht!

Die Albinos hatten saubere Arbeit geleistet, mit Gewalt ließ sich hier nichts machen.

»Wir müssen die Albinos herzulocken versuchen!«, sagte O'Donnell. »Sie müssen uns das Geheimnis verraten!«

»Es wäre zwecklos, da diese Menschen Sie schwerlich verstehen«, wendete Professor Becker ein.

Ja, das musste der Detektiv zugeben; er selber hatte ja gehört, dass die Maladetta in einer unbekannten Sprache zu ihnen redete, und sie etwa zwingen wollen — es war ganz und gar vergebens, einen solchen Versuch zu wagen.

Ratlos stand O'Donnell da, er beugte sich wohl nochmals über die Krampen, fingerte daran herum —

Und plötzlich sprang die eine auf.

Durch Zufall war die Feder oder was sonst in Frage kam, berührt worden, war in Tätigkeit getreten —

Nun war es nicht mehr schwer, den Mechanismus zu erforschen.

»Ich hab's!«, rief O'Donnell. »Jetzt werden Sie bald frei sein, meine Herren!«

Er machte sich an die nächste Krampe, da aber stieß die Olinda einen halblauten Schrei aus.

»Mr. O'Donnell, hören Sie nichts?«, rief sie dann.

Ja, er hörte es, und mit ihm zugleich hörten es die beiden Gelehrten.

Schritte kamen den Gang herauf, und, wie man am Gange den Charakter eines Menschen ohne Weiteres beurteilen kann, so doch vor allem seine Stimmung, wenn er schnell geht oder wenn er langsam dahinschleicht.

Hier aber war sofort zu hören, dass die Daherkommenden in größter Erregung waren. Da war gar nicht nötig, dass sie auch entsprechende Rufe miteinander wechselten.

Ebenso wenig war ein Zweifel möglich, wer die Herstürmenden waren.

Nur Dschigal mit seinen Begleitern konnte es sein.

Der erste Gedanke O'Donnells war, die Pforte zu schließen, die in die Halle führte.

Er verwarf ihn sofort wieder.

Dschigal kannte sicher das Geheimnis des Verschlusses. Er würde die Tür bald offen haben, und verrammeln konnte man sie nicht. Die Steinbänke standen fest an ihren Plätzen, und noch weniger ließ sich der Ochse verrücken, der sich auf dem Postament erhob.

Ein Glück schien es, dass die beiden Gelehrten befreit worden waren. »Wir wollen uns zunächst nicht bemerkbar machen«, raunte O'Donnell schnell den beiden zu. »Im Notfalle werden wir natürlich einspringen. Rasch, decken Sie die Gräfin, dass der Wütende sie nicht erreichen kann!«

Dr. Frank und Professor Becker standen schon neben der Steinbank, auf welcher nun die Maladetta lag.

Jeder hatte in der Hand den schussfertigen Revolver. Da stürmte Dschigal herein.

Das an sich schon furchtbar hässliche Gesicht war noch mehr entstellt durch den Ausdruck rachsüchtiger Wut.

Auf einer Schulter aber trug er den leblosen Lord Clifford.


Illustration

Er stutzte, als er die beiden Gefangenen frei vor sich stehen sah; mit dem Arm, dessen Hand das blanke Schwert hielt, drängte er die Kosaken zurück, die sich alsbald auf die beiden stürzen wollten.

Er achtete auch schon nicht mehr auf die Gelehrten. Seine Blicke glitten zu der Maladetta hinüber.

Ein wild klingendes Lachen entrang sich ihm.

»Gefangen?«, schrie er dann auf. »Ihr habt sie überwältigt? Ha, dann habe ich —«

Er besann sich, verstummte und schaute nun wieder die beiden Männer an, deren Waffen unverwandt auf ihn gerichtet waren.

»Wer hat Euch befreit?«, fragte er.

Die beiden antworteten nicht.

»Ihr habt einen Helfer gefunden!«

Auch jetzt kam keine Antwort.

»Gleichviel!«, fuhr er fort. »Ihr habt die da gebunden. Dafür sollt Ihr die Freiheit haben. Geht!«

Er deutete nach dem Gange, aus dem er gekommen war.

Da lachte Dr. Walter Frank belustigt auf.

»Wer hat denn eigentlich hier zu befehlen?«, fragte er. »Du, Dschigal, oder wir?«

Der Afghane schaute ihn verwundert, fast verblüfft an.

»Du willst mir doch nicht etwa trotzen, Feringhi?«

»Trotzen? Nein, das wäre das falsche Wort. Ich gebiete Dir vielmehr, sofort den Lord sanft auf eine der Steinbänke niederzulegen. Tust Du das ohne Widerrede, so will ich Dir erlauben, Dich zu entfernen, ohne Dich zu töten, wie Du es verdient hättest. Entscheide Dich schnell. Ich zähle bis drei, dann schieße ich!«

Der Afghane brauchte nur einen Blick auf ihn zu werfen, da wusste er, dass er einen zu allem entschlossenen Mann vor sich hatte.

Doch auch er war raschen Geistes.

Sofort ließ er den Lord von seiner Schulter gleiten und hielt ihn vor sich.

Den schwertartigen Säbel ließ er fallen, doch er klirrte nicht auf den Boden, sondern blieb an einem Riemen hängen, der am Handgelenk befestigt war. Nur die Spitze berührte den Boden, denn die nun wieder erhobene Hand hatte einen Dolch aus dem Gürtel gerissen, eine jener furchtbaren Waffen, wie die Inder sie besitzen und wie sie auch im Weltkriege eine Rolle spielten.

»Schieße!«, sagte er kaltblütig. »Vielleicht triffst Du mich anstatt dieses Feringhi, dann aber triff gut, dass ich sofort tot bin, sonst stirbt er durch diesen Dolch.«

Sowohl Dr. Frank als auch Professor Becker erkannten sofort, dass nichts mehr zu machen war. Auch wenn sie nicht nach der Brust des Afghanen zielten, sondern nach dessen Kopf, der doch am wenigsten geschützt war, so war es diesem ein Leichtes, zur gegebenen Zeit den Körper des Lords als Schild zu gebrauchen.

»Was verlangst Du von uns?«, fragte Dr. Frank.

»Dieses Weib da!«, erwiderte Dschigal.

»Du willst sie gegen den Lord eintauschen?«

»Genau das!«

»Und welche Bürgschaft gibst Du, dass Du mich nicht betrügst?«

Da flammten die Augen des Afghanen auf.

»Eine Bürgschaft? Du meinst, dass ich Wort halte? Nun, Feringhi, ich will Dir sagen, was Du nicht weißt: Diesen hier, meinen Gefangenen, hasse ich nicht, diese dort aber —«

Er brauchte nicht weiterzusprechen, es war ihm anzusehen, wie er vor Hass und Rachgier kochte.

»Und wenn ich auf den Tausch eingehe?«

»So kümmere ich mich nicht mehr um Euch beide.«

»Du gelobst, nichts Feindseliges gegen uns zu unternehmen? Und das gilt auch von Deinen Begleitern?«

»Ja, das gelobe ich Euch.«

Da lächelte Dr. Frank.

»Wir dürfen dann durch den Gang in den Tempel zurückkehren?«, fragte er weiter, mit seltsamer Betonung.

Dschigal verstand ihn sofort.

»Du hast recht. Dieser Weg ist Euch verschlossen. Die Flammen versperren ihn —«

Er schien nachzudenken. Dr. Frank aber kam ihm vorläufig einmal zu Hilfe. Er hatte einen ganz bestimmten Plan entworfen. Deshalb nur unterhandelte er mit dem Afghanen, was er sonst gar nicht nötig gehabt hätte. Seinen Freund aber verständigte er rasch durch mit den Fingern gemorste Zeichen.

»Aber Du weißt einen anderen Weg, auf dem wir ins Freie gelangen können?«, fragte er also.

Dschigal schwieg noch. Er kämpfte mit sich selbst, und die beiden verstanden recht wohl, was in ihm vorging.

Sie wussten nicht, wie lange er der Maladetta gedient, wie lange diese hier in der Unterwelt der Insel ihr Wesen getrieben hatte, sie konnten nur annehmen, dass das erst nach dem Kaufe Lalakawanas begonnen hatte. Immerhin war er jahrelang mit der Wolfsgräfin zusammen gewesen, hatte die ganze Zeit über sorgsam und treu die Geheimnisse gehütet, die ihm anvertraut worden waren, und wenngleich er nun irgendeinen Grund hatte, die ehemalige Herrin aufs Grimmigste zu hassen, so schrak er doch davor zurück, sie zu verraten — und alle die, die außer ihnen hier lebten.

Doch sein Hass, seine Rachgier waren größer als seine Treue.

»Es gibt noch andere Wege aus der Halle hier«, erwiderte er.

»Das wissen wir bereits«, entgegnete Dr. Frank kühl.

»Das wisst Ihr bereits? So hat sie es Euch verraten? Sie hat Euch auch selber befreit?«

»Immerhin nimm das an!«

Der Afghane knirschte die Zähne aufeinander.

»Dann brauche auch ich nichts mehr zu verschweigen. Welche Wege kennt Ihr?«

»Das sagen wir nicht.«

»Dann will ich sie Euch zeigen. Ihr schießt nicht auf mich, wenn ich es tue?«

»Nein, das versprechen wir.«

Da gab Dschigal schnell den Lord an den nächsten Kosaken, reichte diesem auch seinen Dolch.

»Töte ihn, wenn sie Verräter sind!«, befahl er.

Darauf aber schritt er selbst mutvoll genug in die Halle hinein, um den steinernen Ochsen herum und zeigte auf die erste Stelle, wo sich eine Geheimtür befand. Es war die, durch welche die Zwerge gekommen waren.

»Kennt Ihr diese Tür?«

Dr. Frank nickte nur.

»Ihr dürft sie nicht benutzen, denn ihr würdet auf dem Wege, den sie öffnet, verloren sein.«

»Das wissen wir«, bemerkte der Gelehrte.

Dschigal schaute ihn kurz an, sagte aber nichts, zögerte einen Moment, stieg dann auf das Postament, berührte den linken Hinterfuß des Zebus. Die Falltür hob sich —

»Auch diese Tür ist uns bekannt.«

»Und dieser Weg führt Euch zur Rettung«, entgegnete Dschigal.

»Das gelobst Du?«, fragte Dr. Frank und schaute ihn fest an.

Der Afghane hielt den Blick nicht aus, so sehr er sich auch bemühte, und der Frager wusste genug.

Trotzdem ließ er sich nichts davon anmerken und tat, als glaubte er, was Dschigal nun sagte:

»Ganz ohne Gefahr ist auch dieser Weg nicht. Diese da hat dafür gesorgt, dass niemand in ihre Geheimnisse eindringen konnte. Aber Ihr seid Männer, Ihr werdet Euch durchkämpfen. Ihr habt Waffen, und — Ihr seid doch auch auf die Insel gekommen, ohne dass jemand Euch geholfen hat.«

»Wir fürchten uns nicht«, versicherte Dr. Frank.

»Gut! Dann geht diesen Weg! Er führt endlich ins Freie. Ihr könnt die Insel auf die gleiche Weise verlassen, auf welche Ihr sie betreten habt.

Und nachdem ich so mein Wort gehalten habe, haltet das Eure! Gebt mir die Gräfin!«

Jetzt kam die Entscheidung.

Dschigal war an seinen vorigen Platz zurückgekehrt, hatte sich auch des Lords Clifford wieder bemächtigt. Der Waffenstillstand war vorläufig wieder abgelaufen.

Rasch morste Dr. Frank seinem Gefährten, was er plante, und dann wagte er noch mehr. In der Voraussetzung, dass wenigstens die Olinda ihn verstehen würde, dagegen nicht Dschigal oder einer der Kosaken, sagte er halblaut, als spräche er zu seinem Freunde:

»Wir gehen scheinbar auf den Vorschlag ein, aber im gegebenen Augenblick überwältigen wir den Kerl. Die anderen werde ich zuvor entfernen.«

Als Zeichen, dass er wirklich verstanden worden war, berührten zwei Hände seinen rechten Arm, die O'Donnells und die der Olinda.

Er nickte flüchtig, auch Professor Becker tat es, als sei er einverstanden mit dem gemachten Vorschlag.

»Gut!«, sagte Dr. Frank darauf. »Wir wollen den Handel abschließen. Den Lord gegen die Gräfin! Zuvor aber schicke die Kosaken hinaus. Sie sollen nicht eher wieder hereinkommen, als bis wir einen gewissen Vorsprung haben. Bist Du einverstanden?«

Dschigal zögerte nicht.

Er lachte.

»Ich hätte sie sowieso hinausgeschickt«, erwiderte er. »Sie haben uns nicht verstanden und wissen nicht, um was es sich handelt. Sie denken, ich würde ihre Herrin befreien! Die Narren!«

Und dann wendete er sich halb um.

Die Kosaken verstanden Afghanisch, denn in dieser Sprache befahl er ihnen jetzt, sich in den Gang zurückzuziehen und dort zu warten, bis er sie rufe.

Sie gehorchten ohne Weiteres. Dschigal schien hier sehr mächtig zu sein.

Kaum aber waren sie hinaus, da verschloss er die Türe hinter ihnen, und die beiden Freunde sahen nun erst, dass er anscheinend noch einen besonderen Mechanismus einschaltete, der nur ihm — außer der Maladetta und sonstigen Eingeweihten — bekannt sein konnte.

»So! Sie können nicht heraus, wenn sie auch wollten. Du siehst, Feringhi, dass ich Deinem Worte traue.«

»Das freut mich! Nun lege den Lord auf diese Steinbank hier!«, erwiderte Dr. Frank und deutete auf eine, die sich ein Stück von ihm entfernt befand, worauf er, wiederum auf Deutsch, hinzusetzte:

»Ich denke, es wird leicht sein, ihn durch einen Hieb niederzustrecken, wenn er sich vorbeugt!«

Diesmal spürte er keinen Händedruck, aber gerade das war ihm die rechte Antwort, denn nun wusste er, dass O'Donnell schon hinter den Afghanen huschte.

Dieser zögerte nicht. Seine Rachgier war größer als seine Vorsicht.

Er schritt zu der Steinbank, immer den blanken Dolch in der Hand.

»Noch ist er mein!«, sagte er dabei.

Nun bückte er sich, um den leblosen Lord auf die Bank niederzulegen.

Da traf ihn ein furchtbarer Hieb, von unsichtbarer Hand geführt.

Er stürzte, aber dieser Afghane schien doch kräftger zu sein, als die Freunde vorausgesetzt hatten.

Im Nu raffte er sich wieder auf.

Ein tierisch klingender Wutschrei entrang sich seiner Kehle, er hob die Hand mit dem Dolche —

Ehe er den mordenden Stoß führen konnte, wurde er jedoch durch eine Kugel aus dem Revolver Professor Beckers niedergestreckt. Tot sank er neben der Bank auf den Boden.


Illustration

Die Maladetta hatte sich, merkwürdig genug, während dieser Verhandlung ganz still verhalten. Auch jetzt sagte sie nichts, hob nur etwas den Kopf und ließ ihn wieder sinken, als sie erkannte, dass Dschigal tot war.

Zu gleicher Zeit dröhnten starke Schläge an die Tür.

Die Kosaken wollten herein, aber niemand achtete darauf.

Im Nu hatte Dr. Frank die Maladetta aufgehoben.

»In den Gang!«, rief er.

Er selbst eilte dem Postament zu.

Da fühlte er sich an einer Schulter berührt.

»Herr Doktor!«, hörte er eine Männerstimme, also die O'Donnells, sagen.

»Was wünschen Sie?«

»Geben Sie mir die Gräfin!«

»Ich sehe nicht —«

»Sie werden gleich erkennen, warum ich meine Forderung stelle —«

Da ließ er sich die Last von den Armen nehmen, sah noch, wie die Maladetta stutzte, als sie sich von unsichtbaren Händen ergriffen fühlte, und dann — war sie verschwunden.

»Ah!«, stieß er hervor. »Das habe ich nicht geahnt, dass auch alles, was Sie anfassen, unsichtbar wird. Das ist ja wunderbar. Hat —«

Er hatte fragen wollen, ob Loke Klingsor den beiden dazu geholfen hätte, besann sich aber rechtzeitig, dass er diesen Namen nicht aussprechen durfte, und fuhr fort:

»Genug! Ich sehe ein, dass es so besser ist. Lord Clifford aber trage ich! Folgen Sie uns!«

Die beiden Freunde drangen zuerst in den Gang ein, und hinter ihnen wurde von unsichtbaren Händen die Falltür wieder geschlossen. Die Kosaken aber trommelten immer noch gegen die Tür, die sie nicht öffnen konnten.

Der Gang, zu welchem die kurze Treppe hinabführte, war nicht hell und auch nicht dunkel, eine Art Dämmerlicht erfüllte ihn und zeigte, dass er künstlich hergestellt war, Wände, Decke und Boden aus Steinplatten bestehend, genau wie jener andere, der in die Halle geführt hatte.

Doch schon bald war er zu Ende.

Eine Glaswand versperrte ihn, und hinter dieser —

Nur Dr. Frank wusste, um was es sich hier handelte. Er allein hatte das Ungeheuer schon gesehen, das hier verwahrt wurde:

Die Kalutotta, der ungeheuere Tintenfisch!

Die anderen staunten ja nicht schlecht.

»Dschigal hat gedacht, uns in eine Falle zu locken«, sagte er. »Ich kann Ihnen keine langen Erklärungen geben, auch Dir nicht, Kurt. Du weißt ja wenigstens etwas Bescheid. Es muss genügen, wenn ich sage, dass dieser riesenhafte Polyp hier wohl als eine Art Gottheit gehalten und — mit Menschen gefüttert wird. Dass dem so ist, habe ich gesehen. Die Maladetta wird nachher bestätigen müssen, auch Manu, falls wir ihn noch finden sollten. Jedenfalls können wir nicht weiter. Der einzige Weg führt durch den Käfig des Kraken —

Und diesen Weg werden wir gehen!«, setzte er entschlossen hinzu.

»Herr Doktor!«, ließ sich da zum ersten Male die Stimme der Olinda in ihrer vollen Stärke vernehmen.

Es klang entsetzt, warnend.

»Ohne Sorge, Miss Olinda! Wir beide haben ein Mittel, diesen Polypen nicht nur unschädlich zu machen, sondern auch, ihn zu töten. Immerhin will ich Dich erst noch fragen, Kurt«, wendete er sich an seinen Gefährten. »Dürfen wir es wagen?«

»Ja, wir dürfen es!«, lautete die mit fester Stimme gegebene Antwort.

»Dann in Gottes Namen!«

Angstvoll schaute wohl die Olinda nun zu, wie er die kaum sichtbare Tür des Glasbehälters öffnete, nachdem er den Lord dem Professor übergeben hatte.

Dieser Glasbehälter war selbstverständlich mit Meerwasser gefüllt, ohne welches das Tier nicht leben konnte, aber da es selbst den größten Teil des Bassins mit seinem Körper ausfüllte, so war das Wasser an sich nicht so mächtig, dass es etwa den ganzen Gang hätte füllen können, indem es ausströmte.

Außerdem hatte Dr. Frank doch bei seinen Beobachtungen durch den Brunnenschacht auch schon gemerkt, dass dieses Wasser ständig erneuert wurde, dass also nicht nur ein Zufluss, sondern auch ein Abfluss in dem Becken vorhanden sein musste.

Das ließ den weiteren Schluss zu, dass die Wassermassen nicht vorwiegend in den Gang strömen, sondern sich einen anderen Abfluss suchen würden.

Dr. Frank öffnete also die Tür, deren Verschluss leicht zu erkennen war, und obwohl natürlich sofort ein Wasserstrom ihm entgegenflutete, stand er doch fest, die eine Hand vorgestreckt.

Der Riesenpolyp hatte den Menschen schon erblickt, seine unheimlich wirkenden Augen wendeten sich ihm zu — die gewaltigen Fangarme schickten sich an, die Beute zu fassen —

Aber sie griffen nicht zu, hefteten ihre furchtbaren Saugnäpfe nicht an den Körper des kühnen Mannes.

Im Gegenteil, das Ungeheuer wich zurück, so weit der enge Raum, den es fast ganz ausfüllte, zuließ, und dann —

Wie es geschah, konnten O'Donnell und die Olinda nicht gewahren, denn in dem engen Gange wurde ihnen der Blick nach vorn durch die Gestalten der beiden Gelehrten verdeckt. Vielleicht machten diese sich auch mit Absicht noch breit —

Kurzum, der Riesenkrake begann krampfhaft mit den Fangarmen zu arbeiten, suchte wohl nach einem Wege, zu entfliehen, ein fürchterlicher Strudel entstand, die Wände des Glasbeckens krachten und knackten —

Dann war es vorüber.

Tot sank das Ungeheuer zurück und — auch gleich in sich zusammen.

Der Körper dieser Tiere ist ja nur eine Art Gallert. Wenn einer der kleinen Tintenfische durch die Meereswellen an den Strand gespült wird und dort nur kurze Zeit liegen bleibt, so vergeht er sozusagen; nur ein missfarbener Fleck bleibt zurück — und der Knochenschild, welcher das Körpergerüst bildete, das man auch in kleinen zoologischen Handlungen für wenige Pfennige kaufen kann.

Rings um das Becken führte, wie Dr. Frank ebenfalls bereits wusste, ein Gang, der eine Tür hatte, durch welche damals die Maladetta gekommen war mit den beiden Indern. Durch eine andere war der Unglückliche hereingeschleppt worden, der dann dem Kraken geopfert worden war —

Eine dieser Türen musste sich finden und öffnen lassen.

»Mir nach!«, rief Dr. Frank, und schon stand er auf dem Gange; ihm folgte Professor Becker mit dem Lord, und dann kam wohl O'Donnell mit der Maladetta auf den Armen.

Jedenfalls erklang ein gellender Schrei aus ihrem Munde, als sie den Polypen, die gefürchtete Kalutotta, tot daliegen sah.

O'Donnell allein aber spürte, wie das Weib sich unter Aufbietung aller Kräfte aus seinen Armen zu winden suchte.

Es war natürlich vergeblich. Was er gepackt hatte, das entkam ihm nicht, und als Dr. Frank von vorn fragte, was es gebe, erwiderte er gleichmütig:

»Nichts von Bedeutung! Die Gefangene suchte sich zu befreien.«

Da hielt es Dr. Frank seinerseits für überflüssig, ihn zu warnen und zu mahnen, er ging vielmehr weiter und fand auch die Tür, die er suchte.

Während er daran nach dem Mechanismus forschte und ihn schließlich fand, kam ihm jedoch ein anderer Gedanke.

Hatte die Maladetta wirklich nur deshalb geschrien, weil sie die Kalutotta tot liegen sah?

War es nicht vielmehr geschehen, weil sie erkannte, dass nun der Weg zu ihren verborgensten Geheimnissen frei war?

Und da richtete Dr. Frank sich auf.

»Durch diese Tür, die ich schon geöffnet habe, kam damals die Gräfin mit ihren beiden Begleitern. Durch eine andere aber wurde ein Opfer gebracht. Ich muss annehmen, dass dieser Gang in ein Gefängnis führt, in welchem noch andere Gefangene sich befinden. Wir wollen nachsehen, und ist es so, so müssen wir diese Unglücklichen befreien. Die Wärter, von denen sie versorgt wurden, sind sicher die Kosaken gewesen. Diese sind eingeschlossen und müssen ganz sicher in dem Gange umkommen, da sie nicht durch den brennenden Tempel zurückkönnen —

Wie dem aber auch sei, wir wollen erst den anderen einschlagen!«

»Tun Sie es nicht!«, erklang da warnend, aber auch zugleich in offenbarer Angst die Stimme der Gräfin.

Da lachte Dr. Frank.

»So habe ich recht geraten!«, rief er. »Gräfin Koschinsky, wehe Ihnen, wenn ich finde, was ich vermute!«

Ein letzter Schrei erklang, halb erstickt, als wäre der Mund der Maladetta durch eine Hand verschlossen worden.

Inzwischen hatte Dr. Frank schon die zweite Tür entdeckt.

Sie war überhaupt nicht verschlossen, ließ sich ohne Weiteres aufstoßen, und schon hatte er dies getan, er stand in einem kurzen Gang, sah eine Treppe vor sich, die steil in die Tiefe führte, und stieg sie hinab.

Die anderen folgten ihm, aber immer war bloß noch der Professor sichtbar, den regungslosen Lord auf den Armen.

So kam Dr. Frank nach kurzer Zeit in einen großen, aber niedrigen Raum, der nur durch eine Öffnung in der Decke Licht erhielt.

Schon im Hinabsteigen hatte er festgestellt, dass sich dort unten viele Menschen befinden mussten; das verriet ihm die Luft, die zu ihm empor drang, sie war verpestet —

Und nun stieß er einen Ruf der äußersten Empörung aus, als er die ganze Wahrheit erkannte.

Der Raum war bis aus den letzten Winkel von Menschen angefüllt, von Männern, Frauen und Kindern. Sie hockten so dicht beieinander, dass keins sich legen konnte. Am meisten aber drängten die Unglücklichen sich unter dem einzigen Luftloch zusammen, und in dem Schein des hereinfallenden Lichtes erkannte Dr. Frank auch die Gesichter — braunhäutig waren sie — Eingeborene.

Professor Becker stand neben ihm.

»Erinnerst Du Dich der Erzählung des Danglus, Walter?«, fragte er. »Das sind die Gefangenen, von denen er sprach, die nächtlicherweile auf die Insel gebracht wurden. Zweihundert will er gezählt haben —«

»Ja, es wird so sein«, gab Dr. Frank zu.

Die Unglücklichen hatten sich bei dem Erscheinen der beiden Männer nach dem Hintergrunde des Raumes zu schieben versucht, sie drückten und zwängten sich dort übereinander; verzweifelte Rufe erklangen; Kinder schrien —

Es war ganz klar, dass eine Panik sie ergriffen hatte, und ebenso klar war der Grund dazu.

Die Ärmsten fürchteten, dass wieder einer von ihnen gepackt und hinausgeschleppt werden würde.

Vielleicht wussten sie nicht einmal, was das bedeutet hatte, sie hatten nur gemerkt, dass keiner dieser Unglücklichen zurückgekehrt war —

»Ruhe!«, rief Dr. Frank da, so laut er konnte. »Euch geschieht nichts! Fürchtet Euch nicht! Wir sind gekommen, Euch zu erlösen — wir —«

Da verstummte er.

Von der einen Wand hatte sich eine Gestalt gelöst, die nun auf ihn zukam —

Eine Frau war es.

Sie trug ein Kind auf dem Arme.

Und das war keine Eingeborene, das zeigte schon die Kleidung — es war eine Europäerin!

Und als sie nun in den von der Decke herabfallenden Lichtschein trat, da schauten die beiden Freunde in ein bleiches, aber selbst da noch schönes Madonnengesicht, aus dem große, blaue Augen sie wie entzückt anschauten, dann hörten sie eine linde Stimme, die ihnen zurief:

»Endlich! Mein Glaube ist auf eine harte Probe gestellt worden, aber nun Gott im Himmel, ich danke Dir!«

Sie sank auf die Knie und schaute nach dem Himmel empor, den sie allerdings kaum sehen konnte.

»Mein Gott!«, stieß Dr. Frank hervor. »Wer sind Sie? Wie kommen auch Sie hierher?«

Doch dann besann er sich. Hier war wirklich keine Zeit zu neugierigen Fragen, mochten sie auch innigster Teilnahme entspringen.

»Kurt, rasch!«, fuhr er fort. »Wir müssen diese Unglücklichen die Treppe hinaufgeleiten, einen Ausgang will ich hier nicht erst suchen, obwohl es sicher einen geben muss —

Mr. O'Donnell, Miss Olinda! Gehen Sie, bitte, voran — aber so rasch wie möglich! Oben treten Sie zur Seite und lassen mich vorbei. Ich gehe in dem anderen Gang voran, Du mit, Kurt — und Sie, Mr. O'Donnell, machen dann mit Ihrer Begleiterin den Beschluss.«

»Soll geschehen!«, klang es zurück.

Die beiden Freunde warteten eine Weile, dann hob Dr. Frank die Kniende empor.

»Bitte, steigen Sie dort die Treppe hinauf!«, sagte er zu ihr. »Fürchten Sie nichts mehr, Mistress —«

» A n g e l a , h e i ß e i c h « , erwiderte sie, als sie sein Zögern merkte.

Und Dr. Frank wiederholte ahnungslos diesen Namen, der Loke Klingsor so teuer war.

»Fürchten Sie nichts mehr, Mrs. Angela!«, wiederholte er. »Sie stehen unter sicherem Schutz!«

»O, ich habe mich noch nie gefürchtet«, gab sie zurück. »Ich weiß doch, dass ich den finden werde, den ich suche — ich will ihm seinen Sohn bringen —«

In demselben Augenblick füllte sich der niedrige Raum mit strahlendem Lichte.

Woher es auf einmal kam, wussten die beiden Freunde nicht, aber sie dachten beide dasselbe —

Loke Klingsor hatte sie also doch beobachten lassen.

Vielleicht griff Dr. Reinhard jetzt ein —

Da aber hörten sie die schöne Frau sagen:

»Loke, siehst Du es? Dein Vater grüßt uns — Dein Vater!«

Das klang wie ein Jubelruf, der umso erschütternder wirkte hier unten in dieser Höhle —

Aber die beiden Freunde und vor allem Mr. O'Donnell und die Olinda hörten doch nur eins!

Loke nannte sie ihren Knaben!

Loke!

Wie konnte diese Frau, die ihrer Kleidung nach doch höchstens dem Mittelstande angehörte, dazu kommen, ihren Knaben mit diesem seltsamen Namen zu rufen und anzureden?

»Mrs. Angela!«, rief denn auch Dr. Frank sogleich, ehe sein Freund ihm zuvorkommen konnte. »Sie nennen Ihren Knaben Loke? Heißt sein Vater vielleicht so?«

Und entschuldigend setzte er hinzu: »Ich bitte um Verzeihung wegen dieser Frage. Ich meine nur, dass dieser Name doch kaum gebräuchlich ist —«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, mein Herr«, erwiderte Angela ohne Weiteres. »Nein, sein Vater heißt nicht so, aber er wollte, dass der Knabe auf diesen Namen getauft würde.«

»Und Ihr Gatte hat schwarzes Haar, leuchtende schwarze Augen —«

»O, nein, nein, nein! Mein Mann — ach, Loke, Papsi soll schwarz sein! Hörst Du es? Wie könnte denn —«

Sie musste laut lachen, konnte gar nicht mehr antworten, und schweigend geleitete Dr. Frank sie die Stufen empor.

Der seltsame Gedanke, der in ihm aufgestiegen war, verflog wieder.

Wie hatte er denn auch nur eine Sekunde lang denken können, dass diese Frau hier die Gemahlin jenes geheimnisvollen Mannes sein könnte, der sich ebenfalls Loke nannte — Loke Klingsor?

Allerdings, ob Frauen in dem Leben dieses Geheimnisvollen eine Rolle spielten oder nicht, das vermochte auch er nicht zu sagen, es schien ihm nur auf einmal ganz unwahrscheinlich. Und diese Frau hier war schön, glich so ganz und gar einer unschuldsvollen Madonna, trotz ihrer Mutterschaft — aber das eben verleiht ja der Madonna den unwiderstehlichen Zauber, dass sie die reine Jungfrau geblieben ist —

Nun aber war gar nicht mehr daran zu denken, denn Loke Klingsor hatte schwarzes Haar, und die bloße Vorstellung, dass dies auch bei ihrem Manne der Fall sein könnte, hatte das Lachen Angelas hervorgerufen.

»Nein, wie komisch Sie fragen!«, sagte sie jetzt wieder im Emporsteigen. »Ich dachte schon, Sie hätten etwas von meinen Gatten gehört, kennten ihn, er ist ja immer auf Reisen — leider — sein Beruf als geheimer Versicherungsinspektor —«

Da hätte auch Dr. Frank fast laut lachen müssen.

Loke Klingsor als geheimer Versicherungsinspektor!

Das war allerdings zum Totlachen komisch — schon die bloße Vorstellung!

»Beruhigen Sie sich, Mrs. Angela«, erwiderte er mühsam genug. »Es war nur ein Gedanke — jetzt warten Sie, bitte, einen Augenblick hier, damit ich erst die anderen Gefangenen beruhigen kann —«

Er wollte sich umwenden, nachdem Angela durch ein Neigen des schönen Hauptes ihre Zustimmung erteilt hatte.

Da kamen schon die Gefangenen die Treppe herauf, noch scheu und unsicher, furchtsam, aber die vordersten hätten schon nicht mehr zurückweichen können, hinter ihnen drängten die anderen herauf —

»Ruhe!«, gebot er ihnen. »Ihr alle werdet befreit werden. Drängt nicht! Wir schützen Euch — und Ihr werdet sehen, dass die furchtbare Kalutotta tot ist —«

»Kalutotta!«, heulte es von unten, auch die vordersten wichen zurück —

Da griff Dr. Frank zu und zog den einen ganz empor, deutete auf das tote Ungetüm —

Und da hallte ein Schrei aus dem Munde des Inders.

»Tot! Die Kalutotta ist tot!«

Ein Jubelgeschrei der anderen antwortete.

Jetzt drängten alle empor.

Dr. Frank staunte.

So hatten diese Menschen also doch das Schicksal gekannt, das ihrer harrte? Sie hatten Tag für Tag darauf warten müssen, dass sie zum Opfer bestimmt seien —

Grimmig furchte sich seine Stirn.

Die Abrechnung mit diesem fluchwürdigen Weibe würde danach ausfallen. Gnade durfte es da nicht geben.

Er schaute sich nach der jungen Frau um.

Ja, was war denn das?

Er sah sie nicht mehr, sie stand nicht mehr dort, wo sie eben noch gestanden hatte —

War sie schon in den Gang getreten?

Eben wollte er hineilen, da sah er das bestürzte Gesicht seines Freundes und hörte dessen Frage:

»Wo ist denn Frau Angela geblieben?«

»Du weißt es nicht, Kurt?«

»Nein, ich wundere mich nur. Eben war sie neben mir, und jetzt, als ich sie bitten will, in den Gang zu treten, da ist sie verschwunden!«

Dr. Frank konnte nicht gleich etwas erwidern, er musste erst einmal den Zustrom der befreiten Gefangenen in die enge Halle hindern. Die Inder waren außer sich, alle wollten das tote Ungetüm sehen, die vordersten standen und staunten und wichen nicht von der Stelle, und die anderen drängten nun erst recht nach.

»Zurück!«, herrschte er sie jetzt streng an. »Wer nicht gehorcht, bleibt hier! Unwiderruflich!«

Er packte die vordersten, wollte sie in den Gang schieben, aber sie wehrten sich, sie konnten ja auch nicht hinein, denn er war gestopft voll — aber sie murrten auch, und von unten erklangen erst recht Drohungen.

Also Gesindel war es, was er befreit hatte? Vielleicht Leute, die — bis auf die unschuldigen Kinder natürlich — Tod oder wenigstens Gefangenschaft verdient hatten?

Da musste fest zugepackt werden.

»Zurück!«, rief Dr. Frank nochmals, den Revolver ziehend. »Marsch, Ihr da unten! Gebt die Stufen frei — oder ich schieße!«

Das Murren wurde erst lauter, verstummte jedoch sofort, als der Doktor einen Schuss über die Köpfe hin abfeuerte, und auf einmal ward Luft — er konnte die in der Halle Befindlichen in den Treppengang zurückdrängen, und nun stellte er sich vor den Ausgang, diesen versperrend.

»Was sagtest Du eben, Kurt?«, fragte er. »Die Frau sei spurlos verschwunden?«

»Ich kann es nicht anders bezeichnen. Oder hast Du eine Ahnung, wo sie geblieben sein kann? Der Gang um den Behälter ist so eng, dass sie nicht an mir vorbei konnte, in den Gang hier habe ich sie auch nicht treten sehen —«

Und ehe Dr. Frank noch etwas äußern konnte, hörte er plötzlich die Stimme O'Donnells, der rief:

»Halt — — halt doch!«

»Was gibt es, O'Donnell?«, fragte Dr. Frank rasch, schon wieder eine neue seltsame Botschaft erwartend.

Und da wurde ihm geantwortet:

»Ich weiß nicht — ich habe doch die Gefangene so festgehalten, dass sie mir nicht entwischen konnte —«

»Und nun ist sie auf einmal fort?«

»Ja — wie in Nebel zerronnen — das heißt, ich habe auch keinen Nebel gesehen — aber weg ist sie —«

»Und Sie spürten nicht, dass sie Ihnen aus den Armen gerissen wurde?«

»Das sollte jemand versuchen!«

Dr. Frank kannte den Detektiv, der das sagte, noch nicht, aber an dem Klange der Stimme hörte er doch, dass dieser nicht mit sich spaßen ließ. Er fragte daher auch nicht erst, wie das möglich gewesen sei, er stellte vielmehr ein ganz folgerichtiges Verhör an.

»Sie spürten keine Gewalt? Die Maladetta hat sich Ihnen weder entwunden noch ist sie Ihnen entrissen worden?«

O'Donnell konnte keine andere Auskunft geben.

Die beiden Frauen waren und blieben verschwunden, und den Versuch, sie in dem Gange zu finden, stellten die Freunde gar nicht erst an. Niemand konnte diesen betreten haben.

»So müssen wir uns mit der Tatsache begnügen«, entschied Dr. Frank. »Mr. O'Donnell, es bleibt im Übrigen bei der Verabredung. Sie kommen hinter dem letzten der Befreiten her —«

Und da verstummte er wieder.

Plötzlich standen die beiden, die er bisher noch nicht hatte sehen können, sichtbar vor ihm.

O'Donnell und die Olinda!

Beide in den indischen Gewändern, die sie sich angeeignet hatten, beide aber doch sofort als Europäer erkennbar. Und es ist doch eine ganz sonderbare Sache, wenn man plötzlich Menschen sieht, die vorher nicht da waren — es war ebenso eigenartig für die beiden, dass sie nun sichtbar geworden waren —

Sie selber hätten es ja gar nicht gemerkt, sie hatten ja schon immer so dagestanden wie jetzt, hatten die beiden Gelehrten gesehen — und nun auf einmal konnte diese auch sie sehen —

Sie konnten nicht daran zweifeln, denn schon kamen die Herren auf sie zu, mit vorgestreckten Händen.

»Da sind Sie ja!«, rief Professor Becker, durchaus nicht weiter überrascht. »Genau so habe ich Sie mir vor gestellt, Miss Olinda! Und ich kannte Sie ja auch bereits nach den Bildern, die ich in Zeitschriften von Ihnen gesehen habe —«

Ja, das stimmte schon alles; nur das Rätsel blieb doch bestehen und konnte nicht gelöst werden. Dr. Frank aber stellte ohne Weiteres jetzt die Frage, die er vorher unterdrückt hatte.

»Sie haben gehört, wie die unbekannte Frau, die sich Angela nannte, ihren Knaben rief, und dann meine Frage«, sagte er.

»Auch wir wunderten uns sehr«, bekannte die Olinda.

»Und zwar weshalb?«

»Weil auch wir diesen Namen schon gehört haben, allerdings in Verbindung mit einem anderen —«

»Und der lautet?«

»Loke Klingsor!«, sagte die Sängerin.

»Also doch!«, stieß Dr. Frank hervor. »Sie sind ebenfalls im Auftrage dieses Mannes hier?«

»Durchaus nicht, Doktor! Im Gegenteil, wir —«

Sie schwieg verlegen und schaute ihren Gefährten an.

O'Donnell aber lachte kurz auf.

»Es nützt nichts, wenn wir noch schweigen, Miss Olinda«, sagte er dann. »Meine Herren, wir kennen diesen Loke Klingsor nicht und kennen ihn doch. Wir waren auf der Suche nach ihm, haben ihn jedoch noch nicht finden können, dafür hat er sich anscheinend unser angenommen.«

»Er hat Sie unsichtbar gemacht?«

»Nein, das verdanken wir anderen, die wir nicht nennen wollen.«

»Und wie sind Sie nach Lalakawana gekommen?«

»Wir wissen überhaupt nicht, was dieser Name bedeutet, und haben keine Ahnung, wo wir uns befinden. Als wir noch unter Menschen weilten, waren wir in der Sahara —«

»Was sagen Sie da? Sie seien von der Sahara hierher gekommen? Nach Vorderindien? Mr. O'Donnell, Sie sehen wohl selbst ein, dass das nicht recht glaubhaft erscheinen kann.«

Der Detektiv stutzte gewaltig, nicht minder die Sängerin. Jeder andere an ihrer Stelle hätte nun zu lachen angefangen, und das wäre entweder ein Zeichen ihrer Kurzsichtigkeit oder — besser noch — ihrer Dummheit gewesen.

So aber hatten die beiden doch zu viel erlebt an Sonderbarem, als dass sie bloß über diese Antwort hätten lachen können.

Sie wurden beide sehr ernst, und die Olinda sagte:

»Wir haben uns tatsächlich im AtakarGebirge befunden, das Ihnen sicher wenigstens dem Namen nach bekannt ist.«

Jawohl, das kannten natürlich die beiden deutschen Gelehrten, waren aber noch nicht dort gewesen; auf Afrika hatten ihre Forschungen sich noch nicht erstreckt, später einmal hatten auch sie nach dem sagenhaften Atlantis forschen wollen, das in Nordafrika gelegen haben soll — ein anderes natürlich als jener versunkene Erdteil.

»Es ist doch ganz unmöglich!«, murmelte Professor Becker. »Sie befinden sich jetzt in der Nähe der Insel Ceylon, auf einem kleinen Eiland, das der Maladetta gehört —«

»Weißt Du denn das so genau, Kurt?«, fragte da Dr. Frank. »Können nicht auch wir uns schon wieder wo ganz anders befinden?«

»Ausgeschlossen! Hier liegt die tote Kalutotta, dort sind die gefangenen Opfer —«

Ja, da ließ sich nichts einwenden. Es war wohl als sicher anzunehmen, dass sie sich noch auf Lalakawana befanden.

Aber sie hatten keinesfalls Zeit, sich darüber zu unterhalten, Dr. Frank konnte die Inder kaum noch zurückhalten, sie mussten aus diesem engen Raume heraus.

»Nimm den Lord, Kurt! Wir wollen weiter!«

Professor Becker hatte den jungen Engländer einstweilen zu Boden gleiten lassen, seine Arme waren noch jetzt ganz steif von der schweren Last, die er lange genug hatte tragen müssen. Freilich — mitgenommen werden musste der Hilflose — und so lief er nach der Stelle —

Da kam Lord Hektor Clifford ihm schon entgegen.

»Sie sind zum Leben erwacht, Mylord?«, sprach der Professor ihn an, nicht etwa sonderlich überrascht und gleich gar nicht an ein neues Wunder denkend — es ist ja nicht schwer, eine solche durch Kalzium bedingte Starre aufzuheben — die Wirkung von Gift und Gegengift —

Doch der junge Lord antwortete nicht, schien die Frage überhaupt nicht gehört zu haben, sondern schritt auf den Professor zu, den Kopf etwas gehoben, das Gesicht mit seltsam starren Mienen, die Augen vollkommen ausdruckslos —

Und da gab es nicht den geringsten Zweifel mehr.

Lord Hektor Clifford lag zwar nicht mehr in einer Art Starrkrampf, aber er war nun unter den Bann einer anderen, nicht minder unheimlichen Macht geraten.

Er war hypnotisiert!

Professor Kurt Becker wich zur Seite, musste es tun, sonst hätte der Traumwandler ihn über den Haufen gerissen, und so kam es, dass auch die anderen nun den Herankommenden sahen, dass sie ebenfalls stutzten —

Auch sie erkannten jedoch sofort, was vorlag.

Wer aber hatte den Lord in diesen Zustand versetzt? War nur durch Hypnose die Aufhebung des Starrkrampfes möglich gewesen?

Darauf kam es gar nicht an, jetzt nicht.

Dr. Frank trat dem Lord schon entgegen, streckte beide Arme vor, die Hände ganz flach nach vorn gerichtet, die Innenseite nach unten, die Finger etwas gespreizt — und seine Augen schauten starr in das regungslose Gesicht.

»Lord Hektor Clifford!«, rief er gebietend. »Hören Sie mich?«


Illustration

»Ich höre Sie«, kam alsbald die Antwort, aber die Stimme klang, als käme sie aus einem Automaten, da mag dieser noch so kunstvoll sein, die Menschenstimme erreicht er im Klange doch nicht.

»Antworten Sie mir! Wer hat Sie hypnotisiert?«

»Niemand!«

Da O'Donnell und der Professor es übernommen hatten, die Inder in dem Treppengange zurückzuhalten, so konnte Dr. Frank sich ungestört mit dem Lord beschäftigen. Und nun hatte er diese seltsame Antwort erhalten.

Sie verwirrte ihn durchaus nicht.

»Der Mann nannte sich Niemand?«, fragte er gleich weiter.

»Nein.«

»So war kein Mensch bei Ihnen?«

»Niemand.«

Ja, da war auch die Weisheit des Dr. Frank zu Ende. Er hatte eben angenommen, dass der geheimnisvolle Hypnotiseur den Kniff gebraucht hatte, der vom Odysseus her bekannt ist — dieser nannte sich ja Niemand, als er in der Höhle des von ihm geblendeten Zyklopen eingesperrt war — aber wenn der Lord behauptete, kein Mensch sei bei ihm gewesen und dann wieder sagte Niemand, so konnte das eben doch ein Unbekannter sein —

Er musste es auf andere Weise versuchen und wollte eben beginnen, da hob der Lord selber zu sprechen an, immer mit der gleichen, merkwürdig tonlosen Stimme, also kein Wort etwa stärker betonend als das andere:

»Nicht sorgen wegen Angela und Maladetta. Beide sicher. In Markarbassa bei den Senhinpen Lösung des Rätsels. Jetzt Stadt der toten Götter. Gefangene dort lassen, gefährlich. Verrat. Stephan Kafka.«

Schnurr, da war der Mechanismus abgelaufen, der Automat hatte seinen Spruch hergesagt, nun wusste er nichts mehr, musste erst wieder aufgezogen werden.

So, diesen Eindruck machte das Ganze auf jeden, der den Lord hatte sprechen hören.

Jeder dieser vier Menschen aber wusste auch gleich, dass hier ein Auftrag vorlag und zugleich der Weg angegeben ward, den sie zu gehen hatten.

Freilich, was die Worte bedeuteten, wusste keiner, wenigstens nicht zuverlässig.

»Markarbassa!«, wiederholte Professor Becker nachdenklich. »Diesen Namen habe ich schon einmal gehört. So viel ich mich entsinne, heißt ein See so, der auf der Insel Borneo gelegen sein soll — ich muss dieses ›soll‹ betonen, da noch keinem Forscher gelungen ist, bis zu diesem Gewässer vorzudringen, da also auch noch niemand behaupten kann, dass es wirklich vorhanden ist. Ich brauche da wohl nicht erst ähnliche Fälle anzuführen, und es genügt, wenn ich auf die Geschichte der Nilquellen hinweise — aber was die Senhinpen sind —«

»Darauf kommt es nicht an«, unterbrach ihn Dr. Frank, sich deswegen entschuldigend. »Die Hauptsache scheint mir zu sein, dass wir vor den Gefangenen gewarnt werden und nun zunächst einmal die Stadt der toten Götter suchen müssen. Alles andere müssen wir der Zukunft überlassen.«

»Ich schlage vor, die Männer zu binden«, sagte da O'Donnell. »Sie werden unter meiner Bewachung vorausgeschickt. Dann folgen die Frauen mit den Kindern unter Bewachung Dr. Franks, und den Beschluss macht der Professor mit Miss Olinda.«

Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Es galt nur, die nötigen Stricke oder Riemen zu beschaffen, aber auch diese Sorge wurde bald behoben. denn in einer Nische des Raumes lagen genug. Man hatte dort wohl immer die Fesseln untergebracht, die den Opfern der Kalutotta im letzten Augenblick abgenommen worden waren.

O'Donnell entdeckte indes etwas, was noch besser als Riemen zur Fesselung geeignet war: eine Rolle dünnen, aber sehr festen Draht.

Dass er von diesem mit seinem Messer entsprechend lange Stücke schneiden konnte, stellte er gleich fest, dann trat er an den Ausgang der Treppe.

Die Inder waren immer sehr unruhig gewesen, und hätten sie nur irgendwelche Waffen besessen, so hätten sie gewiss schon den Amerikaner zur Seite gestoßen. So jedoch hielt die Angst vor den Schusswaffen der weißen Männer sie in Schranken.

Jetzt ergriff O'Donnell den ersten und zog ihn heraus, und da Dr. Frank alsbald die Hände des Mannes an den Gelenken packte und festhielt, so war die eigenartige Fesselung vollzogen, ehe der Kerl recht wusste, wie ihm geschah. O'Donnell hatte das eine Drahtende an den einen Daumen gebunden, das zweite an den anderen, und der Draht selbst war kaum handlang. Die Sache sah also an sich gar nicht gefährlich aus.

Wie es sich in Wahrheit damit verhielt, das zeigte sich jedoch alsbald.

Dr. Frank gab den Mann frei, und sofort suchte dieser in voller Wut den Draht zu sprengen. Aber anstatt dass ihm dies gelang, schnitt das feine Metall ihm sogleich das Fleisch bis auf die Knochen durch, ein gellender Schmerzensschrei entrang sich der Kehle des Mannes, und das Blut tropfte unaufhaltsam zu Boden.

Da war selbstverständlich, dass keiner der Folgenden sich zu befreien suchte, nachdem er auf die gleiche Weise gefesselt worden war. Die Arbeit ging jedenfalls viel schneller vonstatten, als wenn man sich der Riemen bedient hätte, und schließlich war sie auch sicherer, denn es war durchaus nicht ausgeschlossen, dass die Inder sich gegenseitig die Riemen durchbissen und sich so doch noch befreiten.

Jetzt erst, als diese Männer einzeln an den Freunden vorbeikamen, sahen diese, dass die Warnung vor ihnen berechtigt sein musste. Die Gesichter waren samt und sonders derart, dass man ihren Besitzern nicht gern allein und waffenlos begegnet wäre.

Die Frauen wurden nicht gefesselt, die Kinder gleich gar nicht, aber zwischen dem ersten und dem zweiten Trupp wurde ein genügender Abstand gewahrt, sodass keine Hilfe von den Weibern gebracht werden konnte.

Jedenfalls verließen alle nunmehr den Raum, der so viele Verzweiflungsschreie gehört hatte, obwohl die Opfer vielleicht einen noch grausameren Tod verdient gehabt hätten.

O'Donnell trieb die gefesselten Männer vor sich her, dann kam Dr. Frank mit den Frauen und Kindern, diesen voranschreitend, und den Beschluss machten Professor Becker und die Olinda, die zwischen sich den Lord Clifford hatten, ihn aber nicht zu führen brauchten, da er von selbst mitging, immer noch mit den seltsam steifen Schritten eines Automaten.

Was mit ihm geschehen war, würde sich ja zeigen. Vorläufig handelte es sich darum, erst einmal aus dieser verwickelten und verwinkelten Unterwelt herauszukommen.

— • —

87. Kapitel
Die Stadt der toten Götter

Der Gang, in dem der Zug sich bewegte, schien endlos zu sein. Er führte durchaus nicht immer gleichmäßig fort, oft kamen Treppen, und wiederholt zweigten sich Seitengänge ab. Das war erklärlich, dass die Gefangenen allemal stehen blieben, weil sie nicht wussten, wohin sie gehen sollten, und dass O'Donnell sich an die Spitze vorbegab.

Aber auch er wusste ja nicht Bescheid, doch als er bei der ersten Abzweigung aufs Geratewohl nach rechts einbiegen wollte, da wurde er von hinten angerufen.

»Halt, Mr. O'Donnell!«, hörte er die Stimme des Professors. »Lord Clifford sagt, dass wir links gehen müssen!«

»Er kennt also den Weg?«, rief der Detektiv zurück.

»Das nicht, aber er scheint darauf dressiert zu sein — ich finde keinen besseren Ausdruck — uns den Weg angeben zu sollen.«

»Dann muss er vor zu mir!«, entschied O'Donnell.

Und so kam es, dass der Lord nun neben ihm dahinschritt.

Jedes Mal, wenn ein neuer Seitengang sich abzweigte, ließ er seine Stimme hören, aber er sagte nie mehr als ein Wort, entweder »links!« oder »rechts!« und wenn einmal der Hauptgang weiterführte auch einmal »geradeaus!«

Dabei war merkwürdig, dass er selbst nichts zu sehen schien, immer noch so vor sich hin starrte.

Auch von dem, was er sagte, schien er nichts zu wissen.

Jedenfalls wurden seine Weisungen sofort beachtet, und nachdem man bereits über eine Stunde auf diese Weise bald hierhin, bald dorthin geraten war, zeigte sich in der Ferne ein heller Stern.

O'Donnell wusste, dass dort der Ausgang sich befinden musste, und die vorwärts drängenden Gefangenen schienen das auch erkannt zu haben. Sie wollten anscheinend selbst gern ins Freie, ohne dass ein Grund dazu zu erkennen war. Erst später sollten die Freunde diesen erfahren.

Nach weiteren zehn Minuten traten O'Donnell und Lord Hektor aus dem Gange heraus, und der Detektiv brauchte einige Minuten, ehe er sich an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatte. Sie hatten ja in der Unterwelt überhaupt nicht gewusst, welche Tageszeit war.

Nachdem er die Augen an das Licht gewöhnt hatte, stellte O'Donnell jedoch ohne Weiteres fest, dass es nachmittags gegen 4 Uhr sein musste. Demnach musste die Helligkeit wohl noch lange genug vorhalten, um an das Ziel zu kommen, in die Stadt der toten Götter.

Oder lag diese schon vor ihnen?

Jedenfalls wartete O'Donnell, bis der ganze Zug ins Freie gelangt war und sich auch alle an die blendende Helle gewöhnt hatten.

Auch jetzt noch wurden die Frauen von den Männern streng getrennt gehalten, und da sie keine besonders scharfe Bewachung brauchten, so konnten die Freunde sich das Bild betrachten, das sich ihren Blicken bot.

Nur Professor Becker kannte es bereits. Er hatte es von dem Fenster aus gesehen, an welches er auf Weisung Loke Klingsors getreten war. Nur war da der große freie Platz von vielen Hunderten von Menschen belebt gewesen.

Jetzt waren nur die sicher uralten Bauten zu sehen, die sich hier erhoben, Gebäude, die von Zyklopen errichtet worden zu sein schienen, aus so riesigen Quadern, ganzen Felsen, dass sich die Beschauer verwundert fragten, wie sie aufeinander hatten getürmt werden können.

Diese Frage aber beantworteten sie sich jetzt nicht, grübelten auch gar nicht erst darüber nach. Alle hatten — in anderen Erdteilen, aber auch in Indien selbst — schon genug ähnliche Bauwerke gesehen.

Es waren Mauern, die außer den ziemlich engen Türöffnungen nirgends sonst durchbrochen waren. Fenster waren also nicht vorhanden, und daraus war ja ohne Weiteres zu schließen, dass im Innern vollkommene Dunkelheit herrschen musste, wenn nicht künstliche Lichtquellen vorhanden waren.

Die Bauten standen nicht neben- oder hintereinander, sondern schienen ganz regellos errichtet zu sein. Von Straßen war keine Rede, nur der große freie Platz war vorhanden.

Wohin sollte man sich nun wenden?

Wieder gab Lord Clifford die nötige Weisung.

»Zweihundert Schritte vorwärts. Elefant. Eingang rechts!«, sagte er mit der monotonen Stimme.

Und ohne Weiteres setzte sich der Zug wieder in Bewegung, O'Donnell mit dem Lord voraus, hinter ihm die gefangenen Männer, an denen jetzt eine seltsame Unruhe zu bemerken war, dann Dr. Frank, hinter ihm die Frauen, und zuletzt wieder der Professor mit der Sängerin.

Gesprochen wurde nichts, bis die zweihundert Schritte zurückgelegt waren. Dann aber schauten alle fast ehrfürchtig auf den enorm großen steinernen Elefanten, der den Weg sperrte.

Sichtlich aus einem Felsen herausgehauen, also mit dem Boden verwachsen, stand das Ungetüm da, vielleicht vierzig und mehr Meter hoch, ganz anders dargestellt, als dies sonst in Indien mit Elefanten geschieht, die Arbeit eines bewundernswerten Künstlers —

Sie braucht nicht weiter beschrieben zu werden, es genügt, wenn gesagt wird, dass dieser steinerne Koloss den Eindruck machte, als sei er lebendig, als wolle er mit dem gehobenen Rüssel im nächsten Augenblick eins der ihm gegenüber winzig erscheinenden Menschlein packen, in die Luft werfen und dann unter den gewaltigen Füßen zu Brei zerstampfen.

»Eingang rechts!«, hatte Lord Clifford gesagt.

Dieser Eingang war vorhanden, führte wieder in eine der riesigen Bauten, und es muss gesagt werden, dass O'Donnell doch einen Augenblick zögerte, ehe er seine Gefangenen hineinführte. Es hatte für ihn durchaus nichts Verlockendes, wieder im Dunkel oder Halbdunkel umherzutappen. Elektrische Lampen hatte niemand bei sich, und Fackeln konnte man sich nicht beschaffen, da nirgends auch nur das kleinste Stück Holz zu entdecken war.

Da war es, als hätte der Lord die Bedenken des Detektivs erraten.

»Bald Licht!«, sagte er.

O'Donnell drehte sich um.

»Kommt es Ihnen nicht auch so vor wie mir, Doktor Frank«, fragte er, »als spräche aus dem Lord ein anderer, der genau Bescheid weiß?«

»Sicher!«, lautete die Antwort, die ohne das geringste Zögern gegeben ward.

»Nun, dann wollen wir sehen, was weiter auf uns wartet. Ich bin offen gestanden in Sorge um Miss Olinda. Wir haben seit Langem nicht mehr ruhen können, denn als wir uns in jenem Tempel eben dazu anschickten, wurden wir wieder gestört.«

»Dann werden wir selbstverständlich der Dame so bald wie nur irgend möglich Gelegenheit geben, zu schlafen. Ich selbst spüre einen geradezu quälenden Hunger«, gestand der Doktor.

»Und ich erst!«, rief Professor Becker von dem Ende des Zuges.

Da aber war O'Donnell schon in dem Eingang des Bauwerkes verschwunden.

Er war geräumiger, als es den Anschein gehabt hatte. Die Täuschung wurde durch die gewaltigen Steinmassen bewirkt, und obwohl es schien, als sei das Innere vollkommen finster, zeigte sich alsbald, dass das doch nicht der Fall war.

Nachdem eine Biegung passiert war, ward es wieder hell, und nun sahen alle, sobald sie ganz in das Innere getreten waren, dass diese kein Dach besaß, sondern nach oben ganz offen war. Licht und Luft konnten also ungehindert eintreten.

Aber die scharf beobachtenden Männer sahen gleich noch etwas anderes.

Auch der Regen konnte zwar eindringen, aber es mussten Vorrichtungen vorhanden sein, um dies zu verhindern, sonst hätte sich ganz gewiss schon im Innern dieses Bauwerks allerhand tropisches Pflanzenwerk angesiedelt. Das geht da sehr schnell, und die verlassenen indischen Ruinenstädte liegen ja heute schon allesamt im tiefsten Urwald begraben. Baumriesen haben die stärksten Mauern gesprengt, Wurzeln sie umrankt.

Das war hier nicht der Fall, und deshalb war sofort weiter zu schließen, dass jemand da sein musste, der zur rechten Zeit das Eindringen der Regengüsse verhinderte.

Der Gedanke lag selbstverständlich nahe, dass die Leute der Gräfin das bewirkt hatten, aber es konnten auch andere diese Aufgabe erfüllt haben. Vielleicht gehörte dieses Gebiet schon nicht mehr der Maladetta?

Auch darum kümmerten sich die Eintretenden zunächst nicht, denn sie sahen, dass in dieser Halle sich ein sehr, sehr langer steinerner Tisch hinzog, fast von einer Wand bis zur anderen reichend, also gegen zwanzig Meter lang und dabei sehr niedrig.

Dieser steinerne Tisch aber war bedeckt mit großen geflochtenen Körben, die wieder mit Deckeln versehen waren, ganz nach Art jener Körbe, in welchen allgemein im Orient das Essen befördert wird. Sie sind so sorgfältig geflochten, dass sie sogar Wasser halten, also an Stelle von Eimern verwendet werden können.

Was diese hier enthielten, das verriet sich durch den Geruch.

Irgendeine unsichtbare Köchin hatte für Essen gesorgt, und zwar war dies für die Inder bestimmt, wie eben die Körbe verrieten.

»Nanu!«, sagte O'Donnell. »Die Wunder häufen sich immer mehr. Sollen wir nun die Gefangenen essen lassen oder was sonst?«

»Essen lassen!«, erwiderte Lord Clifford, als sei die Frage an ihn gerichtet gewesen. »Nichts fürchten. Weiber sie füttern, nicht befreien, wieder hinaus, Tür schließen.«

»Na, da!«, knarrte Dr. Frank. »Jedenfalls eine starke Probe der Selbstbeherrschung, die wir da ablegen sollen — bei unserem Hunger! Aber —«

»Wir gleich essen. Elefant!«, sagte da der Lord.

»Na, also!«, tröstete Professor Becker.

Sein Freund aber gab den Indern die nötigen Befehle, da O'Donnell nicht Hindustani konnte.

»Lasst Euch um den Tisch nieder!«, rief er. »Eure Weiber mögen Euch füttern. Keiner aber versuche, den Draht von seinen Händen zu streifen. Wenn wir Euch hier wieder herauslassen, so wird jeder sofort erschossen, der den Draht nicht mehr trägt!«

Die Inder stürmten auf den Tisch zu, die Freunde aber wanderten durch den gekrümmten Ausgang zurück, und kaum standen sie im Freien, da schob sich selbsttätig von der einen Seite her ein gewaltiger Block vor und sperrte die Tür vollkommen ab.

»Aufmerksame Bedienung hier, das muss ich sagen!«, lobte Dr. Frank. »Nun wollen wir sehen, was wir speisen sollen. Also zum Elefanten!«

Sie begaben sich zu der Kolossalfigur, aber da war nichts von einem gedeckten Tische zu sehen, auch nichts von einer anderen Tür —

Doch Lord Clifford gab die nötige Auskunft.

»Rüssel fassen, niederdrücken!«, sagte er.

Ja, das war nun freilich eine Zumutung, denn der Rüssel befand sich mindestens zwanzig Meter über dem Boden, das heißt, das untere Ende, und es war nicht daran zu denken, dass man es im Sprunge packen konnte. So hoch springt kein Mensch.

Aber jetzt wusste O'Donnell Rat. Er führte unter der indischen Kleidung das Lasso bei sich, das ihm schon gute Dienste geleistet hatte, und alsbald flog die Schlinge durch die Luft, verfing sich am Rüssel —


Illustration

O'Donnell führte unter der indischen Kleidung das Lasso bei sich.


Ein Ruck nach unten —

Fast wäre der Riemen wieder abgeglitten.

Der Rüssel bewegte sich nicht.

»Links ziehen!«, gebot der Lord da.

Sofort gehorchte O'Donnell, und siehe da! Der Rüssel war alsbald beweglich, und nicht nur das — die ganze Vorderhälfte des Kolosses drehte sich um eine verborgene Achse. Es zeigte sich, dass der Leib der Figur hohl war, und, noch während der eine Teil sich drehte, erschien aus diesem hohlen Leibe hervor eine Treppe, die sich auf den Boden senkte und dann ganz festzustehen schien.

»Hinaufsteigen!«, sagte Lord Clifford.

Da kletterten sie hintereinander empor und sahen nacheinander, wie sie oben ankamen, dass das Innere der Figur ein mit aller Bequemlichkeit ausgestatteter Raum war —

Und auch hier stand ein mit Speisen gedeckter Tisch, hier aber alles in Geschirr, wie die Kulturmenschen es gewohnt sind, und da ließ sich keiner nötigen. Alsbald saßen alle auf den niedrigen, mit runden Lehnen versehenen Holzstühlen, und dann untersuchten sie den Inhalt der Schüsseln.

»Rehbraten!«, rief die Olinda.

»Und ich habe einen gebratenen Fisch!«, erwiderte Professor Becker —

Kurz, jeder entdeckte etwas anderes, alles aber in ausreichender Menge, und da auch in silbernen Karaffen Wein vorhanden war, in Glasbehältern aber kühles, klares Wasser, so konnte auch der Durst gestillt werden.

Lord Clifford freilich war nicht zu bewegen, etwas zu essen, er konnte es anscheinend gar nicht, stand aufrecht da, als kenne er weder Müdigkeit noch Hunger und Durst —

Man kümmerte sich nicht um ihn, nicht etwa aus Selbstsucht, sondern weil eben nichts mit ihm anzufangen war, und nachdem endlich Hunger und Durst gestillt waren, meinte Dr. Frank:

»Jetzt möchte ich ein Pfeifchen rauchen!«

»Ob keine vorhanden ist?«, erwiderte O'Donnell. »Solche sorgsame Wirte, wie die unseren zu sein scheinen, werden gewiss auch daran gedacht haben. Ob Lord Clifford nicht bereits Bescheid weiß?«

Dieser schien wieder die Worte gehört zu haben, denn er sagte:

»Nicht rauchen. Tür zumachen.«

Diese Worte enthielten also zwei Befehle; sie hätten mit entsprechender Stimme gegeben werden müssen, und da gehörten auch beim Schreiben Ausrufezeichen an den Schluss — sie wären jedoch hier nicht angebracht, denn der Lord sagte auch diese Befehle so gleichgültig, wie alles, was er vordem gesprochen hatte.

Die anderen aber schauten einander überrascht an.

»Türe zumachen?«, wiederholte die Olinda. »Mylord, sollen Sie das nicht gütigst höchstselbst besorgen? Wir finden leider die Klinke nicht —«

Sie konnte also schon wieder scherzen, obwohl sie noch sehr müde war, und die Herren lachten auch, doch Clifford wollte sich nicht herablassen, wiederholte indessen auch den Befehl nicht.

»Er meint sicher, dass wir das Vorderteil des Elefanten, der uns so freundlich beherbergt, zurückklappen lassen sollen«, erklärte Dr. Frank. »Und wenn uns so etwas geheißen wird, dann lässt es sich auch ganz bestimmt ausführen, ja, es ist sogar, wie ich aus eigenster Erfahrung weiß, sehr ratsam, das ohne die geringste Verzögerung zu tun.«

Er stand auf und trat an die Treppe, die noch nach unten führte, wollte nach einem Mechanismus suchen, der sicher vorhanden war, bückte sich —

Da schwirrte etwas an seinem linken Ohre vorbei, ganz dicht. Es klang wie das Flügelsurren eines großen Käfers, und unwillkürlich griff er nach der Stelle, wie man eben eine Fliege oder ein anderes unwillkommenes Insekt abwehrt.

Im gleichen Augenblick aber hörte er hinter sich einen anderen Ton.

Es klang, als sei ein Steinchen aufgeschlagen.

Verwundert drehte er sich um.

Und im gleichen Augenblick, als er sah, was diesen Ton erzeugt hatte, rief hinter ihm sein Freund:

»Zurück, Walter! Man schießt auf Dich — und diese Art Pfeile kennen wir ja beide — sie sind stark vergiftet — zurück!«

Ja, auch Dr. Frank sah den Pfeil liegen. In das Gestein, aus dem der Elefant gemeißelt war, hatte die schwache Spitze nicht eindringen können, und im Übrigen mochte die Flugkraft des Geschosses an sich nicht groß gewesen sein, sonst wäre es viel weiter ins Innere geflogen, hätte vielleicht einen der am Tische Sitzenden verletzt.

Gerade diese Umstände aber bewiesen, dass Professor Becker recht hatte.

Es handelte sich um einen vergifteten Pfeil, der also nicht tief in den Körper eindringen, nicht durch die scharfe Spitze töten, sondern nur eine geringfügige Wunde erzielen soll. Ein Hautriss, der kaum wahrnehmbar ist, genügt da.

Solche Pfeile werden deshalb auch nicht aus hartem Holze gefertigt, sondern meist aus Rohr, und die Spitze ist so klein, dass sie an sich keine gefährliche Wunde erzeugen könnte. Aber eben das Gift, in das sie getaucht ist, macht sie furchtbar.

Dass es in Indien noch verschiedene Bergstämme gibt, die mit solchen Pfeilen schießen, ist bekannt. Es sind eben Völkerschaften, die mit den Europäern noch nicht in Berührung gekommen sind, vor diesen fliehen, und immer sind sie auch tückische, hinterlistige Gesellen, dabei feig und grausam — ganz so, wie dies ihrer Waffe entspricht.

Tapfere Männer verschmähen solche vergiftete Pfeile, wollen nicht auf solche Art über ihre Feinde siegen —

Es ist nur fraglich, ob Feigheit und Tücke zur Herstellung vergifteter Pfeile und anderer Waffen führten oder umgekehrt: dass also diese Waffen auf den Charakter derer Einfluss hatten, die sich ihrer bedienten.

Nun, gerade Dr. Frank und Professor Becker hatten schon oft gegen solche Feinde kämpfen müssen, deswegen hatten sie sich ein Schutzmittel hergestellt, das bisher stets gewirkt hatte, also ein Gegengift — aber sie wollten es doch lieber nicht darauf ankommen lassen, ob dieses auch hier seine Schuldigkeit tun würde.

Zunächst einmal spähte Dr. Frank hinaus, ob er irgendwo den verräterischem Schützen erblicken könnte.

Doch der hatte sich vortrefflich verborgen, und auch das gehörte zu der ganzen Sache: vergiftete Pfeile aus sicherem Hinterhalte abschießen! Und dann geduldig warten, bis das Opfer unter entsetzlichen Qualen verendet war.

Ein heftiger Zorn packte die Überfallenen.

»Wir wollen hinunter und nach dem Kerl suchen!«, rief O'Donnell, aber als er vorspringen wollte, merkte er, dass eine Hand ihn hielt, und als er sich umwandte, schaute er in das Gesicht der Olinda, in ihre bittend auf ihn gerichteten schönen Augen.

»Das wäre Selbstmord«, sagte da auch schon Professor Becker, und da wurde auch schon der Beweis dafür geliefert, dass er recht hatte —

Wieder kam ein Pfeil heran, merkwürdig langsam — und fiel unschädlich nieder.

»Das sieht fast aus, als schössen sie nicht!«, rief Dr. Frank.

»Sondern als würden die Pfeile mit der Hand von oben auf uns geworfen!«, ergänzte sein Freund, und schon spähten beide in die Höhe — nach dem gewaltigen Bauwerk hinüber, in welches sie die Inder eingesperrt hatten oder diese vielmehr eingesperrt worden waren, ohne dass man wusste, wer den gewaltigen Block vorgeschoben hatte.

Und da allerdings sahen sie, hoch oben, einen Kopf, eine Hand —

Schneller, als sich das sagen lässt, hatte Frank den Revolver in der Hand und schoss, ohne lange zu zielen.

Er hätte sich nicht so zu beeilen brauchen, denn der Mensch da oben zog sich nicht eilfertig hinter den Steinwall zurück — er schaute noch herab — und da ereilte ihn auch schon die Kugel.

Der Kopf verschwand, ein Schrei erscholl, aber nur schwach, und dann zeigten sich am ganzen Vorderrande des Daches viele andere Köpfe, und nun kamen aus der Höhe unzählbar viele solche Giftpfeile herab, dass die beiden Gelehrten sofort zurücksprangen.

»Sie kennen die Wirkung der Feuerwaffen noch nicht«, murmelte Dr. Frank, ohne sich groß um den Pfeilhagel zu kümmern. »Aber das nützt uns nicht viel«, setzte er gleich hinzu, »denn ehe wir sie alle abschießen könnten, wäre mindestens einer von uns getroffen —«

»Wir müssen uns einen Schutzschild herstellen!«, riet der Detektiv. »Der Tisch würde sich ganz gut dazu eignen.«

Ja, das war ein Vorschlag, der sich hören ließ und den man schließlich auch hätte durchführen müssen, wäre nicht etwas eingetreten, was ihn wertlos machte.

Jetzt kamen solche Giftpfeile auch von vorn geflogen.

Ganz deutlich war zu merken, dass sie nicht nur von oben herab geschleudert wurden — sie drangen ziemlich weit in das Innere des Elefanten ein, und nun allerdings wurde die Sache gefährlich.

»Türe zumachen!«, sagte da Lord Clifford, der noch unbeweglich dastand und starr vor sich hinschaute.

»Zum Teufel, wie denn nur?«, rief da Dr. Frank ganz außer sich, nicht etwa aus Furcht, verwundet zu werden, sondern weil er jetzt eine Dame zu schützen hatte.

Und da kam die Antwort, die sie schon lange hätten haben können:

»Treppe hoch. Alleine.«

Dr. Frank warf dem Lord einen sonderbaren Blick zu, sprach aber nicht aus, was er dachte, sondern sprang vor, Professor Becker mit ihm, und nun packten sie beide die Treppe.

Sie hatten sich auf eine Anstrengung gefasst gemacht, denn das Ding war doch mindestens acht Meter lang — aber es war ganz merkwürdig!

Kaum hatten sie die seitlichen Holme gefasst, da setzte sich die ganze Treppe selbst in Bewegung, zugleich rückte das Vorderteil der Figur langsam wieder herum, und nach weniger als einer Minute hatte sie sich geschlossen.

Die kleine Gesellschaft war in den Bauch des Elefanten eingesperrt, konnten sich aber jetzt freier bewegen als vorher, denn nun hatten sie doch auch den vorderen Raum noch zur Verfügung.

Und sie entdeckten alsbald, dass in diesem Teile Öffnungen angebracht waren, denn Licht drang zu ihnen herein.

Da sprangen die drei kampffähigen Männer auch schon nach vorn und sahen nun, dass diese Öffnungen sich im Maule des Tieres befanden, nicht nur gerade nach vorn führend, sondern auch nach unten.

Und als sie hinaus spähten, gewahrten sie bereis wieder etwas anderes.

Die Feinde, die sich bis dahin in sicheren Verstecken geborgen hatten, kamen nun heraus. Der ganze Raum vor dem kolossalen Elefanten füllte sich mit ihnen —

Und es waren ausschließlich solche missgestaltete Zwerge, wie ihrer vier schon in der Halle mit dem steinernen Zebu aufgetaucht waren — Albinos, Lalakawanas — Lemuren!

»Das sind merkwürdige Kerls!«, brummte O'Donnell. »Sehen Sie den eigentümlichen Schmuck, meine Herren, den jeder an einer Binde auf der Stirn hängen hat?«

Die beiden Gelehrten hatten das schon bewerkt und erkannt, dass der blitzende, wohl aus reinem Gold gefertigte Schmuck nichts anderes darstellte als das Sonnenrad, das sie schon kannten, auf der Brust der Maladetta als Tätowierung gesehen hatten.

Für eine ganze Weile vergaßen sie alles andere, hatten nur Augen für diese seltsamen Geschöpfe — und sie waren Deutsche, hatten Märchen und Sagen gelesen, sie mussten unwillkürlich an König Laurins Rosengarten denken, wo ja auch die tapferen Helden Dietrichs von Bern mit den Zwergen kämpfen und ihnen erliegen — weil diese Zwerge über zauberische Kräfte verfügen — sich mit Tarnkappen unsichtbar machen können.

Aus diesem Gedankengang heraus sprach denn auch Professor Becker nachdenklich:

»Sie sind sicher schon dagewesen, als wir hierher kamen, waren nur damals unsichtbar —«

»Und wenn Deine Annahme richtig ist«, ergänzte Dr. Frank, »dann haben sie diesen Elefanten als Falle für uns aufgestellt, in die wir prompt gegangen sind. Dann werden wir gleich noch etwas ganz anderes erleben — gib nur acht!«

Sie hatten diese Worte auf Deutsch gesprochen. O'Donnell verstand sie nicht, wohl aber die Olinda, die ja von deutschen Eltern stammte, und da auch sie die ganze Zeit das Gewimmel der Zwerge mit großem Interesse betrachtet hatte, sagte sie jetzt:

»Sie haben recht, meine Herren! Sehen Sie doch, wie man Seile um die Füße der Figur schlingt. Man will uns mit dieser fortziehen!«

»Ausgeschlossen!«, erwiderte Frank. »Dieser Elefant ist aus einem Felsen gemeißelt, der hier aus dem Boden hervorragt, er ist mit diesem untrennbar ver...«

Weiter kam er nicht, hatte es auch gar nicht nötig. Er wurde schon belehrt, dass er im Irrtum war, denn — die kolossale Figur, die viele tausend Zentner wog, bewegte sich — langsam zwar, doch ganz merklich!

»Sollen wir nicht auf die Kerls schießen und sie auf diese Weise verjagen?«, fragte Becker.

»Versuch's!«, erwiderte sein Freund.

Und da krachten auch schon hintereinander die acht Schüsse aus dem Revolver des Professors.

Was für Schützen diese beiden Männer waren, ist schon gesagt worden, und so braucht eigentlich nicht erst gesagt zu werben, dass jede Kugel ihr Ziel traf.

Acht der Zwerge stürzten und waren auch gleich tot, aber — die anderen kümmerten sich nicht um die Leichen, nicht einer bückte sich, um etwa Hilfe zu bringen —

Im Gegenteil, die Lebenden traten und stampften auf die Körper der Gefallenen, ließen sich nicht im Geringsten stören.

»Ich wusste es«, murmelte Dr. Frank, während die anderen verblüfft hinausschauten. »Spare also Deine Patronen, denn unser Vorrat ist sowieso gering —«

Der Professor erschrak.

Daran hatte er nicht gedacht. Sie hatten damals, als sie sich nach Lalakawana wagten, nicht viel Munition mitnehmen können, hatten sich nicht unnütz belasten dürfen und alles, was sie brauchen würden, ja nach und nach holen wollen. Jetzt lag es noch in dem Versteck unter der Mangrove.

Nein, sie mussten wirklich die Patronen sparen, bis sie die richtige Verwendung dafür hatten. Gegenüber dieser Unmasse von Zwergen gab es keine Möglichkeit, sie durch Schüsse niederzustrecken, da hätten sie schon Maschinengewehre aufstellen müssen.

So begnügten sie sich, zu beobachten, wie die hässlichen Kerle sich zu Hunderten vor jedes der zahlreichen Seile spannten, wie sie alle Kraft anstrengten — und sie schienen sehr stark zu sein — wie der Elefant langsam diesem Zug nachgab, sich bewegte!

Wohin sollte die Fahrt gehen?

Sie hatten natürlich keine Ahnung, mussten es darauf ankommen lassen, konnten aber auch keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, dass, am Ziele angelangt, diese Albinos den Elefanten öffnen und sie herausholen würden.

Dass sie das verstanden, war vollkommen klar.

Und da sahen die Eingeschlossenen auch, wie sich das Tor des Riesenbaues öffnete, in welchen sie die Inder eingesperrt hatten, wie diese herauskamen —

Und sie staunten nicht schlecht!

Hatten sie erwartet, dass die Lalakawanas etwa diese Gefangenen befreit hatten, so sahen sie sich getäuscht. Sie waren nach wie vor gefesselt, wenn man den dünnen Draht so bezeichnen will. Keiner hatte diesen abgestreift, und — die Hauptsache war — aus dem Gesichtsausdruck der Männer und der Frauen sprach kein verbissener Trotz mehr, wie vordem, sie schienen im Gegenteil ganz niedergeschlagen zu sein, als wüssten sie nun, dass es für sie keine Rettung mehr gab.

Und wieder sahen die Eingeschlossenen etwas Neues, was sie staunen ließ.

Aus dem Tore hervor kamen hinter den Gefangenen noch viele, viele solche Zwerge, die also in dem Bauwerk gesteckt haben mussten, ohne sich zu verraten, als die Weißen es betraten.

Auch dort war vielleicht schon eine Falle für sie bereit gewesen, der sie nur durch einen Zufall entgangen waren — oder — durch die Mahnung, die Lord Clifford ausgestoßen hatte.

Da dachten sie wieder an diesen.

Er stand noch wie vorher, teilnahmslos, unbeweglich, fast selber wie eine künstlich hergestellte Figur —

»Nun, Lord, was soll aus alledem werden? Was sollen wir nun tun?«, fragte Dr. Frank mit einem höhnischen Untertone in der Stimme. »Wollen Sie uns gütigst einen Rat erteilen?«

Da öffnete der menschliche Automat den Mund und sagte:

»Abwarten!«

Unwillkürlich lachten alle, am hellsten die Olinda, die dadurch auch gleich verriet, dass sie sich nicht fürchtete, mehr neugierig war als ängstlich.

Dr. Frank aber meinte kaltblütig:

»Das Warten können wir besser besorgen, wenn wir uns wieder setzen und uns gegenseitig etwas erzählen, als wenn wir durch die Löcher auf die Zwerge schauen und uns die Beine in den Leib treten.«

Er selbst nahm seinen früheren Platz wieder ein, räkelte sich etwas gemacht in dem bequemen Stuhl, füllte sein Glas mit Wein, hob es und rief:

»Prosit, meine Herrschaften!«

Die anderen lachten abermals, eilten zu ihm, taten es ihm nach, stießen mit ihm an und — ließen sich davonkutschieren.

Da der Boden draußen ganz eben war, aus großen Steinplatten bestand, die sorgsam aneinandergefügt waren, so war von der Bewegung des schweren steinernen Elefanten so gut wie nichts zu spüren, sondern eben nur anzunehmen, dass er für solche Transporte von Anfang an eingerichtet, also mit Rädern oder Walzen unter den Füßen versehen war.

»Wollen Sie nicht auch etwas genießen, Mylord?«, fragte da die Olinda mitleidig, indem sie zu Clifford trat, das Weinglas in der rechten Hand.

Er schüttelte den Kopf, hob ihn aber dann, als lausche er auf etwas, wartete noch eine Sekunde und sagte dann:

»Jetzt!«

Was das bedeutete, verriet er nicht. Die Männer mussten an die Öffnungen treten und hinausspähen, und da sahen sie eine neue Überraschung.

Sie befanden sich nicht mehr im Freien mit ihrem sonderbaren Gefährt, sondern dieses war in eins der riesenhaften Bauwerke gezogen worden, und es war schade, dass keine Öffnung einen Blick nach oben gestattete, also eine Schätzung der Höhe dieser Halle.

Sie musste aber doch sehr, sehr hoch sein, dass der Elefant so bequem hineinging, und als man vorwärts schaute, sah keiner eine Wand, obwohl eine da sein musste.

Sie achteten auch nicht darauf, sondern blickten alle auf den seltsamen Menschen, der da auf einer Art Tribüne stand —

Ja, stehen konnte man das eigentlich nicht nennen.

War denn das überhaupt ein Mensch?

Es sei kurz gemacht.

Das Geschöpf, was die in dem Bauche des Elefanten steckenden Männer und die Olinda jetzt erblickten, war kein anderer als Stephan Kafka, den Loke Klingsor nicht anders als den Bunten Maulwurf zu nennen pflegte, also jene Missgeburt, die er fangen wollte und noch nicht hatte fangen können.

Davon wussten sie allerdings nichts. Nur die beiden Gelehrten hatten eine schwache Andeutung erhalten, dass dieser Mann in dem Mammutparke hausen sollte, fern von hier — wenn sie sich noch auf Lalakawana befanden — in einem ganz abgelegenen Hochtale des Himalaja —

Ja, sie staunten nicht schlecht, ohne recht klug zu werden, wen sie vor sich hatten.

Jedenfalls war dieser Bunte Maulwurf von großem Einfluss auf die Albinos, die sich rings um ihn scharten. Sie schauten ehrerbietig zu ihm auf, was sehr wohl zu sehen war, und — er sprach zu ihnen — leider in einer Sprache, die keiner der Eingeschlossenen verstand.

Hören allerdings konnten sie jedes Wort, ganz deutlich drangen die Laute durch die Öffnungen im Kopfe der Figur.

Nun, sie sollten alsbald merken, um was es sich handelte.

Die Albinos hatten eine Art Führer, der jetzt vor dem Bunten Maulwurfe stand und mit diesem verhandelte.

Das Gespräch drehte sich offenbar um den Elefanten, der geöffnet werden sollte, aber der Führer der Lemuren schien den Mechanismus doch nicht zu kennen, das sah man daran, wie er immer wieder die Schultern zuckte —

Da wurde ihm von einem Manne, der hinter dem Bunten Maulwurfe auftauchte, etwas gereicht — es sah aus wie ein langes Messer.

Die Beobachter guckten jedoch nicht auf dieses Ding, der Mann selber, der es hielt, erweckte vielmehr ihr Interesse.

»Das ist doch ein Zyklop!«, murmelte Professor Becker, ganz außer sich.

In der Tat, die anderen hatten es ebenfalls schon gesehen.

Dieser Mensch hatte nicht nur zwei Augen wie andere Menschen, sondern noch ein drittes, das auf der Stirn saß! Er war also das, was man schlechthin einen Zyklopen nennt, obwohl man da, eben nach den durch die griechische Sage geschaffenen Bildern, auch gleich an einen Riesen denken muss.

Ein solcher aber war der Mann nicht, zeichnete sich nicht durch einen besonders großen Wuchs aus, war eher schwächlich gebaut als schwach — aber ein Zyklop war er doch!

Auch von ihm konnten die Eingeschlossenen nichts wissen. Loke Klingsor hatte nicht von ihm gesprochen. Sie waren da viel zu wenig mit ihm vertraut, und so dachte keiner daran, dass sie eben wegen dieser beiden Missgeburten hierher gebracht worden sein könnten. Sie sollten das alles erst später erfahren, aus dem Munde des Geheimnisvollen selbst.

Vorläufig konnten sie nur staunen.

Und dieses Staunen wuchs, als sie gewahrten, wie der Führer der Albinos dieses seltsame messerartige Instrument ergriff und damit zu dem Elefanten trat.

Gespannt schauten alle zu, was er mit dem Dinge anfangen würde, und sie erschraken etwas, als sie sahen, dass er es an den Vorderfuß des Steinelefanten hielt, dass alsbald ein seltsam summender Ton erklang — —

»Das klingt bald, als wolle er autogen schweißen«, sagte O'Donnell noch.

Da sahen sie schon, wie das Instrument in den Stein eindrang — —

»Als wäre es Butter!«, bemerkte Dr. Frank.

»Sie wollen uns herausholen!«, ergänzte Professor Becker.

Da erklang die Stimme Lord Cliffords, auch jetzt noch so eintönig wie immer bisher. Er sagte:

»Festhalten!«

Die anderen schauten ihn verständnislos an.

Dachte der etwa, sie würden durch das Bein des Elefanten bis zu dem Loche hinabrutschen, das da in dieses geschnitten werden sollte?

Nein, sie kamen überhaupt nicht zum Denken, denn plötzlich hörten sie ein schreckliches Jammergeschrei —

Rasch spähten sie hinaus, konnten aber die Ursache des Geschreis selbst nicht sehen, sondern nur, dass die dichtgedrängte Masse der Albinos entsetzt auseinander stob.

Der Elefant wehrte sich also, aber auf welche Weise, das konnten sie nicht einmal ahnen, bis sie unter sich plötzlich Albinos gewahrten, deren geringe Kleidung in hellen Flammen stand, bis sie sahen, dass auch die anderer Feuer fing.

Und während sie noch fassungslos hinausschauten, vernahmen sie plötzlich einen Ton, den sie alle kannten, den jeder schon gehört hatte — auf der Jagd nach Elefanten!

Diesen schmetternden Ton stößt der gereizte Elefant aus, wenn er auf den verwegenen Jäger losgeht, um ihn mit dem Rüssel zu packen, ihn zu zerstampfen —

Der steinerne Elefant trompetete!

Und bei seiner Größe gab das einen Ton, der geradezu fürchterlich klang, markerschütternd, die Nerven aufpeitschend.

Aber nicht darin allein bestand das Wunder.

Dieser steinerne Elefant konnte nicht nur trompeten, sondern auch den Rüssel schwenken, die Füße heben, sich bewegen!

Und das merkten seine Insassen erst, als sie durcheinander purzelten — infolge der heftigen Bewegung.

Jetzt allerdings griffen sie nach einem Halt — und mussten zunächst wieder einmal lachen, denn das Geschirr klapperte vom Tische herunter und die auf dem Boden Liegenden wurden mit den Resten des Essens überschüttet, mussten bloß sehen, dass sie nicht eine solche volle Bratenpfanne auf den Kopf bekamen oder eine Terrine mit Reis, der mit Curry gekocht war.

So krabbelten sie gleich unter den Tisch und duckten sich dort eine Weile, bis sie sich doch besannen und aufsprangen — —

Da aber kamen sie eigentlich schon zu spät.

Der Elefant hatte reine Wirtschaft gemacht, die Albinos waren aus der Riesenhalle geflüchtet, kein einziger mehr war zu sehen, und die langen Seile, an denen sie die Steinfigur hierher geschleppt hatten, schienen wie Zunder verbrannt zu sein. Linien weißer Asche auf dem Boden verrieten noch, wo sie gelegen hatten, sonst nichts.

Übrigens merkten die Eingeschlossenen nun auch, dass der Elefant wieder stillstand, aber ruhig verhielt er sich noch nicht, er bewegte noch den Rüssel — —

Da genug Gucklöcher vorhanden waren, so konnten alle zu gleicher Zeit hinausspähen, und so sahen auch alle zu gleicher Zeit dasselbe.

Der Rüssel hatte zwei Gestalten gepackt.


Illustration

Einem gewöhnlichen Elefanten wäre das nicht möglich gewesen, aber diesem Riesentiere von vierzig und mehr Meter Höhe war es eine Kleinigkeit, es sah fast aus, als hätte er nur einen Brotlaib gepackt, so winzig erschienen die beiden, die es dadurch in die Luft schwang.

Es waren die beiden Missgeburten, die auf der Plattform gestanden hatten, also der Bunte Maulwurf und der Zyklop.

Sie schrien nicht — oder nicht mehr? Das war nicht zu sagen.

Auf einmal aber tat sich vor den Ausspähenden ein Loch auf.

Der Elefant öffnete sein Maul, und wie ein gewöhnliches Tier etwa einen saftigen Zweig so hineinbefördert, so schleuderte er die beiden Kerle herein, so gewaltig, dass sie gleich bis ganz hinter flogen, gegen den Tisch anprallten und liegen blieben.

Noch staunten alle über dieses neue Wunder, da wurden sie durch den Lord an ihre Pflicht gemahnt.

»Sorgsam binden!«, sagte er. »Immer einer wachen!«

Das ließen sich die Männer nicht zweimal sagen.

Im Nu hatten sie die beiden gepackt, dass sie sich nicht rühren konnten, und da kein anderes Mittel da war, sie unschädlich zu machen, musste das Lasso herhalten.

Je ein Ende umschlang den Bunten Maulwurf und den Zyklopen.

Diese beiden schienen bewusstlos zu sein, sie hatten die Augen geschlossen, waren auch sehr bleich — man konnte sie jedenfalls in aller Ruhe mustern und nur immer wieder staunen, dass die Natur solche Launen hatte und dass sie derartige Missgestalten hervorbrachte.

Noch aber wusste keins, was das alles bedeuten sollte; der Elefant stand bereits wieder ganz still, schien sich wieder in Stein verwandelt zu haben.

Es schien so.

Plötzlich setzte er sich wieder in Bewegung, diesmal aber durchaus nicht so wie vorhin, als die Zwerge ihn mühsam hatten ziehen müssen. Es schien also nicht, als wenn er auf Rollen oder auf Rädern dahinglitte, nein, er setzte Bein vor Bein, Fuß vor Fuß, ganz wie jeder andere Elefant das getan haben würde.

Das war Anlass genug, sofort wieder die Beobachtungsplätze einzunehmen, und da sahen sie, dass sie sich mit ihrem Träger einer Wand der Halle näherten.

Der Elefant marschierte gerade darauf zu, obwohl es doch gar keinen Zweck zu haben schien, denn hinaus konnte er hier nicht — —

Oder doch?

Auch hier schien sich vor den Ausgang ein solcher mächtiger Block geschoben zu haben, wie das bei dem anderen Bauwerk selbsttätig der Fall gewesen war, und der Elefant schien zu wissen, wie er ihn beseitigen konnte.

Wie das möglich ward, sahen allerdings die Eingeschlossenen nicht, sie konnten nur so viel feststellen, dass er sich quer an den Block lehnte, dass dieser zur Seite wich — und dann trabte er durch das Tor hindurch — —

Auf dem Herwege hatte niemand darauf geachtet, wohin es ging, ob dieselbe Strecke zurück, die sie gekommen waren, also die zweihundert Schritte, die Lord Clifford verlangt hatte.

Jetzt aber sahen sie, dass der Elefant aus der Stadt der toten Götter, um die es sich ja doch handelte, hinausstrebte. Er schien einen Weg zu kennen, auf dem dies am schnellsten möglich war, denn schon nach kurzer Zeit gab es keine solchen Riesenbauten mehr zu beiden Seiten des Weges, sondern eine Ebene tat sich auf, allerdings furchtbar trostlos, nur aus großen ebenen Flächen bestehend, die weiterhin mit Blöcken und Geröll besät waren. Es machte fast den Eindruck, als sei aller Abfall, der bei der Herstellung der Bauten entstand, hierher gebracht worden.

Ja, es war merkwürdig genug.

Bald aber änderte sich das wieder.

Es ging durch eine Art Engpass hindurch, der von steilen Bergwänden gebildet wurde, so hoch, dass kaum ein Lichtstrahl bis auf die Sohle der Schlucht fallen konnte, und dann — —

Ein Ausruf des Entzückens entrang sich zuerst der Olinda, als sie vor sich, unter sich eine herrlich grüne Landschaft erblickte, grüne Matten, mit tausenderlei Blumen besät, dahinter Wald, aus Palmen bestehend.

Sie jubelte laut, konnte sich gar nicht beruhigen und merkte so nicht, wie die Männer neben ihr stutzten, wie sie immer verwunderter hinausblickten, je näher sie dem Walde kamen.

»Das sind keine indischen Palmen!«, murmelte Dr. Frank.

»Nein, diese Bäume hier erinnern mich an Südamerika!«, bestätigte sein Freund, der Professor.

»Und sehen Sie doch die Affen dort!«, fügte da O'Donnell hinzu. »Der kleine graue, mit den schwarzen Querbinden und den seltsamen Haarbüscheln, die aus den Ohren hervorstehen, ist ein Saguin oder Uistiti, ein brasilianischer Krallenaffe! Ich kenne diese Tiere genau —«

»Ja, und da sind Papageien, Aras und Kakadus!«, konnte Dr. Frank nur wieder rufen.

Die Olinda hörte das.

»Was verwundert Sie denn so, meine Herren?«, fragte sie.

»Wir sind in eine Gegend geraten, die nicht nach Indien gehört«, erwiderte der Detektiv. »Dieser Wald könnte am Amazonas stehen oder im Gran Chaco —«

»Aber das ist doch vollkommen gleichgültig!«, erwiderte die Sängerin. »Ich freue mich so sehr, wieder einmal einen Wald zu sehen! Wir waren so lange in der Wüste — und dann — —«

»Auf der AtakarWüste!«, sagte Dr. Frank mit besonderer Betonung. »Und dann fanden Sie sich auf Lalakawana wieder!«

»Sie meinen, das sei ebenso unwahrscheinlich, wie dass wir hier einen südamerikanischen Urwald vor uns sehen?«, fragte die Olinda.

»Unmöglich? Dieses Wort scheint hier seine Bedeutung verloren zu haben«, entgegnete der junge Gelehrte. »Nein, möglich ist hier alles — und doch — entweder ist es eine gewaltige Gaukelei, deren Opfer wir sind — wir träumen mit scheinbar wachen Augen — oder — — ich behaupte, mein Verstand hat seine Dienste eingestellt, ich kann nicht mehr klar urteilen — —«

»Uns geht es doch nicht anders, Walter«, suchte der Professor den Erregten zu beruhigen. »Wir sehen, was wir nicht glauben können. Warum sollen wir da nicht einmal glauben, was wir sehen, und den Verstand ganz aus dem Spiele lassen? Musst Du denn immer das Wie und Wieso wissen?

Kopf hoch, alter Junge! Wenn das wirklich eine Gaukelei ist, so wollen wir sie uns gefallen lassen! Denke, Du säßest in einem Kino und ließest Dir einen solchen Film vorführen, der in den verschiedensten Erdteilen aufgenommen und dann im Glashause zusammengesetzt worden ist. Da kannst Du jetzt am Nordpol sein oder wenigstens in ewigem Eis und Schnee, und dann gleich wieder im tropischen Afrika, und wenn die Herrschaften ihr Handwerk nur einigermaßen verstehen, dann können sie auch einen steinernen Elefanten laufen und trompeten lassen — —«

»Aber wir sind doch mitten drin!«, wendete Dr. Frank ein. »Wir haben dort die beiden Gefangenen liegen —«

Und da sollte er gleich noch einen Beweis dafür erhalten, dass es sich nicht um einen Kinotrick handelte.

Der Elefant hatte den Wald erreicht und vor einem mächtigen Baume Halt gemacht. Nun bewegte er den Rüssel, pflückte etwas zwischen dem Blattwerk und schob es sich in das Maul, als wollte er seinen Hunger stillen.

In Wahrheit aber rollten die etwa kopfgroßen Früchte in den Hohlraum, und als die Männer je eine aufhoben, sahen sie einander wie verwirrt an.

Sie waren wirklich in Brasilien, wo allein diese Früchte gediehen, eine Nuss, die an sich nicht genießbar ist; bei ihr ist es gerade umgekehrt wie bei ihren Verwandten, wo die Schale weggeworfen und der Kern gegessen wird.

Hier war die Schale genießbar, der Kern war es nicht. Sie musste aber auch erst geröstet werden, nützte also nichts, denn ein Feuer brannte ja im Innern des Elefanten nicht.

Konnte auch keins angebrannt werden?

Fast lockte es die Männer, eine Probe zu machen. Sie kamen vorläufig nicht dazu, denn der Elefant war in den Wald eingetreten, und da erst erkannten sie wieder, wie riesengroß er war.

Selbst die höchsten Palmen blieben so tief unter ihm, dass sie kaum bis an seinen Leib reichten, und zum ersten Mal hatten alle einen Anblick, der sonst höchstens einem Flieger beschert sein kann.

Sie schwebten sozusagen über den tropischen Urwald hinweg, konnten von oben auf ihn herabschauen, und sie sahen, wie die stärksten Bäume durch die plumpen Beine des Elefanten gebrochen wurden, genau so, wie hohe Grashalme und Büsche unter denen afrikanischer oder indischer Elefanten.

Ja, so sah es aus.

Als ob das Riesentier durch eine Wiese stampfte, die allerdings nicht aus Gras bestand, sondern eben aus Urwald.

Und das Sonderbarste war, dass dabei den beobachtenden Menschen doch alles in der natürlichen Größe erschien.

Tiere allerdings erblickten sie nicht mehr, die waren gleich anfangs geflohen, nur die Papageien umschwärmten mit misstönendem Geschrei den Eindringling, ohne dass dieser sich um sie kümmerte.

Er setzte seinen Marsch fort, als hätte er ein ganz bestimmtes Ziel.

»Wohin geht das nun wieder?«, murmelte Dr. Frank fast ächzend.

So Wunderbares er auch schon erlebt hatte, dies hier wollte ihm nicht in den Sinn. Er fand sich wirklich nicht mehr zurecht, denn er vergaß doch eben nicht einen Augenblick, dass dieser Elefant aus Stein bestand, er konnte es gar nicht vergessen, denn er lehnte sich ja gegen dieses Gestein, hätte jederzeit feststellen können, dass es nichts anderes war!


Illustration

Er hatte sich einmal nach dem Lord umgeblickt, aber gesehen, dass dieser nicht mehr an seinem Platze stand, sondern auf dem Boden lag — anscheinend in tiefstem Schlafe.

Da wollte er ihn nicht stören, erkannte wohl auch, dass der Versuch ganz zwecklos gewesen wäre. Der Unbekannte, der diesen Engländer hypnotisiert hatte, würde wohl auch imstande sein, ihn in einen Schlaf zu versenken, aus dem es gegen seinen Willen kein Erwachen gab.

Nein, der Lord konnte keine Auskunft mehr geben, wenigstens jetzt nicht.

»Ich will dieses Tier zum Stehen bringen!«, stieß da Dr. Frank hervor. »Ich will mich nicht irgendwo hin transportieren lassen, als sei ich willenlos. Ich habe meine Freiheit verlangt und sie bewilligt erhalten, und nun bestehe ich auf meinem Recht!

Halt, halt! Ich will hinaus!«

Die anderen schauten ihn fast bestürzt an. Dieser Ausbruch kam zu überraschend, sie verstanden nicht gleich, was er meinte. Nur Professor Becker besann sich auf die letzte Unterredung mit Reinhard — —

Da aber ertönte aus dem Hintergrunde des Riesenleibes eine Stimme:

»Der Gigas macht nicht eher wieder Halt, als bis er in seinem Stalle angelangt ist!«

Alle lauschten nicht schlecht.

»Der Gigas!«

Ja, das war der richtige Name für das Vieh, denn er bedeutet eben Riese. Man hat ja auch schon von Giganten gehört, nennt die Berge der Alpen gigantisch, eben weil diese sagenhaften Riesen Berge aufeinander türmten, um den Himmel zu stürmen, in dem die Götter thronten.

Wer aber hatte gesprochen?

Doch der Lord?

Nein, das war nicht seine Stimme gewesen, weder die natürliche noch jene automatenhafte — —

Dann konnte nur einer der beiden Gefangenen es gewesen sein.

Sofort eilten alle hin, ließen einstweilen den »Gigas« marschieren, wohin er wollte, und standen alsbald um die Gefangenen her.

Sie brauchten nicht zu fragen. Der eine, der Maulwurf, hob schon wieder an und sagte:

»Ich habe geredet. Weil Sie mir leidtun, meine Dame und mein Herr.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Dr. Frank, der am erregtesten von allen war.

»Genau so, wie ich es sagte. ›Gigas‹ läuft, bis er in seinem Stalle ist. Er kann nicht eher aufhören, wenigstens nicht von selbst, und Sie verstehen nicht, ihn zu lenken, das habe ich doch nun schon gemerkt. Sie kennen ihn nicht, wissen nichts von ihm — —«

»Aber Sie?«

»Ich? Ach nein, ich habe das Vieh heute zum ersten Mal gesehen. Da, wo ich mich mit Vorliebe aufhalte, gibt es keine Tiere, und gleich gar keine solchen Riesenelefanten.«

»Wo ist das?«

»Das ist eine dumme Frage, mein Herr«, klang es höhnisch zurück.

»Aber Sie kennen diesen Elefanten?«

»Ich sagte doch schon, dass ich ihn heute zum ersten Male sah. Gehört ja, gehört hatte ich schon vorher von ihm — übrigens haben Sie entweder vorhin nicht recht aufgepasst oder Sie verstehen überhaupt nicht, zu beobachten. Haben Sie denn nicht gesehen, dass ich dem Vieh mit dem Elektrodenmesser zu Leibe rücken wollte?

Na, und dass ich das versuchte, das beweist doch schon, dass ich ihn nicht kannte, denn es hat doch nichts genützt — nur in Gefangenschaft bin ich geraten dabei —«

Elektrodenmesser?

Was war denn das wieder?

Man fragte die Missgeburt nicht danach. Etwas anderes war wichtiger, und jetzt übernahm O'Donnell das Verhör.

»Sie wussten, dass wir uns im Leibe des Elefanten aufhielten?«, fragte er.

»Gar nichts wusste ich, wenigstens nicht von Ihnen! Oder denken Sie, ich würde weiße Menschen diesen Lalakawanas überliefern?

Haben Sie eine Ahnung, was die mit Ihnen angefangen haben würden?«

O'Donnell schüttelte den Kopf.

»Na, dann brauchen Sie es auch nicht zu wissen. Seien Sie froh, dass Sie solche Sachen nicht mit angesehen haben — ach, diese Schufte! Wäre ich doch vorsichtiger gewesen! Wäre ich doch vorsichtiger gewesen!«

»Sie sind wider Willen in die Gewalt der Zwerge geraten?«

»Na, was denn sonst? Oder denken Sie, dass ich solches Gesindel sonst an mich hätte herankommen lassen?«

Wütend spuckte der Bunte Maulwurf aus.

»Und Sie wurden — —«

»Ach, Sie mit Ihrer Fragerei! Hätte ich gewusst, dass Sie so neugierig sind, so hätte ich geschwiegen! Natürlich haben sie mich für eine Gottheit gehalten!«

Er lachte schrill auf. Die Erinnerung schien ihm großen Spaß zu machen. Er gab auch gleich eine Erklärung:

»Sie hätten nur die Gesichter sehen sollen, als ich auf einmal unter ihnen auftauchte! Hahaha! Denken Sie sich, Sie säßen auf einem meterdicken steinernen Sofa aus härtestem Stein, das von keinem Meißel angegriffen werden kann — und auf einmal pickt Sie was in das Hinterteil — Sie fahren entsetzt auf, denken, eine Steinmatratzenfeder sei gesprungen, und da sehen Sie ein Gesicht und einen Kerl wie mich — —

Und ich habe doch auch die Augen aufgerissen, als ich diese Affen sah — ich hätte ihnen entkommen können — Kleinigkeit — ich fresse mich durch das härteste Gestein so leicht wie der Holzkäfer durch Holz — ach, viel schneller — aber die Verblüffung — Loke — ach so —«

Da hatte er sich also verplappert, schwieg in höchster Bestürzung und schaute die Umstehenden misstrauisch an.

Diese Missgeburt kannte Loke Klingsor!

Ja, überrascht waren sie alle aufs höchste, jede der beiden Gruppen freilich aus einem anderen Grunde.

Aber sie beherrschten sich, einer wie der andere, und da gab die Olinda den Herren nichts nach. Das Aufleuchten der Augen, die raschen Blicke konnte der Bunte Maulwurf schon nicht mehr gewahren.

Da stutzte er und wurde auf einmal erst recht unruhig, ohne dass er wieder zu sprechen anhob.

Dieser so überaus gescheite Mensch, der selbst einem Loke Klingsor zu schaffen machte, noch immer verstanden hatte, sich seiner Gefangennahme zu entziehen, ließ sich durch die scheinbare Gleichgültigkeit der um ihn her Stehenden täuschen. Sie sahen, wie die Gedanken in ihm arbeiteten, störten ihn deshalb nicht mit Fragen, bis er selbst wieder anhob und sagte:

»Da ist mir wider Willen ein Name entschlüpft, obwohl der Betreffende gar nichts mit mir zu tun hat. Vielleicht aber mit Ihnen?«

Fast hätte O'Donnell gelacht. Der Krüppel musste ihn für sehr beschränkt halten.

»Ach was!«, erwiderte er. »Wir haben es jetzt mit diesem Elefanten zu tun, der uns davonträgt, wer weiß wohin, und wir haben doch Aufgaben durchzuführen, die keinen Aufschub vertragen.

Sie scheinen den Mechanismus zu kennen, zu wissen, wie man dieses Vieh zum Stehen bringt. Da möchten wir Sie schon dringend ersuchen, das zu bewirken. Wir wollen heraus und wieder zurück.«

»Und wenn ich Ihnen dazu helfe, dann geben Sie mich und meinen Gefährten frei?«, fragte Stephan Kafka schnell.

»Das wird sich finden!«

»Na, dann können Sie lange warten, bis ich rede!«

»So werden wir eben auch andere Mittel anwenden als bisher«, bemerkte der Detektiv. »Vorläufig wollen wir einmal Ihren Gefährten vornehmen.«

»Den Zyklopen?«

Der Bunte Maulwurf lachte in so offenem Hohn, dass alle, die es hörten, sofort wussten, sie würden sich vergeblich bemühen. Den Grund freilich konnten sie sich nicht denken.

O'Donnell kümmerte sich also nicht um das Lachen des Maulwurfs, sondern wendete sich dem Zyklopen zu, und die anderen stellten sich auch jetzt neben ihn.

Nun erst betrachteten sie auch diese Missgeburt. Keiner von ihnen hatte bisher etwas Ähnliches gesehen.

Dieser Mensch hatte drei Augen, zwei wie die andern Menschen, das dritte auf der Stirn, und O'Donnell und die Olinda wussten nichts davon, dass in früheren Zeiten, vor Jahrhunderttausenden, einmal fast alle auf der Erde lebenden Geschöpfe ein solches drittes Auge gehabt hatten — freilich nicht auf der Stirn, sondern oben auf dem Kopfe, auf dem Wirbel — und noch weniger ahnten sie, dass es noch jetzt Tiere gab, die dieses dritte Auge besaßen — allerdings verkümmert, in die Schädelhöhle eingeschlossen, nicht mehr als Auge erkennbar.

— • —

ENDE VON BAND 5


Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.